Alfred Schirokauer Messalina Roman Druck und Verlag von A. Weichert, Berlin Sämtliche Rechte, besonders das der Verfilmung vom Verfasser, das der Übersetzung vom Verleger vorbehalten Erstes Buch 1 Rom! ... das wie eine goldene Löwin majestätisch sich breitete. Die Krallen der allesbeherrschenden Pranken waren zwar eingezogen, doch bereit zu neuem Tatzenschlage, falls irgendwo aus dem Erdkreise ein Volk sich vermaß, gegen den Willen und die Macht des Cäsarenreiches sich aufzubäumen. Gajus Cäsar Caligula war zur Zeit die Seele der Löwin. Jener Caligula, den man als Knaben im Soldatenwamse, die Kinderfüße bekleidet mit dem derben Schuhwerke des Söldners, der Menge zur Schau gestellt hatte, ihm schon frühzeitig Volkstümlichkeit zu werben. Caligula erniedrigte das königliche Raubtier Rom zu einer Bestie mit blutbeflecktem Felle. September mit wolkenlos blauem Himmelsdome – der Monat, in dem Rom die schwülsten Nächte und die schwelendsten Tage erduldet. Unerbittlich sengende Glut, grelles und heißes Hell. Fast körperlich greifbar wie ein unter riesiger Glaskuppel eingesperrter Vampyr – lastete die aussaugende Luft über den Dächern der Cäsarenstadt. Hochauf wirbelte der Staub der ungepflasterten Straßen, in denen er als atembeengende Wolke graugelb stiebte, stieg und sank. Doch kein Windhauch, der erfrischend die Glut zeitweilig scheuchte, war Erzeuger dieser Wolke. Unzählbare Tausende von Füßen der Abertausende von Menschen scharrten diesen beizenden Dunst, der sich zusammensetzte aus Gassenstaub und dem Gestank der Gossen, vermählt mit der Ausdünstung schwitzender Menschenleiber und dem säuerlichen, verdorbenen Odem erregter Massen. Das wälzte sich dahin in den Straßenschlünden zwischen den hochgetürmten Häusern Roms, quoll hervor aus den dichtbevölkerten Stadtteilen des italischen Babels am Tiberflusse; aus der Subura und dem Velabrum. Das stieß und drängte und hastete, mißachtete auch den Leib der Kleinsten und die Lenden schwangerer Frauen, drückte den gebeugten Rücken der Greise noch tiefer, warf rücksichtslos die Krüppel an die Hauswände, trampelte die Lahmen unter die erbarmungslosen Sohlen. – Ein ungebärdiger Strom, der an die Ufer spült, was seinem gewaltsamen Dahinfluten widersteht und dem tollen Weiterwälzen nicht zu folgen vermag. So zog dem Forum zu, was Roms völkerverschlingender Bauch von sich gab: Menschenherden, Menschenknäuel, Menschenmassen. Kaiser Caligula bot heute dem Volke ein Fest. Ave, Cäsar! Kein Wunder, wenn der im Feuer solcher Verheißung brodelnde Kessel dieser zwischen ihren sieben Hügeln eingepferchten Stadt über seinen Rand siedete. Und was er zischend und fauchend von sich gab, ergoß sich auf den von Tempelgebäuden umsäumten Platz zu Füßen des heiligen Kapitols. Hier dampfte kein Staub. Denn die Riesenfläche war gepflastert mit Platten aus Lava und Basalt. Doch sichtbar zitterte die Sonnenglut über dem Schachmuster des Bodens, der aus eng aneinandergefügten, grau und schwarz gewürfelten Vierecken gestaltet war. Hier boten Kohorten der kaiserlichen Leibwache, die Prätorianer, einen Staudamm, gegen den das Heranfluten der Volksschar vergeblich anbrandete. Starr wie das Erz, das ihre Leiber umschloß, stand der Soldaten Wall. Inmitten lag der freigehaltene Platz, dessen Ummauerung sich aus den kräftigen Manneskörpern, dem Rüstzeuge und den Waffen der Prätorianer baute. Hinter diesem Damm aus Blut, Fleisch und Bein und für den Kaiser schlagenden Herzen quollen, eingepreßt in eine schmale Rinne, die Menschen ineinander. Lebengefährdendes Gedränge, in dem keine Brust mehr Platz fand, sich in freiem Atem zu dehnen, kein Fuß sich regen konnte, den immer noch herzudrängenden Massen zu weichen, kein Arm sich zu heben vermochte, den Schweiß fortzuwischen, der über rote, hitzegedunsene Gesichter floß, in die Augen biß, den Blick trübte und die Gewandung tränkend durchsickerte. Und doch ward nirgendwo Klage vernehmbar. Denn die Plebs der Tiberstadt, nicht minder nach Leben und Lebensbuntheit gierig als die Reichen Roms, war gewöhnt, in Glut und Glast und in heiß dunstendem Gedränge sich einen Blick zu erkämpfen auf die Pracht und Herrlichkeit des Kaiserhauses und seines parasitischen Gefolges. Übertönte ein Schrei das brausende Gemurmel, dann war es gewiß kein Schrei der Not und Angst. Wer in Not kam im Getümmel, brach lautlos zusammen und erstickte, ohne zu Boden zu sinken, eingekeilt zwischen Leibern anderer, die solch eines Vorfalles nicht weiter achteten. Übergellte ein Ruf aus Menschenmunde das zum Himmel steigende Gedröhn, so kam er aus eines Weibes oder aus eines Mädchens Kehle. Die Sittenlosigkeit und Geilheit der Oberen Roms ward von der Plebs getreulich nachgeahmt. Das Gedränge der Leiber schuf übergenug Gelegenheit zu dreisten Griffen, frechen Berührungen, schamlosem Tasten. Was hier aufschrie, war nur selten die Ehrbarkeit. Weit öfter war's die Wollust, die erregt ward, wo Mann und Mädchen, Jüngling und Weib eng in Berührung kamen, enger fast als im Ehebett, näher als bei verstohlenem Stelldichein. So braute über den Köpfen der Menschen, die wie Trauben in einer Kelter ineinander gequetscht wurden, nicht nur der Glast des glühheißen Tages, nicht nur der Qualm schweißströmender Körper, nein, auch der Brodem erregten Blutes. Rom war nicht nur die weltbeherrschende, es war zugleich auch die brünstige Löwin des Erdkreises. Jetzt kam Leben in die Mauer der Kohorten. Irgendwo war das schmetternde Jauchzen eines metallenen Instruments erschollen. Erzklirrend, speerdräuend und stumm befehlend teilte sich der Wall an einer Stelle, wo die Doppelreihe der Prätorianer plötzlich kehrtmachte. Die von Wettern aller Zonen gebräunten Gesichter der Soldaten starrten nun den Massen entgegen, hervor unter dem eisernen Helme. Harte Mienen, gnadenlos und ohne Erbarmen, zusammengebissene Zähne, fest aufeinandergepreßte Lippen. So mochten diese Legionäre dreinschauen, wenn sie durch die Höllenglut Afrikas oder im Eishauche der Alpengipfel wanderten, sich dahin kämpften durch die Sümpfe Galliens oder das Britanniens weiße Küstenmauer wild umheulende Meer überquerten, sturmumbrüllt, auf gebrechlichem Fahrzeuge. Die Armmuskeln der Prätorianer schwellen zu steinharten Ballen. Weiß werden die Knöchel der den Speer umkrampfenden Fäuste. Die Waffenbarriere quergehaltener Lanzen wird zum unwiderstehlichen Grabscheit, das allem Gedränge zum Trotz eine breite Furche schaufelt in den aus lebendigen Schollen wogenden Menschenacker. Das Spiel – ein Vorspiel zunächst – hebt an! Schaulüstern hat die Menge nur noch Augen für das sich nahende Gepränge der Reichen, nur noch Sinn für die heranziehende Pracht der oberen Fünftausend Roms. Die Schmerzen des Getretenwerdens, die Folter unbeweglichen Stehens, die Qual sich steigernder Hitze, die Pein des Durstes – alles das ist plötzlich vergessen, nur die Schaulust lebt. Höchste Wonne der Gaffer, die sich berauscht an hundert Prächten: Pracht des Goldes und des Edelgesteins an den Sänften und der Gewandung – Pracht der Schönheit vornehmer Frauen und ihrer unter den neumodischen, durchsichtigen koischen Gewändern bloßgestellten Nacktheit. Den Männern tritt der Speichel in die Mundwinkel. Sie werden unruhig und zittern. »Sieh dort, Cordus, dort!« raunt ein Tagewerker seinem Nachbar zu, unruhig mit den Füßen trampelnd, soweit ihm das die Enge gestattet. »Sieh die da, die statt eines Gewandes ein Netz aus Goldgespinst anhat. Oh, all ihr Götter!« Und er reißt die Augen auf und bleckt die Zähne im Eifer des Schauens und in der Gier, die ihn beim Anblick der entblößten Schönen wie ein eiliges Fieber durchrinnt. Cordus lacht nur – das heisere Lachen heimlicher Erregung. »Beim Jupiter, Asthus,« flüstert er mit zitternden Lippen, »was ist meine alte Bettel gegen dieses Göttergeschenk!« Dabei sucht der Listige sich noch fester anzuschmiegen an das Mädchen vor ihm, dessen schwellende Formen er seit dem langen Warten in dem Gedränge schon dicht an seinem Körper spürt. Als ob er Halt zu gewinnen trachte, umspannt er mit den verarbeiteten Händen lüstern die Hüften der kleinen Drallen. Sie merkt nichts, denn sie muß schauen. Und es gibt immer wieder Neues zu sehen: berückende Gewänder der Damen ... ach, wer sich auch so reich kleiden könnte! Und dort der Jüngling, dessen Toga noch der rote Saum ziert. Rot wie das Blut, das der Kleinen sehnsüchtiges Herz pochen läßt. Traf nicht des Knaben Blick absichtlich den ihren? Sie seufzt – – und gafft weiter, spürt nicht die schmutzigen Hände des Nachbarn Cordus, die schon kühn nach der Brust des Mädchens tasten. Immer neuer Prunk reicher Ankömmlinge füllt den durch die Kohorten freigehaltenen Platz, auf dem sich der Adel Roms versammelt, die Ritter einfinden. Ruhebetten, pomphaft bemalt und mit Leisten aus purem Golde geschmückt oder mit Silberbeschlag plattiert, schwanken daher, getragen von acht herkulischen Sklaven. Schöne Frauen lagern auf den kostbaren Purpurdecken dieser Sänften, hochmütig auf die Menge herabblickend, aber doch voll Freude über die ihnen gespendete naive Bewunderung. Eine thronartige Sella, ein Tragstuhl, ragt hoch empor über die Köpfe von sechs riesigen Liburnern. Es sind kräftige Männer aus Illyrien, die man mit Vorliebe als Sänftenträger bedienstet, als Boten bevorzugt. Ein junges Mädchen hat den bequemen Sitz der Sella inne. Über der schneeigen, geräumigen Stirn teilt sich das ebenholzschwarze Haar zum Scheitel, dessen sanftes Gewell mählich in krauses Gelock übergeht. Dieses Gelock verdeckt die Schläfen und die Ohren. Die Haartracht betont den Blick – den Blick der großen, tiefdunkeln Augen, die von kräftigen Brauen überwölbt, von seidigen, zierlich gebogenen Wimpern beschattet sind. Und dieser Blick offenbart eine feurige, leidenschaftliche Seele, die noch im Schlummer der Unschuld dämmert. Denn nur in kindlich staunender Neugier haften die schönen Augen auf der starrenden Menge und trinken die tausend Herrlichkeiten der Adelsversammlung in sich hinein. Das Volk verstummt, als man dieses junge Geschöpf herzuträgt. In schweigender Huldigung stieren die Gesichter zu dieser jugendfrischen Schönheit empor. Selbst die unbeweglichen Prätorianer richten ihre Aufmerksamkeit mehr auf das anmutige Geschöpf als auf ihre Pflicht, zumal die eben noch drängende, stoßende Menge durch den lieblichen Anblick der Keuschheit zur Ruhe gebannt ist. Da scholl in die Stille eines Mannes kräftige Stimme: »Sehet die Tochter des Valerius Messala Barbatus und seiner Gemahlin Lepida!« »Ist es nicht vielmehr die Göttin der Schönheit selbst?« rief in aufflammender Begeisterung ein junger Mensch. »Mit nichten,« lachte der Mann. »Doch mag der Venus Schönheit die Stunde regiert haben, in der dieses Mädchen gezeugt ward.« »Nenne uns ihren Namen, du Kundiger,« tönte es aus einiger junger Leute Mund. »Rasch den Namen! Wir wollen ihr huldigen!« »Unterlaßt es lieber,« flüsterte vorsichtig ein gewitzter Dritter. »Man könnte dem Cäsar von dieser Huldigung berichten. Und dann – ihr wißt: sein Neid kann ebenso den Tod dieses Kindes bestimmen wie euern eigenen.« »Dann sterben wir für einen schönen Augenblick unsers Lebens und für diese junge Göttin der Schönheit,« klang es übermütig zurück. »So huldiget der Valeria Messalina!« Der Name flog von Mund zu Mund. »Heil, Valeria Messalina! Roms Jünglinge grüßen dich!« Die Rufe pflanzten sich fort, schwollen durch die Menge und jauchzten gegen den glutenden Septemberhimmel auch dort, wo niemand wußte, wem die Huldigung galt und was sie bedeute. Es schrie dasselbe Volk, das wenige Jahre später dieses junge Geschöpf dort auf der reich prangenden Sella die verbuhlteste Dirne Roms schelten sollte. Valeria Messalinas üppig blühender Mund über dem sinnlich rund vorspringenden Kinn öffnete sich zu einem kindlich dankbaren Lächeln. Sie senkte die seidigen Wimpern über den Blick innerlichen Entzückens, beugte den Kopf in den Nacken, als wäre die Fülle der gleich einem Rabenfittiche schwarz glänzenden Haare ihr plötzlich zu schwer geworden. Jubelte man ihr nicht zu, als wäre sie die Kaiserin selbst? Sie gedachte einer Weissagung, an deren stolzer Verheißung sie zweifelte. Dann öffnete sie die Augen und ließ deren tiefes, rätselhaftes Dunkel über die ekstatisch rufenden Menschen schweifen. In plötzlicher Wallung hob sie die rechte Hand und erwiderte mit fürstlicher Gebärde den Gruß. Das hatte vor ihr nie eine der edeln Frauen Roms getan. Stets noch waren alle Huldigungen der Plebs Blicken des Hochmutes, der Überheblichkeit und des verachtenden Stolzes begegnet. Und dieses schöne königliche Mädchen erwiderte wie in einer Gegenhuldigung, als grüße sie ihresgleichen? Rasender Begeisterungstaumel erfaßte die Menschen. Alle schrien und tobten in der Dankesfreude verachteter Geschöpfe, die sich plötzlich erhoben und geehrt fühlen. Gegen die lebendige Mauer der Prätorianer flutete die erregte Welle der Beglückten an. Man suchte Valeria Messalinas Sella zu erreichen. Wenn möglich, wollte man den Tragsessel von den Schultern der Liburner heben, selbst tragen dieses junge Götterkind, das durch die zierlich grüßende Hand mehr Glück in das tiefste Elend der Armut gestreut hatte als je die geldsäenden Hände des Kaisers und seiner Großen. Da rollte die Straße herauf der Donner brausenden Stimmengewirrs: »Der Kaiser naht!« Die Soldaten, eben noch lachend sich wehrend gegen die der Valeria Messalina huldigende Menge, machten rasch Ernst. Mit pressenden Lanzenschäften, mit Fußtritten gegen die empfindlichen Schienbeine der Vornstehenden stauten sie die in Bewegung geratene Menschenflut zurück. Bis das Gewoge starr stand wie die ragenden Tempelsäulen des Platzes. Dabei zwangen die wilden, scharf achtenden Blicke der Centurionen den abertausend Kehlen der Plebs den Kaisergruß: ave Imperator! ab. Wehe dem, der zu schweigen wagte und ob seines Schweigens entdeckt wurde oder gar verraten ward von den Umstehenden! Er wurde zu einem neuen Opfer des Todeskampfes in der Arena, falls der Herr Roms nicht in gnädiger Laune der Milde dem frevelnden Schweiger sogleich den Hals abschneiden zu lassen geruhte. Ein Menschenleben, ob hoch, ob niedrig, galt schon früher nicht allzuviel in der Cäsarenstadt. Jetzt, im Zeitraume der Herrschaft des Gajus Cäsar Caligula, war es nicht mehr als ein fallendes Blatt im Winde. Todesqual war Augenweide nicht nur für den Kaiser, nicht nur für des Kaisers Umgebung. Nein, auch für den, der im Augenblicke des Sichweidens am Sterben eines Menschen nicht sicher war, ob er nicht wenige Stunden später selbst wieder zur Ursache ward, daß andere seine Todesqualen als gräßlich belustigendes Schauspiel bejubelten. – Angeber sind unter der Menge, irgendwo entsteht Bewegung. Zwei bärenstarke Männer haben einen Alten gepackt und verstehen es, den Ertappten durch das Menschengeknäul nach vorn zu bringen. Dort übergeben sie ihn den Prätorianern. »Was verbrach er?« erkundigt sich der Gardist, dem Gefangenen die Faust als Fessel ins ergraute Haar krallend. »Er schwieg, als alle jubelnd des Kaisers Namen riefen,« erklären die Spitzel. Der Prätorianer nickt nur und will den Alten abführen. Man wird Caligula den Vorfall melden. Dieser Bericht bedeutet qualvollen Tod. Der Greis sucht sich mit seltsam gelallten Lauten zu verteidigen. Da ruft eines Weibes Stimme grell in die einen Augenblick herrschende furchtbeklommene Stille: »Laßt den Armen! Wie könnte er, der von Kindesbeinen an stumm ist, den Kaiser grüßen?« Der Prätorianer überlegt kurz, dann lacht er gallig auf. »Buhlst du mit dieser Jammergestalt, Weib, die deine widerwärtige Unzucht nicht ausplaudern kann?« Und er schleppt den in gurgelnden Tönen klagenden Mann von dannen. Der Jammer des Weibes, der Enkelin des Stummen, erstickt in den aufs neue aufbrausenden Rufen: »Heil dir, Kaiser – wir grüßen dich!« Ihre Klage verstummt unter den Füßen der Menschen, die über die vor Leid besinnungslos Zusammenbrechende nach vorn drängen. Was gilt eines Weibes Dasein, wenn der mit aberwitzigem Prunk nahende Caligula schon sichtbar wird! Der Prätor Proculejus Gillo eröffnete den vom Kapitol kommenden Auszug. Ehrgebietend in Haltung und Miene, nicht wenig stolz auf sein Scheinamt und dessen fragwürdige Wichtigkeit, fuhr der stattliche Mann daher auf einem reich geschmückten Wagen. Ein Dreigespann von Maultieren in roter, geschmeidestrotzender Lederschirrung zog das Gefährt. Die beiden Räder des Fuhrwerks blinkten mit ihren silbernen Speichen und schwergoldenen Naben in der Form von Löwenhäuptern. Als Augen der grimmigen Löwenfratzen funkelten leuchtende Topase, in deren Mitte als Pupille ein schwärzlichgrün glimmernder Stein gefügt war. Auf den Basaltplatten des Platzes scholl das schrille Gekling des aus purem Silber gefertigten Hufbeschlages der Maultiere. Purpurn leuchtete die Tunika des Prätors. Zu Goldstickerei strebten Palmenzweige vom Saume des Gewandes zum Gürtel empor. Von den Schultern Gillos wallte die Toga wie eine Wolke, die überhaucht ist von dem Glanze kampagnischer Abendröte. Es war, als hätte des Jupiters Statue im Kapitol sich vom Elfenbeinsessel erhoben, an der Pompa circensis teilzunehmen. Ein Farbenrausch von Gewändern, getragen von den vornehmsten Männern der kaiserlichen Umgebung, folgte dem Wagen des Prätors. Jeden dieser Höflinge geleitete ein Schwarm seiner Sklaven, deren stattlichste und schönste man für die Teilnahme an dem Aufzuge ausgewählt hatte. Schon füllte sich das von den Kohorten umsäumte Viereck des Platzes mit einem Strom von Adeligen und Rittern, Freigelassenen und Sklaven. Über ihren Häuptern schwebten die Sänften und Kathedren der erlauchten Frauen und Mädchen. Nun schritten ernst und gemessen die Soldaten der Leibwache des Kaisers daher. Die Sonne flimmerte auf unzählbaren Lanzenspitzen, glitzerte auf Brustharnischen, flirrte zurück von gleißenden Helmen, funkelte wider von den Metallbeschlägen des Rüstzeuges. Die Garden umgaben wie ein Gatter aus Gold, Silber und Eisen die von sechzehn riesenhaften Sklaven getragene Lektika Caligulas. Auf diesem Ruhebette ein Berg von Kissen, über die Kissen gebreitet aus amethystfarbener Seide eine Decke; ihre Ränder waren rings beschwert von Goldplättchen, deren jedes einzelne in steter Abwechslung von Rot, Weiß und Grün einen Rubin, einen Diamant und einen Smaragd in sich faßte. Fransen aus Fäden schieren Goldes säumten die sybaritische Pracht der Decke. Der dicke Mensch mit dem wachsbleichen, schrecklich häßlichen Antlitz, der bald bäuchlings, bald auf den Ellbogen sich stützend, auf dieser Lektika ruhend sich einherschleppen ließ, dieser Mann war des römischen Weltreiches absoluter Herrscher: Gajus Cäsar Caligula. Hervor unter einer breiten Stirn, die zu massig und zu plump war, um edel oder gar geistvoll zu sein, hervor unter finsteren Brauen lugten die grünlich schillernden Augen. Wachsame, suchend ausspähende Augen, die trotz der schläfrigen und scheinbar teilnahmlosen Miene des Cäsars scharf achteten, ob nicht irgendein Vorfall in der Menge ihm Gelegenheit böte, sofort die Wollust seiner Grausamkeit zu befriedigen. Denn Caligula langweilte sich auf dem Wege durch die mit Menschenleibern vollgepfropfte Straße und gierte nach einer Sensation des Blutes. Pfui, der Hauch dieser schwitzenden Plebs! War nicht der Gestank der Menge, war nicht der wüste Lärm ihres tollen Geschreis »Heil dir, Kaiser!« schon eine tödliche Beleidigung der empfindlichen Person eines Cäsars? Böte diese Belästigung der Nase, des Gehörs und der Nerven des wieder einmal von Schlaflosigkeit zermürbten Herrschers der Welt nicht den willkommenen Anlaß zu einer allgemeinen Niedermetzelung? Freilich, er hatte dem Pöbel ein Zirkusfest versprochen und mußte den Dank seiner lieben, innig gehaßten Römer geduldig über sich ergehen lassen. O Last der höchsten Würde! Wie das Haupt eines Albs hob sich der große, glatzige Kopf auf dem lächerlich dünnen Halse, drehte sich hierhin und dorthin, lauernd vertierten Blickes. Und Caligula, der es liebte, sein wildes Gesicht durch das Einüben schauerlicher Grimassen noch mehr zu verzerren, noch furchtbarer zu machen, richtete sich langsam auf. Zurück streifte er die Ärmel seiner Tunika und entblößte die affenartig schwarzbehaarten, dürren Arme, als bereite er sich vor zu einer blutigen Schlächtertat. Und nun hob er an, dem gaffenden Pöbel fürchterliche Gesichter zu schneiden, mit seinem Ohre lauschend, ob jemand lache. Das durch die Grausamkeiten seines Herrn gelehrig gewordene Volk wußte, daß dem plumpen, häßlichen Menschen auf der Lektika dort oben nur darum zu tun war, durch seines Irrsinns Gebaren zum Majestätsverbrechen zu reizen. So schrien die Menschen um so brausender ihr »Heil dir, Cäsar – Roms Bürger grüßen dich, deine Weisheit und Güte!« Die Sänfte Caligulas hatte die Gasse der Prätorianer erreicht und bog nun ein auf den Platz. Da befahl ein kurzes Wort Halt. Der Kaiser ließ sich nahe herantragen an die Doppelreihe der Garden. Die zur rechten Seite der Lektika schreitenden Sklaven, zwei ungeheuere Neger, wußten, was nun ihres Amtes sei. Der eine hielt eilig seinem Herrn eine geöffnete silberne Schatulle hinauf, der andere hob einen schweren, goldverzierten Mahagonikasten auf das afrikanische Wollhaupt. So traten sie dicht unter die zugreifenden Hände des Kaisers. Caligula langte in die Silberschatulle und warf Münzen über die Köpfe der Prätorianer hinweg unter das Volk. Während sich nach jedem Wurf die Menschen, die kaum sich regen konnten, um die Geldstücke rauften, traten die Sänftenträger stets ein paar Schritte weiter vor. Ein neuer Münzensegen – ein neues Gebalge. Der Kaiser sah nun aufrecht und sah dem Toben zu. Da rann ein Grinsen des Wahnsinns um seinen breiten Mund. Die grausam heimliche Vorfreude an dem Erfolg eines nun zu vollbringenden Tuns, eine neue Ausgeburt seines kranken Hirns. Er griff diesmal in den Mahagonikasten, dem er einen glitzernden Gegenstand entnahm. In prüfenden Fingern hielt er einen nach vorn zu konisch verlaufenden Pfeil von etwa Daumengröße und Griffeldicke, dessen Spitze nadelgleich verlängert war. Am Hinterende zeigte dieses winzige, stählerne Wurfgeschoß vier aus dem Metall herausgearbeitete Flügelchen. Dieser Pfeil mußte infolge seiner Form senkrecht niederfallen, einerlei wie man ihn warf. Das Volk sah zu Caligula hinauf, erwartungsvoll schweigend, bereit zu neuem Jubelgeschrei. Denn was sollte das blitzende Ding in des Kaisers Hand anders sein als ein Schmuckgegenstand? Der große Mahagonikasten barg sicherlich noch mehr des Schatzes, den der wilde, aber gebefreundliche Cäsar nun an die Menge vergeuden würde. Es galt aufzupassen, daß man seinen Teil erwischte. Ein einziges der gleißenden Stücke war gewiß mehr wert, als eine Handvoll Münzen aus der Silberschatulle. Caligula ließ die Plebs harren, indem er mit der Linken gemächlich Stück für Stück aus dem Mahagonikasten entnahm, blinkende Reihen in die Spalten zwischen seinen Fingern fügend. Hin und her über die zu ihm heraufstarrenden Gesichter glitt der lauernde Blick. Keiner der Erwartungsvollen las in der Begier der Gewinnsucht die Tücke in des Spenders Augen. »So wirf doch, Cäsar!« rief endlich kühn eine hübsche junge Frau in ihrer Schmucklüsternheit und machte dem Kaiser vielverheißende Augen. Caligula musterte die durch die Rauferei um das Geld aus dem zerrissenen Gewande hervordrängenden weißen, prallen Brüste der Ruferin. Er nickte ihr zu. Langsam hob er den Arm und die, von der bereitgehaltenen Gabe funkelnde Hand. Plötzlich die Finger öffnend, warf er. Aller Blicke starrten dem in der grellen Sonne silberig niederflirrenden Regen entgegen. Dann mischte sich in das Heilrufen der Hintenstehenden das Jammergeschrei der Menschen, in deren Augen, Gesichter, Köpfe, Schultern sich die nadelscharfen Wurfgeschosse bohrten. Der Kaiser trieb seine Sänftenträger vorwärts. Gierig griff er in die Silberschatulle und streute Münzen aus. Und wenn die sich bückenden Rücken der um die Geldstücke Kämpfenden ein bequemes, unfehlbares Ziel boten, scharrte er wie ein Rasender in dem Mahagonikasten und verschleuderte händeweise die von seinem blutrünstigen Aberwitz ersonnenen Pfeile. Da hielten die Sänftenträger des Kaisers just neben einer Sella. Es war der Tragsessel der Valeria Messalina. Etwas im Blicke des jungen Mädchens hinderte den Tyrannen an der Fortsetzung seines scheußlichen Vergnügens. Doch da er wußte, wie wenig Gewalt er über sich hatte, sobald der Hang zur Grausamkeit ihm die letzte Regung der Menschlichkeit aus dem Marke fraß, scheuchte er durch Hiebe mit der Stachelpeitsche die beiden Bewahrer der Silberschatulle und des Mahagonikastens fort. Ein befehlendes Wort, und Caligula war dicht genug bei Valeria Messalina, um ihr die Huld einer Ansprache zu gewähren. »Wie alt bist du, meine Tochter?« fragte er mit schleimiger Freundlichkeit, während seine Blicke frech in die Verborgenheiten des jugendlichen Mädchenleibes einzudringen suchten. Valeria Messalina, innerlich erschauernd unter dem schamlosen Anstarren des häßlichen Menschen, lächelte verängstigt und erwiderte: »Zu jung, hoher Cäsar, um deiner erhabenen Beachtung würdig zu sein.« »Meine Schwester Drusilla – doch nein, Panthea Drusilla, die Allgöttin – war weit jünger als du, da ich, selbst noch ein Knabe, in ihrem Schoße dem Eros opferte,« gab Caligula geil grinsend zurück. »Wie kannst du mich, o Cäsar, mit deiner Göttin Schwester vergleichen!« entgegnete zaghaft Valeria Messalina und suchte den Faunsaugen des Kaisers zu entrinnen. Geruhsam weidete er sich an der bebenden jungen Gestalt, deren lieblichster Schmuck nicht die Schönheit war, sondern der Zauber der Unschuld. »Du bist noch unberührt?« forschte Caligula mit geheuchelter Sachlichkeit. Zu tiefster Empörung errötend, warf sie den Kopf in den Nacken. »Wärest nicht du es, Cäsar, der mich so verletzend fragt, ich würde in schweigender Verachtung meinen Trägern befehlen, mich aus deiner Nähe zu entfernen,« erwiderte sie in der Kühnheit gekränkter jungfräulicher Würde. Doch als sie sein von diesem Todesmute betroffenes, fast törichtes Gesicht bemerkte, setzte sie mitleidig stolz hinzu: »Man hat mir erzählt, es gebe in Rom kein unberührtes Mädchen. Das gibt deiner Frage ihr Recht. Aber wisse, Cäsar, seit ich, Valeria Messalina, erwachsen bin, strafe ich diese Behauptung Lügen.« Caligula kaute in nervöser Wut an der Unterlippe. Leise, schneidend, unheildrohend stieß er hervor: »Du wirst heute zum Gastmahl im Palatin erscheinen. In koischem Gewande.« Angstgeladene Stille herrschte ringsum. Die Eltern des tollkühnen Mädchens standen steif in sich zusammengesunken. Sie wußten, der Tod schwebte über ihrem Kinde und ihrem eigenen Haupte. Doch ahnungslos oder die Gefahr verachtend, rief Messalina erregt: »In koischem Kleide? Im durchsichtigen Gewand der leichtfertigen Weiber? Niemals, Cäsar!« Alles duckte die Köpfe. Jetzt mußte der zerschmetternde Blitz niederzucken auf das verwegene Geschöpf und seine Sippe. Aber zu allgemeinem Staunen sprach Caligula gelassen: »Wenn du nicht willst, daß ich dich auf der Stelle entkleiden lasse, so widerrufe deine Weigerung augenblicklich!« Statt einer Antwort befahl Valeria Messalina mit fester, heller Stimme ihren Sellaträgern, den Ort zu verlassen. Doch hier mischte sich der Vater Valerius Messala Barbatus endlich in die gefahrenstrotzende Debatte. »Sie wird erscheinen, wie du es befiehlst, o Cäsar. Verzeih einem törichten, unmündigen Kinde!« Er beugte flehend das Knie. Der letzte Blutstropfen war aus dem Gesichte des Kaisers gewichen. Mühsam beherrschte er seine zuckenden Züge. Er hatte anderes mit diesem Mädchen vor als ihren blutigen Tod im Zirkus. Zunächst! Daher winkte er nachlässig gewährend Valerius Messala zu, warf sich auf den Rücken und gab sich wollüstigen Vorstellungen hin. Die Pompa circensis setzte sich langsam wieder in Bewegung, dem Zirkus entgegen. 2 Wagenrennen und kleinere Zirkusspiele waren beendet. Bis dahin hatte sich auf dem Sande der Arena nichts ereignet, was die verwöhnte Schaulust der Römer noch nicht gesehen hätte. Durch die Reihen der Sitze, die dem einfachen Volke dienten, lief ein vorsichtig leises Murren. »Bietet Caligula uns nach diesen großen Verheißungen nicht mehr, als was er bis zur Stunde bot, so wollen wir lieber im Schatten des Sonnensegels ein Schläfchen halten,« sagte der Gerber Fufidius. Er sprach laut genug, auch von anderen verstanden zu werden. »Schweig' doch, Unseliger,« warnte ihn sein Freund Verres und versetzte dem gelangweilt Gähnenden einen heftigen Rippenstoß. »Willst du für deine unvorsichtigen Redensarten zu einem neuen blutigen Spiele auf dem Sande da unten dienen?« »Ich bin ein fröhlicher Mensch und tauge nicht zu solch traurigen Possen,« lehnte Fufidius lustig die Warnung ab. »Sieh doch hinüber nach dem Podium, Freund Verres. Sitzt nicht der Cäsar unter dem Baldachin seiner Tribüne, als langweile er sich noch viel mehr als wir?« »Vielleicht sinnt er auf neue Teufeleien,« raunte Verres nach einem Blick auf den in den Zirkus vorspringenden Raum. Das Podium mit der kaiserlichen Tribüne lag erhöht und war mit einer Brustwehr umgeben, zum Schutz gegen allzu grimmige Sprünge der gereizten Raubkatzen – der Löwen und Tiger. »Nun, wenn seine Teufeleien spannende Spiele bringen und anderen gelten, sollen sie willkommen sein,« versetzte der vorlaute Gerber. »Aber sieh doch, Verres, was dort drüben geschieht! Wahrhaftig, das sieht nach etwas Neuem aus. Also harren wir in Geduld!« Er reckte und dehnte sich. Dann kramte er einen Beutel hervor, den er bisher zu Füßen seines Sitzplatzes aufbewahrt hatte. Große, gelbe Zitronen holte er aus dem Sacke. Zwei Früchte zerteilte er mit einem Scherben und gab die eine dem Gefährten. Laut schmatzend sog er den ätzenden, bittersauern, aber köstlich erfrischenden Saft. Verres nahm dankbar die durstlöschende Frucht. Sich dieser Labung armer Zirkusbesucher genießerisch hingebend, beobachtete er, wie in der Arena, der kaiserlichen Tribüne gegenüber, Zimmerleute ein wunderliches Gerüst aufbauten. Sie schleppten auch Rollen, Seile und schwere Steine herbei. Diese Steine sollten offenbar als Gegengewichte dienen für eine bewegliche Plattform. Denn kaum waren die vorbereiteten Holzteile des Gerüstes von einigen Hundert eiligen Händen zum Bau gefügt, als die Zimmerer Versuche anstellten mit einem auf- und niederschwebenden Mittelstück der Maschine. »Das sieht vielversprechend aus,« urteilte Fufidius mit kritischer Vorfreude. Er schabte behaglich mit den Zähnen das Fruchtfleisch seiner Zitrone aus, wobei er rücksichtslos die Kerne auf die Köpfe der tiefer Sitzenden spuckte. »Und dort,« – der schwatzhafte Gerber zeigte mit der Schale hinaus in die Arena – »dort scheint noch etwas ganz Besonderes zu kommen. Aber was bedeutet das? Will man einem der Fechter oder einem Wagenlenker ein Denkmal setzen?« Wirklich schleppten etwa hundert Zirkushandwerker eine ungeheure Säule herbei. Zwar sah man, daß sie nur ein hohler Zylinder aus Holz war. Doch hatte man durch Bemalung der Außenseite den Eindruck erweckt, der wohl dreißig Manneshöhen lange Säulenschaft sei aus ligurischem Marmor gemeißelt. Das Kapitäl war reich vergoldet. Das Postament in der Höhe bot kaum zum Stehen für einen Menschen oder eine lebensgroße Statue Platz. Schnell war die gigantische Säule aufgerichtet. Nur wenige Minuten nachdem die Handwerker das riesige Gebäu herbeigeschafft hatten, ragte in der gleißenden Sonne der schwindelnd hohe Pfeiler in die Luft. Dann grenzte man den Platz noch durch hohe Barrieren ein. Sie reichten bis zu den Raubtierkäfigen, doch so, daß die Maschinerie und die Säule außerhalb der Einhegung blieben. Ohne Gefährdung durch die Bestien konnten die Zirkusarbeiter an die beiden Bauwerke herangelangen. Neugierig und erwartungsvoll verfolgte das Publikum diese unverständlichen Vorbereitungen. »Nennt man auch das Zirkusspiele?« spottete der Gerber. »Na – rasch genug ist es ja gegangen, so daß man wenigstens den Fleiß und die Geschicklichkeit der Leute bewundern konnte.« »Mit dem Denkmal scheinst du recht zu behalten,« bemerkte Verres. »Sieh, auf der Säule ist ein Galgen mit einer Rolle, deren doppelter Strick bis zum Boden reicht. Daran soll vermutlich die Statue aufgezogen werden.« »Nun schweigt endlich mal mit euerm Geplapper, ihr blöden Schwätzer!« gebot ärgerlich einer der Umsitzenden. »Ist mit den Vorbereitungen dort eine Überraschung für uns geplant, so greift dem Kaiser nicht vor durch euer törichtes Orakeln. Verderbt Klügeren, als ihr seid, nicht die Freude.« Der frohsinnige, plauderlustige Gerber warf einen Blick der Geringschätzung auf den mürrischen Patron. »Ich würde auch dir eine Zitrone zur Erfrischung anbieten, Nachbar,« neckte er den Mann, »wäre dein Gesicht nicht ohnehin schon sauer genug.« Die Zuhörer rings brachen in ein Gelächter aus. Fufidius frohlockte, die Lacher auf seiner Seite zu haben. Jetzt sog er mit demonstrativem Wohlbehagen die andere Hälfte der Zitrone aus. Dabei tat er, als käme sein greuliches Mienenspiel von der Säure des Saftes. In Wahrheit schnitt er dem Übellaunigen spottende Grimassen. »Vielleicht bereust du es noch, mich gekränkt zu haben,« knurrte finster der Mann, indem er sich jäh erhob und rasch entfernte. Sofort rückten alle ringsum von Fufidius und Verres ab. Ein tiefes Schweigen trat plötzlich ein. Man wollte mit den beiden nichts mehr zu schaffen haben. Ihre Nähe war mit einem Male vergiftet. Des Imperators Spione lauerten überall, nicht nur bei den Vornehmen und Reichen, die Caligula oft eines Verbrechens anklagen ließ, nur um sie zu töten und ihr Vermögen einziehen zu können. – Der Prätor Proculejus Gillo erschien an den Stufen der kaiserlichen Tribüne und meldete dem Cäsar: die Aufstellung der von ihm befohlenen Maschinerie sei vollendet. Caligula dankte durch eine lässige Handbewegung und verbarg ein Gähnen. Als der Prätor sich entfernen wollte, rief der Kaiser ihn zurück. »Erweise mir den Gefallen –« hob der Cäsar an. Gillo ward totenbleich bei dieser ungewöhnlich höflichen Anrede des Gefürchteten. Caligula bemerkte es und lächelte. Doch auch das Lächeln dieses Gorgonenantlitzes war eine Bedrohung. »Erschrick nicht, mein Freund,« sprach er weiter. »Es handelt sich wirklich um eine Gefälligkeit, die du mir erweisen sollst. – Begib dich zu Messala Barbatus und sage dem Manne, ich ließe seine Tochter Valeria Messalina einladen, während des weiteren Verlaufes der Spiele an meiner Seite zu sitzen.« Der Prätor verbeugte sich stumm und eilte, seinen Auftrag auszuführen. Doch bald kam er ohne das junge Mädchen zurück. Mit vor Furcht kalkweißem Gesicht und kaum seiner Stimme mächtig, berichtete er: »Herr, des Messala Tochter läßt dir für die hohe Auszeichnung danken –« »Aber sie kommt nicht?« fiel ihm der Kaiser grimmig ins Wort. »Sie fürchtet die Götter zu beleidigen, wenn allzuviel Glück sich an einem Tage auf sie niedersenkt. Denn dieser Tag hat ihr schon durch deinen eigenen Mund die Einladung zu deinem Gastmahle beschert.« Caligula blickte sekundenlang mit unbeweglichen Augen vor sich hin. Dem Prätor schienen es Stunden. Dann zog der Kaiser einen schweren Ring vom Zeigefinger. Ein schöner Sardonix zierte den Reif. Er reichte dem Prätor das Geschmeide. »Du warst wirklich in Todesgefahr, Proculejus Gillo. Die kluge Ausrede der Kleinen hat dir das Leben gerettet. Nimm für die ausgestandene Angst den prächtigen Stein hin. Möge er dir das unverdiente Glück bringen, auch fernerhin dich meiner Gunst zu erfreuen.« Dann lehnte er sich wohlgefällig im Sessel zurück, klatschte in die Hände und rief: »Los, los! Wer soll zuerst unsere neue Maschine erproben?« »Es ist der Mann, der auf der Straße aufgegriffen wurde, als er dich beleidigte, Herr,« gab Gillo dienstbeflissen und furchterlöst Auskunft. »Ah, ich entsinne mich! Beginnt!« Ein verschmitztes Lächeln war um seinen Mund. »Laß uns nicht warten, Prätor,« befahl er. »Und ihr, Freunde, gebet acht, was euer Kaiser ersinnt, euch eine heitere Unterhaltung zu bieten.« »Heil dir, Cäsar!« riefen die Schmeichler. Der gewaltige Zirkus nahm augenblicklich diesen Ruf auf. Fünfzigtausend Kehlen schrien den Segenswunsch für den blutrünstigen Herrscher Roms zum Himmel. Auf der mit Statuen geschmückten Spina, einer die Arena in zwei Teile scheidenden Aufmauerung, erschienen nun Herolde und verkündeten dem Volke die Fortsetzung der Spiele. Das Rasseln der Ketten, mit denen die Gittertüren vor den Raubtierkäfigen aufgezogen wurden, vermischte sich mit dem Gebrüll der Bestien. Mit langen Stachelstöcken scheuchten die Wärter Löwen, Tiger, Panther und Leoparden auf. Die Tiere waren ausgehungert, ihre Wut und ihren Blutdurst zu erhöhen. Aus der Dunkelheit ihrer Gefängnisse glitten in schmiegsamem, weichem Schleichen die majestätischen Katzen hervor in das grelle Tageslicht. Bald füllte sich der Raum zwischen den Einhegungen vor dem Pegma und der Säule mit den reißenden Großtieren Afrikas und Indiens. Rollend erscholl das Gebrüll zweier Löwen, die, sobald sie einander erblickten, zu einem Kampfe losbrachen. Das Geheul der durch Hunger und Helle aufs äußerste erzürnten anderen Tiere begleitete den Zweikampf der beiden Feinde. »Hispo! – Hispo!« hetzte jubelnd die Menge den riesigen Berberlöwen. Hispo war ein Liebling der Zirkusbesucher, ein alter Wüstling der Arena. Er hatte sich über seine Mitgefangenen eine Art Herrschergewalt angemaßt, die er immer wieder siegreich verteidigte. Auch diesmal wurde er seines Widersachers Herr. Ein Tierwärter war auf die Maschinerie geklettert. Von dort aus warf er kleine Fleischstücke unter die Bestien. Die Aufmerksamkeit der Tiere sollte auf den Ort gelenkt werden, von dem her sie die Befriedigung ihres Hungers zu erwarten hatten. Rasch sammelte sich der schnaufende, knurrende Haufen vor dem Pegma und der Säule und balgte sich mit kurz aufbrüllendem Fauchen um die Brocken. Aufgeregt wartend, sprangen die Großkatzen gegen die Umhegung, bleckten Zunge und Rachen zu der Maschinerie empor, nachdem der Wärter die kärgliche, nur anreizende Fütterung eingestellt hatte. Jetzt schleppten Männer den Alten herbei, der sich vergeblich gegen die ihm angetane Gewalt zu wehren suchte. Man zwang ihn auf die bis zum Boden herabgezogene Plattform der Maschinerie. Immer wieder sprang er herunter und warf sich lallend vor Todesangst seinen Henkern zu Füßen. Sie stießen ihn wieder auf die Bretter, bis er sich in sein Schicksal ergab, in die Knie brach und erstickt lallend sein Antlitz verhüllte. Die Tiere witterten ihr Opfer. Sie wußten, durch Erfahrung belehrt, Menschen in der Arena bedeuteten baldige Stillung des nagenden Hungers. So standen sie, mit glühenden Augen und gähnend knurrend, die Szene bei dem Pegma belauernd. Auf den Sitzen des Volkes murmelte Fufidius: »Ewige Götter, das ist doch der Stumme Volusius. Was tat der arme Mensch, daß man ihn verurteilte?« Verres flüsterte zurück: »Er hat den Kaiser beleidigt, indem er ihm den Heilruf versagte. Ich war in der Menge, als man den Alten gefangennahm.« »Ein Stummer – den Heilruf!« – »Schweig!« zischte Verres. Er sah besorgt um sich. Dieser Fufidius war zu unvorsichtig! Ob nur keiner seine Kritik des kaiserlichen Urteils gehört hatte! Er konnte beruhigt sein. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer galt allein den Vorgängen bei der Maschinerie. Jetzt brach schmetternder Jubel los. Ein Handgriff des Werkmeisters hatte den Hebel gelöst – das ungeheure Gegengewicht der Steine riß die Plattform blitzschnell nach oben – ein Menschenkörper, der stumme Volusius, schnellte hoch empor, sauste gegen das knatternde Sonnensegel, prallte daran zurück, wirbelte durch die Luft und schlug inmitten der Raubtiere in den Sand der Arena. Die Bestien hatten den Flug der ihnen zugedachten Beute mit lauernden Blicken verfolgt. Als man sie endlich in ihre Gefängnisse zurückscheuchte, wurde ein armseliger Rest zermalmter blutiger Knochen auf den Kehricht des Zirkus geworfen. Alles, was von dem schuldlosen Volusius übriggeblieben war. Während die Menge aus den Volkssitzen das Geschehene als etwas wirklich Neues eifrig lobend besprach, hatte der Gerber Fufidius die Ellbogen auf die Knie gestützt und drückte seine von der Lohe gebräunten Hände vors Gesicht. Er verbarg die Tränen des Mitleids, die ihm der schauerliche Tod des Stummen in die Augen trieb. Auch auf der Tribüne Caligulas wagte es einer, sich des Schuldlosen anzunehmen. Der Kaiser hatte soeben das Lobgehudel seiner Kreaturen entgegengenommen. »Nun, mein Abalanda, mein großartiger Einfall scheint nicht sehr tiefen Eindruck auf dich gemacht zu haben?« wandte der Cäsar sich an einen Fremden. Es war ein Mann, der unfern stand und mit ernst zusammengezogenen Brauen in die Arena niederblickte, deren Sand geglättet und von den Blutspuren gereinigt wurde. Ein hochgewachsener Recke von etwa dreißig Jahren, der Sohn eines angesehenen römertreuen Germanenfürsten. Obwohl Abalanda kein Römer war, hatte Caligula ihm die Gnade gewährt, sich in die Toga, das Ehrenkleid des römischen Bürgers, zu kleiden, die jedem anderen Fremden verwehrt war. Der Purpursaum am Staatskleide war ebenfalls eine Auszeichnung des jungen Germanen. Doch trotz des Nationalgewandes erkannte man in Abalanda sofort den Nordländer an seinem hohen, stattlichen Wuchse und dem rötlich blonden Vollbarte. Die blonden Haare allerdings trug er, entgegen der Sitte seiner Heimat, verschnitten, da in Rom nur Stutzer oder Lustknaben sich das Haupthaar lang wachsen ließen. Caligula fingerte ungeduldig an einer Kette, die aus seine Brust herabhing. Dieses Geschmeide bestand aus fingergliedlangen bläulichen Edelsteinen von glattem Schliffe, deren Enden in Goldkapseln gefaßt und durch seine goldene Kettchen miteinander verbunden waren. Leise klirrte der weibische Schmuck. »Möchtest du dich herablassen, mir zu antworten, mein Freund?« knurrte endlich Caligula, heimlich drohende Blicke unter den gesenkten Lidern verbergend. »Dein Einfall hat sogar sehr tiefen Eindruck auf mich gemacht, hoher Herr,« nahm Abalanda das Wort. »Du sagst das mit seltsamer Betonung. Der Eindruck scheint nicht allzu günstig gewesen zu sein.« »Nein, Herr.« Der Imperator wollte auffahren, beherrschte sich jedoch. Nur das Beben des Kinnes verriet seine Erregung. Doch seine Stimme klang klar und ruhig, eisig. »Du sprichst nicht nur sehr rein und ausdrucksvoll unsre Sprache, Abalanda,« warf er hin. »Du sprichst in dieser Sprache auch mit kühner Aufrichtigkeit.« »Ich bin dein Gast, Cäsar, und soweit mir bekannt, ist auch in deinem Rom der Gast heilig wie in meiner Heimat. Mein Vater sandte mich, deiner Einladung folgend, zu dir, damit ich eure Sitten kennenlerne und das Gute an ihnen in unsere armen, unwirtlichen Gaue heimbrächte.« »Die Gründe deiner Sendung kenne ich hinlänglich, mein nordischer Prinz,« höhnte der Imperator. »Warum führst du sie mir so weitläufig auf?« »Um dir zu erläutern, o Cäsar, weshalb ich mich – wie du es nennst – einer kühnen Aufrichtigkeit befleißige,« versetzte Abalanda unerschrocken. »Oder ist dem, den du einlädst, eure Sitten zu studieren, verboten, sich ein Urteil über eure Bräuche zu bilden? Ist dem verwehrt, auf deine Frage ohne Scheu zu sagen, was er denkt?« »Keineswegs. Also heraus mit der Sprache! – Was mißfällt dir an meinem Einfall?« Abalanda sah den Imperator fest an. Caligula liebte es nicht, scharf betrachtet zu werden, weil er sich seiner frühen Glatze schämte. Er fürchtete den Spott über seinen kahlen Kopf und sah in eingehend musternden Blicken oft eine todeswürdige Beleidigung. Ungeduldig rief er dem nordischen Fürstensohne daher zu: »Wende dich ab, wenn du mit mir sprichst!« »Die Jugend in meiner Heimat ist dahin erzogen, offenen Blickes gerade mit jenen zu sprechen, denen am meisten Achtung und Ehrerbietung gebührt,« widersprach Abalanda, mit seinen klaren blauen Augen dem feigen Basiliskenblick des Kaisers begegnend. »Und was ich nun an deinem Einfall auszusetzen habe, o Cäsar: du erwähntest bei Beginn des Schaustückes selbst, wir würden den sehr listig ersonnenen Tod eines Menschen zu schauen bekommen, eines Menschen, den du zu diesem Tode verurteiltest, weil er dir den Gruß versagte. Nun erzählt man aber im Zirkus, dieser arme Alte sei stumm und in seiner Stummheit gar nicht fähig gewesen, dir den gebotenen Gruß zu bieten. Nennt ihr Römer das Gerechtigkeit der Strafe?« Haßerfüllt betrachtete Caligula lange den unverletzlichen, mutigen Widersacher. Endlich sagte er: »Bist du fertig?« Erregt über den grausamen Tod des Alten, fuhr Abalanda fort: »Der Arme büßte nicht seine Schuld, sondern ein Verschulden der Natur, die ihm Stimme und Sprache vorenthielt.« Er sprach in scharfem Tone. »Ich sehe keine Ungerechtigkeit,« lächelte Caligula boshaft, »und sehe keinen Grund zu der Empörung, die in dir brennt und aus dir lodert. Wenn der Mann stumm war – es mag sein – warum auch nicht? – so habe ich in diesem Menschen nicht meinen Beleidiger bestraft, sondern ich bestrafte in ihm die Natur selbst, die durch diesen Menschen die Gottheit Caligula zu beleidigen wagte.« Abalanda war des Gespräches müde. Es hatte keinen Sinn, mit diesem Wahnsinnigen zu rechten. Er grüßte den Imperator mit edelm Anstande und bat um Urlaub. »Ich darf meinen Gastfreund Valerius Messala nicht vernachlässigen,« entschuldigte er sich. »Ein Mann, der wie du auf seine Ehrlichkeit pocht, sollte nicht so dreist lügen,« höhnte Caligula. »Nicht Valerius Messala lockt dich von mir, sondern seine schöne Tochter.« Und als dem Germanen unter diesen Worten das Blut heiß in die Stirn wallte – vor Zorn und weil der Kaiser roh vor allen das tiefste Geheimnis seines Herzens besudelt hatte – lachte Caligula rachefreudig aus, zeigte auf den Prinzen mit dem langen, dünnen Zeigefinger und rief: »Seht – seht – wie er errötet – der Heuchler! Aber ich warne dich, junger Freund. Die Aënobarbi haben nicht nur Eisenbärte und Eisenköpfe, sie haben auch Herzen von Erz. Etwas davon wird auch den Weibern dieses Geschlechtes anhangen.« Dann aber, als der Nordländer sich schroff entfernt hatte, sprang die bis aufs letzte und äußerste beherrschte Wut des Imperators hervor – wie vorher die zu Henkern des stummen Volusius erkorenen Raubtiere aus ihren Käfigen gebrochen waren. In den Mundwinkeln Caligulas stand weißer Speichelschaum. Die grünlichen Augen mit den nadelspitzen Pupillen hasteten gierig durch die kaiserliche Umgebung hin. War da auf keinem Gesichte zu lesen, daß einer dem Kaiser die frechen Beleidigungen aus dem Munde des Barbaren gönnte? Plötzlich schnellte Caligula von seinem Elfenbeinsessel empor. Dicht trat er vor einen Edeln hin. Sein Blick schillerte. Seine behaarten Hände zerrten an der klirrenden Geschmeidekette, in deren Edelsteinen die Sonne in fluoreszierenden Funken flirrte, als sprühe des Kaisers Wut sichtbar von seiner Gestalt. »Ich hoffe, die Spiele gefallen dir besser als diesem Bärenhäuter, Menalippus?« zischte er den vornehmen, noch jungen Mann an. »Oder täusche ich mich, wenn ich meine, in deiner Miene strahle nicht übermäßiges Vergnügen?!« Menalippus hätte nicht Römer sein, den Caligula nicht kennen und nicht Zeuge sein müssen der Unterredung mit Abalanda, um nicht sofort zu begreifen, um was es ging. Der ergrimmte Imperator suchte nach einem Opfer, an dem er seinen heißen Zorn kühlen konnte. Wie aller reichen Römer in der Umgebung des Kaisers spielte auch des Menalippus Dasein sich ab in einem Hinundherpendeln zwischen atemloser Jagd nach Lebensgenuß und dem Vorbereitetsein auf den plötzlichen Tod als Folge einer Laune des despotisch zürnenden oder vermögensgierigen Herrschers. Menalippus wußte, seine Stunde hatte geschlagen, als Caligula ihn gerade jetzt anredete. Er war entschlossen, seinen Tod zu rächen, das Scheusal wenigstens in diesem letzten Augenblicke bis ins tiefste innere zu treffen. »Du hast dich nicht getäuscht, Herr, wenn du Unfreude in meinen Mienen sahst,« sagte er nach einem starkem Atemzuge und verbarg weder seinen Ekel noch seine haßerfüllte Verachtung. Caligula prallte förmlich zurück vor dieser Kühnheit. »Willst du dem nordischen Sklaven nachahmen, diesem verlogenen Heuchler, dem ich in einer Anwandlung von Gnade die römische Toga zu tragen erlaubte?« stieß er hervor. »Es ist keine Ehre mehr, unter deiner Regierung sich durch das Gewand des Römers zu kennzeichnen,« höhnte Menalippus. »Dieser Fürstensohn sprach wie ein Mann. Es ist besser, einem Manne nachzuahmen, als einem wahnwitzigen Schurken, der längst vergessen oder nie gewußt hat, was ein Mann ist. Und was die Gnade anlangt, die du dir zuschreibst: Gnade ist der Adel des Menschentums. Du aber stehst so tief, daß du kaum ahnen kannst, was Mensch und Menschenwürde ist.« Dieser Mut hätte dem Frevler fast das Leben gerettet. Denn der Beherrscher der Welt war im Grunde seiner Seele ein jammervoller Feigling. Er wich weit zurück, in der Furcht, von Menalippus augenblicklich mit einem verborgen gehaltenen Dolche durchbohrt zu werden. Die Blässe seines Gesichtes hatte sich in ein fahles Grün verwandelt. Er zitterte mehr vor Angst als vor Empörung und war schon bereit zu einem Abbruch des Gespräches. Das Weitere würde sich später in aller Stille und Sicherheit finden. Doch da fuhr Menalippus zu seinem Unheile fort: »Du willst ein Gott sein! Du! Ein Narr bist du! Ein lächerlicher, aufgeblasener Narr, über den alle lachen, sobald er den Rücken wendet. Ich aber lache dir in dein fratzenhaftes, widerliches Tölpelgesicht. Denn lachte man nicht über dich, hätte man in deiner Umgebung das Lachen verlernt.« Während des erzwungenen, aber schallenden Gelächters des dem Tode Geweihten gelang es dem Imperator, sich zu fassen. Er nahm beruhigt seinen Thronsessel wieder ein. Dieser Tor war ungefährlich – er dachte nicht an Meuchelmord. »Mein Menalippus, du hörtest gewiß von dem Athener Dädalus?« begann Caligula ruhig mit erheuchelter Freundlichkeit. »Er lebte in einer glücklicheren Zeit als der unsrigen,« antwortete Menalippus, dessen Züge nun erschlafften. Er hatte seinen Haß in Worten von der Seele geschleudert. Jetzt war er leer und fertig. »Sprich endlich dein Urteil, Mörder!« rief er barsch. »Nur die Feigheit eines zahnlosen Katers ergötzt sich am erbärmlichen Katz- und Mausspiele.« Caligula ließ sich nicht mehr beirren. »Des Dädalus Sohn Ikarus flog der Sonne zu nah, die das Wachs seines künstlichen Gefieders schmolz,« fuhr er lehrhaft fort. »Nun wohl, mein Menalippus, auch du warst allzu kühn und kamst in deiner Verwegenheit der Sonne Caligula zu nahe. Wir wollen sehen, ob der Flug dir trotzdem besser glückt als dem Sohne des Dädalus. Begib dich in die Arena. Dort wird man dir Flügel verleihen. Man ist auf meine Wünsche vorbereitet. Fraglich war nur, wem dieser mythologische Flug vergönnt sein würde. Du hast dich wacker um diese Gunst beworben.« Menalippus verabschiedete sich schweigend von seinen schweigenden Freunden. Dann trat er dicht an den Elfenbeinstuhl des Kaisers. »Ein Verdammter mehr grüßt dich, Cäsar,« sprach er so laut, daß alle auf dem Podium ihn vernehmen konnten. »Der Gruß der Verdammten aber, die dir vor ihrem Tode fluchten – wird dir Verdammnis bringen. Vale!« Menalippus verhüllte sein Haupt mit der Toga, denn er war ein Sterbender. So verließ er die Tribüne. Caligula lachte auf. Daß die kommende Vergeltung zum erstenmal offen ihr Haupt erhob, bemerkte Caligula nicht. Unfern saßen die Tribunen Cornelius Sabinus und Cassius Chärea auf ihren gepolsterten Sitzen. Der alte Cassius flüsterte seinem Verbündeten Cornelius zu: »Die Stunde der Bestie ist abermals nähergerückt.« »Schweig!« murmelte Cornelius mit kaum bewegten Lippen zurück. Bald darauf sah das Volk, wie man einen geflügelten Menschen zu der schwindelnd hohen Säule führte. An dem Seile zogen die Knechte den Menalippus so hastig empor, daß es aussah, als flöge er gen Himmel. Toller Jubel der Menge durchbrauste den Zirkus. Man applaudierte dem Cäsar für diesen hübschen Einfall. Ein Sonnenstreif umspielte das goldgleißende Kapitäl der Säule, auf dem der Verurteilte nun aufrecht stand. Er schloß die Augen, nicht schwindlig zu werden, und lehnte sich an den Galgen, der die Rolle trug. Das Volk hatte den Zweck der gewaltigen, aus den Schwungfedern von Gänsen gefertigten Schwingen begriffen. Lachend, lärmend, mit schlechten Witzen und Anspornungen forderten die Schreier den Mann auf zum Sprung in die Tiefe. Und da Menalippus zögerte, wirbelten schmutzigste Schimpfreden zu ihm hinauf. In einem langen Blicke trank der Unselige noch einmal den Sonnenzauber dieses Tages in sich hinein, die Farbenfreude des menschenwimmelnden Zirkus, alle Buntheit des Lebens, die ihn zum letztenmal grüßte vor der grauen Ode des Todes. Und Menalippus grüßte zurück. Dann aber – vielleicht in einer heimlichen Hoffnung, daß die Schwingen ihn doch tragen könnten – breitete er die mit den gewaltigen und gewaltig schweren Fittichen beschnallten Arme. Kopfüber sprang er von der Säule. Das Gewicht der Flügel riß ihn abwärts. An hörbarem, dumpfem Aufprall schmetterte der Körper zu Boden und brach das Genick. Die weißen Federn färbten sich blutig. Sofort liefen zwei Knechte herbei; sie schlugen dem Leichnam einen Eisenhaken unter dem Kinn in den Kopf und schleiften den Toten hinaus. Andere Knechte gingen hinterdrein, die Blutspur mit frischem Sande zu verdecken und die triefende, breite Furche zu glätten. Aber schon drang von einer andern Stelle der Arena her jauchzendes Geschrei von Weiberstimmen. Ein neues, fröhlicheres Schaustück hob an. Der kaiserlichen Tribüne gegenüber sammelte sich ein Gewimmel vollkommen nackter Frauen und Mädchen. Mit schamlosen Gebärden belustigten sie die Menschenmenge, während die Ordner des Spieles sich mühten, einzelne Gruppen abzuteilen. Es sollte ein Wettrennen werden, dem dann ein Rennen zwischen den Siegerinnen der Einzelgruppen folgte. Fünfzig gänzlich entblößte, in der Sonne marmorn weiß leuchtende Leiber schoben sich durcheinander. Helles Kreischen und unzüchtige Redensarten schollen bis zu den Sitzplätzen hinauf. Kaum gelang es den Ordnern, sich der Zudringlichkeiten dieser entfesselten Mänaden zu erwehren und sie in bestimmte Gruppen zu bringen. Jede von ihnen wollte bevorzugt sein. »Habe ich mir darum mit Harzpflastern und glühenden Nußschalen alle Haare vom Körper entfernen lassen, daß du mich nun so zurückstellst?« schrie eine in ganz Rom als ungeheuerlich ausschweifend bekannte Frau mit Namen Catulla den Ordner an. Dabei hob sie die Arme und zeigte ihre entblößten Achselhöhlen. Cervia aber, eine sehr begehrte Hetäre, hing sich dem Ordner an den Hals und suchte ihn mit heißen Versprechungen zu gewinnen, auf daß er sie in die erste Gruppe nähme. »Ich werde Siegerin sein in dieser Gruppe, und dann bleibt mir Zeit zum Ausruhen, damit ich auch im Endkampf der Siegerinnen siege,« flüsterte sie dem Manne zu. »Sei klug, Varillus! Dann sollst du mich einen Monat lang täglich besuchen dürfen und auch nicht die kleinste Münze, noch nicht ein As bezahlen für alle Freuden, die ich dir bereite.« Ein hochgewachsenes, schönes Mädchen namens Polita löste sich aus dem Trubel. Sie trat näher an das Podium heran, zeigte ihren herrlichen Körper von allen Seiten und gab sich durch obszöne Stellungen allen Augen preis. Endlich die Hände unter die schneeigen Brüste legend, stand sie still und schrie zu Caligula hinauf: »Achte auf mich besonders, Herr! Siehe diese Kugeln aus Marmor. Du wirst deine Freude haben, wie sie gleich weißen Lämmern vor mir herhüpfen, wenn ich renne.« Der Kaiser lachte Tränen über diesen ihn köstlich dünkenden Witz. Zur Belohnung streifte er einen der Ringe ab, mit denen seine Finger über und über bedeckt waren. Er warf die Kostbarkeit der Polita zu. Doch das Mädchen verfehlte im Fange den funkelnden Ring. So verschwand er im Sande. Einige der Gefährtinnen hatten den Vorgang verfolgt. Nun sprangen sie herbei, sich der kaiserlichen Gabe zum Nachteil der Polita zu bemächtigen. Kaum gewahrten die übrigen Rennerinnen, um was es sich handle, als auch sie die Ordner beiseitestießen und sich am Kampf um den Ring beteiligten. So balgte sich unter schrillem Jauchzen und Lachen ein Gewirbel von nackten Weibern vor dem Podium, rollte in toller Lebensfreude auf dem Sande und stellte alle Geheimnisse entkleideter Glieder zur Schau. Caligula vergaß den voraufgegangenen Ärger. Er selbst gab das Zeichen zu einem Beifall, wie er an diesem Tage im Zirkus noch nicht gehört worden war. Der Kaiser strahlte. Die Zufallsszene da unten in der Arena bedeutete einen großen Moment, die Krönung der Zirkusvorstellung. Die Stimmung des Volkes loderte auf gleich einem Freudenfeuer. Die Gunst der Massen war wieder einmal gewonnen. Abalanda sah mit verfinstertem Gesicht auf diese Orgie der Leiber. Zwischen den Eltern hatte Valeria Messalina ihren Platz. Zu seinem Staunen gewahrte Abalanda, daß das junge Mädchen ohne jede Scham oder Scheu auf die Szene fesselloser Nacktheit blickte. Valeria Messalinas dunkle Augen hafteten staunend, eindringlich die Einzelheiten verfolgend, auf dem Strudel der Lebenslust, an dessen Oberfläche blankes Fleisch und bloße Haut zusammenschäumte zu einem Wust schillernder Leiber, bald auseinander sprühte in Flocken einzelner wirbelnder Körper, um immer wieder zurückzuwellen zum jauchzend verknäulten Durcheinander nackter Glieder. Sie war zum ersten Male im Zirkus. Eine fatale Absicht der Eltern hatte ihr diesen ungewohnten Besuch gestattet. Den blühenden Mund zu einem unbewußten Lächeln geöffnet, atmete Valeria Messalina wollüstig unbewußt den Duft von Balsam und Wohlgerüchen ein, der durch die Erhitzung der Katzbalgerei sich von den parfümierten Körpern der Frauen dort unten löste. Zwischen der Elfenbeinreihe der schönen Zähne des Mädchens erschien hin und wieder die feuchte Zungenspitze, als genieße sie einen köstlichen Leckerbissen. Die Nüstern der edelgeschnittenen Nase blähten sich und bebten, als wolle der hastig gehende Atem das aufsaugen, was dem Sinne der Augen entging. Betroffen senkte Abalanda das Haupt. Er war tief enttäuscht. Nicht Abscheu, wie er erwartet, sondern ein genußfreudiges Begehren durchzitterte das Mädchen, das er in der stillen, sich gern verbergenden Liebe verehrte, die den Männern seiner nordischen Heimat eigen war. Dort warb man um das Weib und mußte sich den Besitz erkämpfen. In diesem brünstigen Rom aber raste die Liebe nackt vor den Augen alles Volkes und warf sich jedem an den Hals, der ihrer, wenn auch nur flüchtig, begehrte. Messala hatte den jungen Mann beobachtet. Er kannte das Leben genau, war zu sehr Menschenkenner, als daß er nicht längst bemerkt hätte, wie es um das Herz seines Gastfreundes stand. Der Aënobarbus strich sich über den rötlichen Bart, der sich seit Lucius Domitius den meisten Männern der Familie vererbte. Man erzählte: zwei göttliche Jünglinge hätten vor Zeiten durch Berührung das dunkle Haupthaar und den Bart des Lucius zu rot schimmernder Erzfarbe verwandelt, um so ihre olympische Herkunft zu erweisen. Nachdenklich seinen »Erzbart« krauend, beugte Messala sich vor und musterte das stille Antlitz Abalandas. Er sann. Gewiß war es besser, den Kaiser zu bitten, den jungen Nordländer einem andern Hause in Rom als Gast zu überweisen. Caligula hatte durch die Einladung Valeria Messalinas zum Gastmahle dargetan, welchen Gefallen er an ihr fand. Noch immer war die Gunst der Cäsaren ungesucht den Aënobarbi zugefallen. Nur Caligula hatte bis jetzt gezögert. Aber jetzt, da der Imperator das unüberlegte, jugendlich abweisende Verhalten des Mädchens nicht übelgenommen, ja auch die ungehorsame Weigerung, an seiner Seite den Zirkusspielen beizuwohnen, weder sonderlich beachtet noch geahndet hatte, blühte neues ungeahntes Heil der Familie. Er, der Vater, würde Messalina schon lehren, ihr Glück zu begreifen. Zwar war ihr starker Selbstwille – der ererbte »Eisenkopf« als Familieneigentümlichkeit – nicht leicht zu brechen. Offenbar gefiel ihr auch die in Rom nicht bräuchliche und als fremdartig um so anziehendere stumme Verehrung des Gastes aus Germanien. Ehe aber hieraus ernstere Zuneigung sich entwickelte, mußte ein Riegel vorgeschoben werden. Eine Römerin und ein Barbar – unmöglich! ... Glücklicherweise gab Caligula gerade jetzt das Zeichen zum vorzeitigen Aufbruch. Er hatte sich satt gesehen an dem mänadischen Gebaren der Weiber in der Arena und versprach sich vom Wettrennen der nackten Schar nun keine gesteigerte Belustigung. Bevor er die Tribüne verließ, verharrte er noch einen Augenblick neben seinem Elfenbeinstuhle. Er suchte mit den Augen die Reihen der ihn grüßenden Vornehmen ab, einen Blick auf Valeria Messalina zu erhaschen. Messala trat rasch neben seine Tochter. »Dränge dich vor und grüße den Kaiser besonders zuvorkommend!« befahl er. Das Mädchen, noch im Banne des Erlebten befangen, gehorchte, fast ohne zu wissen, was sie tat. Auch die Mutter Lepida schob sie an den Schultern vorwärts. So hob Valeria Messalina beide Arme und winkte in kindlicher Gebärde, noch im Rausche der Erregung über die ungewohnten starken Eindrücke auf ihr junges, kaum erwecktes Gemüt. Befriedigt gewahrte der Vater, daß Caligula huldreich den Gruß erwiderte. Der Kaiser nickte mehrmals zu der Reihe hinauf und rief dann den Prätor zu sich, dem er eindringlich einen Auftrag erteilte. Unter den begeisterten Zurufen der Menge verließ er sodann den Zirkus. Wenig später kam Proculejus Gillo und sprach den Messala an. »Der Kaiser läßt dir sagen, du mögest es nicht als Ungnade auffassen, wenn er dich ersuchen läßt, statt dem von ihm gegebenen Gastmahle dem Gastmahle seines Günstlings Protogenes beizuwohnen,« bestellte der Prätor. »Ich fasse es durchaus als eine Gunstbezeigung auf,« versicherte Messala Barbatus klüglich mit erhobener Stimme. Denn er erfaßte sofort den Grund dieser Ausladung. Caligula wollte Valeria Messalina zum Gaste, allein, ohne Gegenwart der Eltern. Die Wahl des neuen Gastgebers freilich war eine Kränkung. Denn der Grieche Protogenes galt in Rom als der widerwärtigste Speichellecker des Kaisers und als des Imperators Gehilfe im Ersinnen so mancher Greueltat. »Der Kaiser läßt dir ferner danken, daß du mit den Deinen so vergnügt die heute von ihm dem Volke gebotenen Zirkusspiele verfolgt hast,« setzte Proculejus hinzu. »Triffst du den Kaiser noch?« erkundigte sich Messala hocherfreut. »Selbstverständlich, da ich ihn zum Palatin zurückgeleite.« »So bitte ich dich, dem Kaiser folgendes zu sagen: ich hätte ihm gern selbst erzählt, daß ich mit meiner Tochter einen harten Auftritt hatte wegen ihres ungezogenen Auflehnens gegen seine geheiligte Person und Gnade. Valeria Messalina ist noch zu unerfahren, die Fülle dieser Gunst voll zu würdigen. Sie ist von uns, ihren Eltern, nunmehr belehrt und zurechtgewiesen und freut sich der ihr zuteil gewordenen Bevorzugung. Sie wird dem Kaiser Abbitte leisten. Und ich selbst, ich kann dem Kaiser meine Ergebenheit nicht besser beweisen, als daß ich Valeria Messalina gestatte, unbeaufsichtigt einem Gastmahle im kaiserlichen Palast beizuwohnen.« Der Prätor lächelte verbindlich und meinte, die Stimme dämpfend: »Ich kenne dich als einen klugen Mann, Valerius Messala. Sei versichert, daß ich dem Kaiser getreulich deine Worte berichten werde. Doch ich nannte dich einen klugen Mann. Es wird dir also recht sein, wenn ich dem Kaiser vorenthalte, daß du besondere Betonung legst auf das ›Unbeaufsichtigtbleiben‹ deiner Tochter.« Proculejus Gillo grüßte und eilte dem Kaiser nach. In der Arena begann der Wettlauf der Weiber. Ihrem Jauchzen nach war ihnen jetzt, nach dem Scheiden des Kaisers, weniger um einen ehrbringenden Kampf zu tun als um eine eigene Belustigung und um Zurschaustellen ihrer körperlichen Vorzüge und ihrer geheimsten Reize. Abalanda sprach finster zu seines Gastgebers Tochter: »Du hörtest, Valeria Messalina, was dein Vater sagte und was er von dir verlangt?« Sogleich unterbrach sie ihn ärgerlich: »Du bist hier, um unsere Bräuche zu erlernen. Dann merke dir auch, mein Freund, daß es gegen römische Sitte verstößt, andere in ihrem Vergnügen zu stören.« »Dir gefällt dieses tolle Gebaren?« wunderte er sich kopfschüttelnd. »Du bist doch ein Mann,« erwiderte sie mit heißen Wangen. »Ich begreife nicht, daß es dir nicht Freude bereitet, diesem hübschen Spiele des Dahinstürmens schöner Glieder und weiblicher Formen zu folgen.« »Du bist anders, als du noch gestern warst, Valeria Messalina,« raunte er vorwurfsvoll. »Vielleicht bin ich so, wie ich fortan sein werde,« gab sie geheimnisvoll achselzuckend zurück. »Auch wenn mich das sehr traurig stimmt?« fragte er verzagt. »Wir haben in Rom nicht Zeit, traurig zu sein. So lehrte man mich.« Damit wandte sie sich der Arena wieder zu, um sich nichts von dem aufwühlenden Bilde des Wettlaufes entgehen zu lassen. Schweigend harrte Abalanda neben ihr aus. Er dachte, es gäbe für römische Gesinnung und Gesittung kein besseres Symbol als dieses Rennen dort unten auf dem Sande, den die Septembersonne in sprühendes Silber verzauberte. Was war dieses blinkende Dahinstürmen der nackten Frauenleiber mit dem bacchischen Jubelrufe der Lust aus den Lippen anderes als ein Abbild des von allem Höheren des Daseins gelösten tierischen Triebes nach einem vergänglichen, kurzen Glücke des Augenblickes? 3 Die bläuliche Farbe des Marmors verlieh dem Badewasser ein durchsichtiges Türkisblau, als wäre die nach starken Essenzen duftende Flüssigkeit in der Wanne dem Meere entnommen. Von diesem Naß ließ Valeria Messalina behaglich den jungen Körper umfluten. Wohlig regungslos lag sie in dem Bassin. Sie erfrischte sich von der Anstrengung des langen, staubigen Aufenthaltes im Zirkus, um vorbereitet zu sein auf die neuen Forderungen, die das Gastmahl im kaiserlichen Palaste an sie stellen würde. Einmal erhob sie den Arm und beobachtete, wie klare Tropfen von den Fingerspitzen in die Wanne zurückfielen, wie die kristallhellen Wasserstreifchen auf der Haut des Armes dahinrieselten, ein Gefühl erweckend, als streichele kosend eine unsichtbare, linde Hand. Dann tauchte der Arm zurück in den blauen Schimmer. Wieder unbeweglich rastete die Schönheit der Mädchenglieder in dem kühlenden Wasser, das die Haut so wundersam täuschend färbte, als leuchte die lebensgroße Gestalt einer Göttin aus Elfenbein durch einen sie umschließenden riesigen Aquamarin. Valeria Messalina sann dem im Zirkus Erlebten nach. Doch dachte sie nicht an die Greuelbilder der einander zerfleischenden Netzfechter und ihrer Gegner: der mit dem Sichelschwert kämpfenden Mirmillonen und der mit der knochenzerschmetternden Kugel am Riemen bewaffneten Sekutoren – auch nicht an das blutspritzende Ringen zwischen Mensch und Raubtier, nicht an das Wutgebrüll der verwundeten Bestien, noch an die Schmerzensschreie der Unterliegenden – nicht an den tödlichen Ikarusflug des unseligen Menalippus – nicht an jenen Menschen, der unter schauerlichen Rufen bald irrsinnig in der Arena umherrannte, bald sich kreischend vor Schmerz im Sande wälzte in dem vergeblichen Trachten, das lodernde Gezüngel des auf seinem Körper brennenden Harzes zu ersticken. An all dieses Häßliche und Abstoßende dachte dieses junge und lebensfrohe Geschöpf nicht. Aber alle Schönheiten des Bildes der Rennerinnen suchte sie sich noch einmal zurückzurufen. Wie die geschmeidigen Körper dahineilten, als wären sie mit Windesschwingen beflügelt. Dort, wo die Sonne sie traf, waren sie wie zum Dasein erwachte goldene Statuen über den Sand geglitten – im Schatten der Spina glichen sie dann wieder marmornen Gestalten, denen die Sehnsucht, zu leben, Odem eingezaubert hatte. – Sie dachte daran, wie die weißen Körper beim Niederstürzen durcheinander taumelten, übereinander fortrollten und in der glühenden Röte, die das sonnendurchleuchtete Purpursegel über alle Vorgänge in der Arena goß, aus Flammenzungen geschaffenen Gebilden ähnelten – dann wieder durcheinander wirbelten, als ergötze sich die Gottheit in heiterem Spiele mit dem Schönsten, das sie erschaffen: vollendeten nackten Frauenleibern. Ein geringschätziges Lächeln rieselte jetzt um Valeria Messalinas ausdrucksvollen Mund. Dann kam ein halblautes, silbernes Lachen über die roten Lippen. Sie hatte an den Nordländer Abalanda gedacht. Wie war es möglich, daß ein Mann – ein Mann! – vor dem Anblick der Rennerinnen das bärtige Kinn in die Toga vergrub und schamhaft den Blick senkte?! Dem Barbaren aus dem Lande der Unwirtlichkeit, fern der sieghaft leichtlebigen, sonnendurchglühten Freudigkeit Roms, ihm fehlte das Verständnis für das Schöne. Nüchtern und blutlos, glutarm war er. Ebenso sonderbar war sein nordisch zurückhaltendes Werben um ihre Gunst, das sich kaum je wirklich verriet und sich nur manchmal durch ein rasches Aufleuchten des Blickes sehnsüchtig offenbarte. So warb man nicht um ein römisches Mädchen! Das hatte ihr Fabulla verraten. Fabulla wartete vor der Tür des Baderaumes. Valeria Messalina rief hastig den Namen der Sklavin. Der schwere Vorhang aus dunkelblauem Filze, mit malachitfarbenen Ornamenten aus schmalen Seidenstreifen über und über benäht, schob sich nur ganz wenig zurück. Denn sein Gewicht diente dazu, die Tür so fest zu verschließen, daß in die wohlige Wärme des Gemaches keine Zugluft dringen konnte. Fabulla trat ein. Sie war von gutem Wuchs, den die kurze Tunika der Sklavinnen mehr enthüllte als verbarg. Das Gewand bedeckte die Brust, die Schultern und den Nacken nur wenig. Auch die über kräftigen Knien sich muskelstark aufbauende Prallheit der Oberschenkel blieb halb entblößt. Fabullas Gesicht mit den nicht sehr großen, aber klugen braunen Augen unter steil nach den Schläfen abfallenden Brauen war ein Gemisch von bäuerlicher Hübschheit und dreist verschmitzter Schläue. Sie war die vertrauteste Dienerin der Valeria Messalina und hatte als Verna, als im Hause geborene Sklavin, das Vorrecht, sich zutraulicher zu benehmen als sonst eine Dienende. »Wenn du nicht gerufen hättest, Herrin, so wäre ich jetzt von selbst gekommen, dich aus dem Bade zu scheuchen,« rief sie und zeigte lachend ihr gesundes Gebiß. Mit einem flinken Griffe löste sie den Wollgurt von den Hüften, dann die bronzene Fibel, die ihr die Tunika auf den Schultern festhielt. Nun stand sie ohne Hülle da, bereit, ohne Gefährdung ihres Gewandes den nassen Körper Valeria Messalinas zu massieren. »So«, ermunterte sie, »nun komm, Herrin, und laß dich kneten. Oder befiehlst du Aufidia?« »Nein, deine Hände sind geschickter,« lehnte Valeria Messalina ab. »Aber laß mich noch ein wenig im Wasser ruhen. Du sollst mir zunächst ein paar Fragen beantworten.« »Nur zu, Domina, frage, soviel du magst,« forderte Fabulla auf, indem sie sich am Rande des Marmorbeckens niederließ. Ihr entblößter Körper fand sein Spiegelbild auf der unbewegten Oberfläche des Wassers. Die Sklavin schnupperte mit der kecken Nase. »Hmmm – wie deine Badeessenzen gut duften! Wer das auch so haben könnte!« Mit einem drolligen Seufzer sah sie listig die junge Tochter des Hauses an. Valeria Messalina musterte die drallen Formen der Untergebenen. »Du siehst reinlich und appetitlich aus –« »Wie immer,« warf Fabulla scherzend ein, wohlgefällig über ihren Körper streifend. »So komm in die Wanne und knete mich im Wasser,« fuhr das Mädchen fort. »Dann hast du gleich Teil an meinem duftenden Bade.« Fabulla klatschte auf den derben Oberschenkel. »Du hast da eine neue Bademanier ersonnen, Herrin. Du bist erfinderisch wie der Kaiser. Erzähle ihm davon, wenn du heute mit ihm tafelst.« »Er wird sich nicht für solche Nichtigkeiten interessieren,« erwiderte Valeria Messalina. »Auch wird mein Platz wohl kaum auf dem Tischbette des Kaisers sein.« »Dumm genug von ihm, wenn er sich eine so köstliche Nachbarin entgehen läßt,« meinte Fabulla. »Doch was wolltest du eigentlich fragen, Herrin? Ich werde zwar zu unwissend sein, dir dienen zu können, immerhin frage.« Valeria Messalina blickte versonnen auf die Wandbilder von der Hand eines sizilischen Künstlers, die den Baderaum schmückten. Es war ein buntbewegtes Spiel von Nereiden und Tritonen in den Wellen des Meeres. »Sage mir, Fabulla, du bist fünf Jahre älter als ich und hörst so manches in den Gesindekammern hinten im Hause – warum hat der Kaiser mich heute zu seinem Gastmahle geladen – absichtlich allein – ohne die Eltern?!« Fabulla drückte ein Auge zu. Ihr Gesicht war köstlich heimliches Belustigtsein. »Ich weiß es nicht,« suchte sie auszuweichen. Valeria Messalina zürnte. »Du weißt es sehr gut. Du verbirgst es mir, wie meine Mutter es mir zu verbergen sucht. Ist das der Dank für meine Güte gegen dich?!« Sie wandte unmutig die Glieder im Wasser. »Herrin,« entgegnete die Sklavin, »es dürfte schwerlich meine Sache sein, dich über die Bedeutung dieser Einladung aufzuklären. Hätte meine Aufklärung in deinem Gemüte und deinen Entschließungen Folgen, so könnte mir das empfindliche Strafe eintragen.« Das junge Mädchen richtete sich im Wasser auf. »Habe ich dich je bestraft?« fragte sie unwillig. »Gewiß nicht,« bestätigte Fabulla eifrig mit einer demütig dankbaren Gebärde. Dann zog sie die Knie empor und umschloß mit ineinander gelegten Händen ihre Beine. »Nie hast du gegen mich oder eine meiner Gefährtinnen die greuliche Stachelpeitsche erhoben. Seitdem ich allein dir dienen darf, bleibt mein Rücken und auch meine Brüste frei von Schmerz und Wunden. Domina Lepida, deine Mutter, aber weiß die Peitsche um so besser zu gebrauchen, wenn das geringste Versehen ihren Zorn erregt.« »Laß das!« unterbrach Valeria Messalina mit zusammengezogenen Brauen. »Nicht über meine Mutter habe ich dich gefragt. – Ich merke schon, du willst dich der Antwort auf meine Frage entziehen. Wenn ich dir nicht befehlen soll, auch für mich einmal die Stachelpeitsche zu holen, so rede endlich.« Fabulla blickte hilflos drein. »Domina, ahnst du denn wirklich nicht den Grund dieser Einladung?!« fragte sie und blinzelte in die helle Sonne über dem geöffneten Dach, den eindringlich forschenden Augen der Herrin auszuweichen. Zum Glücke Fabullas rief draußen vor dem dicken Filzvorhang der hierzu bestimmte Sklave die Zeit aus. Es war die neunte Tagesstunde seit Sonnenaufgang, und in der zehnten sollte das Gastmahl Caligulas beginnen. Das heikle Zwiegespräch wurde durch den Stundenruf unterbrochen. Fabulla atmete befreit auf. »Es ist höchste Zeit!« rief aufgeschreckt Valeria Messalina. »Steig' rasch zu mir in die Wanne und knete mich, damit wir schnell das Bad beenden.« Die Verna schlüpfte eilig in das duftende Wasser. Mit geschickten Händen walkte sie alle fleischigen Teile des ebenmäßigen Körpers, ohne durch Zupacken und Drücken wehe zu tun. »Schnell, schnell,« trieb das Mädchen die Sklavin an, »wir haben kaum Zeit zum Ankleiden. So. Genug.« Damit sprang sie auf und entschlüpfte der Wanne. Auf dem Ruhelager war bereits eine Endromis handgerecht ausgebreitet. Auf diesem aus zottiger Wolle gewebten, purpurgefärbten Mantel von tyrischem Rot bettete die Sklavin jetzt den weißblühenden Leib der Domina. Einen Augenblick erfreute sie sich an dem schönen Bilde des auf der üppigen Purpurunterlage ruhenden Gefüges ranker, junger Glieder. Dann wickelte sie die Endromis dicht um Valeria Messalina und rieb und frottierte aufs neue. Mittlerweile war auch sie selbst trocken geworden und bekleidete sich eilig mit der Tunika. Aus der Wand ragte der aus Erz gegossene Kopf eines Hirsches, der sein aus Gold getriebenes Geweih wie zum Kampfe gesenkt hielt. Die Sprossen des Gehörns dienten zum Aufhängen von Kleidungsstücken, von Mänteln und Tüchern. Von hier nahm Fabulla eine andere, saphirblaue Endromis, in die sie die Herrin hüllte, nachdem Valeria Messalina sich, erfrischt und belebt, erhoben hatte. Nun begaben die beiden Frauen sich in das nebenan liegende Ankleidegemach. Hier harrten schon andere Sklavinnen. Sie hielten muschelförmige Schalen mit Salben und Schminken bereit, kleine Kristallgefäße mit Parfümerien, ferner Tuniken und Stolen von schneeweißer Farbe zur Auswahl für das Festgewand dieses Abends. Zwei Dienerinnen breiteten Lacernen in mannigfachen Farben aus, damit die Herrin unter diesen Männermänteln einen Überwurf für den Weg in der Sänfte wähle. Noch in die blaue Endromis gehüllt, nahm Valeria Messalina Platz in einem Sessel, dessen Seitenlehnen aus Schildkrot mit goldenen Intarsien gefertigt waren. Fabulla entblößte den Nacken der Domina, den eine hierzu bestimmte Sklavin sofort mit einer stark duftenden, aber rasch verdunstenden Essenz zu salben begann. Nur ein zarter, erfrischender Hauch blieb auf der Haut und in den Nackenhaaren Valeria Messalinas verfangen. Kaum war dies beendet, kniete ein Mädchen vor der Domina nieder und hielt ihr den Spiegel, eine zu Hochglanz polierte große Silberscheibe, entgegen, in dem sie den Werdegang der Frisur verfolgen konnte. Eine ältere Sklavin, mit Namen Laronia, ordnete die Haare, trocknete sie mit heißen Tüchern, um dann durch erhitzte Elfenbeinstäbchen das schwarze Gewoge zu wellen und in Locken zu zwingen. Laronias kundige Finger waren im Hause berühmt. Im Nu entstand die Haartracht, die von einem seidenen Doppelbande durchflochten und zusammengehalten wurde. Dann befestigte Laronia die Haarbänder mit kostbaren Nadeln. Ihre Köpfe waren aus Edelsteinen und reihten sich unter ihren flinken Händen über dem Weiß der Seidenbänder zu einem blitzenden Sternendiademe. Jetzt kam das Schminken. Doch Fabulla riet zu mäßigem Gebrauch. »Dein junges Antlitz ist am schönsten, wenn es in seinen natürlichen Gaben prangt,« versicherte sie lebhaft. »Laß dir damit genügen, daß ich die Lippen ein wenig röte, den Augenbrauen ein bißchen nachhelfe und einen unmerklichen Überhauch vom Ruß einer Nußschale an die Wimpern bringe.« Auch das war ebenso sorgsam wie schnell vollbracht. Und nun winkte Fabulla die Sklavinnen mit den Tuniken und Stolen herbei. Das Ankleiden geschah unter tiefem Schweigen. Nur ab und zu unterbrach ein befehlendes Wort der Domina die Stille im Räume. Oder die in einem winzigen Käfig aus golddrähtigem Geflechte gefangene Zikade zirpte halb süß, halb schrill ein paar Triller in das wortlose Hantieren der Sklavinnen, von denen jede ihres genau bestimmten Amtes zu walten, ihre sorgsam einstudierte Rolle in diesem wichtigen Akte der Toilette der jungen Herrin zu spielen hatte. Das weite Gemach mit den Wänden aus kostbarem grünem Marmor Lakedämoniens, mit den Säulen aus Porphyr war von der Feierlichkeit und Stille einer heiligen Handlung erfüllt. Fabulla streifte der Herrin die Tunika aus feinster weißer Seide über und gürtete dieses hemdartige, ärmellose Kleidungsstück dicht unter dem jungen Busen der Domina. Rasch brachte eine andere Sklavin die Stola herbei, die Fabulla durch Hefteln auf den Schultern befestigte und mit einer von Goldfäden durchflochtenen Seidenschnur über den Hüften zusammenraffte. So floß das schneeige Oberkleid, kostbar nur durch die Kostbarkeit des Stoffes, doch ohne jeden anderen Schmuck, in reichen Falten nieder an der hohen, jungen Gestalt. Während ein Mädchen die Gewänder mit Parfüm besprengte, ließ Valeria Messalina sich die mit Edelsteinen besetzten Socci auf die Füße streifen. Und nun war sie fertig. In diesem Augenblicke trat Domina Lepida ein. Sie blieb bei dem Türvorhang stehen, überrascht von dem anmutigen Anblick, der sich ihr bot: der Kreis der jungen, hübschen Dienerinnen und in seiner Mitte die Tochter, ein Bild jungfräulicher Frische und Unberührtheit. Während Fabulla noch hurtig die fast vergessenen Ohrgehänge – für jede Seite drei birnenförmige, durch Goldkettchen getragene Perlen – befestigte, reichte eine andere Sklavin eine Silberplatte dar. Valeria Messalina wählte einige mit Smaragden und Beryllen besetzte Armreifen, die sie über ihre schmalen kleinen Hände auf den Oberarm streifte, und eine Anzahl kostbarer Ringe. Nun trat Domina Lepida näher. »Du wirst großen Eindruck machen, mein Kind, auf dem ersten Gastmahle, das du besuchst,« sagte die Mutter stolz. »Sie gleicht ganz dir, edle Domina,« behauptete Fabulla. Sie ließ niemals eine Gelegenheit ungenützt, wenn die ihr als Hausgeborenen vergönnte Wortfreiheit ihr gestattete, sich durch eine gut angebrachte Bemerkung in Gunst zu setzen. »Befahl dir der Kaiser denn aber nicht, ein koisches Gewand zu tragen?« mahnte Lepida mit Bedenken die Tochter. »Ich habe diese Zumutung zurückgewiesen,« erklärte Valeria Messalina, trotzig die Oberlippe nagend. »Ihr alle fürchtet den Cäsar über Gebühr. Er verträgt die Wahrheit sehr gut, sobald er erkennt, daß einer den Mut zur Wahrheit hat. Das bewies Abalanda heute im Zirkus.« »Abalanda ist der Gesandte eines fremden Fürsten und daher als Gast unverletzlich,« warf die Mutter ein. »Lud der Kaiser mich nicht als Gast zu seinem Mahle? Auch ich muß ihm also unverletzlich sein.« »Du kennst Caligula nicht, wie wir alle ihn kennen,« warnte Lepida eindringlich. »Kleide dich um, mein Kind.« »Ich müßte die Schamhaftigkeit verlernt haben, ehe ich mich entschließe, durchsichtige Gewänder zu tragen.« Fabulla flüsterte der Freundin Laronia zu: »Dann dürfen wir schon morgen solche Gewänder bereithalten.« – »Du meintest, Mutter, ich kenne den Kaiser nicht?« fuhr Valeria Messalina nach kurzem Nachdenken fort. »Ich glaube, du hättest richtiger gesagt, der Kaiser kenne mich nicht. Das Beispiel Abalandas hat mich erst recht ermutigt. Ich werde mich seinen Launen nicht beugen, wenn ihr, du und der Vater, mich auch zwingt, schutzlos und führerlos in seinen Palast zu gehen.« »Dann spielst du mit deinem Leben!« rief die Mutter entsetzt. Das Mädchen lachte hell und glücklich auf. »Mit dem Leben zu spielen, ist lockend. Vielleicht gerade deshalb, weil es erst heute für mich begonnen hat.« Valeria Messalina umarmte die Mutter herzlich und rief: »Tränen entstellen dich, Mutter. Ich will den ersten Weg, den ich ins Leben tue, nicht unter deinen Tränen gehen. Das könnte üble Vorbedeutung haben. – Darum weine nicht. Was kann mir geschehen! Hat man mir nicht verheißen, ich würde Kaiserin sein?« »Caligulas Gattin Cäsonia lebt noch,« sagte Domina Lepida ernst und mit Betonung. Die Tochter machte eine abweisende Gebärde. »Mag sie noch lange leben! Ich denke nicht an Caligula. Er ist mir zu häßlich, zu plump mit seinem Bocksgesicht, das heute auf dem Forum ein Schaudern in mir hervorrief. Es wird nach ihm einen andern Kaiser geben.« Mit einem raschen, forschenden Blicke tiefster Bestürzung musterte Lepida die Mienen der Sklavinnen, die diesen gefährlichen Worten kichernd lauschten. Doch – sie waren bisher alle treu befunden und wurden von Valeria Messalina gut behandelt. Lepida brauchte unter ihnen eine Angeberin nicht zu fürchten. »Wir wollen die pränestinischen Lose befragen,« schlug Domina vor. »Wenn sie Gutes besagen, so wird mich das beruhigen.« »Wie du willst, Mutter. – Doch sie können nur Gutes künden,« entgegnete das Mädchen zuversichtlich. »Ruft Ulsis und den Knaben Elpenor.« Fabulla, stets diensteifrig, eilte aus dem Gemache, während Valeria Messalina eine Auswahl traf unter den Lacernen. Sie wählte einen veilchenfarbenen Überwurf, dessen Ränder reiche Stickerei in gelber Seide zierte. Der Besatz stellte aufgeblühte Dotterblumen dar, deren Staubgefäße von eingenähten Bernsteinkügelchen gebildet wurden. »Du willst dich für den Weg in der Sänfte in einen Mannesmantel hüllen?« staunte Domina Lepida. »Es ist eine Laune,« gab das Mädchen zurück. »Ich habe verschiedene Lacernen mit Stickereien schmücken lassen und finde, es sieht sehr hübsch aus. Diese Umhüllungen sind bequem. Warum soll man sie verschmähen? Warum sollen nur Männer ihre kosende Weichheit genießen?« »Es gilt als ungehörig für eine Frau, ein Stück der Männerkleidung zu tragen,« erinnerte die Mutter. »Ist es auch ungehörig, wenn ein Mann Frauenkleider anzieht?« fragte Valeria Messalina. »Selbstverständlich!« »Nun, dann wird der Cäsar nichts an mir auszusetzen haben. Denn ich hörte, daß er sich häufig mit Weiberkleidern behängt.« »Er ist der Cäsar.« »Und ich nehme für mich in Anspruch, was ihm erlaubt ist,« schnitt Valeria Messalina das Gespräch kurz und schnippisch ab. Domina Lepida kannte den Eigenwillen ihres Kindes. Sie seufzte und schwieg. Fabulla kam zurück. In ihrer Begleitung folgte ein schöner Knabe und die dunkelhäutige Sklavin Ulsis. Ihre mattbraunen Glieder waren nur dürftig mit einem Linnenkleide von krassem Rot verhüllt. Um den Hals trug sie allerlei sonderbaren Schmuck und eine zehnfache Reihe dicker Glasperlen, hinter denen sich der volle Busen verbarg. Ulsis warf sich der jungen Herrin zu Füßen und berührte dreimal mit der Stirn das Mosaik des Fußbodens, bevor sie die unergründlichen Tieraugen stumm fragend auf Valeria Messalina richtete. »Du sollst uns die Lose deuten,« befahl die Domina. Ulsis gab dem kleinen Griechenknaben einen Wink. Elpenor war bescheiden an der Tür stehengeblieben. Nun trat er mit zierlichen Schritten näher, vorsichtig ein Elfenbeinkästchen vor sich her tragend, das er der jungen Herrin überreichte. Sie ging damit in einen Winkel des Gemaches. Dort setzte sie das Kästchen auf ein aus der Wand hervorragendes zierliches Kapitäl. Eine sonderbare Figur aus Kupferguß stand auf dem Vorsprung. Valeria Messalina entzündete das Rauchopfer. Die aufmerksame Fabulla hatte alles vorbereitet. Ein betäubender Duft entströmte dem zur Decke aufsteigenden Rauchwirbel. Mittlerweile hatte Ulsis ihrer Gürteltasche ein Lorbeerblatt entnommen, auf dem sie jetzt nach Seherinnenart kaute. Sie saß in der Hockstellung äthiopischer Sklavinnen mit gesenktem Haupte. Zu ihr ging nun Valeria Messalina und hielt ihr das geöffnete Elfenbeinkästchen hin. Ulsis entnahm dem Behältnis eine Faustvoll Stäbchen und warf die aus dem Holz der Ulme geschnitzten Lose zu Boden. Sogleich eilte Elpenor herbei und suchte, wie seines Amtes war, mit geschlossenen Augen vier Lose aus, jedes einzeln der Afrikanerin übergebend. Sie schob je eines der Stäbchen zwischen die Finger der zur Faust geschlossenen Hand und starrte eine Weile auf die seltsamen Zeichen, die in das Oberteil der Ulmenhölzchen eingeritzt waren. Alle Dienerinnen und Elpenor hatten sich an die Wand des Gemaches zurückgezogen. Nur Valeria Messalina, ein unmerkliches Lächeln der Zuversicht um den Mund, und Domina Lepida, mit vor Erwartung verhaltenem Atem, standen bei Ulsis, die in tiefer Versenktheit die Zeichen las. Ein lautes Zirpen der Zikade schien die Sklavin endlich zu erwecken. Jetzt erhob sie den Blick und sah Valeria Messalina lange regungslos an. »Hüte dich vor der Freundlichkeit deiner Venus,« begann sie endlich murmelnd zu weissagen. »Sie wird dir viel geben, mehr noch nehmen. Was sie dir gibt, macht dich zur Herrin. Was sie dir nimmt, macht dich zur Dienerin. Als Dienerin wirst du das Lager der Ärmsten aller Armen teilen. Als Herrin wirst du den Göttern gleich sein und in Palästen wohnen. Deine Lose sind tiefste Tiefe und höchste Höhe zugleich. An deinem Aufgange herrscht Venus. An deinem Untergange herrscht Mars. In deinem Mittag regiert die Sonne. Gen deine Nacht regiert Saturnus. Ein Leu wird dich zu Höhen tragen. Aber aus einem Gefäß wird ein Wasser fließen, in welchem Saturnus dich fortspült in die Tiefen der Einsamkeit. – Denn deine Sonne ist von einem Skorpion vergiftet.« »Ein Leu wird mich zur Höhe tragen?« forschte Valeria Messalina erregt, nachdem Ulsis eine Weile stumm geblieben. »Nennt ihr in deiner Heimat den Löwen nicht ein königliches Tier?« »Sein Zeichen ist das Zeichen der Menschen, die auf Thronen sitzen.« antwortete Ulsis in dunkler Andeutung. »Sprich klar, Ulsis!« gebot die junge Domina streng. »Man hat mir geweissagt, ich würde Kaiserin sein –« Die Äthiopierin unterbrach die Herrin, indem sie ihr die Faust mit den Losen entgegenreckte und auf das zwischen Ringfinger und Zeigefinger ragende Stäbchen deutete. »Zwischen dem Gipfel des Saturns und der Wohnung der Sonne schreitet der Löwe,« sagte sie. »Du gelangst aus Tiefen zur Höhe. Mehr vermag ich dir nicht zu künden.« Sie erhob sich zu kniender Stellung, neigte dreimal die Stirn auf den glitzernden Mosaikfußboden, dann sammelte sie die Lose auf. Das Kästchen an sich nehmend, verließ sie mit dem Knaben Elpenor wortlos das Gemach. »Bist du nun zufrieden, Mutter?« rief Valeria Messalina eifrig. »Die Götter mögen deinen Weg zum Palatin geleiten,« antwortete Domina Lepida zwischen Zweifel und Zuversicht. »Dann rasch her mit der Lacerna, bevor die zehnte Stunde ausgerufen wird,« forderte fröhlich das Mädchen. Die Dienerinnen hüllten sie in den veilchenfarbenen Mantel. Die schöne Römerin war eine wahrhaft fürstliche Erscheinung, als sie die glückbeschwörenden Abschiedsworte ihrer Sklavinnen entgegennahm. Mit munteren Redensarten geleitete Fabulla die junge Herrin bis zum Vestibulum. Auf diesem Platze vor dem Hause, den zwei vorspringende Seitenflügel des Gebäudes säumten, harrten die acht Träger mit der Lektika. Dieses Tragbett war überdacht. Ein Baldachin aus Purpurstoff ruhte auf vier dünnen Säulchen aus Zedernholz. Unter den Goldfransen des Tuches hervor quollen Vorhänge aus gelbem Seidendamast, die Fabulla sorgfältig ordnete, nachdem Valeria Messalina sich in halb liegender Stellung aus den Polstern gebettet hatte. »Ich lasse dir einen Spalt offen, Herrin, damit du sehen kannst, was auf den Straßen vorgeht,« sagte die Vertraute. Dann zeigte sie auf eine der vielen Statuen, die das Vestibulum schmückten. »Dies dort ist Eros, Domina. Man erzählt, er spiele bei den Gastmahlen des Kaisers eine große Rolle. Nun hat dich Ulsis auch noch vor allzu großer Gunst der Venus gewarnt. Hoffentlich hast du sie recht verstanden. Du bist ein schönes und begehrenswertes Mädchen. Es wird wohl das Beste sein, wenn ich dem Eros nachher einen Arm voll Rosen aus dem Garten bringe, damit er befriedigt ist und nicht von dir ein allzu großes Opfer fordert.« »Wie meinst du das?« fragte Valeria Messalina. Doch Fabulla hatte den Trägern schon einen Wink gegeben. Mit einem taktmäßig festen Griffe hoben sie die Tragstangen auf die Schultern und marschierten von dannen in einem gleichmäßig kurz stampfenden Schritte, der die Lektika kaum merklich wiegte. Das Elternhaus der Valeria Messalina lag auf dem stets von frischen Winden umwehten Esquilin. Um von dort zum Palatin zu gelangen, mußte die Sänfte das enge, winklige Gassengewirr der Subura passieren. Auf steilen Treppen hinab schleppten die acht Sklaven die schwere Lektika, vorsichtig bemüht, das Tragbett in wagerechter Lage zu halten. Endlich war wieder ebener Boden erreicht. Und nun ging es eiliger des Weges dahin zwischen den viele Stockwerke hohen Häusern der Subura, in deren erbärmlichen Gelassen die Geringsten Roms hausten. Bemalte Tafeln zeigten die Kaufläden an, in denen die auf den Schildern dargestellten Dinge feilgeboten wurden: hier ein Plakat mit einem mächtigen, von Würsten umrahmten Schinken – dort hatte der Künstler primitiv, aber gut erkennbar einen Kuchen gemalt – an dieser Stelle Gemüse oder gerupfte Hühner – an anderer eine kühn entblößte Frauengestalt, lockendes Wahrzeichen eines Freudenhauses. Ein bunt wimmelndes Gedränge wogte in den Gassen. Die Abendkühle lockte ins Freie. Mitten in dem Menschenchaos stauten sich Durstige vor den Schenken, Neugierige umstanden einen Mann, der Tagesneuigkeiten verkündete, um dann heischend einen Tonnapf umherzureichen, in dem es ermunternd von kleinen Münzen rasselte. Kauflustige hörten einem Auktionar zu, der bescheidene Luxusgegenstände und Hausgeräte versteigerte. Eine Blinde klimperte inmitten des Menschenschwalls auf einem dürftigen Saiteninstrumente, ein schmutziger Bube blies ohne Sinn und Melodie dazu auf einer Panflöte. Fast unhörbar verklang diese Bettelmusik in dem rauschenden Atem der Menge. Endlich hatten die Träger die Sänfte hindurchgewühlt durch die brodelnde Fülle der Gassenenge. Die breitere, von wohlhabenden Bürgern bewohnte Via nova, die zum Palatin führte, war erreicht. Auf der Höhe des Hügels ragten die kaiserlichen Paläste. Vor einem Doppelportikus aus ungeheuern Säulen machten die Sklaven halt. Viele andere Tragbahren, aus denen die vom Kaiser geladenen Gäste eintrafen, hatten sich hier angesammelt. Obwohl noch Tageshelle herrschte, brannten zwischen den Säulen bereits bunte Lampen, Kerzen in silbernen Ständern von riesigen Ausmaßen, mit wohlriechendem Holze genährte Feuerchen auf künstlerisch gegossenen Bronzerosten. Ein Zeichen, daß hier ein Freudenfest großen Stiles gefeiert werden sollte. Valeria Messalina hatte die Vorhänge zurückgeschlagen und sog das Bild der Macht und des Glanzes in sich ein. Brannten denn die Freudenfeuer nicht auch ihr zu Ehren? War dieser Weg zum Palatin vielleicht der erste Schritt zur Verwirklichung der Weissagung, die vor Wochen die Sibylle geraunt – die vor kaum einer Stunde die losekundige Ulsis bestätigt hatte? ... Valeria Messalina versank in einen bunten Traum, wie auf einem Zaubermantel zu ferner Zukunft hochsteigend. Aus diesem Träumen erwachte sie erst, als endlich auch ihre Sänfte sich vorwärts bewegte. Aber das Traummärchen war noch nicht zu Ende – es konnte noch weiter geträumt werden. Der Weg in den Palast führte durch wahre Säulenwälder, in deren Höhen goldstrotzende Kapitäle glänzten. Aus den mit Goldmosaik verkleideten Nischen sahen Hunderte von Marmorgestalten auf den Einzug der Gäste nieder. Eine Wolke von Weihrauch schlug den Ankommenden entgegen, herabwirbelnd von dem gigantischen Altare vor einem machtvollen Tempel mit goldenem Dache. Rings um den Platz woben sich Girlanden von roten und weißen Rosen, ragte blühender Lorbeer, prangten Blumenbeete ohne Zahl. Das war ein anderer Anblick, als ihn vorhin die Subura geboten. Dort hatte Valeria Messalina die Falten ihres Mantels ans Gesicht gedrückt, um durch die aus dem seinen Stoffe dringenden Wohlgerüche den Kochgestank zu übertäuben, den die an allen Ecken und Enden sprudelnden Kessel der Garküchen hinaufsandten zu dem Rauche der Kamine. Doch die einfallende Kühle des Abends drückte die aus den unzählbaren Schloten quellenden Schwaden in die schmalen Gassen zwischen den Mietshäusern nieder. Wie eng neben Pracht und Herrlichkeit wohnt tiefstes Elend und Not und Schmutz in Rom, dachte Valeria Messalina, als man die Staunende nun dahintrug zwischen Reihen von Prätorianern, vorbei an den prächtig aufgezäunten und ins Gebiß schäumenden Rossen der berittenen kaiserlichen Leibgarde, die ausschließlich aus den reitgewohnten Germanen bestand. Endlich hoben Sklaven in reichen Gewändern das von dem Zauber der neuen Umgebung überwältigte Mädchen aus der Sänfte. Wedel aus buntgefärbten, kostbaren Straußenfedern wölbten sich als Schmuck und Schutz über Valeria Messalina. Noch immer traumbefangen, doch stolz aufgerichtet, schritt sie hinein in die Höhle des Wahnwitzes und der Niedertracht. Die schimmernden Wände des Kaiserpalastes aus goldgetöntem Marmor Äthiopiens umfingen das junge erwartungsvolle Geschöpf. 4 Kaiser Caligula hatte für den Empfang seiner Gäste wieder einmal eines jener absonderlichen Gewänder gewählt, in die er sich je nach dem Wechsel seiner Launen zu hüllen pflegte. Bald erschien er als Held gerüstet, bald als ein weibischer Narr angetan, doch niemals gekleidet, wie Brauch und Gelegenheit es forderten. Sein vertrautester Freigelassener Callistus hatte nach der Heimkehr vom Zirkus seine nicht geringe Beredsamkeit und einen eindringlichen Wortaufwand daranwagen müssen, Caligula von dem Gedanken abzubringen, in dem goldenen Brustpanzer Alexanders des Großen zum Mahle zu erscheinen. »Du gefährdest wahrhaftig deinen Hals, Callistus!« hatte der Cäsar schließlich mit verkniffener Miene geknurrt. »Meinst du, ich hätte die Rüstung des göttlichen Mazedoniers wegen ihres Goldwertes aus seiner Begräbnisstätte rauben lassen! Was ist Gold? Schmutz, an dem die Menschen hängen! Zur dessen elenden Besitz sie sich von mir zu allem mißbrauchen lassen. Nicht die Goldpracht des Panzers reizt mich, etwa weil sie meinem Äußeren Prunk verleiht. Nein, wenn dieses Gold meine Brust umschient, bin ich nicht mehr ich, sondern ich bin dann die Gottheit Alexander.« »Doch du gibst ein Gastmahl, Herr,« wagte Callistus zu erinnern. »Auch Eros war stets ein Sieger. Er ist unbeweglicher als der unbezwingliche Mazedonier, der es fertigbrachte, einen Jammerkerl wie den Diogenes in seiner Tonne zu beneiden. Es kommen schöne Frauen zum Mahle. Also sei lieber du selbst, die Gottheit Caligula – oder sei Eros – oder Jupiter.« »Halt, halt – ja, Jupiter will ich sein!« ging der Imperator auf seines Vertrauten Vorschlag ein. »Ja, Jupiter mit dem goldenen Barte! Rufe den Sklaven Accius. Er soll mir das Haupthaar und den Bart mit Goldfäden durchflechten und mit Goldstaub pudern.« Callistus warf einen scheuen Blick auf des Cäsars bartloses Gesicht und den kläglich behaarten Kopf. Er ahnte, für den armen Accius mußte die kommende Stunde den Tod bedeuten, sofern der Sklave nicht durch irgendwelche List das Wunder zu bewirken wußte, aus dem kahlen Schädel und Kinn seines Herrn ein goldumglänztes Jupiterhaupt zu zaubern. Doch im nächsten Augenblicke schon hatte Caligula seinen Entschluß wieder geändert. »Nein, nein,« entschied er – »mein Haupt soll Jupiter sein – gut – mein Körper aber Merkur, meine Füße Venus.« So fanden die Gäste den Herrscher Roms nicht in der bei Gastmählern üblichen, schlichten weißen Gewandung, sondern in einem seltsamen Aufputz. Auch erschien er nicht, wie es bräuchlich war, erst als alle Eingeladenen versammelt waren. Er ließ die Türen durch Prätorianer absperren. Niemand durfte den Raum betreten, bevor der Cäsar aus einem prunkvollen Podest in der Pose einer mit kostbaren Gewändern behängten Statue Aufstellung genommen hatte. So tat er sich den Blicken dar. Als Valeria Messalina den Saal betrat, schlug ihr ein betäubender Wohlgeruch entgegen. Der Duft entströmte der mit Elfenbeinplatten getäfelten Decke, von der ein nebeldünner Sprühregen stark parfümierter Essenzen stäubte. Er rieselte aus feinen, dünnen Röhrchen, die in Blumenkelche mündeten. Diese Blumenkelche waren in die Elfenbeintäfelung eingelassen und aus seltenen Edelsteinen von roter, blauer und gelber Farbe gebildet. Mit diesem Dufte vermischte sich der süße Hauch frischer Rosenblätter, die fingerdick die Speisebetten bedeckten. Volle Blüten roter Rosen waren aus den Fußboden gestreut, ein knöcheltiefer Purpurteppich sterbender Blumen. Unzählige Fuhrwerke hatten Rosen aus den geplünderten Gärten Roms und der Umgebung herbeigeschafft. Tausende von Lichtern siegten mit ihrem Scheine über die Tageshelle, die sich durch die hoch unter der Decke gelegenen Wandöffnungen hereinzukämpfen suchte. Der Widerstrahl dieser zwiespältigen Beleuchtung, die noch nicht Abend und doch auch nicht mehr Tag war, flimmerte zurück von riesigen Wandplatten aus violett geflecktem Marmor, von den Perlmutterleisten, die diese Marmortafeln umrahmten, von den Säulen aus Onyx, die wuchtig die schwere Saaldecke trugen. Und inmitten dieser unsinnigen Pracht, ein Zeugnis des cäsarischen Raubes an dem unerschöpflichen Reichtum der Reichen der Tiberstadt und der ganzen Welt und des Wahnwitzes, der Vergeudungswut der Herrscher Roms, inmitten dieses olympischen Glanzes stand auf goldenem Sockel – Cäsar Caligula! Valeria Messalina überhörte die Worte des Struktors, der sie zu dem bevorzugten Platze auf einem Ruhebette des linken Flügels der Triklinien geleiten wollte. Sie stand, staunte den Imperator auf seinem Podeste an und zweifelte, ob sie eine gut gelungene Nachahmung Caligulas oder den Kaiser selbst vollkommen reglos dort stehen sehe. Der Struktor erkannte sofort in diesem jungen und schönen Mädchen ohne jede Begleitung einen Neuling kaiserlicher Gelage. Er wollte sich gefällig erweisen, als die Verwunderung und das Schwanken in Valeria Messalinas lebhaftem Mienenspiel ihn belehrte, daß sie den Kaiser offenbar nicht erkannte. »Es ist der Cäsar selbst, Domina,« flüsterte er ihr zu. »Heute ist er Jupiter, Merkur und Venus zugleich.« Valeria Messalina warf dem Sklaven einen verdutzt fragenden Blick zu. »Den Jupiter erkennst du am vergoldeten Haupte und an dem mit Goldfäden bedeckten Antlitz,« erläuterte er. »Es ist immer gut zu wissen, was der Kaiser vorstellt, denn er ist sehr beleidigt, wenn man – sollte er fragen – nicht sofort das Richtige errät.« Die junge Domina zeigte ein leises Lächeln des Spottes. Der Struktor wandte rasch den Kopf ab, dieses tödlich strafbare Lächeln nicht zu sehen. Dann sprach er wichtig weiter: »Die violettfarbene, goldgestickte und mit Geschmeide besetzte Pänula ist aus indischer Seide, Domina. Dieses Gewand deutet die Gottheit Merkur an. Freilich ist es eigentlich mehr ein Frauenkleid. Wahrscheinlich wünscht der Kaiser mit dieser Pänula schon auf seine Eigenschaft als Venus hinzuweisen.« Valeria Messalina konnte ein halblautes Lachen nicht unterdrücken. Sie musterte die bizarr häßliche und theatralisch aufgeputzte Gestalt auf dem Sockel und fragte mit der ihr eigenen Offenheit: »Durch dieses Gewand will er der Venus ähnlich werden! Venus wird sich wundern, ich sehe nichts, gar nichts, was an die Statuen der leuchtenden Göttin der Schönheit erinnern könnte.« Dem Struktor wurde schwül bei den vermessenen Worten des jungen Mädchens. »Es soll ja auch mehr Merkur sein, wie du an dem goldgeflügelten Elfenbeinstabe in der rechten Hand des Kaisers erkennen wirst, Herrin,« stieß er hastig hervor, um weiteren kritischen Bemerkungen vorzubeugen. »Aber die Fußbekleidung des Kaisers – die Socci aus weißgegerbtem afrikanischem Antilopenleder – siehst du, Domina, sie sind mit Goldfäden benäht und über den Knöcheln mit einem Kranz aus Smaragden besetzt – diese Frauenschuhe deuten wiederum auf Venus.« »Arme Venus, vergib ihm den Hohn,« betete Valeria Messalina parodistisch, den dunklen Blick unter drolligem Aufseufzen und Augenverdrehen zur Decke emporschlagend. »Wenn sie mit solchen Lastträgerfüßen und in diesem Aufzuge daherschritte, würde jedes Liebespaar voller Entsetzen entfliehen.« Das ernste Gesicht des Struktors verfärbte sich dunkelrot bei diesen Frevelworten. Er wußte, daß wahrscheinlich nicht der Gast, sondern er selbst diese Blasphemie zu büßen haben werde, falls der Kaiser sie erfuhr. Er warf einen Blick der Todesangst auf den Imperator, der sich nun endlich zu bewegen geruhte. Mit dem Merkurstabe grüßte er die ringsum in tiefem Schweigen an den Tischbetten stehenden Gäste. Damit war das Zeichen zu stürmischen Rufen »Ave, Cäsar!« gegeben. Dann setzte laute Unterhaltung ein, aus der aufdringliche Schmeichelrufe der Bewunderung über den göttlichen Einfall des Kaisers, schamlose Lobpreisung seiner herrlich symbolischen Gewandung gewollt deutlich hervorklangen. »Schnell, Domina, auf deinen Platz!« drängte der erfahrene Struktor. »Wenn der Kaiser die Polster seines Trikliniums einnimmt, muß jeder liegen.« Er erbebte in Entsetzen, als Caligula zufällig herüberblickte und als einzigen Gast noch Valeria Messalina stehen sah. Doch während das junge Mädchen dem Führer folgte, stand der Kaiser auf dem Podeste und nickte mit beifälligem Schmunzeln hinter der jugendlichen Schönheit drein. Sodann schritt Caligula seinem Lektikus zu. Dreizehn Triklinien umrahmten in der Form eines nach vorn offenen Vierecks an drei Seiten einen breiten, auch von Rosenstreu bedeckten Raum. Diese Mitte gestattete den Sklaven, die Speisen und Getränke ohne die geringste Belästigung der Gäste herbeizutragen. Zugleich diente der Raum als Bühne für die Tänzer, Gaukler, Pantomimen und Aufführungen, mit denen die Gäste während des Speisens unterhalten werden sollten. Jedes Triklinium bestand aus einem runden Tische und drei Ruhelagern. Die Tische waren als Monopodien gearbeitet: eine Platte aus dem unermeßlich teuren, kostbaren Citrusholze, die auf einem einzigen, massiv silbernen Mittelfuße von künstlerischer Arbeit ruhte. Die Mahagonigestelle der niedrigen, mit Polstern bedeckten Speisesofas hatten berühmte Bildner mit goldenen Ornamenten verziert. Getragen wurde dieses Gestell von den aus Elfenbein geschnitzten Gestalten nackter Mädchen. Da jedes Triklinium neun Gästen Platz bot, konnten hundertsiebzehn Menschen an dem Mahle teilnehmen. Der Kaiser als Gastgeber und höchste Persönlichkeit ruhte auf dem Lektikus medius des mittelsten Trikliniums gegenüber dem freien Räume. Zu seiner Linken, an der Lehne, dem ehrenvollsten Platze des Speisebettes, lag seine Gattin. Cäsonia war eine nicht mehr junge, fast häßliche Frau, als deren einziger Vorzug ihre maßlose Sinnlichkeit galt. Oft genug beschrieb bei Gelagen der Cäsar seinen Gästen jede intimste Einzelheit des ehelichen Verhaltens der Kaiserin und erging sich dabei in obszönen Lobeserhebungen. Gerade durch ihre raffinierte Erotik aber hatte Cäsonia verstanden, sich den Gatten so hörig zu machen, daß er ihr eine Anhänglichkeit bewahrte, die wahrlich nicht seinem Wankelmute und grausamen Charakter entsprach. Zur rechten Seite des Kaisers hatte der bevorzugte Freigelassene Callistus seinen Platz. Über dem Ruhebette wölbte ein aus lauterem Golde getriebener Baum die goldbeblätterten Äste, an denen brennende Lampen in Gestalt silberner Früchte schwebten. Alle Tische der dreizehn Triklinien waren schwer beladen mit Silbergerät und goldenen Tabletten. Man wußte, daß bei den kaiserlichen Gastmählern nur Teller, Schüsseln und Trinkgefäße zur Verwendung kamen, deren höchster Wert nicht in dem Metall bestand, sondern in ihrem Alter und ihrer Rarität. Jedes einzelne Stück war eine Sehenswürdigkeit. Da glänzten uralte Trinkschalen von der Hand des Statuengießers Lysippos, die voreinst von Tarent nach Rom gebracht worden waren. Die Gefäße waren mit köstlichen Salben ausgerieben, dem Wein zum Dufte der Rebe noch einen fremden exotischen Hauch zu verleihen. Dort gossen die Sklaven den edlen Wein von Setia aus kristallenen Amphoren in muschelförmige Gefäße, Werke des ob seiner formvollendeten Becher berühmten Bildhauers Mentor. Des Kaisers Tisch strotzte von Goldschüsseln, deren Randverzierungen der Steinschneider Dioskorides nicht nur selbst entworfen, sondern auch mit eigener Hand ziseliert hatte. Doch nun gab Caligula das Zeichen zum endgültigen Beginn des Festes, indem er einen goldenen Apfel in eine gehöhlte, große silberne Halbkugel warf. Dies brachte das Gefäß zum Tönen. Der helle Klang, wie das lang anhaltende, gedämpfte Summen einer Glocke, übertönte die sogleich verstummende Unterhaltung, schwoll zur Decke hinauf, zitterte durch den Raum und verebbte allmählich, als ringe er sich mühsam durch die Saalwände hindurch. Sogleich trat ein Sklave in die Mitte des Platzes zwischen den Triklinien. Ihm war das Amt des Nomenklators zugeteilt. Ohne Stocken rief er mit volltönender Stimme die Namen und Ehrentitel der Gäste aus. »Wieviele Namen nanntest du?« rief ihm Caligula zu, als der Nomenklator sich verbeugte, zum Zeichen, daß er fertig sei. »Hundertsechzehn, Herr,« antwortete der Sklave. Der Kaiser traf ihn mit einem drohenden Blicke. »Warum nur hundertsechzehn, Mensch? Ich habe doch soviel Gäste eingeladen, daß auf keinem Lektikus ein Platz freibleiben sollte.« »Ein Platz auf dem Lektikus imus wartet noch auf den Gast, Herr.« »Wie? Jemand, dem ein so wenig ehrenvoller Platz zugewiesen ist, erlaubt sich, zu spät zu kommen?« Der Imperator war empört. »Wer ist der Zögernde?« »Dein Oheim Tiberius Claudius Drusus, Gebieter.« Caligula lachte. »Ah, der brave Claudius! Nun, um so besser. Es wird uns belustigen, wenn er verspätet eintrifft.« Er gab einen entlassenden Wink. Der Nomenklator zog sich zurück. An seine Stelle trat der Struktor, den ersten Gang des Mahles anzukündigen: gebratene Pfauen aus Samos, die mit Feigen, Datteln und feinem, durch frischen Traubenmost gesüßtem Mehle gemästet worden waren. Gefüllt waren diese knusperigen Vögel der Juno mit einer Pastete aus gehackten Gänselebern und lybischen Trüffeln. Birnen aus Syrien und picenische Äpfel, zu einem gesottenen Gericht als Zuspeise vereint, wurden aufgetragen in Murrinen. Wie der Struktor mit hocherhobener Stimme erklärte, stammten diese Schüsseln, deren Gewicht man beim Kaufe hundertfach in Gold aufwiegen mußte, aus einem sehr fernen Lande, in dem die Menschen von gelber Haut seien und schiefgeschlitzte Augen hätten. Während man sich über das Gericht hermachte, mehr schmatzend als schwatzend, erschienen in dem freien Raume zwölf ganz junge Mädchen. Ihr einziger Schmuck war die Schönheit der knospenhaften Körper und die Weiße der Haut. Und dieses lichte Weiß stand kaum zurück hinter dem Anstrich der Kreide, mit dem die Füße der Mädchen gefärbt waren, um sie als verkäufliche Sklavinnen zu kennzeichnen. Prüfend, abschätzend musterten die Blicke der Männer die zierlichen Musikanten. Einige von ihnen begleiteten leise auf kleinen Handpauken gedämpft die Weise ihrer Gefährtinnen, die den Saiten der syrischen Harfen sanfte Töne entlockten. Als die Musik verklungen war, die schönen Kleinen sich entfernt hatten, erhob sich der Senator Sertorius. Abermals warf Caligula den Goldapfel in die silberne Klingschale, Aufmerksamkeit zu fordern. Sertorius, ein fast weißhaariger Mann mit edlen Zügen und stattlicher Gestalt, hielt eine Ansprache an den Gastgeber. Er dankte im Namen aller Anwesenden dem Kaiser für die Einladung und erging sich in einem Panegyrikus auf den Imperator. Die lobhudelnden Worte fanden den stärksten Beifall der andern. Ein von allen Wänden zurückhallendes »Ave, Cäsar!