Timm Kröger Dem unbekannten Gott Novellen Vorwort Alle drei in diesem Buch gebotenen Novellen charakterisiert das Suchen nach der Ursache unserer Welt. Dadurch dürfte es sich rechtfertigen, daß der Titel der letzten Erzählung zur Bezeichnung des Buches erhoben worden ist. Die bisher in »Eine stille Welt« gelesene Skizze » Wohin? « ist etwa 1888 entstanden, » Daniel Dark « und » Dem unbekannten Gott «, deren Vollendung durch persönliche Gründe lange Zeit verhindert worden ist, sind in die Jahre 1908 bis 1913 zu verlegen. Timm Kröger Daniel Dark, aus einem Jugendland Erster Teil 1 Er war noch klein und unerwachsen, besuchte zwar die Dorfschule, war aber noch weit unter dem schulpflichtigen Alter. Ueberhaupt gehörte das, was zunächst dem Ofen, auf der untersten Bank, an meist hellhaarigen Buben und Dirnchen vor der Fibel saß, in die Kleinkinderbewahranstalt, deren Verwaltung der Lehrer Vollborn sozusagen im Nebenamt und unentgeltlich mitbesorgte. In der Religionsstunde mußten die Kleinen stille sitzen und ruhig sein und zuhören, behalten, was sie verstehen konnten, fallen lassen, was zu hoch für sie war. Das meiste ließ Daniel fallen, aber die Wundertaten unseres Heilands hielt er fest. Sie weckten Bilder in ihm, und am besten tat es das Gehen des Erlösers auf den Wassern vom See Genezareth. Gichtbrüchige heilen, Lahme und Blinde, dafür fehlte eigene Anschauung. Daß aber das Gehen eines Menschen auf dem Wasser ein wirkliches Wunder sei, begriff er, seitdem er einmal in die hinter ihrem Hause fließende Au gefallen und sicherlich ertrunken wäre, wenn Hans Timm Weber ihn nicht herausgezogen hätte. Seines Vaters Haus lag an der Dorfstraße, eine alte Scheune schaute aber nach hinten über den Kohl- und Gemüsegarten in ein Wiesental, das ein Bach, ›Au‹ genannt, nämlich die erwähnte Au, durchfloß. Auf der anderen Seite sah man ansteigende Äcker und Weiden und ein paar alte Eichen mit krauser, windzerfaserter Krone. Wenn nun vom See Genezareth und dem Schreiten des Heilandes über die Wogen die Rede war, dann verlegte Daniel Dark es nach dem Wiesental hinter den Kohlhof, das er in seiner Vorstellung freigebig mit Wasser füllte. Den Erlöser sah er groß und herrlich, in einem himmelblauen Gewand mit purpurnem Ueberwurf, eine leuchtende Strahlenkrone um das Haupt, in hehrer Majestät über die Wellen wandeln. Gewand und Krone gab dabei das Titelblatt von der Hauspostille her, worin die Mutter Sonntag für Sonntag las. * Mitten in die Ruhe solcher Gedanken und Bilder fiel ein großer Lärm. Der junge vermögende Bauer Friedrich Stabe nahm eine Frau und gab große Hochzeit. Eine Hochzeit, wie die, war noch nicht dagewesen. Wo war jemals ein ganzes Kirchspiel zum Hochzeitsschmaus geladen worden? Kaffee tags und Warmbier nachts, das kannte man wohl, aber warmes Mittagessen für alle, und weit ausgreifend die Gäste gebeten! Auf allen Hofstellen standen die ausgeschirrten Gespanne der fremden Gäste, bei Vater Andreas Dark allein sieben, die Pferde mußten zum Teil im Kuhstall untergebracht werden. Andreas Dark besuchte sonst keine Gelage und genoß keine geistigen Getränke. Nun aber mußte er seine Gäste nach dem Hochzeitsschmaus begleiten, mußte ihrem Zutrinken Bescheid tun und auch zutrinken, mußte, mit einem Wort, mitmachen, was alle machten, und da tat er (so hat er es immer eingeschätzt) einen Sündenfall, geriet in den Zustand der Besessenheit und Knechtschaft, mit einem Wort: er betrank sich. Danielchen war natürlich zu Hause geblieben, aber auch dort nahm das kleine Menschenkind mit Erstaunen wahr, was eine Essenhochzeit mit sich bringe. Tags hatte er sich mit den fremden Pferden und den fremden Knechten angefreundet, sich in den Ecken vor den fremden Leuten herumgedrückt, in der Nacht lärmten wilde Hochzeitswagen unter den Fenstern der Stube vorüber: Gesang, Gelächter, Peitschenknall, laute und auch wohl rohe Worte. Die halbe Nacht Gäste im Hause, die anspannen ließen und die Befehle zweimal, dreimal widerriefen, sich verabschiedeten und immer wiederkamen, sich erzürnten und wieder vertrugen, alles in der Geniestimmung der Trunkenheit. Er lag im Wandbett und hörte alles mit an. Mit den letzten Gästen kam auch der Vater. Alles gröhlte und schrie der Vater auch. Er mochte seinen Ohren nicht trauen. Das war nicht sein immer ernster, den Mund selten zu einem Lachen verziehender Vater. Der so ausgewechselte Vater sang sogar, sang mit harter, heiserer Stimme, und hatte doch sonst so runden, vollen Klang. Daniel hörte das alles, war aber mehr erstaunt als erschrocken, konnte den Vorgang nicht deuten; er wußte nicht, was das zu sagen habe. Die Mutter nahm es nicht tragisch. Sie lachte. Nachbar Hans Wendel lachte auch und sagte: »Jung, Andre, das hab ich gar nicht gewußt, daß du so schön singen kannst, bist ja ein verdeuwelter Kerl!« Dabei schlug er Vatern auf die Schulter. Man rief nach Schnaps, man brachte Gläser und Flaschen. Gluck, gluck! fiel es in die Gläser, die wurden aneinander gestoßen. Wendel trank, und Vater trank auch. »Jung, Andre«, das war das letzte, was Daniel hörte. Das und den Lärm und den Singsang nahm er hinüber in seinen von keiner Trunkenheit und keinem Lärm verunreinigten unschuldigen Traum. Am folgenden Morgen rieb sich Vater Andreas die Stirn, war aber sonst wie immer, scheinbar wenigstens. Es muß aber doch wohl bei ihm nicht ganz in Ordnung gewesen sein, sonst hätte das, was nun geschah, nicht vorkommen können. Es war am hellen Vormittag. Eine blanke Junisonne füllte die Wohnstube mit Licht. Daniels Erinnerung daran blieb klar, so daß er sein Leben lang, wenn er an den Tag dachte, die Sonnenstäubchen in den Lichtbändern der Fenster sah. Ein schöner Tag. Da kamen die Nachbarn Hans Wendel und Peter Kahlke – nein, ›kamen‹ ist nicht der richtige Ausdruck: sie brachen ein in den Hausfrieden, sangen, tanzten über die Schwelle, die Gesichter rot und feucht, von Schweiß oder Branntwein. Bauern waren es in angegrautem Alter, sonst ordentliche Leute, nun aber trunkene Männer. Sie waren die Nacht nicht zu Bett gewesen, gingen im Dorf herum ›auf Branntwein‹ wie nach einer etwas wilden Dorfsitte Leute nach wüsten Gelagen taten, die ihr Gleichgewicht nicht wiedergefunden hatten, es auch für den angebrochenen Tag nicht wiederfinden wollten. Sie erbaten und erhielten, Haus bei Haus, Schnaps. Und nun kamen sie zu Vater und verlangten, daß er mit ihnen gehe. Er wollte nicht, da sagten sie, dann sei er ein schlechter Kerl. Auch das hätte ihn schwerlich bewegen können, wenn er der alte ordentliche Andreas gewesen wäre. Aber in seinen Sinnen und in seiner Seele tobte wohl nach, was er am vorhergehenden Tag erlebt hatte. Ein schlechter Kerl wollte er nicht sein. Er verleugnete sein Leben, seine Vergangenheit, zog seine Stiefel und seine Jacke an und dafür seine Grundsätze aus. So ging er mit zwei betrunkenen Leuten zusammen auf Branntwein. Nach drei Stunden kehrten sie zurück, den Vater in der Mitte. Ja, der Vater, aber in welchem Zustande! Die Jacke sandig und schmutzig, die Augen stier und starr, der Atem heiß wie der Dunst der Destille – betrunken. Wendel und Kahlke und noch einer aus dem Dorf, der sich angeschlossen hatte, waren es wohl nicht minder, sie wußten es aber mit mehr Würde zu tragen. Das mochte die Gewohnheit tun, sie waren auch sonst nicht so ausgesuchte Tugendbolde wie Andreas Dark, standen nicht auf so schroffer Höhe, ihr Sturz war daher nicht so tief wie bei ihm. Aber Daniels Vater! Er tanzte, versuchte es jedenfalls, es war der Tanz eines Bären. Um seine Frau tanzte er herum und meckerte: »Mutter, soll ich noch ein bißchen wieder mit?« Es war sonst nicht seine Weise, um Erlaubnis zu fragen, nun tat er es. Und seine Stimme: nicht einmal scharf und heiser, nein, hoch und piepsig, in die Fistel umschlagend. Daniel hat später immer, wenn das wüste Bild in seiner Erinnerung aufstieg, denken müssen: ›Wo hatte Vater doch einmal die hohe feine Stimme her?‹ Grete Dark war eine frische Frau, hatte auch Humor. ›Laß ihn‹, dachte sie, ›ich kenne meinen Andreas. Laß es ihn gehörig auskosten, um so mehr wird es ihm nachher über sein.‹ »Ja, Vater«, antwortete sie, »du darfst. Aber erst will ich dir anderes Zeug geben. Und dann heißen, schwarzen Kaffee kochen, der tut euch allen gut.« So wurde es. Vater bekam einen reinen Anzug, alle tranken Kaffee, und dann ging es mit Gröhlen und Hallo weiter auf die Schnaps- und Branntweinfahrt. Zu Hause sah und hörte man nichts mehr von ihnen, aber ab und zu flog ein wilder Ton im Dorfe auf. Das mochte wohl die Branntweingesellschaft sein. Nachts vernahm Daniel ein Gepolter. ›Das kann der Vater nicht sein!‹ dachte er. Aber es war der Vater. Die Mutter stand auf und brachte den Trunkenen zu Bett. Eine weinerliche, klagende, die Mutter um Verzeihung bittende Männerstimme. Der Vater war in dem Zustande, den man das ›besoffene Elend‹ nennt, der Umschlag der Geniestimmung in Weltschmerz und Selbstanklage – dem Kind im Wandbett ein neues Rätsel. Schluchzen und Klagen, und dazwischen die Mutter: »Man still, man still, es ist ja nicht so schlimm, einmal ist keinmal!« Mehr hörte Daniel nicht. Er hatte Angst, er meinte, die Welt müsse untergehen, war aber viel zu müde und schlaftrunken: die Stube und der Vater und die Mutter und die Welt versanken in nichts. Am Mittag des anderen Tages saß Andreas Dark am gedeckten Tisch und sah krank und bleich aus. Daniel wagte kaum die Augen aufzuschlagen, er schämte sich, ohne zu wissen, daß er es in der Seele seines Vaters tat. Als die Suppe aufgetragen war, faltete die Familie nach Hausgebrauch die Hände zum Gebet. Sonst blieb es bei der stummen Andacht, nun aber betete Andreas Dark laut. Er hatte seine schöne, treuherzige, demütige Stimme wieder, es ging aber ein Zucken und Zittern hindurch, es wird das Zucken der Zerknirschung gewesen sein. »Vater im Himmel«, betete er. »Ich sitze hier bei Frau und Kind vor Gaben, die du bescheret hast, ich aber nicht verdiene. Ich danke dir, daß du sie mir doch gibst. Ich sitze auf meinem Stuhl, sollte aber vor dir im Staube liegen, auch vor Frau und Kind. Großer Vater, dein Wesen ist Güte. So sei auch mir ein gütiger Gott!« Der Mittag wurde stumm gegessen; erst beim Abräumen nahm die Mutter das Wort. Sie war eine nett und appetitlich aussehende Frau mit braunen Augen und dunklem Haar, nicht viel älter als Mitte der Dreißiger. Auf ihren Zügen lagerte immer eine Art Feenglanz der Güte. Mit einer Tracht Schüsseln stand sie vor der nach der Küche führenden Tür, als sie sich nach ihrem Manne umwendete und ihr Trostwort wiederholte: »Nimms nicht so schwer, Andre! Es war nicht so schlimm, und einmal ist keinmal.« Der Vater sog, das merkte Daniel, so klein er auch war, sog dankerfüllt die schlichten Worte ein. Andreas Dark war ein langer, magerer Mann mit lichtem Haar, im Beginn der Vierziger, kränklichen Gesichtsausdrucks. »Bist meine gute Frau, da hoff ichs zu überwinden«, erwiderte er. »Ich werde aber lange daran zu tragen haben.« Nachmittags stand Daniel mit Lena Ellernbrook und Hans Plöhn, die in der Schule seine Banknachbarn waren, und mit dem größeren Johann Butenop in dem Kohlhof an seinem See Genezareth. Lena Ellernbrook und Hans Plöhn und auch Johann Butenop haben immer gesagt, es sei gar nicht wahr, die Wiese sei so trocken gewesen wie immer, und das Heu darauf habe in Diemen gestanden. Daniel aber hat es gesehen, Daniel Dark weiß es besser. Der Vater stand nicht weit von ihm am Rande des Sees, und die Wellen (es war ein wirklicher, ein hochgehender, schäumender See) stürmten und planschten wild und hoch gegen die Ufer. Und da kam der Herr Jesus Christus, angetan mit dem himmelblauen Gewand und dem Purpur, die Strahlenkrone über dem Haupt, auf den wogenden Wassern zu Daniels Vater hergeschritten, legte den Arm um dessen Nacken und sagte gütig und vergebend, just wie die Mutter getan: »Nimms nicht so schwer, Andre, es war nicht so schlimm. Und einmal ist keinmal.« 2 Was wir von der Verfassung der russischen Ackergemeinde ›Mir‹ genannt, hören, will uns nicht gefallen. Die Äcker alljährlich nach Willkür der Lose unter die Hufen verteilen? Was kann daraus anders werden, als Raubbau? Wer wird Fleiß und Dünger auf ein Stück Land verwenden, das ihm nur für ein Jahr gehört? So ist es bei uns doch niemals gewesen, denken wir. Aber da kommen Gelehrte und behaupten, daß Tacitus Ähnliches von unsern Vorfahren erzählt. Die Ackerwirtschaft scheint auch in Deutschland eine ähnliche, vielleicht in dem Verlauf jeder Kultur begründete Geschichte gehabt zu haben. Freilich: die beweglichen Ackeranteile sind wohl bei uns schon auf verhältnismäßig junger Kulturstufe von der Zufälligkeit der Lose unabhängig geworden, haben ein festes Verhältnis zu den Hufen angenommen, anfangs zur Nutznießung, dann zu Eigentum, wenn auch die Allmende (Gemeinheit) als weiter Kranz von Wald und Weide die Ackerfläche umschloß. Es gibt Dörfer, zumal in geschlossenem Weichbild erbaute, wo man noch heutigen Tages die Spuren der alten Losordnung findet. Zusammenhängende Flächen der Ackererde führen besondere Namen, etwa: im Westen »Kamp«, im Osten »Schieren«, im Süden »Lagen«, im Norden »Brook« und so weiter. Und die Hufen haben durchweg in allen Himmelsrichtungen hin Felder. Das sind die zu Eigentum erstarrten, ursprünglich nur zur Nutznießung überwiesenen Ackerlose. Eine unselige Zerstückelung der Hofländereien, Erschwerung der Bewirtschaftung ist die Folge. Dem Übelstand durch Austausch abzuhelfen, wurde früher selten versucht. Dazu bedurfte es in alter Zeit langwieriger Einigungen der Landlieger im Vertragswege; neuerdings hat sich die Obrigkeit der Sache angenommen und besondere Verkoppelungsbehörden eingerichtet, die mit sanftem Zwang und väterlicher Gewalt die Vermittelung übernehmen. In dem Dorfe seiner Geburt, das »Lohe« hieß, verlebte Daniel Dark seine Jugend zu einer Zeit, wo man noch nichts von solcher Fürsorge des Staats wußte. Die Bauern schlugen sich schlecht und recht durch und beließen es bei dem alten Zustand, die einen in dem Gefühl der Ohnmacht oder der Bequemlichkeit, die andern aus Liebe zum Herkommen, aus frommer Scheu, am Hergebrachten zu rütteln – alles Beweggründe und Rücksichten, die sie sich selbst nur halb eingestanden. Es schien ihnen eine Art Frevel zu sein, es besser haben zu wollen als ihre Väter und Urälterväter von alters her, an der Beschwernis empfanden sie schließlich gar eine Art Freude, etwa wie der Franziskaner an seiner dicken, schweren, ihm zum Zweck der Mühsal auferlegten Kutte. Wenige machten selbst Versuche, die Sache zu ändern, und nur Johann Kühl und Detel Trede war es gelungen. Die hatten die im Dorfweichbild belegenen Ländereien verkauft und sich hinausgebaut, der eine nach den Schieren, der andere nach den Brooks. Daniels Vater gehörte weder zu den Bequemen, noch zu den Kuttenträgern, noch auch zu den im Gefühl ihrer Ohnmacht Versinkenden, er war einer, der sich mit Plänen trug. Den Johann Kühl und Detel Trede wollte er es nicht allein gleich tun, er gedachte es sogar besser zu machen. Und der Unsinn, der in der Zerstückelung der Äcker lag, verursachte ihm als gewissenhaftem Hausvater das Gefühl, als trage er etwas Häßliches und Widriges mit sich herum, ohne dafür den Ausgleich in der Ewigkeit zu erwarten, dessen sich der Franziskaner getröstet. »Der weitläufige Kram frißt Haus und Hof«, pflegte er zu sagen. Daniel stellte sich unter ›Kram‹ ein Tier vor. Er fragte die Mutter: »Ist es im Stall?« Mutter lachte und nannte ihn einen dummen Jungen, Vater aber wiederholte: »Es ist mein Ernst, Grete. Was meinst du, wenn wir uns nach den Kämpen hinausbauten?« »Nach den Kämpen.« Andreas war ein ernster Mann; was er sagte, war mehr als Spiel mit im Ernst nicht gehegten Absichten. Mitwirkend war ferner ein Gedanke, der auf im Dorf sonst nicht gerade üblichen Gründen beruhte und auch bei ihm nur verschämt Unterschlupf fand: auf einsamen Feld, im frischen Wind, unmittelbar vor den weiten, breiten Wiesen, ganz allein in Herrgotts Hand, keinem Menschen dienstbar – das muß ein Gefühl der Kraft und Herrlichkeit erzeugen, wie es Könige beseelt, die über die beschwerlichen Dinge des Alltags hinweggehoben sind. Da kam Friedrich Stabes große Essenhochzeit und Andreas Darks Sündenfall, der ihm ein so tiefes Gefühl der Scham auferlegte, daß er glaubte, sich im Dorf nicht mehr vor Leuten sehen lassen zu können. Also hinaus nach den Kämpen! Er wollte sich das zur Strafe dienen lassen, was er sich bisher halb und halb als Feiertagslohn für den Rest seines Lebens versprochen hatte – Flucht in die Einsamkeit, hinweg von den Zeugen seines Fehltritts! Der Verkehr mit den Dorfsleuten erschien ihm wie eine Art Spießrutengang, klarer trat auch der wirtschaftliche Vorteil hervor, Andreas Dark fing an, scharf zu rechnen. Bei ihm lag die Sache nicht am schwersten. Im Dorf hatte er nur das Haus und den Kohlhof und die von Daniel zum See Genezareth erhobene Wiese, außerdem eine Streubüchse Acker im Osten, alles andere in den Kämpen. Dreißig Minuten hin, dreißig Minuten her, Verbrauch von Menschen und Pferden, Verschwendung lebender Milch, wenn man die Kühe nach Hause holte – das Wort blieb wahr: es fraß Haus und Hof. Er hätte gleich Hand anlegen sollen, tat es aber nicht. Hemmungen und Bedenken traten auf, die das Entfalten zur Tat verhinderten – Überbleibsel der Kuttenträgerei und Rücksichten gegen geheiligte, verjährte Mißbräuche und Überlieferungen, Sachen, über die er sich erhaben geglaubt hatte, die jetzt aber mit schleimiger Zähigkeit die Achse seiner Gedankenmaschine, wie dick und schmutzig gewordenes Öl, stocken machten. Er war auch nicht mehr der alte, zwar niemals vollsäftige, aber doch leidlich gesunde Andreas, und die Kränklichkeit war vielleicht nicht der geringste Grund dafür, daß er sich in einem Irrgarten des Erwägens und Planens herumtrieb, ohne den Ausgang zu finden. Andreas Dark fing an zu grübeln, er grübelte lange Zeit – jahrelang. Er gedachte die Hindernisse hinweg zu grübeln, grübelte sich aber darin fest. Und über dem Grübeln wurde er zuletzt wirklich krank, sogar sehr krank. An einem rauhen, trüben Herbsttag hatte er sich beim Ziehen eines Grabens in den Kämpen warm gearbeitet. Die dicke Wattenjacke (Koller) war zu Hause vergessen, auf dem langen Heimweg wurde er kalt, ein paar Tage kroch er still im Hause umher, klagte über Seitenstechen, dann fing das Fieber an, und als der Zustand bedrohlich schien, zog man den Doktor zu. Der sprach von Lungenentzündung und machte ein ernstes Gesicht. Auf Befragen, ob Hoffnung: »Ja, wenn das Herz es aushält.« Das Fieber stieg, und in den Träumen des Kranken handelte es sich immer um die Abbaustelle im Kamp. Er bereitete die Baustelle, es wollte aber nicht werden. Bald wich der Grund ins Bodenlose, dann regte sichs darin wie menschliche Wesen, wenn man den Spaten ansetzte. Es wird nicht. Aber hindurch klang Gretes Stimme: »Andre, sei getrost, es ist nicht so schlimm!« Und zuweilen glaubte er zu sehen, wie die Gebilde seiner Fieber und Träume nichts seien als der unzuverlässige Baugrund seiner Entschlüsse und alles das, was er sich beim Grübeln selbst in den Weg gelegt hatte. Er wollte hoffen und leben, aber es ging nicht, wollte nicht gehen. Da verzweifelte er und beschloß zu sterben. Und als er an das Tor des Himmels klopfte, und die schweren Angeln knarrten, sah er dem alten Paradieswächter ins Angesicht. Und der strich sich den Bart, lächelte ein wenig und fragte: »Andre, was willst du? Wir haben dich nicht gerufen.« Und Andre antwortete: »Ich bin krank, und mir deucht, es geht zu Ende.« Und dagegen Petrus: »Ich nähme dich gern ins Himmelreich, aber es geht noch nicht. Du bist da unten nicht fertig, bist noch was schuldig.« »Was bin ich schuldig?« fragte Andre. »Ich habe immer redlich bezahlt, ein paar Kladdeschulden und der Doktor mögen geblieben sein, aber auch die werden ihre Richtigkeit finden. So schlecht ist es in Lohe bei Andreas Dark nicht bestellt. Die blaubunte Kuh ist an Schlachter Heitmann verhandelt, volle sechzig Taler kostet sie, und das Geld steht noch aus, der zwölf Tonnen Roggen nicht zu gedenken, die Kruse genommen hat. Und die Meinigen behalten Land und Sand.« »Das meine ich nicht«, entgegnete Petrus und lächelte wieder, daß es beinahe ein Lachen war und man seine Zahnstümpfe sah. »Hast du nicht immer gesagt, das frißt Haus und Hof? Ist das in Ordnung? Nichts ist in Ordnung! Und du willst davon gehen, und Frau und Kind davor sitzen lassen?« Da sah Andreas ein, daß er wieder gesund werden müsse, und wurde auch gesund. Und als er gesund geworden war, warf er die Ungetüme seiner Bedenken hinaus und brachte die Sache zurecht. Das alte Darksche Haus mußte leider abgetragen werden, Stein und Holz fanden zum Teil bei dem Aufbau des neuen Hauses in den Kämpen Verwendung. Den Hausplatz mit Garten und Kohlhof und die Wiese übernahm Nachbar Wendel, über die Darksche Herdstätte geht jetzt sein Pflug. Die alten Eichen aber muß er stehen lassen, das hat Andreas sich ausbedungen. Die im Dorf belegenen Äcker hat Nachbar Wendel gleichfalls erworben, und das im Osten belegene Land Kahlke erhalten. Als Entgelt haben beide ihre in den Kämpen belegenen Ländereien an Andreas Dark abgetreten. So ist allen gedient, zumal auch Peter Kahlke, der für seinen Sohn, der Müller geworden ist, ohnehin nach einem passenden Grundstück gesucht hat, eine Mühle hinzusetzen. Und dazu eignete sich das Darksche Feld im Osten wie kein anderes. Es ist der höchste Punkt des Geländes, hat den Wind aus erster Hand und ist von drei Dörfern leicht zu erreichen. Wenn man von Westen her durch die weiten Wiesen nach Lohe blickt, dann gewahrt man erst, wie hoch die Kämpen eigentlich liegen. Nun winkt dort durch Duft und Dunst ein freundliches Haus herab. Der rote Backstein der Wände, die grün und weiß gestrichenen Fenster und Türen und Giebel – alles leuchtet durch Licht und Luft, vorderhand noch ohne viel Schattenspiel, denn der neu hingepflanzte Baumschlag ist noch klein. Nach ein paar Jahren wird er aber anfangen, das Haus zu beschatten, und dann erst werden die besten Reize, die besten Farben dem Bilde hinzugetan. 3 Lohfelderkamp heißt die neue Ansiedlung, und Andreas Dark ist ihr Eigner und Gründer. Bei dem Wunder vom See Genezareth am alten Kohlhof stand Johann Butenop neben Lena Ellernbrook und Hans Plöhn an Daniel Darks Seite. Johann Butenop, ein Schwestersohn von Andreas, vater- und mutterlose Waise und von Darks wie ein eigenes verpflegt. »Der liebe Gott«, pflegte Andreas zu sagen, »hat uns nur ein Kind geschenkt, ein Fingerzeig, uns des verlassenen anzunehmen.« Johann Butenop war Daniel Dark im Alter manches Jahr voraus. Die Zeit lief, und nun war er ein halberwachsener junger Mann. Nach seiner Einsegnung hatte er bei fremden Leuten gedient, ›Unterschied zu lernen‹, nun aber ist er Arbeiter und Knecht auf Lohfelderkamp. Daniel dagegen ist die große Leuchte der Schule geworden und dort auf den ersten Platz gerückt. Dünn und lang wächst er in die Höhe. Er hat einen weiten Schulweg. Aber das macht nichts, der lange Weg weitet seine Brust, macht den Atem frei und gibt ihm Zeit und Raum zum Grübeln. Etwa zehn Minuten Wegs von Lohfelderkamp liegt ein hochstämmiger Buchenwald quer über seinem Weg. Bei tiefverschneiten und aufgeweichten Wegen macht Daniel den Umweg um den Saum, zu günstigerer Zeit läuft er pfadlos hindurch. Er liebt den Wald und sein Rauschen, für ihn ist es die Stimme des lieben Gottes. Und oft glaubt er Gott selbst und Gottes Gewand neben sich zu spüren. Daniel Dark fühlt sich für und für in Gottes Hut, in seiner Hand und in seiner Nähe, zu ihm hat er sich ein besonderes Verhältnis zurecht gedichtet. Wie er in der Kleinkinderbewahranstalt auf der Ofenbank bei dem Religionsunterricht alles fallen ließ, was er nicht verstand, so hat er es auch in dem weiteren Verlauf verhalten, als der vorschriftsmäßige Schulunterricht ihm den dreieinigen Gott in der schweren Eisenrüstung vorführte, womit die Kirche ihn belastet. Daniel faßte ebenso leicht mit dem Verstande wie mit dem Gedächtnis, insoweit konnte er allen Anforderungen fragender Lehrer und Pastoren gerecht werden, und wenn sie gar die paulinische Gnadenlehre betrafen. Aber er war noch immer der Knirps von der Ofenbank her und ließ fallen, was ihm nicht paßte; in seinem Innern fand manches keinen Widerhall, was er über die Lippen rollen lassen mußte. Um so tiefer und inniger aber verstand er die Freundschaft, die ihn mit dem Gott verband, den er sich zurecht gemacht hatte, dem er die Gestalt und das Gewand des Erlösers gab. Und dieser Gott schritt für und für zu ihm über den See Genezareth. Und wenn er etwas getan hatte, was ihm selbst nicht gefiel, dessen er sich reuevoll anklagte, dann legte der große Herrgott den Arm um seinen Nacken und schenkte ihm Worte des Trostes und der Vergebung. Zu den Dingen, die er fallen ließ, gehörte vor allem auch die Dreieinigkeit, der Gott, mit dem er verkehrte, war der alleinige und allliebende Gott, der gütige Herr des Himmels und der Erde. Und diesem gütigen Gott erbaute er eine Kapelle. Unmittelbar vor dem Abfall des Waldsaumes vom Loher Forst nach der Niederung hin stiegen, wie von einem Baumeister hingesetzt, vier Buchen mit glatten weißen Säulenschäften empor, wundervolle, den Platz überdachende Baumriesen. Wenn irgendwo das Bild vom Waldesdom Gestalt gewonnen hatte, so war es hier. Der Knabe mußte den Kopf energisch in den Nacken werfen, um nur die Höhe zu ermessen. Und oben schlossen sich in großartig prächtiger Verzweigung die Strahlenrippen der Strebepfeiler zum Fächergewölbe zusammen. Am Jakobsbrunnen wurden zur Samariterin die Worte gesprochen: »Es kommt die Zeit, wo ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten« – und weiter die ewigen: »Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten« – der Allgegenwart des Weltenvaters entsprechend jeder Ort zur Andacht geeignet und bestimmt. Und doch das allgemein menschliche Bedürfnis nach Festlegung eines Orts, der als Träger der Stimmung, als Erreger der Phantasie die milde, fromme Gesinnung in uns weckt. So fühlte auch Daniel Dark an diesem Ort mehr als an dem des Alltags das liebe Wort der Gnade und der Liebe. Gen Westen, hart an der Kapelle die weiten Wiesen. Sie wurden, so oft es Daniel gefiel, zum See Genezareth. Die heiligen Wellen wuschen und berannten die Ufer, und mitten im Sturm und Drang der große Gott seiner Phantasie. Aber seltener fielen Worte des Trostes und der Vergebung, für und für wies sein Gott und Erlöser hinauf in die Sterne. * Er war ein eigener Knabe. Den Befehlen Gottes nachzukommen, wie er sie verstand, war für ihn selbstverständliche Pflicht, Lärmen und Prügeln nicht nach seinem Sinn; bedauernd hörte er oft dem Bubenton seiner Mitschüler zu. Als sein Pflegebruder Johann sich einmal bei Mutter Grete über die Schikane eines Nachbarn beklagte und Grete Dark, geborne Schott, unbedachterweise sagte: »Laß nur, es trifft sich wohl mal wieder«, gedachte Daniel des göttlichen Gebots, überall und ohne Menschenfurcht Gottes Wort zu verkünden. »Mutter«, fing er an und gab sich einen Stoß. Er war eben von der Schule nach Hause gekommen und aß sein Vesperbrot. »Mutter«, sagte er, »in der Bibel steht doch: ›du sollst nicht Böses mit Bösem vergelten‹.« Vater Andreas saß vor der Schreibklappe seiner Schatulle, seine wirtschaftlichen Aufzeichnungen in Ordnung zu bringen. Als er die Bußpredigt seines Daniel vernahm, verwunderte er sich, drehte sich um, maß den Mahner mit den Augen in der Höhe und in der Länge, wollte ein ironisches, überlegenes Gesicht machen, was aber nicht gelang, und sagte schließlich, die Bleifeder in der Hand, jedes Wort dehnend: »Nu hör mal den! Der will ja wohl Pastor werden.« Da gab Daniel sich den zweiten Stoß, faßte sich ein Herz und entgegnete: »Ja, Vater, wenn ich darf, möchte ichs wohl.« Vater Andreas fragte: »Und wer soll Lohfelderkamp haben?« Und Daniel versetzte sich den dritten Stoß und entgegnete: »Ist Johann nicht da?« Als er das gesagt hatte, saß Andreas schon wieder vor seiner Klappe, räusperte sich noch eine Weile, redete aber nichts mehr. Daniel Dark hatte sich schon lange mit dem endlich geäußerten Gedanken getragen. Schulmeister oder Pastor – das liegt in solchen Fallen einem Dorfknaben am nächsten. »Daniel Dark will Pastor werden« – das Wort blieb und wurde umhergetragen, mehr noch im Dorf als im Hause von Lohfelderkamp. Und bei der nächsten Schulprüfung kam der Stein ins Rollen. Wieder hatten sich alle Frauen über den klugen Jungen der Grete Schott, verheirateten Dark, gewundert, der die Schulaufsicht führende Pastor auch. Erst wurden Andreas und Grete in des Lehrers Stube gerufen und dann Daniel auch. Ob er Pastor werden möchte, fragte Pastor Rabe. – »Ja.« – Der Geistliche faßte den Jungen väterlich unters Kinn. Lob und ernste Hinweise. Und an die Eltern die Mahnung, es werde Zeit, ihn auf die Gelehrtenschule zu schicken, wenn was daraus werden solle. Aber davon wollte Andreas nichts wissen. Daniel solle älter und reifer werden, ehe er sich entscheide. Sei er von Gott wirklich zu dem Berufe ausersehen, dann werde er der Schwierigkeiten noch immer Herr werden. Daniel solle, meinte der Alte, bis zur Konfirmation in der Dorfschule bleiben, ja sogar zwei Jahre noch älter werden als die anderen. Das möge der Prüfstein sein. Wenn er dann noch auf seinem Sinn beharre, dann in Gottes Namen! »Hat auch was für sich«, entgegnete Pastor Rabe, »ist aber ein Wagstück, eine starke Belastungsprobe, das einen festen Willen voraussetzt.« »Was meinen Sie dazu, Herr Frahm?« wendete er sich an einen Mann, der seinen Stuhl bescheiden an die Wand gerückt hatte. Ein langer, klug aussehender Mann in einem gelblichen Anzug, nicht mehr blutjung, etwa Mitte der Dreißiger. Das war der sogenannte Reisemeister Frahm, ein vorschriftmäßig geprüfter, in gutem Ansehen stehender Schulmann, der die Wunderlichkeit hatte, sich wohl zu Vertretungen, nicht aber zu festen Anstellungen herzugeben. Der alte Vollborn wird nach einigen Wochen in Pension gehen, Frahm wird einstweilen das Schulamt übernehmen, das war auch der Grund seiner Anwesenheit. Den Beinamen »Reisemeister« hatten ihm seine Fußwanderungen durch Deutschlands Gaue, was damals noch etwas Besonderes war eingetragen. »Was meinen Sie, Herr Frahm?« »Ich denke wie Sie, Herr Pastor. Es ist eine starke Belastungsprobe, um so besser, wenn sie bestanden wird. Und ich denke, Daniel wirds machen.« Andreas Dark kam nicht wieder zum vollen Gefühl der Gesundheit. Als Lohfelderkamp fertig geworden und die gelehrte Laufbahn seines Daniel in Frage gekommen war, trat ein Rückfall seiner Krankheit ein. Er ließ den Notar kommen und setzte seinen letzten Willen auf. Frau Grete blieb, so bestimmte er, nach seinem Tode einstweilen »Herr vom Kram«, vor Eintritt in das siebzehnte Lebensjahr sollte Daniel nicht konfirmiert werden, Entschloß er sich dann, Pastor zu werden oder einen anderen gelehrten oder technischen Beruf zu ergreifen, dann erhielt Johann Butenop Lohfelderkamp. Der dafür anzurechnende Wert wurde für beide Erben gleich hoch festgesetzt. Sonst hatte Daniel das Vorrecht auf den Hof. Und bis zum vierundzwanzigsten Lebensjahr sollte ihm die Wahl auch für den Fall vorbehalten bleiben, daß er sich entschließe, zu der Beschäftigung seiner Eltern und Voreltern, zum Bauerntum, zurückzukehren. Vater Andreas erholte sich wieder, aber was nachfolgte, betrachtete er als geliehene Zeit und wandelte als ›trüber Gast auf dunkler Erde‹. Ein paar Monate gingen hin, da kam sie denn auch wirklich wieder, die große Krankheit, und mit ihr der Tod. Die Angeln der Himmelstür waren geölt. Sie knarrten kaum, als Andreas Dark »angetöffelt« kam, noch mit Zweifeln im treuherzigen Gesicht, ob es nun wohl passe oder ob er noch mal zurück müsse. Wie er aber Petrus sah, wußte er Bescheid, denn der lachte über das ganze Gesicht und rief: »Bist recht, Andre! Nun komm man rein!« 4 Um dieselbe Zeit fing man mit der »Regulierung« der Branderau an, die an Lohe vorbeifließt. Sie ist gar kein so ganz unbedeutendes Gewässer. Was sie im Höhenland gesammelt hat, führt sie dicht bei Lohfelderkamp ins Tiefland hinab. Erst glucksen noch kleine Strudel auf, dann wird der Lauf ruhig und immer ruhiger. Und in blanker, gemächlicher Breite des Schilf- und Binsenbetts wandelt sie durch Wiesen, den Hauptstrom des Landes zu suchen. Genau ausgedrückt, galt das von der Branderau vor der Gradelegung und vor dem Schleusenbau an der Ausmündung in den großen Strom. Weich und ruhig gewunden war sie, und scheinbar auch sanft und unschuldsvoll. Bei trockener Zeit war sie es wirklich, anders aber nach nassen, stürmischen Tagen. Denn da trat sie aus den Ufern und nahm den Fleiß des Bauern und den Segen der Natur hinweg. Dem Zustand hat der Schleusenbau ein Ende gemacht, der Branderau hat man die kühnsten und schönsten Windungen weggenommen, und mit den Windungen den Saum von Ried und Rohr. Wo früher darin ein guter Wind melodische Wellen bis zur Mündung rollte, fließt der blanke Strom jetzt in nüchterner Linie, in tückischem Schweigen daher. Er hat Deiche erhalten, deren Erde zum Teil der aufsteigende Uferrand der Kämpe hergeben mußte, zieht daher nun auch bei rauher Zeit, wie geschwollen und unwirsch er dann auch tut, zwischen Wällen und Dämmen die gerade Straße bin. Wenn man von Lohfelderkamp über die großen Steinfindlinge hinweg, die durch die Wegnahme der Deicherde bloßgelegt sind, nach Westen sieht, dann starrt über und hinter dem Wiesenplan ein öder, schwarzer Strich auf, dahinter dehnt sich die Fläche des Bilsener Moors. Bei reiner Luft und blauem Duft sieht man am Rand ein emporstrebendes Ding, ein Etwas, bei stimmender Helle von verwaschenen Formen. Es ist das Joch einer Zugbrücke, Überrest aus der Zeit, wo noch keine Schleuse war. Von dem Brückenjoch eine schmale Linie dem Mittag entgegen am Moorrand vorbei. Das ist der Sommerdeich, auf dessen Krone ein Fußsteig nach der großen Landstraße über den Hof Reiherwisch führt. Ein Mensch, ein Mann auf diesem Pfad gegen den Abendhimmel gesehen, ein Bauersmann, ein Arbeitsmann, der auf dem großen einsamen Moor Torf gegraben hat und nun dahin geht, wo die Herdflamme glüht, nach seinem Heim, wo Weib und Kind seiner harren. Es ist ein Mensch nüchterner Prosa, wenn Verstand und Vernunft es wollen. Aber ein Heiliger, ein Überirdischer, ein Verklärter, einer, vor dem die Tore der Ewigkeit klingend aufspringen, wenn der warme Strom deines Gemüts es will. Daniel Dark kann nicht Bilder kann nicht Worte finden für das, was er fühlt; um so tiefer tastet und stammelt er die Empfindung in sich hinein. »Hier ist es aber einsam« sagte Daniel Dark zu dem Reisemeister Klaus Frahm; da waren sie auf dem Damm mitten in dem großen Bilsener Moor. Wenn man von Lohfelderkamp über das Brückenjoch nach Westen schaut, reckt sich in der Ferne, einem langen Sargdeckel vergleichbar, ein schwarzer Rand auf. Das ist das steil abfallende Ufer des bald hinter der Schleuse beginnenden großen Bilsener Moors. Der Reisemeister und Daniel Dark waren zusammen. Vollborn hatte sich zur Ruhe gesetzt, ein Nachfolger im Lehramt war noch nicht ernannt: inzwischen verwaltete der Reisemeister, wie in Aussicht genommen worden war, die Stelle. Daniel war eigentlich kein Knabe mehr, der Lehrer zog den frühreifen, nachdenklichen, in die Dorfschule nicht mehr passenden Jüngling zu sich heran. Aus ihm hörte er den Wiederklang eigener Jugendtage, die er für glückliche hielt; auf einsamen Spaziergängen war er mehr ein älterer Kamerad als der Lehrer von Daniel Dark. »Hier ist es aber einsam«, hatte Daniel Dark gesagt. Und er hatte recht. Der schwarze Grund des überall federnden, überall wassersüchtigen Moors, Gruben und Gräben und Fährlichkeiten überall, die graubraune Decke der Sumpfheide, in den Nebelschauern des Herbstes alles Blühen und Wachsen verleugnend, für jedes Auge, das die spröde Kruste der Erscheinung nicht zu durchbrechen versteht, einförmig, niederdrückend, trostlos, Verzweiflung herausfordernd. Daniel hatte recht – es war einsam im Moor. Was sie umgab, schrie förmlich nach Hilfe vor dem Alleinsein. »Hier ist es einsam.« »Meinst du?« erwiderte der Reisemeister. »Und es ist wohl so. Aber die richtige, die eigentliche, die tiefste, die schrecklichste Einsamkeit ist es nicht.« Daniel sah ihn fragend an. »Ich spreche von dem ganz und allein auf sich Gestelltsein eines Menschen und von seinem Wissen darum, dabei millionenfach verstärkt durch den Resonanzboden der Natur. – Freilich«, setzte er hinzu, »an die Einsamkeit, die Faust auf dem Weg zu den Müttern fand, reicht auch das nicht hinan. Aber das wollen wir ausschalten, das ist zu hoch für dich und vielleicht auch für mich.« Für einen Augenblick schwieg der Sprecher. Dann sagte er: »Das um uns her – ja, es ist Einsamkeit. Sonne dahin die Tagestiere der Wildnis zur Ruhe, das Nachtgetier sich noch nicht aus seinen Höhlen und Winkeln getrauend – einzig in der Ferne ein Strich Wandergänse – von Sibirien herkommend, bei uns offenes Wasser suchend – gick – gack – a – ai – gick-gack – ai –. Im Röhricht kaum ein Rauschen, und alles öde und grau und greis – die Natur ringsum kalt und fühllos, du und ich ihren lieblosen Gesetzen überantwortet. Das ist Einsamkeit, meinen wir und ich wiederhole: wir haben recht. Und doch haben wir unrecht. Wir sind, wenn wir das sagen, Schauspieler vor uns selbst. Denn unsere Furcht, unser Entsetzen, unsere Beklemmung ist eingebildet, vorgestellt, wenn man will: erheuchelt. Wenn ich frage: »Daniel, hast du Furcht?« Dann sagst du: Nein. Und ich frage weiter: Warum nicht? Dann sagst du: Warum sollte ich Angst und Furcht haben? Ich bin bei meinem Lehrer und er ist bei mir. Wir haben gesunde Glieder, es bedarf nur unseres Entschlusses, und unsere Füße tragen uns zurück nach Lohfelderkamp und Lohe, nach den Stätten, wo unser Heim ist. Was uns hier an unserm Alleinsein reizt und rührt, ist im Grunde ein Genuß, eine Freude, meinetwegen eine ideale, aber eine Freude, Hervorhebung einer von uns begünstigten Idee, die wir mit dem Schwert umgürten, damit sie für diese Stunde alle anderen unterjoche. Man nennt das »phantasieren«. Vielleicht ist gar ein bißchen Flügelschlag des Himmelsboten dabei, den man »Poesie« heißt.« In solchem Ton sprach Klaus Frahm. Daniel verstand ihn wohl nicht im letzten Grunde, ahnte aber doch den Sinn seiner Rede, und das Wort: »Weißt du wirklich, was Einsamkeit ist?« hallte in ihm nach. Da wagte er die Frage: »Herr Lehrer, haben Sie einmal die Einsamkeit kennen gelernt, die die eigentliche ist?« »Ich habe«, entgegnete der Angeredete. Er sah dabei scharf durch seine Brille nach einem Strauche, der sich vor ihm auf dem Moordamm erhob. »Ich habe«, wiederholte der Reisemeister: »Und wenn das Ding, das vor uns steht, eine Weide ist, dann ist es der rechte Ort, dir zu erzählen.« Es war eine Weide, Daniel Darks junge Augen hatten das gleich erkannt. Wenige Minuten auf dem schmalen Moorboden, dann standen sie vor ihr und legten Hand an Ast und Zweig. »Es ist die richtige Art«, sagte Klaus Frahm, »die, der ich in Freundschaft verbunden bin. Sicherlich frei aus der Hand der Natur gesät, ein Samenstäubchen, das der Wind verwehte. Einst mag sich ihr Fuß im Tümpel gebadet haben, es mögen Zeiten kommen, wo sie es wieder tut, jetzt steht sie auf trockenem und einigermaßen festem Boden. Ein wunderlich gewundener Stamm, dicht über dem Boden die heilige Dreiteilung, für müde einsame Menschenkinder gleichsam freundliche Einladung, Sitz und Ruhe zu suchen. Weiche, kosende Wipfel und Blätter und Zweige, alles wie bei meinem Kameraden.« Und er erzählte: »Es war in der Gegend eines großen Stromes« (Klaus Frahm nannte ihn), »dessen Ufer vor der Mündung von großen wilden Mooren aufgequollen sind. Es war im Herbst, die Tage im Abnehmen, den sonnigen, hellen Horizont verschleierte ein feiner Dunst. Auf dem höher gelegenen Hügel und Sandland hatte ich ein Dorf passiert und sah über ein scheinbar nicht sehr breites Sumpf- und Moorland ein anderes, dessen Turmspitze wie ein feiner Stab herwinkte Nach meinem ursprünglichen Plan wollte ich dort, wo ich war, übernachten. Aber ich maß die Tageszeit und maß die Breite des Moors und traute mir zu, vor Abend die Wildnis zu überschreiten. Aber als ich mit Rucksack und Stab den Weg zum Moor hinabstieg, rief mich ein alter Mann an, der, seinen Torfspaten auf der Achsel, mir entgegenkam. »Wohin des Wegs?« Ich gab ihm Bescheid, wir kamen in ein Gespräch. Er warnte mich. Es sei viel weiter, als es scheine, der Blick über die Ebene täusche. Ich würde den Ort nicht erreichen, im günstigsten Fall die Nacht im Moor zubringen müssen. Es könne aber auch anders kommen, das Moor rede nicht nur von einem Verirrten und Ertrunkenen. Ob denn keine Wegweiser da seien? Ja, es seien ein paar hingesetzt, aber die taugten nur für Tageslicht. »Wenn Sie«, sagte er, »den Rat eines alten Mannes hören wollen, dann lassen Sie ab von dem Plan.« Ich kann nicht sagen, daß die Worte des Wohlmeinenden an meinem Ohr vorbeigingen. Aber es kam mir vor, als müßte ich mich schämen, wenn ich die paar Minuten zurückginge nach dem Dorf, das ich soeben verlassen hatte. Und dabei das Gefühl der Jugend, die sich so gerne einredet bei dem lieben Gott Anspruch auf eine Extrawurst zu haben, unserem eitlen Ich zuliebe die Naturgesetze auszuschalten. So blieb ich bei meinem Vorhaben, dankte dem Wohlmeinenden und – ging hinab ins Moor. Es kam, wie der Mann gesagt hatte, die Dunkelheit überraschte mich, ich mußte die Nacht im Moore zubringen. Du siehst, mein Junge, daß ich nicht ertrunken bin. Vielleicht bin ich nur deshalb vor dem Sterben behütet worden, um dir zu sagen: Es ist schrecklich, eine lange Nacht hindurch allein in einer Umgebung zu sein, wie diese hier«, (die Hand des Erzählers beschrieb einen Halbkreis) »den glucksenden und gähnenden Tod zur Linken, und – zur Rechten Graben und Gruft. Als ich am frühen Morgen zum Dorf, das mein Ziel gewesen war, hinaufstieg, bildete sich um mich ein freier Raum der Achtung, des Staunens, als sei ich ein Wundertier. »Er ist die Nacht im Moor gewesen, der Herr des Himmels hat seine Hand über ihn gehalten, er lebt, er ist nicht im grundlosen Schlamm versunken, nicht ertrunken, ist nicht erstickt wie so viele.« Im Dorf wohnten zwei Leute, denen es ebenso ergangen war wie mir. Der eine war immer ein bißchen wunderlich und absonderlich gewesen, seit der Nacht im Moor aber ganz dusselig; der andere, früher umgänglich und beredt, war ein stiller Mann geworden, über die Abenteuer der Nacht verlor er nie ein Wort. Sieh dich um, Daniel, Graben hier und Graben dort, Moorkuhle hier und Moorkuhle dort: Wer hineintappt, und wäre er auch der beste Schwimmer, den läßt es nicht wieder. Und dunkle Nacht, die Hand vor Augen kaum zu sehen, Weg und Steg unbekannt. Kein Vorwärts, kein Zurück, der Weggrund weich und feucht, nicht zum Stehen, nicht zum Liegen, und bis zum Morgengrauen viele Stunden. Ich sprach vorher davon, daß wir gewisse Ideen mit dem Schwert umgürten, damit sie die anderen umbringen. So lange es noch hell war, hatte ich meine Rüstkammer geleert, um das Unrecht festzustellen, das dem armen Moor angetan werde. Im Dunkel der Nacht erging es mir aber wie Goethes Zauberlehrling; die von mir gerufenen Geister wurde ich nicht los, ich hatte das Wort vergessen, das sie wieder zu Besen macht. Und da geschah das Fürchterliche, da vernahm ich mit wirklichen Sinnen, was sonst in unserem Empfinden nur innerlich mitschwingt. Mit eigenen Ohren habe ich es gehört. Es machte nicht viel aus, ob ich es hören wollte oder nicht, ich hörte das Umgnadeflehen des verlassenen Moors, des vor so vielen anderen Landschaften in die Finsternis verstoßenen, wo Heulen und Zähneknirschen, das Jammergeschrei einer unglücklichen Natur vor dem Herrn in der Höhe. Und es machte nicht viel aus, ob ich die Augen schloß oder öffnete, immer und immer sah ich das, was sonst unseren Augen verschlossen ist, Hände – in Verzweiflung emporgerungene Hände bis an der Welt Ende – bis zum Himmelsrand – emporgestreckt zum Himmelstor, wo der Ewige sitzt und die Wage über dem Erdball hält. Ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich nicht einen Freund, einen Kameraden in diesem fürchterlichen Alleinsein gefunden hätte. Es war einer, wie dieser hier«, sagte der Sprecher und legte die Hand an den Stamm der Weide. »Ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich den nicht gefunden hätte. Ich hatte um Hilfe geschrien, es war verhallt, aus allen Kräften hatte ich das Jammern der ausgestoßenen Natur zu übertönen versucht – es war verweht wie Wind in der Wüste. Da sah ich durch die Dunkelheit den Schimmer einer Wolke vom Boden aufsteigen. Was ist es? Ein Tier? – Ich weiß nicht, es ist etwas, ein Ding ist es, das ich nicht deuten kann. Will es mich verschlingen? Mich in den Sumpf hinabziehen? Wohlan – auch das ist Zuflucht vor dem, was mich bedrängt. Ich gehe, ich stolpere ein paar Schritte dem Ungeheuer entgegen ... Da ... da ... hielt ich die Zweige, hielt Ast und Stamm meines Freundes. Es war eine Weide – ich war gerettet vor der unheimlichen Gabe, zu hören und zu verstehen, was die Natur den Menschen verbirgt, ihr Klagelied vor dem Thron des Ewigen. Und gerettet war ich, weil ich nicht mehr allein war, nicht mehr einsam im Moor, weil ich einen Freund und Kameraden hatte. Mir war, als hörte ich weiche, tröstende Worte aus dem Gezweig. ›Ich bin bei dir‹, sagte die Weide, ›wir bleiben zusammen, bis der Morgen graut. Tritt nur herein in mein Zelt, ruhe dich aus auf dem Dreifuß meines Stammes. Ich schütze dich und hüte dich, ja, vielleicht rauscht meine Krone dir noch ein kleines Lied zum Schlummer und zum Traum.‹ Meine Weide war, darauf schwöre ich, ein lebendes Wesen. Bis zur Morgenröte ruhte und wohnte ich in ihrem Gezelt in dem Gefühl der Geborgenheit und der Ruhe. Mein stürmendes Blut ergoß sich in ihre Adern, und es erwärmten sich Stamm und Zweig.« Der Reisemeister wandte sich zum Gehen. »Nicht wahr, Daniel, wir wandern heim. Dämmerung senkt sich auf Wiese und Moor, und sich von eigenen Ideen totschlagen zu lassen, lohnt nicht. Das lehrte mich die Nacht im Moor.« Klaus Frahm stand still und sah seinem Schüler voll in die Augen: »Hast mal erlebt, Daniel, daß sonst tote Dinge um dich her Gestalt und Stimmen annehmen, mit dir zu reden?« »Das nicht«, antwortete Daniel, setzte aber gleich hinzu: »Und doch wohl.« Und erzählte sein Gesicht vom See Genezareth. Der Reisemeister hatte daran herzliche Freude. »Deinen See Genezareth«, sagte er, »den und seine Wogen laß nur immer rauschen und plantschen, das halte fest! Und vor allen Dingen den über den Wassern schreitenden Herrgott mit seinem »Es war nicht so schlimm«. Es liegt etwas Tröstliches darin, vielleicht auch die tiefere und wirkliche Wahrheit. Und zu allermeist: bewahre in deinem Herzen den Gott, der nach den Sternen weist!« Zweiter Teil 1 Ein paar Jahre waren vergangen, der Reisemeister war nahezu die ganze Zeit in Lohe verblieben, bevor ein Lehrer fest angestellt worden war, dem er dann freiwillig Platz machte. Bei seinem Umgang war Daniel ein kluger und unterrichteter Knabe oder, wenn man will, ein junger Mann geworden. Nun hatte Frahm sein Bündel geschnürt und war wieder in die Weite gegangen. Wohin? Genau hat er es vielleicht selbst nicht gewußt, zu Daniel Dark aber gesagt: »Wir bleiben Freunde, und dich behalte ich im Auge.« Die Zeit war vergangen; in der Dorfschule war Daniel überreif geworden, endlich hatte er das siebzehnte Lebensjahr vollendet und noch ein paar Monate darüber gelebt, nun kam für ihn die Zeit der Konfirmationsgänge ›zum Priester‹. Und jenseits der Priestergänge und der Konfirmation stand der Wegweiser am Scheideweg seines Lebens: hie Lohfelderkamp – hie die Hand, deren Finger in die Welt weisen, das heißt in die Gelehrten- und Bücherwelt. Ja, der Wegweiser am Scheideweg seines Lebens. Ein wichtiger, ein entscheidender Punkt, Daniel Dark aber sah auf ihn allein mit der Sehnsucht eines eilfertigen Wanderers.. So wenig war jemals in seiner Seele das Gedenken einer Möglichkeit aufgekommen, als ob er vor der Wahl des Weges bangen und zweifeln könne. Vorderhand ging es ›zum Priester‹. Die Kirche, zu der Lohe und Lohfelderkamp gehörten, war mehrere Stunden entfernt. Der Weg ging auf der Höhe an der großen Niederung hin, und erst ein halbes Stündchen vor dem Ort bog er landeinwärts in südlicher Richtung ab. Die Niederung der Wiesen gleicht in ihrer Flachheit einem von keinem Windhauch bewegten Meer. Die Rauheit und Wüstheit der Hochmoore verdämmert am Horizont, buchtenreich nagt das Wiesenmeer an den Ufern der Höhe, bei Bachläufen tiefer hineingreifend, von Vorgebirgen weiter zurückgedrängt, einsame Inseln und Inselgruppen umfließend und überall von Busch und Baum umdrängt. Derweilen schneidet die Landstraße die größten Umwege ab, verschwindet hinter Knick und Hecke, freut sich aber um so mehr der Freiheit, wenn sie wieder hervorgekrochen ist und aufjauchzend den Anblick der Ebene wiederfindet. Und nun geht es zum Priester, eine junge lustige (die Mädchen gehen ihren eigenen Weg) eine lustige Knabenschar. Ein langer schlandriger Junge ist unter ihnen, älter als die anderen, größer als alle und, man sagt, auch klüger als sie, die Leuchte der Volksschule von Lohe, und er heißt Daniel Dark. Daniel Dark will Priester werden, es trägt ihm Spott und Neckerei, aber auch eine Art Achtung ein. Daniel Dark ist anders als seine Kameraden, möchte aber gerne sein wie sie. Und deshalb macht er den Weg über Lohe mit, obgleich der Fußsteig über die Schleuse näher gewesen wäre. Der große Weg, nun auch sein Weg, floß mit dem großen Zug der Kirchspielkonfirmanden zusammen, und je weiter, um so mehr schwoll er an. In Westerhorn und Osterhorn saßen wohlhabende Bauern, deren Söhne nach der Einsegnung die Ackerbauschule besuchten. Die waren noch ziemlich ruhig und gesittet. Aber was aus der hallenden Einsamkeit der hinteren Walddörfer kam, war ›von Europas Höflichkeit nicht übertüncht‹. Nicht weit von Westerhorn führt der Weg durch einen Zipfel der freien Heide. Es ist ein bewegtes, in wilden Wellenbergen hingeworfenes Dünenfeld. Der höchste Berg ist der sogenannte Bramberg, spärlich von Sandhafer bewachsen, beschwerlich gangbar; selbstverständlich lockte just das die junge Brut. Zu Ostern wird die Einsegnung stattfinden, noch ist es Winter, aber der Winter gehört zu denen, die eigentlich keine sind. Die Schäftenstiefel der jungen Knaben sind gut eingefettet ... hinauf auf den Berg! Von Bramberg aus geht das Auge über die große Ebene hin. Die Gemarkung Lohe liegt auf einem großen, nach Norden vorstoßenden Vorgebirge. Lohfelderkamp sieht man nicht; wer ein gutes Auge hat, mag aber das aufstrebende Schleusenjoch unterscheiden. Erst wenn der Blick mehr auf die Nähe eingestellt ist, gewahrt man das zwischen Heide und Wiesen verlaufende Vorland mit seinen Hecken und Äckern und Wäldern. Rechts vom Gehölz steigen Schornsteine auf, Dächer ragen empor, das ist der Bauernhof ›Reiherwisch‹. Und das, was dahinter aufblänkert, ist der dazu gehörige Teich. Früher hat eine Wassermühle zu Reiherwisch gehört, die ist jetzt außer Betrieb. Sie war im Grund, ist auch wohl noch da, aber zu tief gelegen, um von hier aus gesehen zu werden. * Reiherwisch gehörte lange zu der Sorte halbherrschaftlicher Besitzungen, womit die ehrenwerte Gesellschaft der Gütermakler Fangball spielte, sie kaum aus den Händen lassend. Und immer und immer wieder fiel ein wohlhabend und doch nicht geschäftsklug gewordener Städter auf die Anpreisungen hinein, zu teuer kaufend und vor allen Dingen glaubend, die Landwirtschaft, deren Betrieb gute technische Kenntnis und viel persönliche Entsagung erfordert, spielend, ohne Sachkunde, als gemächlicher Lebemann betreiben zu können. »Sorgenloser Genuß eines freien Lebensabends nach schwerer Tagesarbeit« – nannte es ein großer kahlköpfiger Makler gegenüber solchen Leuten, die nicht alle werden. Wie mancher war wie ein Adler durch die Lüfte gekommen und nach nicht langer Frist mit gebrochenen Schwingen davongehupft! Nun war ein Arnold Springe Eigner von Reiherwisch, auch im rauschenden Federkleide nach Reiherwisch geflogen, noch immer glaubend, ein Adler zu sein. Und die Bauern der Umgegend waren auch zweifelhaft, ob er vielleicht doch nicht einer sei. »Ist Reiherwisch zu halten«, sagten sie, »Springe wird es fertig bringen. Das meiste hat er auszahlen können, und er hat nur ein Kind. Vom ›Bauern‹ versteht er freilich nicht viel, aber er kümmert sich doch und fragt Nachbarn und will doch. Bei Gastereien freilich, da schlägt er hintenaus und wird wild, dann kann es kommen, daß er am Spieltische hohe Einsätze macht. Und wenn ihn etwas zu Fall bringen wird, dann ist es das. Aber noch gehts, für gewöhnlich kann er für einen haushälterischen Mann passieren.« Arnold Springe war noch kein alter Mann, eben fünfzig. Aber allgemach stieg doch die purpurne Abendröte des Feiertags herauf. Als mittelloser Bäckergeselle hatte er die Tochter seines Meisters geheiratet, hatte das Geschäft gut geführt, war zu Vermögen gekommen, hatte sich gut mit seiner Frau vertragen und hätte es noch besser getan, wenn er nicht eine Schwäche für das Spiel gehabt hätte. Nun hat das Spiellaster etwas Ansteckendes, wie eine Krankheit geht es im Lande hin und her. Als Springe seine Frau verlor, hatte der Bazillus sich in den Handwerkerkreisen der Stadt festgesetzt. Seine getreue Frau hat ihn auf dem Totenbett gebeten, der Versuchung aus dem Wege zu gehen, das Geschäft aufzugeben und aufs Land zu ziehen. So ist Arnold Springe nach Reiherwisch gekommen. Seine Frau hat er zwar aufrichtig betrauert, aber ein lebenslustiger Mann ist er noch immer. Und als solcher ist er in rauschendem Federkleid nach Reiherwisch geflogen. * Arnold Springe war Herr von Reiherwisch, und die Konfirmanden standen auf dem Bramberg und sahen hinunter und hinüber nach dem Hof. »Junge, ja«, sagte Hannes Schulz, er war aus Westerhörn und sein Vater Schütter, will sagen Flurhüter. Er spuckte in den Sandhafer und wiederholte: »Junge, ja, wenn ich dem sein Geld hätte!« Es entspann sich ein Gespräch, was man dann anfangen wolle. Es waren törichte Pläne; der eine wollte nichts tun, als im Kahn auf dem Wasser fahren, der andere wollte sein Lebelang fischen und der dritte Tag für Tag auf Jagd gehen. Verständiger war jedenfalls, was Krischan Hell, ein Bauemsohn aus Westerhorn, sagte. Er wollte die Wassermühle wieder laufen lassen. Noch vernünftiger schien der Hökersohn Wille, er meinte, dabei komme nichts heraus, Reiherwisch sei zu abgelegen. Auf den Kram passen und auf die Landwirtschaft, das sei die Hauptsache. Daniel wurde auch gefragt, er erklärte, das sei eine Sache, die reiflich überlegt sein wolle. Sie hatten sich satt gesehen und stiegen vom Bramberg wieder zur Straße hinab. »Wißt ihr was?« fing Wille wieder an: »Springe seine Tochter kommt auch nach dem Priester. Ich glaube, die ist viel älter als die Deerns sonst.« »Wieso?« fragte Daniel. »Ja, man sagt, ihr Vater hat sie erst gar nicht konfirmieren lassen wollen.«. Es wurden Fragen laut, ob das angehe und ob das erlaubt sei, aber in demselben Augenblick hörten die Knaben hinter sich Pferdeprusten und Stoßen von Wagenrädern im weichen Geleise. Sie sahen sich um – »da kommt ihr Wagen«, sagte Hannes Schulz, und das hatte seine Richtigkeit. Ein Fuhrwerk überholte sie und fuhr rasch vorüber, ein gelber Federwagen mit zwei Stühlen. Flinke, braune Pferde in gehobener Stimmung, nicht umsonst trugen sie Silbergeschirr und breite Scheuklappen. Im Vorderstuhl eine Mannsperson und im Hinterstuhl zwei Frauengestalten mit wehenden Schleiern. Ein junges Ding, mehr Mädchen- als Kinderangesicht, ließ ein paar neugierige Augen über die Knaben hingehen und sah namentlich den langen Daniel ein wenig verwundert an. Und Daniel gab den Blick zurück, nicht länger als eine Sekunde. Es waren große kastanienbraune Augen, er hatte eine merkwürdige Freude an diesen Augen und zugleich ein merkwürdiges Weh. Daniel Dark war freilich mehr Jüngling als Knabe, für das Mädchenvolk hatte er sich aber bisher nur als Beobachter ihrer Eigentümlichkeiten interessiert. Knaben prügelten sich, wenn sie nicht spielten, und selbst beim Spielen war oft nicht zu unterscheiden, ob sie sich prügelten oder aus Spaß raufen. Mädchen waren mehr für Liebe und Freundschaft. Wo zwei zusammengingen, hakten sie sich ein und gingen Arm in Arm. Und wenn ihnen eine dritte begegnete, wurden aus den Zwillingen Drillinge. Und im Schulweg verlängerte sich und vergrößerte sich die Kette immer mehr. Jede kleine Deern wollte teilhaben an der Elektrizität der Liebe und Freundschaft, die durch solche Mädchenkörper strömt. Zum ersten mal hatte er bei einem jungen Mädchen anderes, ganz anderes gedacht. Der Herr im Borderstuhl saß da, behäbig, Hut mit breitem Rand, weißgelber sogenannter Rattensteert als Peitsche. Vom Frauenstuhl die jungen Augen und ein heller Schleier. Trübes, aber ruhiges Wetter, der Schleierzipfel in drehender, bohrender Bewegung nachflatternd. Daniel Dark deuchte, es sei eine weiße, weiche, winkende, ihm winkende Hand. Der Mann im breiten Hut hatte nach der Knabenschar hingeschaut, sie freundlich angelacht, wobei weiße Zahne aus seinem brauen Vollbart geleuchtet hatten. Und hübsch und schlank und freundlich hatte die Junge da gesessen, ein feines Lächeln um den Mund. Das Lächeln erinnerte Daniel Dark an die Hökerfrau Grete Wille, mit der sie doch sonst gar keine Ähnlichkeit hatte. Grete Wille konnte auch so fein vergnügt auf die Kinder sehen, die sich an ihre Hökerbank drängten. »Ein paar Schillinge,« sagte das Lächeln, »sind in eurer Tasche, nicht lange, und sie werden in meiner Ladenkasse sein.« – »Deine noch dunkle Liebe«, sagte Helene Springes Lächeln, »wird, wenn ich will, zur hellen Liebesflamme werden, mir gehören. Und ich ...« Was sie selbst tun werde, das behielt das Lächeln, indem, es den Faden abriß, für sich. 2 Wenn der Darksche Wagen von Lohfelderkamp nach dem Kirchdorf fuhr, kehrte er im Gasthof zum Schwan bei Kirchner ein, der neben einer größeren Bauernstelle eine viel besuchte Ausspannwirtschaft mit Tanzsaal hatte. Daniel war von der Mutter dahin mit Anweisung auf Milch und Butterbrot verwiesen, er ging aber nicht hin, weil ihm der Haussohn Julius Kirchner nicht recht war. Der glaubte als Kirchdorfseingesessener turmhoch über einem Bauernjungen vom platten Lande zu stehen und hatte sich ein Benehmen angewöhnt, das Daniel empörte. Der junge Mensch war nicht viel älter als er, gab auch in seiner Erscheinung nichts her, war dünn und lang wie Daniel, dabei ducknackig und voller Sommersprossen, selbst an den Händen, und beleidigend blond, um nicht zu sagen: rot. Daniel brauchte nur an Julius Kirchners schmieriges Lächeln, an seine kalten, blauen Wasseraugen zu denken, ... dann hatte er genug. Er ging nicht hin, suchte vielmehr den Konfirmandensaal, sobald der aufgeschlossen war, auf. Lohe war das äußerste Dorf im sogenannten Osterkrug des Kirchspiels, deshalb rückte es als erstes unmittelbar vor das Pult. Daniel Dark hatte den ersten Platz in der Schule; so warf ihn das Geschick auf den obersten Platz. Reiherwisch gehörte politisch auch zu Lohe. Helene, oder, wie sie allgemein genannt wurde, Lene Springe hatte die Gemeindeschule nicht besucht, war vielmehr zu Hause unterrichtet worden. Wohin mit ihr? Pastor Rabe hieb alle Zweifel durch und setzte sie als Erste auf die Mädchenseite. So trennte nichts als der Saalsteig Daniel Dark und Lene Springe. Lene Springe war die Erste auf der Mädchenseite, das war gewissermaßen außer der Ordnung, sie war es aber auch ihrer Erscheinung nach. So regte sich kaum der Neid, wurde jedenfalls nicht laut. Denn gegenüber der zwar frischen, aber etwas schwerfälligen Bäuerlichkeit ihrer Konfirmandenschwestern war sie in ihrer städtischen Kleidung, zumal aber in der aufknospenden Weiblichkeit ihres Wesens wie von höherer Ordnung durch den Saal geschritten. Und ein Säuseln bei jedem Schritt um sie her. Was sie an hatte, drückte sie nicht, es hob sie sogar. Und ihre Miene so frei, als sei sie schon viele mal ›zum Priester‹ gegangen, sieghaft und dabei voller Güte. Daniel las darin, die Eignerin sei entschlossen, niemals außer acht zu lassen, daß alle Menschen aus des großen Gottes Liebeshand hervorgegangen seien. Und als sie zu ihm herschritt, dachte er an seinen See Genezareth. Die durfte ihren Fuß dreist auf die Wellen setzen, die wird immer mit trockenem Rocksaum das Ufer erreichen. Bisher hatte der Kirchendiener das Regiment gehabt, wenn auch im Auftrage und in Vertretung seines Herrn. Nun kam dieser, nun kam Pastor Rabe selbst, ein hochgewachsener Mann mit seinem gütigem Gesicht. Er war noch nicht alt, hatte nicht einmal so viele Jahre, wie sein Antlitz ihm zuschrieb. Überstandene Kämpfe, niedergerungene Zweifel hatten sein Angesicht gefurcht. Aber über alle Kampfe und Zweifel und Furchen goß das große Mitleid mit dem Menschengeschlecht die nie verlöschende Liebe und Verklärung. Zuerst brachte er seine Konfirmandenbücher und Listen in Ordnung, rief die Namen auf und stellte fest, wer anwesend war. Bei der Gelegenheit wurde kund, daß die von Reiherwisch nicht nur Helene hieß, sondern noch einen Kometenschweif anderer schillernder Namen, die wie Ottilie und Juliane klangen, hinter sich Herzog. Als Daniel sein »hier!« rief und aufstand, blickte der Pastor auf, lächelte und nickte dem langen Jungen zu. Er mußte sich seiner wohl erinnern. Und dann begann der Unterricht. Daniel wurde mehr gefragt als andere und nicht vergebens, denn Bibel und Katechismus waren ihm ergebene Diener. Er wollte sich auch zeigen, wollte sich hervortun, beweisen, daß er den ihm angewiesenen Platz verdiene, vor allen Dingen aber, weil sie da war und sich wundem sollte, wie er des Geistes so voll sei. Und das ihm in den Dingen der Welt öfters fehlende, im Schulwissen ihn aber beseelende Selbstvertrauen stieg in ihm auf und schlug die Kruste durch, die sonst Sinn und Worte bei ihm trennte. Wenn er so dastand, lang und blond, ein wenig nach vorne hinüber geneigt, mit scharfer Nase und spitzem Kinn im mageren Gesicht, der Hinterkopf stark entwickelt, dann schien er der eingefleischte knabenhafte Wissensdünkel, der er auch wohl wirklich war. Aber dieser Dünkel machte ihn auf eine Art zu einem beredten Mann. Er erreichte, was er wollte. Die Mitschüler wurden auf ihn aufmerksam, die Kinder sahen nach ihm, auch die Hoftochter von Reiherwisch. Daß Lene Springe auch für Wissenschaften schwärme, was er in seiner unschuldig protzigen Weltauffassung als selbstverständlich angenommen hatte, ergab der Unterricht nicht, eher das Gegenteil. Was an sie kam, ließ sogar auf einen solchen Abgrund von Unwissenheit schließen, daß Daniel erschrak. Und nicht allein das. Als sie ihm einmal ihre immer freundlichen und immer lachenden Augen gönnte, las er darin die Worte: »Jung, Daniel, was bist du dumm, daß du so klug bist! Es steht dir schlecht und sieht so wichtig aus.« Wenn der Pastor sie fragte, dann sah sie ihn freundlich an und blieb die Antwort schuldig. Was ging sie der Apostel Paulus an und der Begriff der Gnade? »Frag Daniel Dark, dem quillt ja das Wissen aus Augen und Mund, der brennt ja darauf, es zu sagen.« So stand es in ihrem lieben Gesicht. Aber ausgemacht wurde schon am ersten Tag, Daniel Dark war der Klügste im Saal. Ein paar Wochen liefen hin, schließlich besuchte Daniel auch auf Mutters strikten Befehl die Wirtschaft »Zum Schwan«. Julius preßte ein paar blutlose Lippen zum Schmunzeln, rieb ein paar bleiche Hände und sagte in seiner überhebenden Weise: »Lene Springe hat mir gesagt, du seiest ein so kluger Junge.« Es war vielleicht gar nicht so bös gemeint, aber Daniel ärgerte sich, daß Lene mit dem Menschen sprach, mit ihm so gut Bescheid wußte. Er antwortete nicht viel. »So, so, hat sie das gesagt.« Und ... Julius Kirchner? – Das Händereiben allein konnte Daniel aufbringen, so lappig weiß und weich waren sie – »Wo hast die Klugheit her?« fragte Julius. Und dann bedeckte auch das verruchte Schmunzeln das Angesicht des Fragers. »Wo hast das her? Viel Senf gegessen? Von Senf wird man klug.« Julius war witzig geworden, der eine Witz genügte ihm aber nicht, er setzte deshalb hinzu: »Oder kommt es von Torf? Torf gibts ja wohl genug auf Lohfelderkamp.« Daniel ergrimmte, fand aber kein Wort der Abwehr. War nicht von geistigen Dingen die Rede, dann war die Schicht zu dick und zu stark. Er kaute sein Brot in Zorn, trank seine Milch und ging hinaus. Aber daran konnte niemand rütteln, er war der Klügste im Saal, und der Pastor sang sein Lob. Das gab seinem Wesen etwas Geschwollenes. So ging er eines Tages wieder ein bißchen aufgequollen aus der Tür des Konfirmandensaales. Da hörte er Mädchenkichern hinter sich. Er sah sich um, es war eine ganze Gruppe, und Lene Springe mitten drin. Und eine Stimme lachte und sagte (noch an demselben Abend bat er den Himmel, es möchte nicht Lene Springe gewesen sein) etwas, das unheimlich genau übereinstimmte mit dem, was er auf ihrem Angesicht gelesen hatte: »Jung, Daniel, wat büst du dumm, dat du so klok büst!