Des Herrn Archemoros Gedanken über Irrende, Suchende und Selbstgewisse von Hermann Oeser   Achte Auflage     Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn     Inhalt.         Einleitung 1. Bist du ein Christ? 2. Gesindeordnung der Diener Gottes 3. Auf der Straße 4. Herr Kibitz 5. Religion und Theologie 6. Zwei Laien 7. Imponderabilien 8. Ein Gentleman ist sündlos; denn die einzige Sünde, die es gibt, begeht er nicht 9. Was man so Charakter nennt 10. Im Anti-Superlativ-Verein 11. Barometrische Studien 12. Wie Herr Philippus entdeckt, daß Ludwig zweifarbige Augen hat 13. Nachbarn von mir 14. Eros und Psyche in Himbach 15. Pietà 16. Zwei Weihnachten 17. Herr Echternacher 18. Ein Brief 19. Seid nicht so verschwenderisch! 20. Der Weiterschieber 21. Der Zerstreute 22. Ein Sonett     In einer kleinen ehemaligen Amtsstadt war im Jahr 1795 von einem Manne, den die Gelehrten unter seinen allerdings sehr ungelehrten Nachbarn einen Mystiker nannten, eine Gesellschaft gegründet worden, der der fromme und sinnige Mann den Namen »Kassandra, zum innigen Mitgefühl« gegeben hatte. Es galt ihm und den Mitbegründern um die gemeinsame Pflege ernster, geistiger Interessen. Die Gesellschaft setzte sich in all den Jahren ihres Bestehens aus strebsamen Beamten und gebildeten Bürgern des Städtchens zusammen. Sie hatte keine Geheimnisse, keine Statuten, keine Beiträge, keine Abstimmungen, keinen Vorstand, nur das älteste Mitglied leitete die Besprechungen. Mit dieser schlichten Verfassung kam der Verein beinahe hundert Jahre auf das beste aus. Veränderungen, die das Städtchen in jedem Betrachte schwer trafen, Verlegung der Behörden in eine größere und mehr im Mittelpunkte der Landschaft gelegene Stadt, führten neunzig Jahre nach der Gründung die Auflösung des Vereins herbei. Seine Geschichte hatte sich äußerlich in den Hunderten von Silhouetten, Lithographien und Photographien der Mitglieder abgespiegelt, die die Wände des 6 Versammlungszimmers bedeckten, innerlich aber in der stattlichen Reihe von Bänden, die den einzigen Zwang enthielten, der nach dem getreulich befolgten Willen der Stifter den Mitgliedern auferlegt war. Jeder Vortrag mußte unter Bezeichnung des Tages, an dem er gehalten worden war, in ein Buch eingetragen werden. Von hier aus durfte er in die Presse der Provinz wandern, wenn der Verfasser glaubte, sich mit seinem Vortrage an einen weitern Kreis wenden zu dürfen. In diesen Büchern fanden zugleich manche Arbeiten Aufnahme, die neben den ernsteren Gegenständen der Vereinssitzung die Teilnehmer durch die heitere Laune jüngerer Mitglieder erfreut hatten. Wer die Bände durchliest, wie sie nun, von fleißigen Händen geschrieben, seit 1795 einer zum anderen sich gereiht haben, dem tritt ein ernstes Bildungsstreben, eine herzliche Teilnahme an den Erlebnissen der Landschaft, an der äußeren und inneren Lage der Landsleute und ein reges Durchleben religiöser und kirchlicher Fragen entgegen. Einer der fleißigeren Mitarbeiter an diesem Archiv des Vereins Kassandra war in dem letzten Jahrzehnt seines Bestehens ein Herr Archemoros, über den nur das zu sagen ist, was sich bei einem aufmerksamen Durchmustern der Vereinsbücher aus den Anspielungen der kleinen Beiträge ergibt, in denen das harmlose Neckspiel, wie es das vertrauliche dauernde Zusammensein von Vereinsgenossen überall zeitigt, freundnachbarlich seinen Kleinkrieg führte. Hier hatte nun namentlich ein junger Jurist – seine Arbeiten zeigen, daß er 7 diesem Stande angehörte – Herrn Archemoros, den er auch zuweilen, wohl wegen seiner stark hervortretenden religiösen Interessen, nur als »Seine Hochwürden« bezeichnete, mit seinem griechischen Namen geneckt, ja in der Faschingszeit, indem er dem Worte eine Ableitung gab, die jene alte Sprache nicht verbietet, einen »Erznarren« herausgelesen. Daraufhin hatte Herr Archemoros bei einem bequemen Anlaß die Gelegenheit ergriffen, seinen ehrlichen Namen aus den Händen seines jugendlichen Verfolgers zu retten. »Meine Voreltern«, so sagte er hier, »hießen Fürgang; aber im sechzehnten Jahrhundert hat ein gelehrtes Mitglied unserer Familie den Namen durch den griechischen Eigennamen ersetzt, indem er offenbar dem deutschen Worte den Sinn des griechischen lieh: »Einer, der auf den Wegen des Schicksals anderen vorangegangen ist.« Mir aber sei und bleibe mein Name ein Symbol für alle meine Äußerungen euch gegenüber, daß ich nur von dem rede, was ich in mir erfahren habe, und daß ich mir bei der Darstellung fremden Irrtums immer bewußt bleibe, daß die Möglichkeit zu dem gleichen Irrtum, zur gleichen Sünde von Anfang auch in mir liege. Ich bin mit euch ein Suchender, ein Irrender und ach, wie oft auch ein Selbstgewisser. Aber ihr kennt mich nun so lange, daß ihr wißt, daß ich nicht wie ein Naturforscher die Geheimnisse des Gemütes zu ergründen suche, sondern als ein Liebender.« Die hier vorgelegten Aufsätze des Herrn Archemoros mögen zeigen, inwieweit er seine Stellung zu den 8 Menschen und den Charakter seiner Arbeiten richtig bestimmt hatte. Sie lagen in reinlicher Abschrift bereit, um Aufnahme in den Blättern seiner Heimat zu suchen, als der Verein sich auflöste und sein Archiv mit einem der letzten Mitglieder in die Ferne wanderte. Sie treten nun diesen Gang an, ohne in den alten trauten Raum zurückkehren zu dürfen, in dem Herr Archemoros und seine Freunde so manche im besten Sinne gute Stunde verlebt hatten. 9     1. Bist du ein Christ? Bist du ein Christ? Ja, Herr! Woher weißt du das? Daher, daß ich getauft bin auf den Namen Jesu Christi. Seit wann weißt du das? Ich lernte es schon in meinen Knabenjahren. Das hast du nun gelernt und weißt es darum. Woran aber merkst und erkennst du, daß du ein Christ bist? Wie meinst du das? Du stutzest mit Recht, denn an sich es zu merken, daß man ein Christ sei, daran hindert einen das Christsein. Nun laß mich dich einiges lehren, woran du erkennen kannst, daß andere Christen sind: Ein Christ versteht andere. Ein Christ will nicht selbst »verstanden« werden, er »fühlt« nie »sich unverstanden«. Ein Christ freut sich über das Glück anderer. Ein Christ erhebt nicht selbst Anspruch auf »Glück«. 10 Gegen einen Christen ist nichts »versäumt« worden. Ein Christ weiß, daß er täglich gegen andere vieles versäumt. Ein Christ erklärt seine Sünde und sein Unrecht nicht durch »die Verhältnisse«. Ein Christ sieht trauernd, erbarmend und verzeihend, wie die Verhältnisse in anderen die vorhandenen Anlagen zum Bösen unheilvoll entwickeln. Ein Christ jammert nicht, daß er seinen Beruf »verfehlt« habe. Ein Christ lehrt andere »das Holz« schnitzen, das sie nun einmal haben. 11   2. Gesindeordnung der Diener Gottes 1. Du sollst leben, als ob du stürbest. 2. Du sollst noch andere Götter haben neben dir. 3. Du sollst keinen Nudelteig ausrollen. Wenn du ein Gefühl hast, so hege es still, denn ein echtes Gefühl ist selten, sehr selten; sprich nicht darüber; mache es nicht wie die Verunehrer des Heiligen in ihrer Brust, die im Augenblicke, wo sie etwas erleben, wo sie etwas fühlen, schon die zwanzig Menschen vor sich sehen, denen sie es erzählen müssen, jedem einzeln. Gehe nicht mit deinem inneren Erleben hausieren. Begehe nicht die Indiskretion gegen dein Inneres, die gefährlichste aller Indiskretionen. 4. Du sollst nicht Bogen laufen. Du siehst im Winter junge Männer mit stolz verschränkten Armen und mit studierter Achtlosigkeit durch Bogenlaufen auf dem Eise um den Beifall des großen anonymen Publikums ringen. Du Gotteskind tue das 12 nicht. Vielleicht ist dir die große Gabe geworden, mit dem volkstümlichen Worte dir das Zutrauen der Mißtrauischsten aller Mißtrauischen, der heruntergekommensten und stumpfgewordenen Armen, zu gewinnen; erzähle nicht, wie du es machst, wenn du den Freunden berichtest, die deine Gabe nicht besitzen. Und wenn du ein Pfarrherr bist und ein schönes Organ besitzest, spiele dies Instrument nicht als Virtuose; wenn die leichtgläubigen Frauen bewundernd in Scharen kommen und die Männer ganz wegbleiben, so erschrick und erkenne, daß du Bogen gelaufen hast. 5. Du sollst dir nicht selbst zum Mythus werden. Sonst tötest du den Christen in dir. Du sollst nicht wissen, wie du unter den Menschen erscheinst, du sollst keine Vorstellung von dir haben. Du sollst nicht von dir sagen: »Na seht, Kinder, so ist der alte Dekan.« »Ja, wenn ihr den Alten nicht hättet!« »Es gibt Fragen, da kann das junge Volk, da kann die Synode, da kann die Gemeinde den Stilling doch nicht entbehren.« Du sollst dir, um deiner Vorstellung von dir selbst zu genügen, nicht die Haare zu »ehrwürdiger« Länge wachsen lassen. Du sollst nicht leise sprechen. Du sollst dir kein spanisches Rohr mit silbernem Knopf kaufen, um die äußere Erscheinung zu vollenden. 6. Du sollst dich nicht selbst kopieren. Diese Verunehrung des Heiligen in dir ruht darauf, daß du gesehen hast, wie einmal eine Äußerung von 13 dir, deine Handbewegung, eine Handlung von dir »einschlug«. Wisse, daß nur der Blinde tausend verschiedene Wege zum Guten sieht. 7. Du sollst dich nicht selbst in Versuchung führen. Darum vermeide einen trotzigen und für ein gereiftes Urteil überflüssigen Bruch mit der Welt; weißt du denn, ob du für diesen unnützen Streit mit der Welt Kräfte genug hast? Wirf dich nicht in auffallende Kleider. Sei nicht so einfach in deiner Kleidung, daß dir diese Einfachheit selbst immer bewußt bleibt. – »Bekenne« nicht, wo Liebe oder Menschenkenntnis dich schweigen heißen sollen. 8. Du sollst dich nicht eins hinaufsetzen. Es gibt eine Art, von sich zu erzählen, es gibt eine Art, sich zu demütigen, es gibt eine Art, von andern zu reden, durch die man »eins hinaufkommt«. Du verstehst mich. Tue das nicht! 9.Du sollst kein Mäntelchen umhängen. Du hast z. B. ein schlechtes Buch gelesen: entschuldige dich nicht mit dem sonoren Wort, es habe dich eine dunkle Gewalt gezogen. – Du warst starrsinnig, ganz einfach starrsinnig: sage nicht, Konsequenz gehe dir über alles. – Du warst, wenn auch in verborgenem Zorne, hart gegen dein Kind: sage nicht: wer sein Kind lieb hat, der züchtiget es. – Du warst schwach: sage 14 nicht, dich selbst gutmütig absolvierend: wir stammen eben alle von Adam ab. 10. Du sollst dir kein zweites Motiv bewußt machen. Das erste Motiv kennt jeder, es ist so oft recht harmlos, und man gibt es ohne weiteres preis. Aber das zweite, das hinter dem ersten verborgen liegt, wie die Zeigerfigur hinter der Schießscheibe, von dessen Gegenwart und verfälschender Wirksamkeit die wenigsten wissen, das ist unser heimlicher Feind. Achte doch darauf, wenn du wieder eine einflußreiche Persönlichkeit mit besonderer Ehrerbietung grüßest. Stutze doch nur ein wenig, wenn du am ersten Neujahrstag nach der Pensionierung deines Vorgesetzten, dem du so oft deine bleibende Verehrung und Dankbarkeit brieflich zu erkennen gegeben hast, ganz naiv die Zusendung der Neujahrskarte unterlässest, weil du mit keinem Gedanken daran dachtest. Es fragt dich jemand um Rat, und du erteilst ihn rasch und gern; merkst du denn gar nicht, daß die Befolgung deines Ratschlages dir übermorgen, in fünf Monaten, in zwanzig Jahren einen Vorteil einbringen wird? O das zweite Motiv! Es ist in dem Nußkern, aus dem dir der Baum erwächst, der zwar unsichtbare, aber gerade erst das Leben verleihende innere Kern. 11. Du sollst nicht bandeln! Du weißt nicht, was das ist? Hast du denn nie Billard oder Kegel gespielt? 15 Wenn ein Kegelspieler einen einzelstehenden Kegel zu Fall bringen will, so kann er die Kugel in gerader Linie auf ihr Ziel zurollen lassen, das ist schwer, oder er kann, wenn der Kegel etwas rechts steht, die Kugel zunächst an dem linken Seitenrande oder »Bande« der Kegelbahn anschlagen lassen, damit sie abprallt und nach rechts gegen den alleinstehenden Kegel herüberrollt. Das ist leichter. Jetzt weißt du, was für den Kegler »bandeln« ist; nun will ich dir sagen, wie du bandelst. Du bist ein entschiedener Parteimann, eine »Kraft« in deiner Partei; du treibst, du agitierst. In deiner Stadt ist aber ein einflußreicher Mann, er hat Geld, er hat Ansehen, er ist beredt, seine Feder ist brauchbar, ihr zählet ihn gern zu den eurigen, er steht euch fern, aber er wäre zu gewinnen. Geradewegs zu ihm hinzugehen und ihm offen sagen: »Tritt zu uns herüber, wir schätzen dich«, das ist außergewöhnlich und ist schwer; den einzelnen Kegel direkt nehmen, das ist ja schwer, du erinnerst dich. Da besinnst du dich, ob du nicht ein hervorragendes Interesse von ihm kennst, ein Interesse, das mit einer Parteifache gar nichts zu tun hat, und es fällt dir eines ein, und du schlägst nun an dieses »Band« an. Er ist mildtätig, du kommst mit einer Sammelliste, führst dich ein, plauderst mit dem Manne, er findet dich nicht übel, und er zeichnet eine beträchtliche Summe; er will gleich bezahlen, aber du bittest »um der Ordnung willen« damit zu warten, bis der Sammler kommt. Du gehst befriedigt weg, nach vier Wochen schickst du den Sammler, 16 auch einen scharmanten Mann, nebenbei auch zu deiner Partei gehörig. Nach acht Wochen erlaubst du dir, jenen einflußreichen Mann zur Teilnahme an einem Komitee von Männern aller Richtungen einzuladen, in dem allerdings fast nur Leute deiner Partei vertreten sind und anstandshalber zwei, drei von anderer Färbung. Nun hast du den still Umworbenen in die Gesellschaft deiner Freunde gebracht, du gewöhnst ihn an diesen Verkehr und führst ihn zu Konsequenzen, die ihm am Ende zeigen, daß er unmerklich in die Anschauungen und den geschlossenen Rahmen deiner Partei hineingeglitten ist. Siehe, so bandelst du . 12. Du sollst nicht anzizipieren. Du erinnerst dich, wie dir, als du jung und enthusiastisch philosophische Vorlesungen besuchtest, »das Ding an sich« so schwer zu begreifen fiel, und wie froh du mit deinen Nachbarn warst, als dir zugestanden wurde, daß man das Ding wenigstens an seinen Merkmalen körperlich und geistig zu Gesicht bekommen kann. Später fandest du dann, daß auch die unphilosophische Welt die Sache zu haben glaubt, wenn sie sich in den Besitz der Merkmale gesetzt hat. Und endlich teiltest du den hier eingeschossenen Irrtum. Zum Beispiel ein Ding an sich, die Wahrhaftigkeit, hat oft zum Merkmal eine etwas unbequeme und formlose Offenheit; da wurdest du grob und glaubtest mit diesem Merkmal im Besitz der Sache zu sein. Du sahest, die wahre 17 Frömmigkeit ist oft stille, sie spart am Worte, das ruhige Wort der Frommen hat den gesänftigten, beruhigten Rhythmus, den auch die Seele hat; du nun begehrtest die Sache, das Ding an sich, die Frömmigkeit, und da sprachst du leise, sprachst so langsam, gingst nicht mehr, sondern wandeltest. O du Tor, warum gabst du dein gutes teures Geld für ein Kolleg aus, wenn du nicht gelernt hast, daß die Folge später ist als die Ursache! 13. Du sollst kein Wermutsauger sein. Denn wenn du glaubst, daß in allem Ursache zur Trostlosigkeit stecke, so bist du blind und dumm, und wenn du glaubst, Gott habe just dir den Lebenstornister mit den schwersten Sandsäcken gefüllt, so bist du eitel. 14. Du sollst dich nicht selbst preisgeben. Du hast den göttlichen Auftrag, eine Persönlichkeit zu sein. Wäre es anders und solltest du in eine breite Masse demütig-gestaltlos zerfließen, so hätte dich der Herr in dem Protoplasmabrei gelassen, zu dem dich die würdelose Unsicherheit deines irregeleiteten Selbstgefühls zurücktreibt. 15. Du sollst nicht das Spalier begießen. Du hast doch ein Konversationslexikon? Schlage dort unter der Überschrift »Spalierobst« nach, so wirst du finden, daß man edle Stein- und Kernobstsorten, statt sie dem freien Wachstum zu überlassen, am Spalier 18 und dadurch in einer festen und einfachen Form ihrer Bäume ziehen kann. Zu dieser Spalierzucht muß auch der geistige Mensch zuweilen greifen, und gerade die Selbsterziehung ernster und sich zu bändigen leidenschaftlich bemühter Naturen richtet Spaliere auf, um das innere Wachstum zu einer vorbestimmten Richtung zu nötigen. Nur begießt der Gärtner dabei gar leicht das Spalier und nicht den Boden, in dem die Wurzel ruht. Das Spalier, an dem du den sittlichen Willen deines Kindes erziehst, ist der Gehorsam; im Gehorsam wirkt deine reife Einsicht, da das Kind noch keine Erfahrung hat. Wenn du aber nicht Gehorsam und Einsicht zu verbinden lehrst, so begießest du in der Forderung des blinden Gehorsams eben nur das Spalier. Das Spalier, an dem die Frömmigkeit sich emporrankt, ist unter anderem der Kirchenbesuch; wer sich darin nicht genug tun kann, begießt doch auch nur das Spalier. Das Tagebuch, wie es namentlich im Gewissen beunruhigte jugendliche Selbstquäler als ethisch-religiöse Konduitenliste führen, läuft fast immer auf ein unnützes Spalierbegießen hinaus. Auch die Privatbeichte, für deren Wiedereinführung du schon so manchmal nachdrücklich gesprochen hast, wird sich nur als ein Spalier erweisen. Was denn anderes ist es, wenn du darauf bestehst, daß am Schlusse des Karfreitagsgottesdienstes drei Liederverse gesungen werden, um damit an die Dreieinigkeit zu erinnern! O, pflege die Wurzeln deines und des fremden Innenlebens, es könnte sonst geschehen, daß sie abstürben, obgleich du die heißen 19 Sommertage lang Wasser um Wasser trügest und sprengtest. 16. Du sollst keinen Superlativ gebrauchen. Als Gott die Sprache schuf, schuf der Teufel den Superlativ, und in ihm gewann der Vater der Lüge seinen zuverlässigsten Diener. Um einen Superlativ zu retten, den du, wirklich nur dem Dämon des Hinredens achtlos folgend, gebraucht hast, gibst du deine Seele preis. 17. Du sollst nicht improvisieren. Du bist freundlichen Gemüts, ich weiß es. Weil du so bist, hast du die Vorstellung, du müssest die Menschen vergnügt machen, du müssest einen Gast »unterhalten«, einen Tischnachbar nicht langweilen. Da wartest du nicht, bis man mit dir spricht, sondern du mühst dich innerlich ab, das zu finden, was deinem Gegenüber Freude macht. Du armer Samariter, ich sehe, wie schwer du dich schädigst! Du redest über dies und jenes, woran dir nichts liegt, du sprichst in deiner Sorge um die Stimmung deines Nachbars unwesentliche Worte, und das fühlst du, indem du sprichst, dein Herz wird krank in dir und mit jedem neuen Gerede aus deinem Munde kränker, aber dein Mund lächelt und erzählt Neuigkeiten und spricht von Büchern, von Romanen, von Theateraufführungen – nun sage mir, du armer Märtyrer einer leidvollen Improvisation, ist das ruhige Zuwarten oder das Wortemachen das, was dir deine Seele rettet?! Du hast keine gute 20 Meinung von Pythagoras, vom pythagoreischen Lehrsatz her, aber du tust ihm unrecht. Sieh, dieser Mann hat das Leid der Worte besser gekannt als wir beide; er hat gesagt: »Lieber sterben als reden!« 18. Du sollst nicht immer eine Meinung haben. Es ist »gebildet«, nach einer Musikaufführung sich mit einem »reifen Urteil« äußern zu können; es ist »gebildet«, sich einem neuen Schauspiel oder einem neuen Schauspieler gegenüber nicht durch Enthusiasmus zu blamieren – denn man könnte ja sich recht irren –; es ist »gebildet«, die Schönheit einer Landschaft nach der Rückkehr von einem Ausfluge im Teekränzchen katalogisieren zu können: ja gewiß, darin sind wir einig, es ist »gebildet«, immer etwas sagen zu können, – aber ich sage dir, das Gleich eine Meinung Haben ist eine der sieben Todsünden gegen die Stille, Tiefe, Kraft, Reinheit und Unschuld des Gefühls. 19. Du sollst nicht Schnee schöpfen. Nun sei einmal ehrlich! Wie viele Freunde hast du, wie viele Bekannte? Du besinnst dich! Das ist recht! – – – Zwei Freunde, vielleicht drei, – – zwanzig Bekannte. – Ich merke es an deinem Tone, du weißt, was das heißt »ein Freund«! Und doch hast du dreißig Lieblingsbücher und liesest alle Neuheiten, um auf der Höhe zu bleiben, und siehst Sonntags, wenn du in die Bildergalerie gehst, alle Bilder an und spielst, um nicht einseitig zu werden, nicht bloß 21 Bach, nicht bloß Mozart? Was baute aber von alledem deine innere Welt, was ging so in deine Persönlichkeit über, daß diese nicht ohne jenes zu denken ist? Hast du nicht Schnee geschöpft, statt deiner Seele Bausteine zuzuführen? O, liebe innig ein paar Bücher, ein paar Gemälde, einen Komponisten, sei »einseitig«, »schreit« lieber »nicht fort«, aber sei treu. Kennst du Novalis? Er hat gesagt: Das Alte wird hintangestellt: Was soll uns denn das Neue? 20. Du sollst dich nicht wegschwemmen lassen. Auf zehntausend Individuen kommen zehn Individualitäten. Die Individualität prägt aus eigenem Metall die Doppelkronen und die Scheidemünze, die sie ausgibt. Die Individuen aber, das liebe, gedankenlose Völkchen, schnappen geradezu nach einem Individualitätsersatz. Das eine Mal ist's der Anfang einer Arie, der wie eine Epidemie hereinbricht, daß der Offizier wie der Schusterjunge summt, singt und pfeift »Herzliebchen mein unterm Rebendach«; das andere Mal ist's eine geistesarme Redensart wie: »Mensch ärgere dich nicht!« oder »Schwamm drüber!« das drittemal ist es das Schlagwort einer Partei. Kein stolzer Mensch und kein Christ, den der Psalmist gewarnt hat, daß er nicht sein Leben wie ein Geschwätz vorübergehen lasse, läßt sich durch die Albernheit des Zeitalters weg- und mitschwemmen. 22 21. Du sollst kein Pflästerchen schmieren. Es gibt eine Wahrhaftigkeit, die auf Gefühllosigkeit ruht; diese tut weh: eine, die auf Mangel an Menschenkenntnis ruht, diese betrübt den Betroffenen. Ich hoffe, keine dieser Wahrhaftigkeiten ist diejenige, die du pflegst. Die rechte Wahrhaftigkeit erhält ihr Wort diktiert von der Einsicht in die pädagogische Wirksamkeit des rechten Wortes, vom Mitgefühl für die Wirkung, die die unbarmherzige, wahrhaftige Wahrheit auf den Betroffenen ausübt, und von inniger Liebe, die nur wehe tut, um zu heilen. Zu dieser Wahrhaftigkeit entscheide dich noch heute, gleich jetzt, und entsage dem Pflästerchenschmieren, mit dem du seither verzichtetest, ein wahrer Freund, Erzieher, Arzt und Seelsorger zu sein. Ist denn »recht nett« die Antwort, die du einem verfehlten Versuche gegenüber haben darfst? Schweigen darfst du; aber wenn du redest, dann muß dein Wort auferbauend und nicht einlullend sein. Warte nur, mein Freund, was du am jüngsten Tage erleben wirst, wie da irdische Handlungen, die der Oberlandesgerichtspräsident als »Verbrechen« bezeichnen mußte, kaum beachtet werden, wie aber deine »recht nett«, »ganz leidlich«, »nicht übel«, »gar kein schlechter Anfang« so tief die Wagschale deines Gerichtes hinabziehen werden! 22. Du sollst ein guter Leiter sein. Erinnerst du dich noch jener Physikstunde, du warst Sekundaner, es war Dezember, knapp vor den 23 Weihnachtsferien, in der dein Lehrer dich aufforderte, an den Ofen zu gehen und das Türchen zu öffnen? Du warst dienstwillig und gingst rasch und auch wegen der Auszeichnung durch den Auftrag erfreut an den Ofen und griffst herzhaft den eisernen Knopf der Ofentüre mit ungeschützter Hand an, statt das Tuch, einen rot umnähten Teppichrest, zu benützen, das am Gestell recht nahe hing, und zogst dann rasch die schmerzende Hand zurück und holtest dir nun unter der Fröhlichkeit der Klasse den »Schoner«. Da hattest du einen unbequemen, aber doch vorzüglichen Anschauungsunterricht über die Eigenschaft des Metalls, ein guter Wärmeleiter zu sein. Hätte der Pedell den Holzring, der den eisernen Türknopf ursprünglich umkleidete, wieder herstellen lassen, so wärest du um eine wesentliche Erfahrung ärmer geblieben. Wie nun, wenn auch dein Wesen, die ganze Anlage, die dir Gott gegeben hat, ein rechter »Leiter« ist? Draußen in der Welt, in der großen Esse, in der die Menschen geschmiedet werden, ist so viel Wärme des Gefühles, so viel Glut großer und guter, böser und verderbender Leidenschaften, so viel Jammer, so viel Sehnsucht: nun denke dir ein Herz, das in ein Wesen eingeschlossen ist, das kein guter, das ein schlechter Leiter ist, dies Herz wird von allem Brande, der in anderen Menschenleben brennt, nichts, gar nichts merken! Wer ein schlechter Leiter ist, geht durch das Menschengewühl mit jener schweigenden Ruhe, mit der der Stocktaube langsam durch den Lärm des Marktes schreitet. Du armer Mann, der du ein schlechter »Leiter« bist! 24 23. Du sollst keine Spitalsuppe sein. Eine magere, wasserhelle, kraftlose Brühe und ein paar klagende Fettaugen, angerichtet und dargereicht von gleichgültiger oder ungütiger Gesinnung, so war vor Zeiten die Spitalsuppe. Solche Suppen sind verschwunden, aber die Spitalsuppengesichter sind geblieben. Sei nicht wie eine solche Spitalsuppe, wenn dein Kind vor dem Gast eine lang einstudierte Sonate recht mangelhaft vorträgt; sei nicht wie eine Spitalsuppe, wenn die Jugend um dich herum objektlos melancholisch oder allzu enthusiastisch oder renommistisch ist; sei nicht wie eine Spitalsuppe, wenn es sich »leider« herausstellt, daß du »wieder einmal Recht gehabt« hast. 24. Gott aber wolle Herrn Archemoros und seinen Freunden verleihen, daß nach ihrem Tode ein frommer Mund spreche: Selig sind, die da geistlich arm sind, Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. 25   3. Auf der Straße. A. Wie heißt doch der Herr, den du eben grüßtest? B. Ah, das ist ein trefflicher Mann! Es ist der Kollaborator Peterlein. A. Ein trefflicher Mann? Ich habe Ursache anders von ihm zu denken. Ich sah ihn zufällig – einmal da, einmal dort, in der Restauration, bei einem Festessen, da mußte ich auf ihn aufmerksam werden, und ich beobachtete mancherlei, das mich nötigt, deine Bezeichnung als eines trefflichen Mannes entschieden abzulehnen. B. Nun, sehr genau, d. h. aus dauerndem persönlichen Umgange kenne ich ihn nicht; immerhin bin ich seit Jahren mit ihm bekannt. Er hat ausgezeichnete Grundsätze, und ich habe Äußerungen von so hohem ethischen Gehalte aus seinem Munde gehört, daß ich sagen muß, das waren Äußerungen eines geradezu bedeutenden Innenlebens. A. Kennst du die Dame dort? – dort am Eck! Eben biegt sie in die nächste Straße ein. 26 B. Mein Auge reicht nicht so weit. A. Das ist die vorzügliche Frau Präfekt. B. Die »vorzügliche« Frau Präfekt, die stadtbekannte böse Zunge? A. Ja, ja, eben diese! Sind nicht die Straußfedern auf ihrem Hute vorzüglich? Ist nicht der Stoff des seidenen Kleides, das sie heute trägt, vorzüglich? Ist sie nicht also eine vorzügliche Frau? B. Ich verstehe, dir gelten die Grundsätze des Herrn Kollaborators soviel als die Straußfedern der Frau Präfekt! Nur daß man Grundsätze nicht zu kaufen bekommt wie einen Hutschmuck oder ein seidenes Kleid. A. Da irrst du sehr!! Weißt du, warum die großen Männer, die wirklich großen, gelebt, gelitten und das tiefe, unendliche Wort gesprochen haben, das den Gewinn ihres Lebens in sich schloß? Weißt du es, warum die großen Dulder Dante, Michelangelo, Carlyle, Kierkegaard geschaffen wurden? Warum Shakespeare, warum Goethe das Menschendasein in allen seinen Seiten in sich darstellen mußten? Weißt du, warum einige außergewöhnliche Herzen sich quälen mußten? Damit Millionen gewöhnlicher Menschen sich mit dem Lebensergebnis jener Edlen drapieren könnten!! Der graziöse Lump, der dich am Ballabend mit einer überraschenden Wendung unterhält, hat sie dem Manne gestohlen, der in Kopenhagen als ein Spott der Gassenkinder dahinging, krank, ausgepfiffen und die Seele göttlicher Gedanken voll. B. Du übertreibst! 