Artur Landsberger Mensch und Richter I. Emil Gugenzeil reiste ständig zwischen seinem Berliner Büro und seinen Fabriken in Schlesien hin und her. Die wenigen Abende, die er in Berlin verbrachte, waren mit gesellschaftlichen Pflichten ausgefüllt. Wenn er aus dem Büro kam, lag der Frack bereit, und seine junge Frau wartete meist schon ungeduldig in der Halle. Das Gespräch war immer das gleiche: »Guten Abend, Liebes!« »Tag, Emil! Bitte, beeil dich!« Er stürzte die Treppe hinauf, wandte sich oben um und rief hinunter: »Du siehst heute abend wieder prachtvoll aus.« Sie lächelte und rief zurück: »Ich freue mich, daß ich dir gefalle.« Dann verschwand er, der Diener half ihm in den Frack – während Kaete unten vor dem Spiegel stand und das Kunstwerk – denn das war sie – noch einmal einer Prüfung unterzog. – Meist rief sie dann die Zofe, die irgend etwas an der Toilette in Ordnung bringen mußte. Inzwischen war ihr Mann auch schon angezogen – die Zofe half Frau Kaete in den Abendpelz, der Fabrikant stülpte den stumpfen Zylinder auf den Kopf, und sie bestiegen ihr Auto. Regelmäßig, wenn der Wagen aus dem Gittertor heraus und auf offener Straße war, fragte Frau Kaete: »Wie gehen die Geschäfte?« Und er erwiderte dann jedesmal: »Danke! sie gehen. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen.« »Ich kann mir also den Pelz« – manchmal war es auch ein neuer Wagen oder ein neues Pferd – »kaufen?« »Gewiß!« erwiderte er – »aber übertreibe es nicht.« »Das sagst du jedesmal.« »Etwas muß ich doch sagen – schon, damit du nicht übermütig wirst.« »Ich bin es von den Eltern her gewöhnt, mich verwöhnen zu lassen.« »Sooft ich dich sehe, sagst du mir das.« »Weil du mir Vorwürfe machst.« »Aber, Liebling, dazu habe ich ja gar keinen Grund.« »Gut, daß du das einsiehst.« »Bin ich so rechthaberisch?« »Blind bist du!« »Blind? Sage ich dir nicht jedesmal, wenn wir von einer Gesellschaft kommen, daß du von allen Frauen wieder die schönste und eleganteste warst?« »Das ist eine billige Redensart.« »Es ist meine Überzeugung.« »Nun sage nur noch, daß du mich liebst.« »Tue ich das etwa nicht?« »Dir fehlt ja die Zeit dazu.« »Dazu braucht man keine Zeit. Man braucht nicht einmal zusammenzusein.« »Da denke ich über die Liebe doch realistischer.« »Grade wenn ich allein bin – die Abende in Schlesien – aber nicht nur die Abende – auch tagsüber in der Fabrik ...« »Was ist da?« fragte Frau Kaete erstaunt. »Ja, was ist das? Daß ich dann immer an dich denken muß!« »Du meinst, das ist Liebe?« – Frau Kaete schien erstaunt. – »Vielleicht ist es Eifersucht.« »Habe ich dazu Grund?« »Natürlich nicht.« »Ich weiß, daß du nicht allein reitest, nicht allein Bridge und Tennis spielst.« »Du glaubst also, alles von mir zu wissen?« »Ich denke doch.« »Na, dann will ich dir sagen, daß du dich ganz gewaltig auf dem Holzwege befindest.« »Du verschweigst mir etwas.« »Es scheint fast so.« »Und das erzählst du mir jetzt – auf dem Wege zu einem Fastnachtsball?« »Wann hattest du denn sonst Zeit für mich?« »Seit wann ... ist das?« »Das läßt sich nicht so genau bestimmen.« »Ich bitte dich, weiche mir jetzt nicht aus.« »Du vergißt, daß ich es dir aus freien Stücken ...« »Ich hätte es dir schon angemerkt.« »Schaf!« »Also seit wann?« »Daß ich mir darüber klar bin? – Etwa acht Monate.« »Acht Monate also spielst du vor mir Theater!« »Du wirst mir eine gewisse schauspielerische Begabung also nicht absprechen können.« »Ich ersuche dich, sei ernst. Meine Güte hat Grenzen.« »Wenn es anders wäre, hättest du mich ja nicht lieb.« »Also – wer ist es?« »Das kann ich dir genau erst in vierzehn Tagen sagen.« »Du spielst mit mir!« »Mit so ernsten Dingen spielt man nicht.« »Du liebst ihn womöglich?« »Ich glaube bestimmt, daß ich ihn sehr liebhaben werde.« »Kaete!« »Gleichgültig, ob es ein Junge oder Mädchen wird.« Gugenzeil schrie vor Freude laut auf, ergriff ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen. Sie ließ es lächelnd geschehen. »Mein großes Kind wird Mutter!« rief er und drückte sie an sich. »Weißt du denn, daß wir uns noch lange nicht genug liebhaben.« »Wenn du doch nie Zeit hast.« »Das wird jetzt anders werden! Wo es sich um das Kind und seine Mutter handelt, da gibt es keine Abhaltung! Die gehen vor – jedem Geschäft.« »Nicht übertreiben, Emil! So ein Kind kostet Geld. Und eine Frau ist am Ende noch teurer, wenn sie Mutter ist.« »Ich werde das eine tun und das andere nicht lassen. Und auf dem Fastnachtsball heute gibt es nur einen Tänzer für dich.« »Etwa dich?« »Den Vater deines Kindes!« »Nein, Emil! Wo du so schlecht tanzt!« »Hast du Furcht, es vererbt sich?« »Möglich ist das schon – und da heutzutage für eine Frau soviel davon abhängt, daß sie gut tanzt.« »Das wird, bis sie groß ist, hoffentlich nicht mehr der Fall sein.« »Wenn es nun ein Junge wird?« »Das kommt bei uns gar nicht in Frage, wo wir uns seit Jahren ein Mädchen wünschen – und wissen, warum.« »Also gut! Ich tanze nur mit dir – aber den Tango lassen wir aus – wo es doch nur noch vierzehn Tage sind – vielleicht nicht einmal –« »Weißt du, was? Wir sollten überhaupt diesen Ball Ball sein lassen.« »Und was tun?« »Nach Haus fahren – eine Flasche Champagner aus dem Keller holen, uns ganz dicht zusammensetzen und uns über uns und unsere Zukunft unterhalten.« »Das wäre das erstemal in unserer Ehe.« Der Chauffeur bekam die Weisung, umzukehren. Eine Viertelstunde später hielt der Wagen wieder vor ihrer Tür. II. Hinterhaus. Stube und Küche zur ebenen Erde. In einem Lehnstuhl sitzt die Friseuse Elsa Krüger – eigentlich liegt sie eher, denn der bleiche Kopf der Zweiundzwanzigjährigen ruht auf der Stuhllehne, und mit dem kraftlos herabhängenden rechten Arm bewegt sie eine Wiege, in der ein neugeborenes Kind liegt. Ihr Mann, der Vater des Kindes, ist seit fünf Monaten tot. Die Pflege während seiner langen Krankheit brachte sie um Ersparnisse und Stellung. Seit drei Monaten ist sie die Miete schuldig. Vor der zarten jungen Frau im Lehnstuhl sitzt der ehemalige Wachtmeister, jetzige Verwalter von elf Häusern, die dem Fabrikanten Emil Gugenzeil gehören. »Also, Sie wollen mich auf die Straße setzen«, sagt die junge Frau und weist auf das neugeborene Kind in der Wiege – »das dürfen Sie ja gar nicht.« »Warum haben Sie mir, als ich das letzte Mal bei Ihnen war, nicht gesagt, daß Sie ein Kind erwarten?« »Was hätte das wohl geändert?« »Wir hätten die Wohnung nicht weitervermietet.« »Das sagen Sie jetzt.« »Mein Wort darauf! Wir sind doch Menschen.« »Heut vielleicht – weil das Kind Sie rührt – aber als Sie das letzte Mal hier waren ...« »Ich weiß.« »Sie wissen, wie häßlich Sie zu mir waren! Wie konnte ich da über so etwas mit Ihnen reden?« »Es tut mir leid. Und wenn es noch zu ändern ginge – aber der neue Mieter zieht morgen ein.« »Dann gehe ich natürlich.« »Sie müssen das Kind doch irgendwo unterbringen – es gibt Anstalten, die es aufnehmen –, bis Sie etwas anderes gefunden haben.« »Das Kind wo unterbringen? – Wenn ich ihm das hier« – und sie wies auf ihre Brust – »mitgeben könnte.« »Ich werde mit Herrn Gugenzeil sprechen.« »Der hat andere Sorgen.« »Die gleichen – denn seine Frau wird heute oder morgen niederkommen.« »Ich weiß.« »Wenn er erst selbst ein Baby hat, wird er begreifen, was es heißt, so dazusitzen wie Sie.« Der Verwalter stand auf und gab Frau Krüger die Hand. Sie sah ihn an und sagte: »Vielen Dank. Ich wußte gar nicht, daß Sie gut sind.« »Im allgemeinen bin ich es auch nicht. Aber so ein Kind« – er beugte sich über die Wiege – »was wird das schon für eine Jugend haben.« Die junge Frau senkte den Kopf und beherrschte sich, bis der Verwalter draußen war. Dann nahm sie das Kind aus der Wiege, legte es sich an die Brust, betrachtete es und sagte schluchzend: »Er hat ja so recht! Wozu – Wozu?« III. Als Emil Gugenzeil am Tage nach dem versäumten Fastnachtsball wieder nach Schlesien fuhr, kam es zum ersten Male seit seiner fast dreijährigen Ehe zu einem feierlichen Abschiednehmen. »Am liebsten bliebe ich hier, bis Hilde da ist«, sagte er, schon im Reisemantel, zu seiner Frau, die noch verschlafen im Bett lag. »Wenn du mich wenigstens hättest aufstehen lassen«, erwiderte sie, legte den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich herab – »jetzt mache ich mir wieder Vorwürfe, wenn du fort bist.« »Vorwürfe? Weshalb?« »Weil ich dich habe allein frühstücken lassen.« »Liebes, du sollst dich schonen, um der großen Aufgabe, die dich erwartet, gewachsen zu sein.« »Du tust grade, als ob ich die erste Frau bin, die Mutter wird.« »Für mich bist du's – und ich weiß, ich habe, solange ich fort bin, keine ruhige Minute.« »Ich hätte dich doch mit dem Kinde überraschen sollen.« »Sage ein Wort – und ich bleibe.« »Willst du unserer Tochter, noch ehe sie auf der Welt ist, ein schlechtes Beispiel geben?« »Du hast recht, die Pflicht geht vor.« Er küßte sie – und als er noch immer keine Anstalten machte, zu gehen, sagte sie: »In dem dicken Mantel – du wirst dich erkälten.« Gugenzeil richtete sich hoch, schob ein Riesenpaket, das an der Tür stand, an ihr Bett und sagte: »Für den Fall, daß Hilde doch früher kommt – und ich nicht hier bin.« Dann ging er eilig hinaus. Frau Kaete telephonierte mit ihrem Arzt: »Meinen Sie, daß ich noch reiten kann?« »Aber nein! Sind Sie etwa gestern noch ... ganz abgesehen von dem nassen Wetter? – Gehen Sie spazieren, ein, zwei Stunden lang, wenn es Sie nicht anstrengt – aber vermeiden Sie jede nur im geringsten erschütternde Bewegung.« »Eine recht langweilige Angelegenheit ist das«, – sie öffnete, während sie sprach, mit der freien Hand das Paket, das Gugenzeil ihr aufs Bett gelegt hatte, und lachte plötzlich laut auf. »Was ist Ihnen?« fragte der Arzt besorgt. »Raten Sie, was mir mein Mann zurückgelassen hat – für den Fall, daß ich während seiner Abwesenheit niederkomme.« »Das ist schwer zu erraten.« »Eine Puppenvilla in zwei Etagen, mit Garage, Auto, Herrschaft, Kindern und Dienerschaft – für ein neugeborenes Kind! Ist er nicht himmlisch? – und an der Tür, die in das Kinderzimmer führt, hat er eine Guirlande und ein Medaillon befestigt, auf dem steht: Herzlich willkommen! – Sagen Sie, Doktor, sind alle Männer so närrisch, wenn ihre Frau ein Kind erwartet?« »Nur die Männer, die ihre Frau lieben.« »Finden Sie das nicht beängstigend?« »Es wäre beängstigend, wenn Ihr Mann das Kind bekäme. Gott sei Dank bekommen Sie es!« »Sie haben recht.« »Wenn die Männer die Kinder bekämen, so würden 50 Prozent von ihnen größenwahnsinnig werden, und die andere Hälfte würde an Angstpsychose eingehen.« Frau Kaete stimmte lachend zu, verabschiedete sich und bestellte ihr Bad. IV. Der Hausverwalter hatte mit Herrn Gugenzeil telephoniert – noch am selben Abend, an dem er die Witwe Krüger aufgesucht hatte. »Dazu halte ich mir einen kostspieligen Verwalter«, erwiderte ihm Gugenzeil – »um mit solchen Bagatellen belästigt zu werden?« »Wenn es nicht grade im Hinterhaus Ihres Wohnhauses wäre! Anderswo käme es auf einen kleinen Skandal ja nicht an.« »Das sind ja nette Grundsätze.« »Ich wollte nur sagen: die Hauptsache ist doch, daß die Mieten pünktlich eingehen.« »Man hat Rücksichten zu nehmen – überhaupt auf eine Frau in solcher Lage.« »Herr Gugenzeil kennen sie?« »Unsinn! Aber ich habe selbst eine Frau, die ihrer Niederkunft entgegensieht.« »Ich weiß.« »Was? – wie ist das möglich, wo ich selbst erst heute abend erfahren habe?« »Man hat als Verwalter von dreizehn Häusern doch seine Erfahrungen.« »Sie haben es gesehen?« »Verzeihung – ja!« »Wann?« »Vor vierzehn Tagen, als ich die Ehre hatte, mit der gnädigen Frau ... »Schon gut. – Bin ich denn blind?« »Herr Gugenzeil haben so viele Geschäfte.« »Stecken Sie Ihre Nase gefälligst nicht in meine Familienangelegenheiten – und meine Frau sehen Sie sich in Zukunft etwas weniger genau an.« »Ich bitte um Entschuldigung.« »Und was die junge Witwe und ihr Kind betrifft, so sorgen Sie für beide, als wenn es meine Frau und mein Kind wäre. Ich verreise morgen. Am Freitag bin ich zurück. Sie geben mir dann Nachricht, was aus ihnen geworden ist.« »Ich werde tun, was in meiner Kraft liegt«, erwiderte der Verwalter – und merkte gar nicht, daß Gugenzeil den Hörer längst wieder aufgelegt hatte. Er begab sich sofort zu Frau Krüger, die mit ihren letzten Kräften ihre paar Sachen zusammengepackt hatte und jetzt, das Kind im Arm, erschöpft auf dem Lehnstuhl lag. »Ich gehe schon«, sagte sie leise, als sie den Verwalter vor sich sah. »Wohin wollen Sie gehen?« »Ins Wasser nicht – obschon das für das Kind und mich das gescheiteste wäre.« »Falsch wäre es! Grundfalsch, wo Sie doch Herrn Gugenzeil zu Ihrem Freunde haben.« Frau Elsa richtete sich auf und fragte erstaunt: »Herrn Gugenzeil zum Freunde? – Was soll das heißen?« »Er ist so besorgt um Sie.« »Er kennt mich gar nicht.« »Er muß Sie doch wohl mal gesehen haben.« »Unsinn!« »Vielleicht vom Fenster aus.« »Dem seine Fenster führen in den Park – nicht auf den Hof.« »«Wieso wissen Sie das so genau?« »«Weil ich mit der Mamsell von Gugenzeils befreundet bin. Ohne ihre Hilfe hätte ich mein Kind nicht lebend zur Welt gebracht.« »Sie sind mit der Mamsell befreundet? Das freut mich, denn ich sehe da Möglichkeiten.« »Was für Möglichkeiten?« »Sie provisorisch unterzubringen. – Auf ein, zwei Tage – bis ich etwas anderes für Sie gefunden habe.« »Die hat doch keinen Platz für mich.« »Sie hat einen Flur, ein Bad, ein geräumiges Schlaf- und ein kleines Ankleidezimmer. Alles schön durchheizt. Und die Küche und Speisekammer sind dicht daneben.« »Das wird die gnädige Frau nie dulden.« »Frau Gugenzeil braucht davon gar nichts zu erfahren.« »Wenn sie zufällig nach hinten kommt.« »Was soll sie da? Sie ist mit sich beschäftigt. – Also ich gehe und rede mit der Mamsell. In zehn Minuten bringe ich Ihnen Bescheid.« Aber es dauerte keine fünf Minuten – da kam die Mamsell selbst – außer Atem – so schnell war sie die Treppen hinunter und über den Hof gestürzt. – Ein paar Schritte hinter ihr der Verwalter. Die Mamsell setzte sich auf einen Schemel neben Frau Elsa, holte ein paarmal tief Atem, streichelte das neugeborene Kind und sagte: »So, wie ihr jetzt da sitzt, werdet ihr beide heimlich still und leise zu mir hinübergeschafft.« »Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen Ungelegenheiten machen.« »Nette Mutter, die eine Hilfe für ihr Kind zurückweist.« »Es ist ja nur Ihretwegen.« »Meinetwegen? Das kümmert Sie gar nicht. Wo wollten Sie denn mit dem Kinde hin – wenn nicht zu mir – Wollen Sie mir das mal sagen?« »Ich wollte es bei meiner Schwester versuchen.« »Bei dem Luder? Sie haben mir doch selbst erzählt, daß sie sich rumtreibt. Eine nette Kinderstube.« »Wenn Frau Gugenzeil es erfährt – und Sie verlieren Ihre Stellung ...« »Die braucht mich mehr als ich sie. Wenn Sie wollen, sag' ich's ihr.« Frau Elsa überlegte. Innerlich war sie ja froh, daß sie zu der Mamsell konnte. Und so erwiderte sie: »Vielleicht erst, wenn ich schon bei Ihnen bin.« »Also, gemacht!« rief die Mamsell, faßte mit beiden Händen den Lehnstuhl, beorderte den Verwalter auf die andere Seite und kommandierte: »Hochleben! – up! – So, und nun tragen wir Mutter und Kind hinüber. Die Sachen holen wir später.« »Als sie den Sessel mit Frau Elsa und dem Kinde über den Hof trugen, lächelte die junge Mutter seit Monaten zum ersten Male wieder. Die Sonne stand über dem Hof und schien Frau Elsa und dem Kinde grade ins Gesicht. »Setzen Sie den Stuhl einen Augenblick nieder«, bat sie und wollte das Kind hochheben, um es der Sonne näher zu bringen. Weshalb eigentlich, wußte sie nicht – aber sie fühlte, daß es Wärme brauchte. Das Kind fing an zu schreien. Frau Elsa erschrak und drückte es an sich. »Wenn es viel schreit, bring' ich's nicht hoch«, sagte sie traurig. »Ein Kind muß schreien«, erwiderte die Mamsell. »Nicht, wenn's so schwach ist.« »Wir werden es schon stark machen.« »In den zwei Tagen?« »Was heißt das?« fragte die Mamsell – und der Verwalter erwiderte: »Frau Krüger hat recht. Länger darf sie nicht bei Ihnen bleiben. Bis dahin finde ich schon ein Unterkommen für sie.« Sie trugen den Stuhl nicht ohne Mühe die Treppe hinauf und stellten ihn in das kleine Zimmer, das sauber war und ein großes Fenster hatte – durch das jetzt leuchtend die Sonne schien. Hier bleiben zu können, dachte Frau Elsa und fühlte ihr Unglück nun womöglich noch mehr. – Der Verwalter ging, und die Mamsell begab sich in die Küche.« Frau Elsa, die nächtelang nicht geschlafen hatte und sich nun zum ersten Male wenigstens für Stunden geborgen fühlte, schlummerte ein. Sie hörte auch nicht, wie die Mamsell leise ins Zimmer trat, sich den Mantel überzog und die Tasche zum Einholen vom Riegel nahm. – Die Mamsell ging auf Zehen, zog behutsam die Gardinen vors Fenster, da sie fürchtete, daß die Sonne blenden und den Schlaf stören könnte – und verschwand. Wohl eine halbe Stunde war inzwischen vergangen. Da stürzte die Zofe der Frau Gugenzeil in höchster Verzweiflung in die Küche und rief: »Mamsell!« Da sie sie in der Küche nicht fand, so lief sie in den hinteren Flur, von da aus in das kleine Zimmer – wo von dem Lärm Mutter und Kind erwachten. Die Zofe war so erregt, daß sie der Anblick gar nicht überraschte. »Wo ist die Mamsell?« fragte sie. »Großer Gott! So helfen Sie! Den Johann habe ich zum nächsten Arzt geschickt.« Frau Elsa richtete sich hoch: »Was ist geschehen?« »Die gnädige Frau ist im Bade – als sie aus der Badewanne – ohne meine Hilfe – Dabei hat der gnädige Herr, bevor er abreiste, streng befohlen – ich kann nichts dafür, aber ich verliere meine Stellung.« »Was ist denn mit der gnädigen Frau?« »Sie ist ausgeglitten – auf dem nassen Boden.« »Und was hat sie sich getan?« »Ein Kind! ein Kind! – Der Jean und ich, wir haben sie schnell auf die Chaiselongue gelegt. – Und das Kind dazu – aber ich weiß mit Kindern nicht umzugehen – während Sie – Gott so ein glücklicher Zufall! Wenn alles glatt geht, kündigt mir der Herr vielleicht nicht – am Ende bekomme ich sogar noch eine Zulage für meine Umsicht. – Sagen Sie, ich habe Sie geholt – aber kommen Sie – Ihr Kind halte ich – oder wir legen es in die Decke –« Sie half Frau Elsa hoch und nahm das Kind in den Arm: »So sah mein Mädel aus, akkurat so! Schwarzes Haar und blaue Augen. Und auch so schwach war's – das wiegt ja keine sieben Pfund – genau wie mein's – Wenn es Pflege gehabt hätte, wäre es vielleicht am Leben geblieben.« »Sie reden – und inzwischen ...« »Sie haben recht, kommen Sie!« Sie eilte, das Kind im Arm, voraus. Frau Elsa ging hinter ihr her. – Es ging durch ein paar reich und geschmackvoll ausgestattete Zimmer – durch das Schlafzimmer der gnädigen Frau und von da ins Bad. Auf der Chaiselongue lag mit geschlossenen Augen stöhnend Frau Kaete Gugenzeil. Ihre Arme waren ausgestreckt und hielten automatisch das Neugeborene, das rosig und gesund aussah und Arme und Beinchen von sich streckte. So sieht ein gesundes Kind aus, dachte Frau Elsa und sah zu ihrem Kinde hinüber, das die bestürzte Zofe in den Wäschekorb gesetzt hatte, in dem es wie in einem Bettchen lag. »Der Arzt, das Kindermädchen – der Photograph, mein Mann!« stöhnte Frau Gugenzeil. »Das Kindermädchen ist unterwegs, und Johann holt den Arzt.« »Telephon!« stöhnte Frau Kaete. Die Zofe schlug sich mit der Hand vor den Kopf und sagte halblaut und mehr zu sich: »Ich Schaf, daran habe ich nicht gedacht! Jetzt verliere ich sicher meine Stellung.« »So telephonieren Sie! – bis Sie einen erreichen«, sagte Frau Elsa und bemühte sich, als die Zofe hinausgegangen war, um Mutter und Kind. »Nebenan ... im Kinderzimmer – finden Sie alles«, sagte Frau Kaete. Frau Elsa trat in die Tür und sah ein helles Zimmer weiß in weiß. Außer einem Spitzenbettchen, einem prachtvollen Kinderwagen und allerlei Spielzeug lag auf zwei Tischen eine Aussteuer kostbarer Kinderwäsche. Und auf der Fensterbank lag ein kostbares Lederalbum für Photographien. Auf dem Deckel stand: »Unsere Hilde.« »Unsere Hilde«, wiederholte Frau Elsa. – »Beneidenswertes Kind!« Dann eilte sie in die Badestube zurück, nahm Frau Kaetes Neugeborenes von der Chaiselongue auf – dachte, es wiegt seine neun Pfund – und sah, daß es ein Knabe war. »Was ist es?« fragte Frau Gugenzeil. Elsa zögerte einen Augenblick – dann beugte sie sich zu Frau Kaete herab und sagte: »Ein Mädchen.« Frau Gugenzeil lächelte und schloß die Augen. Elsa machte mit dem Kind im Arm einen Schritt auf den Waschkorb zu – dann blieb sie stehen. Man hörte im Korridor die Schritte der Zofe, die vom Telephon kam. Reichlich laut, dachte Elsa – bewegte den Körper ein paarmal hin und her, als überlegte sie: Soll ich – oder soll ich nicht? – Plötzlich eilte sie auf den Waschkorb zu – nahm ihr Mädchen heraus und setzte Frau Kaetes Kind hinein. Sie stand, ihr Kind im Arm, eben wieder an der Chaiselongue, als die Zofe ins Zimmer trat und meldete: »Das Kindermädchen ist da.« »Und der Arzt?« fragte Elsa. »Ist unterwegs.« Gleich darauf erschien das Kindermädchen – eine robuste Person von beneidenswerter Frische. – Sie sah sich um und sagte: »Zwillinge – dafür bin ich nicht engagiert.« Frau Kaete sah entsetzt auf – Elsa zitterte und schloß die Augen – die Zofe lachte ungehörig laut, wies auf den Wäschekorb und sagte: »Das ist Frau Krüger ihr Kind.« »Dann ist das also das Herrschaftskind«, sagte das Kindermädchen und ging auf Frau Elsa zu. Die wich einen Schritt zurück – und als das Kindermädchen ihr das Kind aus dem Arm nehmen wollte, drückte sie es an sich und sagte: »Lassen Sie es mir noch – es eilt ja nicht.« Der Diener erschien an der Tür und meldete den Arzt, der im selben Augenblick auch schon ins Zimmer trat. »Gott sei Dank, daß Sie da sind, Sanitätsrat«, sagte Frau Kaete stöhnend. »Ist denn hier eine Volksversammlung – oder was geht hier vor?« fragte der Arzt, trat an die Chaiselongue heran, fühlte Frau Kaete den Puls, nahm sie mit Hilfe der Zofe und des Dieners auf und trug sie in ihr Bett. Als sie draußen waren, betrachtete das Kindermädchen das Kind auf Elsas Arm, befühlte es und sagte: »Eine mickrige Jöhre. – Aber wo sollen die Kinder denn Kraft herkriegen, wenn die Mütter der schlanken Linie wegen hungern.« Frau Elsa wies, um Zeit zu gewinnen, auf den Waschkorb und fragte: »Wie gefällt Ihnen das Kind?« »Donnerwetter, der ist nicht von schlechten Eltern.« »Woher wissen Sie denn, daß es ein Junge ist?« »Das sieht unsereins.« »Es ist mein Kind.« »Da gratulier' ich. – Und der Herr Papa?« »Ist leider tot.« »Schade! – aber Hauptsache, er hat gelebt.« »Wir waren sogar verheiratet.« »Das soll vorkommen.« »Glücklich verheiratet.« »Der Fall ist seltner. – Aber dem Jungen sieht man's an, daß er in Liebe gemacht ist.« »Und der Kleinen, die ich hier auf dem Arm habe – was sieht man der an?« »Luxusartikel. Sehen Sie sich die schlanken Gelenke an. Mehr zum Ansehen, als zum Anfassen. – Aber geben Sie endlich her, das Kind muß besorgt werden.« Frau Elsa öffnete den Arm – und als die Kinderfrau ihr das Kind abnahm, sagte sie: »Seien Sie gut zu ihm!« »Besser als Ihr Junge wird die Kleine es haben – darauf verlassen Sie sich. – Überhaupt: was stellen Sie eigentlich hier vor? Wollten Sie vielleicht Amme spielen? In Berlin gilt es jetzt für fein, Kinder mit der Flasche großzuziehen.« »Ich habe mein eignes Kind zu nähren.« Die Kinderfrau hatte das Kleine auf dem Arm, wandte sich zur Tür und sagte: »Also, Madamchen, viel Glück.« Frau Elsa, die Augen auf das Kind gerichtet, folgte ihr und fragte: »Sieht man Sie noch mal?« »Wie denn? Wohnen Sie denn nicht hier? – Ich dachte, Sie sind Portierfrau.« »Wäre ich es doch!« »Hören Sie mal, da ist auch keine Seide zu spinnen.« »Nur in der Nähe möchte ich sein.« »Was haben Sie denn? Sie sind komisch.« In diesem Augenblick erschien die Mamsell, die länger als sonst fortgeblieben war. »Das geht ja hier wie im Kaninchenstall!« rief sie. »Richtig!« erwiderte die Kinderfrau, der sie nicht nur im Äußeren ähnelte. Die Zofe erschien in der Tür und sagte: »Ruhe! Die gnädige Frau ist eben eingeschlafen.« »Ich verschwinde schon«, erwiderte die Kinderfrau und ging mit dem Baby in das Kinderzimmer. »Allmächtiger!« rief die Zofe – »Ihr Kind sitzt ja noch immer im Waschkorb!« Frau Elsa stürzte auf den Korb zu, nahm das Kind auf, wickelte es in Decken und eilte mit ihm in die Stube der Mamsell zurück. »Sie kann einem leid tun«, sagte die Zofe, als Frau Elsa draußen war. »Mit der brauchen Sie kein Mitleid zu haben«, erwiderte die Mamsell – »für die sorge ich.« V. Die Mamsell war es auch, die an Herrn Gugenzeil telegraphierte – und zwar: »Erschrecken Sie nicht, die Tochter ist da, ein strammes Mädel, das seinen Eltern alle Ehre macht, eine echte Gugenzeil. Auch der Gnädigen geht es soweit ganz gut und den anderen Umständen angemessen. Das Mädel ist Ihnen akkurat aus dem Gesicht geschnitten. Das Hauspersonal gratuliert auch schön, und kommen Sie nun ja bald zurück. Ihr Fräulein Tochter erwartet Ihnen schon mit Ungeduld. Die Gnädige auch. Mamsell.« Sie zeigte Frau Elsa das Telegramm, die sich über den Text lächelnd ausschwieg, aber die Länge bemängelte. Aber die Mamsell erwiderte: »Herr Gugenzeil hat mich, als er abfuhr, beschworen: ›:Telegraphieren Sie, falls meine Frau niederkommt. Aber ausführlich. Geld spielt in diesem Fall gar keine Rolle‹:.« »Davon hat doch aber niemand was.« »Das ist ja das Glück der Reichen, daß sie nicht bei jedem Groschen, den sie ausgeben, zu überlegen brauchen, ob es auch einen Sinn hat. Und das Schöne daran ist vielleicht gerade, daß es meist keinen Sinn hat. Was hat überhaupt Sinn?« »Um Himmels willen, Mamsell! Sie philosophieren.« »Das liegt bei uns in der Familie. Jedenfalls werde ich Ihnen nach den Aufregungen von heute eine feine Bouillon kochen und ein junges Küken braten – das hat bestimmt Sinn.« »Sie gute Seele.« »Und um Ihre Zukunft brauchen Sie sich auch keine Sorge mehr zu machen.« »Wieso? – Wie meinen Sie das?« Die Mamsell rückte dicht an Frau Elsa heran, nahm ihre Hand und sagte: »«Was glauben Sie, wo ich vorhin solange gewesen bin?« »Ich weiß es nicht.« »Bei Lamprecht.« »Dem Friseur?« »Jawoll! Ich habe ihm gesagt: Herr Lamprecht, hab' ich gesagt, wenn Sie Frau Gugenzeil und Herrn Gugenzeil als Kunden behalten und das gnädige Fräulein Gugenzeil als neue Kundin dazu bekommen wollen – sie ist zwar noch nicht geboren, aber ich sage Ihnen, die wird eine! – alle drei Tage Dauerwellen! – und einen Verbrauch an Puder und Parfüm hat die! – also, wenn Ihnen an ihre Kundschaft liegt, dann müssen Sie die bekannte Friseuse – bekannte habe ich gesagt – na, ich kenne Sie ja – Frau Elsa Krüger engagieren. Von einer anderen läßt sich meine Herrschaft in Zukunft nicht bedienen.« »Mamsell!« »Lamprecht hat seine Frau gerufen, die hatte erst tausend Abers und Wenns – Schön, Frau Lamprecht, hab' ich gesagt, dann wird sich das Fräulein Gugenzeil ihren Puder wo anders kaufen. Schließlich hat sie ja gesagt, und das Ende vom Lied? Vom Ersten ab sind Sie angestellt mit 45 Mark die Woche laut Tarif – und Trinkgeldern.« Frau Elsas freudige Erregung war so groß, daß sie zunächst nicht sprechen konnte. Sie drückte nur immer die Hand der Mamsell, biß die Lippen zusammen, um nicht laut aufzuschluchzen, und merkte gar nicht, wie ihre Tränen auf das Kleid der Mamsell niedertropften. »Soviel Glück! Ich verdiene es nicht!« war das erste, was sie sagte, als sie wieder sprechen konnte. »Redensarten!« erwiderte die Mamsell. »«Wieso verdienen Sie es nicht wie jede andere? Sie waren eine gute Frau, ich kann es bezeugen, und werden auch eine gute Mutter sein – soviel Zeit muß Ihr Dienst Ihnen lassen, das habe ich mit Lamprechts ausgemacht.« Während die Mamsell ihrer Arbeit nachging, quälte sich Elsa mit Selbstvorwürfen. Statt sich über die Wendung zum Guten, die ihr Leben nun nehmen sollte, zu freuen, empfand sie es fast wie eine Strafe. Nun hätte sie ihr Kind behalten können, ohne daß es Not zu leiden brauchte. Bis zum Ersten waren es noch acht Tage, die sie bei der Mamsell verbringen durfte. – Immer unbegreiflicher wurde ihr, was sie getan hatte. War es auch nur geschehen, damit ihr Kind gute Pflege und eine sorglose Jugend hatte, sprach sie das doch von Schuld nicht frei. Aber weniger das Schuldbewußtsein als die große, unerträgliche Sehnsucht nach ihrem Kinde, die sie schon jetzt nach wenigen Stunden empfand, brachte sie auf den Gedanken, sich ihr Kind zurückzuholen. Ein Zufall hatte am Vormittag die Barriere zwischen denen da vorn und ihr hier hinten für kurze Zeit geöffnet. Jetzt war sie wieder geschlossen – und so sehr sie nachsann, es gab keine Möglichkeit, sie noch einmal, wenn auch nur für Minuten, zu öffnen. Aus einer Gemeinheit wächst die andere, dachte sie, als ihr jetzt der Gedanke kam, die Kinderfrau zu bestechen und zu veranlassen, daß sie ihr das Mädel gegen den Jungen herausgab. Ihr konnte es ja gleich sein, wessen Kind sie großzog. – Plötzlich lachte sie auf. Bestechen! das ginge wohl und hätte auch Aussicht auf Erfolg. Aber womit? Mit ihren 35 Mark, den letzten, würde sie auf die verwöhnte Kinderfrau keinen Eindruck machen. Und wenn sie sich der Mamsell anvertraute, so wäre damit deren Vertrauen erschüttert. Sie wäre für die Mamsell dann nicht mehr die Frau, die es verdiente, daß man ihr half. Enttäuscht würde sie es ablehnen, sie bis zum Ersten bei sich zu behalten – ja, sie würde vielleicht zu Lamprecht gehen, um die Anstellung rückgängig zu machen. Ich bin ein schlechter Mensch, sagte sie sich – daß ich überhaupt imstande war, es zu tun – und es jetzt fertigbringe, so klare Gedanken zu fassen. – Aber alles Wehren half nichts. Der Wunsch, ihr Kind wiederzubekommen, war so stark, daß er alle Gedanken und Widerstände überwand. Sie legte das neugeborene Kind der Frau Gugenzeil, das sie zuvor mit großer Sorgfalt gesäubert und gepflegt hatte, in das Kinderbettchen, stand auf und ging, in der Not ihres Herzens ihre Müdigkeit überwindend, in die Küche. »Sie sollen doch ruhen«, sagte die Mamsell. »Haben Sie eine Minute Zeit für mich?« »Fünf, wenn's sein muß.« »Ich bin so unglücklich!« »Na, da hört's auf. Rackre ich mich drum für Ihnen ab und sorge für Ihre Stellung und für Ihr Kind, daß sie – nee, Frau Krüger, ich bin ja n' guter Mensch! Aber so dürfen Sie mir nicht kommen. Sie haben jetzt allen Grund, vergnügt zu sein. Und wenn Sie's nicht sind, dann bin ich wohl nicht der richtige Mensch für Sie.« »Sie sind der einzige Mensch, auf den ich was gebe, und meine Dankbarkeit für Sie ist grenzenlos.« »Das sind ja Redensarten.« »Aber, Mamsell – ohne Sie wäre ich jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr am Leben.« »Und das Kind?« »Das ist es ja.« »Aha!« »Das Kind – ich weiß ja nicht, ob Sie mich verstehen.« »Ich bin nicht auf den Kopf gefallen.« »Die Gugenzeils haben sich doch so sehr einen Jungen gewünscht.« »Ist ja nicht wahr! Ein Mädel wollten sie haben. Ich weiß auch, warum. Der Frau Gugenzeil ihr Bruder in Hamburg soll fünfzehn Millionen haben – und nur einen Sohn, der ist jetzt sechs Jahre alt. – Verstehen Sie?« »Nein.« »Na, für den wird eine Frau gesucht.« »Für den sechsjährigen Jungen?« »Für die fünfzehn Millionen! – die kann man gar nicht früh genug sicherstellen – – denken Gugenzeils.« »Aber das Mädchen ist doch so schwach.« »Das kommt Ihnen nur so vor. Ihr Junge sah auch erst so miesepetrig aus – und heute sehn Sie 'n sich mal an! – ein Tag in meiner Pflege und er sieht aus wie 'n Rekrut.« »Ich hätte gern, daß Frau Gugenzeil auch so ein kräftiges Kind hätte.« »Worauf wollen Sie denn raus?« »Ein Mädchen ließe sich leichter erziehen – ein Junge braucht eine starke Hand – mein Mann ist tot.« »Ja, und? Ja, und?« »Es wäre für beide Teile besser – wenn ...« »Wenn?« »Wenn ich das Mädel hätte – und Gugenzeils ...« »Den Jungen? – Sagen Sie mal, Sie sind wohl verrückt? Vor Ihnen bekomme ich Angst. Sie kriegen es womöglich fertig und tauschen die Kinder um – geben Ihr's her gegen ein fremdes – nur, weil ein Mädchen leichter zu erziehen ist.« »Es war ja nur ein Gedanke.« »Reden Sie nicht! Es war Ihnen Ernst – und ich werde verflucht aufpassen, daß während der Tage, die Sie noch hier sind – denn auf die Straße setze ich Ihnen deswegen nicht – kein Malheur passiert. Gott sei Dank kann man ja auch bei Säuglingen ein Mädel von einem Jungen unterscheiden.« Frau Elsa, die die Hoffnungslosigkeit ihres Versuches erkannte und wußte, daß weder die Mamsell noch sonst jemand ihr glauben würde, wenn sie die Wahrheit gestand, verließen die Nerven. Sie bekam einen Weinkrampf, der die Mamsell so erschreckte, daß sie den Herd verließ und Frau Elsa zu Bett brachte. »Ich hab' alles längst vergessen, was Sie gesagt haben«, sagte sie zu Frau Elsa, um sie zu beruhigen. »Sie sind krank, Kind! Kein Wunder nach all dem, was Sie in den letzten Wochen durchgemacht haben.« Vorn am Bett der Frau Gugenzeil öffnete zur selben Zeit die Zofe ein Telegramm ihres Mannes und las es der Wöchnerin vor. »Meiner Tochter Hilde rufe ich ein herzliches Willkommen zu. Ihre Mutter schließe ich dankbar in die Arme. Reichen Segen erhoffe ich für uns alle. –« Das war echt Gugenzeil. Als er das Wort »Arme« geschrieben hatte, fuhr er zusammen. Denn er war abergläubig. Lächelnd reparierte er den Schaden, indem er auf Arme das Wort »Reichen« folgen ließ. »Ja, ja«, dachte er, »wenn man sich nicht düpieren läßt, kann man sogar dem Schicksal ein Schnippchen schlagen.« VI. Von nun an ging bei Gugenzeils und bei Frau Elsa alles so, wie es bei reichen Leuten und bei einer alleinstehenden Friseuse mit Kind zu gehen pflegt. Der liebe Gott sorgt schon dafür, daß es keinem zu leicht gemacht wird. Was Frau Elsa sich und ihrem Sohne ihrer bescheidenen Verhältnisse wegen versagen mußte, bedrückte weder ihr Gemüt noch das ihres Kindes. Weit mehr setzte der Trieb, aus einer Million zwei, aus zwei Millionen drei zu machen, dem Fabrikanten Gugenzeil zu. Und Frau Kaete verursachten ihr gesellschaftlicher Ehrgeiz und die Angst, alt zu werden, größere Beschwerden als der Friseuse das Entsagen auf scheinbar Notwendigstes. Denn, indem sie sich jeden Monat ein paar Mark vom Munde absparte, um ihrem musikalisch veranlagten Sohn später einmal einen guten Unterricht ermöglichen zu können, genoß sie Wonnen, in Vergleich zu denen die Freude gering war, die Frau Kaete an all dem Luxus hatte, den sie sich leistete und leisten durfte. Es war daher schon etwas Wahres dran, wenn Frau Gugenzeil eines Tages zu Elsa Krüger, die ihr wie jeden Morgen, das Haar frisierte, sagte: »Ich bin nie so vergnügt wie die Viertelstunde, wenn Sie hier sind.