Hofluft Nataly von Eschstruth Band I Mit Bildern von M. Flashar Sonne, Mond, Sterne, Himmelsglanz und Veilchenduft! – So schrieb Jean Paul im ersten Entzücken über die Luft der Höfe.« – Neumann-Strela. I. Es war Frühling geworden. Lange Zeit hatte die Newa geduldig den Nacken unter das Joch des Winters gebeugt, hatte den eisglitzernden Panzer getragen, welcher ihre stolz wogende Flut schmal und starr zusammenpreßte, und wie die Wagen der Triumphatoren ehemals über den Leib des besiegten Feindes stürmten, so rollten die Lastfuhren, klingelten die Schlitten und sausten die dreispännigen Chariots voll kecken Übermuts über die gefesselte Nixe, die Beherrscherin der alten Zarenstadt. Wohl hatte die klare Wintersonne am Himmel gestanden und mit blendend grellem Lichte Milliarden von bläulichen Funken aus den weiten Eis- und Schneeflächen geweckt, aber ihr Kuß war matt und kühl und verklärte nur die Ketten der gefangenen Freundin, ohne sie brechen zu können. – Als aber das bunte Getreibe der Petersburger immer herausfordernder wurde, und die gewaltige Kristallbrücke der Newa gar zu viel des rastlosen Lebens ertragen mußte, da erglühte das Tagesgestirn voll Zorn hinter den Schneewolken, trieb sie auseinander wie Nebelgebilde und forderte mit goldnen Pfeilen den Winter zum Kampf. Und nicht lange währte es, da trieb eine imposante Wasserfläche ihre blauen Wogen zwischen den Steinwällen des Kais und den Granitwänden der Festung hindurch, an den Gärten des fürstlich Sobolefskoischen Palais vorüber. Ein uralter, prächtig aufgeführter Bau, lag dasselbe etwas erhöht über dem terrassenartigen Park und gewährte aus seinen hohen, durch eine einzige Scheibe geschlossenen Fenstern einen köstlichen Ausblick über die Stadt. Durch das zarte Maigrün der Bäume sah man auf eine weite, platzartige Ebene hinab, auf die etwas entfernteren Straßen und Dächer, aus welchen in gedrängter Fülle Kuppeln und Kirchtürme mit goldblitzenden Pfeilen, kolossale, kasernenartige Gebäude und über denselben die finsteren Festungsmauern emporragten. Die Balkontür zu einem der Mittelsalons stand geöffnet, und die Sonnenstrahlen, welche das Zimmer durch die fast bis zum Parkett reichenden Fenster wahrhaft überfluteten, verrieten jetzt erst völlig die pomphafte Pracht, welche der Winter solange hinter seinen Dämmerungsschleiern versteckt hatte. Wenn der alte Ausspruch: »von der Einrichtung eines Zimmers läßt sich auf den Charakter des Bewohners schließen«, sich stets bewahrheitet, so mußte dieses Boudoir im Palais Sobolefskoi entschieden von der elegantesten, penibelst modernen, zartesten und anmutigsten Frau bewohnt werden. In geschmackvollster Weise waren die einzelnen Stücke des Ameublements zusammengestellt; mit Vorliebe schienen lichte Farben, himmelblau und abricot , verwandt zu sein, hier und da überhangen von duftigen Spitzen, durch zierliche Goldbronzen gestützt und umweht von süßem Blumenduft, welchen überreiche Jardinieren spendeten. Unzählige kleine Kostbarkeiten lagen auf Tischen und Konsolen ausgebreitet, rosa Schleier verhüllten die Lampen, weiche Atlaskissen bildeten trauliche Eckchen, und wo man auch hinblicken mochte, überall schien eine ideale, weiche und unendlich verwöhnte Frauenhand zu walten. Dennoch beherbergte das Palais Sobolefskoi keine Dame, und in dem entzückendsten aller Gemächer, vor dem unter zartesten Nippes fast zusammenbrechenden Schreibtisch saß die schlanke, etwas krankhaft hagere Gestalt eines Herrn, um dessen Schläfen sich das Haar, wenn auch mit peinlichster Sorgfalt jugendlich frisiert, so doch schon grau und spärlich lockte. Fürst Gregor Sobolefskoi, der Kammerherr des Zaren. An seiner wie durchsichtig weißen Hand sprüht ein Diamant von seltenster Schönheit, das Ehrengeschenk eines Großfürsten, welches derselbe dem erprobten Freund des Kaiserhauses bei seinem fünfzigjährigen Dienstjubiläum an den Finger gestreift hat. Fünfzig Jahre im Dienst des Hofes! Fürst Sobolefskoi hatte als zehnjähriger Knabe ersten Pagendienst getan und als achtzehnjähriger Jüngling als Kammerherr seinen Dienst bei einem der kaiserlichen Prinzen offiziell angetreten, nachdem er seit seinen ersten Lebensjahren bereits ein ständiger Gast in der Kinderstube des Winterpalais und des Gatschinaer Schlosses gewesen. Fünfzig Jahre! Wie sich eine Pflanze mit tausend feinen und unlöslichen Wurzelfasern festsaugt und anklammert an den Boden, welcher ihr zur Heimat geworden ist, so ist auch Gregor Sobolefskoi mit dem höfischen Parkett verwachsen, so ist auch er mit unzähligen Banden an den Schlüssel gekettet, welcher für ihn jedes Sein und Existieren erschließt. Das Vermögen des Fürsten ist ungeheuer, er besitzt Ländergebiete, welche er nie in ihrer ganzen Ausdehnung geschaut, er hat Reichtümer bei in- und ausländischen Banken angehäuft, welche er kaum der Zahl nach anzugeben vermag, er könnte selbst einen Hofstaat halten und wie ein kleiner König sein Gebiet regieren, und dennoch beugt er voll fanatischen Eifers sein Haupt im Dienste des Zaren, dessen kleine Winke und Befehle für ihn zum Inbegriff des Lebens geworden sind. Fünfzig Jahre am Hof! Alle Fäden der harmlosen und nicht harmlosen Intrigen, wie sie das tägliche Leben in Fürstenschlössern so selbstverständlich umspielen und seine Luft erfüllen, wie der gelbe Staub der Kätzchen einen blühenden Weidenbaum umwirbelt, waren entweder durch die Hände Sobolefskois gelaufen oder doch voll brennenden Interesses von ihm beobachtet worden, und ohne diesen kleinen Klatsch, welcher jedesmal für ihn die Wichtigkeit einer »Krise« annahm, deuchte ihn das Leben unerträglich langweilig und so geschmacklos wie ungesäuertes Brot! Fürst Sobolefskoi kannte alle Elemente der Gesellschaft und war von allen gekannt, es gereichte zu seiner hohen Befriedigung, überall mit ein paar vertraulichen Worten die Hand zu schütteln und mit distinguierten Leuten intim zu sein und höchst wichtigen Gesichts mit irgendeinem Würdenträger zu tuscheln und zu flüstern, wenn ein Publikum dazu anwesend war. Als Kammerherr ward ihm in späterer Zeit meistens das Ehrenamt, den Hof bei Feierlichkeiten in auswärtigen Residenzen zu vertreten, und alsdann sonnte er sich in dem Glanz der Fürstenkronen, welche ihm jedesmal einen Strahl in Form eines Ordens gegen die kreuz- und sterngepanzerte Brust warfen. Der Jubel des Volkes, Ovationen und Kundgebungen, waren ihm äußerst sympathisch und berührten ihn, der so völlig mit dem Hofe verwachsen war, genau so angenehm, wie den hohen Herrn, dem sie gegolten. Ja, er krankte wahrhaft an Sehnsucht, wenn er sie längere Zeit entbehren mußte, und fühlte sich geradezu unglücklich, wenn ihn eine Erkältung an das Zimmer fesselte, und ihn hinderte, im Schlosse anwesend zu sein. Tage, an welchen er keine Hofluft atmen konnte, zählte er zu den verlorenen, und der Gedanke, sich durch irgendeine Unvorsichtigkeit die Huld des Zaren zu verscherzen und dadurch seiner Stellung verlustig zu gehen, hatte ihn fünfzig Jahre lang wie ein Gespenst verfolgt. Fünfzig Jahre lang! Und heute saß Gregor Sobolefskoi vor seinem Schreibtisch und wollte die kleine spitzige Feder am goldenen Halter zu scharfem Schwert machen, welches mit einem einzigen Schlag all die Bande, Fäden und Wurzeln zerschlagen sollte, welche den Fürst mit dem kaiserlichen Hof verbanden. Ein großer, weißer Bogen, zur Hälfte gebrochen, lag auf der goldeingelegten Ebenholzplatte, ein zweiter, das Konzept des Schreibens enthaltend, war gegen eine edelsteinbesetzte Stutzuhr aufgestellt, und während die Feder des alten Höflings voll nervöser Hast über das Papier tanzte, klirrten die Orden auf der Brust leise zusammen, als wollten sie die Stimmen wehklagend über solch unerhörtes Beginnen erheben. Fürst Gregor Sobolefskoi erbat von dem Zaren die Gnade, ihn aus seinem langjährigen Dienst als Kammerherr zu entlassen. Das Sonnenlicht flimmerte über das ergraute Haupt, und der Schreiber zog sein duftendes Taschentuch, um es mit all jener Grazie, welche ihm zur zweiten Natur geworden, über die hohe Stirn zu führen. Dann entzündete er eine Wachskerze, kuvertierte das Schreiben und drückte mit umständlicher Genauigkeit das Siegel darauf. Einen Augenblick starrte er regungslos auf den inhaltsschweren Brief nieder, dann stieß er den zierlichen, mit bunten Blumenbuketts gestickten Atlassessel zurück und erhob sich tief aufatmend, um an die offene Balkontür zu treten. Eine jede Bewegung des alten Herrn war von seltener Elastizität und der wohlbemessenen Eleganz, welche zwischen dem Geckenhaften und Formvollen stets scharf die Grenze hält. Der Fürst wurde sehr oft für einen Franzosen gehalten, sowohl seinem Wesen wie seinem Äußeren nach, wozu der schwarz gefärbte, etwas aufgestutzte Bart im Kontrast zu dem weißgrauen Haupthaar eine wohlbegründete Berechtigung gab. Das Antlitz war schmal und scharf geschnitten, die Augen in tiefdunkler Umrahmung so lebhaft und ausdrucksvoll, daß man die öfters in Anwendung gebrachte Lorgnette lediglich als ein Requisit aus der Rüstkammer der Höflingsmoden ansehen konnte.   Seine Kleidung war stets das Ergebnis peinlichster Sorgfalt, und obwohl über der ganzen Erscheinung Sobolefskois eine etwas weichliche, beinahe weibische Suavität lag, war der Fürst dennoch ein anerkannt geistvoller Mann, welcher nicht allein auf dem Parkett, sondern auch auf manchem Feld der Wissenschaft zu Hause war. Es genügte ihm durchaus nicht, in leicht tändelnder Konversation von einer schönen Blume des Hofes zur anderen zu flattern, und in dem oberflächlichen Getriebe von Klatsch und Skandal, welche ihn allerdings der Gewohnheit gemäß hochgradig interessierten, fand er durchaus nicht volles Genüge. Der Kammerherr war überall dabei, und gerade dieses rastlose und vielseitige Lavieren in hoher Flut war sein Element. Und nun wollte er alles aufgeben, was ihm von Kindesbeinen an zur Unentbehrlichkeit geworden war, alles, was bisher sein Leben ausgefüllt hatte, und alles, woran sein Herz und Verstand mit tausend Banden hingen! Sein Herz! nein, eben dieses Herz hing nicht mehr an jener purpurfarbenen Pracht, welche ihn voll starrer Unerbittlichkeit von seiner Liebe trennte. Das Undenkbare, Unglaubliche, welches die Petersburger Chronique scandaleuse schon längere Zeit als schwebendes Gerücht erfüllte, war zur Tatsache geworden. Fürst Gregor Sobolefskoi, der Lebemann und eingefleischte Junggeselle, welcher ein halbes Jahrhundert lang kaltblütig an der vornehmsten, lieblichsten, imposantesten und verführerischsten Frauenschönheit aller Herren Länder vorübergegangen war, Fürst Gregor hatte sich mit grauem Kopf noch verliebt – wahnwitzig und sinnlos, wie ein verblendeter Knabe. Und in wen? – Am Hoftheater war eine neue Sängerin engagiert, die sang mit mäßig guter Stimme die Agathe und Norma und blickte dabei so schwärmerisch und sanft aus ihren braunen Taubenaugen in das Publikum und schüttelte die lichtblonde Lockenfülle so schmachtend in den Nacken, daß sich alle Mannerhände wie hypnotisiert zu stürmischem Applaus erhoben. Aber die dunklen Augen in dem zart ovalen Gesicht und die goldene Haarfülle bildeten auch die einzige Schönheit der Mademoiselle Eglantina Ruzzolane, deren Figur so sylphenhaft schlank war, daß es wie ein diskreter Liebesdienst von den langen Locken erschien, wenn sie gleich einem glänzenden Mantel über Hals und Schultern wallten. Mademoiselle Eglantina war eine leidlich interessante Person, welche gut in ihre lyrischen Rollen paßte, daß sie aber das versteinerte Herz des anspruchsvollsten aller Lebemänner in so ernste und heiße Flammen versetzen konnte, daß er alles aufgab um ihretwillen, das war und blieb der Petersburger Gesellschaft ein großes und unlösbares Rätsel. Sobolefskoi war auf den Balkon hinausgetreten und starrte gedankenvoll auf das wogende Newawasser, auf die sonnenblitzenden Dächer und Kuppeln des nordischen Paris hinaus, Auch von dieser, so unendlich geliebten Heimat, an welche sich die glücklichsten Erinnerungen knüpfen, haben ihn die zierlichen Federzüge in dem Briefkuvert auf dem Schreibtisch drinnen getrennt, denn wenn Eglantina sein Weib wird, ist ihres Bleibens nicht länger in Petersburg. Und das ist gut. Der Fürst ist eifersüchtig wie ein Türke, und der Gedanke, sein Weib soweit wie möglich aus hiesigen Verhältnissen zu entfernen, in tiefster Einsamkeit seiner Güter mit ihr allein und nur für sie allein zu leben, hat etwas Bezauberndes für ihn. Er wird wieder jung werden in solchem Maienglück idyllischster Flitterwochen, er wird voll Entzücken seine Freiheit genießen und aufatmen, wenn der lästige Zwang dieses Maschinenlebens voll Dienst und wieder Dienst endlich abgestreift ist! Eglantinas dunkle Augen werden ihm in tausendmal wonnevollerem Glanz erstrahlen, als alle Fürstensäle der Welt, und die goldenen Locken werden ihn mit magischeren Banden umstricken, als all die Ordensbändlein und goldenen Tressen, welche ihn mit dem Hof verknüpfen! Ja, Fürst Sobolefskoi ist fest entschlossen, alles in die Wagschale zu werfen, um eine dafür zu gewinnen. Er verlacht die Mahnung treuer Freunde und sendet einen reitenden Boten nach dem alten, unendlich einsam gelegenen Schloß am Strand der Ostsee, damit sich dasselbe mit Blütengewinden und Fahnen schmücke, seine junge Herrin zu empfangen! Der Kammerherr beabsichtigt, sofort nach vollzogener Trauung mit seiner Gemahlin nach seinen kurländischen Besitzungen abzureisen.   Die Fluten der Newa blitzen im Sonnengold, süße Duftwogen steigen von den Teppichbeeten des Gartens empor und in Flieder und Goldregengebüschen zwitschert ein frühlingstrunken Vogelvölklein; Fürst Gregor aber schaut lächelnd über all die Lenzespracht hinaus, mitten in die Zukunft hinein, und reißt sich gewaltsam aus den Träumen, tritt auf den weichen Sohlen seiner roten Maroquinlederschuhe in das Boudoir zurück und schreibt mit den stürmenden Pulsschlägen eines Jünglings einen zweiten Brief. Diesmal zeigt das rosige Papier ein prunkvolles Wappen unter der Fürstenkrone, und von ihm weht ein zartes Maherniaparfüm, und im Nebensalon wartet ein gigantisches Bukett aus Paris, aus lauter Orangeblüten und »brennender Liebe« zusammengestellt, das soll dem Billett die nötige Folie geben. Fürst Gregor Sobolefskoi hielt in aller Form um die Hand der Demoiselle Eglantina Ruzzolane an.   Der Zar hatte einen kleinen Maiausflug nach Gatschina unternommen und beabsichtigte, etliche Tage in Begleitung seiner Familie in diesem so außerordentlich anmutig gelegenen Schlosse zu verleben. Vor der breiten Fahrrampe der Fassade hatte die fürstlich Sobolefskoische Equipage gehalten und war dann langsam, an dem Denkmal Pauls I. vorüberfahrend, in eine der Parkalleen eingebogen. Die beiden riesigen Tscherkessen, welche mit Dolch und Pistolen im Gürtel, in der Vorhalle die Wache hielten, hatten der schmächtigen Gestalt des Fürsten wie etwas sehr Alltäglichem nachgesehen, als derselbe in großer Kammerherrnuniform, leicht und etwas hüpfenden Schrittes die »goldene Treppe« emporstieg. Sonst hatte der alte Höfling unter dem Deckmäntelchen graziöser Pose die Hand meistens auf das prachtvolle, im Renaissancestil gehaltene und schwer vergoldete Gitter gestützt, weil er trotz der Läufer befürchtete, auf den glatten Marmorstufen auszugleiten, heut tänzelte er so frei und sicher die Stufen hinauf, als habe er vollständig vergessen, daß es schon über fünfzig Jahre her war, seit er zum erstenmal als Knabe diesen Weg gegangen.   Der Kammerdiener des Zaren trat ihm entgegen, und an ihm vorüber schritt Sobolefskoi in das Vorzimmer, in welchem der Adjutant ihn stets mit verbindlichstem Gruß empfangen hatte. Heut saß derselbe in einem Sessel am Fenster, blickte mit zwinkernden Augen von seinem französischen Journal auf, erhob sich mit kühl-formellem Gruß und wandte sich sehr ostentativ sofort wieder seiner Lektüre zu. Einen Moment war der Kammerherr befremdet, dann zuckte ein etwas ironisches Lächeln um seine Lippen; schweigend nahm er Platz und wartete, bis er zu Seiner Majestät befohlen wurde. Die Audienz dauerte nicht lange, aber die Stimme des Zaren klang laut und heftig, in jeder Silbe verständlich bis in das Vorgemach hinaus. Der Adjutant hatte seine Zeitung langst auf den Tisch zurückgeworfen und war mit leisen Schritten in dem Gemach auf und nieder gewandelt. »Graf Karnitcheff!« Der Offizier wandte sich jählings zurück. Zwischen den Portieren stand die imposante Gestalt der verwitweten Palastdame Madame de Loux. Sie legte die schneeweiße, auffallend schöne Hand auf die schwarzen Spitzenschals, welche, von einem Goldkamm des Hinterhauptes herniederfallend, sich auf der Brust unter Brillantagraffen verschlangen, und atmete so schnell und heftig, wie jemand, der sehr eilig gegangen. »Frau Baronin befehlen?« Karnitcheff glitt eifrig herzu und küßte die dargebotene Rechte galant über dem hohen schwarzen Handschuh. »Wie steht's mit Sobolefskoi? Gibt er nach?« »Ich fürchte, nein!« »Majestät sind erregt ... ah ... ich höre ihn deutlich reden. Karnitcheff! Ist denn der Fürst von allen guten Geistern verlassen, daß er noch zu widersprechen wagt? Wenn er sich jetzt nicht fügt, ist alles verloren!« Und Madame de Loux umspannte mit eisernem Griff den Arm des jungen Offiziers und trat in höchster Aufregung einen Schritt näher nach den golddurchwirkten Purpurdecken, welche die Tür zum Arbeitszimmer des Monarchen schlossen. »Madame ... ich beschwöre Sie ... zurück!«   »Still, still, die Kaiserin will es wissen,« flüsterte die schöne Frau wie in leisem Zischen entgegen, neigte sich noch einen Moment lauschend vor und wandte sich dann, jah aufschreckend, mit schneller Bewegung zur Tür zurück. »Er entläßt ihn, muß ihn entlassen, der Rasende nimmt ja keine Vernunft an! Nun denn – wie man sich bettet, so liegt man – hier ist Fürst Sobolefskoi von Stund an unmöglich geworden!« »Selbstredend unmöglich!« triumphierte Graf Karnitcheff und möchte abermals die Hand der reizenden Witwe küssen, sie winkt ihm jedoch hastig ab, lächelt ihm so gut zu, wie sie in diesem Augenblick zu lächeln vermag, und rauscht mit endloser Trauerschleppe über die Türschwelle in die Vorhalle zurück. Als Fürst Sobolefskoi mit hochgerötetem Antlitz in das Vorzimmer zurücktritt, steht der Adjutant am Fenster und scheint anfänglich das Eintreten des Kammerherrn zu überhören, erst als ihn der alte Herr, höflich wie immer, anredet: »Leben Sie wohl, Graf Karnitcheff, ich werde wohl nicht mehr die Freude haben, Sie noch einmal in diesen Räumen wiederzusehen!« wendet er sich kurz um, ignoriert die dargebotene Hand und verneigt sich kalt und stumm wie ein Pagode. »Wetterfahne!« denkt Sobolefskoi und wendet sich zur Tür. Als er die Halle durchschreitet, sieht er die beiden Komtessen Imanoff und Madame de Loux in eifrigstem Gespräch vor den Privatgemächern der Kaiserin stehen. Madame de Loux war stets seine gute Freundin, welche ihn durch tausend kleine Liebenswürdigkeiten geradezu verwöhnt hat, auch die beiden Komtessen hatten ihm stets nur die schönsten Dinge gesagt. Er will seiner Gewohnheit gemäß mit ein paar heiteren Worten zu den Damen herantreten, bleibt aber ganz betroffen stehen, als sich die Köpfchen kaum halb zur Seite wenden, als ein undefinierbarer Blick ihn vom Scheitel bis zur Sohle mißt und die drei Begleiterinnen der Zarewna mit kaum merklichem Gegengruß an ihm vorüberschreiten. Fürst Sobolefskoi ist unmöglich geworden. Einen Moment trifft es den alten Herrn doch wie ein feiner Stich ins Herz, dann lächelt er abermals. Narr, der er ist, zu vergessen, daß Madame de Loux' idealster Traum ein alter Gatte mit gutem Namen und großem Vermögen ist, der ihr bald zum zweitenmal den Witwenschleier über das rotblonde Haupt breiten wird! Der Kammerherr bleibt zögernd stehen und läßt den Blick umherschweifen. Zum letztenmal steht er auf dem Marmorboden von Gatschina; wenn er die Schwelle überschreitet, fällt die Tür hinter ihm ins Schloß und schiebt auf ewige Zeiten ihren Riegel zwischen ihn und den Hof des Zaren. In hoher Ungnade hat ihn der Kaiser entlassen, hat ihn für immer aus seiner Umgebung ausgeschieden, und daß kein Bittgesuch jemals den Abgrund solcher Verbannung überbrücken kann, weiß Sobolefskoi. Mit blitzendem Auge hat der hohe Herr vor ihm gestanden: »Sie sind ein Narr, Sobolefskoi, wenn Sie glauben, in der Liebe eines unebenbürtigen Weibes Ihr Glück zu finden! Ihr ganzes Dasein wurzelt in Ihrer Stellung, Sie werden verschmachten und ersticken wie der Fisch auf trockenem Lande, wenn Sie keine Hofluft mehr atmen!« Sollte der Zar recht haben? Langsam strich Gregor über die Stirn und lächelte, aber er sog begierig den duftigen Hauch ein, welcher durch die Korridore wehte. Ja, das war Hofluft! Wer kannte sie besser denn er? Balsamisch und wundersam feierlich, süß und streng zugleich, ein Gemisch von »Sonne, Mond, Sterne, Himmelsglanz und Veilchenduft«, wie Jean Paul ehemals voll enthusiastischen Entzückens aus Thüringen geschrieben. Hofluft und Opium gleichen sich, wer einmal von dem berauschenden Gift genossen, kann nicht mehr davon lassen. Lächerlich, die Liebe überwindet alles, Himmel und Erde, und der feine Hauch dieser geheimnisvollen Hofluft sollte sie gleich leerer Spreu über den Haufen blasen? Fürst Sobolefskoi hob voll freudiger Zuversicht das Haupt, atmete noch ein paarmal tief aus, gleichsam, als wolle er sich zum letztenmal an heimatlicher Quelle für eine lange Pilgerfahrt satt trinken, und schritt hastig an den Lakaien und Türhütern vorüber, auf die Fahrrampe hinaus. Eine kraftvolle Tscherkessenfaust faßte den schweren Bronzegriff und drückte hinter ihm wieder die Tür in das Schloß, ganz wie gewöhnlich, diesmal aber tönte das leise Geräusch des Aufklappens ganz wunderbar an das Ohr des verabschiedeten Kammerherrn, wie der Mahnruf einer Uhr, welche verkünden will, daß eine Frist abgelaufen.   II.   Die kurländische Besitzung des Fürsten Sobolefskoi dehnte sich in außerordentlichem Flächengebiet an dem Strande der Ostsee entlang. Auf dem höchsten Punkt einer kurzen Hügelkette ragte ein kolossaler, klosterartiger Schloßbau mit unzähligen Türmen und Türmchen gegen den blaugrauen Himmel empor, ein trutziger Markstein am Baltischen Meere, in dessen bemooste Quadern auch der Stift der Klio seine Runen gegraben. Voll schwermütig erhabener Schönheit dehnte sich die bleifarbene Unermeßlichkeit des Meeres zu seinen Füßen aus, lag weit und unumgrenzt das flache Land in seiner düsteren Waldeinsamkeit, und soweit auch der Blick schweifen mochte, er traf nur ein Bild des tiefsten, traumhaftesten Friedens, zu welchem die rollende See ihr majestätisch Psalmenlied der Ewigkeit sang. Ja, es war einsam hier, viel einsamer als es sich Fürst Sobolefskoi und seine junge Gemahlin vorgestellt hatten, aber in der ersten Zeit seines jungen Eheglücks hatte der Kammerherr diese Abgeschiedenheit von aller Welt geradezu vergöttert, und Fürstin Eglantina tröstete sich in dem Gedanken, daß solch ein Exil ja nicht ewig dauern könne. Das Glück ist eine schillernde, eilig dahinschwebende Kugel, und auch der süßeste Duft einer Rose verweht mit der Zeit. Die Gewohnheit aber ist ein ruhig und sicher daherschreitendes Weib in grauem Nonnengewand, mit kalten, unendlich nüchtern blickenden Augen, das greift mit herber Hand jeglichen Flitterstaat nnd reißt ihn erbarmungslos herunter, das deckt unerbittlich alle Mängel und Fehler auf und zerschlägt die rosigen Brillen, welche der Optimismus dem schwärmerischen Menschenkinde vor die Augen geschoben. Wenn Mademoiselle Eglantina bei günstiger Beleuchtung auf der Bühne stand und durch die Worte und Melodien, welche andere ersonnen, das Publikum entzückte, war es begreiflich, daß Fürst Sobolefskoi sich ein Leben an ihrer Seite so interessant nnd anregend wie nur möglich dachte, und wenn er sie nun im Schloß von Miskow stundenlang auf einem Diwan liegen sah, apathisch und gelangweilt, unlustig selbst, ein gutes Buch zu lesen, so war eine herbe Enttäuschung unausbleiblich. Die junge Fürstin war eine äußerst gutmütige Frau, welche sich trotz ihrer zweijährigen Bühnenlaufbahn überraschend viel Moral und gute Grundsätze bewahrt hatte, aber sie war ein unbeschriebenes Blatt, ohne Erziehung, ohne Kenntnisse und ohne den mindesten Trieb, sich dieselben anzueignen. Eine gediegene oder etwas tiefer gehende Unterhaltung mit ihr zu fuhren, war eine Unmöglichkeit, und da sie ohne Bühne und entsprechendes Kostüm ungern sang, wurde das monotone Leben in dem Strandschloß auch selten durch ein paar Lieder unterbrochen. Anfänglich hatte Eglantinas Geist noch von den Petersburger Erinnerungen und Eindrücken gezehrt, hatte durch die Fremdartigkeit der neuen Umgebung und durch den Reiz, »Fürstin zu spielen«, für kurze Zeit Nahrung erhalten, als aber ein halbes Jahr verstrichen war, und jegliche Anregung von außen mangelte, da wurde der Verkehr mit ihr immer nüchterner und langweiliger, und bald wußte und kannte die junge Frau nichts anderes, als gähnend in den seidenen Kissen zu liegen, Süßigkeiten zu naschen und voll Indolenz die goldenen Locken um die Finger zu rollen. Fürst Sobolefskoi aber mit seinen weitgehenden großen Interessen, verwöhnt durch geistreiche Konversationen und lebhaft berührt durch jegliche Tagesfragen, welche ihm die zahllosen Zeitungen und Journale wie ein Echo aus der großen Welt zuriefen, empfand es geradezu als Qual, nicht das mindeste Entgegenkommen auf seine Passionen bei Eglantina zu finden. Anfänglich hatte er sich an dem Gedanken berauscht, ihr Lehrmeister zu werden und sie zu sich heranzubilden, doch wurde es ihm bei seiner nervösen, ungeduldigen Natur bald zur Unerträglichkeit, in die verständnislos aufgerissenen Augen seiner Gemahlin zu sehen, welche durch ihren geistlosen Ausdruck jeglichen Scharms verlustig gingen. Er flüchtete in sein Zimmer zurück und schüttete sein Herz den kleinen Sängern in der Voliere aus, welche ihm wenigstens durch eifriges Zwitschern und Überschreien ihre Dankbarkeit für solche Unterhaltung ausbrückten. Schon stieg es wie ein graues, unheimliches Gespenst aus dem Paradies der Illusionen empor. Fürst Gregor ertappte sich oft bei einem schweren Seufzer und hatte die Zeitungen, welche interessante Hofnachrichten aus Petersburg brachten, schon mehr als einmal heftig zusammengeknäult in den Papierkorb geworfen. Da stieg noch einmal die Sonne am Horizont empor und verscheuchte die Nebel, welche alles Glück zu verschlingen drohten. Fürstin Eglantina schenkte ihrem Gatten ein Söhnchen. Eine unendliche, fast exaltierte Freude bemächtigte sich des alten Herrn, als er das auffallend zarte und schwächliche Kind, den Stammhalter seines Namens, auf den Armen wiegte. All sein Interesse, seine Liebe und Sorgfalt konzentrierten sich auf das kleine Wesen, und wie zuvor die Wochen bleischwer und träge dahingeschlichen waren, so schwanden ihm jetzt die Monate wie im Traume. Fürstin Eglantina aber ward noch stumpfsinniger als erst und bestürmte ihren Gemahl mit Tränen und Vorwürfen, sie nun endlich in die große Welt zurückzuführen. Wohin aber sollte sich Fürst Sobolefskoi wenden? Er war überall bekannt, und die Kunde von seiner Mesalliance hatte die vornehme Welt Europas wie ein Lauffeuer durchflogen! Konnte er sich mit seiner so unendlich unbedeutenden Frau, deren Schönheit selbst argen Abbruch erlitten, seit sie bei all der Ruhe und guten Pflege sehr zum Starkwerden neigte, konnte er sich mit ihr zurück in die Gesellschaft wagen, ohne herbe Demütigungen, Spott und Zurückweisungen zu erleben? Nein, Fürst Sobolefsloi will in seinem selbstgewählten Exil geduldig ausharren, bis einst die Erziehung seines Sohnes einen Domizilwechsel notwendig macht. Außerdem ist er noch immer eifersüchtig. Er hat beobachtet, daß Eglantina den jungen Maler, durch welchen er ihr Porträt hat anfertigen lassen, genau so mit den großen Taubenaugen angeschmachtet hat, wie ehemals ihn. Sie hat das nicht in böser Absicht getan, denn es ist nun einmal ihre Art und Weise, sich durch Blick und Mienen beliebt zu machen, weil sie es nicht mit   Geist und Worten kann, aber Fürst Sobolefskoi will es nicht erleben, daß sich die Stutzer und Elegants solch ein Wesen anders deuten. Einer ehemaligen Sängerin gegenüber glaubt sich jeder etwas zu dreisterem Verkehr berechtigt. Eglantina aber behauptet, die Einsamkeit nicht mehr ertragen zu können, sie leidet in der Tat darunter und wird nervös und reizbar in ihrer Ungeduld; es kommt zu heftigen Szenen zwischen den beiden Gatten, welche das Band, das sehr gelockerte Band der Liebe völlig zu zerreißen drohen. Der Rausch ist verflogen, eine entsetzliche Ernüchterung hat sich statt seiner breit gemacht, und der Kammerherr preßt aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und denkt an Petersburg zurück, wie an ein verlorenes Paradies. Dazu kommt es, daß sein Söhnchen in keiner Weise den Hoffnungen des Vaters entspricht. Der kleine Daniel entwickelt sich sehr langsam, Sobolefskoi hat eine geraume Zeit die ernstesten Befürchtungen gehegt; mit größter Sorge und Mühe ist das schwache Kind überhaupt am Leben erhalten, und wo er jetzt sein zweites Lebensjahr erreicht hat, kann er sich kaum auf den Füßchen halten und ist so häßlich, daß bei seinem Anblick das Herz des Vaters blutet. Kein Geistesfünkchen leuchtet aus den dunklen Augen, welche unnatürlich ernst, beinahe schwermütig ins Leere starren, kein Jubellaut klingt über die Lippen, kein lebensvolles Regen der Arme oder Beinchen, langsam und schwer ist jede Bewegung, und wenn nach langen Bemühungen, den Kleinen zu amüsieren, endlich ein müdes Lächeln über das welke Gesichtchen zuckt, so ist's nur ein ganz flüchtiges Interesse, welches schon im nächsten Moment wieder dem stieren Vorsichhinbrüten weichen muß. Noch einundeinhalbes Jahr erträgt Fürst Sobolefskoi die Misere seines Hauses. Seiner Gemahlin ist er fast völlig entfremdet, sie amüsiert sich damit, die kostbarsten Kostüme und Toiletten aus Paris kommen zu lassen, einen berühmten Gesanglehrer zu engagieren und all ihre ehemaligen Opernpartien mit Passion wieder einzustudieren. Der Kammerherr sieht es gleichgültig mit an, bezahlt die Rechnungen, ohne ein Wort über ihre erstaunliche Höhe zu verlieren, und sitzt stundenlang in der Kinderstube bei seinem Knaben, welcher jetzt endlich zusammenhängende Sätze spricht. Der kleine Daniel ist ein ganz eigentümliches Kind. Er weint oder schreit nie, er hat weder Sympathien noch Antipathien, er blickt jedermann gleich ernsthaft aus dunklen Augen an und regt halbe Tage lang die mageren Fingerchen, um bunte Glaskugeln zu verschiedenen Figuren zusammenzusetzen. Seine Mutter kennt er kaum, sie kommt selten zu ihm, und wenn sie kommt, ist's nur, um ihre Hand flüchtig über den unförmig großen Kopf gleiten zu lassen und bedauernd auszurufen: »Armer Daniel! Du bist doch gar zu häßlich!« Fürst Sobolefskoi ist genötigt, eine Reise zu seinem Pariser Bankier anzutreten, und da der Herbstwind bereits die bunten Blätter von den Bäumen reißt und mit scharfem Sausen jene entsetzliche Zeit verkündet, da Miskow in unabsehbaren Schneefeldern begraben liegt, schlingt Eglantina zum erstenmal seit langer Zeit wieder die Arme um den Hals des Gatten und fleht ihn unter heißen Tränen an, sie mitzunehmen. Ein finsterer Blick trifft sie: »Und wer soll bei Daniel bleiben?« »Sein ganzer Hofstaat, mit welchem du ihn umgeben hast! Treue Dienstboten, ein vortrefflicher Arzt, fürsorgliche Wärterinnen und meine Gesellschaftsdame, der ich diesen zweiten verlorenen Winter, welchen sie hier in der Grabeseinsamkeit aushalten muß, mit Gold und Brillanten aufwiegen werde!« Die Fürstin warf die blonden Locken ebenso graziös zurück wie ehemals, da sie noch auf den Brettern stand, und sah dem Kammerherrn mit unwiderstehlichem Blick in die Augen. »Ich ertrage dieses Leben nicht länger, Gregor. Diese entsetzliche Einsamkeit, welche Herz und Geist verkümmern läßt, ist an all unserem Unglück schuld. Führe mich wieder in die Welt zurück, laß mich die Saison hindurch mein junges Leben genießen, laß mich den Karneval über den vollen Becher des Vergnügens leeren, und ich will ohne Murren den langen Sommer über in Miskow schmachten, ohne dich jemals durch Langeweile oder Launen zu plagen. Dein gehorsames und treues Weib will ich sein, wenn du das Leben redlich mit mir teilen willst! Du liebst die Einsamkeit, wohl, sie soll dir im Sommer werden, ich aber verlange nach Menschen, nach Licht, Leben und Walzerklängen, darum gib mir den Winter mit seiner bunten Lust, und wir beide werden glücklich sein!« Es lag wieder ein Hauch der früheren Anmut und Lebhaftigkeit über der jungen Frau, welche in reizendster Morgentoilette so vorteilhaft wie seit langer Zeit nicht mehr aussah. Eine jähe Bitterkeit überkam den Fürsten. Ihr junges Leben genießen! Tanzen und sich amüsieren, und den grauköpfigen Gatten zum Gespötte der Welt machen! Das eben war es, was er nicht dulden wollte, was ihn hinausgetrieben hatte, als Einsiedler hier sein Schicksal zu verfluchen! Er war elend genug, er lechzte am meisten nach Welt und Leben, er schmachtete nach jenem verlorenen Paradies, aus welchem er um ihretwillen entflohen, oder sollte er zurückkehren, so wollte er in der Sphäre leben, welche seine Heimat war, so wollte er Hofluft atmen oder Grabesluft; er konnte den Fuß auf kein anderes Parkett, als das des Hofes setzen, und weil dies unmöglich war, weil er sich selber seine Stellung auf der großen Weltbühne verscherzt hatte, so blieb er nun auch voll finsteren Trotzes hinter den Kulissen, um nicht als Hanswurst bei neuem Auftreten ausgepfiffen zu werden. Da er aber glaubte, kein Recht zu haben, seiner Gemahlin eine Reise zu versagen, welche er selber unternahm, so zuckte er mit finsterem Blick die Achseln und entgegnete kurz: »Meine Reise ist noch nicht definitiv bestimmt, eine Depesche wird mir sagen, ob ich dieselbe unterlassen kann. Ist dies der Fall, wirst auch du auf einen Aufenthalt in Paris verzichten müssen.« Mit blitzendem Auge trat Eglantina noch um einen Schritt näher, fiebrische Glut stieg in ihre Wangen, und die geballten, kleinen Hände bebten. »Nein, das werde ich nicht!« rief sie außer sich, »und du wirst mich aus diesem entsetzlichen Klima, dessen Schneeluft Gift für mich ist, entfernen, oder es erleben, daß ich den Zaren um Hilfe anrufe, mich vor der Eigenwilligkeit und Brutalität meines Gemahls zu schützen! Meine Gesundheit erfordert eine Reise nach dem Süden, und gewährst du sie nicht freiwillig, werde ich sie erzwingen!« Der Fürst war erbleicht. Ihre Drohung mit dem Zaren war lächerlich, aber Eglantinas Taktlosigkeit konnte es leicht zuwege bringen, die ganze Misere seiner Ehe nach Petersburg zu posaunen, um ein schallendes Triumphgelächter als Antwort zurückzuerhalten. In jähem Entschluß hob er das Haupt, »Geh, ich halte dich nicht. Laß deine Koffer packen und reise in das Ausland, wohin du willst; wenn auch die Bande, mit welchen der Segen der Kirche unsere Hände zusammengeschmiedet, niemals gelöst werden können, so vermögen wir dennoch eigene Wege zu gehen, und je weiter dieselben auseinanderführen, desto besser, Daniel wird dich nicht vermissen, hoffen wir, daß er seine Mutter wiedererkennt, wenn sie zurückkehrt!« Einen Augenblick starrte die Fürstin den Sprecher aufs höchste überrascht an, diese Schicksalswendung hatte sie weder gewollt noch erwartet. Nicht aus leichtsinnigen Motiven hatte sie eine Reise erzwingen wollen, sondern lediglich weil ihrer oberflächlichen und genußsüchtigen Natur die Grabeseinsamkeit von Miskow und die stets wachsende Nervosität und Unliebenswürdigkeit Sobolefskois unerträglich wurden. Daß sie nicht im mindesten mit ihm harmonierte, wußte sie, und daß der Fürst sie als Urheberin seines Unglücks, ohne Hofleben existieren zu müssen, ansah, hatte sie empfunden, daß aber seine Liebe zu ihr so vollständig erloschen war, daß er sich von ihr trennte, ohne den mindesten Kampf mit seinem Herzen, das hatte sie nicht geahnt. Aufs tiefste verletzt und gereizt wandte sie ihm den Rücken und schritt nach ihren Gemächern zurück, voll zorniger Hast Befehle zu ihrer Abreise zu geben. Eine kurze Zeit empfand sie noch Groll und Bitterkeit gegen ihren Gatten, dann siegte schnell ihre lebenslustige Natur, welche sich keinen Vorwurf daraus machte, kraft ihres Namens und Geldes ein wenig von der Welt zu sehen. Hatte sie nicht lange genug an Gregors Seite in dieser Verbannung ausgehalten? Hatte sie ihm nicht treu und geduldig die schönsten Jahre ihres Lebens geopfert? Nun will sie auch einen Lohn dafür haben, denn man heiratet doch schließlich keinen alten Mann, um ihm in eine Einöde zu folgen! Es steckt eine dämonische Gewalt in dem bunten Flitterstaat und Komödiantenglast! Seit Eglantina wieder gesungen und Schminke auf dem Antlitz gefühlt hatte, erfaßte sie eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Freude und Genuß, denn auch die Luft, welche das Hoflager der Thalia und Euterpe umweht, hat etwas Zwingendes und lockt mit tausend Gewalten ihre fahnenflüchtigen Jünger zurück! Noch einmal stand Eglantina an dem Bettchen ihres Knaben, dessen gelblich hageres Gesichtchen wie das eines alten Mannes aus den seidenen Kissen schaute. Groß und melancholisch starrten sie die dunklen Augen an, kein Händchen hob sich der Mutter verlangend zu, nur ein leiser Seufzer klang über die Lippen, als die Fürstin etwas hastig und erregt den Kleinen emporhob, ihn zu küssen. Jedes harte Anfassen verursachte dem schwächlichen Körperchen Schmerzen, und so schloß Daniel wie ein Märtyrer stumm die Augen und sah nicht, wie seine Mutter für immer hinter der Tür verschwand. Für immer! In der ersten Zeit schickte sie kurze Nachrichten und fragte nach dem Ergehen ihres Kindes, dann blieb wochenlang jede Kunde von ihr aus, bis endlich ein langer Brief aus Verona eintraf, jubelnd und glückberauscht. Eglantina schrieb ihrem Gemahl, daß sie im Theater gesessen habe, in der »Lukretia«, als die Sängerin dieser Rolle plötzlich an Vergiftungssymptomen erkrankt sei; kurz entschlossen – die Sache habe ihr einen kolossalen Spaß bereitet! – sei sie aus ihrer Loge auf die Bühne getreten und habe in ihrem schwarzen Spitzenschleppkleid und einem schnell übergeworfenen italienischen Schleier die Partie zu Ende gesungen. Das Publikum sei wie von Sinnen gewesen in seinem Enthusiasmus, nur durch eine kleine Seitenpforte flüchtend, habe sie sich vor den stürmischen Ovationen retten können, und heute sei ganz Verona in Aufregung über die geheimnisvolle Diva. Leider sei ihr Name schon bekannt geworden, und der Theaterdirektor bestürme sie auf den Knien, noch einmal in der ganzen Rolle aufzutreten. Die Lukretia sei stets eine Lieblingspartie von ihr gewesen, und sie könne ihm gar nicht mit Worten das wonnevolle Entzücken beschreiben, mit welchem sie seit so langer Entbehrung den Applaus der Menge vernommen! »Ja, die Euterpe sitzt auf gewaltigem Thron!« schloß der Brief voll Exaltation, »und das Zepter, welches sie schwingt, ist mit Lorbeeren und Rosen umwunden! Wo sie Hof hält, klingen die Zauberweisen der Unsterblichkeit, und wer einmal diese Luft voll Sang und Klang geatmet, diese Hofluft des gemalten Purpurs und der Papierkronen, der ist zu ihrem Sklaven geworden und hängt ihr an, im Leben oder Tod!« Der Fürst zitterte vor Empörung und jagte eine Depesche nach Verona, welche seiner pflichtvergessenen Gemahlin aufs strengste untersagte, jemals wieder die Bretter zu betreten. Keine Antwort. Nach Wochen endlich ein eingeschriebener Brief aus Rom. Als Sobolefskoi ihn öffnete, fiel ihm ein amtliches Schriftstück entgegen, der Totenschein der Fürstin Eglantina Sobolefskoi; aber um denselben war ein Blatt Papier geschlagen, welches folgende, von der eigenen Hand seiner Gemahlin geschriebene Zeilen enthielt: »Lieber Gregor! Man soll nicht gegen die Möglichkeit streiten wollen! Du hast mir befohlen, nie wieder als Sängerin aufzutreten, und ich habe gegen Deinen Befehl gehandelt. Ich habe mit meiner Gesellschafterin die Rollen getauscht, sie spielte die Fürstin, und ich stand in ihrem Dienst, und ich sang allabendlich und feierte Triumphe. Du hast mir einstmals gesagt, Du verzehrtest Dich in Sehnsucht nach der Luft des Zarenhofes; wohl, auch ich verschmachte, wenn ich künftighin ohne die Luft leben soll, welche die Purpurmäntel der Könige des Thespiskarrens umweht. Und so werfe ich alles hin, was ich besitze, die Fürstenkrone, Geld, Gatten und Kind und flüchte mich zurück in das Paradies, welches ich um Deinetwillen verlassen habe! Und ist's mein Unglück und mein Tod, ich kann nicht anders! – Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Meine arme Gesellschafterin, die Pseudo-Fürstin Sobolefskoi, ist in Neapel an dem Typhus erkrankt und vor wenig Tagen daselbst gestorben. Man fertigte auf mein Verlangen den Totenschein aus, und zwar auf den Namen, den sie geführt, wie dies ja selbstverständlich war. Anbei schicke ich Dir das kleine Stückchen Papier, welches unser beider Freiheit einschließt. Du bist, ebenso wie ich, aller Bande ledig. Fürstin Sobolefskoi ist tot, und ihre Gesellschaftsdame? Die wird nie und nimmer wieder Deine Wege kreuzen. Lebe wohl für ewig, Gregor, bring meinem Knaben den letzten Kuß der Mutter und sei für alles Gute, was Du ihr je getan, gesegnet von Wera Czakaroff.