Karl Borromäus Heinrich Menschen von Gottes Gnaden 1910 Meinem Freund Fritz Erstes Buch »Eine Mutter hatte ihren Kindern, zu ihrer Bildung und Besserung, Äsops Fabeln zu lesen gegeben. Aber sehr bald brachten sie ihr das Buch zurück, wobei der älteste sich, gar altklug, also vernehmen ließ: ›Das ist kein Buch für uns! ist viel zu kindisch und zu dumm; daß Füchse, Wölfe und Raben reden könnten, lassen wir uns nicht mehr aufbinden: über solche Possen sind wir längst hinaus!‹ – Wer erkennt nicht, in diesen hoffnungsvollen Knaben, die künftigen erleuchteten Rationalisten?« Arthur Schopenhauer , Parerga und Paralipomena: zweiter Band. Aus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Miéville, nachmaligen Paters Bonaventura S.J. Clermont-Ferrand, Osterdienstag 1884 Zu spät! Hier, wie immer, bin ich zu spät gekommen. Es ist mein Verhängnis, zu spät zu kommen, und vielleicht bin ich auch zu spät geboren. Wenigstens sagt man, daß meine Mutter daran gestorben ist. Ich bin zu spät gekommen. Heute hat sich mein Freund Baron Frangart, den ich vor zehn Jahren im Jesuitenkollegium kennen und lieben gelernt habe, mit Komtesse Riom verheiratet. Er hat ihre Bekanntschaft auf Schloß Choiseul, bei Clermont-Ferrand, gemacht. Die Frangart und Choiseul sind seit langen Zeiten verwandt. Die Choiseul und Riom sind seit noch längeren Zeiten verwandt. Und so bleibt alles in der Verwandtschaft, hauptsächlich aber bei den Choiseul, die der verwaisten Komtesse Riom hundertachtzigtausend Franken für die ganzen Liegenschaften Riom bezahlt haben; nun, schließlich ist es ja auch ganz gut, wenn der Alte auf Choiseul sein Stammgut auf billige Weise vergrößert. Die Frage bleibt nur, für wen; denn eines Tages muß das ja doch wieder an die Komtesse zurückfallen; denn daß es an die Bourbonen übergehe, wird der alte Einsiedler kaum verfügen, obwohl ja die Choiseul, und die Frangart und die Riom, mit ihnen seit längsten Zeiten verwandt sind. Das hat der Adel so an sich, die weiten Verwandtschaften. Wenn zum Beispiel, ich sage nur zum Beispiel (»nur« und, »zum Beispiel« macht sich hier sehr gut!), wenn also der damalige Herr von Choiseul nicht mit seiner Tochter vor der Gier des Königs François II. nach Mailand hätte flüchten müssen, hätte diese den Edlen von Frangart nicht dort kennen gelernt. Und wenn, wiederum nur zum Beispiel ... Nein, es ist genug mit dem einen. Denn wenn nur dieses eine zur Tatsache geworden wäre, so hätte ich zwar sehr wohl mit dem Baron Frangart aus Südtirol bekannt werden können, obwohl ich aus dem französischen Departement Puy-de-Dôme stamme: weil ja das Jesuitenkollegium in Chamfort ganz unabhängig von allen diesen Verwandtschaften existiert. Nun ja, allerdings, wenn der alte Baron Frangart nicht mit französischen Familien verwandt wäre, hätte er, in betreff der Erziehung seines Sohnes, vielleicht gar nie an ein französisches Jesuitenkollegium gedacht. Das stimmt. Aber wenn die Güte Gottes wollte, daß ich und der junge Baron Frangart Freunde werden und uns so lieb gewinnen, – ach, wie lieb hab ich den jungen Frangart! – dann hätte er ja seinen Vater ganz zufällig auf die Idee führen können, seinen Sohn in ein französisches Jesuitenkollegium zu geben, noch einmal, nur zum Beispiel, nach Chamfort. Er wäre dann mein Freund geworden, ohne der Gemahl der Komtesse ... Oh großer Gott, wie schrecklich ist das alles! Ich werde verrückt. Eine andere Möglichkeit, eine leichtere Möglichkeit, und für die Güte Gottes so leicht wie nur irgend etwas: Der alte Choiseul ist zwar mein Vormund; aber ich habe ja kaum dreißig Worte mit ihm gewechselt. Und das war vor zehn Jahren, als er mir auseinandersetzte, daß ich das uneheliche Kind der wohlhabenden Witwe Miéville und eines unbekannten Vaters sei; daß ich von mütterlicher Seite soundsoviel Vermögen besäße; und daß er es sorgsam verwalten werde, wie seine eigene Sache, und noch sorgsamer ... Das hat er ja auch getan, wenigstens ist es immer mehr geworden. Aber er hat wirklich kaum mehr als dreißig Worte mit mir gewechselt. Richtig – pardon, Alter! – er hat mich in ein gutes Regiment hineinprotegiert; freilich, ohne lang zu reden. Wenn also der alte Choiseul, als ihm Baron Frangart sagte, daß er mich zum Trauzeugen bitten wolle, nur etwa obenhin gesagt hätte: »ach nein, ich möchte lieber den und den ...« dann hätte wenigstens ich die Komtesse Riom niemals kennen gelernt. Aber hat nicht der Alte geschrieben: »Ich hätte Sie, verehrtester Herr Miéville, auch ohne den besonderen Wunsch des Baron Frangart eingeladen.« – Ich setze hinzu: wenn er auch das nicht gewollt und nicht geschrieben hätte! Eine Kleinigkeit, lauter Kleinigkeiten für die Güte Gottes. Und so hätte ich die Komtesse nie gesehen. Nie. Vor einem Vierteljahr ist sie aus dem Kloster gekommen, jetzt heiratet sie. Hat geheiratet. Komtesse Riom hat geheiratet. Komtesse Riom ist schon verheiratet, verheiratet an Baron Frangart, meinen Freund Baron Frangart. Vor sechs Tagen habe ich Komtesse Riom, pardon, Madame la baronne Frangart , zum ersten Mal gesehen. Und meine ersten Worte waren: »Komtesse, ich beglückwünsche meinen Freund Frangart, daß er eine Französin heiratet. Daß er aber das Glück hat, Sie heimführen zu dürfen, Komtesse, dazu wünsche ich ihm nicht Glück; denn ich beneide ihn zu sehr darum.« Das war eine höfliche Phrase oder eine phrasenhafte Höflichkeit. Jetzt ist es Ernst. Pfui, man soll keinen Freund beneiden! Aber ich liebe die Komtesse so sehr. Ich liebe ihre kleine schlanke Figur, ihr blauschwarzes Haar, ihr blasses Gesicht, ihren artesischen Mund, ihre mandelförmigen, fast chinesischen Augen. Ich liebe die Komtesse so sehr ... Im Ausdruck sehe ich ihr etwas ähnlich, meinte der alte Choiseul, und es ist wahr. Ich verachte mich. Es handelt sich um die Frau meines Freundes. Schäme dich, Miéville! Ach Gott, ja. Aber ich glaube, die Komtesse Riom liebt mich. Unsinn, Frangart, reg dich nicht auf! Ich spreche von der Komtesse Riom, nicht von der Baronin Frangart. Die liebt mich natürlich nicht. Und auch als Komtesse Riom war sie zu gut erzogen, um wegen eines sechstägigen neuen Gefühls einen älteren Entschluß umzuwerfen. Baron Frangart ist schön. Ein beweglicher Mensch. So südlich sieht er aus. Und wie er unser Französisch spricht! Man muß ihn lieb haben. Sie wird ihn lieb gewinnen. Aber ich weiß, sie hat mich geliebt. Sie pflegte ihre schmale weiße Hand, wenn ihr etwas gefiel, auf meinen Arm zu legen. Unabsichtlich, versteht sich. Eine Komtesse Riom ist von zu gutem Blut, um Absichten zu haben. Und vielleicht, wahrscheinlich, nein, selbstverständlich wußte sie gar nicht, daß sie mich liebte. Mindestens weiß die Baronin Frangart nicht, daß mich die Komtesse Riom geliebt hat. Schäme dich, Miéville! Du bist ungalant! Aber noch ein paar Tage Zeit, und die Komtesse Riom hätte empfunden, mit Bewußtsein empfinden müssen, daß sie mich liebt! Ich habe die Komtesse zu spät kennen gelernt. Zu spät! Ich komme immer zu spät! Heute haben sie geheiratet. Diese Nacht ist ihre Hochzeitsnacht. Diese Nacht. Heute, jetzt! Eben jetzt! ... Oh Schrei der Sehnsucht! Oh Gott, hilf mir! Hilf mir vor diesem Gedanken! Mein Herz schlägt so schnell. Oh Gott! Hilf mir! Es soll keine Komtesse Riom mehr geben, nur mehr ... Oh Gott, hilf! Vater unser, der du bist in dem Himmel, geheiliget werde dein Name, zukomme uns dein Reich, dein Wille geschehe , dein Wille geschehe! ... Nicht dein, nein, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Ja, ja, ich verzichte. Ich begehre die Komtesse Riom nicht. Gott, ich danke dir! Ich liebe sie beide. Meine Liebe umarmt beide, ohne Begehrlichkeit. Ich segne sie beide mit meiner Liebe, meinen Freund Frangart und die Komtesse Riom. Es gibt keine Komtesse Riom mehr. Jetzt nicht mehr. Ich segne die Baronin Frangart und ihren Gemahl, meinen Freund ... Paris, 2. Mai 1884 Ob das nicht ein Frevel ist! – Seit einer Woche habe ich Urlaub. Und heute habe ich zum siebenten Male eine Kokotte ins Hotel eingeladen. Jedesmal eine andere. Keine habe ich berührt. Jeder habe ich hundert Franken geschenkt. Und zu jeder habe ich gesagt: »Du mußt mit mir beten für das Wohl einer Dame!« Eine hat mich gefragt: »Ist das eine neue Perversität?« Ich habe sie gleich fortgebeten. Die andern haben geweint und gebetet, innig gebetet. Und von einer, der letzten, weiß ich, daß sie so innig gebetet hat wie noch nie ein Mensch – nach der heiligen Magdalena, welche die Füße des Herrn mit ihren Haaren trocknen durfte. Der alte Choiseul ist wütend, weil ich soviel Geld gebraucht habe. » Vous êtes fou, rentrez de suite !« Auf offener Karte. Ich werde heimfahren; aber verrückt bin ich nicht. Clermont-Ferrand, 14. Mai 1884 Choiseul hat mir geschrieben, daß die Baronin Frangart in andern Umständen ist, und daß er mit den Ärzten für ihr Leben fürchte. Gott erhalte sie! – Sie stationieren in Wien: es muß auch hart für Baron Frangart sein, der sich so gefreut hatte, mit ihr zu repräsentieren. Wie merkwürdig! Ich liebe sein Kind wie mein eigenes, noch bevor es geboren ist. Oh, ich habe es ja frühzeitig gesegnet, das Kind und auch seine Eltern. Damals ... Mein Segen war von allem Anfang an bei diesem Kind. Die Baronin sieht mir ähnlich; vielleicht wird mir auch das Kind ähnlich sehen. Das wäre kein Wunder, aber eine große große Gnade. Clermont-Ferrand, 23. Mai 1884 Ich benehme mich so komisch im Regiment. Die Nacht von gestern auf heute haben wir gespielt. Mir war alles ganz gleich, ich dachte an weit weg, wo alles in großer Ruhe liegt, unter schwarzen, schweigenden Zypressen. Ich dachte überhaupt an nichts, ich sehnte mich nach etwas ... Aber ich soll fürchterliche Summen gewonnen haben. Visitenkarten mit höchsten Zahlen haben sich bei mir angehäuft. Ein Kamerad, der kleine Tourgot, – er muß doch ein Jude sein – hat viel mehr, als er überhaupt in seinem ganzen Leben hätte aufbringen können, an mich verspielt. Per Visitenkarte natürlich. Heute mittag, als ich noch zu Bett lag, kam der alte Choiseul angefahren, drang mit Gepolter in mein Schlafzimmer und schrie mich an: »Her mit der Karte des Herrn Tourgot!« »Aber lieber Herr Choiseul,« sagte ich verstimmt, »suchen Sie Sich doch die Karte. Ich weiß nichts mehr.« Er suchte in meinem Visittäschchen und außerdem in allen Taschen der Uniform, deren einzelne Stücke an den Stühlen herumhingen, aber er fand nichts. Da kam er denn zu mir ans Bett, zog meine Hand unter der Decke hervor und drückte sie so fest, daß ich vollends aufwachte. »Sie sind doch ein guter Kerl, Miéville!« Aber ich hatte wirklich keine Ahnung, wohin ich die Karten getan haben mochte. Im Regiment spottet man über mich. Clermont-Ferrand, 10. Juni 1884 Ich bin manchmal so müd. Alle Dinge um mich her werden zu Schatten, und ich verstehe nicht, warum die andern sie so wichtig nehmen. Vor allem verstehe ich nicht, warum ich selbst sie einmal so wichtig genommen habe. Das alles ist doch nur aufgebauscht. Neulich fing ich mitten im Rapport an zu lachen, und da ich mich gar nicht beherrschen konnte, endigte es in einer bösen Blamage. Ich lachte nicht über das Militär. Unlängst, als ich in einem Laden Schuhe aussuchte, erging es mir genau so: Ich mußte einfach gerade hinauslachen über die allgemeine Wichtigkeit. Clermont-Ferrand, 12. Juli 1884 Man hat mir heute nahegelegt, meinen Abschied einzureichen. Ich ertrage es ruhig. Früher oder später hätte ich den Dienst von selbst quittiert; denn daß es so wie in der letzten Zeit mit meinen täglichen Verspätungen, meinen Unaufmerksamkeiten, meiner lächerlichen Güte gegen die Mannschaft nicht weitergehen könne, hätte mir allmählich schon eingeleuchtet. Ich war nur zu geistesabwesend, um darüber nachzudenken. Aber der eigentliche Grund, den man im Conseil gegen mich angeführt hat, daß ich seit einiger Zeit in den Kirchen herumsäße wie ein altes Weib, und daß dazu nur die Adeligen das traurige Privileg hätten, – der ist nicht stichhaltig für einen Abschied. (Übrigens haben sie vor kurzem in Paris auch einige Adelige unter dem gleichen Grund aus der Armee hinausgeekelt. Als ob das Kirchengehen jemals einem Soldaten geschadet hätte!) Es scheint, daß der kleine Tourgot dahintersteckt; seit jener Spielnacht oder vielmehr seit dem Morgen darauf schämt er sich vor mir und haßt mich deshalb nicht wenig. Ich gehe. Es hätte ja sowieso keinen Sinn mehr. Alle Wege sind dunkel. Welchen werde ich nun gehen? Nizza, Oktober 1884 Oh verlorene Jugend! Oh Schrei der Sehnsucht! Klinge durch die weiche, süße, südliche Luft hinauf zur geliebten Sonne! Heilige Flamme, steh mir bei!... Nizza, Ende Oktober 1884 Dem Menschen bleibt an sich selber alles Wesentliche dunkel, immerfort und so lange, bis er tot ist. Dann beten die Überlebenden: »Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm!« Durch das weite Dunkel des Daseins aber tönt unaufhörlich der langgezogene grausige Schrei aus aller Menschen Mund, der Schrei der Sehnsucht nach dem Lichte. Und manche Menschen scheinen gleich einem Wald, in dem sich dieser Schrei wie in einem Echo fängt. Ich bin so ein Mensch. Ich leide nicht mehr um mich, ich leide um das ganze Dasein. Nizza, November 1884 Ich bete unaufhörlich, daß die Baronin Frangart, über die Choiseul mir so betrübende Nachrichten und Befürchtungen mitteilt, die Entbindung überlebe und daß auch das Kind mit dem Leben davonkomme. Chamfort, 18. Dezember 1884 Gott sei Dank! Die Baronin und ihr kleiner Sohn leben beide. Soeben bekam ich das Telegramm von Choiseul. Ich habe heute meinen Eintritt in den Jesuitenorden erbeten. Chamfort, Weihnacht 1884 Mein letzter Wille. Heute erfolgt mein Eintritt in den Orden. Indem ich von der Welt draußen Abschied nehme, verfüge ich letztwillig wie folgt über meine weltlichen Dinge: Ein Drittel meines Vermögens gehöre dem Collegium Societatis Jesu in Chamfort; das zweite Drittel etwa von mir noch lebenden Verwandten, und, wenn deren nicht zu finden sein sollten, den Armen in der Umgebung des Schlosses Riom, Departement Puy-de-Dôme, Frankreich; das letzte Drittel gehöre, mit Zinsgenuß vom heutigen Tage ab, dem jüngstgebornen Freiherrn von Frangart, Fritz Paul Joachim, auf Frangart in Südtirol. Ihn liebe ich, wie wenn er mein eigenes Kind wäre. Ich segne ihn heute, wie ich ihn von allem Anfang an gesegnet habe. Gott sei mit ihm und seinen Eltern! Anno Domini 1884, Weihnacht. Paul Miéville, Frater Bonaventura S. J. An den hochwürdigen Pater Bonaventura S. J., Chamfort (Belgien) In deo pax! (Aus dem Lateinischen übersetzt.) Wien, 7. Februar 1894 Hochwürdiger Bruder in Christo dem Herrn, ich bin Deiner Angelegenheit während der letzten Wochen mit großem Eifer nachgegangen, was mich in den Stand setzt, Dir heute die gewünschten Nachrichten zu geben. So muß ich Dir denn zu meiner großen Betrübnis mitteilen, daß das immerhin bemerkenswert unhöfliche, zehnjährige Schweigen, das Baron Frangart und seine Familie Dir als einzige Antwort auf Deine Briefe gegeben haben, sich aus mancherlei traurigen Begebenheiten erklärt, die Gott, in Seiner unerforschlichen Absicht, über diese edle Familie verhängt hat. Wobei ich von vornherein dem Wunsche Ausdruck gebe, und auch der innigen Überzeugung, daß Er alles, so oder so, zu einem guten Ende führen werde. Denn Er hat in Seiner großen Gnade unserer heiligen Kirche drei Selige aus der Familie Frangart zugeführt, die im dreizehnten, sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert von den Päpsten ritu als solche erklärt worden sind. Freilich sind, was sehr zu beklagen ist, seit dem siebzehnten Jahrhundert sieben der Herren von Frangart im Zweikampf getötet worden, allemal mit ihrem Verschulden, indem sie Frauen aus edlen Geschlechtern, obwohl selbst verheiratet, wider alle Heiligkeit der Ehe begehrt und verführt hatten. Aber ich sehe, daß ich mich in Weitläufigkeiten verirre. Im Hause des jetzigen Herrn von Frangart ist es folgendermaßen hergegangen: Die verehrungswürdige Freifrau von Frangart liegt seit der Geburt ihres einzigen Kindes und noch länger krank. Sie ist daher in der Gesellschaft hier persönlich nahezu unbekannt. Schon vor neun Jahren mußte sie, auf Geheiß der Ärzte, die das hiesige Klima als nachteilig für sie erklärten, in den Süden übersiedeln. Sie wohnt jetzt in dem winzigen Stammschloß der Frangarts, auf Frangart bei Sigmundskron in Südtirol. Man hat mir erzählt, daß sie dort mit ihrem Kind zusammen in schweigsamer ununterbrochener Ruhe, ohne irgendwelche Menschen zu empfangen oder zu besuchen, die Tage hinbringe. Das Kind, Fritz P. J. Frangart, dessen zarte Schönheit in der ganzen Gegend dort berühmt sein soll, erhält seinen Unterricht von einem geistlichen Mitbruder, der von Bozen aus jeden Tag in das Schloß fährt. Er hat mir über die Begabung des jungen Herrn, über seine Leichtigkeit im Erfassen aller geistlichen und weltlichen Dinge, ebensoviel Rühmliches geschrieben wie Trauriges über seine beispiellose Trägheit und seine unerschütterliche Selbstgenügsamkeit. Er macht indes große Fortschritte; es soll mit ihm sein wie mit einem Menschen, der schon alles von selbst und von lange her weiß und den man nur daran zu erinnern braucht. Im übrigen aber lehne er alle freie Zeit an der Mauer des Schlosses, das auf einer Höhe liegt, lasse sich schweigsam von der satten Sonne des Südens bescheinen und sehe immerfort hinunter in das lichtgetränkte farbenreiche Tal. Nach diesen Mitteilungen unseres geistlichen Mitbruders zu schließen, muß es ein sehr merkwürdiger Knabe sein; dazu kommt, daß er sich im Verkehr mit den Menschen einer ebenso natürlichen Höflichkeit als vollkommenen Kälte befleißigt; er soll gar nicht das Bedürfnis haben, das sonst den Kindern eigen ist, sich anzuschließen und Zutrauen zu bezeugen. Die Mutter lebt sehr fromm und betet viel; aber sie liegt und träumt den ganzen Tag. Ich gebe Dir den Schluß des Briefes unseres Mitbruders in wörtlicher Übersetzung: »Selten fährt die Freifrau mit dem jungen Herrn aus. Ihr schmächtiger Körper ist dann in Decken gehüllt, ihre tiefliegenden Augen träumen in die Ferne (die Leute hier sagen: sie hat ›ein allwissendes Geschau‹, d.i. oculos omnisapientes ). Sie nickt von Zeit zu Zeit langsam mit dem blassen Haupt, aber sie scheint niemand von all denen zu sehen, die sie ehrfurchtsvoll begrüßen. Bei ihrem Anblick füllen sich die Augen unserer Landbewohnerinnen mit Tränen. – Neben ihr aber sitzt ihr Sohn, der junge Herr von Frangart, und sieht kalt und gleichmütig über alle hinweg. Er ist seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten, nur daß seine kindlichen Züge schon hart sind, ganz wie gemeißelt, wie auf unsern ältesten Denkmälern und Bildern. Seine schwarzen Haare sind leicht gelockt, die seiner Mutter leicht ergraut. In der Frangarter Kirche beten die Bauern freiwillig nach jeder Messe ein Paternoster für die Gesundheit der edlen Frau im Schloß. Ich kann gar nicht aussprechen, wie wir alle hier die beiden lieben; die Mutter ist wahrlich wie ein Hauch und Schatten aus der andern Welt, der Sohn aber, in seiner zierlichen Schlankheit, ein geborener Herr.« So schreibt unser Mitbruder in Bozen. Wenn Dich, hochwürdiger Bruder in Christo, schon manches in diesen Nachrichten betrüben wird, besonders das über die Gesundheit der verehrten Frau Gesagte, – wie wird es vollends Dein Herz zerreißen, wenn ich, nur durch Deinen dringenden Wunsch bewogen, Dir die Wahrheit über den Vater und Gemahl eröffne. Oh, über die harte Aufgabe, die Du mir gestellt hast! In der ersten Zeit seiner Ehe soll der Baron Frangart, der noch immer in Wien Dienst macht, mit allen Zeichen eines schwerbekümmerten Menschen herumgegangen sein. Das hat sich auch nach der Geburt seines Sohnes nicht sogleich geändert. Aber als Mutter und Sohn nach dem Süden übersiedelt waren, stürzte sich der Vater in den Strudel der Welt. Wieviele leichtsinnige Dinge werden nicht von ihm erzählt! Wieviele Frauen hat er verführt, ohne auf göttliche und menschliche Gesetze zu achten! Gilt er doch als einer der schönsten Männer der großen Gesellschaft; bei diesen Abenteuern magert er jedes Jahr mehr und mehr ab, indes erhöht dies nur die Eleganz und Geschmeidigkeit seiner Haltung. »Oh diese Taille, oh diese Taille!« kann man die verrückten Damen hier flöten hören. Seine Augen strahlen die Glut der südlichen Sonne wieder, unter der er geboren ist. (In seiner Heimat gibt es viele schöne Leute; der Rotwein macht sie schlank; die Sonne bräunt ihre stolzen Gesichter; ihre Augen sind dunkel und gefährlich. Verzeih diese Einschaltung, hochwürdiger Bruder in Christo! – spricht doch jeder gern von seinen Landsleuten !) Der Baron Frangart lebt durchaus wie ein Junggeselle. – Alle verderblichen Eigenschaften seiner Vorfahren scheinen sich in ihm gleichsam gesammelt zu haben und, nunmehr losgelassen, ihr Spiel zu treiben. Nur ein einziges Mal, sagt man, hat er Frau und Sohn besucht und soll ärger zurückgekommen sein, als er hingefahren war. Ein Verwandter seiner Frau, Marquis Choiseul, ist vor drei Jahren nach Wien gekommen, um ihn zur Rede zu stellen. Der Marquis bereut wohl, daß er die beiden zusammengeführt hat. Bei Sr. Majestät, unserm Kaiser, hat er sich eine Audienz erbeten. Sie wurde ihm gewährt. »Kaiserliche Majestät,« soll er gesagt haben, »mir scheint, der Baron Frangart, Gemahl der früheren Komtesse Riom, täte gut, die Armee zu verlassen und zu seiner Familie heimzukehren. Eure Majestät würden mich zu Dank verpflichten, wenn Sie ihm das sagten.« Es wird berichtet, daß Seine Majestät sehr gnädig zu dem alten Herrn gewesen sei, aber ihm seinen Wunsch, weil Baron Frangart eben doch ein sehr zukunftsreicher Offizier ist, hat abschlagen müssen. Es läuft überdies eine kuriose Anekdote um: Seine Majestät fragte den Marquis Choiseul, ob er in Frankreich irgendein öffentliches Amt bekleide. » Votre Majesté Imperiale ,« antwortete der Marquis, » nous autres les Choiseuls, nous n'avons point accepté de charge publique depuis 1798. Après la revolution, cela n'aurait pas été digne de nous ni de nos traditions.« »Ah!« sagte Seine Majestät lächelnd, » voyez, cher marquis, vous êtes donc de beaucoup plus nobles que moi, qui exerce-là le métier d'empereur! « – » Loin de moi cette pensée, mais votre Majesté Impériale l'exerce par grâce de Dieu et non pas en France .« Man hat den alten stolzen Herrn sehr respektiert. – Bevor er von hier abreiste, enterbte er den Baron Frangart, der viel Geld verbraucht hat, zugunsten seiner Frau und seines Sohnes. Eine Dame der hiesigen Gesellschaft, die den Baron Frangart auf eine verrückte Weise, und so liebte, daß man sich öffentlich darüber moquierte, soll ihm tags darauf zwanzig Tausendkronenscheine ins Haus geschickt haben. Sie hatte einen Zettel beigelegt: »Wenn nötig – Fortsetzung folgt.« Als die lächerliche Dame den Nachmittag dieses Tages an seinem Haus vorüberfuhr, stand er schon am Fenster, zerriß, ohne einen Blick auf den Wagen zu werfen, die zwanzig Scheine in kleinste Stücke und ließ sie hinunterflattern. »Wenn nötig – Fortsetzung folgt!« schrie er dabei wiederholt. Die Dame mußte Wien verlassen, um dem Gespött zu entgehen, das sich allseitig laut erhob. Aber sie ist leider nicht die einzige, die seinetwegen Ehre und Achtung in der Gesellschaft verloren hat. – Seine religiösen Pflichten erfüllt der Baron Frangart regelmäßig. Auch soll er an manchen Tagen in bitterster Melancholie und Einsamkeit das Zimmer hüten. Aber nachher beginnt er das unsinnige Leben von vorn, und ohne daß auch nur eine Spur von Wandel der Gesinnung ersichtlich würde. Gott behüte ihn vor einem unchristlichen Ende! Dies, hochwürdiger Bruder in Christo, ist die bedauerliche Wahrheit über den Baron Frangart. Wenn er Dein Freund ist, wie es nach Deinem Briefe scheint, so bete unablässig für ihn! Wenn er es nicht ist, bete trotzdem! Ach, hochwürdiger Bruder, manchmal denke ich mir, wieviel ruhiger und angenehmer mein Leben verflösse, wenn ich es irgendwo auf dem Lande und nicht hier, in einer Pfarrei, zu der fast ausschließlich die Menschen der großen Gesellschaft gehören, zubrächte. Wieviel weniger Dinge erführe ich dann, die mein und nunmehr auch Dein Herz mit Sorge erfüllen! Aber wir müssen dort ausharren, wohin wir gestellt sind. So liegt es im Sinne der Vorsehung, Welcher Dich hiermit empfiehlt Dein Dich liebender Bruder in Christo Canisius S.J. Eine Zeitungsnachricht In der Nacht vom vierten auf den fünften April 1896 erhielt Pater Bonaventura ein Telegramm des Paters Canisius aus Wien, mit den kurzen Worten: »Baron Frangart gestorben. Brief folgt.« Der Brief kam expreß am Mittag des nächsten Tages. Er enthielt einen Ausschnitt aus einer Wiener Zeitung, nebst einer, offenbar in der Eile deutsch abgefaßten Bemerkung von der Hand des Paters Canisius. Die Zeitungsnotiz lautete (im zeitungsdeutsch, nicht übersetzt): »Heute morgen verschied unerwartet rasch eine der hoffnungsvollsten Zierden der österreichischen Armee, Hauptmann Baron Frangart. Die Nachricht wird allgemein mit Bedauern aufgenommen werden, indem wohl jeder, der mit Baron Frangart, sei es nun dienstlich oder in persönlichem Verkehr, zu tun gehabt hat, das beste Andenken an ihn mit fortgenommen haben dürfte. Über die Ursache des so plötzlichen Todes hüllen sich die maßgebenden Stellen in tiefstes Stillschweigen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man das Ableben des Baron Frangart mit einem Ehrenhandel in Verbindung bringt. Die Beerdigung findet in aller Stille zu Frangart in Südtirol statt, wo der jäh Verschiedene in der Familiengruft beigesetzt wird.« Diese Notiz war von folgenden lakonischen Worten des Paters Canisius begleitet: »Baron Frangart ist tot. Er hat sich öfter duelliert als zulässig wäre, selbst wenn man darauf baut, daß einem Gott wohl will. Der Baron hat nach dem tödlichen Schusse noch zwei Stunden gelebt, und somit war ihm die Gnade gewährt, die heiligen Sterbsakramente zu empfangen, aus meiner eigenen unwürdigen Hand, und im Schoße unserer Kirche zu sterben. – Er hat mir für Dich, geliebter Bruder, ein Schriftstück übergeben lassen, das ich jedoch nur Dir persönlich auszufolgern habe. Ich nehme also an, daß ich, obzwar der Anlaß tieftraurig ist, die Freude haben soll, Dich bald zu umarmen als Dein niedriger Bruder in Christo Canisius S. J. « Pater Bonaventura, der nur die Zeitungsnotiz genau und die Zeilen des Paters Canisius sehr flüchtig, ja gegen den Schluß hin gar nicht las (es fiel ihm beschwerlich, deutsche Handschrift zu lesen), erbat sich von seinem Obern einige Tage Urlaub zur Reise nach Frangart; er ging dabei von der Meinung aus, daß er im gegenwärtigen Moment der Witwe und dem jungen Baron Fritz mit Rat und Tat nützen könne. Einige Stunden nach Mittag befand er sich schon auf der Fahrt nach München–Innsbruck –Bozen. Er saß kaum im Zuge, da traf im Ordenshaus ein Telegramm des Alten auf Choiseul ein, das die merkwürdigen Worte enthielt: »Wissen Sie, daß Baron Frangart tot ist? Sie brauchen nicht zu seiner Beerdigung zu fahren, da ich wahrscheinlich selbst hinkomme. Choiseul.