Sven Lange Sommerspiel Novelle Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann   Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München   1902   Druck von Hesse \& Becker in Leipzig. I »Ach, laßt doch das Zanken sein, hört ihr!« sagte Frau Ingeborg Hartwig auf ihre eindringliche Weise. Sie erhob sich, machte eine abwehrende Bewegung mit beiden Händen und begann, ein wenig nervös, die Kaffeetassen zusammenzuräumen. »Wenn ihr euch doch nicht einigen könnt, so redet doch lieber nicht weiter darüber!« Die beiden Herren verbeugten sich leicht zu ihr hinüber und schwiegen. Es entstand eine Pause. Im Villengarten, wo sie saßen, senkte sich die Abenddämmerung bereits herab. Die Bäume standen dunkel und schweigend, das Gras war grau. Vor ihnen breitete sich der Sund blank und mattblau aus und ganz hinten am Horizont schimmerte die Insel Hveen als dicker, grauer Strich. Hie und da fing ein weißes Segel den letzten Schimmer des Tageslichts auf. Die junge Frau hatte sich wieder gesetzt; ihr kleines, feines und bewegliches Gesicht war in einem traurigen Ausdruck leicht zusammengezogen, und ihre Augenlider zwinkerten stark, während sie niedersah. Die gedämpften Laute des Abends: ein Sausen von Fahrrädern, die von Zeit zu Zeit unten auf dem Strandwege vorüberhuschten, – das ferne Plaudern und Lachen aus den Villengärten ringsumher – erreichte sie kaum. Ihr war unruhig und bewegt zu Mute. »Gestattest du, Ingeborg, daß ich deinem Gatten noch etwas sage?« fragte der eine der Herren, – ein junger, sehr sonnengebräunter Mann mit regelmäßigen, scharfen Zügen und dunklen Augen. Sie sah zu ihm hinüber und nickte leise. Er räusperte sich. »Natürlich stehe ich für das ein, was ich gesagt habe,« fuhr er gedämpft fort, – »aber Sie dürfen nicht vergessen, Hartwig; Anschauungen und Ansichten und dergleichen das ist ja doch schließlich etwas, was in der Luft liegt. Das, worauf es ankommt, ist, wer sie äußert.« »Durchaus richtig,« sagte der andre. »Wenn Sie also die Ehe angreifen, während ich sie verteidige, so berührt das an und für sich die Ehe selber gar nicht –« »Ach nein, – meinetwegen« – »Es beweist nur, daß Sie ein Ehemann sind und ich ein Junggeselle.« Hartwig lachte laut. »Nun ja, wir wollen uns wieder vertragen!« sagte er und streckte dem andern gutmütig die Hand hin. »Sie wissen ja, Vedel, ich kann Ihnen nicht widerstehen, wenn Sie anfangen, Witze zu machen!« »Es war durchaus nicht meine Absicht, witzig zu sein, – ich –« »Das ist's ja gerade!« unterbrach ihn, Hartwig, »um so besser wirkt es! – Ja,« fuhr er fort, indem er sich erhob, »wir ersticken vor lauter Verschrobenheit. Wollen wir ein wenig gehen?« Vedel erhob sich schnell und schweigend, – und Hartwig stellte sich hinter den Stuhl seiner Frau. Er war ein großer, schöner, kräftig gebauter Mann mit großen, klaren Zügen. Ebenso wie Vedel war er stark von der Sonne gebräunt, aber sein Gesicht war voller, und der Ausdruck in diesem Gesicht ungleich klüger und bestimmter. Seine Haltung war aufrecht und entschlossen, seine Stimme gedämpft, ruhig und tief. »Inga ist heute abend nicht recht in Stimmung,« sagte er lächelnd und beugte sich leicht zu ihr hinab. »Was hast du nur?« Sie antwortete nicht, schüttelte den Kopf nur ein klein wenig und sah in ihren Schoß nieder. Hartwig stand da und betrachtete ihr Haar. Mit seiner großen Hand strich er vorsichtig darüber hin, – zupfte ein klein wenig daran – glättete es wieder. »Was für eine drollige kleine Locke hast du dir denn da zugelegt?« fragte er lächelnd und zog eine Locke in die Höhe, die sich über ihrem einen Ohr kräuselte, – »die habe ich ja noch nie gesehen.« Sie sah hastig zu ihm auf, lächelnd, mit strahlenden Augen. »Sie ist in den letzten Tagen gekommen!« sagte sie, ich habe mir alle Mühe gegeben, um sie zu bändigen, aber sie will nicht!« Sie ergriff seine Hand und preßte sie gegen ihre Wange. »Wollen wir also einen Augenblick gehen?« fuhr sie lebhaft fort, indem sie sich erhob. Sie ergriff den Arm ihres Mannes und fing an, mit ihm zu gehen. »Komm, Hans, komm mit!« Vedel folgte. Hartwig und seine Frau gingen ein wenig vorauf durch den dunklen Garten. Sie schüttelte ihn am Arm. »Weshalb sagtest du eigentlich all das, was du vorhin sagtest, du Bösewicht?« fragte sie. »Sagte? Was hab ich denn gesagt?« »Bist du meiner überdrüssig, Ernst?« fuhr sie leise fort und sah ihm eindringlich ins Gesicht. Er lachte auf seine nachsichtige Weise: »Das wäre allerdings ein bischen früh, du!« »Ja, aber warum sagtest du denn das alles?« »Ach, Schatz, man muß doch etwas sagen, nicht wahr? Wir hatten ja eine ganze Stunde dagesessen und geistreich auf den Strandweg hinausgestarrt, worauf kommt man da nicht? Das nächste Mal will ich die Ehe gern in Schutz nehmen, wenn du meinst, daß sie dessen bedarf!« Sie aber schüttelte den Kopf. »Ich weiß wirklich nicht, was ich von dir denken soll, Ernst!« »Du und Vedel, ihr nehmt es alles gleich tragisch!« sagte er ein wenig ärgerlich, »man kann ja niemals –« Sie aber unterbrach ihn schroff und starrte ihm ins Gesicht. »Machst du dir etwas aus mir, Ernst?« Er mußte lächeln. »Liebe, kleine Inga,« sagte er und wurde plötzlich ganz ernsthaft. »Ich liebe dich Ingeborg,« sagte er gedämpft, – »ich entbehre dich immer, wenn ich dich nicht sehe. Kannst du das denn nicht fühlen?« Seine Stimme war so zärtlich und warm, daß sie ganz fröhlich wurde. »Ja!« rief sie aus. »Hans!« Sie wendete sich um und winkte Vedel zu, der ein wenig hinter ihnen ging und die Erde mit seinem Stock bearbeitete. Er näherte sich schnell. »Du alter Hans!« Sie faßte ihn unter den Arm und sah ihm vor Vergnügen strahlend in die Augen. Dann gingen sie alle drei schweigend weiter, während Vedel seine Schritte sorgfältig den ihren anpaßte, und ihr herabgefallene Zweige mit dem Stock aus dem Wege räumte. Es dämmerte stark, und langsam schritten sie weiter. Die junge Frau ließ ihre Füße leise über den Kies gleiten, und wiegte sich sanft bald nach der einen, bald nach der andern Seite, leicht auf den Armen ihrer Freunde ruhend. »Wenn dies doch mein Garten wäre!« sagte Hartwig plötzlich, »dann wollte ich schon etwas Schönes daraus machen!« »So kauf' ihn doch – so kauf' ihn doch – so kauf' ihn doch!« summte Frau Ingeborg im Takt mit ihren Schritten. »Ja, ich danke!« lachte er. »Die 45000 Kronen habe ich wirklich nicht so in der Westentasche! Vorläufig finde ich, sind 1700 Kronen jeden Sommer ganz hinreichend.« »Haben Sie schon früher hier gewohnt?« fragte Vedel, – »vor diesem Sommer, ehe Sie sich verheirateten?« »Nein,« sagte er, »früher ging ich jeden Sommer nach Hause, auf das Gut meiner Mutter. Jetzt sitzt sie allein da und brütet über ihren Kalekuten.« Die junge Frau lachte laut. »Ja, das letzte von deiner Mutter, dessen ich mich entsinne,« sagte sie, »das war, als sie mitten auf dem Hofe stand und uns mit einem roten Tuche nachwinkte, umgeben von zweihundert Kalekuten!« »Jetzt übertreibst du aber!« lachte Hartwig, »aber es endet noch damit, daß sie sie in Stücke zerreißen, – das ist ganz sicher. – – Aber was ich sagen wollte: der Park hier, – ist der nicht fast der größte von allen Villengärten hier in der Nähe, Vedel?« »Es ist unbedingt der größte,« sagte Vedel. »Aber er ist schlecht gehalten!« »Was würdest du thun, wenn er dir gehörte?« fragte Frau Ingeborg. Er wurde plötzlich ganz eifrig. »Ja, sieh zum Beispiel einmal die Partie dort hinter dem Wohnhause, – da würde ich dichtes Unterholz pflanzen, ganz dicht, weißt du, dicht wie eine Mauer, – so daß ich später aushauen und beschneiden könnte; dann sollte es ganz allmählich bis an den Hochwald dahinter ansteigen, wie ein Hügel aus lauter Laub. Und der Graben dahinten müßte ganz gereinigt und umgegraben werden, – ich würde ihn in freien Windungen sich schlängeln lassen wie einen Bach. Und am Strandwege müßte ein schöner Epheuhügel angelegt werden. Und dann diese schmutzigen Mannspersonen ringsumher, – sieh doch nur den da einmal an!« Sie blieben vor einer alten, geschwärzten Gypsstatue stehen, die man soeben noch in der Dunkelheit erkennen konnte. Frau Ingeborg lachte: »Wer das wohl eigentlich sein soll?« »Das ist Methusalem!« sagte Hartwig. »Aber ich würde sie waschen lassen, und dann müßte ein Gipser ihnen Nasen und Bärte ansetzen. Dann nennen wir sie Bernstorf oder Reverdil oder Schimmelmann. Darin wäre doch Sinn!« »Ja, das ist eine gute Idee,« meinte Vedel. Frau Ingeborg sah vergnügt von dem einen zu dem andern hinüber. »Wie nett und friedfertig ihr jetzt mit einander plaudert,« sagte sie, »so sollte es immer sein!« Hartwig lächelte. »Ich habe keinen größeren Wunsch, als in stetem Frieden mit dem Herrn Baron zu leben!« sagte er mit einem leichten Anflug von Spott in der Betonung. »Das ist recht: Und du, Hans?« »Ja, gewiß,« sagte Vedel höflich, »ich –« »Also Friede!« sie preßte ihre Arme fest an sich und sah glücklich vor sich hin. Plötzlich wurde sie ernsthaft: »Ihr müßt nämlich wissen,« sagte sie, »sonst wird es mir schwer hier mitten zwischen euch, – denn du bist mein Mann – und du bist mein Freund, – und ich habe euch beide so schrecklich lieb!« »Sagen Sie mir doch, Vedel, wie wohnt es sich eigentlich im Winter hier?« fragte Hartwig plötzlich mit einem ungeduldigen Klang in der Stimme. Vedel räusperte sich. »Ich kann mich nicht beklagen!« sagte er. »Kann man etwas zu essen bekommen?« »Ja, ich hungere wenigstens nicht,« antwortete er lächelnd. »Im übrigen sorgt ja meine Haushälterin für alles erforderliche.« »Ist es hier nicht wahnsinnig langweilig?« »Ich kann ja natürlich nur nach mir selber urteilen. Aber ich habe ja auch mein Boot.« »Sie können doch nicht immer auf dem Wasser liegen!« »Ja, fast immer!« »Aber das Eis, Mensch!« »Freilich, das kann das Boot ja wegschneien. Aber das währt niemals lange. Ich habe jetzt seit fünf Jahren hier gewohnt, und ich kann wohl sagen, daß mich das Eis durchschnittlich nur drei Wochen im Jahr am Segeln gehindert hat. Und dann habe ich ja meine Briefmarkensammlung. – Nein, die Zeit vergeht schnell genug, finde ich.« Frau Ingeborg drückte seinen Arm. »Hans du bist reizend! Es liegt etwas so Treues und Aufrichtiges in allem, was du sagst. Und so bist du immer gewesen.« Vedel sah zu Boden. »Ja, du hast meine geringen Verdienste immer anerkannt« sagte er. Hartwig pfiff leise vor sich hin, und ohne zu sprechen gingen sie auf die Pforte zu, die nach dem Strandwege hinausführte. Dort blieben sie eine Weile stehen und sahen den Leuten nach, wie sie vorbeikamen. An den Rädern waren jetzt die Laternen angezündet, – und in lauter Unterhaltung flogen ganze Scharen von Radlern unaufhörlich vorüber. Oft begrüßte Vedel eine lustwandelnde Gesellschaft höflich; Hartwigs kannten nur wenige. »Sind das nicht unsere Matadore, die da kommen?« fragte Hartwig plötzlich und deutete auf einen Herrn und eine Dame, die sich langsam näherten. »Großhändler Thomsen und Frau, ja,« sagte Vedel. Sie sahen alle drei nach der Richtung hin. Thomsen war eine korpulente Erscheinung mit kurzgeschnittenem, blonden Vollbart. Er trug einen dunkelblauen, enganschließenden Sportsanzug, der die runden, fleischigen Partien seines Körpers stark hervorhob. Neben ihm glänzte seine Frau in einer lila Toilette, einem losen Empiregewand, das ihren weißen Hals frei ließ. Sie trug dies sehr intime Gesellschaftskostüm mit einer eigenen freien und überlegenen Sorglosigkeit, – ohne die geringste Rücksicht auf das Starren und Flüstern der Vorübergehenden zu nehmen. Ihr rotblondes Haar war unter dem mächtigen, weißen Hut stramm aufgesteckt, und in der Hand schwang sie leicht einen hellen Sonnenschirm, während sie langsam und sorglos dahinschlenderte. »Er sieht doch eigentümlich störrisch und unzufrieden aus, dieser Thomsen,« sagte Hartwig gedämpft. »Er ist ein sehr tüchtiger Mann,« bemerkte Vedel. »Aber die Frau ist ja entzückend!« Sie waren jetzt vor die Pforte gekommen. Die Herren grüßten. Frau Ingeborg hatte sich ein wenig zurückgezogen. »Ein schöner Abend, Herr Thomsen!« rief ihnen Hartwig zu. Sie standen still. Thomsen öffnete den Mund, um zu antworten, – man hörte aber schon die helltönende, lächelnde Stimme seiner Frau. »Ja, wir haben eben einige Gäste an die Bahn gebracht, und es ist doch reichlich früh, um nach Hause zu gehen, – folglich genießt man den Abend!« Thomsen wollte mit einem Gruß weiter gehen, seine Frau blieb aber stehen und sah zu den großen Bäumen empor, die sich vom Garten über den Weg neigten. »Wie ich Sie doch um den Garten beneide, den Sie haben, Herr Hartwig,« sagte sie, – »Thomsen und ich können buchstäblich kein einziges Mal vorüber gehen, ohne verstohlene Blicke zu ihnen hineinzuwerfen, und dann müssen wir an den kahlen Hügel denken, den wir daheim in unserem »Strandheim« haben.« Hartwig öffnete schnell die Pforte. »Aber wollen Sie denn nicht näher treten, gnädige Frau? – Herr Thomsen, treten Sie doch ein!« Thomsen sah zu seiner Frau hinüber, – sie aber ging bereits auf die Pforte zu. »Danke, lieber Herr Hartwig,« sagte sie vergnügt und reichte ihm die Hand, »einen kleinen Augenblick, wenn wir nicht stören? – – Guten Tag, lieber Baron!« fuhr sie, zu Vedel gewendet fort, »wir sind ja alte Bekannte. Aber –« sie sah lächelnd Ingeborg an, die eine kleine Strecke von ihnen entfernt stand, – »wollen Sie nicht die Güte haben, uns Ihrer Frau Gemahlin vorzustellen, – ich habe noch nicht das Vergnügen gehabt –« »Ach, ich bitte tausendmal um Verzeihung!« rief Hartwig aus, »ich glaubte ja –« Ingeborg wurde mit den Fremden bekannt gemacht, sie begrüßte sie freundlich aber mit einem etwas kühlen, beobachtenden Lächeln. Sie standen einen Augenblick still, – eine schweigende, schnelle Musterung. »Ja, wollen wir uns denn aber nicht setzen!« rief Hartwig aus und ging mit den andern auf die Taube zu. »Trinken Sie einen Whisky mit Vedel und mir, Herr Thomsen?« »Besten Dank, – was Sie gerade haben,« lautete die trockene Antwort. »Und die gnädige Frau ein Gläschen Madeira? – Ach liebste Inga, möchtest du nicht im Hause Bescheid sagen?« »Nein, unter keinen Umständen!« rief Frau Thomsen aus, »liebe Frau Hartwig, Sie dürfen wirklich nicht –« »Das macht nichts.« Sie war bereits fort. Sie setzten sich. »Eine bezaubernde kleine Frau!« sagte Frau Thomsen zu Hartwig, der sich auf einen Stuhl neben sie gesetzt hatte. »So leicht und fein und blond und – lieblich!« »Ja, sie ist reizend. – Eine Cigarre, Herr Thomsen?« »Danke, ich habe Feuer.« Er zeigte auf eine kurze Shagpfeife, die er, seit er gekommen, nicht aus dem Munde genommen hatte. Frau Thomsen zog ihre langen Handschuhe aus. »Sie sind doch ein glücklicher Ehemann, wenn es überhaupt einen solchen giebt, Herr Hartwig,« sagte sie lächelnd, indem sie ihre Finger ausspreizte und sie wieder zusammenzog, – »ich glaube, ich bin Ihnen und Ihrer Frau niemals hier auf der Landstraße begegnet, ohne daß sie Arm in Arm gegangen sind, und in der Regel so vertieft, daß Sie mich gar nicht gesehen haben. Idyll!« »Jetzt sind Sie zu scharf, meine Gnädige,« sagte Hartwig. »Bedenken Sie doch, wir sind kaum ein halbes Jahr verheiratet gewesen.« Sie lachte laut, – saß dann aber schweigend gleichsam sinnend da. Dann schweiften ihre Augen um den Tisch herum. Plötzlich nickte sie Vedel zu, der da saß und in die Glut seiner Zigarre starrte. »Schweigsamer Baron!« sagte sie. »Ich glaubte, Sie wären nur bei uns so still.« Vedel richtete sich auf seinem Stuhl auf und räusperte sich, – sagte aber nichts. »Nein,« lachte Hartwig, – »Vedel versäumt nie eine Gelegenheit zu schweigen, wie man zu sagen pflegt. Das ist brillant!« »Mit Thomsen ist es übrigens genau so,« sagte Frau Thomsen munter. »Wie Sie ja wissen, segeln er und Baron Vedel oft zusammen, und ich versichre Sie, sie können oft anderthalb Tage allein in einem Boot auf See sein, ohne buchstäblich zehn Sätze auszutauschen. In anderthalb Tagen! Thomsen hat mir das selbst erzählt.« »Den Teufel auch, was soll man eigentlich überhaupt zu einander sagen,« bemerkte Thomsen. Hartwig lachte. »Da haben Sie recht! Und namentlich im Sommer, in den Ferien ist ja, strenge genommen, gar keine Veranlassung dazu vorhanden!« »Das begreife ich wirklich nicht!« rief Frau Thomsen lebhaft aus, indem sie sich vorbeugte. Ich zum Beispiel, – ich glaube, ich könnte nicht leben, wenn ich nicht redete! Ja, das ist wirklich wahr,« lachte sie und schlug die Hände zusammen. »Man kann doch leben, ohne zu denken!« sagte Vedel ruhig. Frau Thomsen schwieg plötzlich, ihr Gatte aber grunzte kurz. »Thun Sie das etwa, Vedel?« fragte Hartwig mit seinem überlegenen Klang in der Stimme. »Ja, ich glaube wohl,« sagte er. Es entstand eine Pause. Nach einer Weile sahen sie Ingeborg in den Garten hinabkommen, eine brennende Lampe in der Hand. Ihr folgte ein Mädchen, das ein Theebrett mit klirrenden Gläsern und Flaschen trug. »Bravo, da haben wir die Verstärkung!« rief Hartwig aus, – und als die Getränke kamen, beeilte er sich, einzuschenken. Er erhob sein Glas und sah Frau Thomsen an. »Haben Sie Dank, liebe gnädige Frau, daß Sie endlich den Weg hier herein fanden,« sagte er. »Endlich?« lächelte sie mit fragenden Augen. »Ja, – meinen Sie etwa, daß nur Sie mich hier haben vorübergehen sehen? Ich habe Sie sicher ebenso oft gesehen! – Einander vorübergehen sehen, das ist ja überhaupt das Leben.« »Wie tiefsinnig!« lachte Frau Thomsen mit tiefer Stimme. »Ja, jedenfalls im Sommer, auf dem Lande. Ich thue nie etwas anderes. Hier sind gute Gucklöcher vom Garten nach dem bunten Leben der Welt hinaus. »Doch von all den bunten Blümelein, Die lustig blühn in Feld und Rain –« Also vielen Dank! Und lassen Sie sich bald einmal wiedersehen!« Sie errötete ein wenig, nickte ihm aber zu und leerte ihr Glas. »Wollen wir die Lampe nicht auslöschen, Inga?« fragte Hartwig. »Die Lampe auslöschen?« Sie sah ihn verwundert an. »Ja, wir sehen doch ohne Licht, was wir sehen müssen. Und dann wird man auch nicht von allen diesen verdammten Nachtschwärmern belästigt.« Sie blies die Lampe aus und stellte sie weg. »So!« sagte er, »jetzt sehen wir, was uns frommt und was wir nötig haben. Ich habe Frau Thomsens Profil vor mir, das sich gegen den hellen nächtlichen Himmel da draußen abhebt, nein, liebste Frau Thomsen, Sie dürfen sich nicht abwenden!« »Soll ich die ganze Zeit in Position sitzen?« lachte sie. »Ja bitte! Mich können Sie doch nicht sehen! – – Ja, Inga, du mußt dich mit der Spitze von Vedels Zigarre begnügen; kannst du sehen, wie die glüht! Und Herr Thomsen kann sich wie ein Omphalopsychit in seinen Pfeifenkopf vertiefen.« »Ich weiß gar nicht, was das ist!« brummte der Großhändler. »Das macht auch nichts. – Ach ja, so ist das Leben doch schön!« »Epikuräer!« lächelte Frau Thomsen. »Haben Sie eigentlich gar nicht die Absicht, etwas zu thun, Herr Hartwig?« ertönte die Stimme ihres Mannes mit einem trockenen Nachdruck auf dem Herr . »Wie meinen Sie? heute abend?« »Nein, so überhaupt.« Hartwig lachte laut. »Nein!« rief er aus. Er saß eine Weile da und rauchte schweigend und betrachtete seine Zigarre. »Im übrigen, glaube ich, thue ich immer etwas,« fuhr er in einem leichten, nachlässigen Ton fort. »Ich lese eine Menge Bücher, amüsiere mich immer dabei, wie dumm sie auch sein mögen. Ich finde auch, daß das Leben an sich amüsant ist, jeder Tag ist ja neu. Ich erwache am Morgen, vor mir liegt etwas, was ich nicht kenne: was wird das bringen? Nichts Großes aller Wahrscheinlichkeit nach, aber doch immer neue Eindrücke. Ein kleiner Gedanke kommt zu mir hin geflattert, ich halte ihn fest, liebkose ihn, lege ihn hin, oder laß ihn weiter flattern. Das ist immer Arbeit, Genuß. Oder ich trinke ein gutes Glas Wein, oder ich entdecke eine phantastische Wolkenbildung, oder ein schönes Sonnenprofil, ich schwelge darin, arbeite damit. Es ist jedesmal vollkommen neu für mich. Weshalb sollte ich da eigentlich etwas thun, wenn nicht die herbe Notwendigkeit mich dazu treibt?« Ingeborg rückte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Sie kannte den Klang, den seine Stimme jetzt angenommen hatte, einen sonderbar trägen, selbstgefälligen Ton, und sie konnte ihn nicht ertragen. Wozu schwatzte er auch all den Unsinn? Immer wenn er auf diese Weise von sich selber sprach, klang seine Stimme so, wie sie sich jetzt in der Dunkelheit drüben dahinschleppte. Sie starrte hinüber, um seinen Ausdruck aufzufangen, obwohl sie wußte, wie er aussah, wenn er so sprach, so dumm und thöricht, so gewöhnlich, gar nicht wie er selber. Ach warum stellte er sich eigentlich so an! Natürlich nur, weil er den langweiligen Leuten imponieren wollte! So, jetzt schwieg er doch zum Glück! – Herr Thomsen aber fuhr beharrlich fort: »Herr Vedel ist doch immer Baron!« »Ach so, Sie meinen des Titels halber!« entgegnete Hartwig und lachte ein wenig. »Offen gestanden, Herr Großhändler, das reizt mich nicht. Ich besitze keine Spur von Ehrgeiz. Meine Examina habe ich ja bestanden, in die diplomatische Karriere könnte ich wohl hineinkommen, wenn ich es durchaus wollte. Aber ich glaube nicht, daß mein vermögen dazu ausreicht, und außerdem: Europas Schicksal würde wohl kaum in meine Hand gelegt werden,« lächelte er. »Nein, lassen Sie mich als den einfachen Erdmenschen leben, der ich bin. Wenn meine Mutter einmal stirbt, ziehen wir wohl auf das Gut, Inga, und ich, und dann können Sie mich Gutsbesitzer, Grundbesitzer, Landmann, oder wie Sie wollen, nennen. Vorläufig bin ich mit meinem Herr zufrieden. Das beweist doch auf alle Fälle, daß ich ein Mann bin,« schloß er mit einem kurzen Blick nach der Richtung hinüber, wo er Vedels Zigarre glimmen sah. »Sind Sie in Strandheim jetzt ganz in Ordnung, Herr Thomsen?« fragte Ingeborg schnell und nervös. Thomsen räusperte sich, um zu antworten, seine Frau kam ihm aber zuvor. »Ja, jetzt sind wir gottlob ganz fertig!« sagte sie und beugte sich gründlich und herablassend über den Tisch zu ihr hinüber. »Es ist wirklich sehr hübsch bei uns geworden. Ich bin ganz stolz darauf, denn es ist mein Werk. Ich glaube wirklich, daß das Ganze jetzt Stil bekommen hat.« »Die Villa macht ja, von außen gesehen, ganz den Eindruck einer Festung,« sagte Ingeborg. »Ja, nicht war!« rief Frau Thomsen erfreut aus. »Aber einer gastfreien Festung! Die Zugbrücke ist immer herabgelassen! Und jetzt müssen Sie uns wirklich besuchen, liebe kleine Frau, nicht wahr? Sie und ihr Herr Gemahl!« »Ja, gern,« sagte Ingeborg. »Mein Eßzimmer ist mein Stolz, reinster Henri II.! Ich fand eine ganze Menge wunderschöne alte echte Goldleder-Tapete bei einem Antiquar in der Vimmelskaft, er wußte gar nicht, daß er sie hatte, habe sie in seinem Lager gefunden, ich habe sie für einen Spottpreis erstanden.« Thomsen nieste heftig in seine Pfeife hinein. »Ha, ha, ha!« lachte Hartwig. »Der Herr Großhändler ist witzig!« »Nein, das bin ich nicht!« sagte Thomsen. »Ich bin erkältet.« »Ich habe eine wahre Manie, in allen den alten Sachen herum zu wühlen!« lachte Frau Thomsen und machte ein paar Schwimmbewegungen mit ihren weißen Händen. »Ich finde immer etwas Neues und Besonderes für mich und meine Freunde heraus, und ich bin überzeugt, ich bekomme es für die Hälfte von dem, was andre Menschen dafür geben müssen. Vertrauen Sie sich mir nur an, Herr Hartwig, wenn Sie etwas Altes haben wollen, Sie sollen es nicht bereuen!« »Wieviel Prozent berechnen gnädige Frau für ihre Mühe?« fragte Hartwig lächelnd. »Darüber können wir später immer noch reden!« lachte sie und wandte sich an Ingeborg. »Haben Sie gar kein derartiges Talent, kleine Frau!« »Nein!« ertönte es kurz und ungnädig aus der Dunkelheit. »Hein!« sagte Hartwig, die Begabung meiner Frau liegt in der ganz entgegengesetzten Richtung: sie muß immer das doppelte von dem bezahlen, was alle anderen Menschen geben. Aber das ist vielleicht auch ein Talent.« »Nun ja, natürlich!« Frau Thomsens Stimme klang ganz zärtlich und mütterlich, – »wenn man dann etwas so recht Schönes und Gutes und Solides bekommt, – nicht wahr, kleine Frau?« »Ja, Unterhosen müssen wir ja haben!« bemerkte der Großhändler. »Ja, das steht fest!« erwiderte Vedel ruhig. Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus bei dem Ton dieser sanftmütigen Stimme, die hier zum erstenmal seit langer Zeit eine Meinung kund gab. Selbst Ingeborg mußte lachen, und Thomsen grunzte wild. »Vedel hat doch die eigentümlichste Art und Weise, geistreich zu sein!« rief Hartwig aus und schlug sich auf das Knie. »Das war gar nicht meine Absicht –« »Ha, ha, ha! Das sagt er immer nach seinen tollsten Witzen.« Als das Lachen verstummt war, sagte Vedel ruhig: »Es kam daher, weil ich da saß und an etwas ganz anderes dachte. Da hörte ich Herrn Thomsens Bemerkung, ich fand sie vollkommen richtig, und ich sagte das, ohne etwas Tieferes hineinlegen zu wollen.« Hartwig und Frau Thomsen brachen von neuem in ein schallendes Gelächter aus, – plötzlich aber ertönte Ingeborgs Stimme mit einem scharfen heftigen Klang: »Du solltest dich wirklich nicht verteidigen, Hans! Das ist wirklich nicht der Rede wert!« »Na, na, liebe Ingeborg! Nur nicht gleich so heftig!« sagte Hartwig sehr bestimmt. Es entstand eine Pause. »Prost, Herr Baron!« sagte Thomsen plötzlich und klopfte mit dem Pfeifenkopf gegen sein Glas. Vedel verneigte sich höflich. Aber die Unterhaltung wollte nicht wieder in Fluß kommen: Hartwig und Frau Thomsen waren schweigsam geworden. Frau Thomsen saß da und starrte vor sich hin, – mit großen, wachen Augen. Es war, als erwarte sie etwas. Sie fühlte, wie weiß ihr Hals in der Dunkelheit schimmerte, – und sie wußte, daß Hartwig sie unverwandt anstarrte. Aber er rührte sich nicht und sagte nichts. Schließlich ward ihr ein wenig unbehaglich zu Mute, – und als sie jetzt ein leises Gähnen von seiten ihres Mannes auffing, schüttelte sie sich ein wenig und nahm ihren gewöhnlichen lächelnden Konversationsausdruck an. »Ja, lieber Thomsen, jetzt müssen wir wohl sehen, daß wir nach Hause kommen,« sagte sie und begann ihre Handschuhe anzuziehen. Hartwig sprang auf. »Wie? Sie wollen schon gehen?