« Einen Augenblick griff der Fürst wie schwindelnd nach der Lehne seines Sessels, er ließ das Blatt zur Erde gleiten, schlug die beiden Hände vor das Antlitz und hob sie alsdann inbrünstig gefaltet zum Himmel. Ein einziges Wort zitterte wie ein Jubelschrei von seinen Lippen – »frei!« III.   Fürst Sobolefskoi las den Brief seiner Gemahlin immer und immer wieder. Ja, es war ein wunderbares Spiel, welches das Schicksal mit ihnen trieb, und ein fast traumhaftes Glück, welches ihm plötzlich seine Freiheit zurückschenkte! Er kämpfte eine kurze Zeit mit seiner Rechtlichkeit und seinem Herzen, ob er von der eigentümlichen Lage der Dinge Gebrauch machen dürfe, doch kam er schnell zu der Einsicht, daß er ein Narr wäre, die Schlinge, welche der Zufall barmherzig gelockert, voll übertriebenen Ehrgefühls wieder um seinen Hals festzuziehen. War es nicht das beste für Eglantina sowohl wie für ihn selbst, wenn sich eine Grabestiefe trennend zwischen sie riß, eine Tiefe, welche ja nichts weiter verschlang als den Namen eines Weibes und den Titel einer Fürstin Sobolefskoi? Eglantina selber lebte ja und war glücklich, und auch er konnte nun vielleicht zurückgewinnen, was er ehemals mutwillig verscherzt. Dieses kleine Stückchen Papier, welches das Ableben der Fürstin Sobolefskoi dokumentierte, gab zwei Menschenleben ihrer ureigentlichen Bestimmung zurück und erlöste beide von dem schiefen Pfad, auf welchen sie die Verblendung getrieben! Und was riskiert Fürst Gregor, wenn er einer amtlichen Bescheinigung Glauben schenkt? Nicht er, sondern Eglantina hat ein betrügerisches Spiel getrieben, für welches sie nur allein zur Rechenschaft gezogen werden kann, sollte sie jemals wieder unter den Lebenden auftauchen, denn das Begleitschreiben, welches den Kammerherrn zum Mitwisser des falschen Spiels macht, wird in Asche zusammenfallen, und kein Mensch kann jemals beweisen, daß es in seine Hände gelangte. Und wollten dennoch Skrupel und Besorgnisse warnend ihre Stimme erheben, so wurden sie von den Seufzern fiebrischer Sehnsucht übertönt, welche den ehemaligen Höfling unwiderstehlich nach Petersburg zurückzog. Gleich wildem Heimweh erfaßte ihn das Verlangen nach seiner früheren Stellung, und darum gab es kein Besinnen mehr, ob er in Fortunas dargereichte Hand einschlagen solle oder nicht. Kurz entschlossen barg er die Zeilen Eglantinas in dem Geheimfach seines Schreibtisches, schellte dem Kammerdiener und befahl ihm, das gesamte Dienstpersonal in der Schloßkapelle zu versammeln. Dort erhielten sie die Kunde von dem Ableben ihrer Gebieterin. Von dem Frontturm auf Miskow wehte das umflorte Wappenbanner auf halbem Mast, aus den Fenstern hingen die schwarzen Trauerfahnen hernieder, und in düsteren Porphyrbecken brannten Tag und Nacht die gewaltigen Pechfeuer vor der Einfahrt. Das Bild der Fürstin war in der Kirche aufgestellt, umgeben von Palmen und Blütenpracht und beleuchtet von den hohen Wachskerzen, welche auf massiv goldnen Kandelabern zu beiden Seiten des Gemäldes postiert waren. Nach acht Tagen aber wurden die Fahnen außer dem Halbmastbanner wieder entfernt, die Feuer verloschen, und das Bild Eglantinas ward an seinen alten Platz im Zimmer Sobolefskois zurückgetragen und durch eine schwarze, florüberwallte Wollportiere verhängt. Die Zeitungen des In- und Auslandes brachten im breiten Trauerrahmen die Todesanzeige der so früh Verblichenen, und Privatanzeigen meldeten den ehemaligen Freunden Gregors die traurige Neuigkeit nach Petersburg. Nur sehr vereinzelt kamen die formellen Kondolenzschreiben zurück, der Kammerherr aber drückte das Antlitz auf die schwarzgeränderten Bogen und atmete voll Exaltation den feinen Duft, welchen sie ausströmten. Ein Hauch von Hofluft! Direkt aus dem Schloß des Zaren zu ihm herübergeweht, echt und unverfälscht überkommen, zu ihm, dem Geächteten und Verbannten! Ein Taumel der Wonne überkam den alten Herrn, welcher voll freudiger Hoffnung in neuen Zukunftsträumen schwelgte. Er wird abwarten, bis sich die durch Eglantinas Tod frisch geweckten Erinnerungen in Petersburg verwischt haben, bis der Sommer die Hofgesellschaft zerstreut hat und sie der Herbst mit neuen Interessen und Eindrücken wieder vereint, und dann wird er den großen Wurf wagen, wird sein Haupt in Reue und Demut vor dem Kaiser neigen und zurückkehren in die Welt, ohne welche er das Leben nicht mehr erträgt. Der Zar hatte dermalen des Fürsten Verbindung mit der Madame de Loux gewünscht und ihm dieses Verlangen bei der letzten Audienz direkt ausgesprochen, und er, der Wahnwitzige, Verblendete, hatte der vorsorglichen Güte seines Gebieters ein schroffes Nein entgegengestellt, hatte voll unbegreiflichen Starrsinns an seiner Bitte um Entlassung aus dem Hofdienst festgehalten. Den Kammerherrn fröstelt's vor Entsetzen über sich selbst, wenn er an diese letzte Stunde denkt, aber er will alles sühnen, was er gefehlt, er will Madame de Loux' kleinen Fuß, mag er sich noch so tyrannisch auf seinen Nacken setzen, demütig und gehorsam wie ein Sklave küssen, alles, alles will er tun, was man von ihm verlangt, wenn man ihn nur wieder auf dem Parkett duldet und ihn die Luft atmen läßt, ohne welche er hier verschmachtet. Damit tröstet er sich. Der Sommer vergeht schnell, weil der Fürst ihn zu einer Reise nach Paris benutzt, und als er wiederkehrt, treten ihm Tränen der Rührung in die Augen, als Daniel ihn erkennt und mit seinem resignierten Lächeln die kleine Hand entgegenreicht. Der Knabe hat sich körperlich entwickelt, aber sein stilles, apathisches Wesen ist unverändert dasselbe geblieben. Sein Gouverneur und der Arzt sprechen dem Fürsten die Überzeugung aus, daß keinerlei Besorgnisse für die geistigen Fähigkeiten des Kindes zu hegen sind. Er hat nicht die Art, seine Empfindungen durch Worte oder Zeichen zu äußern, aber es wohnt ein so tiefes und mächtiges Gefühl in dem schwachen Körperchen, wie man kaum für möglich halten sollte. Das beweist er am besten vor seinen Bilderbüchern. Welch ein wonnevolles Aufatmen, welch ein rührendes Lächeln des Mitgefühls, wenn es dem Helden seiner Geschichte und selbst den niedrigsten Kreaturen des Tierreichs gut ergeht, und welch ein stummes, schmerzgefoltertes Zucken der kleinen Glieder, wenn ihm ein Bild irgendwelches oft noch so unbedeutende Leid vor Augen führt. Fürst Sobolefskoi freut sich solcher Wahrnehmungen auf das herzlichste, aber die Gegensätze zwischen Vater und Sohn sind zu groß, und wenn auch der so nervös erregte alte Herr sich zwingt, Daniel in sein Zimmer kommen zu lassen und eine Stunde lang die entsetzliche Ruhe und Indifferenz des Kindes in einem für beide Teile qualvollen Verkehr zu ertragen, so entfremdet er sich trotzdem immer mehr von ihm. Dazu kommt es, daß Sobolefskoi bereits mit allen Gedanken in Petersburg lebt und in krankhafter Erregung kaum noch die Zeit erwarten kann, welche für sein Bittgesuch am geeignetsten erscheint. Endlich dämmert auch jener Morgen, an welchem die Zeitung die Rückkehr der kaiserlichen Familie in die Residenz meldet. Das Schreiben liegt bereits bis auf das Datum vollendet bereit; mit zitternden Händen füllt der Fürst die leere Stelle aus, drückt das Siegel auf und sagt einen reitenden Boten mit dem Brief nach der nächsten Poststation. Dann unternimmt er mit erregten Schritten eine kurze Promenade, läuft planlos auf der Seeterrasse auf und nieder, bis ihm das monotone Geräusch der Brandung unerträglich wird, und kehrt in sein Zimmer zurück, die Zeitungen weiter zu lesen. Er überblickt die gedruckten Spalten flüchtig und gedankenlos, legt ein Blatt nach dem andern aus der Hand und greift schließlich nach einem französischen Journal, sich durch Reminiszenzen an Paris zu zerstreuen. Anfänglich langweilt er sich auch hier, plötzlich aber stutzt er und neigt sich frappiert näher. Die kleine Chronik bringt unter verschiedenen Hofnachrichten auch ein sensationelles Gerücht, welches zur Zeit die höchsten Gesellschaftskreise der alten Zarenstadt Petersburg alarmiert. Man spricht von der in kürzester Zeit stattfindenden Vermählung der berühmt schönen Palastdame der Kaiserin, Madame de Loux, mit einem der russischen Großfürsten. Frau Fama will ferner wissen, daß der Zar dieser Verbindung viele Schwierigkeiten in den Weg stellt, daß er dieselbe schon seit Jahren gefürchtet und darum den Wunsch gehegt habe, die schöne Witwe durch eine schnelle Heirat unschädlich zu machen. Die Umstände, welche dermals dieses Projekt, zu höchstem Zorn Sr. Majestät, vereitelten, haben durch ihre romanhaften Details genug von sich reden gemacht, und bringt man mit denselben die Namen eines fürstlichen Kammerherrn und einer Hofopernsängerin in Verbindung. Die Zeitung schwankte in den Händen des ehemaligen Höflings; farblos wie das weiße Foulard, mit welchem er über die schweißbedeckte Stirn strich, ward sein Antlitz. Wenn sich dieses Gerücht bestätigte, war alles verloren. Hatte Sobolefskoi in so verhängnisvoller Weise die Pläne seines gnädigsten Herrn gekreuzt, so war keine Hoffnung, den Zaren jemals wieder zu versöhnen, jemals wieder zu Gnaden von ihm aufgenommen zu werden. Und fand auch die Vermählung nicht statt, so war der Fürst dennoch die Veranlassung jahrelangen Ärgernisses für den Kaiser gewesen, denn daß der Großfürst die schöne Witwe schon damals auszeichnete, war Tatsache. Wer aber hatte zu seiner Zeit geglaubt, daß aus solch einer Courmacherei Ernst werden könne, daß der Prinz aus anderen Motiven, als aus dem » pour passer le temps «, die Koketterien der Baronin mit Galanterie beantwortete? Der Zar hatte schon damals besser Bescheid gewußt und darum die Starrköpfigkeit seines Kammerherrn so sehr ungnädig aufgenommen, er wußte, daß dem fürstlichen Krösus Sobolefskoi keine Dame der Hofgesellschaft ein Körbchen auf einen Heiratsantrag geschickt hätte! Und damals glaubte Madame de Loux selber noch nicht an ernste Absichten des Prinzen und hätte ihrerseits einer Verbindung mit dem Kammerherrn gewiß keine Hindernisse in den Weg gelegt. Späterhin war das wohl anders geworden, und die intrigante Frau hatte sicherlich Mittel und Wege gefunden, jeden Plan ihres kaiserlichen Herrn geschickt zu vereiteln. Wie oft mochte sich dessen Zorn noch gegen den undankbaren und verblendeten Höfling gerichtet haben! Sobolefskoi fühlte es eiskalt durch alle Glieder rieseln, und dann wieder stieg die heiße Glut jäher Herzensangst in ihm empor und trieb ihm feuchte Tropfen auf die Stirn.   In maßloser Aufregung verbrachte er den Tag und die folgende Nacht, ruhelos umherirrend, verfolgt von dem Schreckgespenst des Gedankens: »Der Zar ist unversöhnlich!« Der nächste Tag verging unter Folterqualen der Ungewißheit und Besorgnis, und wenn auch der darauffolgende Morgen eine höchst überraschende, sensationelle Nachricht brachte, so diente dieselbe durchaus nicht dazu, die Befürchtungen des alten Herrn zu vermindern. Die kleine Chronik teilte ihren Lesern die fast unglaubliche, aber doch wahrhafte Tatsache mit, daß am gestrigen Tag in aller Stille und vor nur wenigen Zeugen die Trauung der Madame de Loux und des Flügeladjutanten Sr. Majestät des Zaren, Grafen Karnitcheff in »Peter und Paul« vollzogen sei. Sobolefskoi wußte, daß weder Madame de Loux noch Karnitcheff Vermögen besaßen, es hatte also den Kaiser sicherlich einen tiefen Eingriff in die Privatschatulle gekostet, diese Vermählung zu ermöglichen. Der Zar aber war allen großen Ausgaben, die hätten vermieden werden können, bitter feind, und darum mochte er nun wohl voll doppelten Grolls an die Renitenz seines ehemaligen Kammerherrn denken, welche ihn ein solch hohes Kapital kostete. Als schwacher Trost blieb dem Fürsten der Gedanke, daß Zeitungen viele unverantwortliche Dinge melden, daß an dem ganzen Gerücht vielleicht keine Silbe wahr ist und Madame de Loux und Karnitcheff sich aus innigster Liebe, auf ein gutes Avancement des jungen Offiziers hin, geheiratet haben! Dennoch wußte er, der eingefleischte Höfling, auch wieder allzugut, daß sich manch wunderlicher Roman hinter den Kulissen der Fürstensäle abspielt, und daß mancher Herrscher schon ein edelmütiges Opfer gebracht, seines Hauses (Stammbaum von wilden Schößlingen frei zu halten! Tag um Tag verging, ohne Nachricht von Petersburg zu bringen. Sobolefskoi verzehrte sich in fieberischer Aufregung, und je wahrscheinlicher der Gedanke »fortdauernder Allerhöchster Ungnade« wurde, desto krankhafter steigerte sich die Sehnsucht nach jener Welt, aus welcher er sich selber ausgestoßen hatte. Wohl sagte er sich, daß ein jeder andere europäische Hof ihn zu Gnaden aufnehmen würde, daß er kraft seines Namens, Vermögens und seiner Freiheit imstande sei, daselbst noch eine bedeutende Rolle zu spielen, aber sein Herz und seine Seele hingen mit echter russischer Beharrlichkeit und Treue an seiner Heimat Petersburg, und je unbarmherziger dieselbe die Tore vor ihm schloß, desto gewaltsamer vernarrte der Fürst sich in die Idee, nur noch am Hofe der geliebten Zarenstadt existieren zu können. Als nach Verlauf von vierzehn Tagen noch immer keine Antwort aus dem Kabinett des Kaisers eingetroffen war, stieg die Aufregung des Kammerherrn zu einem Grade, welcher den Arzt das Schlimmste befürchten ließ. Die Nerven waren zerrüttet, die physischen Kräfte durch Schlaflosigkeit und unregelmäßige, oft völlig ignorierte Mahlzeiten untergraben, einem Schatten gleich, bleich und verstört, wandelte er ruhelos durch die Säle Miskows. Wie ein Spuk huschte in der Nacht das Licht von einem Gemach zum andern, und das Dienstpersonal wich dem Gebieter scheu aus und flüsterte sich heimlich zu: »Es ist nicht mehr richtig in seinem Kopf! Mit dem Tode der Fürstin hat's angefangen.« Als Sobolefskoi die Ungewißheit nicht mehr ertragen konnte, schrieb er an seinen ehemals so vertrauten Freund, den Oberhofmarschall, und beschwor ihn, ihm beim Heil seiner Seele klaren und bündigen Bescheid, wie seine Chancen bei dem Zaren stünden, zu schicken, Dann wandte er sich wie ein Mondsüchtiger in das Zimmer seines Sekretärs und befahl ihm, in die Stadt zu fahren, um einen Notar zu holen, er beabsichtigte, sein Testament zu schreiben. Der Wagen sauste den Schloßberg hinab, und der Fürst begab sich in sein Zimmer zurück, seinen Schreibtisch für jedwedes Auge einzurichten. Er sortierte die verschiedenen Briefe, vernichtete, was überflüssig war, und schrieb hie und da kurze Bestimmungen oder Bemerkungen an den Rand. Oft hielt er die Hand vor die Stirn und starrte wie geistesabwesend vor sich nieder. Die Brautbriefe Eglantinas noch einmal durchzusehen, behielt er sich bis zuletzt vor. Er legte jegliches Papier, welches von ihrer Hand beschrieben war, auf ein kleines Tischchen beiseite, und als er endlich danach griff und die Zeilen zerstreut noch einmal mit dem Blick überflogen hatte, warf er jeden einzelnen Brief in die Flammen des Kaminfeuers. Zwei Schriftstücke waren schließlich noch übriggeblieben, das Billett, in welchem Eglantina ihr Jawort gab, und dasjenige, welches sie ihrem Totenschein beigefügt hatte. Sobolefskoi hielt das duftende Blatt, welches ihn vor fünf Jahren zum Glücklichsten der Sterblichen gemacht und welches ihm dennoch zum Fluch geworden war, einen Moment leicht zusammenzuckend in der Hand. Dann wandte er sich von dem Kamin ab, warf das Billett auf den Tisch zurück und stützte das gedankenschwere Haupt sinnend in die Hand. Nein, dieses Schreiben sollte nicht in den Flammen untergehen, diese liebesheißen, berauschenden Worte voll Innigkeit und Treue sollten einst seinem Sohne Daniel beweisen, daß er um eines solch verheißungsvollen Glückes willen wohl die Narrheit begehen konnte, dem Hof des Zaren den Rücken zu wenden. Dieser Brief Eglantinas mußte des Fürsten rücksichtslose Kühnheit, »die Hand der Madame de Loux auszuschlagen«, rechtfertigen. Vielleicht konnte ihn Daniel noch einmal gebrauchen. Dieses Jawort sollte aufgehoben werden, aber der letzte verhängnisvolle Brief seiner Gemahlin, welcher den Tod der Fürstin Sobolefskoi zur Lüge machte, der mußte in Rauch und Asche aufgehen, der mußte für ewige Zeiten unschädlich gemacht werden. In wirrer Hast griff der alte Herr nach den beiden Briefen, welche nebeneinander auf der schwarzen Ebenholzplatte lagen, und sah flüchtig darauf nieder. Dieses waren die Liebesschwüle und jenes die kompromittierenden Eröffnungen – Sobolefskoi warf das eine der Schreiben in das durch feuerfeste Metalle doublierte Geheimfach seines Schreibtisches und schob dasselbe zerstreut in seine Fugen zurück. Kein Auge vermochte seine Existenz zu entdecken. Dann wandte er sich mechanisch nach dem prasselnden Feuer zurück, zerriß das weiße Blatt, welches er noch in Händen hielt, in zwei Hälften, und ließ es in die Glut herniederwehen. Rote   Flammen zuckten auf, und schneller, als es der Blick beobachten konnte, verschwanden die verkohlten Papierflocken zwischen den Eichklötzen der Feuerung. Fürst Sobolefskoi stand mit verschränkten Armen und starrte finster in die tanzenden Funken, ahnungslos, daß dieselben nicht die letzten Zeilen Eglantinas, sondern ihr liebeheißes Gelöbnis der Treue unter der Asche begruben. Die Eröffnungen Vera Czakaroffs lagen wohlgeborgen in dem Geheimfach, und über die Türme von Miskow strichen die Raben mit heiserem Unglücksgeschrei. Nach Verlauf einer Woche sprengte der Postkurier in den Schloßhof und überbrachte dem Fürsten die Briefschaften. Eine unnatürliche, starre Ruhe lag über dem fahlen Antlitz Sobolefskois. Parfümiert und zierlich gekräuselt, wie seit Wochen nicht mehr, lag das graue Haar an den eingesunkenen Schläfen, und der Schnurrbart war schwarz gefärbt, wie in den glücklichen Zeiten am Hofe des Zaren. Gregor nahm fester Hand ein großkuvertiertes Schreiben entgegen, sah auf die Schrift der Adresse und legte es tief aufatmend auf die Tischplatte nieder. Dann schritt er ernst und feierlich in sein Ankleidegemach, ließ sich die goldstrotzende Galauniform der Kaiserlichen Kammerherren mit allen Orden und Ehrenzeichen anlegen und betrat hierauf das Zimmer seines Söhnchens. Daniel schloß zwinkernd die Augen, als tue ihnen die funkelnde Pracht des Hofkleides weh, der Fürst aber hob ihn auf die Arme, küßte langsam Mund, Wangen und Stirn des Knaben, machte unmerklich das Zeichen des Kreuzes über ihm und legte sekundenlang die Hand auf sein Köpfchen. Und stumm schritt er wieder durch die Tür in sein Arbeitszimmer zurück. Gelassen nahm er den Brief, erbrach und las ihn. Seine Hand zitterte nicht, und sein Antlitz war leblos wie Stein, Dann trat er zum Kamin und vernichtete auch dieses Schreiben. Auf dem Büchertisch stand ein Kasten mit zwei prachtvollen, mit zwei Edelsteinen besetzten Pistolen, einem Ehrengeschenk des Zaren. Sobolefskoi nahm die eine derselben und spannte ihren Hahn. Wundersam, es war derselbe knackende Laut, wie damals in Gatschina, als die Tür hinter dem Fürsten ins Schloß fiel. Noch einmal trat er vor das Bild seiner Gemahlin, schlug den schwarzen Vorhang zurück und sah mit gläsernem Blick in die dunklen Augen empor, dann zog er das seine Spitzentuch, welches seit seinem letzten Dienst in Gatschina unverändert in der Brusttasche verblieben war, hervor und preßte das Antlitz tief atmend in seine duftigen Falten, Hofluft! zum letztenmal streifte sie mit ihrem Hauch grüßend seine Stirn. Dann erzitterten die feinen Florstreifen vor Eglantinas Bild unter dem Einfluß einer schnellen Bewegung des ehemaligen Kammerherrn Seiner Majestät des Kaisers von Rußland, ein dumpfer Knall ... ein Aufschlagen und ein kurzes Röcheln, und dann eine tiefe, tiefe Stille.   IV. Der Schuß im Zimmer des Fürsten hatte die Mittagsruhe von Miskow weithin durchhallt und eine außerordentliche Wirkung hervorgerufen. Von allen Ecken und Enden stürzte die Dienerschaft in wildem Schreck herzu, ein gellendes Angst- und Jammergeschrei, ein Flüchten und Zuhilfespringen, und zwischendurch klangen die Befehle des Arztes, welcher neben dem Sterbenden kniete und das blutüberströmte, entsetzlich entstellte Haupt auf ein Kissen bettete. In der großen, planlosen Verwirrung hatte niemand auf den kleinen Daniel geachtet, welcher seinem davoneilenden Gouverneur durch die offenstehenden Türen gefolgt war. In die düsteren Wollfalten des Vorhanges gedrückt, welcher vor seiner Mutter Bild herniederfiel, stand die schwächliche Kindergestalt und klammerte sich an das schwarze Tuch. Voll stieren Entsetzens richteten sich die weitaufgerissenen Augen auf das grauenvolle Bild, welches sich ihnen bot, die Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen und durch alle Fasern und Nerven kroch ein eisiges Grauen und legte sich wie Zentnerlast auf die kleine Brust. Einen furchtbaren, unauslöschlichen Eindruck machte der Eindruck des schwerverwundeten Vaters auf Daniel, und gleichsam als habe sich die klaffende Wunde in sein eigen Haupt gerissen, litt des Kindes Seele selber jenes Todesweh, welches den erbleichenden Lippen des Sterbenden die letzten Seufzer auspreßte. Endlich bemerkte eine der helfenden Frauen den verwaisten Knaben. Sie sprang herzu, hob ihn erschrocken auf die Arme und eilte mit ihm aus dem Zimmer. Wie gebrochen sank das häßliche, unförmige Köpfchen auf ihre Schulter, kein Laut der Angst oder des Schreckens klang aus Daniels Mund, aber aus seinen Augen brachen Tränen, bittere, heiße Tränen, die ersten, welche er je geweint, wenn nicht ein eigener, körperlicher Schmerz ihm feuchte Perlen an die Wimpern getrieben. Ja, er war ein eigenartiges Kind, »mein kleiner Schmerzensreich« hatte ihn seine Mutter oft genannt, wenn seine wehmutsvolle Geduld sie mit Rührung erfüllte. Unter dem Bild seiner verewigten Gemahlin hatte man den Fürsten, der in einem Anfall von Geistesstörung Hand an sich gelegt, gefunden, und vor dem verhüllten Gemälde war er auch wenige Minuten nach seiner Verwundung verstorben. Auf dem Schreibtisch lag ein offener Brief, welcher die einzige Anverwandte Sobolefskois, die Stiftsdame Gräfin Kathinka Arlowsk, zur Regelung seiner Angelegenheiten und Erziehung seines Sohnes nach Miskow berief; ferner ein versiegeltes Schreiben an des Zaren höchsteigene Person, sowie ein Verzeichnis der ausländischen Banken, welchen er zwei Tage zuvor bare Summen aus seiner Schatulle übersandt. Die Leiche des Kammerherrn ward an derselben Stelle, wie ehemals das Bild seiner Gemahlin, in der Schloßkapelle aufgebahrt, und als der Reisewagen der Gräfin Arlowsk nach zehn Tagen durch das hohe Portal fuhr, lohten ihr die Pechbrände auf den Steinsäulen entgegen, rauschten über ihr die schwarzen Trauerflaggen im Herbstwind. Gregor Sobolefskoi war in dem Erbbegräbnis beigesetzt. Sein Testament, in welchem sich der Totenschein der Fürstin vorfand, der auf Wunsch des Kammerherrn gerichtlich verwahrt werden sollte, wurde verlesen, die ausgeschriebenen Legate und Erbschaften gezahlt, die Vormundschaft ernannt und alle weiteren Wünsche und Befehle des Verstorbenen erfüllt. Gräfin Arlowsk siedelte nach Miskow über, und alles nahm seinen gewohnten, unter den Augen der Stiftsdame streng geregelten Gang. Mit energischen Händen und einem männlich klaren Verstand verwaltete sie das Eigentum ihres verwaisten Neffen, regierte den wie eine kleine Kolonie bevölkerten Schloßbesitz mit all jener imponierenden Übersicht, welche Sobolefskoi und Eglantina gemangelt hatten, und rodete voll rücksichtsloser Energie alles Unkraut, welches sich während der letzten, herrenlos wirren Zeit unter den Weizen geschlichen hatte. Gräfin Arlowsk war eine hohe, markige Frauengestalt, welcher die langwallenden Trauergewänder ein geradezu majestätisches Ansehen verliehen. Ihre Haltung hatte etwas Selbstbewußtes und Unnahbares, ihr Wesen flößte viel Respekt, aber keinerlei Zuneigung ein. Kalt und durchdringend scharf blickten die blaßblauen Augen, und die Lippen legten sich so farblos schmal auf die Zähne, daß es aussah, als würden sie stets voll herben Unwillens geschlossen. Unter dem Kreppschleier schmiegten sich glatte Haarscheitel, von Silberfäden durchzogen, an die Schläfen, und auf der Brust glänze die schwere Goldkette, welche das Stiftskreuz, ein aus Gold und Eisen gearbeitetes Kruzifix, trug. Die Gräfin hatte den kleinen Daniel sofort nach ihrem Eintreffen in Miskow zu sehen gewünscht. Man antwortete ihr, daß der Knabe, welcher seit den letzten Tagen wiederholt Anfälle seines asthmatischen Leidens gehabt, schlafe. Sie nahm den hohen Silberleuchter, welcher auf ihrem Toilettentisch stehend brannte, und befahl der Kammerfrau, ihr den Weg zu dem Zimmer des Kindes zu zeigen. Vor seinem Bettchen stand sie, schlug die seidenen Gardinen zurück und beleuchtete den kleinen Schläfer. Eine kurze, scharfe Musterung, bei welcher ihre Züge so hart aussahen, als seien sie aus Stein gemeißelt. »Wem gleicht er? Vater oder Mutter?« Die Bonne knixte. »Das ist schwer zu sagen, gräfliche Gnaden; eigentlich ähnelt er beiden Eltern nicht. Durchlaucht die Fürstin war sehr schon und ihr Gemahl schien es in der Jugend ebenfalls gewesen zu sein. Der kleine Fürst ist wohl durch seine Kränklichkeit noch zu unentwickelt, um irgendwelche Spur von dem Erbteil dieser Schönheit aufweisen zu können, doch gibt es eine alte Regel, welche verheißt: »Was als Raupe geboren wird, steigt als glänzender Schmetterling dereinst zum Himmel!« und das Fräulein lächelte dabei so höflich wie möglich und knixte abermals.   In demselben Moment schlug Daniel, von dem Lichtschein und den Stimmen geweckt, die Augen auf und richtete sie mit ihrem traurigen, tränenfeuchten Glanz aus das fremde Gesicht, welches sich über ihn neigte, »Daniel, deine liebe Gräfin Tante sieht vor dir, begrüße sie und gib ihr eine Hand!« Gehorsam hob sich die kleine Rechte ans dem Kissen und bot sich dar. Die Stiftsdame schien ein ängstliches Geschrei erwartet zu haben, sie nahm das Kind überrascht auf den Arm und küßte mit kühlen Lippen seine Stirn. »Wenn du stets artig bist, so werde ich dich lieb haben, Daniel!« sagte sie in ihrer kurzen Weise, »jetzt schlafe wieder ein,« und sie bettete ihn zurück, wandte sich ab und ging. »Er hat schöne Augen,« murmelte sie, »Sobolefskoische Augen.« Am darauffolgenden ersten Tag hatte Gräfin Arlowsk die Flucht der Gemächer durchschritten. Vor dem verhüllten Bild Eglantinas blieb sie stehen und schlug den Vorhang zurück. Ein haßerfüllter Blick überflog die reizende Frauengestalt, welche in weißem Atlaskleid, umwallt von blonden Locken, mit ihrem schwärmerischen Lächeln aus dem goldenen Rahmen auf sie niedersah, »Komödiantenblut! – Armer Daniel!« stieß sie durch die Zähne hervor, und ihre Hand schleuderte die dunklen Wollfalten verächtlich zurück und ihr Blick, welcher sich nach dem gegenüberhängenden Porträt Gregors wandte, enthielt die vorwurfsvolle Frage: »Wie war's möglich?« Dann schloß sie das Zimmer ab und verwahrte sorgsam den Schlüssel. Die Zeit zog langsam und einförmig dahin. Gräfin Arlowsk hatte nach und nach fast die sämtliche Dienerschaft und Beamten von Miskow gewechselt, da war niemand mehr, welcher den Kammerherrn oder dessen unebenbürtige Gemahlin gekannt hatte. Daniel war sieben Jahre alt geworden. Sein Geist hatte sich, dem Aller entsprechend, entwickelt, aber sein Körper war weit zurückgeblieben und bedurfte nach wie vor der sorgfältigsten Pflege. Die Erziehung war eine musterhafte, und Daniel hing in respektvoller Liebe an der strengen Patronin, welche ihrerseits durchaus nichts dazu tat, diese Liebe zu gewinnen. Ihr Verhältnis zu dem Knaben war nichts weniger als ein mütterliches. Kalt und formell wie eine Gebieterin stand sie ihm gegenüber, nur strafend, nie belohnend; kein zärtliches Wort, kein inniges Herzen und Kosen, kaum daß sie die Fingerspitze zu einem Handkuß reichte. Gräfin Arlowsk hatte keine Vorliebe für Kinder, alle Weichheit und Milde war ihrem Wesen fremd, und außerdem blieb Daniel in ihren Augen stets der Sohn einer Sängerin, welche als bezahlte Kreatur selbst die Hefe eines Theaterpublikums von den Brettern herab amüsieren mußte! Sie erzog den Knaben, wie es sich für den Erben des Sobolefskoischen Namens gebührte, sie führte ihn durch die Ahnengalerie und zeigte ihm den imposanten, ruhm- und ehrenreichen Stammbaum, sie erzählte auch von seinem Vater, dem Kammerherrn und Günstling des Zaren, dessen Brust mit Orden bedeckt war, den man kannte und verehrte, wo nur ein Fürst in Europa seinen Hof hielt. Von seiner Gemahlin aber verlautete nie ein Wort, und wenn Daniel nach der Mutter fragte, so erhielt er die schroffe Antwort: »Die ist tot; wenn dich die Menschen dereinst fragen, wer deine Mutter gewesen, so entgegne ihnen: Gräfin Kathinka Arlowsk. Denn ich habe dich erzogen, rechtlich und sorglich, als hätte ich dich geboren.« Daniels liebebedürftiges, weiches Herzchen aber sehnte sich nach einer Mutter, welche nicht nur seine Lektionen überwacht und von der Ehrwürdigkeit der langen Ahnenreihe spricht, sondern welche ihn in die Arme schließt, küßt und herzt, wie unten die Frau des Haushofmeisters ihren kleinen Iwan liebkost! Der verwaiste Knabe sah es so oft mit an, wie die Kinder der verheirateten Dienstboten von den Eltern oder Geschwistern verhätschelt wurden, und sein Herzchen blutete vor Jammer und Sehnsucht nach seiner Mutter, die kalt und still in der Erde ruht, anstatt ihr armes, verlassenes Kind in die Arme zu schließen und seine Tränen zu trocknen. Eine wehe, unbezwingliche Sehnsucht nach seiner Mutter überkam ihn, und je mehr die Gräfin seinen Fragen auswich und ihr Andenken verwischen wollte, desto idealere Bilder schuf sich die Phantasie des Kindes, und desto leidenschaftlicher klammerte es sich an dieselben an. Gewiß, seine Mutter sah ebenso schön und lieblich aus, wie der Marmorengel in der Kapelle, welcher die Arme so freundlich nach ihm ausbreitete, wenn Daniel an dem Sarkophag des Vaters beten mußte. Er fragte alle Leute im Schloss, ob er wohl recht habe? Aber niemand kannte seine Mutter und wußte von ihr. Da kam abermals der Jahrestag von des Fürsten Tod; ein Tag, welcher dem Knaben als der schrecklichste im ganzen Jahr erschien. Schloß doch die Gräfin an demselben das düstere, unheimliche Zimmer auf, in welchem der Vater ehemals mit blutendem Haupt gelegen. Ein nervöses Zittern ging bei diesem Rückerinnern durch alle Glieder Daniels, wenn er der Totenmesse beiwohnen mußte, welche alljährlich hier vor dem schwarzen Altar, welcher in des Zimmers Mitte errichtet war, gelesen wurde. Und auch heute hatte er sein erbleichtes Gesichtchen tief auf die Brust sinken lassen und die Augen krampfhaft geschlossen, als er zu der Feier geführt wurde. Sein neuer Hauslehrer stand neben der deutschen Gouvernante. »Ist jener Herr auf dem Bild drüben der verstorbene Fürst?« fragte er flüsternd. »Ja, und ihm gegenüber, hinter dem Vorhang hängt das Porträt seiner Gemahlin.« »Ah – lassen Sie sehen,« »Pst! um Gottes willen, bleiben Sie! die Gräfin!« Paul Fedrowitsch schnellte an seinen Platz zurück, die Stiftsdame trat ein, und die Feier begann. Daniel aber hatte es bei den Worten des Fräuleins durchzuckt, wie ein elektrischer Schlag, er stand regungslos und starrte mit weitaufgerissenen Augen auf die wallenden Trauerflore, hinter welchen sich das Antlitz seiner Mutter barg! Im Traum hatte er es wohl oft gesehen! Dann kam eine lichte Frauengestalt, mit dem Antlitz des Schutzengels, neigte sich über ihn und küßte ihn, und wenn er aufwachte, dann dachte er seufzend: »Ach, daß ich mein Mütterchen doch immer sehen könnte, nicht allein im Schlaf!« Und nun hing ihr Bildnis dicht neben ihn:, er brauchte nur die Hand zu heben, um sie endlich, endlich zu schauen! Das letzte »Amen« war verklungen, und nach der strengen Weisung der Gräfin entfernte sich die Dienerschaft in lautloser Hast. Die alte Dame wartete, bis die letzte Gestalt hinter der Tür verschwunden, dann faßte sie Daniels Hand und wollte ebenfalls die Schwelle überschreiten. Da umschlossen sie die mageren Ärmchen des Knaben voll leidenschaftlicher Erregung, »Noch nicht, gnädige Tante!« flehte er mit zitternder Stimme: »Laß mich erst das Bildnis meiner Mutter sehen!« Wie angewurzelt stand die hohe Frauengestalt. Ein zorniges Aufflammen ging durch ihr Auge, und die Brauen zogen sich so finster zusammen, daß Daniel erschrocken die Hände sinken ließ. »Narrheit! wer hat dir von dem Bild gesprochen?« »Fräulein Margarete!« stotterte der Kleine und fügte entschuldigend hinzu: »Aber sie hat es nur ganz, ganz leise gesagt! Ach, und ich möchte die Mutter so gern sehen, nur ein einziges Mal ziehe den Vorhang beiseite, gnädige Tante!« Die Stiftsdame faßte in ihrer schroffen Weise die Schultern ihres Neffen und schob ihn zur Tür hinaus. »Nein! jene Frau auf dem Bild ist tot und vergessen, man soll keinen Grabesfrieden stören. Ich bin deine Mutter, du hast keine andere, denn mich!«   Tränen traten in des Kindes Auge, wie ein Aufschrei ging es durch seine Seele. »Du hast mich ja nicht lieb, du kannst nicht meine Mutter sein!« Die Gräfin aber drehte den Schlüssel kreischend im Schloß, zog ihn ab und schritt nach ihren Gemächern zurück. Da tat Daniel etwas, was er sonst nie im Leben getan haben würde! Er blieb nicht, wie die Stiftsdame befahl, in dem ersten Salon zurück, sondern schlich ihr auf den dicken Teppichen bis zu ihrem Schlafzimmer nach und sah, wo der Schlüssel wohl bleiben werde. In eine kleine Ebenholztruhe, welche auf dem Bronzesims über dem Kopfende des Bettes stand, legte sie ihn nieder. Am anderen Tage ward die deutsche Gouvernante ganz plötzlich aus ihrem Dienst entlassen, und Gräfin Arlowsk sagte dem Haushofmeister, daß in Zukunft die Gedächtnisfeier nicht mehr in dem Sterbezimmer, sondern in der Kapelle stattfinden werde.   Der Herbstwind pfiff abermals sein wildes Lied um die Schloßtürme von Miskow. Die Ostsee trieb ihre schaumgekrönten Wogen donnernd gegen den Strand, und schwere Hagelschauer prasselten an die Fensterscheiben, es war eine unheimliche Nacht, welche bereits seit der fünften Stunde ihren schwarzen Mantel über die Erde geworfen hatte. Hinter den Scheiben der Fenster huschten eilig die Lichter, leise Schritte hasteten treppauf und treppab, und wenn die Diener oder Mägde in kleinen Trupps standen, so steckten sie mit wichtigem Flüstern die Köpfe zusammen. Gräfin Arlowsk war unter beängstigendsten Symptomen ganz plötzlich erkrankt. Der Arzt zuckte die Achseln und wich nicht von dem Lager der Leidenden, welche mit dunkelgerötetem und fieberheißem Haupt die verworrensten Dinge phantasierte. Gegen Abend trat etwas Ruhe ein, die Atemzüge wurden gleichmäßiger und die wirr um sich blickenden Augen schlossen sich. Da zog man behutsam die Bettgardinen zusammen, dämpfte das Licht und begab sich in das Nebengemach. Durch das ganze Schloß ging es wie ein Aufatmen, als man die Gebieterin mit dem alles überwachenden Blick an ihr Zimmer gefesselt wußte. Ein jeder schlug schnell seine eigenen Wege ein und profitierte von der Freiheit, welche ihm so unfreiwillig gewährt wurde. Auch Daniel war weniger streng beaufsichtigt wie sonst. Mademoiselle und Paul Fedrowitsch machten eine romantische Promenade durch den nächtlichen Sturm, um ein »unsterblich Wort« über die tosenden Seen der Brandung zu jauchzen, Miß Jane saß über einem Roman und blickte weder rechts noch links, und der deutsche Kandidat, welcher die entlassene deutsche Erzieherin ersetzte, hatte sich in sein Turmstübchen zurückgezogen, nur mit sehnsuchtskrankem Herzen alle deutschen Nationallieder zu singen und zu spielen, Weisen, welche von Gräfin Arlowsk nicht sonderlich geliebt wurden und darum nicht laut werden durften. Miß Jane wollte Daniels Arbeiten überwachen, aber sie sah und hörte nicht, was um sie her vorging, und wozu auch? Der Kleine war ja ein so unheimlich artiges Kind, daß er gleich wie ein Puthuhn mäuschenstill auf einem Fleck sitzen blieb, wenn man einen Kreidestrich um ihn herzog. So hörte sie auch nicht, wie der kleine Fürst vom Stuhl glitt, mit behutsamen Schritten die Tür erreichte und hinter derselben verschwand. Der Korridor war hell erleuchtet, aber still und einsam, und die Tür zu der Gräfin Salon stand angelweit offen. Daniel schlich vorsichtig über die Teppiche bis in das nächste Gemach, und weiter, immer weiter bis an die Portiere, welche die Schlafstube von dem Wohnzimmer trennte. Auch hier keine Menschenseele, Aha! der alte Handelsjude ist mit seinem bunten Kram in den Schloßhof eingekehrt, und in sinnlosem Eifer ist jedermann hinabgestürmt, zu kaufen und zu handeln. Daniel atmete tief, fast keuchend auf. Seine Augen haben einen ungewohnten, leidenschaftlichen Glanz, und sein gebrechliches Figürchen richtet sich entschlossen auf. Leise nähert er sich dem dunkelvioletten Samtvorhang und lugt in das Krankenzimmer, dann tritt er auf den Fußspitzen ein und schleicht an das Himmelbett heran. Die Atlasvorhänge knirschen unmerklich in den Falten, die Schläferin regt sich nicht. Behend wie ein Gnömchen und dennoch mit zitternden Gliedern besteigt der kleine Fürst den Stuhl, auf welchem Arzneigläser und ein Kübel mit Eis stehen, tastet nach der schwarzen Truhe auf dem Sims und schlägt ihren Deckel zurück. Ein Zucken geht durch seine Hand, da dieselbe den Schlüssel, welchen er sucht, berührt. Er faßt ihn, huscht vom Stuhl zurück und verschwindet lautlos wie ein Schatten hinter der Portiere. Im Vorzimmer steht ein brennendes Licht auf der Marmorkonsole vor dem Spiegel. Daniel erfaßt es und entflieht voll fiebernder Hast mit seiner Beute.   Niemand begegnet ihm, er erreicht über eine dunkle Treppe den Flur, welcher nach dem Sterbezimmer des Fürsten führt. Sonst ist er stets ein scheues, ängstliches Kind gewesen, heute kennt er keine Furcht. Mit brennenden Wangen steht er vor der geschnitzten Eichentür, setzt das Licht auf die Dielen und steckt den Schlüssel in das Schloß. Er muß sich Schweißperlen auf die Stirn arbeiten, ehe derselbe sich knarrend herumdreht, seine schwachen Kräfte aber scheinen sich in der Aufregung verdoppelt zu haben, und mit zitternder Hast greift er nach dem Leuchter und legt die Hand auf die Klinke. Die Sehnsucht nach seiner Mutter und der Wunsch, sie zu sehen, welcher ihn voll unaussprechlichen Wehes Tag und Nacht verfolgt hat, soll sich endlich erfüllen. Er öffnet die Tür und tritt ein.   V. Die Erinnerung an die Schreckensszene, welche sich ehemals in diesem Raum abgespielt hatte, schien dem kleinen Fürsten in diesem Augenblick vollständig entschwunden. Er strebte mit starrem Blick dem verhüllten Bild der Mutter entgegen und hatte für nichts anderes Sinn und Interesse, als die dunklen Schleier zu heben, um endlich das Antlitz derjenigen zu schauen, an welcher sein einsames kleines Herz voll schwärmerischer Sehnsucht hing. Draußen heulte der Sturm wilder denn je, riß an den Fensterläden und peitschte die Eiskörner prasselnd gegen Mauer und Scheiben. In dem Kamin fauchte und schrillte es wie unheimlicher Geisterspuk, und hinter dem Holzgetäfel der Wand trieben ein paar Mäuse raschelnd ihr Spiel. Daniel sah und hörte nicht, was um ihn her geschah, er faßte die schwere Wollportiere und zog sie beiseite. Ein Stück Goldleiste des Rahmens, etwas schwarzer Hintergrund und die Falten eines weißen Gewandes wurden sichtbar, aber so sehr das Kind sich auch bemühte, das Gemälde vollständig zu enthüllen, es gelang nicht. Kurz entschlossen wandte er sich um und faßte einen der geschnitzten Sessel, ihn heranzuschieben: vergeblich, die schwachen Ärmchen waren nicht imstande, das wuchtige Möbel von der Stelle zu rühren, ob auch die Anstrengung die Adern noch so hoch auf der Stirn des Knaben schwellen ließ. Ratlos, fiebernd vor Aufregung schaute er sich um und eilte hastig zu einem kleinen Taburett, welches, auf drei zierlichen, goldenen Beinchen stehend, mühelos fortzubewegen war. Daniel erfaßte und trug es vor das Gemälde, dann kletterte er, den Leuchter in der Hand haltend, auf den gepufften Atlasstoff und schob mit der freien Rechten nun die Wollfalten beiseite. Atemlos, mit bebenden Lippen und eiskalten Händchen starrte das Kind in das Antlitz der so unaussprechlich geliebten, ihm ewig fernen und fremden Mutter, und strahlendes Entzücken leuchtete aus den dunklen Augen und hob die kleine Brust in tiefem, wonnesamem Seufzer, als seien Zentnerlasten von Kummer und Herzeleid durch diesen Augenblick von ihr genommen. Wie war sie so schön, wie war sie gut und milde, wie lächelte sie gleich dem Marmorengel in der Kapelle voller Liebe zu ihm nieder! Wie ein Heiligenschein deuchte ihm die Pracht der goldenen Locken, welche ihr geneigtes Haupt umwallten, wie tausend zärtliche Worte schwebte es um ihre Lippen, und die Augen, welche wie in ergebungsvoller Sehnsucht verklärt in die seinen schauten, die schienen ihm zuzurufen: »Hab Dank, du lieber, kleiner Daniel, daß du zu deiner Mutter kommst!« Ihre Hand, welche auf den weißen Atlasfalten ruhte, hielt ein vierblättriges Kleeblatt, ein Pflänzlein, welches ihr wohl ganz besonders teuer war, zwischen den schlanken Fingern. Daniel sah es, sah alles, jeden kleinsten Pinselstrich des Gemäldes, aber sein Blick kehrte immer wieder zu dem lieblichen Antlitz zurück, und Auge ruhte in Auge, und in seinem Herzchen quoll es heiß und übermächtig auf und verlangte voll haltloser Sehnsucht an die Brust der Mutter! Küssen wollte er ihr liebes Angesicht, nur einmal küssen, wie andere Kinder ihr lebendes Mütterchen herzen, und Daniel strebte dicht zu dem Bilde heran und drückte seine Lippen auf die kühle Leinwand. Da durchschauerte ihn eine tiefe, unaussprechliche Glückseligkeit, er war nicht mehr allein und verlassen, er hatte gefunden, was er mit heimwehkrankem Herzen gesucht. »Liebes, liebes Mütterchen!