« Da Pater Bonaventura nun schon einmal unterwegs war, hielt man es im Hause nicht für nötig, ihm diese Depesche nachzusenden. Die Versuchung Der Zug, der den Pater Bonaventura gegen München führte, war gerade in Ingolstadt ausgelaufen. Die Reisenden mußten die Betten der Schlafwagen verlassen und sich ankleiden. Pater Bonaventura, der ja in Deutschland sein Ordenskleid nicht tragen durfte, steckte heute in einem karrierten englischen Reiseanzug. Er lächelte, als er sich, im Spiegel des Coupés, in diesem weltlichen Äußern erblickte. Seit beinahe zehn Jahren, ja, seit 1884, hatte er ununterbrochen das Habit seines Ordens getragen. Wie merkwürdig, daß er das Kleid der Welt, das er bei der Hochzeit seines Freundes ausgezogen hatte, nunmehr bei seiner Beerdigung zum ersten Male wieder anzog! Draußen schien es Tag werden zu wollen; aber man sah nichts von der Landschaft, da ein dichter Nebel alles verdeckte. Pater Bonaventura blickte, wie zufällig, nochmals in den Spiegel. Er fand, daß er sich immerhin noch gut machte in diesem englischen Stoff. Plötzlich ertappte er sich bei seinen Gedanken und errötete. In leiser Verwirrung fing er an zu beten und suchte den weltlichen Sinn zu verscheuchen. Er betete, bis der Zug durch den dichtesten Nebel in München einfuhr. Das war gegen sieben Uhr, und er wußte, daß er hier genügend Zeit haben werde, seine Messe zu lesen, da der Zug erst gegen neun Uhr nach Bozen weitergehen sollte. Er nahm sich am Bahnhof einen Wagen und fuhr durch die graue Neuhauserstraße, deren häßliche moderne Häuser seltsam übernächtig aussahen, zum Liebfrauendom. In der Sakristei legitimierte er sich und las dann die Messe an einem der alten Altäre dieser dunkeln und doch so farbenreichen, fast südlichen Kirche. Er las die Messe im schwarzen Ornat, für das Heil der Seele des Baron Frangart. Zum ersten Mal dachte er dabei eigentlich mit vollem Bewußtsein an dessen Tod und fühlte sich tief erschüttert. Und während er die Episteln überlas, blieb er stecken, und seine Gedanken irrten weit ab. Jene schreckliche Nacht fiel ihm ein, die Hochzeitsnacht des Baron Frangart, für den er jetzt diese Messe aufopferte. Sein geistiger Blick senkte sich in die grausige Tiefe des Geheimnisses, worin Gottes Ratschluß unerforschlich gehüllt ist. Eine zarte Trauer beschlich seine Seele. Wie, wenn er damals vorausgesehen hätte, daß Baronin Frangart in zwölf Jahren Witwe sein werde? ... Aber wiederum regte sich sein stets wachsames und geschultes Gewissen, das gleich einem mißtrauischen treuen Hunde vor der Pforte seiner Seele lag, um jeden unerwünschten Gedanken, der da Eintritt suchte, mit seinen Bissen zu töten, – und verwies ihm, zum zweiten Mal am heutigen Tage, alle weltlichen Gedanken. Er zürnte sich selbst, daß er sich so wenig in der Gewalt hatte; er suchte eine Entschuldigung und schob seine Zerstreutheit auf den Umstand, daß er der genügsamen Stille seines Ordenshauses so plötzlich entrückt worden sei. Verloren blickte er noch einen Augenblick in das schwermutsvolle Dunkel der Kirche hinein und las dann, nach einem langen Seufzer, die Messe weiter. Beim Paternoster sprach er den Satz: » et ne nos inducas in tentationen « zwei, dreimal ... Verträumt, müde und schläfrig saß er um neun Uhr wieder im rollenden Zuge. Der Halbschlaf brachte ihm längst versunkene Bilder zurück: er stand mit Komtesse Riom am Fenster des Schlosses Choiseul. »Sehen Sie, Miéville, wie schön!« rief sie, auf irgendeinen Baum hinausdeutend, und legte ihre zarte Hand in liebenswürdiger Erregung auf seinen Arm. Und der Schlafende erschauerte, wie er damals im Wachen erschauert war ... Dann aber warf er seine Schläfrigkeit von sich, ging auf den Korridor des Wagens hinaus und lehnte sich betrübt an das geschlossene Fenster. Draußen senkten sich Wolken von Schnee auf die farblosen Felder herab, in dichten schweren Flocken. Die nahen Berge wurden in verschwommenen Umrissen sichtbar; auch sie waren ganz mit Schnee bedeckt. Ach, dieser rauhe einförmige deutsche Winter! Das Blut des Romanen regte sich in ihm und erbitterte sich gegen die Monotonie der Landschaft. Dann wieder bezwang er sich und verfiel in Nachdenken. Ja, ein solches Klima mußte rauhe, tapfere und genügsame Menschen erzeugen. Er erinnerte sich einiger Deutschen in seinem Ordenshaus. Welch strenge, unbeugsame und doch im Gehorchen so bewundernswerte Menschen! Ihre Heimat ist unwirklich und erlaubt ihnen nicht, sich schnell zu verbrauchen. Sie sind so langsam im Genuß und in der Entwicklung – mehrere Jahrhunderte hinter den romanischen Rassen zurück, die sich um soviel schneller verzehren als sie schneller leben ... Wie gerade und zielbewußt war der Weg, den diese Deutschen eben jetzt gingen! Wie machtlos erschienen ihm in diesem Augenblicke, trotz ihrer Gewandtheit, die Romanen, gegen diese kriegerische deutsche Nation, die sich mit der zermalmenden Langsamkeit ausbreiten würde, mit der sie schon einmal, nach dem römischen Imperium, die leichtlebigen verglühenden südlichen Völker überwunden hatte ... Sein Auge füllte sich mit Tränen. Oh, es war alles umsonst, es war nicht mehr anzukämpfen gegen dieses gelassene streng erzogene Volk! Was half alle romanische Geschmeidigkeit, aller élan gegen das schwerfällige, aber unerbittliche Vordringen dieser immer noch jungen Nation! ... Er dachte an die anarchischen Zustände Frankreichs und an die bettelhafte Fremdenindustrie Italiens. Und wieder traten ihm Tränen in die Augen. Der Zug verließ Innsbruck. Und während er den Brenner hinauffuhr, in langsamen keuchenden langweiligen Windungen, dem Auge des Romanen die ganze widerwärtige Häßlichkeit der ungeschlachten weißgrauen Bergmassen preisgebend, knüpften sich Bonaventuras Gedanken fort. Er schaute zurück in die deutsche Geschichte. Welches merkwürdige Schauspiel! Die Germanen hatten die römische Weltherrlichkeit zerstört. Aber war es nicht ein Symbol ihrer vornehmen Anerkennung einer vornehmen, älteren Kultur, daß sich Karl der Große vom Papst die deutsche Kaiserkrone verleihen ließ? ... Oh die katholische Kirche! Ihre Organisation war das verfeinerte, zu längstem Leben bestimmte Erzeugnis römischen, romanischen Geistes. Und vor ihm hatten sich die Germanen, trotz politischer Übermacht, gebeugt! ... Wie gut verstand er auch jenen armen jungen deutschen Kaiser, den sie den Römling nannten! Wie fühlte er ihm nach, daß er alle Machtfülle für nichts achtete gegen die überlegene Geistigkeit einer älteren Kultur! ... Lange umarmten die Gedanken des Abbé voll Mitleid das Geschick jenes deutschen Kaisers, der sein Herz im Süden hatte und seinen Thron im Norden. »Der abscheuliche Brenner« (wie ihn der Abbé in Gedanken nannte) war endlich überwunden. Schneefreie, farbreichere Bergspitzen wurden sichtbar. Der Himmel bläute sich und erschien höher als vordem. Bäume, Häuser und Menschen gewannen erst Form und Ausdruck in der durchsichtigen reinlichen Luft, die hier wehte. Und als der Zug in Franzensfeste hielt, sah Bonaventura mit tiefster Rührung zu der warmen strahlenden Sonne empor. Oh der Süden! Der klare, ausgebreitete, farbige, plastische Reichtum des Südens! Und zum dritten Mal während dieser Fahrt, in deren weißgraue und grauweiße Dürftigkeit er mit Schaudern zurückblickte, fühlte sich Bonaventura dem Weinen nahe, aus jenem heimatlichen Gefühl der Dankbarkeit heraus, mit dem er die satte, lebensfrohe, südliche Landschaft als blutsverwandt, als romanisch umarmte ... Er stand an der Mauer des Bahnhofes, schloß in seligem Taumel die Augen und ließ sich von der mächtigen triumphierenden Sonne mit reinstem Licht überfluten. »Du armer junger deutscher Kaiser!« murmelte er, »ich versteh Dich so gut! ... Wärest Du hier, ich würde Dich streicheln, Dich liebkosen, Dich umarmen. Ich würde zu Dir sagen: laß diese nordische Macht, dieses schläfrige Ansehen, das Du dort genießt! Was liegt noch am Ansehen, wenn es einen friert! was liegt an der Macht, wenn sie sich über graue Länder erstreckt! Komm, hier hast Du heimgefunden! Ja, richte Deine Augen aufwärts! Hier ist der Himmel nicht so niedrig, daß man mit dem Kopf anstößt, wie drüben. Hier ist es warm; hier strahlt die Sonne wie hunderttausend Diamanten. Hier wölbt sich der Himmel so hoch, daß Du ihn nicht ermessen kannst. Hier leuchten Farben, Farben! Hier schlummern noch Rätsel. Hier kannst Du noch irr gehen; niemand nimmt es übel. Hier darfst Du noch weinen, lachen, schreien, singen! ...« Bonaventura hielt voll seelischer Bewegung inne in seinem Gespräch. Er genoß immerfort die weiche Luft und die liebevollen Strahlen der Sonne; aber zugleich starrte er betroffen, wie als ob er eine ferne oder nahe Gefahr sähe, in die Leere ... Schließlich schüttelte er heftig den erhitzten Kopf; denn er wußte keineswegs, woran er mit sich war – Er wußte es auch noch nicht, als er wieder in den Zug einsteigen mußte, der nun gegen Süden weiterging. Wie um sich zu erlösen, lenkte er seine Gedanken wieder ins Allgemeine. Der heiße leidenschaftliche mystische Charakter der romanischen Frömmigkeit erhob sich vor seiner Seele; und, in natürlicher Verbindung mit dem kalten Bild des Brenners, die Gestalt des deutschen protestantischen Reformators, der den Gottesdienst vereinfacht, erklärt und ernüchtert hatte. Er verglich im Geist katholische und protestantische Kirchen: den von allen Seiten mit jahrhundertelanger Begeisterung geschaffenen Reichtum der einen, und die gewollte rauhe, nackte Armut der andern. Nein, er als Romane, würde die Protestanten nie verstehen! Aber er verstand, daß diese Art der Verehrung Gottes bei den Deutschen Boden gewinnen konnte. Und er erschrak einen Augenblick vor der herben preußischen Größe, vor ihrer unwirtlichen Einfachheit, vor ihrer kalten Ruhe ... Und mit einem Male war es ihm, als ob er eines der Grundgesetze der religiösen Entwicklung europäischer Rassen entdeckt hätte: der romanische Geist, ins Glühen gebracht durch die reiche lachende Sonne des Südens, suchte nach allen Geheimnissen, nach allen Verwicklungen der Seele; die Germanen aber, denen eine immerfeuchte Luft die Sonne und den Himmel verdüsterte, strebten nach Klarheit, nach Vereinfachung ... Von da aus glaubte er lebhaft und deutlich einen ewigen Unterschied zwischen romanischer und germanischer Kultur zu erkennen; denn schließlich war doch für ihn das religiöse Leben die Quelle aller Kultur ... Jetzt also, gingen seine Gedanken weiter (und seine milden, dunklen Augen umflorten sich), war die Zeit gekommen, wo die Germanen ein zweites Mal den Primat in Europa übernehmen sollten ... Ach, sein romanischer Stolz ertrug diese Vorstellung nicht! Er flüchtete sich in die ihm heilige Idee eines imperiums der katholischen Kirche. War die katholische Kirche nicht in Europa die Kulturmacht mit der längsten, reichsten Tradition! Vielleicht lag es im Willen Gottes, durch die ungebrochene Jugend der germanischen Rasse jenen Geist des Materialismus überwinden zu lassen, der sich im vergangenen Jahrhundert der romanischen Staaten gleich einer verheerenden Perversität bemächtigt hatte! Und wer war berufener als die Deutschen, dieses einfache kriegerische Volk, jenen zersetzenden Geist niederzukämpfen, der ihm selbst noch so fremd war! Dann aber, wenn diese weltgeschichtliche Aufgabe gelöst war, – war dann nicht der Boden bereitet für die allgemeine Versöhnung der Rassen, die er nur im religiösen Sinn begreifen konnte! Und wessen Aufgabe konnte hinwiederum diese weite religiöse Versöhnung sein, wenn nicht die der katholischen Kirche, der » ecclesia triumphans «, wie sie geweissagt war ... Und überwältigt von dieser Vision, an die er als Romane glaubte und als Katholik glauben mußte, hob er wie segnend die Hände über die in der heiteren südlichen Sonne ausgebreitete, farbenreiche, plastische Landschaft ... * Gegen vier Uhr nachmittags war Pater Bonaventura in Bozen angekommen, fuhr mit seinem Gepäck, um keine Zeit zu verlieren, rasch in das nächste Hotel, erkundigte sich in aller Eile nach Lage und Entfernung von Frangart und ließ sich sofort einen Wagen holen. Frangart liegt ja von Bozen nur anderthalb Wegstunden südlich. Dann ging der Pater auf sein Zimmer, um sich zu waschen und um seine Kleider zu wechseln; denn hier in Österreich stand es ihm frei, das Ordenshabit der Jesuiten anzulegen. Nachdem er sich Hände und Gesicht gereinigt hatte, überlegte er einen Augenblick, ob es sich verlohne, heute noch das Habit zu tragen. In der großen Eile aber, die er hatte, der Witwe Baronin Frangart seine Teilnahme zu versichern und ihren Sohn kennen zu lernen, vergaß er, wie es schien, auf das was er überlegen wollte, ergriff seinen Hut, ging eiligen Fußes die Treppe hinab und schritt auf den wartenden Wagen zu. Es war ein offener Landauer, und als Pater Bonaventura den Fuß aufsetzte, um einzusteigen, erinnerte er sich plötzlich wieder des Habits. Indessen wollte er nicht mehr umkehren, nahm entschlossen Platz und mahnte den Kutscher zu rascher Fahrt. Es läßt sich schwer sagen, was während der wenigen Sekunden in ihm vorging. Die Frage, ob er nicht lieber nochmals auf sein Zimmer gehen und das geistliche Gewand anlegen sollte, war in ihm leise wach geworden, gleich einer stillen Welle, die sich aufkreiselt im See der Seele. Aber der Hufschlag der Pferde und das Rollen der Räder töteten diese Frage. Bonaventura betete sein Brevier und sah von Zeit zu Zeit auf, über die blühenden Gärten und Wiesen hinweg. Er fuhr durch Gries und dann auf stiller, abendlicher Straße durch Sigmundskron. »Dort oben liegt Frangart, gleich neben der Kirche,« bemerkte der Kutscher und zeigte mit der Peitsche auf die Höhe. Bonaventura berechnete, daß es höchstens noch fünfzehn Minuten zu Fuß sein könnten, und ließ den Kutscher halten, mit der Weisung, ihn hier zu erwarten. Der stellte sein Pferd im Gasthof rechts an der Straße ein und begab sich in die Wirtsstube. Der Pater aber stieg, von merkwürdigen und unerklärlichen Gefühlen beherrscht, die Straße nach Frangart hinauf. Er ging ziemlich schnell, hielt aber zuweilen an, und sah in das Tal herunter, wie um sich an dessen Freundlichkeit Mut zu holen. Die Abendsonne senkte sich gemächlich, breit und reif; sie stand nur noch wenig über den Bergen. Bonaventura näherte sich der Kirche. An der Friedhofsmauer, die sie umgab, lehnte, die Arme über die Brust gekreuzt, ein Knabe. Er lehnte dort und sah dem Herankommenden gleichmütig entgegen. Gekleidet war er in schwarzen Samt, und um die Hüfte war ihm eine schwarzseidene Schärpe geschlungen, deren Fransen zu seiner Linken nachlässig herabhingen. Er trug einen leinenen Kragen, gerändert mit zierlichen Spitzen, dessen Enden breit auseinandergingen, der schlanke Hals lag bloß. Träg und gleichmütig war die ganze Haltung des Knaben, aber trotzdem nicht schlaff und nicht ohne Stolz. Seine seidenen, weichen, schwarzen Haare waren ein wenig gelockt und trugen keinerlei Bedeckung. Lange lange Wimpern beschatteten die dunkeln, mandelförmigen Augen, deren Weiß durch bläulichen Schimmer gemildert war; der Mund des Knaben war halb geschlossen und zeigte seine stolzen Linien. Die Nase erschien schlank und gerade. Die merkwürdig kleinen Ohren waren fast unter den Haaren versteckt. Seine Figur war von liebenswürdigster Zartheit in ihren weichen und doch so bestimmten Formen. Durch die leichten Strümpfe, die an die Kniee gingen, verriet sich ein geschmeidiges schlankes Bein. So lehnte er an der Friedhofsmauer und sah Bonaventura ohne jede Neugier ruhig entgegen. Bonaventura blieb, unter einem tiefen Atemzuge, stehen. Sein Herz klopfte laut. Er wollte die Arme ausbreiten und rief halblaut: »Mein Sohn! ...« Mit einem einzigen heißen Blick hatte er die seltsame Ähnlichkeit zwischen sich und dem Sohne der Komtesse Riom, der Baronin Frangart, erfaßt. Und er trank diese Ähnlichkeit förmlich in sich hinein ... Mittlerweile hatte der Knabe die Augenlider etwas hochgezogen, um den Kommenden schärfer anzusehen. Plötzlich schien seine reizvolle, zarte Figur ein leichtes Beben zu durchlaufen. Aber das dauerte nur kurz. Dann stand er wieder vollkommen ruhig und kalt, nur sein Mund öffnete sich leicht zu einem Lächeln. »Er sieht aus wie ein älterer Bruder von mir,« dachte er. Bonaventura seinerseits hatte sich auch gesammelt, fühlte, daß er dieses Anstarren nicht eine Sekunde länger fortsetzen durfte, und schritt, den Hut lüftend, auf den Knaben zu. Dieser nahm die gekreuzten Arme auseinander, ließ sie sinken, rückte ein wenig von der Friedhofsmauer ab und sagte mit leichter Verneigung: »Baron Frangart.« »Ich bin Paul Miéville,« antwortete Bonaventura. »Ah, Herr Paul Miéville, Pater Bonaventura aus Chamfort, Freund von Maman und Papa?« fragte der junge Baron. Dieser bejahte unter leichtem Erröten: sei es, daß ihm das Benehmen des Knaben zu stolz erschien, sei es, daß er die Korrektur oder vielmehr den Zusatz zu dem Namen, mit dem er sich vorgestellt hatte, fast wie eine Zurechtweisung empfand. »Es ist mir eine große Ehre, Euer Hochwürden kennen zu lernen,« sprach Frangart ruhig zu ihm. »Sie können Baron Frangart nicht mehr sehen; der Sarg ist geschlossen und steht aufgebahrt in der Kirche. (Dabei verneigte er sich ernst und langsam in der Richtung nach dem Portal). Ich werde Sie selbst bei Baronin Frangart, meiner Maman, melden.« Das kleine Schloß derer von Frangart lag wenige Schritte von der Kirche entfernt. Drei schlanke, schwarze Zypressen auf jeder Seite begrenzten den Weg. Die Mauern des Schlosses waren rötlich verwittert. Es schien verschiedene Male umgebaut worden zu sein; ein Teil war mit dem Hauptgebäude lässig durch einen Mauerbogen verbunden; ein freistehender Turm, der früher einmal eine der Ecken abgeschlossen haben mochte, war durch Um- und Anbauten jetzt, lächerlicherweise, in den kleinen Hof gedrängt, den man durch jenen Mauerbogen ein wenig übersah. Die Fenster staken tief in der Mauer und gaben dem Schloß, das in lautloser Ruhe dalag, den Ausdruck der Erwartung. Der junge Baron schritt ein wenig vor Bonaventura her, der seine elastische, liebenswürdige Knabengestalt mit den Blicken maß und sich entzückt fühlte von ihrer Zierlichkeit ... » Ah, j'avais oublié que vous êtes Français, vénérable Père !« unterbrach dieser jetzt das kurze Schweigen, » je vous demande mille fois pardon, vous n'avez peut-être point compris ce que je viens de vous dire ?« »Ich verstehe wenig Deutsch, aber ich habe Sie verstanden, Baron;« antwortete der Pater lächelnd und zugleich erstaunt über soviel Selbstverständlichkeit und Sicherheit der Form bei einem so jungen Menschen. Einen Augenblick dachte er, mit zarter Trauer, an seine eigene illegitime Abkunft, und daß er als Knabe sehr schüchtern gewesen war. Wie durchdrungen vom Glauben an seine gute Rasse erschien der schöne Junge! – Dieser nun öffnete das Tor und ließ Bonaventura eintreten in den dunkeln, breiten und überwölbten Gang, der mit dicken Teppichen belegt war und den Schritt bis zur Unhörbarkeit dämpfte. Eine Dienerin erschien und führte Bonaventura in das Empfangszimmer, während der junge Baron gelassen die Treppe hinaufstieg, um ihn seiner Mutter zu melden. Als er oben war, ging er den Gang hinunter bis an das letzte Zimmer und klopfte leise. Ohne Hast betrat er das alte, niedrige Zimmer, dessen Decke in Holztafeln abgeteilt war und auf den kleinen quadratischen Feldern verblaßte Bilder zeigte. Die Möbel schienen wohl neu zu sein, aber vermieden alle modernen Formen. Ein alter, schwerer Leuchter, aus getriebenem Silber und im Stile des Barock, hing über dem Tisch, der in der Ecke stand, nahe am Fenster, und vom milden schiefen Licht der Abendsonne noch einige Strahlen auffing. Am mittleren Fenster saß in einem niedrigen Fauteuil die Baronin Frangart. Um ihre Schultern hing ein tiefgrüner Shawl, der sich grotesk vom Halbdunkel des Zimmers abhob. Mit großen verträumten Augen sah sie ihrem Sohn entgegen, der ihre Rechte am Handgelenk küßte (schon als dreijähriges Kind hatte er mit Vorliebe dieses unvergleichlich zarte Handgelenk geküßt)... »Herr Paul Miéville, Pater Bonaventura aus Chamfort, ist hier. Willst du ihn empfangen?« »Fritz! ...« »Maman?« »Paul Miéville?« – »Ja, Herr Miéville. Denk dir, Maman, ein Pater im englischen Reiseanzug! Und sieht aus, wie wenn er mein älterer Bruder wäre!« Während dieser leichten kindlichen Worte betrachtete er aufmerksam, aber mit respektvoller Zurückhaltung das Gesicht seiner Mutter. Diese atmete lebhaft und warf einen langen seltsamen Blick zur Kirche hinüber. Ein kurzes Schweigen entstand. »Fritz, willst du mit mir und Herrn Miéville zusammen Abend essen? Nein, das nicht, natürlich nicht, so lange darf er sich nicht aufhalten... Ich meine, du möchtest Herrn Miéville selbst heraufführen ... Er kommt von weit her und kann wohl noch eine Stunde bleiben.« Es mochte jetzt gegen sieben Uhr abends sein. Der Schall der Aveglocke klang von der nahen Kirche ungebrochen und tief durch die leichte Luft. »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist.« Während die Baronin wieder mit langen seltsamen Blicken zur Kirche hinübersah, betete sie mechanisch die heiligen Worte. Und der heutige Traum des Pater Bonaventura, der nunmehr seinen Weg gemacht hatte, stand jetzt auch vor ihrer Seele. Ein Fenster im Schloß Choiseul ... Die Trauer der Baronin war zart wie das Blatt der Mimose, das sich zusammenlegt beim leisesten Windhauch ... Ihre Trauer wurde sogleich getötet durch den ungebrochnen Schall der Glocke. Aber die Erinnerung war wach und ebenso ungebrochen wie der Glockenklang dort drüben ... Sie hatte ihre Bilder gerettet, weil sie in so langen Jahren des Krankseins nichts Neues erlebt hatte ... Und was den armen Toten betraf: hatten sie sich nicht schon nach wenigen Wochen innerlich voneinander getrennt!... Paul Miéville, lieber Paul Miéville, einige Wochen braucht man doch, um zu erwachen, um zu verstehen! ... Oh allmächtiger Gott, warum läßt du uns nicht solange Zeit, warum bindest du uns ewig? ... Ach, die Glocke schweigt nicht ...: »Und Maria sprach, sieh, ich bin eine Dienerin des Herrn – mir geschehe nach deinem Wort! gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir ...« Miéville, du wärest nicht im Kloster, wenn du gewußt hättest, wie edel Frangart war. Er ist schweigend von mir gegangen, ohne ein Wort der Klage, der edle Frangart! ... Aber man konnte das göttliche Band nicht lösen, die heilige Kirche scheidet nicht ... Oh unerforschlicher Gott! Die Glocke, wieder die Glocke! ... »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt ...« Das Wort, ach, das Wort, das Wort, war Miéville ... Armer, edler Frangart, wie weh habe ich dir getan in jener Nacht, mit dem Wort, mit dem Schrei ... Oh verlorene Jugend, oh Schrei der Sehnsucht! ... Der Schrei war Miéville ... Und ist Fleisch geworden ... Frevel, grausiger Frevel! ... Fritz! ... * Endlich war die Baronin wieder zu sich gekommen. Pater Bonaventura streichelte leise ihr weiches, leichtergrautes Haar und ihre schmale, zitternde Hand. »Ach, Baronin,« sagte er und versuchte zu lächeln, »wir sind beide alt geworden.« Aber vielleicht sagte er das nur, um alles als unbedeutend hinzustellen, zum Beispiel, daß er, Pater Bonaventura, über eine siebenundzwanzigjährige Frau geneigt war. Der junge Baron saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl und starrte zu Boden; aber in seinen Augen lag jene Glut, welche ist wie eine Fackel, mit der man hineinleuchtet in die Irrgänge, in die dunkeln Winkel der Geheimnisse. Die Baronin Frangart und Bonaventura hatten sich mehr und mehr gefaßt. Sie saßen zusammen mit dem jungen Baron am Tisch, unter dem Scheine der grellroten Kerzen. Der grüne Shawl, den die Baronin trug, leuchtete noch mehr als vordem. Die drei Menschen sprachen von belanglosen Dingen. Und Bonaventura, der jetzt wieder Muße fand, den jungen Frangart zu beobachten, merkte nicht ohne Kummer, daß dieser auch ihm gegenüber den Ton kalter Höflichkeit niemals verließ. »Euer Hochwürden haben eine beschwerliche Fahrt gehabt.« »Euer Hochwürden belieben ...« »Euer Hochwürden wollen verzeihen, daß ich schon gute Nacht sage ...« Und er empfahl sich, ohne irgend etwas anders als Formeln gesprochen zu haben. »Auch ich werde gleich gehen,« sagte Bonaventura. »Die Rücksicht auf Ihr Befinden verlangt es.« Die Baronin antwortete nicht, sie machte nur eine leichte, verneinende Bewegung mit der Hand. Es entstand ein langes Stillschweigen. Da begegneten sich ihre Blicke und ließen nicht mehr voneinander. Aber sie schwiegen ... Pater Bonaventura ergriff die Hand der Baronin. »Sehen Sie, Baronin, ich könnte .. Vielleicht, daß der heilige Vater in Rom ... Ich könnte wenigstens den Versuch machen .. Vielleicht, daß man einen Grund findet, meine Weihe ungültig zu erklären .. Vielleicht .. Oder aus großer Güte ...« Ein abgründliches Schweigen wurde von dem zitternden Schein der Kerzen beleuchtet. Da öffnete sich die Tür, und in langem, weißem, seidenem Nachthemd, das die grazile Schönheit schlanker Formen durchscheinen ließ, trat Fritz Frangart mit geschlossenen Augen ein. Die Bronzefarbe des Gesichts, die langen langen Wimpern und das gelockte schwarze Haar kontrastierten seltsam mit dem glänzenden Weiß des Hemdes. Die Baronin wollte aufschreien, aber Bonaventura legte ihr leis die Hand auf den Mund. »Laßt ihn, Baronin,« flüsterte er, »laßt ihn!« Fritz Frangart setzte sich mit überschlagenen Beinen auf einen Stuhl... »Aber warum liest Herr Miéville den Brief nicht selbst,« fragte er und neigte, wie in Erwartung der Antwort, den Kopf vor ... »Aber ist das nicht indiskret?« begann er nach einigen Sekunden ... Nun hob er die Hände, als ob sie irgend etwas hielten, und las zögernd: »Lieber Freund Miéville-Bonaventura, ich werde vielleicht morgen schon tot sein. Es ist meine letzte Pflicht, Dich zu warnen. Bevor Du irgend etwas unternimmst, frage den alten Choiseul, was er von Deiner Herkunft weiß. Als Ihr, Komtesse Riom und Du, einmal am Fenster standet und ich mit dem Marquis bei seinem schwersten Bordeaux saß, fing er an zu plappern und fragte mich lächelnd: ›Sehen sie nicht aus wie zwei Geschwister?