27 A. Ich übertreibe? Ich sage dir, zehn haben als ganze Menschen edel gelebt, damit zehn Millionen Viertelsmenschen eine noble Gesinnung und effektreiche Gedanken sich leihen könnten. Die geistige Welt ist eine Leih- und Bestehlanstalt! Nur daß dem Verleiher das Herz blutet, während der Leihende sein Liedchen trällert! B. Wenn es so ist, so preise Gott, daß er jene zehn schuf und in der Not ihres inneren Lebens die Perle entstehen ließ, mit welcher der am Geiste oder am Gemüte Arme nun sich selbstgefällig schmückt. Wie nackt und bloß wäre er ohne das! A. Das ist eine Spitzbubenphilosophie, du freundlicher Erklärer! Aber ich will sie für heute gelten lassen. 28   4. Herr Kibitz. Herr Kibitz wohnt neben Erwin, ihre Gärten sind nur durch einen Zaun getrennt. Das ist Herrn Kibitz angenehm, denn er beschäftigt sich viel mit Erwin. Er hat zwar, wie er sagt, Besseres zu tun, als sich um seine Nachbarn zu bekümmern: er ist im Parteiausschuß, er ist Mitglied des Beirates des Gymnasiums, er ist Kirchengemeinderat, Stadtverordneter und Direktorialmitglied einer großen Aktiengesellschaft und erholt sich allabendlich von diesen Geschäften als gerngesehener Gast an seinem Stammtische. Trotzdem beschäftigt er sich viel mit Erwin. Er weiß, was dieser tagsüber treibt, wie hoch er besteuert ist, wie sein Besuch heißt, welche Zeitungen er liest, warum er nicht mehr bei seinem alten Bäcker kauft, und Herr Kibitz mißbilligt alles, was Erwin tut. Immerhin nötigt er ihn, über den Zaun herüber seine Ansicht in politischen Zeitfragen zu äußern, er spricht wegen Aufgaben und Vorgängen der Kirchengemeinde mit ihm, er erfragt die Hotels, die Erwin auf seinen Reisen aufgesucht und bewährt gefunden 29 hat, und macht seinerseits Mitteilungen über das Wetter des Tages oder über das, was beide gestern in ihren Zeitungen gelesen haben. Abends aber gibt Herr Kibitz am Stammtische seine Meinung über Erwin zu erkennen. Er tut ihn am liebsten in Fremdwörtern ab. Herr Kibitz ist ein gebildeter Mann, er besitzt einen ansehnlichen Vorrat von Fremdwörtern und hat die neueste Auflage des Konversationslexikons einem Kolporteur gegen Abschlagszahlungen abgenommen; den ganzen Betrag zu zahlen, so leicht ihm das gefallen wäre, behagte ihm nicht, es war doch ein »Heidengeld«. Wenn Erwin sich nicht entschließen konnte, das Unechte für echt zu halten, so nannte ihn Herr Kibitz einen Skeptiker; hatte Erwin im nachbarlichen Nachmittagsgespräch bei einem neuen Gesetz schlimme Folgen vorausgesehen, so bezeichnete ihn der Stammtisch des Herrn Kibitz am Abend als einen Pessimisten. Das hinderte nicht, ihn schon tags darauf einen Optimisten zu nennen, wenn es sich herausstellte, daß er nicht in all den Gossen gelegen hatte, in denen Hans und Kunz gelegen hatten. In das Gesicht hatte er Erwin einen Realisten genannt, als dieser bei Gelegenheit einer öffentlichen Sammlung die Wahrheit gesagt hatte. Sehr oft mußte Erwin hören, daß er ein Idealist sei; Herr Kibitz betonte dann entweder ironisch oder entrüstet, unter allen Umständen sehr nachdrucksvoll jede Silbe jedes Wortes, und Erwin hätte bemerken können, wenn er darauf geachtet hätte, – aber er achtete nicht 30 darauf, – daß Herr Kibitz ihn das eine Mal einen Idealisten nannte, wenn Erwin sich mit Dingen beschäftigte, von denen jener nichts verstand, das andere Mal aber, wenn er zu Ergebnissen gelangt war, die Herrn Kibitz unbequem waren. Es konnte vorkommen, daß Erwin seinem Nachbar am Freitag als ein Revolutionär galt und am Samstag als ein Stockkonservativer. Im ersten Falle geschah das, wenn Erwin Herrn Kibitz nachwies, daß das »Althergebrachte« auch einmal vor Zeiten neu gewesen ist und damals etwas Altes verdrängt hat; der zweite Fall aber trat ein, wenn Erwins Herz an etwas hing, woran der Welt nichts lag, oder das ihr unbequem geworden war. Wie aber auch Herr Kibitz seinen Nachbar bezeichnen mochte, unter allen Umständen war er ihm ein Romantiker, denn Erwin sah in dem Irdischen ein Symbol des Ewigen. Trotzdem war Herr Kibitz stark beunruhigt, als sich in der Straße das Gerücht verbreitete, Erwin wolle in eine andere Stadt ziehen; er konnte ihn im letzten Grunde eigentlich nicht leiden, ja, nicht ausstehen, und doch hätte er gerade diesen Nachbar nicht gern vermißt. Aber Erwin zieht nicht weg. 31   5. Religion und Theologie. A. Ich hörte gestern abend zwei sich über das Verhältnis der Theologie zur Religion streiten. Ich verstand kein Wort davon. Willst du mir nun mit ein paar Worten sagen, was du davon hältst? B. Wovon? Von dem Streite? Oder von dem Verhältnis, in dem die Theologie zur Religion steht? A. Nun, von diesem Verhältnis, und nur ein kurzes Wort. B. Ein kurzes Wort? So kurz als möglich: Die Theologie enthält das, was fromme Männer aussprachen, und die Religion das, was sie nicht aussprachen. A. Wenn es aber fromme Männer waren, warum so viel Streit in der Theologie? B. Nun siehst du, unausgesprochene Worte sind kinderlos! A. Wie soll ich das verstehen? B. Aber das ausgesprochene Wort hat immer Kinder, und seine Kinder heißen Gegenworte. A. O, da hast du recht! – Habe Dank! 32   6. Zwei Laien. A. Hilf mir, mein Freund, ich bin in so großen Zweifeln! Ich verstehe so vieles nicht! Da ist die Abendmahlslehre – der Herr Pfarrer B. faßt sie so auf, der Herr Professor Z. wendet sie ganz anders. Die Lehre von der heiligen Dreieinigkeit ist dem gar nichts, jenem alles. Ich lese nun auch katholische Schriften, ich meine, da sei alles viel einheitlicher und viel bestimmter gesagt. B. Liesest du denn auch im Neuen Testament? A. Du fragst? Ich suche und forsche ja täglich darin, weil mich die innere Unruhe und der Zweifel peinigt und schüttelt. B. Da du im Neuen Testament liesest, wie du sagst, so hast du ja wohl auch bemerkt, was der Herr Christus nicht sagt? A. Was er nicht sagt, daß sollte mich aufklären und trösten? B. Ja, trösten, frohmachen und aufklären! Der Herr sagt nicht: Wenn du selig werden willst, so zerbrich dir den Kopf über meine Einsetzungsworte; wenn 33 du selig werden willst, so mußt du zur Frage, ob ihr im Fleisch auferstehen werdet, Stellung nehmen; wenn du selig werden willst, so vergleiche zwanzig Meinungen und dreißig Bücher! A. Ja, das sagt er nicht! B. Nun sieh, wie leicht es ein Christ hat! Wie vieles er nicht tun und nicht wissen muß! Der Herr sagt dir aber, wie du leben sollst, damit du selig werdest. A. Wie ich leben soll! B. Und darum ist mein Rat: Lebe du, was du von des Herrn Worten und Lehren leben kannst, und was du nicht leben kannst, das überlasse in Demut und hoffend der Einsicht, die dir dereinst in dem Lande, in dem es keine Rätsel gibt, aufgehen wird. A. Und die Dogmen? Die Dogmen! B. Auch da lebe daraus, was sich leben läßt; den Rest überlasse denen, die sie verstehen. A. Habe Dank, mein Freund; ich will das zu tun versuchen, was dir dein Gemüt so zuversichtlich gemacht hat! 34   7. Imponderabilien. Der Herr Oberlehrer lächelte neulich sarkastisch, als wir von Imponderabilien sprachen, und sagte kühl ablehnend: Imponderabilien? – ein ausrangierter Ausdruck! Ich aber sage: Im Geistesleben gibt es Imponderabilien! Es bleibt dabei, auch wenn die Physik diesen Begriff beseitigt hat. Im Leben des Geistes treten Wirkungen und Kräfte ein, denen kein Wägen, kein Messen auf die Spur kommt; kleine, kleinste Dinge, unfaßbare, dem Auge und der Forschung wie ein Verfolgter ausweichend, aber wirksam, rührig, plötzlich tätig, an Stellen, auf die sich keine Absicht richtete, und still wie eine Maus, der man mit dem Lichte in ihren Schlupfwinkel nachleuchtet, wenn Wirkungen gewollt und herbeigenötigt werden sollen. Wer aus eigenem Antriebe oder von Amts und Staats wegen in anderen das Gute zu wecken und zu fördern sucht, regelt mit strenger Gewissenhaftigkeit sein Tun, feilt seine Reden und kann, wenn er sich still auf sich besinnt, sich oder anderen über seine Absichten und sein Tun 35 Rechenschaft ablegen; wenn er aber sähe, was unter seinen Worten und Taten gewirkt hat, so wäre er gewiß sehr erstaunt, daß die Worte gewirkt haben, die er zufällig sprach, von denen er gar nichts mehr weiß, daß dagegen der ganze Aufwand klug gegliederter Maßnahmen und Reden wie ein Glockengeläute in der unendlichen Steppe war, dünn verklungen und rasch erstorben in der echolosen Weite. Hier schwieg Martin, weil es ihm schien, als wollte der Oberlehrer sprechen. Dieser aber sagte halb ironisch – die Ironie war eine gesellschaftliche Tändelei von ihm, er war im letzten Grunde ein ganz ernster Mensch –: Nach Ihnen! Und Martin fuhr fort: Als ich elf Jahre alt war, streifte mich einmal ein sanfter, vorwurfsvoller Blick, ohne daß ich ihn innerlich merkte; vierundzwanzig Jahre später fing ich ihn erst auf, verstand ihn sofort und ward von Kummer geschlagen. Ich war damals in Montreux; eine Tischnachbarin erzählte, ich weiß wirklich nicht, in welchem Zusammenhange, der Same des Fingerhutes gehe im hohen Walde nicht auf, sobald aber die Bäume gefällt würden, so sproßten die Körner, und hätten sie hundert Jahre im Boden gelegen, zu den hohen Stauden empor. In dem Augenblick, als das neben mir gesagt wurde, errötete ich, ich sah jenen Blick, den meine Mutter auf ihren Knaben warf. Sie war zu einer Gesellschaft geladen, sie trug ein altes seidenes Kleid, ihr einziges besseres Kleid, das sie aus freundlicheren Zeiten gerettet hatte: wir 36 waren damals sehr arm. Ich begleitete meine Mutter und trat auf der Straße, ohne es zu wollen, auf ihr Kleid; ein großer Riß zeigte, was ich getan hatte. Sie drehte sich rasch um, und ich sah ein erschrockenes, ein erzürntes Gesicht; ich aber sagte gleichgültig, nach Knabenart, nicht affektiert gleichgültig: Das macht nichts, das näht man wieder zu! Da sah mich meine Mutter sanft und mit stillem Vorwurfe an, ich aber ging pfeifend weiter. Dieser Blick hat mich, allerdings sehr spät, aber nicht zu spät, vieles gelehrt; vielleicht war es das beste, das mir die Heimgegangene gegeben hat. Die Freunde schwiegen, als Martin geendet hatte. Jeder mochte an Vater und Mutter denken. Dem Oberlehrer aber schien es, als wäre es gut, wenn nun ein heiteres Wort gesprochen würde, und er sagte: Im geistigen Sinne gestehe ich das Vorhandensein von Imponderabilien gerne zu. Ich selbst habe ein Wort von Goethe einmal in meinen Studentenjahren als ein solches wirkungsvolles Imponderabile empfunden. Ich hatte einen Spazierstock, den ich sehr liebte, den ich überallhin mitnahm, den ich durch die Finger wie ein Rad laufen ließ und dem ich nicht gram wurde, als er mir den Namen Balancierfritz eingetragen hatte. Er war ein sehr unruhiger und phantastischer Stock und verleitete mich nur zu oft zu gleicher Unruhe. Er versuchte, ob der Mörtel an den Weinbergsmauern haltbar sei, er sah darauf, daß Steinchen, die im Wege lagen, vor ihm das Weite suchten, er stieß nach Blättern, die auf dem Boden lagen, mit 37 dem Ehrgeize, eine bestimmte Stelle zu treffen, und ich machte alle diese Unziemlichkeiten mit. Einmal aber ersahen wir beide uns eine kleine, schwarze Spinne, die sich am sonnigen Boden wärmte, zum Gegenstande der Treffsicherheit. Der Versuch gelang, das Tier war blitzschnell getroffen und tot; da aber fiel mir in demselben Augenblick Goethes teilnahmsvolles Wort ein. Als ich einstmal eine Spinne erschlagen, Dacht' ich, ob ich das wohl gesollt. Hat Gott ihr doch wie mir gewollt Einen Anteil an diesen Tagen! Seitdem ruht die Erinnerung wie ein Wächter vor der Lust zum gedankenlosen Zerstören und bewahrt mich in der Tat treu davor. Mein Vater – so nahm nun Eugen das Wort, von dem ihr alle wißt, daß er ist, was man einen Strenggläubigen nennt, war in seinen jüngeren Jahren, man kann sagen, religionslos; sein Elternhaus und ein dürftiger Religionsunterricht waren zu gleichen Teilen daran schuld. Als er nun einmal als junger Beamter bei einem schwer erkrankten Freunde wachte, da steigerte sich in jener Nacht die Krankheit so, daß mein Vater den Eintritt des Todes fast von Augenblick zu Augenblick erwartete. In der Angst um das Leben seines Freundes suchte er nach Gott, aber er hatte verlernt, ihn anzurufen, das Vaterunser war ihm so gut wie unbekannt geworden, kein Gebet der Kinderjahre wurde wach, nur allein das Wort: Hüter, ist 38 die Nacht schier hin? fiel ihm ein, und nun saß er lange, qualvolle Stunden der Nacht, und so oft er keine Handreichung zu leisten hatte, hielt er die Hände gefaltet und rief zu Gott: Hüter, ist der Tag noch fern? Dem Freunde aber und ihm brach ein neuer und freudiger Lebenstag herein. Wenn Erinnerungen einmal wach werden, so ruft eine die andere. Eugen fuhr fort: Laßt mich euch noch erzählen, wie ich selbst aus religiöser Gleichgültigkeit, wie sie so oft gerade über die Söhne frommer Eltern im Einatmen der akademischen Freiheit kommt, die erste Aufrüttelung erfuhr. Als ich mit unserem Freunde Paulsen, dem Geographen, eine Wanderung durch den Schwarzwald unternahm, bei dem es ihm im wesentlichen um den Besuch der Donauquellflüßchen zu tun war, marschierten wir an einem heißen Julitage von Triberg her durch das obere Bregtal, den sogenannten Katzensteig; wir hatten vor, erst in Furtwangen zu rasten, aber die grelle Hitze und die schattenlose Straße nötigten uns, früher Halt zu machen. Wir kehrten im Gasthaus zum Hirschen ein und rasteten hier in einer Wirtsstube, deren Tapete mich gleich nach dem ersten Eintreten lebhaft beschäftigte. Sie trug nämlich in vielfacher Wiederholung das Bild des guten Hirten, der das verirrte Lamm auf seinen Schultern gerettet nach Hause bringt; keine Christusgestalt, sondern ein Hirte in schottischer Tracht, der bunte Hochlandsplaid fehlte nicht; einer der beiden begleitenden Hunde trug die Schottenmütze fest zwischen den Zähnen 39 gefaßt. Auch Paulsen sah die Tapete nachdenklich an und sagte: Man muß der Welt nur hinstellen, was zum Sinnen und zur Einkehr auffordert; die rechte Stunde bringt den rechten Beschauer. Wer wegen der Stumpfheit der Menge jene Aufrufe zu Höherem nicht ausstreut, betrügt den einen, der zu bewegen gewesen wäre. Ich billige es, daß man überall, wo es schicklich ist, die Wegweiser nach oben aufrichte. – Abends, als ich zur Ruhe ging, fuhr mir der letzte Satz plötzlich durch den Sinn; ich sagte leise, wie ein Schulpensum, vor mich her: Ich billige es, daß man überall, wo es schicklich ist, die Wegweiser nach oben aufrichte. Darüber faltete ich unwillkürlich die Hände und befahl mich zum erstenmal, seitdem ich Student war, wieder dem guten Hirten. Man hatte schon lange dem Staatsanwalt angesehen, daß er auch etwas zu sagen hatte, und als Eugen geendet hatte, richteten sich wie nach Verabredung alle Blicke auf ihn. Er lächelte, ergriff dann aber ohne Vorrede das Wort, wie er es beabsichtigt hatte: Lassen Sie mich Ihnen erzählen, wie ein einziges Wort mir den Mut zum Einschlagen meiner jetzigen Laufbahn machte. Ich war Primaner, aber es wollte nicht vorwärts gehen; zwei neue junge Lehrer kamen, der eine wußte entsetzlich viel Griechisch, der andere hielt uns für analytische Geometrie für überreif, aber in beiden Fächern fehlte es uns gar sehr an den Grundlagen; als ich einmal einige dreißig Fehler im griechischen Skriptum hatte und eine stattliche Anzahl »Fünfer« 40 in der analytischen Geometrie besaß, überkam mich eine große Mutlosigkeit; ein Zeugnis, das dann auch in anderen Fächern schlechte Aussichten erweckte, schlug dem Faß den Boden aus, ich hielt mich für völlig unbegabt; meine Freude an der deutschen Literatur kam mir wie ein Unrecht vor, ich selbst konnte nicht erkennen, was andere vielleicht sahen, aber mir nicht sagten, daß ich doch ein reges Interesse, einen gesammelten, frischen Sinn für manches Schöne und Bedeutende hatte; ich trat aus dem griechischen Unterrichte aus und bereitete mich mit leidenschaftlichem, aber unfrohem Eifer auf Postelevenprüfung vor. Nun wurde eben damals eine Verwandte von mir konfirmiert, und zu Ehren dieses Tages kam ein Onkel aus der Ferne, der wegen seines Reichtums und seiner hohen geistigen Bedeutung immer in der Familie mit besonderer Auszeichnung genannt worden war. Ich sah ihn damals zum ersten- und zum letztenmal. Es war ein alter, schneeweißer, durchaus imponierender Aristokrat. Er nahm keine Notiz von mir, und ich war in meinem Primanergemüt tief dadurch verletzt. Plötzlich aber bei Tisch sagte er ohne jede äußere Veranlassung über die Tafel hinüber zu mir: Junger Mann, Sie denken! Diese vier Worte waren in der Tat die einzigen, die er an mich richtete, aber sie beseligten mich, ich liebte ihn dafür unaussprechlich, ich hörte begeistert auf alles, was er an jenem Tage noch sprach, ich ging am nächsten Morgen zu unserem Direktor und bat ihn, mich wieder zum griechischen Unterrichte zuzulassen; ich erhielt die nötige Schelte und die noch 41 nötigere Erlaubnis, machte ein erträgliches Examen und wurde durch vier Worte königlicher Staatsanwalt! Die Freunde lachten. Jetzt ergriff Franz das Wort und sagte: Ich stelle nunmehr den Schlußantrag, erteile mir selbst aber zuvor noch das Wort zur letzten Erzählung. Man sah ihn erwartungsvoll an, und er begann, wie folgt: Es war einmal einer ein Pfarrer dreißig Jahre in seinem Dorfe und hatte sechzigmal dreißig Predigten an den Sonntagen gehalten, sonst aber hatte er die Leute gewähren lassen. Da hatte er umsonst gearbeitet. Aber am ersten Tage seines einunddreißigsten Amtsjahres begegnete ihm draußen vor dem Dorfe ein Bauer, der seit dreißig Jahren alle Predigten seines Pfarrers gehört hatte, ohne daß sie zu seinem Herzen gedrungen waren. Zu dem sagte der Pfarrherr: Hannfrieder, ich seh's Euch an, Ihr seid gedrückt in Eurem Gemüte, denkt an das bittere Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi und richtet Euch vertrauend daran auf! Da erzählt der Hannfrieder dem Herrn Pfarrer, was ihn traurig gemacht hat, geht heim, segnet seinen Pfarrer und sagt: Ja, wenn wir den Herrn Pfarrer nicht hätten! Der kann's, der hilft einem in seiner Verlassenheit. Nun, Hans, was hast du aus alledem gelernt? fragte jetzt, nachdem Franz geschlossen hatte, der Oberlehrer das jüngste Mitglied des Freundeskreises. Er hieß scherzweise der »Jüngste«, war ein gescheiter, ruhiger und harmloser Mensch und litt, nach dem einstimmigen Urteil aller, an chronischer Unverständigkeit. 42 Hans sagte vergnügt: Ich habe daraus gelernt, daß man getrost reden soll, was einem auch durch den Sinn fährt: es kann alles wirken; ich komme mir seit einer halben Stunde recht – – – »bedeutend« vor. Unverständiger Hans! 43   8. Ein Gentleman ist sündlos; denn die einzige Sünde, die es gibt, begeht er nicht. Nimm einmal an, ein Schlehenbusch nähme sich vor, Eierpflaumen, recht schöne und große, zu tragen; du siehst, es gelingt ihm nicht. Das, was seine Wurzeln aus dem Boden entnehmen, und was nun als sein Lebenssaft durch seine Zweige und Zweiglein kreist, erlaubt ihm nichts anderes hervorzubringen, als die freundlichen, kleinen weißen Blüten und die unfreundlichen, kleinen blauen Früchte. So geht es auch einem Zeitalter. Was es aus seinem mütterlichen Boden an Nahrung zieht und als seinen Lebenssaft in sich verarbeitet und durch Tausende von Adern strömen läßt, das zwingt es zu bestimmten Anschauungen, und wenn es sich Mühe geben wollte, diese Anschauungen zu ändern – es will sich aber diese Mühe nicht geben –, so wäre das ganz umsonst. So bringt unser Zeitalter, – das, was sich »das Zeitalter« nennt: Erkenntnis ohne Glaubensfähigkeit, zu deutsch Gelehrtendünkel, den geschichtslosen 44 Idealismus der reinen Moral, die besitzende, wohlmanschettierte und wohlkrawattierte Halbbildung und das ethische Manchestertum, – dies Zeitalter bringt nicht mehr das Bewußtsein der Sünde hervor und versteht eigentlich nicht einmal mehr den Begriff der Sünde. Ein paar Hundert Leute unterrichten ein paar Millionen Leute über den Begriff der Sünde. Die Wolke regnet auf den Schlehenbusch, und dieser benutzt die segenbringende Flut, um Schlehen hervorzubringen. Die paar Millionen hören die Predigt und teilen dann, als ob niemand je zu ihnen gesprochen hätte, das »Unrecht« in zwei Arten ein. Auf der einen Seite steht alles »Elegante«, das, was man zum Spaß in einer drolligen Anspielung mit heiterem Augenzwinkern »Sünde« nennt, indem man dabei den Dampf der feinen Zigarre in wirklich graziösen Ringen rasch hintereinander aufsteigen läßt, jenes »Elegante«, das man nur so weit »bereut«, als es Folgen hat, und mit dem sich die Gedanken nie wieder beschäftigen, wenn es keine Folgen gehabt hat. Auf der anderen Seite steht die einzige Sünde, die das heutige Geschlecht allein als vorhanden anerkennt; es nennt sie nur »Schlechtigkeit«, – »Sünde« ist ja das, worüber die Auguren des modernen Lebens nachsichtig sich zulächeln. Wenn der Mann in tadellosen Manschetten und neuester Krawattenfasson von Schlechtigkeit spricht, dann meint er nicht das »Elegante«, worauf ein gebildeter Mann ja ein Recht hat, er meint etwas anderes; einen Mord begeht ein gebildeter Mann nicht – außer im 45 Wahnsinn –, der fällt also weg; Untreue gehört zum »Eleganten«; der Lüge zeiht man sich selbst nicht, es zeiht auch einen niemand anderes der Lüge, also gibt es auch keine Lüge; aber eines gibt es, das heute auch bei einem »gebildeten« Manne möglich ist, das ist der Diebstahl; er ist die einzige Sünde, auf die sich bei angestrengtem und beharrlichem Nachdenken »das Zeitalter«, die »führende Klasse« besinnen kann. Ein Gentleman stiehlt nicht, folglich hat er nie eine Sünde begangen. Und wenn du zwei Stunden vor fünftausend Männern über die Sünde predigst, jeder von den fünftausend hört in den hundertzwanzig Minuten immer nur vom Stehlen sprechen und erkennt daraus, daß nicht von ihm die Rede ist. Wissen Sie noch, Herr Pfarrer, wie wir Sie lieb gewannen und warum wir in der Sommerfrische Ihre Bekanntschaft und Ihre Freundschaft suchten? Es war ein Augustabend, zwischen neun und zehn Uhr. Sie gingen mit einem Berliner Herrn in dem Hotelgarten eine Stunde lang auf und ab und sprachen zu ihm von der Schwere der Arbeit an sündigen Herzen; wir hörten Ihre Stimme und hörten Einzelheiten, und wir gingen im Geiste an Ihrer Seite auf und ab. Und der Ihnen unmittelbar zur Seite ging, sagte, er sei kein Sünder, er habe nie eine Sünde begangen. Und Sie erschraken, wir hörten es an dem Tone, in dem Sie sprachen; Sie wußten ihn nicht zu fassen, weil Sie nicht wußten, daß ihr Nachbar zur »führenden Klasse gehörte«. Sie sprachen auf ihn ein, Sie wollten ihn zwingen, seinen 46 Anteil an der Sündhaftigkeit unseres Geschlechtes anzuerkennen; er aber ward ungeduldig in sich und dachte (wir wußten, was er dachte, denn wir sahen, daß er »Zeitalter« war). »Was will der Pfarrer? Ich habe ja doch nicht gestohlen!« 47   9. Was man so Charakter nennt. Ihr wollt, daß ich heute über Pharisäismus spreche? Ich will es tun, aber sagt mir dann nicht nachträglich, ich sei lieblos gewesen, ich sei ein Pessimist, es sei nicht so schlimm, ich solle doch nur an diesen oder jenen wackern Mann denken! Aber ich traue euch nicht. Ihr könnt nicht anhören und prüfen. Ihr müßt euch für euren Traum vom Menschen wehren. Laßt mich darum über etwas anderes reden, was mir doch zurzeit die Seele bewegt, etwas, das ihr unwidersprochen annehmen könnt. Nicht wahr, wenn einer, der nicht in Florida, sondern in der reinen Luft eines Alpenlandes wohnt, niemals das Fieber kennen gelernt hat und nun seine Gesundheit rühmt, als habe sie den verborgenen Gegnern der körperlichen Kräfte Widerstand zu leisten gehabt, so kommt euch das lächerlich vor, und ihr erkennt sofort, daß er das Lob, das der großen Gunst der Verhältnisse gilt, eitel und kurzsichtig für sich in Anspruch nimmt. 48 Nun, wie es euch da ergeht, so ergeht es mir, wenn ich jemand rühmen höre, daß er sich kein fremdes Gut angeeignet habe, daß er den Nachbar nicht um die hohe Erbschaft, die diesem zugefallen war, beneidet habe, daß er einen gewissen Stolz, eine ablehnende Fremdheit den Reichen gegenüber habe. Ich erfahre aus alledem nur eines: er hat nie die Not kennen gelernt. Wenn ihr einen anderen rühmen hört, daß er die Ordnung selbst sei, die Gewissenhaftigkeit in Person, daß sein Wesen wie eine Uhr gestellt sei, daß er nie zu spät komme, daß sein Anzug wie sein Wesen wohl geordnet, wohl gehalten und ohne ein Stäubchen sei, so höre ich aus allem heraus: ein Mann ohne Phantasie, einer, den das lockende Spiel heiterer und in ihren Wirkungstrieben rasch zum Ausleben drängender Geisteskräfte niemals innerlich in Versuchung führen konnte. Seht, meine Freunde, dahin bin ich gelangt: wenn die Welt mir einen Mann dringend wegen seiner Prinzipientreue empfiehlt, dann ist mein erster Gedanke, es fehle ihm am Gemüte, an jenem Gemüte, das wie eine liebende Frau schüchterne oder mutige Einwürfe und Warnungen wagt. Ich ginge zu weit? Das sei übertrieben? Ich spreche ja nicht von den durchgebildeten Charakteren, deren Bildungskämpfe der freundliche Gott gesehen hat, ich spreche von der falschen Beurteilung der Welt. Warum hat sie gleich das hochtönende Wort »Charakter« zur Hand, wenn sie Erscheinungen sieht, die auf vieles schließen lassen können, und unter hundert 49 Fällen vielleicht auch einmal auf Charakter. Ist denn alles Gold, was goldenen Glanz hat? Erzieht in euch den Mut, bei jedem Menschen, den euch die Welt als Charakter rühmt, sofort und ausnahmslos zu fragen. »Wo fehlt es ihm also? Welchen Mangel verwandelt ihm der blinde Riese mit dem Kinderverstand, das Publikum, zu einem Kompliment?« Wie nun aber einer selber dazu gelangt, in sich den »großen Charakter«fertig zu entdecken, das sah ich jüngst. Schon lange hatte ich erkannt, daß eine laute, eine mächtige, eine nicht zu ermüdende oder sehr wohlklingende Stimme sich durch den rechten Gebrauch eine mächtige, moralische Schallverstärkung erzeugt. Nun konnte ich neulich ein sonderbares und höchst anziehendes Hinüber- und Herüberwerfen wachsender Ton- und Überzeugungsstärken wahrnehmen. Ich wohnte einem heftigen Wortstreite in einer größern Versammlung bei, und dabei fiel mir einer der Anwesenden durch viererlei auf: er war wohlgewachsen, hatte einen wohlgepflegten, glänzenden schwarzen Bart, schwieg beharrlich und saß am Tische des Ausschusses – vier Dinge, die jedes für sich schon genügen, eine sehr günstige Vorstellung im Beobachter zu erwecken, wie ihr anerkennen müßt. Ich nahm an, er kenne den Gegenstand des Streites nicht genug, um mitreden zu dürfen, und fühlte mich um des Grundes willen, den ich seinem Schweigen lieh, zu ihm hingezogen. Er hatte übrigens, wie ich von einem Nachbar hörte, noch nie gesprochen, sei aber, wie jener hinzusetzte, kein unebener Mann. Aber nach einer 50 Weile ergriff er, von anderen Ausschußmitgliedern getrieben, doch das Wort; er sprach anfänglich absetzend, befangen, in mangelhaften Sätzen und unbedeutend, aber mit einer kräftigen, den Saal ausfüllenden Stimme; nun aber überraschte der Klang seiner Worte den Redner, er nahm an, daß sie Inhalt haben müßten, da man nach ihm hinhorchte, er sah, daß er sich nicht blamiere, die entstehende Freudigkeit verstärkte seine Stimme, die Sicherheit der Rede verstärkte abermals die Überzeugung, die wachsende Zuversicht, daß er den Nagel auf den Kopf treffe, gab dem Organ und dem Ausdrucke rasch etwas Diktatorisches, und als der Redner sich nicht mehr steigern konnte und schloß, setzte sich die megaphonische Steigerung in dem stürmischen Bravoruf und Händeklatschen der Zuhörer fort. Der Redner, der vor einer halben Stunde noch keine eigene Meinung, ja nicht einmal eine ausgesprochene Teilnahme an den Meinungen seiner Partei gehabt hatte, besaß nun Prinzipien und ein festes Vertrauen auf die unbeugsame Festigkeit seines Charakters. Ihr sahet eben mit mir, daß es eine moralische Schallverstärkung gibt, die sich innerhalb des Menschen vollzieht und ihn zum Charakter macht. Es bieten sich aber dem sorgfältigen Beobachter auch genügende Zeugnisse für das Vorhandensein der äußern Reflexion charakterbildender Schälle. So bilden die schallbrechende und zurückwerfende Wand namentlich die ängstlichen oder harmlosen oder beschränkten Gegenüber des »Charakters«. Das Gras kann man nicht wachsen sehen, aber 51 wie zollweise ein Charakter wächst in wenigen Minuten, wenn er auf ein ängstliches Gemüt trifft, das läßt sich jeden Tag beobachten. Wie schade, wie sehr, sehr schade ist es, daß nicht der Selbstzufriedene und Stolze in dem Augenblicke, wo er anerkennungsbedürftig um sich blickt im Gefühle seiner Vortrefflichkeit, in den Zauberspiegel zu blicken genötigt werden kann, in dem er sich als Falstaff erkenne, der den toten Percy noch einmal ersticht. Ich hätte doch von den Pharisäern gehandelt? Und wenn ich kein Pessimist sei, so wisse man nicht, was denn ein Pessimist sei? Meint ihr? Nun, wir wollen nicht streiten. 