« Thomsen erhob sich bedächtig. »Ja, mir thut der Mund förmlich weh von all dem Gerede,« sagte er. »Er ist brillant!« lachte seine Frau, indem sie sich erhob. »Aber es wird Zeit. Besten Dank für Ihre Gastfreundschaft, lieber Herr Hartwig! Und noch eins! Wir wollen in ein paar Tagen Strandheim mit einem kleinen Fest einweihen, ganz intim! Thomsen und ich hatten eigentlich die Absicht, es ganz allein zu begehen, nur wir beide, das ist ja beinahe das Allerfeierlichste.– – Aber jetzt müssen sie kommen und uns Gesellschaft leisten, Sie und Ihre Frau! Ich denke, es wird am Montag sein. Sie kommen natürlich?« Hartwig verneigte sich. Mit bestem Dank, liebe gnädige Frau, wir stehen immer zu Ihrer Verfügung.« »Und der kleine Baron darf auch mitkommen,« fuhr sie lächelnd fort, »wenn Sie versprechen wollen, daß Sie ein klein wenig bescheidener und zurückhaltender sein wollen als heute abend. Sie ziehen die Aufmerksamkeit wirklich viel zu sehr auf sich!« »Wollen Sie meinen Arm nehmen, gnädige Frau!« sagte Hartwig. »Sonst finden Sie sich niemals heraus.« Sie wurde plötzlich still, legte den entblößten rechten Arm in den seinigen, und ohne zu sprechen gingen sie langsam durch die dunklen Gartenwege, eng aneinander geschmiegt. Die andern folgten ihnen schweigend. Dann standen sie an der Pforte. Frau Thomsen seufzte leicht und ließ Hartwigs Arm los. »Wie wunderschön es doch heute Abend hier ist. Diese Stille. Man hört das Meer fast gar nicht.« Thomsen stand, die Mütze in der Hand, vor Frau Ingeborg. »Also Sie kommen?« sagte er. Sie traten aus der Pforte heraus. »Jetzt wissen Sie also, wo wir wohnen!« rief Hartwig ihnen nach. Frau Thomsen wandte sich um. »Ja! Auf wiedersehen! – Kommen Sie mit, Herr Baron? Ach, das ist ja wahr, Sie gehen nach der entgegengesetzten Richtung. Gute Nacht! Gute Nacht!« Sie gingen nach links hinunter. »Der bleibt gewiß bis morgen früh da,« murmelte Thomsen und blinzelte seiner Frau zu. »Unsinn, lieber Thomas!« lächelte sie und versetzte ihm mit ihren Handschuh einen leichten Schlag auf die Wange. »Solche alte Sünder wie du werden so leicht mißtrauisch.« Sie steckte ihren Arm tief in den seinen, und langsam gingen sie nach Hause. – – Hartwig stand da und sah ihnen sinnend nach, während er mit den Augen zwinkerte und ganz leise vor sich hin pfiff. Plötzlich wandte er sich um und sah seine Frau auf die Pforte gestützt dastehen, das Gesicht Vedel zugewandt, der in einiger Entfernung da stand und sie betrachtete. Er runzelte die Brauen und trat auf den Baron zu. »Gute Nacht, Vedel!« sagte er auf seine überlegene Weise. »Gehen Sie jetzt nach Hause und –« Ziehen Sie die Unterhosen aus! wollte er eigentlich hinzufügen, besann sich aber und sagte: »und begeben Sie sich zur Ruhe, und überlegen Sie sich, womit Sie uns morgen unterhalten können!« Vedel nahm den Hut ab. »Gute Nacht und besten Dank!« »Gute Nacht, Hans!« Er ging durch die Pforte und schritt die Landstraße entlang. »Sie hat mir die Hand gedrückt! – Sie hat mir die Hand gedrückt, dort in der Laube!« flüsterte er. Er ballte die Hand und preßte sie gegen seinen Mund. »Sie hat mir die Hand gedrückt, dort –« Hartwig wandte sich nach Ingeborg um. »Ich kann den Kerl nicht mehr sehen!« rief er heftig aus und breitete seine Arme aus. Sie sah ihn an. »Weshalb?« fragte sie ruhig. »Er ist ja dumm, dumm, dumm wie, ich weiß nicht was! Wie ein Faß – ein Hüttfaß! Es ist nur Wasser darin – und große, halbtote Dorsche!« »Ach, du selber bist dumm, Ernst!« sagte sie trotzig. Er ging auf sie zu und packte sie beim Arm: »Das ist ja wahr! Ein gewisses kleines Frauchen ist ja heute abend unartig gewesen!« Sie riß sich los. »Ich will nichts mehr von dir wissen! Geh' du nur zu der abscheulichen dicken Frau, wenn du Lust hast, – meinetwegen!« Dann lief sie schnell dem Hause zu. Hartwig hatte durch die Dunkelheit hindurch ihre Augen gesehen, sie waren blank von Thränen! – Es durchfuhr ihn wie ein Stich. Er stand eine Weile regungslos da, – dann ging er langsam dem Hause zu, ihr nach. II Als Hartwig am andern Morgen in die Eßstube kam, fand er den Tisch gedeckt, es stand Brot und Butter darauf, aber sein gewöhnliches Frühstück war nicht da, und auch Ingeborg fehlte. Er ging eine Weile im Zimmer auf und nieder, von Zeit zu Zeit knipste er ungeduldig mit den Fingern. Ärgerlich, daß es in der letzten Zeit alle Augenblicke Scenen mit der kleinen dummen Frau setzte! Und er erinnerte sich der nächtlichen Erlebnisse! Gestern abend, als er hinaufgekommen war und zu ihr hineinwollte, hatte er im selben Augenblick, als er den Thürdrücker berührte, ein Schnappen des Schlosses gehört. Sie schloß ab! Er war so verdutzt, daß er ohne ein Wort weiter gegangen war, in die Fremdenstube hinein. Er entsann sich, daß er ein klein wenig böses Gewissen gehabt hatte, weil er Frau Thomsen doch wohl reichlich kräftig den Hof gemacht hatte, – er entsann sich auch, daß Ingeborg traurig ausgesehen hatte, als sie sich unten im Garten trennten. Ja, ja, hatte er bei sich gedacht, man ist verheiratet, oder man ist es nicht, – gehen wir zu Bett. Aber heute morgen war die Situation noch ganz unverändert. Als er erwacht war, hatte er lange dagelegen und nach der Thür hinübergesehen! Jeden Augenblick hatte er erwartet, daß sie sich ein wenig öffnen und ihr kleines, blondes Gesicht mit dem reuigen und verliebten Lächeln, das er so gut kannte, einlassen würde. Aber die Thür öffnete sich gar nicht. Verdrießlich und hungrig war er endlich aufgestanden. Die Sektion, die er schon lange für sie aufgespart hatte, sollte sie wahrhaftig heute haben. Er hatte ihre Launen satt, man konnte niemals wissen, wozu sie ausarten würden. Er sah nach seiner Uhr! Das war doch zu arg! – Es war gleich halb zehn und präcise neun Uhr sollte sein Beefsteak auf dem Tische stehen. Was fiel ihr nur ein? Sie fühlt sich gewiß schon reichlich sicher im Sattel, das gute Kind, dachte er und nickte mit einem kleinen, drohenden Lächeln vor sich hin. Vor dem Tisch blieb er stehen. Du großer Gott, wie hungrig er war! – Sollte er sich wirklich so weit erniedrigen, daß er sie rief? Plötzlich griff er nach einem Cakes und steckte ihn schnell in den Mund. Sie ist ja verhätschelt, dachte er, aus Leibeskräften kauend. Dann nahm er noch einen Cakes und fing wieder an mit grübelnder Miene auf und nieder zu gehen. – – Als einziges Kind aus guter Familie ist sie ihr Lebenlang in Kopenhagen umhergegangen und hat alles bekommen, was sie wollte, dachte er. Schließlich hat sie mich auch noch bekommen. Die alte Mama war gerade nicht sehr entzückt, dafür war aber die andre Familie reichlich stürmisch in ihrer Freude über die Partie. Ob es wirklich mein Geld ist, hinter dem sie so her waren, dachte er plötzlich. Das war ihm bisher noch nie eingefallen, – – aber, wenn das der Fall ist, müßte sich Ingeborg doch wirklich ein wenig dankbar und gefügiger zeigen, der Vorteil war ja schließlich auf ihrer Seite. Noch ein paar Cakes, – jetzt hatte er bald den ganzen Brotkorb geleert. Er kam sich plötzlich ein wenig komisch ein wenig kleinlich vor, – aber, auch das war also ihre Schuld. Ja, es war ja gerade das Sonderbare, was ihn früher auch beunruhigt hatte: ehe er sich verheiratete, hatte er sich niemals Skrupeln über sich selber gemacht, es gab ja nichts in der ganzen Welt, was er nicht besaß oder vorweisen konnte. Aber jetzt, seit dies kleine fremde Menschenkind, – und das war sie doch eigentlich für ihn – seit sie ihm nahe getreten war, war er seiner gar nicht mehr sicher. Er trat an das Fenster und starrte sinnend hinaus. Die Cakes hatten seinen ersten Hunger gestillt, sein Geist hatte das Gleichgewicht wiedergefunden. Ja, ja, dachte er, dies alles ist vielleicht ganz natürlich. Ich bin nicht lange genug verheiratet gewesen. Ich habe mich noch nicht an den Zustand gewöhnt. Diese verdammten Junggesellengewohnheiten, die mir noch von alters her anhaften, – ich muß wirklich sehen, daß ich die fein artig ablege. Gehe ich doch noch in dem süßen Wahn umher, daß ich das Recht habe, mich in jede Frau zu verlieben, die ich sehe! – – Natürlich liebe ich Ingeborg, so hübsch und zärtlich und eifrig wie sie ist! Sie sollte nur das ewige Necken nachlassen, so lange wir noch nicht ganz miteinander zur Ruhe gekommen sind – Und plötzlich mußte er an Frau Thomsen denken. Während er dastand und vor sich hinstarrte, that sich die Thür hinter ihm auf. St! – Das war sie! Er wendete sich nicht um, – stand still und starrte zum Fenster hinaus. Nicht einmal Guten Morgen sagt sie! – Kommt sie denn wirklich nicht zu mir? Er hörte, wie sie am Tisch umherging. Ganz leicht trat sie auf, – als wolle sie nicht gehört werden. Leise rückte sie die Teller und Schüsseln zurecht, – so, da fiel ein Glas um! Ob ihr die Hände zitterten! – Er mußte lächeln, – er sah ihr kleines, feierliches Gesicht so deutlich vor sich. Er wußte, wie der Mund ganz zusammengekniffen war, er kannte die drollige Falte auf der Stirn, wenn sie die eine Augenbraue zu einem betrübten kleinen Dreieck verzog – – Jetzt ging sie da herum und war schrecklich unglücklich, weil sie unartig gegen ihn gewesen war. Aber sie, sollte gefälligst zuerst zu ihm kommen. Ein wenig Strafe mußte sein. »Danke, Martha!« hörte er ihre leise Stimme Ach so, das war das Mädchen, das die Speisen brachte, – und bei dem Beefsteakgeruch erwachte sein ganzer Hunger von neuem. Unwillkürlich lugte er zu ihr hinüber, – ach, was war denn das! pommes frites – sein Leibgericht! – – Ei, ei! dachte er vergnügt, – sie will sich einschmeicheln, die Kleine! Wenn sie doch nur rufen wollte, dann würde er sofort kommen. Aber sie rief nicht. Nun, machen wir der Sache ein Ende! dachte er ein wenig ärgerlich, – das Essen wird ja ganz kalt! Und er wandte sich hastig nach dem Tische um. Da saß sie in ihrem geblümten Musselinkleidchen, fein, schlank, schmächtig, das blonde Haar im Nacken aufgesteckt, der bloße Hals, – den Kopf von ihm abgewendet. »Inga, Inga!« rief er aus, »was sollen doch die Verdrehtheiten!« Er nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und suchte ihn in die Höhe zu biegen, aber sie widerstrebte. »Warum hast du mich nicht gerufen?« Sie antwortete nicht, – warf hilflose Blicke über den Tisch. »Ach, nun hat Martha das Brot ja wieder vergessen,« flüsterte sie nervös und schellte. »Bewahre!« rief er aus, – »das habe ich aufgegessen!« »Das hast du aufgegessen?« »Ich hatte einen solchen Heißhunger,« sagte er und setzte sich. »Warum hast du mich dann nicht gerufen?« Sie sahen sich an, und brachen im selben Augenblick beide in ein schallendes Gelächter aus. Im nächsten Moment saß sie auf seinem Schoß, beide Arme um seinen Hals geschlungen. »Ach, du gräßlicher, abscheulicher Junge!« rief sie aus und schmiegte sich an ihn. Er saß da und wiegte sie langsam hin und her, während er über das ganze Gesicht lächelte. Dann küßte er sie auf den Hals, wie entzückend sie doch war! Wie fein und jung ihre Haut duftete! Wie er sie doch liebte! – – Sie sah zu ihm auf, ernsthaft, mit vor Zärtlichkeit strahlenden Augen, und lehnte dann den Kopf an seine Schulter. »Ich bin so böse auf dich gewesen, Ernst,« flüsterte sie leise und fuhr fort, sich zu wiegen. »Ja, ich danke,« lächelte er, »das habe ich gemerkt.« »Hast du es gemerkt?« fragte sie und öffnete die Augen. »Ach ja! wenn eine junge Frau ihrem Mann die Schlafstubenthür vor der Nase zuschlägt, so –« »Hast du das gehört?« fragte sie ganz vergnügt und sah ihn an. »Ob ich das gehört habe?« »Ich war so bange, daß du es nicht gehört hättest!« gestand sie ganz offenherzig. Er lachte: »Ach, du kleines Ungetüm!« »Ich glaubte, du seiest vorübergegangen und wolltest nicht zu mir hereinkommen!« »Warum sollte ich nicht hereinkommen?« »Ich glaubte, du wärest böse.« »Ha, ha, ha!« lachte er, – da haben wir das böse Gewissen!« »Warst du denn nicht böse?« »Keine Spur!« »Warum hast du denn nicht angeklopft?« »Weil, – ja, – du machtest ja solche Scene unten im Garten!« sagte er ein wenig verlegen. »Ach so!« Sie umfaßte seinen Kopf mit beiden Händen und schüttelte ihn. »Du hast wohl ein schlechtes Gewissen, mein Freund!« Er lachte laut auf, zog sie an sich und küßte sie. Im selben Augenblick steckte das Mädchen den Kopf zur Thür herein, wollte sich aber lächelnd zurückziehen. »Martha!« rief Hartwig, »Martha, bringen Sie noch etwas Brot.« »Mein Mann ist so schrecklich hungrig,« fügte Ingeborg hinzu und stand von seinem Schoß auf. »Ja, du lieber Gott, wie hungrig ich wieder bin!« rief er aus, »und das Beefsteak wird ganz kalt, und deine pommes frites ! – hab Dank dafür!« »Eigentlich hast du sie gar nicht verdient, du langer Laban,« sagte sie in sehr ernsthaftem Ton und legte ihm vor. »Das weiß ich sehr wohl, aber um so besser schmecken sie.« Jetzt aß er aus Leibeskräften. »Du liebe kleine Inga!« sagte er, »wie brillant du doch kochen kannst! – Worüber habe ich mich eigentlich zu beklagen?« »Ei, ei!« sagte sie, »jetzt bist du ja wieder boshaft!« »So? Was habe ich denn jetzt gethan?« fragte er verstimmt. »Deine Köchin also! Weiter bin ich dir nichts!« Er runzelte die Brauen, suchte die Sache aber ins Lächerliche zu ziehen: »Du bist typisch, Inga! Du ähnelst, weiß Gott, einer von diesen jungen, neuvermählten Frauen in den »Fliegenden Blättern«, lachte er. »Das ist nicht wahr!« sagte Ingeborg, »die können ja gerade kein Essen kochen!« »Aa ja, dann einem andern typischen Exemplar!« Er wurde plötzlich ernsthaft und streckte die Hand nach ihr aus. »Aber das muß die kleine Inga nicht, denn ich hasse Typen!« »Dann haßest du mich also deswegen!« rief sie heftig aus. Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Du bist hysterisch, Ingeborg,« sagt er und griff wieder zu Messer und Gabel. »Aber deine pommes frites sind, Gottlob, ganz normal. Auf dein Wohl!« Er nahm sein Porterglas und nickte ihr zu. »Nein!« sagte sie und erhob sich. »Halloh!« Sie begann, im Zimmer auf und nieder zu gehen. »Es nützt nicht, daß du dich herausreden willst!« sagte sie mit einem wütenden Blick, »denn ich habe mir die Sache diese Nacht überlegt!« »Herr du meines Lebens!« rief er aus, – »wollen wir jetzt miteinander abrechnen?« Im selben Augenblick kam das Mädchen mit dem Brot herein. »Setzen Sie es nur da hin, Martha,« sagte Ingeborg in befehlendem Ton, und dann gehen Sie hinaus. Das Mädchen sah ihre Herrin ein wenig verwundert an und zog sich zurück. »Komm jetzt und iß, Ingeborg,« sagte Hartwig ungeduldig und streckte den Arm nach ihr aus. »Laß uns Frieden schließen.« Sie blieb stehen: »warum sollen wir nicht darüber reden?« fragte sie. »Worüber – in Gottes Namen!« rief er nervös aus. Sie ging eine Weile auf und nieder, dann setzte sie sich zu ihm. »Hör' einmal, Ernst,« sagte sie und sah ihn an, – »da ist etwas nicht in Ordnung zwischen uns beiden!« »Nicht in der Ordnung, – nicht in der Ordnung!« warf er flott hin, »du faßt gleich alles so tragisch auf. Ein wenig Zankerei gehört doch bei jungen Eheleuten mit dazu.« Sie saß da und sah vor sich nieder, während sie das Tischtuch mit dem Finger ritzte. »Ich finde, wir sprechen gar nicht miteinander,« sagte sie dann, »ich weiß nicht, aber alles, was du sagst, ist so gemacht, so gekünstelt, wie auf dem Theater. Du kennst mich nicht, das ist die Sache. Wir gehen umeinander herum und tasten und sagen das, was anstandshalber dazu gehört.« Er wurde plötzlich ernsthaft. »Darin kann ja etwas Wahres liegen,« sagte er, »aber trotzdem finde ich, daß das keine Tragödie wert ist. Natürlich wissen wir nicht viel voneinander, das thun Mann und Frau anfänglich nie, – »Ja, da siehst du selber,« rief sie aus, »du gestehst selbst zu, daß du mich nicht kennst.« Er erhob sich. »kennen und nicht kennen!« sagte er nachdenklich. »Da siehst du! Du hast bisher nie darüber nachgedacht!« Er mußte über ihren Eifer lächeln. »Huh!« sagte er und schlug sich gegen die Stirn, »mir schwindelt vor deinen Tiefen!« Als er aber sah, daß sie ärgerlich wurde, setzte er sich zu ihr hin und sagte in einem sanften, belehrenden Ton zu ihr: »Ich habe mich in dich verliebt, weil du so schön und liebreizend warst. Deshalb nahm ich dich, und so kenne ich dich. Ist dir das denn nicht genug?« Er nahm ihre Hand und wollte sie küssen. Sie aber entzog sie ihm hastig, dann saß sie eine Weile da und sah ihn mit einem forschenden Ausdruck in ihren hellen Augen an. »Ja, ich verstehe es so gut,« sagte sie dann. »Genau so habe ich es mir gedacht.« »Nun, wie hast du es dir denn gedacht?« fragte er geduldig, indem er sich über die letzten pommes frites her machte. »Das Ganze ist ein Zufall, Ernst!« »Ja, ja, – vielleicht!« »Ja, für dich!« rief sie heftig aus, »denn es war ein Zufall, daß du mich kennen lerntest, weißt du noch die Eisenbahnfahrt von Kopenhagen nach Helsingör? – – Es war ein Zufall, daß du dich in mich verliebtest, weil wir auf dem lande ganz in der Nähe von einander wohnten, es war ein Zufall, daß du dich mit mir verlobtest, weil du im vorigen Sommer im Juli allein warst.« »Wohl möglich, – wohl möglich!« »Und es war auch ein Zufall, daß wir uns verheirateten, weil deine Mutter so krank war, daß du erst hinterher mit ihr darüber sprechen wolltest.« »Das ist gewiß alles ganz richtig, liebe Ingeborg,« sagte Hartwig, »aber ungefähr so verheiraten sich beinahe alle Menschen miteinander. Und was weiter? Was willst du damit sagen?« »Ich meine, das erklärt das Ganze,« sagte er, »denn das mit mir ist dir doch nichts Neues! Es ist mir etwas, was auf die eine oder die andere Weise kommen mußte, weil es dich langweilte, so weiter zu leben wie bisher, du mochtest deine vorigen Aperitive, oder wie die Dinger heißen, nicht mehr trinken, und da nahmst du dir ein Beefsteak!« »Aux pommes frites!« lächelte er. »Ach ja, wohl wahr!« »Aber dessen wirst du auch überdrüssig werden.« »Das wollen wir doch nicht hoffen,« sagte er. »Nun, aber du, Inga,« fuhr er nach einer Weile fort. »Du hältst dich beständig an das Beefsteak? Ist dein Appetit noch immer gleich ungeschwächt?« »Ja,« sagte sie und wandte den Kopf ab. »Wie kann das nur sein, Inga?« »Weil ich nie etwas anderes zu essen bekommen habe.« »Als mich?« lachte er. »Ja« Er brach in ein schallendes Gelächter aus, und auch sie mußte lächeln. Dann beugte er sich zu ihr hinab. »Könnte es dich nicht reizen, die kleinen Beißer an einen neuem Knochen zu versuchen?« fragte er lächelnd. »Was für einer sollte das wohl sein?« »Nun, der ließe sich schon finden!« »Hans? Hans Vedel?« Sie sah auf. »Ja, zum Beispiel Hans!« Einen Augenblick starrte sie gedankenvoll vor sich hin, während er sie aufmerksam beobachtete. Aber dann sah sie zu ihm auf, schnitt eine Grimasse, lachte, und umfaßte seinen Nacken mit beiden Händen. »Das würde wohl nicht viel nützen, du eingebildeter Mensch!« sagte sie und schüttelte ihn, während sie die Zähne zusammenbiß. »Es wäre auch ein Jammer um die kleinen Beißer!« lächelte er. »Wie so?« »So ein verteufelt trockner Knochen wie der Baron, davon kämen sie nicht heil weg.« »Ach!« rief sie heftig aus und gab ihn frei. »Ist deine dicke, rote Madame etwa besser?« »Weicher jedenfalls!« lächelte er, »zum hineinbeißen!« Sie legte den Kopf in den Arm, um ihr Lachen zu verbergen. »Aber wir werden so poetisch!« sagte Hartwig und richtete sich auf. »In guter Prosa bedeutet das Ganze ja nur, daß wir nicht das Geringste weder von einander noch von uns selber oder von irgend etwas auf der Welt wissen, wie es gehen soll und was daraus werden soll. Wir sind vor Gott Mann und Frau, aber könnten ebensogut zwei Omnibuspassagiere sein, die sich auf dem Rathausplatz getroffen haben und die sich jetzt auf dem Königs-Neumarkt Lebewohl sagen. Vielleicht nehmen sie auch eine Droschke und fahren nach dem Strandweg hinaus, – nach Skotterup zum Beispiel, oder noch weiter, das weiß ja niemand. Aber es hat ja seinen Reiz, so lange die Fahrt währt. Nicht wahr, Kleine?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das ist lauter Unsinn,« sagte sie. »Du bist auch so schrecklich dumm, Ernst!« »Verzeih!« sagte er ein wenig verletzt, »ist das nicht genau dasselbe, was du vorhin sagtest?« »Ich sprach ja von dir, du Narr! – Keinen Augenblick von mir selber! – Nein, ich will nicht mehr hören!« unterbrach sie sich und hielt sich die Ohren zu. »Ich kann nicht mehr reden! Ich glaube, ich habe noch nie im Leben so viel geredet wie heute, und dabei ist die Uhr erst zehn. Wie ist das Wetter eigentlich?« »Wundervoll!« sagte er und erhob sich. »Wollen wir nach dem Frühstück eine Spazierfahrt machen?« »Ja, gern!« Sie traten an das Fenster und sahen hinaus. Die Sonne stand gerade über dem Sund, der blank und träge da lag und mit seinen zahllosen kleinen Kräuselungen zu dem starken Licht hinaufzwinkerte. Breite, blanke Stromstreifen zogen sich ruhig hindurch. Die Schiffe hatten alle Segel gesetzt, kamen aber doch nur langsam vorwärts. Diese ruhige Wasserfläche machte auf sie beide einen eigentümlichen Eindruck von Unruhe. Sie war so fest und so hart zu sehen, – so sicher und zuverlässig, schlug man aber hinein, so zersplitterte sie in tausend Scherben. Trat man darauf, so versank man in die Tiefe. Was würde geschehen? – – – III Hans Vedel hatte nicht weit zu gehen, um nach Hause zu gelangen, außerdem ging er schnell seines Wegs, nachdem er Ingeborg und ihrem Mann Adieu gesagt hatte. Ihm war so froh und dankbar zu Mute, waren doch Ingeborg und er den ganzen Abend auf einer Seite gewesen, gegen die andern. Er hatte sie verteidigt, und sie hatte ihm beigestanden. So war es gut und schön, mehr verlangte er nicht. Und er fühlte noch immer ihren Händedruck dort auf seiner linken Hand. Als er nach dem Hafen hinabkam, bog er links ab und ging durch einen schmalen Garten dem Hause zu, in dem er wohnte. Es war ein kleines, nettes, zweistöckiges Gebäude, strohgedeckt, mit großen Giebeln. Er sah zu den Fenstern hinauf: Alles war dunkel. Ja, Mamsell Paulsen ist natürlich zu Bett gegangen, dachte er, aber ich finde mich auch wohl allein hinauf. Er kam in sein Wohnzimmer, zündete die Hängelampe an und öffnete das Fenster. Die Luft war immer so schwer und eingeschlossen von dem Duft der Lavendel und getrockneten Veilchen, die die alte Haushälterin überall hinsteckte. Aber die Fenster mußten geschlossen bleiben. Sonderbar mit der alten Person, dachte er lächelnd, ihre Angst vor Dieben verliert sich nie. Als ob die Einbrecher wie Fliegen an den Mauern in die Höhe kriegen könnten! – – Er trat an einen alten, geschnitzten Louis XIV. Eichenschrank, der fast die eine ganze Wand des kleinen Zimmers einnahm, öffnete ihn und nahm einen kleinen, metallbeschlagenen Kasten heraus. Dann ging er an den Schreibtisch am Fenster und setzte sich. In dem Kasten lag ein zierlich gebundenes Buch, das er herausnahm und öffnete. Es war voll weißer, beschriebener Blätter. Er saß eine Weile da und starrte vor sich hin, dann nahm er eine Feder, und langsam und beschwerlich mit seiner ungeschickten kindlichen Handschrift zirkelte er folgende Linien auf das Papier: Freitag den 28. Juni. Ich war heute wieder zu Tische bei J. Wir waren nur dreie, Hartwig, sie und ich. Nach Tische kam die Unterhaltung auf die Ehe, die ich verteidigte. Am Abend kamen Herr Thomsen und Frau, und wir verbrachten eine gemütliche Stunde in der Laube miteinander. Als ich zu einem bestimmten Zeitpunkt von den andern angegriffen wurde, nahm mich J. in Schutz. S.+d.+m.+H.+u.+d.