« schrie er jauchzend auf und tastete erschrocken nach einem Halt. Unter seiner heftigen Bewegung hatte der unsichere Stuhl geschwankt, der glatte Atlas glitt unter den Füßen fort, und in schwerem Sturz schlug Daniel auf den harten Parkettboden nieder. Der Leuchter klirrte auf der Erde, und dann war es dunkel und still in dem Zimmer. Einen Moment war der Kleine wie betäubt, dann starrte er mit angsterfülltem Blick in die Dunkelheit, welche ihn umgab, und wollte schnell emporspringen, sich nach der Tür zu flüchten. Ein jäher, furchtbarer Schmerz im Rücken ließ ihn mit leisem Schmerzenslaut zurücksinken, wie an allen Gliedern gelahmt, lag er hilflos auf dem harten Boden, und jede Bewegung verursachte ihm erneutes Weh. Fahles Mondlicht fiel dämmernd durch die unverhüllten Fenster, kommend und gehend, je nachdem der Sturm das zerrissene Gewölk unter ihm vorüberjagte, und erst jetzt seiner ganzen Situation eingedenk, erschauerte Daniel durch Mark und Bein. Wie allein er ist! Wie es um ihn her saust und heult, wie es an das Fenster klopft und mit wilder Stimme unverständliche Worte ruft! Schatten huschen über den Fußboden, und dort drüben in der Ecke raschelt und knuspert es. Und auch dicht hinter ihm an der Wand beginnt ein wunderbares Knistern! Der kleine Fürst hat längst wieder die Augen geschlossen: das Entsetzen treibt ihm kalten Angstschweiß auf die Stirn, und die Schmerzen im Rücken werden immer schlimmer, wenn er sich regt, und wie ein Blitz zuckt ihm erst jetzt das Bewußtsein durch den Sinn: »Du bist in der unheimlichen, gefürchteten Stube, in welcher dein Vater einst mit blutendem Haupt gestorben!« Auf derselben Stelle hat er gelegen, wo jetzt Daniel selbst, und wie die Erinnerung an jenes grauenvolle Bild in des Kindes Phantasie lebendig wird, da sträuben sich vor qualvollem Entsetzen seine Haare, und die Verzweiflung reißt ihn mit geöffneten Augen empor, daß er entfliehe. Und wie er halb betäubt vor Schmerz sich auf die Knie emporgerafft, da schüttelt ihn abermals ein jäher Schreck. Das Zimmer ist plötzlich mit rotflackerndem Licht erfüllt, und an dem schwarzen Vorhang vor seiner Mutter Bild züngeln die Flammen empor, welche das niedergefallene Licht entzündet. Höher und höher klettert die verderbende Glut, und ein gellender Schrei entringt sich den Lippen des Knaben: »Meiner Mutter Bild, mein einziges, verbrennt!« Er sieht, wie die Funken bereits den goldenen Rahmen umsprühen, wie die leichten Florstreifen gleich Feuergarben aufflammen, und in Todesangst, außer sich, alles vergessend in dem Gedanken, das teure Kleinod zu retten, springt er auf die Füße. Ein paar Schritte taumelt er nach der Tür und bricht abermals wie von einem Blitz getroffen zusammen. Seine Füße scheinen leblos, und seine Schmerzen werden unerträglich, aber der leidenschaftliche Wunsch, das Gemälde vor dem Untergang zu retten, stählt seine Nerven und erhält ihm das Bewußtsein. Er entsinnt sich, daß sein Vater an einem Schellenzug hier an der Wand gezogen, wenn er Bedienung brauchte. Nichtig, dicht vor ihm, im grellzuckenden Licht sieht er die goldenen Quasten herniederhängen. Daniel beißt die Zähne zusammen und schiebt sich unter wildem Schmerz langsam bis an die Schellenschnur heran. Mit zitternder Hast erfaßt er den Klingelzug und zieht so stark und unaufhörlich daran, wie seine schwindenden Kräfte ihm erlauben. Gott sei gelobt, er hört den schrillen Glockenton erschallen, welcher schnell Hilfe bringen wird. Sein Ärmchen sinkt kraftlos hernieder, er wendet das Haupt nach dem Bild seiner Mutter. Die Vorhänge sind bereits in Flammen aufgegangen, jetzt brennen sie oben an der Tapete und dem Rahmen weiter. Ringsherum brennen die Goldleisten, auch die Leinwand glimmt, und rotes Licht frißt gierig an den weißen Atlasfalten empor. Umglüht von grellem Feuerschein steht die lichte Frauengestalt und blickt lächelnd zu ihrem Kind herüber. Sie lebt... sie bewegt sich... tritt aus dem Rahmen und schwebt auf ihn zu... »Mütterchen!« hallt es wie ein Hauch von Daniels Lippen, sein Kopf sinkt zurück, aber er sieht noch, wie seine Mutter sich lächelnd neigt und ihn in die Arme nimmt: »Sei getrost, mein kleiner Schmerzensreich!« flüsterte sie durch das Knistern und Sausen der Flammen, »ich habe ein hartes Schicksal über dich gebracht, aber ich komme dereinst und nehme alles Weh und alles Herzeleid wieder von dir!« Da lächelt das arme, häßliche Kinderantlitz wie verklärt, und er lehnt voll süßen Friedens das Köpfchen an die Brust der Mutter, und dann ist es still, ganz still um ihn her.   Als der seit Jahren nicht mehr vernommene Glockenton aus den Zimmern des verstorbenen Fürsten durch den Korridor schrillt, hat die Dienerschaft zuerst ein bleicher Schreck erfaßt. Man hat sich bekreuzt und an bösen Spuk geglaubt. Gleicherzeit aber ist Miß Jane angstvoll herzugelaufen und hat gerufen: »Wo ist Daniel? Der kleine Fürst hat sich heimlich aus dem Zimmer entfernt!« Da schlägt die Glocke noch einmal schwach an, und alles stürmt die Treppe empor nach dem Sterbezimmer Sobolefskois. Rauch dringt ihnen entgegen und Brandgeruch, und wie sie den Schlüssel im Türschloß erblicken und die breiten Eichenflügel aufreißen, da schauen sie in lohende Flamme. Bewußtloß liegt Daniel neben dem Schellenzug ausgestreckt. Außer sich vor Angst hebt ihn die Gouvernante auf ihre Arme und stürmt mit ihm nach dem Schlafgemach. Das Feuer wird bald gelöscht, aber das Gemälde der Fürstin ist fast vollständig zerstört, auch das Gesicht hat gelitten, nur die Augen sind seltsamerweise verschont geblieben. Miß Jane nimmt schnell das herausbrechende Stückchen Leinwand an sich, in den verkohlten Trümmern wird es niemand vermissen, und durch Janes Herz zieht es wie eine wehmütige Ahnung, was den verwaisten Knaben in dieses Zimmer getrieben.   Die nächstfolgenden Tage sind doppelt reich an Sorge und Angst. Daniel liegt in einem hitzigen Nervenfieber, und jede Minute würfelt um Leben und Tod. Aber sein elender, kleiner Körper ringt mit erstaunlicher Fähigkeit gegen die Gewalt der Krankheit, und seine Rekonvaleszenz tritt schneller ein, als bei Gräfin Arlowsk. Aber mit dem wiederkehrenden Bewußtsein des kleinen Fürsten offenbart sich ein neuer Jammer, von dessen Existenz keine Menschenseele eine Ahnung gehabt. Der Arzt untersucht den schmerzenden Rücken des Kindes und wird leichenblaß bei der entsetzlichen Entdeckung, welche er macht. »Einen Schaden fürs Leben?« schluchzt Miß Jane, an allen Gliedern zitternd, »allbarmherziger Himmel, wenn das unglückliche Geschöpfchen noch zum Krüppel wird, habe ich in Ewigkeit keine ruhige Minute mehr!« – »Hätte ich das Unglück geahnt und sofort energisch einschreiten können, wäre vielleicht noch Rettung gewesen! Aber bei der Schwäche und Gebrechlichkeit dieses Körpers hat sich das Übel zu rapide festgesetzt! Wir müssen jegliche Kur versuchen und das beklagenswerte Kind selbst die Folter eines Streckbetts durchmachen lassen, gebe Gott, daß wir noch Hilfe bringen können!« Aber so gewissenhaft der Arzt auch alle Mittel und Wege einschlug, das Unheil abzuwenden, und so rührend geduldig Daniel auch alle Qualen ertrug, so verriet dennoch die trostlose Miene des Mediziners, daß allmählich jegliche Hoffnung schwand. Und hätte er auch noch mit vagen Vertröstungen über die Wahrheit hinwegtäuschen wollen, so wäre doch der immer sichtbarer hervortretende runde Rücken des Knaben der traurigste Gegenbeweis gewesen. Gräfin Arlowsk war zuerst – und wohl zum erstenmal in ihren Leben – fassungslos! Sie rang die Hände und weinte Tränen der Verzweiflung, den letzten Zweig eines so stolzen Geschlechts als dürres und verkrüppeltes Reislein unter einem einzigen Wetterstrahl des Schicksals zusammenbrechen zu sehen. Dann erfaßte sie ein grenzenloser Zorn und Haß gegen diejenigen, welche ein solches Elend durch Leichtsinn und Nachlässigkeit verschuldet hatten. Abermals entließ sie alle Personen ans der Umgebung des fürstlichen Erben, und Miß Janes heiße Tränen und selbst ihr Flehen auf den Knien vermochten nicht, diese Strafe von ihrem Haupt zu wenden. In den letztvergangenen Wochen, welche sie voll Todesangst an dem Schmerzenslager Daniels verlebt hatte, war ihr der Knabe lieb und teuer geworden, und auch Daniel hatte, was sonst noch nie an ihm bemerkt worden war, eine besondere Vorliebe für das blasse, schlanke Fräulein an den Tag gelegt. Und nun kniete Miß Jane in dem Reisekleid neben ihm, schlang die Arme um die jammervolle, kleine Figur und nahm schluchzend Abschied. Auch in den Augen des Kindes spiegelte sich das Herzeleid dieser Trennung. Vergeblich hatte er die Tante gebeten, seine gute Jane doch bei ihm zu lassen, und so nahm er ihren Kopf in seine beiden mageren Händchen und sagte voll ungewohnten Trotzes: »Weine nicht, du Liebe! Wenn ich erst groß bin und meinen eigenen Willen habe, rufe ich dich zurück!« Jane küßte ihn voll Zärtlichkeit, »Wirst du mich nicht vergessen bis dahin, Darling? Nein? Well, so will ich dir schon jetzt zeigen, wie treu ich es mit dir meine. Mein Daniel hat so bitterlich geweint, weil seines Mütterchens Bild verbrannt ist, aber sieh, alles haben dir die Flammen doch nicht genommen! Deine Jane hat ein weniges noch aus ihnen gerettet und wird es dir nun zum Andenken schenken. Blick her! Ein Stückchen Stirn mit blondem Lockenhaar und darunter die allerschönsten dunklen Augen, welche man finden mag, die sehen dich nun immer an und grüßen dich von deiner treuen Jane!« Und die Engländerin nahm das Stückchen Leinwand, welches sie aus dem verkohlten Bildnis der Fürstin gerettet, unter ihrem Hutschachteldeckel hervor und reichte es ihrem Zögling, Wie erstarrt unter dem Einfluß dieser plötzlichen, unfaßlichen Freude, schaute Daniel auf das Kleinod, welches ihm entgegengeboten wurde. »Oh, Jane!« murmelte er, und dann faßte er zaghaft nach dem Bruchstück des Bildes und betastete und streichelte es, als müsse er sich überzeugen, daß ihn kein Traum täusche. »Hebe es gut auf und laß es ja nicht die gnädigste Tante sehen, sonst nimmt sie es dir fort, und deine Freude ist vorüber!« mahnte Jane eindringlich. Daniel hob das Gesichtchen, ein fremder, zorniger Ausdruck beherrschte es, und die Zähne bissen sich knirschend aufeinander. Dann war's, als erschrecke er vor seinen eigenen Gedanken. Hastig und wild wie stets, schüttelte er den Kopf. »Sorge dich nicht, Jane, ich verwahre es gut! Hinter dem Bild der heiligen Barbara über meinem Bett werde ich es befestigen, dann kann ich es alle Abend und jeden Morgen sehen. Dir aber will ich's bis in den Tod gedenken, was du mir in dieser Stunde Gutes getan, und alle Heiligen sollen dich segnen dafür, und in ein paar Jahren kommst du wieder und gehst nie mehr von mir!« Die Jahre schlichen langsam und einförmig dahin. Daniel war ein verwachsener, unschöner Knabe, dessen Wesen und Charakter sich immer eigenartiger gestalteten. Die guten und bösen Mächte kämpften einen steten, erbitterten Kampf um seine Seele, und die Gegensätze berührten sich so schroff und unvermittelt in all seinem Tun und Handeln, daß es unmöglich war, aus ihnen auf das Gemüt des jungen Menschen selbst zu schließen. Stundenlang lag er in dem sonnendurchglühten Dünensand, regungslos vor sich hinstarrend auf die ruhmlose, immer wechselnd Pracht des Meeres. Und wenn sich am Horizont schwarze Wolken ballten, und die Flut sich aus bleigrauer Trägheit emporraffte zu wild aufschäumendem, donnerndem Zorn, dann brandete auch hinter der finster brütenden Stirn des Knaben die Leidenschaft in tausend phantastischen Plänen der Rache und des Zorns gegen alle, welche ihn so elend gemacht, dann ballte er selbst die Hände gegen Jane und verfluchte sie und ihre Nachlässigkeit, denn sie war daran schuld, daß er krank und verkrüppelt war, daß er nie als Soldat hinaus zum Kampf ziehen konnte, daß er sich auf sein Roß schwingen durfte, es zu bändigen, wie andere Knaben seines Alters, daß er durch seine stets wiederkehrenden Asthmaanfälle selbst unfähig war, zu lernen und zu studieren, um dem Vaterland wenigstens durch Kopf und Geist nützen zu können, da er es nicht mit starker Faust vermochte! Wenn aber das Wetter vorübergezogen war, und die See still und blau in süßem Frieden dalag, wenn die Sonne durch die Wolken trat und die Tränenperlen an den Blumenköpfchen vergoldete, dann schlug Daniel, wie in stummem Leid gebrochen, die Hände vor das Antlitz und schämte sich seiner Treulosigkeit. Dann begriff er nicht, wie er jemals auf seine gute Jane, welcher er das Heiligtum jener beiden liebevollen Augen, den einzigen Tröster seines Schmerzes, verdankte, wie er auf die Jane hatte zürnen können! Dann folterte ihn die Reue, dann bat er ihr alles voll rührender Innigkeit ab, bis ihn der nächste Seelensturm schüttelte und ihn an Gott und der Welt verzweifeln ließ. Jäh aufquellende, oft grausame Leidenschaft des Denkens und eine rührendweiche, liebevolle Barmherzigkeit, wenn es zum Handeln kam, bildeten die Gegensätze seines Charakters. der junge Fürst das zwanzigste Lebensjahr erreicht, bestimmte ihn Gräfin Arlowsk, zu seiner Bildung eine Reise in das Ausland zu unternehmen. Da trat der Einsame zum erstenmal in die bunte Welt hinaus. Zuerst blendete und betäubte sie ihn, dann gewöhnte er sich resigniert an ein Leben voll Luxus, Glanz, Abwechslung und Amüsement, ohne ihm Geschmack abgewinnen zu können. Miskow hatte ihn manches Genusses und mancher lärmenden Zerstreuung beraubt, aber es hatte ihn auch vor den zahllosen Gifttropfen bewahrt, welche die Welt mitleidslos in das empfindsame Herz eines jungen Mannes träufelt. Daß er ein Krüppel, untauglich zu Dienst und Arbeit sei, das hatte er bereits in der Weltvergessenheit seines Strandschlosses erfahren, daß er aber ein häßlicher, ausfallend häßlicher Zwerg war, die Zielscheibe manch rohen Spottes und manch frecher Schmähung, das lehrte ihn erst die Fremde, und das wurde zu einem herberen Weh für ihn, als all die unsäglichen Schmerzen, welche er je erduldet. Und diese Wermutstropfen nährten in ihm den bösen Dämon und machten ihn bereits als Jüngling zu einem pessimistischen, weltverachtenden Sonderling. Ein wundersamer Entschluß keimte in seiner Seele, ein ungestümes Verlangen, das zu erforschen und zu ergründen, was ihm als qualvolle Krankheit das Leben vergällte. Umsonst war alles Protestieren seines Gouverneurs, Daniel studierte Medizin. Bei den berühmtesten Professoren des In- und Auslandes ward er Schüler, und wenn sein schwacher Körper anfänglich auch oftmals in tiefer Ohnmacht vor den Operationstischen zusammenbrach, so setzte sein eisernes Wollen und sein stets wachsender Eifer dennoch durch, daß seine Lehrmeister schließlich die Hand auf das Haupt das jungen Fürsten legten und sein Können und Wissen groß und erstaunlich nannten. Mit rastlosem Fleiß studierte Sobolefskoi die gottgesegnetste aller Wissenschaften, er erreichte in wenigen Jahren das, wozu sonst die ganze Kindheit und Jugend ihre Kraft einsetzen muß, und da er sein Doktorexamen bestanden und zum erstenmal rettend an ein Krankenlager getreten war, da war es ihm, als ob Geisterlippen ihn segnend auf die Stirn geküßt. Er kam in die Heimat zurück und ward majorenn, und an demselben Tag, welcher ihn zum unumschränkten Herrn von   Millionen, von einem der edelsten Namen, von allem machte, was eines Menschen Herz begehrt, da kam ein Brief aus dem Kabinett des Zaren und berief den Fürsten Daniel Sobolefskoi an seinen Hof. Ein süßer, feiner Duft entströmte dem Schreiben, »ein Hauch jener Luft, welche Kronen umweht!« wie Gräfin Arlowsk enthusiastisch ausrief, und sie umarmte den Neffen zum erstenmal in ihrem Leben und sprach voll stolzer Genugtuung: »Er wird dich zu seinem Kammerhern machen, Daniel, und das goldene Tressenkleid wird alles zudecken, was die Natur an dir gesündigt!« Der Erbe von Miskow antwortete nicht, er starrte zum Fenster hinaus in die blutrot untergehende Sonne und deckte mit geheimem Frösteln die Hand über die Augen. Über die schimmernde Pracht dieses Höflingskleides hatte er einst das Blut des Vaters strömen sehen. VI. Wiederholt hat Gräfin Arlowsk zur schleunigen Abreise nach Petersburg gedrängt. Fürst Daniel Sobolefskoi aber scheint keine sonderliche Eile zu haben, und die Stiftsdame muß sich voll herben Unmuts an die Tatsache gewöhnen, daß ihr Pflegebefohlener ein Mann geworden, welcher sich von niemand mehr befehlen läßt, auch nicht von ihr. Daniel hat ihr das zum erstenmal bewiesen, als Gräfin Arlowsk ihm das Gelübde abfordern wollte, nie nach seiner Mutter, nach ihrem Namen und ihrer Herkunft zu forschen. Er verweigerte dieses voll aufflammenden Zornes, hatte hastig seinen Geburtsschein und die Ehepakten seiner Eltern unter den Händen der Gräfin fortgerissen und zum erstenmal hochklopfenden Herzens den Namen des geliebtesten Wesens gelesen: »Eglantina Ruzzolane!« Ehrfurchtsvoll drückte er die teuern Buchstaben an die Lippen, und dann wandte er das Haupt und musterte die Gräfin mit einem finstern, beinahe verächtlichen Blick. »Jetzt begreife ich dich und den Haß, welchen du gegen die unebenbürtige Gemahlin des Fürsten Sobolefskoi gehegt. Mir erscheint derselbe unbegründet und lächerlich. Was weißt du von der Familie meiner Mutter? Erzähle mir!« Kathinka Arlowsk lachte hart und kurz auf; ihr Blick schillerte. »Nur Tatsachen, welche mich in deinen Augen abermals lächerlich machen würden! Wart's ab, bis du nach Petersburg kommst, dort pfeifen's die Spatzen auf dem Dach!« Und die alte Dame wandte sich voll tief beleidigten Stolzes ab und schritt aus dem Zimmer. »Undank ist der Welt Lohn,« murmelte sie bitter, »hätt' ich doch meine Hände davon gelassen, einen Fürsten großzuziehen, in dessen Adern doch nur Komödiantenblut gegen jeden aristokratischen Gedanken rebelliert!« Sie wies den Besuch Daniels, welcher sich seiner schroffen Worte halber mit Vorwürfen quälte und der langjährigen Protektorin seiner selbst und seines Hauses voll Reue und Dankbarkeit die Hand küssen wollte, unversöhnlich zurück und reiste schon an dem darauffolgenden Tag wieder nach ihrem Stift ab. Daniel erzwang sich noch ein Lebewohl beim Abschied, denn er wußte nicht, ob er die betagte Dame noch einmal wiedersehen werde. Aber dasselbe ward weder Trost noch Segen für ihn, Gräfin Arlowsk grüßte den Sohn der Eglantina Ruzzolane, wie man einem Bettler am Wege ein Almosen zuwirft. Sie hatte ihn ja nie geliebt, und was sie für ihn getan, war Pflicht gewesen. Der junge Fürst schickte ihr zum Dank die Schenkungsurkunde seines Palais in Petersburg, der unbemittelten Gräfin einen angenehmen Aufenthalt in ihrer geliebten Residenz zu ermöglichen. In zwei Stücke zerrissen erhielt er das Dokument zurück. Mit ihm waren die Bande zwischen Pflegemutter und Pflegesohn für ewige Zeiten gelöst. Da Miß Jane sich in einer mehrjährigen Stellung sehr wohl fühlte, Daniel aber nicht wußte, wie ihn sein Schicksal noch durch die Welt treiben werde, setzte er der einzigen Freundin seiner Kindheit ein echt fürstliches Taschengeld aus und rüstete sich alsdann, dem Ruf des Zaren zu folgen. Die Kaiserliche Familie hatte abermals einen kurzen Aufenthalt in Gatschina genommen, und so wurde der Sohn des ehemaligen Kammerherrn zur ersten Audienz in dasselbe Zimmer befohlen, in welchem vor langen Jahren sein Vater zum letztenmal vor seinem Kaiser gestanden. Wieder sausten die Rappen der Sobolefskoischen Equipage an dem Standbild des kaiserlichen Ahnherrn vorüber, die Rampe vor dem Schloß empor, wieder rissen kräftige Tscherkessenfäuste mechanisch die Türflügel auf, und der junge Fürst trat ahnungslos über die Schwelle, an welcher das Lebensglück seines Vaters zersplittert war, Lakaien und Kammerdiener neigten sich mit respektvollem Gruß, und dennoch rissen sie die Augen weit auf vor Staunen, als unter dem pelzverbrämten Mantel die unglückliche Gestalt dieses vornehmsten aller russischen Aristokraten sichtbar wurde. Langsam, schleppenden Schrittes, hier und da stehenbleibend, um mühsam Luft zu schöpfen, stieg Daniel Sobolefskoi die Marmorstufen der »goldenen Treppe« empor. Und an derselben Stelle, in demselben Saal, wo vor langer Zeit Madame de Loux den letzten Blick auf Fürst Gregor geworfen, standen auch heute wieder drei Namen in leise tuschelndem Gespräch, und die Zeremonienmeisterin, Gräfin Karnitcheff, die korpulente Matrone in der langschleppenden, kirschroten Samtrobe, hob ungeniert die Lorgnette und musterte den Sohn des Kammerherrn mit ernstem Blick. Und à tempo hoben auch die beiden andern Damen die Gläser vor die Augen, ließen den Blick scharf prüfend über den jungen Mann gleiten und wandten sich dann, wie in händeringendem Erstaunen, einander wieder hastig zu. Daniel befand sich zum erstenmal am Hof. Die weiche, balsamische Luft, welche ihm entgegenwehte, hatte ihm zuerst den Atem benommen, jetzt aber, wo die neugierigen Blicke der Damen ihn Spießruten laufen ließen, wo ihr unverhohlenes Staunen, ihr spöttisches Kichern und Flüstern ihm ins Herz schnitt und heiße Glut in sein Antlitz jagte, jetzt legte sie sich wie ein Zentner auf seine Brust und deuchte ihm unerträglich. Wie ein Traum wirbelte die bunte Fracht etlicher Säle an ihm vorüber, dann schlug der vorausgehende Kammerdiener mit tiefer Reverenz eine Portiere zurück, und Daniel trat in das Vorzimmer seines Zaren. Der Adjutant eilt ihm entgegen, nennt in zuvorkommendster Weise seinen Namen und bietet die Hand zum Gruß, aber auch sein Blick haftet frappiert auf der verwachsenen Figur des Fürsten, und ein fast verlegenes Lächeln spielt um seine Lippen, als er den jungen Mann für eine Saison voll Spiel und Tanz willkommen heißt. Dann stellt er den Kammerherrn Baron Tolly vor. Sobolefskoi versichert mit leiser Bitterkeit in der Stimme, daß er sich gern an der Freude anderer mitfreuen werde, wenngleich er sich bei den meisten Vergnügungen der Jugend wohl an dem Zusehen genügen lassen müsse, außerdem wolle er jede freie Stunde benutzen, um weiter zu studieren. Der junge Offizier ergeht sich in einem Schwall liebenswürdigster Phrasen, und während er den Millionenerben am liebsten glauben machen möchte, daß er der berühmteste aller Professoren und mindestens Vortänzer im Winterpalais werden würde, fliegt sein Blick verstohlen zu Tolly herüber, mit einem Ausdruck, welcher fragt: »Wie findest du die Idee? Der und Walzer tanzen!! wäre ein kleiner Scherz fürs Affentheater!« Daniels Wimpern liegen tief über den Augen, dennoch sieht er alles, und sein Herz blutet. Das Warten in diesem Vorzimmer erscheint ihm widerwärtig. Die Herren unterhalten ihn zwar mit ausgesuchtester Höflichkeit, laden ihn dringend in ihren Klub ein – kleine Imitation des Jockeyklubs in Paris –, in welchem man vortrefflich aufgehoben ist. Dort werden die unglaublichsten Wetten gemacht, und es ist Ehrensache im Hofstaat des »König Makao«, Glanz und Wohlstand des Hauses zu repräsentieren. Die beiden Herren sind auch täglich daselbst zu finden, und sie hoffen, daß sich Durst Sobolefskoi öfters als dritter im Bunde mit ihnen vor den zweiundfünfzig Blättern aus des Teufels Gebetbuch assoziieren werde.   Daniel beobachtet die Gesichter der Kavaliere, als er höflich lächelnd versichert, ein Gelübde verbiete ihm, jemals eine Hand zum Spiel zu leben: man sieht enttäuscht aus, erzählt aber desto animierter von den Wetten auf andere Spieler, welche oft in erstaunlicher Höhe gehalten werden. Endlich ertönt silberner Glockenschlag aus dem Arbeitszimmer des Zaren, und nach wenigen Minuten steht Fürst Sobolefskoi vor seinem Herrn und neigt das Haupt zum Kuß aus die gnädig dargereichte Hand. Auch der Blick Seiner Majestät hat voll Überraschung aufgezuckt, als der einzige Erbe eines uralten Namens in jammervoller Mißgestalt vor ihn tritt. So hat er den Sohn des eleganten Kammerherrn seines Vaters nicht erwartet, aber wunderbar, selbst mit diesem Äußern ist ihm der junge Mann sympathischer, als wenn er schön und schlank, als das verjüngte Ebenbild jenes treulosen Günstlings vor ihm erschienen wäre, welcher seinen Vater so schwer beleidigt hatte. Jene Zeiten sind vorüber, aber der hohe Herr wird nicht gern an dieselben erinnert, wenngleich er persönlich dem verstorbenen Fürsten Sobolefskoi die Weigerung: »Madame de Loux zu heiraten« seiner Zeit als einen Akt der Treue gegen ihn, den Großfürsten, ausgelegt hatte, Wenn ihn auch die unglückliche Gestalt Daniels schmerzlich bekümmert, so ist es ihm dennoch lieb, daß keine Ähnlichkeit Erinnerungen weckt, welche ganz Petersburg vergessen haben soll und muß. Voll außerordentlicher Huld und Leutseligkeit unterhält sich der hohe Herr mit dem jungen Mann, dessen wehmutsvoll düstere Augen sein Interesse fesseln, und Daniel atmet freier auf und denkt bei sich: wunderbar, die Fürstenkronen und Alpenfirnen gleichen sich! Zu ihren Füßen lagert eine schwüle Luft, die manch giftig Samenkörnlein weiterträgt und mit zauberischem Blütenduft die Sinne betäubt: je höher man aber emporsteigt zu den majestätischen Häuptern selbst, desto frischer und klarer weht's einem entgegen, desto gewaltiger bläst einem der Odem, welcher einzig das Edelweiß als Schmuck und Zierde duldet, durch Leib und Seele! Als Daniel verabschiedet war, hatte er das Gefühl, als müsse er mit eiligen Rossen davonstürmen aus Nimmerwiederkehr, um sich dieser Stunde Segen zu bewahren! Wer einmal mit vollem Verständnis echten Wein geschlürft, kann dem gefälschten nie wieder Wohlgeschmack abgewinnen. Der Sohn des alten Höflings aber war ein absonderlicher Mensch, welcher weder durch einen Zug des Gesichts noch der Seele dem Vater ähnlich sah. Daniel glaubte: so reine und köstliche Hofluft, wie er Auge in Auge mit dem Kaiser geatmet, werde seine Stirn doch nie wieder umwehen, denn Kammerherr konnte und wollte er seiner Mißgestalt wegen nicht werden, und der Zar war ein durch Arbeitslasten überbürdeter Mann, welcher nur die notwendigsten Audienzen erteilen konnte. Die Luft aber, welche in weiteren Kreisen die Säle und Korridore der Fürstenschlösser durchzog, die deuchte ihm so schwer und giftig, daß sie sein wundes Herz und seine kranke Brust nicht ertragen konnten. Ja, er möchte vor ihr hinaus in die weite Welt fliehen, aber das Wort des Zaren bindet ihn für die nächste Zeit noch an Petersburg, er soll nicht nur gekommen sein, um wieder zu gehen, er soll in einem Palais heimisch werden, dessen Grundfesten aus den Schildern seiner Ahnen ruhen. Und resigniert seufzt der junge Fürst bei diesem Gedanken aus und fügt sich dem Willen seines Herrn. Als er durch die Halle zurückschreitet, sieht er hinter der Glastür, welche den Eingang in einen Wintergarten oder eine Orangerie zu gewähren scheint, wieder eine der drei Namen stehen, welche schon zu Anfang seinen Weg gekreuzt. Der feuerfarbene Atlas ihrer Toilette hat ihm schon vorhin in die Augen gestochen. Jetzt sieht er ihr direkt in das schelmische, pikante, von dunklen Löckchen umzitterte Antlitz. Sie lächelt ihm mit einer koketten Bewegung zu, als wolle sie sagen, »ich weiß, wer du bist!« und sieht ihm dabei mit einen wahrhaft berückenden Blick in die Augen. Sobolefskoi fühlt, daß ihm abermals dunkle Glut in die Wangen schießt, daß er Gefahr läuft, in seiner Verlegenheit auf dem weißen Marmor zu stolpern. Aber diesmal klingt kein Kichern und flüstern an sein Ohr, im Gegenteil, das reizende kleine Fräulein trägt einen Ausdruck im Gesichtchen, wie Desdemona, als sie das Mitleid für den häßlichen Mohr übermannte. Daniel verneigt sich mit hastigem Gruß, sie wiegt anmutig das Köpfchen, und der Erbe ungezählter Reichtümer eilt verwirrt und unsicher wie ein Kind die goldene Treppe hernieder. Er möchte fragen, wer jene Dame war? Aber er hält es für unschickliche Neugier und schreitet mit stummem Gegengruß an Lakaien und Tscherkessen vorüber nach seinem Wagen. In dem Palais Sobolefskoi in Petersburg angekommen, wirft er sich auf den lichtblauen seidenen Diwan im ehemaligen Boudoir seines Vaters nieder und stützt in dumpfem Nachsinnen das Haupt in die Hand. – – Fürst Daniel Sobolefskoi war in Petersburg geblieben und hatte sich auf den Wunsch des Zaren ausnahmslos an den Festen der Saison beteiligt. Dem Beispiel des hohen Herrn zufolge, wurde er überall mit exquisiter Höflichkeit aufgenommen, und dennoch deuchte es dem Sohn des ehemaligen Kammerherrn, als stünde er inmitten des tollsten Karnevalstreibens einsamer und verlassener, denn auf den Dünen seines weltvergessenen Strandschlosses. Bei seiner Feinfühligkeit empfand er es voll Bitterkeit, daß jedes freundliche Wort, welches ihm gesagt wurde, lediglich die Glasur über Gleichgültigkeit, Spötterei oder bedauerliches Mitgefühl war, daß die Menschen ihre Liebenswürdigkeiten nicht ehrlich meinten, daß sie ihn bei aller Zuvorkommenheit doch nur – gewissermaßen – das Gnadenbrot in ihrem Kreise essen ließen. Da sein Erscheinen in der Residenz selbstverständlich viel Staub aufgewirbelt hatte, so erfuhr es Daniel gar bald, welch eine Mesalliance sein Vater geschlossen hatte. Er war weder überrascht, noch peinlich berührt davon, sondern dachte, mit einem ehrerbietigen Kuß auf die gemalten Augen seiner Mutter: »Wie schön, wie edel und gut mußt du gewesen sein, daß das Schicksal eine Fürstenkrone auf deine Stirn gedrückt, daß mein Vater nicht gezögert hat, dich zu seiner Gemahlin zu erheben!«   Daniel hatte eine flache Goldkapsel in Form eines Herzens arbeiten lassen, aus dessen Deckel sich die Gravierung eines Schutzengels in zarten Linien abhob, dahinein hatte er das Stückchen Leinewand aus dem verbrannten Gemälde der Fürstin gelegt, um die teuren Augen der Mutter stets als Talisman auf der Brust tragen zu können. Der junge Fürst war ein charakterfester, rechtlich denkender Mann geworden, welcher den Versuchungen der Welt widerstand und sich nicht zum Spielball anderer Menschen machte. Er hatte sich dadurch bald unter den Herren seine Widersacher gemacht, welche ihn als Geizhals, als unliebenswürdigen und ungefälligen Menschen verschrien, und welche sich an ihm durch Nadelstiche rächten, die gegen seiner Mutter Namen und Ehre gerichtet waren. Und damit trafen sie Sobolefskoi am empfindlichsten und schlugen ihm Wunden, welche nicht wieder vernarbten. Mehr und mehr überkam ihn der Ekel und Widerwillen gegen die Komödie dieses täglichen Lebens, deren Schalheit und meist verächtliche Tendenz er zu wohl durchschaute. Stand er isoliert in der Ecke des Saales, die Pracht und Eigenartigkeit eines Hofballs zu überblicken, und schaute er dann mit seinem nüchternen, klaren Verstand all die kleinlichen Intrigen, die Neid und Eifersucht spinnen, die Minen und Gegenminen, welche Ehrgeiz, Falschheit und Selbstsucht legen, diesen Kampf, welcher unter dem Schild des frommen, vollsten Friedens wütet, diese Steine, welche mit graziösestem Lächeln in den Weg anderer geschleudert werden, all die leise zischenden Schlänglein, welche sich durch Rosen und Brillanten winden, dann hatte er stets von neuem das Gefühl, welches ihn zum erstenmal in der Vorhalle von Gatschina beschlichen hatte: Die Hofluft ersticke ihn! Und kein frischer Hauch weht ihn an, im Gegenteil, schmerzliche Enttäuschung, wohin er auch blicken mag. Sacha Wronski, die kleine Gräfin mit den großen Sprühaugen, die vielumschwärmte Hofdame, welche dem Fürsten Sobolefskoi den ersten Gruß in Gatschina zugelächelt, ist danach noch oftmals als lockendes und betörendes Irrlichtchen über seinen Weg getanzt, – Als Irrlicht! Daniel hat es bald eingesehen und voll Ergebung auch diese schnell aufflackernde Hoffnung zu Grab gelegt, Anfänglich hatte er mit dem scheuen Entzücken eines Knaben ihre fast auffälligen Liebenswürdigkeiten wahrgenommen. Er war zu naiv, um ihre Koketterien sofort zu durchschauen, aber er hatte bei öfterem Verkehr ein sich stets steigerndes Gefühl von Unbehagen über ihre Art und Weise, welche so gar nichts von der engelhaften Milde und Reinheit einer Desdemona an sich hatte. Es lag oft ein Ausdruck in den dunklen Augen, welcher Daniel unangenehm berührte. Dieses Flackern und Glühen hatte nichts mit der klar brennenden Leuchte des Friedens gemein, welche sich gleich einem Christstern über dem Kreuz seines Elends erheben soll. Sein idealer und frommer Sinn verabscheut eine Liebe, welche in den Staub der Welt herniederziehen will. Nein, in solchen Augen wird seine Mutter ihm nimmermehr erscheinen. Sachas Bemühungen um den reichen Erben, »den goldenen Kern in bitterer Schale«, wie man ihn spottend nennt, sind nicht unbemerkt geblieben. Die Mißgunst schleicht sich an des Fürsten Ohr und flüstert ihm voll rüder Offenheit die Pläne zu, welche das Teufelsköpfchen mit dem Engelslächeln schmiedet! »Siehst du nicht, wie der schlanke Offizier, der Schönste seines Regiments, sie eben zum Tanz führt? In ihren Blumenstrauß, welchen er neckend ihrer Hand entwindet, versenkt er heimlich ein rosiges Billet ... und um die bestimmte Stunde wirft Sacha den Pelz um die schönen Schultern und tritt in den verschwiegenen Park, um dem Geliebten durch perlweiße Fähnchen zuzuflüstern: »Nie kannst du auf die Goldsäcke eines Zwerges eifersüchtig sein!« So zischt Frau Fama leise Kunde, und sie sagt dem mißgestalteten Manne nichts Neues, sie bestätigt nur mit klaren Worten, was er selbst gemutmaßt hat. Ob er Beweise verlangt? Nein, er beabsichtigt durchaus nicht, Gräfin Sacha zu heiraten, weder sie noch jemals eine andere, sein Glauben an Liebe und Treue ist vergiftet. Er sucht kein Weib mehr, das ihn mit Kuß und Liebeswort belügen wird, er sucht eine Samariterin, welche mit dunklen Augen den Frieden in seine Seele lächelt, welche die kühle, schwesterliche Hand auf sein müdes Haupt legt und mit ihm weint, daß alles so gekommen. Die Augen seiner Mutter sucht er! Die beiden Himmelssterne, aus deren frommem Glanz sie ihm entgegenlächeln wird, um all sein Herzeleid für immerdar von ihm zu nehmen! Eine fieberhafte Unruhe erfaßt den jungen Mann und treibt ihn in die Ungewißheit der weiten Welt hinaus. Die Hofluft, welche dem Vater so unentbehrlich gewesen, daß er sein Leben hinwarf, als ihm versagt wurde, sie ferner zu atmen, ist dem Sohn so unerträglich, daß er planlos in die Fremde flieht, um sich vor ihr zu retten. Der Zar bedauert es aufrichtig, daß die häufiger denn je auftretenden asthmatischen Beschwerden des Fürsten einen Klimawechsel für denselben bedingen. Als Zeichen seiner dauernden Huld verleiht er ihm denselben russischen Hausorden, welcher ehemals die Brust des verstorbenen Kammerherrn geschmückt, und spricht den Wunsch aus, den einigen Vertreter des Sobolefskoischen Namens zu öfterem, wenn auch kurzem Aufenthalt in der Heimat wiederzusehen. Und als Daniel durch das Portal des Palais zurückfährt, hebt sich seine Brust unter einem tiefen Seufzer der Erleichterung. Das Funkeln und Glitzern, welches seinen müden Augen weh getan, der heiße, balsamische Hauch, jenes geheimnisvolle Gemisch von »Sonne, Mond, Sternenglanz und Veilchenduft«, unter dessen schwüler Last seine kranke Brust ächzte, all die Nadelstiche und Gifttropfen, welche Insekten gleich diese Luft durchschwirrten, liegen hinter ihm. Nun zieht es ihn mit Allgewalt in die Ferne, zu schweifen hin und her, zu wandern und zu suchen, ob er das verheißene Glück finden möge! Auf seinem Herzen aber ruhen zwei dunkle Augen, die lächeln treu und unverändert: Sei getrost, mein kleiner Schmerzensreich, wenn dein Tränenkrüglein gefüllt ist, komme ich und trage seine Last! VII. Fürst Daniel Sobolefskoi hat ein ruheloses Wanderleben geführt, Da ist wohl kaum eine Stadt in Eu- ropa, welche er nicht gesehen hat, durch welche er nicht müden Schrittes einhergegangen, abgestumpft gegen die neugierigen Augen und dreisten Worte, gleichgültig wider die kriechende Unterwürfigkeit, welche seinen goldgefüllten Händen gilt. Mit glanzlosem Blick schaut er die Wunder des Nordens und des Südens, ein kranker, wunschloser und lebensüberdrüssiger Mann. Was hindert ihn am Sterben? Wer wehrt es ihm, seinem elenden Dasein ein Ende zu machen? Er hat oft darüber nachgedacht, aber sein kindlich frommer Glaube hat das Haupt triumphierend über die Schlange gehoben, welche ihn versuchend aus Pistole, Gift und Wassertiefe angeschillert hat. Soll er seine ewige Seligkeit dahingeben, um dem Leiden zu entrinnen, welches doch nur für eine kurze Spanne Erdenlebens über ihn verhängt ist? Soll er das Ziel all seiner Sehnsucht, seine Mutter, welche er mit leiblichen Augen nie geschaut, auch im Glanz des Himmelreichs nicht schauen – nur darum, weil er verzagt und kleinmütig eine Last von sich geworfen, welche Gott ihm nach seinem unerforschlichen Ratschluß auferlegt? Und was sollte aus so vielen armen, bedürftigen Menschen werden, welche Fürst Sobolefskoi fast täglich antrifft, welchen er als Arzt hilft und Gutes tut, deren Tränen er trocknet und deren Dank er errötend abwehrt? Es ist seine Mission auf Erden, kraft seines Wissens und der goldenen Schätze, welche ihm geworden, ein Tröster und Helfer zu werden, und er freut sich neidlos des fremden Glücks, wie ein Kind, welches hinter dem Fenster anderer einen Christbaum brennen sieht und weiß, daß auch ihm dereinst die Lichtlein daheim angezündet werden. Ja, Daniel hilft gern, denn er weiß, daß auch ihm geholfen werden wird, daß eine Stunde schlägt, früher oder später, in welcher eine lichte Frauengestalt zu ihm herniederschwebt, allem Herzeleid ein Ende zu bereiten. Und so wandelt er ohne Murren, aber auch ohne Freude den dornenvollen Weg, welcher zwischen all dem bunten Leben der Welt dennoch so öd und einsam ist. Deutschland ist ihm stets lieb und sympathisch gewesen, jahrelang hat er sich in seinen Grenzen aufgehalten, bis ihn seine krankhafte Unruhe wieder fortgetrieben. Ungern hat er sich der Notwendigkeit gefügt, welche ihn zur Regulierung seiner Angelegenheiten bei einem fallierenden Bankhaus nach Paris geführt. Sobolefskoi hat sein zweiunddreißigstes Lebensjahr erreicht, aber er zieht sich von der Welt und Geselligkeit zurück, als trage er bereits die grauen Haare eines Greises. Die Menschen sind ihm gleichgültig, und ihr Wesen und Treiben ist nicht tatenreich genug, um ihn zu interessieren. Da kommt der Sommer des Jahres 1870 und erfüllt den Sturm, welcher über die Ufer des Rheins in die deutschen Gaue braust, mit gellendem Kampfgeschrei! Der gallische Hahn nimmt heimtückischen Flug, dem preußischen Königsaar die Augen auszuhacken, und Jungfrau Germania greift voll klirrenden Zorns zum Schwert und schlägt den Räuber ihres Friedens nieder. Da überzog sich der blaue Himmel plötzlich mit dräuenden Wolken, und die Donner rollten über das Schlachtfeld, und die ehernen Siegesschritte der deutschen Armee stampften den welschen Übermut in Grund und Boden. Näher und näher brausten die schwarz-weiß roten Wogen gegen die Weltseele Paris heran, immer furchtbarer gellte das deutsche »Hurra!« in die Ohren der buhlerischen Seine-Niçe, welche plötzlich mit bleichen Wangen aus ihren Träumen der Selbstüberhebung und prahlenden Siegesgewißheit emporschrak und mit gitternden Händen Wall und Schanze um ihr bedrohtes Lager baute. Aus Paris flüchtete, wer da flüchten konnte. Daniel Sobolefskoi aber blieb. Mit einem gewissen grausigen Behagen sah er der welterschütternden Katastrophe entgegen, welche die Tore von Paris zu ihren Zeugen machen wollte. Die Entsetzen einer Belagerung schreckten ihn nicht, und der Gedanke an ausbrechende Revolution reizte ihn, sich mitten hineinzustürzen in die Gärung, sich und seine schlaffen Nerven schütteln zu lassen von dem Wirbelsturm der Schrecknisse und zu hohnlachen, wenn derselbe stolze Eichen in den Staub splittert nnd über den verkrüppelten Dornbusch machtlos hinwegsaust. Der Dämon seiner Seele stachelte den Fürsten auf, in dem belagerten Paris zu bleiben, und als das Elend mit seinen hohlen Wangen durch die Gassen schlich, und das Gespenst des Hungers und der Verkommenheit vor den Toren hockte, da erntete der gute Engel die Früchte dieses Bleibens und machte Sobolefskoi auch hier zum Retter und Helfer von vielen Tausenden, welche durch seine Barmherzigkeit das Leben fristeten. Der kleine, mißgestaltete Mann ward zu einer der populärsten Persönlichkeiten, vor welcher der Pariser Pöbel anerkennend, den Hut zog, welcher er im Park von Monseaux eine jubelnde Ovation brachte, und welche aus ihrem stets von Bettlern belagerten Haus keine Nationalfahne herauszuhängen brauchte, sich vor Rocheforts Demolierungswut zu schützen. Die beste Samariterflagge, viel sicherer wie das weithin leuchtendste Kreuz, war die lebendige Mauer, welche sich um das kleine maison russe auf dem Boulevard der Port Royal aufbaute. Zerlumpte Frauen und Kinder, vor Kälte zitternd, im eisigen Winde erstarrt, mit weinenden Augen und leerem Magen, bilden ununterbrochen Queue und blicken sehnsüchtig nach den Parterrefenstern, ob sich das schwarzstruppige Haupt des russischen Doktors bald zeigen werde. Und öffnet sich die Scheibe, oder tritt er selber aus der Haustür, der kleine Fürst Sobolefskoi, so deucht es den Hungernden und Frierenden, als sei dieses häßliche Antlitz mit den mild und erbarmungsvoll blickenden Augen plötzlich schön geworden wie das eines Engels, welcher mit nimmerleeren Händen seine Gaben streut. Und die Männer und Väter all jener Beglückten, die auf den Wällen Wacht fürs Vaterland gestanden haben, die kennen den Russen und begrüßen ihn wie ihresgleichen, wenn sie ihm begegnen. Es war ein bitterkalter Tag. Der Januar hatte im eisglitzernden Königsmantel seinen Einzug gehalten und alle Schrecken mit sich gebracht, deren Vorahnung den Übermut der »Weltseele« nicht hatte dämpfen können. Jetzt aber, wo der Donner der Geschütze wie in heiligem Zorn über das Häusermeer rollte, wo das Sausen und Zischen der von allen Seiten heranfliegenden Bomben und Granaten ihm ein entsetzliches Todesurteil sprach, wo Kälte, Hunger, Elend nnd Aufruhr ihre   Schreckensherrschaft geltend machten, jetzt neigte die kokette Sünderin an der Seine das Haupt angstzitternd und reuevoll in den Staub. Wohin man blickte, die Panik, Verwirrung und Verzweiflung. Fürst Sobolefskoi hatte die Kirche in der rue St. Jacques besucht und dieselbe noch nicht wieder verlassen, als ein Geschoß dicht vor derselben platzte und die Menge in höchste Aufregung versetzte. Alles flüchtete sich mit einem Geschrei der Todesangst in die Häuser, nur die in einen Pelz gehüllte Gestalt des kleinen Russen wandelte unbekümmert ihren Weg, wie in kecker Herausforderung der Gefahr, mitten auf dem Straßendamm. Trommelwirbel erklingt hinter ihm. In zügellosen Haufen stürmt ein Bataillon Nationalgarde an ihm vorüber, der Pöbel folgt lärmend und verlangt zum Stadthaus: »La paix! la paix!