« »Gnädige Frau haben zuviel gesellschaftliche Pflichten und daher zuwenig Zeit, vergnügt zu sein.« »Mag sein. – Also erzählen Sie! – Wie hat sich Ihr Junge angestellt?« »Der Lehrer hat zu ihm gesagt: Richard, aus dir mache ich den europäischen Al Jolson.« »Stolz können Sie sein, so ein Kind zu haben.« »Ihre Hilde hat ja doch auch eine hübsche Stimme.« »Haben Sie sie gehört?« »Wenn ich das einmal dürfte.« Frau Kaete rief die Zofe: »Hilde soll mal hereinkommen.« »Ich glaube, sie mag mich nicht.« »Wie kommen Sie auf den Gedanken? Das Kind ist doch so zutraulich.« »Die Kinder anderer Damen, die ich frisiere, sehe ich immer. – Ihre Hilde nie.« Die Tür ging auf, und die Kinderfrau mit der achtjährigen Hilde trat ins Zimmer. Frau Elsa fuhr zusammen, die Brennschere glitt ihr aus der Hand – sie schien ganz zu vergessen, wo sie war – sie bückte sich, breitete die Arme aus und rief: »Mein Kind! – Komm, mein geliebtes Kind!« Und Hilde lief, obschon die Kinderfrau sie zu halten suchte, auf Frau Elsa zu, streckte beide Patschchen nach ihr aus und sagte: »Tante Friseuse, mach mir auch so 'ne Ondulation wie Mutti.« Frau Elsa schloß das Kind in die Arme, drückte und küßte es, obschon Frau Kaete sagte: »Aber – das ist ja nicht nötig.« Und da Frau Elsa keine Anstalten machte, das Kind freizugeben, so sagte sie kühl und bestimmt: »Wollen Sie mich nicht zu Ende frisieren?« Frau Elsa ließ Hilde los. »Du hast mich aber tüchtig gedrückt, Tante! – Und das schöne Kleid, sieh nur, Mutti, wie sie es zerknautscht hat.« »Geh, mein Kind!« sagte Frau Kaete und gab der Kinderfrau ein Zeichen. Die nahm Hilde bei der Hand und ging mit ihr hinaus. Frau Elsa fand schwer zu sich und ihrer Tätigkeit zurück. »Ich liebe Kinder so«, sagte sie. – »Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht zurückgehalten habe.« Sie hob die Schere auf und begann wieder zu arbeiten. »Ich liebe es nicht, daß man das Kind küßt«, erwiderte Frau Kaete. »Nicht einmal meine Freundinnen dürfen es. Außerdem ist es unhygienisch.« »Ich verstehe das. – Sie entschuldigen. – Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam.« »Was machen Sie denn? Seit wann trage ich auf der Stirn ein Pony?« »Oh, Verzeihung! Ich war in Gedanken.« »Lassen Sie nur! Ich frisiere mich schon allein zu Ende.« »Aber, gnädige Frau.« »Sie haben mich nervös gemacht.« – Sie war aufgestanden und führte das Gesicht ganz nahe an den Spiegel heran. »Ich weiß gar nicht, diese Löckchen am Ohr ...« »Aber die haben gnädige Frau doch immer getragen.« »Möglich! Aber sie gefallen mir nicht – oder nicht mehr. Eine Friseuse muß Versuche machen – nicht immer dasselbe – das langweilt –« Sie schob sich eine Locke in die Stirn – »so zum Beispiel – das ist apart.« »Aber das hatte ich doch eben ...« »Versehentlich – und sie haben es auch gleich wieder weggebracht. Ich verlange von einer Friseuse, daß sie sich mit meinem Gesicht beschäftigt – nicht nur in der Viertelstunde, die sie bei mir ist – auch zu Haus.« »Ich bin sehr traurig, daß Sie unzufrieden mit mir sind.« »Jedenfalls werde ich mich von heute ab selbst frisieren.« »Bitte, bitte, versuchen Sie es noch mal. Ich will mir wirklich alle Mühe geben.« »Ich verlange individuelle Behandlung –, aber Sie bedienen zuviel Damen –, da können Sie natürlich nicht für jede einzelne Interesse haben.« »Ich will ein Dutzend Damen aufgeben, wenn ich nur Sie behalten darf.« »Ich will Sie nicht schädigen.« »Gnädige Frau brauchen deshalb nicht mehr zu zahlen.« »Oh bitte!« »Ich würde sogar auch im Preise nachlassen, wenn Sie mich behalten.« »Glauben Sie, die paar Groschen spielen bei uns eine Rolle? Wie kommen Sie überhaupt dazu, mir so etwas anzubieten?« »Ich wollte Sie nicht beleidigen, gnädige Frau.« »Das können Sie gar nicht. – Also bitte, gehen Sie! Sie fallen mir auf die Nerven.« Frau Elsa beugte den Kopf und ging. Als sie auf dem Flur war, klang ihr das Lachen ihres Kindes entgegen. Sie stand noch eine ganze Weile und horchte. Sie hat es gut, dachte sie –, und ist glücklich. Dann nahm sie Hut und Mantel vom Riegel und ging. Frau Kaete aber stand noch lange vor dem Spiegel und mühte sich mit ihrem Haar ab. »Daß diese Art von Menschen nicht vertragen kann, wenn man gut zu ihnen ist. Gleich werden sie familiär. Als ob es mir einfiele, ihren Sohn so abzulabbern. – Das heißt, wenn er wirklich ein Al Jolson wird! Caruso war auch von niederer Herkunft. Und als er berühmt wurde, haben sich Fürsten um den Verkehr mit ihm gerissen.« – Sie war nachdenklich. »Man könnte Mäzen spielen und hätte eine Attraktion für den Salon.« Sie machte mit der Hand eine Bewegung, als wollte sie den unbequemen Gedanken verscheuchen. »Unsinn!« entschied sie. »So etwas sagt jeder Lehrer, um den Unterricht nicht zu verlieren. Aus mir wollte der Zeichenlehrer, als ich elf Jahre alt war, einen Raffael machen. Nur, um meine Eltern zu veranlassen, daß er mir Unterricht gab. Als ich dann nach drei Jahren meine Mutter zeichnete und das Bild meinem Vater zum Geburtstag schenkte, nahm er mich freudestrahlend in die Arme und rief: »Mein Wunderkind! Mein Raffaelchen! Wie oft hat dir denn der Großpapa dafür sitzen müssen?« – Das hat mich geheilt. Und genau so wird es mit der Elsa Krüger ihrem Wunderknaben auch sein.« Sie rief das Kinderfräulein und trug ihm auf: »Wenn sie dieser Person begegnen und haben die Hilde mit –, dann gehen Sie auf die andere Seite! Ich habe nichts gegen sie. Aber so eine Friseuse wühlt den ganzen Tag über in fremden Haaren herum. Ich will nicht, daß mein Kind infiziert wird.« VII. Im Hause Gugenzeil gab – wenn es auch nach außen nicht in die Erscheinung trat – die Mamsell den Ton an. Sie entlastete Frau Kaete von aller Hausarbeit – nicht nur, indem sie selbständig das Menü entwarf – auch dann, wenn Gäste geladen waren – auch über das Kommen und Gehen des Personals verfügte sie und nahm damit Frau Kaete viel Mühe und Arbeit ab. Mit Herrn Gugenzeil verstand sie sich besonders. Seitdem sie alles Häusliche selbständig erledigte, war Frau Kaete immer guter Laune und quälte ihren Mann nicht mehr mit Dienstbotengeschichten. Und wenn er selbst mal einen Wunsch hatte – sei es, daß er über Wochenende ohne seine Frau verreisen oder seine Verwandten, die bei Frau Kaete nicht hoch im Kurse standen, bei sich sehen wollte, so bediente er sich der Fürsprache der Mamsell. Die sagte dann so nebenbei zu Frau Kaete: »Ich verstehe den gnädigen Herrn nicht. Wenn ich Verwandte hätte, denen es nicht so gut geht wie mir, ich würde doppelt nett zu ihnen sein.« »Sie haben ganz recht.« »Gnädige Frau würden ihren Verwandten jedenfalls das Blaue vom Himmel herunterholen.« »Selbstverständlich würde ich das. Aber Gott sei Dank steht ja meine Familie ja so da ...« »Ich weiß! Gnädige Frau hatten ja schon als gnädiges Fräulein ihr eigenes Auto.« »Woher wissen Sie denn das?« »Das wußte doch jedes Kind.« – Dabei hatte es ihr Frau Kaete schon ein paar dutzendmal erzählt. – »Es ist schon kein leerer Wahn, aus so gutem Hause zu stammen.« »«Wissen Sie, Mamsell, manchmal habe ich auch bei Ihnen den Eindruck, als ob Sie ...« »Sprechen wir nicht davon –« Und sie hatte recht, daß sie diesem Wunsche Ausdruck gab, denn ihr Vater war Streckenwärter gewesen. »Jedenfalls« – fuhr sie fort – »man weiß, was sich gehört.« »Wieso? – Ach so, natürlich! – Aber was meinen Sie?« »Ich nehme doch an, daß die gnädige Frau die Verwandten des gnädigen Herrn von sich aus einladen wird.« »Das ist eine Idee! Ich werde ihn beschämen.« »Überraschen!« verbesserte die Mamsell und ging vergnügt wieder an die Arbeit. Und wenn Herr Gugenzeil dann des Abends, als er aus dem Büro kam, den Tisch für zwanzig Personen gedeckt sah und seine Frau fragte: »Wer kommt denn? Muß ich mich umziehen?« – erwiderte sie: »Aber nein! Es ist ja nur deine Familie.« Herr Gugenzeil tat überrascht, küßte seine Frau und sagte: »Wünsch dir was.« Aber Frau Kaete erwiderte stolz: »Ich werde doch aus dem Unglück deiner Familie nicht profitieren.« »Was für ein Unglück?« »Ist es vielleicht kein Unglück, arm zu sein?« Manchmal freilich stieß selbst die Mamsell bei Frau Kaete auf Widerspruch. So heute, als sie zu ihr sagte: »Würde gnädige Frau zu dem Kinderfest zu Hildes Geburtstag nicht auch den jungen Krüger einladen?« »Wie komme ich denn dazu?« »Er ist doch an demselben Tag wie Fräulein Hilde geboren.« »Wenn ich alle Kinder, die am 5. Januar geboren sind, einladen wollte, müßte ich die Philharmonie mieten.« »Der kleine Krüger ist doch sozusagen in Ihrem Hause geboren.« »Was soll denn der Friseurjunge unter den verwöhnten Kindern? Er fühlt sich da bestimmt ganz deplaciert.« »Er soll die verwöhnten Kinder unterhalten. Er spielt Geige, Saxophon, tanzt, singt – er wird Stimmung machen.« »Ach so! – Ja, das ist etwas anderes.« »Er darf kommen?« »Ja – aber ohne diese gräßliche Person« – sie stand vor dem Spiegel und befühlte ihr Haar – »das heißt, eigentlich hat sie mich besser frisiert als dieser Rudolf.« »Vielleicht versuchen Sie es noch einmal mit ihr?« »Nein! Nein! Dieser Rudolf erzählt so himmlische Geschichten. Von jeder Frau, die er bedient, weiß er etwas Besonderes.« »Dann wird er womöglich auch von Ihnen ...« Frau Kaete erschrak: »Mamsell, da haben Sie recht! – Aber was kann er von mir schon erzählen? Ich amüsiere mich gern – nun gut! – Aber ich bin meinem Mann treu.« »Muß denn alles wahr sein, was er erzählt? Er redet doch wahrscheinlich nur soviel, weil seine Damen es gern haben. Und wo nichts ist, da wird erfunden.« »Dadurch wird man interessant. – Aber der Junge soll kommen. Wenn er die andern unterhält.« Am selben Abend ging die Mamsell zu Frau Elsa Krüger, der sie das Ansinnen von damals längst vergessen hatte. »Ich werde Ihren Richard protegieren«, sagte die Mamsell. »«Wenn ich Herrn Gugenzeil darum bitte, bezahlt er seine Ausbildung – ohne, daß die Gnädige etwas davon erfährt.« Frau Elsa hatte nichts dagegen. Auch, daß sie nicht mitdurfte, kränkte sie nicht. Die Mamsell wollte Richard, der wie die kleine Hilde Gugenzeil acht Jahre alt wurde, abholen. Aber Richard meinte: »Was sollen denn die Mädel von mir denken? 'n Junge wie ich, geht allein.« Und er zeigte auch keinerlei Scheu, als er mit seinen Instrumenten, im Matrosenanzug und blauem Mäntelchen die breite Treppe zu Gugenzeils hinaufstieg. »Ich bin hier eingeladen«, sagte er –, und als er den Salon betrat, rief er betroffen: »Das sind ja lauter Mädel.« Frau Kaete beruhigte ihn: »Es kommen auch noch Herren – sogar ältere als du.« »Ist das auch wahr?« »Wenn ich es sage. – Aber wolltest du nicht deine Instrumente mitbringen?« »Die habe ich draußen abgestellt.« Frau Kaete wies zur Tür, durch die jetzt drei kleine Gentlemen von acht, zehn und elf Jahren traten. Richard ging ihnen entgegen und reichte ihnen die Hand. Die sahen ihn erstaunt an – und der älteste fragte: »Wer bist du denn?« »Ich heiße Richard Krüger und gehe in die dritte Klasse.« »Wo wohnst du denn?« »Hackescher Markt, 3. Quergebäude, vier Treppen.« »Was ist denn dein Vater?« »Der lebt nicht mehr.« »Was war er denn?« »Friseur.« Die beiden älteren Knaben ließen ihn stehen. Der Achtjährige gab ihm die Hand und sagte: »Friseur möchte ich auch werden. Ich darf Sonntags immer zusehen, wenn Papa rasiert wird.« »Kommt doch, Jungens!« rief die kleine Hilde Gugenzeil, die ein blauseidenes Kleid mit Spitzen, seidene Strümpfe und Lackschuhe trug. »Wir wollen mit euch tanzen.« Die Jungen traten an die Mädchen heran. Eine Jazzkapelle spielte. Die beiden älteren Jungen hatten ihre Weisheit über Richard Krüger bereits ausgeplaudert. »Ich will mit dem Friseurjungen tanzen«, sagte ein geputztes kleines Mädchen, das auf den Namen Liselore hörte. »Ich auch!« rief eine andere – und so kam es, daß sich alle um Richard drängten und ihn anstaunten. Richard tanzte mit Liselore. Sein Rhythmus fiel selbst den Jazzern auf. Die Mädel standen an. Er tanzte der Reihe nach mit jeder. »Das geht aber nicht«, sagte Frau Kaete, nahm ihre Tochter, die eben an der Reihe war, mit ihm zu tanzen, am Arm und führte sie zu einem der anderen Jungen. »So, tanz mit ihr.« Aber keiner wollte tanzen, da sie fühlten, daß er sie als Tänzer ausstach. Infolgedessen ging Frau Kaete auf Richard zu, nahm ihn beiseite und sagte: »Bitte tanz nicht mehr. Ich gebe dir dafür ein großes Stück Schokoladentorte mit nach Hause.« »Aber mit mir muß er – nur einmal rum«, bettelte Hilde und nahm Richard bei der Hand. Frau Kaete konnte es nicht mehr verhindern, daß sie miteinander tanzten. »Bei wem hast du Tanzstunde?« fragte Hilde. »Bei Mutti – aber das meiste habe ich mir selber beigebracht.« »Du tanzt besser als all die andern.« »Du auch.« »Schade, daß wir nicht öfters zusammen tanzen. Von dir könnte ich lernen.« »Komm doch zu uns.« »Das wäre schön.« »Mit dem Autobus sieben fährst du bis vor unsere Tür.« »Ich habe schon einmal mit so einem großen Autobus fahren wollen. Aber Mama sagt, da wird man geschupst und bestohlen.« »Das schuckelt so fein. Ich habe mal gezählt, da waren achtundvierzig Menschen im Aboag.« »Muß das schön sein. In unserem Auto ist nie jemand außer Mutti oder dem Kinderfräulein.« »Ich möchte nicht immer so bewacht sein.« »Nimm mich doch mal mit, wenn du wieder fährst.« »Wenn ich nachher fortgehe, kannst du ja mitkommen.« »Au fein.« »Ich werde deine Mama fragen.« »Die verbietet es. Es darf niemand sehen. Du mußt bis zuletzt bleiben. Dann gehe ich durch Mamsells Zimmer über den Hof.« Frau Kaete trat auf das tanzende kleine Paar zu und sagte: »Nun ist es aber genug.« Als sie stehenblieben, merkten sie erst, daß außer ihnen niemand tanzte. Die Mädel standen im Kreise um sie herum und klatschten in die Hände, während die Knaben beiseite standen und Bemerkungen machten. Ein Diener zog eine große Schiebetür auf und sagte: »Es ist angerichtet.« »Jeder Herr führt seine Dame«, rief Frau Kaete. Der Elfjährige verbeugte sich vor Hilde und reichte ihr den Arm. Die anderen sahen es ihm ab und machten es ebenso. Richard sagte zu einem Mädchen von neun Jahren. »Willst du neben mir sitzen?« »Ja.« »Du hast so 'ne schöne Schärpe.« »Und du siehst aus wie unser Portierjunge.« »Das freut mich sehr, daß ich dir nicht fremd vorkomme.« »Matrosenanzüge sind doch ganz unmodern. Mein Bruder ist erst sieben – aber der würde meine Mutter schön jagen, wenn sie ihm mit einem Matrosenanzug käme.« »Ich werde mir die Serviette vormachen, dann sieht man es nicht so.« »Feine Herren legen die Serviette auf den Schoß.« »Ist dein Bruder sehr fein?« »Wir sind alle fein. Wir haben drei Autos und Gugenzeils nur zwei.« »Ach!« »Wenn ich zwölf Jahre bin, lerne ich fahren.« »Du willst Chauffeur werden?« »Gott bist du dumm! Jede schicke Frau fährt heute selbst.« Herr Gugenzeil war erschienen. Er setzte sich neben Frau Kaete in die Mitte der Tafel. Es wurde Schokolade, Torten und Obst gereicht. Als Richard sein Stück Torte gegessen hatte, rief Frau Kaete ihm zu: »Also, kleiner Herr Krüger, nun zeigen Sie uns mal, was Sie können.« Der Diener brachte die Instrumente herein. Herr Gugenzeil hob Richard auf einen Tisch – und er spielte erst auf der Violine und dann auf dem Saxophon. Besonders die Darbietung auf dem Saxophon, die er mit Gesang und Tanz begleitete, gefiel den Kindern. Sie bewegten die kleinen Körper im Rhythmus und sangen den Refrain munter mit. Als er fertig war, klatschten sie laut Beifall und riefen stürmisch: »Noch einmal! – mehr davon.« Richard erfüllte alle ihre Wünsche und war völlig erschöpft, als die kleine Gesellschaft endlich Ruhe gab. Jetzt hatte er auch die Jungen erobert, die sich darum rissen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Nur der Elfjährige hielt auch jetzt noch Distanz, trat an Richard heran und sagte: »Was verlangen Sie für den Abend? So'n Klamauk ist ganz nett. Ich werde Sie meinen Eltern für ihre Gesellschaften empfehlen.« »Dummer Junge!« erwiderte Hilde. »Richard spielt doch nicht für Geld, sondern zu seinem Vergnügen.« »Auf einmal! wo seine Mutter Friseuse ist. Mutters Friseuse bekommt zu Weihnachten einen Teller mit Nüssen und Pfefferkuchen und, wenn es hoch kommt, zehn Mark und ein abgelegtes Kleid von Hanna, das für unser Fräulein nicht mehr gut genug ist.« »Wenn ich noch größer bin als jetzt, verdiene ich so viel Geld, daß Mama überhaupt nicht mehr frisieren zu gehen braucht«, erwiderte Richard. Herr Gugenzeil, der das alles mitangehört hatte, trat jetzt auf Richard zu, gab ihm die Hand und sagte: »Ich danke dir, auch im Namen meiner Frau. Du hast deine Sache sehr gut gemacht.« Richard machte einen Diener und sagte: »Wenn es Ihnen gefallen hat, dann lassen Sie mir doch für Mutter ein Stück Torte mit Sahne einpacken.« »Natürlich, mein Junge!« – Er half dem Diener einpacken und fuhr fort: »Und von nun ab sollt ihr an jedem Sonntag eine Torte haben.« »Mit Sahne?« »Selbstverständlich!« Richard machte vor Freude einen Luftsprung – und Hilde, die die ganze Zeit über bewundernd vor Richard gestanden hatte, drückte ihrem Vater die Hand. Der Elfjährige aber sagte zu seinen Freunden: »Das ist doch auch nichts anderes als eine Bezahlung.« VIII. Von nun ab kam Richard oft des Sonntags nachmittags zu Gugenzeils. Er brachte seine Violine mit und spielte Hilde vor. Sie sang die Melodie, oft auch den Text mit, den er sie lehrte. – Manchmal nahm sie die Violine, und er zeigte ihr, wie man den Bogen führte und die Finger setzte. Aber das begriff sie nicht. Und da es so schwer war, so bewunderte sie ihn nun noch mehr. Wenn sie so eine Stunde lang in Anwesenheit des Kinderfräuleins zusammen waren, wurden sie nach vorn gerufen, um mit Herrn und Frau Gugenzeil Kaffee oder Schokolade zu trinken. Hilde sorgte dafür, daß Richard das beste Stück Kuchen bekam – und sie himmelte ihn so an, daß Frau Kaete eines Tages zu ihrem Manne sagte: »Das Mädel verliebt sich noch in den Musikanten.« »So ein Kind – ich bitt' dich.« »Ich entsinn' mich, als ich acht Jahre war, kam zu uns ein Schauspieler ins Haus – Rittner hieß er –, ich kann dir sagen, ich war verknallt in ihn bis über beide Ohren.« »Und hast doch mich geheiratet.« »Aber vergessen habe ich ihn bis heute nicht.« »Das sind ja recht nette Eröffnungen!« »Jeden Mann, den ich kennenlernte, habe ich mit ihm verglichen.« »Mich etwa auch?« »Natürlich! Und da deine Augen und deine Mundpartie – wenn auch nur entfernt – der Rittners gleichen ...« »Das ist ja himmlisch!« »So habe ich aus dem halben Dutzend Männer, die mich heiraten wollten, dich gewählt.« »Meine Mundpartie hast du geheiratet.« »Natürlich habe ich dich auch gern gehabt. Und in der Ehe hat sich dann das Bild Rittners allmählich verwischt.« »Allmählich!« »Jetzt ist es ganz ausgelöscht – und ich denke erst wieder daran, seitdem dieser Junge zu uns ins Haus kommt.« »Du glaubst doch nicht, daß er darauf ausgeht ...?« »Vielleicht, daß seine Mutter ihm einheizt. Ich bitte dich, eine Friseuse wäre ja keine Friseuse, wenn sie die Chance nicht nutzen würde.« »Hirngespinste! Kinder von acht Jahren! – Immerhin mahnt die Affäre Rittner zur Vorsicht. Ich werde der Frau schreiben. Gib mir ihre Adresse.« »Die weiß ich doch nicht. Da mußt du die Mamsell fragen.« Und Herr Gugenzeil schrieb: »Sehr geehrte Frau! Wir sind von Ihrem Jungen entzückt. Sie können sich wirklich zu ihm gratulieren. Und wenn nicht alles täuscht, so hat er eine große Zukunft. Da ich aber aus pädagogischen Gründen meine Tochter nicht im Verkehr mit Künstlern aufwachsen lassen möchte, so nehmen Sie es nicht übel, wenn ich Sie bitte, Ihren Sohn nicht mehr zu uns kommen zu lassen. Ihr ergebener Gugenzeil.« Als Herr Gugenzeil diesen Brief geschrieben hatte, rief er die Mamsell und fragte sie nach Namen und Adresse von Richards Mutter. Die Mamsell nannte sie und fuhr fort: »Darf ich fragen, was Sie von meiner Freundin wollen?« »Frau Krüger ist Ihre Freundin?« »Jawoll.« »Dann haben Sie uns also den Jungen ins Haus gebracht?« »Jawoll!« »Wissen Sie auch, daß das eine große Dummheit war?« »Nanu? – Hat der Junge sich schlecht aufgeführt? Soviel ich weiß, hat er Sie alle mit seiner Musik unterhalten.« »Er ist kein geeigneter Verkehr für meine Tochter.« »Weil seine Mutter eine Friseuse ist?« »Das wäre mir gleich. Aber ein Künstler verdreht einem Mädel leicht den Kopf.« »Die beiden sind zusammen noch keine sechzehn Jahre.« »So etwas setzt sich wie ein Gift früh fest.« »Aber, Herr Gugenzeil!« »Kurz und gut, der Junge kommt mir nicht mehr ins Haus.« »Und das schreiben Sie der Frau, die es so schwer hat?« »Ich kann doch nicht zu ihr gehen.« »Weniger kränkend wäre es schon.« »Also gut!« – Er zerriß den Brief und fuhr zu Frau Krüger. – Wenn Richard bei Gugenzeils war, dann saß Frau Elsa die ganze Zeit über und quälte sich mit Selbstvorwürfen. Dabei hatte sie Richard so liebgewonnen wie ein eigenes Kind – und der Gedanke, ihn je hergeben zu müssen, ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Trotzdem verging kein Tag, an dem sie sich nicht nach ihrer Tochter bangte. Dem Gefühl nach waren beides ihre Kinder. Wenn Richard dann von Gugenzeils kam, mußte er erzählen – und es fiel Frau Elsa nicht auf, daß er, unaufgefordert, fast nur von dem sprach, was sie gern hören wollte. Mit Hilde begann er – und mit Hilde schloß er. Und sie machte sich aus alldem dann ein Bild, das sie mit in ihren Schlaf und in ihre Träume nahm. So war sie auch heute wieder voll von dem Erzählten und hatte eben das Licht in Richards Zimmer gelöscht, als draußen die Klingel ging. Sie öffnete und stand Herrn Gugenzeil gegenüber. »Na, wie geht's?« sagte er und trat ein. »Ist mit Hilde etwas passiert?« fragte Frau Elsa erregt – und merkte erst an dem erstaunten Gesicht und der noch erstaunteren Frage Gugenzeils, der fragte: »Hilde – wieso Hilde?« wie sinnlos ihre Frage war. Wem würde es einfallen, zu ihr zu kommen, wenn Hilde etwas zugestoßen wäre? »Hübsch haben Sie's hier«, sagte Gugenzeil. »Etwas eng – aber gemütlich. – Na, was macht der junge Maestro? Der Junge ist richtig? Rhythmus! Tempo! – Der wird den Weibern einmal den Kopf verdrehn!« »Kommen Sie seinetwegen?« fragte Frau Elsa und bot Gugenzeil einen Stuhl an. Er setzte sich. Sie nahm ihm gegenüber Platz. »Ja, der Junge!« fuhr Gugenzeil fort. »Wenn es meiner wäre, ich wäre stolz auf ihn.« »Ich bin es auch.« »Gewiß! Der Junge ist Ihnen ja aus dem Gesicht geschnitten. – Verstehen Sie sich auf Ähnlichkeiten?« – Er beugte sich vor: »Wie finden sie meine Mundpartie? Bezaubernd, was? Haben Sie Rittner gekannt?« – Frau Elsa schüttelte den Kopf. – »Schade! Oder ganz gut! Wir sehen uns zum Verwechseln ähnlich. Sie hätten uns gar nicht auseinander halten können.« »Sie sind verwandt miteinander?« »Keine Spur. Aber so eine Mundpartie – Es können auch die Augen sein. – So etwas setzt sich in einer Frau fest. Schon im zartesten Mädchenalter. Ob es nun Rittner ist oder – Krüger.« »Sie sprechen von meinem Sohn?« »Sozusagen mehr von meiner Tochter. Meine Frau und ich möchten nicht, daß von Ihrem Sohn etwas bei unserer Tochter haftenbleibt.« – Er richtete sich stolz auf. »So, jetzt habe ich es verständlich gemacht. Fabrikantentochter und Künstler, das gibt kein Glück.« »Großer Gott, wer denkt denn daran – bei diesen Kindern?« »Der weise Mann baut vor.« »Soll das etwa heißen, daß die Kinder nicht mehr zusammenkommen sollen?« »Ja! Das ist es, und deshalb bin ich hier.« »Das ist unmöglich!« »Wieso?« »Das kann ich Ihnen nicht erklären.« »Na, versuchen Sie 's mal.« »Ich muß« – sie überlegte – »ja, ich muß auf alle Fälle – mit Hilde – in irgendeiner Form in Verbindung bleiben.« »Das verstehe ich nicht. Was geht Sie Hilde an?« »Sie ist am gleichen Tage wie mein Junge geboren.« »Ich erinnere mich. Ich war damals verreist.« »Ich war die erste, die das Neugeborene aufgenommen hat.« »Das ist mir neu.« »Ihre Frau war damals ohne Hilfe. Der Arzt, die Kinderfrau, niemand war zur Stelle.« »Ich mache mir heute noch Vorwürfe, daß ich nicht zu Hause geblieben bin.« »Als ich das Kind aufnahm, fragte Ihre Frau: Ein Mädchen? Ich sagte: Ja.« »Natürlich!« »Ich hätte ebensogut sagen können: Ein Junge!« »Na, das hätte sich dann ja wohl durch nähere Inaugenscheinnahme feststellen lassen.« »Ich hätte die Kinder ja nur zu vertauschen brauchen.« »Was für Kin ... Sie meinen Ihr Kind und mein Kind? Ihr Kind war ein Junge – ich wußte aber von vorneherein, daß meins ein Mädchen war.« »Das haben Sie sich eingeredet.« »Sie sehen ja, es hat gestimmt.« »Sofern ich die Kinder....« »Sofern Sie die Kinder?« »Nicht vertauscht habe.« Gugenzeil sprang auf: »Das behaupten Sie doch nicht etwa?« »Und wenn ich das täte?« »Dann würde ich Sie... Nein, anzeigen würde ich Sie nicht. Das gäbe einen Skandal. Ich hasse Skandale. Aber ich würde mir ganz einfach meinen Jungen« – er machte ein paar Schritte auf die Tür zu – »nein! ich würde mir den Jungen vermutlich nicht holen – wir haben uns eine Tochter gewünscht und sind dem Himmel dankbar, daß er uns diesen Wunsch erfüllt hat – auch dann, wenn er Sie zu seinem Werkzeug ausersehen haben sollte.« »Gut, ich bin einverstanden! Unter der Voraussetzung, daß Hilde für Richard auch weiterhin erreichbar bleibt.« »Wenn meine Frau es nicht erfährt – mir gefällt der Junge – er ist gut erzogen – auch Sie gefallen mir – Sie müssen mal sehr hübsch gewesen sein.« »Wann? Ich bin jetzt sechsundzwanzig.« »Ich meine, Sie müssen ein hübsches Kind gewesen sein, da Sie jetzt eine so hübsche Frau sind.« »Schon gut! Und wenn Sie mal den Wunsch haben, Richard zu sehen....« »Wieso meinen Sie? – weil er am selben Tage wie Hilde geboren ist? Nö. So kinderlieb bin ich nicht.« Jetzt stand auch Frau Elsa auf und sagte: »Ich habe Ihnen natürlich nur einen Schreck einjagen wollen.« Gugenzeil lächelte so liebenswürdig, wie es ihm möglich war. »Liebe junge Frau«, sagte er, »glauben Sie wirklich, Sie sind die einzige Frau, die mir in den letzten zehn Jahren einzureden sucht, daß ich der Vater Ihres Kindes bin?« »Hier läge der Fall ja anders«, erwiderte Frau Elsa. »Der Fall, der gerade in Frage steht, liegt immer anders. Jeder hält seinen Fall für einen besonderen.« »Also, es ist schon gut; das alles bleibt, wie's ist.« »Sehr verständig! Das Leben ist schon kompliziert genug. Wozu es sich mutwillig noch mehr erschweren?« Er gab Frau Elsa die Hand und wandte sich zur Tür. Als er den Mantel schon anhatte und sich den Hut aufsetzen wollte, kehrte er noch einmal zu ihr zurück und sagte: »Das Studium für den Jungen bezahle natürlich ich.« »Ja, wie kommen Sie dazu?« fragte Frau Elsa und tat erstaunt. »Weil ich es für richtig halte«, erwiderte er – und ging. IX. Während der nächsten Jahre ereignete sich nichts, was für das Verhältnis zwischen Hilde und Richard von Bedeutung gewesen wäre. Frau Kaete sorgte dafür, daß sie sich nicht zu sehen bekamen. »Denn« – so sagte sie zu ihrem Mann – »heutzutage ist alles möglich.« »Was willst du damit sagen?« »Daß sie zusammen ausreißen – mit irgendeinem Wanderzirkus oder was weiß ich – in jedem Kind steckt Romantik – ich weiß es von mir selbst – und in einem Künstler schon gar.« »Bist du etwa als Kind mit einem Wanderzirkus ...« »Ich hatte keine Gelegenheit – aber wenn ich sie gehabt hätte, ich glaube, ich hätte sie genutzt.« »Kaete, in dir schlummern ja Kräfte, von denen ich nie etwas geahnt habe.« »Hast du dir je die Mühe gegeben, sie zu wecken?« »Habe ich je Zeit dazu gehabt?« »Du hast dich um manchen Genuß gebracht.« »Und du glaubst, mit unserer Hilde ist es ebenso? Dann freilich müssen wir acht auf sie geben. Denn wir haben nur die eine.« »Meine Schuld ist das nicht.« – Das Kinderfräulein, das bis zu Hildes vierzehntem Jahr bei Gugenzeils blieb, wurde von Frau Kaete informiert: »Ich habe Künstlerblut in mir«, sagte sie – »und Hilde hat es von mir geerbt. Damit kein Unglück passiert, sorgen Sie dafür, daß sie nicht mit Künstlern zusammenkommt. Aber auch nicht mit diesem Friseursohn – Krüger heißt er ja wohl?« »Die Kinder sind sehr befreundet miteinander.« »Wie? Hinter meinem Rücken freunden sie sich an? Und Sie dulden das? Haben Sie sich noch nie gesagt, daß das kein Umgang für meine Tochter ist?« »Er ist ein Künstler.« »Und seine Mutter Friseuse. – Im übrigen habe ich mich nach ihm erkundigt. Es war ja möglich, daß in ihm ein Rubinstein oder Lehár steckt. In diesem Falle hätte ich über die Friseuse hinweggesehen.« »Es steckt also kein....?« »Ein guter Musikant und vielversprechender Jazzsänger, hat mir sein Lehrer gesagt. Mehr nicht. Für eine Hilde Gugenzeil aber käme nur ein Don Yovanni oder Caruso in Frage.« »Wer denkt denn gleich ans Heiraten?« »Ich. Denn wenn sie sich erst verplempert, kommt sie für die Ehe nicht mehr in Frage. Wenigstens nicht in den Kreisen, mit denen ich rechne.« – Das Kinderfräulein kam mit ihrem Gewissen in Konflikt. Darauf, daß ein ernster Sinn in den Begegnungen der beiden Kinder liegen könne, war sie nie gekommen. Auch wenn sie nicht regelmäßig dabei gewesen wäre, hätte sie nie an eine solche Möglichkeit gedacht. Aber Frau Gugenzeil mochte schon recht haben. Sah es auch harmlos aus – und es war bestimmt bis heute auch harmlos –, wer weiß, wie es sich, waren sie beide erst reif, weiterentwickelte. Also sagte sie, als sie nachmittags mit Hilde die Tiergartenstraße entlang ging, und, wie fast täglich, an der Bellevueallee mit Richard Krüger zusammentraf: »Liebe Kinder....« »Ich bin doch kein Kind mehr«, fiel ihr Hilde ins Wort – und Richard fügte hinzu: »So wenig wie ich.« »Um so schlimmer«, sagte das Kinderfräulein hart – »und um so notwendiger, daß diese Begegnungen ein für allemal ein Ende nehmen.« »Was ist denn in dich gefahren?« fragte Hilde. »Du bist jetzt dreizehn Jahre.« »Richard auch. Das paßt doch großartig zusammen.« »Es paßt eben nicht.« »Ja, wieso denn nicht?« fragte Richard. »Weil die einzige Tochter eines angesehenen Millionärs nicht den Sohn einer Friseuse heiraten kann – noch dazu, wenn er Musikant ist.« Die beiden Kinder sperrten Mund und Augen weit auf und sahen sich an. Mit ganz anderen Augen, als sie sich bisher betrachtet hatten. »Ja, ans Heiraten haben wir ja noch gar nicht gedacht«, sagte Richard. »Ich schon«, erwiderte Hilde. »Du?« fragte er erstaunt. »Ja«, gab sie zur Antwort. »Eine Frau denkt eben an alles.« »Und du findest, daß wir zusammenpassen??« »Als Menschen schon. Denn du bist ein netter Kerl – und begabt bist du auch. Einfach zum Liebhaben.« »Nun also.« »Aber, ob es für eine Ehe reicht? Wo du doch so empfindlich bist.« »Ich – bin empfindlich?« »Ich möchte ja mal sehen, wenn Gäste bei uns sind und Mama sagt, dazu können wir aber Richards Mutter nicht einladen – was du dann sagst.« »Weshalb sollt ihr denn das nicht können?« »Ich könnte es schon. Aber Mama ist so komisch. Sie hat schon Angst, einen Bankdirektor mit einer Frau Herpich zu Tisch gehen zu lassen, weil ihr Mann ein offenes Geschäft hat. Wem soll sie da eine Friseuse zu Tisch geben?« »Ach so!!« rief Richard laut und empfand mehr die Kränkung, als daß er sie verstand. »Freilich! wenn das so ist, dann passen wir schlecht zusammen.« – Er zog den Hut, sagte: »Lebe wohl!« und ging eilig davon. »Richard!« rief ihm Hilde nach. »Es geht doch auch so.« – Aber das Kinderfräulein, das bisher schweigend und erstaunt dabeigestanden hatte, nahm Hilde unter den Arm und sagte: »Komm! Es ist ganz gut so – für euch beide.« »Wieso – für ihn?« fragte Hilde. »Weil es doch nur zu Konflikten geführt hätte.« »Das kann sein – aber ich habe ihn doch ...« das »so lieb« ging in Tränen unter. Von diesem Tage an sahen sich Hilde und Richard nicht mehr. X. So sehr Frau Elsa an dem Jungen hing und alles tat, um ihn vorwärtszubringen, sowenig vergaß sie ihr Kind – und sie ertrug die Trennung nur, weil sie vor lauter Arbeit nicht dazu kam, ihrer Sehnsucht nachzugeben. Dann aber auch, weil sie wußte, daß ihr Kind es tausendmal besser hatte, als sie es ihm je bieten konnte. Aber von der Mutterliebe hatte diese primitive Seele doch eine zu hohe Vorstellung, als daß sie es für möglich hielt, Frau Gugenzeil könnte ihrem Kinde je ganz die Mutter ersetzen. Ja, so primitiv war sie in ihrer Gefühlswelt, daß sie Frau Kaete zu hassen begann, weil die sich – wenn auch unbewußt – Mutterrechte an ihrem Kinde anmaßte und ihr damit die Liebe eines Herzens nahm, das ihr gehörte. Daß sie selbst in viel stärkerem Maße sich schuldig machte – der Gedanke kam ihr wohl hin und wieder. Aber sie kämpfte gegen ihn an, indem sie doppelt gut zu dem Jungen war. Vielleicht zu gut war sie, sah dem Jungen daher zuviel nach, ließ ihm zuviel Freiheit und schmeichelte seinem Talent und damit seinem Selbstbewußtsein. Kein Wunder, daß ihm die Schule nicht behagte, in der er sich unterdrückt und unverstanden fühlte. Der Mutter zuliebe hielt er aus, lebte aber der Musik und spielte schon, als er noch die Schulbank drückte, jeden Abend von acht bis eins in einem Café des Westens das Saxophon und die zweite Geige. Und als er endlich frei war, ging er, gleich im ersten Sommer, mit einer Jazzband in ein holländisches Seebad. Nun erst fühlte die Mutter, wie sehr sie an dem Jungen hing. Wenn man sie jetzt vor die Wahl gestellt hätte, sich für eins der beiden Kinder zu entscheiden – sie hätte wohl nicht, wie noch vor Wochen, jubelnd ihr Kind verlangt. – Hilde entwickelte sich inzwischen dem Milieu entsprechend, in dem sie aufwuchs, zur Dame. Als sie sechzehn Jahre alt war, tanzte sie nach dem Urteil des Tanzmeisters, der sie allen Schülern und Schülerinnen als Beispiel vor Augen führte – »wie ein junger Gott«. – Aber auch sonst war sie nicht nur ihres hübschen Gesichtes und der schönen Erscheinung wegen liebenswert. Während ihre Freundinnen schon mit sechzehn Jahren die große Dame spielten, blieb sie, ohne ihnen in der Entwicklung nachzustehen, mädchenhaft und zurückhaltend. Das Kinderfräulein, das jetzt Gouvernante hieß, sagte zu Frau Kaete: »Gnädige Frau haben doch recht gehabt. Mit neun Jahren hat Hilde mit dem jungen Krüger schon über Dinge gesprochen, bei denen sie heute erröten würde.