« Und dann löste sich der Knäuel, die Mädchen stoben davon, Lene voran. Eine Locke hatte sich gelöst, das braune Haar flog um Schläfe und Scheitel. Und sie flog mit ihrem Haar nach Kirchners Wirtschaft hin. Da stand blond und sommersprossig der lange Julius in der Haustür, mit steifem Nacken unter dem graugestrichenen Schild, worauf ein sich hölzern ausnehmender, weißer Vogel gemalt war und darunter mit großen Buchstaben: »Zum wilden Schwan«. Daniel Dark war ein paar Tage traurig und zornig, tröstete sich aber allmählich. Es schien ihm immer noch besser zu sein, daß sie ihn neckte, als daß sie sich gar nicht um ihn kümmerte. Und was ihm begegnete, als die Konfirmanden zum ersten mal in den Kirchensteig kamen, das heißt nach der Sonntagspredigt vor versammelter Gemeinde Zeugnis von der Reife ihrer Gotteserkenntnis abzulegen hatten, hielt er für ein günstiges Zeichen. Die Knaben standen an der einen, die Mädchen an der anderen Seite des Steiges, sein Gegenüber war Lene Springe von Reiherwisch. Und ernst und freundlich sah sie ihn an und flüsterte ihm zu: »Es war nur Spaß.« * Zweimal in der Woche gingen die Kinder ›zum Priester‹ und meistens mußten sich die Knaben an den Weggraben drücken, weil der Wagen von Reiherwisch vorüberfuhr und die Wegspritzer umherflogen. Meistens hielt Springe selbst die Zügel. Seine Blicke und seine Peitsche ließ er über die Schar hingehen, und immer hatte er ein freundliches Auge (es war das braune der Lene), und wenn er mal Schritt fuhr, auch ein freundliches Wort. Und vom hintern Stuhl wehte für und für ein Zipfel von Lenes Schleier. Den Hut und die vollen Haare sollte er bändigen und war selbst ungebändigt. Er drehte sich und flog. Daniel sah nichts als Glanz und Farben. Und wenn dir Wagen vorüber, war es kein Schleier mehr, dann war es immer ihre winkende, weiche, weiße Hand. Daniel erkannte, daß der Liebe Leid bei ihm unheilbar war. Und eine Stimme sagte ihm: ›Vielleicht wirst du an ihr zugrunde gehen. Wird sie einen Priester heiraten wollen und warten wollen bis du einer bist? Oder ...?‹ Er wagte den Gedanken des Verzichts auf das, was ihm seine Lebensaufgabe deuchte, nicht auszudenken. 3 Auf Lohfelderkamp hatte man nicht viel ›Sinn für Feierlichkeit‹. Der Konfirmationstag unterschied sich daheim von anderen Sonntagen kaum. Der Mittag wurde später angesetzt, ein paar Freunde waren dazu gebeten, und wenn Daniel als ›Knecht‹ (das ist der Ehrentitel der in die Zunft der Erwachsenen Aufgenommenen) nach Hause gekommen war, gab es Hühnersuppe mit Weizenklößen und Reis – das war alles. Mutter Grete wäre sonst natürlich mit dem eigenen Gespann zur Kirche gefahren, das ging nicht, sie hatte Reißen. Und Johann Butenop hatte weder Lust noch Verständnis für Anstand und Verwandtenpflicht. So ging Daniel, wie immer allein, zu Fuß, äußerlich unterschied sich der Tag für ihn von anderen Priestertagen nur dadurch, daß er einen neuen, schwarzen, eigengemachten Anzug und einen Regenschirm bekommen hatte. Aber nein! Etwas Besonderes war doch dabei. Eine Viertelstunde Wegs vom Kirchdorf wohnte Frau Darks Schwester – Trina Mersch wird in der Kirche sein und die Familie auch sonst vertreten. Daniel und die in Lohe sprachen noch das alte plattdeutsche ›Mersch‹ und ›Ohm‹, die vom Kirchdorf waren feiner, die kannten nur noch ›Tante‹ und ›Onkel‹. Daniel kam also zu Fuß. Lene Springe dagegen in der Kutsche von Reiherwisch, schwarze Pferde mit blinkendem Silbergeschirr und Stangengebiß davor. Als die Hoftochter von Reiherwisch den Kirchensteig heraufrauschte, sah Daniel im Geiste sich selbst in grober, häßlicher Knechtsgestalt. Ein paar Augenblicke war er auf seinen Anzug stolz gewesen, aber der Stolz schmolz dahin. Mit der Wollust eines Marterzeugen malte er sich aus, wie grob und plump seine Glieder, wie hart und bäuerisch sein Gesicht, wie struppig sein Haar und wie steif seine junge Figur unter der Last der Karre, die er Tag für Tag nach der Schulzeit schob, geworden sei; in der Stimmung eines Büßers hob er ihre Gestalt, ihr Wesen, ihre Schönheit zu den Engeln empor. Sie war in schwarzer Seide, Krausen um Hals und Kinn, goldene Brosche, Rose im Haar. Rosen um diese Zeit – wo kam die Rose her? Er dachte nicht, er wußte nicht, er hörte nur Rauschen und Knistern, wenn sie die feinen Glieder bewegte, wie es Wellen schlug, Wellen von Glück und Glanz und Farbe und Musik um sie her. Und über allem Glück und Glanz das liebe, das demütige, das freundliche Gesicht. Gesang und Gebet leiteten die Feier ein, die Orgel tat ihr Bestes und wob ein feines Gespinst der Andacht und Feierlichkeit und Erhebung durch den Raum. Eine einleitende Rede und noch einmal die Feststellung der Hauptglaubensartikel unserer Kirche durch Fragen des Geistlichen und Antworten der Kinder. Pastor Rabe reichte eine Frage herum, es versagte überall. »Dann muß ich wohl Daniel Dark darum angehen«, sagte er. »Daniel, warum ist in dem Gebot, Gott zu lieben, alles andere enthalten?« Und wie immer bei solchen Dingen, durchbrach bei Daniel Dark der Funke die Isolierschicht und zeitigte eine Antwort, die den Kirchenherrn befriedigte. Da verwunderte man sich im Mannsstand und erstaunte im Frauensstand über so viel Weisheit, und es raunte die Bänke hinauf und hinunter: »Dat is Grete Schotten und Andreas Dark ehrn Soehn von Lohfelderkamp. De will Paster warrn.« Und die ihm gegenüber im Steig Sitzende lächelte den klugen Jungen freundlich an, freilich ein bißchen Spott lag auch jetzt drin. Wahrscheinlich hielt sie von der Weisheit des vornehmsten Gebots ebensowenig wie früher von dem Apostel Paulus und seiner Gnade. Zum Schluß kam das nach örtlichem Gebrauch kniend abzulegende Bekenntnis. Daniel fiel auf die Matte wie ein Sünder auf die Bußbank, seiner Demut des Augenblicks entsprach nichts mehr als der Fußfall vor Gott dem Herrn. Ihm gegenüber an der Mädchenseite knisterte es eine Weile im Seidenwald. Dort nestelte man am Kleid, daß es in die richtigen Falten komme und nicht leide. ›Wie mag man nur an solche Nichtigkeiten denken!‹ schoß es bei Daniel auf. Lene aber wollte ihr Kleid schonen, sie hatte das Geschäft des Kniens zu Hause ausprobiert, da ging es ganz gut. Nun lag sie in all ihrer Bescheidenheit und Demut, mit braunem, rosengeschmücktem Haar, im schwarzen Schmuck der Seide und im strahlenden Schmuck der Jugend und Schönheit auf der Strohmatte vor Gott dem Herrn im Steig. Und beugte das Haupt. Daniel tat es auch, tat es zu tief und stieß in dem engen Steig an ihren braunen Kopf, daß es knackte. Daniel Dark schämte sich tief und freute sich doch, und wie ein Feuerstrom ging es durch ihn hin. Oben an der Decke der Kirche war ein Dreieck gemalt und in der Mitte des Dreiecks ein Auge. Das war, hatte der Pastor erklärt, das Auge des dreieinigen, alles sehenden, alles wissenden Gottes. Und es gab keinen Platz in der Kirche, wohin nicht Gottes Auge sah, die Gedanken der Kirchenbesucher zu prüfen. »Wer unwürdig zu Tisch geht«, heißt es vom heiligen Abendmahl, »statt Segen den Tod empfäht«. Wer mit unkirchlichen, weltlichen Gedanken, mit Gedanken irdischer Leidenschaft und Begierden unter dem Kirchendach weilt, der wird einen dicken Strich in seinem Schuldbuch finden, wo er Rechnungen hätte ausgleichen sollen. Gott sieht es, vor diesem Auge ist nichts verborgen. Und was sein Auge sieht, wird eingetragen werden, das Gute und Gerechte in das Buch des Lebens, das Irdische und Frevelhafte in das Buch des Gerichts und der Verdammnis. Was kann unheiliger und frevelhafter sein, als angesichts seines Auges, das apostolische Bekenntnis auf den Lippen, doch im Herzen arge Gedanken irdischer Liebe? Und er – Daniel Dark? Er, der zukünftige Pastor, fühlte es nicht einmal als Schuld und Fehl, so groß war seine Sehnsucht, so groß seine Liebe. Er konnte nicht anders, es war sein Wesen, und sein Wesen war ganz Wille, und Liebe war es und nichts als Liebe, Liebe zu ihr, die vor ihm im Kirchensteig kniete, die er mit dem Kopf gestoßen hatte. Und in demselben Augenblick, wo er sich zu Gott dem Herrn und seinem Sohn, dem Heiland, bekannte aus voller Seele und mit ganzem Gemüte, in der Aufrichtigkeit eines starken und naiven und jugendlichen Glaubens, da dachte er zugleich an die Lust und an die Last seiner großen Liebe, dachte aber immer wieder dabei, daß er und Lene Springe im Kirchensteig mit den Köpfen zusammengestoßen waren. 4 Trina Mersch aus Popenau war Zeuge von Daniels Siegen. Nach Lohfelderkamp konnte sie nicht mit, aber ohne Glückwunsch und ohne Bewirtung ließ sie den Schwestersohn nicht ziehen. Färber Thießen hatte für Markt- und Konfirmationstage Gerechtigkeit, bei Peter Thießen bekam Daniel Kaffee und Kuchen. Dann ging er. Er ging gerade am Schwan vorbei, als man die Kutsche von Reiherwisch aus dem Schauer schob. Springes waren also noch da, rüsteten aber zur Abreise. Daniel ging hart unter den Fenstern des Herrenzimmers hin, Stimmen und Gläserklingen schallten hell heraus. Man mußte dort innerlich oder im Ofen gut gefeuert haben, die oberen nach außen schlagenden Luftfenster waren offen. Gläserklang und Stimmengewirr, hohe Frauenstimmen, durchschnittlich drei zu gleicher Zeit, wie man zu hören pflegt, wenn man Abschied nehmen will, der wirkliche Abschied aber noch fern ist – Ausschüttung der Schätze freundschaftlicher Gesinnung, Schlüsselrasseln zum Aufschließen der Herzenskammern, wo der schwellende Gemütsreichtum aufgehäuft ist. Das kramt man nicht in ein paar Minuten aus, duldet aber kein Abwarten, ob der Zufall einem das Wort gibt, das muß man sich nehmen. Daniel hätte gern einen Augenblick stillgestanden, zu merken, ob er Lenes Stimme heraushören könne, aber er wagte es nicht. Und schließlich wagte er es doch. Es fing an zu regnen, der alte Lindenbaum zu Seiten des Hauses war noch kahl und blätterlos, der gab keinen Schutz, und der neue Regenschirm schien ihm geradezu schade. Da stellte er sich unter den Giebelaufsatz des Hauses. So durfte er in einer Art Notstand tun, was er ohne ihn für unerlaubt gehalten hätte. Lene Springes Stimme hätte er erkannt, deren Schwingungen gingen ihm zu tief. Überdies war aus der dünnen Kinderstimme bereits ein volles, rollendes und doch weiches Mädchenorgan geworden. Noch immer sprachen drei Frauenstimmen zu gleicher Zeit, Lene war nicht darunter. Zwei ältere, wohl die Schleiereulen, die Daniel in der Kutsche gesehen. Es sollten eine Schwester und eine Schwägerin von Springe sein, ein paar alte Jungfern. Eine dritte, die Wirtsfrau Kirchner, erkannte Daniel, sie überkreischte die dünnen: ›... und Springes sollten mal wiederkommen, und nicht als Wirtsgäste, sondern als Familiengäste.‹ Und mitten hinein die dünnen: ›... und Kirchners sollten auch kommen.‹ – Unglaublich, die vielen Abwandlungen der Einladungen und Liebesbeteuerungen! ... und Lene sei ja groß, könne bald einer Wirtschaft vorstehen ... »Was meinst du, Julius, sollte sie nicht?« An diesem Punkte hätten Julius und Lene einsetzen können aber aus dem allgemeinen Gerede und Lachen und Gläserklirren, das sich jetzt erhob, war nichts zu erkennen. Und doch floß es dem Hörer kalt und heiß durch die Glieder. Er hatte das Gefühl, als ob drei Schicksalsnornen am Werke seien, seine Lene und den sommersprossigen Julius zusammenzuspinnen. Nun schlugen Männerstimmen durch. Springe und Kirchner griffen, wie es schien, auf einen alten Handel zurück: »Hundert Mark mehr, dann hast dus«, rief Springe. »Das wolltest wohl«, erwiderte der alte Kirchner. »Aber so schnell schießen die Preußen nicht.« Und wieder Gelächter und Gläserklingen. »Arnold«, rief eine von den dünnen Stimmen, »das ist das vierte Glas, trink nicht so viel von dem heißen Wein!« »Nä, min leeve Wische«, entgegnete Springe. »Ümmers duhn un smöken, seggt Harm Sodt, awer blot in Köst un Kinnelbeer.« Er lachte. »Julius«, fuhr dieselbe Frauenstimme fort, »nun müssen wir aber fahren. Glock zwei haben wir Mittag angesetzt. Und das Letzte müssen wir selbst zurichten. Sag den Knechten, Julius, nicht?« Der Regen hatte aufgehört, Daniel Dark nahm seinen Schirm und machte sich auf den Weg, mit des Schicksals Ungunst belastet. ›Der Wagen wird mich gleich überholen‹, dachte er, aber es dauerte eine ganze Weile, bevor er das Geräusch hörte, wie die Kutsche durch das Geleise stieß. Er beschloß, sich nicht umzusehen; als aber die Pferde dicht hinter ihm schnaubten und prusteten, tat er es doch. Aufblicken wollte er aber keinesfalls. Er dachte an seinen neuen Anzug und an die Wagenspritzer und drückte sich so weit zur Seite, wie er vermochte. Sie sollten vorbeifahren, er wollte nicht aufblicken, und wenn sein Herz darüber brach. Aber er wartete den Bruch nicht ab, er sah auf. Arnold Springe wollte es, Arnold Springe rollte ein Brr! Brr! hin und die Pferde standen neben Daniel Dark. Eine nagelneue Halbchaise. Und nicht die runden, braunen Pferde, sondern schwarze. Und die schwarzen Rosse sprühten und dampften vor Ungeduld, stampften den weichen Weg und warfen Schaumflocken vom Stangengebiß. Und der, der im Vorderstuhl saß und die Leine hielt, der frühere Bäckergeselle Arnold Springe, sah rot und feurig aus, und Portwein lachte und strahlte in seiner Miene. Als er Daniel Dark gesehen, hatte er sich der Antworten erinnert, die der Junge gegeben, und da war ihm durch den Kopf gegangen: ›Das ist ein Klüftiger. Sollte das nicht einer für dich sein? Solltest du dir den nicht zurichten können?‹ Die Schreiberei und das Buchführen war ihm schon langst zuwider. ›Er kann‹, dachte Anton Springe, ›als Kleinknecht eintreten und langsam zum Schreiberdienst aufrücken. Und wenn er sich gut macht, wird auch wohl Rat zum Besuch einer Bauernschule. Und dann ist er im Zug zur Verwalterlaufbahn.‹ »Sieh, Lene!«, rief er. Lene saß im Hinterstuhl zwischen den Tanten, der Hinter- und Herrenstuhl nach alter solider Art breit und weit ausgebaut, drei nicht zu starke Frauen fanden darin gut Platz. Die Junge war nicht breit und die beiden Alten mager, in den Jahren, wo Frauen sich meistens den Verzicht auf einen Eheherrn abgerungen haben, wo sie entweder dick oder dünn werden – sie hatten das letztere Teil erwählt. Beide waren krähenschwarz, in dunklen, ehrenfesten Mänteln. Die eine Springes eigene Schwester, die andere Schwester seiner verstorbenen Frau, beide strengen Blicks und strengen Aussehens, ähnlich wie richtige Schwestern. Das mochte daher kommen, daß beide strenge und ähnliche, wenn auch entgegengesetzte Ziele verfolgten. Beide hielten sich auf Reiherwisch auf, die Schwägerin, um Arnold Springe doch noch zu heiraten, die Schwester, solches, es möge kosten was es wolle, zu verhindern. »Sieh, Lene!« rief der Reiherwischer. »Ist das nicht dein kluger Nachbar?« Wagen und Pferde hielten an Daniels Seite. »Ja, Vater, Daniel Dark von Lohfelderkamp.« Da saß sie. Wenn er sie sah, kam er immer wieder auf das eine Bild, auf den einen Vergleich zurück. Er wußte keinen anderen und keinen besseren. Eine Blume war sie, eine Rose, und unter allen Umständen ein Engel. Der Vorderstuhl war schmal, nur für den Kutscher und höchstens für noch eine Person gebaut, diese durfte sich aber nicht zu wichtig geben. Dort saß, Peitsche und Leitseil in den Händen, als Fahrer der gutgelaunte Besitzer von Reiherwisch in runder Behaglichkeit und wohl eingeschnürt in Mantel und Decke. »Ja, Vater, das ist Daniel Dark«, hatte Lene gesagt. »Sieh, sieh, ganz von Lohfelderkamp. Und so allein hinterher?« Daniel antwortete nicht, er glaubte Ursache zu haben, sich in Grund und Boden zu schämen, ohne etwas dafür zu können. ›Das ist nun mal so‹, dachte er, ›ich komme immer hinterher.‹ »Das ist nicht gut, mein Jung«, fuhr Springe fort, wollte den Kopf schütteln und schüttelte in seiner guten Laune den ganzen wohlbestellten Leib. »Steig man mit auf, von Reiherwisch kannst den Fußsteig über die Schleuse nehmen.« »Aber Arnold!« rief eine Schwarze. »Aber Arnold!« die andere. »Wo soll er denn sitzen? Vorn bei euch kann er doch nicht.« Bisher hatte Daniel vor lauter Befangenheit das, was ihn am meisten interessieren mußte, übersehen, nämlich daß Julius Kirchner, der lange, sommersprossige Julius, neben Springe saß. Aber wie er ihn sah, verwunderte er sich nicht, war Julius doch sozusagen in seinem Beisein eingeladen worden, an der Familientafel in Reiherwisch teilzunehmen. Julius Kirchner saß da, sah mit beleidigendem, fettem Lächeln auf Daniel herab, sagte aber kein Wort. »Bei euch kann er doch nicht!« hatten die Schwarzen gesagt. Da hatten die Tanten recht, das ging nicht, der Kutscherstuhl war voll, Julius Kirchner saß, so dünn er war, schon gequetscht. Springe bestätigte auch, das gehe nicht. »Ich muß die Hände frei zum Fahren haben. Auf unserem Schoß kann er nicht sitzen. Ihr, alte Schwestern, müßt ihn nehmen.« »Aber Arnold!« schrien sie zu gleicher Zeit. »Geht nicht anders.« Der Bäckergeselle auf dem Bock lachte mit offenem Mund. »Daß du immer so wilden Spaß machst, David geht ja gern zu Fuß.« »Daniel heißt er«, berichtigte Lene. »Ja, ich geh gern.« Das war das erste Wort, was der Gegenstand des Sturmes sprach. »Nein, Dark«, entschied Arnold Springe, »du mußt mit, ich hab mit dir zu reden.« »Aber Arnold, nimm doch Vernunft an, wo soll er denn sitzen?« »Das will ich euch sagen. Du, Tante Wische, nimmst ihn aufn Schoß.« Springe schüttelte sich und belachte seinen Spaß. »Bist wohl nicht recht gescheut! Da antworte ich nicht drauf.« »Das geht also nicht. Ich versprach mich, Wische. Ich meine, Daniel Dark nimmt dich auf den Schoß.« Die Frauen erschöpften sich in Ausrufen des Unwillens, der Schwager und Bruder lachte wieder, wilder noch als zuvor, dann dämpfte er seine Heiterkeit und fuhr fort: »Das geht also nicht. Nun, dann setzt er sich zwischen euch, und die Deern nimmt er aufn Schoß.« Da lachte Lene hell auf: »Papa, Papa, was du alles angibst!« »Möchtest das nicht, Lene?« fragte der Vater. Lene lachte weiter, aber es klang nicht wie nein. »Im Kirchensteig sind wir mit den Köpfen zusammengestoßen«, erwiderte sie. »Nu, also!« entgegnete der Bäckergeselle. Und Lene entschied: »Warum soll ich nicht auf seinem Schoß sitzen? Da ist doch nichts bei.« »Aber Lene!« krähten die Raben. »Ach was!« Springe sprach das Schlußwort. »Anders gehts nicht. Seid ihr mit den Köpfen zusammengestoßen, dann gehts auch auf dem Schoß.« Zu Daniel: »Nu man schnell, man rauf, hopla! Eins, zwei, drei!« Daniel wußte nicht, wie ihm war. Das Kommando wirkte auf ihn wie Zwang und Suggestion. Er dachte, es geht ja nicht, die Alten haben recht, und doch öffnete er das Spritzleder, kletterte hinauf, und Lene machte ihm Platz. Tante zur rechten Hand schrie »Au!«. Er hatte sie auf den Fuß getreten. Dann saß er zwischen zwei Frauen auf dem von seinem Mädchen warm gesessenen Platz. Die Tanten protestierten nicht mehr und sagten nichts mehr, aber ihr kraus gezogener Mund, ihre scharf aufgehobenen Nasen drückten aus, daß das ein Vorgang sei, wofür ihnen der Ausdruck fehle. Arnold Springe ließ den Pferden die Zügel, die Schwarzen stoben davon. Lene war stehengeblieben, sie hielt sich am Kutscherstuhl fest. Aber das Gleise des Sandweges war uneben, es kam auch wohl ein Stein vor das Rad, da sagte sie: »Ich fall noch um, Daniel, wenn du mich nicht hältst.« Er griff nach ihrem Arm. Lieber hätte er nach der Taille gegriffen, aber das getraute er sich nicht. »Du kneifst mich, und die Seide verträgt das nicht.« Da ließ er sie los. Es kam ein Ruck, und sie saß auf seinen Knien. »Ich glaube, es ist am besten, ich bleib hier sitzen. Vater meint ja auch, ich könnte das gerne. Soll ich?« Daniel murmelte etwas, das sich wie »Ja« anhörte. Springe drehte sich im Fahren herum und strich mit der Hand über Daniels Einsegnungsrock. »Nicht wahr, Dark, das ist eigengemacht, das drückt nicht, wenn man was auf dem Schoß hat?« »Das ist Beiderwand«, erklärte Daniel. »Dann setz dich nur dreist auf!« Halb hatte das junge Mädchen noch auf den Zehen gestanden, nun ließ sie sich ganz, und er hatte die volle süße Last seiner großen Liebe. 5 Die Pferde liefen einen scharfen Trab. Daniel Dark wußte nicht, wie ihm war. In einer so peinlich seligen Lage hatte er sich noch nicht befunden, und so glücklich und unglücklich war er noch nie gewesen. Aber weder brach ihm vor Bange und Andacht das Herz, noch sprang ihm vor Glück eine Ader im Gehirn, er wurde nicht ohnmächtig und auch nicht wahnsinnig, er betrachtete das, was ihm das Schicksal in buchstäblichem Sinne in den Schoß geworfen hatte, als eine Schickung, die (das galt wieder in buchstäblichem Sinne) getragen werden mußte. Die Schwarzen liefen in scharfem Trab, erst auf der großen Landstraße, dann bogen sie in den Weg der Heide ein und um den Bramberg herum. An der Hügelwand sieht man einen Gedenkstein, der von einem vor Jahrhunderten in der Landesgeschichte stattgehabten Kampf berichtet, doch ist er im Dünensand fast vergraben; es ragte, als der Wagen vorüberkam, nur noch die Spitze hervor. Und so lange man in der Heide fuhr, war der Weg tief und weich, und die Räder mahlten im Sand, Springe fuhr langsamer, zuletzt gingen die Pferde im Schritt. Eine halbe Stunde und länger hielt Daniel die Geliebte auf dem Schoß und sagte nichts, und noch immer war er bei Vernunft und sein Gehirn in geordnetem Gang. Er sagte nichts, und Lene sagte nichts, und die Tante links und die Tante rechts hatten, damit kein Laut herauskomme, den Mund in Kräuseln gezogen, an festverschnürte, lederne Geldbeutel, wie sie bei Viehhändlern gebräuchlich sind, erinnernd. Einmal sah Lenes Vater hin, schmunzelte und lachte: »Wie das Jungvolk da zusammenhockt!« Ein ander mal wandte sich der Kirchnerjunge mit seinem schmierigen Lachen und Sommersprossengesicht um. Man sah es ihm an, er hätte gern einen Witz gemacht, der nach was klänge, harmlos dahinfliege und doch einen tüchtigen Widerhaken habe. Es fiel ihm aber nichts ein, da blieb es beim Lachen. Und Arnold Springes Gesicht beugte sich wieder herüber: »Daniel, und nachher darfst du mir nicht gleich weglaufen! Ich muß was mit dir reden. Und ich hoffe, es ist was Gutes für uns beide!« Der Boden wurde fester, üppiger schossen die Hölzer in den Knicken auf, die Schwarzen liefen wieder im Trab. Es ging an einem Gehölz vorbei. Erst kamen Eichen und Buchen, dann ganze Schläge alter Tannen. Daniel ahnte, es sei der Wald von Reiherwisch, der in der Richtung nach Lohe bis Mönckeberg reicht. Und rechts blinkte Wasser, ein Teich blinkte auf, man kann auch sagen: ein kleiner See, durch den hohen Straßendamm, den der Wagen jetzt erreichte, auf langgestrecktem Wiesenland aufgestaut. Eine alte giebellose Kate mit fensterlosem Eulenloch am Weg, dabei eine prächtige Linde, ihre Krone über sie hinbreitend. Arnold Springe hielt die Pferde an und fuhr im Schritt. »Das ist unsre Eulenkate«, sagte das Schoßkind, »Vater fährt langsam, der alte Jöhnk wohnt darin, ist aber sehr krank. Und wenn er nicht wieder aufkommt, will Vater die Kate abreißen lassen. Sie kostet nur Brandgeld, sagt Vater, und eine Reparatur ist sie nicht mehr wert.« Und dann rollte man über eine Brücke. Ein starker Strom schäumte über ein Wehr und fiel tief hinab, in der Tiefe alte Baulichkeiten, Überbleibsel der Wassermühle. Das Wasserrad war nicht mehr vorhanden, man sah aber noch das mit Steinen und Zement verklebte Loch in der Wand, durch die seine Achse geführt worden war. Über den Teich hinweg leuchtete das langgestreckte Hauptgebäude, im bäuerischen Stil erbaut, strohgedeckt, Fachwerk, die Ständer der Wände grün gestrichen, dazwischen rote Ziegelsteinwände mit weißen Kalkfugen, die Fenster der Wohnräume der Straße und dem unmittelbar daran stoßenden Walde zugekehrt. Und vor allem das von kleinen Wellen gebrochene Bild von Hof und Wald im Wasserspiegel des Sees. Nun hielt der Wagen an der Haustür, Mädchen und Knechte flogen heraus. Unversehens verschwanden die Tanten, und auch Lene kam ihrem Liebhaber unter den Händen weg. Wie er seine verschlafenen Beine am Wagentritt zusammensammelte, ging sie in die Tür des Hauses. Aber bevor sie verschwand, machte sie ihm so feine Knixe, wie er noch nie gesehen hatte. »Du Ritter mein, ich dank dir fein«, sagte sie dabei. Auf so viel feines Wesen wußte er nicht zu antworten, er war froh, das eigene Gesicht nicht sehen zu müssen, so dumm fühlte er sich. Wenn man um die Hausecke ging, stand man auf dem weiten, von einem Kranz Wirtschaftsgebäude und von den Eichen umschlossenen Hof. Arnold Springe und Julius Kirchner begaben sich dahin. »Komm mit«, lud der Hausherr Daniel Dark ein. Der Hausherr ließ die Peitsche im Kreise herumgehen und redete auf seinen Begleiter ein. »Sieh, Julius, am besten ists, ich zeig dirs gleich.« Daniel wußte nicht, was er mit sich zu machen habe, da sagte Arnold Springe: »Auch dir, Dark. Wenn es so wird, wie ich denke, mußt du auch alles wissen.« Und er schritt, immer noch den ›Rattensteert‹ in der Hand, hinaus auf den breiten, in einen freien Eichenwald verlaufenden Hofplatz. »Sagt mal, ist hier Platz? Oder ist kein Platz? Ich habe«, wendete er sich wieder an Daniel, »mit Julius besprochen. Ich denke einen kleinen Handel mit künstlichem Dünger und mit Futterstoffen anzufangen. Und dann, wo jetzt der Kartoffelkeller ist – dort unter den alten Eichen, wo das auf die Erde gesetzte Strohdach ist, da ist ein Kartoffelkeller – da, dacht ich, sollte ein Speicher aus werden. Und dann, dacht ich einen Handel mit Rauhfutter und Baumaterialien damit zusammen einrichten. Nicht wahr, Platz ist da, mehr als ich gebrauche?« »Ja«, erwiderte Daniel Dark, weiter wußte er nichts zu sagen; Julius dagegen stimmte in hoher Stimmlage dem Hausherrn bei und versuchte klug zu sprechen, sowohl über den Handel mit Futterstoffen wie auch über Rauhfutter und Baumaterialien, just als sei er dabei und nicht hinter dem Schenktisch groß geworden. Springe hörte ihn an, legte aber nicht viel Gewicht auf seine Weisheit. Er wandte sich an Daniel Dark: »Entschuldige, ich sage einfach Daniel und Dark und du. Ist dir das recht?« – Das war Daniel sehr recht, er fühlte sich noch mehr gehoben, als er ohnehin durch die Fahrt in die Höhe geschnellt war. – »Ich sage einfach du«, fuhr Arnold Springe fort, »und das um so mehr, als ich dich gern in meinen Dienst ziehen möchte.« Und nun führte er seinen Plan weiter aus. Bei der großen Wirtschaft und bei dem, was er im Sinne habe, müßte er einen tüchtigen Gehilfen haben, der ihm die Schreibereien und die Bücher abnehme. »Ja, so gehts. Da ist man vom Stutenbacken satt und wills bequem haben, wird Bauer, und ehe man sichs versieht, ists ärger mit dem Geschäft denn je. Ich muß einen Klugen haben, ich meine nicht geschäftsklug, sondern einen, der Einsicht davon hat, wie man so was anschreibt und wie man Briefe schreibt, und einen, auf den man sich verlassen kann, der nicht allein was versteht, sondern auch ehrlich ist. Und du (brauchst nicht rot zu werden) du, Daniel, bist beides. Deine Familie ist hier bekannt, ein Dark (ich habe mich erkundigt) kann nicht anders als ehrlich sein. Und gescheit bist du auch. Hab dich im Kirchensteig gesehen. Junge, wie kommt das heraus! Die Lene und alle sagens ja, du bist der Klügste im Saal. Und auch sonst, alle Leute loben dich über die Bäume weg.« So sprach der Herr von Reiherwisch. Dann besann er sich darauf, daß Daniel erst als Kleinknecht eintreten solle, daß das wenigstens sein Plan gewesen sei. Deshalb setzte er hinzu. »Bist ja vom Bauern her, und Bauernarbeit erhält, wie du weißt, Leib und Seele gesund. Da wird es dir ganz recht sein, wenn ich dich erst ein bißchen als Knecht einspanne, und wirst auch später mit zugreifen, wenn Not am Mann ist. Na, was meinst, Daniel?« Erst allmählich ging es dem Bauernjungen auf, welch einen Weg die Glücksgöttin ihm öffnete. Ja, wenn er nichts in seiner Brust getragen hätte als die Last seiner Liebe ... Tag für Tag in ihrer Nähe, Tag für Tag sie sehen, die Luft atmen, den heiligen Duft ihrer Person ... Aber ... aber ... er fühlte allerlei, einiges nur dunkel als Schatten zukünftiger Gedanken. Um so klarer sprang das hervor, was dem Plan entgegenstand, vor allen Dingen sein Lebensplan, dessen leuchtendem Endziel er schon einen Teil seiner Jugend geopfert hatte. Als Springe ihm den Vorschlag machte, wurde er rot und heiß und fing an zu stammeln: »Herr Springe, das wird nicht gehen. Ich soll Pastor werden. Und Pastor Rabe will mir dazu verhelfen«, setzte er hinzu, »und er sagt, es wäre hohe Zeit. Und Pastor Rabe hat gesagt, ich solle künftigen Sonntag zu ihm kommen, und dann wolle er mit mir darüber sprechen.« Und das war richtig, das hatte der Herr der Kirche zu ihm gesagt. Springe machte ein etwas enttäuschtes Gesicht, blieb aber freundlich. »Willst studieren? Theologie? Pastor werden? Aber Junge, wer hat dir das in den Kopf gesetzt?« Er schüttelte Bart und Haupt. »Aber ich will nichts dazu sagen. Wat den een sin Uhl is, is den annern sin Nachtigall. Das tut mir leid, denn kann ja natürlich nichts daraus werden. Wenn du auf so weiter Fahrt bist, dann mußt du freilich machen, dann darfst dich nicht aufhalten.« Er streichelte dem Bauernjungen von Lohfelderkamp Backen und Kinn: »Und wenn es auch nichts mit uns wird, ich freue mich doch, den zukünftigen Pastor Dark kennen gelernt zu haben. Sollte aber was dazwischen kommen, dann weißt du Bescheid, dann weißt du, wo ich wohne.« Er reichte ihm die Hand. Damit war Daniel entlassen. Er und Daniel standen allein auf dem Hofe, Julius hatte sich gedrückt. Wie Arnold Springe den Bauernlümmel von Lohfelderkamp behandelte, das war ihm wider den Strich gegangen. Daniel entlassen? Noch nicht. Springe hielt noch seine Hand, sagte aber nichts. Man sah es aber seiner Miene an er dachte über irgend etwas nach. Er war wirklich ein herziger Mann, er überlegte, ob er seiner Tochter Partner vom Kirchsteig einladen solle, an dem Festmahl teilzunehmen. Aber er dachte an die Schwarzen, und was die für ein Gesicht aufstellen würden, an den Gastwirtssohn dachte er und an Mutter Dark auf Lohfelderkamp, die sicher auch zum heutigen Tag zugekocht habe und auf ihren Sohn warte. Er ließ dabei die Augen über den Beiderwandsanzug seines jungen Freundes gehen und sah die Unausführbarkeit seines gütigen Vorhabens. »Jung, Daniel«, brach er schließlich los, »bist hungrig, willst n Butterbrot?« »Ich danke«, erwiderte der Angeredete, »ich habe mit Trina Mersch gegessen.« »Aber ein Stückchen?« »Danke, ich bin nicht hungrig, und Mutter wartet mit dem Mittag.« Arnold Springe sah, Daniel brannte darauf, zu gehen. Da gab er auch das Butterbrot auf. »Ja, sieh, Daniel« – und er zeigte mit der Hand – »dann gehst du hier durch den Apfelgarten und dann um den Teich herum, und dann kommst du auf den Steig. Und dann kannst du nach der Schleuse nicht mehr fehl gehen.« »Wenn ich am Teich bin, weiß ich Bescheid.« »Wart, Peter soll dich durch den Garten bringen!« Vor den Eichen sah man einen Knaben, es mochte ein Tagelöhnerkind aus den Katen von Reiherwisch sein. »Peter!« rief der Herr von Haus und Hof, »weise ihm flink den Weg – ich meine durch den Apfelhof, und bring ihn auf den Steig beim Schott – verstanden, Peter?« »Jau.« »Nun, denn adjüs, Daniel! Tut mir leid, daß es nicht geht. Und grüß die Mutter von mir, sie soll sich freuen, son klugen Jungen zu haben.« Er wandte sich zum Gehen, kam aber noch einmal zurück und faßte Daniel unters Kinn. »Mein Jung, ich hab dir viel Lob gesagt, andere Leute tuns vielleicht auch, mehr als gut ist. Hab ein bißchen hoch gesungen. Zieh was ab, Junge, werd nicht eitel, hörst du!« Nun ging er wirklich, etwas breitbeinig, wie viele Bäcker, die jahrelang am Trog gestanden haben. Aber es fiel kaum auf. Er war zu lange davon weg. Er war ein braver, brauner, breiter Mann, die Finger und Daumen gespreizt, wie noch immer bereit, das kleinste Klümpchen Mehl zu ergreifen und zu zerreiben. Auch das kam vom Trog, das war länger geblieben, weil er viel mit den Händen gestikulierte und redete. An der linken Hand, die die Peitsche lässig wog, machte der Daumen eine mahlende Bewegung. 6 Peter war etwa zwölf Jahre alt, Dienstjunge auf Reiherwisch, durch Arbeit nicht belastet. Der Sonntag gehörte ihm, er hatte eben mit sich selbst ›Stein auf Stein‹ auf dem Hofplatz gespielt. Erst war er selbst der große, runde Stein, der kleine gehörte dem Blinden. Als der kleine aber in Vorteil kam, wurden die Rollen gewechselt, da war er selbst der kleine. Und noch einmal kam es anders. Denn wenn Peter mit sich selbst Stein auf Stein spielte, mußte er, das konnte er beanspruchen, immer der Gewinner sein. Er hatte, als sein Herr ihn anrief, sechsunddreißig gemacht, der Blinde erst siebenundzwanzig. Nun ließ Peter den Blinden und sein Spiel, verschwand in einer Scheune und kam mit einem Korb zurück. ›Was will er damit?‹ dachte Daniel und konnte die Frage nicht beantworten. Aber ein Gedankenleser hinter ihm oder vielmehr eine Gedankenleserin rief: »Willst nach den Fischen sehen, Peter?« Und Daniel hörte Mädchenröcke hinter sich rauschen. »Ja«, erwiderte Peter. »Heut morgen war da ein großer, dicker in, und da kann leicht wieder einer in sein.« Das Mädchen erwiderte: »Ja, Peter, Hoffnung ist das Beste im Leben. Denn sieh man mal nach!« Es war Lene, und nun ging sie an Daniels Seite. Der Rede an Peter setzte sie hinzu: »Um den Weg brauchst dich nicht zu bekümmern, ich zeige.« Peter wurde naseweis. »Will schon wissen, was ich will und soll«, sagte er. Mit seinem Korb flog er voran und verschwand in den Eichen. Und Lene ging an Daniel Darks Seite. Das Seidenkleid hatte sie abgelegt, ein bequemes, buntgetupftes Wollkleid dafür angetan. Sein Auge ging darüber hin, sie sah es, lachte und bemerkte: »Ich mag das schwarze Zeug nicht anhaben.« Sie schüttelte sich. »Das ist alles so: rühr mich nicht an! Ich muß was am Leib haben, das einen Stoß und Guß vertragen kann.« Sie rollte den jungen, des bequemen Stoffs so frohen Leib. »Bis zum Essen«, fuhr sie fort, »sind noch zwei Stunden; dann muß ich wieder hinein in den Staat. Anders gehts bei Tante Wische nicht.« An ihrem Arm hing ein straffgefüllter Beutel. »Das ist Futter fürs Federvolk, ich bin sein Futtermeister. Auch dafür taugt die Seide nicht.« Daniel antwortete nicht, er sah nur ihre Augen. Oder besser, er stahl sich ab und zu einen Strahl aus den braunen Sonnen. Sie gerade anzuschauen, hatte er nicht das Herz. Sie gewahrte es, gewahrte seine große Liebe, und es entstand ein ungemütliches Schweigen. »Ich will dir den Weg zeigen«, sagte sie schließlich. »Da sollst Dank für haben«, entgegnete er. »Das tu ich gerne, wir sind ja Konfirmationsgeschwister, und im Steig hast du mich mit dem Kopf gestoßen.« »Das tut mir leid.« »Braucht dir nicht leid zu tun. Es war freilich, wie man so sagt, die beste Laus, die du tot stießest, es tat aber nicht weh.« Beide lachten über den Spaß. »Und dummer, als ich schon war, bin ich dadurch auch nicht geworden; es gehörte aber auch wohl was dazu.« Sie sah ihn schelmisch von der Seite an, und wieder las er in ihrer Miene: ›Jung, Daniel, was bist du dumm, daß du so klug bist!‹ Quer über den Hofplatz gingen sie auf einem ausgetretenen Steig um den leeren Kartoffelkeller herum, der war schmal und verlor sich in den Eichen. »Ich wollt dich was fragen, Daniel.« »Was, Lene?« »Es kluckt immer eine Henne in dem alten Stall, und ich glaube bestimmt, die legt Eier weg.« »Da weiß ich nichts von«, entgegnete Daniel. »Das meinte ich nicht«, sie gab ihrem Konfirmationsbruder einen Stoß. »Ich wollte nur sagen, da war ich suchen nach, und von da hab ich mit angehört, was Vater mit dir gesprochen hat, wie er dich fragte, ob du nicht zu uns kommen könntest.« Sie stand still, sah sich um, ob jemand auf dem Hof nach ihnen sehe, griff, als niemand da war, nach seiner Hand. »Ich hätt dich so gerne hier, Daniel. Das wäre schön! Sag, ist das gar nicht zu machen? Du willst ... willst Pastor werden. Sag mal, warum willst du das und ... was soll das?« Und mit ihren braunen Augen sah sie aus, als sei es das denkbar Unvernünftigste auf der Welt, Pastor zu werden. Daniel blieb eine Weile stumm, aber man sah ihm sein Bewegtsein an. »Ich tät es gern«, erwiderte er dann, »aber es geht nicht.« Lene seufzte und sagte: »Ich weiß auch keinen Rat.« Und dann gingen sie weiter, Daniel wie im Traum, blöde und dumm und wohl wissend, daß es ihn blöde und dumm und befangen lasse. Er erkannte es als eine Pflicht der Schicklichkeit, mit Lene zu sprechen. Wenn er nur gewußt hätte – was? Denn daß er sie über alles in der Welt lieb habe, das konnte er ihr doch nicht sagen. Es mußte etwas anderes sein, weit ab von seinen Gefühlen Liegendes; schließlich kam er auf die Frage, ob sie in Reiherwisch lieber sein möge als in der Stadt. Lene Springe war wirklich ein Stück Gedankenleserin. Sie wußte, was die Stummheit und die Frage bedeute. »Hier mag ich lieber sein«, antwortete sie, »hier ist es viel schöner.« Sie sprach Wahrheit, sie wurde sogar an dem Gegenstand warm und schwärmte von den Freuden des Landlebens, von Hunden und Pferden und Kühen, noch mehr von Hühnern, Enten und Schwänen. »Sieh«, sagte sie. »Wer schleicht da hinter uns her? Leo ist es, das große, treue Tier.« Leo war ein braungefleckter Hühnerhund. »Nun komm man, Kerl!« Er bekam seine Liebkosung, wurde aber gleich darauf nach Haus gejagt, weil er das Hühnervolk störe. Dann fing die Hoftochter an, den Futterbeutel zu leeren. Da gluckste und gurrte und flatterte es von allen Seiten herbei, und sie und Daniel schritten mitten im Hühner- und Enten- und Taubenvolk. »Sie kennen den Futtermeister von Reiherwisch«, sagte Lene im Streuen. Von fern her klang lautes, mißtöniges Geschrei. »Was ist das?« »Das sind Pfauen. Hast die Schwäne schon gesehen?« »Nein.« »Die werden wir am Teich treffen. Ihre Eier ißt Vater alle auf, wir andern mögen sie nicht. Ausbrüten will er sie nicht lassen, er sagt, ein Paar ist genug, sonst gibt es nur Krieg und Kampf. Da müssen wir fleißig suchen, die Nester zu finden. Kuck mal, da sind die Pfauen!« Richtig – zwei Stück, einer mit prächtiger Schleppe, zwischen Stall und Scheune äsend. »Die sind aber schön«, bemerkte Daniel. »Ja, schmuck sind sie, ihr Geschrei aber – nicht wahr? – ist fürchterlich, halb Kalb, halb Hirsch.« »Können sie fliegen?« »Sie können wohl, tuns aber nicht viel. Vorgestern aber flog der Hahn doch auf die Scheunenfirst.« Wie Lene und Daniel weiter über den Hof gingen, schlug eine Art Turmuhr, erst zwei kleine Schläge, dann einen vollen Schlag. »Es ist halb eins«, erklärte Lene, »zwei Uhr wird gegessen, eine halbe Stunde vorher muß ich zu Hause sein, mich anzuziehen.« Daniel sah sich nach der Uhr um. »Das kam hoch her« sagte er. »So gar arg hoch hängt sie nicht, ist auf dem Haus, sieht aus, sagt Vater, wie n Schornstein. Von hier aus siehst du sie nicht, da ist die Buche vor.« Leo kam wieder hinterher geschlichen wurde aber wieder zurückgejagt, diesmal mit liebreich ausgeholten Schlägen. Er sah bittend drein, ergab sich aber mit schlotternden Behängen und hängendem Schweif langsam hinwegtrottend in sein Schicksal. Der kleine Eichenwald stieß an den Apfelgarten des Hofs. An den kahlen Büschen und Zweigen glänzten die Tropfen der feuchten Witterung. Der ganze Winter gehörte zu den verlorenen. Jetzt war es Mitte März, man konnte sich kaum auf ein paar Flocken Schnee besinnen und auf reinlichen Frost. Immer schmutzig naß und weich, zwischen Wärme und Kälte, Trockenheit und Feuchte schwankend. Aber was sagen Kälte und Wärme, Trockenheit und Feuchte, wenn man an der Seite seiner Geliebten durch einen Apfelgarten geht und dabei ein bißchen Seher und Prophet ist! Und Daniel Dark genoß vorweg alle Freuden, die ein Obstgarten in der Zeit der Blüte und Ernte verheißt: Sonnenschein und blauer Himmel, Nachtigallenschlag und Blütenduft, Lene Springe an seiner Seite. »Schade, daß du Paster werden willst. Wir hätten diesen Sommer so nett zusammen in die Äpfel steigen können«, sagte sie. Daniel mußte lachen. »Meinst du, daß dein Vater mich dazu mieten wollte? Und nun gar die Tanten?« »Ach, die Tanten!« antwortete Lene Springe wegwerfend. Weiter sagte sie nichts darauf. Merkwürdigerweise gaben die paar Worte, hauptsächlich der Ton, in dem sie gesagt wurden, das Glück der freien Phantasie an Daniel Dark zurück. Sie gingen weiter, und ob auch überall die kühle Winterfeuchte, trüber Winterschweiß an den kahlen Zweigen hing: Daniel Dark warf die paar Wochen, die ihn vom Frühling trennten, ins Bodenlose und führte den Traum der Erfüllung, der Auferstehung vor seinen Augen herauf – den weißen, den keuschen, den rosigen Blütentraum, die platzenden Knospen und Schoten seines jungen Glücks, Duft und Sonnenglanz und den Traum goldener Hoffnung. Nun machte auch das Wetter gemeinsame Sache mit den Phantasien des jungen Knaben. Es war grauer Tag gewesen. Erst, als der Herr von Reiherwisch mit Daniel auf dem Hof verhandelt, war die Wolkendecke am Horizont zerrissen, war über ihm ein blauer See mit bewegten Küstenlinien entstanden. Nun tat sich gar ein Weltmeer ›mit erwärmten‹ Buchten auf. Und als die jungen Leute durch den Gartensteig schritten, mußten sie sich gar der Sonne erwehren. Die Bäume gaben noch keinen Schatten; auf die Steige fiel nur ein Gewirr von Linien des sprossenwollenden Geästes, junges, noch den Tag scheuendes Triebleben, verborgenes Blühen und Knospen über den Häuptern der beiden Menschenkinder, dabei Treiben der Kräfte und Säfte in Daniel selbst und seiner ergebenen Dienerin, der geflügelten Phantasie. Noch löste sich bei ihm alles in Verklärung und Andacht auf. Er war ein Gott, aber einer mit dem Siegel des Schweigens auf den Lippen. Er liebte die, die neben ihm daherschritt, aber nur als Gefäß einer über alles Sagen und Preisen schönen Seele. Ihr Gesichtchen und was drum und dran war, vom Ohrläppchen bis zum Haar. Daniel Dark ging und war wie ein Gott. Sie, die er liebte, hatte auf seinen Knien gesessen; der Herr von Reiherwisch hatte ihn über vieles Volk setzen wollen, wie es dem Erzvater Josef in Ägypten geschah, vor dem Pharaos Läufer ausriefen: »Das ist der Vater des Vaterlandes.« Er hätte es haben können wie Josef, und nur wegen eines Ideals, das er sich gesetzt, hatte er nicht gewollt. In ihren Augen ein Garnichts, ein Irrwisch, dem er nachlief. Konnten diese braunen Augen, konnte ein Kopf, auf dem so schönes Haar wuchs, auch unrecht haben? Sie die Eine die Feine die Wunderbare. Er wollte Pastor werden ... Er flog, und sie ging ... nein, ihr Gedanke kroch an seiner Seite und sie sprach von Äpfeln und Birnen und Zwetschen. * Eine weißgestrichene Pforte führte nach dem Ufer des Teichs, dort lief auch der ihm zu zeigende Fußsteig. Erst war trockener Ackerboden, der senkte sich und wurde zur Wiese mit weichem federndem Grund. Am Teichrand wuchs Schilf, der Schilfrand wurde breiter, die Stauden mächtiger, je mehr man sich dem Bach näherte, der den Teich durchfloß. Bei der Einmündung ist ein richtiger, immer schwatzender, immer summender Wald von Riesengräsern. Hier war auch das Fischnetz, wonach Peter zu sehen gegangen war. Er kam den beiden mit seinem Korb entgegen und wies den Inhalt auf. Alles Kleinkram, das auf Lenes Geheiß wieder ins Wasser geschüttet wurde. Peter wollte erst nicht. »Wenn du meinem Vater damit kommst, kriegst du eher ein Jack voll als sonst was.« Da tat er es und wanderte nach Haus. Bei der Pforte aber fing er noch ein bißchen Kleinkrieg mit Krähen an, nach denen er mit Steinen schmiß. Daniel und Lene standen am Stauschott des Bachs. Lene beschrieb den Weg: »Immer dem Steig nach, erst über Wiesen, nachher auf die Höhe. Wo der Weg sich gabelt, rechter Hand abbiegen, links gehts nach Kurzenmoor und Bilsen.« Daniel hörte nur halb hin. Ein altes Bild, eine alte Erinnerung tauchte auf. Daniel Dark war dabei zu Sinn, als staue sich der Teich zum See Genezareth auf und der Herrgott gehe auf den Wellen und erhebe seine Hand, ob warnend und drohend oder in beifälliger Gesinnung, unterschied er nicht, er fürchtete aber Ersteres. Er ging und stand an Lenes Seite und dachte viel Göttliches, Überirdisches. Aber mitten durch flog Weltliches. Wenn er mal Herr von Reiherwisch sei – das mit den Baumaterialien sei Unsinn, und bei dem künstlichen Dünger zweifelhaft, ob es sich lohne. Aber die Wassermühle, die müsse wieder laufen. Den Wettstreit mit Windmühlen, und seien es auch drei, hält eine Wassermühle leicht aus, und neben dem Mühlenbetrieb gehe ein bißchen Korn- und Mehlhandel immer flott. So dachte er, aber das waren Gedanken, die im Unterbewußtsein und halb im Unbewußtsein mit durchschlüpften, die, die obenauf schwammen und seine Seele füllten, flogen hoch und stießen an das Dach der Wolken. Sie standen am Stauschott, und Lene zeigte den Weg. »Links gehts nach Kurzenmoor und Bilsen«, wiederholte sie. Da versank die Erscheinung. Er sah der Sprecherin in die Augen und antwortete: »Da weiß ich Bescheid.« »Nach Kurzenmoor geht Vater auf Fuchsjagd. Voriges mal bin ich eine Weile mitgewesen. Zurück gingen wir über die Schleuse.« »Da kann man bei heller Luft unser Haus sehen«, sagte Daniel. »Sieht es rot aus mit grünen Luken und einem ganzen Berg Fenster? Und sind Bäume davor?« »Hast dus gesehen?« »Vater hat einen Gucker. Da hab ich durchgesehen!« »Lag es allein?« »Ja, das tat es, hoch über den Wiesen.« »Dann ist es unser Haus gewesen«, entschied Daniel Dark. Sie hatten am Stauschott gestanden, nun gingen sie weiter. Dem Schilf folgte dichtes Weidengebüsch. Vom Boden her fächerfömig aufgeschlagen, versperrte es, obgleich noch blätter- und blütenlos, den Blick. So dicht war das Gezweig. Wer dahinter trat, war vom Hof und auch vom Wasser aus geborgen. Die jungen Menschen taten es, sie sahen die Wiesen, und die Wiesen lagen einsam und allein. Daniel sah sich hier vor Pflichten gestellt, denen er nicht gewachsen war. Er fühlte es und erlebte es in aller Pein. Ihr kalt und kühl Adjüs zu sagen, war gegen die Natur der Sache und des Augenblicks, sie zu umarmen und ihr seine Liebe zu erklären, gegen seine, gegen Daniel Darks Natur. Wie sind, wie waren die Weiber, so klein und jung sie auch sein mochten, soviel freier und unbefangener! Dem Mädchen sah man nicht an, daß die Lage peinlich sei. Sie wühlte in ihrer Kleidertasche und zog ein Päckchen heraus. »Es ist Butterbrot«, sagte sie, »eines mit Schinken und eines mit Kalbfleisch. Das mit Schinken iß gleich, das andere später. Ich hab es für dich geschnitten und hatte es schon in der Tasche, als der Vater mit dir sprach.« »Und dann« – noch etwas in einer Tute – »hier sind Kuchen in, das ist was zu Haus beim Kaffee.« Daniel stammelte ... Was er stammelte, ist einerlei, er stammelte. »Willst nicht mal probieren?« »Wenn ich allein bin.« »Dann laß uns sehen, wie wirs unterbringen.« Sie verstaute die Gaben in die Taschen, der Kuchen kam in die Schoßtasche des Rockes. »Daß du dich aber nicht drauf setzest.« Die Butterbrote kamen in die Seitentasche. »Wo das Herz sitzt«, sagte Lene, und stopfte sie in die rechte. »Meines sitzt links«, berichtete Daniel. So benommen und befangen er auch war, der Schulmeister in ihm war wach. Lene lachte und zeigte die Spitze einer kleinen roten Zunge. »Hast ja gar keines«, entgegnete sie. Sie standen hinter dem Weidengebüsch, und der Augenblick des Abschieds war da. ›Ich hätte es gerne getan‹, dachte Daniel, ›aber ich kann es nichts‹ – ›Ob er mir wohl einen Kuß gibt und sagt, daß er mich lieb hat? Ich kann doch nicht damit anfangen, das ist Sache der Mannsleute.‹ So Lene. Sie standen hinter der Weide und gaben sich die Hand und sahen sich an. ›Die Minuten dieser Stunde und ihr Glück‹, dachte er, ›trägt die Zeit im Sturm. Ich lasse sie fliegen und fahren, aber nie wird das Gedenken daran in meiner Seele erlöschen.‹ ›Er hätte mir so gut seine Liebe gestehen können, tut es aber nur mit den Augen und steht dabei steif wie ein Stock.‹ Das waren ihre Gedanken. 7 Sie bemerkten nicht, wie ein Mann rüstig den Fußsteig am Teich entlang schritt. »Guten Tag«, sagte der Mann, als er den Weidenbusch überholte. Noch rechtzeitig, denn just hatte Lene mit dem Umarmen anfangen wollen, da es sein mußte und Daniel nicht dazu kam, hatte seine Hände gefaßt. Nun ließen sich die jungen Menschenkinder los und fuhren auseinander. »Guten Tag«, wiederholte der Angekommene, ein Bekannter von Daniel, es war der Reisemeister Klaus Frahm. »O«, flüsterte Lene, »das ist mein Lehrer.« Der Reisemeister Klaus Frahm. Da stand er, lang, schmal, geschmeidig – schmales kluges Gesicht und hellblondes Haar mit einem an Schiller erinnernden Glanz. Er wäre keine üble Erscheinung gewesen, wenn er nicht die Marotte gehabt hätte, sich trotz seines gelben Haares und seiner gelblichen Gesichtsfarbe in gelbbraunen Farben zu kleiden. Da stand er, eine lange, fahle Erscheinung – war Lene Springes Lehrer gewesen, und Daniel hatte es nicht gewußt. Der Hauslehrer gehörte natürlich zur Festtafel, er hatte sich dazu schon – gelbbraun – zurecht gemacht, ging aber vor Tisch noch eine Weile mit seiner Pfeife am Teich spazieren, wohl nicht ohne Absicht, hatte er Daniel doch gesehen und die ihm über den Hof folgende Lene. »Nicht wahr«, rief er und machte ein unbefangenes und unbekümmertes Gesicht, ein Gesicht, das mit keiner Miene verriet, wie störend er kam und daß er das ganz gut wisse. »Nicht wahr, Daniel?« Er musterte die Weide, als sei es ein exotisches Gewächs. »Nicht wahr, da haben wir den zweiten Fall, ein wie guter Kamerad ein Weidenbusch sein kann.« »Ja, ja«, fuhr er fort, dabei leuchtete ihm der Schalk aus den Augen. »Es ist was Gutes, was Treues daran. Man kann ihn schneiden und aussägen, was diesem sicherlich auch schon passiert ist, um so frischer sendet er seine Schößlinge wieder heraus und wölbt seine Zweige, Geheimnisse zu bergen und zu hüten vor der neugierigen, der verständnislosen Welt.« Lene Springe hatte ihn mit Gelassenheit angehört, nur bei der letzten Wendung wurde sie rot, was ihr übrigens entzückend stand. Der Reisemeister wandte sich nun direkt an sie: »Kleine Lene, ich glaube, es wird Zeit für dich, wieder in die Pracht zu schlüpfen. Es wurde schon nach dir gefragt, und ich erbot mich zum Suchen. Gib dem lieben Danielchen artig Händchen und damit Adjüs. Ich geh mit ihm noch ein paar Minuten auf und ab.« Lene zwang sich als Wohlerzogene ein Lächeln ab und tat nach Geheiß. »Ja, denn muß ich wohl. Adjüs, Daniel Dark. Und vergiß nicht, daß wir zusammen im Steig gestanden haben und was du mir da angetan hast.« Sie flog am Ufer hin der Reisemeister sah ihr nach und blies den Rauch seiner Pfeife behaglich in die Luft. »Ein gutes Kind, Daniel, geht aber in gefährlichen Schuhen wie jedes Weltkind, das ein Mädchen ist, gut aussieht und nach den sogenannten Freuden der Welt begehrt. Paß auf, ein halbes Jahr, und sie ist Königin auf allen Tanzböden hier im Umkreis einiger Meilen.« Daniel sah den Sprecher bekümmert an. Tanzen war eine ihm unbekannte Kunst, die Gorgonenhäupter seiner Nebenbuhler sah er aus dem Boden wachsen. »Du machst dazu eine betrübte Miene, mein Junge. Aber es wird nicht zu ändern sein. Sie kann doch nicht Mauerblümchen spielen, weil du sie nicht holst, überhaupt mit dir nichts anzufangen ist. Will wetten, daß ihr am Weidenbusch solche Gedanken gekommen sind. Da muß sie schon andere nehmen, die es besser verstehen.« »So gar jung ist sie«, fuhr der Reisemeister fort, »auch nicht mehr, gewissermaßen eine Art Schicksalsgenossin von dir, beinahe ebenso alt wie du. Der Alte hat sich mal eingebildet, Freigeist zu sein, die Tochter daher nicht kirchlich einsegnen lassen wollen, erst die Bitten seiner Frau am Todbett haben ihn davon zurückgebracht. Die Freigeisterei war aber nur Modestück und ist jetzt abgelegt. Ich sprach von ihren künftigen Erfolgen auf den Tanzböden. Die Saalbesitzer würden nicht auf ihre Kosten kommen, wenn die Natur nicht für eine ausreichende Anzahl fröhlicher, vergnügungssüchtiger, weltkluger, ein bißchen oberflächlicher und gedankenloser und dabei grundgütiger Geschöpfe, wie Lene Springe ist, Sorge getragen hätte. Ein klassisches Herdenkind, will heißen: Normalstück der Menschenart. Bißchen weniger, gebe ich zu, könnte unsere Helene gerne sein nach der Seite der Weltlichkeit, im allgemeinen aber ist sie so, wie die Menschen im Durchschnitt sein müssen, wenn die Welt bestehen soll, vorausgesetzt, daß ab und zu auch mal eine andere Art mit unterläuft, wie zum Beispiel (warum soll ich es nicht sagen?) Leute wie wir beide, Daniel Dark von Lohfelderkamp und der Reisemeister Klaus Frahm. Freilich, zu viel von ihnen dürfen es nicht sein, und eine Welt aus lauter Daniels und Klaus Frahms hätte kein Jahr Bestand.« Daniel wußte nichts zu sagen, die Worte faßten ihn mit Sturmeswehen, zuletzt folgte ein milderes Säuseln, das Wehen aber tobte nach. Der Reisemeister nahm derweilen seine Brille aus dem Futteral, putzte die Gläser und sah Daniel nun doppelt klug und blank und glänzend an. »Was würdest du tun«, sagte er plötzlich, »wenn du Herr von Reiherwisch wärest?« So grub der Reisemeister alle von Daniel ganz oder nur halb gedachten Gedanken auf, er war ein Seelenkünder und Prophet, und es war gut, daß er seine Augen hinter Gläsern verbarg. Beide gingen langsam den Weg in der Richtung nach dem Hof zurück, Daniel verlegen und unfrei und in der Verlegenheit an dem Butterbrot kauend, ohne daran zu denken, daß sich das eigentlich nicht schicke. Es war aber auch geradezu erstaunlich, was aus des Reisemeisters Munde kam. Was sich niemals über Daniels Lippen gestohlen hatte, geheimste Gedanken im Herzensschrein, vor des Reisemeisters Brillenaugen war es offen ausgebreitet. »Was soll hier«, sagte der, »hier, wo nicht gebaut wird, was soll Handel mit Baumaterial? Künstlicher Dünger? Vor der Hand wird auch das nicht lohnen, freilich, wenn die Landwirtschaft sich weiter entwickelt, ließe sich darüber reden. Aber die Mühle! Die Mühle müßte in Gang gebracht werden. Weit und breit die einzige Wassermühle, von Wind und Wetter unabhängig, im Teich eine Wassermenge aufgespeichert, wie man deren nicht oft hat. Aber was geht das uns an? Ich werde niemals Herr von Reiherwisch und du, Daniel«, da leuchtete der gutmütige Spott sogar durch die blanken Gläser, »du auch nicht. Herr von Reiherwisch wird der, der die Lene zur Frau kriegt, und das blüht uns beiden nicht, wäre auch Unsinn. Und wenn der Alte vorher schon verkauft oder, man muß alles überdenken, Bankerott macht, wird auch Helene Springes Mann nicht Herr von Reiherwisch.« Deutlicher brauchte der Reisemeister kaum zu kommen. Der aber beschloß, gründliche Sache zu machen. »Es tut weh, Daniel, das erste Verliebtsein geht tief. Aber zu helfen ist nicht. Ihr paßt nicht zu einander. Seifenblasen platzen, sind zum Platzen bestimmt, das ist nun mal so. Es wäre Verrat an dem Besten, was dir gehört. Schlucke die Bitternis, sie ist die erste deines Lebens, sie wird nicht die letzte sein.« Einen Augenblick schwieg er, dann fing er wieder an: »Vor dir dein Ziel. Du siehst es, du kennst es. Du sitzest auf dem Renner, Hindernisse und Hürden stehen im Wege, du mußt sie nehmen. Lene Springe ist nicht die kleinste, die Sporen eingesetzt, die Hürde will hoch genommen sein. Im ersten Anlauf wirst du es wohl nicht fertig bringen, aber du wirst.« Einen Augenblick schwieg er und blies den Rauch seiner Pfeife, anscheinend überlegend, ob er das auch noch sagen solle, was ihm auf der Zunge lag. Und dann kam es: »Ich höre, er will dich hier zu einer Art Schreiber machen. Ja, Daniel, willst du dir und deinem Wesen untreu werden, in eine Art Venusberg gehen – tu es. Aber du wirst es nicht tun, dazu bist du dem zu treu, der dich geschaffen hat, so und nicht anders, wie du nun mal bist.« Er nahm beide Hände von Daniel und schüttelte sie herzlich. »Ich schnalle mein Bündel. Nicht lange und ich bin wieder hier, und dann sehen wir uns, diesseits oder jenseits der Hürde. Und damit Gott befohlen!« * Lene war derweilen von der weißgestrichenen Pforte des Apfelgartens aufgenommen worden, hinter der Hecke sah sie sich um und sah die beiden am Stauschott, Daniel Butterbrod kauend. Das erfüllte sie mit Freude. ›Ißt er mein Butterbrot‹, dachte sie, ›dann denkt er auch an mich‹. Sie war zum Lachen froh und zum Weinen betrübt. Hauptsächlich zum Weinen; die Tränen traten ihr in die Augen, und als sie über den Hofplatz ging, kühlte sie sie an der Pumpe. Dabei überraschte sie der Reisemeister. »Ja, ja«, sagte er, »Kind, son Konfirmationstag ... da tritt das Naß in die Augen. Es braucht aber ja nicht immer Kummer zu sein.« 8 Der Teich streckte sich mit langer, blanker, schmaler Zunge tief in die Wiesen hinein. Daniel fühlte, daß der Reisemeister seinen Träumen den Boden entzogen habe, und doch fing er an, des Teiches Größe zu schätzen und zu messen, um festzustellen, daß auch zur trocknen Zeit der Vorrat der Triebkraft nicht ausgehen könne. Es waren sicherlich ein Dutzend Tonnen Land. Und man konnte, so hatte er gehört, an den meisten Stellen einen Windelbaum versenken, ohne auf den Grund zu kommen. An einzelnen Stellen sollte die Tiefe haushoch sein. Langsam ging er weiter, von der Tiefe des Teiches konnte er mit seinen Gedanken nicht los. Warum? Das war ihm nicht klar, er wußte nicht, daß Liebesgedanken wie schwingende Kurbeln alles an sich reißen und um ihre Achse winden, was in ihren Bereich kommt. Bei dem Weidenbusch sah er sich um nach den Giebeln und nach den Bäumen von Reiherwisch. Die bewahrten und behüteten, was ihm allein gehörte. So hatte er noch vor einer Stunde geglaubt. Aber im Gedanken an das, was der Reisemeister gesagt, kamen auch ihm die Tränen in die Augen. Waren es Tränen der Trauer, des Zorns auf den von ihm so hoch geschätzten Mann, der ihm ein Leid zugefügt hatte, wie noch kein Mensch? Und immer noch wollte er glauben, daß es sein Eigen sei, was sie behüteten. Die Dachfirst des Wohnhauses und ihre blanken Grassoden leuchteten herüber, der saubere Schaft der Schornsteine über Busch und Baum. Die Dächer liefen darunter hin, grau und grün vor Alter und Moos. Sie wohnte darunter. Und der in weicher Federwolke emporwirbelnde Rauch sprach von seiner Liebe. ›Sie ist lieb und nett, sie hat, wie sie nach ihrer Kammer flog, sicherlich mit eigener Hand ein paar Soden nachgefeuert‹. So redete die weiße Wolke zu Daniel Dark, als sie in gefälliger Säule emporstieg. So weit wie der Teichspiegel sich hinzog, führte der Fußweg über Tiefland, dann stieg er die Äcker sachte hinauf. Oben war eine einsame Esche; von der Esche her schaute Daniel zum letzten mal nach Reiherwisch. Vom Teich ein Silberstreif, von dem Hof etwas Graues, warm in die Waldlandschaft Eingebettetes, noch immer ein feiner, jetzt blau erscheinender Rauch, erst steil wie eine Säule, dann, wo der Luftzug über die Baumkronen fuhr, wagerecht und bauschig. Und Haus und Hof und Wald in einem trüben, dunstig und duftig aufsteigenden, einem breiten, bläulichen Grau. Daniel schritt erst auf der Höhe, dann zu Tal und wieder hinauf noch einmal über Berg und Tal. Er ging in raschen Schritten, und sturmbewegt ging auch sein Herz. Und mitten in dem Gedankensturm sah er Julius Kirchners fettes, bleiches, sommersprossiges, spöttisches Lachen. Julius aß mit ihr zusammen auf Reiherwisch. Und Eifersucht krallte Daniel an. Aber es war nicht so sehr ein Weh der Gegenwart, wie ein Sorgen und Bangen um die Zukunft. Dann sprangen die Gedanken wieder auf Wirtschaftliches ab. Er hatte gesehen, Springe hielt sich noch an die alten, einheimischen Rinderrassen. Das war verkehrt, es mußte die neue, schottische Art sein. Das werde sich lohnen, dachte er. Mit diesen Gedanken ging er weiter. Die Zeit bringt immer Neues auf. Erst hielt man die alte, schmal gebaute Milchkuh mit dem Hängeleib, dann kamen die schmucken, rund abgedrehten Breitenburger und Angler und darauf die blaue Tondernsche Kuh. Und nun die schottische. Wo der Weg sich gabelte, kam man links nach Bilsen und Kurzenmoor, rechts über die Schleuse nach Lohfelderkamp. Weit hinten im Busch ostwärts lagen die Dörfer – erst Westerhorn, dann Lohe. Scheltendes Hundegebell, Trauertöne einer Harmonika ... alles verweht. In Lohe war Tanz, und am Rande der Feldmark ging ein einsamer Junge unter der Last und mit der Lust seiner großen, ersten, hoffnungslosen Liebe. Zur linken Hand begleiteten ihn der schwarze Rand und die struppige Heide. Frage auf Frage, aber alles verblaßte vor der einen um seine große, von allen Seiten bedrohte Liebe. Die Schleusentore waren geschlossen, Weststürme hatten die Wasser des Hauptstromes aufgestaut. Zum Spiegel der Branderau ging es tief hinab. In großen Tropfen klang es hohl und dumpf und voll aus den Ritzen und Fugen. Und alles tropfte und fragte und bangte um Daniels große Liebe. Er kam später nach Haus, als der Mittag festgesetzt worden war. Die Konfirmanden aus Lohe waren schon lange zurück ... Man wußte nicht recht, was mit Daniel sei. Wäre nicht just sein Konfirmationstag gewesen, er hätte Schelte bekommen; nun aber ging es mit einem mehr fragenden: »Jung, wo blivst du so lang?« vorbei. Die aus dem Dorf beigeladenen Gäste waren anwesend, und mit Lachen und Glückwünschen ging es zu Tisch. Abel Wendel, eine Tochter des früheren Nachbarn und Mitsünders, saß Daniel gegenüber, ein paar Jahre älter als er, aber eine frische, junge Deern. »Jung, Daniel«, sagte sie, »daß du ein Kluger bist, weiß ja das ganze Dorf, aber so ... Alle Leute sagen ja, du seist der Klügste im Saal und so was sei noch gar nicht da gewesen.« »Ich weiß nicht«, erwiderte Daniel. »Bin ja auch ein paar Jahre älter als die andern.« »Nur zwei«, fiel die Mutter ein. »Nur zwei, mein Daniel.« »Ja, zwei«, erwiderte Daniel. »Also jedenfalls älter. Und die Jahre tun was.« »Da ist ja auch wohl«, fuhr Abel fort, »eine Tochter von Reiherwisch? Die Leute sagen ja, daß sie schmuck ist und nett ist. Kennst du die, Daniel?« Daniel wurde bis über die Ohren rot. »Ihr sollt ja gegeneinander über im Kirchensteig stehen. Da kennst du sie natürlich.« »Ich kenne sie, Lene Springe läßt es gut und ist ein nettes Mädchen.« Eine Weile besann er sich, dann setzte er hinzu: »Springe hat mich auf seinen Wagen genommen und Lene hat mir Kuchen mitgegeben.« »Sieh, sieh«, sagte ein bejahrter Mann. Er und Frau Grete waren Schwester- und Brüderkinder, Daniel nannte ihn Ohm. Im Dorf hieß er Mars Tischler denn er besorgte die Tischlerei in Lohe und Umgegend. »Sieh, sieh!« »Du mußt sie ja kennen, Ohm, arbeitest ja auf Reiherwisch«, bemerkte Abel Wendel. »Ich kenne sie, auf Reiherwisch sind lustige Leute.« Daniel langte in die Schoßtasche seines Konfirmationsrockes, aber was er hervorzog, war Brei, dessen Beschreibung nicht lohnt. Er hatte sich richtig in die Kuchen gesetzt. Ihm war, als höre er des Reisemeisters Stimme: »Du wirst dich noch öfters in die Kuchen setzen.« Es war aber nicht Klaus Frahm, sondern Tischler-Ohm, der dem jungen ›Knecht‹ diese Voraussage auf den Konfirmationstisch legte. Dritter Teil 1 Als Dierk Offen aus Lohe (ein guter Mann, aber nicht gerade der klügste) vor Jahren dem neuen und noch jungen Landrat des Kreises einmal Herrenfuhre leistete, drehte er sich (es war im Westerhorner Grund) von seinem Kutscherstuhl nach dem Fahrgast um und fragte in seinem singenden, näselnden Ton: »Herr, nehm S' ni för ungood, wo redt man Se an?« »Man nömt mi Landrat«, war die Entgegnung. »Herr Landrat«, und dabei winkte Dierk unter grauen Haaren aus einem alten, von plietschen Linien durchfurchtem Gesicht zutraulich mit den Augen. ›Herr Landrat, sünd Se egentli na Knecht?« Der Beamte war Volksgenosse seiner Untertanen, er lachte, er verstand die Frage. Nach dem Wortverstande liegt freilich in ›Knecht‹ ein Unterwürfigkeitsverhältnis, in Lohe aber und Umgegend, ja vielleicht gar in weiten Landschaften niederdeutscher bäurischer Bevölkerung ist ›Knecht‹ in bestimmten Fällen ein Ehrentitel mit dem Merkmal des Freiseins, der Unabhängigkeit. ›Knecht‹ ist der durch Schulzwang nicht mehr und durch die Ehe noch nicht Gebundene, also der Junggeselle. Ob er in fremden Diensten steht oder sein eigener Herr, ist von keiner Bedeutung. Der Landrat antwortete daher: »Nä, Offen, Knecht bün ik mal wesen, nu hev ik Fru un Kinner.