« gellen einzelne Summen dazwischen. Man erkennt Sobolefskoi und reißt ein paar rohe Gesellen von ihm zurück, welche mit gemeinen Schimpfreden nach seinen: Pelz gegriffen haben. Unbekümmert schreitet der Bucklige weiter. Eine Granate krepiert ganz in seiner Nähe in dem Garten von Luxembourg, die Bäume krachen und brechen mit ihrer Schneelast zusammen. Daniel beachtet es kaum. Seine Gedanken sind weit weg, und seine Stimmung ist so niedergedrückt und trübe, wie seit Jahren nicht. Die einzige Hoffnung, zu einem Bild seiner Mutter zu gelangen, ist heute gescheitert. In Petersburg hat er vergeblich die höchsten Summen für ein Bild der Sängerin Eglantina Ruzzolane geboten. Umsonst, Photographien existierten zu ihrer Zeit noch nicht, und außerdem war Eglantina eine noch allzu unbekannte Anfängerin, um nach fünfundzwanzig Jahren noch in der Erinnerung eines stets wechselnden Publikums zu leben. Da hatte der Fürst nach dem Maler geforscht, welcher die Porträts in Miskow ausgeführt hatte. Richtig, aus seines Vaters Bild stand ein unbekannter, französischer Name, und Daniel schrieb nach Paris und forschte nach Mr. Jules Villiard. Er erhielt die Antwort, daß dieser Maler hier existiert habe, vor wenigen Monaten gestorben sei und seine versiegelte Hinterlassenschaft erst in drei Jahren geordnet werden könne, wenn sein einziger Sohn aus Japan zurückkehre. Aus den drei Jahren jedoch wurden beinahe sieben Jahre und erst jetzt, in diesem Schreckenswinter, war die Zeit gekommen, da die Skizzenmappen des Verstorbenen geöffnet werden konnten. Sobolefskoi hatte es für selbstverständlich angenommen, daß die Porträts seiner Eltern, welche von durchaus gleichen Leisten eingerahmt waren, zur selben Zeit und von der Hand des nämlichen Malers angefertigt waren. Wer aber ein so engelhaft schönes Antlitz, wie dasjenige der Fürstin, welches Daniels Phantasie nach jenem einen kurzen und schreckhaften Schauen vorschwebte, verewigen durfte, der nahm in seiner Skizzenmappe solche Züge zum eigenen Andenken und Entzücken mit sich. Darum setzte Sobolefskoi auf die losen Blätter der »Studienköpfe« und Aufzeichnungen Mr. Villiards seine größte und letzte Hoffnung, und darum war seine Enttäuschung eine um so schmerzlichere, als der Sohn des verstorbenen Künstlers nach wochenlangem Suchen, bei welchem der Fürst ihm voll nervöser Erregung Hilfe leistete, selbst nicht die flüchtigsten Bleistiftkonturen fand, welche auf das Antlitz Eglantinas gedeutet werden konnten! Und dennoch war Mr. Villiard der Schöpfer der beiden Gemälde, welche das Sterbezimmer des Kammerherrn geschmückt hatten, das bewies ein vortreffliches Aquarell, welches das imposante, alte Strandschloß, mit der stürmischen See zu Füßen, in Gewitterbeleuchtung zeigte. Daniel entsann sich, in einem Saal, welcher zu Lebzeiten seiner Eltern bewohnt wurde, das große Ölgemälde, sicherlich nach diesem Entwurf geschaffen, gesehen zu haben. Voll Wehmut ruhte sein Blick auf dem Bildchen, dessen Karton vielleicht die Hand seiner Mutter gehalten, bei dessen Aufnahme sie vielleicht voll warmen Interesses dem Pinsel des Künstlers zugeschaut. Er kaufte Mr. Villiard junior die Skizze ab und verließ mit schwerem Herzen dessen Wohnung, in welcher abermals eine seiner liebsten Hoffnungen zu Grabe gelegt worden war. – Sobolefskoi trat in ein Kaffeehaus, sich einen Augenblick auszuruhen und einem Trupp Kommunisten aus dem Wege zu gehen, welche die Marseillaise brüllten und ein Schild trugen, welches die Bürger von Paris aufforderte, das Gefängnis Mazzas zu stürmen und Fleurens zu befreien. Auch aus dem Café drang Daniel ein wüster Lärm entgegen, zwei Offiziere der Mobilgarde begegneten ihm auf der Treppe, erkannten ihn und faßten ungestüm seinen Arm: »Allons donc, mon prince! Kommen Sie! Helfen Sie uns, ein Massacre zu verhüten! Wir allein dringen nicht mehr durch bei der wütenden Menge!« »Was geschieht? Ich beschwöre Sie, meine Herren!« Schon zogen ihn die beiden Kapitäne aufgeregt mit sich fort nach dem großen Konzertsaal, welcher in einem Quergebäude nach dem Hof zu gelegen war. »Vier arme Teufel, welche man für Spione hält und lynchen will! Allem Anschein nach sind es auch preußische Offiziere, aber wir müssen verhüten, daß sie unter den Fäusten des Pöbels fallen!« Die breiten Glastüren des Saales schlugen schmetternd auseinander, ehe die Herren sie erreichten. Eine wild erregte Menschenmenge drängte sich hervor, vier anständig gekleidete Zivilisten, mit Taschentüchern geknebelt, mit sich reißend, mit geballten Fäusten bedrohend und tätlich mißhandelnd. »An die Laterne mit den Spionen! Nieder mit ihnen! Schlagt sie tot, die Hunde!« wüteten die Stimmen durcheinander, »Halt! Ruhe hier!« Wie mit einen: Zauberschlag veränderte sich das Bild, als die Zwergengestalt des Russen mit hocherhobener Hand dem Menschenstrom entgegentrat. Höhnende Worte, ein wüstes Geschrei: »Es sind Spione, petit bossu !« und dann drängen sich andere vor, welche Sobolefskoi als ihren Wohltäter kennen und seine Partei nehmen. Ein lebhafter Wortwechsel her und hin. Die Offiziere ziehen die Säbel und verlangen die Auslieferung   der Gefangenen, und der Fürst unterstützt ihre Worte durch seinen energischen Befehl. »Ihr seid Verräter, wenn ihr die deutschen Kanaillen verschont!« »Wir schonen sie nicht! Wir stellen sie vor das Kriegsgericht!« »Für solche Schandbuben sind unsere Kugeln zu gut!« »So werden wir sie aufknüpfen!« »Wo bringt ihr sie hin?« »Zum General Trochu. Er soll feststellen, ob diese Männer preußische Spione sind, oder nur Gefangene von Champigny, denen der General dieselben Freiheiten gewährt, welche unsere Landsleute in Deutschland genießen! Wollt ihr, wider alles Völkerrecht, Leute ermorden, welche unter dem Schutz des Gouverneurs und aller Ehrenmänner Frankreichs stehen? Schmach und Schande über jeden, welcher an seinen Gefangenen zum Mörder werden will!« Daniel hatte die Worte laut, mit seiner eigenartig akzentuierten Sprache gerufen, und dabei war er furchtlos neben einen der Gefesselten getreten, hatte das Tuch von seinen Handgelenken gelöst und es mit Verachtung zu Boden geworfen. »Der Russe hat recht! Hört auf ihn, er ist Bürger von Paris geworden! – Zu Trochu! en avant ! wir ziehen mit vor das Gouvernement!« Und abermals erhob Sobolefskoi ruhige, aber bestimmte Einsprache, wählte zwei der Rädelsführer zur Begleitung bis zum Montmartre, wo die Unbekannten vorläufig von den beiden Offizieren abgeliefert werben sollten. Die Menge fügte sich, und die beiden Mobilgardisten schlugen mit ihren Schützlingen ihren Weg durch eine kleine Nebengasse ein.   In einer der kellerartigen Wachtstuben auf dem Montmartre gehen die Offiziere ab und zu, wärmen für kurze Zeit ihre frosterstarrten Glieder oder werfen sich, todmüde und gleichgültig gegen alles, auf die breiten Strohschütten, auf welchen den Verwundeten zeitweise die Notverbände angelegt werden. Die Matratzen sind untauglich geworden, Blutlachen haben ihre unheimlichen Schatten auf die Dielen geworfen. Von der Decke hängt eine qualmende Öllampe und leuchtet den Führern der Nationalgarde, welche an hölzernem Tisch vor ihren Glühweinbechern sitzen und das Unglück ihres Vaterlandes beim Kartenspiel vergessen. Die Kanonen donnern ihnen die Musik dazu, und der Sturm peitscht die Schneemassen bis weit in das Zimmer hinein, wenn die Tür sich öffnet. Und sie öffnet sich in diesem Augenblick, um unter ihrer tiefen Wölbung die bekannte, kleine Mißgestalt Sobolefskois auftauchen zu lassen, welchem, die dicke Schneeschicht von den Füßen stampfend, ein Offizier der Festungsbesatzung folgt. Überrascht blicken die Spieler auf, stoßen die Stühle zurück und treten den Ankommenden mit vollendeter Liebenswürdigkeit entgegen. »Alle Teufel, Prinz, Sie sind seit dem siebenundzwanzigsten Dezember der erste Gast, welchen wir in den Kasematten empfangen! Was führt Sie so direkt in der Hölle Rachen? Wollen Sie mit den blauen Bohnen, welche uns die jenseitigen Schützengraben herüberwerfen, Federball spielen, oder beabsichtigen Sie bei vierundzwanzig Grad Kälte eine rotflammende Granate für Ihr Knopfloch zu pflücken? Gleichviel, und auf alle Fälle willkommen in unserem Barackenlager!« Daniel schüttelte die dargereichten Hände und beantwortete die scherzenden Fragen mit seinem müden, stets höflichen Lächeln, der junge Kapitän jedoch, dessen Bekanntschaft er auf so eigentümliche Weise in dem Café gemacht, nahm lebhaft seinen Arm und zog ihn zu den dampfenden Punschgläsern. »Ich weiß, warum Sie kommen, Fürst Sobolefskoi, und ich werde Ihnen sofort Bericht erstatten! Trinken Sie mit mir auf das Wohl der Stunde, welche Sie gestern zum Retter ein paar harmloser, armer Kerle gemacht! Da hier ... das einzige Portefeuille, welches bei den vermeintlichen Spionen gefunden wurde! Hahaha! Hotelrechnung und Notizen über die gleichgültigsten Ereignisse der letzten Tage ... Reporter des ›Punch‹ oder der ›Times‹, voilà tout !« Die Unterhaltung ward über das angeregte Thema allgemein, und Daniel griff nach dem dicken Taschenbuch, welches ihm sein Nachbar zuschob, und schlug es auf, »Welch ein Glück, daß wir der Unschuld einen Dienst leisten konnten. Befinden sich die vier Herren wieder auf freiem Fuß?« »Das nicht. Wir haben alle Ursache, selbst den ehrlichsten Gesichtern zu mißtrauen. Recherchen über die Wahrheit der Aussage können wir in diesen bewegten Tagen nicht anstellen, behalten infolgedessen die unbekannten Herren als Logierbesuch in den Baracken.« »Das wird die Leute an der Ausübung ihres Berufs hindern und sie dadurch schädigen!« Der Franzose zuckte die Achseln, »Der Krieg nimmt keinerlei Rücksichten. Indessen ... wenn Sie das Maß Ihrer Güte vollmachen wollen, so verwenden Sie sich bei Trochu für Ihre Schützlinge, wohl möglich, daß er sie Ihren wachsamen Augen zu etwas größerer Freiheit anvertraut! Wenn Sie –« Der Sprecher vollendete nicht, ein Krachen und Dröhnen ging durch den gewölbten Raum, daß die Wände erzitterten und der Fußboden zu wanken schien. Die Offiziere sprangen auf. Ein kurzes, erregtes Hin und Her. »An die guerre d'embuscade ! man hat eine Salve gegeben! Verzeihen Sie, Fürst, wir hoffen sogleich wieder zu Ihrer Verfügung zu stehen!« Und hastig nach Säbel und Mütze greifend, wilde Flüche gegen den Feind auf den Lippen, stürmten die Nationalgardisten die drei steinernen Stufen zu der Ausgangstür empor. Daniel verharrte gelassen auf seinem Platz. Begleiten durfte er die Offiziere nicht, so gern er es getan hätte. Er blätterte mechanisch in dem Taschenbuch des englischen Reporters und schlug auch die zusammengelegte Ledertasche auseinander, welche, nach ihrer Steifheit zu schließen, Photographien enthielt. Die Öllampe schwankte und warf ein unsicheres Licht herab, die Hand des Russen aber zuckte zusammen, jählings neigte er sich vor und starrte aus das Bildchen, welches sich seinem Blick darbot. Träumt er! Kann es möglich sein? Aus einem zauberhaft lächelnden Kindergesicht, umwallt von goldblonden Locken, schauen ihn die Augen seiner Mutter an: dieselben träumerisch ernsten, rätselhaft dunklen Augen, welche er auf dem Herzen trägt. Daniels Dinger zittern, als er den Karton umschlägt. Ein zweites Bildchen. Behaglich dick und nur mit einem Hemdchen bekleidet, liegt ein etwa dreijähriges Baby in den Kissen. Kleine, rebellische Haarstrippchen über der Stirn, ein Stumpfnäschen und kreisrund abstehende Ohrchen. »Jolante« steht mit Tinte quer über der Photographie. Und der Kleinen gegenüber im Zwillingsrahmen die Mutter der beiden Kinder. Ein zartes, vornehmes Gesicht, mit hellen Augen und blondem Haar. Sie ist ihm ebenso fremd, wie ihr ältestes Töchterchen dem Beschauer bekannt erscheint. Er schlägt das Blatt wieder zurück und blickt wie gebannt in die dunklen Augen der kleinen Unbekannten. Wie mag sie heißen? Vielleicht steht es hinter der Photographie, Daniel versucht das Bildchen aus dem Lederausschniit hervorzuziehen, es sitzt sehr fest und weicht erst der Gewalt. Aber Sobolefskoi hat sich nicht getäuscht. »Lena Dern von Groppen, zehn Jahre,« steht von derselben Hand, die auch »Jolante« geschrieben, auf dem weißen Papier, welches Namen und Firma eines deutschen Photographen in einer deutschen Stadt trägt. Betroffen schaut Sobolefskoi darauf nieder. Dern von Groppen ist ein bekannter preußischer Name, wie kommt ein Engländer zu solcher Verwandtschaft? und hier? was ist das?! Der Atem stockt ihm, hier hat sich der Atlas auf dem Karton verschoben, als Daniel das Bildchen herausgezogen, und nun schaut eine Ecke beschriebenen Papieres dahinter vor. Der Fürst wirft einen schnellen Blick um sich her, er ist ganz allein. Hastig zieht er das Geschriebene hinter dem Futter hervor und mustert es. Teils eine Zeichenschrift, teils kurze, unverständliche, deutsche Silben und hier ... Aufzeichnungen, ein kleiner Plan ... Zahlen – – Ein deutscher Spion! Sobolefskois Herzschlag stockt. Hie Aufregung treibt ihm kalte Schweißtropfen auf die Stirn, schnell entschlossen schiebt er die verdächtigenden Zettel in seine eigene Brusttasche. Wie ein Stich geht es ihm durchs Herz. Soll er der Nation, welche ihm Gastfreundschaft gewährt, die Treue halten und an dem Deutschen zum Verräter werben? Sein Leben liegt in seiner Hand; ein Wort genügt, und diese blonde Frau mit ihren beiden Kindern steht allein in der Welt. Wieder kehrt sein Blick zu den Bildern zurück. Er starrt sekundenlang regungslos in Lenas dunkle Augen, und dann ringt sich ein Atemzug fast keuchend aus seiner Brust. »Gefunden!« jauchzt es in seinem Herzen, und durch seine Seele zieht es wie Glockenton und Engelstimmen, und ihm deucht es, als öffne das süße Kindergesicht die Lippen und flüstere ihm wie eine selige Verheißung zu: »Sei getrost, du armer Schmerzensreich, all deinem Leid mach' ich ein Ende!«   Fürst Gobolefskoi begab sich persönlich zu General Trochu und erbat die Freilassung der vier englischen Reporter, welche er im Café Honoré aus den Händen des Pöbels befreit hatte. In liebenswürdigster Weise wurde ihm dieselbe bewilligt. Und die Stunde kam, in welcher Daniel seine Schützlinge in seinem Hause gastlich aufnehmen konnte. Sein Blick überflog scharf prüfend die vier Unbekannten. »Zuvor eine Frage. Welchem der Herren darf ich diese Brieftasche als persönliches Eigentum zurückerstatten?« Und da der Besitzer sich mit etwas hastiger Verneigung meldete, ging es wie ein Lächeln der Befriedigung über des Russen finstere Züge: Groß, elegant, mit dunklem Vollbart und geistvollem Auge stand Lenas Vater ihm gegenüber. Trotz des reduzierten Anzugs ein vollendeter Kavalier. »Darf ich Sie bitten, mir für einen Augenblick in das Nebenzimmer zu folgen.« Die Tür schloß sich, und Fürst Sobolefskoi griff langsam in die Brusttasche, »Hier, Ihr Portefeuille, Herr von Dern- Groppen, und hier etliche Papierstreifen, welche ich aus demselben entfernte, ehe ich es General Trochu als Beweis für die harmlose Natur Ihres hiesigen Aufenthaltes vorlegte.« Ein Erbleichen ging über das Antlitz des deutschen Offiziers. »Mein Fürst,« stotterte er in momentaner Fassungslosigkeit. Daniel aber trat dicht an seine Seite, »Mit diesen verhängnisvollen kleinen Zetteln schenke ich Ihnen und Ihren Herren Kameraden zum zweitenmal das Leben, und ich tue noch mehr denn dies, ich ermögliche Ihnen in den nächsten Tagen die Flucht uno gebe Sie der Zernierungsarmee zurück; ich bin Ihr Freund, und ich helfe Ihnen mit Einsatz aller Kräfte.« Groppen umschloß die dargereichte Hand mit fast krampfhaftem Druck. »Wie sollen wir jemals diese Schuld bei Ihnen tilgen, wie soll ich Worte finden, Ihnen zu danken!« stieß er tiefatmend hervor. Sobolefskoi schüttelte mit seinem müden Lächeln das unschöne Haupt, sein Blick traf das Auge des preußischen Offiziers, wie der eines bittenden Kindes. »Wohl weiß ich, daß meine Handlungsweise Ihren Dank verdient, und ich bin weit entfernt, denselben abzulehnen. Im Gegenteil, ich fordere ihn. Es gibt absonderliche Heilige in der Welt, und einer ihrer närrischsten bin ich, dem entspricht meine Bitte. Sie kennen mich dem Namen nach, Herr ... Herr Kapitän?« »Rittmeister des ϯϯϯ Husaren Regiments, Dern von Groppen, mein Fürst.« »Ich danke Ihnen. Also Sie kennen mich, Herr Rittmeister, und was Sie vielleicht noch nicht wissen, ist mit kurzen Worten gesagt. Ich bin Russe, bin gesegnet mit allen Glücksgütern der Welt, bin inmitten all meiner Herrlichkeiten ein armer, einsamer, verlassener Mann. Liebe und Freundschaft fand ich nie, eine Heimat habe ich nie im Schoß meiner Familie besessen. Mein Herz und meine Seele aber lechzen danach, ein Daheim zu finden. Ich schenkte Ihnen zweimal Ihr Leben, schenken Sie mir dafür einen Bruder, einen Bruder in Ihnen selbst! Seien Sie mein Freund, nehmen Sie mich auf in Ihrem Hause, ich ersehe aus den Bildern in Ihrem Tagebuch, daß Sie verheiratet sind. Mein ganzes Leben, all mein Hab und Gut, meine wandellose Treue sei die Mitgift, welche ich Ihrem Hause zutrage, dafür aber lassen Sie mich eine Heimat finden, welche meiner Einsamkeit ein Ziel setzt, eine Heimat mit all der Güte und Freundlichkeit, welche ich bisher voll heißer Sehnsucht gesucht, niemals aber gefunden habe! Nehmen Sie mich auf in den Schoß Ihrer Familie, und Gott und die Engelshände meiner verklärten Mutter werden Sie dafür segnen!« Einen Augenblick hatte sich hohe Betroffenheit und Überraschung in Groppens Zügen gemalt, er schien die seltsame Bitte des Fürsten kaum zu begreifen, dann aber war es, als ob die weiche, wehmutsvolle Stimme des mißgestalteten Mannes sein innerstes Herz getroffen, und in einer leidenschaftlichen Aufwallung von Dankbarkeit, Mitgefühl und Rührung breitete er die Arme aus und zog Daniel Sobolefskoi an seine Brust. »Mein Bruder und mein Freund! Diese Stunde hat meinem Hause ein teures und liebes Familienmitglied geschenkt! Willkommen bei den Meinen! Lassen Sie es sich durch ungezählte Jahre hindurch beweisen, daß der Lebensretter des Vaters für Weib und Kind der liebste Freund auf Erden ist!« Die Hände verschlangen sich in festem Gelöbnis, und es deuchte Daniel Sobolefskoi, als habe Geistermacht urplötzlich Zentnerlasten von seiner kranken Brust gewalzt, als sei das Tränenkrüglein des Schmerzensreich leicht geworden, wie nie zuvor im Leben. VIII. Vierzehn Jahre sind seit dem deutsch- französischen Kriege verflossen. – Der Himmel wölbt sich in sonnendurchstrahlter Bläue über dem nordischen Flachland, die Wiesen spiegeln seine Pracht in Milliarden von blitzenden Tautropfen wieder, und um die dunklen Tannen- und Laubwaldungen wehen die weißen Nebel, wie ein Brautschleier, welcher durch schwarze Locken gewunden ist. Tiefe, feierliche Morgenstille über Feld und Au. Die Lerchen schwirren wie dunkle, kleine Punkte so hoch in der Luft, daß man ihre Frühlichtpsalter kaum noch vernimmt, und die Schmetterlinge wiegen sich lautlos um die wenigen Herbstblumen, welche noch nach der zweiten Heuernte ihre Kelche erschlossen. Das Wild ist in den Wald zurückgetreten, und ein Luftzug, mild und weich wie ein tiefes Aufatmen der Wonne, neigt die breiten Schilfhalme auf die Wasserfläche der Weiher nieder, welche ein behaglich fließendes Flüßchen in öfterer Wiederholung bildet. Frisch und harzduftig weht's von den Kiefern herüber, und auf dem weichen Boden des Waldweges, durchzogen von bemoosten Wurzeln und hoch bedeckt von den Baumnadeln, verklingt der Hufschlag eines Rosses, welches seinen Reiter gemächlich die kleine Anhöhe hernieder trägt. Die Lichtstreifen fallen durch die Zweige, sie spiegeln auf dem glänzenden, rehschlanken Körper des Goldfuchse und huschen empor an der eleganten Gestalt des jungen Offiziers, welcher mehr graziös als schulgerecht im Sattel sitzt. Stern und Adler auf der Tschapka funkeln nagelneu durch die leichte Staubschicht, welche sie während des Rittes überzogen, und die Ulanka ist von tadellosem Schnitt und berechtigt zu der Annahme, daß sie überall – obwohl man's nicht sehen und würdigen kann, mit Seide gefüttert ist. Obwohl die Biwakfeuer des Manövers in der vergangenen Nacht ihre fröhlichen Rauchfähnchen über das Stoppelfeld flattern ließen, und die meisten ,Regimenter am Morgen mit etwas übereilter Toilette zur Übung ausgerückt sind, merkt man diesem Reserveleutnant der Garde-Ulanen nicht die mindeste Vernachlässigung seines äußeren Menschen an! Der hellblonde Schnurrbart mit den keck empor gestellten Spitzchen ist so zierlich gewellt, als käme er direkt unter dem Brenneisen des Friseurs hervor, eine energische Liebkosung der Puderquaste hat das fein geschnittene Antlitz mit dichter Reismehlschicht gegen Sonnenbrand und Staub geschlitzt, und die Haarwellen legen sich kunstgerecht an die Schläfen, als gälte es einen Siegeszug über das Parkett, nicht aber über Sturzacker und Heideland zu halten. An einem Gummiband, um den ersten Knopf geschlungen, schaukelt sich das Monokel, und an schmalem Juchtenriemen renommiert ein Krimstecher in elegantestem Etui. In kurzem Abstand hinter dem jungen Offizier folgen ein Unteroffizier und drei Mann, welche in dem Dorf Groß- Wolkwitz für eine Schwadron Ulanen Quartier machen sollen, dieweil sich ihr Vorgesetzter in dem Schloß des Gutsherrn bekannt machen wird, für den Regiments- Stab ein angenehmes Unterkommen zu schaffen.   Der Hochwald hat eine kleine Kiefernschonung als Ausläufer am Hügel vorgeschoben, und als auch diese endet, säumen dickstämmige Sauerkirschbäume die Fahrstraße, welche quer durch Feld und Wiesen dem Dorf entgegenführt. Der Kirchturm mit dem blitzenden Kreuz auf der Spitze hat dem kleinen Reiterzug längst als Wegweiser zugewinkt, und sobald die Rosse auf der Chaussee etwas ausgreifen, tauchen auch bald die Ziegeldächer der stattlichen Bauernhäuser vor den Blicken der Reiter auf. Sonnig, schmuck und wohlbehäbig liegt die Ortschaft in einem Kranz grüner Wipfel, und dicht hinter ihr dehnt sich ein imposanter Park, aus dem mehrere schiefergedeckte Türmchen malerisch emporsteigen. Der Leutnant der Reserve, Graf zu Lohe-Illfingen, klemmt sein Stückchen Fensterglas interessiert in das Auge und mustert das Bild im ganzen und speziellen. Dann wandte er sich nach den Quartiermachern zurück und zog mit einem Lächeln, welches mehr Herablassung als Freundlichkeit ausdrückte, die Lippen über die Zähne empor. »Ist schon Groß-Wolkwitz! Auf Wort, alle Schornsteine dampfen bereits zum Willkommen!« Er stieß etwas mit der Zunge an und hatte die langsame, leicht gezogene Sprechweise, welche für ganz besonders fein und hocharistokratisch gilt. Der Unteroffizier würdigte den kleinen Scherz durch dankbares Lachen, und Graf Lohe animierte seine Vollblutstute zu elegantem Trab. Er streckte das Kinn dabei weit vor und ritt englisch. Auf der Dorfstraße ließ sich der Herr Leutnant von alt und jung bewundern, erwiderte die respektvollen Grüße mit knapper Handbewegung nach der Tschapka und parierte endlich sein Pferd vor einem Haus, dessen Dach von drei Linden beschattet wurde. »Wünsche Dorfschulzen zu sprechen!« näselte er, mit zwei Fingern den Schnurrbart streichend, und das junge Mädchen, welches auf der steinernen Bank neben der Treppe saß und Pflaumen aussteinte, erhob sich, knixte errötend und eilte davon, den hohen Gast zu melden. – Die dienstlichen Angelegenheiten waren hier für Graf Lohe bald erledigt: er ließ seine Leute bei dem Schulzen zurück, um die Quartierbilletts auszustellen, erfragte den Weg nach dem Schloß und ritt seines Wegs fürbaß. Es war erst sieben Uhr, eine Zeit, welche jegliche elegante Dame noch in tiefsten Träumen zu ignorieren pflegt. Der junge Offizier aber hatte erfahren,daß Schloß Wolkwitz den Vorzug genoß, mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts in seinen Mauern zu beherbergen, und darum tat es ihm in tiefster Seele leid, seinen Einzug in den Schloßhof womöglich bei niedergelassenen Gardinen halten zu müssen. Ein Hoffungsschimmer blieb noch der Gedanke, daß man auf dem Land extravaganter ist als in der Stadt, und um ein paar Gläser frisch gemolkener Milch jeglichen Regeln der Residenz-Etikette ein Schnippchen schlägt. Und in diesem einzigen Fall verzieh der Garde-Ulan solch ein plebejisches Beginnen. Eine Damen darf gar nicht früh aufstehn, das ist nicht ladylike , das ist höchstens Sitte der Kammerzofen und Nähmädchen: Eine Dame, welche nicht erst um elf Uhr ihr spitzenduftiges Negligé anlegt uno dann auf einer Chaiselongue ihre Morgenschokolade trinkt, erachtet Graf Lohe- Illfingen nicht als »voll«! Nichts ist ihm so unsympathisch, als vernachlässigte Allüren, und nichts deucht ihm unverzeihlicher, als ein Verstoß – und sei er noch so klein! – gegen Form und Eleganz. Er selbst repräsentiert sowohl in seinem Äußern wie auch in seinem Wesen die Quintessenz aller Noblesse, oft wird er wegen seiner »Tadellosigkeit« geneckt, und ein Spitzname nennt ihn «la chevalier sans défaut et sans reproche!» Der Dienst nötigt ihn, zu ganz unvorschriftsmäßiger Stunde in Schloß Wolkwitz seine Aufwartung zu machen, aber Graf Lohe will alles tun, was in seiner Macht steht, um solche Ungehörigkeit zu korrigieren. Er beschließt, zuvor nach den entfernter gelegenen Wirtschaftsgebäuden zu reiten, um sich mit dem Inspektor über Stallungen und Fonrage zu besprechen. Das wird eine Stunde vielleicht in Anspruch nehmen, und dann, um acht Uhr, muß er wohl oder übel im Schloß derangieren! Aber um diese Zeit sitzen die Herrschaften vielleicht schon auf der Terrasse, das erste Frühstück einzunehmen. Lohe malt sich das Bild mit allen Details aus. Der ehemalige Dragoneroffizier, Herr von Kuffstein, Besitzer von Wolkwitz, liegt im Schaukelstuhl, liest die Kreuzzeitung und führt hie und da, den kleinen Finger mit dem Wappenring etwas abspreizend, die Mokkatasse an die Lippen. Ihm zu Füßen lagert ein feudaler Rassehund, welchen die Tochter des Hauses mit schneeweißen Händchen nach einem Leckerbissen schnappen läßt. Die Tochter des Hauses! Sie heißt Ursula und ist siebzehn Jahre alt, Graf Lohe ist genau orientiert. Ihre Mutter ist eine geborene Gräfin Sasseburg, die Schwester der verstorbenen Frau von Dern- Groppen und der Baronin Büttingen, deren Gemahl kaum eine Stunde entfernt auf dem Nachbargut sitzt. Wie mag Fräulein Ursula wohl aussehn! Schlank, graziös, hoffentlich trotz aller Landluft zart und ätherisch wie das Blättlein einer Akazienblüte. Etwas scheu und zurückhaltend wie alle Landkinder, in ihrem Wesen von der lässig vornehmen Art einer englischen Erzieherin beeinflußt. Der Garde-Ulan hatte den Kopf nachdenklich gesenkt und ritt im Schritt der hohen Mauer entgegen, über welche die Parkbäume ihre dunkellaubigen Wipfel erhoben. Er lenkte nach dem Fahrweg, welcher zu den Ökonomiegebäuden führte, ab und ritt an der Mauer entlang den roten Ziegeldächern und dem Brennereischornstein entgegen. Wie nun, wenn ein Zufall ihm schon jetzt eine oder die andere der Damen, welche vielleicht Brunnen trinken nnd Frühpromenaden machen müssen, in den Weg führt? Schon jetzt, ehe er einen Blick in des Inspektors Spiegel werfen konnte? Oder wenn ihn auch nur die Wirtschafterin, die Mamsell erblickt und durch die Kammerjungfer den Damen eine Beschreibung seines bestaubten, anläßlich des Biwaks so wenig soignierten äußern Menschen macht? Der Gedanke war unerträglich. Graf Lohe stoppte seinen Renner und hielt eine schnelle Umschau. Er war mutterseelenallein. Kein Mensch vor oder hinter ihm auf dem Weg, seitlich auf dem Lupinenfeld niemand zu erblicken, nur ganz in der Ferne arbeiten Leute auf einem Kartoffelacker. Der junge Offizier streifte die Zügel über den Arm, griff in die Tasche und zog ein Necessaire, aus Perlmutter und Gold gearbeitet, hervor. Er klappte den Deckel zurück und begann vor dem Spiegel, welchen derselbe aus der Innenseite faßte, seine Toilette. Das geschliffene Glas warf das Bild eines sehr regelmäßigen, etwas blassen Gesichtes zurück, aus welchem zwei große, graublaue Augen leuchteten. Der Ausdruck der Züge war angenehm, wenngleich er leicht den Eindruck des Einstudierten und gezwungen Blasierten machte: es schien, als habe die strengste Erziehung jede Miene und jeden Nerv in eine Façon gedrillt, welche stets das rechte Maß hält, welche lächelt, verneint, bejaht und bedauert, gerade so, wie es sich für einen Grafen zu Lohe-Illfingen geziemt. Mit dem duftenden Batisttuch stäubte er den Puder sorgsam von Stirn, Nase und Wangen, nahm die Tschapka vom Haupt und entkleidete auch sie des Staubes, und dann strich er mit zwei Bürstchen den Scheitel des Hinterkopfes zu schnurgerader Linie, lockerte die Haarwellen über Stirn und Schläfen und glättete den Schnurrbart. So weit es möglich war, klopfte er die Uniform ab, schlug klatschend mit dem zartkantigen Tuch gegen die hohen Dienststiefel, welche zu seinem tiefen Kummer die eleganten Lackschuhe verdrängen mußten, und wechselte alsdann die Militärhandschuhe mit Glacés, welche er stets zu mehreren Paaren bei sich trug. Die ganze Art und Weise, wie Graf Lohe Toilette machte, trug das Gepräge äußerster Umständlichkeit und Finesse, und als er den Gesamteindruck seiner sterblichen Hülle nun zuguterletzt noch einmal im Spiegel prüfte, ein kleines Fleckchen auf der Wange entdeckte und besorgt aus einem Flacon ein frisches Taschentuch mit Kölnisch-Wasser befeuchtete, um damit den Schaden abzutupfen – da zuckte seine Hand unwillkürlich erschrocken zurück, denn von der Parkmauer an seiner Seite ertönte ein schallendes Gelächter, und eine Stimme rief in schauerlich derber Sprache: »Nehmen Sie doch Spucke! Die tut's grad so gut und kost' nischt! Unten im Hof ist auch der Ententümpel, da können Sie gratis ein Vollbad nehmen!« und wieder ein jubelndes Gelächter. Der Garde-Ulan hatte sich, zusammenschreckend, nach dem Besitzer dieser Stimme und Verbrecher solcher degoutanten Rede umgeschaut. Über die Gartenmauer, durch ein Gewirr von Hollunderzweigen, schaute ein Jungenkopf, mit braunlockigem, arg zerzaustem Haar, und so viel man bei der abscheulichen Grimasse, welche er just schnitt, vermuten konnte, einem recht hübschen, runden, frischwangigen Gesicht. »Wollen Sie vielleicht noch Seife? Was so'n echter, rechter, pommerscher Dreck is, der sitzt feste!« klang es abermals zu dem belauschten Reitersmann hernieder, und Graf Lohe machte ein Gesicht, wie eine Dame, wenn sie mit der Ohnmacht kämpft, und dachte naserümpfend: »Ein gräßlicher Bengel!« Ohne zu antworten, setzte er die Tschapka wieder auf und ritt weiter. »Kochäppel! Kochäppel! Kochäppel!« höhnte es ihm in rhythmischer Nachahmung seines kurzen Galopps nach. »Sie brüten wohl Eier aus, Männchen, daß Sie so ängstlich im Sattel sitzen?!« und abermals ein schmetterndes Gelächter. »Schauderhaft!« dachte der Reserveoffizier und schüttelte sich förmlich vor Widerwillen gegen solche Verwahrlosung, »wenn diese Gärtnersrange, die sicherlich die frühe Stunde zum Ausplündern des herrschaftlichen Obstgartens benutzt hat, nur seine Spionage nicht im Schloß verwertet! Wäre höchst fatal, wenn die Damen durch taktlose Beschreibung von meiner Toilette unter freiem Himmel in Kenntnis gesetzt würden!« Und der Majoratsherr von Lohe-Illfingen beschleunigte durch leichten Zungenschlag die Gangart seiner Stute und schwenkte in die Torfahrt des Gehöfts ein. Die Hufe knatterten auf dem Pflaster, und alles, was da auf dem Hof kreucht und fleucht, stand in starrer Bewunderung über diesen schmucken Herrn Offizier, sprang diensteifrig herzu, knixte und riß respektvoll Maul und Augen auf – da war die Scharte, welche des frechen Bengels Willkommen dem blanken Schild der Eitelkeit geschlagen, vollständig wieder ausgewetzt!   Die Turmuhr hatte bereits die achte Stunde geschlagen, als der Reserveleutnant der Garde-Ulanen mit dem Inspektor von dem nahen Feld zurückkam, wohin er ihm, nach Weisung eines jungen Eleven und unter Führung desselben, gefolgt war. Nach Erledigung seiner dienstlichen Besprechung ließ Graf Lohe den Goldfuchs im Stall zurück und begab sich zu Fuß durch den Park nach dem Schloß. Da er nicht liebte, und es auch für durchaus unpassend erachtete, mit Untergebenen mehr als wie dringend notwendig zu reden, so hatte er lediglich gefragt, ob Herr von Kuffstein schon jetzt zu sprechen sei, was der Inspektor mit etwas frappiertem Lächeln bejahte. Eine vorherige Anmeldung bei den Herrschaften hatte der Graf untersagt. So schritt er mit leise klingenden Sporen durch die köstlichen Anlagen dem Herrenhause entgegen. Eine etwas altertümliche, gediegene Eleganz, wohin er blickte. Dunkle, hochgewölbte Lindenalleen, trefflich gehaltene Rasenflächen, auf welchen Rotbuchen, Akazien, Eichen und Edeltannen geschmackvoll schattierte Tuffs bildete. Zwischendurch ein kristallklares Wässerchen, überspannt von verschiedenartigen, kleinen Brücken, eingezwängt in kühle Grotten, oder erweitert zu an Schilf und Seerosen reichen Teichen, von welchen sich rauschende Wasserfälle zu den tiefer gelegenen Blumengärten niederstürzten. Vor der Front des ersichtlich sehr alten Schlosses dehnen sich breite Teppichbeete, und zu beiden Seiten der Freitreppe öffnen ein paar klassische Wölfe drohend ihre Rachen. Totenstille. Die meisten Fenster des Gebäudes stehen weit geöffnet, die Jalousie über dem Mittelbalkon ist niedergelassen, und auf den Steinschwellen der Treppe und dem Kiesweg liegen bunte Hammer, Croquetkugeln und Reifen. Aber keine Menschenseele nah und fern zu erblicken. Lohe bleibt einen Augenblick zögernd stehen; aus einem der Fenster klingen sehr stockend gespielte Fingerübungen – dann verstummen sie wieder. Langsam steigt der junge Offizier die Stufen empor und öffnet die breite Glastür, durch welche er in eine Flurhalle blickt, zwischen deren stützenden Säulen sich eine eiserne Treppe aus den oberen Stockwerken herniederwindet. Auch hier ist niemand zu hören und zu sehen. Der Eindringling schaut sich ratlos um, eine Klingel zu entdecken, und schreitet nach einer der Säulen, an welcher ein Löwenkopf mit einem Ring im Maule glänzt, seine Bedeutung zu erforschen. Noch hat er denselben nicht berührt, als in der ersten Etage eine Tür knallend in das Schloß geworfen wird, »Mine! – Jette!! zum Donnerwetter, wo steckt denn die ganze Bande!!« Lohe starrt nach der Treppe empor, als traue er seinen Ohren nicht! Der schreckliche Junge von der Parkmauer!! »Mi – ne! – Jet – te!!« schmettert es abermals durch die gewölbte Halle, »da lungern die Stubenbolzen haufenweise im Haus herum, und wenn man einen Troppen Wasser haben will, kann man sich heiser brüllen! – Mi – ne! Jet–te!« Der pikfeine Resereleutnant der Garde-Ulanen fühlte einen Schauder durch alle Glieder rieseln. Der Junge war ein Kuffstein!   Unerhört! Solch ein Betragen wäre im Stammschloß der Lohes eine Unmöglichkeit gewesen, und hier tobte der Sohn des Hauses wie der ärgste Gassenjunge ungestraft in den Korridoren umher. Droben hatte sich währenddessen ein wahrer Höllenlärm erhoben: »Die Klingeln gehen nicht, man kann das Ranunkelzeug nicht 'mal herbeiläuten!« wetterte die Stimme. »Meinetwegen, dann holt euch euren Kladderadatsch alleine!!« Und klirr – klingelingeling rasselte eine blau abmalte Porzellankanne die eiserne Treppe herunter, daß die Funken stoben! Graf Lohe-Illfingen war höchlichst alteriert nach der hohen Blattpflanzengruppe, welche sich um die Mittelsäule der Vorhalle aufbaute, zurückgewichen: die Scherben aber tanzten ihm bis vor die Füße, und just stand er im Begriff, vor so viel Ungehörigkeit wieder auf die Veranda hinauszuflüchten, als sich dicht neben der Treppe eine Tür auftat. Ohne den jungen Offizier zu bemerken, schritt Herr von Kuffstein, denn nur er konnte es sein, mit behaglich grunzendem Lachen über die Schwelle. Ebenso dick wie Sir John, aber noch um eines Hauptes länger als dieser berühmteste aller Bonhonimisten an Heinrich IV. Hof: gleich seinem britischen Vorbild von oben bis unten von hellgelbem Nanking umspannt, hielt er beide Hände in den Hosentaschen versenkt und sah mit seinem stark geröteten Vollmondsgesicht erst auf die Trümmer des Kruges, dann nach der Treppe empor. Ein Mops, ebenso wohlgenährt wie sein Herr, war langsam nachgewatschelt und stellte sich an seiner Seite auf, um recht übellaunig ebenfalls nach oben zu glotzen. »Aber Urschel-Purschel! Bist du denn rein des Deiwels, daß du mit der schönsten Imitation eines Delphter Pots Kegel schiebst?!« Die fette Stimme des Gutsherrn klang weder zornig noch überrascht, im Gegenteil, in ihr sowohl wie in seiner ganzen Haltung lag eine beinahe schmunzelnde Anerkennung: »Was ist denn los da oben? – he?« Der Mops nieste, weil es in der Halle kühl war, und droben über dem Geländer erschien der dunkellockige Jungenskopf ... alle guten Geister ... Graf Lohe-Illfingen hatte das Gefühl, als müsse er sich mit beiden Händen festhalten, um nicht vor Schreck und Überraschung umzufallen, dieser schimpfende, Fratzen schneidende, in den entsetzlichsten Ausdrücken redende Jungenskopf saß auf dem entzückendsten Damenfigürchen, welches man sich denken kann! – Der Bengel war ein Mädchen!! »Jule, geh weg, ich springe!« lachte Fräulein Ursula von Kuffstein, stuhle sich etwas kraftvoll derb auf das Geländer und schwang sich in Bogensätzen die Treppe hinab, daß die Stufen unter den naturledernen Hackenschuhchen zitterten und die weißgestickten Kleiderfalbeln aufwogten. Der Mops wackelte feig aus dem Wege, Herr Julius von Kuffstein aber wiegte voll hoher Vaterfreude das Haupt und sagte lakonisch: »Graziös wie ein Mehlsack – ganz wie dein Herr Alter!« Gleicherzeit aber schaute er sich verwundert um; Ursula hatte nämlich mitten auf der Treppe ganz urplötzlich gestoppt, mit dem Dinger überrascht nach der Mittelsäule der Halle gedeutet und dann die Hände mit schallendem Gelächter zusammengeschlagen: »Da ist er! Da ist er!« Graf Lohe war sprachlos, er trat einen Schritt vor und klappte mit einer Musterverneigung die Silbersporen zusammen, Herr von Kuffstein aber wuchtete ihm, beide Hände darreichend, entgegen und begrüßte ihn wie einen guten, alten Freund: »Ah, voilà , Verehrtester! Willkommen als Schwalbe, welche hoffentlich für recht viele Kameraden Sommerquartier macht! von Kuffstein, Vater von der kleinen Göre da! Sehen's mir wohl schon an meiner stolzgeblähten Haltung an!« Und der Besitzer von Wolkwitz lachte in tiefem Baß und drückte und schüttelte die Hände des Garde-Ulans, »Graf zu Lohe-Illfingen!« Abermals klangen die Sporen: »Bitte tausendmal um Vergebung, Herr Baron, wenn ich als Werkzeug des königlichen Dienstes bereits in so früher Stunde die Herrschaften derangieren muß –« »Frühe Stunde? Du, Urschel-Purschel, ist's bei uns noch um acht Uhr früh morgens?« Die junge Dame hatte beide Hände aus den Rücken gelegt und musterte ihr Gegenüber mit ihren großen, schalkhaft blitzenden Augen. »Ich wasche mich meistens schon um fünf Uhr, aber nicht mit Parfüm, sondern mit ganz gemeinem, ollem Wolkwitzer Brunnenwasser!« »Ja, und nun sehen Sie sich 'mal die Pflanze an, Graf, sind Sie schon so einem feschen Mädel begegnet? Weil die Klingeln den Dienst versagen, klingelt sie einfach mit dem Porzellankabarett die Treppe runter! Weiß sich zu helfen, das muß man sagen!« Und Herr von Kuffstein patschte seiner Einzigen voll Bewunderung auf den Lockenkopf: »Nu mach' dich aber 'mal auf die Socken, du Strolch, und sorg' dafür, daß die Anwesenheit des Grafen bekannt wird! Wir wollen frühstücken, verstanden? Die Mama soll sich ein wenig mit der Toilette sputen, damit der schwere Kavallerist hier uns beide nicht etwa für Pik-Solos hält!« »Geht ihr in deine Stube?« »Na natürlich!« »Ich habe vorhin das Kälbergatter aufgelassen, da sind die Racker unters Jungvieh geraten, und nun muß ich erst hin und wieder sortieren! Ob das bis zum Frühstück erledigt ist, ist den Kälbern ihre Sache, Kommt doch mit und helft prügeln, dann geht's schneller!« Graf Lohe im Kälbergatter! Es überkam ihn wie ein Schwindel bei diesem Gedanken. Glücklicherweise war es dem Gutsbesitzer zu heiß zu solcher Beschäftigung. »Dann nich!