+T. Sie drückte meine Hand unter dem Tisch, sagte er zu sich selber, aber es ist vorsichtiger, es nicht ganz auszuschreiben. Und er schloß mit dem Gewöhnlichen: Morgen werde ich sie wiedersehen. Hans Vedel. Dann schloß er das Buch mit einer vergnügten Miene, und verschloß es wieder sorgfältig in den Kasten und den Schrank. Einen Augenblick stand er am Fenster und sah über das dunkle Wasser hinaus. In weiter Ferne schimmerte etwas zu ihm herüber, das ihm bekannt und lieb war: das Blinckfeuer auf der Südspitze von Hveen. Er dachte daran, wie oft er in dunklen, unruhigen Herbstnächten das Feuer umkreuzt, damit gespielt, sich damit belustigt hatte, sein Licht in seinen Kegeln zu fangen. Er liebte es. Es war ein guter, treuer Freund. Dann schloß er das Fenster, ließ den Vorhang herab und ging langsam in den Alkoven neben der Wohnstube. Er entkleidete sich, und bald darauf schlief er fest. Als er am nächsten Morgen erwachte, sah er zu seinem Staunen, daß die Uhr bereits über elf war. Das muß der Whisky gestern abend bei Hartwigs verschuldet haben, dachte er, ich bin ja nicht daran gewöhnt. Und er stand auf, ganz ärgerlich, daß so viel von seinem Tage verloren war. Gerade heute hatte er so viel zu thun, und nun war seine ganze Zeitordnung gestört! Vor dem Frühstück hatte er seine Briefmarkensammlung durchsehen wollen, er hatte gestern die neuen Kataloge bekommen, und es sei die höchste Zeit, hatte ihm sein Händler geschrieben: es lägen seltene Marken da und warteten seiner. Außerdem wollte er gern den Nachmittag frei haben: es war Aussicht, Hartwigs heute mit auf die See zu bekommen. – – Aber wie sollte das jetzt werden. Vielleicht erhaschte er heute nicht einmal einen Schimmer von Ingeborg! Er beeilte sich in die Kleider zu kommen, machte aber so sorgfältige Toilette wie immer. Heute Nachmittag blieb ihm doch für nichts mehr Zeit. In Mamsell Paulsens Gesellschaft verzehrte er sein gewöhnliches Frühstück; eine Portion Hafergrütze und zwei Spiegeleier, – und dann wollte er an seine Briefmarken gehen. Plötzlich aber erfaßte ihn der brennende Wunsch, sein Boot zu sehen, und er beschloß einen Augenblick nach dem Hafen hinabzugehen, ehe er sein Tagewerk begann. Soigniert, fein und korrekt, kam er an den Strandweg hinab, mit Wohlgefallen den starken Geruch nach Tang, Salzwasser und Theer einatmend, der ihm aus dem gegenüberliegenden Hafen entgegenströmte. Mit seinem gewohnten Lächeln begrüßte er die Fischer, die ihre Netze am Strande reinigten, tauschte ein paar Worte mit ihnen über das Wetter aus und ging dann auf die Mole hinaus. Ja, da lag das Boot, sein liebes, kleines weißes Entlein. Alf II stand mit goldenen Buchstaben an dem Steven, und es sah so rein, so zierlich und geputzt aus, als sei es vor einer Stunde gespült worden. Es hielt sich die Nacht hindurch gut. Und da war Platz genug für ihn und für Ingeborg und Hartwig. Selbst wenn sie ein wenig dicht zusammensitzen mußten, machte das ja nichts, Hartwig erlaubte vielleicht sogar, daß er neben Ingeborg saß, – ja dazu war er ja geradezu gezwungen, wenn er steuern wollte! – Es sollte schon gemütlich werden! Er schlenderte ein wenig weiter auf die Mole hinaus, – und plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte, eine laute, helltönende, erregte Frauenstimme: war das nicht Frau Thomsens? Aber wie heftig und scharf sie klang! Ja, ganz recht, da unten auf dem Boot des Fischhändlers stand Frau Thomsen, in heftigem Streit mit dem Händler, der eine große, zappelnde Scholle vor ihr in die Höhe hielt. Sie war im Morgenkleid, einen roten Shawl lose um den Kopf geworfen, und sah ziemlich salop und unordentlich aus, fand Vedel. »Fünfundfünfzig Öre das Pfund!« hörte er sie ausrufen, – »Sie sind ja nicht recht gescheit, Mensch! In Kopenhagen hab' ich nie im Leben mehr als fünfundvierzig gegeben! Nein, wissen Sie was, – dann esse ich lieber gleich Steinbutt!« Sie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und wandte sich um. Im selben Augenblick gewahrte sie Vedel, der grüßte. »Sie sind es, Herr Baron, – ach, kommen Sie doch einmal her und helfen Sie mir, mit diesem schrecklichen Menschen fertig zu werden! Er verlangt fünfundfünfzig Öre für seine Schollen, nur weil man aus Kopenhagen ist! Ich bin überzeugt, die Leute hier am Ort bekommen sie für fünfundreißig! Was geben Sie? Vedel räusperte sich. »Ja, ich besorge ja meine Einkäufe niemals persönlich,« sagte er, »da weiß ich das nicht so genau. Aber Hansen dort soll übrigens ein durchaus ehrlicher Mann sein.« Er sah mit einem leisen Unbehagen auf Frau Thomsen herab. So würde sich Ingeborg niemals benehmen, dachte er bei sich. Der Fischhändler stand da und wog seine Scholle in der Hand. »Es ist übrigens der Marktpreis, Frau Thomsen,« sagte er, »aber –« »Nein, es nützt Ihnen nichts, ich will sie nicht haben!« sagte sie ärgerlich. »Haben Sie sonst was?« »Prächtige, große Steinbutt!« »Was kosten die denn?« »Fünfundachtzig.« Er nahm sein Netz und langte bedächtig in ein anderes Hüttfaß hinein. »Na ja, meinetwegen,« sagte Frau Thomsen. »In Kopenhagen gebe ich selten mehr als achtzig, aber wenn ich doch einmal übers Ohr gehauen werden soll, dann doch lieber um fünf als um zehn Öre, – Ja, geben Sie mir die da, die muß wohl ungefähr ein Pfund wiegen.« Der Fischhändler beugte sich mit einem listigen Lächeln über die Wagschale. »Akkurat ein Pfund!« rief er aus, erfreut, seinen teuren Fisch auf redliche weise abgesetzt zu haben. »Soll ich ihn hinaufschicken?« »Nein, geben Sie ihn mir nur gleich mit,« sagte Sie, – der Herr Baron hilft mir schon.« Sie stieg die Treppe hinan, die von dem Boot nach der Mole hinaufführte, – und reichte lächelnd Vedel die Hand. »Guten Tag, lieber Baron, wollen Sie meinen Korb die kleine Strecke tragen?« Vedel verbeugte sich abermals. »Mit Vergnügen!« sagte er. »Ich habe nämlich beide Hände voll,« fuhr sie fort und zeigte auf eine Menge Pakete, die in einiger Entfernung auf einer Bank lagen. »Man muß ja seine Einkäufe selber machen, sonst ahnt man ja nicht, wo das Geld abbleibt, nicht wahr?« Vedel hatte nichts dagegen einzuwenden. Er bekam den Korb mit dem zappelnden Fisch, und sie gingen zusammen die Mole hinab. »Ich weiß wirklich nicht, warum wir unglückseligen Kopenhagener uns immer betrügen lassen sollen, sobald wir auf dem Lande wohnen,« sagte Frau Thomsen. »Und namentlich ich, die ich nun also jeden Sommer hier wohnen werde, ich halte es geradezu für meine Pflicht, die Leute wissen zu lassen, daß ich nicht die Absicht habe, auch nur einen Öre mehr zu bezahlen, als sie selber das ganze Jahr hindurch bezahlen. Wir sind ja erst vierzehn Tage hier gewesen, aber Sie sollen sehen, ich werde meinen Krieg schon durchsetzen. Das ist doch zu ärgerlich!« »Ja, ich begreife es sehr wohl,« bemerkte Vedel entgegenkommend. »Was geben Sie für Gemüse?« Vedel räusperte sich. »Ja –« »Ach, das ist wahr, Sie ahnen es nicht. Aber es ist unverschämt, was sie hier verlangen! Denken Sie nur, gestern mußte ich dreißig Öre für eine winzig kleine Gurke bezahlen! In Kopenhagen hätte ich sie für fünfzehn bekommen. So groß!« Sie zeigte mit dem Finger. »Ja,« stimmte Vedel bei. »Und dabei sind wir in der Gurkenzeit!« Sie sah ihn an, – und lachte plötzlich laut. »So, Sie sind mockant, Herr Baron! Aber es ist wirklich wahr, was ich sage!« »Ja natürlich!« beeilte er sich zu erklären, – es war wirklich gar nicht meine Absicht –« Sie lachte abermals. »Ja, Ihnen ist nicht zu trauen, Baron Vedel! Sie gehen gewiß so still und ruhig einher und machen sich über uns alle lustig!« Er schüttelte den Kopf. »Nein, Sie irren wirklich, Frau Thomsen,« sagte er, – weshalb sollte ich mich wohl über die Leute lustig machen?« Sie waren jetzt auf den Strandweg gekommen, der in der starken Sonnenglut beinahe öde da lag; langsam bogen sie nach links hin ab. »Warum sagen Sie eigentlich nie ein Wort, Vedel?« fragte sie nach einer Weile und sah ihn an. »Macht es Ihnen kein Vergnügen, sich mit Leuten zu unterhalten?« »Ja,« sagte er, »das thut es allerdings!« »Aber warum sind Sie denn so ganz phänomenal schweigsam?« Vedel räusperte sich ein wenig und lächelte. »Ja,« sagte er, »ich habe selber eigentlich keine Empfindung davon, aber wenn alle Menschen es sagen, muß es sich natürlich so verhalten. Es kommt wohl daher, weil ich fast mein ganzes Leben mit mir allein verbracht habe, – in meiner eigenen Gesellschaft, – –Aber ich bin immer froh, wenn ich mit andern zusammen bin,« schloß er. »Das war ja ein ganzes Bekenntnis,« lachte sie. »Ja, die Einsamkeit muß einem wohl den Mund verschließen. – – Sind Sie immer allein gewesen?« »Ja, seit meine Eltern starben!« »Ist das schon lange her?« »Fünfzehn Jahr. Sie starben im selben Jahr, kurz nacheinander. Ich war damals erst sechzehn Jahre.« Und haben Sie sonst keine Verwandte?« »Nein, kaum. Jedenfalls sehe ich nie etwas von ihnen.« »Keine Geschwister?« »Nein!« »Das muß herrlich sein. Großer Gott, wenn ich an meinen Anhang denke! Wir haben einmal ausgerechnet, daß wir in der nächsten Familie vierunddreißig sind! Und wenn wir Thomsens nächste Verwandte mitnehmen, so werden es einundfünfzig! Sie können mir glauben, das füllt in einem Eßzimmer! Na, im übrigen amüsieren wir uns ganz gut untereinander,« lachte sie und sah ein wenig vor sich hin. »Aber schrecklich ist es doch! Ein Geburtstag jede Woche, das ganze Jahr hindurch, stellen Sie sich das nur vor! Und die Sache wird immer schlimmer, denn jetzt fangen ja die Kinder an, wie Pilze aus der Erde hervorzuschießen, – drei neue Nichten oder Neffen jeden Monat, hätt' ich beinah gesagt! Es ist mir bei Gott im Himmel ganz unbegreiflich, wo die alle herkommen!« rief sie aus und lachte aus vollem Halse. »Sie haben keine Kinder, nicht wahr?« bemerkte Vedel. »Nein, ich habe keine,« sagte sie. »Thomsen ist –« Sie hielt plötzlich inne, errötete leicht und schwieg. Sie gingen eine Weile schweigend dahin. Da sahen sie plötzlich einen kleinen Jagdwagen den Weg entlang, auf sie zu kommen. Er wurde von zwei schnellen Ponys gezogen. »Na, da haben wir ja das eheliche Idyll!« rief Frau Thomsen vergnügt aus, – »in vollem Galopp!« Auf dem Bock erblickte man Hartwigs hohe Gestalt, neben ihm saß Ingeborg, aufrecht, blond und schmal. Sie waren schon neben den andern. »Guten Morgen!« rief Hartwig munter und hielt die Pferde an. »Guten Tag!« lächelte Frau Thomsen. »Ist Ihnen der gestrige Abend gut bekommen?« Vedel stand da, die Mütze in der Hand und starrte Ingeborg an. Sie grüßte nicht, sondern musterte ihn scharf. »Ich bin auf Fischfang gewesen, wie Sie sehen!« lachte Frau Thomsen und hielt Vedels Arm in die Höhe. Der Fisch fing wieder an zu zappeln. »Ich sehe es, ich sehe es!« Hartwig zeigte mit der Peitsche auf Vedel: »Guter Fang?« »Das wird sich zeigen!« lachte Frau Thomsen. »Wohin wollen denn Sie?« »Nur an der Küste entlang.« Frau Thomsen sah mütterlich zärtlich zu Ingeborg hinauf. »Wie geht es Ihnen denn, liebe kleine Frau?« »Danke!« sagte Ingeborg kurz; sie runzelte die Brauen und versetzte ihrem Mann einen leisen Puff in die Seite. »Ja, wir müssen wohl sehen, daß wir weiter kommen!« Hartwig zog an den Zügeln und die Pferde sprangen davon. »Adieu, gnädige Frau!« rief er zurück. »Viel Glück mit ihrer Scholle!« »Es ist ein Steinbutt!« schrie sie ihnen nach und wandte sich lachend an Vedel. »Nicht wahr, Herr Baron?« Vedel antwortete nicht. Ihm war plötzlich so eigentümlich traurig zu Sinn geworden. Er fühlte sich so gering, wie er da auf der Landstraße ging, einen elenden, halbtoten Fisch schleppend. Kein Wunder, daß Ingeborg ihn kaum hatte ansehen wollen. Ingeborg, – wie reizend sie doch aussah, – blond und schlank und fein! – – »Die kleiden einander merklich, die beiden!« sagte Frau Thomsen, die stehen geblieben war und dem Wagen nachsah, der schon fast in einer Staubwolke verschwunden war. »Dieser Hartwig imponiert mir. So überall Fuhrwerk und Reit- und Wagenpferde mit sich zu führen, das ist schneidig! Und brillant aussehen thut er, es liegt wirklich etwas von einem Grand Seigneur über seiner ganzen Erscheinung. Nach dänischen Verhältnissen, natürlich!« fügte sie schnell hinzu und setzte ihren Weg fort. »Ja, er ist ein sehr liebenswürdiger Mann,« sagte Vedel mechanisch. Sie sah ihn einen Augenblick an. »Finden Sie das auch?« fragte sie dann mit einem forschenden Blick, – »das ist doch sonderbar,« – – »Sonderbar?« »Na ja, – Diplomat muß man ja sein,« lächelte sie. »Aber sagen Sie mir doch, wie ist seine Frau eigentlich?« Vedel räusperte sich und sah zu Boden. »Ja, ich meine, – sie sieht so entzückend aus, – aber ist sie nicht eigentlich ein wenig leer und eingebildet?« »Ach nein!« sagte er schnell und sah sie an – »Nun ja,« lächelte sie, »ich habe ja nur gefragt. Aber Sie kennen sie also genauer, – – Kennen Sie sie nicht sehr genau?« fuhr sie nach einer Weile fort und sah ihn wieder forschend an. »Wir haben uns als Kinder gekannt,« antwortete er kurz. »So, – aber Sie haben die Bekanntschaft doch aufrecht erhalten, nicht wahr?« »Nein!« sagte er. Er war rot geworden und fuhr sich mehrmals nervös über die Stirn. »Ja, was soll das heißen, lieber Vedel?« fuhr sie unverzagt fort, »Sie verkehren doch noch immer, Sie duzen sich!« »Ja, aus der Kinderzeit her!« rief er ärgerlich aus. »Ich kann doch nichts dafür, daß sie hierher gezogen ist, das ist doch nicht meine Schuld! Ich habe sie nicht aufgefordert!« – In seiner nervösen Heftigkeit schüttelte er den Korb, so daß der Fisch krampfhaft zappelte. »Ja, ich meine nur,« sagte er nach einer Weile in ruhigerem Tone, »es ist eine Kinderbekanntschaft zwischen Frau Hartwig und mir, wie das so oft vorkommt. Es ist nicht das geringste Eigentümliche dabei.« »Nein, natürlich nicht!« rief Frau Thomsen und sah beleidigt und spöttisch aus. Sie gingen eine Weile schweigend weiter und standen dann an der Pforte, die nach der Villa Strandheim führte. »Haben Sie Dank für Ihre Begleitung,« sagte sie, – »darf ich dann um meinen Fisch bitten?« »Es ist mir ein Vergnügen gewesen,« sagte Vedel mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit und reichte ihr den Korb. »Wir scheiden als gute Freunde, nicht wahr?« lächelte sie. »Und am Montag kommen Sie? Dann verspreche ich Ihnen auch, daß ich Sie nie wieder nach Frau Hartwig fragen will.« Sie blinzelte ihm ein wenig zu und reichte ihm die Hand. »Besten Dank!« entgegnete er. »Um sechs Uhr?« Sie nickte und wandte sich ab. Puh! dachte sie, als sie zu der Villa hinaufging, – nein, der ist denn doch zu arg!« Vedel ging schnell nach Hause. Er schämte sich seiner unerzogenen Heftigkeit vorhin. Aber warum mußte sie ihn auch nach Ingeborg ausfragen? Was ging die sie an? Er konnte nicht anders antworten, als er geantwortet hatte – – – – Ingeborg! Einen Augenblick sah er sie vor sich, so wie sie dort auf dem Wagen gesessen hatte, – so sonderbar fremd und kühl, den Blick in – die Ferne gerichtet. Und ohne ein Lächeln für ihn war sie weiter gefahren – – Das war ihm noch nie geschehen! Eiskalt durchschauerte es ihn: War ihre Freundschaft aus? Das war ja unmöglich! Was hatte er denn gethan? In der heftigsten Gemütsbewegung kam er nach Hause, und so erregt war er von seinen eigenen Gedanken, daß er Mamsell Paulsens freundlichen Gruß auf der Treppe kaum beachtete. Was war nur einmal geschehen? Er trat in sein Wohnzimmer, ging ein paar Mal verwirrt auf und nieder, setzte sich dann an den Schreibtisch, die Hände gegen das Gesicht gepreßt. Fühlte sie denn nicht, wie er sie liebte? Diese Knabenliebe, die Jahr für Jahr in ihm geschlummert hatte und so tief, daß er sie kaum gefühlt, – – ja, von Zeit zu Zeit war sie durch einen Brief, einen Gruß, eine flüchtige Begegnung wieder entfacht, – und nun in den letzten Monaten, wo er sie jeden Tag gesehen und mit ihr gesprochen hatte, jetzt war sie von neuem so überwältigend hervorgebrochen, daß sie ihn ganz beherrschte – War er ihr denn plötzlich zuwider geworden? – – Oder verachtete sie ihn, wenn sie mit ihrem Mann allein war? – – Ja, Hartwig – Zum ersten Mal empfand er einen heftigen Haß gegen diesen Mann, der so aufrecht und selbstbewußt an ihrer Seite saß. – Mit Peitschenknall und schnellen Pferden, auf rollenden Rädern, in Staubwolken entführte er sie – weit, weit weg, – für sich allein – – Wie er ihn haßte! Ingeborg, – komme zu mir! Er erhob sich, entsetzt über seine Gedanken. Was war das nur einmal, was er sich wünschte – Plötzlich fiel sein Blick auf einen Brief, der auf dem Tisch lag. Schnell setzte er sich: Die Briefmarken, die Briefmarken! Er las: »Ich erlaube mir, Ihre geehrte Aufmerksamkeit auf die seltene Transvaalmarke zu lenken, von der ich anbei eine Abbildung einlege. Der Preis am Markt beträgt zwei Pfund, aber ich würde sie Ihnen in Folge eines besonders vorteilhaften Einkaufes für dreißig Kronen anbieten können.« Er betrachtete die Abbildung. Ja, das war wirklich eine englisch überstempelte Marke aus dem Jahre 1878. Unter dem Stempel V. R. entdeckte er die Worte: South African Republik. Die in seine Sammlung zu bekommen! Es flimmerte ihm vor den Augen, während er auf die Marke starrte. V.+R. – – South African – Ingeborg – South African Republic – – V.+R. Ingeborg ! – – Lange saß er da, die Hände gegen seine Wangen gepreßt. Dann holte er einen Briefbogen heraus, und mit zitternden Fingern cirkelte er langsam folgende Zeilen darauf: Skotteroup den 29. Juni. Wollen Sie mir gütigst die von Ihnen offerierte Transvaal Marke aus dem Jahre 1878 (Englische Überstempelung) senden. Der Betrag folgt per Postanweisung. Ergebenst Hans Vedel. IV Als Frau Thomsen Vedel den Rücken gewandt hatte, ging sie langsam auf ihre Villa zu, die weiß und frisch gekalkt und blendend in dem grellen Sonnenschein dalag. Sie war ärgerlich und verstimmt. Und weswegen? – Alles hier war wirklich viel zu neu: der Garten so langweilig kahl mit seinen dünnen Rasenplätzen, seinen kleinen blütenlosen Rosensträuchern, seinen Reihen schlanker Obstbäumchen, – und das Haus, wie das doch die Augen blendete! Sie selber war heiß und müde und außer Atem. Aber das alles war es im Grunde nicht, was sie ärgerte. Was war es denn? Die Mädchen kamen jetzt gelaufen und befreiten sie von ihren Paketen. »Schämt ihr euch denn gar nicht!« rief sie aus, »mich hier herumlaufen und mich halbtotschleppen zu lassen –« »Gnädige Frau wollten doch selbst –« »Ja, weil ihr zu nichts zu gebrauchen seid! Na, geht hinauf und macht alles fertig. Und wie sieht es mit der Wäsche aus? Seid ihr mit dem Tischzeug fertig?« »Ja, die Frau hat dabei angefangen.« »Angefangen? Sie muß heute abend mit der ganzen Geschichte fertig sein, – mit jedem Stück! Sonst kriegt sie ihre zwei Kronen nicht, laufe schnell hinunter und sage ihre das, Karen!« Die Köchin lief in kurzem Galopp davon. »Und Sie, Anna, – was wollte ich doch sagen, – ja, gehen Sie hinunter und sagen Sie Anton, daß er sich die Livrée anzieht, ich habe etwas für ihn zu thun! Und dann kommen Sie herauf und helfen mir beim Umkleiden, aber schnell, schnell!« Das Mädchen stürzte davon. Frau Thomsen atmete erleichtert auf, herrlich zu kommandieren! Zu fühlen, daß einem gehorcht wird! Und im selben Augenblick wußte sie, warum sie vorhin so gereizt gewesen war. Es war diese Begegnung mit Hartwig. So stolz wie er da auf seinem Bock saß und auf sie herabsah, und der Baron und die Scholle. Da war er allerdings der Überlegene gewesen. Sie hatte ein Gefühl, als stände sie jetzt auf einer Stufe mit ihm. Warte du nur, mein guter Monsieur, dachte sie, – warte du nur, bis ich in Toilette bin! Sie war jetzt in ihr Ankleidezimmer gekommen, das im ersten Stockwerke lag. Es war ein kleiner, elegant ausgestatteter Raum in modernem Empire, mit Möbeln in Weiß und Gold. Drei große Spiegel, ein Toilettentisch, der von Neuigkeit funkelte, ein Madame Récamier Ruhebett mit grünem Atlasbezug. Eine Glasthür führte zu einem kleinen Balkon mit Schmiedeeisengitter, von dem man den Strandweg und den Sund übersehen konnte. Frau Thomsen trat sofort an einen der Spiegel. Ja, ich sehe wirklich reizend aus! dachte sie, – man sollte glauben, ich wäre fünfzig! Schnell näherte sie ihr Gesicht dem Spiegel. Sommersprossen! Sommersprossen! Wo kriege ich die her? – Das kommt, weil ich immer so herumrenne! Und das Haar in dem brandroten Tuch, – wie kleidsam das ist! Dünne wird es auch allmählich – – Ich müßte Kinder haben, das ist das einzige, was hilft, sagte sie zu sich selber und warf den Spiegel hin. Aus verschiedenen Gründen müßte ich Kinder haben – – Plötzlich beugte sie sich ganz nach dem Spiegel hinüber. Mit zwei Fingern zerrte sie die Haut unter dem einen Auge auseinander, kniff sie zusammen, zerrte sie wieder auseinander. Sie glaubte, den Schatten einer Falte gesehen zu haben. Nein, wenn sie genau hin sah, war es nur Müdigkeit, – nein, die Haut war jung, ganz jung, Gottlob, – das war ihre größte Angst – – Aber dies Kleid! – Ganz entsetzt sah sie auf einmal wie zerknittert und vertragen es war, es hing ja wie ein Sack um ihre Glieder! Und damit ging sie am hellen, lichten Tage am Strandweg, nach dem Frühstück! Sie war wirklich zu gleichgültig gegen die Meinung der Leute! Wahrlich, es war wohl verdient, wenn Hartwig sie von oben herab ansah und seine kleine Frau den Kopf in den Nacken warf und nicht mit ihr sprechen wollte! – – Wie heiß sie doch war! – Sie griff nach ihrer Puderdose und bedeckte ihr ganzes Gesicht mit einer dichten Puderschicht. Herrlich kühlte das! So, jetzt fing sie wieder an, sich als Mensch zu fühlen. Dann ließ sie das Kleid fallen, hüllte sich in ihren langen Frisiermantel und legte sich auf das Sofa, um das Mädchen zu erwarten. – Nach einer Weile klopfte es an die Thür. »Wer ist da?« ertönte es schlaftrunken vom Sofa her. »Anton!« antwortete es von draußen. »Anton? Was wollen Sie?« »Die gnädige Frau hatten ja etwas für mich zu besorgen.« »So?« Sie riß die Augen auf, ahnte aber nicht, wozu sie ihn herbestellt hatte. »Nun ja, – gehen Sie hinunter und sagen Sie Anna, daß sie sofort zu mir heraufkommen soll,« sagte sie ärgerlich und schloß die Augen wieder. Ach, jetzt lag sie gerade so gut – – Dann kam Anna. Sie war ein kleines, häßliches, brünettes Mädchen, blutjung, mit schnellen, affenartigen Bewegungen und einer ewigen, beinahe krampfhaften Unruhe im Gesicht. Frau Thomsen streckte sich, gähnte, stand dann auf und setzte sich vor den Spiegel am Fenster. Anna machte sich sofort über das Haar her. »Vorüber lachen Sie, Anna?« fragte Frau Thomsen, die ihr grinsendes Gesicht im Spiegel sah. »Ach, bloß über Anton!« kicherte sie. »Der hat die Livrée bloß anziehen müssen, um mir zu sagen, daß ich zu der gnädigen Frau heraufkommen sollte.« Frau Thomsen saß eine Weile schweigend da. »Na ja!« sagte sie, »wozu hat er sonst seine Livrée?« »Ich hab' so lachen müssen!« fuhr Anna fort, »er stellte sich so an, aber wütend war er –« » Was war er?« fragte Frau Thomsen scharf und runzelte die Stirn. »Ach Gott, nein!« rief das Mädchen aus. »Au! Wie Sie mich ziehen! Was haben Sie heute nur einmal?« Anna schwieg und kämmte vorsichtig weiter. »Ich kann den Burschen nicht leiden,« fuhr Frau Thomsen fort. »Er leistet hier draußen auch nicht das Geringste. Er treibt sich nur herum und wird träge und frech.« »Der Herr schickt ihn doch oft zur Stadt!« wandte das Mädchen ein und riß unruhig das eine Auge auf. »Das ist ganz überflüssig, wenn man ein Telephon hat. Ich glaube, ich will sehen, daß ich ihn los werde.« Anna zuckte zusammen. »Ach nein!« rief sie unwillkürlich aus. Frau Thomsen sah sie an. »was soll das heißen?« fragte sie« »Bitten Sie für ihn? Sie sind wohl in ihn verliebt, Anna?« »Ach Gott, nein!« sagte Anna mit einer unglücklichen Grimasse, – »er sieht kaum nach der Seite hin, wo ich bin.« »Na ja, dann haben Sie ja keinen Grund, ihn zu lieben.« Aber Anna ließ nicht nach. »Unten am Hafen, des Abends –« versuchte sie einschmeichelnd. – »Gnädige Frau sollten ihn nur hören, – er ist so amüsant, wenn er mit den Fischern plaudert.« »Wer?« »Anton!« »Wie sie den Namen ausspricht! Sie sind scheinbar bis über die Ohren in ihn verliebt, mein Kind.« »Nein! Aber er macht soviel Unsinn mit ihnen! Wir kommen alle beinahe um vor Lachen!« »Ja das will ich mir für die Zukunft denn doch verbitten!« sagte Frau Thomsen ungeduldig. »Es ist nicht der geringste Grund vorhanden, daß er sich über die braven Fischer lustig macht, bloß weil er nichts weiter zu thun hat. Und dann setzt er euch obendrein noch Grappen in den Kopf. Nein, er muß fort!« Anna kämmte eine Weile schweigend weiter. Es arbeitete in ihr. Ihre Wangen färbten sich und von Zeit zu Zeit kam Leben in ihre Augen und sie blitzten im Spiegel Frau Thomsens Gesicht mit einem wunderlich hilflosen und boshaften Ausdruck an. Auf einmal krümmte ihr Mund sich nach unten, und sie fing an zu schluchzen. »Na, was hast du denn jetzt?« fragte Frau Thomsen ärgerlich. »Gnädige Frau könnten so viel Nutzen von ihm haben,« schluchzte sie. Frau Thomsen stampfte mit dem Fuß auf die Erde: »Ich verbitte mir diesen Unsinn!« rief sie aus. »Wenn Sie nicht ohne ihn leben können, so können Sie ja gleich mit ihm gehen!« Anna aber schlug die Hände vor die Augen und schluchzte laut: »Er weiß was von dem Herrn!« rief sie aus. Langsam wandte Frau Thomsen den Kopf nach ihr um. »Was soll das heißen?« fragte sie. Jetzt heulte Anna. »Der Herr hat –« sie hielt inne. »Was hat er?« fragte Frau Thomsen ruhig. »Der Herr hat eine Liebschaft in der Stadt!« rief das Mädchen laut brüllend und sank auf die Knie. »St! So schweigen Sie doch! Wie können Sie nur so schreien!« Frau Thomsen war aufgesprungen und sah nach der Thür hinüber. »Gnädige Frau müssen nicht böse sein,« schluchzte das Mädchen. »Es ist ja man bloß, weil ich so schrecklich viel von gnädige Frau halte!« »Schweigen Sie! Hören Sie denn nicht!« flüsterte Frau Thomsen. »Kommen Sie doch zu sich!« Während das Mädchen an der Erde lag und schluchzte und sich die Nase putzte, ging Frau Thomsen im Zimmer auf und nieder, – rückte die Möbel hin und her, sah vor sich hin, – trat auf den Balkon hinaus, kam gleich zurück. Eine so dumme, plumpe Art und Weise, so etwas zu erfahren! – Dieses Pack von Dienstboten! – – Wütend sah sie Anna an, die noch immer an der Erde lag und leise schluchzte, während sie über das Taschentuch hinweg zu ihrer Herrin hinüberschielte. Jetzt schlug sie die Augen nieder. »Sind gnädige Frau schrecklich traurig darüber, daß –« begann das Mädchen. »Schweig!« unterbrach sie Frau Thomsen heftig. Dann ging sie hin und setzte sich wieder vor den Spiegel. »Machen Sie jetzt schnell, daß Sie mit meinem Haar fertig werden!« sagte sie. »Und sprechen Sie nicht mehr mit mir. Ich will Ihr Geschwätz nicht mehr anhören.