52   10. Im Anti-Superlativ-Verein. Weißt du, wer mir die gräßlichsten Menschen sind? sagte Obermüller zu mir. Herr Präsident, unterbrach ich ihn, nach beschworner Pflicht bringe ich Ihnen bedauernd zur Kenntnis, daß Freund Obermüller ein Wort um seinen zutreffenden Sinn gebracht hat! Wehe! rief der Präsident und einstimmig die versammelten Freunde. Zugleich hat er dies mißbrauchte Wort in den Superlativ gesetzt! Wehe! Wehe! rief die Versammlung. Nun, wen lehntest du ab? fuhr ich fort, und Obermüller antwortete unter der Aufmerksamkeit aller Freunde: Ich kenne eine Anzahl Leute, und es gibt ihresgleichen gewiß eine Menge, die fahren zuweilen in Tors Stärkegürtel. Da kommt, wie ein plötzlicher Regenschauer, ein Gemüts- und Charakterschauer über sie, sie sind dann völlig auf der Höhe und nehmen es einem gewaltig übel, wenn man nicht sofort auf sie eingeht 53 und sie, oder genauer, ihren Anfall nicht ganz für bar nimmt! Nimmt sich einer der Freunde etwa der Beklagten an? fragte der Präsident und sah ernst im Kreise herum. Nach einer Weile allgemeinen Zuwartens verneigte sich Schweighäuser ruhig gegen den Präsidenten. Dieser verbeugte sich würdig gegen den Freund, und er ergriff nun das Wort: Ich kenne die Gemütsart, die uns Freund Obermüller zu schildern versuchte, von anderen Seiten. Diese Leute haben ihren Charaktersonntag mit großem Tun, mit dem Schweigen redlichen Willens und kräftiger Entschlüsse, sie stehen dem fremden Leben respektvoll gegenüber. Dann aber kommen wieder sechs Werktage mit Träumen, Nichtachthaben, Schlafen und Gehenlassen – aber mit Trauer um den verlorenen Sonntag, ach so großer Trauer. Also – Schwächlinge! sagte Obermüller heftig. Also – Menschen! sagte Schweighäuser freundlich. 54   11. Barometrische Studien. Im August 1873 wohnte ich einige Zeit in dem Hotel »Zur Post« in Airolo. Ich empfehle es euch, es ist gut. Aber davon wollte ich nicht reden. Es war eine große und lebhafte Fremdenkolonie in dem Gasthofe vereinigt: Mailänder Juristen und Geldleute mit ihren Familien, und einige norddeutsche Familien. Justizräte, Professoren und Geistliche, Männer, Frauen, erwachsene Töchter und Knaben; die erwachsenen Söhne waren auf Fußwanderungen im Harz, im Schwarzwald, in Tirol. Außerdem war ein Junggeselle da aus Halle oder Aschersleben oder Roßla, ein hübscher, langer, schwarzer Mensch, vergnügt und immer zu allem aufgelegt. Die Landsleute riefen ihn, wenn er nötig schien, und ließen ihn gehen, wenn man seiner nicht bedurfte; er nahm das alles als selbstverständlich und mit Heiterkeit hin. Ich sah seinem Wesen und Treiben zu und dachte, er belustige sich innerlich über uns. Es fragte ihn einer, womit er sich beschäftige, wenn er für sich sei. Mit barometrischen Studien, war seine flinke Antwort. Ich 55 glaubte ihm das nicht, denn während die anderen kein gutes Gewissen hatten, wenn sie nicht zwischen Frühstück und Mittagbrot tausend Fuß in die Höhe geklommen waren, so trieb er sich bald da, bald dort im Tale oder auf der Gotthardstraße herum, saß auf einem Felsen, sonnte sich und las, und wenn abends die Abenteuer des Tages mit scheinbarer Gleichgültigkeit oder mit Pathos oder mit Sommerfrischlergeschrei berichtet wurden, so lächelte er gutmütig, verschmitzt und still ergötzt in sich hinein. Auf seinen kleinen Wanderungen – denn große unternahm er in der Tat nie – begleitete ihn öfters der Sohn eines deutschen Professors. Man sah, daß er den Knaben sehr lieb gewonnen hatte; er fuhr ihm manchmal mit der Hand über das braune, schwer zu scheitelnde Haar; wenn er durch Airolo mit ihm ging, hatte er ihn an der Hand gefaßt und er jagte wie ein Schulkamerad mit ihm an den Bergseiten hinauf. Das ist ein Glückskind, sagte er manchmal mit fröhlichen Augen zu mir; der Junge heißt Gisbert Felseneck; nur daß er Gisbert heißt, das macht ihm das Leben zu einem Freudenspiel! »Ihm ist, ehe er es lebte, das volle Leben gerechnet; ehe er die Mühe bestand, hat er die Charis erlangt!« Wenn er später einmal in einem fremden Hause seine Karte hineinsendet, dann wenden sich ihm geistig schon Köpfe und Herzen zu, lange, ehe er eingetreten ist. Wenn er seine Karte auf der Straße verliert, so denkt der Finder: Das muß ein vornehmer Mann sein. Bewerbe ich mich um eine Stelle, und 56 meldet mich der Kanzleidiener an: Herr Peter Hutzler, so sagt der Bureauchef: Der Mann soll warten, und eine Stunde später nimmt er mich zwischen Tür und Angel an. Peter ist Stehplatz, Gisbert ist erster Rang. Das sagte er so heiter hin, daß ich ganz vergaß, daß er Peter hieß. Aber durch Gisbert erfuhr doch die ganze Gesellschaft, daß der »lange Fremde« Peter heiße, und es ward sofort im Benehmen merklich; man ward noch unbequemer im Verkehre mit ihm und erzählte noch lauter und noch lachender als früher, wenn er wieder einmal den Mut gehabt hatte, seinen Tag ganz anders zu verleben als alle andern. Er machte in der Tat barometrische Studien, offenbar seit Jahren. Plötzlich aber, wirklich ganz mit einem Schlage, veränderte sich der Ton, in dem man mit Herrn Peter sprach. Kam er morgens zum Frühstück herunter, wurde ihm hie und da ein Platz am Frühstückstisch angeboten, andere rückten wenigstens, um ihm Platz zu machen, und schoben einen Stuhl mit stummer Beredsamkeit zurecht; bei Tisch hörte ich, wie der Herr Wirkliche Geheimrat verbindlich fragte: Nehmen Sie noch an einer Flasche Barletta teil? Damen riefen in hohem und bestrebt naivem Tone: Sie sind doch mit von der Partie? Herr Peter hatte nämlich drei Tage vorher einem Gespräche überaus aufmerksam zugehört, in dem der Herr Superintendent a. D., der Herr Justizrat und der Herr Obersteuerkommissär sich über den Wert eines 57 eigenen Hauses unterhalten und seufzend geschlossen hatten: Ach, wenn es uns doch noch so gut würde, daß wir wenigstens ein kleines Haus erwerben könnten. Herr Peter, der bis dahin völlig geschwiegen hatte, äußerte harmlos: Ich besitze drei Häuser. Sofort merkte der Obersteuerkommissär, daß Herr Peter eigentlich nicht ganz im Kreise der anderen hatte sitzen können, und rückte höflich etwas nach rechts; der Herr Superintendent goß Herrn Peter in sein Glas auf, obgleich dieser noch kaum einen Zug aus dem vorhin gefüllten Glase getan hatte; der Herr Justizrat wurde nachdenklich. Dann vergingen acht Tage. Nach Umlauf dieser Zeit nahm der Herr Justizrat, er war mit vier Töchtern zur Kur in Airolo, Herrn Peter mittags nach Tisch vertraulich zur Seite und sagte: Junger Freund, ich nehme wirklich rechten Anteil an Ihnen. Wie kommen Sie mit der Verwaltung eines so großen Besitzes zurecht? Was sind das für Häuser? In der Stadt? Oder ein Gütchen draußen? Herr Peter antwortete freundlich: Ja, es sind drei Häuser: eine Gedankenmühle, ein Schweighäuschen und ein Gotteshaus. Der lange Peter geht nicht mit, sagte eine halbe Stunde später des Herrn Justizrats jüngste Tochter zu einer Freundin, die sie seit acht Tagen kannte und seit sieben Tagen mit Du anredete. Herr Peter Hutzler aber setzte seine barometrischen Studien fort. 58   12. Wie Herr Philippus entdeckt, daß Ludwig zweifarbige Augen hat. Ich habe bis zum dreiundzwanzigsten Jahre Ausstand! hatte er lässig gesagt und die Sache damit abgetan geglaubt. Wenn man jünger ist, erträgt man es leichter, war die schüchterne Erwiderung der Mutter gewesen. Du hast es auch dann hinter dir. Jetzt kann ich mich unmöglich unterbrechen – hatte Philippus erregt geantwortet, und die sanfte Mutter hatte es zugelassen, daß er sich nicht unterbrach. Er war damals achtzehn Jahre alt gewesen, hatte eben das Gymnasium mit Ehren verlassen und sehnte sich danach, die weiten Räume der geistigen Welt zu betreten und nach allen Seiten hin durch zu schreiten. Er wollte die sechs Bände der ersten Ausgabe des Goethe-Schillerschen Briefwechsels lesen –, ein alter Verwandter besaß sie und wollte sie ihm leihen –; es drängte ihn, Spinozas Ethik kennen zu lernen; auf einem 59 »Agendazettel« stand seit anderthalb Jahren: »Vischers Ästhetik, fünf Bände, Reutlingen und Leipzig«; und einige Ausrufungszeichen von verschiedener Größe und in verschiedener Tinte zeigten, daß er mehreremal wehmütig oder selbstanklagend sich diese Vormerkung in das Gedächtnis zurückgerufen hatte; er wollte Philosophie »treiben« und dabei ordnungsmäßig vorgehen und deshalb die Logik als Türe wählen, durch die ein feierlicher Eintritt geschehe; ehrfürchtig und verlangend hoffte er in die Sozialwissenschaft eindringen zu können, – sein von ihm so sehr verehrter Geschichtslehrer hatte noch in seiner letzten Unterrichtsstunde nebenbei hingeworfen, jene sei die Wissenschaft der Zukunft – – – und wenn er nun erst Einjähriger werden sollte, dann sprang eine weite Kluft in seinem Leben auf, jenseits deren all das Erkennen, Wissen und Fortschreiten lag und unwiederbringlich verschwand, dem er sich entgegensehnte. Aber er hatte bis zum dreiundzwanzigsten Jahre Ausstand. Und so studierte er denn fünf Jahre, eifrig, nach allen Seiten hin ausgreifend, von diesem zu jenem eilend, er errang eine weite Bildung, er ward ein gelehrter Student und hörte sich auch gern so bezeichnen. Ein fröhlicher Student aber war er nicht, und wenn trotzdem der seltene Gast in seinem Kreise wohlgelitten war, so rührte das von der Feinheit seines Wesens her; er war eine vergeistigte Erscheinung. Etwas kühl! sagten Beobachter, die nicht tiefer blickten. Wenn das 60 sein frommer Vater wüßte! sagten bedauernd alte Freunde des Verstorbenen, wenn sie hörten, daß Herr Philippus ein Freidenker geworden sei. Nach fünf Jahren bestand Herr Philippus seine Prüfung so, wie er und alle, die ihn kannten, das erwartet hatten. Er legte die Hand auf das Universitätsszepter, um dann von dem Universitätspedellen als dem ersten »Herr Doktor« angeredet zu werden, und alsdann begaben sich Herr Dr. Philippus und sein Freund Ludwig – sie kannten und liebten einander seit den Kinderjahren – zu dem Regimentsadjutanten, um sich die Kompagnie nennen zu lassen, der sie beide zugeteilt seien. Der Dienst entfremdete ihn nicht den Büchern, und erst die Manöver nötigten ihn aus den Geleisen heraus, in denen er seit dem Jahre, in dem er Obersekundaner geworden war, sich bewegt hatte. Zu aller Freude wurden die Übungen am Rande und in den Eingängen des Gebirges abgehalten, und hier beherbergte eine kleine, gastliche Bergstadt das Bataillon der beiden Freunde. Eine große, schon lange vorher und dann noch länger nachher besprochene Gefechtsübung, in der es sich um die Verteidigung eines Gebirgspasses handelte, wies dem Bataillon die Aufgabe zu, vor dem Gebirgsrande Wache zu halten und die Richtung zu erspähen, in der der feindliche Anmarsch erfolgte, und auch Herr Philippus erhielt seinen Anteil an dieser Aufgabe. Über dem Städtchen stieg ein trotziger Berg empor, dunkle Tannenwälder und kleine 61 Bestände von Laubland umkleideten ihn, in der oberen Hälfte aber baute sich der Berg zum Teil aus steilen und hohen Felswänden und Abstürzen auf. Von hier aus, am oberen Rande dieser Felsen, ließ sich ein Pfad in einem großen Teile seiner Windungen überschauen, in denen er aus einem Seitental den Berg hinanstieg, während er oberhalb der Felsen eine kurze Strecke hoch über dem Städtchen aus dem Walde hinaustrat, um einen weiten Blick in die Kamine, Dachfenster und Gäßchen der altertümlichen Stadt zu gewähren und dann auf der anderen Seite des Berges in das innere Gebirgsland zu führen. Hier erhielt Philippus seinen Standort als der äußerste Wachtposten; andere waren da und dort verteilt mit ähnlichen Aufgaben. Unmittelbar vor ihm stand eine niedere Felsmauer, die ihn schützte und der fremden Beobachtung entzog; hinter ihm stieg eine freie, kleine Halde herauf; vor ihm lag das weite Land. Als der Unteroffizier ihm diesen Platz bestimmt und ihn unterwiesen hatte, und die letzten Schritte des sich Entfernenden verhallt waren, überkam Herrn Philippus eine große Freude. Er war allein, voraussichtlich für Stunden allein und unbelästigt, denn man hatte mit Recht angenommen, daß der »Feind« ganz andere Wege suchen werde. Nun konnte er ungestört und gesammelt nachdenken, er hatte die Besprechung eines gelehrten Werkes für eine kritische Zeitschrift zugesagt, und dafür konnte er sich in voller Muße seinen Gedankengang zurechtlegen und zurechtspitzen, wie er das liebte. 62 Er sah den Pfad hinunter, ob nicht ein Störenfried komme, er sah nach dem nächsten, ziemlich entfernten Posten aus und schlug dann innerlich das gelehrte Buch auf und legte in angemessenen Zwischenräumen in seinem geschulten Geiste die Blätter des Buches bedächtig um, wie sein inneres Auge im Inhalt voranschritt. Die Zeit ging leise mit und drehte still, um den Denker nicht zu stören, an dem Schatten der Bäume, um auch ihn nach und nach sorglich auf die andere Seite herumzulegen, und ein duftiges, kühles Flüstern ging über die Halme und über die Wipfel und schwebte und hauchte lautlos dahin, damit es Herrn Philippus nicht störe, der eben einen fein erwogenen Übergang in seiner Ausarbeitung in ein schönes, zurückhaltendes Deutsch kleidete. Da fuhr er auf, er hatte die leise, zitternde, hauchende und blühende Stille um sich her irgendwie vernommen. Richtig, da saß eine kleine Eidechse auf der Felsmauer vor ihm und wedelte mit dem Schwänzchen und blinzelte und spielte mit dem Zünglein und huschte dann fort, als hätte sie etwas zu besorgen vergessen, das ihr gerade eben einfiel. Herr Philippus hatte das Tierchen erstaunt angesehen, und darüber hatte er bemerkt, daß die Halde hinter ihm dicht mit hohen, silberglänzenden Gräsern bedeckt war, und daß diese eben in sanften Wellen schwankten, und daß diese Wellen wie in leichtem Atem nach ihm hin sich bewegten. Inmitten der Halme standen da und dort prächtige Fingerhutstauden, rotblühend. Und nun flatterten große, lichtbraun gefärbte Schmetterlinge in unruhigem Fluge über das Gräsermeer und 63 ließen sich auf den Stauden nieder. Philippus sah mit Aufmerksamkeit dem Kommen und Gehen, dem Schweben und Niederlassen, dem Flügelspannen und -schließen der schönen Falter zu, er hoffte, daß sie auch einmal zu ihm hinflatterten, ja er sehnte sich danach, aber sie schwebten dahin und dorthin und entfernten sich neckisch und genossen die durchwärmte Luft. Es ward warm. Philippus merkte es, aber es störte ihn nicht. Er war in dem Kapitel stehen geblieben, in dem der Verfasser die Ansichten seiner Vorgänger mit einem höflichen Worte für die Person der Vorgänger und einem sehr unhöflichen Worte gegen deren Meinungen abtat, aber er fand sich nicht mehr zurecht, es zitterte da nämlich etwas über dem Felsen, das zog ihn ab. Es war ihm neu. Sollte sehr verdünnter Rauch aus den Tiefen der Wälder, etwa von einem Holzhauerfeuerchen, bis zu dieser Höhe heraufgestiegen sein? Aber es zitterte überall. Es mußte die Luft über den heißen Steinwänden sein. Er hatte noch nie von dieser Erscheinung gehört, aber sie war schön und geheimnisvoll, es war ein Sichtbarwerden des Unsichtbaren. Philippus sah vorsichtig über den Felsen hinab, weil er hoffte, daß dieser zitternde Schleier auch die steilen Abhänge umwebe; da allerdings sah er ihn nicht mehr, aber er sah auf herrliche Baumwipfel herunter, es waren alte Rotbuchen mit Bergahorn untermischt; er glaubte nicht, je ein so vollkommen schönes und dichtes grünes und in starkem Schattenwechsel spielendes Gewoge mächtiger Blättermassen gesehen zu haben. 64 Da empfand er einen Schmerz in seiner Seele, indem er so die Schönheit des Waldes vor Augen hatte. Er hatte sich ein Buch vor zwei Jahren hingelegt, um es in stiller Stunde zu lesen, ein Buch der Sehnsucht, in dem die Seele die Flügel ausbreiten konnte wie der Falter, der eben über die Felsen hinaus schwebte in die freie, blaue Luft. Aber er war nicht zum Lesen gekommen. Eben damals war ihm die außerordentliche Ehre widerfahren, daß ein von ihm hochverehrter Mann ihn für eine bestimmte Seite der Wissenschaft zur Mitarbeit an jener Zeitschrift eingeladen hatte. Mit heißen Wangen hatte er damals zugesagt und jugendlich genug hinzugefügt, er glaube, den vierzig bis fünfzig Erscheinungen, die erfahrungsgemäß das Jahr in diesem Fache bringe, gerecht werden zu können. Da hatte jener ernst zu ihm gesagt: Junger Mann, wer liest zehn Bücher in einem Jahr? Damals war er nur flüchtig betroffen gewesen, aber eben ward es ihm zu einer peinlichen Erinnerung. Was hatte er gelesen? Wie oft hatte er sein Herz ausgeruht und sein inneres Fühlen, Glauben und Schauen ausgeweitet? Fernes Gewehrfeuer rief ihn aus seinem Sinnen auf. Wie war die Zeit vergangen! Er blickte nach dem nächsten Posten aus: er sah an der rechten Stelle etwas blinken, vielleicht einen Uniformsknopf, vielleicht den Feldkessel. So war es gut. Wenn nur das Sammlungssignal noch recht lange ausblieb. Sein Blick ging hinaus in das Land. Im Licht des Morgens hatte das Vorland wie eine Ebene ausgesehen; nun, da die 65 Sonne andere Schatten warf, erkannte Philippus flache Talzüge und niedere Hügelwellen, die wie breite, grüne Furchen von dem Gebirg hinauszogen. In ihnen hoben sich in der besseren Beleuchtung weitschattende Nußbäume ab, sie standen breit und schön an den Straßen und Feldabhängen. Kirchtürme ragten darüber empor, manchmal schlug eine ferne Turmuhr. Es wurde doch spät. Es kam die Unruhe über ihn, daß er ein Signal überhört haben könne; auch war es still über den Bergen; seither hatte man von Zeit zu Zeit den dumpfen Widerhall des Artilleriegefechtes oder das scharfe dünne Rollen fernen Gewehrfeuers gehört; auch mußte in so später Mittagsstunde das Gefecht zu Ende sein. Trotzdem war seine Angst noch größer, daß er irgendwie schon abgerufen würde, er fühlte, was er verlor, wenn ihn das alte Leben zu früh zurückerhielt. Aber kein Horn rief, kein Unteroffizier erschien. So zog ein milder Spätsommerabend langsam auf ungesehenem Pfade, die Seele umwebend und das Denken stille machend, herauf. Aus dem Walde klang ein vereinzelter Vogelruf herüber, ein Zweig löste sich und fiel, ein Weih zog in schweigendem Fluge eine Linie, der Philippus' Auge mit Entzücken folgte; aus dem Waldrande oben jenseits der Halde trat ein starkes Rudel Rehe und dann Hirsche langsam grasend heraus, bald sah einmal das eine scheue Tier fragend auf, bald auch einmal alle, dann zogen sie ruhig zwischen kleinem Buschwerk und durch das Gras hin; Philippus' Auge gewöhnte sich daran, die braune oder hellere Färbung 66 der Tiere aus den Farben der Halde heraus zu erkennen, und als sie seinen Blicken entschwanden, folgte ihnen alle Sehnsucht seiner Kinderjahre. Langsam wandte er den Blick zurück. Er sah, wie spät es geworden war. Im Westen jenseits des Städtchens und der es dort überragenden Hügel sank die Sonne in einen fernen, grauen Duft; so war sie seit Jahren nach der Aussage einiger seiner Bücher untergegangen, so ging sie heute vor seinen Augen unter, die Wölkchen zart anhauchend und den Rand der Nebelschicht erst mit Gold, dann mit Purpur säumend. Aus den Nußbäumen herauf rief von dem schlanken Kirchturm eines nahen Dorfes die Abendglocke; die Töne kamen heran, nicht als ob sie Flügel hätten, nicht als ob sie getragen würden, sie kamen, daß es wie ein unsichtbares, rasches Gehen war, und sie kamen hell, eindringlich und süß. Nun erklangen auch die Glocken der unter ihm liegenden Stadt, und nähere und fernere Glockenrufe woben sich hinein, und Philippus erkannte, daß sie sagten, noch sei über den Feldern und ihrer Mühe, über den Straßen und ihrer Hast, über den Köpfen unter den Windfahnen der Dächer und Türme das unsichtbare Geistesreich vorhanden, das über den Zeiten und Geschlechtern walte. Als schon alle Türme schwiegen, da läutete noch spät aus einem Dörfchen an der Bergwand jenseits der Stadt vereinzelt eine letzte Glocke: ihr Ton erinnerte ihn an die Glocke seines Heimatdorfes. Dort läutete sie nur früher, noch ehe die Sonne rascher sank, und 67 dann hielten Schnitter und Steinklopfer, der Wanderer und die Spinnerin in der Arbeit zum Gebet inne. Indem er mit festgeschlossenen Augen ergriffen nach den fernen, im dunkelnden Abend ihn aufsuchenden Klängen hinhorchte, gedachte er eines abendlichen Ganges, den er als Knabe an der Seite des Vaters durch hohe Kornfelder gemacht hatte. Da hatte aus dem Dorfe von dem niederen uralten Turme des kleinen Kirchleins die Feierabendglocke geläutet. Der Vater war stehen geblieben und hatte die Knabenhände in seine eigene gefaltete Hand warm und fest eingeschlossen, dabei ernst und liebreich in das Kinderauge gesehen und gebetet: So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Das war lange her. Bei der Heimkehr von jenem Gang war noch etwas anderes gewesen. Philippus wußte es. Kein Sternbild hatte sein Auge einst lieber gesucht als den Orion, und eben an jenem Tage hatte es sich nicht zeigen wollen. Philippus sah nun auch jetzt sehnsüchtig nach Südosten, ob nicht in den dahindunkelnden Tag das prächtige Gestirn hereintrete, und indem er nach der schwarzen Berglinie starrte, über die das Sternbild erst in einigen Stunden heraufschreiten sollte, da verstummte die Welt und versanken die Linien des Gebirges, und er stand inmitten seiner Kinderheimat. Er sah ein kleines Dorf, eine dunkle Dorfgasse, einen kleinen Bach, den die Gasse auf einer kleinen, höckerigen, steinernen Brücke überschritt, und gerade über der Dorfgasse und der Brücke stand so oft das funkelnde, 68 geheimnisvolle Bild des Orion. In der Dorfgasse rechts, in ihr links kleine Häuser, in ihnen matterhellte Fenster, es wird noch kein Erdöl gebrannt, erst die Städte wagen es zu verwenden, der Bauer fürchtet, es entzünde sich von selbst und zerschlage sein Haus und sein Glück. Öllampen scheinen hoch von der Decke herab, oder Talglichter brennen und beleuchten die Gesichter. Vor der Brücke rechts wohnten Ludwigs Eltern; Philippus schenkte ihm ein Blumenstöckchen, als er für immer von der Dorfgasse Abschied nahm, und Ludwig pflegte es Jahre hindurch. Im Hause links von der Brücke wohnt Gretchen Berger, ein Mädchen, so alt wie Philippus, also acht, neun Jahre alt, mit hellen Haaren und rundem, hellem Gesicht und hellem Lächeln; ihr Vater hat einen Laden, ach nur ein Lädchen, ein elendes, erbärmliches Ding von einem Laden, mit einer Weihnachtsausstellung, die Philippus und Ludwig die Augen stahl und zu sich hineinnahm mit ihrer Seele: elende Griffelkasten, elende Archen Noäh, elende Eselchen von Papiermaché, aber eine Kinderlust und Kindersehnsucht. Das schweigende Wasser zieht im Dunkel unter der Brücke durch nach der Mühle. Philippus sieht sie nicht, aber sie liegt ganz nahe, ihr Rad schweigt, und die alte Müllerin schweigt, sie hatte ehedem Philippus rufen lassen, wenn sie »Käskuchen« gebacken hatte, den süßen Kuchen mit den braunen Blasen. Neben den Rädern fällt das Wasser hinunter, es geht ein wenig weiter, bespült den Pfarrgarten mit seinen Aurikelbeeten, mit seinen Rosenstöcken, mit seinem Haselnußbaum, den kleinen 69 Garten: er ist lächerlich klein, aber wie groß war er, als der Orion über der Dorfbrücke stand! Dann geht das Wasser hinaus. Hundert Stunden nach Süden, hundert Stunden nach Norden, hundert Stunden nach Westen liegt Deutschland, und ein kleines Dorf in breitem Wiesental, in sanft gewelltem Hügelland, über das bei Tage Buchenwälder und Dorftürme schauen, liegt still in schweigender Nacht unter dem ernsten Funkeln des Orion da . . . . Philippus schreckte aus seinem Traume auf: drunten im Städtchen ward die Trommel gerührt. Zog die Kompagnie ein? Wurde die Wache abgelöst? Es war höchste Zeit, den Weg hinab zu suchen und seinen Vorgesetzten sein Ausbleiben zu erklären. Ehe er ging, brach er drei kleine Buchenzweiglein und legte sie in sein Taschenbuch, eines für die Mutter, eines für den Freund, eines für Herrn Philippus, und indem er sie einlegte, sprach er halblaut ein Wort, das war für keines Menschen Ohr bestimmt. Rasch fand er sich zurecht. Am Waldrande begegnete ihm Ludwig, der, von Unruhe um den Freund getrieben, die Erlaubnis erbeten hatte, den Weg zu gehen, den die vergessene Schildwacht wohl heimkehren mußte. Wo warst du? was hast du so lange getan? fragte Ludwig, sobald er den Freund heil und fröhlich vor sich stehen sah. Ich habe mich ausgeruht, antwortete Philippus freundlich und aus froher Seele. Ausgeruht, fragte Ludwig erstaunt, aber wovon denn? – Ich glaube, ich habe mich von mir selber ausgeruht, sagte Philippus 70 halb fröhlich, halb verlegen. Ludwig fragte nicht weiter, aber er beschloß, noch heute an Philippus' Mutter zu schreiben; er gab ihr zuweilen von dem Sohne Nachricht, Philippus hatte so wenig Zeit zum Schreiben. Dieser nun ließ sich erzählen, wohin der Tag die Kompagnie geführt hatte, und wie es gekommen war, daß man ihn auf seinem Posten gelassen hatte. Von seinen Erlebnissen zu erzählen, war noch nicht die Zeit gekommen. Als er am andern Morgen mit den andern antrat, ertrug er lächelnd die Neckereien wegen seines Ausbleibens. Als Ludwig auf ihn zukam, um ihn zu begrüßen, sagte Philippus plötzlich in größter Überraschung: O Ludwig, dein eines Auge ist ja braun und das andre blau! Da küßte ihn Ludwig vor allen Menschen; es war der erste Kuß, den er dem Freunde seiner Kinder- und Jugendjahre gab. 71   13. Nachbarn von mir. 1. Du hast den Preis doch ausradiert! Mit meinen Nachbarn zur Linken stehe ich in keiner Verbindung. Übrigens kenne ich sie recht gut, wir grüßen uns, und wenn ich mein Tor aufschließe und zufällig mein Nachbar gleichzeitig in seinem Schlüsselringe ebenfalls nach seinem Torschlüssel sucht, so macht er mir unter allen Umständen einige Mitteilungen über das Wetter, denen ich zustimmen muß, da sie nur unbestreitbar Richtiges enthalten. Längere Unterhaltungen sind mir nicht erwünscht, seine Stimme ist laut, und sein Ton der eines Mannes, der immer recht hat. Vor einigen Wochen traf ich ihn und seine Frau in dem großen, neuen Bazar. Der gleiche Anlaß hatte uns dorthin geführt: ein Bekannter von uns feierte seine silberne Hochzeit, und es galt, ihm ein kleines Geschenk zu finden. Mein Nachbar wählte ein Reisenecessaire, das reich mit allen Notwendigkeiten eines verfeinerten Lebens gefüllt und dementsprechend teuer war. Wir 72 verließen zusammen den Laden, und draußen, gleich vor der Ladentüre, sagte seine Frau: Du hast ja den Preis entfernen lassen! Das wäre auch nicht nötig gewesen! – Frau, wie kommst du mir vor? war seine entrüstete Antwort; wie sieht das aus, wenn der Preis stehen bleibt! Was sollte der Herr Oberdomänenrat von uns denken? Das ist nicht nobel! Weißt du, das tun nur die Parvenüs! – Die Parvenüs!! wiederholte er so laut, daß jemand, der weit unten am entgegengesetzten Ende der langen Straße ging, über dies Fremdwort und den Ton, in dem es gesprochen war, nachdenken konnte. Seine Frau schwieg gekränkt, bis wir uns an meinem Tore verabschiedeten. Zwei Tage später trafen wir uns zufällig wieder und eben bei jenem Oberdomänenrat, dem aus der Tatsache, daß Gott ihm und seiner Frau gemeinsam fünfundzwanzig Jahre vergönnt hatte, ein persönliches Verdienst erwuchs, das von der Behörde, von elf Vereinen, in denen der Jubilar entweder aktives oder passives Mitglied war, und von dreiundsiebenzig Freunden anerkannt wurde. Mein Nachbar sprach vor mir seinen Glückwunsch aus, und ich hörte, wie er sagte: Wahrhaftig, Verehrtester, Sie müssen es mir ein wenig anrechnen, daß ich persönlich komme; es ist Samstag, das Kontor steht voll Menschen, es ist Zahltag, die Korrespondenz muß vor Sonntag erledigt sein, ich esse heute nicht zu Hause, damit ich unter allen Umständen den Sprung zu Ihnen tun konnte. Und der Jubilar schüttelte dem vielbeschäftigten Manne ohne Unterlaß die Hände, und 73 die Jubilarin sagte: Ja, heute erleben wir eine Freundschaft! Wer hätte sich so was träumen lassen! Ich aber dachte im stillen: Herr Nachbar, Herr Nachbar, Sie halten doch sonst darauf, daß man den Preis entfernt!! Übrigens nahmen meine Nachbarn noch ein Glas Champagner an. Ich ging allein nach Hause. Es war ein heller, klarkalter Wintertag, der Reif umkleidete die Bäume, die Zweige, die Gartenspaliere, die Fensterrahmen; ein schöner blauer Himmel spannte sich weit aus. Seine reine und unermeßliche Bläue führte meine Gedanken, die sich in den mit Geschenken und Gästen überfüllten Räumen des Jubilars angesponnen hatten, zu dem Ewigen fort. Ich dachte an den jüngsten Tag und sah seltsamerweise nichts als eine Schar Engel, die eifrig damit beschäftigt waren, in den Tugenden und großen Lebensergebnissen, mit denen die eben Auferstehenden vor dem Antlitz Gottes treten sollten und wollten, den Preis auszuradieren! 