« und Fräulein von Kuffstein schwenkte auf den Hacken um, den Kälbern gegenüber allein ihren Mann zu stehen. Zuvor aber stürzte sie sich meuchlings auf den ahnungslosen Mops, faßte ihn und rollte ihn ein paarmal wie eine Nudelwalze auf dem glatten Steinboden hin und her: »Dokterjo, oller, fetter Dokterjo!« waren hierbei die rhythmischen Begleitworte, und als der sichtlich schweratmige Vierfüßler prustend wieder auf den Beinen stand, da machte der kleine Kobold ihm mit einer Geste nach dem fremden Offizier einen feierlichen Knix: »Herr Doktor, ich habe die Ehre, Ihnen Graf Dingsda vorzustellen!« Im nächsten Moment fiel die Tür sehr geräuschvoll hinter ihr ins Schloß. »Ein famoser Balg!« lachte der verblendete Vater. Graf Lohe aber war tief gekränkt, daß er, der eleganteste Mann der Residenz, in nichtachtender Weise als Graf »Dingsda« einem Mopse vorgestellt wurde! Wäre nicht Fräulein Ursula neben all ihrer schauderhaften Derbheit ein gar zu bildhübsches kleines Ding gewesen, würde der Majoratsherr von Illfingen sich sofort auf seinen Goldfuchs geworfen haben, dem Schloß Wolkwitz und seinen entarteten Bewohnern für ewig den Rücken zu kehren! So aber beschloß er, in Anbetracht des königlichen Dienstes, in seiner unsympathischen Lage auszuhalten und um der schönen Augen willen das schreckliche kleine Mundwerk Ursulas zu ignorieren. Zu seiner freudigsten Überraschung machte die Mutter alles wieder gut, was das Töchterchen verbrochen. Frau von Kuffstein erschien, trotzdem sie sehr leidend war, beim Gabelfrühstück und sah in ihrer eleganten, langschleppenden Morgentoilette sehr comme il faut aus. Ihr ganzes Wesen kennzeichnete die ehemalige Hofdame, und es erschien dem Garde- Ulan schier unbegreiflich, wie diese, zarte, in jedem Wort und jeder Geste elegante Frau die Mama des verwildertsten kleinen Straßenmädchens sein konnte. Immer leidend, seit Jahren schon der tiefsten Ruhe und Einsamkeit bedürftig, so nervös, daß die lärmende, quecksilberige Natur ihres kerngesunden kleinen Mädchens ihr bei längerem Zusammensein unerträglich wurde – das war wohl die einfache, traurige Lösung dieses Rätsels. Herr von Kuffstein aber, diese kraftvolle Mischung eines Kavallerie-Offiziers und Landjunkers, bei viel Gutmütigkeit von einer, sich bis zur Derbheit steigernden, drastisch-humorvollen Zwanglosigkeit, konnte unmöglich andere Erziehungsresultate erzielen, als die, welche Graf Lohe einen Schauder sittlicher Entrüstung verursachten, Ursula erschien nicht beim Frühstück, dafür aber die Erzieherin und Französin, die beide an den Anblick des leeren Stuhls in ihrer Mitte gewöhnt zu sein schienen. Frau von Kuffstein fragte allerdings sehr erstaunt nach dem Verbleiben ihrer Tochter, ihr Gatte jedoch schob eine zusammengerollte Fleischplinse in den Mund und sagte mit vergnügtem Augenzwinkern: »Sie ist tätige Landwirtin, stör' sie nicht, Valeskachen! Sowie ich einigermaßen Kräfte gesammelt habe, unternehme ich mit unserem verehrten Gast einen Streifzug und bringe den kleinen Sackermenter ein! Sehen vielleicht ganz gern mal meine Fohlenkoppeln bei der (Gelegenheit an, lieber Graf? Hocken und Kälbergarten sind gute Freunde und getreue Nachbarn bei mir!« Als die Frau des Hauses sich mir einem Dulderlächeln und gütig gestattetem Handkuß wieder zurückgezogen hatte, griff Herr von Kuffstein nach dem mächtigen Strohhut, welcher sein feistes Antlitz wie ein Heiligenschein umrahmte, und unternahm in Begleitung seines Gastes einen Rundgang durch Schloß und Park. »Wollen Sie uns vielleicht begleiten, Herr Doktor?« fragte er höflich, und der Mops erhob sich, streckte gähnend seine kurzen Stumpfbeinchen und watschelte mehr aus Pflichtgefühl als aus einem anderen Grunde im Schatten seines Gebieters hinter dem Herrn her. Auf dem Mittelturm des Schlosses aber stieg die bunte Flagge empor und flatterte der Einquartierung lustig entgegen, und so still es zuvor in dem Wolkwitzer Herrenhaus gewesen, so lebhaft pulsierte jetzt das Leben in jubelnder, singender und klingender Gewißheit: »Es ziehen drei Reiter zum Tore hinein – trara!« IX. Über die Wiesen flutete das grelle Sonnenlicht, und Graf Lohe sah es mit starrer Verwunderung, daß Fräulein Ursula wenig danach fragte, ob Sonnenbrand für den Teint einer Dame vorteilhaft sei oder nicht. Ohne Schirm, ja selbst ohne Hut und Handschuhe tollte die junge Dame zwischen den buntscheckigen Wiederkäuern umher, und der unnatürliche Vater stellte sich an die Holzbarriere und hielt sich die Seiten vor Lachen über den drolligen Anblick. »Schlingelchen, komm! Die Gesellschaft ist ja wieder ganz exklusiv!« rief er mit einem Wink nach der Kälberherde, »begleite uns in die Koppeln!« »Gleich! Diese eine Schecke muß noch raus! Glaubst du wohl, daß sie will? Hat reine den Deiwel zum Großvater!« und damit drosch das Backfischchen mit beiden Fäusten auf ein besonders obstinates Kalb und drängte es mit überraschender Energie nach der Tür, welche ein Hütejunge zum Öffnen bereit hielt. Kreuz und quer machte der junge Wiederkäuer seine Bocksprünge, und Ursula geriet immer mehr in den Harnisch und bekam vor Zorn ein dunkelrotes Köpfchen. »Du wirst ja nicht fertig mit dem Racker, Urschel-Purschel, sei kein Narr und verfüg' dich her!« »Nicht fertig werden?« Die dunklen Augen blitzten: »Ich will Hanswurst heißen, wenn ich dieses Hornochsenvieh nicht Mores lehre! – He! Schorsche! ruff mit der Bohle!!« – kurz entschlossen erfaßte Fräulein von Kuffstein das Kalb beim Schwanz und zerrte es jubelnd und schreiend aus dem Jungvieh heraus rückwärts zu seinen Kameraden, welche jenseits des Gatters dicht zusammengedrängt standen und mit vorgestreckten Köpfen das Schauspiel blöde anstierten. »Famos! auf Wort! eine infame Krabbe!« lachte der Gutsherr ganz begeistert,   »Urschel-Purschel, dafür bekommst du deinen Hochfahrer!« und sich zu Graf Lohe wendend, welcher aus lauter Betroffenheit mitlachte, das heißt nur ganz leise, denn lautes Gelächter verabscheute er als höchst unpassend, fuhr er lebhaft gestikulierend fort: »Wie finden Sie das? Ein Blitzmädel, sag' ich Ihnen! Sollen mal sehen, wie die Hexe im Sattel sitzt und Rehböcke schießt ... mir immer vor der Nase weg, und klettern kann sie wie 'ne Katze!« Er hielt pustend inne, seine Einzige stand neben ihm und versetzte ihm einen kordialen Schlag auf die Schulter. »Topp, Jule! meinen Hochfahrer! Der Graf hat's gehört, daß du ihn mir versprochen hast!« Der Garde Ulan riß die Augen weit auf. »Jule?« wiederholte er entsetzt, »Ja, das bin ich! So nennt sie mich, weil ich Julius heiße, und weil sie eigentlich gar keinen Respekt vor mir hat! Wie gesagt, ein Blitzmädel! Da mach mal einer was, wenn sich so ein Dreikäsehoch hinstellt und einen ›Jule‹ tituliert!« – und Herr von Kuffstein wandte sich zu einem Diener, welcher atemlos herzugelaufen kam und die Posttasche überreichte. »Jetzt geht erst mal wieder die Lektüre los!« konstatierte das kleine Fräulein ungeduldig, »kommen Sie, Graf, wir pinschern allein voraus!« »Allein!« »Na! Wollen Sie vielleicht einen Anstandswauwau aus der Kälberkoppel mitnehmen? Sie fürchten sich wohl gar, daß Sie so ängstlich tun?« und die Kleine lachte schallend aus. »Vorwärts marsch, wie fahren ein bißchcn Kahn!« Sie trat unter den schattigen Parkbäumen, woselbst die Herren bis jetzt gestanden, hervor und schritt ihm quer durch die Wiesen nach den alten Anlagen voraus, Der Reserve-Offizier folgte zögernd und zog besorgt seine Handschuhe an, ehe er sich dem Sonnenschein aussetzte, Ursula sah es und stemmte die Hände in die Seiten, »Handschuhe! Daß du die Motten kriegst! Damit die weißen Händchen nicht verbrennen! Hahaha! Sie scheinen ja ein unglaublich eitler Knopp zu sein, das merkte ich schon an der Katzenwäsche hoch zu Roß!« Der »Knopp« fuhr dem jungen Elegant wieder wie ein Bleigewicht in den Wagen, er sah aber in die übermütig strahlenden Augen der kleinen Sünderin und sah die Grübchen in ihren Wangen und die beiden Elfenfüßchen, mit welchen sie, diesmal viel graziöser als zuvor, auf jeden einzelnen Maulwurfshaufen voltigierte. Ein Gedanke durchzuckte ihn: wie scharmant wäre es doch, wenn er diesen Edelstein ein wenig abschleifen könnte! Viel Zeit ist nicht dazu, aber Graf Lohe will wenigstens einen Versuch machen. Er ist infolgedessen nicht beleidigt, sondern ignoriert die Unart, »Leben Sie Sommer und Winter in Wolkwitz, mein gnädiges Fräulein?« »Ja, weil wir's vom Herbst und Frühling so gewöhnt sind!« »Unternehmen Sie keine Reisen?« »O ja, wenn Jule seinen Haber los geworden ist und die Russen unsern denaturierten Spiritus intus haben, dann lassen wir schon mal einen Affen tanzen!« Es lag ein außerordentlich komischer Kontrast in der hyperfeinen Art und Weise, in der gewählten Sprache des Grafen und der derben Manier seiner Begleiterin, welche ihm durch jedes Kraftwort Nervenzucken verursachte. »Sie haben aber angenehme Nachbarschaft hier, Verkehr mit jungen Damen ... anregende Geselligkeit...« »Für gewöhnlich ist nur die Förstertrude da, aber jetzt sind alle Nachbarsgüter, wo sonst nischt zu holen ist, gerammelt voll Menschen! Meine Cousinen Dern-Groppen wohnen zum Beispiel auch bei Tante Büttingen in Alt-Dobern; ich reite in einer halben Stunde rüber, wenn mir Papa die Klarisse gibt, mit den anderen Schindmähren zockelt man eine halbe Ewigkeit!« »Fräulein von Groppen hier in der Nähe? Ist ja ganz allerliebst, meine Gnädige! Ich hatte den Vorzug, beide Damen kennenzulernen, und wird es mir zu ganz besonderem Vergnügen gereichen, in Alt-Dobern meinen Respekt zu Füßen zu legen. Ist keine Aussicht vorhanden, Ihre Fräulein Cousinen dieser Tage zu sehen?« »Na, probieren Sie's mal und nehmen Sie den Operngucker, ob's was nutzen wird, weiß ich nicht. Sind ganz nette Bälge, die beiden Groppens, aber so fürchterlich schwärmen wie Mama tue ich denn doch nicht für sie! Gestern waren sie hier, und wir mopsten uns auch gegenseitig an. Lena ist so mordsernst und so geistreich, daß mir reine übel wurde, und Jolante – die würde mit Ihnen ein famoses Gespann geben, die ist auch so ›etepetete‹ und so sentimental, wie Dünnebier mit Himbeer!« Ursula blieb stehen und persiflierte mit viel Humor die junge Dame: »Ich schwärme für alle schönen Künste – Musik und Malerei sind meine Ideale! Ach, eine Tragödie von Wildenbruch ist das Himmlischste, was existiert!« Fräulein von Kuffstein ließ die erhobenen Händchen mit den graziös gespreizten Fingern wieder in ihre natürliche Lage als kleine Fäuste auf die Hüften zurücksinken und fuhr in ihrem alten Ton fort: »Übergeschnappt ist sie. Ich lese auch für mein Leben gern eine so recht spannende Schauergeschichte, aber das Futter verschmähe ich darum vor lauter Genialität doch nicht!« Graf Lohe umschritt gemessen einen Baumstamm, auf welchem seine Begleiterin sich en passant ein paarmal wippte, und war wohlerzogen genug, den Eindruck, welchen ihre Worte auf ihn machten, nach Kräften zu maskieren. »Sie lesen gern und viel, mein gnädigstes Fräulein? Was zum Beispiel erfreut sich des Vorzugs, Ihre Lieblingslektüre zu sein?« Sie zuckte die Achseln. »Kommt ganz drauf an, Eben hatte ich ein famoses Buch: ›Die rote Gräfin oder das schöne Fabrikmädchen!‹ Das habe ich rein verschlungen vor Eifer –« »Die – rote – Gräfin?« Der Garde-Ulan stand wie angenagelt und riß die Augen auf, als stünde ein Gespenst vor ihm. »Na ja! oder, was auch ganz famos war: ›Schlag zwölf Uhr!« – und dann ein ganz urverrücktes Ding: ›Der Mord im Nebenkabinett!‹ Das war so dämlich, daß man die meisten Quatschereien gar nicht zusammenreimen konnte, und wenn das Abgemurkse losging, schrie Förstertrude immer: Hör' auf, mir wird ganz schlecht!« Lohe fuhr mit seinem duftenden Tuch über die Stirn, »Wer gibt Ihnen denn diese Bücher, meine Gnädigste? Doch unmöglich Ihre Frau Mama?« »Mama?« – sie tippte nicht sehr schmeichelhaft gegen die Stirn – »die darf gar nichts davon wissen. Niemand weiß es überhaupt außer Mine, an die adressiert wird.« »Ja aber ... mon Dieux ...« »Wenn ich die stieselichen Bücher, welche mir meine Erziehungsdrachen meistens andrehen wollen, lesen würde, käme ich ja um vor Langerweile. Goethes Faust finden sie schon unpassend für mich, obwohl doch außer dem erstochenen Valentin gar keine Greuelszene vorkommt und Mephisto und Martha sich am Schluß nicht einmal kriegen! Da verschaffe ich mir meine Bücher eben selbst! – Mine muß an den Buchhändler in der Stadt schreiben, ich bezahl's, und wenn dann die Bücherliste ankommt, wird sie im Gemüsekeller unter den Kartoffeln oder Krautköpfen versteckt. Solange Sie hier sind, können Sie mitlesen, aber nur im Wald oben, damit's keiner merkt!« Oh, welch eine Untiefe tat sich da vor den Blicken des jungen Offiziers auf! Er, das bravste, gehorsamste Muttersöhnchen, welches jemals eine Kinderstube gezeitigt, welchem fröstelte, wenn er die grellfarbenen Einbände der Hintertreppenromane im Schaufenster ausliegen sah: er stand der Tochter eines vornehmen Hauses gegenüber, deren geheime geistige Nahrung im Gemüsekeller lagerte! – Und dabei lachte und tänzelte das kleine Teufelchen voll bestrickendster Naivität vor ihm her und ahnte gar nicht, wie ungezogen und bösartig sie eigentlich war! Der Garde-Ulan seufzte tief auf und dachte: Ein Apfelbäumchen, welchem Zucht und Pflege fehlt, schießt wild empor, anmutig von Gestalt und Blüte, und vollkommen zufrieden mit sich selbst. Wenn aber die Leute in seine Früchte beißen, verziehen sie gewaltig den Mund und sagen: »Wie schade, daß ein solch prächtig Bäumlein derart verwahrlost wurde!« Ursula beobachtete in demselben Augenblick, wie Graf Lohe einen kleinen, japanischen Papierfächer aus der Brusttasche zog, um ihn in graziösester Weise zu benutzen, wie er eine etwas morastige Stelle so angstvoll vorsichtig auf den Fußspitzen traversierte, als wolle er den Eiertanz aufführen, wie er höchlichst alteriert aus dem Bereich eines blühenden Gebüschs flüchtete, welches bei seiner Berührung gelben Blütenstaub über ihn geschüttet. »Wie jammerschade ist's doch um diesen hübschen Menschen, daß er so affig ist!« dachte das junge Mädchen. »Er kommt mir gerade so vor, wie ein schmucker Taxus in altfranzösischem Garten. Wüchse er auf, wie ihn die Natur geschaffen, würde er jedermann gefallen, so aber zuckt man bedauerlich über den kunstvoll zugestutzten, in närrischste Modefasson gepreßten Gesellen die Achseln und sagt: »Wie schade, daß ein solch prächtiger Baum derart zugerichtet ist!« Und sie patschte so energisch mit der Gerte, welche sie abgerissen, in den Teich, dessen Ufer sie erreicht hatten, daß dem eleganten Herrn das trübe Wasser um die Ohren spritzte. »Wollen wir fahren? Dann müssen Sie aber beim Rudern das Gearbeite mit dem Fliegenwedel unterlassen! Und das Leder von den Händen runter! Ein paar Schwielen muß es geben, sonst ist der Witz nur halb!« Ihre Augen blitzten ihn herausfordernd von der Seite an. Der Graf klemmte das Monokel ein und blickte erst betroffen auf das Wasser, dann auf die junge Dame. »Aber meine Gnädigste ... ich kann es mir durchaus nicht amüsant vorstellen, auf diesem Teich, dessen Sauberkeit mir sehr zweifelhaft erscheint, eigenhändig zu gondeln!« »Ein Ententümpel kann nicht wie Bergkristall aussehen, und bei so 'ner Hitze riecht jedes Wasser! Ich fahre immer hier, weil's am größten ist.« Lohe hielt das Taschentuch au die Nase. »Beneidenswerte Nerven! Übrigens muß ich Ihnen gestehen, daß ich niemals im Leben eigenhändig ruderte und derartige Kraftleistungen stets besoldeten Leuten überließ.« »Als Soldat können Sie nicht mal einen Kahn führen?« »Ich bin Reserveoffizier, und da ich für gewöhnlich als Assessor und Hofjunker in der Residenz lebe, fehlt es mir an Gelegenheit, derartigen Sport zu kultivieren. Ehrlich gesagt, würde ich es auch niemals tun. Eine ausgearbeitete Hand ist im Salon unmöglich, und es widerstrebt meiner ganzen Natur, Dinge zu unternehmen, die mich in das Echauffement eines Tagelöhners versetzen!« Ursula maß den Sprecher mit spöttischem Blick vom Scheitel bis zur Sohle. »Sie sind nur Sommerleutnant? Nicht einmal wirklicher Offizier?« Seine Höflichkeit blieb unverändert: »Ich hoffe im Staats- und Hofdienst dem Vaterland ebensoviel zu nützen, wie mit dem Säbel, und auf dem Parkett meinen Platz ebenso auszufüllen, wie auf dem Exerzierplatz!« »Dann allerdings dürfen Sie nicht in ganz gewöhnlicher und gemeiner Entengrütze umkommen! Wäre ja Kaviar fürs Volk, und unsre Karpfen würden solch seine Delikatesse gar nicht zu würdigen verstehen!« Sie lachte schallend auf. »Da kommt Papa! Gehen Sie mit ihm in den Eiskeller, damit Sie nicht länger durch ein ›Echauffement‹ degradiert werden! – Ich bin hier mang den Froschlöffel groß geworden, und wohlgeflegte Hände beanspruchen die Ochsen und Kühe nicht! – Empfehle mich!« und mit einem outrierten Knix streifte sie die weißen Ärmel ihres Kleides empor, sprang auf den Steg und von da aus in den Nachen. Mark-Wolffrath, Graf zu Lohe-Illfingen antwortete nicht, aber sein Blick sprühte auf, und seine Arme kreuzten sich über der Brust. Jeglicher Disput ist unfein, und einer Dame gegenüber gibt es auf Unarten keine chevalereskere Antwort als Schweigen. Ursula aber schien eine Entgegnung erwartet zu haben, sie wandte schnell das Köpfchen und sah ihn an. Wie hübsch sah er mit diesem bösen Gesicht aus! All das Weibische, höflich Glatte war wie weggewischt, ein männlich fester, stolzer Ausdruck beherrschte seine Züge. So gefiel er ihr. Das machte sie verlegen. Heiße Röte stieg in ihre Wangen, sie schlug die Augen nieder und senkte das Köpfchen, Wie allerliebst ihr das stand! Graf Lohe war ganz überrascht. Das bubenhaft Trotzige, Derbe in ihrer Erscheinung war wie mit Zauberschlag verschwunden, eine entzückende, verschämte Anmut neigte das schlanke Hälschen und lag verklärend auf der zierlichen Gestalt, welche mit weißen Armen die Ruder heranzog. So gefiel sie ihm. Aber sie verdiente keinen freundlichen Blick in diesem Augenblick, und darum wandte sich der junge Offizier hoch erhobenen Hauptes und schritt voll imponierender Ruhe davon, Herrn von Kuffstein entgegen. Der Zorn gab seinem Gang etwas Festes uno Markiges, das sah gut aus. Ursula bewegte langsam die Ruder und sah ihm nach. Sie war es gewohnt, Groß-Wolkwitz und Umgegend zu kommandieren, niemand nahm ihre Unarten übel oder wagte es, Front gegen sie zu machen. Dieser zimperliche Leutnant drehte ihr einfach den Rücken und ignorierte sie. Weil sie das von ihm am allerwenigsten erwartet hatte, war sie sehr frappiert, fand sein Benehmen aber ganz in der Ordnung. Es würde ihr leid getan haben, wenn er zu der Rasse mit Schlappohren gehört hätte, welche sich alles bieten lassen. Seine geschniegelte und gebügelte   Noblesse war also – Gott sei Dank – nur äußerlich. Nicht ein einziges Mal sieht er nach ihr zurück, und wie stramm er jetzt marschieren kann! Von einem Fächer ist keine Rede mehr, und unter dem Goldregen schreitet er jetzt ohne Scheu weg, ja er reißt sogar ein Zweiglein ab, zerknickt es zwischen den Händen und wirft es fort. Was für eine schöne, schlanke Figur er hat! Der Herr Doktor, welcher sonst gegen jeden Fremden eine unbezwingliche Abneigung hegt, scheint großes Wohlgefallen an ihm zu finden, er zieht ein huldvoll schiefes Maul, wackelt seinem Herrn voraus und beschnüffelt die Reiterstiefel der Einquartierung. Warum hat sie den armen Menschen eigentlich so schlecht behandelt? – Ursula ist ganz nachdenklich geworden und rührt mit dem Dingerchen mechanisch in den grünen Wasserlinsen, welche den Teich ringsum bedecken. Dafür, daß der Graf als Gast bei ihnen eingekehrt ist, war sie zu unartig gegen ihn, aber ... du meine Güte! sie hatte es doch nicht böse gemeint! Sie wird sich irgendeinen Witz ausdenken und ihn wieder versöhnen! Jetzt hat er Herrn von Kuffstein erreicht. Pfui Teufel! gleich ist er wieder der alte Scharwenzel! Dienert und schlängelt sich wie ein Sandaal und macht die graziösesten Gesten. Klemmt auch mit dem vornehmen Gesicht das Monokel ein und wendet sich nach ihr um. Nein! Nun ist alles wieder aus! Nun gefällt er ihr gar nicht mehr. Ursula hob ärgerlich die Ruder und schlug damit so jählings und heftig in das Wasser, daß die Grütze weit umherspritzte, und die Enten, welche vertrauensselig an sie herangerudert waren, mit gellendem Geschnatter davonstoben. Lohe seufzte leise auf. Wie liebreizend war sie soeben gewesen! Das Herz war ihm aufgegangen in der Überzeugung, daß ihr burschikoses Wesen nur die rauhe Schale eines unverdorbenen, süßen Kernes sei, und nun war alles wieder aus! Nun gefiel sie ihm gar nicht mehr! Der Graf neigte sich in zorniger Aufwallung und pflückte eines der großen Huflattichblätter, welche auf der morastigen Wiese wucherten. Unter dem Vorwand, die Sonne blende ihn, hielt er es vor die Augen, das unästhetische Bild auf dem Ententümpel nicht länger sehen zu müssen. »Himmel Donner ... jetzt leistet sich die Pomadenbüchse gar einen Sonnenschirm!« murmelte das Backfischchen ingrimmig, schwenkte kurz um und ruderte in entgegengesetzter Richtung davon; – den Anblick konnte sie nicht länger ertragen! Mit klingendem Spiel waren die Garde-Ulanen in das mehrtägige Quartier eingerückt. In dem Groß-Wolkwitzer Schlosse rasselten die Säbel und Sporen treppauf, treppab, hantierten Diener und Mägde, in dem altertümlichen Eßsaal eine festliche Tafel zu decken. Die Burschen schleppten das Gepäck ihrer Herren herzu, und als Ursula über den Korridor lief und sich neugierig umschaute, sah sie, wie in jedes Fremdenzimmer ein oder zwei anspruchslose Militärkofferchen getragen wurden, vor einer Tür aber standen vier umfangreiche, hochelegante Korkkoffer, neben welchen ein Diener in Livree Wache hielt. »Daß dich die Maus beißt! – Wem gehört denn die Bagage?!« Der Gallonierte meisterte seine Gesichtsmuskeln. »Gnädiges Fräulein, zu Befehl, dem Herrn Leutnant Grafen zu Lohe- Illfingen.« »Das hätte ich mir denken können. Sind Sie sein Bursche?« »Nein, gnädiges Fräulein, ich bin der Bereiter des Herrn Grafen und habe nur privatim die Pferde zu begleiten. Der Kammerdiener und Militärbursche sind noch bei der Equipage im Dorf, darum besorgte ich das Gepäck.« »Kammerdiener? – Militärbursche? Na zum Kuckuck, mit wieviel Begleitung reist denn der Herr Leutnant?« »Wir sind vier Mann, zu dienen. Der Herr Graf läßt stets seine Equipage im Manöver nachfahren, welche in den betreffenden     Dörfern privatim untergebracht wird. Da ist der Kutscher, der Kammerdiener, der Militärbursche und ich.« »Das genügt. Na, dann laden Sie die Fuhre ab; wenn der Herr Graf vielleicht noch einen Stutzflügel und Eisschrank mit sich führt, melden sie es meinem Vater, dan räumen wir ihm den Tanzsaal ein,« Der Bereiter verneigte sich mit gitternden Nasenflügeln, und Fräulein von Kuffstein schritt weiter. Abermals blieb sie an der nächsten Tür stehen, »Heilige Kümmernis! Wem gehört denn diese Laus von einem Waterproofchen? Da haben doch höchstens ein paar reine Manschetten und eine Zahnbürste drinnen Platz!« Der Bursche grinste, »Nix so! Is sik unsre erste Garnitur auch noch bei Zahnburstel bei!« »Unsre?« »Heißt sik Herrn Premierleutnant von Flanken!« »So! Dann schleppen Sie sich keinen Schaden dran.« Müssen diese beiden Herren Leutnants verschiedenartige Menschenkinder sein! dachte das kleine Fräulein und begab sich sehr ungern in ihr Ankleidezimmer, die Toilette zu wechseln, Mine blickte kläglich auf das frischgewaschene, elegante weiße Kleid nieder, welches sichtbarste Erinnerungen an Kälbergatter und Ententümpel an sich trug. »Schon wieder geliefert!« seufzte sie, »Ach, liebes, bestes, gnädiges Fräulein, wenn Sie doch während der Einquartierung mit den Kleidern, welche ich blitzeblank in der Garderobe aufgehängt habe, auskommen könnten! Es ist so wenig Zeit jetzt, wir müssen uns halbtot schinden bei all den Menschen, da kann ich weiß Gott nicht noch den lieben langen Tag vor dem Plättbrett stehen!« »Heul' man lieber gleich! Wer sagt denn, daß ich wieder mang das Jungvieh gehe?« »Das vielleicht nicht; aber mit dem gnädigen Herrn pirschen!« »Ist setzt keine Zeit dazu. Der Oberst wird wohl einen Rehbock schießen wollen, und weil der Olle Angst hat, ich könnte ihn dem gestrengen Herrn vor der Nase wegniesen, läßt er mich zu Hause!« Und dabei plätscherte Fräulein von Kuffstein so energisch im Waschbecken, daß Marmorplatte und Fußboden in die Bedrängnis einer Überschwemmung gerieten, »Morgen abend fahren wir nach Alt-Dobern ... großes Völkerfest ... unsere Einquartierung ist auch mit eingeladen! Da such mir mal ein anständiges Kaliber von einer Fahne raus, Mine, ich muß ein bißchen hübsch aussehen, verstehste, nicht wie eine Kräuterrieke.« Die Jungfer blickte überrascht auf; es war das erstemal, daß Fräulein Ursula Gewicht auf ihr Aussehen legte.   Auf der Terrasse spielte die Musik, und in dem Eßsaal flimmerten die Lichter, schwirrten die Stimmen in animiertester Unterhaltung durcheinander, klang das Silber auf feinstem Porzellan; weiche, balsamische Sommerluft wehte durch die geöffneten Fenster. Graf Lohe saß einsilbig inmitten seiner Kameraden an dem unteren Ende der Tafel und schielte durch die Blüten eines Silberaufsatzes zu der Tochter des Hauses hinüber, welche mit glühenden Wangen und lustblitzenden Augen, frisch wie die Rose an ihrer Brust, ihre Umgebung durch die originelle Weise ihrer Unterhaltung zu entzücken schien. Papa Kuffstein hatte die Zettel in etwas eigenwilliger Weise gelegt. »Es ist gerade genug, wenn die Urschel-Purschel an einer Seite von solch 'nem alten Knaben flankiert wird!« hatte er gedacht, und darum plazierte er rechts von ihr einen Stabsoffizier und links einen Leutnant. Welchen? das war ihm ganz »schnuppe«, wie er seiner Gattin versicherte. So war Herr Premierleutnant von Flanken zu der überraschenden Ehre gekommen, neben Fräulein von Kuffstein zu sitzen. Ursula war sehr gespannt gewesen, den Besitzer des bescheidensten aller Koffer kennenzulernen. Ganz verdutzt blickte sie an der reckenhaften Gestalt empor, welche ihr aschblondes, mit krausem Negergelock bedecktes Haupt in markig kurzem Gruß vor ihr neigte. Solch einen Riesen hatte sie zuvor noch nicht gesehen! Der mußte ja die Sonne verdunkeln, wenn er aufrecht unter freiem Himmel ging, und wenn er eine seiner gewaltigen Hände auf die Provinz Pommern legte, da war sie mit Mann und Maus reichlich zugedeckt. Seine Figur repräsentierte sein Embonpoint, aber sie war von einer muskulösen, kraftstrotzenden Vierschrötigkeit, so massiv und eifern, daß einem unwillkürlich eine Erinnerung an jene Sagengestalten kam, welche die Löwen mit den Fäusten würgten, Felsen versetzten und Baumstämme wie Schilfrohre zur Erde duckten! Aber an keine bösartigen, menschenfeindlichen Riesen mußte man denken, dazu blickten die runden Augen viel zu lustig und harmlos in die Welt, und dazu verliehen die kurze, gedrungene Nase und die fleischigen Lippen dem Gesicht einen gar zu gutmütigen Ausdruck. Selbstverständlich erschienen die Bewegungen des hünenhaften Mannes derb, und seine Bemühungen, die rohe Kraft zu meistern, machten sie etwas linkisch. »Wie werden diese beiden Naturkinder sich schnell gefunden haben!« dachte Lohe ärgerlich, und er beobachtete ihre Unterhaltung, welche schon jetzt an Lebhaftigkeit gar nichts zu wünschen übrig ließ. Ursula und ihr Tischnachbar fanden auch gegenseitig viel Spaß aneinander. »Gott sei Dank, Sie sind doch aus anderem Schrot und Korn gebacken, wie der Mondscheingraf da unten!« lachte das Backfischchen anerkennend. »Sie mögen ihn gewiß auch recht wenig leiden, weil er so furchtbar fein ist!« Flanken lachte, daß sein kräftiges Gebiß zwischen den bartlosen Lippen sichtbar wurde. »Die Gegensätze berühren sich stets, mein gnädiges Fräulein, und darum zählt Lohe zu meinen liebsten und vertrautesten Freunden. Wir gehen für einander durchs Feuer, wo der eine verkehrt, ist auch der andere zu finden, und wenn etwas unternommen wird, geschieht es gemeinschaftlich. Dabei aber besteht unser Verkehr aus ununterbrochenen Reibereien. Wir bekämpfen gegenseitig unsere Schwächen und die grellen Widersprüche, welche wir verkörpern. Ich hänsele den guten Mark-Wolffrath mit seiner outrierten Eleganz, und er spielt meiner hausbackenen Tollpatschigkeit einen Schabernack um den anderen. Beide aber lassen wir uns nicht das mindeste gefallen, und so kommt es –« »Der Graf läßt sich nichts gefallen?« »Erscheint Ihnen das verwunderlich? Unter der parfümierten, gebürsteten und gekräuselten Dandyhülle steckt der schneidigste Kerl, den Sie sich denken können! Wie andere Leute ein Vielliebchen essen, so tauschen wir in aller Freundschaft die blauen Bohnen aus, und wenn einer dabei Blut lassen muß, so macht ihm der andere voll besorgter Zärtlichkeit Krankenvisiten und spielt Sechsundsechzig mit ihm!« Der Sprecher blickte zu dem jungen Kameraden hinüber und machte ihm eine Faust zu, Lohe aber hob sehr graziös den Champagnerkelch und erwiderte dadurch den Gruß. »Der Graf wird ganz vortrefflich zu meiner Cousine Jolante passen,« fuhr Ursula mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen fort, »die ist genau so verdreht wie er. Glauben Sie, daß die poetischen Damen ihm gefallen?« »Na und ob!« »Meinetwegen! Mag's doch!« Das Backfischchen sah sehr böse aus und warf den Kopf keck in den Nacken. »Es ist mir höchst gleichgültig, ob er morgen mit mir tanzen wird oder nicht. Ärgern will ich ihn zuvor noch gelb und grün und mich dafür rächen, daß er nicht mit in das Kälbergatter gegangen ist.« »Das ist brillant, dabei helfe ich!« lobte Flanken in seinem dröhnenden Baß, »Wir beide wollen den Monsieur mal erziehen, daß er vernünftig wird!« Und sie stießen darauf an, und der Premierleutnant entwickelte höchst richtige Ansichten über Ententümpel und Jungvieh; selten hatte Herrn von Kuffsteins Einzige so völlig mit jemand harmoniert.   Der nächste Tag war ein Sonntag. Schon in aller Frühe war Ursula mit Herrn von Flanken spazierengeritten, und sie hatte mit der Reitpeitsche nach den dichtverhängten Parterrefenstern des Grafen gedeutet und ingrimmig gesagt: »Wie ein Murmeltier schläft er in den hellen Tag hinein, anstatt mit uns zu galoppieren, und das will ein Offizier sein! Bah, ein Sommerleutnant ist er!« und sie ritt dicht an das Haus heran und schlug mit dem Gertenknopf einen wahren Wirbel gegen die Scheibe. »Pst! – vorwärts!« und sie winkte ihrem Begleiter, über den weichen Rasen hinüber die Flucht zu ergreifen. Hinter der Ecke des Schlosses lachten beide ein Duett. Als sie von ihrer Promenade zurückkehrten, saß Lohe mit dem Adjutanten auf der Terrasse und nahm das erste Frühstück ein. Letzterer erhob sich, der Tochter des Hauses entgegenzugehen und sie mit heiterstem »guten Morgen« zu begrüßen. »Scharmant, daß Sie endlich wieder die Sonne über Groß- Wolkwitz aufgehen lassen, meine Gnädigste, wir haben bis jetzt trostlos und allein im Schatten kämpfen müssen, da uns selbst Mlle. Chalon nach eingegossenem Kaffee unserem Schicksal überließ.« »An dem Drachen haben Sie gerade was verloren! Aber warten Sie einen Moment, ich wasche mich nur mit ein wenig Eau de Cologne und ziehe mich um, dann frühstücke ich in zweiter Auflage noch einmal mit Ihnen!« – Ihr Blick blitzte herausfordernd zu Lohe hinüber, welcher sich schweigend erhoben und verneigt hatte. Er schwieg auch jetzt. Da machte das Fräulein auf den Hacken kehrt und lief ins Schloß, und als sie, von Kopf bis zu Füßen rosig, wiederkam und sich unter übermütigstem Geplauder mit Flanken am Frühstück des Adjutanten beteiligte, sprach Graf Lohe auch nicht mehr, denn zuvor, sondern fütterte die Spatzen mit Semmelkrumen und den Herrn Doktor, welcher sich auffällig an ihn attachiert und neben ihm auf dem Sessel des Hausherrn Platz genommen hatte, mit Zuckerstückchen. »Das Vieh platzt ja allernächstens vor Fettigkeit!« ärgerte sich Ursula und wackelte und kippte dergestalt an dem Stuhl, daß der Doktor sich nur mit äußerster Mühe auf seinem Lederkissen behaupten konnte. Auch darauf keine Gegenäußerung. »Warum bist du denn so maulfaul heut, mon Chevalier ?« Flanken schob ein halbes hartgekochtes Ei in den Mund und stieß seinen Nachbar kräftig mit dem Ellbogen an. Der Graf zog ostensibel den Arm zurück: »Ich kann mich sehr schlecht an diesen häufigen Wechsel der Quartiere gewöhnen, und das macht mich nervös!« sagte er kurz. Ursula prustete laut auf vor Lachen und erzählte, daß sie überall schlafen könne: »meinetwegen auf einem Sack voll Nußschalen! Man muß nur müde sein und nicht aus Rücksicht auf schöne Hände und Füße auf einen gesunden Sport verzichten!« Flanken machte ein pfiffiges Gesicht und blinzelte ihr zu. Dann erhob man sich, um ein wenig Kahn zu fahren. Heute setzte Fräulein von Kuffstein eine mit dicken, rosa Schleifen belegte »Schute« auf, welche ihrem Köpfchen mit dem pikanten, frischen Gesichtchen das Ansehen eines Greenaway-Figürchens verlieh. »Allerliebst! Wie ein Heidelbeerchen oder eine Tollkirsche sieht das kleine, braune Mädel aus!« hatte der Adjutant schon gestern abend geäußert. »Nehmen Sie sich in acht, Tollkirschen machen selbst die vernünftigsten Menschen toll!« antwortete Lohe spöttisch. Und nun wurde Kahn gefahren. Der Graf dispensierte sich davon; er wolle zur Kirche gehen. Flanken und Herr von Bornitz folgten ihrer originellen Führerin blindlings durch Dick und Dünn, durch Gebüsch und sumpfige Wiesen, in das Kälbergatter und auf den Ententümpel. Ursula fand das ganz in der Ordnung, und darum machte es ihr keinen sonderlichen Eindruck. Etliche Kraftproben des Premierleutnants bewunderte sie jubelnd nach Verdienst, aber sie sah sich immer mal verstohlen um, ob Graf Lohe nicht doch noch nachkomme. Er kam jedoch nicht. Nach Tisch, als alle Herrschaften beim Kaffee saßen, rächte sich Ursula. Zum Entsetzen des Schäfers faßte sie den Leithammel bei den Hörnern und zerrte ihn aus der nahen Hocke über die schmale Hürde nach dem Schloßpark. Die ganze Herde folgte. Die Dienerschaft war instruiert. Über den Hof ergoß sich der seltsame Pilgerzug, nach dem Innern des Herrenhauses, durch den Korridor direkt in das Ankleidezimmer des Grafen. Kopf an Kopf wurden die Lämmlein hineingepfercht, und als Ursula sich mit glühenden Wangen die Hände rieb, da stimmten alle dienstbaren Geister in ihre Freude ein. »So, mein Bürschchen!« dachte Fräulein von Kuffstein, »willst du nicht mit unter die Kälber, so sollst du wenigstens unter die Hammel geraten!« Als die Herren sich zurückzogen, um Toilette für den Ball in Alt-Dobern zu machen, und Graf Lohe die Tür zu seinem Zimmer öffnete, taumelte er entsetzt vor den anstürmenden Vierfüßlern zurück, welche ihn mit entrüstetem Geblöke schier über den Haufen rannten. Außerordentliche Verwirrung im ganzen Schloß, Ursula aber saß auf der Treppe und lachte Tränen. So brillant ihr Vater auch diesen Witz an und für sich fand, bat er den Grafen dennoch, ihn so harmlos aufzunehmen, wie er gemeint sei. Der junge Offizier versicherte ihn dessen und küßte der Frau von Kuffstein, welche ganz außer sich über solche Unart war, lachend die Hand. Es roch entsetzlich in dem Zimmer, darum befahl Lohe seinem Kammerdiener, einen Koffer zu packen, er wollte in Alt-Dobern bei seinem Freund Böhrach Toilette machen. Der Kammerdiener, Bereiter und Militärbursche begaben sich in großer Hast sofort an das Werk. Ursula aber ließ unter schallendem Gelächter der Umstehenden ihre Herde defilieren; der Kommandeur war ebenfalls erschienen und amüsierte sich ersichtlich. Dennoch lag's dem Backfischchen plötzlich wie ein Stein auf dem Herzen, Graf Lohe musterte sie mit einem gar zu seltsamen Blick. X.   Vor dem Schloßportal von Groß- Wolkwitz hielten die verschiedenen Equipagen, welche die Gutsherrschaft und die Offiziere der Einquartierung nach Alt-Dobern bringen sollten. Herr von Kuffstein bestieg mit seiner Tochter das zweisitzige Coupé, die zwei Rittmeister und der Adjutant folgten in offenem Landauer; zuletzt fuhr Graf Lohe in eigener Equipage. Flanken bestand darauf, zu reiten. Ursula beobachtete es mit spöttisch zuckenden Lippen, wie der große Koffer aufgeladen wurde, wie die vier dienstbaren Geister, respektvoll, wie vor einem Prinzen Spalier bildeten und sich überstürzten, den Wagenschlag hinter ihrem Gebieter zu schließen. Frau von Kuffstein stand mit dem Regiments-Kommandeur und den beiden Erzieherinnen auf der Terrasse und winkte den Abfahrenden freundlichen Gruß nach, und der »Herr Doktorjo« saß auf der obersten Stufe der Freitreppe und ließ das für gewöhnlich sehr wohlwollend nach aufwärts geringelte Schwänzchen melancholisch niederhängen. Er war ersichtlich beleidigt, daß er nirgends einen Platz im Wagen angeboten bekam und glotzte so verächtlich, wie es seiner Mopsphysiognomie nur möglich war, den abrollenden Wagen nach. Seine pessimistischen Ansichten über Welt und Leben konnten sich bei derartigen Erfahrungen nicht bessern. Er seufzte tief auf, erhob sich gähnend und watschelte zu dem Schinkenbrötchen, welches er zuvor aus der Hand seines Herrn naserümpfend verschmäht hatte. Jetzt leckte er wenigstens die Butter ab und half dem Schinken über, denn – so philosophierte er – Liebe und Treue sind Wetterfähnlein im Wirbelwind der Laune, aber eine gute Assiette hält Leib und Seele zusammen, und »sich sattfressen« ist die einzige Taktik, des Daseins ganzen Jammer erfolgreich zu bekämpfen.   Die letzten rotgoldenen Strahlen der Abendsonne fielen durch die hohen Spiegelscheiben, als Lena Dern von Groppen die Wetterrouleaux mit weißen Händen emporwand. Wie von einem Heiligenschein umflossen, stand die schlanke Mädchengestalt; Kletterrosen und Glyzinen, welche sich an der ganzen Südseite des Alt-Doberner Herrenhauses emporrankten, schlangen sich zu düfteschwerem Rahmen um das reizende Bild, an welchem der Blick des Fürsten Daniel Sobolefskoi in starrem, träumerischem Schauen hing. Lena blieb einen Augenblick au dem Fenster stehen, öffnete es und schaute in die Pracht der Gotteswelt hinaus, welche ein selten schöner Spätsommer mit üppigsten Farben gemalt. Blüten, wohin das Auge sah, sich wie ein köstlich gestickter Mantel über Mauer und Säulen werfend, sich als Teppich unter hochstämmigem Rosenflor, unter tropfenden Fuchsiazweigen und dicktuffigen Petunias ausbreitend, gleich Feuerströmen aus hohen Steinvasen niederstürzend und sich in ungezählten Zweigen durch den grünen Laubkranz des Parkes windend. Das Abendrot wirft seine lohenden Garben über den Himmel, und die Vöglein steigen jauchzend empor, ihre Schwingen hineinzutauchen; Schmetterlinge segeln wie bunte Glücksschiffchen durch die warme Luft, und die Schwäne liegen in wohligem Ausruhen regungslos auf dem Wasser, ihr Bild zwischen den Schilflilien zu spiegeln. Lenas hellblondes Haar ist goldig durchleuchtet und erscheint Daniel Sobolefskoi genau in der Farbe, wie die wallenden Locken seiner Mutter. Ihr Köpfchen zeichnet sich scharf gegen den Himmel ab, und die graziöse Gestalt ist weiß gekleidet, wie die auf dem Bild Eglantinas. Daniel preßte beide Hände gegen die kranke Brust, deren altes Leiden ihn soeben wieder ganz plötzlich heimgesucht hat; er atmet schwer und tief auf, läßt das Haupt, dessen Haar bereits vom silbernen Schimmer überhaucht ist, kraftlos in die weichen Polster des Sessels zurücksinken und starrt unverwandt auf das lichte Bild im Fensterrahmen. Wie im Schattentanz ziehen die einzelnen Jahre an seinem geistigen Auge vorüber. Er gedenkt der Stunde, da er zum erstenmal, ein kaum verstandener und fremder Eindringling, über die Schwelle des Dernschen Hauses geschritten. Freudentränen in den Augen, hat sich die Gemahlin seines Freundes an des Gatten Brust geworfen, für niemand anders Sinn und Gedanken, als für ihn, den einzig Geliebten, welchen Gottes Gnade in diesem Augenblick ihr neu geschenkt hat. Zage Schrittchen aber haben sich dem abseits stehenden Fremdling genähert, zwei dunkle Augen haben voll Engelsgüte zu ihm aufgelächelt, und eine rosige Kinderhand hat den Blütenstrauß dargereicht mit dem wundertrauten Gruß: »Sei herzlich bei uns willkommen, lieber Onkel Daniel!