‹ Als ich ihn ausfragen wollte, war er plötzlich nüchtern geworden. Nimm Dich in acht, Miéville! Choiseul war keiner, der zufällige Vergleiche gebraucht hätte! Na, Du bist ja im Kloster. Leb wohl! Dein alter Frangart.« Fritz Frangart schwieg. »Ja,« begann er schließlich, »das ist auch merkwürdig, Pater Bonaventura sieht aus wie mein älterer Bruder. Er könnte sogar mein Vater sein ... Und Maman sieht er sehr ähnlich.« Von da ab sprach er nichts mehr. Er lehnte sich in den Stuhl zurück wie in die Kissen eines Bettes. Sein Atem ging vollkommen gleichmäßig. Nach einer Weile starren Wartens erhob sich Bonaventura auf den Fußspitzen, um kein Geräusch zu verursachen; die Baronin öffnete bedachtsam die Türe und ging voran. Bonaventura hob den Knaben vorsichtig auf seine Arme und folgte ihr. Durch das leichte Hemd fühlte er, wie das Blut in dem kleinen, schmächtigen und zierlichen Körper kreiste. Er legte den jungen Baron in sein Bett und bedeckte ihn. Dann verließen sie auf den Fußspitzen das Gemach. * Im andern Zimmer aber weinten sie miteinander. Und dann wieder wurden ihre Augen heiß und trocken; sie konnten nicht mehr weinen. Ihre Resignation breitete sich schweigsam über den Raum, wie die Grabesstille sich über den Friedhof breitet, wenn gar keine Luft mehr weht und die Zypressen erstarren. Der Schrei der Sehnsucht war erstarrt ... Einem Schatten gleich schritt Pater Bonaventura den Berg hinunter, durch die hohe, tiefblaue Nacht, unter dem südlich hellen Licht ihrer Sterne ... Unten holte er seinen Kutscher aus der Schenke; aber er sah, daß dieser schon zu betrunken war, um ihn heimzubringen. Indes waren die Wirtsleute lieb zu Bonaventura und gaben ihrem eignen Sohn den Auftrag, den fremden Herrn nach Bozen zu bringen. Der Kutscher aber rutschte vom Stuhl unter den Tisch und lallte: »Ja, ja, so, so, also ... Adieu ...!« Der Wagen rollte einsam zurück ... Die Bestattung Pater Bonaventura, der die ganze Nacht kein Auge zugetan und auf den Knieen liegend sein Gelübde der Entsagung und Enthaltung erneuert hatte, las schon früh fünf Uhr seine Messe. Kein Mensch war noch in der uralten Pfarrkirche von Bozen, und er stand allein vor seinem Schmerz und seinem Gott. Gegen zehn Uhr brachte ihn der Wagen nach Frangart. Der junge Baron war ihm langsam entgegengegangen. Er bestellte ihm Grüße von seiner Mutter, mit der Nachricht, daß sie ihn, infolge großer Herzbeschwerden, heute nicht mehr empfangen könne; daß ein Telegramm des alten Choiseul gekommen sei, in dem er die Baronin bitte, nach Riom oder Choiseul heimzukommen; er sei etwas leidend, sonst würde er sie selbst abholen; daß die Baronin ablehnend geantwortet habe, sie fühle sich außerstande, eine so weite Reise zu unternehmen; endlich aber, daß die Mutter und er, der junge Baron, beratschlagt hätten, ob er nicht auf einige Jahre eine Schule, etwa das Colligium der patres in Chamfort, besuchen solle. Bei diesen Worten lächelte Fritz Frangart sehr höflich, während ihm Bonaventura innig die Hand drückte. So gingen sie vor der Kirche auf und ab. Die Beerdigung war auf elf Uhr festgesetzt, jedoch hatte man die Zeit nicht öffentlich bekannt gegeben; was sich aus den auffälligen Umständen des Todes Baron Frangarts erklärte. Man wollte, zumal die Grablegung in der einfachsten Form vor sich gehen sollte, das Zusammenströmen der Leute und die Bildung loser Gerüchte vermeiden. Es wurden nur einige Wiener Offiziere erwartet. Diese kamen denn auch in schärfster Fahrt genau zur bestimmten Zeit an. Baron Fritz Frangart nahm in aller Ruhe ihre Karten entgegen, stellte sich vor und machte auch Pater Bonaventura mit den Herren bekannt. Dann übergab er die Karten einer herbeigeeilten Bedienerin, damit sie sie seiner Mutter zustelle, welche er nun ein zweites Mal entschuldigte: die Baronin könne wegen ihres Herzleidens niemand empfangen; wollten aber die Herren mit ihm vorlieb nehmen, so bäte er sie, nach der Feierlichkeit für eine Viertelstunde ins Schloß zu kommen. Die Offiziere ihrerseits, welche über die grazile Schönheit des Knaben nicht minder erstaunt waren wie über seine frühe Sicherheit und Beherrschung, lehnten dankend ab, indem sie erklärten, den allernächsten Zug nach Wien zurücknehmen zu müssen. Alle zusammen stiegen die Treppe zu dem geöffneten Portal empor; dem Beispiele des vorangehenden Knaben folgend, verneigten sie sich tief vor dem Sarg, der nur einen einzigen, mit blutroten Rosen gewundenen Kranz trug. Der älteste der Offiziere trat an den Sarg, verneigte sich wiederholt und legte den mitgebrachten Kranz des Regiments wortlos darauf nieder. Der Geistliche kam eben mit zwei Ministranten und vier Sargträgern aus der Sakristei. Er bespritzte die Bahre mit Weihwasser und sprach die rituellen Worte der Aussegnung. Die Träger traten an den Sarg, nahmen ihn sorgsam auf die Schultern und trugen ihn hinaus. Der Geistliche folgte. Hinter ihm schritt, mit über die Brust gekreuzten Armen, starren Blickes, und ohne äußeres Anzeichen der Bewegung in seinen scharfgeschnittenen Zügen, der junge Baron. Alle Augen hingen an ihm, an seinem edlen, gleichmäßigen Gang, an der vollkommenen Harmonie seiner kindlichen Gestalt. Bald standen sie alle am geöffneten Familiengrab derer von Frangart, das dicht an die Kirchenmauer gebaut war ... In diesem Augenblick, eben als der Sarg niedergesetzt wurde, hörte man die Schritte zahlreicher, eilig ankommender Menschen. Es waren die Bauern aus der Umgebung, schlanke kleine Leute, mit braungeglühten Gesichtern und kühnen neugierig-teilnehmenden Augen. Man hatte die Offiziere fahren gesehen, die Zeit des Begräbnisses erraten und sich in größter Eile feiertäglich angezogen. Es war rührend zu sehen, wie sie, als sie in die Nähe des Grabes gekommen waren, ihre Schritte dämpften und den vom schnellen Laufen hochgehenden Atem anhielten. Fast allesamt trugen Büschel von Feldblumen, die sie verlegen mit den arbeitsrauhen Händen emporhoben. Ihr Kommen hatte eine kurze Unterbrechung verursacht. Dann aber begann der Geistliche die vorgeschriebnen lateinischen Gebete und führte sie mit langsamer ausdrucksvoller Betonung zu Ende. Er nahm den Weihwedel und bespritzte den Sarg, den die Träger ängstlich in die Tiefe gleiten ließen, nochmals mit dem gesegneten Wasser. Schließlich ergriff er die Schaufel, stach kaum ein Klümpchen Erde damit aus und warf es in das Grab. Mit einer schüchternen besorgten Bewegung reichte er die Schaufel jetzt dem Knaben. Fritz Frangart trat einen Schritt vor. In diesem Augenblick breitete eben die hohe Sonne ihre vollen dunstfreien Strahlen mit gelassener Heiterkeit über das offene Grab und über die zierliche, in schwarzen Samt gekleidete Gestalt des jungen Barons. Der glänzende Stoff flimmerte. Die Strahlen übergossen das bronzefarbene schmale Gesicht und brachen sich an dem seidenweichen Haar und an den langen langen Wimpern ... Fritz Frangart stach mit der Schaufel in die Erde und füllte sie langsam; mit strenger, wie abgemessener Bewegung führte er sie an den Rand des Grabes. Er ließ sie sinken, und mit lautem unheimlichem Poltern schlugen die Erdklumpen auf dem Sarg auf. Da schien es den Anwesenden, die ihm atemlos zugesehen hatten, als ob die weichen vornehmen Linien seines liebenswürdigen schlanken Körpers ein innerliches Zittern durchlief. Eilig und mit leiser Bewegung wollten Bonaventura und die Offiziere auf ihn zutreten. Aber schon war er wieder ruhig geworden. Nur einen Augenblick senkten und öffneten sich noch die langen langen Wimpern über den trocknen dunkeln Augen. So stand er da, mit unbewußtem unvergleichlichem Stolz, von der heißen verzehrenden Strahlenflut der Mittagsonne übergossen ... Alle schluchzten laut. Erschüttert gab einer dem andern den Spaten. Die Offiziere drückten dem jungen Baron die Hand. Die Bauern küßten sie ehrfürchtig, nachdem sie mit linkischem schüchternen Arm ihre Blumenbüschel ins Grab geworfen hatten. Pater Bonaventura aber weinte unaufhörlich. Die Tränen, die seine gütigen Augen füllten, glitzerten im Sonnenlicht. Mit bebender Hand segnete er immer wieder die letzte Stätte seines heimgegangnen Freundes und stammelte: »... und das ewige Licht, das ewige Licht leuchte ihm! ...« Mit heißen Augen sah die Baronin Frangart, an ein Fenster des Schlosses gelehnt, blaß und zart, gleich einem Schatten und Hauch aus einer andern Welt, der Grablegung zu. Bekenntnisse des Marquis Choiseul, auf Choiseul und Riom Bonaventura war von Bozen nach Wien gereist und hatte von Pater Canisius S. J. den letzten Brief Baron Frangarts erhalten, dessen Inhalt er durch die Fügung Gottes schon in Schloß Frangart kennen gelernt hatte. Sodann schrieb Bonaventura an seine Obern in Chamfort und erbat sich weiteren Urlaub. Im Wiener Ordenshaus legte Bonaventura, obzwar er sich bewußt war, nichts Schlechtes getan zu haben, in der demütigen Erkenntnis, daß auch die leisesten ungehörigen Regungen des Geistes wider den Willen der heiligen Gesetze seien und daß die Seele nur durch immerwährende Prüfung von allem Makel befreit werden könne, eine Generalbeichte ab. Hierauf unterwarf er sich einen Monat lang freiwillig den schwersten geistlichen Exerzitien. Jeden zweiten Tag enthielt er sich ganz der Speise. Er unterbrach um die zwölfte Stunde jeder Nacht den Schlaf, sodann wieder um die zweite Stunde jedes Morgens und betete die Horen. Um vier Uhr verließ er sein Lager und suchte es erst nachts elf Uhr wieder auf; es bestand aus einem Brett, auf das er sich nur eine dünne Decke breiten ließ. Freiwillig oblag er den niedersten Verrichtungen, die sonst den Fratres zukommen; er reinigte die Zellen und trug den Ordensgenossen das Mahl auf. Während des ganzen Monats enthielt er sich der Sprache; außer dem heiligen Gruß kam kein Wort über seine Lippen. Seine tägliche Messe las er »zur Sühne für den Schrei der Sehnsucht«, jener Sehnsucht, jenes Schreis, die, wie Baronin Frangart in der Ohnmacht gestammelt hatte, Fleisch geworden waren. Nach dieser Zeit der Buße fühlte er sich ein wenig getröstet. Mit Mitleid blickten die Ordensbrüder auf den gezüchteten abgemagerten Leib Bonaventuras, dem die Kleider zu weit geworden waren. Die so gütigen Augen des Paters waren noch gütiger geworden ... Als die Zeit um war, reiste Bonaventura zu Marquis Choiseul auf Choiseul und Riom. Er traf ihn auf dem Krankenlager. Die Gicht plagte den alten vereinsamten Herrn. »Aber wenn es nur das wäre!« sagte er mit schmerzlichem Lächeln zu Bonaventura, dessen hagere Gestalt er mit Rührung gemessen hatte. »Wenn es nur das wäre. Das könnte ich abwarten. Aber das andere, das moderne Frankreich ... La pauvre France bien-aîmée! das frißt an mir. Der Schmerz frißt, und ich kann ihn nicht los werden. Sehen Sie, Bonaventura, und wenn ich mir hundertmal denke: was gehts dich noch an, du bist ein gebrechlicher Alter und stehst nah am Grabe ... Ach, es hilft nichts! ...« Bonaventura wollte ihm Trost zusprechen, ihm sagen, daß diese Zeit der Anarchie in Frankreich unmöglich lang dauern könne; aber er fand die Worte nicht, da er selber nicht daran glaubte. Mit einer müden gramvollen Geste drückte er seine innersten Gedanken aus ... »Nein!« unterbrach der alte Choiseul das schmerzliche Schweigen ... »Nein und nochmals nein! ... Ich glaube nicht mehr an unser armes Frankreich. Die Anarchie wird es zerfressen. Ein Land, dessen régime die Legitimität verloren hat, die göttliche und menschliche Legitimität, das geht zugrund. Es gibt kein Heilmittel dagegen ... Ach ja, wenn die Bourbonen einen Napoleon hervorbrächten! ...« Und wieder versanken die zwei Männer in das dumpfe Schweigen ihres umflorten Schmerzes. »Miéville, geben Sie mir Ihre Hand!« begann endlich der alte Choiseul. »Miéville, Sie verstehen mich. Können Sie verzeihen ... Nein, es braucht keine Verzeihung, es hat sein müssen ... Können Sie auch verstehen, was ich an Ihnen getan habe? ...« Bonaventura ahnte das Bekenntnis und ließ einen Augenblick unentschlossen das Haupt sinken. Aber sogleich erhob er es wieder. »Oh Marquis!« rief er halblaut, und mit einer weiten Geste segnete er das Krankenlager, ja, gleichsam den ganzen Geist, die ganzen Ideen dieses in strenger Tradition erzogenen Mannes. Und mit einem Male verstand er das namenlose Leid, das an diesem Alten zehrte: die zerstörte Legitimität seines Vaterlandes, der unaufhaltsame Gang der modernen Ideen, der Zusammenbruch der Überlieferung und der alten Autoritäten ... Wiederum erhob er die Hand zum Segen und zur Versöhnung. Der Alte fühlte sich verstanden und schluchzte dankbar in sich hinein. »Oh, Miéville!« begann er unter Tränen, »ich selbst habe verhindert, daß Sie Ihr Vater zum comte Riom machte, wie er ja nach diesen schrecklichen neuen Gesetzen gekonnt hätte ... (Bonaventura lächelte leise, wie er sah, daß den Alten, mitten in seiner Bitte um Verzeihung, nochmals der Zorn gegen die Illegitimität, gegen die ihm damit gleichbedeutenden neuen Gesetze überfiel) ... Die Gräfin Riom war seit zwei Jahren tot; da brachte Sie die Wäscherin Miéville zur Welt. Nein, es war keine reiche Witwe, Miéville, und Ihre Geburt bezahlt sie mit ihrem jungen Leben. Und Ihr Vater freute sich, einen Sohn zu haben ... Da habe ich, der alte Choiseul, ihm Tag und Nacht abgeredet, Sie zu legitimieren, da Sie nun doch einmal illegitim geboren waren ... Ach, Miéville, verzeihen Sie mir, ich konnte nicht anders ...« Miéville streichelte liebkosend die weißen Haare des Marquis Choiseul. »Denken Sie Sich mein Entsetzen!« fuhr dieser nach einer Weile leise, fast flüsternd fort, »denken Sie Sich mein Entsetzen, als ich die Komtesse damals mit Ihnen am Fenster sah, sie hatte ihren Halbbruder erraten, mehr war das nicht ... aber sie konnte ihre eigne Zärtlichkeit mißdeuten, konnte glauben, das sei Liebe ... oh, und sie hat es geglaubt, der unglückliche Frangart hat es mir erzählt ... nein, nicht erzählt, nur angedeutet, auch nicht ... ich habe es erraten. Ich trage die Schuld, nein, es war keine Schuld, es war nicht die geringste Schuld, Miéville ... ich durfte nicht dulden, daß Sie als Bruder der Komtesse dastanden, Sie, ein illegitimes Kind der Wäscherin Miéville ...« Der Marquis ergriff in diesem Augenblick die Hand Bonaventuras und küßte sie ... »Ich küsse Ihre Hand, Miéville,« sagte er, unter Tränen lächelnd. »Sie haben Sich legitimiert. Unsere Kirche ist es, in der Sie Sich legitimiert haben ... denn es gibt eine geistliche Legitimität, eben unsere Kirche ...« Erschöpft hielt der Marquis inne und lehnte sich in die Kissen zurück. »Ja, Miéville,« begann er dann wieder, »ich habe mich so gefreut, als Sie bei den Jesuiten eingetreten waren – diese alte geistliche Zucht und Tradition! ... Denn das glaube ich, ein Verwandter der Bourbonen: die geistliche Legitimität ist bei der katholischen Kirche, und sie hat unsere weltliche gebilligt, gekräftigt und geweiht. Und in dem Glauben küsse ich die Hände von Pater Bonaventura.« Wieder lächelte der Marquis, und seine Tränen netzten die Hand des Paters, der ihm mit einem gütigen und verzeihenden Blick seiner dunkeln Augen wehrte. »Erzählen Sie mir von Baron Fritz!« bat Choiseul. – »Wie soll ich sagen? kühl ist er wie ein Deutscher, aber grazil, geschmeidig und elegant wie nur ein Romane,« erwiderte Bonaventura. Da erhob sich der alte Choiseul noch einmal mühsam aus seinen Kissen. Sein Auge leuchtete unter den ergrauten buschigen Brauen. Feierlich machte er das Zeichen des Kreuzes. »Ich segne dich, Baron Frangart!« sprach er langsam. »Das ist die Mischung, die ich gewollt habe, ich, Marquis Choiseul. Gott mache sie fruchtbar! ... Ich baue auf die Deutschen, ich, ein Franzose ...« Und es schien, als ob er mit sich allein spräche. »Ich baue auf die Deutschen,« wiederholte er, »ich baue auf ihre Armee, die, so Gott will, die Legitimität in Europa wieder herstellen wird. Und Gott will das. Gott will Legitimität, denn er gibt sie und hat sie gegeben. Die katholische Kirche und die deutsche Armee – das ist das Herrlichste, was wir heute haben ... Sogar die deutsche Sozialdemokratie ist wie eine Armee, so ruhig, so besonnen, so voller Zucht ... Ich baue auf die Deutschen, auf ihren einfachen legitimen Geist ... Wenn es möglich ist, mag Baron Frangart in ihre Armee eintreten ...« Bonaventura schwieg erschüttert. Da lag dieser alte adelige Franzose, der, in seinem unverrückbaren Glauben an die Macht von Gottes Gnaden, sogar den jahrhundertealten Haß gegen die Deutschen überwand. Und Bonaventura dachte an die ungeschlachten weißgrauen Bergmassen des Brenners. In fröstelnder Trauer zog sich sein Herz zusammen. Aber wie damals in Franzensfeste, im Angesicht der triumphierenden Sonne des Südens, flüchtete er sich wieder in seine ihm heilige Idee eines endlichen imperiums der römisch-katholischen Kirche, der ecclesia triumphans , wie sie geweissagt war ... Zweites Buch Zweites Buch »Jetzt kannst Du Deine Macht, oh Schicksal, zeigen: Was sein soll, muß geschehn, und Keiner ist sein eigen.« Shakespeare. Einige äußere Geschehnisse Es gibt Menschen, denen alles nach ihrem Willen geschieht. Nicht, daß sie ihn mit besonderer Anstrengung verfolgen oder ihn mit bemerkenswertem Eigensinn gegen die andern aufrecht erhalten; vielmehr weichen alle von vornherein vor ihm zurück; solche Menschen stehen da, und alsogleich säubert sich der Platz gleichsam in weitem Umkreis von etwelchen Widerwärtigkeiten, damit jene so bequem und sicher stehen, wie es ihnen gefällt. Setzen sie sich sodann in Bewegung nach vorwärts oder rückwärts, machen die Mitmenschen wie unter höherem Zwange die Bahn frei; unbehindert, ohne Dank, mit vollkommener Selbstverständlichkeit, wird sie von ihnen durchmessen. Kurz, es gibt Schicksale ohne äußere Hemmungen. Aber mit Unrecht beneidet man sie; einerseits weiß man ja nicht, welch dunkeln Ratschluß Gottes, welches Leid, oder im besten Falle: welch namenlose Einsamkeit der Freude die Träger solcher Schicksale unter ihrer unbewegten Miene verbergen; ja, es ist nicht einmal gewiß, ob sie nicht selbst zuweilen umsonst nach äußeren Widerständen verlangen, durch die sie in irgendeiner Weise abgelenkt und zerstreut werden könnten; andrerseits aber – da doch alle Fruchtbarkeit des menschlichen Wollens ausbleibt, wenn das ausbleibt, wodurch allein sie sichtbar in Erscheinung treten könnte, nämlich eben die Widerstände und Hemmungen (aus deren Schoß heraus das Samenkorn unseres Wollens als Tat geboren wird) – sind jene hemmungslosen Schicksale zur Unfruchtbarkeit bestimmt. Schweigend wandern ihre Träger dahin: aber dem, der etwa auf einer südlichen Landstraße, unter dem sternklaren Himmel jener dunstfreien Nächte, die den leisesten Laut ungebrochen wiedergeben, an einer schlanken Zypresse lehnen und teilnahmsvollen Herzens hinaushorchen würde (weil man auf Verschwiegenes immer mit dem Herzen horchen soll, nicht mit den Ohren, die wir mit jedem Esel gemeinsam haben), – einem solchen Menschen würde ihr Schweigen, jedwedes andre Geräusch übertönend, vernehmlich werden und das Herz zerreißen: Denn nichts ist schwerer zu ertragen als Sehnsucht, die nicht reden kann. Was sind dagegen alle Schreie der Sehnsucht, mit denen wir gewöhnliche Menschen unser Herz erleichtern? * Fritz Paul Joachim Freiherr zu Frangart war teils auf den Rat seiner Mutter, teils weil es ihn selbst dazu trieb, mit zehneinhalb Jahren nach Chamfort gekommen, an das jesuitische Colleg, wo Pater Bonaventura wirkte. Mit welchem Erstaunen erfüllte Patres, Fratres und Zöglinge die grazile Schönheit, der unbewußte ruhige Stolz der Haltung und des Ganges, die satte Bronzefarbe des hochmütigen Gesichts, die langen langen Wimpern, die seine dunkeln Augen beschatteten, das seidengelockte Haar, die tiefe sonore Altstimme des Knaben, die sich der französischen Sprache so seltsam anschmiegte! Alle sahen unwillkürlich mit Ehrfurcht auf ihn. Pater Bonaventura selbst mußte sich Zwang antun, als er mit scheinbarer Härte hinwarf: »Nun, er soll auch etwas lernen bei uns; man soll ihn nicht nur angaffen!« Zwei Wochen hielt sich Fritz Frangart damals in Chamfort auf; er war still und wollte zuvorkommend sein, aber stets kamen die andern ihm zuvor. Indes war er noch zu jung, als daß er den Wechsel des Klimas ertragen, die lachende Sonne seiner Heimat für eine Zeitlang hätte vergessen können. Seine Wangen fielen ein, und in unbewußten Augenblicken durchlief seinen schlanken Körper ein fröstelndes Zittern. Alle erschraken heftig. Und als die zwei Wochen um waren, verlangte er, heimgebracht zu werden; was denn auch in besorgter Eile geschah. Vier Jahre blieb er sodann in Frangart. Außer den wenigen Lernstunden verbrachte er die ganze Zeit wieder wie früher; mit großer Selbstgenügsamkeit lehnte er an der Mauer des Schlosses, um den Schein der Sonne zu genießen. Was er dachte, und ob er überhaupt etwas dachte, ließ sich nicht erkennen. Er erlaubte auch niemand, ihn danach zu fragen. Das Einzige, was sich verändert hatte, war sein Benehmen gegen die Mutter, die herzleidende Baronin Frangart: zwar hatte sich seine gewohnte Höflichkeit ihr gegenüber womöglich gesteigert. Aber seit der Stunde, wo er mit Pater Bonaventura ihrem schweren Anfall beigewohnt und ihre abgerissnen Worte gehört hatte, – hatte er es unterlassen, sie auf das Handgelenk zu küssen. Er küßte ihr jetzt die Fingerspitzen. Und manchmal sah er sie nachdenklich an, mit einem gewissen neugierigen Hochmut. Einmal war sie unter diesem Blick erbebt und zusammengezuckt; da sagte er, während ihr einige schwere Tränen aus den heißen Augen quollen: » excusez mille fois, maman! « und nahm sich vor, diese »Inkorrektheit« künftighin zu vermeiden. Das war, wie gesagt, das Einzige, was er erlebte. Sonst also ließ er sich von der lachenden Sonne bescheinen. Nach vier Jahren starb Baronin Frangart in einer von schwerem Blütenduft erfüllten Märznacht; niemand hatte während der letzten Augenblicke bei ihr geweilt. Eine französische Bedienerin, Jeanette, die erst seit kurzem im Hause war und den jungen Baron Frangart haßte, weil er ihre überschwengliche Liebe nicht im geringsten beachtete, behauptete allerdings mit plapperhaftem Eigensinn, sie habe in eben der Nacht schlaflos gelegen ( »ah, peut-être, en attendant Monsieur le baron, mais qui n'est pas venu!« spotteten die Dienstboten) und gegen halb elf Uhr abends den jungen Baron aus seinem Schlafzimmer gehen hören ( »et vous avez rêvé qu'il ira directement frapper à votre porte que vous aviez laissée largement ouverte, pour lui!« sagte George voll grimmiger Eifersucht); also, sie habe ihn aus dem Schlafzimmer gehen und an der Türe seiner Maman klopfen hören ( »et non pas à la vôtre, mademoiselle!« fügte George, der sie liebte, verächtlich hinzu); er sei eingetreten und habe, soviel sie aus dem Tonfall erraten konnte, eine Frage an die Baronin gerichtet. Die Baronin habe erschreckt aufgeschrieen, ungefähr wie: »Fréderic, Fréderic, au nom du Seigneur, laissez ces questions là!« dann sei Ruhe eingetreten. Oder vielmehr, sie sei wohl selber eingeschlafen. Nun, das Gesinde muß etwas zu reden haben bei solchen Gelegenheiten. Als Tatsache konstatierte der Arzt, daß die Baronin in einem Anfall von Herzschwäche wahrscheinlich schon vor Mitternacht verschieden sei. Tatsache war ferner, und ein so tiefer Schlaf stand sehr im Widerspruche mit der Erzählung der Bedienerin, daß man am Morgen dem jungen Baron, als man ihm die schwere Nachricht bringen wollte, drei, viermal laut klopfen mußte, bis er antwortete. Geweint hatte er nicht, weder am gleichen Morgen noch während des Begräbnisses; aber wer hatte den Baron Fritz Frangart überhaupt jemals weinen sehen? ... Tatsache war endlich folgendes: Als der alte Marquis Choiseul kurz nachher gestorben war, außer den Bourbonen und Fritz Frangart keine lebenden Verwandten hinterlassend, und seine Güter in toto an Fritz Frangart fielen, sah sich dieser mit vierzehneinhalb Jahren als alleinigen Besitzer von Schloß Frangart und Choiseul und Riom. Indessen schien ihm das Gefühl eines so ausgedehnten ergiebigen Besitzes nichts zu bedeuten. Natürlich (wie wiederum die Dienstboten plapperten), er konnte nicht stolzer werden als er schon war. In Bozen wurde ein Vormund für den verwaisten Fritz Frangart bestellt; aber der teilte sich, gemäß dem hinterlassenen letzten Willen der Baronin, in der Sorge um die Liegenschaften und Revenüen mit Pater Bonaventura; eine Last, die dieser gern auf sich nahm. Sorge machte dem gütigen Pater aber hauptsächlich eine große Meinungsverschiedenheit in den letzten Äußerungen der Baronin und des Marquis: Die Baronin hatte in einem schon drei Jahre vor ihrem Tode geschriebenen Dokument bemerkt: »daß sie es mit vielem Schweren, das sie auf der Welt getragen habe, versöhnen könnte, wenn ihr Sohn Fritz die geistliche Laufbahn ergriffe.« Der alte Choiseul hingegen hatte wiederholt in kurzen hingekritzelten Zeilen an Pater Bonaventura die Meinung ausgesprochen, Fritz solle einmal in die deutsche Armee eintreten. Nun war freilich, wie sich Bonaventura mit Schmerzen sagte, unmöglich zu wissen, für welchen dieser beiden Berufe sich Fritz Frangart eignen mochte. Vielleicht für keinen von beiden. Genug, der junge Baron kam mit vierzehneinhalb Jahren zum zweiten Male nach Chamfort, um zunächst unter Aufsicht des Paters Bonaventura in alles eingeweiht zu werden, was man als höhere Bildung bezeichnet und schätzt. Neue Bekenntnisse des Pater Bonaventura 4. September 19.. Fritz Frangart ist seit einem halben Jahre bei uns. Alle lieben ihn; er aber scheint niemand zu lieben. Er benimmt sich gegen uns alle, gegen Erzieher und Mitschüler, mit ausgesuchter Höflichkeit; das ernüchtert sie und stachelt sie doch zugleich wieder an, ihn zu lieben; indes läßt er niemand an sich herankommen. Nur mich sieht er zuweilen vertraulich an: aber es liegt etwas Erschreckendes in dieser Vertraulichkeit, er droht mir damit ... Wenn er gegen alle höflich ist, gegen mich ist er immer hochmütig, und am hochmütigsten, wenn er sich vertraulich zeigt. 