« Das Mädchen erhob sich und ging schnell und geschäftig wieder an die unterbrochene Arbeit. Geschwätz! dachte Frau Thomsen bei sich, leider ist es wohl kein Geschwätz. Einen Augenblick überlegte sie, ob sie das Mädchen ausfragen sollte, woher sie es wußten und was sie wußten, aber sie gab es gleich wieder auf; sie mochte sich nicht mit dem Pöbel gemein machen. Außerdem war die Sache an sich wohl nur leider ganz sicher. Der Herr hatte offenbar eine Liebschaft in der Stadt. Der Gedanke war ihr ja nicht neu, – sie hatte in den letzten Jahren sogar bei Kleinem versucht, sich daran zu gewöhnen. Warum sie es geglaubt hatte, wußte sie offen gestanden nicht. Thomsen hatte nie die geringste Unregelmäßigkeit weder in seinen Gewohnheiten noch in seiner Laune gezeigt, er war Tag aus, Tag ein, das ganze Jahr hindurch, einfach und ruhig, und er kam immer zur Essensstunde nach Hause. Vielleicht war es grade dies unerschütterliche Gleichgewicht in allem, was sie zuerst mißtrauisch gemacht hatte: sie fand es unnatürlich bei einem Mann. Sie war sogar mehrmals kurz davor gewesen, mit ihm darüber zu sprechen, ihn geradeaus zu fragen, wie es in der Beziehung mit ihm stand. Aber sie hatte es nicht gethan, weil sie fürchtete, daß er sagen würde, es sei nichts derartiges vorhanden. Denn dann konnte es trotzdem wahr sein. Und dann hatte er ihr etwas vorgelogen. Vor dem Verdacht fürchtete sie sich. Jetzt wußte sie es also. Es that ihr ein klein wenig leid. Nicht daß er hin und wieder eine andere Frau besuchte. Ach Gott, nein, über Eifersucht und dergleichen Jugendlichkeiten war sie längst hinaus. Sie verstand sich außerdem so gut auf die Gefühle der Männer, daß sie wußte, er konnte sie deswegen doch ebenso lieb haben. Was sie aber quälte, war der Gedanke: warum hatte er es ihr nicht erzählt? Mein Gott, jetzt lebten sie doch wirklich so nett friedlich und behaglich mit einander. Sie hatte ihn wirklich gern. Sie amüsierte sich über seinen trockenen Humor, und selbst wenn er für gewöhnlich ein wenig schweigsam und stumpfsinnig war, so fühlte sie sich doch in seiner Gesellschaft immer so sicher und geborgen. Sie wußte es auch sehr an ihm zu schätzen, daß er ihr niemals Schwierigkeiten in Bezug auf Geldangelegenheiten und dergleichen machte: sie erhielt immer, was sie für sich oder das Haus forderte, – obgleich es ihm wohl nicht immer gleich bequem war, es ihr zu schaffen. Das war doch eine große Annehmlichkeit. Er war ihr wirklich ein guter Kamerad gewesen, – so wie sie ihm. Warum hatte er ihr denn nicht so viel Zutrauen erwiesen? Sie fand, daß sie das verdient hatte. Er hätte ihr geradeaus erzählen sollen, daß er im Begriff stände, eine Dummheit zu begehen. Dann hätten sie doch zusammen darüber sprechen können, als nüchterne, praktische Menschen, die sie doch waren. Jetzt mußte sie ihn also selber ausfragen. Sie schauderte ein wenig; es war nicht angenehm. Und dann war da ja immer diese Angst; den Fall gesetzt, daß er es leugnete, denn dann wollte sie nicht nur glauben, daß er log, – dann mußte sie es wissen. Und dann war es mit ihrer Kameradschaft aus, – das fühlte sie deutlich. Sie konnte nicht in Freundschaft mit einem Manne weiterleben, der sie in einem so wichtigen Punkt belog. Nun, es war ja noch nicht alles verloren! Das Mädchen hatte endlich ihr Haar aufgesteckt. So, das hat geholfen! dachte Frau Thomsen und betrachtete die hübsche Frisur im Spiegel. Dann badete sie Gesicht, Hals und Schultern in dem kalten Seewasser, das förmlich biß, aber die Haut mit einem so jugendlichen Schimmer erröten machte. Und sie zog ihr mauvefarbenes Moiréekleid an; das ließ gerade so viel von Hals und Schultern sehen, wie das Seewasser gerötet hatte. Anna war ihr behilflich, gewandt und ängstlich. »Wie schön gnädige Frau doch sind!« murmelte sie und faltete die Hände, während Frau Thomsen vor dem Spiegel stand und ihre prachtvolle Erscheinung musterte. Ja, dachte sie, – ich bin jedenfalls schöner als vorhin, als ich wie ein Fischweib auf dem Strandwege herumlief. Jetzt werden wir ja sehen, was der gute Thomas sagt. Mit einem Seufzer wandte sie sich von dem Spiegel ab. »Gehen Sie jetzt hinunter und sagen Sie Anton, daß ich mit ihm sprechen will!« sagte sie. Das Mädchen stand einen Augenblick still und starrte ihre Herrin an, dann lief sie schnell hinab. Jetzt muß ich ihn wohl kündigen, lachte Frau Thomsen und schritt ein wenig auf und nieder. Ich kann ihn doch nicht mit seinen Klatschereien hier herumlaufen lassen. Einen Augenblick später klopfte es an die Thür. »Herein!« sagte sie und ging auf die Thür zu. Der Diener trat ein, als sie aber seinen frechen, neugierigen Blick begegnete, wandte sie ihm den Rücken und trat an das Fenster. Was soll ich ihm nur sagen? dachte sie, ich kann mich doch nicht dazu hergeben, mit ihm darüber zu reden. Und wenn ich keinen Grund angebe, geht er zu Thomsen. Außerdem – wenn er hier weggejagt wird, klatscht er wohl dort, wohin er kommt, nur um so mehr. »Gehen sie hinunter und holen Sie Anna,« sagte sie, ohne sich umzuwenden. Sie sah nicht die Grimasse, die er ihr machte, und die übertriebene tiefe Verbeugung, mit der er sich aus der Thür zurückzog. Jetzt setzt das Mädchen ihren Willen also doch durch, dachte sie ein wenig ärgerlich, – ich habe ganz einfach nicht den Mut, ihn weg zu jagen. Aber sie sollen wenigstens nicht glauben, daß ich mich ihrer bedienen will. Und als Anna nach einer Weile hereinkam, ging sie ganz nahe auf sie zu. »Hören Sie einmal, Anna!« sagte sie ruhig und bestimmt, »mit diesem Schlingel von Anton mag ich nicht reden. Sie können ihm aber von mir bestellen, sobald ich wieder das allergeringste von seinem lächerlichen Klatsch und dummen Gerede hörte, würde er augenblicklich zum Hause hinausgejagt werden. Ich kann euch nicht daran hindern, untereinander zu klatschen, und das ist mir übrigens auch gleichgültig, höre ich aber nur ein einziges Wort von diesem Blödsinn von anderer Seite, so wißt ihr beide, worauf ihr euch gefaßt zu machen habt. Denn es kann nur von euch ausgehen. Haben Sie mich verstanden?« »Jawohl, gnädige Frau,« stammelte das Mädchen mit einem Gesicht, das vor Verlegenheit zuckte und zitterte. »Nun, dann gehen Sie hinunter.« Anna fing an zu schluchzen! »Gnädige Frau sind doch nicht böse?« »Freilich bin ich böse! Machen Sie jetzt, daß Sie fortkommen!« Anna verschwand. So, jetzt werde ich von der Seite wohl Ruhe haben, dachte Frau Thomsen, »dann werde ich mit der andern auch wohl fertig.« Nach einer Weile ging sie hinunter. Im Wohnzimmer roch es noch immer nach Lack und Farbe, und als sie in die Gartenstube kam, befühlte sie ganz mechanisch die Wand, ob sie noch feucht sei. Ob ich wohl auch in die Küche muß? dachte sie. Ach nein, mit dem einfachen Essen wird sie schon allein fertig werden. Und dann: sie wollte ihren Teint nicht verderben, indem sie zu lange über dem Feuer stand. Der gute Thomas soll mich hübsch finden! – – Dann setzte sie sich in einen Korbstuhl auf die Veranda, nahm ein Buch und erwartete Thomas. – »Ja, jetzt trocknet es!« Sie wandte sich um und sah ihren Mann im Gartenzimmer stehen, die Hand gegen die Wand gelegt. War die Uhr denn schon so viel? Ja, gleich halb sieben! Sie sprang schnell auf, ging mit einem leichten Kopfnicken an ihm vorüber, in die Küche hinaus. Gleich darauf setzten sie sich zu Tische. Das Essen verlief in fast völligem Schweigen. Thomsen sagte wie gewöhnlich nichts, und Frau Thomsen war gegen ihre Gewohnheit still und nachdenklich. Von Zeit zu Zeit stützte sie das Kinn in die Hände und sah lange zu ihrem Mann hinüber, der so friedlich da saß und seine Fleischbrühe schlürfte. Ja, ja, mein guter Thomas, dachte sie, da sitzt du nun und genießt dein Mittagessen. Du ahnst nicht, was mitten an diesem heitern Sommertag zu mir herabgeplumpst kam. Wenn du es wüßtest, bekämst du am Ende einen Kloß in den verkehrten Hals. – – Aber jetzt, wo Anna aus und ein ging, wollte sie aber nicht darüber sprechen. Sie trank ein paar Gläser, um ein wenig in Stimmung zu kommen. Plötzlich mußte sie lächeln. Also Thomas ist verliebt! dachte sie, – Gott weiß, wie das aussieht? – – Und zum ersten Male erfaßte sie eine Art Neugier, zu erfahren, wer es war, der er huldigte. Wahrscheinlich eine kleine Schauspielerin, dachte sie, – oder eine »junge Witwe«, die durch ein Inserat in der Zeitung einem gebildeten, vorurteilsfreien Gentleman um ein Darlehn von 200 Kronen gebeten hat. Und sie sah ihn ruhig mit einem Blumenstrauß daherkommen und ihn der Auserwählten in seiner stumpfsinnigen, stillen Weise überreichen. Drollige Schäferstunden! dachte sie. Sie war keinen Augenblick darüber in Zweifel, daß sein Auftreten dort genau so bürgerlich und prosaisch und leidenschaftslos war wie daheim bei ihr. Als sie bei den Erdbeeren angelangt waren, ließ Thomsen plötzlich seine Stimme erschallen. »Ich finde, die Mühle ist heute stehen geblieben,« sagte er und blinzelte verschmitzt zu seiner Frau hinüber. »Ja,« sagte sie mit einem leisen Lächeln. »Es ist ein Stein zwischen die Räder geraten.« »Was für ein Stein ist denn das?« »Das wirst du schon erfahren, Thomas, wenn die Zeit gekommen ist.« Er schüttelte den Kopf, und sie aßen schweigend weiter. Als sie fertig waren, gingen sie auf die Veranda hinaus. Thomsen zündete seine kleine Shagpfeife an und stand da und sah über das Wasser hinaus und nach seinem Kutter hinüber, der gerade vor der Villa vor Anker lag, ein Stück vom Lande entfernt; ganz schwarz sah er heute abend aus, – der Rumpf wie auch die Takelage waren wie mit Pech beschmiert, denn rings umher lag der Sund blank und weißgelb, von dem Glanz der Abendwolken beleuchtet. »Die See sieht heute abend, weiß Gott, wie Milch aus,« bemerkte der Großhändler. »Warum nicht wie Bernstein,« entgegnete seine Frau. »Hm, so poetisch bin ich nun einmal nicht veranlagt.« Seine Frau sah ihn einen Augenblick an. »Der Teufel trau' dir!« sagte sie und versetzte ihm einen leichten Schlag auf die Backe, indem sie an ihm vorüber ging. »Du bist gewiß ein größerer Schwärmer als du scheinst.« Sie ging hin und schenkte den Kaffee ein. Wie soll ich nur anfangen? dachte sie. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es einleiten soll. – – – »Willst du nicht heute abend mit der Lydia hinaus?« fragte sie dann. »Ja – a– wenn du mir Wind besorgen kannst!« Nein, das konnte sie ja nicht, und es entstand ein Schweigen. »Es ist der fünfte Abend, daß die See so träge daliegt,« bemerkte er. »Das ist nicht amüsant.« »Dann bleibe morgen zu Hause!« schlug Frau Thomsen vor. »Des Vormittags haben wir ja immer mehr Wind. – – Aber du kannst dich wohl keinen einzigen Tag von der Stadt trennen?« fügte sie listig hinzu. Er setzte sich gähnend hin. »Morgen ist ja Sonntag,« sagte er. Wieder zurückgeschlagen! Langsam trat sie an ihn heran. »Aber du fährst morgen doch wohl zur Stadt?« fragte sie. »Nicht wahr?« Er sah zu ihr auf. »Bewahre!« sagte er. Sie schüttelte den Kopf leise. Nein, so ging es nicht. Er war ja nicht aus seiner Ruhe heraus zu bringen! Ja, dann mußte sie wohl geradeswegs auf die Sache lossteuern. Sie stellte sich hinter seinen Stuhl. »Hör einmal, lieber Thomas!« fing sie an, hielt aber inne. Es war doch sonderbar, wie unruhig sie plötzlich geworden war. Sie war ganz kalt im Gesicht und fühlte ihr Herz pochen. »Galant bist du nie gewesen, Thomas,« flüsterte sie leise und strich ihm über den Nacken, »aber ich hatte doch gehofft, daß du sehen würdest, wie hübsch ich mich heute gemacht habe.« Er sah flüchtig auf. »Mein Kompliment,« sagte er und streichelte ihre Hand, die auf seiner Schulter lag. »Man sollte glauben, du hättest keinen Sinn für Frauenschönheit,« fuhr sie leise fort. »Das habe ich auch wirklich nicht!« sagte er ungeduldig und paffte heftig aus seiner Pfeife. »Mein Gott, das habe ich dir ja gleich gesagt, als ich um dich anhielt!« Ob er wohl nein sagt? dachte sie. – [[?]]»[?]Ob das Ganze wohl Unsinn ist? Am Ende hat er gar nichts gethan! – Ach, wenn er doch nichts gethan hätte! – – – So, jetzt frage ich! Sie setzte sich auf die Stuhllehne dicht an ihn heran, und indem sie ihn mit der einen Hand um den Nacken faßte, bog sie seinen Kopf zu sich hinauf. »Sag' mir, Thomas, – hast du andere Götter neben mir?« fragte sie leise. Er starrte sie an. »Was soll das heißen – Götter?« rief er ärgerlich aus. Er sagt nein! Es ist nichts geschehen! – Eine plötzliche Freude flammte in ihr auf, – sie kam so unerwartet, – sie verwirrte sie, – machte sie ganz schwindlig – – – »Na ja, oder Göttinnen?« fragte sie lächelnd und schüttelte leise seinen Kopf. Thomsen befreite seinen Kopf und sprang auf. Sie glitt in den Stuhl hinunter. Es ist doch wahr! flüsterte sie, als sie den Ausdruck seines Gesichts sah. Er war blaß geworden, – so blaß, daß sein blonder Bart einen roten Schein in sein Gesicht warf. Langsam wandte er sich um, trat an den Kaffeetisch, – nahm einen Löffel, wiegte ihn auf den Fingern, ging auf die Verandathür zu und sah hinaus, immer den Löffel balancierend. Es ist also wahr! dachte sie – – Und langsam gewann sie ihre Ruhe wieder. Das Ganze ist also gekommen, wie ich es erwartet hatte, sagte sie zu sich selbst, – offen gestanden, wie ich es gewünscht hatte. Es lag ihr ja nichts vor. Sie hatte wirklich keinen Grund, traurig zu sein. Und doch empfand sie in ihrem innersten Innern einen kleinen, sonderbaren, roten Schmerz, ebenso heftig wie die plötzliche Freude vorhin, und beinahe ebenso unerwartet. Was war dies nur? Was das Herz getroffen? – – Es entstand eine Stille. Nun, reden wir darüber, dachte sie mit einem Seufzer, – dann geht es wohl vorüber. Hierin ist kein Sinn. Auf die Weise können wir einen ganzen Abgrund zwischen uns zusammen schweigen. Retten wir, was gerettet werden kann. – – – »Findest du eigentlich, daß das hübsch von dir ist, Thomas?« fragte sie mit leiser, trauriger Stimme. Er wandte sich um. »Nein, das ist es nicht,« sagte er. Er stand da und sah auf den balancierenden Theelöffel nieder. Dann ging er hin und legte den Löffel dahin, wo er ihn hergenommen hatte. »Von wem hast du es erfahren?« fragte er und sah sie von der Seite an. »Das ist ja gleichgültig,« antwortete sie müde. »Das ist es auch.« Er nahm einen Stuhl und schob ihn an sie heran. »Ich hätte wohl Lust, dir das Ganze zu erzählen,« sagte er ruhig. »Das hättest du früher thun sollen, Thomas.« »Ja, da hast du recht,« räumte er ein, indem er sich setzte. »Es ist wenigstens gut, daß du es so vernünftig auffaßt.« »Vernünftig!« wiederholte sie und machte eine Bewegung mit der Hand. – »Mein Gott, wir beiden alten Eheleute, die einander so gut kennen, – wir können uns doch nicht plötzlich hinstellen und Tragödie miteinander spielen. Natürlich schmeichelt es meiner Eitelkeit als – als Dame, oder Frau, – oder was du willst, nicht, daß ich dich nicht habe fesseln können. Aber ich habe ja so viel anderes wahrzunehmen gehabt. Ich habe dich wohl nicht hinreichend gepflegt.« Er räusperte sich, um zu antworten, sie aber fuhr fort. »Nein, natürlich liegt der Fehler fast immer auf seiten der Frau, das sehe ich sehr wohl ein. Es ist der Troubadour in euch, Thomas,« lächelte sie leicht, »und den zu erkennen, wird uns oft schwer, – bis es zu spät ist. Aber reden wir nicht mehr darüber. – – [[«]] »Nur das eine thut mir ja ein wenig weh,« fuhr sie fort, »daß ich hier sitzen und dich so ausfragen muß, als wenn man einen Schuljungen beim Betrügen ertappt. Das thut mir ein wenig weh, Thomas.« Sie preßte die Hände fest zusammen und sah zu ihm auf. »Natürlich ist es jetzt vorbei,« sagte er. »So?« fragte sie schnell. – »Nun,« fuhr sie nach einer Weile fort und sah ihn prüfend an, – »übrigens kann ich nicht einsehen, warum es jetzt, wo ich das Ganze weiß, schlimmer ist, als bisher – wo ich es nicht wußte. Ich finde, es ist besser.« Thomsen sah vor sich nieder. »Ich kann mich jetzt nicht gut dazu bequemen –« »Na ja, darüber können wir ja noch immer reden,« sagte sie in erleichtertem Ton. »Aber jetzt erzähle mir. Wer ist es? Ist es eine Schauspielerin? Thomas, Thomas, du, der du viel ins Theater gehst!« »Nein, eine Schauspielerin ist es auch nicht,« sagte er. »Auch nicht einmal eine Chansonette oder Balletteuse oder so eine. Es ist –« Er schwieg und sah sie plötzlich an. »Du kennst sie übrigens!« Sie runzelte die Brauen. »Ich kenne sie?« »Ja! Erinnerst du dich nicht der Dame, die zu Hause bei uns wohnte, als wir uns verheirateten, – eine Art Freundin meiner Schwester, – Fräulein Fick?« »Wie?« rief sie aus, – »die kleine, strenge Person?« »Na, strenge,« sagte er, – »ich finde doch, sie sieht sehr freundlich aus.« »Ich habe nie etwas so Mürrisches gesehen! Ist sie es denn wirklich?« »Ja, sie ist es!« sagte er. »Das ist doch nicht möglich! Aber liebster Freund, wie hast du es mit der aushalten können!« rief sie aus. Er sah nieder und schwieg. »Es ist wohl so eine alte Geschichte?« »Ja,« sagte er. »Zehn Jahre alt!« »Also genau so lange, wie wir verheiratet gewesen sind.« »Ja!« murmelte er. Sie strich sich über die Stirn und saß eine Weile da. »Es ist mir ganz unbegreiflich,« sagte sie dann. »Wäre es etwas unwiderstehlich Berückendes gewesen, – etwas märchenhaft Strahlendes, – etwas aus der andern Welt, so hätte ich es verstehen und mich auch wohl besser darein finden können. – – Aber diese kleine spitze, einfache Gouvernante, – sie beleidigt mich wirklich!« »Ja, ja!« sagte er, »jetzt ist es ja auch vorbei.« »Zehn Jahre! Was habt ihr eigentlich miteinander gemacht? Wie habt ihr die Zeit hingebracht?« »Das weiß ich wirklich nicht,« sagte er, »aber vergangen ist sie ja!« »Hat sie dich Weißstickerei gelehrt, – darin war sie ja groß.« »Nein,« sagte er, – »das eigentlich nicht.« Frau Thomsen erhob sich und ging ein wenig auf und nieder. Sie blieb vor ihrem Mann stehen. »Du hast ihr also eine Wohnung gemietet? Erhältst du sie auch?« »Ja,« sagte er und räusperte sich, – »das heißt, etwas hat sie ja selbst.« »Und dann gehst du zu ihr? Jeden Tag?« »Nein, höchstens zweimal die Woche,« sagte er. »In der Regel nur des Sonnabends.« »Heute bist du also da gewesen?« »Ja,« sagte er, und rückte ein wenig auf dem Stuhle hin und her. Frau Thomsen sah ihn einen Augenblick an, – wandte sich dann um, – und ging in die Gartenstube, durch das Wohnzimmer und die Eßstube, – ging um den Tisch herum und kehrte zurück. Langsam ging sie und preßte die Hände gegen ihre Wangen, und von Zeit zu Zeit schüttelte sie heftig den Kopf, – wie für sich. Jetzt stand sie wieder draußen auf der Veranda. Sie stand da und sah zu Thomsen hinüber, der still auf seinem Stuhl saß, aus seiner Pfeife paffend, geistesabwesend vor sich hinstarrend; er hatte sie nicht bemerkt. Dann trat sie an ihn heran, stützte die Hände auf die Lehne des Stuhles und beugte sich über ihn. »Hast du sie sehr lieb, Thomas?« fragte sie leise. Er richtete sich im Stuhl auf. »Ja!« sagte er mit einem wunderlich schwachen, verschämten, glückseligen Lächeln, das sie nicht an ihm kannte, – »wenn ich es also doch sagen muss –« »Hast du sie lieber als mich?« Nachdenklich that er einige Züge aus seiner Pfeife. »Das kommt wohl auf eins heraus,« sagte er dann. Und er legte seine Hand auf die ihre und streichelte sie leise. Sie erhob sich mit einem Seufzer. »Ja,« sagte sie ruhig, »das verstehe ich sehr wohl. Du paßt im Grunde viel besser zu ihr als zu mir. Mit ihr hättest du dich verheiraten sollen. Aber ich wurde es nun einmal, und da müssen wir denn die Dinge so nehmen, wie sie gekommen sind.« Er sah sie aufmerksam an. Sie stand da und betrachtete ihre Hände. »Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß mir dies angenehm wäre,« fuhr sie fort. »Aber auf der andern Seite, – Scheidung und dergleichen, – dafür bin ich nicht. Wir wollen das Leben nicht zu tragisch nehmen.« »Nein!« sagte er mit Nachdruck. »Jetzt weiß ich also, was du anfängst, wenn du Verlangen nach Ruhe und Langerweile hast und nach Weißstickerei und stiller bürgerlicher Gemütlichkeit, – nach einem Heim!« fuhr sie mit einem schwachen, bittern Lächeln fort, – »und ich finde, das solltest du ruhig fortsetzen. Hast du dann hin und wieder einmal Lust, ein wenig gepufft und geärgert zu werden, – dich mit einem Frauenzimmer zu amüsieren, das leider außer dir niemand hat, mit dem es sich amüsieren kann, – so komme nur getrost zu mir. Ich will mich schon bemühen, den Humor aufrecht zu halten, solange ich kann!« Er erhob sich und ging auf sie zu. »Du bist eigentlich eine gescheite Frau, Carla,« sagte er. »Du bist, weiß Gott, viel klüger als die andere.« »Keine Vergleiche!« sagte sie und runzelte die Stirn. »Nun, dann sind wir uns ja einig.« Er nickte. »Also wie du willst.« Sie standen eine Weile da und sahen auf den Sund hinaus. »Ich glaube, der Wind nimmt sich auf,« meinte Thomsen. »Wollen wir einen kleinen Spaziergang in der poetischen Abendröte machen?« »Ich habe keine Zeit. Wir waschen heute. Aber geh du nur!« Er nickte ihr zu und ging in den Garten hinab. Wie dick er doch ist, dachte sie, während sie da stand und ihm nachsah – und wie häßlich er auf seinen Beinen geht. Sie versuchte, sich einzureden, daß es eigentlich erst jetzt so war, wie es zwischen ihr und ihrem Mann sein sollte, jetzt wo alles aufgeklärt und geordnet war. Sie konnte selbst recht gut sehen, daß sie die Sache überlegen und klug behandelt hatte, wie es von ihrer Erfahrung und ihren ganz freien Lebensanschauungen zu erwarten war. Und Thomsen blieb ja derselbe gutmütige Spießbürger, der er immer gewesen war. Aber trotzdem – Ihr Leben, – es war, als sei sein ganzer Reiz verblaßt. Sie sah darauf zurück, – wie auf etwas, das schon in weiter Ferne lag; und es flimmerte vor ihrer Erinnerung von so vielen kleinen Schelmereien, von heiterer Ungewißheit von einem Tag zum andern, von fröhlicher Spannung, von Freude und Zorn über nichts in der Welt. Jetzt war das alles tot. Nur weil Thomsen ein paarmal in der Woche dort in der Stadt saß und sich bei dieser gleichgültigen kleinen Dame langweilte; und weil sie selber Tag aus, Tag ein mit dieser Gewißheit weiter leben sollte, – illusionslos, allein – und alt. Wie banal das Ganze doch war, wie gewöhnlich und dumm und leer es war. Selbst den kleinen, roten Schmerz von vorhin empfand sie nicht mehr. Das war vorbei. Sie seufzte tief auf und sah eine Weile geistesabwesend auf den Strandweg hinab, wo die Leute ihre kleinen Eitelkeiten in der Abendbeleuchtung spazieren führten. Plötzlich mußte sie an Hartwig und seine Frau denken. Die Begegnung mit ihnen am Vormittag und die vielen Male, wo sie sie Arm in Arm, eng aneinandergeschmiegt, hatte vorübergehen sehen. Die mußten doch wohl glücklich sein, wie es hieß. Wie sie diese kleine, übermütige Frau beneidete! So sicher saß sie auf ihrem Bock, als habe sie nichts vom Leben zu befürchten. Wenn sie die doch nur treffen könnte! Langsam erhob Frau Thomsen ihre Hand, und ließ sie über ihren Hals hinabgleiten, – wie in einer leisen verwunderten Liebkosung. Ihr fiel etwas ein, – war es nicht erst gestern abend gewesen, als sie in den dunklem Garten gesessen und Hartwigs Blick dort auf ihrem Halse gefühlt hatte, – so starrend, daß ihr die Haut fast davon kribbelte? Ob da wohl was zu gewinnen war? – – Sie ging hin und schellte. Im nächsten Augenblick stand Anna vor ihr. »Wie sieht es mit der Tischwäsche aus?« fragte sie. »Ja, gnädige Frau,« versicherte das Mädchen eifrig. »Sie wird heute abend noch mit allem fertig, mit jedem Stück!« »Das ist gut,« sagte Frau Thomsen. »Denn wir werden Montag Gesellschaft haben.« V »Wenn wir nur erst wieder glücklich zu Hause wären!« sagte Frau Ingeborg Hartwig zu ihrem Mann, als sie Arm in Arm den Strandweg entlang, nach Strandheim gingen. »Hm, das pflegt man ja stets zu sagen, wenn man in Gesellschaft muß,« bemerkte er. »Ich kann aber die Menschen nicht leiden,« sagte sie und schauderte leise. Ganz weiß war sie unter dem lichten Umhang: ein weißes Kleid mit lang geschwungenem, stilisiertem Blumenmuster, ein antiker silberner Gürtel um die feine Taille, und um den Hals eine einzelne Reihe weißer Perlen. »Du wunderliches Ding!« lächelte er und schüttelte sie ein wenig. »Ich bitte mir aber aus, daß du heute recht liebenswürdig bist.« Sie gingen schweigend weiter. »Kannst du mich nicht zu Tische führen?« fragte sie plötzlich und sah zu ihm auf. Er lachte. »Nein, das geht wirklich nicht!« rief er aus. »Du bekommst natürlich den Hausherrn.« Sie sandte ihm einen hastigen Blick zu. »Und dann wirst du natürlich die Hausfrau führen?« fragte sie. »Ja, das vermute ich. Wir sind ja zum ersten Mal da und es kommt niemand außer uns.« »Doch! Hans!« »Ja, den kannst du ja auf die andere Seite bekommen. Dann bekommst du sicher keinen Mund voll Essen vor lauter Konversation!« »Ach, das wird ja schrecklich!« rief sie aus. »Worüber soll ich nur einmal mit den beiden Murmeltieren reden!« »Mit Hans, deinem teuren Hans!« neckte er sie. »Kann ich dich denn nicht an die andere Seite bekommen?« Er lächelte und drückte ihren Arm an sich. »Ja, das läßt sich am Ende einrichten!« meinte er. »Wenn wir es recht schlau anfangen. Aber du mußt nicht gleich auf mich zustürzen, wie du zu thun pflegst, denn dann sieht es aus, als wären wir gar zu verliebt ineinander, und dann lachen sie uns aus.« »Das können sie gern thun!« sagte sie. Sie kamen nun in den Garten hinein und gingen hinauf. Im Entree standen Anna und Anton und nahmen ihre Umhüllungen ab. Als sie in die Gartenstube kamen, sahen sie Thomsen und Vedel an der Verandathür stehen, die Hände auf dem Rücken, ohne miteinander zu reden. Der Großhändler kam ihnen entgegen und hieß sie in »Strandheim« willkommen. »Sie reden wie ein Burgherr!« sagte Hartwig lächelnd. »Das habe ich von meiner Frau gelernt!« entgegnete Thomsen trocken. »Die gnädige Frau hat recht. Es ist wirklich pompös hier!« »Wunderhübsch!« sagte Ingeborg und sah gebildet und freundlich aus. Sie sahen nach dem gezackten Mauerwerke hinüber, das die steinerne Treppe, die zum Garten hinabführte, flankierte, – und ließen den Blick leicht über die stattliche Paneelung und die geschnitzten Holzornamente der Decke gleiten. »Vollkommen mittelalterlich!« bemerkte Hartwig. »Soll so sein, soll so sein!« lächelte der Großhändler vergnügt. »Troja!« versetzte Vedel ganz ruhig. Hartwig wandte sich lachend nach ihm um. »Nein, hören Sie nur! Jetzt fängt er schon wieder an, Witze zu machen.