« Da ist's dem armen, mißgestalteten Manne wie ein Zittern und Beben durch alle Glieder gegangen, er hat die Hand auf das blonde Lockenköpfchen des Kindes gelegt, und durch seine Seele zog es wie ein Dankgebet: O Mutter! In dem Blumenstrauß jedoch prangte inmitten ein vergoldetes, vierblättriges Kleeblatt, welches Lena im verflossenen Herbst am Geburtstag des Vaters gefunden hatte. Frau von Dern-Groppen hatte es als verheißungsvolles Glückszeichen aufbewahrt, und ihr Töchterchen hat es nun zum Dank demjenigen dargereicht, welcher als Schutzengel über dem teuersten Leben gewacht hatte. Daniel aber kam eine jähe, plötzliche Erinnerung. Auf dem Gemälde in dem Sterbezimmer zu Miskow hatte auch die Hand seiner Mutter dieses seltsame Symbol des Glücks gehalten. Wie ein köstliches Kleinod hütete Fürst Sobolefskoi diese erste Liebesgabe aus Lenas Hand. Und die Zeit zog dahin, wolkenlos und glückselig, wie nie zuvor im Leben des vereinsamten Mannes. Mit herzlicher Liebe hing Lena an dem Russen, keinen besseren Spielkameraden gab's für sie, keinen treueren Gefährten bei gemeinsamer Arbeit, denn ihn. Unermüdlich im Geschichtenerzählen, verzichtete Daniel auf jegliche Geselligkeit, um abends bei den Kindern zu sitzen und mit seiner weichen Stimme ihnen das geheimnisvolle Zauberreich des Märchens zu erschließen. Zumeist ersann er seine Erzählungen selbst, und Lena saß mit gefalteten Händchen und blickte zu ihm auf, wie er mit seinen großen, leuchtenden Augen in das Kaminfeuer schaute, als lese er die phantastischen, glückseligen Wundergeschichten darin ab, in welchen die himmlische Fee stets zur rechten Zeit erschien, um einen häßlichen Bär oder Zwerg in den schönsten Königssohn zu verwandeln. Und als Zeiten voll Not und Sorge kamen, als Lena von ernster Krankheit heimgesucht wurde, da saß Sobolefskoi Tag und Nacht an dem Bettchen, jeden Atemzug des Lieblings voll zitternder Herzensangst zu bewachen. Solche Treue knüpfte auch das Band der innigsten Freundschaft zwischen den Eltern der Kleinen und ihm stets fester, und bald deuchte es allen im Hause, als habe Fürst Sobolefskoi nie gefehlt, als gehöre er, gleich einem leiblichen Anverwandten, für jetzt und immerdar zu der Familie des deutschen Offiziers. Zur Zeit, da Daniel zum erstenmal des Rittmeisters Hand umschlossen, lagen dessen Verhältnisse nicht allzu glänzend. Er war der drittgeborene Sohn einer reich begüterten Familie, deren bedeutender Landbesitz laut väterlichem Testament als Majorat stets an den ältesten Sohn fallen sollte. Derselbe war verheiratet und bereits Vater von drei prächtigen, lebensfrohen Buben, ebenso war der zweite Träger des Dern-Groppenschen Namens mit einem Knaben gesegnet, und dadurch war für den Rittmeister jegliche Aussicht auf den großen Besitz so gut wie ausgeschlossen. Seine Gemahlin, eine geborene Gräfin Sasseburg, Schwester der Frau von Kuffstein und Baronin Büttingen, war wohl vermögend, aber nicht reich genug, um ein völlig sorgenfreies Leben führen zu können. Es hieß an allen Ecken und Enden sparen und sich nach der Decke strecken, was dem eleganten und etwas leichtlebig beanlagten Rittmeister anfänglich herzlich sauer gefallen war. Als Fürst Sobolefskoi jedoch in seiner taktvollen Weise begann, die Goldströme seines Reichtums unter das Dach seines Freundes zu leiten, da zeigte Herr von Dern eine fast schroffe Festigkeit, welche jegliche Unterstützung seitens des Russen ein für allemal ausschlug. »Wenn du in meiner Familie leben willst, lieber Daniel, mußt du wohl oder übel alles so mit in den Kauf nehmen, wie es einmal ist!« hatte er sehr energisch geäußert. »Es widerstrebt mir, aus unserer Freundschaft irgendwelchen, und sei es auch nur den kleinsten Nutzen zu ziehen, und außerdem wirst du einsehen, daß es gewissenlos von uns Eltern wäre, die Kinder in einem Luxus zu erziehen, welcher nur von dem Schicksal erborgt ist!« Daniel fügte sich mit einem geheimnisvollen Lächeln und schrieb sein Testament. Jahre danach, als Frau von Dern-Groppen unter den ersten Keimen ihres später unheilbaren Leidens zu kränkeln begann, fügte sich ihr Gatte der Notwendigkeit und gab Daniels flehenden Bitten nach, die leidende in heilsame Bäder bringen zu dürfen, Sommer für Sommer, in der letzten Zeit sogar noch einen Teil des Winters, reiste Sobolefskoi mit der Familie seines Freundes: voll aufopfernder Güte und Sorge, waltend, schirmend und helfend als Arzt und Bruder, stand er der Kranken zur Seite, und wenn Herr von Dern seine Hände mit krampfhaftem Druck umspannte und ausrief: »Wie soll ich jemals meine Schuld gegen dich abtragen?« dann ging es wohl wie ein Aufschrei der Sehnsucht durch das Herz des liebearmen Mannes, »gib mir das, was kein Kaiser der Welt zu geben vermag, den höchsten Lohn, welcher je verliehen, gib mir Lena!« aber er strich mit leisem Aufseufzen über die Stirn und entgegnete: »Nie kann armselig Geld das Glück aufwiegen, welches ich in deinem Hause gefunden? All mein Hab und Gut gehört dir, und doch bin ich dein Schuldner.« Lena wuchs empor, und in Daniels Augen war sie das lieblichste und holdseligste Wesen der Welt. Jolante, die blauäugige Blondine mit dem weichen, schwärmerischen Charakter, zeichnete er durch dieselben liebenswürdigen Aufmerksamkeiten, Geschenke und kleinen Überraschungen aus, wie die Schwester; er tat beiden Mädchen alles zu Gefallen, was er irgend erlauschen und erforschen konnte, und für das Auge des harmlosen Beobachters war es unmöglich zu entdecken, welches Bild tiefer in sein Herz geschlossen war. Wer achtete auch darauf, ob das Auge des verwachsenen, kleinen Mannes wie verklärt aufleuchtete, wenn sein Blick auf Lena weilte, wer sah es, wenn er eine Blüte, die ihre Hand gehalten, aufbewahrte wie ein Heiligtum? Oft hatte er die gemalten Augen seiner Mutter mit denen des jungen Mädchens verglichen, und er starrte die wundersame Ähnlichkeit an, wie ein Rätsel, welches nicht zu lösen ist. Die harmlos glücklichen Jahre, da Lena zärtlich seine Wangen streichelte und keine Menschenseele ihm seine unschuldige Freude streitig machte, zogen schnell dahin, und aufs neue kam das Schicksal und schlug seine Kralle in das Herz des so schwer Geprüften. Lenas jungerblühte Schönheit blieb nicht unbemerkt, und wie die Schmetterlinge dem Rosenknöspchen schmeicheln, so huldigten die jungen Kameraden Dern-Groppens dem anmutigen Töchterchen ihres Oberstleutnants. Qualen der Verzweiflung erduldete Daniel Sobolefskoi. Sein Herz schrie auf gegen die Härte und Ungerechtigkeit Gottes, welche ihn schuldlos in den Staub getreten, ein elender Krüppel zu sein, er ballte die Hände gegen sein Schicksal und brach demütig zusammen unter den Schmerzen, mit welchen seine kranke Brust heftiger denn jemals ringen mußte. Soeben hatte der Dämon in ihm noch gejauchzt: »Lena ist ja arm, und die modernen Freier brauchen eine reiche Mitgift notwendiger denn ein holdselig Leib! Wer kann sie dir rauben? Kann sie nicht mein eigen sein, soll auch nie ein anderer sie besitzen!« Und nun, da Lena die kleine Hand auf seine Stirn legt und sich voll Weh und Sorge über ihn neigt: »Geht es dir besser, lieber, armer Onkel Daniel? Was um alles in der Welt hat diesen neuen Anfall verursacht!?« da zittert es feucht in seinen Wimpern, und er faltet die Hände in heiligem Gelöbnis: »Gott soll mich verdammen, wenn ich in verächtlicher Selbstsucht meines Lieblings Glück zersplittern ließe! Ich danke dir, mein Herr und Gott, daß du mich reich gemacht hast, ihr zu helfen!« Nein, Daniel Sobolefskoi begehrt Lena nicht zu eigen, aber er zittert vor der Stunde, welche ihm sein Liebstes nehmen wird. Wundersam! Hat es Gottes Barmherzigkeit gefügt, ihr junges Herz gegen die Allgewalt der Liebe zu feien? Kühl und stolz geht Lena ihren Weg, und die Hände, welche sich begehrend nach ihr ausstrecken, weist sie mild, aber energisch zurück: »Ich liebe ihn nicht, und wie kann ich ohne Liebe heiraten?!« In solcher Stunde möchte Daniels Herz zerspringen vor Wonne und Glückseligkeit; aber andere kommen, und die Qual beginnt von neuem, und es sind lange Monate und Jahre, welche ihn auf die Folter spannen. Daniel hat vergeblich im Verein mit den besten Ärzten alle Kunst aufgeboten: Frau von Dern-Groppen ist endlich von ihren Leiden erlöst, und Lena hat das Köpfchen an die Schulter des treuen Freundes gelehnt und bitterlich geweint. Die Einsamkeit der tiefen Trauer hat die Hinterbliebenen einander noch näher geführt, und es deucht Daniel, als habe sich der düstere Krepp wie ein linder Balsam auf sein Herz gesenkt, es für Monate wenigstens in ungetrübtem Frieden genesen zu lassen. Und abermals fällt ein neuer Tropfen Wermut in den Leidensbecher des Schmerzensreich. Eine wunderbare Fügung des Schicksals hat den Vater der beiden jungen Mädchen dennoch zum Besitzer der bedeutenden Dernschen Güter gemacht. Jäh auftretende Krankheiten, ein Pistolenduell und ein Sturz mit dem Pferd haben den blühenden Mannesstamm der Familie wie Blitze aus heiterem Himmel zu Boden geschmettert. Von allen, welche nach menschlichem Ermessen berufen schienen, dereinst das Erbe anzutreten, war keiner geblieben außer dem nunmehrigen Oberst, über welchen sich ein Füllhorn reichsten Segens schier märchenhaft ergoß. Da Herr von Dern-Groppen nur zwei Töchter besaß, sich nicht noch einmal verheiraten wollte und auch die Güter nicht persönlich bewirtschaften konnte, verkaufte er allen Nebenbesitz bis auf das alte Stammgut und war ein reicher Mann geworden, welcher von dem jähen Umschwung des Schicksals wie geblendet und betäubt erschien. Die Gnade seines Kaisers hatte ihn, das Glück des passionierten und vortrefflichen Offiziers vollkommen machend, als General in die Residenz eines deutschen Staates berufen, und Daniel drückte ihm mit herzlichem Glückwunsch die Hand, aber in seinem Blick lag ein stummes Weh, und sein Haupt sank so tief auf die Brust, wie das eines Dulders, wenn er sich resigniert der Last seines Elends beugt. Welch ein wunderliches Gemisch der stolzen Freude und verzehrenden Angst, wenn Lena, umschwärmt von Verehrern und Freiern, vor seinen Augen ihre Triumphe feierte! Aber seltsam – abermals schien sich das Schicksal des gequälten Mannes und seiner leidenschaftlich tiefen, edlen und selbstlosen Liebe zu erbarmen. War Lena früher gegen die huldigenden Herren schon abweisend gewesen, so war sie es nun erst recht. »Ach, Onkel Daniel!« hatte sie einst voll stolzer Heftigkeit ausgerufen: »Wie verächtlich sind mir all diese ritterlichen Nacken, welche sich von dem elendesten Dukatensäckel wie die Sklaven knechten lassen, wie unwürdig erscheinen mir solche Götzendiener, die lediglich vor dem goldenen Kalb im Staube liegen, und wie unglückselig sind wir armen, reichen Mädchen daran, die als Mittel zum Zweck mit Liebesschwüren belogen und betrogen werden!« »Du bist ungerecht, liebe Lena! Ist dir nicht die Liebe in reichem Maße dargebracht, als die Welt dich noch für arm hielt?« Ihr dunkles Auge sprühte auf, sie biß die Zähne zusammen und legte die Hand auf seine Schulter. »Onkel Daniel ... glaubst du tatsächlich, daß sie das jemals getan? Man war überzeugt davon, daß der reichste Fürst des Russenreiches die Lebenswege seiner beiden einzigen Anverwandten überhoch mit Gold pflastern werde, sobald sich Gelegenheit geboten, eine Hochzeit auszurüsten! Sehe ich die große Komödie des ›sich Findens und Bindens‹ nicht täglich mit eigenen Augen an? Muß sie mir nicht zum Ekel werden?« Lena schüttelte mit bitterem Lächeln das Haupt: »Möge Gott mich bewahren, daß ich jemals in dem Rechenexempel eines Heiratskandidaten die unwürdige Rolle des Kapitals spielen muß!« Und Lena hatte Wort gehalten. Siebenundzwanzig Jahre war sie alt geworden, ohne daß ihr Herz den herben Ansichten ihres Verstandes widersprochen hätte. Schwankend zwischen Furcht und Hoffnung, sich aufreibend in der Qual seiner trostlosen, tiefverborgenen Liebe, beobachtete Sobolefskoi diese Unnatur. Kein Frauenherz ist gefeit gegen das süße Gift, in welches Amor seine goldenen Pfeilspitzen getaucht, und darum muß jene Stunde noch kommen, welche das Tränenkrüglein des Schmerzensreich bis zum Rand füllen wird. Daniel aber schauderte vor ihr wie ein Gerichteter, welcher den Todesstreich erwartet. Ein tiefer Seufzer hob seine Brust, und Lena wandte sich von dem Fenster zurück und trat zu dem Sessel des Kranken. »Nicht wahr, nun wird dir besser, du armer Onkel Daniel?« fragte sie, zärtlich das Haar aus seiner Stirn streichend. »In der dumpfen Kellerluft mußte ja ein Gesunder Atemnot bekommen, und wenn es so schön in Gottes Welt ist, darf man sich nicht hinter enge Mauern verstecken! Komm, ich führe dich an das Fenster, und dann hole ich mir den kleinen Stuhl aus dem Kamineckchen und erzähle dir, was alles in der Zeitung gestanden hat!« »Mußt du nicht Toilette machen, mein Liebling? Es sind schon so viele Wagen in den Schloßhof gefahren, lauter schmucke Tänzer, die du nicht warten lassen darfst!« Sie war neben dem Sessel niedergekniet und blickte erstaunt zu ihm auf; die Sonne warf einen zitternden Strahl über die schlanke Gestalt und tauchte das zarte Gesichtchen in rosiges Licht. »Ich bleibe bei dir, Onkel Daniel! Ich werde doch nicht wildfremden Menschen die Zeit vertreiben helfen, wenn du hier oben krank bist.« Die Hand, welche sich auf ihr Haupt legte, zitterte, und die Stimme Sobolefskois klang fast erschrocken. »Um keinen Preis der Welt! Ich fühle mich wieder völlig gesund und werde nach dem Souper dem Tanz zusehen! Ich muß doch ein wenig beobachten –«, Daniel zögerte, und ein rührendes Lächeln huschte um seine Lippen, »ob nicht heut so ein kleiner, geflügelter Götterknabe durch den Saal schwirrt, wenn meine marmorkühle Lena mit einem flotten Garde-Ulan Walzer tanzt!« Das junge Mädchen lachte leise auf. »Armer Onkel du! Auf solch ein Attentat hoffst du nun schon seit zehn Jahren, und die böseste aller Nichten zieht eigensinnig – oder sagen wir – charaktervoll durch jeden schönen Heiratsplan einen dicken Strich! Willst du undankbarer Mensch mich denn absolut los sein, daß du es gar nicht erwarten kannst, bis mich irgendein fremder Mann, dessen Schulden bezahlt werden müssen, erhandelt hat?« Der Fürst rang sekundenlang nach Atem, und die dunklen Augenwimpern sanken schwer hernieder. »O nein, Lena,« sagte er leise, »ich möchte wohl, daß es immer so bliebe wie jetzt, ich bin sehr egoistisch, und der Gedanke, dich oder Jolante scheiden zu sehen, hat viel Schmerzliches für mich!« Sie streichelte seine Hand. »Ich bleibe immer bei dir, Onkel Daniel, verlaß dich darauf. Wer sollte dir die Zeitung vorlesen, wer Arznei geben, wer mit dir schelten, wenn du ungehorsam warst, wie ich? Der Kleinen wollen wir tüchtig poltern und ihr den Pantoffel nachwerfen, daß der Staub fliegt, und dann gibt's Ruhe im Haus! Papa und du und ich ziehen uns wie die Maulwürfe in unser Häuschen zurück und lachen über die törichten Menschen, die da draußen hasten, rennen und jagen und doch nicht den Frieden finden!« »Welch ein schöner Gedanke!« Daniels Antlitz leuchtete wie verklärt: »Er erinnert mich an die Märchen, welche ich euch früher erzählte, die waren auch an verheißungsvollem Glück reich und blieben dennoch Märchen und wurden niemals wahr!« Vor der Tür klang lautes Lachen und eiliger Schritt. Dann klopfte es sehr kräftig an, und ohne Antwort abzuwarten, flog der Türflügel zurück. Wie ein Wirbelwind stürmten Jolante und Ursula, beide festlich gekleidet und mit Blüten geschmückt in den Salon, bei näherem Blick jedoch erkannte man, daß das schwärmerisch zarte Fräulein von Groppen willenlos von den kräftigen Armen der Cousine dirigiert wurde. Aber sie schien es sich diesmal nicht ungern gefallen zu lassen, denn auch ihr Gesichtchen war von Gelächter und Amüsement höher gefärbt denn sonst. »Guten Tag, Fürst Sobolefskoi! Wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich zum Berg! sagt Mohammed! Wo stecken Sie denn? Hm?« und Ursula patschte dem Genannten vergnügt auf die Schulter und schüttelte ihn ein wenig, »steigen Sie mal flink in Ihren Bratenrock und kommen Sie! Es ist ja zum Überschlagen da unten! Was, Jolante? Wie eben die beiden Siamesischen ankamen?! ... Hahaha!« Daniel hatte mit freundlichem Gegengruß die Hand der jungen Dame an die Lippen gezogen. Er richtete sich sichtlich erheitert in dem Sessel auf und faßte die farbigen Astern, welche ihm Jolante in den Schoß gestreut, zusammen. »Siamesen sind gekommen, mein gnädiges Fräulein?« fragte er lächelnd. »Na, meinetwegen können's auch geborene Kümmeltürken sein, wir nannten die beiden Kerle bloß so, weil sie wie die Zwillinge auf ihrer Hunke-Punke hingen ...« »Erzähl' doch ordentlich!« unterbrach Jolante voll Ungeduld. »Was ist da noch Ordentliches zu erzählen! Die Geschichte war eben ganz verdreht! Denken Sie mal, Onkel Daniel, wie wir eben auf der Veranda stehen und den Einzug der Kinder Israels –« »Die Offiziere der umliegenden Dörfer meint sie –« »Halt den Schnabel! – mit ansehen, da kommt plötzlich ein Huckepack an, der alles Dagewesene übertraf! Zwei Infanteristen, die in Dassewinkel liegen, hatten in dem ollen Sandnest keine Karre mehr auftreiben können, und auf dem Leiterwagen, welcher die anderen beförderte, hatten sie keinen Platz mehr gehabt. Also; was tun die beiden Kerle – nehmen sich die einzige Schindmähre, die für gewöhnlich in der Milchdroschke geht, und setzen sich, wie die Haimonskinder, alle zwei beide unverzagt in den Senkbuckel rein! Und nun reiten sie unter brüllendem Gelächter hier an! Der eine, mit einem Stock über der Schulter, an welchem sich zwei Paar Lackstiefel schwingen, und der andere mit dem Tornister auf dem Rücken, wo die Bartwichse, das Parfüm, reine Schnupftücher und die Zahnbürste drinnstecken! Rechts und links aber von dem Unglücksvieh seinen Vorderschinken baumelt eine Helmschachtel, welche zu dem Zuckelträppchen wehmütig den Takt schlägt! Na, daß dieses Trio überhaupt hier angelangt ist, gehört zu den sieben Weltwundern! Kommen Sie mal mit in den Stall und sehen Sie sich spaßeshalber die Rosinante an, dann glauben Sie auch, daß die mit Heringsgräten großgefüttert ist!!« Ursula hatte sich auf eine Tischkante geschwungen und ungeniert von dem Obst, welches zur Erfrischung des leidenden Fürsten heraufgeschickt war, zugelangt. »Nun, und wer waren diese beiden Ritter sonder Furcht und Tadel?« lächelte Lena. »Na, ich sag's ja, zwei von der Infanterie! Einer sieht so rund und rosig aus, wie ein Champignon und der andere hat X-Beine! Was Rares ist's nicht, stehen schon viel hübschere auf der Musterkarte, hm, Jolante? Der eine mit dem interessanten Schnurrwichs, den ich das Eisbein nannte!« »Eisbein?!« Fräulein von Kuffstein hatte so viele Stachelbeeren auf einmal in den Mund gesteckt, daß sie erst ein Weilchen mit aufgeblasenen Backen kauen mußte. »Er tat so kühl zu uns; – darum. Na, ich bin überhaupt gespannt, wie sich alle Courmachereien entwickeln werden, kann's mir schon so ziemlich denken ...« »So? Da sind wir doch begierig! Bitte, mein gnädiges Fräulein, beehren Sie uns mit Ihren Konfidenzen!« »Jolante und unser Affe ...« »Aber Ursula!« »Schrei doch nicht eher, als bis du weißt, wer der Affe ist! Ein riesig hübscher Bengel nämlich, der Graf Lohe, Renommier- Aushilfsleutnant bei den Garde-Ulanen! Aber ich sage euch – so pikfein! und so geziert! und so furchtbar elegant, daß einem ganz angst wird! Gerade so lyrisch angehaucht und sentimental wie Jolante! Ich höre schon, wie die beiden in schwärmerischen Zitaten manschen werden!« Jolante lehnte mit ganz süperbem Augenaufschlag das Köpfchen gegen die Sessellehne zurück. »Auf alle Fälle sind mir solche Gefühlsmenschen tausendmal lieber, als die rüden Ringkämpfer-Aspiranten, welche sich wie die Bauernburschen auf dem Parkett herumflegeln!« Ursula lachte schallend auf, aber doch blitzte es in ihren Augen wie eine eifersüchtige Drohung. »Da haben wir's ja! Das Pärchen ist fertig! Armer Flanken, für dich sieht's sehr faul aus!!« »Wer ist Flanken?« hauchte Jolante phlegmatisch. »Der Riese, dessen kolossales Schlachtroß dir so sehr imponierte! Aber ein Krafthuberl ist der Kerl! ... Alle neun Donner! Neben dem sieht jede Dame aus wie ein Däumlingchen!« »Haben Sie den vielleicht für Lena bestimmt, mein gnädiges Fräulein?« Ursula schnitt mit schiefgeneigtem Köpfchen eine Grimasse, »Nee, der ist zu dumm für die geistreiche Dame da! Auch viel zu lustig und lebenswarm, um es lange in der Nähe solcher Gletscherjungfrau aushalten zu können! Nein, für Lena wüßte ich eigentlich niemand, oder halt, doch! Hurra, ich hab's! Lena kriegt das Eisbein! Den schönen, interessanten Leutnant von der Infanterie, der uns so stolz von obenherab musterte und Gretels Gouvernante und der Gesellschafterin gerade solchen Diener machte, wie uns!« »Ei, ei! Schön und interessant!« lächelte Fürst Sobolefskoi mit nervös zitternden Nasenflügeln: »Und wie heißt dieser Herrlichste von allen, wenn man fragen darf?« Fräulein von Kuffstein setzte sich in Positur und persiflierte des jungen Offiziers vornehme gemessene Art und Weise, sich vorzustellen: »Freiherr von Altenburg! Frau Baronin hatten die freundliche Gnade, zu gestatten –« und Ursula klappte die Hacken zusammen und blinzelte schelmisch zu Lena hinüber. Diese schüttelte mit ihrem ernsten Gesicht den Kopf. »Kleines Närrchen! Es scheint mir, Herr von Altenburg hat bereits prima vista eine Eroberung gemacht, welche an Stürmischkeit den alten Brandenburgern nicht nachsteht! Ich werde den Spieß umkehren und heute abend beobachten, wie schnell das Eis vor Fräulein Ursulas Flanmmenäuglein schmelzen wird! Und nun geht schnell wieder hinunter, ehe Tante Büttingen euch vermißt; sowie sich Onkel Daniel wieder ganz wohl fühlt, folgen wir nach!« Fürst Sobolefskoi erhob sich. »Ich werde mir sogleich, auf Befehl der kleinen Gnädigen hier, den ›Bratenrock‹ anlegen lassen, und bitte dich, Lena, die Baronin schleunigst in ihren umfangreichen Verpflichtungen als Wirtin zu unterstützen!« Ursula hatte Lenas Worte stumm, aber sehr deutlich durch eine »lange Nase« beantwortet, setzt sprang sie eifrig von ihrer Tischkante herunter. »Nicht wahr? Sage ich auch! Die arme Tante muß sich reineweg den Mund fußelig reden! Spute dich, Lena, wirf dich in Wichs und komm!« »Ich bin angekleidet!« Sobolefskoi sah fast erschrocken an der schlanken Mädchengestalt empor, deren schlichtes weißes Spitzenkleid durch keine Blüte und keine Pretiosen geschmückt war. Zwischen Lenas dunklen Augenbrauen lag eine feine Falte, und um ihre Lippen schlich sich der herb abweisende Zug, der ihr stets eigen, wenn sie sich unter Menschen begeben mußte. »Liebe Lena!« bat Daniel leise, »ich würde mich so herzlich freuen, wenn du eine einzige, kleine Blume tragen wolltest, mir zu Gefallen! Ich bitte dich darum!« Sie schaute sinnend auf, dann verklärte plötzlich wieder ihr engelhaft mildes Lächeln das Antlitz, und sie streckte schnell die Hand nach dem Feldblumenstrauß aus, welcher neben dem Sessel des Fürsten gestanden. Sie bog die Rispen und Gräser auseinander und zog ein vierblätteriges Kleeblatt zwischen denselben hervor. »Das erste, welches ich seit langen Jahren wieder, ohne danach zu suchen, gefunden! Du liebst dieses glückverheißende Kräutlein ebenso sehr wie ich, Onkel Daniel, darum werde ich mich, dir zu Ehren, damit schmücken!« Sie lächelte ihm zu, und die Hand mit dem Vierblatt sank in die weißen Kleiderfalten nieder. Da war es wunderbar, wie ähnlich sie dem Bild Eglantinas war. Daniels Herz zuckte auf. Es war ihm plötzlich, als verfinstere es sich in dem Gemach. Er glaubte den Sturm brausen zu hören, welcher in jener Schreckensnacht, in Miskow, mit des Unglücks schwarzen Fittichen dem Schicksal vorausgeflogen war. Flammen hatten die lichte Frauengestalt mit dem Symbol des Glückes in der Hand verzehrt; werden auch heute Flammen entzündet werden, welche ihm abermals sein Liebstes auf der Welt einreißen, welche ihn zusammenbrechen lassen unter der Tränenlast des Elends, bis tief hinab in das kühle Kämmerlein, drauf Klee und Lilien im Morgentau weinen? Ein herzzerreißendes Lächeln irrt um seine Lippen. »Ein vierblätteriges Kleeblatt! Gebe Gott, mein Liebling, daß es nicht nur das Glück verheißen, sondern bringen möge!« XI. Lena hatte an der Seite ihrer Tante Büttingen, einer kleinen, rundlichen und sehr lebhaften Dame mit glattgescheiteltem, dunklem Haar und auffallend hübschen, graziös bewegten Händchen, die Familien der nächst angesessenen Gutsherren begrüßt, welche mit viel Vergnügen der Einladung nach Alt-Dobern Folge leisteten. Das junge Mädchen war von der sanften, anmutigen Liebenswürdigkeit, welche man sonst nur im engsten Familienkreis an ihr kannte, und welche sofort einer fast abstoßenden Kälte wich, als die fremden Offiziere nach beendeter Toilette die Salons betraten. Jolante kokettierte mit schmachtenden Augen und der leisen, schwärmerischen Stimme auf der Terrasse vor dem Tanzsaal mit all den hübschen und häßlichen Leutnants, welche sich um den Vorzug bekämpften, eines direkten Wortes von ihr gewürdigt zu werden. Graf Lohe war von vollendeter Liebenswürdigkeit, sie fand ihn auch ganz leidlich nett, obwohl es ihr schien, als sei er sehr zerstreut und verberge unter viel schönen Phrasen nur eine tiefe Verstimmung. Auf jeden Fall huschte ihr Blick viel öfter an der riesenhaften Gestalt Flankens empor, welcher seinen blonden Negerkopf behaglich an der Säule, gegen welche er sich gelehnt, hin und her rieb, zeitweise eine seiner trockenen Kraftbemerkungen in die Unterhaltung einstreute und als Privatvergnügen mit der gewaltigen Hand nach den Fliegen und Schnaken patschte, welche sich erdreisteten, in seiner Nähe Platz zu nehmen. Ursula hatte in ihrer unverblümten Weise gesagt: »Du, Jolante, ich wette gegen sechs alte Weiber, daß Flanken dich geradezu gräßlich findet!« Das verdroß Fräulein von Groppen, und daher wollte sie das Prävenire spielen und den ungeschlachtenen Gesell von vornherein ganz abscheulich behandeln. Je ostensibler aber ihr elfenhaftes Figürchen der Nähe des Riesen zu entschweben suchte, desto hartnäckiger stampften die schweren Reiterstiefel ihr nach, und je schnippischer sie das Mäulchen zusammenzog und die langen Locken zurückschüttelte, desto freudiger erglänzte sein Gesicht und desto besserer Laune wurde er. Ursula hatte schnell ihren Kreis gefunden, laut und übermütig übertönte ihr Lachen und Debattieren das Stimmengewirr. Sie rauchte eine Zigarette und blies ihren entzückten Rittern die Rauchwolken ins Gesicht, zankte sich mit einem Artilleristen über Hornspalt und balgte sich zwischendurch einmal mit ihrem kleinen Vetter Büttingen und dessen großem Hund. Graf Lohe rieb sein Monokel mit dem weißseidenen Taschentuch ab und warf hie und da einen Blick nach jenen Szenen an der Verandatreppe, welche sich unter Ursels kräftiger Assistenz immer lebhafter entwickelten. »Es fehlt nur noch, daß sie das Geländer herunterrutscht«, dachte er voll heiliger Entrüstung, und je unmutiger sein Blick, und je röter seine Stirn wurde, desto übermütiger benahm sich das Backfischchen, gerade als täte sie es ihm zum Trotz! Papa Kuffstein stand, die Hände à la Gloster in die Hosentaschen versenkt, mit ein paar älteren Herren auf dem Kiesweg drunten und schaute mit breitem Schmunzeln seiner Einzigen zu. Lohe trat zu ihm heran, in der Hoffnung, durch irgendein geschicktes, kleines Manöver dem verblendeten Vater die Augen über das unstatthafte Benehmen seiner Tochter zu öffnen. Er fragte nach kurzer Einleitung, ob es denn niemand in Groß-Wolkwitz gäbe, welcher so rechten Einfluß auf Fräulein Ursula habe? »I wo! Die Krabbe tanzt uns ja allen auf der Nase herum!« war die sehr anerkennende und vaterstolze Antwort, »Auch nicht der Herr Pfarrer?« »Pfarrer?!« – Herr von Kuffstein nieste zweimal derartig, daß der elegante Gardeleutnant nervös zusammenzuckte und schüttelte dann mit zusammengekniffenen Augen lachend den Kopf. »Da kennen Sie Urschel-Purschel aber noch lange nicht! Haben da so einen ganzen jungen Kandidaten, dem das Mädel einen verdeiwelten Streich gespielt hat, als er sich zum erstenmal von der Kanzel herunter seiner Gefühle entledigte. Hören sie mal an, was die kleine Kröte da losgelassen hat! Also der neue Kandidate steht und säuert und säuert in seiner Herzensgüte, daß uns mit der Zeit der Magen bis in die Waden herunterhängt. Die Bauern schnarchen, meine Frau riecht ununterbrochen englisch Salz, und Ursel macht schon in höchster Ungeduld aus ihrem Schnupptuch Männchen, worüber ich natürlich schon das Prusten kriege. Der Kerl aber steht auf seiner Kanzel und will's fürs Geld auch reichlich machen! Da hatte er so irgendein Thema, in welches er sich verbissen hatte, das behandelte den Himmel, so wie er, der Kandidate, sich die Angelegenheit vorstellt. Da – behauptete er – gäb's so und so viele Stufen drinn. Den braven Christen setzt er auf die erste, den reuigen Sünder auf die zweite, und so weiter und so weiter, bis er schließlich alle Stufen vergeben hat, und nur noch der Pharisäer übrigbleibt. Nun weiß er nicht, wo er den Monsieur hinsetzen soll und beredet sich darüber mit der Gemeinde, daß man reine aus der Haut fahren möchte. Was tut die Urschel- Purschel? Plötzlich erhebt sich die Göhre, stützt sich auf die Brüstung und ruft mit lauter Stimme: Herr Kandidate, setzen Sie den Kerl auf meinen Stuhl hier, ich gehe jetzt nach Hause!« Schallendes Gelächter. Herr von Kuffstein sah sich wahrhaft triumphierend im Kreise seiner Zuhörer um, und Graf Lohe senkte resigniert das wohlfrisierte Haupt und verzichtete auf weitere Versuche, einen Splitter aus des Nächsten Auge zu ziehen. – Fürst Daniel Sobolefskoi hatte allein an dem offenen Salonfenster gestanden und zugesehen, wie die neu ankommenden Offiziere den jungen Damen vorgestellt wurden. Als Freiherr von Altenburg sich in stummem Gruß vor Lena neigte, trat er in atemlosem Schauen unwillkürlich einen Schritt vor. Sein Blick haftete auf dem Antlitz seines Lieblings, als wolle er voll ängstlicher Sorge einen Schicksalsspruch darinnen lesen. Gleichgültig, kalt und abweisend wie stets in einem solchen Augenblick blieben ihre Züge, und die wenigen Worte, welche sie an den jungen Offizier richtete, klangen ebenso formell und unnahbar, wie alle diejenigen, mit welchen sie die anderen Herren begrüßt. Hoch und schlank stand Altenburg ihr gegenüber. Kein verbindliches Lächeln spielte um seine Lippen, ein ernster, beinahe etwas hochmütiger Ausdruck beherrschte sein regelmäßiges Gesicht, mit der energischen Stirn und den dunkel umrahmten Augen, deren Blick nie müde über die junge Dame hinweg schweifte und sich mit langen Wimpern verschleierte. Sehr schmal und scharf geschnitten war das Antlitz, leicht gebräunt und durch stolze Kopfhaltung meist hoch erhoben; ein blonder Schnurrbart gab ihm ein ritterliches Ansehen, und die strenge, beinahe finstere Falte, welche die Augenbrauen zusammenzog, machte es interessant. Voll und dicht lockte sich das Haar auf dem edel geformten Haupt. Er wechselte die paar üblichen Redensarten mit der Nichte der Gastgeberin, verneigte sich kurz und trat sofort beiseite, als ein paar Kameraden der Kavallerie die Sporen vor Fräulein von Groppen zusammenklappten. Ununterbrochen rollten die Equipagen in den Schloßhof, und die Salons, Veranda und nächsten Parkanlagen füllten sich mit einer bunten, eleganten, lachenden und konversierenden Menge, Schon trat der Mond wie ein blasser Silberstreifen hinter dem Wald hervor, als Baron Büttingen der alten Exzellenz von Normann den Arm bot und sie durch die breit aufgeschlagenen Türflügel in den Speisesaal führte. Die älteren Herrschaften folgten, und unter der Jugend entstand ein übereifriges Hin und Her, ein Suchen, Finden und Engagieren, ein Rangablaufen und Zuspätkommen, Necken und Schmollen. Graf Lohe hatte dicht neben Ursula gestanden, sein Blick traf ihr Gesichtchen, welches sich erwartungsvoll nach ihm richtete. Langsam wandte er sich zur Seite und bot Jolante den Arm. Herr von Bornitz trat bereits neben das Backfischchen und kreuzte die Arme über der Brust: »Wenn durch die Piazetta der ›Bratenduft‹ weht, dann weißt du, Ninetta, wer wartend hier steht!« – rezitierte er lachend. »Wir wollen uns den beiden da gegenübersetzen!« nickte Ursula mit blitzendem Auge. Und als sie Graf Lohe gegenübersaß, war sie so ungezogen wie nie. »Oh, daß ich tausend Zungen hätte und einen tausendfachen Mund!« rief sie beim Anblick des Menüs, und als der junge Offizier nicht mitlachte wie die anderen, sondern ihr einen sehr mißbilligenden Blick zuwarf, schnitt sie ihm eine kleine Grimasse, griff nach einer Apfelsine und fabrizierte zu größter Heiterkeit aller Umsitzendcn einen »seekranken Chinesen« daraus. Jolante errötete in verletztem Zartgefühl, und Lohe biß vor Ärger die Zähne zusammen. Und immer ärger trieb es der kleine Unhold. Wehe dem armen Grafen, daß er seine Nervosität verraten hatte! Ursula kratzte voll wahrhaft teuflischen Vergnügens unausgesetzt mit den Nägeln auf dem Seidenrips des Tischläufers, bis Lohe ganz alteriert seine Unterhaltung mit Jolante unterbrach und sehr laut bemerkte: »Es ist merkwürdig, daß alle Kinder so viel Freude daran haben, in Gesellschaft möglichst ungebärdig zu sein nnd recht viel Lärm zu machen!« Einen Augenblick lang vergaß Ursula vor Überraschung das Mäulchen zu schließen, dann stellte sie langsam beide Ellenbogen auf den Tisch und stützte das rosige Gesichtchen in die Hände. »Hm, Sie haben mir aus der Seele gesprochen! darüber habe ich heute auch schon nachgedacht, als die ganze Gesellschaft in Wolkwitz ein Mittagsschläfchen halten wollte, und Sie, wie fürs Vaterland, auf dem Klavier herumpaukten! Da seufzte ich auch: Gott erbarme sich über so einen Radau-Fritzen!« Fräulein von Kuffstein hatte die Lacher auf ihrer Seite, aber sie stellte dennoch die Arbeit mit den Nägeln ein. Dafür aber ersann sie etwas noch viel Perfideres. Der Erbherr von Illfingen schien wirklich sehr nervös zu sein, die Unterhaltung mit Jolante wollte gar nicht recht in Zug kommen, weil der junge Offizier stets mit halbem Ohr und Auge sein Gegenüber beobachtete, und es ihm bis in die Fingerspitzen hinein kribbelte, wenn Fräulein von Kuffstein in haarsträubender Weise eine Ungehörigkeit nach der anderen beging. Er nahm sich vor, gar nicht mehr zu ihr hinüberzusehen, aber wunderbar, wie durch magnetische Gewalten angezogen, kehrte sein Blick immer wieder zu ihr zurück, und so oft er sie ansah, hielt sich das allerliebste Teufelchen das Spitzentuch vor den Mund und – gähnte! Nichts steckt nervöse Menschen mehr an als Gähnen. Graf Lohe zuckte mit den Nasenflügeln und legte sein Gesicht in die wunderlichsten Falten, aber kaum, daß er seinen Krampf etwas bekämpft hatte, gähnte Ursula wieder, und je mehr der Ulan in zitternde Alteration geriet, desto toller trieb's der kleine Kobold, gebrauchte schließlich nicht einmal mehr das Taschentuch, sondern brachte ihr Gegenüber durch ihre treffliche Mimik geradezu zur Verzweiflung. Immer zerstreuter und aufgeregter wurde der Graf, und Jolante, in deren Nähe doch bis jetzt noch niemals ein Herr fortdauernd mit der sichtlichsten Langenweile gekämpft hatte, wandte sich etwas pikiert zu ihrem anderseitigen Nachbar und ignorierte Mark-Wolffrath für den Rest des Soupers. Ursulas Augen aber funkelten vor Triumph und Übermut. In der kleinen Pause, welche dem Tanz voranging, hatte sich Herr von Flanken an Jolantes Seite gepürscht. Er ließ sich neben ihr in einen Sessel nieder, daß derselbe in allen Fugen ächzte, und streckte die gewaltigen Füße übergeschlagen weit auf das bunte Teppichmuster vor. »Sie sind natürlich auch zu der Polonaise engagiert, Gnädigste?« fragte er mit einem Stoßseufzer und der tiefdröhnenden Stimme, welche einen so drolligen Kontrast zu dem silberreinen Organ der jungen Dame bildete. Jolante neigte das Köpfchen etwas schief und zupfte an den blaßroten Rosen ihres Brustbouquets. »Allerdings, von meinem Tischherrn. Warum fragen Sie? Wollen Sie etwa auch tanzen?« und ihr träumerischer Blick schweifte, beredter als Worte, über seine bärenhafte Figur. Ein amüsiertes Knurren seinerseits: er knäulte nach seiner Manier die Handschuhe zwischen den Händen und blinzelte seine Nachbarin fröhlich an: »Sie meinen, ein eiserner Geldschrank dürfte mit demselben Recht und derselben Grazie über das Parkett schweben wie ich! Ja, sehen Sie, mein gnädiges Fräulein, für gewöhnlich tanze ich auch nicht, weil ich nämlich keine Rundtänze gelernt habe! Mein Vater behauptete, in einem Ballsaal gäb's nichts zu raufen, da paßte ich nicht hin, und wenn ich eine Dame um die Taille fassen wollte, drückte ich ihr höchstens die Rippen ein! Da wurde das Geld für die Ausbildung meiner graziösen Veranlagung gespart, und der einzige Tanz, in welchem ich aktiv auftreten kann, ist die Polonaise! Die exekutiere ich nun aber auch mit Leidenschaft, und denken Sie mal, die soll ich nun gerade schimmeln! Alle Damen, selbst die ältesten im Saal, sind ›in festen Händen‹, und wo ich auch anfrage, überall einen Korb!« Jolante lächelte und wehte in ihrer lyrischen Weise mit dem Fächer. »Es muß doch schrecklich fatal sein, so riesengroß zu sein!« »Heutzutage wohl! Die Zeiten haben sich leider Gottes gar zu sehr geändert. Früher wurde der stärkste Mann König, und der Faustschlag des alten Norweger Helge ward als Heldentat bewundert. Heute enden die starken Aujusts meist im Zuchthaus, und das Übermaß der Kraft, welches vor Zeiten des Mannes Glück ausmachte, wird im neunzehnten Jahrhundert meistens sein trauriges Verhängnis! Was soll eine solch altritterliche Germanenfaust –« Flanken hielt mit wehmütigem Gesicht seine gewaltigen Hände hin – »in einem Zeitalter anfangen, wo Gänsekiel, Repetiergewehr und Dreschmaschine regieren, wo eines Herkules Taten nach dem Strafgesetzbuch kritisiert werden! Und seit achtzehn Jahren kein einziges frisches, fröhliches Feldzüglein, wo man wenigstens noch die Hoffnung hat, einmal die Lanze einlegen zu können.« »Sie scheinen ein furchtbarer Raufbold zu sein! Oh, ich finde alle Soldaten schrecklich, weil sie so hartherzige und rüde Passionen haben!« Sie schüttelte die blonden Locken schaudernd in den Nacken zurück. Der junge Offizier blickte just mit starrer Bewunderung auf Jolantes Füßchen, welches sich an der Seite seines Stiefels wie ein Goldkäferchen neben einem Elefant ausnahm. »Na, was für Leute haben Sie denn gern?« fragte er gedankenvoll. Fräulein von Dern-Groppen blickte schwärmerisch in den Kronleuchter empor. »Künstler! – alle idealen Menschen, und namentlich die Maler!« Er fuhr mit beiden Händen in sein krauses Haar und riß die Augen weit aus, »Alle neun Donner! Gefällt Ihnen da nur der Samtrock und die Mähne, oder müssen auch die eingerahmten Fettflecken dabei sein?« Jolante war sehr indigniert, »Aber Herr von Flanken, ich liebe nickt den äußeren Menschen, sondern die Kunst!« »Was der Tausend!« Einen Moment starrte er geradeaus, dann hob er jählings den Kopf, »Glauben Sie, daß ich das Klexen noch lernte?« Sie kicherte spöttisch. »Es ist zwar schon einmal aus einem Grobschmied ein Maler geworden, aber – nehmen Sie mir's nicht übel – hahaha! mit den Händen wollten Sie – hahaha!! Das ist ja zum totlachen!« »Malen Sie selber?« Flanken lachte fröhlich mit. »Ja wohl, mit Passion sogar!« »Na, dann will ich Ihnen mal was sagen, Ich mache bei Ihnen in der Residenz Besuch, und dann geben Sie mir Stunde!« Jolante warf das Köpfchen empört in den Nacken und vergaß für Minuten all ihr Phlegma, »Ihnen? Fällt mir ja gar nicht im Traum ein!« »Gewiß nicht?« Sie blickte schnippisch über die Schulter zurück, Graf Lohe stand vor ihr und bot den Arm, die junge Dame in den Tanzsaal zu führen. »Nein! so gewiß nicht, wie Sie diese Polonaise schimmeln werden!« »Und wenn ich noch eine Tänzerin finde?« Jolante wußte, daß dies unter den Damen der Gesellschaft unmöglich war. Sie zuckte voll Ironie die Achseln. »Dann allerdings! Aber sie müssen mir eine Tänzerin vorführen, welche in unseren Kreis hier gehört, keine Kammerjungfer oder Köchin etwa, sondern Vollblut, Herr von Flanken, wohlverstanden? Vollblut!« und die junge Dame lachte abermals leise und spöttisch auf und schwebte wie eine kleine Sylphide am Arm ihres Tänzers davon. Flanken klappte die Sporen zusammen. In der Tür des Tanzsaales stand Lohe still und biß sich momentan wie in herber Verlegenheit auf die Lippe. Dann neigte er sich zu Jolante nieder. »Mein gnädigstes Fräulein, darf ich eine Beichte ablegen?« Sie blickte mit ihren großen, feuchtschimmernden Augen erstaunt auf. »Nun?« »Mir ist ein Malheur passiert, mein Diener hat sehr hastig den Koffer gepackt und vergessen, meine Tanzstiefel zu der Uniform zu legen. Es ist doch direkt unmöglich, daß ich in der Chaussure, welche für die Promenade berechnet ist, tanze, und darum bitte ich allergehorsamst, ob mein Kamerad, Fürst zu Schlüfften-Drasel den Vorzug haben kann, mich bei gnädigem Fräulein zu vertreten?« Jolante war leicht errötet nnd zog ein recht geziertes Mündchen: »Gewiß, Graf Lohe! Ich begreife Sie vollkommen! Nichts ist schrecklicher in einem Tanzsaal, als ungehörige Fußbekleidung!« Sie nickte ihm mit einem Gesicht zu, welches beinahe so aussah, als wolle sie sagen: »Wie schäme ich mich, daß ich überhaupt mit Ihnen soupiert habe!« und wandte sich zu dem jungen Fürsten, welcher bereits neben sie getreten war und Lohes Kammerdiener voll Humor den entzückendsten aller Staubgeborenen nannte. Mark-Wolffrath trat stumm zurück. Er war dunkelrot geworden, und obwohl er ja ganz richtig finden mußte, daß Jolante ihn so ohne jeglichen Einwand freigab, verdroß es ihn dennoch gewaltig. Seine Stiefel waren noch sechsmal so elegant wie die der meisten Tänzer; aber es war ihm persönlich unangenehm, auf Sohlen zu tanzen, welche dicker sind wie ein Mohnblatt. Von Jolante war es jedoch entschieden eine übertriebene Peinlichkeit, wie ihr ganzes Wesen ihm einen unnatürlichen und allzu hyperfeinen Eindruck machte. Mit einer tiefen Falte auf der Stirn zog er sich in eine Ofenecke zurück und wünschte das ganze Manöver ins Pfefferland. Die Paare ordneten sich, und die volltönende Regimentsmusik setzte mit brillantem Tusch ein, um just in den Tannhäuser-Marsch überzugehen, als ein wunderliches Getöse, Gestampfe und Geschrei auf der Terrasse hörbar wurde. Der Rundgang stockte, und mit lauten Schreckensrufen flüchteten die Damen in wirrer Hast, als die beiden Flügeltüren, welche von der Terrasse in den Saal führten, zurückgestoßen wurden, und ein gar absonderliches Bild sich den entsetzten Herrschaften zeigte. Herr von Flanken trat rückwärts in den Tanzsaal, noch hünenhafter erscheinend als sonst, hatte mit eisernen Fausten die beiden Vorderbeine seines schweren Rosses gefaßt und nötigte dasselbe, auf die Hinterfüße aufgestellt, in das Gemach zu folgen. Die Hufe dröhnten auf dem Parkett, laut schnaufend und wild in den Glanz der Lichter blickend, stampfte die Stute hinter ihrem herkulischen Bändiger her, und als sich das erste Angstgewirr und die lauten Rufe und das Gelächter drinnen etwas gelegt hatten, klang Flankens kräftiges Organ durch den Saal. »Gestatten die Herrschaften, daß ich mich mit meiner Tänzerin der Polonaise anschließe! Stelle dieselbe hiermit vor: Königin Gudrun, echt Vollblut tadellosesten Stammbaums, ganz wie Fräulein Groppen befohlen hatte! In der Not frißt der Teufel Fliegen, meine Herrschaften! Ich habe gewettet, diesen Tanz zu tanzen und fand keine andere Schöne, welche den Reigen mit mir wagen wollte! Musik, Herr Kapellmeister! spielen Sie Ihre Sache ruhig fertig! Ich möchte in keiner Weise stören!