3. Januar 19.. In der äußeren Bildung, in den Formen des Verkehrs wird Fritz Frangart hier von niemand übertroffen. In dieser Beziehung hat er nichts mehr zu lernen. Er hat das überhaupt schon mitgebracht. Vom Lernstoff aber interessiert ihn wenig: in der Religionslehre alles Mystische, was man nicht mit dem Verstand begreifen, sondern mit Glauben und Gefühl erraten oder vielmehr erleben muß. In der profanen Geschichte fesseln ihn nur ganz bestimmte Personen und Zeitläufte: es scheint, daß er sich alles mit viel Geschick heraussucht, was ihm geistig oder moralisch verwandt ist. Die Sprachen liegen ihm; aber er studiert sie mit nonchalance und ohne wissenschaftliche Freude, vielleicht nur, weil sie für ihn zum guten Ton gehören. Von allen andern Dingen nimmt er nur genau soviel auf wie nötig ist, um den Lehrern nicht beschwerlich zu fallen, also nur ein Anstandsquantum. Im Vergleich zu andern ist er von ungemeiner Trägheit, für sich selbst betrachtet nur von Gleichgültigkeit, von großer geistiger Selbstzufriedenheit. Im Französischen und Griechischen, worin er mein Schüler ist, zeigt er jedoch einen ausnehmenden Fleiß und läßt in seinem Können alle Mitschüler weit hinter sich. Er scheint den Drang in sich zu fühlen, mir seine Meisterschaft zu zeigen. Gerade mir. Bei sonst niemand liegt ihm daran, der Erste zu sein. Oh ich fühle, er will mich kränken mit diesem Ausnahmefleiß. Das heißt, er will das nicht. Zu solch kleinen Absichten ist er zu nobel. Er fühlt sich einfach gedrungen, bei mir mehr zu lernen als bei den andern. Und ich weiß nur, daß ich mir nichts darauf einbilden darf, ja, daß es im Gegenteil irgendwie gegen mich spricht. 8. März 19.. »Sokrates, der indiskreteste unkultivierteste Schwätzer des Altertums, der mit seinem ewigen ›Warum und inwiefern und wozu‹ beweist, daß ihm alles abgeht, was die andern in seiner Zeit haben, ist als Anarchist mit Recht zum Tode verurteilt worden. – Was ich habe, danach frage ich nicht; ich bin ευγενησ (wohlgeboren), und es wäre pietätlos gegen meine Ahnen, zu fragen, was eigentlich diese und jene Tugend sei, warum ich sie für eine Tugend halte. Denn die Antwort könnte nur sein: weil ich meinen Vätern vertraue, mehr vertraue als dem geschwätzigen Verstand. Sokrates ist das Vorbild aller geistigen Proletarier, die nichts mitbringen als einen Kopf; er könnte zur Zeit der französischen Revolution gelebt und das Wörterbuch mit herausgegeben haben; er ist also mit Recht verurteilt worden. ωσ απολοιτο χαι αλλοσ οστισ τοιαυτα γε ρεξοι – wie auch jeder andere zugrunde gehen möge, der immer solches verübt.« Dies ist der altkluge, zornige hochmütige Schluß eines Aufsatzes des Baron Frangart, den ich über das Thema »Der Tod des Sokrates« gegeben hatte. Was denkt der junge Frangart also von mir, der ich den Schülern die Größe des Sokrates erklärt hatte?! Den Aufsatz könnte schließlich der alte Choiseul genau so geschrieben haben. Oh ich weiß, was Frangart denkt: gar nichts denkt er von mir. Er lehnt mich einfach ab, ohne Gehässigkeit, nur weil er mich ablehnen muß. Ist es doch gerade, als ob er meine illegitime Geburt erriete. Der alte Choiseul hat mir die Hand geküßt. Der junge Frangart – – hat sich ja auch »höflichst entschuldigt, daß er mir leider hat widersprechen müssen«. Und ich liebe ihn so sehr. Lieber Gott im Himmel, laß ihn nur einmal lieb zu mir sein! 10. Mai 19.. Baron Frangart hat sich noch immer an niemand angeschlossen. Er ist sich gleich geblieben. Aber unter seinen Mitschülern hat er eine tiefe Verwirrung angerichtet. Da er mit niemand Freund sein will, möchten ihm wenigstens alle ihre Verehrung zeigen. Zum Beispiel: er lernt in der Mathematik nur das Notdürftigste, und das sehr ungenau. Jetzt machen ihm das alle nach. Keiner will mehr Mathematik studieren. Das ist jetzt für die jungen Leute haut goût, dernier goût, goût de Frangart ... Man hat Baron Frangart zur Rede gestellt. Er antwortet, wie es sicher der Wahrheit gemäß ist: »daß er keinen Mitschüler aufgefordert habe, in der Mathematik nichts zu arbeiten.« Das stimmt durchaus; ich weiß, daß er nichts für diese Nachäfferei kann. »Ich finde das sehr komisch,« sagt er und zieht die Schultern hoch. August 19.. Fritz Frangart ist jetzt anderthalb Jahre bei uns und hat in Dingen des Betragens nie eine Strafe oder auch nur eine Zurechtweisung bekommen. Nicht einmal ich selbst, der ich seine delikate Verachtung meiner Person mehr und mehr herausfühle, habe jemals etwas Greifbares finden können, wofür er Strafe verdient hätte, – vorausgesetzt, daß ich ihm eine hätte geben wollen. Nein, das werde ich nie wollen ... Aber ich frage mich allmählich: Ist nicht seine unendliche Suffisance der Gesinnung strafbar? ... Freilich, er hat dieser Gesinnung niemals Ausdruck gegeben; wer kann also wissen, ob es »Gesinnung« ist. Nein, es ist auch das bei ihm unbewußt. Er gehört zu seiner Art . Vergleiche den Aufsatz über Sokrates, schwerfälliger Bonaventura! Für seine Art aber darf man niemand strafen, da diese Gott so gewollt hat. Man wird also auch nie Anlaß haben, Baron Frangart zu strafen; denn er wird nie etwas tun, was über seine Art hinausgeht. Er glaubt so fest an die Güte seiner Art; aber könnte er darin nicht doch Unrecht haben? ... Lieber Gott, verzeih mir! Ich frage à la Socrate . Meine Art ist also strafbar ... Ach, das ist alles so schrecklich und tut mir so weh! ... Weihnacht 19.. Kann denn dieser Fritz Frangart überhaupt jemand lieb haben? – Sein Geist ist so fertig und nimmt nur an und auf, was ohnehin zu ihm gehört. Ist sein Herz auch so? Aber wo wären die Menschen, die zu ihm gehören? Scheint es nicht, als ob er über alle weit hinaus sei? Großer Gott, wie soll dann dieser junge Mensch in seinem Leben jemals fruchtbar werden? Vater im Himmel, ich stehe zu dir: laß ihn nicht einsam bleiben ! Laß ihn Gleichgestellte finden, damit sein Herz fruchtbar werde. Wie allein stand er mitten unter den weihnachtsfrohen Menschen! Wie unbewegt! Februar 19.. Ich kann Fritz Frangart nicht mehr verstehen. Da verkehrt er nun auf einmal ausschließlich mit dem ganz krüppelhaften Vicomte Meudon; Meudon ist ein halber Kretin und erst vierzehn Jahre alt. Was mag Frangart mit ihm vorhaben? Alles in der Schule wütet, man spürt die allgemeine Aufregung, daß er sich gerade mit dem ... Das heißt, alles Gute gewähre Gott dem armen Vicomte Meudon! April 19.. Ich habe ein kleines Buch über das Allerheiligste Geheimnis der Eucharistie geschrieben; Gott in seiner großen Güte hat mich die Worte dazu finden lassen. Aber da dieses Büchlein unter Laien leicht Mißverständnisse hervorrufen könnte, habe ich es auf den Rat des Obern ins Altgriechische übersetzt und den Druck nur für die Ordensbibliotheken herstellen lassen. Ich hatte mir die Erlaubnis erbeten, es in griechischem Text Baron Frangart zu lesen zu geben. »Es ist schön,« sagte er zu mir, »ich habe es genau gelesen und ich danke Ihnen. Aber eigentlich, meine ich, sollte man den heiligen Geheimnissen nicht so nachgehen; man sollte sie nur erleben. Und es gibt Geheimnisse zu erleben, nicht wahr, Pater?« Nie vergesse ich die unsagbar hochmütige Vertraulichkeit, womit er mich dies gefragt hat. Ach, wie nachlässig er mich ablehnt! Soll ich ihn strafen? Wofür? Was er wohl gemeint haben mag? Vielleicht ... Nein, das ist nicht möglich, nein, nur das nicht! Aber: wenn er auch das nicht gemeint hat und wenn es in Wirklichkeit eben das wäre, was er nicht gemeint hat ... Soll ich dann mich strafen? Ist es noch nicht, noch immer nicht gebüßt? ... Ich will sogleich den Hochmut vergessen, mit dem er mich gefragt hat. Nie würde ich Baron Frangart strafen. Nie könnte ich ein Recht dazu haben. 12. Mai 19.. Frangart ist seit einigen Tagen zu dem armen kleinen Vicomte ebenso kühl und höflich wie zu den andern. Alle atmen auf. Ich aber bemitleide den kleinen Vicomte, der wie ein unbeachtetes Hündchen hinter Baron Frangart herhinkt. Und er bekommt keinen Blick ab, keinen einzigen. 14. Mai 19.. Der kleine Vicomte gebärdet sich wie irrsinnig. »Lieber lieber Baron Frangart!« schreit, ja heult er, mitten unter dem Studium, mitten im Schlaf. Es ist ein Unglück. »Sie hätten auch zu ihm von Anfang an so ... so höflich bleiben können wie zu den andern. Sie haben mit ihm gespielt, Baron Frangart!« So habe ich heute zu ihm gesprochen, und wahrlich, es ist mir schwer gefallen. »Ich habe nicht mit ihm gespielt. Er hat mich interessiert, weil er gar so merkwürdig ist. Jetzt kenne ich ihn und er interessiert mich nicht mehr. Soll ich heucheln und so tun als ob? ...« So hat mir Baron Frangart geantwortet. Was läßt sich hiergegen sagen? So gut wie nichts. Höchstens, daß er sich nicht für den Vicomte hätte interessieren sollen. Oh guter Vater im Himmel, wenn das immer so endet, sobald sich Fritz für etwas interessiert hat, dann laß ihn doch einsam bleiben! Man könnte ihn sonst für einen rohen Menschen halten, wenn man ihn nicht näher kennt ... Und doch wieder, nein! Ich mag Fritz so gern wie mein eigenes Kind. Man darf es nicht ihm anrechnen, wenn die andern durch ihn Schaden leiden, er eigentlich nichts dafür kann. Laß ihn nicht einsam bleiben. Mache sein Herz fruchtbar ! Herr, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Amen. 14. Mai 19.. Dieses Amen habe ich im vorigen Jahre am gleichen Tage geschrieben. Und ich habe dieses ganze lange Jahr schweigend gelitten unter seinem Hochmut, unter seiner »Vornehmheit«, wie es die andern nennen. November 19.. Ja, es ist besser, er verläßt uns. Er selbst hat den Wunsch geäußert, in einer Stadt weiter zu studieren. Er tut auch gut daran, nach Deutschland zu gehen. Macht er dort das Gymnasium zu Ende, dann kann er deutscher Offizier werden oder Geistlicher, wie seine Verwandten, die eine so der andere so, gewollt haben. Oder keines von beiden. Wie Gott will! Amen. Ende November 19.. Das also war der Abschied. »Seht, Pater, Ihr habt alles an mir zu wichtig genommen. Aber das eine, was für mich wichtig war, das habt Ihr nie berührt. Warum seid Ihr nie zu mir gekommen, um mir zu sagen, wie sich das verhält mit dem Schrei Miéville und das andre, wovon mir geträumt hat, daß Ihr und meine selige Mutter Geschwister wärt. Das hätte Euch nicht erniedrigt, nein, so wahr ich Frangart heiße. War es Euch zu schwer? ... Ich habe jedenfalls vier Jahre lang umsonst darauf gewartet, daß Ihr kämt. Ihr seid nicht gekommen, so wichtig Ihr auch alles genommen habt; und obwohl Ihr gewußt haben müßt, das für mich nur das Eine wichtig sein konnte: ob ich, Frangart, wirklich ... Nun Ihr wißt, der Schrei Miéville! ...« Ich bin an den Zug gegangen, mit dem er abgereist ist. Vielleicht würde er doch noch einmal zurückschauen, nach mir schauen! ... – Ich habe ihn gesehen, wie er seinen Spiegel aus der Tasche zog und vor der Abfahrt des Zuges nochmals die Krawatte richtete. Und er hat sich nicht nach mir umgesehen. Herr, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Amen. Bonaventura tut nochmals Buße Bonaventura ging bekümmert im Kloster umher; nicht so sehr seinetwegen, da er doch glauben durfte, der Herr habe ihm die oft gebeichtete Sünde – wenn es eine Sünde war – gnädig vergeben. Aber er fürchtete für die Zukunft von Fritz Frangart. Und in der milden Einfalt seines liebenswürdigen Herzens beschloß er, des Guten lieber zu viel zu tun denn zu wenig. War für seine Sünden genug der Buße geschehen, so sollte alles, was verblieb, für Fritz Frangart getan sein. Und so bat er seine Obern um die Erlaubnis, ein Jahr bei den Trappisten zubringen zu dürfen. Die Obern erstaunten nicht wenig. Sie erlegten ihm auf, seinen Entschluß noch einige Wochen reifen zu lassen. Als er jedoch nach Umlauf dieser Zeit darauf stehen blieb, gewährten sie ihm, um was er sie gebeten hatte. Pater Bonaventura verbrachte also ein volles Jahr bei den Trappisten und schloß sich in allen Dingen ihrem strengen Leben an. Die Trappisten sprechen unter sich nie etwas anderes als jenen Gruß: » Memento mori !« Zum Schlafen benutzen sie den Sarg, in dem sie später beerdigt werden. Nur einmal des Tages nehmen sie Speise zu sich; Fleisch genießen sie niemals. Sie müssen sich zu jeder Stunde der Nacht erheben, um die Horen zu beten. Gleichviel, welcher Herkunft der einzelne auch sein mag, jeder muß ohne Unterschied und ohne Erleichterung in allen Verrichtungen des Tages sich selbst und die andern bedienen. Sie bringen ihr Leben in einer Enthaltsamkeit und Selbstverleugnung zu, die bis an die äußersten Grenzen der menschlichen Natur geht, ja diese manchmal sogar zu übersteigen scheint. Nach ihren Regeln also lebte Bonaventura ein langes Jahr, um seine Seele vom Makel zu reinigen und Gottes Segen auf den jungen Frangart herabzuflehen. Er sah zum Erbarmen aus nach diesem Jahr, so war er abgemagert. Aber es war doch eine neue Zuversicht über ihn gekommen: daß ihm Gott vergeben hatte, empfand er mit tröstlicher Gewißheit. Und was das Wohl des jungen Frangart betraf, so hatte ihm Gott während der letzten Nacht, die er büßend im Trappistenkloster zubrachte, im Traume Worte der Weisheit gesandt: »Du sollst auch im Gebete nichts erzwingen wollen; das käme einem Kampf wider Meinen unerforschlichen Ratschluß gleich. Aber das glaube, daß kein Gebet verloren geht: die Engel sammeln seine silbernen Tautropfen in goldenen Schalen. Und in dem Maße gießen sie himmlische Stärkung in das Herz des Betenden, als er selbst die Schale gefüllt hat. Und manchmal mehr. Ich will ja ein reichliches Ausmaß. Fahre du fort zu beten und sei getrost!« Pater Bonaventura kehrte nach Chamfort zurück. Oft, wenn er außer Hörweite war, flüsterten sich seine Ordensbrüder zu: »Wann im Leben haben wir jemals ein so gütiges Auge gesehen!« Baron Frangart und der Bajazzo In einer süddeutschen Stadt, sagen wir es gerade heraus: in München, sollte Baron Frangart – von seiten des Ordens und diesem nahestehenden hochmögenden Persönlichkeiten an den Rektor eines Gymnasiums herzlichst empfohlen – die Oberprima durchmachen und sich das Maturitätszeugnis erwerben. Er stieg in einem alten Hotel ab, wo auch sonst die Angehörigen unseres alten Adels Quartier nehmen. Nachmittags nahm er sich einen Wagen und durchfuhr die Stadt: außer einigen Häusern in der Briennerstraße, die er vornehm fand, gefiel ihm nur die Frauenkirche (»das einzige Gebäude, das alt genug ist für unsereinen«) und die Ludwigsstraße, diese indes nicht wegen des Stils ihrer Häuser, sondern wegen ihrer Breite und weil die Häuser selbst, nach seinem Geschmack, wenigstens einfach genug gebaut waren. »Das übrige kann man alles in einen Topf werfen, moderne Ware, ekelhaft.« Dies war sein Urteil über München, das zu berichtigen er während der folgenden Zeit seines Aufenthaltes nicht Anlaß nahm. Auch am andern Morgen begab er sich zuerst wiederum in die Frauenkirche. Es war dies übrigens während der ganzen Zeit seines Münchener Aufenthaltes sein erster täglicher Gang. Er fand, daß er dort mit seinem Gott in einer Dessen würdigen, für ihn, Baron Frangart, auch standesgemäßen Stätte reden könne; nichts schien ihm verkehrter als die Behauptung, die so oft ausgesprochen wird: »Gott sei überall gleich gern zu Hause, wozu also besondere Gotteshäuser bauen;« diese Behauptung war ihm gleich verwerflich wie jene andre: daß Gott alle Menschen seelisch gleich ausgestattet und keinen bevorrechtet habe. Um Mittag kleidete sich Baron Frangart zu Besuch an und fuhr zu dem Rektor, an den er empfohlen war. Er wurde in das Empfangszimmer eingelassen, dessen Möbel ihm für die Wohnung eines höheren Beamten zu schlecht erschienen. Das mochte wohl daher kommen, daß der Staat einen zu niedrigen Gehalt an die Rektoren bezahle. Er sagte sich – was für ihn das Wichtige an der Sache war –, daß der Staat daran sehr unrecht tue und mit seiner pauvreté die Ausbreitung der Revolution offenbar in unsinnigster Weise unterstütze. Mittlerweile trat der Rektor ein; man verneigte sich gegenseitig, und der Rektor streckte Baron Frangart freundlich die Hand zum Gruße hin (diese Hand, stellte Baron Frangart in aller Ruhe fest, ist gottlob soeben gewaschen worden. Im Hotel hatte er nämlich nicht ohne Groll bemerkt, daß, wenigstens nach dem Frühstück, keine Wasserschale serviert wurde, ein Versehen, das im Jesuitenkloster nie vorgekommen war). Der Rektor sagte, es freue ihn sehr, Baron Frangart als Schüler zu bekommen; dieser erwiderte, es sei ihm eine besondere Ehre, in dem Rektor seinen künftigen Lehrer begrüßen zu dürfen. So spielte sich wenigstens der Anfang in jenen Formen ab, die Baron Frangart so ungern vermißte. Überhaupt stellte sich heraus, daß der Rektor weltmännische Bildung besaß und zu schätzen wußte. In der Art, wie er sich leise nach dem und jenem, nach Frangarts Verhältnissen, Absichten und Ansichten erkundigte, kam dies sehr gut zum Vorschein. Zur tiefen Befriedigung Frangarts, der, während er verbindlich-gemessene Antworten gab, sich erinnerte, daß ihm ein deutscher Bekannter im Jesuitencolleg die abschreckendsten Dinge über deutsche Professoren erzählt hatte. Dieser da schnupfte weder, noch trug er einen ungepflegten Bart; er sprach weder jovial, noch gelehrt und schwulstig. Leider sollte Baron Frangart sogleich noch einige Dinge hören, die er weder in einer Großstadt für ernst, noch seines Ranges für würdig halten konnte. Der Rektor fragte ihn nämlich, wo er zurzeit wohne. »Im Hotel soundso.« »Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie nach dem Sinn unsrer Satzungen als Primaner wohl nicht dauernd in einem Hotel wohnen dürfen.« »Entschuldigen Sie, daß ich das nicht recht begreife! Wenn ich irgendetwas vorhätte, was meiner Wohlerzogenheit eigentlich widerspräche, so wäre doch die Stadt groß genug, daß es niemand erführe. Und dann ist das ein altes Hotel, innerhalb dessen ein sehr empfindliches Publikum verkehrt.« »Ich bedaure sehr, es ist nun einmal Vorschrift, daß die Schüler privat wohnen.« – »Glauben Sie, Herr Rektor, daß ich in einem der Häuser an der Briennerstraße bei Privatleuten etwas mieten kann?« – »Ich weiß nicht, dort wohnen wohl größtenteils Leute, die nicht auf das Vermieten angewiesen sind. – Und dann, meinen Sie nicht, daß die Straße zu weit abseits von unserer Anstalt liegt?« – »Ich muß vielleicht einen Wagen nehmen ...« – Dann setzte der Rektor Baron Frangart auseinander, daß er sich zunächst einer Aufnahmeprüfung unterziehen müsse; ferner, als wichtige Bestimmung des Gymnasialstatuts, daß er, einmal Schüler der Anstalt geworden, bei Eintritt der Dunkelheit seine Wohnung aufzusuchen habe. Der junge Baron, der diese Information für eine bloße Formsache hielt, bemerkte lächelnd: »Aber hier in München scheint es ja immer dunkel zu sein.« – »Ja, ja,« nickte der Rektor, der ihn verstand, und sein Ton wurde ernster als bisher, ja beinahe schmerzlich: »Auch ich liebe den hellen Süden. Aber da nun Gott gewollt hat, daß wir jetzt hier sind, müssen wir uns zufrieden geben. Im Grunde lieben wir in Bayern alle das Südliche ... Wir sind römisch-katholisch.« Nach diesen liebenswürdigen Worten, die Baron Frangart dankbar hinnahm, schien es diesem an der Zeit, sich zu empfehlen. Die Aufnahmeprüfung, im Verlaufe deren sich die Professoren einig wurden: »daß das Wissen des Baron Frangart zwar stellenweise die bedauerlichsten Lücken aufweise, wofür aber die große Selbständigkeit und Reife seines Denkens einigermaßen entschädige, er somit in die Oberprima zuzulassen sei,« fand am andern Tage statt. Ein bezeichnender Zwischenfall erregte das Kopfschütteln der Prüfenden: Nach den bayrischen Königen gefragt, wußte er sie nur ungenau zu nennen, wandte sich aber mit der Frage an die Professoren, ob die bayrischen Könige der Bestätigung der französischen Republik bedürften. Die Professoren sahen sich einander hilflos an. »Nun, ich meine, weil das bayrische Königtum doch von Napoleon etabliert worden ist?« Durch Vermittlung des liebenswürdigen Rektors selbst bekam Baron Frangart übrigens eine Wohnung in der Briennerstraße bei zwei alten alleinstehenden adligen Damen. Er fand dort wenigstens äußerlich alles, was er von einer Wohnung verlangte: nämlich die vollkommenste Stille. Drei Tage später ließ er sich früh siebeneinviertel Uhr einen Wagen holen, hörte in der Frauenkirche wie gewöhnlich seine Messe und kam schlag acht Uhr, immer im Wagen, am Gymnasium an. Auf dem Rektoratszimmer wurde er einem Lehrer des Griechischen vorgestellt, der in der Oberprima die erste Unterrichtsstunde von acht bis neun Uhr zu erteilen hatte. Dieser führte ihn in das Klassenzimmer. * Die Schüler, ungefähr dreißig an der Zahl, erhoben sich beim Eintritt ihres Lehrers, teils nachlässig, teils aufmerksam, wie es eben in eines Jeden Art lag. Da entfuhr einem Schüler, der allein in der letzten Bank saß, ein hörbares »Ah!« des Erstaunens. Und jetzt richteten auch die weniger Aufmerksamen ihre Blicke nach den Eingetretenen. Diese waren bereits am Katheder angelangt. Der griechische Lehrer, ein alter Mann, bildete in seiner müden Haltung einen merkwürdigen Gegensatz zu Baron Frangart. Dieser stand gleichmütig neben ihm, in der reizvollen Zierlichkeit seiner etwas kleinen, aber eleganten Gestalt; seine Gesichtszüge waren während der letzten Jahre herber, schärfer und daher noch stolzer geworden. Die satte Bronze der weichen Haut seiner Wangen hatte sich in Chamfort nicht mehr verloren und bezeugte seine südliche Heimat. Die langen langen Wimpern beschatteten wie ehedem seine dunkeln Augen, die Strenge ihres Blickes mildernd. Nur die Haare waren nicht mehr gelockt; im linksseitigen Scheitel auseinandergekämmt, gaben sie eine edle Stirne bloß. Die geschwungenen Linien des Mundes erschienen bestimmter, und auch sie erhöhten den Stolz seiner scheuen verschlossenen Jugend. Natürlich war er glatt rasiert, sorgsam, ohne auch nur eine Spur der Haare zurückzulassen. – So stand er gleichmütig da und sah zuerst zerstreut über seine künftigen Mitschüler hinweg; sein Blick haftete sodann verloren auf dem letzten Fenster, vor dem sich hohe Bäume mit kahlen Ästen erhoben, vom Novembernebel bedeckt. Ach, wo blieb die strahlende Sonne, die zu diesem seltsamen Fremdling gehörte! wo die durchsichtige südliche Luft, die seinem jungen Körper lebendige Plastik verlieh! – Einsam und fremd stand er da. * »Entzückender Junge!« murmelte halblaut der Schüler auf der letzten Bank. Frangart schien es nicht zu hören; eben begann der griechische Lehrer: »Hier stelle ich Ihnen Fritz Freiherrn von Frangart vor, der neu in Ihre Klasse eingetreten ist ...« Der Vorgestellte verneigte sich. »Nur keine langen Reden vonwegen Freiherrn!« kam es halblaut aus der hintersten Bank. Der Lehrer verzog über dem Gemurmel ärgerlich seine Miene. Die Schüler kicherten leise. »Wollen Sie Sich setzen, Baron Frangart!« sagte der Lehrer. Der einzige noch freie Platz war in der letzten Bank neben dem Schüler, der sich die Zwischenrufe geleistet hatte. Dem Lehrer fiel in aller Eile ein, daß er diesen strafen könne. »Sie kommen neben Ludwig Schlagintweit, nicht gerade unsern schlechtesten, aber sicher unsern frechsten Schüler,« bemerkte er zu Frangart. Schlagintweit, den sie in der Klasse Bajazzo nannten, versteckte sein gutmütiges Gesicht mit den herzlichen spottlustigen Augen hinter dem Rücken seines Vormannes. »Das stimmt, Gott sei Dank!« flüsterte er. Die Schüler verbissen das Lachen. Baron Frangart nahm gleichmütig seinen Platz ein, nachdem er sich ein wenig vor Ludwig Schlagintweit verneigt hatte. Dieser sah ihm unbekümmert ins Gesicht: »Grüß Gott, guten Tag, habe die Ehre, Herr Baron Frangobald!« flüsterte er, während vorn ein Schüler aufgerufen worden war und »Platons Apologie des Sokrates« zu übersetzen sich bemühte. »Frangart,« korrigierte Fritz ruhig seinen Nachbarn, indem er die übrige Anrede ignorierte. Dieser rückte, da Frangart kein Buch mitgebracht hatte, das seine in die Mitte der Bank. Vorn rief eben ein grober Übersetzungsfehler einen zornigen Ausbruch des Lehrers hervor. Schlagintweit benützte den entstandenen Lärm, um seinen Nachbarn zu fragen: »Kennen Sie diese ›Phraseologie des Sokrates‹ schon?« Frangart nickte bejahend. »Können Sie überhaupt was im Griechischen?« forschte er weiter. Frangart zuckte die Achseln. »Dürfen schon reden, seien S' ganz unbesorgt! Er hört schlecht, der Herr Professor,« flüsterte Schlagintweit, der das frostige Benehmen Frangarts entweder nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte. Aber in diesem Augenblick sah der Professor doch warnend zu ihm her. Er erwiderte seinen Blick treuherzig. Dann aber bückte er sich wieder und murmelte zwischen den Zähnen: »Herr Professor, trauen S' Ihnen nicht, traun S' Ihnen nicht ... Sonst blamiere ich Sie wieder einmal, wenn mir griechische Konjekturen machen!« Die in der Nähe Sitzenden grinsten, auch Baron Frangart mußte lächeln; der Lehrer rief gerade einen andern Schüler auf. »Wissen S' was, Herr Baron,« setzte Schlagintweit die einseitige Unterhaltung fort, »alles können S' von mir abschreiben, nur in der Mathematik kann ich selber rein gar nichts. ›Schlagintweit, wieder Note vier, ungenügend, können nichts, werden nie etwas lernen in der Mathematik!‹« ahmte er den Mathematiklehrer nach. Der Vordermann wandte unvorsichtig den Kopf, um Schlagintweit seinen Beifall für die gelungene Imitation auszudrücken. In den hinteren Bänken entstand langsam eine allgemeine Unruhe. Schlagintweit rief dem Vordermann flüsternd zu: »Liebe dicke Mittelmäßigkeit, schau gefälligst nicht so, ich red nicht mit dir ... So, schön ruhig sitzen mit deinem breiten Rücken! ...« (Fast alle Spitznamen in der Klasse, auch die zurechtgewiesene »liebe dicke Mittelmäßigkeit«, waren von Schlagintweit erfunden und verbreitet worden.) Baron Frangart sah seinen lebhaften Nachbarn mit ruhiger Aufmerksamkeit von der Seite an. Dieser fühlte es, blickte ihm offen ins Gesicht und errötete in leichter Verlegenheit. Einige Minuten schwieg er. Aber dann hatte er es wieder vergessen oder er wollte doch noch einen Versuch machen, Baron Frangart aus seiner Ruhe zu bringen. »Oh mei', Drapologie des Sokrates!« begann er halblaut. Baron Frangart lächelte. »Können Sie auch stenographieren?« schrieb Schlagintweit jetzt an den Rand des Buches, da ihm der Lehrer eben den zweiten warnenden Blick zugeworfen hatte. »Nein,« nickte sein Nachbar; vorn ging die Übersetzung weiter. »Ja Herrschaft, ja Sie armer Mensch, das müssen S' lernen! ...