« Daniel Dark war konfirmiert, der Schule also nicht mehr und einer Frau noch nicht untertan, mithin ein Freier ein ›Knecht‹, und nach der Bestimmung seines Vaters sollte es nun zutage kommen, ob er Bauer von Lohfelderkamp werden oder studieren wolle. Die Mutter und Johann Butenop warteten ab und zwar, nach der Eigenart ihrer Sippe, ohne Fragen an ihn zu richten – um so mehr aber sein Tun in Obacht nehmend. Und was war das Tun von Daniel Dark? Den ersten Tag rauchte und las er, am zweiten ging er auf den Kämpen und Wiesen umher, am dritten stieg er auf die Hausfirst und schlug Holzpflöcke ein, die geeignet und gebräuchlich sind, junge Liebesleute vom Storchenvolk zum Nestbauen einzuladen. Er war noch oben und erfreute sich an der weiten Aussicht (gen Westen war sie schier unbegrenzt), als Johann Butenop unten erschien und hinauffragte, was das solle. – Damit der Storch baue, war die Antwort. – Warum Daniel ein Storchnest haben wolle? – Das sei doch was Nettes. Auf der alten Scheune im Dorf sei auch eines gewesen. Hier dicht bei den Wiesen und Mooren, wo ringsum die Frösche lärmten, sei es zu allermeist am Platze. Johann Butenop lachte kurz auf, er war nicht für Störche, hatte für Tiere, die man nicht melken oder essen konnte, die nicht zum Ziehen und Reiten zu gebrauchen waren, auch keine Eier zum Verzehren legten, deren Federn nicht mal für Bettzeug taugten, für solchen ›Tiernkram‹ hatte er nichts übrig, hielt vielmehr dafür, daß alles, was kreucht und fleucht, den Menschen untertan sei, damit er es zu seinem Nutzen gebrauche oder verbrauche, koche oder brate oder auch vernichte. Er ging mit mißmutigem Lachen und mißmutiger Gesinnung ins Haus und in die Küche und sagte zu Frau Grete: »Daniel makt Adebarplöck op Hus fast, un dat hett doch gar keen Schweck.« Frau Grete erwiderte: »Weet ni rech, mi dünkt, son grot bunt Vagel op Hus is ok wat wert; un kunn doch ok mal kam«, bemerkte sie mit weiblich klugem Lächeln, »dat he hier wat to don kriggt.« Der nüchterne Johann verstand sie nicht, er machte den Mund weit auf, was ihn nicht gerade weiser aussehen ließ, und schaute seine Tante so klug an, wie er war. Da lachte Grete Dark hell auf. »Nu, wo kamt denn de lütten Kinner her, wenn ni von'n Adebar?« »Son Hönerglowen«, antwortete Johann Butenop und klappte den Mund zu. Mit Redensarten und Spaß wußte er nichts anzufangen. Er wußte nichts mit son Schnack anzufangen, auch nichts mit seinem Pflegebruder Daniel Dark. Ein Storchnest? Dabei konnte er sich nichts denken als lästiges Geklapper, Schmutz aufs Dach und Schaden für den Reth. Und all die in den Nestdornen nistenden Sperlinge mit ihrem lauten, gefräßigen Wesen. Anders Daniel. Er dachte an das Nest im Dorf auf der alten Scheune und wie der Storchenvater bei vergehendem Tag als Einbeiner sinnend in den See Genezareth hinabgesehen hatte, wo die Frösche in seiner Vorratskammer, dem nahe am Flußufer aufgestauten Wassertümpel, sangen. Der gleichmäßig leidenschaftslose Froschgesang hatte ihm stets bestätigt, daß ihm das tägliche Brot nicht fehlen werde. Bei dem Froschgesang war eine Art Hausvatergefühl eingekehrt, die Zuversicht, wenn seine Zeit gekommen sei, Eigner von Sparstrümpfen für flaue Zeit zu sein. So mag es den Bauersmann anmuten, der auf seiner von Rauchwaren vollgehäuften Diele den Schweiß der Speckseiten tropfen sieht und aus jedem Tropfen die Zuversicht schöpft, im kommenden Winter vor Nahrungssorgen geschützt zu sein. Johann Butenop sah das, was Daniel tat, mit Geringschätzung, anscheinend auch mit Gleichgültigkeit, im Grunde aber mit Neugier und Mißtrauen an. Was geht, so dachte er, den Priester die Dachfirst von Lohfelderkamp an? Und als nun gar ein junges Storchenpaar anfing, Dornen und Rasen und Erde zu schleppen und den ersten Zaun um die Pflöcke zu winden, da stieg seine Verdrossenheit. Noch mehr, als Daniel Beil und Reißhaken nahm und sich daran machte, einen zum Abholzen reif gewordenen Knick zu fällen, dann Schaufel und Spaten gebrauchte, die Wasserzüge der Wiesen zu lösen, überhaupt tat, als sei er Herr von Lohfelderkamp, gedenke auch, es zu bleiben. Johann Butenop zog die Folgen, ging zu Frau Dark und sagte: »Ich dachte, Daniel wollte Priester werden, er tut aber wie ein Bauersmann, der Lohfelderkamp behalten will. Wenn das sein Sinn ist, dann nehme ich lieber mein Bündel und verdiene mir beim Bauern einen Jahreslohn. Denn zwei Knechte« (Johann Butenop gebrauchte das Wort in dem erklärten abgeleiteten Sinn, meinte daher: zwei Herren) »zwei Knechte«, sagte er, »sind zu viel für Lohfelderkamp.« Grete Dark antwortete, sie wolle mit Daniel reden und ihn fragen, wie er denke und was er werden wolle. Das tat sie denn auch. Daniel machte ein verlegenes Gesicht, stieß dichte Wolken aus seiner Tabakspfeife (rauchen dürfen, gehört auch zum Vorrecht der Knechte) und antwortete dann: »Mutter, ich weiß noch nicht. Ich muß mich besinnen und sehen.« Als an Johann Butenop diese Antwort von Grete Dark gesagt wurde, erwiderte er: »Dann will ich in die Fremde gehen.« So gar weit war die Fremde gerade nicht, denn er setzte hinzu: »Detlef Galster in Westerhorn will einen Knecht für den Sommer und achtzig Taler ausgeben. Er hat bei mir danach angefragt, da will ich die Stelle annehmen.« Daniel Dark hatte geantwortet, er wisse noch nicht, sei noch nicht mit sich einig. So war es, er schien dabei äußerlich in sich geschlossen und ruhig, ein die Gründe und Gegengründe ruhig abwägender Mensch. In Wahrheit war er aber ein innerlich durch Wirbelwinde Zerfaserter, seine äußere Ruhe das Ergebnis eines Widerstreits, worin sich entgegenstehende Stoß- und Schleuderkräfte aufhoben. Dort das Ideal seines Lebensweges, und hier die Liebe zur Tochter von Reiherwisch. Dort die tief eingedrungenen Worte des Reisemeisters, hier die Sprache der blinden Leidenschaft. Diese zwar mächtig und Augenblickssiege erringend (die Regel bei sinnlichen Trieben), und doch nicht einheitlich, vielmehr zersplittert, gespalten: Verehrung ihrer Güte, Unwillen über die Flachheit ihrer Denk- und Willensart, glühende Sehnsucht nach dem Duft und Dunst ihrer Atmosphäre, nach Hand und Mund und Haar, nach den körperlichen Reizen bei innerer Abwehr, einer sozusagen jungfräulichen, mimosenhaften Scham und Scheu, das Schaurige aufzudecken, was sich dahinter verbergen müsse. Und allem entgegen das unbesiegbare, über alles irdische Sein hinwegfliegende Bewußtsein, was er seine Seele nannte, für und für mit morgenfrischer Leuchtkraft die Bahn bestrahlend, die er sich vorgesetzt hatte, Einlösung der Zusagen heischend, die er sich zugeschworen hatte. Wie oft hatte er vor sich mit dem Entschluß geprotzt, ›Schätze zu sammeln, die nicht Motten und Rost fressen und wonach die Diebe nicht graben und stehlen‹. Der See Genezareth hatte, seinem Winke gehorsam, die Wogen gegen die Ufer gewälzt, über die der Herr der Welten selbst zu ihm hergeschritten war. Der hatte ihn zwar getröstet, ermuntert, gestärkt, aber auch die Wege gewiesen, dahin, wo die Sterne leuchten. Und nun, wo die Zeit erfüllet war, was tat er? Nun setzte er Pflöcke auf die Dachfirst, löste den Wasserläufen die Züge und nahm den Wällen und Hecken die Büsche. Daniel Dark glich einem in rasender Bewegung um die eigene Achse sich drehenden Kreisel, der aufrecht bleibt, weil die Schleuderkraft das Fallen verhindert. Schon aus geringer Entfernung ist das Ding für das Auge ohne Bewegung; es scheint aber nur so vor zu großer Bewegung. Aus gleicher Sinnestäuschung hieß es im Dorf: »Das Priestern hat Daniel aufgegeben, er arbeitet mit Schaufel und Spaten, und Johann Butenop hat sich bei Galster in Westerhorn vermietet.« Und weiter: »Das Priestern hat Daniel aufgegeben. Und nicht nur das, er mischt sich sogar unter das Jungvolk des Dorfes, besucht ihre Gelage, lernt tanzen, ist ein Knecht, wie andere auch. Ist zwar kein großer Tänzer, aber so gut wie mancher andere kann ers jetzt auch. Ist ein netter Mensch. Schade, daß er manchmal für sich und hintersinnig tut, und daß er so viel gelernt hat und jede freie Stunde in den Büchern kramt, die er vom Reisemeister erhalten hat.« Es war so, wie die Leute sagten. * Eines Tages traf er den Hökerssohn Wille im Krug; der tat erfreut, Daniel zu sehen. »Das lob ich mir, daß du das mit dem Priestern aufgegeben hast. Nicht wahr, das ist doch so?« Die Antwort von Daniel wartete er nicht ab. »Weißt du noch, wie wir auf dem Bramberg standen und nach Reiherwisch sahen und über Springe und seine Tochter sprachen? »Springe«, fuhr Wille fort, »muß viel Geld haben, nun fängt er richtig Handel mit künstlichem Dünger an, und die Wassermühle wird auch instand gesetzt.« »Das hab ich gehört«, erwiderte Daniel. Butterhändler Dirks, der auf Lohfelderkamp verkehrte, hatte es in der Tat erzählt. »Und die Lene, die hat ja am Konfirmationstage, als ihr nach Hause fuhrt, auf deinem Schoß gesessen.« Daniel war sprachlos. Wie konnte das herumgekommen sein! »Wer sagt das?« fragte er. »Das sagt sie selbst«, war die Antwort. »Die spricht viel, auch viel von dir, und wundert sich, daß du nicht mal nach Reiherwisch kommst und daß sie dich nie auf den Tanzböden im Kirchdorf sieht. Und daß ihr Vater dich als Schreiber hat haben wollen, hat sie mir auch erzählt. Weshalb du das nicht tätest, meinte sie, da es mit dem Priesterwerden doch nichts mehr sei.« Daniel schwieg, vor innerer Bewegung fand er keine Worte. Der andere bemerkte seine Verlegenheit nicht, oder wollte sie nicht bemerken, und fuhr fort, von Springe und seiner Tochter zu sprechen. Der Kirchnerjung vom Schwan sei hinter ihr her, aber wenn er an Daniels Stelle wäre, würde er sie ihm abjagen. »Ich glaube«, sagte er, »du hast 'n Stein bei ihr im Brett, ebensogut und vielleicht besser als der rote Julius. Freilich an Bräutigamen fehlt es ihr nicht. Immer die erste, wenn die Geige zum Tanze streicht, an jedem Finger ein paar, die hinter ihr herlaufen. Und das macht sie flügge. Sonst aber ist es ein Staat mit ihr.« Auf solche Weise sprach Wille noch lange auf Daniel ein, dazwischen von Heumachen und Torfstich, aber immer wieder von Lene Springe. »Ich hab ja selbst meine Liebe«, schloß er, »die werd ich heiraten, und uns beiden ist es recht. Bin also nicht dein Widerpart, aber einer wie du ... Kann Schreiber werden beim Alten, die Deern Tag für Tag vor Augen. Auf seinem Schoß hat sie gesessen, im Kirchensteig hast du sie, das erzählt sie auch, mit dem Kopf gestoßen. Und du, was tust du? Rackerst dich ab auf der Katenstelle und hast kein Auge für dein Glück.« Ein älterer, ehrenfest aussehender Mann mit grauem Haar hatte rauchend in der Stubenecke gesessen und zugehört, was die beiden jungen Leute miteinander sprachen. Das war Mars-Ohm Tischler, derselbe, der zur Konfirmationstischgesellschaft gehört hatte, eine Art Beistand von Frau Grete. Als Wille weggegangen war, tippte er Daniel auf die Schulter und sagte: »Wir könnten wohl ein bißchen in den Garten gehen, wo wir allein sind.« Und als sie im Garten waren, sagte der Ohm: »Ich habe mit angehört, was der Hökerjung mit dir sprach. Er will dich auf die Deern von Reiherwisch bringen. Und das wäre ja auch, da du doch beim Bauern bleiben willst, ganz gut, und doch habe ich was dawider. Zuerst die Deern. Ich hab ja die Arbeiten auf dem Hof und komme oft dahin. Sieht gut aus und ist nett und ist gutmütig. Aber wie sie herumjachtert und spaßt, das gefällt mir doch nicht. Ich glaube, sie ist eine Hummel. Will nicht sagen, daß sie verdorben ist, aber ich bin bange ... bin bange. Was da alles kommen kann, weiß kein Mensch. Ja, ja«. Mars Ohm tat ein paar tiefe nachdenkliche Züge aus seinem Nasenwärmer und ging mit Daniel im Gartensteig weiter auf und ab. »Da denkt man, der Alte ist da und sieht nach dem Rechten. Ach, der Alte. Eigentlich ist er ja gar kein Alter, will ihn aber mal so nennen. Ein guter Kerl. Wenn etwas wahr ist und Gültigkeit hat, dann ist er das. Auch in seiner Art tüchtig. Den Handel mit künstlichem Dünger, den er angefangen hat, glaube ich, wird er just nicht lange aufrechthalten, kann sich nicht lohnen. Es ist aber auch nicht viel dabei riskiert. Die Wassermühle und der Mehlhandel aber, das wird gehen. Auf den Kram paßt er auf, das heißt: jetzt noch. Ob das so bleiben wird, weiß ich nicht. In letzter Zeit habe ich allerlei bemerkt, was mir nicht gefallen hat. Man sagt, daß seine selige Frau ihn aus der Stadt weggebracht hat, weil die Gesellschaft, die er sich aufgeladen hatte, gefährlich wurde. Und nun kommt dieselbe Gesellschaft zu ihm nach Reiherwisch. Und da könnte es wohl passieren, daß den guten Springe hier auf dem Dorf doch noch zu Fall bringt, wovor ihn seine selige Frau in der Stadt bewahren wollte.« Bei so großem Hof, meinte Daniel, ein bißchen müßte der doch auch hergeben können. »Ja, ein bißchen. Aber immer sieht man Kutschen auf dem Hof, immer Gastereien und Wein übern Tisch. Auf die Dauer geht das nicht. Und wenn es noch dabei bliebe. Aber dann ziehen Wirt und Gäste nach dem Hinterzimmer: ›Wollen ein Spielchen machen – zum Zeitvertreib‹, heißt es. Und dann hört man Taler rollen und Geld klimpern, wenn man mal durchs Vorderzimmer geht. Will nichts gesagt haben, Daniel, glaube aber, da gehts hoch her.« Der Alte rauchte wieder und nahm noch einmal den Steig. »Was ich noch sagen wollte, man sollte doch annehmen, daß er sein Kind ein bißchen im Zügel halte. Aber weit gefehlt. Da hat er gar keinen Sinn und kein Verständnis für. Er platzt selbst vor Leben und Feuer, soll Vormund sein und hat selbst einen Vormund nötig. Glaube mir, mein Sohn, auf die junge Welt wirkt nichts schlechter als schlechtes Vorbild von Menschen, nach denen sie sich richten soll, zumal also das der eigenen Eltern. Und Springe? Der lacht über die Streiche der Tochter, und weil sie gut aussieht und noch Kindliches über allem, was sie angibt und tut und spricht, liegt, will er sich tot lachen und meint, die ganze Welt müsse es auch tun.« Und wieder machte Ohm kehrt im Gartensteig. »Ich habe«, fuhr er fort, »wohl gesehen, wie es dir tief ging, was der Höckerssohn sagte. Dich selbst halte ich für fest und sicher so, daß man schon einen kleinen Sturm wagen darf. Einer, der von den Darks und von der Familie deiner Mutter herstammt, wird nicht fallen. Ich sage dir nur, daß du die Augen aufmachst, wenn du dem Dirnchen auf dem Tanzboden begegnest. Ich sehe, wie es in dir arbeitet. Vielleicht ist es ganz gut, daß du mal da hingehst, wo die junge Marktwelt tanzt. Aber mit offenen Augen. Denn die ist ein Jungpferd, und ihr Vater hält sie, wie gesagt, zu lose an der Leine.« »Ja, ja, ein nicht richtig angeleitetes Jungpferd«, dachte Daniel. Der Buttermann Dierks hatte, als er mit der Mutter sprach, dasselbe Bild gebraucht. Es muß also wohl, wenn man an Lene denkt, handgerecht vor einem liegen. Sie waren lange auf und ab gegangen, der Ohm rauchend und redend, Daniel hörend, das Empfangen und Verständnis der an ihn gerichteten Worte meistens allein durch Nicken bestätigend. Als der Alte mit seiner Rede zu Ende war, schloß er: »Da hast dus, Daniel – nun sieh zu, wie dus verarbeitest.« Ja, verarbeiten! – Er kannte die gute Gesinnung seines Ohms, wußte auch, daß nicht zu viel gesagt sei. Ein schlecht angeleitetes Pferd, in Gefahr wild zu werden und zu verderben. Eine kleine, die Dinge der Welt nüchtern ansehende Person, die von dem Flug seiner Bilder und Gedanken nichts wußte, sie gar nicht verstand. Vielleicht nicht an ihn mit größerer Treue denkend als an andere. Und doch ... und doch. Immer wieder sah er in jedem Zug ihres knospenden und Knospen brechenden Kindergesichts, wie er es in der Erinnerung mit sich herumtrug, in jeder weichen Rundung, in ihrem Lächeln von Auge und Mund die Offenbarung einer Gemütsschönheit, die alles Erdige und alles Prosaische abgestoßen hatte. Und hinter ihrer kleinen, leuchtenden und runden, von braunem Haar (das konnte nur von Engeln geschenkt sein), hinter dieser wunderbar lachenden Stirn konnten keine anderen Gedanken wohnen, als im Äther heimische, erhabene Gedanken. Das alles dachte Daniel in frei gewähltem Selbstbetrug, obgleich er wußte, daß sie der Geflügelvogt von Reiherwisch war und man sie eine Hummel nannte. So dachte er von Lene Springe oder vielmehr von Helene Ottilie Juliane Springe Hohes und Niedriges, Schönes und Häßliches – lauter Widersprüche, und dachte sie Tag für Tag und zu jeder Stunde. Schwer lag ihm seine große Liebe im Herzen, aber noch immer tat er nichts, ihren Gegenstand von Angesicht zu Angesicht wiederzusehen. 2 Endlich machte er doch einmal einen Versuch, aber da waren ihm die Beine zusammengebunden. Als vor Jahren dem Nachbarn Wendel vom Storch ein kleines Mädchen gebracht worden war, durften der Bruder Fritz Wendel und dessen Spielkamerad Daniel Dark (selbst noch junge Storchenbrut, sie saßen noch nicht mal in der Klippschule auf der Ofenbank), da durften sie das Neugeborene besehen. Es schrie, sah im Gesicht rot und unzufrieden aus; steckte steif, wie ein Stock, in den Windeln. Als der Augenschein eingenommen war, bekamen die Knaben den Befehl, dem Vater der Frau Wendel, Großvater Teschner, der am Ende des Dorfes wohnte, freudige Botschaft zu überbringen. Großvater war sehr alt, auch wohl nicht mehr gesund, ruhte meistens im Bett, war aber bei guter Laune. Die Kinder bekamen Äpfel und Nüsse, dem Enkel Fritz strich er über das bräunliche Haar. »Kann sie denn schon laufen?« fragte er. »Ich weiß nicht«, entgegnete Fritz. Daniel aber sagte: »Sie könnte wohl, sie haben ihr aber die Beine zusammengebunden.« Da schmunzelte der Alte, hob Daniel beifällig das Kinn und sagte: »Ja, ja, so gehts. Wir könnten manches, aber man hat uns die Beine zusammengebunden.« Schon ein volles Jahrhundert vorher war ein Buch, betitelt ›Emil‹, für die Freiheit der Wickelkinder eingetreten, in Lohe aber wurde weiter gewickelt. Man könnte wohl manches, wenn man uns nur nicht die Beine zusammenbände. Daniel Dark raffte sich also endlich (es konnte ein Jahr seit dem Gespräch mit dem Hökerssohn und mit Mars-Ohm verstrichen sein) auf, einen Ball im Kirchdorf zu besuchen, um mit Springe zu sprechen, vor allen Dingen aber mit Lene zu tanzen und auf das auch ihm zukommende Menschenrecht aufzutrumpfen. Zumal mit Lene Springe wollte er tanzen, als sei er ein Knecht wie andere. Aber da hätte er an Großvater Teschners Wort denken sollen: »Man kann nicht alles, was man könnte, und man könnte vieles, wenn einem nicht zuweilen die Beine zusammengebunden wären.» Gedemütigt kam er vom Frühjahrsmarkt zurück. Er hatte nicht mit ihr getanzt – bewahre! Hätte es wohl können, wenn er Herr seiner selbst gewesen, wenn er nicht gewickelt gewesen wäre. Es kam, was kommen mußte. Getanzt wurde im Schwan eine Treppe hoch. Der rote Julius war noch nicht frei, war noch in die Geschäfte und in die Kleidung eines Kellners gebannt, hatte eine grüne Latzschürze vorgebunden, sein beleidigend blondrotes Haar troff von Öl. Als Daniel in die Tür trat, flog er mit einer Präsentierplatte voll heißer Groggläser über die Diele. Er hatte es eilig, stoppte aber auf einen Augenblick, Daniel zu fragen, ob er tanzen wolle, und ohne die Antwort abzuwarten, wo er das Tanzen gelernt habe. »Ut di sülwen?« Mit weit geöffnetem Munde lachte er über seinen Witz, wobei Daniel bemerkte, daß die beiden unteren Eckzähne nicht mehr da waren. Das Gastzimmer nahm Julius auf, Gelächter und Qualm und Groggeruch drang heraus, Daniel sah erhitzte, angetrunkene Gesichter. Daniel Dark nahm langsam die Stufen der Treppe zum Saal, schon von unten hatte er die Tanzschritte über der Bodendecke gehört. Julius Kirchner war also nicht oben, das minderte wenigstens etwas die Scham und die Wut über die ihm angetane Demütigung. Er stieg langsam hinauf, das ging schon deshalb nicht anders, weil er sich mitten in einem Schwarm befand. Oben drehten sich die Tänzer in dichtem Geschwärm. Daniel kletterte auf die Galerie, und es gelang ihm, hinter einer Säule, die das Gewölbe trug, einen Platz zu finden, wo er viel sehen, aber kaum bemerkt werden konnte. Die Musik spielte zu einem neuen Tanze auf. Helene Springe erschien als Erwählte des ersten Tänzers auf den Brettern. Es war so, wie man ihm gesagt hatte, sie war die Begehrteste, sie war die Schönste, sie ging von Hand zu Hand. So wie sie tat, das war kein Tanzen mehr, ein Fliegen war es, ein Schweben. Sie war ein Engel, und alle wollten den Engel haben. Jedesmal, wenn die Musik zu einem neuen Tanz ansetzte – ein Wettlaufen der Jünglinge: städtisch gekleidete mit ausgesteifter Wäsche, und bäurisch gekleidete, ohne jegliche Andeutung von Leinenwäsche, die Weste bis zum Kehlkopf hin fest zugeknöpft, besser gekleidete vom Dorf mit einem weißen Schimmer in Höhe des Brustkorbes. Und während sie ein Engel war, saß er und verzehrte sich in Eifersucht. Weshalb das? So fragte er sich, blieb aber und verfolgte sie mit den Augen. Sie lachte ihre Tänzer an, das durfte sie nicht. Wie kam sie dazu, jemand anzulachen, der nicht Daniel Dark hieß? Aber warum stieg er nicht hinab in den Strudel? Er konnte nicht, ihm waren die Beine zusammengebunden. Lene Springe wäre ihm doch weggeschnappt worden, es wären Leistungen herausgekommen, die klafterweit unter seinem sonstigen Können lagen. Sie war von allen gesucht, tat mit allen freundlich, die sie an der Hand oder im Arm hatten. Wie sie das nur tun mochte! Er hätte es einstmals besser haben können als sie alle. Er hatte im Kirchsteig ihr gegenüber gekniet, hatte sie mit dem Kopf gestoßen, er war mit ihr nach Reiherwisch gefahren, sie hatte auf seinem Schoß gesessen. Hinter der Weide hätte er sie beinahe geküßt. Wenn sie die faden Gesellen nur nicht so anlachen wollte, mit ihren lieben strahlenden Augen anlachen wollte! Auf der Galerie saßen alte Frauen und Kinder und ein paar Greisbärte. Da sah sie nicht hinauf. Und wenn auch, er hielt sich hinter der Säule. Wie konnte sie sich nur so gemein mit Leuten machen, die nicht Daniel Dark hießen? Er sah ihre Freude und Lust. Wie durfte sie Lust und Freude haben, wo er nicht dabei war? Sie fühlte sich als Königin des Festes. Wie durfte sie Kronen tragen, die er ihr nicht aufs Haupt gesetzt hatte? Wie Glanz und Glorie lag es über ihrem wunderbaren, braunen Haar. Ein Glanz, woran er kein Teil hatte: das zumal rührte und erboste Daniel Dark schier zu Tränen. So saß er und biß sich die Lippen wund. Er biß sich die Lippen wund und dachte an Simson und Delila. Die hatte den Starken mit Stricken gebunden von dickem Bast. Er aber hatte sie zerrissen und hatte die Philister geschlagen und war gegangen. Denn damals hatte sie ihm noch nicht das letzte Geheimnis gestohlen. Er wollte auch gehen, bevor ihm das letzte Heiligtum geraubt worden war. Er tat es. Als er auf der Ebene des Saales angelangt war, wirbelte die Musik die Paare wieder durcheinander. Er aber ging die Saaltreppe hinab und verließ den Schwan, und Julius lief ihm nicht in den Weg. Heimlich ging er nach Haus. Der Weg hinter den Gärten von Reiherwisch und weiter über die Schleuse wäre der nächste gewesen, er aber wählte den Umweg der Landstraße. * Ein paar Wochen später fragte ihn der Tischler-Ohm, dem Daniel auf den Wiesen begegnete. Tischler-Ohm trug Säge und Hobel und kam von Reiherwisch, wo er ein paar Tage gearbeitet hatte. »Na, Daniel, wie ist es geworden? Hast tüchtig mit ihr getanzt?« »Ich habe gar nicht getanzt«, antwortete Daniel. »Mir waren die Beine zusammengebunden.« Das verstand Ohm natürlich nicht, und Daniel erzählte das vom alten Teschner. Ohm sah ihn mit listigen und doch ernsten Augen unter buschigen, grauen Brauen an. »Ich glaube, es ist ganz gut gewesen, das mit den Beinen.« Wie er das meine, fragte Daniel. »Ich glaube, mein Junge, die kleine Springe ist so gut wie vergeben. Der Wirtssohn, ich meine den Rotkopf, war auf Reiherwisch und, wie die jungen Menschen sich hatten ... In den Gesindestuben munkelte man auch von Braut und Bräutigam und Verspruch.« Daniel war erstarrt. Er wollte fragen: »Was taten sie denn miteinander?« Tischler-Ohm war aber bereits seine Wege gegangen und zeigte ihm nur noch den alten, breiten Rücken. 3 Das zu Lohfelderkamp gehörige Ackerland schloß sich unmittelbar in der Richtung nach dem Dorfe dem Hause an, während die Wiesen vor den Stuben lagen, in der großen Niederung nach dem Westen hin. Nur eine kleine, nicht über zwei Tagwerk große Ecke, ›Auwiese‹ genannt, war unbequem weit entfernt, nicht viele hundert Schritt von der Schleuse, mithin nicht weit von dem alten für und für in den Fäden bläulichen Wiesendufts webenden Brückenjoch. Wieder war ein Jahr vergangen, der Sommer dahin, ein prächtiger Altweibersommer schritt leise und sachte über helle Stoppeln. Mit Daniel war es nicht viel anders geworden; nach Ansicht seiner Dorfgenossen ein in Ruhelage befindlicher, ein werdender Bauersmann, in Wahrheit aber war er noch immer ein wirbelnder Kreisel. Der Reisemeister hatte in der ganzen Zeit nur einmal irgend woher, absichtlich Aufenthalt und Adresse verschweigend, geschrieben, darunter ein paar kurze Sätze ohne sichtbaren Zusammenhang mit dem anderen Inhalt, z.B. »Nimm dich vor jungen Frauenzimmern in acht! Der, den sie zu verderben sich vorgesetzt haben, ist geliefert, wenn er nicht mal auf ein Stündchen Barbar wird und die Gespinste entzweireißt. Nachher kann oder will selbst der nicht helfen, dessen Fuß über die Wogen des Sees Genezareth schreitet.« In Lohfelderkamp war Milchwirtschaft und Aufzucht die Hauptsache, anstatt der Nachmahd wurde geweidet. Nur bei der an der Schleuse weit vom Hause belegenen Auwiese machte man eine Ausnahme. Für Weide paßte die Belegenheit nicht, auch war der Grund für Viehtrift zu weich. Der Erntemonat ging zu Ende, der Sonnenbogen war aber noch hoch genug, die Nachmahd zu bergen. Daniel mähte, er war allein. Er schlug sogar selbst die Schwaden über die Schwungbreite der Sense. Er wollte allein sein. Die weite Ebene der Wiesen führte ihn immer auf den Grundzug seines Wesens zurück. Sie war ihm geheiligtes Land, die Arbeit darauf eine Verrichtung im Dienste dessen, der auch jetzt noch, das glaubte Daniel, bereit war, zu ihm über die Wogen zu schreiten, wenn er ihn ernsthaft beschwor. Auf den Wiesen hatte Lene Springe den schwersten Stand, denn in der hallenden Einsamkeit hörte er am klarsten den Ankläger vor Gott dem Herrn, daß er sich und seine Zukunft um eines Weibes willen verrate und vor allen Dingen auch den verrate, der ihn geschaffen hatte, indem er ihn um den Zweck seines Werkes betrog. Nachvesperzeit des großen Alls ... Altweibersommer hat die tiefen blauen Augen vorgetäuschter Jugend aufgetan. Die Natur jauchzt nicht mehr laut, birgt aber in behaglicher Ruhe um so mehr Glück. Bei den Rindern ist es nicht anders, sie rennen nicht mehr umher, wie sie im Frühjahr getan, nehmen es vielmehr ernsthaft mit ihrer Pflicht, satt und rund und dick zu werden und Milch zu geben. Der Mittagsschlaf ist vorüber, sie grasen und essen und fressen, und zwischen ihnen und der Surrsense von Daniel Dark webt und flimmert eine satte, müde, die Welt wie in einen Feenschleier hüllende Luft. Surr ... surr ... sagt die scharfe Sense von Daniel Dark. Sie schneidet die feinste Grasfaser am federnden Grund. Aber wenn der Stahl auch noch so echt und noch so scharf gedengelt ist, von Zeit zu Zeit muß er geschärft werden. Streichen nennt es der Mäher, und der hölzerne, mit Metallstaub besetzte Streicher steckt im Gürtel. Beim Streichen hat der Mäher Gelegenheit, den Rücken gerade zu richten und das Auge umherzusenden. Das Streichen hat einen scharfen Klang, man hört es weithin, man hört, wie kleine Unebenheiten der Schneide glattgestrichen werden, sollten dabei auch ein paar Stahlspäne mit in die Weite fliegen. Und ringsumher blaue Flimmerluft, allerlei Samenstaub auf weichen Fittichen sanfter Lüfte gelagert. In der Ferne ein anderer Wetzstrich. Der fliegt vom Flußufer am Bilsener Moor herüber. Den Mäher kennt Daniel nicht, seine Erscheinung verschwimmt in federnden Streifen. Im Süden die Andeutung eines Gehöftes, eines Waldsaumes. Das ist Reiherwisch. Eine bange Süße bebt durch seine Glieder ... Aber was ist das! Kommt nicht jemand den Deich entlang? Im Rohr der hohlen Hand wird das Bild kleiner und enger, aber auch schärfer. Daniel hat sich nicht getäuscht, es ist ein Mensch. Er wird nach dem Moor wollen, Daniel Dark geht das nichts an, seine Sense surrt im Gras. Vor ihm lange Halme, prächtige, braunrote Blüten darunter – hinter ihm glatt und platt hingestreckte Verwüstung. Der Tod ist ja auch ein Sensenmann, Daniel kommt sich vor wie der Tod. Der Tod und der Mäher strecken hin, was im Erdboden wächst, einerlei ob grün und jung und strotzend oder alt und welk und überreif, die letzten Samenpollen den Winden zu geben. Der Tod hat Macht und Gewalt, auch den Mäher trägt das Gefühl der Gehobenheit, wenn alles dahin sinkt, wenn Kleines und Großes den Boden küßt, wie er es will, weil es ihm so gefällt. Daniel Dark schwingt die Sense, ein Verruchter, ein Todbringer im grünen Schöpfungsgarten, satt und voll vom Gefühl todbringender Gewalt. »Guten Tag«, sagte eine Stimme. Daniel ließ die Sense in Anschlag und wendete sein Angesicht dem zu, der mit ihm redete. Ein untersetzter, kräftiger Mann, offenbar derselbe, den Daniel vorher gesehen hatte. Er war über die Schleuse gekommen und stand jetzt auf dem neben der Auwiese verlaufenden Damm. »Guten Tag«, wiederholte er. »Guten Tag«, erwiderte Daniel Dark. Er wußte, daß er den Mann kenne, wußte sogar, daß es der Besitzer von Reiherwisch sei, wollte sich das aber doch nicht gleich eingestehen. Aber der Gedanke durchrieselte ihn heiß. »Bin ich recht nach Lohfelderkamp?« fragte der Eigner von Reiherwisch. Daniel gab sich einen Stoß. »Ich glaube, wir kennen uns, Herr Springe«, erwiderte er. »Ich bin in Lohfelderkamp zu Hause, Sie haben mal mit mir gesprochen.« Des anderen Gesicht leuchtete hell auf. »I, dann komm ich ja gleich vor die rechte Schmiede«, sagte er und setzte nach kurzem Anlauf mit raschem Sprungschritt über den Graben, stand vor Daniel Dark und gab ihm die Hand. »Gutes Gras, gute Nachmahd, wenn das Wetter sich noch ein paar Tage hält.« Es war noch immer der alte fröhliche Bäckergeselle und Lebemann, das Gesicht ein wenig gedunsener, als am Tag der Konfirmation. Ein kurzes wirtschaftliches Gespräch, bevor man auf die Sache kam. Vorauf ging ein Schelten von Arnold Springe auf sich selbst, daß er Daniel nicht gleich erkannt habe. Er entschuldigte sich aber sofort mit ähnlichen Gründen, wie Daniel gegenüber Springe getan. Daniel sehe so viel kräftiger, brauner und gesunder aus als damals, wie er noch in der Katechismusweisheit gesteckt habe. »Und nun sind Sie beim Mähen.« »Ja«, entgegnete Daniel, »das geht wohl nicht anders.« »Unds Studieren?« Daniel wurde rot und schwieg. »Es ist nichts daraus geworden?« »Nein.« »Und wird auch nicht werden – was?« »Ich weiß nicht«, antwortete Daniel Dark. »Es wird natürlich nichts«, entschied Arnold Springe. »Und Sie sind auch viel zu schade dazu und auch viel zu alt.« Springe steckte sich eine Zigarre an, die er einer feinen Ledertasche mit Stahlschloß entnahm. Tasche und Zigarre bot er auch dem Mäher an: »Rauchen?« Daniel dankte. Aber Springe rauchte, man sah ihm den Genuß und das Behagen an, womit er den Rauch einsog. »Wie alt sind Sie denn, Dark?« »Ich werde neunzehn.« Springe lachte. »Und dann noch studieren? Latein, Griechisch und den Kram? Nein, hören Sie, das schlagen Sie sich aus dem Sinn!« Als der gewesene Bäckergeselle das sagte, war es Daniel, als ob es zwingend und unverbrüchlich sei, wie ein Gebot Jehovas vom Berge Sinai. »Wissen S' noch?« fuhr Springe fort. »Damals sagte ich ›du‹ zu dir, zu Ihnen wollte ich sagen, es war am Tage der Einsegnung. Sie und meine Helene hatten Bekanntschaft gemacht, Sie fuhren mit mir. Aber ehe ichs vergesse, Helene läßt ihren Konfirmationsbruder grüßen.« Daniel wurde über und über rot und vergaß darob ganz, für den Gruß zu danken. »Und dann ging ich mit Ihnen über den Hof. Wissen Sie noch, was ich da gesagt habe?« Daniel wußte es noch Wort für Wort. Zum Überfluß wiederholte Arnold Springe alle seine Pläne selbst. Und dann erzählte er, was er ins Werk gesetzt habe. Handel mit Baumaterialien? Den Plan habe er aufgegeben. Aber das mit künstlichem Dünger habe er angefangen, es mache sich für den Anfang ganz gut. Daniel hatte es auch von anderen gehört, daß es sich gut anlasse. Als Springe die Gründe entwickelte, sah er zu seiner Genugtuung, daß sie in den Richtlinien der Gedanken lagen die er selbst über den Deich getragen, als er von der Einsegnung nach Hause gegangen war. Damit könne er zufrieden sein, fuhr Springe fort. Nun habe er aber auch die Mühle wieder in Gang gesetzt und einen Mehlhandel damit verbunden. Auch das hatte Daniel geplant für den Fall, daß er einmal Herr von Reiherwisch werde. Daniel kam, wie er mit Springe sprach, zu der Überzeugung, daß er doch wohl für eine praktische Lebenstätigkeit bestimmt sein könne. Und als Springe schließlich fragte: »Was meinen Sie dazu?« machte ihn der Einklang der Gedanken beredter, als er sonst in solchen Dingen war. Springe hatte seine Freude daran. »Sehen Sie wohl«, sagte er, »daß das Ihr Feld ist und nicht das Priestern in Bäffchen und Talar auf der Kanzel? Und da sind wir bei dem, was mich herführt. Ich komme auf das zurück, was ich Ihnen damals sagte. Kommen Sie zu mir und führen meine Bücher und Rechnungen. Von Kleinknechtarbeiten kann ich jetzt absehen, ist auch nichts für Sie. Aber in dem anderen, da passen wir zusammen. Das und die große Landstelle dabei. Allein wird es mir über, hab da einen aus der Stadt gehabt, war aber nichts – Windhund. Da hab ich gedacht, der kluge Junge von Lohfelderkamp muß heran, fragte so rum und erfuhr, daß Sie zu Hause seien. Gehst hin, dachte ich, und da habe ich meinen Stock genommen, und da bin ich. Und meine Tochter (sie läßt ihren Konfirmationsbruder nicht nur schönstens grüßen, sie sagt auch, ich sollte schelten, daß er sich niemals auf Reiherwisch sehen lasse), Helene meinte auch, das sollte ich nur tun. Wir haben eine tüchtige Großdeern, da geht es mit dem Frauenhaushalt auch. Die Tanten sind erzürnt, weiß nicht weshalb, kommen nicht mehr. Sollens man mal sehen, es wird Ihnen gefallen, und wir zwei beide werden leicht miteinander fertig, und über den Lohn einigen wir uns auch. Nun, was meinen Sie, Sie kluger Kopf, wollen Sie? Dann schlagen Sie ein!« Er hielt ihm die Hand hin. In Daniel stürmte es. Eine Stimme erhob sich, die sagte: ›Das ist dein Glück. Springe ist ein Guter, ist ein Engel‹. Eine andere Stimme: ›Er ist ein Versucher. Der Heiland bannte den Teufel mit den Worten: Hebe dich weg von mir.‹ Aber Springe stand so gut und gemütlich und behaglich rauchend und lächelnd vor ihm, und Daniel sagte zu sich: ›Das kann nicht der Böse sein‹. »Ich muß doch auch für unsere eigene Wirtschaft sorgen und dafür, daß Mutter eine andere Hilfe bekommt.« Als Daniel das gesagt hatte, glaubte Arnold Springe, daß er gewonnen habe. »Gewiß«, unterbrach er, »das muß natürlich in Ordnung gebracht werden. Und so fürchterliche Eile hat es ja auch nicht, ein paar Wochen quäle ich mich noch hin. Ich hörte mich auch darnach um. Haben Sie nicht einen Stief- oder Pflegebruder, der an Ihre Stelle tritt, wenn Sie Lust zu was anderem haben?« So war es, Johann Butenop wurde in kurzem frei. Bei seinem letzten Besuch hatte er mitgeteilt, daß er zum Ersten des Monats gekündigt habe, angeblich, um einstweilen in Lohe auf Tagelohn zu gehen. Sie wußten aber, daß der gute Johann noch immer auf der Lauer liege, ob Daniel nicht doch noch das Priestern anfange. Arnold Springe las die Gedanken von Daniels Stirn. »Wie heißt doch Ihr Stiefbruder?« »Er ist mein Vetter«, erwiderte Daniel Dark, »und heißt Johann Butenop«. »Ganz recht – Johann Butenop, und dient in Westerborn bei Galster. Geht er nicht zum Ersten ab?« »Ja«, gestand Daniel Dark. »Und hat keinen Dienst mehr angenommen?« »Nein.« »Na also. Sieh, Dark, dann scheint mir, können wir die Sache gleich in Richtigkeit machen, dann schlagen Sie man fix ein!« Er hielt ihm die Hand wieder hin. »Ich muß mit Mutter sprechen, auch selbst überlegen«, sagte er. »Dagegen läßt sich nichts sagen«, entgegnete der Herr von Reiherwisch. »Möchte nur recht bald wissen, woran ich bin. – Kommen Sie zum Markt?« fragte er weiter. »Ich bringe dort ein Füllen zum Verkauf«, entgegnete Daniel. Der Plan mit dem Füllen stand noch nicht fest, Daniel griff ihn auf, als wenn er einer Rechtfertigung bedürfe, den Markt zu besuchen. »Prächtig«, rief Springe. »Und wir treffen uns im Schwan, nicht wahr? Die Lene fährt auch hin – son junges, frohes Volk kann ja nicht genug bekommen. Darf ich Sie gleich oder bald nach sechs Uhr im Schwan erwarten? Der Pferdemarkt ist zu Ende, da bin ich im Schwan. Da läßt sich auch ein Füllen unterbringen, wenn Sies dann noch haben. Und dann wollen wir die Sache miteinander bereden und abmachen.« Er lachte. »Zweifle gar nicht. Wie, was meinen Sie, paßt Ihnen Zeit und Ort? Dann geben Sie mir wenigstens darauf die Hand.« Und wieder die runde, treuherzige Bäckerhand. Die Zusage, zu kommen, durfte Daniel geben. Er schlug ein. »Ich komme«, sagte er. Arnold Springe war offenbar mit dem Ergebnis nicht unzufrieden. »Es wird«, versicherte er; »ich meine nicht nur diese Abmachung, sondern auch das, was folgt.« Und frisch und fröhlich lachte er den jungen Sensenmann mit braunen Augen an. Daniel fiel dabei die Ähnlichkeit mit der Tochter auf. Es war gut, daß er das jetzt erst bemerkte. Hätte er es früher gesehen, wer weiß, ob er dann nicht ohne Wenn und Aber seine Zukunft weggegeben hätte. Daniel hatte immer überlegt, wie er es wohl herauskriegte, ob Lene wirklich versprochen sei. Alles, was er von Springe hörte, sprach dagegen. Er wollte immer fragen, ob er gratulieren dürfe, kam aber nicht dazu, hatte nicht den Mut, und Springe ließ ihn auch nicht zu Wort. Und schließlich war es zu spät, denn Arnold Springe nahm wieder den Graben und stand, den Hut lüftend und Abschied nehmend, auf dem Wiesendamm. »Noch eines«, rief er zurück. »Könnte Gruß bestellen von unserm zwar klugen, aber doch ein bißchen verrückten Schulmeister Frahm, dem Reisemeister, er weiß nur nichts von diesem Besuch. Er ist wieder zurückgekommen, ich weiß nicht genau, woher, glaube von ganz im Osten, wo die vielen Seen sind und die Leute polackisch sprechen. Traf ihn in der Stadt, habe ihn halb mit Gewalt nach Reiherwisch verschleppt, auf ein paar Tage festgemacht, dann ist er aber wieder ausgeflogen. Konnte sich mit Lene nicht vertragen. Schalt ihre Seele aus, daß es nur so eine Art hatte. Sie aber lachte ihn aus und blieb nichts schuldig. Ist ein rechter Schulmeister, das heißt, ein tüchtiger, ich meine nur nach der Moralseite hin, und was das Leben anbetrifft.« Aus Daniels Mund begann sich ein Satz zu haspeln: »Kann man – – gratulieren?« wollte er hinzusetzen. Er hätte auch gern gefragt, wo Frahm zu sprechen sei. Aber Arnold Springe und sein Stock waren in Bewegung. Noch immer breit und stattlich, in der Rechten den Stab in festem und doch elastischem Griff, noch immer mit Fingern und Daumen der Linken in krümelnder Knetbewegung. So ging er davon. Der Graben, den der Reihewischer übersprungen hatte, war ein Laufgraben mit fließendem, wenn auch schleichendem Wasser. Gelbe Wasserrosen ruhten auf breiten Blättern und diese auf blanker Flut. Schier unbeweglich, nur ab und zu ein leises Quirlen von weichem Grund heraufkommend. Ein morastiger Grund! Und merkwürdigerweise übertrug Daniel diese Vorstellung auf das, was ihn nach Reiherwisch zu ziehen im Begriffe war. Daß er hingehen werde, wußte er, dabei verhehlte er sich nicht, daß es zu seinem Unheil ausschlagen könne. Der Reisemeister hatte recht. Daniel versuchte das Bild aus seinem Kinderland zu beschwören, aber es versagte die Vorstellung vom See Genezareth und von dem, der über die Wogen wandelte. Weich und morastig! Aber was hat ein Wiesengraben mit Helene Springe zu tun? ›Man muß sich nicht gehen lassen. Ich will es abschütteln‹, dachte Daniel Dark. Es surrte die Sense, und als er das letzte ›Swatt‹ gemäht hatte, lachte er über seine Torheit. 4 Jahrmarkt – Herbstmarkt! Es kommt wie Pfingstwunder über Mägde und Knechte, soweit sie jung sind und Lebensfreude in ihnen loht – so schwer (vielleicht just deshalb) auch sonst die Alltagssielen der Arbeit drücken. Lachende Lebensfreude auf den Gesichtern. Es kommt nicht darauf an, ein paar Taler, und sei es gar ein halbes Dutzend, springen zu lassen. Pfingststimmung, Ausgießung des Geistes – Freiheit. Und als der Tag anbrach, war es auch über Daniel gekommen. Da Daniel nun aber zu den Leuten gehörte, die überall nach dem Warum fragen, so fragte er sich hier, weshalb die Vorfreude meistens so viel taufrischer sei als die an der Sache selbst, obgleich sie doch von der Erfüllung noch kein Lot hergegeben habe. Ein wunderbarer Zustand. Welche Verklärung ging schon von dem Sonntagszeug aus, als er es aus der Lade kriegte. Er selbst sauber gewaschen, geseift, seine verschlissene Arbeitshülle abgestreift, die neue heran, Bringer der Freude, hinein in die neue Haut! Reines Unterzeug, von Mutter gebügelt, neue Beinkleider, schwarze Lastingweste – zumal diese. In der Gegend der Hochbrust eine schmale Spalte, die die weiße, steife, Leinenwäsche schimmern laßt. Der schwarze Rock, Zigarrentasche, Zigarren darin, Hut – alles in festlichem Glanz. Gestern hatte die Mutter noch davon gesprochen, daß sie ihn begleiten wolle. Wegen seiner geheimen Absichten war es ihm nicht recht gewesen, aber da war natürlich nichts zu machen, war übrigens auch nicht so schlimm, weil Mutter kaum zu Markt gehen, im übrigen aber Trina Mersch besuchen wird. Sonst hätte Daniel seinen Stock genommen, nun mußte aber natürlich gefahren werden. Der Kastenwagen (eigentlich nur ein auf Räder gesetzter Stuhl) war geputzt worden. Dem Fuchs, der so prächtig im Einspänner geht, die Eisen nachgesehen, seine Mähnen aufgestutzt. Am Marktmorgen hatte Mutter sich besonnen, sie wollte zu Hause bleiben. Es möchte doch wohl zu unruhig und lärmend hergehen, und mit dem Besuch passe es an jedem andern Tag besser. Es war Daniel nicht unlieb. Das Fahren war nun wieder überflüssig, aber da nun mal alles darauf hingestellt war, sollte es dabei bleiben; für einen Bräutigam und Buchhalter und zukünftigen Hofbesitzer paßte es sich auch nicht anders. Daniel fuhr also, und der Plan mit dem Füllen, der kaum mehr als ein Vorwand gewesen war, wurde ganz beiseite gelegt. Er fuhr wie ein freier Knecht, also wie ein wirklicher Herr, wie ein von den Flügeln des Windes Gehobener. Eine Art Juchzer, ein Jubelruf für die in Lohfelderkamp Zurückbleibenden, wild tuendes Stampfen des auch zum Dichter, jedenfalls zum Pegasus gewordenen Fuchses, und rasselnd ging es in dem gelben Kastenwagen zum Tore hinaus. Erst führte der Weg in der Richtung nach dem Dorfe, aber bald traf man die Verbindung nach der Landstraße, den alten Konfirmandenweg. Wieder ein schöner Spinngarntag alter milder Frauen, noch lag er morgenschön und morgenfrisch in den Windeln, gebunden von Tausenden durch Gras und Stoppeln glitzernder Fäden. Ein heiterer Himmel wölbte sich über Lohfelderkamp, über Koppeln und Wiesen ringsherum, doppelt blau und rein und fröhlich erschien er aber dem, der hinter dem übermütig nickenden Fuchs im blanken Wagen saß. Denn der war ein anderer als der Alltagsmäher der Auwiese; er sah durch eine Brille, die niemand bemerkte, weil sie in Wahrheit nicht da war, und die Brille hatte die Gabe, Land und Leute zu verklären und mit Glanz zu überschütten. Und ein nie verstummender Freudenton. Man hörte davon freilich nichts als ein Piff-Paff der Zigarre und dann und wann: »So, Voß« und »na, Voß!« Das andere verhallte als ein inwendig aufquellender, an das Himmelsdach schlagender Jauchzer. Und was Natur, Hecken und Wälder ihm entgegneten, nahm er mit gnädiger Quittung auf. Denn soviel Gutes die Natur auch Daniel Dark antat: in seinem Prinzengefühl hatte er die Empfindung, daß sie nichts taten als ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Sparen taten die Hecken und Knicken ihre Schmeicheleien aber auch nicht. ›Daniel‹, sagten sie, ›bist ein Glücklicher, ein Gesegneter, fährst zu Markt und darfst tanzen, kehrst als Bräutigam heim, Buchhalter wirst du auch und später Herr von Reiherwisch. Der Handel mit künstlichem Dünger ist im Gang, die Mühle auch, ein Mehlhandel dabei, weiße Schwäne schwimmen auf weichen Wellen im See, Pfauen lärmen im Hof, halb Kalb, halb Hirsch, unzählige Enten und Hühner, überall Jagdhunde, du selbst mit Doppelflinte ein großer Jäger vor dem Herrn im Garten Apfel und Birnen und Zwetschen und Pflaumen, – und – Er schämte sich zuletzt seiner Gedanken, weil sie das Steuerruder zu tief stellten. Es war der einzige Mißklang in dem seine Brust sprengenwollenden Jubel, daß – Er dachte den Gedanken nicht zu Ende; in seinem Innern aber sprang die Frage auf, ob der über die Wasser schreitende Herr der Welten zu ihm kommen und ihm Worte der Vergebung sagen werde, wenn er so weltliche Gedanken hege. Die Landstraße belebte sich, er überholte Bauern, die mit Vieh zu Markt zogen, sah hoch vom Wagen darauf hinab, fragte nach Alter und Forderung, ohne die Absicht zu haben, etwas zu kaufen, sprach über Wetter und ob der Markt Aussichten auf gute Preise biete, wünschte guten Morgen und gute Geschäfte und fuhr weiter. Wer ist das? Sieht der nicht aus wie sein Lehrer? Ist das nicht der Reisemeister? Ja, dort wo der Weg von Westerhorn in die Landstraße einbog, stand ein langer Mann. Beim Näherkommen zweifelte Daniel nicht mehr, es war der Reisemeister. Wieder steckte dieser in einem rotbraunen Anzug, der ihm ein fuchsiges Aussehen gab, und immer noch war er lang und schlank und grade. »Daniel«, rief er, bevor dieser den Fuchs stoppen und seinen Lehrer einladen konnte. »Daniel, sollte ich wohl ein bißchen mitfahren können? Bin gerade nicht alt und schwach, aber du allein im Wagenstuhl, sieht nicht gut aus. Und deine Gesellschaft kommt mir auch sonst zu paß.« »Das kann gut angehen«, antwortete sein Schüler. Mit sich reckenden langen Gliedmaßen kletterte der Reisemeister, indem er auf die Radnabe trat, hinauf. Als sie nebeneinander im Wagenstuhl saßen, begrüßten sie sich mit festem Händedruck. Es war ein von beiden Seiten aufrichtig gemeinter Händedruck, wenngleich bei Daniel eine bange Sorge erwachte. ›Du hast‹, sagte er sich, ›deinem Engel mächtige Flügel gegeben, er wird kommen und sie bis auf ein paar Stümpfe zurückschneiden, wenn er sie nicht gar ganz abknipst.‹ Aber der Fuchs setzte sich in Bewegung, und vorderhand war weder von dem Engel noch von Engelsflügeln die Rede, die Freude lugte wieder hervor. »Ich hörte von Springe, daß du kommen würdest«, sagte Frahm, »hab auf dich gewartet.« Er erzählte von dem, was er getrieben, zurzeit habe er Unterschlupf bei seiner Mutter in Westerhorn. »Was meinst du, sollte es heute abend passen, mit dir zu fahren, und ein paar Tage bei euch zu bleiben?« ›Er will die Flügel ganz wegschneiden‹, dachte Daniel, antwortete aber zustimmend. In Lohfelderkamp standen, seitdem Johann Butenop in Dienst gegangen war, Kammer und Bett leer. »Mutter wird sich freuen«, entgegnete Daniel. »Am Tag muß ich aber in der Wirtschaft sein«, setzte er hinzu. »Ich arbeite mit«, antwortete Frahm. »Wie gehts der Mutter?« setzte er gleich hinzu. »Gut.« »Und dir, Daniel, wie gehts dir? Siehst ja prächtig aus! Nun, etwas macht auch wohl die Freude auf das, was heute kommt – oder kommen soll«, fügte er mit einem Lächeln hinzu, das Daniel verdächtig vorkam. ›Er ist ein Menschenkünder‹, dachte Daniel. ›Und steht denn alles auf deiner Stirn geschrieben, was du willst und denkst?‹ »Ja, ja«, sagte Daniel, »die Vorfreude. Ich habe schon darüber nachdenken müssen, woher es wohl komme, daß wir uns vorher mitunter mehr freuen als nachher.« »Ein wunderlich Ding«, entgegnete Frahm, »wert, darüber ein paar Minuten zu grübeln.« Er zog seine hohe schmale Stirn in Falten des Nachdenkens. Dann fuhr er fort: »Es ist manches verwickelter, als es auf den ersten Blick scheint. Aber den Hauptgrund glaube ich zu wissen.« »Und der ist?« »Das Dahintenbleiben der Arbeit und Sorge. Auf unsern Jahrmarkt paßt es jedenfalls, auf all die fleißigen, Tag für Tag arbeitenden Leute, die mit uns die Straße ziehen. Den Sterblichen wird keine Freude ungetrübt zuteil – aber daran, an die trüben Beimischungen des Lebens, denkt man nicht, glaubt man nicht, wenn man die Sorgen los ist und nur das Frohe im Auge hat, das der Tag bringen muß.« »Das Wegwerfen der Sorgen!« fuhr er fort. Immer können wir es nicht, aber wenn eine große Erwartung, eine große Freude winkt, dann gelingt es wohl, zumal bei Leuten, die noch jung sind und die, um mich deutsch auszudrücken, Phantasie haben – wollte sagen, die Gesichte, Einbildungen, Vorstellungen haben und die Fähigkeit, die Last des Alltags für Augenblicke zu vergessen.« »Ja«, erklärte Daniel, »da hab ich auch schon daran gedacht. Die Sorgen, das ist ungefähr so wie die Wickelbänder bei kleinen Kindern.« Der Reisemeister verstand ihn nicht. »Was ist mit den Wickelkindern und was hat das mit der Vorfreude und den Sorgen zu tun?« Daniel Dark erzählte das von der Bestellung bei Großvater Teschner. Frahm lachte: »Ist nicht übel. Ja, ja – es ist so, schon Rousseau hat für die Freiheit der Wickelkinder gekämpft, in Lohe und Westerhorn wird aber weiter gewickelt. Gleich davonlaufen würden sie auch ohne die Wickelbänder nicht, die kleinen Wesen, aber selbst wenn: gewickelte Kinder sind kleine, um ihre natürliche Freiheit betrogene Menschen. Und Wickelbänder sind auch die Alltagssorgen. Wir sollten sie wegwerfen, wo wir können. Wir sollten es öfters tun, als es geschieht. Christus verbietet ja geradezu, Sorgen zu haben. ›Sorget nicht für den andern Tag!‹ Und im vierten Gebot erbittet er Brot nur für das Heute. Freilich, damals und dort und nach dem, was man unter ›tägliches Brot‹ verstand, war es leichter, dazu zu kommen und der Sorgen ledig zu werden, als heutzutage bei uns. »Ein der Sorgen lediger Mensch«, fuhr Frahm fort, »ist allein ein wirklich Freier. Er wandelt gar nicht auf der Erde, kostet nicht, wie die anderen, die Unebenheiten und Höhen und Tiefen aus, er schwebt darüber hin.« »Und ist die Vorfreude nicht eine so viel reinere«, fiel Daniel ein, »als die, die nachher kommt?« »Zu einem Teil ja, nämlich bei einem phantasievollen Menschen, der für die Steine, die im Geleise des Lebens liegen, kein rechtes Augenmaß hat oder die Gabe, es zu verlieren, wenn er will. In anderer Hinsicht: Nein! Denn durch alle Vorfreude fühlt man hindurch, daß sie nur eine bedingte ist, und daß die Vereitelung der Hoffnung nachträglich alles in Bitterkeit verkehrt.« »Wie kann einem das, was man schon genossen hat, nachträglich genommen werden?« »Die Beantwortung dieser Frage würde eine tief schürfende Abhandlung über das Wesen der Hoffnung voraussetzen. Für heute wollen wir uns mit folgender Formel begnügen: So, daß sie einem wirklich zu eigen geworden ist, hat man die Freude doch nicht gehabt.« »Das müßte man doch wissen und fühlen«, pochte der im Besitze seiner Vorfreude gehobene Daniel. Der Reisemeister sah ihn lächelnd an. »Hast eine besondere?« fragte er. Daniel wurde rot. »Ja, wenn man zu Markt fährt«, erwiderte er, »dann freut man sich.« »Ich bin ein Schulmeister«, entgegnete der Reisemeister, »du aber bist einer, um den es schade wäre, wenn ers nicht handwerksmäßig würde, sondern was anderes – zum Beispiel Bauer und Müller von Reiherwisch.« Darauf antwortete Daniel nicht, schweigend saßen sie im Kastenwagen hinter dem im leisen Trab zuckelnden Fuchs. Der Marktgäste im Wege und am Wege wurden mehr, man fuhr durch einen schwarzen Heerwurm von Leuten. Der Kastenwagen näherte sich aber rasch dem Kirchdorf, dem alles zustrebte. Nun war man bei dem ersten Haus, einer Art Landhaus, der Tierarzt wohnte darin. An der Gartenpforte ein Stelzfuß, die Orgel drehend. Musik, Orgel! Von dem, was aus dem Kasten quietschte, wand Daniel Dark schnell eine Strickleiter, wieder in die Höhe zu kommen, von der ihn die Unterhaltung mit dem Reisemeister herabgezogen hatte. Zu Orgelklang gehörte Kuchengeruch, und Daniel hatte es in der Vorstellung gleich beisammen, obgleich es noch eine Strecke bis zu den Zelten war, wo es Kuchen gab. Die meisten Bauern gingen an der Orgel vorüber, der Reisemeister aber zog die Geldknippe, und Daniel machte es ihm nach. »Er hats nötig«, sagte Frahm, »ich weiß es, da sind unsere paar Groschen gut angebracht.« Und dann ging es in den Ort hinein. Bei Hans Kühls Ausspannwirtschaft war der breite Hof mit leeren Wagen dicht besetzt, und doch bogen immer noch neue in das offene Heck. »Nicht wahr?« sagte der Reisemeister, »sone Wagenburg. Von wieviel Hoffnungen und schlagenden Herzen erzählt sie! Siehst du, auch so ein Anblick gehört zu den Weckern der Vorfreude« Bei den Wirtschaften von Kasch und Schlüter war es nicht anders. Und auf knutschenden Hufen vorüber getriebenes Vieh mit dem Duft von Stall und Dünger. Nun kam man zum ›Schwan‹ von Kirchner. Tanzlokal und Ausspann. Auch hier standen Wagen. Ob der von Reiherwisch, der ›Sie‹ gebracht hat, wohl darunter ist? Daniel fürchtete, seine Neugier vor Frahm zu verraten, fuhr deshalb rasch vorüber, sah nur aus den Augenecken hin, glaubte aber genug gesehen zu haben – das Phaeton von Reiherwisch stand auf dem Hof. Der Reisemeister hatte sich voll hingewendet und seine Augen über den Wagenpark hingehen lassen. »Springe hat das Phaeton genommen, es steht am Schauer. Das tut er immer, wenn er mit der Tochter allein zu Gange ist.« Links und rechts sah man einen munteren Bach durch Wiesen wandeln und auf dem jenseitigen erhöhten Flußrand gleich hinter der Brücke die alte Kirche. Am Brückengeländer lag an Markttagen, Jahr für Jahr, der allbekannte Rattenmann, ein verkrüppelter Zwerg, der gezähmte weiße Ratten zeigte, die er mit einer Haselstaude (das Bauer hinter sich) leitete, dabei ohne Pause und mit heiserer Stimme seinen Zustand beklagend und das Gut einer vollen Gesundheit preisend. Auch hier gaben der Reisemeister und Daniel ihren Obolus. »Man sagt zwar«, bemerkte Frahm, »daß er ein wohlhabender Mann geworden ist und Gelder auf der Sparkasse hat. Ob es wahr ist, ich weiß es nicht. Ich denke, wir wollens darauf ankommen lassen. Will doch lieber selbst ein armer Reise- als ein reicher Rattenmeister sein. Und du denkst sicherlich nicht anders.« Links ging es hinein ins Dorf. Da waren die Marktzelte aufgestellt, da wogte und lärmte es in dichtem Geschwärm, rechts wies die Straße ins Freie, hier ging es hinaus nach Popenau. »Dort ist der Markt«, sagte der Reisemeister. »Da geh ich gleich hinein, Gesichter zu studieren und, wenns geht, mich an ihnen zu erfreuen, sowie Bekannte zu begrüßen.« Der Wagen hielt; und eine Weile stand der Reisemeister am Rad. »Was ist eigentlich dran, frage ich mich«, redete er, »wenn ich den Markt sehe und die Freude der Menschen? Was ist dran, an den fürchterlichen Kindertrompeten, den schrecklichen Dudelsäcken und Orgeln, an dem Schreien und Toben? Man weiß nicht, was es ist, aber wenn es einem in den Kinderjahren Spaß und Freude und Engelchöre gewesen ist, geht man als Erwachsener auch hin und fühlt dabei Herzweh und Herzfreude, Rührung und Andacht. Jenseits der Zeltreihe ist, wie du weißt, der breite Dorfplatz. Da haben der Zauberkünstler Professor Reimers und die Ringmaschine sich hingebaut. Da sieht man, wenn es so ist wie sonst, eine Riesendame, angestrichene Nigger und einen halbwegs echten Seehund. Und so weiter. Da sind auch« (hier lächelte er Daniel wieder verdächtig an) »da sind auch die meisten Tanzlokale. Beileibe nicht das Unwichtigste der Märkte. Denn da werden die Ehen zurechtgetanzt. Du fährst natürlich«, setzte er hinzu, »zu Tante Trina in Popenau und spannst dort aus. Heute abend gegen neun Uhr, oder wie du sonst bestimmst, bin ich zur Stelle. Brauchst dich aber nicht zu beeilen, ich warte und unterhalte Tante, bis du kommst.« Das bekannte, auf allen Märkten berühmte Kuchenzelt von Mohr duftete zu Daniel herüber. Klaus Frahm erstand einen großen Haufen für Daniel und die Tante. Dann verschwand er im Gemenge der Menschen und Buden. Daniel Dark fuhr nach Popenau. In wenigen Minuten war er da. Tante bewohnte ein kleines Bauernhaus. Die Fensterläden waren weiß, Ständer und Türen grün gestrichen, hohe Linden standen und rauschten vor der Tür. 5 Von Trina Mersch kam er nicht sobald wieder weg. »Die Marktfreude kriegst noch leicht, und für junge Leute wie du, Daniel, lohnt es sich erst am Abend. – Was sagst du? Der Reisemeister ist Glock neun hier, mit dir zurückzufahren? Laß den man kommen, ich spiel mit ihm Mühle, und wenn es auch zwölf wird.« Die fleißigen Hände in die Seiten gestemmt, in blaubunter Wirtschaftsjacke, fuhr sie, weitere Einwendungen abschneidend, fort: »Nein, mein Junge, da wird nichts aus, erst kriegst du Milch und Eier und Schinken, und dann gehen wir los, die Kühe zu besehen auf der Hundskoppel und die Kälber in der Seewisch. Mußt doch was von Trina Mersch und ihrer Wirtschaft erzählen können, wenn du nach Hause kommst. Und dann auf der Hundskoppel und Langkoppel (bei uns liegt ja leider noch alles ein bißchen weit in der Feldmark umher, nicht wie bei Lohfelderkamp vor der Tür), überall sollst du mir Rat geben. Bist ja, wie ich höre, ein fixer Bauer geworden, und ich – ich« (was da für Lichter um den Mund der vergnügten Tante flogen!) »ich bin ein altes Weib. – Den Mittag setzen wir ein paar Stunden später an.« Es wurde, wie sie befahl. Daniel Dark aß Eier und Schinken, trank Milch dazu und ging mit Trina Mersch auf dem weiten Plan der Feldmark umher. Und weiß der Himmel, wie es kam, das Feuer der Vorfreude loderte nicht mehr so hell, wurde klein und kleiner. Zweifel stiegen in seiner Seele auf. ›Sie soll reiner, besser sein, als die wirkliche? Ich glaube, sie ist nichts als eine Hoffnung, und mit Hoffnungen ist der Weg zur Trübsal gepflastert.‹ Das ungefähr war die Richtung des in ihm Aufquellenden. ›Und wenn sich herausstellt, daß das Ziel ein verkehrtes, verfehltes gewesen ist? Wird das, was ich schon gehabt habe, sich nachträglich in Bitterkeit verkehren?‹ So schwirrte es durch seinen Sinn, dieweil er Kühe und Kälber lobte und auf der Langkoppel ein Jahr Brache gegen Quecke empfahl. Trina Mersch hatte sichs in den Kopf gesetzt, ihren Schwestersohn zu verderben. Als sie zurückgekehrt waren und der Mittag verzehrt, legte sie Kissen aufs Sofa, damit er etwas ruhe – eher Befehl als Bitte. »Ein Viertelstündchen, wirds ein halbes, schadet auch nicht. Man ist nachher um so frischer, und ein junger Knecht, der zu Markt will kann es gebrauchen.« Es war ihm nicht recht, Mittagsschlaf war für ihn ein unbekanntes Ding, aber Tante wollte es so. Er streifte die Stiefel ab, ließ sich betten und ließ sich bemuttern. Und da kam auch die Müdigkeit, die zum Mittagsschlaf gehört. Tante Trinas Wunsch bescherte sie mit suggestiver Kraft, wohlige Mattigkeit begann seine Glieder zu lösen. Die Wände der Stube waren mit Holz getäfelt, farbige, fromme Bilder hingen umher, darunter auch eines mit dem Wunder des Sees Genezareth. Petrus will in den Wogen versinken, der Herr aber befiehlt dem Kleingläubigen, und siehe, da kann auch der Jünger auf dem Wasser wandeln. Und ihm auf dem Sofa war, als schreite Gott der Herr herüber, stehe an seinem Lager und tadele ihn. Er wußte aber nicht – wurde er wegen seines Kleinmutes um Lene Springe oder gerade ihretwegen getadelt und gescholten? Vor Daniel Darks Angesicht an der lila gestrichenen Wand hing eine braungeschnitzte Kuckucksuhr. Daniel kannte sie von seiner Kindheit her. Vor jedem Schlagen tat sich über dem Zifferblatt ein Metalltürchen auf, in dessen Öffnung ein kleiner, grün gefärbter Vogel erschien, mit Kuckucksrufen die Zahl der Stunden anzeigte, darauf verschwand, die Tür heftig, beinahe zornig hinter sich nachziehend. Der Zeiger stand ein Viertel nach drei. »Ich lege mich auch ein wenig hin«, hatte Tante beim Weggehen gesagt, »punkt vier Uhr bringt Lina den Kaffee.« Vor seinem Auge hing die braune Kuckucksuhr, deren Zeiger auf fünfzehn Minuten nach drei stand. Zehn Minuten vor halb und voll sagte sie mit einem kurzen harten Schlag einer schwingenden Feder an. Vor ihm die Uhr und draußen in den Linden an der Straße Spatzenschwatz sowie Sonnenpfeile, die über Linden und Spatzen hinweg in die Stube fielen, saubere Lichtgarben auf die Wände warfen, Ähren und Körner zum Fußboden versprengend. Aber auch der ist des Lichtes voll, hell gescheuert, mit sauberem Sand bestreut, er weiß mit dem Glanz nicht wohin und wirft ihn in guter Laune an die Decke zurück. Es ist Mittagsstunde, Daniel Dark ruht und mit ihm das große in seiner Vorstellung beschlossene All. In den Linden Vogellärm, in der Stube leises Fliegengeschwärm und der Kuckucksuhr energisches Ticktack. In wenigen Minuten wird sie zu halb ansagen, und um vier Uhr bringt Lina den Kaffee. Daniel Dark war eingeschlafen, im Schlaf hatte er mit einem dicken Bäcker zu tun, der mit ihm über die Vorfreude stritt und behauptete, Vorfreude sei eigentlich nichts als Sauerteig. Und weiter ... in ermüdenden Abwandlungen, immer mit dem dicken Bäcker. Ein scharfer, metallener Ton der Uhr. ›Sieh!‹ dachte Daniel, ›halb vier, um vier kommt Lina mit dem Kaffee.‹ Er hatte es aber noch kaum gedacht, da lag er wieder in Schlaf und Traum. Er ging mit Lene Springe zusammen auf der Dorfstraße. »Nachher wollen wir tanzen«, sagte er. – »Kannst du denn?« fragte sie. – »Ich glaube.« – »Wenn das man wahr ist.« – »Warum sollte ich nicht tanzen können?« – »Kluge Leute könnens kein einmal.« – »Ich bin kein Kluger.« – »Das bist du doch. Und für Priesterleute schickt sichs nicht.« Er wollte aufbegehren, wollte sagen, er sei kein Priestermann und wolle auch keiner werden – da schlug die Uhr, und auf dem Tisch dampfte der Kaffee. 6 Gleich nachher brach Daniel auf. Um sechs erwartete ihn Springe im Schwan, und das, was der Markt an Kramzelten und Sehenswürdigkeiten bot, war doch auch mitzunehmen. Die Wunderbuden pflegten an dem nach Osten hinaus belegenen Knüll aufgebaut zu sein, der Weg dahin ging durch die Zeile der Zelte. In der Ringmaschine, von den seinen Leuten des Kirchdorfs ›Karussel‹ genannt, wollte er auch ein paar Schillinge verfahren, der Mutter und Tante ein Jahrmarktsgeschenk kaufen – es wurde Zeit, daß er ging. Tante ›krafte‹: »Blot een Taß?« Aber der Junge ließ sich nicht halten. Als Trina Mersch ihn zur Haustür hinausgeleitet hatte, lag ein erfahrenes Lächeln auf ihrem alten Gesicht. ›Da sitzt was dahinter‹, sagte sie für sich, ›un ol Deernstüg is wiß dorbi.‹ Der Rattenmann pries noch immer den Segen der Gesundheit, als Daniel in die von Krambuden umstellte Dorfstraße einbog, an derselben Stelle, wo der Reisemeister seinen Wagen verlassen hatte. Zwischen den Zelten ein großes Gedränge, und wenn nun gar ein Wagen hindurchfuhr, wurde es schier ungemütlich, um nicht zu sagen: gefährlich. Mit den Jahrmarktsgeschenken machte Daniel es kurz, Mutter und Tante erhielten das gleiche Nähkissen mit demselben aufgeklebten frommen Spruch; beide fanden einstweilen in der Schoßtasche seines Konfirmationsrockes an derselben Stelle ihren Unterschlupf, wohin Lene dereinst die Kuchen, die so schmählich ihren Beruf verfehlen sollten, gestopft hatte. Mit der Ringmaschine hielt er sich auch nicht lange auf, länger nahmen ihn der Seehund und die angestrichenen Nigger in Anspruch, die in schreienden Zelten gezeigt wurden – am längsten die Zauberkunst des Professors Reimers, der tausenderlei Dinge so viel, daß eine ziemlich große Tischplatte sie kaum fassen konnte aus einem Zylinderhut zog, darunter einen lebendigen Kanarienvogel, fünfzig Eier und ein schreiendes Gummibaby. Zuletzt ließ er gar eine Frauenperson, die unter einen Apparat gestellt wurde, verschwinden. Einen Augenblick wurde Daniel noch durch einen Spaßmacher aufgehalten, der vor einer Stalltür mit hallender Stimme rief: »Wunner öwer Wunner, und Wunner öwert Perd, wo die Kopp sitten schall, sitt de Steert.« Für einen Schilling war das Mirakel zu sehen – nämlich ein mit dem Schwanz an der Krippe angebundener Gaul, ein prächtiger Apfelschimmel, der die Betrogenen gemütlich mit seinem großen braunen Auge überschaute und sich offenbar in seiner Rolle gefiel. Die Übertölpelten nahmen es mit herzlichem Gelächter gut auf. »Seggt nix«, sprach der Eigner des Wundertieres zu den Hineingefallenen, »seggt nix, ik will na mal son Tog maken.« Die Uhr war sechs geworden, nun mußte Daniel nach dem Schwan. Bei dem Wunderpferd, in der Zauberbude, beim Seehund, bei den Angestrichenen, auf der Ringmaschine und im Krammarkt hatte er gehofft, der Geliebten zu begegnen oder doch aus der Ferne von ihr ein Schleifchen zu erblicken. Er hatte vergeblich gehofft, nun hoffte er, sie bei dem Vater zu finden. Die Turmuhr der Kirche zeigte ein paar Minuten nach voll, als er an dem Rattenmann und seinem Spruch vorübereilte. Und gleich darauf verschwand er eilfertig unter der großen Gans, die einen Schwan darstellen sollte, in den Gasthof. Der große Vogel sah hochmütig auf ihn herab, diesem Blick dichtete Daniel eine innere Ähnlichkeit mit Julius Kirchner an, mit einem kleinen Ärger überschritt er die Schwelle. Nun war er in einem langen Gang, in dem viele Türen mündeten, die meisten davon geöffnet. Tabaksqualm und Dunst von Grog und Schweiß drang heraus und Gekreisch und Geschrei und Spaß und Gelächter, Rufen und Anprosten, vor allen Dingen aber Anrufen der Schneidergesellen, die, wie immer an Markttagen, sich für den ›Schwan‹ in Kellner verwandelt hatten. »Wo ist Julius?