« folgte jubelnd dem Schlusse der Rede. Doch Caligula war von dieser ekstatischen Lobeshymne nicht befriedigt. Seine Gottheit hatte Anbetung erwartet, nicht kriecherische Menschendienerei. Er grollte bitter insgeheim. Langsam raffte er sich von seinem Lektikus auf, ordnete fürsorglich die Edelsteinketten, die um seinen Hals hingen, glättete die Falten seiner seidenen Pänula und betupfte seinen goldbepuderten Kopf. Dann räusperte er sich und schickte vorauf, daß er wünsche, nicht unterbrochen zu werden. Mit einem lauernden Blicke betrachtete er den Senator, bevor er zur Entgegnung überging. »Ich danke dir, edler Sertorius,« hob er endlich mit der ihm eigenen kraftvollen Stimme an, nach seiner Gewohnheit beim Reden bald vorwärts, bald seitwärts vom Triklinium, bald zurück an seinen Platz schreitend. »Wirklich, ich bin dir dankbar für die wohlgesetzten Worte, die du mir gewidmet hast. Du bist ein ausgezeichneter Redner, und ich werde dich mit einem noch höheren als dem von dir bekleideten Amte belehnen. Soll ich dich zum Konsul machen?« Und nun überrann ein Lächeln teuflischen Spottes das häßliche Gesicht. »Konsul! Mein lieber Sertorius, was hättest du davon? Ich will demnächst sogar meinem Pferde Incitatus den Konsultitel verleihen. Denn nämlich – – mit dem Schweife wedeln kann der Gaul auch!« Ein lautes Lachen der boshaften Freude an dem eigenen frechen Witz brach über die goldumpuderten Lippen Caligulas, ehe er weitersprach: »Nein, mein Sertorius – dir soll für deine wirklich hübsche Ansprache ganz anders vergolten werden. Viel reicher! Kann man den Gatten einer entzückenden Domina herrlicher ehren, als indem man statt seiner die Gattin preist?« Er winkte leutselig der schon ältlichen Frau des Senators zu. »Laß dich bitten, schöne Pyrrha, und erhebe dich. Gib uns deine Anmut zu schauen, indem du dich auf den Lektikus stellst. Es soll ein jeder hier im Kreise sehen, wem meine Worte gelten.« Sehr geschmeichelt, ahnungslos, kam Domina Pyrrha dieser Aufforderung nach. Ihr angenehmes, doch schon verblühtes Gesicht errötete vor Freude unter dem blond gefärbten Haar. Der Kaiser hatte mittlerweile einem Sklaven etwas zugeflüstert. Gleich darauf nahm eine junge griechische Harfenspielerin inmitten des Raumes Aufstellung. Sie griff ein paar Akkorde und begleitete sodann die Rezitation Caligulas mit den vibrierenden Klängen ihres Instrumentes. Feierliche Stille herrschte an allen Triklinien, als der Cäsar nach dem Präludium ein Gedicht sprach: »Pyrrha, dich flickt dein Putztisch aus hundert Lügen zusammen. Während in Rom du lebst, rötet dein Haar sich am Rhein. Wie dein seidenes Kleid, bewahrst du zur Nachtzeit den Zahn auf, und zwei Drittel von dir liegen im Kasten verpackt. Wangen und Augenbrauen, die jetzt deine Freude bezeugen, malte der Sklavin Kunst, die dich zum Mahl heut geschmückt. Niemals mehr kann dein Mann zu dir sagen: ›O Pyrrha, ich lieb' dich!‹ Denn was er liebt, bist nicht du, und was du bist, liebt er nicht.« Die Wände hallten wider von dem gefügigen, schallenden Gelächter der Gäste über diese boshafte Frechheit, während Domina Pyrrha in glühender Beschämung schleunigst ihren Platz auf dem Lektikus wieder einnahm. Sie hatte aus dem Saale flüchten wollen, doch ein zwingender Blick des Gatten bannte sie auf das Sofa. Dann sah der Senator Sertorius hinüber zu dem Tribun Cassius Chärea. Die beiden Männer verstanden einander. Wieder war ein Einschnitt mehr auf dem schon übervollen Kerbholz, das die Schuld des täglich unverschämter werdenden Cäsars markierte. Auch Valeria Messalina war auf das tiefste empört über die öffentliche Verspottung der würdigen Domina Pyrrha. Sie sprang empor, Zorn in den Augen. Alle blickten überrascht auf das kühne, junge Geschöpf. Doch ehe sie Worte fand, rief Caligula ihr spöttisch zu: »Das Mahl ist noch nicht zu Ende, Valeria Messalina. Gedulde dich noch etwas!« Verwirrt ließ sie sich auf das Lager zurückfallen. Ein Geflüster strich über die Ruhelager dahin, ein Raunen der Verwunderung. Man kannte die Vorgeschichte der Einladung Valeria Messalinas, wie man jeden Klatsch sofort in allen Quartieren Roms kannte. Weshalb hatte der Kaiser bisher keine Notiz genommen von der Anwesenheit eines erzwungenen Gastes? Was hatte das zu bedeuten? Und weshalb war er so unbegreiflich nachsichtig gegenüber dem Freimut dieser kecken, jungen Schönheit? »Wir werden trotz allem morgen ein äußerst pikantes Histörchen erzählen können,« flüsterte Mucius seiner Freundin Tullia zu. »Hoffentlich!« gab sie zurück, indem sie verlegen ihre Haare betastete, die sie gleich der Domina Pyrrha mit einem aus Germanien stammenden Schönheitsmittel vom Schwarz zum Hochblond umzufärben pflegte. »Hoffentlich,« wiederholte sie leicht gereizt. »Bis jetzt war alles sehr langweilig.« Der Struktor unterbrach das kurze Zwiegespräch, indem er den nächsten Gang der Speisenfolge laut verkündete: süßen Falerner Wein als Getränk, der brennend aufgetragen wurde – ein Ragout aus Vogelhirnen und Vogelzungen – als Zuspeise kleine Knuspereien, die aus einem Gemisch von Weizenmehl, feingemahlenem Anis, Kümmel und Käse auf jungen Lorbeerblättchen gebacken waren. Der Struktor bezeichnete sie als Mustacea. Caligula verschmähte dieses Gericht. Er sah seinen schmausenden und zechenden Gästen zu und spielte mit einer in Alpenschnee gekälteten Kristallkugel, die den Zweck hatte, die Hände zu kühlen. Nur ganz verstohlen blickte er dabei zu Valeria Messalina hinüber und beobachtete, wie sie mit verständnisvollem Genießen sich das ihr unbekannte Ragout munden ließ und dem angezündeten Falerner gerecht zu werden suchte. Plötzlich wandte er sich an den Freigelassenen Callistus zu seiner Rechten mit der Frage: »Kannst du Träume deuten?« »Es käme auf den Versuch an,« meinte Callistus heiter und reinigte rasch die vom Schmause fettigen Finger an der Mappa. Dann warf er die Serviette einem Sklaven zu, der sofort eine frische Mappa zurückgab. Caligula fuhr fort: »Es wäre wohl auch entscheidend, ob ich nur einen Traum träumte oder ob nicht vielmehr ein Gesicht mich heimsuchte.« Er sah finster brütend vor sich hin und atmete schwer. Dann fragte er jäh und heftig: »Was meinst du – könnte das Meer ein Weib bedeuten?« Callistus dachte einen Augenblick nach. »Wie man's nimmt,« sagte er klug und vorsichtig, um keinesfalls dem Traume des Kaisers eine üble Ausdeutung zu geben. »Das Meer ist wie das Weib, wechselvoll und veränderlich, voller Launen und Tücken und voller bestrickender Lieblichkeit.« »Sehr gut,« lobte der Imperator. »Sprich weiter, Callistus.« Gefällig kam der Freigelassene diesem Wunsche nach: »Träumte ich von einem Bade im Meer, so würde ich dem Traume die Vorbedeutung einer Liebesszene geben. Denn was schmiegt sich lieblicher, lauer und kosender, dem Meerwasser vollkommen gleich, an uns, als die Glieder einer wonnezitternden Frau?« »Auch das ist gut,« nickte Caligula befriedigt. Wiederum hafteten seine Augen auf Valeria Messalina. Einen Augenblick schien es, als wolle er das Mädchen an seinen Lektikus rufen, um – wie er das bei Gastmahlen bisweilen mit anwesenden Frauen tat – ihre Reize öffentlich zu prüfen. Doch offenbar besann er sich eines besseren. »Es war aber keineswegs ein Traum,« erklärte er plötzlich und ließ den goldenen Apfel in die Klingschale rollen, um Stille zu erzwingen, so daß seine Worte nicht in den allgemeinen Gesprächen verlorengingen. »Wüßte ich, wie gut andere Menschen schlafen,« hob er laut an, »wüßte ich, wen von euch ich um einen ungestörten Schlaf zu beneiden habe, das Mahl würde euch wahrscheinlich versalzen, der süße Falerner sauer werden. Denn wem mein Neid gilt, dem gilt mein Haß, und wem mein Haß gilt, der gleicht dem zum Tode geschmückten Opfertiere, über das der Oberpriester schon das zweischneidige Messer am Elfenbeingriffe schwingt. Ich muß lachen, wenn ich euch so friedlich-fröhlich fressen sehe, als schlafe alle Gefahr, die für euch in meinem Willen lauert, um auf einen Wink von mir an die Kehlen zu springen, die jetzt meinen Wein schlucken und meine Speisen schlingen.« »Wir wissen von deinen schlaflosen Nächten, Herr, und wir enthalten uns gar manche Nacht des Schlafes, um nichts vor dir vorauszuhaben,« rief ein Schmeichler dem Kaiser zu. Ein Blick der Verachtung aus den grünlichen Augen des Cäsars streifte den Übergefälligen. »Wirklich?« fragte Caligula in gespielter Freude. »Wenn du solch ein Getreuer bist, so werde ich mich gern von deiner Liebe zu mir überzeugen,« kündigte er an. »Mein Vertrauter Callistus wird dir zwei Sklaven zur Verfügung stellen, die eine Dekade lang darüber wachen sollen, daß du weder bei Tage noch bei Nacht ein Auge schließest.« Eine Lachsalve schwoll auf, als hätte Caligula einen kostbaren Witz zum besten gegeben. Der Schmeichler erbleichte. Dann erzählte der Cäsar: »Callistus versuchte mir ein Traumgesicht vom Meere zu deuten. Was ich aber erlebte, was mich in dieser Nacht vom Lager scheuchte und durch alle Räume des Palastes hetzte, das war kein liebliches Traumgesicht, war überhaupt nicht nur ein Traum, sondern war Körperlichkeit. – Ihr wißt, daß ich den Meeresarm zwischen Bajä und Puteoli überbrücken ließ, ebenso wie ich weiß, daß von Dummköpfen behauptet wird, ich wäre so töricht gewesen, das Beispiel des Xerxes nachahmen zu wollen.« »Das kann allerdings nur ein Dummkopf behaupten,« warf Callistus ein. »Denn was ist der Versuch des Xerxes, den armseligen Hellespont zu überbrücken, gegen dein Riesenwerk!« »Meine Absicht hatte ganz andere Bedeutung,« bestätigte Caligula nach einem dankenden Kopfneigen. »Hatte nicht der Astrolog Thrasyllus dem Kaiser Tiberius versichert: ich würde ebenso wenig Cäsar sein wie jemals auf Rossen und Rennwagen den Meerbusen von Bajä überkreuzen? Ich habe bewiesen, daß dieser Astrolog ein Lügner und Fälscher war. Ich bin an dem einen Tage zu Roß über den Erddamm geritten, den die überbrückenden Schiffe trugen, als wäre eine neue Appische Heerstraße auf ihnen erstanden. Ich bin am andern Tage mit einem Zweigespann vor einem Rennwagen über den Damm hin- und zurückgebraust. Und ich bin – ? Kaiser geworden.« »Ave, Cäsar! Heil dir, Kaiser!« Gäste und Sklaven donnerten die Jubelrufe dem Imperator zu. Er bedankte sich stumm, wie ein Schauspieler den gespendeten Beifall entgegennimmt, und richtete sich höher aus in seinem weibischen, grotesk lächerlichen Gewande. Wieder sang die Klingschale, und der Kaiser sprach weiter: »In der verflossenen Nacht nun kam das Meer zu mir. Nein, Freunde, nicht als Traumgebilde, sondern wirklich, leibhaftig. Es kam, um mich zur Rede zu stellen, weil ich ihm Gewalt angetan und eine in den Sternen verzeichnete Schicksalsbestimmung zur Lüge der Götter gemacht hatte.« Er schlug beide Hände vor das Gesicht und schauerte in der Erinnerung zusammen, daß die Edelsteinketten und Behängsel auf seinem Leibe klirrten und rasselten. Dann plötzlich gab er seine Züge wieder frei und stierte mit wilden Blicken in die Runde. »In scheußlicher, wandelnder Gestalt trat das Meer vor mich hin. Seine Glieder waren die Leiber von Ertrunkenen. Seine Augen tausend Augen von Menschen, die in den Wogen den Tod gefunden. Und es sprach mit dem Todesröcheln Tausender. Sprach schauervolle Anklage. Vergeblich suchte ich mein Recht zu beweisen, daß ich göttlicher sei als die Götter und darum das Recht habe, die Sternenschrift des Himmels zur Lüge zu erniedrigen, denn meine Tat ist die Wahrheit. Aber ununterbrochen – so wie die Wogen ohne Aufenthalt an den Strand wallen, zurückweichen und wieder vorwärts rollen, tagelang, jahrelang, jahrhundertelang – so ununterbrochen ließ das Meer aus grünem Fischmaule mit blutrotem Rachen entsetzliche Worte über mich dahinbrausen. Es hob beim Sprechen die Hände, aus denen dann Wasser brachen. Und Fluten rannen fort und fort von der grauenhaften Gestalt hernieder. Höher und höher stieg der Schwall – er leckte zu meinem Lager hinauf und brandete über mich hin, wie der Wortschwall des Meeres mich betäubte. Um mich vor dem Ertrinken zu bewahren, blieb mir nur eines: aus dem Schlafgemach zu flüchten. Ich tat es. Aber das Meer war hinter mir her und schwemmte mich durch alle Gänge, über alle Treppen – wohin ich mich auch zu retten trachtete!« Mit einem wilden Aufschrei brach er ab und warf sich in die Polster seines Speisebettes, wo er stöhnend liegenblieb. »Rasch Unterhaltung und Ablenkung für den Kaiser!« befahl Callistus einem in der Nähe stehenden Sklaven. An allen Tischen im Saale, selbst in der Vorhalle zum Speiseraume herrschte das Schweigen des Entsetzens, als kreise die Schauergestalt aus dem Wahnsinnstraume des Kaisers leibhaftig um die Triklinien. Jeder empfand es als eine Befreiung, als Bewegung entstand und buntgekleidete Sklaven seltsame Gestelle in den Saal schleppten, während plötzlich vom Eingange her eine wunderliche Musik erscholl und vier Frauen dort Aufstellung nahmen. Es waren Gauklerinnen, Petauristarierinnen, die sich mit ihren halsbrecherischen Sprüngen auf dem Trampolin zeigen wollten und in Rom als »die lebenden Bälle« bekannt waren. Langsam hob Caligula das Haupt. Seine unstet irrenden Augen hatten den schlaftrüben Ausdruck eines Erwachenden, der sich zurechtzufinden sucht. Er lauschte der Gauklermusik, betrachtete verstört das seinem Triklinium gegenüber aufgestellte Petaurum und überflog mit blödem Blicke die sich ihrem Springapparat nähernden Mädchen. »Das ist das Leben – das Leben ist noch um mich und in mir,« murmelte er nach tiefem Atemholen. »Nur weiter – weiter mit dem Feste!« Er raffte sich auf und ließ sich wie ein krankes Kind gefallen, daß seine Gattin Cäsonia sich tröstend um ihn bemühte. Ihre Hand in der seinen haltend, sah er mit verfallenem, traurigem Gesichte den Künsten der Petauristarierinnen zu. Valeria Messalina war tief erschüttert von dem Auftritt, dessen Zeuge sie gewesen war. Sie war zu klug, nicht die Kraßheit der Gegensätze zu erkennen, die hier aufeinanderplatzten: der sich offenbarende Wahnsinn eines Menschen, die Pracht des Festes, die geputzten, verängstigten, todbedrohten Gäste und der lebensfrohe Anblick der gestählten Frauenleiber, die wie zu Bällen gerundet von dem federnden Trampolin aufschnellten, sich augenscheinlich mühelos in die Luft warfen, sich überschlugen, übereinander fortwirbelten und mit jauchzenden Schreien ihre Springkünste und die sie anfeuernde Musik begleiteten. Sie erkannte, daß Caligula die Vorgänge zwar äußerlich verfolgte, doch ohne sie innerlich in sich aufzunehmen. Sie sah sein in Krämpfen zuckendes Antlitz, in dem es arbeitete und zerrte, als bereite eine innere Qual ihm unerträgliche Schmerzen. Und sie sah, wie dieses Gesicht sich nach und nach beruhigte, bis es schließlich ein festgefrorenes Lächeln behielt, das den häßlichen Zügen des Kaisers den mildernden Ausdruck verzweifelter Trauer verlieh. Da fühlte Valeria Messalina tiefes Erbarmen mit diesem unseligen Menschen, von dessen Bestialität ganz Rom widerhallte. Ein Mensch, dessen Dasein Glück und Glanz schien, und der im Grunde nichts war als ein armes, gehetztes, friedloses Geschöpf. Sie entsann sich eines Ausspruches ihres Vaters, der in einem Gespräche über den Kaiser unlängst geäußert hatte: nicht dieser Mensch sei verantwortlich für seine Taten – die schwere Verantwortung schleppe einzig und allein das Volk, das diesen Geisteskranken seit fast vier Jahren als den Cäsar ertrage. Valeria Messalina hatte sich so versunken in ihre Gedankenwege verloren, daß sie wie aus tiefem Schlummer auffuhr, als plötzlich um sie her brausendes Gelächter aufschwoll. Es galt einem Manne, der mit Verspätung zum Gastmahle eintraf. Während die Petauristarierinnen den Schauplatz ihrer Gauklerkünste verließen, die Sklaven eilig das Trampolin forträumten, meldete der Nomenklator den Oheim des Kaisers, den Tiberius Claudius. Ein ältlicher Mann von etwa fünfzig Jahren stolperte in den Saal. Er tat es mit dem sonderbar hastigen Gebaren eines Menschen, der durch gespielte Eile die Entschuldigung für das Zuspätkommen zu gewinnen trachtet. Claudius war von großer Gestalt und stattlicher Leibesfülle, machte beim Schreiten aber den Eindruck, als wären seine schwanken Beine nicht stark genug, seine körperliche Größe und deren Gewicht zu tragen. Der graubehaarte Kopf wackelte auf dem feisten Nacken. Seine Arme machten ungelenke Bewegungen, als bitte er, mangels passender Worte, durch Gebärden um Nachsicht. Weit eher glich er einem armseligen, plebejischen, gelehrten Stubenhocker als einem erlauchten Mitglieds des kaiserlichen Hauses. »Nun, mein edler Claudius?« redete Caligula den Oheim spöttisch an, als sich das Gelächter gelegt hatte, »wenn wir auch daran gewöhnt sind, daß du mit störrischem Eigensinn auf die ersten Gänge des Gastmahles verzichtest, so mache uns wenigstens das Vergnügen, möglichst rasch deinen Platz einzunehmen, damit das Mahl fortgesetzt werden kann. Oder sollen wir deinetwegen verhungern?« Verwirrt und ratlos, begleitet von einem neuen Aufflackern des Gelächters der Gäste, taumelte Claudius der Mittelreihe der Triklinien zu, weil er als Mann von fürstlichem Range mit Recht dort seinen Platz vermutete. »Nicht hier, bester Oheim, nicht hier!« rief der Kaiser ihm lachend entgegen. »Ich habe dir eine Stätte drüben auf dem Lektikus imus des letzten Trikliniums zugedacht.« »So, so – auf dem geringsten Platze – so, so?« machte Claudius, töricht erstaunt. Und während ihm der Graukopf noch heftiger als vorher zitterte, murmelte der sonderbare Mann vor sich hin: »Ich werde demnächst ein Buch schreiben müssen über die Herkunft und Einrichtung der Tischordnung. Sie kommt in Vergessenheit. Keiner weiß mehr Bescheid!« Dann durcheilte er mit unsicheren Schritten den freien Platz der Mitte. Er suchte sich bescheiden auf der Kante des Tischsofas zu betten, da die bereits dort liegenden beiden Gäste nicht für nötig fanden, wegen der komischen Figur des Kaiserhauses zusammenzurücken. Der Struktor hatte gewartet, um nun, nachdem Claudius endlich zur Ruhe gekommen war, neue Speisen und andere Weine anzukündigen. Es gab das Hauptgericht eines jeden römischen Gastmahles, den Eber. Der riesige Braten wurde auf einer Silberschüssel von gewaltigen Ausmaßen hereingeschleppt. Er war zwar in viele handgerechte Einzelstücke zerlegt; man hatte sie jedoch so kunstvoll wieder aneinandergefügt, daß der Anschein gewahrt blieb, als werde der Eber als Ganzes aufgetragen. Zum Getränk wurde Calda gereicht, ein Gemisch von sehr stark gewürztem Weine und kochendem Wasser. Die Sklaven stellten neben jeden Gast kleine, mit glühender Holzkohle gefüllte Roste, deren Glut Wohlgerüche verdunstete und die Calda heiß erhielt. Zu dem fetten Eberfleische und dem anreizenden Getränk ward als Unterhaltung eine Gruppe von gaditanischen Tänzerinnen geboten, deren Leistungen ebenso berüchtigt wie gern gesehen waren. Die zierlichen Gestalten mit den pikanten Zügen und brennenden Augen, echter Typ spanischer Mädchen, waren eng in grellrote dünne Seidentücher gewickelt, eine aufpeitschende Tracht, da die Körperformen, trotz der Hülle, deutlich hervortraten und so den lockenden Reiz des Verborgenen gewährten. Entblößt blieben nur die sehr kleinen Füße und die zierlich von dunkelm Gelock überkräuselten Nacken. Zum Takte einer eintönigen Flötenmusik glitten die Spanierinnen lächelnd über den goldblitzenden Mosaikfußboden dahin, während sich an ihren Körpern nichts bewegte als die schmalen Hüften, ein schlängelndes Spiel verhaltener Leidenschaft. Nach und nach mischte sich das noch leise zögernde Klappern von Kastagnetten in das Getön der Flöten. Dazu summten die Tänzerinnen einen Sang von Sehnsucht und Liebesverlangen. Doch bald wurde der Takt der Musik wirbeliger, das Rasseln der Klappern wütender. Der Gesang verstummte. Die Gaditanerinnen bewegten sich schneller und schneller. Immer mehr enthüllten sie sich. Aus der roten Seide leuchtete die blaßgelbliche Haut der Schenkel, quollen die festen kleinen Brüste, schälten sich zuckende Glieder, bis aus dem feierlichen Umherschreiten eine Raserei geworden war, die das einsetzende Gellen der Flöten und betäubende Gerassel der Kastagnetten noch aufstachelte und anfeuerte. Valeria Messalina hatte vergeblich versucht, sich zu wehren gegen den erregenden Bann, den dieser ungewohnte sinnliche Rhythmus auf sie übte. Schwer atmend, lag das junge Geschöpf auf seinem Lager, spürte Taumel in sich brausen, vernahm das Sausen des gärenden Blutes in den Ohren, hörte von vielen Lippen den bacchischen Jubelruf »Evohö!« tönen, fühlte, wie ihre Glieder sonderbar müde wurden, und rang staunend mit heimlichen, fremden Wünschen ihrer jungen Kraft. Sie blickte scheu auf ihre Lagergenossen. Doch der junge Mann und das Mädchen auf dem Lektikus waren bereits Freunde und kümmerten sich nicht um die ihnen fremde, schweigsame Tischgefährtin. In einem seltsamen Umherflattern der Gedanken und zugleich gebannt von einer unheimlichen Anziehungskraft, richtete Valeria Messalina den Blick auf den Kaiser. Sie sah, wie Caligula sich der Zudringlichkeiten seiner Gattin erwehrte und unverwandt zu ihr hinüberblickte. Plötzlich stieß er Cäsonia schroff von sich und reckte die rechte Hand nach Valeria Messalina hin. Sie verstand die Bedeutung der Gebärde nicht. Denn bis dahin hatte sie nie erlebt, daß ein Mann ihr eine Faust machte und den Mittelfinger der Hand dabei gerade vorreckte. Sie schüttelte den Kopf, dem Kaiser zu bedeuten, sie verstünde ihn nicht. Mit einem wütenden Ruck befreite Caligula sich von den ihn wieder umschließenden Armen der Gattin, verließ den Lektikus und eilte aus dem Saale. Zugleich brach die Musik ab. Die Tänzerinnen rafften ihre grellroten Seidentücher um sich und neigten sich dankend gegen den jubelnden Applaus. Dann verschwanden sie. Ein Aufatmen ging durch den Raum, ein leises Murmeln schwirrte auf. Von einer Stelle her aber scholl lautes Schnarchen. Dort lag der grauhaarige Claudius auf dem Speisesofa des letzten Trikliniums. Er hielt die Hände über dem Bauche gefaltet und schlief den Schlaf des von fetter Speise übersatten und vom heißen Würzweine Betäubten. Die stürmische Wildheit gaditanischer Künste hatte nicht vermocht, diese geruhsame Tätigkeit des Verdauens zu stören. »So geht es dem kaiserlichen Oheim stets,« hörte Valeria Messalina ihren Tischnachbarn Amyklas sagen. Er lachte herzlich und fuhr fort: »Wo Claudius zu einem Gastmahl erscheint, sorgt er immer ungewollt für Erheiterung. In Privathäusern, die mit den Ausgaben für die Unterhaltung sparen, ersetzt der drollig-traurige Claudius bei Gastereien oft unfreiwillig ein ganzes Konsortium von Gauklern und Pantomimen.« »Kein Wunder, wenn die eigene Mutter, Domina Antonia, sich dieses Sohnes schämte,« warf jemand ein. »Dem ist nicht so,« berichtigte Amyklas. »Um den höchsten Grad von Dummheit auszudrücken, pflegte sie im Gegenteil stets zu sagen: dümmer als der dumme Claudius.« »Neulich auf einem Gastmahl bei Tubellus ließ er alle Speisen stehen und las uns dafür äußerst komische, ernstgemeinte Eßregeln vor,« erzählte der dem Amyklas gegenüber liegende Gast. »Wenn er dann seine Regeln am Beispiel beweisen wollte und nach den Speisen griff, entzog man ihm rasch die Schüsseln. Sein verblüfftes Gesicht hättet Ihr sehen sollen! Es war zum Totlachen!« »Und doch ist er durchaus kein Narr, trotz seines närrischen Benehmens,« meinte ein Tribun, der den Ehrenplatz auf dem mittelsten Speisesofa einnahm. »Der Ritterstand hat ihn häufig zum Patron wichtiger Angelegenheiten erwählt – der Senat loste ihn aus zum Priester des vergötterten Augustus – er hat mit dem jetzigen Cäsar einmal das Konsulat innegehabt und war später sogar noch einmal Konsul –« »Aller dieser Ämter aber ging er doch stets verlustig durch seine Saumseligkeit,« unterbrach Amyklas. »Er ist mit Dummheit gestraft.« »Dumm ist er nicht,« belehrte der Tribun, »nur umständlich und schwerfällig und ohne jedes Selbstvertrauen. Daran ist seine Erziehung schuld. Er wurde im Hause des Augustus wegen seines wenig anziehenden Äußeren und seines langsamen Geistes als halber Idiot behandelt und zurückgesetzt.« »Er ist ein schlichter, bürgerlicher Mann und verschmäht allen kaiserlichen Prunk und Vorrang,« mischte ein anderer Gast sich ins Gespräch. »Ich kenne viele, die das mit Recht als einen Vorzug an Claudius rühmen.« »Ah bah!« machte Amyklas verächtlich, »Sein einfaches Benehmen ist kein Vorzug, sondern nur die Bestätigung seiner albernen, niedrigen Denkungsart. Er ist eine Schande des erhabenen Blutes der Claudier.« »Hat er sich nicht kürzlich von seiner zweiten Frau, der Aelia Petina scheiden lassen?« fragte ein junges Mädchen. »Ganz richtig, kleine Hiberina,« rief ein Spottvogel. »Willst du ihn nicht zum Manne nehmen? Du könntest sicher sein, daß er dir viel Muße gönnt. Denn seine Hauptbeschäftigung ist Essen und Schlafen. Daneben studiert er alte Schriften und schreibt langatmige, schwülstige Scharteken. Deine Gefälligkeit wird er also nur wenig in Anspruch nehmen.« Hiberina errötete zwar, doch versicherte sie mit aller Offenheit, dann wäre der kaiserliche Oheim nicht der rechte Mann für sie. »Doch in allem Ernste,« nahm der gesprächige und gut unterrichtete Amyklas wieder das Wort, »man erzählt, Kaiser Caligula sei auf der Suche nach einer dritten Gattin für Claudius.« »Er hatte schon in der Jugend keine Zukunft,« urteilte Hiberina schnippisch. »Wer nimmt diesen Alten, der bettelarm und ein verhöhnter Hanswurst ist?!« In diesem Augenblicke kam der Struktor an das Triklinium und überreichte Valeria Messalina mit höflichen Worten eine Schreibtafel. Sie öffnete die beiden Holzplättchen, von denen eins mit rotgefärbtem Wachs überzogen war. Nachdem sie die mit spitzem Griffel eingeritzten Worte überflogen hatte, musterte Valeria Messalina das unbewegte Gesicht des Sklaven. »Glätte das Wachs und gib mir den Griffel,« befahl sie rasch entschlossen. »Ich werde aufschreiben, daß ich keine Ursache sehe, dir zu folgen.« Betroffen senkte der Struktor das Haupt. Tief verschattete sich sein Gesicht. Zögernd nur bereitete er das Wachs der Schreibtafel zur Antwort vor. Endlich faßte er Mut. Er sah das junge, stolze Mädchen bittend und voll Vertrauen an. »Domina,« murmelte er fast unhörbar, »wenn ich deine Antwort zurückbringen muß, so bitte die Götter, daß sie mir wenigstens einen raschen Tod gewähren.« Valeria Messalina hatte die Tafel schon an sich genommen, den Griffel angesetzt, den ersten Buchstaben bereits geritzt. Bei den verzagenden Worten des Sklaven hielt sie inne. Ein schönes Erbarmen verklärte ihr Antlitz. »Um meiner Weigerung willen soll nicht ein Mensch leiden,« entschied sie ohne Zögern. Sie klappte die Täfelchen zu und bat freundlich: »Zeige mir den Weg.« Der Struktor ließ sich auf ein Knie nieder und küßte inbrünstig dankbar den Saum des Gewandes seiner Retterin. Dann schritt er voran. Hinter Valeria Messalina her scholl ein Tuscheln und Raunen, als brause plötzlich ein starker Wind über die blattreichen Baumkronen eines Gehölzes. Man wußte längst, was es bedeutete, wenn der Struktor ein Weib vom Gastmahle holte, kurz nachdem Kaiser Caligula den Saal verlassen hatte. 5 Nach einem langen Wege durch einsame Gänge blieb der Struktor vor einer Tür stehen. Ein Vorhang verdeckte mit schweren Falten den Eingang. Er diente der Gestalt eines riesigen Prätorianers zum Hintergrunde. Der im vollen Waffenschmuck gerüstete Mann stand unbeweglich auf seinen Speer gelehnt. Er sah so ernst und grimmig drein, als bewache er das Schweigen der Einsamkeit, die hier, fern jedem Menschengetriebe, ihre Heimstatt aufgeschlagen hatte. Als der Prätorianer den Sklaven in Begleitung eines Mädchens vor sich sah, überflog ein lautloses, verstehendes Lachen sein bärtiges Gesicht. Etwas zur Seite tretend, raffte er den Faltenvorhang an sich, den Eingang freizugeben. Nur das leise Klirren der Wappnung des Wächters und das Knistern des Vorhangstoffes unterbrach die geheimnisvolle, lastende Stille. Kein Laut drang in diesen abgelegenen Flur. Die beschattete Helle einer Lampe, weit hinten im Gange, gab ein wenig Licht, doch kaum genug, das schwere Dunkel zu durchdringen. Von den in Finsternis aufstrebenden, oben in tiefer Nachtschwärze sich wölbenden Wänden tönte fremdartig das Flüstern des Struktors zurück. »Weiter darf ich dich nicht geleiten, Domina,« entschuldigte er sich leise. »Der Wächter weiß von deinem Kommen. Er wird dafür sorgen, daß keine Menschenseele dein Zusammensein mit dem Kaiser stört.« »Ich habe keinen Grund, eine Störung zu befürchten,« erwiderte Valeria Messalina herb. Die wenigen laut gesprochenen Worte weckten einen Widerhall, der den Flur entlanglief, als wolle er die Geheimnisse dieses einsamen Palastflügels aus dem Schlafe scheuchen. Dann verschollen die Laute urplötzlich, als wären sie irgendwo in der Finsternis in einen Abgrund gestürzt. »Vertraue nicht auf den Soldaten, Domina,« warnte der Struktor ernst. »Er ist ein Lieblingswächter des Kaisers, seinem Herrn sehr ergeben und außerdem – ? stumm und – auch taub.« Valeria Messalina suchte das Gesicht ihres Führers in der Dunkelheit zu erkennen. »Was willst du damit sagen?« forschte sie mit unterdrückter Stimme. »Du bist mutig, Domina,« wich er zögernd aus. »Und du bist schön. Niemand als Venus kann deine Schutzgöttin sein. Möge sie dir beistehen!« »Ich verstehe dich nicht,« rief Valeria Messalina. Sie trat einige Schritte zurück, als bereue sie, dem Struktor gefolgt zu sein. Doch da ließ der Prätorianer den Vorhang in das Gefalte zurückgleiten. Er huschte an der Wand hin, nahm die Lanze quer und schnitt der späten Besucherin so den Rückweg ab, mit der riesigen Gestalt und der Waffe den Flur absperrend. »Hab Dank, Domina,« murmelte der Struktor. »Ich kann dir nur noch sagen: sobald du den zweiten leichten Vorhang, der sich hinter dem schweren ersten befindet, aufheben wirst, betrittst du ein hellerleuchtetes Gemach. Dort wirst du alles weitere erfahren.« Damit verließ er die junge Domina und war sogleich verschwunden. Es war, als hätte der finster gähnende Gang ihn verschluckt. Valeria Messalina sah sich mit dem Prätorianer allein. Er schien sein Amt zu kennen. Er trat auf das Mädchen zu. Jedes Ausweichen war unmöglich. Die Lanze an der Eisenspitze ergreifend, den Speerschaft hinter Valeria Messalina an die Wand stemmend, raffte er mit der freien Linken den Vorhang zurück. So bildete er mit Arm, Körper und Waffe einen Winkel, aus dem die Gefangene nur entkommen konnte, wenn sie das vor ihr liegende Gemach betrat. Um aller Gewalttat zu entgehen, hob Valeria Messalina den zweiten Vorhang. Eine Lichtflut strömte auf sie ein. Und da diese Helle als Gegensatz zur Finsternis des Flures beruhigend wirkte, schritt Valeria Messalina ohne Zögern weiter. Zugleich wurde ein Vorhang dem Eingange gegenüber zur Seite gestreift. Eine junge, hübsche Griechensklavin trat lächelnd vor. »Sei gegrüßt, Domina,« sprach sie freundlich, doch demutsvoll. Die Gegenwart eines weiblichen Wesens gab Valeria Messalina den Mut zurück. In diesem kaiserlichen Palaste schien alles aus Gegensätzen zu bestehen: draußen der nachtdunkle Flur und der finstere Wächter – hier der lichterfüllte Raum und die liebliche Erscheinung der jungen Griechin. »Sei bedankt,« erwiderte Valeria Messalina den Gruß der Sklavin. Dann lachten die beiden Mädchen einander an. »Führst du mich weiter?« erkundigte sich die Domina. »Du bist am Ziele, Herrin, wenn du dort eintrittst,« gab die Sklavin Auskunft, auf den zurückgeschlagenen Vorhang deutend. In diesem Augenblicke erschien Caligula auf der Schwelle. Er hatte seine Ungeduld nicht länger meistern können. »Ohne Scheu,« bat er mit einer einladenden Handbewegung. Der Kaiser zog selbst den Vorhang zu, nachdem Valeria Messalina die Tür durchschritten hatte und in das vom rötlichen Ampelscheine durchglühte Gemach gelangt war. Er wies auf einen Sessel, der mit weit ausgreifenden Beinen und mit halbgerundeter, tief zurückliegender Lehne die Mitte des Raumes einnahm. Ein rotes Seidenpolster bedeckte den bequemen Sitz. Caligula blieb höflich stehen, bis sein Besuch Platz genommen hatte. Dann zog er einen zweilehnigen Stuhl heran und lieh sich ebenfalls nieder. »Ich habe dich hierher befohlen –« eröffnete er die Rede. »So unfreundlich der Wächter im Vorgemach war, so anmutig ist die Dienerin vor diesem Raume. Ich mache dich aufmerksam, Herr, daß ich gewohnt bin, mit Männern nur in Gegenwart einer zweiten Frau im Gemach zu weilen. «Ich werde daher nur in Gegenwart deiner Dienerin mit dir reden. Rufe sie, bevor du weitersprichst.« Caligula kam diesem kühnen Wunsche augenblicklich nach. Das Mädchen trat ein und blieb mit tiefgeneigtem Gesichte statuenhaft unbeweglich neben dem Türvorhang stehen. Ihre schönen Züge nahmen eine Ausdruckslosigkeit an, die erkennen lieh, daß die Sklavin Auge und Ohr zu verschließen verstand. Sie mochte sich daran gewöhnt haben, Zeugin zu sein der Gespräche ihres Herrn mit einsamen Besucherinnen. »Wir sind allein,« sagte Caligula kurz und spöttisch, indem er mit einer leisen Kopfbewegung nach der Sklavin deutete. »Dennoch ist dein Wunsch erfüllt, Valeria Messalina,« fügte er etwas freundlicher hinzu. »Ich freue mich, Gedanken mit dir auszutauschen. Denn du scheinst mir ein Wesen besonderer Art. Von Alltagsmenschen aber strotzt meine Umgebung.« »Gedanken mit mir auszutauschen?« fragte Valeria Messalina verwundert. »Gerade mit mir?! Was wüßte ich wohl zu sagen, ich, deren Wege bis zu diesem Tage kaum weiter als von der Schwelle des Elternhauses in das Heim guter Freunde führten – ich, deren Augen bisher eine nur kleine Welt sahen.« Caligula saß mit untergeschlagenen Armen und betrachtete forschend das belebte Antlitz seines Gegenübers. »Du schlägst die Augen nicht vor mir nieder,« sagte er nach einer Pause zufrieden. »Ich habe nichts getan, was mich zwänge, meinen Blick zu verstecken,« entgegnete sie, frei seinen grünlich schillernden Augen begegnend. »Das ist es eben: deine Unberührtheit macht dich kostbar,« sagte er. Sein eigenartig häßliches Gesicht nahm einen lauschenden Ausdruck an, voll Neugier, ob sie die Anspielung verstanden hätte. Da sie schwieg, fuhr er fort: »Bei welchem Namen nennt man dich in vertraulicher Anrede?« »Du nanntest mich ja schon beim Namen, Herr,« erinnerte sie mit einem leisen Auflachen. Er machte eine ungeduldige Bewegung. »Valeria Messalina – ja gewiß« stieß er hervor. »Du müßtest nicht eine Domitierin sein, wenn dein voller Name mir fremd wäre. Ich meine: wie ruft man dich zuhause?« »Beim ersten Namen: Valeria.« »Ein nichtssagender, blutloser Name,« meinte er geringschätzig. »Als ich noch ein Knabe war und die Bulla noch am Halse trug, ritt ich mit Vorliebe eine lammfromme Stute. Sie hieß Valeria.« Ein breiter, sinnlicher Zug glitt um seinen Mund, während er fortfuhr: »Dem erwachsenen Manne genügt ein frommes Stutchen nicht mehr. Nun kann gewiß auch eine Stute feuriges Blut haben, selbst wenn man sie nur sanft Valeria ruft. Ist aber das Feuer in ihrem Blute erst einmal geweckt ... vielleicht durch – den – Hengst ... so verdient die Stute einen klangvolleren Namen.« Valeria Messalina wunderte sich still über dieses törichte Geschwätz des Kaisers. »Wenn du von Pferdezucht mit mir reden willst, Cäsar,« sagte sie in aller Harmlosigkeit, »so kann ich dir nicht viel Unterhaltung bieten. Ich verstehe davon nichts.« Sein Lächeln ward ein breites, laszives Grinsen, als er fortfuhr: »Was meinst du – bist du eine Stute, die Feuer im Blute hat?« Da sie diesmal auf die sie dumm dünkende Frage keine Antwort gab, nur gelangweilt mit den Achseln zuckte, sprach er weiter: »Nun, der Abend ist noch lang – es wird sich erweisen. Und da du mir dein lebhaftes Temperament bereits bewiesen hast, wenn auch nicht in jener Form, die ich bei Frauen bevorzuge, so will ich dich schon jetzt nicht mehr bei dem wässerigen Namen Valeria nennen. Messalina sollst du heißen! Nicht nur für mich.« »Meine Eltern haben über meinen Namen zu entscheiden!« erwiderte sie stolz. Er schnellte von seinem Sitze auf und sah höhnisch auf sie herab. »Deine Eltern? ... Wenn ich, der Cäsar, dir den Namen bestimme?« rief er belustigt. Er reckte sich zu kindischer, gravitätischer Haltung empor und stelzte gewichtig in dem Gemache auf und nieder wie ein Pfau, der eitel sein farbensprühendes Rad zeigt. Plötzlich blieb er vor dem Mädchen stehen und wiederholte mit erhobener Stimme: »Messalina sollst du heißen! Der Name, bei dem dich die Gottheit Caligula rief, wird die Zeiten überdauern. Und du meinst, Menschen hätten über das zu entscheiden, was Cäsar befiehlt? Es gibt keinen, der neben mir wäre, geschweige denn über mir.« »Bist du nicht auch ein Mensch? Nur ein Mensch und von demselben Fleische wie ich? Auch ich stamme aus dem Blute der Julier.« »Wir werden später prüfen, wie weit wir einander als Menschen gleichen,« entgegnete er mit einer Stimme, die heiser war vor Erregung. Seine zitternde Hand griff an den Halsausschnitt ihres Gewandes. Er zerrte an dem Stoffe und flüsterte: »Ich hatte dir befohlen, in einem koischen Kleide zu erscheinen, Messalina.« »Nimm deine Hand fort, Cäsar!« gebot sie so scharf, daß er erschrak und von ihr ließ. Dann setzte sie ihm ruhig auseinander: »Ich war zum ersten Male zu einem Fest geladen. Wie konnte ich anders als in dem edlen, weißen Gewande unserer Vorfahren erscheinen, wenn man mich nicht für eines von den lockeren Mädchen Roms halten sollte!« »Gut, ich will das als Entschuldigung gelten lassen,« gab er zu. Er wanderte wieder eine Weile stumm aus und ab, wie traumverloren, sein kranker Geist entschwärmte seiner Herrschaft. Dann ließ er sich in den Stuhl fallen und erklärte mit dem Versuche, liebenswürdig zu erscheinen: »Dein weißes Kleid hebt nicht genug deine Schönheit, Messalina. Es gibt für ein schönes Mädchen nichts Schmuckeres als das seidenfeine, durchsichtige Gewebe des koischen Purpurstoffes. Du wärest eine Göttin in solchem Gewände. In deinem weißen Gewande aber bist du nur ein Mädchen, und das – – ist gefährlich für dich. An die Göttin wagt man nur den Blick, an ein Mädchen aber alles.« Ein kältender Schauer überrieselte Messalina, als sie die vor Lüsternheit flimmernden Augen des Kaisers mit irrem Glanze auf sich gerichtet sah. Alles an diesem Manne ekelte und entsetzte sie. Sie raffte den Stoff der Stola enger um sich, als könne sie dadurch den Augen des Cäsars entrinnen. Dann suchte sie dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, indem sie sagte: »Du meintest, Herr, der Name Messalina – weil du es bist, der ihn mir aufdrängt – würde die Zeiten überdauern? Das klingt wie eine Weissagung.« »Und du glaubst natürlich an Weissagungen,« stellte er fest. »Allerdings – um so lieber, wenn sie Gutes verheißen,« gab sie mit einem leichten Lächeln zurück. »Und man hat dir Gutes verheißen?« Mit einem unbewußten Zug des Hochmuts um den Mund sah sie den Cäsar an. »Nicht nur kürzlich erst, nein, auch heute wieder sagte man mir voraus, ich würde dereinst Kaiserin sein.« Caligula fuhr so heftig vom Sitze auf, daß der Stuhl umstürzte. »Kaiserin –?!« stieß er mit aufgerissenen Augen hervor. »Ja, Kaiserin!« gab sie gelassen zurück. »Kaiserin? Du?! Mit mir?!« »Warum gerade mit dir, Cäsar?« meinte sie leichthin. »Werden nicht auch nach dir Kaiser kommen?« Langsam hob er die Arme. Seine Hände öffneten sich und krallten sich wieder zu. Es war, als verspüre er den unwiderstehlichen Drang, diese Hände um den weißen Hals Messalinas zu klammern, weitere Worte zu ersticken, die ihn daran erinnerten, daß auch für ihn die Kaiserherrlichkeit einmal enden konnte. »Also nicht mit mir?« zischte er. »Mit einem andern – der – nach mir kommen – wird!« Eine Grimasse gewaltsamen Spottes verzerrte sein Gesicht zur Fratze, während er die Hände sinken lieh. Dann faßte er sich. Langsam, jedes Wort deutlich betonend, sagte er: »Mir fehlt keineswegs das Verständnis für ein mutiges Wort zur rechten Zeit. Du, Messalina, wagst jedoch weit mehr, als ein Mensch meiner Art ertragen kann – wenn ich denn schon deiner Meinung nach nicht mehr bin als ein Mensch.« Die Sklavin hatte den Stuhl aufgerichtet, in dem der Kaiser nun wieder Platz nahm. Er kniff die Lider eng zusammen und betrachtete seinen Gast mit spitzem Blicke. Dann sprach er in ruhigem, sachlichem Tone weiter: »Du hörtest beim Mahle, daß mir schon einmal die göttliche Macht gegeben war, eine Weissagung zur Lüge zu stempeln. Du sollst erfahren, was Cäsar Caligula vermag. Ich werde zum zweiten Male eine Weissagung zunichte machen. Du Kaiserin!« Er lachte. »Wir wollen sehen, wer mächtiger ist, der Gott, der dir diese Weissagung schenkte, oder ich! Ich könnte sie mit einem Worte vernichten und dich auf der Stelle erdrosseln lassen. Dann könntest du im Tartarus die Kaiserin spielen. Doch ich bin milde, wenn auch nicht viele es wissen. Ich werde deinem Vater befehlen, dich meinem Oheim Claudius zur Gattin zu geben.« Wieder lachte er, kreischend, und fuhr fort: »Wenn jemals ein Mensch keine Aussicht hatte, den Cäsarensessel Roms zu besteigen, so ist es der gute Claudius. Du siehst, wer dir weissagte, du würdest Kaiserin sein, der betrog dich.« Er sah sie lange stumm an. Dann fügte er hinzu: »Es sei denn, Messalina, du würdest Kaiserin durch mich!« »Niemals!« schrie sie außer sich. »Dann lieber den Claudius!« Der Kaiser verfärbte sich vor Wut. »Und wenn ich dir versichere, daß du mir gehören wirst, auch wenn du später das Weib des Claudius wirst?!« »Ich werde sterben, ehe du mich berührst.« »Ah, Selbstmord! Altrömische Tugend!« spottete Caligula. Er rückte den Stuhl näher und legte die heißen Hände auf Messalinas Knie, die er mit klammernden Fingern umspannte. »Schöne Messalina, wer wie du einen Kaisertraum träumt – wer wie du geschaffen ist, so hoch zu steigen, nicht nur durch Schönheit, sondern auch durch Klugheit und Verstand – wer noch das größte Geheimnis der Wonnen des Lebens zu lernen hat – der greift nicht zur pulsöffnenden Lanzette. Du bist zu jung, um nicht leben zu wollen. Ich werde der Lehrmeister sein, der dir zeigt, was Leben ist!« Er ließ ihre Knie los und tastete höher hinauf auf dem glatten Stoffe des Gewandes. Sie saß in Erstarrung, entkräftet von dem Widerwillen vor der Berührung dieses unheimlichen Menschen, betäubt von dem allmählichen Begreifen der Gefahr, in der sie schwebte. Eine Gefahr, deren Schrecken sie instinktiv nur ahnte, in der Lebensunkenntnis, in der die jungen Mädchen aus den vornehmen Häusern Roms bis zu ihrer frühen Verehelichung künstlich erhalten wurden. Sie versuchte, sich von den frech zugreifenden Händen des Kaisers zu befreien. Doch das kurze Ringen entblößte nur ihre rechte Schulter. Der Anblick der marmornen Halbkugel nahm den Cäsar gefangen. Er starrte auf die schneeige Haut und hielt inne in seiner Zudringlichkeit. Weit beugte er den Kopf vor und murmelte undeutliche Worte. Der überstarke Reiz seiner Sinne rettete für den Augenblick Messalina aus der Gefahr. Er legte eine Hand auf die blutdurchpulste Rundung des enthüllten Fleisches und sah regungslos, als lausche er auf die Ströme, die durch die Berührung mit dieser glatten, kühlen Stelle des jugendlichen Körpers auf ihn überfluteten. So verharrte er lange, bis er mit fast vorsichtigen Fingern auch die linke Schulter Messalinas vom Gewande befreite. Sie duldete mit geschlossenen Augen, ohne Widerstand und ohne Möglichkeit der Bewegung, weil Caligula jetzt fest zupackte und sie in das Halbrund der Lehne zurückdrängte. Sie duldete jedoch auch, weil trotz allen Widerwillens gegen den Mann und seine Gewalttat eine Erschlaffung in ihrem Blute rieselte, die sie lähmte und willenlos machte. Da zerrissen Worte des Kaisers den hypnotischen Bann. Diese Worte siedeten auf aus dem Sadismus des Kaisers, aus der krankhaften Mischung seines Gefühls, die seine Sinnlichkeit stets mit der Grausamkeit des mordlüstigen Wahnsinns tränkte. »Die Schönheit deines Halses ist ein Wunder,« sagte er ganz klar, bewußt und kritisch. »Er baut sich auf wie aus Alabaster geschliffen. Er verheißt, wie deine Schultern, viel Körperschönheit.« Ganz sacht betastete er in fast scheuer Berührung die Haut, ihre Kühle prüfend. »Wäre es Tag, Messalina, und du säßest gegen die Sonne, so würde an beiden Seiten deines Halses ein rötlicher Schimmer leuchten, wie, wenn man die Hand gegen das Licht hält, zwischen den Fingern das Blut farbig pulst. Es muß schön sein, diesen Hals zu küssen. Aber es gibt noch etwas Schöneres!« Er maß zwischen Daumen und Zeigefinger die Kehle. »Von da bis da – ein rascher Schnitt – die Wunde klafft wie ein purpurner Mund. – Und wie deinem Munde heiße Worte der Liebe entströmen können, wenn du nur willst, so würde der Wunde heißes Blut entströmen.« Er betrachtete seine gespreizten Finger und wischte sie an seinem Gewände ab, als müsse er sie von Blut reinigen. Dann sagte er nach einem Aufseufzen: »Es müßte eine vernichtende Lust sein, Messalina, dir den Hals abzuschneiden. Ich könnte jetzt einen Sklaven rufen, es zu tun ... Aber lassen wir's ... Ich würde ihn vielleicht beneiden.« Voller Grauen und Entsetzen hatte Messalina diese Reden über sich ergehen lassen. Worte, die fast ohne Ausdruck, eintönig wie das Tröpfeln von Blut, über des Kaisers Lippen fielen. In Gedanken verloren, sah er da. Sein brennendes Begehren schien er vergessen zu haben. Messalina nahm alle Kraft des Willens zusammen, die Angst vor diesem Manne zu bezwingen. Wenn sie jetzt flüchtete? Aber wer half ihr, aus dem Gemache zu entkommen? Die Griechin? Die stand noch immer mit geneigtem Haupte an dem Vorhang, leblos und in sich zurückgezogen, als wäre ihr die Gabe verliehen, mit dem Körper zugegen, mit Sinnen und Seele fern zu sein, bis man ihrer benötigte. Und der taubstumme Wächter draußen? Vielleicht war seine Pflicht nur, kein weibliches Wesen von der Türe fort, doch ungehindert die von dannen zu lassen, die einmal des Kaisers Gemach betreten hatten. Leise erhob sich Messalina – da rief das Rascheln des Gewandes den Imperator in die Gegenwart zurück. »Du kannst den Raum nicht verlassen, Messalina,« bedeutete er, den Blick vollkommen ruhig erhebend. »Der Prätorianer draußen – er ist mein Liebling und der getreueste aller Germanen – läßt dich nicht hinaus ohne meinen ausdrücklichen Befehl. Behalte Platz, ich will mit dir sprechen.« Er zog sie an den Händen in den Sessel zurück und hob sogleich an: »Man erzählt sich, dieser Abalanda – er ist mein Gast in Rom, und ich habe deinen Vater geehrt, indem ich den nordischen Sendling eurem Hause zuwies – man erzählt, Abalanda bewerbe sich um deine Gunst. Gefällt er dir?« Messalina glaubte schon, die Zusammenkunft mit dem Kaiser gleite in weniger gefährliche Bahnen. Da sie nun wußte, daß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abgeschnitten war, entschloß sie sich, dem Gespräche standzuhalten. Vielleicht gelang es ihr, den Kaiser zu ermüden, daß er sie selbst freigab, überdrüssig ihrer Gesellschaft. Sie straffte sich, lehnte sich in den Sessel zurück und zwang sich mit aller Macht, vollkommen furchtlos zu erscheinen. »Abalanda?« nahm sie die Frage des Kaisers auf. »Er gefällt mir, wie ein stattlicher Mann wohl jedem Mädchen gefällt.« »Aber mit dem Gefallen muß doch ein Gefühl verbunden sein,« behauptete Caligula. »Ich hätte dich also richtiger fragen müssen: was fühlst du für ihn?« »Nicht mehr als die Ehrerbietung, die man einem kaiserlichen Gaste schuldet,« antwortete sie. »Vielleicht auch ein wenig Freundschaft, da er höflich und aufmerksam ist, auch seine Neigung verbirgt, um mir nicht lästig zu werden.« »Er wirbt also nicht offen um dich,« nickte Caligula vor sich hin. »Nun ja, das darf man von diesem Arkadier wohl auch kaum erwarten.« »Arkadier?« fragte Messalina erstaunt. »Warum nennst du ihn so, da er doch kein Südländer ist?« »Weil aus Arkadien die größten Esel und die einfältigsten Menschen kommen,« erklärte der Kaiser und lachte und freute sich, als habe er einen trefflichen Witz gemacht. »Aber nicht das allein. Man muß, dem langen Barte nach, deinen Freund auch für einen sittenstrengen Mann halten, der den Liebesgenuß verschmäht. Als ich – ihn seines Vaters wegen auszuzeichnen – ihm erlaubte, gleich einem Römer die Toga zu tragen, konnte ich ihn nur mit Mühe überreden, sich das Haupthaar scheren zu lassen. Langhaarige Bartträger aber sind immer Sittenbolde und Schulmeister.« »Und Glatzköpfe?!« fragte Messalina keck. »Meinst du damit mich?« rief der Kaiser heftig und betupfte seinen kahlen Schädel. Da ward dem Mädchen angst vor seinen zornigen Augen. Sie log verwegen. »Nein, Herr. Du bist nicht sittenlos. Das weiß ich und ganz Rom. Du liebst die Kaiserin, deine Gemahlin.« Leicht, wie jeder Irre, von einem Gedanken abgelenkt, erwiderte er lebhaft: »Oh, Cäsonia über alles! Es gibt kein Weib, das mich so liebevoll verstünde wie Cäsonia. Ich will dir erzählen, was mich mit ihr zusammenführte.« Er erhob sich und befahl der Sklavin, den Stuhl beiseitezustellen. »Ich spreche freier, wenn ich auf- und abschreiten kann,« erklärte er, zu Messalina gewandt. Die Griechin erwachte für einen Augenblick aus ihrer Statuenhaftigkeit und räumte den kleinen Sessel fort. Dann nahm sie ihren Platz am Vorhang wieder ein. Und ihr Antlitz versteinte von neuem. Der Kaiser ging eine Weile schweigend umher, als überdenke er seine Worte. Endlich begann er: »Die Menschen beneiden mich um den Glanz meiner Stellung, um die Macht in meinen Händen, um den Reichtum. Hinter dem Glanze verbirgt sich die Dunkelheit eines seelischen Leides, das ich keinem offenbaren kann. Hinter der Macht verborgen ist erbärmliche Machtlosigkeit. Denn wenn ich allem gebieten kann, so kann ich doch nie meinem Schlaf gebieten, daß er mich erquicke. Hinter dem Reichtum also lauert die Armut eines Menschen, der an dem Köstlichsten, der kraftspendenden Ruhe und Erholung, darbt. Reichtum überhaupt – er ist nur gut, um vertan zu werden. Hat es Zweck, Reichtum zu mehren? Auf Erden bleibt vom irdischen an mir nichts als eine Urne voll Asche. Was soll mir in dem engen Gehäuse der Reichtum!« Messalina war erschüttert von diesem Bekenntnis eines Menschen, dem alle Welt nachsagte, seine Gedanken seien nichts als Prassen, Verschwenden und Blut. »Wie traurig ist dein Leben, Cäsar, wenn dein Glück so brüchig ist!« sagte sie ernst. Caligula blieb einen Augenblick stehen. »Mein Leben?« versetzte er in einem Hohn, der weit mehr Verzweiflung als Bitterkeit war. »Ich schlinge vom Leben, als wäre ich Saturnus, der seine eigenen Kinder verschlang. Denn ich will nicht vom Leben verschlungen werden. Ich will das Leben fressen, bis ich satt bin. So satt, daß nichts vom Leben mich mehr reizt.« Er nahm seinen Rundgang wieder auf und fuhr fort: »Für mich ist das Leben ein Weib, das man umarmt, solange es sich hingibt. Je häufiger man umarmt. desto stärker wächst die Fähigkeit zum Umarmen. Anders beim Essen. Da wird man um so satter, je mehr man ißt. Aber in der Liebe wächst der Hunger mit dem Genusse. Und hier eben ist Cäsonia der zu allen Zeiten gedeckte Tisch.« »Sie liebt dich also!« bemerkte Messalina in ein Verstummen des Kaisers hinein, da sie meinte, irgendetwas sagen zu müssen. »Nein!« entgegnete er hart. »Es ist umgekehrt: ich liebe sie!« Messalina war von diesem Geständnis sehr beruhigt. Dann hatte sie offenbar die vermeintliche Gefahr überschätzt. Und so flocht sie ein: »Es gibt demnach doch ein Glück in deinem Leben, Cäsar.« »Glück nennst du das?« widersprach er, heiser auflachend. »Ich habe Stunden, in denen ich vergeblich grüble, was ich mit Cäsonia beginnen soll, um ihr das Geständnis abzupressen, warum ich sie so sehr liebe. Denn ich weiß es nicht. Aber sie muß es wissen. Mir ist es unerklärlich. Und wäre ich sicher, daß man die Antwort aus ihrem Herzen lesen könnte, ich würde noch in dieser Stunde dem Arzt befehlen, sie zu öffnen, ihr das Herz herauszuschneiden und es zu durchforschen, jede Fiber, jede Falte, bis es das Geheimnis meiner unverständlichen Liebe preisgäbe!« »Ein fürchterlicher Gedanke,« murmelte Messalina entsetzt. »Doch – ich wollte dir erzählen, wie ich mit Cäsonia zusammenkam,« erinnerte sich Caligula, wieder auf- und abschreitend. »Die Nächte des vollen Mondes hatten früher einen sonderbaren Einfluß auf mich,« begann er wieder. »Ich war dann unruhig und von einem Verlangen gepeinigt, das von nichts, von keinem Weibe gestillt werden konnte. Meine Sehnsucht ging nicht nach Irdischem, nicht nach Staubgeborenem. Sie reichte höher, bis zum Monde selbst! Und ich wußte dann Luna zu zwingen, daß sie das Lager mit mir teilte. Ich gab mich ihr hin, fühlte, wie der bleiche Schein ihres Körpers mich umschmiegte, das blasse Licht ihrer Glieder meine Sehnsucht kühlte, wenn alle Rundheit ihrer Gestalt auf meinen Kissen leuchtete. Und wie mich jetzt manchmal ein seltsames Begehren treibt, mich auf einem Haufen von Goldstücken zu wälzen, so wälzte ich mich in Mondnächten auf dem Silber der Luna.« Er machte erschöpft eine Pause. Dann fuhr er flüsternd fort: »Da kam eine Nacht, in der die volle Luna meine Geliebte hätte sein sollen – aber Wolken bedeckten den Himmel. Mein Lager blieb dunkel. Ich schrie durch die Gänge, mir Mondlicht zu schaffen, wütend über meine armselige Machtlosigkeit, dem verfinsterten Himmel zu gebieten. Niemand wußte Rat. Nur Callistus verstand mich. Er führte mir Cäsonia zu. Und sie gab mir alles, was die in jener Nacht ungetreue Luna mir versagt hatte. Seitdem ersetzt Cäsonia mir die wankelmütige, launenhaft schwindende und wiederkehrende Luna. Cäsonia ist immer da, immer treu und bleibt stets die kühlende, spendende Luna. Ja, sie ist sogar so treu, daß ich sie bisweilen an einen meiner Freunde verschenken muß, um Eifersucht in mir zu erzeugen, die mir den unwandelbaren, sicheren Besitz Cäsonias wieder begehrenswert macht.« Er war ermattet von seiner aufgeregten Schilderung und sah ermüdet um sich. Die Griechin löste sich abermals aus ihrer Erstarrung und schob ihm den Sitz entgegen. Er scheuchte sie mit einem Fußtritt auf ihren Platz zurück. Auch den Stuhl schleuderte er mit einem Tritte zur Seite. Messalina erhob sich, aufgeschreckt von seiner Gewalttätigkeit. »Man wird uns beim Mahle vermissen,« sagte sie mit bebender Stimme. »Laß uns das Gespräch beenden, Cäsar.« Er spielte mit merkwürdig unruhigen Fingern an seinen Lippen, als er Messalina mit nachdenklicher Miene musterte. »Es wäre eine Überraschung für die Gaffer, brächte ich dich in den Saal zurück, ohne daß deine geröteten Ohren Zeugnis ablegten für die Art unserer Zwiesprache,« grinste er. »Und – beenden – ? warum beenden? Das Ende ist anders nach meiner Gewohnheit. Ich denke dir Kurzweil zu bieten, die du bei deinem braven Gatten Claudius noch oft vermissen wirst.« »Claudius?« Messalina runzelte die Stirn. »Es kann doch nicht dein Ernst sein –« Er schnitt ihr mit einer schroffen Bewegung das Wort ab: »Ich pflege in Dingen meines Willens nicht zu scherzen, mein Kind. Ich wünsche diese Ehe! Wenn du mich nicht verstehst – dein Vater wird besser begreifen, was eine Weigerung für die Deinen, dich selbst und Claudius bedeuten könnte.« Er lachte hell auf. »Im übrigen, der Tropf Claudius wird die Ehre zu schätzen wissen, einen Apfel zu verspeisen, den ich, die Gottheit Caligula, angebissen habe.« Sie trat dicht zu ihm hin. Die Fäuste geballt, rang sie vergeblich nach Worten, ihrer Empörung Luft zu machen. Weit größer als Messalina, gelang es dem Cäsar leicht, ihre Arme zu packen und sie festzuhalten. »Du bist sehr töricht, dich mir im Zorn zu zeigen,« flüsterte er. »Die flammende Röte deines Gesichtes – nun kriecht sie über den Hals hinab und noch tiefer – schade, daß du kein durchsichtiges Kleid trägst – diese Blutwelle und deine Schönheit des Zorns bringen dich in Gefahr. Du selbst wirst dir gefährlich, weil mir begehrenswerter.« Messalina bot alle Kraft auf, sich von dem Griffe zu befreien, mit dem der Kaiser ihre Handgelenke umspannt hielt. Er ließ sie eine Weile sich drehen und wenden, winden und reihen. Er beobachtete das Spiel ihrer vor Wut und Haß bebenden Nüstern, lauschte dem Keuchen ihres Atems, prüfte mit verschlingenden Blicken die jäh bewegten Hüften und gewahrte, wie bei diesem Ringen das Gewand sich mehr und mehr löste und die Schultern freigab. Endlich stand Messalina still und suchte in tiefen, raschen Atemzügen neue Kraft zu schöpfen. »Gib mich frei, Cäsar!« schrie sie ihn gebieterisch an. Er schüttelte stumm den Kopf. Wieder sog sie tief Luft ein. In stummer Raserei starrte sie in das Gesicht Caligulas, das noch abstoßender wurde durch die Flecken auf der abbröckelnden Schicht des Goldpuders. Sie wollte um Erbarmen flehen. Doch sie war zu stolz. Auch wußte sie, daß die irre Seele dieses Menschen keiner Gnade fähig war. Sie sah nach seiner Kehle. Wenn es gelänge, sich dort festzubeißen. Dann muhte er sie loslassen. Aber er hielt die Schweratmende mit gestreckten Armen von sich ab, als ahne er diese Gefahr. »Befiehl dem Prätorianer, daß er mich tötet!« stieß sie hervor. »Bringe Wildurod herein,« gebot der Cäsar über die Schulter fort der Sklavin. Sekunden später stand der riesenhafte Wächter in seiner erstarrenden Wappnung stumm neben der bildnisstummen Griechin. Messalina kämpfte mit den Tränen und rief dem Mädchen zu: »Bist denn nicht auch du ein Weib? So hilf mir doch!« »Sieh zu, ob sie dir hilft,« höhnte Caligula und ließ urplötzlich die Verzweifelte los. Kaum fühlte Messalina sich frei, da wich sie bis zur Wand zurück. Sie rieb die schmerzenden Handgelenke und suchte das Gewand höher zum Halse emporzusehen. Doch das heftige Atmen, in dem ihre Schultern stürmten, verdrängte immer wieder den Stoff. So standen die vier Menschen schweigend und lauernd stumm in dem Gemache. Die Stille blieb abgrundtief, als der Atem Messalinas ruhiger geworden war. Nur wenn der Prätorianer sich bewegte, klirrten die Erzplatten seiner Rüstung leise, als ob hinter den Wänden ein Rieseln von Metall sich ergieße. »Nun ...?« warf Caligula endlich in das gespannte Schweigen. »Wähle: den Tod oder das Leben.« »Den Tod!« sprach Messalina, ohne mit den Lidern zu zucken. »Gut. Ich sehe immer gerne einen Menschen sterben, zumal einen jungen und schönen,« sagte der Kaiser ruhig und trat zur Seite. Messalina löste sich von der Wand und ging auf den teutonischen Riesen zu. Die Griechin verließ den Raum. Sie dachte über das Sterben eines Menschen anders als ihr Herr. Wildurod starrte dem jungen, stolz aufgerichteten Geschöpfe entgegen, das furchtlos auf ihn zuschritt. Er warf einen fragenden Blick auf den Imperator. Der regte verneinend das Haupt. Doch im Angesicht des Todes, der in der grimmigen Gestalt des Prätorianers vor ihr stand, stürzte auf Messalina der aufquellende, heiße Wunsch nach dem Leben. Nur ein Wimpernzucken lang überdachte sie einen Plan. Fliehen, listig fliehen!! Sie ließ sich durch die Reglosigkeit des Teutonen täuschen. Es mußte gelingen, an dem schwerfälligen Riesen und dem leichten Seidenvorhang vorbeizuschlüpfen. Mit einem wilden, aufsprühendem Schrei, mit dem sie sich selbst Mut zu machen suchte, sprang sie nach dem Ausgange. – Und fand sich von der Bärenkraft des Soldaten umklammert. In höchster Todesnot wehrte sie sich gegen das Sterben, umklammerte den rechten Arm des Wächters, ihn zu verhindern, das kurze Schwert zu ziehen. Kaum reichte die Kraft des Hünen, das verzweifelt mit körperlicher Gewandtheit um ihr Leben kämpfende Weib zu bändigen. Unter den eisernen, zugreifenden Tatzen Wildurods ging der dünne Stoff des Festgewandes in Fetzen. Als Messalinas Kräfte versagten, hing sie bis zu den Hüften entblößt in den Armen des Wächters. Der Riese hob die leichte Gestalt hoch empor und trug sie auf ein Lager, vorbei an dem brutal lächelnden Kaiser. Dann verließ der Taubstumme das Gemach. Hinter ihm fiel der Vorhang nieder, als senke er sich abschließend über die Jugend Valeria Messalinas. 6 Der Freigelassene Callistus bot alle Liebenswürdigkeiten auf, Cäsonia über das Fernbleiben Caligulas hinwegzutäuschen. Er versuchte ihr zu beweisen, daß zwischen dem Fortgangs des Kaisers und dem Ruf an Messalina keinerlei Zusammenhang bestehe. Doch Cäsonia kannte ihres Gatten Gewohnheiten zu gut und verschloß sich daher dem gleisnerischen Troste des Griechen. Trank und Speise verschmähend, harrte sie stumm verbissen auf dem Lehnenplatze des Tischbettes. Sie sah nicht, wie die allgemeine Trunkenheit der Gäste in Orgien ausartete. Ihr leidenschaftlich sinnliches Gesicht zwischen die ringbeladenen Fäuste gestützt, lag sie auf dem Lektikus. Ihre starken Brauen waren über der Nasenwurzel zusammengezogen, eine steile Falte schnitt hoch hinauf zur Stirn. »Ich werde nach ihm senden,« sagte Cäsonia plötzlich, sich entschlossen aufrichtend, einen Sklaven herbeizuwinken. »Tu es nicht, Domina!« riet Callistus in eifriger Hast. Er ergriff ihre Hand und streichelte zärtlich den mit dem schattigen Flaum schwelgerischer Brünetten bedeckten Unterarm. »Warum willst du ihn verstimmen? Der Gott Caligula hält dir die Treue – der Mensch Caligula wird niemals auf die Untreue verzichten können. Du hattest Zeit genug, dich damit abzufinden. Willst du ihn nun plötzlich mit Eifersucht quälen?« Cäsonia zuckte verächtlich die üppigen Schultern. »Eifersucht?« rief sie und verzog spöttisch den sehr kleinen Mund mit den verlangenden Lippen. »Nur eine Närrin ist eifersüchtig. Ich fürchte aber die Tugend dieser Domitierin. Und dann soll sie sehr klug sein, klüger als ich. Sie könnte ihm gefallen und –« »Seine Luna verstößt er nicht,« fiel Callistus ihr rasch ins Wort. »Sei ohne Sorge, Domina. Der sprühendste Geist, den du bei dieser Tochter der Lepida übrigens wahrscheinlich sehr zu Unrecht voraussetzest – ich habe davon nichts bemerkt – könnte den Cäsar nicht blind machen für das, was du, seine kühlgliederige Mondgöttin, ihm bedeutest. Und die Jugend dieses Mädchens ...?! Bist du etwa alt?!« Cäsonia, weit in den Dreißigen, lächelte geschmeichelt und verführerisch. »Du!« drohte sie kokett und schlug den listigen Griechen leicht auf den Arm. »Und was ist denn diese angebliche Jugend anders als Tölpelei und Unerfahrenheit in Liebesdingen!« fuhr er fort. »Glaubst du wirklich, daß der Kaiser gern solchen Gänschen die Liebeslehren des Ovid beibringt?!« »Sieh nach dem Kaiser, Callistus!« bat Cäsonia unerwartet, indem sie ihren Körper an den Griechen drängte. »Tu mir den Gefallen, und du sollst auch mich gefällig finden.« Callistus erhob sich vom Lektikus. »Du müßtest nicht Selene selbst sein, geliebte Herrin, könnte ich dir widerstehen,« flüsterte er ihr bedeutungsvoll zu. Er machte sich auf den Weg nach den ihm wohlbekannten Gemächern, in denen der Cäsar die berüchtigten Audienzen während der Gastmähler abzuhalten pflegte. Als der Vertraute des Imperators an der Tür angelangt war, fand er den Vorhang zurückgeschlagen. Der Wächter Wildurod vertrat dem Kommenden nicht den Weg. Licht drang aus den intimen Räumen in den finstern Flur, eine goldene Tafel auf die Marmorfliesen des Ganges zaubernd. Callistus lächelte. Er wußte nun, daß er nicht mehr stören werde, und trat getrost ein. Die Griechin meldete mit lauter Stimme den Besucher. Des Cäsars Stimme lud von innen zum Nähertreten ein. »Du kommst zu gelegener Zeit, Callistus,« empfing er den vertrauten Mann. »Dein kluger, bewährter Rat wird mich von Zweifeln befreien.« Er bot dem Griechen Platz an und erzählte ihm in überstürzten Worten von der Weissagung, die Messalinas Kaiserinnenwürde verkündete. »Rate mir, mein Getreuer,« schloß er den in größter Erregung erstatteten Bericht. Der schlaue Grieche glaubte zu wissen, was Caligula von ihm zu hören wünschte. Es lag ja auch auf der Hand. Messalina, die Törin, die von hochtrabenden Weissagungen phantasierte, mußte sterben. Cäsonia mußte leben und Kaiserin bleiben. Er schätzte sie als eine harmlose Frau. Er selbst hatte sie in listiger Berechnung dem Kaiser zugeführt in der richtigen Voraussicht, daß sie als das Weib des Herrschers nichts weiter sein werde als ein Weibchen. Befriedigung ihrer leidenschaftlichen Veranlagung in den Armen eines liebessüchtigen Gatten war Erfüllung aller ihrer Wünsche. Daß dieser Gatte der Herr des römischen Weltreiches war, schmeichelte ihrer Eitelkeit. Durch seine Liebe zu ihr aber Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu gewinnen, lag ihr völlig fern. Nie störte sie die Kreise jener, die diese Staatsgeschäfte an sich gerissen hatten. Von Messalina wußte Callistus wenig. Doch was der Kaiser ihm von der Domitierin, von ihrer Schlagfertigkeit und der Festigkeit ihres Willens berichtete, ließ befürchten, daß dieses Mädchen als Kaiserin einen ganz anderen Einfluß suchen und gewinnen würde. Sie konnte gefährlich werden. Also – in den Hades mit ihr! Nach solchen Überlegungen meinte Callistus endlich: »Herr, deine Zweifel kann nur einer lösen – – der Tod!« »Nicht wahr?« rief Caligula, befreit aufatmend. Er liebte es, andere Menschen für ein geheimes oder offenes Todesurteil verantwortlich zu machen. Melancholisch seufzte er: »Arme Cäsonia – ich habe sie sehr geliebt.« »Cäsonia?!« Der verblüffte Grieche schnellte empor. »Wer spricht von Cäsonia, Herr? Nicht durch sie ist dein Kaisertum bedroht, sondern durch jene, die – wie du sagst – dich verschmäht und dennoch nach der Kaiserkrone greift. Sie muß beseitigt werden, wenn du die hochverräterische Prophezeiung aus der Welt schaffen willst!« Caligula schüttelte verneinend das vom Kampfe mit Messalina zerraufte Haupt. »Ihr darf nichts geschehen, Callistus. Du haftest für sie mit deinem Leben,« sagte er ernst und seltsam seiner Worte klar. »Dein Wille geschehe, Herr,« sagte der Grieche kurz und verneigte sich tief. Er wußte, eine Weigerung bedeutete jetzt den Tod. Und er fühlte kein Verlangen nach dem dunklen Reiche des Pluto. Er beschloß, Cäsonia heimlich zu warnen. In bedrückter Stimmung folgte Callistus dem Imperator. Kurz vor dem Saale hielt der Kaiser einen höheren Bediensteten des Palastes an und flüsterte mit ihm. Der Mann erbleichte – und nickte demütig. Als die beiden Männer den Festsaal betraten, waren einige der Dreistesten damit beschäftigt, dem immer noch friedlich schlafenden Claudius einen Schabernack zu spielen. Ganz behutsam, ihn nicht zu wecken, zogen sie ihm unter dem Gekicher der Gäste ein Paar Frauensocci über die Hände. Man wollte ihn dann aus dem Schlummer scheuchen und rechnete damit, er werde sich schlaftrunken die Augen reiben, wobei er sich mit den goldbenähten und edelsteinbesetzten Wildlederhandschuhen das Gesicht zerkratzen mußte. Gelassen schritt Caligula zu seinem Speisesofa und legte sich, als wäre nichts geschehen, neben Cäsonia nieder. Sie übersah ihn beleidigt. Der Kaiser wandte sich dem Treiben am Lager des Claudius zu. Nie mischte er sich schützend ein, wenn man den prinzlichen Oheim hänselte. Claudius galt als ein Schwachsinniger, als Schande der Familie. Man gab ihn am besten allem Spotte preis, um zu zeigen, daß man nichts mit ihm zu schaffen hatte. Dieser Narr der Gatte der Messalina! An dieser Jammergestalt zerschellte die freche Prophezeiung! Und in jedem Falle wollte er selbst frei sein, wenn diese Prophezeiung sich doch noch erfüllen mußte. »Weckt den Claudius!« gebot Caligula plötzlich. Er wollte dem Schwachkopf doch lieber gleich seinen Entschluß mitteilen. Mit lustigem Hallo kam man dem Befehle des Cäsars nach. Claudius stieß noch einige erschrockene Schnarcher hervor, richtete sich hastig auf, saß mit schmatzendem Munde da und blinzelte um sich. In der Schlaftrunkenheit und unter den Nachwirkungen der starken Calda wußte er nicht sogleich, wo er sich befand. Gähnend reckte er sich auf dem Lektikus und schnaufte durch die Nase, belästigt von dem vollgepfropften Bauche. Die vielen Lichter blendeten ihn. Dann kam der Augenblick, auf den alle mit angehaltenem Atem warteten. Er fuhr mit den Händen an die Augen. Als er dann blöde, verblüfft, mit weit offenem Munde aus die Socci an seinen Fingern starrte, hatten die Häkchen der Edelsteinfassungen blutrünstige Streifen in sein feistes Gesicht gerissen. Alberner Jubel herrschte um den Lektikus des Genasführten. Selbst Caligula, den nie jemand herzlich lachen sah, brachte einige glucksende Laute hervor, die man für ein Lachen halten konnte. »Komm zuerst zu dir selbst und dann zu mir,« rief er witzelnd dem Oheim zu. »Gern, gern,« murmelte der betroffene Mann. Er brachte seine Kleider in Ordnung, betupfte mit der Mappa sein von den Kratzern brennendes Gesicht und schritt, die Serviette in der Hand behaltend, durch die Mitte zwischen den Triklinien, mit knickenden Knien taumelnd, dem Platze des kaiserlichen Neffen zu. Diesen Augenblick benutzte Callistus, um Cäsonia zuzuflüstern: »Hüte dich – Mord! Bleib ruhig!« Sie befolgte die Warnung. An ihren schwarzen Kuhaugen brannte Staunen, Angst und Verstehen. »Nun, junger Ehemann,« redete indessen Caligula den daherwankenden Claudius an. »Wie willst du mit diesem zerschabten Gesicht vor der schönen Braut bestehen?« »Braut – ich? Ach bin das Weibsvolk los. Aelia Petina macht sich nichts mehr aus meinem Gesichte,« erinnerte Claudius mit betrübter Miene den Kaiser an die Scheidung. Eine Lachsalve folgte den kläglich einfältig gestammelten Worten. »Wer spricht von Petina?« spottete Caligula. »Du schliefst, mein edler Claudius. Unterdessen hat dein Glück für dich gearbeitet. Den Toren fällt der Segen im Schlafe zu.« »Ich schlafe selten,« versicherte Claudius eifrig, als fürchte er, das Gegenteil könne den Kaiser beleidigen. Ängstlich verwundert sah er den Kaiser an und wischte mit der Mappa den Speichel fort, der ihm durch die schadhaften Zähne aus dem rechten Mundwinkel sickerte. Mit schiefgehaltenem Kopfe stand er da und fragte betrübt: »Von wem aber geruhst du zu sprechen, wenn nicht von Petina?« Er befleißigte sich stets eines äußerst höflichen Tones gegen den Neffen, den er sich durch gutes Betragen und durch Anerkennung seiner hohen Stellung geneigt zu halten suchte. »Geh nach Hause und schlafe in Frieden weiter!« befahl der Imperator. »Wenn du morgen früh munterer bist, begib dich zu Valerius Messala Barbatus. Ich habe inzwischen den Freiwerber für dich gemacht und werde dafür sorgen, daß deiner raschen Hochzeit mit seiner Tochter Valeria Messalina nichts im Wege steht.« »So, so! – Die jugendliche Tochter des Barbatus?« stotterte Claudius fassungslos. »Dieses schöne junge Mädchen! Ich kenne es wohl! Hm, hm – sie könnte gut meine Enkelin sein.« Er faltete die Arme über der Brust, stützte das Kinn in die linke Hand und grübelte pedantisch: »Es erhebt sich demnach die ernste juridische Frage – und ich werde sie schriftlich ausarbeiten: – Ist ein so wesentlicher Altersunterschied zwischen zwei Gatten durch einen geschichtlichen Präzedenzfall für die Abfassung des Ehevertrages –« »Wir danken für deinen gelehrten Vortrag,« unterbrach Caligula den sofort gehorsam Verstummenden. »Pack dich ins Bett! Du brauchst morgen einen klaren Kopf.« Tief in Nachsinnen über ein geschichtliches Gegenstück zu seiner bevorstehenden Ehe befangen, völlig die Umgebung vergessend, verließ Claudius, ohne sich zu verabschieden, den Saal. Das Gelächter seiner Spötter hörte er nicht. Er lebte in seiner eigenen Narrenwelt, die vielleicht besser, jedenfalls harmloser war als das wüste, blutige Narrentreiben des Kaiserhauses und seiner Trabanten. Während noch Neugierde und Verwunderung über die Sensation der Wiedervermählung des kaiserlichen Oheims den Raum durchschwirrten, wurde Obst zum Nachtische ausgetragen. Ein junger Sklave trug vorsichtig eine edle Kristallschale, aus der eine wundersam große und schöne Traube prangte. Er nahte dem Triklinium des Kaisers, ließ sich dort auf ein Knie nieder und bot die Schale der Kaiserin. Ein Blick aus des Callistus Augen traf sie. Ein geheim warnendes Signal. Sie begriff. Manche Tücke hat sie an diesem Hofe gesehen und geduldet. »Große Trauben schmecken oft leer und lau,« sagte sie, mit Anstrengung ihre Ruhe bewahrend, »koste, Sklave.« Gehorsam kam der junge Mensch dem Befehle nach. Caligula wunderte sich über die Geistesgegenwart der sonst nicht eben klugen Cäsonia, wunderte sich und zürnte. Er ahnte, daß die Traube die Ausführung seines Befehls bedeutete. Doch da die unvermutete Wendung ihn ratlos machte, wartete er neugierig, was nun geschehen würde. Gespannt beobachtete er den Sklaven. Dieser hatte einige Weinbeeren gekostet und sagte nun: »Der Wein schmeckt gut, erhabene Domina.« Caligula war enttäuscht. Warum vollzog man nicht seinen Befehl?! Beruhigt streckte Cäsonia die Hand nach der Schale aus. Da stürzte der Sklave vornüber und wälzte sich in Zuckungen der Qual auf dem rosenbestreuten Fußboden. Dumpfes Stöhnen röchelte über die schäumenden Lippen. Er verschied nach einem Entsetzen erregenden Aufschrei. Diener warfen rasch einen Mantel über den Leichnam und trugen ihn hinaus. Voll Todesbangen blickten alle stumm vor sich nieder, als hätten sie nichts von dem schauerlichen Vorgang bemerkt. Cäsonia zitterte heftig. Ihr Blick traf Caligula, der eifrig seine Nägel mit der Mappa rieb. Der Kaiser war kalkig grau geworden. Erst beim Anblick der verkrümmten Leiche kam ihm erschreckend zu Bewußtsein, daß die todbringende Traube dem einzigen Wesen gegolten hatte, für das er etwas wie Liebe fühlte. Schwerfällig, als hemme das Schuldgefühl ihm die Bewegungsfreiheit, wandte er sich zu Cäsonia um. Sie starrte ihn mit tiefem Weh ins Gesicht. Langsam rieselten zwei große Tränen über ihre Wangen. Da wich er von ihr zurück wie vor einem Spuk. »Callistus, du hattest recht!« gellte er. »Nicht sie – nicht sie!« – Er reckte die mit weibischem Zierat behängten Arme gegen Cäsonia und stammelte Bitten um Vergebung. Doch die Kaiserin erhob sich vom Lektikus und verließ das Gastmahl, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Da verfiel Caligula einem epileptischen Krampfanfalle. Schreilaute zischten zwischen seinen fest verbissenen Zähnen hervor. Man mühte sich um den Cäsar. Tiefes Schweigen lag über dem Saale. Plötzlich scholl die schwere, dunkle Stimme eines Mannes durch die Stille. »Der Tod wütet in Rom. Ein Sklave ist für ein edles Opfer gefallen. Wer wird der nächste sein, den er von hinnen führt?!« Es war der Tribun Cassius Chärea, der diese Worte in die Stille warf. Aber wenn der von Caligula oft auf das gemeinste beleidigte Mann erwartet hatte, man werde, nach diesem offenkundigen Anschlag auf das Leben der Kaiserin, die auf den Imperator zielende Anspielung verstehen und billigen und endlich aufstehen gegen den Cäsar, so sah er sich enttäuscht. Noch war der Princeps Gajus Cäsar Caligula beliebt bei seinen Schmarotzern und Kreaturen und bei denen, für die er Gelage und Zirkusspiele veranstaltete und das von Kaiser Tiberius zur Wohlfahrt Roms zusammengehaltene Gut in sinnloser Verschwendung vergeudete. Viele der Lampen und Lichter waren dem Erlöschen nahe. In der Aufregung und dem Mühen um den erkrankten Kaiser dachte niemand daran, die Beleuchtung des mählich verdunkelnden Saales zu erneuern. Wie zu Beginn des Festes der Tag gegen das künstliche Licht gekämpft hatte, rang jetzt der vergehende Schimmer der Flämmchen gegen den bleichen Schein des Mondes, der durch die hochgelegenen Maueröffnungen hereinflutete. Die zertretenen purpurnen Rosenblüten rings um die Triklinien erfüllten den Raum mit einem betäubenden Hauche des Welkens und Blumensterbens. Der Dunst abgestandener Speisenreste und verschütteten Weines verpestete die Hitze des Saales. Angewidert von Gastgeber und Gästen, verließ Cassius Chärea die Stätte. Nur einer wagte ihm zu folgen: der Senator Sertorius. Er hatte die vom Kaiser durch das Spottgedicht tief beleidigte Gattin gleich nach dem Verschwinden des Cäsars in der Tragsänfte nach Hause geschickt. Schweigend durchschritten die beiden Männer die von Palastwachen und Sklaven durchhuschten Gänge. Erst in dem Säulenwalde eines menschenleeren Portikus wagte der Senator ein leises Wort. »Was haben wir von diesem fürchterlichen Fallsüchtigen zu erwarten, wenn ihm selbst das Leben der Cäsonia nicht mehr heilig ist?« flüsterte er. »Oder zweifelst du etwa, daß die vergiftete Traube für Cäsonia bestimmt war?« »Ich bin nicht seit gestern in Rom,« gab Cassius Chärea mit einem klirrenden Auflachen des Grimms zurück. »Du bist der Tribun der Prätorianer. Bist du deiner Leute nicht sicher, daß du noch immer zögerst mit dem Strafgericht an diesem Schänder der alten, ruhmgekrönten, ewigen Roma?!« »Ich habe den Cornelius Sabinus, zahlreiche Centurionen, viele andere noch für die Verschwörung gewonnen,« versicherte der Tribun. »Alles Menschen, die sich durch die Mordlust des Kaisers gefährdet fühlen oder es müde sind, willenlose Werkzeuge eines Wahnwitzigen zu sein. Doch bisher mußte ich es so einrichten, daß keiner von dem andern weiß. Ein jeder hält sich für meinen besonderen Vertrauten.« »Warum diese umständliche Vorsicht?« tadelte Sertorius. »Wenn alle einmütig denken wie du, ich und Sabinus – warum dann nicht losschlagen? Plötzlich muß der Streich fallen, wenn er tödlich sein soll.« »Vergiß nicht, Sertorius, es handelt sich um mehr, als einen Menschen aus dem Wege zu räumen,« warnte Chärea. »Nicht nur der Letzte der Julier soll sterben, nicht nur seiner blutrünstigen Herrschaft soll ein Ende bereitet werden! Mit dieser wahnwitzigen Ausgeburt des julischen Geschlechtes soll auch das Kaisertum ein für allemal enden, und die Freiheit wieder auferstehen. ›Zurück zur alten römischen Republik,‹ heißt unsere Parole. Alles muß daher so vorbereitet sein, daß die kaiserliche Garde uns nicht gegen unseren Willen abermals einen Imperator aufzudrängen vermag.« »Hm,« machte der Senator. »Du hast vielleicht recht. Höheres als ein Mord steht auf dem Spiele. Man muß sich gedulden, so schwer das Warten fällt.« »Still!« hauchte Chärea und zog den Mitverschworenen rasch hinter eine der riesigen dorischen Säulen. Der Schritt eines Menschen tappte durch den Portikus, in den das Mondlicht die breiten Schatten der Säulenschäfte warf. »Claudius,« murmelte der Senator. »Er kehrt in den Palast zurück.« Eine Gestalt war auf einer lichten Stelle stehengeblieben. Dann ging sie wankend weiter. Zögernd näherte sich der in die Lacerna gehüllte Mann einer der Säulen. Nun sprach er einige Worte. »Es ist Claudius – du hast recht gesehen,« bestätigte beruhigt der Tribun. »Wahrscheinlich hält dieser gewaltige Jurist dem Himmel eine Ansprache, um ihm zu beweisen, daß die Luna nicht gegen ihr natürliches Recht verstößt, wenn sie zur Nachtzeit leuchtet.« Er lachte mit leisem Spotte und wandte sich mit dem Freunde zum Gehen. »Was hältst du von Claudius?« fragte Sertorius den Chärea, als sie außer Hörweite von der Stelle waren, an der der nächtige Einsame stand. »Ein ungefährlicher Mann,« erklärte der Tribun überzeugt. »Für den Schwachsinnigen jedoch, den man allgemein in ihm sieht, halte ich ihn nicht. Seine unselige Jugend hat ihn zu dem gemacht, was der alternde Mann heute ist: ein Mensch ohne jedes Selbstvertrauen, ein scheuer, närrischer Stubenhocker, ein Eigenbrödler, ein völlig Weltfremder. Er taumelt nicht nur leiblich durch das Leben, weil sein von Kind auf vernachlässigter Körper aller Straffheit entbehrt, er schreitet auch bildlich einen Taumelweg durchs Dasein, weil man ihm von Jugend auf jede Gelegenheit vorenthielt, sich in der Öffentlichkeit als Mann zu bewähren.« »Bisweilen denke ich,« erwog der Senator ernst, »der Mann spiele eine abgefeimte Komödie, um den Nachstellungen des Kaisers zu entgehen. Unter Tiberius hörte und sah man nichts von ihm. Erst Caligula hat ihn aus der Stille des Hauses ans Licht des Tages gezogen, weil er ihn für ungefährlich hält. Vielleicht ist diese scheinbare Harmlosigkeit nur Maske.« »Du meinst, er spielt aus Schlauheit den Trottel?!« Chärea lachte laut auf. »Nein, Freund, dazu ist er zu dumm!« »Wer weiß,« beharrte der Senator. »Vielleicht rechnet er auf die Thronfolge, wenn dem Caligula etwas Menschliches zustößt. Ich trau' dem Burschen nicht so recht.« Chärea schüttelte belustigt den alten, grauen Soldatenkopf. »Claudius ein Spekulant auf den Kaiserthron? Nein, Bester. Der liebt seine gelehrten Forschungen und Studien viel zu sehr, als daß er daran dächte, sich mit der Würde des Princeps zu bebürden. Aber ich werde ihn beobachten. Und merke ich, daß ich mich getäuscht habe, erkenne ich in ihm ein Hindernis für die Wiederaufrichtung des Freistaates, dann –« Er verzögerte den Schritt. »Oder soll ich lieber doch gleich umkehren und seiner Ansprache an den Mond durch einen gutgezielten Dolchstoß ein rasches Ende bereiten?« »Bei allen Göttern!« erschrak Sertorius. »Du hast dich bewaffnet auf ein Gastmahl Caligulas gewagt? Wenn man das entdeckt hätte! Du, die Hoffnung aller aus Befreiung!« »Unbesorgt,« beruhigte der Tribun. »Die Waffe ist winzig, aber groß genug, das Herz eines Schurken zu treffen. Soll ich?« »Nein, nein,« wehrte der Senator. »Vielleicht täusche ich mich. Ein Schuldloser soll nicht leiden!« Die beiden Männer, die nun in einen anderen Portikus einbogen, waren jedoch im Irrtum, wenn sie glaubten, Claudius spräche mit der Mondnacht. Zu solchen Torheiten verstieg seine Schrullenhaftigkeit sich nicht. Erst auf dem Heimwege war ihm ganz zu Bewußtsein gekommen, was Caligula von seiner Heirat mit der Tochter des Messala Barbatus gesprochen hatte. Er gehörte zu den Menschen, deren Gelehrsamkeit sich einseitig so tief in einen Gegenstand verbohren kann, daß alles andere hinter Gedankenflucht und Interessenlosigkeit verschwindet. Claudius bildete sich ein, ein großer Historiker und Jurist zu sein. Er wühlte sich mit starrem Eifer in diese beiden Wissenschaften hinein. Zeigte in ihnen auch einen gewissen engumgrenzten Scharfsinn. Was außerhalb seiner kleinen Geisteswelt lag, blieb ihm verschlossen. Nach der Art solcher Menschen war ihm zu spät eingefallen, die zum Gastmahle geladene Messalina müsse sich doch im Palaste befinden. Er besann sich verdrießlich, eine Pflicht der Höflichkeit verabsäumt zu haben. Er hatte das ihm durch kaiserlichen Willen zur Gattin bestimmte Mädchen nicht einmal kurz begrüßt, sich ihr nicht einmal bekannt gemacht. Auch war ihm beigekommen, daß er dem Kaiser nicht ein Wort des Dankes für die erwiesene Gnade dargebracht hatte. Und da er weder Messalina beleidigen wollte noch auch den Kaiser, vor dem er sich mit der Angst eines verprügelten Kindes ernstlich fürchtete, so war der unbeholfene, stets von verspäteten Einfällen heimgesuchte Mann umgekehrt, seine Versäumnisse wettzumachen. Als er durch den Portikus dem Palaste zueilte, bemerkte er eine Gestalt, die im Mondlichte am Fuße einer Säule kauerte, als wäre sie dort zusammengebrochen. Der Anblick genügte, die immer schweifenden Gedanken dieses sonderbaren Geistes vom gewollten Ziele abzulenken. Seine Gutmütigkeit gewann die Oberhand. Er nahm sich jedes leidenden Geschöpfes an, das seine Aufmerksamkeit erregte. Jetzt glaubte er in der Gestalt eine gezüchtigte und verjagte Sklavin zu finden. Sogleich war er bereit, ihr Hilfe angedeihen zu lassen. Er schritt auf die vom Mondschein überflossene Erscheinung zu. »Kann ich dir beistehen, Ärmste?« redete er sie an. Zu ihm hob sich ein bleiches Antlitz auf, in dessen brennenden Augen der Widerschein des Mondlichtes gespenstisches Flackern weckte. Wilde Augen, vor deren unheimlichem Glitzern Claudius zurückprallte. Er wich furchtsam und abergläubisch einen Schritt zur Seite und wollte sich zur Flucht wenden, als ein gemartertes Stöhnen ihn belehrte, daß er ein hilfloses Menschenwesen vor sich hatte. »Leidest du?« fragte Claudius zaghaft. Er beugte sich nieder und legte zu tröstender Berührung eine Hand auf die Schulter der Gestalt. Da schrak er zurück. – – Er hatte Messalina erkannt. »Ich dachte, du wärst eine Sklavin – oder – oder gar – ein Dämon der Nacht –« stammelte er verdutzt, ratlos, überwältigt von dem Zufall der sonderbaren Begegnung. »Ein böser Dämon der Nacht hat mich in den Palast gelockt,« sagte Messalina, heiser vor Haß. »Auf der Flucht aus diesem verruchten Hause verirrte ich mich. Zeige mir, wo ich meine Sänfte finden kann! Hilf mir auf!« Er bemühte sich, sie so zart als möglich beim Aufstehen zu unterstützen. Nach kurzem Besinnen nahm er rasch seine Lacerna ab und hüllte den wärmenden Wollmantel um das fröstelnde Mädchen. »Die Sänftenträger der Gäste warten bei dem Portikus des Südausganges,« erklärte er. »Wir sind hier auf der entgegengesetzten Seite. Es ist unmöglich, dir deine Lektika hierher zu senden. Du wirst mir durch die Gärten des Palastes folgen müssen.« »Komm!« gebot Messalina. Er führte sie schweigend über mondbeglänzte Wege, an deren Rändern Marmorgestalten geisterhaft im Scheine des bleichen Lichtes leuchteten. Die Nacht war voll tiefen südlichen Friedens. Lautlose Stille herrschte. Nur ein lauer Wind strich durch die niedrig gehaltenen Taxusbüsche. Das leuchtende Schweigen der kaiserlichen Gärten, die Nähe eines Menschen, der ihr wohlwollte, dämpfte den Aufruhr in der Seele Messalinas. Doch die Gedanken der unseligen Entehrten waren finster und voll Blut. Ein leises Murmeln drang von einem marmornen Halbrund herüber, dessen mannshohe, weiße Wände von Zypressen umstanden waren, als hüteten die Bäume ein nachtdunkles Heiligtum. Messalina blieb stehen. »Menschen,« flüsterte sie feindselig. »Suche einen andern Weg! Ich will nicht dort vorbeigehen.« »Du irrst,« beruhigte sie Claudius. »Was du hörst, ist das Rieseln eines Brunnens.« »Dann laß mich einen Trunk tun.« Voll Gier eilte sie der Baumgruppe zu. In der Mitte der hufeisenförmigen Brunneneinfassung erhob sich über dem geschweiften Becken eine zurücktretende Nische, aus deren Dunkel sich das Haupt einer sterbenden Gorgo hervorhob, über die im Schmerze verzerrten Lippen dieses Grauengesichtes schoß das Wasser, als speie der zu hohlem Todesschrei geöffnete Mund den letzten Lebenssaft hervor. Messalina beugte sich und schöpfte mit gehöhlter Hand von der mondbespiegelten Flut des Beckens. Nachdem sie den brennenden Durst gelöscht hatte, ließ sie sich auf einer der an den Wänden vorspringenden Marmorbänke nieder. Sie zog die wollflockige Lacerna dichter um sich, Claudius half ihr, die Kapuze über den Kopf zu streifen. Eine Weile saß sie still neben dem Manne, der schüchtern in einiger Entfernung von ihr Platz genommen hatte. Endlich brach Messalina das vom Rieseln des Brunnens sanft belebte Schweigen. »Das Schicksal hat uns zusammengeführt,« sagte sie leise, »nicht nur für diese eine Nacht.« Ihre Worte tönten wie bittere Klänge aus der verhüllenden Kapuze hervor. »Du kennst den Willen des Kaisers?« »Ich war nicht wenig erstaunt über die Mitteilung des erhabenen Herrn,« bekannte Claudius aufrichtig. Er sprach langsam und schwerfällig wie stets, wenn er in Verlegenheit war und sich mit der Lage nicht recht abzufinden wußte. »Doch – ich meine – es ist an dir zu entscheiden, ob wir –« Sie unterbrach sein Stottern. »Die Entscheidung traf der Cäsar. Hättest du den Mut, sie umzustoßen?« Verängstigt hob Claudius beide Hände. »Nein – nein!« stieß er rasch und heiser hervor, als erzeuge schon der Gedanke, den Zorn Caligulas zu wecken, in ihm eine entnervende Angst. »Sein Wille soll in Erfüllung gehen. Wir beide sind in seiner verruchten Mörderhand.« »Psch, psch,« machte Claudius in Todesängsten und blickte sich scheu um. »Aber diese Nacht hat böse Saat gesät. Wer den Samen der Tollkirsche in die Erde legt, der darf nicht erwarten, daß ein Rebstock daraus erwächst. Was Caligula an diesem Abend säte, wird ihm tödlich giftige Früchte tragen.« Sie streifte den Rand der Kapuze etwas zur Seite, um Claudius besser zu sehen. Dann fügte sie hinzu: »Oder du müßtest noch hilfloser sein, als du erscheinst.« Trotz ihrer gefährlichen Worte faßte Claudius Vertrauen zu dem Mädchen. Sie wußte in leicht zu begreifenden Gleichnissen zu reden. Das machte Eindruck auf den Mann, der gern las und mit der von Dichtern ersonnenen Welt vertrauter war als mit den Wirklichkeiten des Lebens. »Vielleicht habe ich einen Grund, mich hilfloser zu stellen,« begann er mit äußerster Vorsicht und jedes Wort abwägend. »Der Cäsar schont nur die Menschen, die ihm ungefährlich erscheinen.« Messalina drehte ihm jetzt voll ihr Gesicht zu. »So spielst du nur den Toren?« »Wer lange spielt, weiß der auch immer, wo sein Spiel aufhört und seine wahre Natur beginnt? Kann ein Mensch nicht wirklich ein Tor geworden sein, weil er sich die besten seiner Jahre verstellen mußte gegen die grausame Gewalt roher, gemeiner Menschen?« Er stellte diese Gegenfrage mit den verquälten Zügen eines Menschen, den es drängt, sich wahr zu geben, und der doch fürchtet, nicht den rechten Ausdruck zu finden. Messalina musterte ihn ergriffen vom Kopf bis zu den Füßen. Sie fand, daß er im Sitzen nicht jenen albernen Eindruck machte, den er beim Schreiten hervorrief. Seine Haltung war nicht unedel, sein Äußeres verleugnete nicht die große Herkunft, wie er nun, sich leicht an die Wand zurücklehnend, mit unterschlagenen Armen dasaß, das Kinn in Nachdenken gesenkt, den gutgeschnittenen Mund zusammengepreßt. Als hätte er die Gedanken der stummen Gestalt neben ihm erraten, sprach er plötzlich weiter: »Mein Unglück ist, daß man von Kindheit an in mir den Zweifel an mir und den Glauben groß zog, ich wäre weniger als meine Brüder. Wehrte ich mich dagegen, so strafte man mich unnachsichtlich. Doch nicht die straften mich, denen ich ein Recht dazu zuerkannt hätte. Man überließ das Strafen vielmehr denen, die meine Diener, aber nicht meine Erzieher hätten sein sollen. Doch trotz aller Quälereien war in mir nicht das Bewußtsein zu töten, daß ich aus Geburt hoch über der niedrigen Umgebung stand, in der man mich zu leben zwang, seitdem mein Großoheim, der Kaiser Augustus, der edelste Mensch, der je gelebt, die Augen für immer geschlossen hatte.« Er stockte und fragte besorgt: »Habe ich so gesprochen, daß du verstandest, was ich sagen wollte?« »Laß dich nicht durch dich selbst irre machen,« tröstete sie ihn freundlich. »Du scheinst des Wortes mächtig zu sein, wenn du vertraust.« »Ja, ich vertraue dir,« versicherte er befreit. »Auch dem Kaiser Augustus gegenüber fehlte mir nie die Gabe, frei zu reden. Denn ich liebte ihn.« »Und liebte er dich?« forschte Messalina, gerührt von dem Tone der Trauer, in dem diese stille Seele sich zu offenbaren suchte. »Geliebt hat auch er mich nicht. Keiner hat mich je geliebt. Ich habe das Schicksal oft und vergeblich nach dem Grunde dieses Mißgeschicks gefragt. Doch Augustus ließ mir das Recht, ein Mensch zu sein, nach der mir nun einmal eingebornen Art. Meine Mutter Antonia hingegen! ... Sie machte mich nicht nur vor andern, nein, auch vor mir selbst verächtlich. Sie sagte oft, sie habe aus mir einen Menschen machen wollen, es sei ihr aber nur eine Skizze eines menschlichen Wesens gelungen. Als ich ihr einmal eine historische Arbeit vorlesen wollte, von der ich bestimmt erwartete, sie müsse ihr Freude bereiten, wies sie mich mit Scheltworten ab. Sie sagte, die Natur habe an mir nicht mehr zuwege gebracht als einen Klumpen aus Fleisch und Bein. – Sie habe leider zu spät entdeckt, daß ihr Werk so mißlungen sei, sonst hätte sie mich getötet. So habe sie mich nur auf den Kehricht der Menschheit geworfen.« »Welche Schande!« murmelte Messalina, leicht seinen Arm berührend, als wolle sie dem Verachteten Güte erweisen. Er fuhr fort: »Ich habe oft darüber nachgesonnen, ob nur ein dummer Zufall mich vom Kehricht auflas und mich unter Menschen brachte – oder ob eine Gottheit, machtvoller als die Natur, mich ins Leben sandte, um der überheblichen Natur zu beweisen, daß sie nicht immer Meisterwerke schaffe.« Messalina nahm seine Hand, überzeugt, daß ein Mann, der so bescheiden von sich denke, ein guter Mensch sei. Sie klammerte sich an diesen Glauben, preßte die Finger ihres Gefährten, als hätte sie die Hand gefunden, an der sie – mehr diese Hand leitend als von ihr geleitet – einen Weg zurückfände aus der ihr von Caligula zugefügten Schmach und Entwürdigung. Ihr Mitleid mit dem verhöhnten Claudius war nicht geringer als das Mitleid, das sie mit sich selbst empfand. Sie dachte mit Weh daran, daß sie davon geträumt hatte, mit anderem Gefühle als von Mitleid beseelt, in ihre Ehe dereinst zu treten. Ach, alles war vorbei – zerrissen – zertreten! Dieser Tag hatte mehr vernichtet als ihre Träume vom Glück! Jetzt galt es, die armseligen Scherben ihres Lebens zusammenzulesen. – Caligula hatte ihr Leben erwürgt wie so viele tausende. Was von ihr lebte, war nur noch der Instinkt blutrünstiger Rache. Sie würde sie nehmen. »Du bist also entschlossen, dem Willen des Kaisers gehorsam zu sein?« unterbrach Claudius ihr Nachdenken. »Ich wüßte keinen Weg aus diesem Zwange,« entgegnete Messalina herb. »Der Schurke Caligula hat mich heute nacht zur Dirne gemacht. Ich werde dir danken müssen, wenn du mich zu deinem Weibe machst.« Claudius warf ihr einen raschen, bestürzten Blick zu. Lange schwieg er, ehe er sagte: »Du bist an deinem Unglück ohne Schuld. Ich habe dir zu danken. Du bist so jung und schön, wie ich alt und häßlich. Es wird schwer sein, diese Unterschiede zu überbrücken. Ich freilich, ich habe meinem Mangel an Schönheit auch zu danken. Denn wer schön ist, schwebt stets in Gefahr.« Ein bitteres Lachen brach über Messalinas Lippen. »Ich habe diese Wahrheit heute erfahren,« höhnte sie und erhob sich. »Und nun führe mich zu meinen Sänftenträgern.« Noch einmal trat sie an das Becken, ihren Durst zu löschen und ihr heißes Gesicht zu kühlen. Ihr Blick streifte das wasserspeiende Gorgonenhaupt, das, vom Mondlichte seltsam belebt, sie mit den leeren Marmoraugen anstarrte. Ein Schauer überrieselte ihren Leib. War dies das Antlitz ihres Schicksals? Sie zog die Kapuze der Lacerna tiefer über das Gesicht und drängte zur Eile. – Als sie nach freundlichem Abschiede von Claudius sich erschöpft und müde in die Kissen ihrer Lektika zurücklehnte, als sie die Vorhänge zugezogen hatte und nun endlich allein war, überkam die Erinnerung an das Erlebte sie wie ein betäubender, wüster, marternder Traum, aus dem man vergeblich mit Anspannung aller halbwachen Energie sich aufzurütteln sucht. Sie stöhnte dumpf in Zorn und Schmerz und Qual und war doch zu zerbrochen, um weinen zu können. Die Eltern! Wie hatten die Eltern sie diesem Ungeheuer ausliefern können. Sie hatten gewußt, was diese Einladung bedeutete. Sie hatten es gewußt! Und sie hingesandt. Ein Haß – auch gegen die Eltern – züngelte weißglühend in ihr auf. Im Wogen ihrer finsteren Gedanken schien es ihr bei dem Schwanken der Sänfte, sie wäre auf ein allen Winden preisgegebenes Schiff geschleudert, das auf einem wilden, bergab stürzenden Meere einer einsamen, grauenvollen Tiefe zusteuerte. Einer Tiefe, aus der herauf das Gorgonenhaupt des Brunnens mit triefendem Munde ihr entgegengrinste. Mehr und mehr nahm das entsetzliche Antlitz der sterbenden Gorgo die Züge Caligulas an. Und plötzlich wußte Messalina: es war ein Omen. Der sterbende Caligula würde gezwungen werden, seines Lebens Kraft über die Lippen zu sprudeln, wie aus dem Munde der verscheidenden Gorgo das Wasser brach. Doch mit fast prophetischer Erregung sah sie weiter – weiter. Der verrauschende Lebensstrom des Vernichters ihrer Jugend und ihrer Ehre würde die Woge sein, die sie emporhob zu neuem Lichte und einem neuen Tage. Und Jauchzen und Freude und alle strahlende Helle des Lebens würden das Erinnern an die Stunde ihrer Erniedrigung tilgen. Es war wie ein Rausch und ein Phantasieren des Fiebers. Messalina fuhr aus der stiebenden Hetzjagd der Bilder ihrer Vorstellungen auf. War der wirre Traum Wahrheit?! Vernahm sie schon die Klänge ihrer Wiedergeburt?! Sie richtete sich empor. Licht drang durch die Gardinen der Sänfte. Gesang und Lachen erscholl. Musik ertönte, jubelnde Menschenstimmen, das Gezwitscher aus Mädchenkehlen, lustiges Schreien ... Die Vorhänge der Lektika zurückzerrend, gebot Messalina den Sänftenträgern Halt. Sie war in der Subura angelangt. Doch anders als auf dem Wege zum Palatin war jetzt das Gesicht der Straße. Nicht mehr die Armut und der Schmutz hatten hier ihre Stätte. Die Nacht hatte einen bergenden Mantel darüber gebreitet, hatte Lampen gezündet, hatte aus den Lumpen bunte Festgewänder, aus dem Elend lustiges Jahrmarktstreiben geschaffen. Frohe Menschen schoben sich in der Kühle der Nacht an der Sänfte vorüber. Manches Scherzwort des Übermutes ward zu Messalina hinaufgeworfen. Die Sänfte hielt gegenüber einem Hause, dessen Vorhalle mit Kränzen, Blumen, farbigen Lampen überreich geschmückt war. Auf hohen Stühlen thronten nackte Dirnen und riefen bald mit frechem Witze, bald mit lockenden Worten der Verheißung den Männern zu. Bisweilen erhob sich eine, ließ den Lampenschimmer ihren Leib vergolden und pries mit lauter Stimme die Vorzüge ihrer Reize. Messalina staunte dieses Bild nächtlichen Lebens an. Was die käuflichen Mädchen laut verkündeten, war so unzweideutig, war so dreist und schamlos, daß sie sofort begriff, wo sie sich befand. Plötzlich wurden unverstandene Andeutungen der Vertrauten Fabulla lebendig, erhielten Licht und Farbe. Sie erkannte, daß die Sänfte vor einem Freudenhause hielt, verschlang mit brennenden Augen diese feilen Dirnen und erschauerte. War sie nach des Kaisers Gewalttat denn etwas anderes als diese nackten Frauen? ... Wo war da ein Unterschied?! Hatte sie dem Schurken Caligula etwas anderes bedeutet als diese Dirnen ihren Käufern bedeuteten? Ein flüchtiger Genuß auf eine kurze Stunde. Ein fortgeworfener Gegenstand, wenn die Lust verraucht war! Gerade wollte sie den Sänftenträgern befehlen weiterzugehen, als ein dickes, altes Weib aus dem Hause hervor und an Messalinas Lektika eilte. »Sucht die junge Domina Abenteuer?« fragte die über und über mit Zierat behangene Alte, das geschminkte Kupplerinnengesicht zu süßlichem, gemein vertraulichem Lächeln verziehend. Erschrocken zog Messalina die Vorhänge zusammen. Doch die Dicke zerrte sie frech wieder zurück. »Wenn die Laune der Domina heute nicht auf Vergnügen steht – schade – schade! – ich erwarte Besuch, der auch der verwöhntesten Dame reichlichen Genuß bereiten würde! Will die Domina nicht vielleicht doch aussteigen? Nein? Nun dann merkt sich die schöne Domina wohl den Namen der Mutter Rubria. Mein Haus heißt »Zum tanzenden Kranich«. Es sieht in schöneingerichteten, verschwiegenen Gemächern den Verkehr nur der allerersten Kreise. Ich bin sehr bedacht auf Auswahl unter meinen Gästen. Auch ist für jede Vorliebe gesorgt. Und wie gesagt, sehr verschwiegen – ohne jede Gefahr! Wenn die Domina also bei mir Unterkunft sucht ...« »Fort, fort!« schrie Messalina den Sklaven zu. Schluchzend lag sie in den Kissen der sanft schaukelnden Sänfte, die Fäuste in die Augenhöhlen gedrückt, tränenlos. Sie zitterte unter der Wucht zurückgedämmter Wutschreie. Hatte der furchtbare Mensch im kaiserlichen Palast ihr das Mal der Schande so sichtbar aufgedrückt, daß eine freche Kupplerin ihr schon eine Stätte im Hause der Gemeinheit anzubieten wagte? War sie wirklich nichts anderes mehr als eine öffentliche Dirne?! Als die liburnischen Träger endlich die Treppen des Esquilins erklommen und die Lektika vor dem statuengeschmückten Vestibulum der Villa des Messala Barbatus niedergesetzt hatten, löste sich eine Mannesgestalt aus dem Schatten des Hauses. Es war Abalanda. »Ich wollte dir eine gute Nacht wünschen, bevor deine Dienerinnen dich in Empfang nehmen,« sagte er in seiner ruhigen, selbstsicheren Art. »Gefiel es dir beim Gastmahl des Kaisers, Valeria Messalina?« Sie atmete in tiefen Zügen den Hauch der Reinheit dieser Hügelhöhe. Ihr Blick suchte die Statue des Eros. Am Mondlicht ragte dort die Marmorgestalt, zu deren Füßen die welkenden Rosen lagen. Jetzt verstand sie, daß Fabullas Rosenopfer an den Gott vergeblich gewesen war. Sie entzog ihre heißen Finger der starken Hand des Freundes. »Warum antwortest du nicht, Valeria Messalina?« fragte er leise. »Ich wollte dich nicht belästigen, indem ich hier deine Heimkehr erwartete.« »Du belästigst mich nicht, Abalanda! Ich danke dir. Deine kleine Freundin ist sehr müde. Sie hat viel erlebt bei ihrem ersten Gastmahle. Zu viel. Und wenn du an deine kleine Freundin denkst, dann verhülle dein Haupt und trauere um sie als eine Tote. Gute Nacht, mein Freund!« Sie ging gebeugt hinein in das Elternhaus. 7 Die Feierlichkeiten des Eheschlusses zwischen Messalina und Claudius waren kaum verklungen, als in den Anfangstagen des Septembers eine Verschwörung gegen den Cäsar Caligula aufgedeckt wurde. In Rom schwirrten Gerüchte. Blutbefehle des Kaisers bestätigten sie. Die nächsten Angehörigen des Herrschers, vor dem Wahnwitz des kaiserlichen Verwandten um ihr Leben bangend, hatten versucht, der Raserei des Tollwütigen ein Ziel zu setzen. Der Schwager Caligulas, Ämilius Lepidus, der Gatte seiner verstorbenen Schwester Drusilla, hatte in Gallien die Legionen gegen den Kaiser aufgehetzt, wollte sie gegen Rom führen. Er fiel durch Verrat und ward in Gallien gerichtet. Mitwisserin seines Planes waren die Schwestern seines toten Weibes: Livilla und Agrippina. Sie büßten den Anschlag gegen den Bruder mit der Verbannung nach der Öde des Felseneilandes Pontia. Man wunderte sich, daß der Unmensch das Leben dieser beiden schonte. Doch man wußte auch, daß sie ihm früher nicht weniger gewesen waren als Drusilla, die er in Nachahmung ägyptischen Königsbrauches als Schwester und Gattin geliebt und betrauert hatte. Der Senat sandte eine Abordnung an den Kaiser, ihn zur Errettung aus Lebensgefahr zu beglückwünschen, und übertrug Claudius das Amt des Sprechers dieser Abordnung. Nur schweren Herzens entschloß der Zagmütige sich, die für ihn lebensgefährliche Ehrung anzunehmen. Der Kopf eines kaiserlichen Verwandten sah nicht allzu fest in diesen Tagen auf seinem Halse. Caligula gewahrte denn auch kaum den furchtzitternden Oheim an der Spitze der Senatssendlinge, als er begann, über freche, taktlose Beleidigung zu donnern. Nach einem Anfall von Tobsucht, in der er jede künftige Ehrung seiner Verwandten mit Todesstrafe bedrohte, wies er mit zynischem Spott und Hohn der Abordnung des Senates die Tür. Mit dieser Kränkung der Väter Roms hatte er wieder die Zahl der ihm feindlich Gesinnten vermehrt. Die Blutsaat des Strafgerichtes, das dem Hochverrate des Lepidus folgte, düngte den Boden, auf dem im geheimen die Verschwörung des Tribunen der Leibwache Cassius Chärea fortwuchs. Endlich fühlte Caligula selbst, irgendetwas müsse geschehen, den krassen Eindruck seines Vorgehens gegen die leiblichen Verwandten abzuschwächen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe. Monate waren vergangen, als gegen Ende des Jahres, nach dem Feste der Saturnalien, Freunde des Lepidus beim Kaiser vorstellig wurden. Sie baten um die Erlaubnis, die Asche des unseligen Gerichteten aus Gallien nach Rom überzuführen und in der Familiengruft beizusetzen. Diese günstige Gelegenheit, den gnadenvoll Verzeihenden zu spielen, ließ Caligula sich nicht entgehen. Aber sein Wahnsinn war schon zu weit gediehen. Er vermochte nicht mehr Gnade ohne tyrannische Bosheit zu üben. Er gewährte den Wunsch der Bittenden – doch unter einer satanischen Bedingung. Ganz Rom wußte, daß die junge Witwe Agrippina ihren verwitweten Schwager Lepidus leidenschaftlich geliebt hatte. Briefschaften waren aufgefangen und brutal von Caligula der breitesten Öffentlichkeit preisgegeben worden. Jetzt wollte er die Liebenden noch in ihrem Trennungsschmerze treffen. An die Heimkehr der Asche des Toten band er die Bedingung: Agrippina selbst müsse auf leidvollem Bußwege die Urne noch Rom tragen. So sah denn die Stadt kurz nach Anfang des neuen Jahres einen sonderbaren Aufzug sich über den Platz des Forums bewegen: inmitten weniger armselig gekleideter Sklaven eine in Trauergewandung dahinwankende Frau, die mit Aufbietung letzter Kraft eine schwarze Marmorurne schleppte. Von der Landungsstätte Terracina bis nach Rom zu Fuß wandernd, hungernd und dürstend, keuchend unter der Last des Gefäßes, mit blutenden Sohlen und von erbarmungslosen Wächtern des Imperators scharf angetrieben, war die kaiserliche Schwester Rom zugeschritten, der Stadt, in deren Glanz und Pracht sie, die Tochter des Germanicus und die Enkelin des Augustus, einst nach den steilsten Höhen strebende Pläne von Ruhm und Macht ersonnen hatte! Agrippina war dem von Irrsinn diktierten Befehle des Bruders in strengster Erfüllung nachgekommen. Doch nicht, weil sie sich dem Cäsar beugte, sondern weil auch die Einsamkeit auf der ewig von Brandung umbrüllten Felsenöde Pontia nicht vermocht hatte, ihren Ehrgeiz und ihre Herrschgier zu brechen. Die Verbannung hatte ihr nicht mehr bedeutet als eine Zeitspanne lauernder Erwartung, die alten Pläne reifen zu lassen. Nun spielte sie bis zur körperlichen Erschöpfung die Rolle der in tiefster Demut Zurückkehrenden. Sie wollte dem Kaiser jede Möglichkeit zum Mißtrauen nehmen. Sie hatte nur das eine Ziel: die Freiheit, an die sie sich mit allen Kräften ihrer Zähigkeit eisern klammern würde, sobald Rom erreicht war. »Nicht meine Vergangenheit schleppe ich in dieser Asche eines Ermordeten nach Rom, sondern nur die Schatten, die noch schwarz und düster auf meiner Zukunft lasten,« hatte sie beim Abschiede der Schwester Livilla gesagt, die schmerzlich in der Verbannung zurückblieb. So beschaffen war die Frau, die nach Rom zurückkam mit dem Entschlusse, ihrem Sohne Nero die Kaiserkrone zu sichern. Als sie in die Verbannung ging, hatte sie das dreijährige Kind ihrer Schwägerin Lepida, der Mutter Messalinas, in Obhut gegeben. Sie kam nach Rom, das Herz voller Argwohn gegen die Nichte. Was ging hier vor? Wie konnte dieses junge schöne Mädchen sich entschließen, den alternden, närrischen Claudius zu heiraten? Trug diese Domitierin sich mit hochfliegenden Plänen, die den ihren tödlich waren? Sollte unter dem Ansporn seines Weibes der harmlose Claudius zum Rivalen ihres Knaben werden? Sie war gekommen, den verhaßten Bruder zu stürzen. Doch nicht zum Vorteil der Nichte. Nach Caligulas gewaltsamem Tode sollte Nero zum Kaiser, sie zu seiner Regentin ausgerufen werden. Ihre Hoffnung beruhte auf kluger Berechnung und der Wahrscheinlichkeit. Der blutbesudelte Tyrann mußte eines Tages zum Racheopfer werden aller jener, die er durch Mord an ihren Angehörigen zum äußersten getrieben, durch Vermögenseinziehung zu Bettlern gemacht, durch Erniedrigung gedemütigt, durch wahnwitzige Strafen zur Auflehnung gebracht hatte. Der größenwahnsinnige Übermut des Kaisers hatte das Wort geprägt: »Keiner ist      als ich!« Das Götterbild aber, zu dem er sich erhöht, thronte auf wankendem Fundamente. Agrippina wollte in Rom sein, wenn es fiel. Sie traute sich die Kraft zu, den Sturz zu beschleunigen. Da traf ihr Argwohn auf Messalina! Sie kannte die hohen Geistesgaben der Nichte. Doch sie kannte auch die Leidenschaftlichkeit und die Sinnenfreude der Domitier von ihrem Gatten her. Sie zweifelte nicht daran, daß dieses junge, von Lebenskraft sprühende Geschöpf an der Seite des alten Gatten darbte. Die kaum Sechzehnjährige und der greise Fünfziger Claudius! Es lag zuviel Unnatur in dem Altersunterschiede. An Treue glaubte Agrippina nicht, sie, die selbst nichts achtete, was Treue hieß. Es war gewiß nicht sonderlich schwer, Messalina zur Untreue zu verführen. Schied sich Claudius dann von der Ehebrecherin, so war die Nichte als Verfemte unschädlich geworden. Im Hirne ein Gespinst von Ränken ihres Ehrgeizes, suchte Agrippina, nachdem sie die Asche des Ämilius Lepidus in Rom beigesetzt hatte, Unterschlupf im Hause der verhaßten Gegnerin. Wie die lauernde Spinne wollte sie inmitten des Netzes hausen, in dem ihr Opfer sich verfangen sollte. Außerdem baute sie mit schlauer List darauf, in der Zuflucht bei einem dem Kaiser ungefährlich scheinenden Tölpel selbst ungefährlich zu erscheinen. Was hatte Caligula zu fürchten von einem Weibe, das mit dem verachtetsten Gliede des Kaiserhauses und seiner blutjungen Gattin das Leben teilte! Diese Gemeinsamkeit tat deutlich kund, daß auch nicht der spärlichste Funke Ehrgeiz mehr glimme in der tief Gedemütigten, die in der erniedrigenden Bußwanderung ihre Unterwerfung bewiesen hatte. Als Agrippina vor Messalina stand, sah sie die Arglose mit starren Augen an und verhüllte dann ihr Haupt, als wäre sie, wie vom Leuchten einer Gottheit, von ihrem Anblicke geblendet. Langsam ließ sie sich weinend zu den Füßen Messalinas nieder und duckte sich zu kniender Gestalt. Erschreckt von dieser Selbstdemütigung der ihr an Alter um zehn Jahre überlegenen Frau, wollte Messalina die Weinende erheben. Doch Agrippina weigerte sich, anders als auf den Knien mit der Divina – wie sie heuchlerisch das junge Geschöpf nannte – zu reden. »Die ärmste Frau in Rom huldigt dir,« schluchzte sie. »Mein Bruder nahm mir alles, was ich besaß. Er ließ mir nichts, als was ich trage, meine Blöße zu bedecken. Unwissentlich aber ließ er mir noch eines: dein gütiges Herz, Messalina! Und dieses Herz rufe ich um Obdach an, um Zuflucht. Sei's auch nur für die Zeit, bis meine von dem Bußwege blutenden Sohlen heilen.« Auf das tiefste erschüttert, bebend vor Teilnahme, tränenüberströmt, kniete Messalina bei der schwergestraften Frau, in wortlosem Mitleide sie umarmend. Claudius empfing die Nichte kühl und mit ängstlicher Zurückhaltung. Er war nicht sehr erbaut, zu hören, daß Messalina einer dem Cäsar verhaßten Person gastfreundlich das Haus geöffnet hatte. Wenn er auch nicht die Energie besaß, die Verfügung seiner jungen Gattin aufzuheben, so bezeichnete er ihre Handlungsweise doch als äußerst voreilig. »Niemand in Rom ist von einer freundlichen Gesinnung des Kaisers abhängiger als du und ich,« betonte er erregt immer wieder und erging sich breit in Lamentationen und sorgenvollen Hinweisen, welches Unheil die Beherbergung Agrippinas auf sein schuldloses Haupt herabziehen könne. »Ich kenne zudem meine Nichte besser als du,« klagte er. »Mögen die Götter verhüten, daß du einen bösen Geist in unser Haus gebannt hast!