« »Wie ist das möglich? – Was war denn das?« »Über die Ehe zum Beispiel.« »Mir wäre ganz lieb, wenn sie sich allmählich an den Gedanken gewöhnte. Mein Neffe in Hamburg hat sich zwar zu einem kleinen Taugenichts entwickelt. Aber ein Taugenichts, dessen Eltern fünfzehn Millionen haben, ist mir lieber als ein Habenichts, der die Tugend mit Löffeln gegessen hat. Tugend erlernt sich – zumal, wenn man so jung wie mein Neffe ist – die Armut hingegen ist eine chronische Krankheit, die meist erst mit dem Tode endet.« »Sie wollen dieses entzückende Kind einem Taugenichts ausliefern? – Nur, weil er Geld hat?« »Sparen Sie sich Ihre Entrüstung für vorkommende Fälle in Ihrer Familie.« »Da gibt es das nicht – und vor allem: Hilde steht mir näher als meine Nichten.« »Anhänglichkeit ist etwas Schönes. Sie dürfen darüber aber nicht vergessen, daß Sie nur Kinderfräulein sind.« »Ich war vom ersten Tage an bei ihr. Sie hat keinen Pieps, keinen Schritt getan ohne mich.« »Dafür sind Sie ja bezahlt worden.« »Ich würde auch ohne Gehalt bei ihr bleiben.« »Kränken Sie mich nicht. Im übrigen ist es höchste Zeit, daß die Sorge um Hilde einer Dame anvertraut wird. Wir haben eine Engländerin engagiert, so daß Sie leider überflüssig werden.« »Ist das möglich?« »Unsere gesellschaftliche Stellung verlangt das. Ich hatte schon mit neun Jahren eine Französin. Hilde wird siebzehn. Sie müßte längst Sprachen können.« »Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ich Hilde nicht mehr sehen soll.« »Sie können alle Sonntage kommen und sie sich ansehen. Sie können auch bleiben, wenn Sie wollen. Aber nicht als Kinderfräulein, sondern als Stütze der Hausfrau.« »Mit Wonne nehme ich das an.« »Ich könnte Ihnen für diese Stellung allerdings statt achtzig nur sechzig Mark zahlen.« »Was bedeuten die zwanzig Mark, wenn ich in Hildes Nähe bleiben darf.« »Glauben Sie nicht etwa, daß für uns zwanzig Mark eine Bedeutung haben. Aber Ordnung muß sein.« Also blieb das Kinderfräulein, das sich nunmehr der Mamsell anschloß. Diese beiden Frauen hielten sich für verpflichtet, darüber zu wachen, das nichts geschah, was für Hilde zum Bösen ausschlagen konnte. Während Hilde so den letzten Schliff zur Dame erhielt, lernte Richard draußen das Leben der großen Welt kennen. Dreimal am Tage spielte die Jazzkapelle in dem eleganten Hotel de la Plage von Ostende. Wenn es seinem Lehrer, der zugleich sein Manager war, gelang, ihn hier anzubringen und zu erwirken, daß Zunft und Behörden sich über Bedenken und Verordnungen, die einem kaum Siebzehnjährigen entgegenstanden, hinwegsetzten, so war das ein Beweis für sein gewiß nicht alltägliches Talent. Kein Wunder, daß der hochgeschossene Junge, dessen hübschem Gesicht der Ausdruck des Staunens und der Erwartung besonderen Reiz verlieh, das Interesse der Gäste erweckte. Sie ließen ihn allabendlich an ihre Tische kommen – er mußte ihnen vorspielen – schöne und elegante Frauen flirteten mit ihm – er bekam Champagner zu trinken – man drückte ihm Banknoten in die Hand – und mehr als einmal befand sich darunter ein Stück Papier, auf dem eine Frau Ort und Zeit für ein Rendezvous bestimmte. Kein Wunder, wenn Richard in den ersten Wochen wie in einem Rausch dahinlebte, die täglichen Kartengrüße seiner Mutter unbeantwortet ließ und erst auf ein verängstigtes Telegramm hin zurückdepeschierte: »Geliebte Mutter! Mir geht es ausgezeichnet. Ich bin begeistert von Ostende. Die Menschen sind hier sehr nett zu mir. Ich sende dir heute noch tausend Francs. In Liebe dein treuer Sohn.« Frau Elsa war über dies Telegramm beglückt und entsetzt zugleich. Wie kann der Junge so viel Geld für ein Telegramm ausgeben? Und dieser Leichtsinn, mir tausend Francs zu schicken. Seine ganzen Monatseinnahmen. Wenn er auch Wohnen und Essen frei hat, er braucht doch Wäsche und raucht auch mal eine Zigarette! Dann wieder war sie stolz, daß alle ihn mochten und daß er so früh schon auf eigenen Füßen stand. Sie nahm auch das Geld für die Erneuerung ihrer Kleider und Möbel. Der Gedanke, daß der Junge durch seine Jugend und Unerfahrenheit gefährdet sei, kam ihr nicht. Erst als er ihr eines Tages unter anderem schrieb: »Es ist erstaunlich, wie die Frauen auf meine Musik fliegen. Ich könnte, wenn ich wollte, jeden Tag eine andere haben. Gestern bekam ich das elfte Zigarettenetui geschenkt. Anfangs hatte ich solchen und anderen Geschenken gegenüber ein unangenehmes Gefühl. Wenn man aber sieht, wie die Menschen hier mit dem Gelde schmeißen, dann fragt man sich, warum soll man nicht auch teilhaben an dem reichen Segen? Ich mache morgen ein Paket und schicke dir all die schönen Sachen, die bei dir sicherer aufgehoben sind. Es ist wahrscheinlich, daß ich von hier aus für den Winter ein Engagement in Paris bekomme. Du kannst dir denken, wie froh ich wäre! Natürlich nehme ich nur an, wenn ich günstigere Bedingungen bekomme als hier. Denn in Paris kann man nicht mit den großen Nebeneinnahmen rechnen wie in Ostende.« Diesen Brief las Frau Elsa wohl ein dutzendmal. Daß der Junge schon etwas Ernstliches mit den Frauen hatte, glaubte sie nicht. Er gefiel ihnen, und sie verwöhnten ihn wie einen großen Jungen. Viel schmerzlicher war ihr der Passus über Paris. Mit keinem Worte erwähnte er, daß damit die Trennung, unter der sie so litt, ins Ungewisse verlängert wurde. Sie kannte das gute, fast zu gute Herz des Jungen und wußte, mit welcher Liebe er an ihr hing. Wie stark mußte er von seiner Umwelt beeindruckt und in deren Bann geraten sein, wenn er nicht an die Einsamkeit und den Kummer seiner Mutter dachte! Ganz anders stand Hilde Gugenzeil mit siebzehn Jahren da. Kurz vor ihrem Geburtstag fuhr ihr Vater nach Hamburg, um bei seinem Schwager das in Briefen oft behandelte Eheobjekt des Neffen mit seiner Tochter zum Abschluß zu bringen. Frau Kaete hatte ihm genaue Weisungen gegeben. »Vor zwei Jahren«, sagte sie, »war Karl« – so hieß der Neffe – »für Hilde noch die große Partie. Du hattest damals erst zwei Aufsichtsratstellen, sein Vater einundzwanzig. Heute habt ihr beide sechzehn. Du hast dein Vermögen um Millionen vergrößert, er hat seins mit Mühe auf der alten Höhe erhalten. Karl, der Lümmel...« »Sprich doch nicht so respektlos von deinem Schwiegersohn.« »Noch ist er es nicht. Jedenfalls hat er so viel Schulden gemacht und so laut gelebt, daß er in Hamburg nicht mehr die Partien machen kann, die er noch vor zwei Jahren hätte machen können. Für Berlin ist er ein unbeschriebenes Blatt. Du mußt also durchsetzen, daß sein Erbteil für Hilde und ihre Kinder sichergestellt wird.« »Ich werde es versuchen. Aber sage, wäre es nicht besser, du fährst hinüber und verhandelst mit deinem Bruder?« »Besser wäre es schon. Aber da es sich doch zunächst nur mal um das rein Geschäftliche handelt....« »Gut, daß du das sagst. Ich wollte dich grade fragen, ob wir nicht erst mit Hilde reden wollen.« »Die kennt den Lümmel doch gar nicht.« »Sie waren doch bei Petersens auf dem Ball zusammen. Sie sind, wenn ich nicht irre, sogar miteinander zu Tisch gegangen.« »Erinnere sie gar nicht daran. Er hat sie von den Nachtlokalen von St. Pauli unterhalten und sie gefragt, ob es wahr sei, daß es in Berlin keine Kokotten mehr gibt, weil so viele Frauen der Gesellschaft leichtsinnig sind.« »So ein Halunke!« »Menagier dich!« »Hat sie dir das denn wiedererzählt?« »Sie hat ihm geantwortet, sie wüßte das nicht, er solle mich fragen – was er denn auch gleich nach Tisch getan hat.« »Hoffentlich hast du ihm gehörig den Kopf gewaschen?« »Ich habe ihm gesagt, das wäre keine Unterhaltung mit einem jungen Mädchen von siebzehn Jahren – noch dazu, wenn man es heiraten will.« »Sehr richtig.« »Er hat mir darauf erklärt, meine Ansichten seien veraltet. Goethe war einmal. An seine Stelle sei van de Velde getreten – und ein Mädchen, das van de Veldes Bücher nicht praktisch erprobt habe, dürfe sich nicht wundern, wenn ihre Ehe unglücklich wird.« »Und so einem Lümmel sollen wir unser Kind anvertrauen?« »Bei ihm weißt du, wie er ist – man kann also einwirken. Bei jedem anderen weißt du's nicht – und er ist vielleicht viel schlimmer.« »Mir ist der Gedanke, daß mein Kind...« »Red nicht! Wenn es nach dir gegangen wäre, hätte sie den Verkehr mit diesem Krüger fortgesetzt – und hätte vielleicht heute schon eine Friseuse zur Schwiegermutter.« »Wäre denn das so furchtbar?« »Dir verwirren sich die Begriffe – oder du leidest an Moral insanity.« Emil Gugenzeil sah ein, daß wie gewöhnlich jedes weitere Gespräch über dieses Thema zwecklos war. Also begnügte er sich, zu sagen: »Vielleicht hast du recht.« Und am nächsten Tage fuhr er nach Hamburg. XI. Emil Gugenzeil empfand diese Mission als höchst unbequem. Von jeher hatte zwischen ihm und Frau Kaete die stille Vereinbarung gegolten: alles Geschäftliche erledige ich, alles, was die Familie angeht, erledigst du. Zwar hatte Frau Kaete ihm klargemacht, daß in diesem Fall das Geschäftliche mindestens so wichtig sei wie das rein Menschliche – für das, wie sie sich ausdrückte, später noch Zeit genug sei. Und sie hatte hinzugefügt: »Wo das Materielle stimmt, stimmt meist auch das Menschliche.« – Gugenzeil brauchte sich nur vorzustellen, wie seine Ehe aussehen würde, wenn Frau Kaete mit materiellen Sorgen zu kämpfen hätte. Diese Vorstellung war so niederdrückend, daß er es als Vater für seine Pflicht hielt, selbst nach Hamburg zu fahren. Schwager und Schwägerin empfingen ihn mit offenen Armen – und ihre Freude, den Sohn Karl anständig zu verheiraten, war so groß, daß Gugenzeil, der gewiegte Geschäftsmann, stutzig wurde. »Eine Ehe mit euerm Sohn«, sagte er – »ist ein Experiment.« – Sie gaben das zu. – »Wenn ich meine einzige Tochter für dieses Experiment zur Verfügung stelle, muß ich Sicherheiten verlangen.« »Welcher Art?« fragte die Schwägerin, die auch während der weiteren Verhandlung das Wort führte. »Materieller natürlich«, erwiderte Gugenzeil. »Ihr wollt aus der Verbindung doch kein Geschäft machen?« »Ich rechne folgendermaßen: so, wie die Hilde jetzt ist, siebzehnjährig, hübsch, unberührt und einzige Erbin einer angesehenen Familie, kann sie heiraten, wen sie will. Als Frau eures Karl wird man sich sagen: ,Was kann schon viel dran sein an einem Mädel, das den nimmt?'« »Stimmt!« sagte der Schwager – aber die Schwägerin fuhr ihm über den Mund und sagte: »Ich versteh' dich nicht!« – Dann wandte sie sich an Gugenzeil und fuhr fort: »Was dran ist, weißt du ja ganz genau, lieber Schwager. Sonst säßest du ja nicht hier.« »Dran – für wen?« fragte Gugenzeil. »Für mich handelt es sich um meine Tochter. Wenn die Ehe nicht hält und Hilde kommt zu uns zurück, so hat sie um mindestens dreißig Prozent an Wert verloren. Für diese dreißig Prozent muß ich Sicherheiten haben.« »Was heißt das in Zahlen ausgedrückt?« »Eine Million, die ihr am Tage der Hochzeit zu überschreiben sind.« »Da es sich um Geld handelt, das auf diese Weise unserem Sohne verlorengeht, so müssen wir ihn fragen«, erwiderte die Schwägerin – und sie gab ihrem Mann ein Zeichen, ihn kommen zu lassen. Inzwischen betrachteten sie die neuesten Aufnahmen von Hilde, die Gugenzeil mitgebracht hatte. »Na«, sagte die Schwägerin – »sie wird nicht ganz so schön sein.« »Fünfzig Prozent genügt auch«, erwiderte ihr Mann – aber Gugenzeil erklärte: »Sie ist noch um hundert Prozent schöner. Ihr habt sie ja vor zwei Jahren in Scheveningen gesehn.« »Da war sie noch ein Kind.« »Das ist sie heute noch.« Karl, der Sohn, betrat das Zimmer und begrüßte Gugenzeil. »Fein, Onkel, daß du wieder mal da bist. Im Alkazar sind jetzt zweihundert Mädel – eine immer hübscher als die andere.« »Das ist ja eine nette Einführung«, schalt die Mutter. »Dein Onkel hat andere Sorgen.« »So? – dann hat er sich aber nicht zu seinem Vorteil verändert. Im vorigen Jahr haben wir uns jedenfalls glänzend im Alkazar amüsiert.« »Es ist ja schließlich keine Lasterhöhle«, erwiderte Gugenzeil, dem es nicht gerade angenehm war, in diesem Augenblick daran erinnert zu werden. »Derartige Lokale existieren von heute ab nicht mehr für dich«, erklärte die Mutter. Karl sah erstaunt alle drei der Reihe nach an. Dann fragte er ziemlich impertinent: »Habt ihr eine Offensive gegen meine Männlichkeit vor?« »Im Gegenteil!« erwiderte der Vater. »Du bist nun Manns genug, um dir eine Frau zu nehmen.« »Eine? Ihr wart doch immer gegen ein festes Verhältnis.« »Es handelt sich nicht um ein Verhältnis, sondern um eine Frau.« »Den Unterschied verstehe ich nicht.« »Du sollst heiraten.« »Schon wieder mal?« Nach einer Verlegenheitspause fragte Gugenzeil: »Ist dieses Projekt denn schon häufiger an dich herangetreten?« »Ich weiß ja nicht, welches heute zur Diskussion steht.« »Deine Kusine, mein Kind.« Wieder entstand eine Pause, dann fragte die Mutter: »Was hast du dazu zu sagen, Karl?« »Es hat ein Gutes.« »Nämlich?« »Die Familie vergrößert sich nicht.« Die Mutter reichte ihm die Aufnahmen. »Donnerwetter!« rief er. »Wem sieht sie nur ähnlich? – »Richtig, der blonden Kaete vom Alkazar.« »Laß die unschönen Vergleiche!« schalt die Mutter. Karl hielt noch immer die Bilder in der Hand und erwiderte: »Ist es vielleicht eine Schande, dem hübschesten Mädchen Hamburgs ähnlich zu sehen?« »Wenn es eine Kokotte ist!« »Mama! So ein Wort in deinem Mund!« »Kannst du denn nicht einen Augenblick mal ernst sein?« »Dazu habe ich in der Ehe noch Zeit genug.« »Ich hoffe im Gegenteil, daß du als Mann meiner Tochter sehr vergnügt sein wirst.« »Wenn du dafür sorgst, daß die Pinke nicht ausgeht.« »Darum grade handelt es sich.« »Darum handelt es sich immer und überall.« »Du bist unser einziger Erbe«, sagte der Vater – und er erwiderte: »Noch lebt ihr ja.« »Onkel Emil Gugenzeil ist ein vorsichtiger Mann.« »So? – und dann wählt er mich zum Schwiegersohn?« »Er will seine Tochter sichern.« »Deine Frau«, verbesserte Gugenzeil. »Soll ich ein Keuschheitsgelübde ablegen?« »Du gehst ja nicht in ein Kloster, sondern in die Ehe.« »Einen Treueschwur also?« »Unsinn! Wir sind moderne Menschen«, erwiderte Gugenzeil. »Bist du Tante Kaete treu?« »Ich habe gar keine Zeit dazu, es nicht zu sein.« »Aber wenn du sie hättest?« »Dann würde ich vermutlich zärtlicher zu meiner Frau sein.« »Also, wie willst du Hilde sichern?« »Indem dein Vater ihr am Tage der Ehe eine Million überschreibt.« »Fein! Davon können wir drei Jahre lang leben!« »Das Geld wird für Hilde festgelegt – für den Fall, daß du sie verläßt oder dich so aufführst, daß ihr eine Fortführung der ehelichen Gemeinschaft nicht zugemutet werden kann.« »Und was gibst du Onkel?« »Eine monatliche Rente von fünftausend Mark.« »Na, da macht die Hilde ja ein gutes Geschäft.« »Ich gehe auf das Geschäft nur ein«, erklärte der Vater – »wenn du den Willen und die Überzeugung hast, mit Hilde Gugenzeil eine gute Ehe zu führen.« »Den Bildern nach könnte ich eine solche Erklärung abgeben.« »Auf den Menschen kommt es an«, erwiderte die Mutter. »Dazu kenne ich sie nicht genug.« »Als du sie das letzte Mal gesehen hast, war sie zwölf Jahre alt.« »Da habe ich sie natürlich gar nicht beachtet.« »Also komm mit mir auf ein paar Tage nach Berlin.« »Fein, Onkel!« »Aber nicht, um zu bummeln«, sagte die Mutter. »Das nur nebenbei.« »Wir können ja immer einen Vorvertrag machen«, meinte Gugenzeil – »wo ich schon einmal hier bin.« »Einverstanden«, erwiderte der Vater und bat Gugenzeil in sein Büro. Am Abend desselben Tages noch fuhr Gugenzeil mit seinem Neffen nach Berlin. XII. Emil Gugenzeil drahtete seiner Frau: »Bin 10 Uhr 55 Berlin. Bringe Karl mit. Vorbereite Hilde. Grüße Emil.« Etwas happig, dachte Frau Kaete, ging mit dem Telegramm in Hildes Zimmer und forderte die englische Gouvernante auf, sie allein zu lassen. Dann trat sie an Hilde heran, legte den Arm auf ihre Schulter und sagte so feierlich, wie es ihr möglich war: »Mein Kind! Du hast bisher nur Zerstreuung und Unterhaltung gekannt. Jetzt tritt der Ernst des Lebens an dich heran.« »Was ist geschehen?« fragte Hilde erschrocken. »Du hast dich verlobt.« »Ich? – Was soll das denn heißen?« »Daß dein Vetter Karl aus Hamburg um deine Hand angehalten hat.« »Der Lausejunge?« »Hilde! was sind das für Ausdrücke! noch dazu in deutscher Sprache! Wenn du es noch auf englisch sagtest!« »Ich spreche das Papa nach. Ich selbst kenne ihn ja kaum.« »Er aber kennt dich – und liebt dich.« »Wie entsetzlich komisch.« »Hilde! eine Verlobung ist weder entsetzlich, noch komisch. Zumal, wenn man wie du am Tage der Ehe von seinem Schwiegervater eine Million Mark geschenkt bekommt.« »Das soll mir die bittre Pille wohl versüßen?« »Wie sprichst du denn? Das bin ich von dir ja gar nicht gewöhnt?« »Wenn es einem an den Kragen geht, dann kann man ja wohl deutsch sprechen.« »An den Kragen geht? Ist das ein Ausdruck für sich verloben?« »In diesem Fall schon. Die Mamsell hat mir Mordsgeschichten vom Vetter Karl erzählt.« »Das ist ja unerhört! Die Mamsell hat ihren Kopf in die Kochtöpfe zu stecken und nicht in unsere Familienangelegenheiten.« »Bei welcher Gelegenheit hat er sich denn in mich verliebt?« »Das mußt du ihn selbst fragen.« »Verlaß dich drauf, daß ich das tun werde.« »Heute abend um acht kommt er mit Papa aus Hamburg nach Berlin. Er wird sich umziehen und mit dir persönlich sprechen wollen, bevor wir die Verlobung offiziell feiern.« »Glaubst du wirklich, daß das nötig ist?« »Was?« »Daß er mit mir vorher spricht.« »Es gehört sich so. Mach dich recht hübsch und sei im übrigen reserviert. Das reizt einen Mann, der das Leben kennt wie Karl.« »Weshalb soll ich ihn denn reizen? Ich denke, er ist schon in mich verliebt.« »Natürlich. Wir haben dir alle Mühe – auch die der Entscheidung, abgenommen. In deiner Jugend tut man gut, wenn man seine Eltern für sich handeln läßt.« »Bitte! bitte! Solange ich mit der Angelegenheit nichts zu tun habe, bin ich einverstanden.« »Als Braut hast du natürlich Pflichten.« »Ich muß mich küssen lassen.« »Davon stirbt man ja nicht. Aber du mußt mehr tun.« »Mama!« »Dein Bräutigam ist ein kleiner Luftikus.« »Ein Lausejunge.« »Hilde, ich verbiete es dir ...« »Pardon! Ich vergaß! Er ist dein Schwiegersohn.« »Du mußt versuchen, ihn so verliebt in dich zu machen, daß er gar nicht auf den Gedanken kommt, sich außerhalb des Hauses zu vergnügen.« »War das bei euch so, Mama?« »Früher lebte man nicht so schnell. Man hatte Zeit, sich kennenzulernen, bevor man sich verlobte.« »Gott, muß das schön gewesen sein!« »Du machst es dir unnötig schwer. Der Junge ist aus einem guten Stall, sieht vorzüglich aus, ist nicht unintelligent, sein Vater ist einer der reichsten Männer Hamburgs – nur eben, er ist ein Luftikus. Alles Gute ist nie beisammen.« »Ich werde sehen, was ich für euch tun kann, Mama.« Und als am Abend Herr Gugenzeil mit seinem Neffen am Lehrter Bahnhof ankam, empfing Frau Kaete ihn mit den Worten: »Hilde ist einverstanden.« Karl begrüßte seine Tante sehr höflich und erkundigte sich nach dem Befinden seiner Kusine. »Sie erwartet dich«, erwiderte Frau Kaete. »Ich habe das Abendessen auf neun Uhr gelegt, damit du Gelegenheit hast, vorher mit ihr zu sprechen.« »Gott, wie rücksichtsvoll.« – Er wies seinen Diener an, so schnell wie möglich mit den Koffern nachzukommen, und bestieg mit Herrn und Frau Gugenzeil das Auto. Als er eine Stunde später im Smoking den Salon betrat, saß Hilde am Flügel und spielte – Chopin. Das war die Regie Frau Kaetes, die schon von Kindheit an in wichtigen Situationen stets das Falsche traf. Karl blieb in der Tür stehen – und es hatte den Anschein, daß er umkehren wollte, aber Hilde, die darauf vorbereitet schien, wandte sich zu ihm und sagte lachend: »Polizeiwidrig, was?« »Ganz Ihrer Ansicht.« – Er trat ein paar Schritte näher. »Das heißt, Sie sind ja meine Kusine, ich darf daher wohl du zu Ihnen sagen?« Hilde betrachtete ihn sehr gründlich und sagte: »So lang und so mager hatte ich dich gar nicht in der Erinnerung.« »Ich bin in den letzten zwei Jahren mächtig in die Höhe geschossen.« »Hoffentlich schießt du nicht weiter.« Sie stand auf, trat dicht an ihn heran und sagte: »In der Größe passen wir ganz gut zusammen.« »So schön wie du bin ich freilich nicht.« »Ich mag keine schönen Männer.« »Dann habe ich ja Chancen.« »Womit nicht gesagt ist, daß sie eine so lange Nase und ein so spitzes Kinn wie du zu haben brauchen.« Karl faßte sich ans Kinn und erwiderte: »Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.« »Vielleicht sagst du mir endlich guten Tag.« Karl nahm ihre Hand, führte sein Gesicht an das von Hilde, spitzte den Mund und fragte: »Darf ich?« Hilde schüttelte energisch den Kopf und sagte: »Nein! erst bemüh dich. Ich bin nämlich sehr gespannt darauf, wie du dich anstellst.« »Es ist das erste Mal – ich schwöre es dir.« »Bei mir auch.« »Du hast ja nur ja oder nein zu sagen.« »Soweit sind wir noch nicht. – Vielleicht fällt es dir leichter im Sitzen.« – Sie wies auf einen Stuhl, setzte sich auf die Chaiselongue und sagte: »Bitte!« Karl nahm Platz, schwieg erst und sagte dann: »Ich weiß gar nicht – ich bin doch sonst so frech.« »Du sitzt wahrscheinlich zum erstenmal einem anständigen Mädchen gegenüber.« »Mein Gott, du hast recht. Von Privatbällen habe ich mich immer gedrückt.« »Das rächt sich jetzt.« »Also, liebe Kusine – du weißt...« »Ich weiß gar nichts.« »Auch wenn ich nicht dein Vetter wäre, müßte ich blind sein, wenn ich nicht von deiner Schönheit hingerissen wäre.« »Quatsch!« »Also anders. – Liebe Kusine, der Wunsch unserer Eltern, die die große Pinke haben, ist es, aus uns ein Paar zu machen.« »Deine Eltern wollen? – Ich dachte, du willst.« »Ich wußte ja gar nicht – erst als mir Onkel Gugenzeil deine Photos zeigte ...« »Er hat den Musterkoffer mit nach Hamburg genommen? Sehr interessant.« »Das Original übertrifft noch die Erwartungen, die ich mir nach den Bildern gemacht habe.« »Abgedroschene Phrase! Weißt du nichts Originelleres?« »Mir imponiert neben deiner Schönheit...« »So hör schon auf!« »... vor allen Dingen deine Keßheit.« »Das läßt sich hören.« »Noch nicht achtzehn und schon so frech.« »Bravo!« »An deine Erziehung scheinen Onkel und Tante nicht viel Mühe verwandt zu haben.« »So wenig wie deine Eltern an deine.« »Dann passen wir aber zusammen!« Er breitete die Arme aus und erwartete, daß Hilde sich ihm an den Hals werfen würde. Das Gegenteil geschah. Sie trat einen Schritt zurück und sagte: »Die Schnoddrigkeit ist nicht echt.« »Um so besser.« »Du verstehst mich nicht. Ich will damit sagen: sie ist etwas rein Äußerliches. Ein Schutzwall, mit dem ich mein Inneres verdecke.« »Inneres hast du auch?« »Zuviel leider.« »Das gewöhnst du dir bei mir schnell ab.« »Das will ich gar nicht!« »Du weißt ja selbst nicht, was du willst.« »Hast du es mit siebzehn Jahren gewußt?« »Bummeln und mich amüsieren – das wollte ich, solange ich denken kann.« »Du brauchst also gar keinen Menschen, der dich liebt?« »I Gott bewahre! In der Beziehung kannst du ganz unbesorgt sein.« »Wenn ich es nun brauche?« »Was brauchst?« »Liebe.« »Gott, Kind, ich sage dir ja – ich bin in der Beziehung großzügig und verlange dieselbe Großzügigkeit von dir mir gegenüber.« »Du meinst...?« »Daß das Dinge sind, die erst peinlich werden, wenn man über sie spricht. Was ich von meiner zukünftigen Frau verlange, ist Takt – in ihren Affären und gegenüber meinen. Wenn wir darüber, das heißt, über den üblichen Streitpunkt, im voraus eine Verständigung erzielen, wird unsere Ehe glücklich werden.« »Das heißt, eine Ehe ohne Bindung.« »In sexueller Beziehung.« Hilde trat ein paar Schritte von ihm fort und sagte: »Herr! Sie vergessen, daß ich siebzehn Jahre bin.« »Puppig! – Liebling, du hast doch eben selbst gesagt...« Er ging auf sie zu und wollte ihre Hand nehmen. »Rühren Sie mich nicht an!« »Puppi, machst du Theater?« »Ich habe es vorhin gemacht, um zu wissen, ob Sie sind wie Ihr Ruf.« »Du machst mir also schon Vorwürfe vor der Ehe?« »Dazu wird es nie kommen.« »Aber, Kind, reg unsere Eltern nicht auf. Sie wünschen es sich. Und schließlich, worin besteht schon der Unterschied, ob ich oder ein anderer.« »Muß ich denn heiraten?« »Ich rate dir dazu. Als Frau kannst du dich ganz anders amüsieren.« Die Tür ging auf, Frau Kaete trat ins Zimmer und sagte: »Seid ihr denn noch nicht einig? das Essen verdirbt.« »Was gibt es denn?« fragte Karl. »Kaviar, Rheinlachs und Schnepfen.« »...und dazu einen 21er Rüdesberger Scharlachberg Steinkautweg Riesling, den ich für Hildes Verlobung aufgehoben habe«, sagte Gugenzeil, der hinter Frau Kaete ins Zimmer getreten war. Karl flüsterte Hilde zu: »Bring mich nicht um den Wein und die Schnepfe.« Hilde überlegte einen Augenblick lang, dann wandte sie sich an ihre Eltern und sagte: »Gut! wir essen! Und bei der Speise ...« »Es gibt Eisauflauf mit frischen Erdbeeren«, ergänzte Frau Kaete. »Erdbeeren um die Jahreszeit!« rief Karl. »Hilde feiert ja nicht alle Tage Verlobung.« »Also beim Eisauflauf mit Erdbeeren ...« »... stoßen wir mit 1906er Veuve Clicquot auf das Brautpaar an«, sagte Gugenzeil. »Zwei Flaschen, die ich seit dem Kriege zu diesem Zwecke aufbewahre.« »Bring mich nicht um den Sekt!« bettelte Karl leise – und Gugenzeil flüsterte seiner Frau zu: »Wie verliebt sie sind.« »Einverstanden!« sagte Hilde laut – »unter der Bedingung, daß während des Essens mit keinem Wort die Verlobung berührt wird. Erst wenn der Champagner serviert wird ...« »Eine sehr gute Idee!« sagte Karl – und Hilde fuhr fort: »... klopfe ich ans Glas und sage ein paar unpassende Worte.« »Ein Strolch, das Mädel«, sagte Gugenzeil zärtlich und nahm Hilde unter den Arm. »Dann führe ich dich heute zum letztenmal zu Tisch.« »Und ich gebe dir den Arm, Karl«, sagte Frau Kaete und fügte – während sie zu Tisch gingen, hinzu: »Auf was für originelle Gedanken das Kind kommt.« Während des Essens drehte sich das Gespräch um die üblichen Dinge. Karl, der wußte, daß er hier nichts mehr zu gewinnen hatte, trank und aß und beteiligte sich nicht viel an der Unterhaltung, die zum größten Teil Gugenzeil und Frau Kaete bestritten. Sie richteten die Wohnung von Karl und Hilde ein, ob sie gemeinsame oder getrennte Schlafzimmer haben, einen Buick oder La Salle fahren und in den Salon einen Bechstein oder Steinway aufstellen sollten. Als der Diener den 1906er Clicquot in die Gläser goß, erwog Karl die Möglichkeit, sich zu drücken. Aber Hilde stand schon, das Glas in der Hand, gab dem Personal ein Zeichen, sich zu entfernen und begann: »Liebe Eltern. Ich bin euch bisher in allem gefolgt, obschon ich oft anderer Meinung war als ihr. Aber ich habe mir stets gesagt: Wahrscheinlich bist du noch zu jung, um es richtig zu beurteilen. – So dachte ich auch heute nachmittag, als Mutti mir meine Verlobung mit Vetter Karl mitteilte. Ich bin euch dankbar, daß ihr mir in diesem Falle wenigstens die Gelegenheit zu einer Aussprache mit Karl gegeben habt. Das Ergebnis dieser Aussprache ist, daß Karl die Unmöglichkeit einer Ehe mit mir erkannt hat.« »Wa...a?« sagten Gugenzeil und Frau Kaete wie aus einem Munde. »Er hat erkannt, daß er eine reife und energische Frau braucht, die imstande ist, aus ihm einen Mann zu machen. Er befürchtet mit Recht, daß er mich mit in das Leben hineingezogen hätte, das er führt und in dem er sich wohl fühlt. Es ist hochanständig von ihm, daß er mir zuliebe dieser Gefahr aus dem Wege geht. Ihr seht also, liebe Eltern, er ist besser als sein Ruf und wir müssen ihm dankbar sein, daß er uns Enttäuschungen und Aufregungen erspart, die unausbleiblich gewesen wären. Ich wünsche dir, lieber Vetter Karl, daß du recht bald eine Frau findest, die du brauchst. Ich wünsche es vor allem dem Onkel und der Tante und bitte euch, liebe Eltern, mit mir anzustoßen auf das Wohl unserer Hamburger Verwandten. Sie leben hoch!« Gugenzeil und Frau Kaete waren aufgestanden. Sie wußten es kaum. Sie stießen auch mit Hilde, die ihnen ihr Glas hinhielt, an. Sie tranken, setzten sich wieder – und Frau Kaete, die als erste die Sprache wiederfand, sagte: »Das ist ja eine nette Geschichte« – während Gugenzeil an das Geschäftliche dachte und seiner Frau erklärte: »Ich habe dir gleich gesagt, das ist kein Geschäft für mich.« Karl, der sich schnell noch ein Glas Champagner eingegossen hatte, goß es hinunter, stand dann auf, reichte erst Frau Kaete die Hand und küßte sie – verbeugte sich dann vor Gugenzeil und sagte: »Lieber Onkel, es tut mir leid. Auf Wiedersehen in Hamburg.« Dann wandte er sich an Hilde, die mit ihm zur Tür ging und ihn hinausbegleitete. Als sie draußen waren, gab sie ihm die Hand und sagte: »Ich glaube, es war am besten so.« »Für dich vielleicht – für mich nicht. Denn ich glaube, du wärst für mich die richtige Frau gewesen.« XIII. Richard Krüger hatte sich in Paris schnell eingelebt. Ein glücklicher Zufall hatte seine Jazzband zu Ciro geführt, wo sie nun schon das dritte Jahr mit gleich großem Erfolg musizierte. Viele Gäste aus Ostende verkehrten hier und protegierten den jungen Deutschen, der jetzt nur noch Violine spielte. Zu den ständigen Gästen gehörte auch ein türkischer Prinz, dessen Geliebte, Aga Tramm, eine Russin von ungewöhnlicher Schönheit, Gefallen an dem jungen Geiger fand. Und nun folgte die hunderttausendmal erlebte und ebenso oft von Dichtern geschilderte Liebesepisode, deren Helden ein junger Geiger und eine leidenschaftliche, schöne Frau sind. Auch das Liebesidyll Richard Krügers und Aga Tramms wies keine sonderlichen Abweichungen von dem üblichen Verlauf solcher Liebesabenteuer auf, die schon ihre Tradition haben und unter ganz bestimmten Gesetzen abzulaufen pflegen. Müßig also, zu schildern, wie die große Kurtisane Feuer fing und den jungen Geiger allabendlich an ihren Tisch zitierte, damit er »nur für sie« spiele. Mit dem obligaten Fünfhundertfrancschein, den sie – zum stillen Ärger des Prinzen – dem Jungen jede Nacht zusteckte – nicht ohne dabei die Finger ihrer Hand länger als es nötig war, in Berührung mit seiner zu lassen –, drückte sie ihm eines Nachts einen Zettel in die Hand, auf dem stand: »Ich erwarte Sie morgen nachmittag um vier in der Confiserie Boissier.« Richard zögerte. Aber seine Kameraden redeten ihm zu. »Das sind unsere Chancen«, sagten sie. »Ein Dummkopf, wer sie nicht nützt.« Aga Tramm, die fünfzehn Jahre älter als Richard war, ergriff mit der Leidenschaft, die sie wirklich für den Jungen empfand, und mit der Routine, über die sie verfügte, mit beiden Händen Besitz von ihm. Sie machte das Kind zum Mann und den Mann – wenigstens äußerlich – zu einem Kavalier. Er ließ beim ersten englischen Schneider in der Rue Royal arbeiten und trug Maßschuhe von Hellstern am Place Vendôme. Er lenkte seinen Graham Paige, frühstückte bei Bevry oder Larue. Er trug Handschuhe von Glenat und Wäsche aus dem Maison Blanc. Sein Batisttuch roch nach Chanel 22 oder Le Sien und die vollen blonden Haare, für die so viele Pariserinnen schwärmten, vertraute er keinem anderen an als Calon. Kein Wunder, daß er bei dieser grandiosen Entwicklung nicht oft an Frau Elsa und seine Kindheit dachte. Die täglichen Briefe, die von der Mutter kamen, überflog er oft nur. Und wenn sie sich immer wieder beklagte, daß er keine ihrer Fragen beantwortete, so schrieb er, daß sein Beruf ihm keine Zeit zu ausführlicher Korrespondenz lasse. Aber seine Briefe – waren es auch selten mehr als zwei im Monat – waren voller Liebe und Dankbarkeit für seine Mutter. Er schickte ihr jetzt regelmäßig fünfhundert Mark im Monat – und Frau Elsa konnte ihrer Klientel gar nicht genug von dem berühmten Sohn erzählen. Kam eine ihrer Kundinnen nach Paris, so gab sie ihr Grüße, oft auch eine kleine Handarbeit mit, die Richard dankbar lächelnd in Empfang nahm, um sie dann abends im untersten Fach der Kommode zu verbergen. Jeder, der ihn sah, lobte sein Aussehen und seine Kunst – und sie schwärmten der Mutter so viel von dem Jungen vor, daß sie eines Tages beschloß, sich auf drei Tage freizumachen, und ihn in Paris zu überraschen. Sie fuhr eine Nacht und einen halben Tag und kam um vier Uhr nachmittag an der Gare du Nord an. Sie führte nur eine Handtasche und ein Paket für ihren Sohn bei sich. Seine Adresse: 26 Avenue de Villiers, hatte sie sich auf einen Zettel geschrieben, den sie einem Chauffeur in die Hand drückte. Der erkannte sofort die orts- und sprachenunkundige Fremde und führte sie auf Umwegen zur Avenue de Villiers. Mit klopfendem Herzen stieg Frau Elsa die zwei Treppen eines herrschaftlichen Hauses hinauf. Hier las sie an der Tür das Schild: »Charles Blanc« –, bei dem ihr Sohn wohnte. Sie läutete nicht gleich, sondern stand lange Zeit vor der Tür und malte sich das Gesicht ihres Jungen aus, wenn man ihm melden würde, eine ältere Dame wünsche ihn zu sprechen – und sie trat ein. Endlich läutete sie. Eine ältere Dame öffnete. Frau Elsa nannte den Namen ihres Sohnes. »Um die Zeit ist er immer fort.« Frau Elsa verstand nicht. »Ich bin die Mutter«, sagte sie, »er ist mein Sohn.« »Ah so!« erwiderte die Dame auf Deutsch, das sie mäßig sprach, und bat Frau Elsa, einzutreten. »Schön hat er's hier«, sagte Frau Elsa – noch ehe sie sein Zimmer betrat. Dann aber, als sie drin war, die kostbaren Möbel, die vielen Blumen und in Riesenrahmen die Bilder der Aga Tramm, deren Widmungen sie glücklicherweise nicht lesen konnte, sah, wandte sie sich an die Dame und sagte: »Hier wohnt doch mein Sohn nicht?« »Doch! Doch! – Er werden viel geliebt von die Dame, das da überall herumstehen.« »Geliebt? – Mein Junge? – Ja, wer ist die Frau?« »Oh, sie sein nicht mehr ganz jung – aber sie haben einen reichen Freund.« »Mein Sohn ist nicht reich.« »Wie sollen eine Musikant reich sein? Eine Musikant, der haben eine Figur wie Ihr Sohn – Sie verstehen mir? – brauchen keine Geld, werden überall geliebt.« »Und wo ist mein Sohn jetzt?« »Wo sollen er sein anders als bei sie? Sie protegieren ihn und er hat viel von die Frau.« »Und er ist zufrieden damit?« – Frau Elsa hielt noch immer Handtasche und Paket in der Hand. »Aber ja! Warum sollen der Junge nicht glücklich sein, wo er werden so verwöhnt von die schöne Frau?« Und er hat mir nicht ein Wort von ihr geschrieben, dachte Frau Elsa. »Sie glauben, er wird sie heiraten?« »Aber nein! Sie haben doch den reichen Prinzen aus die Türkei. Madame sein viel zu klug, um den aufzugeben wegen eine Musikant.« »Wie gräßlich!