« »Das war sicher gar nicht seine Absicht,« lächelte der Großhändler und packte ihn beim Arm. »Übrigens habe ich den Witz nicht recht verstanden!« »Das ist ja ein Citat, Herr Thomsen!« erklärte Vedel höflich. »Es steht in einer von Holbergs Komödien, – in Yeppe vom Berge, soweit ich mich entsinne.« Hartwig trat an ihn heran. »Sagen Sie mir doch Vedel, haben Sie sich so kostümiert, um Yeppe zu citieren?« fragte er und knipste lächelnd mit den Fingern nach seiner Weste! »Es ist jedenfalls ganz im Stil.« Alle betrachteten Vedel. Statt der weißen Weste, wie sie die andern trugen, hatte er eine altmodische seidene Weste, mit kleinen roten Rosenknospen gestickt, angezogen. »Die habe ich vom Vater geerbt,« sagte er. »Die ist hübsch!« sagte Ingeborg. »Ich kenne sie, sie steht dir gut Hans!« »Ja!« sagte er vergnügt, sie mit einem dankbaren Blick ansehend, »ich ziehe sie auch nur an, wenn ich –« er stockte und senkte den Blick. »Wenn Sie mit meiner Frau zusammen sein sollen!« rief Hartwig laut auflachend aus. »Na ja, das ist ja auch eine Art und Weise, den Hof zu machen.« Ingeborg runzelte die Brauen und sah ihren Mann erzürnt an. Vedel schwieg. »Sie paßt jedenfalls sehr gut zu der Umgebung,« bemerkte Thomsen. »Ja, das ist wahr,« sagte Hartwig. »Hätte ich daran gedacht, so würde ich ein altes Seidenwams angezogen haben, das ich zu Hause habe.« »Und ich bin noch im Besitz von ein Paar gelben Kniehosen und hochroten Strümpfen,« bemerkte der Großhändler, »von einem Karneval her, wo ich den Kardinal Richelieu gemacht habe.« Man lachte bei dem Gedanken, – und Hartwig nahm Thomsen unter den Arm und ging mit ihm auf die Gartentreppe hinaus, wo sie sich in leisem Zwiegespräch hinsetzten. Ingeborg trat auf Vedel zu. »Warum machst du dich immer lächerlich, Hans?« sagte sie leise, und entfernte einen Staubfleck von seiner Schulter. Und warum verteidigst du dich nie?« Vedel räusperte sich. »Ja, ich weiß, was du sagen willst. Du bist kein Mann, Hans.« Er blickte nieder und antwortete nicht. Sie ging ein wenig auf und nieder, kehrte dann wieder zu ihm zurück. »Wie kommt es übrigens, daß du hier bei uns andern im Zimmer bist?« fragte sie und sah ihn herausfordernd an. »Was meinst du damit?« fragte er. »Ich glaubte, du seiest als Lohndiener hier im Hause gemietet,« sagte sie, »du pflegst ja hinter der Hausfrau herzugehen und ihre Einkäufe zu tragen, wenn sie Besorgungen macht.« Er wurde plötzlich dunkelrot und fing an, mit den Augen zu zwinkern. »Wie kannst du nur so etwas sagen, Ingeborg?« flüsterte er. »Glaube nur um Gottes willen nicht, daß es Eifersucht oder dergleichen ist!« rief sie ärgerlich aus. »Aber du solltest nur wissen, wie albern du neulich aussahst, als du mit dem Fisch hinter Frau Thomsen hergetrottelt kamst! – – – Gott weiß, wie lange wir noch auf das Essen warten sollen!« Und sie ließ ihn abermals stehen. Gleich darauf that sich die Thür zum Eßzimmer auf, und Frau Thomsen kam hereingebraust. Sie trug ein mattgrünes seidenes Kleid, das ihrem rotblonden Haar und dem vom Herdfeuer glühenden Gesicht nicht kleidete. »Guten Tag, liebe, süße kleine Frau!« sagte sie und drückte Ingeborg warm die Hand, – »Willkommen in Strandheim! – – Guten Tag, Baron. Noch vielen Dank für die gütige Hilfe neulich!« Und sie brauste weiter, »willkommen auf Strandheim, lieber Herr Hartwig! Wie hübsch von Ihnen, daß Sie gekommen sind! Ich denke, wir können jetzt essen, – die Mädchen hatten natürlich Unsinn gemacht, da mußte ich, –« Im selben Augenblick öffnete der Diener die Flügelthüren zu dem Eßzimmer und stellte sich auf. Frau Thomsen verneigte sich vor Hartwig, Thomsen bot Ingeborg den Arm, und sie gingen hinein, – während Vedel, finster und verwirrt, still folgte. Bei Tische ging die Unterhaltung ungleichmäßig, fieberhaft. Frau Thomsen redete ununterbrochen, mit lauten Lachanfällen und eifrigen Blicken nach allen Seiten; Hartwig antwortete ihr munter und willig. Die andern drei aber fast gar nicht. Thomsen versuchte eine Unterhaltung mit Ingeborg, da sie aber nur kurz und gezwungen antwortete, ergriff er bald sein Glas und bat sich die Ehre aus, es auf ihr Wohl zu leeren; ein Lächeln und ein schelmischer Blick in seinen Augen sagten ihr: wir beide sind nicht dafür, uns unnötige Mühe zu machen, nicht wahr? Darauf machte er sich schweigend über sein Essen her und überließ seiner Frau das übrige. Ingeborg lauschte mit wachsender Nervosität dem Geplauder der Wirtin; sie konnte es nicht leiden, sie und Hartwig zusammen zu sehen, – sie entdeckte Andeutungen, verborgene Aufforderungen, Koketterie hinter ihren Worten, – sie kannte Ernst gar nicht wieder, wie er mit einem eifrig lächelnden, selbstzufriedenen Gesicht da saß. Auch Vedel, der an ihrer rechten Seite saß, machte sie unruhig und ängstlich. Sie war ganz schweigsam und erhob kam die Augen von ihrem Teller. So führten denn die Wirtin und Hartwig ausschließlich die Unterhaltung. Frau Thomsens schöne Goldledertapeten wurden pflichtschuldigst bewundert. Dann ging die Unterhaltung auf die Häuslichkeit in der Nähe wohnender Sommerfrischler über: man beredete ihre drolligen Einrichtungen in den kleinen, möblierten Wohnungen, die Einnahmen und Aussichten der Familien, die privaten Passionen der jungen Frauen während der langen Nachmittage, wenn die Herren Gemahle in der Stadt waren. Mit einem Übergang wurden die Eremitagen-Rennen berührt – morgen fand das letzte statt. Niemand hatte Lust, es mitzumachen, – so hatte der Sattelplatz während der letzten Jahre seinen Charakter verändert: Die Demie-monde machte sich immer breiter, und peinliche Scenen mit halbverrückten und versoffenen Edelleuten waren fast unvermeidlich. Auch die königliche Familie hielt sich ja mehr und mehr fern. Es entstand eine Pause. Frau Thomsen fiel in einem Anfall plötzlicher Müdigkeit zusammen. Es summte in ihrem Kopf von ihrem eigenen Gerede, – und sie empfand eine Sekunde lang deutlich, wie schlaff und alt sie aussah, während sie da saß und schwieg. Aber das war ihr einerlei, – alles war ihr einerlei, weil sie sich plötzlich so grenzenlos einsam fühlte. Hartwig saß da und ärgerte sich über Ingeborgs steifes Wesen, das er für Trotz und Verlegenheit hielt. Da war seine Tischdame allerdings viel freier und überlegener. Er hatte eine Menge Wein getrunken und seine Hand so auf das Tischtuch gelegt, daß sie einen Augenblick die ihre berührte. Darin lag doch nichts Schlimmes! Das gehörte ganz einfach mit zu den Genüssen eines besseren Mittagessens, – jeder durfte das sehen. »Prost! Herr Baron!« sagte Thomsen plötzlich und erhob sein Glas, sich zu Vedel wendend. Vedel verneigte sich mit verwirrten und finstern Augen nach allen Seiten. Hartwig sah mit einem schelmischen Blitz in den Augen zu Vedel hinüber. »Apropos, Herr Baron,« sagt er munter, – »wie denken Sie eigentlich über unsere degenerierte Aristokratie?« Vedel sah ihn plötzlich an, – mit einem sonderbaren starren, drohenden Blick. »Ich glaube, es giebt in ganz Europa nichts Ähnliches!« fuhr er fort und lehnte sich in den Stuhl zurück. »Ich habe viel gereist, viel gelesen und entsinne mich meiner Eindrücke. Es herrscht ja überall Degeneration, nirgends aber wie hier. In Deutschland sind sie doch wenigstens Mannsleute, diese Junker. – Donnerwetter, wenn ich an ihre eisernen Fäuste denke, an ihr Lachen, ihre Zähne, ihre Beine, – das ist Rasse! Stüpide wie die Büffel, – selbstredend! Die Renaissance liegt ja in weiter Ferne, und das Regiment da unten setzt ja förmlich Prämien für Dummheit aus. Aber es ist doch ein Stand, sie kennen einander am Geruch! Und in England,« fuhr er fort und lehnte sich eifrig vor, »da sind sie noch mehr, – das sind sie Männer ! So sollen Männer aussehen wie diese Sirs. Es ist ganz sicher die Absicht der Natur gewesen, daß die Herren der Schöpfung sich zu dieser einen Erscheinung vervollkommnen sollten, und nur zu der. Sie umfaßt alle Männlichkeit, geistig wie körperlich. Wenn man nur ihr Lächeln sieht, so weiß man, daß sie wie sonst niemand einer Gefahr trotzen, eine Frau gewinnen, eine Bank sprengen, wie kein anderer! Vielleicht sind auch sie degeneriert, – ich habe etwas von Unmoralität und dergleichen gehört, – und es mag ja sein, daß das wahr ist, aber als Edelleute reicht ihnen niemand das Wasser! Die Franzosen,« fuhr er fort und lehnte sich wieder zurück, mit denen sieht es ja schwächer aus. In körperlicher Beziehung taugen sie, offen gestanden, nicht mehr viel, und in moralischer auch nicht. Sie nehmen sich nicht so recht aus in der heutigen Beleuchtung. Wenn man mit so einem Marquis des französischen Adels spricht, so hat man den Eindruck, daß er nicht ahnt, ob der Präsident des Landes Faure oder Loubet heißt oder Carnot, und daß er das jedenfalls für völlig gleichgültig hält, – was es ja übrigens auch ist. Aber rührt man an seiner Familie, – gare. En arrière, petit-cousin, der sich möglicherweise aus dem Stande heraus verirrt hat, – ein Ahne aus dem zwölften Jahrhundert, der in einer Schlacht, von der niemand mehr etwas ahnt, eine Standarte erobert hat, – das ist sein Leben!« »Aber ist das nicht schrecklich öde?« fragte Frau Thomsen, die aufmerksam zugehört hatte. »Öde? Liebe gnädige Frau, das ist schön! Ich liebe den Adelsstand, ich huldige ihm in meinem Herzen, ich begreife nicht, wie man ohne ihn fertig werden kann! Aber hier zu Lande, du lieber Gott!« Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Kennen Sie den hiesigen Adel genau?« fragte Frau Thomsen. »Sehr genau!« sagte er. »Ich bin selber von Blut, – meine Mutter ist eine geborene Rantzau, – und ich habe die besten Jahre meiner Jugend damit hingebracht, mich auf den seeländischen Rittergütern herumzutreiben, teilweise auch auf den laalandischen und fünenschen. Jütland kenne ich nicht. Damals dachte ich nicht weiter über das nach, was ich sah; aber wenn ich jetzt an die Leute zurückdenke, die ich dort traf, – und die ich noch immer treffe, – es ist ein Jammer! Ich ziehe die Arbeiter vor, die haben doch eine Art Standesgepräge, unser Adel ist nichts! Nichts! Nichts! Ich fordere ja keine geistige Kultur, Gott bewahre! Nicht einmal körperliche Kultur! Ich fordere nur ein wenig Standesgefühl, ein wenig begründete Eingebildetheit, wenn Sie wollen. Da ist natürlich hin und wieder einmal eine schöne Dame, ein tüchtiger Kerl, hier wie überall, aber der Stand als Stand ist null, gar nichts! Ich weiß wahrhaftig nicht, was der Grund ist. Isolation ist es nicht, denn sie isolieren sich selten, und wenn sie es thun, werden sie deswegen nicht besser. Auch natürlich das Gegenteil nicht, obwohl bürgerliche Kraft und Tüchtigkeit bei der Amalgamierung in der Regel so eigentümlich in Staub zerfällt. Aber in einer unglücklichen Blutmischung ist der Grund wohl im eigentlichen zu suchen. Die meisten dieser Familien haben ja keine natürliche Wurzel hier im Lande. Es ist schlechtes, deutsches Blut, das sich nicht mit dem dänischen hat vermischen können. Dann verkrüppelt der ganze Körper. Ein Arm welkt hin, ein anderer schwillt an, ein Bein wird steif durch Verkalkung der Gelenke, der Kopf wackelt auf dem Halse. Der Organismus ist zerstört.« Er schwieg, – und alle sahen Vedel an, als sei der Angriff gegen ihn gerichtet, als müsse er sich jetzt verteidigen. »Nun, Baron!« sagte Frau Thomsen mit einem neckischen Lächeln, »was sagen Sie denn zu der Salve!« »Na, es trifft ja –« begann Hartwig in leichtem Ton. »Ich schweige wenigstens von unsern Fehlern,« sagte Vedel plötzlich gedämpft, aber mit einem ernsten, drohenden Tonfall, indem er Hartwig gerade ins Gesicht sah. Hartwig sah ihn einen Augenblick an. »Es trifft ja Vedel nicht so ganz eigentlich,« fuhr er darauf langsam fort, indem er den andern anstarrte. »Seine Familie ist ja ziemlich ungemischt schwedisch-norwegisch. Freilich ganz zu Grunde gegangen. Sind Sie nicht der einzige Baron dieses Namens hier zu Lande, Vedel?« »Ja!« sagte Vedel. »Das meinte ich doch. Er sitzt am äußersten Ende des welken Armes als kleiner, einsamer, verdorrter Nagel.« Frau Thomsen brach in ein lautes Gelächter aus, und der Großhändler grunzte. Vedel wurde dunkelrot und sah hastig zu Ingeborg hinüber, dann sah er Hartwig mit einem dunklen ratlosen Blick an. »Ja, womit wünschen Sie denn sonst, daß ich Sie vergleiche?« sagte Hartwig ruhig und lächelnd. »Etwa mit einer Hand mit einem Schwert? oder einem helmgezierten Kopf? Wie ist Ihr Wappen?« »Das kenne ich!« rief Frau Thomsen aus, »er hat es mir gezeigt! Es ist eine weiße Blume auf rotem Felde mit der Unterschrift: Rühr' mich nicht an, auf lateinisch!« » Noli me tangere , – ei, ei!« sagte Hartwig. »Was für eine Blume ist es denn? Eine Taubnessel?« »Ich möchte Sie bitten, sich nicht mehr mit mir zu beschäftigen, Herr Hartwig,« sagte Vedel plötzlich und sah nieder. Es entstand eine Pause. »So necken Sie ihn jetzt nicht mehr,« sagte Frau Thomsen und legte die Hand auf Hartwigs Arm. »Verzeihen Sie, meine gnädige Frau, ich denke gar nicht daran, ihn zu necken,« sagte Hartwig und beugte sich über den Tisch. Aber seine Stimme klang ärgerlich, und das Messer, das er in der Hand hielt, zitterte, als er es gegen ein Glas stemmte. »Er interessiert mich nur. Er peinigt meine Gedanken unaufhörlich, ich kann nicht aus ihm klug werden, ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll! Baron ist mir nicht genug, nicht einmal die Weste kann mir helfen. – – Fisch? Nagel? Amphibium?« – – »Ich möchte Sie auf das Eindringlichste ersuchen, nicht mehr von mir zu reden,« sagte Vedel mit fast unhörbarer Stimme. Aber seine Augen brannten sich in die Hartwigs. Hartwig wurde rot. »Was für ein Amphibium ist das eigentlich?« wiederholte er hart. Es ging eine Unruhe über den Tisch – »Hans Vedel ist der feinste, edelste Mensch, dem ich im Leben begegnet bin,« sagte Ingeborg plötzlich laut. Ihre Stimme zitterte, und sie sah in die Höhe, als lege sie ein Bekenntnis ab. Hartwig starrte sie mit weitgeöffneten Augen an, schwieg aber. Thomsen und seine Frau sandten einander einen hastigen Blick zu und sahen vor sich hin. Vedel aber hatte ein leeres Glas ergriffen und drehte es unaufhörlich auf dem Tischtuch hin und her. Am Büffett hinter dem Tisch klirrte der Diener leise mit den Tellern. »Was ist denn das? regnet es?« sagte Frau Thomsen plötzlich und sah nach dem Fenster hin. Thomsen erhob sich. »Ja, wahrhaftig!« rief er aus. Er ging hin und sah zum Fenster hinaus. »Nur ein Schauer, nur ein Schauer! Aber das frischt gut auf.« Er kehrte zurück und rieb sich die Hände. »Dann können wir nach Tische eine kleine Fahrt mit dem Kutter machen,« sagte er und setzte sich. »Ja, das kann sehr nett werden,« bemerkte Hartwig. Er strich sich über das Gesicht und wandte sich dann an Frau Thomsen: »Segeln Sie viel hier draußen gnädige Frau?« »Segeln, – ich?« rief Frau Thomsen aus, – mit wem in aller Welt sollte ich wohl segeln? Thomsen ist ja jeden Tage vom frühen Morgen bis abends sechs Uhr in der Stadt, ich bin den ganzen Tag mutterseelen allein!« »Ja, das sind Sie wohl auch!« sagte Hartwig langsam und schwieg. Es entstand eine Pause. Gottlob, da ist die Melone! dachte der Großhändler, denn jetzt wird die Sache peinlich! In der That hielt Frau Thomsen nur mit der größesten Anstrengung die Unterhaltung während des übrigen Teils des Diners aufrecht, und so schnell wie möglich hob sie die Tafel auf. »Ha, dann wollen wir doch einmal sehen, wie der liebe Gott über die Sache denkt,« schlug der Großhändler vor, als sie in die Gartenstube gekommen waren. Aber der Regen trommelte und peitschte gegen die Verandenfenster und nach Süden zu standen große, dunkle Wolken, die sich langsam zusammen zogen. Er schüttelte den Kopf, und sie standen eine Weile da und sahen mißmutig in den Regen hinaus. »Wir haben uns ja so nach Regen gesehnt!« meinte Hartwig. »Die Erdbeeren vertrocknen ganz.« »Ja, es ist gut für die Landleute,« sagte Thomsen mit einem verschmitzten Lächeln, »aber weniger erfreulich für die kleinen Damen mit dünnen Kleidern auf See. – – Nun, dann müssen wir wohl sehen, daß wir uns innerhalb unserer vier Wände gemütlich einrichten.« Er rieb sich die Hände, und sie versammelten sich alle um den Kaffeetisch. Die Stimmung war aber gestört. Frau Thomsen schenkte schweigend den Kaffee ein, setzte sich, schüttelte sich ein wenig und kroch in sich selbst zusammen. Hartwig hatte sie aufgegeben. Ein Mann, der so verliebt in seine Frau war, daß er aus lauter Eifersucht nahe daran war, über einen Eßtisch hinweg eine Prügelei zu beginnen, – mit dem war wirklich nichts aufzustellen. Und diese kleine hochmütige Frau, die mochte ihretwegen ihr Glück behalten. – Sie selber fühlte sich so unsäglich müde und gleichgültig gegen alles, selbst ihre Wirtinnenpflichten, die sie doch niemals vernachlässigte, waren ihr einerlei. – – Aber was war denn das? – – Plötzlich sah sie Hartwigs großes, braunes Gesicht gerade vor sich – – Hartwig hatte eine Weile mit unruhiger und zerstreuter Miene dagesessen und schweigend die Spitze seiner Zigarre angestarrt. Was hatte Ingeborg nur einmal? War sie wirklich in diesen unmöglichen Baron verliebt? Wollte sie offenen Krieg? – – Nun denn, er war Manns genug, ihn aufzunehmen! Und voll von seiner alten Eroberungsfreude drehte er resolut seinen Stuhl um, so daß er Ingeborg und Vedel den Rücken zukehrte; jetzt saß er Frau Thomsen gerade gegenüber, – ihr erstauntes – lächelndes – fragendes Gesicht beugte sich ihm langsam zu, – die unerwartete Freude machte es plötzlich ganz jung unter seinem Blick. – – Jetzt konnte es losgehen! Und mit seiner tiefen Stimme begann er, ihr von seinen Reisen und Erlebnissen zu erzählen. Nach einer Weile sah er, wie Frau Thomsens Augen sich starr auf etwas hinter ihm richteten und sich aufmerksam bewegten, als verfolgten sie irgend etwas, das verschwand. Er sah sich verstohlen um und entdeckte, daß Ingeborg und Vedel weg waren. Da rückte er näher an Frau Thomsen heran, – ganz nahe. Er legte die große Hand auf die Lehne ihres Stuhles und fuhr fort zu reden. Ingeborg ging schnell durch die Gartenstube in das Wohnzimmer, von Vedel gefolgt. Dort setzte sie sich auf ein kleines Sofa am Fenster, rückte einen Stuhl dicht an sich heran und zeigte darauf; Vedel nahm schweigend Platz. Ihr Gesicht war ganz blaß, und ihre Augen glänzten. Eifrig und flüsternd begann sie, mit ihm zu sprechen, während er lauschte und in seiner gewöhnlichen höflichen, ruhigen Weise antwortete. Thomsen saß eine Weile da und sah zu ihnen hinüber, dann wandte er den Kopf ab und sah mit zwinkernden Augen seine Frau und Hartwig an. Er legte die Cigarre hin, griff in die hintere Rocktasche, holte seine kleine Shagpfeife heraus, stopfte sie sorgfältig und zündete sie an. »Jetzt geben sie gleich Feuer,« sagte er zu sich und erhob sich, – »aber mir ist es wirklich einerlei.« Er fing an, in den Zimmern auf und nieder zu schlendern. Von der Veranda ging er in das Wohnzimmer, – rund um den Tisch herum und wieder zurück nach der Veranda, dann machte er denselben Weg noch einmal und ging wieder hinaus. So fuhr er fort: »Ich will die Verliebten doch anstandshalber ein bischen im Auge behalten,« dachte er. Von Zeit zu Zeit schnappte er ein einzelnes Wort auf, wenn er die Gruppen streifte. Aus dem Wohnzimmer ertönte ununterbrochen Ingeborgs eifriges Flüstern: »Weißt du noch – – ? Weißt du noch – ?« »Sie sind bei den gemeinsamen Erinnerungen,« dachte er, – dann geht es, wie es soll. Übrigens hatte er geglaubt, daß sie weiter mit einander gekommen wären, – und die heftige Unvorsichtigkeit der kleinen Dame setzte auch ihn in Erstaunen. Gott weiß, ob der Mann wirklich schlecht gegen sie ist! – –« In der Veranda hörte er Hartwigs gedämpfte Stimme: »In Liebesangelegenheiten mußt du dich vor einem hüten: vor Kraftvergeudung! sagte er einmal.« – »Hat er das gesagt?« fragte seine Frau. »Ja, und das ist ein gutes Testament.« – »Hm,« dachte Thomsen, indem er eifrig auf seiner Pfeife paffte und durch die Stuben ging – daraus kann sich alles entwickeln – er wollte das nächste Mal doch genauer hinhören. Als er wieder zu ihnen hinauskam, horchte er. Er hörte Hartwig: – – stellte mich der Tochter vor: » Ma chère petite, « sagte er, » regarde ce Monsieur, et tu verras. « – – Das gedämpfte Lachen seiner Frau klang hinter ihm drein. »Hm,« dachte er beruhigt, »der ist also auch bei den Erinnerungen, – aber die sind gottlob nicht gemeinsam, so viel ich weiß.« Nein, offen gestanden, war er in Bezug auf seine Frau nicht besorgt. Diese langweilige Geschichte neulich, über die er nicht mit ihr gesprochen hatte, weil er wußte, daß es ja von selber einmal kommen würde, – wie es ja also auch ganz richtig gekommen war. – Gott mochte übrigens wissen, wie? – Sie hatte sie doch wirklich musterhaft aufgefaßt. Sie sah gar nicht so aus, als wenn sie sich rächen wollte. – – – Er mußte lächeln bei dem Gedanken! Carla auf Liebespfaden! – – Sie mit ihrem Essenkochen, ihren Einkäufen, ihren Mädchenangelegenheiten, ihren Familiengeschichten! Sie redet zu viel. – – Sie hat wirklich keine Zeit! – – Nein, so ein ruhiger, friedfertiger Mensch wie er selber, – der alles so machte wie es gemacht werden mußte, und außerdem noch Zeit zu allerlei anderem hatte – – Thomsen wurde ganz weich ums Herz: er mußte an seine liebe, gute kleine Fick denken, die da so brav und geduldig saß, er hatte sie eigentlich ganz verteufelt gern! »Eine brave kleine Dame!« sagte er mit Nachdruck, – eine wirklich brave, anständige kleine Person. Strenge, hatte Carla gesagt, – sie war aber gar nicht strenge, ein wenig mager war sie ja freilich, die Wangen ein wenig schmal, aber sie war fröhlich und liebenswürdig, nie hatte er ein böses Wort von ihr gehört. Du lieber Gott, ihr Lohn war doch so gering: eine kleine Leibrente hatte er ihr ausgesetzt, und damit war sie zufrieden, und unveränderlich dieselbe. Sie hatte ihm wirklich reiche Zinsen für seine Schillinge eingebracht. »Nein,« dachte er und schielte zu Ingeborg und Vedel hinüber, an denen er gerade vorüberkam, »da sitzen nun die beiden jungen Menschen und glauben an Liebe, als sei das etwas ganz Neues, erst vor einer halben Stunde in der Welt Entdecktes.« – – »Und hier,« fuhr er fort, als er auf die Veranda hinauskam, »hier sitzen zweie, die doch etwas älter und vernünftiger sind, – und die sind vielleicht nicht weit davon entfernt, einander genau dasselbe einzubilden, – – und währenddes gehe ich hier, – ich, der ich mein ganzes Leben hindurch eigentlich an nichts weiter geglaubt habe als an meine präparierten Ochsenhäute, ich gehe hier mit meiner kleinen, alten, friedlichen Gewohnheitsliebe, die mich jetzt volle zehn Jahre wach gehalten hat. Ich mache mir verdammt wenig aus Nachtigallen und schmelzenden Herzen im Mondschein. Aber ich mag es wohl, wenn mich eine kleine Dame zweimal wöchentlich um den Hals faßt, wenn ich zu ihr komme, und sie sagt: Guten Tag, Tom, wie geht es dir, kleiner Schatz? – – Ja, ich kann es wohl leiden, daß sie das wieder und wieder sagt, sie hat es jetzt in den zehn Jahren jährlich hundertmal gesagt, das macht im ganzen tausendmal. Das kann ich wohl leiden. Ich kenne die Worte, und mache mir nichts daraus, andere zu hören.« »Hm,« dachte er, als er wieder an Ingeborg und Vedel vorüberkam, – meint ihr, daß ihr mir das nachmachen könnt, ihr beiden?« – – Er ging noch eine Weile und dachte an seine friedlichen Schäferstunden, während er auf seiner Pfeife paffte, schließlich ward er dessen überdrüssig, – da aber keins der beiden Paare Anstalten machte, sich vom Fleck zu bewegen, obwohl es doch allmählich stark zu dämmern begann, so setzte er sich endlich in einen Lehnstuhl im Gartenzimmer. Dort saß er und starrte in den strömenden Regen hinaus und begann dann über das verdammte Diskonto zu grübeln, das nicht fallen wollte. Gegen zehn Uhr kam der Diener herein und meldete, daß der Thee serviert sei, – und man versammelte sich wieder im Eßzimmer. Hartwig und Frau Thomsen waren sehr angeregt, und die Unterhaltung zwischen ihnen und dem Großhändler ging lebhaft und ungezwungen. Vedel und Ingeborg waren immer noch still. Bald nach Tische brach man auf. Die Gäste liehen sich Regenmäntel und Schirme und wurden bis an das Gartenthor geleitet. »Gute Nacht, meine gnädige Frau,« sagte Hartwig und hielt Frau Thomsens Hand in der seinen. »Vielen Dank!« »Dann bleibt es also bei der Verabredung!« sagte sie laut mit lächelnder Stimme. Ingeborg reichte Herrn Thomsen die Hand »Gute Nacht!« – und mit einem Blick zu Frau Thomsen hinüber! »Gute Nacht!« Vedel verneigte sich heftig und schweigend. Thomsen und seine Frau gingen durch den Garten zurück. »Ein wohlgelungenes Diner!« bemerkte er lächelnd. »Das finde ich auch!« sagte sie kurz. Sie kamen auf die Veranda hinauf. Der Großhändler schüttelte die Regentropfen von dem Schirm. »Ich meine gehört zu haben, daß du von Verabredungen sprachst?« murmelte er, die Pfeife zwischen den Zähnen. Sie sah hastig auf. »Hör einmal Thomsen,« sagte sie und trat gerade vor ihn hin, »ich möchte dir ein für allemal etwas sagen! Ich thue, was ich will! Du hast keine Spur von Recht mehr über mich! Ich lasse mir nicht das Geringste mehr von dir gefallen! Wenn es mir einfallen sollte, nach dem Mond zu fliegen, so thue ich es! – – Sind wir uns nun einig?« Er zwinkerte ein klein wenig mit den Augen. »Nach dem Mond zu fliegen?« wiederholte er. »Ja, soll ich mich deutlicher erklären?« fragte sie und starrte ihn an. »Nein!« sagte er ruhig, aus aller Macht paffend, »das ist nicht nötig.« Sie wandte sich um und ging hinein. Er blieb noch eine Weile stehen. »Sie hat recht,« dachte er, »aber daß sie Lust dazu hat, die alte Person! Nach dem Mond zu fliegen – – ?