« fragte Daniel einen von ihnen. »Julius?« erwiderte der, einem Gaste Kleingeld zurückgebend – »der ... irgendwo. An Markttagen ist er Gast und Tänzer.« Daniel schlug sich in Gedanken vor die Stirn und schalt auf sich, das hätte er auch von selbst wissen können. Was wollte er auch von Julius? Weshalb fragte er nach Julius? Doch nur, weil er ihn an Lenes Seite dachte. Und ein Bild, vor dem er sich schüttelte, stieg in seiner Vorstellung auf: Julius mit vor Fett und Öl triefendem, aber trotz alledem rötlichem Haar, Sommersprossen im Gesicht, schmierige, lachende Lippen, schwitzige bleiche Hände, diese Hände um die Taille seiner Partnerin, der Schönsten im Saal, beide im wiegenden Walzer, er: Haltung des Siegers, sie: willenlose Hingabe, in kindlichem Leichtsinn verklärt zu ihm aufschauend. Und Daniel, der Träumer, der Seher, kannte die Schöne, kannte das Mädchen – es war die Hoftochter von Reiherwisch und hieß Helene Springe. Der Saal vom ›Schwan‹ war eine Treppe hoch, über Daniels Haupt schurrten die Tänzer. Das Schleifen verriet ihm, daß die Musik zum Walzer spielte, nun hörte er auch einzelne Töne von Klarinette und Geige. Und tiefer und blutiger gruben die Krallen der Eifersucht. Bevor er sich dessen versah, war er im Saal, einen Weg durch den Schwarm der Gäste bahnend, der vor der Schenke und hinter dem Treppenausgang stand, dem Tanze zuzusehen. Julius war nicht darunter. Hinauf auf die Galerie, da übersah er jedes Paar. Die, die er suchte und doch zu finden fürchtete, waren nicht unter den Tänzern. Das gab dem von Eifersucht vollgepreßten Herzen eine Art Erleichterung. Er begab sich zurück in die zu ebener Erde belegenen Räume und fragte nach dem Besitzer von Reiherwisch. Aber keiner der zum Hause und zur Hausbedienung Gehörigen gab ihm Auskunft, merkwürdigerweise kräuselten sich bei dem »Weiß nicht« und Kopfschütteln und Achselzucken die Lippen. Zuweilen kam, Springe sei dagewesen, man wisse aber nicht, wo er jetzt sei. Nun nannte Daniel seinen Namen und berief sich auf Springes Bestellung, was zur Folge hatte, daß der alte Kirchner gerufen wurde. Der sah ihn erst mit einem Gesicht an, das von schwerem Bedenken sprach, dann offener und freundlicher. Er wiegte aber immer noch das Haupt, als er erwiderte: »Nicht wahr. Sie sind Daniel Dark von Lohfelderkamp? Ja, ja, Springe hat von Ihnen gesprochen. Dann kommen Sie man mal mit!« Er führte Daniel durch den hinter dem ›Schwan‹ belegenen Ziergarten nach einem von freundlichen Reben umrankten Häuschen. Bevor sie eintraten, drehte sich der Alte noch einmal um und musterte seinen jungen Begleiter vom Kopf bis zur Sohle. Es lag eine stumme Frage in dieser Geberde: ›Was bist du für einer? Ein Einfältiger oder ein Gewitzigter, ein mit allen Hunden Gehetzter? Vor allen Dingen: kannst du schweigen?‹ Laut sagte er: »Ich habe viel von Ihnen gehört. Nicht wahr, Sie sind kein altes Weib.« Dabei legte er wie unversehens zwei Finger auf seinen großen Mund und dessen wie zum Schlürfen geschaffene, weiche, umfangreiche Lippen. »Ja«, erwiderte der unschuldige, nichts verstehende Daniel. Sie standen im Flur des Gebäudes, von rechts her kam es wie Klimpern mit Geld, dazwischen kurz hingeworfene Laute von Männern. Kirchner aber öffnete eine Tür der anderen Seite und bat Daniel einzutreten. Springe werde gleich kommen. Es dauerte aber einige Zeit. Drüben erhob sich ein kurzer Zwist, ein Austausch von Meinungsverschiedenheiten, möglicherweise die beim Kartenspiel bekannte Gespensterschlacht in den Lüften, die man Nachspielen nennt. Daniel war nicht mehr darüber im Zweifel, daß drüben etwas gespielt wurde, was man nicht gern aller Welt zeigte, wahrscheinlich etwas mit hohen Einsätzen oder gar noch Schlimmeres. Das sagte denn auch das Gesicht des Besitzers von Reiherwisch, als er erschien ... weingerötet, nicht ganz nüchtern und offenbar spielerregt. »Junge ja, Dark. Da hab ich gar nicht mehr an gedacht. Das tut mir leid. Und nun bin ich da mit ein paar Freunden zusammen. Was meinen Sie, schieben wirs noch auf?« Er lächelte dabei sein gewinnendstes Lächeln. »Haben muß ich Sie. Aber jetzt, daß das so kommen muß. Sitze da gemütlich mit Freunden bei ner Flasche Wein, machen ein Spielchen. Die werden bös, wenn ich lange bleibe. – Hm! Hm!« Der reiche Reiherwischer schien fast verlegen zu sein, als er das sagte, und in der Verlegenheit nötigte er Daniel Dark eine große, dicke, schwere Zigarre auf. »Ich weiß auch gar nicht, wie wir darauf kommen, es hier bereden zu wollen. Nicht wahr, Sie kommen in den nächsten Tagen zu mir nach meinem Hause. Und dann wollen wir es fest machen. Sie können nur sagen, wann es Ihnen paßt.« Daniel sagte zu allem das, was ihm am bequemsten deuchte, nämlich »Ja«. Der nächste Sonntag wurde für sein Erscheinen in Reiherwisch festgesetzt und Daniel lärmend und mit einem Sturz von freundlichen Worten verabschiedet. Als Springe im Spielzimmer verschwunden, hatte Daniel die Türklinke des kleinen Hauses noch in der Hand und hörte, wie sein Patron ausgescholten wurde, daß er so lange geblieben: »Du sagtest: eine Minute, und es ist eine Viertelstunde daraus geworden. Nun aber ans Geschäft: du sollst geben!« Daniel wiederholte seine Umschau im ›Schwan‹ und sah weder Julius Kirchner noch Lene Springe. Eine saubere Frau mit weißer Latzschürze lief ihm in den Weg. Die kannte er. Ihr Sohn war mit ihm zusammen ›zum Priester gegangen‹, sie hatte ihn auch mal auf der Straße angesprochen, war eine nette Frau. Er faßte sich ein Herz und fragte, wo Julius sei; von Lene wagte er nicht zu reden. Sie sah ihn freundlich an: »Sieh da, Dark von Lohfelderkamp. Wie gehts?« Es gingen ein paar Redensarten hin und her. »Wo Julius ist, wollen Sie wissen?« Frau Stabe war eine haushälterische Figur, dabei aber von resoluter, zugreifender Art. In Tagen des Trubels und der Feste war sie die rechte Hand der Hausfrau im ›Schwan‹ und nahm reichlich die Hälfte aller Sorgen auf eine Achsel, über die jetzt steif geplättete Bänder ihrer weißen Schürze liefen. »Frau Kirchner meint«, sagte sie, »es schicke sich nicht, wenn der Sohn vom Haus hier im Saal tanze, da sind sie anderswo hingegangen.« »Sie sind gegangen.« Das klang. Ach, wie das klang! Er hatte eine Ahnung, was kommen würde, wollte es aber wissen. »Wer war mit Julius?« fragte er. »Ach so, ich vergaß: das junge Mädchen von Reiherwisch und Julius gingen zusammen.« Daniel fühlte geradezu einen körperlichen Schmerz. Ob die Mutter das passend finde, fragte er sich. Es war, als ob Antje Staben seine Gedanken rate. »Mag ja just nicht Mode sein«, fuhr sie fort, »so junge Leute allein in son wilden Kram, wie Jahrmarktsgedudel, zu schicken. Da ist aber wohl son stiller Verspruch vorhanden. Da mag es denn nicht so viel mehr austun, wenn die Leute was herumreden. Und so werden die Eltern es auch wohl ansehen.« Daniel wollte das Paar suchen, obgleich er wußte, daß das, was er finden werde, die Scherben seines Lebensglücks, wie er es ansah, bedeuten werde. Das dachte er und dachte dabei einen Nebengedanken, ohne es selbst zu wissen, dachte nämlich, vielleicht würden die Scherben eines alten Glücks im Schmelztiegel doch noch taugen, ein anderes Glück aufzubauen. Es war aber nur die leise Ahnung eines Gedankens, und alles das verrauschte, als er in die Kramgasse einbog, verrauschte in den Wipfeln der Linden, die vor der ragenden Kirche Wache standen, damit kein rauher Ton über die Friedhofsschläfer hinwegfege. Die Häuser, wo außer im ›Schwan‹ an Markttagen getanzt wurde, lagen jenseits der Zeltenstadt am Knüll. Das Gedränge in der Kramgasse hatte zwar nachgelassen, dafür waren die Menschen um so trunkener vor Lust und Alkohol. Die Sonne war untergegangen, die Abendröte vergangen, die Schatten der Dämmerung wurden dunkler und dichter. Eine spärliche öffentliche Petroleumbeleuchtung, Flammen der Krambuden, überall flackerndes, unsicheres Licht. Was ihm entgegenkam und vor ihm herging, erschien in unsicheren Umrissen. Aber der große Mensch, der das Volk um Haupteslänge überragte, der mit dem bräunlichen Anzug und dem hellen Haar, blond und dünn und mager – ist das nicht der Reisemeister Frahm? Nun wendete er das Gesicht und lächelte, Daniel Dark meinte, zu ihm hinüber. Da zweifelte er kaum noch, daß es der Reisemeister sei. Daniel rannte ihm nach, stieß an ein paar halbtrunkene Gesellen und wurde roh gescholten. Man bot ihm Prügel an, er warf ein Wort der Entschuldigung hin, verzichtete auf Haue und eilte weiter. Den Reisemeister wollte er erwischen, ohne recht zu wissen, weshalb – vielleicht zur Erläuterung des Lachens, das er ungefähr deuten zu müssen glaubte wie: ›So mußte es kommen, ich habe es gleich gewußt.‹ Ihm war, als ob ein Wort vom Reisemeister zu dieser Stunde beruhigend wirken könne wie Mutterhand der Kinderzeit, wenn seine kleine Stirn in Fieber glühte. Der Reisemeister! Aber der war verschwunden, wie vom Erdboden hinweggefegt. Daniel fand ihn nicht in der rechten und nicht in der linken Seitengasse und nicht auf dem Knüll. Der Ringmaschinenmann war dabei, seinen Bau abzubrechen, die anderen Buden waren zwar noch da, aber die Abendlichter, die über sie hinflackerten, leuchteten trübe. Bei dem Bild eines scheußlichen Fettklumpens in Menschengestalt erfaßte Daniel ein unsäglicher Ekel. Es war das vorher übersehene Zelt einer Riesendame. Am Knüll waren die meisten Tanzlokale des Markttags. Er ging in alle hinein, um wunderlicherweise die zu suchen, die zu finden er befürchtete; er mischte sich in die Menge, in den Brodem von Grog und Staub und Schweiß, atmete eine Luft, die sich mit Rum und Staub und Schweiß gesättigt hatte und durch hundert Lungen, gesunde und kranke, gegangen war. Er suchte Helene Springe und Julius Kirchner und fand sie nicht. Nach einer Stunde war er wieder im ›Schwan‹ und sprach mit Frau Stabe. »Wo sind Sie denn überall gewesen?« fragte sie. Daniel nannte die Tanzlokale um den Knüll, die von Krah und Mehrens und Wichmann und Lienau. »Nicht im neuen?« »In welchem neuen?« »Ja, wissen Sie denn nicht, daß Thun, ich meine den in der Hohen Straße, einen Saal gebaut hat mit runden Bogen? Das ist das Neueste und Beste, kostet aber drei Groschen Angtree. Wenn Sie da nicht gewesen sind – Julius ist immer für das Neueste, Beste und Teuerste.« Daniel hatte davon gehört heute aber mit keinem Gedanken daran gedacht – bei Thun mußte es sich erfüllen. Der kürzeste Weg lief durch die Zeile der Krambuden, ein anderer längerer, ein einsamer Weg führte um den Kirchhofswall herum, war von dem Verschönerungsverein vor Jahren angelegt und mit Linden bepflanzt. Es war, als Daniel ihn einschlug, schon ziemlich dunkel geworden. Der Mond stand zwar in Aussicht, war aber noch nicht aufgegangen, unter den weit herübergeneigten Kronen der alten Stämme an der Kirchhofsmauer sah man kaum die Hand vor Augen. Die Nacht und die Vögel schliefen und schwiegen im dichten Gezweig. Der Lindenweg war das Verzugskind des Verschönerungsvereins. Im vorigen Herbst, als Daniel zum Nachtmahl gewesen, hatte er die Anlage bewundert, namentlich einen runden von Bäumen und Bänken umgebenen Rasenplatz, und ehe er sich denen versah, saß er dort auf einer hart an die Kirchhofsmauer in das schwärzeste Dunkel gerückten Bank. Es war ruhig und einsam, und riesengroß wuchs die Stille der Nacht am Sternenhimmel herauf. Ein leises Aufleuchten am Horizont, da mochte die Stelle sein, wo der Mond heraufgestiegen kam. Daniel wollte darüber nachdenken, welchen Weg er ging und ob es der rechte sei, und fühlte doch den ihn fortstoßenden inneren Zwang, fühlte auch, daß sich daran, was kommen werde, nichts mehr ändern lasse. Aber seine Gedanken waren wild, gingen aus der Reihe und wollten auf kein Kommando hören. Da war es ihm fast eine Erleichterung, daß seine Aufmerksamkeit auf Leute gelenkt wurde, die den Lindenweg entlang kamen, seiner Richtung entgegen, vielleicht von demselben Saal her, der sein Ziel war. Zu seinen Füßen standen sie still, ohne ihn zu bemerken, ein Brautpaar oder Liebespaar. Zu seinen Füßen umarmten sie sich und küßten sich. Und sprachen von ihrer Hochzeit. Er wollte zu Weihnachten heiraten, sie meinte: zum künftigen Frühjahr, damit die Mutter sich gewöhne. – Aber, erwiderte der Liebhaber, Mutter behalte ja noch drei Töchter, und ob sie denn kein Mitleid mit seiner übergroßen Liebe habe? – Ob die denn gar so schlimm sei? – Ja, er habe sie noch mehr lieb als Gott im Himmel. Sie hatten sich auf eine Bank gesetzt und tauschten Zärtlichkeiten Kuß um Kuß. »Du magst mich sehr lieb haben, Ferdinand, ich aber habe dich doch noch viel lieber.« Sie umarmte ihn heiß, und unter liebevollem Hin- und Widerreden setzte Ferdinand seinen Willen durch. Weihnachten sollte Hochzeit sein. Darüber schwoll sein Mut gewaltig auf. »Du Beste, du Süße, du Liebe« – und immerzu nach Daniel hinüber der Klang heißer, in keine Worte gekleideter Erklärungen stürmischer Liebe. Und als sie aufstanden und weiter gingen, hörte Daniel noch lange den betörenden Schall. Er sandte ein heißes Gebet zu dem Ewigen empor oder eher eine Beschwerde, eine Klage, einen Vorwurf. ›Du magst mich verleugnen wollen, aber es hilft dir nichts. Ich bin und bleibe dein Kind. Ich mag sein, wie ich will, voller Leidenschaft, aber ohne Mut, ihr zu folgen. Es ist dein Werk, denn ich bin dein Geschöpf. Es hilft dir nichts, großer Gott, ich lasse dich nicht. Auch mir bist du schuldig, das am eigenen Leibe genießen zu lassen, was sich soeben vor mir zugetragen hat. Und ich harre dieser Stunde.‹ Es war ihm eine Art wollüstigen Triumphs, dem Herrgott seine Nöte vorzutragen, die ihn drückende Last der Verantwortung für die Triebkräfte seines Wesens, woran sein Willen kein Anteil hatte, auf den Schöpfer als Urheber aller Dinge abzuwälzen. Er glaubte auch innerlich dadurch den Neid über das junge Paar bezwingen zu können. Und wieder weckten ihn Stimmen. Und wiederum war es ein Paar, das vom Tanzhause kam: eine dunkle, junge Männerstimme, eine helle, weibliche. Auch sie liebten sich, waren aber, wie es schien, nicht ganz einig. Er nach Männerart feuriger, leidenschaftlicher, zugreifender, sie ruhiger, mehr auf das Schickliche sehend, er nach dem alten Goethewort Freiheit über die Sitte, sie Schicklichkeit über die Freiheit stellend. Sie setzten sich auf die sozusagen, von der Elektrizität der Liebe noch immer geladene Bank, und wiederum verbargen die Nacht und das Dunkel der Bäume den um die Süße jener Kraft betrogenen Daniel Dark. »Ja Hans, hier, wo uns kein Mensch sieht, sollst einen Süßen haben, hier darfst mich küssen.« Hans ließ sich das nicht zweimal sagen, er umarmte und küßte seine Becka. Sie hieß Becka, wie sich aus dem Gespräch ergab. Daniel mußte die Wiederholung der Liebesszene über sich ergehen lassen, vielleicht wegen seines lästerlichen Gebets zur Strafe über ihn verhängt. Er fühlte es in allen Fibern nach, was sich vor ihm abspielte, war doch auch er ein Gefäß brausender Leidenschaften. »Sieh, mein Hans«, sagte Becka. »Hier, wo wir allein sind, das ist was anderes. Im Saal vor allen Leuten ging es nicht.« Hans meinte auch, die Menschen wüßten nicht, wie süß und lieb sie sein könne. »Aber nun ist es genug«, entschied die Verständige. »Nun wollen wir ruhig beieinander sitzen, meine Hand darfst du noch haben, mehr nicht.« – Und wieder bekam der getreue Hans Schelte, daß er im Saal ein Küßchen zu stehlen versucht habe. »Aber«, entschuldigte er sich, »Julius Kirchner tat es auch«. »Ja, er wollte und versuchte es, sie aber wollte nicht und tat auch nicht. Und das war recht von ihr. Vor Leuten schickt sichs auch für Braut und Bräutigam nicht.« Was das für eine sei, die Braut von Julius Kirchner? fragte Hans. Das Paar stand auf, weiter zu gehen. Becka fühlte ein Frösteln, sie hatten, meinte sie, schon zu lange gesessen, abends sei es jetzt nicht mehr warm genug, von der Erde steige die Abendkühle der Herbstzeit auf. Der Liebhaber hatte Tuch und Mäntel über dem Arm getragen, nun packte er seine Becka in weiche Wolle und Liebe ein. Was das für eine sei, die Braut von Kirchner, fragte Hans, und Becka erwiderte, soviel sie wisse, sei es die Hoftochter von Reiherwisch. Hübsch und nett, das müsse man ihr lassen, sei freilich ein bißchen viel im Mund der Leute, aber auch das komme wohl vom guten Herzen, das bei andern Leuten ebensoviel freundliche Liebe voraussetze, wie sie selbst hege. »Daniel war, als habe er das Rollen eines Erdbebens gehört. 7 Der neue Saal war hochgewölbt, beim Aufgang wurden drei Groschen erhoben, man bekam eine Karte und konnte sich dafür an der Schänke Getränke geben lassen. Es war viel Andrang, die Treppe polterte und stöhnte, als Daniel hinaufging. Es war ein sogenanntes ›Spiel‹ beendigt, eine kleine Pause folgte. Jedes aus vier Tänzen bestehende Spiel wurde mit einem Groschen bezahlt. Wenn es zu Ende war, strich der Vorgeiger ab – einen Ton hoher Lage, einen gedämpfteren – das klang wie: ›Küßt euch!‹ war ursprünglich auch so gemeint. Alte Leute erzählten, es habe eine Zeit gegeben, wo jeder Tänzer sein Mädchen dabei auf die Backe geküßt habe. Da seien sie und die Welt noch jung gewesen, alles viel unschuldiger, da habe es nicht viel ausgemacht. Hier und da sollten noch jetzt kecke Burschen Mundraub verbrechen. ›Küßt euch!‹ strich die Musik, als Daniel im Saal angekommen war, aber keiner von den Tänzern wagte es zu tun; es blieb beim Anlachen mit Augen und Mund. Man müsse zwar aufschieben, aber aufgeschoben sei nicht aufgehoben, sprach hier und da das Lachen. Daniel Dark sah sich um – die von ihm Gesuchten waren nicht im Saal, ihm versagten Denken und Wollen. Die Musik setzte wieder ein, und wieder Walzen und Wiegen. Bekannte sah Daniel kaum, aber doch ... da war Anna Ellernbrook, eine ältere Schwester von Lena Ellernbrook. In den Gelagen von Lohe war sie Königin, und selbst hier ging es wie auf Rollen. Wenn man sie im Tanzschwung sah mit dem lang herumwehenden Rock, glaubte man gar nicht, daß sie Füße habe. Und der, mit dem sie tanzte, war der junge Kahlke, der Windmüller, der noch immer unverheiratet war. Das Tanzbein verstand auch er zu schwingen. Anna Ellernbrook hatte, wie man sich im Dorf ausdrückte, ›etwas in die Milch zu krümeln‹, er wollte sich eine Müllerin herantanzen die was mitbrachte. Warum auch nicht? Bei Daniel Dark versagten Denken und Wille. Was wollte er hier? Was ging ihn der hochgewölbte Saal an? Und was das Wiegen und Tanzen? Was ging es ihn an? ... Die Einsamkeit von Lohfelderkamp stieg vor ihm auf, heißes Heimweh erfüllte sein Herz. Der Mond war aufgekommen und schien in die Saalfenster. Mondschein lag jetzt wie Graupelschnee auch auf den großen Steinen von Lohfelderkamp. Eine weinerliche Sehnsucht nach ihrem Anblick, nach den weiten, vom weißen Mondnebel bedeckten Wiesen stieg in Daniel auf ... Mutter hat Kaffee und Brot und Milch und Käse und Butter auf den Tisch gesetzt, wenn sie nicht gar bis zu seiner Heimkehr außer Bett geblieben ist. Der Reisemeister will ihn begleiten ... »Küßt euch!« strich der Geigenmann. Daniel war alles einerlei, er wollte nach Haus, wollte dort einen Winkel suchen, wo er allein sein, wo er grübeln, denken und sich härmen durfte. Er wollte gehen, es kostete einige Mühe, die Treppe zu gewinnen. Als es gelungen war, stieg er hinab ... allein. Darüber wunderte er sich, sah dann aber, daß er auf einen Seitenausgang gekommen war, der in die Hinterräume des Hauses führte. Und sah sich dann in einem von kümmerlichen Lämpchen erhellten Gang. Eine Arbeitsfrau lief ihm in den Weg, er fragte, wo und wie er ins Freie komme. »Letzte Tür links«, war die eilige Antwort. Die Auskunft war mißverständlich. Die Richtung, die Daniel nehmen sollte, war nicht angegeben. Wo war rechts, wo links? Er wollte an beiden Enden versuchen, auf gut Glück ging er dahin, wo er den Hof vermutete. Letzte Tür links – sie klemmte sich, bei Hintertüren nicht auffällig. Ein wenig anstemmen, dann wird es gehen. Und es ging, er hörte aber ein Geräusch, als ob ein vor die Tür geschobener Stuhl zurückschurre. Er war nicht im Freien und nicht im Hof, er war in einem halbdunkeln Raum, in einer abgelegenen Stube. Ihm gegenüber auf einem Sofa saßen zwei Menschen, Rotweinflasche und zwei halb geleerte Gläser auf einem vor ihnen stehenden Tisch. Die beiden Leute, ein junger Mann, ein junges Mädchen, fuhren bei seinem Eintritt auseinander – sie hatten sich geküßt. ›St!‹ ... Und beide saßen unbeweglich. Die vor ihnen stehende Lampe umschrieb einen kleinen Lichtkreis, die Tür blieb im Dunkeln, die Gesichter des jungen Paares aber lagen im Schein der spärlichen Lampe. Daniel Dark wich langsam zurück, rückwärts gehend, die Erscheinung im Auge behaltend. So wich er über die Schwelle und drückte die Tür leise hinter sich zu. Es erging ihm wie dem Jüngling von Sais, er hatte die Wahrheit gesucht – nun sah er die Wahrheit. 8 Daniel Dark war und blieb ein Kreisel, innerlich in rasender Bewegung, äußerlich ruhig. Aber um die Ruhe nach außen zu bewahren, mußte er eine Weile mit sich allein sein. Die Sehnsucht nach Wiederherstellung des Gleichgewichts legte ihm allerlei Empfindungsworte auf die Zunge. Wenn er hätte fliegen können, nach Lohfelderkamp hin, wenn er auf einem der großen Findlinge hätte Platz nehmen können, zumal auf dem Rücken des großen, dicht am Wiesengraben liegenden, der (anders als die andern) eine breite, ebene Fläche bot, wenn er da hätte ruhen können, angesichts der Wiesen und Moore, oder vielmehr der Nebelnacht, die sie jetzt umschloß ... wenn er in totstiller Einsamkeit hätte austoben lassen dürfen, was ihm Brust und Herz beschwerte, dann wäre er wohl darüber hinweggekommen, eher als hier im wüsten Jubel trunkener Jahrmarktsfreude. Ein paarmal war er in der Krambudenzeile auf- und abgelaufen, ein paarmal nach dem Tanzlokal zurück, einem Verbrecher vergleichbar, den es nach dem Tatort zieht, ein paarmal hin nach dem Tanzhaus, ohne den Mut zu haben, hineinzugehen. Und nun ... nun saß er wieder im Lindenweg an der Kirchhofsmauer an alter Stelle, die so vieles offenbarte und so vieles verbarg. Der Mond glitzerte als große Sichel durch das Blätterdach, in den Gründen quoll und rollte weißer Nebel auf. Beleuchtung und Farben anders, sonst aber wie vor ein paar Stunden. Und wieder ein Paar vom Tanzhause her. Die im flimmernden Mondlicht webenden Gestalten hatten ungewisse Formen, die Stimmen aber klangen Daniel bekannt; nun standen sie an der freien Ausbuchtung des Kreises und sahen in den Mond – Julius Kirchner und Helene Springe. Sie stritten darüber, ob Reiherwisch oder der Schwan verkauft werden müsse, wenn sie sich heirateten, da beide Gewese zusammen nicht zu halten seien. Helene wollte Reiherwisch behalten, machte das sogar zur Bedingung, Julius wollte das nicht, er machte geltend, daß Reiherwisch neuerworbenes, der Schwan aber von Altvordern ererbtes Gut darstelle. Lene hatte dafür keinen Sinn, sie lachte. »Dein Schwan ist auch was Rechtes. Und wie lange heißt das Haus denn ›Zum wilden Schwan‹?« »Das hat Vater sich zurecht gedacht, als er die Wirtschaft antrat«, entgegnete Julius. »Da hat er sich auch was Rechtes zurecht gedacht. Und der Pinselmeister, der es hingemalt hat, wie heißt der?« »Das hat Maler Meier getan«, antwortete Julius, und in seiner Stimme lag eine Art Bedrücktheit über den Unwert von Meiers Kunst. Lene Springe schätzte sie auch niedrig ein: »Das soll ein Schwan sein? Und nun gar ein wilder? Sieht aus wie eine Gans, alle Welt lacht darüber, und die Jungs sagen ›Zum Pilkenkücken‹.« »Das laß sie man tun«, erwiderte Julius, »das Pilkenkücken bringt hübsch Geld ein.« »Reiherwisch auch«, erwiderte Helene. »Wenn das man wahr ist.« Sie hörte nicht darauf und fing wieder von dem Wirtsschild an. »Wenn da wenigstens ein anderes Bild aufgemalt wäre«, sagte sie. »Was denn für eines?« Sie standen und sahen in den Mond. »Was denn für eines?« wiederholte Julius. »Nun, wie das da, Mond oder Halbmond. – Aber ich will«, setzte sie hinzu, »da überhaupt nicht hin. Jedem freundlich sein, Grog und Bier und Schnaps bringen und einschenken, Bierringe vom Tisch wischen –ah – bah – danke schön! Da bin ich lieber Frau auf eigenem Hof.« Julius war von ihrem Einwand nicht sehr erschüttert. Er erwiderte: »Da gewöhnt man sich an.« Sie setzten sich. »Was machen wir mit dem Klugmeister von Lohfelderkamp?« fragte Julius. »Wie meinst du das?« »Du sagtest, dein Vater habe ihn herbestellt, ihn als Schreiber zu mieten.« »Du meinst Daniel Dark, mit dem ich konfirmiert worden bin?« »Ja, du sagtest, dein Vater wolle ihn als Schreiber haben.« »Warum soll er ihn nicht als Schreiber haben?« »Nein, mein Mädchen, da bin ich nicht mit einverstanden. Da trau ich dir nicht übern Weg. Daß du auf seinem Schoß gesessen hast, habe ich selbst mit angesehen. Und hinterm Teich hast du dich auch mit ihm herumgetrieben.« »Das ist lange her und er hat sich nicht mehr um mich bekümmert.« »Und doch sitzt er dir noch immer im Kopf.« »Hab dich nur nicht so!« »Na, na!« »Will nicht sagen, daß ich ihn nicht leiden mag, mag ihn sogar gern leiden; er ist aber zu gut für mich, und dann ist er auch bang vor Frauensleuten.« »Woher weißt du das?« »Das hört man so. Und wenn er nicht so bange gewesen wäre, dann hätte er, als wir am Teich Abschied nahmen, bevor noch der Schulmeister hinzukam, mir etwas angetan, was junge, verliebte Leute dann wohl so tun.« »Na, mein Deern, das war vor Jahren. Damals war er ein Junge, nun ist er groß. Und wenn er auch jetzt noch bange ist vor Frauensleuten, du bist es nicht vor Mannsleuten.« Daniel hörte das Geräusch, wie wenn jemand halb in Ernst, halb aus Spaß Schläge auf den Rücken erhalte. »Wenn du das noch mal sagst«, erklärte sie, »dann tu ich das wirklich, was ich nicht tun soll, und dann sind wir quitt.« »Das brauchst du mir gar nicht zu sagen, da kenne ich dich gut genug zu«, erwiderte Julius. »Und das weiß ich auch, daß du nur mit dem kleinen Finger zu winken brauchst, und er hängt dir an Rock und Schürze.« Dabei ein höhnisches Lachen. »Der Torfjunge, der Moorjunge!« Was Julius an Verachtung und Geringschätzung aufbieten konnte, lag in dem Lachen, lag in dem Torfjungen und Moorjungen, so wie er es aussprach und sagte. »Warum priestert er nicht?« fuhr er fort. »Doch nur deinetwegen, Helene.« Julius gehörte zu den feinen Kirchdorfsleuten, die Helene und nicht Lene sagten. »Die Sorte kenne ich«, redete er weiter, »kommt vor lauter Hochmut und Übermut und Schlafsucht zu nichts.« »Was schnackst du da, Julius, nu hör auf!« Sie rief es in erregtem Ton. »Sonst weiß ich wirklich nicht, wen ich nehme. Du hast Geld und Gut, bist mehr für die Welt, das ist wahr – hast mich auch gefragt, ob ich dich wolle. Daniel Dark sagt nichts und kümmert sich nicht um mich. Das macht, er hat es in sich. Ich glaub sogar, er hält mehr von mir als du. Schade, daß nichts mit ihm anzufangen ist. Leiden und vertragen mag ich ihn viel lieber als dich, weißt das?« Wiederholung des Gelächters, aber ein wenig gedämpfter. »Siehste, wie recht ich hatte, den Torfjungen in Reiherwisch nicht haben zu wollen?« Und nach einer Weile: »Bist n kleines Lasterchen, aber wir wollen uns vertragen.« Er umarmte sie, sie wehrte sich. »Laß das, ich hab keine Lust zu Albereien.« Eine peinliche Stille. »Du«, sagte Lene Springe. »Was?« »Als wir in der Achterstube waren, da kam jemand herein.« Julius schwieg. »Ich sagte, da kam jemand herein. Hast du gehört?« Julius Kirchner brummte. »Gehört hab ichs wohl, daß jemand da war, hören taten wirs ja beide. Die Person ging aber gleich wieder weg.« »Ob er was gesehen hat?« »Was?« »Daß wir im Sofa zusammen saßen und du mich küßtest?« »Es war dunkel in der Stube.« »Ja dort, wo der Mann war; wir aber hatten Licht. Was meinst du, hat er was gesehen?« »Und wenn auch, das macht doch nichts das ist doch einerlei.« »Julius!« »Oben im Saal, im Ecksofa tat ichs auch.« »Es war nicht schön, und ich hab den Mund weggehalten, war aber doch was anderes. Wir gelten als Braut und Bräutigam da sieht man schon was nach. Aber beide allein in der Achterstube! Wenn das herumkommt, denken die Leute gleich Häßliches hinzu. Und dann – ich weiß nicht ...« »Was weißt du nicht?« »Ich denke immer, er könnte es gewesen sein.« »Wer?« »Ach, ich weiß nicht.« »Aber ich weiß«, behauptete Julius. »Minna Haß war es, die Aufwaschfrau.« »Nein, die war es nicht; es war keine Frau, es war ein Mann. Ich denke immer ...« »Was denkst du?« »Ich sah nicht viel, nur den Schatten, und wie er rückwärts, immer nach uns sehend, zur Tür hinausging. Und ich muß immer denken ...« »Was mußt du denken?« »Ich muß immer an den denken, den du den Moorjungen nennst.« Eine Pause. Es bedurfte einer Vorbereitung für Julius, so zu lachen, wie er dann tat. »Lach nicht so!« rief sie. Es war aber auch ein empörend rohes Lachen. Und wieder fing er zu lachen an. »Das wäre wamos!« (Er sprach ›wamos‹.) »Wamos! Wenn das wäre, drei Daler gäb ich für den Schreck und Ärger, den er gehabt hätte!« »Hör auf!« rief Helene Springe, ihre Stimme zitterte vor Zorn. »Julius, nun will ich dir was sagen. Daß ich Daniel Dark viel lieber mag als dich, hab ich schon gesagt. Aber: wenn du so schlecht und schadenfroh bist wie jetzt dann ekele ich mich vor dir.« Julius schwieg. Daniel hörte, wie es in ihm arbeitete, wie er durch die Nase schnob, offenbar unter dem Druck großer zorniger Entschlüsse. Dann fing er an zu sprechen. Sein weiches, pappiges Organ klang in dem Bemühen, fest zu erscheinen, rauh und heiser. Aus dem Ton hörte man heraus, in wie finstere Falten sein Semmelgesicht gelegt war. »Du bist ein lasterhaftes Ding, wirst ja auch dafür angesehen, und ich trau dir nicht übern Weg. Und das sag ich dir: kommt der Torfjunge nach Reiherwisch, dann ist es aus mit uns.« Sie antwortete nicht. Einen Augenblick blieb sie sitzen, dann erhob sie sich und ging schweigend mit rauschenden Röcken davon. Sie wendete sich nicht einmal, die Schatten der Baumreihe schlossen sich über ihrer Gestalt. Nebel und Dunkelheit entzogen sie den Blicken ihres Bräutigams, und noch immer blieb er auf seinem Sitz. Es mußte wohl eine Art Erstarrung sein, aus der er sich nicht sogleich zu befreien vermochte. Aber als es geschehen war, eilte er ihr in vollem Laufe nach. Was sich in der Baumreihe ereignete, sah Daniel nicht er hörte nur Helenens durchdringende Stimme: »Julius, du wirst so gut sein und mich allein lassen! Es mag ja sein, daß man nicht zum besten über mich spricht und daß die Leute nach ihrer Art ein Recht dazu haben, mich so anzusehen, wie sie tun. Aber du ... es von dir zu hören, das trennt uns für immer. Du hast kein Recht, mich zu beschimpfen. Und wenn ich bin, wie du sagst – weshalb willst du mich freien?« Was Julius antwortete, verstand Daniel nicht, aber daß es Abbitten und Entschuldigungen seien, verriet die leise, demütige Stimme. Er fand aber kein Gehör; daran zweifelte der ungesehene Zeuge nicht mehr, als Julius nach wenigen Minuten zurückkam, einen Augenblick still stand, beide Arme zum Mond und Sternenhimmel erhob, tief aufatmete, darauf zähneknirschend in sich hinein fluchte und dann in der Richtung nach dem Tanzhause davonstürmte. 9 In Daniel Dark verstärkte sich die Kreiselbewegung. Er wollte die Wohnung der Tante aufsuchen, ging aber noch längere Zeit auf der an ihrem Hause vorüberführenden Chaussee auf und ab. Und als er die Richtung wieder nach dem Kirchdorf einschlug, stieß er auf eine Gruppe Marktgäste, diese im Gespräch mit einem jungen Mädchen, das an sie herangetreten war. Er hörte, wie das Mädchen sich nach dem Hause der Frau Martens, die hier an der Straße wohnen solle, erkundigte. Die Erfragte war seine Tante, er trat deshalb heran, um Auskunft zu geben, und stand – Helene Springe gegenüber. Seit dem Abenteuer hinter dem Weidenbaum hatte er sie so unmittelbar vor sich überhaupt nicht wiedergesehen. Und es war Mondlicht und dämmernde, webende Helle. Das verstärkte noch den Eindruck. Und der Zauber ihrer Person legte sich auf seine Seele und auf sein Herz. Selbst im Mondlicht sah er, sie war größer geworden, ein zum Geben wie zum Empfangen leidenschaftlicher Liebe reifes Menschenkind, und noch immer sah er den überirdischen Zug einer über die Wogenkämme des Tages hinwegschreitenden Gestalt. So schien es ihm; freilich, wären Licht und Helle nicht so trügerisch gewesen, hätte er sich nicht so gern in Selbstbetrug eingelullt, dann hätte er auch anderes gesehen, hätte in ihren Zügen, in ihrem Blick auch irdische Schwere wahrgenommen, den Ausdruck eines Wesens, das nicht besser und edler sein wollte, es auch nicht war, als die anderen, die sich vom Strom des Lebens treiben lassen. Schließlich sah er auch davon ein Teil, aber er verschloß seelisch davor die Augen. »Daniel«, sagte sie. »Lene!« antwortete er. »Es ist lange her«, sagte sie. »Ja«, entgegnete Daniel. »Seit der Konfirmation nicht mehr«, bemerkte Helene. »Doch, ich habe dich mal auf dem Tanzboden gesehen.« »Wann?« »Im Frühjahr!« »Da weiß ich nichts von.« »Nein, du sahst mich nicht, ich blieb auf der Galerie.« »Warum kamst du nicht zu mir?« »Du hattest zu viele.« Die Marktgäste, die Helene befragt hatte, waren weitergegangen, die jungen Menschen standen allein beieinander und schwiegen eine Weile. »Was wolltest du bei Tante?« fragte Daniel. »Dich suchen.« »Und warum?« »Ich wollte dich bitten, nicht zu uns zu kommen nach Reiherwisch.« »Du willst mich da nicht haben?« »Nein.« »Das heißt, dein Bräutigam will es nicht.« »Ich habe keinen Bräutigam.« »Nicht Julius Kirchner?« »Nein.« »Hast dich mit ihm erzürnt?« »Ja, und ich werde mich nie mehr mit ihm vertragen.« »Du magst ihn nicht mehr?« »Hab ihn nie gemocht.« »Weshalb wolltest du ihn denn heiraten?« »Weil die Tanten und die Kirchners mich überredeten und weil der, den ich lieber hatte, sich nicht um mich kümmerte.« »Und wer war das?« »Du!« Er hatte es im Lindenweg bereits gehört, ohne daß er es hatte hören sollen, nun sagte sie es ihm selbst, sagte ihm, daß sie ihn lieber habe als Julius Kirchner, überhaupt lieber als alle anderen Menschen, nun wußte er, daß sein Gebet, seine Beschwerde, seine Klage hinauf bis zu dem Ewigen gedrungen war. ›Auch ich bin dein Sohn‹, hatte er gefordert, ›ich lasse dich nicht, auch mir bist du die Stunde schuldig, die ich in fremder Seele erleben durfte, ich harre ihrer.‹ Nun war sie da, die Stunde. Und er erschauerte ob der Güte des Schöpfers. »Ja dich, dummer Daniel Dark, dich allein habe ich lieb, dich immer lieb gehabt«, wiederholte Helene Springe. »Und deshalb lässest du Julius Kirchner?« »Ja und nein, ich glaube, den hätte ich auch ohne dich laufen lassen.« Inmitten der Freude stieg ein Verdacht in Daniel auf. »Ich muß dich was fragen, Lene«, sagte er. »Sprich!« antwortete sie. »Wenn Julius Kirchner zur Bedingung gemacht hätte, daß ich nicht zu euch käme, und du mich nur deshalb bätest, nicht nach Reiherwisch zu gehen ...« Helene Springe sah ihn erst verdutzt an, dann lachte sie, und selbst bei Mondschein war es ein reizendes Lächeln; er fühlte den warmen Strahl ihrer Augen. »Da redest du etwas, wovon dein Herz nichts weiß. Ja. es ist wahr, er hat so was hergeredet, aber das ist einerlei, denn mit mir und mit ihm ist es aus. Nein, so falsch, so hinterlistig bin ich nicht.« »Dann sag mir noch das: wenn du mich lieb hast, weshalb soll ich denn nicht zu euch kommen nach Reiherwisch?« »Weil ich dich und mich nicht in Versuchung bringen will, weil wir nicht zueinander passen, weil du viel zu gut für Reiherwisch und auch viel zu gut für mich bist.« Das war das, was Daniel Dark sich selbst eingeredet hatte, um sich gleich darauf wieder wegen seines Hochmuts auszuschelten. Nun sagte sie es selbst. Sie hatte es schon im Lindenweg gesagt, aber da durfte er annehmen, daß es nur halb im Ernst gemeint sei. Nun sagte sie es ihm selbst mit aufrichtigem Herzen. »Wie meinst du das, Lene?« fragte er. »Mich will ich nicht schlechter machen, als ich bin«, entgegnete sie, »aber du bist so ganz anders als all die andern jungen Leute auf dem Lande. Mich will ich nicht schlecht machen, aus bösem Willen tue ich niemand was zu Leide, aber ich liebe die Fröhlichkeit des Lebens und die Lust und denke nicht viel. Bei mir ist viel Lachen, und wenn jemand auch nur auf dem Kamm bläst, tanzen die Füße von selbst. Aber du – du bist ... Aber du – – du – ich glaub, du überlegst bei jedem Schritt, ob du ihn auch verantworten kannst, denkst dabei immer an den lieben Gott. Ich liebe einen tüchtigen Spaß mit Mannsleuten, und wenn es auch irgendwo mal ein Küßchen regnet, das nicht gleich auf Verspruch berechnet ist. Es kann so was vorgekommen sein, ist aber immer kindhaft gemeint gewesen. Aber ich sehe ein, daß man sich in acht nehmen muß mit solchen Kindereien. Aber du, du mit deiner Klugheit und Gottesfurcht ... Daniel, geh hin und priestere! Julius sagte mir, ich sei es, die dich so lange davon abgehalten hätte. Vielleicht ist was Wahres daran, das soll ein Ende haben, ich will es so. Und deshalb sollst du nicht nach Reiherwisch, sollst hingehen und das werden, was du immer hast werden wollen!« Daniel Dark wußte nichts zu antworten, er konnte nur die Hände seines Mädchens halten und murmeln: »Was bist du für ein liebes Mädchen!« »Ich muß nach Hause«, fuhr Lene fort, »habe aber noch eine Bitte.« »Alles, was du willst.« »Weißt du, als wir hinter dem Weidenbusch standen und Abschied nahmen ... da wußten wir nicht, wie wirs anfangen sollten, aber wir hätten uns sicherlich doch noch umarmt und geküßt, wenn der Reisemeister nicht dazu gekommen wäre.« »Ja, ja.« »Und es ist schade, daß der sonst so liebe Mensch kam. Ich habe immer das Gefühl, es wäre besser gewesen, es wäre damals geschehen. Denn das ist was anderes, was Heiliges, das, was aus herzinnigster Liebe geschieht. – Einmal muß ich deine Lippen haben. Deshalb tu es jetzt!« Sie machte ihre Hände los, ihn zu umarmen; er aber trat einen Schritt zurück. »Es geht nicht, Lene.« »Weshalb geht es nicht?« Einen Augenblick sah sie ernst aus, dann kam wieder Leben und Lächeln. »Du denkst gewiß, Julius Kirchner hat mich heute auch geküßt. Was?« »Ja.« »Dann bist du es gewesen, der in die Hinterstube kam, wo Julius und ich ...« »Ich war es.« »Ich will nichts beschönigen, Daniel. Es war nicht recht. Aber wir waren versprochene Brautleute. Und Julius sagte, wir wollten ein Glas Wein trinken, das haben wir auch getan. Gleichviel, es ist so gewesen, wie du gesehen hast. – Und dann haben wir uns erzürnt«, fuhr sie fort. »Wie wir nach Hause gingen. Im Lindenweg. Und es geschah deinetwegen ...« »Ich weiß«, erwiderte Daniel, »ich war dabei, saß an der Mauer, habe alles mit angehört.« »Sieh, ist nicht alles, als ob es hat sein sollen? Aber sein Kuß ist nicht mehr an mir. Als wir auseinander waren, Julius und ich, hatte ich das Gefühl von Schmier und Schmutz an meinem Munde. Und an Burmesters Pumpe kam eine Art Wut über mich, mich von allem zu reinigen, was Julius betraf. Da habe ich Mund und Lippen gespült und nun ist alles weg. – Sollte es da nicht gehen?« Es ging. Zum ersten mal trank er den Feuerwein der Frauenliebe, in seiner Seele rollte dabei Bild auf Bild. Zuerst der See Genezareth, der Gott-Erlöser lachte ihn freundlich an. Dann sah er den Ewigen selbst über den goldenen Sternen auf seinem goldenen Stuhl. ›Ich habs eingesehen, Daniel Dark‹, sagte er, ›ich war in deiner Schuld. Zwei weiche Arme umwinden deinen Nacken, zwei junge Lippen bieten dir süßen Trank.‹ »Zum erstenmal, Daniel, und wohl nie wieder. Aber die Lippen, die der Priester Daniel Dark geküßt hat, will ich brav hüten.« 10 Eine halbe Stunde später hatte Daniel zusammen mit dem Reisemeister den Markttrubel hinter sich gelassen. Trina Mersch und der Reisemeister sind beim Mühlespielen gewesen, Daniel aber hat zum Aufbruch gemahnt. Ohne Abendbrot hat Tante ihn freilich nicht gelassen, er hat es hastig hinuntergestürzt, nun trugen sein Fuchs und der zweirädrige Kasten ihn und Klaus Frahm aus dem Ort. Die Kirche sah, als die Räder über die Brücke donnerten, ernst und hoch auf sie herab, die Uhr gab elf volle Schläge. In dem Metallmantel zitterte es lange nach, so zitterte es auch bei Daniel im Trennungsschmerz vor Liebe und Entsagung und hochgeschwungener Hoffnung. Bei dem ›Schwan‹ ging es in scharfem Trab durch eine offene, quer über die Straße laufende Rinne, das gab einen tüchtigen Stoß, wobei die Wagenfedern sich bogen, daß der Kasten auf die Achsenbrücke schlug. ›Das ist recht‹, dachte Daniel. ›Ich bin seelisch zerstoßen, da tut ein kräftiger Ruck am Körper ganz gut.‹ Der zum letzten Viertel anstrebende Mond stand jetzt ziemlich hoch am Himmel; Natur und Landschaft hüllten sich in seinen Zauber ein. Helldunkel, umduftet von Farbentönen, die kein Wort zu fassen vermag. Wo der Weg sich auf höherem, trockenem Gelände bewegte, einen Zauberwald aus Knicken und Hecken ballend; in der Straßenzeile eine Fernsicht, wenn auch nur auf wenige Meter, vorspiegelnd; in den Gründen und vom Wiesental herauf ein Meer aus wallendem Rauch und Nebel schaffend. Und über weißen, glänzenden Hecken, über Rauch und Nebel der von keiner Wolke verdüsterte Mond in erkältender Pracht. In der ersten Hälfte des Wegs sprachen die im Kastenwagen allerlei, wovon ihr Herz nichts wußte – vom Markt und seinen Sehenswürdigkeiten. Die Nigger und den Professor Reimers hatten beide gesehen, bei Reimers waren sie auf ihre Kosten gekommen, obgleich sie seinen Titel für ebenso unecht hielten wie die angestrichenen Schwarzen. Mitten durch ihre Gespräche flogen mit Marktgästen vollbepackte Wagen, die entweder den Kastenwagen und seinen Fuchs überholten oder von ihm überholt wurden. Helle sagenhafte Wagenlaternen beleuchteten dann auf einen Augenblick rote, angetrunkene, fröhliche Marktgesichter, rauchende Männer, singende Weiber. Als sie die dem Kirchdorf zunächst belegenen Dörfer passiert hatten, wurde ihre Straße stiller und ruhiger. Das Gespräch nahm eine andere Wendung, der Reisemeister fing an, von sich zu reden. »Daniel«, sagte er, »man sagt wohl, jeder sei seines Glückes Schmied, man habe seine Zukunft in der Hand. Aber das ist nur halb wahr. Ich bin seither eine Art Vagabund gewesen, und die Leute sagen, er will es nicht anders. Das ist wahr, aber auch nicht. Nicht nur mein Charakter, auch andere Umstände haben mich gehindert, den Pallisadenweg der Familie zu vermeiden und der Gründung einer eigenen aus dem Wege zu gehen und dadurch gegen ein Grundgesetz der Weltordnung zu verstoßen. Früher habe ich darüber absprechend geurteilt, das tue ich in dem Maße nicht mehr. Und mit dem Landstreichertum mache ich jedenfalls Schluß.« Für einen Augenblick schwieg er, dann fuhr er fort: »Sieh, Daniel, die Straße vor uns im Mondschein. Zwanzig Schritt sehen wir, für zwanzig Schritt können wir bezeugen, daß kein Abgrund vor uns gähnt, daß kein Tigertier uns den Weg versperrt. Aber das, was dann kommt, verbirgt die weiße, flimmernde Wand. Wir dürften nur wagen, Schritt zu fahren, wenn wir die Wand nicht auf eigenem Scheitel trügen und vor uns herschöben. So ist es auch mit meiner, ich hätte bald gesagt: mit unserer Zukunft. Aber ich will nur von mir und meiner Zukunft sprechen.« Er griff in die Rocktasche, kramte eine Zigarrentasche hervor, bot seinem Schüler und zündete sich selbst einen Glimmstengel an. »Wir wollen rauchen, dann plaudert es sich besser. Und den Fuchs, nicht wahr, den lassen wir langsam gehen. Ich möchte die Stunde, die ich heute abend mit dir zusammen bin, gerne verlängern. Wisse nämlich, meinen Plan, mit nach Lohfelderkamp zu fahren, habe ich aufgegeben. Deine Mutter könnte doch an dem unangemeldeten Besuch wenig Freude haben. Und meine eigene Mutter würde ihren Sohn heute abend vielleicht vergeblich erwarten; ich erinnere mich in diesem Augenblick nicht, ob ich ihr von meiner Absicht gesagt habe. Und dann das: ich glaube, du hast heute allerlei erlebt, an dem deine Seele, um mich drastisch auszudrücken, ein paar Tage zu verdauen hat. Und was du noch hören sollst, wird vielleicht der Sauerteig sein, der den Teig aufquellen läßt.« Daniel wußte nicht, was er daraus machen sollte, in der Weise hatte der Reisemeister noch niemals zu ihm gesprochen. Das Pferd ließ er in Schritt gehen, seine Zigarre flammte auf, er antwortete: »Ich bin bereit, zu hören.« »Zunächst will ich dir mitteilen«, fing Frahm an, »daß mein Besuch zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist. Heute ist Montag, Freitag erscheine ich auf Lohfelderkamp, um zu sehen, wie die heute bei dir gesäte Saat keimt. Würde es Freitag wohl passen?« Daniel Dark erwiderte, daß der Reisemeister am Freitag willkommen sein werde. »Also zu meiner Zukunft! Das wurzellose Umhertreiben hört auf. Ich tue mich in der Stadt mit einem jungen Sprachgelehrten zusammen, wir gründen eine Privatschule, bei der ich die Leitung der Realien, er die gelehrte humanistische Bildung übernimmt. Die Bedeutung dieser Ausdrücke ahnst du, wenn du sie vielleicht in ihren technischen Einzelheiten nicht ganz verstehst. Er die fremden Sprachen und die damit zusammenhängende Gelehrsamkeit, ich das andere. Und weißt du, was unser Hauptziel sein wird? Es wird sein: Talente, denen widrige Umstände entgegenstanden, so rechtzeitig in die Laufbahn der Gelehrten einzubiegen, wie es die übliche Ordnung verlangt, mit so großer Geschwindigkeit in das Drachenblut des Unterrichts einzutauchen, daß sie die Hornhaut der Reife für Hochschulen in kurzer Zeit erlangen. Du verstehst meine Bildersprache, soviel ist dir von dem hörnernen Siegfried erinnerlich aus der Zeit, wo wir noch zusammen arbeiten durften. Bei dir ist es nicht ins Leere gefallen. Das ist meine Zukunft, wie ich sie auf zwanzig Schritt (mehr Raum gewährt die sich vor allen Menschen herbewegende Flimmerwand nicht) sehe, soweit sie frei vor uns liegt, just wie die Landstraße vor unserer Karre und unserm guten, braven Fuchs. Aber gleichviel, vielleicht wohnt auf Lohfelderkamp ein Zögling, der guten Rohstoff für die Bildungsfabrik Fritzsche \& Frahm abgeben wird. Nicht wahr? Warum soll ein Reisemeister nicht auch ein wenig Geschäftsmann sein?« Daniel lachte und tat, als ob er es für Scherz nehme. In Wahrheit aber träumte er: ›Sollte nicht auch für Daniel Dark hinter der weißen Flimmerwand etwas wie Glück und Zukunft warten?‹ »Mit dem Reisemeistertum«, fuhr Klaus Frahm fort, »hat es ein Ende. Das war überhaupt der Eigensinn einer Wandermaus, die bei ihrer Fußreise auf einen breiten Strom stieß, von dem sie verlangte, daß er ihr aus dem Wege gehe. Sie werde jedenfalls nicht von der Stelle rücken, sagte sie. Der Strom kehrte sich nicht daran, und die kleine Maus verhungerte auf ihrer Steinplatte. Mir kam auch ein Hindernis in die Quere, als ich tun wollte wie andere, und da wollte ich dem Lauf der Welt gebieten, mir aus dem Wege zu gehen. Ich wollte der Welt in einer Art Rachegefühl wieder in die Quere kommen und anders sein als die, die sich mit dem Strom treiben ließen, freier, ungebundener als sie alle. Buchstäblich verhungern tat ich nun freilich nicht, aber ich wurde der Reisemeister, und das war auch nicht viel mehr, jedenfalls war es Unsinn. Und das merke dir, Daniel: man kann innerlich ein freier, ungebundener Mensch sein, ein Souverän, und dabei äußerlich durch Pflichten gefesselt. Man kann scheinbar im behaglichen Familienidyll restlos seine Befriedigung finden, ein Philister sein und doch ein König in dem weiten Reich seines Innern. Du willst wissen, was mir beim Lauf der Welt in die Quere gekommen ist?« Daniel hatte es just nicht gesagt, aber es doch so lebhaft gedacht, daß ihm beinahe schien, er habe die Frage gewagt. »Das läßt sich leicht sagen. Ein Spruch unseres Altmeisters Goethe ist schuld daran, das heißt – nicht der Spruch an sich, sondern die Wahrheit, die darin liegt. »Die Frauen«, sagt er, »sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen.« Das heißt: Männerliebe verschließt die Augen vor dem Erdigen und Irdischen, das den Geliebten, so lieb und gut und engelhaft sie immerhin sein mögen, anhaftet; sie hebt sogar die Mängel und Fehler in den Äther der Verklärung hinauf. Die Mannesseele ist nun mal – Daniel, das wollen wir uns auch in dem Zeitalter der Umkehrung der Geschlechtsgewalten nicht nehmen lassen – Männerseele ist doch vorzugsweise das Gefäß hoher Ideale. Im allgemeinen sind Frauen vernünftiger, nüchterner, prosaischer, die Lebensverhältnisse, das heißt die kleinen, richtiger einschätzend. Freilich, wo das Gemüt überquillt, da kommen auch wohl Leistungen vor, die uns überraschen, Leistungen wirklicher Seelengröße, schmerzensvolle Enttäuschungen heroisch niederstampfende, die der Durchschnittsmensch männlicher Gattung nicht fertig bringt. Es fließt aus der Anlage eines alle Vernunft gefangennehmenden, überströmenden Gefühls und Gemüts, wobei der Wille, ja selbst die Phantasie steuerlos Hinterhertreiben. Was dagegen der Durchschnittsfrau fehlt, das ist der Flug des Willens und der Vorstellungen in die Weite; fehlen tun die in das Dauernde, vom Zufälligen gereinigten, zumal in das Ewige verlegten Ziele und Idealbilder. Das ist Sache des Mannes. Aber, was tut der verliebte Mann? Er übersieht das, was der Frau fehlt, vergrößert ihre Vorzüge ins Titanenhafte, ins Übermenschliche, wirft goldene Äpfel in die silberne Schale. Ich rede da was her, das verstiegen klingt, es auch wohl ist und von dir wohl kaum völlig verstanden wird. Ist auch nicht nötig – du ahnst den Sinn, und das ist vor der Hand genug. Bei dir fällt nichts ins Leere. Wenn die Stunde kommt, werden meine Worte wiederklingen, und dann wirst du auch ganz genau erkennen, was der Reisemeister dich gelehrt hat, als du mit ihm zusammen auf dem Kastenwagen vom Jahrmarkt nach Hause fuhrst.« Er schien mit seinem Vortrag über die Frauen Schluß machen zu wollen, setzte aber hinzu: »Nur das eine sei noch schnell gesagt. Wenn Lachen Glücksgefühl anzeigt, wenigstens das natürliche Lachen, dann gibt es keine glücklicheren Wesen als junge Weiber. Denn nichts lacht mehr über allerlei Nichtigkeiten, als das. Nun ist die Welt und ist das Leben aber gar nicht zum Lachen, und es ist auch gar nicht unsere Bestimmung in der gegenwärtigen Form unseres Seins, das zu sein, was man im gemeinen Sinn glücklich nennt. Wiederum ein Beweis, wie wenig so ein junges, albernes, kicherndes Ding den Sinn unseres Dasein ahnt.« »Ich tat also«, fuhr Klaus Frahm in seiner Erzählung fort, »goldene Äpfel in eine Schale, die ich für golden hielt, die aber wahrscheinlich nur silbern plattiert war. Was alles dichtete ich meinem Mädchen an, sie war gar kein menschliches Wesen mehr, war ein Gott. Dabei tat ich nur Minne mit den Augen, wie gewisse andere junge Leute auch«, (Daniel knipste verlegen mit der Peitsche, Klaus Frahm lächelte ihn an), »wie es andern jungen Leuten auch passiert. Und dann verschwand ich auf zwei Jahre als Schulpräparand nach einer großen Stadt, hielt aber, so hoch dachte ich von ihr, mich nicht für würdig, an sie zu schreiben, erwartete jedoch nichtsdestoweniger, als ich wieder erschien, den alten Backfisch wiederzufinden, mit dem ich das Augenspiel von vorne anfangen könne. Ja, für so echt golden hielt ich die Schale. Aber mein Backfisch in ihrem plattierten Silber war ein reifes, ihre Netze auswerfendes Mädchen geworden. Und glücklicher oder, wie man will, unglücklicherweise sah ich schon in den ersten Tagen frühmorgens einen Nebenbuhler aus ihrem Kammerfenster steigen. Da war es mit meiner Liebe aus, denn weißt du, Daniel, darüber konnte ich nicht hinweg. Und als ich das gesehen hatte, da glaubte ich mich gegen den Gang der Welt auflehnen und ein Reisemeister werden zu dürfen. Was für ein Unsinn!« Daniel erwiderte nichts, aber er dachte: »Du hältst meine Schale auch für silbern plattiert; ich will nicht behaupten, daß sie massiv golden ist, jedoch – echt silbern, dafür komme ich auf.« »Hätte ich damals«, fuhr der Reisemeister fort, »hätte ich den Philosophen gekannt, auf den ich jetzt so viel gebe, der auch noch mal dein Lehrer sein wird, Daniel; hätte ich den gekannt, dann würde ich in der Lage gewesen sein, einzusehen, daß das, was mir passierte, nicht gegen den Lauf der Welt war, sondern ganz zu ihm paßte. Die Natur gibt den Tieren ein Hochzeitskleid, wenn die Zeit gekommen ist, dem Gebote: »Seid fruchtbar und mehret euch!« nachzukommen. Mit den Mädchen ist es nicht anders. Da kommt die Allerschafferin und überschüttet sie mit Schönheit und übertreibt das Abbild der Tugenden, die in ihren Herzen wohnen, in dem süßen Lärvchen. Wozu? Damit wir Männer anbeißen. »Bauernfängerei«, denkst du, aber das ist gefehlt. Denn an sich wäre unser Anbeißen ganz in Ordnung, wenn nicht die Kultur gekommen wäre und alle Verhältnisse verzerrt hätte. Vielleicht hinkt die Natur nur nach, vielleicht kommt einmal die Zeit, wo sie den Mädchen das Hochzeitskleid mit fünfundzwanzig Jahren, uns Männern aber mit fünfunddreißig Jahren anzieht.« Sie waren an der Stelle angelangt, wo der Weg von Bramberg und von Reiherwisch in die Hauptstraße einmündete. Und noch immer sprach Klaus Frahm: »Hier kam wohl der Reiherwischer Wagen, wenn ihr zur Konfirmationsstunde gingt. Nicht wahr, den Schleier wußte die kleine Hexe kokett nachflattern zu lassen?« Daniel wurde rot, im Mondschein sah man es aber nicht. »Und nachher das kleine Abenteuer, wo du sie auf dem Schoß hattest? Sie erzählt es ja selbst. Artig, für Schulkinder beinahe ein bißchen zu sehr. Lieber Daniel, ich glaube, echt silbern ist die Schale nicht, in die du deine goldenen Äpfel tatest.« Daniel antwortete nichts, aber dachte: ›Silbern ist sie doch!‹ Der Reisemeister schwieg auch, steckte sich aber eine neue Zigarre an, ohne seinem Begleiter anzubieten. Wahrscheinlich vergaß er es. Er paffte. Der Fuchs ging wieder in Trab. Der Nebel war dichter geworden, die Wand, die die Zukunft verhüllte, war näher als im Anfang. Und dann hielt Daniel an, sie waren an dem nach Westerhorn abbiegenden Wege. »Jawohl«, sagte Klaus Frahm, »es bleibt dabei, heute gehe ich heim, aber Freitag bin ich bei dir.« Als er vom Wagen stieg, sagte er halb für sich: »Es ging ein Säemann aus zu säen – einiges fiel auf Stein, einiges unter die Dornen, einiges auf fruchtbares Land. Also Freitag – und gute Nacht!« »Ich will nicht sagen«, dachte Daniel, »daß deine Worte nichts mehr nützen und Saat sind, die in bereits aufgegangene Halme fällt; in der Hauptsache aber ist der Acker schon bestellt. Du weißt viel, guter Reisemeister, alles ist dir aber doch nicht bekannt.« Der Reisemeister verschwand im Mondschein und Nebel. Aber aus Mondschein und Nebel klang es noch einmal zurück: »Überdenk es, wir wollen Freitag darüber sprechen: Wie ist es mit der Vorfreude?« Es hatte Daniel Dark schon längst im Sinne gelegen, daß die in Erwartung dessen, was ihm der Tag bringen werde, gehegte frohe Stimmung von heute früh nur eine bedingte Freude gewesen sei, auch als solche von ihm empfunden worden. Die Freude, die er erhofft hatte, trug er nicht heim. Aber doch eine Freude. Was er von ihren Lippen bekommen hatte, das gehörte ihm für immer zu eigen. Und was die jetzt in festen Linien vor ihm liegende Zukunft bot, war mehr als Reiherwisch. Das, was er jetzt hoffte, konnte sich nicht als trügerisch erweisen, weil es allein auf seinen Willen gestellt war. Er rührte die Peitsche und der Fuchs setzte sich in seinen gewohnten Dauertrab. Je mehr man sich den Wiesen näherte, um so dichter wurde der Nebel, um so weißer und wuchtiger ballten sich die Laken der in der Niederung wallenden Gespenster, um so enger hüllte ihn die vor seiner Zukunft aufgespannte Wand ein. Aber um so getroster und selbstsicherer fuhr Daniel in sie hinein, niemals zweifelnd, daß sie sich vor ihm teilen oder vielmehr sich vor ihm und seinem Fuchs herschieben werde. In Lohfelderkamp stand sie aber so fest auf den Wiesen, daß der immer noch helle Mond brav mit dem Gespenstergesindel zu kämpfen hatte. Im Hause lag alles, was atmete, in tiefem Schlaf. Daniel Dark schirrte den Fuchs aus, zog ihn in den Stall, gab ihm Wasser, rieb ihn mit Stroh und füllte ihm die Krippe. Den Kastenwagen schob er in das Wagenschauer und schloß es ab. Eine Stunde saß er noch bei spärlicher Lampe auf der Futterdiele, dem braven Pferd nachzufüllen, dann führte er es auf die hinter dem Hause belegene hohe Weidekoppel. Da konnte der gute Fuchs zum Nachtisch soviel Grassalat essen, wie er mochte. Als Daniel Dark durch das Hecktor zurückkehrte, mit dem Angesicht nach den Wiesen hin über die runden, im weißen Mondlicht gespenstisch leuchtenden Findlinge hinwegblickend, da sah er ... Einen Augenblick stand er still. Seine Erregung – alles, was an dem Tag auf ihn eingestürmt hatte, mußte ihm einen Streich spielen. Aber er sah ... Hinter den großen Steinen wogte der zum Weltmeer ausgeweitete See Genezareth. Und eine Gestalt schritt auf den Wassern im weißen Nebel. Im wallenden Gewand ... den Glorienschein himmlischer Majestät um das Haupt ... der Gott-Erlöser seiner Kindheit. Daniel Dark hatte auf dem Heimweg hartes Gericht mit sich gehalten, sich seine Sünden, seine Fehler, seine Torheiten vorgehalten, hatte sich gescholten, wie er sich durch Frauenliebe habe abwendig machen lassen wollen davon, was er doch einstmals als seine Lebensbestimmung erkannt hatte: Gott dem Herrn zu dienen, sei es im schwarzen Rock auf der Kanzel, sei es auf anderen Wegen, als Mann der Wissenschaft oder der Kunst. Von ihr erst hatte er sich sagen lassen müssen, daß sie und die Liebe zu ihr Fremdkörper in seiner Seele sei, den auszustoßen schon längst seine Pflicht gewesen. Er hatte mit den letzten Widerständen seiner Seele gekämpft. Nun kam der Herr des Himmels in Person, ihn zu stärken. Was wird er tun? Den Gottesarm um seinen Nacken legen, ihm ein gutes Trostwort sagen? Er tat mehr, er tat Größeres. Die Dornenkrone umwand sein Haupt, ein rohes, zum Kreuz zurecht gehauenes Eichenholz bog die erhabenen Schultern. Aber das von innerem Siegesgefühl verklärte Dulderantlitz grub seine Augen in Daniel Darks vor frommer Andacht versteintes Gesicht. ›Nimm das Kreuz auf dich und folge mir nach!‹ Das stand in dem Gottesleuchten seiner Augen, die Rechte aber wies hinauf nach den keimenden Sternen. Am frühen Morgen unterschied Daniel nicht mehr genau Gesicht und Traum, die Fäden hatten sich zu einem feinen Gespinst vernestelt. Aber das wußte er: wenn der Reisemeister Freitag kommt und Antwort heischt, dann wird er sagen: »Wohlan, Daniel Dark ist Zögling der neuen Schule von Fritsche \& Frahm!« Wohin? Es war ein verdrießlicher, zorniger Wind, der über die erstarrten, vom Märzschnee verwehten Felder daherfuhr. Und er war es nicht ohne Grund. Bisher hatte er in Oleandergebüschen und Palmen der Riviera mit der eleganten Welt Ballgespräche getauscht, zu jedem Kompliment der internationalen Salon- und Bädervagabunden gelacht und der Höflichkeit tuschelnder Oliven durch leises, beifälliges Schütteln ihrer langen, glatten, geschmeidigen Zweige nachgeholfen. An strahlenden, wolkenlosen Tagen hatte er den Duft der Blüten geschlürft und ihren Staub in die Blumenkelche gesenkt, um die Nächte am bläulichen Gestade des in glitzernder Herrlichkeit verdämmernden Meeres zu verschlafen, die frischen Morgenstunden am Strande mit den weißmähnigen, unermüdlich waschenden Wogen zu verplaudern. Und plötzlich hatte ihn der Armeebefehl der obersten Wetterleitung nach dem rauhen Norden geworfen. Es galt, ein großes Minimum, das über die Wellenberge des Atlantischen Ozeans den europäischen Küsten in der Richtung auf die Insel Sylt zuschritt, auszugleichen. Diesmal mußte die Reserve des Südens aufgeboten werden, und der verzogene Liebling sollte gemeinsame Sache machen mit den rauhen Gesellen, die bis Norwegens Felsenküste hinauf den Eissport treiben, mit tränenverschleierten Winden aus den nördlichen Niederungen, mit kalten Berglüften, die nicht müde werden, ihre unergründlichen Schneeschläuche auf Stadt und Land auszuschütten. Jetzt verstehen wir die verdrossene Stimmung des Südwest, als er in behender Kurve über das Holstenland in den Strudel hinabglitt. Türen schlug er kräftig zu, die er offen fand, und riß andere sperrangelweit auf, die nicht fest eingeklinkt waren. Aus großen, morschen, gefrorenen Pappeln brach er dicke Äste und warf sie über harte Steinwälle und auf weichen Mist. Die erfrorenen Backen legte er auf qualmende Schornsteine und blies und heulte hinab, daß beizender Qualm Küche und Stube erfüllte. Aber ein milder Wind war er doch. Die gepulverten Kristalle des gefrorenen Schnees verwandelten sich unter feinem Hauche in klebrige Massen von zweifelhafter Reinlichkeit. Und während sie zerflossen, wurden sie von lärmenden Knaben, die in Holzpantoffeln schlarrten, zu Wurfgeschossen auf nasser, schlampiger Eisdecke verwendet. Zum letztenmal in diesem Winter flogen Schneebälle hin und wider. Wo aber die Nachbarn sich den Tagesgruß boten, erklang das trostreiche Wort: »Gottlob, das Wetter ändert sich; der Frühling ist da!« * Dämmerung lag auf der Landschaft, als unser Südwest über einen langgestreckten Höhenrücken in die Ebene hinabfegte. Aus halber Vogelansicht überblickte er den wunderlichen Bau eines Bauerngehöfts, das mit vielen An- und Kreuzbauten und Giebeln in einem Kranz von Büschen und Bäumen, wie im warmen Nest eingelullt, dalag. Der grauweiße Rauhreif, der die Bäume bedeckte, hing an den Kronen und glitzerte im verglühenden Abend, Zumal an der Ulme hoben sich die geschmeidigen Büschel, die zierlich über der Dachfirst hingen, anmutig ab. Er nahm sich vor, den Rauhreif von der Ulme gegen die Fensterläden zu werfen, in Schornsteinen zu rumoren, aus den Erkern zu klagen und um die Ecken zu heulen, und, sieh da! – schon geschah es. In dem weitläufigen Strohdach hinter Ecken und in Erkern bliesen die Geister der Windsbraut ihr bekanntes wildes, melancholisches Lied. Sie setzte gerade ein, die Musik, als die Frau Katrien die zarte Sorglosigkeit ihres kleinen Zwillingspaares, Hans Boie und Luise, ins warme Wandbett wegstopfte. Anfangs hatte das kleine Paar die Decke zurückgeschlagen, die vier nackten Beinchen Reih und Glied aufgestemmt und sich an dem schaukelnden Hin und Her zwar ohne ausreichenden Grund, aber kindlich ergötzt. Nun machte die Mutter diesem Spiel ein Ende; die warme Decke wurde über die schuldlose Nacktheit bis unter die Arme der Nestlinge emporgezogen, und es ging – wie immer – zur Verrichtung des Abendgebetes an den lieben Gott. Der liebe Gott! Sie kannten ihn seit einiger Zeit. Er war ihnen von der Mutter als allmächtiger und allgütiger Schöpfer und Erhalter aller Dinge – Hans Boie und Luise eingeschlossen – vorgestellt, und jeden Abend verrichteten sie mit gefalteten Händchen ihre Andacht: Ich bin klein; Mein Herz ist rein. In meinem Herzen wohnst du, O Gott, allein. Die Frau Katrien hatte beschlossen, es diesmal mit einem anderen Gebet zu versuchen, denn Hans Boie hatte sie gestern arg ins Gedränge gebracht. Er hatte gefragt, wie der große Gott in seinem kleinen Herzen wohnen könne und zugleich in Luisens, worauf Katrien geantwortet: der liebe Gott sei eben überall, er sei allgegenwärtig. Und Hans Boie hatte dann von allen Sachen, die er liebte und kannte, gesprochen, von seinem grünen, hohlen Pferd, von der Haferkiste und Pferderaufe, ob auch dort der liebe Gott sei, was Katrien bejaht hatte. Dann war Hans Boie auf sein Karussell gekommen, es seien nur Räder und Zacken drin, dort könne doch der liebe Gott nicht sein. Was sollte sie dem Kinde auf solche Fragen antworten? Und ein Glück war es gewesen, daß, der Unbegreiflichkeit der Allgegenwart ungeachtet, der süße, tiefe Schlaf der Jugend dem kleinen Schwätzer den losen Mund zuletzt geschlossen hatte. An diesem Abend war Frau Katrien besonders religiös gestimmt. Die Feierlichkeit, womit der Südwest in der Ulme rauschte, klang wie der Anspruch des lieben, nunmehr deutlich dräuenden Gottes auf besonders festliche Bewirtung. Und das mochte wohl die Veranlassung sein, daß Frau Katrien der kindlichen Andacht die Beziehung auf einen Glaubensartikel der Kirche zugesellte: Christi Blut und Gerechtigkeit, Das sei mein Schmuck und Ehrenkleid! Damit will ich vor Gott bestehn, Wenn wir dereinst gen Himmel gehn. So beteten die gelehrigen Kinder mit vieler Mühe, eins nach dem andern, nach dem Munde der Mutter. »So, nun schlaft artig ein.« Die Mutter wollte schnell weg, aber aus dem Wandbett quoll es hervor: »Gehn wir bald gen Himmel, Mutter?« »Wenn wir tot sind, Lieschen, dann kommen wir vor Gottes Thron.