« knurrte Schlagintweit zwischen den Zähnen und machte ein aufrichtig betrübtes Gesicht. Da geschah etwas Merkwürdiges: Baron Frangart, der die vertraulichen Worte seines Nachbarn mit einer Mischung von Indignation, Kopfschütteln und Belustigung schweigend angehört hatte, sah diesen wieder von der Seite an und bemerkte die komische Betrübtheit seines Ausdruckes. Da verlor er seine Fassung und fing ohne Überlegung zu lachen an. Schlagintweit und die Mitschüler erschraken zuerst. Aber Frangarts Lachen (er hatte es nie geübt und also, wie es ihm angeboren war, erhalten) klang so vollkommen heiter in den still gewordenen Schulraum hinein, daß alle angesteckt wurden, auch der erschrockene Schlagintweit und schließlich der entrüstete Lehrer, und in schallendes Gelächter ausbrachen. Frangart hörte zuerst auf; das allgemeine Echo gab ihm seine Fassung wieder, und Schamröte, gleich als ob Lachen für ihn Unrecht wäre, überzog sein Gesicht; überdies fiel ihm jetzt ein, daß er Schlagintweit mit diesem Lachen verraten hatte. »Entschuldigen Sie gütigst!« sagte er zu ihm. »Ach Unsinn, was entschuldigen, das tut mir nichts.« Der Vorfall endigte damit, daß Schlagintweit eine Strafaufgabe zudiktiert wurde, nämlich einige Seiten aus der Apologie des Sokrates schriftlich zu übersetzen. Dies also war der Anfang der großen Freundschaft, die Ludwig Schlagintweit für Baron Frangart in der Folge empfand, und auch der Anfang der ruhigen, aber immerhin unleugbaren Sympathie, die dieser wenigstens zuweilen für Schlagintweit bezeigte. * Um es vorneweg zu sagen: wenn alle Gefälligkeiten, die Ludwig Schlagintweit, Sohn eines pensionierten Briefträgers, Fritz Freiherrn von Frangart unaufgefordert erwies; wenn alle rührenden Züge freundschaftlicher Besorgtheit, die an diesem herzlichen jungen Menschen während der Zeit ihres Beisammenseins hervortraten; wenn alle Grade des Gefühls, zu denen sich seine Zuneigung verstieg; wenn einem das alles auf einmal gegenwärtig sein könnte, und man vergliche hiermit jene monotone, jederzeit beherrschte Sympathie, mit der Baron Frangart, zuweilen bei sich selbst, seltener schon mit freundlichen Blicken, mit Worten vollends nur dann und wann, stets aber sehr kärglich Ludwig Schlagintweit dankte, – so möchte man wiederum mit einem Vergleich sagen, daß der mit einem goldenen Kelch beschenkte einen irdenen Krug als Gegengeschenk gegeben habe. Aber so einfach ist die Rechnung nicht. Man muß bedenken, wie ganz von selbst der Eine aus sich herausging, wie er mit seinem allzeit offenen Herzen durch die Welt zog, gleichsam Gott nacheifernd, der die Sonne über Gerechte und Ungerechte ohne Auslese scheinen läßt, wohingegen der Andere, zur Unterscheidung und Distinktion geboren und erzogen, Herzlichkeit im allgemeinen fast als Schmutz empfand, »weil in ihr die Schranken fallen und alles durcheinanderfließt«; den verborgenen Reichtum seines Herzens, gemäß dem Ratschluß Gottes, bei sich behalten mußte und vielleicht so schwer daran trug wie ein Baum an überreifen Äpfeln, die nicht abgeschüttelt werden. Und überhaupt ist in Dingen des Gefühls alles Urteilen ungerecht. Dies war der Gedankengang, auf dem sich Ludwig Schlagintweit während seiner Freundschaft für Baron Frangart und auch lange nachher noch tröstete ... Schon am ersten Tage bat er Baron Frangart, ihn mittags nach Haus begleiten zu dürfen. Auf dem Wege gab er ihm Aufschluß über die einzelnen Mitschüler, einerseits um ihn zu warnen, andererseits um ihm zu zeigen, wem er vertrauen dürfe. »Ich will niemand vertrauen und niemand mißtrauen, ich brauche das nicht.« – »Und trotzdem müssen Sie Sich vor dem Einen oder Andern in acht nehmen. Warum sollen Sie Sich denn Scherereien machen?« – »Warum wollen Sie denn, daß ich mir keine mache? – Sie haben doch auch solche durchgemacht, sonst wüßten Sie ja nichts davon.« »Warum ist wurscht, Baron Frangart, warum tut nichts zur Sache. Ich will Ihnen nur sagen, daß der dicke Vordermann vor uns, Hans Gabler, zwar eine Mittelmäßigkeit, aber auch ein windiger Schuft ist. Und daß der Andere neben ihm, der künftige Leutnant Groß, an Beschränktheit von niemand übertroffen wird. Aber ehrlich ist er bis auf die Knochen, ich sage Ihnen, mich freut jedes Wort an ihm, so gerad und unüberlegt redet er heraus. Und die zwei sind Freunde, ganz unglaublich. – Dann in der dreisitzigen Bank rechts von uns: Müller, Meier und Huber; die sind nur da, weil ohne sie die Bank leer stände. Tun keinem was Unrechtes und keinem was Rechtes. Saufen am meisten Bier und tarocken fabelhaft. Staatsbürger, einfach Staatsbürger, Baron Frangart; der eine wird Geometer, der andre Ingenieur und der dritte Architekt, also höhere Handwerker. Wieder in der Bank vor ihnen: Mehlmann, dessen Verstand mit Schimmel überzogenes Mehl ist; er eignet sich glänzend zum Juristen. Der kleine Silberstein – wie schon der Name sagt – der ängstlichste Mensch, den ich kenne; traut sich nichts zu lernen, weil er fürchtet, als Streber dazustehen; zahlt immer Bier, um seine sparsame Rasse zu verleugnen, na, einfach, feig. Aber trotzdem nicht ganz zu verachten. Am Ende dieser Bank ein brutaler Schmierfink. Bitte, geben Sie ihm nie die Hand! Er verdient sie nicht, Herr Baron. Hat auf dem Eis ein Mädchen irgendwie besoffen gemacht und ist mit ihr hinter die Hirschau hinausspaziert. Damals wenn ich nicht aufgepaßt hätte, – ach, die billigen Mittel von dem Kerl! Er wird Ihnen sagen, daß Sie Sich vor dem indiskreten Schlagintweit hüten sollen; ich bin nämlich zu den Zweien hin und dem armen Ding bin ich erst an ihrem Haus von der Seite gegangen. Gerettet ... Schwamm drüber. Die zweite zweisitzige Bank vor uns, die müssen Sie Sich merken: Der Eine hat ein Lachen, daß einem das Herz aufgeht, und es soll erwachsene Damen geben, die für ihn schwärmen: sagt nichts gegen ihn, er wird Benediktiner. Und ein guter, das weiß Gott ... Der neben ihm hinkt und stinkt vor Bosheit. Keine mag ihn, er möchte sie alle. 's ist ja wahr: der größte Teil von unserer ganzen Bande kann kein weibliches Wesen mehr anders ansehen, – aber der, der notzüchtigt sie mit seinem Gegaff. Dabei schüchtern, winselt fortwährend um Mitleid. Verdrückt und verlogen. Aber, aber feine deutsche Aufsätze! So was von Sprachgefühl; vielleicht müssen manche Menschen gemein sein, damit ihr Geist ungemein wird. – Dann in der ganzen Fünferreihe vor diesen fünf: fünf Prachtstaatsbürger, die zufällig nicht Müller heißen. Unnütze Mühe, sich ihre albernen Namen zu merken, einer ist wie der andere. Gut bin ich jedem, aber wem bin ich denn nicht gut! Sogar dem kleinen Groll weiter vorn, der schon seit seiner Geburt schläft. Soll weiter schlafen, angenehme Ruh! Nicht wahr, Herr Baron? Man könnte dieses runde bambino bemitleiden; vom Eis das schönste Mädchen ist ihm gut gewesen, hat es aber rein verschlafen.« Baron Frangart legte ihm belustigt die Hand auf die Schulter, zog sie aber sogleich zurück: »Und wie ist es mit Ihnen selbst?« – »Richtig, das hätt' ich beinahe vergessen! Also ich will Ihnen sagen: ich bin alles, nur nicht loyal. Republikaner, Demokrat, Sozialist, Anarchist. Natürlich keines von allen, aber solche Anfälle kann man kriegen, wenn man so hineinsieht wie ich. Seien Sie froh, Baron Frangart, daß Sie die Welt nicht kennen. Wie Sie sagen, Sie brauchen das nicht. Aber ich brauche das, weil ich dummerweise die Menschen gern hab'. Auch die Aristokraten, wenn ich darf ... Pardon, das war wieder so unvornehm direkt, – also das bin ich auch. Dann bin ich etwas älter als die anderen: erstens, weil ich mehr gesehen habe; zweitens, weil mein Vater in Anbetracht seiner kindischen Pension zu spät bemerkt hat, welche unaussprechlichen namenlosen maßlosen Talente in mir schlummern ... Lachen Sie doch ein wenig, Baron Frangart, nur ein wenig! ... Nicht? nun dann nicht ... Mein Vater hat diese Talente zu spät bemerkt und mich erst mit vierzehn Jahren aufs Gymnasium geschickt. Vierzehn und neun macht dreiundzwanzig. Also das bin ich; was sonst noch, fällt mir jetzt gerade nicht ein.« »Erzählen Sie mir wieder von den anderen, bitte – es war so amüsant!« – »Ach, amüsant, na ja, ich bin eben doch ein Bajazzo, wie die andern sagen. Sie glauben das auch, Herr Baron?« »Ich glaube nie etwas ›auch‹ ...« »Wenn Sie es sagen, wird es wahr sein. Und ich mag das, ich verehre das, ich liebe die outsider ... Outsider stehen am Anfang und am Ende einer jeden Welt, oder hören Sie unsern lateinischen Professor: Solitudo est mater omnium malorum – oh weh, so heißt es nicht, will sagen: Stultitia est mater usw. –.« Und Schlagintweit erzählte Baron Frangart von den andern Mitschülern: von den zwei jüdischen Vettern Eichhorn, die alle beide so unangenehm praktisch, aber sehr »gent« waren; von dem künftigen Mediziner Graßmann, der schon als Junge in sexueller Freude die Schmetterlinge quälte und für den Beruf eines Frauen- und Nervenarztes also alle wünschenswerte Begabung mitbrachte; von dem notleidenden Jehle, der seine Mutter durch Lektionengeben ernährte, aber ein Neidhammel war und nicht sehen konnte, daß es andern gut ging. Von vier weiteren Staatsbürgern, die alle für einen Assessor oder Richter oder sonstigen Juristen nötige Weltfremdheit inklusive Mangel an Einsicht und Überfluß an schwammiger Bourgeoisie besaßen, also von in ihrer Art natürlich ehrbaren Leuten. Von einem, der an eine verborgene Individualität in sich glaubte, und da man diese in einem privaten Landerziehungsheim nicht hatte entdecken können, nun doch lieber in einer staatlichen Anstalt auf ihre Entdeckung hoffte. Von dem quasi Dandy Wörner, der alle Schülerinnen der Töchterschule mit dem Vornamen ansprechen durfte, weil sie blöd genug waren, die Vornamen für den Anblick seines Schnurrbartes herauszugeben; von einem Burschen also, der mit solchen Errungenschaften eine Zeitlang sein Staatsbürgertum zu beschönigen hoffte. Und von einem Dutzend »anderer Lausbuben«, die mit der Zeit ihrem Brotinstinkt gemäß ihre Krippe schon finden konnten: der Eine beim Militär mittels reicher Partie, der Andere mittels sonst einer vierprozentigen Bürgerstochter ... »Aber schließlich, noch gehen sie an, für Sie freilich nicht mehr, Herr Baron, aber für mich. Nun, das heißt, auch nicht immer; aber wenn mich einer um etwas bittet, schlage ich es ihm nie ab ... Weil ich nicht kann. Sehn Sie, da haben wir noch einen Fehler von mir, grad zum Schluß; ich kann nicht anders, ich muß auf alle Bitten ja sagen. Herrgott, bin ich dumm!« Sie waren an dem Hotel angekommen, wo Baron Frangart seine Mahlzeiten einnahm. Er sah müde aus, als er sich von Schlagintweit, der ihm die Hand hatte geben wollen, mit leichter Verbeugung trennte. »Sagen Sie, Baron, wollen Sie vielleicht nachmittags lieber zu Haus bleiben?« – »Ja, geht denn das?« – »Das machen wir einfach so: Ich habe Sie nach Haus begleitet, es ist Ihnen schlecht geworden, Sie werden diesen Nachmittag wohl nicht kommen. So werde ich in der Schule sagen. Lassen Sie mich nur machen, auf meine Verantwortung. Für einen Nachmittag, das ist das Gute, brauchen wir kein ärztliches Zeugnis. Also, Sie kommen heute nachmittag nicht?« – »Nein; ich danke Ihnen, Herr Schlagintweit.« – »Auf Wiedersehen morgen!« – »Guten Tag.« Baron Frangart aß im Restaurant des Hotels, wo außer ihm sehr wenig Menschen speisten. Um drei Uhr, als er es verließ, um dank der Güte Schlagintweits spazieren zu gehen, senkten sich bereits wieder die schweren grauen Nebel über die Straßen. Verstimmt rief er einen Wagen heran und fuhr sofort nach Hause. Dort warf er sich in ein Fauteuil und blieb bewegungslos stundenlang sitzen. Seine Gedanken waren nicht zu enträtseln; und vielleicht dachte er nichts, sondern »genügte sich einfach selbst«. Abends ging er in ein Konzert. Aber da eine Dame im Reformkleid den Platz neben ihm innehatte, eine Dame, der er schon ansah, daß sie mit ihrem »zuckenden Ich, ihrer modernen Seele, ihren ringenden Gefühlen« (Ausdrücken, die er mit Schaudern in dem Buche einer Emanzipierten gelesen hatte) seinen eventuellen Genuß stören würde, entlief er noch vor Anfang des Konzerts. Er fuhr nach eingenommenem Diner gleich wieder heim, setzte sich wieder in das Fauteuil und träumte ... * Baron Frangart trat, wie zu erwarten war, mit keinem seiner Mitschüler in Verkehr. Diese hier liebten ihn auch keineswegs, wie etwa vorher die adeligen Zöglinge des Jesuitencollegs ihn geliebt hatten; sondern zum Teil beneideten sie ihn wegen seines Reichtums, zum Teil wegen seiner Freiheit und wegen seiner Schönheit; wegen dieser vielleicht am meisten, obwohl er, in der Sprache der alten Weiber zu reden, keinen Gebrauch davon machte. Wenigstens wurde er während der sieben Monate, die er in Oberprima zubrachte, nie mit einem Mädchen gesehen. Ein paarmal war er in Begleitung Schlagintweits auf dem Kleinhesseloher See Schlittschuh gelaufen. Es belustigte ihn eine Zeitlang, wie die jungen Mädchen aus guten Familien, welche ja seine Kameraden vom Tanzkurs her kannten, sich ihm bemerkbar machen wollten; wie sie gerade in seiner Nähe alle Figuren liefen, damit die Röcke hochflogen und er ihre Waden betrachten konnte. Aber bald ekelte ihn davor und er blieb für immer aus. Ein einziges Mal hatte er auch versucht, die Gesellschaft seiner Mitschüler auf der sogenannten Absolventenkneipe zu genießen. Schlagintweit saß an seiner Seite und konnte bezeugen, von welcher Höhe der Verachtung aus sein schweigender Blick dieses Treiben ablehnte. Es war ihm schon ganz unbegreiflich, wozu denn die sogenannten Chargierten immer mit ihren ungeschliffenen Schlägern auf den Tisch schlugen; noch mehr erbitterte ihn der angebliche Gesang der Cantusse; in grenzenlosem Ekel aber erhob er sich, als sie bei dem traurigen Fiducit der »Exkneipe« sich Ochsenmaulsalat bringen ließen, diesen ganz sans façon hinunteraßen, gewaltig hineintranken und dann wirr durcheinander zu gröhlen anfingen: »ein Prosit, ein Prosit, der Gemü... a... a... t... lich... kei... eit ...!« Zwei wollten ihn bei seinem Weggehen anpöbeln; da er vor Ekel überhaupt nicht antworten konnte und wollte, belehrte Schlagintweit die zwei Schreihälse eines Besseren. Schließlich rollte das schläfrige runde bambino Groll betrunken unter sie hinein, und ein allseitiges Gelächter der Begeisterung erscholl, währenddessen Schlagintweit ruhig Baron Frangart folgen konnte. Zwei Tage blieb Baron Frangart nach diesem »Fiducit« zu Hause liegen; es wäre ihm unmöglich gewesen, unter diese Gesellschaft hineinzutreten. Der Arzt verschrieb ihm Beruhigungsmittel, die Ludwig Schlagintweit entschlossen zum Fenster hinaus goß. »So ein Trottel! ... Ihnen Beruhigungsmittel zu verschreiben. Ihnen, Baron Frangart! Er soll lieber sich und andere Saufbrüder beruhigen!« Die Gesellschaft Schlagintweits ertrug Fritz Frangart wie die eines lustigen treuen Dieners. Seine Ergebenheit hatte in der Tat etwas Rührendes. Eine Woche nach jener Kneipe kam er freudestrahlend zu Frangart: »Die Weltordnung ist umgangen, meine Illoyalität hat gesiegt!« – »Bitte?« – »Ich habe einen mir bekannten jungen Arzt wiederentdeckt, der Ihnen jederzeit alle nur gewünschten Schulkrankheiten bestätigt.« Frangart benutzte die Liebenswürdigkeit dieses Arztes ausgiebig: Im Januar und Februar saß er wochenlang zu Hause. Schlagintweit, der allein ihn besuchen durfte, kam gegen Abend und nahm mit ihm in einer knappen Viertelstunde alles durch, was der ganze Tag zu lernen gebracht hatte. Die schriftlichen Probearbeiten in der Schule schrieb er auf Drängen Schlagintweits von diesem voll und ganz ab; dieser schmierte dann in seine eigene Arbeit eiligst noch einige Fehler, um einen Unterschied herzustellen und den Professoren den Nachweis des Abschreibens zu erschweren. Schließlich duldete Schlagintweit nicht mehr, daß Frangart die häuslichen Arbeiten selbst anfertigte. »Herr Baron, das hat doch für Sie keinen Sinn mehr; daran sterben Sie ja vor Langeweile,« konstatierte er und kam von nun ab jeden Tag punkt sieben Uhr in die Wohnung Frangarts, worauf dieser die Aufgaben abschrieb. Das war natürlich auch in einer Viertelstunde geschehen. Frangart fuhr dann wie immer zur Frauenkirche in die Messe, wohin ihn jedoch Schlagintweit nie begleitete. Da aber Frangart sich nicht bemüßigt fühlte, es auch für formlos gehalten hätte, nach der Weltanschauung eines andern zu fragen, kam es darüber nie zu einer Auseinandersetzung. Diese vollkommene Schweigsamkeit des Baron Frangart über sein eigenes Wesen, über seine Anschauungen tat Schlagintweit weh. Wenn er im Bette lag und nachsann, welche Gefälligkeiten er morgen Baron Frangart erweisen konnte, träumte er manchmal davon, daß ein Mal, ach, nur ein einziges Mal dieser sein Herz öffnen würde. Er dachte es sich so schön, wenn sie sich dann gegenseitig ihre Ideen klarlegen würden, er würde die Hand um Baron Frangart legen ... Oh nein, er wußte schon, daß er dies nie wagen dürfte, daß jener sich nie eröffnen, auch nie eine freundschaftliche Vertraulichkeit gestatten würde. Frangart seinerseits, wenn er über Schlagintweit (was sehr selten geschah) nachsann, formulierte seine Sympathie für diesen Menschen so: »Er hat noch den Takt der alten Leute aus dem Volke, er verlangt keine Aufklärungen, keine Gründe von den Menschen, die er verehrt.« Und so erriet er die Sehnsucht des armen Schlagintweit nicht, weil sie ihm selber fehlte. In der warmen Heiterkeit aber, die von diesem Menschen ausging, sonnte er sich mit einer gewissen trägen und selbstverständlichen Ruhe, wie vor Jahren, an die Schloßmauer von Frangart gelehnt, in der lachenden Sonne des Südens ... * In den Osterferien lud Baron Frangart den treuen Schlagintweit ein, mit ihm nach Brixen zu reisen und dort eine Woche zu bleiben. Er sehnte sich nach südlicher Sonne, wollte aber nicht bis nach Bozen und Sigmundskron fahren, da er keine Lust verspürte, seine Heimat wiederzusehen, so gerne Schlagintweit gerade dieses gewollt hätte. In Brixen übertraf sich Baron Frangart gleichsam selbst in der unerschütterlichen Trägheit, mit der er sich in die Sonne stellte und acht Tage lang schwieg. Schlagintweit war unglücklich während dieser Zeit; nie mußte er stärker empfinden, wie wenig er dem verborgenen Wesen Frangarts nahe kommen konnte. In seiner Trauer vergaß er darauf, die Schönheit des Landes zu genießen. Er war froh, als sie wieder zurückfuhren, wo er überdies den Vater eines seiner Schüler – denn er lebte von seinen Lektionen und erhöhte so den Pensionsbezug seines Vaters – ob seiner Abreise grollend zurückgelassen hatte. Gerade die Osterferien hatte dieser für die beste Zeit gehalten, die Lücken im Wissen seines Sohnes durch den Instruktor auszufüllen. Er sah sich denn auch bald um jemand andern um. Von diesen Dingen erfuhr übrigens Baron Frangart keine Silbe. Der junge Baron ging um diese Zeit, halb aus Neugierde, halb aus konventionellem Zwang, etliche Male zu den Tees und andern gesellschaftlichen Veranstaltungen einiger adeliger Familien, an die man ihn liebenswürdig empfohlen hatte. Aber bald unterließ er es wieder: bei den einen sah er sich mit Künstlern und Literaten zusammen eingeladen, die unter dem Beifall der Hauswirte ihre modernen und billigen Phrasen von neuen Wegen zur Kultur kommentierten, aber für Fritz Frangart durch ihr ganzes gesellschaftliches Benehmen hinlänglich bewiesen, daß sie die wohl bewährten alten Wege zur Kultur noch nicht gegangen waren. Seiner Ansicht nach wurden sie der hohen Bedeutung, die man sogar in alten Familien ihrer Anwesenheit beimaß, nicht im geringsten gerecht, um so mehr aber dem Teegebäck, dem kalten Büfett, oder am meisten dem Abendessen, wenn es ein solches gab: ihr unanständiger Heißhunger paßte durchaus zu dem Bild, das sich Baron Frangart von ihrer neuen Kultur machte. Wenn aber etwa in diesen Gesellschaften Wein getrunken wurde oder gar Sekt, so unterschieden sich die Gäste nur in der Qualität des Getränkes, aber keineswegs in ihren Sitten von seinen kneipenden Mitschülern; höchstens noch darin, daß, was dort »Gemü...a...a...t...lichkei...eit« genannt wurde, hier als »Originelle Viecherei« oder gar als »dionysischer Taumel« der Gemüter galt. In andern Kreisen hinwiederum, die zwar in den Formen immer noch strenger und genauer lebten, bemerkte er mit Mißvergnügen, daß sich alle Männer ohne Ausnahme und sogar die meisten Frauen offenbar viel mit Politik beschäftigten. Er aber empfand Politik, wie sie heute getrieben wird, als eine Degradierung; so zog er sich also auch aus diesen Kreisen zurück. * Von den stets willig-gelieferten Krankheitsbestätigungen des erwähnten Arztes bezog Fritz Frangart in den Monaten Mai und Juni eine reichliche Anzahl. So konnte er sich unbehindert seiner Ruhe hingeben. Ein paar Tage vor der Maturitätsprüfung, also in der zweiten Hälfte des Juni, ereignete sich indessen ein Vorfall, der ihn in unangenehmer Weise aufstörte. Er hatte von seinen Mitschülern ja nach jener Kneipe niemals mehr Notiz genommen und war somit allerdings der Mühe enthoben, sich an ihre von Schlagintweit gegebenen Charakteristiken zu erinnern. Aber da die jungen Leute die Bevorzugung Schlagintweits nicht ohne Neid sehen konnten und dieser selbst auch wegen seiner Spottlust heimliche Feinde genug hatte, bildete sich unliebsames Gerede über ihre Beziehungen. Die große Ergebenheit des einen gegen den andern war ja allen bekannt. So sagte man denn, daß sich der schöne Baron Frangart den Schlagintweit als Diener, ja »Haustier« halte und ihn dafür hoffentlich und jedenfalls anständig bezahle. Als er nun eines Morgens in das Klassenzimmer eintrat und mit den Augen den noch abwesenden Schlagintweit suchte, flüsterte die dicke »Mittelmäßigkeit« einem Mitschüler einige Worte zu, die Anspielungen der erwähnten Art enthielten. Baron Frangart hörte es, ohne es zu wollen. Daher ging er mit der sicheren Ruhe, die ihm eigen war, zu der »Mittelmäßigkeit« hin und ersuchte, verbindlich lächelnd, aber nicht ohne leise Drohung in seinen dunkeln Augen, um Aufklärung. Die »Mittelmäßigkeit« erschrak heftig und ihr bourgeoises Fett (mit Schlagintweits Worten zu reden) wackelte. »Herr Baron, das sage nicht ich, das habe ich nur gehört. Man hat mir erzählt, daß Schlagintweit seine Schüler und sein Einkommen vernachlässigt, weil er die freie Zeit jetzt meistens bei Ihnen zubringt.« Baron Frangart sah den ängstlichen Stotterer an wie eine Kröte und wandte sich ab. Das Gerede war sehr ekelhaft, aber er nahm sich vor, Schlagintweit kein Wort davon zu sagen, ihn hingegen, wie es gerecht war, auf irgendeine Weise zu entschädigen. Baron Frangart hätte ja mit Leichtigkeit, ohne es zu verspüren, die Familie Schlagintweit über die groben Sorgen des Tages hinausheben können. Es war nicht Geiz, was ihn davon abhielt. Aber es gehörte zu seinen Überzeugungen, daß die Armut von Gott gewollt und zur Erhaltung des überlieferten Standes der menschlichen Dinge nützlich sei, sie beheben zu wollen somit auch einen Akt der Revolution begehen hieße. Es hatten schon genug Verschiebungen in der menschlichen Gesellschaft stattgefunden, im Laufe des letzten Jahrhunderts ... Mit solchen Ansichten verband Baron Frangart auch einige merkwürdige äußere Gewohnheiten, zum Beispiel, daß er nie ein anderes Licht in seinem Zimmer duldete als das von Wachskerzen. Niemals in seinem Leben benützte er das Telephon: es war ihm eine »zu junge Einrichtung«. Statt eine Zeitung zu lesen, ließ er sich von Schlagintweit allmonatlich die Reihe der nackten Ereignisse der Zeit auf einem kleinen Zettel zusammenschreiben. (Dieser, der »alles war, nur nicht loyal«, konnte nicht umhin, sich dabei manchen Scherz zu erlauben. Einmal schrieb er: Der Papst hat den Vatikan an einen Amerikaner verkauft und ist nach Berlin verzogen. Ein andermal: Der internationale Delegiertentag der Sozialdemokratie hat die Rethronisierung der Bourbonen auf sein Programm gesetzt. Oder: Gestern haben sich alle Pariser Anarchisten auf der Place de la Concorde freiwillig verbrannt. – Mit diesen Scherzen wollte er Baron Frangart zu einer Diskussion verleiten, was ihm aber nicht gelang.) Automobil fuhr Baron Frangart nie: »man soll nicht in seinen alten Tagen einen so neuen Sport anfangen«. Die Versuche der Luftschiffer vollends hielt er für ein Verbrechen und fand es in Ordnung, daß soviele dieser Leute tödlich verunglückten. Übrigens, behauptete Baron Frangart, hätten die Chinesen alle diese Neuerungen schon vor längster Zeit besessen, sie aber durch den Machtspruch des Gesetzes wieder abgeschafft; denn sie hätten ersichtlich nicht zur Hebung des Glückes und der menschlichen Gesellschaft überhaupt beigetragen. Inzwischen stellte die Neuzeit, ja die allernächste Gegenwart eine nüchterne unumstößliche Forderung an Baron Frangart: nämlich, die Maturitätsprüfung zu machen. – Im Lateinischen, Griechischen und Französischen ging alles glatt, in der Religion ausgezeichnet, zur Freude seines Religionslehrers, den er selbst hochschätzte. Zweierlei aber stand ihm noch bevor: das Deutsche und die Mathematik. In der Mathematik rechnete er gelassen mit der allerletzten Note. Das Deutsche mußte ihm erhebliche Schwierigkeiten machen, wenn sich das Thema etwa auf die Geschichte bezog, in deren Studium er konsequent alles, was ihm nicht gefiel, ignoriert hatte. Nun bestand das deutsche Thema in jenem Satz des antirevolutionären, von Frangart über alles verehrten Goethe: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.« Baron Frangart lieferte eine nur leise verhüllte »Begründung der Tradition in jedem Betrachte«, der Privilegien, sowie aller von Gott gewollten und historisch bewährten menschlichen Institutionen. Sein Aufsatz geriet wirklich sehr gut, und es war schade, daß ihn nur der deutsche Professor, nicht aber Schlagintweit zu Gesicht bekam; er hätte daraus doch einiges zum Verständnis seines Frangart gelernt. Schlagintweit selbst gab zwei Bearbeitungen des Themas ein: Auf die eine schrieb er in Klammern: »Wie das Thema von einem Abiturienten behandelt werden muß.« Diese Bearbeitung war in der Form der edlen Chri abgefaßt und enthielt alles Wünschenswerte. Auf die andere schrieb er: »Wie das Thema von einem Menschen behandelt wird.« Hierin setzte er ironisch auseinander, daß ihm, mangels eines materiellen väterlichen Erbes, für den Satz, soweit er materiell gemeint sei, eigentlich jede Erfahrung fehle; daß er jedoch seinen eventuellen Nachkommen, vorausgesetzt, daß sie wenigstens etwas erbten, die Worte Goethes unermüdlich einbläuen werde. Dazu fügte er eine lächerliche Betrachtung über mögliche Widersprüche, die er zwischen dem Ideal der reinen Humanität (»d.i. Menschlichkeit!