2. Introite, nam et heic dii sunt. Mit meinen Nachbarn zur Rechten bin ich innig befreundet. Die Knaben wollen auf meinen Schultern reiten; das kleine Töchterchen lädt mich dringend ein, seine Puppe golden oder goldig zu finden; die Frau Doktor bringt kalten Aufschnitt zum Abendbrot, entschuldigt sich wegen der Einfachheit des Gerichtes, setzt aber lachend hinzu, dafür sei die Wurst schon gepellt, und der Herr Doktor – wir nennen uns du – will, ehe ich noch meinen Überzieher abgelegt habe, meine 74 sofortige Zustimmung in irgend einer Sache, einem religiösen Problem, einer philosophischen Frage oder wegen eines Zeitungsartikels, der ihn geärgert hat, denn er ärgert sich über die Zeitungen, auch über die seiner Partei. Es sind liebe Leute. Fehler haben sie nur solche, und nur so viele, daß das Gemüt, das sie liebt, sich an diesen Fehlern ergötzen kann. Mängel sind Kitt, sagt die Frau Doktorin und überläßt dem Zuhörer, diesen Satz zu verstehen, denn sie liebt nicht, ihre Bilder zu erläutern. Ein großer Mangel der Frau Doktor ist, wenn man ihrem Manne glauben darf, der, daß ihr zu viel einfällt. Sie hat einen Sternschnuppengeist, sagt er. Du redest von einer Sache, sie hört zu, und auf einmal fällt ihr etwas darüber ein, das wie eine Sternschnuppe aus einem unbekannten Winkel des Weltalls kommt und in einen unbekannten Winkel des Weltalls eilt, nein saust, verbesserte er sich, vergnügt lächelnd; aber was ihr so einfällt, ist auch hübsch wie eine Sternschnuppe. Jüngst war ich wieder dort zu Gaste. Wir saßen in der Dämmerung zusammen, die Lampe war nicht angezündet; die Frau Doktor »dämmert gerne«. Ein winterlich-weicher, grauer Tagesschein erhellte noch spärlich den Raum; wir sprachen ein wenig, manchmal nur einer, zuweilen schwiegen wir und hörten, wie es im Ofen knisterte oder wie die Uhr tickte. Im anstoßenden Studierzimmer brannte die Lampe, damit Heinrich, der älteste Sohn, ein angehender Sekundaner, seine Schularbeiten vollenden konnte. 75 Nach einer Weile kam Heinrich herein und fragte, was das lateinische Wort Introite, nam et heic dii sunt. bedeute; übersetzen könne er es, aber er verstehe es nicht. Der Doktor zog seinen Ältesten zu sich heran und legte ihm zärtlich beide Hände auf die Schultern und sagte: Hast du schon einmal etwas von Heraklit gehört? Heinrich besann sich und sagte dann treuherzig – er war ein harmloser, frischer und geistig regsamer Knabe: Ja, schon dreimal! In unserm griechischen Übungsbuche steht: Die Griechen nannten den Philosophen Heraklit von Ephesus den Dunkeln; und bei dem Klassenausfluge im Juni sagte der Herr Oberlehrer, als wir ein zweites Fäßchen anstecken wollten: Ihr Jungen, der alte Heraklit sagt zwar, die trockene Seele ist die beste, aber da es heutzutage keine Note eins mehr gibt, wollen wir nur gute Seelen sein und noch ein Fäßchen bestellen! – Wir lachten. Heinrich ließ sich aber nicht irre machen und fuhr fort: Das drittemal habe ich erst in dieser Woche von dem Herrn Doktor Frohwein (seinem Lehrer der Naturkunde) von Heraklit gehört; er sagte: Heraklit habe schon fünfhundert Jahre vor Christi Geburt den Kreislauf des Lebens erkannt. Mehr aber weiß ich nicht von ihm. Der Doktor hatte seinem Sohne mit Freuden zugehört und sagte nun seinerseits: Dieser Heraklit war ein tiefsinniger und frommer Mann. Ja, der Märtyrer Justinus von Sichem hat ihn einen Christen vor Christus genannt. Als ihn einmal einige Leute wegen seiner Weisheit und Frömmigkeit aufsuchten, und zwar an 76 einem Tage, an dem es recht kalt war, da fanden sie ihn nicht in seinem Gemache, sondern in dem Backofenstübchen; er aber sagte, weil er wußte, daß der Mensch immer vor Gott steht, wo er auch stehe, also überall ein Gotteshaus ist, wo auch der fromme Mensch sich aufhalte: »Tretet ein, denn auch hier sind die Götter«, wie es dein lateinisches Wort uns überliefert. Sieh, mein Junge, fuhr er zutraulich und herzlich fort, indem er die Hand seines Knaben faßte, Gott läßt sich nicht bloß im Gotteshaus finden, er ist auch mitten unter uns, wenn wir unsere Hausandacht halten, gleichwie Christi Mutter auf dem Holbeinischen Bilde dort an der Wand ungesehen im Kreise einer dankbar betenden Familie steht. Gott schreitet, dich liebend, neben dir, wenn du wanderst und seiner suchend oder dankend gedenkst! Dann ließ er die Hand los, und Heinrich ging zu seiner Arbeit zurück. Kaum hatte sich die Türe hinter ihm geschlossen, so sagte die Frau Doktorin: Es ist zu merkwürdig, an wen ich vorhin habe denken müssen. Du rätst es nicht. Mir ist ja der Ehrenberger eingefallen. Der Ehrenberger, der Schornsteinfeger? fragte der Doktor; ich hörte, wie er seine Frau Sternschnuppe bewunderte, daß sie an jenen Schornsteinfeger gedacht hatte, dem auch er in seinen Kinderjahren manchmal ausgewichen war. Ja, der Schornsteinfeger Ehrenberger! Ich sah mich als Kind in unsrem Dorfe auf der Gasse. Von weitem sehe ich den Ehrenberger, wie er etwas schleppt, etwas ganz Schweres. Ich rannte die Gasse hinauf zu ihm, um zu sehen, was für ein weißes Rätsel der schwarze 77 Mann trüge. Es war etwas ganz Wundervolles; ich zog meinen Zopf über die Schulter herunter und zerrte und nestelte daran, und dann sagte ich: Herr Ehrenberger, schenk mir das. Nein, Fräulein Christel, das ist ja mein Meisterstück, sagte er, das kann ich dem Fräulein nicht schenken. Richtig, der Ehrenberger hatte einen Herd mit seiner geheimnisvollen Zugeinrichtung – mit allen Chicanen, wie der Vetter Paul sagt – im kleinen aus weißen Gipssteinchen gebaut und ihn irgend einer Kommission irgendwo vorgezeigt; dafür war er Meister geworden, und nun trug er sein Werk wieder nach Hause, aber so, daß das ganze Dorf es nach und nach genießen konnte. Er ersah sich die Gartenmäuerchen, das Brückengesimse und die Prellsteine, um es abzustellen; wir Kinder zogen hinter ihm drein und vermehrten ihm die Freude, daß er Meister geworden war. Er wohnte im Kirchgäßchen, in einem elenden kleinen Häuschen; es war so elend, daß sogar wir Kinder das Haus für erbärmlich hielten. Aber das Hänschen wurde doch ein Wallfahrtsort für uns, denn der Gipsherd stand dort so, daß man ihn gut sehen konnte, wenn man sich auf den Zehen erhob und das Näschen an die blau und grün schillernde Fensterscheibe drückte. Einmal aber wagte ich mich in das Haus, um den kleinen Herd recht nahe zu sehen. Da sah ich ein Elend, ein Elend! Der Ehrenberger war plötzlich erkrankt. Ich merkte es gleich, daß er krank sei; daß er arm war, wußte ich. Da lag er nun im ärmlichen Bette, und seine müde Frau ging leise herum, um etwas für ihn zu tun. 78 Der Schornsteinfeger war erfreut, daß ich kam; er sagte mit schwacher Stimme: Ach, Fräulein Christel, Ihr habt ja junge Beine, geht doch zum Herrn Bürgermeister und sagt ihm, der Bach habe nach dem starken Regen von voriger Woche das Ufer an dem »Pflanzenland« so weit in den Fußpfad hinein abgerissen, daß was passieren könnt'! Hier hustete er schwer und lange, dann lag er eine Weile still und erschöpft; es trieb ihn aber etwas, weiter zu sprechen, er sagte leise und durch Schmerzen unterbrochen: Das Fuchsiastöckchen am Fenster, das bringt der Borngässern, die arme alte Person ist krank und hat nichts, was ihr Freude machen kann. Die Schmerzen zwangen ihn, zu schweigen, er rang innerlich schwer; ich fürchtete mich vor ihm und wich nach dem Fenster zurück. Als er wieder sprechen konnte, sagte er, seine Frau sanft anblickend: Fräulein Christel, meine Frau kann nicht lesen, lest mir doch einmal den dreiundzwanzigsten Psalm vor; dort liegt die Bibel. Ich suchte da, wohin der Kranke gewiesen hatte, und fand eine alte, in schwarzem Leder gebundene und mit Metallklammern versehene Bibel, sie war stark zerlesen. Dann las ich mit beklommener Stimme und mit zuckenden Lippen den Psalm vor. Er hörte still und mit gefalteten Händen zu. Dann kam ein neuer Anfall, der ihn schüttelte, ich weiß nicht mehr, war es Husten oder Krampf oder ein Fieberschauer; dann wurde er still, winkte auf einmal, ohne ein Wort zu sagen, seiner Frau wie einen Abschiedsgruß, und dann regte er sich nicht mehr. Aus dem 79 leidenschaftlichen Aufweinen der Frau merkte ich, der Ehrenberger war gestorben. Eine schreckliche Angst überfiel mich, ich nahm hastig den Fuchsiastock in den Arm und lief aus dem Hause und hielt nicht eher an, als bis ich mich hinter unserer Haustür geborgen sah. Die Frau Doktorin schwieg. Keiner von uns ergriff das Wort. Da kam die Magd mit der Lampe herein, und ein freundlicher Schein legte sich auf Thorwaldsens segnenden Christus, der von der Wand herabschaute, und auf die vielen anderen Zeugnisse einer von warmen und guten Herzen geschaffenen Häuslichkeit. 80   14. Eros und Psyche in Himbach. Es war an einem ersten August. Ich ging mit einem Herrn, der wie ich Badegast war, die Straße von Wollin nach Misdroy. Es war vor Sonnenuntergang, als wir Wollin verließen und eine schöne Landschaft durchschritten; rechts lagen abendlich-sanft beschienene Wiesenflächen, grüne Mulden, grüne Hügel; dann und wann sah man die Türme des alten Cammin; links lag die stille, weite Fläche des Haff, vor uns eine dunkle Wälderlinie. Mein Begleiter schwieg, er empfand wie ich die rührende Beredsamkeit des Abends. Indem wir weiterschritten, blaßten die Farben dahin, die Sonne war gesunken, die Stämme und Blätter der die Straße begleitenden Bäume hoben sich schwarz von dem mattweißen westlichen Abendhimmel ab, über dem schwarzen Waldrande erhob sich hie und da ein hoher einzelner Baum und stand schwarz und einsam in dem matten Silbergelb des westlichen Horizonts; der östliche Himmel war schon in das formlose tiefe Grau der kommenden 81 Nacht verschwommen; aus unbestimmten Weiten und Wäldertiefen erklang manchmal ein vereinzelter Vogelruf in geheimnisvollen Lauten. Er ist nun gestern abgereist, sagte mein Begleiter, indem er zum erstenmal das lange Schweigen unterbrach. Wer? fragte ich. Der Fremde, den Sie den »stillen Fremden« nannten. Die Farben dieses Abends erinnerten mich an ihn und an die erste Begegnung, die ich mit ihm vor einigen Jahren an einem Tage und einem Abend wie dem heutigen hatte. Sie kannten ihn schon längere Zeit und haben hier, soweit ich sah, kaum zwanzig Worte mit ihm gewechselt? fragte ich erstaunt. Wo lernten Sie ihn kennen? Mein Begleiter erzählte im ruhigen Weitergehen durch den Wald, der uns aufgenommen hatte: Vor etwa fünf Jahren machte ich die bauliche Anlage der im sechzehnten Jahrhundert entstandenen Burgen zum Gegenstande genauer Forschungen. Zu diesem Zwecke wollte ich die Ronneburg in Hessen besuchen; ein Zufall nötigte mich auf dem Wege dahin und nahe vor meinem Ziele zu einem kleinen Aufenthalte in dem Dörfchen Himbach, und dort traf ich in dem kleinen ärmlichen Wirtshause mit jenem Fremden zusammen. Er war, ich denke, ein Herrnhuter und hielt sich eben damals in jener Gegend auf, um die alten Herrnhutersitze in Marienborn und Haag kennen zu lernen. Es wurde uns das Mittagbrot gemeinsam aufgetragen; wir sprachen, wie 82 natürlich, anfänglich ein paar gleichgültige Worte miteinander, bis mich sein eigentümlicher Blick bestimmte, eine bedeutendere Unterhaltung zu suchen. Erst schien mir sein Blick nur ein ruhiger zu sein, so ruhig, wie man ihn selten sieht; dann erkannte ich aber, daß es ein stiller Blick sei. Sein Benehmen und Sprechen war zurückhaltend, aber es war nicht eine auf Erfahrungen und gesellschaftlichen Anforderungen beruhende Zurückhaltung, das merkte ich bald. Während einer Pause in unserem Gespräche war mein Auge zufällig an den Kacheltüren des großen eisernen Ofens haften geblieben, und ich sah erstaunt, daß sie die kapitolinische Gruppe von Eros und Psyche in Halbrelief trugen, in der die beiden zarten jugendlichen Gestalten nebeneinander stehend sich umschlungen halten und den Mund in einem reinen und glücklichen Kusse vereinigen. Das alte Kunstwerk war sehr unvollkommen wiedergegeben; dem Ofenfabrikanten war es ein Zierat wie andere gedankenlose Zierate gewesen; aber trotzdem war der kleine Schmuck eine Erinnerung an das Vollkommenere, und ich freute mich, hier in dem armen Dorfwirtshause fern von der Welt der Bildung diesem verblaßten und doch noch feinen Zeugnis eines edlern Lebens zu begegnen. Ich sagte lächelnd zu dem Fremden: Sehen Sie, hier haben sich Eros und Psyche nach Himbach verirrt. Der Fremde kannte die Mythe der beiden nicht, und ich erzählte ihm gerne von der innigen Liebe der Psyche, die das Königskind ein schwerstes Leben ertragen, von Feinden ersonnene Hemmnisse, ja 83 den irdischen Tod überwinden ließ, um sich Eros zurückzugewinnen. Es war eigentümlich, wie mir der Fremde gefolgt war. Man sieht zuweilen von der Musik tief Ergriffene die Augen schließen, um innerlich um so wacher und hingegebener zu sein; der Fremde sah mich still, aufmerksam und fest an, aber ich erkannte dennoch, daß seine inneren Augen schwer geschlossen waren. Nachdem ich geendet hatte, schwieg er lange und blieb schweigsam. Als ich am Abend meinen Weg fortsetzen konnte, bat er zu meiner Überraschung, mich eine Strecke weit das Tal hinabbegleiten zu dürfen. Als er nun so neben mir herging – es war ein Abend wie der heutige, erst in seinen Farben so friedlich hell verklärt, und dann solch ein seltsamer, weißer Westhimmel – da fiel mir sein Gang auf; er ist ja heute noch ein jüngerer Mann, aber er ging wie müde und den Nacken gesenkt, als drücke eine unsichtbare, schwere Last auf seine Schultern. Da er kaum redete, so erwähnte ich mit einem halb verlegenen Scherze seiner Schweigsamkeit und Zurückhaltung. »Gedämpft« nannte man das, als ich Student war, sagte er rasch und mit einer gewissen Bitterkeit: meine Bekannten sagten, mein Blick sei gedämpft, meine Sprache sei gedämpft und mein Gefühl sei gedämpft. Er hatte recht, seine Sprache, so hell sie klang, sein Ausdruck, so freundlich er im allgemeinen gewesen war, hatte keine unendliche Resonanz, sein Wort überließ sich nicht sorglos sich selbst. Nach einer neuen langen Pause, die ich nun auch nicht zu unterbrechen wagte, begann er plötzlich mit ganz 84 stillen, gleichmäßigen Worten, wie nur die Trauer sie sprechen kann: Sie haben mir heute von Eros und Psyche erzählt. Lassen Sie mich Ihnen von meinen Jugendjahren erzählen. Mit meinem Vater fing es an. Er war ein gütiger Vater, er war wirklich gütig, aber wenn ich mit Knabeneifer übertreibend erzählte, oder mich beklagte, oder mit großen Plänen renommierte, dann strich er leise, begütigend oder herabstimmend mit der Hand über meinen Scheitel oder an meinem Arm herab. Ich erinnere mich mit einer mir unbegreiflichen Deutlichkeit, wie ihm Trauerausbrüche so unwillkommen waren, daß sein Trösten, und er mußte öfter berufsmäßig trösten, zuerst immer den Affekt zurückzudämmen suchte; er lächelte gütig, wenn die Freundinnen meiner Schwester laute Lustigkeit in unser Haus trugen, aber er sorgte schnell dafür, gewiß ohne es zu wollen und ohne es zu merken, daß das Gespräch sich auf Gegenstände richtete, bei denen der Mund und vielleicht auch das Herz stummer wurden. So wuchs ich in sein Wesen hinein, und als ich aus den Knabenjahren heraustrat, da fehlte mir der eine Mittel- und Quellpunkt, ein Gemüt und Wille beherrschendes Prinzip, aus dem eine leidenschaftliche Geschlossenheit des Handelns, eine stolze Treue gegen Ideen und Menschen, ein rühmliches Irren und ein rühmliches Hassen sich ergeben hätten. Als Sie mir heute mit so viel Lust, ja, wenn ich das sagen darf, so jünglingsmäßig von der Liebe der Psyche erzählten, da sah ich Sie mit Neid an, mit dem Neide des Bettlers, der den Reichen tafeln sieht. 85 Die Psychologen sagen, daß eine Vorstellung immer blässer ist, als die Sache einst empfunden wurde, deren schattenartiges Erinnerungsbild die Vorstellung nun ist; aber eine Vorstellung gibt es, die ist wärmer, leuchtender, kräftiger und hilfreicher als die Sache, das ist die Erinnerung an den Enthusiasmus der Jugendjahre, an die alten Ideale, und seien es die törichtesten, an das, was ich den Schwur der Jugend nennen möchte. Ich kenne so viele, ja, wie Sie, wenn ich Ihr Mienenspiel recht verstehe, die haben dies Gelöbnis ihres Knabenidealismus nicht gehalten, sie sind später satte, bequeme Philister oder Schlimmeres geworden; aber ich sah es, und ich sah es mit dem Neide des völlig Besitzlosen, wie diese Leute in den späten Mannesjahren mit Sehnsucht auf jenen Enthusiasmus zurückschauten, wie es nun ihr Glück war, daß sie einmal geschwärmt, geträumt und geschworen hatten. Diese Erinnerung gab ihrem späteren Leben nach einem langen Zwischenraume der Erbärmlichkeit und Nichtigkeit eine neue Schönheit, eine neue Ehre, einen neuen Inhalt. Sie erfahren den Segen des sonst ja anfechtbaren Römerwortes: Es ist genug, das Große gewollt zu haben. Der Fremde brach hier ab und schwieg eine Weile, dann fuhr er mit verändertem Tone fort: Als ich Student wurde, vertrug ich das Umschütten eines Glases nicht; der Aufwärter mußte zum Verdruß meiner Tischnachbarn oft und recht mitten in der Fröhlichkeit mit seinem Tuche über den Tisch fahren; ich sah bei mir und andern streng auf das Dekorum, – ich 86 konnte darauf halten, denn die Freunde hatten mir eine Vertrauensstellung eingeräumt. Da ich gereifter erschien als die andern, so nahte sich mir mancher mit Bekenntnissen; aber ich haßte Konfessionen und lehnte sie unauffällig ab. Ich war damals sehr zufrieden mit mir, wenn es mir wohl auch einmal war, als ginge in mir das Fenster nicht auf, wenn ich es öffnen wollte, um am Frühlinge teilzunehmen. Dann aber kam eine Epoche – er sagte nicht welche und nicht wann – da merkte ich deutlich, daß etwas nicht richtig in mir sei. Ich fühlte, denn noch sah ich es nicht, daß ich ein Totschläger sei – daß ich da, wo ich liebte und wo man mich liebte, das Aufleuchten des Auges, das raschere Leben des Gefühls, das unbefangene Wort der andern totschlug. Ich wurde ängstlich, fing an, ein paar Stufen, ach nur erst sehr wenige, von meiner Höhe herabzusteigen, und ging, um zu wissen, wo der Sitz der Krankheit sei, zur Bibel. Es kam der Tag, von dem ich nicht gewußt hatte, daß er im Kalender stehe, da schlug ich zufällig – ganz zufällig, wiederholte er nachdrücklich und ging dann ein paar Schritte still weiter – ich schlug eine Stelle auf, die mir bis dahin völlig fremd geblieben war, den vierten Vers in dem zweiten Kapitel der Offenbarung Johannis: Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest! Dies einzelne Wort gab mir, ohne daß ich ihm nur einen Augenblick hätte nachsinnen müssen, eine herbe Klarheit. Ich warf mich auf den Boden nieder, das Gesicht zur Erde gekehrt, und schrie, ich schrie laut, laut schrie ich: O Gott, 87 das also sagst du zu mir? Das hast du zugelassen in mir? Das ist der Sinn meines Lebens? Ich hatte in einem einzigen Blick gesehen, daß ich nie eine erste Liebe gehabt hatte. Das war das gewesen, was ich für Reife, für Kraft gehalten hatte, worin ich mich wohlgefühlt hatte, wofür ich die Anerkennung der Menschen erwartet und ja auch reichlich gefunden hatte. Ich hatte keine erste Liebe gehabt, ich hatte niemals etwas mit ganzer, heißer Liebe ergriffen, ich hatte nie geirrt, also nie geliebt. Nun sah ich manches so hell beleuchtet, so betrübend deutlich: ich hatte bis dahin nie das Gefühl der Reue gekannt; ich las und hörte wohl von Reue und hatte eine literarische Vorstellung von ihr, ich hätte einen Aufsatz über die Reue schreiben können, aber ich hatte nie bereut, wie andere; wenn man in meinem Bekanntenkreise von der Wiedergeburt geredet hatte, so hatte ich kühl gelächelt und wohl auch einmal zu einem, der sie in schweren inneren Erschütterungen erfahren zu haben geglaubt hatte, gesagt: Ich rate dir ernstlich, mache in dir nicht zu viel Lärm um dich; ich hatte bis dahin große »Vorzüge« besessen, um derentwillen mich meine Freunde bewunderten: ich konnte nicht hassen, ich konnte rascher und aufrichtiger verzeihen als irgend ein Mensch, den ich kannte; ich galt allen als milde, ich hatte selbst eine ganz deutliche Vorstellung davon, daß ich wirklich recht milde sein müsse; man nannte mich eine harmonische Natur; man rühmte meinen Blick, wenn man ihn auch »gedämpft« nannte. Ich erinnere mich eines Lobes, das ich wie eine 88 Ordensauszeichnung angenommen und meinem inneren Menschen sorgfältig angeheftet hatte; ich hatte nämlich gehört, daß der Klubbibliothekar, ein alter Jurist, scharf, eckig, gescheit und, wie ich annahm, auch bedeutend, geäußert hatte, er freue sich immer, wenn ich Bücher zu holen komme, ich hätte einen so ruhigen, ehrlichen Blick, – und nun sah ich, daß ich alles das nur hatte aus Armut, daß ich keine erste Liebe gehabt hatte, ja daß ich Furcht vor der Liebe hatte. Furcht vor der Liebe! Das war der ungewußte Beweggrund aller meiner Handlungen gewesen. Furcht vor der Liebe hatte ich mir in Lehrsätze und Maximen gefaßt, die ihren Ursprung weder mir noch anderen verrieten. Ist er verheiratet? fragte ich meinen Begleiter. Ich weiß es nicht. Aber er trug schon damals einen Ring am linken Goldfinger. – Nun, so schloß der Fremde, seitdem macht mein Herz die Flugversuche eines Vogels, dem Gott zwar Flügel, aber diese ihm nicht lang genug gegeben hat. Oder wollen Sie ein zweites Bild, ich stehe über der Flut, in der sich alle andern tummeln, am Rande des Sprungbretts, aber ich springe nicht hinunter, ich gehe zurück und gehe prüfend vor, um den Sprung zu tun, aber ich springe nicht ab, ich kann nicht. Die Welt rühmt mich nach wie vor, sie nennt mich fertig, gesammelt, etwas zurückhaltend, ja, sie nennt mich vornehm – – sie kennt mein Geheimnis nicht! 89 So schloß der Fremde. Wir trennten uns bald. Er war wieder wie erschöpft in sein altes Schweigen zurückgefallen und wollte offenbar allein sein. Ich schied von ihm bewegt, ja es ist nicht zu viel gesagt, erschüttert. Aber daß er Ihnen das alles sagte! unterbrach ich meinen Begleiter. Gott hat mir die Gnade gegeben, daß bedrückte Gemüter sich mir leichter erschließen, gab er mir in schlichter Antwort zurück. Und dies konnte wohl richtig sein; ich selbst hatte ihm manches in diesen Wochen eines ersten Verkehrs gesagt, von dem ich anderen gegenüber geschwiegen hatte. Dann fuhr er fort: Ich hörte nun seitdem nichts mehr von ihm. Da traf ich ihn unerwartet vor vier Wochen hier; er erkannte mich sofort, wie ich ihn; sogleich sah ich aber auch, daß er allein bleiben wollte, und ich hielt mich darum so fern, wie Sie das ja selbst beobachten konnten; nur dann und wann reichte ich ihm, wenn wir uns begegneten, im Walde oder auf der Düne, eine Blume, um ihm zu zeigen, daß ich mit ihm lebe. Er liebt mit besonderer Vorliebe den Wegerich; ich erkannte das an der Freude, mit der er jedesmal die schlanken Stengel aus den andern Feld- und Waldblumen herausnahm; auch standen das einzige Mal, daß ich ihn besuchte, drei der zartblühenden und süßduftenden Stengel in einem schmalen, hohen Blumenglase auf seinem Tische. Als ich ihm einmal gerade nur ein Sträußchen Wegerich gab, sagte er dankbar: Sie helfen mich erlösen. 90 Beschäftigt er sich nicht zu viel mit sich selbst, und kann er da überwinden? Bleibt es nicht bloß bei der Trauer? Er hat überwunden, ohne es zu wissen; er ist ein Dienender geworden! Ich sah es täglich, wie es ihn drängte, zu dienen. Kindern, Frauen, Müden, Kranken war er unauffällig und zwar nicht bloß der Welt unauffällig, sondern gerade sich selbst, in kleinen Dingen zu Dienste. Aus der Furcht vor der Liebe ist Sehnsucht nach der Liebe geworden, und wenn er sich selbst niemals genügen und ein starker Unterstrom der Trauer immer durch sein Wesen ziehen wird, so wird eben diese Trauer sein Wesen ausweiten, sein Herz lösen, sie wird der Zug sein, durch den ihn Gott stetig vorwärts und aufwärts ziehen wird. Behalten Sie, so schloß mein Begleiter, das Bild dieses Mannes, der als Mann erst die Jugend in sich erfuhr, der als Mann erst lieben lernte, so wie ich es vorgestern sah. Ich war den Strand entlang nach Osten gegangen, von dem Meere beglückt und durch den dunklen Saum der Föhrenwälder ernst erfreut, und war darüber so weit gewandert, daß ich mich unerwartet nahe bei Schwantuß fand, als ich auf die verflossene Zeit aufmerksam geworden war. Ich erklomm die Düne und suchte meinen Rückweg über das breite, weiche Sandgeriesel, das zwischen kleinen, ärmlichen Föhren sich in das Wiesenvorland hinein ausbreitet. Da sah ich den Fremden am Rande des Gehölzes und des Wiesenlandes stehen; mein Weg führte mich an ihm 91 vorbei, er hörte meine im Sande verhallende Schritte nicht, mein Auge konnte darum lange an ihm haften bleiben. Er sah tief in Gedanken auf eine außergewöhnlich hohe Thymianstaude herab: ein Trauermantel hatte sich auf ihr niedergelassen und breitete die herrlichen Flügel aus und schloß sie wieder; ernst und still folgte das Auge des Fremden dem Spiele des Falters, sein inneres Auge sah den Irrtum der Vergangenheit und die Fehler, die aus ihm gefolgt waren; es sah liebend, verehrend und verlangend das innere Leben von Eros und Psyche – ich aber sah, daß Gott dem Manne, der ehedem nur halb gefühlt, halb gesehnt, halb getrauert, halb gelächelt hatte, nun ein ganzes Leid und einen ganzen Willen, sich der Welt und des Guten zu bemächtigen, geschenkt hatte. 