« Messalina blieb stumm bei diesen angsterfüllten Vorwürfen. Wenn sie sich auch mit ihrer Ehe abgefunden hatte, ganz hingegeben dem Verlangen, nach der Sturmnacht im Palast in Stille und Geborgenheit zu verschwinden, bis der Tag ihrer Rache kam, so verachtete sie, gerade wegen ihrer geheimen Pläne des Hasses, bitter des Gatten Feigheit und Furcht vor dem kaiserlichen Neffen. So kam es, daß sie rasch enge Freundschaft mit Agrippina schloß. Sie fühlte die kraftgestählte Seele dieser Frau, die schon wenige Tage nach ihrem bemitleidenswerten Einzuge in das Haus der Verwandten sich wieder aufzurichten begann. Agrippina gewann mühelos das Vertrauen der jüngeren und hatte ihr sehr bald das Geheimnis ihrer Begegnung mit Caligula entlockt. Sie empfing mit lauten Worten des Zornes das Geständnis des blutgierigen Hasses gegen den brutalen Schänder ihres jungfräulichen Körpers und tat nun, als hätte diese Offenheit auch ihr die Seele erschlossen. »Wir beide sind beklagenswerte Frauen,« jammerte sie unter talentvoll erheuchelten Tränen. »Mir nahm er den einzigen Menschen, den ich liebte – dir gab er den Menschen, den du nicht lieben kannst. So vernichtet der Tyrann Glück um Glück.« Wirklich fand dieser echte Ton des Leides und des ingrimmigen Hasses dankbaren Widerhall in Messalinas wundem Gemüte. Jetzt hatte sie einen Menschen gefunden, dem sie sich rückhaltlos offenbaren durfte. Mehr und mehr enthüllte sie ihre innersten Regungen vor der Frau, die sie voll List umgarnte und gierig aushorchte. »Ich bin eine Domitierin,« bekannte Messalina eines Tages voll Stolz. »Wir sind ein das heiße Leben liebendes Geschlecht. Und das fühle auch ich! Claudius ist gut zu mir, das werde ich niemals verkennen. Ich muß ihn nehmen, wie er ist. Immer soll ihm unvergessen bleiben, daß ich mich zu ihm retten durfte, als ich von den Meinen erbarmungslos verraten und preisgegeben war und keine Zuflucht hatte auf der weiten Welt. Und ich will dankbar dem Schicksal sein, das mir in dir eine treue Freundin gegeben hat.« Agrippina verbarg ein verräterisches Lächeln, als sie erwiderte: »Aber dann hätte der Kaiser dir ja nicht ein Glück zerstört, sondern dir ein Glück verliehen, als sein Machtspruch dich an Claudius verkuppelte.« Messalina errötete tief und schwieg. Sie liebte seit Tagen. Liebte den Schauspieler Paris, den ersten und schönsten Mimen Roms. Hatte ihn auf der Bühne gesehen. Ihre Sinne waren aufgeflammt, dieses heiße Temperament der Domitier lohte empor, das der Kaiser in jener Unglücksnacht aufgescheucht, aufgerüttelt, aufgepeitscht hatte, und das nun im Hause des alten Gatten vergeblich und ratlos auf Erfüllung und Erlösung harrte. Jeden Tag ließ sie sich in das Theater tragen, in dem Paris ganz Rom begeisterte. Jeden Tag saß sie dort in Verlangen und Sehnsucht nach diesem schönsten Manne der Weltstadt. Es war ein Zufall, daß sie gerade ihn begehrte. Er war der einzige Mann, der in ihren Bannkreis getreten war. Denn Claudius zählte nicht, wenn von Männern die Rede war. Ahnungslos stand der Mime auf der Bühne und wußte nicht, daß auf der Tribüne unter den ersten Frauen Roms eine junge, wilde Flamme ihm entgegenlohte. 8 Des Claudius Lebensumstände hatten sich durch die Heirat mit Messalina wesentlich gebessert. Die reiche Mitgift der jungen Frau erlaubte ihm, seinem Stande und seiner Herkunft gemäß aufzutreten. Nicht mehr allein durchschritt er die Straßen Roms, geneckt und gehänselt, sondern nach der Art vornehmer Römer begleitet von einem kleinen Gefolge, dem zwei Sklaven voraufgingen, den Weg zu bahnen. Er mied fortan das Transtiberviertel, die vierzehnte Region Roms, deren Gassen von Kleingewerblern, Handwerkern, Tagelöhnern und Fischern bewohnt waren. Er schämte sich, daß er noch vor kurzem gezwungen gewesen war, in den Garküchen jenseits der ämilischen Brücke zu speisen, als Tischgenosse roher Matrosen und Seesoldaten. Seine Armut hatte ihm Sparsamkeit bis zum äußersten auferlegt, seitdem der höhnischlistige Caligula ihn zum Flamen ernannte für das neue Priesterkollegium, dem die Pflege des Kultes der »Gottheit« Caligula oblag. Um diese ihm aufgedrungene Ehre mußte Claudius acht Millionen Sesterzien an den Neffen zahlen. Um diese wahnsinnige Forderung des gefürchteten Kaisers zu erfüllen, war der gepeinigte Mann genötigt gewesen, seinen gesamten, von Augustus ererbten Besitz unter den Hammer zu bringen. Natürlich hatte kein Mensch gewagt, die Güter eines Mitgliedes des Kaiserhauses zu ersteigern, war doch niemand darüber im Zweifel, daß der Kaiser diese Tragikomödie nur in Szene gesetzt hatte, um für ein Nichts die Besitztümer des furchtsamen Oheims an sich zu reißen und den Unglücklichen dem Verkommen zuzutreiben. Das alles war nun anders geworden. Claudius gehörte auch nach außen hin wieder zu den Römern von Vermögen und Rang, lebte dementsprechend und nahm vor allem seine »literarische« Tätigkeit wieder ernstlich auf. Sie gewährte ihm die höchste Befriedigung. Er fühlte sich behaglich in der Welt der Unwirklichkeiten und vergangener Jahrhunderte, war glücklich, wenn Papyrusrollen auf seinem Tische raschelten, alexandrinische Pergamente knisterten, und wenn er mit pedantischer Sorgfalt eigenhändig die Rohrfedern schneiden konnte, bevor er die fragwürdige Schreibarbeit begann. Heute empfing er den Buchhändler Pollio Valerianus. »Als du mich neulich mit deinem Besuche beehrtest, Herr, wünschtest du eine Auswahl älterer und seltener Werke zugesandt zu erhalten,« erläuterte Pollio seinen Besuch. »Ich habe mir erlaubt, mich selbst einzufinden, um dir gleich den Inhalt meiner Auswahlsendung zu erläutern. Das erspart dir das Durchlesen. Auch kann ich die nur spärlich vorhandenen Exemplare mit Rücksicht auf meine zahlreiche Kundschaft nicht lange entbehren.« »Sehr freundlich, sehr freundlich,« lobte Claudius. »Wo sind die Bücher?« »Gestatte, Herr, daß meine Sklaven das Gemach betreten. Sie warten draußen im Cavädium. Darf ich sie rufen?« »Vielen Dank – nein, nein – ich liebe es nicht, daß fremde Menschen meinen Arbeitsraum betreten – das gibt gleich Unordnung,« lehnte Claudius unruhig, aber freundlich ab. »Ich kann die Auswahl auch im geräumigen Tablinum treffen.« Er ordnete auf dem Tische erst sorgfältig die zurechtgeschnittenen Rohrfedern, die Muschelnäpfchen mit Schreibtusche, die achtsam aufgeschichteten, gelblich getönten Papyrusstreifchen und ein paar seltsam geformte, faustgroße Steine, die ihm als Beschwerer ausgebreiteter Papyrusrollen dienten. Noch einen letzten, wohlgefälligen Blick warf er auf die Stätte seiner stillen Tätigkeit und begab sich dann mit Pollio nach dem Cavädium, dem weiten inneren Hofe des Hauses. Hier hatte der Buchhändler vier Sklaven aufgestellt, deren jeder einen Arm voll zylinderförmiger Gegenstände trug. »Dieser Mann hat die Dramen, der andere atellanische Komödien,« begann Pollio herzuzählen. »Vielleicht ein Drama, ja – nur nichts Komisches,« bat Claudius mit verzogenem Munde. Er liebte den Humor nicht, wußte er doch sehr wohl, wie oft er vor seiner Ehe mit Messalina als Quelle unfreiwilliger Komik hatte dienen müssen. »Der dritte Sklave trägt geschichtliche Werke, Annalen, Chroniken und ähnliches,« fuhr der Buchhändler eifrig fort. »Der vierte hat eine Auswahl Epen und anderer Dichtungen.« »Dichtungen – hmhm – Dichtungen,« murmelte Claudius nachdenklich und rieb sein schlecht rasiertes Kinn. »Ich weiß nicht, ob du mich neulich recht verstandest, mein Pollio. Es ist mir weniger darum zu tun, selbst etwas zu erdenken. Ich möchte vielmehr etwas Vorhandenes – aber es müßte denn schon ein älteres, vergessenes Werk sein – verstehe mich richtig, ich suche nach einem Werke, das an sich nicht schlecht ist, bei welchem dem Verfasser jedoch die Form nicht gut gelang – und nun, eine Umarbeitung zum Drama – ich weiß nicht, ob du mich begreifst – also der vorhandene Stoff –« »Ich verstehe dich vollkommen, Herr,« unterbrach der Buchhändler liebenswürdig den Wortwirrwarr, in dem Claudius sich selbst nicht mehr zurechtfand. »Du möchtest einem nicht anerkannten Verfasser zur Anerkennung verhelfen, indem du in deiner bekannten Güte dich des Werkes annimmst, deinen hohen Verstand einsetzest und aus dem nur wenigen zugänglichen Gedicht ein Schauspiel für die breite Öffentlichkeit schaffst.« »So ist es, wahrhaftig und ganz richtig, so ist es!« rief Claudius hocherfreut über die faustdicken Schmeicheleien. »Aber nichts Alltägliches darf es sein, Freund Pollio, nichts Alltägliches. Ja nicht!« »Bewahre, Herr!« versicherte Pollio lebhaft. »Hast du schon von Cordus, dem verstorbenen Literaten gehört? Nein? Das dachte ich mir,« plapperte der Buchhändler, als Claudius den Kopf schüttelte. »Er war der Verfasser einer mythologischen Elegie, die ihm etwas zu lang geraten ist. Wer nun wie du, Herr, verstände, das Übermaß der Wortvergeudung in die knappe Form einer Tragödie einzudämmen, der würde sich zweifelsohne ein Verdienst erwerben um eine ganz gewiß im innersten Kern ausgezeichnete Dichtung. Wirklich, Herr, der Gedanke in dem Werke – die Verherrlichung treuer Liebe – ist hervorragend schön und wie geschaffen für die Bühne. Aber er ist mit so unendlich viel Wortkram überlastet, mit so viel Nebensächlichem beschwert, daß er nicht an die Oberfläche gelangen kann. Nur ein so erhabener Geist wie du, Gebieter, vermag uns das Werk neu zu schenken.« Pollio Valerianus hatte für den Schmarren des Cordus eine beträchtliche Summe bezahlen müssen. Mit einem Schüttelregen von Lobeserhebungen versuchte er nun, den Ladenhüter mit Vorteil an den Mann zu bringen. So schlug er denn vor, er wolle die Elegie an Claudius zur freien Bearbeitung abtreten und später die Umdichtung vertreiben. Er verlangte hierfür nur – wie er es nannte – die Kleinigkeit von fünfzigtausend Sesterzien. Claudius erschrak. »Fünfzigtausend ... –!! Das ist aber sehr, sehr viel Geld, mein lieber Pollio.« »Hoher Gebieter!« erklärte der Buchhändler zungengeläufig, »es ist gut angelegtes Geld, versichere ich dir. Ich habe zwanzig hervorragende Schreibsklaven, denen ich selbst deine fertige Dramatisierung diktieren werde. In einem Monat stellen wir da leicht hundert Exemplare her. Wird nach der Aufführung nicht jeder Gebildete mit Freuden fünftausend Sesterzien für ein Werk von dir ausgeben? Wenn du mir den Vertrieb übergibst, verzehnfachst du rasch die Summe, die du mir entrichtest. Für mich verlange ich keinerlei Entschädigung oder Abgabe. Nur meine reinen Spesen sollst du mir vergüten. Es ist mir eine Ehre, deine Interessen zu vertreten. Fünfmalhunderttausend Sesterzien, Herr!« Ein Rechenmeister war Claudius nicht. Er ließ sich durch die hohe Summe verblüffen. »Mehr als ein Rittervermögen,« schätzte er und brummelte dann: »Also eine Elegie. Das würde mir allerdings außerordentlich liegen. Hm, ich möchte wohl einen Blick –« »Aber selbstverständlich, Gebieter,« fiel Pollio sogleich ein und suchte unter den Zylindern schon jenen heraus, der das Manuskript enthielt. »Wir wollen in das Tablinum gehen,« schlug Claudius vor, dem Raume zuschreitend, der zwischen dem Atrium und dem Peristyl lag. Dort nahm er in einem löwenfüßigen Sessel Platz, während Pollio bereits dem Zylinder die Handschrift entnahm und vorsichtig einen Teil des um einen Stab gerollten Pergamentstreifens entrollte. In diesem Augenblick erschien Messalina im Atrium. Sie trug Blumen im Arm, um einen altarartigen Aufbau zu bekränzen, der, jetzt nur noch ein marmornes, von Künstlerhand geschmücktes Zierstück, daran gemahnte, daß in früheren Zeiten an dieser Stätte der Herd des Hauses seinen schwärzenden Rauch zu der kleinen Deckenöffnung hinaufgewirbelt hatte. Aufgeregt rief Claudius der jungen Gattin entgegen: »Du kommst gelegen, meine Teure. Hier gibt es Interessantes zu hören.« Während Messalina ihre Blumen rasch auf dem Zierherde ordnete, rückte Claudius gefällig einen Stuhl für sie zurecht. »Ein altes Werk, dem ich neue Jugend bereiten will,« bedeutete er, auf das Manuskript zeigend, das der sich tief vor der Hausherrin verneigende Buchhändler hielt. »Wie gefällt dir diese Absicht?« setzte Claudius, unternehmend die Hände reibend, hinzu. Messalina betrachtete das gutmütige, von froher Erwartung gerötete Gesicht des Gatten. »Alter ist schwer zu bannen, und neue Tugend blüht nicht aus Verblichenem,« sagte sie ernst, sich auf den Stuhl niederlassend. Pollio Valerianus tat, als betrachte er eine Stelle der Handschrift genauer. Er mußte ein verständnisinniges Lächeln hinter dem Pergament verbergen. Zum ersten Male sah er den greisen Claudius und die junge Frau nebeneinander und hatte den Eindruck, daß dieses sonderbare Ehepaar weit eher einer Enkelin mit ihrem Großvater gleiche. Jetzt räusperte er sich und begann die Verse zu lesen. Doch Claudius sprang auf und unterbrach: »Dank, lieber Freund, ich werde den Vortrag selbst übernehmen.« Er wischte sich das Kinn, das vom Speichel feucht geworden war. Dann hob er an zu deklamieren: »Sohn der Augé, der Tochter des Aleus, Priesterin der Minerva, und des geheimen Gemahles, des Herkules, Lendenerzeugnis war Telephus, den auf dem Berge Parthenius Hirten gefunden, um ihn sodann zu erziehen. Was herkuläische Liebe der Jungfrau bescherte, hatte der Priesterin fühlsames Herz längst geahnet, denn ihre Sehnsucht ging nach gefälliger Freundschaft, die die Vereinsamte, darbend der Wonne des Lebens, heiß sich gewünscht, in hungernder Tage Beschwernis.« Messalina lachte unterdrückt auf. »Die die Vereinsamte heiß sich gewünscht, in hungernder Tage Beschwernis,« wiederholte sie, leise skandierend. Claudius ließ das Manuskript sinken und sah verblüfft auf die Gattin, dann hilflos auf den mit aller Gewalt sein Gesicht in ernste Falten zwingenden Buchhändler. »Las ich schlecht?« fragte er betroffen. Pollio wollte hastig eine Schmeichelei anbringen, doch Messalina gebot ihm durch einen Blick Schweigen. »Nicht wie du lasest, sondern was du gelesen hast, mein Claudius, erregte meine Heiterkeit,« erläuterte sie. »Wieso?« stutzte er, die Zeilen nochmals überfliegend. Der Buchhändler fürchtete für sein gutes Geschäft. »Deine Auffassung war erhaben, Herr,« versicherte er. »Dennoch paßt sie besser zu einer Tragödie als zu einer Elegie. Sicherlich! Und ich glaube, das ist auch die Meinung der Domina.« Messalina schwieg. »Ja,« zauderte Claudius, »willst du das Werk nicht kennenlernen?« »Da der Anfang so vielversprechend ist – gewiß,« erwiderte sie mit verborgenem Spotte, ihn zu beruhigen. Er wickelte rasch das Pergament um den Stab und rief erfreut: »Wenn mein Vortrag sich mehr für die Tragödie als die Elegie eignet, dann soll uns doch ein berufener Mund zuerst das Gedicht in der alten Fassung vorlesen. Das wird mir auch wesentlich helfen, die dramatisch zu bearbeitenden Stellen sofort herauszufinden. Später, mein Kind, lese ich selbst dir meine Umarbeitung vor. Das lasse ich mir nicht nehmen.« »Ich freue mich auf den Genuß,« lächelte geheimnisvoll Messalina, erhob sich und tätschelte mit zwei Fingern leicht des Claudius Wange. Er errötete vor Freude über diese Liebkosung und fragte lebhaft Pollio, ob er einen Rezitator empfehlen könne. Da wandte sich Messalina an der Tür um und sagte: »Nimm doch Paris!« Sie sagte es mit mühsamer Beherrschung. »Aber gewiß doch,« rief Pollio, diese neue Verdienstmöglichkeit eifrig aufgreifend. »Paris! Ganz ausgezeichnet. Vortrefflich! Der geeignetste Mann! Gewiß hat die Domina ihn in seiner neuen Rolle des Eros in der »Verführung der Ais« bewundert? Aber wie er sie auch spielte! Hmm!« Er küßte in heller Begeisterung seine Fingerspitzen. Messalina senkte die Lider und nickte. Sie war sehr bleich geworden. Pollios kundigem Blick entging diese verräterische Erregung nicht. Beim Jupiter, das wäre nicht die erste Frau, die sich in den hübschen Mimen vergafft hätte! Jetzt war das Geschäft gerettet. Hitzig rief er: »Nun, Herrin – ist er nicht göttlich? Hat er nicht ein wundervolles Organ? Bezaubert er nicht durch seine Erscheinung? Ist seine Deklamation nicht die des Apollo selbst? Verdient er nicht, daß ein kunstverständiger Mann wie dein Gatte gemeinsam mit diesem Genius der Muse dient?« Nach diesem Wasserfall gesprudelter Fragenflut kreiselte er zu Claudius herum. »Hoher Gebieter, du wirst entzückt sein! Ich will gern vermitteln, daß Paris die Dichtung vor dir rezitiert. Dreitausend Sesterzien für jeden Besuch – mehr brauche ich ihm nicht zu bieten. Daß er um diesen bescheidenen Preis zusagt, das laß meine Sorge sein.« Der sparsame Claudius zögerte mit der Einwilligung. Doch Messalina entschied. »Bestelle den Künstler, Pollio,« gebot sie. Ihr Antlitz färbte sich dunkler, in ihren tiefen Augen flackerte Feuer. Sie wandte sich rasch fort und trat an den Zierherd im Atrium und machte sich an den Blumen zu schaffen. »Einen Augenblick,« zauderte Claudius. »Ich finde dreitausend Sesterzien –« »Hoher Herr,« fiel der Buchhändler eilig und hilfsbereit ein. »Du wirst doch die Entscheidung der Domina nicht widerrufen. Du bezahlst ja nicht nur den Rezitator, sondern du gewinnst auch den beratenden Fachmann Paris. Soweit mir bekannt, schriebst du noch kein Drama. Der Rat eines berufenen Künstlers ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Ich betrachte die Angelegenheit vom rein geschäftlichen Standpunkte aus – du siehst sie natürlich nur als Idealist an. Aber du weißt, was das Leben kostet in Rom. Warum da große Einkünfte verschmähen! Und wenn du im Auge behältst, daß jedes As, das du in deine Dichtung steckst, sich mehr als zehnfach verzinsen wird, so darfst du im Wichtigsten nicht sparen!« Dem armen Claudius wirbelte der Kopf von dem auf ihn einstürmenden, mit unglaublicher Zungenfertigkeit hervorgeschleuderten Wortschwalle Pollios. Auch war er im Grunde mit seinen Gedanken bereits in einer andern, weniger materiellen Welt, bei Rohrfedern und Papyrus, bei Hexametern und klingenden Silben. »Es ist gut, mein lieber Pollio Valerianus,« ergab er sich erschöpft, rollte das Pergament wieder auseinander und vergaß plötzlich die Wirklichkeit. Laut vor sich hinskandierend, durchschritt er das sonnenbeglänzte Cavädium, ging seinem Arbeitsgemache zu und las von der jungen Priesterin Augé, deren leidenschaftliches Herz sich nach der verbotenen Liebe des verschollenen Herkules zurücksehnte. »Denn wenn des Eros Gewalt umstürzt Altäre der Keuschheit, bleibt nur das Heimweh zurück nach der Erfüllung der Liebe, und wo nicht Liebe gewährt wird, glimmen dann hell im geheimen Funken auf Eros' Altare, bis sie zur Flamme entfesselt.« Der Buchhändler gab seinen Sklaven einen Wink, sich zu entfernen. Dann trat er auf Messalina zu, die versunken an dem Zierherde stand und mechanisch die Veilchen ordnete und üppig aufgeblühte Rosen aus Pästum an der Westküste Lucaniens. »Schöne Domina,« sprach Pollio sie kupplerisch halblaut an. »Künstler sind eitel, und dein Gatte hat vielleicht nicht die rechte Art, solche Leute für sich zu gewinnen.« Er wagte ein dreistes Blinzeln. Und als sich keine Miene in Messalinas Antlitz verzog, fuhr er sicherer fort: »Darf ich dem Paris sagen, daß eine entzückende Hausherrin ihn kennenzulernen wünscht, bevor er mit dem Herrn des Hauses in Verbindung tritt?« Messalina zögerte. Dann plötzlich richtete sie sich auf. Ihr Blick folgte dem Graukopf, der soeben, in das Manuskript vertieft, ins Studiergemach verschwand. Sie suchte drei langgestielte Rosen aus und reichte sie wortlos dem Buchhändler. Pollio verbeugte sich tief. »Die Dunkelheit hat Erbarmen mit allen, die leiden und entbehren,« murmelte er kühn. Dann heftete er die pfiffigen Augen auf die schweigende Frau. Ja, er durfte alles wagen, sich die Gunst dieser jungen Dame für immer zu gewinnen. »Herrin, wenn du noch niemals das weltbeherrschende Rom im Dämmerlichte zu deinen Füßen liegen sahst, so begib dich heute gegen Abend zum Mausoleum des Augustus. Es ist ein klarer Tag, und der Anblick wird unvergeßlich sein. Das Marsfeld ist um diese Zeit menschenleer. So wirst du ungestört vergleichen können, was purpurner ist: die Abendröte über der Campagna oder der Purpur dieser Rosen, die ein einsam Wartender an seinem Herzen tragen wird.« Durch ein kaum merkliches Neigen des Hauptes deutete Messalina ihre Zustimmung an. Sie wollte das Leben leben, das eine grausame Nacht in ihr geweckt hatte. 9 In den Kolonnaden des Marsfeldes bewegten sich nur noch wenige Fußgänger. In den mit dem Prunke und der Pracht aller Länder der bekannten Erde angefüllten Verkaufshallen wurden kleine Lichter angezündet. Der Abend fand den vornehmen Römer in seinem Hause. Der sonst von Fußgängern und Tragsänften dicht belebte Hauptweg, die Reitpfade rechts und links von ihm, die mit goldgelbem Kies bedeckten Fahrbahnen waren vereinsamt. Die Lorbeerbüsche, Myrtensträucher und die künstlich zu Figuren gestutzten Buxbaumhecken standen schon wie körpergewordene Schatten auf den Rasenflächen. Die Sonne sank hinter einer flachen Wolkenbank, die den Westen wie eine himmelgetürmte Mauer abschloß. Als löse sich das Tagesgestirn in ein alles überschwemmendes Meer glutender Röte, als ströme dieses Meer in breiten Rinnen über die Mauer hernieder, färbten sich die Wolkenränder feuerfarben. Um diese Zeit erreichte die Lektika Messalinas den Neptuntempel neben der flaminischen Straße. Hier gebot die Domina den Sänftenträgern Halt. »Ich werde mit Fabulla einen Spaziergang machen, die milde Abendluft zu genießen,« erklärte sie dem Obersklaven Isäus, der als Wegbahner der Lektika vorausgeschritten war. Ihm einige Münzen zuwerfend, sagte sie obenhin: »Wenn du eine Taberne in der Nähe weißt, trinke dort mit deinen Burschen auf meine Gesundheit. In einer Stunde erwarte mich am Tempel des Neptun.« »Du bist gütig, Herrin,« dankte Isäus, die Münzen in einem Bausch seines Lendenschurzes bergend. »Es ist gut,« sagte Messalina, der Sänfte entsteigend. Sie ließ sich von Fabulla in einen weiten Mantel hüllen. Auch die Vertraute nahm eine Lacerna um. So schritten die beiden Frauen die flaminische Straße dahin. Die wenigen stadtwärts wandelnden Menschen achteten nicht auf sie. Da vornehme Römerinnen niemals ohne ihr Gefolge zu Fuße gingen, vermutete niemand in den beiden vermummten Gestalten eine Domina und ihre Dienerin. »Was meinst du?« fragte Messalina nach kurzem Schweigen. »Ob Isäus sich Gedanken macht über meinen späten Weg?« »Nein, süße Gebieterin,« versicherte Fabulla. »Oder solltest du nicht bemerkt haben, daß ich mich bemühe, alle seine Gedanken auf mich zu lenken?« Messalina lachte. »Hat also doch endlich einer dein kühles Mädchenherz erwärmt?« »Die Wärme ist mehr auf seiner als auf meiner Seite,« erwiderte Fabulla schnippisch. »Ich bin verliebt in ihn, weil ich in dich verliebt bin, Herrin.« »Den Scherz verstehe ich nicht.« »Nicht?« kicherte die Vertraute. »Nur der Mann schweigt unverbrüchlich, der weiß, daß eine Liebe endet, wenn er schwatzt. Und das habe ich dem braven Jungen gründlich erläutert. Wir werden ihn und seine Verschwiegenheit wohl noch öfter nötig haben.« »Das glaube nur ja nicht!« beteuerte Messalina. »Mehr als dieses eine Stelldichein – auf keinen Fall.« »Herrin, wer das süße Gift gekostet hat – –« Sie schwieg altklug und weise. Eine Weile schritten sie wortlos weiter. Dann flüsterte Messalina: »Ich zittere vor Aufregung, Fabulla. Wie weit ist es noch bis zum Mausoleum des Augustus?« »Dort, Herrin, liegt es zwischen der flaminischen Straße und dem Tiberstrom,« gab die Sklavin Auskunft. »Sobald die Gärten des Lukullus näher an den Weg herantreten, müssen wir links abbiegen in einen von Platanen überwipfelten Pfad. Dann sehen wir es vor uns. Wir können uns nicht verirren, denn ich habe mich aufs genaueste bei Isäus erkundigt. Du hättest meinem Freunde ruhig vertrauen und dich bis an die Ruhestätte des vergöttlichten Kaisers tragen lassen sollen.« »Wo wirst du bleiben?« fragte Messalina bang. »Hör nur, wie mir das Herz tobt.« Fabulla berührte zutraulich den Arm der Gebieterin. »Heiße es schweigen, damit es nachher sein Glück auskosten kann! Ich werde eure Zwiesprache nicht stören, sondern irgendwo im Schatten des Gebäudes warten, bis du mich rufst.« Endlich bog Fabulla in einen Weg ein, der nach einer mit Gartenanlagen gezierten Terrasse führte. Dort erhob sich der Kuppelbau des Mausoleums. Vom letzten Schimmer der Abendröte umleuchtet, ragten wie Goldpfeiler zwei Obelisken unfern vom Eingange auf. Von einem der Obelisken löste sich eine Mannesgestalt und kam den Nahenden schnell entgegen. Kurz entschlossen trennte sich Fabulla von der Herrin, es ihr überlassend, sich mit der verfänglichen Situation zurechtzufinden. Dämmerlicht breitete sich über die stille Umgebung. Abendlicher Friede umraunte die Kronen der Ulmen, die wie ein riesenhafter rauschender Ehrenkranz die Grabstätte des ersten Kaisers umsäumten. Paris schlug die Kapuze seiner Lacerna zurück. »Sei gegrüßt, hohe Gebieterin,« sprach er mit wohltönender Stimme. »Drei Rosen brachten mir verheißungsvolle Botschaft.« Er verbeugte sich tief. Messalina betrachtete in befangenem Entzücken das schöne, edle, griechische Gesicht des Schauspielers, in dessen Augen die Freude an der Begegnung glänzte. »Ich danke dir, daß du gekommen bist,« stieß sie hervor in der Bescheidenheit der Liebe. »Ich habe zu danken, Domina, jetzt, da ich sehe, wer die schöne Spenderin der Rosen ist. Doch komm! Diese Stätte erinnert an den Tod. Wir aber suchen das Leben. Laß uns sie meiden und vertraue dich meiner Führung an, Domina. Nur wenige Minuten müssen wir zurückwandern, dann haben wir den Lustgarten erreicht, der vom Portikus der Vipsania umhegt ist. Dort umblühen zahllose Rosenbüsche kühle Marmorbänke. Dort verbergen grüne Laubengänge uns unberufenen Augen. Komm – stütze dich auf mich.« Ein Gefühl atemloser Erwartung durchrieselte Messalina, als Paris den Arm um sie legte und sie den Weg hinabgeleitete, der immer mehr verschwamm in der sich rasch vertiefenden Dunkelheit. Im ersten Augenblicke war noch ein Sträuben und ein Trotzen in ihr. Sie wollte sich von dem Mimen lösen. Doch der gelinde Zwang des Männerkörpers, der sich dicht an den ihren schmiegte, nahm ihr den Willen und die Kraft. Nach kurzem Erschrecken fügte sie sich ohne Widerstand. Sie ließ es sich gefallen, daß Paris einen Teil seines weitbauschigen Mantels um sie breitete, und schritt, Hüfte an Hüfte, mit dem Manne verbunden, dahin. Der Mond, vor wenigen Minuten noch ein blaß flimmernder Silberschild, gewann an Glanz und ward zur weiß leuchtenden Scheibe. Dunkel huschten die vereinten Schatten des Paares auf den breiten Lavaplatten der Straße. Fabulla hatte von fern die Begegnung beobachtet und folgte in weitem Abstande. Als Paris und Messalina die Säulenhalle am Eingang zu dem Lustgarten durchschritten hatten, ließ die Getreue sich auf einer Bank nieder. Hier wollte sie in Geduld der Rückkehr der Herrin warten. Der Weg aus den Gärten heraus führte nur durch den Portikus, durch den man die Anlagen betrat. Der weitläufige Park war umhegt von einer über mannshohen, zur lebendigen grünen Mauer gestutzten, undurchdringlichen Taxushecke. Noch immer wortlos durchwanderte das Paar die in Dunkel gehüllten Platanengänge und Lorbeerlaubungen. Manchmal leuchtete eine helle Marmorgestalt auf in einer Myrtennische. Oder eine aus Stein gemeißelte Bank lud zum Rasten. Doch stets, wenn Messalina und Paris sich dem Sitze näherten, gebot scherzend eine Mannesstimme den Nahenden Halt. Bisweilen auch kündete der leise gurrende Aufschrei eines Mädchens, daß die Stätte bereits ihre Insassen gefunden hatte. Nachdem sie einen kleinen Syringenhain durchquert hatten, gelangten sie in die letzte Tiefe der Gärten. Und hier endlich fand sich ein Obdach. Mehr durch Zufall entdeckte Paris einen kaum schulterbreiten Pfad, der wohl mit Absicht so verborgen angelegt war. Als sie sich zwischen den Büschen hindurchdrängten, kamen sie auf einen Rundplatz, den eng beieinander stehende Lebenseichen umwipfelten. Hierher drang kein Laut außer dem Raunen und murmelnden Plätschern der überall in dem Parke springenden Fontänen. Ein breites Sigma, halbmondförmig gerundet, forderte zur Rast. Denn unaufmerksame Sklaven einer reichen Domina hatten auf dem Steinsofa einen Teppich vergessen. Er duftete noch nach den Wohlgerüchen und Essenzen aus den Gewändern der Schönen, die hier den milden Nachmittag ruhend verbracht hatte, lesend oder mit einem Freunde plaudernd. Jetzt sprach Paris das erste Wort. »Du wirst müde sein, schöne Herrin,« flüsterte er. »Die Wanderung war beschwerlich für dich, die du an die weichen Kissen deiner Lektika gewöhnt bist. Bette dich bequem hier auf diesem Lager.« Er entledigte sich seines Flauschmantels und rollte ihn zum Polster, mit zarter Fürsorge aus dem Teppich und der zusammengewickelten Lacerna eine behagliche Liegestatt für Messalina bereitend. Stumm, mit pochendem Herzen, duldete sie sein aufmerksames Betreuen und wehrte ihm nicht, als er leidenschaftliche Küsse auf ihre Knöchel drückte, bevor er die Zipfel des Teppichs über ihre Füße breitete. Dann nahm er nach kurzem Zögern selbst Platz auf dem Sigma, indem er sich dort niedersetzte, wo ihr anmutig im Liegen gebogener Körper einen kleinen Raum auf dem Steinsofa freigelassen hatte. Messalina schloß die Augen. Ein Traum war Wirklichkeit geworden. Oft in diesen Tagen der Sehnsucht nach dem Manne, der von der Bühne herab die Fackel in ihr Gemüt geschleudert, hatte sie diese Szene geschaut, die nun der stille, nächtliche Hain umschloß. Da wallte die aufgestaute Zärtlichkeit und das Verlangen nach Hingabe in ihr auf. Ihr Herz stockte. Sie schmiegte sich enger an Paris und befreite sacht ihren linken Arm aus der sie umhüllenden Lacerna, ihn um die Schultern des Mannes zu legen. Paris neigte seine Wange auf die Hand, deren fiebriges Zittern er auf seiner Achsel spürte. So verbrachten sie schweigend innige Augenblicke. Endlich unterbrach Paris die Stille. »Verzeih mir, Herrin, wenn ich wie ein verschüchterter Knabe kein Wort der Unterhaltung finde. Aber – und du mußt mir das Geständnis nicht verübeln! – als mich Pollio Valerianus zu der Begegnung überredete, ging ich darauf ein in dem Glauben, wie so oft, für eine abenteuerlustige Römerin die Rolle des fügsamen Galans zu spielen. Ein Mime! Er gehört allen!« stieß er hart hervor. »Doch dein mädchenhaft scheues, zart zutrauliches Benehmen entwaffnet mich. Die alltäglichen Mätzchen versagen vor deiner Lieblichkeit. Der Komödiant schweigt. Was ich sonst als eine Art Rolle spielen muß, erscheint mir dir gegenüber abgeschmackter Frevel. Sage mir eins: ist dies dein erstes Stelldichein?« Sie neigte wortlos zustimmend das Haupt. Da fuhr er fort: »Völlig unbekannt bist du mir nicht. Es gibt in Rom genügend Lästermäuler. – Man erzählt von deiner Ehe –« Messalina machte eine ungeduldige Bewegung. »Laß uns von allem schweigen, was außerhalb dieser schönen Stunde liegt!« »Du hast recht,« lenkte er ein, sich seiner unbedachten Taktlosigkeit schämend. »Ich will dir lieber erzählen, daß ich dich unlängst bei dem Essenzenhändler Niceros bewunderte, wo du arabische Wohlgerüche aussuchtest.« »Und was dachtest du von mir?« Er beugte sich ihrem Gesichte näher, als suche er in dem Halbdunkel des Mondlichts das Rätsel ihrer Züge zu lösen. »Ich dachte, du seiest eine begehrenswerte Frau,« raunte er mit belegter Stimme. »Denkst du das auch heute nacht!?« »Wenn du gebietest, Herrin ...« Enttäuscht stieß sie ihn zurück. »Ich gebiete nichts,« sagte sie schroff, »was dir dein Herz nicht gebietet!« Sie riß ihren Arm von seinem Nacken und zog den weichen Teppich fester um sich, eine Schranke zwischen sich und dem Manne zu errichten. »Verzeih mir!« rief er betroffen. »Verzeih einem Manne, dessen Beruf es ist, den Frauen zu gefallen. Der oft einen Ekel vor sich empfindet und nicht die Kraft hat, sich zu versagen – aus Angst um seinen Erfolg. Aber dich – dich liebe ich.« Er sagte es so weich und traurig, so echt und bezwingend, daß sie unter den Worten erschauerte. Er nahm ihre Hand und preßte die Lippen auf ihren heftig schlagenden Puls. Sie lag unbeweglich mit geschlossenen Augen. Ihre Sehnsucht nach Güte, nach Kraft strömte dem Manne entgegen, dessen Körper sie dicht an dem ihren fühlte. Sie dachte an die grausige, wilde Gewalt, die Caligula ihr angetan hatte. In ihr war halb schmerzliche Furcht, halb verlangende Hoffnung. Sie erwartete etwas anderes, Wunderbares, Beseeligendes, ihre verlangenden Sinne Einlullendes. Sie wünschte, Paris würde ihr etwas antun, das sie überraschte und beglückte, ihr den Atem raubte, das Bewußtsein nahm. Sie bangte vor unbekannten Wonnen und einem süßen Taumel, den sie verängstigt erwartete. Paris war erfahren im Umgange mit den vornehmen Frauen Roms, zu deren Mode es gehörte, einem hübschen Schauspieler nachzustellen und verstohlene Zusammenkünfte mit ihm zu pflegen. Davon wußten selbst die Arenafechter und Zirkuskutscher. Aber dieser seltsam zutraulichen und dabei doch keuschen jugendlichen Frau gegenüber versagte seine Routine. Er fühlte sich unsicher und wußte nicht, was von ihm verlangt wurde. Sollte er nur den Reiz des Verbotenen erfüllen und der mädchenhaften Neugier einer Domina gerecht werden, die auch einmal vor ihren Freundinnen mit einem geheimnisvollen, ungefährlichen Abenteuer prahlen wollte? Die Phrasen, die er gesprochen hatte, waren nichts als eine andere Art Schauspielerei. In Wahrheit war Messalina ihm nichts als eine vornehme Dame, die sein Mannestum begehrte. Eine etwas kompliziertere Natur, die etwas gemütvoller genommen sein wollte. Schließlich hatte jede ihre Launen und Ansprüche und spielte ihr Theater, bis es zum Wesentlichen der Dinge kam. Nach kurzem Überlegen begann er: »Als ich dich zum erstenmal sah, dachte ich, du müßtest ein heißes Herz haben. Es lag etwas Sinnliches in der Art, wie du den Duft der verschiedenen Parfüms prüftest und wie du wollüstig den Geruch einer Essenz einatmetest, die seltsamerweise gerade von den – verzeihe mir, Freundin! – käuflichen Mädchen Roms bevorzugt wird. Dann aber beobachtete ich, was du tatest, als dich die zudringlichen Blicke eines geckenhaften Laffen musterten. Du zogst verhüllend die Stola eng um dich. Auch nicht die kleinste Spur deiner Formen ließ sich mehr erkennen. Das machte dich in meinen Augen zu einer Kostbarkeit. Denn die Tugend der römischen Frauen ist so rar wie ein wirklich fehlerloser und untadelhaft geschliffener Edelstein. Warum verschmähst du, deine Schönheit nach der Art vornehmer Damen in der verräterischen Seide der Insel Kos zu zeigen? In eurem Rom ist Schönheit doch nicht mehr persönliches Eigentum, sondern Allgemeingut. Und ich als schönheitsdurstiger Hellene muß gestehen, daß diese Sitte ihre Vorzüge hat. Was die Gottheit verlieh, damit es bewundert werde, sollte sich dem Blicke nicht entziehen.« »Man kann doch nicht jedem Manne zeigen, was die Gottheit uns gnadenvoll gewährte!« »Sondern –?« »Nur dem Manne, den man liebt und von dem man weiß, daß er uns liebt.« »Und wenn ich dir sage, daß ich dich liebe?« Die vielen banalen Worte hatten sie, die Wunder erharrte, ernüchtert. Doch als er sich jetzt tief über sie beugte, den rechten Arm unter den Teppich schlüpfen ließ und sie umfaßte, sah sie nur seine Schönheit, fühlte sie nur den Mann. Sie erschauerte. Willig gab sie sich der Umschlingung hin, wie schutzheischend sich näher an ihn schmiegend. Doch in nachzitternder Enttäuschung hauchte sie: »Du liebst mich nicht. Ich bin dir so fremd wie du mir.« »Fremd?« rief er lächelnd, »wie könnten wir uns fremd sein! Meine Seele muß in der deinen widerklingen, da deine Seele die meine lockend ruft. Leugnest du?« Es war eine sehr schwierige Dame! Fast bereute er, daß er den Auftrag des Buchhändlers übernommen hatte. »Nein, nein!« entgegnete sie gequält. »Vergib mir! Ich war eine Tote. Die Furchtbarkeit der Erniedrigung und die Einsamkeit haben mich scheu gemacht.« Sie warf sich gegen ihn. »Ich will leben, leben!« Es war ein verzweifelter, leidenschaftlicher, ungestümer Ausbruch. »So lebe doch, Messalina!« ermutigte er sanft. »Laß mich dich zum Leben erwecken.« Er zog sie an sich. Kaum spürte sie seine zugreifende Gewalt, da warf sie aufschluchzend beide Arme um seinen Nacken, preßte den Mund auf seine Lippen und trank in hemmungsloser Gier seine Küsse. So ruhten sie Brust an Brust lange und schweigend. Ihn entflammte das hilflose Begehren, das der junge, mädchenhafte Körper auf ihn überstrahlte. »Du Geliebte, Herrliche,« flüsterte er, wie er es oft schon geflüstert hatte, als sie ihn endlich in süßseliger Müdigkeit freigab; »wie beglückst du mich!« Er streichelte ihre glühenden Wangen, strich über ihre Brauen und Lider und berührte in zärtlicher Spielerei ihre Lippen. »Liebst du mich?« fragte sie die uralte Frage aller hingebenden Frauen. »Weit hinaus über diese Stunde des Glückes!« beteuerte er. Und vielleicht glaubte er in diesem dankbaren Augenblicke selbst an die Wahrheit seiner Worte. Da umschlang sie ihn von neuem, sinnlose Zärtlichkeiten stammelnd, überwältigt von dem Wunsche, ihm zu zeigen, wie glücklich sie sei durch seine Liebe. »Höre mich geduldig an, denn ich muß dir von mir erzählen,« bat sie endlich, als sie, durch liebkosende Worte von ihm beruhigt, in seinen Armen ruhte. »Oft in den letzten Monaten habe ich im geheimen die Götter angefleht, mir zu künden, welches der Sinn des Lebens sei. Die Götter schwiegen, so laut und angstvoll mein Herz auch schrie. Aus diesem Schweigen aber entnahm ich eines: Wenn die Olympischen nur tote Sinnbilder sind, die wir Menschen uns errichteten, dann ist lebendig nur das Leben. Ich bin lange tot gewesen in der Grabeskammer, die mir das Haus des Claudius geworden ist. Aber endlich fand ich den Mut und die Kraft, wieder eine Lebende zu werden. Doch mit dem Gefühl, du lebst! kam auch der Wunsch: nun lebe! Aber was muß man tun, um zu leben? Heißt das Leben, wenn man im Zirkus zusieht, wie Lebende verbluten, verbrennen, gekreuzigt oder von hohen Säulen gestürzt oder von den Bestien zerrissen werden? Das alles ist Tod! Verbluten ist Verblühen des Lebens. Unmöglich kann das der Sinn sein des Gebotes: lebe! Mein Wille zum Leben wurde immer gewaltiger. Da sah ich dich, du geliebter Mann, als den Eros, der in der Quellennymphe Ais durch den ersten Kuß das träge fliehende Blut zum Brausen peitscht. Bis sie nur noch die eine Sehnsucht kennt, die auch mich erfüllt!« Paris hatte in peinlichem Staunen diesem Ergusse zugehört. Er war ein gewandter Schauspieler, doch kein Mann von Geist. Es bedrückte ihn, daß diese Frau offenbar mehr als Liebesgetändel von ihm erwartete, mehr als die andern Weiber, die seiner gefälligen Jugend nachstellten. Ihre Bedürfnisse hatte er bislang ohne jede geistige Bemühung befriedigt. Der Buchhändler Pollio Valerianus hatte ihm diese Messalina nur als eine darbende Frau geschildert. Hier aber wurde anscheinend ernsthafte Liebe gefordert. Er suchte sich über seine Gefühle für das heißblütige, junge Weib klar zu werden. Nun ja, sie gefiel ihm gut, sehr gut. Ein herrliches Geschöpf als Weib. Aber geistige Strapazen liebte er nicht. Diese anspruchsvollen Superklugen schätzte er wenig. Da sprach sie wieder. »Hab Geduld mit mir, du Liebster. Ich sandte dir drei aufgeblühte Rosen. Die opferte ich dem Eros der Bühne. Dir aber, dem Manne, der mich beglückt, bringe ich mich selbst dar. Die Rosen sind dir entfallen und liegen nun welkend dort in dem Mondstreif. Mögen sie vergehen! Es gibt deren mehr. Ich aber, ich bin nur einmal – und ich blühe dir entgegen. Küsse mich!« Ihre ungezügelte Sinnlichkeit entflammte ihn. Er, der weder je ernstlich geliebt hatte, noch wirklich geliebt worden war, fühlte sich berauscht und hingerissen von der Naturgewalt ihrer Hingabe. Er vergaß alle Bedenken und sah nur das entflammte Weib, das in seinen Armen verging. – Als tief in der Nacht Fabulla der Herrin beim Entkleiden im Cubiculum half, sagte sie mit einem Blick auf die das Schlafgemach mild erhellende Ampel aus äthiopischem Marmor: »Es ist nicht das einzige Licht, das zu dieser späten Vigilie noch im Hause brennt, Domina. Auch dein Gatte wacht noch. Soll ich ihm Bescheid sagen lassen, daß du zur Ruhe gegangen bist, damit er dich nicht stört?« »Er liest von der Sehnsucht der Minervapriesterin Augé, die nicht vergessen kann, daß sie glücklich war,« erwiderte Messalina mit einem schmerzlich müden Lächeln. »Laß ihn in Frieden!« Sie ließ sich auf das Lager nieder und duldete wie ein müdes Kind, daß die getreue, flinkhändige Fabulla sie mütterlich sorgsam in Decken hüllte. »Lösche die Ampel,« bat sie. »Ich will schlafen und – träumen!« Kurz darauf verriet ihr regelmäßiger Atem, daß sie entschlummert war. Leise breitete Fabulla ein Bärenfell aus Rhaetia vor das Bett der Domina hin, um im Halbschlaf wachend die Ruhe der Herrin zu behüten. Einmal schreckten Schritte im Cavädium sie auf. Sie lauschte und machte sich bereit, wenn etwa Claudius käme, ihm den Zutritt zum Schlafgemach der Gattin zu verwehren. Doch der schlürfende Schritt des Alten entfernte sich. Der Stubenhocker Claudius begab sich nach seinem eigenen Cubiculum, nachdem er, Stunden um Stunden alles um sich her vergessend, mit eisernem Fleiße einen Berg von Wachstafeln mit Notizen bedeckt hatte, um sich auf den Besuch des Tragöden Paris und die Rezitation der Elegie vollkommen vorzubereiten. Um die sechste Stunde nach Sonnenaufgang des folgenden Tages fand Paris sich ein, vom Hausherrn mit überschwenglicher Freude begrüßt. Nicht ohne Stolz stellte er den Besucher seiner schönen Gattin vor. Keine Bewegung, kein Blick verriet, daß sie einander kannten. Der getroffenen Abrede gemäß, sollte Messalina nur diesem ersten Besuche des Geliebten beiwohnen, nachher aber sich teilnahmlos fernhalten, um jeden Verdacht und Schein zu vermeiden. Mit geschlossenen Augen lauschte Messalina der Deklamation. Sie ließ sich umschweben von der klaren, schönen, metallischen Stimme, die den holperigen Versen Musik und Klang verlieh und sich zur süß singenden Melodie steigerte, als der Dichter den Abschied des Herkules nach der ersten Begegnung mit Augé malte. »Selige Nächte vergehen, doch auch der Tag muß ja enden, daß uns die Nacht kehrt zurück.« Also sprach Augé zum Gatten. »Wenn dann, geliebtester Mann, wieder dein Arm mich umfesselt, bin ich aufs neu, wer ich war, als du zuerst mich beglücktest.« Doch er schloß küssend den Mund ihr, flüsternd: »Du Liebste, allnächtlich such' ich den Weg zum Altare, wo du die Gottheit des Glücks bist!« Da die Worte des Herkules genau der Verabredung entsprachen, die Messalina und Paris für ihre Zusammenkünfte getroffen hatten, so hatte der Künstler die Stelle mit besonderem Feuer vorgetragen. Da sagte Claudius: »In diesen Versen steckt der Kern zu meiner Tragödie! Denn Herkules verläßt die arme Augé, und sie wird sehr unglücklich.« Ein erschrockener Blick Messalinas flüchtete zu dem Geliebten hinüber. Doch er stand mit einem siegreichen Lächeln auf den Lippen, die schöne, stolze Gestalt hochausgerichtet. Kaum merklich schüttelte er den Kopf. In diesem stummen Verneinen lag ein heiliges Versprechen. – 10 Das Drama war vollendet. Ein Gastmahl sollte das Werk feiern. Paris war auserkoren, es den Gästen zu deklamieren. Claudius hatte den Kaiser persönlich geladen. Doch Caligula lachte ihn ohne Erbarmen aus. »Deine Verse anhören! Nein, bester Claudius. Diese Marter kannst du mir ohne Majestätsbeleidigung nicht zumuten. Ich werde dir den Tribunen meiner Leibwache schicken, den alten Haudegen Cassius Chärea. Der hat in Germanien gekämpft und ist an das Geheul der Barbaren gewöhnt.« Sehr betreten verließ der Dichter den Kaiser. Als Paris kurz vor dem Tage des Festes in der Villa des Claudius erschien, die letzten Vorkehrungen zu besprechen, traf er den Dichter nicht daheim. Kühn ließ er sich der Herrin melden. Ihrer Verabredung entsprechend, hatten Messalina und Paris bei Begegnungen im Hause fremd und gleichgültig getan. Es war bis dahin höchst selten erforderlich geworden. Denn Messalina hielt sich streng in ihren Gemächern zurück, wenn Paris bei Claudius weilte. Als sie nun nach ekstatischen Nächten zum erstenmal wieder im Tageslichte unverhofft dem Geliebten gegenüberstand, überwältigte das Glück des Wiedersehens die sinnenfrohe Domitierin. Sie umklammerte den verwegenen Mann, bereit, seine Küsse zu empfangen. Doch Paris blieb besonnen. Er deutete mit warnendem Blick auf die durch einen leichten Vorhang verschlossene Tür. »Fabulla ist im Vorgemach,« flüsterte Messalina. »Sie wacht wie eine Löwin über uns; wenn ich ihr sage, daß ich keine Störung wünsche.« Sie huschte hinaus und wies die Getreue an, niemand vorzulassen. Fabulla begab sich vor den Ausgang. Keine Miene in ihrem derb-hübschen Gesicht veränderte sich. Sie fronte sich des Glückes, das über die seit ihrer Vermählung so starre, stolze und stille Herrin gekommen war. Messalina setzte sich auf einen hochlehnigen Sessel und bettete das Haupt des ihr zu Füßen knienden geliebten Mannes in ihren Schoß. Sie streichelte sein duftendes Haar und trank bebend vor Lust mit geschlossenen Augen seine leidenschaftlichen Worte. Dann erzählte Paris: »Ich habe nun eine Stätte entdeckt, an der wir uns auch bei Tage treffen können, ohne – wie in den Gärten des Agrippa – ständig in der Furcht zu leben, daß man uns entdeckt oder überrascht.« Beglückt über seine Fürsorge, beugte Messalina sich zu ihm nieder und dankte ihm mit verlangenden Küssen. »In der Subura weiß ich ein Haus,« sprach er weiter. »Besuche einzelner Damen sind dort nichts Auffälliges. Niemand in der Nachbarschaft findet Erstaunliches dabei, wenn einer Lektika eine verhüllte vornehme Römerin entsteigt.« »Wann wollen wir uns dort treffen?« fragte sie schweratmend, in dem Vorgefühle eines vollkommen ungestörten Glückes nach den angstvollen Zusammenkünften im Freien. »Wäre dir morgen die achte Stunde recht?« »Ich komme,« versprach sie, sich eng an ihn schmiegend. »Wohin muß ich mich tragen lassen?« »Sind die Sänftenträger und ihr Aufseher dir ergeben?« »Ohne Sorge – Fabulla hat ihre Treue gewonnen.« »So gib das Haus der Mutter Rubria als Ziel an. Ich erwarte dich dort.« »Mutter Rubria?« stieß Messalina erschrocken hervor. Sie entsann sich jener dicken, geschminkten, mit billigem Zierat behangenen Kupplerin, die in der Nacht nach dem Gastmahl auf dem Palatin sie eingeladen hatte, sich ihrer Verschwiegenheit zu bedienen. »Warum erschreckt dich der Name, Liebste?« forschte Paris erstaunt. »Es ist ein Dirnenhaus,« sagte sie. »O nein,« versicherte er, verwundert über ihre Kenntnis. »Mutter Rubria weiß auch vornehme Gäste zu empfangen. Und dann, du süße Freundin, ist dem verstohlenen Glücke nicht jedes verschwiegene Nest recht, in dem es sich verbergen kann?« Sie schwieg beklommen, ehe sie zustimmte: »Ich komme.« Plötzlich tönten draußen Stimmen, dann Schreie. Paris sprang empor. Da riß Agrippina auch schon den Vorhang zur Seite und betrat das Gemach. Während die Eindringende mit ihrem herrisch kühlen Lächeln das Paar musterte, verabschiedete Paris sich mit verbindlicher Höflichkeit von der Hausherrin, seinem Dank für die Einladung zum Feste gewandte Worte verleihend. Dann verbeugte er sich gegen Agrippina, die hochmütig seinen Gruß übersah, und verließ den Raum. Draußen fand er Fabulla erstickt schluchzend. Ihr Rücken und die Schultern zeigten die blutigen Spuren der Stachelpeitsche zum ersten Male wieder seit langer, langer Zeit. Domina Agrippina verstand zu züchtigen. Mitleidig streichelte er das tränenüberströmte Gesicht der Ärmsten und entfernte sich schweren Herzens aus dem Hause. Verächtlich warf Agrippina die Stachelpeitsche vor die Füße Messalinas, die schuldbewußt und verlegen in dem Sessel lehnte. »Deine Sklavinnen sind schlecht erzogen,« höhnte Agrippina. »Verwehrte dir eine der meinen den Zutritt zu mir, ich würde sie ohne Besinnen töten.« »Fabulla gehorchte meinem Befehl,« entschuldigte Messalina das Vergehen des Mädchens. Da trat Agrippina dicht an sie heran. »Claudius wird der treuen Wächterin gewiß dankbar sein,« lächelte sie ironisch. »Wie konntest du dich an diesen eitlen Komödianten verschenken, der bald mit seiner Eroberung durch ganz Rom prahlen wird!« sagte sie ernst werdend, die treubesorgte Freundin spielend. Messalina sah verklärt auf zu der großen, stattlichen Frau. »Nie wird Paris mich verraten!« rief sie verzückt. »Wir wollen es hoffen,« sagte Agrippina skeptisch. Dann wandte sie sich ab, die Freude ihres Triumphes zu verbergen. Endlich war es ihr gelungen, sich Gewißheit zu verschaffen. Lange schon hatte sie mit argem Fraueninstinkte Messalinas Treubruch gewittert. Alle Versuche, sie zu überraschen, waren bisher fehlgeschlagen. Jetzt endlich hielt sie die Rivalin in der Hand. Zu gegebener Zeit würde sie den Streich gegen sie führen. – Nach glückerfüllten Tagen im Hause der Mutter Rubria fiel ein Tropfen Wermut in den Freudenbecher ihrer Liebe. Es war am Tage des Gastmahles zu Ehren der Dichtung des Claudius. Als schon die ersten Gäste das Peristyl betraten, kam Claudius aufgeregt zu Messalina gewatschelt und berichtete ihr schreckgelähmt, Caligula hätte plötzlich den Tragöden Paris von der Bühne weg verhaften lassen, weil der Künstler heute in seiner Rolle Worte gesprochen habe, in denen der Cäsar eine auf ihn gemünzte Anzüglichkeit gehört habe. Sie hatte den Geliebten seit gestern nicht gesehen, wußte daher seit vierundzwanzig Stunden nichts von ihm. In Todesblässe taumelnd, hörte sie den Bericht. »Wie lieb von dir, daß auch dich die Nachricht erschüttert,« lobte Claudius. »Es wäre gewiß schöner gewesen, wenn Paris meinem Drama Leben verliehen hätte. Doch tröste dich, Liebe. Ich werde es selbst vorlesen und, vertraue mir, nicht eben schlecht!« Geifernd und mit dem Kopfe wackelnd, begrüßte er zerstreut seine Gäste. Messalina stand steif und fassungslos, während Agrippina mit der Miene einer herrschenden Kaiserin die stummen Huldigungen entgegennahm, die der Herrin des Hauses gehörten. Dem Abgesandten des Kaisers hatte Claudius den Ehrenplatz neben der Gattin eingeräumt. Cassius Chärea versuchte ritterlich die Hausherrin zu unterhalten. Doch in der vernichtenden Angst um das Geschick des Geliebten lag Messalina betäubt, keines klaren Gedankens mächtig, neben dem Tribunen. Da ließen die starren Antworten der vor Sorge Zitternden schließlich auch den alten Soldaten erstaunt verstummen. Die Langeweile schlich um die wenigen Triklinien. Agrippina spielte meisterhaft die Rolle der bedrückten Vereinsamten. Sie sah in dem biederen Chärea nur einen Späher des Tyrannen. Claudius aber befaßte sich ausschließlich mit den Gerichten, sich auf die Strapaze der Vorlesung vorzubereiten. Messalina wartete vergeblich auf die Rückkehr Fabullas, die sie heimlich ausgesandt hatte, über das Schicksal des Geliebten Nachricht zu erlangen. Die zehrende Ungeduld erpreßte ihr ein leises, kaum hörbares Stöhnen. Zwischen den verbissenen Zähnen brach ihr Zorn gegen den Kaiser hervor in den Worten: »O – dieser Cäsar!« Lange war ihr Haß gegen Caligula in dem Rausche ihrer jungen Liebe versunken. Jetzt, da der Schänder ihres Frauentums nach ihrem Heiligsten und Teuersten griff, erwachten die vergessenen Schwüre und fanatischen Mordgelüste und suchten Worte und Äußerung. Chärea horchte auf. Beständig auf der Suche, die Zahl seiner Mitverschworenen zu vermehren, stets bemüht, die Schlinge um den Princeps enger und enger zu schließen, nahm er jede Gelegenheit wahr, neue Anhänger zu gewinnen. Der kaum hörbare Seufzer seiner Lagergenossin ließ ihn verblüfft auflauschen. »Auch du scheinst keine Freundin des Imperators, Domina,« flüsterte er ihr nach kurzem Erwägen zu. Das wilde Aufflammen in den dunklen Augen Messalinas ermutigte ihn. »Es ist vier Monate her, seit ich dich zuletzt sah – damals, auf einem Gastmahl im kaiserlichen Palast. Seitdem ging ein sonderbares Gerücht um über eine Freundschaft zwischen dir und dem Cäsar. Ist aus dieser Freundschaft nun Feindschaft geworden?« »Es war Feindschaft von Anbeginn,« gab Messalina leise erregt zurück. »Man kann Feindschaft still im Herzen tragen, ohne den Mut zu finden, sie durch die Tat zu beweisen,« versuchte der Tribun vorsichtig. Messalina sah ihn forschend an. Sie besaß gesunde Auffassungsgabe genug, um aus den wenigen Worten Chäreas herauszuhören, daß hier ein Hasser des Kaisers sie zu gewinnen oder zu prüfen suchte. So sagte sie denn leise: »Verlangst du von einem Weibe die Tat, da selbst dir, dem Manne, der Mut zum Handeln fehlt?« »Vielleicht weniger der Mut als die Gelegenheit,« murrte der Alte. Sie lachte hitzig und überlegen: »Die Gelegenheit? Sie sollte dem Manne fehlen, der so viele Stunden des Tages dem Tyrannen nahe ist?!« Chäreas Gesicht verfinsterte sich bei diesem Vorwurf. »Caligula ist mißtrauisch geworden bis zum äußersten,« versicherte er. »Stets umgibt er sich mit seinen Kreaturen. Ein noch so unmerklich versuchter Griff nach der Waffe würde sofort entdeckt werden. Der Verschwörungen sind schon zu viele entlarvt. Wenn diesmal der Streich fällt, so muß er Blitz und Schlag zugleich sein.« Plötzlich besann der alte Soldat sich. »Bei den Göttern!« stieß er knurrend hervor. »Entlockst du mir hier Geheimnisse?« Er sah drohend und gefährlich auf Messalina. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. »Unbesorgt,« beruhigte sie. »Du sprichst mit einer, die den Tod des Kaisers schon lange ersehnt. Seit heute habe ich neuen Anlaß, den Bluthund zu vernichten. Nur sein Tod kann einen Menschen retten, den ich liebe.« Ein Seitenblick Chäreas streifte den eifrig kauenden, ganz der Wonne seiner Gefräßigkeit hingegebenen Claudius. Der Tribun verstand die jugendliche Gattin des kaiserlichen Oheims. Er, wie alle, wußte, daß nur ein Machtspruch des Cäsars sie an die Seite eines Mannes gefesselt hatte, der nicht gerade wie der Hüter eines Eheglückes aussah. Er erkannte die Verzweiflung und die Angst in den Zügen Messalinas, deren Augen gespannt den Eingang des Saales umtasteten. Da entstand bei der Tür eine Bewegung. Messalina richtete sich eilig auf. Doch nicht Fabulla betrat den Raum, sondern ein Centurio der Leibwache. Chärea erkannte, daß dieser Mann nicht zu seinen geheimen Freunden zählte. Mit der Anmaßung jener Prätorianer, die dem Kaiser ebenso ergeben waren, wie sie von ihrem Gebieter verwöhnt wurden, schritt der Centurio waffenklirrend dem Lektikus des Tribunen zu, ohne wegen seines störenden Erscheinens um Entschuldigung zu bitten. Empört über dieses, jeden geheiligten Brauch verhöhnende Auftreten erhoben die Gäste sich von ihren Triklinien. »Der Cäsar läßt den Tribun Cassius Chärea fragen, wie lange er noch seine Pflicht versäumen will,« rief der Centurio mit lauter Stimme. Chärea durchbohrte den dreisten Untergebenen mit einem Blick gereizten Grimmes. »Welche Pflicht?« fragte er barsch. »Muß ich dich über deine Pflichten belehren?« entgegnete der Centurio frech. Der Tribun beherrschte sich mit aller Gewalt. Er wußte, daß dieser Mann ohne einen Befehl des Kaisers nicht wagen würde, sich so unverschämt beleidigend zu gebärden. Mehr noch als ehedem versuchte Caligula in letzter Zeit, den ihm nicht genehmen Befehlshaber seiner Garde zu kränken, den er nur deshalb nicht von seinem Posten zu entfernen wagte, weil die Mehrzahl der Soldaten ihrem alten Truppenführer aus den Kriegen in Germanien anhing. »Der Kaiser hat wohl übersehen, daß er mich beurlaubt hat,« sagte Chärea ruhig. »Um welchen Dienst handelt es sich?« Der Centurio warf auflachend den Kopf in den Nacken. »Ich bin nicht beauftragt, dir lange Erläuterungen zu geben. Doch um deinen hohen wahren und deiner greisenhaften Vergeßlichkeit gefällig zu sein, sei dir gesagt, daß es dem Kaiser beliebt, das Amphitheater zu besuchen. Vielleicht bemühst du deine Faulheit dorthin, um den Befehl über die diensttuende Leibwache zu übernehmen.« Mit einem wahren Wolfssprunge war der Tribun vom Speisebette herunter. Alle Muskeln seines runzligen Kriegergesichtes zuckten. Schwer legte er seine Hand auf die Schulter des ihm Unterstellten, den Unverschämten mit hartem Griffe zu sich wendend. »Sage mir eines, Mann,« donnerte er, ohne den Griff zu lockern, »sprichst du aus eigener Entschließung in diesem Tone mit mir oder wiederholst du als feiler Schuft nur dir befohlene Beleidigungen?« Der Centurio mußte des Schutzes seines Herrn oder der bevorstehenden Absetzung des Tribunen sehr sicher sein, da er mit einem derben Faustschlage die ihn haltende Hand fortschleuderte. »Hand weg, Chärea!« befahl er. Es war sein letztes Wort. Als springe nur ein Fünkchen von der Rechten des Tribunen auf das Haupt des Centurio über, blitzte eine kleine Klinge. Mit durchstoßener Kehle sank der Mann zusammen und verröchelte. Man war in Rom an den Tod gewöhnt, fast mehr noch als an das Leben, das man gerade deshalb in um so gierigeren Zügen zu schlürfen suchte. Die zornige Augenblickstat Chäreas war kein erschütterndes Ereignis. Diener trugen den Leichnam hinaus. Die Gäste standen in Gruppen und flüsterten. Nur der furchtschlotternde Claudius lief händeringend von einem zum andern und beschwor seine Gäste, Chärea zu bewegen, sich schleunigst ins Theater zu begeben, um den Zorn Caligulas nicht zum äußersten zu treiben. In finsterer Wut stand Cassius Chärea. Da spürte er eine leichte Berührung. Als er langsam und schwer das gesenkte Haupt erhob, sah er Messalina neben sich. »Es war nicht der Richtige, den du trafst,« flüsterte sie. »Wann wirst du den andern Streich führen?« »Es ist zu spät.« Auf den soeben durch die Tür entschwindenden Leichnam deutend, seufzte er: »Mit dem da habe ich einen Plan vernichtet, an dem ich so lange feilte und formte, bis es zu spät war.« »Und wenn ich dir jetzt die Gelegenheit verschaffe?« fragte Messalina mit blitzenden Augen. Er schüttelte trübe den Kopf und hob mit schwerfälliger Bewegung die bluttriefende Waffe, die er noch in der Hand hielt. »Wenn ich dir in dieser Stunde die Gelegenheit verschaffe?« drang Messalina von neuem und entschlossener in ihn. Mit festem Griff drückte sie seine bewaffnete Hand nieder. »Dann – ja,« murmelte der Tribun. »Gut,« sagte sie aufatmend. »Achte im Theater darauf, wenn der Kaiser sich allein oder mit geringer Begleitung von seinem Sitze entfernt.« »Es geht nicht,« erwiderte er, von neuem verzagend. »Ich kann jetzt nicht mehr das Theater betreten.« Sie verzweifelte fast über seine Schwerfälligkeit. Riß sich aber mit aller Gewalt zusammen. »Du hast doch gewiß einen Freund, den du rasch benachrichtigen kannst,« zischte sie ihm zu, die Finger in seinen Arm krallend. Nun nickte er und ging eilig hinaus. Die Gäste entfernten sich beklommen. Es war nicht gut, bei solchen Dingen Zeuge zu sein. Messalina begab sich in ihr Ankleidegemach, sich zu schmücken, falls sie doch noch dem Cäsar verführerisch gegenüberzutreten hatte. Fabulla war inzwischen zurückgekehrt. Sie konnte nur berichten, was sie den Schildwachen des mamertinischen Kerkers entlockt hatte: Paris war noch am Leben, seine Hinrichtung auf morgen festgesetzt. »Dann drängt die Zeit aufs höchste,« sagte kurz die junge Frau, deren Entschlußkraft überraschend mit den Gefahren wuchs. »Rasch eine Schreibtafel, Fabulla,« forderte sie. Während ihr goldener Griffel Zeichen in das Wachs ritzte, war ihr, als sehe sie wieder das Gorgonenhaupt jener Nacht. Die Stunde war gekommen, in der, wie sie sich geschworen hatte, der verrinnende Lebensstrom des verfluchtesten Menschen auf dem Erdkreise die Woge werden sollte, die sie emportrug. 11 Bedrückte Stimmung lastete auf den Menschen, die das in der nächsten Nähe des Palastes gelegene Amphitheater füllten. Man hatte sich daran gewöhnt, dort nur Aufführungen zu sehen, in denen die Liebe Triumphe feierte. Jede üppige Szene, jede der vielen blühenden, nackten Tänzerinnen hatte den Zuschauern die Parole der Zeit zugerufen: »Freuet euch! Nehmt das Dasein als Rausch und Wonne! Nur der Genuß macht das Leben lebenswert!« Und nun saßen die Gaffer gelangweilt vor dem finstern, traurigen Stücke, dessen Aufführung der Kaiser befohlen hatte, mißmutig, weil man ihnen beweisen wollte, wie rasch aus der lustigen atellanischen Komödie des Lebens die finstere Tragödie entstehen könne. Man schalt leise und heimlich auf den Cäsar. Was fiel ihm ein, seine Römer, die lachen und sich freuen wollten, heute zu Tränen zu rühren! Wenn man wenigstens Felix Bulba, den Räuber, wirklich kreuzigen wollte, wie man das schon einmal mit einem zum Tode Verurteilten in dem gleichen Stücke getan hatte! Dann wäre noch ein Spaß bei der Aufführung. Aber so – nur ein Schauspieler, der den edlen Banditen mimte, und den man nur mit Stricken an ein Theaterkreuz band! Wenn er auch noch so vortrefflich die Pein des Gemarterten spielte – noch so natürlich seine Schmerzensschreie brüllte – – im Zirkus sah man dergleichen viel besser. Denn die dort verblutenden Menschen bedurften keiner Kunst, ihr Entsetzen zu markieren, und das dort fließende Blut war wirklicher, echter warmer Lebenssaft, keine rote Tünche, mit der man hier diesen albernen Sterbenden anstrich, bis alle Weiber im Theater von Tränen überflossen ob dem Tode des edlen Räubers. Ja, der Cäsar – der hatte gut eine Tragödie befehlen! Er selbst blieb klüglich dem langweiligen Stücke fern! Vergeblich sah die murrende Menge mißlaunig nach der Tribüne. – Dort waren alle Sitze leer. Doch nein, jetzt kamen Kaiserliche. Ein raunendes Lachen flatterte durch die Sitzreihen. Es war nur der biedere Claudius, der in Begleitung einiger seiner Freunde angstvoll hastig hereingewankt kam, verworrener dreinsehend als je zuvor. Aber es war doch der drollige Claudius, den die meisten aus den Garküchen kannten, wo er seine gelehrten Vorträge zum besten gegeben hatte, ohne zu merken, daß man über ihn lachte. Jetzt gestikulierte er mit den unbeholfen schlenkernden Armen. Mit seinem verstrubbelten Graukopf sah er aus, als wäre er eben aus dem Bette geholt und gewaltsam in die Tragödie geschleppt worden. Wirklich schien er verschlafen. Denn scheinbar ohne zu entdecken, daß der Sessel des Cäsars leer war, begrüßte er den Stuhl untertänig, als erblicke er dort den kaiserlichen Neffen in Person. Und wo hatte er die schöne, junge Gattin gelassen, die ihn neuerdings so vortrefflich hörnte? Statt ihrer erschien Agrippina auf der Tribüne. »Seht nur, wie sie schon wieder herrisch und hochmütig und verächtlich auf uns blickt! Auf uns, die wir sie vor kaum drei Wochen, beladen mit der Aschenurne ihres Galans, in armseligem Trauergewande durch die Gassen Roms haben wanken sehen!« Viel später kam auch der Kaiser. Er gebot durch eine Gebärde, das Schauspiel nicht durch den üblichen Gruß zu unterbrechen. Vereinzelte Rufer verstummten rasch. Aha, er hatte sich heute der Tragödie entsprechend einfach und ernst gekleidet und nicht wie sonst mit weibischen Seidengewändern und klimpernden Zieraten behangen. Er blieb lange an der Brüstung stehen und sah mit geneigter Stirn und zusammengepreßten Lippen der Todesszene auf der Bühne zu. Eine seltsame Tragik strömte aus von der einsamen, hoch aufragenden Gestalt im Vordergrunde der kaiserlichen Tribüne. Jetzt zog er die dunkelfarbige Lacerna enger um sich, als fröstle ihn. Oder als wehten ihn die Schauer des Todes an, von der Bühne her, auf der finstere Gestalten mit feierlichen Gebärden den dumpfen Sprechgesang der Totenklage begleiteten. Der Cäsar strich in unsicherer Ergriffenheit über die Stirn. Dann schritt er wie ermüdet seinem Sessel zu. Schwer sank die plumpe Gestalt in die purpurseidenen Kissen. Er wandte sich um nach einem Herrn aus seiner Begleitung. Es war der Tribun Cornelius Sabinus, der Freund des Cassius Chärea. »Ich habe einen üblen Tag heute,« klagte der Kaiser. »Böse Träume – schlaflose Nacht – Beschwerden im ganzen Körper. Ich hätte nicht ins Theater gehen sollen.« Cornelius Sabinus hatte heimliche Botschaft von dem Freunde erhalten und hielt sich deshalb in der Nähe Caligulas, um, wenn alles versagen sollte, zur entschlossenen Handlung bereit zu sein. Er beugte sich vor und ergriff rasch die Gelegenheit. »Ist es nicht besser, du verläßt ohne Aufsehen das Theater, Herr.« Vielleicht trennte dieser Vorschlag den Kaiser von dem Gefolge. »Das Theater verlassen?« fragte der Imperator verwundert. »Vielleicht erfrischt dich ein Bad oder ein heißer Trank oder eine anreizende Speise?« »Ich habe heute noch keinen Bissen über die Lippen bringen können,« gab der Kaiser traurig und seufzend zurück. Er lehnte schwer und kraftlos in seinem Sessel. Plötzlich straffte er seine Glieder. »Ich bin heute wahrlich nicht die Gottheit, sondern der leidende Mensch Caligula,« murmelte er bitter, sich höher reckend. »Das Volk braucht das nicht zu merken. Du hast recht, Sabinus, ich werde das Theater verlassen.« Als er sich erhob, stand auch der Tribun auf, ebenso der etwas weiter entfernt sitzende Centurio Minucianus. Das fiel dem Kaiser auf. »Warum erhebt sich Minucianus – warum du?« fragte er mißtrauisch. »Wer dürfte außer deinen Verwandten sitzenbleiben, wenn du stehst?« bedeutete der Tribun, rasch gefaßt. »Und dann, Herr, du scheinst krank. Deine Leibwache verläßt ihren kranken Kaiser nicht!« Beruhigt nickte Caligula. »Aber – bleiben wir lieber sitzen, bis zu einem gelegeneren Augenblick. Man starrt von allen Plätzen zu uns herüber. Man soll meine Schwäche nicht gewahren. Vielleicht verscheucht auch der Verlauf des Stückes meine trübe Laune.« Enttäuscht fügte sich der Tribun. Caligula stützte einen Arm auf die Elfenbeinlehne des Sessels und legte die Stirn in die Handfläche. Er schwieg lange, hielt die Lider geschlossen und seufzte mehrmals tief und zitternd. »Schmerzen plagen mich,« stöhnte er endlich. »Ach, daß auch ein Gott leiden muß!« Er wandte sich abermals an Sabinus: »Sprich mit mir, damit mein erbärmlicher Zustand nicht auffällt.« Er schüttelte unter einem mitleiderregenden, verzerrten Lächeln den Kopf. »Wo bleibt Chärea?« fragte er plötzlich heftig. »Ich habe ihn herbefohlen!« Ein Struktor überhob den verlegenen Sabinus der Antwort. Er überreichte dem Kaiser eine Schreibtafel, die Caligula gleichgültig öffnete. Doch plötzlich ward der Herrscher ganz Leben. »Das ist, was mir Gesundheit und Laune zurückgeben wird,« frohlockte er. »Ich nehme diese Botschaft als gutes Omen. Eine Frau verlangt nach mir! Eros ruft! Liebe ist Glück. Ja, mein Bester,« prahlte er in jähem Umschwung seiner Stimmung, »ein Weib, das ich einmal beseligt habe, kann mich nie wieder vergessen. Da lies!« Mit einem spöttischen Blick auf Claudius reichte er dem Tribun die Schreibtafel. Cornelius Sabinus überflog die wenigen, in das rotleuchtende Wachs eingeritzten Zeichen. »Eine, die erst jetzt den Unterschied zwischen einem Gotte und einem Manne erkannt hat, ruft nach dir. Begnade sie noch einmal! Diesmal keine törichte, spröde Valeria, harrt sie im Palaste.« Der Tribun erkannte sofort das Signal zur Tat. Chärea hatte ihm alles gemeldet. Doch klug und gefaßt schüttelte er den Kopf, als verstehe er die Botschaft nicht. Der Kaiser lachte unterdrückt. »Du kannst den Sinn nur verstehen, wenn du den braven Claudius einsam auf seinem Platze thronen siehst,« flüsterte er heimlich. »Das heißeste, blühendste Leben wartet auf mich!« Mit zurückkehrender Lebendigkeit sprang er auf, als eben die Menge stürmisch einer wohlgelungenen Szene Beifall spendete. »Laß uns eilen, Sabinus – hitzige Damen soll man nicht warten lassen. Die Gelegenheit zum Entschlüpfen ist günstig.« »Das ist sie!« knurrte der Tribun grimmig, alle Kraft zusammennehmend, seine Freude nicht zu verraten. Als der Kaiser hastig einen halbdunkeln Gang durchschritt, der vom Theater geradeswegs in das Innere des Palastes führte, sah er sich plötzlich einer Schar jugendlicher Gestalten gegenüber. Er blieb stehen und betrachtete sie verwundert. »Wohin?« fragte er. Ein hübscher Knabe nahm das Wort. »Warum brichst du gerade vor unserm Auftritte auf, o Cäsar?« entgegnete er, die schönen, klugen Augen seines fremdartigen Gesichtes zum Antlitz Caligulas erhebend. »Wir sind Sänger und sollen in der nächsten Szene im Chore singen.« Auch Cornelius Sabinus war stehengeblieben. Er verständigte sich durch einen Blick mit dem Centurio Minucianus, der heimlich ihm und dem Kaiser gefolgt war und sich dicht an die im Dunkel liegende Wand des Ganges hielt. Minucianus machte eine bezeichnende Gebärde, indem er an sein Kurzschwert griff. Der Tribun nickte und machte sich bereit, rasch auch seine Waffe zu zücken. So schlichen sie auf den Kaiser zu, ihn geschwind niederzustoßen. Doch da umringten die Knaben jubelnd den Herrscher, der in seiner frohen Laune freundliche, vertröstende Worte zu ihnen gesprochen hatte. »Man hat uns den weiten Weg aus Nicephorium nach Rom gebracht, denn unser Heimatland ist Asien.« hatte der Sprecher der Knaben vorwurfsvoll erläutert. »Wir stammen aus vornehmem Hause, und der Adel unseres Landes pflegt Göttergesänge, die nur von Edelknaben gesungen werden dürfen. Du, Herr, solltest es sein, dem wir heute zum erstenmal unsere Kunst darbringen wollten. Und nun gehst du schon.« Ein würdiger Priester trat vor. »Verarge meinen Zöglingen die Kühnheit nicht, daß sie dich hier aufhalten, mein hoher Gebieter,« bat er. »Aber es war ihr größter Ehrgeiz und ihr höchster Stolz, vor dem Angesichte des Herrn der Welt zu singen.« »Ich fühle mich nicht wohl,« entschuldigte sich Caligula artig, der jetzt wieder fahl und verfallen aussah. »Ach, Cäsar, wenigstens nur ein einziges Lied!« bettelte der hübsche Knabe, sich kindlich arglos an den Kaiser drängend. Die andern folgten seinem Beispiele. Wenn Sabinus und Minucianus nicht brutal die Söhne fremder, dem Reiche verbündeter Fürsten zu Zeugen des Kaisermordes machen wollten, mußten sie noch von ihrem Vorhaben abstehen. Caligula, oft seltsam milde gegen die Jugend, sah keine Möglichkeit, sich der ihn bestürmenden Knaben zu erwehren. So gab er denn seine Zustimmung, eines ihrer Lieder anzuhören, und ließ sich auf einem armseligen, plumpen Holzschemel nieder, den der Priester rasch herbeitrug. »Des Cäsars letzter Thron,« dachte Sabinus und umklammerte den Schwertknauf. In leisen, klaren Tönen schwebte eine einzelne Knabenstimme widerhallend durch den Gang hin, eine seltsame, getragene Weise, ein inniges Anbeten fremder Gottheit. Sie stieg auf wie ein einsamer Vogel, der in der Ferne, der Höhe das ewige Licht sucht. Dann wuchs wie ein leises Summen der Sehnsucht der Chor der Knaben über die Einzelstimme empor, bald sie umschmiegend, bald sie übertönend, jetzt sie freudevoll umfassend, dann wieder sie freigebend, daß sie jauchzend klang, als steige sie sieghaft auf zu dem göttlichen Ziele. Und nun, als leuchte der überirdische Glanz schon ganz nahe, jubilierte die Einzelstimme. Wieder der Chor: warnende Stimmen, die den Himmelsstürmer an die ihn umdrohenden Gefahren mahnen. Leises Klagen des Dahinschwirrenden jetzt, der erkennt, daß die letzte Höhe unerreichbar bleibt. Der immer wieder steil aufflatternde Gesang des Knaben. Vergeblich sucht er hinaufzugelangen – höher – höher ... das Licht lockt und lockt ... Ein klirrender Aufschrei vor dem grauenvollen Sturz in die finstere Unendlichkeit des Todes. Sekundenlanges Schweigen tiefsten Erschauerns. Dann rang sich durch das Halbdunkel des Ganges die dumpfe Totenklage um den an seinem Schicksal Zerschellten in schauerlich ernsten, furchtbaren Tönen des Leides. Die Laute kehrten zurück, entflohen wieder und verhallten ersterbend, als schlösse der schwere Stein einer Gruft sich über den Sängern ... Caligula hatte dagesessen, die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Nun erhob er sich wankend, als wolle er dem unheimlichen Verschweben der Töne entfliehen. »Fort,« stöhnte er, »fort – ich bin krank – bringt mich aufs Lager!« Verwirrt scheuchte der Priester seine betroffene, verständnislose Knabenschar. Der Kaiser war so verstört, daß ihm die plötzliche Gegenwart des Centurio Minucianus nicht auffiel. Sich auf die Schultern der beiden Männer stützend, taumelte er der Treppe des Ganges zu, die zu einem Flur im Palast hinaufführte. Dort oben im lichten Tage angelangt, kehrte ihm das Bewußtsein zurück. Er löste sich von seinen Begleitern. Im Flur standen Centurionen, vor ihnen der Tribun Cassius Chärea. Keiner sollte sehen, daß ein kranker Caligula kein Gott sei. Er gewahrte nicht, daß Sabinus und Minucianus hinter ihm die Schwerter entblößten. Finster trat Cassius Chärea näher, dicht zum Kaiser hin. »Du hast mich rufen lassen, Cäsar. Hier bin ich,« schnaubte er. »Was willst du?« fragte Caligula, endlich bemerkend, daß ihm hier absichtlich der Weg verstellt wurde. Er wich zurück – seine Augen quollen aus den Höhlen – die Todesangst verfärbte sein krankes Gesicht zur Leichenblässe – er krallte die Hand an die Stelle, unter der sein hämmerndes Herz in der Qual der Todesfurcht raste. »Bestimme die Parole für diesen Tag, Cäsar,« antwortete Cassius Chärea. Seine tiefe, rachedunkle Stimme dröhnte wie das Knurren eines Löwen unter der Wölbung des Ganges in dem atemlosen Schweigen der Umstehenden. Die Blicke des Kaisers irrten über die finsteren Gesichter ringsum. Er sah nirgends Gnade. Fassungslos murmelte er: »Jupiter!« »So treffe dich sein Zorn!« donnerte der Tribun, das Schwert aus der Scheide reißend, blindlings auf den Imperator einhauend. » Hoc age !« schrie er, wie der Opferschlächter tut, wenn er das ihm preisgegebene Tier trifft. Es war das verabredete Losungswort. Gajus Cäsar Caligula fiel unter den Streichen der Männer, deren langgenährter Haß sich nun in einer bluttrunkenen Mordorgie austobte. Dann plötzlich war der Flur leer und einsam, die Mörder entflohen. Nur der aus zahllosen Wunden blutende Tote lag da auf seinem seitwärts geneigten Angesicht. Aus dem Munde, der noch von einem im Waffenlärme verröchelten Schrei offenstand, verrieselte der Strom des Lebens, purpurn den Marmor der Fliesen überschwemmend. In allen Gängen des Palastes widerhallte das Geschrei: »Der Cäsar ist ermordet!« Das trieb die zitternde Gattin Cäsonia auf die Suche nach dem Leichnam. Ihr Töchterchen an der Hand führend, das der Erschlagene nach der einst so heiß geliebten Schwester Julia Drusilla genannt hatte, schlich die Verlassene mit angststarren Augen durch den Palast. Sie fand endlich an der von allen gemiedenen Mordstätte die zerfetzten Reste des Mannes, den sie – das einzige einsame Geschöpf auf einer weiten Welt – wahrhaft geliebt hatte. Sie brach bei dem Toten hart auf die Knie nieder und schrie in ihrem haltlosen Schmerze immer wieder irr: »Warum hast du nicht auf mich gehört! Warum hast du nicht auf mich gehört!« Vergeblich hatte sie oft versucht, in Liebe ihn zu milderem Walten zu bekehren. In dumpfem Staunen stand das Kind. Da scholl hinter ihr der erzrasselnde Schritt eines Soldaten. Ihr Mädchen schützend in die Arme schließend, richtete Cäsonia sich auf. Sie fühlte, dort nahte auch ihr der Tod. Er war ihr willkommen. Denn ohne den Mann, dessen Blut ihre Füße umsickerte, war ihr das Leben nichts. Sie betrachtete den bleichen Menschen mit den blutunterlaufenen Augen, der, das Schwert in der Faust, vom Anblick der schmerzentstellten Frau gebannt, in einiger Entfernung stehenblieb. Es war der Tribun Julius Lupus. »Ein Wolf, der ein Lamm und seine Mutter würgen will,« stieß Cäsonia verächtlich hervor, mit einer Anspielung auf den Namen ihres Henkers. »Domina,« flüsterte er. »Mein Auftrag –« »Sprich nicht. Jedes Wort von dir beleidigt eine Sterbende,« rief sie ihm entgegen. »Wenn du darfst, schone das Kind!« Sie öffnete ihr Gewand am Halse und forderte kurz: »Stich zu!« Zwei Soldaten, die im letzten Augenblick noch als Helfer hinzugekommen waren, mit sich führend, ließ Julius Lupus drei Tote hinter sich. Doch rasch erreichte ihn das Schicksal des Mörders einer schuldlosen Frau und eines unschuldigen Kindes. Er geriet in die Hände der germanischen Palastwachen, die auf der Suche nach den Mördern des Kaisers alle Gänge und Gemächer des Schlosses durchtobten und jeden niederstießen, auf den sie trafen. – In den Straßen Roms hatte sich die Kunde von der Ermordung Caligulas in raschen Sekunden verbreitet. Geballte Menschenmassen füllten die öffentlichen Plätze. Doch überall herrschte angstvoll erstarrtes Schweigen. Niemand wagte über den Tod des Tyrannen zu jubeln. Denn keiner getraute sich, an diesen Tod zu glauben. Vielleicht setzte der Cäsar selbst das schauerliche Gerücht in Umlauf, um Anlaß zu neuem Wüten zu gewinnen. Aber endlich stieg ein wildbrausender Aufschrei der Befreiung zum Himmel empor. Das gierig Erhoffte, bang nicht Geglaubte fand seine Bestätigung. Die Freudennachricht kam aus dem Lager der Prätorianer. Dort – so erzählte man – stehe eine junge Frau auf schnell aus Rasenstücken aufgeschichtetem Tribunale und begeistere mit aufzüngelnden Worten die Soldaten und reiße sie fort durch ihre Schönheit, die sie ihnen preisgab. Es sei Messalina, die Gattin des Claudius, die bei der Nachricht vom Tode Caligulas, bekleidet nur mit einer dünnen, von einer Goldschnur zusammengehaltenen Tunika, sich schutzsuchend zu den Prätorianern geflüchtet habe. Diese Nachricht war verbürgt. Sie war wahr. Messalina hatte von dem Pantomimen Paris viel gelernt. Sie wußte von ihm, was eine reizvolle Körperlinie über ein Publikum vermag. Sie entzündete sich selbst an der Macht, den ihr Weibtum auf diese rohen Soldaten übte. Dieser Tag wurde der Tag ihres Triumphes über den Mann, der ihr die bitterste Schande angetan hatte. Sie berauschte sich an ihrem Kaiserinnentraume. Sie sprach verführerisch von der ihr gewordenen Prophezeiung. »Macht mich zu eurer Kaiserin!« rief sie und zeigte ihre nackte Herrlichkeit. Da wallte das Lager auf. Trunken jubelte die Leibwache ihr zu, im Sinnentaumel schworen ihr die Kohorten, den von allen Kreaturen Caligulas verspotteten Claudius zum Imperator auszurufen. 12 Ohne Führung, getrieben nur von dem zwecklosen Bestreben, die dem toten Cäsar geschworene Treue zu wahren, hatten die germanischen Leibwachen das Amphitheater umstellt. Ihre Wut, die Mörder des Kaisers zu treffen, war grenzenlos. Sie wollten nun dem Blutbade im Palatium ein Blutbad unter den Zuschauern folgen lassen. Da übertönte die gewaltige Stimme eines Mannes den Waffenlärm, das Geschrei und Kammern der geängstigt flüchtenden Theaterbesucher. Es war der Consular Valerius Asiaticus aus Vienna. In der Erkenntnis, daß die Ordnung nur herzustellen sei, wenn ein einziger Wille regiere, einer die Macht an sich riß, unternahm dieser Mann ein Wagnis. »Ruhe, Soldaten! Hört auf mich!« rief er den ins Theater eindringenden Garden zu. Während eine Mauer gewappneter Mannesleiber sich um ihn baute, von Mordgier entstellte Gesichter ihn anstarrten, stiere Augen ihn anfunkelten, packte der Consular kühn zu. Er wußte, diese kriegerischen Nordländer waren an eiserne Disziplin gewöhnt und sofort energischem Befehle zum Gehorsam bereit. Dieses Wissen hatte der durch alle Provinzen des Weltreiches gereiste Valerius Asiaticus durch einen längeren Aufenthalt in Germanien erworben. Er kannte die Art, in der man diese wildgewordenen Bären zähmte. »Wer ist euer Führer?« wetterte Valerius auf die Rotten nieder, überzeugt, sie würden ihm keinen nennen können. Unsicher und ratlos blickten die Soldaten einander an. Endlich nahm einer von ihnen das Wort und gestand zögernd zu: »Wir sind ohne Vorgesetzte. Denn unsere römischen Führer waren entweder am Morde beteiligt oder sie sind – soweit sie unbeteiligt waren – geflüchtet und halten sich verborgen.« »Wie nennst du dich?« fragte der Consular den hochgewachsenen Prätorianer, der, seiner inneren Festigkeit beraubt, vor den forschenden Blicken des Römers die Augen niederschlug. »Ich heiße Gratus,« gab der Mann Auskunft. Sein kluges und edel geformtes Gesicht lugte martialisch unter dem Visier des Helmes hervor, den ein roter Wulst aus Pferdeschweifhaaren krönte. »Gratus?« wiederholte der Consular. »Bist du nicht ein Chatte?« »Ganz richtig, Herr,« versicherte der Soldat, verwundert erfreut, dem Fragesteller bekannt zu sein. »Ich habe schon Rühmliches von dir gehört, Gratus,« log Valerius, dem Riesen wohlwollend auf die Schulter klopfend. Er wußte, diesen einen Mann, der sich anscheinend bei seinen Kameraden eines gewissen Ansehens erfreute, hatte er schon gewonnen. Nun wandte er sich an die andern Prätorianer. »Wie könnt ihr, da niemand euch befiehlt, sicher sein, daß ihr das Rechte tut?« rief er in erheucheltem Zorne. »Wir müssen doch den Kaiser schützen,« brummte Gratus, eingeschüchtert durch das entschlossene Auftreten des Römers und schon halb gebändigt von Zweifeln. »Einen Toten schützen, indem ihr Schuldlose tötet?« schalt Valerius und schritt an den Prätorianern entlang, finster jeden einzelnen mit dem Blicke bannend. Dann plötzlich trat er in die Mitte des ihn umgebenden Kreises zurück. »So wisset denn,« schmetterte er hell heraus, »die Gewalt ist in meiner Hand! Ich habe den Mord befohlen!« Im ersten Augenblicke schien es, als würden sich die Soldaten rasend auf ihn werfen. Der Kreis wankte nach vorn, wilde Schreie gurgelten auf. Doch Gratus gab ihnen ein Beispiel der Besonnenheit. Auch lähmte sie der Mut dieses verwegenen Bekenntnisses und die ihnen eingepflanzte Achtung vor jedem Gebietenden. »Verabscheut man nicht in eurer Heimat nichts so heftig als die Feigheit?« fuhr Valerius aufpeitschend fort. »Seid ihr nicht täglich Zeugen gewesen, daß die Feigheit des Tyrannen nur gegen Wehrlose wütete? Wer wagte ihm zu trotzen, da ihr ihn schirmtet – sogar gegen eure eigenen Kameraden?! Sind nicht viele von euch in der Arena als Gladiatoren oder unter den Fängen und Tatzen wilder Bestien verblutet? Weil den Geisteskranken der Aberwitz anwandelte, eure Tapferkeit auf die Probe zu stellen, weil er zu feige war, euch im Kriege der weltberühmten Tapferkeit eurer eigenen Landsleute gegenüberzustellen.« »Er hat recht,« nickte Gratus seinen Gefährten zu, die beifällig murrten. »Die Macht ist mein!« wiederholte Valerius, zugleich sich an die Volksmenge wendend. »Ihr, Soldaten, werdet einem Römer zugestehen, daß er am besten weiß, was seinem Lande frommt. Einem Lande, in dem ihr doch nur Fremdlinge seid, deren unverbrüchliche Treue ein blutrünstiger Wahnsinniger schamlos ausbeutete. Besinnt euch, Soldaten! Beweist eure Treue gegen das Kaiserhaus! Kehrt in den Palast zurück und schützt das Leben der Angehörigen des Erschlagenen. Sie hatten doch schließlich nichts weiter mit ihm gemein, als daß sie seines Stammes waren!« Die im letzten Grunde gutmütigen Garden ließen sich einschüchtern. Zu einem festen und friedlichen Ziele hingewiesen, zogen sie nach dem Palatium ab. Als sie den unterirdischen Gang durchschritten, sahen sie einen Menschen vor ihnen her flüchten. Sie lachten über den vor Angst wie besessen rennenden Mann. In ihrer Freude, daß alles in die gewohnten Geleise zurückzukehren schien, scheuchten sie den Flüchtenden noch mehr, indem sie in kindischem Vergnügen ihren markerschütternden teutonischen Schlachtruf hinter ihm dreinbrüllten. Der arme Claudius stob dahin in grotesken Sprüngen. Er war aus dem Theater gelaufen, kopfscheu, weglos in seiner Angst und hatte sich hierher verirrt. Von den wilden Lauten der Germanen und seiner Furcht fast zum Wahnsinn getrieben, keuchte er durch die Gänge des Palastes, verkroch sich bei jedem hallenden Schritt, bei jedem Laute in Ecken und Winkel und schleppte sich, von allen Kräften verlassen, leise vor sich hinwimmernd, in Todesgrauen schlotternd, an Wänden und Geländern hin. Bis es ihm endlich gelang, eine Zuflucht im Oberstock des Palastes zu finden, auf dem Solarium, einem mächtigen, mit gartenartigen Anlagen versehenen Balkone. Zwischen den beiden Vorhängen einer Tür blieb er stehen, die zuckenden Hände vor den Mund gekrallt, sein Gewimmer zu ersticken, Irrsinn in den flackernden Augen, beherrscht von dem einzigen Gedanken, den er zu denken noch fähig war: Nur nicht sterben – nur nicht sterben müssen! Mittlerweile hatte sich im Amphitheater um den Consular Valerius Asiaticus alles gerottet, was noch nicht geflohen war. Der furchtlose Mann, der sich durch das Bändigen der Leibwachen als Retter der Ordnung erwiesen hatte, erschien ihnen als Erlöser aus dem Chaos der Ereignisse, die der Kaisermord über ganz Rom heraufbeschwören mußte. Drei Konsuln lösten sich aus der wirr durcheinander redenden Menge. »Wir danken dir, Valerius Asiaticus,« sprach der eine, »du hast Großes vollbracht. Gern erkennen wir in dir den Führer an. Sage uns, was nun geschehen soll.« Valerius richtete beruhigende Worte an die Menge. Er riet den aufgeregten Massen, den Tagesgeschäften nachzugehen und in Ruhe die Klärung der Verhältnisse abzuwarten. »Verkündet den Bürgern Roms, daß der Staat nicht ohne Haupt ist,« rief er zum Schlusse. Dann entfernte er sich mit den drei Konsuln. Doch erst als sie außerhalb des Theaters waren, begann er zu sprechen. »Wenn es in einem der hochgetürmten Holzhäuser der Armen Roms zu brennen beginnt, so ist wahrscheinlich der Retter der ganzen Stadt der Mann, der besonnen zuerst den Wasserstrahl in die Gluten sendet,« sagte er ruhig und bescheiden. »Ihr tut mir also zuviel Ehre an, wenn ihr sagt, ich hätte Großes vollbracht. Ich habe nur die Besonnenheit gehabt, nach dem löschenden Wassereimer zu greifen. Mehr nicht! Aber nun weiter! Wer sind die Mörder?« »Du gibst uns Rätsel auf,« sagte Laelius Mucius ärgerlich. »Geschah denn der Mord nicht auf dein Anstiften?« »Das sei fern von mir,« erwiderte Valerius ernst. »Meine Hände sind rein. Dank den Göttern! Auch wenn es sich um das Blut eines Tyrannen handelte.« »Aber du riefst doch –!« »Einer muß vor dem Volke die Verantwortung übernehmen. Glaubt ihr, eine von der Kaiserfaust befreite Plebs, die nicht sofort eine andere Faust im Nacken spürt, werde die Gesetzlosigkeit eines Cäsarenmordes nicht für sich auszubeuten suchen – sei's auch nur für Stunden?« Die drei Männer sahen den Consular verdutzt und scheu an. Endlich fand Laelius Worte: »Dann allerdings hast du eine grimmigere Bestie als die Leibwachen gebändigt,« stammelte er und erschauerte bei dem Gedanken an einen Aufstand des Pöbels. »Du bist ein mutvoller und kluger Mann, Valerius Asiaticus. Rate uns, was wir nun tun sollen.« Die andern Konsuln schlossen sich beschwörend dieser Bitte an. Denn Kraft und Wut, Wille und Entschlußfähigkeit waren längst diesen Scheinherrschern Roms unter den Kaisern verlorengegangen. Sie waren Puppen, feige, hohle, nickende Puppen in der Faust der Cäsaren geworden. »Jeder in Rom muß überzeugt sein,« erwiderte Valerius mit schlecht verhehltem Spotte, »daß trotz der augenblicklichen Unordnung ein mächtiger Wille in der Stadt gebietet. Zunächst versammelt sofort den Senat auf dem Kapitol!« »Dafür werde ich mit meinem Freunde Quintus Pomponius sorgen,« beteuerte der Konsul Sentius Sarturninus. Er deutete auf den Gefährten, der bisher geschwiegen hatte. Valerius fuhr fort: »Verbreitet eilig die Nachricht, der Senat sei zusammengetreten und berate über eine neue freiheitliche Verfassung. Ihr werdet sehen, dann wird sich der Führer der Verschwörung vor dem Senate einfinden, seine Absichten und Pläne klarzulegen.« »Dessen dürfen wir bei Cassius Chärea sicher sein.« »Ah – der alte Tribun ist das Haupt der Verschwörung?« lächelte der Consular. »Und ihr wußtet darum?« »Wir ahnten nur dunkle Absichten,« bekannte Laelius verlegen. »Ein Mann, der für die Rückkehr des Freistaates, für die Abschaffung des Prinzipates eintritt,« fügte Quintus Pomponius rasch ablenkend hinzu. Valerius lachte bitter: »Dann müßt ihr aber schleunigst die Prätorianer für diesen Plan gewinnen!« »Das dürfte leicht sein,« meinte Laelius zuversichtlich. »Setzt eure Hoffnungen nicht zu hoch, ihr Herren. Auch der Dümmste dieser von den Cäsaren verhätschelten Söldner wird begreifen, daß mit der Beseitigung des Kaisertums auch alle Vorrechte und Herrlichkeiten der Prätorianer verlorengehen. Wenn die anderen Truppen sich diesen Kohorten anschließen, habt ihr rascher einen Imperator, als ihr ahnt.« – Valerius Asiaticus sollte nur allzu recht behalten. Denn während die drei Konsuln sich eilig von ihm verabschiedeten, die Senatoren zusammenzutrommeln, hatte das Schicksal Roms bereits unaufhaltsam seinen Lauf genommen. Der Abend stand am Himmel. Die Senatsverhandlungen auf dem Kapitol hatten noch zu keinem Entschlusse geführt. Viele der Väter des Volkes traten ein für den Gedanken, aus dem Blute des letzten Juliers Gajus Cäsar Caligula müsse der Freistaat auferstehen. Andere wieder hießen den Gedanken zwar gut, klammerten sich aber an Kleinlichkeiten, indem sie selbst unter den zwingenden Umständen dieses Tages darauf bestanden, es dürfe dem alten Herkommen gemäß nach Sonnenuntergang ein gültiger Beschluß nicht gefaßt werden. Auch Cassius Chärea hatte sich hervorgewagt, sich freimütig als Anstifter der Beseitigung Caligulas bekannt und eindringlich auf das hohe, vaterländische Ziel hingewiesen, das er bei der Verschwörung verfolgt hatte. Er flehte den Senat an: »Ob auch die Sonne unterging, zögert nicht, versammelte Väter, mit einem Beschlusse! Wer kann wissen, ob das neue Tagesgestirn nicht nur noch eure Reue beleuchtet!« Das Auftreten dieses ernsten, biederen Soldaten, seine ruhigen, klaren Worte machten tiefen Eindruck auf den Senat. Endlich kam man zur Abstimmung. Sie lautete: »Freiheit.« Chärea war der festen Zuversicht, die Soldaten auf seine Seite bringen und sie zur Treue gegen den Senat verpflichten zu können. Er verließ das Kapitol, den Truppen die Tagesparole zu überbringen. Sie lautete: »Freiheit.« Doch über die Freiheit Roms, über die künftige Staatsreform war schon entschieden worden. Nicht durch den zögernden Senat, sondern durch die Kohorten! Zufall und Absicht zugleich hatten die Wendung herbeigeführt. Die Absicht war am Werke gewesen im Lager der Prätorianer. Dort hatte Messalina die Soldaten für den Kaisergedanken gewonnen, getrieben von dem Ehrgeiz ihrer Berufung und – da sie Weib war und nichts als Weib – von dem einen, alles belebenden Wunsche, den geliebten Paris zu retten durch die Begnadigung seitens des neuen Cäsar. Der Zufall aber waltete auf dem Solarium des Kaiserpalastes. Lange und bange Stunden hatte Claudius zugebracht, versteckt zwischen den beiden Türvorhängen. Der Lärm im Palatium war einer tiefen Stille gewichen. Mit dem scheidenden Tage sänftigte sich die Todesfurcht des verlassenen Mannes. Niemand hatte bis jetzt den Frieden des Dachgartens gestört. Schon überlegte Claudius, ob er es wagen dürfe, geschütztere Zuflucht zu suchen, schon hatte er sich vor den Vorhang gewagt, als plötzlich plaudernde Männerstimmen erschollen. Er flüchtete zurück in sein Versteck. Zu spät. Denn einer der Prätorianer, die das Solarium betraten, sah den Vorhangstoff noch in sachter Schwingung. Einen Augenblick prüfte der Mann, ob ein Windzug ihn bewegt haben könne. Dann machte er den Kameraden ein stummes Zeichen und deutete auf das golddurchwirkte Gefalte. Es war der germanische Söldner Gratus, der mit Valerius Asiaticus im Amphitheater verhandelt hatte. Plötzlich brachen die verstummten Männer in ein schallendes Gelächter aus. Unter dem nicht bis zum Boden reichenden Vorhange sahen zwei plumpe, wohlbekannte Füße hervor. Mit einem raschen Griffe schlug Gratus das Tuch zurück. Als der an allen Gliedern schlotternde Claudius zum Vorschein kam, ging ein übermütiger Jubel los. Sie waren noch immer auf der Suche nach Kaisermördern – der gutmütige Kerl da, den sie alle kannten, der war gewiß keiner. »Gnade,« winselte Claudius, dem das von Schweiß verklebte Haar um den Kopf hing. »Gnade, Soldaten – ich tat nichts, was ihr rächen müßtet!« »Armes Luder!« sagte Gratus, das Schwert in die Scheide stoßend, als sich endlich sein und seiner Gefährten Gelächter gelegt hatte, »wer wüßte nicht, daß du keiner Fliege was zuleide tust!« Als der Hüne nun auf ihn zutrat, wich Claudius mit lautem Geschrei zurück. »Tötet mich nicht! Nicht sterben! Nicht töten!« »Denkt ja keiner dran, dummer Kerl,« beruhigte ihn Gratus gutmütig, während die andern sich wieder vor Lachen bogen. »Komm heraus, Onkel Claudius, aus deinem Winkelchen! Komm mit uns ins Lager! Da wollen wir diesen tollen Tag mit einem tüchtigen Humpen feiern!« Damit faßte er den vor Furcht fast besinnungslosen Alten an einem Arme, ein zweiter Soldat ergriff ihn am andern Arme – fort ging es, die Treppen hinunter. Winselnd um sein Leben, ließ Claudius sich von der ausgelassenen Bande dahinschleppen. Doch als sie mit dem willenlosen Alten in den unteren Stockwerken erschienen, wurden sie zu ihrer eigenen, nicht geringen Verwunderung schon begrüßt von einer erregten Schar Prätorianer, die aus dem Lager zum Palatin geströmt war. An ihrer Spitze stand ein fast nacktes Weib – herrlich – groß – schön – mänadisch. Aus tausend Kehlen donnerte dem halb ohnmächtig in den Armen seiner Führer hängenden Claudius der Ruf entgegen: »Ave, Cäsar!« Gratus und seine Genossen stutzten. Doch die Kameraden aus dem Lager kehrten sich nicht an ihre Verwunderung. Sie rissen Claudius empor, hoben ihn auf die Schultern und stürmten mit ihm davon. Wieder war das junge Weib an ihrer Spitze. In aller Eile brachten sie den von ihnen erwählten Kaiser im Lager der Prätorianer in Sicherheit, bis sie ihren Willen dem Senate aufgezwungen hätten. Man schleifte Claudius schleunig zu einer Sänfte, hob Messalina zu ihm hinein. Umgeben von Hunderten entschlossener Garden, ward er durch die Straßen Roms geführt, ein armseliger Mann, der sich an Messalina schluchzend klammerte und nichts anderes dachte, als daß man ihn und sein Weib in Spott und Hohn zur Hinrichtung schleppe. Es war um die späte Stunde, in der Cassius Chärea, nur von wenigen Getreuen begleitet, vom Kapitol herunterkam, den Truppen die Parole »Freiheit« zu verkünden. Er begegnete dem Zuge, vernahm die Rufe, mit denen die jauchzenden Soldaten dem in allen Gassen sich drängenden Volke den Namen des von ihnen gekürten Imperators zujubelten. Kurz entschlossen kehrte er um und eilte in die Senatsversammlung zurück. Keuchend vor Ingrimm, verkündete er den erbleichenden Senatoren die bestürzende Neuigkeit. »Schon stehen wir durch euer Zögern auf den Trümmern des Freistaates!« rief er, vor Zorn und Enttäuschung bebend. »Ein Trümmerhaufen – der Freistaat und alle unsere Hoffnungen!« »Auch dieser Popanz Claudius ist nicht unsterblich!« brüllte Cornelius Sabinus, das Schwert ziehend. Chärea winkte ihm hoffnungslos ab: »Laß, Freund! Willst du den Bürgerkrieg? Wir sind die tausendmal Schwächeren.« »Du rätst uns also, den Soldatenhorden nachzugeben, Verräter?« schrie ihm Laelius Mucius zu. Mit gefurchten Brauen maß der Tribun den aufgeregten Mann. »Kannst du diesen Soldatenhorden andere Truppen gegenüberstellen?« fragte er gelassen. »Wir haben Truppen hinter uns, die dem Senat bereits ihre Treue schwuren!« warf Quintus Pomponius ein. »Wieviele?« forschte Chärea finster. »Nun – immerhin einige.« Da stürmte der Centurio Minucianus mit der Nachricht herein, alle Truppen hätten sich für die Entscheidung und das Beispiel der Garden erklärt. »Am Rechte des neuen Cäsars Claudius rüttelt von euch keiner mehr,« stöhnte er. Erschöpft sank er in einen Stuhl, vor Wut weinend über den Fehlschlag der so längs gehegten und gepflegten Pläne. Am liebsten hätte er mit dem Schwerte unter den Senatoren gewütet, so ingrimmig haßte er diese Larven ohne Mark und Mannestum. Es war spät in der Nacht, als der Senat nach vielem Gerede endlich zu der Entscheidung kam, gute Miene zu dem bösen Spiele der Leibwache zu machen und den vom Heere auf den Cäsarensessel erhobenen Imperator demütig anzuerkennen. Man sonderte eine Abordnung aus, die dem Kaiser Claudius huldigen sollte. Es waren nicht die charakterfestesten Männer, die sich erboten, dieses Amt zu übernehmen. Unterdessen saß Claudius nach seinem unfreiwilligen Triumphzuge inmitten der Soldaten des Prätorianerlagers, mehr ihr Gefangener als ihr Fürst. Er hatte sich endlich davon überzeugt, daß ihm nichts Schlimmes angetan werden sollte. Aber daß er nun wahr und wirklich Kaiser sei, begriff er doch erst, als auch die Senatsabordnung erschien, ihn unter schmeichelhaften Lobeserhebungen als den Cäsar zu begrüßen. Da erwachte er zum Leben und raffte sich zu einer ersten Staatshandlung auf. In seiner Freude der Erlösung aus Tod und Furcht versprach er, es solle jedem Manne der Garde das Fünffache eines Jahressoldes ausbezahlt werden. Mit diesem Gnadengeschenk von fünfzehntausend Sesterzien Kopf für Kopf hatte er sich aber die Treue der Prätorianer zuverlässig erkauft. Er nahm die Cäsarenkrone, als griffe er in einem Traume danach. Und wirklich war sie ihm auch wie in einem Traume zugefallen. Das Weltreich Rom hatte wieder einen Kaiser. Den verhaltenen Grimm des Senates übertönte der tolle Freudentaumel in den Straßen der Millionenstadt am Tiber. Mit Abertausenden von Lichtern und Blumenkränzen schmückten sich noch in dieser Nacht die Häuser und die Menschen. Stillschweigend sahen diesem frohen Treiben jene Weiterblickenden zu, die glaubten, der Wahnsinn auf dem Throne sei nur vom Schwachsinn abgelöst worden. Claudius der Kaiser?! In Wutkrämpfen tobte in dieser Nacht eine Frau – über die unerwartete Entwicklung der Geschehnisse. Agrippina. Das Unglaubliche, Unmögliche war Wirklichkeit geworden. Claudius Kaiser! Messalina – Kaiserin! Übergangen, achtlos vergessen der Augustussproß, ihr Sohn Nero. Sie schrie und gebärdete sich wie eine Irre. Und der Haß gegen die junge Kaiserin fraß sich tief und untilgbar in ihre Seele. Plötzlich schnellte sie empor. Sie wollte die Verhaßte treffen – tief – grausam – unheilbar. – ? Im Prätorianerlager war inzwischen aus der Puppe von Furcht und Entsetzen mehr und mehr der neue Cäsar erwachsen. Der Freigelassene Polybius hatte sich eingefunden und war auf Wunsch des Kaisers sofort vorgelassen worden. Polybius hatte dem einst so armen Verwandten des kaiserlichen Hauses früher oft bei gelehrten Liebhabereien und Studien Ziel und Wege gewiesen. Jetzt eilte er herbei und berief sich auf seine stets bewährte Anhänglichkeit. Claudius, ein dankbares Gemüt, empfing den Griechen, den ersten Bekannten in dieser fremden Umgebung, mit Tränen der Freude in den Augen. Aber der Freigelassene war nicht gekommen, von alten Zeiten zu plaudern. Er kannte Claudius. Er wollte der erste sein, der sich dieses kaiserlichen Trottels bemächtigte und aus dem gefügigen Verwalter des Staates ein Werkzeug zu einer glänzenden Zukunft schmiedete. Klug nutzte er die Lage und erteilte dem hilflos verwirrten Manne, der seine neue Würde als wichtige Verpflichtung zur Tat empfand, geistesgewandt Ratschläge und veranlasste Edikte, die den guten Claudius in allen Kreisen Roms in Gunst setzten, den enttäuschten Anhängern des Freistaates aber einen tröstlichen und beruhigenden Ausblick auf die friedvoll gestimmte Regierung des neuen Kaisers eröffnen sollten. Claudius war – wie bei jeder Arbeit – ganz bei der Sache. Wie immer, wenn sein träger Geist in Bewegung geraten war, verblüffte er durch vernünftige Entscheide des Rechtes und der Billigkeit. Noch in dieser ersten Nacht begann er die Trümmer der tyrannischen Willkür seines Vorgängers fortzuräumen. Als Messalina den Gatten so eifrig beschäftigt sah, entschloß sie sich, nun die Befreiung des Geliebten zur Tat zu machen. Zunächst gewann sie den jungen Centurio Cäcilius, der es sich zur höchsten Ehre rechnete, der jungen, schönen Kaiserin eine Gefälligkeit zu erweisen. Dann nahm sie Polybius beiseite und bat ihn, dem Kaiser einen Freiheitserlaß für Paris zur Unterzeichnung vorzulegen und dem Centurio Cäcilius diesen Entlassungsbefehl auszuhändigen. Auch hier erkannte der schlaue Grieche sogleich seinen Vorteil. Unschwer erriet er, welche Motive die junge Gattin des alternden Mannes zu ihrer Bitte bestimmten. Kräftig packte er sogleich zu. Mit erheuchelt scheuen Blicken auf Claudius flüsterte er: »Es fällt mir nicht leicht, meinen geliebten Herrn bei einem seiner ersten Gnadenakte zu – betrügen, Domina. Wahrscheinlich steht dir die Freiheit dieses Komödianten höher als das – hm – gekrönte Haupt deines Gatten?« Er ließ mit frechem Blinzeln durchblicken, daß er eigentlich von einem gehörnten Haupte hatte sprechen wollen. Messalina war noch zu unerfahren. Sie ahnte nicht, daß ihre Bitte sie in die Umgarnung eines Menschen trieb, der sie in diesem Netze halten und immer fester verstricken würde. Im Morgengrauen führte der junge Centurio den Mimen aus den Toren des mamertinischen Kerkers. Eine verhüllte Frauengestalt erwartete ihn. Es war nicht Messalina. Cäcilius eilte sogleich, seiner kaiserlichen Gebieterin die Freudenbotschaft der geglückten Befreiung zu überbringen. Im Hochgefühl dieses Glückes ließ Messalina sich zu Paris tragen, da Cäcilius ihr versicherte, die Straßen wären still und menschenleer geworden. Er erbot sich, die Lektika mit einer kleinen Wache von Prätorianern zu geleiten. Doch Messalina dankte ihm mit einem bezaubernden Lächeln. Der Centurio sorgte dafür, daß die Tragsänfte der Kaiserin ungehindert das Lager verlassen konnte. Als sich die Torflügel öffneten, erblickte Messalina eine draußen harrende Gestalt. Rasch zog sie die Vorhänge dichter zusammen. Sie hatte Abalanda erkannt. Die Sonne erhob sich über dem esquilinischen Hügel, Glanz und Licht ausstreuend über die Cäsarenstadt. Messalina sah es laut pochenden Herzens und nahm das sieghaft aufsteigende Leuchten als Vorbedeutung für das neue Leben, das ihrer harrte auf dem höchsten Gipfel dieses Lebens. Zweites Buch 1 Mutter Rubria kannte längst die Sänfte, die jedesmal vor dem Hause erschien, wenn der Schauspieler Paris sich in dem reichgeschmückten Gemache des Hintergebäudes einfand. Nie war es der neugierigen Alten gelungen zu ergründen, wer die Dame sei, die der Lektika entstieg und hastig, als fürchte sie trotz ihrer Verhüllungen erkannt zu werden, das Vestibulum des Gasthauses »Zum tanzenden Kranich« durcheilte. Die Sänftenträger machten stets ohne Aufenthalt kehrt und trabten mit der leeren Lektika von dannen. Zum Heimweg benutzte die Unbekannte eine Mietssänfte, die Paris vom Warteplatze vor dem Tempel der Juno am Clivus Suburanis herbeiholen ließ. Einmal war den Trägern der vornehmen Lektika beim Niedersetzen der Bahre ein Riemen gerissen. Während sie rasch den Schaden ausbesserten, hatte Mutter Rubria versucht, den Obersklaven in ein Gespräch zu verwickeln. Doch der grimmig dreinsehende Mann – es war der getreue Isäus Fabullas – begriff sofort, daß die Wirtin ihn aushorchen wollte. Er knurrte sie an wie ein gereizter Wolf und umfaßte fester den langen Eisenstab, mit dem er, der Lektika voraufeilend, den Weg durch die Gassen bahnte. »Solch ein Flegel!« zeterte die Alte dem Türhüter zu, als sie ins Haus flüchtete. »Aber man muß heutzutage solche Treue der Diener schätzen. Der hütet sein Schäfchen! Nur gut, daß er mich nicht gleich auffraß in seinem Mißtrauen.« Von Stunde an blieb sie unsichtbar, sobald die Sänfte am Vestibulum hielt. Der vornehme Gast sollte, falls der Aufseher der Träger von dem Vorgang geschwatzt hatte, überzeugt sein, daß niemand ihr nachstellte und daß sie im »Tanzenden Kranich« vor jedem Verrat und jeder Überraschung geborgen sei. Mutter Rubria war nicht wenig erstaunt, als am Tage nach der Ermordung Caligulas die Lektika in aller Frühe schon, dann am Nachmittage noch einmal und weitere drei Tage hintereinander zur gewohnten Zeit vor das Haus getragen wurde, ohne daß Paris sich zugleich einstellte, jedesmal fragte der Aufseher der Tragsklaven an, ob der Schauspieler Paris im Hause sei. Jedesmal mußte Mutter Rubria verneinen. Und jedesmal verriet das schmerzliche Zusammensinken der verhüllten Dame in der Sänfte ihre schwere Enttäuschung und das vergebliche Hoffen auf ein Wiedersehen mit dem Geliebten. Nun war Mutter Rubria keineswegs die Frau, die lediglich ihre Verschwiegenheit zu Gelde machte. Sie nahm auch regen Anteil am Schicksale ihrer Gäste. Hinter den schweigenden Mauern des »Tanzenden Kranichs« hatte sich schon manche Herzenstragödie abgespielt. Als am fünften Tage die Unbekannte abermals vergeblich anfragte, entschloß sich die Alte, aus ihrer Zurückhaltung herauszutreten und der Dame in ihrem unverkennbaren Kummer beizustehen. Messalina kam dieser freundlichen Absicht zuvor. Sie schickte Isäus mit den Trägern fort und befahl die Rückkehr der Sänfte nach Sonnenuntergang. Dann betrat sie das Haus und erteilte dem Ostiarius den Auftrag, ihr Mutter Rubria zu senden. In banger Erregung und schwindelnder Angst schritt sie in dem engen Cubiculum auf und nieder, in dem sie unvergeßliche trunkene Stunden mit Paris durchlebt hatte. Jetzt hetzte das Rätsel seines Verschwindens sie umher in dem Raume, von dessen Wänden noch seine Liebesschwüre widerhallten. Auf einem Sockel ragte die Bronzegestalt eines Fauns, der mit ausgestrecktem Arm die an einer Kette schwebende Ampel hielt, als leuchte er mit dem flackernden Lichte der Lampe dreist hinein in die schwülen Geheimnisse des Liebesnestes. Oben, dicht unter der niedrigen Decke, sandte der helle Nachmittag ein sanftes Dämmern herein zu einem kleinen Fenster, das – selbst in der Weltstadt Rom eine Seltenheit – von einem Rahmen mit Glimmerglas verschlossen war. Zwei behagliche Lehnsessel vor einem bronzefüßigen Marmortische, ein mit buntgefleckten Pardelfellen bedecktes Ruhelager, die zierliche Statuette einer kyprischen Aphrodite, der aus der Wand rinnende, den Raum angenehm kühlende Brunnen, der seinen munter rieselnden Strahl in ein von Blattpflanzen umkränztes Becken aus syrischem Marmor sprudelte – alle diese Dinge verliehen dem Cubiculum eine behagliche, lauschige Heimlichkeit. Sie waren Zeugen gewesen letzter Seligkeit Messalinas, wie sie jetzt den Jammer sahen der ratlosen und verzweifelten Frau. Die Hände ineinanderkrampfend, blieb sie vor der Aphrodite stehen. Die Augen, die entzündet waren vom Weinen, auf das Bildnis der Göttin gerichtet, stöhnte sie: »Wo ist er? Wo weilt er, du Lächlerin aus fühllosem Erz?!« Doch die Kypris blieb stumm. Erschöpft von den Zweifeln und Ängsten, die seit fünf Tagen auf sie einstürmten, wankte Messalina zu dem Lager und sank nieder auf den weichen, fellbedeckten Pfühl. Rasch verhüllte sie ihr Gesicht, denn Mutter Rubria trat ein. »Du hattest die Güte, mich zu dir zu entbieten, edle Domina,« begann die Alte und verneigte sich tief vor der verschleierten Gestalt. »Ich hätte mir heute selbst erlaubt, dir meine Hilfe anzubieten. Denn ich hatte erkannt, du Ärmste, wie schrecklich du enttäuscht bist. Kann ich dir helfen, dein Leid zu lindern?« Diese schlichten, mitleidigen Worte überwältigten Messalina. Sie brach in fassungsloses Schluchzen aus. Der zurückgestaute Kummer rüttelte sie. In den Prunkräumen des kaiserlichen Palastes, in die ganz Rom sich täglich drängte, dem neuen Cäsar und seiner Gattin zu huldigen, mußte sie die huldvoll lächelnde Kaiserin spielen und mit dem Aufgebot ihrer letzten Kraft liebenswürdige Phrasen drechseln. Hier durfte sie endlich einmal Mensch und Weib sein. Sie stützte den Kopf in beide Hände und weinte bitterlich. Mutter Rubria ließ sie gewähren. Sie hatte dergleichen oft gesehen. »So ist's recht, mein Goldkind,« tröstete sie. »Nur immer erst das Herz frei gemacht. Schütte allen Schmerz aus der Brust heraus. So! So! Wenn du die Tränchen getrocknet hast, wollen wir beraten, was zu tun ist. Und dann, mein süßes Täubchen: es gibt ja nicht bloß den Einen.« »Warum läßt er mich verzweifeln!« klagte Messalina mehr sich selbst als der gutmütig zudringlichen Frau. »Aber, meine Kleine!« suchte Mutter Rubria zu beschwichtigen, »wer wird denn einem Komödianten nachweinen! Du hättest damit rechnen müssen, daß er aller Welt gehört. Mehr als vierzehn Tage Treue? Ach, du gütige Venus! Das darf man von dem Vielbegehrten nicht verlangen.« Vorsichtig fügt sie hinzu: »Vielleicht, mein Täubchen – sei mir nicht böse! – vielleicht hast du ihn zu gering entlohnt? Solch einer – na ja, du verstehst schon.« – Sie rieb den Daumen und den Zeigefinger aneinander. Messalina, plötzlich angewidert von dem frech vertraulichen Tone, fuhr auf: »Was schwatzest du da, Unverschämte!« »Nun, nun,« begütigte Mutter Rubria. »Jetzt weiß ich Bescheid. Verzeih, edle Domina, aber ich mußte herauszubringen suchen, mit wem ich es zu tun habe. Nur der Arzt, der seinen Patienten kennt, kann heilen. Nicht immer reden die Damen freiwillig. Dann muß ich schon zu starken Mitteln greifen. Sei meiner Ehrerbietung versichert.« Sie nahm würdig in dem einen Lehnsessel Platz: »Also die Sache war ernst – wenigstens von deiner Seite aus?« »Von der seinen auch,« versicherte Messalina, von neuem aufschluchzend. »Wir waren so glücklich!« »Nicht wieder weinen,« warnte die Alte treuherzig. »Erst wollen wir sehen, ob er deiner Tränen würdig ist.« »Aber du kennst ihn doch!« rief Messalina erbittert. Mutter Rubria lächelte. »Es ist mein Amt, derlei Männer zu kennen.« Doch rasch fügte sie hinzu: »Allerdings, diesen Paris sah ich nie vordem in meinem Hause. Vielleicht ist er besser als sonst die Männer seines Schlages.« »Er ist der beste und treueste Mann!« beharrte Messalina. »Kennst du seine Wohnung?« fragte sie plötzlich. »Aber gewiß doch,« versicherte die Alte. »Bei meinem Geschäfte muß man immer wissen, wo diese Herren zu finden sind. Paris tritt auf im marcellischen Theater an der Via tecta in der neunten Region. Er wohnt ganz in der Nähe der Bühne, in einem Mietshaus des Vicus Jugarius.« »Ich danke dir,« sagte Messalina, sich erhebend und ihre Tränen trocknend. »Bei den Uranionen, Domina!« rief die Wirtin. »Du wirst ihm doch nicht nachlaufen wollen?« »Ich muß wissen, warum er nicht kommt – keine Botschaft sendet.