« – Während er diese Worte mit seinem gemütlichsten Schmunzeln gesprochen, hatte der Ulan das kolossale Tier in kleiner Ronde durck den Saal geführt und dirigierte dasselbe nun wieder nach der Tür, von welcher das gesamte Dienstpersonal der Stallungen und des Schlosses zurückstob, »Königin Gudrun findet das Benehmen der Herrschaften recht wenig entgegenkommend,« lachte er, »und hat die Ehre, sich nach einmaliger Solopromenade allseits zu Gnaden zu empfehlen! Feu, Gudrun, feu! immer hübsch graziös über die Schwelle!« und die Hufe klirrten wider auf den Steinplatten der Terrasse, und in haltlosem Jubel stürmte alles an die Fenster, um zuzusehen, wie der moderne Dioskure seine außergewöhnliche Tänzerin die Treppe hinabgeleiten werde. Jolante war sprachlos, aber in ihren Äugen glühte das Triumphfeuerlein der Eitelkeit auf, und als Flanken nach kleiner Weile zurückkam und wie ein Fels inmitten stürmischer Brandung stand und der jungen Dame mit verschmitztem Augenzwinkern zurief: »Na, wie steht's, gnädiges Fräulein?« – da reichte sie ihm, huldvoll wie ein Prinzeßchen, die Hand und sagte: »Sie sind ein schrecklicher Mensch!« Der Ulan faßte das Händchen sehr vorsichtig mit zwei Fingern und drückte es nur ein ganz klein wenig, »Ich werde Stilleben malen!« nickte er voll Überzeugung. An die so seltsam unterbrochene und mit großer Heiterkeit zu Ende geführte Polonaise schlossen sich in bunter Reihenfolge die Rundtänze. Lena hatte beobachtet, daß Fürst Sobolefskoi kränker war, als er eingestehen wollte, daß er in der schwülen Zimmerluft litt und heimlich auf den kleinen Vorbau hinausgetreten war, durch welchen noch eine schmale Nebentreppe von der Westseite in den flügelartig angebauten Saal führte. Sie folgte ihm und rief seinen Namen. Keine Antwort. Die beiden Gartenstühle, welche vor einer Oleander- und Lorbeergruppe standen, waren unbesetzt und sonst kein Mensch zu erblicken. Aus den weit geöffneten Saalfenstern schallten Musik und Stimmengewirr, über dem mondhellen Garten, mit seinen majestätisch ragenden Bäumen jedoch lag ein tiefer, wonnevoller Frieden, und Lena ließ sich tiefatmend auf einen der Stühle niedersinken und schloß momentan die Augen. Wie wohlig diese weiche, düfteschwere Nachtluft ihre Stirn kühlte! Armer Onkel Daniel! Er hatte gewiß unbemerkt gehen wollen, sein Zimmer zu erreichen, und er schickte in seiner rücksichtsvollen Weise weder nach ihr, noch nach ihrem Vater, um die Freude des Festes nicht durch sein Leiden zu stören. Lena wollte sofort einen Diener als Kundschafter ausschicken, und sie lehnte nur noch für einen Augenblick das Köpfchen zurück, um dem leisen Windesrauschen zuzuhören, welches, wie ein Echo vom fernen Meeresstrand, die Zweige des Bosketts regte. Die Musik im Saal war verstummt, vom offenen Fenster, dicht an ihrer Seite, klang eine Stimme zu ihr heraus. »Na, Altenburg? Wo alles tanzt, stehen Sie sich allein die Beine in den Leib? Immer tätig, tätig, junger Mann! Ich dächte doch bei Gott, heute abend lohnte es sich, etwas 'ran zu gehn!« »Es lohnt sich? Das ist wohl Ansichtssache!« Lena erhob sich unwillkürlich bei dem eigentümlich tiefen, sonoren Wohlklang dieser Stimme. Als sie sich vorneigte, sah sie Altenburgs Silhouette scharf gegen den hellen Hintergrund abgezeichnet. Vor ihm stand ein kleiner, beweglicher Infanterist mit zwei rund abstehenden Haarlöckchen über den Schläfen. »Na, zum Kuckuck, ahnen Sie denn nicht, was für Goldfischchen heute abend losgelassen sind?« »O ja. Darum eben schimmele ich so viel. Es sind viele reiche, aber wenig anziehende Damen hier.« »Was Teufel! Das ist doch vollkommen schnuppe! Wenn der Engel Geld hat, ist er immer hübsch, und wenn das Tausendguldenkraut obendrein auf einem anständigen Stammbaum wachst, dann muß man in heutiger Zeit, weiß Gott, beide Augen zudrücken! Übrigens ... ich weiß gar nicht, was Sie wollen! Die Ursel Kuffstein ist ein allerliebster, kleiner Käfer und die älteste Groppen geradezu eine Sphinx! Wie oft haben Sie denn mit ihr getanzt?« Altenburgs Haupt hob sich noch stolzer auf den Schultern: »Noch keinmal. Sie wissen, daß ich mich mit Damen, welche mir unsympathisch sind, weder unterhalte noch mit ihnen tanze.« »Unsympathisch? – Potz Wetter ... sagen Sie mal, was vorgefallen zwischen Ihnen?!« »Nicht das mindeste. Fräulein von Groppen hat das widerwärtige Benehmen aller reichen Mädchen, welche aus jedem Wort und Blick eine Gnade machen und es überflüssig finden, ihre goldene Knute selbst mit dem bunten Bündchen der einfachsten Artigkeit zu umwinden. Ich verlange nicht nach den Dukatensäcken dieser Damen und habe Gott sei Lob und Dank einen zu steifen Nacken, um ihn vor der Majestät eines vollen Portemonnaies zu beugen. Wer ist jene Dame, welche neben der jüngeren Groppen dort an der Salontür steht?« »Keinen Schimmer! ... oder doch ... warten Sie mal, das ist ein Fräulein von Schwanringen ... Vater hat das verschuldete Majorat gleichen Namens, hübsches, gutes Kind ... lacht gern, weil sie weiße Zähne hat! Aber keinen gebogenen Heller, sag ich Ihnen! Lohnt gar nicht das Anfangen! Apropos ... Sie sind ein ganz spaßhafter Mensch, lieber Altenburg, ein Hochmutsteufel, wie er im Buche steht, hahaha! Aber Gott erhalte Sie so; wäre eine verfluchte Konkurrenz mit Ihnen! Servus! will die kleinen Goldkäferchen mal wieder der Reihe durch abtanzen und dann mal an den russischen Onkel 'rangehen ... Kerl soll knotig viel Wolle zu vererben haben, haha, macht einen guten Eindruck, wenn man ihm mal den Buckel klopft! haha!« Lena stand regungslos. Ihre Hände umkrampften zitternd die Lehne des Stuhls, und ihr Auge haftete starr an dem Schatten Altenburgs, welcher sich langsam von dem Fenster löste. Sie trat schnell vor und sah seiner schlanken Gestalt nach. Mitten durch den Saal schritt er und setzte sich auf den Platz, welchen Jolante soeben verlassen, neben Fräulein von Schwanringen nieder. Der Ausdruck seines Gesichts ist plötzlich vollkommen verändert. Wie schön seine Augen sind, wenn er eine Dame ansieht, welche ihm sympathisch ist, wie lustig er lachen kann, und wie meisterlich er tanzt! Lena blickt ihm nach, bis er seine Tänzerin wieder auf den Platz zurückführt. Jede seiner Bewegungen ist elegant und vornehm, und seine Unterhaltung scheint interessant und geistvoll zu sein, denn Elisabeth Schwanringen ist animierter denn je, und sie gilt für ein wissendes und – in Beziehung auf Konversation – anspruchsvolles Mädchen. Lena wendet sich plötzlich ab und drückt die verschlungenen Hände gegen die Brust. Ihr Blick schweift zum Himmel empor, und ihre Lippen zittern, dann sinkt ihr Haupt tief auf die Brust, sie schreitet über den Balkon zurück und tritt wieder in den Saal. Hinter den Oleanderbüschen aber klingts wie ein Aufstöhnen unaussprechlicher Qual. Daniel Sobolefskoi ist neben seinem verborgenen Sessel auf die Knie gesunken und preßt das Antlitz in die bebenden Hände. Am Himmel über ihm stehen die Sterne und blicken auf ihn herab, wie Augen, in welchen Tränen glänzen, und der Nachtwind kommt und streift wie eine kühle, tröstende Geisterhand seine Stirn. »Sei getrost, mein armer Schmerzensreich ...« Da richtet sich der mißgestaltete Mann empor und lächelt mit bleichen Lippen. Er weiß es, in diesem Augenblick muß seiner Mutter Geist ihm nahe sein. XII.   Graf Lohe saß allein auf der Veranda, unter den laubartigen Gehängen der Schlingpflanzen und Kletterrosen, in welchen sich in graziösen Bogen die Lampions schaukelten. Er hatte ein Glas Sektbowle vor sich stehen, starrte gedankenvoll in die auf- und niedersteigenden Bläschen und fand die ganze Welt eine nichtswürdige Einrichtung, Am liebsten wäre er nach Hause gefahren. Aber er hatte Flanken versprochen, auf ihn zu warten, und der verrückte Kerl klebte just heut wie Pech und war rein wie umgewandelt! Sonst war ihm ein Ballsaal in den Tod verhaßt, und heut kam er bei jedem Tanz, stellte sich neben den Grafen hin, legte die Hände rückwärts zusammen und sah dem fröhlichen Gewirbel nachdenklich zu. »Es ist weiß Gott die reine Affenschande, daß ich nicht tanzen kann!« – Und wenn eine Tour vorüber war, klopfte er seinem Freund schmunzelnd auf die Schulter und sagte: »So, das wäre glücklich überstanden, nun will ich mich mal wieder ein bißchen anklexen!« Sprach's und steuerte direkten Wegs zu Jolante. Seltsam! Was er nur für einen Narren an diesem gezierten, unliebenswürdigen Ding gefressen haben mag! Der Riese Goliath und Däumelingchen! Je nun, die Gegensätze berühren sich eben, und das allzu Gleiche stößt sich ab. Um des Geldes willen machte er ihr nicht die Kur, davon war Lohe überzeugt, denn er kannte den beinahe naiven Sinn dieses Naturmenschen, welcher wohl jähem Impuls zufolge mit Keulen dreinschlagen, aber nichts klüglich berechnen konnte! Gutmütig und harmlos wie ein Kind war er, die kleine, graziöse Puppe, das Elfchen aus dem Sommernachtstraum, erschien ihm ganz erstaunlich allerliebst, und wenn sie wie ein Goldbienchen im Tanz an ihm vorüberschwirrte, sagte er kopfschüttelnd, aber voll hoher Bewunderung: »Du ... Mark-Wolffrath, das sollen Füße sein ... und in ihren Händchen hat sie überhaupt gar keine Knochen, sondern höchstens Gräten!« Das mußte einem Mann, welcher mit seinem Schlachtroß Walzer tanzt, allerdings arg verwunderlich erscheinen. »Jeder hat seinen Geschmack!« sagt der Franzose. Lohe fand nun das jüngste Fräulein von Groppen geradezu fatal, und daß sie ohne jeglichen Einspruch auf einen Tanz mit ihm verzichtet hatte, das verzieh er ihr sein Lebtag nicht! Zerfallen mit sich und der Welt hatte er sich in das fernste Eckchen zurückgezogen, und bei der großen Anzahl von Tänzern ward er auch von niemand vermißt und von allen verschmerzt. Das war nagend Gift für sein eitles, sieggewohntes Herz. Da klingen plötzlich energische Schritte neben ihm. Ursula tritt vor ihn, stützt die Hände recht unfein in die Seiten und mustert stumm seine Stiefel. Zornesröte steigt in die Stirn des jungen Offiziers, aber die Kehle ist ihm wie zugeschnürt. Und nun lacht sie, erst leise, dann immer lauter, schließlich patscht sie die Hände zusammen und will schier sterben vor Vergnügen. Wie allerliebst ihr dieses Lachen steht! Die dunklen Augen blitzen um die Wette mit den perlweißen Zähnchen, und die kurzen Locken, welche durch das Tanzen noch mehr verwildert erscheinen, liegen tief und genial in der Stirn, wie bei dem Richterschen Italienerknaben. »Ich hab's ja gleich gesagt, Graf Lohe, vier diensttuende Knechte aus Nubierland reichen nicht aus, um eine Balltoilette einzupacken! Das Wichtigste haben sie natürlich vergessen, und ihr Herr und Gebieter kann in Schmierstiefeln Polka tanzen! Na, das ist ja ganz Wurst, und ich denke mir, Sie haben der Jolante nur einen festen Bären aufgebrummt, um hier faulenzen zu können!« »Durchaus nicht, mein gnädiges Fräulein, ich bedauere mein tatsächliches Mißgeschick aufrichtig!« »Aber zum Kuckuck noch eins! Sie haben ja ganz famose Botten an! Was wollen Sie denn nur? Blitzeblank und nicht eine einzige Zehe, die durchkommt ...« »Ihr Fräulein Cousine erklärte sie trotz alledem gleich mir für unzulässig!« »Jolante ist ein Schaf! Das habe ich Ihnen ja gleich gesagt! Die sieht natürlich nur danach, ob die äußere Pelle comme il faut ist, die Menschen, die drin stecken, sind ihr ganz gleichgültig, denn sonst hätte sie mit einem so netten Kerl, wie Sie einer sind, getanzt!« Lohe hatte sich über das »Schaf« sehr alterieren wollen, bei dem Nachsatz fühlte er sich aber so geschmeichelt, daß er es unterließ. Obwohl ja Ursula genau so derb wie sonst war, fiel ihre Teilnahme doch wie Balsam auf sein gekränktes Herz. »Sie sind unendlich liebenswürdig, mein gnädiges Fräulein, der Geschmack ist aber leider verschieden, und ich bin verurteilt, zuzusehen, wo alles tanzt und muß hier meine traurige Quarantäne halten.« »Das sollte fehlen! Ich komme ja, um Sie zum nächsten Walzer zu holen! Mir ist es ja blitzegal, was Sie für Stiefel anhaben, meinetwegen können Sie in Holzpantoffeln losziehen! Kommen Sie flink!« Er hatte, sich unschlüssig hin und herneigend, die wohlgepflegten Hände gegen die Ulanka gedrückt und sah dennoch wahrhaft gerührt zu dem Backfischchen hernieder. »Fräulein Ursula ... ich ...« Da hob sie plötzlich die bittend zusammengelegten Händchen, und in dem rosigen Gesichtchen lag derselbe kindlich-treuherzige Ausdruck, wie vorgestern, als sie in dem Kahn saß und ihm so gut gefiel. »Ich möchte so gern nur ein einziges Mal mit Ihnen tanzen, und es ist nicht mehr lange Zeit, wir fahren bald nach Hause! Seien Sie doch nicht mehr böse über die Hammeln! Es war ja nur ein Witz, und wir wollen jetzt wieder tun, als wäre gar nichts vorgefallen, ja?« »Gewiß, mein gnädiges Fräulein, ich bin Ihr gehorsamster Diener!« Mark-Wolffrath sah wie gebannt in ihre dunklen Augen. »Sehen Sie, ich wußte es ja, daß Sie gar nicht so eklich sind, wie Sie immer tun!« jubelte die Kleine glückselig. »Eben fängt die Musik an, kommen Sie schnell, damit wir recht, recht lange tanzen können – sechsmal rum!« Sie faßte ungeniert seine Hand, ihn mir fortzuziehen, Graf Lohe aber zögerte plötzlich und hielt ihre Fingerchen fest. »Wenn ich jetzt mit Ihnen tanze, Fräulein Ursula,« sagte er ernsthaft, »tue ich Ihnen doch natürlich einen großen Gefallen; wollen Sie mir als Revanche etwas versprechen?« Sie sah ihn mit großen, erstaunten Augen an, nickte aber sehr eifrig zustimmend: »Was denn?« »Ich möchte Ihnen einmal ganz ehrlich und geradeaus etwas sagen, aber vorher geloben Sie mir, nicht böse oder beleidigt zu sein?« Sie senkte ganz kleinlaut das Köpfchen, »Na, ich danke, dann ist es wohl eine gute Pauke?« »Nicht im mindesten.« »Nein? Na, dann: immer druff uff de Frösch'! Kann ich mich dazu setzen?« Sie lachte ihn übermütig an, der junge Offizier aber legte ihre Hand auf seinen Arm und schüttelte den Kopf: »Jetzt ist nicht die passende Zeit dazu, ich hebe mir diese Unterredung noch auf. Vorerst wollen wir tanzen!« Mit strahlenden Augen trat Ursula an seiner Seite in den Saal zurück. Herr von Kuffstein stand in der Tür und versetzte seiner Einzigen einen wohlgemeinten, kleinen Stoß mit dem vorgestreckten Daumen. »Du, Urschel-Purschel! Jetzt wird abgehalftert! Die Wagen fahren gleich vor!« »Na adieu! Kommen Sie wohl über, Herr Gevatter!« nickte das Backfischchen in unglaublichster Weise zurück, und dann tanzte sie mit ihrem so energisch dazu »rangelangten« Leutnant. Einen so herrlichen Walzer wie diesen hatte sie in ihrem Leben noch nicht getanzt. Graf Lohe geriet zwar ein paarmal tüchtig mit ihr ins Gedränge, so daß die Spitzen und rosa Bandschleifen an dem Kleid böse Erfahrungen machten, aber Ursula blickte mit demselben Stolz darauf nieder, wie ein Feldherr auf die zerfetzten Fahnen und fand, »daß jetzt endlich Mum in die Sache kam!« Und nun »mitten im schönsten Moment« wollte Papa Kuffstein diesem Sommernachtstraum ein Ende bereiten. Der   Champagner war vortrefflich gewesen, und in weinseligster Stimmung, welche aber bei dem rundlich beanlagten, alten Herrn bald in Müdigkeit überging, nahm er sein Töchterchen am Arm und erklärte, »die Stabsoffiziere führen jetzt auch nach Hause, und die arme Mama sei krank und werde auf des Töchterchens Rückkehr warten, darum müsse das Geschwofe jetzt aufhören!« Ursula war sehr alteriert und sträubte sich aus Leibeskräften gegen die Heimfahrt, aber der Vater entwickelte eine überraschende Energie, uud nachdem er noch eine Zeitlang gütlich mit seinem »Schlingelchen« unterhandelt hatte und alle Versprechungen nicht fruchteten, da erklärte er schließlich ganz martialisch: »Jetzt hältste den Schnabel! Pascholl, gute Nacht gesagt, es wird sogleich eingestiegen!« Ursula schob die Unterlippe vor: »Na dann kommen Sie, Graf Lohe, dann mag die Karre in drei Teufels Namen losgehen!« »Ich begleite Sie bis zum Wagen, meine Gnädigste!« »Sie fahren doch mit?« Der Garde-Ulan zuckte die Achseln. »Ich folge in kurzer Zeit nach. Flanken hat mir das Versprechen abgenommen, daß ich auf ihn warten soll, und der unglaubliche Mensch hat sich ja zum Blumenwalzer engagiert!« »Sie bleiben noch? – Blumenwalzer?« stotterte das Backfischchen mit weit aufgerissenen Augen, »und ich soll weg? Oh – ich werde – oh, da soll doch!« und wie der Wirbelwind, mit aufblitzenden Augen, wandte sie sich ab und stürzte davon. Herr von Kuffstein stand und klopfte seinem Schwager Büttingen gerührt auf den Rücken und lobte noch einmal den Sekt, welcher auch nicht ein bißchen nach dem »Pfroppen« geschmeckt hätte, und die Austernpastetchen, und die Cumberlandsauce, zu welcher man getrost selbst eine Schwiegermutter hätte essen können, und die Neunaugen mit Schlagsahne, welche es gar nicht gegeben hätte, und all die vielen netten Menschen, welche das notwendige Übel bei diesem Fest gewesen wären. Da trat ein Diener zu ihm heran und meldete mit tiefem Bückling, daß das gnädige Fräulein bereits im Wagen säße und auf den Herrn Papa wartete. Vater Julius war ganz verdutzt und über so viel Artigkeit derart gerührt, daß seine blaßblauen Äuglein unter Wasser traten. »Siehste Fritze! Nun sitzt sie schon in der Arche drinne! So ganz ohne Flausen hat sich das Mädel gefügt – ich habe es ja immer gesagt, die Urschel-Purschel ist ein wahres Prachteremplar! Na, denn gute Nacht, lieber Fritze, gib mer'n Kuß – und grüß deine Alte noch mal von mir – und wenn du wieder einen solchen Taterata losläßt, dann weißte ja – der dicke Jule Kuffstein ans Wolkwitz, der kommt immer! – Gute Nacht, mein Fritzeken – noch'n Kuß!« Und dann drückte er alle Hände, die sich ihm darboten, voll schluchzender Innigkeit, umarmte rechts und links und wuchtete die Treppe der Veranda hinab zu seinem Wagen. Die erste Equipage mit den älteren Offizieren war bereits abgefahren, Herr von Kuffstein ließ sich durch kräftige Nachhilfe in sein Coupé befördern und sank ächzend in die Polster zurück. Neben ihm, in den Mantel gewickelt und dicht verschleiert, saß Ursula, tief in die Wagenecke zurückgelehnt. Sie schien doch gewaltig schlechter Laune zu sein, denn sie regte sich nicht und sprach keine Silbe. »Zufahren, Lebke!« Der Wagen setze sich langsam in Bewegung, und Papa Kuffstein öffnete das Fenster, um seine Zigarre weiterrauchen zu können. »Na, Urschel-Purschel – war ein ganz fideles Katzenschießen heut, was?« Keine Antwort. »Getanzt haste wie ein Wasserfall und warst von der ganzen Lämmerherde entschieden die Hübscheste – hm, kleines Äffchen? Welcher von all den Strebepfeilern des einigen Deutschlands hat dir denn am meisten imponiert? Der Deiwelskerl, der Flanken, der mit seinem Elefantenküken Gudrun Ballett tanzte, oder der eine Major mit dem fixen Schnurrbart – hm?« Keine Antwort. »Urschel-Purschel, du maulst wohl?« Tiefe Stille. »Sei doch kein Döskopp! Ich schenke dir eine Spritztour nach Berlin, dann gehen wir ins Theater und essen alle Tage dreimal zu Mittag, so ein frisches Hummerchen mit Mayonnaisensauce, was meinste, he?« und der Sprecher schnalzte mit der Zunge und versetzte seiner schweigsamen Nachbarin einen kleinen Ellenbogenstoß. Sie rührte sich nicht. »Na, dann maule du! – Ich habe der Mama versprechen müssen, daß um ein Uhr nach Hause gefahren werden soll, und es ist bereits halb zwei durch. Es ist ja gräßlich, wenn die Leute den Hals nicht vollkriegen können und einem erst die Morgensonne ins Gesicht scheinen muß, ehe man sich gähnend aus den Rückzug begibt.« Und Herr von Kuffstein tat noch ein paar behagliche Züge aus der Zigarre und warf sie dann zum Fenster hinaus.   »Ich schlafe einstweilen ein Ruckchen!« Sprach's und lehnte sich behaglich zurück, um sehr bald im tiefsten Traum zu schnarchen. Wald und Flur tanzte im Mondschein vorbei, und nach kurzer Zeit rollte der Wagen in den Wolkwitzer Schloßhof. Der Schläfer erwachte und dehnte die Arme. »So weit wären wir! Komm, Urschel-Purschel, nun klettere mal zuerst heraus!« Die junge Dame regte sich nicht. »Du! – schläfste?« Keine Antwort. Da wurde der müde Vater ungeduldig. Er faßt das eigensinnige Töchterchen mit beiden Armen, sie dem Diener entgegenzuheben, und läßt wie gelähmt vor Entsetzen die wunderliche Last wieder zurückfallen. »Heiliges Schock-Bomben-Element!« Der Schleierhut rollte hernieder, ein ganz absonderliches Etwas ragt im Dämmerlicht als Köpfchen aus dem Mantel heraus. Herr von Kuffstein tastet mit wahrem Grauen. Eine Schlummerrolle! Und wie er den Mantel faßt, da kugeln aus demselben eine Anzahl schön gestickter Rückenkissen dem entsetzten Vater entgegen. »Urschel-Purschel! – Sollen doch gleich ein Dutzend lahmer Esel dreinschlagen! Hat die Wetterhexe mir diesen Wechselbalg unter die väterlichen Ältliche geschoben!« Und höchlichst alteriert, schnaufend vor Zorn und doch wieder laut auflachend über diesen Witz seines erfinderischen Töchterleins, wirft er den Wagenschlag zu und begibt sich in das Schloß, bei seiner Gattin, falls sie wachen sollte, in dieser unvorhergesehenen Situation Rat zu holen. »Meinetwegen mag die Range nun in der großen Pauke übernachten!« denkt er voll Seelenruh. »Tante Klara wird sich recht freuen über den Zuwachs an Logierbesuch!« Und er kratzt sich hinter dem Ohr und findet es eigentlich eine wahre Riesenaufgabe, Vater zu sein, und dann tritt er in das Zimmer seiner Frau, nickt ihr schmunzelnd zu und erzählt mit strahlendem Gesicht: »'n Abend, Mutterchen! Nu höre mal, was unsere Pflanze wieder für einen brillanten Witz gemacht hat!« Fünf Minuten, nachdem die Wolkwitzer Equipage mit Herrn und Fräulein von Kuffstein abgefahren war, stand Baronin Büttingen im Kreise älterer Herrschaften und verabschiedete sich von Exzellenz Normann, welche mit Tochter und Schwiegersohn ebenfalls die Heimfahrt antreten wollte. Plötzlich legten sich von rückwärts zwei Hände mit kräftigem Patsch auf die Schultern der Gastgeberin, und Ursula lachte schallend auf. »Na, Tante Klärchen, wat sagste nu?« Vorerst sagte Frau von Büttingen gar nichts, sondern starrte das übermütige Gesichtchen an, wie eine Vision. »Mein Himmel – Urselchen! Wo kommst du denn wieder her! Es ist doch kein Malheur mit dem Wagen passiert?« Die Kleine schüttelte jubelnd das Köpfchen, »I wo wird denn die alte Karre aus dem Leim gehen! Weißte, was ich getan habe? Eine ganz famose Puppe habe ich dem Ollen ausgestoppt und in den Wagen gesetzt; damit kann er nun bis Buxtehude fahren! Ich bleibe heut nacht hier, Tantchen, kann ja bei Jolante und Lena schlafen, oder meinetwegen mang die Stubenbolzen oder in der Badewanne, kommt mir gar nicht drauf an! Und nun will ich fix noch ein bißchen tanzen, ehe Julchen sein Kuckucksei im Nest entdeckt und den Wagen umkehren läßt!« Und unter den Äußerungen von Heiterkeit und händeringendem Erstaunen wirbelte das Enfant terrible davon, um in dem Tanzsaal stürmischen Jubel und großes Hallo durch ihr Erscheinen zu erregen. Zwischen all dem Lachen und Schwadronieren aber flog ihr Blick suchend umher, denjenigen zu entdecken, um derentwillen sie das Feld absolut nicht hatte räumen wollen. Graf Lohe war nirgends zu entdecken. Ursula trat auf die Terrasse – und richtig, auf seinem alten Platz, am äußersten, menschenleeren Ende des Vorbaues stand der junge Offizier und blickte nachdenklich in die mondhelle, blumenduftige Sommernacht hinaus. »Graf Lohe, ich bin wieder da!« Höchlichst überrascht wandte er sich um und blickte in das glückstrahlende Gesichtchen derjenigen, welcher soeben sein ernsthaftestes Denken gegolten. »Fräulein Ursula, wie ist es möglich?! Soeben fuhr Ihre Equipage vor meinen Augen davon?« Sie schwang sich in ihrer ungestümen Weise neben ihn auf die Balustrade und faltete die Hände um das Knie. Atemlos vor Amüsement und Übermut erzählte sie, durch welch eine List sie sich vor dem väterlichen Gebot gerettet habe, und zum Schluß sah sie ihn treuherzig an und sagte naiv: »Den ganzen Abend wartete ich darauf, daß Sie einmal mit mir tanzen sollten, und wie ich Sie glücklich hier aus Ihrem Knurreckchen losgeeist hatte, da wollte man mich nach Hause spedieren! Ich möchte so schrecklich gern noch ein paarmal mit Ihnen tanzen – Sie sagten ja, Jolante könne es nicht übelnehmen – und darum kommen Sie schnell, sowie die Musik wieder beginnt! Es gibt auch wieder Eis drinnen – und pikante Bröter – bitte, bitte gehen Sie mit mir!« Er hatte gar nicht über ihren Witz mit der Puppe gelacht, regungslos stand er und sah sie an. »Wissen Sie, Fräulein Ursula, daß es nichts Häßlicheres und Verwerflicheres für ein junges Mädchen gibt, als ungehöriges und respektwidriges Betragen gegen die Eltern?« fragte er langsam. Verwundert hob sie das Köpfchen. »Respekt? Vor Julchen brauche ich doch keinen Respekt zu haben? Der macht ja allen Unsinn mit!« Mark-Wolffrath biß sich auf die Lippe. »Fräulein Ursula, ich glaube, es wäre jetzt der richtige Moment, meine Bitte von vorhin zu wiederholen! Darf ich Ihnen einmal ehrlich die Wahrheit sagen und wollen Sie mir nicht zürnen?« Sie zog, schalkhaft lachend, ein krauses Näschen. »Nee, ich nehme nichts übel. In Gottes Namen, legen Sie los!« Und beide Händchen gegen den Magen drückend, seufzte sie tief auf. »Lung und Leber duckt euch, es kommt ein Platzregen!!« Der junge Offizier sah ein, daß es Mühe kosten werde, ernst zu bleiben. Er lehnte sich in das rankende Grün zurück und verschränkte die Arme über der Brust. »Möchten Sie jemals geliebt werden, Fräulein Ursula?« Die Frage hatte sie nicht erwartet; sie traf wie ein Blitz, Sprachlos starrte sie ihn einen Moment an, dann aber schlug sie wie in jähem Entzücken die Hände zusammen, »Ach ja!« klang's ehrlich, aus tiefstem Herzensgrund. »Wie würde es Ihnen zumute sein, wenn der Mann, in welchen Sie sich einmal verlieben, sagen würde, nein, ich mag dich nicht, du mißfällst mir?!« Ihr Auge blitzte auf, »Dann ... o ... dann würde ich ihn aus Wut erschießen ... wie die rote Gräfin ihren Josef – und hinterher ersäufte ich mich!« »Das sind abscheuliche, romanhaft überspannte Ideen, an deren Ausführung Sie als Christin und braves Mädchen nie denken werden, davon bin ich überzeugt. Außerdem – verlangen Sie nicht nach einem besseren Glück, möchten Sie den Geliebten nicht viel lieber zu eigen gewinnen, als ihn verlieren?« »Zum Donner – wenn er mich ja doch nicht will?« »Wenn Sie ihm nicht gefallen, sind lediglich Ihre Fehler daran schuld, denn Sie sind ein hübsches, vornehmes und liebenswürdiges Mädchen, welches alle Eigenschaften besitzt, die einen Mann entzücken müssen. Aber die Rosen sind von so viel scharfen, häßlichen Dornen umgeben, daß sie nicht begehrenswert erscheinen. Und nun sagen Sie selber, Fräulein Ursula, wäre es da nicht besser, diese abscheulichen Dornen, einen um den anderen abzulösen, bis nur die lieblichen Blüten stehenbleiben, bis man nichts an Ihnen tadeln kann, und Herzen, welche sich erst von Ihnen abwenden, Ihnen nun voll inniger Liebe zufliegen?« Sie hatte das Köpfchen ängstlich gesenkt und an sich niedergeblickt. »Ja du lieber Gott, wenn ich die Biester von Stacheln nur sehen könnte – ich weiß ja gar nicht, wo sie sitzen!« »Soll ich es Ihnen sagen?« Sie nickte eifrig, und bei all den herben Worten, welche ihr Mündchen sprach, lag doch ein so lieber und weicher Ausdruck auf den mondbeglänzten Zügen, daß es dem Grafen ganz warm um das Herz wurde. »Ich meine es sehr gut mit Ihnen, Fräulein Ursula,« sagte er leise, »aber so, wie Sie jetzt sind, bin ich gar nicht zufrieden mit Ihnen. Warum werfen Sie die mächtigsten Waffen, welche die Natur dem Weibe verliehen, das starke Geschlecht unwiderstehlich zu bezwingen, so töricht aus der Hand? Die Waffen: Weiblichkeit und holde Anmut, welche einzig und allein den geheimnisvollen Zauber bergen, daraus die Liebe ihre goldenen Bande webt. Ein Frauenmund ist geschaffen zum Kosen, Schmeicheln und Beten, Worte, die er spricht, sollen den weißen Tauben gleichen, welche den Ölzweig in das sturm- und flutgeschleuderte Lebensschifflein des Mannes tragen, sollen die Tropfen heiligen Taues sein, mit welchem die Blüten alles Edlen, Milden und Göttlichen im Männerherzen genetzt werden. Keiner aber von uns will Mädchenlippen küssen, die genau so wettern, fluchen und derbe Dinge sagen können, wie wir selbst: Und nicht allein mit Worten, sondern auch in seinem Tun und Handeln soll ein junges Mädchen der weißen Lilie und nicht dem kecken Rittersporn gleichen, denn einen Freund und Kameraden mag kein Mann freien, wohl aber einen guten Engel, den er liebt, weil er sich ihm im süßen Vertrauen anschmiegt.« Atemlos hatte Ursula gelauscht. Die farbigen Lampions über ihnen im Laube waren erloschen, der Mondschein floß wie ein breiter Silberstrom durch die Säulenbogen und tauchte die beiden jugendlichen Gestalten in sein geheimnisvolles Glitzerlicht. Wie verklärt in lieblicher Unschuld hob sich Ursulas Gesichtchen zu dem Sprecher. »Ich hab's gar nicht gewußt, daß ich ein so böses, unleidliches Ding bin!« sagte sie treuherzig, »kein Mensch hat's mir noch gesagt, und ich bin es auch wirklich nicht mit Absicht, nein, ganz gewiß nicht! Aber was soll ich tun? Nie wieder eine Puppe ausstopfen? Wenn Sie nur gehört hätten, wie alle lachten, und Respekt vor Papa haben? Dann würde er sich selber ganz närrisch vorkommen! Und keine derben Worte sagen, nicht schimpfen und fluchen ... ja, du liebe Zeit, ich weiß ja gar nicht, wenn ich etwas Schlimmes sage, weil die Leute immer lachen, und Papa es doch auch sagt!« »Lachen Ihre Erzieherinnen auch?« »Na, die Drachen schimpfen natürlich über jede Kleinigkeit, weil sie mich schurigeln wollen, und wenn ich es Julchen sage – Mama darf ich ja nicht mit Klatschereien kommen, das regt sie auf! Dann ruft er jedesmal: Das Frauenzimmer hat einen Sparren! Tonleiter und Vokabeln soll sie dir beibringen, aber sonst ihre Weisheit für sich behalten!« »Wie abscheulich es doch klingt, wenn Sie Ihren Herrn Papa mit Vornamen nennen! Wie darf sich ein gebildetes junges Mädchen so etwas erlauben?« Höchlichst erstaunt riß Ursula die Augen auf: »Na, aber Mama nennt ihn doch auch Julius! Und wie ich, als kleine – ganz kleine Griebe ihn zum erstenmal ›,Jule‹ nannte, da hat er sich gekugelt vor Lachen und mir Zuckersachen geschenkt, so viel ich nur haben wollte!« Das war's, da saß der Stachel im Fleisch. Graf Lohe zog finster die Augenbrauen zusammen und biß sich auf die Lippe, das Backfischchen aber glitt von der Balustrade herab und hob mit ihrem schelmischen, unwiderstehlichen Schmeichelgesichtchen die gefalteten Hände. »Nun haben Sie genug gescholten, lieber Graf, nun seien Sie bitte, bitte wieder gut! Sie sind ein so schrecklich feiner Mensch, darum sehen Sie so schwarz! Viel düsterer als alle anderen Menschen! Blicken Sie sich doch um! Niemand denkt wie Sie, die Leute haben mich alle gern – und –« sie lachte silberhell auf, »wenn mich einmal einer abkanzelt, dann ist's nur aus schlechter Laune, nicht wahr? Und Sie waren noch böse wegen der Hammel, ach und das war doch gar zu komisch und wirklich nicht schlimm gemeint! Und nun kommen Sie, und seien Sie mir wieder gut, ich will sa auch, weiß der Kuckuck, ganz artig sein!« Was sollte Graf Lohe entgegnen? Ursula war noch viel zu sehr Kind, als daß Worte tiefen Eindruck auf sie machen konnten, war viel zu verwöhnt und verzogen, um auf die Strafpredigt eines einzelnen Gewicht zu legen. Ein Wesen, welches Ursula näher stand, konnte sie nicht erziehen, weil ihre bezaubernde Herzlichkeit und ihre bestrickenden Augen selbst den größten Zorn entwaffnen mußten. Hier war Ursula eine kleine Königin unter lauter Sklaven. Sie herrschte, und niemand opponierte, sie tat, was sie wollte, und jedermann applaudierte ihr. Von den Eltern an bis zu dem Stallburschen herab fügte man sich ihrer drolligen Eigenart. Solange Ursula ihr eigenwillig Regiment in Wolkwitz führte, nur des Vaters derbe Manier zum Vorbild, die Erste und Tonangebende in ihrem täglichen Verkehrskreise, solange konnte nun und nimmermehr eine günstige Wandlung ihres Wesens herbeigeführt werden. Auch die Liebe konnte nicht zur Lehrmeisterin werden, denn Ursulas Charakter war viel zu leicht und keck, um eine Neigung zu kultivieren, welche nicht erwidert wurde, und geschah es doch, so konnte es höchstens ihrer Wildheit und ihrem stolzen Sinn zum Stachel werden. Eine glückliche Liebe aber ließ ihre Ausgelassenheit im Übermaß der Wonne vollends über alles Ziel schießen. Während einer Quadrille, welche das Backfischchen mit Fürst Schlüfften-Drasel tanzte, stand Lohe wieder auf der Terrasse, starrte in den Mondschein hinaus und sann auf Mittel und Wege, wie das maienschöne, wildemporgewachsene Lebensbäumlein wohl in die Hände eines guten, veredelnden Gärtners gelangen könne. Plötzlich zuckte ihm ein Gedanke durch den Kopf: Hofluft! – Hofluft war die allgewaltige Meisterin, welche einzig das Wunder vollbringen konnte, aus einem eigenwillig flirrenden Irrwischchen eine klarleuchtende Flamme zu erziehen. Die Hofluft gleicht jenem kühlen, schneidenden Herbstwind, welcher über die Heide saust und zu dem wilden Röslein, das bisher stolz über das niedere Gras und Kraut geblickt und ringsum das Höchstgewachsene gewesen, strenge sagt: »Ducke dich!« Dieser Herbstwind sieht nicht, wie hold und reizend das kecke Heideröslein ist, und er fragt nicht lang danach, ob sich bis jetzt alles vor diesem geneigt hat, er bläst unbarmherzig darüber hin, knickt die Sauersprossen an den Zweigen, und wenn der Frühling abermals ins Land kommt, hat der Rosenbusch gedemütigt seine Ranken zur Erde geneigt, aber er blüht doppelt so reich wie zuvor. Graf Lohe hob siegesfreudig das Haupt. Ja, er wird dafür sorgen, daß die Hofluft über Ursulas Köpfchen weht, daß sie aus der widerspenstigen Katharina ein holdselig Käthchen macht!   Fürst Sobolefskoi war in die Saaltür getreten, als der Kotillon getanzt wurde. Fürst Schlüfften kommandierte ihn an Lenas Seite und wußte nicht genug des Scherzhaften und Originellen zu arrangieren. Daniel preßte die Hand auf die kranke Brust und starrte mit weitgeöffneten Augen zu dem jungen Mädchen hinüber. Sie erschien ihm verändert, zerstreut, unsicher, oft heiß erglühend. Wie sollte sie auch nicht. Waren in dieser Stunde doch die Grundfesten ihrer ganzen Lebensanschauung erschüttert. Was sie seit langen Jahren als eine Illusion verspottet hatte, den Stolz eines Mannes, welcher größer ist als die Macht des Goldes, seine edle Redlichkeit und Aufrichtigkeit, welche die Wahrheit redet, anstatt der Göttin Fortuna mit Lügen zu opfern, das hatte plötzlich Gestalt und Farbe gewonnen, das stand verkörpert vor ihr und hob sein Haupt mit dem Schicksalsspruch: »Ich begehre nicht das Gold jener Damen!« – Lena hatte gefunden, was sie suchte, und in diesem Augenblick, das wußte und empfand Daniel, war ihr Herz von dem Blitzstrahl getroffen, welcher es für ewige Zeiten von dem seinen losriß. Er sah, wie Lenas Blick dem Freiherrn von Altenburg folgte, er sah, was sonst kein anderer bemerkte, wie ihr ganzes Interesse nur noch diesem einen galt, er sah, wie sich ihr Antlitz verdüsterte, wenn der junge Offizier Fräulein von Schwanringen durch stets neue ritterliche Aufmerksamkeiten auszeichnete. Fürst Schlüfften erbat sich von etlichen Damen eine Blume aus dem Haar oder Brustbouquet, sie als »blind gezogen« von den Herren wählen zu lassen. Herr von Altenburg tastete als letzter der Blindgreifenden vergeblich nach einer Blüte, und Schlüfften schlug die Serviette zurück, nahm ein kleines, welkes Kleeblatt aus dem Körbchen und reichte es ihm lachend dar: »Sie ahnen Ihr vierblättriges Glück gar nicht, lieber Altenburg! La voilà! Wer zuletzt lacht, lacht am besten – Sie tanzen mit Fräulein von Groppen I.!« Überrascht sah der junge Offizier auf den Klee hernieder und legte die vier welken, zusammengefalteten Blättchen sorglich wieder auseinander. Er hatte eine besondere Vorliebe für dieses poetische Glückszeichen. Er war auf dem Lande geboren, just zur Kleeernte, und als man dem Neugeborenen das erste Bad bereitete, schwamm ein Vierblatt auf dem Wasser. Man erklärte sich das Seltsame dadurch, daß die Magd mit dem Eimer dicht neben einem hochbepackten Wagen von Klee hergeschritten sei; die alte Kinderfrau gestikulierte sehr geheimnisvoll mit den Händen und sagte: »'s ist sein Glück! der Klee wird zu des Junkherrleins Schicksal – alles Gute, aller Segen kommt ihm, wann der Klee blüht!« Altenburg schritt zu Lena, verneigte sich gemessen und bot ihr das welke Kräutlein dar. »Gnädiges Fräulein haben den Klee heute abend als Schmuck getragen?« Zum erstenmal traf sie sein Blick, nicht anders als in erstaunter Frage. »Es war leichtsinnig, das Symbol meines Glückes ist dadurch welk und matt geworden!« »Haben Sie das Vierblatt persönlich gefunden?« »Ohne es zu suchen – ja.« »So hätten Sie es verschenken müssen! Nur dann, so behauptet der Aberglauben, bringt es tatsächlich Glück.« Lena wollte den Klee zurücknehmen, derselbe zerriß, und zwei Blättchen blieben in ihrer, zwei in Altenburgs Hand. »Ah! –« Sie sah lächelnd zu ihm auf. »Ich habe unfreiwillig geteilt; behalten Sie Ihre Hälfte, dann bringt dieses späte Geschenk vielleicht uns beiden noch Glück!« Er verneigte sich dankend, nahm seine Brieftasche und legte die beiden Blättchen hinein, ernst, voll kühler Höflichkeit. Dann tanzte er mit ihr – nur wenige Schritte, die Musik brach ab. Und als er sich verabschiedete, lagen seine dunkeln Wimpern wieder ebenso tief über den Augen wie zuvor. Daniel Sobolefskoi hatte keinen Blick von der kleinen Szene verwandt. Eine wundersame Veränderung war mit ihm vorgegangen. Sein Atem ging keuchend, alle Dämone wilder, grausamer Leidenschaft, welche seit langen Jahren geschlummert hatten, spiegelten sich in seinem glühenden Auge. »Das Kleeblatt liegt auf seiner Brust,« murmelte er mit zitternden Lippen, «gibt's freiwillig nicht wieder – holen muß ich's – womit? – Nur eine Kugel findet den Weg.« – Ein Kleeblatt! Gedachte Sobolefskoi sonst daran, so sah er's im Geiste in seiner Mutter Hand liegen, in diesem Augenblick aber waren es nur die grellen, blutigroten Flammen, welche er schaute, und die schlugen über ihm zusammen und verschlangen das Glück. XIII. Nach dem Mittagessen in der Groß-Wolkwitzer Speisehalle hatte Herr von Kuffstein nach seinem riesigen Strohhut gegriffen und mit einem kleinen Nasenstüber seine Einzige aufgefordert: »Du, Fröschchen, ich habe den Jagdwagen anspannen lassen, fährste mit zur Dreschmaschine auf das Vorwerk hinaus?« »Ja, natürlich! Soll ich auch die Flinte mitnehmen?« »Kannste machen; vielleicht begegnen wir einem Volk Rebhühner, dann magste mal in die Luft niesen und dem Herrn Oberst ein kleines Frühstück runterholen!« Und Ursula hatte fröhlich »Eins, zwei, drei, an der Bank vorbei!« gepfiffen und war die Treppe hinaufgepoltert, sich kriegsmäßig auszurüsten. Die anderen Herrschaften zogen sich in ihre Zimmer zurück, und nur Graf Lohe hatte um die Erlaubnis gebeten, noch ein paar Augenblicke der Frau Baronin auf dem Balkon Gesellschaft leisten zu dürfen. Frau von Kuffstein gestattete es in ihrer so liebenswürdigen und vornehm gediegenen Weise und hatte aufrichtige Freude daran, mit dem jungen Offizier über die schönen, lang vergangenen Zeiten zu plaudern, da es ihr zur Gewohnheit geworden war, zu sagen: »Wir am Hof – oder wir im Palais – – !« »Es ist seltsam, wie das Schicksal oft die grellsten Gegensätze zusammenwürfelt!« fuhr sie mit traurigem Lächeln fort, »man nannte mich als Hofdame mit dem scherzenden Beinamen ›Ric-à-ric‹, weil ich es sehr genau nahm mit allen Formen und peinlich streng auf jede Etikette hielt! Und gerade ich bin die Gattin eines Mannes geworden, welcher nichts weniger wie Rigorist ist, und die Mutter eines kleinen Bubenmädels, welches jeglicher guten Form und Sitte Hohn spricht! Gestern nacht habe ich Julius so sehr gebeten, zurückzufahren, und den lieben Bösewicht mit energischer Strafpredigt heimzuholen, aber er behauptete, viel zu müde zu sein, und sagte: »Laß sie nur die Suppe, die sie sich eingebrockt hat, auslöffeln! Morgen früh werde ich ihr mal feste auf die Perücke steigen!« Und wie tat er's? Er hatte eine Girlande um ihre Tür hängen lassen, mit einem Kranz in der Mitte, darinnen auf weißem Papier mit dicken Rotstiftstrichen zu lesen war: »Du Strolch!« Natürlich lagen sich Vater und Tochter in den Armen und belachten gegenseitig ihre Witze! »Gnädige Frau sind zu leidend, um Fräulein Ursula mehr in Ihrer Umgebung zu beschäftigen?« »Ich bin seit Jahren von einem nervösen Kopfschmerz geplagt, welcher mich zu einer willenlosen und apathischen Frau macht. Ursula würde verzweifeln, wenn ihre Lebhaftigkeit in die Fesseln einer Krankenstube geschlagen werden sollte, und wenn ich mit viel Aufopferung und Qual auch wirklich den Meißel anlegen wollte, so würde das Beispiel meines Mannes gleich dem Keulenschlag wieder zerstören, was ich mit saurer Mühe erreicht. Ich habe das oft erfahren und mich schließlich resigniert in Unabänderliches gefügt.