92   15. Pietà Zu Rom steht ein steinernes Haus. Zweimal sah ich dort den lebendigen Gott. Das erstemal war es mitten im Gedränge des Ostermorgens. Die Sänger sangen, die Priester hielten ein Hochamt, die tausend Fremden drängten sich und wogten, – ein brandendes Meer von Schritten und Sängerstimmen und Priesterworten, das an den hohen Säulen und in der mächtigen Kuppel emportoste und zusammenschlug: da sah ich den lebendigen Gott. Denn inmitten von Menschen, modisch oder priesterlich gekleideten Menschen, kniete ein Geängsteter und Geschlagener. Als ich ihn sah, wußte ich, wie ein Gottrufer aussieht, und ich zerknüllte um dieses Einen, in Qualen betenden Mannes willen das Blatt, das ich vorhin mit diesen Worten beschrieben hatte: »Was an Frömmigkeit sichtbar wird, ist meistens Sünde, denn gewiß – die Sünde nimmt wunderliche 93 Formen an, bei dem einen als Dieberei, bei dem andern als Lüge, ja, merke es wohl und erschrick, bei dem dritten als Frömmigkeit. O, schwer geschlagenes Menschenvolk.« Wo hatte ich denn Frömmigkeit gesehen, die mir Gott allein war, wie dieser Gequälte inmitten des großen Stelldicheins? Frömmigkeit, die ihrer nicht inne war? die nicht verglich? die nicht sprach? die schwieg, ohne es zu wissen, daß sie schwieg? die ohne Bekehrungslust war, ohne Angriffsbedürfnis? Und in demselben steinernen Hause sah ich noch einmal den lebendigen Gott. Hinter Vorhängen hatten sie seither das marmorne Werk des Florentiners verborgen, aber an dem Tage, den sie den »Tag des Herrn« nennen, stand es enthüllt da, – Maria mit dem toten Sohne, eine arme Mutter, die ihr Kind dahingegeben hat und deren Seele schwer und stumm leidet. Dieses Werk sprach zu mir im Namen des Höchsten: Ich bin nicht gekommen zu »trösten«. Was ihr trösten nennt, damit meint ihr das Schwere euch abnehmen, Religion aber tröstet nicht. Wo man glaubt, sie tröste, hat man keine Religion. Religion lehrt Leid, Schmerz, Last und Überlast als ein Gottglaubender annehmen, aber sie macht sie nicht einmal leicht, sie tröstet nicht. Wer Liebstes hergibt und ergeben sagt – sie nennen es ergeben, ich nenne es herzlos – »der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt«, der war getröstet, ehe 94 er verlor, er hatte kein Herz, das zerrissen werden konnte. Religion tröstet nicht, Gott tröstet nicht, er leitet dich an, das Kreuz auf dich zu nehmen. Religion tröstet nicht, sie haßt vielmehr die tröstbaren Seelen und nennt sie flach. Religion tröstet nicht, denn sie ehrt im Menschenherzen das Menschliche. Religion liebt das blutende Herz, das zitternde, das trostlose. Religion weint mit ihm. Und so ging der Beter ungetröstet hinaus aus dem großen, steinernen Raume, vorüber an Michelangelos Beweinung, hinab die vielen Stufen vor dem Hause und Gott schritt an seiner Seite. 95   16. Zwei Weihnachten. 1. Gestorben am vierundzwanzigsten Dezember. Seither war alles anders gewesen. Der Finanzrat Bernhard Wehrenpfennig war ein hervorragender Beamter, ein Mann von Initiative im Amte und ein überaus pünktlicher und regierungsfähiger Hausherr. Er war ein vornehmer Mann, und seine Frau »immer noch eine vornehme Erscheinung«, beide ernst, sie sichtlich bemüht, alles zu seiner Zufriedenheit zu ordnen, und die etwas verscheuchten Kinder warm zu halten wie eine Suppe, die für einen zu spät kommenden Gast auf kleiner Flamme steht. Auf ihrem Gesichte lag, daß sie kein Glück hatte, ohne unglücklich zu sein; ihr Auge schwieg. Und nun war er krank. Sein Bett stand im sogenannten »Schulzimmer«, dem Raume, wo seine Knaben arbeiteten, und hier hatte er einige Wochen höchst unzufrieden gelegen und das Haus in Atem gehalten. Auf einmal war er still geworden. Seine Frau besann sich 96 später genau auf den Tag, es war der siebente Dezember gewesen; von diesem Tage an war er nicht mehr der Alte. Wenn man sein Wesen zu bestimmen gehabt hätte, so wäre vor dem siebenten Dezember zu sagen gewesen: ein Mann, der alles sieht, der geborene Beobachter; mir entgeht nichts, hatte er ein langes Leben hindurch täglich gedacht, zuweilen, aber doch selten, hatte er das, was in seinem Blicke und in seiner Haltung immer ausgesprochen lag, auch scharf geäußert: ich sehe alles . Nun, am siebenten Dezember, hatte er sich wie immer das Rezept zeigen lassen, das sein Hausarzt kurz vor seinem Weggange unter freundlichem Bericht über das Neueste von Hof und Stadt so nebenbei und zwischen hinein geschrieben hatte. Seit diesem siebenten Dezember war er nicht mehr der Alte. »Es entging ihm nichts.« An eben diesem Tage, um dieselbe Zeit, da er sein Rezept las und – verstand, ging sein Schwager durch die Straßen der Stadt, die schon das kommende Weihnachtsfest verriet, und tat das, was er vom achtundzwanzigsten Dezember jedes abgelaufenen Jahres bis zum vierundzwanzigsten Dezember jedes neuen Jahres zu tun pflegte: er musterte die Läden und fand prächtige Sachen zum Schenken, etwa einen Tiger in Gummi, täuschend ähnlich für seinen Jüngsten, denselben Jüngsten, für den er eine Woche später ein Eimerchen mit Sandschaufel sehr angebracht finden mußte, und den er dann nach den herzerfreuenden Möglichkeiten, an denen er sich für seinen Knaben in buntem Wechsel 97 gelabt hatte, endlich am heiligen Abend mit etwas Wunderbarem zu beschenken gedachte, das irgendwo noch in einem Laden gespannt auf ihn harrte. Es konnte vorkommen, daß ihn im Februar oder im Juli ein Bekannter anredete: Sage, Ritz, warum hast du eben gelächelt und die Hände gerieben? Nicht wahr – Gehaltszulage? – oder gar . . . . ? Torheit, hatte der Angeredete erwidert und mit keiner Silbe verraten, daß er eben einen Kleiderstoff hatte ausliegen sehen, mit dem er seine Frau mit Hilfe der Kleidermacherin und einer sehr zusammengesetzten Verschwörung mit dieser und jener Bekannten überraschen wollte. Ich kann nicht finden, daß Ritz ein hübscher Name ist. Trotzdem hieß er Ritz. Sein Onkel, der Oberförster, hatte ihn zu der Zeit, in der der Knabe noch die Gewehre von der Wand nahm, um damit auf die Wasserflasche oder die Jubiläumstassen zu zielen, Jaköble Unnütz genannt. Aber er hieß Ritz. Trotzdem galten die Zettel und die Briefe mit der Aufschrift: an Herrn Richard Steinbach, die der Steuerbeamte oder der Briefträger ihm übergaben, für richtig bestellt. Aber eigentlich hieß er Ritz. Wer ihm von Jugend auf zugetan war, nannte ihn so. Auch der Briefträger wußte ganz genau, daß der freundliche Empfänger der Postsendungen nur so aus allgemeinen Anstandsrücksichten Richard genannt werde, daß aber Ritz das Wesen des Mannes genauer bezeichne. Nicht, daß er schmal, oder, wie seine Landsleute das so 98 bezeichnend nennen, leibarm gewesen wäre, sein Herz wohl ging in die Tiefe, aber sein äußerer Mensch neigte sich zu bedeutender Raumerfüllung. Er selbst hörte auf beides, auf Richard allerdings nur dann, wenn der Name aus offenbarer Unkenntnis gebraucht wurde, denn seit seinen Knabenjahren empfand er an sich einen leisen Tadel heraus, wenn das korrekte, hochdeutsche und kalte Richard angewendet wurde. Sein Schwager nannte ihn Richard. Wer sonst ihm befreundet war, nahm das alte liebe Kosewort. Seine älteste Tochter, »ein scharfsinniges Kind«, wie Herr Richard nur dann zu bemerken unterließ, wenn er ahnte, daß man ihn für einen etwas zärtlichen und schwachen Vater hielt, hatte in ihrem sechsten Lebensjahre einmal sehr entrüstet bemerkt, als ein Gast den Vater Richard genannt hatte: der weiß auch nicht, wie der Papa eigentlich heißt! Seit dem siebenten Dezember beschäftigte sich der kranke Mann viel mit seinem Schwager. Er hatte eine Abneigung gegen ihn, die eigentlich so alt wie ihr beider Leben war. Sie standen im gleichen Alter. Er dachte sonst nicht gern an ihn, Richard war ihm irgendwie im Wege, aber ein sonderbarer Umstand hatte die Gestalt, das Wesen und das Leben des verschwägerten Mannes gerade ihm gegenüber an die Wand gezaubert, und er mußte hinsehen und dort etwas enträtseln und verstehen, ehe die Uhr zum letztenmale aushob, wer weiß wie bald. Zunächst war das, was da drüben stand, nichts als die Inschrift: »Wer nicht arbeitet, soll auch 99 nicht essen«, auf einem weißen Pappdeckelstreifen von der Länge und Breite eines Schülerlineals; sie hing über dem Tische des jüngsten Sohnes; die Schrift war sehr leserlich, denn der Herr Finanzrat hatte eine sehr feste Hand. Mit diesem Denkzettel und einigen begleitenden Nebenumständen, die mit Arnolds Mittagsbrot in näherem Zusammenhange standen, hatte der Vater das Herbstzeugnis seines Tertianers beantwortet. Das war bis zum siebenten Dezember in der besten Ordnung gewesen; aber nachher war ihm etwas eingefallen, das er bis dahin unbemerkt gelassen hatte: Richards Ältester, auch Tertianer, war mit einem noch schlechteren Zeugnis nach Hause gekommen, aber anders als Arnold, und Richard hatte es anders angefangen als Bernhard – es war nicht zu leugnen, daß jener nicht bei dem Mittagbrote seines Erwin eingesetzt hatte. Bernhard konnte nicht verhindern, daß ihm das Städtchen einfiel, in dem er, wie Richard, jung gewesen war, und in dem Regine und Lorle erst Zöpfe, dann ein Krönchen, dann die Myrte auf dem Krönchen getragen hatten, Regine für ihn, Lorle für Richard. Wenn man längs der Seitenwand des Hauses hinging, in dem die Schwestern gewohnt hatten, kam man damals auf einem ganz schmalen Pfade zwischen Scheuern und Gärtchen hindurch, hinaus auf Wiesen, in denen nach Richards Ansicht wunderschönes Wiesenschaumkraut zu einer Zeit und wunderschöne Orchideen zu einer andern Zeit wuchsen, nach Bernhards Ansicht aber war es verboten, in den Wiesen Blumen zu brechen. Der kranke 100 Mann fand, daß Richard damals eine merkwürdige Meinung vom Flurschützen gehabt hatte, die von der Voraussetzung ausging, daß Fuchs, so hieß der Gewaltige, selbst Freude an Blumen habe. Am Rande dieses schönen Wiesenlandes war etwas Fatales, der Kranke wollte nicht hinsehen, aber er mußte. Das letzte Rezept des Hausarztes verlangte es. Dort stand ein Feldbrunnen, wie man deren in jener Gegend öfter sah, Brunnen, die man benutzte, um aus ihrem bis zum Rande gefüllten Troge entweder die Pflanzenländer zu begießen oder auch das durstige Zugtier sich in großen Zügen laben zu lassen. Jener Brunnentrog war ein langer, ausgehöhlter Baumstamm von hohem Alter, so schien es wenigstens den Knaben. Ritz hatte lange darauf bestanden, daß schon die Schweden anno 1632 ihre Pferde daraus getränkt hätten, bis Bernhard ihm aus einem alten Schulprogramm ihres Gymnasiums bewies, daß die Schweden nie nur in die Nähe des Städtchens gekommen wären. Nun, am Fuße dieses Troges hatte Richard ein Mühlchen angebracht, ein armes, hübsches Ding von einem Rädchen, das sich mit Ruhe und entsprechenden Pausen so weit drehte, als es gelang, den Trog zum Überfließen zu bringen und einen Wasserfall über die Mühle herzuleiten. Bernhard sah einen schlanken, schmalgesichtigen Knaben einen großen, mächtigen Feldstein eilig aufheben und in das Wasser werfen und eine Welle damit erzeugen, die das Mühlchen zusammenriß und Richards Herzensfreude fortschwemmte. Der Kranke 101 sah es nicht gerne, er hätte die Züge des schlanken Knaben lieber nicht gekannt. Ach, und eines rief das andere, und dann wollte keines mehr gehen, weder das Alte noch das Spätergekommene. Ein Silvesterabend stand ihm namentlich stark im Wege. Regine war längst Bernhard in kleinere Städte, dann in die Hauptstadt gefolgt, Richard war gleich von Anfang in die amtliche Laufbahn in der Hauptstadt eingetreten, und Lorle hatte sich liebevoll aus einer Registratorin in eine Rechnungsrätin verwandelt, da Richard gleichzeitig diese Verwandlung vornahm, und war dann auch eilig zur nächst höheren Stufe vorgeschritten, als Richard die Visitenkarte drucken ließ: R. St. Oberrechnungsrat an usw. Die beiden Familien hatten, seitdem sie das Leben zusammengeführt hatte, die Feste immer miteinander verlebt, gewöhnlich bei Richard, der mit seiner Einladung früher kam als Bernhard, vielleicht weil dieser, der so vieles verstand, doch nicht verstand Feste zu feiern, vielleicht aber auch nur, weil Richard acht Tage jünger war und die jüngeren haben es immer etwas eilig. Auch die Silvesterabende wurden immer gemeinsam verlebt und bei dieser Gelegenheit der Christbaum »abgebrannt«. Damals fing es eigentlich an, daß Bernhard seinen Schwager nicht mehr von oben herab ansah, sondern ihn mit innerer Gereiztheit betrachtete. Wenn sie in den Gymnasiastenjahren und auch später 102 noch gesagt hatten, Richard habe vierblättrige Kleeblattaugen, so hatte Bernhard das mit ironischem Lächeln abgetan. Allerdings fand Richard merkwürdigerweise allen diesen Glücksklee, den Bernhard je zu Gesicht bekam; auch nahm Ritz niemand etwas übel, man hatte gern mit ihm zu tun, Leute lächelten ihm zu, die Bernhard nicht vorgestellt waren; aber dieser dachte damals, daß Richard schwerlich im Leben vorwärts kommen werde; und bei dieser Vorstellungsreihe fühlte er, daß er selbst gut sitzende Stiefel trage. Das war so gegangen bis zu jenem Silvesterabend. Gesprochen hatte nie jemand etwas zu Bernhard, das ihn hätte stören können, er hatte die Menschen fest am Zügel; aber an diesem Abend war doch etwas vorgekommen, das besser in der Erinnerungswelt des Kranken, so meinte er auch noch einige Tage nach dem siebenten Dezember, fehlte, weil es schlimmer als gesprochen war. Jener Abend war gekommen und verflossen wie immer, die Gesichter hatten sich angelächelt, die Glückwünsche waren hinüber und herüber gegangen, die Gläser hatten aneinander geklungen. Nach Mitternacht, also schon im neuen Jahre, ward der Christbaum zum letztenmale in sein lichtes Kleid gehüllt, die Lampe war hinausgetragen worden, und nun saßen die Freunde in der wachsenden Dämmerung, denn eine der schon stark verminderten Kerzen nach der anderen erlosch, man ließ die Flamme in den metallnen Befestigungshülsen verglimmen, endlich löschte die letzte Kerze so langsam hin; im dunkeln Zimmer verlor sich der auf- und 103 abkämpfende feierliche Schein, und nun war es seltsam und wie ein Märchen ward es empfunden, als ein hohes Kelchglas, das auf einem Schränkchen zur Seite stand, diesen letzten Schimmer widerspiegelte und, indem die stumme und geweihte Aufmerksamkeit sich auf den Kelch richtete, das Glas mitten in der Nacht dieses Raumes bald in Grün, bald in Purpur funkelte, wie ein geheimnisvoller Metallschimmer aus jenen Bergtiefen, von denen die Sage erzählt. Alle außer Bernhard waren von dieser Erscheinung ergriffen worden. Ihm war nur das Schweigen befremdlich gewesen, und er fragte: Warum seid ihr denn alle so still geworden? Da sah er bei dem hellen Aufflackern der Kerze, in dem sie erlosch, wie ein nicht zu beschreibendes, ganz flüchtiges Lächeln über das Gesicht seines Jugendfreundes glitt, ein Lächeln, das er im ersten Augenblicke vor Gericht hätte stellen mögen. Vielleicht, daß Richards Lächeln das Erwachen aus einer Seligkeit war, in die der Abend und sein schönes Verklingen ihn versetzt hatte, Bernhard aber sah die Verurteilung seines Wesens darin: dir fehlen Augen für das Unsichtbare und Flügel für die sehnsuchtsreiche Weite, du bist niemals jung gewesen , so meinte er in jenem Lächeln lesen zu sollen, und nach dem siebenten Dezember las er es darin und fand, daß die Anklage wahr sei. Er sah um sich und fand, daß auch niemand von den Seinigen jung war; er erkannte, wie alle Tage seither gewesen waren: Regine war recht und gewissenhaft 104 und sah auf ihn, die Kinder lebten so für sich hin, wie der Tag es brachte, bemüht, es zu keinem Zusammenstoß mit dem Vater zu bringen; auch den Zimmern fehlte die Jugend, im Schulzimmer waren keine weißen Vorhänge, die Fenster waren kahl, Bernhard hatte hier den Schmuck für überflüssig erklärt. Aber es eilt, wenn hier herein noch das Sonnenlicht fallen soll. Auf die unerwartete und kurze Frage Bernhards: Werden die Kräfte noch bis Silvester halten? hatte der Arzt erstaunt zuerst, dann ernst ihn angesehen und Ja gesagt, nicht mehr und nicht minder. Das war Mitte Dezember geschehen. Der Vater ist heute stiller als sonst, sagte Regine zu ihrer Tochter Marianne, die beide furchtsam, still und treu um den Kranken bemüht waren. Ach, er suchte das erste Wort, er wußte selbst nicht welches, er wollte die erste Weihnacht seines Lebens feiern und auch den Seinen, den ahnungslosen, die nicht merken sollten, wie es stand, die erste Weihnacht bereiten. Als Marianne einen Tag später an seinem Bette saß, ruhte der Blick des Vaters anders auf ihr als sonst. Sie war aus der Art geschlagen; in einer Familie, in der alle dunkel waren, war sie lichtblond, ein frisches, zartes Kind von fünfzehn Jahren. Mein Kind – sagte der Kranke und schwieg. Sie zitterte, denn das war etwas Neues. Dann fuhr er fort: Wo versteckst du denn deine Weihnachtsarbeiten, die niemand im Hause sehen soll? – Vater, wir arbeiten ja nichts! Ja, so war es, Bernhard hatte dem Zeit- und Augenverderb seit Jahren 105 dadurch ein entschiedenes Ende gemacht, daß alle Christgeschenke gekauft wurden. Schüchtern sagte der Kranke: Willst du nicht für die Mutter etwas arbeiten, wenn du bei mir bist? Wenn sie kommt, steckst du es rasch unter die Decke. – O, wie gern, sagte Marianne und ihre Wange glühte. O, wie gern, wiederholte Bernhard still in sich und sah über die blonden Zöpfe seines Kindes hin, und seine Seele schluchzte, daß er das alles nun verlassen müsse! Sein Schwager kam, und Bernhard sah dem Gefährten so vieler Jahre in das Gesicht und hätte gerne etwas gesagt, aber vier Jahrzehnte standen neben dem kranken Manne und sagten: Es hat noch Zeit und ist vielleicht auch gar nicht nötig. Und doch war es nötig und ward gesagt, ehe der Zeiger an der Uhr um Sekunden vorgerückt war und ohne daß der Kranke es wußte. Er sagte nur: Ritz höre einmal. – Und Richard neigte sich zu dem Kranken, das Herz voll Glück über diese Anrede und voll Liebe zu dem armen Kranken. Höre, Ritz, besorge mir doch Edeltannenzweige und zeige Arnold, wie er sie um die Bilder hier befestigen kann und – nimm die Inschrift über dem Schreibtische weg. Der neue Tag kommt, und Edelreis umsteckt den Spiegel und die Bilder und duftet stark und für den Kranken beruhigend. Und ein neuer Tag kommt, und als der Kranke aufwacht, steht ein bunter Strauß von Astern auf dem Tischchen neben dem Bette, und Regine nimmt sich das Herz und blickt in der Richtung nach Marianne dem 106 Erkrankten zu, und dieser ergreift die Hand des Kindes und sagt: Auf so einen Gedanken kann nur meine Marianne kommen! und die Tochter beugt sich verlegen und anmutig, halb Kind und halb Samariterin über ihn und küßt ihn. Bleibe stark, mein Bernhard, du mußt ein Weihnachtsfest bereiten! Und er sorgt dafür! Die Söhne Friedrich und Arnold haben Wunschzettel geschrieben, zum erstenmale rechte Knabenwunschzettel, nicht lateinische Wörterbücher, Logarithmentafel und Socken, sondern ein Schmetterlingsbuch, Indianergeschichten und eine Armbrust, wie sie die Ritter gehabt haben. Siehst du, mein kranker Mann, so sieht es in der Seele deiner Knaben aus. Und verstehst du, warum Friedrich doch innerlich etwas unruhig den Wunschzettel in deine Hand legt? Sieh, das war recht von dir, daß du die Kinder alle zu dir riefest, als du das Zögern deines Ältesten merktest und mit ihm flüstertest, obgleich Regine, ernst und doch rühriger als sonst, fern vom Krankenzimmer in der Küche hantierte, und liebe, schöne Gaben für die Mutter vorschlagen ließest und dann die Kinder fortschicktest, daß sie in den Läden kauften und es heimlich brächten und es in der Söhne Bücherschränkchen hinter den Büchern versteckten. So gehen die Tage, und an sie reihen sich Nächte, in denen ein Kind tröstend auf dem Bettrande sitzt, dessen sich Bernhard erst nicht entsinnen wollte, und doch hatte er als kleiner Knabe auf dem Schoße der Mutter es 107 in einer großen Lithographie wie oft angeschaut, ein schönes Kind, das derselbe Maler dann in andern Bildern, die Bernhard später kennen gelernt, aber nie geschätzt hatte, bis zum Stadttor führte, vor dem es unter der Kreuzeslast zusammenbrach. Das Kind nahm die Hand des Kranken und sagte Worte zu ihm, wie sonst nur einen seine Mutter tröstet. Kannst du nicht mehr davon Kunde geben und die blasse, ernste Frau, die dich immer ehrte und dich gerne geliebt hätte, wie die Beglückten lieben, damit in tiefster Seele froh machen? Kannst du nicht von jenem Kinde reden? Nicht? – oder noch nicht? Es soll unter dem Weihnachtsbaum geschehen, so denkst du. Und der heilige Abend kam, nachdem durch dies sonst unfrohe Haus die Weihnacht leise und wärmend, heimlich und tröstlich in alle Ecken und Räume gegangen war. Eine hohe Edeltanne war in das Gemach gestellt und nur mit weißen Flöckchen und weißen Kerzen geschmückt worden, die Arbeit von den Kindern mit Eifer ausgeführt und von den müden, aber liebevollen Blicken des Vaters begleitet. Dann zündete Regine die Kerzen an, ach, schweren Sinnes, wenn auch das Herz in neuer Art bewegt, und die Bescherung begann und schritt voran, eine Jugendfreude und ein Erlebnis, das Bernhard in Tiefen der Seele erlebte, die in dem harten Gestein sich so spät erst eröffnet hatten. Noch brannten die Kerzen, da rief der Kranke die Seinigen zu sich, sie wollten alle danken, weil nun die 108 wahre Weihnacht, wie sie sonst nur sehnsuchtsvoll sie in weiter Ferne an sich hatten vorüberziehen sehen, ihnen bereitet worden war, aber der Kranke winkte zum Schweigen und bat, sie möchten einander alle an der Hand fassen und nahe zu ihm treten, seine Rechte gab er Regine, seine Linke ergriff die Hand der Tochter, dann zog er die Frau seiner Jugend zu sich herab und sagte leise: Regine, du hast wenig Glück gefunden, verzeihe mir – ihre Antwort vernahm er nicht mehr. Sein Herz stand still. Als Richard mit den Seinen kam, um den Freunden in dieser Stunde die alte Liebe zu bezeugen, da fand er einen stillen Mann. * * * Unter dem Kopfkissen des Toten lag ein Zettel, mit schwerer Schrift kaum leserlich beschrieben: Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen. Regine aber schrieb darunter: Ich ward in einer Stunde Geliebte, Braut, Frau und Witwe, Du machtest mich arm und reich – so erhörtest Du die Gebete Deines Kindes. 2. Der Koffer. Was werden Sie Ihrem Manne zum ersten Weihnachtsfeste schenken, das Sie miteinander verleben? – Was wirst du deinem Manne zum ersten Weihnachtsfeste schenken? – Was werde ich Gerhard wohl schenken? Das waren die Fragen, die die Welt, die Freunde an 109 Klara und Klara an sich selbst richteten, so etwa im November, ja auch noch anfangs und Mitte Dezember. Alle Fragestellerinnen legten dabei etwas in die Frage hinein, das sie umgab wie ein Trauerschleier, oder das sie umrankte wie Ranken mit seinen Widerhäkchen, oder das wie Streuzucker mild über die Worte hingestreut wurde, je nachdem der Fragende der jungen Frau die Lage der Dinge andeuten wollte. Klara, du richtest ja gar nichts für deinen Mann! sagte dann ihre Mutter am 20. Dezember mit ermahnendem Nachdruck, das geht doch nicht! Er mag so prosaisch sein, wie er will, du mußt ihm etwas von deiner Hand unter den Christbaum legen! – Weihnachten darf man nicht neugierig sein, erwiderte die junge Frau. – Nun, das wird etwas Gutes geben, dachte die Frau Oberbetriebsinspektor und sah die geniale Tochter seufzend an; hat sie ihm etwas gedichtet, ja oder vielleicht komponiert oder gemalt, und wie wird sich der stille Schwiegersohn dabei ausnehmen? Wir hätten ihm doch das Kind nicht geben sollen. – Die gute Mutter sah über die Brille still und betrübt nach der Tochter hinüber, sah sich in dem Zimmer um, ließ den Blick in das anstoßende, offene Empfangszimmer gleiten und dachte dann: Nun, sie hat es ja gut, aber die Frau ist so bedeutend und der Mann wohl gut, auch gut situiert, aber so langweilig! So langweilig! – sagte sie endlich halblaut und fuhr erschrocken zusammen, als Klara ihre Arbeit sinken ließ und verwundert fragte: Was ist langweilig? 