« – »Aber du kannst unmöglich selbst dorthin gehen. Bei hellichtem Tage! Vertraue dich mir an. Ich will dir doch gern helfen.« Messalina ließ sich unentschlossen wieder nieder. »Du weißt, daß Caligula den Schuldlosen in den mamertinischen Kerker werfen ließ?« »Kein Wort weiß ich!« fuhr Rubria erschrocken auf. »Aber wie kannst du ihn dann hier erwarten? Solche Wunder kann selbst die Liebe nicht bewirken!« »Eine mächtige Hand befreite ihn am Tage nach dem Cäsarenmord.« »Ah, deshalb kamst du damals so frühzeitig? Du glaubtest, sein erster Weg würde hierher führen, da er voraussetzen müßte, du würdest hier Beruhigung über sein Schicksal erwarten!« »Ich täuschte mich.« »Vielleicht weiß er nicht, daß du Kunde hast von seiner Befreiung!« »Er weiß es.« »Vielleicht ist er durch den Aufenthalt in dem schrecklichen Kerker erkrankt.« Sie schüttelte den Kopf. »Er hat kaum zwei Tage dort zugebracht, war wohl und heiter, als er die Mauern verließ.« Mutter Rubria schüttelte den Kopf, daß ihre schwergoldenen Ohrgehänge klirrten. »Dann allerdings ist sein Ausbleiben unerklärlich.« Plötzlich sah sie scharf auf. »Du weißt sehr genau Bescheid um dieses Mimen Befreiung. Hast du ihn befreit? Bist du so mächtig?« Einen Augenblick zögerte die Kaiserin – dann schlug sie kühn die Kopfverhüllung zurück: »Kennst du mich?« Die brave Alte staunte über die Schönheit und Jugend ihres Gastes, sagte aber ehrlich: »Du bist mir völlig fremd, edle Domina. Doch du bist noch sehr jung und nimmst daher dein Abenteuer zu tragisch. Es wird das klügste sein, du verzichtest auf einen Freund, der dich in Sorge weiß und doch deine Sorge nicht stillen kommt. Weiß er, wer du bist?« Messalina nickte. Dann sprang sie jäh empor. »Wie konnte ich das vergessen!« rief sie. »Oh, wie danke ich dir für diese Frage zur rechten Zeit.« Sie wischte die letzten Tränenspuren von der Wange und legte befreit lächelnd die Hand aus Mutter Rubrias Schulter. »Du Gute – ja, du hast recht! Wohl weiß er, wer ich war, aber er weiß auch, wer ich nun bin. Und deshalb wagt er nicht mehr den Weg zu mir!« Abermals schüttelte die Alte ihr weises Haupt. »Du sprichst in Rätseln, Herrin. Aber wir müssen zu einem Entschlusse kommen. Soll ich einen Boten zu deinem Freunde senden?« »Ja – ja – auf der Stelle,« bat Messalina zwischen Lachen und Tränen. »Wie konnte ich an seiner Liebe und Treue zweifeln! Nun ist alles gut, alles gut.« Sie warf die Pänula ab, als wäre sie schon bereit, den Geliebten zu empfangen. »Laß ihm durch den Boten sagen: ›Augé harre in tausend Schmerzen des Verschollenen.‹ Diese Worte werden ihn überzeugen, daß ich es bin, die ihn ruft.« Mutter Rubria erwiderte nichts mehr. Wohl war sie gewöhnt, daß Frauen von Stand sich ihrer Verschwiegenheit bedienten. Aber diese da ...? Diese kostbare Stola mit der reichen Zier gehämmerter Goldblättchen am Falbelrande! Das war kein Schmuck für den Geliebten. Das war die alltägliche Tracht der jungen Domina, über die sie in einem unbeobachteten Augenblicke den Mantel rasch übergeworfen hatte, um aus dem Hause zu schlüpfen. Die mit großen Edelsteinen besetzten Socci, die vergoldeten Sandalen, das Halsgeschmeide, eine Kette aus haselnußgroßen Diamanten und unbezahlbaren schwarzen Perlen, die Goldnadeln im Haar, an deren Köpfen Berylle und Smaragde schimmerten ... Die Wirtin des Gasthauses »Zum tanzenden Kranich« kannte den Luxus und die Verschwendungssucht römischer Frauen, oft weit über die Vermögenslage des Gatten hinaus. Doch was sie hier sah, war fürstlich. Nichts, was dieses üppige, vielgesuchte Liebesnest je gesehen hatte, konnte sich vergleichen lassen mit dem, was sich den schätzenden Blicken der verstummten Rubria hier bot. Sie war nicht eigennütziger als andere ihres Schlages, die wackere Beschützerin der käuflichen und verstohlenen Liebe. Aber sie sagte sich doch hoffnungsfreudig, daß dieser goldene Zaubervogel da noch manches köstliche Federchen abwerfen würde, wenn man ihm klug und getreulich diente. »Hohe Gebieterin,« begann sie endlich, einen möglichst edeln Titel dranwagend, »daß Augé des Verschollenen harrt – nicht wahr, so sagtest du doch? – das werde ich keinem Boten anvertrauen. Ich kann um diese Zeit noch das Haus ohne Sorge verlassen. Ich selbst werde dir diesen Schlingel Paris herbeischaffen.« »Und wenn er nicht daheim ist?« fragte Messalina, schon wieder verzagt. »Dann wird er irgendwo in den vierzehn Regionen des Stadtkreises aufzutreiben sein. Beim Herkules! ... Ich kehre nicht ohne ihn zurück.« Mit diesem Schwur kugelte Mutter Rubria ihre Rundlichkeit aus dem Cubiculum, an der Tür sich noch einmal tief verneigend, so weit ihre Fülle das gestattete. Tief und erlöst aufatmend, warf Messalina sich auf das Lager. Sie bedeckte sich mit ihrem Mantel, schmiegte die Wange auf das seidige, weiche Pardelfell des Kopfpfühles und träumte dem Wiedersehen entgegen. Der Wandbrunnen rieselte und rauschte, als flüstere er zuversichtlich tröstende Worte von Glück und Wiederkehr und dem Ende der Qual der letzten Tage. Mählich verglomm die Helle des Nachmittags vor dem Glimmerglase des Fensters, das die Farben des Opales annahm, irgendwo im Hause erklangen lachende Mädchenstimmen. Die Saiten einer Kithara klimperten, und eine helle Stimme sang dazu. Dann ward es wieder still. Nur der Wandbrunnen raunte sein tröstliches Gemurmel. Zermürbt von der aufreibenden Marter, im Palatium die glückumstrahlte Herrin der Welt zu heucheln und dabei in verzweifelter Sehnsucht und Angst um den Geliebten zu bangen, fiel Messalina in Schlummer. Inzwischen war die Sänfte der Mutter Rubria am Fuße des kapitolinischen Hügels angelangt und folgte der Krümmung des Vicus Jugarius. Dicht neben der noch heilig gehaltenen Ruinenstätte des vor Jahren abgebrannten Tempels der Felicitas, vor dem einstmals die Achse am Triumphwagen dos großen Cäsar gebrochen war, ragte ein gut gebautes vornehmes Mietshaus. Mutter Rubria gebot ihren Trägern vor dem Vestibulum Halt. Der Ostiarius erschien sogleich, seines Amtes zu walten. Doch als er die zweifelhafte Dame erkannte, verzog er geringschätzig das Gesicht. »Hier wohnt niemand, dem du Schutz zu gewähren brauchtest, Alte,« brummte er grob und wollte ins Haus zurückkehren. »Besänftige deine Unfreundlichkeit durch diesen Denar,« rief Mutter Rubria ihm nach, das Geldstück zur Lektika hinausreichend. Mürrisch nahm der Türhüter das reichliche Trinkgeld hin. »Wen suchst du?« »Den Tragöden Paris, du Abglanz aller Liebenswürdigkeit,« scherzte sie. »Er wohnt doch hier?« »Den Weg und den Denar hättest du dir sparen können,« murrte der Mann. »Er wohnt nicht mehr hier.« »Nicht mehr, du knurrender Molosser? Das heißt also anderswo. Und wo wäre das?« »Was weiß ich!« schnauzte der Alte, empört, daß er mit einem Jagdhund verglichen wurde. »Laß diesen zweiten Denar dich gesprächiger machen.« Er nahm auch diese Münze, sagte aber: »Auch das ist Geldverschwendung, obwohl du anscheinend deine Brocken leicht genug verdienst. Ich kann dir nämlich nur diese Auskunft geben: vor etwa einer Woche holten den Paris Soldaten der Stadtkohorte von der Bühne herunter. Es geschah auf den Befehl des Cäsars, den hoffentlich die Furien jetzt in der Unterwelt peitschen. Seitdem blieb der Tragöde – er war übrigens ein hochanständiger Mann, der des Nachts niemals das Torgeld vergaß – spurlos verschwunden. Erst vor einigen Tagen kam ein fremder Sklave und bestellte mir, Paris lasse dem Hausbewahrer sagen, daß er Rom verlassen hätte – der mamertinische Kerker sei ihm zu feucht und zu dunkel – er danke für solche Gastfreundschaft der Stadt am Tiberstrom – in seiner griechischen Heimat sei ihm behaglicher.« »Entsetzlich,« warf Rubria ein, ihres reichen Gastes gedenkend. »Ganz gewiß,« brummte der Ostiarius. »Um so entsetzlicher, als er auch die Miete schuldig blieb für die von ihm bewohnten drei Räume. Und Wertvolles hat er nicht zurückgelassen. Dagegen vertraute der Sklave mir einen Brief an. Den sollte ich abgeben, wenn eine junge Domina nach dem Mimen fragte.« Er schnaufte durch die Nase: »Beim Cerberus! ... Nun kein Wort mehr. Ich habe so viel gesprochen, daß es wohl noch einen dritten Denar wert wäre.« »Du sollst ihn haben, wenn du mir den Brief gibst,« versprach die Wirtin. Der Türhüter grinste: »Die erste Tugend hast du zwar hinter dir, Alte. Gleichwohl will ich dir die Botschaft übergeben. Drei Denare gibt mir dafür doch keine Junge.« Er schlürfte seinem Hüterloche zu und kam alsbald mit einem kleinen Päckchen zurück. Erst hielt er die geöffnete Hand hin und nahm die Münze entgegen, dann warf er den Brief in Mutter Rubrias Schoß und entfernte sich ohne Gruß. Die Wirtin winkte ihren Trägern zum Aufbruch. Mit schwerem Herzen betrat die gutmütige Frau eine Weile später das Cubiculum. Traurig blickte sie auf die schlummernde Frau, stand ratlos da und konnte sich nicht entschließen, diesen lächelnd verklärten Schlaf zu stören. Doch was war damit geholfen, daß sie das schmerzhafte Erwachen hinausschob? Einmal mußte es schließlich doch sein! Langsam trat sie an das Lager und berührte sacht die Schulter der Ruhenden. Messalina war augenblicklich munter. »Kommt er?« Sie schnellte empor. Verlegen drehte Mutter Rubria das gelbliche Pergamentpäckchen in den Fingern und zupfte an der die Botschaft umspannenden Schnur aus goldversponnener Seide, deren Enden ein Wachssiegel zusammenhielt. Stumm hielt sie der Dame die Nachricht hin. »Er schreibt bloß?« fragte Messalina, enttäuscht erbleichend. »Ist er doch krank?« »Hoffentlich ist der Brief wenigstens an dich gerichtet,« sagte Mutter Rubria stockend. »Wie?! Wer übergab ihn dir?« »Der Ostiarius des Hauses – und diesem wieder hat ihn ein Sklave gebracht – und dieser Sklave sagte dem Türhüter, daß –« »Bei den Göttern, was geht hier vor?« rief Messalina, leidenschaftlich aufspringend, als die Alte in beinahe echte Tränen ausbrach. Doch Weinen war nicht Sache der munteren Wirtin des »Tanzenden Kranichs«, der dem Frohsinn und der Lust geweiht war. Sie trocknete rasch die erpreßten Tränen, die ja auch sicherlich nur der dickaufgetragenen Schminke ihres gealterten Gesichtes schadeten. Dann erzählte sie ihr Gespräch mit dem Türhüter, voll Staunen über die versteinte Ruhe, mit der die Domina die Nachricht von der Flucht des Geliebten aufnahm. »Der Brief kann nur für mich sein,« sagte Messalina endlich mit bebenden Lippen. Die Stimme hatte ihre Klangfarbe verloren. In ihrem fahl gewordenen Gesicht zuckte und arbeitete es. Aber ihre seltsam verdunkelten Augen blieben tränenlos. Sie hatten allen Schmelz verloren und waren starr wie die einer Sterbenden. »So lies doch, du arme Seele,« erinnerte Mutter Rubria mitleidig. »Gewiß teilt er dir mit, wo du ihn finden kannst.« Messalina hielt den Brief steif in der Hand. Leblos schüttelte sie den Kopf. Es war ein Abschied, das wußte sie plötzlich, ein Abschied für immer. Automatisch brach sie das Wachssiegel und wickelte langsam die vielfach umwindende Schnur von dem Pergament. Dann bog sie das knisternde Blatt auseinander und las Wort für Wort den Inhalt. »Ich ahnte, daß der Brief nichts Gutes enthalten kann. Das freilich, was hier steht, habe ich nicht vermutet,« sagte sie mit vollkommen klarer und ruhiger Stimme. »Ein Schurke mehr in meinem Leben!« Sie ließ sich auf das Lager nieder und überflog nochmals die Zeilen. Kopfschüttelnd, als begriffe sie doch noch nicht recht, reichte sie der Wirtin das kleine Pergament. »Vielleicht narrt mich die Schrift. Lies mir vor. Ich lohne dir mit einem Vermögen, wenn du andere Worte herauszufinden vermagst als ich.« Mutter Rubria ward die vereiste Ruhe des jungen Weibes unheimlich, das vor kaum einer Stunde noch wie ein schwachnerviges kleines Mädchen dem säumigen Liebsten nachgeweint hatte. »Domina, du mußt aus sehr edlem Blute sein,« bewunderte sie scheu. »Es ist wahrlich nicht das erstemal, daß ich Zeugin eines Treubruches bin. Aber die andern Damen verloren sogleich den Kopf, tobten, rasten in Tränen, schrien nach dem Arzt, der ihnen die Pulsadern öffnen sollte.« »Lies!« unterbrach Messalina hart und richtete sich herrisch auf. Ihre Augen waren stahlhart. Die Kaiserin gebot. »Paris entbietet der ihm unerreichbar Gewordenen den letzten Gruß,« hob Mutter Rubria mit den Eingangsworten an. »Da siehst du, edle Herrin,« unterbrach sie sofort, »er war der Meinung, du wärest nicht zu erreichen.« »Vielleicht erfährst du später den Sinn dieser Worte,« warf Messalina erbittert hin. »Doch – weiter, weiter!« Die Alte entfaltete wieder das Blatt: »Eine geheime Gönnerin meiner Kunst hat mich befreit. Sie hat mir deine Tücke verraten. Großmütig und edel hat sie mich in dein falsches Herz blicken lassen. Jetzt weiß ich, daß die zur höchsten Würde gelangte Buhlerin mich aus dem Wege räumen wollte aus Furcht, ein simpler Komödiant könnte sich rühmen, besessen zu haben, was jetzt den Frauen Roms als leuchtendes Vorbild der Reinheit zu gelten hat.« »Pfui – pfui!« flüsterte Messalina. Mutter Rubria las in ahnendem Verständnis weiter vor: »Du hast die Weissagung gräßlich wahr gemacht, von der du mir erzähltest. Noch hallt deine Stimme im Lager der blutbespritzten Prätorianer wider. Doch dem Blutfrevel, den du auch mir zugedacht hast, entziehe ich mich durch die Flucht. Glaube nicht, daß ich dich jemals liebte. Du warst mir, was ich dir war. Werkzeug der Lust. Mehr nicht. Wir sind quitt. Ich durchschaue dich ganz. Meine Retterin lügt nicht. Der Tote sollte dir noch den erbärmlichen Henkersdienst leisten, ehe er selbst dem Henker verfiel. Du hast ihn auf mich gehetzt. Doch, wohl aus einem Versehen, fiel dein Opfer zu früh, um mich seinen Weg ins Dunkel voraufzusenden.« »Wie unbeschreiblich gemein,« sprach Messalina leise vor sich hin. »Nur weiter, du edle Beschützerin der Liebe eines Schuftes.« »Ich bin zu Ende,« stammelte Mutter Rubria, bestürzt über diesen ungerechten Vorwurf und wirr über die grauenvollen Verdächtigungen, denen sie Worte verliehen hatte. »Zu Ende!« stieß Messalina hervor und federte von dem Pfühle empor. »Ein bitteres, aber erlösendes Wort.« Sie trat zu der Alten und packte sie an den Schultern. »Ja, zu Ende! Zum zweiten Male zertreten!« Sie lachte gellend auf. »Liebe – Glück – Frauentum! Jetzt bleibt nur eins.« In ihren Augen glomm ein Funke, vor dem der Alten angst wurde. »Ich verstehe deine Worte nicht, Domina,« stieß sie beklommen hervor, schmerzhaft das Gesicht verziehend unter dem harten Griff der jungen Frau, deren Fingernägel sich in ihre fettgepolsterten Achseln gruben. »Wenn deine Worte aber bedeuten sollen, Gebieterin, daß du in deiner Trauer verzweifeln willst, so antworte ich dir: Nimmermehr! Diesem Burschen würde ich keine Träne nachweinen!« »Weinen ...?« lachte Messalina grell auf, die alte Frau freigebend. »Nie wieder werde ich weinen, solange ich lebe.« »Herrin, sag das nicht! Es ist Frevel!« warnte die lebenserfahrene Frau. »Trotz aller Wahrsager und Sterndeuter werden wir nie wissen, was die Götter über uns verhängen. Aber du siehst, ich hatte recht, als ich dir sagte, erwarte von einem Komödianten nicht zuviel. Ich kenne die Welt. An meinem Hause wirft sie die Maske ab und zeigt ihr wahres Gesicht. Ein Schauspieler! Er mimt nicht nur auf der Bühne, er spielt eitel auch vor sich selbst und den Nächsten seine Rolle und bleibt ein Komödiant in allem, was er denkt und treibt. So mußt du diesen Paris sehen – nicht anders. Wie sagte ich? Es gibt der Liebhaber mehr als genug.« Messalina hörte nicht das Schwatzen der Alten. Ihre Gedanken stoben. Wer war das Weib, das Paris gerettet hatte? Ihm vorgelogen hatte, daß sie ihn gerettet habe? Wer war dieses Weib?! Eine Nebenbuhlerin? Eine tückische Nebenbuhlerin? Ihre Gedanken stoben. Ihr tief gedemütigtes Gemüt empörte sich in selbstzerstörerischem Trotze. Der Erste hatte sie vergewaltigt, der Zweite sie betrogen und durch seinen feigen Verdacht entehrt. Das waren die Männer! Was war sie ihnen gewesen? Ein Nichts! Eine Dirne, die man nimmt – – und fortwirft, wenn man sie genossen hat. Was war Liebe? Ein lächerlicher Hohn! Ein alberner Traum! Fort damit! Die Wildheit ihres Geschlechtes barst in der geschändeten Frau empor. Eine Dirne war sie ihren beiden Geliebten gewesen – mehr nicht! Weiter nichts! Eine Dirne wollte sie sein und bleiben. Sonst nichts! Genießen, Wollust schlürfen, sich von Taumel zu Taumel werfen. Weiter nichts! Leben wie Rom, die große Metze, lebte! Sonst nichts! Plötzlich schrie sie die Alte fanatisch an: »Verschaffe mir einen Liebhaber!« Rubria starrte benommen. »Hörst du nicht?! Einen Mann will ich, der mich nimmt und fortwirft!« »Ich will sehen, was sich tun läßt, Kind. Doch überlege erst, ob –« Sie hob die Hände. Sie zitterten. »Ich habe nichts zu überlegen!« rief Messalina ekstatisch. »Ich will genießen – ich will brennen wie eine Flamme, wie eine heiße, verzehrende giftige Flamme! Fackel will ich sein – Fackel der Lust, die die Männer verzehrt. Feuer der Rache auf dem Altare der Venus. Rufe einen Mann – er soll zufrieden sein.« »Ewige Götter – Domina!« rief Rubria entsetzt. »Kupplerin, schreckt dich dein Gewerbe?« schrie Messalina in ausbrechender, verzweifelter Raserei. »Soll Rom erleben, daß ich einen der Schandstühle draußen vor deinem Hause besteige und mit entblößten Brüsten die vorübergehenden Männer anrufe, mir zu Willen zu sein?« Sie riß sich die Stola vom Leibe und stand da in einer flammenfarbigen Multicia, deren Florstoff fast nichts von dem herrlichen Körper verhüllte. »Bisher hat man mir meinen Körper gestohlen. Jetzt will ich ihn freiwillig jedem schenken, der ehrlich bekennt, nichts zu begehren als meinen Leib. Der nicht eine Sekunde an meine Seele und mein Herz verliert. Hinaus, Kupplerin – verkaufe mich, wem du magst!« Mutter Rubria war bis zur Tür zurückgewichen. Die Tobende sah gefährlich aus, als sie jetzt die Haare löste und eine lange Goldnadel mit tückisch grün schimmerndem Smaragdkopf in der Faust hielt. »Ich lehne jede Verantwortung ab,« rief die Verängstigte. »Laß die Götter und mich mein Geschick verantworten,« höhnte Messalina. Sie warf die kostbare Nadel vor die Füße der Wirtin. »Da – mach dich damit bezahlt, wenn du um deinen Lohn bangst!« So töricht war Mutter Rubria nun doch nicht, das erste Federchen des Goldvogels zu verschmähen. Sie bückte sich flugs, hob die Nadel auf. Mit raschem Blicke schätzte sie das Kleinod auf etliche hundert Denare. »Ich bin deine Dienerin, Domina,« versicherte sie und brachte sich und ihre Beute schleunigst außer Gefahr. Draußen blieb sie aufatmend stehen und überlegte. Was war nun zu tun? Hatte die enttäuschte Dame vor Leid den Verstand verloren? War es nicht das beste, einen Soldaten der Stadtkohorte herbeizuholen? Doch nein! Wer wußte denn, aus welchem hohen Hause diese zorn- und lustrasende Person stammte! Sie ahnte Unglaubliches. Am Ende brachte es dem »Tanzenden Kranich« selbst Gefahr, wenn man den behördlichen Schnüfflern Gelegenheit bot, in seine Geheimnisse zu blicken. Nicht immer konnte es genau nach den Gesetzen zugehen hinter den verschwiegenen Mauern eines solchen Hauses. Rubria schritt ins Atrium, die Besucher ihrer Spelunke zu prüfen. Nur wenige Mädchen fand sie im Empfangsraume. Einige folgten dem halblauten Vortrag einer griechischen Harfensängerin, andere plauderten munter mit einigen jungen Leuten, die um diese Stunde oberflächliche geistige Zerstreuung bei Mutter Rubria suchten. Ein hochgewachsener Grieche lehnte an der Säule, neben der die Sängerin kauerte. Er hielt den hübschen Kopf geneigt und lauschte dem ionischen Liede, das ihn wehmütig an die Heimat erinnerte. Als die Wirtin das Atrium betrat, hob er das edelgeschnittene Antlitz, das seine vornehme Abstammung verriet, und nickte der Alten mit der Vertraulichkeit eines guten Bekannten zu. »Willkommen,« erwiderte sie den Gruß. »Dies um so mehr, als du gelegen kommst.« »Wie soll ich das verstehen?« forschte er, die klugen, dunkeln Augen unter der geistvoll geräumigen Stirn erstaunt auf Rubria heftend. Sie zog ihn beiseite: »Würdest du mir die Gefälligkeit erweisen, eine vornehme Dame zu unterhalten?« Lachend erwiderte er: »Du edle Oberpriesterin des Eros, wenn sie jung und schön ist, will ich dir diese Zumutung verzeihen. Sonst aber – bei der Göttin von Kypros! – mache dich auf meinen Zorn gefaßt.« Mutter Rubria war freigeboren, der Grieche aber – wie sie wußte – ein freigelassener Sklave. Mit dem Hochmute, den der freigeborene Römer auch dem vornehmsten Freigelassenen gegenüber fühlte, antwortete sie daher: »Du kannst es dir zur Ehre rechnen, Narzissus, wenn ich dich zum Genossen dieser Dame wähle, die wahrlich der kyprischen Aphrodite selbst nicht nachsteht!« »Du machst mich neugierig,« bekannte Narzissus. »Verfüge über mich! Was habe ich zu tun?« Sie zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich nicht mehr, als durch geistreiches Geplauder eine Verschmähte zu beruhigen und zur Vernunft zu bringen. Ihr Liebhaber hat sie verlassen. Einstweilen rast sie.« »Rasende Mänaden sind nie schön, auch wenn sie noch so wohlgebildet sind,« zögerte Narzissus. »Ich liebe Gleichmaß und Harmonie. Kann ich sie wenigstens vorher unbemerkt sehen?« Sie nickte. »Komm! Du wirst staunen.« Narzissus folgte ihr durch den langen, dunkeln Gang, der zu den verborgenen Räumen des Rückgebäudes führte. Nahe der Tür des Cubiculums ermahnte Mutter Rubria ihn zur Vorsicht. Er beugte sich zu einer Stelle nieder, an der der Vorhang um Fingersbreite vom Türrahmen abstand, und – – prallte zurück. Hastig zog er die Wirtin in den Flur. »Du hast recht. Ich staune aufs höchste,« flüsterte er. »Weißt du, wen du beherbergst?« »Ich kenne sie nicht und darf sie auch nicht kennen,« gab die Alte zurück. »Ich ahne nur.« »Bleibe bei dieser Klugheit, rate ich dir dringlich. Denn wenn du wüßtest, wer dort drinnen wartet, könntest du leicht deine Tage im Tullianum des mamertinischen Kerkers beschließen. Nun geh und melde mich. Bei dieser Frau tritt man nicht ein, wie ein Schifferknecht in die Taberne.« Mutter Rubria gehorchte. Wenige Minuten später stand der Grieche vor der hochaufgereckten, herrlichen Frau, die über das Florgewand wieder die Lacerna geworfen hatte. Messalina musterte schweigend die edle Erscheinung des Mannes. Dann griff sie langsam nach dem Mantel, sich zu enthüllen. Narzissus machte eine Bewegung leichten Erschreckens. »Warte noch, edle Gebieterin! Vernimm zuvor, daß ich weiß, wer du bist.« Sie blickte ihn stolz an und erwiderte: »Meinst du, der Purpur schütze die Frau vor dem Dirnentume? Hier steht nur das Weib, nicht die Fürstin.« Dann warf sie den Mantel ab und bedeckte mit beiden Händen das starr verzerrte Gesicht und litt, daß Narzissus ihr zu Füßen sank und aufflammend ihre Knie umfaßte. 2 Unter den Hunderten von Männern aus dem Süden und Norden, Osten und Westen des Weltreiches, die noch immer täglich die Flure des Palatiums füllten, dem neuen Cäsar ihre pflichtschuldige Aufwartung zu machen, unter den Galliern, Lusitaniern, Ägyptern, Griechen, Sarmaten und anderen Völkervertretern befand sich an einem Märztage auch Abalanda, der Sohn des nordischen Chattenfürsten Togodumues. Doch wenn die andern als Gesandte, als Vertreter ihrer Fürsten, als Huldigende erschienen waren, nahte sich Abalanda dem Kaiser nur, weil er sich nach schwerem innerem Kampfe entschlossen hatte, von Claudius persönlich die Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat zu erbitten. Die Absicht zur Heimkehr hatte Abalanda schon gefaßt, als die Verheiratung Messalinas ihm jede Hoffnung auf die junge Freundin raubte. Doch damals sah Caligula in dem Sohn des Togodumues einen Bürgen für das Wohlverhalten der kriegerischen Chattenstämme und hatte die Entlassung rundweg abgeschlagen. Verbissen hielt Abalanda in Rom aus. Trotz aller Hoffnungslosigkeit hoffte sein törichtes, liebendes Herz noch immer. Er erwartete ein Wunder, eine Schicksalswendung, die ihm die Geliebte doch noch in die Arme legte. Er konnte es nicht ertragen, sie als Gattin des alten Tölpels Claudius zu sehen. Da trat der Umschwung ein, der die Traumgestalt seiner Liebe zu unerreichbaren Höhen emportrug und sie ihm, dem Fremden, für immer nahm. Lange Tage rang der schwerblütige Nordländer mit der vernichtenden Gewißheit. Die Art seines Aufenthaltes in Rom gestattete ihm nicht, sich formlos zu entfernen. Er bedurfte kaiserlicher Ausweise zur Heimkehr. Eine Flucht duldete sein Stolz nicht. Auch hätte er von Grenzwachen aufgegriffen und mit Gewalt als Gefangener nach Rom zurückgebracht werden können. Claudius kannte ihn und wußte, daß der nordische Fürstensohn im elterlichen Hause der Kaiserin einige Monate als Gast geweilt hatte, als noch niemand ahnen konnte, das junge, heitere und eigenwillige Mädchen werde über eine von tyrannischer Willkür diktierte Ehe den Weg zum Throne der Welt finden. Der neue Cäsar hatte seinen wundersamen Regierungsantritt auf Wunsch seiner griechischen Ratgeber und aus eigener Milde durch viele Gnadenakte geweiht. Er gewährte auch ohne Besinnen dem prinzlichen Vertreter eines unterworfenen Germanenvolkes freie und verbürgte Heimkehr. Er erwartete, daß der ehemalige Freund der Kaiserin sich auch von ihr verabschieden würde. Diese wohlwollende Erwartung durfte Abalanda nicht enttäuschen. Er mußte diese letzte Begegnung ertragen, so gern er auch ein Wiedersehen vermieden hätte. Es war nicht mehr die freundliche Fabulla, die der Herrin den Besuch meldete. Vor den Gemächern der Kaiserin standen prätorianische Leibwachen. Ein Atriarch prüfte sorgsam Namen und Stand des Besuches, ehe er ihn einem Sklaven im Wartezimmer überwies, der ihn wieder einer beamteten Dienerin überlieferte, die ihn der Gebieterin zuführte. Abalanda lächelte über diese Umständlichkeit des palatinischen Ceremoniales. Er gedachte, wie es noch vor kaum einem halben Jahre genügt hatte, vor Valeria Messalinas Zimmer zu rufen: »Darf man eintreten?« – wie dann Fabulla den Vorhang hob, den Namen sagte – Fabulla mit dem ewig heiteren Gesicht. Hier starrten fremde Mienen den Harrenden finster an, als argwöhnten sie in jedem Nahenden einen verkappten Meuchelmörder. Doch kaum hatte eine der in strotzenden roten Tuniken prangenden Sklavinnen kniend den Nordländer angemeldet, als drinnen ein halblauter Ausruf ertönte. Der Vorhang wurde zurückgeworfen. Die Kaiserin selbst erschien auf der Schwelle. »Abalanda!« Mit ausgestreckten Armen stand sie dort, eilte dann auf den Jugendfreund zu, noch bevor er, der Etikette gemäß, das Knie vor der Herrscherin beugen konnte. »Es bedarf dessen nicht, du lieber Freund,« wehrte sie. Dann wandte sie sich streng an die Dienerin. »Ich wünsche, daß jeder weiß: für den Gast meines Elternhauses bin ich stets zu sprechen!« Sie schritt ihm voran in das Innengemach und scheuchte die anwesenden zwei Sklavinnen vor die Tür. »Wir sahen einander lange nicht,« eröffnete Messalina das Gespräch. Sie war hinter einen Sessel getreten, auf dessen hohe Rücklehne sie beide Arme legte, aus schmalen Augenspalten den stattlichen Germanen betrachtend. »Du hast dich verändert, Abalanda. Ernster noch siehst du aus als ehedem. Auch trägst du nicht mehr die römische Toga. Doch das einfachere und rauhere Gewand deiner Heimat kleidet dich besser.« »Die Toga trug ich auf den Wunsch des Kaisers Caligula,« erwiderte Abalanda. Er senkte den Blick. Dann hob er langsam wieder die Augen und sagte mit hart beherrschter Stimme: »Er hatte seltsame Einfälle. Doch was mein Leid war, ward dein Heil, Fürstin.« Sie wartete vergeblich auf beglückwünschende Worte, ehe sie herb sagte: »Du hast dich lange besonnen, Abalanda, mir deine Glückwünsche zu überbringen.« Er schüttelte das blonde Haupt: »Es ist auch heute nicht der Zweck meines Kommens, hohe Gebieterin.« »Laß die Phrasen,« unterbrach sie mit einer wegwerfenden, leichten Geste. »Ich bin nicht deine Gebieterin geworden. Ich blieb dir die Gefährtin aus heiteren, schönen Tagen. Aber gerade deshalb habe ich erwartet, dich unter den ersten Gratulanten zu sehen. Wenn du auch heute zu anderem Zwecke kommst, was führt dich herauf zum Palatin und zu mir?« »Der Wunsch des Cäsars, daß ich der Kaiserin Lebewohl sage, ehe ich in die Heimat reise.« Rasch kam sie hinter dem Sessel hervor und auf Abalanda zu. Ihr Gesicht war um einen Schein blasser geworden, ihre Augen brannten, als sie enttäuscht flüsterte: »Du verläßt Rom?« Dann besann sie sich. Bog den Kopf mit einer geschmeidigen Bewegung in den Nacken, lachte leise auf und ließ sich in die goldbequasteten Polster des Lehnsessels nieder. »Es bedarf also des Wunsches eines Kaisers, damit der Freund nicht feige ohne Abschied aus Rom verschwindet!« Abalanda errötete. »Noch keiner hat gewagt, mich feige zu nennen,« entgegnete er, seine Bewegung meisternd. »Dennoch will ich gestehen, etwas hielt mich zurück, vor der Freundin und vor der Kaiserin zu erscheinen.« »Ich weiß, du hast mich geliebt, Abalanda,« sagte sie leise mit geschlossenen Lidern. »Vielleicht ist meine Reue, mich nicht in dieser Liebe geborgen zu haben, tausendmal bitterer als dein Leid des Verzichtes.« »Valeria Messalina,« brachte er mit erstickter Stimme hervor. »Sprich nicht, o sprich nicht!« flehte sie unterdrückt. Zwei klare Tropfen perlten an ihren gesenkten Wimpern. Erst nach langer Zeit hatte sie die Fassung, weiter zu sprechen. Und jetzt klang ihre Stimme schneidend: »Es ist gut, daß du gehst. Die Valeria, die du liebtest, ist tot. Für die Messalina, die lebt, bist du zu schade!« Auf das tiefste erschrocken, trat er näher an sie heran. Ihre auf der Armlehne des Sessels ruhende Hand beim Gelenk umspannend, fragte er stockend: »Valeria Messalina – in Rom – erzählt man – doch nein, das ist unmöglich –« Er starrte sie beschwörend an. Langsam erhob sie sich. »Was spricht man?« fragte sie hart. Konnte er wissen, konnte Rom wissen von jener Stunde, in der das Cubiculum des Gasthauses »Zum tanzenden Kranich« der Grieche Narzissus betreten hatte? Während sie mit angehaltenem Atem lauschte, begann er düster: »Es gibt in Rom wohl nur einen Menschen, der nichts weiß von deinem – Freunde Paris. Das ist der Cäsar. Obgleich die Zeiten der Spione eines Caligula vorüber sind, obgleich die Menschen sich wieder sicher fühlen, weil Kaiser Claudius die berüchtigten Lockspitzel verjagt hat, die zu tadelnden Äußerungen über den Cäsar verleiteten und dann gegen den Verleiteten als Zeugen auftraten, obgleich das freie Wort wieder eine Statt hat in Rom, wagt man dennoch nur im engsten Kreise zu flüstern über die Kaiserin Messalina. Es wird insgeheim gegen dich gewühlt und gehetzt. Hast du einen Feind, Valeria Messalina?« Sie schüttelte den Kopf: »Ich habe niemand ein Leid zugefügt.« »Es bedarf dessen in Rom nicht, um sich einen Feind zu schaffen,« bedachte Abalanda. »Der Kaiser Claudius gilt als ein gleich milder Mensch wie Monarch. Man erzählt, daß er mit Tränen in den Augen der Forderung des Senates nachgab, die beiden Militärtribunen Cassius Chärea und Cornelius Sabinus hinrichten zu lassen als Häupter der Verschwörung gegen Caligula. Man rechnet ihm dieses vergossene Blut der beiden Befreier des Volkes nicht an, denn seine Thronbesteigung blieb sonst frei von Blut. Man erkennt an, daß ein so grauenvolles Geschehnis wie ein Kaisermord nicht vollkommen ungesühnt bleiben durfte.« Messalina richtete sich auf. »Ich kenne dich gut, Abalanda, und höre heraus, daß du mit diesen Erörterungen deine eigentliche Frage hinausschiebst. Nie hat dir der Mut gefehlt, wahr zu sein. Warum fehlt er dir jetzt?« Er senkte das Haupt und gab zu: »Mein Glaube an dich ist erschüttert, Valeria Messalina, und ich schäme mich dessen. Deshalb mied ich dich. Du hast recht, der Mut zur Frage ist mir entsunken. Ich hätte dich nicht wiedersehen dürfen.« »Um heimzukehren in dem Glauben, daß ein unerhörter Makel auf dem Andenken jener Frau lastet, die du liebtest!« rief Messalina heftig., »Ich wiederhole dir, ich habe niemand ein Leid zugefügt als mir selbst. Und das verantworte ich vor mir allein. Du weißt offenbar von Gerüchten, gegen die ich mich verteidigen kann. Muß dich die Freundin an deine Pflicht erinnern?« Da fragte er freimütig, nachdem sein Auge forschend den offenen Ausdruck ihrer Züge betrachtet hatte: »Was war dir Paris?« Die Frage traf sie wie ein Stich. Doch sie faßte sich rasch und gab klare Auskunft. »Darauf zu antworten, muß ich weiter ausholen.« Sie trat in die Tageshelle einer kleinen Kolonnade, die das Solarium draußen von dem Innengemach abgrenzte. Sich an eine der Säulen lehnend, stand sie sonnenüberflossen dort, den Blick auf das Häusermeer der zu Füßen des Palatins ruhenden Millionenstadt geheftet. Dann sprach sie: »Man nennt meine Erhebung zur Kaiserin einen Aufstieg, weil man vergißt, daß in mir zwiefach das Blut des julischen Geschlechtes pulst. Ich bin nach meiner Herkunft tausendmal kaiserlicher als der Mann, der jetzt das Principat innehat. Er ist's, von dessen Aufstieg man reden müßte. Daß er ein guter Mensch ist, leugne ich nicht. Seine Güte schätze ich. Aber« – sie sah Abalanda mutig an – »ein Mann, dessen Blut zu meinem Blute, dessen Sinne zu meinen Sinnen sprächen, ist er nicht. Das war mir Paris.« »Du liebtest ihn, Valeria Messalina?« Es klang wie ein Schmerzensschrei. Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war alles nur ein Rausch. Mich dürstete – ich griff nach einem Becher.« »Was trennte dich von Paris?« »Ah, du verhörst mich, lieber Freund,« versetzte sie nach einem bitteren Auflachen. »Gut. Dem Scheidenden verschweige ich nichts. Ihr Nordländer seid Menschen des Verstandes – wir Menschen des sonnigen Südens des Gefühls. Was mich von Paris trennte? Du würdest vielleicht sagen, die Macht des Schicksals, das jede Schuld bestraft. Ich sage, die menschliche Gemeinheit.« »Und das rächst du so blutig?!« »Vielleicht hätte sich die Kaiserin gerächt, wenn der Feigling mich nicht aus sicherer Ferne getroffen hätte.« Abalanda war mit einem hastigen Satze bei ihr. »Valeria Messalina,« rief er eindringlich, »ist das die Wahrheit?« Er bebte vor Aufregung, als er hinzufügte: »Einmal schon – in jener Nacht, als ich deine Heimkunft aus dem Kaiserpalast erwartete – fühlte ich, daß du eines Beschützers bedurftest. Deine rasche Ehe mit Claudius Drusus verwehrte mir das Recht, dir zur Seite zu stehen. Ich liebe dich noch immer, Valeria Messalina, anders, als man in Rom liebt. Die düstere Wildnis meiner Heimat erzieht uns nicht zum Tändelspiel der Liebe und leichtem Vergessen.« »Du treuer Mensch,« flüsterte sie, mit dem Schmerz um ewig Verlorenes ringend. »Nenne mich nicht mit den zwei Namen! Sie sind nur noch wehmütige Erinnerung.« Sie schritt in das Gemach zurück und ließ sich in einen Sessel nieder. »Lassen wir das Vergangene vergangen sein, mein Freund. Wehmut liegt der Kaiserin Messalina nicht mehr – auch nicht der Geliebten eines Paris – noch weniger aber der Frau, die du zu kennen meinst, ohne sie wirklich zu kennen. – Also nun weiter.« Er staunte über den leichtfertigen Ton, in dem sie plötzlich sprach. Dann fragte er von der Säule des Balkons aus: »Was ward aus Paris?« Da sie nur eine Gebärde verachtender Gleichgültigkeit machte, forschte er dringlicher: »Du weißt wirklich nichts von dem Gerücht, das dich umschleicht?!« Messalina lachte obenhin. »Wer im Lichtglanze auf goldenem Stuhle thront, wirft einen langen Schatten. Er muß gewärtig sein, daß die Menschen um so lieber auf diesen Schatten treten, wenn ihnen der Schattenwerfer selbst unerreichbar ist. Was meinem Schatten widerfährt, läßt mich kalt.« »Kalt auch dann, Fürstin, wenn man behauptet, selbst aller Glanz der Kaiserin vermöchte nicht Blut zu vertuschen – das Blut eines Menschen, dessen du dich entledigt hättest, weil das Geheimnis, das diesen Menschen mit dir verband, der Kaiserin lästig geworden sei?« Alle Farbe wich aus dem Antlitz Messalinas, als sie aufschrie: »Blut?! Sprichst du von einem Morde, Abalanda?« Er zögerte mit der Antwort. Er fürchtete die Bestätigung aus ihrem Munde. »Sprich doch!« drängte sie. Vergeblich blieb ihre Anstrengung, sich zu erheben. Die Angst lähmte sie. Langsam, jedes Wort ihm eine Qual, sagte er: »An der tiberinischen Insel strandete der noch von frischen Dolchwunden blutende Leichnam des Tragöden Paris.« »Wann?« »Acht Tage nachdem die Gattin des Claudius Drusus im Lager der Prätorianer so beredt um die Imperatorenwürde für den Gatten warb.« Nur wenige Minuten kämpfte Messalina. Dann hatte sie sich bezwungen und mit übermenschlicher Kraft die Nachricht vom Tode des einst fanatisch geliebten Mannes überwunden. »Was gilt in Rom ein Menschenleben!« sprach sie mit einer Besonnenheit, vor der Abalanda graute. »Das Gespenst des Toten kann mich so wenig schrecken wie das Gerücht, das mich verdächtigt. Ich bin unschuldig an der Mordtat. Ich rächte mich nur an mir selbst.« Sie wurde durch eine Sklavin unterbrochen, die eintrat und sich an der Schwelle auf die Knie niederließ. »Verzeih mir, Erhabene,« bat die Dienerin mit angsterfülltem Gesicht. »Doch Narzissus besteht darauf, daß ich ihn dir melde.« Messalinas Antlitz glühte auf vor Erschrecken. Doch auch vor Zorn. Mit einem Sprunge war sie aus dem Sessel und neben der Sklavin. »Hinaus mit dir!« schrie sie. »Und sage dem Griechen, daß die Kaiserin noch immer zu bestimmen hat, ob sie gestört sein will, ob nicht.« Während die Dienerin flüchtete, offenbar glücklich, daß der Auftritt nicht schlimmer abgelaufen war, wandte Messalina sich mit stürmendem Atem an Abalanda. »Vergib, daß du mich im Zorn sehen mußtest. Du kamst, Lebewohl zu sagen. Guten Herzens ist der Cäsar. Er glaubte uns einen Liebesdienst zu erweisen, wenn er dir gebot, dich von mir zu verabschieden. Du siehst, ich bin nicht mehr Valeria Messalina. Es wäre besser gewesen, du würdest – wie du es gewollt – spurlos aus meinem Leben verschwunden sein.« Plötzlich ganz Fürstin, sprach sie hoheitsvoll: »Die Götter mögen deinen Heimweg beschirmen. Grüße den finsteren Norden. Oft wird mein Gedenken dir dorthin folgen.« Sie reichte ihm die Hand. Abalanda ergriff sie. »Auch die freundschaftlichste Verabschiedung von der Kaiserin darf die angemessene Zeit nicht überschreiten,« sagte da hinter ihm eine tiefe, reine Stimme. Als Abalanda sich umwandte, sah er einen hochgewachsenen Mann in kostbarer Kleidung an der Tür stehen. Narzissus hielt den Vorhang offen und trat mit einem undurchsichtigen Lächeln ein wenig zur Seite, mit einer Handbewegung zum Verlassen des Gemaches auffordernd. Zu stolz, sich in Gegenwart eines Fremden vertraulich von der Freundin zu verabschieden, verneigte sich der nordische Fürstensohn stumm vor der Kaiserin und ging, ohne von dem Freigelassenen Notiz zu nehmen. Der Grieche ließ den Vorhang fallen. Sein schönes, kluges Gesicht verfinsterte sich, als er sagte: »Ein stattlicher Mensch, dieser Barbar. Man könnte eifersüchtig werden.« Messalina blickte ihn voll empörter Verachtung an. »Du vergißt die Verabredung, Narzissus.« »Man vergißt manches im Banne einer schönen Frau,« erwiderte er gelassen. »Sein Glück, daß der Nordländer Rom verläßt!« Eine Liebkosung schroff abweisend, versicherte sie: »Er ist so ungefährlich, daß er ruhig bleiben könnte.« Dann sah sie ihn durchdringend an und sagte: »Einen Tag nach meiner ersten Begegnung mit dir fischte man einen Ermordeten aus dem Tiber. – Narzissus, wußtest du davon?« Der Grieche nickte ernst. »Ich weiß sogar, warum er büßte.« Der entsetzt vor ihm Zurückweichenden nachgehend, streckte er seine reich mit Ringen geschmückten Hände aus. »Sie sind rein. Ich bin zu klug, mich aus Eifersucht zu einer Mordtat verleiten zu lassen. Da aber halb Rom zischelt, der Mime Paris sei der Kaiserin im Wege gewesen, hielt ich es für meine Pflicht, dem Gerüchte nachzuforschen. Ich liebe nicht nur – ich diene auch: meinem kaiserlichen Herrn und der Gebieterin.« »Wer hat ihn getötet?« Narzissus zuckte die Achseln. »Mein Verdacht, edle Gebieterin, ist noch nicht so bestimmt, daß ich ihm Worte verleihen dürfte.« Dann flüsterte er warnend: »Es ist auch unter einem mit milder Hand regierenden Cäsar Claudius gewagt, unbegründeten Verdacht zu äußern. Ich bin aus dem Dunkel in den Glanz des Thrones gestiegen, das könnte mir Feinde schaffen, denen meine Anwesenheit im Palatin nicht erwünscht ist. Ich bin aus einem leichtfertigen Leben in das Land der Liebe verschlagen. Aber ein Narzissus ist kein unvorsichtig verliebter Paris, auch wenn er noch so glühend liebt. Daran, Herrin, erinnere dich zu gegebener Zeit.« Er verneigte sich und verließ plötzlich das Gemach. Im Flur traf er auf seinen Freund Polybius, der ihn erwartet hatte. Eine Weile gingen die beiden Ratgeber des Kaisers schweigend nebeneinander her, dem vom Cäsar bewohnten Teile des Palastes zu. Sie schritten langsamer, als sie das Viridarium erreichten, einen mit Ziergärten geschmückten Innenhof. Hier blieben sie vor einem Springbrunnen stehen, als wären sie in das Spiel der rauschenden Fontäne vertieft. Doch das laute Brausen des hoch aufsteigenden und in prismatisch funkelnden Kristalltropfen zurückfallenden Wassers sollte nur ihr leises Gespräch übertönen. Obwohl im Viridarium nur einige Gärtnersklaven arbeiteten, waren die beiden Griechen zu vorsichtig, sich nicht gegen Lauscher zu schützen. »Ich folgte deinem Rate, Polybius, sie ist gewarnt,« murmelte Narzissus. »Zu deiner Sicherheit, glaube mir,« gab Polybius leise zurück. »Doch verdirb es nicht mit ihr. Claudius hat sich – ein seltener Fall in Rom – in die jugendliche Gattin verliebt. Er ist ihrem Einflüsse ungewöhnlich zugänglich. Wir bedürfen ihrer, wollen wir den Kaiser in der Hand behalten. Bildlich gesprochen: wollen wir den römischen Adler zähmen – obwohl Claudius alles andere eher als ein Adler ist – so müssen wir der Taube sicher sein.« »Obwohl Messalina alles andere, nur keine Taube ist,« flocht Narzissus scherzend ein. »Unser Wille muß regieren,« fuhr Polybius mit entschlossener Miene fort. »Das in der Furcht der Bestie Caligula verdummte Rom bedarf der Weisheit griechischen Geistes. Wir werden es sein, die säen und ernten zugleich.« »Griechenland über Rom regierend – ein erlauchter Gedanke!« flüsterte Narzissus, und sein geistvolles Antlitz leuchtete. »Es wird gelingen, wenn du dich von deiner Liebe zu Messalina nicht verblenden läßt.« »Ich liebe sie nur mit den Sinnen, nicht mit der Seele,« versicherte der Freigelassene mit einem kühlen Lächeln. »Hierin begegnen wir uns, die Kaiserin und ich.« »Dann bin ich beruhigt,« nickte Polybius, den stattlichen und schönen Freund wohlgefällig betrachtend. »Um mit Seneca zu sprechen: wir betreiben die Geschäfte der Nachwelt.« »Du hast dir wahrlich ein großes Ziel gesetzt,« sagte Narzissus bewundernd. »Nicht nur mir,« verbesserte der gelehrte Grieche mit gedankenvollem Sinnen. »Auch dir – und ich gedenke noch unsere Freunde Pallas und Callistus heranzuziehen, damit wir einen unzerbrechlichen Ring um Claudius schließen, der durch keine Weiberintrige zu sprengen ist.« »Wen fürchtest du? Doch nicht etwa Messalina, die nicht die geringste Lust zur Einmischung in die Staatsgeschäfte verspürt!« »Agrippina,« erwiderte Polybius bedeutsam. »Wir hätten nicht dulden sollen, daß die Kaiserin, bewogen durch ihre blinde Vorliebe für diese gefährliche Intrigantin, den Claudius bestimmte, das Verbannungsedikt gegen die beiden Schwestern Caligulas endgültig aufzuheben. Livilla ist nicht weniger gefährlich als Agrippina. Beide stehen, wie ich zuverlässig weiß, mit dem uns nicht freundlich gesinnten Seneca in Verbindung.« »Wir müssen wachsam sein, du hast recht,« gab Narzissus zu. »Livilla und Agrippina wieder festen Fußes in Rom – zwei Weiber zuviel, die der Kaiserin an Geist überlegen sind – beide wieder im Besitze ihrer Vermögen, die ihnen der ehrliche Claudius zurückgab. – »Wenigstens eine von den beiden Frauen muß fort – und Seneca mit,« knurrte Polybius düster. »Es wird schwer sein, Gründe zu finden.« Polybius rieb das stark vorspringende Kinn und suchte mit stechenden Augen die Gedanken seines Schützlings zu lesen. »Läßt du mir vollkommen freie Hand?« fragte er unvermittelt. Narzissus neigte zustimmend das Haupt. »Livilla ist schön, begehrenswert, gewissenlos genug, um glaubhaft zu machen, daß sie der Kaiserin Grund zur Eifersucht gäbe,« spann der Grieche seinen Plan weiter. »Würdest du –« »Halt ein!« gebot Narzissus, schwer die Hand auf des Freundes Arm legend. »Verlange nichts von mir. was meiner Liebe zur Harmonie des Lebens zuwiderläuft. So getreulich ich zu deinem Willen stehe, der Regierung des Kaisers durch unsere vereinte Klugheit die Bahn zu weisen, so wenig bin ich geneigt, aus meinem Privatleben und meinen Neigungen Staatsgeschäfte zu machen. Auch stehen wir erst am Anfange unserer Pläne. Baue daher nicht gleich in die Wolken, Polybius. Laß dir einstweilen an dem Entwurf genügen.« Um das Gespräch abzubrechen, nahm Narzissus den Weg durch das Viridarium wieder auf, in dessen Gartenlieblichkeit die Türen der Arbeitsräume des Kaisers mündeten. Polybius folgte dem klugen Landsmanns schweigend, ein wenig verstimmt und unwillig. Er liebte es nicht, wenn er in seiner Gewohnheit gestört wurde. Und diese Gewohnheit war, eine einmal gefaßte Absicht so lange fortzuentwickeln, bis das Gewirr der verwickelten Fäden sich zu einem Netz klar übersehbarer Maschen herausgebildet hatte. 3 An die Gärten des Mäcenas grenzend, versteckt zwischen Zypressen und Lorbeerbäumen, umduftet von den früh blühenden Magnolien, stand auf dem Esquilin eine schöne Villa. Das Vestibulum öffnete sich genau nach Süden und trat ziemlich weit zurück von der Via Merulana. Der vom Hause bis an die Straße reichende freie Platz stellte einen sorgfältig gepflegten Rasenteppich dar, den an vier Seiten breite, mit goldgelbem Kies bestreute Wege umrahmten. Die Ränder der Rasenfläche wurden von langgestreckten Blumenrabatten eingefaßt, auf denen der geschickte Gärtner schon jetzt, gegen Ende März, ein farbentrunkenes Bacchanal von Blüten hervorgezaubert hatte. Die vorspringenden Flanken des Gebäudes waren durch einen Portikus verbunden. Diese Doppelreihe von Säulen trug einen Giebel, in dessen dreieckige Vorderfläche eine mächtige Marmorplatte eingesetzt war, mit figurenreichem Relief den Raub der Galatea darstellend. Es war die Villa, die Agrippina bezogen hatte, nachdem Messalina in den Kaiserpalast übergesiedelt war. Im Schatten des Portikus rasteten vier Sänftenträger und vertrieben sich die Zeit des Wartens auf ihren Herrn mit einem sehr einfachen Spiele. Der eine von ihnen hatte aus dem Kies des Weges eine Anzahl Steinchen aufgesammelt. Er saß mit dem Rücken gegen eine Säule gelehnt, neben sich ein bescheidenes Häufchen kleiner Kupfermünzen. Vor ihm hockten die drei andern Träger und beobachteten seine derben Pratzen, die er gehöhlt aufeinanderlegte. Nun schüttelte er die Hände, die in der Höhlung verborgenen Kieselsteinchen rasselten, dann schloß er plötzlich jede Hand zur Faust. Ein paar Kiesel fielen zu Boden. Es galt zu raten, ob eine gerade oder ungerade Anzahl Steinchen in der rechten oder linken Hand zurückgeblieben sei. Wer richtig erriet, dem warf der Mann eine Kupfermünze, einen Quadranten, zu. Wer falsch geraten hatte, legte seinerseits ein Geldstück zu dem Häufchen. »Ich bin heute stark im Verlust,« murrte schließlich der Träger Syphax. »Wenn unser Herr Crispus Passienus seinen Besuch bei Domina Agrippina noch lange ausdehnt, werde ich ohne einen einzigen Quadranten heimkehren. Wollen wir das Spiel nicht abbrechen?« »Mir recht,« brummte der Mann an der Säule – er hieß Gethus – sogleich beistimmend. Er liebäugelte mit dem Münzenhäufchen, das während des Spieles stark angewachsen war und sein Eigentum wurde, wenn auch die beiden andern, Urbicus und Sorus, das Spiel aufgaben. Er beschattete seine Augen und blickte auf zum Himmel. »Die trübumschleierte Sonne neigt sich schon dem Aventin zu,« erklärte er. »Bei den Göttern! Passienus muß viel mit dieser Agrippina zu reden haben, denn ich schätze, daß wir nun schon an die drei Stunden auf ihn warten. Der Westhimmel färbt sich gelbgrau, und wenn wir nicht rechtzeitig heimkommen, geraten wir wohl noch in den Regen.« »Du hast uns tüchtig ausgebeutelt,« knurrte Urbicus, scheel zusehend, wie der Gefährte rasch den Münzenvorrat aufsammelte, um dem Widerspruche der beiden andern zuvorzukommen. Gethus hatte die Summe nachgezählt. »Beim Saturnus, dem Gotte der Armen!« schwur er. »Ich bin nicht so sehr im Gewinn, wie ihr denkt, und wollte ich durch das Spiel soviel zusammenbringen, mich loszukaufen, müßte ich noch über meinen Tod hinaus spielen.« Er knotete die Münzen in einen Zipfel seiner Tunika und sah höchst zufrieden aus. »Was nur Passienus so lange bei Domina Agrippina zu tun hat?« fragte er, sich räkelnd. »Wenn den Esel das Fell juckt, schurrt er sich auch am Tempel der Aphrodite,« bemerkte trocken Sorus. »Solltet ihr wirklich nicht entdeckt haben, daß unser täglicher Weg mit der Lektika hierher eine Freiersfahrt ist? Unser guter Herr Passienus wirbt um Domina Agrippina.« »Das heißt: sie wirbt um ihn,« verbesserte Syphax. »Der Cäsar Caligula hat ihr den Reichtum arg beschnitten, und was der milde Claudius ihr zurückerstattete, soll nur ein kläglicher Rest gewesen sein. Wenn diese Leute nicht gleich Berge von Gold verprassen können, kommen sie sich arm vor.« »Nun, unser Alter wäre in seiner Freude am Geldverputzen bei dieser Agrippina ja an die richtige gelangt,« meinte Gethus. »Jahre genug hat er auf dem Buckel, lange kann er's nicht mehr treiben. Darauf vermutlich rechnet die schlaue Julierin.« »Mögen die Götter uns den braven Mann noch lange erhalten,« warf Sorus dazwischen. »Scheidet er von hinnen, nachdem er Domina Agrippina geehlicht hat und setzt er sie zur Erbin ein, so wird die Julierin unsere Herrin. Ich glaube, dann haben wir nichts mehr zu lachen. Darum wiederhole ich: lange lebe Crispus Passienus!« Syphax sah sich vorsichtig um, bevor er flüsterte: »Daß dieser fromme Wunsch dir nicht in Erfüllung geht, Freund Sorus, dafür wird die geldgierige Domina schon sorgen.« »Ja, es gibt dergleichen Künste,« mischte sich nun auch Urbicus wieder ins Gespräch. »Man hat mir von einer alten Vettel erzählt, die droben im Norden der Stadt in einem schmutzigen Winkel bei der Porta Salaria wohnt. Die Alte gießt kleine Bleiplatten und ritzt mit dem Stilus allerhand Zeichen darauf. Vergräbt man solch ein Ding am Fuße einer blitzgetroffenen Pappel –« »Da kannst du lange suchen,« warf Gethus ein. »Der Blitz schlägt niemals in eine Pappel.« »Na, einerlei – jedenfalls, wenn das Ding vergraben ist, stirbt der, dem man den Tod wünscht.« »Dummes Zeug!« lachte Sorus. »Wenn das wahr wäre –« »Es ist wahr,« versicherte Urbicus mit abergläubischem Schauer. Sorus lachte und fuhr fort: »Ich meine, wenn es hülfe, dann würde ich heute noch nach der Porta Salaria gehen und solch ein Bleiplättchen kaufen. Daß der Zauber nicht für unsern guten Herrn bestimmt wäre, leuchtet euch wohl ein.« »Es hilft, verlaß dich darauf,« behauptete Urbicus mit beteuernd erhobener Hand. »Aber – – hast du eine Handvoll Sesterzien übrig für die Alte?« Sorus grunzte irgendeinen Fluch und schüttelte stumm seinen mit straffen Haaren bedeckten Schädel. – Der Millionär Crispus Passienus, der Herr der Sänftenträger, sah derweil im Tablinum der Herrin des Hauses gegenüber, während sein übliches Gefolge, bestehend aus sogenannten Klienten – Leuten, deren Patron und Beschützer er war – sich wartend im Atrium unterhielt, die kostbaren Wandmalereien des Peristyls kritisierte oder die Goldkarpfen im Fischbecken des Viridariums bewunderte. Passienus war ein für sein Alter immer noch stattlicher Mann. Die längst ergrauten, aber reichlichen Haare ließ er mit Nußsaft beizen. Das dunkelbraune, künstlich gekräuselte Gelock hob die Frische seines wohlgepflegten Gesichtes. »Wir sind uns also über die Ziele unserer Verbindung einig, edle Domina,« schloß Passienus die Verhandlung, indem er sich mit behaglicher Miene in den Sessel zurücklehnte. Er legte die Fingerspitzen aneinander und bewegte die Finger in gemütlich zufriedenem Trommelspiel, wobei er verstohlen die schöne Frau musterte, deren rassige Leidenschaft seine ermatteten Kräfte spornte und lockte. »Ich bin vereinsamt und bedarf für den Abschluß meines Lebens einer Gefährtin, die mir Erheiterung bringt und nach außen meinen Reichtum würdig zu vertreten versteht.« »Es wäre unaufrichtig, wollte ich dir von lohender Liebe sprechen,« nahm Agrippina herb das Wort. »Doch ich fühle dir gegenüber Besseres und Dauernderes: Verehrung und Freundschaft. Sei versichert, mein Crispus, diese Beteuerung eines der Liebe höchst nahen Gefühles kommt aus beglücktem Herzen.« Sie tat, als müsse sie aufsteigende Tränen verbergen und murmelte mit geschickt bebender Stimme: »Sprichst du daher vom Abschlusse deines Lebens, so bereitest du mir Schmerz. Warum diesen lichten Augenblick unserer Verbindung verdüstern durch die Mahnung, auch dieses neugewonnene Glück könne enden? Ich bin überzeugt, daß es für mich ein letztes und schönstes Glück ist, das dich zu mir führte. Mögen alle gütigen Götter ihm eine lange, lange Dauer verleihen!« Passienus war ein kluger Mann. Er erfreute sich an den schönen Worten Agrippinas und hörte aus ihnen die Verheißung, die er von seiner späten Ehe erhoffte. Doch er nahm sie nur zum geringsten Teil für bare Münze. Nach der Art kluger, reicher alter Herren war er sich darüber klar, daß weniger seine Persönlichkeit als seine Millionen diese im Vergleich zu ihm noch junge Frau von fürstlicher Herkunft bestimmten, seine Werbung anzunehmen, immerhin, er konnte sich die Laune gestatten, durch die Heirat mit Agrippina Verwandter des Kaiserhauses zu werden und diesem hohen Range entsprechend aufzutreten. Er wollte das Leben dieser schönen, verführerischen Frau vergolden. Einem anderen Zwecke aber sollte sein bedächtig erworbener Reichtum nicht dienen. Der gefährliche Ehrgeiz der Cäsarentochter war ihm nicht fremd. Aber für politische Bestrebungen sollten seine Millionen nicht herhalten! – Oh nein! Passienus war kein Freund der Politik. Er wollte mit der glänzenden Agrippina mit vollen Händen vergeuden und seinen glückbegünstigten Lebensweg mit einer prachtstrahlenden Apotheose beschließen. Nur von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete er die Einheirat in das fürstliche Geschlecht. Darüber sollte Agrippina sich keinen falschen Hoffnungen hingeben. Er sagte deshalb ehrlich: »Um eine abgebrauchte Redensart anzuwenden, meine Teure, was ich besitze, lege ich dir zu Füßen. Magst du das Gold unbedacht verstreuen! Aber eines behalte ich mir vor: zu irgendwelchen anderen Zwecken als denen des Lebensgenusses und des Vergnügens darf mein Geld nicht dienen. Sobald du mich hierin zu hintergehen suchst, müßte ich – bildlich gemeint – ein Schloß vor den Kasten hängen und dir die Summen zumessen, die für den Aufwand einer vornehmen Römerin und kaiserlichen Verwandten ausreichen.« Die zielbewußte Frau war in der Schule ihres Schicksals eine vollendete Schauspielerin geworden, die nur in sehr seltenen Fällen aus der Rolle fiel. Auch jetzt wußte sie sofort ihre Enttäuschung zu unterdrücken. Mit einem hellklingenden Lachen erhob sie sich und trat berechnend dicht an Passienus heran, daß sie ihn streifte, er ihre Nähe fühlen und ihre erregenden Formen unter dem anschmiegenden Gewande gewahren konnte. »Du tust recht, mein Freund, wenn du durch Offenheit jedem Mißverständnis vorbeugst,« versicherte sie und ließ ihn den Duft ihres gepflegten Körpers atmen. »Sei überzeugt, du bester der Männer, was ich erstrebe, ist allein dein Schutz. Was ich von deinem Schutz erhoffe, ist allein die Wohltat, nach den Wechselfällen meines Daseins in trauter Ruhe zu leben und sagen zu können: ich bin geborgen. Und ich will dem Edelmut meines Gatten durch zärtliche Treue und beglückte Aufopferung mit allem danken, was an der einsam gewordenen und verbitterten Agrippina noch hingebendes Weib geblieben ist.« Meisterhaft heuchelte sie Weichheit und Rührung vermöge ihrer genialen Begabung, jede vom Augenblick geforderte Stimmung in sich zu erzeugen. Aufseufzend bog sie sich so weit nieder, daß ihr Gesicht auf des befangenen Passienus Schulter ruhte. Der Alte saß ganz still. Er ließ sich Hals und Kinn umwehen von dem gewollt erregten Odem der ränkevollen Frau, die klüglich über die Achsel des Verlobten spähte, ob das Gefolge des Millionärs auch Zeuge sei dieser intimen Stellung. Sie wollte ihn fangen und festhalten und dem reichen Manne die Zurücknahme der getroffenen Vereinbarung unmöglich machen. Die von Kaiser Claudius aus der Verbannung befreite Schwester der Agrippina, Julia Livilla, erharrte das Ergebnis der Unterredung mit Passienus in einem Zimmer des Rückgebäudes. Kaum war die Sänfte des Millionärs aus dem Vestibulum der Villa verschwunden, so eilte Livilla in die vorderen Gemächer. »Du siehst nicht aus wie eine glückliche Braut, die demnächst den Einzug in das Haus des Erwählten zu feiern gedenkt,« lachte die spottlustige Schwester des Caligula. »Ich habe meinen Wunsch verwirklicht,« verkündete Agrippina ernst. »Vorläufig freilich sitzt Passienus noch auf seinen Goldsäcken. Ich werde alle Klugheit und List aufbieten müssen, diesen goldenen Schatz ganz in meine Gewalt zu bringen.« »Ah, er ist geizig? Nun ja, wie immer, wenn der Quirit zu Gelde kam.« »Ein Quirit im spießbürgerlichen Sinne des Wortes ist er nicht,« nahm Agrippina den Verlobten in Schutz. »Ich verstehe ihn schon. Er wünscht einen frohen und freundlichen Lebensabend und will deshalb nicht durch mich in ehrgeizige oder politische Bestrebungen und Beunruhigungen verwickelt werden.« Die Arme nach Art maskuliner Frauen unter dem Busen kreuzend, schritt sie auf und ab. »Ach, dieses Warten und immer wieder von neuem warten!« klagte sie. »In meinem zwölften Jahre schon erkannte ich, daß die Olympischen mir ein hohes Los bestimmten. Ein Astrolog hatte es mir verraten. Ich folgte der Lockung. Aber sobald mein Ehrgeiz nahe dem Ziel war, ward ihm noch immer der Weg verlegt. Wann wird er endlich zu seinem Rechte kommen! Ich habe schon gelernt, für mich selbst zu verzichten, und übertrug meine Hoffnungen auf den Sohn mit aller Inbrunst der Mutterliebe. Zwar sagte mir der gleiche Astrolog, mein Sohn werde mich morden.« Sie lachte bitter und verächtlich. »Auch das will ich tragen, wenn er als Kaiser Roms die Welt beherrscht. Meine Zeit wird und muß kommen, jetzt, nach dem Sturze unseres Bruders Caligula – wer hätte dieses Ende nicht vorausgesehen! – wollte ich meinen Nero auf den Cäsarensessel setzen und als Vertreterin des Kindes die Macht ausüben. Da stellte ein frecher Hohn des Schicksals mir diesen Claudius in den Weg. Dieser Princeps – gerade der!« »Heirate ihn und laß den Passienus laufen,« riet Livilla bündig. Agrippina blieb bei der Schwester stehen und sah sie hochmütig an: »Meinst du, ich hätte mich einen Augenblick besonnen, wenn Messalina nicht wäre?« »Du vergißt, daß die Ehe zwischen Oheim und Nichte als Blutschande verboten ist,« erinnerte Livilla. Sie wandte sich ab, weil sie den scharfen, funkelnden Blick Agrippinas nicht ertragen konnte. »Ein Gesetz kann der Cäsar Kraft seiner imperatorischen Gewalt aus dem Wege räumen,« entgegnete Agrippina. »Das wäre kein Hindernis für eine Ehe mit ihm.« »Nun – und?« fragte Livilla. »Was steht dann der Verwirklichung deines Wunsches, Kaiserin zu werden, im Wege?« »Messalina.« »Man kann in Rom den Tod eines Menschen ziemlich billig haben,« warf Livilla leise ein. Agrippina nahm ihre Wanderung wieder auf: »Auch das habe ich bedacht.« »Kein Wunder – du warst nie kleinlich in der Wahl deiner Mittel.« »Wahrlich nicht! Doch ein offenes Vergehen gegen Messalina ist unmöglich. Claudius sieht in ihr seinen Glücksstern und liebt sie abgöttisch. Soweit dieser Narr lieben kann. Gewiß, er wäre vielleicht zu lasch nachzuforschen, wer und was Messalina beseitigt hat. Aber seine griechischen Ratgeber halten zu Messalina, namentlich Narzissus. Sie bedienen sich ihrer, um den Kaiser wie einen blinden Gaul zu zügeln. Narzissus vor allem ist zu fürchten als der klügste der Freigelassenen. Er hütet sie wie seinen Augapfel als Mittel seiner Machtstellung. Gewalt kann gegen die junge Frau nichts ausrichten. Nur List kann sie stürzen. Und zur Ursache ihres Sturzes muß sie selbst werden.« »Wie?« fragte Livilla erstaunt. Agrippina zog die Schwester in eine Ecke des Gemaches. »Ich muß ihre Sinnlichkeit und ihren erotischen Leichtsinn ausbeuten. Ich tat es schon einmal,« flüsterte sie. »Aber es blieb ein Schlag ins Wasser.« »Erzähle.« »Ich schrieb dir vor deiner Heimkehr nach Pontia über den Schauspieler Paris? Gut. Ich wußte, Messalinas erste Tat als Kaiserin würde seine Befreiung aus dem Kerker sein. Ich erwartete ihn vor dem Gefängnistore. Ich erklärte, im Auftrage Messalinas zu handeln, und versicherte, nur schleunige Flucht könne sein Leben retten, da der neue Cäsar ihn, den Liebhaber der Kaiserin, als ersten zu beseitigen gedächte. Messalina fordere, daß er Rom augenblicklich verlasse und nie mehr zurückkehre. Der junge Mensch war durch den kurzen Aufenthalt hinter den Mauern des Tullianums so verängstigt, daß er, ein Weichling, ohne weiteres auf jede Bedingung einging. Nach meinem Diktat schrieb er einen Brief, dessen Anhalt er kaum verstand – und floh. Doch ehe er das Weichbild Roms noch verlassen hatte, ließ ich ihn ermorden und in den Tiber werfen.« Livilla prallte bei diesem gelassenen Geständnis zurück: »Du bist furchtbar, Schwester!« »Ich fand Willige, die das Gerücht verbreiteten, Messalina, der Kaiserin, sei der Geliebte unbequem geworden, sie habe den Zeugen des Ehebruchs aus der Welt schaffen lassen.« »Und dieses Gerücht hast du unserem braven Oheim Claudius zu Ohren gebracht?« »Darauf lief mein Plan hinaus. Als Mörderin und Ehebrecherin sollte sie vor Claudius stehen. Der Anschlag mißlang.« Agrippina ballte in nachklingendem Zorn die Fäuste, daß die Gelenke der Finger weiß aufglänzten. »Alles war vergeblich,« grollte sie mit verzerrtem Munde. »Denn mittlerweile hatte ein Nordländer, ein Germane namens Abalanda, den Mann ausfindig gemacht, der diesen Paris niederdolchte. Es war ein mir treu ergebener Mann, den ich aus der Sklaverei freiließ, ein Mauritanier Boccar. Er genoß seine Freiheit nicht lange. Er besiegelte seine Treue mit dem Tode. Selbst auf der Folter blieb er standhaft bei der Behauptung, er habe eine persönliche Rache an dem Schauspieler gekühlt. Hinzu kam noch, daß der Grieche Narzissus sich mit besonderem Eifer der Sache annahm. Wahrscheinlich, um den gegen die Kaiserin züngelnden Verdacht zu vernichten. So war es mir unmöglich geworden, meinen Streich zu führen und Messalina bei Claudius zu verdächtigen. Im Gegenteil, ich mußte froh sein, nicht selbst in meinen Schlingen erwürgt zu werden.« Sie lief wieder erregt durch das Zimmer und schalt: »Alle Götter müssen mich verlassen haben! Denn was ich tat, war Torheit. Ich selbst, ich Närrin, räumte den klassischen Zeugen aus dem Wege, den man Claudius nur zu bringen brauchte, um ihn von der Untreue seines Weibes zu überführen.« Livilla erhob sich. »Dein Gespinst war allzu fein gesponnen,« tadelte sie. »Daher zerriß es so leicht.« »Wahrscheinlich hast du recht,« gab Agrippina finster zu. »Der Stein auf meinem Wege – Messalina – scheint härter, als ich dachte. Nicht vorsichtiges Pocheln sprengt ihn, sondern nur gewaltiger Hammerschlag. Dazu gehört Kraft. Ich werde sie sammeln!« Hier wurden die würdigen Schwestern in ihrer Zwiesprache gestört. Der Admissional des Hauses erschien auf der untersten der zum Tablinum hinaufführenden Stufen. »Die Sänfte steht bereit, Domina,« verkündete der Zeremonienmeister unterwürfig. »Wann habe ich sie befohlen, du Hohlkopf?« fuhr Agrippina heftig den Mann an. »Ich erlaubte mir, deinen Befehl vorauszusetzen, Herrin,« entschuldigte er sich, sich in der Angst vor einer Züchtigung zusammenduckend. »Es ist heute der vierundzwanzigste Tag des Märzmondes – der Tag der Salii, der Springer, die zu Ehren des Mars ihren Kriegsreigen aufführen.« »Du tatest recht, Gabba,« beruhigte Agrippina den furchtzitternden Mann, der wußte, wie grausam die strenge Herrin die Dienerschaft um ein Nichts zu strafen pflegte. »Laß uns zwei Reisemäntel aus tarentinischem Wollgewebe bringen, denn der Abend wird kühl.« Sie wandte sich an die Schwester: »Wir dürfen natürlich bei dieser kaiserlichen Veranstaltung auf dem Forum Romanum nicht fehlen.« Während der Admissional von dannen eilte, fragte Livilla: »Der Tag der Salii – der Springer? Davon habe ich nie gehört. Was ist das?« »Eine Ausgrabung unseres erhabenen Oheims,« höhnte Agrippina. »Eine gewaltige Herrschertat dieses Trottels. Was darf Claudius, die willenlose Puppe seiner Griechen auf dem Throne, anderes tun als Längstverstaubtes aus seinen Geschichtsbüchern hervorkramen! Mit lächerlicher Wichtigkeit sucht er altem Brauche neues Leben zu geben. In grauen Zeiten Roms war es einmal Sitte, daß am Tage der Heerschau junge Krieger auf dem Forum einen Waffentanz aufführten. Zirkus, Arena und Theater sind der Plebs zu alltäglich, meint der alte Narr und will den Römern etwas Neues bieten. Auch verfolgt er dabei einen Staatszweck. Oder vielmehr der wahre Staatslenker Narzissus. Er will den Alten von Rom entfernen, um völlig unbehindert schalten zu können. Er treibt ihn in den Krieg. Diesen verschrobenen Bücherwurm in den Krieg! Es ist zum Lachen! Doch da sind die Mäntel! Hüllen wir uns gut ein, damit wir uns aus dem zugigen Forum nicht zu der Langeweile auch noch eine Erkältung holen.« Von Fackelträgern und Leibsklaven umgeben, setzte sich der Oktophorus – eine mächtige, mit Goldbeschlag und Elfenbeinschnitzwerk überreich verzierte Sänfte – getragen von acht stämmigen Sklaven, vom Vestibulum aus in Bewegung. Schon sank der Abend. Zur Via Merulana hinab, am Fuße des Mons Caelius vorüber, dann durch den engen und düstern Clivis Scauri schwankend, erreichte die Sänfte bei Dunkelheit den Westen der Stadt. In dem schon nachtumschatteten Tale zwischen den Hügeln des Aventins und des Palatins ging es flugs dahin. Bald gelangten die Träger mit ihrer schweren Last in die achte Region der Stadt. Auf dem freien Platze, der die Mündungen dreier Straßen aufnahm, sah man den wolkenbedeckten Himmel gerötet wie von einem mächtigen Brande. Es war der Widerschein der tausend und abertausend Fackeln, mit denen Kaiser Claudius befohlen hatte den Platz des Forums zu erhellen. Bis zum Kapitol hinauf leuchtete der Schein. Der auf der Höhe ragende Jupitertempel sah aus, als wäre er aus glühendem Marmor erbaut. Den Clivus Kapitolinus entlanghastend, erreichten die Sänftenträger Agrippinas beim sullanischen Tabularium mit seiner titanischen Arkadenfront das Forum Romanum. Auf den Stufen und in der Säulenhalle der Basilika Julia drängten sich die Menschen Kopf an Kopf. Die gleiche Fülle zeigten die Treppen und der Portikus der gegenüberliegenden ämilischen Basilika, während der Argiletumstraße immer noch neue Scharen entquollen, die der Schlund der Subura hervorschleuderte. Ein Volksgewühl füllte das Forum und ließ vor dem Cäsarentempel und vor dem Tempel der Dioskuren nur einen engen Raum frei, den die Truppen der Stadtkohorte rücksichtslos mit Fußtritten und Faustschlägen verteidigten. Dieser Platz war für die Vorführungen der Salii bestimmt. Die gewaltige Treppe des Dioskurentempels mit ihren mächtigen Seitenflankierungen hatte die Stützpunkte für ein Podium abgegeben. Das umfangreiche Holzgerüst sollte dem Hofe als Zuschauerraum dienen. Mit kostbaren Teppichen bedeckt, mit Purpurstoffen drapiert und mit mannsdicken Rosengirlanden geschmückt, drängte sich die kaiserliche Tribüne in das Forum hinein. Dort machte der Oktophorus Agrippinas halt. Ein prächtig gekleideter Designator empfing die beiden hohen Damen und wies ihnen Plätze bei der Balustrade an. Nur ein Teil der Sessel war von dem Hofgefolge besetzt, denn der Cäsar war noch nicht erschienen. Man erhob sich achtungsvoll, als die dem Kaiserhause nahe verwandten Schwestern das Podium betraten. Agrippina erwiderte die Huldigung mit majestätischem Kopfneigen, während die im Wesen heitrere und freundlichere Livilla nach allen Seiten grüßend nickte. Schweigend und übelgelaunt, fröstelnd sich in die Pänula hüllend, nahm Agrippina ihren Sessel ein, der dicht neben dem erhöhten Sitze des Kaiserpaares aufgestellt war. Livilla musterte neugierig den zweiten Treppenabsatz des Tempels und grüßte auch dort hinauf, wo Militärtribunen, Senatoren, hohe Beamte des Palatiums und Hofschranzen Aufstellung genommen hatten. »Du läßt deine Mißstimmung allzu deutlich merken,« flüsterte Livilla, nachdem sie sich gesetzt hatte, warnend der Schwester zu. »Zeige der gaffenden Plebs und den neuigkeitslüsternen Blicken der Edeln Roms das strahlende Gesicht der glücklichen Verlobten des Passienus. Zu Anfang des Jahres noch die ärmste, bist du heute die reichste Frau im goldenen Rom. Beherrsche dich – du Meisterin der Verstellung!« Sie lächelte ermutigend. »Ich bringe es nicht über mich,« gab Agrippina leise zurück. »Wäre nicht der rötende Fackelschein, so würdest du sehen, daß ich bleich bin vor Wut.« »Du bist zu ungestüm,« mahnte Livilla, die mit glänzenden Augen das langentbehrte, lebhaft bewegte Bild des lichterfüllten Forums, des wogenden Meeres der festlich in weiße Togen gehüllten Menschenmenge und der blumengeschmückten Tribüne in sich aufnahm. »Sieh nur,« zischte Agrippina, auf die beiden erhöhten kaiserlichen Sitze deutend. »Man hat uns eine Stufe tiefer gesetzt als die Buhldirne eines Komödianten.« »Nur dein Groll kann darin eine Zurücksetzung sehen,« suchte Livilla zu beruhigen. »Du bist nicht die Kaiserin.« »Noch nicht!« stieß Agrippina gehässig hervor. Sie wollte weitersprechen. Der brausende Jubelschrei der Menge aber schnitt ihr das Wort ab. Durch den Triumphbogen des Augustus herein marschierten die der kaiserlichen Lektika voraufschreitenden Leibwachen in versilberten Brustharnischen. Auf ihnen, auf dem Metall der Helme und der Speerspitzen funkelte der Fackelschein in rot blitzenden Lichtern. In einer von zwanzig Sklaven getragenen, hohen und offenen Doppelkathedra thronend, erschienen über diesem zuckenden Glimmen Claudius und Messalina. Ein sturmartig aufberstendes Jauchzen des Volkes grüßte sie. In diesem Augenblicke flammten von den Dächern aller das Forum umsäumenden Gebäude gewaltige griechische Feuer auf und überschütteten den Platz mit grellen Lichtfluten. Selbst von den Zinnen des Kapitols und von den Türmen der Burg, hinter denen der Junotempel purpurn schimmerte, warfen lodernde Feuer jetzt ihren Schein herüber. Claudius war berauscht und begeistert von diesem Empfange. Er eilte mit wiegenden Schritten auf die Tribüne, trat an die Balustrade und dankte von dort aus mit winkenden Armen ehrlich gerührt dem Volke. »Vom Scheitel bis zur Zehe ein Imperator,« spottete Agrippina. »Vor Dankbarkeit, daß die Römer ihm den wackelnden Schwachkopf auf den Schultern sitzen lassen, gibt er die Würde des Cäsars preis und schlenkert mit den Armen wie ein komischer Komödiant. Nie wird er lernen, eine Ovation mit der nüchternen Ruhe des wahren Herrschers als Selbstverständlichkeit hinzunehmen.« »So schweige doch,« verwies sie Livilla. Sie hatte einen beobachtenden Blick Messalinas aufgefangen, die soeben ihren Platz einnahm. Drommetenstöße geboten Ruhe. Die Averufe der Menschenmassen verebbten, bis endlich tiefes Schweigen den weiten Raum erfüllte und eine Stille, in die nur das Zischen der brennenden Fackeln knisterte. Claudius räusperte sich vernehmlich, eine Rede zu halten. »Römer!« hob er mit knarrender Stimme an. »In längst verwichenen Zeiten ragte dort, wo Stadtkohorten den Platz freihalten, das erhöhte Comitium. Dicht daneben wuchs der Feigenbaum, den Nävius, der Augur, aus dem Erdreich des palatinischen Hügels ausheben und auf dem Forum einpflanzen ließ mit der Weissagung, dieser Feigenbaum werde der Stadt ewige Dauer verleihen. Starb auch der Baum nach langer, langer Zeit, so liegen, wie ich mit vieler Mühe erforschte, doch seine Wurzeln noch heute tief vergraben in der Erde, die jetzt von Fliesen überdeckt ist. Vielleicht wird niemals ein Menschenauge das Wurzelwerk wieder erblicken. Aber noch immer saugt Rom die Ewigkeit des Bestehens und die Kraft seiner den Erdkreis beherrschenden Macht aus diesen Wurzeln.« Beifall brandete über das Forum. Linkisch verbeugte sich der Kaiser und fuhr fort: »Doch nicht den Feigenbaum, nicht sein Wurzelwerk selbst meine ich. Unser Gedeihen und Bestehen wurzelt in dem unerschütterbaren Glauben an die Größe Roms, liegt tief verwurzelt in der Eintracht zwischen dem Volke und mir, den der Wille der Gottheit zu dem äußeren Bilde Roms erhob. Vertraut mir, wie ich euch vertraue, Römer!« Donnernd stieg der beistimmende Zuruf der Menge empor zu dem Nachthimmel, über den die Wolken jagten. »Wenn ich euch heute ein Bild aus schon zur Legende gewordener Zeit vor Augen stelle, den Kriegsreigen der Salii, so wie er voreinst auf dem Comitium aufgeführt wurde, so deswegen, damit ihr erkennen lernt, daß dieser dem Mars geweihte Tanz ein Sinnbild ist der Tapferkeit, doch auch der Beweglichkeit unserer Heere. Roms Krieger waren Weltwanderer von Anbeginn. Hoch im Norden der Erde stehen sie jetzt an den Ufern des Meeres, das Britannia von den Besten der Erde scheidet. Ein britannischer Fürst, aus seiner Heimat vertrieben, weil er den Segen der römischen Kultur seinem Vaterlande zugänglich zu machen suchte, er kam aus der gewaltigen Weite nach Rom, Hilfe und Schutz von mir heischend. Ich habe sie ihm in eurem Namen, Römer, zugesagt. Aulus Plautius, den ihr als einen tapferen Feldherrn kennt, wird die Scharen führen, die das Meer durchschiffen werden, damit Rom endlich auch auf den unbotmäßigen Norden des Erdkreises Hand legen kann. Sobald die Früchte ihrer Tapferkeit gereift sind, werde ich mich nach Gessoriacum am Rande des Nordmeeres begeben, von dort aus britannischen Boden zu erreichen, um diese Frucht zu pflücken und um sie euch mit eigenen Händen nach Rom zu bringen.« Diesmal nahm der Jubel kein Ende. Die seit fast einem Jahrhundert gewünschte und erhoffte Unterwerfung Britanniens sollte endlich Wahrheit werden! Da, seht diesen Claudius! Wer hätte Heldentaten von ihm erwartet! Das war ein Kerl! Das war ein Mann nach dem Herzen der Römer. Sie schrien sich die Kehlen heiser. »Wir haben gesiegt!« flüsterte Narzissus seinem Freunde Polybius zu, der neben ihm auf der Treppe des Dioskurentempels stand. »Ein Flickwerk von einer Rede zwar, doch der Erfolg ist erreicht. Doch nun Schluß! Jedes Wort mehr kann nur abschwächen. Wenn er weiter schwabbelt, kann er nur verderben, was er mit Zufallsglück erzielte. Laß das Zeichen zum Reigen geben. Zürnt Claudius, so nehme ich das ›Versehen‹ auf mich.« Gleich darauf erscholl in das Rufen der Massen hinein das Dröhnen von Tubatönen und das Fanfarengeschmetter der Trompeten, das zusammenschmolz mit dem Jauchzen der Begeisterung froherregter Menschen. Unwillig wandte Claudius sich um. Wenn er einmal im Fahrwasser war, riß der Redestrom ihn fort. Er hatte noch so viel Wichtiges zu sagen! Doch der strahlende Blick Messalinas begegnete ihm. Sie hatte ihre Weisung von Narzissus. Sie verließ den Thronsitz und eilte mit ausgestreckten Händen, ein eingelerntes Lächeln in den Augen, beglückwünschend dem Kaiser entgegen. Die Komödie verfing. Ausgesöhnt mit der frechen Unterbrechung seiner Rede, geleitete er Messalina voll zärtlicher Dankbarkeit zu ihrem Sessel zurück und nahm wohlgefällig seinen Sitz ein. Unter dem wilden Lärm eines von Tuben, Hörnern und Drommeten geschmetterten Kriegsmarsches brachen hinter dem Cäsarentempel jetzt hundert Prätorianer hervor, in der altertümlichen Rüstung der Krieger aus den Zeiten des republikanischen Rom. Sie trugen dicklederne Brustkollare, deren Achselstücke aus drei gebogenen Erzplatten sich bei jeder Armbewegung ineinanderschoben. Unter dem Kollar hervor trat der rote Lendenschurz, der mit seinem von blanken Kupferplättchen verzierten Rande den Oberschenkel nur halb verdeckte. Die Leibesmitte umschloß ein Ledergurt, der über und über mit erzenen Buckeln benäht war. Vorn verbreiterte er sich zu einer bis an die Knie herabhängenden Lasche, in deren Außenseite Nieten aus Kupfer, figurenreich angeordnet, eingehämmert waren. Der Helm, bis tief über die Augenbrauen die Stirn schützend, die Ohren und Wangen der Männer hinter erzenen Scharnieren verbergend, war hoch überragt von einem aufbäumenden Bügel, der als Schmuck ein dickes Gekrause roter Schafswolle trug. Die Beine waren mit verzierten Ledergamaschen bekleidet, die Füße bloß. Als Waffen führten die Krieger die Lanze von doppelter Manneslänge. Am linken Arm trugen sie den gewaltigen Rundschild, dessen Rand von einem gewichtigen Erzkreis eingefaßt war. Der feierliche Aufzug machte vor der Tribüne halt. Dreimal schlugen die Männer mit der Lanze gegen die dumpf dröhnende Schildfläche, den Kaiser zu grüßen. Dann gingen sie sofort zum Reigen über. Es war ein von allen Kriegern gleichmäßig vollführtes Springen, das einen kunstvollen Speerkampf darstellte. Dieses sprunghafte Angreifen, Ausweichen, Vorstürzen und Zurückgleiten hatte dreihundert Söhre zuvor den kriegerischen Reigentänzern den Namen Salii – d.i. Springer – gegeben. Es war ein seltsames wildes Bild. Erst duckten sich die von blutrotem Fackelscheine umloderten, grimmigen, erzklirrenden Gestalten, dann reckten sie sich auf, jetzt verschwanden sie hinter ihren Schilden, plötzlich stürmten sie vor, schwangen die riesigen Lanzen und schnellten in kühnem Sprunge mit mächtigen Sätzen vorwärts. Messalina folgte dem Reigen mit erregter Aufmerksamkeit. Wie die Massen auf dem Forum, erhitzte auch sie das nächtige Gleiten und Wogen der Mannesleiber, das sich wie ein Spuk aus vergangenen Zeiten vor der Tribüne entfaltete. Da traf ihr Blick eine einsam ragende Gestalt, die dicht bei der Tribüne auf der Sockelstufe einer Ehrenstatue vor dem Cäsarentempel stand. Mit fassungslosem Staunen erkannte sie Abalanda. Sie wandte sich hastig an Claudius. »Weißt du, daß der Chatte Abalanda trotz seiner Verabschiedung noch in Rom weilt?« Der Kaiser war von den gewandten Sprüngen der Salii so gefesselt, daß er nur mit einem flüchtigen Kopfnicken antwortete. »Was hat ihn zurückgehalten?« fragte Messalina. Ungeduldig über die Ablenkung, gab Claudius mit zwei Worten Auskunft: »Eigene Angelegenheiten.« Jetzt sah Abalanda zur Tribüne herauf, als fühle er den Blick der kaiserlichen Freundin. Zugleich vernahm Messalina einen halblauten Ausruf der dicht neben ihr sitzenden Agrippina. »Dort ist der Nordländer!« hörte sie die Julierin Livilla zuflüstern, »der den Mörder des Paris aufgespürt hat.« Messalina lauschte in Spannung und Bestürzung. Doch die Stimme neben ihr schwieg. Erregt schüttelte sie des Kaisers Arm. »Abalanda muß morgen in den Palast befohlen werden!« Achselzuckend erwiderte Claudius: »Er lebt als freier Gast in Rom – ich habe ihm nichts mehr zu gebieten.« »Aber ich muß ihn sprechen!« In diesem Augenblicke war der Kriegsreigen beendet. Die Salii verneigten sich vor der Tribüne und marschierten ab unter dem Rasseln ihrer Schilde, auf die sie im Takte der Musik schlugen. Der brüllende Beifall der Menge schwoll an wie ein Unwetter und brauste lange Zeit über das Forum hin. Claudius eilte wieder an die Brüstung und nahm den Dank, der auch ihm galt, mit vielen Bücklingen entgegen. Messalina erhob sich und verneigte sich hoheitsvoll vor dem Volke. Dann starrte sie zu der Ehrenstatue hinüber. Sie sah, daß dort ein Centurio den Freund ansprach. Die beiden Männer wechselten einige Worte. Dann schritt Abalanda mit dem Centurio davon. Vier Prätorianer folgten. Die Gruppe verschwand in der dunklen Öffnung des augustinischen Triumphbogens. Abseits flüsterte Narzissus: »Ein glücklicher Zufall, Polybius, daß ich hinter dem Sessel der Kaiserin stand und das kurze Gespräch hörte. Der Centurio Varillus hat seinen Auftrag rasch und ohne Aufsehen erledigt. Der Chatte ist verhaftet. Sorge, daß man ihn gut behandelt und rasch in seine Heimat abschiebt. Die junge Dame ist in ihren Neigungen gefährlich. Der Fremde hat schon einmal merkwürdiges Interesse an Messalinas Ruf bewiesen. Wir dürfen in ihrer Nähe keinen dulden, der unserm Einfluß schädlich werden könnte.« »Ist nicht auch ein wenig Eifersucht dabei?« versetzte Polybius mit verschmitztem Schmunzeln. Der Freund antwortete nicht. Es war, als hätte der Himmel nur das Ende des nächtlichen Tanzes abgewartet. Die tief hängenden Wolken segelten eiliger über die Glut des Fackelscheines dahin, eine sein rieselnde Nässe versprühend, die nach und nach in einen strömenden, kalten Märzregen überging. In den Portiken und Arkaden entstand ein gefahrvolles Drängen, als die vor dem Regen flüchtenden Menschenmassen in den schon vollgepfropften Zugängen Schutz suchten. Selbst die Tempeleingänge verteidigten die Priester vergeblich, die geheiligten Räume vor profaner Benutzung zu bewahren. Die Fackeln erloschen. Schwarze Dunkelheit braute über dem von Menschen brodelnden Platze und seiner Umgebung. Nur die Togawalker freuten sich. Sie würden am nächsten Tage ein glänzendes Geschäft machen mit dem Glätten der durchweichten und zerdrückten Gewänder. Auch das kaiserliche Paar kam durchnäßt zum Palatium, da die unverdeckte Doppelkathedra dem immer stärker niederprasselnden Regen keine Abwehr geboten hatte. Messalina zitterte vor Frost in den triefend an ihrem Körper klebenden Hüllen. Doch sie fieberte auch vor Aufregung. Wie hatte Agrippina den treuen Abalanda genannt? Den Mann, der den Mörder des Paris aufgespürt hatte! Wenn auch der Rausch dieser ersten tollen, verzehrenden und erlösenden Liebe verflogen war, hatte Messalina doch einen sehr schwerwiegenden Grund, der glückseligen Stunden in den Gärten des Agrippa und dem verschwiegenen Liebesneste der Mutter Rubria zu gedenken. Einen sehr schwerwiegenden Grund, der sie mit Schmerz, Glück und Wehmut erfüllte. Heftig atmend, mit fest zusammengebissenen Zähnen und zu Fäusten gekrampften Händen, in wollene Decken gehüllt, lag sie auf dem Pulvinarium und antwortete auf keine Frage des Arztes Themison, eines aus Syrien stammenden Freigelassenen. Sklavinnen unter der Leitung Fabullas hatten sie von den regengetränkten Stoffen befreit und ihren Körper mit heißen Tüchern gerieben. Nun lag sie, die tiefeingesunkenen Augen geschlossen. Als schwere Schatten ruhten die langen, schwarzen Wimpern in den Ringen, die in violetten Kreisen die Augenhöhlen umrandeten. Die bläulich verfärbten Lippen bebten unter dem in kurzen Stößen hervorbrechenden Atem. Themison bemühte sich um die Herrin. Sein dunkles Gesicht war mehr verwundert als besorgt. Er erkannte den Zustand der jungen Frau. Sollte wirklich dieser alte Claudius ...?! »Weine nicht,« tröstete er freundlich die schluchzende Fabulla, die in Angst um die starr und stumm daliegende Gebieterin verging. »Mit einem heißen Würztrank werden wir sehr bald die Kraft der heranziehenden Erkältung brechen.« – Er kritzelte etwas in das Wachs seiner Schreibtafel, die er einer der Dienerinnen übergab. »Hier – laß das sogleich bereiten und beeile dich mit dem Tranke.« Ermahnend wandte er sich an die erschreckten und aufgeregt summenden Mädchen. »Entfernt euch! Es muß tiefste Ruhe sein um die Domina. Nur Fabulla mag bleiben.« Während die Sklavinnen auf den Zehen hinausschlichen, trat Themison wieder an das Lager. Er prüfte den Puls und den Herzschlag der Kaiserin und betrachtete mit einem seltsam versonnenen Lächeln ihr Antlitz. Nachdenklich strich er seinen tiefschwarzen Bart. Fabulla sah, wie er sich schließlich über die Kranke beugte und ihr etwas ins Ohr raunte. Da schlug Messalina die Augen auf – und antwortete unter einem schmerzlichen Lächeln in kurzen, abgebrochenen, nur dem Arzte verständlichen Worten. Themison richtete sich wieder aus und erteilte in heiterem, doch leise geführtem Gespräche Verhaltungsmaßregeln. Dann kam er auf Fabulla zu. »Wie ich höre, bist du die Vertraute, fast die Freundin unsrer Domina,« redete er sie halblaut an. »Die Kaiserin wünscht, daß du am Altar der Laren den Schutzgöttern des Hauses opferst. Sie verdienen Dank, die Kinder eures Merkur und der Nymphe Lara. Ferner! Da ich hier auf den Würztrank für die Gebieterin warte, den Kaiser aber dann gleich sprechen muß, so sende dem Cäsar einen Boten mit der dringlichen Bitte, er möge die Gnade haben, mich in einer halben Stunde zu empfangen.« »So steht alles gut?« fragte Fabulla, unter Tränen lächelnd. Als der syrische Arzt nickte, wollte sie an das Lager der Herrin eilen, ihr die Hände zu küssen. Doch er vertrat der Getreuen den Weg und wiederholte, der Patientin sei jede Aufregung zu ersparen. Dann brachte man den Trank. Die bleichen Züge der Domina gewannen wieder Farbe, die matten Augen wieder Leben unter der Wirkung des starken Würzweines. Da verabschiedete sich der Arzt und begab sich zum Kaiser. Claudius wartete in Gesellschaft seiner griechischen Ratgeber Narzissus und Polybius auf Nachrichten über das Befinden der Gattin. Fürsorglich bemüht, den kaiserlichen Herrn jeder andern Beeinflussung zu entziehen, hatten sich die beiden Freigelassenen nicht entfernt, obwohl die majestätisch in einem Sessel thronende Agrippina sie mit fortweisenden Blicken bedachte. Die Nachricht von der Erkrankung der Kaiserin hatte sich rasch im Palaste verbreitet, zugleich mit dem Verbote des Arztes, die Fürstin durch Besuche zu stören oder zu erregen. So waren die Gänge belebt von stumm harrenden Schranzen. Sprungbereit wie immer, war Agrippina beim Cäsar geblieben, als verwehre ihr die Sorge um das Wohlergehen der jungen Verwandten die Heimkehr. Man könne nie wissen, was sich ereigne, hatte sie der Schwester Livilla zugeflüstert und sie genötigt, mit ihr im Gemache des Kaisers zu warten. Mit stillem Grimme musterte Agrippina den schönen, kecken, stattlichen Narzissus, dessen geistvolles Gesicht in der unverhüllten Arroganz des Triumphes selbstsicher lächelte. Agrippina kochte. Wie dieser Mensch dastand und in seiner anmaßenden Haltung verriet, daß er mehr als jeder andere im Palaste berechtigt sei, in Stunden der Sorge dem Cäsar beizustehen! – Und dieser aalglatte Schleicher Polybius! Geschmeidig glitt er neben dem schwerfällig auf und ab tappenden Claudius einher, nichts von Ehrfurcht in seinem Benehmen, die Hände nachlässig behaglich auf dem Rücken gefaltet, als wandle er in größter Vertraulichkeit mit seinesgleichen! – Und die reichen Gewänder, die dieses Sklavengelichter trug, nachdem es sich der durchnäßten Kleider entledigt hatte! Agrippina konnte sich nicht länger beherrschen. »Findest du nicht, Oheim,« hob sie mit vergifteter dünner Stimme an, »findest du nicht, daß die traurige Nachricht der Erkrankung unserer geliebten Messalina eine Angelegenheit ist, die zunächst uns Verwandte angeht?« »Die Erkrankung der nach dem Cäsar höchsten Persönlichkeit im Palatium berührt durchaus die Interessen des Staates, hohe Frau,« nahm mit verbindlicher Miene Narzissus das Wort, ehe der Kaiser antworten konnte. »Zweifelsohne!« sekundierte sofort Polybius, in unantastbarer Ehrerbietung sich vor der wutbebenden Frau verneigend. »Es wäre im Ernstfalle meines Amtes, als Sekretär des höchsten Herrn, im Reiche Tempeldienst und Bitten an die Götter für die Gesundung unserer Herrin anzuordnen. Magst du, edle Domina, daher nicht zürnen, wenn wir den Entscheid des Arztes hier abwarten.« Claudius wackelte mit dem Kopfe und fuhr immer wieder mit der Hand über sein speichelfeuchtes Kinn. »Ich bin weniger wegen Messalinas Krankheit in Aufregung,« erklärte er, müde in einen Sessel sinkend. »Wir alle sind im Palatium angekommen in einem Zustand, als hätte man uns aus dem Tiber gezogen. Ich bin dreimal älter als Messalina und verspüre keinerlei Beschwerden. Sie wird das bißchen Schnupfen schon überwinden. Aber mein schöner Abend – mein schöner, schöner Abend! Daß der elende Regen den wunderbaren Eindruck auf die Massen nun förmlich – förmlich – abwaschen wird, das ist's, was mich so aufregt.« Er sprang empor und stolperte wieder umher. »Ich bin außer mir! Es war alles so herrlich in Szene gesetzt, die Salii glänzend einstudiert – dank meinem Freunde Polybius, der ebenso wie ich die Historie Roms kennt und der, wie ich, weiß, wie man sie verlebendigen kann. Ein Meisterwerk das alles, um das Volk für den Krieg mit Britannien geneigt zu stimmen. Meine Rede zündete, obwohl sie durch ein wohlgemeintes Versehen meines Freundes Narzissus leider unterbrochen wurde.« Er blieb bei dem Griechen stehen und tätschelte ihm in sanftem Vorwurf die Wange. Dann wandte er sich zu Agrippina und Livilla um und versicherte: »Da habt ihr, was mich viel, viel mehr beschwert, als Messalinas Schnupfen.« Agrippina erhob sich brüsk. »Ich war der Meinung, dein Herz hinge an deiner Gattin. Ein Irrtum also. Altmodische Bräuche, das Gespringe der Salii und der Krieg in Britannien scheinen dir näherzugehen. Ich wenigstens werde mich nach Messalinas Befinden erkundigen.« Polybius trat wie zufällig an die Tür. »Der Kaiser ist dir für deine Fürsorge gewiß dankbar, Erhabene,« sagte er mit einem süßlichen Lächeln. »Der Arzt hat jedoch befohlen –« »Bist du des Kaisers Vormund, Freigelassener?« herrschte die empörte Cäsarentochter den Griechen an, schwere Betonung auf das letzte Wort legend, ihre Verachtung auszudrücken. »Ich staune, Oheim Claudius, daß du andere für dich sprechen läßt.« »Ich bin nur meines Herrn getreuer Diener,« versetzte Polybius mit unerschütterlich devoter Miene, um darzutun, daß die beabsichtigte Beleidigung, die Erinnerung an seinen früheren Sklavenstand, nicht getroffen hatte. »Wie du hörtest, betrachten Narzissus und ich die Erkrankung der hohen Frau –« »Schweig!« unterbrach ihn Agrippina abermals. Hochaufgerichtet schritt sie dem Ausgange zu. »Fort von der Tür!« »Gütige Götter, warum denn solche Szenen?« jammerte Claudius. »Wenn dir so sehr um Bescheid über Messalina zu tun ist – obwohl der Arzt ja gleich hier sein muß – mein lieber, guter Polybius oder Narzissus– vielleicht erkundigt ihr euch. Gehe doch einer.« Da brach Agrippinas Selbstbeherrschung endgültig nieder. »Was der nächsten Verwandten und Freundin verwehrt ist, soll Fremden, noch dazu Männern, gestattet sein?« schrie sie außer sich. Mit befehlender Gebärde den Arm gegen Polybius reckend, gebot sie: »Gib den Weg frei, Sklave!« Jetzt endlich trat Narzissus neben den Freund und sagte gelassen mit seiner dunkeln, tiefen Stimme: »Edle Frau, unsre Treue gilt dem Cäsar als dem Cäsar, doch sie gilt auch dem Freunde und damit der Fürstin, die wir innig lieben. Verzeihe uns zweierlei Bedenken. Du bist erregt, Domina. Wir, als des Kaisers Ratgeber, dürfen nicht gestatten, daß du mit unbeherrschtem Gemüte unsere geliebte Kaiserin besuchst. Das zweite Bedenken –« »Was scheren mich die Bedenken zweier Sklaven!« knirschte Agrippina, als er eine Sekunde zögerte. »Es ist ein Einwand rein sachlicher Natur,« belehrte Narzissus mit einem milden, verzeihenden Lächeln. »Das Leben der Kaiserin ist kostbar. Die Anwesenheit des Arztes allein verbürgt dem Staate, daß keine unbefugte Hand einen für die Domina bestimmten Heiltrank berührt.« Agrippina starrte den Mann einen Augenblick lang mit regungslosem Staunen an. Dann quoll ein unterdrückter Wutschrei über ihre Lippen. Sie hatte die kühne Verdächtigung begriffen. Ächzend vor Empörung taumelte sie zu einem Sitze. Stumm und betroffen, sich so schonungslos behandelt zu sehen, sah sie da und funkelte den hochgewachsenen Griechen an. Unterdessen glitt Polybius zum Kaiser hin. »Verstehe, daß wir nur das Beste wollen,« flüsterte er ihm zu. »Die Domina mußte einmal darüber belehrt werden, daß die Zeiten ihrer Einmischung im Palaste endgültig für sie vorüber sind. Keine Gelegenheit war besser als diese.« Claudius, der vor Aufregung noch mehr geiferte und wackelte als vorher, wagte keine Erwiderung. Im Grunde tat ihm die Nichte leid. Mit einem schmerzhaften Dämpfer auf ihr selbstherrliches Gehaben aber war er einverstanden. Denn er fürchtete sie. Der Admissional unterbrach die unliebsame Szene. Er meldete den Arzt Themison. Der Kaiser machte eine zustimmende Bewegung. Dann trat der Syrer ein, sich nach der Sitte seiner orientalischen Heimat bis zum Boden verneigend. »Die hohe Kranke schläft friedlich,« sagte er. Nach einem erstaunten Blick auf die bei diesen Worten aus dem Sessel auffahrende Agrippina fuhr er fort: »Ein anregender Trank hat seine Schuldigkeit getan. Morgen wird die Kaiserin wieder wohlauf sein.« Dann sah er zweifelnd auf die beiden Griechen und die Schwestern. »Doch noch ein anderes, hoher Herr – es ist eigentlich nur für deine Ohren bestimmt –« »Der Kaiser hat vor uns keine Geheimnisse,« sagte Narzissus, den Arzt befehlend ansehend. Themison zuckte die Achseln. »Es ist ja auch eine frohe Botschaft,« lächelte er und trat etwas tiefer ins Gemach. »Die Saturnalien dieses Jahres werden im Dezember dem Kaiser und dem Volke ein besonderes frohes Fest sein. Die hohe Frau bedarf schonender Pflege und liebevoller Sorgfalt. Denn noch ehe die Sonne das Zeichen des Schützen erreicht – gegen Ende November – wird die Ehe unseres erhabenen Fürstenpaares gesegnet sein.« Einige Sekunden herrschte atemloses Schweigen. Keiner begriff sogleich die dunkel gehaltene Verkündung des Syrers. Polybius war der erste, der sich faßte. Er umarmte den Kaiser und wechselte dabei mit Narzissus einen Blick höchsten Triumphes, der jubelte: Nun ist er ganz unser! »Mögen alle Gütigen, die unsere Geschicke in Händen tragen, dein wunderbares Glück beschirmen, Herr!« rief er, von Rührung scheinbar überwältigt. »Mögen sie dir den purpurgeborenen, würdigen Nachfolger schenken, der das von dir begonnene Werk der Beglückung Roms vollendet, wenn die Himmlischen – was noch lange nicht geschehen möge! – dich in ihre Mitte rufen.« Jetzt endlich verstand auch Claudius. Sein altes Gesicht verfärbte sich zu wächserner Blässe. Dann aber siedete ein Glutstrom ihm in die Stirn vor Freude und vor Verlegenheit. »Ist's wahr – ist's wirklich wahr?!« stammelte er, auf den Arzt zuwankend. »Herr, ich täusche mich nicht,« versicherte Themison. »Auch die Kaiserin selbst wußte es schon seit einiger Zeit.« Haltlos aufschluchzend, warf sich der bis in die tiefste Seele erschütterte alte Mann an die Brust des Syrers und weinte vor Glück. Also doch! Also doch! Das Wunder war geschehen! Neulich, als Messalina nachts ihn in seinem Schlafgemach aufgesucht hatte – liebeverlangend – die Süße – Herrliche! Er sah in diesem Augenblicke so rührend aus, daß selbst Polybius und Narzissus die feierliche Stimmung nicht durch eine stumme Verständigung zu stören wagten. Mit einem verächtlichen Blick auf den in den Armen des Arztes vor Weinen zitternden Oheim rauschte Agrippina wortlos aus dem Gemache. Livilla folgte ihr erst, nachdem sie in aufrichtiger Teilnahme einige freundliche, beglückwünschende Worte an den Kaiser gerichtet hatte. Draußen harrte die Schwester. »Von allen Enttäuschungen meines Lebens ist diese die bitterste,« stöhnte Agrippina mit kalkweißem Gesicht. »Nun wird es unmöglich sein, den Einfluß Messalinas zu zerstören. Noch immer hat die Mutter des Thronerben den Gatten unerschütterlich beherrscht.« Sie krallte ihre Finger in den Arm der Schwester. »Und doch – ich gebe das Spiel nicht auf!« Wilder Triumph eines letzten Hoffens glühte in ihren schwarzen, schönen Augen. »Der letzte Würfel muß doch noch erst fallen. Vielleicht ist es kein Sohn!« Im Zimmer drinnen legte, vor Entzücken stotternd und stammelnd, der überwältigte Claudius dem geduldigen Arzte die Gesundheit der Kaiserin ans Herz. Er sprach von einem Sommeraufenthalt in Bajä, von einer schleunig zu erbauenden Villa für Mutter und Kind – in den Albanerbergen, am Meeresstrande oder an sonst einem gesunden Orte – er fabelte von einem Palaste für das Kind und seine Erzieher. Er sprach jetzt nicht nur als beglückter Gatte, sondern auch als der strahlende Vater. Und er sprach auch nur von einem künftigen Sohne, der die Herrschaft der Claudier bis in ewige Zeiten forterben würde. Polybius beteiligte sich eifrig an diesen leuchtenden Zukunftsplänen. Narzissus hielt sich fern. Er stand im Schatten des Kandelabers, dessen Lampen das Gemach erhellten. Nachdenklich strich der schöne Grieche über Mund und Kinn, sein undurchdringliches Lächeln hinter der vorgehaltenen Hand versteckend. Er bezweifelte nicht die Wahrheit der Freudenkunde des syrischen Arztes – seine Zweifel waren anderer Natur. 4 Kaum zwei Mannesfäuste groß war die rundliche Öffnung, zu der das helle Morgenlicht eines Sommertages hereindrang. Auch war das Loch so dicht unter der Decke angebracht, daß ein Gefangener unmöglich den Blick auf die Außenwelt werfen konnte, obgleich die Zelle nur wenig höher war als ein hochgewachsener Mann. Ferner hatte die List des Baumeisters die Öffnung so angelegt, daß sie mehr einem in der dicken Wand schräg abwärts geneigten Luftkanal glich. Selbst wenn der Gefangene bis an die gegenüberliegende Kerkertür zurücktrat, sich dort auf die Zehen erhob, sah er nicht den Himmel draußen, irgendeine Erhöhung, auf die er sich hätte stellen können, gab es in dem engen, länglichen Vierecke nicht. Denn das Lager, eine dürftige Strohschütte, breitete sich auf den Fliesen. Auch wurden die unseligen Bewohner des mamertinischen Kerkers von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang an einen in den Steinboden eingelassenen Ring gekettet. Fast immer herrschte Grabesruhe in dem Gebäude, an dessen gewaltigen Mauern jedes Geräusch verhallte. Vor der Tür aus schweren, über und über mit Eisenbändern beschlagenen Bohlen klang fast nie ein Schritt. Nur dann, wenn der schweigsame Wächter am Morgen die schmale Kost brachte und den Gefangenen, nachdem er das traurige Mahl verzehrt, in Ketten schlug. Nur dann, wenn ein neuer Gefangener zu seinem Kerker geführt wurde. Menschenstimmen erschollen kaum jemals. Wurden sie doch einmal laut, dann glichen sie nicht menschlichen Lauten. Dann war es das Schmerzgebrüll der Gefolterten oder Gezüchtigten, oder der tierische Verzweiflungsschrei eines Eingekerkerten, der in der furchtbaren Einsamkeit der Haft den Verstand verloren hatte. Das sommerliche Frühlicht, das zu dem Luftschachte hereindrang, malte einen rundlichen, hellen Fleck, dessen oberer Rand sich dort einzeichnete, wo die Decke an die Wand stieß. Später rückte die freundliche Helle nach und nach fort, bis der Sonnenschein wohl durch ein anderes Bauwerk draußen abgeblendet wurde. Dann ward der helle Fleck – wie bei trübem Himmel – ein bleicher Schimmer, der mit dem Sinken des Tageslichtes mählich verstarb, bis nichts mehr blieb als die Düsternis, die wie eine trostlose Hoffnungslosigkeit die Zelle erfüllte. Dieser Lichtfleck war das Sinnbild der Gemütsverfassung des Menschen, der hier gefangen saß. Des Morgens ein helles Hoffen auf Befreiung, das sich steigernd vorwärts wagte, um am Abend immer wieder unerfüllt zu verbleichen und wieder zu erwachen, wenn ein neuer Morgen anbrach. Durch Freundlichkeit und durch Geduld im Ertragen seiner Haft hatte der Gefangene erwirkt, daß der menschlich gesinnte Wächter die schwere Verantwortung auf sich nahm, auch tagsüber den rätselhaften Mann nicht mehr zu fesseln. Es kümmerte sich ohnehin niemand um diesen geheimnisvollen Gast des Tullianums. Ihn hatte eines Abends ein prätorianischer Centurio gebracht, der auf die Frage nach dem Vergehen des Mannes die Achseln gezuckt und erwidert hatte: »Ich weiß nur, daß er in sicheren Verwahrsam abzuliefern ist.« Seitdem hatte keiner je wieder nach dem Gefangenen gefragt. Abalanda selbst schwieg. Nie beteuerte er seine Unschuld, nie beklagte er sich über die verlorene Freiheit. Nur zweimal hatte der wunderliche Mensch gesprochen. Das eine Mal, als der Wächter nach langen Wochen ihn fragte, ob er zur Sekte jener Juden gehöre, die einen zum Gotte erhobenen Menschen aus dem Hebräerlande anbeteten und oft eingekerkert wurden, weil ihr Glaube an die Göttlichkeit dieses Menschen von geringer Herkunft eine Beleidigung der Götter des Römervolkes war. Er hatte damals geantwortet: »Ich bete zu den Göttern meiner nordischen Heimat. Das ist in Rom geduldet und sicherlich nicht mein Vergehen.« Das andere Mal sprach er, als der Wächter ihm eines Tages bessere Kost brachte und dabei erklärte, es geschehe bloß dieses eine Mal und nur deshalb, weil die Kaiserin einen Sohn geboren hätte. Da hatte der sonst ruhige Mensch zur Verwunderung des Kerkermeisters erregt hervorgestoßen: »Einen Sohn! Messalina hat einen Sohn?!« Der Wächter hatte nur den Kopf geschüttelt. Er war überzeugt, sein Gefangener war ein friedlicher Irrer, der sicherlich nicht ins Tullianum gehörte. Nach und nach war er milder gegen den Einsamen geworden. Er nahm ihm das Versprechen ab, sich ruhig zu verhalten, und erließ ihm fortan die Ketten. Nun hatte der bedauernswerte Mann in der dürftigen Tageshelle die Hände frei und konnte sich beschäftigen. Freilich blieb ihm dazu nur das Stroh der Lagerstatt. Er fing an zu flechten, gewann bald eine gewisse Fertigkeit und schuf allerlei wunderliche Dinge, Körbchen, Teller, Schuhwerk, doch als Spielereien auch Ketten, Ringe und ähnliches. Auch einen dicken Deckel brachte er zuwege, mit dem er die Kloakenöffnung in der Zelle fest zu verschließen verstand. Vieles schenkte er dem Wärter, manches benützte er, Ordnung und Sauberkeit an seinem Körper und in dem feucht öden Räume zu wahren. Wortkarg aber blieb er immer, als bedrücke ihn ein unablässig quälender Gedanke. Doch die stolze Haltung verlor er nie. Haare und Bart wuchsen ihm lang in rötlichem Blond. Er glich jetzt den germanischen Kriegsgefangenen, die der Wärter vor langer Zeit im Triumphzuge eines Feldherrn hatte schreiten sehen. Heute, nach unzähligen Tagen der Gefangenschaft, brachte der Wärter eine trüb leuchtende Steinlampe, trotzdem der helle Sommerfrühmorgen draußen den wandernden Fleck schon an die Wand gemalt hatte. Eine reinliche Tunika übergab der Alte dem Gefangenen und eine Handvoll Kupfermünzen. »Die sind ein Geschenk von mir,« sagte er. »Du hast mir nie mein Amt erschwert, und ich bemitleide dich. Nun höre, was ich dir sage. Der Kaiser zieht heute im Triumphe in Rom ein, nachdem er gewaltige Siegesehren in dem britannischen Kriege errungen hat.« »Ich hörte den Kaiser am Abend meiner Gefangennahme von diesem Kriege zum Volke sprechen,« erklärte der Gefangene. Dann, lebhafter als sonst, fragte er: »Wie lange hat der Krieg gedauert?« Der Wärter rechnete an den Fingern nach, »Im März waren es zwölf Monate – jetzt ist Julius – ein Jahr und vier Monde.« Der Gefangene schüttelte den Kopf und seufzte nur. Da fuhr der Wärter fort: »Zur Feier des kaiserlichen Triumphes dürfen heute viele Begnadigte den Kerker verlassen. Alle, die sich gut geführt haben und wegen geringer Delikte hier sitzen. Du stehst nicht auf der Liste. Doch ich nehme an, man hat dich vergessen, wie man dich überhaupt vergessen zu haben scheint. So wird niemand nach dir fragen. Ich nehme es auf meine Kappe und lasse dich frei. Hast du wirklich nichts Schlimmes getan – keinen Mord – keinen Diebstahl?« Der Gefangene wies auf den hellen Fleck an der Wand. »Mein Gewissen und meine Hände sind rein wie der Sonnenschimmer dort.« »Dann geh in Frieden von dannen,« sagte der Alte nach einem letzten Bedenken. Sein gutmütiges Gesicht verklärte sich im hellen Lichte der Menschengüte. »Das saubere Gewand hier leg an, denn du bist zerlumpt. Heute läuft ein jeder in Rom festlich gekleidet einher. Die Lampe brachte ich, damit du Licht zum Ankleiden hast und auch damit du mit dem Öle deine Haare salben kannst.« Mit einem dankbaren Lächeln drückte der Gefangene die Hand seines Wohltäters. Er kleidete sich in Gegenwart des Wärters mit der ärmlichen, sauberen Tunika und tat einen tiefen Trunk aus dem Kruge, als brauche er nun nicht länger mit dem Wasser zu sparen. Dann reckte er sich an der Wand empor und griff mit der Hand in den Lichtfleck unter der Decke. »Lebe wohl, du Freund,« flüsterte er, sich einer Sprache bedienend, die der Wärter noch nie vernommen hatte. Dann kehrte er sich dem alten Manne zu und bat: »Nenne mir deinen Namen.« »Er würde dir nichts nützen, du armer Mensch,« erwiderte der Wächter mit geneigter Stirn. »Es ist der Name eines Lebendigtoten. Du bist glücklicher als ich, ich bin geringer als du. Du gehst von hinnen. Mich aber bindet für immer mein Amt in dieses finstere Haus. Mein Dienst hier ist die Begnadigung eines zum Tode Verurteilten.« Ein seltsames Lächeln verschönte seine rauhen Züge, als er hinzufügte: »Vielleicht bringt dem Lebensmüden Erlösung, was er an dir tut.« Dann fragte er schüchtern: »Aber du – willst du mir sagen, wer du bist?« Der Fremde antwortete wehmütig. »Du befreist einen Menschen, den dein Cäsar einmal als seinen Gast ehrte. Die Kaiserin hat mich zum Gefangenen erniedrigt und die Gastfreundschaft Roms geschändet. Doch – ? in den langen Tagen hier ? habe ich verzeihen gelernt.« Nichts in der Welt noch in Rom hatte sich wesentlich verändert, als Abalanda nach sechzehn Monaten der Gefangenschaft den mamertinischen Kerker am Forum verließ. Auch er selbst war innerlich der gleiche geblieben. Äußerlich schien er durch den wallenden Bart und die bis auf die Schultern fallenden Haare gealtert. Abalanda suchte zunächst eines der öffentlichen Bäder auf. Dort faulenzten nur die Thermendiener. Denn ganz Rom war zu dem Marsfelds hinausgewandert, rechts und links der Via Flaminia, da Kaiser Claudius auf dieser Straße, von Norden kommend, seinen Einzug unter der Glorie des Triumphes feiern wollte. Am Portikus der Therme saß ein Mann mürrisch neben zwei Kästen. Er machte ein verdrießliches Gesicht, als Abalanda herzutrat und eine Kupfermünze in den einen Kasten warf. »Du bist der erste, der heute zum Bade kommt,« brummte der Aufseher und überreichte Abalanda ein dem anderen Kasten entnommenes Nummerplättchen aus Blei, das ihn zum Eintritt in die Bäder berechtigte. Dabei schalt er grimmig. »Immer muß man hier hocken und euch Gesindel bedienen. Wo man auch gern nach dem Marsfelde hinaus wäre, um den Triumph des Cäsars zu sehen!« Freundlich erwiderte Abalanda: »Ich werde mich beeilen. Nur rasch das Apoditerium und ein warmes Bad zum Reinigen benützen. An mir soll's nicht liegen, wenn du nebst deinen Kameraden in der Therme zurückgehalten wirst.« Der Aufseher schüttelte brummig den Kopf und knurrte: »Was nützt uns deine Eile! Wir müssen doch hierbleiben. Denn gleich nach dem Triumphzuge rennt natürlich alle Welt in die Bäder, um das Ereignis zu besprechen. Ich erwähne das, weil ich dir ansehe, daß du ein Ausländer bist. Im übrigen tust du recht, dich mit dem Bade kurz zu fassen. Laß dir den Triumphzug nicht entgehen! So bald wird man nicht wieder sehen, daß ein Frauenzimmer die Ehren des Siegers teilt.« »Wer wäre das?« fragte Abalanda, weniger aus Neugier als aus dem Wunsche heraus, sich wieder an die Unterhaltung mit Menschen zu gewöhnen. »Nun natürlich die Messalina,« entgegnete der Aufseher höhnisch. »Bei den Ewigen – man muß sich fragen, welche Siege sie dabei feiern will außer jenen, die sie über Männer oder die Männer über sie errangen während der vielen Monate, die der Kaiser fern war.« »Du sprichst mit wenig Ehrerbietung von der höchsten Frau in Rom,« versetzte Abalanda ernst. »Soll man von der auch noch ehrerbietig sprechen!« spottete der Mann. »Du scheinst hier noch völlig fremd, sonst würdest du dich nicht über meine Worte wundern. Sie treibt es arg, kann ich dir sagen. Daß sie Männer in Massen braucht, ist schließlich ihre Privatsache, sozusagen. Aber daß ihre wilde Brunst das Staatswesen beeinflußt, geht uns alle an. Man hatte auf den Kaiser Claudius große Hoffnungen gesetzt und sieht sich nun arg enttäuscht. Denn seit er sich auf den Weg zur Eroberung Britanniens machte, kommt immer deutlicher zum Vorschein, wer im Palatium gebietet. Ein paar griechische Freigelassene, Günstlinge der Kaiserin. Ich sage ›Günstlinge‹ – aus Ehrerbietung,« – er lachte ironisch – »könnte aber was ganz anderes sagen. Doch du hast anscheinend sehr zarte Ohren.« »Pöbelgeschwätz,« murrte Abalanda. Der Aufseher grinste. »Ja, so heißt es stets, wenn das Volk die Wahrheit zu sagen wagt!« polterte er. »Es ist aber schon so. Kannst mir glauben. Anfangs sah man in dem alten, närrischen Claudius einen zweiten Augustus und in dieser Messalina eine zweite Livia. Übelste Täuschung! Sie scheint es vielmehr der Tochter des guten Augustus gleichtun zu wollen, jener verruchten Julia, die der eigene Vater in die Verbannung jagen mußte, weil sie aus Rom ein großes Dirnenhaus machte.« Unwillig wollte Abalanda das peinliche Gespräch abbrechen. Doch der geschwätzige Aufseher, dem es offenbar wohltat, diesen einfältigen Barbaren aufzuklären, hielt ihn an der Tunika zurück. »Heute kommt es zu einem öffentlichen Skandale. Das sage ich dir. Diese Frechheit wird das Volk nicht hinnehmen. Man behauptet nämlich, die Messalina werde sich im Triumphzuge des Wagens der Vestalinnen bedienen.« »Und das Recht dazu bestreitet man ihr?« fragte Abalanda scharf. »Allerdings. Wenn man von einer Frau in Rom behaupten kann, sie lebe wahrhaftig nicht wie eine Vestalin, dann ist's die Kaiserin. Erst war der Freigelassene Narzissus ihr erklärter Liebster. Daneben hatte sie freilich noch allerhand geheime. Die Frau muß einen bewundernswerten Appetit haben! Beim Jupiter! Nun aber ist Narzissus abgedankt und der Freigelassene Polybius in die Stelle seines Freundes eingerückt. Wie lange der die kaiserlichen Freuden genießen wird, weiß kein Mensch. Vielleicht geht es ihm wie einst dem armen Mimen Paris. Der mußte ins Gras beißen, weil – –« »Schweige!