« »Aber Gott ist ja in Hans sein Karussell.« »Ja, liebes Kind, aber im Himmel wohnt er.« »Wohnt er nicht in meinem Herzen?« fiel Hans Boie ein. Auf eine weitere Verhandlung mit dem Zweifler ließ sich die Mutter nicht ein. »Ja, mein Sohn, nun schlaft ein!« Aber so leichten Kaufs kam sie nicht davon. »Mutter, wenn wir gen Himmel gehn«, fragte Luise, »nicht wahr, dann sind wir schmuck angezogen im Ehrenkleid?« Die Mutter lachte. »Ja, Kind.« »Nicht wahr, eine Haube von weißem Battist mit breitem Band?« »Jawohl, Kinder; nun schlaft ein!« Das taten sie auch. Der Sturmwind flötete ihnen ein Schlummerlied, das dumpfe Gemurmel des Gesprächs, das um den warmen Ofen der Stube geführt wurde, gab sattere Tonfarben. Hans Boie nahm die Vorstellung seines Schwesterchens von der seidenen Haube mit den breiten Bändern und der weißen Spitzenmulde, worin der Haarzopf ruhte, in den geträumten Himmelssaal mit hinüber, aber die Bänder erhielten eine blutrote Farbe, und die so gestaltete Haube setzte er dem lieben Gott auf das runde, gutmütige, freundliche Gesicht. Der liebe Gott trug auch einen mit Seide durchwebten Frauenrock und eine Weste von schwarzem Lasting. Ja, er erkannte in ihm seine Anna Mersch, die immer so schmuck aussah, wenn sie aus Dithmarschen herüberkam. Aber jetzt machte sie ein komisches Gesicht, tat wichtig und pfiff und flötete wie der Südwest draußen, und blies mit vollen Backen. Aber selbst im Traum fielen dem Hänschen die Bonbons ein, die Tante mitzubringen pflegte. Und richtig, der Tantengott hatte einen ganzen Sack voll mitgebracht, denn er warf Hände voll davon den Kindern in den Schoß, daß süße Zuckererbsen den Estrich des Himmelssaals – es prasselte wie Rauhreif gegen die Fensterläden – weiß bedeckten. Es folgte ein tiefer Schlaf, von dem kein Traum mehr Eindrücke in seiner jungen Seele zurückließ. Nur einmal wurde das junge Leben, das sich in süßer Bewußtlosigkeit zu seiner Quelle zurückgewendet hatte, mit der Wirklichkeit durch den Schall von Rufen, die halb von Schrecken, halb von Befehl getragen waren, verknüpft. Zugleich erbebte das warme Bett unter ihm von den Schwingungen eines gewaltigen, dumpfen Falls. Am folgenden Morgen plantschte man bei mäßig bewegter, milder Luft durch Eis und Schneewasser, nur hinter Knicken und in den Rillen der Abzugsgräben zeigten sich schmutzigweiße Streifen. Die Erwachsenen hatten eine Nacht voll Gefahren und Schrecken hinter sich. Der stürmische Fremdling aus dem Süden hatte um ein Haar das Dach des Hauses abgehoben, und nur der Taktkraft kühner Männer, die sich im nächtlichen Sturm hinaufgewagt hatten, war die Abwendung des Unglücks zu verdanken. Hans Boie bemerkte vier eiserne, mit großen Steinen beschwerte, durch gewundene Weiden mit dem Lattenwerk verbundene Eggen auf den gefährdeten Stellen, zum Teil dicht unter dem hohen Dachfirst. Aber den gewaltigsten Eindruck brachte der Zusammenbruch der hohen und schönen, wenn auch alten und morschen Ulme auf sein Gemüt hervor. In der Aushöhlung ihres im Fall zweimal durchbrochenen und teilweise geborstenen Stammes stand der Knabe aufrecht und vermochte mit seinen Händchen die Höhe ihres inneren Gewölbes nicht zu erreichen. Die ungeheure Masse des Baumes: gebrochene mannsdicke Äste, ein Wust von Zweigen, weit umhergeworfene Splitter bedeckten die Fahrstraße in der Länge des Hauses. Nach seinem Sturz erst würdigte man die Größe des Kolosses. Ein Glück, daß er in der Längsrichtung des Hauses gefallen, anderenfalls hätte er das Dach der Wohnung eingedrückt. Und zum ersten mal dämmerte im ahnungslosen Kindergemüt die Sorge auf, das Gefühl der Abhängigkeit von dunklen, unheimlichen Mächten. Zum ersten mal besann Hans Boie sich im ernsthaften Gebrauchsfall auf die Generalarznei aller kranken Seelen, auf die ihm von den Eltern angepriesene Zuflucht zum lieben Gott in allen Nöten. Zum ersten mal blickte sein Auge in einer Art Andacht zum Himmel auf in der Beseelung eines Gefühls, das von der bisher geübten Lippenandacht verschieden war. Also das hatte der liebe Gott getan – nun war es klar, daß er allmächtig war, wie die Mutter behauptete, denn kein anderer hätte das gekonnt. Aber er hatte auch ein Unglück verhütet, denn er war allgütig. Bisher, d.h. in den vierzig Monaten, wo er Erdenbürger war, hatte er das einsame, weltabgeschiedene Fleckchen, wohin der Weltgeist sein Seelchen geworfen, nicht verlassen. Dies Fleckchen war seine Welt, seine nicht einmal ausgemessene, enge Welt. Bis zur schwarzen Heckpforte am alten Stall nach rechts, wo man aus dem Gebüsch hervorlugt, die stillen Gartenwege zur Linken des Hauses hinauf, wo man die braune Heide hinan sah – soweit kannte er sich gut aus, weiter nicht. Die Himmelskuppel hielt er für eine Metallglocke in der Art, wie sie auf dem Ofen der väterlichen Wohnstube stand, nur daß diese aus gelbem Messing, die Himmelsglocke aus grauem Metall gearbeitet war. Wie weit es vom Hecktor rechts und vom Gartentor links noch bis zur Himmelswand sei, das sah er heute zum ersten mal. Zum ersten mal gewahrte er die Größe und Weite des Himmelsgewölbes, das sich über ihm zur höchsten Höhe erhob. An der festen Decke schoben Wolken hin und her, aber über und hinter dieser Decke wohnte der allmächtige, der allgütige, der liebe Gott. Und horch! Was ist das? ... Gesang? Aus der Haustür, wo soeben ein alter Mann verschwunden war, wogte es zu ihm her. Ja, es war Gesang, aber Gesang, wie von ihm noch nicht gehört – langsame, feierliche Rhythmen. Die zitternde alte Stimme, die einen Choral ableierte, stahl sich unserm Naturkinde schmeichelnd in die junge Seele. Auch in diesem Gesang war von Ihm die Rede, der seine Seele erfüllte, von dem lieben Gott. So viel verstand er: es handelte sich um die Freude, die der Selige dereinst bei Gott im Himmel genießt. Der Gesang verstummte, die Haustür öffnete sich, der Sänger erschien – ein alter kümmerlicher Bettler, der vor den Stubentüren um Brot bat und dafür einige Gesangverse meckerte, worin er den milden Geber auf die Belohnung solch guter Tat im Himmel vertröstete. Er stapfte mühsam durch die Baumtrümmer, die die Tür fast versperrten, ganz in derselben Weise, wie er sich kurz vorher den Weg erkämpft hatte. Zu seinem Erstaunen nahm Hans Boie wahr, daß er nicht dorthin zurückkehrte, woher er gekommen war, sondern das Haus in entgegengesetzter Richtung verließ. Bisher hatte er das elterliche Haus, wenn auch nicht für die einzige Wohnung die Welt, so doch für ihren Mittelpunkt gehalten. Daß jemand über diesen Mittelpunkt hinweg gehen könne, weiter ... weiter, das hatte er nicht für möglich gehalten. Weiter? Wohin? Und zum ersten mal hielt der Kleine Umschau in seiner engen, seiner großen Welt. Er umkreiste den väterlichen Hof, überall steckte er das Köpfchen aus dem Gebüsch; er watete durch Wasser und Schmutz, überall sah er über Äcker, Wiesen und Felder, die sich in blauer, dämmernder Ferne verloren, über graue, düstere Moore. Und überall war es weit bis zur Himmelswand. Nur hinter dem Garten, wo es sanft zur Höhe geht, die Heide hinan, war der Himmel ganz nahe. Hinter der Höhe stand der Himmel auf der Erde, dahin konnte er leicht gehen, zum lieben Gott, und wenn er sein Ohr an die Himmelswand legte, so vernahm er vielleicht den Gesang der Seligen, viel schöner als den, dessen Klange er in seinem Herzen bewegte. Und sieh, er täuschte sich nicht, der Tantengott mit der Düte guckte über den Berg! Hin! Hin! »Ich will mit, wo willst du hin?« Es war sein Schwesterchen, das mit kleingroßen Schritten ihm nach durch die Heide kroch. »Gen Himmel, zum lieben Gott!« Und die Kinder arbeiteten durch die Heide. Den ganzen Tag waren die Eltern in banger Sorge. Erst gegen Abend wurde man der Himmelsstürmer habhaft. Sie saßen im Eichengestrüpp, auf weitem, wildem Vierth – kalt, naß, schmutzig, weinend. Der Himmel war so weit wie nur je über die Heide geflohen. Dessen Gewölbe hatte Hans Boie auf dem Scheitel vor sich her getragen. Die Himmelfahrt war von den Kindern aufgegeben, und an der Heimfahrt verzweifelte ihr hilflos weiches Gemüt. Frau Katrien beließ es vor der Hand bei dem kindlichen Gebet: ›Ich bin klein ...‹ * Ein Dutzend Jahre war vorüber. Hans Boie, halb erwachsen, stand vor der Einsegnung, wahrend Luise als Konfirmierte den ersten Tanz schon hinter sich hatte und allgemach von den Brautwerbern als geeigneter Heiratsgegenstand in den Listen vorgemerkt wurde. Luise bewahrte die Himmelfahrt als dunkle Erinnerung an einen ersten vor Schmutz und Nässe verunglückten Spaziergang. Das Ziel war ihr niemals klar gewesen, oder doch in Vergessenheit geraten. Sie interessierte sich überhaupt nicht für all die wunderlichen Fragen, womit Hans Boie sich quälte, wenigstens nicht in dem Maße wie dieser. So nahm sie auch im Schulbesuch die Lehren der christlichen Religion ohne wärmeren Herzensanteil hin, als unantastbare Wahrheit, womit sich jeder abfinden müsse, die ein Grübeln daher nicht verlohne. Aus der Allgüte des Schöpfers in Verbindung mit dem für die Menschheit diesem allgütigen Gott dargebrachten Generalopfer des Erlösers entnahm sie die Zuversicht, daß ihr die ewige Seligkeit dereinst nicht entgehen werde, und selbst wenn ihr Verhalten mit den strengen Religionsvorschriften nicht ganz in Einklang stand, so befürchtete sie davon keinen Schaden für ihr ewiges Heil. Denn sie war zu jeder Zeit bereit wie fähig, als reuige, gläubige und bußfertige Sünderin die Vergebung von dem dreieinigen Gott zu erflehen, mit der Überzeugung der Gewährung. An Weiteres dachte sie nicht. Und selbst diese Gedanken lagen in ihrer Seele im Halbschlummer. Sie befand sich – so wollen wir es bei dem weiblichen Geschlecht – im Besitz einer Sorglosigkeit, die man mit der ruhigen Zuversicht bei Leitung eines geschäftlichen Unternehmens vergleichen könnte, wenn sie für widrige Geschäftslagen eine große Extrareserve hat. Wie anders Hans Boie! Wenn die Religiosität eines Menschen in dem ehrlichen Nachdenken darüber, was unserer Einsicht verschlossen ist, besteht, so konnte ihm die Bezeichnung eines von ihr erfüllten Knaben nicht versagt werden. Im zarten Alter geleitete ihn noch die liebliche Traumvorstellung ins Leben hinein. Das Gütige, Mütterliche, Vorsorgliche der Gottheit fand in dem Weiblichen einen greifbaren, angenehmen Ausdruck. Aber dann stutzte er bei der Lehre, daß Gott an keinen Ort gebunden sei, an keinen Raum, an keine Form und Gestalt, und ein Gefühl der Befremdung überschlich ihn. Aber auch in diesem Fall verlangte die Phantasie ihr Recht. Irgend eine Gestalt mußte der liebe Gott haben. Die Form einer ungeheuren Kugel vermittelte noch am ehesten das Unpersönliche. Aber, wenn Gott handelnd auftrat, unterstellte er doch wieder die ins Ungeheure vergrößerte Figur eines menschlichen Wesens, dem der Himmel zum Stuhl, die Erde zum Schemel seiner Füße diente. Und endlich fand seine glaubensstarke Phantasie an dem das ganze Weltall erfüllenden Gott wie an der allumfassenden Liebe des Erlösers ein leidenschaftliches, schwärmerisches Wohlgefallen. Er war bereit, diese Lehre mit dem Tod zu besiegeln. Vielleicht würdigte ihn der liebe Gott noch dieser Gnade. Die Reihe der Blutzeugen durchlief sein lebhafter Geist. Der war gekreuzigt, der war gesteinigt und der in Öl gesotten, der mit feinen Sägen zerschnitten. Gleichviel, wie sie starben: es geschah wegen Christi Lehre. Wie Feuer wollte auch er dereinst ausgehen von Zion und seine Wehe ausrufen über die Gottlosen unserer Zeit, freudig ertragen Schmerz und Verfolgung, Hohn und Spott, Kreuz und Plage. Aber im Laufe der Jahre erwachten die Zweifel. Aus Büchern, aus Gesprächen wuchsen sie empor. Und es wagten sich allergeheimste Gedanken hervor. Der fremdartige Eindruck, den die Phantasie der christlichen Dogmatik in ihm hervorgerufen, machte sich geltend. Glaubte er sich auch stark im Bewußtsein der Überzeugung, so fiel doch die Lehre, daß man den Qualen der ewigen Verdammnis nur durch den Glauben, nicht durch Werke entgehen könne, wie Reif auf den Frohsinn seines Bekenntnisses. Die Vorstellung ererbter Schuld, die der Erlöser mit seinem Blut abbüßen mußte, ging ihm nicht ein. Und es erhoben sich verfängliche Fragen, kamen allerlei Warum? Warum so und nicht so? Wenn Gott allwissend war, so sah er den ganzen Verlauf des Sündenfalls und seiner Folgen voraus. Weshalb ließ seine Allmacht das zu? Hat die Prüfung und die Versuchung durch einen Allwissenden und Allmächtigen, der die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche, überhaupt einen Sinn? Wenn er uns in seiner Allmacht schuf, schuf er nicht auch unsere Schuld? Ist mit der Allmacht Gottes, als unbegrenzter Freiheit, der freie Wille anderer, vernünftiger Wesen zu vereinigen? Alte Betrachtungen, verjährte Zweifel, ihm aber waren sie neu; der Kampf, den so viele durchgekämpft haben, blieb ihm nicht erspart. In der Schule war Luthers Katechismus zum so und sovielten mal abgehört. Dies geschah jeden Sonnabend vormittag, wenn schon der Duft kommender Freiheit auf der Schulbank lag; jede Woche ein Hauptstück. Von dem zweiten hatte Sievert Paulsen die unbegriffenen, harten, dogmatischen Sätze von der Erlösung, denen das Begriffsvermögen eines Kindes wie harter Stahlpanzer widersteht, hergestottert. »Niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten.« Und vor Hans Boie stieg der in den Eingeweiden der Erde eingebettete Vorhof der Hölle herauf, das unübersehbare Meer verstorbener Seelen in düsterer Reflexbeleuchtung qualmiger, flackernder Höllenglut. Und in ihrer Mitte die Lichtgestalt des Gekreuzigten, Nägelmale an Händen und Füßen, den Speerstich am geheiligten, gemarterten Leib. Seine Lippen verkündeten den aufhorchenden verflossenen, verstorbenen Geschlechtern die frohe Botschaft von der Erlösung. Aber über diesem Bild der kritische Zweifel. Unter solchen Umständen – freilich. Den verflossenen Geschlechtern sei das Glauben so viel leichter gemacht worden. Und ... »Hans Boie, weiter!« befahl der Lehrer. Der Knabe erhob sich, wußte aber nicht, wovon die Rede war. »Du träumst mal wieder. Es folgt der dritte Artikel: ›Von der Heiligung‹«, verwies Persetter. »Ich glaube«, sagte Hans Boie her, »an den heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeine der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen!– Was ist das?« Und nun begann der Schüler die scharf zugespitzte Erklärung des starkgläubigen Martin Luther. Hans Boie versicherte, er glaube, daß er nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, seinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen könne, vielmehr der heilige Geist ihn durch das Evangelium berufe, mit seinen Gaben erleuchte, im rechten Glauben heilige und erhalte; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden berufe, heilige ... So weit war es einigermaßen glatt gegangen. Nun aber begann die Verwirrung, Verwicklung. Bei ihm hatte die Lehre von der Heiligung niemals gesessen. Das Gehirn war ordnungsmäßig, aber die Heiligung wurde von ihm abgelehnt. Und die Heiligung und die Erleuchtung der ganzen Christenheit auf Erden im Gegensatz zu der Heiligung des einzelnen gläubigen Christen hatte nicht einmal das Gedächtnis erfaßt. Durch den Gleichklang der beiden Wörter ›geheiliget‹ und ›heiliget‹ verführt, bewegte Hans Boie sich im Kreise – – sammelt, erleuchtet, heiliget – – geheiligt und erhalten, gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden berufet, sammelt, erleuchtet, heiliget – geheiligt und erhalten ... Er war im Irrgarten, und es gab keinen Ausweg. Betrübnis legte sich auf die Züge des Lehrers. »Hans Boie, der liebe Gott hat dich mit gutem Gedächtnis und guter Auffassung ausgestattet. Auch bist du fleißig und lernbegierig, und doch nehme ich zu meiner großen Betrübnis wahr, daß die Glaubensartikel dir weniger zu eigen sind als deinen Mitschülern. Wie ist das zu erklären?« Hans Boie schwieg; aber nicht mit dem Antlitz eines betroffenen Sünders. In diesem Augenblick regten sich die Zweifel mit verstärkter Gewalt. Seine Lippen schürzten sich, ihm selber unbewußt, in leichtem Spott. »Du lächelst?« ereiferte sich der Lehrer; »weshalb lachst du? Denk an die Strafen der Spötter und Gottlosen! Glaubst du nicht an die Sätze unserer Kirche?« Und das Unerhörte geschah. Dem Schüler entfuhr das gelassene Wort: »Nein!« »Was, du glaubst nicht?« kreischte voller Entsetzen der Lehrer; »du glaubst nicht an Gott und seine Lehren?« Gelassenheit kam über Hans Boie. Hatte er bis dahin in unbewußter Voreiligkeit gesprochen, plötzlich erwuchs ihm der Mut, seinen Standpunkt zu wahren. »Ich glaube an Gott«, antwortete er getrost, »aber von seinem Wesen kann ich mir keine Vorstellung machen. Die Dreieinigkeit kann ich nicht verstehen und nicht glauben, nicht die Erbsünde, nicht die Notwendigkeit der Erlösung. Wenn dieser Glaube zur Seligkeit, auch wenn man Gott gehorsam sein will, erforderlich ist, dann ...« Hans Boie stockte. »Aber«, fuhr er fort, »deshalb kann ich auch nicht glauben, daß es notwendig ist. Ich kann und mag diese Artikel nicht lernen, weil ich sie nicht verstehe.« Der Zorn des Lehrers spottete aller Beschreibung. »Du Knabe«, fuhr er auf, »willst nur glauben, was du in deiner Einfalt, die du für Weisheit hältst, zu fassen vermagst? Willst nur glauben, was du begreifst? Der heilige Augustin beugte sein Haupt vor Gott. Aber du nichtsnutziger Knabe wagst es, deinen Vorwitz an den ewigen Wahrheiten zu messen?« Allmählich verging der Zorn, und die Trauer kam. »Welch gottlose Worte mußte ich hören! Bitte den lieben Gott, daß er dich nicht verlasse, wie auch ich für dich, armen Knaben, zu meinem Herrn Jesu Christo, dessen Blut uns alle versöhnt, beten werde! O du grundgütiger Gott, schreibe die Worte nicht in sein Schuldbuch, wonach du dereinst Rechenschaft fordern wirst für jedes unnütze Wort, schreibe sie da nicht hinein!« Er überbrachte persönlich den Eltern die Nachricht von dem Vorfall. Der Vater nahm sie mit ruhiger Herbe auf. »Das sind Flegeleien, die mit der Jugend vergehen«, behauptete er. »Ich will ihm diese Nacht ein stilles Plätzchen anweisen. Da mag er seine Torheit überdenken. Und ich wette: morgen ist in ihm sein Christenglaube so teuer und fest, wie er nur bei uns wurzelt.« * Dem Grundstock des vielverschlungenen elterlichen Gehöfts war an der Wegseite ein Kreuzbau angelehnt, worin sich der als ›gute‹ Stube dienende, auch als ›große‹ Stube benannte Raum befand, der die ganze Breite des Anbaus einnahm und an beiden Seiten zwei Fenster hatte. In der Regel waren diese durch feste Holzläden, die dem Licht durch fingerbreite Ausschnitte spärlichen Durchgang gestatteten, verwahrt und nur bei Familienfestlichkeiten und Begräbnisfeierlichkeiten geöffnet. Glücklicherweise waren diese ebenso selten wie jene. Nur einer älteren, brustkranken Schwester hatte das Zimmer ein halbes Jahr als Krankenstube gedient, bis sie für immer ihre aus dem abgemagerten Leidensantlitz groß hervorstrebenden Augen schloß und der Sargdeckel wieder einmal, für die Kinder zum ersten mal, mit der weißgekleideten, blumenbedeckten Gestalt der Verblichenen das Rätsel des großen ›Wohin?‹ vergrub. In der Vorstellung, der Kinder war die große Stube mit ihrer ewigen Dämmerung, ihrer tiefen Abgeschiedenheit von dem Wirtschaftslärm des Hofes, mit der Erinnerung an Tod und Begräbnis verbunden, und darin mag es denn auch wohl begründet gewesen sein, daß sie ihnen zu einer Art Gespensterzimmer wurde. Die Schränke und Koffer ächzten und krachten unter den aufgespeicherten Leinenschätzen in allen Fugen, ohne ersichtlichen Grund, und um die Ecken dieses Kreuzbaues lief, schon bei mäßigem Rauschen der dicht herangedrängten Linden, die Melancholie einer geänstigten, klagenden Seele; aus dem selten gelüfteten Raum quoll es hervor wie Geruch frisch lackierter, neuer Särge, steifer, ladenfrischer Sterbehemden, wie durchdringender Duft grüner Immortellen. Der Raum darunter war mit starken Gittern versehen, eine Art Keller. Er diente nur in heißen Sommermonaten den Zwecken der Milchwirtschaft, für die Kinder ein lieber Aufenthalt – frisch, kühl im Sommer, behaglich warm im Herbst. Leere, kahle Wände warfen den Schall ihrer Stimme mehrfach zurück, aus jeder Ecke vervielfachte das Echo ihre jugendlichen, mit feierlichem Vollklang zu ihnen zurückkehrenden Stimmen. Dies Verließ war unserm Galilei als Gefängnis angewiesen. Noch hörte er das Geräusch des hinter ihm abgezogenen Schlüssels. Der Märtyrer des Glaubens wurde zum Märtyrer des Unglaubens. Es war ihm behaglich genug gemacht, dem Märtyrer. Da stand der Tisch, und die Gefangenennahrung, die lockend darauf dampfte, war reichlich und gut. Dort stand der Stuhl, dort war sein Lager, und von der festen Gipsdecke leuchtete ruhig der Lampe tröstendes Licht. Er prüfte sein Burgverließ, klopfte herum an den Wänden, an den Eisenstäben der Fenster, an der sicheren feuerfesten Decke. In diesen Raum drang keine Gefahr, die Einsamkeit war seine einzige Strafe, aber die Einsamkeit war die beste Freundin des grübelnden Knaben. Er kam sich außerordentlich romantisch und interessant vor wie in einem Burgverließ, umgeben von unbestimmten, erträumten Gefahren, zumal da er ganz genau wußte, daß ihm niemand ein Leid zufügen werde. Ein süßes Behagen durchdrang ihn; in seiner Zelle schritt er wie ein König, nicht wie ein Gefangener daher. Ein lebhafter Südwest stieß wie einst, als er noch mit den Kinderhänden nach der Himmelswand langte, an das Haus, dürre Blätter rasselten in feinem Wirbel über das Steinpflaster, an den Kellerluken daher. Dem angstvollen Rufen des Sturmwindes folgte die Beschwichtigung der ruhig wehenden, rauschenden Baumwipfel; in dem Flehen und Klagen der Windgeister, die im ruhelosen Pfiff um die Ecken gejagt wurden, rauschte als Grundton die Versicherung: so gerne möchten sie mit ihm in dem lauschigen Raum ausruhen von der wilden Jagd, die sie über die herbstlichen Stoppelfelder treibe. Über seinem Haupte in der Gespensterstube hörte er ein leises Schlürfen und Schleifen, und das erfüllte ihn mit angenehmer Angst, die um so reizvoller war, als das sanfte, im breiten behaglichen Lachen austönende Säuseln nicht müde wurde zu wiederholen: das alles sei nur Spaß, und nirgends sei es sicherer und behaglicher als bei ihm im Keller unter der Gespensterstube. Vor dem Fensterchen hüstelte eine alte Linde und sagte ihm geradezu auf den Kopf, er selbst glaube nicht an den von seiner Einbildungskraft erlogenen Spuk. Sie war eine redselige Alte und rauschte und plauschte die ganze Nacht. Er hörte sie bis in den tiefsten Schlaf, als schon seine Vorstellung die Herrschaft des Verstandes abzuschütteln begann. ›Grüble nicht und sinne nicht, junges Menschenkind, über Fragen, die du nicht verstehst und nicht begreifst! Zu viel grübeln ist nicht gut. Sieh, die Welt ist voller Freuden – ist sie etwa weniger schön, weil du den Schöpfer nicht begreifst? Auf deiner Fahrt zum lieben Gott entwich die Himmelswand, je sehnsüchtiger du ihr nahtest, du erreichtest sie nicht, und nimmer wirst du das Wesen Gottes ergründen. Das beste wäre, du schliefest ein.‹ Und er schlief ein ... Im Traum war ihm, als wenn sein totes Schwesterchen durch die feste Gipsdecke aus der Gespensterstube herabschwebe und an seinem Lager Platz nehme. Es strich, wie einst, mit seidenweicher Hand über seine Stirn. ›Wo kommst du her?‹ ›Vom Himmel!‹ ›Kennst du den lieben Gott?‹ ›Ich kenne viele Geheimnisse, ich kenne auch deine Zweifel, deine Kämpfe.‹ ›‹Wo ist der Himmel?‹ ›Oben, unten, überall!‹ ›Und die Hölle?‹ ›Es gibt keine Hölle, Gott ist die Liebe. * Ein ganzes Menschenalter trennt mich von der Zeit, aber meine Westentaschenphilosophie ist so gut wie die bändereiche Fachphilosophie unserer Gelehrten auf dem alten Fleck geblieben. Ich halte noch immer die Ansicht meines Traumgesichts in Ehren und zerbreche mir ab und zu den Kopf des lieben Gottes über das ›Wohin?‹ Dreißig mal summte unsere Erde, die Eintagsfliege, um die Sonne und folgte, dem Gesetze der Schwere gehorsam, diesem Gestirn auf unbekannten Pfaden, unbekümmert um das ›Wohin?‹ Benachbarten Gestirnen bot sie fröhlich den Gruß, aber keine Erwiderung klang zurück. Nur ab und zu, ich sah es in sternenreichen Nächten, leuchtete es wie ein Versuch zum Sprechen über das Antlitz großer, leuchtender Gestirne. Aber vergebens. Denn von allen Tausenden befand sich keines in der kurzen Episode organischen Lebens, das die Gestirne blitzartig erleuchtet. Aber die Erde in ihrem kurzsichtigen Hochmut vermeinte das Lieblingskind des Weltalls zu sein und lachte in schadenfroher Verblendung. Dafür wird auch sie dereinst erstarren, die lieblose Erde. Vorläufig schnurrt ihr Triebwerk nach Regel und Ordnung. Und lebensfrisch gondelt die Erde im großen unendlichen Raum. Freilich, wenn die rätselhaften, geschweiften Landstreicher des Weltalls aus den Abgründen des Raumes emportauchen, bemächtigt sich ihrer eine gewisse Unruhe, und scharf lugt sie nach der Gefahr des Zusammenstoßes aus. Aber bisher erwies sich die Fahrordnung des Luftmeeres noch immer als ausreichend. Wenn auch ab und zu jene Unholde haarscharf um einige ungezählte Millionen Meilen vorüberglitten, so schlang doch noch jedesmal der gähnende Raum die unheimlichen Gesellen in seinen Rachen zurück. Die Elemente ihrer Flugbahn wurden aber vorsorglich von den Astronomen festgelegt und verbucht mit kaufmännischer Genauigkeit. Überhaupt machten wir Menschen uns mit unserer Weisheit breit. Bestand und Entwicklung der natürlichen Welt führten wir auf Gesetze zurück, die dem lieben Gott gestatten sollen, in den Ruhestand zu treten. Und ihm das Geheimnis der Schöpfung abzulauschen, waren wir eifrig und hoffnungsvoll bestrebt. Was Jahrtausende hindurch als persönliche, tätige Weisheit Gottes bewundert worden war, erkannten wir in gläsernen Retorten und Mikroskopen als Faustrecht des Stärkeren. Und überall schüttelten in unserer gesellschaftlichen Ordnung die Arbeiterheere die sehnigen Arme, um den neu entdeckten Grundsatz für sich zu verwerten. Mein Beruf führte mich an das Lager von Kranken und Sterbenden, wo ich als Helfer, aber auch als kühler Beobachter verweilte. Die Veränderung eines Nervenstrangs verwandelte Charakter und Geist, ein Tröpfchen Blut, wenn es im Gehirn eine Taste hemmte, machte den geistreichsten Menschen zum albernen Schwachkopf. Und wie oft ich auch in den brechenden Augen der Abscheidenden nach einem Gruß des schöneren Jenseits forschte – der Tod bewahrte treu sein tausendjähriges Geheimnis. Es gibt keinen Schöpfer, es gibt keinen Erhalter – so lautete das Privatissimum, das ich mir in der Periode des Unglaubens las; – es gab einen Urbrei und es gibt ewige natürliche Gesetze. Im Tode wird der Stoff frei, neue Verbindungen einzugehen. Geist wie Leben ist eine Eigenschaft des Stoffes, Fortbestehen unserer Seele ein Unding. Der Mensch ist ein chemischer Verbrennungsofen, nichts mehr! So sprach ich in jungen, ungläubigen Jahren, das heißt: eigentlich sprach nur die eine Seele so, die andere – wer kann aufstehen und sagen, er habe nur eine? – höhnte schon damals ihre Kollegin an und meinte, es sei die Zeit wohl nahe, wo man das Gewissen chemisch darstelle. Daran dachte ich heut nacht, als mir der gute Mond auf spätem Berufsgang durch lehmige Wege nach Hause leuchtete. Und ich sagte zu ihm: »Bist nicht mehr jung, alter Kerl, was sagst denn du dazu?« Da sah er erst voll und rund und verschmitzt drein und so weise und klug, als habe er Verständnis für die Zweifel der armen, zwischen Drachen- und Kamelsrachen hängenden Menschheit, als sei er nicht schon lange versteint und erstarrt. »Wohin fährst du, Geselle, Sternenmops am Gängelband unserer Erdenmutter, wohin geht die Reise, sag, wohin?« Es zuckt über sein feistes Gesicht, als ob ihm eine große Wahrheit die Zunge beschwere. Aber bevor der Stotterer mit der Antwort zustande kommt, verkriecht er sich hinter jagendes Nachtgewölk. Dem unbekannten Gott! Erster Teil 1 Der große Marschhof, der den Namen ›Kanzlei‹ führte, war immer ein frommes Haus gewesen. Über der Haustür sah man an breiter Zementplatte in Flachrelief Zimmeraxt, Maurerkelle und Hobel ein Stilleben führen und darunter den Spruch: »Der Mann, der dieses Haus gebaut, Hat Gott geliebt und Gott vertraut. Auch du trag ihn im Herzensschrein, Sobald du gehst zur Tür hinein. Und wenn du gehst zur Tür heraus Begleite er dich aus dem Haus. O möchte nie in diesen Wänden Ein ruchlos Wort den Herrgott schänden!« Die Kanzlei liegt im Lande der freien königlichen Bauern, an der Mündung des nördlichsten von den großen deutschen Strömen, dort, wo das Meer den ihm zugeführten Tribut in reicher fetter Marscherde zurückzahlt. Woher er den an Schreiberkram erinnernden Namen hat, ist nicht unzweifelhaft nachgewiesen. Am meisten hat wohl die Ansicht für sich, daß bei der ersten Eindeichung die Behörde hier die Bretterbuden ihrer Schreibstuben aufgerichtet gehabt hat, was um so mehr einleuchtet, als die Hofgebäude auf einer natürlichen sandigen Anhöhe ruhen, einer Bodenerhebung, die einstmals als Insel aus seichtem, grüngrauem Wattenmeer hervorgeragt haben mag. Etwa eine Stunde Wegs vom Hof beginnt das alte Festland, zunächst die wilde Dünenlandschaft der sogenannten Lieth, die von einem jetzt verschollenen oder doch weit zurückgedrängten Meer vor ungezählten Jahrhunderten oder Jahrtausenden aufgewühlt worden ist. Die Gebäude selbst spiegeln sich, unter Bäumen vergraben, mit sinnenden Giebeln und Dächern in einem blänkernden Teich. Es ist die durch Entnahme der Deicherde entstandene Vertiefung, als man (lange vor Aufführung des Winterdeichs) die Sommerdeiche anlegte, deren Linie man noch jetzt überall verfolgt. Ein großer Kanal (sogenannt ›Wettern‹) führt hindurch und hält das Gewässer in lebendiger Bewegung. * Ein schöner Frühlingsmorgen. Neben dem Teich ein mäßig großes Stück Gartenland, wo die Kanzlei die ersten Kartoffeln des Jahres zu ziehen pflegt. Die Kartoffeln zu legen, waren zwei Arbeiter beschäftigt. Es sind Jahrzehnte verflossen, eine Zeit war es, die die jungen Leute von jetzt als alte anzusehen geneigt sind, die den Erwachsenen ihrer Tage aber als neue erschien, als eine mit neuen Zielen beschwerte oder befruchtete, je nachdem das Herz der alten Zeit angehörte oder dem jungen werdenden Morgen entgegenjauchzte. Anbruch eines neuen Tages, hüben und drüben freudig und sorgenvoll begrüßt, dort Trauer und Zorn und Ärger, hier Mut und Hoffnung und Glücksgefühl weckend. Freilich, bei der Kanzlei floß der Strom der Zeit verhältnismäßig sachte und langsam und leise. Langsam auch beim Kartoffellegen am Teich, vorbei an dem frommen Spruch über der Tür. Und doch war auch hierher das Brausen des fernen Stromes gedrungen. Klaus Lahann hatte eine Reihe Löcher gemacht, nun warf er in jede Grube die zur Saat bestimmte Kartoffel. »Es ist doch wunderlich«, sagte er, »wunderlich, Johann daß die Kartoffel wächst, wenn wir Erde darauf tun, und dann andere danach kommen.« »Das ist die Natur«, antwortete Johann Hell. »Die Natur?« entgegnete Klaus. »Du meinst: der liebe Gott.« »Nein, ich meine die Natur; einen Gott gibt es nicht«, erwiderte Johann Hell. »Gibt es nicht?« »Nein, gibt es nicht. Das sagt Doktor Rank auch.« »Gibt es nicht?« wiederholte Klaus. »Und Pastor Rau und unser Wirt?« »Man muß nicht alles glauben, was der Priester sagt, und Hans Horsten weiß da gar nichts von.« Hans Horsten hieß der Eigentümer der Kanzlei. Eine Stimme hinter ihnen schnitt das Gespräch ab, Hans Horstens Stimme. Und hinter Johann und Klaus stand seine breite Gestalt, die Stirn in Falten, die Stimme ruhig. »Johann«, sagte er, »wenn ihr hier fertig seid (ich denke, in einer halben Stunde läßt sichs schaffen), dann kannst du zu mir in die Stube kommen, ich habe mit dir zu reden.« Und ohne Antwort abzuwarten, machte er Kehrt und ging nach dem Hof zurück. Auch von der Rückenseite her blieb die feste, breitschulterige Gestalt nicht ohne Eindruck. Wie grade und unbeirrt er seine Schritte führte und beim Gehen die schlenkernde Hand rasch und heftig nachzog! Klaus und Johann standen mit ihren Spaten und sahen ihm nach, bis er zwischen den Bäumen und Dächern verschwunden war. Dann sagte Klaus: »Junge, ja, da wirst aber eine Lage kriegen!« »Laß sie man kommen«, prahlte Johann. »Ich bin nicht bange, laß mir nichts sagen.« Er war bis vor kurzem Knecht und Kutscher bei dem allbeliebten Arzt Doktor Rank gewesen, der vom nahen Städtchen aus seine Praxis betrieb. Es war allbekannt, daß Rank den Philosophen ins Handwerk pfuschte und sich über Fragen den Kopf zergrübelte, die ihn, so meinte man, nichts angingen. Er hatte seine Eigenheiten, und dazu gehörte auch die vertrauliche Art, seine Leute zu behandeln, ohne indessen den Standesabstand ganz zu verwischen. Johann war unter ihnen ein bevorzugter Mann. Den Dienst auf der Kanzlei hatte er angenommen, weil der Doktor sich in den Kopf gesetzt hatte, ein Jahr lang zu radeln, seine Gesundheit zu fördern. Unsere Erzählung spielt in der Zeit der ersten Begeisterung für das Rad, das damals noch auf gut deutsch ›Beizykkel‹ hieß. Daß Johann nach Abflauen dieser Stimmung bei dem Doktor wieder in Stellung gehen werde, war gerade nicht abgemacht, wurde aber von den beiden Beteiligten vorausgesetzt. * Hans Horsten saß, als Johann befohlenermaßen eintrat, in seiner nach dem Hühnerhof belegenen Arbeitsstube vor seiner Schatulle und rechnete auf dem Ausziehbrett. Er stammte nicht aus der Marsch; er war auf einer einsamen Hallig des nordfriesischen Wattenmeeres zu Hause – ein Friese nach Herkunft, nach Gestalt und nach Aussehen. Nicht übermäßig groß, aber breit und trotzig. Etwas wie starre Gottesfurcht lag in den großen Zügen. Der Spruch über der Haustür rührte nicht von ihm, sondern von dem Begründer der Kanzlei, einem Altvordern seiner verstorbenen Frau her, er war ihm aber aus der Seele gesprochen, denn althergebrachte Gottesfurcht und Frömmigkeit wohnten in seinem Herzen. Eine Frömmigkeit und Gottesfurcht, die nicht mit sich handeln ließ, das sagten die starken, strengen Brauen seiner Augen. War es ein Wunder? Von Eltern und Voreltern hatte er es ererbt, die Werke des Vaters von Himmel und Erde konnte auf seiner Heimatinsel niemand ohne Staunen und Andacht sehen, sie drängten sich überall auf. Freilich, Luft und Sonne und Mond und Sterne waren überall, aber wie ganz anders redeten sie in der Inseleinsamkeit von der Größe und Erhabenheit des Ewigen! Wie viel eindringlicher im Wellenspiel der weiten See! Wie viel glänzender der Hochklang ihrer Hymnen zum Ruhme dessen, der sie erschuf! Wind und Welle sein Odem, und für und für die Stimme des Einen im Ohr. Und deshalb blickte die vom Vater und Mutter ererbte altväterische Frömmigkeit starr und trotzig aus seinen grauen Augen. Einmal hatte er sogar versucht, die Verehrung Gottes so, wie er sie verstand, im Bilde festzuhalten; es hing über seiner Schatulle an der Wand. Der Bauer saß, als Johann eintrat, vor seiner Schatulle, einen Zettel vor sich. Er hatte gerechnet. »Für hundert Taler«, fing er an, »habe ich dich gemietet. Der verdiente Winterlohn beträgt nicht ganz hundert Mark. Wir wollens voll machen. Der Sommerlohn für ein Vierteljahr gleichfalls hundert, und hundert für die Kost eines Vierteljahrs – macht zusammen dreihundert.« Er deutete auf eine Reihe abgezählter Stapel Silbergeld. »Da ist es, zähl nach! Und dann kannst du hingehen und deine Lade packen. Und wenn wir Mittag gegessen haben, kannst du überhaupt gehen, die Lade werde ich morgen hinfahren lassen.« Er legte sich im Lehnstuhl zurück, sah mit leichtumflorten Augen vor sich hin und machte die Daumenmühle. »Da wären wir also quitt«, sagte er. »Es ist schade, daß es so kommen mußte. Du warst ein guter Knecht.« Der abgelohnte Johann stand da – mit offenem Mund. An die Abrechnung dachte er kaum, da war auch sicher nichts einzuwenden. Das aber, daß er fortgejagt wurde, das kam doch gegen seine Erwartung und Befürchtung, das war stark. Schelte ... Ermahnungen ... und so weiter, ja ... aber fortgejagt! Er war ein junger, kräftiger, schlanker Mensch und hatte ein offenes, freundliches Gesicht – rot und sonnverbrannt, die Röte von dem seinen Aderspiel der Jugend und der Gesundheit durchtränkt. Respektvoll und doch nicht ohne Selbstvertrauen, die ihn vor einer zu demütigen Beugung bewahrte, war er vor seinen Herrn hingetreten. Nun aber, da dieser ihn wegschickte, verlor er für einen Augenblick die Haltung, stand da mit offenem Mund und kratzte sich hinter dem Ohr. Den Kopf zu krauen, war seine Gewohnheit, seine Bewegung, wenn er mit einer inneren Unfreiheit zu kämpfen hatte. In der ersten Überraschung fand er auch keine Worte. Dann brachte er heraus: »Ich soll aus dem Dienst?« »Kann nicht anders sein, Johann«, entgegnete Hans Horsten. »In der Kanzlei gibt es keinen Platz für Leute, die nicht an Gott glauben.« »Aber das war ja nur son Schnack«. entschuldigte sich Johann. »Ich kann auch nicht mit Leuten zusammen sein, die son Schnack machen. Lies den Spruch! Was steht über der Haustür? Wie es auch von dir gemeint gewesen ist, schließlich führts doch auf den breiten Weg und in die Hölle.« Der Knecht sah ein, daß nichts zu machen war, da sammelte er den vor Klaus ausgespielten Trotz und Mut und dachte, dann kannst du ja auch deine Meinung sagen. »Es gibt gar keine Hölle«, erwiderte er. »Selbstverständlich gibts die nicht. Hab mirs gar nicht anders gedacht, mein Junge. Für Leute, für die es keinen Gott gibt, kann es auch keine Hölle geben.« »Zähl nach und nimm«, setzte der Bauer hinzu. Er wollte der Sache ein Ende machen. »Nachzählen, das tut nicht nötig«, entgegnete der Knecht und füllte das schwere Silbergeld mit vollen Händen in die starken Taschen seiner weiten Beinkleider. Und dann nahm er seine Mütze, die er auf einen Stuhl gelegt hatte, und ging. Den Türgriff hatte er schon in der Hand, als Hans Horsten ihn zurückrief. Die freche Treuherzigkeit, das Gedenken an die Dienste, die der ihm geleistet hatte, den er davonjagte ... es war schade, vielleicht brachte ihn ein gutes Wort doch noch auf den rechten Weg. »Johann«, sagte er, »du bist ein tüchtiger und getreuer Knecht gewesen, das will ich dir danken. Und hoffen will ich, daß der liebe Gott, wenn du auch nicht an ihn glaubst, dich in seine Wege leiten wird.« Der Knecht war langsam wieder zu Hans Horsten herangetreten, dieser stand auf und reichte ihm die Hand. Johann Hell drückte sie fest. »Dank«, sagte er, »habe ich nicht verdient; ich tat meine Pflicht und nicht mehr. Und das, was man zu tun schuldig ist, tut ein rechter Kerl, auch wenn er nicht alles glaubt, was der Priester sagt.« »Auch dann, wenn er nicht an Gott glaubt?« Johann wich der Frage aus. »Was ich zu Klaus sprach, war so dahergeredet«, wiederholte er. Einen Augenblick sann er nach, und dann entschloß er sich, auf die ihm vorgelegte Frage frei seine Meinung zu sagen. »Wirt«, erwiderte er, »Sie wissen, ich war Kutscher bei Doktor Rank.« »Ich weiß.« »Und Doktor Rank macht keinen Unterschied zwischen hoch und niedrig.« »Ich kenne ihn von ungefähr, soll ein tüchtiger Arzt sein, die Kirche aber nicht besuchen. Was ist mit dem Doktor?« »Doktor Rank sagt, ob es einen Gott gibt, hat noch kein Mensch herausstudiert, es wird auch niemals herausstudiert werden. Er für seine Person glaube nicht, daß einer sei. Ja, Wirt, wenn die Studierten es nicht wissen und glauben, wie kann mans von einem Bauernknecht verlangen? – Und wo sind die Beweise?« setzte er hinzu. Hans Horsten schwieg. Beweise? Ja, wo waren die Beweise? Bibel und Katechismus? Wer nicht an Gott glaubt, glaubt auch nicht an Bibel und Katechismus. Da steht ein scheinbar guter Mensch, Johann steht da mit seinem guten Gesicht, treu und bewährt in Erfüllung seiner Pflicht. Irgendwo in seinem Herzen muß Gott doch noch eine Stätte haben, wenn er es auch selbst nicht weiß. Und mit dem Doktor Rank wird es wohl ebenso sein. Der gönnt sich, wie man hört, Nacht und Tag keine Ruhe, Kranken und Leidenden beizustehen. Arme bekommen nicht einmal Rechnung. Wie sollte einer dazu kommen, der nicht an Gott und an Himmel und an Hölle glaubt? »Sag mal, Johann, wie denkt ihr beide denn, daß die Welt entstanden ist und erhalten wird?« fragte er. Es war die Zeit, wo Darwin noch in unvermindertem Ansehen stand, wo man in seinen Lehren und Sätzen von der Entstehung der Arten den Schlüssel zu dem Zauberschloß der Schöpfung gefunden zu haben glaubte. Rank war ihr Anhänger, ein kleiner Sprühregen war auch auf Johann gekommen. Sein Bemühen, dem Bauern der Kanzlei mit Aufwendung von Kopfkratzen und Stirnrunzeln deutlich zu machen, was er selbst nicht verstand, war rührend, hatte aber keinen Erfolg. Hans Horsten verfolgte inzwischen den alten Gedanken: im Grunde könnte Johann so wenig wie sein Doktor vom Glauben an Gott verlassen sein. »Besinn dich, Johann«, sagte er und beendigte dadurch Johanns Rede früher, als eigentlich in dessen Absicht gelegen hatte, »besinn dich! Es kann nicht deine Meinung sein, denn ohne Glauben an Gott ist niemand gut!« Der Knecht lächelte, es war ein beinahe feines Lächeln. »Ohne Glauben niemand gut? Nichts übelnehmen, Wirt, aber ich bin der Meinung, gut sein und glauben hat wenig miteinander zu tun. Zu den ganz Ungläubigen will ich mich nicht rechnen, aber ich kann mir gut denken, daß einer, der gar nichts glaubt, doch den graden Weg geht. Es kommt nur darauf an, daß er Ballast im Schiffsraum hat; ich muß da immer an die kleinen Spielschiffe denken, die die Jungs auf dem Teich schwimmen lassen. Da kann ein Wind kommen und sie auf die Seite legen oder doch schräge, und sie kommen immer wieder auf. Das macht, sie haben es in sich, sie haben Stahl im Kiel. Und so ist es auch mit den Menschen. Hat jemand es in sich, hat er Stahl im Kiel oder Ballast geladen, dann kann der Wind nicht viel machen.« »Ganz recht, Johann. Wenn er Gewissen hat. Von wem hat er aber das Gewissen?« »Das weiß ich nicht«, war die Antwort. »Aber ich weiß es: das ist von Gott. Ist es nicht so?« fragte Hans Horsten. Johann lächelte nicht mehr. »Von Gott? – Ich weiß es nicht«, wiederholte er. Der Bauer verfiel in Nachdenken. Auf den Glauben kommt alles an, gute Werke sind nur seine Früchte. Schade um Johann, schade auch darum (ein zeitlicher Gedanke unter all den ewigen), daß die Kanzlei jetzt, wo es ›hilde‹ wird, die Kraft dieses Getreuen entbehren muß. ›Aber es geht nicht anders, und wäre es mein eigener Sohn. Es muß sein, aber es soll in Güte und Milde geschehen.‹ Das war um so eher möglich, als Johann sein Knecht und nicht sein Sohn war, sein Gemüt also doch nicht in solche Bewegung brachte, wie ein ihm durch Blutsverwandtschaft Verbundener getan hätte. Und er schätzte sich glücklich, daß ihm niemals ein Sohn so gegenüberstehen werde, gegenüberstehen könne, wie der Knecht tat. Einem Sohn gegenüber, das fühlte er, würde er schwerlich gut und milde verfahren können. »Das, was du mir gesagt hast, Johann«, sprach er, »sind Irrgänge. Wir wollens gut sein lassen. Aber ich hoffe, dich noch mal anderen Sinnes zu finden. Gott befohlen!« Und er reichte ihm die Hand. Johann blieb nicht ohne Rührung. »Ich danke auch schön, uns Wirt. Aber, was ich noch sagen wollte ... es ist mir eben in den Sinn gekommen: Sie haben mir zu viel Geld hingezählt. Ich habs im Ramsch eingesteckt, aber nun ist es mir eingefallen. Es ist um mehr als die Hälfte zu viel.« Und wie er das sagte, fing er an, in die Taschen zu greifen und Hände voll Taler auf den Tisch zu legen, was Hans Horsten erstaunt ansah. »Wie meinst du das?« fragte er. »Was soll das, was heißt das?« »Der verdiente Lohn«, antwortete Johann, »hundert, der kommt mir, wenn auch nicht ganz, zu. Nehm ich, gut. Und Kost und Lohn, bis ich einen andern Dienst habe, ich rechne drei Tage, bekomme ich auch, darauf will ich täglich einen Taler also weitere drei rechnen, das macht im ganzen einhundertundneun Mark. Das andere aber nehm ich nicht.« »Nimm es ruhig hin, Johann, unsere Gesindeordnung spricht es dir zu.« »Das weiß ich wohl, aber ich will mit meinem Unglauben keinen Gewinn machen. In drei Tagen finde ich leicht etwas anderes. Und wenn ich nichts finde, gehe ich in den Koog zum Deichen.« Hans Horsten war überrascht, soviel Unglauben und soviel Uneigennützigkeit!? »Es ist brav, Johann«, sagte er, »aber es geht nicht. Ich habs gegeben, ich nehm es nicht wieder, mir gehört es nicht.« Johann kratzte sich wieder hinter dem Ohr. »Was machen wir denn?« fragte er. »Wenn dus nicht haben willst, Johann, schenks einem armen Mann!« Des Knechtes Miene klärte sich hell und freudig auf. »Das ist wahr, das ist das Rechte«, sagte er. »Und kommt grade recht, ich weiß eine Stelle, wo es not tut. Ich meine den Schneider Schenk in Aspern. Er ist abgebrannt, hat nichts versichert, hat viele Kinder, die Frau ist krank, es geht ihm schlecht. Wirt, wenn Sie das für mich besorgen wollten, er braucht ja nicht zu wissen, von wem es kommt. Und im Grunde ists ja auch keiner von uns beiden, der es gibt.« Der Hofbauer hatte nicht oft eine solche Freude, wie bei dieser Rede des jungen Knechts. Hatte er ihm vorher die Hand gereicht, so schüttelte er sie ihm jetzt in einem Anfall lieber Kameradschaftlichkeit. »So ist es recht«, sagte er, »die Linke darf nicht wissen, was die Rechte tut.« 2 Als junger Knabe hatte Hans Horsten sich in einer Kunst versucht, wozu er etwas Talent mitgebracht hatte; es war auf Anregung eines Malers geschehen, der in die Giebelstube seines Vaters zur Sommerfrische gekommen war. Nur ein Bild war übrig geblieben, die Zeichnung von dem Odem des allmächtigen Gottes, dieselbe, die in der Stube, die Johann Hell verlassen hatte, vergilbt und verstockt über der Schatulle hing. Hans Horsten blieb sinnend zurück und seine Augen ruhten auf dem Bild. Die Zeichnung war ihm lieb geworden und lieb geblieben, vielleicht auch deshalb, weil darin noch ein Körnchen seines Knabenhumors, wovon er so wenig ins Leben hinübergerettet hatte, zum Ausdruck gekommen war. Man sah das Haus seiner Geburt, ein mäßig großes Hallighaus. Rechts und links Weiden mit grasenden Kühen und am Horizont eine glatt und fließend hingelagerte Dünenkette, darüber hinaus die Kimmung der Nordsee. Und hoch am Himmel über Weiden und Dünen und Meer runde hochgetürmte, marmorne Wolken. An der Längswand des Hauses sind Bäume – das heißt eigentlich nur Strünke wie sie der Boden einer Sand- und Düneninsel, wo der Wind selten schweigt, hervorbringt. Man sieht, wie die armseligen Wipfel sich unter dem Winddruck beugen. Auf den marmornen Wolken der Urheber der Windsbraut: bäuchlings hingestreckt ein lockiger, netter Engel, ein Geflügelter; durch eine Riesentuba bläst er nach dem Haus und nach den Bäumen hin. Erst hatte Hans Horsten auch den lieben Gott selbst gezeichnet – in Seiner Allmacht, im langen Faltenhemd, einen großen bärtigen Mann mit einem krummen Mosesstab in der Hand, womit er den Bläser in den Weichen kitzelte. Der hatte vor Lachen kaum noch blasen können, wenigstens sollte es mit dem krausen Gesichtchen des Engels angedeutet sein. Die krause Miene ließ er, den lieben Gott strich er aber weg, aus Ehrfurcht, aus Herzensscheu – schob eine dunkle Wolke herauf; man sah nur noch das Fluidum des Kitzels strahlenförmig aus dem Stabende strömen. Unter den Bäumen an der Hauswand stand auch der Künstler selbst ... ein kleiner, rockloser Bauernjunge in Holzpantoffeln. Das Angesicht sah man nicht, es war dem Winde zugekehrt, aber aus beiden Händen hob der Junge die Ohrmuscheln dem Hauch des Ewigen entgegen. Er wußte daß es Gottes Odem war, der über die Insel daherfuhr ... Und noch immer sah er sich gern in dieser Haltung, mit beiden Händen die Ohrmuscheln heben, damit er um so deutlicher des Ewigen Stimme vernehme. Hans Horsten hatte kein ausgesprochenes Talent für Musik, liebte aber sanfte, weiche Melodien. Und er erinnerte sich aus seiner Jugend gern der süßklagenden, melancholischen Töne der Harmonika, wie sie nach Feierabend von den Fischerkaten seiner Insel zu ihm herüberschwammen. Er selbst hatte das Ding auch schlecht und recht gespielt; dann fehlte aber der Zauber und die Verklärung der Ferne, da mußte sein Ohr alles Scharfe und Unreine mitnehmen. Ganz anders das, was, von der Küste kam, wenn Tag und Abend erstarben. Der Nebel hatte alles zugedeckt, grau und groß und faltig kam er vom Wattenmeer, das leise und sanft und gurgelnd an den weichen Ufern fraß. Eine wunderbare Sehnsucht quoll dann zu ihm herauf, Verlangen und Sehnsucht nach dem, in dessen Hand er sich beschlossen fühlte, nach dem Urquell aller Dinge, nach dem großen, dem ewigen Gott. Ein heißes Verlangen ergriff ihn, dem Ursprung der Töne nachzugehen, mit heißem Durst die Lebenswasser zu trinken, die ihm entgegensprudelten, wunschlos in der ihn umfließenden Schönheit zu vergehen. Er wußte, wer da spielte. Momme Petersen, der an der Düne wohnte, konnte es am besten – den groben Baß greifen mit der Linken und die Tonleiter der Noten mit der Rechten bis zum zweimal gestrichenen C. Durch zwei mit Bronzeknöpfen versehene Stangen konnte man die Leistung des Instruments steigern. Wenn man die erste zog, sang es doppelstimmig, kam die zweite hinzu, so brummte an passenden Stellen sonstiges Effektvolles hinein. Mommes Häuschen kannte er genau, konnte es bei stockfinsterer Nacht finden. Dann aber, wenn die Ziehharmonika rief, wollte er es nicht wissen und wußte es auch wirklich nicht. Wenn sie Töne zu ihm schickte, die durch die Ferne und durch den Nebel gereinigt waren, dann sollte auch die Quelle der Sehnsucht unerreichbar sein, wie Gott. So wollte er es. Zuweilen halfen sogar die Umstände bei dem Aufbau dieser Phantasie. Wenn die Ziehharmonika nicht in einer Fischerkate gespielt wurde, die Töne vielmehr durch die Nebel über den Wassern aus unbekannten Barken herüberklagten, die Quelle also nicht nur in der Vorstellung, sondern wirklich unauffindbar und unerreichbar war. Das und andere Erinnerungen flogen durch seinen Sinn, als der gottesleugnerische Knecht ihn verlassen hatte ... Wiederum ein Beispiel, welch ein wunderliches Ding das menschliche Herz ist. Gute Werke und Gottesglaube, jene nur die Frucht des Glaubens an Gott und des Lebens in ihm, so war ihn gelehrt worden. Keine guten Taten ohne Gott. Und nun kommen zwei Ungläubige, Johann und sein Doktor, weisen ihr Herz auf und – siehe da! es sind gute Herzen, voller Menschenliebe. Wieder saß er vor der Schatulle und vor dem darüber hängenden Bild. Er war ein Gottesfürchtiger und ein Gläubiger. Was aber hatte er an Taten aufzuweisen? Und die Tage der Vergangenheit zogen an ihm vorüber. * Von klein auf wollte er ein Diener des Herrn und ein Verkünder seines Wortes werden. Das war sein Wunsch, und die Eltern waren damit zufrieden. So besuchte er, als er heranwuchs, die zunächst belegene Gelehrtenschule des Festlandes. Anfechtungen fehlten nicht, und nicht die Versuche, seinen Glauben zu lockern. Und nicht immer war er gewappnet gewesen, alles stahlhart von sich abzuweisen. Es waren Stunden gekommen, wo er sich, wie es die meisten seiner Mitschüler taten, fragte, wer denn die Richtigkeit der angeblichen Offenbarung verbürge, ob sie vielleicht doch nicht Täuschung oder gar Menschentrug sei, wie so vieles andere. So war er ein Wankender geworden, kein Gefallener, ein Wankender auf nur kurze Zeit. Denn wie Wegstaub hatte er es für immer von sich abgeschüttelt, sobald sein Fuß zum ersten mal wieder den Boden der Inselheimat berührt hatte. Bis zur Primareife hatte er es gebracht, naher kam das so heiß ersehnte Ziel, da verloren seine bis dahin in mäßigem Wohlstande lebenden Eltern ihr Vermögen, an die Fortsetzung seiner Studien war nicht zu denken. Er nahm es als eine Schickung des Höchsten hin und unterwarf sich ohne Groll und ohne Bitterkeit. Ein in den Marschen der Elbe lebender Verwandter nahm ihn auf. Dort erlernte er die Landwirtschaft mit dem ihm eigenen brütenden Ernst, mit dem Fleiß und mit der Stetigkeit, womit er alles betrieb, was er als seine Lebensaufgabe erkannt hatte. In seiner äußeren Erscheinung von der Natur nicht schlecht behandelt, blieb er, wenn die Väter guter Töchter den Kreis der Eidame musterten, nicht unbeachtet. Zugleich erlangte er den Ruf eines in seinem Wandel und Tun wunderlich streng gesitteten jungen Mannes. Auf der Kanzlei wohnte ein begüterter Mann, ein Witwer; er hatte keine männlichen Erben, eine einzige Tochter. Er war häuslich und fromm, die Tochter war es auch. So kam es, daß der mittellose junge Friese Gnade vor ihren Augen fand. Der Alte hätte sicherlich sein Jawort gegeben, verunglückte aber bei einer Wagenfahrt, wie die jungen Leute sich einig geworden waren. Nach angemessener Trauerzeit freite Hans Horsten, obgleich er nicht viel mehr war als ein Bauernknecht, da heiratete Hans Horsten die reiche Erbin. Was werden die von Grund aus umgewandelten Lebensbedingungen, was wird die Ehe aus ihm machen? Wie wird sich seine Ehe gestalten? Die letzte Frage schnitt schon das erste Jahr seines Lebens ab. Die Frau starb, als sie seinem Harro (den Namen erhielt der Junge nach seinem friesischen Großvater) das Leben geschenkt hatte. Ein harter Schlag. Vielleicht hätte Hans Horsten an der Seite seiner Frau doch noch für gewisse, wenn auch in Gottesfurcht gesammelte Lebensfreude gewonnen werden können, nun aber überwucherte sein Leben ein strenger Ernst, mehr noch als seine Naturanlage an sich gebot. Freilich nicht der Geist der Verbitterung. Dazu hatte er viel zu viel vom Hiob an sich; denn was auch kommen mochte, der Name des immerdar, auch dann, wenn er die Zuchtrute schwang, des immerdar liebenden Herrn war zu loben. Was ihn so ernst und sorgenvoll machte, war hauptsächlich eine Art Angst, den schmalen Weg durch die enge Pforte zu verfehlen. Er trug sie aber nicht nur für seine Person, sondern mehr noch für die, die ihm nahestanden, die er liebte. Er verheiratete sich nicht wieder. ›Heiraten ist gut‹, sagt der Apostel,›nicht heiraten ist besser.‹ Für die Zukunft wollte er das bessere Teil erwählen, glaubte es auch dem Andenken der Verblichenen schuldig zu sein. Es begann die Zeit der Haushaltung mit Mietlingen als Vorstand des weiblichen Teils, und der entbehrte bald mehr, bald weniger der Ordnung, der Fürsorge und fast immer der eigentlichen Behaglichkeit. Eine gewisse Änderung zum Guten trat indessen ein, als Henriette Dahm, eine Witwe aus der Verwandtschaft seiner verstorbenen Frau, die Leitung übernahm. Soweit die nach dem Rechten sehende Hausfrau zu ersetzen war, tat sie es, ihr Wirken färbte ab auf alles, worüber sich ihre Hand reckte. Es beschränkte sich aber auf die wirtschaftliche Seite der Kanzlei. Die den weichen, sorgenden Frauenhänden eigentümliche Gabe, den Dingen um sie her einen Abglanz gütiger Herzenswärme mitzuteilen, war ihr versagt. Daher lag nach wie vor auf der Kanzlei ein starrer Hauch der sich sogar dem Hause und den Ställen und Scheuern mitteilte. Firste und Kanten waren sorgsam mit Pappe bedeckt, was ihnen ein schroffes, akkurates, eben deshalb aber auch hartes Aussehen gab. Das trat sogar in mond- und sternenhellen Nächten hervor, und immer lag die Kanzlei wie ein den Spaß und Frohsinn bedräuender Koloß im weiten Blachfeld der Marsch. 3 Nach der mit Johann Hell gemachten Erfahrung ging der Herr der Kanzlei einige Tage nachdenklich einher – wunderlich, daß er den Gedanken nicht loswerden konnte: ›Was würdest du tun, was müßtest du tun, wenn dir das mit Harro passierte?‹ Eine ganz lächerliche Sorge, denn Harro, sein Sohn, wurde Priester des Herrn; aber sie wollte nicht schweigen. ›Es ist so gut wie ausgeschlossen, aber, wenn es doch geschähe, ich müßte mit ihm tun, wie mit dem Knecht.‹ Und dabei gedachte er seines Lebens und des Spruchs über der Tür der Kanzlei. Das Dach der Kanzlei kann sich nicht über Menschen breiten, die Gott vergessen. Steht doch im Buche Mosis geschrieben: ›Die verkehrte und böse Art fällt von ihm ab‹ – ›Und wer zu seinem Sohn sagt, ich weiß nichts von ihm, der hält meine Rede und bewahret meinen Bund.‹ So ungefähr wenigstens mußte es lauten. Er hatte es vor seiner Gymnasialzeit als Schüler der Halligen (die Schule war auf einer Nachbarinsel, auf schwankendem Boot fuhr er hinüber), als Volksschüler der Halligen hatte er den Spruch, oder richtiger die beiden Sprüche, gelernt. Glücklicherweise endigte all dies Denken und Grübeln, so oft es auch in ihm aufstieg, mit Spott und Lächeln über sich selbst. ›Wo denkst du hin?‹ rief er sich an. ›Lob und Dank dem Vater in der Höhe, das wird nicht geschehen! Harro ist ein Mann nach meinem Schlag, er wird ein Prediger des Herrn. Seine Studien sind zu Ende, und jeden Tag darf ich die Nachricht erwarten, daß er das Examen hinter sich hat.‹ Sein eigener Sohn ... Wie glücklich fühlte er sich, sich mit ihm eines Sinnes zu wissen. Er hatte ihn in der Furcht Gottes erzogen und wußte ihn auf dem schmalen Pfad. Er durfte hoffen, noch vom Himmel herab nach seinem Hingange den gottgefälligen Wandel seines Sohnes zu sehen und dabei die ewige Seligkeit zu empfinden, tiefer zu fühlen als andere, die mit ihm in Gottes Nähe weilten. Und wenn dann auch seines Sohnes Stunde schlage, wollte er der erste sein, der ihm die Hand entgegenstrecke, wollte sagen: »Das hast du gutgemacht, und deshalb hat dich der Herr gesegnet.« Was Harro anbetraf, da fühlte er sich sicher und stolz. Es war bei den reichen Bauern der Marsch Sitte, ihre Söhne eine Zeitlang zur Erlangung des Berechtigungsscheines die Gelehrtenschule des zunächst gelegenen Städtchens besuchen zu lassen. Hans Horsten aber, als die Zeit für Harro gekommen war, erinnerte sich der Anfechtungen, die ihm selbst erwachsen waren, und wählte eine Anstalt im Norden der Provinz, die auf streng christlicher Grundlage beruhte. Selbstverständlich war es sein Wunsch gewesen, seinen Einzigen als Besitznachfolger zu sehen, ihm das kostbare Stammgut der Mutter zu hinterlassen. Harro aber wünschte zu studieren. Erst wollte der Alte nicht, später aber war er es doch zufrieden. Die Kanzlei kam ja von der Familie seiner Frau, die Boie hieß, her, nun gedachte er einen Brudersohn der Verstorbenen zu sich zu nehmen. Der sollte der Erbe seines Hofes zur Bruder- und Schwestertaxe werden, sollte zu seinem eigenen Namen ein ›Horsten‹ hinzufügen, so daß das Gedächtnis beider Familien auf der Kanzlei fortlebe. Er war damit zufrieden, daß Harro studierte. Nach Meinung Außenstehender war eine Art Kampf vorhergegangen, in dem der Alte unterlegen, aber es handelte sich um eine freiwillige Unterwerfung. Hans Horsten hatte in den paar Jahren, wo Harro nach der Gymnasialzeit in der Landwirtschaft beschäftigt gewesen war, erkannt, daß sein Sohn zum Bauern nicht tauge, die Kanzlei, deren Bebauung er mit einer Art Andacht betrieb, daher bei dem Neffen besser aufgehoben sei, als bei ihm. Ein Bauer, der von den Büchern nicht wegfinden kann, der ist wie das Ansaugen des Mauerschwamms an den Grundpfeilern des Besitzes. Zugleich tauchte das Ideal seiner eigenen Jugend wieder vor ihm auf, Verkünder zu sein vom Worte Gottes. Denn ein rechter, ein lauterer Verkünder seines Wortes stand am Ende nicht viel niedriger als der Besitzer der Kanzlei. Und je mehr er sich mit der Möglichkeit befreunden mußte, seinen eigenen Sohn in anderer Lebensstellung zu sehen, um so erhabener und höher erschien ihm das Amt eines Geistlichen. Und endlich kam er sich unter den Seligen doppelt wichtig vor, wenn er im Himmel Arm in Arm mit den heiligsten Männern hinunterdeuten durfte auf den Kanzelmann im schwarzen Ornat, der gewaltig predigte und nicht wie die Schriftgelehrten, hinweisen auf den Redner, an dessen Mund alle Hörer hingen: das sei Harro Horsten sein einziger Sohn. Hans Horsten teilte also seinem Sohne mit, er wolle seinem Wunsche nicht länger widersprechen. »Natürlich ist die Bedingung«, setzte er hinzu »daß du Theologie studierst.« Das war für Harro Mehltau auf die junge Blüte. Er war zwar in einer Art Isolierraum aufgewachsen, aber es waren doch allerlei Sporen von Dingen hineingeweht, die die Welt kannte, Keime und Samenstäubchen waren ihm zugeflogen, die in dem Katechismus Lutheri nicht vermerkt waren. Harro hatte die Klänge einer hinter den Kulissen lärmenden Welt vernommen, das Rauschen eines an ihm vorüberbrausenden Stromes. Der liebe Gott war zwar für ihn noch immer Schöpfer und Erhalter der Welt; von den in der Natur waltenden Gesetzen war ihm aber so viel Kunde geworden, daß er sein Hauptinteresse der Art und Weise zuwendete, wie das Wunderwerk der Schöpfung in der frischen Herrlichkeit des ersten Tags erhalten und fortentwickelt werde. »Natürlich ist die Bedingung«, hatte der Alte gesagt, »daß du Theologie studierst.« Im Flug zog es durch Harros Gedanken: ›Darfst du, kannst du?‹ Und er kam zu dem Ergebnis: ›Ja, du darfst. Was du als Fach zu betreiben verhindert bist, darfst du als Liebhaberei immerhin tun. Wie viele Pfarrstellen gibt es nicht, die Zeit und Raum dafür bieten!‹ Den großen Gott der Kindheit trug er im Herzen, wenn auch nicht in der starren Fassung wie sein Vater. Dem Alten fiel das Zögern und Überlegen des Sohnes auf, er hätte gern erraten, was in dem jungen Kopf vorgehe. Er wurde beinahe ungeduldig »Willst du?« fragte er. Aber Harro antwortete nicht sofort. Er überlegte weiter. ›So‹, dachte er, ›siehst du die Sache jetzt an. Aber dein Sinn kann sich wandeln. Wer weiß, ob es in deiner Macht steht, ein glattes Versprechen zu halten?‹ Deshalb antwortete er schließlich: »Vater, ich will deinen Wunsch erfüllen, wenn es in meiner Macht steht.« Da nahm Hans Horsten für eine unbedingte Zusage allein mit dem Vorbehalt äußerer Hindernisse, wie sie ihm selbst entgegengetreten waren. Und er antwortete: »Wenn es dem Herrn gefällt, unsern Plan zu vereiteln, dann müssen wir uns beugen.« Das war eine Antwort, die dem Sohn wiederum nicht das sagte, was der Vater im Sinne hatte. Harro schwebte der Spruch vor, wonach der große Gott die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. Und halb dachte er dabei den Gedanken zu Ende, daß er durch des Vaters Wort gedeckt sei, falls der Herr ihm die Kraft zu dem von seinem Vater gewollten Lebensberuf versage. Mit Primareife war Harro von der Schule abgegangen, einer seiner früheren Lehrer unternahm es, ihn zum Reifezeugnis zu bringen; und es gelang in verhältnismäßig kurzer Zeit. Inzwischen war er mündig und selbständig geworden. Das reiche mütterliche Erbe stand ihm zur Verfügung, und bei der Auseinandersetzung mit dem Vater war diesem der Hof, ihm dagegen ein ansehnliches Kapital zugefallen, Harro war ein unabhängiger Mann. So verließ er Vaterhaus und Heimat, und das Gefühl der Freiheit gab den jungen Schwingen so viel Flugkraft, daß er beide für lange Zeit vergaß. Er besuchte eine berühmte, im Süden unseres deutschen Vaterlandes belegene Universität. »Für einige Jahre werdet Ihr mich wohl nicht sehen«, schrieb er seinem Vater, »und wenig von mir hören. Einen Teil meiner Ferien soll der Arbeit gewidmet sein, der andere kleinen Reisen und Ausflügen. Deutschland, wonach von Kindheit an mein Sehnen stand, seine Gaue will ich kennen lernen und diese Kenntnis auch auf ein paar benachbarte Länder ausdehnen.« Und so geschah es; die nach der Kanzlei und umgekehrt hinüber und herüber wechselnden spärlichen und knappen Mitteilungen und Erkundigungen beschränkten sich im wesentlichen auf die Feststellung beiderseitigen Wohlbefindens. Die heimatliche Seelsorge lag in den Händen eines alten, liebenswürdigen Herrn. Pastor Raus Beziehungen zur Kanzlei waren nicht intimer, aber doch freundlicher Art. Intim konnten sie nicht wohl sein, denn dazu war Hans Horsten viel zu sehr geistiger Einspänner, dazu berücksichtigte er religiöse Interessen in einer Weise, die selbst für Pastor Rau über das erträgliche Maß hinausging. Ab und zu erkundigte dieser sich nach dem werdenden Amtsbruder Harro. Ob er denn gar nicht die Landesuniversität Kiel besuchen wolle, was sich bei einer Anstellung im Dienste der Landeskirche empfehle? Hans Horsten wußte davon nichts, nahm sich aber vor, zu schreiben, und vergaß es wieder. Für die Formalien des Berufs hatte er kein Gedächtnis. Der Briefwechsel mit Harro war spärlich. Rein äußerlich betrachtet, konnte ihr Verhältnis zueinander kühl scheinen und ohne die rechte Liebe. Aber das war gefehlt. Was Kühle und Kälte schien, war Verschlossenheit und innere Selbständigkeit. Denn der junge Horsten fuhr in seiner Gedankenkarre auch gern allein. »Laß ihn!