110 Langweilst du dich bei mir? – Ach nein, alte Leute reden manchmal so vor sich hin, und es ist dann gar nicht artig von den Kindern, sie zu fragen, was sie gedacht haben! sagte die Mutter mit schlecht verdeckter Verlegenheit. Aber Klara bestand nicht weiter auf ihrer Frage, sie nahm die Arbeit wieder auf, und um die beiden Frauen breitete sich dieselbe Stille wieder aus, die vorhin den neuen Winterhut der Frau Oberbetriebsinspektor ermahnt hatte, die Aufmerksamkeit des freundlichen alten Gastes nicht auf sich zu lenken, damit er nicht zu früh aufbreche, und die die Schritte draußen auf dem Schnee der Straße noch lautloser gemacht hatte, als sie es schon aus freien Stücken gewesen waren, und die das Ofenfeuer an seinen lautesten Spitzen und Zungen gefaßt und niedergedrückt und ihm zugeraunt hatte: nur hübsch wärmen, fein wärmen, still wärmen, aber nicht knistern, nicht prasseln, nicht sich mit der Ofentür schelten und an ihr drücken und stoßen, damit die sonst so laute und bewegliche Frau Klara denken kann, nachdenken, versteht ihr?! – – Ein Gedicht? tickt die Uhr und bewegt den Perpendikel mit einem Eifer, als hinge Zeit und Ewigkeit an der schnellen Antwort. – Ich glaube nicht, sagt die Stille flüsternd, diesmal nicht – aber ein Koffer! * * * Mit dem Koffer hatte es seine Richtigkeit, und zwar seit Montag, dem 15. Dezember. Es war ein Reisekoffer 111 mittlerer Größe, nicht neu, ja an den Ecken leider etwas verstoßen, und über und über durch den Eifer der Portiers und Hoteldiener mit den Anpreisungen des Österreichischen Hofes in Bregenz, des Hotels Albula in Tiefenkasten, des Wilden Mannes in Silvaplana und anderer Gasthöfe beklebt, in denen das junge Paar vor einen. halben Jahre gewohnt hatte. Klara hatte sich den Koffer aus der Dachkammer herunterholen lassen, hatte mit neuem Anteil die Hotelbilder und Namen angesehen, offenbar mit wärmerer Erinnerung das Zeichen der Pension Beauregard in Lugano betrachtet und war dann im Zwielichte zu einer Bekannten geschlüpft, die nur acht Häuser von ihr entfernt wohnte. Hast du meine Verlobungsanzeige aufgehoben? hatte sie nach den einladenden Begrüßungsworten sofort, aber nicht ohne Verlegenheit gefragt. – Ja, gewiß! – Und nun war ein schönes Kästchen aufgeschlossen und ein Bündel »Erinnerungen« aufgeschnürt worden, und da lag die Karte. Doch hatte sie die Freundin mit einem Male nur zögernd dargereicht: hinter dem Namen des Verlobten, Gerhard Autenrieth, Amtsrichter, stand ein Ausrufungszeichen, offenbar mit einem Faberschen Schreibblei Numero eins im äußersten Erstaunen nachdrücklich hingeworfen. Weißt du, erläuterte die Freundin, es kam so überraschend! Die Mutter hatte die Post in Empfang genommen, sie kommt rasch in das Zimmer und ruft schon in der Türe: Rate, wer hat sich verlobt?! – Ich sage sofort: Klara! – Und mit wem?!! – Doch nicht mit dem Hofkapellmeister?! – Nein! – 112 Ach, sicher mit dem Bildhauer Zumbusch! – Nein! – Am Ende gar mit dem Dichter Jessen!!? ^ Nein, du rätst es nicht! Mit dem Amtsrichter Autenrieth!! – Nun Klara, es war doch merkwürdig, du, unsere sprühende Klara, und dieser stille Herr! – Klara lächelt, küßt die Freundin und fragt: Hast du auch noch die Einladung zur Hochzeit – ja – und die Tischkarte? – Herrlich, es ist alles da, was sie begehrt hatte. Ehe aber die Freundin fragen konnte, warum Klara alle diese Dinge in einem fremden Hause holen müsse, war Klara nach rascher Umarmung zur Türe draußen, und die Haustüre läutete schon, ehe die Stubentüre kaum wieder geschlossen war. Dann war Klara in einen fernen Stadtteil gegangen. Hinter einem Vorgarten mit noch jungen Linden lag hier ein kleines Haus, vor zweihundert Jahren die Winterwohnung der Herren von und zu Bubenheim und Spechteshart, vor hundert Jahren im Besitze eines frommen Sonderlings, den seine Perücke, seine Bücher, seine Armen und sein Testament, durch das er sein Haus an die Pfarrgemeinde zu Sankt Theodor schenkte, einst stadtbekannt gemacht hatten; heute war es das Pfarrhaus zu Sankt Theodor, ein warmes, heimliches, einladendes, tröstendes Pfarrhaus, ein Pfarrhaus mit Kinderköpfen unter dem Eßtische, mit Kinderköpfen an dem großen Fenster mit den Hyazinthen und mit Kinderköpfen in der Studierstube, die dort über Atlanten, Bilderbücher und Raritäten gebückt waren. Klara ging bis an den Schellenzug und streckte die Hand nach ihm 113 aus, dann ging sie zögernd ein paar Schritte weiter, dann stand sie abermals vor dem Glockengriffe, und endlich ging sie rasch weiter. Am Dienstag, den 16. Dezember hatte sie sich ein Herz gefaßt und hatte geläutet und den Kinderköpfen, die am Fenster erschienen, zugenickt und den Kopf, der sie an der Treppe erwartete, geküßt und dem, der die Stubentür öffnete, eine weiche, winterliche Patschhand gegeben und dann von dem Herrn Pfarrer sich den Text ihrer Traurede ausgebeten. Der Herr Pfarrer hatte » gern « gesagt, so ein Gern, wie es auf den hellen Gesichtern seiner Kinder lag, denn dort flog es alle Tage um den Mund und die lachenden Augen: gern, gern, herzlich gern! Aber was er dachte, sagte er der jungen Frau nicht, aber er dachte etwas und irrte sich auch in seinen Gedanken nicht. Am Mittwoch stand der Koffer da und brüstete sich, diesmal nicht, weil gerade unter dem Schlüsselloche breit und stolz: Hotel Reichmann, Mailand, stand, nein, es war ihm der Gedanke mächtig zu seinem gewölbten Deckel gestiegen, daß er ein Geheimnis barg – und daß er allein wußte, warum es im Hause roch. Denn im Hause roch es, es war nicht zu leugnen: um fünf Uhr abends, als der Briefträger Schmidt die Post brachte, sagte er: Frau Amtsrichter, es brenzelt, – und um halb sechs Uhr sagte Ursula, das Zimmermädchen: Gnädige Frau, es riecht so sonderbar, und Christine, die Köchin, bemerkte um sechs Uhr: irgend etwas riecht im Hause, so als wäre Papier angegangen, aber ich 114 finde nichts, nichts im Bratöfchen, nichts unter dem Herde. Der Koffer allein und Frau Klara konnten nicht finden, daß es nach etwas Verbranntem rieche. * * * Aber Verbündete haben doch manchmal noch Geheimnisse vor einander, und so wußte auch der Koffer nicht, was am Sonntag vorgegangen war, drei Tage, ehe er begriffen hatte, daß etwas vorgehe, bei dem er selbst offenbar die Hauptperson war. Sonntag, den 14. Dezember, nachmittags, fiel der Schnee weich und fröhlich herab auf Kinder und junge Leute ohne Schirme und auf gesetzte Menschen mit Schirmen, Klara sah es von ihrem Fenster und Gerhard von dem seinen; zwischen beiden stand das Nähtischchen der jungen Frau, auf ihm eine schöne, gelbe Aster mit breiten, vielzerschnittenen, ernsten Blüten, und beide sahen vom Schnee zurück auf die geheimnisvolle, edle Blume und von ihr hinaus auf gesetzte und ungesetzte Leute, – dann ging die Haustüre, Christine und Ursula durften zusammen ausgehen, Läden anzusehen und ihr Geldbeutelein zu prüfen und wieder Läden anzusehen und wieder einen stummen Kassensturz vorzunehmen. Auf dem Tische standen zwei Tassen, und eine Wiener Kaffeemaschine war zum Anzünden bereit und sah ungeduldig nach den Zeigern der Uhr, ob sie nicht bald aus dem vornehmen rechten Winkel, in dem sie sich um drei Uhr gefallen hatten, zu dem energischeren spitzen halb-vier-Winkel sich verengern wollten, der 115 den Spiritus ärgerte, daß es in ihm kochte, und daß er seinen Ärger an dem Wasser über ihm ausließ und ihm den Kopf heiß machte. Gerhard schwieg; er zögerte oft, der schönen, klugen, ideenreichen und von ihm bewunderten und geliebten Frau gegenüber zu reden, er meinte, ihr nichts geben zu können, und hatte auch erfahren, daß das, was er etwa hatte, ihr nicht entsprechen wollte. Gerhard, was denkst du? fragte auf einmal Klara. – Ich denke, daß es weihnachtet. – Waren es freundliche Gedanken? fragte sie zurück, denn der Ton seiner Antwort war ihr aufgefallen. – Ja, freundliche Gedanken, ich dachte an frühere Weihnachten und an das, vor dem wir stehen, vor allem an Weihnachten im Elternhause! – Klara sah, daß er nun schweigen würde, aber sie wollte mehr wissen, sie fühlte, daß er auf andere Christfeste zurücksehe, als sie im gesellschaftlich unruhigen Elternhause sie erlebt hatte. Erzähle mir, bat sie, und Gerhard überwand die Scheu, die ihn so oft zurückhielt, von seinem eigenen Leben zu reden, und begann erst stockend, wie sie seine Mitteilungsweise kannte, dann aber eifrig und fast zärtlich zu erzählen und einen Vorhang damit vor der Seele zu entfernen. Ich dachte vorhin an all das liebe Treiben vor Weihnachten, wie wir es zu Hause hatten. Weihnachten fing bei uns mit den Auslagen der kleinen Läden an, ehe wir Kinder uns noch so recht überlegt hatten, daß diese Zeit der Wunder nahe – die Gärtnereien in Bleifigürchen und die Tierzüge der Archen mit den 116 armseligen Holzpuppen der Noahkinder drehten uns das Herz vor Sehnsucht nach dem Besitze dieser Herrlichkeiten um, – dann tauchten in uns Erinnerungen an die seitherigen Weihnachtsfeste auf, und die Möglichkeiten, daß wieder gehäufte Teller mit großen Äpfeln und Nüssen und Honigkuchen für uns gefüllt würden, wurden mit bangen Zweifeln erwogen, – dann kam die Frage, ob Bruder Rudolf auch diesmal in dem großen gelben Postwagen angefahren komme und seinen jüngsten Bruder, sein »Schimmelchen«, wie er mich nannte, auf der Schulter wie ehedem in das Weihnachtszimmer trage, – dann wurden Weihnachtsgeschenke vom vergangenen Jahr, über Sommer vergessen und von der Mutter aufgehoben, ihr in dringliche Erinnerung gebracht und kamen zu neuen Ehren. An den Adventssonntagen brannten nach Anbruch der Dämmerung drei Wachskerzen um das liebe Weihnachtsbild von Ludwig Richter, sonst war kein Licht im Zimmer, die Mutter stimmte ein Weihnachtslied nach dem andern an, der Vater spielte die Melodie dazu, und wir sangen mit und vergaßen, daß wir eigentlich sehr ungern vom Eise nach Hause gegangen waren – o, diese Adventsstunden in dem matterhellten Wohnzimmer, die ahnungsvolle Stille in unsern jungen Seelen, das war das Größte in unserer Kinderzeit – – – Klara unterbrach hier. Sie hatte seither Gerhard unverwandt angesehen, und nun brannte ihr eine Frage auf der Seele. Glaubst du noch an Christus, wie damals? – Ich bete zu ihm, ich spreche mit ihm, ich 117 erhoffe Hilfe von ihm, und ich danke ihm. Ja, dann glaubst du an ihn, sagte Klara, und sie spürte, daß ein Schweigen neben ihr gewaltet hatte, das auf Kraft ruhte, und es sehnte sich etwas mächtiger in ihr, das schon als ein Unbehagen, als eine Unruhe inmitten des Tumultes ihres Mädchenlebens sich geregt hatte, eine Sehnsucht nach Stille voll Kraft. Über dieser Unterbrechung und den Gedanken, die sie in Klara angeregt hatte, waren ihr die Universitätsjahre ihres Mannes eingefallen. – Hier hast du als Student dann andere Weihnachten gehabt? Gerhards Wangen hatten sich leicht gerötet, gute Erinnerungen wallten in ihm fröhlich empor, und er antwortete voll Eifer: Hier habe ich nur einmal als Student den Weihnachtsabend verlebt – ganz allein, traurig, weil ich keine Eltern mehr hatte, aber doch war es eine herrliche Stunde. Du weißt, daß ich wenig Verkehr hatte, am Weihnachtsabend konnte ich ohne alle künstlichen Vorkehrungen völlig ungestört sein, ich hatte mir am Mittag drei von jenen starken, buntbemalten Wachskerzen gekauft, die wir als Kinder Lebenslichter nannten, und als die Stunde kam, in der wir zu Hause bescherten, um sechs Uhr, begann auch meine heilige Stunde: die Kerzen standen brennend auf dem weißgedeckten Tische, drei gelbe Asterblüten, wie diese hier, standen in dem schönen hohen Blumenglase davor, Bilder Anselm Feuerbachs, des Malers, der von der Verbannung Iphigeniens, der von Gott gekommenen und aus dem Vergänglichen nach Gott heimverlangenden 118 Seele mehr gewußt hat als alle seine malenden Zeitgenossen, lagen schön geordnet vor mir, seine »Erinnerung an Tivoli«, in der die herrlichen Kinder von der ernsten Weihnacht des Glaubens, der Sehnsucht und der Lebensverklärung singen, hatte ich an das Asternglas gelehnt; die Briefe meiner Eltern, alte Weihnachtsgeschenke und Erinnerungen hatte ich ausgebreitet. Dann las ich im Evangelium die Geschichte des heiligen Tages und fühlte die Eltern, alle Menschen, die ich lieb hatte, und alle Propheten des heiligen Ernstes unsichtbar mit mir vereint, ich las die Briefe und nahm die alten Gaben in die Hand und dachte der Geber und der Stunde, wo ich jene empfing, und liebkoste die Geschenke und erhielt sie wieder, neu und liebreich. Klara unterbrach ihn mit flammenden Wangen: Hast du die Kerzen noch? – Ja, ich hebe ja, wie du weißt, nur zu viel Vergangenheit auf. – O nein, du nicht! Hole sie, sieh, es ist Dämmerung geworden, wir haben den gedeckten Tisch vergessen und haben ihn nicht nötig; wir sind köstlich allein, hole die Kerzen und die Briefe deiner Eltern und die Bilder Feuerbachs. O, hole sie! Gerhard ging, er sah, eine neue Weihnacht brach an. Im Wohnzimmer zog Advent durch alle Ecken und Winkel und lag auf den Bildern, auf der Uhr und auf dem vergessenen Kaffeegeräte, das den Wachskerzen und dem Asternstocke und Medea an der Urne, Orpheus und Eurydike, Iphigenie, dem Kinderständchen und andern heiligen Blättern des großen Malers der Lebensüberwindung hatte weichen müssen, und Gerhard gab 119 zum erstenmale und mit beglückter Seele der geliebten Frau den von ihr begehrten Anteil an seinem Leben. Er las die Briefe vor, er erklärte Verwandtschaftsbeziehungen, er sprach von den Bildern, Klara horchte hin, sog ein, weinte, lachte, fuhr ihm zärtlich über Stirne und Haupt, kniete vor ihm und fragte ihn: Sag es nur, nicht wahr, heute lasse ich dich zum erstenmale ausreden? In Lugano aber hätte ich dich beinahe ausreden lassen! * * * Das Glöckchen läutete. Frau Klara zog die Türe an sich, und Gerhard trat mit den Eltern seiner Frau in das seither sorglich vor allen verschlossene Weihnachtszimmer. Auf kleinen Tischen lagen die Gaben für die Eltern und Ursula und Christine. Aber das war diesmal nur so nebenbei gemeint. Etwas anderes war das eigentliche Christkind. Drei mächtige Tannen standen auf dem Boden, über und über mit Lichtern bedeckt, zwischen ihnen aber stand auf dem Fußboden der Reisekoffer mit seinen zerstoßenen Ecken und Hotelbildern. Triumphierend zog Klara ihren Mann zu ihm hin und nötigte ihn zu knien und aufzuschließen. Kopfschüttelnd folgten die Eltern, namentlich die Mutter, die seither mit großem Mißtrauen die ganze Anordnung betrachtet hatte. Gerhard schloß auf, Klara kniete voll Ungeduld neben ihm, froh wie ein Kind, wenn sein Geheimnis sich enthüllt. Oben lag ein weißer Bogen, der den ganzen Raum einnahm, und auf ihm lag nur ein goldener Ring. Gerhard 120 nahm ihn prüfend auf und Klara sagte: Nun stecke mir ihn an den Goldfinger der linken Hand, es ist der Ring, den du mir gabst. – Mit glücklichem Lächeln steckte Gerhard den Ring an den leeren Finger der jungen Frau. Diese aber küßte Gerhard und sagte mit einer ernsten Innigkeit, an der beide Eltern merkten, daß Klaras Verhältnis zu Gerhard von Grund aus anders geworden sein müsse: Nun verlobe ich mich dir zum zweitenmale! Und nun weiter! – Gerhard hob den Bogen auf, eine neue Lage erschien unter ihm mit der Verlobungsanzeige, der Einladung zur Hochzeit, dem Brautkranze, der Tischkarte, vom Hochzeitsmahle und der Trauungsrede, wie sie die freundliche Hand im Pfarrhause nun in das Reine geschrieben hatte. Wieder umarmte die Kniende ihren Mann und zupfte ihn am Ohre und sah ihm voll dankbarer Liebe in die Augen: Und nun weiter! – Gerhard beseitigte gehorsam die feste weiße Unterlage, und Feuerbachs Grablegung und seine Iphigenie mit dem Segelfalter lagen in guten Wiedergaben vor seinem erfreuten Auge: Und nun weiter! – Auf dem Grunde des Koffers standen sechs große Gläser, wie Gerhard sie selbst im Spätsommer zum Einmachen der Früchte mit einem Verschluß, den der Kaufmann sehr gepriesen hatte, für Klara erstanden hatte, und trugen weiße Zettel aufgeklebt, die sorgfältig, fast künstlerisch beschrieben waren, die Gläser aber waren mit einer eigentümlichen schwarzen Masse gefüllt. Gerhard hob neugierig ein Glas empor und las laut: Klaras Aufsätze in der Selekta, – schon hatte 121 Klara das zweite Glas bereit und wies es Gerhard triumphierend hin, die Aufschrift lautete: Klaras Gedichte. Um Gotteswillen, Kind, sagte die Mutter mit wahrer Bestürzung, das ist ja alles verkohltes Papier, hast du das alles verbrannt, die schönen Gedichte, die Aufsätze! – Ja, Mutter, noch viel mehr, sieh nur, und Gerhard las vom dritten Glase ab: Klaras Tagebuch. Als es sich aber ergab, daß im vierten Glase Goethes Frauengestalten von Kaulbach zu Asche verbrannt waren, stöhnte die gute Mutter und sagte der Vater: Das teure Werk! Die Verlesung der fünften Aufschrift: Klaras Beiträge zu Zeitschriften, begleiteten dann die Eltern nur noch mit einem tiefen Seufzer. Auf dem letzten Glase endlich stand: Dreiundzwanzig Photographien von Schauspielern, Geigern, Komponisten, Sängern, Dichtern, Genies und idealen Mädchenköpfen in Kabinettformat. Der Koffer hatte kein Geheimnis mehr. Gerhard stand auf und faßte Klaras Hand und trat mit ihr zu den Eltern und sagte mit zitternder Stimme: Aus dieser Asche erwächst euch, geliebte Eltern, ein Feierabend des Lebens, der herrlicher sein wird, als sein Morgen und sein Mittag. Frau Klara aber sagte: So – nun will ich beschert haben. Und sie erhielt, was sie erbeten hatte, die erste Bibel ihres Lebens. 122   17. Herr Echternacher. Es war genau um vier Uhr nachmittags; die Uhr im Turm der evangelischen Stadtkirche sagte es, und merkwürdigerweise genau in demselben Augenblick auch die Uhr des Rathausturmes, sonst hatten die beiden Uhren Gründe, nicht übereinzustimmen. Es war genau um vier Uhr, als Erwin und Friedrich, beide schwarz gekleidet, auf einen Bekannten, einen Kaufmann, stießen: Nun, ihr seid ja beide wie zu einem Begräbnis gekleidet, sagte dieser. Friedrich, der jüngere und redseligere, antwortete rasch: Herr Echternacher ist gestorben und vorhin begraben worden. Herr Echternacher? Echternacher?! Es erstaunt mich nicht, daß du ihm nicht begegnet bist; du bist mehr auf Reisen als hier. Er war kein Einheimischer und wohnte auch erst einige Jahre hier, sagte Erwin. Friedrich fuhr dann aber fort: Es war ein drolliges Leichenbegängnis. Ein drolliges Leichenbegängnis? 123 Ja, wirklich komisch! Sie hätten sehen sollen, wie das war. Auf drei Uhr war ein kleiner Hausgottesdienst angesetzt. Wir zwei waren die ersten. Gleich nach uns kam ein liberaler Freund Echternachers und fragt: Wer wird das Begräbnis abhalten? Erwin sagt: Nach seiner eigenen Bestimmung Herr Pfarrer Weber! So – der? sagt jener gedehnt. Es kommen dann andere Freunde, immer mehr und mehr, liberale und positive. Wie sie sich musterten, wenn jeder sich unbeobachtet glaubte, keine Richtung war auf die andere gefaßt. Wie kommen denn die hierher? dachten die Positiven. Wie kommen denn die hierher? dachten die Liberalen. Knapp vor drei Uhr erschien der Geistliche; auch ihm mußte die Zusammensetzung der Versammlung unerwartet sein; er sah, als er seine Ansprache begann, prüfend über seine Zuhörer hin. Als sich dann die Leidtragenden auf der Straße ordneten, suchte jeder möglichst unauffällig seinesgleichen, immerhin kamen rechts und links ein wenig in Unordnung. Es war wirklich drollig! Aber wie war das denn mit Herrn Echternacher? Was Friedrich drollig nennt, das wäre für Herrn Echternacher ein tiefer Kummer gewesen, fiel nun Erwin ein. Friedrich kannte ihn so gut wie gar nicht, lockere Vereinsbeziehungen, was will das heißen? Ich kannte ihn aber seit Jahren und weiß genau, wie es mit ihm stand. Doch nicht so was wie ein Laodiceer? O nein! nein! Er war weder kalt noch lau, er war 124 ein warmer und entschiedener Mann. Das Bewußtsein seiner Sündhaftigkeit war mächtig in ihm, das Gebet war ihm ein Suchen nach der Vaterhand Gottes, ernstlich und einem eingeborenen naiven Drange gehorchend, war er bestrebt, auch den Tag in seinen kleinen irdischen Teilen auf Gott zu beziehen, und Christus war ihm der Weg, die Wahrheit und das Leben. Aber? Aber? echote Friedrich etwas scharf und mißvergnügt. Es folgt kein Aber, fuhr Erwin ruhig fort. Bei seinem bewegten religiösen Innenleben und seinen theologischen Interessen mußte er mit Notwendigkeit den Richtungen unseres heutigen Protestantismus gegenüber zunächst innerlich Stellung nehmen. Er empfand einen starken Zug zu den Positiven. Aha! ließ sich Friedrich vernehmen. Erwin ergriff lächelnd seine Hand, drückte sie leise, und Friedrich war versöhnt. Die Korrektur vorhin war ihm unangenehm gewesen. Er war reizbar. Erwin aber sprach weiter: Ja, zu den Positiven, oder wie mein seliger Freund regelmäßig, wenigstens im Gespräche mit mir sagte, den sogenannten Positiven. Der große Gesichtspunkt, aus dem man heute die Parteien betrachten muß, pflegte er wiederholt auszuführen, ist die Frage, ob sie erhaltend, rettend, aufbauend sind, oder ob ihre Ideale und ihre Maßnahmen – natürlich ungewollt – die sittlichen Hebungs- und Widerstandskräfte des Menschen schädigen oder gar aufheben. Sieh, was deutsch im deutschen Volke ist, 125 das retten oder erhalten doch heute noch die sogenannten Positiven, sagte er einmal zu mir; und ein andermal, wo er in innerer Unruhe war und seine Sympathie für diese Christen vor sich selbst zu rechtfertigen bestrebt war, führte er aus einer reichen Erfahrung, die er in den Beobachtungen eines intimen Verkehrs aufgesammelt hatte, aus, daß viele der sogenannten Positiven es wirklich in ihrem gesamten Leben ernst nehmen; sie haben mehr ursprüngliche subjektive Religiosität, die Energie ihres Christenlebens ist mir zweifelloser als bei ihren Gegnern. Es sind unter ihnen mehr, die treu geblieben sind, treu den Absichten, Idealen und Gelöbnissen ihrer Jugendjahre. Aber – schaltete hier der Kaufmann von neuem ein. Du bist ja unerbittlich! sagte Erwin mit freundlicher Ruhe. Hier kommt nun wirklich bei meinem Freunde ein Aber. Aber es entging ihm bei vielen unter denen, die sich in kindlicher Zuversicht für » die Christen« hielten und den großen Mut hatten, sich auch so zu bezeichnen, doch nicht, daß hier ein gewisser Mangel an durchgebildetem Urteil und fortgeschrittener, eine weitere Umschau ermöglichender Bildung eine Enge der Gesichtspunkte und eine betrübende Verständnislosigkeit dem Reichtum des Lebens gegenüber verschuldete; besonders aber stieß es ihn ab, daß diese Christen diese Enge und diesen Bildungsmangel als ein Verdienst, ja, als ein wesentliches Merkmal eines ernsten und geläuterten Christensinnes betrachteten und danach andere beurteilten! 126 Lange Haare, Leisesprechen, schlechte Zimmerluft! platzte hier Friedrich heraus. Erwin sah Friedrich mißbilligend an und sagte: Du kanntest Herrn Echternacher wirklich nicht! Nein, die Sache lag anders. Er war voll Liebe zur Kunst, er freute sich an aller echten Poesie, er liebte sehr die Musik, er besuchte oft das Theater. Und wenn er nun sah, wie Christen, die es ernst mit den Forderungen des Herrn Jesu Christi nahmen, und die ihr Leben fromm und tüchtig lebten, redliche, wohlmeinende, aber da und dort in ihrem Urteil befangene Gemüter, sich selbst das Theater versagten und andere in ihrem Gewissen wegen dessen und wegen weltlicher Musik irre oder doch ängstlich machten, dann sagte er, er werde sich nie und nimmer auf diesem Gebiete in seiner unbefangenen Bildung vergewaltigen lassen. Ja, es konnte damit so weit kommen, daß er monatelang allen Positiven auswich und wohl im engsten Kreise mit Bitterkeit von den Borniertheiten der Christen sprach. Tue ich ihnen, sagte er einmal, mit herzlicher Sympathie drei Schritte entgegen, gleich, an demselben Tage noch, muß ich mindestens einen innerlich zurücktun, weil sie von mir verlangen, ich müsse ihre Enge für die wahre Weite anerkennen und bei Nennung von Goethes Namen doch immerhin ein leises Bedauern einfließen lassen, so groß er auch sei. Erwin schwieg hier und besann sich eine Weile, dann sagte er: Erinnert ihr euch einer kleinen Ausführung, die unsere Zeitung vorigen Winter in ihrem Feuilleton 127 unter der Überschrift: Welche Komödie ist nun die schlimmere? brachte? – Nicht? Nun, man übersieht ja solche kleinere Mitteilungen. Sie war von Herrn Echternacher. Es hieß da etwa, der Einsender komme von der Reise nach einer fernen Stadt zurück. Dort sei eben ein Millionär unter besonderen Ehrenbezeugungen begraben worden; wie er aber seine Millionen erworben habe, sei ein öffentliches Geheimnis. Trotzdem habe der Geistliche, der die Trauerhandlung zu leiten hatte, nicht den Mut gefunden, sich nur auf die Mitteilung einiger Tatsachen des äußern Lebensganges zu beschränken, sondern habe, wenn auch mit Zurückhaltung, doch mehr gesagt, als er vor Gott, vor seinem Gewissen und im Angesicht einer Zuhörerschaft habe verantworten können, deren sittliches Urteil er nunmehr verfälscht oder deren Achtung vor dem geistlichen Amte er vermindert habe. Welche Komödie wirkt demoralisierender, die vor den Theaterlampen, in der ein Schauspieler spricht, den man nicht für bar nimmt, oder die unbeabsichtigte aber tatsächliche Komödie vor dem Grabe, in der im ernstesten Augenblicke ein Mann Risse verkleistert, den man immer in jeder Sache und an jedem Orte für bar nehmen sollte! Friedrich hatte schon einige Male Zeichen von Ungeduld zu erkennen gegeben; er brannte darauf, Erwin sich wieder innerlich entgegenkommend zu erweisen, und als nun dieser eben inne hielt, sagte er: Einen andern Beitrag des Herrn Echternacher habe ich mir, ich weiß nicht mehr, für wen, aus der Zeitung geschnitten und in meine Brieftasche gelegt. Er ergänzt das, was Erwin 128 gesagt hat; ich will ihn vorlesen. Nun suchte er heftig, blätterte zweimal das ganze Büchlein durch und fand ihn endlich da, wo er vernünftigerweise allein sein konnte, in dem kleinen Mäppchen auf der Innenseite des Rückendeckels. Friedrich las nun, indem die Freunde langsam weiterschritten, folgendes vor: Manche unserer Freunde mißtrauen dem Schönen, als vertrüge es sich nicht mit der Religion; ebenso verklagen andere, denen Frömmigkeit eine Verkürzung des Lebens einzuschließen scheint, die Religion, daß sie dem Schönen nicht sein Recht zugestehe. Hier liegt eine ebensogroße Verkennung des Schönen wie der Religion vor. Das Schöne bringt so lange, als man unmittelbar unter seinem starken Einfluß steht, die Sünde zum Schweigen; die Religion erlöst von der Sünde; darum kann an sich das Schöne nicht von der Religion entfernen, und die Religion kann sich des Schönen freundlich, ja dankbar annehmen. Ja, der Religion darf das Schöne als sie selbst in Form kristallisiert vorkommen, und wenn das Schöne sich auf sich selber besinnt, muß es freudig erschreckend erkennen, daß sein Geist, den es als Körper umschließt, das Heilige ist. Erwin hatte aufmerksam zugehört, dankte dem Freunde, daß er das Wort des Toten gerade für seinen Begräbnistag gerettet habe, und fügte dann hinzu: Vielleicht hat es der Herr Echternacher gesagt, vielleicht aber rede ich das nur in seinem Sinne, was ich nun hinzufügen will. Auch der Herr Christus hat das Schöne geliebt, auch er hatte ein Auge für das, was das Leben 129 reizend und erfreulich umkleidet. Auch er teilte die Vorstellung von irdischer Pracht, wie sie in dem Königtum Salomos erschien, aber von Salomos Herrlichkeit glitt sein Auge hinüber zu den Lilien des Feldes; die stumme, innige Schönheit der Blumen ward von ihm empfunden; in ihm lebte jene irdische Jugend, die durch Anmut und Lieblichkeit unwiderstehlich angezogen wird. Die Lilien des Feldes, die sein heiliger Mund pries, die hat seine Hand lebend berührt; er hat ihrer welche gebrochen, sie auf der Wanderung mitgenommen, sie dankbar betrachtet und sie in die Hände gelegt, die ihm die liebsten waren, seiner Mutter, der Seinigen, der Jünger. Das alles führt uns ab von unserem Thema, fiel hier der Kaufmann ein. Mich interessiert vor allem, was Herr Echternacher vielleicht noch gegen die Positiven auf dem Herzen hatte. O ja, da gab es noch manches, das unser Freund nicht rund brachte, wie er zu sagen pflegte. Da, wo er die sogenannte gläubige Richtung als die herrschende sah, mußte er sehen, daß sie es machte wie die Gegner: auch sie sah in den ihr zugänglichen Kreisen auf Gehorsam, sie erzwang einen regelmäßigen Kirchenbesuch und ließ in bestimmten Stellen nur ihre Leute zu. Wie kann das sein? fragte er. Man fordert die innere Umkehr, man rühmt Luther, daß er den verlorengegangenen Sinn aufrichtiger Buße, der Metanoia, in den Ängsten seines Seelenlebens wiedergefunden habe, und doch gibt man sich, ich meine mit geschlossenen Augen, zufrieden, 130 wenn nur mitgemacht wird. Denn, so viel Menschenkenner sind ja doch unsere Freunde, daß sie ohne weiteres annehmen müssen, daß viele eben aus Klugheit nach rechts gehen, wenn das Zeichen der Zeit nach rechts weist. Wie bringe ich das rund?! Ich darf euch nicht verbergen, sagte Erwin mit Widerstreben, aber fortgezogen und gezwungen durch das freigewordene und drängende Wort, ich glaube, daß Herr Echternacher, so lieb ihm auch die Positiven waren, im stillen halbwegs froh war, daß sie nicht unumschränkt herrschen können. Er war eben kein eigentlich praktischer, zu äußerer Wirksamkeit und Einflußnahme drängender Mensch, sonst hätte sich dieser Widerspruch irgendwie in ihm gelöst. Und es ist doch ein seltsamer Widerspruch, dieselben Leute als die Erhaltenden zu lieben und doch gerne die freie Entfaltung ihrer erhaltenden Tätigkeit eingeschränkt zu sehen. Ich meine, der Widerspruch löse sich durch einen Willensakt, kraft dessen wir uns der Erfahrungstatsache unterwerfen, daß bei jeder Einwirkung auf das Leben Vergewaltigungen unterlaufen, und daß uns nur die Wahl bleibt, wem wir lieber diese Vergewaltigung gestatten wollen, den wohlmeinenden Erhaltenden oder den wohlmeinenden Auflösenden. Doch ich will nicht von mir, sondern von Herrn Echternacher reden. Wenn ihr nicht ungeduldig werdet, so laßt mich noch eines hinzufügen. Gerade ein Steckenpferd von ihm war der Gedanke, daß Orthodoxie und Rationalismus Geschwister seien, da beide zu Beweisführungen ihre 131 Zuflucht nehmen, beide durch Lehrsysteme auf dem Wege über den erkennenden Verstand überzeugen wollen. Beide waren ihm nur Wortemacher, die über den Eifer der Beweisführung sich und andere von dem Quellpunkt aller Frömmigkeit, der wortlosen Sehnsucht des Gemütes, rein zu werden und als ein Gotteskind fortan zu fühlen und zu handeln, nur zu weit entfernten. Höre, Erwin, unterbrach ihn der Kaufmann, du fängst an, bei deinem eigenen Feuer zu schmelzen und bringst mir auch zu viele Fremdwörter. Laß mich etwas anderes hören. Ich bin gespannt, wie er sich meiner Partei gegenüber verhielt. Ach richtig, du bist ja liberal! sagte Erwin lächelnd und fügte scherzend hinzu: Was ist eigentlich ein liberaler Christ? Ist er liberal gegen sich oder gegen andere? Friedrich bezichtigte Erwin entrüstet des Mangels an Objektivität, aber Erwin schien an der Last dieses Vorwurfes nicht schwer zu tragen, sondern ging getrost auf die Beantwortung der vorhin an ihn gerichteten Frage ein. Den Leuten, die sich Liberale nennen, stand der Theologe in ihm – wohlverstanden: der Theologe, nicht der Christ – allerdings nahe. Es konnte ihn nichts an der freudigen Zuversicht irre machen, daß Gott dem Menschen den Wahrheitssinn verliehen habe, und daß man ihn sich unter keinem Vorwande dürfe verfälschen lassen. Wenn positive Freunde mit Ironie von der Wissenschaft sprachen, die heute das unumstößliche 132 Ergebnis von gestern belächle, um morgen das Ergebnis von heute wieder preiszugeben, so fühlte er sich sofort so fremd berührt, daß er den Schritt, um sein Bild zu gebrauchen, vor ihnen zurückwich, den er ihnen entgegengetan hatte. Leugnen sie denn, daß die Wissenschaft keine Ergebnisse gehabt habe? Benutzen sie nicht täglich in Eisenbahnfahrten, in Drahtberichten, in trefflichen Bildern, in der Auswahl und Zubereitung ihrer Speisen die Ergebnisse der Wissenschaft? Fehlt ihnen denn so der freie, unbefangene Blick, daß sie die Bedeutung des Irrtums für den Prozeß der Wahrheit wirklich nicht zu erkennen vermögen? Sehen sie nicht, daß das Leben der Wissenschaft in der Selbstaufhebung besteht? Die neue Erkenntnis wurde ermöglicht durch eine vorhergehende und ist nur dazu da, eine kommende vorzubereiten. Der Irrtumsbestandteil einer wissenschaftlichen Erkenntnis zwingt zu ihrer erneuten Bearbeitung, der Wahrheitsbestandteil aber gliedert sie an die festen Ergebnisse an, die als eine sich immer vergrößernde Kette Ring um Ring durch die Jahrhunderte hindurch ansetzen. Benutzt ihre Apologetik nicht sehr dankbar die Ergebnisse der Keilschriftentzifferung? Wird denn Gott korrigiert, wenn wir etwas korrigieren müssen, das Menschenhände einmal mit Rohr und Farbe niedergeschrieben haben? Zornig rief er einmal: Hat denn Kant umsonst gelebt? Sobald wir über Gott und göttliche Dinge nachdenken, dann haben wir nur die irdischen Mittel, die uns Gott gegeben hat, die fünf Sinne und den 133 Verstand, und mit diesen Mitteln erkennen wir aus allem, auch an den Offenbarungen Gottes, nur den natürlichen Ablauf, wie er an die Gesetze der mechanischen Welt, nach dem Willen Gottes, gebunden ist. Wo dieser unser Wahrheitssinn stockt und nicht weiter kann und sich unnachgiebig erweisen muß, da soll er demütig und der Verzeihung Gottes sicher sagen, wie der Scheich ül Islam: »So meint es der arme Scheich Osman, Gott aber weiß es besser!