« wetterte Abalanda den Geschwätzigen an. Seine blauen Augen hatten sich dunkel gefärbt vor Zorn, sein bärtiges Gesicht glühte. »Ihr Römer habt den gemeinen Drang, Menschen zu erniedrigen, die euch an Stellung und Macht überlegen sind. Daß ihr auch Frauen nicht verschont mit euerm Geifer, kennzeichnet eure elende Gesinnung. In meiner Heimat achtet man das Weib. Jeder ehrenhafte Mann würde den züchtigen, der Übles schwatzt ohne bündige Beweise.« »O weh!« machte der Aufseher mit geheuchelter Angstmiene. »Dann will ich lieber den Mund halten.« Er maß Abalanda verächtlich mit den Augen. »Ich dachte mir gleich, daß du ein Germane bist. Ihr tragt das Haar lang, um darzutun, wie lang eure Keuschheit ist. Na, dann lauf hin und sieh dir die keusche Messalina an. Aber sieh dir auch unsere Soldaten an und lerne Respekt vor der Größe Roms. Die fehlt dir sichtlich. Fünf der besten Legionen haben Britannien erobert und damit uns den letzten Rest der Barbarenwelt unterjocht.« Er warf sich in die Brust mit dem Hochmut des Mannes, der sagen darf: civis Romanus sum – ich bin Römer! – »Trinobantische Kriegsgefangene und zwei ihrer Fürsten werden in Ketten hinter dem Wagen des Kaisers schreiten, da der Sieg über diese Rebellen unter den Augen des Cäsars erfochten wurde.« Da packte ihn wieder die Wut. »Und da sitzt man hier als alter Soldat und muß irgendeinen hergelaufenen Nordländer bedienen.« »Hüte deine Zunge!« fuhr Abalanda jetzt heftig den Invaliden an. »Wenn man dir einen Ruheposten anvertraut, so tat man es gewiß nicht, damit du harmlose Besucher der Therme beleidigst.« Er wandte sich ab und schritt dem Eingange der Bäder zu. Verbissen lachte der ausgediente Legionär hinter ihm drein. Wenn Abalanda geglaubt hatte, nur die Geschwätzigkeit des Invaliden beschäftigte sich mit Messalina, so mußte er sich zu seiner Bestürzung überzeugen, daß der Aufseher nur eine Stimme aus Tausenden war. Denn als Abalanda sich nach Beendigung des Bades unter die Menge mischte, die alle Treppenvorsprünge und Portiken der Via Flaminia vom Forum Romanum bis zum Norden des Marsfeldes hinauf besetzt hielt, vernahm er in dem Summen der Menge nur allzu oft den Namen der Kaiserin. Hier sprach man von ihr in gemeinem Scherze, dort in niedrigem Hasse, da in ehrlichem Zorne und hier wieder in spottender Verachtung. Nirgends erstand ihr ein Fürsprecher, nur Verurteilung ward laut. Abalanda erstarrte. Es schien ihm unfaßbar, daß Messalina sich in den sechzehn Monaten seiner Haft so schmerzlich gewandelt hatte. Und dennoch – – war er nicht selbst ein Opfer ihrer Sinnesänderung? Er grübelte, wie er in seiner düstern Zelle so oft gegrübelt hatte. Weder Kaiser Claudius noch dessen Schergen hatten den leisesten Grund, ihn, den mit Genehmigung des Stadtpräfekten ruhig und ohne die geringste politische Betätigung in Rom lebenden Fürstensohn, gefangen zu setzen. Nur Messalina konnte die Ursache seiner Verhaftung gewesen sein ... Immer wieder sah er das Bild jener Märznacht vor Augen. Die im Fackelschein tanzenden Salii – die kaiserliche Tribüne, deren pomphaften Hintergrund: die gewaltige Treppe des Dioskurentempels, sah, wie plötzlich der Blick Messalinas ihn traf, wie ihr Antlitz sich veränderte, wie sie den Kaiser auf ihn aufmerksam machte, wenige Minuten später war der Centurio bei ihm, forderte ihn auf, ihm zu folgen – der Weg durch abgelegene Gassen, inmitten vier schweigsamer Prätorianer, der vor dem Tor des mamertinischen Kerkers endete – die ausweichenden freundlichen Antworten des Centurio, der behauptete, nur einen Befehl auszuführen ... Abalanda sann und grübelte und fand keine Erleuchtung, wie er sie lange Monate hindurch nicht gefunden hatte. Eingekeilt in ein Gedränge von Menschen, trieb er in dem Strome der Menge dahin, die sich langsam gleitend dem marmornen Triumphbogen zuschob, den man dem Kaiser Claudius errichtet hatte. Droben auf der Höhe des figurenreichen Bauwerks mit dem weit gähnenden Durchgange, Symbol des weiten Rachens der völkerfressenden Löwin Roms, hoch auf dem Flachgiebel des Arcus leuchteten im Sonnenglanze des Vormittages acht goldene Siegesgöttinnen. Sie breiteten die Flügel, als schwebten sie dem Manne entgegen, der heimkehrte – Abalanda dachte es mit wühlendem Schmerze – heimkehrte, nachdem abermals ein Volk germanischen Blutes zertreten worden war. Er blickte sich um, sah die frohen, von Begeisterung leuchtenden, fremden Gesichter von Menschen, die Feinde seines Stammes waren. Er zürnte gegen sich. Warum war er nicht heimgekehrt? Was hatte ihn in Rom gehalten? Warum war er damals geblieben? Erbittert gedachte er, daß es ihm heilige Pflicht erschienen war, den guten Ruf der Gefährtin glücklicher Tage zu schützen, indem er den Mörder des unglücklichen Schauspielers aufspürte. Und als es ihm nach unendlichen Mühen und Gefahren gelungen war, als er im Begriffe stand, der Kaiserin seine Entdeckung zu berichten, da – ? Wie ein Dolchstoß durchzuckte es ihn. Wieder tönte der Name Messalina aus der Masse. Doch ein Schimpfwort, so drastisch, wie es nur lebhafte Südländer über die Lippen bringen, begleitete den kaiserlichen Namen. Derbes Gelächter der Umstehenden folgte den robusten Worten. Abalanda suchte das Lästermaul. Dann sank er wieder in sich zusammen. Was vermochte er, der einzelne, gegen die Menge? Und dann! Sprach ein ganzes Volk wirklich ohne triftige Gründe so erbarmungslos unehrbietig von der höchsten Frau im Lande? Heiß siedete ihm das Blut zu Kopf, als fege eine Flamme an ihm vorüber. Ein Gedanke, den er in den langen Monaten der Gefangenschaft niemals gedacht, rannte jählings auf ihn ein. Jetzt wußte er plötzlich, warum Messalina ihn hatte einkerkern lassen. Einen Zeugen ihrer Lasterhaftigkeit zu beseitigen. Einen Menschen zu vertilgen, vor dem sie sich schämte. Der einzige Mann, der sie wahrhaft geliebt hatte, sollte ihren tiefen Fall nicht sehen! Ja, war das denn logisch? Wollte sie diesen Mann lieber im Kerker verschmachten lassen als vor ihm als Dirne stehen?! War das möglich?! War das weiblich? Abalanda empfand, daß seine Gedanken in der Irre gingen. Da wurde er vom Jauchzen des Volkes aus seinem flatternden Sinnen herausgerissen. Der Jubel wälzte sich die flaminische Straße herab, brach aus dem Durchgang des Triumphbogens hervor. Der Zug nahte. Jeder kämpfte um einen Platz, der bessere Sicht ermöglichte. Ein Mann hinter dem hochgewachsenen Nordländer versuchte keck, auf Abalandas Schultern zu klettern. Unter diesem Gewichte wankte der von Hunger, Durst und Bewegungslosigkeit entkräftete Körper des Chatten. Er taumelte, hatte aber noch die Kraft, sich rückwärts zu drängen, weil er wußte, es ging um das Leben, wenn er unter die Füße der flutenden Menge geriet. Endlich fühlte er hinter sich den Sockel eines Hauses. Der schmale Sims bot ihm gerade Raum genug, sich niederzulassen. Er war völlig erschöpft. So sah er nichts von dem Triumphzuge. Nur die erregten Schreie und Rufe kündeten ihm, was sich zutrug auf der Straße jenseits der Menschenmauer. Plötzlich entstand ein Schweigen, das allmählich zu einem dumpf brausenden Murren der Volksmasse aufbrandete. Wieder erscholl der Name Messalinas. Abalanda erhob sich. Vielleicht gelang ihm, einen Blick auf die zu werfen, die er – trotz allem – trotz allem – noch immer liebte. Er vernahm die schmählichen Lästerungen aus den Schmutzmäulern vor ihm. Dann hörte er eine Männerstimme grölen: »Da naht sie, die erlauchte Hure Messalina!« Die Worte stießen Abalanda nach vorn, den Schänder der geliebten Frau niederzuschlagen. In den plötzlich zurückkehrenden Riesenkräften teutonischen Zornes bahnte er sich mit Ellbogen und Fußtritten einen Pfad. Man hieb von allen Seiten auf ihn ein, aber gerade dadurch kam er vorwärts. Da packten ihn zwanzig Fäuste, hoben ihn empor, schleuderten ihn. Plötzlich war er außerhalb der Menge, mitten auf der Straße. Gerade rollte ein mit Pracht überladener Wagen daher, den vier milchweiße, nebeneinandergeschirrte Rosse zogen. Die beiden äußeren Pferde wurden an goldbeschlagenen Zäumen von Sklaven in der rotleuchtenden Gewandung der Palastdienerschaft geführt. Als der Körper Abalandas jählings den Tieren in den Weg flog, scheuten sie und stiegen erschreckt auf den Hinterbeinen. Der Wagen hielt. Da bot sich der Kaiserin Messalina ein seltsamer Anblick. Vor den vergoldeten Vorderhufen der aufgeregten Rosse erhob sich ein Mensch, dem die ärmliche Tunika in Fetzen vom Leibe hing. Die Schimmel bäumten sich vor der Gestalt, um deren Haupt ein wirrer Wust blondroter Haare flatterte. Ein langer Bart von gleicher Farbe floß auf die nackte Brust des Mannes nieder. Die weiße Haut des Körpers leuchtete aus dem zerrissenen Gewande. So stand dicht vor dem Wagen der Kaiserin der Fremdling, den die erboste Menge übel zugerichtet hatte. Schon wollten sich die Läufer der Kaiserin auf ihn stürzen, ihn mit Stockschlägen aus dem Wege zu treiben, als er seine blauen Augen verklärt auf Messalina heftete. Beide Arme wie zu einem Gruße erhebend, öffnete er den Mund. Doch da brach er zusammen in den Staub der Straße. Sein geschwächter Leib war den Anstrengungen und Nöten dieser ersten Stunden der Freiheit nicht gewachsen. Die Läufer entzogen den Gestürzten rasch den Blicken der Kaiserin. Sie hoben ihn empor und schleppten ihn in die Menschenmenge hinein, die jetzt bereitwillig eine Gasse öffnete. Auf einer Treppe warfen die Sklaven den Besinnungslosen nieder und eilten dem Wagen der Herrin nach. An der Straßenkrümmung zwischen dem mamertinischen Kerker und dem Janustempel hielt der Zug. Messalina benutzte die Stockung, den Aufseher der Läufer heranzuwinken. Sie befahl ihm umzukehren und den Namen des Mannes zu erkunden, der sich vor den Wagen geworfen hatte. Eine Viertelstunde später kam der Oberläufer zurück. Während Kaiser Claudius eine lange Ansprache an den auf dem Forum versammelten Senat richtete, gab der Sklave Auskunft. Der zerlumpte Mann sei nach der Meinung der Umstehenden germanischer Herkunft. Er habe sich frech vordrängen wollen und sei von der Menge gebührend gezüchtigt worden. Vorgefunden habe er ihn nicht mehr. Offenbar habe er sich entfernt, nachdem ihm die Besinnung zurückgekehrt sei. Weiter habe er nichts über ihn erfahren können. In Grübeln gebeugt, stand die Kaiserin auf dem Wagen der Vestalinnen. Sie hatte nicht teil an den Vorgängen um sie her. Während Senat und Volk dem siegreich heimgekehrten Cäsar huldigten, irrten Messalinas Gedanken zurück in eine ferne Sommerzeit. Waren es wirklich erst zwei Jahre her, daß im Hause der Eltern der blonde Gast sie scheu und verehrend geliebt hatte?! War dieser zerlumpte Mensch, der sich vor den Hufen der Rosse und den Rädern ihres Wagens mühsam aus dem Staube erhoben hatte, Abalanda ...? War es ein Spuk ihrer Sinne gewesen? Eine Mahnung? Eine Warnung? Nein, nein, es war nicht möglich, daß dieser stolze Fürstensohn leibhaft in dieser armseligen Bettlergestalt vor ihr gestanden hatte! Er hatte Rom ja längst verlassen. Denn als sie nach jener Märznacht, in der sie ihn auf dem Forum erkannte, von leichter Erkrankung genesen war und Narzissus beauftragt hatte, den Freund ihrer Mädchentage in den Palast zu bringen, war ihr der Bescheid geworden, der nordische Prinz sei in seine Heimat zurückgekehrt. – 5 Der Sommer neigte sich seinem Ende zu. Die ärgsten Wochen unerträglicher Hitze in Rom hatte die Kaiserin in Bajä zugebracht. Nun rüstete ihre Hofhaltung sich zur Rückkehr in die Stadt. Damit war das Zeichen zu einem allgemeinen Aufbruch aller Badegäste gegeben, die irgendwie in Beziehungen zum Palatium standen. Die zurückbleibenden Reichen bedauerten die Abreise des Hofes wenig. Nun konnten sie ihren Prunk zeigen, der bisher kläglich verblaßt war vor dem grotesk verschwenderischen Pompe, den die Kaiserin entfaltet hatte. Noch wimmelte tagsüber das herrliche Gestade von Sommergästen. Aus allen Himmelsgegenden des ungeheuern Römischen Reiches hatten sie sich eingefunden. Freilich nicht, um die Naturschönheit dieser lieblichen Stadt Kampaniens noch um die weltberühmten Bäder zu genießen. Nach Bajä lockte das üppige Leben des Luxusbades, die zahllosen, ununterbrochenen Zerstreuungen und Vergnügungen, das Schlemmerleben, das dort zur Tagesordnung gehörte, die sich überbietenden Genüsse aller Art und die Schwelgereien bei prunkvollen Gelagen. In Bajä regierten Bacchus und Venus. Auch Messalina hatte die Ausschweifung des Welt- und Modebades bis zur Neige ausgekostet. Ihr Claudius ...? Der saß zu Rom im Palatium und vertrat seine Cäsarenwürde mit ungeheurer Wichtigkeit, obwohl Narzissus und seine drei griechischen Landsleute in Wirklichkeit das Staatsschiff lenkten. Der Cäsar selbst war lediglich Staffage auf dem Sessel des Prinzipates, immerhin hatte er sich in seine Rolle als Weltbeherrscher eingelebt und manche Anregung seiner Ratgeber durch verwunderlich kluge Einfälle vervollkommnet. Doch seine geistigen Energieregungen verflachten fast immer ebenso rasch, wie sie gekommen waren. Dann wurde aus dem Imperator wieder der unbeholfene, grübelnde Bücherwurm, der sich nur in der Welt seiner Studien mit Geschick bewegte. Messalina hatte sich damit abfinden müssen, von diesem Gatten vernachlässigt zu werden. Immer mehr geriet sie in den Strudel, in den die Frauen hinabgleiten, die es überdrüssig werden, vergeblich einen Halt in der Ehe zu suchen. In dieser ihnen wider Willen und gegen ihr Gefühl aufgezwungenen Freiheit sehen sie schließlich nur noch den Antrieb, von dieser Freiheit hemmungslos und unbedenklich Gebrauch zu machen. Polybius war nach Bajä gekommen, der Kaiserin beim Abbruch des Hoflagers beizustehen. Messalina empfing den glatten, klugen Griechen nicht unfreundlich, aber aus triftigen Gründen mit äußerster Zurückhaltung. Polybius war viel zu schlau und viel zu gewandt, durchblicken zu lassen, daß er sogleich erkannte, was sich hier vorbereitete: der Bruch der intimen Beziehungen, die zwischen ihm und der sinnenfrohen jungen Frau ebenso bestanden hatten wie zwischen Narzissus und der Kaiserin. Jetzt galt es, der Angelegenheit eine Wendung zu geben, die ihm die Kaiserin verpflichtete, während er selbst außerhalb jeder Gebundenheit blieb. Er mußte ihr den Laufpaß geben, sie gnädig aus dem freundschaftlich zärtlichen Verhältnisse entlassen. Nur dann blieb die Kaiserin in seiner Hand. Er besprach die Maßnahmen zur Rückkehr nach Rom in einem Tone der Höflichkeit, der jede Zutraulichkeit ausschloß. Messalina sollte aus diesem konventionellen Verhalten die diskrete Andeutung entnehmen, daß die zarten Bande zwischen ihnen zerschnitten seien. Absichtlich blieb er in devotester Ehrerbietung stehen, obwohl die Kaiserin ihn mehrmals zum Sitzen aufgefordert hatte. »Nachdem ich nun alle Grüße bestellt habe, die mir unser erhabener Gebieter an die Gemahlin aufgetragen hat,« sprach er mit hofmännischer Glätte, »nachdem die Reisevorkehrungen eingehend besprochen sind, edle Domina, darf ich nun wohl einige persönliche Bemerkungen vorbringen.« »Ich höre,« gestattete Messalina, sich in den Sessel zurücklehnend und in posierter Langeweile mit den Enden der Goldschnur spielend, die, unter der Brust verknotet, die Tunika über dem sanftgewölbten Busen straffte. »Mein Freund Narzissus läßt dir seine tiefste Ergebenheit zu Füßen legen,« fuhr Polybius in wohlüberlegter Rede fort. »Er bedauert nichts so sehr als die Tatsache, daß die wachsende Last der Staatsgeschäfte und der Zwang, als Führer unseres Kreises seine Kräfte im Dienste des Kaisers nahezu aufzuopfern, Veranlassung zu einem Erkalten des freundschaftlichen Umganges boten, dessen du, erhabene Gebieterin, ihn gewürdigt hast.« Messalina sah auf. Ihr Blick flammte rasch über das unbewegliche Gesicht des Mannes hin. Sie begriff sofort. Durchschaute die arge List ihrer beiden Liebhaber. Wußte, daß sie vor einem Komplott stand, zu dem sie sich die Hand gereicht hatten – gegen sie. Sie zog spöttisch die Oberlippe empor und zeigte die Reihe ihrer blendend weißen, kleinen, schönen Zähne. »Und du selbst?« fragte sie und zog auch den dünnen Bogen der Brauen hoch. »Ich weiß nun schon, was es bedeutet, wenn du, mein Freund, mit langen und gedrechselten Tiraden anhebst. Nun gut – seien wir offen! Wahrscheinlich zwingt auch dich die wachsende Last der Staatsgeschäfte zu einer Aufopferung, die dich mir von jetzt an entzieht?« Polybius wollte eine seiner die volle Wahrheit stets umgehenden Antworten geben, doch die Kaiserin wehrte ihm. »Schon gut, Bester. Wir werden einander nicht sonderlich vermissen. Aber ich danke dir – du nahmst mir die Mühe, dir schonend den Abschied zu geben.« Als wäre damit diese Auseinandersetzung für sie beendigt, fragte sie nach kurzem Schweigen gleichgültig: »Was treibt der Kaiser?« Polybius schluckte. Nun war diese durchtriebene Person ihm doch zuvorgekommen! Gewissermaßen. Angedeutet freilich – Er verbiß seinen Ärger, verbarg die Wunde seiner verletzten Eitelkeit – so willig gaben Frauen sonst einen Polybius nicht auf! – und erwiderte höflich und beherrscht: »Zürne dem Cäsar nicht, wenn er an die Imperatorenwürde und an seine Studienliebhaberei seine Tatkraft weitaus mehr verschwendet als an seine Ehe. Die weltliche Großtat des endgültigen Sieges über Britannien hat seinen Ehrgeiz angestachelt. Nun ist er damit beschäftigt, der weltlichen eine geistige Großtat folgen zu lassen.« Er überreichte der Kaiserin eine goldverzierte und reichgeschnitzte Elfenbeinkapsel, die er bisher in der rechten Hand gehalten hatte. »Hier sendet der Kaiser dir die von ihm selbst verfertigte Abschrift einer ausführlichen Begründung der Notwendigkeit, dem Alphabet noch drei weitere, von ihm ersonnene Buchstaben anzufügen. Eine ungewöhnlich geistvolle Abhandlung, die der Gelehrsamkeit unsres erhabenen Herrschers –« »Unterlaß den Spott!« unterbrach Messalina herrisch. Sie öffnete die Kapsel und entnahm ihr das Manuskript, über dessen zierliche und seine Schrift sie flüchtig die Augen schweifen ließ. Dann ließ sie die Papyrusrolle sinken und sagte ernst: »Wie mühevoll muß es gewesen sein, dem seit Menschengedenken feststehenden Alphabete Neues hinzu zu ersinnen!« »Nun, der Kaiser lehnte sich dabei allerdings an Vorbilder der griechischen Buchstaben an.« »Ich weiß, daß ihr Söhne der Hellas dem Aberglauben huldigt, alle Kultur Roms sei nur ein Abklatsch der Kultur Griechenlands,« versetzte Messalina spitz. »Das dürfte eine geschichtliche Wahrheit sein,« entgegnete Polybius froh, nun auch seinerseits einen Nadelstich anzubringen. »Aber es ehrt den griechischen Geist, daß ein so gelehrter Monarch wie Cäsar Claudius sich an ihm befruchtet. Doch, Herrin, während der Kaiser sich mit dem griechischen Alphabet beschäftigte, vernachlässigte er das Alphabet der Liebe leider nur allzu sehr.« Messalina erblaßte unter dieser Unverschämtheit, fand jedoch nicht gleich das passende Wort der Zurückweisung und schwieg. »Und sonst?« fragte sie dann nebensächlich. »Wenn deine Frage dem Kaiser gilt, so darf ich zu meiner Freunde antworten, es geht ihm geistig – wie du an dem sorgfältig gearbeiteten Manuskript erkennst – doch auch gesundheitlich so weit gut. Für uns, seine treuesten Freunde, ist besorgniserregend nur seine Schreckhaftigkeit. Zu Zeiten macht sie geradezu den Eindruck einer geistigen Störung. Allerdings ist sie ja zum Teil begründet in den bestürzenden Ereignissen und dem Erleben an jenem blutschwangeren Tage, der die Herrschaft Caligulas beendete und deinen erhabenen Gatten zum Heile des römischen Volkes auf den Thron erhob. Die Angst, die er damals ausstand, zittert immer wieder mächtig auf in unserm erlauchten Herrn. In solchen Augenblicken bebt er um sein kostbares Leben und sieht an allen Ecken Verschwörungen.« »Verfolgst du eine Absicht mit diesen Randbemerkungen?« erkundigte sich Messalina, ihre bequeme Haltung aufgebend. »Ich leugne nicht, Domina! Gestattest du mir, frei zu reden?« Nach einem herablassenden Kopfneigen der Kaiserin fuhr er fort: »Meine Gefährten und ich verdanken dir, edle Frau, daß der Kaiser unsern Ratschlägen zugänglich ist. Du siehst, ich rede offen zu dir, als spräche ich mit mir selbst. Du bist die Quelle unserer Macht. Der Kaiser liebt dich auf seine Art innig und weiß zu schätzen, was du für ihn bedeutest. Ein Wink, ein Lächeln von dir genügt, um uns in seiner Gunst zu halten. Daß deine Freundschaft mit Narzissus enden konnte, daß ferner auch der heutige Tag einen Schatten werfen mußte auf die Beziehungen zwischen dir und mir, das erfüllt mich mit tiefer Besorgnis.« »Wohl nur den Staatsmann, nicht den Menschen Polybius?« flocht Messalina wider bessere Einsicht ein. »Erlasse mir, mich über mein persönliches Empfinden zu äußern,« erwiderte der Grieche düster. »Auch dünkt mich, die Schuld lag ebensowenig allein an Narzissus, wie es auch nicht mein Verschulden ist, wenn sich ein holdgeknüpftes Band löste.« Sie schwieg und saß ohne Bewegung. »Doch weiter, Gebieterin. Unsere Besorgnis gilt deinem Umgange mit Agrippina und Livilla hier in Bajä. Livilla ist freundlichen, doch allzu feinen Gemütes und – wie Menschen von solcher Wesensart – leicht zugänglich der eigenwilligen Beeinflussung eines Charakters, der fester geprägt ist als der ihre. Man geht gewiß nicht fehl, wenn man annimmt, Livilla sei mehr ungewollt als durch gewollte Nachgiebigkeit ein Werkzeug ihrer geistesstarken Schwester. Agrippinas Streben geht nach Macht. Sie wählt niemals den geraden Weg. Ehrgeizige Frauen suchen immer nur mit List zum Ziele zu gelangen. Sie sind fast nie Kämpfernaturen wie der ehrgeizige Mann. Kampf wohl – gewiß – aber er wird mit versteckten Waffen geführt, nicht aus dem mutigen Angriff, sondern aus dem Hinterhalte. Die versteckte Waffe Agrippinas ist zur Zeit zweifelsohne Livilla, deren zärtliches und schwaches Wesen der geheime Kanal ist, durch den Agrippina zu dir vorzudringen sucht. Agrippina neidet dir die Krone.« »Ich weiß,« bekannte Messalina gelassen. »Und dennoch brichst du den Verkehr mit den beiden Schwestern nicht ab?« rief Polybius betroffen. »Agrippina sieht, daß sie beim Cäsar selbst nichts auszurichten vermag, da meine Freunde und ich einen Wall um den Princeps bilden, der selbst mit der Verschlagenheit einer Agrippina nicht einzunehmen ist.« »Ah,« rief Messalina heiter, »jetzt verstehe ich endlich, worauf du hinauswillst! Die Herren Ratgeber des Kaisers befürchten, der Einfluß der Julierin könne aus dem Umwege von Agrippina zu Livilla, von Livilla zu mir und von mir zum Cäsar vordringen?« »Nicht anders, Domina. Ich höre mit Freude, daß meine Schilderung ihren Nachhall in dir findet.« »Ihr dürft ohne Sorge sein,« sagte Messalina und machte eine wegwerfende Geste mit der Hand. »Allzu hoch beglückt bin ich von meiner Stellung als Kaiserin im Staat zwar nicht, dennoch würde ich sie verteidigen, gegen wen auch immer. Mein Ehrgeiz geht nicht nach äußerer Macht. Zwar bin ich nicht unempfindlich gegen die Ehrungen, die mir zuteil werden. Im übrigen kann ich mich einer schmerzlichen Enttäuschung nicht erwehren. Ich bin vielleicht zu sehr Weib, um nur Kaiserin zu sein. Und als Weib bin ich eine vernachlässigte Frau!« Sie erhob sich und sprach, sich in tiefer Erbitterung vergessend: »Das gepeinigte und verletzte Empfinden meines Weibtumes gilt dem Buchstabenerfinder nichts. Da war es – bei der Venus! – ein leichter Sieg, wenn zuerst ein Narzissus, dann ein Polybius mich zur Geliebten gewannen!« »Herrin, rühre nicht an zarte Dinge, die mit meinen Erörterungen nicht in Zusammenhang stehen,« bat der Grieche scheinheilig. »Ich muß daran rühren!« rief sie heftig. »Denn du und dein Freund, ihr wart es, die mich lehrten, daß es für eine leidenschaftliche Frau weit Höheres gibt, als Kaiserin im Staate und an der Seite eines Claudius zu sein. Und das ist: Kaiserin zu sein im Reiche der Liebe. – Ich denke, diesen Thron wird mir auch Agrippina nicht neiden. Deshalb bietet mein Verkehr mit ihr und Livilla keine Gefahr.« »Eine durchaus irrige Meinung, hohe Frau!« versicherte Polybius rasch. »Agrippina ist gefährlich für jeden, den sie an sich zu locken weiß.« Er stockte einen Augenblick, als überlege er, ob er das, was er sagen wollte, wagen dürfe. Dann sprach er entschlossen weiter: »Daß in irgendeiner Form nicht nur der Kaiser – und ich meine hier das Principat als solches – auf einen Vorstoß Agrippinas gefaßt sein muß, daß auch du selbst auf diesen Vorstoß vorbereitet zu sein hast, das glauben meine Freunde und ich einem ganz besonderen Umstande entnehmen zu müssen.« Abermals zögerte er kurz, um dann fortzufahren: »Es fällt mir außerordentlich schwer, eine Verdächtigung auszusprechen.« »Ich habe mich auf dem Palatin an Verdächtigungen gewöhnt,« erklärte Messalina. »Sprich ohne Rückhalt!« »Was Agrippina betreibt, ist hohe und Familienpolitik,« begann Polybius. »Sie richtet sich gegen den derzeitigen Kaiser. Auf dem Cäsarenthrone ein Claudier, dem noch dazu durch dich, hohe Frau, ein männlicher Erbe geschenkt wurde, das muß die Julierin immer wieder an ein Scheitern ihres Ehrgeizes erinnern, muß sie immer wieder daran gemahnen, daß ihr selbst ein Sohn lebt, der das julische Geschlecht wieder in den Besitz der Imperatorenwürde bringen könnte. Um diesen Gedanken durchzusetzen, bedürfte sie einer Partei. Jedoch man kann nicht eine Partei, die sich den Gedanken eines Einzelnen zu eigen macht, ohne große Geldmittel gründen, wenn dieser Gedanke der politischen Größe, des zündenden Funkens entbehrt, weil er zu ichsüchtig ist. Diese Geldmittel besaß Agrippina nicht mehr, nachdem Caligula ihr alles genommen hatte. Diese Geldmittel aber wußte Agrippina sich vor kurzem zu verschaffen.« »Ich warte vergeblich auf deine Verdächtigung,« sagte Messalina ungeduldig. »Sich reich zu verheiraten, ist doch kein Verbrechen!« Polybius trat einen Schritt näher und sagte halblaut, doch jedes Wort schwer betonend: »Nein. Aber der letzte Gatte der Julierin, der reichste Mann in Rom, Crispus Passienus, machte Agrippina allzu rasch zur Witwe, nachdem er sie zur Universalerbin eingesetzt hatte!« Messalina fuhr zurück. »Du meinst, Polybius –!?« »Ich meine nichts weiter, als daß Passienus zwar betagt, doch ein Mann von blühender Gesundheit war. Um so überraschender, wenn er so unvermutet aus dem Leben schied. Noch sonderbarer, wenn nach kaum einjähriger Ehe sich Agrippina das unbedachte Wort entschlüpfen ließ: der Alte lebt zu lange! Ein solches Wort kann wirken wie – – nun, wie Gift. Ich hoffe, Domina, du verstehst, wie ich das meine. Nicht immer sind – wie es heißt – ungefährlich die Menschen, die unbedachte Worte äußern, weil sie durch ihren Unbedacht vor sich selbst warnen. Agrippina kann auch dir gefährlich werden, um den Kaiser von deinem Einflusse mit Gewalt zu befreien. Darum zum Schlusse! Weder der Kaiser selbst, noch wir als seine Freunde und Ratgeber sehen ohne Sorgen deinen Umgang mit Livilla, da sie die Schwester der Agrippina ist. Vermutlich hält in letzter Zeit die – hm, die Witwe des beklagenswerten Passienus sich nur aus ganz besonderen Gründen von einem persönlichen Verkehr mit dir zurück. Wir müssen dich daher bitten, auch zwischen dir und Livilla eine Schranke zu errichten.« »Wobei ihr weniger die Gefahr für mein Leben fürchtet,« warf Messalina kalt auflachend ein. »Was ihr vielmehr fürchtet, ist, den Einfluß auf den Kaiser zu verlieren, wenn etwa auch die junge, blühende Messalina eines unvermuteten Todes sterben sollte.« Polybius schwieg. Er erwartete, daß die Kaiserin ihn nun verabschieden würde. Sie hatte ihm ihr Gesicht voll zugewendet und sah ihn an mit jenem wehmutsvollen Blicke des Abschiedes, mit dem man sich innerlich von einem Menschen löst, der als Freund enttäuschte, vor dem man aber den Schmerz dieser Enttäuschung verbergen will. »Lebe wohl, Polybius,« sagte sie leise. »Vergiß, was wir einander waren.« Sie beherrschte sich, bis der Grieche nach wortlosem, übertrieben ehrerbietigem Abschiede, der nur noch der Kaiserin galt, das Gemach verlassen hatte. Einige Sekunden stand sie leblos mit verfärbtem Antlitz. Dann schritt sie wie traumwandelnd einem Bisellium zu und ließ sich aufstöhnend auf die Ruhebank nieder. Die Ellbogen aus die Knie gestützt, das Kinn in den Händen, sah sie lange Zeit unbeweglich und ließ die Bilder ihres Erlebens an ihrem inneren Auge vorüberziehen. Wie häßlich das alles war, was seit dem Einzuge in den kaiserlichen Palast ihren Lebensweg begleitete! Vor allem immer dann, wenn dieser Weg sich abgezweigt hatte, um scheinbar zu einem blumigen Gefilde des Glückes zu führen. Scheinbar! – Denn sehr bald verlor sich der Weg in die Öde der Enttäuschung und Vereinsamung ... Abermals war sie einsam geworden, sie, die ein Caligula zerbrochen, ein Claudius vernachlässigt, ein Narzissus beiseitegeworfen und die ein glattzüngiger, kühler Polybius nun verlassen hatte. Messalina erhob sich. Den bohrenden, suchenden Gedanken zu entrinnen, rief sie Fabulla. Fabulla trat ein. »Just als du mich riefst, Herrin, wollte ich dir melden, daß die Tragsänfte bereit steht, um dich ins Theater zu bringen. Du wirst heute pünktlich sein müssen, denn die Aufführung ist doch zu Ehren deines Abschiedes von Bajä veranstaltet.« Während die Sklavin einige Verbesserungen an der Raffung der Stola vornahm, um den Faltenwurf des Saumes vollkommener zu gestalten, äußerte Messalina: »Was dir über die Absichten meines – – Freundes Polybius zu Ohren kam, bestätigte sich, Fabulla. Doch obgleich ich vorbereitet war, gelang es dem listigen Menschen doch, mir zuvorzukommen. Im Grunde habe nicht ich ihn, sondern er hat mich verabschiedet. Es scheint mein tragisches Los zu sein, stets aufs neue zum Opfer meiner Sehnsucht nach dem einen Manne zu werden, den wir Frauen wohl alle suchen und niemals finden.« Fabulla reichte der Kaiserin ein Schminkbüchschen und meinte trocken: »Ich hatte dich vor diesem Polybius frühzeitig genug gewarnt. Es müßte kein Grieche sein! Nicht umsonst steht die griechische Treue bei aller Welt im gleichen Verrufe wie die berüchtigte Treue der Punier. Und ihre Liebe! Beim Styx! Die ist ihnen meist ein geschäftliches Unternehmen!« »Auch Narzissus ist Grieche,« erinnerte Messalina. »Womit du vermutlich sagen willst, daß er dich trotzdem ehrlich liebte,« fiel Fabulla in ihrer derb offenen Art ein. »O Herrin, wie wenig kennst du die Männer! Seitdem mein Schicksal mich von der Vertrauten eines jungen Mädchens zur Vertrauten einer Kaiserin emporsteigen ließ, habe ich nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren tüchtig offengehalten. Ich habe dabei entdeckt, daß eine Kaiserin fast nichts erfährt von dem, was um sie her vorgeht. Ihre Umgebung aber weiß alles. Kennt jeden Schritt von ihr und jede Regung, und wenn die Fürstin sich auch tausendmal einbildet, eine fabelhafte Schauspielerin und Seelentäuscherin zu sein.« »Ich bewundere deine Weisheit,« sagte Messalina lächelnd. »Und ich sehe deinem Lächeln an, daß du traurig bist, meine arme Herrin,« gab Fabulla zurück, indem sie sich auf die Hand der Kaiserin niederbeugte, um tröstend die zitternden Finger der erregten Frau zu küssen. »Ich begreife nicht viel von dem, was hochgeborene Menschen Liebe nennen. Würdest du mich aber fragen, was ich, eine Sklavin, unter Liebe verstehe, so müßte ich antworten: man liebt ehrlich nur dann, wenn man kein anderes Ziel verfolgt als einzig das, zu lieben.« »Du meinst, das wäre weder bei Narzissus noch auch bei Polybius der Fall gewesen?« »Bei dem ewig lächelnden Polybius ganz gewiß nicht!« behauptete Fabulla fest. »Wegen des Narzissus war ich mir nie recht klar. Ich habe oft bemerkt, daß er eifersüchtig auf dich war. So sehr er sich zu beherrschen versteht, in Augenblicken der Eifersucht gab er seine künstliche Ruhe auf und machte glühende Augen. Auch seinen Stolz vergaß er dann. Und das hat mich gewundert an dem Manne, dessen Stolz sogar so weit geht, daß er nie ein Wort an einen Sklaven oder eine Sklavin richtet, sondern sich mit der Dienerschaft des Palatiums wie mit seinen eigenen Dienern nur durch Gebärden verständigt. Dabei war er selbst einer! Na ja, das sind immer die schlimmsten! Wenn solch ein Mann aber die Eifersucht nicht bezähmen kann, dann muß er doch wohl lieben!« Messalina verneinte heftig: »Unmöglich! Er schützte Überlastung mit Geschäften vor als Anlaß seines schimpflichen Rückzuges.« Bevor die Kaiserin weitersprechen konnte, fiel Fabulla ein: »Das würde kein wahrhaft liebender Mann tun, willst du sagen. Darin hast du recht. Es gibt aber zwei Dinge, die die Liebe eines Mannes zum Schweigen bringen können. Das eine: sein Ehrgeiz. Das andre: die Furcht, das durch den Ehrgeiz Errungene um der Liebe willen zu verlieren.« »Ich staune, was du alles weißt,« gestand Messalina in echter Verwunderung. Fabulla errötete verlegen. »Ach, süße Herrin,« seufzte sie, »ich selbst weiß gar nichts. Ich liebe immer nur einen mir gleichgestellten Mann, von dem ich vermute, daß er dir, beeinflußt durch meine Liebe, nützlich werden wird. Und wie damals den Obersklaven deiner Sänftenträger, den guten Isäus, so liebe ich zur Zeit den Sklaven Hirrus, der schon jetzt zum Pädagogen deines Söhnchens bestimmt ist. Hirrus ist ein sehr gebildeter Mann. Er erläutert mir derlei Dinge. Schöner wäre freilich, er würde sich von mir erläutern lassen, was ich für Liebe halte, und was ein Mädchen von der Liebe verlangt.« Das Geplauder der pfiffigen Dienerin gab Messalina die Heiterkeit zurück. »Was hat nach deiner aus der Weisheit des Pädagogen Hirrus geschöpften Meinung aber der Ehrgeiz des Narzissus mit dem an mir verübten Treubruche zu tun?« fragte sie lächelnd. »Hier muß ich – obwohl er's wahrhaftig nicht wert ist, daß man viele Worte um ihn macht – den Polybius nochmals erwähnen,« hob Fabulla von neuem an. »Ihm ist Narzissus zu Dank verpflichtet. Denn Polybius machte aus dem verarmten Landsmanne einen Mann von Bedeutung und – wie man in Rom sicher weiß – von großartigem Vermögen. Solange die Freundschaft zwischen dir und Narzissus nur soweit reichte, wie dem Polybius genehm war, so lange duldete er sie. Sobald Polybius aber entdeckte, daß nicht du unter dem Einflusse seines Freundes, sondern daß der eifersüchtige Narzissus weit eher unter deinem Einflusse stand, drang der Grieche auf das Ende der Verbindung. Das hatte ich erfahren, und deshalb warnte ich dich vor Polybius, als ich ihn um deine Zuneigung werben sah. Aber du hörtest ja nicht auf mich!« »Du folgerst Trugschlüsse,« entgegnete Messalina belustigt. »Den Männern müßte doch gerade an meiner Freundschaft liegen. Mit dem Abbruch der Beziehungen zu mir laufen sie doch Gefahr, meinen Einfluß auf den Kaiser zu verlieren.« »Auf Trug habe ich allerdings Schlüsse gezogen,« witzelte Fabulla. »Und nun muß die Dienerin die höchste Fürstin der Welt belehren. Wer dächte, daß du so harmlos bist, edle Gebieterin! Besinne dich doch! Man kann den Nutzen aus deinem Einfluß auf den Kaiser steigern – und das wollen diese Schurken ohne Zweifel – wenn man dir nach dem erfolgten Bruche zu drohen vermag.« »Mir drohen – womit?!« Fabulla trat hinter die Herrin und tat, als müsse sie an deren Frisur etwas richten. So fiel es ihr leichter zu sagen: »Drohen, daß es für den Cäsar vielleicht wissenswert sei zu erfahren, wie die Kaiserin sich über seine Vernachlässigung tröstet.« Messalina wandte sich kreiselnd herum. »Du – meinst –?! Unmöglich. Damit würden sie sich selbst ans Messer liefern!« Fabulla zuckte die Achseln. »Sie wissen, Herrin, daß du es auf diese Probe nicht ankommen lassen wirst.« Messalina schwieg beklommen. Die Kehle arbeitete heftig. Es schien ihr, als fühle sie die würgende Hand des Schicksals. Sie räusperte sich, ehe sie sagte: »Du hättest mir alles dies längst berichten müssen.« Vorsichtig entgegnete die Sklavin: »Du bist in vielem anders geworden, als du vor zwei Jahren warst. Du bist nicht mehr meine kleine Valeria Messalina. Du bist die Kaiserin. Man ist bei dir nicht mehr sicher, ob man ein offenes Wort wagen darf.« Sie kniete zu Füßen der Gebieterin nieder und beschäftigte sich mit den Goldspangen, die die Sandalen am Fuße festhielten. »Ich will dir noch eine Weisheit meines Freundes Hirrus verkünden. Er behauptet: ein Mädchen – oder eine Frau natürlich auch – dürfe sich niemals von einem Manne wählen lassen, sofern sie in der Liebe glücklich werden wolle. Nur wenn sie selbst die Wahl treffe, sei das Glück verbürgt. Denn der erwählte Mann fühle sich zur Dankbarkeit verpflichtet, der wählende aber erwarte Dankbarkeit und sei im voraus überzeugt, daß er, da ja keinerlei Verpflichtung vorliegt, seiner Wahl auch überdrüssig werden dürfe.« »Diesen weisen Hirrus muß ich näher kennenlernen,« sagte Messalina. »Bring ihn mir, sobald wir nach Rom zurückgekehrt sind.« »Ich werde mich hüten!« wehrte sich Fabulla dreist. »Du bist mir viel zu schön, Herrin. Ja, du bist sogar so schön, daß mein Pädagoge Hirrus Feuer fangen könnte. Er ist nämlich nicht nur ein trockener, sondern auch ein vertrockneter Mann. Er wäre dir gegenüber wie Zunder. Es ist auch weit nützlicher für dich, wenn ich ihn liebe, als daß du ihn lieben lernst. Denn woher bekämst du dann alle seine unbefangenen Weisheitssprüche?!« »Wage nicht zuviel!« scherzte die Kaiserin. Dann fügte sie hinzu: »Polybius erteilte mir eine Lektion über Staats- und Familienpolitik. Ich habe davon nur behalten, daß man auf dem Palatin meinen freundschaftlichen Verkehr mit Livilla nicht gern sieht. Deine Belehrungen über die Politik der Liebe waren jedenfalls interessanter. Ich werde sie befolgen. Denn wenn der Kaiser neue Buchstaben erfindet – wie Polybius mir berichtete – oder wenn er neue Regeln ersinnt, wie man beim Brettspiel unbedingt stets gewinnen muß – wie er selbst mir unlängst schrieb – so läßt er mir wahrlich Zeit genug zu erforschen, wie man das Alphabet der Liebe so buchstabiert, daß man bei diesem Spiel auch einmal die Oberhand behält.« Sie lachte halb belustigt, halb verbittert und versprach: »Es ist gut, du treue Seele – den nächsten Freund wähle ich mir selbst. Und ich hoffe, diesmal wird es ein Mann sein.« »Vielleicht wäre der Germane Abalanda solch ein Mann gewesen,« bemerkte Fabulla nach kurzem Besinnen. »Sprich nicht von ihm!« Messalina erhob beschwörend beide Hände und preßte sie dann vor die Augen. »Immer verfolgt es mich, als wären seine Gedanken auf der Suche nach mir. Zwei Bilder tauchen immer wieder vor mir aus. Jener von Fackeln durchglühte Märzabend auf dem Forum Romanum, an dem ich ihn zu mir heraufblicken sah – der zerlumpte und vom Straßenstaub beschmutzte Mann, der sich vor den Rossen meines Triumphwagens erhob, mich wortlos grüßte, dann zusammenbrach. Mir ist, als wäre zwischen diesen beiden Bildern ein geheimnisvoller Zusammenhang.« »Was mir zu tun möglich war, nach diesem Manne und nach dem Verbleib Abalandas zu forschen, tat ich,« erzählte Fabulla. »Niemand in Rom sah die beiden je wieder. Wahrscheinlich ist jener germanische Bettler verschollen oder gar gestorben, Abalanda aber, wie man dir berichtete, endlich doch nach dem Norden zurückgekehrt.« »Ich wünschte, er wäre noch in Rom!« seufzte Messalina. »Herrin, ich glaube nicht, daß du Freude an ihm hättest,« bedachte die Dienerin. »Du bist die Gattin eines andern, noch dazu des Kaisers. Diese Nordländer haben seltsame Anschauungen.« »Ich verstehe dich,« sagte die Kaiserin herb und wandte sich ab, während Fabulla sich aufrichtete und prüfend die Gewandung der Herrin musterte. »Und doch wäre die ruhige, stete Liebe eines Mannes wie Abalanda für mich Halt und Hort.« Dann brach es plötzlich aus ihr hervor. Sie klammerte sich an die treue Vertraute und stöhnte: »Ich fürchte für mich, Fabulla! – Ich fürchte mich vor mir selbst!« Erschreckt vor dem angstvollen Geständnis der sinnlichen Frau, verdutzt durch die vertrauliche Berührung der Kaiserin, suchte Fabulla vergeblich nach beruhigenden Worten. Stumm hielt sie den bebenden Körper der Herrin in den Armen. Tränen traten ihr in die Augen. »Valeria Messalina,« flüsterte sie endlich. »Meine süße Gebieterin – wenn je ein Herz dir so leidenschaftlich anhing, daß es selbst den Tod für dich zu erleiden als Wonne empfände, so ist es das Herz deiner treuen Fabulla. Befiehl doch, was ich tun soll, um dich glücklich zu machen! Befiehl alles, was du willst! Es gibt keine Schranken, die ich nicht durchbrechen würde, um das Glück für dich zu stehlen!« Messalina löste sich von der Tröstenden. »Ich danke dir,« sagte sie schlicht. Denn sie war in diesem Augenblicke nur Weib, das zum andern Weibe letztes Vertrauen gefaßt hat. – ? Eine halbe Stunde später setzte sich die Lektika der Kaiserin vom Portikus der Villa aus in Bewegung. Acht Äthiopier trugen sie. Die schwarzhäutigen Männer waren nur mit einem goldverzierten Ledergurt um die Lenden bekleidet, der sich vorn zu einer dichten, goldbefransten Lasche verbreiterte. Auf den kraushaarigen Häuptern der Träger schwankte ein Kopfputz aus schneeweißen Straußenfedern im Takte zu den kurzen, dem Trabe ähnlichen Schritten. Man war in Bajä zwar nicht prüde, doch auch zu Scherzen geneigt. So fiel manches beißende Witzwort aus Männermund über diese starken, nackten Kerle und ihre jugendliche Herrin. Den Frauen aber gefiel diese »Tracht« ausnehmend. Die mit Lavaplatten gepflasterte Promenade längs des Meerufers sah niemals so viele Spaziergängerinnen als zu der Zeit, zu der die Sänfte der Kaiserin aus dem Palaste am Hügelhange zum Seeweg herabzukommen pflegte. Es war keineswegs ein Zufall, daß eine andere Lektika von der Tragbahre Messalinas eingeholt wurde. Livilla hatte die kaiserliche Sänfte erwartet. Nun befahl sie ihren Lusitaniern zu halten. Sie öffnete die Vorhänge. »Ich grüße dich, teuere Freundin,« rief sie der Kaiserin zu und streckte die Hand zu ihr hinüber. Doch Messalina übersah die ringgeschmückten Finger Livillas. Sie grüßte kurz und brüsk, dann befahl sie ihren Äthiopiern, sich zu beeilen. Rasch entschwand der hüpfende Kopfputz der Träger dem verwunderten Blicke der jungen Julierin. So kam es, daß Agrippina die Schwester bei schlechter Laune traf, als auf dem Wege zum Theater auch ihre Sänfte die langsam vorrückende Lektika Livillas überholte. Mit feuchten Augen berichtete Livilla das sonderbare Verhalten der von ihr ehrlich geliebten Messalina. Doch Agrippina lächelte nur überlegen. »Ich war auf derlei gefaßt, als ich hörte, Polybius sei heute früh in Bajä eingetroffen,« nickte sie. »Wir werden bald sehen, welche kleine Intrige der schlaue Grieche mit seinen drei Kumpanen gesponnen hat. Nur um die Rückkehr der Kaiserin nach Rom vorzubereiten, ist er gewiß nicht hierher gekommen.« »Wenn Messalina in dir die Feindin ahnt, warum dann kränkt sie mich?« schluchzte Livilla. Agrippina fuhr die Schwester barsch an: »Bist du wirklich so töricht! Erkennst du nicht, daß die Beleidigung gegen dich sich gegen mich richtet? Doch der Tag der Abrechnung wird kommen!« Ihren Grimm an den Trägern auslassend, holte sie die mit Stacheln besetzte Lederpeitsche unter dem Kopfpolster hervor und zog sie dem nächsten Sklaven über den Rücken. »Beeilt euch, ihr Halunken!« 6 Seit Monaten trug Kaiser Claudius sich mit neuen großen Gedanken. Er türmte riesige Projekte, Anregungen seiner griechischen Ratgeber. Fast unausführbar schienen die Pläne. Eine Wasserleitung sollte erbaut werden, ein Aquädukt, von Sublaqueum aus, Meile auf Meile die Campagna mit seinen gewaltigen Bogen überspannen und schließlich, in eine noch fünfunddreißig Meilen lange unterirdische Leitung übergehend, köstliches, gebirgsfrisches Wasser nach Rom führen. Zugleich sollte der verwahrloste Hafen von Ostia der Versandung entrissen, durch gewaltige Molen geschützt, mit einem prunkhaften Kai geschmückt, mit einem riesigen Leuchtturme bewehrt werden. Polybius war der Erfinder dieser Unternehmungen. In langen Beratungen hatte er seinen Freund Narzissus für den Gedanken gewonnen, durch zwei Großtaten dem Geiste Griechenlands im römischen Reiche ein unvergängliches Riesendenkmal zu setzen und in die Tafeln der Geschichte Roms die ewig währende Erinnerung einzugraben, daß Griechen es waren, die während des Principats des Kaisers Claudius nicht nur den Staat regierten, sondern dem Volke dieses Staates auch wahrhafte Wohltaten erwiesen. Pallas und Callistus traten lebhaft dem überlegenen Willen ihrer Landsleute bei. Namentlich Pallas, das Finanzgenie, ereiferte sich heftig für diese Pläne. Denn er überblickte helläugig die günstige Konjunktur und erkannte sofort die glänzende Gelegenheit, für sich und seine Freunde durch kluge Spekulation reichen persönlichen Gewinn aus den Riesenbauten und Aufträgen zu ziehen. Claudius war ohne weiteres zu überzeugen, ihm winke nie welkender Ruhm, wenn er seine Zustimmung zu den gewaltigen Entwürfen gäbe. Mit Begeisterung griff er die Anregung auf und vertiefte sich mit der ihm eigenen umständlichen Gründlichkeit und Pedanterie in das Studium der ihm vorgelegten Pläne. Er entwarf die Reden, die er im Senate halten wollte, um auch ihn für die Annahme der Projekte und für die Bewilligung der enormen, zu den Bauten erforderlichen Summen zu gewinnen. Die alte Geschichte Roms durchwühlte er, um sich zu vergewissern, daß es kein historisches Beispiel gebe, das sich mit den Entwürfen messen oder gar als Vorläufer des phantastischen Gedankens gelten könne. Er vergaß die wirkliche Welt – und er vergaß auch, daß in dieser Welt eine Messalina war. Nur selten sahen die beiden Gatten einander im Palatium, und selbst dann war die Begegnung mehr Zufall als Wille und Absicht. Messalina fühlte sich frei und ungebunden. Sie nutzte die Freiheit. Sie glitt immer tiefer. Ihre Gier wuchs im Genusse. Ihr Trieb ward zur Raserei. Kein Mann bot ihrer Brunst mehr Befriedigung. Das Blut der Domitier in ihr lechzte. Und doch war es im Grunde vielleicht nur das Suchen nach dem Einen, der sie erfüllte, ihre Sinne befriedigte und ihres Gemütes Sehnsucht stillte. Sie suchte in aller Erniedrigung – vielleicht doch nur – die Liebe. Sie war jung – das Leben lockte – das aufgewühlte Geschlecht in ihr tobte. Ein Polybius ohne Herz, der sein Verhältnis zur Kaiserin nur ehrgeizigen Zielen nutzbar machte, ein Narzissus ohne Gemüt, der die linden Bande umschmiedete in Waffen, mit denen er die Kaiserin und durch sie den Kaiser beherrschte ... das waren nicht die Männer, die dem lebenshungrigen Geschöpfe geben konnten, was das Weib in ihr verdurstend begehrte. Messalina zog einen Strich unter die Abenteuer mit Narzissus und Polybius. Sie kannte jetzt die Männer der höheren Kreise Roms. Was waren ihnen Liebe – Frauen?! Die nahm man in Rom als eine nichtige Beigabe zum Dasein. Ruhm, Pomp, Ansehen, Geld – das waren die angebeteten Götter der Männerwelt. Venus und Eros hätten trauern müssen, wären die Frauen Roms nicht ihre eigenen Wege der Liebe gewandelt. Die Damen der höchsten Gesellschaftsklassen Roms opferten diesen holden Göttern um so genießerischer, je ausschließlicher die Gatten alle Zeit und Kraft an den Götzen Mammon verschwendeten. Nur zu willig glitt Messalina hinein in den unbedenklichen, liebestollen Taumel der ihr befreundeten oder durch Rang nahestehenden Frauen. Man flüsterte ihr von wilden Abenteuern, man prahlte, man peitschte das Blut der Domitierin noch auf, dieses überhitzte, brausende Blut, das ein Claudius kaum erregt, ein Polybius gären, ein Narzissus schäumen gemacht hatte, doch ohne der feurigen Frau letzte Erfüllung zu bringen. Jetzt trugen diese Männer sich mit Plänen, hinter deren Wuchtigkeit alles zurückstehen mußte, was Leben und was Liebe hieß ... Ein langweiliger Tag ging zu Ende. Die Sonne stand tief und warf seltsam glühende Streifen und Kreise auf ein Wandgemälde im Gemache Messalinas. Das Bild trug auf lilafarbenem Hintergrunde eine schwebende Frauengestalt, von deren entblößtem, üppigem Körper sich hauchdünne Schleier im Fluge zu lösen schienen. Ein erwartungsvolles Lächeln um den wie eine Blüte geöffneten Mund – ausgebreitete Arme, die knospenden Brüste dem Beschauer entgegenboten, – geweitete Augen, die beglückt einem ersehnten Augenblicke entgegenleuchteten – gelöste Glieder, die in Hingabe bebten. – – Messalinas Blicke musterten das Bild. Sie ruhte auf den Purpurpfühlen eines Lagers, das sich in eine verdämmernde Ecke des Gemaches schmiegte. Auf elfenbeinernen Füßen, zwischen denen sich ein aus Gold gehämmertes Gerank spann, trug das Bett die, die jetzt die schönste und begehrenswerteste der jungen Frauen Roms geworden war. Sie lauschte dem halblauten Gesange einer griechischen Sklavin, die vor dem Lager auf dem Boden kauerte, mit einem Federkiel sanft die Saiten der Kythara strich und die Worte eines erotischen Sehnsuchtsliedes mit zärtlich schwingenden Tönen umwob. Mehr und mehr verglomm die Abendsonne, mehr und mehr verschwamm das Bildnis, dessen Glieder nun kalt und weißlich von der dunkeln Fläche leuchteten, als wäre alle erwartende Wonne dem begehrenden Körper der Frauengestalt entblutet. »Rühre die Schale,« befahl Messalina plötzlich, der Griechin Schweigen gebietend. Gehorsam erhob sich die Sklavin. Sie trat an einen Tisch, dessen kostbare Citrusplatte getragen wurde von drei Eroten, deren aus Elfenbein geschnitzte Gestalten sich mit hochgereckten Armen von goldenen Postamenten erhoben und kraftvoll das Rund des Tisches stützten. Eine schwere Silberschale stand auf der Platte. Als Relief herausgearbeitet, entfalteten sich Akanthusblätter um ihren Rand. Die Griechin entnahm der Schale einen Silberball und ließ ihn aus vorsichtigen Fingern in das Gefäß zurückgleiten. Ein laut aufsummender Ton entrang sich der Schale, allmählich in ein lang anhaltendes, helles Klingen überschwimmend, das weithin durch die Räume der Kaiserin sang. Dann verneigte sich die Sklavin und verließ mit edlem Schritte das Gemach. Fabulla, noch immer die vertraute Lieblingsdienerin Messalinas, betrat das Zimmer. »Befiehlst du die Lampen, Herrin? Sie werden sogleich gebracht.« Messalina richtete sich empor. »Hättest du den Mut, mit mir einen nächtlichen Gang durch Rom zu wagen?« fragte sie, nachdem die Sklavin auf einen Wink nähergetreten war. »Wie sollte mir der Mut fehlen, wenn du gebietest, geliebte Domina!« erwiderte Fabulla. »Doch du meinst gewiß einen Weg ohne Sänfte und ohne schützende Begleitung, wenn du von einem ›nächtlichen Gange‹ sprichst?« »Man hat mir heute von einer Gegend Roms erzählt, in der man nur ohne Gepränge sicher ist,« erläuterte die Kaiserin. »Und da die Langeweile dir wieder einmal unerträglich geworden ist,« warf Fabulla leise lachend ein, »willst du sie durch ein Abenteuer vertreiben. Gut, Herrin – ich folge dir bis in den Tartarus. Wohin wird uns der Weg führen?« »Zur Bildsäule des Marsyas!« sagte Messalina kurz und scharf. Die Sklavin blickte verdutzt auf. »Zur Säule des Marsyas?!« Messalina nickte. »Hm, Domina,« begann Fabulla zögernd, »man erzählt Wunderliches von dieser Säule. Männer, die das Glück des Eros nur erkaufen können, und Mädchen, die bezahlte Liebe feilhalten, sollen einander dort suchen und finden.« »So berichtete man mir,« warf Messalina gleichgültig hin. »Wir wollen sehen, was Eros dort treibt.« Fabulla stand mit offenem Munde und stotterte: »Die Kaiserin – inmitten der – der –« »Nicht die Kaiserin,« verbesserte Messalina. »Ich gehe dorthin als ein Weib, das alle Tiefen und Abgründe der Leidenschaft erkennen will.« Sie dehnte sich auf dem Lager und reckte die Arme über den Kopf hinaus, daß die Gelenke leise knackten. Die Fäuste waren wollüstig geballt. Ein Schweigen stand zwischen den beiden, im Range einander so ungleichen Freundinnen. Die Sklavin hielt den Kopf gesenkt. Endlich suchte ihr ehrlicher, offener Blick die Augen der Kaiserin. Ihr derb-hübsches Gesicht hatte sich umdüstert. »Gebieterin, dein Vorhaben ist ein Wagnis,« sagte sie leise. »Doch – es gibt eine Rechtfertigung für dein Tun.« »Ich trage meine Rechtfertigung in mir,« rief Messalina stolz. »Doch du machst mich neugierig.« »Ich muß Böses vom Kaiser sprechen,« zögerte Fabulla. »Vom Kaiser?!« »Ja – er betrügt dich.« »Der Kaiser??!« Wichtig nickte die Sklavin. »Er hält zwei Mätressen im Palatium. Calpurnia und Cleopatra.« Messalina starrte ungläubig drein. Claudius, dieser Schwächling, der sie liebte, zog ihr Mätressen vor! Unglaublich! »Du täuschst dich sicherlich,« erwog sie. »Der ganze Palast weiß es doch!« verteidigte Fabulla ihre Enthüllung. Tatsächlich hatten die schlauen Griechen dem Kaiser zwei gefällige Damen der Gasse zugeführt. Sie wollten ihn in Schuld stürzen, die Kaiserin, ihre festeste Stütze am Hofe, zu schützen im Falle einer Entdeckung. Konnte der schuldige Kaiser gegen die schuldige Gattin wüten? Es war ein Leichtes gewesen, den schwachen Tölpel zu verführen. Er liebte Messalina, liebte sie grenzenlos. Doch ihre Gegenwart forderte Zusammenraffen, er mußte sich bei ihr in acht nehmen, durfte sich nicht rüpelhaft gehen lassen. Wie anders war es bei diesen Dirnen! Da konnte er sich benehmen wie einst in den gemeinen Garküchen, in denen er vor seiner Erhebung verkehrt und geschwelgt hatte. Sie war keine leichte Geliebte, seine angebetete Messalina! Sie forderte Haltung und Anstand. Nein, diese Dirnen waren im Grunde weit angenehmer und bequemer. Messalina erhob sich und trat an eine Bronzebrüstung, die die Säulen vor dem Gemache miteinander verband. Der Garten des kleinen Peristyls hüllte sich schon in Dämmerung. Gespenstisch leuchtete das Weiß der Hermen aus Parosmarmor herüber. Zu der erfrischenden Kühle des zur Ruhe gehenden Tages dufteten die Blumenbeete stärker, über den Abendhimmel breiteten sich Schäfchenwolken, deren fernste Schar dem Westen zustrebte und dort ein letztes, verblassendes Rot der Sonne aufsog. Die Gestalt der Kaiserin verschwamm in der nun rasch sinkenden Dunkelheit zu einer zierlichen Silhouette. Endlich regte sich Messalina und kam in das Gemach zurück. Dunkel erfüllte den Raum, während das Zwielicht im Peristyl noch grau schimmerte. »Wir wollen in mein Ankleidezimmer gehen,« sagte sie. »Es wird bald Zeit sein, daß wir uns auf den Weg machen.« Dann tönte ihr helles Lachen. »Als ich eben dort draußen stand, glaubte ich, ich könne Eifersucht empfinden,« sprach sie weiter. »Eifersucht auf meinen braven Claudius, Fabulla! Wie drollig! Er hätte wahrhaft mehr Grund, auf mich eifersüchtig zu sein. Aber er ahnt ja nicht, was seine besten Freunde Polybius und Narzissus mir waren. Soll ich ihm zürnen, wenn er sich Mätressen hält? Mich ärgert nur, daß auch ich so ahnungslos war und daß ich glaubte, der Kaiser vernachlässige mich über seinen großen Bauten.« Sie machte eine fortwerfende Bewegung. »Lassen wir ihm seine Freuden und suchen wir uns fröhlich die unsrigen! Ich –« Sie brach ab, da zwei Dienerinnen mit brennenden Lampen den Säulengang des Peristyls heraufkamen. »Vorwärts, Fabulla!« mahnte sie, den Sklavinnen entgegengehend. »Sie mögen uns mit ihren Lichtern zum Cubiculum geleiten.« Und leise fügte sie hinzu, unheimliches Leuchten in den Augen: »Schmücke mich, meine Freundin! Der Platz an der Marsyassäule – das Stelldichein der heiteren Priesterinnen der Libido – soll in mir nicht eine Kaiserin von Rom, sondern eine Königin der Liebe sehen!« – – Nacht umhüllte den palatinischen Hügel, als die das Postikum des Palastes hütenden Wachen zwei vermummte weibliche Gestalten herankommen sahen. »Steht!« rief der eine der Soldaten, den Speer zum Angriff fällend und vor den Torflügel der schmalen Hinterpforte tretend, während der andere Wächter sich bemühte, eine Wachsfackel anzufachen. »Sage deinem Kameraden, wir finden den Ausgang auch ohne Licht,« rief Fabulla scherzend dem Krieger zu. Sie trat näher und hielt ihm beide Hände geöffnet entgegen. Auf jeder glitzerte eine blanke Münze. »Eine für dich, eine für deinen braven Freund,« erbot sie. »Aber ihr müßt den reichen Lohn verdienen. Laßt uns hinaus und seid verschwiegen.« Der Prätorianer gab flugs seine strenge Haltung auf. »Aber –« meinte er bedenklich, »es laufen so viele unechte Münzen um. Im Finstern ist ein Betrug nur allzu leicht.« In diesem Augenblicke gelang es dem andern, die Flamme zu entzünden. Rasch zog Messalina die Kapuze ihrer Pänula vollends über die Augen. Schnell hielt Fabulla die Geldstücke in die Helle des Fackelscheins. Dann blies sie kurzentschlossen die Flamme aus. »Nun, habt ihr euch von der Echtheit der Goldmünzen überzeugt?« fragte sie schnippisch. »Sechzig Sesterzien sind wohl eine mehr als reichliche Entlohnung für eine kleine, leicht zu erfüllende Gefälligkeit! Und nun entscheidet rasch, ob ihr sie verdienen wollt. Wenn nicht, dann kehren wir eben um. Der Palast hat noch andere Pforten.« »Doch nicht so verschwiegene Pförtner wie diese hier,« versetzte der Soldat schlagfertig. Er nahm die Goldmünzen und öffnete das Tor des Postikums, während der andere brummig den für ihn bestimmten Lohn forderte. Die Kaiserin glitt eilig hinaus, doch Fabulla erkundigte sich fürsorglich: »Wie oft wechseln die Wachen hier?« »Zu Beginn jeder Vigilie,« lautete die bereitwillige Auskunft. »Also alle drei Stunden. So saget den Wachen der zweiten Vigilie Bescheid. Sie sollen unsrer Heimkunft gewärtig sein. Der Lohn für den Einlaß ist nicht geringer als der eure.« »Wählt lieber die dritte oder noch besser die vierte Vigilie für die Rückkehr,« riet der Soldat gutmütig. »In der zweiten Wache nämlich versehen hier Lusitanier den Dienst. Die sind grobe, unbestechliche Gesellen und einer immer unfreundlicher als der andere. Die lassen euch bestimmt nicht ein. Auch ist es viel leichter, aus dem Palaste zu gelangen als hinein. Ihr wißt ja, wie ängstlich der Kaiser ist und daß er dauernd um sein Leben bangt. Selbst Frauenzimmer sind nicht ausgenommen von der scharfen Musterung und Durchsuchung.« »Wir werden deinen Rat befolgen,« dankte Fabulla. »Und wohin soll's gehen?« forschte der gesprächige Wächter. »Wohin die Laune uns treibt, jedenfalls aber dorthin, wo fröhliche Laune sprudelt.« Der Prätorianer schnippte mit den Fingern. »Dann geht zur Porta Querquetulana, Mädchen. Wenn ihr an dem Brunnen gleich links neben dem Tor steht, so ist gegenüber ein Haus, das von außen recht erbärmlich aussieht. Laßt euch nicht beirren dadurch. Klopft an die Tür – erst drei, dann zwei Schläge und etwas später noch einen einzelnen Schlag. Man wird euch öffnen. Und wenn ihr sagt, der Soldat Gurges habe euch geschickt, so werdet ihr aufgenommen werden, als käme die Kaiserin in eigener Person.« Schweigend entfernten sich die beiden Gestalten, als die Pforte des Postikums knirschend sich hinter ihnen schloß. Vorsichtig schritten sie in der Finsternis einen steil abwärts führenden Fußpfad hinab, der sich zwischen dichten Büschen und Bäumen dahinschlängelte. Geröll bedeckte den üblen Weg. Die Kaiserin, des Gehens über Steine ungewohnt, stieß manchen unterdrückten Schmerzenslaut aus, wenn ihre dünnen Sandalen auf Felssplitter traten. Doch endlich war die Via Sacra erreicht. Sich nach links wendend, eilten sie über das Forum Romanum, huschten an den Mauern des mamertinischen Kerkers entlang und bogen ein in die Via lata, in der sie ein Stück hügelaufwärts schritten. Durch eine enge Seitengasse drang Stimmengewirr, und rotes Fackellicht übergoß das Ende dieses Pfades. »Wir sind am Ziele,« rief Fabulla. Ihr Herz pochte. Es war das erste Wort, das auf der langen Wanderung durch die nachtschwarzen Gassen Roms zwischen den beiden Frauen fiel. Messalina antwortete nicht. Sie schlug die Kapuze ihres Mantels etwas zurück und strebte eilenden Schrittes der Fackelhelle entgegen. Zwischen zwei dicht aneinandergedrängten Häusern hervor betraten sie einen freien Platz, in dessen Mitte sich ein sonderbares Standbild erhob, umglutet von schwelenden Fackeln. Auf plumper Säule eine Menschengestalt, die sich in Schmerzen krümmte. – Der Satyr Marsyas, der im musikalischen Wettstreite dem Apollo unterlag und als Strafe für die Keckheit der Herausforderung des Gottes seine Haut opfern mußte. Im grellen Gegensatze zu diesem grausigen Bildnis stand das Leben und Treiben zu Füßen des schmerzgepeinigten geschundenen Faunes. Schmelzender Klang der Flöten stieg empor über das ihn begleitende Saitengeklimper der Sambuken. Hell und schrill schwirrte das Klirren der Timpani dazwischen. Schwatzend und lachend wirbelte ein Strudel weiblicher Gestalten einher und wich mit gellem Kreischen gegen die Seiten des Weges, wenn ein Polizist der Stadtkohorte den Verkehr regelte. Den käuflichen Venuspriesterinnen war nur gestattet, sich längs des Wandelganges aufzustellen. Die Mitte des Weges blieb den beutelustigen Männern vorbehalten. In Gegenwart des Polizisten hielten die Dirnen diese Ordnung auch inne. Kaum aber war er außer Sicht, so drängten sie sich wieder zwischen die Männer, öffneten die Gewänder, ihren Wuchs zu zeigen, und priesen laut und aufdringlich ihre geheimen Liebeskünste an. Messalina und Fabulla blieben verwirrt und benommen am Wege stehen. Da löste sich aus einer Gruppe von Mädchen eine zierlich gewachsene Blondine mit hübschem, aber frechem und welkem Gesicht. Sie hatte ihren nackten Körper mit einem langen Streifen dünner Halbseide so kunstvoll umwickelt, daß dieser zwar die Haut bedeckte, doch nichts verbarg von den Reizen der Schönen. »Euch sah ich noch nicht hier,« sprach die Hetäre die fremden Genossinnen ihres Gewerbes an. Sie prüfte Fabullas Züge und urteilte: »Auf vornehme Männer hast du wenig Aussicht, wenn dein draller Wuchs sie nicht verlockt. Du müßtest die Pänula öffnen, damit man sieht, was sie verbirgt.« »Ich danke dir für deinen uneigennützigen Rat,« lächelte Fabulla, auf das Gespräch eingehend. Sie stellte sich vor die Kaiserin, sie vor der drohenden Ansprache der Dirne zu bewahren. »Wie nennst du dich?« fragte das Mädchen weiter. »Es ist doch wohl Brauch, daß zuerst seinen Namen nennt, wer diese Frage stellt,« belehrte Fabulla keck. »Du hast recht,« gab die Blondine gelassen zurück, reckte sich voll Stolz und sprach: »Es gibt in Rom wenige, die nicht die Hetäre Lycisca kennen. Die aber bin ich!« Und ohne auf die Beantwortung ihrer Frage zu warten, drängte sie Fabulla beiseite und trat auf Messalina zu. Mit einem geschickten, raschen Griffe streifte sie deren Kapuze völlig zurück und rief: »Wenn du dein Gesicht so versteckst, wird dich gewiß kein Mann ansprechen.« Dann bewegte sie witternd die schmal und fein geschnittenen Nasenflügel. »Hm, du Neue, du duftest aber gut! Höre, du mußt einen sehr reichen Liebhaber erwischt haben, der dir solche köstlichen Salben und Wohlgerüche kaufen kann.« »Laß sie in Ruhe, sie ist ein wenig schüchtern,« wehrte Fabulla, sich abermals vor die Herrin drängend. Lycisca versetzte ihr einen freundschaftlichen Stoß. »Fort mit dir! Wer sich zum erstenmal bei der Marsyassäule einfindet, muß sich unsere Neugier schon gefallen lassen. Wir wollen doch wenigstens wissen, wer uns die Kundschaft wegschnappt.« Sie wandte sich wieder an Messalina. »Du hast nun meinen Namen gehört – wie nennst du dich, du feine Schüchterne?« »Ich heiße wie du: Lycisca,« gab die Kaiserin zur Antwort. In der Bedrängnis fiel ihr kein anderer unverdächtiger Name ein. Die Hetäre trat ein wenig zurück und staunte verblüfft das Antlitz und die Gestalt Messalinas an. Lange sahen die beiden Frauen einander in die Augen. Ein wehmütiger Zug huschte über das von Ausschweifung gezeichnete, immer noch schöne Gesicht der Hetäre. »Eine neue Lycisca also,« flüsterte sie vor sich hin. Ein trauriger Blick aus ihren mit Stibium dick umschminkten Augen umtastete die Kaiserin. »Eine neue Lycisca,« wiederholte sie. »Vielleicht bist du mir ein Mahnen, daß meine Zeit vorüber ist. Man braucht dich nicht zu fragen, ob du besserer Herkunft bist. Der Duft deiner Wohlgerüche, dein feines Gesicht, Gewand und Haltung verraten dich.« Sie seufzte tief auf. »So war einst auch ich – fein, jung, vornehm und begehrt. Doch was treibst du hier an dem verruchtesten Platze in Rom, bei der Marsyassäule?! Bei der Venus, du hast es nicht nötig, dich hier feilzubieten. Warte damit bis später. Hier enden wir einmal alle.« Sie nickte tragisch vor sich hin. Mittlerweile hatten sich Männer und Mädchen neugierig um die Gruppe geschart. Man hatte Kampf erwartet. Neulinge waren an der Marsyassäule wenig willkommen, statt dessen war die Führerin im Abwehrstreite, Lycisca, weich und sentimental geworden! Messalina wollte auf die freundliche Anrede der Dirne erwidern. Da entdeckte sie einen Mann, der sie scharf beobachtete. Er hatte den Zipfel der Toga über den Kopf gezogen und lugte vorsichtig aus diesem Versteck hervor. Er schien sich jedoch nicht klar, ob das flackernde, dürftige Leuchten der Fackel an einer unfernen Säule ihn täuschte. Sein Gesicht konnte sie unter dem beschattenden Tuche der Toga nicht erkennen. Doch jetzt schob er, um besser zu sehen, den Stoff ein wenig zurück und zwängte sich näher heran durch den Kreis der Umstehenden. Zu ihrem lähmenden Schrecken erkannte Messalina Polybius, den Freund mancher schwülen Nacht. Doch nein – er hatte sie nicht erkannt. Sie hatte ihr Gesicht ja auch verändernd geschminkt. Nein, sie sah es ihm an, er war seiner Entdeckung nicht sicher. Hastig zog Messalina die Kapuze über den Kopf und gebot Fabulla, ein gleiches zu tun. Zum Glück wurde Polybius jetzt von einem Mädchen angehalten, das sich ihm anbot. Messalina wagte nicht zu flüchten. Denn wenn der Freigelassene sie nicht erkannt hatte, mußte die Flucht nur seinen aufkeimenden Verdacht bestärken. Ungestüm wendete sie sich an Lycisca. »Ich bitte dich, Freundin,« stieß sie erregt hervor. »Sieh dort den Mann, der sich die Toga über den Kopf gezogen hat – ich kenne ihn und will nichts mit ihm zu tun haben. Halte ihn mir fern.« Lycisca blickte vorsichtig aus. »Das ist einer aus dem Palatium,« sagte sie. »Früher, als er noch arm war, trieb er sich viel des Nachts hier herum und suchte nach Mädchen, die ihn freihielten. Und jetzt, obwohl er nun ein reicher Mann ist, feilscht er noch manchmal um einen schäbigen Denar. Sei ohne Sorge, er soll dir nicht nahekommen.« Sie wandte sich mit wenigen Worten an eines der umstehenden Mädchen. Gleich daraus umringte eine Anzahl Dirnen den Griechen, der, um sich ihrer Zudringlichkeit zu erwehren, Messalina aus den Augen lassen mußte. Rasch zog Lycisca die beiden Frauen in den Schatten der Säulen eines nahen Portikus. »Folgt mir,« forderte sie auf und schritt in die Dunkelheit hinein. Erst als der Säulengang an einem kleinen Platze endete, wo unter zwei hohen Ulmen ein niedergelegter Säulenschaft einen Sitz bot, machte sie halt. Sie ließ sich auf den Marmor nieder und nahm sogleich das Wort. »Wir wollen uns hier ein wenig ausruhen. Du aber, du Feine, wenn du den Polybius kennst, so weiß ich genug. Du bist eine Vornehme, und die da ist deine Sklavin.« »Sklavin?« versuchte Messalina zu leugnen. »Du irrst –« Lycisca fiel ihr ins Wort. »Laß,« wehrte sie, »versuche nicht, mich zu täuschen. Sei froh, daß du mir gefielst und ich mich deiner annahm. Ich hätte ebenso gut die Dirnen der Marsyassäule auf dich hetzen können. Sie lieben es nicht, daß abenteuernde vornehme Frauen sich unter sie mischen. Das beraubt sie der Kundschaft. Ich will nicht forschen, wer du bist. Aber wissen möchte ich doch, was dich gerade an diesen Schandort treibt. Es gibt doch Stätten der Lust genug in Rom.« »Nenn es Neugier,« erwiderte Messalina. Lycisca gab sich zufrieden. »Und was wollt ihr nun beginnen? Zu der Säule könnt ihr nicht zurückkehren, wenn ihr Polybius meiden wollt.« »Man riet uns,« mischte sich hier Fabulla ins Gespräch, »ein Haus bei der Porta Querquetulana aufzusuchen, gegenüber dem Brunnen neben der Porta.« Lycisca lachte hell auf. »Ein übler Rat! Dort an der alten Stadtmauer befinden sich die gemeinsten Lupanarien. Nur nach Schweiß stinkende Soldaten frönen da der billigsten Liebe. Ihr hättet euch ohne Lebensgefahr nicht einmal einem der Kerle versagen dürfen.« Sie beugte sich vornüber und baumelte in nachdenklichem Spiele mit den bloßen, nur durch schmucke, dünne Halbsandalen geschützten Füßen. »Du möchtest in dieser Nacht das Rom der Liebe sehen?« fragte sie schließlich. »Und erleben,« bejahte Messalina. »Das ist nur möglich, wenn ihr euch allem anpaßt, was auf solchen Wegen erforderlich ist.« »Es soll geschehen.« »Verstehe mich recht – ich sagte: allem!« ermahnte Lycisca. »Ich bin dazu entschlossen,« rief Messalina, ungeduldig aufflammend, und preßte die Hände, die kalt waren von Erwartung und der Nachtluft, an die in Lebensgier glühenden Wangen. »Dann will ich euch führen,« erbot sich Lycisca und stand auf. »Deine Sklavin mag sich die Haare aufbinden, daß sie einen Bausch über der Stirn bilden. Das kennzeichnet sie als eine, die nicht käuflich ist. Ich werde sie im Vestibulum des Hauses, zu dem ich euch begleite, frisieren.« »Vielen Dank,« lehnte Fabulla erbittert ab. »Du bist ja sehr um mich besorgt. Aber auch eine Sklavin ist schließlich von Fleisch und Bein.« Lycisca lachte. »Du gefällst mir, kleine, kecke Dicke. Nur vergißt du, daß es Sklavinnen streng verboten ist –« Fabulla fiel ihr ins Wort und wandte sich resolut an die Kaiserin. »Wenn du mich nicht darben lassen willst, Herrin, wird dir nichts übrigbleiben, als mich zu deiner Freigelassenen zu erklären.« Messalina reichte ihr die Hand. »Du Treue, die du die Treue selbst bist – sei frei! Morgen werde ich dir eine feierliche Manumissio bereiten, die dich auch in alle Rechte einer Freigeborenen einsetzen soll.« »Nein, nein!« wehrte Fabulla erschrocken dieser Großmut. »Wie könntest du deine beste Dienerin entbehren?« »Treu dient, wer freiwillig dient,« sagte die Kaiserin bewegt und umarmte die brave Seele. Lycisca hatte gleichmütig dieser plötzlichen sonderbaren Freilassung beigewohnt. Sie hatte in einem bewegten Leben allzuviel gesehen. Sie hatte das Staunen verlernt. »Ich beglückwünsche dich,« sagte sie und reichte Fabulla die Hand. »Aber nun vorwärts, Freundinnen!« drängte sie. »Der Weg ist nicht sehr weit. Wir müssen nach dem Forum Augusti. Dort gleich hinter dem Marstempel ist ein kleiner Angiportus, und in dieser Sackgasse liegt das Haus, zu dem ich euch führen werde.« Arm in Arm schreitend, geleitet von der ortskundigen Hetäre, nahmen sie den Weg auf und wanderten in heiterem Gespräche weiter durch das Dunkel. Lycisca gab witzige Aufklärung über die Gebräuche in einem Lupanar. Die beiden Abenteuerinnen hörten aufmerksam zu. Es war gut, wenigstens so weit eingeweiht zu sein, daß sie bei den Kundigen des Hauses nicht Anstoß und Verdacht erregten. Nur selten begegnete ein später Gassentreter der fröhlichen Gruppe. Hin und wieder auch riefen die Kutscher der Fuhrwerke, die nur bei Nacht die Straßen Roms benutzen durften, dem Trio derbe Scherzworte zu. Und als einmal ein Mann die lustigen Drei anhielt und ihnen das laute Plaudern verbieten wollte, wies Lycisca den Spießbürger so kräftig zurecht, daß der verdutzte Quirit schleunig Reißaus nahm vor dem geläufigen Mundwerke seiner Gegnerin. Eines aber bemerkten die drei Nachtvögel nicht. Daß eine schattenhafte Gestalt ihnen folgte und um die Ecke des Angiportus spähte, als sie das Lupanar betraten. Dann rannte der Vermummte eilig dem Stadtinnern zu. 7 Zwei riesige epirotische Doggen nebst einem grimmig blickenden Ostiarius hüteten den Eingang zum Vestibulum. Die Hunde knurrten wütend, als sie die Schritte der Ankommenden vernahmen. Der Pförtner drehte den oben offenen Bronzesturz der Lampe so, daß deren Schein den engen Vorraum plötzlich mit Helligkeit übergoß. Dann trat der Alte aus dem schmalen Korridor hervor, in dem er seines Türhüteramtes waltete, und betrachtete die späten Gäste. Als er jedoch Lycisca erkannte, verklärte sich sein verwittertes Gesicht. »Den Göttern sei Dank, schöne Freundin, daß man dich wieder einmal zu sehen bekommt,« begrüßte er die Hetäre. »Wie oft habe ich deiner gedacht!« »Gedacht auch so manchen Denars, den ich dir schenkte,« flocht Lycisca lachend ein. »Niemand kommt dir an Freigebigkeit gleich, das ist wahr,« lobte der Ostiarius und musterte die beiden Begleiterinnen Lyciscas. Dann fuhr er fort. »Doch wirklich, Freundin, gar mancher Gast hat nach dir gefragt, und viele haben dich vermißt. Manche wollten wissen, du wärest des Abends bei der Marsyassäule zu finden. Das habe ich aber stets bestritten. Ich dachte schon, du hättest einen wohlhabenden Gatten gefunden, der dich ehrlich gemacht hat.« »Leider betrog dich dein schöner Glaube,« entgegnete Lycisca, und ein Schatten glitt über ihre Züge. »Doch lassen wir die Hoffnungen und Torheiten dieses elenden Daseins. Gib uns die Marken und öffne die Tür zu den Gefilden des Scheins und der Betäubung.« Der Ostiarius händigte drei Elfenbeinplättchen aus und machte seine tiefsten Bücklinge, als Messalina ihm ein Goldstück auf den Tisch warf, ohne auf die Auslieferung des Überschusses zu achten. »Die Marken berechtigen uns, ein Zimmer zu verlangen, sobald wir einen Freund gefunden haben,« erläuterte Lycisca, ins Atrium vorangehend. »Die Männer, die dieses Haus besuchen, müssen dreimal soviel bezahlen als wir.« Das Atrium war ein großer Raum. Der rote Anstrich der Wände leuchtete im Scheine von vier in den Ecken aufgestellten Lampen, an deren schlanken Schäften Schlangen sich ringelten, das Ölgefäß mit dem brennenden Docht im Maule haltend. Zwei gewaltige Purpurvorhänge verschlossen die beiden Türen, die zum Peristyle führten. Summendes Gelächter. Gewirr von Mädchenstimmen, vermischt mit dem tieferen Gemurmel der Männer, erscholl hinter den Vorhängen. Lycisca schritt zunächst zu einem Wandplatze, wo auf einem kleinen Sockel eine Pfanne mit glühenden Holzkohlen und zwei reichverzierte, aus rötlichem Sigillataton gefertigte Gefäße standen. Daneben lag ein Fächer aus den Schwungfedern des Schwanes. Über diesem kleinen Altare erhoben sich in der Wandnische die zierlichen Göttergestalten der Laren des Hauses und seiner Penaten. Mit dem Fächer die Glut anfachend, entnahm Lycisca dem einen Gefäß eine Prise Salz, dem andern einige Räucherkörner. Die Körner auf die den Penaten geweihte Pfanne streuend, das den Laren geopferte Salz in einen Behälter werfend, forderte sie ihre Begleiterinnen auf, ebenfalls den Schutzgöttern des Hauses Ehrerbietung zu erweisen. Erst nachdem dies geschehen, schlug sie den einen Purpurvorhang zurück. Die Unterhaltung verstummte im Peristyle. Doch kaum erkannten die Mädchen die frühere Genossin mancher durchjubelten Nacht, da umringten sie Lycisca mit Sturm und mit Jauchzen. Messalina und Fabulla blieben einige Minuten sich selbst überlassen. Voll Neugier betrachteten sie den Raum. Er stand an Pracht der Einrichtung den Gemächern im Palatium nur wenig nach. Rings um einen kostbaren Mosaikfußboden ragten zwanzig synadische Säulen, die mit duftenden Rosengewinden umschlungen waren. Diese Säulen trugen einen Fries aus karrarischem Marmor, die Bedachung stützend, unter der sich an den drei Längs- und Schmalseiten des Peristyls Gemach an Gemach reihte. Zahllose Liebesgötter, aus dem Marmor des Frieses herausgearbeitet, trieben dort oben ihre erotischen Spiele. Die Decke des Raumes war in goldumrandete Vierecke eingeteilt, von Abbildungen innigst verschlungener Liebespaare umrahmt. Der Fußboden aus buntem Glasmosaik leuchtete in satten Farben. An den beiden Schmalseiten der Umrandung drängte sich aus goldenen Gefäßen hervor ein Geranke saftig grüner Zweige, in denen goldbeflügelte Eroten mit farbenfrohen Vögeln spielten. Ein Mittelbild stellte den Liebeskampf einer Nymphe mit einem geilen Faune dar. Lycisca löste sich jetzt aus der Gruppe ihrer Freundinnen. Sie führte Messalina und Fabulla in die Mitte des Peristyls und empfahl die neuen Besucherinnen des Hauses der Aufmerksamkeit seiner Bewohner. Fabulla zog sich bescheiden und all ihrer Keckheit zum Trotze ein wenig verlegen sogleich in eine Ecke zurück. Dort wurde sie von einem jungen Manne erspäht, der ihr beim Ablegen der Pänula behilflich war und sie gastfrei zu einem Tischchen führte, sie mit Wein und Kuchen zu bewirten. Die Mädchen aber befreiten unterdessen Messalina von der Umhüllung. Seltsamerweise erkannte keine die Kaiserin in dem herrlichen Weibe, das fast nackt vor ihnen stand. Aus dem dünnen Netze von Goldfäden, das ein Gewand nur eben andeutete, leuchtete der schneeweiße Körper in der blühenden Pracht seiner Glieder. Die Männer drängten herzu. Man eiferte, bot, kämpfte um die vielverheißende Gesellschaft der neuen Schönen. Messalinas Augen funkelten triumphierend, als sie sich so ungestüm umworben sah. Kühn und rasch traf sie ihre Wahl. Sie ging mit federnden Schritten auf einen stattlichen, jungen Legions-Primipilar zu, der zwar bewundernd ihre Erscheinung betrachtete, doch, weniger zudringlich als die andern, außerhalb des Kreises geblieben war. Als sie vor ihm stand, lächelte der Offizier traurig: »Ich glaube nicht, daß ich deine Liebe kaufen kann, süße Freundin. Ich bin arm.« »Und wenn ich sie dir schenke?« gab sie zurück. »Ich nehme keine Almosen,« wehrte er sich stolz. »Ich schenke nicht nur, ich verlange auch,« erwiderte sie leise und streifte, ihn verführerisch anlächelnd, langsam das Netzgewand ab, daß sie entblößten Körpers vor ihm stand, nur die Brüste noch überdeckt von zwei goldenen Filigranplättchen, die von einer um den Nacken getragenen Kette gehalten wurden. »Wenn Aphrodite selbst naht, streckt auch der sieggewohnte Mars freiwillig die Waffen,« scherzte der Soldat. Und riß sie stumm in die Arme. Schweigend folgte sie ihm in eines der Gemächer, die das Peristyl umsäumten. – – – Es mochte um die Zeit der dritten Vigilie sein, als die beiden Doggen des Ostiarius plötzlich wütend anschlugen. Der Türhüter fuhr erschrocken aus seinem Nickerchen auf und trat an die Pforte, um zu sehen, wen die Hunde meldeten. Um die Stunde des grauenden Morgens pflegten Besucher des Lupanars sich nicht mehr einzufinden. Voll Furcht sah der Alte sich einem Centurio der Stadtkohorte gegenüber, hinter dem zwei Söldner die Kurzspeere schulterten. Ein Mann, der eine Lacerna aus dunkelbraunem Wollstoffe dicht um sich geschlagen hatte, hielt sich im Dunkel des zur Seite des Lupanars vorspringenden Portikus des Nachbarhauses. »Irrst du dich nicht in der Tür?« redete der Ostiarius den Centurio an. »Wir sind an Besucher deiner Art nicht gewöhnt – wenigstens nicht gewöhnt, daß sie, wie deine Begleitung zeigt amtlich hier erscheinen.« Der Centurio zog ein barsches Gesicht und knurrte: »Ich bin zwar zu keiner langen Auskunft verpflichtet. Da aber gegen euer Haus selbst nichts vorliegt, was den Stadtpräfekten zum Einschreiten veranlaßt hat, sei dir gesagt, daß wir nach einem Mädchen suchen.« »Mädchen?« fragte der Türhüter brummig lachend. »Es gibt deren wohl zwanzig im Hause. Welche meinst du?« Der Centurio warf einen schnellen Blick nach dem Manne im braunen Mantel und sprach dann fort: »Bei der Marsyassäule tauchte heute eine Dirne auf, die sich Lycisca nannte.« »Und die suchst du?« staunte der Pförtner. »Ist sie noch im Hause?« stellte der Söldner seine Gegenfrage. »Seit langen Monaten zum ersten Male wieder.« »Dann führe uns zu ihr.« »Höre, mein Freund,« begann der Türhüter mit bedenklicher Miene. »Was heißt da ›Freund‹? Unterlaß die Vertraulichkeiten!« fuhr der Centurio auf, dicht an den Alten herantretend. »O verzeihe mir, es war nicht bös gemeint,« entschuldigte sich der Ostiarius rasch. »Ich möchte dich ja nur vor einem Versehen bewahren. Lycisca ist in Rom hinreichend bekannt. Wenn sie sich etwas zuschulden kommen ließ, wird sie sicherlich freiwillig auf die Präfektur kommen, wenn ich ihr Bescheid sage. Also störe den Frieden des Hauses nicht!« »Verweigerst du uns den Eintritt?« brüllte der Centurio, seinen beiden Soldaten einen Wink zum Vorrücken gebend. Doch kaum näherten sich die Söldner der Schwelle, als die Wachthunde mit gesträubtem Nackenfell wütend zu knurren anhoben und angriffsbereit ihr furchtbares Gebiß zeigten. Einer der Soldaten beging die Torheit, mit dem Speere nach den Doggen zu schlagen. Mit grimmigem Wutgeheul stürzten sie sich auf den Mann, hatten ihn im Umsehen zu Boden geworfen und standen mit gefletschten Zähnen über ihm, auf den Wink ihres Herrn bereit, ihrem Opfer die Kehle zu zerfetzen. »Gorgo – Charon – zurück!« rief der Pförtner ihnen entsetzt zu. Die Doggen gehorchten und ließen von dem Soldaten. Doch umkreisten sie mit den sonderbar steifen Schritten rauflustiger Hunde die drei Männer, mit geifernden Lefzen und knurrender Kehle die kleine Gruppe belauernd. »Sei barmherzig,« bat der Alte zitternd den wutschnaubenden Centurio. »Deine Leute haben die Hunde gereizt. Ich bin nicht mehr Herr über die Bestien, wenn ihr jetzt nochmals der Schwelle naht.« Der Führer benagte im Grimm die Unterlippe, sah aber doch scheu auf die gewaltigen Tiere. »Gut denn,« gab er endlich drohend nach. »Ich werde dafür sorgen, daß man in Zukunft euer Haus ohne Gefahr betreten kann. Darauf verlaß dich! Und nun: schick das Weibsbild heraus!« »Es soll geschehen,« versicherte der Ostiarius dienstfertig. »Ich bin überzeugt, es liegt hier eine Verwechslung vor. Doch bleibt stehen, wo ihr steht. Ich bürge nicht dafür, daß die Hunde euch nicht anfallen, wenn ihr während meiner Abwesenheit der Türe zu nahe kommt.« Er ging und kam wenige Minuten später mit der Hetäre zurück. Lycisca hatte sich in eine Pänula gehüllt, die Kapuze über den Kopf gezogen. Sie erschauerte in der Frische der endenden Nacht, als sie vor das Haus trat. »Was willst du von mir?« sprach sie den Centurio an. »Du nennst dich Lycisca?« forschte der Söldner. Kurz und bitter auflachend, gab sie zurück: »Es gibt mehr als genug Männer, die mich bei diesem Namen kennen.« »Willst du gutwillig mitkommen, oder müssen wir Gewalt anwenden?« »Männern gegenüber war ich stets gefällig, und keiner bedurfte bei mir je der Gewalt,« verspottete sie sich selbst. »Wohin wollt ihr mich führen?« »Das wirst du sehen,« antwortete der Centurio barsch. »Vorwärts!« Sie wurde von den beiden Soldaten in die Mitte genommen und schritt mit ihnen von dannen. Der Centurio wollte dem Manne im braunen Mantel eine Meldung erstatten, doch dieser winkte ihm hastig abweisend zu und drückte sich tiefer in den Schatten des Portikus. Erst als die Schritte der Wachen verklungen waren, kam der Lauscher aus seinem Versteck hervor. Er schlich lautlos hinter der Gruppe drein. Als am Ausgange des Angiportus die Soldaten um die Ecke verschwanden, beschleunigte der Mann seinen Schritt, um ihnen auf leisen Sohlen wieder näherzukommen. Plötzlich stockte er. Von der hohen Mauer des der Sackgasse gegenüberstehenden Marstempels zurückgeworfen, schollen wilde Entsetzensschreie einer Frauenstimme durch das Dämmerdunkel. Ebenso plötzlich brachen sie ab. Der Mann sah sich besorgt um. Doch die Sackgasse blieb verödet. In keinem der Bauwerke ward es lebendig. Nur die beiden Doggen des Lupanars schienen mit scharfem Gehör das schrille Geschrei vernommen zu haben. Ihr jaulend antwortendes Gekläff klang vom Hause her dumpf durch die Enge des Angiportus. Einige Minuten wartete der Mann, dann wagte er sich wieder vorwärts. Jenseits der Sackgasse hatte die Helle des Morgengrauens schon stärkere Gewalt als in dem schmalen Spalte zwischen den Häusern. Noch halb in Dunkel getaucht, ragten die Wände des Marstempels auf. Vor den niedrigen Stufen des Postiariums der geweihten Stätte lag etwas wie ein heller Fleck. Nachdem der Mann sich überzeugt hatte, daß die Gegend hinter dem Marstempel noch menschenleer war, hastete er auf diesen Fleck zu. Mit einem Aufschrei des Schreckens prallte er zurück. Er sah in das Gesicht des aus vielen Speerwunden blutenden Leichnams einer halbnackten Frau. In dunklen Streifen kroch das rinnende Blut über die weißen Glieder und ward aufgesogen von dem dünnen Seidenzeug und der wolligen Pänula, die nur dürftig den Körper der Toten verhüllte. Er beugte sich einen Augenblick tief über das im friedlichen Schlafe ersehnten Ausruhens still gewordene Antlitz, dem der Tod einen letzten Abglanz verwehter Jugend aufgehaucht hatte. Dann murmelte er einen wilden Fluch der Enttäuschung. Ingrimmig wandte er sich ab und eilte über das Forum Augusti von dannen. Jetzt hatte das immer wütendere Bellen der Doggen alle Schläfer im Lupanar aufgescheucht. Der Ostiarius benutzte die Gelegenheit, in den Wandelgängen des Peristyls auszurufen, daß die vierte Vigilie bereits begonnen habe und der Morgen nahe sei. Messalina verabschiedete sich hastig von dem Freunde ihrer ersten Nacht im Lupanar und entfernte sich in überstürzter Eile mit der ihrer schon harrenden Fabulla. »Ich schwebte in Todesangst, man könne dich entdecken, hohe Frau,« flüsterte die Vertraute der Gebieterin zu, die im Nachgenusse des Glückes gedankenvoll schwieg. Sie hielten die Richtung auf den palatinischen Hügel ein. »Mein Freund – übrigens war er sehr langweilig – hatte mich schon lange verlassen. So saß ich einsam in einem Winkel des Atriums, auf dich zu warten. Da hörte ich, daß eine Wache der Stadtkohorte das Haus durchsuchen wollte, um unsre neue Freundin Lycisca zu verhaften.« »Irrtest du dich nicht?« fragte Messalina erstaunt. »Nein, denn der Ostiarius brachte Lycisca selbst vor die Tür. Als sie mich sitzen sah, kam sie auf mich zu und nahm Abschied. Sie läßt dir Grüße sagen und hofft, dich heute abend wieder bei der Marsyassäule zu treffen.« »Trotzdem man sie sicherlich dem Gefängnis zuführte?« »Sie erklärte mir, nichts zu befürchten. Sie habe nichts getan, was ihre Verhaftung rechtfertigen könnte, und vertraute auf ihre Schuldlosigkeit.« »Dennoch werde ich noch heute früh dafür sorgen, daß man sie sofort in Freiheit setzt,« entschied die Kaiserin. »Ich bin ihr Dank schuldig, denn – ach, Fabulla, wie war ich glücklich! Doch heute nacht wähle ich einen anderen. Alle will ich auskosten – alle – alle!« ? Im Osten brannte schon der Himmel eines neuen Tages, als Messalina und Fabulla das Postiarium des Palastes erreichten. Die Wachen mochten von ihren Kameraden unterrichtet sein, denn sie nahmen schweigend ihr Geldgeschenk entgegen und ließen die beiden vermummten Frauengestalten ohne Aufenthalt die Hinterpforte passieren. Als sie den Flur erreichten, von dem aus eine Treppe zu den Gemächern der Kaiserin hinaufführte, erschien am unteren Ende des Ganges ein Mann in einem braunen Wollmantel. Auch er hatte es offenbar eilig, zu den von ihm bewohnten Räumen im Palaste zu gelangen. Messalina und Fabulla wollten gerade hinter den breiten Sockel einer Ehrenstatue schlüpfen, als der Mann sie erblickte. Er blieb stehen, schlug seine Kapuze zurück und verbeugte sich tief, doch stumm, vor der Kaiserin. »Du bist schon frühzeitig auf dem Wege, Polybius,« redete Messalina ihn in ihrer Verlegenheit an. »Nicht frühzeitiger als du selbst, Domina,« entgegnete er. Aber sein sonst so glattes Lächeln mißlang ihm diesmal kläglich. Sein Gesicht war fahl und verfallen. »Wer dem Cäsar treu dienen will, darf den Schlaf nicht fragen, ob es schon Morgen ist oder noch Nacht,« fügte er mit bleichen Lippen hinzu. Dann verneigte er sich abermals und schritt davon. 8 »Mißlungen also!« verkündete Agrippina verbissen der Schwester Livilla und reichte ihr eine Notiztafel, die soeben ein Bote aus dem Palatium gebracht hatte. Livilla flüsterte einen leisen Dank den Göttern, dann warf sie einen flüchtigen Blick auf die in das rötliche Wachs eingeritzten Schriftzeichen. »Du liest nicht?« fragte Agrippina schroff. »Es genügt mir zu wissen, daß die Kaiserin lebt,« erwiderte Livilla mit einem Aufatmen der Befreiung. »Bedenke, welche Umwälzungen ein Mord an ihr, welche ungeheure Erregung er in Rom hervorgerufen hätte! Mir bangte vor den Folgen dieses Anschlages, und so sage ich freimütig: Dank den ewigen Göttern, daß er mißlungen ist!« »So dankst du auch den Göttern, daß eine Unschuldige sterben mußte?« spottete Agrippina. Jetzt erst las Livilla die Zeilen. Dann legte sie stumm die beiden Elfenbeintäfelchen aufeinander und gab sie der Schwester zurück. »Wie dieses Unglück geschehen konnte, werden wir von Polybius hören. Er verspricht, seinem Boten auf dem Fuße zu folgen,« nahm Agrippina wieder das Wort. Sie ließ sich auf eine kleine Sella nieder und starrte vor sich hin. Endlich richtete sie den Blick auf Livilla. »Das Sündenregister der Domitierin wächst ungeheuerlich an: Paris, Narzissus, Polybius – und nun der Weg zur Marsyassäule, dem Stelldichein der Buhldirnen – die Nacht in einem Lupanar. Es dürfte reichen! Ich habe jeden der schamlosen Schritte der Kaiserin aufgezeichnet. Jetzt soll Claudius alles erfahren.« »Du fändest den Mut, ihn davon in Kenntnis zu setzen?« Agrippina lachte bösartig. »Ich ...? Mir würde der brave Claudius nicht glauben. Er kennt mich zu lange. Es gibt aber einen Mund, zu dessen Worten er Vertrauen haben wird, wenn er nicht nur Anklagen erhebt, sondern ihm auch von Liebe flüstert.« »Und wessen Mund ist das?« »Der deine,« stieß Agrippina kurz heraus. In ungläubigem Staunen starrte Livilla auf die Schwester. Sie öffnete die Lippen und beugte den Kopf vor, als wolle sie so besser hören. Durch eine fragende Gebärde forderte sie Wiederholung der Worte. »Der deine!« rief Agrippina und deutete gebieterisch auf die Schwester. »Claudius ist locker geworden. Nicht nur Männer, auch Weiber umschmeicheln ihn. Und Julia Livilla ist verlockend genug, diesem Tropf von einem Cäsaren begehrenswert zu erscheinen. Umgarne ihn und gewinne sein Vertrauen!« »Ich soll dem Kaiser Liebe heucheln?« schrie Livilla entsetzt auf, sich schüttelnd vor Abscheu. Agrippina hob die Hände zu den Ohren. »Schrei nicht so!« verwies sie herrisch. »Beherrsche dich. Der Ruhm unseres julischen Geschlechtes ist wohl eines so geringen Opfers wert. Zuneigung heucheln heißt nicht Wünsche erfüllen. Eine kluge Frau wird diesen Narren wohl am Narrenseile der Liebe zu gängeln verstehen.« Ungestüm schüttelte die sonst so Gefügige den Kopf. »Ich tue es nicht!« rief sie heftig, »Ich kann es nicht! Mir graut vor diesem Menschen. Ich hasse deine Ränke.« Dicht trat Agrippina an die jüngere Schwester heran und flüsterte ihr erbost zu: »Vergißt du die Mißachtung, mit der die Kaiserin dich sowohl wie mich behandelt?! Sie tut, als gehörten wir Julierinnen überhaupt nicht zum Hofhalte des Palatiums.« »Würdest du denn anders handeln, wenn du an Messalinas Statt wärest?« versuchte Livilla weiteren Widerstand. »Würdest du anders handeln, wenn du in einer Frau, der du freundschaftlich entgegengekommen bist, die heimliche, erbitterte Feindin erkannt hättest?!« »Wie ich handeln und was ich tun würde, steht hier nicht zur Erörterung,« erwiderte Agrippina hochmütig. »Wir sprechen von Messalina. Sie muß fallen. Du hast zu mir zu stehen, weiter nichts. Ich verlange deine Hilfe. Ich verlange, daß du tust, was in deinen Kräften steht. Ich verlange von dir, daß du den Weg zum Vertrauen des Kaisers suchst – und findest.« »Ich kann es nicht,« stöhnte Livilla, sich zerquält unter der rücksichtslosen Gewalt windend, mit der die furchtbare Frau ihr den letzten Rest von Willen zu entreißen strebte. »Dann denke an Bajä!« zischte Agrippina aus blutleeren Lippen. »Denke an die freche Überhebung, mit der Messalina uns durch den Designator aus der Orchestra des Theaters holen und – mit dem Hinweis, wir wären bessere Plätze einzunehmen nicht berechtigt – uns nach den untersten Sitzen der Cavea weisen ließ, unter Bürger, Ritter und dergleichen Plebs. Denke an das kaum unterdrückte Gelächter, das uns folgte, als wir beschämt das Theater verließen.« Plötzlich sprang sie auf die Schwester zu, packte sie an den Schultern und schrie ihr ins Gesicht: »Wenn du diese Schmach verwinden kannst, bist du keine echte Julierin. Dann bist du ein Bastard in unserem Hause!« Als Livilla sich von dem harten Griffe der maßlosen Frau befreite, schlug der Admissional den Vorhang zurück und verkündigte, die Tragsänfte des Polybius lange soeben vor dem Vestibulum an. Wenige Minuten später erschien der Grieche im Tablinum und verneigte sich vor den beiden Schwestern. Er sah bleich und verstört aus. »Bitte, ohne lange Vorrede!« nahm Agrippina unfreundlich sogleich das Gespräch auf. »Was hat sich ereignet, nachdem du mir gestern abend die Kunde brachtest, du hättest die Kaiserin bei der Marsyassäule erkannt, und mit der Absicht, unseren Plan durchzuführen, mein Haus verlassen hattest?« »Es ist nicht viel zu erzählen, Domina,« gestand Polybius. Seine Stimme war heiser vor innerer Erregung. »Du weißt, die Mädchen an der Säule erzählten mir, die neue Hetäre habe sich mit dem Namen Lycisca bezeichnet. An dieser Lycisca hatte ich die Kaiserin erkannt. Sie war in Begleitung ihrer Vertrauten Fabulla und sprach lebhaft mit einer der Dirnen. Dann entfernten sich die Drei. Ich folgte ihnen und sah sie ein Haus in einer Sackgasse hinter dem Marstempel betreten.« Ungeduldig schlug der Fuß Agrippinas den Boden. »Dann suchtest du mich auf, um mir dein Abenteuer zu erzählen. Wozu die Wiederholung? Ich will wissen, was geschah, nachdem du mich verlassen hattest.« »Unserer Abrede gemäß holte ich mir auf der Präfektur einen Centurio und zwei Mann der Stadtkohorte,« berichtete Polybius; verstimmt über den unhöflichen Ton der Domina. »Wir begaben uns zu dem Lupanar, um die angebliche Lycisca zu verhaften. Ein alter Bursche und zwei bissige Hunde machten das Betreten des Hauses unmöglich. Doch schließlich brachte der Ostiarius die vermeintliche Hetäre vor die Tür. Sie folgte willig. Ich hatte dem Centurio selbstverständlich nicht gesagt, daß diese Hetäre – die Kaiserin sei. Ich hatte ihm nur angedeutet, es handle sich um eine staatsgefährliche Frauensperson, die aus Rücksicht auf das kaiserliche Haus am besten verschwände. Ein reichliches Geldgeschenk an den Centurio und seine Soldaten verlieh dieser Andeutung den nötigen Nachdruck. Sie wurde verstanden, und die Ausführung entsprach deiner Absicht, Domina. Ich fand die – ? die so plötzlich Verstorbene vor der Hintertreppe des Marstempels. Leider belehrte ein einziger Blick auf ihr Gesicht mich, daß sie nicht die Kaiserin war. Man hatte die falsche verhaftet. Bei meiner Rückkehr in den Palast begegnete ich Messalina. Unzweifelhaft kam sie mit ihrer Vertrauten aus dem Lupanar. In meiner Wut gab ich ihr zu verstehen, daß ich wüßte, wo sie während der Nacht gewesen, daß ich gewissermaßen glaubhafter Zeuge für das Unglaubliche sei.« Polybius schwieg und wischte mit der Hand über die mit kaltem Schweiß bedeckte Stirn. Agrippina betrachtete ihn mit unverhohlener Verachtung. Ein Zug der Erbarmungslosigkeit schnitt tiefe Falten um ihre Mundwinkel. »Hm,« machte sie endlich. »Wenn auch nicht alles, so ist durch diese Begegnung wenigstens etwas erreicht.« »Gewiß,« bestätigte der Freigelassene in selbstzerstörerischem Spotte. »Erreicht ist, daß die Kaiserin mich nun als den Mann kennt, der um eines ihrer schmählichsten Geheimnisse weiß. Ich hätte die Begegnung im Palaste vermeiden sollen. Seit gestern abend habe ich eine Dummheit nach der andern gemacht. Ich bin ein Narr – ein Tor – ein verlorener Mann!« Sein Unterkiefer zuckte. »Fasse dich, Feigling!« Er rang die Hände ineinander und gab stammelnd zu: »Ja – ich habe Angst – Todesangst! Laß dir erzählen. – Die Kaiserin muß im Lupanar von der Verhaftung jener Hetäre gehört haben. Da es sich um das Mädchen handelte, mit dem sie bei der Marsyassäule Freundschaft geschlossen hatte, unternahm sie gleich nach der Heimkehr Schritte zur Befreiung der Dirne. Dadurch wurde ihr Bescheid, man habe in einer auf der Straße gefundenen Toten die in Rom sehr beliebte Hetäre Lycisca festgestellt.« »Ah, es gab also wirklich eine Lycisca?« staunte Agrippina. »So ist es,« nickte Polybius. »Wer konnte das ahnen? Eine der Sklavinnen Messalinas, eine gewisse Colonia, steht in meinem Dienste, gut bezahlt. Ihr verdanke ich meine Nachrichten. Die Kaiserin ist äußerst erregt, verriet, daß sie mich bei der Marsyassäule erkannte, in mir den Urheber des Mordes an dem Mädchen ahnt und darin einen Anschlag auf ihr Leben errät. Da soll ich nicht für mein eigenes Leben zittern? Dazu erfuhr ich noch, daß Messalina den Kaiser zu einer dringlichen Unterredung zu sich bitten ließ. Daß dabei mein Name zur Sprache kommt, in Verbindung mit ihrem Verdachte, ist unschwer zu erraten. Ich sandte dir daher eilig schriftliche Nachricht über das Mißglücken deines Planes und machte mich, sobald ich unauffällig den Palast verlassen konnte, dann selbst auf den Weg.« »Etwa, um bei mir Zuflucht zu suchen, Mann?« fuhr Agrippina auf. »Vergißt du, daß du dadurch auch mich in Verdacht bringst? Du wirst sofort das Haus verlassen!« »Herrin!« flehte der Grieche. Doch sie schnitt ihm die Rede ab. »Verbirg dich, wo du willst, nur nicht bei mir. Es stehen höhere Dinge auf dem Spiele als dein bißchen Leben. Ich habe mich zu erhalten.« Polybius starrte wutentstellt auf die gnadenlose Frau, die nur an sich selbst und ihre Pläne dachte. »Gut,« sagte er, sich ermannend. »Ich hätte mir, bevor ich mich mit dir einließ, sagen sollen, daß du nur Werkzeuge, nicht Menschen kennst. Du wirst von mir hören!« Ohne sich zu verabschieden, verließ er das Tablinum, schickte seine Sänfte leer nach dem Palast zurück und schritt zu Fuße der Innenstadt zu. Zur gleichen Zeit betrat Claudius die Gemächer der Kaiserin. Messalina empfing ihn mit einem verführerischen Lächeln und schmiegte sich hingebend an seine Brust. Wie immer zerschmolz er unter ihren Liebkosungen, ließ er sich überwältigen von dem Zauber ihres Wesens, ihrer betörenden, weichen Stimme, von dem verheißenden Gnadenblicke ihrer dunkeln Augen. Er vergaß seine hohen Pläne, seine Mätressen, sich selbst, wackelte mit dem grauen Kopfe und geiferte aus sinnlichem Munde. »Wir sehen uns viel zu selten,« klagte er gerührt und betastete die sanften Formen der jungen Frau mit begehrlichen Händen. »Ist es meine Schuld?« flüsterte sie, sich ihm entziehend, und verbarg den Widerwillen gegen seine täppische Berührung hinter gutgespielter Verschämtheit. »Doch nein,« fügte sie hinzu, seine schlaffen Wangen tätschelnd. »Deine hohe Würde und dein Staatsamt sind es, die dich mir fernhalten, Liebster. Soviel zu tun hat mein armer, geplagter Mann! Ich hörte von großen Plänen.« Sogleich kam er ins Fahrwasser und begann in seiner weitschweifigen, wortreichen und umständlichen Art von den Projekten in Sublaqueum und Ostia zu erzählen. Messalina ließ ihn gewähren. Sie kannte sein Wesen und wußte, daß er für alles zu haben war, wenn man ihn durch Bewunderung und Schmeichelei gewonnen hatte. Mit der klugen Einfühlung nicht geistvoller, doch schlauer Frauen warf sie hier und da eine treffende Bemerkung ein. Claudius war hochentzückt von der Einsicht seiner Gattin und stellte ihr übertriebenes Lob nur um so höher. »Ich werde doch öfter kommen und über meine Pläne mit dir sprechen,« entschied er schließlich begeistert. »Deine Anschauungen müssen mir ja äußerst nützlich werden! Auch für meine historischen und philosophischen Werke.« Sofort wollte er einen Sklaven beauftragen, ein Manuskript herbeizuholen. »Es ist der Entwurf zu einer Geschichte meines Krieges und Sieges in Britannien,« erklärte er. »Auch führe ich auf Grund dieser endgültigen Eroberung des Nordens den Nachweis, daß Rom nun seine Blicke ostwärts wenden muß. Die Grenzen des Reiches müssen nach dieser Richtung hin erweitert werden.« »Sende mir deine Schriften lieber später,« beugte Messalina einer langweiligen Stunde vor. »Ich werde sie voll größter Spannung lesen und dir meine Ansicht sagen. Gerade jetzt jedoch habe ich etwas anderes mit dir zu besprechen.« Nur ungern verlieh Claudius das traute Thema. »Ist es denn so wichtig?« fragte er und blickte, einmal aus der Bahn gelenkt, sogleich mit leeren Augen drein. »Wichtig genug, dünkt mich. Es handelt sich um die Gefährdung deines Lebens!« erklärte Messalina in scharfem Tone, ihn aufzurütteln. Das alte Gesicht des Cäsars wurde leichenfahl. Er lallte zusammenhanglose Worte der Angst und taumelte, als verliere er den Boden unter den Füßen. Er hatte das Entsetzen jener Mordnacht nie ganz überwunden. »Schon seit einigen Tagen hatte ich Verdacht geschöpft,« erzählte Messalina. »Du weißt, daß ich mit deinem Freigelassenen Polybius engere Freundschaft geschlossen hatte?« Sie sah ihn heimlich prüfend an. »Ja, ja – man – man hatte – hatte versucht, mir – mir diese – diese –« »Man hatte versucht, dir von dieser – bleiben wir bei dem Worte! – Freundschaft ein Bild zu malen,« unterbrach sie sein haltloses Gestotter. »Und wer wagte das?« »Agrippina,« murmelte der Kaiser jämmerlich. »Doch mein Vertrauen –« »Du tatest gut, mir zu vertrauen und unzeitige Einmischung zu unterlassen. Sie hätte mein Vorhaben wahrscheinlich unmöglich gemacht,« fuhr sie fort. »Denn was du, mein Freund, mit deinem rechtlichen Sinne hättest aufhellen wollen, wäre doch dunkel und verborgen geblieben. Nur ich konnte hier helfen. Ich aber bin sehr empfindlich und schrecke in mich selbst zurück, wenn man mir nicht rückhaltlos glaubt.« »Aber ich glaube dir ja,« versicherte er mit angstbebenden Lippen. »Nur Freundschaft mit dem Verschwörer konnte zu den Wurzeln der Verschwörung vordringen. Und meine Sorge um dich trieb mich zu diesem kühnen Wagnis.« »Wie danke ich dir!« flüsterte er und sah sich gequält um, als suche er auch körperlichen Schutz bei ihr. »Hat man dir nicht erzählt, daß ich heute nacht in Rom gesehen wurde?« ging sie mutig auf ihr Ziel los. »Flüsterte man dir nicht zu, ich hätte diese Nacht in einem Lupanar zugebracht?« »Freilich, freilich. Aber ich wies diese häßliche Verleumdung weit von mir. Lupanar – du! Vielleicht war es eine unglückselige Verwechslung.« »Eine Verwechslung war es allerdings. Sogar eine sehr verhängnisvolle Verwechslung wurde begangen. Doch kostete sie auch das Leben eines schuldlosen, gütigen Mädchens, so rettete sie immerhin mein Leben und auch das deine.« Schlotternd wankte der Alte zu einem Stuhle. Mit zitternden Knien und mummelndem Munde saß er dort und starrte Messalina aus furchtweiten Augen an. Sein angstirres Hirn vermochte kaum ihren Worten zu folgen. Sie redete hastig weiter, halblaut sprechend. »Von meinem vermeintlichen Vergehen kann nur einer dir gesprochen haben – Polybius.« Sie achtete kaum auf das bestätigende Kopfnicken des Kaisers. »Nur um mir über seine Absichten Gewißheit zu verschaffen, heuchelte ich ihm Freundschaft. Doch verriet er sich nie. Ich mußte zu schärferen Mitteln greifen. Mir war mitgeteilt worden, er verließe oft spät abends in verdächtiger Weise den Palast. Es galt diese verdächtigen, nächtlichen Wege aufzuspüren. In Begleitung meiner Vertrauten Fabulla folgte ich ihm heimlich heute nacht. Auf einem der schandbarsten Plätze in Rom – bei der Marsyassäule – entdeckten wir ihn endlich. Doch nicht die Hetären dort waren es, die ihn an diesen Platz lockten. Es war sein Stelldichein mit seinen Spießgesellen!« Claudius sank kümmerlich in sich zusammen. Dann saß er lange ohne Bewegung. Endlich stieß er hervor: »Wer hätte das von dem feinen, stillen Polybius gedacht! Nur für die Historie schien er begeistert wie ich!« Messalina ließ ihn nicht zu rührseligen Erwägungen gelangen. Dann war er für jeden Entschluß verloren. »Natürlich hielt man mich bei der Säule für eine Gefährtin der käuflichen Mädchen,« schilderte sie weiter. »Wollte ich mein Ziel erreichen und nicht als Kaiserin erkannt werden, so mußte ich auf diese Rolle eingehen. Daher legte ich mir den Namen einer in Rom bekannten Hetäre bei. Es fiel mir im Augenblick kein besserer ein. Der Zufall wollte jedoch, daß dieses Mädchen gerade anwesend war. Sie stellte mich zur Rede wegen des Mißbrauchs ihres Namens, und gerade in diesem Augenblick entdeckte und erkannte mich Polybius.« »Ja, ganz genau so berichtete er mir,« nickte Claudius. »Er sagte, du hättest lachend und scherzend dich mit einem dieser Frauenzimmer unterhalten, als wärest du ihresgleichen. Doch ich bestritt diese Ungeheuerlichkeit, und endlich mußte er doch zugeben, er habe sich geirrt.« »Er hatte allen Grund!« versicherte Messalina keck. »Von Lachen und Scherz war wahrhaftig bei meiner Unterredung mit dem Mädchen keine Rede. Sagte Polybius nicht auch, er hätte mich in der Morgenfrühe bei meiner Heimkehr in den Palast getroffen?« »Das verschwieg er.« »Auch dies mit gutem Gründe! Er war nämlich tödlich erschrocken, als er mich noch unter den Lebenden sah.« »Ewige Götter!« lallte Claudius und hob erschauernd die Arme. »Das Mädchen Lycisca beruhigte sich über den Mißbrauch ihres Namens und benahm sich später freundlich gegen mich. Ja sie beschützte mich sogar, weil eine anständige Frau an solchem Platze naturgemäß ebenso den Frechheiten der Männer wie den Gemeinheiten der Mädchen ausgesetzt ist. Daher vertraute ich ihr an, wer ich sei. Zum Glück war dies kein Fehler, nein, vielmehr ein rechtzeitiger kluger Entschluß. Lycisca wußte zwar nicht viel, doch immerhin etwas über die Quertreibereien des Polybius. Darum brachte sie mich in ein Haus, in dem ich für die Nacht sicherer war als im Palatium, sicherer auch, als wenn ich den Weg zum Palaste eingeschlagen hätte. Mir ahnte Gefahr, und ich hatte mich nicht geirrt. Denn gerade der mir erwiesene Dienst sollte der armen Lycisca zum Verhängnis werden, wie er auch mir selbst zum Verhängnis geworden wäre. Polybius muß meinen Aufenthalt irgendwie ausfindig gemacht haben. Er wollte mich durch Söldner der Stadtkohorte verhaften lassen. Diese Söldner aber waren bestochen. So fand man in der Morgenfrühe statt meiner die arme, unglückliche Hetäre ermordet auf der Straße liegen.« Mühsam erhob sich Claudius, wankte gebrochen auf Messalina zu und streichelte mit irren Fingern ihren Arm. »Du beinahe tot – du – du!« ächzte er. »Ich werde furchtbare Rache nehmen.« »Das erwarte ich von dir!« bekannte Messalina fest. »Es besteht kein Zweifel: indem man mich zu beseitigen suchte, wollte man dich deiner treuesten Freundin berauben, die mit offenen, unbeirrbaren Augen und ohne allen Egoismus über deine Sicherheit wacht. Standest du dann erst allein und verlassen aus der Welt, umgeben nur von Kreaturen, die dich und deine Herzensgüte, deinen Glauben an den Wert des Menschen ausbeuteten, dann war es ein Leichtes, dir das furchtbare Schicksal des unseligen Caligula zu bereiten.« Claudius weinte jetzt laut vor Aufregung und Angst. Zusammenhanglos zeternd, erhob er sich und umarmte Messalina, hilflosen Dankes voll. Er war nun so feig um sein Leben besorgt, daß er sich nicht ohne sichere Begleitung nach den von ihm bewohnten Gemächern im Palatium zurückwagte. Die Kaiserin mußte Soldaten der prätorianischen Leibwache rufen lassen. Dann verabschiedete er sich mit dem kläglichen Versprechen, niemals einer fremden Einflüsterung noch einer Verdächtigung Messalinas zu glauben, sondern sich stets bei ihr selbst Aufklärung zu holen. Auf schriftlichem Wege unterrichtete Claudius den Senat von dem Anschlage gegen das Leben der Kaiserin, und von der Absicht des aus dem Palatium verschwundenen Freigelassenen Polybius, mit einem Morde an Messalina einen neuen Cäsarenmord einzuleiten. Auf das eifrigste nahm der Senat sich der Sache an. Man machte den Centurio und die beiden Söldner der Stadtkohorte ausfindig. Die drei Männer bestätigten, die Weisungen des Griechen hätten keinen Zweifel darüber gelassen, daß die aus dem Lupanar zu holende Person zu beseitigen sei. Einhellig sagten sie aus, die als Lycisca bezeichnete Dirne wäre ihnen von Polybius als staatsgefährlich geschildert worden, und darum hätten sie nicht gesäumt, ihrer stillschweigenden Pflicht nachzukommen. Diese Aussagen bekräftigten die geschickt ersonnene Aussage der Kaiserin. Damit war das Todesurteil über Polybius gesprochen. Doch man fand ihn nirgends in Rom. Als Narzissus durch den Cäsar selbst von der Angelegenheit erfuhr, als er hörte, daß Messalinas Anklage den Freund so schwer verdächtigt hatte, ließ er sie sofort um eine Unterredung bitten. Er ahnte, daß die Kaiserin andere Beweggründe getrieben hatten, Polybius aus dem Wege zu räumen. Hatte sie den unbequem gewordenen Geliebten mundtot machen wollen? Er wußte, daß der sonst so kluge und vorsichtige Freund engeren Verkehr mit Agrippina gepflogen hatte. Eine andeutende Warnung hatte Polybius mit Stillschweigen hingenommen, sich aber seitdem von Pallas und Callistus, wie auch von ihm selbst zurückgezogen und so die bis dahin getreulich gepflegte und erprobte Freundschaft gelockert. Die Unterredung mit Messalina verlief zunächst stürmisch, lenkte dann aber durch das gemessene Verhalten des Griechen in ruhigere Bahnen. Äußerst lebhaft verwahrte die Kaiserin sich gegen die Anschuldigung, sie hätte Polybius nur aus Rache verdächtigt, weil er die Beziehungen zu ihr gelöst habe. Sie blieb bei der Behauptung, sie habe die Spuren einer Verschwörung entdeckt. Selbst der durchtriebene Narzissus zweifelte zuletzt nicht mehr an der Wahrheit ihrer Versicherungen. Denn Messalina hielt ihm vor – was er natürlich selbst wußte, aber leugnete – daß der unselige Mensch sich mit der Ränkespinnerin Agrippina eingelassen hatte. »Mit der Verurteilung des Meuchelmörders ist es nicht getan,« rief Messalina, erbittert durch seinen Widerstand. »Mit wem als mit dir, Narzissus, und deinen beiden Landsleuten hat er zusammengehalten? Seid nicht auch ihr verdächtig? Solltet ihr nicht um die Absicht eures Freundes gewußt haben? Verlaß dich darauf, ich werde nicht rasten, bis alles aufgehellt ist. Ihr kennt meinen Einfluß auf den Cäsar zur Genüge. Ihr habt allesamt euch oft genug dieses Einflusses bedient. Ich habe dem Kaiser bewiesen, wie treu ich zu ihm stehe. Es bedarf also nur eines Wortes, und auch eure Köpfe sitzen nicht mehr fest auf den Schultern.