« Er schüttelte den Kopf. Dann setzte er sich hin und trank einen stillen Whisky, ehe er hinauf ging. – Unten auf dem Strandwege standen Hartwig und Ingeborg unter einem Schirm. Vedel stand in einiger Entfernung. »Adieu, Herr Baron!« sagte Hartwig sehr bestimmt und streckte den Arm befehlend aus. Vedel verneigte sich tief vor Ingeborg und bog schnell links ab. Hartwig packte seine Frau beim Arm. Im selben Augenblick aber riß sie sich mit einem heftigen Ruck los. Einen Moment blieb sie stehen und starrte ihn an. Und ohne ein Wort ging sie in den strömenden Regen hinaus, – Vedel nach. Sprachlos vor Zorn stand Hartwig da. Dann aber stampfte er mit dem Fuß und rief ihr nach: »Ja, geh' du nur, geh' du nur! Meinst du, daß ich dich halten will! Geh du nur mit ihm!« Und langsam folgte er hinterdrein. Er zitterte vor Zorn, und das Blut schoß ihm siedend in das Gesicht, wahrlich, jetzt hatte er genug! Mochte sie gehen, mochte sie gehen, mochte sie für immer weg bleiben! Fertig mit der Komödie! Ich bin frei! – – Er ging weiter, und ohne auch nur mit den Augen zu zwinkern, sah er sie bei der Biegung des Weges verschwinden: Vedel in voller Fahrt unter seinem Regenschirm, Ingeborg ein Stück hinterher, fest in ihren Regenmantel gehüllt. Sie wird ihn schon einholen, dachte Hartwig, – Gott sei Dank! Als er nach Hause kam, stand die Entreethür weit offen. Er schlug sie zu und schloß sie ab. Schweren Schrittes stieg er die Treppe zum Schlafzimmer hinan. Von den Dienstboten war niemand zu sehen. Er kam ins Zimmer. Dort stand Ingeborg vor dem Spiegel, bereits halb entkleidet, in ihrem Frisiermantel. Sie wandte ihm den Rücken zu und kämmte ihr Haar. Aha! dachte er. Sie ist feige. Am schlimmsten für sie selber. Aber sein furchtbarer Zorn legte sich. Ruhig entkleidete er sich. »Morgen,« dachte er, – »morgen!« Und mit einem Gähnen genußreicher Erwartung streckte er sich auf seinem Lager aus. Nach einer Weile merkte er, wie Ingeborg in des Bett schlüpfte, das neben dem seinen stand. Dort legte sie sich ganz still und steif hin, den Rücken ihm zugewendet. Dann drehte auch er ihr den Rücken zu, und bald schlief er ein, so daß er nicht hörte, wie sie weinte. VI In dem Garten, der zu der Hartwigschen Sommerwohnung gehörte, streckte sich ein langer, überschatteter Gang an dem nach dem Strandwege hinausgelegenen Gartengitter entlang. Hier schlenderte am nächsten Vormittage Hartwig auf und nieder in elegantem weiß und blau gestreiftem Flanellanzug und Strohhut, einen kleinen, dünnen Spazierstock in der Hand, die Cigarette im Munde. Er hatte schon ein langes Tagewerk hinter sich! Er war um sechs Uhr aufgestanden, hatte einen Schimmer von Ingeborgs feindlichem Rücken im Bett neben dem seinen gesehen, und hatte dann einen langen Ritt in den schönen Morgen hineingemacht, der jetzt nach dem Regen so frisch und duftend war. Nach Hause zurückgekehrt, hatte er ein hastiges Seebad genommen und war hinaufgegangen, um Toilette zu machen. Lange war er da oben umhergegangen, – er hatte sogar leicht gepfiffen – leise gesummt – aber Ingeborg schlief jetzt fest mit ruhigen, schweren Atemzügen. Und er wollte sie nicht stören. Jetzt ging er hier, frisch, leicht, elastisch, in vollster männlicher Kraft, einen spähenden Blick in die Zukunft gerichtet. Denn auf seinem langen Ritt hatte er den Status aufgemacht. Ruhig – mit so verwundertem Zerren an den Zügeln, daß das Pferd still stand – hin und wieder in kurzem Trab, – hauptsächlich aber im Schritt – hatte er die Krisis untersucht, ihren Ursachen nachgeforscht und ihre Resultate gezogen. Vedel war der Ausgangspunkt. Er hatte ihn geneckt, und Ingeborg hatte mit ihm kokettiert. Beides aber war ohne Bedeutung. Seine Neckereien rührten nur daher, daß der Mensch zum Necken geschaffen war; es war keine Spur von Eifersucht seinerseits mit im Spiel gewesen. Ingeborgs Koketterie war nur eine Folge ihrer Jugendbekanntschaft mit dem kleinen Baron, einige unschuldige Erinnerungen, gemeinsame Erziehung und dergleichen alte Sachen; von ihrer Seite war da kein Funke von Verliebtheit. Vedel selber war neutral und verantwortungslos wie immer. Er war gleichsam das Messer in der Hand des kundigen Arztes gewesen, der das Geschwür mit einem schnellen Schnitt entfernt. Denn seine und Ingeborgs Ehe hatte sich in den letzten Monaten mit einer Geschwindigkeit zusammengezogen, die bewies, daß diese Ehe krank, abnorm war. Jeder Tag hatte sie ja weiter voneinander entfernt. Ein Glück, daß das ganze Verhältnis so frisch war, daß es sich ohne besonderen Schmerz und Mühe lösen ließ. Und er war ja nicht im geringsten im Zweifel darüber, wie er geheilt werden konnte. Ohne Qual würde die Kur natürlich nicht ablaufen, – Ingeborg würde es sich wohl sogar recht nahe gehen lassen, denn sie war zweifelsohne noch in ihn verliebt. Sie war wirklich auch ganz allerliebst und frisch, die Kleine, so drollig in ihrer unbeherrschbaren Heftigkeit – – Aber, – was konnte das nützen: sie paßten nicht zusammen. Da war kein festes Band, was sie aneinander kettete, keine sichere Ruhe für sie beide im Zusammenleben. Bisher hatte er geglaubt, daß sie sich nur noch zu wenig kannten, jetzt kannte er sie aus dem Grunde: sie paßte nicht zu ihm. Sie war zu leicht für ihn, zu leer, ohne richtigen Grund weder im Herzen noch im Gehirn. Er selber war ja eigentlich schwerfällig; hinter all dem angelernten, ästhetischen Wust, den er seinen verblüfften Standesgenossen mit Vorliebe an den Kopf warf, war er von Natur und dem Herzen nach Bauer. Sie paßten nicht zusammen. Nein, und zu guterletzt: sie war im geselligen Leben nicht recht zu zeigen. Sie legte Wert auf eine gewisse formelle Tadellosigkeit, war aber so verhätschelt und launenhaft, daß sie den Ton in der Gesellschaft einmal über das andere durch ihre Einfälle gestört hatte, wenn sie zusammen aus waren. Diese Zeichen von »Unmittelbarkeit« machten ihm nun einmal kein Vergnügen. Sie war keine richtige Dame. Nein, es war sicher und gewiß: sie paßten nicht zusammen. Aber wenn die Sache zwischen ihnen nun also heute ganz vorbei war, – so war die Heilung ja nahe – – Hartwig sah nach seiner Uhr. Er erhob den Kopf, und während er den Weg nach links hinabspähte, vibrierten seine Nasenlöcher, als wittere er etwas. Wo blieb sie denn nur einmal, – die schöne Frau? Er sehnte sich nach ihr. Sie war so heiter, so klug, von so rühriger Liebenswürdigkeit, sie hörte so intelligent zu, antwortete so offen und überlegen. Es war zwischen ihnen gleich jenes geheimnisvolle Einverständnis zwischen den Worten zu stande gekommen, das für ihn die erste Bedingung war, um sich überhaupt unterhalten zu können. Mit Ingeborg hatte er niemals eine Unterhaltung gehabt. Nur ein wenig Flirt, ein wenig Neckerei oder Zankerei, was einem gerade einfällt, wenn man nichts zu sprechen hat. Ja, – jetzt handelte es sich also darum, welche von den beiden Frauen es werden sollte. – – Schon heute Morgen hatte er seinen Schlachtplan gemacht: er wollte sie mit einander vergleichen. Ganz ruhig und gewissenhaft wollte er die eine gegen die andere halten, ihre Vorzüge auf diese Weise prüfen. Er hatte zufällig daran denken müssen, wie er immer seine kleinen sächsischen Porzellanfiguren zu Hause untersuchte, indem er sie erst ganz leise gegeneinander stieß und dann – ein wenig stärker – gegen die Zähne: auf diese Weise hörte er augenblicklich und sicher, ob sie restauriert oder fehlerlos, aus einem Gusse waren. So sollten auch die beiden kleinen modernen Schäferinnen ihm ihre geheimen Risse offenbaren. Wenn dann Frau Thomsen die Probe mit Glanz bestanden hatte, – was dann? konnte er sie gewinnen? – – Hartwig lächelte kräftig, die Cigarette zwischen den Zähnen. Er ging eine Strecke weiter, lächelnd, mit dem Stock in die Luft schlagend. Er fühlte seine breite Männlichkeit in sich. Er erinnerte sich seiner vielen schnellen Siege und lachte in plötzlichem Triumph. Was konnte ihm geschehen, ohne daß er es wollte? – – Schon gestern abend, – sie hatten kein Wort mit einander gesprochen, das nicht jeder hätte hören können, – aber durch all das gleichgültige Geplauder hindurch leuchtete ihr Lächeln, ihr Blick um so heller. Er entsann sich, daß er ein wenig erstaunt gewesen war, eine so schnelle Eroberung hatte er noch nie gemacht. – – Ob sie wohl unglücklich mit ihrem Manne lebte? – – Wenn das doch der Fall wäre, denn der Gedanke an den Großhändler genierte ihn ein wenig. »Guten Morgen, mein lieber Herr!« ertönte plötzlich eine Stimme vom Strandwege her. Es durchzuckte ihn leise, – er sah hinaus: Da stand Frau Thomsen. Er verneigte sich tief. »Guten Morgen, gnädige Frau!« »Kommen sie denn mit?« »Ja, ja, – gewiß!« Er ging an dem Gitter entlang, sie schritt draußen daneben her. Während sie ein paar Worte über das Wetter wechselten, betrachtete er sie genau: sie sah anders aus, als er sich gedacht hatte, – ganz anders, als er sie jemals bisher gesehen hatte. Er kannte sie nur in Toiletten, die so offen und üppig waren wie sie selbst, ihr Rede, ihr Wesen; in Kleidern, die gewöhnlich einen Unterarm frei ließen, – die den Hals entblößten und die sie munter und ungezwungen umwogten. Aber nun ging sie da unten in einem stahlgrauen tailor-made- Kostüm, das sie stramm umschloß und ihre Formen vielleicht ein wenig zu kräftig hervorhob. An und für sich stand es ihr! Sie trug es mit Aplomb, und die Manschetten und der weiße, enganschließende Kragen gaben ihr gewissermaßen etwas Männliches, was sie sehr wohl durchzuführen vermochte. Aber trotzdem war dieser erste Augenblick eine kleine Enttäuschung für ihn. Ingeborg hatte ein gelbes Kleid von genau demselben Schnitt, und ohne Frage paßte das besser für ihre schlanke, schmächtige Figur. Er entsann sich, was er ihr so oft von diesen tailormade -Kostümen gesagt hatte, daß sie durch ihre Einfachheit das Eleganteste und zugleich Einfachste von allem seien, es komme nur darauf an, wer sie trüge. Er kam aus der Pforte heraus und ging auf sie zu, den Hut in der Hand. Da stand sie, die schöne Frau, ihr Haar stramm aufgesteckt unter dem kleinen weißen, englischen Strohhut, einen blauen Sonnenschirm über den Schultern, mit hoch erhobenem Nacken. Neben ihr saß ihr schwarzer Seidenpudel, schwach wedelnd, mit weißen Zähnen, die Zunge zum Halse heraus. Es lag etwas Gesammeltes, Geschlossenes etwas bewußt Überlegenes und ruhig Siegesbewußtes über ihrer Erscheinung, das Hartwig entzückte und bezauberte, jetzt, wo er sie aus nächster Nähe sah. Sie musterte ihn mit Wohlbehagen, während sie einen Augenblick seine Hand hielt. »Und Madame?« fragte sie plötzlich leise. » Madame n'est pas visible ,« sagte er schnell. Sie lächelte. » Tant pis! So gehen wir.« Hartwig aber hatte plötzlich den Diener Anton entdeckt, der ein wenig hinter seiner Herrin stand, einen Spankorb in der Hand, ein Plaid überm Arm. »Sollen wir den mit haben?« fragte Hartwig. Sie überlegte einen Augenblick. »Ja,« sagte sie nachdenklich, – sie hatte ihn ja auf jeden Fall bald nach Hause schicken wollen, – aber so lange sie auf dem Strandwege gingen – »Er trägt ja das Frühstück,« lächelte sie. »Das nehme ich!« lachte er. »Na ja, – hören Sie einmal, Anton!« Der Diener näherte sich schnell. »Geben Sie Herrn Hartwig den Korb und das Plaid. Und dann können Sie nach Hause gehen, Anton.« Der Diener gab die Sachen ab, verneigte sich tief und zog sich mit zwinkernden Augen zurück. »So!« sagte Frau Thomsen ganz vergnügt über ihre plötzliche Entschlossenheit, und ganz gleichgültig gegen die frechen Blicke des Dieners: warum sollte er nicht auch über sie klatschen? – – Jetzt machen wir also eine Waldpartie! Wie ich mich darauf gefreut habe! Pollux, bist du da?« Sie gingen den Weg hinab – an der Villa vorüber. Hartwig sah plötzlich ganz nervös aus, – Frau Thomsen aber redete schon lustig darauf los. Sie erinnerte ihn daran, was eigentlich der Grund zu diesem improvisierten kleinen Pic-nic war: er hatte gestern abend einräumen müssen, daß er noch nicht ein einziges Mal hier draußen im Wald gewesen sei, – in diesem entzückenden kleinen Wäldchen, das kaum fünf Minuten von seiner Villa entfernt lag. »Nein,« sagte er jetzt, – »ich habe immer das Feld lieber gehabt.« »Oder die Stadt?« warf Frau Thomsen lächelnd ein. »Auch die,« sagte er, »aber der Wald hat etwas Beengendes,« finde ich. »Beengendes!« rief sie aus, – »dann sollen Sie einmal sehen, mein Lieblingsplatz wird Sie ganz bezaubern!« Leute kamen vorüber, grüßten, oder sahen ihnen mit zwinkernden Augen nach. Frau Thomsen grüßte ruhig und gleichgültig wieder, Hartwig ein wenig scheu und hastig mit zusammengezogenen Brauen. Erst als sie in den Wald kamen, atmete er erleichtert auf. »Ich kann mich nicht mit dem Strandweg aussöhnen,« sagte er. »Ist die Östergade besser?« »Absolut!« »Und das sagen Sie, ein Landjunker?« »Ja, dieser Bastard zwischen Stadt und Land ist mir geradezu widerlich! Die Kopenhagener nehmen alle ihre geheimen Gebrechen mit hier heraus, und dann meinen sie, daß sie das Recht haben, sie in ihrem vollen Flor zu entfalten, weil sie auf dem Lande sind.« »Zum Beispiel?« fragte sie ein wenig verletzt. »Ja, in der Östergade begnügen sie sich doch damit, einander etwas zuzuflüstern und sich leise anzustoßen, hier stellen sie sich auf, die Arme in die Seiten gestemmt, die Augen weit aufgerissen.« »Herr Hartwig scheint heute ein wenig nervös zu sein?« sagte sie mit einem leichten, spöttischen Lächeln. Er sah sie an, und mußte wieder staunen, wie schön sie doch war! Hier drinnen im Schatten der Bäume war ihr Haar dunkler, ihre Haut weißer, ihre Augen tiefer und dunkler als in dem starken Sonnenschein da draußen. Jetzt hatte sie – trotz des Schneiderkleides – wieder jenen leisen Schimmer von Üppigkeit und reichen Verheißungen, der nun einmal zu ihr gehörte. Ingeborg erschien spitz neben ihr. »Ja,« sagte er gedämpft und beugte sich ein wenig zu ihr hinüber, – »wenn man neben der schönsten Frau unter der Sonne geht.« Sie lachte wieder vergnügt. »Ei was, – sagen Sie, der schönsten Frau Kopenhagens oder Skotterups, – das höre ich viel lieber.« Sie kamen jetzt durch einen dichten jungen Wald, durch den das Sonnenlicht herabsickerte, hier war es kühl und licht, – und weiter über Wege, die von grünem Laub geschlossen waren, das ihnen im Gehen ins Gesicht schlug. Frau Thomsen ging voran, der Pudel folgte ihr auf den Fersen, schnell und sicher marschierte sie dahin, mit jugendlichen Bewegungen in ihrem enganschließenden Kleide. Sie redete unaufhaltsam, bald mit dem Pudel, bald mit Hartwig, gleichgültig, ob jemand sie hörte. Im Gehen wandte sie sich um, sandte ihm ein Lächeln zu, ein schnelles Auflachen: »Können Sie mitkommen?« Weiter ging es über kleine, seichte Bäche, wo ihnen große Steine als Brücken dienten, – geheimnisvolle Stufen hinab. – – »Nun, was sagen Sie denn?« Sie war stehen geblieben und sah ihn mit einem triumphierenden Lächeln an. Hartwig war ganz außer Atem. Er legte Plaid und Korb hin, nahm sein Taschentuch und trocknete sein Gesicht ab. »Nun?« fuhr sie fort. Er sah sich um. »Sehr schön!« sagte er, es ist wirklich einladend hier.« Sie standen in einem kleinen, dichten Eichenhain, der sich zu einer Art Hütte wölbte. In der Mitte ragte eine riesenhafte Fichte auf. Eine niedrige Bank war an ihren Wurzeln befestigt, und rings umher war die Erde mit braunen Nadeln, Eicheln und Moos bedeckt. Frau Thomsen setzte sich auf die Bank. »Sehen Sie!« sagte sie und zeigte vor sich hin. Durch eine Lichtung des Eichengestrüpps schimmerte ein Streifen des blauen Sundes tief unter ihnen hindurch. »Hören Sie nur!« flüsterte sie und hob die Hand empor. Es war ganz still um sie her. Nur hoch oben über ihren Köpfen hörten sie ein leises ununterbrochenes Sausen in den Zweigen des großen Baumes. »Welch ein Fund!« sagte Hartwig. Frau Thomsen machte sich über den Korb her. »Ja, hier ist es schön!« sagte sie vergnügt. »Hier sitze ich oft mit meinem Buch. – – Aber jetzt wollen wir etwas zu essen haben! Sind Sie hungrig?« »Gewaltig! rief er aus. Sie lachte laut. »Du lieber Gott! Dann müssen Sie gewiß hungrig zu Bett gehen, Herr Hartwig!« Er zwinkerte mit den Augen, begriff nicht recht, was sie meinte. Sie war so eigentümlich lustig. – – Dann nahm er das Plaid, breitete es aus und setzte sich zu ihren Füßen. »Lassen Sie uns die Herrlichkeiten einmal untersuchen!« sagte er. Sie legte eine Serviette auf die Bank und deckte auf. Da war leckeres Butterbrot in kleinen, zierlichen Päckchen; da waren pflaumenweiche Eier, Stilton und eine kleine Kruke Straßburger Gänseleberpastete, da waren frischgepflückte Erdbeeren mit dem Stengel daran, um trocken mit Zucker gegessen zu werden, da waren zwei halbe Flaschen Rheinwein und eine Feldflasche mit Madeira, da war eine Kruke mit Kaffee, in einen wattierten Theewärmer gewickelt, da waren Cigarren und Cigaretten. »Sie sind zu gut gegen mich!« sagte Hartwig mit aufrichtigem Wohlbehagen. »Essen Sie jetzt nur!« sagte sie vergnügt. Sie griffen tüchtig zu und schwatzten darauf los. Hartwig war so hungrig und so zufrieden mit dem Augenblick, daß er alle übrigen Pläne vergaß. Auch Frau Thomsen aß tüchtig, wie sie es zu thun pflegte, und berührte plaudernd tausenderlei Dinge, – aber es lag etwas Angestrengtes in ihren unruhigen Bewegungen, ein Fieberglanz in ihrem Blick; ihr Gesicht rötete sich schnell, und sie faßte sich alle Augenblicke nervös an die Wangen, als sei sie ärgerlich, daß sie so rot wurde, aber keine Sekunde verlor sie ihren Plan aus dem Auge. »Nun, fangen Sie denn jetzt an, sich mit dem Walde auszusöhnen?« fragte sie nach einer kleinen Pause und schenkte ihm ein. »Beengt er sie noch immer?« Hartwig war mit dem Stilton beschäftigt. »Nein,« sagte er munter, – » hier wenigstens sind Aussichten genug!« Und mit dem Messer zeigte er auf den Streifen des Sundes vor ihnen, – dann auf seine Begleiterin – und schließlich auf das Frühstück. Sie lachte. »Sie sind doch ein unverbesserlicher Sybarit! Gottlob, daß es nicht viele von Ihrer Art giebt!« »Weshalb?« fragte er schnell. Sie sah ihn einen Augenblick an. »Nun,« sagte sie dann und warf dem Pudel ein Stück Butterbrot hin, er saß in einiger Entfernung auf den Hinterpfoten und schnappte nach jedem hingeworfenen Bissen – »dann würde man die wenigen, die es giebt, ja nicht so schätzen!« »Ha, ha, ha!« lachte er, »Sie schlagen mit der einen Hand und streicheln mit der andern! Vielen Dank!« Er reichte sein Glas zu ihr hinauf. Sie stießen miteinander an. »Nein, aber allen Ernstes, Herr Hartwig,« sagte sie nach einer Weile, – »wissen Sie, was ich an Ihnen nicht begreifen kann?« »Nein,« sagte er wohlwollend mit vollem Munde. »Ja, sehen Sie,« fuhr sie fort und fing an, in den Käse hineinzuhöhlen, »Sie, der Sie so viel gereist sind und so viel gesehen und erlebt haben, so viele Frauen haben Sie auch gekannt, ja, Sie haben mir gestern abend eine Menge erzählt, wissen Sie wohl noch?« lächelte sie mit einem schnellen Blick, – – »ich kann nicht begreifen, daß Sie sich so bald zur Ruhe gesetzt haben. Sie sind doch nicht müde, wie?« »Nein!« rief er aus und lachte. »Ja, denn ich habe nie an den Unsinn geglaubt, daß sich Männer mit Erfahrungen am allerbesten für die Ehe eignen sollen. Mein guter weiblicher Instinkt sagt mir, daß sie ganz und gar nicht dazu taugen!« Jetzt geht's los! dachte Hartwig. Warte nur, ich hab' dich gleich! »Nun – und der Herr Gemahl?« fragte er lächelnd. »Thomas,« sagte sie. Sie wandte den Blick einen Moment ab, – dann sah sie ihn an. »Thomas hat keine Erfahrungen!« »Er ist also ein guter Ehemann?« »Ja, ich wünsche ihn jedenfalls nicht anders,« sagte sie und sah ihn ganz ernsthaft an. »Hm!« sagte Hartwig nachdenklich und schwieg. Es entstand eine kleine Pause. »Haben Sie genug bekommen? – Sind Sie satt geworden, meine ich?« lachte sie. Er räusperte sich. »Vollkommen, liebe gnädige Frau! Ich bin vollkommen befriedigt.« »Dann wollen wir abdecken!« Sie nahm die Serviette bei den Zipfeln, hob sie in die Höhe, so daß die ganze Anrichtung zusammengeschüttelt wurde und packte dann das Bündel in den Korb. Hartwig war unzufrieden mit sich. Er kam gar nicht aus der Stelle, – sie entschlüpfte ihm fortwährend. Und das war seine eigne Schuld. Wo ist mein altes Feuer? dachte er. Er fühlte es nicht mehr, – er fühlte nur, wie diese Trägheit nach dem Essen, die er so gut aus den letzten Jahren kannte, – wie die ihn langsam beschlich. Ja, das Essen machte ihn schwerfällig und der Rheinwein schlich ihm leise am Rückgrat hinab. Er mußte wirklich versuchen, sich zu ermannen, sonst verlief ja das Ganze im Sande. Frau Thomsen hatte die Schale mit Erdbeeren auf ihre Knieen gesetzt und, die Madeiraflasche in der Hand, rückte sie jetzt ganz nahe an ihn heran. Sie schenkte ein und reichte ihm ein Glas. »Erquicken Sie sich jetzt aus meinem fruchtbaren Schoße,« sagte sie lächelnd. Den Teufel auch! dachte er, – das hätte ich ja sagen müssen! Er nahm eine Erdbeere, und ihre Hände streiften sich. »Vorhin sind Sie mir ausgekniffen,« sagte sie, – »ich habe nicht erfahren, ob Sie jetzt wirklich zur Ruhe gekommen sind!« »Zur Ruhe gekommen?« wiederholte er langsam. Dann aber richtete er sich auf und räusperte sich energisch. »Nein,« sagte er, »natürlich haben Sie recht. Ein Mann wie ich kommt niemals zur Ruhe. Ich habe zu viel gesehen, – das Leben ist für mich zu konkret. – – Ich kann keine Ruhe in Begriffen finden, ich glaube nicht an ihre Unvergänglichkeit. – – Ich glaube nur an Nuancen, an Veränderungen. Ich muß sie von einem Tag zum andern verfolgen, sonst werde ich nicht glücklich.« – »Ja, nicht wahr?« sagte sie. Sie hatte ein Gefühl, als wenn sie nicht das Geringste bei dem empfand, was er sagte, aber sie wurde doch aufmerksam. »Aber so essen Sie doch! So essen Sie doch!« ermunterte sie. Er nahm ein paar Erdbeeren und schwieg eine Weile. »Ich suche, – ich suche,« fuhr er fort, und machte eine langsame Bewegung mit der Hand vor sich hin. Er schwieg. Sie sah ihn an. Sein Gesicht hatte einen sinnenden Ausdruck angenommen, – einen Ausdruck plötzlichen Bewußtseins, – eine leise Unruhe, die sich ihr mitteilte. »Wonach suchen Sie?« fragte sie. »Ich weiß es nicht immer,« sagte er. »Zuweilen glaube ich, daß es eine Wirksamkeit ist, – etwas auszurichten. – – Aber was sollte ich wohl ausrichten! Was kann man überhaupt ausrichten. – Nein, das ist es nicht.« »Ich weiß, was es ist!« sagte Frau Thomsen leise. »Ja,« sagte er ruhig und nickte vor sich hin, – »ich weiß es selbst, – es ist eine Frau.« Sie nickte. Ich bin es, dachte sie, und lachte tief. »Eine Frau,« fuhr er langsam und gedämpft, gleichsam für sich fort, – »eine Frau, – eine Frau –« Er schwieg eine Stunde und sah vor sich hin. Plötzlich fuhr er sich über das Gesicht und wandte sich ihr zu. Sein Ausdruck war jetzt vollkommen klar. »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau Thomsen,« begann er – »Wir Männer können alles zwischen Himmel und Erde satt bekommen, – und wenn etwas an uns ist, so wird es uns stets so ergehen. Aber das Einzige in der Welt, das uns fesseln kann, ist schließlich eine Frau. Es kann nichts nützen, dagegen anzugehen: So ist es nun einmal bestimmt.« »Nun, und Sie?« fragte sie leise. »Ja, ich,« fuhr er fort, – »ich bin genau so wie alle die andern. Ich habe einen Heißhunger nach meinen Fesseln. Das einzige, was ich von der Frau verlange, die mich fesseln soll, ist, daß sie so sein soll wie ich. Sie mag gern alle meine Fehler haben: Trägheit, Eitelkeit, Übermut, – sie soll mir nur folgen können. Ich meine nicht nach Klampenborg oder nach Dresden und der sächsischen Schweiz, – das muß sie natürlich in erster Linie thun. Ich meine eigentlich auch nicht in einer Unterhaltung, einem Gedankengang, – das muß sie selbstredend auch können. Aber sie soll mein unbewußtes Leben mit mir leben. Sie muß in meinen geheimnisvollen Rhythmen mit mir schwingen. Wenn ich froh oder betrübt bin, so will ich in meinem Innern fühlen, daß sie so ist wie ich. Aber ich will sie nicht danach fragen. Wenn meine Seele »Wurst« murmelt, so soll ihre Seele als Antwort »Haut« flüstern. Aber alle die Frauen, die ich bisher gekannt habe, die haben frisch und unverzagt »Bein« oder »Stiel« geantwortet. Das ist meine Tragödie.« Er sah zu ihr auf. Sie errötete heftig. Mit einem Lächeln reichte sie ihm die Hand. »Sagen Sie einmal »Wurst«,« bat sie leise. Er lächelte und ergriff ihre Hand. »Wurst,« sagte er. »Haut!« flüsterte sie und drückte seine Hand fest. Er saß eine Weile über ihre Hand gebeugt da. Dann führte er sie an seine Lippen und küßte sie langsam. Sie schwiegen beide, – und horchten nach einander. Um sie her war es ganz still. Im Walde hinter ihnen flog plötzlich ein Vogel auf, zwitscherte leicht und verstummte. Ein leises Summen von Mücken in der Luft, – und hoch über ihren Häuptern das ferne Sausen in der hohen Krone des Fichtenbaumes. Frau Thomsen saß da und starrte mit einem sonderbaren furchtsamen Lächeln vor sich hin. Sie hielt noch immer seine Hand in der ihren und gab sie nicht frei. Habe ich ihn jetzt? dachte sie, – habe ich ihn jetzt wirklich? – – ich habe ja nur die Hand nach ihm ausgestreckt – – Bin ich denn wirklich noch so schön? flüsterte sie sich selbst mit einem tiefen Gefühl von Freude zu. – – Noch gestern so einsam, so gedemütigt, so – vorbei – – Und heute! Rache, – Ruhe – – Gleichgewicht – – Neues junges Glück! – – Sie sah mit einem zärtlichen, strahlenden Blick zu ihm herab und preßte ihre Hand heftig gegen seinen Mund.