« Wer aber darf den, der das Erfahrungswidrige nicht glauben kann, einen Gottlosen nennen, sich selbst aber als einen Gläubigen empfinden, der das Rechte glaubt? Mit einem Wort, Herr Echternacher nahm die Ergebnisse einer Kritik, die von redlichen Männern aus unbefangener Hingabe an die Wahrheit geübt worden war, zwar nicht als die letzte Antwort, aber als irdisch berechtigte und notwendige Auskunft über die irdische oder besser diesseitige Seite der betreffenden Frage hin, und schalt ihn darum einer seiner positiven Freunde, so sagte er wohl: Ich tröste mich mit dem Apostel Paulus, auch er sah nicht die göttliche Wirklichkeit, sondern nur ein Spiegelbild; ihm war das Wort, ahnungsreich zwar, aber dunkel, das die heutigen Schriftgelehrten so fest ausprägen und dessen Verständnis sie zu einer Seligkeitsbedingung machen möchten; auch Paulus war an das irdische Erkenntnisvermögen gebunden, darum war sein Erkennen nur ein stückweises; auch er hatte nur am farbigen Abglanz das Leben. Erwin hielt inne, er sah mit fröhlichem Blick den 134 Kaufmann an und sagte: Mein Lieber, ich vermisse nun dein Aber! Wo bleibt es?? Welches Aber? fragte dieser überrascht. Nun das Aber, das Herr Echternacher gegen deine Freunde einzuwenden hatte. Und er hatte eines einzuwenden! Er war zwar eifriges Mitglied ihres Vereins für wissenschaftliche Theologie, er las die Mappe, in der die Blätter der kritischen Richtung den Kreis der Gesinnungsgenossen durchliefen, aber er besuchte keinen Gottesdienst von Geistlichen eurer Richtung. Manche sind zwar rechte Seelsorger, so sagte er, sie sorgen für die ihnen vertrauenden Seelen, weil sie Christen sind, andere aber sind Seelenbekümmerer, weil sie nicht von Christus und dem in ihm gegebenen Heile reden, sondern von den Meinungen der Menschen über Christus und christliche Dinge, also von dem Streite der Zeit. Das muß er aber an den Orthodoxen oder doch an vielen Orthodoxen auch zu tadeln gehabt haben, nach dem zu schließen, was du vorhin sagtest, warf der Kaufmann ein. In der Tat! Nur glaubte er unter diesen mehr suchende Christen, allerdings aber auch mehr selbstgewisse zu finden, als unter jenen. Ein zweites Aber entfernte ihn ebenso weit von den sogenannten Liberalen, das war das, daß sie mit Kant nicht ganz Ernst gemacht hatten: wenn sie darauf fußten, daß auch die göttlichen Dinge uns nur in einem endlichen Verstande wahrnehmbar wären, der an Raum und 135 Zeit gebunden ist und alles, womit er sich beschäftigt, nach bestimmten Denkformen verarbeiten muß, so sah er, daß doch viele mit dem Nachweise des Menschlichen die ganze Sache erschöpft zu haben glaubten, und daß eben diese in keiner Weise die andern verstanden, die im Glauben die zweite, jenseitige Seite derselben Sache hinzuzufügen suchten, kraft des Rechtes einer Monas, die sich in den Bedingungen der Zeit eingeschlossen sieht und doch spürt, daß sie in der Ewigkeit wurzelt. Halt ein! rief der Kaufmann. Auch Friedrich sah gelangweilt darein. Ich war im Ausdruck nicht glücklich, gestand Erwin zu. Nun laßt mich noch ein letztes Aber erwähnen, dann habe ich das gesagt, zu dessen Beantwortung ihr mich ja aufgefordert habt. Wenn der kritische Theologe die Diesseitigkeit eines Teiles oder einer Stelle der Bibel nachgewiesen hatte, so nahm ihm das Herr Echternacher nicht übel, er nahm ja sein Ergebnis an; aber übel nahm er, daß nun manchem Theologen und den zahllosen Laien, die in die Resultate dieser Forschungen eingeweiht wurden, jene Stelle wertlos wurde. Ein Einschiebsel?! – und wenn es ein Wort vom frömmsten Gehalte war, vielleicht vierhundert Jahre nach der Abfassung des übrigen von einem frommen Mann in reiner Absicht eingeschaltet, wie du einem Kirchenliede von 1530 im Jahre 1872 eine Strophe hinzudichtetest, um den Gedanken noch wirkungsvoller zu machen, ohne daß irgend ein Mensch, auch nicht ein Kritiker, daran dächte, dich einen Fälscher zu nennen: ein Einschiebsel? – fort damit auf den Kehrichthaufen 136 des kritischen Weltgerichtes! Was wirkt, ist echt, war Herrn Echternachers feste Überzeugung, oft führte er das schöne Wort, das der hochbetagte Goethe in dem Gedichte Vermächtnis ausgesprochen hatte: »Was fruchtbar ist, allein ist wahr«, im Munde. Erst soll es nicht von Gott sein, sie weisen mit Glück das Menschliche nach Zeit, Ort, Beweggrund nach, und kaum ist es zu dem von ihnen so hochrespektierten Menschlichen geworden, so ist es ihnen völlig wertlos. Was da Offenbarung! Welt und Geschichte ist für uns von Kant Belehrte Offenbarung. Nun offenbart sich da ein Stück Welt, und da ist's eben für sie doch nur eine Probe gemeiner und langweiliger Wirklichkeit. Sie beseelen nicht das diesseitige und entseelen das Jenseitige. Viele, viele unter ihnen, verbesserte sich dann Herr Echternacher nach einem solchen Ausbruch; dann sah er mich wohl lächelnd an und sagte: Höre, Erwin, es bleibt dabei: ein Positiver ist darum noch kein Christ und ein Liberaler darum noch kein Unchrist! Der Kaufmann hatte im ganzen aufmerksam zugehört, jedenfalls aufmerksamer als Friedrich, dem Erwin zu viel sprach, und der gern inzwischen von hundert andern Dingen geredet hätte, und der Kaufmann sagte nun: Eines interessiert mich noch zu hören: wie kam Herr Echternacher nun praktisch zurecht. Erwin erwiderte: Wie ich die Sache ansehe, sollte man fragen: Wie kam das Zeitalter mit ihm zurecht? Die Liberalen zählten ihn zu den Ihrigen und entschuldigten seine offenkundigen Bemühungen, als ein 137 frommer Christ zu leben, mit der Erinnerung daran, daß er ein Pfarrerssohn sei. Die Positiven zählten ihn ebenfalls zu den Ihrigen, nur fanden sie ihn nicht »gefördert« genug. Er selbst hoffte darauf, mit Innigkeit hoffte er darauf, daß er von Gott als ein Christ erkannt werde, und lehnte es entschieden ab, sich selbst nicht als ein Christ zu erscheinen, weil er die Meinung, die andere und zwar von ihm Verehrte von dem Christentum sich gebildet hatten, nicht teilte. Er wußte, daß die positive Presse eine Stellung wie die seinige zu den theologischen Fragen von oben herab als Rückkehr zu dem alten Rationalismus, die liberale Presse nicht minder von oben herab als Mangel an Konsequenz bezeichne; er wußte aber auch, daß beide das eigentliche Objekt, das ihn und andere ihm unbekannte Gesinnungsgenossen Erfüllende und Treibende nicht sähen. Mit absichtlich pathetischem Tone bezeichnete er zuweilen das als die Tragik seines Lebens, daß er nicht in einem Zeitalter geboren sei, das ihn für voll nehme. Ich sage: absichtlich, denn er machte keinen Lärm um sich. In gleichem Zusammenhange und Sinne nannte er denn auch wohl jenen wackern Ahnherrn, der 1622 von Echternach ausgewandert war, um sein evangelisches Bekenntnis bewahren zu dürfen und der in einem Dörflein des Thüringer Landes Glaubenssicherheit, Heimat und Zukunft und den neuen Familiennamen gewonnen hatte, seinen Vater Tantalus, der ihm den Namen gegeben habe und es verschulde, daß nun ein so später Enkel von den Realitäten seiner Zeit schmerzlich 138 berührt, Schritte zurücktue, wo er so gerne mit freudigem Schritte voranginge. Ein ominöser Name! sagte Friedrich; Herr Echternacher gefiel ihm immer schlechter. War er dir je aufgefallen? fragte Erwin. Friedrich mußte schweigen. Erwin berichtete dann weiter: Mein Freund hatte keine rednerische Begabung; da sein Beruf ihn an die Schreibstube band, hatte er auch keine eigentliche Nötigung zu öffentlichem Hervortreten erhalten. Dagegen war ein starker Drang zu dienen in ihm. Er war Rechner in einigen der innern Mission unterstehenden Vereinen; er ließ sich Distrikte für die Armenpflege anweisen und griff dabei still und unermüdlich in die eigene Tasche. Er schmückte den Weihnachtsbaum im Vereinshause. Da konnte es aber vorkommen, daß er plötzlich verschwunden war; er hörte vielleicht, während er auf hoher Stellleiter stand, um den Stern oder den Engel auf der Spitze des schlanken Tannenbaumes anzubringen, einen Gehilfen der inneren Mission bei dem Befestigen einer rätselhaften Figur am Baume einen Scherz über die Darwinsche Theorie gegenüber einem andern äußern, und dann machte das Gemisch von Unkenntnis, Verwechslung von Theorie und unberechtigten Folgerungen aus der Theorie, Leichtfertigkeit im Urteil und Bildungsmangel, das in dem ganz haltlosen Gerede über Darwin sich offenbarte, ihn so mißtrauisch und unlustig gegen die Positiven, daß er still nicht bloß äußerlich auf einige Zeit das Feld räumte. 139 Die dem Christentume feindlichen Grundinstinkte Friedrichs lehnten sich immer mehr auf; Herr Echternacher war ihm eben innerlich irgendwie sehr im Wege. Er fragte mit einiger Schärfe: Wie war das doch mit seiner Wirksamkeit im Kirchengemeinderat? Erwin erwiderte: Er war allerdings Mitglied des Kirchengemeinderates, und zwar war er nach einer Vorschlagsliste der Positiven gewählt worden. Er kam aber – wie das Friedrich offenbar bekannt war – selten oder gar nicht zu den Sitzungen. Er wußte, daß er in der einen Frage unbedingt mit den Liberalen stimmen mußte, in einer andern mit den Positiven, er war innerlich kein Parteimann und wußte, daß das von außen angesehen und im Munde der wortreichen und oberflächlichen Parteischwätzer wie Schaukelpolitik erschien. Da blieb er weg. Da hätte er sich besser nicht sollen wählen lassen, meinte der Kaufmann. Ja, das hätte er unterlassen müssen, bestätigte Erwin. Doch erkennt man oft erst dann deutlich die praktischen Konsequenzen, wenn man sich in die Verwicklungen des praktischen Lebens begeben hat. Sein Fehler lag darin, ich wiederhole meine Ansicht von vorhin, daß er sich nicht mit sehenden Augen und festem Willen entschied, die Partei, die er als die immerhin beste zur Zeit erkennen mußte und ja auch erkannte, mit ruhiger Hinnahme ihrer Unvollkommenheit und mit ruhiger Hinnahme der falschen Beurteilung, die ihn selbst bei ihr traf, rücksichtslos, aber auch rücksichtslos gegen sich 140 und innerhalb der Grenzen strengster Wahrhaftigkeit zur seinen zu machen. Die Geschäfte Gottes können wir zur Zeit offenbar nur in irgend einer Einkleidung besorgen, wie ja auch der Nahrungsstoff nicht rein erscheint, sondern als Brot, als Fleisch, als Milch genossen wird und in der einen Einkleidung lieber genommen wird als in der andern. Gibt es nun viele solcher Echternacher in unserer Zeit? fragte der Kaufmann. Ich glaube, sehr viele! gab Erwin zur Antwort. Hier waren die Freunde an einer Straße angelangt, wo ihre Wege sich trennten. Sie verabschiedeten sich mit freundlichem Händeschütteln. 141   18. Ein Brief. Sie schreiben, hier seien »Positive« verspottet. Mein Herr, ich lese wenig theologische Bücher, verkehre auch nicht mit Theologen und verstehe deshalb dieses Fremdwort nicht. Ich habe eine Reihe von Freunden, die den Herrn Jesum lieben, die ihr Leben heiligen, die Knechtschaft der Sünde überwinden wollen und die täglich und stündlich durch Anfechtung und Fall zu neuem kindlichen Glauben sich hervorringen, daß doch endlich einmal der schwarze Schatten der Sünde mit Gottes Hilfe aus ihrem Leben verschwinde, – und ich höre zuweilen im Verkehre, daß man einige dieser meiner Freunde positiv, andere dieser meiner Freunde liberal nennt, aber ich verstehe diese Fremdwörter nicht und bin nicht neugierig. Jedenfalls sind es Christen . Dann höre ich andere positiv, andere liberal nennen, von denen ich weiß, daß sie sich mit dem Herrn Christus nur beschäftigen, wenn sie mit einer ihn betreffenden Lehre Recht haben wollen, und daß sie von Sünde, 142 Erlösung, Gnade, Glaube, Rechtfertigung entweder reden, um Begriffsbestimmungen auszuführen oder um andere in erbaulicher Ansprache zu veranlassen, mit diesen geheimnisvollen Erscheinungen unseres innersten Teufels- oder Gotteslebens irgendwie Ernst zu machen; ich sehe sie mit der Erlösung anderer, aber durchaus nicht mit der eigenen beschäftigt, seien diese nun positiv oder liberal, ich sehe nur, daß sie nicht das vorbildliche Leben unseres Herrn Jesu Christi in sich zu wiederholen suchen. Ich bin kein Zeichner, aber ich habe trotzdem große Lust, Ihnen mit einer Zeichnung die Beobachtungen über Christen und Positive und Liberale zu veranschaulichen. Haben Sie Nachsicht mit mir. Ich sehe nach den Bezeichnungen, die zuweilen in mein Ohr klingen, in den Kreisen L. und P. einige Christen und sehe eine Menge Christen, die nicht liberal oder positiv sind. Was sie aber denn seien, um Gottes Willen, wenn nicht eines oder das andere? – Nun, ich denke, Christen . Sie können auch zeichnen und ziehen mit festem Striche die Kreise Nun, Gott wird Ihrer wie meiner Seele gnädig sein. Warten wir beide des Tages der Gnade und der Enthüllung. 143   19. Seid nicht so verschwenderisch! Euch Spöttern zum Trotz schreibe ich das nieder, mit dem ihr mich neckt. Eugen sagte zu mir: »Swift, der arme, hielt einmal eine erbauliche Betrachtung über einen Besenstiel. Archemoros, ich glaube, du wärest imstande, eine erbauliche Betrachtung über das Kästchen schwedischer Streichhölzer zu halten, mit dem eben deine Hand spielt!« Ja, sagte ich, ich bin dazu imstande und tue es. Seid nicht so verschwenderisch, so begann ich, mit der in der Welt vorhandenen religiösen Gesinnung! Werft nicht so viel achtlos oder verächtlich weg. Denn es ist eine arme Welt! Lernt doch endlich begreifen, daß alles, was die Menschen trennt, warum sie sich bekämpfen, um dessen willen sie einst Scheiterhaufen anzündeten, die einen selig, die andern verdammt sprechen – alles also, das ihnen die Hauptsache, das große Anliegen zu sein scheint, nichts ist, als die Reibfläche, seht, eine Reibfläche wie diese hier! 144 Ich öffnete das Kästchen, nahm ein Zündholz, fuhr mit ihm über die Reibfläche und der kleine Span flammte auf. Seht, so fuhr ich fort, an der Reibfläche entzündet sich der Span, an dem Gesetz und seiner strengen Erfüllung entzündet sich bei dem einen das persönliche fromme Innenleben. Verbietet ihm gesetzlich zu sein, und er hat die Reibfläche nicht mehr, an der sich alles entzündete, was gut und gottnahe in ihm ruhte. Er ist tot wie dies Holz. Ich nahm ein Zündholz und legte es fern von dem Kästchen auf den Tisch. Seht, es flammt nicht, es leuchtet nicht, es nützt nicht, es hat nicht die Seligkeit verzehrt zu werden. Dann entzündete ich ein anderes Zündhölzchen und fuhr fort: Ein anderer hat als Reibfläche die unbedingte Freiheit von allem Gesetz, er arbeitet am Sonntag wie Carlyle, er betet dreißig Jahre kein Vaterunser wie Carlyle, er meidet ein Leben lang den Tisch des Herrn wie Tersteegen, – dieses mächtige Sichschwebend ohne Anhalt und in höchster Höhe ohne Stützpunkt Halten, das war ihre Reibfläche, daran entzündete sich die reinste Flamme; nötigt sie zum Gesetze und sie liegen kalt und tot da, wie dies starre Holz dort. Und nun nahm ich zehn Hölzchen oder elf mit der einen Hand und mit der anderen das Kästchen, hob euch beides entgegen und sagte: O meine Lieben, gewöhnt euch bald, ach, um der Liebe zu den Mitgeborenen und Mitsterbenden willen, gewöhnt euch heute daran, 145 jetzt, jetzt gleich, immer, wenn ihr von Orthodoxen, Positiven, Pietisten, Liberalismus, Kirchlichkeit, Konventikelchristentum und anderen Klüften, Mauern und Grenzpfählen hört, liebreich in eurer Seele zu denken: so, der also hat seine Reibfläche da, der andere dort, Gott sei Dank für das Licht, die Wärme und die Selbstverzehrung, die an allen diesen Reibflächen aufflammt! Verwerft nicht die Flamme um der Reibfläche willen! verwerft die Hölzer, die sich nicht entzünden lassen! Damit warf ich das eine Holz, das ich ohne Zündköpfchen in dem Kästchen gefunden hatte, weit weg von mir in das Zimmer. So war es, das machte mich euch zum Sprichwort. 146   20. Der Weiterschieber. Der Pfarrgarten lag unmittelbar an den Feldern der reichen Dorfgemarkung. Es gab Fenster am Pfarrhause, von denen aus man kaum einen Dachgiebel des Dorfes, sondern nur den großen Garten, die wogenden Felder, und links die dunkle Linie eines hohen, dem Rücken der Hügelwellen folgenden Buchenwaldes sah. In diese Hügel war das stattliche Pfarrdorf hineingebettet. Rechts über einer langen Reihe von Obstbäumen hin erblickte man die Türme einer großen Stadt. Es war ein freundlicher Sommernachmittag. In der großen Laube, deren Rückwand von Hagebuchen gebildet war und deren Seitenwände aus Stangen bestanden, die wilder Hopfen und eben reich blühende Feuerbohnen umrankten, saß der Herr Pfarrer und die Frau Pfarrerin, jedes mit einer Arbeit beschäftigt. Die Pfarrfrau saß nicht um ihrer Ruhe willen da, es galt ihr mehr, die Arbeit ihres Mannes vor Unterbrechungen zu schützen; sie selbst wurde öfters abgerufen, sei es; daß Arme sie in Anspruch nahmen oder eine 147 Bäurin sich Rats zu erholen kam oder ihr Jüngster einen Käfer brachte, den er im Garten oder draußen auf der angrenzenden Wiese gefunden hatte, und den nun die immer bereite Mutter in einem Spiritusglase unterbringen mußte, das hinter ihrem Stuhle im Bohnenlaube verborgen stand. Der Pfarrherr merkt von diesem stillen Kommen und Gehen und gedämpften Sprechen nichts. Er hatte einen »guten Mittag«. Er stand vor der Niederschrift eines Gedankenganges, der eine schwierige Frage in ihren Gliedern wohl ordnen, ihr den vollkommensten Ausdruck und eine überraschende Lösung geben sollte. Die Gedanken folgten sich so stetig und rollten so gleichmäßig und entschlossen dahin, wie ein Strom, in dem nichts drängt und doch alles lebendig abwärts flutet; kein Klang der Außenwelt traf ihn, auch nicht, wenn seine gute Frau dann und wann einmal eine Mitteilung halb an ihn, halb an sich selbst richtete: Der Rechner, Vater! – der Ortsrechner war gerade am Pfarrgarten vorübergegangen und hatte nach der Laube hin respektvoll gegrüßt –: Wir haben Ostwind, man hört die Domglocken aus der Stadt; – der Herr Pfarrer vernahm nichts; er schrieb, er sah angespannt nachdenkend in die Luft, er blätterte die zahllosen, kleinen, alle gleichgeschnittenen Zettel seiner »Materialsammlung« durch, las einzelne aus, deren Inhalt nun im Verlaufe der Ausführung in Frage kam, und legte sie so um sich her, daß das Auge sie aufsuchen konnte, ohne daß die Hand dabei nötig war; kam ein rascher Hauch des 148 Ostwindes durch die Bäume des Gartens und wehte in die gelehrte Stille der Laube hinein, dann rettete die besorgte Pfarrfrau gerade diese wichtigsten Zettel, indem sie auf den einen rasch den Fingerhut stellte, auf den andern die Schere, für einen dritten löste sie die Brosche, einen blauen Anker in silberner Fassung, ein Patengeschenk, von dem Kleide, und endlich mußten Steinchen vom Boden der Laube helfen. Ja, der Herr Pfarrer war ein gelehrter Mann, auch ein guter Mann; »er ist recht«, sagten seine Bauern von ihm, aber mehr, weil er sie gehen ließ, als weil er sich ihrer angenommen hätte. Es lag zuweilen ein schwermütiger, oft ein verdrossener Zug auf ihm, doch dieser seltener, seitdem sein dringender und oft wiederholter Wunsch, von seiner Stelle droben im Gebirge erlöst und in die Stadt oder doch in ihre Nähe versetzt zu werden, erfüllt worden war. Ein Katheder wäre ihm lieber gewesen als die Kanzel. Auf seinem Gesichte hatte eine redliche und ernste Gedankenarbeit jene Linien gezogen, wie sie nur der Gedanke zieht; es lag nicht in dem Auge jener mütterliche Blick, der die Not sucht, wie die Mutter und die verirrten Kindlein, und nicht der Blick, der dem im Gemüte schwer Erkrankten sagt: Laßt mich mit dir weinen, denn ich bin dein Bruder, auch ich kenne die Sünde, darum kann ich dich trösten. Aber »er war recht«. Nun aber kam eine Unterbrechung, die auch den Herrn Pfarrer zum Aufmerken zwang. In der einen Ecke des Pfarrgartens, auf einem 149 künstlichen, von Immergrün überzogenen Hügel lag eine zweite Laube. Es war eigentlich keine Laube, sondern ein prächtiger Sitz unter einem uralten, mächtig ausladenden Haselnußbaume, der seine Zweige zum Ärger der Pfarrkinder bis tief hinab über den schmalen Pfad, der zwischen dem Pfarrgarten und den Feldern hinlief, niedersenkte. Dieses Plätzchen gehörte den Kindern, vermutlich weil es das schönste war und weil es einen Blick in die Außenwelt gestattete. Hier saß nun die sechzehnjährige Tochter des Pfarrers und setzte einen Aufsatz für die »Selekta« auf, deren Schülerin sie war. Neben ihr saß ihr Bruder Ernst, Student im ersten Semester und klüger als die ganze Familie zusammengenommen. Er war infolge davon im Augenblick gänzlich unbeschäftigt, hatte sich aber doch herbeigelassen, sich das Aufsatzkonzept von der Schwester vorlesen zu lassen. Diese erschien nun klagend vor den Eltern, der Ernst habe gesagt, sie habe einen Gedanken gestohlen und doch sei die ganze Arbeit ihr Eigentum. Auch der Bruder kam, mit einer Gerte an die Stiefel schlagend, und wiederholte die Anklage. Der Pfarrherr sah auf, hörte zu und lächelte. Dann stellte er zunächst fest, worüber Mariechen zu schreiben habe. Ein Sonnenuntergang in der Heimat, sagte diese schluchzend. Wie hast du das nun angefangen, forschte der Vater weiter, während die Mutter das Töchterchen tröstete. Ich dachte, ich stünde droben auf dem Heisterkopf und sähe das Dorf und sähe die Bauern heimkommen und sähe die Stadt. – 150 Hier gewannen die Tränen wieder die Oberhand, und Ernst nahm das Konzept und las zornig-nachdrücklich folgende Stelle vor: Hinter den Türmen der Universitätsstadt, hinter dem Rauchschleier, den tausend Schornsteine weben, geht die Sonne blutigrot unter, wie ein sterbender Held niedersinkend. Den sterbenden Helden hat sie aus den »Räubern«, das lasse ich mir nicht nehmen! Darauf kommt sie nicht! Darauf kommt sie ihre Lebtage nicht. – Neues Schluchzen, noch leidenschaftlicher als zuvor, und neue leidenschaftliche Versicherung, daß sie niemand gefragt, kein Buch benutzt, daß sie die »Räuber« noch nie gelesen habe, daß ihr jetzt die ganze Freude am Aufsatze genommen sei. Bei allem, was ich sage, heißt es gleich: Darauf bist du doch nicht gekommen! Das ist gewiß wieder so ein Einfall von der Maxi. – Ernst hat in der Tat eine hohe Meinung von Maximiliane, der Tochter des Herrn Rentamtmanns, und hat sich um ihretwillen ein Pincenez angeschafft. – Ernst, schäme dich! sagte der Vater und versank wieder in seine Zettel, die Mutter aber legte ihren Arm um die Taille der Tochter und geleitete sie langsam zu ihrem Haselnußbänkchen zurück. Als sie dann eine Weile später wieder eintrat, sah der Gelehrte von neuem auf, legte die Feder hin und sagte nach einem Augenblicke schweigenden Besinnens: Der Streit der Kinder erinnerte mich an Erichs letzten Besuch. Denkst du noch daran, wie er uns gerade hier in unserer Hütte mit Eifer auseinandersetzte, daß der Plan zu dem berühmten Rechtsabmarsch des deutschen 151 Heeres, durch den der Tag von Sedan möglich wurde, nicht das Verdienst Moltkes, sondern des Generals Blumenthal gewesen sei, Moltke werde ganz über Verdienst geschätzt? Die Frau Pfarrerin bestätigte es, und dann fuhr der Pfarrherr nach einer Weile, in der er still gesonnen hatte, fort: Ich möchte solche Leute »Weiterschieber« nennen, sie schieben das Problem gleichsam um eine Station zurück und meinen es damit gelöst zu haben, übersehen aber, daß nun von neuem sich die Frage erhebt: Wie kam aber dieser dazu? Sie schieben es einem dritten zu, der nicht ertragen kann, daß Blumenthal den genialen Gedanken gehabt haben soll. Es ist der Kampf gegen das Ursprüngliche im Gemüte des einzelnen, fuhr er stockend fort, indem seine Augen den Händen seiner Frau folgten. Die Frau Pfarrerin rettete nämlich eben einige Zettel vor dem Davonflattern, indem sie Strickstöcke zur Belastung sorgfältig hierhin und dorthin legte. Darüber kehrten die Gedanken des Gelehrten zu seiner Arbeit zurück, und bald war die Welt versunken, in der er wie ein Gast für Augenblicke eingekehrt war. Die Feder flog mit kräftiger, entschiedener Schrift über die Blätter der voranschreitenden Abhandlung, in der der gründliche Forscher zu beweisen suchte, daß wesentliche Lehren und Anschauungen Jesu von Nazareth den Anschauungen der Essäer entnommen seien; auch Pythagoras oder doch pythagoreische Gedankenelemente, die der Hauch der unruhig bewegten Zeit wie fliegende Pflanzensamen weithin verbreitet habe, seien für Jesu 152 innere Welt entscheidend geworden; ja – und daran stand der Ehrendoktor der nahen Universität gerade eben – es seien Verbindungsglieder wohl denkbar, durch welche persische, möglicherweise auch indische Ideen an Jesus hätten übermittelt werden können. Die Feder schrieb, die Wange rötete sich, und die fromme Pfarrfrau hütete den Arbeitstag ihres Mannes. 