« Narzissus gab sich geschlagen, wenn auch voll stillen Ingrimms. Er erkannte, daß er und die Gefährten das Spiel verloren hatten. Diese verbuhlte, lange gegängelte Frau war plötzlich eine lichterlohe Gefahr geworden. Eine Flamme, die der Obhut entronnen war. Diese Frau war um so gefährlicher, als sie Geheimnisse zu hüten hatte und kein Mittel scheuen würde, sich gegen den Verrat dieser Geheimnisse zu schützen. Er wollte schon den Freund preisgeben, indem er dessen Verkehr mit Agrippina zugab. Doch im letzten Augenblicke noch hielt er die ihm auf den Lippen schwebenden Worte zurück. Dieses raffinierte Geschöpf, diese unfehlbar kombinierende Kaiserin konnte ihm und seinen Gefährten einen Strick drehen aus dem Bekenntnis, daß er und die Freunde verschwiegen hatten, was im Hause der Verschwörerin Agrippina vorgegangen war. Rasch und gewandt griff er zu der Rolle des beleidigten Geliebten von einst. »Daß du an meiner Treue zweifeln konntest, hohe Frau, betrübt mich schmerzlich!« bedauerte er im Tone tiefster Erschütterung über die Anklagen Messalinas. »Zwingt nicht die Tatsache, daß du mich einst liebtest, mich zum Schweigen wie zur Dankbarkeit? Meinst du, ich wüßte nicht, daß man die griechische Treue lästert? Leider muß ich zugeben, daß Polybius nun Anlaß gab, auch deinen Glauben an diese Treue schwankend zu machen. Was ihn zu seinem Tun bewog, bleibt wohl unerforschbares Rätsel. Eine Verirrung gewiß, die vielleicht durch die Überlastung seines Geistes mit den Ansprüchen seiner Ämter und seiner hochfliegenden Pläne zu entschuldigen wäre.« Da sie beharrlich schwieg, fuhr er unsicherer fort: »Du tust recht nachzuspüren, wohin die von ihm gesponnenen Fäden einer – wie du es nennst – Verschwörung führen. Deine Nachforschung wird dich zu der Überzeugung bringen, daß weder Callistus und Pallas noch auch ich von unsres mißleiteten Freundes Absichten wußten.« Sie lächelte kalt und schwieg. Da hielt er eine kleine Drohung für geboten. »Vor allem, Herrin, aber wisse: was uns auch von dem bekannt ist, was du lieber verschwiegen haben möchtest – es ist bei Freunden aufbewahrt.« Sie lächelte noch immer ein unheimliches undeutbares Sphinxlächeln. Er unterdrückte seine Wut. Er fühlte sich gedemütigt unter diesem Lächeln. »Natürlich«, gestand er zu, »schweigen wir auch, weil wir deiner bedürfen, den Kaiser zu lenken und durch ihn den römischen Staat zu regieren.« Mit biederer Miene bot er ihr die Hand. »Nimm durch Handschlag die Bekräftigung eines Bundes zwischen dir und uns. Du bist klug genug, hohe Frau, einzusehen, daß wir die Treue wahren werden, weil wir – nein, weil Rom deiner bedarf.« »Ich bin auch klug genug einzusehen, daß ich in euern Händen bin, wenn ich mich euch verbünde,« sagte Messalina endlich spöttisch. »Nicht Wohlwollen zwingt dich, mir die Hand zu bieten, sondern die Furcht vor mir.« »Ich leugne es nicht!« nickte Narzissus. Er kannte den seltsamen und eigenwilligen Charakter dieser Frau und wußte, daß volle Offenheit tiefen Eindruck auf sie machen würde. »Nachdem wir gesehen haben, daß du Polybius nicht schontest, dürfen auch wir keine Schonung erwarten, falls einer von uns dir Gelegenheit zum Zorne gibt. Es ist nicht der Ratgeber des Cäsars, es ist dein Freund Narzissus, der dir beratend eingesteht: Ja, wir fürchten dich! Aber gerade deshalb rate ich dir, dich uns zu verbünden. Denn müssen wir dich fürchten, müssen wir auch deine Feinde sein. Feinde aber sind immer eine Gefahr, Messalina! Immer!« Er hob nachdrücklich warnend die Hand. »Ist es daher nicht klüger, wir schließen einen Freundschaftspakt? Das würde uns Griechen zu offenem Spiele verpflichten – freilich auch dich.« Messalina überlegte lange. Die Kunst der Überredung war eine der stärksten Gaben des schönen Mannes Narzissus. Seine tiefe, melodische Stimme nahm sie gefangen wie einst, als ihr eindrucksvoller Klang noch die trauten Zärtlichkeiten des Herzensfreundes süß zu raunen verstand. Auch schien einleuchtend, was er vorschlug. Sie sah ihn prüfend an, ihre klaren Augen durchforschten sein Antlitz. Es schien ihr, als begegne ihr Offenheit und Lauterkeit in seinen geistvollen Zügen. »Bist du ehrlich in diesem Augenblicke, Narzissus?« fragte sie verhalten. »Nicht nur in diesem Augenblicke, Messalina,« gab er zurück und beugte sich auf ihre Hand. Ein kurzes, leidenschaftliches Aufwallen schlug in der Kaiserin hoch, als sie die heißen Lippen des Mannes auf ihren Fingern spürte. Sie strich sanft über seine dunkeln Haare und seufzte, die Augen schließend und erschauernd in der Erinnerung an die Stunden, in denen er ihr ein Glück gewesen war, ein Glück, in dem es kein Besinnen gab, nichts als Jauchzen heißen Blutes. Blick brannte in Blick, dann Mund auf Mund, und aufgescheuchtes Verlangen flammte zusammen. Als Narzissus die Gemächer der Kaiserin verließ, nahm er zum zweiten Male das Bewußtsein mit, daß die Kaiserin weit mehr in seiner Hand war als er in der ihren. Eine Stunde gegenseitigen Angehörens hatte das Bündnis unlöslicher bekräftigt als Wort und Handschlag. Ja, diese Frau war ein schäumender Trank, der berauschen mußte, weil man ihn nicht Schluck für Schluck, nein, nur in bacchischem Hinabstürzen genießen konnte. Er betrat das Arbeitsgemach des Cäsars – und fand den braven Claudius in läppischem Getändel mit seinen Freundinnen Calpurnia und Cleopatra. Bei diesen freundlichen Mädchen ohne Ansprüche vergaß der alte Herr seine Angst vor der Verschwörung gegen sein Leben und gegen das Principat. Mit kindischem Scherze scheuchte der Kaiser die beiden Freundinnen aus dem Raume. »Du solltest dich doch lieber jedesmal überzeugen, ob du mich nicht störst,« belehrte er mit listigem Blinzeln Narzissus, der mit unbeweglicher Miene vor ihm stand. »Ich komme von der Kaiserin,« sagte der Grieche, ohne auf die Ermahnung einzugehen. »Nun – und –?« Die Angst packte ihn jählings wieder. »Wir haben ihr viel zu danken. An der Schuld des ungetreuen Polybius kann leider kein Zweifel sein.« Der Kaiser wurde käsig-grün. »Schicke mir Catonius Justus, den Befehlshaber meiner Leibwache,« bat er mit röchelnder Stimme. »Oder besser, triff du selbst die Anordnung, daß man die Wachen um mich verstärkt.« »Sei ohne Sorge, Gebieter,« entgegnete Narzissus. »Die Prätorianer sind dir treu und stehen wie Mauern von Erz um dich. Außerdem gab mir die Unterredung mit der Kaiserin die Gewißheit, daß keinerlei Verschwörung – sei sie welcher Art auch immer – bis in den Palast vordrang. Ja sie dürfte nicht einmal bis zu den Toren des Palatiums reichen.« »Und der Senat?« forschte der Kaiser eindringlich. Narzissus machte eine weit ablehnende Gebärde. »Der Senat ehrt dich wie einen Gott, ihm darfst du ohne Bedenken trauen. Einmütig ist er der Überzeugung, du wärest das Glück Roms.« »Dann kann ich endlich aufatmen,« seufzte Claudius ein wenig beruhigt. »Du und die Kaiserin, Ihr seid mein Halt und mein Hort. Besprich nur alles mit ihr. Ich werde ihr raten, dich zu jeder Stunde zu empfangen.« »Es wird der hohen Frau erwünscht sein – nicht weniger mir,« versicherte Narzissus in tiefem Ernste. Es fiel ihm nicht leicht, das zweideutige Lächeln zu unterdrücken. »Und sonst liegt nichts Erörternswertes vor?« Als der Grieche verneint hatte, bat Claudius: »Dann sende mir Calpurnia und Cleopatra wieder herein! Ich war so in Sorge – sie haben ein bewunderungswürdiges Talent, mich aufzuheitern.« Narzissus verneigte sich und ging. Er kam diesem Auftrage nur zu gern nach. Solange der Kaiser Bücher schrieb, Historie und Recht studierte und sich mit Mätressen vergnügte, war Messalina die vernachlässigte, trostbedürftige Frau. Und vor allem: so lange überließ der würdige Princeps es seinen Ratgebern, an seiner Statt den Geist Griechenlands über Rom walten zu lassen. – 9 Vom Vicus Patrius zweigte rechts eine kaum drei Schritt breite Gasse ab, die einen Durchgang nach dem Clivus Suburanus bildete. Zu beiden Seiten dieser Gasse standen alte, muffige Häuser mit oft so niedrigen Dächern, daß man nur gebückt durch ihre Türen schreiten konnte. Aber es war hell in der Gasse, da das Sonnenlicht ungehindert Zutritt fand. Hier spielte mit frohem Lärme eine Kinderschar und unterbrach das muntere, laute Treiben nur, wenn aus einer der Haustüren ein schlampiges Weib trat und mit keifender Stimme Ruhe gebot. Doch die Mahnung hielt nie lange vor. Kaum zwei Minuten später schrillte das Jauchzen der Spielenden wieder auf. Jetzt aber unterbrachen die Kleinen ihr wichtiges Unternehmen. Sie wandten ihre Neugier einem seltenen Anblick zu. Ein fremder Mann durchschritt langsam die Gasse. Gehörte es an sich schon zur Seltenheit, daß jemand den Durchgang als Weg wählte, so fiel dieser Mann in der armseligen Gegend noch mehr durch seine reiche Kleidung auf. Seine Tunika sowohl wie seine Toga waren aus feinem, blendend weißem Wollstoffe und von tadelloser Sauberkeit. Sicherlich gehörte er den obersten Ständen an. Obwohl er Haus um Haus musterte und seine Aufmerksamkeit darauf richtete, ein bestimmtes Gebäude herauszufinden, vergaß er doch nicht darauf zu achten, daß sein rechter Arm, der guten Sitte gemäß, stets von der Toga verdeckt blieb. Endlich hielt er kopfschüttelnd an. Ein Zug von Ungeduld huschte über sein rundes, kluges Gesicht, in dem zwischen tiefen Falten die feisten Wangen wie Polster ruhten. Die gefurchte Stirn über der ziemlich kleinen Nase faltete sich noch reicher. Aus den seltsam klaren Augen sah ein tiefer Geist hervor, und um die genießerisch aufgeworfenen Lippen lagen die starken Falten des Grüblers. In stillem Ärger die Luft ausstoßend, fuhr der Fremde sich nervös über den völlig kahlen, seltsam gebuckelten Schädel. Er sah die Gasse aufwärts und abwärts und verbarg seinen Widerwillen nicht, zum Betreten solch schmutziger und armseliger Gegend genötigt zu sein. Gerade wollte er sich mit einer Frage an die ihn stumm bestaunenden Kinder wenden, als aus der Tür eines etwas in die Gasse vorspringenden und reinlicheren Hauses ein junges Mädchen trat. Sofort veränderte sich das Gesicht des Mannes. Er gab seine ärgerlich würdevolle Haltung preis, kniff die Lippen enger und betrachtete die jugendliche Erscheinung mit dem Schmunzeln des verwöhnten Genießers. Das war ein erfreulicher, unverhoffter Anblick in dieser Armseligkeit ringsum! Bei der jungfräulichen Diana, das war ein Anblick! Das kaum gereifte Mädchen trug nichts als eine längst zu kurz gewordene Tunika. Die gutgewachsenen Beine waren bis weit hinauf zum zierlich starken Oberschenkel sichtbar. Nur ein schmaler Streifen hielt das ärmellose Gewand auf den Schultern, so daß die sanft gerundeten Achseln und die zartgeformten Arme sichtbar blieben. Ein Stück wollener Litze, die früher einmal rot gefärbt gewesen sein mochte, umspannte die Mitte des jugendlichen Oberkörpers und gab nicht nur dem jungen, kleinen Busen Halt, sondern zeichnete ihn auch scharf ab unter dem dünnen, abgetragenen, verblaßt blauen Stoffe. Nachdem der Fremde den ebenso lieblichen wie verführerischen Anblick des Mädchens eingehend genossen hatte, ging er auf sie zu. Sonderbar beschwingte sich der Schritt des längst gealterten Mannes. Es war, als hätte die Anmut der jugendlichen Gestalt auch ihn selbst verjüngt. Er trat an das Mädchen heran und legte wie in väterlichem Wohlwollen seine welke Hand auf die Wölbung der warmen, glatten Schulter. Langsam an dem nackten Arme niederstreichelnd, grinste er die Kleine mit lüsternem Blicke an. »Auch in der Gosse kann man einen Diamanten finden,« sagte er in jenem übertrieben liebenswürdigen Tone, mit dem er den vornehmen Damen seiner Gesellschaftsklasse eine Schmeichelei zuzuflüstern pflegte. »Doch, mein schönes Kind, ich suche vergeblich nach dem Hause des Seilers Cotys. Weißt du wohl, welches es ist in dieser winkligen Gasse?« Mit einer scheinbar unbeabsichtigt leichten Bewegung entzog die Kleine sich gewandt der Berührung des Mannes. Ihr Blick betrachtete ihn mißtrauisch unter den halbgesenkten Lidern hervor. »Du bist vor dem gesuchten Hause, Herr,« gab sie höflich Auskunft. »Es ist das meines Vaters. Doch wenn du einen Auftrag für ihn hast, mußt du ihn mir bestellen oder nach der Seilerbahn weit drüben auf dem Pagus Janiculensis gehen, wo er noch mit unserm neuen Gesellen arbeitet.« Wohlgefällig hatte der Alte dem niedlichen Stimmchen und der wohlerzogenen Sprechweise des Mädchens gelauscht. »Du bist eine Griechin, nicht wahr?« erkundigte er sich. Sie warf stolz den Kopf in den Nacken: »Wir rühmen uns freier griechischer Herkunft.« »Und wie ist dein Name?« »Man nennt mich Pelopea.« »Sieh da!« rief der Fremde unter einem meckernden, halblauten Lachen. »Hoffentlich bist du von besseren Sitten als deine Landsmännin Pelopea, die ihrem eigenen Vater einen Sohn gebar, der später den Agamemnon ermordete.« Er tätschelte wieder ihre bloße Schulter und schäkerte: »Doch da dein Vater Seiler ist, wird er sich wohl nicht selbst den Strick drehen mögen, sondern andern die Süße deines Körpers gönnen.« Zwar verstand Pelopea nicht völlig den Sinn dieser schmutzigen Andeutungen, doch sie errötete unwillkürlich. Ihre Augen blitzten zornig. Diesmal erwiderte sie nichts, sah nur mit abweisendem Hochmut in das Faunsgesicht des Mannes. Dann drehte sie sich kurz um und wollte ins Haus eilen. »Verweile,« bat der Alte, ihr nachhastend und einen Zipfel ihrer kurzen Tunika ergreifend. »Berühr mich nicht! Mir ekelt vor deiner Hand!« stieß Pelopea heftig hervor und trat mit dem Fuße nach dem Fremden. Lachend scherzte er: »Ah, die junge Stute schlägt aus! Nur zu! Nichts reizt den Gaumen mehr, als wenn junges Fleisch stark gepfeffert ist. Auch du wirst noch zahm werden, mein schönes Füllen.« Pelopea hatte Tränen in den Augen, als sie trotzig gebot: »Sag mir deinen Auftrag für meinen Vater und verlasse unser Haus.« Der Alte strich über sein Kinn. »Wegen eines Auftrages für deinen Vater komme ich nicht. Aber ich will dir ein Wort sagen, das vermutlich auch dir erklärt, wem mein Kommen gilt.« Er beugte sich ihr näher und flüsterte: »Lycisca.« »Du kennst die Losung, also folge mir,« antwortete Pelopea kurz und ging tiefer ins Haus hinein. Nach wenigen Schritten betrat sie einen schmalen finstern Gang und bat den Fremden, sich gleich ihr an der Wand entlangzutasten. Eine Sekunde blieb sie stehen, um zu lauschen, ob er ihr nachkäme. Da hörte sie auch schon sein erregtes Atmen dicht an ihrem Ohr. Im nächsten Augenblick fühlte sie sich umschlungen und spürte den feuchten, vollen Mund auf ihren Lippen. Als der Mann sie wieder freigab, stieß sie einen Schrei des Ekels aus und wehrte sich mit ihrer jungen Kraft gegen die Frechheit seiner Zudringlichkeit. Da erhellte sich plötzlich der Gang, an dessen Ende ein schwerer Türvorhang zurückgeschlagen worden war. »Was gibt es?« fragte eine Männerstimme. Dem Mädchen war es gelungen, sich aus der Umarmung des Alten zu befreien. Sie schlüpfte unter seinem Arm hindurch, versetzte ihm einen Stoß in die Seite und flüchtete den Weg zurück. Der Fremde taumelte ungewollt der Helle entgegen. »Fürwahr, dein Besuch beginnt nicht deiner philosophischen Ruhe und Würde entsprechend, Freund Seneca,« lachte Polybius, indem er den Stolpernden auffing. Seneca rieb sich ächzend die Seite. »Beim Herkules, wer hätte der spröden Nymphe solch eine Faust zugetraut!« »In den Winkeln der Armut ist die holde Weiblichkeit nicht so zugänglich wie im Glanze des Palatiums,« belehrte der Grieche. Er schritt voran in das notdürftig ausgestattete Gemach. Es empfing sein karges Licht durch eine schräge Dachluke, die mit einer außen angebrachten, jetzt geöffneten Klappe verschließbar war. Seneca sah sich kopfschüttelnd in der Stube um und nahm, da eine andere Sitzgelegenheit fehlte, auf der ärmlichen Lagerstatt Platz. Für sich selbst zog der Grieche ein wackeliges Dreibein herbei. »Hier also hausest du seit Wochen nach aller Bequemlichkeit und Pracht deiner Gemächer im Palatium und deines Landhauses auf dem esquilinischen Hügel?« nahm Seneca erstaunt die Unterhaltung auf. »Lerne, o Philosoph, daß der Wille zum Leben stärker ist als die Liebe zur Bequemlichkeit,« belehrte Polybius lächelnd. »Hoffe nicht, daß ich dir günstige Nachrichten bringe,« bedauerte Seneca. »Der von dir so sehnlich erwartete Umsturz in der Regierung steht noch in weiter, weiter Ferne. Claudius sitzt fest im Sattel. Und deine drei Freunde Narzissus, Pallas und Callistus bemühen sich, dieses Principat zu einem der segensreichsten für Rom zu gestalten.« »Sie handeln damit in meinem Sinne,« lobte Polybius ruhig. »Das schlösse allerdings nicht aus, daß meine Freunde auch unter einem andern Princeps das Gleiche täten.« Nach kurzem Schweigen setzte er, traurig aufseufzend, hinzu: »Narzissus und Pallas haben anscheinend die Freundschaft für den Freund vergessen, wie auch die Dankbarkeit gegen den Mann, der sie aus dem Nichts hervorzog. Von Callistus freilich verlange ich nichts – er war eine Kreatur des Cäsars Caligula und wandelte sich mit erstaunlicher Geschmeidigkeit zu einer Kreatur des Imperators Claudius.« »Vielmehr zu einer Kreatur deiner beiden Freunde,« verbesserte Seneca. »Denn ohne sie wäre er nach deinem Verschwinden von der Höhe in das Nichts versunken.« »Und Agrippinas Pläne?« fragte Polybius plötzlich lebhaft. Seneca zuckte die Achseln. »Trotz des riesigen Vermögens, das sie von ihrem Gatten Passienus erbte, glückt es ihr nicht, eine Partei gegen den Cäsar zu bilden. Man ist in Rom mit seiner Regierung zufrieden und freut sich der Ruhe, die sie in alle Kreise des Volkes trug. Auch ist Messalinas Einfluß weit stärker als der ihre. Deine Freunde stehen zur Kaiserin. Narzissus ist bei ihr sogar wieder in besonderer Gunst, nachdem ihr die Freude an Seitensprüngen durch den Mord an Lycisca vergällt wurde. Und deine Freunde sind vorsichtig geworden, seit sie aus dem über dich verhängten Todesurteil gelernt haben, was diese listige Frau durchzusetzen vermag.« »Ich hätte es nicht mit ihr verderben sollen,« bedachte trübsinnig der Grieche. »Sonderbar, daß gerade ich selbst das tat, wovor ich meine Freunde immer wieder gewarnt habe: sich gegen Messalina zu kehren.« Er grübelte eine Weile stumm vor sich hin, ehe er grollte: »Ich habe von Agrippina mehr Tatkraft erwartet.« »Sie sucht der List mit List zu begegnen. Das erfordert immer ein geduldiges Spiel im verborgenen. Schließlich führt ja auch das einmal zum Ziele. Zur Zeit verleitet sie durch einen geradezu phantastischen Aufwand Messalina zu gewaltigen Ausgaben, sie finanziell zu ruinieren und in die Hände von Wucherern zu treiben. Damit hofft sie, den Sturz der Kaiserin herbeizuführen. An ihren Sturz durch finanzielle Verlegenheiten, glaube ich persönlich freilich nicht recht. Doch zu peinlichen Verwickelungen für Messalina mögen sie immerhin führen.« »Jedenfalls führen mich derlei Wege nicht zur ersehnten Freiheit,« klagte Polybius. Seneca nickte philosophisch gelassen. »Kaum. Die Freiheit kannst du nur erlangen, wenn es glückt, die Kaiserin aus dem Leben des Cäsars zu verdrängen.« »Und das ist so schwierig?« verzweifelte der Grieche erregt. »Sogar kühne Mittel versagen,« versicherte Seneca. »Daß die Natur selbst eingreift, um Agrippinas Pläne zu verwirklichen, steht nicht zu erwarten. Claudius ist alt, aber von zäher Gesundheit geworden, seitdem er als Kaiser sich zu pflegen vermag. Daß deine Landsleute dir helfen, ist eine eitle Hoffnung. Sie sind ebensosehr dem Einflusse Messalinas untertan, wie Messalina selbst von ihnen beherrscht wird. Eine höchst eigenartige, sehr interessante Wechselwirkung! Es reibt hier weder hart auf hart, noch hart auf weich. Dasselbe Wasser treibt zwei Mühlen zugleich, und jedem der Müller wird sein Korn gemahlen, da es dem einen nie gelingt, dem andern das Wasser abzugraben. Hier findet das Wort, das ich von Epicharmos übernahm, volle Geltung: eine Hand wäscht die andre.« Polybius versank in düsteres Schweigen. Seneca suchte ihn zu trösten. »Agrippina gewinnt freilich täglich an Ansehen,« hob er wieder an. »Sie genießt bei der breiten Masse des Volkes mehr Sympathien als die Kaiserin. Man kennt nur eine glückliche Messalina, die in Pracht, Wohlleben und neuerdings auch in der Liebe schwelgt. An ihr haftet also nichts, was das Mitleid der Plebs erregen könnte. Anders Agrippina. Man sah sie mit wenigen zerlumpten treuen Dienern im Trauergewande durch Rom pilgern und die Aschenurne eines teuern, wirklich tiefbetrauerten und auch vom Volke bedauerten Toten schleppen. Dieses Bild ist dem Volke unvergeßlich geblieben.« Polybius nickte vor sich hin. »Die schlaue Rechnerin! Der Eindruck war dem Cäsar Caligula zugedacht und wirkte zugleich nach allen Seiten.« »Ferner ist die Liebe der Mutter zu ihrem Sohne Nero sprichwörtlich in Rom,« fuhr der Philosoph fort, »während Messalina sich nur wenig um den Thronerben Britannicus kümmert, mit dem sie den wackern Claudius beglückte. Darauf nun baute Agrippina einen Plan. Einen Plan, dessen Wirkung selbstverständlich nur auf das ebenso leicht- wie abergläubische Volk berechnet war. Agrippina ließ im Bettchen Neros eine Schlangenhaut finden. Als alle möglichen Menschen sich von dieser Tatsache überzeugt hatten, ließ die schlaue Rechnerin – wie du sie nennst – durch einen erkauften Mann, dessen rechtzeitige Flucht man natürlich glücken ließ, die Schauermär verbreiten, er sei von Messalina zur Ermordung Neros gedungen worden. Doch als er die Waffe gegen den schlafenden Knaben zückte, habe ihn eine aus den Kissen sich aufbäumende Schlange verscheucht.« »Das sollte vermutlich ein Zeugnis sein für die göttliche Abstammung des Kleinen,« warf Polybius ein. »Natürlich. Doch auch ein Zeugnis, daß Nero auf Grund seiner göttlichen Abstammung weit mehr als Messalinas nur allzu erdgeborenes Söhnchen Britannicus dereinst berufen sei, den Sessel des Imperators einzunehmen. Sie arbeitet auf lange Sicht, die ehrgeizige Agrippina. Das Volk glaubt an diesen ebenso verwunderlichen wie kindlich legendenhaften Unsinn und schwört auf dessen Wahrheit. Dennoch regt es sich noch nirgends gegen die angebliche Attentäterin Messalina.« »Immerhin hat Agrippina wohl erreicht, daß die ihr entgegengebrachten Sympathien neue Nahrung erhielten,« urteilte Polybius. »Allerdings. Aber die Kaiserin in ihrem unbekümmerten Lebensfrohsinn macht sich nichts daraus. Ihre Zuversicht zum Leben baut sich nicht auf derlei weit hergeholte Listen, die den Klugen im Palatium und in Rom bloß ein Lächeln abnötigen. Ihre Lebenszuversicht hat zum Fundamente nur den einen und allein richtigen Grundsatz: »Ich lebe – also lebe ich! Diesem Prinzip huldigt sie mit einer unbewußten Selbstverständlichkeit, die mir Bewunderung abnötigt. Sie wäre wahrlich der Freundschaft eines Seneca wert!« »Aber leider haßt sie dich,« höhnte Polybius. »Keineswegs persönlich,« stellte Seneca richtig. »Sie haßt in mir nur den moralisierenden Philosophen. Ich wagte einmal, sie auf ihren leichtfertigen Lebenswandel hinzuweisen. Dabei sagte ich, was das Gesetz nicht verbiete, verbiete bisweilen der Anstand. Sie ist nicht gescheit genug, den Sinn dieser Bemerkung zu erfassen. Sie hörte nur heraus, ich sähe in ihr eine unanständige Frau. Das verzieh sie mir nicht. Dabei unterscheide ich scharf zwischen Philosophie und Leben. Das eine ist eins und das andere etwas anderes. Ich bewundere die Kühnheit dieser leidenschaftlichen Frau. Denn ich weiß: nur den Mutigen leiten die Geschicke vorwärts, den Feigen schleifen sie hinter sich her.« Polybius achtete nicht auf des Gelehrten Geschwätz. »Agrippina errang also einen Vorteil über die Kaiserin,« rief er. Nur das interessierte ihn. Dann schalt er erbittert. »Und dennoch nützt sie ihn nicht aus?! Warum wagt sie sich nicht weiter vor, nachdem die hübsche Schlangengeschichte Eindruck gemacht hatte?« »Weil Messalina zu der Angelegenheit schweigt,« erklärte überlegen der Philosoph. »Sie reizt den Zorn des Volkes nicht durch Entgegnung oder Verteidigung. Sie kennt den alten Erfahrungssatz, daß aller Zorn verraucht, sofern man ihm nicht Nahrung reicht. Agrippina aber tat einen Schritt weiter. Sie ließ die Schlangenhaut in Gold fassen und hängte sie dem Knaben als Amulett um den Hals, damit jeder nach dessen Bedeutung frage. Nur leider, die wenigsten fragen. Und so verstummte die Legende fast völlig.« Gequält schrie Polybius auf: »Wie lange soll ich hier noch schmachten zwischen Leben und Tod?! Wie lange wird Messalina ihr ruchloses Treiben noch fortsetzen?!« Seneca zog langsam die Schultern hoch. »Nicht immer werden Festtage für sie sein. Aber sie weiß die festlichen Tage klüglich zu nutzen. Das Ende ist schwer abzusehen. Sie lernte durch das Leben. Und, mein Lieber, es gibt keinen besseren Lehrmeister. Daher erscheint sie uns vom Glücke begünstigt, scheint sie dem Glücke zuzuschreiten. Doch auch der Weg dem Glücke entgegen ist nicht frei von Steinen, über die der Fuß strauchelt, nicht frei von Gruben, in die man unbeabsichtigt treten kann, um schließlich doch zu stürzen.« Polybius erhob sich mißmutig. »Also um mir eine Schlangenlegende zu erzählen, um mir mit sentenziösen Redensarten aufzuwarten, bist du gekommen?!« »Ich kam vor allem aus Neugier zu sehen, wie der lebendige Tote oder der tote Lebendige eigentlich lebt,« gestand der Philosoph freimütig und sah sich in dem ärmlichen, dürftigen, halbhellen Gemache um. »Ich finde dich in Armut, doch in Sicherheit. Kein Häscher des Claudius oder der Messalina vermutet dich hier. Dessen bist du um so gewisser, als man glaubt, du hättest Selbstmord begangen. Doch ich kam auch in der Absicht, dir durch den Besuch eines verschwiegenen Freundes Trost zu spenden und dich zur Geduld zu ermahnen. Das Gleiche läßt dir Agrippina sagen.« »Statt der Tat leere Worte!« schnaubte der Grieche. »Diese Frau hat mich tief enttäuscht. Auf ihren Erfolg hatte ich meine Zukunft gebaut!« »Erbaue dich an der Glorie deiner Landsleute,« tröstete Seneca den Entmutigten etwas vag. »Sie verstehen es, die menschlichen Schwächen ihrer Umgebung wundervoll auszubeuten. Was Rom euerm Vaterlande und euch als Männern nahm, gewinnen sie zurück oder rächen sie wenigstens. Daß ein römischer Kaiser dabei zur Rolle der leblosen Gliederpuppe verurteilt ist, das laß deinen Trost sein. Daß sie die Kaiserin bei diesem Spiele zur Helferin zwangen, sollte diesen Trost verstärken für dich, der du ein Grieche und ein von Rom Vergewaltigter bist. Dein Triumph über Rom ist vorläufig zwar in Trauer gehüllt. Doch Freude bleibt Freude, auch wenn sie unter Tränen lächelt.« Der Grieche schüttelte, wenig freudig, das Haupt. Da drückte Seneca dem Schweigenden die Hand und fragte: »Was soll ich Agrippina ausrichten?« »Nichts,« antwortete Polybius zürnend kurz. »Schade,« bedauerte der Römer. »Ich hätte ihr gern recht viel berichtet, denn – – nun ja, man ist Mensch! Ich verweile gern in ihrem Hause. Die hübsche Livilla zieht mich an. Und ich möchte nicht, daß Agrippina die wahre Ursache meiner häufigen Besuche entdeckt. Ich muß daher Teilnahme an ihren ehrgeizigen Plänen zum Sturze der Kaiserin heucheln.« Polybius verglich im stillen die Angejahrtheit des Philosophen mit der frischen Schönheit der Julia Livilla. Seneca bemerkte den Blick. »Du wunderst dich,« sagte er lächelnd. »Die bedauernswerte Livilla gestand mir, daß Agrippina sie zwingen wollte, mit dem wackern Claudius zu liebäugeln. Sie rettete sich in meine Arme. Jawohl, Freund, in meine schützenden Arme. Es ist mir gelungen, Agrippina zu überzeugen, daß es ein Fehler wäre, Livilla diesem alten Jammerlappen von Kaiser hinzuwerfen.« Er zog die Luft durch die genießerisch gespitzten Lippen und lächelte hämisch: »Im übrigen, da wir gerade von hübschen Mädchen sprechen, die Tochter deines gastfreundlichen Beschützers, jene Pelopea, ist es schon wert, daß ich dir öfter einmal Gesellschaft leiste.« »Ich warne dich vor dem Seiler Cotys,« entgegnete Polybius ernst. »Er ist nicht der Mann, geduldig zuzusehen, wie seine Tochter von einem Vornehmen belästigt wird. Cotys ist ein Freigeborener gleich dir. Auch ist Pelopea fast noch ein Kind und wird den Zärtlichkeiten eines Mannes in deinen Jahren kaum Geschmack abgewinnen.« »Pah – um geliebt zu werden, braucht man nur zu lieben,« belehrte der Philosoph. »Das ist die Moral des Mannes, der allen andern Menschen Moral predigt und öffentlich lehrt, reich sei nur, wer arm an Begierden!« warf Polybius spöttisch hin. »Es ist allgemein menschlich, bloß die Fehler unsrer Mitmenschen zu sehen, gegen die eigenen Fehler aber uns zu verschließen – unabsichtlich oder auch absichtlich. Und ich bin sehr menschlich,« bemerkte Seneca zynisch, »jedenfalls bin ich kein Kostverächter. Die Liebe aber ist ein Mahl, das oft desto besser mundet, je einfacher es zubereitet ist. Man schwelgt in Rom zuviel in weithergebrachten, raffinierten Leckerbissen. Da kann der bürgerliche Speltbrei des Quiriten schon einmal zum köstlichen Gaumenkitzel werden.« »Tu, was du willst, ich habe dich vor Cotys gewarnt,« erwiderte ärgerlich der Grieche. »Vergiß aber bitte nicht, daß eine Torheit von deiner Seite mein Versteck verraten könnte.« »Unbesorgt, dein Wohl geht mir schließlich über die Gelüste meines alternden Leibes,« versprach Seneca. Doch er konnte sich nicht enthalten hinzuzufügen: »Du verlangst allerdings von mir ein großes Opfer. Denn ich bin der Überzeugung, daß sich verjüngt, wer sich mit Jugend paart.« Er umarmte den verstummten Polybius und verließ das Gemach. Vorsichtig tastete er sich durch den finstern und engen Flur. Doch wenn er gehofft hatte, Pelopea nochmals zu sehen, so ward er enttäuscht. Die Kleine war geflüchtet, als sie das Nahen des Alten vernommen hatte. Hinter dem Türwinkel des Nachbarhauses hervor beobachtete sie, wie Seneca in würdiger Haltung die Gasse durchschritt. Doch wagte sie sich hervor, als zwei Männer den Durchgang betraten. Mit den leuchtenden Augen des kindlichen Weibes, das zum erstenmal die Neigung zu einem reifen Manne durchlebt, sah sie dem Gesellen des Vaters entgegen, der in Begleitung seines Meisters Cotys des Weges kam. Der Geselle war ein Mann von hohem Wuchse und stolzer Haltung, um mehr als Haupteslänge seinen griechischen Begleiter überragend. Ein ärmliches, sauberes Gewand umhüllte die kraftvollen Glieder. Rotblond wallte ihm der Bart auf die starkgewölbte Brust. Das lange Haupthaar trug der Hüne sonderbar frisiert. Ein Lederriemchen umschloß den auf dem Wirbel zusammengerafften Schopf, der wie ein goldleuchtender Busch vom Hinterhaupte niederhing. Auch dem Philosophen Seneca fiel die fremdartige Erscheinung auf. Er gewahrte, daß er einen Germanen vor sich hatte. Verwundert, einen Nordländer in dieser Gasse Roms zu sehen, blieb er einen Augenblick stehen und blickte den beiden Männern nach. »Sieh dich nicht nach dem Togamanne um,« flüsterte Abalanda dem Seiler zu. »Ich kenne ihn, möchte aber nicht erkannt sein. Was mag er in dieser Handwerkergasse suchen?« Cotys senkte den Blick und schwieg. Er durfte dem ihm zum Freunde gewordenen Gesellen nicht gestehen, daß sich in seinem Hause ein Mann verborgen hielt, dem höchstwahrscheinlich der Besuch des vornehmen Römers gegolten hatte. »Dort steht Pelopea und freut sich, dir den Abendgruß zu bieten,« sagte er ablenkend. Abalanda nickte dem Mädchen freundlich entgegen, als sie jetzt kam und ihm die Hand bot. Er liebkoste die erglühenden Wangen ihres hübschen Gesichtchens und ließ seine Hand kurz auf ihrem gelockten Scheitel ruhen. Doch mehr als ein Kind sah er noch nicht in ihr. »Tritt bei uns ein,« bat Pelopea schüchtern. »Ich bin zu müde heute,« lehnte er ab. »Das lange Hinundherschreiten auf der Seilerbahn will erst gelernt sein.« Er verabschiedete sich vom Meister, dann ergriff er nochmals die Hand des fast weinenden, mit gesenktem Haupte trauernden Mädchens. »Sei nicht mißmutig,« bat er und legte freundschaftlich den Arm um ihre Schulter. »Morgen nach der Arbeit komme ich bestimmt zu euch. Dann erzähle ich auch wieder von meiner armen, wilden Heimat.« Pelopea war erblaßt unter seiner Vertraulichkeit. Einen Augenblick drängte sie sich fester in die Umschlingung. Dann entzog sie sich ihm rasch und eilte ins Haus. Abalanda schritt ein kurzes Stück weiter die Gasse hinauf. Dort bewohnte er ein billiges Mietsquartier. 10 Die gigantischen Pläne der Wasserleitung und des Hafenbaues zu Ostia brachten enorme Summen in Umlauf. Messalina merkte bald, daß von diesem Gelde Unsummen durch die Hände der Freigelassenen Narzissus, Pallas und Callistus liefen und an ihnen haften blieben. Ihre Vermögen wuchsen schnell. Das war unschwer zu erkennen an dem Luxus, mit dem die drei Griechen sich umgaben. Selbst der kaiserliche Hof konnte kaum noch mit ihren Haushaltungen wetteifern. Namentlich Narzissus tat sich unklug hervor, erwarb Gärten, Villen und Paläste und stattete sie mit einem künstlerischem Pomp aus, der bisher in Rom nicht geschaut worden war. Narzissus galt jetzt für den reichsten Mann in Rom. Man sagte von seinem Vermögen, es sei so gewaltig, daß es nicht mehr abzuschätzen sei. Auch Pallas hatte einiges hinter sich gebracht, wenn er auch nicht die unzählbaren Millionen seines Landsmannes besaß. Er war weniger geschäftstüchtig als Narzissus, vielleicht aber hatte er auch weniger Glück in seinen Spekulationen. So schlug er andere Wege ein, seinen Reichtum in die Höhe zu treiben. Bisweilen griff er dabei zu recht bedenklichen Mitteln, ließ aber jeder unsauberen Manipulation sofort irgendeine Großtat folgen, um derentwillen man ihm rasch verzieh. So hatte er jetzt ein Gesetz entworfen, das der Hebung der Sittlichkeit dienen und den üppig blühenden Umgang vornehmer Frauen mit ihren Sklaven unterbinden sollte. Das war Wasser auf die Mühle der Plebs! Ein Angriff gegen diese noblen Weiber, die glaubten, sich alles gestatten zu dürfen! Bravo! Das war einmal eine Tat! Und die armen Volksklassen priesen jubelnd den griechischen Ratgeber des Kaisers. Claudius, dessen Interesse an Rechtsfragen stets naiv rege war, begeisterte sich für den Gesetzentwurf. Er war mühelos dahin zu bringen, den Antrag in einer formvollendeten Rede vor dem Senate zu vertreten. Was Pallas erwartet hatte, traf ein: der Senat war im Handumdrehen gewonnen und billigte dem Griechen hohe Ehren zu für den Dienst, den er dem Staate abermals erwiesen hatte. Der Kaiser jedoch ging noch weiter – genau so weit, als Callistus und Narzissus es ihm vorschrieben. Beide nahmen sich des Gefährten Pallas freilich nur so fürsorglich an, weil sie dem Neide des weniger begüterten Kollegen vorbeugen wollten. So stellte denn Claudius, nicht ahnend, daß er nur fremder Einflüsterung Worte und Leben verlieh, mit wichtiger Miene den Antrag: der Senat möge Pallas als weitere Belohnung seiner Rechtlichkeit ein Geldgeschenk von fünf Millionen Sesterzien zusprechen. Auch das wurde bewilligt. Ganz Rom hallte wider von diesen großartigen Senatsbeschlüssen. Und nur die Einsichtigen durchschauten die Bereicherungswut dieser gefährlichen Hofkamarilla. Doch weil sie einsichtig waren, schwiegen sie. Denn kluge Leute wissen das kurze, einmalige Leben zu schätzen. Das niedere Volk aber ließ sich täuschen. Man verstand ihm vorzuspiegeln, daß die leitenden Staatsmänner den größten Teil der erworbenen Reichtümer der Menge zufließen liehen. Zunächst erinnerte man die Plebs klüglich an die perverse Gepflogenheit des irrsinnigen Caligula, Geldstücke und tödlich spitze Pfeile in die Menschenmassen zu werfen. Als diese Erinnerung genügend aufgerüttelt war, bereitete man Umzüge vor und gab bekannt, diese Veranstaltungen würden den Römern beweisen, welch gütiger Cäsar die Würde des Principates jetzt vertrete und von welchen wohltätigen Ratgebern des Imperators die Geschicke des Staates zum Heile der Welt und des römischen Volkes nun geleitet würden. Den Plan hatte diesmal Callistus entworfen. Freilich ahmte er mit ihm nur eine Idee jenes furchtbaren Protogenes nach, der, eine Kreatur Caligulas, der Erfinder der grausamen Wurfpfeile des wahnwitzigen Kaisers gewesen war. Wurfgeschosse anderer Art – so ließ man im Volke verbreiten – würden diesmal herniederregnen. Kaiser Claudius, die Kaiserin Messalina, Narzissus, Pallas und Callistus, ferner zwei hohe Würdenträger des Palatiums würden in je zwei der vierzehn Regionen Roms bestimmte Straßen in triumphartigen Umzügen durchfahren und Geschenke unter die Menge werfen. Tausende und Abertausende drängten und schoben sich in den an den Anschlagsäulen bekannt gegebenen Gassen. Doch wenn man Wagen voller Gaben erwartet hatte, sah man sich zunächst herb enttäuscht. Allerdings, das höfische Gepränge ließ der Schaulust der Römer nichts zu wünschen übrig. Doch man war nicht gekommen, nur zu sehen. Man war erschienen, zu empfangen. Mit geringer Freude und wenig Festesstimmung sah man von den kaiserlichen Wagen kleine leichte Holzkugeln aus die Köpfe der Harrenden niederrieseln – aus den eifrig spendenden Händen der jungen Kaiserin und der andern Vornehmen. Doch bald wurde aus dem dumpfen Grollen der Enttäuschung ein Sturm der Dankbarkeit. In die Holzkugeln eingebrannt entdeckte man kurze Anweisungen auf alle erdenklichen nützlichen Geschenke, die zur Verteilung aufgestapelt waren in gewaltigen, in den Kornhäusern untergebrachten Lagern. Das Volk war wiederum für lange Zeit beruhigt und zerbrach sich nicht länger den Kopf darüber, wohin der unermeßliche Goldstrom floß, der in wenige Hände rauschte. Man sah ja nun, wozu der Reichtum des Staates verwendet wurde! Dieser zufriedenen Stimmung gegenüber mußten vollends jene Tieferdenkenden verstummen, die in wort- und tatenlosem Unwillen den größten Teil der für die Staatsbauten der Wasserleitung und des Hafens bestimmten Gelder in die Taschen des griechischen Trifoliums verschwinden sahen. Zu diesen Erkenntnisreichen gehörte auch Messalina. Freilich blieb ihr das Wohl der Römer dabei gleichgültig. Sie ärgerte sich, daß ihr nur eine bestimmte, genau festgesetzte Summe zur Bestreitung ihres Aufwandes zur Verfügung stand. Was bedeutete diese Apanage gegen die Vermögen eines Pallas, Callistus oder gar eines Narzissus! Welcher Hohn war diese kümmerliche Abfindung gegen die Schätze, die Agrippina von Crispus Passienus geerbt hatte! Die Julierin lebte äußerlich weit kaiserlicher als die Gattin des Imperators. Wollte Messalina in verletzter Eitelkeit nicht hinter ihr zurückstehen, so mußte sie verschwenden. Verschwenden aber bedeutete Schulden machen. Sie tat es mit Talent. Dabei erwies es sich überraschend schnell, daß die Maßlosigkeit ihrer Ausgaben auch ihre Schulden lawinenartig anschwellen ließ. Sie mußte sich nach Einnahmequellen umsehen. Deshalb beschied sie eines Tages den wiedergewonnenen Freund Narzissus zu sich. Er, der mühelos Millionen auf Millionen häufte, dieses Kaufmannsgenie, mußte Rat wissen. Auf diesen Augenblick hatte das griechische Dreigestirn nur gewartet. Scharfäugig hatten sie dem sinnlosen Vergeuden der Kaiserin zugesehen. Sie lauerten auf eine neue Gelegenheit, die Gattin des Cäsars von einer anderen Seite her unter den Einfluß der wahren Regenten des römischen Reiches zu beugen. Narzissus hörte zunächst schweigend die Klagen Messalinas an, die sich in lebhaften Vorstellungen über den unhaltbaren Zustand erging, daß eine Verwandte des kaiserlichen Hauses, Agrippina, weit mehr Prunk entfalten könne als die höchste Frau im Staate. »Ich fühle, nein, ich sehe vielmehr, wie ich nach und nach an Ansehen verliere,« schalt Messalina aufgebracht. »Man blickt über die zur Bescheidenheit gezwungene Kaiserin hinweg und erweist der Nichte des Imperators Aufmerksamkeiten, weil sie mit einem Pomp auftritt, gegen den ich vergeblich kämpfte. Ich bin in diesem Kampfe unterlegen! Ist es nicht ein Schimpf ohnegleichen, wenn mein Hofmeister mir heute eröffnet, daß ich in einem Zeitraum von nur vier Monaten schon den mir für dieses Jahr ausgesetzten Betrag erschöpft habe?! Was soll ich anfangen?! Soll ich zwei Drittel des Jahres betteln gehen?!« Sie schritt erregt auf und nieder. Ihr Gewand rauschte. »Ich hörte zu meinem Staunen, du wärest grausam geworden, Gebieterin,« warf Narzissus gleichmütig ein. »Du ließest deinen Hofmeister für seine üble Nachricht mit dem Leben büßen.« Messalina blieb stehen, wandte sich dem Griechen zu und warf heftig den Kopf zurück. Eine Hitze strömte von ihr aus. »Das tat ich,« rief sie trotzig, »inmitten vieler Greuel blieb ich lange genug geduldig. Nun habe ich gelernt, Furcht zu verbreiten. Ich hoffe, man merkt sich die Lehre allerseits.« Etwas ruhiger fragte sie dann: »Was habe ich von dir zu erwarten?« Narzissus lächelte. »Werde auch ich mit dem Leben zu büßen haben, wenn mein Bescheid ungünstig ausfällt?« Da hing sie an seinem Halse und bedeckte sein Gesicht mit brennenden Küssen. »Dich liebe ich – das schützt dich. Aber du mußt mir helfen! Du mußt! Ich ertrage diese Kleinkrämerei nicht länger! Dieses ewige Sparen und Bedenken und Knausern. Und diese beschämende Zurücksetzung hinter der protzigen Julierin!« »Ich begreife deinen Zorn, süße Freundin,« nahm er zögernd das Wort. »Leider fehlt mir die Macht, dir behilflich zu sein, über die Finanzen des Kaisers, und damit auch über die deinen, entscheidet allein Pallas. Deine wohlberechtigten Vorwürfe berühren mein Amt leider nicht. Die Ämter aber müssen streng geschieden sein, wenn in der Maschinerie des Staatswesens nicht Hemmungen oder Reibungen entstehen sollen. Wollte der Kaiser oder wolltest du hier nach Belieben eingreifen, wollte ich mich in die Geschäfte meines Freundes oder wollte er sich in die meinen mischen, so würde sehr bald unlösliche Unordnung entstehen. Nur eine einzige Hand kann einen bestimmten Hebel bedienen.« Messalina unterbrach ihn unwillig. »Ich habe dich nicht zu mir gebeten, um einen Vortrag über Staatskunst zu hören. Ich wollte –« »Verzeih,« fiel er ihr ins Wort. »Ich will dir doch nur erläutern, daß Pallas die Instanz ist, mit der du verhandeln mußt, wenn es sich um außerordentliche Geldbewilligungen handelt.« »Mit Pallas habe ich bereits verhandelt,« bekannte Messalina bitter. »Er rechnete mir langweilig vor, daß der Etat eine stärkere Belastung nicht ertrage. Zahlen, nichts als Zahlen, Summen, nichts als Summen! Doch was nützen mir Summen, wenn ich nicht über sie verfügen kann!? Unsere Unterhaltung glich dem Versuche, in einer Kornmühle Wasser zu mahlen.« »Pallas wird wissen, wie weit er gehen darf,« entschuldigte Narzissus den Freund. »Wenn Bewilligungen über die verfügbaren Mittel hinausgehen, muß er sie als kluger Verwalter der verfügbaren Mittel verweigern.« »Hier ist nicht von Bewilligungen die Rede!« schrie sie ergrimmt. »Ich stelle als Kaiserin Forderungen. Ich bettele nicht um gnädige ›Bewilligungen‹!« Narzissus zuckte geschmeidig die Schultern. »Staatsgelder – und nur solche stehen der Kaiserin zu Gebote – dürfen nicht zur Erfüllung von Forderungen dienen, die du als Privatperson stellst,« belehrte er mit einem nachsichtigen Lächeln. »Es gäbe aber vielleicht einen Ausweg, dir zu helfen. Du müßtest deine letzten Mittel – natürlich nicht als Kaiserin – zu Spekulationen verwenden.« »Ich besitze nichts mehr,« gestand sie voll Zorn. »Nichts. Mein Ehegut wurde vollständig aufgezehrt durch die Dotationen, die Claudius den Prätorianern zusagte, als sie ihn zum Imperator erhoben.« »Bedauerlich,« meinte der Grieche kurz und kalt. »Ich hätte mir in einem Ehevertrage die Zurückerstattung meines Vermögens ausbedingen sollen. Aber wer konnte ahnen, daß die Kaiserin der Erde eine Bettlerin sein würde!« »Na – na!« sänftigte Narzissus. »Eine Bettlerin!« erhärtete Messalina erbost. »Kann ich nicht nachträglich noch die Staatskassen für mein Geld haftbar machen? Was gehen mich die Prätorianer an?!« »Kaum. Denn der Staat wollte ja eigentlich von einem neuen Imperator nichts wissen. Der Plan der Ermordung Caligulas strebte eine grundlegende Umwälzung, die Rückkehr zur republikanischen Verfassung, an.« Messalina nagte überlegend die Unterlippe. Dann begann sie: »Wir wollen einmal ganz offen miteinander reden, mein lieber Narzissus. Wenn ich ein wenig deutlich werde, halte es meiner Zwangslage zugute.« Er verbeugte sich gewährend, erstaunt. »Mir, wie ganz Rom, ist bekannt, daß du und deine Freunde Unsummen verdienen an dem Bau des Aquädukts und der Hafenbauten in Ostia. Ich habe die Absicht, mich als Partnerin bei euch zu beteiligen.« »Das geht leider nicht,« gab er ohne jede Beunruhigung Auskunft. »An solchen Unternehmungen kann man sich materiell nur beteiligen, solange ihre Finanzierung noch nicht abgeschlossen ist. Das ist nun natürlich längst geschehen, und die Arbeiten befinden sich in einem Stadium, in dem sich die Einlagen bereits verzinsen.« »Schufte!« knirschte Messalina. »Du hast heute keinen liebenswürdigen Tag,« tadelte sanft der Geliebte. »Aber es gibt in Rom noch allerlei Gelegenheit zur Geldvermehrung. Freilich – ich weiß nicht recht, ob ich sie dir nennen darf.« »Mir ist jedes Mittel recht,« warf sie hastig ein. »Es handelt sich dabei um deinen Einfluß auf den Cäsar.« Die Kaiserin unterbrach mit einer abweisenden Gebärde. »Ein längst verbrauchtes Mittel. Aus diesem Einflusse möchtest selbstverständlich du samt deinen Getreuen den Hauptnutzen schlagen. Laßt mich damit endlich zufrieden.« »Diesmal dürfte dein Einfluß dir selbst am nützlichsten werden. Vorausgesetzt, du hast den Mut, ihn auszubeuten.« »Erkläre dich deutlicher,« drängte Messalina. Geduldig fuhr Narzissus in beabsichtigt leichtem Plaudertone fort: »Es gibt in Rom vermögende Junggesellen die Fülle. Sie scheuen die Ehe, weil der Lebensunterhalt der römischen Frau heute Unsummen verschlingt, die diese Herren lieber allein genießen wollen.« Er zögerte eine Sekunde und blickte zu Boden. Dann sprach er weiter: »Was ist im kaiserlichen Rom leichter, als eine Anklage gegen irgend jemand zu erheben? Der Kaiser hat stets ein offenes Ohr, wenn man ihn auf Anschläge gegen seine Würde als Princeps oder gegen sein Leben aufmerksam macht. Doch was brauche ich dir das zu beteuern! Zürne mir nicht, wenn ich an Polybius erinnere. Ich weiß nicht, ob dir bekannt ist, daß Claudius vor kurzem in seiner Angst vor Verschwörungen ein Gesetz durchgebracht hat, das dem Entdecker oder Ankläger einen Teil des staatlich eingezogenen Vermögens solcher – – Verschwörer zuspricht. Ein gefährliches, unmoralisches, verführerisches Gesetz, ohne Frage. Doch es besteht nun einmal. Wenn die Kaiserin selbst nun zum Ankläger würde, so dürfte niemand wagen, sie mit einem geringen Anteil an der Beute abzuspeisen. Wem aber würde nach dem Vorkommnis mit Polybius der Kaiser mehr Glauben schenken als dir? Zeugen sind leicht zu erkaufen. Denn wer sich gegen die Zeugenschaft wehrt, muß gewärtig sein, selbst verdächtigt zu werden.« Messalina blickte den Versucher sprachlos an. Sie fühlte sich von diesem abgefeimten Vorschlage so tief verletzt, daß Beschämung ihr die Worte raubte. Sie starrte staunend in das männlich schöne Antlitz des Geliebten. Wie konnten hinter dieser edlen Stirn des in der Liebe so zärtlichen und zarten Mannes solch schurkische Entwürfe entstehen?! Sie ahnte freilich nicht, daß der Vater dieses Planes der in Caligulas Freundschaft verderbte Callistus war. Sie wußte nicht, wie vieler Überredung es bedurft hatte, Narzissus zum Vollstrecker dieses Planes zu bestellen. Die Geldverlegenheiten der Kaiserin waren durch Pallas künstlich herbeigeführt worden. Ihm wäre es ein leichtes gewesen, die Forderungen Messalinas zu erfüllen, jedoch seit dem Todesurteil über den verschwundenen Polybius fürchteten er und Callistus den Einfluß, den die junge Frau auf den Gatten übte. Sie mußte ihrer Macht wieder unterworfen werden. Sie mußten sie zu Verbrechen verleiten, die im Notfalle zu einer bezwingenden Drohung gegen die Kaiserin werden konnten. Narzissus, der wieder zum Geliebten Messalinas erkorene, ward vorgeschickt. Und da auch er in mehr als einer Beziehung auf Gedeih und Verderb an seine Landsleute gefesselt war, hatte er sich dem ihm erteilten Auftrage nicht gut entziehen können. »Könntest du mir jemand vorschlagen, der bei diesem sauberen Plane in Betracht käme?« fragte Messalina, nachdem sie ihr stummes Staunen überwunden hatte. Es trieb sie, diese Verworfenheit bis aufs letzte auszukosten. Narzissus errötete und rang mit seinem besseren Ich. Er fühlte schmerzhaft die Verachtung der Geliebten. Auch die Möglichkeit dieser Frage war von Pallas und Callistus erwogen, die Antwort vorbereitet worden. Doch der noch schattenhaft redliche Sinn des geistvollen Griechen sträubte sich gegen die Nennung eines Namens. Es ging bei dem Plane unzweifelhaft um ein Menschenleben. Man hatte ihn beauftragt, auf einen Mann hinzuweisen, der den beiden Freunden im Wege stand, weil er als einziger noch ein offenes, redliches Wort und manch eine Warnung bei Claudius vorzubringen wagte. Narzissus zögerte. Wenn auch als Folge des kaiserlichen Schwachsinnes übelste Machenschaften im Palatium an der Tagesordnung waren, hatte doch er selbst das ideale Ziel des verschollenen Polybius hochgehalten, selbst wenn er sich an diesen Machenschaften beteiligte. Ihm bedeutete seine Herrschaft nach wie vor den stillen Sieg griechischen Geistes über Rom, den Unterdrücker Griechenlands und den Dieb der edelsten Kunstwerke des geknechteten Volkes der Griechen. Das war das stolze Ziel, dem er zustrebte. Daß er daneben seinen Vorteil verfolgte, manche schmählichen Nebenwege ging und den griechischen Geist erniedrigte, war in Stunden der Einkehr seine Scham und nagende Reue. »Ich kann dir keine Namen nennen,« beantwortete er daher nach kurzem Schweigen die Frage der Kaiserin. »Es ist nur zu natürlich, daß der Kaiser wirkliche Feinde hat. Du brauchst also nur die Augen offen zu halten.« Messalina hatte seinen inneren Kampf wahrgenommen, auch erraten, daß er vor einer gemeinen Handlung zurückschreckte. Eine Freude erfüllte sie. Der Mann, den sie liebte, war kein elender mörderischer Verleumder. Doch ihre leere Kasse forderte dringend neuen Zufluß. So drang sie noch einmal in ihn: »Willst du nicht doch den Pallas bestimmen, meine Geldwünsche zu erfüllen?« »Ich darf es nicht,« entgegnete er finster und gequält. »Weil du zu feige bist, dich gegen die Befehle deiner Freunde aufzulehnen,« brauste sie jähzornig auf. »Das erklärt auch manches andere in deinem Verhalten mir gegenüber. Erst heute fange ich an, dich richtig zu würdigen. Wer dich und deine Gefährten nur als die Ratgeber des Cäsars kennt, bewundert vielleicht mit Recht die Weisheit, mit der ihr dem Staate nützt. Hierin mögt ihr Großes leisten. Wer euch aber – wie ich – als Menschen kennt, kann nur die Zwerghaftigkeit eures Menschentums bestaunen. In Kleinem wohnt Großes! – Die Götter haben ihren Spott mit euch getrieben, indem sie Doppelwesen aus euch schufen. Geh!« Narzissus wollte sich verteidigen. Doch die zornflammenden Augen der Kaiserin belehrten ihn, daß Gefahr drohe. Er grüßte stumm und ging. Und wußte, daß ihr Liebesbund für immer zerrissen war. Eine halbe Stunde später hatte er mit Pallas und Callistus eine Auseinandersetzung, die einen äußerst herben Verlauf nahm. Auf das schärfste tadelten die beiden seine Schwäche, und wie die Kaiserin, so machten auch sie ihm den Vorwurf der Feigheit. »Wir dürfen niemand schonen,« behauptete Pallas. »Als Polybius uns berief, konnten wir nicht wissen, welche Rolle im Staate wir zu spielen erkoren waren. Jetzt gleichen wir Männern, die auf dem Querbalken einer Wage sitzen. Nur ständiges Ausgleichen des Gewichtes kann uns vor dem jähen Sturze bewahren. Sobald eine der Wagschalen so belastet wird, daß wir auf der schiefen Ebene des Querbalkens ins Abgleiten geraten, müssen wir der hochsteigenden Seite zuklettern, um die Gerade wiederherzustellen. Die Belastung der einen Schale hat sich aber nun vollzogen. Das gefahrdrohende Gewicht ist die Kaiserin. Wagte sie sich erfolgreich an Polybius, gerade an den Mann, der vom ersten Augenblicke an dem neugeschaffenen Imperator willkommener Ratgeber war, so sind auch wir nicht länger sicher vor ihrer Verdächtigung. Was aber können wir in die steigende Wagschale werfen? Doch nur ein Verschulden der Kaiserin! Dieses Verschulden muß ein Verbrechen sein. Daß sie sich gegen die eheliche Treue vergeht, wiegt nicht mehr schwer genug. Es bedarf anderer schwererer Verschuldung. Es war ein kaum wieder gutzumachender Fehler, Narzissus, daß du den Namen unterdrücktest. Der Mann ist im geheimen unser Feind. Er muß fort. Aber das allein wäre kein Grund, ihn zu vernichten. Wir müssen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ihn treffen und die Kaiserin ins Netz locken. Er muß von ihrer Hand fallen. Dann wird das Gleichgewicht wiederhergestellt sein. Wir sind den Feind los, wir halten sie wieder fest in der Hand, sie kommt zu Gelde, da es sich um einen der reichsten Junggesellen in Rom handelt. Ferner hat er keinen Familienanhang und niemand wird ihn vermissen. Je länger ich darüber nachdenke, um so genialer finde ich diesen Streich.« »Willst du der Kaiserin nicht noch nachträglich den Namen nennen?« wandte Callistus sich an Narzissus, als Pallas schwieg. Er senkte den Blick. »Selbst wenn ich es wollte, wäre ich hierzu nicht mehr der geeignete Mann. Was mich mit Messalina verband, ist seit heute endgültig zerstört. Ich kenne diese Frau!« »Wohl uns, daß es so kam,« frohlockte Pallas. »Keiner von uns war entzückt, als die längst abgetane Liebelei nochmals aufflackerte. Du bist nicht der Mann, der die Gefühle seines Herzens zu trennen versteht von dem Nutzen, den deine Verbindung mit der Kaiserin für uns bedeutet.« »Ich habe Messalina geliebt,« sagte Narzissus leise. »Liebende sind stets Toren,« spottete Pallas. »Machen wir dem Zwist ein Ende,« schlug Callistus ungeduldig vor. »Es geht hier nicht um Herzensneigungen, sondern darum, wie wir den Einfluß der Kaiserin, den wir erst großgezüchtet haben, wieder in Bahnen lenken, in denen er uns nicht bedroht, sondern weiterhin nützt.« »Sehr weise gesprochen, mein Freund,« stimmte Pallas bei. »Wozu entschließt du dich, Narzissus?« »Ich bin augenblicklich keines Entschlusses fähig,« murmelte Narzissus verstimmt. »So scheidest du vorläufig aus dem Spiele?« »Denkt, was ihr wollt. Handelt, wie ihr wollt.« »Ich werde handeln!« verhieß Callistus und tauschte einen Blick des Einverständnisses mit Pallas. – Gegen Abend betrat eine noch sehr jugendliche äthiopische Sklavin die Gemächer Messalinas. Sie blieb stumm an der Tür stehen und hielt eine gut verschnürte und versiegelte Notiztafel vor sich hin, mit den großen, dunkeln Tieraugen auf die Kaiserin starrend, die sie zum ersten Male so nahe sah. Auf Scheltworte ob des verwegenen Eindringens und auf Fragen gab sie keine klare Antwort, gurgelte nur wirre, fremdartige Worte einer Sprache, die niemand kannte. Verständlich war nur ihre Gebärde, die bekundete, daß die von ihr gebrachte Botschaft an die Kaiserin gerichtet sei. Als Fabulla ihr die Notiztafel abnahm und sie der Herrin überreichte, nickte die Schwarze und huschte, lautlos wie sie gekommen war, aus dem Gemache. Das Äußere der Botschaft verriet nicht den Sender. Auch das Siegel der Verschnürung gab keinen Aufschluß. Verwundert öffnete Messalina die Täfelchen. Doch auf dem rötlichen Wachs der Schreibfläche standen nur zwei Worte: Catonius Justus. Es war der Name des Obersten der kaiserlichen Leibwache. – 11 Die Leibwachen waren von ihrem neuen Befehlshaber Hylas Tereus aus alle Flure des Palatiums verteilt worden. An sämtlichen Eingängen zum Palaste hatte man die Posten verdoppelt. Mit finsteren Mienen versahen die Prätorianer ihren Dienst. Grimmig betrachteten sie jeden, der zur engeren Umgebung des Kaisers gehörte. Sie trauerten um Catonius Justus, konnten es nicht über sich gewinnen, an seinen Verrat zu glauben, waren aber durch neue Solderhöhung gefügig gemacht und zu sehr an Gehorsam gewöhnt, sich gegen das Todesurteil aufzulehnen, das über den beliebten Mann verhängt und bereits vollstreckt worden war. Zahlreich waren die Besucher, die sich im Palatium einfanden, um – wie üblich – den Cäsar zur Errettung aus Gefahr zu beglückwünschen, nachdem die Gerüchte über die Hinrichtung des Catonius Justus sich wie ein Lauffeuer in Rom verbreitet hatten. Doch viele kehrten an den Toren des Palastes um, als sie zu ihrem empörten Erstaunen sahen, wie ihre Vordermänner rücksichtslos von den rohen Fäusten der Garden nach versteckten Waffen durchsucht wurden. Dieser Rückzug der Gäste artete in panikähnliche Flucht aus, als man den greisen Prätor Flaccus Seriphus ohne weiteres zum Tode führte, weil man bei ihm einen zur Notiztafel gehörenden spitzen Schreibgriffel fand, den ein übereifriger Centurio der Leibwachen für eine dem Cäsar bestimmte Mordwaffe erklärte. Claudius hatte eine Anzahl seiner Getreuen zur Besprechung zu sich gebeten. Hylas Tereus, der neue Wachenkommandant, sowie der Stadtpräfekt Thyestes waren mit Narzissus, Pallas und Callistus erschienen. Sie staunten nicht wenig, als Appius Silanus, ein vornehmer Römer, bald nach ihnen das Gemach betrat. Doch da er der Gatte der Domina Lepida, der Mutter der Kaiserin, war, nahmen sie an, er sei von Claudius berufen, der in seiner Angst vor Verrätern sich schutzsuchend mit neuen Männern umgab. Ungern sahen die Griechen den Römer in ihrer Mitte, grübelten neugierig, welchen Posten der Kaiser ihm zugedacht haben mochte, und trotzten in Eifersucht, weil der Cäsar nicht vorher ihren Rat eingeholt hatte. So verhielten sie sich kühl abweisend und fremd gegen Silanus, der seinerseits nicht Miene machte, sich den Ratgebern seines Verwandten zu nähern. Mürrisch und unfreundlich stand er abseits und blickte als Freigeborener aus edelstem Geschlechte mit unverhohlenem Hochmute auf die griechischen Freigelassenen herab. Endlich erschien Claudius und nahm sogleich das Wort. In ständig sich wiederholenden Redensarten, in seiner Angst wie ein altes Weib keifend, erging er sich in furchterpreßten Drohungen gegen alle Welt und in weitläufigen Klagen über die Unzuverlässigkeit seiner nächsten Umgebung. »Mein Leben hängt ja nur an einem dünnen Fädchen, wenn ich nicht einmal mehr dem Kommandanten der Palastwachen trauen kann!« jammerte er. »Niemand, niemand, der sich darum bekümmert, von welchen Menschen ich umgeben bin! Nur die Kaiserin wacht über mich. Nur ihr verdanken wir auch diesmal die Aufdeckung eines Komplottes, das furchtbare Folgen hätte haben können. Ein hochstehender Militär als Haupt einer Verschwörung gegen mein Leben! Freunde, begreift ihr denn, was das bedeutet? Wer weiß, ob nicht das Gift bis in die Heere der Provinzen getragen wurde? Vielleicht wartet man dort nur auf die Nachricht von meiner Ermordung, um die Truppen in Bewegung zu setzen. In wenigen Tagen können sie die Grenzen überschreiten, gegen Rom anrücken unter einem Imperator, den sie erwählten. Bürgerkrieg, Brand, Mord! Es ist gar nicht auszudenken, was alles sich noch jetzt ereignen kann, wenn der Anschlag hier auch mißlungen ist. Man muß umfassende Gewaltmaßnahmen treffen. Niemand darf geschont werden. Ich habe alle Namen der Hinzurichtenden, überhaupt alles Nötige aufnotiert. Der Senat soll sich versammeln. Man muß mich in sicherer Begleitung nach dem Forum bringen. Und ich werde selbst meine Vorschläge machen und darauf dringen, daß jeder Verdächtige noch heute hinter Schloß und Riegel kommt und morgen stirbt.« »Verzeihe, Herr,« fiel Appius Silanus hier dem Kaiser ins Wort. »Bevor du Entschlüsse fassest, die große Unruhe allerorten hervorrufen müßten, gestatte mir als deinem Verwandten einige Fragen.« Claudius starrte den Mann an. »Was wagst du mich zu unterbrechen, Silanus?« zeterte er. »Wie kommst du überhaupt hierher?« »Steht dem Stiefvater der Kaiserin nicht das Recht zu, dich zu beglückwünschen, daß du einer Gefahr entronnen bist?« stellte Silanus die Gegenfrage. Er war ein stolzer Mann in mittleren Jahren, dessen kluge Augen dem wässerigen Blick des Cäsars furchtlos begegneten. »Daß ich hier in deinem Gemache bin, ist allerdings ein Zufall,« fuhr er fort. »Ich wartete darauf, vorgelassen zu werden, um als Haupt der Verwandtschaft deiner Gattin unsere Glückwünsche vorzubringen. Man wies mich hier herein.« »Wieder ein Beweis, daß trotz der kaum überstandenen Gefahr noch immer keine Ordnung in den Maßnahmen zum Schutze meiner Person herrscht,« klagte Claudius. Silanus lächelte. »Als Gemahl der Kaiserin-Mutter, zu dem du selbst mich ja bestimmt hast, stehe ich wohl außer Verdacht.« »Nun gut, vielleicht,« zweifelte der Kaiser übellaunig. »Du bist einmal hier, und wenn du das einem Zufall verdankst, hättest du wenigstens schweigen können.« »Schweigen?« versetzte Silanus schroff. Er blickte der Reihe nach auf Narzissus, Pallas und Callistus, dann auf den neuen Tribun der Leibwache Hylas Tereus und endlich auf den Stadtpräfekten Thyestes. »Ich sehe dich nur von Griechen umgeben, die allerdings schweigen. Beim Jupiter, üble Ratgeber, wenn sie schweigend gutheißen, was ich vernommen habe. Ich bin ein Römer – Dank den Göttern! – und ich erachte es nicht nur als dein Verwandter, sondern auch als Römer für meine Pflicht, den Cäsar davor zu bewahren, aus Furcht zum Mörder Unschuldiger zu werden.« Der Kaiser glotzte sprachlos den kühnen Mann an. Narzissus aber warf sich zu seinem Verteidiger auf. »Wir müssen uns diesen Ton gegen unseren Herrn und Gebieter verbitten,« rief er heftig. »Verbitte dir, was du willst, Freigelassener,« wies Silanus verächtlich seine Einmischung zurück. »Hier spricht ein freigeborener Mann edelsten römischen Blutes aus dem Geschlechts der Junier, dessen Beinamen Silanus aus alter Zeit her sich auch auf ihn vererbte. Ein solcher Mann spricht nicht mit ehemaligen Sklaven!« Narzissus schwieg betroffen, blaß vor Zorn. Doch Pallas wagte eine Erwiderung. Stolz sich aufreckend, trat er vor und sagte: »Du legst viel Betonung auf das Wort Freigelassener, Appius mit dem berühmten Beinamen Silanus. Wir alle, die wir griechischen Blutes hier stehen, sind Freigelassene. Du hast recht. Aber du scheinst die Bedeutung des Wortes zu verkennen. Darum gestatte mir eine Belehrung. In unserer griechischen Heimat waren auch wir freigeborene Männer wie du. Die Schmach ist wahrlich nicht auf unserer Seite, wenn man nach der Eroberung Griechenlands uns dem Heimatboden entriß und uns als Sklaven nach Rom schleppte. Doch es ist unser Verdienst, und es ehrt zugleich Rom, wenn man in Anerkennung unsrer Fähigkeiten uns später die Manumissio erteilte. So sind wir ebenso stolz auf unser Freigelassenentum, wie auch du stolz wärest, hätte dir ein widriges Geschick beschieden, als römischer Sklave nach Griechenland zu kommen, dort den leichterworbenen Adel deines Geschlechtes durch Können zu erweisen und ihn von neuem zu erringen.« Silanus war ein zu gerechter Mensch, diese sachlich richtige und auch verdiente Zurechtweisung nicht hinzunehmen. »Ich erkenne an, daß ich in meinem Zorne zu weit gegangen bin,« sagte er versöhnlich. »Mögt aber ihr auch anerkennen, daß mein Zorn an sich berechtigt ist. Ihr seid die Ratgeber des Kaisers und findet doch kein Wort der Erwiderung, geschweige denn der Abwehr, wenn der Cäsar, anstatt die Wogen zu glätten, den Sturm noch heftiger erregen will. Vielleicht war der unglückliche Catonius Justus nur scheinbar schuldig. Ich kannte ihn als einen ehrenwerten Mann. So gestehe ich denn offen, ich war entsetzt, als ich vernahm, daß die kurze Verhandlung, das Todesurteil des Kaisers und die Hinrichtung des Tribunen einander auf dem Fuße folgten. So wenig kostbar sollte ein in Ehren ergrautes Haupt denn doch nicht sein in Rom.« Er wandte sich an den Kaiser, der hilflos der Auseinandersetzung gefolgt war. »Waren die Beweise für die Schuld des Unglücklichen wirklich so belastend?!« »Beweis übergenug, wenn die Kaiserin selbst die Anklage erhob,« antwortete Claudius mürrisch. »Beweis – die Verdächtigung einer leichtfertigen Frau?!« rief Silanus empört. »Hüte dich!« warnte Claudius und hob theatralisch den Zeigefinger. »Du tust das gleiche, was Catonius tat. Auch er lag mir ständig in den Ohren, die Kaiserin schände durch Leichtfertigkeit und schmählichen Lebenswandel mein Ansehen als Ehemann. Und was zeigte sich, als man einmal glaubte, mich überzeugen zu können? Das angebliche ›unerhörte Ereignis‹, ein Besuch bei der Marsyassäule und der Aufenthalt in einem Lupanar, erwies sich als Heldentum der Kaiserin, an dem ihr Verleumder euch alle ein Beispiel nehmen solltet, jawohl, Silanus. Die schwerste Lebensgefahr hatte die Kaiserin auf sich genommen, den Verschwörer Polybius zu entlarven. Das genügt mir, um ihr für alle Zukunft voll zu vertrauen. Und darum war ihr Verdacht mir Beweis genug, als sie mich auf die Treibereien des Befehlshabers meiner Palastwachen aufmerksam machte.« »Hörtest du Zeugen?« »Zeugen?« Claudius starrte verblüfft drein, als hätte Silanus eine äußerst dumme Frage gestellt. »Zeugen ...? Wer könnte Zeugnis ablegen wider das Zeugnis der höchsten Frau im Staate?« »Entsetzlich,« flüsterte Silanus und forschte eindringlich weiter. »Wußte Messalina etwa, daß Catonius bei dir gegen sie sprach?« »Keine Silbe! Ihre Überraschung war überzeugend echt, als ich ihr davon erzählte. Das heißt, erst dann erzählte, als sie ihren Verdacht gegen Catonius ausgesprochen hatte.« »Die hohe Frau ging sogar noch weiter,« warf Callistus dazwischen. »Sie bereute dann, eine Anklage gegen Catonius vorgebracht zu haben, weil sie fürchtete, es könne nun erscheinen, als habe sie sich heimlich an einem heimlichen Feinde gerächt.« »Was sie aber nicht hinderte, den Anteil des Anklägers am eingezogenen Vermögen des Angeklagten anzunehmen,« bedeutete Silanus spöttisch. Ein allgemeines Schweigen folgte diesen anschuldigenden Worten. Claudius bot ein Bild kindischer Hilflosigkeit. »Sind wir eigentlich hier, über die Handlungen der Kaiserin zu richten?« erscholl endlich schneidend die Stimme des Narzissus. »Da Appius Silanus sich zu weisem Rate aufdrängt, so wären wir, deine Ratgeber, Cäsar, begierig zu hören, was er dir zu raten hat.« Silanus maß den Griechen vom Kopf bis zu den goldenen Sandalen. » Du hast guten Grund zu verhüten, daß Handlungen der Kaiserin hier erörtert werden!« schleuderte er ihm ins Gesicht. Dann kehrte er ihm den Rücken und wandte sich dem Kaiser zu. »Ich dränge dir meinen Rat nicht auf, Gebieter. Doch da mich der Zufall nun einmal zum Zeugen eurer Verhandlungen gemacht hat, so will ich als freier Römer wenigstens meine Pflicht gegen Rom erfüllen. Ehrlich sage ich dir: es schwebt ein übler Hauch von Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit über dem Tode des Militärtribunen Catonius Justus. Man hat sich freilich seit Caligulas Herrschaft daran gewöhnt, die Gründe eines kaiserlichen Todesurteils nicht öffentlich nachzuprüfen. Vertraue dieser Gewohnheit nicht allzusehr! Gib nicht durch unbesonnene Gewaltmahnahmen, wie du sie planst, dem Volke und den Freunden des Toten Anlaß, sich eingehend mit diesem raschen Blutspruche zu beschäftigen! Laß die Trauernden trauern um einen – wenigstens ihrer Meinung nach – braven Mann. Das wird männlicher sein, als wenn du Furcht zeigst. Wenn du Staubwolken aufwirbelst, mußt du gewärtig sein, daß sich der Staub auf dein eigenes Haupt niedersenkt. Dies ist der Rat eines Römers. Mögen auch Griechen anders denken.« Er verbeugte sich vor dem Kaiser und wollte das Gemach verlassen. Doch Narzissus vertrat ihm den Weg. »Ein Wort noch, edler Appius Silanus,« wehrte er barsch. »Hier stehen fünf der Kaiserin ergebene Männer. Nicht über deine Stieftochter Messalina, sondern über die Gattin des Cäsars brachst du den Stab, als du von Leichtfertigkeit und ähnlichem sprachst und Vorwürfe gegen sie erhobst, weil sie den ihr gesetzlich zustehenden Anteil am Vermögen des von ihr überführten Verräters angenommen hat. Der Kaiser scheint diese Beleidigung verwandtschaftlich zu entschuldigen. Er hat ein Recht dazu. Nicht so wir! Wir sind Staatsbeamte. Für uns ist die Kaiserin die zweithöchste Persönlichkeit im Reiche. Auch findet hier nicht ein Privatgespräch statt, sondern eine staatsamtliche Handlung, in die du dich einmischtest. Danke also unsrer Nachsicht, wenn wir als die höchsten Diener des Staates dir zubilligen, du habest in gutem Glauben als Verwandter unsres kaiserlichen Herrn und seiner hohen Gemahlin gesprochen. Wir fordern von dir weiter nichts als eine Entschuldigung und einen Widerruf deiner Anklagen.« Silanus fand zunächst über diese Zumutung kein Wort der Erwiderung. Endlich versetzte er: »Ich höre in deinen Worten nur die unverfrorene Dreistigkeit eines frechen Emporkömmlings, der sich im Schutze seiner Kumpane sicher genug fühlt, einem Manne meines Standes Vorschriften zu machen. Aus dem Wege, Millionenerschleicher!« Narzissus ward bleich wie ein Toter. Er wollte sich auf den Beleidiger stürzen. Doch Claudius warf sich mit einem weinerlichen Aufschrei zwischen die beiden Männer. »Ist euch die Person des gefahrbedrohten Kaisers nicht einmal mehr heilig, daß ihr wagt, mich zum Zeugen persönlicher Raufhändel zu machen?« jammerte er. Flehend rief er dem Verwandten zu: »Silanus, deine Warnungen verhallten ja nicht ohne Eindruck! Sag mir doch, was ich tun soll!« »Tu nichts, sondern unterlasse alles,« antwortete Silanus. »Denn was du auch tätest, würde den Toten nicht wieder zum Leben erwecken. Wahrscheinlich sank mit Catonius das Vertrauen ins Grab, das die Römer in deine Gerechtigkeit setzten. Du würdest nur Spuk heraufbeschwören. Also laß den Toten ruhen und betrauere, daß du gerichtet hast, ohne zu prüfen. Und dann rate ich dir noch eines: wahre deine Gattenehre!« Mit kurzer Verneigung grüßte er den Cäsar und ging. – Wenige Tage später zählte auch er zu den Toten, die gerichtet waren, ohne daß man über sie gerechtet hatte. Claudius war allen Einflüsterungen zugänglich geworden. Narzissus verzieh nicht. Noch weniger Messalina. Ihr hatte der Kaiser selbst Kunde gegeben von den Verdächtigungen ihres Stiefvaters. Domina Lepida schwieg in Furcht, Haß und Trauer. Sie hatte den späten, letzten Gatten innig geliebt. Sie war der Tochter seit langem ferngeblieben. Von nun an blieb sie für den Hof eine Verschollene. Auch Callistus hatte der Kaiserin von jener Szene berichtet. Sie fügte sich seinen Vorstellungen über die Gefährlichkeit des Appius Silanus und handelte, wie der Grieche und seine Freunde es forderten. Im übrigen nahm sie die Angelegenheit nicht weiter tragisch. Sie hatte den Stiefvater kaum gekannt. Die Mutter war ihr längst entfremdet. Sie verfügte nun über Geld und sah das Leben sonnig. Doch die Leichtigkeit, mit der ihr sechs Millionen Sesterzien zugefallen waren, berauschte völlig das noch pochende Gewissen der verschwenderischen Frau. Sie war der ersten bösen Gelegenheit erlegen. Trotz der warnenden Stimmen in ihrer Brust. Trotz der Gemeinheit, deren sie sich bewußt war, trotz der Verachtung, die sie vor Narzissus empfunden hatte, als er als Versucher vor sie trat. Die Lockung war zu groß, impulsiv hatte sie gehandelt unter dem vergewaltigenden Drucke ihrer Schulden. Sie wußte, daß sie eine blutige Abscheulichkeit beging. Doch ihr sittliches Gefühl war schon morsch und zermürbt. Es trug nicht mehr die Belastung der Versuchung. Es brach. Und dann sauste sie die schiefe Ebene hinab, die sie einmal frevelnd betreten hatte. Jetzt umschmeichelte der zynisch gewissenlose Callistus die Kaiserin. Und als er ihr Vertrauen gewonnen hatte, gestand er, daß er es gewesen sei, der ihr die Schreibtafel mit dem Namen des Catonius Justus zugespielt hatte. »Ich freute mich, Gebieterin, wie wunderbar du den Hinweis verstandest, nachdem Narzissus, der sich rühmte, dein bester Freund zu sein, dich im Stiche gelassen hatte. Und wie klug und geschickt hast du alles in die Tat umgesetzt!« Listig fügte er hinzu: »Du bist nun reich und kannst sorglos mit deinem Gelde schalten und walten.« »Reich?« entgegnete Messalina verächtlich. »Was sind sechs Millionen Sesterzien gegen die unermeßlichen Schätze der Julierin Agrippina! Solange ich nicht über dauernde Einnahmen verfüge, werde ich stets eine arme, bedürftige Frau sein.« Callistus, der wohlvorbereitet gekommen war, tat, als überlege er scharf. »Du solltest doch um die Freundschaft des Pallas werben, hohe Frau,« schlug er vor, wie wenn er nach einem Auswege suche, ihr Geld zu verschaffen. »Er ist in Finanzangelegenheiten geradezu ein Genie und würde dir bestimmt raten können.« »Nenne diesen Namen nicht!« schalt Messalina zornig. »Er, der mir mühelos hätte beispringen können, verschanzte sich hinter der Gewissenhaftigkeit, mit der er über Staatsgelder Rechenschaft ablegen müsse. Er hat mich im Grunde zu dieser Tat getrieben.« »Du tust ihm unrecht,« versicherte Callistus lebhaft. »Glaube mir, ich spreche nicht für den Freund. «Ich urteile wirklich rein sachlich. Gelder aus dem Staatsschätze darf nur der Kaiser in Anspruch nehmen. Hierin ist das Gesetz unumstößlich. Selbst die weitgehende Rechtsgewalt des Princeps kann daran nichts ändern.« »Euer Gesetz duldet es also, daß die Kaiserin zum Gespött aller Reichen wird?!« höhnte Messalina. Äußerst vorsichtig holte Callistus aus. »Das Gesetz enthält andrerseits aber auch keinerlei Bestimmungen, die der Kaiserin verwehren, sich Einnahmen zu verschaffen auf Wegen, die jedem Bürger Roms offen stehen.« Jetzt merkte Messalina, daß der Grieche um irgendeinen Vorschlag herumschlich. Sie wollte ihn ihres Vertrauens versichern und Offenheit fordern, als er wieder das Wort nahm. »Sehr begehrt ist zur Zeit die Aufnahme in die Bürgerliste,« fing er behutsam an. »Die Anzahl der Fremdländischen in Rom wächst von Tag zu Tag. Und der eingeborene Römer muß befürchten, daß ein rechtlicher Wirrwarr entsteht, der ihn seiner Vorrechte beraubt. Es war der kluge Polybius, der hier Ordnung schaffen wollte und Vertrauen in die kaiserliche Regierung. Leider raubte uns eine Anklage – lassen wir dahingestellt, ob sie gerecht war oder ungerecht – den klugen Mann.« Er beobachtete heimlich das Gesicht der Kaiserin, als er den Namen des durch ihre Schuld Verurteilten nannte. Doch das lebhafte Antlitz blieb unbeweglich. Mit innerer Zufriedenheit erkannte er, daß Messalina die Grenzen der Hemmungen längst überschritten hatte. »Es darf natürlich nicht, wie im Falle des Catonius, stets um ein Menschenleben gehen,« fügte er nun freier hinzu. »Und auch nicht immer ist jemand so leicht zu verdächtigen wie der Tribun.« Auch bei dieser Anspielung blieben die Züge der Kaiserin vollkommen ruhig. Sie lauschte nur gespannt den erwarteten Eröffnungen entgegen. Immer sicherer, führte Callistus weiter aus: »Da böte der Verkauf von Bürgerbriefen an reiche Ausländer beachtenswerte Einkünfte. Die einzige kleine Mühe dabei wäre, den Kaiser zu bestimmen, die nachgesuchten Bewilligungen zu genehmigen. Und – wie ich erwähnte – die Zahl der Zuwandernden, die sich mit ihrem Reichtum im Glanze Roms sonnen und zugleich die Vorrechte eines römischen Bürgers genießen wollen, ist größer als die Zahl der reichen Quiriten, die sich durch Erwerb eines ihre alten Rechte bestätigenden Bürgerbriefes gegen die Fremden zu sichern suchen.« »Das sind doch aber Angelegenheiten, die meinem Wissen und Können völlig fernliegen,« bedachte Messalina. Callistus lächelte geringschätzig. »Das bißchen Kenntnis und Wissen ist rasch erworben,« verhieß er eifrig. »Willst du es mir überlassen, dir beizustehen?« Zweifelnd betrachtete sie des Griechen schlaues Fuchsgesicht. Sie durchschaute klug die Harmlosigkeit, mit der er ihr den Handel mit Bürgerbriefen schmackhaft zu machen suchte. »Meine ja nicht, daß ich nicht fühle, wie du und deine Freunde mich immer fester im Netze umstricken,« sagte sie drohend. »Narzissus und Polybius knüpften die ersten Maschen – – als meine Freunde,« fügte sie bitter hinzu. »Pallas vervollständigte das Werk, indem er mich in Geldverlegenheiten trieb. Jetzt kommst du –« »Domina!« unterbrach er sie mit ausgezeichnet gespieltem Schmerze. »Betrachte unsre Unterredung als nie gewesen. Wenn du auch nur die leiseste Spur eines Mißtrauens gegen mich fühlst, gelobe ich dir bei den Göttern Schweigen über diese Stunde. Und nun gestatte deinem treuen Diener, sich zurückzuziehen.« Doch Messalina fuhr fort: »Gewiß bin ich vollkommen in eurer Hand, wenn ich mich auf deinen Vorschlag einlasse. Doch ihr seid auch in der meinen. An Polybius bewies ich, was ich vermag. Also sprich weiter. Was habe ich zu tun?« Er tat, als fiele es ihm außerordentlich schwer, zu seinen Worten zu stehen. »Ich erbot mich, dir zu helfen,« setzte er in gekünstelt wehem Tone die Unterredung fort. »Tagtäglich habe ich in meinem Amte als Ordner der an den Kaiser gerichteten Bittschriften unzählige Gesuche zu lesen und zu entscheiden, ob sie der Beachtung und Bewilligung würdig sind. Der eine sucht um eine Befehlshaberstelle nach, der andere um einen – natürlich stets einträglichen – Posten in der Verwaltung der Provinzen. Dieser möchte Statthalter, jener Tribun werden, der dritte das Bürgerrecht erringen, ein vierter sich die Konzession zum Handel mit Sklaven, Stoffen, Waren und was weiß ich alles sichern. Jeder stellt seinen Fall als besonders dringlich dar. Ich brauche allen diesen Leuten nur zu sagen: die Bewilligung durch den Kaiser kann – vorausgesetzt, sie wird überhaupt erwogen – sich Wochen und Monate lang hinziehen. Sucht die Fürsprache der Kaiserin. Sie ist die einzige, in deren Macht es liegt, die Angelegenheit rasch und mit Erfolg zur Entscheidung zu bringen. – So könnte ich sagen! – Meinst du, hohe Frau, man werde dich persönlich zu behelligen wagen? Das dürften nur ganz Dumme versuchen, und die halte ich dir fern. Wer deine Gnade in Anspruch nehmen will, bedarf meines Mundes. Und ich werde – beim Styx! – nicht billig sein! Übervorteilung durch mich brauchst du nicht zu befürchten. Erstens liegt mir die Absicht fern, auch habe ich andere Einnahmequellen genug. Diese sprudelnde Goldfontäne soll dir allein steigen.« »Und wenn der Kaiser einmal nicht unterschreibt – wenn du dich irrst in meiner Macht über ihn?« Callistus lachte leise und häßlich. »Claudius nicht unterschreiben? Domina, wenn du daran zweifelst, kennst du ihn nicht. Der Kaiser unterschreibt, was immer man ihm zur Unterschrift vorlegt. Sogar Todesurteile! Und da ihn sein Gedächtnis beständig im Stiche läßt, weiß er oft nicht mehr, wen er zum Tode verurteilt hat. Auf Veranlassung des Präfekten unterschrieb er letzthin das Todesurteil gegen eine keusche Frau, die sich dem Präfekten versagt hatte. Gestern traf der Kaiser ihren Ehemann und fragte freundlich, warum man ihn jetzt so selten in Begleitung der Gattin sehe.« Messalina schwankte noch. Schweigend schritt sie auf und nieder. Ihre Klugheit riet ihr, das gefährliche Bündnis abzulehnen. Sie fühlte, wie die spähenden Augen des Griechen ihr folgten. Ein Seitenblick auf sein verschlagenes Raubtiergesicht belehrte sie, daß er überzeugt war, sie werde zusagen. Sie wollte ihm die Tür weisen. – Da trat Fabulla ein. »Erhabene Freundin,« redete sie die Kaiserin an, denn als einer Freigelassenen mit den Rechten einer Freigeborenen durfte sie sich jetzt der vertraulichen Anrede bedienen, »der Juwelenhändler Arymenos begehrt dich zu sprechen. Er läßt sich nicht abweisen. Er droht, beim Kaiser selbst vorstellig zu werden, falls du ihn nicht anhörst.« Ein rasches Aufleuchten – wie ein Blitz – zuckte durch die Augen des lauernden Callistus, als er Messalina tief erröten sah. Rasch trat er vor. »Überlasse mir, Gebieterin, den unverschämten Patron abzufertigen,« bat er halblaut. »Er hat eine berechtigte Forderung, auf deren Zahlung er schon lange mit Geduld wartet,« flüsterte Messalina verlegen. Callistus trat ganz nahe an sie heran. »Verzeihe, Domina, wenn ich dir verrate, daß diese Forderung mir nicht unbekannt ist. Es handelt sich um Geschenke, die sich ein jugendlicher Primipilar der Armee von dir machen ließ – ein Leichtfuß, der sehr häufig in einem Lupanar verkehrt, das dir einmal als Zuflucht diente in jener Nacht –« »Schweig!« schrie Messalina entsetzt leise auf. Doch der Grieche fuhr unbeirrt fort: »Natürlich gedenkt Arymenos dich gründlich zu übervorteilen, da er das Geheimnis dieser Geschenke kennt. Erlaube mir, seine Forderung zu regeln. Er ist mein Landsmann. Ich werde schon mit ihm einig werden. Er läßt mit sich reden.« »Tue das, ich bitte dich darum,« flehte sie mit irrenden Blicken. »Vielleicht dient es dir auch zu wissen, daß Agrippina, deine Feindin und Neiderin, es war, die mir Kundschaft gab von dieser Angelegenheit,« sagte er betonend. »Nicht daß du dächtest, ich spürte dergleichen Dingen nach.« Sie wußte nichts mehr zu sagen und reichte ihm die Hand. Es gab kein Zurück mehr. Callistus verbeugte sich tief und demütig. Kaum hatte er das Gemach verlassen, erscholl laut und hochmütig seine Stimme durch den Türvorhang, als er draußen mit heftigen Worten und Vorwürfen über den Juwelenhändler herfiel. Fabulla sah die Herrin traurig an. »Du hast dich gewiß einfangen lassen, Domina!« »Ich mußte,« seufzte die Kaiserin. »Diesem Arymenos schulde ich zwei Millionen Sesterzien.« Nur wenige Schritte von der Tür entfernt, flüsterte der Grieche seinem Landsmanne zu: »Beim Herkules, nicht um eine Minute hättest du dich noch verspäten dürfen. Sei in Zukunft pünktlicher, wenn ich dich bestelle. Die Kaiserin war im Begriff, mich abzuweisen!« 12 Wiederholt war Seneca im Schlupfwinkel des Polybius erschienen. Doch nicht dem befreundeten Manne galten diese Besuche. Wie im Hause Agrippinas nur Livilla, so war im Hause des Seilers Cotys die jugendliche Pelopea der Magnet, der den Philosophen anzog. Seneca bekannte das auch ohne Scheu dem Griechen, als dieser eines Tages seine Verwunderung über die häufigen Besuche des Alten äußerte. »Ich weiß, daß ich wahrscheinlich ein unerreichbares Ziel verfolge,« gestand Seneca lächelnd. »Auch kleine Geschenke haben mir das Herz dieses mit Keuschheit umpanzerten Mädchens nicht gewonnen.« Er strich über die Lippen und bemerkte zynisch: »Julia Livilla erwies sich meinen ja wirklich nicht verlockenden Reizen zugänglicher. Vielleicht gehorchte sie darin auch mehr den Wünschen der Schwester, die mit diesen Rosenbanden den immerhin einflußreichen Mann an ihre Pläne fesseln wollte. Nun, am Ende werde ich eines Tages Livilla heiraten, so wenig mir an sich eine Ehe zusagt.« Die Hände auf dem Rücken verschlungen, schritt er in dem engen Gelaß auf und nieder. »Du warntest mich einmal vor diesem Cotys,« sagte er plötzlich. »Mit Recht. Er ist ein heißblütiger Mann,« sagte Polybius. »In Bezug auf seine Tochter versteht er keinen Spaß. Auch kennt er sicher keine Rücksicht auf die Vornehmheit eines Zudringlichen. Im übrigen warnte ich dich auch, weil eine Torheit deinerseits mich um alle Sicherheit meines Versteckes bringen könnte.« »Eine Torheit?« nahm Seneca das Wort auf, ohne der Mahnung zu achten. »Gewiß ist es eine Torheit, dem jungen Mädchen nachzustellen. Nennen wir diese Torheit eine Alterserscheinung. Alternde Menschen pflegen häufig ein ganz unsinniges Ziel zu verfolgen, und zwar mit einer Hartnäckigkeit, die sie früher nie an eine bessere Sache verschwendet hätten. So auch ich in diesem Falle.« »Es ist erstaunlich, einen so seinen, klugen und überragenden Geist wie dich eine Narrheit begehen zu sehen,« meinte der Grieche. Um den Mund ein geschmeicheltes Lächeln über das offenherzige Lob, erwiderte Seneca: »Wo viel Licht ist, muß auch viel Schatten sein. Das ist eine unentrinnbare Naturerscheinung. Was übrigens den Widerstand Pelopeas anbelangt, so gäbe es zwei Wege, ihn zu brechen. Der eine: ich brauchte dem Vater nur zu drohen, daß ich enthülle, wen er in seinem Hause verbirgt. Dann wird er wohl höflicher werden. Der zweite: ich brauche diese Drohung nur zur Wahrheit zu machen, und alles, was sein ist, würde mein Eigentum. Griechinnen – verzeihe, Polybius, als Grieche mir die Erwähnung! – Griechinnen sind als Sklavinnen noch immer starkbegehrte Ware. Ich könnte Pelopea dann verkaufen oder für mich behalten. Natürlich würde ich sie behalten.« »Was sprichst du da?« fragte Polybius kopfschüttelnd. »Ich verstehe nicht, was du meinst. Nicht für alle Schätze Arabiens würde der ehrliche Cotys sein Kind verkaufen.« »Freiwillig natürlich nicht,« gab Seneca zu. »Wer sollte ihn zwingen?« »Wer?« staunte der Philosoph über diese Frage. »Wer anders als ich! Du scheinst zerstreut, Freund. Hast du nicht gehört, daß ich von Drohungen sprach, die ich gegen den Seiler anwenden könnte?« Polybius, der die Arme unter dem Kopfe verschränkt hatte und behaglich auf seinem Lager lag, schnellte auf und starrte seinen Besuch an. »Du könntest im Ernste daran denken, einer törichten Laune wegen meine Sicherheit und mein Leben preiszugeben?« rief er entgeistert. Seneca zuckte die Achseln. »Die Schwäche zu sündigen ist gewöhnlich stärker als die Kraft, die Sünde zu bekämpfen.« Polybius biß grimmig die Zähne aufeinander und schwieg zu diesem Paradoxon des Philosophen. Da wurde auf dem Flur vor der Kammer ein Geräusch vernehmlich. Seneca lauschte eine Sekunde. »Ah, die kleine Göttin der Keuschheit,« murmelte er und huschte aus dem Gelaß. Gleich darauf ertönten Pelopeas Schreie. Scheltende, derbe Worte aus Männermund erklangen. Zu seinem Schrecken erkannte Polybius die Stimme des Seilers Cotys. Er sprang empor von seiner Lagerstatt, schlug den Vorhang zurück und eilte hinaus, zwischen seinem Gastfreunde und Seneca zu vermitteln. So kam er gerade zurecht, um Zeuge zu sein, wie der Seiler den Philosophen mit Faustschlägen zur Tür hinausscheuchte. In seiner Angst, Seneca könnte, um sich für die Mißhandlung zu rächen, seine Drohung wahr machen, eilte er hinzu und wagte sich bis an die Schwelle des Einganges. Dort sah er sich plötzlich einem hünenhaften Germanen gegenüber, in dem er sofort den früheren Freund der Kaiserin, den Chatten Abalanda, erkannte. Er flüchtete in die Dunkelheit des Hauses zurück. Doch es war zu spät. Er hörte den Teutonen in staunendem Tone sagen: »Das war doch der zum Tod verurteilte und verschollene Polybius.« Dann ward es draußen still, bis endlich Stimmengemurmel in die Stille der Kammer drang. Mit bang klopfendem Herzen stand der Grieche in der Verborgenheit seines Verstecks und suchte zu verstehen, was Cotys, Abalanda und Pelopea miteinander sprachen. Endlich tappten schwere Schritte auf dem finstern Flur. Polybius wich zurück in eine dunkle Ecke. Doch niemand kam. Alles blieb ruhig. Das Haus schien plötzlich ausgestorben. Auch der Seiler Cotys meldete sich nicht, als Polybius nach langem, zermarterndem Warten den Namen seines Gastfreundes mehrmals leise zu rufen wagte. Als der Abend hereinbrach, begann ein leichter Regen sacht zu träufeln. Polybius zog das Schutzbrett vor die kleine Lichtluke im Dach und sah wartend im Dunkeln. Stunde um Stunde verrann. Nichts war zu hören als das immer heftiger werdende Trommeln der Regentropfen auf die Dachziegel. Wie das Raunen der Einsamkeit klang das eintönige Geräusch. Das vergebliche Harren auf die Rückkehr des Leiters ermüdete endlich den sorgenvollen Mann. Er legte sich auf die dürftige Polsterung seiner Lagerstatt und entschlummerte, nachdem er eine Weile vergeblich gegen den Schlaf gerungen hatte. Gegen Mitternacht wurden die Bewohner der Gasse durch Stimmengewirr und laute Kommandoworte aufgestört. Nur wenige Neugierige liefen an die Türen der Häuser. Mit den Truppen der Stadtkohorte, die den Polizeidienst versahen, wollte niemand zu schaffen haben. Und nur Polizei konnte zu so später Stunde in der Gasse aufmarschieren. Vor dem Hause des Seilers Corys standen sie beim Flackern stinkender und rußender Pechfackeln. Der Führer, ein Centurio, gab die Befehle zur Absperrung der Gasse und drang dann mit mehreren Bewaffneten in das ärmliche Gebäude. Wenige Minuten später sahen die Nachbarn die Soldaten einen Mann aus dem Hause schleppen, den bis dahin niemand jemals gesehen hatte. Zwei Mann blieben als Wache vor der Tür zurück. Sie ließen sich großspurig auf ein Gespräch ein und erzählten, es sollte auf Wunsch eines hochgestellten Römers der Seiler und seine Tochter festgenommen werden. – Da das Nest aber leer war, so wurde ein fremder Mensch abgeführt, der sich in einem Gelaß versteckt hatte. – Wahrscheinlich, meinten die Wächter, ein Dieb, der sich die Abwesenheit des Griechen Cotys zunutze machen wollte. – Am Mittag des folgenden Tages war die herrliche Säulenhalle der Basilika Aemilia gedrängt voller Menschen. Sie standen längs der Wände und folgten gespannt der Verhandlung, die Kaiser Claudius in eigener Person als oberster Richter des Staates leitete. In der Mitte des Raumes sahen auf einfachen Bänken die Geschworenen. Es waren deren sechzig zusammengerufen worden. Der Cäsar thronte auf seinem Tribunal. Er sah müde und verfallen aus, und sein greises Gesicht zeigte tiefe Schatten der Trauer. Kummervoll blickte er auf den gefesselten Polybius. Neben dem Griechen stand Seneca. Der Kaiser beendete gerade eine rechtsbelehrende Rede, in der er noch einmal den Gang und das Ergebnis der Verhandlung gegen Polybius beleuchtet hatte. Nun überließ er dem Prätor die Vernehmung Senecas. »Du gestehst also ein,« hob der Beamte an, »diesen Griechen in seinem Versteck besucht und somit verheimlicht zu haben, daß du den Aufenthalt eines zum Tode Verurteilten kanntest? Du hast ihm ferner geholfen, sich der öffentlichen Gerechtigkeit zu entziehen?« Der Philosoph entgegnete spöttisch: »Du stellst mir eine Frage, die du dir im voraus selbst beantwortest, indem du behauptest, ich hätte eingestanden.« »Belehre mich nicht über die Art, in der ich die Vernehmung zu führen habe,« verbat sich der Prätor finster diesen Ton. »Antworte einfach und klar mit Ja oder Nein.« »Du willst natürlich ein Ja hören,« lächelte der Philosoph kalt. »Da ich die Wahrheit liebe, so antworte ich nicht mit einem Nein.« »Warum du das Gericht gegen dich aufzubringen suchst, indem du deine Antworten in Hohn kleidest, ist mir nicht recht erfindlich,« gab der Prätor zurück. »Du weißt, wie strenge Strafe dir droht. Der erhabene Cäsar versuchte in seiner gerechten Güte, dich in seiner Rede zu entschuldigen. Du lohnst ihm die Großmut übel.« Seneca zuckte die Achseln. »Ich erkenne den guten Willen des Kaisers dankbar an und leugne nicht, Strafe verdient zu haben. Warum also noch viele Worte verlieren? Es flossen deren übergenug in den Stunden, die wir seit Sonnenaufgang hier stehen. Also fällt schon euer Urteil! Denn ihr straft mich ja nicht, weil ich gegen das Gesetz sündigte, sondern ihr wollt mit euerm Urteil verhüten, daß in Zukunft allzu viele gegen das Gesetz sündigen.« Diese juristische Plattheit tat es dem Kaiser an. Lebhaft nahm er das Wort. »Dies ist eine überaus weise Rechtsauslegung, die man zu deinem Gedächtnis in eherne Tafeln eingraben und an den Wänden der Basilika aufstellen wird. Ich danke dir, Freund Seneca.« »Ich nehme deinen Dank an, hoher Herr, wenn ich mir auch keines Weisheitspruches bewußt bin. Auch hast du, wie gewöhnlich, wieder einmal vergessen, daß du nicht zum Kläger, sondern zum Angeklagten sprachst,« versetzte der Philosoph geringschätzig. Die Zuhörer lachten laut über die Einfalt des Cäsars, der verdutzt dreinschaute. Der Prätor suchte die Lage zu retten, indem er sich mit erhobener Stimme an Polybius wandte: »Du hast bezeugt, was dieser Mann nicht leugnete. Aus welchem Grunde erhobst du Anklage gegen ihn? Um dein Leben zu retten? Diese Hoffnung laß fahren.« »Entziehe ihm die letzte Hoffnung nicht,« bat Seneca in tiefem Ernste. »Nicht ich habe ihm, nein, er hat mir zu verzeihen. Er beschuldigt mich zu Recht und er beschuldigt mich nicht aus freiem Willen, sondern weil man ihn durch seine Festnahme zur Anklage zwang. Es gibt im Palatium ein Weib, dem ich zu sagen wagte, was niemand je gewagt. Ich sprach die Wahrheit. Das ist mein Verbrechen. Und da man mich dieses Verbrechens wegen nicht anzutasten wagt, so wird der arme Polybius in die Rolle des Anklägers gezwungen und muß mich des Verrates an der Gerechtigkeit zeihen, weil ich sein Versteck verheimlichte. Er hatte mich vor einer Unklugheit gewarnt, die ihm das Leben kosten könnte. Dennoch beging ich diese Unklugheit. Torheit des Alters! Ich bitte den Ärmsten demütig, mir zu vergeben.« »Worin bestand denn die Unklugheit?« fragte Claudius mit vor Neugier geweiteten Augen. »Sie bestand in einer Vergeßlichkeit, hoher Herr.« »Ja, ja, die Vergeßlichkeit,« nickte Claudius mitfühlend, während die Zuhörer kicherten und spöttisch über den Kaiser zischelten. »Willst du uns darüber Näheres erzählen?« »Ich vergaß, daß ich dem Polybius und mir selbst die Grube schaufelte, wenn ich den Seiler Cotys bezichtigte, dem Verurteilten heimlich Obdach zu gewähren. Mein Fall beweist wieder einmal, daß man stets als Tor handelt, wenn man im Zorne handelt.« »Wie weise!« bewunderte der Cäsar diesen Ausspruch. Dann fragte er weiter: »Und warum warst du im Zorn?« »Nun, erhabener Herr, stelle dir vor, daß jemand, der geringer ist als du, dich ohrfeigt. Würdest du nicht zornig werden?« »Man hat mich früher in den Garküchen oft geohrfeigt. Und jedesmal bin ich zornig geworden,« versicherte Claudius. Und da er sich in lebhafter Vorstellung bei diesen Worten die linke Wange hielt, brachen die Hörer rücksichtslos in schallendes Gelächter aus. »Alles Unrecht fällt auf den zurück, der es begeht,« sprach Seneca, als wieder Stille die Basilika erfüllte. »Meine Absicht war, den Seiler Cotys verhaften und verurteilen zu lassen, weil ich mir als Ankläger bestimmte Teile seines Eigentums hätte ausbedingen dürfen.« »Bei allen Göttern, du beschuldigst dich selbst ja immer mehr!« rief ihm der Kaiser warnend zu. »Ein Philosoph muß den Mut seiner Taten haben,« entgegnete Seneca schlicht. »Es handelt sich um die Tochter meines Landsmannes,« warf Polybius ein. »Er stellte dem Mädchen nach.« »Du kannst nicht sagen, wo sich der Seiler verbirgt?« versuchte der Prätor rasch. »Nein. Ich weiß nur, was ich hier vor dem Tribunal hörte, daß er mit seinem Kinde geflüchtet sei.« »Und du?« wandte der Prätor sich wieder an Seneca. »Ich preise den Zufall, der dem Manne die Flucht ermöglichte,« antwortete der Mann, der plötzlich ein Weiser geworden war. »Das Bewußtsein, ihn geborgen zu wissen, macht mich glücklich. Denn heute bereue ich, was ich gestern gegen ihn unternahm. Doch nicht, weil es mich selbst in Ungelegenheiten stürzte.« »Sehr, sehr große Ungelegenheiten!« versicherte Kaiser Claudius naiv. »Der Prozeß, der dir hier gemacht wird, ist erst das Vorspiel zu einem andern Prozesse. Hier stehst du nur als Hochverräter. Denn du bist der Begünstigung eines Mannes angeklagt, der zum Tode verurteilt wurde, weil er überführt ist, gegen mein Prinzipat konspiriert und mein Leben wie auch das der Kaiserin in Gefahr gebracht zu haben. Die Kaiserin bezeugt das. Sie wird aber auch gegen dich bezeugen, daß du des sträflichen Umganges mit meiner Nichte Livilla schuldig bist. Polybius, dem du dieses Verbrechen eingestandest, hat darüber bereits seine Aussagen gemacht. Betrachte dich als einen verlorenen Mann.« Seneca war trotz aller philosophischen Gelassenheit bis in die Lippen blaß geworden. Die Plauderhaftigkeit des Kaisers enthüllte ihm die Größe der Gefahr, in der Livilla schwebte. Messalina als Anklägerin! Das bedeutete ein Urteil ohne lange Verhandlung für ihn wie für die schuldige Frau. Hier war der Cäsar, über den Prätor hinaus, der allein entscheidende Richter, gegen dessen Dekret es keinerlei Berufung gab. Die Kaiserin als Anklägerin! Wer im Palatium Bescheid wußte, kannte die Macht, die Messalina in dieser Rolle übte. Würdig ergab Seneca sich jetzt in sein Schicksal. Er hüllte sich in Schweigen. Sein Spott war verstummt.– Es ging bereits auf den Abend zu, als die Laienrichter durch einen ihrer Dezemvirn ihren Spruch verkündeten. Dann gab der Prätor das Urteil bekannt. Seneca wurde nach Korsika verbannt und sogleich in Haft genommen, damit er sich weder durch Flucht noch Selbstmord dem zweiten gegen ihn anhängigen Prozeß entziehe. Polybius ward noch in der Nacht hingerichtet. – Wenige Tage später feierte Messalina den Triumph, der hochfahrenden Nebenbuhlerin Agrippina einen Stoß ins tiefste Herz zu versetzen. Julia Livilla wurde auf Grund des Unzuchtgesetzes zur Verbannung, Seneca aber zum Tode verurteilt. Den Philosophen rettete Kaiser Claudius durch Begnadigung. Das Verbannungsurteil aus dem Hochverratsprozesse freilich konnte er nicht aufheben. So wurde Seneca nach Korsika verschickt. Livilla sollte nach der Insel Pontia zurückkehren, in deren vernichtender Einsamkeit sie schon einmal während der Herrschaft Caligulas als Verbannte gelebt hatte. Sie erreichte das traurige Felseneiland nicht. Auf dem Wege dorthin wurde sie ermordet. Man munkelte in Rom, diese Bluttat sei auf Betreiben Messalinas vollzogen worden, weil Agrippina die Verurteilung der Schwester ohne große Erregung und mit allzu stoischer Ruhe hingenommen hätte. Jedermann erwartete nun in irgendeiner Form und unter irgendwelchem Vorwande ein Einschreiten gegen Agrippina. Dies um so mehr, als der Grieche Polybius vor seiner Hinrichtung die ehrgeizige Julierin schwer belastet hatte. Doch niemand ahnte, daß die Ratgeber des Cäsars die Kaiserin dringend vor einem Schritte gegen Agrippina warnten. Die Verbannung Livillas und deren schmählicher Tod hatten der Mutter Neros aufs neue viele Sympathien gewonnen. Es war für Messalina nicht ungefährlich, der Gehaßten ein Leid anzutun. So leistete die Kaiserin Verzicht auf ihr Gelüst und begnügte sich mit dem errungenen Erfolge. Auch senkten sich unverdiente Ehrungen gerade jetzt auf sie nieder, als sie einem Mädchen das Leben gab. Kaiser Claudius schwamm wieder einmal in töricht überheblichem Vaterglücke und nannte diese Tochter Oktavia. 13 Die Furcht vor ungerechten Bluturteilen war in Rom wieder wie zu den Zeiten des verrückten Caligula wach geworden. Hochstehende, vor allem reiche Männer waren ihres Lebens nicht mehr sicher. Die Fälle mehrten sich, in denen eine Anklage erhoben, kaum verhandelt und mit der Hinrichtung des Angeklagten beendet wurde. Man prägte in Rom das Wort: Es genügt, ein reicher Römer zu werden, um auch schon ein toter Römer zu sein. Als Claudius, nun völlig beherrscht von Messalina als der Mutter seiner beiden Kinder, in kurzer Zeit nicht weniger als dreißig Senatoren hinrichten und deren Vermögen der Kaiserin als der Anklägerin zusprechen ließ, erhoben sich endlich die Stimmen des Zornes aus dem Schweigen der bleichen Angst. Man machte dem Cäsar den Vorwurf, die guten Grundsätze der ersten Zeit seiner Regierung seien nichts als tückische Heuchelei gewesen. Jetzt zeige er seine wahre Natur. In arglistiger Güte und Gerechtigkeit habe er das Principat gefestigt, um es nun um so gründlicher zu mißbrauchen. Schon gärte es heimlich in Rom. Da wurde eine Verschwörung aufgedeckt, die noch einmal des Kaisers Furcht vor Anschlägen auf sein Leben und seine Herrschaft, sowie sein grausames Vorgehen gegen Verdächtige zu rechtfertigen schien. Aus vielen Provinzen kamen Nachrichten von einer versuchten Empörung gegen die Regierung. Es waren Sensationsmeldungen. Nur einer hatte die Erhebung wirklich gewagt: Scribonianus, der Statthalter von Dalmatien, der offen dem Kaiser den Gehorsam kündigte. Narzissus war es, der diese Meuterei niederschlug. Er sandte Boten mit reichen Geldgeschenken an die Truppen. Sie ließen sich bestechen. Die Legionen weigerten den Gehorsam, als Scribonianus den Marsch gegen Rom befahl. Der Statthalter entfloh nach der Insel Issa, wo er, verlassen von allen, sich das Leben nahm. Der Kaiser zeichnete die schmählich erkauften Truppen in Dalmatien aus, indem er ihnen den Ehrennamen der getreuen claudischen Legionen verlieh. In Rom aber wütete der Princeps gegen jeden, auf den nur der Schatten eines Verdachtes fiel, an der Verschwörung des Scribonianus irgendwie beteiligt gewesen zu sein. Claudius ließ die Verurteilten mit Ketten beladen auf dem Forum ausstellen, dann hinrichten und die Leichen die Verbrecherstiege Gemoniae, die steile Felstreppe am Abhange des Aventin, hinabstürzen. Da sich bei der Richtstätte das Standbild des Kaisers Augustus erhob, befahl Claudius, während der Hinrichtungen die Statue auf ihrem Postamente umzudrehen, damit das Abbild des mildesten Herrschers der Erde davor bewahrt bleibe, das Blutvergießen mit anzusehen. Doch ganz Rom sah in dieser albernen Anordnung nur den allmählich sich steigernden Schwachsinn des Imperators. Nach diesen Ereignissen trat Schweigen und Ruhe ein. Messalina hatte darauf gedrungen, dem Morden ein Ende zu machen. Alle Welt pries die »milde« Kaiserin und lobte den Mut, mit dem sie eingriff, die noch schwebenden Anklagen niederzuschlagen und eine große Anzahl Begnadigungen zu erwirken. Agrippina, die schon auf dem Sprunge gestanden hatte, die blutrünstige Gelegenheit zu ihren oder ihres Sohnes Nero Gunsten auszubeuten, sah sich abermals zum Abwarten verurteilt. Sie spielte die um die ermordete Livilla trauernde Schwester und hielt sich voll wütendem Ingrimm in ihrer Villa verborgen. Doch dem »mutigen« Eingreifen Messalinas war eine seltsame Unterredung zwischen ihr und Callistus voraufgegangen. »Herrin,« hatte der frühere Freund Caligulas gesagt, »ich habe deine Einnahmen der letzten Zeit zusammengerechnet. Der große Fischzug, der uns mit der Anklage gegen die dreißig Senatoren glückte, brachte auf deinen Anteil ebensoviele Millionen Sesterzien. Aus den Nachwehen der scribonianischen Verschwörung erzieltest du eine Einnahme von ungefähr sechs Millionen – hm, sagen wir – freiwilliger Entäußerungen jener, deren Begnadigung durchzusetzen du die Güte hattest. Ich würde dir raten, vorläufig Ruhe eintreten zu lassen und dich mit dem Errungenen zu begnügen.« Nur widerwillig hatte die Kaiserin diesen Rat entgegengenommen. »Du berechnest die Einnahmen,« sagte sie kühl. »Die Ausgaben ziehst du nicht in Betracht.« »Ausgaben?« hielt Callistus ihr entgegen, sein schlaues Gesicht zu grenzenlosem Staunen verziehend. »Ich meine, sechsunddreißig Millionen Sesterzien sind doch wohl eine Kleinigkeit, mit der man mancherlei Ausgaben bestreiten kann.« »Plautius Lateranus begehrt für seinen Palast auf dem Mons Cälius schon allein sechs Millionen Sesterzien,« warf Messalina hin. »Das bedeutet ein Sechstel meines mühsam erworbenen Vermögens.« Der Grieche staunte aufs neue. »Ah, du willst dem Senator Lateranus seinen Besitz abkaufen?« Unwirsch fuhr ihn die Kaiserin an. »Ich bin es müde, nichts zu besitzen als meine Räume im Palatium, das nicht mein Eigentum, sondern Staatsgut ist! Du selbst, Pallas und Narzissus – ihr alle verfügt über Grundbesitz und Paläste – und fast jeder Reiche in Rom. Auch Lateranus hat noch andere ausgedehnte Besitzungen droben im Norden der Stadt. Warum soll ich allein immer zurückstehen?!« Callistus schwieg einige Sekunden. »Hohe Frau,« begann er dann, »gedenkst du dich mit Plautius Lateranus wirklich durch regelrechten Kauf zu einigen?« »Selbstverständlich. Was soll diese törichte Frage?« Er nickte vor sich hin. »Dann bin ich beruhigt. Ich dachte, du hättest vorhin meinen Rat überhört. Plautius Lateranus zählt nämlich zu jenen Senatoren, die man besser ungeschoren läßt. So gerne ich dir sonst behilflich bin, es dürfte fast unmöglich sein, gewichtige Zeugen gegen ihn aufzubringen.« »Aber ich denke in diesem Falle wirklich nicht an Verdächtigung und Anklage,« versicherte Messalina lebhaft. »Verzeih mir, Gebieterin,« murmelte er demütig. »Jedoch du hast dich mit so viel zähem Willen und mit so bewundernswerter Begabung unseren gemeinsamen – nun, wie soll ich es nennen! – hm – Geschäften angepaßt, daß ich auch in diesem Falle –« Sie unterbrach ihn durch ein schrilles Lachen. »Daß du auch in diesem Falle hofftest, mich schröpfen zu können. Nein, mein Freund, darauf baue diesmal nicht! Es soll alles redlich zugehen, denn Lateranus gefällt mir – gefällt mir sehr. Ich wünsche nichts so lebhaft, als ihn mir zum Freunde zu machen. Immerhin will ich dir versprechen: gelingt es dir, die Forderung des Senators herabzudrücken, so sollst du einen Teil dessen erhalten, was ich am Kaufpreis erspare.« »Ich vermute, der Mann fordert eine so ungeheuerliche Summe nur deshalb, weil er überhaupt nicht verkaufen will, jedoch nicht den Mut hat, dir deinen Wunsch abzuschlagen.« »Auch möglich,« gab Messalina achselzuckend zu. »Dann laß es deine Sorge sein, daß er sich eines besseren besinnt.« »Ist das ein Befehl, Domina?« sicherte sich der Grieche vorsichtig. »Was sonst?« antwortete sie kurz und herrisch. »Hast du bereits mit ihm selbst verhandelt?« forschte Callistus weiter. »Nein – nur durch Pallas. Ich habe ihn bisher überhaupt nur flüchtig gesehen. Und wünsche ihn kennenzulernen, da mir über Vorzüge berichtet wurde, die ich – gern selbst erproben möchte.« Ein freches Grinsen verbreitete sich über die scharfen Züge des Griechen. Allmählich wurde ein gemeines Lächeln daraus. Er leckte seine Lippen, spitzte den Mund und rieb sich die Hände. Dabei sah er die Kaiserin verständnisinnig an. »Nun, Gebieterin,« sagte er leise, »Lateranus besitzt allerdings nicht nur den schönen Palast auf dem Mons Cälius, er verfügt auch sonst über schätzenswerte Dinge, die einer vereinsamten Frau, wie du es in der Ehe bist, schon erstrebenswert erscheinen mögen. Also ich werde tun, was sich irgendwie machen läßt. Nur, Gebieterin, du wirst dich etwas gedulden müssen.« Er verbeugte sich unterwürfig und zog sich zurück. Nach einigen Tagen fand sich Plautius Lateranus im Palast ein und ließ die Kaiserin um eine Unterredung bitten. Er war ein stattlicher Mann am Ende der Dreißiger, von kräftigem Wuchse, mit etwas kurzem Nacken, über dem sich der mit vollem, dunkelm Haare bedeckte, eindrucksvolle Kopf erhob. Mit blanken Augen betrachtete er Messalina, ein fremdartiges Lächeln um den sinnlichen Mund mit den energisch geschlossenen Lippen. Die Kaiserin war durch Callistus auf diesen Besuch vorbereitet worden. Sie trug eine amethystfarbene Stola über der weißen Tunika, beide Gewandteile aus äußerst feinem, fast schleierdünnem Gewebe, das, dicht angeschmiegt, an ihren Gliedern herabfloß und die aufreizende Form ihres Körpers mehr zur Schau stellte als verbarg. »Verzeih mir, erhabene Domina,« eröffnete Lateranus nach kurzem Schweigen das Gespräch. »Wenn ich deine kostbare Zeit in Anspruch nehme, so geschieht es nur, einen Irrtum aufzuklären. Ich traf in den Bädern zufällig Callistus, der mir berichtet, du wärest der Meinung, ich stellte eine übermäßig hohe Forderung für mein Haus und meine Gärten auf dem Mons Cälius, um einen Käufer abzuschrecken. In gewissem Sinne ist deine Meinung ja auch richtig. Aber natürlich gilt die Abschreckung nicht dir gegenüber.« Messalina sah ihn mit ihrem bezaubernden Lächeln an. »Du weißt, daß es nur eines Wunsches von mir und eines Winkes des Cäsars bedürfte, um eine Überforderung im Kaufpreis in die Grenzen des Berechtigten oder – – in ein – Nichts zurückzuweisen,« sagte sie in leichtem Scherze. »Vorausgesetzt natürlich, du hättest überhaupt die Absicht, deinen Besitz auf dem Mons Cälius zu veräußern.« »Aber selbstverständlich, hohe Frau, habe ich diese Absicht!« rief der Senator lebhaft. »Ich bin sogar bereit, den Kaufpreis wesentlich herabzusetzen. Doch keineswegs, weil ich zuviel gefordert habe, um mich zu bereichern, sondern weil ich, wie gesagt, unliebsame Käufer abschrecken wollte. Nun aber hat Callistus meinen Verdacht zerstreut. Ich vermutete nämlich, daß jemand deine bekannte erhabene Güte ausnützen und dich nur als Mittelsperson verwenden wollte, meinen Besitz an sich zu bringen. Es gibt so viele fremde Elemente in Rom, die aus Grund erworbener Bürgerrechte schon manchen wertvollen Besitz an sich gerissen haben, der besser in alteingesessenen römischen Familien verblieben wäre. Manch einer hat den Verkauf nachträglich bereut, wenn er entdeckte, an wen er in Wahrheit verkauft hatte. Diese Ausländer verstecken sich gewöhnlich hinter einflußreiche römische Persönlichkeiten, denen der Besitzer einen Kaufpreis nennt, der nur unter Römern angemessen ist. Man darf diese Verschleppung römischen Besitzes in fremdländische Hände nicht unterstützen. Von diesem Prinzip ausgehend, bemaß ich den Wert meines Hauses.« Die Kaiserin hatte den wortreichen Erguß geduldig angehört. Sie wußte, im allgemeinen war, was er sprach, wahr. Aber sie erriet auch aus dem Überschwang seiner Erklärung die besondere Verlegenheit, mit der Lateranus sich zu entschuldigen suchte. »Machen wir es kurz,« sagte sie freundlich und warf dem Manne begehrliche Blicke zu. Er gefiel ihr in der Nähe noch besser als im flüchtigen Begegnen. »Wie viele Millionen läßt du nach, jetzt, da ich dir bündig erklärt habe, daß nur ich persönlich die Käuferin bin?« »Würdest du gestatten, in den Kaufvertrag eine Klausel aufzunehmen, die dich bindet, im Falle einer Weiterveräußerung nur an mich selbst wieder zu verkaufen, hohe Gebieterin?« »Ohne Besinnen!« Lateranus schien aufrichtig erfreut, als er sagte: »Es gereicht meinem Geschmack nur zur Ehre, wenn die Kaiserin der Welt mein Haus zu bewohnen wünscht. Ich setze den Kaufpreis also auf drei Millionen endgültig fest.« »Ich werde sie zahlen.« Der Senator verneigte sich dankend. »Ich werde morgen das Haus besichtigen,« sagte Messalina, »ich habe es bisher nur von außen bewundert.« »Es wird mir, der es mit Sorgfalt und Liebe einrichtete, ein Stolz sein, dir alle Einzelheiten zu zeigen. Gärten und Gebäude bergen in mancher Hinsicht Wunder.« »Du sollst sie mir weisen.« Sie lächelte verheißend und zweideutig. Lateranus trat ihr einen Schritt näher, beugte sich zum Handkusse nieder und stieß hervor: »Die Götter haben mir ihre Gunst zugewendet! Es wird für mich und mein Haus ein erhabener Ehrentag sein.