«) und dem der Tradition späterhin möglicherweise ent- und aufdecken werde. Diese zweite Bearbeitung, von der er mit dem Wunsch, Frangart zu einer Gegenrede zu reizen, diesem erzählte, aber nicht mehr als ein Lächeln zur Antwort bekam, trug Schlagintweit in letzter Stunde eine Karzerstrafe ein. * Solchermaßen waren nun doch eine Zeitlang über die alte Mauer der Ruhe, von der umgeben Baron Fritz Frangart dahinlebte, die unruhigen Eidechsen der Heiterkeit geklettert, die der gute Bajazzo dorthin jagte; und Baron Frangart jagte sie nicht weg. Aber dem Bajazzo selbst öffneten sich die Mauern nicht. In dunkeln Nächten stand er manchmal leise schluchzend davor. Unerhört verhallte sein Schluchzen, und das Salz seiner Tränen konnte der Mauer so wenig anhaben, wie die zartfüßigen Eidechsen seiner Heiterkeit. – Ein solcher Bajazzo wie Schlagintweit hat ein schweres Los auf Erden: freilich darf er seine Späße auch dort aufführen, wo sich andre keine lustige Miene mehr getrauen, geschweige denn ein Wort. Aber das ist auch alles. Er muß froh sein, wenn er nicht mißverstanden wird; wenn ihn die andern nicht mit einem Allerweltshallodri verwechseln und ihm Pfennige hinwerfen, während er mit dem goldenen Klingebeutel seines Herzens Liebe einsammeln will. – Das nun brauchte Schlagintweit von Baron Frangart nicht zu befürchten; aber Liebe gab ihm dieser auch nicht, konnte sie ihm nicht geben ... Oh über die süßen Schmerzen der Freundschaft! Oh unbelohnte Liebe! Oh Schrei der Sehnsucht, der ohne Echo verhallt! Oh verlorene, verlorene, verlorene Jugend! ... »Ein schweigsamer Mensch ohne Echo zu sein, wie Baron Frangart, ist aber auch keine Kleinigkeit!« dachte sich Schlagintweit, zog sein Herz aus der Brust und wischte sich die Tränen damit ab. Drittes Buch ... for thou hast been As one, in suffering all, that suffers nothing (Denn Du bist, während Du alles zu leiden hattest, gewesen wie Einer, dem nichts widerfuhr.) Hamlet, dem Horatio zur Leichenrede Eine ergebnislose Berufswahl »Reif also wären wir jetzt!« rief Schlagintweit lachend, als er am 14. Juli des Jahres 19.., kurz vor Mittag, bei Baron Frangart eintrat, um diesem, da er sich zur Abschiedsfeier und letzten Verteilung der Zensuren krank gemeldet hatte, das Maturitätszeugnis zu überbringen. »Die Frage ist nur, wozu!« erwiderte Frangart gelassen. – »Was mich betrifft, so weiß ich das noch nicht, da studiere ich halt einstweilen Philosophie, das ist für alle Fakultäten Vorschrift: acht Kollegien Philosophie, achtmal sechzehn Mark pro Kolleg macht um einhundertvierundzwanzig Mark Philosophie, die mir der Staat gratis verzapft von wegen Dürftigkeitszeugnis ... Aber was Sie studieren sollten, weiß ich wirklich nicht, Baron, womöglich etwas, wo's wenig Worte zu machen gibt ...« – »Also jedenfalls nicht Philosophie!« erwiderte Frangart. Dann erzählte er Schlagintweit, daß er nach dem Willen zweier seliger Verwandten, seiner Mutter und des Marquis Choiseul, entweder Geistlicher werden oder in die deutsche Armee eintreten solle. Schlagintweit lachte: »Ausgezeichnet, läßt sich beides vereinigen, werden Sie einfach Militärgeistlicher!« Als er aber sah, daß Baron Frangart sehr ernst vor sich hinstarrte, setzte er hinzu: »Oh entschuldigen Sie vielmals!« Frangart hatte in diesen Tagen mit besten Glückwünschen zur bestandenen Prüfung zwei Schreiben bekommen, eins von seinem österreichischen Vormund und das andere von einem Ordensgenossen Miévilles (dieser selbst weilte gerade bei den Trappisten und durfte also ohne Verletzung der Hausregel keine Briefe schreiben). Man machte ihm darin Mitteilungen vom Stand seines Besitzes. Auf Frangart war alles unverändert, jedoch hatte man, da der Baron es nicht bewohnen zu wollen schien, die Dienstboten bis auf zwei entlassen. Die Verwaltung des Schlosses machte nur geringe Kosten, die von den Zinsen der Stiftung Miévilles hinlänglich bestritten werden konnten (eine Stiftung, welche Frangart, sobald er majorenn geworden wäre, abzulehnen gedachte). Choiseul und Riom hatten, durch Vermittlung einer jesuitischen Genossenschaft in Clermont-Ferrand, ihren Käufer gefunden. Die Vormundschaft hatte diesem Verkauf, wie sie erklärte, mit vielem Recht zugestimmt, weil bei den jetzigen agrarischen Verhältnissen in Frankreich die toten Liegenschaften wenig Erträgnis versprachen. Die von Marquis Choiseul eingerichteten landwirtschaftlich-industriellen Betriebe in umfassender Weise fortzuführen, habe sich für die Vormundschaft als eine zu schwere und zu kostspielige Aufgabe erwiesen. – Die Kaufsumme war beträchtlich und ihre Zinsen, zusammen mit denen des von Marquis Choiseul hinterlassenen beweglichen Kapitals, garantierten Baron Frangart eine sehr hohe Rente. Die aus französischer Hinterlassenschaft geflossenen Kapitalien waren teils beim französischen »Crédit Foncier« angelegt, dessen Directeur-Trésorier, Monsieur Depagne, Marquis Choiseul nahegestanden und ihn stets in ehrlichster Weise beraten hatte, teils in der besten englischen Bank. Die Vormundschaft schrieb, sie habe sich auch dazu berechtigt gehalten, angesichts des niederen Standes aller österreichischen Staatspapiere; auch könne sie keine Steuerhinterziehung darin erblicken, daß diese Kapitalien im Ausland verblieben; denn wenn Choiseul und Riom nicht verkauft worden wären, hätte man diese Güter ja auch in Frankreich versteuern müssen. Was endlich die Schulden des verstorbenen Baron Frangart betreffe, sei dieserhalb noch das prozessuale Verfahren abhängig; der Hauptgläubiger des Verschiedenen habe alle andern Schuldforderungen zu niedrigsten Preisen aufgekauft, sie mit den seinigen zusammen der Vormundschaft präsentiert und, da Zahlung verweigert worden sei, eingeklagt. In dem Prozeß handle es sich – da der andere Besitz des jungen Barons ja nicht aus der Frangartschen Familienhinterlassenschaft komme – nur um Schloß Frangart selbst. Sollte das Gericht trotz nachgewiesener Gütertrennung der verstorbenen Eltern und daraus hervorgehender rechtlicher Konsequenzen gegen die Vormundschaft entscheiden, so werde man, um Schloß Frangart seinem Erben zu erhalten, die Schulden aus dem beweglichen Kapital bezahlen. Die Frage, ob diese Schulden schon verjährt seien, da sie Baronin Frangart, auch als sie in den erblichen Besitz des Schlosses gekommen war, aus dessen Erträgnissen nicht habe bezahlen können, sei gerichtlich noch nicht entschieden. Im schlimmsten Fall werde man übrigens alles tun, um sich auf eine möglichst geringe Abfindung mit dem Gläubiger zu vergleichen und so die Interessen des Baron Frangart bestens zu wahren. – Endlich machte die Vormundschaft Baron Frangart darauf aufmerksam, daß er seinen Militärdienst in Österreich machen müsse, wenn nicht die Entlassung aus dem österreichischen Staatsverband und die Naturalisierung in Deutschland angestrebt werde. Sollte aber Baron Frangart jetzt schon in das deutsche Heer eintreten wollen, so müsse man eine Immediateingabe an Se. Majestät den Kaiser von Österreich richten. Immerhin habe der (zwanzigjährige) Baron Frangart noch ein Jahr der Überlegung Zeit. So war Baron Frangart auch von dieser Seite und nicht nur von Schlagintweit an die Frage der Berufswahl erinnert worden. Klar und ruhig stellte er bei sich fest, daß es für einen Menschen seiner Art letzten Endes wirklich nur zwei Möglichkeiten gab: die eine, sein Geschlecht fortzuführen und in die Armee einzutreten, oder die andere, den Namen Frangart sterben zu lassen und sich dem Dienste Gottes zu widmen. So gingen seine Überlegungen in einem Sinn, der dem Marquis Choiseul wohlgefallen hätte: »Die katholische Kirche und die deutsche Armee, das ist das herrlichste, was wir jetzt haben.« Aber Baron Frangart konnte sich nicht entschließen. Er achtete das deutsche Heer, fühlte sich aber »wohlgeboren = ευγενησ« genug, um für sich persönlich überzeugt zu sein, daß er dessen Zucht entraten könne; und die Idee, späterhin als Offizier selbst an dieser Zucht mitzuwirken, erschien ihm zwar seiner eigenen Beschaffenheit würdiger; bei einigem Nachdenken indes fand er, »daß es eine Höhe der Kultur gebe, von der aus man auch auf alle, die da noch herrschen wollen, Schul- und Militärzuchtmeister inbegriffen, apathisch herabsehe. Und vielleicht, wahrscheinlich sogar, ja sicher, stehe Fritz Freiherr von Frangart auf dieser Höhe.« So formulierten sich mit schwermütigem Stolz seine Gedanken. Was aber den geistlichen Stand betraf, so war dies freilich der reinste, reinlichste, seiner tiefen Ruhe angemessenste. Indes: das hatte Zeit. Und ganz im Geheimen wartete Baron Frangart vielleicht doch auf etwas, was seinem gleich einer Sonne in sich selbst ruhenden Wesen einen Anstoß, Bewegung, und somit Fruchtbarkeit geben könne. Dann jedoch dachte er wieder des Abscheus, mit dem ihn die Beweglichkeit der anderen (»weniger kultivierten«) Menschen stets erfüllt hatte. »Freilich, im Morast ist immer Bewegung,« sagte er schließlich laut; es schien, als ob er die Anwesenheit des Menschen, der bekümmert und schweigsam in seinem Zimmer saß, vergessen hätte. »Aber der Morast stänke noch mehr, wenn er immer ruhig daläge;« meinte dieser treuherzig. »Allerdings, der Morast stänke noch mehr, der Morast schon ...« entgegnete Baron Frangart kühl. »Es gibt noch etwas,« meinte er schließlich, »es gibt doch noch etwas drittes: den Genießer. Ich könnte es mit diesem Beruf versuchen.« – »Soll ich mich also schleunigst empfehlen?« fragte Schlagintweit scherzend. – – Baron Frangart glaubte nicht recht an den Beruf des Genießers. Aber Tatsache ist z.B., daß er im Herbst einmal den Zug nach Nizza bestieg; am andern Tag kam er wieder nach München zurück. Er war in Verona schon ausgestiegen, weil zwei Juden, die im Speisewagen neben ihm saßen, sich – nicht einmal sehr laut – darüber unterhielten, daß »im letzten Jahrhundert doch schon vieles besser geworden sei, nur in Rußland noch nicht«. Erzürnt stand Baron Frangart auf, indem er dachte: »Ja, für euch schon, aber für unsereinen nicht,« begab sich in sein Coupé zurück und verließ, wie gesagt, in Verona, der nächsten Station, den Zug. Einmal fuhr er auch nach Paris. (Marquis Choiseul zum Beispiel hatte diese Stadt nur betreten, wenn er geschäftlich dort zu tun hatte. »Zu privaten Zwecken geht ein Choiseul nicht in die Hauptstadt der Revolution,« hatte er geäußert.) In Paris sah sich Baron Frangart alles an, die Bars, wo die fashionabelsten Kokotten verkehrten, die maisons de rendez-vous , die Spielsäle, die Vaudevilles, die Folies-Bergères, Moulin-rouge, die Nacktbälle. Aber er sah das nur an und ging stets wieder weg, bald vom schlechten Geruch, bald von der Unreinlichkeit, bald von der unbeherrschten Gier der »vorhandenen« Leute beleidigt; er genoß nichts. Nach vier Wochen verließ er achselzuckend die genußreichste Stadt der Welt. In München durchschritt er ein einziges Mal die Budenstadt auf der Oktoberfestwiese. Das Geplärr der Ausrufer, die unendlich komischen Bilder an den Budenwänden, das rastlose Kreischen der Orgelautomaten, die verkitschten Golddekorationen mit den tausend Glühlichtern darauf, amüsierten ihn einigermaßen. Er fand das einfältig, aber fröhlich, dem Geist der Massen richtig angepaßt. Aber wer beschreibt sein Entsetzen, als er gegen Abend in die Nähe einer Bierbude kam und einen schnellen Blick hineinwarf! Schaudernd gewahrte er die überhitzten Gesichter der Leute, ihren stieren Blick; ein verpesteter Geruch drang dick und betäubend, vermischt mit dem deliriösem Lärm einer schlampigen Musik, aus der Bude heraus. – Da zum ersten Mal ging Baron Frangart schneller als sonst; er eilte fort, um diesem Fest zu entkommen. Hiermit übrigens hielt er selbst die Versuche, »Genießer von Beruf« zu werden, für beendigt. Er fand es aber nötig, sich durch ein dreitägiges ununterbrochenes Schweigen, in seiner Wohnung eingeschlossen, von den letzten Impressionen dieser Versuche zu reinigen. Am vierten Tag ging er in den alten Liebfrauendom und blieb mehrere Stunden dort, bis er das völlige Gleichmaß seiner Seele und seines Geistes wiedergefunden hatte. Er eignete sich also nicht zum Genießer; er war »zu kultiviert« für einen so unreinlichen Beruf. Der Heeresdienst lockte ihn nicht. Geistlicher zu werden, das hatte Zeit. Baron Frangart beschloß, einstweilen jede Art von Beruf sein zu lassen. Das längste Gespräch Schlagintweit, der Treubesorgte, mußte jetzt, wo der Lauf eines Schultages ihn und Baron Frangart nicht mehr zusammenführte und gemeinsame Erlebnisse ausblieben, oft lang nachdenken, bis er irgendeinen scherz- oder ernsthaften Grund fand, Jenen aufzusuchen. Der junge Baron seinerseits sehnte sich jetzt noch weniger nach Gesellschaft als bisher. Einige Male drang Schlagintweit bei ihm ein, unter dem erlogenen Vorwand, Geld entleihen zu wollen. In ein paar Tagen würde er es bestimmt wieder zurückerstatten. Er steckte das Geliehene aber nur in die Tasche, um es ungenutzt wiederbringen, also Frangart nochmals besuchen zu können. Für einen der glücklichsten Tage seines Lebens hielt er den, an welchem er auf die List kam, aus einem einzigen Darlehen drei Besuche bei Frangart herauszuschinden: nämlich den, der zum Entleihen nötig war; einen zweiten sodann, um sich zu entschuldigen, daß er es doch noch nicht, wie versprochen, zurückgeben könne; einen dritten endlich, um das Geborgte heimzuzahlen. Frangart gab bei seiner Ankunft niemals ein Zeichen des Unwillens; aber, wie schon öfters gesagt, nur selten ließ er sich verleiten, mehr als die Höflichkeit gerade erforderte, zu sprechen. »Sie sind zu beneiden, Schlagintweit,« sagte er eines Tages, als ihm dieser von seinen philosophischen Studien an der Universität erzählte. »Sie sind zu beneiden um Ihre Freude am Denken, am Philosophieren.« – »Aber was tun Sie, Herr Baron, wenn Sie die viele Zeit allein im Zimmer sitzen oder spazieren gehen. Ich vermute, daß Sie da auch denken, wahrscheinlich mehr als ich, der ich immer mit dem Leben zu tun habe.« – »Im Gegenteil!« erwiderte der Baron, »ich bemühe mich möglichst wenig zu denken und habe überhaupt sehr wenig Lust dazu.« – »Wieso?« erlaubte sich Schlagintweit zu fragen. – »Nun, überlegen Sie einmal, wieviel Dinge von vornherein für mich wegfallen, die Sie sehr oft beschäftigen, zum Beispiel Sorgen um das äußere Leben in Gegenwart und Zukunft; dann so vieles, was Sie aus Liebe zu Anderen denken und tun; auch die und jene Ihrer Passionen, denen Sie gerecht werden müssen.« – »Aber von alledem abgesehen steht das eigentliche Denken, das Philosophieren Ihnen so offen wie mir, ja noch mehr, da Sie nicht abgelenkt werden.« – »Ach, Schlagintweit!« versetzte der Baron abwehrend, »ich habe die bestimmte Gewißheit, daß der größte Teil allen Philosophierens von der Not des Lebens und des Herzens ausgeht und sich konkret oder abstrakt mit ihr beschäftigt. Wo diese Nöte fehlen, bleiben auch viele Anlässe zum Philosophieren aus ... Und dann habe ich ja meinen Glauben ,« setzte er mit Nachdruck hinzu. – »Ja schon – aber gerade das müßte interessant sein, zu untersuchen, nachzuforschen, inwieweit der Glaube philosophisch begründet werden kann, sich mit der profanen Erkenntnis deckt und inwieweit nicht.« – »Das überlasse ich den Leuten, die den Glauben nicht haben .« – »Verzeihen Sie, Baron, wenn ich diesmal hartnäckig bin! Warum beschäftigen Sie Sich nicht mit einer Untersuchung, warum andere den Glauben nicht haben?« – »Das hieße Gott fragen, warum Er gegen mich gnädig war und gegen die Andern nicht. Gott weiß das, und es wäre eine Vermessenheit, Ihn danach zu fragen. Ich habe schon immer die Überzeugung gehabt, daß zuviel Denken oder Philosophieren unanständig, ein Zeichen von Armut ist und hauptsächlich bei Revolutionären vorkommt.« – »Ach ja, Sie haben recht, und jetzt weiß ich, warum ich ein so illoyaler Mensch bin,« rief Schlagintweit verzweifelt aus und schwieg. »Nein!« sagte Baron Frangart nach einer Weile mit erhobener Stimme, »nein, bei Ihnen ist das nicht so. Sie müssen viel denken, weil Sie ein weiches Herz haben, das jedenfalls immer von den Andern mißbraucht wird. Natürlich nötigt Sie das zum Denken. Und wenn Sie sonst noch denken, tun Sie es, weil Sie den Glauben verloren haben und ihn wiederfinden wollen, wenn nicht den gleichen, so doch irgendeinen.« – »Woher wissen Sie das, Baron?« – »Ich weiß nicht woher, ich habe nie darüber nachgedacht. Ich weiß sogar, daß es Ihnen Kopfzerbrechen schafft, wenn jemand von Ihrem Herzen überhaupt keinen Gebrauch machen will, wie ich zum Beispiel meistens ...,« sagte Baron Frangart lächelnd. »Ja, an Ihnen ist Hopfen und Malz verloren!« rief Schlagintweit, aus Notwehr scherzend, um seine Rührung zu verbergen. Aber sogleich bereute er den ungeschickten vertraulichen Ton, der dieses einzige längere Gespräch, das er mit Baron Frangart geführt hatte, zu einem zweifellos inconvenablen Abschluß brachte. Der einzige Brief Baron Frangarts Pater Bonaventura schrieb kurz vor Weihnachten folgenden Brief an Baron Frangart: (Aus dem Französischen übersetzt) Chamfort, den 19. Dezember, anno domini 19.. Mein lieber Sohn in Christo dem Herrn, verehrter Herr Baron, es drängt mich, Euch zu sagen, mit welcher Teilnahme ich Eurer oft und oft gedenke. Lebhaft, aber ohne es Euch nachzutragen, habe ich bedauert, daß Ihr es mir durch Euren etwas brüsken Abschied unmöglich machtet, Eure Fragen zu beantworten. Nun aber befürchte ich, daß Ihr viele dunkle Träume an eine Sache verschwenden möchtet, die in Wirklichkeit klar ist wie nur irgend etwas; und daß Euch solche Träumerei in Euren Tätigkeiten lähmen möchte. Und wenn Ihr bedenkt, daß ich vordem Eurer Jugend diese Dinge nicht verhehlen, wohl aber verschweigen zu müssen glaubte, werdet Ihr begreifen, daß ich sie Euch jetzt um so bereitwilliger auseinandersetze. Daß ich es im Briefe tue (indem ich nicht weiß, ob mir die Güte Gottes und Ihr selbst erlaubt, Euch in diesem Leben wiederzusehen), mag Euch die Schicklichkeit der Sache beweisen. Wie Euch Gott selbst im Traume eröffnet hat, bin ich in der Tat ein Halbbruder Euerer seligen Mutter. Weder ich noch sie haben das eher als Ihr selbst erfahren; vielmehr habt Ihr es uns damals im Traume erzählt, und mir hat es ein hinterlassener Brief Eures lieben Vaters, sowie später Marquis Choiseul persönlich bestätigt. Nichts aber ist geschehen, was sündhaft wäre. Grübelt nicht, wenn Ihr nicht das Andenken der Toten mit Unrecht entweihen wollt. Ich wünsche Euch zur heiligen Weihnacht den Frieden auf Erden, der uns allen so nötig ist. Seid, geliebter Sohn in Christo, Gott, Der Euer Leben fruchtbar machen möge, innigst empfohlen von Eurem ergebenen Bonaventura S.J. Auf diesen Brief schrieb Baron Frangart die folgende Antwort nieder: München, 21. Dezember 19.. Hochwürdiger Vater, warum erinnert Ihr mich an etwas, woran mich, wie Ihr richtig erraten habt, meine Träume oft genug erinnern? Daß zwischen Frau Baronin Frangart, geborener Comtesse Riom, und Euch nichts geschehen sei, konnte mir nie zweifelhaft sein; und fast finde ich, Ihr sündigt gegen ihr Andenken, wenn Ihr solche Zweifel bei mir vermutet. Mir geht es sehr nahe, von Eurer Vermutung zu lesen und zu schreiben. Aber etwas anderes ist (und wenn Ihr in unserer Seelenlehre eine bewiesene negative Antwort findet, lasset Ihr mich sie, bitte, wissen!), ob nicht zur Unzeit ein Wunsch, ein Schrei der Sehnsucht von Euch, dem nahverwandten Blute, ausgegangen sein und in mir, außer allem, was an mir »Frangart« ist, noch Ausdruck gefunden haben könnte. Ich achte Euch, hochwürdiger Vater. Aber verzeiht, daß ich offen sage: Wenn es so wäre, täte es mir sehr leid. Ich bin ein Mensch aus ältestem Geschlecht; viele andere sind es nicht, und vielleicht äußert sich ihr Leben gerade deshalb fruchtbarer als das meine. – Aber, wenn das so wäre, müßte ich ja die geringere Fruchtbarkeit meines Daseins auch noch aus andern Gründen erklären. Den jugendlichen Tadel dieses Briefes verzeiht im übrigen Eurem Euch allezeit ergebenen Fritz Freiherrn von Frangart. Diesen Brief hatte Baron Frangart in einem seltsamen Anfall von Wut, der seinen ganzen Körper durchzitterte, geschrieben. Aber er fand die Kraft, sich zu beherrschen, schickte den Brief nicht ab, zerriß ihn und warf die Fetzen ins Feuer. Dann schrieb er, gegen seine Gewohnheit, ein Telegramm; es enthielt die Worte: »Pater Bonaventura S.J. Collegium Chamfort (Belgien) Mit ergebenem Dank für Ihren Brief verbinde ich meine höflichsten Weihnachtswünsche. Frangart« Pater Bonaventura seinerseits besaß Feingefühl genug, um dieses Telegramm zu verstehen. Er kniete in seiner Zelle nieder und betete: »Herr, ich habe aus Güte gefehlt. Magst Du und Baron Frangart mir verzeihen!« (Übrigens hatte Bonaventura seinen Brief in der Tat vor jedem Menschen verheimlicht, ihn heimlich geschrieben und heimlich zur Post gegeben. – Es hat also nachgerade den Anschein, als ob große Güte auch große Fehler begehen könne; deshalb sind aber die Fehler doch zu verdammen, wie auch in diesem Falle, wo nun Bonaventura um Verzeihung betete.) Der Entschluß Am Vormittag des 24. Dezember 19.. – zwei Tage also nach dem eben geschilderten Vorfall – ging Schlagintweit vor dem Hause der Briennerstraße, wo Baron Frangart wohnte, unentschlossen auf und nieder. Er sprach so laut mit sich selbst, daß die Vorübergehenden gar nicht anders konnten als über ihn lächeln. »Oh weh, oh weh!« rief er, »jetzt also wird es Ernst, jetzt muß ich ihn wirklich anpumpen! Der Geldbeutel hat lang simuliert, – aber jetzt ist er wirklich krank. Herrschaft, herrschaft! ... Natürlich wird er es mir geben, aber das ist mir wurscht ... Na, nicht gerade ganz wurscht, alter Schwimmer Schlagintweit! ... Aber peinlich ist es jedenfalls, peinlich! Sozusagen unangenehm! Gleichsam zuwider! Gewissermaßen abscheulich! ... Ja, ja, warum habe ich bei ihm den Teufel Habenichts so oft lügenhaft an die Wand gemalt! Jetzt kommt er ... Nein, er ist überhaupt schon da! ... Hoffentlich ist Frangart nicht verreist, der gute Junge hat solche plötzliche Einfälle – das heißt, es wäre mir schon beinahe lieber, er wäre verreist. Oh weh, oh weh! ...« Baron Frangart hatte soeben dem Dienstmädchen gesagt, daß sie heute gar niemand vorlassen solle. In der Tat fühlte er sich nicht ganz wohl; denn da er es verschmähte, sich mit körperlichen Ausbrüchen Luft zu machen, wenn etwas Unangenehmes geschehen war, griff ihn alles innerlich um so mehr an; er wußte es, und war auch aus diesem Grunde nicht minder wie aus andern bestrebt, seine Ruhe zu hüten. Er saß jetzt frierend am geheizten Kamin. Schlagintweit war auf der Treppe zweimal umgekehrt. Aber dann gab er sich einen Ruck, ging nochmals hinauf und läutete gleich in einem Zug, bis man ihm öffnete. Das Dienstmädchen wollte sprechen, wie ihr geheißen war; indes, schon hatte er sie beiseite geschoben und polterte, das Klopfen diesmal vergessend, in das Zimmer, wo er Frangart vermutete. Dieser sah ihn erstaunt und gekränkt an. »Ich muß Sie leider anpumpen!« platzte Schlagintweit heraus. Frangart seinerseits mußte nun doch lächeln. »Aber setzen Sie Sich nur, Schlagintweit! Das werden wir ja gleich haben.« – »Seien Sie nicht so liebenswürdig, Baron! Diesmal ist es viel und ich brauche es notwendig.« Frangart lächelte wieder. – »Wieviel ist es denn?« – »Sehr viel.« – »Wieviel denn?« – »Blödsinnig viel – vierhundert Mark!« schrie Schlagintweit heftig und fühlte sich geradezu erlöst, daß er sich's zu sagen getraut hatte; er schnaufte förmlich auf. »Mit Vergnügen, Schlagintweit, mit Vergnügen!« beruhigte ihn der Baron, erhob sich und trat an den Schrank, um das Erbetene herauszunehmen. »Und diesmal bekommen Sie es nicht so schnell wieder!« rief Schlagintweit noch besorgt. – »Nun, also weniger schnell!« »Aber jetzt setzen Sie Sich, bitte,« lud ihn Baron Frangart nochmals ein ... »Erstens nämlich,« begann Schlagintweit erklärend, »muß ich jetzt einige Bilder in unsere Wohnung hängen und einen Läufer für den Fußboden kaufen, damit es auch etwas gleichsieht bei uns. Zweitens« (Baron Frangart machte eine abwehrende Bewegung, zum Zeichen, daß er ja keine Erklärungen wünsche) –, »zweitens nämlich will ich das deshalb, weil ich drittens, weil ich, ja, weil ich jetzt eine Braut habe, Herr Baron, und dieser, viertens, wohl auch ein besseres Geschenk machen muß ...« – »Nein?« ... machte Frangart sehr gedehnt und unterdrückte ein etwas spöttisches Lächeln. »Ja, eine Braut habe ich jetzt,« wiederholte Schlagintweit mit größter Bestimmtheit. »Ich gratuliere verbindlichst!« sagte Frangart dagegen. Und Schlagintweit erzählte, daß seine Braut eine achtundzwanzigjährige Witwe sei, also ein paar Jahre älter als er, aber »was sagt denn das?!« rief er laut. – »Das sagt natürlich nichts,« meinte Frangart, »das sagt gar nichts.« »Im Äußeren sieht sie fast etwas chinesisch aus, aber gerade das ist interessant, nicht?« – »Oh, ich liebe das Chinesische.« – »Sie hat eine kleine Rente ...« (»Ich habe mir gleich gedacht, daß es keine größere ist,« sagte sich Frangart, im stillen natürlich.) »Und das Einzige, was mich bekümmert, ist ihr Leiden.« – »Mitleid spielt bei Ihnen doch immer mit.« – »Ja, deshalb habe ich sie noch lieber!« »Welches Leiden hat sie denn?« – »Ja, sie ist ... Sie ist wohl etwas nervenleidend, die Gute,« erwiderte Schlagintweit traurig. »Ich habe übrigens vergessen, Ihnen zu danken, Baron, vielen vielen Dank also!« Frangart wehrte ab. – »Und jetzt gehe ich und kaufe ihr was Schönes.« – »Tun Sie das, bitte, tun Sie das und gratulieren Sie ihr von mir!« – »Ja, ja, danke vielmals.« Und in der Eile vergaß Schlagintweit, daß er Baron Frangart eigentlich einladen wollte, morgen mit ihm und seiner Braut zusammen spazieren zu gehen. »Adieu – glückliche Weihnachten!« – »Adieu, gleichfalls!« – Baron Frangart ließ sich in seinen Mantel helfen; er wollte zum Essen ins Hotel fahren. Auf dem Wege dorthin träumte er, die Unternehmungslust Schlagintweits halb belächelnd und doch unbewußt beneidend, von dem und jenem. » Irgend etwas muß geschehen ,« beschloß er endlich bei sich selbst. Und die ihm ungewohnte Erregung des Entschlusses rötete seine bronzefarbenen, jugendlichen Wangen leise und liebenswürdig. Die Beichte »Irgend etwas muß geschehen, irgend etwas muß ich tun,« sprach Baron Frangart zu sich selber, als er das Hotel verließ, ... »wie soll ich sonst glauben, daß ich überhaupt lebe! ... Denn alles Leben beweist sich nur durch die Tat! ... Irgend etwas muß ich tun ...