« Graf Lohe strich sein blondes Bärtchen und sah einen Moment auf die Spitze seines Lackstiefels nieder. »Warum entschlossen sich gnädigste Frau nicht dazu, Fräulein Tochter in Pension zu schicken?« Frau von Kuffstein machte eine kleine Geste mit der Hand. »Wo denken Sie hin! Mein Mann hätte Haus und Hof im Stich gelassen und sich sofort in allernächster Nachbarschaft der Pension einlogiert. Den Wirrwarr, welchen er alsdann angerichtet hätte, möchte ich selbst meinen bittersten Feinden nicht wünschen! Die meisten Gouvernanten kündigten mir, weil es unmöglich sei, bei beständigen Gegenbefehlen meines Mannes eine Kindererziehung zu leiten. Nun, und jetzt ist ja die Zeit der Lehrerinnen um, und ich weiß mir keinen Rat mehr, wie das Versäumte in Ursulas Erziehung nachzuholen sein könnte.« »Fräulein Ursula ist die liebenswerteste und reizendste junge Dame, welcher ich je im Leben begegnete, und wenn die kleinen Schlacken des Übermuts und der oft verletzenden Form von dem Golde abgeschmolzen würden, so gäbe es in der Tat kein begehrenswerteres Wesen, wie just sie. Gnädige Frau werden diese Äußerung gewiß anmaßend finden –« »Nicht im mindesten, mein lieber Graf! Wer es gut mit Ursula meint, muß ihr Wesen tadeln!« »Das würde ich niemals wagen, Frau Baronin, aber ich habe in aufrichtigem Interesse darüber nachgedacht, wie wohl das lieblichste aller Wunder vollbracht werden könnte! Und da kam mir eine Idee –« »Sprechen Sie aus! Ich bitte Sie inständigst darum!« »Fräulein Ursula bedarf keiner Erziehung nach Regeln oder wörtliche Belehrung, sondern eines viel einfacheren, meiner Ansicht nach unfehlbaren Mittels: Einen Winter lang Hofluft atmen! Einen einzigen Winter lang die strenge Schule des Parketts durchmachen, sich an den Dornen und Nesseln, welche darauf wuchern, so lange Hände und Füße brennen, bis sie gelernt haben, sich nach der Vorschrift zu bewegen! Ich bin überzeugt, meine gnädige Frau, daß diese Kur die Epidermis von all ihren kleinen Unebenheiten säubern würde, ohne bis in das echt natürliche, lebensfrohe Mark und Fleisch einzudringen!« » Mon Dieu , bester Graf! Ursula am Hof! Der Gedanke verursacht mir Nervenschütteln! Wie könnten wir es jemals wagen, einen so unerzogenen kleinen Tunichtgut unter die Augen der Höchsten zu stellen!« Der Erbherr von Illfingen drehte mechanisch den Stiel des goldenen Mokkalöffelchens, welches auf seiner Kaffeetasse lag: »Ich bin fest überzeugt, meine gnädigste Frau, daß diese höchsten Augen selber niemals eine Ungehörigkeit an Fräulein Ursula sehen werden, dazu sind die Säle des Palastes erstens zu überfüllt, und zweitens wird gerade das Spießrutenlaufen durch diese Menschenflut der jungen Seele am besten und am verblüffendsten zeigen, welch ein unbedeutendes Tröpfchen sie in solchem Meer gewichtiger Persönlichkeiten ist!« »Die Palastdame der Königin-Mutter, Gräfin Ferdinand Antigna, ist meine älteste und vertrauteste Freundin am Hofe; ich müßte Ursula jedenfalls unter deren Schutz stellen. Dadurch würde jedoch ein intimerer Verkehr im Schloß unerläßlich werden, und ich fürchte, daß die arme Renée sich üblen Dank für ihre Güte erwerben möchte!« »Gräfin Antigna?« Lohe rief es fast jubelnd: »Das ist ja charmant, meine gnädigste Frau! Keine passendere Pflegemama könnte für Ihr Fräulein Tochter gefunden werden, keine festere und sicherere Hand das Steuer ihres Lebensschiffleins lenken! Um so besser, wenn Fräulein Ursula Gelegenheit hat, in den engeren Hofkreis zu treten! Kein entzückenderes und aneifernderes Vorbild kann ihr gezeigt werden, als Prinzessin Cordelia, dieser Inbegriff aller geistvollen Zartheit, Liebenswürdigkeit und Anmut! Ich bin der festen Überzeugung, daß sich Königliche Hoheit aufs wärmste für den kleinen Übermut aus Groß-Wolkwitz interessieren wird, daß ein einziger mißbilligender Blick der Prinzessin mehr Erfolg hat, als alle Ermahnungen und Strafpredigten, welche Fräulein Ursula je erhielt!« »Eine einzige Taktlosigkeit meiner Tochter würde den Verkehr mit ihr sofort abbrechen!« seufzte Frau von Kuffstein und verschlang die weißen Hände wie in trostloser Überzeugung. »Ich habe die Prinzessin mit so viel huldvoller Nachsicht im Kreise junger Damen verkehren sehen, daß ich diese Befürchtung nicht im mindesten teile. Außerdem –« Graf Lohe senkte in lächelnder Bescheidenheil den hübschen Kopf, »glaube ich ein klein wenig Einfluß in den betreffenden Gesellschaftskreisen zu haben und gebe gnädigster Frau das feste Versprechen, die Wege nach Kräften für Fräulein Tochter ebnen zu wollen! Es wird alles vortrefflich gehen, und ein paar Zeilen Ihrer Hand an Gräfin Antigna genügen, unserem Plan das Fundament zu bauen!« Frau von Kuffstein nagte einen Moment ratlos an der schmalen, blaßfarbenen Lippe, dann hob sie plötzlich entschlossen den Kopf, reichte dem jungen Offizier herzlich die Hand und lächelte: »Ich danke Ihnen, verehrtester Graf! Ich bin bereit, das Komplott mit Ihnen zu schmieden, und werde noch heute an Renée schreiben!« Graf Lohe neigte sich voll aufrichtiger Freude und küßte in seiner bekannten graziösen Weise die dargereichte Rechte der Baronin.   Währenddessen war der leichte Jagdwagen mit dem Gutsherrn von Groß-Wolkwitz und seinem Töchterchen durch die sonnige Herbstlandschaft gerollt. Ein Stückchen ging es durch den duftenden Kiefernwald, dann wieder quer durch Feld und Sturzacker über rotleuchtende Heide und große, vom Forst begrenzte Hutungen, an dem murmelnden Silberband der Kinsbach entlang. Ursula hatte die Füßchen auf den gegenüberliegenden Wagensitz gestreckt, den runden Jungenhut von gelbem Stroh mit braunem Band weit in den Nacken zurückgeschoben und paffte mit Hilfe einer Zigarette ungeheure Dampfwolken in die Luft, in allem ganz genau wie der Herr Vater. Die Unterhaltung wurde mehr behaglich als eifrig geführt, oft durch eine landwirtschaftliche Betrachtung unterbrochen. »Na sag' mal, Fröschchen, es ist wohl ganz nett, so ein bißchen Einquartierung zu haben?« »Hm! – Namentlich heute morgen, wie wir dem Gefecht zusahen! Donner ja! Da hätte ich gleich mittun mögen!« »Gezappelt haste auch genug. Und dann unser Frühstückskorb! Wie das ganze einige Deutschland unseren Wagen stürmte und in den malerischsten Positionen die Portweinflaschen am Halse kriegte! ... Haha ... weißte, Urschel-Purschel, was ich da beobachtet habe?« Die junge Dame entzündete just ein Schwefelhölzchen. »Na, was denn?« »Dem Lohe haste mindestens dreimal so oft eingeschenkt und mit ihm angestoßen, wie mit den anderen!« Herr von Kuffstein machte ein ganz verschmitztes Gesicht und kniff sein »Nestsolo« in das Ohrläppchen.   Ursula dehnte lachend die Arme. »Weil er der Allernettste von allen ist!« »Daß du die Motten kriegst!! ... Willst'n heiraten?« Das Backfischchen hüllte mit aufgeblasenen Backen das Haupt des Vaters so dicht in Zigarrendampf, daß sein rundes, rotes Gesicht aussah wie der liebe, gute Mond, wenn er so stille durch die Abendwolken hingeht. »Ja!« »Nu in Gottes Namen, mir soll's recht sein. Aber acht Jahre wird noch gewartet.« »Ich will dir mal was sagen, Julchen!« Ursula rückte näher und lehnte sich vertraulich an den Arm des alten Herrn. »So ein Wort im Vertrauen. Wie der Mensch jetzt ist, kann ich ihn absolut noch nicht brauchen! Weißt du ... ich finde ihn so hübsch, so nett und lieb ... daß ich ihm gleich um den Hals fallen möchte, ihn mal feste abzuknutschen! Aber eins gefällt mir gar nicht an ihm, er ist ein solcher Zierbengel und tut so furchtbar zimperlich, daß mir manchmal ganz elend wird! Das müssen wir ihm erst noch abgewöhnen, nicht wahr Julchen?« »Na natürlich, mein Schlingelchen! Siehste, das hatte ich doch auch gleich weg, daß der Kerl zu affig für uns war! Aber sonst ein ganz famoser Junge; wenn er erst glücklich das Glacéleder von dem Leibe runter hat, kann er ganz vernünftig sein! Hm, abgewöhnen! ... So 'ne Marotte sitzt meist höllisch feste. Aber warte! Ich wüßte schon ein Mittel, wie man dem Mosjö etwas auf die Pelle rücken könnte; der müßte man so ein Jahr lang Hofluft atmen, verstehste, Urschel-Purschel, solch 'ne Hofluft meine ich, die hier bei uns über den Ökonomiehof weht! So eine echte, rechte Hofluft, die so frisch und kräftig über alles daher kommt und in ihrer ganzen, schönen Natürlichkeit die Menschenseele anbläst, die könnte noch einen ganzen Kerl aus ihm machen! Die würde ihn bald von den Faxen und dem feinen Schnickschnack kuriert haben! Mal feste arbeiten, mit Menschen verkehren, an deren Stammbaum höchstens Erdäppel wachsen, und eine Kirmeß statt Hofball, das würde das Richtige für den feinen Junker sein!« »Und kannst du ihn dann mal so ein bißchen kurz nehmen, ja?« jubelte Ursula mit dunkelrotem Kopf. Herr von Kuffstein schaute mit nachdenklichem Grinsen geradeaus. »Referendar oder Assessor ist er im gewöhnlichen Leben ... ja, ja! ... Oh, ich wüßte schon, wie man's anfangen könnte ... habe an betreffender Stelle, wo man's erwirken müßte, ein paar Freunde sitzen! ... Haha ... was meinste Urschel-Purschel, wenn der Herr Graf plötzlich ein Amtsrichter- oder Landratpöstchen in irgend solch gottvergessenem Heckennest bekäm, wo sich die Hasen und Füchse ›gute Nacht!‹ sagen!« »Famos! Famos! Hier in Dassewinkel! Papa, er muß nach Dassewinkel!« Ursula faßte ihren Vater an beiden Armen und schüttelte ihn vor Entzücken dergestalt, daß die Uhrkette mit den dicken Berlockes ein ungestümes Ballett auf seinem Magen tanzten. »Wird gemacht, wird gemacht!« lachte Herr von Kuffstein. »Bist mit im Komplott, Fröschchen, dem feinen Gräfchen eine Arznei einzurühren! Haha, er soll Mores gelehrt kriegen, und wenn ihm unsere Hofluft alle Flausen hinter den gebrannten Löckchen weggefegt hat, dann ... na Urschel-Purschel, wie schon gesagt, ich hab' absolut nichts dagegen!« Da nahm das Backfischchen in wortloser Rührung und Anerkennung den Sprecher bei beiden Ohren, zog sein massives Haupt näher heran und gab ihm einen mächtigen Kuß mitten auf die kurze, rote Stumpfnase drauf. – – Als Graf Lohe sich bei der Gemahlin seines Gastgebers verabschiedet hatte, gedachte er, als formen- und sittenstrenger Mann einen Quittungsbesuch in Alt-Dobern zu machen. Das eine seiner Pferde war heut noch nicht bewegt worden, und da der junge Offizier seinen Wagen dem Regimentskommandeur zu einer Visite auf einem der Nachbargüter überlassen hatte, beschloß er, wenn auch nicht allzugern, nach dem Büttingenschen Schloß hinüberzureiten. Er machte erst eine Zeitlang sorgfältig Toilette, wartete, bis die Sonne etwas tiefer stand, und ritt alsdann, genau über den Weg orientiert, langsam fürbaß. Im Walde war es köstlich still und kühl. Der weiche, tief ausgefahrene Sandweg lenkte nach dein Felde zu, und Lohe sah, wie in geringer Entfernung von ihm ein altes Holzweiblein eine Karre voll Reisig mühsam vor sich herschob. Durch das lichterwerdende Buschwerk konnte er auch die naheliegenden Felder überblicken, und überrascht zog er die Zügel an, als er plötzlich Fräulein Ursula mutterseelenallein auf einem Kartoffelacker heranschreiten sah. Sie hatte einen grauen Kattunstaubmantel über das weiße Kleid gezogen, die Flinte auf dem Rücken und beide Hände in die Taschen des dust-cloak versenkt. Ein gefleckter Jagdhund ging an einem Strick, dessen Schlinge sie über den Arm gestreift, mit gesenkter Nase zur Seite. Das Holzweib hatte den Wald verlassen, sie blieb keuchend stehen und erblickte, als sie den Kopf hob, die Tochter ihres Gutsherrn. Ein jäher Schreck schien sie zu lähmen, die Hände ängstlich erhoben, stand sie und starrte der jungen Dame entgegen. Lohe ritt so dicht heran wie möglich und blieb alsdann hinter Knicksbüschen versteckt, halten, um zu beobachten, warum wohl Ursula eine so gefürchtete Erscheinung sei. Kaum hatte das Backfischchen die Alte entdeckt, als es mit martialischen Schritten durch das Kartoffelkraut herzu gestiefelt kam. Das Gesichtchen legte sich in zornige Falten, just als wolle es mit den weißen Zähnchen zubeißen, und dazu stemmte Ursula die Hände in beide Seiten und schrie mit Löwenstimme: »Zum Schock Bombenelement noch eins, erwische ich dich schon wieder beim Mausen, du alter Racker? He? Wo haste das Holz her?« Das Weib fuhr mit kläglichem Gebettele auf die junge Dame los und streichelte und patschte ihr mit den braunen Knochenhänden die Wangen. »Ach lieb's, lieb's gnädig's Fräuleinchen, ach sei Sie gut, sei Sie gut, ich hon's ja nur aus ganz miserabelter Elendigkeit gedohn!« »Zum Donnerwetter, bleib mir mit deinen Froschlöffeln aus dem Gesichte raus! Was nützt all das Lamentieren! Ins Loch kommste, du Deiwelsbraten, denn Strafe zahlen nützt bei solch einem Ranunkelzeug, wie euch, doch nichts!« Die alte hob den zerlumpten Sack, welcher ihr als Schürze diente, jammervoll weinend vor die Augen. »Ach jo, jo, gnädiges Fräuleinchen, das is jo schuld dran, daß ich wedder zu Holze bin! Da hot mich der Forstläufer verklagt gehobt, un' ich armes, altes Tier hon noch meine letzten fünf Spargroschen als Straf zahlen müssen ... ach du mein lieb's Herrgottchen ... und hon hungern müssen und friern ... und weil ich nicht mal mehr hob Feier machen kunnt, Kartoffeln zu kochen, da bin ich hergegangen, un nu verklagt's mich wedder ... ach wonn ich doch erst doht wäre ... ich armes, altes Tier!« Und die Alte schluchzte herzzerreißend. In Ursulas Gesicht arbeitete es ganz wunderlich. Sie wandte sich zur Seite, griff in die Tasche und zog ihr Geldbeutelchen. »Da, du Heulliese! Fünfzig Pfennig haste zahlen müssen? Da, hier haste 'ne Mark, Aber das bitte ich mir aus, daß du's nicht weiter sagst, sonst könnte ich noch der ganzen Bagage, die Holz stiehlt, die Strafe bezahlen! Verstanden? Und nun hock die Karre wieder auf und mach dich aus dem Staube! Wenn dich jemand sieht, sag', ich hätte dir das Reisig geschenkt!« »Ach lieb's, lieb's Engelchen...« »Bleibste mit den Pfoten weg!« Ursula rettete sich durch eine schnelle Wendung vor den stürmischen Liebkosungen der Alten und suchte ihre Rührung hinter möglichst viel Grobheit zu verbergen. »Aus dem Weg da! Fahre mal deinen Huckepack gefälligst beiseite, wenn ich hier durch will!« Das Weib hielt in seinen! Schwall von Danksagungen inne: »Jo, jo, mein Lämmchen, mein Schatzkindchen, glich schaff' ich's weiter!« Und sie bückte sich und faßte die Karre. Der kraftlose, alte Rücken bog sich unter der Last, laut aufstöhnend beugte sich die Spittelliese unter ihrer schweren Bürde. Ursula hatte weitergehen wollen, sie zögerte, »Es ist wohl sehr schwer, hm?« »Jo, jo, wann 'mer seine sebenzig Johr uf'm Buckel hot, gnädiges Fräuleinchen!« »Das ist ja Blödsinn, das kriegste ja gar nicht von der Stelle, du dummes Frauenzimmer! Marsch, weg da! Ich will dir die Karre aus dem Sand rausfahren!« Und mit kräftigen Fäusten stieß sie die schier sprachlose Alte beiseite und faßte nach den Griffen der Schiebkarre, »Ja so, meine Flinte! Da hier, Liese! kannst sie derweil tragen!« Wie besessen fuchtelte das Weib mit den Armen durch die Luft: »Jo nich! Beileibe nich ... die Deiwelskanone gieht lus!« »Schafsleder du! ... Na, dann will ich sie erst abschießen,« und ehe es sich die Liese versah, krachte der Schuß in die Luft, und der Jagdhund tobte an der Leine. Mit gellendem Angstgezeter retirierte die Alte rückwärts, stolperte und nahm unfreiwillig auf der Reiserladung Platz: Ursula lachte schallend auf, warf ihr die Flinte in den Schoß und setzte voll übermütiger Hast die Karre in Bewegung. »Na, dann bleib in drei Kuckucks Namen sitzen, alter Schreihals! Für den Schrecken will ich dich in schlankem Trabe spazieren fahren!« Und heidi ging die Reise! Fräulein von Kuffstein jagte in hellem Jubel die kleine Anhöhe hernieder, der Hund sprang bellend in weiten Sätzen zur Seite, und die Spittelliese krallte sich mit den eckigen Armen auf ihrem schwankenden Sitze fest und schwatzte mit ihrem zahnlosen, eifrig wackelnden Mund ein undefinierbares Gemisch von Todesangst, Dankbarkeit und demütigster Bewunderung solcher hohen Gnade. Und jedesmal, wenn's über einen Stein ging, hüpfte sie hoch auf und kreischte, aber nicht vorwurfsvoll, sondern voll großer Heiterkeit, wie man einen guten Witz bejubelt. Graf Lohe hielt die Hand über die Augen und sah dem seltsamen Bilde lachend nach. Welch ein goldenes Kinderherz versteckte sich unter der rauhen Schale! So recht bezeichnend für Ursulas Sinn und Art war diese kleine Szene gewesen. Anfänglich sollte die Liese mindestens für ihre Freveltat gehängt werden, und dann heult sie ein bißchen, und anstatt sie totzuschießen, wie es doch geschienen hatte, bezahlt ihr Ursula doppelt das Strafgeld, und als der Alten ihr gestohlenes Gut zu schwer wird, da setzt das gnädige Fräulein das Kräuterweib auf das Reisig drauf und fährt sie höchst eigenhändig nach Hause. O Hofluft, welch ein wonnesam Röslein wirst du von den Dornen befreien!   Am Morgen nach dem Tanzfest waren die Offiziere sehr frühzeitig nach ihren Quartieren in den naheliegenden Ortschaften zurückgeritten. Man war sehr überrascht gewesen, an der Seite des Hausherrn auch den Fürsten Sobolefskoi auf der Alt-Doberner Terrasse beim Frühstück anwesend zu sehen, um so mehr, da derselbe am vergangenen Abend so leidend gewesen und auch jetzt, im hellen Sonnenlicht, erschreckend bleich und elend aussah. Er war auch einsilbig und von beinahe finsterem Ernst, und erst als Freiherr von Altenburg in dem Kreis der Kameraden erschien, belebten sich die tiefliegenden Augen in dem Antlitz des Russen. Er trat zu dem jungen Offizier heran und nahm auch an seiner Seite Platz, als man sich zu dem kräftigen Imbiß niedersetzte. Altenburg begriff nicht recht, warum der Fürst so viele Fragen an ihn richtete, welche durchaus nicht das Gepräge der üblichen Phrasen an sich trugen. Von seiner Heimat, seinen Angehörigen und seinen Dienstverhältnissen sollte er erzählen, und wenn er den seltsamen Inquisitor statt aller Antwort nur mit seinen stolzen, leuchtenden Augen vom Scheitel bis zur Zehe musterte, so schien das durchaus keinen Eindruck zu machen. Mit zäher Beharrlichkeit hielt der Fürst an dem einmal angeregten Thema fest, und da sich in seinen düstern und doch so unaussprechlich traurigen Augen weder Neugierde noch Indiskretion ausprägte, und der junge Offizier keine Ursache hatte, aus seinen Angelegenheiten ein Geheimnis zu machen, so antwortete ihm Altenburg knapp und zurückhaltend, aber ehrlich. Daniel erfuhr in kurzen Worten, was er wissen wollte: daß der Freiherr als drittgeborener Sohn und Bruder vieler Schwestern nicht viel mehr sein eigen nannte, als den Degen, mit welchem er dem Vaterland diente, daß er fernab von der Residenz in kleiner Garnison stand und vorläufig mit keinem Gedanken daran dachte, zu heiraten. Als er nach beendigtem Frühstück zu Pferd gestiegen war, hatte Sobolefskoi die schlanke, ritterliche Erscheinung mit langem Blick umfaßt – und dann war er noch einmal neben den Goldfuchs getreten und hatte die Hand emporgereicht. »Leben Sie wohl, Herr von Altenburg! Da Sie so weit ab von der bunten Welt, von dem Pflaster der Metropole und aller Hofluft wohnen, werden wir uns schwerlich im Leben wiedersehen! Oder ist eine Möglichkeit vorhanden, daß sich unsere Wege kreuzen?« Es ging plötzlich ein wundersames Aufglühen durch des Fürsten Auge, und der Offizier richtete sich im Sattel empor und antwortete mit kühler Höflichkeit: »Was wäre in unserer modernen Zeit noch unmöglich, Durchlaucht! Die Glücksgöttin ist ein launisch Weib, vielleicht findet sie Gefallen daran, blind in eine Schachtel voll Soldaten hineinzugreifen und just mich zu Gunst und Heil herauszuholen! Möglich ist's wohl – aber ... mir geht's wie dem Faust – der Glaube daran fehlt!« Und Altenburg griff salutierend an die Mütze, zuckte leicht die Zügel und sprengte den vorausreitenden Kameraden nach. Sein Blick flog nicht wie der aller anderen Herren die Fenster der Schloßfront ab, aber Daniel hob schnell das Haupt und sah nach den verhüllten Scheiben des Erkerzimmers empor. Täuschte er sich? Der feine Spitzenvorhang schien ganz leise zu zittern. Der mißgestaltete Mann atmete tief auf und wandte sich schnell zur Seite. Sein Blick folgte aufblitzend wie in grausamem Triumph den Wagen und Reitern. Staubwolken hüllten sie ein. »Für ewige Zeit geschieden! Seine Spur wird auf dem Irrweg des Lebens verloren sein, wie die Fußstapfen hier im Sand verwischt und verweht werden, und das Kleeblatt wird auf der Brust des Freiherrn von Altenburg welk und vergessen sein, damit die Blume des Glücks noch einmal ihr tränenfeuchtes Haupt am Lebensbaum des Schmerzensreich heben kann! Geschieden für ewige Zeit!« – Staubwolken decken sein Bild, über dieselben aber hebt sich heller denn je die Sonne in Sobolefskois enger Welt. Langsam, wie ein Kranker, den nach qualvollen Stunden eine süße, erlösende Müdigkeit überkommt, stieg der Fürst die Treppe zu seinen Gemächern empor, sank nieder in die Kissen und schloß tief aufseufzend die Augen. Nun konnte er ruhig schlafen, fest und unbesorgt, Wetter und Sturm sind vorübergezogen, und an dem blauen Himmel kreist kein Falke mehr über seiner weißen Taube.   XIV. Sei ruhig, mein Liebchen, und klage nicht! Du siehst ja, ich scheide und klage nicht! Was sollt ich mich grämen? Du bist mir ja treu, Drum brich mir mit Klagen das Herz nicht entzwei. So ungefähr sang Herrn von Flankens Bursche, der brave Garde-Ulan »Niekchen«, und spuckte dazu auf die Stiefeln, welche er bürstete, und schielte nach der Gesindeköchin Hanne hinüber, welche einen wahren Mordsspektakel an dem Herd vollführte. Sie hantierte in geradezu erschrecklicher Weise mit dem eisernen Feuerhaken zwischen den Wasserkesseln und Kochtöpfen herum; und dazu ging ein machtvolles Schüttern durch ihre robuste Gestalt, und ein Schluchzen und Grunzen wurde laut, welches sich immer kläglicher erhob, je lyrischer der Niekchen sein Lied vortrug. Gesprochen wurde gar nichts, denn auf dem Henkel der riesigen Kaffeekanne, welche bereits dampfend und duftend auf dem Tisch stand, saß Amor, der Galgenstrick, und stemmte die Fäustchen in die Seiten und lachte sich halb krank über die brillante »Doublette«, welche er hier schwer krank geschossen hatte. Dem Niekchen war der Pfeil allerdings mehr seitlich in den Magen gegangen und hatte das Herz nur so en passant etwas angekratzt, aber Hanne hatte die mörderische Waffe mitten in dem Herzen drin stecken und war bereits in das Tagebuch des Schützen unter der Rubrik »unheilbar« eingetragen. Niekchen bürstete und sang eifrig drauf los, und Hanne schöpfte die mächtigen Kartoffelklöße aus dem Topf, füllte sie auf eine Schüssel und begoß sie mit ihren Tränen, und dann stach sie einen der backsteinartigen Knödel auf die Gabel und reichte diese, ohne das feuchte Angesicht zu wenden, dem Sänger nach rückwärts zu. Niekchen ehrte den stummen Schmerz, pustete und kostete die Henkersmahlzeit, welche Hanne in zarter Aufmerksamkeit für ihn, den Mann von der schlesischwasserpolackischen Grenze zurechtgebraut hatte – und der Pfeil in seinem Herzen regte sich inniger denn je, er trat herzu und zog den Gegenstand seiner Neigung an dem hellblonden Heringsschwänzchen, welches wehmütig aus dem Zopfknoten am Hinterkopf niederhing, näher und näher an sich heran, bis ihre Wange an der seinen lehnte. Und er gab ihr einen zärtlichen kleinen Rippenstoß und sagte in seinem polnisch-schlesischen Deutsch: »Hanne! Is sik noch mit Klößel nix recht's – schlog ich einem Schädel ein, wonn ich werf dermit! – Muß sik aber sein so weich wie Federkissel – doß man nix nötig hat, sich Zahn raus zu beißen! Wird Hannka aber lernen eins, zwei, drei – muß Hannka kommen zu uns, hot's verstanden? – Wann sik diß Johr vorbei, kommt Franusch Niekchen los von Militär, wird er Hannka Briefel schreiben, wos is Brautbriefel.« Und er gab dem schluchzenden Hannchen noch einen schallenden Kuß und versuchte es dann noch einmal mit dem Klößel. Amorchen aber, welcher während Manöver und Einquartierung alle Hände voll zu tun hat und oft mehr Munition verschießt, wie die gesamte Garde-Artillerie, hielt es für seine Pflicht, seine Feder weiter zu blasen und ein anderes Terrain zu rekognoszieren. Graf Lohe stand vor Fräulein Ursula und verabschiedete sich. Obwohl er ganz genau wußte, daß es ein Verstoß gegen die strenge Sitte ist, die Hand einer Dame langer umschlossen zu halten, als es der knappe Gruß erfordert, hielt er die kleinen Fingerchen dennoch während der ganzen Dauer seiner langen Rede fest, und dabei sah er gar nicht traurig aus wie einer, der scheiden muß, sondern wie einer, der nur an das Wiedersehen denkt!   Ursula aber war so weich gestimmt, wie nie zuvor in ihrem Leben, und das ärgerte sie, und darum wollte sie ihre Rührung hinter viel Ausgelassenheit verstecken. Der arme »Herr Doktor« hatte schwer darunter zu leiden, wurde gezwickt und gezwackt, ehe er sich's versah, und außerdem in fälschlichster Weise beschuldigt: er wolle vom Grafen Lohe ein Küßchen haben! So behauptete plötzlich Fräulein Ursel und faßte den Mops mit eisernem Griff um das dicke Bäuchelchen, ihn mit energischer Nötigung dem jungen Offizier entgegenzureichen. Bei solchen Witzen war der arme Doktor jedesmal der Blamierte, Ursula quetschte ihn, und der Graf versetzte ihm einen Nasenstüber, und beide machten die Unschuld zum Opfer ihrer Abschiedssentimentalitäten. Während sich der Doktorjo voll Indignation so schnell wie möglich auf seinen Stumpfbeinchen zurückzog, und Graf Lohe dem Hausherrn noch etliche Dankesworte stammelte, war Fräulein von Kuffstein neben ihm verschwunden. Sie kehrte auch nicht zurück, und der junge Offizier fragte und rief vergebens nach ihr. Was sollte das heißen? Wollte sie ihm kein Lebewohl nachwinken? War es ihr ganz gleichgültig, ob sich Mark-Wolffrath aufs Pferd schwang, für ewige Seiten vielleicht von ihr zu scheiden? Der Erbherr von Illfingen zog die Brauen zusammen und putzte den Kneifer sehr blank, um die Fenster der Schloßfront noch einmal überblicken zu können. Niemand zu erspähen. Nur Kammerjungfer und Stubenmädchen hielten im Giebelfenster die Sacktüchlein bereit. »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!« intonierte die Musik, Frau von Kuffstein trat zu freudiger Überraschung der Offiziere auf den Balkon und winkte den Abreitenden noch einen freundlichvornehmen Gruß nach. Ihr Gatte stand oben auf der Freitreppe und schwenkte eine der Madeiraflaschen vom Frühstückstisch, und der Herr Doktor saß mit griesgrämigem Gesicht daneben im Schatten, gähnte nach der Möglichkeit und dachte: das lohnte gerade das frühe Aufstehen! Von Ursula keine Spur zu entdecken. Graf Lohe war sehr mißgestimmt, er ritt langsam als letzter aus dem Schloßhof und wandte den Kopf spähend nach rechts und links. Und wieder ging es an der Gartenmauer vorbei, wo er zum erstenmal, voll sittlicher Entrüstung, die Einzige seines Gastgebers gesehen hatte.   Unwillkürlich hob der junge Offizier den Blick, ihn voll düstern Zorns längs der Mauer entlang zu schicken, um zu sehen, ob der kleine, treulose Wildfang vielleicht bis zur Dorfstraße, dem Rendezvous des Regiments, vorausgelaufen sei. Da rauscht es über ihm in den Zweigen, und ehe er sich's versah, wirbelte ihm ein Regen duftiger Blüten in das Gesicht, und wie er jählings die Zügel anzog und zur Seite sah, da stand Ursula zwischen dem blühenden Jelängerjelieber und dem dunklen Lindengrün hinter der Parkmauer, reizender denn jemals anzuschauen, im weißen Kleid, mit einem Rosenkranz über dem lachenden Gesichtchen. Und sie nickt ihm jubelnd zu, wirft Kußhände, faßt den Kranz und nimmt ihn schnell aus dem Haar, ihm denselben entgegenzubieten! Das Blut schießt dem entzückten Garde-Ulan in das Gesicht, er kann nicht an die Mauer heranreiten, weil ein Graben sich zwischen sie und ihn drängt, aber er reißt den Säbel aus der Scheide, den wonnigsten aller Kränze aufzufangen. Wunderlich schwer fällt er über die Klinge auf seinen Arm, aber Lohe hat nur Sinn und Augen für das reizende Bild, welches sich jetzt so ganz anders zum Abschied, als zum Empfang zeigt! Wie sie lacht und die Arme nach ihm ausbreitet, wie anmutig und graziös sie droben in den Zweigen steht! Selbst die Kußhände, diese Zirkusmanier, nimmt er ihr nicht übel! Im Gegenteil, ihre ganze Art und Weise ist allerliebst, und Lohes Herz schwillt in dem Gedanken, daß die Hofluft keine schwere Arbeit haben wird, daß dieser Augenblick der Anfang einer großen Wandlung in Ursulas Charakter ist. »Im Trennungeweh, im Tränenstrom Zeigt sich der Seele Fülle, Wie im Gewitterregen sprengt Die Rose ihre Hülle!« So zieht es durch seine Gedanken, und er preßt den Kranz ritterlich an das Herz und sendet der jungen Dame so lange wie möglich mit seinem parfümierten Taschentuch die graziösesten Gruße zurück. Und als das Bild an der Gartenmauer seinem Blick entschwunden, da freut sich der Erbe von Illfingen – denn eitel sind wir!! – auf die Augen der Herren Kameraden, wenn dieselben ihn plötzlich so herrlich dekoriert sehen. Er will eine Rose aus dem Kranz ziehen und sie an die Brust stecken, das Kränzlein selber soll sich stolz und triumphierend an seinem Arm schaukeln, bis es einer der dienstbaren Geister in Empfang nehmen kann, es im Koffer zu bergen. Just in diesem Augenblick schauen sich Bornitz und Flanken nach dem Verbleib des Kameraden um. »Potz Million ... ein Rosenkranz! Von wem?!« Lohe lächelt wahrhaft kaiserlich und zuckt diskret die Achseln. Seine Finger zupfen an einer der Blüten. »Was ist denn das? Die Sache sieht ja auf der Rückseite so komisch aus!« knurrt Flanken und beugt sich mit vorgestrecktem Hals näher. »Wo, inwiefern?« Und Lohe wendet das Blütengewinde um. An einer Stelle hat sich das dichte Laub ein wenig verschoben, ein eigentümlich hellrotes Etwas schimmert daraus hervor. »Du, das sieht ja frappant aus« – Flanken unterbricht sich mit schallendem, unbändigem Gelächter – »wie eine Schlackwurst!« Ja, wie eine Schlackwurst. Entgeistert, gleich einem Bild von Stein, sitzt Lohe im Sattel und starrt auf die schönen, poetischen Rosen, welche – um eine Schlackwurst gewunden sind! Dann lacht er ebenfalls, aber etwas verlegen, nimmt den Kranz und wirft ihn seitlich auf den Kartoffelacker. »Kleiner Witz von Fräulein Ursula ... hat stets derartige Scherze im Kopf!« Und er besichtigt voll Sorge den Ärmel, ob er nun womöglich mit einem Fettfleck an der Uniform zum Dienst ausrücken muß. Flanken springt ab und holt den Kranz zurück. »Bist du denn rein des Teufels, Kleiner? Diese famose Schlackwurst wegwerfen? Urschel-Purschel ist ein Patentmädel, dieser Kranz ist der erste wirklich geschmackvolle, welchem ich im Leben begegne! Ah, ein Zettel ...« »Ein Zettel? ... zeig her!« »Fürs Feldlager heut abend! Hahaha! Brillant, die Wurst wird abgekocht!« Und Flanken hing den Kranz mit sehr wohl gefälligem Schmunzeln über den Arm und trabte wohlgemut davon. Lohe aber klopfte die Handschuhe ab und dachte: »Man soll nie zu früh jubeln – o Hofluft, ich fürchte, du wirst doch kein leichtes Spiel haben!«   Am Ende der Gartenmauer aber hatten zwei falkenscharfe Augen den Reitern nachgeschaut und die kleine Szene beobachtet. Ursula stemmte die rosigen Wangen auf beide Fäuste und hielt einen Monolog: »So ein Schaf! Wirft er die Schlackwurst weg! Das kommt davon, wenn der Mensch gar keinen Begriff von etwas Selbstgeschlachtetem hat. Na, warte nur, mein Bürschchen, komme du nur erst in die Hofluft von Dassewinkel, dann wirst du deinen Gott schon erkennen lernen! Hm ... ich fürchte aber, leichtes Spiel hat sie nicht mit ihm!«   Als an dem nämlichen Abend die Biwakfeuer auf der Heide leuchteten und ein kühler Nordostwind recht unhöflich die Wolken, vor den Mond trieb, da wurde unter großem Jubel der Offiziere der Groß-Wolkwitzer Schlackwurst der Garaus gemacht, und die welken Rosenblätter in pietätvoller Huldigung für Fräulein von Kuffstein auf die von Flanken neu erfundene und höchst raffiniert gemischte Alebowle gestreut. Man ließ das Backfischchen zum öfteren hochleben, und Lohe, welcher anfänglich nur spröde an seinem Glas genippt hatte, aus Opposition gegen die Schlackwurstmalice, wurde so lange und so beharrlich von seinem riesenhaften Freund animiert, bis er schließlich auf Ursulas Wohl dem Becher jedesmal tief auf den Grund sah. Es schien Flanken ganz augenscheinlich, daß Mark-Wolffrath Feuer gefangen hatte, und weil Flanken von Natur eine sehr weiche, teilnehmende Seele war, so füllte er dem Reserveleutnant stets die doppelte Portion Rosenblätter in das Glas und beobachtete mit wahrhaft väterlichem Interesse, wie diese Mischung von Ale und Lyrik die junge Seele begeistern, wie Lohes Auge nun die ganze Welt in Rosenschimmer erblicken werde, wenn's auch noch so dunkle, kühle Nacht ist. Und die Augen des Grafen wurden auch tatsächlich immer größer und träumerischer und hafteten in starrem Blick an der Himmelsgegend, da Groß-Wolkwitz lag, und als die Musik in ihrer feierlich schönen Weise zum Abendgebet gerufen hatte, als es still ward um die knisternden Feuer der Mannschaft, da drückte er die Hand des Freundes, trank noch einmal aus und zog sich nach dem Zelt zurück. Man kannte das an ihm. Der ungewohnte Dienst strengte den verwöhnten Menschen außerordentlich an und machte ihn früher, denn alle anderen Herren, zum müden, teilnahmslosen Mitglied ihres Kreises. Heut aber schien es Flanken, als habe sich Lohe nur darum zurückgezogen, um ungestört seinen Gedanken nachhängen zu können. »Oh, daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!« dachte er mit behaglichem Schmunzeln, und doch erschien ihm der Gedanke ganz unfaßlich, daß ein großer, vernünftiger Mann sich nun solo dahinsetzt und schwärmerisch zum Himmel seufzt! Nein, dessen ist Flanken niemals fähig! Er bleibt stets der nüchterne, phlegmatische Mensch, welchen die Liebe niemals aus dem Gleichgewicht bringen wird, welcher sich niemals um der Liebe willen irgendeine Unbequemlichkeit auferlegt. Lächerlich! Wenn einem die Luft so frisch um die Brust weht, wie hier auf der nächtigen Heide, dann müßte sie doch alle weichlichen, schmachtenden Gedanken von der Brust blasen! – Allerdings gab es auch eine Art Luft ... Flanken strich langsam mit der Hand über die Stirn – »die alle Sinne benebelt und berauscht.« Er hatte einmal in den Briefen Jean Pauls, ganz aus Zufall, in einem Anfall gräßlicher Lazarettlangerweile, darüber gelesen. Eine Luft, die ein Gemisch von Sonne, Mond, Himmelsglanz und Veilchenduft sein sollte. Blödsinn! Er hatte diese Luft noch niemals kennengelernt, denn er besuchte prinzipiell keine großen Zauberfeste, weder am Hof noch in Privatkreisen. Hübsche, kleine Diners und Frühstücks waren sein Geschmack, und sein Ballsaal »Hoppegarten«. Aber jüngsthin – wie er so ganz ahnungslos in das Alt-Doberner Fest hineingeschneit war, da hatte er doch so einen kleinen Begriff davon bekommen, da hatte er am anderen Tag einen ganz närrischen, moralischen Kater. Und solange ihm noch die feinen Stäubchen dieser Luft in den Augen gesessen hatten, sah er überall die kleine Dern-Groppen. Wenn eine Libelle über die Erika schwebte, wenn ein Rehchen über die Waldschneise zog, wenn sich ein Blumenglöckchen graziös im Wind bog, immer fiel ihm das Elfenprinzeßchen Jolante mit den kleinen, wunderkleinen Händen und Füßchen ein. Er hatte an dem nächsten Morgen zum erstenmal im Leben schlecht geritten. Unsinn, jetzt lachte er darüber sein altes, behagliches Lachen. – Ganz gewiß, ihn wird die Liebe niemals ans Gängelband nehmen, aber der Mark-Wolffrath, der ist schon von Natur ein so zartbesaiteter Mensch, daß er imstande wäre, Liebeslieder zu dichten! Der ist in seiner Schwärmerei zu den größten Kindereien fähig, lernt Seiltanzen und taucht in die Charybdis, wenn es die Königin des Herzens von ihm verlangt. Die kleine, braune Hexe hat es ihm angetan; weil die Gegensätze gar zu groß waren, verliebten sie sich aus lauter Feindseligkeit ineinander. Armer Lohe, er sitzt gewiß in schlafloser Sehnsucht und preßt jedes einzelne der übriggebliebenen Rosenblätter in seinem Portefeuille! Flanken erhob sich kopfschüttelnd und wuchtete auf seinen schweren Reiterstiefeln nach dem Offizierszelt. Er wollte mal heimlich nachsehen, wie die Aktien stünden, und ein bißchen zur Vernunft reden. Niekchen trollte mit einem kleinen Handkoffer an ihm vorüber. »Na, was ist denn los, Niekchen? Was hast du da?« »Is sik Kuffer seinigtes von Herrn Graf.« »Was soll damit?« »Hab ik müssen helfen bedienen Herrn Graf ... sind sik drinn Sporrn zu putzen!« »Gut: vorüber, mein Sohn.« Flanken lachte leise vor sich hin. Er war es schon gewohnt, daß Lohe mit seinen dienstbaren Geistern niemals ausreichte und mit Vorliebe noch den braven Niekchen um seine Person beschäftigte, In Gottes Namen! Flanken bedurfte seiner um so weniger. Der Wind strich empfindlich kühl von dem nahen Wald herüber, raschelte in dem Stroh und blies in die grell auflodernden Wachtfeuer. Einzelne Regentropfen begannen zu fallen, und der Mond versteckte sich vollends hinter dunklem Gewölk. Das Segeltuch des Zeltes rauschte und schwankte im starken Luftzug, die Stangen knarrten, und das Fähnchen auf dem Knauf klatschte eine eifrige Melodie,   Flanken steckte vorsichtig den Kopf durch die Ritze des Türvorhangs. An einem Strick hing eine Stallaterne in der Mitte des Zeltes nieder und leuchtete ihm. Seitlich auf einer Schütte Stroh lag der Erbherr von Illfingen, ein seidenes Daunenkissen unter dem Kopf und eine prächtige, fellartige Reisedecke über die Knie geschlagen. Seine Haare waren in scharf gebrannten Wellen fest an den Kopf gelegt, sein Antlitz von dem verräterischen Glanz des Coldcreams überhaucht und die Hände sorglich mit Handschuhen bedeckt. Er schlief tief und fest den Schlaf des Gerechten. Ein wunderliches Zucken und Arbeiten ging durch Flankens Gesicht, ähnlich einem, der sich das Niesen verkneifen will. Der Wind blies neben ihm durch den Vorhang und sauste just in diesem Augenblick so heftig über das Brachland, daß das Zelt in allen Leinewandnähten ächzte. Lohe warf indigniert den Kopf herum, schlaftrunken seufzte er tief auf. »John ... Niekchen ... macht doch das Fenster zu – es zieht!« lispelte er, selbst im Schlaf so fein und vornehm, wie stets mit der Zunge anstoßend. Flanken zog schleunigst den Kopf zurück und prustete laut auf vor Lachen: »Gott sei Lob und Dank, Schlackwurst und Rosenblätter liegen ihm nicht allzuschwer im Magen – noch ist Lohe nicht verloren!« Und dann ging er langsam, gedankenvoll nach dem Feuer zurück, welches jetzt den Wasserkessel für einen kräftigen Schlummerpunsch erhitzte. »Seltsam,« dachte er, »wat dem enen sin Ul is, is dem annern sin Nachtigall! Der kräftige Wind, welcher einem hier um die Ohren bläst und mich erquickt und erfrischt und mein Lebenselement ist, den sperrt Mark-Wolffrath entrüstet durch Segeltuch und Wandschirm von sich ab, und jene fatale Luft, die Sonne, Mond und Veilchenduft auf ihren Schwingen trägt, die mir betäubend auf alle Nerven fällt, die atmet er voll Wonne und Genuß! Und doch sind wir beide, trotzdem jeder von uns in einer Luft schwimmt, die ihm zusagt, entschieden in falschem Fahrwasser. Bei uns beiden herrscht eine gewisse Unnatur. Ich liebe gar nicht – und das ist absolut nicht in der Ordnung, und Lohe schwärmt und liebt beständig, ohne eine wahre Herzensneigung zu kennen, und das ist erst recht gegen allen Komment! Muß eben jeder versuchen, auf seine eigene Facon selig zu werden! Mag sich der Kleine in Gottes Namen sein Zelt hermetisch gegen den Herbststurm verschließen, Flanken flieht dafür das Parkett, welches glänzt und spiegelt wie ein Nixensee, und über welches mit weichem, duftendem Atem die Hofluft säuselt. Jeder nach seiner Art. Schlägt ja doch für jeden das Stündlein, wo des Schicksals kräftiger Odem über Heide und Marmorschwellen saust und die Kartenhäuser schöner Illusionen wie Spreu über den Haufen bläst.« Flanken dehnte die Arme und atmete tief auf, der Regen stäubte ihm in das Gesicht, und der Wind suchte vergeblich nach einem Mantel, welchen er auf solch markiger Brust zausen könne – der hing daheim im Kleiderschrank und kannte die Motten besser als seinen Herrn. Der Punsch dampfte noch im Kessel, und da die umsitzenden Herren gegen das heraufziehende Wetter in dem Zelte Schutz suchten, übernahm es Flanken allein, mit dem Reste abzurechnen. Das Haupt in die Hand gestützt, wie eine sagenhafte Reckengestalt der Vorzeit, saß er allein neben dem lohenden Feuer, dessen Flammen wild aufzuckend gegen Wind und Regen kämpften. In den Kiefern rauschte es, Wolken jagten am Himmel. Flanken trank in langem Zug und warf den leeren Becher in das Heidekraut neben den Kessel. »Nun auf ein Roß werfen! Hinjagen durch diese Geisternacht und mit dem Schwert in der Faust Aventüre suchen!« dachte er, »das wäre mein Glück!« Und in demselben Augenblick zog Lohe die Decke fester um sich und seufzte schlaftrunken: »Grauenvolle Nacht! Könnte ich jetzt im weichen Teppichgemach, durchduftet und durchwärmt, das Haupt an die Knie meiner vielwonnesamen Herrin schmiegen, das wäre mein Glück!« Lachend strich der Wind vorüber. »Menschenherzen! Wetterfahnen!« spottete er, »das Glück und ich, wir spielen mit euch beiden!«