– – Hartwig saß da und betrachtete ihre feste, weiße Hand, in der sich die Adern in einem feinen, vielfach gekreuzten Netz blau unter der Haut hinzogen. Er dachte an Ingeborgs kleine, nervöse, unzuverlässige Hände, die alles umklammerten und wieder losließen. Nein, diese Hand war ruhig und klar, erfahren wie seine eigene, stark und sicher. Ja, sie war die, die er suchte. Sie besaß die Überlegenheit, die er am meisten bewunderte, – die sich mit einem Lächeln in die Entscheidung stürzte. Ein leichter Scherz, dann war das Schicksal gewendet. Hier, wo andere feierlich gestammelt oder sich beleidigt abgewandt hätten, – ja, das hätte Ingeborg gethan! – – Und als sie in diesem Augenblick selbst ihre Hand gegen seine Lippen preßte, küßte er sie mit plötzlicher Heftigkeit, wie herrlich, alles zu vergessen! – Ganz wollte er sie lieben, – er hatte ja noch nie geliebt! – Wie schön sie war, wie gut, wie zärtlich! – – Mit einem schwindenden Lächeln sah er auf. – – Er wollte sich erheben und sie an sich ziehen – – Eine Unruhe durchzuckte ihn, – er näherte sich nicht. Saß nur unbeweglich da und starrte sie an. Ingeborg, flüsterte es in ihm. – Was war dies nur? – – Es war wie ein blitzschneller Schmerz, – ein Streif weißen Lichts, – – eine plötzliche Angst, die ihn durchzuckte. – – Unsinn! Er erhob sich und setzte sich neben sie auf die Bank. Aber wie er so da saß und ihre schönen, üppigen Züge anstarrte und ihre dunklen Augen, die zu ihm auf sahen, – da wurde es alles in einer Sekunde gleichsam zu einer toten Maske, – und in ihm strahlte ein scharfes, junges, blondes Gesicht mit plötzlicher Stärke auf, – Ingeborg – – – Wie im Traume beugte er sich zu Frau Thomsen herab. »Wie schön Sie sind!« murmelte er geistesabwesend. »Für Sie!« sagte sie lächelnd. Dann erhob sie sich und machte sich mit dem Korb zu schaffen, der in einiger Entfernung von ihnen stand. Hartwig strich sich über das Gesicht, was ging nur auf einmal mit ihm vor? – – Wie kam es nur, daß in der Sekunde, wo er an seinem Ziel stand, alles in seinem Innern sich herumdrehte? – – war es Feigheit, oder was war es? – – Warum wurde ihm plötzlich so schwer ums Herz? – – Kindische Thorheit! Den Teufel auch, er war doch ein Mann! Frau Thomsen kehrte mit Cigarren und Cigaretten zurück, die sie ihm hinhielt. Er räusperte sich schnell. »Danke!« sagte er laut und munter. »Sie sind heute ja unerschöpflich!« Sie zündeten die Cigaretten an, und sie setzte sich neben ihn. »Jetzt will ich Ihnen etwas erzählen, Hartwig,« sagte sie und legte ihre Hand über die seine auf der Bank, – »Thomsen ist mir untreu.« Er saß eine Weile da und starrte sie an. »So?« sagte er gedämpft. »Davon hatte ich keine Ahnung.« Sie lächelte kurz. »Nein, ich auch nicht, – bis neulich.« »Aber Sie sagten doch gerade vorhin, er habe keine Erfahrungen,« fuhr Hartwig fort. Mit einer sonderbar erstaunten, zornigen Miene saß er da und betrachtete die Spitze seiner Cigarette. »Die hat er auch nicht!« entgegnete sie flüchtig, – »Sie ahnen nicht, wie alltäglich das Ganze ist. Eine kleine, ältliche Dame, die er seit vielen Jahren gekannt hat, und die er noch immer jeden Sonnabend regelmäßig besucht. Sie sitzt neben ihm und stickt, er befühlt die Stickerei und findet, daß sie brillant gemacht ist. Dann spielen sie einen Whist, und dann ist die Sache aus. Ich war nicht einmal ordentlich ärgerlich oder traurig, als ich es hörte, so langweilig fand ich das Ganze. Aber das sieht ihm so recht ähnlich!« Hartwig saß da und sah zu Boden, während er mit seinem Stock die Erde aufwühlte. »Warum erzählen Sie mir das eigentlich?« fragte er. Sie sah ihn ein wenig verwundert an. »Aber das ist doch ganz natürlich,« sagte sie. »Sie müssen über meine Verhältnisse Bescheid wissen. Das ist doch das wenigste, was ich Ihnen schulde.« Er antwortete nicht. Wenn sie mir das doch nicht erzählt hätte! dachte er. »Sehen Sie, Hartwig,« fuhr sie unverzagt fort, »und putzte ein wenig Tabak aus der Cigarette von ihrem Munde,« – »jetzt wissen Sie das also, – auch ich sollte meinen, das müßte Ihnen ganz angenehm sein. Thomsen ist dadurch ja neutralisiert. Mit dem können Sie deswegen sehr gut Freund bleiben, ohne daß es Ihr Zartgefühl verletzt, – vom praktischen Standpunkt aus ist das doch ein Vorteil, nicht wahr?« »Ja natürlich!« sagte er kurz. Sie sah ihn einen Augenblick an. »Komm, Pollux!« rief sie nervös und schlug sich auf das Knie. Pollux kam schnell zu ihr hingelaufen und legte den Kopf in ihren Schoß. »Ich nehme die Sache ja nicht tragisch, wie Sie sehen,« fuhr sie fort, während sie den Hund hastig streichelte, – sie mußte etwas haben, womit sie ihre Hände beschäftigte, – »ich habe das Leben ja immer recht nüchtern und illusionslos angesehen, ich weiß, wie zufällig und sinnlos es alles ist, ganz so, wie Sie es auch auffassen.« Fasse ich es auch so auf? dachte Hartwig plötzlich. Nun? – Aber er schwieg. »Das ganze ist ja gleichgültig,« fuhr sie fort, »hätte sich aber Thomsen statt mit mir mit seiner kleinen Gouvernante verheiratet, so wäre es vielleicht besser gewesen. Und das hätte er genau so gut thun können. Er kannte sie, ehe er mich kennen lernte, sie war aus ganz achtbarer Familie, hatte ein bißchen Geld, – sie paßten gerade zu einander. Aber meine Familie war ein wenig eleganter, mein Onkel war Etatsrat, – ich bekam viel mehr Geld, – da wurde ich es denn. Hätte er sich aber mit ihr verheiratet, so hätte er sich allerlei eheliche Unannehmlichkeiten gespart, – er macht sich ja aus nichts in der Welt etwas, wenn er nur ruhig leben und tüchtig Geld verdienen kann. Aber jetzt ist es ja zu spät. Er hat sein Los gewählt. Jetzt wähle ich das meine.« Er sah sie an. Sie saß da und strich dem Pudel mit der Hand über den Kopf und starrte mit geistesabwesendem Blick vor sich hin, während sie die Cigarette langsam zwischen ihren Lippen auf und nieder bewegte. Hartwig runzelte die Stirn. Sie war aber doch wirklich auch zu nüchtern und illusionslos, fand er. Sie saß da und sprach von ihren intimsten Verhältnissen, mit einer so ruhigen Miene, als handele es sich um wildfremde Menschen. Das war doch eigentlich sehr sonderbar. Ob sie wohl schon ein wenig verbraucht war? Alles ging ihr so glatt von der Hand, und doch war es nichts weniger als den Ruin eines Familienlebens, den sie da vorbereitete.– – Der Ruin eines Familienlebens! »Na,« sagte sie plötzlich und sah ihn lächelnd an, »die beiden hätten wir glücklich zusammengeklatscht. Eins, zwei, drei, das nächste Paar herbei?« »Und wer ist das?« fragte er. »Das sind wir, mein Freund,« sagte sie und preßte seine Hand fest, »konnten Sie das denn nicht erraten?« – – »Ja, das konnten Sie,« fuhr sie nach einer Weile fort, als er nichts erwiderte, »denn als Sie vorhin von der einen Frau sprachen, die Sie suchten, und die Ihnen folgen könne, ohne daß Sie sie fragten weshalb, da meinten Sie mich. Können Sie das leugnen?« fragte sie mit einem hastigen, nervösen Lächeln. »Nein, das waren Sie,« sagte er schnell. »Ja!« sagte sie schnell, indem sie sich erhob. Sie blieb eine Weile stehen, ging dann hin und setzte sich auf das Plaid, das zu seinen Füßen lag. Sie stützte die Arme auf seine Knie und legte das Gesicht in ihre Hände. So sah sie zu ihm auf. »Hartwig!« sagte sie, »Ernst Hartwig!« Die Stellung kleidet Sie nicht, dachte er, – man muß schlanker sein, um sich so zu krümmen. Sie aber beugte sich noch mehr vornüber, faltete die Hände über seinen Knien und sah empor. »Es ist sonderbar,« sagte sie gedämpft und schüttelte langsam den Kopf, – »ich finde, ich bin in den letzten Tagen eine ganz andere geworden. Ich kenne mich selbst nicht mehr. Glücklicher bin ich eigentlich nicht geworden, denn ich habe nun einmal verlernt, an das Glück zu glauben. Aber ich weiß nicht, – es ist mir als habe sich plötzlich etwas vor mir aufgethan, – etwas, an dessen Vorhandensein ich nicht glaubte. Ich bin also nicht ausschließlich Familienmensch, nicht nur Tante, Cousine, Schwester. Ich hatte immer geglaubt, wenn ich nur darauf los redete, so gäbe jeder das Seine her und sei böse oder vergnügt, oder wie es sich gerade paßte, – und damit sei es aus. Aber da ist also noch mehr. Das ist sonderbar.« Sie schwieg und starrte in die Höhe. Hartwig hörte nicht recht hin nach dem, was sie sagte, so erfüllt war er von den unruhigen Gedanken, die plötzlich in ihm rege geworden waren. – Das alles klingt ja ganz nett, dachte er, – aber das Resultat bleibt doch der Ruin einer Familie – – Ingeborg! dachte er plötzlich – wo bist du? – – »Ich verstehe es nicht,« fuhr Frau Thomsen leise fort. – – »Meine Augen – sehen sie besser als bisher? – Oder ist es mein Gesicht? – – « Langsam erhob sie die Hand und führte sie in ovalem Bogen in der Luft um das Gesicht herum – in leiser Verwunderung – – »es ist alles stärker – – es ist so viel Eigentümliches in der Luft, was ich bisher nicht gefühlt habe – Oder sind Sie es, Hartwig?« flüsterte sie plötzlich mit einem tiefen Blick und hielt ihm die Hand hin. Er sah sie nicht. Ein Gedanke hatte ihn so heftig gepackt, daß er ihn nicht abzuschütteln vermochte. Wo ist Ingeborg jetzt? Was thut sie jetzt? »Hartwig?« fragte Frau Thomsen leise. Ihre Stimme wurde ihm unleidlich, angreifend. Da saß sie und sprach von ihrer Ehe, von sich selbst, von ihrem Mann. – Aber du großer Gott, waren es nicht ebenso sehr Ingeborg und er, von denen sie sprach? Ihre Ehe? So würde es jetzt also werden! Auf die Weise würde man darüber reden! – So kaltblütig würde man dasitzen und es betasten und erklären und verteilen und arrangieren – – Unmöglich! Niemals! flüsterte er sich selber zu und stemmte seinen Stock so gewaltsam gegen den Boden, daß er zerbrach. »Was haben Sie, Hartwig? Woran denken Sie?« fragte Frau Thomsen und sah ihn an. Er wurde verwirrt. »An Sie!« sagte er schnell und drückte ihre Hand heftig. Sie betrachtete ihn einen Augenblick prüfend. »Ach so, Sie sind nervös,« sagte sie leise, – »das ist ja so natürlich!« Sie wandte sich von ihm ab und sah auf das Wasser hinaus. Auch seine Augen schweiften nach dem schmalen Sund hinüber, der im Sonnenschein flimmernd, vor ihnen lag. Es entstand eine Pause. »Was ist denn das?« sagte Frau Thomsen plötzlich und beugte sich ein wenig vornüber. »Ist das nicht Vedels Boot da unten?« In weiter Ferne war ein kleines, weißes Segelboot sichtbar geworden. Wiegend glitt es über das blaue Wasser. Hartwig sprang auf und schleuderte den zerbrochenen Stock von sich. »Ja,« sagte er.»Das ist Ulf II.« »Ja, ich sah das Boot ja vorhin draußen vor dem Hafen liegen und kreuzen,« fuhr Frau Thomsen fort. »Der einsame Baron –« »Einsam?« murmelte Hartwig und starrte hinaus. Das Boot wurde jetzt von den Bäumen zur Rechten fast seinen Blicken entzogen. Er trat an die Seite, um es so lange als möglich zu verfolgen. »Ja, Sie sehen sicher schärfer als ich,« sagte Frau Thomsen, »ist er denn nicht allein?« Das Boot verschwand. »Natürlich!« sagte Hartwig kurz. Er stand noch da und starrte ihm nach. Hatte er nicht etwas Helles hinter dem Segel neben Vedel schimmern sehen, den er deutlich am Steuer erkennen konnte? »Er segelt ja immer allein,« fuhr er fort und kehrte zu ihr zurück. Frau Thomsen erhob sich. »Ja, – war er denn jetzt auch allein?« fragte sie gedämpft. »Sind Sie dessen ganz sicher, Hartwig?« »Natürlich!« sagte er gereizt. »Wollen wir nicht nach Hause gehen?« Frau Thomsen war sehr blaß geworden. Aber sie trat ganz dicht an ihn heran und sah ihm gerade in die Augen. »Das, was wir dort sahen,« sagte sie, – »war das nicht das dritte Paar?« »Das dritte Paar?« wiederholte er mechanisch. »Also Vedel, – und Ihre Frau?« Er antwortete nicht. Aber sie sah, wie eine jähe Röte sein sonnengebräuntes Gesicht verdunkelte, – und ohne zu wissen was sie that, schlang sie den Arm um seinen Hals und starrte ihn flehend an, während ihre Lippen zu zittern begannen. »Sind Sie traurig, Hartwig?« fragte sie leise. »Können Sie das nicht leiden?« »Wollen wir nicht nach Hause gehen?« fragte er hart und schüttelte ihren Arm ab. Sie stand eine weile da und sah ihn an. Es ist vorbei, flüsterte sie sich selber zu, und ihr Herz zog sich in Qual zusammen. – – Dann starrte sie mit einem wunderlich hilflosen Blick vor sich hin, ihre Züge wurden tot und schlaff, sie schauderte leise, als friere sie. Aber sie nahm sich zusammen, – und langsam ging sie nach ihrem Korb. Warum? – Warum? – – fragte es in ihr. Ruhig und schweigend packte sie den Korb. Als aber der Pudel im selben Augenblick wedelnd an ihr in die Höhe sprang, schlug sie ihn mit der geballten Hand auf die Schnauze, so daß er mit lautem Heulen davon sprang. Sie nahm das Plaid und den Korb. »Darf ich es nicht tragen?« fragte Hartwig mechanisch. Sie aber schüttelte nur den Kopf und ging schnell durch den Wald. Er folgte ihr, und in völligem Schweigen kehrten sie zurück, – denselben Weg, den sie gekommen waren, – auf den Strandweg hinaus. Hartwig ging aufrecht, steif, mit zusammengepreßten Lippen neben ihr. Er war erbittert auf sie, wütend über sich selber, verwirrt, ohne alles Gleichgewicht. Sein Benehmen war grob, – das wußte er. Natürlich mußte er plaudern und thun, als sei nichts vorgefallen. Er benahm sich auch dumm. Mit ein klein wenig Gewandtheit hätte er sicher diesen Wahnsinn auslöschen und alles in das Geleise des Alltäglichen hinüberleiten können. Ja, plaudern, – schwatzen, – thun, als sei nichts vorgefallen. Aber das konnte er nicht. Er konnte es nicht. Tief in seinem Innern wühlten hohe Wellen, – Reue, Sehnsucht, Kummer, Angst, Zorn kämpften in ihm. Wo bin ich nur einmal gewesen? Was habe ich nur mit mir selber gethan? – Er spähte auf den Sund hinaus, – aber heute war da draußen ein Segel neben dem andern, – Fischerboote, Kutter, Lustyachten, – er konnte nicht finden, was er suchte. – – Ingeborg, wo bist du? Hier gehe ich – neben dieser fremden Dame, – und da unten fliegt sie mir weg, – die einzige, die ich liebe! Nie hatte er das so empfunden wie jetzt! – – Kann sie mich denn nicht hören? Ist es zu spät? Nur mit der größten Anstrengung vermochte er seinen Gang nach Frau Thomsen zu richten, und sein Gesicht wurde immer unruhiger, je mehr er sich der Villa näherte. Frau Thomsen hatte den ganzen Weg ihren Sonnenschirm dicht vor das Gesicht gehalten. Als sie an Hartwigs Pforte kamen, blieb sie stehen – und wandte sich nach ihm um. Er zuckte zusammen und starrte sie mit zwinkernden Augen an. Ihr Gesicht war glühendrot, und ihre Züge waren verzerrt, – gleichsam erstarrt in einer Verzweiflung, die sie nicht beherrschen konnte. Ihre Augen sahen ihn nicht an. Der Blick flüchtete und floh nach allen Seiten mit einem blinden, verwirrten Ausdruck. Die Zähne waren in die Lippen gepreßt. Hartwig griff an den Hut und nahm ihn ab. »Zürnen Sie mir, liebe Frau Thomsen?« fragte er leise mit einer gewissen Ehrerbietung in der Stimme. Sie aber antwortete nicht und sah ihn nicht an. Sie wandte sich langsam um und ging. In ihrem Gehirn brannte das eine Wort: Verschmäht ! – – Hartwig stand einen Augenblick da und sah ihr nach. Langsam entfernte sie sich, – mit ihrem Sonnenschirm, ihrem Korb, ihrem Plaid und ihrem Hund. Nun, sie wird es sich wohl von der Seele reden, dachte er, – und er wandte sich um und ging dem Hause zu. – – Aber ich? Und Ingeborg? Sind wir noch zu retten? Ein Fieber ergriff ihn, schnell ging er ins Haus und durchschritt die Stuben. Niemand! Niemand! – Überall standen die fremden Möbel und glotzten ihn spöttisch an. In den Garten hinunter, – eine hastige Runde, – nein! – Dumme Gipsstatuen, – Baumstämme – aber nichts dahinter, leere Bänke! – Keine Menschenseele. Er begegnete dem Hausmädchen, der schwerfälligen, eigensinnigen Valborg. »Haben Sie die gnädige Frau nicht gesehen?« fragte er atemlos. »Die gnädige Frau?« wiederholte sie und setzte ein erstauntes Gesicht auf. – – Die ist ja nicht zum Frühstück zu Hause gewesen.« »Wo ist sie denn?« »Ja, wo ist sie?« kicherte das Mädchen. »Ist sie ausgegangen? meine ich.« »Ich dachte, sie wäre mit dem Herrn gegangen – « »Zum Teufel auch, dann würde ich Sie doch nicht fragen! Haben Sie sie ausgehen sehen?« »Ob ich sie habe ausgehen sehen?« sagte sie schleppend. »Ja, sie ist vorhin mit Hut und Tuch die Straße hinabgegangen.« »Wie lange ist das her?« »Ach, – das mag wohl eine Stunde her sein.« »Welchen Weg ist sie gegangen? Schnell! Schnell!« »Welchen Weg? Den Weg hinab –« »Zum Teufel auch! Ging sie nach rechts oder nach links!« rief Hartwig und stampfte mit dem Fuß. »Nach rechts hinab, nach rechts hinab!« stammelte das Mädchen entsetzt. Er wandte sich um und entfernte sich schnell. »Herr du meines Lebens! Die gnädige Frau hat sich doch kein Leid angethan!« rief Valborg und glotzte ihm mit weitaufgerissenen Augen nach. »Ein Leid angethan« flüsterte Hartwig, – – ja, wer weiß, wer weiß, was sie gethan hat! – – Aber käme sie nur zu ihm, – er wollte sie in seine Arme nehmen und sie hoch empor heben und nie, nie wieder los lassen! Käme sie doch nur! Und mit Sturmesschritten ging er nach dem Hafen hinab. VII Hans Vedel war seit der frühesten Morgenstunde auf See gewesen. Er hatte diese Nacht nur wenig geschlafen, bewegt wie er war von den Ereignissen des Abends, und als der Tag graute, stand er auf und ging hinaus. Die Uhr war kaum drei. Über dem Himmel lag noch eine schwere, graue Wolkendecke, und es regnete ein wenig. Oben in der nordwestlichen Ecke klärte es sich aber stark auf, – es wird nicht mehr lange währen, bis wir gutes Wetter bekommen, dachte er. Unten am Hafen regte sich in der Dämmerung ein gedämpftes Leben. Die Fischer waren im Begriff, ihre Boote für den Morgenfang zurecht zu machen. Die Segel wurden mit leisem Klirren an den Masten in die Höhe gezogen und die Boote leer geschöpft. Vedel sprang in sein Entlein hinab. Es lag wie gewöhnlich leicht wiegend auf dem Wasser, weiß, rein und zierlich. Er spülte es schnell ab und machte es segelklar. Neben einem Fischerboot glitt er langsam aus dem Hafen hinaus. Der Fischer, – ein junger, langhalsiger Mann mit rötlichem Schnurrbart, eine kleine, kurze Pfeife zwischen den Zähnen, – stand da und mühte sich mit seinen Segeln ab. »Der Herr Baron ist heute frühe im Gange,« sagte er zu Vedel hinüber und grüßte. »Ja,« sagte Vedel und beugte sich vor: »Sind Sie es, Sörensen?« »Jawohl, jawohl!« »Was für Wind haben wir heute morgen, Sörensen?« »Steifer Nordwest,« sagte der Fischer. »Wenn wir ein bißchen weiter hinauskommen, werden wir es schon merken.« »Wo wollen Sie hin, Sörensen?« »Ja,« sagte der Fischer nachdenklich, – »ich wollte ja eigentlich hin und den Holländer preien, der da draußen liegt. Er kann ja immer Tabak und ein paar Flaschen Bier gebrauchen.« »Aber Sie sagen ja, daß die Holländer immer so schlecht bezahlen.« »Ja,« sagte er, »das ist ganz recht. Er giebt kein Handgeld. Ich glaube auch, ich gehe lieber nordwärts, da liegt ein Russe, dann kann der Holländer meine Steinbutt von gestern kriegen. Dafür kriege ich jedenfalls ein paar Tauenden.« Vom Lande her kam ein heftiger Windstoß. »Da haben wir ihn,« sagte der Fischer und wendete die Segel. »Na, guten Morgen, Sörensen, und viel Glück bei dem Handel!« sagte Vedel freundlich. »Danke, Herr Baron!« Sörensen war schon ein ganzes Ende entfernt. Vedel griff nach dem Steuer und lenkte nach Osten, nach Hveen hinüber. Das Entlein hüpfte und stieß ein paarmal gegen die Strömung und glitt dann schnell und ruhig weiter. Vedel fühlte sich ein wenig schwer im Kopf und etwas fieberhaft nach der schlaflosen Nacht, aber die kurze Unterhaltung mit dem Fischer hatte ihn zerstreut, – langsam glitt er in einen Zustand ruhigen, dumpfen Wohlseins hinüber, wie ihn das Leben auf See ihm immer brachte. Dies stoßweise Wiegen, das schnelle Fließen des Wassers an den Seiten des Bootes entlang, das leise Glucksen am Steven, – diese ganze freie und einsame Fahrt, mit einem Windstoß hie und da und einem schäumenden Wasserstreifen hin und wieder über die Reeling, – das alles betäubte sein Bewußtsein nach und nach, lähmte seine Gedanken. Stunde auf Stunde saß er unbeweglich da, mechanisch Steuer und Segel bedienend. Er lebte kaum, – und er war ganz glücklich. Er empfand nichts weiter als ein leises Prickeln der Luft gegen sein Gesicht. Das unaufhörliche Glucksen des Wassers vernahm er allmählich gar nicht mehr, – und der Himmel erstarrte vor seinem Blick zu einer einzigen, grauen Fläche. Es war, als werde er lautlos in einen unendlichen Raum emporgetragen, und er entschwand sich selber. In diesem seligen Rausch war er im Laufe von ein paar Stunden ganz hart an die hohen grauen Ufer der Insel Hveen gelangt. Er erwachte dadurch, daß sich etwas Lebendiges vor dem Steven seines Bootes bewegte. Es war ein Mann, der oben auf einer Wiese zwei Kühe vor sich her trieb. Er sah empor! Der Himmel war jetzt ganz klar, und über den großen, dunklen Wolkenbänken, die nach Schweden hinübergetrieben waren, stand die Sonne. Sie stand schon hoch am Himmel: es mußte ungefähr fünf Uhr sein. Er drehte das Boot um und nahm den Kurs nach Süden. Der Wind war ganz nach Westen herumgegangen, wie es schien. Es würde wohl fünf bis sechs Stunden währen, bis er wieder zu Hause war. Er war hungrig und machte sich über die vier Schnitten Butterbrot her, die er immer auf seinen Morgenfahrten mitnahm. Dann hielt er es vorzüglich bis zum Frühstück aus. Und langsam, in sehr langen Schwingungen, fing er an, nach der Küste von Seeland zurück zu kreuzen. Zuweilen dachte er jetzt an Ingeborg. Und wenn sie vor ihm auftauchte, so fühlte er sich plötzlich bewegt. Er rückte unruhig auf seinem Platz hin und her und preßte die Hand um die Steuerpinne. Es unterlag ja keinem Zweifel, daß sie betrübt war – Dann aber glitt sie wieder fort, und stundenlang saß er wieder da und starrte in die Luft hinein, ohne einen Gedanken, von seinem schlafähnlichen Zustand bezwungen. Wie liebenswürdig war sie gestern abend, dachte er dann plötzlich, ich glaube, wir haben noch nie so vertraulich miteinander geplaudert wie gestern. Wir durchlebten ja unsere ganze Kindheit noch einmal. Unsere Kindheit – – Aber bewegt und aufgeregt war sie allerdings die ganze Zeit gewesen, dachte er eine Stunde später, so sonderbar forciert. Und wie wütend ich doch auf Hartwig war. Es war eigentlich ein ungemütlicher Abend, wenn Ingeborg das nicht bei Tische gesagt hätte, – das, – das, – – dann hätte ich ihn gefordert und vielleicht getötet. Ihn getötet – – – Eine lange Weile nachher kam ihm der Gedanke: Ob sie dann wohl froh und glücklich geworden wäre? – Ich weiß es nicht. Liebt sie ihn, oder macht sie sich nichts aus ihm? – Ich weiß es nicht. Nach einer Weile fand er Trost in dem Satz, den er gestern abend, als er nach Hause kam, mit einer so großen Selbstüberwindung in sein Tagebuch gezirkelt hatte: Ich glaube, ich hätte sie glücklicher machen können. – – »Ich glaube, ich hätte sie glücklicher machen können,« murmelte er, – »ich glaube, ich hätte sie glücklicher machen können.« Es vergingen ein paar Stunden. Es kreuzte sich immer langsam vorwärts, und die Küste näherte sich. Die Sonne fing an, sein Gesicht warm zu bescheinen, und vom Wasser her sprühten vor ihm und hinter ihm Lichtfunken auf. Wie ich sie doch liebe, dachte er plötzlich. Ob es mir nie vergönnt sein wird, ihr einen Dienst zu leisten? – Dazu werde ich wohl niemals kommen. Denn sie hat ja alles, – ausgenommen vielleicht das Eigentliche. Vielleicht! – Aber das kann ich ihr auf alle Fälle nicht geben. Denn mich will sie nicht haben. Nein, mich will sie nicht. Er sagte das ganz ruhig vor sich hin. Er hatte so oft hierüber nachgedacht, es stand für ihn so unerschütterlich fest. Laß den Gedanken nur wieder fliegen! Jetzt erkannte er den Hafen dort zur Rechten deutlich, und plötzlich fühlte er, daß er hungrig war. Er sah nach seiner Uhr. Es war ungefähr halb zwölf, – er war über acht Stunden draußen gewesen. Ach, wie das Frühstück munden sollte. Wenn Mamsell Paulsen heute nur etwas ordentlich Solides hat, dachte er, – ihre ewigen Omelettes habe ich wirklich bald satt! – Er legte das Boot um, – er wollte jetzt eine tüchtige Wendung nach Norden machen, dann konnte er in zehn Minuten im Hafen sein. Einen Augenblick später befand er sich wieder vor der äußersten Hafenmole. Plötzlich starrte er nach dem Ufer. Da stand ja jemand und winkte mit dem Tuch, – eine Dame! – – Ob sie mir winkt? dachte er erstaunt und sah sich um. Ja, es war sonst niemand in der Nähe, also galt es ihm! Wer konnte das doch nur sein? – Wie sie winkte!––– Er beugte sich vor und starrte nach dem Ufer. – Ingeborg! – – Ingeborg, – das ist ja unmöglich! Ingeborg. – – Ja! Er kannte ihre Gestalt unter Tausenden heraus! Sie war es! Und er griff nach seinem Taschentuch und wehte aus Leibeskräften. Aber was war denn das? – Eine Stimme! – Angespannt lauschte er. »Komm, Hans!« hörte er aus der Ferne. Mit aller Macht riß er das Steuer nach rechts herum. Das Boot drehte sich, – und mit klatschenden Segeln steuerte es langsam auf sie zu. Komm Hans! – – Aber du lieber Gott, – rief sie ihn denn? – Was wollte sie? – Was war nur geschehen? – Du großer Gott, nun liege ich hier in direktem Gegenwind, – fast Windstille. – – Wie soll ich nur ans Ufer kommen? – – Die Ruder her! Er griff nach den Rudern, und pfeilschnell schoß das kleine Boot dem Hafen zu. Ich will dir schon helfen, Ingeborg, dachte er, aufgefrischt durch die frische Fahrt, – ich will dir schon helfen. Jetzt komme ich, warte nur ein wenig, dann bin ich da! Er griff tüchtig zu, und bald glitt das Boot in den Hafen, – auf die Treppe zu. Ingeborg stand schon auf der untersten Stufe. »Was hast du nur, Ingeborg?« fragte er und streckte die Hand nach ihr aus. Sie ergriff sie und sprang in das Boot. »Laß uns hinaussegeln!