« Ihr dunkler Blick flammte über den Mann hin. Der fast betäubende Duft der Wohlgerüche, mit denen sie ihren Körper nach einer im Lupanar durchrasten Nacht zu salben pflegte, strömte auf ihn ein. Sie gab sich keine Mühe, den starken erotischen Reiz zu verbergen, den schon der Handkuß des Senators in ihr auslöste. Sie atmete schwer, schloß vergehend die Lider, seufzte tief und verlangend auf und zitterte im Vorgenuß der Wonnen, die sie sich von einem Besuch in den lateranischen Gärten verhieß. Mit versagender Stimme flüsterte sie: »Bis morgen!« Als Plautius Lateranus sein Haus erreichte, trat ihm die Gattin bleich und zitternd entgegen. Und warf sich ihm schluchzend in die Arme. »Endlich – endlich,« jauchzte unter Tränen Ämiliana Numantia. »Bis man mir meldete, daß deine Sänfte vor dem Vestibulum hielt, habe ich zu den Laren gefleht, dich mir wiederzugeben. Ich bin vor Angst vergangen, du könntest nicht zurückkehren aus der Höhle der Wölfin!« Er schloß die noch sehr jugendliche Frau innig in die Arme und erwiderte mit ernstem Gesicht: »Törichtes Kind, warum dich ängstigen! Hätte man Hand an mich gelegt, würde vorher die kaiserliche Dirne den Verrat mit ihrem Leben bezahlt haben.« Erschauernd umschlang Ämiliana den Mann. »Das würde dich nicht gerettet und mich nicht vor Leid und Vereinsamung bewahrt haben.« Er küßte ihr die Tränen von den hübschen Wangen. »Nun sei heiter, süße Liebste! Ich bin wohlbehalten zu dir zurückgekehrt. Freilich den Verkauf des Hauses konnte ich nicht abwenden. Doch das läßt sich überwinden.« »Sagte ich es nicht voraus?« erinnerte die kleine Frau. »Man hat also nicht gelogen, als man behauptete, sie verstünde jeden Mann zu kirren.« »Der Gedanke an dich hätte mich mit Treue umpanzert, an der ihre Unwiderstehlichkeit abgeprallt wäre,« versuchte Lateranus zu scherzen. »Und dennoch ließest du dich überreden,« stellte Ämiliana vorwurfsvoll fest. »Nicht überreden,« widersprach er. »Ich drängte der Kaiserin das Haus sogar förmlich auf und bin froh, daß die Schlauheit dieses durchtriebensten aller Weiber in Rom doch nicht hinter die letzten Gründe meines Handelns zu blicken vermochte. Laß dir von einem seltsamen Geschehnis erzählen.« Er führte die Gattin zu einem Bisellium, nahm sie zärtlich in den Arm, und als sie mit einem Seufzer der Zufriedenheit ihren Kopf an der breiten Brust ihres Beschützers geborgen hatte, begann der Senator: »Ich stand mit einigen andern Leuten harrend auf dem Flur vor den Gemächern der Kaiserin und wartete, daß der Admissional, dem ich mich zur Audienz angemeldet hatte, mich aufrufen werde. Es gab da eine Anzahl Bittsteller, die der Kaiserin selbst ihre Wünsche vortragen wollten. Manch hübscher junger Mensch war darunter. Man weiß ja, daß derlei Bittende niemals ohne bestimmte Hoffnung das Gemach der Messalina verlassen.« Ämiliana richtete sich einen Augenblick auf und sah prüfend in die selbstsicheren Züge des Gatten. »Sprich weiter,« bat sie beruhigt, als sie sein schönes, reines Lächeln wahrgenommen hatte. Lateranus nahm wieder das Wort. »Ich hörte da allerlei interessante Gespräche mit an. Vernahm, daß die meisten der Bittsteller sich reichlich mit Geld versehen hatten, das sie der Kaiserin persönlich zu angeblich wohltätigen Zwecken übergeben wollten. Nun, man weiß ja in ganz Rom, daß die Kasse der Kaiserin Unsummen solcher Gelder verschlingt und niemals etwas davon wiedergibt.« »Ein schlechtes Weib!« flocht Ämiliana überzeugt ein. »Da vor mir noch fünf oder sechs andere an der Reihe waren,« fuhr Lateranus fort, die kleine Frau inniger herzend, »schritt ich in dem Säulengange auf und ab und legte mir die Worte zurecht, die ich an Messalina richten wollte. Ganz in meine Gedanken versunken, fühlte ich mehr, als ich es sah, daß jemand mich beobachtete. Unwillkürlich erhob ich die Lider und blickte geradeswegs in die Augen eines Mannes, dessen edle Gestalt ihn zu einer auffallenden Erscheinung machte.« »Also einer, der Glück haben würde, wenn er die Kaiserin um etwas bäte,« warf Aemiliana verächtlich ein. »Er war in kostbare Stoffe gekleidet, sein schönes Antlitz schien mir seltsam verfinstert, seine dunkeln Augen hafteten wie in einer ernsten, stummen Mahnung auf mir. Als er gewahr wurde, daß ich ihn bemerkt hatte, setzte er sich in Bewegung und schritt langsam an mir vorüber, doch ohne mich anzusehen und ohne meinen Gruß zu erwidern, den sein achtunggebietendes, vornehmes Wesen mir fast wider Willen abgenötigt hatte. »Ich sah ihm verwundert nach und bemerkte dabei ein kleines Stück Pergament, das er aus seiner Toga verlor. Nur zwei Schritte von mir entfernt raschelte es zu Boden. Ich hob das Blättchen auf und rief den Fremden an, ihm sein Eigentum zurückzugeben. Er blieb auch stehen und ließ mich herankommen. Doch zu meinem höchsten Erstaunen leugnete er, etwas verloren zu haben, ja er wies mich in kurzen, hochmütigen Worten zurück und ging weiter. Da stand ich nun betroffen, das Pergamentstückchen in der Hand und blickte wie ein zurechtgewiesener Knabe hinter dem Fortschreitenden drein.« »Und du wußtest nicht, wer der Mann war?« fragte die junge Frau. »Denn seinem Verhalten nach scheint er doch kein Bittsteller gewesen zu sein.« »Es kann nur einer der Würdenträger des Palatiums sein,« urteilte Lateranus. »Der Palast wimmelt ja von solchen Männern, und der hochmütige Mensch bewegte sich durch den Gang, als wäre er auf diesem schlüpfrigen Boden nicht fremd. Ich war geneigt, ihn seinem Äußeren nach für einen Griechen zu halten.« »Und das Pergamentblatt?« »Ja, das Blatt! – Ich stand da und hielt es ratlos in den Fingern, im Zweifel, ob es nicht doch vielleicht schon vorher auf den Marmorfliesen gelegen und ich mich geirrt hätte, als ich meinte, es den Fremden verlieren zu sehen. Mein Blick fiel auf die mit einer Rohrfeder gekritzelten Schriftzüge in griechischen Zeichen. Hier ist es.« Lateranus entnahm dem Gürtel seiner Tunika ein zerknittertes Röllchen, das er entfaltete. Er las es vor: »Verzichte auf dein Haus, schütze dein Weib, wirf deine Ehrbarkeit von dir und lebe, doch schweige.« Aemiliana fuhr auf. »Schütze dein Weib?! Und die übrigen Worte – Plautius, diese Botschaft kann doch nur an dich gerichtet sein!« Er nickte schwer. »Auch ich bin davon überzeugt.« »Der Fremde war also ein unbekannter Warner!« rief Ämiliana, aufs höchste erregt. Der Senator erzählte weiter. »Nachdem ich mich von meinem Staunen erholt hatte, begab ich mich zu den Wartenden zurück und erkundigte mich vorsichtig, ob jemand den Mann gekannt hätte. Man verneinte. Nur einer sagte, er glaube, wisse es aber nicht zuverlässig, der Fremde sei einer der Freunde des Kaisers Claudius, ein Grieche mit Namen Narzissus gewesen.« »Wer ist das?« »Der Name ist in Rom sehr geläufig,« erklärte Lateranus. »Es ist der eines kaiserlichen Ratgebers, der als der reichste Mann in Rom, als ein überaus kluger Geist, aber auch als einer der skrupellosesten Menschen in der Umgebung des Cäsars gilt.« Frau Aemiliana starrte auf das Blättchen. »Und dieser Mensch sollte dich auf so seltsame Weise gewarnt haben?! Kannst du dir das erklären?« »Nicht im geringsten. Es sei denn, die Warnung entstamme einer Gewissensregung,« sann Lateranus. »Ich habe nichts getan, wodurch ich mir diese wohlmeinende Warnung verdient hätte.« Er nahm das Pergamentstückchen an sich, überlas die Worte nochmals und fügte überlegend hinzu: »Im übrigen stellt das Blatt mehr einen Ratschlag dar als eine Warnung. Den Ratschlag aber griff ich sogleich auf, und so kam es, daß ich nicht in die Kaiserin drang, auf ihre Kaufabsichten zu verzichten, sondern daß ich den ersten Worten des Schriftstückes folgte und – auf mein Haus verzichtend, wie da steht – die Kaufsumme auf die Hälfte des wirklichen Wertes meiner Besitzung herabsetzte. Messalina war offenbar sehr zufrieden mit meinen Vorschlägen. Ich verließ sie mit dem Gefühl, eine drohende Gefahr abgewendet zu haben.« »Und wie gedenkst du mich zu schützen?« fragte Aemiliana, sich angstvoll an den Gatten schmiegend. »Ich kann mir kaum vorstellen, daß jemand dir etwas zuleide tun könnte,« erwiderte er und streichelte ihr tröstend die vor Aufregung glühenden Backen. »Du hattest ebensowenig wie ich selbst bisher Feinde und Neider in Rom. Immerhin wollen wir auch den dich betreffenden Ratschlag nicht unbeachtet lassen. Du begibst dich, sobald es Nacht geworden ist, heimlich zu deinen Eltern nach Perusia und wartest dort in Verborgenheit meine Nachrichten ab. Hoffentlich hast du den Mut, allein zu reisen, denn ich kann dich leider nicht begleiten.« »Weshalb nicht, Liebster?« fragte sie betroffen. »Ich muß morgen hier sein, da die Kaiserin unser Haus besichtigen will. Dem darf ich mich auf keinen Fall entziehen, um so weniger als ich glaube, daß diese rätselhafte Gefahr erst dann wirklich beseitigt ist, wenn die Kaiserin endgültig Eigentümerin meiner Gärten und meines Hauses geworden ist.« Die junge Frau rückte von Lateranus ab, als bewege sie ein eifersüchtiger Gedanke. »Wie fandest du Messalina?« fragte sie, indem ihre schönen, sanften Augen besorgt die seinen suchten. Er zuckte die Achseln. »Man macht viel Rühmens von ihrer Schönheit, von ihrer Wirkung auf heißblütige Männer.« Dann lächelte er versonnen. »Nun, vielleicht bin ich kein heißblütiger Mann. Ich finde, diese ebenso verlästerte wie gepriesene Frau hat gewisse Reize. Ein sehr schönes Lächeln – einen hübschen Mund – einen üppigen Körper, den sie durch gut ausgedachte Kleidung mit reichlich viel Absicht zur Schau stellt. Dennoch gibt sie sich keineswegs dirnenhaft frei, sondern mit Anmut und edelm Anstande, ganz ihrer hohen Würde entsprechend. Man kann sich nur sehr schwer vorstellen, daß – wie man allgemein munkelt – diese Frau den niedrigsten Leidenschaften ergeben und von einer Ausschweifung ist, die sie oft bis zu den gemeinsten Stätten des Lasters in Rom hinabtreiben soll.« Er sog die Luft ein, als wittere er erinnernd einen Geruch. »Das allerdings bemerkte ich, sie salbt sich mit Düften, als wolle sie die Sinne der Männer umnebeln.« Da sagte Frau Aemiliana grübelnd: »Vielleicht ist sie nur eine Unglückliche.« Er küßte sie sanft. »Nichts spricht so beredt für dein reines und gutes Herz, Liebste, als dieser Versuch einer Rechtfertigung der Geschlechtsgenossin. Dennoch muß ich gestehen, selbst wenn man die Kaiserin Messalina ohne jedes Vorurteil betrachtet, selbst wenn man alle argen Gerüchte über sie vergißt, so findet man im Ausdruck ihrer Augen doch etwas höchst Verdächtiges. Diese Augen sind dunkel, doch nicht tief. Sie leuchten nicht, sie flimmern in einem sonderbaren Glanze, der, wie ein eigenartiger Hauch, den Blick verhängt und zugleich bloßlegt. So paradox das auch klingt. Ich bin just kein Physiognom, dennoch möchte ich sagen: diese Frau blickt einen Mann an, ohne die Macht, vielleicht auch ohne den Willen, zu verheimlichen – übrigens verraten das auch die ununterbrochen bebenden Nüstern – daß sie sich berauscht an dem Gedanken einer wollüstigen Umarmung mit ihm.« Zwei große, klare Tropfen rollten über Ämilianas Wangen, als sie flüsterte: »Du hast sie ja sehr eingehend betrachtet.« Lateranus lachte heiter. »Nicht eingehender, als man eben eine Persönlichkeit betrachtet, von der alle Welt spricht. Ich hatte ja bei unsrem Gespräch hierzu Muße genug.« »Was sollen aber die Worte bedeuten: Wirf deine Ehrbarkeit fort?« suchte die junge Frau selbstquälerisch zu ergründen. »Jedenfalls nicht, daß Messalina nun auch meine Tugend untergraben wird,« versicherte er lachend. »Man kennt mich als einen Mann, dem Ehrenhaftigkeit über alles geht. Die Zeilen sind in Hast niedergeschrieben, wie aus der Flüchtigkeit der Schriftzeichen hervorgeht. So verwechselte der Schreiber wohl den Ausdruck. Wahrscheinlich wollte er sagen: nicht in Ehrenhaftigkeit solle ich meinen Besitz aufgeben, sondern ihn der Kaiserin hinwerfen und auf rechtliche Bezahlung verzichten. Mein Haus also gewissermaßen an die, wenn sie erzürnt ist, sehr gefährliche Frau verschenken. So habe ich den Ratschlag verstanden und dementsprechend den Verlauf der Unterredung gewendet. Ich bin überzeugt, es war richtig so. Denn ohne Zweifel liegt in dem Anfangswort ›verzichte‹ und in den vorletzten Worten ›und lebe‹ ein Hinweis, die Nichtbefolgung der Ratschläge werde mein Leben verwirken, mindestens bedrohen. Verzichte und lebe! Das ist deutlich. Ich habe das eine vollbracht, und nichts wird mich nun verhindern, das zweite in Ruhe zu tun. Das letzte Wort ›schweige‹? Hm. So gerne ich meinem unbekannten Wohltäter danken möchte, werde ich doch wohl klüger handeln, in dem Worte einen Befehl zu sehen, den er mir mehr um seinet- als um meinetwillen erteilt.« – Es war zur Zeit der zweiten Vigilie und dunkle, schweigende Nacht umfing die Gärten und das Haus des Plautius Lateranus, als die beiden Gatten voneinander Abschied nahmen. »Ich kann mich des bitteren Gefühls nicht erwehren, daß wir einander lange Zeit nicht wiedersehen werden,« klagte unter heißen Tränen die junge Frau. »Wie werde ich leiden!« »Es ist nur der Schmerz der ersten Trennung nach ungezählten glücklichen Tagen,« suchte Lateranus sie zu trösten. »Um so tiefer wird die Freude sein, wenn du zurückkehrst.« Er verschwieg freilich, daß auch ihn böse Ahnungen beherrschten, gegen die er sich vergeblich wehrte, und daß ihn nur die Gewißheit beruhigte, daß er niemals ein Unrecht begangen, also auch keinerlei Vergeltung zu gewärtigen hätte. »Ich schäme mich, vor einem Nichts in Sicherheit zu flüchten,« gestand Aemiliana. »Eine Warnung ist immerhin kein Nichts,« hielt er ernst entgegen. »Bist dann nicht auch du selbst bedroht?« versetzte sie. Sich an ihn hängend, bat sie innig: »Laß mich die Gefahr mit dir teilen.« Er schüttelte den Kopf. »Liebte ich dich so, wie ich dich liebe, wenn ich nicht das Glück meines Lebens zu retten suchte, um wenigstens etwas zu haben, zu dem ich mich flüchten kann, falls wirklich Unheil über uns käme?« »Versprich, daß du mir nach Perusia folgen wirst, sobald du alle Geschäfte mit der Kaiserin geregelt hast,« flehte sie. »Wir wollen dann gemeinsam die Zukunft erwarten.« »Nimm dieses Versprechen und bewahre es als Pfand deines und meines Glückes,« gelobte er. Nun endlich beschied sich die junge Frau. Sie opferte noch einmal den Schutzgöttern des Hauses und bestieg dann die Sänfte. Eine einfache Kathedra, um die Abreise möglichst unauffällig zu gestalten, sollte sie auf dem nächsten Wege Uber die Porta Viminalis und Porta Collina zur Porta Salaria bringen. Dort am Nordtore der Stadt erwarteten zwölf bewaffnete Reiter als Begleiter des Reisewagens die Herrin. Als die Trägersklaven in lautlosem Trott den Venustempel nahe der Porta Salaria passierten, streute Aemiliana der Göttin die Rosen, die Lateranus ihr zum Abschied gereicht hatte, als Opfer auf die nächtliche Straße. Inbrünstig flehte sie um Schutz für den Gatten, träumte von der Rückkehr, die sie wieder hier vorüberführen würde, und von dem Wiedersehen in Perusia. Plautius Lateranus aber nahm noch einen anderen Abschied. Sobald der Tag graute, durchwanderte er alle Räume seines schönen Hauses, alle Wege der Pracht seiner Gärten. Mit Weh im Herzen sagte er stumm Lebewohl dem, was sein Glück umhegt, und was er selbst ersonnen hatte, um diesem Glück mit Aemiliana eine würdige Stätte zu bereiten. Er liebkoste die blühenden Büsche, deren Duft die junge Frau geatmet hatte. Er streichelte den Marmor der Wände, von denen der leichte Schritt Aemilianas widerhallt war, wenn sie wie ein glückliches Kind die Märchenschönheit des Hauses durchwandert und bejubelt hatte. Dann ordnete er alles, um zur raschen Abreise nach Perusia bereit zu sein, sobald das Haus in den Besitz der Kaiserin übergegangen wäre. Wie Aemiliana erhoffte auch er ein Wiedersehen in Kürze. Und so wenig wie Aemiliana ahnte er, daß lange, lange Monate vergehen und daß es ein Wiedersehen nach Schmach und Beschämung werden sollte. Die Morgensonne verwandelte bereits die Quadersteine des neuen Aquädukts, der in nächster Nähe des lateranischen Hauses seine gewaltigen Bogen über die Baumwipfel der Gärten erhob, zu schimmerndem Golde, als Plautius Lateranus alle Vorbereitungen getroffen hatte, der Kaiserin Messalina einen ehrerbietigen Empfang zu bereiten. Er lohnte seine Getreuen ab, gab den Sklaven Weisungen, sich nach dem Besitzwechsel auf seine übrigen Besitzungen zu verfügen, und harrte der Sänfte Messalinas. Er war Menschenkenner genug zu ahnen, daß die leidenschaftliche Frau das Haus nicht als Freundin verlassen würde. – 14 Noch niemals hatte Fabulla die Kaiserin so zornig gesehen, als an jenem Vormittage der Besichtigung des lateranischen Hauses. Messalina kehrte wutsprühend heim, obwohl der Kaufvertrag ihrem Wunsche entsprechend abgeschlossen worden war. Bald darauf erscholl manch ein Schrei gezüchtigter Sklavinnen aus den Gemächern der erregten Frau. Sie ließ die Hitze ihrer grenzenlosen Enttäuschung und Beschämung an den Schuldlosen aus und tobte keifend über jeden geringfügigen Verstoß ihrer Dienerinnen. Callistus, Pallas und Narzissus waren der Kaiserin nicht mehr freundlich gesinnt, seit ihr unseliger Gefährte Polybius auf Betreiben Messalinas hingerichtet worden war. An diesem aufgeregten Vormittage aber zeigten sie den Umschlag ihrer Gesinnung zum ersten Male ohne jede Scheu. Callistus ging händereibend mit einem frechen Schmunzeln des Wissens umher. Die Kaiserin war gründlich gedemütigt worden. Vielleicht brach das ihren Hochmut und damit ihren Einfluß. Man durfte jetzt die Maske der Freundschaft schon etwas lüften und die heimliche Furcht vor der ebenso dreisten wie in ihrer Dreistigkeit rücksichtslosen Frau ein wenig zum Vergangenen rechnen. Callistus hatte Messalina zu dem Besitztum des Plautius Lateranus begleitet, um die Unterschrift und den Austausch der Kaufverträge als Zeuge mit zu vollziehen. Nun tuschelte er jedem, der es hören wollte, die große Neuigkeit zu. ... Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten hätte seinem sichersten Wissen nach die mannstolle Kaiserin auf ein Schäferstündchen mit Lateranus gerechnet. Doch scheine sie sich diesmal in der Wirkung ihrer sonst gewiß sehr verführerischen Persönlichkeit verrechnet zu haben. Die Zweisamkeit mit dem hübschen und kräftigen Senator habe verblüffend schnell geendet. – Mit wirren Haaren sei Messalina wutschnaubend im Vestibulum erschienen ... allein ... wohlgemerkt, ganz allein. Denn der getreue Ehemann Lateranus sei von dem Überfall so erschüttert gewesen, daß er nicht einmal die Höflichkeit besessen habe, die fürstliche Käuferin seines Eigentums bis an die Sänfte zu geleiten. – Nebenbei, eines Besitztums«, das er an die Kaiserin so gut wie verschenkt habe. Was sie wahrscheinlich zu falschen Rückschlüssen verführt hätte ... Fabulla hielt es für ihre Pflicht, der kaiserlichen Freundin von diesem Getuschel Mitteilung zu machen. Zu ihrem Staunen blieb Messalina vollkommen ruhig. »Wie dem Polybius, so wird auch dem Heuchler Callistus die Stunde nahen,« sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Und wie diese beiden, so wird noch manch anderer voll Reue meiner gedenken!« fügte sie mit funkelnden Augen hinzu. Dann aber erlosch plötzlich ihr Blick. Mit zitternden Lippen erzählte sie der Vertrauten: »Das Widerliche ist, daß dieser Schurke nicht einmal lügt. Ja, es ist wahr! Lateranus wies mich von sich, wie er eine ihm nicht zusagende Dirne an der Marsyassäule von sich weisen würde. Doch ich habe schon dafür gesorgt, daß der mir zugefügte Schimpf seine Vergeltung findet. Unter den Senatoren gibt es keinen, der, weil er um sein einträgliches Amt und um den Besitz seines Vermögens ständig bangt, so käuflich wäre, billig käuflich wie Lucanus Lucilius. Mein Weg von den lateranischen Gärten führte zuerst zu diesem braven Manne. Es bedurfte nicht langer Überredung, ihn dahin zu bringen, daß er diesen Plautius Lateranus verhaften läßt. Dann wird Lucilius den Antrag stellen, ihn nicht nur aus dem Senate zu stoßen, sondern ihn auch zu bestrafen, weil er sich mir in unzüchtiger Weise zu nähern wagte.« Fabulla rann es eisig über die Haut. Was war aus der einst so kindlichen, zwar eigensinnigen, doch mildherzigen Valeria Messalina geworden! Doch klüglicherweise unterdrückte die zur Freigelassenen erhobene Sklavin ihre stillen Gedanken. Immerhin war sie der ihr gegenüber allezeit gütigen Herrin und Wohltäterin zur Treue verpflichtet. Und dann! Wer hätte ohne Gefahr gewagt, der Kaiserin die Wahrheit zu sagen! Seneca war ein warnendes Beispiel für die Gefährlichkeit solchen Mutes. Er büßte auf Korsika. – Und wenn er auch durch des Kaisers Claudius Gnade dem Tode entronnen war, so schwebte doch durch der Kaiserin geheimen Zorn das Schwert ständig über seinem Nacken. »Wird dir die trübe Erinnerung nicht den Aufenthalt in dem Hause verleiden?« meinte Fabulla treuherzig. »Ich werde es niemals wieder betreten,« rief Messalina, und ihre Nüstern flogen. »Aber ich werde es entwürdigen. An einem der nächsten Abende gehst du mit mir wieder zur Marsyassäule. Wir werden schon eine größere Anzahl Dirnen auftreiben, denen ich eine Zuflucht in dem schönen Gebäude mit seinen Wundergärten bieten will. Hat der Imperator Caligula sogar im Palatium etliche Räume zum Lupanar für käufliche Liebe eingerichtet, warum soll mir verboten sein, aus meinem Besitztum das schönste, glänzendste und geräumigste Bordell in Rom zu machen?! Und wenn ein Lateranus wagen durfte, mich in diesen Mauern wie eine Dirne fortzuscheuchen, warum sollte ich mich an diesem Hause nicht rächen, indem ich dort von Zeit zu Zeit wirklich die Dirne spiele?« Fabulla zog es vor, nicht zu antworten. Doch um die Freundin vor ihrer Raserei gegen sich selbst zu hüten, sagte sie scheu: »Es war doch aber dein Wunsch, Herrin, einen schönen Besitz dein Eigen zu nennen. Du sagtest mir doch auch, du müßtest eine große Kaufsumme bezahlen.« »Dieses Geld ist verloren,« gab die Kaiserin zu. »Verloren wenigstens für den Zweck, den es erfüllen sollte. Und da ich nun ein anderes Besitztum nicht kaufen kann, ohne mich aufs äußerste zu verausgaben, werde ich einen andern Weg einschlagen. Du hast gewiß schon von den Prachtgärten des Lucullus gehört.« »Man rühmt die Schönheit und die Pracht dieser Gärten, den Reichtum der Marmorgebäude darin, die von Gold und Elfenbein, von edeln Zieraten nur so strotzen sollen,« bejahte Fabulla eifrig. »Der Besitzer aller dieser Wunder ist Asiaticus, einer der reichsten Reichen in Rom,« fuhr die Kaiserin fort. »Er würde seine Wunder niemals an mich verkaufen – er würde keine Furcht vor mir haben – er –« Sie brach jäh ab. Da fragte Fabulla nach kurzem Schweigen verwundert: »Und dennoch willst du versuchen, sie an dich zu bringen?« »Das werde ich!« versetzte die Kaiserin mit trockener Stimme und einem dürren, grimmigen Lächeln. »Darf es in Rom Menschen geben, die unbelästigt mehr besitzen als die höchste Frau der Welt?« Sie legte die geballte Hand an die Stirn, als wolle sie einen plötzlich hinter dieser Stirn aufleuchtenden Gedanken festbannen. Dann entschloß sie sich: »Rufe die Dienerinnen. Ich will mich für den Theaterbesuch ankleiden. Ferner laß dem Kaiser bestellen, er möge sich unbedingt sogleich bei mir einfinden. Ich hätte Wichtiges mit ihm zu besprechen.« Fabulla merkte, daß die Herrin in weitgehende Pläne versponnen war und keine Unterhaltung wünschte. So zog sie sich stumm zurück, um die ihr erteilten Weisungen auszuführen. Als Kaiser Claudius eine halbe Stunde später die Ankleideräume der Gattin betrat, blieben ihm die Vorwürfe, die er grämlich hatte erheben wollen, weil er in »unendlich wichtigen« Arbeiten unterbrochen worden war, im Halse stecken. Ihm bot sich ein Anblick, den Messalina allerdings vorher wohl berechnet hatte. Es galt, den Cäsar zu einer Untat zu verführen, vor der er in seinem bisweilen pedantischen Gerechtigkeitsgefühle vielleicht doch zurückschrecken würde. Messalina war soeben dem Bade entstiegen und stand inmitten einer kleinen Gruppe von Sklavinnen, die mit geschickten Händen den nackten Körper der Domina mit duftenden Essenzen rieben. Sie markierte äußerst natürlich einen leisen Aufschrei schamvollen Erschreckens, tat aber keinen Schritt, dem durch vieles Lesen und Schreiben kurzsichtig gewordenen Kaiser ihren Anblick zu entziehen. Lüstern lächelnd musterte denn Claudius auch in aller Ruhe ihre Blöße. »Ich hatte dich noch nicht erwartet, süßer Freund,« girrte sie mit ihrem reizendsten Lächeln. »Doch da du nun einmal da bist und wahrscheinlich schleunig zu deiner Arbeit zurückkehren möchtest –« »Oh, nicht doch – es eilt nicht so sehr,« stotterte der Kaiser, die lockende Gestalt der Gattin mit weit aufgerissenen Augen genießend. Mit tapsendem Schritte wollte er sich nähern, die welken, zitternden Hände vor sich gestreckt, sein Weib und Eigentum zu betasten. »Bleib stehen, wo du bist!« rief Messalina ihm süßverschämt zu und schlüpfte behend in eine Tunika interior, ein hauchdünnes Hemd, das mit seinem rosenfarbenen Stoffe die Haut hindurchschimmern ließ. »Du sollst mir nur eine Frage beantworten, Liebster,« erklärte sie, als sie mit hold lächelnder Miene aus der Schleierwolke wieder auftauchte. »Jede – jede,« versicherte Claudius, gebannt von dem Vergnügen, zum erstenmal in seiner Ehe einer reizvollen Ankleideszene der schönen Frau beiwohnen zu dürfen. »Dann nimm irgendwo Platz und bleib gehorsam sitzen,« zwitscherte Messalina, sich drehend und wendend, als ob sie den Handgriffen der Dienerinnen folgen müsse, ein Getue, das nur darauf berechnet war, den sinnlichen Alten in Fesseln zu schlagen, ihn zu betäuben und jedem Wunsche zugänglich zu machen. »Nun frage,« bat der Kaiser mit schmatzenden Lippen, nachdem eine der Sklavinnen ihm einen doppellehnigen Sessel zurechtgestellt hatte, von dem aus er lüstern den aufreizenden und anmutigen Anblick mit breitem Behagen genoß. Ah, diese Frau war doch noch tausendmal begehrenswerter als eine Calpurnia oder Cleopatra! »Wen hältst du für die schönste Frau in Rom?« begann Messalina. »Natürlich dich,« rief Claudius gefällig. »Ich wünsche keine Schmeichelei zu hören,« entgegnete sie munter. »Aber es ist keine Schmeichelei!« beteuerte er ehrlich in der Begeisterung des Augenblickes. »Für mich ist die schönste Frau in Rom Poppäa Sabina, die Gattin des Senators Scipio.« »Sie hält den Vergleich mit dir nicht aus,« wehrte Claudius und sah zu seinem stillen Bedauern die nackten Glieder der Kaiserin unter einer dichter verhüllenden Tunika verschwinden. »Wir wollen nicht streiten,« gab Messalina nach. »Alle Welt weiß, daß du die Heiligkeit und Reinheit der Ehe sehr hoch hältst.« Dem braven Claudius fielen seine Mätressen Calpurnia und Cleopatra abermals ein und so antwortete er nach einigem Zögern: »Ja – gewiß – natürlich – sehr hoch!« Er saß da wie das leibhafte böse Gewissen. Denn er vermutete ein Verhör. Es gab ja so viele Zuträger und klatschgefällige Schranzen im Palatium. Doch zu seiner Erleichterung sprach die Kaiserin weiter: »Meinst du nicht auch, daß nur in den seltensten Fällen die Frau die Verführerin ist?« »Nun ja – vielleicht,« zögerte der alte Herr, sich ob seines eigenen ehelichen Verhaltens eine Deckung zu sichern. »Meiner Meinung nach ist besonders eine verheiratete Frau sehr selten die Schuldige, sondern fast immer die mit List und Lüsten Verführte.« »Hm, hm,« machte er kurz, denn er wollte nicht offen widersprechen, da ihm noch nicht klar war, worauf Messalina abzielte. »Verdient nun der Verführer, der eine hochachtbare Frau um ihren guten Ruf bringt, nicht die strengste Strafe?« »Allerdings – aber – ?« »Es gibt kein Aber in dem Falle, von dem ich spreche,« unterbrach sie ihn schroff, um ihn ganz einzuschüchtern. »Sprichst du von Poppäa Sabina?« staunte Claudius entgeistert. »Sie gilt als die treueste und keuscheste Frau in Rom.« »Das war sie,« betonte Messalina, so dicht an den Kaiser herantretend, daß ihr Körper ihn streifte. »Sie – sie – war es?« stotterte er verwirrt. »Unmöglich!« »Wie – unmöglich? Du strafst mich Lügen?« Sie schrie ihn so heftig an, daß er vor Schreck errötete. Dann verzog sie ihr Gesicht, als wolle sie in ein schmollendes Weinen ausbrechen, und wie jäh von ihrer Kraft verlassen, lieh sie sich auf seinen Schoß niedergleiten. Schluchzend barg sie den Kopf an des Alten Brust. Mit täppischer Zärtlichkeit streichelte er sie. »Ich glaube dir ja, selbstverständlich glaube ich dir. Weine nur nicht! Ich glaube ja alles, was du sagst. Nur weine nicht! Ich kann dich nicht weinen sehen! So – so! Komm, Tränchen fortwischen. So – so. Nun ist alles wieder gut, gelt? Poppäa Sabina! Wer hätte das gedacht! Wer ist ihr Verführer? Er soll meinen schwersten Zorn erfahren.« »Dem Ehebrecher Verbannung und Vermögensverlust – dem Ankläger Vermögen und Besitz des Verurteilten!« sagte sie mit grausamer Klarheit, Wort für Wort schicksalsschwer betonend. »So ist es Rechtens,« stimmte er bei, »Wer ist der Ankläger?« »Ich,« bekannte Messalina, sich von den Knien des Kaisers erhebend. Das zerknitterte Gesicht des Cäsars glättete sich in Staunen. So spannte sich jede Fiber darin. Mit offenem Munde starrte er die Kaiserin an. »Schon wieder du in dieser so wenig fürstlichen Rolle?« Dann fragte er mit hohler Stimme: »Wer ist der Verklagte?« »Asiaticus, der Besitzer der Gärten des Lucullus.« Claudius sackte förmlich zusammen. Ihm graute plötzlich vor diesem Weibe. Sie ging zu weit in ihrem Eifer. Das war zuviel! Mochte sie tausendmal glauben, recht zu handeln, sie ging zu weit. Die Beschuldigung dieses ehrenhaften, edlen Mannes war eine Verblendung! Ihre Absicht, als Klägerin aufzutreten, just gegen einen Mann, der seine Treue zum Kaiserhause stets durch die Tat erwiesen hatte, eine schmerzliche Verirrung. Alle Verlockung vergessend, wich Claudius von seinem Weibe zurück. »Es müßten die gewichtigsten aller Zeugen sein, wenn sie mich überzeugen sollen,« sprach er langsam und in gramvoller Erschütterung. »Eifer ist gut, mein Kind. Doch allzu großer Eifer hat oft unersetzlichen Schaden gestiftet. Ach begreife, daß unsittliches Treiben deinen redlichen Sinn empört. Aber man muß nicht suchen, wo sicher nichts zu finden ist.« »Ich werde diese Zeugen beibringen,« versicherte Messalina ohne mit der Wimper zu zucken, obgleich sie vorläufig keine Ahnung hatte, wen sie für den Anschlag auf den Besitz eines der geachtetsten und beliebtesten Männer Roms gewinnen sollte. »Und wem verdankst du dein Wissen in dieser furchtbaren Sache?« forschte Claudius matt. Er sprach stillergeben und leise, überwältigt von seiner Gemütsbewegung. Eine dumpfe Ahnung der wahren Triebfeder ihres Tuns hatte ihn gestreift. »Zunächst dem – dem – Suillius,« antwortete Messalina, den Namen dieses verrufenen Menschen aufs Geratewohl nennend. »Suillius ...!?« fragte der Kaiser gedehnt in ernsten Bedenken. »Er steht in dem Rufe, ein käuflicher Denunziant zu sein.« »Ich leugne das nicht,« versetzte Messalina rasch gefaßt. »Doch wer anders als einer, der nichts zu verlieren hat, hätte gewagt, über den Asiaticus die Wahrheit zu sagen?! In Rom herrscht Feigheit gegenüber allen, die reich sind.« Claudius schüttelte den greisen Kopf. »Der Denunziant Suillius! Man wird mir glaubhaftere Männer als gerade diesen Nutznießer des Verrates bringen müssen.« Tief aufseufzend, ermannte er sich. »Wünschest du wirklich, daß ich dieser Anklage nachgehe?« »Unbedingt!« »Dann erwarte ich untrügliche Beweise.« Sie blickte ihn heimlich prüfend an. So fest und klar hatte er noch nie gesprochen. »Tatsachenbeweise oder Zeugenbeweise?« fragte Messalina mit heimlicher Enttäuschung. »Bekanntlich genügen in solchen Fällen Zeugenbeweise,« erinnerte der Kaiser in tiefem Bedauern. Er dachte an den nach Korsika verbannten Seneca, dessen sträflicher Umgang mit der ermordeten Livilla auch nur durch die Aussage des dem Tode verfallenen Polybius bezeugt worden war. »Ich merke, du wünschest diese Unterredung abzubrechen,« sagte die Kaiserin, die selbst dringend das ihr entglittene Gespräch beenden wollte. Sie scheute weitere Fragen. Ihr Plan war bisher nichts als eine lose Idee und Absicht. Der zufällig genannte Suillius und andere Zeugen mußten erst gewonnen werden, die Anklage zu stützen. »Allerdings wäre ich dir dankbar, wenn ich mich jetzt entfernen dürfte,« gestand Claudius und legte die bebenden Hände an den schmerzenden Kopf. Sie umarmte ihn und drückte die samtweiche Wange an sein welkes, runzliges Gesicht. »Es tut mir so leid, wenn ich dich erregen mußte,« flüsterte sie in falscher Zärtlichkeit. »Und es schmerzt mich, deine enttäuschte Miene zu sehen. Du siehst in alle Menschen deine Lauterkeit hinein. Du glaubst allzusehr an die Rechtschaffenheit der Menschen, an die Reinheit aller menschlichen Regungen, an die Sittlichkeit jener, die eine ehrbare Maske zur Schau tragen. Kann ich dafür, daß ich skeptischer bin und tiefer schaue? Soll ich schweigen, wenn mein Herz sich empört?!« Der überzeugende Ton ihrer Worte machte auf den Kaiser Eindruck. Sie fühlte es sofort. Den gebeugten Nacken des verstummten Mannes umschlingend, sprach sie weiter. »Sag – bin ich denn nicht ein Teil deiner selbst? Ist es nicht meine Pflicht dir meine Wahrnehmungen mitzuteilen, auf daß du ein gerechter Richter und wahrer Vater deines Volkes wirst, der auch in den höchsten Kreisen kein Verbrechen duldet?« Wie immer, schmolz er unter ihren Liebkosungen und dem Zauber ihrer bestrickenden Stimme dahin. Er küßte sie mit jener zarten Innigkeit, die diese rätselhafte Frau aus diesem greisen, steifleinenen Pedanten hervorzuhexen verstand, und wiederholte sein Versprechen, den Prozeß gegen Asiaticus einzuleiten und bis zum letzten durchzuführen, falls die Beweise untrüglich seien. Dann ging er. Einige Sekunden stand Messalina nachdenklich da. Dann warf sie die letzten Bedenken von sich. Sie hatte fast planlos eine Verruchtheit begonnen. Setzt war sie entschlossen, aus dieser Planlosigkeit einen Sieg zu modeln. Sie vertraute auf ihr seltsames Glück, das ihr in allem Tun bis dahin treu geblieben war. Von Callistus und Pallas, das fühlte sie, hatte sie weder Hilfe noch Beistand zu erhoffen. Sie war auf sich allein gestellt, seit diese beiden ihr den Tod des Polybius verargten. Narzissus? ... Auch ihm war nicht mehr zu trauen. Er würde zu seinen griechischen Freunden halten. »Die Würfel sind im Becher geschüttelt, nun gilt es einen geschickten Wurf zu tun!« dachte sie, den schönen Kopf stolz aufrichtend. Dann befahl sie den Dienerinnen, sich mit der Vollendung der Kleidung zu beeilen. »Schmücke dich,« wandte sie sich an Fabulla. »Du wirst mich ins Theater begleiten. Hoffentlich gibt es dort etwas zu sehen, das mich zerstreut und anregt.« »Mnester tritt auf,« berichtete Fabulla. »Ah – Mnester ...?« murmelte die Kaiserin unter einem mystischen Lächeln. 15 Der Zuschauerraum im riesigen Theater des Pompejus war mit Menschenmassen gefüllt, als die Kaiserin – nur in Begleitung ihrer Vertrauten Fabulla – die Orchestra betrat, um auf diesem Ehrenplatze der Vorstellung beizuwohnen. Sie wurde zwar sogleich erkannt, doch nicht mit jenem Jubel begrüßt, der sich sonst erhob, wenn der kaiserliche Hofhalt vor der Bühne erschien. Nur vereinzelte Zurufe klangen hernieder von den vierzehn Cunei, in die zahlreiche Treppen den Zuschauerraum teilten. Jede dieser keilförmigen Abteilungen enthielt etwa tausend Sitzplätze. In den am höchsten gelegenen Reihen des Amphitheaters saßen einige hübsche Frauenzimmer. Durch Kleidung und dickumschminkte Augenlider bekannten sie sich zu ihrem Berufe. Es waren käufliche Priesterinnen des Eros. Eine ältliche, dicke Frau, überladen von reichem, protzigem Schmucke, beaufsichtigte sie. Die lebhaften, pfiffigen Augen in dem gutmütigen Gesicht der Alten huschten eifrig über die plappernden und kichernden Mädchen. Sie sorgte dafür, daß ihre Schützlinge sich nicht allzu auffällig benahmen, damit der Designator, der Aufseher über die Sitzplätze, keine Gelegenheit fände, sie zum Verlassen des Theaters aufzufordern. Im übrigen hatte der Designator ein reiches Geldgeschenk erhalten. So tat er sein möglichstes, rechts und links wie vor und hinter der dicken Frau und ihren Dirnen nur solchen Leuten Plätze anzuweisen, die an dieser Nachbarschaft keinen Anstoß nehmen, weit eher Gefallen an der Nähe der lockeren Vögel finden würden. »Ist's wahr, Mutter Rubria, daß es die Kaiserin ist, die dort unten soeben eintrat?« erkundigte sich eines der Mädchen mit lauter Stimme. Schnell huschte Mutter Rubria durch die Reihe zu der Fragerin hin. »Sprich leise, du Närrin!« zischte sie. Erschrocken dämpfte das Mädchen die Stimme, flüsterte aber: »Sie ist es also! Ich habe sie sogleich wiedererkannt, obwohl sie blonde Haare hat, wenn sie bei uns im Hause erscheint.« »Bei allen Göttern, wahre deine vorlaute Zunge!« drohte die Alte. »Ich kenne sie nicht, obwohl ich sie kenne.« Die Dirnen lachten über die drollig unbedachten und widerspruchsvollen Worte. Und obwohl Mutter Rubria einen großen Aufwand an Beschwichtigungen und einschüchternden Gebärden verschwendete, die Mädchen zur Ruhe zu zwingen, erreichte sie nur, daß ihre Schützlinge sich in erregtem Flüstern über die unglaubliche Tatsache unterhielten, in der Kaiserin Messalina die mannstolle Lycisca entdeckt zu haben, die ihnen so manchen Freund wegschnappte, sobald sie in dem gastfreien Hause der Mutter Rubria erschien. Ein Mädchen mit besonders frechem Gesichte rief jedoch ziemlich laut: »Sie sagte mir unlängst, sie würde lieber ein Auge verlieren als auf die Umarmung eines lendenkräftigen Mannes verzichten.« Eine andere fügte hinzu: »Und als letzthin unser braver Dorillus im Morgendämmern das Haus von den Gästen räumen wollte und auch die nicht im Hause wohnenden Hetären verscheuchte, da bettelte diese Lycisca: ›Ach, nur den einen noch!‹ – Ihr müßt wissen, es stand ein ungewaschener Seemann vor der Tür und verlangte unter Drohungen nach einem recht lebhaften Mädchen.« In ihrer zornigen Zurechtweisung wurde Mutter Rubria durch den Herold unterbrochen, der auf der sonnenbeleuchteten Bühne erschien und mit seinem weithin hallenden › Favete linguis !‹ den Zuschauern Schweigen gebot. Die Vorstellung begann. Mit geringem Interesse folgte Messalina den Darbietungen. Sie wartete aus das Auftreten des Mimen Mnester, der plötzlich die Theatersensation Roms geworden war. Traulichen, doch auch traurigen Erinnerungen an das längst versunkene Erlebnis mit dem ermordeten Schauspieler Paris hingegeben, ließ sie die bunten Bilder auf der Bühne vorübergleiten, nur hin und wieder aufmerkend, wenn das Dargestellte eine erotische Wendung zu nehmen schien. Doch man sparte heute mit liebestollen Vorführungen. Den Höhepunkt der Vorstellung sollte Mnesters berühmte Szene »Eros und die Verführung der Ais« bilden, die auch Paris einst gespielt hatte. Endlich war die Sonne weit westwärts gewandert. Ein leichter Dunst verhüllte dort den Himmel. Blaurot sank der Sonnenball. Ein sanfter Hauch von Purpur webte die Bühne in ein zart verdämmerndes rötliches Leuchten. Das harte Blinken der zahllosen Vergoldungen an der Bühnenrückwand, an Säulen und Pfeilern, an den Göttergestalten in den zahllosen Nischen ging allmählich in ein warmes Glühen über. So erzeugte die Natur selbst jene verträumte Stimmung gedämpfter Erwartung, die Mnester für seine Darstellungen brauchte. Der klug berechnende Künstler trat niemals in seiner großen Eros-Szene auf, wenn Wetter und Himmel nicht die Vorbedingungen an Beleuchtung und verhaltenem Zwielicht boten. Die Zuschauer kannten schon diese Laune des gefeierten Pantomimen. Als dann der rechte Teil der Bühne bereits im tiefen Schatten des Proszeniums lag, links aber übergossen war von einer rosengoldenen Flut scheidenden Sonnenlichtes, wurden in der Pause zunächst einzelne Rufe nach Mnester laut. Dann aber dröhnte der Name durch den ungeheuren Raum des Theaters, brausend, in einmütigem Gleichtakte, gerufen von der erwartungsvollen Menge. Wie auf ein gegebenes Zeichen brach der Lärm urplötzlich ab. Trotz der ekstatischen Beliebtheit Mnesters unterbrach kein begrüßender Applaus die unvermittelt eintretende Stille, als seine Gestalt in dem Halbdunkel der rechten Bühnenseite erschien. Langsam schritt Mnester der linken Seite der Bühne zu. Dann stand er dort in dem rötlichen Lichte, nur mit einer Tunika aus dünner, fast durchsichtiger Seide bekleidet. Aus sattem Rubinrot schimmerten die edelgeformten, vielleicht etwas zu gepflegt, zu weibisch wirkenden Glieder des Künstlers. Leise Musik eines aus Doppelflöten und Sambuken gebildeten kleinen Orchesters erklang wie ferne unweltliche Sphärentöne durch ein Portal in der Bühnenmitte. Regungslos stand der Schauspieler, als bade er sich in den wohlig kosenden Lauten dieser Harmonien. Dann begann er sich in leisen, vereinzelten Bewegungen zu regen, die, so einfach sie gehalten waren, in ihrer hohen künstlerischen Vollendung überzeugend die Menschwerdung des Gottes Eros aus Licht und Schatten mimisch gestalteten. Bis schließlich aus der mystischen Erscheinung ein halbnackter Mann geworden war, der sich des neugegebenen Lebens freute. Messalina sah mit weitgeöffneten Augen. Ihre Lippen schimmerten feucht, ihre Nasenflügel zitterten, ihren Körper durchbebte ein leises Vibrieren, die vorempfindende Ahnung eines nie gekosteten Genusses. Vielleicht war es nur ein Zufall, daß Mnesters Blick jetzt zu ihr hinschweifte. Vielleicht auch hatte ihr, in unbeherrschter Erregung glimmender Blick den seinen magnetisch an sich gezogen. Als Mnesters Auge sie traf, lehnte sie sich tief in ihren Sitz zurück und harrte unter atemloser Spannung, ob der Zufall sich wiederholen würde. Es blieb kein Zufall. Mehr und mehr überkam sie die Überzeugung, daß Mnester nur für sie spiele. Zugleich hätte sie eine Welt darum gegeben zu wissen, ob der Künstler der Kaiserin eine Aufmerksamkeit erwies oder ob der Mann dem Weibe huldigte. Nachdem Mnester die Metamorphose des Eros dargestellt hatte, entschwebte er in das Dunkel des Proszeniums zurück. Mit der ihm eigenen Begabung, ganz allein verschiedene Gestalten einer Szene zu verkörpern mit einer Charakterisierungskraft, daß der Zuschauer nie im Zweifel blieb, welche der Personen der Pantomime gerade handelte, schilderte der Künstler nun den Eintritt der unschuldsvollen Ais in einen Lorbeerhain. Vollendet brachte er zur Darstellung, wie das Mädchen, das Liebe ahnt, doch noch nicht kennt, an der dem Eros geweihten Quelle des Haines in holder Keuschheit ein sehnsüchtiges Blumenopfer bringt. Dann wieder war er Eros, den die unschuldsvolle Anbetung der Ais rührt, so daß er beschließt, ihr in der Gestalt eines Hirten dankbar zu erscheinen. Doch wie er nun in Menschengestalt aus den Lorbeerbüschen tritt, kann er nicht anders als menschlich fühlen. Er entzückt sich an dem körperlichen Liebreiz der unberührten Ais und entflammt sich an der Vorstellung der Vereinigung mit den reinen Gliedern des Mädchens. Den schlanken, weiß schimmernden Körper unter dem durchsichtigen Rubinrot leichtfüßig über die Marmorfliesen der Bühne tragend, malte Mnester in ebenso graziösen wie wollüstigen Gebärden die irdischen Gefühle des Eros. Auch jetzt wieder schien er nur für Messalina zu spielen, sich nur an sie zu wenden, als bedürfe seine Gestaltungskraft der Inspiration durch eine belebte, belebende Wirklichkeit. Messalina saß wie verzaubert, geschüttelt von Lüsten, die sie bis dahin nicht gekannt. Alles, was sie an Liebe genossen, erschien ihr plötzlich schal und roh. Nie war um sie so zartsinnig geworben worden, wie Eros-Mnester um die junge Ais warb. Nie hatte sie solch künstlerisch gezügelte, auswühlende Erotik gesehen, wie dieser Mime sie den Tausenden von Blicken bot. Wie gern wäre sie Ais gewesen, der Eros jetzt, von stürmischem Begehren erfüllt, befahl, sich zu enthüllen, damit ihm keine der tausend Wonnen ihres Leibes verborgen bliebe. Mit fast unwahrscheinlicher Gewandtheit hielt der Künstler die beiden Gestalten seiner Szene auseinander, täuschte vollkommen darüber hinweg, daß nur ein einzelner Mensch hier handelte. Bald war er Ais, die sich in zaghafter Scham immer weiter entblößte, bald der in irrer Liebesraserei entflammte Eros, der die Zügellosigkeit seiner Leidenschaft kaum noch zu bändigen vermag, je mehr der Hüllen vom Körper des Mädchen sinken. Bis sie vollkommen nackt vor ihm steht und seine tastenden Hände in schamvollem Erröten, doch auch mit dem keusch-leidenschaftlichen Wunsche duldet, ihre Sehnsucht erfüllt und ihre mädchenhaft unbewußten Triebe gestillt zu fühlen in seiner Umarmung. Als Mnester jetzt Ais darstellte, die sich auf das Geheiß des Eros in blühenden Blumen bettete, als er dann den Mensch gewordenen Gott gestaltete, der sich in einer Wolke von Glut und Brunst über den hingegebenen Leib der Verführten niedersenkte, ertrug Messalina die furchtbare Spannung nicht länger. Mit einem tiefen, fast tierischen Aufstöhnen erhob sie sich und verließ rasch die Orchestra. Fabulla folgte ihr, während die Zuschauer, erlöst von dem sie erstickenden Banne, in einer Raserei von Beifall die aus vollendeter Kunst in krassester Realistik endende Szene Mnesters bejubelten. Schreie aufs äußerste erregter Weiber mischten sich in das Wetterbrausen prasselnden Händeklatschens. Fast besinnungslos taumelte Messalina ihrer Sänfte zu und warf sich mit aufgelösten Gliedern in die Seidenpolster. Tropfen perlten auf ihrer Stirn. Sie riß den kostbarsten ihrer Ringe vom Finger und drängte ihn Fabulla auf. »Rasch, rasch – beeile dich! Bring das Geschenk dem Mnester und bestelle ihm, daß die Kaiserin ihn in das Haus der Mutter Rubria befiehlt. Sollte er nicht wissen, wo es ist, so warte auf ihn und geleite ihn zu mir. Er wird kommen, denn er spielte nur für mich!« Sie riß die seidenen Vorhänge zusammen und überließ der Vertrauten, den Trägersklaven den Weg zu beschreiben. Dann löste sich die überstandene sinnliche Aufpeitschung in ein unbeherrschtes Schluchzen. Bald darauf schritt Messalina wartend in demselben Gemache auf und ab, dessen teppichbekleidete Wände einst das große erste Glück, das ihr Paris bereitet, vor einer Welt verborgen hatten. Noch immer ragte aus dem Sockel die Bronzegestalt des Fauns, der mit ausgestrecktem Arme die an der Kette schwebende Ampel hielt, als leuchte er mit dem flackernden Dochte der Lampe dreist hinein in die Geheimnisse des Liebesnestes. Noch immer gleiste in dem verdämmernden Schimmer der schwachen Beleuchtung der goldbronzene Leib der Statuette jener bezaubernden Gestalt einer kyprischen Aphrodite. Dort stand noch das mit Pardelfellen bedeckte Pulvinarium. Noch raunte der luftkühlend aus der Wand fließende Born und ließ den glitzernden, dünnen Strahl in das Becken aus syrischem Marmor sprudeln ... Es war die Stätte, die nicht nur das Glück der zur Liebe erweckten jugendlichen Frau des gealterten Claudius, nein, auch den Jammer der durch das Verschwinden des Paris in Ratlosigkeit und Verzweiflung gestürzten neuen Kaiserin gesehen hatte. Es war die Stätte, an der nach Paris ein überraschter Narzissus der erste Glückliche war, dem sich das verratene, verirrte junge Weib selbstschänderisch bis zur letzten Nacktheit enthüllte. Und unzählige andere noch hatten in diesem verschwiegenen Raume Tribut gezahlt an die sengende Gier der nimmersatten Lycisca, ohne zu ahnen, daß sie in der vermeintlichen Kurtisane für kurze Augenblicke eine Frau beherrschten, in deren liebesgeübten Händen in Wahrheit die Herrschaft des römischen Reiches ruhte. Nun abermals erwartete sie hier einen Schauspieler zum Stelldichein. Damals war es ein Anfang. Lag in der Wiederholung des Erlebnisses vielleicht ein Ende? Allein mit sich selbst, begann die Kaiserin zu überlegen. Es stieg aus vergangenen Zeiten auf. Es war wieder Valeria Messalina, die ihren Gedanken nachhing. Valeria Messalina, in der die Roheit Caligulas die erste entsetzensvolle Erkenntnis erweckte, daß Liebe nichts sei als das Unterliegen der Schwäche des Weibes unter der brutalen Kraft des Mannes. Sie hatte sich gegen diese erste erschütternde Erfahrung aufgebäumt. Immer wieder hatte sie geglaubt, es müsse noch ein anderes Glück der Liebe geben. Paris? – Ihn zählte sie nur noch zu den Toten. Aber Narzissus, Pallas und Polybius – und die vielen anderen. Keiner war der Mann gewesen, den sie wahrhaft liebte oder von dem sie wahrhaft geliebt wurde. Nichts weiter als ein Austoben ihres domitischen Blutes. Nichts weiter als Gier nach ihrem Leibe bei allen diesen Männern oder schlimmer noch, politischer Ehrgeiz. Lebenshunger, Angst vor der Schalheit des Daseins hatte sie von Arm zu Arm gehetzt. Jetzt, als sie auf Mnester harrte, allein in dem Gemache, in dem kein Laut war als der rieselnde Wandbrunnen – jetzt verblaßte nach und nach die Erotik der Erwartung. Eine alte, längst begrabene Sehnsucht rang sich aus dem Chaos der Verderbnis in ihrem Gemüt empor. Hatte Mnester nicht für sie, allein für sie, gespielt? Seine Blicke bewiesen es doch! Er hatte aber nur zu ihr hinaufgeblickt, meinte sie, wenn er die zartesten, nicht die erotischen Augenblicke seiner Darstellung bot. Liebte er sie? Sie bejahte sich diese Frage, ohne sich über diese Zuversicht Rechenschaft abzulegen. Vielleicht war Mnester die Erfüllung ihrer alten jungen Sehnsucht, lieben und geliebt zu werden, so groß und so schön, daß innigste Neigung des Herzens und feurigstes Blühen der Sinne zu einer Harmonie der Seelen und der Körper zusammenklang, die nur die höchste Huld der Götter verleihen konnte. Der Götter! War es nicht ein Zeichen ihrer Gnade: der Erste ein Schauspieler – Paris! – Der Letzte auf einer Laufbahn, vor der sie jetzt erschreckend erschauerte, wiederum ein Schauspieler! Sie fühlte sich plötzlich frei, erlöst und glücklich. Sie sollte lieben, sollte geliebt werden ... In diesem Augenblicke betrat Mnester das Gemach. Ohne das durchsichtige Gewand der Bühne war er nicht mehr der Mann, der vor einer Stunde ihr Blut zu unerträglicher Siedeglut erhitzt hatte. Um so besser! Das Kleid der Lust war abgeglitten von ihm, von ihr. Ein schöner Mensch! Er schien ein wenig weichlich, wenn nicht gar weibisch, als er mit schwebenden Schritten hereinkam und mit der gleichen Kunst, mit der er seine Bewegungen auf der Bühne beherrschte, sich in mehr gespielter als empfundener Ehrerbietung vor der Kaiserin verneigte. Messalina fühlte wider Willen ein Erkalten ihrer eben noch götterwärts steigenden Gedanken. Doch sie wehrte sich mit aller Macht gegen die aufkeimende Ernüchterung. Vergeblich. Dieser Künstler war ja nicht einmal der Paris ihres verschollenen Glückes. Doch sie zwang sich in die Stimmung zurück, in der sie auf diesen Mann gewartet hatte. Es gelang ihr nicht völlig. Mit geheimem Grauen erkannte sie, daß auch jetzt ihre lebhafte Einbildungskraft den Gedanken umtastete, der jedem Manne gegenüber sofort in ihr pochte: wie mag seine Umarmung sein? »Du befahlst, erhabene Domina, und ich gehorchte,« unterbrach in geziertem Griechisch Mnester die verzweifelte Abwehr der ringenden Frau. Er sprach die wenigen, inhaltsarmen Worte, wie er sie wahrscheinlich auch in einem Theaterstück, etwa in einer atellanischen Komödie gesprochen hätte. Messalina betrachtete ihn mit dem sonderbar entblößenden und zugleich verhüllenden Schimmern ihrer Augen, die ein Plautius Lateranus als dunkel, doch nicht tief bezeichnet hatte. »Machen wir in diesem freien Hause keinen Unterschied zwischen der Kaiserin und dem Künstler,« schlug sie vor. Sie lächelte ein wenig spöttisch. »Seien wir bloß Weib und Mann, die einander nur an solch einem Orte begegnen dürfen, weil – weil er – verborgen genug liegt, um vielleicht ein Glück zu verbergen.« »Ich bin dein Sklave,« versicherte Mnester pathetisch. Auch dies ein Urlaut seiner Bühnenroutine. »Nicht doch!« rief sie ungeduldig. »Laß den Mimen! Ich liebe es, einen Mann zu sehen.« »Das ist für Rom kein Geheimnis,« glaubte der Mime scherzen zu dürfen, da er in seiner Beschränktheit den Sinn ihrer Worte nicht erfaßte. Brennende Röte lohte über ihr Antlitz. Ihre Enttäuschung wurde schmerzhaft. »Da dies also kein Geheimnis ist, kamst du wohl um so lieber zu mir?« forschte sie mit heiserer Stimme. »Doch ich meinte es anders, mein Freund. Wenn ich den Mann betonte, so zielte ich diesmal auf den Charakter, nicht auf das Geschlecht.« Der Schauspieler sah beleidigt drein. »Nun,« sagte er putzig eitel, »ich glaube meinen Mann zu stehen, wenn ich nicht gerade – Mädchen darstelle.« Messalina konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Da rief er gekränkt, »Sind denn alle deine Freunde so viel männlicher als ich?!« »Nicht alle,« spottete Messalina. »Doch sicher zwei von ihnen waren wirkliche Männer. Den einen sah ich heute morgen erst!« Hier flackerte ihr Blick düster auf, um dann zu erlöschen in der Erinnerung an bitter Versäumtes, unwiederbringlich Verlorenes. Sie dachte an Abalanda, als sie seufzend hinzufügte: »Den andern traf ich vor langer, langer Zeit.« »Waren es Römer?« fragte Mnester mit einem törichten Lächeln des Zweifels. Sie starrte flüchtig auf dieses Lächeln. Es war süßlich, gezwungen, überheblich wie das Lächeln, mit dem er sich vor dem Beifall der Menge aufgeblasen vor Ruhmsucht zu verneigen pflegte. Dann trat sie dicht an ihn heran und fragte ihrerseits: »Du bist ein Grieche, nicht wahr?« Nachdem er, sich in die Brust werfend, bejaht hatte, fuhr sie fort: »Das habe ich nicht bedacht, als ich dich zu mir kommen ließ.« Sie versank in tiefes Sinnen. Wie erwachend, sprach sie dann weiter. »Der eine Mann war ein Römer und enttäuschte mich eben, weil er ein Mann und ein Römer war. Heute aber ertrage ich Enttäuschungen nicht mehr. Hüte dich!« Sie funkelte ihn aufflammend an. Mnester wurde blaß. Er wußte, wie weit die Macht der Kaiserin reichte, auch, daß sie noch nie gezögert hatte, von ihrer Macht Gebrauch zu machen. In seiner Hilflosigkeit fragte er: »Und der andere?« »Er war ein Nordländer,« antwortete sie in raschem Umschwung des Gefühls in leiser Wehmut. »Doch ich verstand ihn nicht. Denn als ich ihn wirklich kennenlernte, war es zu spät. Er liebte mich in der kühlen, klaren, begehrenslosen Weise seiner Rasse, in jener Weise, die erst erstrebt, bevor sie erringt. In diesen Tagen erhielt ich dunkle Kunde, er sei im Norden seines Landes gesehen worden in der Begleitung eines griechischen Mannes und eines Mädchens. Was böte ich dafür zu wissen, ob er um dieses Mädchens willen ohne Abschied von mir ging!« Sie hatte diese Erzählung mehr wie in einem Selbstgespräch vor sich hingehaucht. Nun besann sie sich. »Was hast du vermutet, als man dich hierher bestellte?« drang sie plötzlich in den Mimen. Er spitzte die Lippen und sog leise die Luft ein, bevor er herablassend antwortete: »Unsereiner vermutet doch nur eine Absicht, wenn vornehme Frauen Roms glauben, einem Künstler eine Ehre zu erweisen, indem sie ihn zum Stelldichein laden.« Dann schloß er ein Lid und sah sie mit dem anderen Auge prüfend an: »Du giltst für leidenschaftlich, hohe Fürstin, und wenn du dich herabläßt –« Barsch unterbrach sie seine selbstgefälligen, leeren Redensarten. »Kann Liebe Herablassung sein? Die Liebe gleicht Standesunterschiede aus, einerlei wer von zwei Liebenden im weltlichen Range höher steht.« Dann beherrschte sie sich: »Du sagtest, ich sei leidenschaftlich. Nun gut, ich leugne es nicht. Es gibt Zeiten, in denen mein Begehren mich rüttelt, als wäre ich die vom Erdbeben geschüttelte Mutter Gäa. Dann bricht auch wohl die Leidenschaft aus mir hervor wie glühende Lava aus dem Vesuvius.« Diesmal war das Lächeln Mnesters nicht mehr eitel, sondern furchtsam, als er erwiderte: »Domina, ich fürchte, du täuschest dich in mir. Man erzählt sich ein Wort von dir, und nach dem, was du mir sagst, scheint dieses Wort doch nicht nur Erfindung zu sein.« »Und – ??« »Man sagt, du hättest behauptet, der Sieg eines Feldherrn sei nichts gegen den Sieg einer Frau, die es fertig brächte, sich zwanzigmal am Tage besiegen zu lassen.« Messalina lachte bitter auf. »Zwar ist diese Anekdote nur Erfindung. Aber sie beleidigt mich nicht, weil sie meine Ansicht von der Liebe ziemlich richtig wiedergibt,« sagte sie zynisch. Mnester plapperte weiter: »Eine Erfindung – eine Anekdote nur? Wirklich? Man will doch aber wissen, du hättest solch einen Wettkampf mit einer Dirne hier im Hause ausgefochten und wärest gleichsam der siegende Feldherr geblieben.« Sie überging die Antwort auf diese Beschuldigung und spottete: »Du aber scheinst mir kein – Feldherr zu sein, der mich zu besiegen vermöchte. Ich rate dir, iß das nächste Mal Euruken, ehe du die Einladung einer Frau annimmst, die nicht wie du Wasser, sondern heißes Blut in den Adern hat.« »Ich verstehe diesen verletzenden Rat sehr wohl, erhabene Domina,« entgegnete er beleidigt. »Du vergißt jedoch, daß ich ein Künstler bin.« »Das bist du allerdings!« rief sie mit ätzendem Hohne. »Deine Kunst ist ungewöhnlich. Nämlich die Kunst, über den blutlosen Menschen Mnester so zu täuschen, als wäre der Künstler Mnester ein brodelnder Vulkan der Leidenschaft. Ich sah dich heute auf der Bühne. Und ich glaubte, du schüfest durch deine Kunst der Liebe ein Denkmal. Du aber schändest sie nur. Denn deine Schlaffheit parodiert, was Blutmenschen im Taumel der Liebe fühlen.« »Du mißverstehst mich, hohe Frau,« widersprach er kühn. »Der Künstler lebt von Idealen. Ich, der ich auf der Bühne des Scheines am liebsten edle Menschen spiele, verspüre wenig Lust, auf dem öffentlichen Theater, zu dem du deinen Körper geweiht hast, eine Rolle zu übernehmen.« Diese maßlose Beleidigung traf die Frau wie ein Hammerschlag aufs Haupt. Zugleich fiel ihr ein, daß an diesem verhängnisvollen Tage zum zweitenmal ein Mann sie zu verschmähen wagte ... Diese Erkenntnis vereiste ihr Blut. Doch die unverschämte Kränkung, die Scham über die Zurückweisung, die Schmach, von diesem erbärmlichen Bühnenlaffen beschimpft und verworfen zu sein, jagte ihr sofort wieder einen heißen Blutschwall zu Kopfe und färbte die erblichenen Züge purpurrot. War denn ihr Leben nichts als Erniedrigung, die ihr, dem Weibe – von Caligula angefangen bis zu diesem jämmerlichen Mimen – von Männern zugefügt wurde, sobald sie sich herabließ und bat, statt als Kaiserin zu gebieten?! Sie faßte den angstbebenden Komödianten derb an den Schultern. »Bin ich nicht begehrenswert?« fauchte sie ihm ins Gesicht. »Nur für den, der dich begehrt,« schrie er, sich unter ihrem Griffe krümmend. »Und wenn ich dir drohe, dich durch die Folter gefügig zu machen?« gellte sie, außer sich vor Zorn. Er gab standhaft zurück: »Dann werden nicht meine Wonnen, sondern meine Schmerzen mich zu dir aufs Lotterbett werfen.« »Also verschmähst du mich wirklich?« »Man betet lieber in Tempeln, die nicht vom Schmutz des Pöbels entweiht sind. Ich bin ein Grieche und ein Künstler. Die lieben nur das Edle, Schöne und Reine.« Sie gab ihm einen Stoß, der den schwächlichen Mann gegen die Wand schleuderte, raffte ihre Pänula an sich und verließ das Gemach. Draußen rief sie mit erstickter Stimme nach Mutter Rubria. In gefälliger Hast erschien die Alte vor der Kaiserin. »Du bürgst mit deinem Leben dafür, daß Mnester dein Haus nicht verläßt, bis er von Prätorianern abgeholt wird,« befahl sie keuchend. Erschöpft lag sie in den Kissen ihrer Sänfte, während der Aufseher, dem Befehle der Herrin zufolge, die Träger mit pfeifenden Hieben zur äußersten Eile anspornte. Messalina vernahm die klatschenden Peitschenschläge, die zischend auf die nackte Haut der stöhnenden Sklaven niedersausten. Sie berauschte sich an der Vorstellung, daß bald auch Mnester so gezüchtigt werden würde. 16 Seit den Erfahrungen mit Lateranus und Mnester war eine gespenstig dumpfe Ruhe über Messalina gekommen. Sie konnte lange Stunden auf einem Pulvinarium ruhend zubringen, regungslos auf den Polstern liegend, als wäre sie von einer großen Müdigkeit überwältigt. Ihr Cubiculum mußte dann tagsüber vollständig verdunkelt werden. Wenn ein Luftzug eine Ritze zwischen den Vorhängen öffnete und auch nur der geringste Lichtschimmer hindurchbrach, wirkte dieser unbedeutende Vorgang derart aufreizend auf die sonderbare Frau, daß sie in Rasereien verfallen, mit unflätigen Scheltworten nach ihren Dienerinnen schreien und die gehetzten Geschöpfe wegen grober Nachlässigkeit grausamen Züchtigungen überliefern konnte. War solch ein Wutanfall vorübergewettert, so trat oft unvermittelt ein jäher Wandel in ihrer Gemütsverfassung ein. Die Furcht vor Helligkeit ward zu einem wahren Lichthunger. Sogar des Nachts mußten lampenbeladene Kandelaber im Schlafgemache jetzt blendende Beleuchtung spenden. Das gedankenstumpfe Faulenzen wurde durch überreizte Tätigkeit ersetzt, und die Kaiserin, die sich sonst um nichts als ihr Privatleben bekümmerte, zeigte plötzlich ein erstaunliches Interesse für fernliegende Dinge und Angelegenheiten des Hofhaltes. Auch dem Sohne Britannicus und dem Töchterchen Octavia widmete sie sich dann mit wahrer Affenliebe. Die Kinder mußten ständig um die Mutter sein, die ihre Zerstreuungen mit ihnen teilte, neue Spiele ersann und selbst wie ein Kind tollend durch die Räume des Palastes mit den Kleinen lärmte. Kam danach die körperliche Ermüdung, so hatte auch Claudius gute Zeiten. Er durfte sich in den Gemächern der Gattin einfinden und ihr zu seiner größten Freude stundenlang aus seinen Manuskripten vorlesen. Die nächtlichen Streifzüge durch Rom, Besuche auf dem Platze an der Marsyassäule oder an sonst verrufenen Stätten der Stadt schienen endgültig der Vergangenheit anzugehören. Wenn die durch das Beispiel der Herrin verdorbene, lebensfreudige Fabulla sacht andeutende Vorschläge wagte, war Messalinas einzige Antwort ein stumm abweisender Blick. Doch gerade nach solcher Versuchung der vertrauten Freigelassenen steigerten sich die Reizzustände der Kaiserin, als hätte die Erinnerung an das Gewesene sie seelisch stark erschüttert. Auch dann schloß sie sich vom Lichte ab, wurde aber in ihren verdunkelten Räumen von einer geisterhaften Unruhe umhergetrieben, als wäre sie auf der Suche nach einem Geheimnis, das ihr Befreiung und Erlösung aus der bohrenden Qual ihres Gemütes bringen könnte. Während einer dieser Perioden wollte Claudius der offenbar gemütskranken Kaiserin eine Ablenkung und eine Freude bereiten. Er stürzte in ihr Schlafgemach und sprudelte mit vielem Speichel hervor: »Wie recht du hattest, du Kluge – Fürsorgliche! Was wäre ich ohne dich, meine Retterin!« Messalina blinzelte verständnislos in das dämmrige Licht des Gemaches. Übereifrig berichtete der Kaiser, die Nachforschungen über das ehebrecherische Verhalten des Valerius Asiaticus hätten kaum wirklich zuverlässige Ergebnisse gezeitigt, doch sei immerhin genügend Material gefunden, gegen den Besitzer der lucullischen Gärten einen Prozeß anhängig zu machen. Messalina hörte den langatmigen Auseinandersetzungen des Kaisers mit gespannter Neugier zu. Ein Zug neu erwachender Lebendigkeit huschte über ihr schlaff und leer gewordenes Gesicht. »Ich hatte diesen Asiaticus schon halb vergessen,« gestand sie. »Um was handelte es sich doch bei dem Manne?« Claudius sah sie betroffen an. »Aber du selbst hattest ihn doch des Ehebruches mit Poppäa Sabina bezichtigt.« »Fand man Beweise?« »Suillius erschien in deinem Auftrage vor mir und berichtete über Vorgänge, die man allerdings als Beweise gelten lassen könnte.« »Suillius!« sagte Messalina nachdenklich. Erst jetzt fiel ihr wieder ein, daß sie damals diesen Mann, der von Claudius ein käuflicher Denunziant genannt worden war, für ihre Pläne gedungen hatte. Suillius hatte zugesagt. Und nicht nur das. Er hatte ihr auch weitestgehende Versprechungen gemacht. Er wollte Persönlichkeiten gewinnen, die von Einfluß bei Claudius wären und die den Asiaticus zugleich von einer andern Seite her dem Kaiser verdächtig machen würden, falls mit einer Anklage wegen Ehebruchs nicht durchzudringen sei. Bis in den Nacken errötend, erinnerte Messalina sich, den Callistus beauftragt zu haben, jenem Suillius einen beträchtlichen Geldbetrag auszuhändigen. Das also war geschehen, und der Denunziant hatte Wort gehalten und gehandelt. Wie weit lag das alles heute zurück! Ein Grauen überlief sie. Wo war ihr Geist gewesen, daß dieses Projekt ihr völlig entfallen konnte! – Wie hatte die Enttäuschung und Beleidigung durch Lateranus und Mnester sie so tief erschöpfen können, daß sie die Welt vergaß und mit der Welt die nächsten greifbaren Ziele! Sie schüttelte den Bann ab und entflammte sich aufs neue an dem Gedanken, die Wundergärten des Lucullus auf einem Wege an sich zu bringen, der abseits vom Gewöhnlichen lag, abenteuerlich und aufpeitschend war. »Dir scheinen nun doch Bedenken über diese Sache zu kommen,« schreckte Claudius sie aus ihrem Grübeln auf. »Keineswegs,« erwiderte sie kurz, um nicht mehr sagen zu müssen. Sie wollte zunächst vom Kaiser hören, wie weit der Prozeß gegen Asiaticus gediehen war. »Es ist dir gewiß erinnerlich, daß ich der Zeugenschaft eines Mannes wie Suillius kein rechtes Vertrauen schenkte,« fuhr Claudius fort. »Allein ein besonderer Umstand bewog mich, ihn ernster zu nehmen, als ich ursprünglich vorhatte. – Langweile ich dich?« unterbrach er sich, weil Messalina sonderbar abwesend lächelte. Sie nahm sich zusammen. »Durchaus nicht,« versicherte sie, jetzt wirklich gespannt zu hören, was dieser schlaue Suillius unternommen hatte. Der Kaiser erzählte: »Suillius war kaum vor mir erschienen, als auch Sosibius, der Erzieher unsres Sohnes Britannicus, das Gemach betrat. Er kam, um sich bei mir über eine unbedeutende Ungezogenheit des Knaben zu beklagen. Ich hörte ihn an, damit ich nachher ungestört mit Suillius verhandeln könne. Doch als der Erzieher sich entfernen wollte, bat Suillius mich, die Anwesenheit des Sosibius zu gestatten, der, wie dein Beauftragter mir versicherte, unser Gespräch über den Asiaticus mit anhören müsse.« »Welch sonderbarer Zufall!« sagte Messalina mit gespielter Verwunderung. Ihr war sofort klar, daß Suillius und der Erzieher infolge einer Verabredung vor dem Kaiser zusammentrafen. »Kein Zufall, sondern eine Fügung,« versicherte der ahnungslose Claudius. »Kaum vernahm nämlich Sosibius, unsre Unterredung gelte dem Valerius Asiaticus, als er sich mit Eifer in das Gespräch mischte. Zu meinem Entsetzen vernahm ich, Asiaticus sei bei der Ermordung des Cäsars Caligula die treibende Kraft gewesen. Der Consular hatte sich sogar öffentlich gerühmt, meinem Neffen das Todesurteil gesprochen zu haben. Ja, noch mehr! Er hat sogar laut verkündet, er bedauere, nicht selbst den Todesstreich geführt zu haben.« »Das ist allerdings furchtbar,« gab Messalina in ehrlichem Erschrecken zu. Doch ihr Entsetzen galt der politischen Wendung, die jetzt die durch sie angeregte Sache genommen hatte. Daß frech erlogene Behauptungen über den in stiller Zurückgezogenheit lebenden und zuverlässigen Consular von Suillius aufgestellt worden seien, bezweifelte sie keinen Augenblick. »Furchtbar allerdings, wenn auch nicht verwunderlich,« griff der Kaiser ihre Worte auf. »Es kam mir sogleich in Erinnerung, daß Asiaticus oftmals seiner Entrüstung und Empörung über das greuliche Wüten Caligulas Luft gemacht hat. Namentlich damals, als mein Vorgänger die Wunderbrücke zwischen Bajä und Puteoli schlagen und dann einen großen Teil der Menschen, die diese Brücke bei ihrer Vollendung besichtigten, ganz ohne jeden Anlaß ins Meer treiben und ersäufen ließ. Kurz, ich vernahm jetzt, nach so langen Jahren folgendes: Als sich an jenem blutigen Tage die Kunde von der Ermordung Caligulas im Theater verbreitete, war es der damalige Consular Valerius Asiaticus, der die Aufregung der Volksmenge und die Wut der nach den Kaisermördern fahndenden Prätorianer bändigte, indem er mit laut hinhallender Stimme erklärte, der Mord sei auf sein Anstiften vollzogen und Volk wie Reich dadurch von der Tyrannei der Cäsaren befreit worden. Asiaticus war es denn auch, der den Senat aufhetzte – oder doch wenigstens aufhetzen ließ, sich auf dem Kapitol zu versammeln, um über die Beseitigung der Cäsarenherrschaft und die Wiederaufrichtung der Republik Beschlüsse zu fassen.« »Es geht also – wenn ich recht verstehe – auf Cäsarenmord und Hochverrat hinaus,« begriff Messalina in bang aufsteigender Sorge. »Ja, ein Kaisermörder und Hochverräter! Noch dazu einer, der überall großen Anhang besitzt, namentlich bei den Truppen in Germanien. Davon wußte nicht nur dein Suillius zu erzählen, sondern vor allem bestätigte es auch Sosibius, dem ich am meisten Glauben schenke. Sosibius ist der freilich nur sehr vorsichtig geäußerten Meinung, es wäre dem ehemaligen Consular ein leichtes, die Heere gegen mich aufzuhetzen, ebenso das Volk, um mich entweder zu stürzen oder gar ermorden zu lassen.« »Ach, dein altes Bangen vor Schatten!« bemerkte die Kaiserin wegwerfend. »Diesmal sind es nicht Schatten, o nein, sogar recht handgreifliche Gestalten,« behauptete Claudius in winselndem Tone. »Und nun wirst du gegen den Asiaticus vorgehen?« fragte Messalina. »Ich habe schon gehandelt,« verkündete er. »Erkundigungen des Suillius haben ergeben, daß Valerius Asiaticus sich in Bajä aufhält. So sandte ich den Befehlshaber meiner Leibwache mit einer großen Anzahl Prätorianer ab, den Asiaticus gefangenzunehmen.« »Ein ganzes Aufgebot von Männern gegen einen einzelnen Mann!« warf Messalina mit tiefer Verachtung hin. »Aber ein überaus gefährlicher Mann! Ein zu allem fähiger Mann! Wahrscheinlich heute nacht noch wird er in Rom eingeliefert werden. Doch nicht vor dem Senate, sondern vor mir selbst als dem Oberhaupte der Gesetzgebung wird gegen ihn verhandelt werden. Das geht ohne lange Umschweife und Verzögerungen. Ein Kaisermörder und Republikaner, der die Beseitigung der Cäsarenherrschaft anstrebt! Da muß rasch gehandelt werden, wenn man dem Unheil vorbeugen will!« »Und es bedrängt dich und deinen sonst so gerechten Sinn nicht im mindesten, daß du Partei und zugleich Richter sein wirst?« mahnte sie. Er wurde verlegen und stotterte: »In diesem besonderen Falle – in diesem Falle – ich – du mußt begreifen –« »Ich begreife nur eines, daß ich der Verhandlung beiwohnen möchte,« unterbrach sie sein Gestammel. Claudius sah ein wenig bedenklich drein. »Der Verhandlung beiwohnen? Obwohl die eigentliche Anklage, wenn auch in anderm Sinne, von dir ausging! Das wird nicht gehen. Alles soll ja in möglichster Beschleunigung abgetan werden. Deshalb wird die Verhandlung nicht in breiter Öffentlichkeit vor sich gehen. Auch meine ich –« Sie schrie ihn heftig an: »Ich werde der Verhandlung beiwohnen! Basta!« Er wagte keinen weiteren Widerspruch. Wie er vor ihren Liebenswürdigkeiten sofort dahinschmolz, fürchtete er sich vor ihren rabiaten Zornesausbrüchen. »Nun gut, meine Teure – gut,« beeilte er sich zu gewähren. »Man wird das hoffentlich einrichten können.« »Man wird müssen!« verbesserte sie ihn. Er hielt es für geraten, sich weiteren Auseinandersetzungen über das gefährliche Thema zu entziehen, indem er sich rasch verabschiedete. In aufgewühlter Stimmung blieb Messalina allein. Sie suchte sich vergeblich des Ansturmes der Selbstanklagen zu erwehren. Durch eine Laune, durch das Gelüst nach dem Besitz der lucullischen Gärten – hatte sie über einen Menschen Schicksals heraufbeschworen, die nicht in ihrer Absicht gelegen hatten. Ein Ehebruch – was hätte mehr daraus werden können als die Ausweisung des Asiaticus aus Rom und der Verzicht auf seine Besitzung in der Stadt? Er war reich und besaß anderwärts noch schöne Güter. – Was konnte ihm, dem Vielgereisten, daran gelegen sein, gerade in Rom seine Tage zu beschließen! So wäre der Ausklang der gegen ihn erhobenen Beschuldigung zwar bitter, doch keineswegs gefährlich gewesen. Sie fühlte plötzlich Reue über ihre Gemeinheit und tiefes Mitleid mit ihrem Opfer. Denn ganz anders und auf das äußerste gefahrdrohend mußte der Verlauf eines überhastet durchgeführten Prozesses werden, nachdem der übereifrige Suillius, in der Vergangenheit des unglücklichen Mannes wie ein Gassenhund nach stinkenden Abfällen stöbernd, den Consular zum Mörder und Hochverräter gebrandmarkt hatte. Hier würde der feige Claudius ohne allen Zweifel auf ein Todesurteil dringen. So dumm war der Alte denn doch nicht, daß er die bedrohlichen Schwächen seiner Regierung nicht erkannt hätte. Denn wenn sie auch im ganzen milder war und tausendfach weniger blutbefleckt als die Wahnsinnsära eines Caligula, so barg sie doch einen schwärenden Krankheitskeim, der eines Tages in tätlichen Unwillen des Volkes und offene Empörung der Geschröpften und Betrogenen ausbrechen konnte: die allgemeine Bestechlichkeit. Narzissus und seine Freunde hatten in ihrer Bereicherungswut diese vergiftete Atmosphäre geschaffen. Es gab kaum einen Menschen in Rom, der einer Versuchung widerstanden, kaum eine unehrenhafte und gewissenlose Handlung, die man nicht für Geld hätte erkaufen können. Und sie selbst? War nicht auch sie den Einflüssen eines Narzissus, Polybius und Callistus schmählich erlegen? Wie eine plötzlich vom Blitz erhellte Landschaft raste die Vergangenheit vor ihren Augen vorüber, alle Scham und alle Schande rasch entblößend und ebenso schnell wieder verhüllend ... Von dieser Stunde an sah Messalina dem Tage der Verhandlung gegen Asiaticus mit Bangen entgegen. Sie zermarterte ihr schlaues Gehirn nach einem Auswege, der ihr ermöglichen würde, in den Prozeß so einzugreifen, daß man den Consular nur wegen der Ehebruchsanschuldigung verurteilte, die Hochverratsklage aber vollkommen fallen ließ. Sie vertraute sich unter geheimem Ekel sogar dem Callistus an, der den Denunzianten Suillius für diese Ausflucht gewinnen und zu einer verborgenen Unterredung mit der Kaiserin bestellen sollte. Doch der Grieche brachte den Bescheid, Suillius sei nirgends in Rom zu finden. Vermutlich sei er mit der Verfolgung einer andern Spur beschäftigt, um dem Kaiser zu nützen und sich den furchtzitternden Greis ferner zu verpflichten. »Du hättest mir dein Vertrauen rechtzeitig schenken sollen, erhabene Domina,« verwies Callistus achselzuckend. »Für die Summe, die ich dem Suillius in deinem Auftrage aushändigen mußte, wäre auch ich selbst zu jedem Dienste bereit gewesen, wie damals, als es sich um die Besitzung des Lateranus handelte. Ich gab dem Manne das Geld, nicht ahnend, welchem Zwecke es dienen sollte. Hättest du mich eingeweiht, so hätte ich dir sogleich sagen können: hüte dich vor Suillius! Er gleicht einem bösartigen Köter, der zwar seinen Herrn beschützt, doch unbequem dadurch wird, daß er nicht nur den, auf den er gehetzt wird, sondern auch noch Unbeteiligte anfällt. – Nun, du wirst es erleben, Domina! Dein unkluges Vorgehen in dieser Angelegenheit wird noch viel Staub aufwirbeln. Aus der Ehebruchsanklage ist gegen deine Absicht ein Hochverratsprozeß geworden, aus dem Hochverratsprozeß wird –« »Genug, genug!« unterbrach Messalina nervös den Redefluß des Griechen. Sie erkannte nur zu deutlich, daß sie auf keinerlei Beistand des Callistus und seiner Freunde mehr zu hoffen hatte. Sie durchschaute sehr wohl, daß Callistus die willkommene Gelegenheit benutzte, sie durch seine Vorwürfe zu demütigen und zu foltern und ihre Besorgnisse zu steigern. Nachdem sie verzweifelt und in peinvoller Qual einige Male hin und her geschritten war, bat sie den Griechen, ihr den Sosibius zu senden. Er zuckte auch diesmal nur die Achseln, als wolle er sagen: was hätte das für einen Zweck! Dann entfernte er sich ohne die übliche höfliche Verabschiedung von der Gebieterin. Zum ersten Male zeigte auch er ihr sein wahres Gesicht. Bald darauf stellte sich der Erzieher des Britannicus ein, ein ruhiger und sachlicher Mann, dem sie niemals zugetraut hätte, daß er sich von Suillius gewinnen ließe. Er hörte in steinerner Ruhe die lebhaften Vorstellungen der Kaiserin an, als wäre er eine Mauer, die den Schall einer Menschenstimme empfängt, doch nicht zurücktönt. Als Messalina endlich keine Gegengründe mehr fand und nur noch in Sosibius drang, doch wenigstens seine Ansicht zu äußern, als sie erschöpft in einen Lehnstuhl sank, ließ der Erzieher sich zu einer ehrlichen Antwort herbei. »Domina, dein Einfluß im Palatium hat zu sinken begonnen,« sagte er kühn, doch aufrichtig. »Es haben Stärkere als du die Oberhand errungen. Wollte ich mich denen widersetzen, so brächte ich mein Leben in Gefahr. Siehe, Herrin, als ich mich von Suillius überreden ließ – die Annahme des mir gebotenen Geldes habe ich übrigens verweigert! – als ich ihm zusagte, ihm in seinen Anschuldigungen gegen den Asiaticus beizustehen, da glaubte ich nicht nur dem Kaiser, meinem gütigen Herrn, sondern auch dir zu nützen, die allezeit freundlich zu mir war.« Mit feuchten Augen warf Messalina ein: »Und jetzt lohnst du mir die Freundlichkeit mit einer Weigerung!« Die Hände ineinanderkrampfend, preßte er hervor: »O Domina, wie unrecht tust du mir! Wer wüßte nicht, daß der angebliche Ehebruch des Asiaticus und der keuschen und reinen Poppäa Sabina nur eine haltlose Beschuldigung ist. Daß er sich hingegen zur Teilnahme an der Verschwörung gegen den Imperator Caligula öffentlich bekannte, das behaupte nicht nur ich allein – ganz Rom war dessen Zeuge. Ich habe darin nicht die geringste Unwahrheit gesagt. Und nur weil ich eine Wahrheit vertreten konnte, nur deshalb ließ ich mich auf die Vorschläge des Suillius ein. Narzissus, Pallas und auch Callistus – sie ergreifen jede Gelegenheit, sich dem Kaiser nützlich zu erweisen. In dieser Prozeßsache gegen Asiaticus wollen sie nicht dir nützen, sie hegen keine Feindschaft gegen den Beschuldigten, das einzige, das sie wollen ist: der Kaiser soll überzeugt werden, daß sie stündlich über sein Leben und seine Sicherheit wachen, fortgesetzt bemüht sind, ihm den Sitz auf dem Cäsarensessel zu bewahren. Sie sind es, die in der Sache des Asiaticus nunmehr den Ausschlag geben. Darum legen sie auf mein Zeugnis so viel Wert als auf das eines dem Kaiser glaubwürdigen Mannes. Wie sie ja überhaupt äußerst geschickt sind in der Ausbeutung jeder Geringfügigkeit, aus der sie Nutzen schlagen und ihren Einfluß auf den Kaiser verstärken können. Ihr Bemühen galt von jeher, sich zunächst deines Einflusses auf den Gatten zu bedienen, doch dabei zugleich diesen Einfluß nach Kräften lahmzulegen, um ihn zu gegebener Zeit mit der Wurzel auszurotten. Diese Zeit ist gekommen, Herrin ... für die drei Griechen, aber auch für dich.« »Der erste Mensch, der mir die Wahrheit sagt,« dachte Messalina erschüttert. Sosibius sprach weiter: »Da es Tausende von Zeugen gibt, die das Bekenntnis des Asiaticus mit anhörten, was hätte es für einen Wert, meine Aussage zu widerrufen?« »Du hast recht,« gab sie zu. »Die Wirkung wäre geringer als ein ruhender Windhauch, der kein Staubkörnchen in Bewegung zu setzen vermag.« »Und selbst wenn ich widerrufen wollte, nur um dir meine Treue und meinen guten Willen zu beweisen, was käme dabei heraus? Nichts, als daß die Ratgeber des Kaisers argwöhnten, ich wäre ein Mann, der ihre Kreise zu stören beabsichtigt. Entscheide nun selbst, hohe Gebieterin, ob ich um einer Nutzlosigkeit willen mein Leben in Gefahr bringen soll. Es geschehe, wie du befiehlst!« fügte er tief aufseufzend hinzu und neigte das Haupt. Messalina erhob sich und reichte ihm in schweigendem Danke die Hand. Dann gab sie ihm ein Zeichen, sich zu entfernen. Er hatte nur allzu recht: ein Stein war in einen Teich geworfen worden. – Wo gäbe es auf der Welt einen Menschenwillen, der das Wunder vollbrächte, das Wasser zu verhindern, seine Kreise zu ziehen! Sie ergab sich in die Lage, die sie und andere nun einmal geschaffen hatten, und hoffte nur noch inbrünstig, es möge dem Asiaticus doch noch gelingen, den Kopf aus der verderblichen Schlinge zu ziehen. Doch noch ein Letztes versuchte sie. Sie drang in Claudius, dem Consular einen Verteidiger zu gewähren. Sie hatte von einem Manne mit Namen Silius gehört, der nicht nur ein glänzender und beredter Anwalt, sondern auch ein gerechter und auf keinen Zoll käuflicher junger Rechtsgelehrter war. Diesen Silius schlug sie dem Kaiser vor. Doch Claudius blieb unzugänglich. Die Macht seiner griechischen Freunde hatte den Einfluß der Gattin gebrochen. Sosibius sprach wahr. Messalina mußte erkennen, daß die Rolle, die sie im Leben des charakterschwachen Princeps gespielt hatte, zu Ende ging. Im Palatium hatte man ein abseits liegendes Gemach für die Verhandlung eingerichtet. Claudius, graubleich vor verheimlichter Angst, thronte aus einem kleinen Tribunal. An der gegenüberliegenden Wand waren nur wenige Sessel aufgestellt, in denen, außer Messalina als der einzigen Frau, der Präfekt der Leibwache und vier höhere Hofbeamte platznahmen. Die drei Griechen hatten ihre Sitze in der Nähe des Kaisers. Suillius und Sosibius als Hauptzeugen standen neben der von Prätorianern bewachten Tür. Zeugen, die Suillius irgendwo und irgendwie aufgetrieben, harrten auf dem Flur ihres Aufrufes. Auf ein Zeichen des Kaisers wurde Asiaticus hereingeführt. Die Verhandlung begann mit einer wetternden und wirbelnden Anklagerede des Suillius. Er warf dabei ab und zu einen Blick auf Messalina, die bleich und leblos in ihrem Sessel kauerte, als suche er ihre Anerkennung für die Beredtsamkeit und Kühnheit, mit der er sein ihr verpfändetes Wort einlöse. Asiaticus ließ den Denunzianten sich ruhig austoben. Nicht die geringste Bewegung des Protestes machte er, in seinem charaktervollen Antlitz bewegte sich keine Muskel. Als dann Claudius ihm erlaubte, sich zu äußern, widerlegte er zunächst die Anschuldigung des Ehebruches mit Poppäa Sabina. Er führte seinen Gegenbeweis in so ruhigen und einfachen Worten, mit so selbstsicherem Maßhalten und so überzeugender Wahrhaftigkeit, daß Claudius nur durch die streng warnenden Blicke des Narzissus gebändigt und zurückgehalten wurde, seiner lebhaften Beistimmung und seinem Glauben an die Schuldlosigkeit des Redners regen Ausdruck zu verleihen. »Man wird hierüber die Zeugen hören müssen,« schrie Suillius, dem das Schwanken des Kaisers keineswegs entging. Und um in dem Princeps die Furcht vor Verschwörungen und vor Anschlägen auf sein Leben ungestüm aufzurütteln, begann er noch eindringlicher zu wiederholen – was seiner Verabredung mit Narzissus und dessen Freunden entsprach – daß Asiaticus während seines Oberbefehls sich bei allen Truppenteilen des nordischen Heereslagers durch Bestechung, durch Einführung und Duldung von Zuchtlosigkeit und Nachlässigkeit im Dienste, kurz, durch alle erdenklichen Mittel der Verführung die Sympathien der Kohorten erkauft habe. Und warum? Weil der Consular seit der Ermordung des Kaisers Caligula, deren geistiger Urheber er ja nach seinem in breitester Öffentlichkeit abgelegten Bekenntnis gewesen sei, mit dem Gedanken umginge, die Cäsarenherrschaft zu beseitigen und an deren Stelle die republikanische Verfassung zu setzen. »Schon damals hat nur der Umstand, daß unser gütiger Gebieter in Erfüllung seiner natürlichen Anrechte den Cäsarenthron bestieg und dem so grausam im Blutrausche mit vertierter Rohheit Hingemordeten in der Regierung folgte, dem Treiben des Hochverräters einstweilen eine Grenze gezogen!« donnerte schwülstig Suillius. »Der gesamte, damals von dem Consular verhetzte Senat könnte dafür als Zeuge auftreten. Aber wir begnügen uns hinsichtlich der Verfehlungen des Hochverräters mit dem Zeugnis eines narbenbedeckten Kriegers, eines kaisertreuen Mannes, der für seinen rechtmäßigen Herrn, den Cäsar, tausendmal sein Leben in die Schanze schlug, eines Soldaten, der um so glaubwürdiger, als er ein einfacher unbestechlicher Mann ist.« Suillius ließ diesen Soldaten hereinrufen. Der Mann sah martialisch-bieder drein, beantwortete mit fester Stimme und im Tone der Treuherzigkeit alle an ihn gerichteten Fragen. Er belastete aufs schwerste das angebliche Schuldkonto seines früheren Oberbefehlshabers, unter dessen Heeresführung er – wie er behauptete – gedient hatte. Er berichtete, daß Asiaticus persönlich ihm eine größere Bestechungssumme aufzudrängen suchte, mit der er eine Anzahl seiner Kameraden dem Kaiser abwendig und dem Senate gefügig machen sollte. Nun war aber der Kaiserin aufgefallen, daß der Veteran während seiner im Brusttone der ehrlichsten Empörung vorgebrachten Anwürfe nicht ein einziges Mal auf Asiaticus, hingegen öfter auf Sosibius, den Erzieher, blickte. Sie ahnte klug einen Vorteil für den Beklagten. »Kennst du den Consular Asiaticus überhaupt?« rief sie dem Krieger plötzlich zu. Der Mann war einen Augenblick verdutzt über diese unvermittelte Frauenstimme. Aber er faßte sich sofort und beteuerte mit pfiffigem Schmunzeln, seine mündlichen Verhandlungen mit Asiaticus machten doch wohl eine persönliche Bekanntschaft selbstverständlich. »Wie sieht er aus?« kam eine neue rasche Frage Messalinas. »Woran würdest du ihn erkennen?« »Erkennen?« erwiderte der Soldat. »Aber ich kenne ihn doch! Ein Mann mit einer Glatze ist leicht zu erkennen, noch dazu, wo ich doch oft genug heimlich mit dem Consular gesprochen habe.« »Welcher von den hier anwesenden Männern ist es?« rief Messalina ihm zu. Ihre Augen glühten jetzt vor Gewißheit. »Das da ist der Schurke!« brüllte der Söldner im Zorne des Gerechten und schlug dem vor Schreck in die Knie knickenden kahlköpfigen Sosibius die Faust schwer auf die Schulter. Das Freudenlachen der Kaiserin läutete triumphierend über das Gelächter der Unbefangenen hinweg. Selbst Claudius, den niemals jemand herzlich lachen gesehen hatte, erwehrte sich nicht der lauten Heiterkeit. Nur die Verschwörer blickten ernst, bedenklich und zornig drein. In dieser befreienden Stimmung schlug der Kaiser vor, die Anklage wegen Hochverrats fallen zu lassen und den Freispruch zu verkünden. Sein redlicher Sinn hatte den Sieg davongetragen. Frohbewegt gab er seiner Überzeugung dahin Ausdruck, die Zeugenschaft des Soldaten habe hinlänglich erwiesen, was von den übrigen Zeugen zu erwarten sei. Suillius und die Griechen wagten vor den tatenlustig blinkenden Augen der Kaiserin keinen Widerspruch. Asiaticus nahm in seiner Dankbarkeit für die Errettung nochmals das Wort. In flammender Rede legte er sein ganzes, allezeit ehrenhaft verlaufenes Leben dar. Er schilderte, was ihn am Tage der Ermordung Caligulas bewogen hätte, sich zu den Verschwörern zu bekennen, obwohl er in keiner Weise mit ihnen verbunden gewesen sei. Er beschrieb die Angst und den Jammer der Frauen, als die tobenden Prätorianer ins Theater einbrachen, um durch ein Blutbad Rache zu nehmen für den Mord an ihrem Herrn. Er schilderte eindringlich seine Überzeugung, daß ein furchtbares Chaos nur zu verhüten war, wenn in der allgemeinen Kopflosigkeit ein einziger Wille die Macht an sich riß. Daß er hierin recht behalten, bewiese der Erfolg. Die eben noch wutschnaubende, sinnlos wilde Leibgarde habe ihm sofort gehorcht. Man solle sich vorstellen, was in Rom geschehen wäre, wenn die Soldaten sich auf die Bürger gestürzt, wenn ein gegenseitiges Morden losgebrochen wäre, dem unbedingt ein allgemeiner Aufstand des Volkes hätte folgen müssen. Daß nämlich die in der blutstarrenden Herrschaft des irrsinnigen Caligula erstandenen Cäsarenfeinde die Maske abgeworfen und die günstige Gelegenheit zur Aufrichtung der Republik benützt hätten, daran sei doch wohl nicht zu zweifeln. Welche Folgen dies für das Kaiserhaus gezeitigt hätte, brauche er nicht erst zu schildern. »Nicht geschadet habe ich dem Hause der Cäsaren, nein, nur genützt, wenn ich auch zunächst keinen andern Ausweg aus dem Wirrsal sah als den, durch das falsche Eingeständnis des Cäsarenmordes den Eindruck zu erwecken, ich sei der gebietende Mann in Rom. Man erkannte mich an, vertraute meiner Kraft und bewahrte die Ruhe. Ist hier Schuld? Wäre es mir nicht ein leichtes gewesen, bei dieser Stimmung des Volkes wirklich die Macht an mich zu reißen, mich zum Herrn Roms aufzuschwingen? Tat ich auch nur einen Schritt auf dieses Ziel zu?! Wie fern lag mir der Gedanke an eine Beseitigung des Cäsarentumes! Das beweisen gewiß die Worte, die ebenso von Tausenden gehört wurden, wie mein erlogenes, doch wohlgemeintes Bekenntnis. Ich rief den Prätorianern zu: Wollt ihr eure Treue gegen das Kaiserhaus beweisen, so eilt zurück in den Palast und schützt das Leben der Angehörigen des Erschlagenen, denn sie halten schließlich nicht mehr mit ihm gemein, als daß sie nun einmal zu seiner Verwandtschaft zählen.« Damit schloß Asiaticus seine Dankesrede. In Messalina löste sich die furchtbare Spannung. Sie fühlte, daß sie die Tränen nicht zurückhalten konnte. Eilte in ein Nebengemach und überließ sich dort einem haltlosen Schluchzen der Freude. Asiaticus war gerettet! Ein Mann, wirklich ein Mann! Und ein liebenswerter Mensch! Wie gut, daß Blut und Leben dieses ersten wahren Mannes, den sie bis jetzt in Rom gefunden hatte, nun nicht auf ihrem Gewissen lasten würden! Mochte er seine Gärten behalten! Sie warf sich in einen Prunkstuhl und ließ den erlösenden Tränen freien Lauf. Doch aus den Tränen der Freude wurden Tränen bitteren Leides. Warum war es ihr nie beschieden gewesen, einem solchen Manne auf ihrem Lebenswege zu begegnen, ihn zu fesseln, zu gewinnen?! Mit solchem Manne eins zu werden in Treue, Liebe und Leidenschaft! Immer hatte sie sich in die Hände von Feiglingen und Verrätern geben müssen, die nicht nur an andern, nein, auch an ihr selbst schmählichsten Verrat übten! Diese Erkenntnis zerfleischte ihr Herz und Seele. Leidenschaftliche Reue über die Vergangenheit senkte sich wie ein Bahrtuch über ihr aufgestörtes Gemüt. Die Vergangenheit war tot. Sie war bereit zur Umkehr. Ihr Leben sollte von heute an neu beginnen. Ein junger Morgen dämmerte über ihrem Dasein. Sie wußte, keiner würde an ihren Wandel glauben, jederzeit konnten Narzissus und seine Freunde die Stimmen erheben und alle Welt erinnern an die Verbrechen, deren sie sich in Gemeinschaft mit ihnen schuldig gemacht hatte. – Mochten sie! Sie würde mutig das neue Leben beginnen. Doch das Gespenst der Vergangenheit ging um. Schon begann es zu wandeln. Einer der Griechen, Callistus, trat auf die Schwelle. Messalina starrte ihn an. Was wollte der Schuft? Er kam mit seinem süßlichen Lächeln näher, frech vertraulich. Er hatte die Kaiserin ja fest in seinen Klauen, war von Narzissus und Pallas ihr nachgeschickt worden, sie daran zu mahnen, daß sie den Pakt gebrochen, und ihr begreiflich zu machen, daß sie schleunigst zum Gehorsam zurückzukehren habe. »Die Hochverratsklage ist erledigt,« fügte er flüsternd hinzu. »Dennoch sind die Gärten des Lucullus dir sicher, Domina. Meine Freunde und ich rechneten immerhin mit der Möglichkeit eines Mißlingen. So sorgten wir dafür, daß es wenigstens in der Ehebruchsklage eine rechtzeitige überraschende Wendung gab. Auch Suillius verdient hier Anerkennung. Er war es, der der unseligen Poppäa Sabina schilderte, welche Folgen die Anklage auch für sie haben müsse. Seine Vorstellungen hatten den gewünschten Erfolg. Soeben ließen wir die Nachricht eintreffen, daß – was denn ja auch wirklich geschehen ist – die unkeusche Gattin des Scipio durch einen Selbstmord vor einem Geständnis ihres Vergehens geflüchtet ist. Der Sieg ist also auf deiner Seite, Herrin. Die heutige Verhandlung ist nun freilich beendet. Doch der Kaiser ließ sich überzeugen, daß die Ehebruchsanklage nunmehr vor einem andern Forum aufgerollt werden muß. Über den Ausgang braucht man nicht im Zweifel zu sein. So werde ich einstweilen dafür sorgen, daß gleich nach dem Urteil die Gärten des Asiaticus in deinen Besitz übergehen. Als Dank dafür, daß du es warst, die zur Entlarvung dieses Wüstlings führte.« Messalina rang, würgte, bis endlich gellend aus ihrer Kehle gurgelte: »Nein, nein!« Laute, die wie der Verzweiflungsschrei eines bis zur Todesangst gequälten Tieres durch das Gemach hallten. »Was soll das bedeuten?« zischte Callistus ihr zu, dicht an sie herantretend und sie mit starren, befehlenden Augen musternd. Mühselig gelang es Messalina, die Herrschaft über ihre vergehenden Sinne zurückzugewinnen. Sie krallte die Finger in das Gewand, griff dann wieder irr ins Leere und suchte, wie in einer Lähmung, vergeblich Worte zu formen. Dabei arbeitete ihr Bewußtsein so klar, daß sie sich entsetzte über die vorher nie gekannte Schwäche und Kraftlosigkeit ihres Körpers, der dem Willen nicht gehorchte. Endlich gab die Stimme wieder Laut, mißtönend klingend wie ein zerbrochenes Erzgefäß. Ein Lallen nur: »Ich will nicht – will nicht – erbarme dich – nimm alles –« Callistus schlug eine höhnische Lache an. »Daß du jetzt nicht willst, wiegt wenig. Die Laune einer schönen Frau! Brachtest du nicht selbst den Stein ins Rollen? Oder wer sonst?« »Ich – Callistus – nein – nein – ich bereue –« Er grinste. »Reue ist eine lobenswerte Seelenregung. Doch für diesmal kommt sie zu spät. Du mußt nun zu deiner Anklage stehen. Man kann nicht Bezichtigungen erheben, Zeugen heraufbeschwören, Beweise schaffen und dann einfach die Augen schließen und glauben, nun werde die Welt dunkel, und von all den Vorbereitungen sei nichts mehr zu sehen. So einfach ist das denn doch nicht. Oder kannst du die schuldlose Poppäa Sabina wieder zum Leben erwecken? Es sind noch andere in diesen Prozeß verwickelt worden. Die Lawine wälzt sich weiter, und ein Suillius ist nicht der Mann, sie aufzuhalten. Er hat sich selbst zu tief verstrickt und er hat vom Senate den Todesspruch zu gewärtigen, wenn er sich noch einmal so bloßstellt als verleumderischer Ankläger wie in der Hochverratsklage gegen den Asiaticus.« »Ich will – ich werde –«, begann sie erzitternd. »Nichts wirst du!« schnitt er ihr schroff das Wort ab. »Diesmal wird die Verhandlung vor dem Tribunal stattfinden. Soll das in der Basilika versammelte Rom erleben, daß die Kaiserin vor aller Welt als falsche Anklägerin dasteht?! Meinst du, dein Suillius werde dich schonen, wenn er die Faust des Todes im Nacken fühlt?! Meinst du, er wird verschweigen, er habe dir seinen Beistand nur verkauft, weil dich nach den Gärten des Lucullus gelüstete, die nur eine meineidige Anklage der Kaiserin dem Consular entreißen konnte?!« »Callistus, Callistus!« stöhnte sie in tiefster Verzweiflung. Sie fand keine Worte mehr, ihre Pein zu äußern. Vermochte nur diesen Namen zu ächzen. Vielleicht weil er ihr im Augenblick als die Inkarnation allen Verrätertumes, aller feigen Hinterhältigkeit, als der wahre Name der Bestie Mensch durchs Hirn spukte. Vielleicht weil er ihr die einzige Bezeichnung war für ein Schicksal, das sie schon damals ereilt hatte, als sie sich dem Haupte der griechischen Kamarilla, dem Narzissus, zu eigen gab. Weinen konnte sie nicht mehr. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ihre Augen blieben trocken. Die Fäuste ballend, mit den Zähnen knirschend, bezwang sie die Ohnmachtsanwandlung. Den Anblick der letzten Schwäche einer Frau gönnte sie dem Griechen nicht. Noch weniger durfte sie den Römern gönnen, die Kaiserin vor dem Senat ins Unrecht gesetzt und entlarvt zu sehen. Hierin hatte Callistus recht. Sie biß die Zähne tief in die Lippen und ohne den lauernden Menschen noch eines Blickes zu würdigen, verließ sie schweigend das Gemach. Ein Tropfen Blut fiel von ihrem Munde. Er bildete einen purpurroten Flecken auf ihrem Gewande – gerade dort, wo ihr Herz, sich wieder belebend, rasend hämmerte. – 17 Die Nachricht vom freiwilligen Tode des zur Verzweiflung gehetzten Asiaticus hatte ganz Rom erschüttert. Viele trauerten um den Mann, doch nur heimlich und verstohlen. Denn wieder einmal hatte der Cäsar gezeigt, wie wenig ein Menschenleben ihm und seinen Ratgebern galt. Wer war seines Besitzes und seines Lebens noch sicher, wenn ein unantastbarer und edler Römer wie Valerius Asiaticus über Nacht zum Verbrecher gestempelt werden konnte?! Die Ruhe, die nach der Hinrichtung jener dreißig Senatoren und nach dem Blutgerichte gegen die Freunde des Scribonianus eingetreten war, diese Ruhe war ähnlich der trügerisch grünen Decke eines Sumpfes, unter der ein geheimer, boshafter Tod auf Opfer lauert. Messalinas seelische Erschütterung hatte sich in einen melancholischen Ernst verwandelt, der ihre Willenskräfte wieder ins Gleichgewicht brachte. Der Verlauf des Prozesses gegen Asiaticus, der verhängnisvolle Ausgang richtete ihren Blick auf ein neues Ziel. Sie erkannte die Pflicht, weiteres Unheil zu verhüten. Ein Versuch mußte gemacht werden. Doch wo war das Unheil zu fassen? Was mußte sie beginnen, um ihre Reue in die Tat umzusetzen? Ihre Sinnesänderung allein genügte nicht. Die Wurzel des Übels lag in dem ruchlosen belohnten Denunziantentum. Hier mußte sie eingreifen. Sie lauschte angespannt in ihrer Umwelt umher. Immer wieder klang da der Name auf, den sie zu hören erwartet hatte. Suillius! Der Name des Menschen, den sie am meisten haßte, unversöhnlicher haßte als einen des griechischen Dreigestirnes Narzissus, Pallas und Callistus. Denn Haß ist nicht immer logisch. Im Grunde war Suillius doch nur ihr Handlanger und Helfershelfer gewesen. Doch Haß hat keine Gesetze. Dem Suillius war der Erfolg zu Kopf gestiegen. Denn mit Ehren und weltlichen Gütern lohnte der Kaiser dem »wackeren Manne«, der die Entlarvung eines so sittenlosen Menschen wie des Asiaticus durchgesetzt hatte, eines Mannes, der in eine der vornehmsten Ehen Roms eingebrochen und eine Frau von der Sittenstrenge der Poppäa Sabina seiner lüsternen Verworfenheit untertan gemacht hatte! Suillius schnüffelte und tüftelte weiter, um kaiserfeindliche und throngefährliche Personen aus der Verborgenheit hervorzuzaubern. Das war ihm zur Leidenschaft geworden. Die Ehrungen kitzelten seinen Ehrgeiz, die Belohnungen seine Habgier. Er hatte sich zum gefürchtetsten Manne in Rom aufgeschwungen. Man opferte ihm Unsummen im voraus, auch wenn man den Verleumder nicht zu fürchten brauchte. Bald konnte Suillius sich zu den reichsten Männern in Rom zählen. Schon wieder hatte er zwei römische Patrizier, die Brüder Petra, an den Henker zu liefern vermocht. Er behauptete, sie hätten einen Traum gehabt, der dem Kaiser großes Unheil prophezeite. Zeugen, denen die beiden Brüder angeblich diesen Traum erzählt und in hochverräterischem Sinne gedeutet hatten, waren von Suillius aufgetrieben worden. Diese Zeugen gehorchten teils aus Furcht, teils um erheblicher Summen willen dem schrecklichen Burschen. Sie bekundeten, die Brüder Petra hätten im Traume den Claudius mit einem Kranze welker Rebenblätter auf dem Haupte gesehen und das Traumgesicht dahin ausgelegt, im Herbst werde des Kaisers Leben abgelaufen sein. Also im Herbst wollten die Petra den Kaiser fällen! So behaupteten die famosen Zeugen des Anklägers Suillius. Selbst dem Claudius schien das ein wenig weit hergeholt, obwohl er sonst gierig genug alles glaubte, was seiner Narrenfurcht vor Verschwörung und Mord einen Schimmer von Berechtigung verlieh. Schon stand er vor dem Entschlusse, die Klagen gegen die Brüder Petra niederzuschlagen, als Suillius sie mit neuen Gründen stützte. Die Petra waren reiche Leute. Die Belohnung, die im Falle der Verurteilung aus ihrem Vermögen erwuchs, war nicht gering. Sie lohnte schon einiges Kopfzerbrechen. So griff er kühn auf den Asiaticusprozeß zurück und wußte plötzlich und konnte es durch seine Zeugen beweisen: die beiden Brüder hätten in engen Beziehungen zu dem Ehebrecher gestanden. Ja sie hätten ihm sogar ihr Haus für seine ehebrecherischen Zusammenkünfte mit Poppäa Sabina zur Verfügung gestellt. Beihilfe zum Ehebruch und Hochverrat! Das genügte! Verurteilung und Hinrichtung folgten einander nun Schlag auf Schlag. Dieses neue furchtbare Verbrechen trieb die reuige Sünderin Messalina, die jetzt nur von dem Willen beherrscht war, Vergangenes durch Läuterung zu sühnen, dazu, dem Denunziantentum des Suillius ein Ende zu bereiten. Lange grübelte sie, wessen Hilfe sie anrufen solle. An wen in diesem an ehrbaren Männern trostlos öden Rom sollte sie wagen sich zu wenden? Gajus Silius fiel ihr ein, der Rechtsgelehrte, den man ihr gerühmt und den sie damals so gern als Verteidiger des Asiaticus gewonnen hätte. Rasch entschlossen hüllte sie sich mit Fabullas Hilfe in ein einfaches Gewand und machte sich in Begleitung der Vertrauten zu Fuße auf den Weg zu der Wohnung des Juristen, einem freundlich kleinen Hause auf dem Aventin. Silius empfing sie sogleich. Ob er die Kaiserin wirklich nicht erkannte oder ob er sich nur den Anschein gab, sie nicht zu kennen, vermochte Messalina nicht zu durchschauen. Er war außerordentlich höflich und von einer ehrlichen Liebenswürdigkeit, die sie sofort für ihn einnahm. Sie sah sehr wohl, daß er schön war. Sehr schön. Scharf umrissene Züge, die geistvollen, tapferen, klaren Augen eines Mannes, der sich mit Recht seines inneren Wertes bewußt ist. Doch war er weit jünger, als die Kaiserin sich den »Rechtsgelehrten« vorgestellt hatte. Aber rasch streifte sie die Befangenheit gegenüber dem jugendlichen Rechtsanwalt ab und faßte zu ihm Vertrauen. Dieses Vertrauen, für das sie keinen triftigen Grund wußte, wuchs zur hingebenden Sicherheit. Die seelische Bedrückung der letzten Wochen fiel von ihr ab, als dulde das kernige und männliche Wesen dieses lebensfrohen, starken Mannes keine Düsterkeit und Trauer in seiner Sphäre. Ihr Herz pochte freudig vor Hoffnung und in der Zuversicht, daß sie den rechten Weg gewählt habe. »Man rühmte mir neben deinen Talenten vor allem deine Rechtschaffenheit, Gajus Silius,« eröffnete sie das Gespräch, als er mit ihr in seinem Arbeitszimmer allein war. Fabulla hatte er in einem Nebengemache einen Platz angewiesen. »Bist du auf der Suche nach der Rechtschaffenheit, schöne Frau?« fragte er mehr im Scherz, als das Lob der Fremden für bare Münze nehmend. Er zeigte sein hübsches Lächeln und genoß ohne Scheu die reife Schönheit seiner Klientin. »Rechtschaffenheit zählt in Rom zu den vergrabenen Schätzen,« erwiderte sie, sein Lächeln und den freundlichen Blick seiner ausdrucksvollen Augen erwidernd. »Die Schönheit der Schatzsucherin läßt auf ein Glückskind schließen. Denn schöne Frauen unterstehen dem Schutze der Venus,« gab er ihr zurück. »Und wem die gütige, große Göttin hold ist –« Sie unterbrach bitter: »Nie war Venus mir hold. Niemals. Und ein Glückskind – nein, das bin ich gewiß nicht.« Er hob eine zierliche Hand, die wohlgepflegt, doch ohne allen Schmuck war. »Du sagst es – ich muß es glauben. Die Götter haben ihre Launen. Und Venus ist eine Frau!« »Seit langem ist mein Leben vergiftet,« klagte sie, und Tränen traten ihr in die Augen. Er sah es und fragte ergriffen: »Bist du gekommen, weil du glaubst, ich besäße die Macht, dieses Gift zu bannen?« »Ja, das glaube ich,« rief sie mit strahlenden Augen. »Warum? Nur weil du an meine Rechtschaffenheit glaubst? Man sagt in Rom den Menschen allzu leicht Schlechtes nach, und oft erweist es sich, daß man irrte. Sagt man mir zufällig einmal Rechtschaffenheit nach, warum sollte nicht auch das ein Irrtum sein?« »Es ist kein Irrtum,« sagte sie fest. »Zur Rechtschaffenheit bedarf man in Rom des Mutes. Nachdem ich dich gesehen habe, glaube ich an deinen Mut.« Er betrachtete bewundernd ihr in aufquellender Erregung glühendes Antlitz, das die Röte der Gemütsbewegung noch verschönte. »So kommst du in einer Sache, zu der ich des persönlichen, nicht nur des geistigen Mutes bedürfte?« »Genügt es dir, wenn ich dir einen Namen nenne?« Er nickte. Sie holte tief Atem und stieß hervor: »Suillius!« Gajus Silius blieb einige Zeit stumm und sah mit geneigter Stirn. Als er den Blick wieder hob, waren seine Augen ernst und düster. »Wer bist du?« fragte er, und auch seine Stimme klang härter als kurz vorher. Er kannte sie also nicht! Messalina zögerte. Wenn er der Kaiserin nicht den Vorsatz zur Umkehr glaubte? Wer konnte ihr noch glauben nach allem, was man von ihr wußte! Das hatte sie nicht bedacht, als sie ihn aufsuchte. Sie erschrak. Konnte ihr Name nicht eine Kluft öffnen zwischen ihr und diesem reinen Manne, eine Mauer werden, die ihr den Weg zu ihm versperrte? Unzweifelhaft nannte man in Rom ihren Namen zusammen mit den Schuftsnamen Suillius, Narzissus, Pallas und Callistus. Sie seufzte tief und schmerzlich. Ihre Vergangenheit hob wieder drohend ihr Medusenhaupt. »Vergiß nicht, edle Frau, daß ich eine Rechtsvertretung in deiner Sache nicht zu übernehmen vermag, wenn du mich über dich selbst belügen wolltest,« mahnte er leise. Sie sah ihn flehend an. »Ich komme nicht in eigener Sache zu dir, Gajus Silius. Es gilt die Sache vieler Menschen! Das Leid oder das Glück, die Rettung vieler, nicht eines einzelnen, steht auf dem Spiele. Es handelt sich darum, ob du den Mut besitzt, in aller Öffentlichkeit gegen Suillius aufzutreten, um seinem Treiben ein Ende zu machen.« Er prüfte ihre erregte Miene, musterte scharf ihre ganze Erscheinung. Aber er sah nichts als eine schöne Frau in noch jungen Jahren, in einfachem Gewande. Weder Schmuck noch äußere Anzeichen verrieten, welchem Stande sie angehörte. Daß sie guter Herkunft war, ergab ihre Ausdrucksweise, vielleicht auch die Nennung des Namens Suillius. Denn welches Interesse konnte eine Frau aus niederem Stande daran haben, diesem gewerbsmäßigen Halunken das Handwerk zu legen! Er verfolgte nur Wohlhabende und Angesehene. Auch entging dem verwöhnten Weltmanne keineswegs der zarte Duft, der heute von ihr ausging und angenehm auf seine Sinne wirkte. Der flehende Blick, die in stummer Bitte innig gefalteten Hände, der in banger Erwartung leicht geöffnete, blühende Mund, der erregt fliegende Atem ... Silius streifte mit der Hand über seine Stirn. Er fühlte, wie die rührenden, bizarren Augen der Fremden ihn gefangennahmen, wie etwas in seiner Seele sich ihr lind und mitleidsvoll zuneigte. Er zuckte unwillig die Achseln, als wolle er sich gegen seine unsachlichen Empfindungen wehren. Er wollte nicht befangen, wollte nichts als Anwalt sein einer Rechtsuchenden gegenüber. So versuchte er einen geschäftlichen Ton anzuschlagen. Doch es gelang ihm nicht recht. Sie sah in ihrem Kummer so erwartungsvoll und voller ergreifenden Reize vor ihm, daß er immer wieder nur die schutzbedürftige, schwache Frau in ihr zu erblicken vermochte. Und da er ein echter und ein starker Mann war, erwachten alle Helferinstinkte in ihm und verlangten, diese Frau zu behüten und zu bergen gegen alle Gefahren dieser Welt. So blüht in echten Männern die Liebe auf. »Wer sandte dich zu mir?« fragte er endlich nach langer Pause. »Niemand als ich selbst – oder alle Menschen, die Gutes von dir sprechen – oder wenn du willst, vielleicht auch ein erwachtes Gewissen.« »Dein eigenes Gewissen doch wohl nicht?« riet er zögernd. Er wendete den Blick ab, als er hinzufügte: »Laß mich wenigstens denken, dein Gewissen habe nie geschlummert.« »So laß mich verschweigen, wer mich zu dir sandte,« bat sie, erhob die gefalteten Hände und legte sie vor die Brust. »Nur eines sollst du mir sagen, wenn du den Ruf des Suillius kennst – –« Sogleich warf er heftig ein: »Wer kennt nicht den Ruf dieses Mannes, in dem alle Gerechten in Rom nur noch einen tollwütig gewordenen Hund sehen?« »Und ist dir nicht die Macht gegeben, von seiner hündischen Fratze die Larve der Kaisertreue und der Biederkeit herunterzureißen, so daß die Welt endlich den Schurken in seiner elenden Blöße erkennt?!« »Die Welt?« spottete er bitter. »Ist Rom jene Welt, die sich vor dem Anblick eines Schurken so sehr entsetzte, daß sie sich seiner entledigte? Was du mir zumutest, bedeutet den Kampf gegen ganz Rom. Es stehen sehr Mächtige hinter Suillius, die ihn schützen, mich aber verderben würden.« »Ich vertraute so fest deinem Mute,« sagte sie traurig. Ihre Enttäuschung entflammte ihn. »Wie hast du dir mein Vorgehen gedacht?« fragte er. »Ich weiß im Augenblicke wirklich nicht, wo ich angreifen sollte. Denn wenn mich auch das Treiben des Suillius, der Griechenbande bei Hofe und – – der Kaiserin Messalina tief erbitterte, so habe ich doch noch nie darüber nachgedacht, wie diesem Verbrecherpack beizukommen wäre.« Mit aller Macht hatte sie sich beherrscht, als er wagemutig unter dem »Verbrecherpack« ihren Namen nannte. Sie hatte nicht mit der Wimper gezuckt. Jetzt schlug sie mit belegter Stimme vor: »Greife Suillius an!« »Suillius? Hm! Es wäre freilich die angreifbarste Persönlichkeit. Aber dann müßte mir jemand Tatsachen liefern, die mir ein Vorgehen ermöglichen. Doch man schweigt lieber und duldet in diesem Rom der Bestechung und der Furcht vor dem blutigen Zorn des Imperators und seiner Getreuen.« »Ich könnte dir Tatsachen liefern –«, hob sie an. Doch sie brach mit gesenkten Augen ab und verstummte in brennender Scham. »Aber du bist ein schwaches Weib und fürchtest die Folgen,« vollendete er. »Nur zu begreiflich.« Ihr Blick tiefster Dankbarkeit für diese großmütige Entschuldigung ging ihm zu Herzen. »Wenn du mir wenigstens sagen könntest, was du dir gedacht hast, als du mich aufsuchtest,« sagte er, gepeinigt von dem Gefühle, sie schonen und doch ihr beistehen zu wollen. »Ich dachte nur das eine: du wärest der Mann, zu dem ich gehen müsse,« flüsterte sie. Er blickte flüchtig auf, sprach dann aber ganz sachlich: »Nun gut, nach Frauenart folgtest du einem Impulse, ohne dir nähere Rechenschaft abzulegen. Aber irgendetwas Bestimmtes muß dir doch vorgeschwebt haben. Versuche, mir das zu schildern.« Sie wollte sprechen, wollte ihm Handhaben geben. Sie wand sich in dem Bemühen, sich ihm zu erklären, ohne zu bekennen. Sie hatte sich nur an eine vage Hoffnung geklammert, mußte nun aber einsehen, daß es notwendig war, diese Hoffnung in irgendeine feste Form zu kleiden. Wie aber konnte das geschehen, wenn sie das Geständnis ihrer eigenen Schuld vermeiden wollte?! »Du bist doch zum Konsul ausersehen,« suchte sie sich deutlicher zu erklären. »Wie nun, wenn du vor dem Senate versuchtest, Ordnung zu schaffen – zum Beispiel in der Handhabung der Gerichtsbarkeit, die Suillius, der stets selbst erkauft und bestochen ist, durch erkaufte Zeugen und Bestechungen fortgesetzt am Narrenseile führt.