« entfuhr es Frau Elsa. Dann legte sie Tasche und Paket auf einen Stuhl und fragte: »Glauben Sie, daß ich ihn störe?« »Eine Mutter stören nie.« »Ich bin eine einfache Frau.« »Dann seien Sie stolz auf Ihre Sohn, das ist eine große Musikant.« »Wann wird er kommen?« »Gegen drei Uhr früh.« »Und bis dahin?« »Er spielen bei Ciro. Madame können hingehen, ihn hören.« »Da passe ich wohl nicht hin.« »Eine Mutter passen überall hin, wo ihre Sohn ist.« »Ich werde mir doch lieber erst ein Zimmer suchen.« »Das werden Ihre Sohn sehr übelnehmen, wenn Sie wohnen nicht hier. Ich haben ein Zimmer nach das Garten raus.« »Gut! Gut! Ich nehme es.« – Sie nahm Handtasche und Paket wieder auf und schien gar nicht schnell genug aus dem Zimmer herauskommen zu können. Sie blieb den ganzen Abend über auf ihrem Zimmer, aß eine Kleinigkeit, die Madame Blanc ihr brachte und legte gegen zwölf Uhr einen Zettel in Richards Zimmer, auf dem stand: »Guten Tag, mein Sohn. Ich wollte dich nur kurz mal wiedersehen. Vergiß aber nicht, morgen, wenn du aufgestanden bist, in mein Zimmer, das erste vom Flur links, zu kommen. Deine Mutter.« Das Paket mit den selbstgebackenen Mürbekuchen, die er immer so gern gegessen hatte, das außer den Kuchen ein paar Krawatten und Taschentücher und eine Photographie von Hilde Gugenzeil enthielt, die sie der Mamsell abgebettelt hatte und die seit einem Jahr auf ihrem Nachttisch stand – dies Paket machte sie gar nicht erst auf, sondern stellte es in eine Ecke. Dann zog sie sich halb aus und rückte ihren Stuhl zur Tür, um ihren Sohn wenigstens zu hören, wenn er nach Hause kam. Es war gegen vier Uhr früh, als Richard im Frack, hohem Hut und Abendmantel, in einer von Erfolg und Alkohol seligen Stimmung, nach Hause kam. Frau Elsa hörte ihn und drückte das Ohr fest an die Tür, damit kein Schritt ihr entginge – und als er einen Pariser Schlager halblaut vor sich hin summte, hielt sie den Atem an. Er war noch im Hut und Mantel, als er den Zettel Frau Elsas fand. Er stutzte einen Augenblick lang und überlegte, ob es wahr sein könne – dann riß er die Tür auf und stürzte in Frau Elsas Zimmer hinein. Er überrannte sie fast, hob sie mitsamt dem Stuhl in die Höhe, ließ den Stuhl dann abgleiten, schloß sie in seine Arme und küßte sie wohl ein dutzendmal auf den Mund. Als er sie endlich losließ, sank sie auf einen Sessel, rang nach Luft und sagte schließlich: »Hat das gut getan.« Richard benahm sich wie ein Junge. Er setzte sich auf ihren Schoß und überhäufte sie mit Zärtlichkeiten. Als Frau Elsa ihn fragte: »Wen hast du lieber als mich?« erwiderte er: »Niemanden! Nicht mal mich selbst.« »Und die schöne Dame – deren Bilder in deinem Zimmer stehen?« »Das ist eine dunkle Sache – hat aber mit Liebe nichts zu tun – wenigstens nicht auf meiner Seite.« »Gib sie auf.« »Wenn ich sie aufgebe, warten schon sechs andere.« »Hast du denn nicht Angst, daß sie dich ruinieren und einen schlechten Menschen aus dir machen?« »Die Gefahr besteht – aber dann brauchst nur du zu kommen – nur auf eine Viertelstunde – dann ist alles vorbei und ich habe mich wieder.« »Und du versprichst mir, daß du mich rufst, wenn du fühlst, daß du schwach wirst und unter den Einfluß einer schlechten Frau gerätst?« »Mein Ehrenwort, Mutter!« »Und es nicht laufen läßt – aus falscher Gêne oder aus Rücksicht auf mich.« »Ich schwöre es dir! – Aber nun, Mutter, feiern wir unser Wiedersehen.« »Jetzt um vier Uhr früh?« »Du kannst ausschlafen morgen.« »Und du?« »Ich auch. Um vier Uhr geh ich – aber nein, solange du hier bist, habe ich Zeit bis acht. Um acht muß ich bei Ciro sein.« »Und die ... Frau?« »Existiert nicht für mich, solange du hier bist.« »Aber sie hilft dir doch.« »Wie meinst du das?« »Hat sie dich nicht vorwärtsgebracht?« »Nun ja! Sie hat – du siehst ja – wie gefalle ich dir übrigens in dem neuen Frack?« »Hat sie dir den etwa geschenkt?« »Was wäre schon dabei, wo sie monatlich vierzigtausend Franken zu verzehren hat.« »Das Geld vom Prinzen.« »Woher weißt du, Mutter?« »Man hat es mir erzählt.« »Ich habe nie darüber nachgedacht, von wo das Geld kommt. Aber du hast recht. Es kommt von ihm. Ich werde sie noch heute vor die Entscheidung stellen. Sie soll wählen zwischen ihm und mir.« »Sie wird den Prinzen wählen.« »Vielleicht.« »Wird es dir dann schlechter gehen?« »Ich sagte ja schon: es warten sechs.« »Und wie sind die?« Richard dachte nach. Dann sagte er: »Genau so. – Sie überhäufen mich schon jetzt mit Blumen und Geschenken.« Frau Elsa atmete schwer und sagte: »Es war wohl doch falsch, daß ich dich habe deinen Neigungen nachgehen lassen. Wenn du das Gymnasium zu Ende besuchst hättest ...« »... wäre ich heute in irgendeiner deutschen Provinzstadt, während ich jetzt in der Welt herumkomme und was erlebe. Es kommt ja doch nicht darauf an, wie lange man lebt, sondern wie man lebt. Lieber zehn Jahre so, als fünfzig Jahre lang als kleiner Beamter.« »Und wenn die zehn Jahre um sind – was dann?« »Ich bin ja noch so jung, Mutter! Es können auch zwanzig sein.« »Und wenn die zwanzig Jahre um sind – oder die dreißig. Dann bist du immer noch kein alter Mann.« »Mach dir keine Sorgen! Ich gehe nicht unter. Solange du lebst, nicht!« »Und wenn ich nicht mehr lebe?« »Dann werde ich dich genau so in meinem Herzen trage wie heute.« »Mein guter Junge.« »Und die Erinnerung an dich wird mich davor bewahren, je etwas Unrechtes zu tun.« »Das hört sich gut an.« »Es hört sich nicht nur so an – es ist so.« Sie blieben bis zum Morgen zusammen – und es war ihnen, als wenn sie nie getrennt gewesen wären. Als Frau Elsa von Hilde Gugenzeil und der mißglückten Verlobung mit ihrem Vetter Karl erzählte, amüsierte Richard sich köstlich. »Die läßt sich keinen Mann aufdrängen – die wußte als Kind schon, was sie will. Nur schade, daß sie nicht musikalisch ist.« »Weshalb bedauerst du das, wo du doch nicht mit ihr zusammenkommst?« »Man hat so ein paar Dinge, an die man gern denkt. Dazu gehört auch die Hilde. Wenn ich mich mal einsam fühle ...« »Kommt das denn vor?« »In letzter Zeit weniger – aber früher oft. Da habe ich dann oft an Hilde gedacht. So ein Mädel, das bei aller Schnoddrigkeit doch nie verleugnet, daß es ein Herz hat.« »Hat sie dich das fühlen lassen?« »Ich hab's gefühlt – ob sie sich selbst darüber bewußt war, weiß ich nicht.« »Schade, daß ihr so auseinander gekommen seid.« »Wenn sie was für die Musik übriggehabt hätte – ich glaube, ich hätte sie mir damals geholt, als ich von Ostende nach Paris ging!« »Du hast ja Größenwahn, Richard! Als ob die ihr glänzendes Leben für dich aufgegeben hätte! Im übrigen war sie noch ein Kind.« »Was hat sie von dem Glanz? Das Leben lernt so eine nie kennen.« »Es ist schon besser, du schlägst sie dir aus dem Kopf.« »Das habe ich längst getan. Aber als Erinnerung bleibt es schön. Und um die nicht zu zerstören, ist es am besten, man erfährt nichts mehr von ihr.« »Man sagt, sie tanzt wie ein Gott.« »Das hat sie damals schon getan.« »Musik und Tanz, paßt das denn nicht zusammen? Und wer so tanzen kann wie sie, der muß doch auch musikalisch sein.« »Laß, Mutter! Du rührst nur alte Wunden auf.« »So gern hast du sie gehabt?« »Ja – und nein! Es hat ja doch keinen Sinn.« »Es muß ja nicht alles Sinn haben, Kind! Wenn ich zum Beispiel bedenke, daß ich jetzt bei dir in Paris sitze, während die Hilde ...« »Erlaub' mal, ich denke doch, ich stehe dir näher als sie.« »Gewiß! Gewiß! Aber manchmal, da ist es mir, als wenn sie zu uns gehörte.« »Du mußt jetzt schlafen, Mama – die lange Reise – und das Wiedersehen – du siehst ganz matt aus – komm!« Er half ihr auf und begann, sie auszuziehen. »Aber, Junge, was fällt dir ein! Ich werde mich doch von dir nicht ...« »Du wirst dich heute von mir ins Bett bringen lassen.« »Aber das geht doch nicht.« Sie hatte das Kleid schon aus. »So – und jetzt drehe ich mich um – ja, wo ist denn dein Nachthemd?« »Denke dir, ich habe es vergessen.« »Dann hole ich schnell ein Pyjama von mir.« »Aber ich passe doch nicht in so etwas hinein.« »Du wirst geliebt darin aussehen.« Er eilte in sein Zimmer, nahm ein Pyjama aus dem Schrank, kehrte damit an ihre Tür zurück, klopfte, öffnete soweit, daß man grade mit der Hand hindurch konnte und reichte ihr das Pyjama durch die Türspalte. Frau Elsa zog es sich über, rief: »Jetzt kannst du kommen« und huschte eilig ins Bett. Richard trat ein. »Nichts gönnst du einem«, sagte er – »ich hätte so gern gesehen, wie du im Pyjama aussiehst. Bitte, bitte, steh noch einmal auf.« »Aber, Junge, du bist ja toll.« Er ging dicht an ihr Bett heran, nahm sie beim Arm und half ihr heraus. »Also wie eine Dame, wie eine richtige Dame!« »Ich und eine Dame! Eine Frau, die ihr Leben lang immer nur gearbeitet hat.« »Glaub mir, man sieht das nicht. Du hättest noch einmal heiraten sollen. Du kannst es heute noch. Wer dich so sieht.« »Verulke doch deine alte Mutter nicht.« »Mir gefällst du, Muttchen. Und morgen gehen wir zusammen in das Maison blanc – und ich kaufe dir ein paar Pyjamas.« »Nein! Um Himmels willen, nein!« »Wenn du nicht mitkommst, kaufe ich sie allein. Aber ob sie dann passen?« »Versprich mir, daß du das nicht tust. In Berlin lachen sie mich aus damit. Und dann – von welchem Gelde würdest du sie kaufen?« »Ich verdiene doch, Mama. Und was ich dir schenke, kaufe ich nur von meinem verdienten Geld.« »Aber keine Pyjama, Junge!« Er versprach es ihr, schloß sie noch einmal in seine Arme, küßte sie und kehrte dann in sein Zimmer zurück. Er nahm die Bilder Aga Tramms vom Nachttisch, Schreibtisch und Flügel – und schloß sie ein. Dann legte er sich ins Bett, nahm den Hörer vom Telephon und ließ sich mit Aga Tramm verbinden: »Ja?« klang die verschlafene Stimme einer Frau. »Bitte, rüttle dich wach.« »Du, Richard? Was ist? Mitten in der Nacht.« »Höre bitte genau zu.« »Ich höre.« »Meine Mama hat mich überrascht.« »Womit?« »Mit sich selbst. Denke dir, sie ist da!« »Wie nett!« »Nicht wahr?« »Auf wie lange denn?« »Auf drei Tage.« »Das ist reichlich.« »Mir lange nicht genug.« »Ich hoffe, daß ich nicht darunter leiden werde.« »Selbstverständlich können wir uns die nächsten Tage nicht sehen.« »Du scherzst.« »Es ist mein voller Ernst.« »Ja, willst du mir deine Mutter denn nicht vorstellen?« »Sie weiß, daß du meine Geliebte bist.« »Geliebte ist gut.« »Was bist du denn?« » Du bist mein Spielzeug – mein Zeitvertreib.« »Du bist wahnsinnig!« »Siehst du, das habe ich nur gesagt, um dich aufzumuntern. Du weißt, daß ich dich liebe, nur dich.« »Darum handelt es sich ja im Augenblick nicht.« »Nur darum handelt es sich – und zwar immer nur darum.« »Es handelt sich um meine Mutter.« »Wann wirst du mich ihr vorstellen?« »Gar nicht.« »Genierst du dich?« »Ja. Sie ist eine einfache Frau und ich werde ihr nicht zumuten, mit meiner Geliebten zusammenzukommen.« »Du, das sag' noch mal.« »Du hast mich doch verstanden?« »Ich habe noch nie einen Mann gekannt, der schon am frühen Morgen solche Witze reißt.« »Es ist mein Ernst! Ich habe es dir schon mal gesagt. Meine Mutter ist mir heilig.« »Und ich? – Was bin ich dir?« »Eine Laune – ein Zeitvertreib.« »Wie dumm, diese Revanche!« »Also, Kind, ob dumm, ob nicht dumm – bis meine Mutter wieder fort ist, sehen wir uns nicht!« »Ich werde noch heute deine Mutter besuchen – mit einem großen Strauß Orchideen natürlich – und ihr sagen, was für einen furchtbar einfältigen Sohn sie hat.« »Ich werde Weisung geben, daß du nicht eingelassen wirst.« »Ja, bist du denn toll geworden?« »Nur nicht mehr ganz so blöd wie ich war. Du hast mich gedemütigt.« »Das ist schlechtes Theater.« »Du hast mir Geschenke gemacht – mir auch mit Geld ausgeholfen.« »Ich möchte dir raten, in ein Kloster zu gehen.« »Soweit bin ich noch nicht. Die bloße Tatsache, daß meine Mutter da ist, hat genügt, daß ich mich auf mich selbst besonnen habe.« »Ein Kitsch, was du da zusammenredest.« »Ich habe mir gedacht, daß du mich verstehen wirst.« »Alles, was du sagst, ist dunkelste Provinz. Du kommst mir vor, wie der Sohn eines Pastors, der vor der Konfirmation steht und den man nachts bei der Köchin erwischt hat.« »Laß die Vergleiche und versprich mir, daß du meinen Wunsch respektierst.« »Entweder wir lunchen heute mit deiner Mutter bei Henry – ihr seid natürlich meine Gäste – oder ...« »Oder?« »Oder ich verzichte auf ein Wiedersehen.« »Dann sehen wir uns also nicht wieder.« »Gute Nacht, mein Schaf!« Aga Tramm hing an – und es gelang ihm nicht mehr, die Verbindung wiederherzustellen. XIV. Frau Kaete, der die Verbindung Hilde–Karl seit länger als einem Jahrzehnt als Selbstverständlichkeit und daher als eine abgemachte Sache erschienen war, konnte sich gar nicht an den Gedanken gewöhnen, daß die Verlobung an Karls Widerstand gescheitert war. Zwar traute sie den Worten Hildens nicht ganz und hielt es für wahrscheinlich, daß sie Karl den Verzicht nahegelegt hatte – zumal der Neffe, wie Gugenzeil immer wieder betonte, während der vierstündigen Bahnfahrt von Hamburg nach Berlin ganz fest für die Verlobung gewesen war. Aber Hilde blieb dabei, daß sie nichts dazu getan, sich freilich dem Neffen, der ihr durchaus nicht unsympathisch sei, auch nicht aufgedrängt habe. »Jedenfalls hast du jetzt einen Stich weg«, sagte Frau Kaete. »Wenn man erfährt – und man wird es erfahren –, daß du bei Karl gescheitert bist, wird man dich zum mindesten nicht mehr für eine exzeptionelle Partie halten.« »Du irrst, Mama.« »Ist etwa wieder was im Gange?« »Vielleicht.« »Spann mich nicht auf die Folter. Wer ist es? Ist er aus guter Familie? Hat er Geld?« »Danach habe ich ihn nicht gefragt.« »Etwa Rechtsanwalt Bloch, mit dem du jeden Morgen reitest?« »Erraten, Mama!« »Wie weit seid ihr?« »Er ist, glaube ich, schon sehr weit – während ich mich abwartend verhalte.« »Worauf wartest du?« »Ich bin eben erst achtzehn, Mama. Da ist es immerhin möglich, daß ich mich doch mal verliebe.« »Die Liebe kommt in der Ehe. Männer, die man vor der Ehe liebt, enttäuschen meistens.« »War das bei dir so?« »Bei mir ist es auch erst in der Ehe gekommen.« »Und warum habt ihr euch geheiratet?« »Es paßte alles – und wir waren uns nicht unsympathisch.« »Unsympathisch ist mir der Bloch auch nicht.« »Nun also.« »Aber er sagt mir nichts.« »Was heißt das? Ich werde ihn veranlassen, daß er mit dir spricht.« »Nicht doch, Mama. Ich meine, er bedeutet mir nichts.« »Sein Vater ist einer der gesuchtesten Anwälte Berlins.« »Ich würde ja nicht den Papa, sondern ihn heiraten.« »Du kommst in eine angesehene Familie.« »Da brauche ich doch nicht erst reinzukommen, darin bin ich doch schon.« »Heiraten mußt du doch einmal.« »Ich weiß, Mama.« – Rechtsanwalt Bloch hatte in der Tat ernste Absichten auf Hilde. Eines Morgens beim Reiten sagte sie zu ihm: »Wissen Sie, daß die Leute über uns reden?« »Was für Leute?« »Mama zum Beispiel. Sie redet sich ein, wir werden uns heiraten.« »Ich wünschte, sie hätte recht.« »Aber Doktor! Sie denken doch nicht im Ernst daran?« »Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke.« »Und dann reiten Sie fast ein halbes Jahr lang mit mir? Und drängen sich danach, mit mir Golf zu spielen?« »Das beweist doch grade ...« »Daß Sie kein Psychologe – oder sehr eingenommen von sich sind.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Durch das viele Zusammensein habe ich Sie natürlich gründlich kennengelernt.« »Ja – und?« »Ich glaube nicht, daß viel Ehen geschlossen würden, wenn die Menschen, die zusammengehen wollen, sich vorher so gut kennen würden wie wir uns.« »Ich mißfalle Ihnen?« »Würde ich dann täglich mit Ihnen zusammen sein? Aber vom Gefallen bis zum Heiraten ist ein weiter Weg. – Ich könnte mir sogar denken, daß ich einen Mann heirate, der mir weniger gefällt als Sie.« »Was mißfällt Ihnen an mir?« »Das weiß ich selbst nicht. Es ist nichts Bestimmtes. Sie sind klug und nett – aber ich habe kein Vertrauen zu Ihnen.« »Und weshalb nicht?« »Ein Anwalt, das ist doch so'ne Sache.« »Erlauben Sie mal.« »Sie müssen doch immer dem recht geben, den Sie vertreten – auch wenn Sie davon überzeugt sind, das der andere recht hat.« »Ganz so ist es nun doch nicht.« »Ein Richter hingegen ...« »Wissen Sie, was ein Richter verdient?« »Wenig. Aber er kann nach eigenem Ermessen urteilen.« »Fräulein Hilde! Was sind das für Gedanken für ein Mädel von achtzehn Jahren! Dagegen müssen Sie ankämpfen. Sie bringen sich ja um Ihre ganze Lebensfreude.« »Durchaus nicht! Man kann reiten, chauffieren, Golf und Tennis spielen und braucht darum doch nicht gedankenlos in den Tag hineinzuleben.« »Sie haben den Vorzug, nicht denken zu brauchen. Wozu erschweren Sie sich das Leben?« »Ich erschwere es ja nicht mir – das scheint Ihnen nur so –, ich erschwere es meiner Umgebung – wie Ihnen jetzt, der Sie um meine Hand anhalten und dem ich mich begeistert an den Hals werfen würde, wenn ich das gedankenlose moderne Mädchen wäre, das nur an Sport und Vergnügen denkt.« »Fräulein Hilde, Sie sind ja ein wertvoller Mensch!« »Ich wäre Ihnen anders ja lieber.« »Zum Flirt – aber nicht zur Ehe.« »Jetzt sprechen Sie, um Ihren Prozeß gegen mich zu gewinnen, schon wieder gegen Ihre Überzeugung. Aber Sie vergessen, ich bin Partei, nicht Richter!« »Sie machen es einem wirklich schwer.« »Wenn ich Sie lieb hätte – vielleicht würde ich dann das, was mich an Ihnen stört, gar nicht sehen.« »Jetzt, wo ich Sie kenne und weiß, was Sie wert sind, gebe ich nicht nach. Es braucht ja nicht heute und nicht morgen zu sein. Wir sind beide jung. Ich werde um Sie kämpfen.« »Ohne Bundesgenossen?« »Was meinen Sie damit?« »Meine Eltern.« »Das geht nur Sie und mich an.« »Das gefällt mir – falls es ehrlich ist.« »Dieses Mißtrauen.« »Ich habe es Ihnen ja gesagt.« »Und trotzdem werde ich es versuchen. – Nur sagen Sie mir, daß es nicht hoffnungslos ist.« »Sofern es Ihnen gelingt, daß ich meine Ansicht über Sie ändere, ist es nicht hoffnungslos.« Er streckte ihr die Hand hin – und sie schlug ein. XV. Als Frau Elsa, beglückt von der zärtlichen Liebe ihres Sohnes und stolz über seine Erfolge, deren Zeuge sie drei Abende und Nächte lang bei Ciro war, nach Berlin zurückkehrte, sagte sie zu Gugenzeils Mamsell, mit der sie die freien Sonntagnachmittage verbrachte: »Was, glauben Sie, wäre aus dem Jungen geworden, wenn er bei Gugenzeils aufgewachsen wäre?« »Nichts natürlich – weil man ihn da verwöhnt hätte.« »Vor allem, weil der Zwang, etwas zu werden und auf eigenen Füßen zu stehen, fortgefallen wäre.« »Gewiß – aber wie kommen Sie darauf?« »Weil er doch mit der Hilde an ein und demselben Tag geboren ist.« »Die beiden kann man doch gar nicht miteinander vergleichen.« »Weshalb denn nicht?« »Ein Kind, das so im Reichtum aufgewachsen ist, stellt doch ganz andere Ansprüche ans Leben.« »Glauben Sie, daß Hilde glücklicher ist als mein Junge?« »Nee – im Gegenteil. Ein Kind so reicher Eltern ist von der ersten Stunde an bewacht und kann eigentlich nie tun, was es will.« »Sie glauben, sie hätte es bei mir besser gehabt?« »In mancher Beziehung schon.« »Wenn Sie ein Kind hätten und wären arm und könnten ihm nichts bieten und es böte sich die Gelegenheit, es bei reichen Leuten wie Gugenzeils aufwachsen zu lassen ...« »Dazu muß man wohl Mutter sein, um zu wissen, was man da täte.« »Es müßte natürlich glauben, daß Gugenzeils seine Eltern sind.« »Mein Kind aufgeben? – Nie!« »Sie täten es nicht? – Auch wenn es für das Kind besser wäre?« »Ich denke mir, die eigene Mutter ist immer das Beste für ein Kind – auch wenn es kein eigenes Auto und keine seidene Bettwäsche hat.« »Wenn es aber doch gar nicht weiß, daß es nicht seine Mutter ist – und die Mutter es selbst nicht weiß?« »So etwas gibt es nicht.« »Aber wenn es das gäbe – dann hätte das Kind doch nichts entbehrt?« »Ich weiß gar nicht, was Sie immer reden? Was geht Sie die Hilde an. Seien Sie froh, daß Sie einen so tüchtigen Sohn haben.« »Er will, daß ich aufhöre, zu arbeiten und zu ihm nach Paris ziehe.« »Denken Sie! Das wäre doch ein Glück für Sie!« »Ich kann nicht fort von hier.« »Ja, was hält Sie denn?« »Ich ... weiß ... es nicht. Aber ich hätte Sehnsucht zurück.« »Und nach Ihrem Jungen sehnen Sie sich nicht? Das finde ich unnatürlich.« »Gewiß sehne ich mich nach ihm. Ich mache mir sogar Sorgen um ihn. Sie glauben ja gar nicht, wie die Frauen hinter ihm her sind. Und was für Frauen! Sie verwöhnen ihn.« »Freuen Sie sich doch.« »Ich habe Angst, er wird mit in den Strudel gerissen. Das sind doch alles Menschen, die nichts tun und nur Geld ausgeben.« »Dann haben Sie die Pflicht, zu ihm zu ziehen und dafür zu sorgen, daß er nicht unter die Räder kommt.« »Ich weiß – und ich möchte auch – aber ich kann nicht . – Ich kann nicht fort von hier. Vielleicht, wenn die Hilde einmal verheiratet ist.« »Was geht denn das Sie an? – Oder ...? »Nein! Nein, das ist es nicht.« »Frau Krüger, Sie sind erkannt! Sie haben sich in den Kopf gesetzt, daß Ihr Junge die Hilde heiratet. – Mir ist schon immer aufgefallen, wie Sie sich für die Hilde interessieren.« »Daran habe ich bei Gott nicht gedacht.« »Frau Krüger, Sie sind nicht aufrichtig zu mir.« »Ich schwöre Ihnen ...« »Dann erklären Sie mir, was das bedeutet.« »Das kann ich nicht.« »Dann tut es mir leid, Frau Krüger, aber mit unaufrichtigen Menschen will ich nichts zu tun haben.« Und so kam es, daß diese jahrzehntelange Freundschaft in die Brüche ging. XVI. Aga Tramm war viel zu gescheit und hatte zu große Erfahrung im Verkehr mit Männern, um sich nicht zu sagen, daß sie im Kampf um das Herz Richards mit dessen Mutter nicht in Konkurrenz treten könne. Als sich ihre erste Wut gelegt hatte, beschloß sie, sich völlig ruhig zu verhalten und zu warten, bis er sich von selbst wieder melden würde. Ja, sie ging in ihrer Rücksichtsnahme so weit, daß sie ihren Prinzen veranlaßte, die nächsten Abende nicht bei Ciro zu verbringen. So kam es, daß Richard, der auf einen Zusammenstoß vorbereitet war, ihr Fortbleiben erst als zarte Rücksichtnahme, dann aber, als die Mutter fort war, als eine Absage empfand, die seine Eitelkeit kränkte. Er rief mehrmals bei ihr an und erhielt stets als Antwort, daß die gnädige Frau gerade unabkömmlich sei. Schließlich schrieb er ihr: »Liebe Aga! Willst Du, daß ich mich Deiner Freundin Liane zuwende, die jeden Abend mit ihrem Mann an Deinem Tisch bei Ciro sitzt? Oder was willst Du eigentlich? Dein Richard.« Dieser Brief, wie zwei weitere ähnlichen Inhalts, blieben unbeantwortet. In Richard empörte sich das Selbstgefühl, nicht etwa Liebe, die er für Aga kaum empfand. Und so ging er eines Nachmittags in ihre Wohnung in der Avenue de Villiers, schob die Zofe, die ihm erklärte: »Madame ist für Sie nicht mehr zu sprechen«, beiseite und drang einfach in ihr Boudoir ein. Aga Tramm dachte: man merkt doch die schlechte Kinderstube. Aber sie war viel zu besorgt, die lang ersehnte Versöhnung zu gefährden, um es auszusprechen. Daher beschränkte sie sich darauf, zu sagen: »Ziemlich frech.« »Hast du geglaubt, ich lasse mir diese Behandlung gefallen?« »Was gedenkst du zu tun?« »Dasselbe frage ich dich.« »Ich? – Nichts! Das hast du ja gemerkt.« »Ich finde, es liegt kein Grund vor.« »Das ist Ansichtssache.« »Du mußt doch begreifen – eine Mutter, das ist der einzige Mensch ...« »Bitte sprich dich aus.« »... hinter dem selbst die Geliebte zurücktritt.« »Bin ich etwa nicht zurückgetreten?« »Es war doch nur für die Zeit gedacht, während der sie hier war.« »Großartig! Und morgen kommt deine Schwester – übermorgen deine Großmutter – und jedesmal befiehlst du mir, zu verschwinden.« »Ich schwöre dir, außer bei meiner Mutter kommt's gar nicht in Frage.« »Du müßtest mir, damit ich dir das glaube, schon andere Beweise deiner Liebe geben – als Schwüre.« »Wenn ich dazu imstande bin, gern.« »Mir genügt es auf die Dauer nicht, einen Mann zu haben, den ich liebe – ich muß auch aufrichtig zu ihm sein können.« »Was heißt denn das?« »Dem Prinzen gegenüber kann ich mich nicht geben wie ich bin.« »Dazu hattest du ja mich.« »I Gott bewahre! Du redest dir doch nicht ein, daß du mich kennst?« »Einigermaßen.« »Was haben wir denn getan miteinander? – Geliebt haben wir uns – meist in nicht einmal nüchternem Zustand.« »Du warst es, die schon am Vormittag Cocktails trinken mußte.« »Um mich zu betäuben. – Oder glaubst du, es ist eine Kleinigkeit, einen Mann für das Leben, einen für das Herz und einen dritten für seine Leidenschaften zu haben?« »Du hast – einen Dritten?« »Wenn dich der Erste nicht stört, braucht der Dritte dich auch nicht zu stören.« »Für deine Leidenschaften, sagst du? – Ich dachte, das bin ich.« »Kind, du! – Du bist mein Junge, bei dem ich mich erhole.« »Wovon?« »Von meinen Leidenschaften.« »Wieviel Leben führst du?« »Nur eins, das echt ist.« »Ich hoffe, daß ich ...« »Du hoffst falsch. Wenn du willst, daß wir wieder zusammengehen, mußt du – wie sagtest du doch so sinnig? – mein drittes Leben kennenlernen.« »Es ist vielleicht besser, ich kenne es nicht.« »Ich will nicht länger vor dir Versteck spielen. Entweder du liebst mich so wie ich bin – oder wir gehen nie wieder zusammen.« »Was kann denn das schon Schreckliches sein?« »Ein Mann ist es nicht – wenigstens keiner, der für dich eine Gefahr bedeutet.« »Ich bitte dich, Aga, spanne mich nicht auf die Folter.« »Gut! Ich ziehe mich an – und wir gehen zusammen hin.« »Wohin?« »Das wirst du sehen.« – Zwanzig Minuten später fuhren sie über die Place Clichy die Avenue St. Ouen herunter. »Die Gegend kenne ich gar nicht«, sagte Richard – und Aga Tramm erwiderte: »Sie fängt erst an.« Und wirklich bog das Auto jetzt in eine Straße, die in ihrer Ruhe und Verlassenheit einen unheimlichen Eindruck machte. »Falls du ohne mich zurück willst, dies ist der Impasse St. Monique – und über die Rue Leibniz kommst du wieder in die Avenue Clichy. Von dort findest du allein weiter.« Jetzt erst sah Richard, daß sie bleich wie Wachs war. Ihre Augen hatten einen ungewöhnlichen Glanz und schienen um das Doppelte vergrößert. Der Mund bewegte sich fortgesetzt in nervösen Zuckungen und starke Konvulsionen durchzitterten, wie nach einem großen Schreck, ihren ganzen Körper. Alles an ihr war in Bewegung. Sie schlang plötzlich die Arme um Richard und küßte ihn leidenschaftlich. »Du beißt mich ja.« »Mach den Mund auf!« Er gehorchte und sie goß ihm aus einem kleinen Fläschchen eine Flüssigkeit in den Mund, die bitter schmeckte und abscheulich roch. »Was war das?« fragte er und riß sich los. »Hast du mich vergiftet? Ich verspüre Brechreiz.« »Nichts, nichts«, erwiderte Aga Tramm. »Es vergeht – und du wirst gleich in Stimmung kommen.« Sie stiegen aus, Aga Tramm nahm Richard unter den Arm und ging mit ihm ein paar Schritte die leere Straße entlang. Vor einem kleinen Haus, dessen Fenster mit Gardinen verhängt waren, blieb sie stehen, zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche und öffnete mit ihm die Haustür. Dann drückte sie gegen die Tür, die leicht aufging, schob Richard in den Hausflur, folgte schnell nach und schloß behutsam hinter sich zu. »Was geht hier vor?« fragte er. »Ich gehe nicht weiter.« Aga Tramm machte sich an einer Tür, die zum Keller führte, zu schaffen. Als sie sich öffnete, wurden zwei Männer in Meßgewändern sichtbar, die scharlachfarbene Mützen mit Ochsenhörnern auf dem Kopf trugen. »Komm!« sagte Aga. Sie stiegen die Stufen hinab in eine unterirdische, geräumige Kapelle. Es herrschte eine dumpfe, feuchte, von Weihrauch getränkte Luft, die sich schwer auf Richards Brust legte. Die Kapelle war voll von Menschen. Oben auf dem breiten Altar hinkte ein Dutzend Chorknaben mit großen Weihrauchfässern heran. Eine Orgel spielte und ein hellstimmiger Chor sang: »Te Satanum laudamus, Te dominum confitemur.« – Daraufhin erschienen etwa zwanzig ältere Knaben in langem schwarzem Chorrock mit Stola und Mantel – und als letzter in scharlachrotem Gewand, das Biretum auf dem Kopf, der Priester. Der Priester, von den Knaben umgeben, kehrte dem Saal den Rücken, trat einige Schritte an das Kreuz heran, sprach mit lauter Stimme Verwünschungen gegen den Gekreuzigten. In diesem Augenblick schwoll die Musik zur vollen Höhe an; der Gesang zitterte durch den Raum, die Menschen stürzten in die Höhe, ballten die Fäuste und stießen höhnische Rufe aus. Richard fühlte eben, daß auch er mitgerissen wurde, daß sich der Schrei »Betrüger« auch auf seine Lippen drängte, als plötzlich Musik und Gesang verstummten und für einen Augenblick vollkommene Ruhe herrschte. Die Predigt begann. Der Priester wetterte gegen alle, die in Keuschheit leben, verhöhnte die Nächstenliebe, die Demut und Ergebenheit und spornte zum Schlechten an. Richard, in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, wollte Aga Tramm, die mit beseeltem Blick am Munde des widerwärtig häßlichen Priesters hing, stehen lassen und hinausgehen. Aber die Beine waren ihm so schwer, daß er keinen Schritt tun konnte. Er sah jetzt, wie die Knaben silberne Gefäße herbeitrugen und sie auf das Tischchen neben dem Altar stellten. Es roch sogleich nach Ölen, Zichorie und allen möglichen Kräutern. Fieberhaft arbeitete der Priester und mischte die Ingredienzien durcheinander. Sämtliche Knaben schwenkten die Weihrauchfässer vor dem Altar, der bald in eine undurchsichtige Wolke gehüllt war. Dann trugen sie die Räucherbecken in den Saal – und wie die Besessenen stürzten alle über sie her, warfen sich zur Erde und atmeten unter heftigen Seufzern und lautem Stöhnen den betäubenden Duft ein. Chopins Fis-Moll-Polonäse erklang; die Rauchwolken hüllten den ganzen Saal in eine hellgraue Wolke, während der Altar allmählich wieder sichtbar wurde. Nur langsam noch stiegen dünne Wölkchen an ihm empor und verhüllten ihn leicht, wie zarte Schleier oder feine Gaze. – Richard sah jetzt deutlich, daß über dem ganzen Altartisch ausgebreitet der Körper einer Frau lag, der niemand anderem als Aga Tramm gehörte – die vor wenigen Minuten noch neben ihm gestanden hatte. Die Beine hingen auf der einen Seite zwischen Altar und Tabernakel herab, auf der anderen Seite hing der bleiche Kopf. Schlaff und kraftlos hingen die Arme, ohne den Boden zu berühren. Der Priester breitete das weiße Leibtüchlein über sie und begann die Messe. »Satanus vobiscum!« schrie jetzt der Priester in die Gemeinde und deckte den Kelch ab. »Orate frates!« brüllte er. Ein rasender Lärm brach los. »Sanguis eius super nos et super filios nostros.« Richard sah, wie ein Chorknabe eine weiße Taube in die Kapelle trug und auf den Altar legte. Eben schimmerte das Messer in der Hand des Priesters – als Richard sich einen Weg durch die Menge bahnte, die auf den Altar losstürzte, die Chorknaben beiseite stieß und dem Priester das Messer aus der Hand riß. Der Priester drang mit dem Messer auf ihn ein. Richard schlug ihn zu Boden. Die Taube flatterte im Saal umher. »Schämt euch, ihr Hunde!« rief Richard in den Saal und stülpte die ihm zunächst stehenden Weihrauchfässer um. Die anfangs völlig konsternierten Menschen fingen allmählich an, zu begreifen. Sie wandten sich gegen ihn. Er schlug wie ein Rasender um sich – erreichte die Tür – lief den Flur entlang – einer der Männer im Meßgewand starrte ihn an und öffnete die Tür. Er stürzte hinaus auf die Straße und lief, was er konnte, die jetzt völlig dunkle Impasse St. Monique entlang. Als er wieder auf der Place Clichy stand, blieb er stehen und überlegte, ob er auf das nächste Polizeibüro gehen und dort Anzeige erstatten sollte. Sie würden es ihm nicht glauben, sagte er sich – und er war geistig viel zu unkompliziert, um den tieferen Sinn dessen, was er miterlebt hatte, auch nur zu ahnen. So ging er mit wüstem Kopf nach Hause, legte sich zu Bett und versäumte zum ersten Male in seinem Leben die Stunde, zu der er bei Ciro spielen mußte. Als der Besitzer anrief, sagte ihm Madame Blanc, daß Richard völlig erschöpft und apathisch zu Bett liege und auf Fragen überhaupt keine Antwort gäbe. Der Arzt, den Ciro zu ihm sandte, fand ihn hoch fiebernd und außerstande, sich aufzurichten. Offenbar lag eine Vergiftungserscheinung vor. Der Patient weigerte sich, zu sagen, wo er den Nachmittag verbracht hatte. Bei seiner Jugend und gesunden Konstitution sei zu erwarten, daß er den Anfall bis morgen überstanden habe. Diagnose und Prognose trafen zu. Richard verfiel in einen todähnlichen Schlaf, aus dem er erst am nächsten Nachmittag erwachte. Er nahm ein Bad, stand wohl zwanzig Minuten lang unter der kalten Dusche, frühstückte reichlich und war völlig frisch, als Aga Tramm bei ihm erschien und nach kurzer Begrüßung zu ihm sagte: »Du hast dich wie ein dummer Junge benommen.« »Und ihr wie die Verrückten.« »Wenn du wüßtest, wie du dich versündigst.« »Du siehst aus wie der Tod. Wahrscheinlich hast du mit diesen Irren noch wüste Orgien gefeiert.« »Schade für dich, daß du sie nicht miterlebt hast. Wer sie einmal gefühlt hat, kommt nicht mehr von ihnen los. Darüber hinaus gibt es keinen Genuß mehr.« »Und das Religiöse ist nur Vorwand?« »Für mich schon – aber nicht für die überzeugten Satanisten.« »Mir genügen die Freuden dieser Welt.« »Weil du die andern nicht kennst. Und ich war so verliebt in dich, daß ich dich an diesen Freuden teilnehmen lassen wollte. Du hast es dir durch dein plumpes Benehmen selbst verscherzt.« »Ich bin froh darüber.« »Wenn du die Folgen wüßtest, wärst du's nicht.« »Was für Folgen? Ich habe sie glücklich überstanden. Mir war nie elender zumut.« »Weil du nicht bis zu Ende geblieben ist. Du hast die Gifte in dich aufgenommen, aber nicht die Entladung, die große Befreiung, miterlebt.« »Ich hatte genug.« »Alles das war nur Vorbereitung. – Aber du hast die Gemeinde in ihren heiligsten Gefühlen verletzt.« »Heilige Gefühle, daß ich nicht lache!« »Ihnen ist Satan so heilig wie dir Christus.« »Hör auf! Beleidige mich nicht.« »Ich habe ihnen sagen müssen, wer du bist. Sie werden dich nicht ungestraft lassen.« »Wie einfältig du redest.« »Ich rate dir, verlaß Paris so schnell wie möglich.« »Ja, was heißt denn das?« »Lege örtlich und zeitlich Distanz zwischen dich und dies Geschehen – vielleicht, daß sich ihre Rache dann abkühlt.« »Wie sprichst du nur? Es klingt wie aus einem Wildwestroman.« »Ich bitte dich, Richard, beherrsche dich. Ich gehöre zu ihnen, wenn auch nicht aus Überzeugung – denn ich glaube an Gott so wenig wie an den Teufel.« »So höre doch endlich mit dem Unsinn auf und sage mir lieber, was sie mit mir vorhaben.