« dachte Hans Horsten. Und immer mehr verliebte er sich in seinen Zukunftstraum: Harro, der große, schöne, braungelockte Mann auf der Kanzel, in schwarzer Priestersoutane, die Ärmel weit und faltig, wie der Güte und Weisheit, aber auch der Allmacht Gottes voll – in Milde und Barmherzigkeit für die reuigen Sünder ausgebreitet, für die Bösen und Halsstarrigen aber zur Warnung dräuend erhoben, zum Schluß in schwingender Bewegung über die Gemeinde hingestreckt, das schöne, jugendliche Haupt auf rundem, weißem Priesterkragen wie auf einem Teller, mit machtvoller Rede in die Seelen der ihm überantworteten Menschenkinder greifend – er selbst aber, Hans Horsten von der Kanzlei, im reich geschnitzten Familiengestühl zu den Füßen des gottbegeisterten Redners, äußerlich demütig, innerlich stolz und gehoben, er, der Vater des Mannes, von dem das hallende Wort ausging, das die Hörer erschütterte, als sei es ein Widerhall von der Stimme des Ewigen, wenn er sich im Wetter offenbart. Und, wenn dann die Menge aus den Kirchentüren ins Freie quillt, er mit ihr in gebrochener Demut, in vereinsamter Achtung, unter dem Druck aller auf ihn gerichteten Augen, ein Druck, der nicht drückt, sondern hinaufhebt wie Flügelschlag: »Das ist sein Vater, der reiche Hans Horsten von der Kanzlei.« Noch immer sind die Herzen voll des Gehörten, nur hier und da setzt ein weltlich Gesinnter der allgemeinen Ehrfurcht die neidischen Worte hinzu: »Ja, wenn ich dem sein Geld hätte!« Der schöne, braungelockte Mann ... So stellte er seinen Harro auf die Kanzel. Wenn man dies und das auf Rechnung der Vaterliebe stellte, mochte es hingehen, denn Harro war auch äußerlich ein ansehnlicher junger Mann. Eigentlich war es aber das Abbild von Emil Rau, oder vielmehr: es war die Jünglingsgestalt des Geistlichen, der jetzt bald seine dreißig Jahre lang das Seelenhirtenamt versah. Auch mit Pastor Raus Predigt war Hans Horsten im allgemeinen zufrieden. Denn wenn Rau auch nicht grade darauf ausging, die Sätze des lutherischen Dogmas zu betonen, so unterschlug er doch auch, wo es not tat, davon nichts. Und nicht leicht löste man die Wurzelhäkchen seiner sittlichen Lehren aus dem Herzen. Denn sie gingen tief; mit entschiedenen, wenn es sein mußte, auch eckigen und schlagenden Gesten hämmerte er sie fest. ›Ein Diener des Herrn, wie Pastor Rau, Verkünder des ewigen Worts, wie der, das wird, das soll meines Sohnes Zukunft sein!‹ Und deshalb stellte er ihn jung und braungelockt (Harros Haar war wirklich leicht gewellt) auf die Kanzel. So flog an dem Wirt der Kanzlei in seinem Zimmer, angesichts seiner Zeichnung vom ewigen Gott, das Andenken an seinen Sohn vorüber ... Es war viel Träumerei dabei, denn eigentlich war die Seele seines Harro für ihn ein verschlossenes Buch. Erfahrungsgemäß will es grade den Leuten eigener Art am wenigsten einfallen, daß auch die, die nach ihnen kommen, etwas Eigenes zu vergeben haben. So konnte er denn glauben, in seines Sohnes Seele wie in einem Buche zu blättern, obgleich er nur die Seiten seiner eigenen Gedanken las. Der Alte konnte jeden Tag von seinem Sohn Mitteilung über den Abschluß des Studiums erwarten. Eines Tages humpelte denn wirklich der buckelige Schneider des Dorfes, der Depeschenbote der Post, über die Steinplatte, die vor der Haustür lag, in das Haus und in die Stube hinein, und legte dem Herrn der Kanzlei ein Telegramm auf den Tisch: »Habe gutes Examen gemacht, es ist ein kleines ›Aber‹ dabei, darüber mündlich. Harro.« Da war sie also, die Überraschung, die freudige Überraschung seines Sohnes. Schmunzelnd legte der Alte das denkwürdige Papier in seine Schatulle und entnahm daraus als Trinkgeld für den Glücksbringer einen Taler, dabei auf die lange, kostspielige Drahtnachricht scheltend. Das war aber nicht ernsthaft gemeint. ›Was dabei ist, was wirds sein? Hat wohl mehr Geld gebraucht, als ihm lieb ist. Nun, darüber kann man sich einigen.‹ So dachte Hans Horsten. Er war reich genug, seinen Traum zu bezahlen. Er erwartete die Ankunft seines Sohnes, aber zweimal lief die Nachricht eines Aufschubs ein. Harro wollte erst alles an der Universität in Ordnung machen und das Prüfungszeugnis mitbringen. Endlich kam die bestimmte Meldung seines Kommens. Wieder durch Draht, eine lange Depesche, worüber der Alte in guter Laune seine Glossen wiederholte. Und dann brach der große Morgen des frohen Tages an. 4 Bevor sich der Weg zu dem freien Platz vor dem Haupthause der Kanzlei weitet, führt er an einer Gartenhecke vorüber. An dem großen Tag war sie von wilden Rosen übersät, und die Luft des Blumenduftes voll. Vor dem Hause stattliche Bäume, eine alte Ulme, prächtige Buchen, eine sich breit und rund nach allen Seiten reckende Doppelbuche darunter, die für viel Vogelvolk und seine Liebesabenteuer Platz zu haben behauptete, am Kellerflügel junge, frech und froh über die Hausfirst lugende Linden, ihnen gegenüber eine alte, ausgehöhlte, die es heuer nur noch zu wenigen Trieben gebracht hatte: Abendleuchten, ergebenes Lächeln einer auf immer vom Licht Abschied nehmen Wollenden. Ein schöner Frühlingstag. Das Laub hatte noch den weichen, flaumigen Glanz, durch die weichen Poren stäubte die Sonne ihr Gold, daß es wie schimmernde Märchen bei flimmernden Schatten am Boden lag. Und die Vogelwelt noch weniger von Nahrungs- und Familiensorgen als von Liebesnot beschwert, richtiger: von Liebeslust gehoben, wie die Bäume und der durch ihr Gehäuse rauschende vielstimmige Gesang behaupteten. Aber wer achtete viel auf das, was in den Zweigen geschah, als er wirklich angebrochen war, der große Tag, der Tag der Ankunft des Sohnes vom Hause, des Kandidaten Harro Horsten? Er kam vom Bahnhof des Städtchens, von Bartel Boie-Horsten, dem angenommenen Erben der Kanzlei, im Staatswagen des Hofes empfangen. Die Buchen und Linden sahen ihn gleich, als das Gefährt aus dem Sandtal der hohen Lieth hervorgekrochen kam. Der Alte stand in seiner Stube am Fenster und sah zu dem Laubdach hinauf, er begriff und teilte den jubilierenden Mut. Und dankte dem Himmel, der, wie ihm deuchte, noch niemals so hoch und so blau gewesen war. Dem Himmel und dem Herrn des Himmels dankte er, daß er würdig befunden war, einen Tag zu erleben wie diesen. Nicht oft hatte er ungetrübte Stunden des Glücks, das konnte er auch nicht verlangen, die Erde war, nach Gottes Ratschluß, ein Jammertal. Um so freudiger durfte er die kargen Augenblicke der Wonne entgegennehmen. Als man ihm meldete, daß der Wagen herankomme, ging er, was er sonst nie tat, auch nicht bei Besuch hoher Regierungsbeamten, seinem Sohn bis vor die Tür entgegen. Denn es nahte jemand, der bald ein Gesalbter des Herrn sein wird. Es war nicht Hans Horstens Rasiertag, und doch hatte er sich so glatt gemacht wie möglich, er hatte Sonntagszeug angelegt und frische Wäsche. Und von allen seinen Pfeifen hatte er die von seinem Vater ererbte genommen, die mit dem langen Rohr und mit den auf dem Kopf abgebildeten Zeichen der Landwirtschaft: Pflug und Garbe und Sense. Gemächlich rauchend trat er vor die Tür, freilich nicht weiter als unter das Vordach des Hauses. Die Tür war nach innen gerückt und dadurch ein Raum unter der Balkenlage des Hauses entstanden, eine Art Laube, zu der ein großer, flacher Findling den Fußboden hergab. Auf dem Findling blieb Hans Horsten stehen, rauchend, Sonnenglanz im ernsten Gesicht, ein richtiger königlicher, ein unabhängiger Bauer der Marsch. Seine Stirn war hoch und breit, schien aber enger und faltiger als sie war, weil er öfters die Brauen über den Augen zusammenzog. Nun bog der Wagen in die Hofpforte, Bartel im ersten Jünglingsflaum auf dem Bock, die Zügel in der Hand. In dem aufgeschlagenen Gefährt saß aber nicht einer, da saßen zwei Männer. Der eine winkte lebhaft mit seinem grauen Hut, das war er, das war Harro, der andere tat es gesetzter mit dunkler Kopfbedeckung. Der andere? Wer war der andere? Und als der Wagen unter der Ulme hielt, sprang der junge, städtische Herr mit dem grauen Hut rasch heraus, er, der geprüfte Kandidat. Er sah gut aus, das Haar nicht mehr so gewellt wie vor Jahren, unter den Frisierkünsten der Großstädter ein wenig gelichtet und gebändigt, aber doch noch immer von bräunlichem Glanz. Sein Auge hell und strahlend und doch nicht ohne Ernst, ein buschiger, entschlossener, willig zwirbelnder Schnurrbart. So umarmte er seinen Vater. Des Vaters erster Gedanke war: grauer Hut? ›Ein dunkler hätte sich mehr geschickt.‹ Sein zweiter: Schnurrbart? ›Vor der Priesterweihe muß er fallen.‹ Der Alte fand nicht viel Worte; und wenn er schmunzelnd hervorstieß: »Junge, du mußt viel Geld haben, so lange Depeschen«, dann ergab schon der Ton, daß das Verlegenheitsware sei, dahergeredet, um etwas zu sagen. Auf der Kanzlei fand man überhaupt nicht viel Worte. Auch die kleine, runde Frau Dahm, die sich jetzt an den Sohn des Hauses herandrängte, fand sie nicht. Sie ergriff ihn an beiden Händen und erhielt einen Schmatz auf die Backe. Über diese gegen alle Ortssitte verstoßende Begrüßung war sie so erschrocken, daß sie rief: »Aber Harro!« und über und über rot wurde. Rasch setzte sie hinzu: »Siehst aber braun und gesund aus!« Der zweite Wagengast hatte sich beiseite gehalten, nun wurde er vorgestellt: »Herr Rank – ein Sohn von Doktor Rank. Den kennst du ja, Papa.« Hans Horsten überkam ein eigentümliches Gefühl. Ein Sohn des Gottesleugners? Und unwillkürlich dachte er an das, was über seinem Haupt am Türbogen der Kanzlei geschrieben stand: »O, möchte nie in diesen Wänden ein ruchlos Wort den Herrgott schänden!« Da setzte Harro, als wenn er seines Vaters Gedanken errate, hinzu: »Mein Freund ist ein geprüfter, auch schon ordinierter Theologe und wird in den nächsten Wochen ein Pfarramt in Thüringen übernehmen.« Das für einen Augenblick verdunkelt gewesene Angesicht des Wirts erhellte sich. ›Ein gutes Reis aus wilderndem Stamm‹, dachte er und hieß den jungen Theologen willkommen. Der sah ihn vertrauensvoll an, jeden nicht auf Friede und Freundschaft beruhenden Gedanken rückhaltlos ausschließend – ein prächtiges Jünglingsgesicht, mit einer von Gutmütigkeit strahlenden Stirn, treuherzige, stahlblaue Augen. Er bitte, ein paar Stunden verweilen zu dürfen, gegen Abend mache er den kurzen Weg zur Stadt nach seinem Alten. – »Zu Fuß?« Das wollte Hans Horsten nicht zugeben, wozu hielt er seine Wagen? Das lehnte wieder der junge Theologe ab, und es entstand ein einstweilen unentschieden bleibender Widerstreit der guten Absichten. Frau Dahm war nach der Küche gerufen worden, die Männer standen noch eine Zeitlang unter den Bäumen im Weg. Knechte waren gekommen, hatten sich des Gespannes angenommen, ein Mädchen den Koffer des Haussohnes weggetragen – nun gingen der Alte und der Junge und der Besuch und der Pflegesohn Bartel Boie-Horsten zusammen ins Haus. Ein schöner Tag. Die Überröcke, die man über dem Arm getragen hatte, wurden abgelegt und der Reisestaub abgeschüttelt. Der junge Rank erhielt eine Stube zu ebener Erde, Harro lief die Bodentreppe hinauf, er kannte seinen Unterschlupf. Dann machten alle mit dem so lange verlaufen gewesenen Jungen der Kanzlei einen Rundgang durch die Stuben. Die Wohnzimmer hatten immer mit Holz getäfelte Wände gehabt; das war geblieben. Als Harro weggegangen, waren sie lilafarben, jetzt aber dunkelrotbraun gestrichen. Das stimmte besser und weicher zu dem Baumschatten, der überall ins Fenster nickte. Die Holzdecke hatte einer feuersicheren Lehmdecke Platz gemacht. Die Räume waren dadurch zwar niedriger, aber gerade deshalb trauter und heimischer geworden. Aber jammerschade war es, daß der von dem alten Maler Gehlsen (er war zwar nur Anstreicher gewesen, hatte aber künstlerische Anwandlungen und Anlagen gehabt), schade, daß der von Gehlsen rund um Decken und Balken geführte Blätter- und Blumenfries überpinselt worden war. Was Gehlsen da geleistet hatte, war weit über das Handwerksmäßige hinausgegangen; die Finken, die Stieglitze und Bachstelzen, auf die Zweiglein gesetzt, hatten viel Leben gezeigt, das schlummerte nun alles unter dem rotbraunen Pinsel. Aber der Beilegeofen in der großen Wohnstube war noch da, er gab dem Heimatsgefühl den rechten Ton. Harro erinnerte sich der Zeit, wo er seine Größe an dem biederen Wärmespender gemessen und mit der Spitze seines Langfingers gut bis zur Platte hatte reichen können – der Ofen war beinahe vier Fuß hoch. Die blauen biblischen Fliesen waren auch noch die alten. Harro sprach eine kleine Abhandlung über die Vortrefflichkeit der Beilegeöfen. Kein Rauch, keine Kohle, kein Ofenstaub verunreinigt die Luft. Das heiligt den Raum und erzeugt die Stimmung, die wir die poetische nennen. Und, weil er einmal im Zuge war, redete er weiter über die betrübende Erscheinung, daß die Bauern sich mit dem Talmigold eines außer Kurs gekommenen städtischen Geschmacks behängen, während die Städter in der Wiedererweckung der alten, ländlichen Umgebung ihr Genüge zu finden hoffen. Und hier wie dort die letzte treibende Kraft Hunger nach Poesie, nach Erlösung aus der Tretmühle des Alltags, und sei es auch nur für ein paar Augenblicke der Sammlung. Und dann ging es zur ›Achterstub‹. Diese Hinterstube war für Harro je und je Schlupfwinkel und Zuflucht gewesen, wenn ihn der Lärm der Wirtschaft zu sehr bedrängt hatte. Er war auch wie kein anderer zur Ruhe, zum, wie der Bauer sich ausdrückt, zum ›Besehen des Inwendigen‹ geschaffen, verstärkt durch den Genuß einer Zigarre oder Pfeife. Hier hatte der Alte einen Fliesenofen gesetzt, hatte nicht Kosten und Mühe gescheut, einen besonderen Heizungsraum dem Flügel anzubauen, nur um den Beileger zu ermöglichen und die Stube selbst über den Unrat des Heizungsgeschäfts emporzuheben. Das machte dem Sohn die Heimat doppelt lieb und wert. »Wer die behalten könnte!« seufzte er. Nach diesem Ausruf warf der Alte lächelnd hin: »Ich glaube, lange dauerts nicht mehr, und Pastor Rau ist des Amtes müde. Und wenn doch ein Neuer kommen muß, sehe ich nicht ein, weshalb er nicht Harro Horsten heißen soll.« Harro antwortete nicht darauf, ein Schatten flog über sein Gesicht. Er ging nach der Vorderstube zurück und studierte die blauen Fliesen beim Ofen. »Sind ja lauter biblische Geschichten«, sagte er. »Was ich mir aber dabei gedacht hatte, bevor ich bibelkundig war, ist geradezu komisch. Hier die Himmelfahrt: da hielt ich die verklärte, die Erde unter den Füßen verlierende Erlösergestalt für den Knecht Ferdinand Bock, der im Hochspringen den Dorfpreis gewann. Und hier Lots Weib, das als Salzsäule erstarrt, auf dem Hintergrund der brennenden Städte: Frau Lot hielt ich für einen Wegweiserpfahl, dem die Arme fehlten; die Flammen waren nach meinem Dafürhalten wehende Weiden. Und hier Christus mit der Samariterin am Brunnen: das war der ›Stutenträger‹ Denker, von dem die Hausfrau Brot kauft; die Brunneneinfassung war Denkers Weidenkiepe.« Und dann ging es nach den sogenannten besten Stuben, und überall lächelten Erinnerungen und Heimweh den Wiedergekommenen an. Meistens waren die Räume unbenutzt und abgeschlossen, verschlafen verdämmerten sie mit ihren weißen Gardinen, mit den blanken Mahogonimöbeln Morgen und Abend und Tag und Nacht. Um so glänzender, im Gedächtnis sich tief eingrabend, waren, als Harro noch jung war, die Tage der Feste und Besuche, wo ein Lüften und Ausstäuben vorherging, daß die Bilder an den Wänden sich anschauten und zunickten und einander fragten, was nun wohl komme. Und jetzt sahen sie Harro dreist mit ihren Mienen an: ›Weißt du noch?‹ Und er wußte noch manches, aber so wie die Alltagsräume und die Alltagsbilder waren sie doch nicht mit ihm bekannt. Bis zum Essen war noch eine kleine Stunde, Zeit genug, auch die Wirtschaftsgebäude zu besuchen. Wie prächtig hatten ehemals die Strohdächer des alten Kuhhauses und der darangebaute Stallflügel zu der lang und wundervoll mitnehmend hingestreckten Reihe der Wohn- und Kellerräume gestimmt! Wie hatten ihre Giebel klug ins Weite geschaut, wie tief und breit die Dächer herabgesenkt ... alles beieinander, behaglich, gesammelt, hinter Bäumen gelagert. Und nun? Das alte Kuhhaus und der Stall waren verschwunden. Daß sie entfernt, war nicht zu verwundern, denn sie waren zu alt gewesen, ganz unzweckmäßig und bei Brandfällen hoffnungslos. Aber was stand an ihrer Stelle!? Kuhhaus und Heustall hatten weißgelbe Ziegelsteinwände gehabt, der Neubau war dagegen aus roten Steinen aufgeführt. Das wollte nicht zur Farbe der anderen Wände stimmen und trat anspruchsvoller auf. Praktisch freilich war das neue Haus, das war außer Frage. Es hatte hohe Mauern, feuerfeste Decken, war luftig, geräumig, breit, der Bodenraum nahm eine Menge Futterstoff auf. Und doch war es für Harro ein Schmerz, zu sehen, wie es sich breit und prosaisch mit Kniestock und Pappdach in den Zusammenklang der sonst so stimmungsvollen Gruppe der Dächer und Wände hineinschob. Es kostete viel Mühe, dem Alten dafür die Augen zu öffnen, zuletzt aber gelang es. »Die roten Wände müssen mit Efeu oder wildem Wein oder Jelängerjelieber umsponnen werden«, sagte Harro, »und das Pappdach muß, um den Schattenriß des Hofes aus der Weite gesehen gegen den Horizont edler zu gestalten, noch mehr durch Bäume verdeckt werden. In der Nahe wirkt es ja ohnehin nicht so empörend, weil man bei der Bauart nicht zu viel davon sieht; da ist die Bekleidung der Wände mit Grün die Hauptsache. Glücklicherweise verdeckt die hohe, zwischen den Wohnflügeln und Stall aufgeführte Mauer das ärgste Unglück.« Das alles paßte dem Alten nicht recht, er ließ aber den Standpunkt des Sohnes gelten. Um so mehr wollte er die Vortrefflichkeit der inneren Einrichtung seines Neubaus anerkannt wissen. Man kehrte noch einmal dahin zurück. Was man sah, war wirklich zu loben. Die Futtereinrichtungen, die automatisch wirkenden Selbsttränker, die weiten Abteile für die Kühe, bei denen freie Bewegung angebracht war, die Bullenverschläge, ebenfalls mit Höfen verbunden, worin die Tiere sich frei bewegen konnten, die Einrichtungen zum Melken – und so weiter. Der Stall war leer, die Kühe blieben, der Landeskultur gemäß, im Sommer Tag und Nacht auf der Weide, nur ein junges Kälbchen (nicht über zwei Monate alt) blökte kläglich in einem Verschlag. »Es ist hungrig«, erläuterte Bartel, »soll noch heute geschlachtet werden. Da bekommen die Tiere kein Futter.« Der Alte wurde verdrießlich. »Ist es noch nicht geschehen? Hab doch Andrees« (Andrees hieß der Kuhknecht), »schon heute früh gesagt, er sollte es tun.« Harro fühlte sich unangenehm berührt. Alles Gewaltsame, Töten, Morden, Vernichten zumal, ging ihm wider die Natur. Und war es auch nur ein Kalb, nicht das höchste Gebilde der Natur, es war doch ein lebendiger Organismus. Und nun gar dies hübsche Ding – in seinem rotbraunen Pelz, in seiner Art ein schönes Geschöpf, eines, bei dem der Natur nichts fehlgegangen war, als sie es schuf. Was sie hatte darstellen wollen, war Erscheinung geworden: ein Meisterwerk, wie es die Meisterin mühelos Tag für Tag aus den Händen gibt. »Kann das Tierchen nicht leben, Vater?« Der Alte lächelte. Es war kindisch, aber es gefiel ihm. »Recht von dir, Milde und Mitgefühl, auch für Tiere, gehört zu deinem Amt. Aber es geht doch wohl nicht. Ob wir das Kalb schlachten oder der Fleischer, das kommt auf dasselbe hinaus. Es ist nun mal dazu da, geschlachtet zu werden. Ohne Fleisch gehts nicht, das ist nun mal so, und dazu hat Gott die Tiere gemacht.« Dazu hat Gott die Tiere gemacht ... ›Wir Egoisten‹, dachte Harro. ›Als wenn nicht jedes Geschöpf Selbstzweck wäre, als ob die Natur ...‹ Er dachte den Satz nicht zu Ende, ihm fiel das Goethesche Wort ein von den Leuten, nach deren Meinung der Korkenbaum wächst, damit wir unsere Flaschen pfropfen können. »Und das Fleisch kommt billiger«, setzte der Alte hinzu, »wenn wir die Kälber selbst fett machen und schlachten. Es muß doch wohl sein, mein Junge.« »Aber Vater, am Tag meiner Ankunft? Das ist ja wie beim verlorenen Sohn!« »Das hat was für sich«, entgegnete der Alte. Er lachte sein gütigstes Lachen. »Also mag sein. Auf deine Fürsprache wollen wir dem Kerlchen noch ein paar Tage schenken. Bartel, nicht wahr, du sorgst, daß Andrees Bescheid kriegt. Und daß das Ding Futter bekommt.« Und war es auch nur für ein paar Tage, Harro trug aus dem Kuhstall das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben hinaus. Es ging nach der großen und nach der daran als Nebenflügel gebauten kleinen Scheune. Der Freund war kein ganz stummer, aber doch ein schweigsamer Begleiter gewesen. »Das hast du gut gemacht«, sagte er zu Harro, als man wieder ins Freie trat. Von der Scheune ein Gang nach dem Garten und nach dem dahinter belegenen Teich. Man stieß auf Arbeiter und Gesinde, die meisten von ihnen mit dem jungen Harro noch persönlich bekannt, alle von ihm mit Wort und Handschlag begrüßt. Mit einigen hatte er noch zusammen gearbeitet, des Tages Last und Hitze mit ihnen getragen. Auf dem Hofplatz rollte man große Leinenlaken auseinander. Der junge Rank erkundigte sich, was das sei, und erfuhr, das seien Rapsaatlaken. Sie würden beim Dreschen oder vielmehr beim Ausreiten der Rapsaat als Unterlage verwendet. Nun würden sie an die Sonne gebracht und dann geklopft. Bei dem Rundgang war in der Hauptsache Harro der Fragende, der Alte und Bartel die Auskunfterteilenden gewesen, bei Tisch wechselten die Rollen, da mußten die Studenten von der Universität und dem Universitätsleben erzählen. Und sie gaben ohne ängstliche Auswahl zum besten, was sie wußten, hauptsächlich sogenannte Studentenstreiche. Von Harros Studien war, wie auf Verabredung, nicht mehr die Rede, nachdem er einer andeutenden Frage seines Vaters aus dem Wege gegangen war. Der Alte dachte: ›Das kommt nachher, wenn wir allein sind. Wir gehen nach der Hinterstube, Harro telegraphierte von einem Aber, damit muß er nun heraus. Harro hat sein eigenes Geld, sollte er aber in augenblicklicher Verlegenheit sein, das soll nichts zu sagen haben, muß freilich besprochen werden. Ja, ja, Herr Kandidat!‹ So drückte Hans Horsten sich wörtlich in seinen Gedanken aus. Der Titel ›Kandidat der Theologie‹ klang seinem Ohr wie Musik. Der konnte und sollte manches, was es auch sein mochte, wettmachen. Nach dem Essen nahm Bartel den Gast in Beschlag. Sie hatten sich als Geistesverwandte bei allerlei Liebhabereien erkannt. Bartel hatte Vogelhecken, die waren bereits flüchtig besucht worden, Rank hatte Äußerungen getan, die verrieten, daß er Kenner sei. Bartel lud ihn zur eingehenderen Besichtigung ein, und Rank gab dem um so lieber Folge, als er ohnehin die Notwendigkeit empfand, Vater und Sohn auf ein paar Stunden allein zu lassen. 5 So betrat Hans Horsten mit dem ›Kandidaten‹ allein die Hinterstube. Sie lag still und ruhig. Zwei Fenster nach der Straße hin, vom grüngoldenen Schatten des Frühlings überwölbt, ein kleines Fensterchen westwärts nach dem Hühnerhof. ›Es ist ein kleines Aber dabei.‹ Dies kleine Aber lag Harro schwer auf der Seele, mußte er sich doch durch die Miene seines Vaters überzeugen, wie fest seine Laune, sein Stolz, ja sein Wesen und sein Glück darin wurzelten, daß Harro geprüfter Kandidat der Gottesgelahrtheit sei. Und das kleine Aber wuchs für ihn zu einem großen Aber aus und stand mit Flammenschrift an den Wänden des kleinen Gemachs. Die Schatten der Laubwolken der Buchen fielen durch die Fenster auf den weiß gescheuerten Fußboden. Von den Höfen her klang einförmiges Geräusch – weiche, sanfte Schläge: die Rapsaatleinen wurden geklopft. Zwei Hühner, eine grobe, eine feine Stimme, kakelten auf dem Hühnerhof unter dem Fenster. Und es klang müde und schläfrig, wie im Verdauungsfieber nach gutem Essen, nach Pudding und Käse und Brot und Früchten und Kaffee. »Gott, o Gott«, kakelte eine feine ergebene Hennenstimme, »wat is dat warm!« Einmal unterbrach sie der Hahn laut und sicher: »Ward ok weller kold.« An den Wänden stand das Aber, Natur und All waren still, sie hätten gerne gewußt, was es mit dem Aber auf sich habe. Beide, Vater und Sohn, rauchten, der Alte aus seiner langen Staats- und Prachtpfeife, der Junge Zigarren. Beide saßen in Lehnstühlen an den Schmalseiten eines Tisches. Hinter dem Tisch reckte sich ein breites Sofa. Die Schatulle an der Westwand nach dem Hühnerhof zu, die Federzeichnung vom lieben Gott hing darüber, und in dem Rahmen der Zeichnung steckte Harros Depesche: ›Es ist ein kleines Aber dabei.‹ Ja, das Aber! »So, mein Junge«, fing Hans Horsten an, »nun komm mal mit deinen Examenspapieren heraus!« »Jawohl, Vater!« Es lag eine ziemliche Festigkeit in diesem Jawohl. Harro hatte eine kleine Handtasche mit ins Zimmer gebracht, darin kramte er. Nun mußte es kommen, nun mußte der Alte sehen ... Er hatte ein anderes Fach studiert als Theologie. Als er zur Universität gegangen, hatte er die Absicht gehabt, zu tun, wie sein Vater gebeten, hätte es damals auch wohl gekonnt, ohne gegen sich selbst unwahr zu werden. Denn die Hauptteile seines kindlichen Schulglaubens hatte er in das Jünglingsalter hinübergerettet. Das Herz hatte er freilich der Natur und ihren fromm geahnten Geheimnissen geschenkt. Und an die Wissenschaft zur Erforschung der Natur hatte er sich gehalten, als er die Hörsäle betrat. Ein Semester, zwei Semester hatte er sich eingeredet: ›Was kann es schaden? Es wird ein Schatz fürs Leben sein, für die Gottesgelahrtheit bleibt Zeit genug.‹ So verging ein Halbjahr, ein zweites, ja ein drittes, und noch immer war der Anfang nicht gemacht worden mit dem, was zu wollen er sich immer noch einredete. Und als er schließlich den Versuch machte, da mußte er einsehen, daß es ihm nicht mehr möglich sei, Theologie zu studieren. Wie hoch stellte er sich jetzt über das, was er einst als göttliche Offenbarung verehrt hatte, woran die offizielle Kirche aber noch immer festhielt, so weit und weitherzig man auch neuerdings in den Auslegungen war. Er war ein Mann geworden, redete er mit dem Apostel, obgleich er gerade diesen seiner Würde entsetzte, und glaubte abgelegt zu haben, was kindisch war. Es war mithin eines jener Hindernisse eingetreten, wovon zwischen ihm und dem Vater die Rede gewesen war. So sah er es an. Er fühlte sich von der seinem Vater gegebenen bedingten Zusage entbunden. Das war auch jetzt wohl der Grund seines Mutes, als er in seiner Handtasche kramte. Ganz hatte er ihn aber doch nicht beisammen. Denn belastet und ungerechtfertigt fühlte er sich bei der Frage, weshalb er den Vater nicht von seiner Sinnesänderung unterrichtet habe. Getan hatte er es nicht, weil es ihm peinlich gewesen war, weil er die rechten Worte und Wendungen dazu nicht hatte finden können. So war es unterblieben und aufgeschoben worden, bis es zu spät gewesen war. Er hatte vor sich selbst auch jetzt noch keine rechte Antwort auf die Frage. So reichte er dem Alten das Prüfungszeugnis mit dem Gefühl von einer Art Schuld. Hans Horsten entfaltete ein umfangreiches Papier. Man sah prächtige Arabesken und ein wundervolles Siegel. Der alte Horsten war ein kräftiger Mann, im Anfang der Fünfziger, mehr breit als groß und hoch. In seiner Haltung ländliche Vornehmheit, womit er selbst dann Eindruck machte, wenn er es nicht darauf angelegt hatte. Volles, silbergraues Haar, ein breites, von ernstem Denken gefurchtes Gesicht, trotzige, immer ein wenig verwunderte, zuweilen auch von Zorn erfüllte Augen, mitunter sogar dann, wenn sein Herz von Erregung und Zorn und Trotz und Verwunderung nichts wußte. Und buschige, kühn gewölbte Brauen. Wie er nun da saß und das Kinn verschob, dabei rauchte, stark rauchte, da merkte man wohl, daß es Dinge gebe, bei denen er keinen Spaß verstehe. Das Papier hatte er genommen und auf den Tisch gelegt, nun nestelte er die Brille aus der Seitentasche seines Rockes, setzte sie auf und – las. Er las. Und was seine Augen und Brauen in gleichmütigen Stunden nur angedeutet hatten, blähte auf, und die Gesichtsadern schwollen. Was wird der Alte sagen? Es war, als wenn der rings um die Kanzlei lagernde große Pan lausche und genau horche, was kommen werde. Die Klopflaute hörte man nicht mehr, im Hühnerhof aber noch leises Gekakel. Und Hans Horsten sprach. Ein leises Beben in der Stimme, sonst ruhig. »Mit meiner Brille«, sagte er, »oder mit meinen Augen muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich lese da was von Sachen, worin du geprüft bist, die ich nur halb oder gar nicht kenne und verstehe, und die, wo ich sie verstehe, mit deinem Studium, wie mir scheint, nichts zu tun haben. Nennt man so die Theologie, die Lehre von Gottes Wort? Von Theologie und Gottes Wort lese ich nichts.« »Da hast du ganz recht, Vater.« Der Sohn nahm seinen Mut zusammen. Nun kam es. Die Stunde war doch schwerer, als er gedacht hatte. Die Stimme war nicht frei, er mußte ein paar mal niederschlucken. Aber seine Seele rief den Hochmut des Gelehrtendünkels an. Das machte ihn fester. Es wird ein Wetter kommen, das muß ausgehalten werden. Und er vermochte es, seinem Vater ruhiger in die Augen zu sehen. »Das ist das, Vater, worüber ich mit dir reden wollte. Ich konnte deinen Wunsch nicht erfüllen; glaub mir, es tut mir sehr leid, hat wir unendlich leid getan. Aber ich ... ich ...« Der Alte sah ihn drohend an, das hemmte den freien Fluß der Rede, Harro fing an zu stottern. »Ich konnte nicht ... es ging nicht ... ich wäre unwahr gegen mich geworden«, setzte er etwas fließender hinzu. Harro wartete auf Worte, die kamen nicht. Der Alte schleuderte dafür Blitze aus seinen Augen. Das Schweigen traf mehr, als Poltern und Drohen getroffen hatten – Harro wartete auf Worte. Hans Horsten aber schwieg. Es half nicht, Harro mußte weitersprechen. »Glaub mir, lieber Vater, es ist das Leid meines Lebens in all den Jahren gewesen. Wenn man in die Welt kommt und den Faden der Natur nachgeht, dann fällt ...« Er vollendete den Satz nicht. »Deshalb«, fuhr er fort, »habe ich es mit der Theologie gut sein lassen, habe die Wissenschaften studiert, die da stehen. Es ist die Lehre von der Natur.« Der Alte stand auf und setzte die Pfeife in die Stubenecke. Es war der alte, berühmte Pfeifenkopf mit dem Zeichen der Landwirtschaft. Als sie hingefallen war, wollte Harro sie aufheben, aber der Alte stieß mit dem Fuß danach. Die bäurischen Instinkte erwachten, die innere Bewegung mußte eine äußere werden – er zerstampfte das Erbstück in viele Stücke. Er wäre sonst in purpurnem Zorn erstickt. Und dann sprach er, gepreßt, röchelnd, pfeifend, die Stimme bahnte den Weg mit Mühe. »Du hast mein Gebot mißachtet!« Und nach einer Weile: »Du hast es mit Füßen getreten.« Dabei stampfte er selbst mit den Füßen auf die Dielen. Harro stand bleich am Tisch. Was auch komme, er wollte es über sich ergehen lassen. Der Alte ging keuchend im Zimmer auf und ab. »Du hast mir versprochen, Priester zu werden!« rief er. »Vater, ein Wort! Du irrst, wenn du glaubst, ich hätte es dir versprochen. Ich habe gesagt, wenn ich könnte, dann wollte ich deinen Willen tun. Und du hast geantwortet, wenn Gott uns Hindernisse in den Weg lege, dann müßten wir uns beugen. So ungefähr. Und so ist es gekommen.« Der Alte hatte zugehört, jede Faser seines Antlitzes gespannt. »So, so.« Ein bitteres Lächeln um die Lippen. »Ich lüge also, oder ich fasele.« »Das hast du gesagt, Vater, nicht ich«, entgegnete Harro. »Und was ist dazwischen gekommen?« Des Alten Stimme wurde ruhiger. Nun mußte alles an den Tag kommen. Harro würgte an seinen Worten. Er mußte es sagen. Er stand unter einer Nötigung, seine Worte konnten nur im Gehege seiner Gedanken und seiner Weltanschauung laufen. »Vater, ich habe erfahren müssen, was so mancher an sich erfahren hat. Meine Ansichten entwickelten, veränderten sich. Ich mußte doch wahr und ehrlich gegen die Welt, vor allen Dingen auch gegen mich bleiben. Und ich wäre ein Unwahrer und Lügner geworden, wenn ich Jahre hindurch mich mit dem beschäftigt hätte, was ich doch nicht hätte predigen und verkündigen können.« Das Gesicht seines Vaters hatte Blitz und Donner getragen, nun legte sich eisige Ruhe darauf, wurde ein heller, frostiger Wintertag, dem Sohn unheimlicher noch als jenes. Einen Augenblick kämpfte Harro um Atem, dann fuhr er gelassener fort; er sah, was kommen werde, er wollte es auf sich nehmen. »Vater«, sagte er, »ich glaube, es ist etwas Fürchterliches, sein Leben lang die Sielen eines verfehlten Berufs zu fühlen und sich dabei sagen zu müssen: du bist ein Unwahrer. Darum bin ich dem Drange meines Herzens, meiner Neigungen, bin meinem Talent gefolgt, bin das geworden, wozu ich geschickt, daher auch wohl bestimmt bin.« Der Alte stand wie ein strafender Gott vor seinem Sohn und sah ihm in die Augen, die Mienen wie von Erz und Stein. »So einer bist du also!« Und nach einem Gang durch das Zimmer: »Willst ein berühmter Mann werden, von dem in Büchern der Welt die Rede ist, dessen Bild an Stubenwänden hängt, wo man den Herrgott nicht kennt. Und da muß dann der liebe Gott selbst herhalten, der es sich nun mal vorgesetzt hat, dich zu einem großen Mann zu machen.« Und wie er das sagte, ging das alte Traumbild mit dem eigenen kleinen Größenwahn, den er nur nicht als solchen erkannte, an seinen Augen vorüber. Erst das von ihm gezeichnete Bild, wie es an der Wand hing, das er dabei flüchtig mit dem Auge streifte. Und dann das andere: sein Sohn im geistlichen Gewand auf der Kanzel, mit hallendem, von Gott selbst eingegebenem Wort in die Herzen der Hörer greifend. Und für einen Augenblick erschütterte ein verhaltenes Schluchzen die breite Gestalt des Bauern; sein Atem ging in schweren Zügen. »Da ist wohl Gott selbst der Schuldige«, wiederholte er. »Ich schiebe nichts auf Gott ab«, murmelte der Sohn, aber der Alte hörte nicht darauf. Er ging in der Stube auf und ab. Harro stand noch immer am Tisch. ›Wie wird es werden?‹ dachte er; da sah er den Vater dicht vor seinem Angesicht. »Harro«, sagte der, und zum ersten mal nannte er ihn in dieser Stunde bei Namen. »Harro, du bringst mir schwere Post ins Haus. Noch sehe ich nicht, wie es zwischen uns wieder gut werden soll und kann. Aber eine Bitte. Gib mir wenigstens den Trost, daß du an den glaubst, der die Haare auf unserem Haupt gezählt hat, an Gott, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge, der uns, der dich, der mich, der uns alle in Liebe trägt, daß du an den glaubst. So frage ich dich: Glaubst du an Gott?« Dem Kandidaten wurde nichts erspart. Das war das, was sie scheiden mußte. Er zögerte mit der Antwort. Der Alte stand vor ihm. »Einen Augenblick, Vater, ich möchte nicht gerne mißverstanden werden.« »Ja, wenn du dich darauf erst besinnen mußt ...« Harro wiederholte: »Nur zwei Minuten, lieber Vater.« Zwei Minuten. Was werden sie bringen? Die Sonne stand hinter dem am Westende des Geweses belegenen Stall, schickte von dort die Strahlen nicht mehr in die Stube, lag aber noch vor den Fenstern im Weg auf der vom Baumschatten getigerten Erde. Das Klopfen hatte wieder eingesetzt. Was wird werden? Wird der Kandidat sich zu ihm, dem Einen, den man eigentlich gar nicht nennen, nicht in die armselige Menschensprache herabziehen sollte, wird er sich zu ihm bekennen? Harro wollte wahr bleiben. Und in den armseligen paar Minuten durchlief er, was er über Gott und Welt gedacht hatte. In Melodien, Sprüchen und Versen stieg es vor ihm auf: »Ich bin klein, mein Herz ist rein, in meinem Herzen wohnst du, o Gott, allein!« Das gläubige: »Befiehl du deine Wege und alles, was dich kränkt, der treuen Vaterpflege des, der die Himmel lenkt.« Und dann das Erwachen der Kritik, das gehobene Schreiten durch die Weltanschauung der Großen: »Wer kann sich unterwinden, zu sagen: ich glaub ihn – und wer, zu sagen: ich glaub ihn nicht?« – »Was wär ein Gott, der nur von außen stieße, im Kreis das All am Finger laufen ließe?« Anfangs der Gott des Katechismus, des Apostolikums. Dann Gott gleich Welt plus eins, »Natur in sich, sich in Natur zu hegen«. Und dann die einfache Gleichung: »Gott ist die Welt«. Und selbst diese Anschauung vor einem Erkennen versinkend, das er für die letzte Läuterungsstufe seiner Einsicht hielt. Die Welt ist Stoff und nichts als Stoff – entstanden und weiter entwickelt nach Gesetzen, die keines Gesetzgebers benötigen. Da war er an der Stelle angelangt, wo er den Propheten (waren es falsche, waren es wahre?), wo er den Propheten zujubelte, die von der Wohnungsnot Gottes redeten und über das gasförmige Wirbeltier spotteten. Er hatte sich in dem, was man die mechanistische Weltanschauung genannt hat, vernestelt. Eigentlich war er der Ansicht, zur Erklärung der Welt bedürfe es nicht der Annahme eines Gottes, schließe sie eigentlich aus, war er doch geneigt, alles jenseits der physischen Welt liegende Sein zu leugnen. Aber bevor er seinem Vater Antwort gab, hätte er gern geprüft, ob seine Weltanschauung die Annahme des Gottesglaubens unter allen Umständen verbiete. »Vater«, erwiderte er, »unsere Wissenschaft führt eigentlich – so ist meine Ansicht – nicht auf die Annahme eines Weltenschöpfers. Aber es ist zuzugeben, daß nicht alles erforscht ist und daß Gott, das heißt eine Intelligenz, die nach vorgefaßtem Plan die Welt erschaffen hat, nicht ausgeschlossen ist. Das gehört zu dem Unerforschten, vielleicht Unerforschlichen. Bis dahin mag es jeder mit seinem Gefühl abmachen, wie er sich dazu stellen will.« »Ich höre Worte und Ausflüchte«, entgegnete der Alte. »Wie stellst du dich zu meiner Frage?« Harro war mit sich im reinen. »Ich meine, Vater, ich sagte schon, daß ich keinen Grund habe, einen Weltenschöpfer anzunehmen.« Er hätte viel für ein paar versöhnliche Worte gegeben, er fand sie nicht. Der Vater schaute frostig drein. »Jawohl, mein Sohn«, sagte er, »es ist genug. Dank für die Offenheit, da sehe ich doch, daß ich es mit einem richtigen Gottesleugner zu tun habe, mit einem, der in Zeit und Ewigkeit verloren ist, wenn sich unseres Herrgotts unverdiente Gnade nicht doch noch seiner erbarmt.« »Vater!« Hans Horsten hörte nicht auf diesen Ruf, dem Knecht hatte er das Haus gekündigt, der aber hatte ihn nicht um ein Tausendstel betrübt wie dieser. Johann Hell hatte ihm kein Versprechen abgelockt, hatte auch kaum Gott abgeleugnet, wie der da in seinem Dünkel und weltlichen Hochmut. Hans Horstens Blick fiel auf die Zeichnung. Sie war stockig und fleckig geworden, der Rahmen alt, aber noch immer sah er darin die Aufforderung, Achtung zu haben vor den Träumen seiner Jugend und vor allem, was Eltern und Kirche gelehrt. Und dieser junge Mann ...! »Vater!« wiederholte Harro. Aber Hans Horsten wußte, was er wollte. »Hat sich was zum Vatern! Eines Gottesleugners Vater kann ich nicht sein.« »Vater!« »Es hilft nicht. Du willst wahr sein, ich will es auch, vor allen Dingen Ihm gegenüber, der uns beide trägt und diese Stunde in unsere Schuldbücher einträgt. So lange du nicht zu Gott zurückkehrst, habe ich keine Ohren für den Ruf.« Einen Augenblick besann er sich. Dann fuhr er fort: »So lange kann ich auch Haus und Dach nicht mit dir teilen.« Bisher hatte Harro die Stellung eines Bittenden bewahrt. Nun richtete er sich auf, nun lag Festigkeit in seinen Zügen, nun war er der trotzige Sohn des trotzigen Vaters. »Es ist genug!« Er sprach fest, wie der Alte. »Ich verlasse dein Haus. Es tut mir leid, daß es so kommen mußte. Ich bin dabei nicht ohne Schuld, und meinen Teil will ich tragen. Aber allein lasse ich sie mir nicht aufbürden.« Für einen Augenblick stockte er vor dem Auge seines Vaters. Das quoll vor Verwunderung schier aus den Höhlen. »Ja, ich gehe«, fuhr er fort. »Aber das laß mich noch sagen. Ich bin der Davongejagte; ein Davongejagter kann nur zurückkehren, wenn der ruft, der ihn aus dem Hause vertrieben hat.« Der Vater sah ihn an, in seinen Augen wuchs die Verwunderung. »Ich gehe. Aber an meinem Teil will ich den Spalt nicht ärger machen. Hier meine Hand.« Er reckte sie aus. »Nur zum Abschied, Vater! Nimmst du sie, es soll zu nichts verpflichten, gehen tu ich doch.« Hans Horsten sah und hörte es; es kam ihm aber nicht klar zum Bewußtsein, daß er es sah und hörte. Eigentlich war es auch seine Absicht, die Hand zu nehmen, er nahm sich aber nicht die Zeit, darüber klar zu werden. Und halb in Unsicherheit, halb in Trotz tat er, als ob er nicht gehört und gesehen habe, ging schweigend hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Er tat etwas, was er eigentlich nicht wollte. Seine Schritte durchmaßen die Vorderstube und verhallten, nach der Vordiele. »Andrees, hast du das Kalb geschlachtet?« hörte Harro ihn dort fragen. »Nein, uns Wirt«, lautete die Antwort, »Bartel sagte mir, es solle noch bleiben.« Und darauf die Stimme des Alten: »Das schon, aber ich habe mich bedacht. Nun tu es gleich!« »Jawohl!« Und des Knechtes schwere Stiefel gingen über die große Diele nach dem Kuhhaus. Harro war noch immer in der Stube, wo die Schatulle stand und sein Vater ihm das Hausrecht aufgekündigt hatte. Nun kam die Stimme des Alten aus der Gegend der Kellerstube, wo Karl Rank wohnte. Ein Gespräch. Er unterschied neben des Alten Stimme die seines Freundes. Es deuchte ihm, als ob beide sich in ein Zimmer entfernten. Und dann hörte er, wie man die Tür zuzog. Harro Horsten stand – es bedurfte eines Augenblicks, sich darüber klar zu werden, daß seines Bleibens an der Stätte wo er geboren war, nicht mehr sei. Dann ging er hinauf in seine Kammer. 7 Er packte. – Und als er gepackt hatte, gab er dem Mädchen Anweisung, was mit seinen Sachen geschehen solle. An den Alten schickte er einen versiegelten Zettel: »Vater, ich gehe ... davongejagt. Ein Davongejagter kann nur wiederkommen, wenn er gerufen wird. Vater ... zehn Minuten noch, und ich bin nicht mehr in der Kanzlei ... Herzlichst Dein Harro.« Nach fünf Minuten brachte das Dienstmädchen die Antwort: »Mein lieber Sohn! Die Arme und das Haus Deines Vaters stehen immerdar dem Sohne offen, der Gott bekennt. Dein Vater.« Das war kein Friedensschluß, der ihm das Bleiben erlaubte. Er ging – wollte aber nicht an dem Stubenfenster vorüber, schritt daher nach hinten hinaus über den breiten Hofplatz dem Garten zu. Ein Eckchen war durch einen Bretterzaun verkleidet, Harro wußte, wozu, und von dort kam Klagen und Blöken eines gequälten Tiers; im Rinnstein sickerte ein Strom frisch vergossenen Bluts: Andrees waltete seines Amts. Harro ging durch den Garten nach der Hinterpforte, fand sie aber verschlossen. Aber das machte nichts, er kletterte hinüber, er war ein guter Turner. Auf der Wegseite wartete der junge Pastor reisefertig mit Stock und Handtasche. »Du gehst nach der Stadt«, sagte er, »wenn es dir recht ist, tun wirs zusammen. Und einstweilen ist meines Vaters Haus dein Heim.« »Ich sage zu, wenn ich nicht unbequem komme.« »Vater und Mutter werden sich freuen.« »Weißt du, was geschehen ist?« »Nicht alles, das Fehlende kannst du mir, wenn du willst, erzählen.« »Es ging wohl laut her im Hinterstübchen – was?« »Nein, das gerade nicht, aber viel hat mir die Miene deines Vaters verraten, als ich ihn im Hausflur traf. Und das andere hat er mir selbst gesagt, als er mich stellte und mich ein bißchen examinierte.« »Nicht wahr, das war im Gang?« »Ja, aber nach der ersten Hin- und Widerrede gingen wir in mein Zimmer.« »Und da fragte er dich nach Gott und Glauben?« »Ja, er sagte: ›Mein Sohn ist der Meinung, es gibt keinen Gott. Was sagen Sie dazu, junger Priester?‹ – ›Herr Horsten‹, erwiderte ich, ›es mag ungewöhnlich sein, daß ich Ihnen auf solche Frage Rede stehe, aber die Umstände ... sei es drum. Sie fragen mich nach meinem Glauben an Gott und nennen mich zugleich Priester. Wie könnte ich ein Priester des Herrn sein, wenn ich ihn nicht glaubte?‹ Darauf er: ›Sie glauben also an Gott, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde?‹ – ›Ja.‹ – ›Harro aber glaubt ihn nicht.‹ – ›Ich weiß‹, erwiderte ich. ›Es ist die Kinderkrankheit der Naturforscher und nicht so schlimm zu nehmen.‹« »Danke für das Kompliment!« warf Harro in die Erzählung hinein. Pastor Rank ließ sich aber nicht beirren und fuhr fort: »›Sie hoffen also‹, fing dein Alter wieder an, ›er wird es überwinden?‹ – ›Das ist meine Ansicht‹ – ›Sie meinen, er wird zum rechten Glauben an den dreieinigen Gott kommen?‹ Darauf antwortete ich nicht, und dein Alter deutete mein Schweigen richtig. Er sah mich mit seinen großen Augen an. ›Zum rechten Glauben, darunter verstehe ich‹, betonte er, ›natürlich auch den Glauben an den Erlöser, unsern Herrn und Heiland Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, in dessen Namen allein Heil ist, wie es im zweiten Artikel des zweiten Hauptstücks des Katechismus Luthers heißt: ... geboren von der Jungfrau Maria‹ – er wiederholte ziemlich wörtlich den Text – ›gestorben, niedergefahren zur Hölle, auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. – Glauben Sie, daß er das jemals bekennen wird?‹ ›Das kann ich natürlich nicht wissen‹, war meine Antwort, ›muß es aber bezweifeln. Auf diese Sätze wird es aber wohl nicht ankommen. Die evangelische Lehre beruht auf der persönlichen Stellung jedes einzelnen Bekenners zu den Heilswahrheiten und hat Raum für mancherlei Auffassungen des Christentums. So wollen die Neueren die Bekenntnisschriften wörtlich nicht mehr genommen wissen.‹ – ›So, so‹, erwiderte er. ›Ich habe so was gehört. Man nimmts nicht mehr so genau. Sie vielleicht auch nicht?‹ Und immer buschiger wölbten sich seine Brauen. ›Herr Horsten‹, erwiderte ich, ›Sie examinieren gründlich, und vielleicht sollte ich jetzt abbrechen. Aber ich will auch darauf Antwort geben. Es kann ja Gutes nach sich ziehen. Harro ist Ihr Sohn und mein Freund. Jetzt gähnt zwischen Sohn und Vater eine Kluft, es muß eine Brücke gefunden werden, die hinüber führt; kann es nicht gleich geschehen, dann später. Und vielleicht schlägt mein armes Wort dazu den ersten Pfeiler ein. Deshalb sage ich: Ich gehöre zu den Priestern, die keine dunklen und trüben Sätze zwischen sich und ihrem Herrgott dulden wollen. Die von Ihnen zuletzt genannten Sätze erscheinen mir aber dunkel und trübe.‹ Dein Vater sah mich kalt und ruhig an. ›Also dunkel und trübe ist Ihnen, dem Verkünder von Gottes Wort, das, was mein Heiligstes umfaßt. Wie sollte ich armes, sündiges Menschenkind dereinst Gnade finden, wenn nicht durch Christi Leiden und Sterben und Blut? So denke ich. Sie aber steigen darüber hinweg, halten sich für einen Priester des Herrn und glauben nach Ihrer Ansicht an Gott.‹ – ›Ich glaube an Gott‹, erwiderte ich. ›Und das von der erlösenden Kraft des göttlichen Dulders kann einen anderen Sinn haben, als der alte Kirchenglaube annimmt.‹ Ich weiß nicht, ob er das letzte gehört und verstanden hat. Er fragte weiter: ›Und mit der göttlichen Offenbarung in der Bibel, wie steht es damit?‹ Ich erwiderte, vor allen Dingen müßten wir feststellen, daß der Weltenschöpfer für unseren Verstand und für unsere Sinne unbegreifbar, unfaßbar, auch nicht vorstellbar sei, und daß Gottgläubige doch die Sehnsucht fühlen, ganz in ihm aufzugehen, bei ihm Erlösung zu suchen von den Leiden und Enttäuschungen unsern Erdenwaltens, vor allen Dingen auch von dem uns alle belastenden Schuldgefühl. Dadurch entstehe eine Leere, ein Mißverhältnis, eine Kluft, auf deren Ausfüllung das Erlösungsbedürfnis mit Gewalt hindränge. Da erscheine die als Glaubensphantasie auftretende Dichtkunst und stopfe die Leere, so gut sie könne – wohlgemerkt nur die zwischen unserm Verstand und Gott, dessen Dasein für uns eine persönliche Gewißheit ist, gähnende Leere. Und wenn eine solche Phantasie allgemeine Anerkennung erlangt habe, nenne man sie Religion und Dogma und lege ihr die Kraft eines Glaubensgesetzes bei. In neuerer Zeit aber wolle die menschliche Freiheit selbst der an Gott Gläubigen sich die Vorstellung im einzelnen nicht mehr vorschreiben lassen. Es habe sich eine Schule gebildet, die jeden auf sein Inneres verweise, zu sehen und zu horchen, welche Gestalt Gott dort angenommen habe, und ihm empfehle, diesem Gott nachzugehen. In der Bibel heiße es: ›Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan!‹ Vor allen Dingen sei dies Gebot, der Andacht an Gott nachzugehen, auf den in der eigenen Brust wohnenden Gott zu beziehen. Und habe man ihn dort gefunden, so daß man darin sein Genüge habe, dann komme es auf die Glaubensgesetze der Kirche im einzelnen nicht mehr an. Habe man aber noch den alten, strengen Glauben, sei man noch dem alten Dogma untertan, so lasse man sich diesen dogmatisch gebundenen Gott nicht nehmen. Für den, der ihn habe, sei er der ihm zu eigen gewordene, also der für ihn wahre Gott. Dein Vater sah grimmig drein. ›Offenbarungen gibt es also wohl nach Ihrer Ansicht nicht?‹ fragte er. – ›Es ist schwer‹, antwortete ich, ›die Frage richtig zu beantworten, bevor wir festgelegt haben, was wir unter Offenbarung verstehen. Darf ich es dahin fassen: Offenbarung ist der Ausspruch eines gottbegeisterten Mannes, von dem wir in erschauernder Weise fühlen, daß er eine über unser Begreifen hinausgehende Wahrheit enthält, zu der uns aber die logische Sprossenleiter fehlt – dann sind viele Stellen der Bibel, namentlich viele Worte Jesu Christi, Offenbarungen.‹ – ›Demnach könnte es auch in unserer Zeit noch Offenbarungen geben?‹ – ›Ja.‹ – ›Zum Beispiel?‹ – ›Bei Goethe, in Goethes Faust zumal.‹ – ›Im allgemeinen ist also die Bibel wie jedes andere Buch und hat Ihnen nichts vorzuschreiben, nicht wahr?‹ – Wenn Sie darunter einen durchaus verbindlichen Zwang, gegen dessen Stachel nicht zu löken ist, verstehen, dann antworte ich: So ist es.‹ Er wendete sich von mir ab. ›Arme Jugend!‹ seufzte er. Er wendete sich ab, kehrte aber noch einmal zurück und sagte: ›Mein Sohn wird mich noch heute verlassen. Er ist vom Glauben abgefallen, noch tiefer als Sie, da kann er nicht in der Kanzlei bleiben. Schon der Spruch über der Tür läßt es nicht zu. Ein von Gott Abgefallener sind aber auch Sie – Sie, Priester des Herrn!‹ Den bitteren Vorwurf überhörte ich und bemerkte nur: ›Ich werde Harro begleiten und bitte um die Erlaubnis, mich verabschieden und Ihnen für die Gastfreundschaft danken zu dürfen, die ich in Ihrem Hause genossen habe.‹ Auf diese Weise«, schloß Karl Rank seinen Bericht, »habe ich erfahren, was ich weiß. Ich machte mich fertig und wartete. Ich hatte eine Ahnung, daß du durch den Garten kommen würdest. Und du kamst.« »Ja«, erwiderte Harro, »da bin ich. Aber was für einer – ein Davongejagter.« Und er erzählte, was sich in der Hinterstube der Kanzlei ereignet hatte, dem Freunde nicht viel Neues. Ein Weilchen stand er und schaute nach seines Vaters Haus zurück. Die Dächer und Mauern waren durch das Wäldchen, worin der Garten auslief, verdeckt, nur der Giebel der hohen Scheune und das weiß umrandete Einauge darin sichtbar, die schauten in einer Art erhabener Ruhe auf die jungen Leute herab. »Das ist recht, Harro«, sagte Rank. »Sieh dir den alten Giebel an, du scheidest für lange Zeit.« »Ich fürchte, für immer.« »Das glaube ich nicht, lieber Freund«, war die Antwort. »So sehr alt sind wir ja beide noch nicht, und deines Vaters Gesundheit verspricht noch viele Jahre. Die Zeit wird natürlich rollen, aber ich hoffe, du wirst den Giebel und auch den Vater in Frieden wiedersehen.« »Wie kann ich, wenn er mich nicht ruft?« »Vielleicht tut ers, oder es findet sich ein Ausgleich.« »Wo sollte der herkommen?« »Bin nicht allwissend und auch noch jung. Aber was ich bisher von der Welt gesehen und erfahren habe, hat meinen unschuldigen Kinderglauben an irgendeine Beständigkeit der menschlichen Dinge und Ansichten ausgereutet. Und mein Vater, der noch einen ganzen Packen Erfahrung mehr auf dem Nacken trägt und viel klüger ist als wir beide, behauptet, je älter der Mensch, um so geringer werde seine Wertschätzung aller mit tausend Eiden bekräftigten Gesinnungen. Das ist auch der Grund, weshalb ich Gott in unser Inneres verlege.« »Wenn man dich und deine Weisheit hört«, entgegnete Harro, »dann könnte ich nichts Klügeres tun, als meinem Vater zu Füßen fallen mit dem Bekenntnis, ich glaube an den Dreieinigen des Apostolikums. Wenn alles nichts ist, dann gilt auch die Wahrheit nichts.« »Rede nicht so, es ist ja nicht dein Ernst, lassen wir die ›Wahrheit‹. Zu den Dingen um uns her kann sich unser Verhältnis ändern, feststehend allein ist das zu uns selbst. Das heißt, es soll feststehen; mit anderen Worten: ehrlich und wahr gegen uns selbst sollen wir bleiben, wie immer wir uns sonst auch wandeln. Wahrheit vor dem eigenen Angesicht, das ist es. Mithin: wenn dir das Gottesbekenntnis, das dir die Tür der Kanzlei und die Arme des Vaters öffnet, nicht aus dem Herzen quillt, dann ist es besser; es bleibt bei dem Riß.« »Da ich mit dir einverstanden bin in dem, was man von sich selbst fordern muß, fürchte ich, wird die Kluft sich nicht schließen.« »Abwarten! Vorderhand winken neue Bahnen!« »Du hast gut reden«, war die bitter klingende Antwort. »Ja, unsere Partien sind ungleich. Ich rede und rate und habe ein Heim und einen Vater, der freilich mit den alten Überlieferungen noch ein bißchen freier umgeht als ich, mich aber doch versteht, wie einer. Dafür aber winkt dir der Weg zum Ruhm. Vor einem Jahr schon, als deine Abhandlung erschien, glänzende Angebote, sogar von jenseits des großen Teichs. Und da sollte es fehlen können, mit solchem Zeugnis in der Tasche?« Der andere antwortete nicht, sie verfolgten rüstig die Chaussee. Und wieder sprach Rank: »Wir Jungen blähen uns als Wahrheitsucher. Da hätte ich gerne für einen Augenblick ein wenig Allwissenheit, wie der große unbekannte Gott sie hat, um zu sehen, wer eigentlich am weitesten in die Irre geht, wir Jungen oder die Alten. Ich bin ja freilich Theologe und gebe dem einzelnen Christen den weitesten Raum, sich mit dem Unfaßbaren auseinanderzusetzen, lasse sogar den alten Glauben gelten, aber vielleicht grabe ich grade deshalb dem alten Kirchenglauben noch mehr das Wässer ab als ein Laie, der ein glatter Gottesleugner ist. Und bei alledem habe ich Augenblicke, wo mich Ehrfurcht durchschauert vor einer Weltanschauung, die so geschlossene Menschen schuf, wie dein Vater ist, vor einem Glauben, worin unsere Väter und Urväter ein Jahrtausend glücklich gelebt haben und selig gestorben sind. Darin muß, so denke ich manchmal, nicht allein ein starker Wesenskern stecken, sondern auch etwas, worüber die vor uns allen verschleierte Wahrheit hinüber geleuchtet hat. Ich denke und denke – ich weiß nicht, was ich denke. Ich denke an deinen Vater, an seine in Bronze gegossene Frömmigkeit, und Mitleid überkommt mich mit unserem entzweigerissenen Frieden.« Harro antwortete nicht. »Wahrheit!« fuhr Rank fort. »Die alte Pilatusfrage. Was ist der letzte Sinn der Welt? Wir werden es aus den von Menschen geschriebenen Büchern niemals lernen.« Harro lächelte. »Ja, wenn auch du zweifelst, dann ist es doch wohl am besten, den verlorenen Sohn zu spielen. Das Kalb ist geschlachtet. – Aber ich bin nicht deiner Ansicht«, setzte er hinzu. »Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, daß es der Wissenschaft gelingen wird, die letzten Bollwerke des Welträtsels zu sprengen.« »Und den Sinn und Ursprung der Welt klarzulegen?« »Den Ursprung, ja – den Sinn, nein! Ich glaube an keinen über unsere Erscheinungswelt hinausgehenden Sinn der Welt.« »So sagst du, und das ist, was uns trennt.« »Leider!« »Ja leider«, entgegnete der Pastor. »Und warum glaubst du nicht an einen Sinn der Welt?« »Weil wir Naturforscher nirgendwo auf die Andeutung eines Zweckes stoßen.« Rank stand still und sah seinem Freund ins Auge. »Weißt du, was du bist?« fragte er. »Was denn?« »Ein Pfaffe, ein Zelot bist du!« »Du beliebst zu spaßen.« »Nein und ja. Ihr nennt unsere orthodoxen Theologen so. Warum? Weil sie uns zwingen wollen, ihre metaphysische Phantastik, oder vielmehr die der strengen Kirche, über den Sinn der Welt, das heißt über das, was hinter unserer Erfahrung liegt, als unsere Überzeugung anzunehmen, unter Androhung ewiger Höllenstrafen. Die Naturforscher deiner Sorte wollen uns auch zwingen, wenn auch nicht gerade mit Höllenstrafen, sondern indem sie uns ein bißchen Hohn und Spott, die Merkmale und Kainszeichen der Dummheit und Rückständigkeit, androhen, und wenn auch die Nötigung nur dahin geht, alles über das Sinnfällige, Greif- und Meß- und Wägbare Hinausgehende zu leugnen.« »Ganz recht«, erwiderte Harro. »Nur ist nicht zu vergessen, daß wir die Kräfte der Natur scheiden, wägen, messen und mit ihnen rechnen, wahrend die Kirche, wie du ganz richtig sagst, nichts tut als phantasieren.« »Kann zugegeben werden«, war die Antwort. »Aber euer Messen, Wägen, euer Trennen und Verbinden geht nicht über die Welt der Erscheinung, der Erfahrung hinaus, kann naturgemäß nicht darüber hinausgehen, während es sich doch um Gebiete handelt, die unserer Erfahrung verschlossen sind.« »Diesen Ladenhüter unter den Beweismitteln der Idealisten bewahrt ihr sorgfältig wie ein rohes Ei ... hauptsächlich seit Kant«, spottete Harro. »Kein rohes Ei, Harro, eine Nuß, eine harte Nuß, auf die ihr euch vergebens die Zähne zerbeißt.« Harro Horsten brach das Gespräch ab, er wendete sich der Umgebung zu: »Da ist Harbecks Kate, und hier sind die Liether Berge. Unsere Straße windet sich hindurch. Ein letzter Blick nach der Kanzlei ... Man sieht von ihr nichts als Bäume, von den Gebäuden allein den Giebel der großen Scheune. Das Einauge aber verschwindet und verflimmert in bläulicher Luft ...« »Na, Harro! Wat is dat, all weller weg?« Eine Stimme rief es über den Zaun aus Lena Harbecks Garten; da stand sie auch selbst, einen Spaten in der Hand. »Dat weer jo 'n korten Besök!« Als das Haus noch ihrem Vater gehörte, diente sie ein paar Jahre auf der Kanzlei und verhätschelte den kleinen Harro, wo sie konnte. Als ihn seine Beinchen so weit trugen, nahm sie ihn mit nach der Lieth, wenn sie ihre Eltern besuchte. Daran erinnerte sich Harro gern, denn auf der Lieth war er Hahn im Korbe, und was er dort zu essen bekam, hatte den würzigen Rauchgeschmack, den er so sehr liebte. »Bringst din Kameraden wull blot betjen lang?« berichtigte sie ihre Frage. Die jungen Leute standen still und Harro sprach eine Weile mit Lena Harbeck. Sie war eine im Beginn der Fünfziger stehende Frau, ihr Haar fing an, die Farbe zu verlieren, aber ihr Gesicht war gesund und fröhlich. Zum Abschied gab Harro ihr die Hand. Mit dem Wiederkommen, sagte er, könnte es doch wohl noch ein bißchen dauern. Das verstand Lena Harbeck nicht, fragte aber nicht weiter nach. Zweiter Teil 1 Die Kunst des Deichbaues ist von Holland hergekommen, auch hat die Bevölkerung in der Ecke des deutschen Vaterlandes, wo unsere Geschichte spielt, nach Behauptung der Geschichtschreiber eine starke niederländische Beimischung. Wie in den Niederlanden, so geht auch hier Frau Natur hochgeschürzt mit einem Füllhorn reicher Gaben durch das Land, und auf Schritt und Tritt begegnen dem Wanderer Gestalten, so hoch und blond und gesund, als kämen sie aus dem Rahmen von Meister Rubens' Bildern herausspaziert. Eine fruchtbare grüne Ebene, nach Ansicht mancher ein wenig eintönig und langweilig – fast immer in gesammeltem Ernst, mögen nun der Nordsee Stürme über sie hinfegen oder auf weiten Flächen Kornähren und Halme Wellen schlagen. Feld an Feld, strotzender Reichtum goldener Ähren, Smaragdgrün der Weiden, dazwischen dunkle Streifen von Bohnen und Raps. Ringsum, wenn Hans Horsten von seinem Hofe Umschau, hielt, Kraftproben der Natur. Er sah es nicht ohne Stolz. Weizen und Hafer und Raps und Bohnen. Früher hatte er viel auf Ölfrucht gehalten; in der letzten Zeit wendete er sich mehr der Bohnenfrucht zu. Die Preise hielten sich, der Anbau lohnte. Die Bohnen reifen später, das Getreide ist zumeist schon eingescheuert oder gar gedroschen, wenn die Wagen zur Bohnenernte auf die, Tenne rasseln. Hans Horsten war ein alter Mann geworden, denn es war manches Jahr vergangen, seitdem der Sohn der Kanzlei gekommen und wieder gegangen war. Er hatte schwer daran getragen, Kummer und Jahre hatten sein Haupt mit Schnee bedeckt, aber fest und aufrecht schritt noch immer seine Gestalt, noch immer im Dienste des Herrn und des ihm anvertrauten Hofs. Und wieder war die Zeit der Bohnenernte, reich und voll wuchs sie ihm in die Hand. Ein wundervoller Tag. Altweibersommer mit tiefen blauen Augen, die Frage nicht schlafen lassend: »Wohin? Warum? Wozu?« Saat und Ernte, Leben und Werden und Sterben. Überall lud man dunkle Garben, überall strebten schwere Bohnenwagen an tiefen Gräben vorbei von den Feldern auf die harte Klinkerstraße, überall abgefallene Blätter und welkes Gerank in den Geleisen. Und auf den Weiden bunte Rinder. Am Hecktor, das die von breiten Graben eingefaßten Fennen verschließt, scheckige Kühe, die die Milch drückt und die nach den Melkern rufen. Einklagender, ergebener Ton, an die Güte und Gerechtigkeit der Herren sich wendend, wenn man auch ganz gut wisse, ein rechtlos Volk zu sein, den Menschen zu eigen mit dem Leib, ja auch mit dem Leben. Schön ist die fromme Sklavenklage eigentlich nicht; trompetenartig, im Unterton sogar ein wenig Trotz und Drohung, so klingt sie zu uns her. Es ist aber ein der reinen Herbstluft vertrauter, von ihren Flügeln weithin getragener Laut-Trompetenstöße dumpfer Kuhgemüter und Achsenstöße schwerer Bohnenwagen. Von der Hofstelle der Kanzlei rasselten die Wagen, der Bauer hatte sich selbst in den Dienst gestellt und führte ein Gespann. Bartel stakte auf, das Fuder war zur Not gefüllt als der Bauer mit dem leeren Wagen herangekommen war. »Es ist genug, Bartel, wollen den Baum auflegen.« Das geschah, und Hans Horsten fuhr mit der vollen Fuhre davon. Und im Fahren dachte er an die Bibel, die auf der Schatulle seines Arbeitszimmers, und an das Lesezeichen, das an einer Stelle lag, wo geschrieben stand, daß die, die nicht das Wort des Herrn ehrten, Schandflecken seien und nicht Kinder. »Und wer zu seinem Sohne spricht, ich weiß nichts von ihm, der hält meine Rede und bewahret meinen Bund.« So ungefähr ... Daran dachte er und an sein Gelöbnis, seinem Gott den Bund zu halten. Er tat es, freilich mit Weh im Herzen, denn er hatte nur einen Sohn. Den Spruch hatte er, wo er auch ging und stand, im Gedächtnis, denn ihm verdankte er, daß er noch ein aufrechter Mann war, obwohl er den Einzigen verloren hatte, den er besaß. Er hatte gleichsam mit den Händen um sich getastet, um sich gegriffen, einen Halt zu suchen, und glaubte ihn an dem dürren, haßerfüllten Spruch gefunden zu haben. In der Erinnerung hatte es ihn eine Zeitlang angemutet, was der junge Priester mit dem weichen, elastischen Glauben ihm vorgeredet, dann aber hatte er erkannt, was der gewesen: ein Versucher. Nun wies er es von sich, nun hielt er sich an den Spruch seiner Jugend von den Halligen: »Wer zu seinem Sohne spricht, ich weiß nichts von ihm, der hält seine Rede und bewahret meinen Bund.« Der war ihm zu eigen geworden, und wie er in der Bibel mit dem Lesezeichen auf der Schatulle, immer aufgeschlagen oder doch aufschlagbar, so lag er auch in seinem Innern, als ein zum Vorzeigen stets bereiter Gnadenbrief dafür, daß er vor seinem Sohn die Tür des Vaterhauses zugeschlagen hatte. Auf dem Leitpferd reitend führte er die volle Fuhre in der Richtung nach der Kanzlei. »Ich weiß nichts von ihm«, dachte Hans Horsten, »bis er in Person zu mir kommt und Gott bekennt.« Nach dem Himmel über sich sah er nicht, wußte daher nicht, daß ein anderer Gott als der des Zornes auf ihn herniederblickte, einer, der über Jehova und Zebaoth die Hand recken durfte, weil ihn nichts gereute, der die Aufwallungen des jugendlichen Judengotts nicht kannte, kein eifriger Gott war, daher auch keine Zornesschalen in seinen Händen trug, vielmehr seinen Bogen über Gerechte und Ungerechte wölbte und über alles, was Menschenantlitz trug, seine Zelte baute. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! So war der Kanzleibauer in seiner Weltanschauung und in seinem Bekenntnis auf dem alten Fleck geblieben (seiner Meinung nach wenigstens) oder gar einen Schritt tiefer hinabgegangen in die Enge der Rechtgläubigkeit, während die Welt um ihn eine andere Richtung genommen hatte, eine, die die alte religiöse Rechtgläubigkeit für rückständig einschätzte, ansah als etwas, worüber man mit mitleidiger Miene zur Tagesordnung übergehen könne. Ein junges, aufstrebendes, durch keine legale Offenbarung sich gebunden fühlendes Geschlecht von Geistlichen füllte die Kanzeln und verkündete eine von Glaubensgesetzen mehr und mehr entlastete Religion. Und das nicht allein. In einem Teil der Presse machte man sogar, anknüpfend an die Lehren eines genialen Umstürzlers, den Versuch, an den ewigen Wahrheiten der sittlichen Werte zu zerren und sie in ihr Gegenteil zu verkehren. Hans Horsten hatte das wenig berührt, er hatte seine eigenen Gedanken gedacht – kein Liebloser und auch kein Bösewicht, nichts als ein Einsamer. Was sein Herz an bitteren Gefühlen barg, war das Ergebnis innerer Nötigung. Aber ganz losgelöst von der Umwelt war auch er nicht, auch jetzt nicht, wo er die Bohnenfuhre nach Hause leitete. Die reine, zur Klarheit und Andacht führende Luft um ihn, der blaue Himmel über ihm, ein Tag wie dieser – alles weckte auch in ihm mehr als sonst Sehnsucht nach Liebe und Frieden, machte die Kruste seines Inneren poröser und lockerer. Über Harros Aufenthalt war er unterrichtet. Der lebte in Amerika, war dort im Sinne dieser Welt ein großer Mann geworden, ein berühmter Lehrer an einer berühmten Universität. In den Tageszeitungen las man von ihm, erhebliche Fortschritte seiner Wissenschaft waren mit Harro Horstens Namen verknüpft, das Verzeichnis seiner Werke brachten die Kataloge der Buchhandlungen in erheblicher Länge. Insoweit er durch den Gegenstand dazu Veranlassung hatte, äußerte er sich auch wohl über seine Welt- und Lebensanschauung. Auf der Kanzlei liefen von ihm verfaßte Drucksachen ein, wodurch sein Vater unterrichtet werden sollte, wie er jetzt zu der Frage stehe, die sie geschieden hatte. Es ging daraus hervor: Harro war in der Rückentwicklung zum Gottesglauben. Er hatte sich zu der Annahme eines außerweltlichen Schöpfers zurückgewendet und fühlte sich in dessen Güte geborgen. Der Alte hatte davon Kenntnis genommen, aber mehr mit Schadenfreude und innerem Hohn über den Knaben, als mit Freude. Sein für und für fortglühender Groll ließ bei ihm nicht das aufkommen, was er hätte empfinden müssen. »Ich bin der Davongejagte«, so hatte Harro gesagt und geschrieben, »ein Davongejagter kann natürlich nur zurückkehren, wenn er gerufen wird.