« Baron Frangart lenkte seine Schritte zum Liebfrauendom. Er wollte Gott zunächst und dann den Beichtvater um Rat fragen. Der Beichtvater des jungen Barons war ein alter italienischer Prälat, der nicht eigentlich zur praktischen Seelsorge, sondern, wie sein Beichtkind vermuten konnte, vielleicht in Erfüllung einer geheimen päpstlichen Mission in München lebte. Immerhin nahm er einigen ihm persönlich empfohlenen Menschen, wie zum Beispiel Baron Frangart, der von Bonaventura an ihn gewiesen worden war, regelmäßig die Beichte ab. Er war ein feiner alter Prälat mit weißen Haaren und tiefliegenden Augen voll stiller Glut und voll verklärten Schmerzes über die Welt. Er kannte die Welt. Und Fritz Freiherr von Frangart begann seine Beichte mit den rituellen Worten: »Ich armer sündiger Mensch klage mich an vor Gott dem Allmächtigen und Euch, Priester an Gottes Statt, daß ich seit meiner letzten Beichte wiederum gesündigt habe! ...« Der Prälat begann zu fragen über das erste der zehn Gebote: »Habt Ihr jemals an Gott gezweifelt? oder an der Lehre Seiner heiligen Kirche? Habt Ihr die täglichen Gebete nicht vergessen? Seid Ihr nicht unandächtig und zerstreut dabei gewesen?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« Der Prälat fragte in betreff des zweiten und drittes Gebotes: »Habt Ihr den Namen Gottes nie im Leichtsinn eitel genannt? Habt Ihr nie über Gott geklagt? Habt Ihr nie Seiner im Zorn geflucht?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« Im vierten Gebote fragte der Prälat nicht, ob das Beichtkind gegen seine Eltern und gegen den Gehorsam gesündigt habe; denn er wußte, daß diese tot seien. Aber er fragte ihn: »Habt Ihr das Andenken Eurer Eltern niemals entweiht, niemals durch Gedanken oder Worte oder Taten?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« »Gehen wir zum fünften Gebot!« sagte der Prälat. »Habt Ihr Eure Mitmenschen niemals mit Wissen verletzt, geschädigt, beleidigt, verdächtigt, in Gedanken, Worten oder Taten?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« »Sechstes Gebot: Seid Ihr nicht unkeusch gewesen in der Tat? Habt Ihr nicht unkeusch gesprochen? Habt Ihr nicht freiwillig Unkeusches gedacht oder gesehen?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« »Siebentes Gebot: Habt Ihr nicht gestohlen, Geliehenes nicht zurückgegeben, Gefundenes nicht behalten?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« »Achtes Gebot: Habt Ihr nicht gelogen, freiwillig, im Scherz oder aus Not?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals Vater!« »Neuntes und zehntes Gebot: Habt Ihr nicht begehrt Eures Nächsten Hausfrau und nicht Eures Nächsten Gut, in Gedanken, Worten oder Werken?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« »Gebote der Kirche: Habt Ihr nicht der Fasten vergessen oder der sonntäglichen Messe oder des heiligen Sakramentes der Beichte und des Allerheiligsten Sakramentes des Altares?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« »Habt Ihr auch nicht etwa eine der neun fremden Sünden begangen oder eine der vier himmelschreienden?« Baron Frangart antwortete, der Wahrheit gemäß: »Niemals, Vater!« * Dies alles hatte der Prälat – ein alter feiner Prälat, der die Welt kannte – in immer steigenderem Tone und in immer tieferem Mitleid gefragt; Baron Frangart seinerseits hatte immer leiser und immer schmerzlicher darauf geantwortet. Nach einer langen Weile des Schweigens begann der Prälat: »In uns allen liegt das Sündhafte verborgen ...« – »Ja, es liegt wohl auch in mir, ich beichte es, Vater ...« – »In uns allen liegt das Sündhafte und Ihr habt mir nicht eine Tat der Sünde gebeichtet! ...« – »Ich weiß von keiner, Vater.« – »So seid Ihr der heiligste aller Menschen oder der unglücklichste!« – »Ich habe nichts von dem getan, wonach Ihr mich gefragt habt ...« * Der Prälat – ein alter feiner Prälat, der die Welt kannte – schwieg lange. Endlich fragte er: »Wenn Ihr nichts Sündhaftes getan habt, – was habt Ihr denn überhaupt getan?« – »Nichts, Vater! ...« flüsterte tonlos der junge Baron Frangart ... »Nichts, Vater, aber ich möchte etwas tun, ich muß etwas tun, und da ich keine Sünde tun will, bin ich zu Euch gekommen, um Euch zu fragen, was ich sonst tun kann ...« – »Es gibt nur Eines zu tun, und daß Ihr dies Eine nicht getan, sondern unterlassen habt, dies ist Eure große Sünde ...« – »Was ist es, Vater?« – »Nur dies Eine: das Werk der Liebe .« Mit schwerstem Nachdruck hatte der Prälat die Worte gesprochen. Nach diesen Worten entstand im Beichtstuhl ein Schweigen, wie es selbst im Beichtstuhle, geschweige denn irgendwo draußen in der Welt, noch nie gehört worden ist. Und nach einiger Zeit schauderte denn auch dem Prälaten davor. »Mein lieber Sohn!« begann er zärtlich, »was wollt Ihr nun tun?« »Das Werk der Liebe, Vater!« »Das wäre? ...« »Ich weiß noch nicht recht, was ... Jedenfalls werde ich zum Beispiel noch heute der Hilfskasse für verarmte Adelige soviel überweisen, als ich zurzeit überhaupt entbehren kann ...« »Tut es immerhin, es ist besser als nichts, es ist ein Werk der Liebe, aber nicht das Werk der Liebe ...« »Was ist es, Vater?« »Mein lieber Sohn, es ist das Werk, das am Ende steht. Die wenigsten vollbringen es, die meisten kommen über seine Vorbereitungen nicht hinaus.« »So sagt mir zunächst, Vater, welches seine Vorbereitungen sind! ...« * Der Prälat – ein alter feiner Prälat, der die Welt kannte – atmete tief auf. »Mein lieber Sohn, von den Vorbereitungen kann ich Euch nur Beispiele nennen. Also zum Beispiel: Ihr seht das junge Mädchen dort am Altar. Es kommt immer in meine Messe, weil Ihr dahinkommt. Es sucht Euch immer mit den Augen. Es liebt Euch. Habt Ihr das noch nicht bemerkt?« »Schon lange, Vater, aber ich will seine Liebe nicht, weil ich sie nicht erwidern kann.« »Liebt Ihr überhaupt ein Mädchen?« »Nein, Vater.« »Habt Ihr nie ein Mädchen geliebt?« »Nein, Vater.« »Nun, so geht wenigstens zu dieser dort hin und dankt ihr einmal für ihre Liebe. Vielleicht liebt sie Euch so, das ihr das allein genügen wird ... Es gibt solche Menschen. – Sie ist schön und es wird Euch wenig Überwindung kosten.« »Gebt mir noch ein Beispiel!« »Nun, dort vorn kniet eine alte Frau, seht Ihr sie? – sie weint gerade ... Geht hin und streichelt sie, denn vielleicht fehlt es ihr an Teilnahme. Sie zu streicheln wird Euch schon mehr Überwindung kosten.« »Gebt mir noch ein Beispiel!« »Ja, gern. Ihr habt wohl eine Bedienerin zu Hause? Ja, nicht wahr. Gut, fragt sie heute abend, wie es den Leuten geht, die sie lieb hat ... Dies wird Euch wohl am meisten Überwindung kosten, mein lieber Sohn, eine solche Frage an Eure Bedienerin zu richten.« »Ja, es ist schwer,« antwortete Baron Frangart, aber sagt mir nun, was ist das Werk der Liebe?« Der Prälat – ein alter feiner Prälat, der die Welt kannte – schwieg zunächst. »Mein lieber Sohn,« hub er endlich mit einem mitleidigen Seufzer an, »ach, mein lieber Sohn, wenn Ihr nur einmal die Vorbereitungen getan habt! Ihr werdet vielleicht viele Enttäuschungen an den Menschen dabei erleben. Sucht Euch damit abzufinden ... Und kommt vielleicht ein anderes Mal zu mir und fragt mich nach dem eigentlichen Werk ...« »Oh sagt es mir heute schon, Vater!« »Ach, mein lieber Sohn! ...« »Bitte, sagt es, Vater!« »Wenn Ihr es durchaus wollt ... So hört: Geht hin, mein lieber Sohn, und sucht von allen Menschen, die es gibt, die niedrigsten! Und dort verschenkt Euch ein Mal, nur ein einziges Mal selbst! Dann habt Ihr das Werk der Liebe vollbracht! Aber während Ihr es vollbringt, denkt nicht daran, daß Ihr das Werk vollbringen wollt; denn dies würde Eure Überwindung erleichtern. Sucht Euch – es gibt deren genug – einen menschlichen Grund für ein himmlisches Werk. Dann erst wird es schwer genug für Euch sein, damit es Gott als Euer Werk der Liebe würdige ...« * Baron Frangart hatte eben den Beichtstuhl verlassen. Er trat ruhig auf das junge Mädchen zu, das ihn schon so oft mit den Augen gesucht hatte. Er verneigte sich und sagte leise: »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, wenn ich Sie störe. Aber ich glaube, Sie sind mir gut. Und ich möchte Ihnen dafür danken.« »Nicht hier,« antwortete sie flüsternd, »nachher draußen ... Überhaupt, ich bin ein anständiges Mädchen, und wenn Sie mit mir reden wollen, müssen Sie Sich schon gefälligst zu meinen Eltern bemühen ...« Baron Frangart zuckte zusammen. Aber er beherrschte sich und ging zu der alten Frau vor. Er streichelte ihr leise die weißen Haare und sprach mit gedämpfter Stimme: »Mutter, Sie haben wohl viel zu leiden?« »Ach, gnädiger Herr, nur ein wenig wanns einem besser gehen tät, nur ein wenig! ... Wann ich meiner Tochter nur ein kleines goldenes Broscherl auf Weihnachten schenken könnt! ...« Baron Frangart zuckte wieder zusammen, aber er zog seine Geldbörse aus der Tasche und schenkte ihren ganzen Inhalt der Frau. Baron Frangart saß in seinem Fauteuil am Kamin und läutete der jungen Bedienerin: »Nun, Erna, es kommt Sie wohl hart an, auf Weihnachten allein zu sein. Wollen Sie vielleicht für heute abend zu Ihren Angehörigen heimgehen?« »Meine Eltern sind schon gestorben, Herr Baron.« »Oh, das tut mir leid. Aber vielleicht haben Sie sonst jemand lieb, bei dem Sie also heute lieber wären als bei mir? ...« »Ja, wenn mir der Herr Baron die Ehre erweisen wollen – kein Verhältnis hab ich nämlich nicht, also ...« Baron Frangart zuckte zusammen, schenkte ihr einen Fünfzigmarkschein, sagte ihr, daß sie für heute die Freiheit habe, zu tun, was ihr beliebe, und entließ sie ... Schmerzlich lächelnd lehnte sich der junge Baron in sein Fauteuil zurück, sich bangen Träumereien hingebend. Aber dann bezwang er sich und verjagte die Erinnerung an die drei Enttäuschungen, die »das Werk« vorbereitet hatten. Sodann bezwang er sich noch einmal und verbot sich, an das, was er nun vorhatte, anders als in rein menschlichem Sinne zu denken ... Und als Mitternacht schon längst vorüber war, dachte er noch immer an das rein Menschliche; so natürlich, wie es seiner menschlichen Natur gemäß war ... Die Tat Am ersten Weihnachtsfeiertag dieses Jahres gab Baron Frangart dem Wagenkutscher die Adresse eines Findelhauses, von dem er eine Einladung zur Weihnachtsfeier erhalten hatte. Man hatte ihn schon etliche Wochen vorher angebettelt um einen Beitrag zur Bescherung, und er hatte durch das Dienstmädchen einen Zehnmarkschein hinausreichen lassen. Der gedruckte Text der Einladung lautete: »Euer Hochwohlgeboren! Unsere Anstalt feiert am 25. Dezember ihr bescheidenes Weihnachtsfest. Die Ärmsten der Armen haben also, dank der großen Güte ihrer Wohltäter, unter denen auch Euer Hochwohlgeboren sich befinden, den Tannenbaum des Friedens gefunden, unter dem sie sich glückstrahlend scharen können. Im Namen unserer Kinder, deren Freude doppelt sein wird, wenn sie von Euer Hochwohlgeboren und den andern Wohltätern mitangesehen, ja mitgefeiert wird, laden wir hiermit höflichst zu dem hohen Feste ein. Und bemerken wir, daß für die verehrten Festgäste gesonderte Plätze im Festsaal unseres Heimes an der ... Straße reserviert sind. In höflichster Erwartung von Euer Hochwohlgeboren wertgeschätzter Anwesenheit: Das Heim der Ärmsten.« Baron Frangart hatte den Widerwillen gegen den Stil dieser Einladung und auch im voraus gegen den Stil des Festes, auf den man daraus schließen konnte, langsam, aber energisch überwunden. »Es muß etwas geschehen!« wiederholte er, auch als er schon im Wagen saß; wie um sich Mut zuzusprechen. Ein Hausdiener in viel zu weiter, auch sehr willkürlich kombinierter Livree erwartete die Gäste am Portal des Findelhauses. Das Portal war so geräumig und protzig wie das ganze Haus selbst. Baron Frangart dachte sich beim Verlassen des Wagens, daß der wichtigtuerische Bau dieser Anstalt wohl mehr gekostet habe, als die achtzig beherbergten Kinder in hundert Jahren zusammen kosten würden. Aber im Treppenhaus des Einganges, wo auf beiden Seiten Marmortafeln, mit einer Reihe Namen in Goldschrift, glänzten, fand er die Lösung: zu Beginn des Verzeichnisses stand fett gedruckt: Mathias und Crescentia Bicherl , Realitätenbesitzersehepaar und Bürgersleute in München, sind die hochedlen Stifter dieses Hauses und des Platzes, auf dem es sich, zu ihrem dankbaren Angedenken, erhebt. – »Stehen der gnädige Herr auch auf der Tafel?« fragte der Hausdiener und setzte, als er keine Antwort bekam, entschuldigend hinzu: »Nun, es sind nur die Wohltäter von tausend Mark aufwärts.« Der stillose, aber mit falschem Plüsch, Papiergoldschleifen und ähnlichem Zeug überladene Saal, in den Baron Frangart nun eintrat, war durch eine diagonal laufende »Renaissance«-Rampe in zwei Dreiecke gespalten; in dem einen Dreieck erhoben sich, übereinander aufsteigend, die Plätze für die Eingeladenen. Unten im andern Dreieck stand der mit vielen elektrischen Lämpchen süßlich erleuchtete Christbaum; statt mit Äpfeln und Nüssen war er reich mit Silber und Goldflitter, mit künstlichem Schnee und Glaskugeln behangen; er stand inmitten eines von langen Tischen gebildeten Vierecks. Auf diesen Tischen lag, mit großen, von eins bis achtzig laufenden Nummern versehen, die Bescherung, die jedes Kindes wartete. Statt die einzelnen Geschenke durch Tannenzweige abzugrenzen, hatte man durch je eine Papierrose angedeutet, wo des einen Kindes Geschenke aufhörten und die des andern anfingen. Äpfel, Nüsse, Bisquits und Marzipan hatte man für die einzelnen Kinder nicht auf Teller gelegt, wo sie immerhin, auch in dieser peinlichen Ordnung, ein heiteres Bild ergeben hätten; sondern, in der Furcht, daß dabei etwa ein Teller zerbrochen werden konnte, hatte man dies alles in Tüten gesteckt, die neben und auf die jeweiligen Schuhe, Strümpfe oder Fausthandschuhe gelegt waren. Kurz, Baron Frangart hatte mit einem einzigen Blick von der Türe aus schon den ganzen freud- und farblosen Charakter des Festes erfaßt, das da kommen sollte. Die Kinder waren noch nicht eingelassen worden; die Festgäste hingegen saßen, leise schwatzend, auf ihren Plätzen. Auf diese Menschen, größtenteils behäbige dicke Frauen und Männer, wie deren das Bier in so großer Menge deformiert, und etwa noch einige, mit der ihnen eigenen vordringlichen unmanierlichen Koketterie herumguckende oder überlaut plappernde Bürgerstöchter, – auf dieses gemütlich versammelte Festpublikum also machte Baron Frangart, wie es ihn durch die Türe kommen sah, einen merkwürdigen, tiefen und gebieterischen Eindruck. Sei es, daß diese Leute überrascht waren von seiner ruhigen harmonischen »distinguierten« Eleganz, sei es, was weniger wahrscheinlich ist, daß die so liebenswürdige ebenmäßige Zartheit seiner jungen Gestalt sie gefangen nahm, – einer nach dem andern erhoben sie sich von ihren Sitzen, etwa wie vor ihrem Lehrer oder sonst einem noch höheren Herrn. Infolgedessen dankte er, unangenehm berührt, nach mehreren Seiten mit leiser Verneigung. In der ersten Reihe der Plätze rückte man mit den Stühlen zurück, um ihn durchgehen zu lassen. In der Mitte dieser Reihe standen zwei Fauteuils, von denen das eine unbesetzt war. Im andern saß ein kleiner Geistlicher, der – bescheiden und fast eingeschüchtert, wie er hier dem Zwang der Repräsentation genügte – Baron Frangart mit rührendem Lächeln entgegenblickte. Neben ihm nahm Frangart Platz und nannte ihm seinen Namen zur Vorstellung. (Das Fauteuil war natürlich nicht für ihn, sondern für irgendeinen repräsentativen Gemeindebevollmächtigten, der aber nicht erschien, reserviert gewesen.) Der Geistliche war, wie sich herausstellte, der Seelsorger der Findlinge. »Da bin ich auf dem besten Wege,« sagte Baron Frangart, »ich möchte nämlich heute irgendeines der Kinder in Obhut nehmen. Ich habe viel freie Zeit und wenig Beschäftigung ... Meinen Sie, daß man mir eines überläßt?« – »Nun, man wird wohl einige Erkundigungen einziehen, wenn man eines der Kinder weggibt, aber dies wird ja bei Ihnen zweifellos schnell erledigt sein,« antwortete der Geistliche verbindlich und erbot sich, die Sache mit dem Anstaltsleiter selbst im Sinne Baron Frangarts zu besprechen. Dieser nannte ihm als Referenz einige bekannte Familien, in denen er eine Zeitlang verkehrt hatte. »Sie wollen mir, bitte, bei der Wahl des Kindes helfen! Sie kennen ja die Kinder ungefähr und wissen, welches davon eine bessere Erziehung, ein feineres Leben am meisten verdient.« – »Ja, und was soll später aus dem Kinde werden?« – »Was es will, seine Zukunft werde ich sicherstellen.« Der Geistliche freute sich sehr und überblickte in Gedanken die achtzig Kinder, oder vielmehr, da Frangart einen Knaben erbeten hatte, die vierzig Knaben. Er dachte an den und den und dann wieder an andere. Mittlerweile aber öffneten sich die Flügel der Seitentüre, und die achtzig Kinder, die Mädchen voran, schritten paarweise, geführt von dem Anstaltsleiter und einer Aufsichtsfrau, in den Saal. Alles schwieg. Ein tiefer Schrecken durchrieselte Baron Frangart, als er, mit einem einzigen schnellen Blicke, diese Kinder von vier bis dreizehn Jahren überflog. Ihm, Baron Frangart, lagen wahrlich weder Mitleid noch Rührung; sein Schrecken war gemischt aus Abscheu und Zorn. Wie wenig schon paßte zum natürlichen Wesen des Kindes die Einförmigkeit der Kleidung! – Aber das war noch das Wenigste. Kaum eines dieser Kinder zeigte eine frische Gesichtsfarbe; ein häßliches blutleeres Grau lag auf ihren aufgedunsenen Wangen. Es fiel ihm im ersten Augenblick überhaupt schwer, einen Unterschied, irgendeinen besonderen Charakter in den Zügen der Kinder zu erkennen. Und was bemerkte er nach näherem Zusehen! Bei den meisten Mädchen eine dumpfe dumme resignierte Apathie; sie standen da wie Tiere, ja wie gutgefütterte, aber kraftlose Kühe. Bei den Knaben eine in ihren grauen Zügen tief unter der Maske des Gehorsams versteckte und verkniffene Verschlagenheit; und diese Gesichter waren noch die tröstlichsten, menschlichsten; denn auch die größere Anzahl der Knaben schien jener uniformen, stumpfen Ergebung heimgefallen zu sein. Und Baron Frangart dachte flüchtig an alles, was ihm der gute Schlagintweit, der vielleicht einmal Erzieher werden wollte, über die Schulen, die er, Baron Frangart, nicht kannte, geklagt hatte. Er stellte sich die für das kindliche Alter so widernatürliche, ja perverse Zwangsordnung vor, unter der diese hier dahinlebten; das grausame, zu Eis erstarrte Tages-, ja Minutenprogramm, das sie immerzu und immerzu üben mußten; die heiße Sehnsucht, womit sie in den Schulstunden auf die Glocke, die eine Freistunde, nein, nur eine Viertelstunde anzeigte, warten mochten; die Brutalität der Schule, die ihnen auch in diesen Viertelstunden untersagte, sich zu raufen, zu kratzen, zu balgen, zu lärmen und zu schreien, wie es ihnen wohlgetan hätte, wie es ihrer Natur gemäß war – weil sich dies für einen »gebildeten Menschen« nicht schicke; wie sie dann gleich darauf wieder (was auch Baron Frangart, diesem zurückhaltenden strengen stahlharten Menschen, als eine raffinierte und perfide Quälerei erschien) gerade in den untersten Schulklassen die Hände auf die Bank legen mußten und sie nicht rühren durften, ohne der Strafe zu verfallen ... Und wozu, flogen die Gedanken Frangarts weiter, wozu wurde alles rein Menschliche, das warme Blut, die Neigungen, der ganze kindliche Charakter an diesen Kindern ertötet? Um ihren Kopf desto gefügiger zu machen für die Masse der bürgerlichen Kenntnisse, die in ihn eingehen sollten ... »Sehen Sie, Baron, aus dem Grund sind Sie uns alle über, weil Sie so wenig gelernt haben, deshalb sind Sie ein Mensch geblieben, weil man Sie nicht gezwungen hat, sich etwas aufladen zu lassen, was nicht zu Ihnen selbst paßt,« hatte ihm Schlagintweit einmal gesagt ... Ja, das war richtig ... Und mit einem Male übersah Baron Frangart die entsetzlichen Schäden, welche die bourgeoise »Bildungssucht« seit einem vollen Jahrhundert, seit der eingeführten »allgemeinen Volksbildung« über die ganze europäische Menschheit gebracht hatte. Was war das Prinzip dieser »allgemeinen Volksbildung« und sogar aller höheren Bildung, nach der die demokratische Bourgeoisie strebte und ihr auch diese Kinder, in der arroganten Überzeugung, ihnen »Wohltäter« zu sein, zuführte? Es war wirklich nur dies: die ganze Menschheit in einen Kopf zu verwandeln! Kenntnisse und Wissen, nichts als Wissen und Kenntnisse verlangte man ... Wer fragte noch nach menschlichen Tugenden? Gute Köpfe wollte man, nichts weiter ... ... Das also war, was die demokratische Bourgeoisie aus dem Geist der Aufklärung gemacht hatte: »Je mehr Kenntnisse du erwirbst, desto höher steigst du.« Ob du dich aber, als Mensch, zum Führer eignest, der du werden willst und sollst, darnach fragt man dich in keinem Examen ... Und den Menschen, die gehorchen, die Gesetze erfüllen sollten, was gab man ihnen als Grund an: »Du weißt so wenig, du hast eine so schlechte Handschrift, du kennst nicht einmal die Nebenflüsse des Rio de Janeiro in Neu Fundland ... Also : gehorche!« ... Wenn das Cäsar seinen Soldaten als Grund angegeben hätte, weswegen er ihren Gehorsam verlangte ... Und mit dem sicheren Blick eines Menschen der alten Art fand Baron Frangart heraus, worum es sich handelte: Es war der blasse Intellektualismus, die graue blutleere Verstandeswirtschaft, die alles dirigierte: die alle rein menschlichen Unterschiede aufhob und die Menschen nach ihren Kenntnissen einteilte, die auch an den Kindern hier ihre Erbärmlichkeiten ausließ. Und immer wieder betrachtete Baron Frangart diese grauen farblosen Menschen, die ihm in der Tat als typische Opfer des Molochs der Schule erscheinen mußten, der seit hundert Jahren Europa bedrohte. Von ihnen also wollte er ein Kind herausgreifen und es seiner Kultur zuführen. Das war die Tat, wozu er sich entschlossen hatte, und die zugleich das Werk der Liebe und des Sich-Wegschenkens sein sollte! Er wollte fruchtbar werden, indem er seine Tradition, also gleichsam sich selbst, auf jemand übertrug. Dies war die Fortpflanzung und Fruchtbarkeit, zu der er sich gestern entschlossen hatte. Und deshalb war er zu den Kindern hier gekommen. * Während sein Geist solchermaßen in einer kurzen Umarmung seine Ansichten und Absichten zusammenfaßte, hatte der Anstaltsleiter eine Rede gehalten, in der er zuerst den Wohltätern dankte und dann die Kinder zur Dankbarkeit ermahnte. Hierauf trat, von den Festgästen teilweise mit »ah!« begrüßt, durch die andere Türe der Weihnachtsengel ein. Es war dies ein dreizehnjähriges Mädchen, Zögling der Anstalt, das ein langes, weißes Wollhemd und am Rücken zwei goldgestrichene Holzflügel angeheftet trug. Sie trat unter den Baum und sprach ein langes Gedicht, mit pathetischen Hinweisen auf die Wohltäter. Diese riefen nach Beendigung der Reimerei ein gerührtes »Bravo!« und »sehr gut!« Man gab jetzt den Kindern ein Zeichen, zu singen. Ihre Stimmen zogen sich langgedehnt, mit der ihrem Dialekt eigenen Abfärbung der Vokale, hinaus. Baron Frangart gab sich nicht die Mühe, den Text verstehen zu wollen. Als das Lied verklungen war, wurden die Kinder endlich angewiesen, sich ihre numerierten Geschenke zu holen. – »Jetzt!« dachte sich Baron Frangart und beobachtete streng die Haltung der Kinder. Die einen grinsten gutmütig. Die andern taten überrascht und stießen ein »Oh!« und »Ah!« aus, dem Baron Frangart die Heuchelei anmerkte. Es mußte Heuchelei sein; denn welchen persönlichen Anteil konnten sie nehmen an dem kalten Flitter dieses Baumes, an seinen elektrischen Lämpchen, die kein Leben verrieten, sondern stumpfsinnig und gleichmäßig leuchteten, an den grauen Tüten, in die man genau eingezählt hatte, wieviel Äpfel, Nüsse, Marzipan, Biskuits auf je einen entfielen. – Wieder andere gingen zu ihrer Nummer und nahmen die Geschenke, weil das nun eben so befohlen war. Der stumme Betrachter fühlte sich schon enttäuscht; er sah nochmals auf die Kinder; da plötzlich fiel ihm etwas auf. Ein etwa zehnjähriger Junge stand mit dem Rücken an den Tisch und seine Bescherung – Nummer 18 – gelehnt, schlank, ja mager da, und überflog mit fast unverschämt ruhigen Blicken das Publikum. – »Wer ist der Junge dort?« fragte Baron Frangart mit leiser Erregung den Geistlichen und zeigte auf diesen. »Ohne Eltern wie die andern, nicht untalentiert, aber – wie soll ich sagen? ...« »Sein Name?« – »Weiß ich leider nicht.« – »Bitte, Hochwürden, wollen Sie dem Anstaltsleiter sagen, daß ich diesen Jungen möchte, und keinen andern. Man möge mir Nachricht geben, ob ich ihn haben kann. Damit es keine Verwechslung gibt: Den, der mich jetzt gerade anstarrt. Nur den! Bitte!