« »Ich weiß es nicht. Aber der Erste wärst du nicht, der verschwindet, ohne daß man je erfährt, wo er geblieben ist.« »Wir sind hier nicht in China – und wenn ich nicht irre, gibt es in Paris sogar eine Polizei.« »Wenn du dich auf die verläßt, bist du schon verloren. Glaube mir doch, du schwebst in Gefahr – und ich rate dir, mach, daß du fortkommst.« »Ich fühle mich äußerst wohl hier – und wenn mir einer von diesen Menschen zu nahe kommt – du weißt, ich kann boxen – so kann er was erleben.« »Es gibt noch eine andere Art der Rache als rohe Gewalt.« »Hör endlich auf, Aga, und rede wieder wie sonst. Ich will versuchen, alles zu vergessen. Wir wollen wieder wie früher zusammen sein. Aber versprich mir, daß du nie wieder mit diesen Menschen zusammenkommst.« »Das hieße mein Schicksal mit deinem verketten. Dazu ist mir mein Leben zu lieb. – Ich bin zu dir gekommen, um dich zu warnen. Leb wohl, Richard, und verrate mich nicht.« Sie trat dicht an ihn heran, legte die Hände auf seine Schultern, sah ihn fest an und sagte: »Ich habe nicht gedacht, daß es mir so schwer fallen wird.« »Du willst los von mir, das ist alles.« »Ich schwöre dir, daß ich die reine Wahrheit rede.« »Dann geh – und wenn du wieder zur Vernunft kommen solltest, du weißt ja, wo du mich findest.« »Bei Ciro!« »Ich beschwöre dich, Richard ...« Er legte seine Hand auf ihren Mund und sagte: »Ich will nichts mehr hören.« Aga Tramm ging eilig zur Tür, eilte über den Korridor zur Treppe, blieb nochmals stehen, sah sich um und verschwand dann im Gewühl der Menschen. XVII. Hilde Gugenzeil führte genau das Leben wie alle Mädchen ihrer Kreise, deren Väter nicht zu rechnen brauchten. Sie spielte Tennis und Golf, lenkte ihren Wagen selbst, ritt jeden Morgen im Tiergarten, badete im Sommer in einem französischen oder belgischen Seebad und fuhr im Winter Ski in St. Moritz. Die Cocktailparties und die Abendgesellschaften sorgten für Zerstreuung am Nachmittag und Abend – und die wenige Zeit, die ihr noch blieb, verbrachte sie beim Schneider. Wenn sie bei dieser Art der Beschäftigung geistig nicht verflachte und sich ein warmes Gefühl für Menschen bewahrte, so zeugte das von nicht alltäglichem Charakter. Sie liebte es, wenn sie mal abends allein zu Haus war – was selten genug geschah –, die Mamsell in ihr Zimmer zu rufen, ihr Süßigkeiten vorzusetzen und sich mit ihr zu unterhalten. Das endete dann meist damit, daß die Mamsell – meist erst spät in der Nacht – mit Geschenken und Geld für Bedürftige in ihr Zimmer zurückkehrte. Hilde Gugenzeil brauchte das, weil sie sich – sehr im Gegenteil zu ihren Freundinnen – Rechenschaft über die Art ihrer Lebensführung gab und sie mit der Lebensweise anderer verglich, die kaum das Nötige zum Leben, geschweige denn für Vergnügungen hatten. Wenn Eisbahn war, lud sie die Kinder ihrer Portierleute und die der Nachbarschaft ein und lief mit ihnen stundenlang auf dem Eis umher. Sie kannte die Geburtstage aller dieser Kinder und beschenkte sie so reich, daß sie das Geld in den Geschäften schuldig blieb. Wenn dann Frau Kaete die Rechnungen bekam, kam es immer zu Auseinandersetzungen. »Ich weiß gar nicht, woher du diesen plebejischen Zug hast«, sagte Frau Kaete regelmäßig – und Hilde erwiderte: »Von Großvater vermutlich, der Korpsdiener bei den Saxo-Borussen war.« »Er war Verwalter von drei Rittergütern, als er starb.« »Das kann unser Diener Johann auch noch werden.« »Ich möchte wissen, wie.« »Ich brauche nur einen Landwirt zu heiraten und Johann zu protegieren wie der Graf von Arnim den Großvater protegiert hat.« »Du hast eine komische Art, einem Unangenehmes zu sagen.« »Ich habe nur ein besseres Gedächtnis als du.« »Du solltest Papa dankbar sein, daß er sich als Sohn eines Gutsverwalters zu einem Großindustriellen emporgearbeitet hat.« »Wenn er nicht auf dem Gut des Grafen aufgewachsen wäre, hätte er nicht die großen Herren kennengelernt, die für seine Ausbildung gesorgt und ihn später protegiert haben.« »Daran denkt heute kein Mensch mehr.« »Ich liebe Papa deshalb genau so – vielleicht noch mehr.« »Als ich mich über alle Vorurteile hinwegsetzte und deinen Vater heiratete, habe ich zu ihm gesagt: ›:Deine Vergangenheit muß ausgelöscht sein, schon unserer Deszendenz wegen.‹:« »Das bin ich. Nun, ich pfeif drauf.« »Ein undankbares Kind bist du.« »Die Hauptsache ist doch, daß man zufrieden ist. Ich bin es – und wäre es genau so, wenn Papa Korpsdiener wäre.« »Hilde, wie kannst du so ungehörig von deinem Vater sprechen? Der Himmel behüte uns davor, daß wir je dahin kommen.« »Mir wäre es gleich.« »Und deine Pferde und dein Auto?« »Man kann auch ohne das glücklich werden.« »Kind, du bist krank! So spricht kein Gesunder. – Es muß was geschehen. Ich lasse sofort den Sanitätsrat kommen.« »Aber, Mama! Mir fehlt ja nichts.« »Das merkt man selbst nie.« Frau Kaete ging eilig hinaus und telephonierte mit dem Hausarzt. »So ein Unglück!« rief sie in den Apparat. »Nur ein Kind zu haben – und das muß krank sein.« »Mir ist aber nie etwas an Ihrer Tochter aufgefallen.« »Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen – eine Mutter sieht eben mehr als ein Arzt.« Und als der Sanitätsrat zehn Minuten später erschien, klagte ihm Frau Kaete: »Sie hat den Drang nach unten. Ich kann mit Ihnen ja offen sprechen. Sie sind ja verpflichtet, es für sich zu behalten. Also hören Sie! Was niemand weiß und was wir natürlicherweise als Geheimnis hüten und was uns niemand mehr anmerkt, daß der Vater meines Mannes – aber vergessen Sie es, wenn ich es Ihnen gesagt habe – nein, ich bring es nicht über meine Lippen.« »So sagen Sie es doch.« »Er war bei den Saxo-Borussen ...« »Oh! Das ist das feinste Korps.« »Gewiß. Aber ... er war ...« »Gnädige Frau, wir alle sind als Studenten einmal über die Stränge geschlagen, der eine mehr, der andere weniger. Das ist das Vorrecht der Jugend.« »Aber der Vater meines Mannes ...« »Sie machen es sich wirklich unnütz schwer, gnädige Frau. Mag er als Student getan haben, was er will. Das liegt so weit zurück – und die Hauptsache bleibt ja doch, er ist aus einem guten Stall.« »Das ist er eben nicht.« »Oh pardon.« »Sie haben ja vollkommen recht, Herr Sanitätsrat – und ich fühle wie Sie. Sie können sich also vorstellen, was ich darunter leide.« »Aber, wenn Ihr Herr Schwiegervater doch bei den Saxo-Borussen war.« »Als Korpsdiener.« »Oh, Verzeihung – ich begreife – immerhin, es liegt ein Menschenalter zurück – wer weiß das heute noch.« »Hilde weiß es.« »Sie hätten es ihr nicht sagen sollen.« »Mein Mann hat es ihr erzählt.« »Ich begreife – auf einen feinen und so empfindsamen Charakter wie Ihre Tochter muß das ja furchtbar wirken.« »Im Gegenteil! Sie freut sich.« »Wa...as?« »Und sie bedauert nur, daß mein Mann nicht auch ...« »Korpsdiener ist?« »Ja! – Was sagen Sie dazu?« »Minderwertigkeitskomplexe.« »Moral insanity?« »Dazu müßte man sie erst beobachten.« »Entsetzlich! Wie komme ich nur zu so einem Kind?« »Es überspringt oft eine Generation.« »Sie meinen vom Großvater her – natürlich! – Und Sie glauben, daß so etwas heilbar ist?« »Auch das kann ich im Augenblick nicht sagen.« »Sie wollen sie doch nicht einsperren? Das gibt mein Mann nie zu – und ich auch nicht.« »Diese Art Krankheit ist ja ungefährlich.« »Ungefährlich? Wenn sich das herumspricht. Ein Korpsdiener hebt nicht gerade die gesellschaftliche Position.« »Ich werde ihr das klarmachen.« »Wenn Ihnen das gelingt.« Und der Sanitätsrat sprach mit Hilde. Frau Kaete bat er, der Unterredung nicht beizuwohnen. »Ah, der Sanitätsrat!« war der Ruf, mit dem sie ihn empfing. »Haben Sie die Gummizelle gleich mitgebracht?« »Was sind das für Reden, Fräulein Hilde?« »Wissen Sie denn noch nicht, daß ich geisteskrank bin? Mama hat es festgestellt und ist, glaube ich, sehr stolz auf ihre Entdeckung.« »Ihre Frau Mutter ist besorgt um Sie.« »Oder um sich und ihren guten Ruf.« »Den Sie in der Tat zu schädigen im Begriff sind.« »Wegen des Korpsdieners? Ich bitt' Sie! Wen interessiert denn das?« »Sie werden also nicht darüber reden?« »Wenn ich Mama damit einen Gefallen tue.« »Sie tun mehr als das. Sie machen sie gesund.« »Sie ist krank? Ich denke ich .« »Sie wird es werden, wenn Sie das Geheimnis der Familie nicht für sich behalten.« »Ich soll meinen Großvater verleugnen? Fällt mir nicht ein. Wenn Mama das so wichtig nimmt, hätte sie Papa nicht heiraten dürfen.« »Empfinden Sie es denn nicht auch peinlich, daß Ihr Herr Großvater ...« »Nicht die Spur. Papa hat mir erzählt, was er ihm zu verdanken hat. Ich bin sogar stolz auf ihn.« »Das mag ja edel sein – aber es ist nicht klug. Sie wollen doch heiraten. Nehmen Sie an, ein Mann gefällt Ihnen, hält um Ihre Hand an und Sie sagen ja. Eines Tages erfährt er, daß Ihr Herr Großvater ...« »Wieso eines Tages? – Das ist das erste, was ich ihm sagen würde – schon um zu sehen, ob er ein Kaffer ist.« »Ihre Aufrichtigkeit in Ehren – aber man kommt heute nicht weit damit.« »Wer sagt Ihnen, daß ich die Absicht habe, weit zu kommen.« »Sie werden doch nicht einen Mann heiraten, der Ihnen nicht das bieten kann, was Sie jetzt haben?« »Raten Sie mir das als Arzt oder als Mensch?« »Als Freund und Berater.« »Dann bedaure ich, Ihren Rat ablehnen zu müssen.« »Sie halten sich trotz Ihrer Jugend für unfehlbar.« »So wenig wie Sie trotz Ihres Alters.« »Dann muß ich Ihnen sagen, daß Sie an moral insanity leiden.« »Das hat Ihnen Mama gesagt.« »Haben Sie etwa gehorcht?« »Ja.« »Ein weiterer Beweis für die Richtigkeit meiner Diagnose.« »Was steht darauf? Zuchthaus oder Irrenanstalt?« »Fragen Sie das im Ernst?« »Ich habe Sie noch nicht einen Augenblick lang ernst genommen.« »Sie sind ja unverschämt.« »Sagt man das einer Kranken?« In diesem Augenblick stürzte Frau Kaete ins Zimmer und rief: »Hilde! Ich habe alles mit angehört.« »Aber Mama! Du hast gehorcht? Dann leidest du also auch an moral insanity – und ich bin erblich belastet.« »Mit der Tochter werden Sie noch viel durchmachen.« »Ich glaube nicht an Ihre Prognosen, Herr Sanitätsrat!« erwiderte Frau Kaete. Hilde und der Sanitätsrat waren starr vor Staunen – und Frau Kaete fuhr fort: »Wenn Sie behaupten, daß meine Tochter geisteskrank ist, gehe ich mit ihr zu ein paar anerkannten Nervenärzten und lasse mir bescheinigen, daß sie vollkommen gesund ist.« »Aber Sie haben mir vor einer Viertelstunde doch selbst gesagt ...« »Ich habe es mir anders überlegt.« »Bist du plötzlich zur Vernunft gekommen, Mama?« »Mehr als dir lieb sein wird, du kommst in eine Pension.« »Herrlich, Mama!« »«Warte nur ab! – In eine Pension, in der es weder ein Auto, noch Golf, noch Tennis, noch eine Bridgepartie gibt.« »Himmlisch! Da kommt man doch endlich mal zu sich selbst.« »Eine Pension, in der außer dir nur Kinder des Mittelstands sind.« »Meinst du, die sind dämlicher als die andern?« »Das nicht. Aber es gibt keinen Kuchen und nur viermal in der Woche Fleisch.« »Das ist ja wunderbar. Da brauche ich nicht ins Sanatorium, um schlank zu bleiben.« »Zigaretten rauchen ist verboten.« »Also raucht man heimlich. Das schmeckt noch mal so gut.« »Es gibt keine Cocktails.« »O je!« »Also endlich etwas, was du entbehren wirst. Und ich hoffe, ein halbes Jahr wird genügen, um dir zu beweisen, was für ein Glück es ist, reich zu sein.« »Und wenn ich dir nach einem halben Jahr schreibe: ›:Geliebtes Muttchen. Es ist himmlisch hier. Darf ich nicht noch ein halbes Jahr bleiben?‹:« »Dann bist du reif für den Sanitätsrat.« XVIII. Richard Krüger, der als Künstler den Namen Richard de Cruche trug, hatte gar nicht begriffen, in was für eine Gesellschaft er da geraten war. Dem Namen nach kannte sie jeder, den er danach fragte. Aber die meisten sagten: »Satanisten? Teufelsjäger? Ja, gibt es die denn heute noch?« – Nur der Oberkellner von Ciro, der mit allen Wassern gewaschen war und die Welt und Unterwelt gründlich kannte, erwiderte: »Richard, nehmen Sie sich in acht! Die Sekte ist fanatisch und scheut auch vor einem Morde nicht zurück.« Richard spielte an diesem Abend kaum eine Stunde bei Ciro, als Aga Tramm in großer Erregung in das Restaurant gestürzt kam und ihm vor allen Gästen zurief: »Richard! Du bist in Gefahr! Mach, daß du fortkommst.« Sie stand noch vor der Musikkapelle, als durch die geschlossenen und mit dicken Portieren verhängten Fenster eine Kugel pfiff, die zwar nicht Richard, aber Aga Tramm in den linken Arm traf. Wie ein Film, dachte Richard und stürzte auf Aga zu, während der Ober und ein paar Mann der Jazzkapelle die Gardinen beiseite schoben und die Fenster aufrissen. Die Seitenstraße war leer von Menschen. Im Hause gegenüber stand in der ersten Etage ein Fenster offen. »Benachrichtigt die Polizei!« rief ein Gast, aber Aga Tramm, die einer Ohnmacht nahe war, raffte sich auf und sagte: »Um Himmels willen! Unternehmen Sie nichts, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.« »Exaltierte Person!« sagte der Gast. Aber wie auf ein stillschweigendes Übereinkommen hin unterblieb eine Anzeige. Die Kapelle wechselte den Platz und weigerte sich, weiterzuspielen, wenn Richard nicht das Feld räumte. »Sie bedeuten für uns alle eine Gefahr«, sagte der Ober. »Machen Sie, daß Sie aus Paris herauskommen.« Man führte Aga Tramm, die als Freundin des türkischen Prinzen bei Ciro bekannt und geschätzt war, zu einem Auto, während Richard durch einen Hinterausgang verschwand. Ihm war jetzt doch unbehaglich zu Mute – und wenn er das gestrige Erlebnis auch immer noch als unwirklich und Maskerade empfand, so fühlte er doch, daß irgend etwas, was er nicht begriff, diese Menschen zusammenhielt. Die Unruhe verließ ihn nicht. Er ließ seine Post, die meist von Damen der Gesellschaft stammte, ungeöffnet und überlegte gerade, ob er in ein Hotel ziehen solle, ohne jemanden zu sagen, wo er sich aufhielt, als die Klingel ihn ans Telephon rief. Es war Aga Tramm, die zu ihm sagte: »Mach dir keine Sorge um mich. Ich bin in der Klinik« – sie nannte Namen und Adresse – »gut aufgehoben. Aber bleibe du nicht eine Stunde länger in Paris.« »Genügt es, wenn ich in die Vorstadt ziehe?« »Verlasse Frankreich!« Wieder fiel ihm das Dramatische in ihrer Sprache auf – und er sagte sich gerade: das ist ja alles Theater – als er Aga Tramm rufen hörte: »Großer Gott! Wer ist da am Fenster?« »Was ist?« rief er erschrocken in den Apparat. Aber er hörte nur noch, wie ein Fenster klirrte und Aga laut aufschrie. Er stürzte ohne Hut und Mantel auf die Straße, sprang in ein Auto und fuhr zur Klinik. Der Pförtner verwehrte ihm den Eintritt. Er bestürmte ihn und erzählte ohne Zusammenhang das telephonische Erlebnis. Der Pförtner ließ ihn ein, schloß die Tür hinter ihm ab und verständigte den Arzt vom Dienst. »Offenbar ein Geisteskranker«, sagte er zu dem Arzt, der schnell herbeieilte, ein paar Worte mit Richard wechselte und dann in das Zimmer Aga Tramms eilte. Richard folgte ihm. Das Zimmer war stockfinster. Der Arzt knipste das Licht an. Aga Tramm lag in tiefem Schlaf. – Der Arzt wollte schon wieder hinausgehen, als Richard auf das zertrümmerte Fenster wies. »Gnädige Frau!« rief der junge Arzt, – und Aga Tramm schlug langsam die Augen auf. »Ist da wer?« fragte sie. Der Arzt war an ihr Bett getreten: »Werden Sie wach«, sagte er, »und erzählen Sie uns, was hier vorgefallen ist.« Aga Tramm tat verwundert und sagte: »Nichts.« »Sie haben doch vor einer Viertelstunde mit Monsieur Richard telephoniert.« »Ich?« – Sie schüttelte den Kopf. »So sag die Wahrheit!« forderte Richard. »Du hast mir geraten, Paris zu verlassen – und während wir noch sprachen, klirrte plötzlich eine Scheibe und du schriest laut auf.« »Ich habe nicht mit dir telephoniert.« »Und die Scheibe?« fragte der junge Arzt und wies auf das eingeschlagene Fenster. Aga Tramm wandte sich zu dem Fenster um und tat erstaunt. Sie wies auf ihren Arm, der in einer Binde lag und sagte: »Ich hatte große Schmerzen. Der Professor gab mir eine Spritze. Ich schlief gleich ein – und habe nichts gehört.« »Hast du so große Furcht vor deinen Leuten, daß du nicht zu reden wagst?« »Ich weiß gar nicht, was du meinst.« »Und der Schuß bei Ciro – und dein zerschossener Arm – ist das alles nicht wahr?« »Quäl mich nicht und geh! – Weit fort! Ich darf es dir nicht noch einmal sagen.« »Bist du dann sicher, wenn ich verschwunden bin?« Aga Tramm gab zu verstehen, daß sie in Gegenwart des Arztes nicht sprechen wolle. Als der Arzt draußen war, schlang sie den gesunden Arm um Richards Hals, küßte ihn auf den Mund und sagte schluchzend: »Richard! Ich habe den Auftrag ...« – Sie stockte und wies auf den Nachttisch. Richard zog ihn auf. Vorn an lag ein Browning – und Aga Tramm fuhr fort: »... dich zu erschießen.« »Du hast es versprochen?« »Ich mußte.« »Und wenn du es nicht tust?« »Dann bin ich verloren.« »Das ist ja ein Wahnsinn! So etwas gibt es? – In Paris! Im zwanzigsten Jahrhundert. – Und kein Mensch weiß etwas davon.« »Erzähl es nicht dem Arzt.« »Er würde es nicht glauben.« »Darin liegt unsere Sicherheit und zugleich die große Gefahr: daß niemand es glaubt.« »«Wenn einem das in Wildwest passiert, man würde auch dann noch staunen – aber mitten in Paris.« »Du siehst nun ein, daß du schon meinetwegen fort mußt.« »Kann man die Bande denn nicht festnehmen und unschädlich machen?« »Es ist ein Glaube – genau wie deiner – nur an strengere Gesetze gebunden.« »Und wenn ich verschwinde, geschieht dir nichts?« »Möglich, daß sie sich damit zufrieden geben.« »Hängst du denn so daran?« »Eher macht sich ein Mensch, der unrettbar dem Morphium verfallen, zum Skelett abmagert und ein Schatten seiner selbst geworden ist, von dem Gift frei als ein Satanist von seiner Kirche. Denn sie gibt ihm mehr als alle Rauschgifte der Welt ihm je geben können.« »Und das Ende?« »Der Tod kommt früher. Aber statt des unerträglich stupiden Lebens hat man ein Dasein höchster Wollust gelebt. – Richard! Noch ist es Zeit für dich. Sage, daß du bereust, ich versöhne sie und du wirst einer der Unseren!« »Ich bedaure – aber ich bin zu gesund und habe keinerlei Anlage zum Verbrecher.« »Schade für dich, mein Junge! Dann sehe ich dich also zum letztenmal.« Sie küßte ihn – und er erwiderte ihre Zärtlichkeit ohne innere Anteilnahme. »Schade, daß du für mich verloren bist«, sagte er – nur, weil er fühlte, daß er ohne ein Wort des Abschieds nicht von ihr gehen konnte. Aber er war sich klar, daß er nichts mehr für sie empfand. »Was wirst du dem Arzt sagen?« fragte sie, als er sich zur Tür wandte. »Ein harmloses Abenteuer – ein verrückter Verliebter – ein türkischer Prinz.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Der junge Arzt erschien, hinter ihm der Prinz. Das ist ja eine fabelhafte Regie, dachte Richard und trat zur Seite. Der Prinz hatte einen Strauß Orchideen in der Hand. »Wo hast du denn die herbekommen mitten in der Nacht?« »Sage mir lieber, wie dieser Herr – Sie sind ja wohl der Primgeiger von Ciro? – in dein Krankenzimmer kommt?« Aga Tramm setzte ihr reizvollstes Lächeln auf, wies auf die Scheiben und sagte: »Durchs Fenster.« Der junge Arzt witterte ein Liebesabenteuer – und wenn er es auch nicht zu entwirren vermochte, so lächelte er doch verständnisvoll und sagte: »Ich habe mir gleich so etwas gedacht.« Der Prinz dachte: Wie unbequem ist doch die Liebe, wenn man kein Geld hat – ging ans Bett, küßte Aga Tramm die Hand, die sie ihm entgegenstreckte und überreichte die Orchideen. Richard machte zu dem jungen Arzt hin eine Verbeugung und verschwand. Er fuhr nach Haus, packte in Eile seine Koffer, schrieb ein paar Zeilen an Ciro und fuhr mit dem Mittagszug nach Berlin. XIX. In dem Abteil von Richard saß nur noch ein Herr, mit dem er gleich hinter Paris ins Gespräch kam. Es war ein Juwelenhändler aus Brüssel, der in Paris gut verkauft hatte und den Rest seiner Juwelen in Berlin an den Mann zu bringen hoffte. »Am liebsten verkaufe ich an Private«, sagte er zu Richard. »Aber ich habe in Berlin keine Einführung in Familien. Können Sie mich vielleicht in ihre Familie einführen?« »Das kann ich. Aber Sie werden nicht viel Freude davon haben. Meine Mutter ist Friseuse und meine beiden Onkel haben ein Zigarrengeschäft in der Frankfurter Allee.« »Das sieht man Ihnen aber nicht an.« »Wenn das ein Kompliment sein soll – ich bin stolz darauf, meiner Mutter ähnlich zu sehen.« »Eine schöne Frau demnach.« »Hören Sie mal! Ich bin doch kein junges Mädchen.« »Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie es wären.« »Nachts im dunklen Kupee, das könnte Ihnen so passen.« »Leider muß ich immer auf meine Juwelen aufpassen und komme daher selten zu einem Vergnügen.« »Tragen Sie die Juwelen denn bei sich?« »Das ist immerhin noch das Sicherste.« »Ich glaube, ich könnte kein Auge zutun.« »Unangenehm ist es nur, wenn man zu zweien fährt.« »Erlauben Sie! Das ist ja eine Beleidigung.« »Man bekommt Menschenkenntnis, wenn man wie ich in der Welt herumfährt. Ihnen traue ich nichts Schlechtes zu.« »Wissen Sie, daß mir das trotzdem unbehaglich ist?« »Ich bitt' Sie.« – Er wies auf seine Brust. – »Der Schatz ist fünfmal gesichert.« »Das verstehe ich nicht.« »Erst kommt der Pelz, dann der Rock, die Weste, das Oberhemd und die Unterjacke.« »Sie tragen die Juwelen also auf der Brust?« »Es ist das Sicherste.« »Für wieviel haben Sie heute bei sich?« »Fast für eine halbe Million Mark.« »Das sollten Sie niemandem erzählen.« »Sie wissen es nun.« »Ich finde Sie sehr unvorsichtig.« »Wenn ich Sie nicht von Ciro her kennen würde.« »Sie haben da verkehrt? Oft? Ich erinnere mich nicht, Sie gesehen zu haben.« »Ich war vierzehn Tage lang jeden Abend da. Zum Teil Ihretwegen.« »Das freut mich. – Aber wenn Sie mich kannten – ein Primgeiger hat doch selten eine Familie, die Juwelen kauft.« »Es war ja nur eine Anfrage.« Der Kellner ging den Gang entlang. – Richard rief ihn und fragte: »Haben Sie dunkles Bier?« »Münchener Export.« »Fein!« – Er wandte sich zu dem Juwelier. »Das sollten Sie auch trinken, danach schlafen Sie wie ein Toter.« Sie bestellten zwei Flaschen – später nochmals zwei. Hinter Köln zog Richard die Gardinen vor die Fenster. Reisenden, die in das Abteil sahen, sagte er: »Hier ist alles besetzt« – woraufhin der Juwelier meinte: »Sie scheinen ja wirklich großen Wert darauf zu legen, mit mir allein zu bleiben.« In Köln hatte Richard ein Telegramm an seine Mutter aufgegeben: »Bin sieben Uhr früh Berlin. Freue mich unbändig auf dich. Nicht abholen. Alles andere mündlich. Richard.« Als der Zug aus dem Kölner Bahnhof herausfuhr, waren Richard und der Juwelier noch immer allein. Richard gab dem Schaffner drei Mark und sagte: »Bitte, sorgen Sie dafür, daß wir nicht gestört werden.« Dann machten sich beide ihr Lager für die Nacht zurecht. Als der Zugführer gegen sechs Uhr früh aus dem Gepäckwagen kam und den Gang des Zuges betrat, vernahm er einen Knall, der sich anhörte, als sei die Pneumatik eines Autoreifens geplatzt. Er blieb verwundert stehen und suchte dann der Reihe nach die Abteile ab. Plötzlich hörte er Hilferufe. Im vorletzten Abteil des ersten Wagens sah er, etwa zwanzig Sekunden nach der Detonation, den Juwelenhändler und Richard in höchster Erregung stehend, aufeinander einreden: »Sie sind ja irre, Herr!« rief Richard und bedrohte den Juwelier mit der Faust. Der Zugführer trat dazwischen und fragte: »Ist hier eben ein Schuß gefallen?« »Ja!« sagten beide wie aus einem Munde. Der Zugführer sah das durchschossene Fenster, fragte weiter: »Von außen?« – und wollte die Notleine ziehen, um den Zug zum Stehen zu bringen. »Ja«, erwiderte Richard – aber der Juwelier rief lebhaft: »Es ist nicht wahr! Er hat mich erschießen wollen.« »Du lügst, du Hund!« »Er hatte es auf meine Diamanten abgesehen.« »Schuft du!« »Er hatte sich schon seit Beginn der Fahrt durch allerlei Redensarten verdächtig gemacht.« »Was habe ich getan?« »Ich nahm daher ein Mittel, um wach zu bleiben.« »Dunkles Bier haben Sie getrunken, um schlafen zu können.« »Das Bier haben Sie mir aufgezwungen, um mich im Schlaf ohne Gegenwehr niederknallen zu können.« »Alles gelogen.« »Aber ich bin wach geblieben und habe mich nur schlafend gestellt, um ihn zu beobachten.« »Geschnarcht haben Sie – und der Kopf mit dem Fußsack hat Ihnen auf dem Bauch gelegen.« »Herr! mein Vollbart und mein Bauch gehen Sie gar nichts an!« »Erzählen Sie weiter!« wandte sich der Zugführer an den Juwelier. Und der fuhr fort: »Ich sah deutlich, wie er mich beobachtete. Er ging leise zum Gang, überzeugte sich, daß er leer war, schloß die Tür, zog die Gardinen vor und zog dann plötzlich einen Revolver aus der Tasche.« »Das haben Sie gesehen?« »Ganz deutlich.« »Erstunken und erlogen von Anfang bis zu Ende.« »Als er den Arm hob und den Revolver auf mich ansetzte, sprang ich auf und fiel ihm in den Arm.« »Das ist ja toll!« »Wir rangen ein paar Augenblicke miteinander ...« »Ein Kinnhaken und Sie wären für die Zeit auf dem Boden gewesen.« »Plötzlich – er hörte wohl Schritte auf dem Korridor ...« »Hören Sie sich doch den Wahnsinn nicht mit an, Herr Zugführer.« »... ließ er mich los und warf die Waffe mit einem Ruck zum Fenster hinaus.« Der Zugführer wandte sich an Richard und fragte: »Welche Darstellung geben Sie?« »Ich schlief.« »Sie sagten doch eben, Sie seien wach gewesen und hätten ihn schnarchen hören.« »In den ersten Stunden. Da schnarchte er so laut, daß ich nicht einschlafen konnte. Gegen Morgen bin ich dann aber eingeschlafen. Plötzlich hörte ich einen Knall und das Gerassel von Scherben. Als ich die Augen aufmachte, sah ich den Juwelier ...« »Woher wußten Sie denn, daß er ein Juwelier ist?« »Er hatte es mir ja selbst erzählt.« »Also was sahen Sie?« »Ich sah den Juwelier, der die Tür zum Flur aufriß und laut um Hilfe rief. Als ich ihn fragte: was ist denn geschehen? – wandte er sich um und rief: Halunke! Ihnen werden ich es besorgen.« »Das klingt sehr wenig glaubhaft«, erwiderte der Zugführer. »Wie erklären Sie den Schuß und das Loch im Fenster?« »Ich nehme an, daß von außen jemand in das Abteil geschossen hat – und dem Juwelier haben sich vor Schreck darüber die Sinne verwirrt.« »Mache ich den Eindruck eines Geisteskranken?« fragte der Juwelier – und der Zugführer sah jetzt erst, daß dem Juwelier Pelz, Rock, Weste und Hemd aufgerissen waren. Als er ihn darauf aufmerksam machte, rief er: »Ich bin bestohlen!« – griff sich an die Brust und sagte bestürzt: »Die Tasche mit den Brillanten ist fort. – Bitte, Herr Zugführer, veranlassen Sie seine Festnahme.« »Sie haben gar keine Brillanten gehabt!« rief Richard – und der Juwelier erwiderte beherrscht und beinahe höflich: »Aber, mein Herr, Sie haben mich doch noch nach ihrem Wert gefragt.« »Sie haben die Brillanten Ihrer Firma unterschlagen und täuschen jetzt einen Überfall vor.« »Wer so raffiniert denkt, handelt auch raffiniert.« »Erlauben Sie, daß ich Ihre Taschen untersuche?« fragte der Zugführer. »Ich verbitte mir – das ist eine Beleidigung!« erwiderte Richard. »Dann muß ich Sie in Berlin der Polizei übergeben.« »Den Halunken sperren Sie ein, aber nicht mich. Wer weiß, was der nicht noch alles auf dem Gewissen hat.« »Sie glauben doch nicht, daß Sie mich beleidigen können?« Der Disput ging noch lange hin und her. Der Zugführer setzte schließlich den Schaffner zur Aufsicht in das Abteil, das er verschloß. Auch der Juwelier erbat und bekam die Erlaubnis, in dem Abteil zu bleiben, um zu verhindern, daß Richard in einem unbewachten Augenblick die Tasche mit dem Schmuck aus dem Fenster warf. Der Zugführer benachrichtigte die Charlottenburger Bahnpolizei, die mehrere Beamte auf den Bahnsteig entsandte. Als er kurz vor Berlin wieder den Gang entlang kam, wälzten sich Richard, der Juwelier und der Schaffner in einem Knäuel auf dem Fußboden. Sie hatten sich so fest ineinander verbissen, daß der Zugführer den Schlauch zum Löschen von Feuer vom Gang nahm und ihn auf die drei Männer ansetzte. Aus Schreck über den kalten Strahl ließen sie sich los, richteten sich auf und glitten völlig erschöpft auf die Bänke. Der Zugführer stellte sich zwischen sie und fragte: »Was war denn los?« Der Schaffner wies auf Richard und sagte: »Der hat angefangen und hat sich auf den Herrn da« – er wies auf den Juwelier – »gestürzt.« »Gott sein Dank«, erwiderte Richard. »Die erste Wut bin ich los. Ich habe mich abgekühlt und sehe den weiteren Ereignissen mit Ruhe entgegen.« »Sie haben es nötig, sich aufzuspielen – Eisenbahndieb!« erwiderte der Juwelier. Richard sprang auf und wollte sich von neuem auf den Juwelier stürzen. Aber Zugführer und Schaffner hielten ihn zurück. »Was liegt denn da bei Ihnen?« fragte der Zugführer und wies auf einen Lederbeutel, der unter dem Sitz von Richard lag. »Das ist mein Schmuck!« rief der Juwelier und hob den Beutel hastig auf, öffnete ihn und überzeugte sich, daß der Schmuck drin war. »Dann sind Sie wohl überführt«, sagte der Zugführer, trat ans Fenster und gab den Polizisten, die auf dem Bahnsteig standen, ein Zeichen. Als der Zug hielt, bestiegen an jeder Seite zwei Beamte den Wagen, nahmen Richard fest und legten ihm Handfesseln an. Als sie ihn über den Bahnsteig führten, schloß er die Augen und sah nicht, daß neben dem Zeitungskiosk mit einem Veilchenstrauß in der Hand Frau Elsa stand. Sie sah den Sohn kommen, sah, daß seine Hände in Fesseln lagen und Polizisten ihn am Arm führten. Ihr wurde schwarz vor den Augen, der Veilchenstrauß glitt ihr aus der Hand, die Kräfte verließen sie – und sie schlug mit einem Aufschrei, der allen noch lange im Ohr haften blieb, hin. Vorn an der Treppe, zuckte Richard, der jetzt völlig apathisch war, zusammen. Er blieb einen Augenblick stehen und die Polizisten, die ihn anfuhren: »Weiter gehen!« hörten nicht, wie sich aus dem Herzen herauf das Wort »Mutter!« auf seine Lippen drängte. XX. Seitdem Frau Elsa aus Paris zurück war, verging kein Tag, an dem sie sich nicht in Gedanken nach dem Restaurant Ciro versetzte, wo sie dann allabendlich die Erfolge ihres Sohnes deutlich miterlebte. Sie schlief dann ein und übernahm die Bilder mit in den Traum – und wenn sie dann morgens erwachte und – sehr im Gegensatz zu früher – noch eine halbe Stunde lang wach im Bett lag, kam ihr gar nicht der Gedanke, geträumt zu haben. Als sie dann eines Abends das Telegramm erhielt, in dem der Sohn seine Rückkehr schon für den nächsten Morgen meldete, erschrak sie mehr als daß sie sich freute. Mit den schönen Abenden bei Ciro ist es also aus, dachte sie. Was mag er angestellt haben, daß sie ihn fristlos haben gehen lassen? Denn der Gedanke, daß er freiwillig dies Leben aufgab, um in die Ärmlichkeit ihrer Verhältnisse zurückzukehren, kam ihr gar nicht. So nur ist es zu verstehen, daß Frau Elsa am nächsten Morgen mit einem Angstgefühl auf den Bahnhof ging, um ihren Sohn zu erwarten. Als der Zug einfuhr, schlug ihr Herz so laut, daß sie stehenblieb und sich an den Zeitungskiosk lehnte. Und als sie zwei Minuten später ihren Sohn mit Handschellen und von Polizisten geführt den Bahnsteig entlanggehen sah, hatte sie nicht mehr die Kraft, sich ihm an den Hals zu werfen. Ich wußte ja, es ist etwas passiert, sagte sie mehr zu sich als zu den Umstehenden, als sie wieder zur Besinnung kam. Sie fuhr nach Haus, schloß sich in ihr Zimmer ein, ließ ihre Kunden warten und weinte in sich hinein. »Ich habe meinen Sohn verloren und meine Tochter verschenkt. Jetzt bin ich allein. Es ist die gerechte Strafe!« – Diese Sätze sagte sie sich auf – laut und immer wieder – und fühlte, daß sie außerstande war, etwas zu unternehmen. So saß sie bis nach ein Uhr mittags. Da läutete es so lange und so stark an ihrer Tür, daß sie aufstand und sich in den Vorraum schob, um zu öffnen. Als sie an dem Spiegel vorbeikam, blieb sie stehen und sah hinein. War sie das wirklich? Kann Kummer den Menschen äußerlich so schnell verändern? Bei Gott, sie war nicht eitel. War es auch in ihrer Jugend nie gewesen. Aber so auszusehen, war schrecklich. An der Klingel wurde jetzt mit einer Wut gezerrt, daß Frau Elsa sich die Ohren zuhielt und leise sagte: »Ich komm' ja.« – Sie zog den Riegel zurück und öffnete. Vor ihr stand die Mamsell – mit rotem Kopf und außer Atem. Beim Eintreten sagte sie: »Gott sei Dank! Sie leben! Ich dachte schon, Sie haben sich etwas angetan.« Mit größter Beherrschung erwiderte Frau Elsa – und bot ihr einen Stuhl an: »Weshalb sollte ich mir etwas antun?« – Und da die Mamsell sie prüfend ansah, fuhr sie fort: »Wo ich so einen Sohn hab'« »Ich bin vom Herd weg schnell zu Ihnen, es ließ mir keine Ruh'.« »Ist etwas passiert?« »Sie wissen's ja. Man braucht Sie ja nur anzusehen.« »Sieht man es mir an? – Aber ich weiß nichts.« »Frau Krüger!« »Ich habe nur gesehen, daß sie ihn den Bahnsteig entlang führten.« »Sie wissen gar nicht, weshalb?« »Ich will's nicht wissen. Ich will überhaupt nichts wissen.« »Sie werden ihm doch helfen wollen?« »Ich? – Wieso ich! – Ach ja – natürlich! Ich bin verantwortlich.« »Das sind Sie nicht. Sie haben sich alle Mühe gegeben und für ihn getan, was eine Mutter für ihr Kind tun kann. Nur zu sehr verwöhnt haben Sie den Jungen.« »Er verträgt's. Ihm kann's nicht schaden.« »Das sagen Sie, nach dem, was vorgefallen ist?« »Was ist schon vorgefallen? Irgendeine Weibergeschichte. Ich habe es ja miterlebt in Paris. Der Junge ist hübsch. Sie stellen ihm nach.« »Es hat ja mit Weibern nichts zu tun.« »Womit denn?« »Ja, wissen Sie es denn wirklich nicht. Sie zog die Mittagszeitung aus der Tasche und breitete sie vor ihr aus. Da stand in fetten Lettern: Raubüberfall im D-Zug Köln – Berlin. Der belgische Juwelier Reno Brixs wurde von einem Mitreisenden, dem in Paris unter dem Namen Richard de Cruche bekannten Primgeiger Richard Krüger, einem gebürtigen Berliner, mit dem Revolver überfallen und seines Schmuckes im Werte von 500 000 Mark beraubt. Der Juwelier setzte sich zur Wehr. Es kam zu einem Kampf, in dessen Verlauf der Räuber einen Schuß auf den Juwelier abgab, der sein Ziel glücklicherweise verfehlte. Als der Räuber sah, daß sein Plan mißglückt war, warf er den Revolver aus dem Fenster. Er wurde von dem herbeigeeilten Zugpersonal überwältigt und nach Abnahme der gesuchten Juwelen bei Ankunft des Zuges in Charlottenburg von der Bahnpolizei in Empfang genommen. »Lesen Sie's lieber nicht«, sagte die Mamsell. »Sie verlieren womöglich den Verstand darüber.