153   21. Der Zerstreute. Steht die Blutbuche noch? – – Ja, sie steht noch zur Freude jedes Besuchers des botanischen Gartens. – Steht auch noch der Heidenturm, um den die Dohlen flatterten und krächzten? – Ja, gewiß. Auf der Bank unter der Blutbuche saß ich mit dem hochverehrten Lehrer, als ich ihn zum letztenmale sah. Ich fühlte mich hochgeehrt, als er mich bei meinem Gruße erkannte, mich anredete und mich neben ihm niedersitzen hieß. Sein Gesicht hatte gerade den Ausdruck, von dem man in halbzärtlichem Scherze im Kreise seiner jugendlichen Verehrer behauptete, er sei nur zu sehen, wenn er »am Zeitalter litte«. Er litt zuweilen wirklich am Zeitalter. Dann seufzte er tief, nahm die Brille ab und legte die Hand fest auf die Augen. Nun, Sie haben das ja auch beobachtet. – Gewiß! War er auch zu Ihrer Zeit schon so zerstreut? – O, davon wußten wir hundert Geschichten, die ihn uns nur noch lieber machen. 154 – Ich muß Ihnen etwas von ihm erzählen, das wirklich alles übertrifft. Es war drei Jahre vor seinem Tode, im Februar 1880. Er stand in seiner Vorlesung über die Kulturströmungen des achtzehnten Jahrhunderts bei Lessing, seinem Liebling. Er begeisterte uns alle, weil er selbst begeistert war: Licht entzündet sich nur an Licht, um ihn selbst zu zitieren. Wir näherten uns eben Lessings Streit mit Göze und Nathan dem Weisen. Hospitanten kamen in Menge, der Lehrsaal war überfüllt. Als er an jenem Tage, es war der 15. Februar, um ein Viertel nach drei Uhr eintrat, er las von drei bis vier Uhr, wurde ihm ehrfurchtsvoll Platz gemacht. Man sah, er war sehr zerstreut, oder besser, tief in seine Gedanken hineingezogen, er hatte die Hände auf dem Rücken, den Hut in den Händen. Dieser entglitt ihm, er wurde rasch von vielen Händen aufgehoben. Er drehte sich mitten auf seinem Wege nach den dienstwilligen Studenten mit gütigem Lächeln um, verneigte sich freundlich und ging dann rasch zum Katheder. Da und dort wurde noch eilig ein Tintenfäßchen aufgedreht, Federn gerichtet, Blätter sorgsam mit einem Rande versehen: die akademische Jugend war bereit, gegen Melchior Göze in das Feld zu ziehen. Der Vortrag begann: In dem letzten Vortrage habe ich Ihnen von Lessings Leben in Wolfenbüttel, von dem so wahren und kurzen häuslichen Glück des redlichsten Mannes und liebenswürdigsten Herzens erzählt. Hier hielt er inne, es war uns überraschend, denn er 155 sprach fließend und schlicht; sein Blick suchte durch das Fenster die kleine im Stile des Pavillons des vorigen Jahrhunderts erbaute freundliche Wohnung des Universitätsgärtners, die nahe bei dem Universitätsgebäude lag; dann sah er über die schweigende Schar seiner Zuhörer hin und fuhr fort: Ich habe Ihnen nun heute darzustellen, wie ihm die leidenschaftlich werdende Fehde mit den Dogmatikern der Aufklärung eine Aufgabe stellte, an der er erfuhr, daß das persönliche Leid sich vergessen muß, wenn es gilt, der Krankheit der Zeit zu steuern. Mit Betrübnis hatte er gesehen, wie das innere Leben der Menschen gefälscht wurde, weil wie eine starre Eisdecke der Bann der Aufklärung auf der fröhlichen Welt des Gemütes lag. Vergewaltigung des Gemütes durch beharrliche Grenzüberschreitungen des Verstandes war ein Zeichen der Zeit, die trotzdem sich selbst mit Stolz »das Zeitalter des Liberalismus« nannte. Die Menschen hatten Angst, sich lächerlich zu machen, ja sie waren sich selbst lächerlich, wenn sie der Wissenschaft zum Trotze sich zu Christus, dem Sünderfreunde, hingezogen fühlten und von Stellen Eindruck erfuhren, die die Wissenschaft als »eingeschoben« nachgewiesen hatte. Ihre Gelehrten riefen in die aufgeregte Gemeinde der Zeit hinein: »Ihr stützt eure Hoffnung auf die Seligkeit, euren Glauben auf jene Stelle des Apostels? Wartet noch ein wenig! Jene Stelle ist wahrscheinlich unecht. Es gilt manchem sogar als fest erwiesen, daß sie aus dem vierten Jahrhundert n. Chr. stammt und nichts 156 als eine Polemik gegen gewisse kleinasiatische Strömungen enthält. Vorsicht! Geduld! Stützt euch lieber einstweilen auf jenen andern Vers, er scheint völlig einwandfrei!« Lessing sah mit Zorn, wie die »Seelsorger« den Kampf gegen den Aberglauben, gegen die Teufels- und Dämonenvorstellungen kämpften, wie sie nachwiesen, daß auch Mohammed nicht ohne Religion und Buddha ein frommer Mann gewesen sei – während sie hätten sorgen sollen, nicht um die Meinung, die Peter und Martin von Mohammed und Buddha etwa hätten, sondern um die Seelennot Peters und Martins. In anderen Jahrhunderten hatte die Orthodoxie die freie Entfaltung und subjektive Gestaltung des religiösen Lebens verhindert, in Lessings Zeitalter verschob der »Verein für Rettung der evangelischen Freiheit« und seine Leute – – Schon lange hatte die Mehrzahl der Zuhörer die Feder hingelegt, viele erstaunt, manche beunruhigt, einige ergötzt, und unter diesen hatte einer, ein besonders Aufgeklärter, wiederholt die Augen von Befreundeten gesucht, zum Teil deren Aufmerksamkeit durch leises Husten oder ein kurzes Scharren mit dem Fuße auf sich zu ziehen gewußt, um dann die Schultern zu zucken und ironisch-amüsiert zu lächeln. Endlich schrieb nur noch ein Student mit dem Eifer nach, der ihn seit neun Semestern seinen Lehrern so sehr empfohlen hatte, der rechtschaffene Johannes Stein, dessen einziger oder doch jedenfalls größter Kummer es 157 war, wenn ihm ein Satz der Rede in seiner Nachschrift entgangen war. Erinnern Sie sich seiner? – Ach ja, des Stein, oder des Steinchen, wie wir den kleinen, breitschultrigen Kommilitonen nannten, erinnere ich mich aus meinem letzten Semester sehr wohl. Wie manchmal kam er abends, um mein Heft zu vergleichen und ihm gewissenhaft das zu entnehmen, was es etwa mehr enthielt als seine Niederschrift. – Eifrig kritzelte die Feder des redlichen Johannes über das Papier. Von dem allem merkte der Professor nichts; das innere Auge so leuchtend als das äußere und auf seinen Gegenstand fest gerichtet, fuhr er fort: – verschob der »Verein für Rettung der evangelischen Freiheit« und seine Leute völlig den Schwerpunkt des religiös angeregten persönlichen Lebens. Indem dieser seinen Freunden das Gewissen für die gesamte äußere Wahrheit der historischen Außenseite des Christentums schärfte, entwöhnte er sie, auf sich selbst ängstlich, sorgenvoll reuig und sehnsüchtig acht zu haben; seine Freunde verehrten so innig das zeitlich Richtige, daß sie keine Zeit fanden, das ewige Wahre zu erkennen und festzuhalten. Auch sie bedauerten die Trennung der Gemüter durch den Parteistreit der Zeit, auch sie versicherten oft und entschieden, sie wollten Frieden und nichts als Frieden, und zu diesem Zwecke behandelten sie, sobald es zu mündlichen oder schriftlichen Gesprächen kam, das Trennende und nicht das Verbindende, als ob man einen Graben, der die Nachbarn trennt, dadurch trocken lege, daß man Wasser aus zwanzig Röhren 158 hineinlaufen lasse, um zuvor darzutun, daß das Wasser das Trennende sei. O, wie ungütig waren ihre Prediger und Redner gegen die Hungernden. Wenn deren eine große Anzahl sich versammelt hatte, um gespeist zu werden, dann trat wohl ein Redner mit der Bibel unter dem Arme auf und sagte: Hier ist ein Brot, ein schönes, großes Brot, mit ihm will ich euch nun sättigen. Ich weiß, zum Sattwerden wollt ihr manches wissen. Dies Brot wiegt vier Pfund, zu seiner Herstellung, verwandte man Mehl, Wasser, Sauerteig und Salz; über seinen Nährwert beruhigt uns erst eine gewissenhafte chemische Analyse; dieses Brot besteht aus elf und einem halben Prozent Wasser, aus beinahe sieben und einem halben Prozent eiweißartigen Stoffen, dreizehn und einem halben Prozent Dextrin und löslicher Stärke, ferner aus zwei und einem halben Prozent Zucker, und einem respektablen Anteil Stärke. Hört und staunt, meine Teuren, dies Brot hat über vierundsechzig Prozent Stärke! Daneben verschwindet der Fettgehalt so gut wie ganz, er erreicht nicht einmal einen Prozent. Es gibt Weißbrot und Schwarzbrot, die Toren begehren Weißbrot, kräftigere Naturen wählen allein Schwarzbrot. Ich selbst kann nur das Schwarzbrot empfehlen, das der Bäcker Schneidig aus Mehl gebacken hat, das drunten in der Talmühle aus dem Getreide gemahlen worden ist, das der Herr Schulze auf seinem Erbacker gezogen hat. – Ein Teil der Hungernden war über dieser Rede vor Erschöpfung eingeschlafen, ein Teil 159 hoffte noch auf die Austeilung des Brotes, aber dem Redner war über seiner Auseinandersetzung eingefallen, daß er noch nie danach gefragt habe, wer zuerst das Vorhandensein von Dextrin im Brote nachgewiesen habe, und es drängte ihn, das zu Hause sogleich festzustellen. Er eilte deshalb aus der Versammlung fort und nahm in der Zerstreuung das »Brot« wieder mit – Kaum hatte der Herr Professor diesen Satz ausgesprochen, so erhob sich jener Aufgeklärte mit großem Geräusch unter den Zeichen offenkundiger Entrüstung und verließ den Saal, mit ihm noch andere Studierende, namentlich einige Theologen. Der Professor erwachte wie aus einem Traume und sagte mit herzgewinnendem Lächeln: Nicht wahr, es hat schon lange geläutet, und ich habe es überhört? Entschuldigen Sie freundlichst! Damit verbeugte er sich und verließ den Saal. Nun, sagen Sie, wie reimen Sie sich das?! – Ich sehe genau, wie das ward! Es war der 15. Februar, Lessings Todestag; indem er sich den Vortrag des Nachmittags innerlich zurecht legt, beschäftigt ihn die Frage, wessen Gegner Lessing heute sein müsse, und dieser Gedanke geht mit ihm die Treppe hinab, durch die Straßen bis zur Universität, und läßt ihn vergessen, daß Lessing im achtzehnten Jahrhundert gelebt hat. Er hatte erkannt, daß Lessing nicht die Orthodoxie als solche bekämpfen wollte, sondern jedes Hemmnis, das der subjektiven Religion im Wege stand. 160 – Sie haben recht. Ich erinnere mich, daß er einmal sagte: Der Liberalismus hat auf Lessing abonniert. Die große Menge weiß so gut wie gar nicht, was eigentlich Lessing bekämpfte. Wie sollten sie staunen, wenn Lessing heute käme! – Es war ein verehrungswürdiger Mann, und wir wollen ihm treu bleiben. 161   22. Ein Sonett. Er hieß Paul Immanuel Lohrhaupt. Auf seiner Visitenkarte stand: »Paul Immanuel Lohrhaupt.« Das war keine Koketterie. Er hätte der Wahrheit gemäß noch darauf schreiben lassen können: ordentlicher Professor der Theologie, oder Professor der Dogmatik, oder Universitätsprediger, oder Doktor der Philosophie und Doktor der Theologie, oder Geheimer Kirchenrat, oder Vizepräsident der Generalsynode, lebenslängliches Mitglied der Ersten Kammer der Stände und Ritter hoher Orden, oder Mitglied des naturwissenschaftlichen Vereins zu A., Ehrenmitglied der naturforschenden Gesellschaft zu B., korrespondierendes Mitglied des Vereins für wissenschaftliche Schmetterlingskunde zu C.; aber als er bei dem Lithographen stand, um sich Karten drucken zu lassen, weil ihm das Schreiben der Visitenkarten unbequem geworden war, und der Lithograph jetzt höflich, nein, ehrerbietig vor ihm stand und ihn fragte: »Was wollen der Herr Geheime 162 Kirchenrat auf die Karte schreiben lassen?« da fiel ihm nur »Paul Immanuel Lohrhaupt« ein, und dies wurde wörtlich auf die Karte gedruckt. Wer einen »Gebildeten« gefragt hätte, wie er predige, dem wäre mit Achselzucken die Antwort geworden: »Ich höre keine Predigt von einem Professor der Dogmatik!« Wer aber den Buchbinder Kräuslein oder gar seine Frau gefragt hätte, dem hätte Herr Kräuslein geantwortet: »Der Herr Geheime Kirchenrat? Das ist ein Pfarrer, der redet nur von Sachen, die im Leben vorkommen, der weiß, was den einfachen Leuten unverständlich ist und was ihnen gar nicht in den Kopf nein will, und er macht's klar. Und er weiß, bei welchen Sachen einem das Herz unvernünftig und rebellisch ist, und zeigt einem, daß es ihm auch schon so gegangen ist, und da sagt er alles genau, daß sich jedes in der Beschreibung erkennt, und dann tröstet er einen, daß man den Ausweg aus der Sackgasse findet.« »Und seine Predigt ist keine Poesie und kein Windkonfekt«, fügt Frau Kräuslein, eine ebenso resolute wie fromme Frau, hinzu, »er schlägt auf den Busch, daß der Hase herausmuß.« Dagegen hätte der Redakteur des General-Anzeigers und des dazu gehörigen Intelligenzblattes zu deiner Frage gelächelt und gesagt: »Der seltsame Kauz geht nach Käfern und Schmetterlingen herum – – ! ! Neulich nachts hat er mich halb zu Tod erschreckt! Ich gehe da durch die neue Anlage zwischen elf und zwölf Uhr, ich höre und sehe und denke nichts und gehe so für mich hin, auf einmal fällt wie ein Blitz ein ganz grelles Licht 163 auf mich und tanzt dann weiter über die Büsche: ist's der Herr Geheime Kirchenrat mit seinen Söhnen, sie leuchten mit einer Blendlaterne an den Zweigen hin und streifen Schmetterlinge oder Käfer ab!« Die Studenten aber, die man fragt, werden warm: »Streng ist er«, so heißt es, »er stellt einen auf der Straße und fragt, warum man zweimal die Vorlesung versäumt habe, aber« – –; nun kommt ein »Aber« der Dankbarkeit, des unbedingten Zutrauens und der Liebe. »Er gibt uns«, so äußert sich einer, der seit Semestern bei ihm hört, »er gibt uns ein persönliches Verhältnis zu den Dogmen der Zeitalter; ehe wir ihn gehört hatten, schienen uns die dogmatischen Festsetzungen der alten Jahrhunderte aus dem Kopfe entsprungen zu sein, und wir begriffen nicht, wie ein vernünftiger Mensch solche Sachen behaupten oder glauben könne; nachdem wir ihn gehört hatten«, – und nun sprach das Kollegheft aus dem Studentlein – »wußten wir, daß an dem Dogma Voraussetzungen hafteten, die in die Seelen ringender Menschen zurückführten, man sah Priester in kleinasiatischen Dörfern, Priester und Laien in Alexandria, in Korinth sich abquälen in der Einsamkeit ihrer Seele, unter Heiden und unvollkommenen Christen mit den Fragen, die dann im Dogma eine Antwort fanden, in der nur wir nicht mehr das Nachzittern redlicher Herzenskämpfe spüren!« Auch bei den Lehrern der Hochschule war er hochangesehen. Seine Gelehrsamkeit war unbestritten. »Er gehört zu den gläubigen Theologen«, konnte man wohl 164 hören, »immerhin nimmt er eine eigentümliche Stellung ein.« Das wußte Herr Paul Immanuel Lohrhaupt nicht, daß er immerhin eine eigentümliche Stellung einnahm, er gab sich Mühe, ein Christ zu sein, und gab sich die gleiche Mühe, andern zu helfen, Christen zu werden. Als Schriftsteller war er oft, seiner häuslichen und guten Frau vielleicht zu oft, hervorgetreten. Von allen seinen Werken hatte er stets vier Exemplare zurückbehalten. Das erste, und zwar dasjenige, das ihm in der Sendung seines Verlegers auch wirklich als das erste in die Hand gekommen war, erhielt seine Frau mit der Widmung, die sich immer gleichmäßig wiederholte, und die ihr so gut gefiel, daß sie nicht hätte geändert werden dürfen, wenn dazu je die Absicht bestanden hätte: »Der lieben Frau.« Das zweite Exemplar wanderte in eine sehr ansehnliche Bibliothek und erhielt hier den Platz, den die durchaus wissenschaftliche Anordnung der Bücherei ihm zuwies. Das dritte Exemplar war zum Ausleihen bestimmt. Von dem vierten aber schwieg er! es lag bei andern ihm teuren Zeugnissen seiner Vergangenheit, also seines Lebens; hier war ihm sein Buch kein Baustein im System der Wissenschaft, keine Angelegenheit des buchhändlerischen Verkehrs oder der fremden kritischen Beurteilung; hier war es ihm ein Schrein, der tausend stille, feine und von Gemüte durchtränkte Bezüge der Vergangenheit, der Gegenwart, des Familienlebens und freundschaftlicher Verbindungen in sich barg. 165 Unter den Büchern aber, in denen für ihn und für seine Frau sein inneres und äußeres Leben am stärksten durch zahllose Adern flutete, war ihm die Schrift am liebsten, die er geschrieben hatte, als er eben aus seinem Pfarramte geschieden und in die akademische Laufbahn eingetreten war. Sie führte den knappen Titel: »Symbolik«. Der Ästhetiker der Universität hatte sie im Erker des Buchhändlers liegen sehen und hatte sie sich zeigen lassen, er hoffte, hier sei das wichtigste Problem der Ästhetik in Angriff genommen, aber da er nur blätterte, fand er das nicht, was er suchte, obgleich es darin, wenn auch in anderer Sprache, als der Ästhetiker sie sprach, schön und tief als eine neue Begründung eines Einheitspunktes von Kunst und Religion, der Überzeugung von der göttlichen Beseeltheit der Natur, ausgesprochen war. Auch ein Professor der Theologie ließ sich das Buch vorlegen und schlug es auf und schlug es zu und sagte halblaut »Dilettantenarbeit!« Seitdem waren Jahrzehnte vergangen, das Buch hatte des Verfassers Ruf begründet und war vielen teuer geworden. Wie Vorgänge und Erscheinungen der Natur mittelbar durch Analogie den reinen, unbefangenen und frischen Sinn früher oder später Zeitalter dahin führten, Geistiges und Sittliches, das im Menschendasein sich noch nicht hervorgelebt hatte, zu erkennen, nachdem es sich ihnen eben bis dahin noch nicht unmittelbar geoffenbart hatte, war das Grundthema der Schrift. Es zeigte sich hier ein Beobachter und Denker, der in 166 den Naturwissenschaften wie in den Geisteswissenschaften gleich mächtig war, und dem die Weite seiner Bildung das erhalten und befestigt hatte, was immer das hervorragendste Zeugnis der Bildung ist: Ehrfurcht. Wie manchem Pfarrherrn gab das Buch die Unbefangenheit den Ergebnissen der Naturforschung gegenüber zurück, wenn ihm hier ein offenbar frommer und im Gemüte freudiger Mann sagen konnte, daß alles in Natur und Geschichte an Naturgesetze gebunden ist, wie die Telegraphie an den Draht, daß aber immer durch diesen Draht der elektrische Strom der göttlichen Gedanken oder Absichten rinne. Vom Standpunkte dieses Buches aus steht der erkennende Mensch der mechanischen Welt wie ein Bauer gegenüber, wir sehen nur den Draht, und wenn wir ihn durchfeilen, so trifft das Auge immer nur auf die Metallflächen des Drahtes; was von der Anwesenheit der Elektrizität gesagt wird, entzieht sich unserer unmittelbaren Beobachtung, darum bleibt der Bauer dabei, es ist Draht und nichts als Draht. Ein auf das Ewige gerichtetes Auge aber, das sich in den innersten Mittelpunkt der Welt stellt, sieht in aller »Natur« die göttlichen Lebensströme ziehen. Nun, dies Buch wollte einmal ein junger Geistlicher, ein lieber ehemaliger Schüler des Herrn Geheimen Kirchenrates von diesem entleihen; er war bereit wie immer; mit dem energischen Schritte, mit dem er als Mann noch ausschritt, wie er an dem Jüngling auffallend gewesen war, wandte er sich zu seinen Bücherreihen: aber beide, das Bibliotheksexemplar und das 167 Wanderbuch fehlten. Ein kurzes Besinnen, dann schloß er einen Schrank auf, in dem wohlgeordnet Papiere, Entwürfe, wissenschaftliche Auszüge und der literarische Briefwechsel lagen, und nahm hier aus einem verschlossenen Gefache das gewünschte Buch in einem schönen Einbande heraus. Er trat auf das Fenster zu, schlug das Buch hie und da auf und sah sinnend hinein. So blieb er lange stehen, abwesend, weitentrückt, er hatte seinen Gast völlig vergessen. Dieser aber hatte in dem Augenblicke, in dem der Herr Geheime Kirchenrat sein Buch aufschlug, gesehen, daß auf der Innenseite des Buchdeckels ein Gedicht, ein Sonett, so schien es ihm, und ein Blättchen mit einer Inschrift eingeklebt waren. Nicht gesehen hatte der junge Pfarrer, daß in dem Buche noch manches andere lag, so gleich innerhalb des ersten Bogens ein Blättchen, auf dem die ungeübte Hand eines etwa sechsjährigen Knaben in höchst unregelmäßigen Zügen und Zeilen geschrieben hatte: »Papa, ich habe dich lieb«; eine Frauenhand hatte darunter geschrieben: »Die Mama hat dich auch lieb«. Nach langer Zeit schlug der Professor das Buch zu, legte es in seinen Verschluß zurück und sprach dann mit seinem Gaste über andere Dinge, des Buches erwähnte er nicht mehr. Das Gebirge sendet niedere breitgespannte Hügelwellen vom Fuße seiner Wälder und Felsen in die weite reich bebaute Stromniederung hinaus. Diese Hügel tragen in langen dunklen Zeilen gereihte Obstbäume und fruchtbare Felder. Eine schöne Kunststraße zieht dicht am Rande der Hügel dahin, und hier liegt das Dorf 168 zu beiden Seiten der Straße schon ganz in der Ebene, nur die evangelische Kirche und ihr Pfarrhaus stehen auf dem letzten Hügelvorsprung über den Dächern der Wohnhäuser und Scheunen. Ursprünglich lag nur das Wohnhaus da oben, vor Zeiten eine kleine Deutsch-Ordens-Komturei, im siebzehnten Jahrhundert aber hatte ein evangelischer Edelmann, dem ein Teil des Dorfes gehörte, seiner Dorfhälfte ein Kirchlein gebaut, und die Form des Hügelvorsprungs hatte dazu genötigt, die Kirche so im Winkel zum nunmehrigen Pfarrhause zu stellen, daß nach der Dorfseite hin beide fast zusammenstießen, dagegen traten nach dem Gebirge hin die beiden Gebäude in einem breit sich erweiternden, mit üppigem Grase bestandenen Raum auseinander. Seit der Gründung der Pfarrei hatte dasselbe Geschlecht in dem Pfarrhause gewohnt, der Vater hatte immer sein Amt an einen Sohn weitergeben dürfen. Über diesem Dorfe, seinem Kirchlein und seinem Pfarrhause lag ein milder, sonniger September-Nachmittag. Über das hohe Gras und den mächtigen, alten Birnbaum, der inmitten des Wiesenplanes stand, ging leise die freundliche Sonne hinweg, und dicht hinter ihr schritt ebenso leise der Schatten der Kirche; auf dem goldenen Hahn des kleinen Kirchturmes saß eine Drossel, still, aber mit verhaltener Energie, sie wandte nur rasch den Kopf, als von dem Birnbaum eine reife Frucht sich löste, oben durch die Blätter und Zweige raschelnd ihren Weg suchte und dann nach einer Weile mit dumpfem Falle in dem dichten Grase aufschlug. 169 Ein junger Mann saß unter dem Birnbaume auf einem Bänkchen, auf dem er als Kind oft mit den Brüdern gesessen hatte, um Weidenpfeifen zu klopfen, Schmetterlingsraupen in Kistchen zu beobachten, die der Vater für diesen Zweck leergeraucht hatte, oder Rätsel sich aufzugeben. Die Brüder waren nun in der Welt zerstreut, als Pfarrer, als Beamte; er sollte morgen, nachdem er das Sommerhalbjahr bei den Eltern zugebracht hatte, zur Universität zurückkehren, um dort seine theologische Entlassungsprüfung zu bestehen. Sein Kopf lag an den Baum zurückgelehnt, sein Auge war geschlossen, er achtete nicht des Summens der Insektenwelt im Grase, er hörte nicht den Fall der Birne; seine Gedanken waren vorhin der Mutter gefolgt, er sah sie in seinem Stübchen hantieren: sie rüstete wohl noch manches für die Abreise, die treue Mutter. Er dachte daran, wie sie seither regelmäßig abends um zehn Uhr zu ihm gekommen war, liebevoll nach dem Fortgang seiner Arbeiten gefragt, über die unnützen Kenntnisse, die heutzutage von den jungen Leuten verlangt würden, den Kopf geschüttelt und dann seine Studierlampe mitgenommen hatte, um sie selbst auszulöschen – nach ihrer Meinung durfte man Kinder keine Lampe anzünden noch ausblasen lassen; er dachte an den stillen Kampf, den er täglich wegen des Zuges mit ihr kämpfen mußte: er wollte die Fenster und Türen seines Studierzimmers in der sommerlichen Wärme offen stehen lassen, wie oft aber schloß eine unsichtbare Hand leise und besorgt die Türe seines Stübchens. Du gute Mutter, du 170 überwachtest den Trunk Wassers, den dein Sohn über Tisch aus der zu seiner Freude dicht »beschlagenen« Wasserflasche nahm, und nun hegt dein Sohn Gedanken, die du nicht ahnst, und er weint in seiner Seele um seine Mutter. Sie hatte innen in seinem Stübchen allerdings gepackt, daneben aber auch die Papiere seines Schreibtisches ein wenig in eine gefälligere Ordnung gelegt, und dabei war ihr Blick auf ein Gedicht gefallen, das von der Hand des Sohnes geschrieben war; sie sah erst nur flüchtig darauf, dann aber las sie aufmerksam die Worte: Sie rühmen froh, daß sie den Herrn gefunden, Daß er sie seines Umgangs wert gehalten Und sich gezeigt in heiligen Gestalten: Es glänzt ihr Auge, sieht es jene Stunden. Sie glauben nicht, daß recht dem Herren dienen Und einst durch sel'ge Tore vor ihn treten, Die nur in frommer Ahnung zu ihm beten, Und denen er im Busche nicht erschienen. Auch meine Augen haben nichts gesehen! Und wo mir andre seine Spuren zeigen, Erkenn' ich der Natur weltalt Geschehen! Mir sei's genug, wenn er es mir gestatte, Bis sich zum Ende meine Tage neigen, Daß ich im Suchen Gottes nie ermatte! Der erste Eindruck dieser Zeilen war eine tiefe Betrübnis, wie sie nur über ein Mutterherz kommen kann, dann sah sie hinaus auf ihren Sohn, sie übersah seine 171 Knaben- und Jünglingsjahre, und seine Zukunft stand klar und sicher vor ihr. Sie nahm ein Blättchen von seinem Tische und schrieb eine Zeile darauf, öffnete den schon verschlossenen Koffer noch einmal und legte den Zettel gerade oben auf. Dann aber suchte sie den Sohn. Er merkte ihr Kommen nicht, er merkte nicht, daß sie sich neben ihm auf der kleinen Bank niedersetzte, und fuhr erschreckt aus seinem tiefen Sinnen auf, als sich ihr Arm zärtlich um seinen Hals legte. Nun zog sie ihr Kind an sich und sagte ihm, daß sie in seiner Seele gelesen habe. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und er gestand der Mutter, daß er sich vor dem Pfarramte fürchte; er dürfe bei den Zweifeln, die ihn eben erfüllten, nicht auf die Kanzel treten. Sie sprach mit leiser Stimme in ihn hinein. Er gab offene und kindliche Antworten zurück. Sie aber sah ihn in der langen Reihe seiner Väter und sagte: »Die Männer eures Geschlechts haben alle erst mit dem lieben Gott raufen müssen, ehe sie seine Kinder wurden. Laß dir einmal später, wenn du dich gefunden hast, von deinem Vater erzählen, wie es ihn umhergetrieben hat, und wie lange es gedauert hat, bis er merkte, daß der einzige Weg ins Himmelreich schnurgerade durch das Leben des Herzens und nicht durch die besondern Geschäfte und Aufgaben des Verstandes geht.« »Laßt mich Naturforscher werden, ich muß ja nicht Pfarrer sein, es sind ja schon zwei von uns Theologen«, sagte er leidenschaftlich. Aber die Mutter hielt ihn fest. Er versprach wenigstens die Prüfung abzulegen und auch die Stelle zu nehmen, wohin 172 man ihn weisen werde. »Dort gehst du mit Menschen um und nicht mit Büchern! Eine Seele in ihrer Not sieht anders aus als ein Paragraph in deinen sündhaft teuren Büchern; da sieh einmal zu, worauf es dem lieben Gott ankommt!« Er versprach es. Die Abschiedsstunde ging vorüber. Der Vater fand seinen sonst so freudig-entschiedenen Sohn weicher als sonst; er liebte ihn in seiner energischen Bestimmtheit und Kraft, aber es tat ihm wohl, daß dies Kind sich weich und bewegt vom Elternhause löste. Als aber Paul Immanuel Lohrhaupt in der Universitätsstadt seinen Koffer öffnete, da lag oben ein kleiner Zettel auf dem Gepäck, der in der Schrift der Mutter das Wort trug. »Sei stille dem Herrn und warte auf ihn.«