« Die Bohnenfahrt ging über den Sommerdeich, dann kam man auf die harte Klinkerstraße. Dort lief auch der Fußsteig, der von der Kanzlei und weiter herkommend nach der Kirche und dem Pastorat führte und die seinen Lauf kreuzenden Gräben durch Stege überbrückte. Hans Horsten mußte seine Pferde scharf ausgreifen lassen, die Auffahrt über den Deich zu gewinnen, um so vorsichtiger war der Abstieg zu nehmen. »Guten Tag!« sagte jemand zu Hans Horsten, als es geschehen war. »Sieh da, Johann, guten Tag.« Ein Mann stand auf dem Steg, Hans Horsten kannte ihn, es war Johann Hell, derselbe, den er aus seinem Dienst entlassen hatte, weil dessen Glaube für einen auf der Kanzlei dienenden Knecht, wo ein so frommer Spruch über dem Türbogen stand, nicht genügt hatte. Er war mit Johann gut Freund geworden oder geblieben, insoweit er es mit einem Mann solcher Weltanschauung sein konnte. Johann war auch nicht mehr der Art wie beim Kartoffellegen, wo er sagte: »Es gibt keinen Gott«, er war sogar für gläubig und kirchlich genug befunden worden, Mitglied des Kirchenvorstandes zu sein. Als solcher schob er den Klingelbeutel durch die Sitzreihen der Besucher, wenn der Gemeindegesang zur Holzdecke der kleinen Kirche aufstieg und zum Gottesacker hinausquoll, geführt, gemildert und auf ergebene Gemütswallungen gestimmt von den weichen Wogen der sanften Orgel. Mit dem Klingbeutel kamen Johann Hell und seine Kollegen vom Kirchenvorstande, die ›Juraten‹, kurz vor dem Ende des Gesangs. Und wenn das letzte kleine Lauten des immer zum Empfangen bereiten Säckels hinter dem Altar verschwunden war, dann erschien der Geistliche auf der Kanzel und neigte sein Haupt zum Gebet. Die Orgel wob dazu ihren Segen und mit dem Verrauschen des letzten Klangs nahm der Mann im Talar und im Priesterbäffchen das Wort. Der Kanzelmann war aber nicht mehr Pastor Rau, noch weniger dessen jugendliches Abbild, das Hans Horsten einstmals in dem eigenen Sohn auf die Dorfkanzel gestellt hatte. Rau hatte sich bald nach Harros Kommen und Gehen vom Amt zurückgezogen, hatte noch ein paar Jährchen im benachbarten Städtchen gelebt und war dann gestorben. Als Nachfolger war ein junger Pastor aus Thüringen, übrigens ein Landeskind, des altbekannten Doktor Ranks Sohn – es war mit einem Wort Karl Rank gekommen, den Hans Horsten am Tag der Katastrophe nach eingehender Prüfung einen vom Glauben Abgefallenen genannt hatte. Das war das, was den Alten von der Kanzlei äußerlich der Ortskirche zu entfremden drohte. In dem Gefühl der Entfremdung konnte ihn auch das Lob nicht beirren, das man allgemein dem neuen Pastor zollte – seinem Wort, seiner Rednergabe und seiner tatkräftigen christlichen Liebe. Zuweilen aber saß er doch selbst zu Füßen des Pastors. Ja, das mußte auch er sagen, die Beredtsamkeit und die Wirkung der Person waren nicht gewöhnlich. Sie wären imstande gewesen, den Herrn der Kanzlei in die Sphären der Andacht hinauf zu tragen, wenn er hätte vergessen können, daß er denselben Mann einmal einen Abgefallenen hatte schelten müssen. Nun aber mußte er immer denken, daß der quellende Brunnen doch kein lauterer sei. Indessen, das mußte der Kanzleiwirt zugeben: Karl Rank war nicht schlimmer als die anderen Neuen, gab auch kein Ärgernis. Es war mit ihm und seiner Art auch Gutes aufgekommen, was man früher nicht gekannt hatte, ein neuer Brauch, wenn man will: eine neue Mode christlicher Anschauung – Wohltätigkeit als eine Art sittlichen Sports. An allen Ecken und Enden hieß es: tätiges Christentum, weniger Lehre, mehr Tat! Werktätiges Bekennertum, werktätige Liebe! Der Neue ging ganz in dieser Forderung auf, stellte sich voll in ihren Dienst und opferte vom Eigenen für Arme und Elende mehr, als er vielleicht mit den Pflichten gegen sich selbst und seine Familie verantworten konnte. Nun durfte man freilich nicht sagen, daß solche Gesinnung dem Eigner der Kanzlei fremd war, daß man seine Hand überall geschlossen fand. Aber fremdartig mutete den alten Bauer diese Zerbröckelung des alten Narren Eigentumsbegriffs, der mich was dogmatisch Gebundenes gehabt hatte, doch an. Früher gab und schenkte man wohl auch in besonderen Fällen, im allgemeinen aber war doch jeder auf seine eigene Verantwortlichkeit gestellt. Als er, der Kanzleibauer, im Werden gewesen, war der Glaube die Hauptsache, die guten Werke dessen Frucht. Nun schien es beinahe, als sei das bekannte Korintherkapitel das Hauptstück der Bibel: »Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.« Wer aus anderen Gründen, so ungefähr hatte auch die Erklärung des geistlichen Herrn gelautet, als aus Liebe gut handelt, wer sich selbst von seiner Guttat irgend etwas verspricht, wer dabei das Seine sucht, der hat seinen Lohn dahin. Die Tat mag gute Wirkungen auslösen, einen sittlichen Wert hat sie für den Täter nicht. So hatte er gesprochen mit Feuer und Wärme und mit eigener Liebe. Und Hans Horsten auf harter Kirchenbank hatte sich einige male sogar sittlich durchschauert gefühlt, gewissermaßen geläutert, gereinigt und gebessert, ja erlöst ... erlöst auch von dem harten, in seinem Innern aufgeschlagenen Spruch. Nachher aber wehrte er sich wieder gegen den Einfluß des Mannes, den er noch immer als Versucher ansehen wollte. Zu Hause angekommen, redete er sich ein, daß es doch eine unreine Quelle sei, schüttelte es wieder ab, glaubte wenigstens, es wieder abgeschüttelt zu haben. Und neben und unter solchem Pastor war Johann Hell Mitglied des Kirchenvorstandes. »Guten Tag!« hatte der gesagt, als Hans Horsten mit dem Bohnenwagen über den Deich gekommen war. »Sieh, Johann, guten Tag!« war die Antwort gewesen. Johann stand auf der Stegbrücke des Grabens, beide Hände auf das Geländer gestützt und das Brückenbrett mit dem Fuß in schwingende Bewegung setzend. »Sehens mal«, fing er an, ein frischer, rotbäckiger, hagerer, in den besten Jahren stehender Mann. »Das Ding«, sagte er, »hat ein Loch, ist morsch, da kann leicht ein Malör passieren. Bei Tage gehts wohl, aber bei Nacht ...« Die Unterhaltung der Brücken lag den Anliegern ob. Hans Horsten dankte und versprach, das Erforderliche zu veranlassen. Nun stand Johann auf dem Wegboden. »Leute beim Bohnenfahren«, sagte er, »darf man nicht aufhalten, das weiß ich wohl, und doch hätte ich gern ein Wort mit Ihnen geredet. Darf ich nebenher gehen? – Es handelt sich um Peter Jansens Pacht«, fügte er hinzu. Johann ging nebenher, sie sprachen über Peter Jansens Pacht. Der frühere Dienstknecht hatte es durch Sparsamkeit und durch eine passende Heirat zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht und besaß jetzt nicht weit von der Stadt einen kleinen Eigenbesitz. Zur Kanzlei gehörte ein vom Hoffeld abgelegenes Stück Land, dicht bei Johann Hells Grund. Bisher hatte es ein Peter Jansen in Pacht gehabt, der war gestorben, die Witwe wollte nicht mehr, nun meldete sich Johann, er kannte den Vertrag, die gezahlte Pachtsumme, die Größe, die Art der Benutzung, die Befugnisse des Pächters und ihre Begrenzung – alles wurde zwischen Johann und Hans Horsten nach Art geschäftsmäßiger Männer erörtert. Sie waren bald einig. Johann sollte die Pacht zu den alten Bedingungen fortsetzen. Anlaß zu einem Hin und Her gaben nur ein paar Nebenpunkte, aber auch die kamen bald ins reine. Über das Ganze sollte eine kleine Handschrift aufgesetzt werden, wie es dem Ordnungssinne der Parteien entsprach. Zu Hause angekommen, sorgte Hans Horsten für seine Vertretung und bat Johann in die Stube. 2 Und dann saßen sie in demselben Zimmer, wo derzeit das Gottesgericht stattgefunden hatte, vor derselben Schatulle und der alten Zeichnung vom Odem Gottes. Und auf derselben Ausziehplatte, die als Unterlage für die Lohnberechnung gedient hatte, schrieb Hans Horsten die Handschrift über die Nachfolge von Peter Jansens Pacht. Und oben auf der Schatulle stand die Bibel, und ein Lesezeichen sah aus den Blättern hervor etwa in der Gegend, wo das fünfte Buch Mosis zu finden ist. Die Handschriften waren fertig unterschrieben und ausgewechselt. Die Vertragschließenden gaben sich zur Treuhaltung Wort und Hand. Dann wollte Johann gehen, aber Hans Horsten hielt ihn zurück. Die Schatten der alten, in der Stube geschehenen Vorgänge stiegen vor ihm herauf. Johann hatte damals die Menschen und ihr Wesen mit Spielschiffen verglichen, deren Stahlkiel sie tüchtig mache, den Winden zu widerstehen. Von Ballast hatte er geredet, vielleicht auch von Stehaufmännchen, Hans Horsten wußte es nicht mehr genau. »Man muß es in sich haben, dann kommt man nicht zu Fall«, so ungefähr hatte Johann es zusammengefaßt. Wie es wohl jetzt um dessen Gottesglauben stand? Sein Angesicht schien ewig klar und spiegelrein und eben, von Kämpfen und Siegen und Unterliegen stand nichts darin. Der Herr der Kanzlei vergrub sein Auge in die Glücksmiene seines Gegenübers. Er dachte an Harro, und das Herz tat ihm weh. »Weißt du noch, Johann«, sagte er, »wie wir uns in dieser Stube trennten, trennen mußten?« Johann lächelte. Einen Augenblick fühlte er sich seinem alten Wirt gegenüber befangen, er hatte ein Gefühl wie etwa der Rekrut vor dem Feldwebel, wenn er seine Knochen zusammennehmen muß. Und wie ein Zollstock, zweimal annähernd rechtwinklig eingeknickt, saß er auf seinem Stuhl. Aber es dauerte nicht lange, dann war er wieder der, der sich selbst zugehörte. Er lächelte nicht nur, er lachte beinahe: »Das weiß ich noch recht gut«, antwortete er, »ich hatte nicht den rechten Glauben.« »So war es. Du glaubtest nicht an Gott, sagtest wenigstens, kein Mensch könne wissen, ob ein Gott sei.« »Das war wohl so.« »Aber jetzt, Johann ... Nicht wahr, jetzt glaubst du an ihn?« Johann behielt seine freundliche Miene und nickte, sein Gesicht sprach für und für von Frieden. Hans Horsten aber konnte nicht von dem Gedanken los: er sagt nicht die Wahrheit, nicht alles; er muß den Unfrieden gekannt haben, in seiner Seele müssen Stürme gebraust haben. Und indem er dabei ohne stichhaltigen Grund annahm, daß der›Jurat‹ des freisinnigen Pastors ein Gläubiger nach seinem, nach Hans Horstens Sinn geworden sei, kam bei ihm die Hoffnung auf, es möge seinem Harro ergehen wie diesem Bekehrten; das, was der in seiner Seele erfahren habe, möge auch sein Sohn erfahren, was sich in ihm gewandelt habe, möge sich auch bei seinem Sohne zum Besseren wenden. Und stärker wurde das Verlangen, die Geheimnisse zu ergründen, in die Schluchten und Abgründe hinabzuleuchten, die die Seele dieses Gottesleugners einstmals geborgen haben mußte. Es galt, das Gemüt seines Besuchs auseinanderzufalten, und das war nicht allzu schwer. Johann Hell hatte aus seinem Herzen niemals eine Mördergrube gemacht, im Gegenteil: es bereitete ihm immer Freude, von sich reden zu dürfen. Es war Vesperbrot aufgetragen worden – Milch und Schinken und Wurst und Käse taten das übrige. Und nach dem ersten Bissen, noch mit kauendem Munde, begann er: »Sie wollen wissen, ob ich den rechten Glauben an Gott habe. Ja, jetzt glaube ich an Gott.« Das freute Hans Horsten, und er sprach es aus. Besonders aber lag ihm daran, zu erfahren, mit welchen Gefühlen der Gerettete auf seinen Unglauben, auf die Öde seiner Seele zurücksehe, auf die Zeit, wo die roten Flammen der Hölle nach ihm gelechzt hatten. ›Er erkennt doch sicherlich jetzt als Verblendung, was damals als blähender Stolz empfunden worden ist. Jetzt wird ihm klar sein: es war ein Wanken und Fallen und Irren, vorbei an Abgründen voll brodelnder Dämpfe und zischender Schlangen.‹ So dachte der Bauer. Das alles hoffte er von seinem Besuch zu erfahren, von Johann, der fortfuhr, Schinken und Käse und Wurst und Butter zu essen, die Bissen öfters mit dem Messer zum Munde führte, das Messer nicht aus der Hand ließ, außer wenn er Milch trank und einen kleinen Kornbranntwein stürzte. Hans Horsten wartete. Das, was aus dem Munde dieses Unmündigen kommen wird, soll ihm das Rätsel lösen, wie es möglich gewesen, aus solchen Kämpfen heimzukehren mit einer Miene, mit einem Gesicht, klar und eben und rein wie der Spiegel eines Waldteiches, den je und je kein Sturm bewegt hat. So dachte Hans Horsten und innerlich rang er die Hände in Verzweiflung, aber ein wenig auch in Hoffnung über seinen einstmals ungläubigen und auch jetzt erst halbgläubigen Sohn. »Ich glaube, ich kann, ›ja‹ sagen«, hatte Johann erwidert. Eine Minute Schweigen. Dann fragte Hans: »Also ganz, wie in der Bibel und im Katechismus steht?« Der Befragte lächelte wieder, diesmal lag aber ein leichtes Bedauern, ein ›Es tut mir leid‹ darin. »Ob es ganz das ist, weiß ich nicht«, antwortete er. Nach diesen Worten des früheren Knechts wuchs der Verdacht, sich einer kaum begreiflichen Voreiligkeit schuldig gemacht zu haben, riesengroß in des Bauern Seele auf. »Ja, Johann, sag mir, wie stehts denn jetzt mit deinem Glauben?« fragte er. Und wieder das Lächeln. Mit der Linken kratzte Johann sich hinter dem Ohr, mit der das Messer haltenden Rechten trommelte er sachte nach Worten suchend an den Teller, und der Teller vibrierte leise in seine Antwort hinein: »Anders ist es mit mir geworden, das hängt ja schon mit den Jahren zusammen. Ist man jung, will man wegreißen, was einem eng macht, will frei sein, da ›tiert‹ man sich wie ein Jungpferd, das angelernt und zum ersten mal angespannt wird.« Johann fuchtelte mit den Armen und zuckte mit den Schultern. »Nachher wird man vernünftig und zahm, die Pferde werdens ja auch.« – Das Messer legte er weg. Hans Horsten sah ihn an, er konnte sich kaum noch darüber wundern, daß Johann Hells Antwort ausfiel, wie sie tat. »Hast du denn«, fragte er, »das, was du jetzt deinen Glauben nennst, nicht gern angenommen? Du erkennst doch, daß es zu deinem Besten war?« »Das schon, das ist bei den Pferden auch ja so.« Hans Horsten wurde ungeduldig. »Johann, nicht wahr, wir wollen die Pferde lassen. Ich meine: hast du nicht, als du zum Glauben zurückkehrtest, gefühlt, fühlst es nicht noch jetzt, in welcher Wüste, in welcher Ode du gewesen bist, in welcher Gefahr? Und daß du alles, was du bist, der Gnade Gottes zu danken hast?« Der Besuch hatte abgegessen. Er nahm gleich nach der Gnade Gottes ohne viel Förmlichkeit aus dem auf dem Tische stehenden Kistchen eine Zigarre. Das angebotene Messerchen wies er als überflüssig zurück, biß die Spitze ab, ließ diese auf den Teppich fallen, zündete an und setzte das Gespräch fort: »Ja, das mit dem Glauben, das ist so ne Sache. Sie fragen nach Bibel und Katechismus. Aber da ist heutzutage eine andere Mode. Da nimmt mans nicht mehr so genau mit. Und die Priester tuns auch nicht. Und ...« Hans Horsten erinnerte sich des Bekenntnisses, das Pastor Rank ihm bei Harros Weggang abgelegt hatte und noch immer nicht verleugnete, wenn er auf derselben Kanzel stand, wo eigentlich sein Harro hätte stehen sollen. Wie hatte er sich nur in der Hoffnung einwiegen können, daß der Jurat fester im Glauben sei als sein Kirchenherr! Er fiel dem Kirchenältesten scharf in die Rede: »Was unser Pastor auf der Kanzel sagt, weiß ich ja so ziemlich; aber was sagt er sonst so über den Glauben, ich meine in euren Sitzungen?« »Ja«, erwiderte Johann, »da ist es nicht anders. Vom Glauben ist da wenig die Rede, da haben wir mit Geschäften zu tun. Am ehesten kommt noch so was vor, wenn es sich um Einführung eines neuen Gesangbuches und um so was handelt. Sonst sagt er immer nur: Die Liebe, die macht alles aus, und vor allem muß man wahr gegen sich sein.« Hans Horstens Züge waren gespannt gewesen, nun wurden sie gelassener. »Und wie steht es denn jetzt mit deinem Glauben an Gott und Christentum, Johann, wenn du es sagen willst?« fragte er nur noch ganz beiläufig; es war ihm hauptsächlich darum zu tun, des Pastors Glauben, der auf Johann abfärbte, festzulegen. Johann gab dann auch gleich zu, daß er, wie früher auf die Worte des alten Rank, jetzt noch mehr auf den jungen Rank schwöre. In seiner Unschuld, in seiner Friedseligkeit und in seiner Wichtigtuerei merkte er nicht, daß seine Person an Wert verloren habe. Er räusperte sich, um etwas zu sagen, was schön und klug sei und Eindruck mache. Er stöberte daher seine Gedanken oder vielmehr die seines Pastors, soweit er ihrer habhaft werden konnte, auf, aber sie flogen wild und ohne Ordnung um ihn her. Da machte er es wie die Schäfer, wenn ihre Herde in Aufruhr gekommen ist. Er pfiff nach seinem Hund, das heißt: nahm alles, was er an Willen und Einsicht besaß, zusammen; der Phylax brachte die Schafe dann auch wieder auf einen Haufen zusammen und die Ausreißer zurück. Und es blieben die Gedanken etwas mehr in Ordnung und Zucht. Er räusperte sich wieder und fing an: »Herr Horsten, ich meine, damals, als ich sagte und dachte, die Welt und was wir sehen habe sich alles so von selbst zurechtgemacht, will mal sagen: zusammengemeischt, das war eine Dummheit. Und das sagt der alte Doktor jetzt auch. Und das kann auch eine alte blinde Frau mitn Stock fühlen, daß alles um uns her gemacht ist, nach einem klugen Plan, so klar, daß es über unseren Verstand und über alles geht, daher für uns immer dunkel sein wird. Das sehe ich ein. Da ist unser Tüfteln für die Katze. Und auch das meine ich, daß, wenn auch noch so viel Leid und Unglück in der Welt ist, die Welt doch wohl eine gute Welt sein muß, wenn wirs auch nicht immer fassen. Ich kann es ja nicht so sagen wie der Pastor. Aber er sagt, schließlich seien wir doch in der Liebe und Güte des Weltschöpfers gehegt, darin geborgen und von ihr getragen. Und dann sagt er, daß uns die Augen über die letzten Ziele, die Gott mit dieser Welt im Sinne hat, wohl erst aufgehen werden, wenn wir sie hier geschlossen haben. Denn es müsse, sagt er, ein uns unbekanntes Ziel dahinter stehen, da die Welt sonst keinen Sinn hätte. Denn was hier in der Endlichkeit herauskomme, sei nichts Rechtes. Da sei nicht zu verstehen, was die große Weisheit, die doch überall hervorleuchte, solle, wenn sie allein irdische Ziele verfolge und verwirkliche. Um so mehr, meint Pastor Rank, sei es von der Welt im ganzen anzunehmen. Anders könnten wirs uns gar nicht denken. – Einmal machte der Pastor einen Spaß. Da sagte er, ein Gott, der so viel verkoste um nichts und wieder nichts, der sei ein Verschwender. Und wenn man ihn vors Amtsgericht brächte, käme er unter Vormundschaft.« Dem Sprecher war die Zigarre ausgegangen, er zündete sie wieder mit behaglichem Schmatzen an, gar nicht bemerkend, wie sehr den Kanzleiwirt der letzte, nach seiner Ansicht unziemliche Vergleich verdroß. »Also Gott und Unsterblichkeit«, faßte Hans das Bekenntnis zusammen. »Wie aber steht es mit dem Christentum, mit Christi Leiden und Sterben zu unserer Erlösung?« Johann lächelte verlegen. Die Zigarre nahm er auf einen Augenblick in die Linke und kratzte mit der Rechten in seinem immer noch vollen Haar. »Das ist ein Punkt – das ist ein Punkt ...«, murmelte er und jagte hinter seinen Gedanken her, ohne sie zum Stehen zu bringen. Hans Horsten wartete. Und schließlich gab Johann doch noch ein bißchen her: »Das ist ein Punkt, da kann ich mir nicht viel dabei denken. Der alte Doktor, scheint mir, auch nicht. ›Ich bin in die Welt gesetzt‹, sagt er, ›bin nicht danach gefragt worden, habe mich nicht selbst gemacht, so gut und so schlecht wie ich bin; ich will das Gute, soweit ein guter Wille in mich gepflanzt ist, ich tue es freilich nicht immer, aber doch so viel, wie ich kann. Das Böse will ich nicht, tu es aber, wie auch Paulus sagt, doch nicht selten. Mehr steht nicht in meiner Kraft, dafür bin ich ein Mensch. Mehr kann man von mir nicht verlangen. Was brauch ich da einen Erlöser? Was brauch ich da einen Mittler zwischen mir und Gott?‹ sagt Doktor Rank. »Ja, Christus, das war einer. Über seine Lehre« sagt der Doktor, »über seine Sittlichkeit gehe nichts. Aber Sohn Gottes? Und Gott, der Allmächtige, muß seinen Sohn den Kreuzestod sterben lassen, um uns vergeben zu können? Da kann ich mir nichts bei denken«, sagt Doktor Rank.« »Weißt du denn auch jetzt um des alten Doktors Glauben Bescheid?« »Ja«, entgegnete Johann, »er fährt ja nicht mehr viel auf Praxis, aber wenn er es tut, stelle ich Wagen und Pferde, bin also wieder sein Kutscher. Unser Kirchspiel reicht ja beinahe bis zur Stadt; von mir bis Doktor Rank sinds kaum zehn Minuten, da läßt sich leicht schicken.« Als Johann von dem Leiden und Sterben unsers Erlösers gesprochen, hatte Hans Horsten an sich halten und an den Spruch über seine Tür denken müssen: »Und möge nie in diesen Wänden ein ruchlos Wort den Herrgott schänden.« War das, was Johann sagte, nicht Gotteslästerung? War denn auch über die Rückkehr eines Verirrten dieser Sorte Freude bei den Engeln im Himmel? »Das, was Doktor Rank sagt, ist denn wohl auch deine Meinung?« fragte er. Sein Ton blieb ruhig. »Ja, Hans, soweit ich darüber reden kann. Der Pastor meint aber, es sei doch wohl etwas dran mit der Erlösung, es sei aber ›vertusselt‹ und verwirrt zu uns gekommen.« Die Erregung, welche in Hans Horsten aufgestiegen war, wich, nun war er ganz ruhig. »So«, erwiderte er, »verwirrt und vertusselt. Und wie müßte es denn nach Pastor Ranks Ansicht sein und werden, nachdem er den Tussel wieder zurechtgemacht?« »Das ist, ja, wie er das sagte, das ist mir zu hoch«, war die Antwort. »Davon hab ich nur das im Sinn: Wenn man das Leben von der einen Seite betrachte, habe man sein Tun in der Hand, wenn man es aber anders betrachte, habe man es nicht in der Hand, und wenn man es zum dritten betrachte– – dann – –« Johann stöberte seine Schafherde auf und pfiff auf seinen Hund, aber die Schafsgedanken hatten Flügel und wurden zu Vögeln und kreisten in der Luft. Und er mußte sie kreisen lassen, er hatte keine Gewalt über sie. »Das nützt nichts, Hans«, schloß er nach einigem Zögern, »das krieg ich nicht zurecht.« Die Hauptsache ihrer Unterhaltung war noch immer nicht erledigt: das Hinableuchten in die Schluchten und Höhlen eines Gottesleugners, in die brodelnden Abgründe. Aber Hans Horsten lächelte jetzt bei sich darüber, was für Offenbarungen er sich von Johann versprochen hatte, von Johann, der, kräftig qualmend, viel freier und hingeflegelter oder, wenn man will, gehobener auf seinen Stuhl saß als bei Beginn der Unterredung. Was konnte da groß zutage kommen! Aber er fragte immerhin: »Jetzt glaubst du an Gott, was du früher nicht tatest. Wie ist dir denn, wenn du daran denkst? Kommt es dir nicht schrecklich vor, ohne Gott gelebt zu haben?« »Das kann ich nicht sagen«, erwiderte der andere. »Ich meine vielmehr, das ist der natürliche Weg, und so und nicht anders müsse man zum Glauben kommen. Das sagt der Doktor auch, und das sei auch die Geschichte der meisten großen Religionsmänner. Der Apostel Paulus habe anfangs Saulus geheißen. Augustin sei es auch so ergangen, und selbst Doktor Martin Luther sei nicht ohne Anfechtungen gewesen.« Hans Horsten wollte einfallen, mit Paulus sei es doch wohl eine besondere Sache gewesen, aber er ließ es, um so mehr, als Johann ihn fragte: »Herr Horsten, haben Sie denn niemals an Gott gezweifelt?« Hans Horsten gedachte der Tage, wo er als ein im Glauben Wankender in das Vaterhaus zurückgekehrt war, und antwortete: »Ja, eine ganz kurze Zeit.« 3 Als der Kirchenjurat ihn verlassen hatte, ging Hans Horsten nach dem Hofplatz, seinen Dienst beim Bohnenfahren allenfalls wieder zu übernehmen. Aber es lohnte nicht mehr, die Sonne war im Untergehen, ein Fuder wiegte und schwankte in die Einfahrt, der Knecht teilte mit, daß die Aufstaker in kurzer Zeit mit dem letzten zu erwarten seien. Hans Horsten prüfte die Frucht, fand sie spröde und trocken und leicht aus der Hülse springend, und beriet mit seinen Leuten, ob es wohl gehen werde, die Bohnen der noch nicht abgeernteten kleinen Fenne im »Scheunenhuk« unterzubringen. Das werde sich kneifen, meinte der Vorarbeiter. »Es ist wohl so«, erwiderte Hans Horsten, »ohne Diemen werden wir dies Jahr nicht auskommen.« Ein Gang nach dem Teich, daneben ein Auge auf den Melkplatz zu werfen. Als er zurückkehrte, war das letzte Fuder da. Abendrot stand am Himmel, am Rande des Horizonts grünlich, darüber purpurn, wunderbar in Blutfarbe durch die Baumreihe leuchtend, die den Platz umgab. In weiterer Höhe verhallte die Farbenmusik durch Violett und blasses Gold zur Dämmerungsfarbe einer von versprengten Lichtpfeilen durchwärmten Luft. Und scheinbar ganz aufgelöst vom Lichtherd ein paar rosig beleuchtete und umduftete Wolkenwagen in verklärter Reinheit darüber her. Es gibt prächtige Lichter und Farben der schweren Luft in feuchter Marsch. Die sonnenverklärten Wolkenwagen kamen vom Weltmeer her, schwebten sicherlich noch jetzt über den nur wenige Meilen entfernten Wassern des großen Ozeans. Hans Horsten war wieder in seiner Stube, saß aber nicht vor der Schatulle, sein Schritt ließ die schmalen Dielen des Gemachs leise erbeben. So, deuchte ihm, werde er wohl am ehesten fertig mit dem, was Johann in ihm aufgerührt hatte. Den Spruch aus Mosis führte er so leicht im Munde wie im Gedächtnis, das heißt, des an der Oberfläche unserer Seele liegenden Tagesbewußtseins, stand doch das ihn von dem Sohn lossprechende Wort in der Heiligen Schrift, war mithin Gottes Wort. Freilich – aus der Tiefe seines Gemüts waren zugleich auf weichen Sohlen andere Gedanken heraufgestiegen, leise Gedanken, denen er aber bisher sein Ohr versagt hatte, weil er sie für falsche Zeugen hielt und überhaupt nicht hören wollte. Nun aber dachte er an das Glaubensbekenntnis des Kirchenjuraten oder vielmehr des Geistlichen, der Harros Freund war. Wie dieser sich jetzt dazu stellte, wußte er auch, und im Auf- und Abgehen überlegte er, worin wohl der Unterschied zwischen jenen Bekenntnissen und dem seines Sohnes bestehe. Wenn er ehrlich gegen sich sein wollte, mußte er sagen: es war keiner da. So dachte er, wollte aber nicht, daß es wahr sei. Ein umgekehrter Josua, hieß er Sonne und Licht untergehen, damit Dunkelheit und Nacht eine unbequeme Wahrheit verdecke. Harro wollte gerufen werden, er, der Vater, sollte sich demütigen ... So ein Junge! ... Da konnte der Herr Sohn lange warten. Hans Horsten war noch in der alten Auffassung aufgewachsen, die das vierte Gebot in Flammenschrift über das Himmelstor schrieb und ein Kindesrecht gegenüber dem Elternrecht kaum anerkannte, jedenfalls nur einem im Staube knienden Kind. Deshalb übertönte die trotzige Forderung seines Sohnes diese aus der Tiefe seines Gemüts quellenden Stimmen. Und deshalb setzte Hans Horsten sich wieder in den Vollbesitz seines strengen Spruchs. Die Stunde lief, noch immer bewegte er die Dielen seiner Stube. Er ging an der Schatulle vorbei und an der Bibel, vorbei an dem Bild der ewigen Allmacht, hin nach dem Fenster, zurück nach der Tür und wieder nach dem Fenster. Und immer denselben Weg. Und immer weniger fiel von dem Licht, das, die Dämmerung borgte, in den Raum. Es war ihm recht, er stand still, ein Fensterflügel war offen, traumverloren sah er in die Weite. Fernher quollen die Töne einer Ziehharmonika. Das war der Sohn seines Tagelöhners Daniel Wuppermann, der sich gut auf elegische Weisen verstand. Zu Hans Horsten wogte es in leisen Wellen her, wie einst auf der Hallig seiner Heimat, wo er sich Gott so nahe und wiederum so ferne gedacht hatte. In der Sonnenbahn nur noch matter Schein. An Stelle der leuchtenden Wolkenwagen bleiche, runde Schäferwölkchen, flockenartig im tiefen Himmelsrund, noch immer das Licht der Sonne trinkend, eine weite, flaumige Herde. Der Kanzleiwirt sah hinaus und hinauf. Ihm war, als habe er ein Klopfen gehört, er achtete aber nicht darauf und vergaß es gleich. Er sah hinauf zum Himmel, und in seine Seele gelangte etwas von dem Abglanz der ewigen Dinge. Es wollte ihn weich machen, aber er wehrte sich dagegen, er glaubte es sich und seinem Wesen und auch dem lieben Gott schuldig zu sein. Und gegen das, was ihn hatte weich machen wollen, auftrumpfend, sprach er den alten Bibeltrost: »Und wer zu seinem Sohne spricht, ich weiß nichts von ihm, der hält meine Rede und bewahret meinen Bund.« Als er es gesagt hatte, erschrak er, denn eine Stimme hinter ihm fiel ein: »Das ist ein harter Spruch, Hans Horsten.« Sie sprach in tiefer Lage, und doch war Weiches und Geschmeidiges darin. Der Bauer wendete sich ihr zu und unterschied im Dunkeln die Gestalt eines hochgewachsenen Mannes. »Wer da?« »Pastor Rank ist mein Name«, war die Antwort. »Ich traf niemand im Flur und im Vorzimmer, ich klopfte und glaubte ein ›Herein!‹ vernommen zu haben, muß aber wohl im Irrtum gewesen sein. Ein Wink, ein Wort, Herr Horsten, und ich mache die Tür hinter mir zu.« »So war es nicht gemeint.« »Es ist nicht die übliche Besuchszeit, aber ein Bote mit guter Post, dachte ich, kommt immer recht.« »Sie bringen gute Nachricht?« »Von Ihrem Sohn.« »Hm!« Hans Horsten sagte »Hm!« – mehr hörte man nicht. Er rief nach Licht, und als die Stube erhellt war, trugen das Gesicht des Wirts und sein Profil die Maske des Bronzegusses, die man bei ihm gewohnt war. »Von meinem Sohn«, knüpfte Hans Horsten den Gesprächsfaden wieder an, nötigte seinen Gast zum Sitzen und sagte wieder: »Von Harro also!« Es klang nicht ermunternd, aber auch nicht finster. Es war das ›Hm‹ eines Festungsbefehlshabers, der die Vorschläge der Belagerungsarmee hören will. Pastor Rank war noch immer ein ansehnlicher blonder Mann von schlanken Formen. Der schlichte dunkle Anzug paßte gut zu dem geist- und gedankenvollen Gesicht. »Ist Ihnen bekannt, Herr Horsten«, fing er an, »daß der berühmte Gelehrte« (ernannte einen bekannten Namen) »vor ein paar Monaten gestorben ist?« »Ich glaube, es gelesen zu haben«, erwiderte Hans Horsten. »Und daß seit dieser Zeit Behörden und die gelehrte Welt und alle, die sich wissenschaftliches Interesse zuschreiben, darüber grübeln, wer wohl würdig sei, sein Nachfolger zu werden?« »Nein! Mein Landbote« wird es nicht gebracht haben. Und wenn, dann habe ichs übersehen. Ich rechne ja auch solche Dinge nicht ...« »Sie meinen: zu denen, die für Sie Wichtigkeit haben? »Wenn auch nicht ganz so schlimm, ungefähr hab ich wohl so gedacht«, entgegnete Hans Horsten. »Und wenn nun« – her Geistliche neigte sich bedeutungsvoll gegen den Herrn des Hauses – »wenn nun Harro Horstender aufsteigende Stern am Himmel der Wissenschaft, geboren in dem Haus, dessen Dach uns jetzt behütet, das in Liebe zu Gott und in Vertrauen zu ihm erbaut ist, wie der fromme Spruch über der Haustür sagt, wenn nun der Sohn dieses Hauses, Ihr Sohn, Herr Horsten, wenn der nun unter allen, die genannt werden konnten, als der Würdigste befunden und ausersehen wäre?« Hans Horstens Bronzegesicht blieb ohne Bewegung. Er antwortete: »Das wäre denn wohl eine große Ehre für die Kanzlei.« »Allerdings, eine große Ehre für die Kanzlei, und nicht nur für die Kanzlei, sondern für unser ganzes gutes Holstenland. Und es ist so: Harro Horsten ist berufen, er hat angenommen, er ist ernannt worden, die Sache ist fertig.« Nun mußte bei dem alten Herrn doch etwas kund werden, was einer Gemütswallung ähnlich sah! So dachte der Pastor Rank. Aber er sah nichts dergleichen. Hans Horsten erhob sich vielmehr, nahm eine Zigarrenkiste vom Bücherbord und bot sie dem Besuch. »Ich bin ein schlechter Wirt«, sagte er, »wie stehts mit einem Mund voll Rauch?« Ein Schatten des Unmuts flog über Pastor Ranks Miene. Es war aber nur ein Schatten, verschwunden wie gekommen. Es gelang ihm sogar, die abwinkende Handbewegung mit einem Lächeln zu begleiten. »Danke, ich gehöre zur Gemeinde der Nichtraucher ...« »Die immer größer wird«, ergänzte Hans Horsten. »Ich gehöre gewissermaßen auch dazu, Zigarren hatten niemals meine Liebe, ich hielt mich an die Pfeife, aber das ist auch beinahe vorbei.« Die Zigarrenkiste stellte er aufs Bücherbord zurück. »Es scheint, Sie nehmen nicht viel Anteil an dem Glück Ihres Sohnes?« wagte der Pastor zu sagen. Hans Horsten sah ihn scharf an. »Sie wissen besser als ein anderer, wie wir stehen, ich und mein Sohn.« »Ich weiß, er hatte ein anderes Fach studiert, als Sie wünschten, und hatte nach ihrer Ansicht nicht den rechten Glauben. Wir sprachen uns darüber aus, als Ihr Sohn das Haus verließ.« »Sie haben es gut im Gedächtnis, Herr Pastor.« Das war die Sache, die den Alten erregte. Er ging wieder mit schweren Schritten in der Stube auf und ab, ohne daran zu denken, ob es sich auch wohl schicke. Zu viel war aufgestöbert. Was ging es den Pastor an? So dachte er erst in Groll, dann aber mit anderen Gedanken. Lange, lange Zeit hatte er es in sich verschlossen. Wenn ers mal sagen dürfte, in ein mitfühlendes, helfenwollendes Herz ausströmen lassen! Ein einsamer Mann war er gewesen, hatte es freilich anscheinend, niemals anders gewollt. Den Menschen war er aus dem Wege gegangen, gutgesinnten wie übelgesinnten, bis sie es ihm vergolten und einen Bogen um ihn geschlagen hatten. Und nun kommt einer zu ihm, ein Freund seines Sohnes, ein halber, so sah er es an, ein halber Christ und Gläubiger, nicht anders als sein Sohn, zum Mittler zwischen ihm und Harro wie geschaffen, und der will mit ihm darüber reden. ›Wenn ichs könnte, wenn ich Worte fände; ich finde sie aber nicht, nicht für das nicht auszuschöpfende Meer, das in mir wogt!‹ Der Geistliche verstand die Bewegung, verstand sie aber doch nicht ganz recht. »Da ist ein Punkt«, sagte er, »ich möchte gerne mit Ihnen darüber sprechen, wenn ichs darf. Ich weiß nicht recht, wie ichs anfange. Wie komme ich dazu, etwas von Ihnen zu erbitten, was Sie vielleicht keinem Menschen sagen wollen? Und doch wiederhole ich: darf ichs wagen?« Dem Kanzleibauer ging der Atem schwer. In den Luftwegen mochten katarrhalische Wucherungen sein, es gab ein pfeifendes Geräusch. Ein Verdacht stieg in ihm auf und erfüllte ihn mit ... Er wußte selbst nicht, war es Unwille, war es Befriedigung. »Eine Frage!« stieß er hervor. »Kommen Sie mit Vorwissen oder im Auftrage meines Sohnes?« »Nein, keines von beiden«, war die Antwort. »Ihr Sohn weiß nichts davon, ich komme aus eigenem Antrieb, aus eigenem Bedürfnis. Ich mag gern andere Leute glücklich sehen, möchte ein wenig dazu beitragen, das ist der Lohn, den ich davontrage. Gönnen Sie mir den, Hans Horsten!« Hans Horsten kaute nervös an den Lippen. »Wenn das ist ...« Und nach einer Pause, des Geistlichen Hand ergreifend, sprach er: »Sagen Sie und fragen Sie, was Sie wollen – ich höre. Blättern Sie in meiner Seele, wie ... wenn ...« Er konnte mit dem Bild nicht zurechtkommen, aber der andere hielt die dargebotene Hand und half. »Sie wollen sagen: wie wenn Ihr Inneres wie ein offenes Buch vor mir ausgebreitet wäre. Das freut mich. Wenn Sie so gesinnt sind, dann kann unsere Unterredung nicht ergebnislos sein.« Und er schüttelte kräftig Hans Horstens Hand. »Sie sagten«, fuhr er fort, »Ihr Sohn sei ein Gottloser gewesen, und das mag in gewissem Sinn zutreffen. Er ist es aber nicht mehr, er ist ein anderer geworden, er hat sich darüber in Schriften ausgesprochen, die ich gelesen habe, die ich kenne.« »Ich kenne sie auch, er hat sie mir geschickt«, warf Hans Horsten ein. »Um so besser, dann wissen Sie, daß ich nicht zuviel gesagt habe.« »Anders ist er geworden, aber der Glaube, den ich im Sinn habe, ist es nicht. Ich fürchte, Herr Pastor, den haben Sie auch nicht.« Der Geistliche ging darauf nicht ein. »Ich überraschte Sie vorhin«, sagte er, »und hörte, ohne es zu wollen, aus Ihrem Munde einen Spruch, einen, der auf Abkehr von Menschen, die uns am nächsten stehen, gerichtet ist. Ein hartes Wort.« »Aber Gottes Wort!« hielt Hans Horsten entgegen und warf den Kopf in den Nacken. »Gottes Wort ist ein reiner Trank, aber nicht alle Gefäße sind es, worin es gereicht wird.« »Das Wort, das Sie hart nennen, steht in der Heiligen Schrift. Sie werden nicht sagen wollen, daß die Heilige Schrift ein unreines Gefäß ist. Da muß ich mich wohl verhört haben.« Hans Horsten sprach in einem erregten Ton, er war in Gefahr, seine Haltung zu verlieren. »Nicht wahr, wir wollen ruhig bleiben, lieber Freund. Wie ich das von der Bibel meinte, darauf, hoffe ich, werden wir noch kommen. Vorderhand das: Der Gott des Alten Testaments war (selbstverständlich spreche ich nur von der Vorstellung des Volkes, das ihn zum Nationalgott erhob) ein werdender, daher ein noch unvollkommener Gott, ein den Menschen ähnlicher Gott, der Reue, dem Zorn und anderen menschlichen Leidenschaften zugänglich, namentlich dem Bedürfnis der Rache. Der Herr Zebaoth, heißt es, trägt die Schalen des Zornes in seinen Händen. Er war ein Gott, der sich auf Verträge und Bündnisse mit dem Volke Israel einließ. Wenn es die Bundespflichten verletzte, rächte er sich und strafte. Gegen die Feinde, gegen alle, die nicht zum Volke Israel gehörten, hatte er keine Pflichten; es war vielmehr seine Zusage, sie dem Volk Israel zu Füßen zu legen, wenn sie den Bund hielten. – Ihr Mosisspruch hat diesen werdenden Gott und den mit ihm vereinbarten Bund im Sinn.« »Ganz anders«, fuhr der Pastor fort, »im Neuen Testament. Nicht gleich, nicht unangefochten, aber aus dem Gott der Juden wird ein Gott der Menschheit. Von irdischen Schwächen und Leidenschaften frei, schreitet er über die Erde, umfaßt alles, was Menschenangesicht hat, mit gleicher Liebe. Anklänge und Anzeichen dazu mögen auch im Alten Testament zu finden sein, aber die Erhebung Jehovas zum allliebenden Gott aller Menschen – das ist und bleibt die Tat von Jesu Christo, dem Stifter unserer Religion. Er hat sich auch erst dazu durchringen müssen, er hat es aber getan. ›Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch verfolgen!‹ Vor Christi Auftreten war dies Liebesgebot nicht möglich, nicht denkbar. Gott über alles lieben und seinen Nächsten wie sich selbst: das sind die neuen Klänge und bessere, als die im Buch Mosis stehen.« Hans Horsten sah vor sich nieder. Die Liebesgebote des Heilands waren ihm bekannt; er hatte aber darüber hinweggesehen, hatte darüber hinwegsehen wollen, weil er glaubte, daß ihm der alte, harte Spruch besser diente, weil er sich in den Gefühlen verhärten wollte, die ihm gestatteten, dem in der Fremde weilenden Sohn den Ruf vorzuenthalten: »Komm an mein Herz, du bist mein lieber Sohn!« Hans Horsten sah stumm vor sich nieder, dann sagte er: »Und doch sprach unser Heiland zu seiner Mutter: ›Weib, was habe ich mit dir zu schaffen!‹ Und als seine Angehörigen ihn zu sich baten, folgte er ihrer Bitte nicht, zeigte vielmehr auf seine Hörer und sagte: ›Das sind meine Mutter und das meine Brüder.‹« »Ganz recht«, war die Einwendung, »die Überlieferung meldet uns aber auch, daß er für seine Mutter noch im Sterben gesorgt habe und daß seine Brüder sich später als Anhänger seiner Lehre bekannt haben. Damals aber, als er sich den Hörern seiner Lehre näher fühlte als der Mutter und den Brüdern, damals gehörten sie zu dem Schwergewicht, das an seinen Fersen hing, ihn an dem hohen Flug seiner Sendung hinderte, ihn zur Erde niederzog. Sie sahen das als Verirrung an, was seine Bestimmung war. Er sei rasend, sagten sie und hatten die Absicht, ihn gewaltsam an seiner Lehrtätigkeit zu hindern. Wer will ihnen daraus einen Vorwurf machen? Ihr Meinen und ihr Tun war menschlich; es wäre, wenn anders, verwunderlich gewesen. Ist es doch eine für und für wiederkehrende Erscheinung bei großen Männern, daß die, die ihnen menschlich am nächsten stehen, sie auch wirklich am meisten lieben und menschlich für sie sorgen, wenig Verständnis für ihre Sendung haben und durch ihre Liebe und Fürsorge Hindernisse bereiten, das auszuführen, wozu sie der Schöpfer bestimmt hat.« Der Geistliche zog nicht ausdrücklich die Nutzanwendung auf Hans Horsten; der tat es selbst. Zwischen ihm und seinem Sohn stand eine Wolke, ein Mißverständnis. Und wenn dabei einer von ihnen in Gefahr gewesen war, durch den andern von einem hohen Ziel abgelenkt zu werden, so war es nicht der Bauer der Kanzlei. »Und in dem Neuen Testament«, fuhr der Geistliche fort, »steht die wundervolle Dichtung oder, wenn Sie lieber wollen, Erzählung, dort Gleichnis genannt, von dem verlorenen Sohn. Der war gegangen und kam zurück, und der erfreute Vater veranstaltete ein Fest, war fröhlich mit den Nachbarn und mit seinem ganzen Haus'« »Ja«, fiel Hans Horsten ein, und ein Lächeln der Genugtuung, des Triumphs verklärte seine Züge. »Ja, aber der Sohn kam, vom Alten ungerufen, warf sich dem Vater zu Füßen, umklammerte sein Knie und flehte: ›Vater, vergib mir, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir: ich bin nicht wert, daß ich dein Sohn heiße.‹« »Ganz recht, lieber Freund«, lautete die Entgegnung. »Aber dem hatte der Alte nicht den Frieden seines Vaterhauses aufgekündigt, nicht die Schwelle verboten, der hatte sein Teil von den Gütern gefordert, hatte es mit Prassen durchgebracht und war erst zurückgekehrt, als er einem Bürger die Schweine hüten mußte, als er begehrt hatte, sich von den Trebern zu sättigen, und niemand sie ihm gab.« »Man hat«, fuhr der Pastor fort, »man hat gesagt, das Gleichnis sollte eher von dem barmherzigen Vater als ›von dem verlorenen Sohn‹ heißen. Denn was so eindrucksvoll wirkt, ist die allverzeihende Liebe des Vaters. Er wartete nicht, bis sein Sohn den Fußfall vor ihm tat, lief ihm vielmehr, wie er ihn von ferne kommen sah, entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Und dann erst hatte der Sohn Gelegenheit, sein Unrecht abzubitten. Der Alte aber sprach: ›Bringt das beste Kleid her und tut es ihm an und gebt ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße. Bringt auch ein gemästetes Kalb her, schlachtet es und laßt uns essen und fröhlich sein! Denn dieser, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden worden.« Hans Horsten nickte zu diesen Worten, ohne es zu wissen. Er besann sich darauf, daß er alles das sich schon selbst gesagt und vorgehalten habe. Er hatte sich nur für und für gewehrt, es in die Gänge seiner Seele hinabzuleiten, wo kühle Überlegung selbsttätig Gründe und Gegengründe wägt und mißt. Nun aber glitt es in die Tiefe und füllte die Schalen. »Überhaupt, warum halten sie sich an das Alte Testament?« fragte der Geistliche. »Die Evangelien, zumal die prächtigen Gleichnisse darin, das sind reine Gefäße für das reine Wort. Man kann hingreifen, wo man will. Zum Beispiel, um mich an Allbekanntes zu halten: Da ist der Hirt, der hundert Schafe hütet. Ein Lämmlein hat sich verstiegen; die neunundneunzig läßt er in der Hürde und ruht nicht, bis er das im wüsten Felsgebirge verirrte Tierchen wieder gefunden hat. Er nimmt es auf seine Schulter und trägt es den beschwerlichen Weg zurück. Und denselben Gedanken abgewandelt in anderer Form von dem verlorenen Groschen. Und immer die Hinzuziehung der Nachbarn und Freunde zum Seelenjubel des Finders, wie Zimbelklang und Tubaton die jubelnde Lehre: Im Himmel ist mehr Freude über einen bekehrten Sünder als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.« Eine halbe Minute schwieg er. Dann fuhr er fort: »Und wenn wir annehmen, Ihr Sohn sei die verkehrte Straße gegangen, sei vom rechten Weg abgekommen, ein Verirrter, ein Verstiegener – wäre es selbst da nicht an der Zeit, ihm nachzugehen, ihn zu suchen, ihn zu finden und ihn nach Hause zu geleiten?« Und wieder nickte der Alte. Denn auch das ging dahin, wo die Schalen am Balken hingen. Noch aber fand er die Gewichte zu leicht. »Es stimmt doch nicht ganz, Herr Pastor«, wendete er ein. »Mein Sohn will mir seinen Willen auferlegen. Ich soll unter das Joch. Den Weg kennt er, er will aber erst kommen, wenn ich ihn rufe.« »Dafür«, war die Antwort, »ist das Lämmlein aber auch nicht von dem Hirten in die Irre gejagt worden, wie ...« ›Wie man wohl bei der Nutzanwendung auf Sie sagen könnte‹, wollte er hinzusetzen, unterließ es aber. Er sah, daß es nicht nötig war. Er sagte nur: »Und nichtsdestoweniger ging der getreue Hirt ihm nach.« Der Kanzleibauer wußte darauf nicht viel zu erwidern, versuchte daher die Lage, in die er sich gedrängt sah, auf die Überlegenheit des Gegners abzuwälzen. »Ihnen gegenüber«, sagte er, »muß ich wohl in die Enge kommen. Ich bin ein unwissender Bauer.« Aber das war von der Oberfläche hergeredet. In der Tiefe seiner Gedanken war er ein gerechter Richter, sich selbst nicht zu Leide, aber auch nicht zu Liebe, und dort gab er seinem Gegenpart recht. 4 Beide Männer sagten nichts mehr, saßen sich eine Weile stumm gegenüber, dann brach der Besucher auf. »Unser Gesprächsgegenstand ist wohl noch nicht ganz erschöpft«, sagte er. »Aber ich denke, wir lassens für heute genug sein, der Faden kann ja zu jeder Stunde wieder aufgenommen werden. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn Ihnen ein solcher Wunsch kommen möchte.« Hans Horsten begleitete ihn eine Strecke. Auf der ersten Hälfte war der Kirchensteig breit angelegt, da konnten zwei Leute nebeneinander hergehen. Es war klares, sichtiges, windstilles Wetter unter wunderbarem Sternenzelt. Sie gingen zwischen Graft und Graben, die Nacht auf leisen Sohlen neben ihnen her. ›Sieh hinauf!‹ sagte sie zu Hans Horsten. ›Was seid ihr? Was eure Erde? Ein Nichts, ein Hauch. Und ihr behauptet, des großen Gottes eingeborener Sohn sei auf eurer Erde gemartert und gekreuzigt worden? Und Gott Vater habe ihn zu diesem Zweck herabgeschickt und Mensch werden lassen? Und das alles – zu welchem Zweck? Damit Gott für sich selbst einen Rechtsgrund gewinne, euch die Sünden zu vergeben? Die der Gottmensch in Stellvertretung durch seinen Opfertod abbüße? Ist eure Erde so viel mehr als die anderen ungezählten Weltkörper, die Gott in seiner Allmacht erschuf? Oder ist der Gottes- und Menschensohn tausend und millionen mal den Kreuzestod gestorben?‹ Hans Horsten murrte in seinen Gedanken auf: ›Was das mit dem zu tun habe, das ihn von seinem Sohn trenne?‹ Noch stand er grollend vor der Wage und prüfte Schalen und Gewichte. Da nahm der Pastor das Wort, und sie waren, wenn auch gewissermaßen gegen die Abmachung, wieder beim alten Gegenstand. Der Geistliche bog die große Pilatusfrage: »Was ist Wahrheit?« um nach dem Recht. Recht und Wahrheit im letzten Sinn unerforschlich; nach unserem zeitlichen und menschlichen Verstand sei in bezug auf Glauben jeder im Recht, der Gott ehrlich und eifrig nachgehe, nämlich dem Gott, der und wie er in seiner Vorstellung lebe. »Sie, Herr Horsten, hatten und haben recht, Ihren Gott in Ehren zu halten. Er war und ist der Gott Ihrer Zeit, mit Ihnen in den Anschauungen Ihrer Jugend groß geworden. Dem sind Sie nachgegangen mit ganzem Herzen, haben ihn gefunden, der Gott gehört Ihnen zu. Ihr Sohn ist aber auch im Recht, Vertreter einer neu heraufgekommenen Zeit. Was früher mit ihm war, davon rede ich nicht. Jetzt aber hat er gesucht und gefunden. Und er und ich sind nicht weniger berechtigt als Sie, den Herrn der Welt so anzubeten, ihm so zu opfern, wie wir ihn verstehen.« Bei blinkendem Sternenschein überschritten sie eine Grabenbrücke. Dem Bauern war, als zöge man ihm die Bretter unter den Füßen weg. Alles kam bei ihm ins Schwanken: Wahrheit und Glaube und Recht. Ihm war, als läge er im weichen Morast, aber merkwürdigerweise war ihm dabei zumute, als erweise man ihm etwas Gutes, als lerne er jetzt erst die Glieder strecken und dehnen, als fänden seine Gedanken nun erst den Weg zu den goldenen Sternen. Und von oben floß Segen herab, er hörte das sanfte Rieseln. »Herr Pastor«, erwiderte er, »was Sie da sagen, in Ihrer Sprache sagen, ist wohl ein bißchen hoch für mich, und ich verstehe es sicher nicht so, wie ich soll. Aber das verstehe ich doch, daß Sie sagen wollen, es stehe eigentlich nichts fest in der Welt, und vor Gott gingen wir alle in der Irre. Die Menschheit habe es immer getan. Man dürfe mit keinem wegen seines Glaubens rechten, wenn er nur ein ehrlicher sei, einer, der auf Aufrichtigkeit und Wahrheit gegen sich selbst beruhe. Habe ich Sie recht verstanden?« »Sie haben, lieber Freund. Darin denke ich wie Sie und Sie wie ich. – Gott ist groß, so groß und unfaßbar, daß man seinen Namen ohne Not gar nicht in den Mund nehmen sollte. Redensarten wie: ›der gute Gott‹, ›der liebe Gott‹ sind, wie schon Goethe sagte, eigentlich Herabziehen seines Wesens ins Menschliche. Ich möchte ihn am liebsten den großen Unbekannten und Unerforschlichen nennen und bin auch darin in Übereinstimmung mit großen Männern. Wir können nur dunkle Gefühlsvorstellungen von ihm in unserm Innern hegen, und dies dunkle Gefühl einer Vorstellung nenne ich den Gott, den wir im Busen hegen. Und auf diesen uns allein zugehörigen Gott wende ich Christi Worte an: ›Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan!‹ An diesem uns zugehörigen Gott lasse man sich genügen. Sie, Herr Horsten, fanden den Gott des alten Kirchenglaubens, den man den rechten nennt. Gefunden haben Sie ihn, aufgetan hat er Ihnen. Sie sollen ihn behalten, aber denselben Gott sollen Sie in der Gestalt gelten lassen, wie wir ihn haben.« »Herr Pastor«, entgegnete Hans Horsten, »es gibt doch nur einen Gott. Wenn wir tun, wie Sie wollen, haben wir ja so viele Götter, wie es Menschen oder doch menschliche Auffassungen gibt.« »Nein und immer nein! Er ist derselbe, der Allmächtige, der große Gott. Was Ihnen als Vielheit der Gottheit erscheint, ist nur eine Vielheit unserer menschlichen Persönlichkeit, die sich in dem Versuch spiegelt, uns den Unbekannten vorzustellen.« Das Gesagte schurrte hinab nach den Schalen, und tausend milde Sterne standen über Hans Horstens Haupt. Es schurrte hinab zu den Schalen, den Gewichten aber traute der alte Bauer noch immer nicht. Er stand still und sprach: »Ein Wort, Herr Pastor! Was bleibt übrig vom Christentum?« Pastor Rank tat die Gegenfrage: »Herr Horsten, wissen Sie, erinnern Sie sich aus Ihrer Jugend noch etwas von Kant?« »Nicht viel mehr als den Namen.« »Kant hat also«, fuhr der Geistliche fort, »nachgewiesen, daß wir, wenn wir unser Urteil und unsere Wahrnehmungen ganz voraussetzungslos machen, die Dinge um uns her, was sie eigentlich sind, die ganze Welt gar nicht erkennen können, daß Raum und Zeit eigentlich gar nicht sind, sondern nur Anschauungsformen sind, und daß wir mit diesem Erkennen eben so wenig auf einen Gott wie auf eine Fortdauer nach dem Tode kommen. Dann aber, nachdem er alles weggefegt hat, steigt er in die Seele hinab und horcht, ob von dort eine andere Antwort wird. Und aus dem, was er dort erlauscht, als natürliche Anforderungen der praktischen Vernunft, stellt er alles wieder her: Gott und die Welt und Unsterblichkeit, und vor allen Dingen Sitte und Moral, als keiner weiteren Rechtfertigung bedürftig. So ungefähr geht es auch mit der Religion. Mir ist es so ergangen und auch Harro, und nicht nur uns, ich darf im Namen von Tausenden, ja von Millionen sprechen. Beweisen, was man so beweisen nennt, kann ich nicht, daß es einen Gott gibt, aber die in meinem Gemüt bestehende feste Zuversicht ist für mich mehr als ein physischer Beweis. Beweisen kann ich nicht, daß es eine Fortdauer nach dem Tode gibt, und doch weiß ich in meinem Gemüt, daß sie ist, daß unser eine Entwicklung zu höheren Formen harrt. Beweisen kann ich nicht, daß die sittlichen Lehren des Christentums auf göttlicher Offenbarung beruhen, daher ein Ewiges darstellen, aber in meinem Gemüt habe ich die Zuversicht. Und in dem Stifter unserer Religion verehre ich das absolute Genie der Sittlichkeit, über das wir niemals hinauskommen werden.« Der Sprecher hatte Kant den Alleszermalmer genannt, für seinen Hörer wurde er es. Sie waren auf dem breiten Steg weitergeschritten, immer im ruhigen Atem der Nacht, im Märchenlicht der Sterne, unter einem Himmel, in dem kein Wölkchen etwas von dem Klang und Weben der flimmernden Welten aufsog. Und doch war dem Kanzleiwirt, als seien Blitz und Donner in seine Seele niedergegangen und um ihn herum läge zerschlagen, was ihm lieb gewesen war. Und doch hatte er dabei die Empfindung, als wüchsen ihm Flügel, als winkten ihm unermeßliche Weiten. Sie waren an der Stelle angekommen, wo der Fußsteig schmal wurde. Ein weiteres Mitgehen hatte keinen Zweck, im Gänsemarsch philosophiert sichs nicht gut. »Wir müssen uns wohl trennen«, sagte Hans Horsten. »Ehe ichs vergesse: nehmen Sie sich bei Peter Hansens Brücke in acht. Sie hat ein Loch.« Einen Augenblick besann er sich. Dann fuhr er fort: »Ich habe noch eine Frage, aber das führt hier zu weit. Darf ich mal hinkommen?« »Aber selbstverständlich, Herr Horsten! Nach welcher Richtung geht Ihr Anliegen?« »Ich meine so: Nach dem, was ich von Ihnen gehört habe, möchte ich gerne wissen, was denn hier für uns feststeht und feststehen muß, damit die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen noch einen Sinn behält. Und dann möchte ich gerne wissen, was es auf sich hat, daß die Bibel Gottes Wort ist. Sie waren mit meinem alten Spruch, den Sie von mir hörten, nicht zufrieden. Meinerseits habe ich mir immer daran genügen lassen, er sei Gottes Wort und Gottes Offenbarung, denn er steht in der Bibel. Nun muß ich hören, daß der alte Jehova eigentlich nur so eine Art Jungsgott gewesen ist, ein noch unreifer Gott. Da kann ich nun nicht mit zurecht kommen.« »Ja, das ist ein eigenes Kapitel, lieber Freund, und heute abend auf dem Kirchensteig bei Sternenschein ... Übrigens ... da kommt der Mond. Wie eine rechte rote Blutblase steigt er herauf!« Jawohl, der Mond kam auf. Voll und rot und rund begann er über dem Horizont heraufzuwachsen ... Rote Blutblase? Dem Kanzleibauer erschien er wie das leuchtende Angesicht des Ewigen. »Bei Mond- und Sternenschein«, fuhr der Geistliche fort, »kriegen wir es nicht mehr zurecht. Sie wollten mich besuchen, tun Sies bald, tun Sies morgen, oder wenn Sie wollen, auch wenn der Tag keine Stimmung gibt, tun Sies am Abend, oder tun Sies wie Nikodemus in der Nacht. Da wollen wir sehen, was wir damit machen.« Es ging zum Abschied. »Und mit Harro, wie wirds? Sollte es nicht wirklich an der Zeit sein, ihn bei seiner Landung in Hamburg ins Vaterhaus zurückzuholen? Die ›Germania‹ kommt in diesen Tagen, ist vielleicht schon da.« Hans Horsten war erstaunt. »Was?« rief er, »mein Sohn jetzt schon? Davon weiß ich ja garnichts!« Der Pastor schlug sich leicht vor die Stirn und kramte dann in seiner Rocktasche. »Bin ein rechter Esel«, sagte er. »Da sitze ich und gehe und stehe und schwatze und vergesse das Wichtigste. Hier – lesen Sie zu Hause!« Und er reichte dem Kanzleibauer ein Zeitungsblatt. »Hat sich auf der ›Germania‹ eingeschifft. Die ist gestern oder vorgestern von Southampton in See gegangen, das Wetter ist günstig. Wer weiß, vielleicht ist Harro jetzt schon auf deutschem Boden.« Hans Horsten erstaunte. Der barmherzige Vater des verlorenen Sohnes war, als er ihn von ferne kommen sah, entgegengelaufen, der war dem Ankommenden um den Hals gefallen, hatte ihn geküßt und seine Freude herausgejubelt. Und er? – Sein tröstlichster Gedanke war gewesen, daß er ein paar Wochen, jedenfalls noch eine Woche Zeit habe, zu denken und zu überlegen. Und nun –! Was alles war über ihn gekommen an diesem Tag! Was hatte man ihm genommen, und was ihm gegeben! Und nun sah er sich auch um die Gnadenfrist der Erwägungen betrogen. Der Geistliche sah den Tumult, den er in der Seele des Bauern angerichtet hatte, und rührte nicht mehr daran. Er wußte, daß Hans Horsten in kurzem die Klingel im Pastorenhaus bewegen werde. ›Er soll mir willkommen sein‹, dachte er, ›auch dann, wenn er als ein nächtlicher Nikodemus erscheint.‹ Sie nahmen Abschied. Der Mond stand ein paar Linien über dem Horizont, die roten Farben wandelten sich zum weißlichen Licht, wie Graupelschnee glänzte es ringsumher. Dem Kanzleiwirt war, als wandere er im Jenseits vor dem Angesicht des Ewigen. »Nun haben wir beide hell«, sagte Pastor Rank. Ein paar Schritte lagen schon zwischen ihnen, da wendete sich der Kanzleibauer zurück und rief: »Herr Pastor, Sie haben mir viel genommen« (zunächst und zuerst empfand er die Leere, dann aber auch das Fluggefühl), »aber auch viel gegeben!« fügte er hinzu. »Suchet, so werdet ihr finden!« wurde ihm als Entgegnung. Und über ihnen geruhsames Verständnis und blinkendes Schweigen der Sterne. Und noch einmal des Geistlichen Stimme: »Jeder glaube und verehre den Gott, den er im Innern trägt. – Gute Nacht!« »Gute Nacht!« Das war das Letzte. Eine kurze Weile begegneten sich noch die Schwingungen ihrer Tritte ... Dann wußten auch die nichts mehr voneinander. Und dann knarrte in der Kanzlei die hohe Tür unter dem frommen Spruch. Dritter Teil 1 Professor Harro Horsten war auf der Heimkehr. Eine lange Seefahrt, nun aber winkte der Hafen. Das Weltmeer, der Ärmelkanal, Frankreichs Küste, die belgische, die der Niederlande ... das alles lag hinter der Furche des Schiffskiels. Wohin er auch die Flüge seiner Sehnsucht schickte, gen Süden und ostwärts, überall landeten sie auf deutschem Boden. Und das von schroffen Felszinken umgürtete Eiland, wo die deutschen Farben wehten (als er auszog, warf der Wind noch Wellen in Großbritanniens Flagge), tauchte am Horizonte auf. In des Reisenden Angesicht ist zwar der Sonnenbrand einer anderen Hemisphäre eingegraben (der gibt drüben selbst dem Stubenmenschen etwas Hageres, Indianerhaftes), nun aber liegt ein weicher Glanz darauf. Frische Brise, achtbare Wellenberge mit weißen Hauben (das Schiff durchschneidet sie in schräger, schlingernder Lage), schäumende, grünglasige Hügel – aufgereiht, so weit das Auge reicht. Ein pochender Wind in Mast und Tauen und Segeln, ein Singen und Raunen, und unbekümmert die ruhig arbeitende Maschine. Es ist wie überall, und doch anders als an welscher Küste, es klingt wie schaumspritzender Märchengesang guter, deutscher, solider Nymphen. An welscher Küste hat es geregnet, aber die Sonne ist wieder durchgekommen. Im Norden stand für kurze Zeit eine Wetterwand, drei Regenbogen – übereinander gewölbte, goldene Brücken ... Götterdämmerung? – Immer noch der alte, für und für lebendige Judengott, der nach den großen Wassern den siebenfarbigen Bogen in die Wolken setzte zum Siegel seiner Zusage, die Welt nie mehr durch eine Sintflut zu verderben. – Die Sonne lachte dazu, ihr Gold strich bordseits über die Wellen hin. Und jetzt in deutschen Gewässern versinken Wetterwand und Regenbogen. Die das Schiff umtanzenden Wasserberge erinnern ihn mit ihren sanften Wandungen an die Sandhügel der zwischen Geest und Marsch gelegenen Dünenlandschaft, nicht weit von seines Vaters Hof. Der vom Gipfel herabfließende Sandhafer täuscht wohl Festigkeit vor, auf den Gipfeln kann er aber den bleichen, wehenden Sand nicht verbergen, da gleichen sie den Wasserwogen und ihrem schäumenden Gischt. Und einsam, graugrün liegen sie – hingestreckt in jagenden Reihen, ganz wie die jetzt gegen die Schiffswand stürmende bewegliche Unendlichkeit des Meeres. Als er, ein junger Mensch, verstoßen, verjagt von seines Vaters Hofstelle ging, sah er sich zweimal um. Das erste mal, als er über die Gartenpforte gestiegen war; sie war verschlossen gewesen, und ihm hatte der Schlüssel gefehlt. Aus der Haustür hatte er nicht gehen wollen, um die Stubenfenster des Alten zu vermeiden. Er sah nach der Heimstätte zurück, von der er nur ein paar Körner Staub an den Stiefeln mitnahm. Da lag der große, reiche Hof, mit seinen Ställen und Scheunen im Schatten und Schutz der Bäume. Dick und satt und selbstzufrieden lag er da und kümmerte sich nicht um den davongejagten Sohn. Das Wohnhaus, das darangebaute Kuhhaus, das Dielenhaus, wo auch der Pferdestall war, die beiden Heuställe (alles strohgedeckt, die Kanten und Firste von Pappe eingefaßt), daneben das dachziegelrote Backhaus – keines kümmerte sich. Nur eines, die hohe Scheune mit dem blauen Giebel (der Anstreicher hatte die Farben aufgefrischt und das Fenster weiß eingerahmt), nur dies große Zyklopenauge sah nach ihm hin. Sein Freund stand am Weg. Mit ihm ging er zusammen. Bei Fritz Harbecks Kate biegt die Straße in die Liether Sandberge ein, bei Fritz Harbecks Kate sah er sich zum letzten mal nach dem Blaugestrichenen um. Es war das Letzte; den ruhigen, trostvollen Giebelblick nahm er mit, der hat ihn als Zusage der Wiederkehr in die Fremde geleitet. Merkwürdigerweise fand er, als sein Fuß die deutsche Erde verließ, eine Art davon in der großen Hafenstadt wieder. Bei dem Fährhaus ein altes, weitläufiges, aus roten Backsteinen aufgeführtes, mit roten Ziegeln gedecktes Haus, in nichts an die strohgedeckte Scheune erinnernd als in dem ihm komischerweise angeklebten blauen Giebel mit dem von weißen Brauen umgebenen Einauge. Und zwischen dem verlorenen Sohn und dem Giebel ging es hin und her, so lange wie sie sich sehen konnten. ›Bin ich so schuldig, wie mein Vater meint?‹ ›Schuldig sein und schuldig werden ist des Menschen, Los. Schuldig bist du, aber nicht mehr, als du sein und werden darfst.‹ ›Und mein Vater?‹ ›Es ist nicht anders bei ihm als bei dir. Er mußte handeln, wie er getan, es mußte kommen, wie es gekommen ist.‹ ›Kann noch wieder gut werden, was schlecht geworden ist?‹ ›Mein lieber Junge, es kann, und ich hoffe, es wird.‹ ›Wirst bleiben, bis ich wiederkomme?‹ ›Wie Gott und meine Herren, die Handlung Illies \& Co., wollen.‹ Und während solchen stummen Gesprächs hatte sich das Schiff damals langsam in den breiten Strom durch den Hafen geschoben. Der Strom war noch nicht vertieft, wie es später geschehen, große, tiefgehende Schiffe hatten Not, ohne Leichter hinein oder heraus zu kommen. Der Heimkehrende denkt daran und sieht nach dem Tröster aus. Und sieh, der alte Speicher ist noch da, hat auch noch seinen Giebel, aber der ist jetzt grün und beide sehen alt und verrunzelt aus. Ein paar Bretter sind lose, in dem Auge fehlt ein Eckchen Glas. Er sieht aber unbekümmert und mit pfiffig philosophischer Überlegenheit drein. ›Guten Tag! ‹sagt der Reisende. ›Guten Tag!‹ der Giebel. Und nach einer Weile: ›Na, Junge, bist wieder da?‹ ›Jawohl, Alter, und ich denke, nicht zu früh.‹ Aus dem Einauge ein schmunzelnder Blick. ›Tüchtiger Stoß Jahre dahingerollt, seitdem du den Fluß hinunterfuhrst.‹ ›Ja, alt geworden, und mehr noch im Herzen als an Jahren.‹ ›Alt? Ich schätze Ende der Dreißiger.‹ ›Kann stimmen.‹ ›Und da willst von Alter reden?‹ ›Wer seine Heimat verloren hat, ist immer alt.‹ ›Geh, die große holt dich wieder, die kleine wirst auch finden.‹ »Meinst du?« Sie tauschten Rede und Gegenrede, als das Schiff langsam vorüberfuhr. Der Landungsplatz war nicht mehr der alte, bis zum neuen war es noch eine kleine Strecke. Beim Anlegen fand Harro Horsten zu seiner Freude sein altes Absteigequartier ›Zur Sonne‹ an der Brücke durch eine bunte Mütze vertreten. Die erhielt seine Koffer. Er selbst wollte zu Fuß gehen. Bekanntes und Unbekanntes grüßen und sich grüßen zu lassen. Schau, schau ... Rechter Hand, linker Hand, überall neue Häuser, und was für welche! ›Sieh uns doch mal an, Freundchen, es lohnt!‹ Aber er blickte kaum hin. Das hat man überall, und jenseits des großen Teiches wohl mehr noch als hier. Was gingen ihn die Formen an, die Mörtel und Stein angenommen hatten? Das schlug keinen Funken aus seiner Seele. Das Wetter ist zwar heiter, aber schon etwas hart, härter als sonst, wenn es zu herbsten beginnt. Und nun ist es Abend geworden, die Sonne am Untergehen. Dunst und Nebel erglühen im Weltenbrand. Wolken, zu Palästen getürmt, prächtiger Hochaltar, durchbrochener Säulendom, Springbrunnen von Licht und Farben aus Tor und Fenster, und Rosenschimmer und Goldglanz darüber her. Goldglanz auch auf seinem Angesicht. Er ist der Andacht voll. Er kann es nicht sagen, kann es nicht in Worten denken, er kann nur fühlen, wie ihm ist. Und die Augen die weichen Gesellen, wollen übergehen. Wenn nur nicht so viel Volk vorüberhastete, wenn er allein wäre, er würde fließen lassen, was rinnen will. So voll ist er der Wehmut und noch mehr des Glückes voll. Als die Augen sich der Heimatwunder voll gesogen haben, senkt er die Lider. Und vor den geschlossenen steht eine hehre Gestalt, er sieht sie öfters, zumal dann, wenn er fühlt, daß das Glück ihn sucht. Er nennt sie seine gute Fee, seinen Stern. Hinter einem Schleier von Rosenrot und Goldglanz und Licht und Freude. Ihr Fuß berührt die Erde, aber des Himmels höchste Wolken beschatten ihr Haupt. Und ihre Hände segnen. Sie haben nichts anderes gelernt, sie können nur segnen. Er ging und fragte nach seinem Gasthof, fand sich aber in dem Gassengewirr des Hafenviertels nicht mehr zurecht. ›Holla!