« Aber Frau Elsa las den Bericht zum Erstaunen der Mamsell ohne den Ausdruck auch nur der geringsten Bewegung. Und als sie zu Ende gelesen hatte, lachte sie laut auf und rief: »Das soll mein Richard gemacht haben? – Da lach ich nur.« »Sie glauben es nicht.« »Da wäre ich ja eine nette Mutter, wenn ich das glauben würde.« »Aber es steht doch da – mit Namen und allem, was dazu gehört.« »Und wenn es zehnmal dasteht: es ist nicht wahr!« »Haben Sie denn eine Erklärung dafür?« »Nein. Aber ich kenne meinen Jungen und weiß, daß er dazu nicht fähig ist.« »Dann ist er eben in Paris so geworden.« »Mamsell, wenn Sie meinen Jungen beleidigen wollen, hätten Sie besser getan, nicht zu kommen.« »Ich wollte Sie trösten.« »Deswegen?« fragte Frau Elsa und wies auf das Blatt. »Wenn er in eine Weibergeschichte verwickelt wäre, da verstände ich alles – sogar einen Mord.« »Frau Krüger!« »Aus Liebe. Das wäre nicht halb so schlimm wie das! – Aber so einen gemeinen Überfall bringt mein Junge nicht fertig.« »Aber liebe Frau Krüger, Sie können doch die Tatsache nicht aus der Welt schaffen. Der Fall liegt doch ganz klar.« »Sehr unklar finde ich ihn, weil meinem Jungen darin eine Rolle zugemutet wird, die er nie gespielt hat.« »Wenn statt Richard Krüger ein anderer Name da stände, etwa Ernst Müller – würden Sie dann glauben, daß es sich so abgespielt hat, wie es da steht?« »Natürlich.« »Für den Richter, der es aburteilt, ist es ganz gleich, ob der Mann Müller heißt oder Krüger. Der hält sich einfach an den Tatbestand.« Frau Else sah die Mamsell entgeistert an: »Da haben Sie recht – für den Richter, da ist mein Junge ein Mensch wie jeder andere.« »Eben deshalb.« »Der Richter kennt ihn ja nicht – und weiß daher auch nicht, was der Richard für'n Mensch ist.« »Bei dem Tatbestand wird es schwer sein, es ihm klarzumachen.« »Dann ist mein Junge ja in Gefahr!« »Das ist er! Und deshalb bin ich bei Ihnen – und lasse das Mittagessen verderben.« Frau Elsa, die eben noch zusammengesunken dagesessen hatte, raffte sich auf. Ihr Gesicht bekam einen energischen Ausdruck, der ganze Körper spannte sich. Sie stand auf und reichte der Mamsell die Hand. »Sie haben mich aufgerüttelt, Mamsell. Sie haben mir schon einmal im Leben geholfen. »Ich habe nur menschlich gehandelt.« »Nur – menschlich. Wenn Sie wüßten, wie viel das ist! Und wie selten!« »Was werden Sie tun?« »Für den Jungen kämpfen.« »So überzeugt sind Sie, daß er es nicht gewesen ist?« »Eine Mutter fühlt das.« – Plötzlich entfärbte sie sich und sagte: »Großer Gott! Das trifft ja nicht zu.« »Was trifft nicht zu?« »Wenn mein Gefühl mich täuscht. Wenn er es doch gewesen ist?« Die Mamsell legte den Arm um sie und sagte: »Vielleicht ist es besser, wenn Sie sich mit dem Gedanken vertraut machen.« »Nein! Nein! Ich muß an seine Unschuld' glauben, wenn ich ihm helfen will. Auch wenn ich nicht seine Mutter wäre.« XXI. Gleich am nächsten Morgen überwarf sich Frau Elsa mit ihrem Chef. Da sie die Außenkundschaft hatte, so kam sie tagsüber kaum mit ihm in Berührung – und sie sahen sich eigentlich nur am Abend, um abzurechnen. Als sie heute früh ins Geschäft kam, um wie gewöhnlich zu fragen, ob neue Bestellungen eingegangen seien, rief sie der Chef zu sich, gab ihr die Hand und sagte: »Frau Krüger, es tut mir leid, daß Sie den Kummer mit Ihrem Sohn haben. Ich hoffe, daß die Kundinnen keinen Anstoß daran nehmen und sich weiter von Ihnen bedienen lassen.« »Ich werde ihnen schon klarmachen, daß mein Sohn unschuldig ist.« »Am besten, Sie sprechen gar nicht davon. Die Damen werden ja so viel Takt haben und Sie nicht danach fragen.« »Erlauben Sie, das hört sich ja an, als ob mein Junge den Überfall tatsächlich begangen hätte.« »Leider hat es den Anschein.« »Dann ist es meine Pflicht, ihn von diesem falschen Verdacht reinzuwaschen. Das bin ich ihm und mir schuldig.« »Es wäre für Sie besser, wenn Sie es laufen und sich bedauern ließen.« »Ich mich bedauern lassen? Wo ich so stolz auf den Jungen bin? Wer mir nicht glaubt, daß er unschuldig ist, dem sag ich, was ich von ihm denke.« »Sie werden mir die Kunden nicht abspenstig machen.« »Mein Sohn steht mir näher.« »Wenn Sie so leichtfertig mit den Geschäftsinteressen umgehen, kann ich Sie nicht gebrauchen.« »Soll das eine Kündigung sein?« »Wenn Sie sich dieses Falles wegen auch nur mit einer Kundin überwerfen, so können Sie am ersten gehen.« Frau Elsa verließ den Laden und schon bei der ersten Kundin, der Frau eine Justizrates, kam es zu folgender Auseinandersetzung: Die Frau Justizrat begrüßte sie in Gegenwart ihrer Jungfer mit den Worten: »Na, Frau Krüger, Sie sind ja über Nacht eine berühmte Frau geworden.« »Leider.« »Sagen Sie das nicht. Sie stehen in allen Zeitungen. Man wird Sie interviewen und Bilder von Ihnen bringen. Wetten, daß Sie innerhalb der nächsten vierzehn Tage ein Dutzend Heiratsanträge haben?« »Und mein Junge?« »Mein Mann sagt, wenn er nicht vorbestraft ist, wird er mit einem Jahr Zuchthaus davonkommen.« »Und Sie glauben, das überlebe ich?« »Wenn ein guter Mann Ihnen zur Seite steht.« »Mir liegt viel mehr daran, daß meinem Sohn ein tüchtiger Anwalt zur Seite steht.« »Da kann ich Ihnen nur meinen Mann empfehlen.« »Er würde es übernehmen?« »Weshalb nicht?« »Wenn sich die Unschuld meines Sohnes herausstellt ...« »Unmögliches können Sie von meinem Manne nicht verlangen.« »Er ist unschuldig.« »Das kann in diesem Fall nur eine Mutter glauben.« »Weil sie ihren Sohn besser als jeder andere kennt.« »Einen Verteidiger müssen Sie ja auf alle Fälle haben. Mein Mann hat gute Beziehungen zur Staatsanwaltschaft.« »Und – wie hoch – glauben Sie, Frau Justizrat, wären seine Ansprüche.« »Ich habe ihm schon gesagt, er muß es für Sie billiger machen.« »Wie gut Sie sind.« »Immerhin dreitausend Mark werden Sie zahlen müssen.« Frau Elsa fiel der Kamm aus der Hand. »Dreitausend Mark«, wiederholte sie. »Ich verdiene noch keine zwei im Jahr.« »Das ist für eine Friseuse gar kein schlechtes Einkommen.« »Woher soll ich das Geld dann nehmen?« »Soviel ich weiß, sind Sie bei Ihren Kundinnen sehr beliebt. Sagen Sie den Damen, mein Mann hätte sich erboten, die Vertretung zu übernehmen, obschon sie nicht gerade aussichtsreich sei – immerhin sei ein Prozeß, den er führt, schon halb gewonnen –« »Das ist ja ein Widerspruch.« »Es ist die Wahrheit. Und wenn Sie schließlich nur zweitausend Mark zusammenbringen, den Rest würde mein Mann Ihnen stunden.« »Ich muß einen Anwalt haben, der an die Unschuld meines Sohnes glaubt – wie soll er sonst dem Gericht den Glauben beibringen?« »Das überlassen Sie nur ihm. Sie tun damit auch mir einen Gefallen. Ich brauche einen Fehpelz für milde Wintertage. Mein Persianer ist zu schwer. Er könnte ihn mir nicht abschlagen, wenn ich ihm den Prozeß vermittle.« »Deshalb also?« »Eine Hand wäscht die andere.« »Frau Justizrat, ich finde das ekelhaft.« »Was fällt Ihnen ein? Sie vergessen, wen Sie vor sich haben!« »Wenn ich das vergesse, ist es Ihre Schuld.« »Da sieht man mal wieder, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.« »Soll das etwa heißen ...« »Jawohl! das heißt, daß ich mich über die Tat Ihres Sohnes gar nicht wundere – bei der Erziehung, die er bei Ihnen gehabt haben wird.« »Frau Justizrat, Sie sind eine gemeine Person.« »Wa–as bin ich?« – Sie sprang auf, öffnete die Tür und rief: »Hinaus mit ihnen!« – Und als Frau Elsa draußen war, stürzte sie an den Apparat, ließ sich mit Elsas Chef verbinden und sagte: »So eine ordinäre Person schicken Sie in gute Häuser? Über meine Schwelle kommt das Verbrechergesindel nicht mehr.« »Sie können die arme Frau doch nicht für die Tat ihres Sohnes verantwortlich machen.« »Sie verteidigen ihn ja – also billigen Sie seine Tat.« »Das tut Ihr Herr Gemahl in solchen Fällen doch auch – ohne deshalb die Tat seiner Klienten zu billigen.« »Unterlassen Sie so unpassende Vergleiche.« »Verzeihung, Frau Justizrat, mir war nur darum zu tun, Sie zu beruhigen.« »Meinen Sie, ich rege mich über so etwas auf? Ich rief nur an, um Sie zu bitten, mir von morgen ab eine andere Friseuse zu schicken.« Als Frau Elsa zu ihrer nächsten Kundin mehr wankte als ging und überlegte, wie sie die Bitte um eine Beihilfe zu einem Verteidiger am besten vorbringen könnte, war sie so in Gedanken, daß sie beinahe von einem Auto erfaßt worden wäre. Wie gut wäre das gewesen, dachte sie, raffte sich aber gleich wieder auf und sagte sich: nicht schlapp werden, du mußt ja deinem Jungen helfen. Und so stieg sie voller Mut und Zuversicht die Treppe zu ihrer nächsten Kundin. Der Diener öffnete und sagte zu ihr: »Guten Morgen, Frau Krüger. Na, was haben Sie denn angestellt?« »Ich? – Sie meinen meinen Sohn?« »Daran rühr' ich nicht. Das wird Ihnen schon schwer genug ankommen. – Ich meine Sie. Ihr Chef hat angerufen, Sie möchten sofort bei ihm anrufen.« Und als Frau Elsa mit dem Chef verbunden war, sagte der zu ihr: »Sie sind fristlos entlassen. Weshalb, wissen Sie. Eine Aushilfe ist unterwegs und wird in fünf Minuten dort sein.« »Ich ... ich ... protestiere!« rief sie in den Apparat. Aber der Chef hatte längst angehängt. – Der Diener, dem sie sich erschloß, nahm sich ihrer an. »Jetzt brauchen Sie zunächst einen Anwalt«, sagte er. »Einen für Ihren Sohn und einen für sich, um gegen diese fristlose Entlassung anzugehen.« Frau Elsa lächelte und sagte in einem Ton, der ihm großen Schmerz verriet: »Das kostet Vorschuß.« Da geschah etwas, was man sonst nur in Romanen liest. Der alte Diener griff in seine Tasche, holte einen Schlüssel hervor und sagte mit verheißungsvoller Miene: »Kommen Sie, Frau Krüger.« Er führte sie in ein Zimmer, schloß einen Schrank auf und gab ihr ein Kuvert mit dreihundertfünfzig Mark. »Das wollte ich dieser Tage auf die Sparkasse tragen. Aber nun findet es eine bessere Verwendung.« Frau Elsa drückte dem Alten die Hand, lehnte es aber ab, das Geld zu nehmen. »Sie wollen sich auch einmal zur Ruhe setzen«, sagte sie – und er erwiderte: »Wird's ein Jahr später sein.« Und er ließ ihr keine Ruhe. Sie mußte das Geld nehmen. »Gehen Sie zu Dr. Bloch«, riet er ihr. »Für unseren Herrn, der viel Prozesse führt, macht er alles. Sagen Sie nur, ich habe Sie geschickt. Er kennt mich, denn er verkehrt auch hier.« Dieser erste Zuspruch eines Menschen wirkte so stark auf Frau Elsa, daß sie sich vor Freude beinahe ein Auto genommen hätte – nur, um recht schnell zu Dr. Bloch zu kommen. Aber sie besann sich und benutzte die Untergrundbahn. Bei Dr. Bloch war das Wartezimmer überfüllt – und man fragte sie zunächst, ob sie angemeldet sei. Sie hatte die glückliche Eingebung, ja zu sagen und den Namen des Dieners und seiner Herrschaft zu nennen. Sie hatte dabei nicht das Bewußtsein, daß sie log. Sie fühlte, daß jemand hinter ihr stand und sie schützte – und das gab ihr Mut. Der Name der Herrschaft, den sie nannte, hatte guten Klang und bewirkte, daß sie nur dreiviertel Stunden zu warten brauchte. »Sie kommen von Konsul Platz?« fragte Dr. Bloch, ein kleiner unscheinbarer Herr, dem man die Glorie nicht ansah, die seinen Namen umgab. Frau Elsa bejahte und sagte: »Der Diener hat mich hergeschickt.« Dann trug sie ihren Fall vor – und Dr. Bloch meinte: »Ich werde sehen, was ich machen kann.« Als sie das Sprechzimmer verließ, nahm er den Hörer ab – und als sie das Büro wieder betrat, sprach er mit dem Bürovorsteher. Der ließ sie ihren Namen unter zwei Vollmachten setzen und verlangte tausend Mark Vorschuß. »Ich habe nur vierhundertfünfzig«, erwiderte sie. »Dann zahlen Sie den Rest morgen.« »Das kann ich nicht.« »Wie wollen Sie denn nachher das Honorar bezahlen?« »Was für'n Honorar?« »Dreitausend für die Verteidigung Ihres Sohnes und fünfhundert für Ihren Zivilprozeß.« »Ich habe keinen Pfennig Geld – und meine Stellung bin ich auch los.« »Ja, dann rate ich Ihnen, zu einem anderen Anwalt zu gehen.« »Nein! nein! Ich habe das Gefühl, er bekommt ihn frei. Ein anderer nicht.« »Gut, dann versuchen Sie, das Geld aufzutreiben.« »Ich habe keinen Menschen.« »Und die Familie, die Sie hergeschickt hat?« »Ich kam von da – aber hergeschickt hat mich der Diener.« »Das haben Sie ja ganz geschickt angestellt.« »In meiner Not.« »Ich begreife.« – Er nahm den Hörer ab und sprach mit Dr. Bloch. »Die Frau Krüger hat Schwierigkeiten mit dem Honorar.« »Lassen Sie fünfhundert Mark nach.« Der Bürovorsteher sagte es Frau Elsa. »Ich will versuchen«, erwiderte sie – und verließ ohne jede Hoffnung das Büro. Sie irrte stundenlag in den Straßen umher und las gegen Abend auf den Köpfen der Zeitungen Überschriften wie: – »Der Eisenbahnräuber Richard Krüger gilt als überführt.« »Sinnloses Leugnen des D-Zug-Attentäters.« Sie kaufte sich in nervöser Hast ein paar Blätter und setzte sich damit in die nächste Konditorei. Alle schrieben sie dem Sinne nach dasselbe: »Obgleich ein Verbrechen selten so klar liegt wie dies, leugnet der Täter und gibt ganz unglaubwürdige Darstellungen. Der Unerschrockenheit des belgischen Juweliers, eines Millionärs, der in Brüssel höchstes Ansehen genießt, ist es zu danken, daß der Anschlag mißlang und kein Menschenopfer forderte. Da außer ihm nur der Zugführer als Zeuge in Betracht kommt, wird die Voruntersuchung in wenigen Tagen abgeschlossen sein und vermutlich noch im August Termin für die Hauptverhandlung festgesetzt werden.« In der Not ihres Herzens sagte ihr das Gefühl, daß es nur einen Menschen in der Welt gab, dem sie sich nahe fühlte, der sie daher verstehen und, wenn es in seiner Macht lag, ihr auch helfen würde. Sie ging ans Telephon und bat, ohne ihren Namen zu nennen, Hilde Gugenzeil an den Apparat. Hilde lag auf der Chaiselongue und polierte ihre Nägel. Sie schob sich den Hörer zwischen Kopf und Schulter und rief in den Apparat: »Ja, wer ist da?« »Ich muß Sie sprechen, gnädiges Fräulein.« »Wer sind Sie denn?« »Frau Elsa Krüger.« »Armes Geschöpf! Sie wissen gewiß nicht aus und ein.« »Ich kann kaum mehr.« »Ich hör es Ihnen an. Wo sind Sie denn?« »In einer Konditorei – in der Nähe von Ihnen.« »Dann nehmen Sie sich einen Wagen und kommen Sie schnell zu mir.« Wenige Minuten später stand Frau Elsa ihrer Tochter Hilde gegenüber. Die Kräfte versagten ihr. Sie hielt sich an einem Tisch fest und sagte: »So lange habe ich Sie nicht gesehen – und so schön sind Sie geworden.« »Aber Frau Krüger,« erwiderte Hilde und trat auf Elsa zu. »Haben Sie jetzt Augen für so etwas?« »Bei Ihrer Geburt hielt ich sie als erste in den Armen.« »Die Mamsell hat es mir erzählt. – Aber setzen Sie sich doch. Sie sehen müde aus. Was kann ich Ihnen geben? Kaffee, Tee – oder wollen Sie etwas essen?« »Nicht jetzt – vielleicht später.« Sie setzte sich – und Hilde nahm ihr gegenüber Platz. So saßen sie sich wohl dreißig Sekunden lang gegenüber, ohne ein Wort miteinander zu reden. – Frau Elsa vergaß für diese Zeit das Unglück ihres Sohnes und war ganz nur den Gedanken hingegeben, daß sie ihrem Kinde gegenüber saß. Wie gut, dachte sie, daß ihre Kräfte nicht reichten, um aufzuspringen und sie an ihr Herz zu drücken. Hilde dachte: weshalb sieht sie mich so an, wo sie doch ihres Sohnes wegen gekommen ist? Was will sie von mir? Und obschon sie keine Furcht kannte, war ihr doch unbehaglich zumute. Und als Frau Elsa noch immer schwieg, sagte Hilde: »Der arme Richard! Ich habe ihn immer gern gehabt.« »Sie ... Sie müssen ihn weiter gern haben. Versprechen Sie mir das, Fräulein Hilde.« »Er hätte das nicht tun dürfen. Es ging ihm doch gut.« »So gut, daß nur ein Esel glauben kann, er wird auf der Reise zu seiner Mutter einen Juwelier anfallen, um ihn zu berauben.« »Weshalb fuhr er denn nach Berlin?« Frau Elsa erschrak. Diese Frage hatte sie sich seit der Katastrophe auf dem Bahnhof nicht wieder vorgelegt. Ja, weshalb kam er wirklich? Es lag ja gar kein Grund vor. Weder hatte sie Geburtstag, noch war Weihnachten oder Neujahr. Er hatte einen glänzenden Posten in Paris, den er aufgab – weshalb? Hilde wiederholte ihre Frage: »Weshalb ist er denn nach Berlin gekommen?« »Ja, weshalb?« erwiderte Frau Elsa. »Er wird sicherlich seinen Grund gehabt haben.« »Sie kennen den Grund nicht?« »Er wollte mich überraschen.« »Mitten in der Saison? Mir schreibt gerade eine Freundin aus Paris, bei Ciro herrscht Hochbetrieb.« »So ein Junge hat doch auch seine Nerven. Er wollte ausruhen. Ich habe ihm geschrieben, er soll sich Ruhe gönnen. Sie wissen ja gar nicht, wie das Leben in Paris aufreibt.« »Sie vermuten aber nur, daß er deshalb gekommen ist?« »Ich weiß es. Ich als seine Mutter muß es doch wissen.« Hilde war unbefriedigt und sagte: »Also lassen wir das. Überlegen wir lieber, wie wir ihm helfen können.« »Geld! Geld kostet es! Der Anwalt verlangt 3500 Mark.« »Und – dieses Geldes wegen sind Sie zu mir gekommen?« »Ich bin zu Ihnen gekommen, weil Sie der einzige Mensch sind ... ich sagte ja schon, daß ich Sie als erste auf den Armen getragen habe.« »Daß Sie darauf so großen Wert legen. Das war doch ein Zufall.« »Vielleicht auch nicht. Vielleicht sollte es so sein.« »Ich will Ihnen mal etwas sagen, Frau Krüger. Ihr Sohn ist mir als netter Kerl in der Erinnerung und Sie als eine ordentliche Frau. Warum soll ich Ihnen nicht helfen, wenn Sie in Not sind?« »Sie sind ein guter Mensch.« »Dadurch aber, daß Sie mir einreden wollen, ich sei Ihnen zu Dank verpflichtet, verderben Sie sich alles.« »Es ist doch so.« »Es ist nicht so. Und wenn ich Ihnen helfe, tue ich es nicht aus Dankbarkeit, sondern weil Sie mir leid tun.« Frau Elsa ergriff Hildes Hand, küßte sie und fragte: »Nicht wahr, Sie mögen den Jungen leiden?« »Ihren Sohn? Ich kenn' ihn ja kaum.« »Hat er Ihnen nicht früher mit seiner Musik die Zeit vertrieben?« »Ich erinnere mich.« »Glauben Sie, daß ein Mensch, der so Geige spielt, schlecht sein kann?« »Das hat wohl nichts miteinander zu tun.« »Mir liegt daran, daß Sie nicht schlecht von ihm denken.« »Ich sagte ja schon – ich helfe Ihnen.« »Nein! Nein! Das genügt nicht. Sie müssen an seine Unschuld glauben.« »Was habe denn ich damit zu tun?« »Ich habe das Gefühl, wenn Sie von seiner Unschuld überzeugt sind, geschieht ihm nichts.« »Sie reden sich da in einen Gedanken hinein, der doch gar keinen Sinn hat.« »Ich bin verantwortlich für ihn.« »Sie sind seine Mutter.« »Und wenn ich es nicht wäre? – Wenn ich mir nur angemaßt hätte, es zu sein? – Wäre ich ihm dann nicht zehnfach, ja hundertfach verpflichtet?« »Soll das etwa heißen, daß Sie nicht seine Mutter sind?« »Einem Menschen muß ich es sagen. – Ich ertrage es nicht länger. – Nein! Ich bin es nicht.« »Frau Krüger! Sie haben über das Unglück den Verstand verloren! Oder wollen Sie ihn etwa verleugnen, weil er im Unglück sitzt?« »Ich will ihn weder verleugnen, noch bin ich von Sinnen. Über zwanzig Jahre lang, Tag für Tag, habe ich mir gesagt: du begehst ein Unrecht. Es gibt ein Naturgesetz, nach dem das Kind zur Mutter gehört – auch wenn es der Mutter schlecht geht.« »Was reden Sie nur? Ich verstehe kein Wort.« »Ich habe mich nie viel um Gott gekümmert – aber jetzt weiß ich, es gibt eine Gerechtigkeit.« »Was haben Sie denn getan?« »Das ist Gottes Finger! Er läßt es nicht länger zu, daß ich die Lüge aufrechterhalte. – So helfen Sie mir doch! Sie sehen ja, wie ich mich – quäle. Ich habe ein Kind – und ich habe es nicht. Und der Junge glaubt, daß ich seine Mutter bin, er ist mir ans Herz gewachsen wie ein zweites Kind. Ich habe zwei Kinder – und ich habe keins. Wissen ... Sie ... nun, wie's um mich steht.« »Sie sind krank, Frau Krüger. Kein Wunder nach all den Aufregungen. Sie müssen wohin, wo Sie zur Ruhe kommen. Am besten in ein Sanatorium. Ich werde das in die Wege leiten.« Hilde wandte sich zur Tür. »Bleiben Sie!« rief Frau Elsa. »Was bin ich für ein Mensch, daß ich von mir rede, wo sie dem Jungen mit Zuchthaus drohen. Weiß Gott, Sie haben recht, ich weiß nicht mehr, was ich tue und rede. Aber wenn ich jetzt nicht alle meine Kräfte zusammennehme, dann geht er unter! Stehen Sie mir bei! Sie haben es mir ja zugesagt.« »Wenn Sie ruhig und vernünftig sind, wird alles gut werden. Aber Sie dürfen jetzt die Nerven nicht verlieren.« »Ich weiß, ich darf es nicht. – Vergessen Sie alles, was ich gesagt habe.« »Ist Richard Ihr Sohn? – Das müssen Sie mir sagen – auf Ehre und Gewissen.« »Sie werden mir trotzdem helfen – auch wenn Sie die Wahrheit wissen?« »Nur dann.« »Seine Mutter ...« »So reden Sie! – Seine Mutter ist wer?« »Frau Kaete Gugenzeil.« »Sie sind verrückt!« »Ich schwöre es Ihnen.« »Ihr Junge und ich – wir sind ja an ein und demselben Tag geboren.« »Nur so war es möglich – und ich tat es, weil ich wollte, daß mein Kind es gut hat.« »Ihr Kind ... das bin dann ... ich ?« »Nun wissen Sie's.« – Sie sank auf der Chaiselongue zusammen. – »Nach einundzwanzig Jahren. – Ich habe nun kein Geheimnis mehr.« Hilde bewegte sich langsam auf die Chaiselongue zu – setzte sich neben Frau Elsa – nahm ihre Hand und sagte: »Sie ha ... du hast ... es gut gemeint.« Frau Elsa brach in Tränen aus, schlang die Arme um ihr Kind und drückte es an sich. So saßen sie Minuten lang – und keiner sprach ein Wort. Dann machte Hilde sich frei und sagte: »Was soll nun werden?« »Hier muß alles bleiben, wie es ist.« »Die Eltern waren immer gut zu mir.« »Laß es ruhig so, mein Kind – schon des Mannes wegen, den du heiraten wirst – denn Richard kommt nun wohl nicht mehr in Frage. – Du bist verwöhnt – und eine einfache Frau wie ich paßt nicht in deine Kreise.« »Das wird sich alles finden. – Zunächst müssen wir jetzt Richard helfen. Damit machen wir auch an den Eltern vieles wieder gut.« »Sie hatten nichts auszustehen während der einundzwanzig Jahre. Sie hatten sich ein Mädchen gewünscht und alles darauf vorbereitet. Mir hat das nicht den Anstoß gegeben, aber doch den Entschluß erleichtert.« »Ich bin nicht immer nett zu ihnen gewesen.« »Glaubst du, ich habe mit dem Jungen nichts durchgemacht? Von euch Kindern hat sich keins etwas vorzuwerfen. Schuld an allem habe ich.« »Du hast es gut gemeint.« »Mit dir schon – aber an dem Jungen habe ich gesündigt.« »Ich habe ihn oft um das freie Leben, das er führt, beneidet.« »Und heut?« »Das ist ein Unglücksfall, aus dem wir ihn herausretten müssen.« »Ein Unglücksfall – das ist das richtige Wort. Auch wenn er es war, so ist es nur ein Unglücksfall gewesen und wir wollen ihn nicht verlorengeben.« Unten fuhr das Auto der Frau Kaete Gugenzeil vor. »Mama kommt!« rief Hilde – und sprang auf. Zum ersten Male tat es Frau Elsa weh, daß sie Mama sagte. Auch sie erhob sich und sagte: »Du wirst uns helfen?« »Ich gehe sofort zu meinem Anwalt. Der ist froh, wenn er etwas für mich tun kann.« »Liebt er dich?« »Ja und nein. Jedenfalls ohne mein Geld würde er mich nicht lieben.« »Du wirst ihn heiraten?« »Hättest du mich gestern gefragt, so hätte ich dich ausgelacht und nein gesagt.« »Und heute?« »Heute sage ich: vielleicht. – Dann nämlich: wenn er Richard frei bekommt.« »Du bist mein Kind!« rief Frau Elsa und drückte sie an sich. Hilde ließ sich nicht anmerken, wie erschüttert sie war. Sie erwiderte – nicht mit ganz freiem Gefühl – die Zärtlichkeit und sagte: »Geh jetzt bitte, denn es wäre nicht gut, wenn Mama uns jetzt so beieinander sieht.« Sie hat mehr Vernunft als ich, dachte Frau Elsa, drückte ihr noch einmal die Hand und ging. XXII. Rechtsanwalt Dr. Bloch war nicht wenig erstaunt, als der Bürodiener ihm den Besuch Hilde Gugenzeils meldete. Er empfing sie sofort, obschon im Sprechzimmer mehrere Klienten auf ihn warteten. Er begrüßte sie mit den Worten: »Wie kommt der Glanz in meine Hütte?« – Und sie erwiderte: »Wie kommt Herr Dr. Bloch dazu, einen Klienten vor den anderen zu bevorzugen? Wäre ich einer von denen, die da draußen warten, ich ließe es mir nicht gefallen.« »Es geschieht das erstemal in meiner siebenjährigen Praxis. Und es wird stets geschehen, wenn Sie kommen.« »Kein Schmus! Ich komme tatsächlich als Klient.« »Herrlich! Das Vertrauen.« »Nur in Ihre anwaltlichen Fähigkeiten. Außerhalb des Büros sind Sie ein Windhund.« »Ich schwöre Ihnen: nur bis zu der Stunde, wo Sie ...« »Dann haben Sie noch eine lange Sumpfzeit vor sich.« »Für die Sie die Verantwortung tragen.« »Abgelehnt. – Aber vielleicht bieten Sie mir einen Stuhl an.« Als sie saß, zündete sie sich eine Zigarette an und sagte: »Sie müssen mir helfen.« »Haben Sie jemand totgefahren?« »Nicht ganz. – Ich nehme an, Sie haben von dem Fall Richard Krüger gelesen.« »Der Raubüberfall im D-Zug?« »Sie werden nachweisen, daß es keiner war.« »Ich? – Wieso?« »Ich übertrage Ihnen hiermit die Verteidigung dieses Herrn Krüger.« »Was haben Sie denn mit diesem Verbrecher zu tun?« »Richard Krüger ist kein Verbrecher.« »Ach ich verstehe! Also auch Sie! – Von Ihnen hätte ich das nicht gedacht.« »Was soll das heißen?« »Die große Mode! Verkehr mit Verbrechern. Besuch von Kaschemmen und Ganovenbällen.« »Ich bin nicht für Sensationen.« »In welchem Verhältnis stehen Sie denn zu diesem ... Richard Krüger?« »Eifersüchtig?« »Nur um Ihr Seelenheil besorgt.« »Für meine Seele sorge ich schon. Da lasse ich niemanden hineinblicken. Einen Mann, der mich heiraten will, schon gar nicht. – Aber verlieren wir nicht die Zeit. Sparen Sie sich alle unnötigen Fragen und übernehmen Sie seine Verteidigung. Mir liegt sehr viel daran, daß Richard Krüger nicht verurteilt wird.« »Weiß Ihre Mutter, daß Sie bei mir sind?« »Nein! Und sie darf es auch nicht erfahren.« »Eine Jugendliebe?« »Vielleicht. – Aber, was geht das den Anwalt an? Ich schicke Ihnen die Mutter, von der Sie alles Nötige – auch über den Menschen – erfahren.« »Sie wissen nichts von ihm?« »Ich weiß nur, daß er ein anständiger Mensch ist.« »Er hätte demnach in Trance oder in sinnloser Trunkenheit gehandelt?« »Das zu ergründen, ist Ihre Sache. Dafür werden Sie bezahlt.« »Von wem?« »Von mir.« »Sie zahlen für diesen ...« »Ersparen Sie sich alle Verwunderung. Sie erschweren sich damit nur den Fall. Es muß Ihnen genügen, daß Sie auf dem Wege zu mir ein sehr großes Stück weiterkommen, wenn Sie den Mann freibekommen.« »Das ist mir mehr wert als alles andere, – obschon ich ein wenig bekümmert bin.« »Worüber?« »Daß ich die Motive nicht kenne, aus denen Sie sich für den Mann so einsetzen – oder tun Sie es für die Mutter?« »Für beide.« »Was in meinen Kräften liegt ...« »... wird geschehen. Ich weiß. Und was kostet der Spaß?« »Sie gestatten, daß ich das aus Liebe zu Ihnen als ein Vergnügen betrachte, für das ich mich nicht honorieren lasse.« »Das verpflichtet ja.« »Das soll es.« »Wie ungeschickt, das zu sagen. Jedenfalls bestehe ich darauf, daß Sie nicht einen Pfennig weniger fordern als von jedem andern.« – Sie zog ein Scheckbuch aus ihrer Handtasche und sagte: »Bitte, diktieren Sie.« »Sie brauchen doch nicht vorher ...« »Ich möchte Ihren Eifer anstacheln.« »Der ist nach dem, was Sie mir für den Fall des Gelingens in Aussicht stellten, bereits mit 120 Kilometern Geschwindigkeit angekurbelt.« »Damit kein Irrtum unterläuft: ich habe gesagt, Sie sind auf dem Wege zu mir eine große Strecke weiter.« »Das genügt mir.« »Vom Ziel habe ich nichts gesagt.« »Im Finish bin ich Meister.« »Sie sind ein Optimist. Und damit Sie nicht übermütig werden, stelle ich den Scheck nur auf 1500 Mark aus. Ich hatte eigentlich an das Doppelte gedacht.« »Wenn Sie schon dreitausend geschrieben haben ...« »Ich habe noch nicht! Aber ich werde.« – Sie schrieb, stand auf und überreichte ihm den Scheck. Es schien, daß sie jetzt um mehr als eine Nuance kühler war. »Ich hoffe sehr, daß ich das Schicksal meines Freundes in gute Hände gelegt habe.« »Wenn jener Mann Ihr Freund ist – was bin dann ich?« »Ein Kandidat – eventuell ein aussichtsreicher.« XXIII. Richard Krüger hatte vor dem Untersuchungsrichter erklärt: »Ich gebe zu, daß der Schein gegen mich ist. Aber ich behaupte, der belgische Juwelier ist trotz des Leumunds, den er in Brüssel genießt, ein Halunke. Wer mich kennt, weiß, daß ich einer solchen Tat nicht fähig bin. Ich befand mich in geordneten Verhältnissen und wüßte wirklich nicht, was ich mit dem Schmuck hätte anfangen sollen.« Darauf erwiderte der Untersuchungsrichter: »Welchen Zweck konnte der Belgier damit verfolgen, sich seines Schmuckes, den er sicher auf der Brust trug, zu entledigen und einen Überfall vorzutäuschen? Das hätte doch nur einen Sinn gehabt, wenn er den Schmuck nicht mehr besessen und einen Grund für den Verlust hätte vortäuschen wollen. Wenn Sie also nicht der Täter sind, so käme nur der große Unbekannte in Frage. Dem aber steht die klare Aussage des durchaus glaubwürdigen Belgiers entgegen, der Sie als den Täter bezeichnet.« Daraufhin erwiderte Richard Krüger: »Ich möchte zunächst wissen, weshalb an und für sich der Belgier glaubwürdiger ist als ich.« »Weil, was er sagt, Hand und Fuß hat – während die Erklärung, die Sie geben, sinnlos ist.« »Ich weiß keine Erklärung – denn ich habe geschlafen –, sondern ich suche eine. Und es ist genau so logisch und so glaubwürdig, wenn ich sage: hätte ich einen Überfall auf den Belgier geplant, so hätte ich mir für den Fall des Mißlingens bestimmt eine glaubwürdige Erklärung zurechtgelegt. Vor allem hätte ich den Belgier nicht mit einem Revolver bedroht, wobei ich selbstverständlich riskieren mußte, daß er Lärm schlagt und sich zur Wehr setzt – sondern ich hätte ihn durch einen Schlag oder ein Narkotikum betäubt und in aller Ruhe ausgeraubt.« »Das werden Sie sich hinterher gesagt haben, als Ihr Anschlag mißglückt war. Es gibt eben auch ungeschickte Verbrecher – Anfänger – Dilettanten – zu denen gehören Sie. – Talentlosigkeit ist aber kein Strafausschließungsgrund.« Daraufhin erklärte Richard Krüger: »Ich kenne die Kriminalgeschichte nicht. Aber ich bin sicher, daß es oft Fälle gegeben hat, die so einfach aussahen wie meiner und in denen der mutmaßliche Täter für überführt galt. Später wird sich dann mehr als einmal herausgestellt haben, daß der Schein getrogen hat und daß trotz aller belastenden Momente und aller Logik der Angeklagte oder Verurteilte unschuldig war.« »Das trifft zu. Aber unter hunderttausend Fällen, die zur Aburteilung gelangen, gibt es keine tausend, die so klar liegen wie dieser. Hier ist nach menschlichem Ermessen ein Justizirrtum ausgeschlossen.« »Auch wenn es sich, wie bei mir, um einen bisher nicht vorbestraften Menschen handelt?« »Auch dann. Und es ist zu beachten, daß von hundert Verbrechen kaum zehn Prozent zur Kenntnis, Anzeige und Verfolgung gelangen. Damit also, daß jemand nicht vorbestraft ist, ist noch lange nicht gesagt, daß er noch keine strafbare Handlung begangen hat. Es gibt Verbrecher, die ein Jahrzehnt lang gegen die Gesetze verstoßen, ohne gefaßt zu werden – wie es wiederum andere gibt, die bei jedem Verstoß erwischt und abgeurteilt werden. Wir nennen sie die Pechvögel.« »Was raten Sie mir also, das ich tun soll?« »Gestehen. Ein Fall, der so eindeutig ist wie Ihrer, gehört zu den Seltenheiten. Es gibt kein Gericht der Welt, daß Sie auf Grund des vorliegenden Tatbestandes nicht verurteilen wird.« Für einen Untersuchungsrichter war dieser Ton der Vernehmung ziemlich ungewöhnlich. Richard Krüger spürte denn auch irgendwie ein Wohlwollen heraus, daß ihn zu der Frage veranlaßte: »Sie geben aber zu, daß es eine vollkommene Gewißheit nicht gibt?« »Für mich bedeutet nicht einmal ein Geständnis absolute Gewißheit. Denn es ist mehr als einmal vorgekommen, daß ein anderer aus Liebe oder für Geld die Tat eines andern auf sich genommen hat.« »Und trotzdem würden Sie verurteilen?« »Wenn, wie bei Ihnen, 99 Prozent für Ihre Schuld und nur 1 Prozent, und zwar Ihr fehlendes Geständnis, für Ihre Unschuld sprechen, so halte ich mich dazu für berechtigt und verpflichtet. Es würde sich ja sonst jede Prozeßführung erübrigen, da sie regelmäßig mit einem Freispruch enden müßte.« »Es kann also ein Fall eintreten wie dieser, wo ein Unschuldiger gesteht – nur, um nicht durch zweckloses Leugnen die Richter zu verdrießen und dadurch ein höheres Strafmaß zu erreichen.« »Der Fall ist an sich wohl denkbar – aber ich habe ihn in meiner Praxis noch nicht erlebt.« »Ob Sie ihn nicht doch schon hundertmal erlebt haben, wissen Sie ja nicht.« Der Untersuchungsrichter, der jetzt wohl merkte, daß ein Fortführen dieser Gedankengänge der Untersuchung nicht dienlich war, brach das Gespräch ab und sagte: »Das einzige Argument, das gegen Ihre Schuld spricht, ist Ihre Intelligenz. Einem Menschen, der so logisch denkt wie Sie, sollte man einen derartig plump angelegten Überfall eigentlich nicht zutrauen.« »Also habe ich Sie endlich da, wo ich Sie haben wollte. Genau das habe ich Ihnen bei Beginn unseres Gespräches gesagt – und ich wiederhole: würde ich wirklich einmal ein Verbrechen begehen, ich würde es so begehen, daß auf mich kein Schatten eines Verdachtes fiele.« »Sie trauen sich viel zu. Und wer sich soviel zutraut, der ist wohl auch einer solchen Tat fähig.« »Dazu habe ich also meine Zeit verschwendet! Ich bin nicht kompliziert. Und das viele Denken liegt mir gar nicht. Aber wenn man in eine Situation gerät wie ich, dann spannt man seinen Geist einmal kräftiger an als sonst. Ich hoffte, Sie dadurch von meiner Unschuld zu überzeugen. Ich sehe, das Gegenteil ist der Fall. Von nun ab sage ich nichts mehr – weder zu Ihnen, noch in der Hauptverhandlung.« »Dann müssen Sie damit rechnen, daß man Ihr Schweigen als Geständnis auslegt.« »Ja, was soll ich denn machen? Beteure ich meine Unschuld, so führt das bei der Klarheit des Falles zur Verschärfung meiner Strafe. Schweige ich, so leitet man daraus mein Geständnis ab – und gestehe ich, so ist man gezwungen, mich nach dem Paragraphen des Gesetzes zu verurteilen. Es gibt für mich also gar keine Möglichkeit, freizukommen.« »Das sind Dinge, die Sie mit Ihrem Anwalt besprechen müssen.« »Wozu ein Anwalt, wenn es doch keinen Sinn hat?« »Er hat sich, schon bevor wir unsere Unterhaltung begannen, bei mir gemeldet.« »Ich habe keinen Anwalt bestellt und werde mir auch keinen bestellen.« »Ihre Mutter hat ihn für Sie genommen.« »Meine Mutter ist eine arme Frau – und ich werde nicht dulden, daß sie auch nur eine Mark für einen Anwalt ausgibt, der von vornherein auf verlorenem Posten steht.« »Dann stellt man Ihnen einen Offizialverteidiger. Sie können sich denken, daß der sich nicht die Beine für Sie ausreißt.« »Sehr gescheit von ihm in einem Fall wie diesem.