« ... Die Feier war zu Ende. Die Kinder mußten sich in Paare ordnen und verließen den Saal durch die Seitentür, durch die sie hereingekommen waren. Baron Frangart sah seinem Jungen nach, bis er verschwunden war. Dann verließ er sofort die Galerie der Eingeladenen, die gerade der Anstaltsleiter zu persönlichen Ansprachen betrat. Dem Geistlichen hatte er seine Karte gegeben und ihn um freundliche Nachricht gebeten. Die Frage, die ein anderer sich in Anbetracht des Entschlusses und der Tat des Baron Frangart stellen konnte, war rein menschlich gesprochen die: warum nahm sich dieser verfeinerte, auf seine Kultur so stolze Mensch gerade ein Kind aus dem Findelhause, anstatt, was doch näher zur liegen schien, aus irgend einer zufällig verarmten guten Familie, wo er hoffen durfte, schon auf einem vorhandenen gewissen Fonds von Kultur weiterbauen zu können. Aber diese Wahl des Baron Frangart geschah mit ganz bestimmter Absicht: Wenn jene mystische, ja magische Übertragung seiner eigenen Art auf ein junges Menschenkind vollkommen gelingen sollte, mußte dieses selbst so voraussetzungslos wie möglich sein. Keinerlei hergebrachte Meinung durfte es belasten, durfte die Übertragung hemmen; jene doppelte Arbeit, zuerst angeborene oder angelernte, jedenfalls aber vorhandene Werte aus dem Kind auszumerzen, um ihm dann seine eigenen zu geben, wäre Baron Frangart zu unreinlich gewesen. Daher und nicht etwa aus Mitleid, suchte er ein Kind ohne Familie, ohne Werte, ohne Voraussetzungen; es war ihm nicht darum zu tun, einem armen Jungen ein reiches Leben zu schenken. Armut und Reichtum taten im Grund nichts zur Sache. Nur durfte Baron Frangart bei einem dieser armen Findlinge am ehesten hoffen, einen vollkommen unbebauten moralischen und geistigen Boden vorzufinden. Was die vererbten, im Blut liegenden Eigenschaften betraf, deren wohl jedes Kind mit in die Welt bringen mußte, so baute er darauf, daß diese durch die Schule, die Anstalt (deren Ziel doch war, den persönlichen Charakter der Kinder zugunsten der allgemeinen Gleichförmigkeit zu ertöten), wohl schon ausgemerzt, mindestens aber, gleich einem sterbenden Nerv, narkotisiert sein würden; sie würden schlummern und er würde sie durch seine Erziehung nicht mehr wecken. Aus welchen rein menschlichen Grundgefühlen nun ging bei Baron Frangart dieser Plan einer geheimnisvollen Übertragung seiner Persönlichkeit hervor? Vielleicht aus zweien: Dem einen, etwas zu tun, fruchtbar zu werden, dem andern, sich den ihm in Dingen der Kultur gleichgestellten Menschen, da er einen solchen nicht vorgefunden hatte, selbst zu erschaffen; Gesellschaft zu haben. Diese zwei Gefühle hatte er bislang unbefriedigt gelassen, ja streng beherrscht: alle Tätigkeit und alle menschliche Gesellschaft hatte er als unreinlich von sich fern gehalten. Vielleicht war es eine Schwäche, daß er diesen Gefühlen jetzt nachgab; aber er war gedrängt worden, von Pater Bonaventuras guten Wünschen und von den Worten des Prälaten ebensowohl wie von Schlagintweits Unternehmungslust; denn diese drei waren die einzigen Menschen, die eine gewisse Rolle in seinem Leben spielten. So schadete ihm die Güte und Liebe zweier Menschen, und im Falle Schlagintweit, die eigene Sympathie, mit der er an dessen Leben Anteil nahm! Aber wenn es schon, für einen Baron Frangart, eine Art Schwäche bedeutete, daß er Gesellschaft und Tätigkeit wollte, so konnte er sich damit verteidigen, daß er bei alledem nur sich selbst wieder erleben wollte. Dem Prälaten gegenüber, der das »Werk« wohl ganz anders gemeint hatte (nämlich, daß er sich selbst wegschenken solle, um einen andern Menschen zu erleben!), hätte er sich damit durchaus nicht verteidigen können. Aber so lebhaft wirkte bei Baron Frangart auch in dieser Sache die Überzeugung seines höheren Menschentums, der Glaube an seine besondere Wohlgeborenheit nach ... Nach drei Tagen schon hatte Baron Frangart ein Schreiben des Geistlichen und der Anstaltsleitung bekommen, daß, in Anbetracht der glänzenden Zukunft, die er dem Kinde »Nummer achtzehn« garantiert habe, gegen dessen Entlassung aus dem Anstaltsverband nichts einzuwenden sei. Baron Frangart könne, vorausgesetzt, daß er schon etwelche Vorsorge für die Unterkunft getroffen habe, den Knaben jederzeit sprechen und ihn frühestens am Silvestertag abholen. Gleich nach Empfang dieses Briefes fuhr Baron Frangart zu einem guten Schneider und bestellte ihn für Nachmittag in die Findlingsanstalt. Auch er selbst traf um diese Zeit dort ein, um den auserwählten Knaben nun persönlich kennen zu lernen. Es war dies ein ziemlich kleiner, wie schon erzählt, schmächtiger magerer Junge. Seine Figur erschien noch durch den dicken plumpen Schullodenanzug, in dem er steckte, entstellt. Seine Hände waren nicht häßlich. Sein Kopf hatte eine eher breite als längliche Form (Schlagintweit – der den Jungen später kennen lernte – behauptete, daß diese Form seit dem Einfall der Hunnen, unter Attila, in Bayern sehr häufig auftrete). Seine Augen waren freilich grau, aber lebhaft; nur wenn ihn der Anstaltsleiter anredete, verschleierten sie sich jeweils. Die Nase mochte für das Alter des Knaben vielleicht zu groß erscheinen, aber das mußte sich mit der Zeit, wenn sich die Gesichtbildung festigte, ausgleichen. Sein Mund gefiel Baron Frangart sehr: er war klein und zierlich, die Lippen dünn und nicht ohne Linien. – Im ganzen stellte sein Aussehen Baron Frangart zufrieden; was die semmelblonden Haare betraf, so mußte man sie wohl färben lassen; und die graue Gesichtsfarbe würde sich schon von selbst ändern, – nein, der Junge war nicht häßlich. Im Laufe des Gesprächs erwies er sich weder besonders klug noch besonders schwerfällig. Am merkwürdigsten schien Baron Frangart die ununterbrochene gespannte Aufmerksamkeit, mit der der Junge ihn beim Sprechen ansah, seinen Blick beobachtete und seine Gebärden verfolgte. Manchmal überhörte er teilweise die Worte, die man sprach, indem er sichtlich zu sehr vom gesamten Eindruck gefesselt war. Endlich fiel Baron Frangart auf, wie veränderlich sich seine Mienen zeigten; auch die Haltung des Knaben stellte sich gegen Ende des Gesprächs schon ganz anders, viel stolzer und gemessener dar als zu Eingang. Mit Freude schloß Frangart daraus auf große Empfänglichkeit. Am Silvestertag gegen fünf Uhr nachmittags fuhr der junge Baron das zweite Mal am Findlingshaus vor, um den Jungen »Nummer achtzehn« abzuholen. Dieser trug jetzt seine neuen Kleider, einen breiten geränderten Liegkragen (in der Art, wie sie Baron Frangart als Kind getragen hatte), der den Hals ganz frei ließ. Der Gang des Knaben bot ein viel zierlicheres Bild als vordem; das macht, er trug jetzt feinere Schuhe aus dünnem nachgiebigem Leder, die den Fuß nicht so beschwerten wie die harten dreifach gesohlten Schulstiefel. Nur mit den Armen und Händen schien er sich noch nicht recht zu helfen wissen; bald ließ er sie ungeschickt hängen, bald steckte er sie plump in die Tasche. Aber auch das würde noch gut werden, versprach sich Baron Frangart. * Der Knabe wohnte nun in der Briennerstraße bei Baron Frangart. Er hatte seinen eigenen jungen Diener, der ihm alle Handreichungen des Tages tat, die er sich noch vor wenigen Wochen selbst getan hatte. Und für seinen Unterricht, der nicht mehr als zwölf Stunden wöchentlich Zeit wegnahm, hatte Baron Frangart einen Lehrer bestellt. In der Religion, den heiligen Geheimnissen, unterwies ihn sein junger Erzieher selbst, teilweise – in den systematischen technischen Fragen – besorgte dies ein Geistlicher. Der Knabe brauchte sich nicht vor neun Uhr morgens zu erheben. Dann füllte ab zehn Uhr bis gegen Mittag der Unterricht seine Zeit aus. Um Mittag erst traf er Baron Frangart. Dieser ließ ihn jeden zweiten Nachmittag allein, er konnte im Wagen spazieren fahren oder zu Hause sitzen und träumen, wie es ihm gerade einfiel. Die erste Woche aß Frangart mit ihm zu Hause, da er sich in dem so exklusiven Hotel (wo außer ihm nur einige Menschen der besten Gesellschaft speisten) nicht etwa, wenn der Junge schlecht äße, genieren wollte. Dieser aber hatte sich vermöge seiner ganz außerordentlichen Beobachtungsgabe, von der er immerfort den regsten Gebrauch machte, schon in wenigen Tagen eine, Baron Frangart überraschende Geschicklichkeit im manierlichen Essen erworben. Nach Ablauf der Woche aßen sie im Hotel. Es war die Absicht Baron Frangarts, zunächst alle äußeren Veränderungen auf den Knaben wirken zu lassen; dieser sollte Zeit haben, alle Gesetze der Form, die ihn das ruhige Beispiel Baron Frangarts selbst lehrte, in sich aufzunehmen. Erst wenn er in der äußeren Form so gut wie vollkommen wäre, wollte Frangart in seine empfängliche Kindesseele jene Werte legen, die seine eigene Kultur ausmachten; und zum Schlusse erst wollte er gleichsam sich selbst auf den Knaben übertragen, indem er ihm einflößen würde, sich für einen bevorzugten und durch Gottes Gnade bevorrechteten Menschen zu halten; wovon er sich als Wirkung einen erhöhten Stolz, eine strenge Selbstbeherrschung und Harmonie des Wesens versprach; diese sollte dann wieder auf eine nochmalige Veredlung der äußeren Form zurückwirken; dann mochte das verfeinerte Formgefühl wieder den in die Seele gelegten neuen Wertgefühlen Sicherheit verleihen; diese würden solchermaßen seinem Glauben an eine priviligierte Stellung die Berechtigung geben. Und so sollte sich dies alles in einem immer bestimmter werdenden Kreislauf der Verfeinerung immer von neuem abspielen ... Und wenn der Knabe »Nummer achtzehn« auf solche Weise, gleich einem immer feiner geschliffenem Stein, in allen Teilen seines Wesens streng und unverrückbar abgeglichen sein würde ... Dann, ja dann wollte er ihn nach dem Süden bringen, nach dem Schloß der Frangarts, und dort das Letzte, Höchste, was er, Fritz von Frangart, besaß, unter der satten Sonne des Südens, restlos und gerecht mit ihm teilen, – nämlich jenes reife edle satte von aller rohen Gier befreite Sichselbstgenügen, das ihn jetzt, in einsamer Höhe, von den Menschen trennte ... Dann, ach dann, würde er auch nicht mehr einsam sein; er würde mit einem Gleichgestellten leben, den er sich selbst geschaffen hatte, wie ein Meister mit seinem edelsten Werk, wie ein Vater mit seinem Sohn; und somit würde er dann auch das Werk der Liebe vollbracht, nämlich sich ganz und gar weggeschenkt haben. Jeden zweiten Tag, wenn Baron Frangart mit dem Knaben ausfuhr, zuerst im Hotel speiste, dann Einkäufe machte, um ihn mit dem Wert der Dinge und mit den wertvollen Dingen vertraut zu machen; ihn dann und wann, aber nur gelegentlich, um jede Ermüdung zu vermeiden, vor ein schönes Bild führte; vor ein edel gebautes Haus und dann wieder vor ein häßlich-modernes, – immer darauf bedacht, nichts zu predigen, sondern alles durch sich selbst wirken zu lassen; ihn auf streng, aber vornehm gekleidete Damen aufmerksam machte, und ein anderes Mal auf eine lasciv aufgeputzte Frau; ihn einen Akt von Carmen anhören ließ, und später einen halben von einer Oper der neuen Musik; mit ihm in der Frauenkirche betete und ihn zu anderer Zeit wie zufällig in eine neue Kirche führte; ihm ein paar Verse aus Goethes »Iphigenie« vorlas, und ein paar Tage nachher eine Seite aus der »Jungfrau von Orleans« (oder gar aus dem monotonen unmännlichen Versgewinsel irgendeines modernen Lyrikers), – wenn er dies alles in seiner stillen noblen Art tat, sah er gespannt auf das Mienenspiel des Knaben, der seinerseits mit lebhaften Augen alles und ihn selbst verfolgte; und Baron Frangart war sehr zufrieden. Denn in der Tat schien der Junge große Fortschritte zu machen; nicht, daß er in lebhaften Worten darüber geplaudert hätte – denn er sprach nicht viel, nach dem Beispiel seines Erziehers –, aber seine Augen redeten, und sie redeten im Sinn des Erziehers. * Soweit ließ sich alles gut an. Der Knabe selbst fühlte sich nur an den Nachmittagen, die er allein zubrachte, zunächst sehr verlassen. Aber nach den ersten Wochen, wenn das Wetter nicht zum Ausfahren einlud, saß er zufrieden in seinem Zimmer. Er stellte sich vor den größten Spiegel, übte Verbeugungen ein, probierte Kopfhaltungen und kopierte, mit dem Talent eines seltenen Schauspielers, Gang, Redeweise und Benehmen des Baron Frangart! Nichts war natürlicher und doch zugleich abstoßender als die Art, mit der dieser Junge vor dem Spiegel »Baron Frangart lernte« (so nannte er es selbst). Und sein Geschick in dieser Schauspielerei war in der Tat vollendet; alle Äußerlichkeiten wurden in der kürzesten Zeit sein Eigentum. Denn: Die formale Gewandtheit dieses Knaben, an der sich Baron Frangart erfreute, sie war nichts anderes als ein Ergebnis seiner Beobachtungsgabe. Mit dieser Beobachtungsgabe gelang es ihm auch, vor geistigen Erlebnissen stehend, Baron Frangart zu täuschen. Dieser suchte wie natürlich den Eindruck auf dem Gesicht des Knaben zu lesen; dieser aber hatte ihn stets schon vorher mit einem nie müden Instinkt in der Miene des Baron Frangart, so beherrscht diese auch sein mochte, gelesen, und gab sie nun auf seinem eigenen Gesicht richtig wieder. Daher kam die stetige Täuschung des Baron Frangart über seinen Zögling; wieviel dieser innerlich in sich aufnahm, ließ sich nicht feststellen; vielleicht einiges, vielleicht nichts. – Jedenfalls aber stand fest, daß er Baron Frangart durchaus nicht und in keinem Falle absichtlich täuschte. * Indessen nahte die Zeit, wo Baron Frangart die Entschleierung seiner Illusionen erleben sollte. Anfang des März – also zwei Monate, nachdem er den Knaben aufgenommen hatte – konnte er einem plötzlichen rauhen Wechsel der Witterung nicht widerstehen und fiel in schweres Fieber. Er bat Schlagintweit zu sich und vertraute ihm den Knaben an. Schlagintweit, der mit seiner Braut nicht gerade sehr glücklich zu sein schien, war während der letzten Zeit ein einziges Mal flüchtig zu ihm gekommen und hatte dabei auch den Zögling des Baron Frangart kennen gelernt. Er sollte ihm nun in der Nähe seiner eigenen Wohnung, vielleicht in einer guten Pension, eine Unterkunft suchen und sich im übrigen mit ihm beschäftigen; Baron Frangart gab ihm einige allgemeine Erklärungen, wie er bisher mit dem Jungen umgegangen sei, und er sollte auch von Schlagintweit so gehalten werden. Dieser erfüllte Frangarts Wunsch in jeder Weise. Der junge Baron erhob sich nach vierzehn Tagen, trotz einer leichten Gehirnhautentzündung, welche das Fieber begleitet hatte, vom Krankenlager. Er schickte zu Schlagintweit und ließ ihm ausrichten, er möge ihm den Knaben bringen. Sie kamen denn auch zusammen an. Der Knabe begrüßte den jungen Baron mit einer lauten Herzlichkeit des Tones, die dieser an ihm nicht gewöhnt war. Er hörte seinen Wortschwall erstaunt an. »Nun,« fragte er ihn, »wie hat es dir bei Herrn Schlagintweit gefallen?« – »Fein wars, Herr Baron, sehr fein.« – »Anders wie bei mir?« – »Ja ... schließlich ... mit dem Kirchengehen hats der Herr Schlagintweit nicht so viel wie der Herr Baron ... Aber fein wars ...« Baron Frangarts Erstaunen wuchs. Das Wesen des Jungen schien ganz verändert zu sein. Wessen Allüren waren dies nur? Ach richtig ... Das war so die Art von Schlagintweit selbst, oder vielmehr eine gute Kopie davon. Jetzt der Tonfall ... Und diese Bewegung, ganz genau wie bei Schlagintweit ... Baron Frangart erzitterte heftig, als er solchermaßen den Schauspieler in dem Jungen erkannte. »Herr Baron, ist Ihnen vielleicht nicht ganz wohl?« fragte der Junge, der ihn nach seiner Gewohnheit genau beobachtete, »da müssen wir halt das Mädel rufen, damit sie Ihnen vielleicht ein Glas Wasser bringt ...« Mit Bestürzung erinnerte sich Baron Frangart bei diesen Worten, wie schnell und wie gut der Junge vor zweieinhalb Monaten ein dialektfreies Schriftdeutsch gelernt hatte. Und jetzt ... dieses Behagen an der Redeweise Schlagintweits! Bei Schlagintweit selbst mochte Baron Frangart das gerne leiden, da war es original; aber bei diesem Jungen, welche abstoßende, wenn auch genaue Kopie! »Nein!« antwortete er abwehrend auf die Frage des Jungen, »mir ist ganz wohl, ganz wohl ...« »Sag mal, Junge,« fragte er ihn, »bei wem würdest du jetzt lieber bleiben, bei Herrn Schlagintweit oder bei mir?« »Ja, das kommt halt darauf an ... Das weiß ich gar nicht recht ... Ich tu mich ja in alles hineinlernen, ich ...« In Baron Frangart jagten sich die unglücklichsten Gedanken. Das war also der »niedrigste Mensch«, an den er sich »wegschenken« hatte wollen. Der niedrigste Mensch ... Aber das war doch gar kein Mensch, das war doch ein kleines Tier mit Mimicry, dieser Junge ... Und das Mimicry bestand eben in seinem Talent, sich in alles »hineinzulernen«, hineinzuspielen ... Nein, warum sollte er »das Werk der Liebe« zu Ende bringen, wenn es dem Jungen doch nur eine Lernaufgabe auflud ... Nein, nicht weiter ... Sofort mußte ein Ende gemacht werden. »Ich möchte mit Ihnen sprechen, Schlagintweit,« begann Baron Frangart nach einer Weile starrsten Schweigens, »gehen wir ins Zimmer nebenan!« Es geschah. Baron Frangart atmete tief und schmerzlich auf. »Schlagintweit!« rief er endlich, »bitte, retten Sie mich, befreien Sie mich ... vor diesem Echo, vor diesem Spiegel, vor dieser wechselnden Maske, vor diesem Chamäleon! ...« Schlagintweit schwieg bestürzt. »Ich dachte ...« wollte er erwidern ... »Nein,« unterbrach ihn der Baron, »ich habe mich schrecklich getäuscht, ich kann mich nicht wegschenken an ihn, er kann das Geschenk nicht tragen, es ist ihm zu schwer, es ist alles zu schwer, alles, alles ... Befreien Sie mich von ihm ...!« Schlagintweit begriff nicht ganz, aber war sogleich bereit, alles Mögliche zu tun. »Soll ich ihn ermorden?« schrie er laut, »soll ich ihn ins Gymnasium stecken? Soll ich ... Alles, was Sie wollen ...« – »Ich danke Ihnen lebhaft, ich danke Ihnen lebhaft,« erwiderte der junge Baron mit schmerzlichem Lächeln, »es darf kosten, was es will, ich werde für seine Zukunft sorgen. – Er soll es nicht entgelten, daß ich mich getäuscht habe. Nichts wird mich reuen, aber Sie müssen ihn fortbringen von hier, fort, ich kann ihn nicht mehr sehen, diesen armseligen Kopisten ... Fort mit ihm, nur fort!« – »Er ist jetzt ein bißchen verwöhnt, der Junge,« sagte Schlagintweit mitleidig, »aber das werden wir schon deichseln; hören Sie, Herr Baron!« schrie er – nun sein Mitleid diesem zuwendend – »hören Sie, das ist in Ordnung, das ist einfach erledigt, keine Sorge, ganz und gar erledigt, hören Sie doch, Herr Baron!« – »Ich danke Ihnen nochmals, Schlagintweit,« erwiderte dieser in dumpfem Ton. Und er schrieb ihm für alle Fälle (wenn z. B. Schlagintweit einmal gerade keine Möglichkeit mehr haben sollte, den Jungen zu behüten) die Adresse des Pater Bonaventura in Chamfort auf, sodann gab er ihm einen hohen Bankscheck, um gleich im voraus wenigstens für die nächste Zeit alles geregelt zu haben. – Langsam fand der junge Baron diesmal seine Beherrschung wieder. Dann gingen sie ins andere Zimmer, zu dem Jungen, hinüber. »Das ist jetzt dein Vater!« – sagte Frangart, schmerzlich lächelnd, und wies auf Schlagintweit. Und sie verabschiedeten sich voneinander. – Gebrochen warf sich der junge Baron auf den Divan. Ein furchtbares innerliches Schluchzen erschütterte seinen jugendlichen grazilen Körper. So lag er lange. Als er sich erhob, glühten seine heißen trockenen Augen in einem verderblichen Feuer. »Das war Miéville!« flüsterte er vor sich hin, »das war noch einmal der Schrei der Sehnsucht ... Aber der ist jetzt auch verklungen, ganz verklungen, erstorben, mit dem Werk der Liebe erstorben ...« * Dieses Erlebnis, aus welchem Schlagintweit, der vielleicht einmal Erzieher werden wollte, die praktische Lehre zog: »Ich soll Kinder nicht zu mir, sondern zu ihnen selbst erziehen!« war für das Befinden des halbgenesenen Baron Frangart leider von den traurigsten Folgen begleitet. Die Aufregung brachte ihm, dem die Ruhe Gewohnten, das Fieber verstärkt zurück. Lange heiße Phantasien durchzogen quälend das erhitzte Gehirn des Kranken. Als er einigermaßen gekräftigt war, beschloß er, nach dem Süden zu gehen, nach dem heimatlichen Schloß, das er so lange, aus dunkelm Widerstreben heraus, gemieden hatte. Schlagintweit, den er bat, in einem Monat, wenn er wieder mehr bei Kräften sei, dorthin nachzukommen und einige Wochen als sein Gast zu bleiben, erschrak vor seinem Wesen. Das war nicht mehr das strenge Ansichhalten eines in Selbstbeherrschung und im Schweigen geübten Menschen; es war schon eine unheimliche marternde Totenstille. Und dazu diese glühenden Augen ... Schlagintweit verließ ihn mit tiefem Kummer. Baron Frangarts Ende Baron Frangart, der weder seinem Vormund, noch den zwei auf Frangart lebenden Dienstboten irgendeine Nachricht von seiner Ankunft gegeben hatte, fuhr, gegen Abend in Bozen angekommen, in einem Wagen über Sigmundskron hinauf nach Frangart. Und seine starre Miene erhellte sich nicht unter dem Anblick des hohen Himmels und der hellen Sterne. Er kam im Schloß an, und zog herb und gebieterisch an der halbeingerosteten Glocke. Niemand schien zu hören, und er läutete nochmals. Endlich rief eine männliche Stimme unwirsch durch das Schlüsselloch: »Zum Teufel, wer ist da? Was wollen Sie?« »Ich bin es, öffnen Sie sofort!« Der Schlüssel drehte sich eilig, Baron Frangart trat ein und sah sich um; vor ihm stand Georg im Hemd und hielt das Nachtlicht in der Hand; über das Stiegengeländer aber gaffte, vor Überraschung starr und ebenfalls im Hemd, Jeanette herunter; die Neugierde schien sie ihrem Mann – denn das war Georg mittlerweile doch geworden – nachgetrieben zu haben. Das unordentliche Aussehen der beiden störte Baron Frangart. »Kleiden Sie Sich an,« rief er, »und machen Sie beide, daß Sie weiterkommen!« (Davon, daß die zwei Eheleute geworden waren, wußte er nichts, obzwar sie es ihm einmal geschrieben hatten.) Baron Frangart ging hinauf in sein Schlafzimmer, ohne Rührung, ohne jedes besondere Gefühl der Erinnerung, wie als ob er dieses Schloß nie verlassen hätte. Nach einer Weile klopfte es demütig an seiner Türe. Es war Georg. »Der Herr Baron weiß vielleicht noch nicht, daß wir verheiratet sind,« sagte er leise. »Verheiratet oder nicht, mich ekelt es an ...« – »Entschuldigen Sie, Herr Baron!« Unten knurrte Georg seine Frau zornig an, als ob sie Schuld trüge: »Geh aus dem Haus! Aber sofort! Du wirst schon irgendwo ein Nachtquartier finden ... Frag in Sigmundskron unten.« Jeanette zog sich eilig an und verließ gehorsam das Haus. Es klopfte das zweite Mal an die Tür des Schlafzimmers: »Herr Baron, sie ist fort!« – »Eintreten!« Und Georg trat ein und tat alles, was sein Herr, bevor er schlafen ging, wünschte. Er heizte das Bad und packte die Koffer aus. Und berief sich nicht mehr darauf, daß Jeanette seine ehelich angetraute Frau war. Acht Tage lang – die der Baron verbrachte, wie er sie als Kind auch verbracht hatte, in der Sonne, an die Mauer des Schlosses gelehnt – schien einige Friedlichkeit in ihn eingekehrt zu sein. Aber dann beschritt er eines Tages den Friedhof und trat an das Grab derer von Frangart. Seine Miene verdüsterte sich: »Also,« flüsterte er, »also sind Mutter und Vater tot! Deshalb bin ich so allein ... Liebe Eltern, gebt mir doch ein fruchtbares Leben ...« Der Geist des Baron Frangart lag in dunkler Nacht. Und die triumphierende Sonne des Südens vermochte sie nicht zu erleuchten. Der kaum erblühte jugendliche Körper hatte seinen Herrn verloren ... Die Augen glühten, aber in wirrem Feuer. Es schien, als ob Baron Frangart dort in München, gegen das Ende seines Aufenthaltes, auf der Fahrt, beim Eintritt ins Schloß, noch mit letzter Willensanstrengung seinen Geist aufrecht erkalten hätte, um auf dem geheiligten Boden seiner Vorfahren zusammenbrechen zu können. Der allein gebliebene, rein gebliebene Mensch war an der Einsamkeit seines Daseins, an der Unfruchtbarkeit seines Lebens – mit wie unvergeßlichem Stolz er sie, im Bewußtsein seiner Wohlgeborenheit, auch ertragen hatte – gleichsam vertrocknet. Wie das schlanke geschmeidige Reh sich beim Nahen des Todes in den tiefsten Winkel des Waldes flüchtet, um dort sein Ende zu erwarten, so hatte sich Baron Frangart auf sein Schloß heimgeflüchtet. Und mit großen wirren Augen, die langen langen Wimpern selten senkend, starrte er ins Leere. Kamen Menschen in seine Nähe, so hob er die Hände vor das bronzefarbene Gesicht, vor die schmäler gewordenen, aber anmutig gebliebenen Wangen, und wehrte sie wie etwas Unreinliches ab. Halbgeöffnet stand der edel geschwungene Mund, und manchmal klapperten die Zähne leise aufeinander. Die Landbewohnerinnen aber ringsum weinten beieinander, daß so viel Schönheit dem Verderben geweiht war ... Pater Bonaventura erfuhr die Kunde durch die Vormundschaft in Bozen. Er eilte nach dem Süden. In der Furcht, daß seine Ankunft den jungen Baron erschrecken oder seine Leiden vergrößern möge, begab er sich in die Pfarrkirche und wanderte, in weißer Soutane, mit dem Heiligsten Leib des Herrn nach Frangart. Und seine bitteren Tränen netzten die silberne Kapsel, in welcher die verwandelte Hostie eingeschlossen war. Ach, er vertraute darauf, daß der Unglückliche wenigstens das Allerheiligste Geheimnis noch ein Mal fühlend erfassen und erleben werde können. Und in der Tat, obwohl Baron Frangart Bonaventura nicht wieder zu erkennen schien, wurde sein Auge vor dem Anblick der erhobenen Hostie noch einige Sekunden milder und klarer; er schien zu wissen, was ihm geboten wurde, denn ergeben kniete er sich nieder. Bonaventura sprach die Generalabsolution über ihn aus und betete dann für ihn dreimal die rituellen Worte: »Oh Herr, ich bin nicht würdig, daß Du eingehest unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.« Nach dem Empfange des Sakraments blieb Frangart knieen. Man konnte sehen, wie die kurze Klarheit seiner Augen allmählich erlosch und ins Wirre überging. Er blieb lange knieen, bis ihn das Zureden des Pater Bonaventura zusammenschrecken ließ, dann lief er weg, schlich um das Haus und hockte sich in die Sonne ... Ein paar Tage später kam Schlagintweit an, der von nichts wußte und überdies München schweren Herzens verlassen hatte: Der Sohn, Knabe »Nummer achtzehn«, den er so plötzlich und anscheinend für lange Zeiten adoptiert hatte, war seiner nervösen Braut wenig willkommen. Und als in dieser Zeit ein königlich bayerischer Bahnadjunkt neu in ihr Leben trat, schien sie zu überlegen, ob nicht eine sichere Staatsstellung einem längeren Brautstand vorzuziehen sei. Und gerade während dieser Überlegungen trieb ihn, Schlagintweit, seine große Liebe nach Frangart. – Wer beschreibt seine Trauer! Der junge Baron erkannte ihn nicht mehr. Vierzehn Tage logierte Schlagintweit in Sigmundskron und stieg jeden Tag zum Schloß hinauf, um vielleicht doch noch einen Blick des Wiedererkennens zu finden. Umsonst. Und als er am vierzehnten Tage wieder hinaufstieg, liefen Pater Bonaventura und alle andern verstört umher. Der junge Baron war verschwunden und alle Nachforschungen waren vergebens; nach einigen Tagen gab jedermann die Hoffnung auf, daß er noch lebe. Er hatte sich wohl irgendwo im Wald niedergesetzt, war vielleicht dann nochmals aufgestanden und im Irren herumgerannt, hatte sich wieder gesetzt und vielleicht um Hilfe gerufen ... Er war tot. Baron Frangart, der sein Leben vor den unreinlichen Menschen mit solcher Tapferkeit verschlossen hatte, – er hatte ihnen auch den Anblick seines Todes verborgen ... Pater Bonaventura klagte nicht, daß Gott sein und aller andern, namentlich des alten Choiseul Gebet, das Leben dieses Menschen fruchtbar zu machen, nicht erhört hatte; er weinte nur und betete weiter. Schlagintweit seinerseits fuhr in tiefer Trauer nach München zurück. Dort aber, wie denn überhaupt im Verlauf seines ganzen Lebens, schenkte er aufs neue sein Herz den Menschen, – obwohl ihn seine Braut alsbald schnöde verließ und den Bahnadjunkten heiratete; obwohl sein Sohn, der Knabe »Nummer achtzehn«, ihn vielfach hinterging, um endlich als Komödiant irgendwo zu landen. Sie alle drei handelten; wie es eben, dem göttlichen Ratschlusse gemäß, solchermaßen in ihrer Bestimmung lag ... Die Choiseul, Riom, Frangart und Bourbonen aber waren, soweit sich das hier auf Erden und unter Menschen mit Wahrscheinlichkeit sagen, bestimmt aber nur hoffen läßt, bei ihrem Gott versammelt, von dessen Gnaden sie gelebt hatten. Romanen und Germanen mischten sich hier jedenfalls friedlich untereinander; kein Schrei der Sehnsucht rang sich mehr aus ihrem Munde. Das ewige Licht leuchtete ihnen. Amen!