‹ rief ihn jemand an. ›Guck doch mal auf!‹ Er war wieder bei Illies Speicher, und das Einauge lachte. ›Das Abendrot hat dich mitgenommen?‹ sagte es. ›Ja‹, entgegnete er, ›ich muß es zugeben.‹ ›Ei, ei, so rührsam? Dann bist du auch wohl wieder Freund mit dem lieben Gott?‹ ›Ja, ja ...‹ ›Denn man hin zu ihm!‹ ›Will ich auch ...‹ ›Guten Abend!‹ ›Guten Abend!‹ Nun nahm er sich vor, acht auf seinen Weg zu geben, und kannte sich denn auch wirklich aus. Auf dem Roßmarkt schrie ihn ein grellroter Säulenanschlag an: › Gibt es einen Gott? ‹ Vortrag, und nach dem Vortrag freie Aussprache. Ein ihm unbekannter Redner. Im Elysium soll morgen abend festgestellt werden, ob es einen Gott gibt. › Gibt es einen Gott? ‹ Das war die Frage, die ihn aus der Heimat vertrieben hatte. Er trat, als er vor der Anschlagsäule stand, fest auf. Er fühlte, daß sein Fuß den Mutterboden seines Wesens berühre. › Gibt es einen Gott? ‹ Er wollte hin und seines Herrgotts Rechte wahrnehmen. 2 Die Saalwände im Elysium sind nicht gewohnt, Worte und Reden von Gott und Religion und Ewigkeit zu hören und zurückzuwerfen, und sind dessen froh; klingt es doch hart und ernst, so ganz anders als die weiche Tonflut Straußscher Walzer. Denn die sind ihrem Wesen nach Freude und Hingabe und irdische Liebe; die Elysiumswände sind von Weltfreude vollgesogen, sie und ihre rohen Fresken, die ein guter Pinseler hingeklext hat, auch die Säulen, die die Wölbung tragen, haben ihren Anteil daran. Es kleben Dunst und Dampf von heißem Grog und kaltem Bier daran, Holzschlegelklang angesteckter Bierfässer, auch wohl ein derbes Wort, ein roher Fluch – und alles paßt zur Weltfreude, wie man sie im Elysium versteht. Heute aber steht ein Prophet auf der Bühne, aber auch der beileibe kein Prophet des Glaubens, kein Wegweiser in die von uns über den Sternen erdichtete Welt. Nein: ein Prophet des Unglaubens, einer, der beweist: ›Es gibt keinen Gott!‹ Und er führt ein besonderes, freilich altes Stück auf, dessen Urheber er verschweigt, will er doch selbst dafür gelten; er zahlt kein Aufführungshonorar für die von ihm gestohlene Komödie, die er als Zugabe oder vielmehr als Einleitung zu seiner Rede gibt. Es ist ein Mann mit goldener Brille und stattlichem braunem Bart. Wenn er. lächelt (und er lächelt öfter, als nötig ist), dann lächelt er das Lächeln der Gutmütigkeit, der Überlegenheit. Wenn er lächelt, dann leuchten tadellose, gewissermaßen auch lachende Zähne über die Versammlung hin. Es ist eine große goldene Uhr mit großer goldener Kette und schwerem Gebaumel, die er von seiner Weste loshäkelt und auf den Tisch legt. »Hochgeehrte Versammlung!« spricht er. »Ich beabsichtige zu beweisen: es gibt keinen Gott. Es sind Herrschaften hier im Saal, die an ihn glauben. An euch, ihr Gläubigen, wende ich mich. Eurem Gott will ich ins Gesicht sagen: du bist nicht, bist nichts als ein Fabelwesen, ein Idol, bist nicht mehr brauchbar. Verschwinde! Wir wollen dich in den Ruhestand versetzen. Gäbe es einen Gott, wäre er wirklich da, gäbe es einen des Alten Testaments oder des Neuen oder einen ganz modernen, den sich jeder nach seinem Gefallen zurecht macht, einerlei – er würde es nicht ertragen, was ich ihm antun werde, würde sichs nicht gefallen lassen, würde mich vernichten, würde mich tot hinstrecken, so wie ich hier stehe. Wozu hätte er sonst seine Allmacht? Eine bessere Gelegenheit, sein Dasein zu beweisen, fände sich nicht. Also! Vernichtet er mich, so habt ihr ein Recht, zu sagen: Seht ihr wohl, er ist noch immer der Allmächtige, er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der zornige Herr Zebaoth. Tut er es aber nicht, bleibe ich leben, schlägt er mich auch nicht an Haupt und Gliedern, so müßt ihr sagen: der Mann auf der Bühne hat recht, er hat einen Popanz herausgefordert, ein Wesen, das gar kein Dasein hat. Dann, müßt ihr mir zugeben: es gibt keinen Gott!« Eine Kunstpause ... eine halbe Minute. Auf der Versammlung lagert Stille. Es ist die Stille hier der Erwartung, dort des Entsetzens, in ein paar Ecken der Empörung. Der Mann auf den Brettern räuspert sich und nimmt die hohe, erprobte Miene der Theaterhelden an. Und er reckt die Rechte gegen den Kulissenhimmel. »Wohlan, Gott in der Höhe! Du, an den ich nicht glaube! Ich fordere dich auf, zu tun, wie ich sagte. Du bist ja allwissend, hörst also, was ich sage, bist allgegenwärtig, also hier im Saal, bist allmächtig, nun erhebe deine Allmachtshand und strafe den, der dich lästert! Nun zeige, daß du ein eifriger Gott bist, der seiner nicht spotten läßt! Hier liegt meine Uhr.« Der Redner wies auf sie hin: »Sie zeigt einunddreißig nach acht, – fünf Minuten lasse ich dir, deine Allmacht, deine Gotteshand, dich selbst zu beweisen. Ich denke, für einen Allmächtigen, für einen, der über alle Zeiten in Ewigkeit thront, ist es genug, mich zu strafen. Das Wie überlasse ich deiner Weisheit, deiner Rache, deinem Zorn und deiner Grausamkeit ... Strecke mich tot hin oder gelähmt oder geistesverwirrt, schütte die Flammen deiner Qualen über mich aus, wie dir gefällt! Nicht wahr – bis acht Uhr sechsunddreißig Minuten! ... Fertig! – Und nun greife zum Schwert der Rache, zum Donnerkeil, zum Waffensaal der Hölle – hier stehe ich und lästere dich. Strafe mich!« Der Redner schweigt. Und sein Gesicht lächelt wieder. Er lächelt über die Versammlung hin. Mit braunem Bart, mit goldener Brille. Und an seiner Uhr zählt er die Minuten ab. In der Versammlung tiefe Stille – die Stille, die Ruhe des Entsetzens, der Empörung. Hunderte zählen mit dem Redner, die Uhr in der Hand. Eine Minute ... Der Mann ist unversehrt. Er streicht mit weißer Hand über den braunen Bart. Und wieder gießt er Ruhe und Vertrauen über die Versammlung aus. Der Polizeibeamte, der die Versammlung überwacht, weiß nicht, was er machen soll. Er blättert in einer Taschenausgabe seines Strafgesetzbuches. Ist das, was vor seinen Augen geschieht, Gotteslästerung? Muß er die Versammlung auflösen? Aber er denkt an das Geschrei der Presse, an die Beschwerden, denkt an die Hydra der ihm erwachsenden Scherereien und – unterläßt es. Zwei Minuten ... Der Held auf den Brettern hat die Uhr hingelegt, er trinkt ein Glas Wasser. Und für und für im Saale tiefes Schweigen. Drei Minuten ... Ein schwarz gekleideter Herr ist aus der Kulisse zu dem Redner gekommen. Mit dem unterhält er sich ... murmelnd, leise ... Vier Minuten ... Er steht wieder am Tisch und lacht. Befriedigt die Hände reibend, geht er auf der Bühne auf und ab. Er lächelt nicht, er lacht. Mit vollem Munde, mit Augen und Bart. Fünf Minuten ... »Eigentlich«, sagt er, »ist die dem Herrgott gesetzte Frist um, aber wir wollen noch eine Minute zugeben. Er kann«, spottet er, »zerstreut oder über Land gewesen sein, wie Gott Baal zu Elias Zeit, oder seine Uhr nicht in Ordnung. Also noch eine Minute.« »Sechs Minuten ... Es hilft alles nichts«, höhnt der Redner. »Euer lieber Gott hat die Wette verloren. Nicht wahr«, fragt er die Versammlung, »es ist alles recht und in Ordnung zugegangen?« Vereinzeltes Zischen, aber es kommt nicht zur Entwicklung. »Jawohl«, antwortet es aus hundert Kehlen, donnerndes Bravo durchbraust den Saal des Elysiums. »Gesund an Haupt und Gliedern stehe ich vor Ihnen ... Also: es gibt keinen Gott!« Wiederum vereinzeltes Zischen, ein paar Rufe: »Empörend, wo bleibt die Polizei?« Aber das vergräbt der brausende Beifall. »Wie könnte es auch einen Gott geben?« Bei diesen Worten ist der Sprecher mit dem Einhäkeln der Uhr und ihres Gebaumels fertig geworden. »Wie könnte es auch einen Gott geben? Ich habe dargetan, daß er nicht ist, jetzt will ich beweisen, daß er gar nicht sein kann.« Harro Horsten saß unten im Saal. Er hatte die freche Komödie mit angehört, hörte nun auch die sogenannten logischen Beweise des Redners mit an. Alte Träume ... alte Irrtümer ... Der Mensch, der oben gestikulierte und sprach, ging in Schuhen, die ein einigermaßen auf die Stimmen der Zeit Hörender längst ausgetreten hatte. Und die rohe Art, wie der Redner in die Innenwelt so manches noch ganz oder halb gläubigen Zuhörers hineingriff, ohne eine Spur von Verständnis für die jedenfalls subjektive Gefühlswahrheit dessen, was er zerstörte, das mußte Grimm und Kummer wecken. Harro rettete sich auf den Fittichen des Humors, den er glücklicherweise niemals vergebens beschwor, wenn er über die Dinge dieser Welt hinwegkommen wollte. Wohin? ... Zu ihm ... zu dem, dessen Dasein geleugnet wurde. Nicht immer aber gelang der Flug über die Sterne, zuweilen stieß er den Kopf an der blauen Himmelsdecke. In der Regel begnügte er sich, den großen Gott zu bitten, sich zu ihm herabzubemühen, auf einen Augenblick seinesgleichen zu werden. So tat er auch im Elysium. Oder vielmehr der Nichtauszusprechende kam ohne Zutun seines bewußten Vorsatzes zu ihm und wurde ihm zu Gefallen auf ein Stündchen ein Mensch. Ein Unsichtbarer stand er neben Harro Horsten und nahm ihn bei der Hand. Und für alle Elysiumsbesucher unter einer Tarnkappe verborgen, wandelten sie im Saal umher. Erst gingen sie hinter der Säulenreihe des Saales auf und ab und hörten dem Redner zu. Dann wurde es dem Herrn der Welt zu langweilig. »Wir fliegen hinauf!« sagte er. Nun saßen sie in einer netten Himmelsloge, lehnten sich über die Brüstung und hörten und sahen hinab, was sich im Elysium weiter begebe. »Der Grasaff! Beweist, daß ich nicht bin. Habe mal einen Meister in die Welt gesetzt, der konnte Maschinen machen, die räsonierten, nicht viel übler als der Mensch da, der auch mein Werk ist. Und ein von ihm gemachtes Werk hat ein Halbjahr hindurch Vorlesungen darüber gehalten, daß es keine Mechaniker gebe, gar nicht geben könne.« Bei Nacht und Sternenschein sahen sie durch Dach und Fach in den Saal vom Elysium. Und noch immer stand der Brillenmann mit dem braunen Bart auf der Bühne, triumphierend, handschlagend, den Herrgott mindestens zehnmal totschlagend. Und klar und hart drangen die Worte hinauf. »Hör mal genau zu«, sprach der Herr. »Da steht er, einen Haufen angelernter, halbwahrer Sätze wie einen Wollknäuel kauend.« Dabei lachte er gutmütig, der Allmächtige. »Aber«, fuhr er fort, »alles nach meinem Plan. Ich habe ihn eigens hingestellt. – Nicht wahr, Horsten, es geht wunderlich zu in meiner Welt? Aber getrost, es kommt alles zurecht – Was sagst du? Was hätte ich tun sollen? Ich hätte dem Mann, der mich lästert, einen Denkzettel geben sollen? Wenn auch nur einen kleinen? Nein, mein Lieber, meine Weltregierung kann und will ich nicht nach dem Komment der Bierminuten eines Narren einrichten. Ich will es den Menschen auch nicht zu leicht machen, mich zu finden.« Von unten eine vom Triumph geschwollene Stimme: »Erst habe ich durch die Herausforderung Jehovahs bewiesen, daß er nicht ist, und dann Beweise auf Beweise gehäuft, daß er nicht sein kann. Ich eile zum Schluß.« »Wär ich nicht der liebe Gott«, warf dieser ein, »ich würde sagen: Gott sei gedankt, daß das Gequatsch ein Ende bekommt. – Nachher kommst du, Harro, hast es mir versprochen.« »Ich werde mein Versprechen halten.« »Daß du dich aber nicht unterstehst, zu beweisen, daß ich bin!« ... Und Harro Horsten sah sich wieder im Saal, er stand auf der Bühne des Tanzsaals vom Elysium. Und wie er auf der Tribüne stand, tat er nach Gottes Befehl. Er sprach kein Wort, das man als Beweis für Gottes Dasein hätte ansprechen können. Er sprach nur von seiner eigenen Erfahrung, von seinen Erlebnissen. Das heißt, nicht von seinen äußeren, nur von seinen inneren, von seinem Verhältnis zu Gott, von der Entwicklung seines Gottesgefühls. Wie Gott der beste Freund seiner Kindheit, Gegenstand der Liebe, ihm fern und ferner gerückt sei, zuletzt nur noch im Dämmer lyrischer Andachten gefühlt und verehrt. Und wie er ihn zuletzt ganz verloren gehabt. Wie er ihn verloren gehabt, erst verschleiert im Pantheismus mit der Formel: Gott = Natur, dann inmitten einer vollends entgötterten Natur. Der gottverlorenen Öde dieses Tiefstandes widmete er eine eingehende Betrachtung. Und dann der Aufstieg, die Periode des Wiederfindens. Purpurne Morgenröte ... Aufgang der Sonne. Erst im Dämmern des Gefühls, dann in lebendiger Anschauung der Phantasie, endlich in fester Zuversicht eines in Gottes Armen sich geborgen Fühlenden, dem nichts widerfahren könne. Aber war dies Gefundene ein Wiedergefundenes, war es das dereinst Verlorene? War es der taufrische Glaube der Jugend? Nein, jedenfalls nicht seine Form. Himmel und Hölle? Wer fragt darnach, wer will sich nicht genügen lassen an dem Einssein mit ihm und dem All, das er in sich und außer sich hegt und trägt? »Hier und da«, fuhr er fort, »mag einer auftreten und das Unglauben schelten, was ich Glauben nenne, mit dem ich lebe und auf den zu sterben ich bereit bin. Er mag mich zu den Lauen zahlen, die der Herr, nach den Worten der Schrift, ausspeit aus seinem Munde als nicht kalt und nicht warm. Solche Worte werden fallen und andere noch, die bitterer schmecken als diese. Aber das wird nicht unsere (ich sage ›unsere‹, denn ich weiß, ich spreche im Namen vieler Tausende), das kann die Festigkeit und Sicherheit unserer Zuversicht nicht erschüttern ... Nicht als ob unser Schauen die nackte, platte Wirklichkeit treffe (in dem Sinn bleibt Gott hienieden für uns immer unerforschlich), nein, nicht das. Unser Ahnen kommt über das Gleichnisartige und Symbolische nimmer hinaus. Also nicht die Zuversicht der Wahrheit im platten Verstande, wohl aber die innere Gewißheit, in solcher Denkrichtung hier auf Erden das erhalten zu haben, was uns im Höchstmaß beschieden sein kann, nämlich hier Seelenfrieden und nach unserem Heimgang Entwicklung zur höheren Tätigkeit. Weshalb ich das sage? Warum ich der Allgemeinheit preisgebe, was mein Heiligtum hätte bleiben sollen? Weil ich selbst nichts bin als ein Teil des Ganzen, das wir die Menschheit heißen. Weil ich weiß, daß viele die gleiche Bahn durchlaufen, weil ich weiß, daß unter uns hier manche versammelt sind, denen ich das Wort vom Munde nehme, auch solche, die noch mit sich selbst uneins diesen Saal der Gotteslästerung betreten haben. Und zumal für die habe ich gesprochen. Wenn eine Wage schwankt, wenn es zweifelhaft ist, welche Schale steigen, welche sinken wird, dann kann ein kleines Gewichtchen, ein Lot, ein Gramm den Ausschlag geben. Vielleicht ist mein schwaches Wort für den oder jenen dieses Gramm. Ich nehme an, es ist jemand schwankenden Glaubens gekommen und durch das, was er hier gesehen hat, noch ärmer, um eine Stütze seiner Zuversicht noch ratloser und haltloser geworden. Da mag, wenn er diesen Raum verläßt, das, was ich an eigener Seele erfahren habe, ein Halt sein, ein Stab, worauf er sich stützt, ein Rohr, wenn auch nur ein schwaches.« So ungefähr sprach Harro Horsten und ging auf seinen Platz zurück. Tiefe Stille ... lange Zeit ... dann Beifall. Erst schüchtern, dann brausend, voller Selbstvertrauen, die Zischer voll übertönend. Es gab also doch noch Hörer im Elysium, die für Brot und nicht für Steine nahmen, was er geboten hatte. Aber nun schnellte der mit dem braunen Bart wieder auf die Bühne. Man sah es ihm an, es ging auf des Vorredners Vernichtung. – Gut! – Der wollte lieber in seiner Abwesenheit hingerichtet werden. Er stand auf, drückte sich durch die Bänke und verließ den Saal. 3 Elysium lag in einer Seitengasse, wo die Straßenbeleuchtung spärlich war. Sie hätte heute, wenn der Mond auch erst nach Mitternacht im Kalender stand, vielleicht ganz gespart werden können, denn der im Elysium geleugnete Herr der Welten hatte seine schönste Sternenhalle über Gläubige und Ungläubige gewölbt. Im feuchten Flußtal der großen Stadt hatte ein leichter Regen die Luft gewaschen, das Pflaster war noch feucht, und die Lichter des Himmels und der Erde wiederglänzten darin. Himmel und Luft von erquickender Reinheit und Zartheit. Harro Horstens Schritt hallte in der Gasse nach. So einsam war es. Ein zweiter trottete hinter ihm her, das Gefühl des Alleinseins wurde dadurch nur vertieft. Die Wände nahmen Schritt und Tritt auf, auch das war lebendige Veranschaulichung der Einsamkeit. An der Ecke, wo die Elysiumsgasse in die große Verkehrsstraße fiel, kam es rascher, wie um ihn einzuholen. Das war denn auch wirklich der Fall, eine Stimme rief ihn sogar an. Harro wendete sich, er sah im Lampenlicht einen alten, hageren, ärmlich gekleideten Mann. »Verzeihen Sie«, sprach der Fremde, »daß ich Sie aufhalte, aber ich muß Ihnen danken.« »Mit wem habe ich die Ehre?« Darauf die Antwort: »Mein Name tut nichts zur Sache, ich will nur danken, danken muß ich. Ich war im Elysium. Mir werden Ihre Worte nicht nur ein schwaches Rohr, sie werden mir ein starker Stab sein, eine Stütze, die ich nicht wieder aus der Hand lege.« Und er erzählte seine Geschichte – eine Alltagsgeschichte, weil sie öfter vorkommt, eine traurige für den, der sie am eigenen Leibe erfährt. Er war in guten Verhältnissen groß geworden, aber (nicht ohne eigene Schuld) wirtschaftlich und sittlich heruntergekommen und nun ein armer Mann, im Tiefstande irdischer Not, glücklicherweise aber auch im Beginn sittlichen Sichwiederfindens, da er angefangen hatte, an die eigene Brust zu schlagen. – Schon lange hatte er geglaubt, das Leben nicht länger ertragen zu können, hatte beschlossen, nach dem Elysium zu gehen, zu sehen und zu hören, ob es wahr sei, was die Welt sage, daß alles Lug und Trug, das mit dem Glauben an Gott und an Gottes Güte. Und bei dem Vortrag des Propheten hatte er gedacht: ›Es ist so. Hänge dir einen Stein um den Hals und ersäufe dich im Fluß, wo er am tiefsten ist.‹ »Aber da kamen Sie mit Ihrem herrlichen Wort, mit Ihrem Gottvertrauen. Nun bin ich gerettet, nun bin ich entschlossen, geduldig hinzunehmen, was kommt, und so glücklich zu sein, wie ich werden kann. Ich muß Ihnen danken.« Und er ergriff beide Hände von Harro und bedeckte sie mit Küssen. Harro bot ein Goldstück, aber das wies der Mann lebhaft zurück. »Es würde das Andenken an diese Stunde verunreinigen. Sie müßten annehmen, daß es schließlich doch auf eine Bettelei abgesehen gewesen sei. Auch jetzt sage ich Ihnen nicht Namen und Wohnung. Das Bewußtsein, eine Seele gerettet zu haben, soll Ihnen rein erhalten bleiben. Ich will auch nicht wissen, wer Sie sind.« * Die Erlebnisse des Abends hatten Harro erregt. Er fürchtete, nicht gleich schlafen zu können, suchte daher ein Kaffeehaus auf und vertiefte sich in die Tageszeitungen. Es war nicht mehr früh, als er vor seiner Herberge anlangte. Die nannte sich noch immer nicht ›Hotel‹, sondern ›Gasthof‹, ›Gasthof zur Sonne,‹ sah alt und konservativ aus, und war es auch. Zentralheizung, Fahrstuhl – unbekannte Dinge, aber elektrische Beleuchtung, die hatte man angelegt. Harro mußte den Hausdiener herausklingeln, das Haus schlief in allen Ecken und Winkeln. Eine Kurbelbewegung, und Flur und Treppe waren hell erleuchtet. »Ich warte«, sagte der Hausgeist, »bis Ihre Türe geht, dann drehe ich aus. Da haben Sies überall hell.« Und es war gut, daß es überall hell war. Denn selbst im Hellen begegnete dem Professor etwas Wunderliches. Als er die Treppe hinaufstieg, war ihm, als ob ein Schatten neben ihm und mit ihm die Stufen nehme. Und ganz sonderbar – ein Schatten, den er nicht mit Augen, sondern nur mit seinen Gedanken wahrnahm. Und in diesem nicht mit Sinnen sondern nur in Gedanken wahrgenommenen Schatten tauchten je und je die Züge eines ihm bekannten Antlitzes auf – harte, gemeißelte Linien, trotzige Augen, hochgewölbte Brauen ... Nur in Gedanken ... Gesehen hatte er nichts, hatte es aber im Gefühl, daß neben ihm ein Mensch, ein Schatten, der trotzige Augen und hochgewölbte Brauen habe, die Treppe hinaufgehe. Auf dem Treppenpodest wandte Harro sich rasch dahin, wo er es neben sich spürte. Aber es war niemand da. Seine Augen starrten in die leere Helle. Wie er aber weiter ging, war es wieder neben ihm. Wieder kehrte er sich scharf dahin um und wieder war nichts zu sehen. So ging es einen langen Gang bis zu seiner Zimmernummer, der Gang in voller Ausdehnung erleuchtet, Harro aber fühlte bei jedem Schritt neben sich den unsichtbaren Begleiter. Einmal, zweimal stand er still, er hatte Atemzüge gehört, richtige Atemzüge ... tiefe, pfeifende. Früher hatte er einen gekannt, der so atmete, wenn ihn etwas drückte oder erregte. Das war sein Vater. Bei ihrer letzten Unterredung hatte er es auch getan. Damals, als ihn noch der Zorn beherrscht hatte, noch nicht die unnatürliche eisige Ruhe über ihn gekommen war. Und wieder stand Harro still und sah sich um. Alles Körperliche, Gegenständliche sah er: das braunrote Gewebe des hingebreiteten Läufers, die von den schlafenden Gästen vor die Zimmertüren gestellten Stiefel und Schuhe, die zum Reinigen hingehängten Kleider, die Ziffern der Stubennummern – alles sah er, nur nicht die Ursache dessen, wonach er suchte. Er betrat sein Zimmer, und in demselben Augenblick erlosch die Beleuchtung im Gang. Harro drehte die Stubenflammen auf. Der Raum war leer. Er untersuchte alles, die Ecken, die Erker, die Schränke, sah unters Bett. Alles leer und unverdächtig. Er war allein im Zimmer. Und doch verließ ihn nicht das Gefühl, daß jemand bei ihm sei und nur auf den Augenblick warte, wo er das, was sie nach noch unbekannten Gesetzen schied, durchbrechen dürfe. Darüber kam er in eine wunderliche Stimmung, in der sein Gleichmut, den er als die Grundlage aller seelischen Gesundheit ansah, ins Wanken geriet. Und er sann auf Mittel, sich davon zu befreien. Auf dem Schreibtisch standen Bücher, darunter Jens Peter Jacobsen – nun wußte er sich geborgen. Die Blätter fielen bei ›Frau Föns‹ auseinander. Er legte sich aufs Bett und las ›Frau Föns‹, diese so traurige und doch so unendlich beruhigende, uns wie mit weicher Frauenhand liebkosende Geschichte, die Geschichte der nie versiegenden Mutterliebe. Ja, was gehts den, dem man seine Liebe schenkt, denn auch groß an? – Und als er gelesen hatte, legte er das Buch weg, drehte die Flamme aus und räkelte sich unter die Decke ... Er versuchte einzuschlafen, es gelang aber nicht gleich. Er hatte versäumt, die Rolläden des Eckfensters herunterzulassen. Der Mond war über die Dächer gestiegen und schien herein, an seinem Bett vorbei auf die Tapetenwand. Und auch der Schatten von Fensterrahmen und Vorhängen fiel darauf. Und immer war ihm, als ringe etwas ihm Unbekanntes mit dem Mond ... Ja, der Mond und sein in diesem Zimmer fremdes Licht, das fühlte er, das mußte weg, eher würde er nicht schlafen. Er stand auf, sperrte es ab, nun lag er in angenehmer Dämmerung. Nun mußte der Schlaf kommen. Er schlief auch wirklich ... Ziemlich lange. Wenigstens hatte er den Eindruck, recht lange geschlafen zu haben. Aber dann wachte er mit einer Art Ruck auf ... Er war beim Namen gerufen worden ... »Harro, komm!« ... Und noch einmal: »Harro, komm!« Er richtete sich auf und sah – sah einen Schatten wie eines Mannes Gestalt und Angesicht – zu seinen Füßen am Bett ... Und der Schatten breitete seine Arme aus und sagte: »Harro, mein Sohn, komm!« »Ja, Vater!« Bei dem Laut von Harros Stimme verschwand die Erscheinung, der Schläfer saß aufrecht im Bett – der Mond lag noch immer auf den Rolläden. ›War es ein Traum? oder mehr – war es der Ruf eines Vaters nach seinem Sohn? Ich will es dafür nehmen!‹ 4 Der erste Eisenbahnzug der Frühe, welcher die Richtung nach seiner Heimat nahm, brachte ihn nach dem Städtchen, das der Kanzlei zunächst belegen war und den Verkehrsplatz des Hofes bildete. Als er in der Vorhalle des Bahnhofs über die Steinfliesen schritt, die kleine Freitreppe hinabzusteigen, kam ihm ein Herr entgegen. Er stutzte – den mußte er kennen. Ein Mann war es in Harros Alter, noch ziemlich schlank und behende, mit einer Umhängetasche über dem leichten, offen getragenen klaffenden Überrock, und darunter einen dunklen, ehrsamen Anzug. Ein sogenannter abgekürzter schwarzer Zylinderhut, bei Landgeistlichen beliebt, auf dem blonden Haupt. Der Professor blieb stehen, sah hin, sah ganz genau hin, im Gesicht freudige Überraschung, dann streckte er beide Hände aus und rief: »Karl, bist dus?« In schneller Folge lief eine gleiche Bewegung über die Miene des angeredeten Karl Rank – aufdämmerndes Sichbesinnen ... volles Erkennen ... Und dann ... dann ein An-den-Hals-Fliegen und Umarmung ... »Herrgott, ist das aber eine Freude!« Und nach einer Pause, worin die Augen noch einmal an der Erscheinung des Zugereisten auf und ab gelaufen waren: »Braun siehst du aus und nicht gerade fett. Das macht, wie man hört, drüben die Luft. Aber gesund und frisch, und das ist die Hauptsache. Dick und fett soll und will dich das Vaterland schon machen.« Harro lachte. »Brenne nicht gerade auf einen Schmerbauch. Du aber bist, wie ich dich mir immer vorgestellt habe, nicht zu dick, nicht zu dünn, und im Auge und Gesicht der alte liebe Mensch. – Schade«, setzte er nach einem Blick auf die Reisetasche hinzu, »daß du gerade jetzt verreisen mußt.« »Muß ich aber gar nicht«, war die Erwiderung. »Ich wollte verreisen, will es aber nicht mehr. – Komm!« Und er zog den Freund die Stufen der Freitreppe auf die Straße hinab. »Sie ist schon getan, meine Reise. Das Wild, worauf ich pürschte, ist mir in die Arme gelaufen.« »Mir dämmert, aber ich verstehe noch nicht.« »Mein Wild heißt Harro Horsten, und den habe ich am Bahnhof eingefangen.« »Du wolltest?« »Ich wollte nach dem großen Hafenbabel reisen, den Professor Harro Horsten zu suchen und ihn nach der Kanzlei einzuholen. Und siehe! Er lief mir ins Garn.« »Ein wunderbarer Zufall!« murmelte Harro Horsten. »Und das Allerwunderbarste habe ich noch in der Tasche. Denn wisse! Ich reise im Auftrage des Kanzleiwirts Hans Horsten, des Vaters von Professor Harro Horsten. Der Alte hat vor vielen Jahren seinem Sohn die Tür des Vaterhauses zugemacht, nun will er sie wieder vor ihm aufschlagen, beide Flügel, nun breitet er seine Arme aus und ruft: ›Komm, Harro!‹ Denn er sehnt sich nach seinem für und für geliebten Sohn.« »Ich habe seinen Ruf gehört«, murmelte Harro. Karl Rank vernahm und verstand nicht recht. »Wie das gekommen ist, fragst du? Das will ich dir erzählen, wenn wir im Wagen sitzen und die Deichsel der Heimat zugekehrt haben. Der gelbe Federwagen der Kanzlei hat mich natürlich hergebracht. Bartel sitzt freilich auf dem Bock, gehört aber zur Familie, und Geheimnisse der Kanzlei sollte es daher für ihn nicht geben, gibt es auch nicht. Über euren einstmaligen Zwist sagt er: ›Der Alte hatte recht im Glauben, aber unrecht darin, es so ernst zu nehmen.‹ – Wir treffen ihn in der Herberge der Kastenstraße (früher hieß sie Mißfeld, jetzt Glißmann), wo er eine Stunde futtern wollte ... wohlverstanden nicht so sehr er in Person, als vielmehr seine Rosse, die eines Imbisses von Heu und Wasser und Hafer benötigen.« Bei Glißmann trafen sie denn auch Bartel Boie-Horsten. Der wunderte sich zwar auch und freute sich, als er Harro sah, tat es aber mit Maß, denn er war immer maß- und ruhevoll, vor allen Dingen bei Erregungen und Aufwallungen des Gemüts. Zu Harro sagte Pastor Rank: »Ich glaube, es ist ratsam, den Alten nicht zu überraschen. Deshalb schlage ich vor, ihm telegraphisch mitzuteilen, daß ich in ein paar Stunden wieder daheim bin und dich mitbringe.« »Das wird wohl nötig sein«, entgegnete Harro. »Vom Amt«, rechnete Karl weiter, »bis zur Kanzlei braucht der Bote etwa zwanzig Minuten, gut gerechnet ist der Alte in vierzig Minuten im Besitze unserer Nachricht. Die Wagenfahrt veranschlage ich auch auf vierzig. Was meinst du, wenn wir ein Stündchen spazieren gingen?« Auch damit war Harro einverstanden. »Besuch in meinem Elternhaus«, fuhr Karl Rank fort, »hätte keinen Zweck, der Alte ist über Land gefahren, und die Mutter begleitet ihn. Das Wetter ist zu herrlich. – Die neuen Anlagen unseres Ortes«, scherzte er weiter, »mußt du ohnehin kennen lernen und – bewundern. Wir, Einwohner wie Eingeborene dieses Orts, halten jeden Fremden dazu für verpflichtet und sind kapabel, den, der diese Pflicht verabsäumt (sei es auch nur im idealen Sinne, denn Idealisten sind und bleiben wir in allen Fällen), wir sind also kapabel, den zu steinigen, der uns die Achtung versagt.« »Ich sehe, es bleibt keine Wahl«, entgegnete der Professor. »Nebenbei kann die Anlage sich auch sehen lassen«, ergänzte der Pastor. Karl stand still und sah seinem Freund tief in die Augen. »Da rede ich Unsinn und Quark«, sagte er, »und doch ist uns beiden das Herz voll von Dingen, die etwas wichtiger sind als die Leistungen des Verschönerungsvereins meiner Vaterstadt.« Nachdem der Gang zur Post gemacht war, bogen sie in die hübsch gepflegten Steige ein, und Pastor Rank zog seinen Freund tiefer in die Gebüsche. »Bartel und seine Pferde futtern bei Glißmann in der Kastenstraße«, sagte er. »Am Ende ist es doch besser, es dir allein im bunten Herbstlaub unserer Birken und Rotbuchen und Ebereschen zu erzählen, als vor Bartels Ohren. Ja, wenn er andere Ohren hätte, aber Bartel ist ein Mensch für sich und kapriziert sich sogar darauf, auch Ohren für sich zu haben.« »Wenn er sich entwickelt hat, wie ich ihn gekannt habe«, entgegnete Harro, »dann ist aus dem guten Jungen ein herzensguter Mensch geworden, auf der Kanzlei am Platze. Auf Pflügen und Eggen, Saat und Ernte verstand er sich schon früher wie einer, auch seine Ohren waren nicht übel und für praktische Dinge, wie Korn- und Viehpreise, verfl... hellhörig. Aber gleichviel, es ist gut, daß wir allein sind, mein lieber Freund.« In den Laubgängen berichtete Karl Rank die Ereignisse der letzten Tage. Die Steige waren einsam. In den Vormittagsstunden hat alles im Städtchen zu tun, Männer wie Frauen. Reinliche Wege liefen und wanden sich auf dem Grunde einer Vertiefung hin und stiegen die Ränder des kleinen Abgrundes hinauf. Das Tal war früher Festungsgraben, die Abhänge Wälle und Mauern gewesen. Nun ist alles gerundet, geebnet und verschönt. Früher war der Ort ein zum Schutze der angrenzenden Niederung angelegter fester Platz, nun ist er ein helles, reinliches Städtchen mit dem Gepräge der Behaglichkeit und Freude. Einsam und verlassen lagen die Anlagen im klaren, kühlen Glanz; sie schmückten sich mit dem Geschmeide, das der Herbst über sie geworfen. Harro Horsten und Karl waren allein, ein paar Vögel nicht mitgerechnet. Eine bunte Elster auf hohem Ast. Sie hatte ein feines Gehör, aber keines, das auf das Gemurmel der beiden Freunde gestimmt war. Ein elektrischer Draht zog über die Promenaden, über Berg und Tal seine Linie. Es war derselbe, der die gute Nachricht mit schwingender Eile nach der Kanzlei getragen hatte. Von schwarz-weißen Schwalben, die ihre Reisepläne nach dem Kap der guten Hoffnung berieten, war er dicht besetzt. Die hatten sicherlich kein schlechtes Gehör, aber auch daran redeten Karl Rank und Harro Horsten vorbei. Harro Horsten erfuhr die Unterhaltung von vorgestern (das war der Tag seiner Ankunft in der Hafenstadt), und dann das von gestern (damals bewies der Komödiant: ›Es gibt keinen Gott!‹). »Dein Vater wollte von mir wissen, was denn eigentlich vom Christentum und von der Kirche übrig bleibe, wenn es eine eigentliche, zwingende Offenbarung nicht mehr gebe. Ich hatte die Unterhaltung darüber auf eine spätere Stunde verschoben und ihn gebeten, zu kommen, wann er wolle, und sei es auch bei Nacht. Es war denn auch ziemlich spät, als er gestern abend an meine Tür klopfte.« Harro erinnerte sich dabei daran, daß er derweilen im Elysium gesessen und die Rodomontaden des Schwätzers angehört habe. »Es ist ein schwieriges Stück, lieber Freund«, sagte er laut. »Ich bin neugierig, wie du damit fertig geworden bist.« »Es war in der Tat schwierig, und ich fürchte, wir beide sind darin nicht einmal völlig einig. Das ein ander mal. Deinem Vater gegenüber konnte ich natürlich nur die Hauptpunkte vorführen, die nach meiner Überzeugung bei den gläubigen Christen unserer Art allein bleiben, aber auch genügen, uns als Gemeinschaft der Gläubigen zusammenzuhalten.« »Und der Alte, wie nahm er es auf?« »Ich glaube, es machte Eindruck. Ich blieb aber nicht bei dem Thema. Mir mußte vor allen Dingen darauf ankommen nicht, ihn zu bekehren, seinem alten Glauben abwendig zu machen, als vielmehr ihn duldsam zu machen gegenüber abweichenden Auffassungen, vor allen Dingen dir gegenüber. Ich hatte, als er mich verließ, den Eindruck, daß ich nicht umsonst gesprochen hatte; heute früh wurde mir denn die Freude, meine Erwartung bestätigt zu sehen.« »Heute früh?« Pastor Rank beachtete den Einwurf nicht. Harro dachte wieder an das, was er getrieben. ›Als Vater vom Pfarrhaus wegging, das kann mit dem Augenblick zusammentreffen, wo ich das Elysium verließ und von dem Manne angesprochen wurde.‹ Karl Rank fuhr fort: »In aller Frühe ließ er mich diesen Morgen zu sich bitten. Ich fand ihn in friedseliger Stimmung. Auf dem Nachhauseweg hatte er einen kleinen Unfall gehabt, und das hatte ihn noch weicher gemacht. Voller Gedanken hatte er nicht auf den Weg geachtet, nicht auf das morsche Brett im Brückensteg, vor dem er mich selbst gewarnt. Es brach unter ihm zusammen, er griff um sich, erhielt jedoch Halt am Geländer, und nach großen Anstrengungen gelang es ihm auch, ohne Schaden herauszukommen. ›Ich hatte schon lange‹, sagte er, ›ohne daß ich es wußte, Frieden mit meinem Sohn gewollt, den ganzen Tag war ich dieser Sehnsucht voll gewesen. Als nun der Boden unter meinen Füßen wich, war es mir, als hörte ich die Zornesstimme des Ewigen, und als ich wohlbehalten den Steig weiter entlang wanderte, fragte ich mich, wie ich hätte bestehen wollen, wenn mich der Herr heut nacht vor sein Angesicht gefordert hätte. – Und nun gehen Sie hin, Herr Pastor, und rufen Sie Harro! Sagen Sie ihm, ich bitte ihn er solle kommen, er sei mein lieber Sohn!‹ Als ich aus der Türe gehen wollte, rief er mich noch einmal zurück: ›Ich habe es ihm übrigens schon selbst heute nacht gesagt, er solle kommen. Er antwortete auch und sagte: Ja. Aber ich weiß doch nicht, ob er mich gehört hat.‹ Und da erzählte er mir, wie er, im Traum natürlich, mit dir zusammen in deiner Herberge, sie liege an einem kleinen Platz« (Harro nickte, ohne es selbst zu wissen), »die Stiege hinaufgestiegen sei, daß er sich aber nicht habe bemerkbar machen können« (und wieder nickte Harro Horsten), »daß es ihm aber zuletzt doch gelungen sei, dir zu sagen, du solltest kommen!« Harro Horsten antwortete nicht darauf, er wollte nichts von dem heiligen Schauer sagen, der ihn durchflutete. Es deuchte ihm eine Entheiligung des wunderbaren Vorgangs, wenn er es jetzt preisgebe, und sei auch der Hörer sein bester Freund. Um so lebhafter sprudelte das Gefühl herzlicher Dankbarkeit gegen Karl Rank in ihm auf: »Der Vater ruft mich, das Vaterhaus steht mir offen; das habe ich dir zu danken, es soll dir unvergessen bleiben.« Er drückte seinem Freunde warm die Hand. »Was von mir geschehen ist«, entgegnete der andere, »hätte jeder an meiner Stelle ebensogut und besser getan. Nein, wir wollen unsern himmlischen Vater nicht vergessen, der dir sein Angesicht wieder zugekehrt hat, dich suchen und sich finden ließ.« »Ja, ja«, entgegnete der Professor. »Zwar halte ich ihn für zu groß, als daß er den Dank eines armen Menschenkindes wertet. Aber ich danke ihm und denke an ihn Tag für Tag. Und jeder von mir angestellte Versuch zur Erforschung seines Werkes ist ein vor seinem Hochaltar verrichteter Dienst, ist Andacht vor dem großen Werk, das herrlich ist wie am ersten Tag. – Früher hast du«, fuhr er fort, »den Atheismus die Kinderkrankheit der Naturforscher und Mediziner genannt. So ungefähr wenigstens. Ich hatte damals Lust, es krumm zu nehmen, aber jetzt sage ich: du hattest recht. Offenbart doch die Natur uns immer neue Geheimnisse, immer neue Ausblicke, vor denen die mechanistische Weltanschauung versagt.« »Bin Laie«, erwiderte der Pastor, »aber ich habe den gleichen Eindruck.« Der Professor hielt ihn am Rockknopf fest. »Ich sage dir, was Gott-Natur anbetrifft, da ist die Gegenwart in einem Umlernen, wie es wohl kaum ein anderes Zeitalter durchgemacht hat. Gestern abend fand ich es in einer Zeitschrift gut gesagt. ›Das, was wir immer Stoff genannt haben‹, hieß es da, ›verwandelt sich mehr und mehr in Kraft und Geist, wird Idee, verschwindet dem Chemiker bei der letzten Analyse geradezu unter der Hand. Was steht denn eigentlich noch fest? Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft? Die radioaktiven Energien stellen es in Frage. Die Unveränderlichkeit der Elemente? Mit nichten! Die Unzerstörbarkeit der Atome? Nichts steht fest. Hier und da taucht wohl noch die Behauptung auf, das Denken unserer Psyche sei nichts als ein chemischer Vorgang. Ich bin neugierig, wie lange man sie noch ernst nehmen wird. Dabei bewegen wir uns noch immer im Gebiet der Erfahrung und sehen von gewissen Erscheinungen der Geheimwissenschaften ab, die auch nicht länger zu übersehen sind.‹ – Aber komm, ich glaube nun dürfen wir an die Heimfahrt denken.« 5 Sie saßen im Wagen, Bartel auf dem Bock, die Deichsel der Heimat zugekehrt. Des guten Bartels Ohren, die dem Pastor nicht gefielen machten rein äußerlich genommen den Grund dafür nicht ersichtlich. Muscheln und Läppchen waren weder besonders groß noch unnatürlich klein, auch keine Luftruderer und Luftschaufeln, vielmehr nett und ordentlich auf hellblondem Haar gebettet, dem Kopf sich eher anschmiegend als ihn fliehend. Hatte des Geistlichen Mißfallen überhaupt eine Berechtigung, so mußten wohl die Windungen des inneren Gehörgangs die Schuld tragen, die vielleicht bei Übertragung des Gehörten in das Bewußtsein und Verständnis ihre Pflicht verabsäumten. Bartel auf dem Bock, zwei Schwarze vor dem Wagen mit ebenmäßigem Aufschlag der Hufe ... trab ... trab ... auf die Chaussee. Die Schwarzen trabten, Bartel hielt die Peitsche lose in der Hand, das Ende über den Rossen schweben lassend. So bildete es freilich ein Damoklesschwert, aber selten oder niemals riß das Haar, woran es aufgehängt war, niemals oder selten fiel es auf der Schwarzen Rücken. Das tat aber auch nicht nötig, dazu waren alle drei, Bartel und die beiden Renner, zu gut erzogen, zu vernünftig, dazu verstanden sie sich zu gut. Sie verstanden sich gut, das machte Bartels Aufgabe leicht und angenehm, und da auch die Straße eben war und wenig belebt, so nahm das Fahren bei Bartel höchstens fünf Prozent seiner Gedanken und seiner Aufmerksamkeit in Anspruch – fünfundneunzig konnten dem Gespräch geschenkt werden, das im Herrenstuhl ebenso sanft rollte und murmelte, wie die Wagenräder auf der Steinschlagstraße. Mit fünfundneunzig Prozent seiner von Karl Rank abgelehnten Ohren hörte Bartel zu, hauptsächlich aus Neugierde, weniger, um sich zu belehren. Denn wie oft hatte er nicht schon in seinem Leben, so jung er auch war erfahren, daß die Gelehrten die Verkehrten waren! Fünfundneunzig Prozent Aufmerksamkeit schenkte er den Verkehrten. Und er tat es mit dem freundlichen Gesicht, das man bei ihm gewohnt war. Seine Oberlippe und seine Backen waren glatt rasiert, der Mund klein, Augen und Nase schlau – ein Gesicht, dem man es ansah, daß es einer von vorneherein fertig gewordenen Persönlichkeit angehörte, die jeden Zweifel mit einem ›Was willst du? Hebe dich weg!‹ anherrschte und in die Flucht schlug – einer, die nichts gewisser weiß, als daß es nur eine Welt und nur eine Wahrheit gibt, nämlich die von Jugend auf gelehrte Katechismuswahrheit, daß all das Mäkeln und Quarren darum herum und daran Narrenkram ist. Wer ein Gesicht hat wie Bartel Boie-Horsten, hält die übrigens von ihm für ganz vortrefflich eingeschätzte Welt an seinem Teil, das heißt, soweit sie einen Marschbauern was angeht, da hält er sie für beschlossen in Fettvieh und Fettweide, Korn und Raps und was sich sonst mit Vorteil nach Hamburg verkaufen läßt. Der blinzelt nicht nach einer über den Sternen erdichteten Welt, verschiebt die Sehnsucht nach dort vielmehr, bis man gerufen wird, im Erdenwallen niemals vergessend, daß man hier seine Leiden, aber auch seine Freuden hat, und diese ganz besonders dann, wenn die Früchte der Felder gedeihen und gut im Preise stehen. So ungefähr war Bartels Bekenntnis, und in dem ungetrübten Seelenfrieden eines solchen Glaubens hatte er mit dem zwar nicht großen, aber doch ein wenig wulstigen Munde so oft gelächelt daß die Kräuseln davon als immerwährendes Stimmungsmerkmal seines Glücks stehen geblieben waren. Damals, als im Hause der Kanzlei der Frieden entzwei brach, war er ein ganz junger, nur ein paar Jahre der Schule entwachsener Mensch gewesen, nun aber ein ausgewachsener Mann in strotzender Kraft. Übers Jahr will der Alte ihm den Hof überlassen, mit einer Tochter des Landes aus wohlhabender Bauernfamilie ist er versprochen. Da lassen sich schon ein paar Verkehrtheiten verstiegener Studierter anhören. Und da sitzt er im Vorderstuhl und hält Leine und Peitsche, die Kräuseln der Zufriedenheit und Geborgenheit auf den Lippen, zugleich als Herausforderung an jeden Zweifler, ihn der Zerrissenheit und des Weltschmerzes zu zeihen. Zu fünfundneunzig Prozent stellt er seine Ohren denen im Hinterstuhl zur Verfügung. Aber was er hört, macht Gesicht und Augen um ein gut Teil ernster, als es anfangs eingestellt war. Das sind ja Verse? Und wenn ihm recht ist, Verse aus dem alten schleswig-holsteinischen Gesangbuch? Er glaubte ungefähr auch die Stelle zu kennen, wo sie standen. Es mußte in der Gegend sein, wo Professor Cramer die Eigenschaften des großen Gottes in vielen Liedern besingt, namentlich auch seine Güte, die wir in allen Früchten des Feldes genießen, im Mähen des Weizens sowohl wie im Kartoffelaufkriegen an trockenen, sonnigen Herbsttagen, wie jetzt einer in blauer Herbststimmung auf dem Lande liegt. Nun war Bartel freilich im Irrtum, es war kein Gesangvers von Cramer, aber für ihn war er ebensogut, als wenn er im Gesangbuch gestanden hätte. Der Professor Harro deklamierte mit tönender Stimme die wuchtige Strophe des Umstürzlers, der mit dem Hammer philosophierte, um gerade die Werte zu zerschlagen, die Bartel teuer waren. »Noch einmal, eh' ich weiterziehe Und meine Blicke vorwärts sende, Heb ich vereinsamt meine Hände Zu dir empor, zu dem ich fliehe. Dem ich in tiefster Herzenstiefe Altäre feierlich geweiht, Daß allzeit Mich deine Stimme wieder riefe; Darauf erglüht, tief eingeschrieben. Das Wort: Dem unbekannten Gotte! Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte Auch bis zur Stunde bin geblieben, Sein bin ich – und ich fühl die Schlingen, Die mich im Kampf darniederziehn Und, mag ich fliehn, Mich doch zu seinem Dienste zwingen. Ich will dich kennen, Unbekannter, Du tief in meine Seele Greifender, Mein Leben wie im Sturm Durchschweifender, Du Unfaßbarer, mir Verwandter: Ich will dich kennen!« Bartel fiel bei der Gelegenheit ein, daß inzwischen ein neues Gesangbuch gekommen war. Warum? War das alte nicht mehr gut? Hatte unser Herrgott oder unsere Religion sich geändert, daß es nicht mehr gut war? Gegen Neuerungen in Kirche und Religion war er von vornherein eingenommen; er konnte sich, so gutmütig er auch war, förmlich ärgern, daß man das alte Bewährte aufstörte, anstatt zu lassen, wie es war. Im Herrenstuhl setzte eine Unterhaltung ein. »›Ich will dich kennen, Unbekannter‹, das läßt sich leicht sagen, ausführen läßt es sich nicht. Der Dichter weiß es ja auch, er nennt ihn ja gleich darauf: ›Du Unfaßbarer‹. Goethe trifft es doch besser: ›Das Erforschliche erforschen, das Unerforschliche schweigend verehren.‹ ›Küß ich den letzten Saum seines Kleides – kindliche Schauer treu in der Brust.‹« Harro kam auf die Frage seines Vaters zurück: »Was bleibt von der Kirche und vom Christentum?« Karl Rank begann wieder, seine Punkte aufzuzählen, gab aber zu, daß unter den Theologen moderner Richtung kein Einverständnis herrsche. Harro meinte, mit dem Aufgezählten lasse sich nicht viel machen, zumal sich alles im Fluß befinde. Glaube an Gott und an ein Fortleben nach dem Tode sei im Grunde wohl allein das immer Gemeinsame, alles andere aber dem Empfinden und dem Bedürfnis des einzelnen überlassen. Damit könne man keine Glaubensgemeinschaft zusammenhalten, noch weniger begründen. »Glaube an einen außerweltlichen Schöpfer, an ein Fortleben und Fortwirken nach dem Tode – das, Harro, ist jetzt doch auch dein Bekenntnis?« fragte Karl Rank. »Gewiß, das weißt du, da sind wir einig. Es ist so, wie du meinem Vater gesagt hast. Unsere Erkenntnismittel sind der Welt der Erfahrung entnommen, können daher auch über sie nicht hinausgehen, über transzendentale Wahrheiten nichts aussagen. Was im absoluten Sinn wahr ist, wird niemand erforschen, solange er als Sterblicher im Erdenwallen befangen ist. Da müssen wir uns mit einer Zuversicht begnügen, der es nicht schaden kann, wenn die Phantasie sie ein wenig auf die Flügel nimmt. Wie diese Zuversicht, die wir Glauben nennen, beschaffen ist, darüber läßt sich im einzelnen nichts vorschreiben, da die Antwort nach der Persönlichkeit verschieden ausfallen muß. Wer sich mit dem alten Dogma zufrieden geben kann und will – wohl ihm! Von ihm gilt die Seligpreisung derjenigen die einfachen Sinnes und Herzens sind. Wen es aber treibt, auf eigene Hand selig zu werden, muß den für ihn passenden Gott in seinem Innerm suchen und dort so lange anklopfen, bis ihm aufgetan wird. Wie jemand sich im Einzelnen Gott vorstellt, darauf kommt es schließlich, scheint mir, gar nicht so groß an, da wir die Wahrheit doch nicht schauen können. Wer da wirklich sucht, findet immer seinen Gott, der für ihn der wahre und der alleinige Gott ist. – Du kennst gewiß«, fuhr Harro fort, »das hübsche Geschichtchen: Man fährt auf eine Höhe, die Aussicht zu genießen. Prachtvoller Sonnenuntergang. Im Wagen alles entzückt. Ah! und Oh! ›Soll ich etwas näher nach der Sonne hinfahren?‹ fragt der gefällige Kutscher. – Darin liegt jedenfalls mehr Sinn als in dem Versuch, der absoluten Wahrheit von der Natur Gottes näher zu kommen und einen rechten, wahren Glauben zu verlangen. Gefühl ist alles – Name Schall und Rauch.« ›Das ist auch wieder son Schnack‹, dachte Bartel. Verstanden hatte er seinen Adoptivbruder nicht, aus dem ›Sermon‹ jedoch soviel entnommen, daß Harro ein Gottgläubiger besonderer Art sei. Jeder sich einen anderen Gott vorstellen, der immer der echte Gott – ›son Quatsch, nicht kalt, nicht warm. Das kommt von den gelehrten Schulen‹, dachte er. Er, Bartel, hatte nur die Dorfschule besucht und war dessen froh. Als Vater Hans Horsten ihn zu eigen angenommen, da hatte der es mit der Bildung auch satt gehabt und davon abgesehen, ihn auf höhere Anstalten zu schicken. »Um wieder auf unsere Sache zu kommen«, setzte Harro hinzu. »Das, was uns Neuen gemeinsam bleibt, ist zu wenig. Die Zukunft, dessen bin ich gewiß, gehört uns, aber die Kirche, wie sie jetzt besteht, werden wir zertrümmern.« Bartel hielt die Peitsche in der Hand, und die Schwarzen trabten sachte ihre Straße. Sanft trabten sie, und der Federwagen der Kanzlei rollte ruhig. Äußerlich war alles ein Bild des Friedens und das Wetter schön. Aber auf Bartels Angesicht senkte sich eine Finsternis, eine Wolke. Kaum gefielen ihm selbst noch seine Ohren, er traute ihnen nicht mehr, so Ungeheuerliches behaupteten sie vernommen zu haben. Sein Vetter und Adoptivbruder war doch ein Schlimmer. Er wollte die Kirche zertrümmern!? Ohne viel Nachdenken übertrug Bartel das Bild in die Wirklichkeit – und sah ... sah es wie mit leiblichen Augen: Da liegt die Kirche seines Dorfes, schattig unter Ulmen, das rote, hochgeführte Ziegeldach darüber hinweg, und über allem der schindelgedeckte Turm. Nun kommen Harro und der Pastor: Sprengbombe, Knall ... Turm und Kirche in die Luft, Splitter und Stücke kilometerweit ... über die Kanzlei hinaus ... Bartel saß still und finster im Stuhl und hielt die Zügel und die Peitsche und hätte gerne ein richtiges Henkergesicht gemacht, wenn er nur gewußt hatte, wie man das anfange. Und wieder entrüstete er sich über Harro. ›So gehts, wenn man vom rechten Glauben abfällt.‹ Bei diesen Betrachtungen wickelte er sich selbst so recht bequem in den Glauben seiner Väter ein. Einen besseren konnte er sich nicht denken, einen besseren gab es nicht. ›Und wie kann‹, dachte er weiter, ›die Welt und die Obrigkeit bestehen, wenn niemand mehr an Himmel und Hölle glaubt?‹ Als er soweit gekommen war, fiel wieder Sonnenschein auf seine Miene, denn im Herrenstuhl erstanden ihm Hilfstruppen, und zwar merkwürdigerweise von Harro gesandt. »Die Kirche, wie sie jetzt besteht, wird dabei zugrunde gehen«, hörte er Harro sagen. »Und das bedaure ich von Herzen, liegt aber, wie es scheint, in der Entwicklungslinie der Menschheit. Sagte doch schon Christus zur Samariterin: ›Es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten. Gott ist ein Geist, und die ihm anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.‹ Das verstehe ich: ohne Bindung an einen Ort und an eine äußere Ordnung und ohne irgendwelche von fremder Macht zwischen uns und Gott geschobene zwingende Glaubenssätze. Aber«, redete er weiter, und hier kam die Haupthilfstruppe, »der Übergang wird wilde Zeiten bringen. Wenn das Volk nicht mehr an Himmel und Hölle glaubt, den Gott in sich und dessen Sittengesetz aber noch nicht gefunden hat, dann erst wird offenbar werden, was für Polizeidienste der alte Glaube dem Staate geleistet hat. Mir scheint, wir merken es jetzt schon, in den großen Städten zumal, an der grauenhaften Verwilderung der Sitten.« Eine kurze Pause, und wieder Harros Stimme: »Es ist das sicherlich in der menschlichen Natur begründet, gehört also auch wohl zu dem von Gott vorgesehenen Werdegang der Geschichte. Mir persönlich ist aber die jetzt in die Welt gekommene Unruhe verhaßt, diese Proselytenmacherei, dieser Eifer, seinem eigenen Glauben oder Unglauben Jünger zuzuführen, eine vermeintliche Wahrheit, die man gestern gelernt hat, sofort auf dem Markte auszuschreien. Was soll es mit der hergeschrienen Versicherung, man sage die Wahrheit? Wenn ich von Wahrheit, das heißt, von einer sich als absolut feststehend ausgebenden höre und bin mit einem Freunde zusammen, mit dem ich mich verstehe, wie mit dir, Karl, dann fühle und sehe ich unsere Lippen sich kräuseln, wie es den römischen Auguren passierte, wenn sie aus dem Vogelflug oder aus den Opfereingeweiden prophezeit hatten und ihre Augen einander begegneten. Was ist Wahrheit? Überall der wahre Gott – der Dreieinige des Apostolikums so gut wie der Tausendgestaltete der Modernen. Weshalb will man dem einfachen Mann mit Gewalt den alten Glauben an den dreieinigen Gott und damit den Seelenfrieden nehmen? Es ist Verbrechen an seiner Seele.« Der Pastor machte einen Einwurf, den Bartel nicht verstand. – »Ja«, erwiderte Harro, »wenn es gelänge, zu scheiden, hier Altgläubige, dort Neugläubige, jeder in seiner Kirche, zumal der Altgläubige, vor der Aufstörung seines Friedens sicher! Es ist nur Aushilfe, aber die beste, die unsere freudlose Zeit geben könnte.« Nun sprach Pastor Rank, dumpfer und leiser, schien aber günstiger über den Fortbestand der einheitlichen evangelischen Kirche zu denken, nochmals auf die gemeinsamen Glaubenssätze zurückkommend. Und wieder drang Harros hellere Stimme durch. »Du nennst die Erlösung . Ja, Erlösung. Ich fühle mich erlösungsbedürftig, ich füge hinzu: merkwürdigerweise, da ich mir in meiner endlichen Erscheinung Willensfreiheit nicht beilegen kann. Grund und Ursache meines Schuldgefühls verlege ich daher in ein Vordasein, wo ich ganz freier Geist war. Indessen, das mag sein wie immer. Aber was Christi Leiden und Sterben mit meiner Erlösung zu tun hat, ist mir vollständig dunkel, die Theorie des Opfertodes in Stellvertretung klingt mir nach heutiger Auffassung geradezu verboten.« Das war nun wieder ein Angriff, der dem Mann im Vorderstuhl die Grundlagen des Friedens antastete. Wie sündigte der Bruder Harro doch gegen die soeben von ihm selbst aufgestellten Grundsätze! ›Was wird Karl Rank antworten?‹ dachte Bartel. ›Der Verkünder vom Worte Gottes darf und wird doch die Erlösung durch Christi Leiden und Sterben nicht preisgeben?‹. In seinen Predigten nahm er sich ja immer in acht, an dem Frieden der altgläubigen Gemeinde zu rühren, wenn auch sicherlich kein Wort aus seinem Munde kam, das nicht seiner Überzeugung entsprach. Wenn Karl Rank nur recht laut sprechen wollte! Auf Harros Rede mußte er doch was sagen. Es schien dem Lauscher auch, als ob der Pastor dem Professor widerspreche. Das geschah aber in seiner tiefen Sprechweise: Bartel erfaßte leider den Zusammenhang nicht. Unglücklicherweise kam nun auch eine Wegstrecke, wo frischer, ungewalzter Steinschlag auf die Chaussee gebracht worden war. Alle Worte gingen in dem mißtönigen Knirschen verloren. So mußte Bartel sehen, über das, was ihm angetan war, mit eigenen Mitteln hinwegzukommen. Er konnte es nicht sofort und nicht leicht. Er dachte und überlegte. Hier auf Erden tat er seine Pflicht, versuchte es jedenfalls, aber ohne Sünde und Schuld ging es natürlich nicht ab. Dagegen waren Beichte und Abendmahl gut, dafür durfte er sich des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heilands getrösten. Christi Blut und Gerechtigkeit, das war gewissermaßen das aus den Heilswahrheiten fließende Sparkassenkapital seiner Seele, wenn sie in Sünde gefallen war. Und nun saßen zwei verkehrte Gelehrte, jedenfalls ein Verkehrter im Hinterstuhl seines Wagens und wollte es ihm nehmen. »Christus hat den Kreuzestod freiwillig auf sich genommen, erkennend, daß das zum Siege seiner Lehre notwendig sei. Auch Gott hat es zugelassen, ja gewollt, es lag im Plan seiner Weltregierung, obgleich ihm von allen Menschen keiner lieber sein konnte als der Stifter unserer Religion. Das gibt uns einen Begriff von der überwältigenden Hoheit der sittlichen Güter, woran wir durch Christum Teil haben, und erhöht unsere Kraft, der Erde Leid und Schuld zu tragen. Die endliche Erlösung dürfen wir freilich erst in einer Höherentwicklung nach dem Erdenwallen erwarten.« So ungefähr hatte die Rede von Karl Rank gelautet, die für Bartel in dem Knirschen der Räder verloren gegangen war. Er bedauerte es zwar, aber ohne Grund, denn an seinen Ohren hätte der Pastor doch vorbeigeredet. Nun hatte der Steinschlag ein Ende, und das gleichmäßige Rollen setzte wieder ein. Im Hinterstuhl wurde weitergeredet – freilich ein anderer Strahl als der, der im Rädergeräusch vergraben worden war, aber auch einer, von dem Bartel nichts verstand, wofür er sich nicht einmal interessierte. Die Worte hörte er noch einigermaßen, ein Sinn war aber für ihn nicht vorhanden. Was tut man mit einem Gequatsch von Willensfreiheit und paulinischer Gnade, von Augustin und Luther? Und gerade wegen der Unverständlichkeit erlangte er merkwürdigerweise das Gefühl der Überlegenheit zurück, das er immerdar aus seiner Einfachheit geschöpft hatte, das aber vorübergehend bei den Unterhaltungen der Verkehrten in ihm verwirrt worden war. Er fühlte sich wieder im ungestörten Besitz dieses Guts und konnte mit allen kleinen Schlangenlinien seines guten Gesichts wieder lächeln und lachen. 6 Man war bisher zwischen Hecken und Knicken gefahren, nun tauchten die Sandberge der Lieth auf – vom Meer in grauer Vergangenheit, als es hin an flacher Küste wogte und brandete, aufgewühlte Dünen. Wie lange war es her? Viele Jahrtausende. Aber was sind zehn, was hundert Jahrtausende?! Wie mans ansieht, viel ist es und wenig, ein Nichts oder ein Ungeheuer. So ungefähr hatte Harro früher mit diesen wie jagende Wellen hingewehten Bergen geredet. Jetzt verstand er es noch besser, aber alles Denken erschien ihm unzulänglicher denn je. Erst lagen die Berge vor dem Gefährt, dann fuhr man an ihrem Fuße hin, zuletzt verschwand die Straße in einer Talschlucht des Gebirges. Bartel hatte seine Überlegenheit wieder. Sie war die der klugen Leute, die der Natur naiv gegenüberstehen, im Gegensatz zu denen, die ihr mit Hebeln und Schrauben zu Leibe gehen. Und er wiegte und sonnte sich in dem Gefühl, wie dumm die Gelehrten doch eigentlich seien. Und der Gedanke erhöhte seine Lust, durch die Sandberge der Lieth zu fahren. Ein paar Minuten, und man ist bei der Kate, worin Fritz Harbeck mit seiner Lena haust. Bei Lena Harbeck muß er anhalten, sie hat ihn heute früh gebeten, ihr ein Feinbrot aus der Stadt mitzubringen, da ihre Tochter mit Mann morgen besuche. Das Brot liegt denn auch wohlverpackt in der Wagentruhe. Lena Harbeck trat gleich aus der Tür, als der Wagen um die Ecke bog, und als er hielt, stand sie dicht am Tritt – eine alte, vergnügt aussehende Frau. Als Bartel ihr das Brot reichte, sagte er, mit halber Kopfwendung nach hinten deutend: »Kiek mal na achtern, Lena. Dor sitt een, ick glöv, den warrs kenn.« Da gingen ihr und dem Amerikaner die Augen auf. »Harro« hieß er und »du«, just als wenn der Junge noch ein Fibelschütze und erst gestern in Harbecks Rauchkate zu Besuch gewesen sei. Es hatte ja eine Zeit gegeben, wo es so gewesen war, im Geiste der alten Frau war es jüngste Vergangenheit. Man feierte beiderseits ein frohes Wiedersehen. Frau Harbeck fühlte sich sogar veranlaßt, ein Wort über den Familienzwist der Kanzlei fallen zu lassen, wobei sie sich in die blaue Schürze schneuzte. Sie für ihre Person habe immer gesagt: Jung und Alt – erzürnen könnten sie sich schon mal, das komme überall vor. Es müsse aber ein Ende haben mit dem Groll. Und an den Kindern sei es, sich zu beugen. »Un dat muß du ok, Harro!« Der gemaßregelte große Junge erwiderte darauf, er wolle nicht sagen, daß sie unrecht habe. Und mit ihm und dem Alten komme es wohl noch heute in Ordnung. Lena Harbeck lachte und griente über das ganze Gesicht und rief einmal über das andere: »Wat ward de Ol sik freun!« Händedruck zum Abschied, und dann fuhr man weiter. »Guck mal auf!« sagte Karl Rank zu dem Heimkehrenden. »Wer grüßt dich über die Ebene her? Ein schlaues Einauge wie damals. Ein bißchen älter geworden und nicht mehr blau, sondern grün gestrichen.« Und richtig, der Giebel an der Scheune der Kanzlei, das Einauge noch immer weiß umrandet, er selbst in hellgrüner Farbe. Harro dachte an seine Bekanntschaft und Unterhaltung mit dem Speichergiebel von Illies \& Co., der auch grün geworden war, behielt es aber in Gedanken. ›Das darfst du nicht preisgeben‹, war seine Meinung, ›das sind schmucke Seifenblasen, die man nicht berühren darf.‹ Der Wagen rollte leiser und sanfter als je, denn man war auf Marschboden, wo man die Straßen mit Klinkern pflastert. So nennt man eine Art bis zur Glasur hartgebrannter Ziegelsteinen. Hier hätte Bartel gut hören können, aber je mehr man sich der Heimat näherte, desto stiller wurde es im Wagen. ›Die weißen Dünen liegen hinter uns‹, dachte Harro, ›wenn jemand in der Kanzlei vom Giebelfenster aus Ausguck hielte, könnte man dem Alten melden: He kommt!‹ Denn der Wagen kroch hervor aus dem Sand. Es war alles stumm, selbst die beiden Schwarzen prusteten leiser, als fühlten sie, daß es sich jetzt nicht zieme, laut durch die Nüstern zu stoßen oder gar Schaumflocken zu werfen. Der gelbe Federwagen allein auf weiter Bahn, und die darin Sitzenden in einer Stimmung, die etwas von Andacht an sich hatte. Harro lebte in der Erinnerung, wie er auf diesem Wege die Heimat verlassen hatte, als man die Tür der Kanzlei hinter ihm zugeschlagen. Auch die Gespräche, die er damals mit Karl geführt, wurden wie von einer Sprechmaschine wieder heraufgeworfen. Er – damals die Welt in Kraft und Stoff beschlossen haltend, ein Gottesleugner. ›Kinderkrankheit der Forscher der Natur!‹ hatte Karl gesagt, und er hatte recht gehabt. Jetzt war auch er ein Bekenner, ein Gottsuchender. › Ich will dich kennen. Unbekannter! ‹ Und immer deutlicher der hohe grüne Giebel und sein Schmunzeln. »Brr!« Bartel hielt. Mitten auf der Klinkerstraße. Und er drehte sich um. Und alle Schelmengeister seines Glücks liefen die feinen Schlangenlinien des Gesichts entlang, huschten in die schlauen Augen und guckten aus den Ecken. »Kiek mal, Harro!« sagte er und zeigte mit der Peitsche die Straße entlang. »Wokeen kommt sik dor anpadden?« Harro und Karl Rank erhoben sich im Wagen und lugten. Und siehe! Es kam ein Mann daher mit einem Handstock in der Rechten. »Wokeen is dat?« fragten sie. »Ja, dat is he«, antwortete Bartel. »Wokeen, Bartel?« »Nu, de Ol!« »Wat, min Vadder?« »Ja, dat is Vadder, ik kenn em an sin Gang, und wosaken he den Stock ansett.« * Es war der Alte. Eine halbe Stunde nach Eingang des Telegramms war ein Dienstjunge des Hofs wirklich von Hans Horsten nach dem Scheunengiebel hinaufgeschickt worden, Ausguck zu halten. Und als der Wagen gemeldet worden, hatte er seinen Stock genommen, dem Sohne entgegenzugehen. »Muß das sein?« hatte Frau Dahm gefragt. Er hatte geantwortet: »Ja, es muß sein!« Die Gründe kramte er nicht vor der alten Frau aus, aber sie marschierten, ohne daß er es befahl, geschlossen vor ihm auf. Der verlorene Sohn hatte sein Teil der Güter gefordert, hatte es mit Prassen durchgebracht und war erst zurückgekommen, als man ihm sogar die Treber verweigert hatte, die die Säue verzehrten. Und doch lief ihm der Vater, als er ihn von ferne kommen sah, entgegen. Wieviel mehr gezieme es ihm bei Harro, dem er die Tür des Vaterhauses verschlossen hatte! Er ging, den Stock in der Rechten, und setzte ihn Schritt für Schritt bedächtig auf sicheren Boden. Er trug ihn als Stütze und nicht als Zierde, sein Gang war mit den Jahren steif und ungelenk geworden, nicht mehr so wiegend wie früher; die Linke zog er bei jedem Schritt kurz hinter sich nach. Daran hatte Bartel ihn gleich erkannt. Als sie aufeinander trafen, der Fußgänger und der Wagen, der Vater und der Sohn, hatte Bartel schon bei einem Zwischenraum von etwa fünfzig Schritt angehalten. Pastor Rank begab sich nach dem Vorderstuhl hinüber, da wurde im Herrenstuhl Platz für Vater und Sohn. Harro stieg aus, dem Vater entgegen zu gehen, mit ausgestreckter Hand näherte er sich dem Kommenden. Der Alte wußte nicht gleich, woher er den Stock tun solle, nahm ihn schließlich in seine Linke, da hatte er die Rechte frei, die bot er seinem Sohne. Und wunderlich arbeitete es in seinem alten Gesicht und in seinen trotzigen Augen. Er bot die Rechte. »Als du weggingst« sagte er, »da, glaube ich, habe ich sie dir verweigert, nun sollst du sie haben. Und die andere auch«, setzte er hinzu. Da wollte er auch die Linke geben, der Stock fiel dabei zu Boden. Harro nahm nicht gleich, was ihm geboten wurde, er umfaßte und umarmte seinen Vater und küßte ihn auf die Stirn. Und hob den Stock auf und nahm dann beide Hände des Alten und sagte: »Lieber Vater!« »Bist mein lieber Sohn!« entgegnete der Alte. Darin war alles beschlossen, was sie sich zu sagen hatten, hüben und drüben: Bekenntnis der Schuld, Bitte um Vergebung und Dank. Leuten ihrer Art wollen bei solchen Anlassen die Worte schwer über die Zunge, sie empfinden vieles Reden wohl gar als Verflachung ihrer Gefühle. In wenigen Minuten waren sie zu Hause. Sie hatten Hand in Hand im Wagen gesessen und kaum miteinander gesprochen. Einmal hatte der Alte auf eine Marschfenne gezeigt und bemerkt: »Die gehört nun auch zur Kanzlei, die habe ich gekauft; ein guter Handel; dreitausendsechshundert der Demat.« Vor der Haustür blieben sie allein. Bartel brachte den Wagen auf den Hofplatz, Karl Rank und Frau Dahm waren nach dem Gärten gegangen. Vater und Sohn standen unter den Bäumen vor dem Türbogen der Kanzlei und sahen hinauf nach dem Spruch. Der war noch immer an alter Stelle, er glänzte sogar in frischen Farben. Beide standen und schwiegen. Dann sagte der Alte: »Früher habe ich wohl nicht richtig verstanden, was da oben steht. Auch der kann Gott im Herzen tragen, der noch mit Zweifeln zu tun hat oder gar in schmerzlicher Überzeugung dessen Dasein verneint. Seine Wege mögen dunkel und trübe sein, ein Suchender ist aber auch er. Und deshalb behaupte ich, lieber Sohn« (dabei sah er Harro mit mildem Lächeln ins Gesicht), »ich behaupte, daß in der Kanzlei niemals ein ruchlos Wort von dir gegen Gott gefallen ist. – Aber nun komm! Ich habe die Tür vor dir zugemacht, ich will sie auch wieder aufmachen.« Es entspann sich darüber ein Wettstreit zwischen Vater und Sohn. Harro wollte es nicht zugeben, aber der Alte stellte sich auf den Findling. »Noch bin ich Herr der Kanzlei, kann tun, was ich will, und niemand soll es mir verwehren. Ich mache die Tür auf, vor wem es mir gefällt, und so weit, wie ich mag.« Er beließ es nicht bei dem rechten Flügel, auch den linken riegelte er auf und schlug beide weit zurück.