« »Sie wollen Ihren Anwalt also nicht sehen?« »Doch! Ich will ihm Grüße an meine Mutter auftragen.« »Sie können hier mit ihm sprechen.« »In Ihrer Gegenwart?« »Aber nein! Ich habe eine Sitzung.« – Er stand auf und gab dem Gerichtsdiener ein Zeichen. – Gleich darauf trat Rechtsanwalt Dr. Bloch ins Zimmer. Er ging auf Richard Krüger zu, stellte sich vor und gab ihm die Hand. Dann setzte er sich zu ihm – und begann: »Ich bin über den Fall orientiert. Auch über Ihre Person.« »Durch wen?« »Durch Ihre Mutter.« »Dann wissen Sie also, daß ich unschuldig bin.« »Ihre Mutter glaubt es – und ich will es auch glauben.« »Sie wollen? – Das heißt, Sie tun es nicht.« »Lieber Freund, der Fall liegt doch so: nur wenn ich weiß, wie Sie die Tat begangen haben, kann ich beweisen, wieso Sie sie nicht begangen haben können.« »Das ist mir zu hoch.« »Lieber Freund! Meine Kunst in einem Fall wie diesem liegt doch darin, daß ich immer dann, wenn die Verhandlung in die Bahn Ihres Verbrechens – so, wie Sie es begangen haben – läuft, der Verhandlung eine andere Richtung zu geben suche. Dazu muß ich es also kennen – und zwar genau.« »Sie glauben also, obgleich Sie mit meiner Mutter gesprochen haben, daß ich der Täter bin?« »Lieber Freund, darauf kommt es ja gar nicht an.« »Worauf kommt es nicht an?« »Ob Sie der Täter sind oder nicht.« »Wie?« »Vielmehr kommt es lediglich darauf an, ob es dem Staatsanwalt gelingt, nachzuweisen, daß Sie schuldig sind – oder, ob es mir gelingt, nachzuweisen, daß Sie unschuldig sind.« »Ich verstehe.« »Wenn Sie das verstehen, so sind wir schon einer Verständigung nahe. Ihr Fall ist so gelagert, daß bei dem Spiel um Sie der Staatsanwalt weit mehr Trümpfe in der Hand hat als ich. Wir können also nur gewinnen, wenn wir corriger la fortune.« »Falsch spielen?« »Lieber Freund! Was für ein häßliches Wort. Sie haben Ihren Karren auf den Mist gefahren. Ich ziehe ihn raus – und wenn ihm auch viel Schmutz anhaftet, so werde ich doch nachweisen, daß er einen ganz anderen Weg gefahren ist.« »Auf geradem Wege bekommen Sie mich nicht frei?« »Nein.« »Dann muß ich Ihnen sagen: ich verzichte auf Ihre Verteidigung.« Rechtsanwalt Dr. Bloch zog den Kopf zurück, als wollte er einer Ohrfeige ausweichen. Dann sah er sich den Mann, dem er gegenübersaß, genau an und sagte: »Außer Ihrer Mutter hat noch jemand anders ein Interesse daran, daß Sie freikommen.« »Wer kann das sein?« »Hilde Gugenzeil.« Richard Krüger richtete sich auf, sah dem Anwalt fest in die Augen und sagte: »Das wundert mich – aber es freut mich sehr.« »Sie kennen sie gut?« »Als Kinder waren wir viel zusammen – und ich habe sie immer gern gehabt.« »Sie haben sie später nicht mehr gesehen?« »Gedacht habe ich viel an sie.« »Sie hat Ihnen doch geschrieben?« »Nie.« »Aber durch Dritte hat sie sich Ihnen in Erinnerung gebracht.« »Mama hat mir viel von ihr berichtet.« »Es war also eine ernste Neigung?« »Darüber habe ich nie nachgedacht. Erst jetzt, wo Sie mit mir davon sprechen, kommt mir zum ersten Male der Gedanke – oder das Gefühl – wie soll ich sagen? – daß ich sie doch recht gern hatte.« »Habe oder hatte?« »Ich mag sie noch.« »Lieber Freund, das hat ein Ende. Ich bin mit Fräulein Gugenzeil so gut wie verlobt.« »Dann haben Sie mich also nur ausgehorcht? Herr! Das ist infam.« »Eine etwas dreiste Sprache für einen Mann in Ihrer Lage.« »Die Sie auszunutzen suchen?« »Inwiefern?« »Indem Sie die Frau ... nein! Nein! – Das ist ja Unsinn – was geht die Frau mich an?« »Sie verschweigen etwas.« »Und wenn sie tausendmal Ihre Braut ist, so ändert das nichts an meinem Gefühl. Ich dachte, ich hätte sie längst vergessen. Aber es genügte, daß Sie sich als ihr Bräutigam bei mir einführten ...« »Ich sagte, ich sei so gut wie verlobt – mehr nicht.« »Mehr nicht? Nun, es bewirkt bei mir, daß ich den Wunsch verspüre, diese dumme Geschichte so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und frei zu sein.« »Sie glauben doch nicht, daß Sie bei Fräulein Gugenzeil eine Chance haben?« »Wenn ich frei bin, weshalb nicht? Genau wie jeder andere?« »Auch wenn mir das fast Unmögliche gelingt – Sie freizubringen – der Verdacht wird doch immer auf Ihnen haften bleiben.« »Ein feiner Anwalt, der seinem Klienten solche Aussichten macht.« »Jedenfalls werden Sie jetzt den Weg gehen, den ich Ihnen vorgeschlagen habe.« »Damit Sie ihr sagen können, ich sei es gewesen – aber Sie hätten mich durch einen großen Schwindel freigebracht.« »Was reden Sie immer von ihr? Mit welchem Recht maßen Sie sich an ...?« »Mit keinem anderen Recht als der Erinnerung an eine Jugend, aus der genug zurückgeblieben ist, um sich auf ein Wiedersehen zu freuen.« »Kehren wir auf den Boden der Tatsachen zurück.« »I Gott bewahre! Ich denke nicht dran. Ich will mich frei machen – aber auf geradem Wege.« »Da werden Sie nicht weit kommen.« »Warten Sie ab! Ich war bisher teilnahmslos und angewidert. Jetzt aber habe ich Lust, um meine Freiheit zu kämpfen.« »Wie denken Sie sich das?« »Das weiß ich nicht. Das wird der Augenblick mir eingeben. Jedenfalls fühle ich den Willen und die Kraft dazu.« »Und der Belgier, Ihr Gegenspieler?« »Ist ein Schuft, dem ich mitten im Gerichtssaal den Hals umdrehen werde.« »Sie werden sich mit Ihrem Temperament aufs Schafott bringen.« »Das ist nur die erste große Freude.« »Worüber freuen Sie sich?« »Über die Erinnerung –, daß ich endlich wieder etwas habe, woran ich mich aufrichten kann. Und wenn es nur der Gedanke ist, es könnte so sein, wie ich es mir wünsche. Die Vorstellung genügt, um mich stark zu machen.« »Sie sind ein Phantast. – Ein Kind sind Sie!« »Glauben Sie, daß ein Kind, ein Phantast, dem die bloße Erinnerung an ein Mädchen aus seiner Kindheit genügt, um sein schon erledigtes Leben mit allen Kräften neu anzupacken – glauben Sie, daß so ein Kind einen Raubüberfall im D-Zug verübt, um sich fremden Schmuck anzueignen?« »Offen gesagt, nein! Ich halte Sie nicht dazu für fähig.« »Obgleich ich Ihnen doch reichlich unsympathisch bin.« »Sie haben etwas Infantiles.« »Was ist das?« »Sie sind in der Entwicklung zurückgeblieben.« »Ich verstehe! Sie wollen mich für geisteskrank erklären.« »Ich bewundere Ihren Scharfsinn.« »Sagen Sie das nicht so laut.« »Sie wissen, worauf es ankommt, damit man eine, die freie Willensbestimmung ausschließende, krankhafte Störung der Geistestätigkeit bei Ihnen annimmt und Sie nach § 51 freispricht.« »Und Sie glauben, in einer Irrenanstalt würde ich mich wohler fühlen als im Zuchthaus?« »In längstens einem Jahr sind Sie aus der Anstalt raus, während Sie bei strengen Richtern mit fünf Jahren Zuchthaus rechnen müssen. Sie sind nicht vorbestraft und vor allem: man wird Sie auch für das, was Sie später pekzieren, nicht zur Verantwortung ziehen.« »Gut, daß ich das weiß, denn wenn Sie mit dieser Teufelsidee durchdringen, werde ich Sie nach meiner Entlassung totprügeln.« »Sie sind also doch ein gewalttätiger Mensch – ein interessanter Fall.« »Ich wünsche kein interessanter Fall zu sein, sondern verlange, daß man mir glaubt.« »Fangen Sie nur nicht wieder damit an. Damit haben Sie schon den Untersuchungsrichter gereizt. Ein Angeklagter hat das Recht, zu lügen. Wirft es da nicht auf seine geistige Verfassung ein sonderbares Licht, wenn er von diesem seinem einzigen Recht keinen weitgehenden Gebrauch macht?« »Zum Teufel! Ich will nicht lügen! Ich glaube, daß die Wahrheit sich durchsetzt.« »Ausgezeichnet! Sagen Sie das dem Arzt, der Sie heute noch untersuchen wird. Es wird ihm die Diagnose wesentlich erleichtern.« Rechtsanwalt Dr. Bloch legte ihm ein Vollmachtsformular zur Unterschrift vor. Richard schüttelte den Kopf und sagte: »Nein! – Sagen Sie meiner Mutter, daß ich ein gutes Gewissen habe, mich ganz sicher fühle und daher keine Hilfe brauche.« »Fräulein Hilde Gugenzeil wünscht, daß ich Sie verteidige.« »Dann soll sie es mir selber sagen.« »Sie kann Sie doch unmöglich hier aufsuchen.« »Weshalb denn nicht?« »Wollen Sie, daß sie ins Gerede kommt?« »Nein, dann nicht. Obschon es mir viel geholfen hätte.« Rechtsanwalt Dr. Bloch legte ihm die Feder in die Hand und forderte ihn nochmals auf, die Vollmacht auszufertigen. »Nur, weil Hilde es will – aber Sie müssen mir versprechen, nichts zu tun, ohne mich gefragt zu haben.« »Das verspreche ich Ihnen – im übrigen können Sie die Vollmacht jederzeit widerrufen.« »Und Sie werden ihr sagen, daß ich nur ihr zuliebe ...« »Alles, was Sie wollen.« Richard unterschrieb – und der Anwalt entfernte sich. Gleich darauf betrat ein Beamter das Zimmer, der Richard in seine Zelle zurückführte. »Ich hätte es doch nicht tun sollen«, sagte Richard vor sich hin. »Bei dem sind Sie gut aufgehoben«, meinte der Beamte. »Der kümmert sich auch noch um Ihnen, wenn Sie ins Zuchthaus sind.« Richard lächelte und sagte: »Nun nicht mehr.« »Wieso? Was heißt das?« »Aus der Jugendzeit – Sie kennen doch das Lied? Es ist blöd und trivial. Aber es gibt Augenblicke, da wird man selbst wieder ein Kind« – und er summte die Melodie vor sich hin. »Ach so! Dahin jeht die Fahrt.« »Wohin meinen Sie?« »Fangen Sie auch mit dem Unsinn an? Ich bin so gesund, daß Staatsanwalt und Richter sich wundern werden.« »Richtig! Feste bestreiten und behaupten, daß man jesund ist. Damit überzeugt man die Ärzte am ehesten, daß man 'n 51er ist. Wenn man aber krank ist, haben se Verdacht und denken, man simuliert.« »Ist denn hier alles umgekehrt wie draußen?« fragte Richard und erhielt zur Antwort: »Natürlich – das jehört sich doch so.« XXIV. Hilde Gugenzeil war, ohne daß Frau Elsa davon wußte, zu deren Chef gefahren und hatte ihm gesagt: »Sie hätten die arme Frau auf einen Tag beurlauben sollen, statt sie auf die Straße zu setzen. Ein Mann wie Sie ist doch Menschenkenner genug, um zu wissen, daß eine Frau in diesem Zustand Konflikte heraufbeschwört.« »Wenn ich Zeit gehabt hätte, nachzudenken«, erwiderte er. »Aber es war so viel zu tun – und schließlich, ich hänge von der Stimmung meiner Kunden ab.« Hilde setzte ihm mit großer Geschicklichkeit auseinander, daß die Schuld auf Seiten der Frau Justizrat gelegen habe, daß deren Verhalten zum Himmel schreie und daß es dem Friseur nur neue Kunden zuführen führe, wenn man – wofür sie sorgen würde – erführe, daß er in seinem Gerechtigkeitsgefühl die Friseuse gegen den Willen der Kundin gehalten habe. »Sie sind die unfeine Person als Kundin los, ich fülle die Lücke aus und nehme ein Jahresabonnement bei Ihnen.« Dieser Beweisführung konnte sich der Friseur nicht verschließen. Frau Elsa nahm ihre Arbeit wieder auf – und als sie zum ersten Male bei Gugenzeils erschien, schlug die Mamsell vor Freude die Hände über dem Kopf zusammen, rief Hilde und lief mit ihr zu der gnädigen Frau. – Die schien durchaus nicht erbaut – und obschon sie nichts Positives gegen Frau Elsa vorbringen konnte, sagte sie doch: »Eine Ondulation ist Vertrauenssache. Ich lasse mich nicht gern von einer Frau frisieren.« »Wenn ich darum bitte«, erwiderte Hilde. »Die Frau hat so viel Unglück, daß man die Pflicht hat, ihr zu helfen.« »Ich habe an dir auch keine reine Freude – und wenn ich auch froh bin, daß dieser Jazzsänger nicht mein Sohn ist ...« »Warst du nicht ganz froh, wenn du mich gegen ihn eintauschen könntest?« »Du versündigst dich, Hilde, wenn du dich mit ihm vergleichst. Du bist überspannt und exaltiert – er aber ist ein Verbrecher.« »Das weiß man doch noch gar nicht.« »Die Zeitungen schreiben es. Und damit ist es abgetan.« »Auch wenn es ihm gelingt, seine Unschuld nachzuweisen.« »Hunderttausende lesen und behalten es – der erste Eindruck bleibt haften – und wenn er auch freikommt, das vergißt man – aber sooft von ihm die Rede ist, wird es heißen: das ist doch der, der in den Raubüberfall verwickelt war.« »Das ist gemein, wenn man so urteilt.« »Das sehe ich nicht ein. Einem Jazzsänger verhilft es vielleicht zur Berühmtheit. Es ist für eine gewisse Klasse von Menschen immer gut, eine Affäre zu haben.« »Es wird ihn doch niemand engagieren.« »Wenn er freikommt, werden sie sich um ihn reißen.« Die Mamsell, die schweigend die Unterhaltung mit anhörte, warf ein: »Auf keinen Fall darf man es doch der Mutter vergelten.« »Aus Wohltätigkeit lasse ich mich nicht ondulieren – lieber schenke ich der Frau zwanzig Mark.« »Zwanzig Mark wird sie von dir nicht nehmen.« »Sie wird! Mamsell, rufen Sie sie rein« – und als die Mamsell draußen war, sagte sie zu Hilde: »Na, Kind, habe ich nicht recht gehabt, wenn ich dir den Verkehr mit dem Jazzsänger damals verboten habe? Solche Leute gehören nicht ins Haus.« »Du urteilst nach dem Schein.« Frau Elsa trat ein und blieb an der Tür stehen. Frau Kaete legte einen Zehnmarkschein auf den Tisch, wies darauf hin und sagte: »Bitte! Damit Sie sehen, ich bin nicht so. Aber mit dem Fall als solchem wollen wir nichts zu tun haben.« »Es war auch nicht meine Absicht, Sie mit meinem Kummer zu beschweren, gnädige Frau.« »So nehmen Sie doch.« »Danke, nein. Ich will ja kein Geld.« »Sind Sie so stolz?« »Ich möchte arbeiten.« »Meine Tochter und ich haben einen Friseur, mit dem wir zufrieden sind.« »Ich habe mir ein Abonnement genommen und lasse mich von heute ab von Frau Krüger frisieren«, erklärte Hilde. »Damit ist Ihrem Sohn auch nicht geholfen«, erwiderte Frau Kaete, nahm die zehn Mark vom Tisch und reichte Frau Elsa einen Fünfzigmarkschein. »Wenn Sie meinem Sohn helfen wollen, dann helfen Sie uns, daß wir den Prozeß gewinnen.« »Von solchen Dingen verstehe ich nichts – und will ich auch nichts verstehen.« »Wenn Sie verhindern können, daß ein Unschuldiger verurteilt wird.« »Wie soll ich das verhindern – und wie kommen Sie überhaupt darauf?« »Wenn er außer diesem Dr. Bloch noch einen anderen Anwalt hätte.« »Was? Sie haben Dr. Bloch? Wie sind Sie denn zu dem gekommen?« »Durch mich«, erklärte Hilde. »Du hast dich mit der Sache befaßt? Was geht das dich an? Du bringst dich ins Gerede und schadest deinem Ruf.« »Wenn man einem Unschuldigen hilft, schadet man sich nicht.« »Wer sagt dir, daß er unschuldig ist?« »Mein Gefühl.« »Gefühle für so einen Menschen – fühlst du denn nicht, daß das unmöglich ist?« »Er ist ein Mensch wie jeder andere!« »Er ist in einen Prozeß verwickelt, gewiß, das sind andere auch. Aber er ist ein Musikant, der in den Hotels spielt – für Geld – und, ich will Sie nicht kränken, Frau Krüger, aber Sie sollten nicht dulden, daß meine Tochter sich für Ihren Sohn kompromittiert.« »Man legt Ehre ein, Mama, aber man kompromittiert sich nicht, wenn man für eine gerechte Sache eintritt.« »In einem Roman vielleicht, aber nicht im Leben.« »Schließlich ist Richard Krüger ja nicht der erste beste.« »Wenn seine Mutter nicht daneben stünde, würde ich fragen: wer ist er schon?« »Er ist am gleichen Tage geboren wie ich.« »Das sind Tausende außer dir.« »Er hat in unserem Hause verkehrt.« »Du solltest mich lieber nicht daran erinnern.« »Damals waren wir Kinder froh, wenn er bei uns war.« »Ihr Kinder! Aber ich habe schon damals zu Papa gesagt: Art zu Art. Es ist für beide Teile nicht gut. Und wer weiß, ob er nicht durch euch, die ihr alles hattet, während er kaum Butter aufs Brot bekam, versucht und verdorben worden ist. So ein Kind merkt das und vergleicht und will es dann ebenso haben.« »Dann hätten wir ihn ja auf dem Gewissen.« »Es wäre eben Pflicht der Mutter gewesen, ihm das beizeiten klarzumachen.« »Das habe ich getan– tausendmal« – erwiderte Frau Elsa. »Überhaupt – was wollen Sie denn? Er hat es ja zu etwas gebracht! Wenn das Unglück nicht gekommen wäre ...« »Frau Krüger, Sie tun mir leid. Aber ich will mit der Sache nichts zu tun haben. Wenn ich mir denke, daß man meinen Namen oder – was noch schlimmer wäre – den meiner Tochter in noch so losen Zusammenhang mit dem Eisenbahnattentat bringt, das gäbe einen gesellschaftlichen Skandal, dem meine Nerven nicht gewachsen sind!« – Frau Kaete ereiferte sich immer mehr: »Wie kommen wir denn dazu? Weil Sie mich vor einem halben Menschenalter frisiert haben? Oder weil wir vorurteilsvoll genug waren, Ihren Jungen als Kind in unserem Haus zu dulden? Das verpflichtet Sie, aber nicht uns.« »Wenn meinem Jungen jetzt nicht geholfen wird – und zwar von einer Seite, die vor Gericht Eindruck macht – also von Ihnen und Ihrem Gatten – dann ist er verloren.« »Was? Wir sollen am Ende hier als Zeugen auftreten?« »Bekunden, daß er ein anständiger Mensch ist und daß Sie ihm die Tat nicht zutrauen.« »Das würde ja aussehen, als wenn wir intim mit ihm verkehrten.« »Sie könnten ja sagen, Sie haben sein Talent erkannt und ihn gefördert.« »Es kann jemand ein großer Künstler und darum doch ein schlechter Mensch sein.« »Das wird man nicht annehmen, wenn Sie ihn decken.« »Was fällt Ihnen ein? Wie käme ich dazu, einen Eisenbahnräuber ...« »Er ist es nicht!« »Bestimmt nicht, Mama.« »Der Verdacht lastet auf ihm – und wenn er mein eigener Sohn wäre ...« Hilde fiel ihrer Mutter ins Wort und fragte: »Was wäre dann?« »Nichts wäre. Denn der Gedanke, daß mein Sohn – das ist ja lächerlich.« »Nimm doch einmal an, Mama!« »Ich wäre ja wahnsinnig, wenn ich das bei meinem Sohn für möglich hielte. Meine Familie ist hundertfünfzig Jahre alt und war Gott sei Dank immer so gestellt, daß sie sich ihren Schmuck beim Juwelier kaufen konnte und nicht nötig hatte, ihn sich durch Raubüberfall zu verschaffen.« »Wenn Richard Krüger also dein Sohn wäre ...« »Hilde, ich halte dich wirklich nicht für normal.« »... würdest du dann an seine Unschuld glauben?« »Selbstverständlich.« »Und alles tun, um ihn freizubekommen?« »Und wenn ich mir das Hemd vom Leibe reißen müßte. Lieber betteln gehen als die Schande.« »Also, Mama, Richard ist dein Sohn.« »Großer Gott! Frau Krüger! Was sagen Sie zu meiner Tochter?« »Sie spricht die Wahrheit.« »Ihr habt euch gegen mich verschworen.« Und nun erzählte Frau Elsa den Hergang am Tage der Geburt. »Das Kind war schwach – und ich elend und in Angst, weil es uns am Nötigsten fehlte. Wo sollte ich das Kind lassen, wenn ich frisieren ging? Da kam die Mamsell ...« »Ich schmeiß sie raus.« »Sie hat Ihnen damals das Leben gerettet.« »Hätte sie es lieber nicht getan.« »Ich sah Ihr Kind und verglich es mit meinem. Ihr Junge war stark und wog neun Pfund und konnte zur Not schon etwas vertragen. Ich verglich sie, aber ich dachte noch immer nicht daran. Erst als ich ins Kinderzimmer kam und sah, daß Sie sich ein Mädchen wünschten, kam mir der Gedanke. – Wie es dann geschah? Du lieber Gott, ich wünschte es mir – aber, ob es mir ernst war? – jedenfalls, ich nahm den Jungen von Ihrem Bett auf, ging mit ihm an den Waschkorb, in dem mein Mädel lag – und vertauschte die Kinder. Ich war in dem Augenblick ja nicht bei Verstand. Aber es war nun mal geschehen.« »Und Sie sind nie auf den Gedanken gekommen, das Unrecht wieder gutzumachen?« »Tausendmal! Aber was sollte ich anfangen? Wäre ich zu Ihnen gekommen und hätte es Ihnen erzählt – Sie hätten es mir ja doch nicht geglaubt.« »Weiß Gott! Da haben Sie recht.« »Jetzt ging es eben nicht weiter.« »Warum ging's nicht? Sehr bequem haben Sie sich das gemacht. Solange es ihm gut ging, haben Sie geschwiegen. Im selben Augenblick, wo er Unheil anstiftet, versuchen Sie, sich von ihm freizumachen.« »Nein! Das will ich nicht. Es kann alles so bleiben, wie es ist. Nur helfen sollen Sie.« »Das Ganze ist so ungeheuerlich, daß ich noch gar nicht zum Bewußtsein komme. Du bist nicht mein Kind, Hilde, wo ich doch hundert Ähnlichkeiten mit mir und meinem Vater an dir entdeckt habe.« »Die Menschen sehen sich eben alle ähnlich«, erwiderte Frau Elsa – was banal klang, in dieser Verbindung aber nicht sinnlos war. »Der Junge hatte ja Anlagen, aus ihm hätte man etwas machen können.« »Das können Sie noch, wenn Sie jetzt dafür sorgen, daß er nicht bestraft wird.« »Sie glauben doch nicht, daß ich ... das heißt, mein Mann hat Grundsätze, wenn der erfährt, der Junge ist sein, die Hilde gehört uns gar nicht – der bekommt es fertig und tauscht die Kinder aus.« »Das wäre ja auch wohl richtig«, sagte Hilde – aber Frau Kaete fuhr ihr über den Mund und sagte: »Wahnsinn wäre es! Aber jetzt verstehe ich auch, weshalb es mir nicht gelingen wollte, aus dir eine Dame zu machen. Du hattest immer den Drang nach unten.« »Das reden Sie sich jetzt ein, Frau Gugenzeil«, erwiderte Hilde. »Bist du wahnsinnig, wenn das jemand hört.« »Sie werden es doch erfahren.« »Nichts werden sie erfahren. Das hieße ja das Unglück verewigen.« »Wie meinst du, Mama?« »Ich möchte wissen, wie du dann noch einen Mann finden willst.« »Vielleicht einen Friseur, Mama.« »Sie sehen, Frau Krüger, was für ein Kind Sie da in die Welt gesetzt haben.« »Und du, Mama?« »Hätte der Junge deine Erziehung genossen, er wäre heute ein Toscanini.« »Wieso gerade das, Mama?« »Du hast sonst nie so oft Mama zu mir gesagt wie jetzt, wo du weißt, daß ich es nicht bin.« »Ich will's dich nicht fühlen lassen.« »Fängst du plötzlich an, rücksichtsvoll zu werden?« »Ja, Mama. Wenn ich von Anfang an gewußt hätte, daß wir uns fremd gegenüberstehen, hätte ich mich mehr zusammengenommen.« »Dir ist auch nichts heilig.« »Irrtum, Mama – nur, ich trage meine Gefühle nicht auf der Zunge.« »Was soll nun werden?« fragte Frau Elsa – und Frau Kaete erwiderte: »Wir werden Ihnen natürlich die Kosten ersetzen, die Erziehung und Studium des Jungen verursacht haben.« »Das könnte ich nur annehmen, wenn das Geld für den Prozeß verwandt wird.« »Sie können es verwenden, wie Sie wollen.« – Sie nahm den Fünfzigmarkschein und ersetzte ihn durch einen Scheck über zehntausend Mark. »Und daß es Ihr Sohn ist, bewegt Sie gar nicht?« »Es würde mich bewegen, wenn ich darüber nachdächte. Aber ich will nicht, daß es mich bewegt. Ich müßte es meinem Mann sagen, es kämen peinliche Auseinandersetzungen, Konflikte, ja, selbst ein Skandal wäre nicht ausgeschlossen. – Und was ist im besten Falle dabei zu gewinnen? Daß ich eine hübsche, wenn auch naseweise Tochter ...« »Aber Frau Gugenzeil«, unterbrach Hilde. »... gegen einen Sohn austauschte, der wegen Raubüberfalls vor Gericht kommt.« »Und wenn das nicht passiert wäre – und Sie hätten es erfahren?« »Dann wäre es möglich gewesen, daß ich darüber nachgedacht hätte. Gott sei Dank, daß das nun fortfällt.« »Und ich, Mama?« fragte Hilde. »«Wenn du mit Mama mich meinst, was ich hoffe«, erwiderte Frau Kaete – »so bleibt alles, wie es war – und wir drei versprechen uns, daß wir schweigen.« Sie tauschte erst mit Frau Elsa einen Händedruck und dann mit Hilde. Zu Frau Elsa sagte sie: »Das hätte ich nicht geglaubt, daß wir uns noch mal als Mütter unserer Kinder gegenüberstehen würden.« Frau Elsa erwiderte: »Sie verzeihen mir also, gnädige Frau?« »Ich bin entschlossen, zu vergessen, was Sie mir gesagt haben. Also kann ich Ihnen auch nicht böse sein.« »Und du erlaubst, Mama, daß ich mit Frau Krüger deinen Sohn besuche?« fragte Hilde. »Du meinst Frau Krügers Sohn.« »Meinen Bruder also.« »Dir macht das womöglich noch Spaß?« »Nein, Mama! Aber ich komme so am ehesten darüber hinweg. Wenn ich aber erst anfange, nachzudenken, werde ich bestimmt kreuzunglücklich.« »Armes Kind!« sagten beide Frauen wie aus einem Munde. Und Frau Kaete, die Frau Elsa nicht für berechtigt für eine solche Äußerung hielt, setzte hinzu: »Sie brauchen sie nicht zu bedauern – denn sie hatte es sehr gut bei uns.« »Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll.« »Indem Sie dafür sorgen, daß alles so bleibt, wie es ist.« »Das verspreche ich gern. Wenn ich die Hilde nur öfter sehen kann.« »Fräulein Hilde hat es sich in den Kopf gesetzt, Ihren Sohn zu retten. Eine ihrer Kaprizen, über die sich niemand wundern wird!« »Ich darf also gehen?« »Wohin?« »Ihn besuchen.« »Aber ja! Und – mir liegt sehr viel daran, daß er freikommt.« »Du bist doch gut, Mama!« sagte Hilde, nahm Frau Krüger unter den Arm und ging mit ihr hinaus. – Daß sie gekommen war, um zu frisieren, – daran dachte keiner mehr. Frau Kaete blieb allein zurück. Sie ging ans Fenster, sah den beiden nach, wischte sich eine Träne aus dem Auge und sagte zu sich: »Ich habe sie doch so lieb.« Eigentümlich, daß Frau Kaete unter dem Gefühl, daß eine andere Hildes Mutter war, so litt – daß sie hingegen für den Sohn nur Mitleid, aber keine Liebe aufbrachte. Sie kämpfte gegen den Wunsch an, ihn zu sehen. Aber sie fühlte, daß sie nun an nichts anderes denken würde, als an die Gefahr, in der er schwebte. Sie zog sich von allem zurück, spielte kein Bridge mehr und besuchte keine Gesellschaften – und erklärte ihr verändertes Verhalten ihrem Manne damit, daß sie an Schlaflosigkeit leide und daher tagsüber und an den Abenden viel ruhen und allein sein müsse. XXV. Richard Krüger hatte sich nach dem Besuch des Rechtsanwaltes eine ganze Reihe von Verteidigungsmaßnahmen zurechtgelegt, war aber immer wieder daran gescheitert, daß der Tatbestand gar keinen Zweifel an seiner Schuld zuließ. Als Frau Krüger und Hilde Gugenzeil die Treppen zum Untersuchungsgefängnis hinaufstiegen, blieb Frau Elsa plötzlich stehen, faßte sich ans Herz und sagte: »Ich glaube, ich kann nicht.« »Was ist dir?« fragte Hilde besorgt – und merkte gar nicht, daß sie zum ersten Male ›:du‹: zu Frau Elsa sagte. Die sah sie lächelnd an und erwiderte: »Das tat gut – jetzt ist mir schon wieder besser.« Dann griff sie nach Hildes Hand und sagte: »Ich glaube, es ist besser, wenn du allein zu ihm gehst.« »Wird es dich zu sehr erregen?« »Sag ihm, ich glaub an ihn und bin ganz sicher, daß er es nicht war.« Da sie die Erlaubnis zum Besuch nachgesucht und erhalten hatten, brauchten sie nicht lange zu warten. Ein Gefängnisbeamter rief ihre Namen auf – und Frau Elsa, die erschrocken zusammenfuhr, sagte zu Hilde: »Geh du! – und sei gut zu ihm.« Hilde wurde zu ihm geführt. Als sie ihm gegenüberstand, sah er sie an und sagte: »Das ist gut von Ihnen, Fräulein Hilde.« »Sie haben mich erkannt. Habe ich mich denn nicht verändert?« »Wie eine Dame sehen Sie aus.« »Das ist ja gut. Ich dachte, ich bin es.« »Natürlich – nur, wenn man Sie immer als Mädchen vor sich sah ...« »Haben Sie – ach, Unsinn! Sagen wir du zueinander wie früher.« »Ob ich das kann? Und gerade jetzt – in der Lage. Aber Sie wollten mich etwas fragen.« »Das weiß ich längst nicht mehr. Sie sind ein Mann geworden.« »Nun sagen Sie schon wieder Sie zu mir.« »Also, Richard, ich wollte sagen, daß wir sämtlich von deiner Unschuld überzeugt sind.« »Wie ist das möglich bei dem Tatbestand?« »Darüber denke ich nicht nach. Wer dich kennt, weiß, daß du dazu gar nicht imstande bist.« »Aber wer kennt mich denn – außer Mutter?« »Ich – und ich werde nicht dulden, daß man dich verurteilt.« »Und wenn man es doch tut?« »Damit darfst du gar nicht rechnen.« »Ich rechne damit.« »Dann ... ja, dann ändert das auch nichts an dir!« »Für die Welt bin ich dann erledigt.« »Bei einem Künstler vergißt man auch das.« »Man soll es nicht vergessen. Ich will es nicht. Ich werde sie daran erinnern – bis es mir gelungen ist, meine Unschuld nachzuweisen.« »Darüber kann man krank werden.« »Du würdest mir also raten, mit dem Makel weiterzuleben?« »Wenn du vor dir selbst rein dastehst – und vor deiner Mutter und vor mir.« »Das genügt mir. Du hast recht. Wenn du und die Mutter – warum kommt sie nicht selbst und sagt es mir?« »Sie ist da – aber sie wollte, daß ich erst allein mit dir spreche.« »Und deine Eltern – wissen sie, daß du bei mir bist?« »Mutter weiß es.« »Und sie hat es dir erlaubt? – Ich habe die Menschen nicht für so gut gehalten.« »Gibt dir das Mut?« »Daß du zu mir hältst, Hilde ...« er tat plötzlich einen Schritt zurück und sagte: »Bitte, zieh die Handschuhe aus.« Hilde, die dachte, er wolle ihre Hände küssen, überlegte, ob sie ihm nicht an den Hals fliegen und einen Kuß auf den Mund drücken sollte. – Was zieht mich nur zu dem Jungen, dachte sie. Und als Richard seine Bitte wiederholte, sagte sie: »Was hast du davon? Liebst du schöne Hände?« »Ja – ich liebe sie.« Und als Hilde die grauen Schweden von den Händen gezogen hatte und ihm beide Hände dicht vors Gesicht hielt, griff er danach und drückte sie an den Mund. »Sie gefallen dir? Ich habe sie sehr gepflegt.« »Sie gefallen mir, weil an keinem Finger ein Ring Dr. Blochs steckt.« »Wie kommst du darauf?« »Versteh mich nicht falsch. Ich weiß, daß ich keinen Anspruch und kein Recht auf dich habe.« »Wie sonderbar du sprichst.« »Auch wenn ich frei komme, werde ich nie den Versuch machen. Du verstehst mich schon. Deine Eltern haben andere Absichten mit dir. Und du sicherlich auch.« »Spielst du auf den Rechtsanwalt an?« »Er oder ein anderer – jedenfalls einer, der in eure Kreise gehört.« »Das spricht nicht gerade von Selbstvertrauen.« »Liebe Hilde, du bist ein guter Mensch – und ich tue dir leid. Deshalb bist du hier und tust damit schon mehr, als es für deinen Ruf nützlich ist.« »Daß du so auf meinen guten Ruf bedacht bist.« »Da du nun aber mal bei mir bist und mir helfen willst, so bitte ich dich, verlobe dich nicht mit diesem Anwalt, bevor mein Prozeß erledigt ist.« »Du bist ja sonderbar.« »Nicht etwa, weil ich mir einbilde, dich zu erobern.« »Das hast du mir nun oft genug gesagt.« »Sondern weil ich ganz anders für mich kämpfe, wenn ich ...« »Du bist ein großes Kind, Richard! Ich verspreche dir das natürlich. Und darüber hinaus verrate ich dir, daß im Augenblick gar keine Aussicht für mich besteht, zu heiraten oder gar, mich zu verlieben.« »Du könntest einen Mann heiraten, den du nicht liebst?« »Vorstellen könnte ich mir das schon. Das Ideal wäre es freilich nicht.« »Warum würdest du es tun?« »Wenn meine Eltern es sich sehr wünschen und der Mann gefällt mir und ich kann ihn achten – dann könnte ich mir vorstellen, daß ich ihn heirate.« »Du hast noch nie geliebt?« »Werde nur nicht dramatisch. Ich habe – jetzt kann ich es dir verraten – als Kind dich geliebt und immer gedacht, so einen Mann zu heiraten, der einem den ganzen Tag über Musik macht, muß herrlich sein. Ich mag dich noch immer – aber von der vielen Musik verspreche ich mir nicht mehr ganz so viel wie damals.« »Ich würde die Musik an den Nagel hängen.« »Wann – tätest du das?« Eine Pause entstand. Dann sagte Richard: »Wenn ich dir damit einen Gefallen täte.« »Vorläufig gibt es ja Wichtigeres zu tun. Wie denkst du dir eigentlich den Verlauf des Prozesses? Wenn du es nicht warst–und du warst es nicht–, dann muß dieser Belgier doch ein Verbrecher sein.« »Wieso?« »Weil er dann die Tat, die du begangen hast, fingiert hat.« »Das hat er.« »Wozu? Vermutlich doch, um eine andere Tat dadurch zu verdecken.« »Aber was kann das sein?« »Darüber hätte ich an deiner Stelle doch mal nachgedacht.« »Du hast recht.« »Ihr habt euch doch stundenlang unterhalten. Da mußt du doch einen Eindruck von ihm bekommen haben.« »Ich hielt ihn für einen feinen Mann.« »Ist dir gar nichts Besonderes an ihm aufgefallen?« »Nein.« »Hat er sich nicht bemüht, mit dir allein im Abteil zu bleiben?« »Jeder sucht sich ein leeres Abteil aus.« »Gewiß. Aber man kann das zu seinen Ungunsten auslegen, wenn er sonst noch etwas Auffälliges getan hat.« »Das hat er aber nicht.« »So? – Ich finde, daß der Polizeibericht, durch den du angeblich so stark belastet, wenn nicht gar überführt bist, auch für den Belgier etwas Verdächtiges enthält.« »Nanu?« »Glaubst du, daß ein bekannter und erfahrener Juwelenhändler einem fremden Manne, mit dem er allein im Coupé sitzt, auf die Nase binden wird, daß er für eine halbe Million Schmuck bei sich führt?« »Du hast recht. Das wird er nicht tun.« »Entweder tat er es, um einen Überfall zu provozieren – oder er verband eine noch raffiniertere Absicht damit.« »Welche meinst du?« »Das weiß ich nicht. Aber du hast ja hier Ruhe und Zeit genug, darüber nachzudenken.« – Sie gab ihm die Hand und verabschiedete sich. – »So! das war es, was ich dir sagen wollte – und außerdem, daß du auf mich rechnen kannst.« Ehe Richard noch etwas erwidern konnte, war sie verschwunden – und er blieb, mit ihrem Bild vor Augen, allein zurück. Er dachte gar nicht an seine Verteidigung und an das, was sie ihm aufgetragen hatte – er summte vor sich hin und empfing den Wärter, der ihm das Essen brachte, mit den Worten: »Jetzt kann mir nichts mehr passieren.« »Wieso denn nicht?« »Haben Sie das Mädchen gesehen, das mich besucht hat?« »Die Dame, meinen Sie?« »Mein guter Engel.« »Daß alle Verbrecher doch so abergläubisch sind«, dachte der Wärter und schüttelte den Kopf. XXVI. Als Rechtsanwalt Dr. Bloch seinen Klienten am nächsten Tage wieder besuchte, erfuhr er durch den Wärter, daß Hilde Gugenzeil dagewesen war und sich lange mit Richard Krüger unterhalten hatte. Er ärgerte sich – und redete sich daher ein, daß es seine Pflicht sei, diesen Verkehr, der Hilde kompromittiere, zu unterbinden. Er wandte sich zunächst an Herrn Gugenzeil. Der ließ sich nicht gern in seinen Gedankengängen, die ganz den Geschäften gewidmet waren, stören. Als Rechtsanwalt Dr. Bloch begann: »Ich komme in privater Angelegenheit.« »Nämlich?« »Es handelt sich um Ihre Tochter.« »Sie wollen sie heiraten?« »Ja.« »In diesen Dingen ist meine Frau zuständig.« »Ich war schon bei ihr. Sie überläßt es Ihrer Tochter.« »Sehr gescheit. Ich kann das nur billigen.« »Ich habe mich damit abgefunden.« »Sie haben mit meiner Tochter gesprochen?« »Ja.« »Was sagt sie?« »Nicht nein – nicht ja.« »Begreiflich – wenn man das erstemal vor so eine wichtige Entscheidung gestellt wird.« »Ich lasse ihr Zeit.« »Sie kennen ihre Verhältnisse?« »Das Finanzielle kommt für mich erst in zweiter Linie. Die Hauptsache ist der Mensch.« »Der Mensch ohne Geld ist aber – kein Mensch.« »Ich habe eine gute Praxis – sie wird noch besser werden.« »Meine Tochter ist maßlos verwöhnt.« »Ich weiß.« »Sie wird ungern auf ihre Gewohnheiten verzichten.« »Das soll sie ja nicht.« »Sie hat von ihrer Großmutter mütterlicherseits her ein Vermögen von fünfviertel Millionen.« »Donnerwetter!« »Das wußten Sie gar nicht?« »Mir genügt, daß Sie ein vermögender Mann sind.« »Also so ganz ins Blaue hinein heiraten Sie doch nicht?« »Ich hätte auch ohne ...« »Das hätten Sie nicht – und es wäre auch falsch. Ein Mann muß rechnen. Man braucht deshalb die Ehe noch nicht als Geschäft zu betrachten.« »Ihr Fräulein Tochter hat die freie Verfügung über das großmütterliche Erbteil?« »In dem Augenblick, in dem sie heiratet.« »Eine Mitgift Ihrerseits käme dadurch wohl in Fortfall?