« Er sah sie erstaunt an. »Diese Anregung hast du dir selbst ausgedacht?« »Ja.« »Niemand hat sie dir eingeflüstert?« »Ich sagte die Wahrheit.« Eine Sekunde zögerte er. Wer war diese Fremde? Er sah vor sich ein verführerisches Weib, eine Lockung, einen Mund, der viel geküßt hatte, Augen, die er nicht ganz zu enträtseln vermochte. Und diese Frau, zur Liebe geboren, deren Mundwinkel von leidenschaftlichen Stunden flüsterten, stand vor ihm mit scheuem Blick und flehender Gebärde. Da sagte er, und jedes Wort wog schwer und hart: »Kamst du nicht als Versucherin? Willst du nicht nur meine Meinung ergründen und nachdem ich sie preisgegeben habe – hingehen und als Verräterin mich dem Suillius selbst ausliefern?« Im nächsten Augenblick schon bereute er die Frage. Das Gesicht der Fremden wurde totenbleich. Sogar der Purpur der Lippen verblaßte. Die langbewimperten Lider legten sich über erlöschende Augen. Sie wäre von dem Sitze zu Boden gesunken, wenn Silius nicht rasch aufgesprungen wäre und sie in den Armen aufgefangen hätte. Die enge Berührung mit seinem Körper brachte sie sogleich zu sich. Aber sie wich nicht zurück, sie lehnte sich an ihn, ohne bewußte Absicht, ganz in dem Gefühle des Schutzsuchens und Schutzfindens in der Kraft des Stärkeren. Messalina genoß den köstlichen Augenblick der ersten keuschen Berührung mit einem Manne, der nichts von ihr begehrte, der nichts wollte, als sie schweigend um Verzeihung bitten für eine Kränkung. Und dennoch wagte sie nicht, ihn anzusehen. Sein Mißtrauen war in Rom nur allzu berechtigt. Würde er ihr nach dieser Frage glauben, daß sie nicht in verräterischer Absicht gekommen war, wenn er vernahm, daß sie die Kaiserin sei? Sie verneinte sich diese Frage mit dem festen Entschluß, ihr Inkognito unter keinen Umständen zu lüften. »Vergib mir,« murmelte er, ihre Bewegung mißverstehend, als sie sich ihm jetzt entzog. Sie bot ihm die Hand. »Was habe ich dir zu vergeben? Vielleicht wirst du mir einmal vergeben müssen. Deine Frage traf mich tief, doch verwunden kann sie mich nicht. Wir leben in einer Zeit, in der Verrat in jedem Winkel spukt.« Er hielt die kleine, zitternde Hand. »Wer magst du sein – so klug und doch so vertrauensvoll?« Lächelnd fragte sie: »Müssen Klugheit und Mißtrauen miteinander vermählt sein? Dann wehe, wenn wir leben müssen! Ja, ich vertraue dir und dennoch muß ich mich vor dir verbergen, Gajus Silius. Denn wenn ich dir offenbarte, wer ich bin, würdest du mir nicht glauben können, was ich in dir suche: den rechtschaffenen Mann, der den Mut hat, die Welt Rom von dem Alpdruck des Denunziantentums zu befreien.« »Du hast mein Versprechen, daß ich diesen Versuch machen werde,« versicherte er begeistert. »Die Gewißheit aber, daß mehr daraus wird als ein Versuch, kann ich dir nicht geben.« »Du wirst siegen,« sagte sie in schöner Zuversicht. Er sah sie an und gestand: »Du bist eine seltsame Frau. Du berückst, du schlägst in Fesseln – vielleicht ohne es zu wollen. Nun weißt du, wie es um mich steht. Ich gab dir mein Versprechen, und nun versprich du: laß dieses erste Zusammentreffen nicht das letzte gewesen sein!« »Ich werde wiederkommen, wenn du dein Versprechen gehalten hast.« »Als die Fremde, die mich jetzt verläßt?« »Wahrscheinlich nicht. Ich werde dir vorher schreiben, wer ich bin. Vielleicht, Gajus Silius, weisest du mir dann die Tür.« »Niemals!« rief er und drückte sein Gesicht auf ihre Hände. Sie zitterten. Mit der Leidenschaftlichkeit ihres Gemütes gab sie sich dem schmerzlich süßen Gefühle hin. So standen sie einige Minuten stumm einander gegenüber. Dann riß sie sich los und flüchtete. – – Wenige Tage später besprach ganz Rom einen erregten Auftritt, der im Senat und in Gegenwart des Kaisers stattgefunden hatte. Den Anlaß zu dieser Szene hatte ein trauriger Vorfall gegeben. Ein angesehener Römer namens Samius war von Suillius um den größten Teil seines Vermögens betrogen worden. Der verarmte Betrogene entleibte sich im Hause des Betrügers, nachdem er allerorten vergeblich versucht hatte, zu seinem Rechte zu kommen. Niemand wagte ihm gegen den furchtbaren Verleumder beizustehen. Der designierte Konsul Cajus Silius trug im Senate dieses traurige Ereignis vor und knüpfte daran eine von feuriger Empörung und gerechter Entrüstung flammende Rede. Er lief Sturm gegen die Habgier der Ankläger, gegen die Bestechlichkeit der Richter und der Rechtsvertreter, gegen die bezahlte Meineidigkeit der Zeugen, gegen die verlotterte Moral überhaupt, vor allem aber gegen die feige Furcht vor dem von Raubsucht und Bereicherungswut erzeugten Denunziantentum. Dann beleuchtete er grell den verabscheuungswürdigen und verruchten Charakter des Suillius. Er rief das Gewissen des Senates an, des Kaisers, der Ratgeber des Cäsars, das Gewissen ganz Roms, diesen eines großen Volkes schmählich unwürdigen Zuständen ein Ende zu bereiten, den Skandal käuflichen Rechts, käuflicher Zeugen, käuflicher Ankläger zu beseitigen, sich von der Schande der Justizmorde zu befreien und den meineidigen Suillius und seine erkauften Kreaturen nach Recht und Gesetz zu richten. Alle Welt bestaunte den Mut des jungen Rechtsgelehrten, entflammte sich an diesem Mute und gedachte mit begeisterter Hoffnung der großen Erwartungen, die man auf diesen kühnen Redner, der zum Konsul für das kommende Jahr erwählt war, setzen durfte, wenn er erst sein Amt angetreten hätte. Er war der so lang und so bang erwartete »Mann« in Rom. In stürmischer Freude vernahm Messalina von dem Erfolge des Cajus Silius. Claudius selbst brachte ihr ahnungslos die Nachricht. Auch er war erschüttert von der Wahrheit der zornsprühenden Anklagen des jungen Mannes, war gepackt von dem Mute, mit dem Silius seine Beschuldigung vertreten, überzeugt, daß Wandel geschaffen werden müsse. »Es war, als versinke eine böse Vergangenheit, nach der eine neue reine Zukunft kommen muß,« schloß er seine Schilderung, ohne zu begreifen, wie schwer die Worte des Cajus Silius ihn selbst getroffen hatten. »Wie wahr – wie wahr!« nickte die Kaiserin. Ein feierlicher Glanz überleuchtete ihr Gesicht. »Du müßtest ihn sehen,« fuhr Claudius fort in einer Begeisterung, die ihm sonst so fern lag. »Man sieht ihn und liebt ihn augenblicklich.« Dann wunderte er sich still über den eigentümlichen Blick und das weltvergessene Lächeln, mit dem Messalina an ihm vorbei in unbekannte Weiten träumte. – 18 Es war dem griechischen Trifolium nicht verborgen geblieben, daß die Kaiserin mit unverhohlener Absicht allen Verkehr mit ihm mied, daß sie auch Callistus aus dem Wege ging, obwohl ihre Geldnöte sie kurz zuvor immer wieder gerade ihm zugetrieben hatten. Eine Zeitlang nahmen die drei die zur Schau getragene Verachtung Messalinas ruhig hin, denn sie hielten diese Wandlung im Verhalten der Domina für eine Laune, der sie keine besondere Bedeutung beimaßen. Als aber wider alles Erwarten die abweisend feindliche Haltung der Kaiserin anhielt, packte sie Unruhe und Sorge. Sie traten zusammen, um Mahnahmen gegen einen Verrat Messalinas zu treffen. »Von euch bin ich es, der sie am besten kennt,« eröffnete Narzissus die Beratung. »Diese Frau sucht nach dauernder Abwechslung in der Liebe. Ich bin überzeugt, sie übt jetzt bewußt und raffiniert Entsagung, um ihre Leidenschaft auf den Siedepunkt zu treiben und dann um so toller loszustürmen auf das, was sie ›leben‹ nennt. Denn Erotik und Leben sind für diese sinnliche Frau gleiche Begriffe. Ich rate daher: laßt sie in Ruhe. Es wird sich alles von selbst wieder einrenken.« Callistus schüttelte den Kopf. »Ich kenne sie nicht, wie du als Weib,« entgegnete er dem Freunde. »So bin ich wahrscheinlich der unparteiischste Beurteiler von uns dreien. Wenn eine zügellose Frau urplötzlich sich zügelt, so muß mehr dahinter sein als eine Laune. Ich bin dafür, daß wir uns vor allem Klarheit verschaffen über die Ursache dieses Sinneswechsels einer Frau, die bis jetzt doch wahrhaftig keine Rücksicht kannte, wenn ihre nymphomanen Begierden Befriedigung forderten.« »Wozu?« fragte Pallas verächtlich. »Seien wir zufrieden, daß wir uns ihrer vollkommen entäußern können. Sie gibt uns die Gelegenheit dazu an die Hand dadurch, daß sie sich dem persönlichen Verkehr mit uns entzieht. Nichts darf uns willkommener sein! Was hat sie heute noch für uns für einen Wert?! Solange sie auf wilde Abenteuer ging, mußte sie uns fürchten, uns ein willfähriges Werkzeug sein, wenn es galt, Claudius gefügig zu machen. Das entfällt jetzt. Sie lebt wie eine Vestalin. Damit ist sie für uns nutzlos geworden. Denn gegen die alten Sünden kann sie stets ihre neu getätigte Reue ins Feld führen und den weichmütigen Claudius trefflich rühren. Im übrigen verlor sie ihren Wert für uns schon lange. Denkt an den Prozeß gegen Asiaticus. Da schon löckte sie gegen den Stachel und hätte die Sache beinahe zum Scheitern gebracht.« »Sie hat die ihr zugesprochenen herrlichen Gärten des Lucullus noch nicht ein einziges Mal betreten,« flocht Callistus nachdenklich ein. »Und vorher war ihr jedes Mittel recht, das ihr den Besitz der Wundergärten sichern konnte.« »Erst recht ein Beweis vollkommener Sinnesänderung,« beharrte Pallas. »Glaubt mir, Freunde, diese Frau ist eine lodernde Gefahr für uns geworden! Und wenn ich vorhin sagte, wir sollten uns ihrer entäußern, so meine ich das nicht nur im bildlichen, vielmehr in handgreiflichstem Sinne.« Nach dieser grausamen Offenheit des Pallas herrschte geraume Weile Schweigen. Narzissus schüttelte zuerst das Grauen ab. »Zur Gewalttat biete ich nicht meine Hand. Es gab eine Zeit, in der ich diese Frau liebte,« sagte er fest. Sogar Callistus bekannte: »Dem schließe auch ich mich an. So feige bin ich denn doch nicht, den Mord an einem Weibe zu befürworten, im Grunde verdanken wir ihr doch alles, was uns zu erreichen glückte. Nein, keinen Mord!« »Wer spricht denn davon, daß wir selbst – handeln sollen?« rief Pallas scharf. »Ob wir selbst es vollbringen, ob jemand in unserem Auftrage handelt oder durch uns veranlaßt wird zu handeln, macht nicht den geringsten Unterschied,« trotzte Narzissus. »Ich warne dich, Pallas! In dem Augenblicke solch höchster Gefahr würde ich meine Hand schützend über die Kaiserin halten. Wehe dem, der diese Hand beiseitezustoßen wagte!« Callistus suchte zu vermitteln. »Uns ihrer entäußern – meinetwegen. Das kann aber auch auf unblutigem Wege geschehen. Sie glaubt unser nicht länger zu bedürfen. Wir hingegen müssen ihr beweisen, daß in unsern Plänen längst eine andere ihre Stellung eingenommen hat.« »Das wäre?« Pallas und Narzissus sprachen zugleich. »Agrippina,« rief Callistus kurz und fest. Auf ein bedächtig zustimmendes Kopfnicken des Pallas hin fuhr er fort: »Agrippina hat ihre feindliche Haltung niemals aufgegeben. Noch immer liegt sie wie eine Tigerin zum Ansprunge gegen die gehaßte Messalina geduckt. Unser armer Freund Polybius suchte zu seinem Unheil daraus Nutzen zu ziehen. Damals lagen die Verhältnisse denkbar ungünstig. Heute ist das anders. Polybius schoß am Ziele vorüber, denn als er den Bogen anlegte, war sein Blick getrübt. Diesen Fehler werden wir zu vermeiden wissen. Agrippinas Ehrgeiz wird nicht rasten, ehe er nicht befriedigt und sie nicht Kaiserin ist. Dabei interessiert es uns wenig, ob sie den glühenden Wunsch nur aus Haß gegen Messalina hegt, ob für sich selbst oder für ihren Sohn Nero.« Die anderen nickten stumm. Callistus fuhr eifrig fort: »Zweifelt nicht, Freunde, lassen wir sie nur leise ahnen, daß wir bereit wären, ihr jetzt beizuspringen, so haben wir diese kluge und zähe Frau für uns gewonnen. Freilich werden wir der Löwin die Krallen beschneiden müssen, wenn wir uns ihrer bedienen wollen.« Wieder nickten die beiden Gefährten schweigend. »Die Rede des Cajus Silius im Senat«, sprach Callistus weiter, »hat den Boden unter unsern Füßen unterhöhlt. Wir werden sein Wanken bald spüren. Abertausend Mäuler plärren dem Silius seine rührsamen Banalitäten nach. Der Kaiser ist gepackt. Er hört nicht aus uns, der Schwachkopf hört stets nur auf ein Weib, das seine Sinne kitzelt. Messalina hat ihren Einfluß auf ihn durch die Asiaticusaffäre verloren. Also, Freunde, laßt uns das unbrauchbar gewordene Werkzeug durch ein brauchbares ersetzen! Ich wüßte keine Frau, die hierzu besser geeignet wäre als Agrippina. Sie bedarf unser ebensosehr wie wir ihrer. Das wird sie bei klug geübter Vorsicht in unsre Hände liefern, ohne daß wir uns ihren Händen auszuliefern brauchen.« Als Callistus schwieg, nahm Pallas das Wort: »Wenn ich deine Ausführungen zusammenfasse, so meinst du, wir sollten Messalina als Kaiserin verdrängen und Agrippina zur Kaiserin machen.« »Bloß verdrängen, nicht beseitigen!« rief Narzissus eindringlich. »Ja doch, ja doch!« gab Pallas ärgerlich zu. »Aber was stellst du dir unter diesem Verdrängen eigentlich vor, Callistus? Etwa die Scheidung? Dann müßten Beweise zur Stelle geschafft werden. Dieser Weg ist außerordentlich gefährlich. Er würde uns selbst in die Angelegenheit verwickeln. Denn die Kaiserin würde uns Duldung und Zustimmung und« – er blickte Narzissus eindeutig an – »mehr noch nachweisen. So können wir aus Anklägern zu Angeklagten werden.« Da lachte Callistus zynisch auf: »Freunde, die Dame, von der wir reden, hat zum Schaden anderer oft genug mit falschen Zeugen und Meineiden erfolgreich gearbeitet. Jetzt wird sich der Spieß einmal umkehren. Es sollte uns doch nicht allzu schwer fallen, die angeschuldigte Kaiserin als erbärmliche Lügnerin hinzustellen, die nur an uns, ihren Anklägern, Rache nehmen will!« »Bravo!« rief Pallas. Narzissus wandte sich ab, sein zuckendes Gesicht zu verbergen. »Und jetzt noch etwas,« hob Callistus wieder geheimnisvoll an. »Wir klagen die Kaiserin eines Ehebruches an, an dem wir wirklich unschuldig sind.« Die beiden Komplizen blickten erwartungsvoll neugierig auf. »Mnester!« rief er triumphierend. »Du lügst!« schrie Narzissus und hob die Faust. »Ich habe bündige Beweise,« lächelte Callistus mitleidig ironisch. Pallas triumphierte: »Dann allerdings bedarf es der Handgreiflichkeiten gegen Messalina nicht. Wenn der brave Claudius erfährt, ein geschminkter Fratzenschneider und Bühnenhopser habe ihm das Ehebett geschändet, wird der Blitz einschlagen und zünden. In Claudius ist das Gefühl, ein Plebejer zu sein, absichtlich großgezogen worden. Und wie Plebejer sind: wenn sie zu Ansehen gelangen, verabscheuen sie nichts so sehr als das Plebejertum.« »Dann wären wir uns also einig und können die Sitzung aufheben,« vollendete Callistus. Narzissus äußerte nichts. In ihm bohrte die Eifersucht auf Mnester. Er hatte ja auf seine Beziehungen zu Messalina nicht verzichtet, weil er ihrer überdrüssig geworden wäre, sondern nur auf das Drängen der Freunde. Sie drangen unaufhörlich in ihn, der unter die Hörigkeit der leidenschaftlichen Frau geraten war, sich aus Gründen der Klugheit und des Wohles seiner Freunde von ihr zu lösen. Er biß die Zähne zusammen, daß sie laut knirschten. Dieser Mnester sollte es büßen! – Pallas begab sich sogleich zu Agrippina. In der langwährenden Unterredung lehnte sie seine Vorschläge zunächst ab. Sie betonte, es sei ihr Ehrgeiz, selbstständig und ohne fremde Hilfe zu dem Ziele zu gelangen, das sie sich gesetzt habe. Sie hatte die Schmach nicht vergessen, die ihr die Griechen einst im Gemache des Kaisers angetan hatten. Erst als Pallas sie an ihre Mißerfolge erinnerte und mit überzeugender Redekunst nachwies, diese Mißerfolge beruhten lediglich auf fehlender Hilfe und mangelhafter Vorbereitung, ließ sich die herrschsüchtige und willenseitle Frau auf Verhandlungen ein. Ihr erstes Nachgeben schmiedete Pallas klug zu einer bindenden Vorbesprechung. Ganz unmerklich leitete er die in ihrem Hasse unvorsichtige Frau zu unwiderruflichen Verpflichtungen hinüber. – 19 Als die Kaiserin ihr Versprechen hielt und am Tage nach seiner ersten großen Rede im Senat sich bei Silius einfand, war sie diesen Weg nur mit quälenden Zweifeln im Herzen gegangen. Es war unmöglich, ihm länger zu verhehlen, wer sie sei. Was würde er nach ihrem Bekenntnis tun? Ihr die Tür weisen?! Er mußte doch in ihr die Mit- und Hauptschuldige sehen an den schauderhaften Zuständen, die über Rom hereingebrochen waren. Sie hatte sich mit dem Erzschufte Suillius eingelassen, hatte ihn angestiftet und war dadurch zur eigentlichen Urheberin der Selbstmorde des Asiaticus und der Poppäa Sabina und anderer Greuel geworden ... Der Mut der Verzweiflung, nicht überwältigende Ehrlichkeit trieb sie, gleich nach den beglückwünschenden Worten, zu dem Aufschrei: »Ich bin die Kaiserin!« Dann spannte sich jeder Nerv in ihr zum Zerreißen, als sie den stummen Kampf beobachtete, der in dem überfallenen Manne tobte. Sein Gesicht verfiel, während er mit geschlossenen Lidern, bewegungslos, erloschen, ihr gegenübersaß und mit dem furchtbaren Zwiespalt in seiner Brust rang. Dann endlich nach langem, langem Schweigen öffnete er die Augen – sie waren blutig von geborstenen kleinen Äderchen – und sah sie an. Schließlich sagte er mit mühsamer, fremder Stimme: »Es ist die schwerste Vernunfthandlung des Menschen, sich mit einer grausamen vollendeten Tatsache abzufinden. Was nützt es, an Unabänderliches Worte zu verschwenden? Kein Tier lehnt sich gegen ein Verhängnis auf. Daher sterben Tiere auch so heldenhaft stumm. Nur der Mensch, törichter als das Tier, vergeudet seine Kraft im vergeblichen Kampfe gegen die unentrinnbare Übermacht des Schicksalswillens.« Aus seinen Worten klagte eine so grausig ergebene Bitterkeit, daß Messalina sich erhob, um sich schweigend zu entfernen. Doch ihre tragische Verzweiflung schnitt ihm ins Herz. »Bleib!« rief er. »Nicht mit der Kaiserin will ich sprechen, nur mit der Frau, die – warum sollte ich es leugnen! – mich hingerissen und in Bann geschlagen hat. Ich habe die vielen Tage, in denen ich dich nicht sah, wie in einem Traume lichtester Erwartung gelebt. Ich habe auf alles verzichtet, auf Schlaf und Ruhe, mir die Handhaben zu verschaffen für den Angriff auf Suillius. Ich wußte, nur wenn ich das verpfändete Wort einlöste, würde ich dich wiedersehen. Denn wo wollte ich dich suchen, wo dich finden, da ich nicht ahnte, wer du bist.« Sie vernahm seine Worte, als kämen sie aus einer unendlichen Ferne. Worte, die eine Liebe verrieten, nach der sie sich seit ihren Mädchentagen vergeblich gesehnt hatte. Eine Dankbarkeit quoll in ihr auf für diese Verehrung, die abseits lag von allem, was bis dahin Liebe in ihrem Leben gewesen war. Damals, als sie ihn zuerst aufgesucht hatte, war sie von ihm nicht mit dem Gefühl einer Zuneigung geschieden. Es hatte ihr nur unsäglich wohl getan, einmal in reiner Luft zu atmen, einem Menschen zu begegnen, der, ähnlich wie Asiaticus, sich als ein wahrer Mann unterschied von den Kreaturen, Feiglingen, Speichelleckern und charakterlosen Schemen, in deren Umgebung und unter deren aus Mitschuld erwachsenem Zwange sie lebte. Und nun offenbarte sich, daß dieser Mann sie liebte! Mit dieser Offenbarung fühlte sie sich plötzlich dem Chaos entrissen, in dessen dunklen Tiefen sie bisher gewirbelt worden war. Es war wie eine Vision. Sie sah sich unendlich hoch erhoben über alle Niedrigkeiten ihres bisherigen Lebens und Erlebens. Doch die Sphäre, in der sie schwebte, trug sie nicht. Der Schmutz ihres Daseins wog zu schwer und zog sie zurück zur Erde. Hinabgestürzt in das alte Verhängnis, erwachte sie mit einem Schrei der Verzweiflung ... Da alles dies sie wie ein wirrer Traum umhüllte, wußte sie nicht, daß sie wirklich in irrer Angst aufgeschrien hatte. Dann fühlte sie sich plötzlich an seiner Brust. Silius hatte die Gefallene in seinen Armen aufgefangen. Und sie vernahm seine Stimme, hörte die verzweifelt hoffende Frage und wußte im Taumel eines unendlichen Glückes, daß sie diese Frage ehrlich bejahen durfte. »Du erwähntest damals, es könnte auch ein erwachtes Gewissen dich zu mir gesandt haben! Sage mir nur das eine: war das die Wahrheit?« Er glaubte ihrem Ja und fand den Mut, ihr Ja mit leidenschaftlichen Küssen zu vergelten. Und in den Flammen, die seine Küsse in ihr zündeten, verspürte sie den Hauch einer Liebe, die jenseits brünstigen Verlangens lag, die nicht aus der Tiefe des Begehrens aufschwellte, sondern die große Liebe war des Alls, des Menschen zum Menschen, die sich segnend und erlösend aus sie niedersenkte. Sie wuchs zu diesem Manne empor. – – Nie dachte sie daran, daß die Welt nichts wissen konnte von der Reinheit dieser Liebe. – Sie wußte darum und war sehr beglückt in diesem Wissen. Und das genügte ihr, nicht heimlich und verstohlen wie auf verbotenen Wegen zu Silius zu schleichen, sondern vor den Augen aller Welt sein Haus zu betreten. Und seltsam! Die so klüglich ausgetüftelten Schleichwege zum Laster hatte die Welt gesehen. Den offenen Weg zur reinen Liebe schien sie nicht zu gewahren. Vielleicht, weil das Glück selbst ihn in Verborgenheit hüllte. – Ein sonderbarer trüber Regentag hing über Rom, ein Himmel, der sich wie eine schmutziggraue Schale über die Stadt stülpte. Die halbnackten Afrikaner, die Messalinas Sänfte zu Silius getragen hatten, duckten sich eng an die Hauswand, fröstelnd dort Schutz suchend vor dem rieselnden Regen. Denn in dem kleinen Hause auf dem Aventin pflegte die Herrin lange zu verweilen. Der Aufseher war es schon gewöhnt, daß im Palast jedesmal stoffumhüllte Pakete in die Sänfte verstaut wurden. Niemals sprach die Kaiserin im Hause des Silius vor, ohne Geschenke mitzubringen. So auch heute. Silius bestaunte die Kostbarkeiten. »Deine Lust zu geben, süße Freundin, übersteigt nun doch schon meine Pflicht zu nehmen,« sagte er ernst. »Du überhäufst mich mit Gaben, gestattest mir aber nie –« Sie unterbrach ihn, indem sie die Arme um seinen Hals legte und mit einem langen Kusse seinen Mund verstummen ließ. »Was brauchst du mir mehr zu geben als das Kostbarste auf Erden, die Gewißheit deiner Liebe,« wehrte sie. »Ihr Götter, diese Frauenlogik!« scherzte er. »Du begnügst dich mit dem Glauben an diese Gewißheit, meinst aber, mir durch überreiche Geschenke beweisen zu müssen, daß du mich wiederliebst. Nein, du Süße, heute mußt du alles wieder zurücknehmen.« »Auch nicht das Kleinste!« entgegnete sie. »Verstehe doch, ich will mit diesen Gaben weder deine Liebe erringen noch lohnen. Es tut mir nur, wenn ich dein Haus betrete, so unsagbar wohl, dich inmitten von Dingen zu sehen, die mir gehörten. Und vor allem tut mir der Gedanke gut, daß, wenn ich fern von dir bin, etwas von mir, Dinge, die ich lange geliebt und gehegt und um mich gehabt habe, dich umgeben, dir einen Hauch von mir entgegenatmen. Dann ist es mir, als hätte nicht nur meine Seele, sondern auch ein körperlicher Teil von mir eine Heimstatt bei dir gefunden.« Er bewunderte ihre Innigkeit. Und bewunderte sie um so mehr, als er vor der persönlichen Bekanntschaft mit ihr der Kaiserin Messalina jede Spur von Gemüt abgesprochen hätte. Doch längst hatte er sich gewöhnt, nicht die Kaiserin, sondern nur die geliebte Frau in ihr zu sehen. Nun dankte er ihr für dieses zartfühlende Schenken, Sie schmiegte sich in seine Arme und ruhte hier still und weltvergessen geborgen. Erst nachdem sie hingegeben den Frieden seiner Kraft und Lauterkeit ausgekostet hatte, regte sie sich wieder. »Ich muß dir heute von meiner Ehe sprechen,« begann sie zögernd. »Wird es dich verletzen, Liebster?« »Verletzen gewiß nicht,« er schüttelte den Kopf, langsam sprechend, wie von einer Gewissensregung bedrängt. »Deine Ehe steht zwischen uns wie ein Schatten, vor dem man die Augen schließt, um ihn nicht zu sehen. Im Anfang verdüsterte er mir mein Glück. Doch nun habe ich mich an die Gegenwart dieses Mahners gewöhnt und höre sein warnendes Raunen nicht mehr.« »Ich danke dir,« sagte sie einfach und herzlich. »Der Tag, an dem wir über deine Ehe einmal eingehend sprechen mußten, war unvermeidlich. Immer mehr ist uns bewußt geworden, daß wir zusammen gehören. Wir taten ja auch nichts, um unser Glück zu verheimlichen. Es tut mir weh, daß man dich wegen deiner Liebe zu mir verurteilen könnte.« »Ich bin an Vorwürfe gewöhnt,« versuchte sie zu scherzen. Er schüttelte den Kopf: »Nein, Liebste, wir wollen es nicht leicht nehmen. Ich spreche jetzt so ernst wie nie zuvor in meinem Leben. Es gilt deine – und meine Zukunft.« »Sprich;« drängte sie in frauenhaftem Ungestüm. »Ich habe einen Plan erwogen, der dir vielleicht abenteuerlich erscheinen wird, der aber doch des Verwirklichens wert wäre.« »Alles, was du ersinnst –« unterbrach sie übereifrig. Er hob abwehrend die Hand. »Ich habe diesen Plan nicht ersonnen. So hoch hätte sich meine Kühnheit niemals gewagt! Andere sind die Urheber der Idee. Sie suchten mich zu gewinnen, weil sie mich für den Mann ihrer Erwartung halten und weil sie bereit sind, Tut und Blut für ihren Gedanken zu wagen. Ich wollte die Plänemacher abweisen. Doch ich dachte an dich. Und plötzlich erschien mir der Plan um deinetwillen durchaus nicht mehr absurd – im Gegenteil.« »Erzähle – erzähle!« rief sie erfreut, sich wie ein neugieriges Kind im Sessel zurechtrückend. »Ich möchte lieber erst hören, was du mit mir besprechen wolltest.« »O, ich kann mich kurz fassen,« versicherte sie. »Du weißt, was die drei Griechen dem Kaiser Claudius bedeuten. Ich habe dir auch erzählt, daß ich mich in letzter Zeit von ihnen unabhängig machte, obgleich ich dafür ihre Feindschaft zu gewärtigen hatte. Das Erwartete ist eingetreten.« Sie errötete tief, als sie nach kurzem Stocken weitersprach: »Einer unter den dreien ist mir nun etwas freundlicher gesinnt. Vielleicht, weil er der erste Mann war, dem ich nach schweren Schicksalsschlägen mein – – Vertrauen schenkte.« Silius sah ihre angstverwirrten Augen. »Nur weiter – ich bin niemals eifersüchtig gewesen auf deine Vergangenheit.« »Dieser Mann heißt Narzissus,« ergänzte sie. »Man sagt ihm nach, er sei nicht nur der fähigste Kopf unter den Ratgebern des Cäsars, sondern auch der redlichste von ihnen – soweit man bei diesem Kleeblatt überhaupt von Redlichkeit sprechen darf.« »Narzissus ist jedenfalls kein völlig schlechter Mensch,« bestätigte Messalina. »Trotzdem ich mich allem Umgange mit den drei Griechen entzogen hatte, wußte er doch durchzusehen, daß ich ihn gestern empfing. Er sagte: nicht um Verrat an seinen Freunden zu üben, suche er mich auf, er vertraue vielmehr meinem Glauben an einen Rest von Treue und Zuneigung, den er mir bewahrt hätte. Und dann enthüllte er mir folgendes: seine Freunde hielten es, mit Rücksicht auf das Staatswohl für notwendig, mir den Kaiser völlig zu entziehen. Ich habe, seit ich dich kenne, allerdings versucht, den Kaiser zu Handlungen zu bewegen, die zwar nicht dem Staatswohle zuwiderlaufen, gewiß aber dem, was diese Griechen ihr eigenes Wohl nennen.« Sie sagte das so rührend wichtig, daß Silius sie heftig an sich preßte. Dann fuhr sie fort: »Narzissus verriet mir nun, seine Freunde forderten eine Trennung meiner Ehe mit dem Kaiser – eine andere Gattin sei bereits erwählt – das heißt, wenigstens als meine Nachfolgerin vorgesehen.« »Und du?« forschte Silius mit blassen Lippen. »Dir fällt es nun schwer, auf deinen Rang als Kaiserin zu verzichten?« »Ich denke nicht an einen Verzicht!« versetzte sie fest. »Agrippina nämlich ist zu meiner Nachfolgerin bestimmt. Begreifst du, Liebster, daß ich meiner Todfeindin nicht meinen Platz räumen werde?!« Er verließ sie und begann in dem Gemache umherzuwandern. »Ich begreife nur eines, nämlich, daß du im Begriffe stehst, mich zu enttäuschen.« »Kaiserin muß ich bleiben,« fuhr sie unbeirrt fort. »Ich sehe nicht ein, warum dich das enttäuschen sollte.« »Nicht?« stieß er zornig hervor. »Dann bist du –« Sie fiel ihm ins Wort: »Sprich nichts Bitteres aus, Silius. Du würdest es bereuen.« »Ich bereue nur eines –« »Nicht, Liebster, nicht doch!« wehrte sie ihm mit Tränen in den Augen. »Ich sehe, ich darf mit dir nicht auf Umwegen sprechen. Ich wollte dich etwas hinhalten und dann überraschen. Jetzt will ich geradeheraus, ohne Umschweife berichten. Also: Narzissus wollte mir ersparen, daß der Schlag mich unvorbereitet träfe. Ich habe ihm gedankt, auch Verschwiegenheit gelobt.« »Das hättest du nicht tun dürfen. Du wirst dieses Gelöbnis brechen müssen.« »Unmöglich! Wie dürfte ich einen letzten Beweis der Treue so jämmerlich lohnen! Pallas und Callistus sind die Skrupellosigkeit in Person. Sie würden sich keinen Augenblick besinnen, sich blutig an Narzissus zu rächen. Nein, Silius, ich habe von dir gelernt, was Menschentum bedeutet, und ich glaube, ich war eine gelehrige Schülerin. Selbst höchstes Menschentum kann aber nicht verlangen, daß man geduldig einen Schlag erwartet, ohne sich zu wehren. Man will den Kaiser überreden, mich preiszugeben. Claudius wird keine Sekunde zögern. Er saugt Einflüsterungen in sich auf wie trockenes Erdreich den befruchtenden Regen.« »Komm zum Schlusse,« bat Silius, denn er glaubte nicht anders, als sie verkleide mit tönenden Worten ein bitteres Ende. »Vielleicht hältst du mich für schlecht, wenn ich dir nun offenbare, was ich mir ausgedacht habe. Wenn Schurken, wie diese Griechen, sich das Recht anmaßen, meine Ehe zu zerreißen und mich zu entthronen, habe ich dann nicht das Recht, dem zuvorzukommen?! Wenn Claudius – und zweifelsohne hat er sich schon halbwegs für die Vorschläge seiner Ratgeber gewinnen lassen! – wenn er also den Gedanken einer neuen Ehe erwägt, darf ich dann nicht ebenfalls an eine andere Ehe denken?! Würdest du mich zum Weibe nehmen, Silius?« »Warum gibst du mir Rätsel auf!« entgegnete er fast unwillig. »Du sagtest doch eben noch, du würdest um keinen Preis auf deine Stellung als Kaiserin verzichten.« »Und wenn ich deinetwegen nicht verzichten wollte? Wenn ich dir auch die Kaiserkrone als ein Geschenk zu Füßen legen wollte!« »Ich verstehe dich nicht – ich verstehe dich nicht!« klagte er erregt. »Ich weiß, wie sehr ich dich auf die Folter spanne, Silius,« bekannte sie. »Allein es ist nur die Scheu, einen Gedanken in feste Worte zu schlagen, der dir vielleicht lächerlich oder verächtlich erscheinen wird. Ich verstehe nichts von Politik und wünschte auch nicht, sie zu verstehen. Aber eines weiß ich sonnenklar: Kaiser Claudius ist ein aufs äußerste gefährdeter Mann. Der Tag wird kommen, an dem Claudius weichen muß, sei es durch den Dolch seiner Mörder, sei es durch seinen Sturz. Nur ein Wunder kann das abwenden.« »Du hast allzu recht,« sagte er ernst und schwer. »Nun, Silius, höre meinen Gedanken,« sprach sie eindringlich. »Wenn ich selbst es bin, die seinen Sturz bewirkt, ist es möglich, ihm das Leben, an dem er so furchtsam hängt, zu retten. Darum muß er beizeiten weichen – darum, und vor allem, weil zum Wohle Roms ein besserer Princeps an seine Stelle treten soll. Und wenn ich dieses Besseren Weib bin, bin ich dann nicht Kaiserin geblieben? So meinte ich es, wenn ich mich weigerte zu verzichten.« Silius blickte stumm und staunend auf diese Frau, die einen Plan entworfen, der, wenn er durchgeführt wurde, in seinen Folgen etwas Ungeheuerliches wäre in der Geschichte des Römischen Reiches. »Ein Besserer, dessen Weib du – sprichst du von mir?!« stieß er Wort um Wort mühsam hervor. Sie flog von ihrem Sitze auf und hing an dem Halse des geliebten Mannes. »Von wem sonst, Silius? Was bedeuten die armseligen Geschenke, die meine Liebe dir gab! Ist es ein Wahnsinnsgedanke, wenn ich dir ein Kaiserreich schenken möchte?! Deine Anhänger zählen nach Abertausenden in Rom. Die einem Imperator unentbehrlichen Prätorianer lieben dich, da deine Reden im Senat auch ihrer gedachten und bewirkt haben, daß man den untauglich gewordenen Soldaten mehr Gerechtigkeit widerfahren läßt durch Landzuweis und Gnadengelder. Die Aristokratie kann nichts gegen einen Kaiser Silius einzuwenden haben. Denn deine Herkunft ist ohne Tadel, dein Geschlecht eines der ältesten in Rom und war stets kaisertreu. Die Regierung ist so unhaltbar geworden, daß ein leiser Anstoß sie über den Haufen werfen wird. Im Palatium gibt es Ungezählte, die lieber mit uns verbündet sein werden, als ihr Schicksal noch länger an diese Schattengestalt eines unfähigen Cäsars zu knüpfen, der, wenn er von anderer Seite als von mir gestürzt wird, sie unaufhaltsam mit sich in die Tiefe reißt. – Ich bin am Ende. Was könnte ich noch sagen? Du weißt, was du in den letzten Monaten den Römern geworden bist.« »Durch die Liebe zu dir!« sagte er ergriffen, in tiefem Nachdenken. Da gab sie ihm den letzten Antrieb. »Du weißt besser als ich, daß nach der Verfassung des Römischen Reiches jeder, der der beste Bürger ist, auch der erste Bürger werden kann. Es ist nicht nur eine Hoffnung, eine große, schöne, von heißer Liebe getragene, nicht ungeheuerliche, nicht unerfüllbare Hoffnung, sondern eine feste Zuversicht, die mich in diesem Augenblick als erste dich grüßen läßt: Ave Cäsar!« Bis in alle Tiefen erschüttert, vermochte Silius die entflammte Frau nur stumm in die Arme zu schließen. Erst als sie einander in gegenseitiger Dankbarkeit müde geküßt, fand er Worte. »Man hat dir unrecht getan, wenn man dich lästerte und verurteilte,« rief er. »Man muß die Sehnsucht nach dem Wunderbaren in deiner Seele erkannt haben, wenn man dich verstehen will.« »Du aber verstandest mich,« fügte sie mit einem Aufseufzen des Glückes hinzu. »Darum vermochtest du es auch über dich, mir so unendlich viel zu verzeihen.« Zartsinnig überhörte er diesen leisen Nachhall der Erinnerung an die Vergangenheit. Es durfte für die geliebte Frau nur Gegenwart und Zukunft geben. Als sie beide sich etwas beruhigt hatten, erinnerte sie ihn: »Du wolltest mir doch auch von einem Plane erzählen.« »Es erübrigt sich nun,« lächelte er. »Es ist der gleiche Plan wie der deine. Nur war er weniger bestimmt umrissen. Deshalb wollte ich nicht ohne weiteres denen glauben, die mir ihn zutrugen. Du hast mich überzeugt. Der Gedanke, mich zum Cäsar erhoben zu sehen, erschreckt mich nicht mehr.« Als Messalina in den Palast zurückgekehrt war, saß sie lange Stunden in sich versunken und überdachte noch einmal alles, was sie mit Silius besprochen hatte. Also nicht nur sie selbst, sondern auch andere erwogen den Plan, den geliebten Mann zum Kaiser zu machen. Wenn sie sich dessen auch freute und erkannte, daß ihre eigene Absicht hierdurch nur noch stärkeren Rückhalt fand, so verkannte sie keineswegs die für sie erwachsende Gefahr. Wer den Cäsar Claudius beseitigen wollte, mußte auch daraus bedacht sein, alle jene zu beseitigen, die eine Gegenpartei bilden konnten. Zu diesen würde man auch die Kaiserin zählen. Silius konnte sie schützen, gewiß. Aber er war in den Plänen seiner Anhänger nicht die treibende Kraft, sondern nur die Gestalt, in der seine Anhänger die Verkörperung ihrer Pläne sahen. So konnten sie handeln, ohne Silius vorher zu unterrichten, dessen gewiß, daß er das Cäsarenamt übernehmen würde, sobald der Thron durch den Sturz des Imperators oder einen neuen Kaisermord freigeworden war. Sie erschrak jetzt vor einer Vergeßlichkeit. Sie hätte Silius ermächtigen sollen zu offenbaren, daß die Kaiserin mit dem Plane einverstanden sei, ihn nicht nur billigte, sondern auch bereit sei, ihn mit allen Kräften und aus allem Vermögen zu unterstützen und zu fördern. Doch rasch beruhigte sie sich. Silius war klug genug, selbst diese Gefahr zu erkennen, zu tun, was ihre Sicherheit gebot. So blieb nur noch eine bange Frage: würden die Anhänger des Silius sie als – Kaiserin dulden?! Sicher nicht! Wenn sie den Kaiser haßten, wie mußten sie dann erst die Frau verabscheuen, unter deren Einfluß der Cäsar sich ebenso gebeugt hatte wie unter das Joch der verruchten griechischen Freigelassenen. Sie grübelte lange, ehe sie den Ausweg aus dieser Enge fand. Ihrer Ablehnung war nur vorzubeugen, wenn der neue Cäsar die Tatsache der vollzogenen Ehe mit in sein Amt brachte. Wie aber war die Ehe mit Silius zu ermöglichen?! Auf den Scheidungsprozeß warten? Das würde viel zu lange dauern. Und dann, die Ehescheidungsklage des Claudius mußte vieles aus der Vergangenheit an die Öffentlichkeit zerren. Das ergab neue Bloßstellung der Frau, die der neue Cäsar an sich fesseln sollte ... In langen Stunden qualvollen Sinnens zermarterte Messalina ihr Hirn nach einer Rettung aus der neuen Verstrickung. Immer wieder kehrte sie zu dem Gedanken zurück, ob es nicht das Einfachste wäre, den Narzissus und seine Freunde für einen Sturz des Claudius zu gewinnen. Auch sie hatten ja nur zu verlieren, wenn er ohne ihr Einverständnis fiel. Die Furcht der drei Männer, mit dem Cäsar Claudius von der Höhe ihrer Macht fortgefegt zu werden, würde sie gefügig machen, sofern man ihnen neue Ämter in der Regierung eines neuen Cäsars versprach. Freilich änderte auch die Beihilfe der Griechen nichts an der Notwendigkeit, die Heirat mit Silius vor dem Sturze des Claudius zu vollziehen. Den Griechen, die alle Staatsämter in der Hand hielten, aber würde es ein leichtes sein, die Scheidung der kaiserlichen Ehe rasch und heimlich durchzuführen, es blieb das Klügste, sich mit ihnen zu verbünden. Immer mehr festigte sich in Messalina der Gedanke an diesen zwar kühnen, doch Erfolg verheißenden Weg. So rief sie schließlich nach Fabulla, die den Narzissus zu einer heimlichen Aussprache herbeirufen sollte. Fabulla aber brachte eine Neuigkeit. »Der Kaiser trifft Vorbereitungen zu einer Reise nach Ostia,« berichtete sie. »Er will der Eröffnung des neuerbauten Hafens beiwohnen und wird schon morgen abreisen. Da er jeden Augenblick kommen kann, sich von dir zu verabschieden, Domina, so ist es vielleicht besser, du verschiebst deine Unterredung mit Narzissus.« »Der Grieche wird doch den Kaiser begleiten,« meinte Messalina enttäuscht. »Diesmal nicht,« versicherte Fabulla. »Wie ich hörte, bleibt der Kaiser einige Wochen fort.« Messalina unterbrach sie in einem aufblitzenden Einfalle: »Einige Wochen fort ...?« »Ja, und Narzissus vertritt ihn als Statthalter in Rom.« Ein Wirbel von Gedanken raste durch Messalinas Gehirn. Im Augenblicke zeigten sich ihr tausend Möglichkeiten zur Durchführung ihres Planes. Claudius in Ostia, Narzissus sein Statthalter! ... Jetzt war sie froh, den Griechen freundlich behandelt zu haben, als er warnend zu ihr kam. – Narzissus, den sogar Silius den fähigsten Kopf der drei genannt hatte ... Narzissus. der durch die Enthüllung der Absichten seiner Freunde bewiesen hatte, daß er innerlich noch zu der Frau hielt, die ihm einst ein Glück bedeutet hatte. Eines der wirbelnden Bilder blieb in ihrem Geiste haften: menschenerfüllte Gassen Roms – schwirrende Stimmen, teils Jubel, teils Furcht – mehr Jubel als Furcht – aus Ostia war die Nachricht gekommen, Kaiser Claudius sei nicht mehr am Leben – oder gestürzt – oder er habe auf das Principat verzichtet – die Prätorianer und der Senat hatten Cajus Silius zum Imperator ausgerufen. – – Messalina erschauerte vor sich selbst, vor der Unheimlichkeit dieses zweiten Gesichtes, vor dem Entschlusse, der in ihr reifte, weil er geboren war aus der Notwendigkeit, ihr weltliches Glück und auch das Glück ihrer großen Liebe zu retten. Nur eine letzte schwere Tat noch ... dann tauchte ihr Leben in Licht und ewige Helle. 20 Die Aussprache, die Messalina bald nach der Abreise des Kaisers mit Narzissus hatte, nahm zunächst den Verlauf, den die Kaiserin erwartet hatte. Zwar erschrak der neue kaiserliche Statthalter offensichtlich vor der Aussicht auf einen nahen Umsturz, doch sprach er zunächst nicht dagegen. Der Name Silius war nicht gefallen. Sie sprach nur vom Sturze des Claudius und ihrer Absicht, gleichwohl Kaiserin zu bleiben. »Verstehe mich recht, Narzissus,« bat Messalina, als sie sein Zögern bemerkte. »Du selbst verrietest, meine Laufbahn als Kaiserin stehe kurz vor dem bitteren Ende. Claudius, der früher jeden seiner Schritte mit mir besprach, begibt sich nach Ostia, nimmt kaum flüchtigen, fast fluchtartigen Abschied von mir und lädt mich nicht ein zu einer Feier, die er ehedem niemals ohne meine Teilnahme begangen haben würde. – Ist das nicht ein beredtes Vorspiel zu dem, was mir droht?« »Deine Ahnung trügt dich nicht,« gab Narzissus widerwillig zu. »Ich danke dir für deine Offenheit,« sagte sie, ihn fest ansehend. »Sie soll mir ein Beweis sein, daß du mich wohl doch einmal wirklich geliebt hast.« »Es war so,« raunte er traurig. »Ich liebe dich noch immer, Messalina.« Überwunden von seinem Gefühle, griff er nach ihrer Hand. Seine Lippen stammelten unzusammenhängende Worte. Er beugte sich nieder und wollte diese kleine, kühne Hand küssen. Doch Messalina entzog sie ihm sacht und streichelte ihm sanft die Wange. »Wir wollen Vergangenes vergangen sein lassen,« mahnte sie leise. »Für deine Offenheit danke ich dir herzlich. Freilich wäre es dir nicht gelungen, mich zu täuschen. Ich weiß, daß statt meiner die von deinen Freunden zur neuen Kaiserin ausersehene Agrippina dem braven und gehorsamen Claudius nach Ostia folgen durfte.« »Ich habe an diesen Machenschaften nur den Anteil, zu dem mich die Treue gegen meine Freunde verpflichtet,« entschuldigte er sich. »– und das angebliche Staatswohl von dir verlangt,« ergänzte sie, ihn zutraulich anlächelnd. »Auch das.« »Wie vereint sich nun aber mit deiner Pflicht gegen das Wohl des Staates, daß du bis jetzt kein Wort des Widerspruches gegen meinen Plan vorgebracht hast?« »Verzeihe, Domina,« bat er nach kurzem Überlegen. »Wer in unserm Rom hätte nicht gelernt, sich selbst der Nächste zu sein. Du ließest durchblicken, daß dein Plan nicht meinem Heile – auch nicht dem Heile meiner Freunde – zuwiderläuft.« »Vor allem nicht deinem Heile, mein Freund!« Sie sagte es so sonderbar betont, daß er sie lange eindringlich maß, ihre geheimsten Absichten zu lesen. Doch ihr Lächeln blieb undurchdringlich, rätselhaft versprechend und doch alles verschweigend. Er zuckte ungeduldig die Achseln. »Es wäre wünschenswert, du sprächest dich klarer aus, hohe Frau. Andeutungen können nicht genügen, mich zu gewinnen.« »Aber halb und halb gewonnen bist du schon?« forschte sie, zitternd vor Erwartung. »Da wir ohne Zeugen sprechen, bringt mein Ja mich nicht in Gefahr,« gab er zurück. »Das war wenig schön gesagt, Narzissus,« schmollte sie. »Ich habe dir Vertrauen bewiesen.« »Ich dir nicht weniger.« »Du hast recht,« gab sie zu, um dann auszubrechen: »Agrippina meine Nachfolgerin! Begreifst du, daß ich mich fast mehr als an mein Leben an den Gedanken klammere, ihr nicht den Platz zu räumen?« »Dein Plan beweist es.« »Noch weißt du längst nicht alles von meinem Plane. Doch sage mir: nach dem, was ich dir enthüllte, hältst du ihn für durchführbar?« »Warum sollte er es nicht sein?« fragte er dagegen. »Unmöglich wäre nur eines, die kaiserliche Macht in deine Hände zu legen. Ein Weib auf dem Sitze des Principats – das würde kein Römer ertragen.« »Aber wer denkt denn daran!« rief sie verwundert. »Ich denke nicht an mich. Kaiserin will ich bleiben, gewiß, doch nur an der Seite eines Mannes, an dessen Fähigkeiten ich nicht zweifle. Ein Mann, der bewies, daß er zum Cäsar geboren ist.« Ihm ins Auge blickend, um den Eindruck ihrer Worte zu prüfen, fügte sie hinzu: »Diesem Manne stehe ich nahe, Narzissus!« »Dann setzt also deine Absicht, Kaiserin zu bleiben, voraus, daß du diesen Mann zur Ehe nähmst.« »Oder umgekehrt: daß er mich nähme.« Sie legte die Hände auf seine Schultern und bat flehend wie ein Kind: »Narzissus, stehe mir bei – nur du vermagst es – du liebtest mich – du sagst, du liebst mich noch!« Jetzt glaubte er sie zu verstehen. Hoch auf tobte ein Gedanke in ihm: meinte sie ihn?! Er, der Cäsar! Ihr Gatte?! Er war im Begriff, sie an sich zu reißen, in glühenden Küssen sein Einverständnis zu besiegeln. Da reichte sie ihm die Hand und sagte: »Silius und ich würden es dir nie vergessen, wenn du bei uns ständest in der Stunde der Gefahr.« Narzissus war ein Genie in der Kunst, sich im entscheidenden Augenblicke meisterhaft zu beherrschen. Er, der bis zur Sekunde geglaubt hatte, Messalina spräche von ihm, verlor nicht einen Augenblick die Fassung. Nur sein Auge verriet, was in ihm vorging. Doch selbst den erstaunten, verwirrten, wilden Blick verbarg er hinter gesenkten Lidern. »Ich begehre weder Dank von dir, Domina, noch auch von deinem Freunde Silius,« entgegnete er gelassen nach kurzem Schweigen. »Ich will dir jedoch ein Mißverständnis nicht verhehlen. Ich vermeinte, deine Eitelkeit klammere sich an deinen fürstlichen Rang. Jetzt erkenne ich, Liebe ist die Erzeugerin deines verwegenen Planes.« »Eine wundersame, große Liebe, Narzissus,« sagte sie verklärt, da er ganz ruhig sprach und seinen Worten den Tonfall sachlicher Überlegung zu geben wußte. »Ich freue mich für dich, Messalina. Aufrichtig und ehrlich. Doch sage mir eins: Weiß Silius, daß du mich um Hilfe angehst?« »Nein,« gestand sie mit einem feinen, scheuen Lächeln, »es ist mein Stolz, ihm zu dem Throne zu verhelfen.« Narzissus nickte. »Ich begreife – ein Geschenk deiner Liebe!« »Ja,« bekannte sie innig. »Und nun weiß ich auch, daß du mir helfen wirst. Mein Gefühl sagt es mir.« »Dein Gefühl täuscht dich nicht,« versicherte er fest. Doch da hatte sie ein schmerzliches Flackern in seinen Augen wahrgenommen. Kurz nur und sofort gebannt, doch verräterisch genug für die Frau, die diesen Mann einst leidenschaftlich geliebt hatte. »Bist du irgendwie enttäuscht, Narzissus?« fragte sie verwundert betroffen. »Nur bedrückt, Domina,« leugnete er. »Wer in meiner Stellung wäre es nicht? Der Staat, den ich seit Jahren mitgeleitet, mitgeordnet habe, vor einem gewaltsamen und zugleich gewaltigen Umsturz! Das ist nichts Geringes.« Er atmete hastig und erregt und zerrte mit nervösen Fingern am Halsausschnitte seiner Tunika. Plötzlich fragte er kalt: »Was wird mein Lohn sein?« Sie rechnete mit seinem Ehrgeiz und meinte ihn zu trösten, wenn sie versprach: »Sei versichert, daß Silius als Cäsar nie vergessen wird, was deine Kraft dem Staate bedeutet. Auch seine Anhänger nicht, die längst vor mir ihm das Principat antrugen.« »So – auch das geschah bereits?« horchte er auf. »Und vertraust du ihm nicht, so vertraue mir, Narzissus,« flehte sie, dicht vor ihn hintretend. »Denk an unsre Liebe von ehedem!« Er tauchte tief seinen Blick in die flehend zu ihm aufschauenden Augen. Ach, sie bat für Silius! Er sog zum letzten Male die Schönheit ihres Gesichtes in sich auf. Verzückt war dieses Antlitz gewesen, wenn er sie mit seiner Liebe bestürmt hatte! Er trank die rote Glut ihres purpurnen Mundes. Wie gierig hatten diese Lippen küssen können! Er fühlte die Nähe ihres Körpers, der sich in ekstatischen Zuckungen in seinen Armen gewunden hatte. Mordlustige Eifersucht gegen Silius packte ihn. Doch auch die brennende Leidenschaft für diese Frau. Nie war sie erloschen – sie war nur niedergehalten worden von der Vernunft. – Doch nicht von seiner eigenen Vernunft, von der Vernunft der Freunde, deren Herz an nichts sich hing als an Geld und Gut und die Macht über einen geistesschwachen Cäsar. Doch er beherrschte sich. Er riß sich los. Er begab sich sofort zu Callistus, um sich den Rückweg der Reue selbst abzuschneiden. »Die Kaiserin wird Vorbereitungen zu einer Hochzeit mit Cajus Silius treffen,« begann er sogleich. »Bist du wirr?« rief Callistus. »Hochzeit – wie wäre das möglich? Wenn ich ihr auch vieles zutraue, so halte ich sie doch für vernünftig genug, daß sie nicht ganz Rom zum Zeugen eines geradezu absurden Falles von Bigamie machen würde. Oder hat sie plötzlich den Verstand verloren?« »Sie handelte nie ruhiger und überlegter.« »Aberwitz, wenn auch uns willkommen,« stellte Callistus gelassen fest. Händereibend erkundigte er sich: »Ist das ein feines Werk von dir, mein Freund?« »Erbärmlicher Tor!« donnerte Narzissus ihn an. »Hast du noch immer nicht begriffen, daß ich diese unselige Frau wahnsinnig liebe?« Er zitterte vor entfesselter Wut, stieß Drohungen aus und wetterte den erschrockenen Callistus nieder, sich künstlich aufreizend, seinem Schmerz ein Ventil zu öffnen. »Nun, nun – ich wollte nicht an eine Wunde rühren,« besänftigte Callistus den tobenden Mann. »Eine Wunde, die du und dein trefflicher Pallas mir geschlagen,« knirschte er. »Eine Wunde, an der ich verblute.« »So sei doch vernünftig!« bat der Grieche. »Was soll nun geschehen?« Narzissus zwang sich zur Besinnung zurück, und seine Nerven und sein Gehirn gehorchten wie immer. »Geschehen?« fragte er, heiser von dem gewaltsam gedämmten Aufruhr. »Folgendes. Ich reise morgen nach Ostia dem Kaiser nach und werde ihn zurückholen. Die Feierlichkeiten der Hafeneröffnung werden heute abend beendet sein, übermorgen setzest du ein Gerücht in Umlauf, das aus dem Palatium bestätigt wird: der Kaiser ist in Ostia ermordet worden.« »Mann!« stieß Callistus entsetzt hervor. »Das willst du wagen?! Unerhört kühn und gefährlich. Doch ich habe gegen den Mord an sich nichts einzuwenden, wenn der neue Cäsar in unsrer Macht bleibt. Wer soll es sein? Vielleicht Nero, Agrippinas Sohn? Ein Knabe noch ...? Sehr geeignet – –!« »Der neue Cäsar sei deine geringste Sorge. Ich begebe mich von dir aus zu den Präfekten der Leibgarden. Die Prätorianer müssen bei der Todesnachricht ruhig bleiben. Ich weiß zuverlässig, daß man den neuen Imperator erst dann ausrufen wird, wenn Messalina ihn zur Ehe genommen hat. Sobald also die Hochzeit vollzogen ist, widerrufst du die Todesnachricht und kündigst an, Kaiser Claudius sei bereits auf dem Wege nach Rom. Die Garden werden dir beistehen, jeden Umsturz blutig zu unterdrücken. Dafür gewinne ich sie!« »Ihr Götter, welch wirre, widerspruchsvolle Dinge! Ich kenne dich nicht wieder, Freund,« jammerte Callistus. »Vielleicht zeigt ein beleidigter Narzissus erst sein wahres Gesicht,« zischte voll Hohn der zu allem entschlossene Mann. »Doch wie und was du auch denkst, Callistus, ich sprach kein Wort zuviel noch zuwenig. Alles ist bitterer Ernst und wohl überlegt. Wir haben keine Zeit zu verlieren, ich am wenigsten. Also handle! Ich werde im rechten Augenblick mit dem Kaiser in Rom sein. Ihn rettet nicht die Treue, sondern der Haß!« Drei Tage später hatte Callistus seine Pflicht getan. Rom nahm die Alarmnachricht leicht. Dem Claudius trauerten die wenigsten nach. Vierundzwanzig Stunden später vermählte seine Witwe Messalina sich in aller Öffentlichkeit und aller gesetzlichen Form mit Cajus Silius. Aber Silius bezeichnete flüsternd alle Welt bereits als den neuen Cäsar. Der jungen Witwe verübelte man es nicht, daß sie einen Gatten wie den tölpischen Claudius so rasch vergessen konnte. Silius ihr neues Glück? Dann war alles verzeihlich. Dem Volke versprach man Spiele, Geschenke, Korn und Freuden. – Es bejubelte das junge Paar und in dem Gatten den beliebten neuen Herrn. Die Anhänger des Silius waren verblüfft über diese wunderliche Heirat. Noch weniger begriffen sie, daß er zögerte, die Macht, die seine Beliebtheit ihm bot, sofort zu ergreifen. Seiner Verabredung mit Messalina entsprechend, vertröstete er die ungeduldigen Freunde auf den Tag nach der Hochzeit. Man lächelte diskret. Man gönnte ihm sein Glück. Es war nur zu begreiflich. Vor dem Ernste der kommenden Wochen einen kurzen Tag, an dem er noch sich und seinem Weibe gehören durfte. Denn dann gehörte er allen. Es war Oktober. Rom und Italien fieberte im Taumel der Bacchanalien. Erntezeit! Liber und Liberia, die göttlichen Beschützer der Traube und des Ackerbaues, der Fruchtbarkeit und der Ehe, feierten ihr rauschendes, berauschendes Fest. Durch alle Gassen Roms zogen die von jungem Most trunkenen Scharen, jubelte der Gesang der Zecher. Durch alle Gassen schweiften junge Priesterinnen der Gefeierten, die Stirn von Efeu umkränzt, und boten Mehlkuchen, Öl und Honig feil, als Opfergaben für Liber, den Sorgenlöser. Über die Altäre floß in Strömen der Most und der Wein und über die Füße des Gottes der Weinlese. Liber liberator, der Befreier, löste die Zungen und die Glieder. Es jauchzte und jubelte und tanzte durch Rom und Italien. Frei wurde die Tat in dieser unbekümmerten Zeit der Bacchanalien. In allen Torwinkeln wurde geküßt. Aus allen verschwiegenen Ecken klang das Flüstern der Liebenden, das vergehende Stöhnen und Röcheln des Gebens und Empfangens. Im Garten des Palatiums feierten inmitten des allgemeinen bacchantischen Schwelgens Messalina und Silius das Fest des Liber und ihrer Hochzeit. Bacchus regierte. Die Weinpresse knarrte, der Most strömte. Nach uralter Sitte tanzten um die Kaiserin Mädchen und Frauen, die Blöße kaum bedeckt von Leopardenfellen. Messalina selbst, die Oberpriesterin der heiligen Orgien, schöner als je im belebenden Hauche ihres Glückes, die schönste Frau Roms an der Seite des schönsten Mannes. Sie führten den gottesdienstlichen Reigen an auf hohem Kothurne; sie schwang das Tamburin, er führte den Tyrsusstab, während hinter ihnen der mänadische Zug der Tänzer und Tänzerinnen folgte unter Zimbelschlag, ekstatischem Gesang und gellem Evohe-Geschrei. Bis in die späte Nacht hinein schallte vom Palatin auf Rom hinunter das Brausen dieses Hochzeitsfestes der Bacchanalien. Doch am Morgen durchzogen schwerbewaffnete Kohorten der Prätorianer die Gassen. Immer mehr dieser Truppen, die das Geschick Roms bestimmten, spien die Kasernen im Osten der Stadt aus. Erz klirrte auf allen Straßen, schwere Tritte der Gewappneten stampften das Pflaster, Rosse schäumten ins Gebiß, Speere blitzten, Kommandoworte hallten. Rom verwandelte sich in ein Feldlager. Von Zeit zu Zeit machten die in der Stadt umherziehenden Patrouillen vor einem Standbild oder einer Büste des Cäsars Claudius halt und jubelten dem Kaiser zu. Blitzhaft schnell verbreitete sich die Kunde, daß die Nachricht von seinem Tode nur eine Lüge gewesen, die ausgesprengt worden sei, um Rom in einen Bürgerkrieg zu hetzen. Aus den Nordtoren der Siebenhügelstadt trabten Sänftenträger mit ihrer Last. In eiliger Flucht strebten von dannen die Männer, die den Cajus Silius zum Herrn der Welt hatten machen wollen. Das Volk, die Plebs? In der Trunkenheit des Bacchusfestes war ihm alles gleich. Gab es keinen neuen Cäsar, dem man zujauchzen konnte, so verschenkte man die einmal vorhandene Freudenstimmung eben an den alten. An den Nordtoren die Flüchtenden, an den Südtoren die neugierigen, feiernden Gaffer, die den Totgesagten und Wiedererstandenen bei seinem Einzüge in Rom sehen und begrüßen wollten. Evohe! Ave, Cäsar! Dieser Ruf sei billig geworden in Rom, sagten die vor der Zukunft Bangenden. Aber sie wurden von dem Evohe! und Ave Cäsar! der vergnügungstollen Menge überschrien. – 21 Eifersucht und Haß waren während der einsamen, eiligen Fahrt nach Ostia mehr und mehr in Narzissus verstummt und kühler Überlegung gewichen. Er war zu der Überzeugung durchgedrungen, daß guter Wille Messalinas allein wenig Gewähr für die Zukunft bot. Cajus Silius, selbst wenn er die Kaiserin noch so sehr liebte und auf ihren Rat hörte, war schließlich kein Claudius. Und seine Anhänger? Wer sich gegen das Principat des Alten empörte, mußte auch gegen die Hauptstützen dieses Principates sein, gegen die drei griechischen Freigelassenen. Nein, der Umsturz bot ihm und seinen Freunden nicht den allergeringsten Nutzen, im Gegenteil höchste Gefahr für Leben, Freiheit und Besitz. Neben dem Haß und der Eifersucht hatte hier die Klugheit zu gebieten. Narzissus war entschlossen, vor allem seiner Vernunft gerecht zu werden. Hiermit wurde er auch den in ihm aufgewühlten Leidenschaften am besten gerecht. Er kannte die eigentümliche Wesensart des Kaisers, der niemals einem Menschen allein Glauben schenkte, vielmehr wie alle haltlosen Charaktere nur durch kompakte Majorität zu überzeugen war. Eine Stimme in der Menge hatte er selbst. Wer aber sollten die andern sein? Schließlich verfiel er auf Cleopatra und Calpurnia. Sie waren zuverlässig, auch geschickt in der Behandlung des Kaisers, für den sie eine Art wirklicher Anhänglichkeit empfanden. Vor allem aber sahen sie in ihm den freigebigen Brotherrn und das Rückgrat ihrer Existenz. Schon öfter hatten sie sich bewährt im Dienst der drei kaiserlichen Ratgeber. – Gleich nach seiner Ankunft in Ostia setzte Narzissus sich mit den beiden Freundinnen in Verbindung. Mit fliegenden Worten erläuterte er ihnen die verworrene Lage und traf Verabredungen für den Augenblick, in dem er plötzlich dem Kaiser gegenüberstehen würde. Narzissus wollte mit der Überraschungstaktik arbeiten. Der Alte sollte mit Plötzlichkeit übertölpelt und durch die Jähheit der Schläge, die auf sein schwaches Begreifen niederhagelten, betäubt und jedem Befehl und Vorschlag willfährig gemacht werden. Ihres Gebieters Leidenschaft für das Würfelspiel ausnutzend, luden die beiden Damen den ahnungslosen Galan zu einer vergnügten Stunde ein. Beim Klappern des elfenbeinernen Spielzeugs ebenso langweilige wie unhaltbare Theorien über die Möglichkeit, stets der Gewinnende zu sein, breitzutreten, war des Kaisers höchste Lust. Unverzüglich fand er sich in den Gemächern der Mätressen ein. Geschickt lenkten Calpurnia und Cleopatra sofort harmlos das Gespräch auf Messalina. »Ich hatte letzthin den Eindruck, daß die Kaiserin alt zu werden anfängt,« behauptete Calpurnia, als der Kaiser gerade mehrmals hintereinander sehr niedrige Würfe getan hatte und sich höchlichst über das Versagen seines famosen Gewinnschlüssels wunderte. »Alt zu werden?« meinte er zerstreut. »Ach, nicht doch! Wie wäre das auch möglich? Sie badet ja täglich in dem pucinischen Weine, der jung erhält und schön macht. Schon das allein –« »Du bist ein Narr, wenn du an solchen Unsinn glaubst,« nahm Cleopatra frech das Wort. »Du sprichst doch von dem Weine, der auf dem steinigen Rebenhügel wächst, an dessen Fuß die Quelle des Timavus entspringt?« »Ja, allerdings – und dieser Wein hat die Kraft –« »Dummes Zeug!« rief Calpurnia. »Durchaus nicht,« versuchte Claudius zu widerlegen. »Ich kann euch beweisen –« »Nichts kannst du beweisen, als daß deine listige Frau dich belügt,« beharrte Calpurnia. »Jedes Kind weiß, daß der pucinische Wein der teuerste von allen Weinen deshalb ist, weil die Reben über der Timavusquelle nur ein einziges Faß Wein jährlich bringen. Badete die Kaiserin wirklich täglich in diesem Weine, wie rasch wäre er verbraucht!« »Aber ich habe doch durch meine kaiserliche Macht das Erträgnis gesteigert,« belehrte Claudius ärgerlich. »Du?« riefen die beiden Weiber lachend. »Wenn du auch der göttliche Cäsar bist,« setzte Cleopatra hinzu, »so kannst du doch einem Weinberge nicht gebieten, mehr Trauben für deine hohe Gemahlin zu tragen, als die Natur ihm erlaubt.« »Ich habe ihn durch Sklaven züchtigen lassen, und er hat gehorcht,« erklärte der Alte naiv. Schallendes Gelächter antwortete ihm. Dann wurde Calpurnia ernst. »Welche Torheit, an solchen Unsinn zu glauben!« schalt sie. »Hat Messalina dir diesen Blödsinn eingeredet? Du Ärmster, sie belügt dich ebenso frech, wie sie dich betrügt.« »Betrügt?« fragte Claudius entrüstet. »Womit sollte Messalina mich betrügen?!« »Mit Männern, du Schäfchen!« riefen die beiden Mädchen zugleich. »Das tut sie nicht,« widersprach Claudius ruhig. Der kindlich gläubige Ton der Worte verriet, daß der Alte aus tiefster Überzeugung sprach. Alle Sanftmut und Milde, die einzigen edlen Eigenschaften seines zerfahrenen Wesens, leuchteten aus der Einfachheit, mit der er Messalinas Treue verteidigte. »Ah, das tut sie nicht?« spottete Calpurnia. »Dann muß ich dich doch etwas fragen. Du erzähltest uns neulich, deine griechischen Freunde wollten dich zu einer Scheidung von Messalina und zur Ehe mit Agrippina überreden. Nicht wahr?« »Ganz richtig, jedoch ich denke nun wieder anders hierüber. Die Trennung hat mir bewiesen, was Messalina für mich bedeutet. Ich werde das meinen Freunden erläutern. An eine Scheidung ist nicht zu denken.« »Wirklich nicht? Und ich dachte, sie wäre schon vollzogen.« Claudius lächelte gutmütig. »Wie kommst du auf diesen törichten Einfall, mein Kind?!« »Sage mir lieber, ob du wirklich nichts von deiner Scheidung weißt.« Er lächelte noch immer. »Scheidung – weißt –?! Man kann doch nicht ohne mein Wissen meine Ehe trennen.« Die beiden Weiber lachten gellend. Endlich gelang es Calpurnia, ihre ergiebige Heiterkeit zu bezähmen und Worte zu finden. »Das muß aber doch wohl möglich sein,« sagte sie keuchend, »da ich vor kaum einer Stunde erfuhr, heute fände in Rom die Vermählung zwischen Messalina und dem designierten Konsul Cajus Silius statt.« Der arme alte Kopf begann zu wackeln. Der Kaiser sah mit offenem Munde und starrte die Sprecherin geistlos an. Endlich wischte Claudius den Speichel vom Kinn, schmatzte einige Male hilflos, als wäre ihm ein bitterer Geschmack in den Mund geraten, und murmelte lallende Laute, die keinen Sinn hatten. Cleopatra zeigte ungeniert mit dem Finger auf ihn und gab sich wieder ungehemmter Fröhlichkeit hin. »Vermählung – mit Silius – heute,« stammelte er mit versagender Zunge. »Du bist doch so vergeßlich, mein Alterchen,« sagte Calpurnia zutraulich. »Wahrscheinlich ist es dir nur entfallen, daß du ohne Messalina hierhergekommen bist, weil deine Scheidung schon vollzogen ist.« »Ich sollte – sollte das? Nein, nein!« fuhr er auf und schob die Würfel beiseite. »Ihr wollt mich nur quälen, mich gegen Messalina hetzen. Sie ist gut, ist gut zu mir, ist treu. Nein, nein! Wer ist es, der solchen Aberwitz aus Rom hierhergebracht hat?!« »Narzissus.« »Narzissus ist nicht in Ostia,« rief der Kaiser erleichtert. »Dann wäre er schon bei mir gewesen.« »Und wenn er noch nicht den Mut gefunden hätte, mit dieser unglaublichen Nachricht vor dein Antlitz zu treten?« »Ruft – ruft ihn herbei – ah, dies – nein, ich kann es nicht glauben – ich bin nicht geschieden – ich – ruft Narzissus – eilt, eilt!« Er saß zerschmettert, vernichtet da. Seine zitterige Hand griff nach den Würfeln, als suche er unbewußt einen hohen Wurf zu tun, der, wenn er gelang, ihm bedeuten sollte, daß die Ehe mit Messalina nicht verspielt sei. Narzissus hatte die Vorbereitung des Kaisers durch die lockeren Dämchen und den rechten Augenblick abgewartet. Nun schlug er den Vorhang zurück. Wie gelähmt sah Claudius ohne jede Regung zu dem großen, schönen Manne auf. Narzissus verbeugte sich tief und wartete der Ansprache. Es dauerte lange, bis sie kam. »Du wirklich hier – also doch – ah, sprich!« »Hätte ich wagen dürfen, meinen Statthalterposten zu verlassen, wenn nicht äußerste Gefahr dir drohte, Herr?« begann Narzissus sogleich. Der Kaiser brach in ohnmächtiges, verzweifeltes Schluchzen aus. »Sie – Messalina –? Ach, warum tut sie mir das an!« »Sie hat dir vorher schon weit Schlimmeres angetan. Sie trat deine Gattenehre mit Füßen. – Sie schändete ihren Körper. – Frage die Schifferknechte am Tiber, die Schauspieler, die Soldaten, die Wagenlenker der Arenen! – Frage ganz Rom! In den Lupanaren die Dirnen, zu deren Genossin sie sich erniedrigte.« »Schweige, Narzissus, schweige,« flehte Claudius unter strömenden Tränen. »Ich habe zu lange geschwiegen. – Frage auch deine beiden treuen Freundinnen hier.« Calpurnia und Cleopatra warfen sich dem unglücklichen alten Manne zu Füßen und baten ihn jammernd um Verzeihung, daß sie alles gewußt und nur aus Mitleid mit seinem Schmerz ihm diese grausame Schande verschwiegen hätten. »Doch lassen wir die Schande zunächst außer acht,« nahm Narzissus wieder das Wort, als er gewahrte, daß Claudius sich kläglich in seinem Kummer wand. »Wenn ich schwieg, tat ich es aus dem gleichen Grunde wie deine Freundinnen, Gebieter. Und ferner noch aus einem zweiten Grunde. Solange nämlich Messalina sich mit unbedeutenden Männern abgab, drohte dir weder Gefahr für dein Leben noch für dein hohes Amt. Anders aber nun, da Silius ihr Erwählter ward. Er besitzt Anhang in Rom, die Massen des Volkes vergöttern ihn, den Senat beherrscht er, die Aristokratie hat er gewonnen. Mit einer kleinen Handbewegung kann er dich vom Cäsarensessel fegen und sich zum Herrn Roms aufwerfen.« Narzissus hatte richtig berechnet. Die Furcht riß den Kaiser aus seinen kindischen Tränen. »Lebensgefahr?! Mein Amt bedroht?!« stieß er hervor und wurde graubleich vor Entsetzen. »Ja, allerhöchste Lebensgefahr!« rief Narzissus. »In Rom geht das Gerücht von deinem Tode. Wer anders als Silius – oder Messalina – wenn nicht beide – können es ausgestreut haben?! Weil dein Mörder schon gedungen ist! Sie rechneten damit, daß inzwischen die Tat schon vollzogen sei, und daraufhin wagten sie schon die Vermählung. Welch ein Glück, daß ich nicht zögerte, zu dir zu eilen! Dank den unsterblichen Göttern, daß ich dich noch am Leben finde!« »Schütze mich, Narzissus!« schrie Claudius, ausberstend in Angst. »Beruhige dich, Herr. Nun bin ich bei dir. Mein Leib ist der Panzer, der deinem Mörder wehrt.« »Ja, du – ja, du!« ächzte der Kaiser dankbar und klammerte sich schlotternd an den Griechen. Und sich in der Hut dieses Mannes außer Gefahr wähnend, ließ er seinen unseligen, ewig zwischen Nichts und Allem schweifenden Geist abirren. Er sagte kläglich: »Wie schade, daß du uns störtest. Wir waren beim Würfelspiel. Meine Theorie, daß nach zwei ungünstigen Würfeln der dritte –« Narzissus konnte sich nicht beherrschen. Er packte den schlaffen, willenlosen, unfähigen, zwischen Todesangst und törichtem Gleichmute hin und her gerüttelten Menschen an den Schultern, schüttelte ihn heftig und schrie ihn an: »Laß das Würfelspiel, Kaiser! Es gilt ein ernstes und gefährliches Spiel, bei dem es um dein Leben und um deine kaiserliche Macht geht.« »Ja, o ja – ich verstehe,« stotterte Claudius, den die Gewalttätigkeit des aufgeregten Griechen nun vollends um alle Fassung brachte. »Was soll geschehen?« »Sofort nach Rom zurück!« befahl Narzissus. »Die prätorianischen Garden, die dich zum Imperator erhoben haben, müssen dich sehen. Du mußt zu ihnen reden, dich ihrer Treue versichern, ihnen Geldgeschenke versprechen.« Wie Claudius damals, als der germanische Soldat Gratus ihn zum Kaiser ausgerufen, albern gefragt hatte, ob er denn nun wirklich der Cäsar wäre, so fragte er auch jetzt jämmerlich: »Bin ich denn wirklich noch der Kaiser? Ist es nicht schon Silius?« »Zögere noch länger, und du bist nicht mehr der Kaiser, sondern ein toter Mann,« brüllte Narzissus, außer sich, ihn an. Von dem Lärm herbeigelockt, versammelte sich nach und nach in dem Gemache das Gefolge, alles Leute, denen um ihrer selbst willen daran gelegen sein mußte, daß Claudius Kaiser blieb. Narzissus hatte dafür gesorgt, daß sie darüber belehrt waren, worum es ging. Plötzlich wußte jeder eine andere Verfehlung Messalinas zu berichten. Ein Stimmengewirr umtoste den verzweifelten, kopfscheuen alten Mann. Ein jeder drang mit Ratschlägen und Verleumdungen der Kaiserin in ihn. Ein jeder schalt ihn ob seiner Duldsamkeit, seiner Ahnungslosigkeit und seiner Hilflosigkeit. Ein jeder beschwor ihn, Kaiser zu bleiben. Alle suchten ihn zu bestimmen, die gesamte Macht des Reiches bis zur endgültigen Entwirrung des Chaos in Narzissus' Hände zu legen. Eingeschüchtert, gebrochen, vollkommen irre, gab er endlich nach. »Ja, Narzissus, sei du einstweilen Imperator,« bat er erschöpft. Der Grieche versprach die vorläufige Übernahme des Amtes. Als der Kaiser sich von dieser schweren Last befreit fühlte, atmete er erleichtert auf. Dann brach ein Größenwahn aus ihm hervor, der nichts mehr von Tragik hatte. Das Widerlichste herausgreifend, das sie ihm zugeschrien hatten, prahlte er: »Da hat mich nun die Gottheit über alle Menschen Roms und des Erdkreises gesetzt. Gleichsam wurde damit ein Naturgesetz erfüllt: Vergeltung für das, was ich früher litt. Mein Weib hat mich zwanzigmal an einem einzigen Tage zum Hahnrei gemacht? Schadet nichts. So bleibt mir doch immerhin die Ehre, der größte und gewaltigste Hahnrei des Erdkreises zu sein. Das genügt mir. Laßt mich nun, ich will nichts mehr hören.« Mit großmütiger Gebärde wies er auf Narzissus: »Hier seht ihr euern Herrn.« Niemand wagte zu lachen. Diese Jammergestalt eines Cäsars wirkte zu peinlich. Doch sie brauchten ihn, wenn sie nicht auf alles verzichten wollten, was seine Nichtigkeit ihnen ermöglicht hatte: Reichtum zu sammeln, Machtgier zu befriedigen, Lebensfreiheit zu genießen, Lebenshunger zu stillen. Die Kaiserin hatte das Gleiche getan. Entschuldigte dieses fragwürdige Trugbild eines Kaisers nicht alle ihre Vergehen? Aber ein Cajus Silius Cäsar! Das hieße Umsturz nicht nur im Staate, sondern in der Lebensgestaltung und im Dasein aller, die, wie die Würmer im Aas, sich fettgemästet hatten im Palatium. So schleppten sie den stumm gewordenen alten Menschen zu einem Fuhrwerk und sandten ihn nach Rom als die Schreckpuppe, die willfährig Bluturteile unterzeichnen sollte, damit das fröhliche Leben, an das die Parasiten der kaiserlich claudischen Regierung sich gewöhnt hatten, nicht ein Ende mit Schrecken nähme. Mit leeren, dösigen Augen saß Claudius in seiner Karosse und ließ geduldig und geistesabwesend alles mit sich geschehen. Stumpf sah er den höfischen Zeremonien zu, mit denen man sich von ihm ehrfurchtsvoll verabschiedete, als wäre er wirklich der gewaltige Herr der Erde und nicht nur ein armseliges, bis auf den Boden hohles, von Rissen sprüngiges Gefäß, in das sie nach Belieben ihren Willen und ihren Trieb zum Bösen schöpften. Er seufzte tief auf, als Narzissus neben ihm Platz nahm. Ach, was war diese Messalina für ein schlechtes Weib! Ihr ewigen Götter, wie hatte sie ihm seine Liebe so lohnen können! – Ihm, der sie doch zur Kaiserhöhe mit hinaufgenommen hatte! Und neben seiner Traurigkeit regte sich nun endlich in ihm etwas wie Zorn. Doch auch dieser Zorn war tragikomisch. »Narzissus,« klagte Claudius ganz ernsthaft, »ich werde mich furchtbar rächen. Nach allem, was ich da von euch vernommen habe, hat Messalina mir Hörner aufgesetzt. Gewaltige Hörner. So gewaltige, daß ich zweifle, ob ich mit meinem gehörnten Haupte durch eines der Tore Roms überhaupt noch hindurchkomme.« Dann rasten die kapadozischen Hengste mit dem Wagen in die schweigende Nacht hinaus. Am frühen Morgen mußte Rom erreicht sein. 22 In den Gärten des Palatin war der bacchische Trubel längst verstummt. Des Gottes voll waren die Gäste heimgezogen, die dem künftigen Cäsar Cajus Silius gehuldigt hatten bei seiner Hochzeit mit Messalina. Ihr Götter, das war ein Fest gewesen! Erst als im Nahen des Tages das flackernde Rot der Fackeln in den Gärten, die Glut der Flammenkandelaber im Palaste zu erbleichen begann, zog der Zug der Evohe-Rufer hinab zur Stadt. Die Neuvermählten blieben allein. – Es war schon spät am Nachmittage, als Fabulla in das Vorgemach des ehelichen Cubiculums drang und mit angstvollen Rufen die Herrin weckte. Messalina riß sich aus den Armen des jungen Gatten und erschien vor der Tür. »Was wagst du, Fabulla!« herrschte sie mit zornfunkelnden Augen die Aufscheucherin an, verstummte aber, als sie die Vertraute erblickte. Ein Bild der Verzweiflung. Den nackten, nur mit einem Pardelfell dürftig bekleideten Körper – das Festgewand der Hochzeit von gestern! – in einen zerfetzten und beschmutzten Soldatenmantel gehüllt, kniete die Getreue vor der Schwelle. Tiefe, schwarze Ringe um die in Entsetzen starrenden Augen, die Haare verwirrt, die Lippen bläulich, hob Fabulla die Hände empor und stöhnte. »Was tat man dir?« rief Messalina erschrocken, indem sie der Freundin half, sich zu erheben, und sie auf ein Pulvinarium bettete. Fabulla drückte die Fäuste auf die Brust, als könne sie dadurch den qualvoll röchelnden Atem zur Ruhe zwingen. »Fliehe, Herrin, fliehe!« stieß sie ohne Laut hervor. »So sprich doch!« bat Messalina, die erregte Freundin in die Arme schließend und tröstend streichelnd. Diese Zärtlichkeit löste endlich die Tränen Fabullas. Sie brach in heftiges Weinen aus, das als Befreiung wirkte. Dann wurde sie ruhiger und konnte zusammenhängend reden. Sie erzählte: »Du weißt, ich zog heute morgen mit den Gästen zur Stadt hinab. Wir wollten noch weiter feiern. Bald fielen uns kleine Soldatentrupps auf. Doch wir dachten nicht an Schlimmes, denn die Legionäre nahmen von unsrer lauten Fröhlichkeit keine Notiz, verwiesen uns nicht zur Ruhe und lachten sogar, als wir singend hinter ihnen her zum Forum marschierten. Auch dort hatten sich schon Prätorianer in größerer Anzahl versammelt. Nun ließ ein Centurio uns auseinander scheuchen. Wir waren einige Mädchen und hätten jetzt, zur frohen Zeit der Bacchanalien, nichts dagegen gehabt, wenn man recht liebenswürdig zu uns gewesen wäre. Aber die Garden blieben finster und unnahbar.« »Man wird für die Ausrufung des neuen Imperators Vorbereitungen getroffen haben,« meinte Messalina leichthin. »Dazu bedarf man vor allem der Prätorianer. Für sie ist das eine ernste Angelegenheit.« »Der neue Imperator?« griff Fabulla mit bitterem Lachen auf. »Höre nur weiter, Herrin! Kaum waren wir in die nächste Straße eingebogen, als rohe Soldatenfäuste mich packten und vor einen Militärtribun schleppten. Der fragte mich, ob ich – wie seine Krieger behaupteten – deine Vertraute sei. Ich bejahte voll Stolz und wurde nun in dem Wachraume festgehalten, sollte später dem mamertinischen Kerker zugeführt werden. Man tat mir vorläufig nichts weiter zuleide, und ich konnte ungestört beobachten, welch große Unruhe in der Stadt herrschte. Aus Bemerkungen der Wachen entnahm ich, daß der Kaiser in Begleitung des Narzissus zurückerwartet wird.« »Der Kaiser?« Messalina schnellte empor. »Ja, der Kaiser! Die Kunde von seinem Tode durch Mörderhand hat sich als falsch erwiesen. Es liegen keinerlei beunruhigende Nachrichten aus Ostia vor. Man sucht nach dem Verbreiter des lügnerischen Gerüchtes, um ihn streng zu bestrafen. Narzissus ist inzwischen abgereist, um den Kaiser schleunigst nach Rom zu bringen, damit das Volk ihn sähe und einem Umsturz in der Regierung vorgebeugt werde.« »Ah, Narzissus!« flüsterte Messalina zwischen entbluteten Lippen. »Das also ist seine Liebe!« Sie schwankte und mußte sich setzen. »Weiter!« drängte sie. Fabulla schilderte hastig weiter: »Das alles erfuhr ich von dem Soldaten, der mich jetzt, vor einer Stunde, in den Kerker schleppen sollte. Der Mann hatte oft zu den Wachen des Postikums gehört, denen wir stets reichen Lohn gaben, wenn sie dich und mich des Nachts ungehindert aus und ein passieren ließen. Daher war er recht wohlwollend gegen mich, übrigens ist er mir auch noch anders verpflichtet. Ob er mich nun absichtlich entschlüpfen ließ, oder ob nur ein glücklicher Zufall mitspielte – wir gerieten auf dem Forum in einen Knäuel aufgeregter Menschen, und plötzlich sah ich meinen Wächter nicht mehr, ich drängte mich durch die Menge und eilte zu dir. Fliehe, Herrin, denn des Kaisers Ankunft in Rom bedeutet nach den Worten meines Wächters für dich und Silius den Tod.« Messalina schien sie nicht zu hören. Mit ausdruckslosen, toten Augen blickte sie an Fabulla vorbei. »Nur der Norden der Stadt, nur die Porta Pinciana bei den Gärten des Lucullus bietet euch noch sichere Gelegenheit zur Flucht,« hastete die Getreue hervor. »Alles Volk und die Soldaten strömen der Via Appia zu, den dort erwarteten Cäsar zu begrüßen.« Da fuhr Messalina empor. »Er kann unmöglich schon heute anlangen,« sagte sie überlegend. »Er müßte sich dann schon gestern in aller Frühe mit Narzissus auf den Weg gemacht haben. Das ist nicht anzunehmen – oder der Grieche müßte mir eine furchtbare Komödie vorgespielt haben.« »Um so besser, Domina, wenn er heute nicht mehr käme,« drängte Fabulla. »Wie ich auf dem Wege hierher beobachtete, sind die nördlichen Stadtteile vollkommen ruhig. Raffe dich auf, grüble nicht, sondern fliehe!« Messalina schüttelte langsam den Kopf. »Silius ist nicht der Mann der feigen Flucht,« sagte sie. Sie sollte nur zu recht behalten. Standhaft weigerte Silius sich, Rom zu verlassen. »Es war mir gestern, als hätte ich eine dumpfe Ahnung des Kommenden,« gestand er. »Erinnere dich, Liebste, daß Vettius Valens, dein Arzt, einen Baum erkletterte, als er sich von übermütigen, trunkenen, nackten Nymphen verfolgt sah. Und Valens rief von dem Baume herunter: Flieht, ihr brünstigen Weiber, denn von Ostia her naht sich ein Ungewitter! – In diesem Augenblicke fiel ein Schatten auf unser Fest – wenigstens für mich. Mir war, als hörte ich etwas wie eine Schicksalsstimme in diesem scherzhaften Zufallsworte des Arztes.« »Um so schlimmer,« drang Messalina in ihn. »Mit seinem Rufe offenbarte Valens, daß er von einem Verrat wußte. Er wollte uns warnen, und wir erkannten die Warnung nicht. Jetzt wissen wir alles. Laß uns sogleich aufbrechen.« »Es wäre vergebens,« wehrte Silius. »Alle haben uns vergessen. Der Palast ist leer. Ein Gang durch die Räume hat mich manches gelehrt. Selbst die Sänftenträger, die niedrigsten der Dienerschaft, sind geflüchtet. Jeder sucht sich davor zu beschützen, daß man ihm Gemeinschaft mit uns nachweisen könnte in dem Augenblicke, in dem der Kaiser Rom betritt. Es bliebe uns nichts übrig, als zu Fuße zu flüchten. Man würde uns rasch aufspüren und einholen.« »Aber wir können doch nicht hier auf den Tod warten,« ächzte Messalina verzweifelt. Er nahm sie tröstend in die Arme, »Süße Frau, würdest du ihn wirklich fürchten? Das glaube ich dir nicht. Aber noch ist Hoffnung auf Leben und auf unser Glück. Wegen der Vermählung können wir uns rechtfertigen. Die Nachricht vom Ableben des Kaisers gab uns ein Recht. Zugleich mir das Recht, nach dem Principat zu streben. Nur unser Bleiben kann uns retten. Flucht müßte uns richten, weil sie das Eingeständnis eines Unrechtes wäre.« In fiebernder Erwartung, in angstgehetzter Ahnung sah Messalina dem Nahen des Abends entgegen. Wenn der Kaiser heute noch kam, so nahte mit ihm ein grausames Geschick für Silius und sie. Silius hatte das Palatium verlassen, vollkommen ruhig und zuversichtlich, um sich mit den wenigen Anhängern zu besprechen, die ihm geblieben waren. Gerade von seinen vertrautesten Parteigängern fand er freilich nicht einen mehr in Rom. Nach Einbruch der Dunkelheit kehrte Fabulla aus der Stadt zurück. Die Getreue hatte sich hinausgewagt, obwohl sie Gefahr lief, erkannt und aufs neue verhaftet zu werden. Sie konnte berichten, in Rom herrsche tiefe Ruhe, die Menschenmengen an der Porta Appia hätten sich verlaufen, da Nachricht eingegangen sei, der Kaiser habe erst heute gegen Abend Ostia verlassen und werde nicht vor dem Morgen anlangen. Nur eine geringe Abteilung der Leibwachen sei noch am Tore verblieben. Kurz darauf traf ein Bote von Silius mit einer schriftlichen Botschaft ein. Das Wachs der Schreibtafel enthielt nur wenige Worte selbstsicheren und unerschütterlichen Trostes sowie die Nachricht, er verweile in einem kleinen Kreise zuverlässiger Senatoren, mit denen er die nächsten Schritte bespräche. Sobald der Kaiser nahe, werde er zu ihr eilen, um an ihrer Seite der Gefahr zu begegnen. Bis zum Morgen habe sie nicht das Geringste zu fürchten. Ruhelos, trotz dieser Versicherung, wanderte Messalina in den Räumen umher, die gestern noch vom Jubel und Lustgeschrei glücklicher und vertrauender Menschen erfüllt gewesen waren. Sie erschauerte. Angstgesichte scheuchten sie. Glitt dort nicht der blutige Schatten des Asiaticus? Stand dort in der Ecke nicht Poppäa Sabina, den Dolch im Herzen? Geisterte dort nicht die bleiche Gestalt des ermordeten Stiefvaters? Sie schrie leise auf. Dann faßte sie sich. Nein, nein, es war nur ihr eigener Schatten, den das schwache Leuchten einer Öllampe huschend an die Wand malte. Tief in der Nacht weckte Messalina die getreue Fabulla. »Du mußt mir sofort eine mündliche Botschaft bestellen. Eile zu den Vestalinnen. Dort im Tempel bleibe. Niemand darf dich aus diesem Asyl reißen, keines noch so Mächtigen Hand kann dich dort erreichen. Sage Vibidia, der ältesten der Vestalinnen, meinen Gruß – ich lasse sie bitten, sich meiner Kinder anzunehmen und morgen in aller Frühe mit Britannicus und Octavia irgendwo an der appischen Straße zu harren. Kommt der Kaiser des Weges, so darf er der Greisin als der höchsten Priesterin der Vesta das Wort nicht verweigern. Dann soll sie ihn unter Hinweis auf die Kleinen anflehen, mich nicht ungehört zu verurteilen. Ich besaß von Kindesbeinen an Vibidias Wohlwollen – sie wird meinen Wunsch erfüllen.« Weinend machte Fabulla sich fertig zu dem nächtlichen Wege: »Und du, süße Herrin, was wirst du tun?« »Ich werde das Leben meines Silius zu retten suchen. Ich will noch einmal versuchen, ob ich alle Macht über den Kaiser verloren habe. Es gab eine Zeit, da ich alles bei ihm erreichen konnte. Ich werde zu ihm sprechen wie nie zuvor – jetzt, da ich für das Liebste auf Erden spreche. Ich eile ihm auf dem Wege nach Ostia entgegen. Ist er erst in Rom, werden seine Griechen ihn wahrscheinlich von aller Welt und gewiß von mir abschließen. Sollte ich aber den Kaiser verfehlen, so wird Vibidias Bitte und der Anblick meiner Kinder ihn sicher so ergreifen und rühren, daß er darauf besteht, mich vorzulassen.« »Arme Herrin,« schluchzte Fabulla, nahm rasch Abschied und eilte hinaus in die tiefe Nacht Roms, dem Vestatempel zu. Als sich im Osten der erste Tagesschimmer zeigte, verließ Messalina den Palatin. Verblassende Sterne kämpften mit der wachsenden Helle. Wie wenn ein schmales Silberschiff rückwärts versänke, tauchte westwärts der zunehmende Mond in den Dunst hinab, der hinter dem Mons Aventinus den Himmel trübte. Nur wenige Menschen schritten durch die noch schlafenden Gassen, der einsam wandernden Frau nicht achtend, die in schwarzem Gewande und tiefverhüllten Hauptes eilig des Weges ging. Sie durchhastete die Straßen, ließ den Rennplatz zu ihrer Rechten und war bald außerhalb der Mauern. Die Soldaten am appischen Tore ließen sie ungehindert passieren. Der kleine Trupp der Prätorianer gab Messalina die Gewißheit, daß Claudius noch nicht in Rom eingetroffen sei. Jetzt rannte sie fast, hart vorbei an der Pyramide des Cestius, dann an dem Riesenhaufen zerbrochener Krüge, der Abfallstätte der Schiffe, die Weinfuhren zur Stadt brachten. Die Scherben lagen noch weit über die Straße zerstreut. Die empfindlich kühle Morgenluft jagte Schauer um Schauer über den erhitzten, übernächtigen, müden Körper der vorwärts drängenden Frau. An ein Grabmal gelehnt, rastete sie dann und wann wenige Minuten. Dann eilte sie von neuem die lange Straße hinab, dem Gefährt des Kaisers entgegen. Als sie sich kaum noch schleppen konnte, holte ein zweirädriger Karren sie ein, vor dem ein Esel dahintrottete. Sie sprach den alten Mann an, der auf der Deichsel saß. »Nimm mich mit,« bat sie mit zuckenden Lippen, während ihr vor Schwäche dunkle Punkte vor den Augen tanzten. »Zuviel Last für mein Tier,« lehnte der Bauer mürrisch ab. »Hier dein Lohn,« stammelte sie, löste eine mit Edelsteinen reich geschmückte Fibula von der Stola und drängte sie dem Fuhrmann auf. Staunend betrachtete er das goldene Geschmeide, den Wert nur ahnend. Er befestigte die Nadel an seinem Kittel und gab der Flehenden einen stummen Wink aufzusteigen. Vollkommen erschöpft sank sie auf den übel duftenden Haufen von Müll und Küchenabfällen, den der Bauer in Villen vor der Stadt eingesammelt hatte, womöglich ein kümmerliches Schweinefutter daraus zu gewinnen. Als suche der Alte dem reichen Lohne gerecht zu werden, hieb er nun auf den kleinen Esel ein, der einen zotteligen Trab anschlug und die rumpelnde Karre eilig von dannen zog. So fuhr auf elendem, ratterndem Gefährt, den Abfall der Reichen als Polster, die höchste Frau der Welt einsam und todesmüde über die glatten Basaltplatten der Straße, die man die Königin aller Straßen nannte. Sie, die als erste Frau das stolze Recht für sich in Anspruch genommen hatte, in goldenem Carpentum im Triumphzuge des Kaisers zu fahren, desselben Kaisers, dem sie jetzt bebend vor Furcht, vom Schüttelfrost der Ermattung gebeutelt, auf einem Mistkarren entgegenfuhr. Wie oft hatte sie sich über diese Via Appia dahintragen lassen in prunkender, mit Seide gepolsterter Sänfte, umringt von kostbar gekleideten Sklaven, begleitet von Prätorianern auf silbergeschirrten Rossen, beschützt von Leibgarden mit blinkenden Speeren, umschmeichelt von einem Troß huldigender Höflinge ... Blanke Morgensonne hob sich über die Sabinerberge empor in einen wolkenlos blauen Himmel. Messalina sah nichts von der Pracht des jungen Tages. Ihr Blick starrte nur nach vorn, die von marmornen Grabmalen und weiß leuchtenden kleinen Tempeln gesäumte Straße entlang. Endlich in der Ferne ein flimmernder Punkt, der rasch näher kam. Die Karosse des Kaisers! Bald konnte man die galoppierenden Hengste erkennen. Jetzt vernahm sie das Klappern der goldbeschlagenen Hufe aus der steinernen Straße. Messalina gewann die letzte Kraft ihres Willens zurück. Sie durfte das kaiserliche Gefährt nicht vorbeirasen lassen. Mit einem Sprunge war sie von der Karre herunter, packte den erschreckten Esel am Kopfhalfter und riß ihn mit kräftigem Rucke herum. Quer über die Straße gedreht, versperrte die Müllkarre der herandonnernden Karosse den Weg. Ihr Haupt enthüllend, trat Messalina mit aufgereckten Armen den Hengsten entgegen. Schon hatte der Wagenlenker die Peitsche erhoben, um zuzuschlagen, als er die Kaiserin erkannte. Mit einem Schreckensrufe riß er in die Zügel. Die Hengste bäumten sich hoch auf. Einen Augenblick flirrte der Goldschimmer dos Beschlages ihrer Vorderhufe über dem Kopfe der dunkeln Gestalt vor ihnen. Dann standen sie mit wogenden Flanken schnaubend und zitternd still. Der alte Bauer kam zur Besinnung. Er stieg von der Deichsel und zog seinen hageren Esel und die Karre beiseite. Dann drosch er auf das entsetzte Tier los, zog selbst mit an der Deichsel und machte sich eiligst aus dem Staube, der Strafe zu entrinnen, daß sein muffiges Fuhrwerk einer kaiserlichen Karosse den Weg verlegt hatte. Messalina trat an den Wagenschlag und riß den seidenen Vorhang zurück. Sie gewahrte das alte Gesicht des in Furcht vereisten Claudius, der nichts anderes glaubte, als daß der tausendmal gefürchtete Anschlag auf sein Leben nun Wirklichkeit geworden sei. »Claudius, Claudius!« rief sie flehentlich. »Sieh hier die Mutter deines Britannicus und der Octavia!« Da kam neues Leben in den Kaiser. Kein Attentat! Kein Mordstahl! Statt des Dolches diese Stimme! Messalina! Hier auf der Via Appia! Zu Fuß! Und ihr liebes Gesicht in Tränen gebadet! ... Das Gesicht, dessen holdes Lächeln ihm so oft geleuchtet, ihn so sehr entzückt hatte! ... Schmerzverzerrt der Mund, dessen frohes Geplauder ihm so manche leere Stunde vertrieben! ... Zitternd die Hände, die ihm die Wangen gestreichelt oder in heiterem Scherze ihn an den Ohrläppchen gezupft hatten! Er vergaß, weshalb er hier auf Rom zujagte. Er beugte sich vor auf seinem Sitze und wollte den Wagenschlag öffnen, Messalina in das Gefährt zu ziehen. Brutal riß Narzissus ihn zurück. Ein Zuruf an den Kutscher. Die Rosse zogen an. Mit scharfem Aufprall setzte das Gefährt sich in Bewegung. Eines der Hinterräder traf die flehende Frau und schleuderte sie zur Seite. Im Staube der Straße blieb die besiegte Kaiserin des Erdkreises einsam zurück. Auf den still vor sich hinweinenden Imperator in dem vorwärts rasenden Wagen aber schrie Narzissus ein. Er zählte alle Verfehlungen der leichtsinnigen Frau noch einmal auf, erinnerte an ihre Hochzeit mit Silius, an ihren Willen, den neuen Gatten zum Cäsar zu erheben, donnerte von gedungenen Kaisermördern in die Ohren des bitterlich jammernden Alten. Bis Claudius als ein winselndes Nichts in einen Winkel der Polster zusammensank, ein Nichts, dem unter der brutalen Vergewaltigung des Griechen sogar die Kraft zum Tränenvergießen schwand. Daß überhaupt noch Leben in ihm war, verriet nur der mit geschlossenen Augen wackelnde Kopf und der hin und wieder leise und blöd lallende Mund, aus dem unaufhaltsam der Speichel troff. So blieb er vollkommen unbewegt beim Anblick der beiden Kinder Messalinas, als nahe der Porta Appia die Vestalin Vibidia der Karosse Halt gebot. Er überließ es dem Narzissus, die Priesterin abzufertigen. Sie ungehört abzuweisen, wagte selbst der vor Eifersucht rasende und rachewütige Grieche nicht. Irr und fremd, leer und ohne Bewußtsein sah Claudius auf die zitternden Kleinen, die Vibidia an den Wagen führte. Vor Ungeduld bebend, hörte Narzissus die Vorstellungen der Greisin. Messalina sei doch immerhin eine Frau – eine Frau, der man, auch wenn sie noch so schweres Unrecht auf sich lud, doch nicht das Recht entziehen dürfe, sich vor dem Cäsar, vor ihrem Gatten zu verteidigen. »Man wird deinen Wünschen wohlwollend stattgeben,« versprach Narzissus eilig, nickte zum Abschied und trieb den Rosselenker zur Weiterfahrt. Zwischen jubelnden, winkenden, tücherschwenkenden Menschen, erzstarrenden Leibgarden hindurch durchfährt die kaiserliche Karosse das Tor. Doch nicht nach dem palatinischen Hügel rollt das Gefährt, sondern vor dem Cirkus Maximus biegt auf Befehl des Narzissus der Kutscher links ab, dem Aventin zu. Als die Gassen zu eng werden, zwingt der Grieche den Kaiser zum Aussteigen. Höflinge in ihren Prachtsänften und Prätorianer zu Pferde sind dem Wagen gefolgt. Man packt den von den Erlebnissen der letzten Tage versteinerten, wortlosen, erschöpften alten Mann in eine schnell freigemachte Lektika und läßt ihn vor das Häuschen des Cajus Silius tragen. Die Sklaven des jungen Rechtsgelehrten sind geflüchtet wie seine Anhänger. Das kleine Gebäude birgt keine Spur von Leben. Im Atrium weist Narzissus auf einen leeren Sockel. »Sieh her, Cäsar!« ruft er den Kaiser an. »Hier mühte nach dem Gesetze deine Büste stehen. Der Hochverräter und die Ehebrecherin haben sie entfernt, um dem Bilde des neuen Imperators Cajus Silius Platz zu schaffen!« Claudius blickt schlaff und marode drein. Er wagt ein müdes Wort von einem verhängnisvollen Zufall. Aber man läßt ihn nicht ausreden, man schleppt ihn in die andern Räume. Hier zeigt man ihm die Fülle der Kostbarkeiten aus dem Palatium, die Messalina in der Gebefreude des Glückes dem Herzensfreunde ins Haus gebracht hat. Narzissus ist ein guter Rechner. Er rechnet mit dem Geize und der Habgier seines kaiserlichen Herrn. Er verrechnet sich nicht. Als Claudius erkennen muß, daß er – der griechische Freigelassene reibt es ihm in das mürbe Gehirn – ein nicht nur um die Gattenehre, sondern auch um weltliche Schätze Bestohlener, ein offen geprellter, verhöhnter, vor ganz Rom lächerlich gemachter Narr sei, da regt sich endlich wieder etwas in dem betäubten, benommenen Kopfe. Er macht einem kindischen Zorne Luft und schwatzt in wenigen Minuten mehr, als er in den vielen Stunden der Heimfahrt über die Lippen brachte. Drohungen, Rachetaten, Bluturteile – sprudelten ihm vom Munde wie der schäumende Speichel. Das ist die Stimmung, die Narzissus erzeugen wollte. Jetzt auf zur Kaserne der Prätorianer! Narzissus ruft den Soldaten zu: »Hier, seht den unglücklichen, an Leben und Macht und Ehre bedrohten Mann, den ihr selbst zum Imperator erkoren habt! Wollt ihr einen andern Herrn, der weniger Milde und keine Dankbarkeit für euch im Herzen hegt? Erkennt des Kaisers Güte: jedem einzelnen Manne der Legionen ein Jahressold als Geschenk!« – So kauft Claudius zum zweiten Male seine Kaisermacht von den Truppen. Er stottert ein paar unzusammenhängende Worte über sein Unglück. Die Legionäre sind gute Kerle. Sie toben. Sie wollen freie Hand zur Bestrafung der Schuldigen. »Keinen Bürgerkrieg!« warnt Narzissus. »Was können Hunderttausende von Kaisertreuen für das Verbrechen einzelner! Die Schuldigen herbei: dann habt ihr freie Hand.« Ein Rippenstoß nötigt dem Kaiser ein zustimmendes Kopfnicken ab. Dann bricht der reißende Strom der Legionäre in die Gassen Roms. Als dieser bewegte Tag in Dämmerung versank, hatten rasch urteilende Tribunale ihre Schuldigkeit getan. Verräter und Ankläger gab es genug. Narzissus sparte im Namen des Kaisers nicht mit Gold. Auf den Richtstätten floß das Blut – das Blut der in Rom verbliebenen Schuldigen – das Blut so manches Schuldlosen. Auch Männer, die im Verdachte standen, Messalinas Liebhaber gewesen zu sein, stöberte man auf. Darunter den Schauspieler Mnester. Heulend enthüllte der weibische Mime seinen weißen, glatten Oberkörper und wies auf die vernarbten Wunden der Folterung, mit der Messalina ihn auf ihr Lager gezwungen hatte. Es rettete ihn nicht. In Claudius war die Grausamkeit seiner Feigheit erwacht. Er sprach über den um Gnade winselnden Komödianten das Bluturteil. Er sprach Bluturteil über Bluturteil, sinnlos und ohne Unterlaß, wie ein rieselnder Brunnen Wasser speit. Wer nicht eingestand, wurde gefoltert. Das schmerzerpreßte Geständnis blieb des Unglücklichen letztes Wort. Cajus Silius suchte seit dem frühen Morgen Messalina. Angst und Sorge um die geliebte Frau im Herzen, irrte er durch das Palatium, durch die Straßen. Als das Morden anhob, begab er sich zum Kaiser, den Greueln Einhalt zu tun. Er wollte sein Leben für alle andern bieten. Allein und einsam, ohne einen einzigen Freund zur Seite, ohne Abschied von der geliebten Frau, begab er sich zur Basilika. Atemlose Stille senkte sich auf den ungeheuern Raum, als der tags zuvor noch vergötterte und als kommender Kaiser umjubelte Mann vor den Cäsar trat, dessen Weib er geehelicht hatte. »Hier bin ich –,« rief er laut. »Nehmt mein Leben und schont alle anderen!« Der Kaiser glotzte und wackelte stärker mit dem Kopfe, der Richter sprach wenige Worte, die Menge weinte, Frauen schrien hysterisch um Gnade für den mutigen und aufrechten Mann. Der Kaiser sabberte den Todesspruch, die Menge heulte auf, man zerrte Silius hinaus. Aus dem Körper des Enthaupteten schoß ein Blutstrahl draußen vor der Basilika über das Pflaster des Forums.   Zur selben Stunde schleppte eine wankende Frau mit blutenden Füßen sich durch die Porta Appia nach Rom hinein. – 23 In den Zeiten des höchsten Glanzes, in den Tagen der Triumphe Messalinas über Menschen und über die Liebe hatte Domina Lepida sich von der Tochter ferngehalten. Vieles von dem, was über die Kaiserin umlief an Gerüchten, war zu Ohren der Mutter gedrungen und von Lepida geglaubt worden. In stummem Grolle hielt sie sich dem Palatium fern, in brütendem Haß, als die Tochter ihr den geliebten Mann ermordet hatte. Vielleicht regte sich in ihr auch die bedrückende Selbsterkenntnis eines Verschuldens und das Bewußtsein schicksalsschwerer Strafe. Aus Ehrgeiz hatte sie die Tochter in die Hände eines Caligula gespielt – sie vor der Ehe mit Claudius zu bewahren, hatte sie nicht gewagt. An diesem Tage der Greuel aber, als Domina Lepida erkannte, daß auch das Leben Messalinas gefährdet sei, war die Vergangenheit plötzlich tot. Da wurde Lepida nichts als Mutter, die ihr Kind retten, in der Stunde hochgetürmter Not ihm zur Seite stehen wollte. Sie eilte hinauf zum Palatin. In den geisterhaft vereinsamten, leeren Räumen suchte sie die Tochter. Sie rief den Namen, der so viele Jahre hindurch nicht über ihre Lippen gekommen war. Doch nur das Echo ihrer angsterstickten Stimme hallte wider von den Wänden des verödeten Palastes. Lepida flüchtete aus dem spukhaften Bau. Stand und grübelte. Und in einer Hellsicht, wie nur Mütter im Todesbangen um ihr Kind sie haben, wußte sie plötzlich, wo sie Messalina zu suchen hatte. Sie eilte zu den Gärten des Lucullus, zum Palaste des hingeopferten Asiaticus. Als sie ohne Atem das verlassene Haus erreichte, als sie unter den Säulen des Vestibulums ausspähte, sah sie im Halbdunkel des einbrechenden Abends eine Gestalt sich dem Gebäude nahen. Sie wußte sofort, wer dort heranschwankte. Mit einem halblauten Aufschrei der Erlösung flog sie der Gestalt entgegen, die vor Erschöpfung weinend den Gartenweg herauftaumelte. In ihrer Not und Angst hatte Messalina keine andere Zuflucht gewußt als diese Gärten, die sie einst durch schweres Verbrechen erworben hatte. Nie vorher hatte ihr Fuß diesen prachtvollen Besitz betreten. Schatten gingen dort um für ihr belastetes Gewissen. Jetzt suchte sie dort den letzten Schutz vor den Soldaten des Cäsars, die nach ihr fahndeten, denen sie auf dem Wege hierher nur entronnen war, weil keiner in der bestaubten, abgerissenen, wegmüden Frau die Kaiserin vermutete. Von dem Tode des Silius hatte sie auf der Straße gehört. Sie war zu ermattet, die Kunde ganz zu erfassen. Schweigend und ohne Staunen sank die Tochter der Mutter in die Arme. Stumm und reglos lag sie an Lepidas Brust, in ihrem vom Staube der appischen Straße besudelten und von den Rädern der kaiserlichen Karosse zerfetzten Gewande. Aus tiefen Höhlen hervor brannten die Augen mit fremdem, erstorbenem Blicke. Dann riß sie sich von der schluchzenden Lepida und ging wortlos, wie schlafwandelnd, hinab in die Gärten, in denen die Bäume schwarz und unbewegt, wie riesengroße Grabmäler, in die windstille Abendluft ragten. Unter einer Gruppe starrer Zypressen leuchtete das Weiß einer Marmorbank. Mit einem Aufstöhnen letzter seelischer Qual und körperlicher Erschöpfung sank Messalina hier nieder. Domina Lepida wagte das erste Wort. »Was suchst du hier, Kind? Komm mit in das Haus deiner Eltern. Ich werde dir zur Flucht verhelfen.« »Ich flüchte nicht,« erwiderte Messalina. Sie weinte plötzlich hell auf. »Ist mein Silius geflohen?! Ich hörte vorhin in den Gassen, daß er den Tod nicht fürchtete. Sein letztes Wort zu mir gestern abend war, er wisse, daß auch ich den Tod nicht scheue. Diesen Glauben darf ich nicht Lügen strafen.« »Aber – aber,« stammelte die Mutter, »weshalb bist du – dann – hierher geflüchtet?!« Messalina blickte hilflos umher. »Ich weiß es nicht,« sagte sie gequält und fröstelte. Vergeblich flehte Lepida. Alle ihre Vorschläge, alle ihre Ermahnungen, alle wieder erwachte, späte Mutterliebe prallten ab an der starren Entschlossenheit Messalinas. »Schreibe an Claudius,« bettelte Lepida. »Du bist noch jung! Du kannst noch einmal glücklich werden!« »Glücklich? « Messalina lächelte wehmütig unter Tränen. »Ich war glücklich, Mutter, unendlich glücklich mit Silius. Zweimal verschenken die Götter diese Gnade nicht. Schreiben? Was sollte ich dem Kaiser noch zu schreiben haben!« »Bitte ihn wenigstens um Gerechtigkeit.« »Er würde diese Bitte niemals erhalten!« »Ich bürge dir dafür. Ich selbst werde sie ihm überbringen, sie nur ihm selbst aushändigen. Bitte ihn um Gnade!« »Ich brauche keine menschliche Gnade mehr.« Verzweifelt raffte Lepida sich auf. »Dann gehe ich zum Kaiser. Er darf deine Mutter nicht fortweisen.« »Ein vergeblicher Weg, Mutter.« Messalina schüttelte den Kopf mit dem zerzausten Haare. »Als ich der Stadt zuwanderte, fuhr Agrippina, von Ostia kommend, an mir vorüber. Ich habe ausgespielt. Ich bin des Spieles auch müde. Auf diesem langen Wege heute hatte ich viel Zeit zu denken, über mein Leben – und den Kaiser. Claudius ist ein Mensch – nein, kein Mensch! Seine Mutter hatte recht, als sie – wie er selbst mir erzählte – von ihm sagte, die Natur hätte an ihm nichts weiter zuwege gebracht als einen Klumpen aus Fleisch und Bein, den man auf den Kehricht der Menschheit hätte werfen sollen.« Sie schwieg und sank in sich zusammen. »Aber so rette doch wenigstens dein Leben durch die Flucht!« drang Lepida von neuem in sie. »Mein Leben ist abgelaufen – längst – war schon abgelaufen, als der Kaiser mich heute früh auf der appischen Straße nicht anhörte, mich von den Rädern seines Wagens beiseitestoßen ließ – als er nicht einmal den Mut fand, die greise Vestalin Vibidia und meine Kleinen zu beachten – eine junge Priesterin wartete auf mich an der Straße – sollte mich in das Heim der Vestalinnen führen als sicheres Asyl.« – Lepida schwieg lange. Dann faßte sie Messalinas Hand und sagte mit fester Stimme: »Du willst es nicht anders, mein armes Kind? Dann rette als Domitierin deine Ehre durch einen freiwilligen Tod.« Starr erhob sich Messalina. »Das war dein mütterlichstes Wort seit langer Zeit, meine Mutter. Ja, Domitierin war ich in allem, was ich getan und was ich gefehlt habe. Ich will es auch in dieser Stunde sein. Komm!« Schweigend schritten die beiden Frauen dem in Finsternis gehüllten Hause zu. – – Kaiser Claudius war mit diesem Tage zufrieden. Sich selbst und seine Herrlichkeit als Imperator sah er gerettet. Man hatte etwas viel von ihm gefordert. Doch die Mühe hatte sich gelohnt. Als er zu später Stunde in den Palast zurückgekehrt war, sagte er wichtig: »Ein schwerer Tag für mich – viel Arbeit – viel Last. Ein denkwürdiger historischer Tag. Ich werde darüber eine große Abhandlung niederschreiben.« »Dann wirst du die Rohrfeder in das Blut der Gerichteten tauchen müssen,« sagte Narzissus boshaft. »Da hast du recht, mein Freund,« gab Claudius zu ohne jedes Empfinden für die Grauen des verflossenen Tages. »Ich schreibe Geschichte – und wann wäre die je ohne Blut geschrieben worden!« Narzissus schwieg. Der Kaiser rieb sich behaglich die knochigen Hände und sprach vergnügt: »Nun wären wir also mit allem fertig. Nun wollen wir uns gütlich tun. «Ich habe Hunger, hm, vielleicht könnte man Silius zum Mahle einladen.« »Er starb bereits.« »Starb?!« rief der Kaiser enttäuscht. »Richtig – natürlich – ich vergaß. Wie starb er denn?« »Als ein Mann. Möchtest du dereinst auch so sterben, Cäsar,« höhnte der Grieche. »Das beweist nur, daß er ein sehr gefährlicher Mensch war,« nickte er vor sich hin. »Ein blutrünstiger Feigling gewiß nicht,« versetzte Narzissus, mit hochgezogenen Lippen sein weißes, starkes Gebiß zeigend und musterte aus halbgeschlossenen Lidern den Imperator. »Nun dann – dann wäre nichts mehr zu tun, wenigstens für heute nicht,« seufzte Claudius gähnend. »Erweise mir den Gefallen, Freund, und sorge für ein ausgiebiges Mahl. Gib die Befehle nach deinem Ermessen. Ich bin ganz ausgehungert.« Narzissus wollte sich schweigend zurückziehen, als dem Kaiser noch ein Gedanke kam. »Ach, höre noch,« rief er, »da fällt mir eben ein. Versprachst du nicht der Vestalin Vibidia, daß ich ihre Bitte für Messalina wohlwollend erwägen werde?« »Allerdings.« »Das war gut. Wir durften die Priesterin nicht kränken. Dein Versprechen fiel mir schon vorhin ein, gerade als ich das Todesurteil für den Arzt Valens unterzeichnete. Eigentlich sehr schade um ihn – er war ein kenntnisreicher Mann. Er hat meine erschlaffte Blase richtig wieder in Ordnung gebracht. Aber er hat an Messalinas Hochzeit mit Silius teilgenommen. Wovon sprachen wir doch?« »Von Messalina.« »Richtig – richtig – Messalina – ja! Das liebe Kind! Ach so! Hm. Wo mag sie nur sein? Callistus soll nach ihr forschen und ihr übermitteln lassen, daß ich ihr die Erlaubnis erteile, vor mir selbst einen Rechtfertigungsversuch zu unternehmen. Schließlich möchte ich doch hören, wie die unselige Frau eigentlich zu ihren Verfehlungen kam, und wie das alles nur möglich war. Ich habe doch niemals auch nur das Geringste bemerkt.« Narzissus lächelte breit und grausam. »Das tatest du freilich nicht. Doch sage, dir selbst missest du kein Verschulden bei?« »Mir selbst?« der Kaiser wackelte verblüfft. »Ich? Nein, ich bin mir keines Verschuldens bewußt, Ihr Götter, Silius war ein schöner, junger Mann –« »Gut, daß du mich daran erinnerst, Gebieter,« stieß der Grieche hervor, während die Fahlheit neugenährter Eifersucht sein starres Gesicht überzog. »Messalina mag ihn geliebt haben,« fuhr Claudius ahnungslos fort. »Ihr wart ja alle gegen sie seit langem. Ich würde sie unbedingt vermissen. Immer war sie freundlich und zärtlich – und dann – ach, was sind Calpurnia und Cleopatra gegen diese Frau! Nein, nein, ich werde sie morgen anhören und ihr alles verzeihen.« »Alles?« »Alles!« erhärtete Claudius. Dann fügte er unvorsichtig hinzu: – »wenn sie aufrichtig eingesteht, wer ihre Liebhaber waren. Ich werde ihr sagen, daß ich ihr verzeihe. Aber wer sie berührt hat, muß sterben. «Jawohl – noch morgen sterben – unbedingt!« Überrascht brach der Kaiser ab, als Narzissus ohne Gruß und ohne ein weiteres Wort plötzlich das Gemach verließ. Claudius rannte ihm bis zur Tür nach. »Versäume nicht, das Mahl zu befehlen. Ich habe schrecklichen Hunger!« rief er hinter ihm drein. So unerwartet sich selbst überlassen, überkam den alten Mann, der seit gestern keine Ruhe gefunden hatte, die Entspannung seiner schwachen Kräfte. Bis zu Tische konnte man ein kleines Nickerchen tun, ein gutes, liebes, kleines, erfrischendes Nickerchen! Er streckte sich auf ein Pulvinarium, faltete die Hände über dem Bauche und begann gleich darauf sägend zu schnarchen. – – Inzwischen hatte Narzissus die Gemächer betreten, die Callistus im Palatium bewohnte. »Ist Messalina gefunden?« fragte er barsch. Callistus nickte. »Sie hat sich in den Gärten des Lucullus verborgen.« »Und?« fragte Narzissus messerscharf. »Ich tat, was die Lage gebietet.« »Sprich deutlicher!« herrschte Narzissus ihn an. »Du bist von ihr erlöst, mein Freund. Euodes, unser gemeinsamer Landsmann und ein entschlossener Mensch, empfing von mir einen nur wenig gefälschten, sofort zu vollstreckenden Befehl des Kaisers.« »Und ...?« »Er ist auf dem Wege.« Narzissus neigte das Haupt. Plötzlich griff er mit beiden Fäusten an seinen Hals, als ersticke er. Röchelnde Atemzüge stießen aus seinem Munde. Callistus blickte zur Seite. Endlich faßte Narzissus sich und sagte dumpf: »Es ist gut««   Als Messalina und Domina Lepida dem Hause zuschritten, ward an einer Stelle der Park plötzlich von Fackelschein erhellt. »Zu spät,« murmelte die Kaiserin. Sie blieb stehen und blickte auf die schwarzen Gestalten, die plötzlich aus den Gebüschen sich lösten und sich dunkel gegen das blutrote Leuchten der Fackeln abhoben. »Töte dich!« rief die bebende Lepida, in diesem Augenblicke ganz Römerin. »Zu spät,« wiederholte Messalina fassungslos. »Sieh, die Geister der Gärten – der Gärten, die ein Mord mir zu eigen gab.« – Plötzlich schrie sie auf: »Asiaticus, dein Haus und deine Gärten rächen dich an mir.« Und brach in die Knie. Dann kam Euodes. Sein Gewand war blutbeschmiert. Er hatte heute schon mehr als einmal den Henker gespielt. »Du bist die Kaiserin?« »Ich bin es.« Sie erhob sich, die Beine trugen sie kaum. »Der Kaiser befahl –« Da erstand in ihr die Tochter des Hauses der Domitier. »Lüge nicht!« unterbrach sie ihn heftig und deutete auf das Schwert in der Faust des Griechen. »Kaiser Claudius ist nicht Manns genug, das zu befehlen.« Euodes zögerte. »Wer sendet dich also?« fragte sie mit befehlender Stimme. »Pallas – Callistus – oder Narzissus?« Er geriet in ihren Bann. Und fast wider Willen stammelte er: »Callistus.« »So – Callistus? Dann steckt auch Narzissus dahinter.« Sie fröstelte wieder. Gleich darauf richtete sie sich auf. »Danke Narzissus, wenn du zurückkehrst. – Sage ihm, er hätte nicht daran gedacht, daß ich Cajus Silius dort finden werde, wohin er mich sendet.« Der Grieche war von dieser Ruhe erschüttert. Ein Weib – ein Weib töten! In plötzlichem Entschlusse hielt er ihr das Schwert hin. »Tu es selbst,« murmelte er und wandte sich ab. Sie fühlte den kalten Stahl in ihren Händen. Und diese Hände zitterten nun doch. Sie setzte die Schwertspitze aus die Gegend des Herzens. Dies Herz schlug – schlug noch immer – und jeder Schlag rief: leben – leben – leben! Dieses Leben, das so schön, so heiß, so berauschend gewesen war. Ihr war, nun müsse sie sich an dieses Leben klammern. Ach, vielleicht – ? Plötzlich schien ihr das Leben lockend und hell wie nie zuvor. Nur leben – leben! Nicht hinab in das Dunkel des Hades, in die eisige Kälte und gräßliche Öde des Tartarus. Leben in der Sonne und dem Lichte. Bajae – das Meer – die Blumen – Ein Centurio bemerkte ihr Zögern. Sah die verzweifelten Tränen in den Augen der Frau, um derentwillen heute so viel Blut geflossen war. Die Tränen, rot glühend wie Blutstropfen im Fackelscheine, rührten ihn nicht. Aber der Grimm übermannte ihn. Er stürzte vor, riß mit beiden Fäusten das Schwert aus den zagenden Händen der Frau, in deren Ohren das Leben seinen ewigen Triumph jubelte, und stieß zu.   Schon lange war man im Palatium beim Mahle. Kaiser Claudius war sein eifrigster Gast. Angewidert sah Agrippina ihm von ihrem Triklinium aus zu. »Er frißt und säuft wie ein Tier nach diesem Todestage!« dachte sie voll Ekel. Aber er war der Mann, der sie zur höchsten Höhe führen konnte. Kaiserin sein – um Neros willen! Ihr Ehrgeiz war gestillt, wenn auch der Sieg teuer erkauft war. Arme Livilla! ... Ärmere Agrippina! Der schon halb trunkene Claudius meckerte ein dummes Lachen und wischte sich mit goldgerändertem Tuche den von Fett triefenden Mund. Dann schleuderte er die Mappa fort und winkte einer Sklavin mit prächtig blauschwarzem, bis zu den Knien fallendem Haare. Die Ärmste kniete nieder und duldete. Es war ihres Amtes, dem Kaiser mit ihren Flechten als Wischtuch für seine besudelten Finger zu dienen. »Soeben habe ich einen Scherz ersonnen,« lallte er und rülpste, mit dem schielenden Blick des Betrunkenen ins Leere stierend. »Ich will ihn erzählen.« Er richtete sich auf und glotzte nach dem leeren Platz an seiner Seite. Erstaunt, als bemerke er erst jetzt die Abwesenheit Messalinas, fragte er nach geraumer Weile mühsamen Besinnens: »Kommt die Domina heute nicht zum Mahle?« »Sie ist verhindert,« scholl es aus frechem Munde. »Verhindert – aber wodurch denn?« stotterte er weinselig. »Es ist ihr ein Unglück zugestoßen, bei dem sie ums Leben kam,« rief irgend jemand von der Tafel ihm zu. »Ums Leben kam?« sagte der Kaiser ohne eine Regung von Schrecken, Trauer, Mitgefühl. »Wie schade! Nun kann sie meinen köstlichen Scherz nicht anhören.« Agrippina tauschte einen fragenden Blick mit Pallas. Der Grieche nickte. Da erhob sie sich und schritt dem Triklinium des Kaisers zu. Nach einem herrischen Blick auf die Tafelrunde nahm sie Messalinas Platz ein an der Seite des schwachsinnigen Menschen, der als der mächtigste Monarch des Erdkreises galt. Rings um die Tafel brach ein Orkan des Beifalls aus. Man verstand die Symbolik des Geschehenen und grüßte in Agrippina die Kaiserin.   Ende     Copyright 1928 by A. Weichert, Berlin