« sagte sie nur. Schweigend und schnell stängelte er sich aus dem Hafen heraus, griff zu den Rudern und ruderte, bis sie im Winde waren. Dann wandte er das Boot und im nächsten Augenblick flogen sie nach Süden. Ingeborg war in das Boot gesprungen und hatte sich hingesetzt, wo sie stand. Jetzt saß sie unbeweglich da, ein weißes Tuch krampfhaft um die schmalen Schultern gestrammt. Das Haar umgab das Gesicht mit lockiger, lichter Fülle, sie zwinkerte unaufhaltsam mit den Augen, ihr Mund zitterte. Sie starrte ihn an, hatte ihn keinen Augenblick aus den Augen gelassen, während er ruhig mit dem Boot manövrierte. Jetzt setzte er sich an das Steuer, dicht neben sie. »Ach, Hans,« rief sie aus, – und hielt inne, überwältigt von ihrer Bewegung. »Was hast du nur, Ingeborg?« fragte er leise. »Hans!« brachte sie mühsam heraus. – »Mit Ernst und mir ist es vorbei!« Er zuckte zusammen, aber er sagte nichts, – sah sogar weg in der plötzlichen Empfindung, daß sein Blick sie noch mehr beunruhigen könne. Das Große, das Allergrößte ist geschehen! – – Sie saß eine Weile schweigend da. Sie kämpfet mit sich, um ruhig zu scheinen und gedämpft und verständig zu sprechen. »Siehst du, Hans,« sagte sie mit leiser, bebender Stimme, »was kann das alles nützen – – ich kann es ja an mir selber merken, daß ich ihn nicht mehr liebe. Ich bin so gut, so geduldig gegen ihn gewesen, wie ich nur konnte, – – jetzt ist es vorbei! Jetzt ist es vorbei!« rief sie unbeherrscht aus und riß das Taschentuch aus der Tasche. »Ist er schlecht gegen dich gewesen?« fragte Vedel nach einer Weile. »Ja, Hans!« rief sie aus. »Hat er dich beleidigt?« »Ja, Hans!« Vedel schwieg ein wenig. Seine Augen wurden ganz finster. »Wie denn, Ingeborg?« fragte er leise. »Ach, ich hasse ihn!« rief sie aus und zerriß ihr Taschentuch, »was habe ich ihm denn gethan! Nein, ich will nicht mehr! Ich will nicht mehr!« »Du mußt dich ein wenig beruhigen, Ingeborg,« sagte Vedel so beherrscht, wie es ihm nur möglich war. »Du mußt mir sagen, was er dir gethan hat.« Sie brach in Thränen aus. »Ach, ich habe es ja selber gesehen, daß er vorhin mit ihr ausgegangen ist,« rief sie schluchzend aus. »Mit wem, Ingeborg?« fragte er leise. »Mit Frau Thomsen?« »Ja, ja, mit wem sonst!« weinte sie und fuhr in fliegender Eile fort: »Sie gingen wie ein Paar Brautleute zusammen, er trug ihren Korb! Aber das kann er gern thun, das ist es ja gar nicht! Ich bin fest überzeugt, daß sie über Liebe sprachen, – meinetwegen, meinetwegen! Aber ich mache mir keinen Deut mehr aus ihm, keinen Deut! Das ist ganz vorbei! Kannst du das verstehen, Hans? Ich will nicht länger mit ihm verheiratet sein! Ich habe ihn satt, ich habe das Ganze satt, ich hasse ihn, ich hasse ihn!« Sie weinte, zerrte an ihrem Taschentuch, putzte sich die Nase, trocknete die Thränen, kämpfte mit ihrem Haar, weinte, schluchzte, nickte fortwährend hin und her. Vedel starrte sie verwirrt an. Nie hatte er sie so gesehen. Wie traurig sie doch war. – – Was sollte er nur einmal machen? Wie konnte er ihr helfen? Wenn sie ihn doch nur um etwas bitten wollte! – Nur um einen Rat! – – Er strich leise mit seiner Hand über die ihre. »Kann ich dir nicht, irgendwie behilflich sein, Ingeborg?« flüsterte er und sah sie mit seinem dunklen Blick an, der vor Zärtlichkeit bebte. Hastig sah sie zu ihm hinüber. »Hans!« rief sie leise aus, »ach, du bist ja hier!« sie preßte seine Hand und schmiegte sich fest an ihn. »Ich sah dich ja oben vom Fenster aus, – ich mußte zu dir hinab. – –« »Ach, Hans,« flüsterte sie plötzlich. Sie faßte ihn mit der einen Hand um den Kopf und preßte ihre feuchte Wange gegen die seine. »Ach, mein teurer, lieber Freund, – ach, Gott sei Dank, daß ich dich habe!« – – Vedel wagte nicht, sich zu rühren, er atmete schnell, er ballte die Hände um das Steuer. »Was geschieht nur einmal?« flüsterte er – – Ingeborg hielt seinen Nacken fest umschlungen. Dann wandte sie langsam das Gesicht nach ihm um. Ihr Mund war gerade vor dem seinen, sie starrte ihn mit Augen an, die durch die feuchten, zitternden Wimpern leuchteten. »Hans!« flüsterte sie fast unhörbar, »willst du mich haben, Hans? – Willst du?« Vedel ließ die Steuerpinne fahren. Das Boot drehte sich schnell herum – stand einen Augenblick still mit klatschenden Segeln, – und plötzlich füllten sie sich und schlugen mit lautem Knallen über Ingeborg herab. Das Boot legte sich ganz auf die Seite, und das Wasser schäumte herein. »Gieb acht!« rief Vedel und packte das Steuer mit aller Gewalt. Das Boot drehte sich herum, bäumte sich auf und glitt langsam und friedlich weiter. Die Gefahr war vorüber. »Wir müssen aber achtgeben, wo wir sind,« sagte Vedel. Er war ganz blaß geworden, und seine Stimme zitterte ein wenig. »Du mußt dich da hinübersetzen, Ingeborg,« fuhr er fort und hob das Segel in die Höhe, um sie hindurch zu lassen. Sie sah ihn an – und setzte sich hinüber. Ihr einer Ärmel war ganz vom Wasser durchnäßt, aber sie merkte es nicht. »Das war a narrow escape ,« erklärte Vedel und versuchte zu lächeln: »Aber es kam ja ein wenig unvorbereitet, und mit Booten wie das meine muß man vorsichtig sein. Sie wenden so schnell, und gerade in dem Augenblick ist ein wenig Gefahr dabei. Das ist auch wohl der Grund, weshalb die Fischer sie hier unheimlich nennen, – das kann man ihnen nicht austreiben. Aber sonst sind sie wirklich ganz sicher. Und sie gehen ja so leicht bei jeder See. – – Findest du das nicht auch, Ingeborg?« fragte er, als sie nichts sagte. »Ja,« sagte sie – und sah ihn an. Sie schwiegen eine Weile. Es fehlte wirklich nicht viel daran, so wären wir gekentert, dachte Vedel. Wäre der Wind in dem Augenblick ein klein wenig stärker gewesen, so hätte das Boot mit dem Kiel nach oben gelegen, – und Ingeborg – – Er schauderte. Er starrte sie an. Sie saß da mit einem sonderbar erstaunten Ausdruck im Gesicht, sie zwinkerte mit den Augen, und von Zeit zu Zeit strich sie sich langsam mit der Hand über die Stirn. Vedel schüttelte traurig den Kopf. Was sagte sie doch vorhin, dachte er plötzlich, – das, was uns fast zum Untergang geworden wäre? – – Ja! »Willst du mich haben?« – – Ja, aber er mußte sich doch verhört haben – – Willst du mich haben? – Was sollte das nur bedeuten? So lange Hartwig sie hatte, konnte er sie doch nicht auch haben. Man kann sich doch nicht so selber verschenken, wenn man kein Recht dazu hat – – Nein, ich habe mich verhört, dachte er bestimmt. So etwas kann sie nicht sagen, – Ingeborg! das ist wirklich unmöglich, – unmöglich! So etwas kann Ingeborg nicht sagen. Unmöglich! Oder, – dachte er auf einmal, – sollte es bedeuten, daß sie sich von Hartwig scheiden lassen und nachher mich heiraten will? – Sollte das möglich sein? dachte er mit einem plötzlichen Wonnebeben. So heftig erregte ihn der Gedanke, daß er die Steuerpinne abermals losließ. Aber er griff schnell wieder darnach. Um Gottes willen, – ruhig! dachte er. – – Ich muß sie ausforschen, – ich muß mich ganz vorsichtig vergewissern. »Ingeborg,« sagte er und räusperte sich, – »bist du nun auch sicher, daß es etwas Besonderes bedeutet, daß dein Mann mit Frau Thomsen spazieren gegangen ist?« Sie sah ihn an. »Was?« sagte sie. »Bist du dessen ganz sicher?« wiederholte er, an und für sich liegt ja nichts böses darin, daß dein Mann einen Spaziergang mit Frau Thomsen macht – – « »Ach Hans!« rief sie aus und sah ihn erzürnt an. »Was meinst du?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf, seufzte und lehnte sich hinten über. »Da stiegt eine Möve,« murmelte sie. – »Ach, daß ich das doch wäre!« »Aber du antwortest nicht auf meine Frage,« sagte er sanft. Sie sah ihn an. »Du bist dumm, Hans,« sagte sie, – »ja, du bist so schrecklich dumm, daß mir nie etwas Ähnliches vorgekommen ist! Du bist so dumm, wie das Wasser tief ist!« »Ja,« sagte er ruhig, »ich bin nicht so klug wie du, das weiß ich sehr wohl. Aber das habe ich auch nie geglaubt. Ich wollte dir nur gern helfen, wenn ich es könnte.« »Ach du lieber Gott!« sagte sie und sah wieder in die Höhe. »Aber du könntest mir doch eigentlich auf meine Frage antworten,« fuhr er fort. »Ich habe sie Gottlob vergessen,« sagte sie flüchtig. »Ich fragte dich, ob du auch glaubtest, daß es etwas Unrechtes sei –« »Ach, laß mich doch in Ruhe!« rief sie und hielt sich die Ohren zu. »Darauf kommt es ja gar nicht an, das hab ich dir doch gesagt! Laß ihn nur spazieren, laß ihn flirten und kokettieren, so viel er mag! Ich bin mit ihm fertig! Ich mache mir nichts mehr aus ihm! Kannst du das denn nicht verstehen?« Er saß eine Weile da und sah vor sich hin. Sie ist zu aufgeregt, dachte er, man kann sich gewiß nicht auf das verlassen, was sie sagt. »Ich kann es nicht recht glauben,« sagte er. Sie antwortete nicht, starrte nur in die Luft und fing an, eine Melodie vor sich hinzusummen. »Ich kann nicht begreifen, wie man so plötzlich mit einem Menschen fertig werden kann, den man doch lieb gehabt hat.« Ihr Summen verstummte plötzlich, – aber sie saß unbeweglich da und starrte in die Luft empor. »Ich kann es nicht begreifen,« wiederholte er hartnäckig. Sie fing an, ihr Haar zu ordnen, schob die verwehten und zerzausten Locken wieder unter den Hut. »Nein, es giebt allerdings mancherlei, was du nicht verstehen kannst, lieber Hans,« sagte sie nachlässig, – »aber deshalb kann es am Ende doch richtig sein.« »Hast du ihn denn gar nicht mehr lieb?« fragte er eindringlich. »Nein!« sagte sie kurz. » Jetzt meint sie es wirklich! dachte er erfreut, – jetzt ist es ganz sicher. Er drehte das Steuer herum und sie nahmen den Kurs weiter in den Sund hinaus. So weit wären wir also! dachte er und blinzelte selbstzufrieden mit den Augen, – jetzt wagen wir uns vorsichtig einen kleinen Schritt weiter vor. »Findest du es nicht amüsant zu segeln?« fragte er. Sie nickte kurz, antwortete aber nicht. »Ja, –« begann er, – »jetzt werden wir vielleicht oft zusammen segeln, Ingeborg –« »Warum meinst du das?« fragte sie. Jetzt wagte er es! »Ja,« sagte er gedämpft, – »wenn du dir also nichts mehr aus deinem Mann machst, so mußt du also mit mir fürlieb nehmen, – zum Segeln, meine ich!« fügte er erschrocken hinzu. »Und worüber sollten wir beide wohl reden?« fragte sie und sah ihn überlegen an. »Ach, wir haben doch so vieles, worüber wir reden können! Unsere Kindheit!« »Unsere Kindheit!« »Ja, – weißt du noch, – gestern abend?« Sie sah ihn einen Augenblick an. Plötzlich zog sie das Tuch fest zusammen und schauderte. »Ja, all das, dessen wir uns zusammen erinnerten!« fuhr er fort, ganz glückselig über das Thema. »Aber Ingeborg!« sagte er eifrig und beugte sich über sie, – »da waren drei Dinge, von denen wir gar nicht gesprochen haben, – es fiel mir erst hinterher ein, und ich beschloß, dich daran zu erinnern, – Das erste war der Ball bei euch, wo du mich zwangest, den ganzen Abend mit dir zu tanzen, sie glaubten alle, wir wären verlobt, weißt du wohl noch, was deine Tante Charlotte sagte? – – Und dann den Morgen, als ich dich auf der Langen Linie zusammen mit dem großen, dicken Axel Jörgensen traf, – weißt du das noch? Deine erste Schwärmerei? Das war gleich nach deiner Konfirmation. – – Du warst einen ganzen Monat nachher wütend auf mich. – – Und dann drittens, als wir Französisch zusammen hatten, – die erste Stunde, als ich deklinierte: Je m'amuse, tu t'atuse, il s'asuse – – Wie du lachtest, Ingeborg!« »Ach, das war schrecklich!« flüsterte Ingeborg und sah vor sich hin. »Was?« fragte er verwundert: »daß ich verkehrt deklinierte?« »Nein, gestern abend,« flüsterte sie, – »und über Nacht, – und heute morgen –« Er starrte sie an, – und wurde plötzlich ebenso traurig wie sie. Wie schlecht und brutal doch dieser Hartwig ist! dachte er, – wahrlich, er verdient, daß sie ihn nicht mehr liebt. – – »Ingeborg!« sagte er leise und warm, – ich könnte nie schlecht gegen dich sein!« »Nein, du,« – sagte sie – »aber kannst du begreifen, warum Ernst es ist? Glaubst du, daß er mich nicht mehr leiden kann?« Was nun? dachte er verwundert. – Aber so sehr liebte er sie, daß seine Stimmung sofort und fast ohne Widerstand mit der ihren zusammenschmolz. Er senkte den Kopf. »Er hat ja eigentlich keinen Grund dazu,« sagte er gedämpft. »Nein, das hat er nicht, das hat er nicht!« rief sie aus. »Aber, siehst du, Hans,« fuhr sie eifrig und eindringlich fort, »wir sind ja nur so kurze Zeit verheiratet gewesen, und das Ganze ist so schnell gekommen, – ich glaube, er kennt mich noch nicht so recht! Wir kamen ja aus so ganz verschiedenen Verhältnissen, nicht wahr? Und dann sind wir ja fast so lange, wie wir verheiratet sind, umhergereist, – haben gar keine Zeit gehabt, mit einander zu plaudern, nicht wahr? Ach nein, woher sollte er mich auch kennen, der Ärmste! – – Glaubst du nicht auch, daß darin der Fehler liegt, Hans?« Er verstand sie jetzt ganz. Instinktmäßig erriet er, was er sagen mußte, um sie froh zu machen. »Ja,« sagte er, – »und dann ist er vielleicht auch ein wenig eifersüchtig –« »Meinst du?« sagte sie, – und ein Lächeln blitzte auf. »Ja, aber auf wen sollte er wohl eifersüchtig sein?« »Wohl auf mich!« lächelte er. Sie lachte ausgelassen. »Ja, du bist wirklich auch einer, auf den man eifersüchtig sein kann, du alter Esel!« rief sie aus und zauste ihn am Ohr. »Aber ich bitte dich!« lächelte Vedel glückselig über ihre Freude, – »wir sind doch wirklich gute Freunde, nicht wahr?« »Freilich, – wie der eine ungleiche Schuh zu dem andern sagte!« lachte sie, – wurde dann aber plötzlich ernsthaft. »Ach Gott, ach Gott, wenn es das doch wäre?« Ungleiche Schuhe, dachte Vedel. Ja, ja, ich habe es ja gewußt, – ich habe mich vorhin verhört. Sie will mich nicht haben, – das habe ich ja immer gesagt. – Jetzt wollen wir die Sache zum Abschluß bringen: »Aber darum braucht dein Mann doch nicht schlecht gegen dich zu sein!« sagte er und sah sie fragend an. »Ach, Unsinn!« sagte sie, – »wenn nichts weiter im Wege ist.« Also! dachte Vedel, – sie liebt ihn. – – Und all sein Zorn gegen Hartwig war plötzlich verschwunden. Aber weshalb sagte sie denn, daß sie ihn haßte. »Du sagtest ja vorhin, daß du ihn nicht leiden könntest?« fragte er. »Habe ich das gesagt?« rief sie aus; – »dessen entsinne ich mich wirklich nicht mehr!« Sie zog die Augenbrauen in die Höhe. – – »Ach! fuhr sie plötzlich ärgerlich fort, – »das war ja nur, weil ich so böse auf ihn war: Kannst du denn das auch nicht kapieren?« »Ja, ja,« sagte Vedel. »Ihr Männer seid nun einmal so unbegreiflich dumm!« eiferte sie, »wenn ich darüber nachdenke, so weiß ich kaum, wer dümmer ist, du oder Ernst.« Er schüttelte den Kopf! »Ich glaube nicht, daß ich so klug bin wie Hartwig.« »Ach, Gott weiß,« sagte sie, »das kommt vielleicht auf dasselbe heraus.« Vedel war jetzt so freundlich gegen Hartwig gestimmt, daß er sich ganz froh und stolz über diese plötzliche Brüderschaft fühlte. »Ja,« sagte er, »ich kann es wirklich so brillant verstehen, daß du deinen Mann liebst, Ingeborg!« »So!« sagte sie, »das ist wirklich sonderbar!« »Ja, und daß er eifersüchtig ist,« fuhr er fort, »das beweist ja nur, daß auch er dich liebt.« »Sonderbar!« rief sie aus und schlug die Hände zusammen, »wie gewitzt du auf einmal wirst, Hans!« »Ja!« sagte er vergnügt. »Und an und für sich hat er ja auch so viele gute und liebenswürdige Eigenschaften.« Sie änderte den Ton. »Ja, die hat er!« sagte sie. »Er ist eine männliche Persönlichkeit,« fuhr Vedel fort. »Selbst wenn er auch nicht so besonders begabt ist –« »Nicht begabt!« rief sie mit blitzenden Augen aus, – »und das sagst du, du kleiner Idiot!« »Verzeih mir,« sagte er, »aber du sagtest doch selber vorhin, daß er nicht klüger sei als ich. – –« »Aber das sagte ich wirklich nur, weil er auf so einen wie dich eifersüchtig ist.« »Nun ja!« sagte Vedel sanft, »dann hat er also alle ausgezeichneten Eigenschaften.« »Die hat er! Die hat er!« Vedel schwieg. Er konnte nichts dabei machen, – er fand daß sie heute ein wenig launenhaft war. Aber das kommt wohl, weil sie in der letzten Zeit so viel erlebt hat, dachte er. Arme kleine Ingeborg! – Aber nun war ja alles wieder gut. »Du bist schrecklich lieb und gut, Hans!« sagte sie plötzlich und strich ihm über die Wange, »aber jetzt müssen wir machen, daß wir nach Hause kommen. Ich bin auf einmal so hungrig geworden, ich habe ja noch gar kein Frühstück bekommen.« Vedel wandte das Boot. »Ich bin übrigens auch hungrig!« sagte er lächelnd. »Dann frühstücken wir zusammen nicht wahr?« »Ja, gern!« sagte er erfreut. »Alle drei!« rief sie aus, – »wir können ja, – ach Gott!« sagte sie plötzlich leise und schwieg. Sie waren nördlich vor dem Hafen angelangt, mit gutem Wind direkt darauf zu gesegelt. »Gott weiß, wo Ernst jetzt ist!« sagte Ingeborg plötzlich leise und sah vor sich hin. Vedel räusperte sich und wollte antworten. – »Sie gingen da zusammen, ganz dicht nebeneinander!« fuhr sie schnell fort, »ich bin fest überzeugt, sie sprachen von Liebe! Er trug ihren Korb, – gerade sowie du neulich!« rief sie erregt aus, »ja, sie hat euch gut am Bändel, die dicke Madame!« »Ich muß dich darauf aufmerksam machen, Ingeborg,« sagte Vedel und wurde dunkelrot vor Zorn, – »daß ich nicht in Frau Thomsen verliebt bin – –« »Ach, laß mich bitte in Ruhe!« rief sie aus. »Das schreckliche ist, daß die beiden jetzt allein zusammen sind!« »Ist das denn so schrecklich?« sagte Vedel. »Ja, das ist schrecklich!« rief sie aus und stampfte mit dem Fuß, – »es ist so schrecklich daß ich mich am liebsten hinlegen und auf der Stelle sterben möchte!« »Ich meine doch,« sagte Vedel sehr ruhig, »daß du vorhin sagtest, das sei gar nicht das, worauf es ankäme!« Sie starrte ihn an. »Ja, du bist brillant, Hans!« sagte sie dann. »Dich könnte man, so wie du bist, für Geld sehen lassen!« »Das mag sein,« sagte er, »eine Thatsache aber ist es, daß du das vorhin sagtest. Und ich muß doch glauben, was du sagst.« »Ach, ich weiß gar nicht, was ich sage,« rief sie aus. »Ich weiß nur, daß ich ihn liebe, ihn liebe, ihn liebe!« Nun, ja, dachte Vedel, jetzt habe ich sie gestraft, wenn sie sagt, daß ich in Frau Thomsen verliebt bin, werde ich böse. Und jetzt habe ich ihr das gezeigt. Dann ist alles wieder gut. Schweigend saß er da und steuerte. Der Hafen war ihnen jetzt ganz nahe gerückt, – in weniger als fünf Minuten konnten sie drinnen sein. Ingeborg wurde immer unruhiger. Sie strich unaufhörlich das Haar aus der Stirn, – preßte die Hände gegen ihre Wangen, – rückte hin und her, zitterte, starrte nach dem Ufer. »Hans!« flüsterte sie plötzlich, »jetzt sollst du hören, was ich thun will. – – Jetzt gehe ich nach Hause, und wenn er dann nicht da ist, so erwarte ich ihn. Und wenn er dann hereinkommt, werfe ich mich platt vor ihm an die Erde und bitte und flehe und flehe, ob er nicht bei mir bleiben will! – Dann sagt er, das will er nicht – – Aber dann sage ich, er könnte alles thun, was er will, – mit Frau Thomsen und mit wem er will in der ganzen Welt, wenn er bloß nicht von mir geht! Und dann nimmt er mich und hebt mich zu sich empor und sagt, daß er bei mir bleiben will um meiner großen Liebe willen – – Glaubst du nicht auch, daß es so zugehen wird, Hans?« flüsterte sie, als sie sich ein wenig von ihrer Erregung erholt hatte. »Nein, nicht ganz so, Ingeborg,« sagte Vedel gedämpft, mit sanfter, ruhiger Stimme. »Denn da steht dein Mann!« Und er zeigte auf die Hafenmole. Blitzschnell wandte sie den Kopf. – Ein erstickter Schrei, – ja, da stand er! Sie wurde leichenblaß. Unbeweglich saß sie da und starrte ihn an, – bis sie langsam in den Hafen hineinglitten. Dann erhob sie sich zitternd, – und stand, an den Mast gestützt. Sie sah seine hohe Gestalt, ihr zugewandt, sein braunes Gesicht unter dem weißen Strohhut. Er rührte sich nicht, grüßte nicht. Vedel stängelte langsam das Boot an die Treppe hinan, wo er stand. Sie sah ihn die Stufen hinabgehen, bis er auf der untersten stehen blieb. Sie sah seine Augen, seinen Mund. – Es war, als sollte sie vergehen! – – Sie legten an, – er breitete die Arme nach ihr aus, – und mit einem Schrei lag sie an ihn geschmiegt – »Ingeborg! Du bist also doch gekommen!« Er hielt sie in den Armen und trug sie hinauf. Aber sie wollte ihn nicht lassen. Sie suchte sein Gesicht mit ihrem Munde, sie schluchzte, lachte, und unter strömenden Thränen, mit gebrochenen Lauten preßte sie ihn an sich. »Ach, mein Schatz, mein teurer, geliebter Schatz!« »Du süße Ingeborg,« flüsterte er tief bewegt, »wie ich dich liebe!« Sie sahen nichts um sich her. Ihr Kopf lag an seine Brust gepreßt, in halb bewußtlosem Glück bei ihm geborgen. Er stand über sie gebeugt, mit zitterndem Gesicht, sprachlos vor Wonne. »Wollen wir nach Hause gehen?« fragte er endlich. Und langsam, schwankend, mit großen Pausen gingen sie dem Ufer zu. Im Boot aber stand Vedel aufrecht und fein, mit entblößtem Haupte und sah ihnen nach. VIII Ingeborg und Hartwig waren ganz bis auf den Strandweg hinabgekommen, ehe eines von ihnen sprach. Beide waren schwindelig, weil sie sich einander so nahe fühlten. Eine so sonderbar Wonne hatten sie noch nie empfunden. Ein solches Bedürfnis nach Demut, nach Dank, nach Hingebung machte sie stumm und scheu. Was soll ich ihr sagen, dachte Hartwig, – das gut und sanft und innig genug wäre? – Wie soll ich ihr es ausdrücken, wie heiß ich sie liebe? – – Er dachte an heute morgen und errötete vor Scham über sich selbst. Wir passen nicht zusammen, hatte er ja geglaubt. Passen nicht zusammen! Du großer Gott, – wie die Gedanken der Menschen doch wild und zwecklos umherflattern! – Passen nicht zusammen! Es war, als wenn all das Gleichgültige und Zufällige, all das Flüchtige und Eitle bei ihnen jetzt auf einmal beiseite geschoben sei, damit sie so recht fühlen konnten, wie tief ihre Liebe ging, wie eng sie miteinander verknüpft waren. – – Passen nicht zusammen! Es giebt ja niemand in der ganzen Welt, der so zusammenpaßt wie wir beide! – – Ingeborg lehnte den Kopf schwer an seine Schulter. Sie ging mit geschlossenen Augen, sie fühlte nur ihn. Ich habe ihn wieder, – ich habe ihn wieder, – etwas anderes dachte sie nicht. Sie kamen auf den Strandweg hinab, und gingen langsam heimwärts. Radler flogen an ihnen vorüber, an den Gartenpforten standen gleichgültige Menschen und sahen ihnen nach. Mitten auf dem weiten Wege im Sonnenschein, der um sie her flimmerte, im Staube, der bei ihren Schritten aufwirbelte und sie einhüllte, gingen sie unberührt dahin, stark, warm, – wie aufs neue für einander geboren! »Ingeborg!« flüsterte er. »Ja!« »Bist du jetzt wieder glücklich?« »Ja!« Nach einer Weile murmelte sie: »Und du bist auch glücklich, nicht wahr, Ernst?« »Ja!« Sie schwiegen eine Weile. Dann begann Hartwig langsam und tastend: »Wir fühlen das hier so heftig,« sagte er gedämpft. »Ich habe bisher nicht darüber nachgedacht, – aber gewiß gerade so wird die Grundlage zu dem Glück zweier gesunder und starker Menschen gelegt. – – Von Anfang an haben wir immer genug an uns selber. So stark fühlen wir uns, daß selbst das zärtlichste und innigste Verhältnis zu einem andern Menschen ein Zwang für uns wird. Wir müssen hinaus, wir müssen fort, wir müssen unsere Fessel sprengen, – – dann heißt es in Ehren bestehen. Diese Probe vernichtet die meisten. – – Aber die, die zurückkehren, die wissen selber, daß sie jetzt und in alle Ewigkeit nur stark sind, – nur gut und innerlich, – nur gut und glücklich, Ingeborg, – wenn sie mit dem Menschen zusammen sind, den sie verlassen haben. – – So glaube ich, ist es. »Glaubst du das nicht auch, Ingeborg?« »Ja,« flüsterte sie. »Das glaube ich auch!« Nach einer Weile fuhr er fort: »Du fuhrst mit Vedel hinaus. Es ist ja soviel Schönes, Anziehendes an ihm, das sehe ich sehr wohl. Und für dich ging er gewiß gern in den Tod. Es ist ja so natürlich, daß du ihn aufsuchtest. – Aber du fühltest dich enttäuscht, nicht wahr?« »Enttäuscht?« wiederholte sie und erhob den Kopf, der an seiner Schulter ruhte. »Ja, – er war doch nicht der, für den du ihn gehalten hattest, wie?« »Ja,« sagte sie, – »er war so, wie er immer gewesen ist.« »Nun, aber er konnte dir doch nicht helfen?« »Nein,« rief sie aus und drückte seinen Arm an sich. »Aber du suchtest doch seine Hilfe, nicht wahr?« »Das weiß ich nicht,« sagte sie. »Ja, doch wohl,« fuhr sie nachdenklich fort, – »ich habe ihn, glaube ich, gefragt, ob er mich haben wollte.« »Aber Ingeborg!« rief er aus. »Ja, da kannst du sehen!« »Aber dann hatten wir a narrow escape ,« fuhr sie fort. Er brach in ein schallendes Gelächter aus, » A narrow escape ,« rief er aus, – ja, so geht es! In einem solchen Augenblick pflegt es dann a narrow escape zu sein.« »Ja, aber ich mache mir gar nichts aus ihm!« sagte sie eifrig, »ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht.« Er streichelte sie lächelnd und schwieg. Nach einer Weile sagte er mit einem Lächeln: »Ich habe auch einen narrow escape gehabt, das kannst du mir glauben!« Sie sah ihn an. »Das ist ja wahr!« rief sie aus, »wie ist es denn dir mit der dicken Dame ergangen? Hast du ihr den Hof gemacht?« »Und ob!« sagte er. »Wir kamen sogar so weit, daß ich in dem entscheidenden Moment Wurst zu ihr sagte, und sie sagte Haut zu mir. Und beides war wirklich ganz zutreffend. Aber damit war es aus.« Ingeborg lachte ausgelassen und sah ihn mit ihren strahlenden Augen an. Nach einer Weile standen sie an der Pforte. »Ernst,« sagte sie ernsthaft und schlang ihre Arme um seinen Hals. » Kennst du mich jetzt?« »Ich weiß nicht recht,« sagte er und küßte sie. »Aber ich kenne meine Liebe zu dir und mit der werden wir schon glücklich werden!« Und Arm in Arm gingen sie dem Hause zu.