« »Ja und nein – je nach den Verhältnissen des Mannes, den sie heiratet.« »Meine Praxis wirft heute schon siebzigtausend Mark ab.« »Runden wir die Summe auf hunderttausend ab.« Rechtsanwalt Dr. Bloch bewegte als Zeichen seines Einverständnisses leicht den Kopf – Emil Gugenzeil machte sich ein paar Notizen und fragte: »Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen, Herr Doktor?« »Ja – und das ist auch der Grund, aus dem ich Sie aufgesucht habe. Denn ich bin nicht gekommen, um über Geld mit Ihnen zu sprechen. Wichtiger ist mir der gute Ruf meiner zukünftigen Frau.« »Was soll das heißen?« »Daß Ihr Fräulein Tochter auf dem Wege ist, ihren Ruf zu gefährden.« »Sagen Sie schon, was Sie meinen.« »Sie stattet einem Mann Besuche ab, der wegen Raubüberfalls in Untersuchungshaft sitzt.« »Das ist ja toll! – Wie kommt sie denn zu solcher Bekanntschaft?« »Ein Jugendfreund – angeblich.« »Etwa der junge Krüger?« »Ja.« »Er war viel bei uns – als Kind – später haben wir ihn aus den Augen verloren. Ich hörte erst wieder von ihm durch die Zeitung. Das ist ja eine gräßliche Sache. Kann man dem Mann denn nicht helfen? – Er hat immerhin in meinem Hause verkehrt.« »Und das, meinen Sie, berechtigt Ihre Tochter ...« »Herr Doktor, solange Sie nicht Mitglied der Familie sind, überlassen Sie es bitte uns, über unseren Ruf zu wachen.« »Verzeihung.« »Was meine Tochter getan hat, mag vom gesellschaftlichen Standpunkt aus falsch sein – mir macht es Freude, denn es zeigt mir, daß sie ein gutes Herz hat.« »Für so einen?« »Noch ist es ja nicht bewiesen, daß er ein schlechter Kerl ist.« »Und wenn es bewiesen wird?« »Dann wird das gesunde Gefühl meiner Tochter schon den richtigen Weg weisen.« »Ich wußte gar nicht, daß Sie so tolerant sind.« »Ich habe Vertrauen zu meinem Kind – hätte ich das nicht, würde ich mit engherzigen Verboten auch nichts erreichen.« »Dann muß man fast wünschen, daß er der verdienten Strafe nicht entgeht.« »Was haben Sie nur mit dem Menschen? Sind Sie etwa eifersüchtig?« »Ihr Fräulein Tochter hat mir seine Verteidigung übertragen.« »Das geht allerdings etwas weit.« »Und ihre endgültige Entschließung über eine eheliche Verbindung mit mir davon abhängig gemacht, daß es mir gelingt, ihn freizubekommen.« »Ganz unverständlich.« Gugenzeil ging an den Apparat und ließ sich mit seiner Tochter verbinden. »Ich muß dich dringend sprechen, Hilde. Bitte, komm sofort zu mir.« »Halten Sie es für unbedingt wichtig, daß ich der Unterredung beiwohne?« »Unbedingt! Ich liebe klare Verhältnisse.« – Die Zeit, bis Hilde kam, füllten sie mit einem Gespräch über die Strafrechtsreform aus – nur, um die Zeit totzuschlagen. Sie ereiferten sich für und wider die Todesstrafe, führten ohne innerliche Beteiligung hundertmal diskutierte Argumente ins Feld und brachen das Gespräch erst ab, als der Diener die Tür öffnete und Hilde in einem Nachmittagskleid mit schwarzem Chiffonsamt mit seitlich verlängertem Rock und weiten, mit silberdurchwirkter Spitze besetzten Ärmeln ins Zimmer trat. Als sie den Rechtsanwalt Dr. Bloch bei ihrem Vater sah, sagte sie – mehr aus Scherz als daß sie ernstlich es für möglich hielt: »Sie haben doch nicht etwa um meine Hand angehalten?« »Ich war so frei.« »Ist das wahr, Papa?« »Wundert dich das so?« »Nach der zwischen Ihnen und mir getroffenen Vereinbarung ist das ein Vertrauensbruch.« »Da Sie selbst für den Fall, daß ich Ihre Bedingung erfüllte, sich nicht banden, sondern nur in Aussicht stellten, meine Werbung in wohlwollende Erwägung zu ziehen, so hatte ich das Recht, mich nach einem Bundesgenossen umzusehen.« »Ich kann Ihnen verraten, daß Sie damit Ihre Chancen nicht verbessern.« »Das klingt sehr selbstbewußt, liebe Hilde. Im übrigen habe ich dich nicht deswegen kommen lassen.« »Sondern?« »Um dich zu fragen, wie du dazu kommst, dich mit so großer Wärme für diesen Richard Krüger einzusetzen?« »Weil ich das Gefühl habe, daß ihm Unrecht geschieht.« »Ist das der einzige Grund?« »Nein. Auch um der Mutter zu helfen.« »Welcher Mutter?« »Seiner natürlich.« »Was verbindet dich mit ihr?« »Das ist die reine Vernehmung. – Habe ich das Ihnen zu danken, Herr Doktor?« »Ja. Als ich erfuhr, daß Sie diesen Menschen ...« »Er ist Ihr Klient – und zwar von meinen Gnaden. – Also was haben Sie Großartiges in Erfahrung gebracht?« »Daß Sie ihn im Untersuchungsgefängnis besucht haben.« »Ich habe damit nur Ihre Chancen verbessert. Denn ich habe ihn aus seiner Lethargie gerissen und ihn bestimmt, den Kampf, den er für aussichtslos hielt, aufzunehmen.« »Haben Sie ihm Versprechungen gemacht?« »Bin ich Ihnen darüber Rechenschaft schuldig?« »Wir möchten nur wissen, liebe Hilde, ob du dich lediglich aus Gerechtigkeitsgefühl und Mitleid für diesen Mann einsetzt.« »Er ist ein Spielkamerad von früher – und ich halte Menschen, die mir Gutes taten, Treue.« »Was kann der Sohn eines Friseurs dir Gutes getan haben?« »Das ist nicht so leicht zu sagen. Es sind Erinnerungen an die Kindheit, die sich eben nicht verwischen.« »Das verstehe ich und es ist ein Zeichen guten Charakters. Trotzdem wäre es mir lieb, wenn du dich etwas reservierter ihm gegenüber verhieltest. Ich kann nicht dulden, daß mein Name in Verbindung mit einem Menschen gebracht wird, der morgen vielleicht im Zuchthaus sitzt.« »Willst du leugnen, daß er in deinem Hause verkehrt hat?« »Ich sagte Herrn Dr. Bloch schon, daß mich dieser Umstand verpflichtet, ihm zu helfen. Aber nur, wenn du aufhörst, dich um ihn zu kümmern.« »Du kämpfst gegen gute Gefühle in mir an, Papa. Das hast du bisher nie getan.« »Wenn du Gutes tun willst, gibt es dafür unendlich viel Möglichkeiten. Es braucht also nicht ein Mann zu sein, dem das Zuchthaus droht.« »Ich kann nur helfen, wo ich mitfühle.« »Du liebst den Mann doch hoffentlich nicht?« »Die Frage habe ich mir bisher noch nicht vorgelegt.« »Ich hoffe, du wirst sie dir niemals vorlegen.« »Möglich. Versprechen kann ich es nicht.« »Wenn Sie das nicht versprechen können, Fräulein Hilde, müßte ich erwägen, ob ich die Verteidigung nicht besser niederlege.« »Bitte, erwägen Sie! Aber sofort. Denn Richard Krüger kann nicht einen Tag ohne Anwalt sein.« »Der Gedanke, mit diesem Menschen in Konkurrenz zu treten ...« »Hilde, das meinst du doch nicht.« »Ich bin mir nicht bewußt, etwas Ähnliches gesagt zu haben.« »Jedenfalls bleibe ich dabei, entweder du ziehst dich von ihm zurück, oder ich helfe ihm nicht.« »Papa, das ist nicht dein Ernst.« »Ich fühle mich ihm durchaus nicht verpflichtet.« »Du hast doch selbst gesagt, weil er in deinem Hause verkehrt hat ...« »Er war ein Kind damals.« »Er ist es heute noch.« »Schlimm, wenn die Mutter keinen Mann aus ihm gemacht hat.« »Sie hat getan, was sie konnte – aber sie ist arm und war müde, wenn sie abends von der Arbeit kam.« »Das ist traurig. Aber man kann nicht jedem helfen.« »Er ist nicht jeder – für dich nicht!« »Was willst du damit sagen?« »Daß du die Pflicht hast, ihm zu helfen. Glaube es mir – und frage nicht.« »Hast du ihm etwa ein Versprechen gegeben?« »Er weiß ja von nichts.« »Wovon weiß er nichts?« »Daß du Pflichten ihm gegenüber hast.« »Ich bitte dich, sage, was du meinst.« »Der Doktor braucht es nicht zu hören.« »Ich gehe schon.« Rechtsanwalt Dr. Bloch wandte sich zur Tür. »Halt!« rief ihm Hilde nach: »Da Sie sich für mich interessieren, so ist es ganz gut, wenn auch Sie Bescheid wissen.« Der Anwalt kehrte um und sagte halblaut: »Ich fürchte das Schlimmste.« »Auch dann noch werden Sie überrascht sein.' »Ich habe es geahnt – seit Tagen.« »Was haben Sie geahnt? Bitte, sagen Sie es!« »Ich möchte nicht ...« »Ich will es wissen.« »Daß zwischen Ihnen und diesem Herrn Krüger ...« »Was ist zwischen ihm und mir?« »Ersparen Sie es mir.« »Reden Sie!« »Daß Beziehungen bestehen – intimer Art.« »Soll das heißen, daß wir ein Verhältnis miteinander haben?« »Hatten – nehme ich an.« »Und das hörst du dir mit an, Vater? – Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Dr. Bloch: Sie sind ein ganz minderwertiger Mensch!« »Erlauben Sie!« »Nicht weil Sie mir so etwas zutrauen. Mich kränkt das nicht. Von mir kann jeder denken, was er will. Wenn nur ich mit mir zufrieden bin. Daß Sie mich aber, obgleich Sie so etwas annehmen, zu Ihrer Frau machen wollen, ist ein Zeichen von Minderwertigkeit.« »Ich bitte Sie, Fräulein Hilde – heutzutage! Was wäre denn schon so Schlimmes dabei?« »Sie kennen mich, das muß ich sagen! Ich glaube, ich würde Sie sehr enttäuschen.« »Bestimmt nur nach der guten Seite hin.« »Ohne Überhebung, Herr Doktor, aber ich habe den Eindruck, daß ich zu schade für Sie bin.« »Wollen Sie mir glauben, daß ich mich an Ihrer Seite bessern werde?« »Ich fühle mich nicht dazu berufen, aus Ihnen einen anständigen Menschen zu machen.« »Hilde, was erlaubst du dir?« »Ich erleichtere ihm nur den Rücktritt.« »Aber ich denke ja gar nicht daran.« »Auch dann nicht, wenn Sie erfahren, daß das großmütterliche Erbteil mir gar nicht gehört?« »Wie kommst du denn darauf, Hilde?« »Nun, Herr Doktor, wie gefällt Ihnen das?« »Sie wollen mich auf die Probe stellen. Aber ich erkläre Ihnen, daß ich auf das Erbteil ganz verzichte.« »Wovon sollen wir denn leben? Ich bin maßlos verwöhnt. Und, um meinen Luxus aufzugeben, müßte ich in einen Mann schon sehr verliebt sein.« »Was soll das, Hilde? Wenn du feststellen willst, ob Dr. Bloch dich aus Liebe oder deines Geldes wegen heiraten will, so tu das in anderer Form – und nicht in meiner Gegenwart.« »Es ist, wie ich sage. Mir gehört weder Großmutters Erbe, noch habe ich von dir etwas zu erwarten.« »Ja, wem gehört es denn?« fragte Rechtsanwalt Dr. Bloch übereilt. »Ihrem Klienten Richard Krüger.« »Laß endlich den Unsinn und sage, was du meinst.« »Daß Richard euer Sohn ist.« »So ein Unsinn!« »Frage Mama, die wird es dir bestätigen.« »Und du?« »Wir sind vertauscht.« Emil Gugenzeil lachte laut auf und sagte: »Vertauscht! Wie Mäntel, die man in der Garderobe abgibt. – Auf Ideen kommst du! – Aber Sie sehen, Doktor, wie sie ihr Köpfchen anstrengt – nur, um sich Klarheit über Ihre Gefühle zu verschaffen.« »Richard und ich sind in demselben Haus, am gleichen Tag geboren.« »Was besagt das?« »Frau Elsa Krüger ...« »Die Friseuse?« »... war mit ihrem neugeborenen Kinde in Mamas Zimmer – unmittelbar nachdem Mama niedergekommen war.« »Das hat man mir erzählt.« »Da ihr Kind schwach war und Pflege brauchte, die sie ihm nicht geben konnte, so ist sie auf den Gedanken gekommen ...« »Das ist ja furchtbar!« rief Rechtsanwalt Dr. Bloch – während Emil Gugenzeil auf den Sessel sank, den Kopf in die Hand stützte und nach einer Weile sagte: »Vielleicht kann man das durch Geld aus der Welt schaffen?« »Das ist eine Idee!« erwiderte Dr. Bloch – aber Hilde sagte: »Damit ändert man doch nichts an der Tatsache.« »Was glauben Sie, Fräulein Hilde, wieviel Kinder mit einem falschen Vater herumlaufen?« »Aber nicht mit einer falschen Mutter.« »Bin ich dir denn gar nichts, Hilde?« »Du bist mir viel mehr als du glaubst. Und wenn jemand käme und mir erklärte: Ich bin dein Vater! – es würde das an meinen Gefühlen für dich nichts ändern.« »Das ist klug gesprochen, Fräulein Hilde.« »Es handelt sich im Augenblick aber nicht um mich, sondern um – Richard.« »Weiß er etwas davon?« fragte Gugenzeil – und Hilde erwiderte: »Nein! Aber es ist meine Pflicht, es ihm zu sagen.« »Überstürze nichts!« »Fast ein Menschenalter lang genieße ich etwas, was ihm zukommt – und du sprichst von Überstürzung.« »Für mich bist du mein Kind – und bleibst es.« »Wenn Sie gestatten, Herr Gugenzeil, so bereinige ich das mit Frau Krüger. Sie müssen mir nur die Summe nennen, die es Ihnen wert ist.« »Das ist ja Menschenschacher!« rief Hilde – und zu Dr. Bloch gewandt fuhr sie fort: »Sie werden mir immer unsympathischer.« Emil Gugenzeil, der gewöhnt war, alles, was an ihn herantrat, kalt zu berechnen, und geschäftlich zu behandeln, fühlte sich zum erstenmal in seinem Leben der Situation nicht gewachsen. »Für mich liegt der Fall so«, sagte er, »daß ich zu jedem Opfer bereit bin, um mir Hilde zu erhalten. Andererseits kann ich mich nicht darüber hinwegsetzen, daß dieser junge Mann mein Sohn ist und de jure meinen Namen trägt. Ich muß also alles tun, um diesen Namen rein zu erhalten.« »Bravo, Vater! Und darin werde ich dich unterstützen.« »Damit, daß du zu ihm läufst und ihn aufklärst, hilfst du ihm nicht. Du verwirrst ihn nur.« »Wenn ich mir eine Meinung erlauben darf«, sagte Rechtsanwalt Dr. Bloch – »so halte ich es bei dem Tatbestand, der eine Verurteilung wahrscheinlich macht, für geboten, daß der Prozeß unter dem Namen Krüger geführt wird.« »Man muß eben einen Tatbestand schaffen, der zu einem Freispruch führt«, erwiderte Hilde – aber Rechtsanwalt Dr. Bloch blieb dabei. »Man kann die Wahrheit, wenn sie so deutlich ist wie hier, nicht vergewaltigen.« »Wenn Sie das meinen, so entziehe ich Ihnen hiermit den Prozeß.« »Ich habe die Vollmacht, die nur er widerrufen kann. Und nun, wo ich weiß, daß es Ihr Sohn ist, Herr Gugenzeil, werde ich mich doppelt für ihn ins Zeug legen.« »Gut!« erwiderte Emil Gugenzeil. »Aber Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich noch eine Kapazität hinzuziehe.« »Gut, Papa! Wennschon ich fürchte, daß auch der neue Anwalt den Tatbestand als gegeben hinnehmen wird.« »Ich bitte Sie, Fräulein Hilde, der junge Herr selbst bestreitet ihn ja nicht.« »Aber die Voraussetzungen bestreitet er – und für die Zusammenhänge hat er keine Erklärung.« »Es gibt nur eine – genau wie es nur einen Weg gibt, ihn vor dem Zuchthaus zu retten.« »Nämlich?« »Ihn für geisteskrank zu erklären.« »Herr Doktor, das gebe ich nicht zu. Ist er schuldig, so soll er seine Strafe bekommen. Später wird man dann Mittel und Wege finden, ihm eine Existenz zu schaffen.« »Existenz? Wo er 5/4 Millionen von seiner Großmutter erbt?« »Davon wird man ihm zunächst nichts sagen.« Rechtsanwalt Dr. Bloch ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er stehen vor Herrn Gugenzeil und sagte: »Mir kommt da eine Idee.« »Nämlich?« »Die Frau lügt. – Die Not ihres Sohnes hat sie auf den Gedanken gebracht.« »Das ist eine Infamie!« rief Hilde – aber der Anwalt fuhr fort: »Wenn man feststellen könnte, daß sie von dem großmütterlichen Erbe wußte.« »Das weiß wohl jeder im Haus – und sie ist, wie mir meine Frau erzählt, mit unserer Mamsell eng befreundet.« »Also! Es gewinnt immer mehr an Wahrscheinlichkeit. Ich glaube, es wird gelingen, den Nachweis zu erbringen und die Schwindlerin zu entlarven.« »Die Frau lügt nicht!« erklärte Hilde mit aller Bestimmtheit. »Es kommt in diesem Falle ja nicht darauf an, die objektive Wahrheit zunächst zu ergründen, sondern nachzuweisen, daß Frau Krüger unglaubwürdig ist.« »Doch nur bis der Prozeß vorüber ist«, meinte Emil Gugenzeil – aber der Anwalt erwiderte: »Weshalb? Was haben Sie für ein Interesse daran, einen Jahrzehnte bestehenden Zustand, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind, zu ändern?« »Das werde ich mit meinem Gewissen wohl nicht vereinbaren.« »Dafür werde ich sorgen, Papa.« »Und ich werde mich mit Frau Krüger in Verbindung setzen«, sagte Rechtsanwalt Dr. Bloch – verbeugte sich und ging. XXVII. Rechtsanwalt Dr. Bloch fuhr von Gugenzeil aus sofort zu dem Friseurgeschäft, in dem Frau Elsa Krüger tätig war. Zu dem Chef sagte er: »Ich gratuliere Ihnen.« »Wozu?« »Zu Ihrer Berühmtheit.« »Welcher Berühmtheit? Ich weiß von nichts.« »In zehn Tagen wird Ihr Geschäft in aller Mund sein. Die Zeitungen werden zu Ihnen schicken und Sie interviewen. Denn ich bin entschlossen, aus dem Prozeß Richard Krüger eine cause célèbre zu machen.« »Was habe denn ich damit zu tun?« »Sie haben allem Gerede zum Trotz die Mutter des Angeklagten bei sich aufgenommen. Diese Mutter ist keine gewöhnliche Mutter. Um ihren Sohn zu retten, ersinnt sie phantastische Pläne. Diese Mutter werde ich berühmt machen – und damit zugleich Ihr Geschäft. Sagen Sie, lieber Freund, ist Ihnen nicht auch schon aufgefallen, daß diese Frau Krüger spintisiert und Geschichten erfindet, die man sonst nur in Romanen erlebt.« »Das nicht. Aber sie ist natürlicherweise aus Angst um ihren Jungen in einer anormalen Erregung.« »Anormale Erregung! Das wollte ich hören! Vergessen Sie es nicht! Es kann von ausschlaggebender Bedeutung sein. Anormale Erregung. Also ist der Sohn erblich belastet und hat die Tat in einem Zustand hereditär anormaler Erregung begangen.« »So meinte ich das nicht.« »Sie haben es gesagt – und müssen zu Ihrem Wort stehen, denn es gibt den Schlüssel zu der ganzen Affäre. Die Mutter ist eine krankhaft überspannte Person und kommt als glaubhafte Zeugin überhaupt nicht in Frage.« »Sie beherrscht sich schwer ...« »Großartig! Also gesteigerter Affekt, den der Sohn von ihr geerbt hat.« »Ich wollte ja sagen ...« »Sie haben genug gesagt. Belasten Sie die arme Frau nicht mehr.« »Aber ich will ja im Gegenteil gerade ...« »Ich weiß. Anormale Erregung, gesteigerter Affekt – wollen Sie sich das nicht aufschreiben? Es ist von ausschlaggebender Bedeutung. Dann: wie steht es mit der Wahrheitsliebe? Sie erfindet Geschichten?« »Das ist mir nicht aufgefallen.« »Sie haben doch gesagt, sie sei anormal erregt.« »Nun, ja.« »Also! In anormaler Erregung, da sagt man doch Dinge, die man sonst nicht sagt.« »Selbstredend.« »Mutterliebe, die keine Grenzen kennt.« »Die hat sie.« »Nun also! Wiederholen wir: anormale Erregung, gesteigerter Affekt, unnatürliche Mutterliebe, die bei einem Kinde kein genügendes Feld zur Betätigung findet. Die Frau hätte sechs Kinder haben müssen.« »Das stimmt.« »Sehen Sie! Ist es da ein Wunder, wenn sie sich über dies Kind hinaus nach mehr Kindern sehnt.« »Das begreife ich.« »Es wundert Sie also nicht, wenn sie plötzlich behauptet, ein Kind, das zufällig am selben Tage geboren ist wie ihr Kind, gehöre ihr.« »Das ist ja verrückt.« »Ausgezeichnet! Behalten Sie: anormale Erregung, gesteigerter Affekt, unnatürliche Mutterliebe, verrückt!« »Sie wird doch nichts anstellen hier? Wo sie mit Brennschere und Kämmen umzugehen hat?« »Seien Sie unbesorgt. Derartige Geisteskranke sind ungefährlich.« »Aber ihr Sohn hat doch ...« »Erst in der zweiten Generation kommt es in der Form zum Ausbruch.« »Ich kann sie also behalten? Sie ist sehr tüchtig.« »Das sind Kranke dieser Art immer. Sie werden keinen Ärger mit ihr haben. Nur vergessen Sie nicht Ihre Wahrnehmungen, wenn Sie als Zeuge von mir befragt werden: anormal erregt, gesteigerter Affekt, unnatürlich, verrückt. Sie helfen ihr und ihrem Sohn damit.« »Das sollte mich freuen.« »Und nun rufen Sie sie mir. Ich habe dringend mit ihr zu sprechen.« Es dauerte keine Minute, da erschien Frau Krüger – und Rechtsanwalt Dr. Bloch sagte zu ihr: »Nehmen Sie Hut und Mantel und kommen Sie mit mir mit.« »Ich habe noch Dienst.« »Der Chef gibt Sie frei.« Während sie sich anzog, erbat und erhielt er Urlaub für sie. Dann nahm er sie unter den Arm, schob sie in sein Auto und sagte dem Chauffeur: »Fahren Sie in den Grunewald, bis ich Ihnen sage: umkehren.« »Ist was Neues passiert?« fragte Frau Elsa besorgt. »Das kann man wohl sagen.« »Was Gutes oder was Schlechtes?« »Was Schlechtes – und zwar betrifft es Sie.« »Mich?« »Ja, sagen Sie, Frau Krüger, sind Sie denn ganz und gar verrückt? In ihrem Bestreben, ihren Sohn zu retten, erfinden Sie Geschichten, durch die Sie ihn nur immer mehr hineinreiten.« »Großer Gott, was habe ich denn getan?« »Sie haben das Schlimmste getan, was eine Mutter tun kann. Sie haben sich von Ihrem Sohn losgesagt. Sie verleugnen ihn. Und da nicht abzustreiten ist, daß Sie ein Kind haben, so reklamieren Sie ganz einfach Fräulein Hilde Gugenzeil für sich. Ja, merken Sie denn nicht, daß Sie damit Ihrem Sohn einen sehr schlechten Dienst erweisen? Denn die Richter werden sich sagen: die eigene Mutter rückt von ihm ab.« »Es ist doch aber so.« »Das ist nicht wahr.« »Ich schwöre es Ihnen.« »Und wenn es tausendmal so wäre, so müßten Sie es für sich behalten.« »Ich wollte ja.« »Wissen Sie, daß Sie schwer bestraft würden, wenn es wahr wäre? Wollen Sie, daß Hilde, falls Sie wirklich Ihre Tochter ist, eine Zuchthäuslerin zur Mutter hat? Sie machen sich, den Jungen und das Mädchen unglücklich. Und helfen tun Sie niemandem.« »An alles das habe ich nicht gedacht.« »Tun Sie es jetzt, wo es noch Zeit ist.« »Das kann ich nicht mehr.« »Weshalb denn nicht?« »Weil ich vor der Hilde dann als Lügnerin dastehe.« »Und was Sie bis dahin getan haben – wenn es wahr wäre –, war das denn nicht viel mehr als eine Lüge – und ein Verbrechen dazu?« »Da haben Sie recht.« »Die Folge wäre, daß Sie beide verlieren – ihn und sie – während Sie, wenn Sie widerrufen, unter Umständen zu Ihrem Sohn die Tochter noch hinzugewinnen.« »Sie meinen, daß der Richard und die Hilde ...?« »Sehr möglich ist das.« »Dann habe ich ja eine große Dummheit gemacht.« »Eine ganz große. Aber seien Sie froh, daß es noch Zeit ist, sie wieder gutzumachen. – Umkehren!« rief er dem Chauffeur zu. »Wenn das ginge! – Aber wie stell' ich das an?« »Das übernehme ich – vorausgesetzt, daß Sie mir beim Leben Ihres Kindes – mag das nun der Sohn oder die Tochter sein – schwören, daß Sie die Sache ein für allemal ruhen lassen.« »Wenn es für die beiden gut so ist.« »Das habe ich Ihnen ja erklärt. Oder haben Sie nicht verstanden?« »Doch! Doch! Und wenn Sie es aus der Welt schaffen, was ich gesagt hab', dann schwöre ich Ihnen ...« »Geben Sie mir die Hand – und denken Sie immer an diesen feierlichen Augenblick.« Er streckte ihr die Hand hin – und sie schlug ein. Sie war so erregt, daß sie seine Hand gar nicht wieder los ließ. Er redete ihr gut zu – und als das Auto hielt, nahm er sie unter den Arm und führte sie in sein Büro. Dort setzte er sie in einen Sessel. »Fräulein!« rief er seiner Sekretärin zu. »Schreiben Sie!« – und er diktierte: »Ich erkläre an Eidesstatt, daß Richard Krüger mein leibhaftiger Sohn ist. Wenn ich der Frau und dem Fräulein Gugenzeil einzureden suchte, daß ich den Richard und Hilde am Tage der Geburt vertauscht habe – so daß in Wirklichkeit Hilde mein Kind und Richard das Kind des Ehepaares Gugenzeil ist, so beging ich diese bewußte Unwahrheit nur, um meinem Sohn zu helfen. Denn ich war der Ansicht, daß Gugenzeils ihm in ganz anderer Weise hätten helfen können als ich in meinen beschränkten Verhältnissen dazu imstande war. Ich bedaure, in Sorge um meinen Sohn diesen Versuch gemacht zu haben, von dessen Strafbarkeit Herr Rechtsanwalt Dr. Bloch mich unterrichtet hat.« Als die Sekretärin wieder draußen war, reichte Rechtsanwalt Dr. Bloch das Blatt Frau Elsa und sagte: »Es ist in juristischer Form eine Bestätigung dessen, was Sie mir im Auto versprochen haben. Sie brauchen es gar nicht erst ... oder es ist doch besser, Sie lesen es, ehe Sie unterschreiben.« Frau Elsa, der große Schweißperlen auf der Stirn standen, nahm das Blatt und fuhr mit den Augen darüber her. Dann reichte sie es dem Anwalt zurück und sagte: »Es schwimmt mir alles vor den Augen, lesen Sie es mir vor.« Bei jedem Satz, den er las, schüttelte Frau Elsa den Kopf – und als er zu Ende war und ihr den Federhalter in die Hand drückte, zögerte sie und sagte: »Es ist eine große Sünde.« »Tun Sie, was Ihr Gewissen Ihnen vorschreibt«, erwiderte Rechtsanwalt Dr. Bloch – und Frau Elsa fragte: »Mache ich mich strafbar, wenn ich etwas Falsches unterschreibe?« »Unter Umständen ja!« Frau Elsa saß eine Zeitlang in tiefen Gedanken. Dann raffte sie sich auf, nahm den Halter, sagte: »Ich will, daß es den Kindern gut geht« – und unterschrieb. XXVIII. Hilde Gugenzeil begriff weder den Optimismus Dr. Blochs, der es zum mindesten nicht für ausgeschlossen hielt, daß er Richard freibekam, noch die Zusicherung des von ihnen hinzugezogenen Rechtsanwaltes Dr. Nebel, der wiederholt versicherte: »Ins Zuchthaus kommt er nicht.« Wäre sie einmal auf den Gedanken gekommen, zu fragen: wohin denn? – so hätte sie vermutlich zur Antwort erhalten: ins Irrenhaus. So aber dachte sie, daß die Versicherung: »ins Zuchthaus kommt er nicht« bedeuten sollte, daß er mit Gefängnis davonkommen werde. Diese Antwort genügte ihr, um Tag und Nacht darüber nachzusinnen, wie sie ihm helfen könnte. Sie fand den Fall solange aussichtslos, als man den Bekundungen des Belgiers Glauben schenkte. Sie mußte also, um Richard zu helfen, diese Glaubwürdigkeit erschüttern. Eines Abends sagte sie zu ihrer Mutter: »Ich habe eine Bitte. Laß mich auf vierzehn Tage nach Ostende fahren.« »Im Oktober? Da ist doch nichts mehr los.« »Eben deshalb. Ich möchte mich ausruhen.« »Doch nicht etwa allein?« »Die Zofe nehme ich mit.« »Und zur Gesellschaft?« »Niemand. Ich sagte dir doch, daß ich mich ausruhen will.« Als Emil Gugenzeil nach Haus kam, erzählte ihm Frau Kaete Hildes Absicht und überließ ihm die Entscheidung. Der nahm sie in sein Zimmer und sagte: »Fährst du nach Brüssel oder nach Ostende?« »Nach Brüssel, Vater.« »Ich werde dich nie abhalten, etwas Gutes zu tun. Aber sieh dich vor, mein Kind. Ich habe dich sehr lieb und würde es nicht ertragen, wenn dir etwas zustößt.« »Haben sich deine Gefühle zu mir wirklich gar nicht geändert?« »Wieso sollten sie sich geändert haben?« »Wo du weißt, daß ich gar nicht deine Tochter bin.« »Frau Krüger hat doch widerrufen. In ganz bestimmter und glaubwürdiger Form.« »Trotzdem ist es wahr.« »Eine eidesstattliche Versicherung hat sie abgegeben.« »Sie hätte noch etwas ganz anderes getan, um ihm und mir zu helfen.« »Da du so überzeugt bist, Hilde, so will ich dir gestehen: ich bin es auch. Diese gute Frau, die deine Mutter ist, bringt ein großes Opfer.« »Aber nein! Sie ist glücklich in dem Gefühl, daß sie helfen kann.« »Hat sie dir das gesagt?« »Ich habe sie nicht gesehen, seitdem Dr. Bloch dies falsche Geständnis von ihr erpreßt hat.« »Du bist sehr scharf gegen ihn.« »Er hat sie jetzt in der Hand – er kann jeden Augenblick drohen, sie festnehmen zu lassen.« »Das wird er nie tun.« »Wenn er glaubt, seine Chance bei mir damit zu bessern, tut er es.« »Er ist doch kein Verbrecher.« »Ist das, was er mit der armen Frau gemacht hat, vielleicht kein Verbrechen? – auch, wenn es unter keinen Paragraphen fällt?« »Er liebt dich vielleicht wirklich so, daß er Dinge tut, die er sonst nicht tun würde.« »Er will vor allen Dingen die großmütterliche Erbschaft sicherstellen, ohne die seine Liebe jeden Sinn verliert.« »Daß wir immer wieder auf ihn zurückkommen. Mir ist viel wichtiger, von dir zu hören, ob du mich noch ebenso lieb hast wie früher.« »Genau so, Vater. Vielleicht mit noch größerem Dankgefühl.« »Und wie fühlst du der Mutter gegenüber?« »Nicht ganz so wie früher.« »Fühlst du dich mehr zu deiner wirklichen Mutter hingezogen?« »Ich habe beiden gegenüber ein fremdes Gefühl, das ich dir gegenüber nicht habe. Bin ich zu Mama zärtlich, denke ich, wenn die andere das sähe, es täte ihr weh. Und wenn ich zu ihr zärtlich sein will ...« »Zu Frau Krüger?« »Ja – dann habe ich Hemmungen und das Gefühl eines Abstands, den aber nicht ich schaffe, sondern sie.« »Dann ist sie womöglich doch nicht deine Mutter.« »Das ist sie ganz sicher.« »Hast du außer ihrem Geständnis einen Beweis, daß du das so bestimmt behauptest?« »Ich sehe es an ihren Augen.« »An den Augen?« »Ja! So sieht nur eine Mutter ihr Kind an.« »Und Mama – sieht dich anders an?« »Vielleicht rede ich's mir nur ein – aber diesen schmerzvollen Blick, als lebte sie ständig in Angst um mich, hat nur sie.« »Kein Wunder, wenn eine Mutter ihr Kind Fremden überläßt.« »Sie hat es doch in guter Absicht getan.« »Ich kann ihr nicht böse sein. Wer weiß, ob ich den Jungen ebenso lieb gehabt hätte.« »Er ist ein guter Kerl.« »Das beweist der Eifer, mit dem du ihm hilfst. – Also nochmals, Hilde – ich kenne deinen Plan nicht ...« »Ich habe keinen. Ich verlasse mich auf mein Glück und meinen Instinkt.« »Begib dich nicht in Gefahr! Denke daran, daß wir alle verloren sind, wenn dir etwas passiert.« Frau Kaete kam ins Zimmer. Sie sah erst ihren Mann, dann Hilde an und sagte: »Du hast ihr natürlich wieder nachgegeben.« »Ich halte mich nicht für berechtigt, sie zurückzuhalten.« »Glaubst du etwa immer noch an den Schwindel – obgleich die Person widerrufen hat?« »Ich bitte dich, Mama, sprich nicht so von ihr.« »Ich finde, sie hat uns Verdruß genug bereitet. Wir sollten uns endlich freimachen.« »Und wenn er doch unser Sohn ist?« »Laß das! Ich will es nicht glauben. Wozu sich unglücklich machen?« »Du glaubst es – genau, wie ich es glaube.« »Ich will nicht.« »Es hat ja keinen Sinn, daß du dich dagegen wehrst. Du kommst doch nicht eher zur Ruhe, bevor du weißt, daß er in Sicherheit ist.« »Wäre er von Anfang an bei uns gewesen – es wäre nicht passiert.« »Du hättest dann auf Hilde verzichten müssen.« »Ich hätte sie ja gar nicht kennengelernt.« »Bereust du es?« »Es täte mir sehr weh, wenn ich sie hergeben müßte – obgleich sie mich oft genug geärgert hat. Manchmal war es so, daß ich mir hätte sagen müssen: das kann dein Kind nicht sein. Aber hinterher habe ich sie doch immer wieder lieb gehabt.« »Du bist also mit der Lösung zufrieden, daß sie bei uns bleibt?« »Gewiß! Aber wie lange wird sie schon bleiben? Ein so hübsches Mädel mit so viel Geld.« »Das Geld gehört doch nun ihm, Mama.« »Du bringst es fertig und schenkst es ihm.« »Muß ich denn das nicht? Das wäre doch sonst Unterschlagung.« »Wo sie es abgeschworen hat? Das ist für uns entscheidend – nicht unsere Gefühle.« »Darin hat Mama recht. Wie könnten wir es sonst vor unserem Gewissen verantworten?« »Könnt ihr das? – Ich nicht.« »Diese übertriebene Korrektheit, mein Kind, ist ganz unzeitgemäß«, sagte Frau Kaete – und Emil Gugenzeil schränkte aus pädagogischen Gründen die Behauptung dahin ein, daß er ergänzend hinzufügte: »Man soll natürlich korrekt sein – nicht nur in äußerlichen Dingen. Niemals aber auf Kosten der Selbsterhaltung – das ginge zu weit.« »Ich will schon mit mir fertig werden«, erwiderte Hilde. »Nur fallt mir nicht in die Arme – auch dann nicht, wenn ich unsere Schuld ...« »Von einer Schuld«, erklärte Frau Kaete – »kann gar keine Rede sein.« »... in einer Form abtrage, die euch nicht gefällt.« »Du bist alt genug, um zu wissen, wie weit du gehen kannst«, erwiderte Frau Kaete. »Kompromittieren darfst du weder dich noch uns.« »Bitte, Papa, gib mir Reisegeld – oder besser einige Blankoschecks.« »Was du alles kennst«, sagte Frau Kaete – und Hilde erwiderte: »Du vergißt; daß ich vor ein paar Tagen zweiundzwanzig Jahre alt geworden bin.« »Wenn ich in deinem Alter meine Eltern gebeten hätte – und du weißt, ich bin aus sehr guter Familie –, mich allein nach Ostende reisen zu lassen, so hätten sie das für einen schlechten Scherz gehalten.« »Auch dann, wenn ich damit ihrem Sohn hätte helfen können?« »Das kam in unseren Verhältnissen gar nicht in Frage.« »Es braucht sich ja nicht immer um Geld zu handeln.« »Geld oder Schmuck, wo ist da schon ein Unterschied? –« Sie wandte sich an ihren Mann: »Du läßt sie also wirklich reisen?« »Ich fühle mich nicht berechtigt, sie zurückzuhalten, wenn sie glaubt, daß sie ihm helfen kann.« »Könnte ich das nicht lieber versuchen?« »Du willst? Wie gut von dir, Mama.« »Ich bin doch erfahrener und älter als du.« »Vielleicht, daß Unerfahrenheit und Jugend in diesem Fall vorteilhafter sind.« »Du wirst dir doch nichts vergeben, Hilde?« »Ich komme so zurück, wie ich fortfahre – das verspreche ich euch. Ob ich aber nicht in Situationen gerate, die mich äußerlich kompromittieren, das kann ich freilich nicht versprechen.« »Laß sie gehen, Kaete, und belaste sie nicht. Sie muß ganz nach freiem Ermessen handeln, wenn sie etwas erreichen will.« Frau Kaete schloß Hilde in die Arme und sagte fast feierlich: »Es mag kommen, was will – du bleibst doch immer meine Hilde.« »Und was fühlst du für Richard?« fragte sie. »Ich leide. Wenn ich aber wüßte, es geht ihm gut, käme ich, glaube ich, darüber hinweg.« »Ein Grund mehr zu handeln«, erwiderte Hilde, ließ sich die Schecks geben und nahm von beiden Abschied. XXIX. Hilde fuhr mit dem Neun-Uhr-Zug nach Brüssel. Sie stieg in einem Hotel auf der Place Royal ab und setzte sich sofort nach ihrer Ankunft mit dem Juwelier Josef Brix am Marché aux Herbes in Verbindung: »Herr Brix selbst am Apparat?« »Jawohl, Madame.« »Ich habe ein seltenes Familienstück, ein Hals- und zwei Armbänder aus brasilianischen Brillanten zu verkaufen. Interessiert es Sie?« »Aber natürlich – obgleich brasilianische Brillanten ...« »Ich weiß, aber erst sehen Sie sich die Stücke an.« »Wann darf ich kommen?« »Sofort!« Sie nannte ihren Namen und ihr Hotel – und wenige Minuten später meldete ihr der Hotelportier Herrn Brix. Hilde hatte ein Appartement mit Salon, Schlafzimmer, Bad und Zofenstube genommen und gleich nach ihrer Ankunft vom Gärtner nebenan ein paar schöne Blumensträuße bringen lassen, die dem etwas steifen Salon Wärme und Behaglichkeit gaben. Josef Brix trug ein kurzes Jackett, gestreifte Hosen, helle Handschuhe und einen Zylinder. Er hatte einen Spitzbart und trug mit Würde einen Bauch vor sich her, dessen Umfang er durch eine besonders starke goldene Chatelaine und ein herabhängendes Monocle abzuschwächen suchte. Josef Brix hatte nach dem Telephongespräch erwartet, sich einer älteren, behäbigen Dame gegenüberzusehen, auf die er trotz seines Äußeren und seiner fünfzig Jahre immer noch einen gewinnenden Eindruck machte – und war daher überrascht, als ihm ein äußerst elegantes und hübsches junges Mädchen gegenüberstand, das er ihrem Äußern nach und nach dem Akzent, mit dem sie französisch sprach, eher für eine Schwedin als für eine Deutsche gehalten hätte. Alles dies von Hilde vielleicht Beabsichtigte, für ihn aber Unvermutete nahm ihm die Sicherheit, mit der er sonst in ähnlichen Fällen aufzutreten pflegte. »Verzeihung, ich bin doch hier richtig bei Frau Gugenzeil aus Berlin?« »Fräulein bitte – ich hatte Frau gesagt, um Ihnen Vertrauen einzuflößen.« »Ich bringe dem Fräulein Gugenzeil genau das gleiche entgegen.« »Bitte, nehmen Sie Platz.« – Als er saß, fuhr sie fort: »Ich muß Ihnen zunächst etwas von meinen persönlichen Verhältnissen sagen.« »Wenn Sie sich von Ihrem Familienschmuck trennen, werden Sie es nicht leichten Herzens tun.« »Sie meinen aus Not. Das trifft nicht zu. Es geht mir gut, aber ich bin abergläubisch. Ich habe den Schmuck dreimal getragen und er hat mir dreimal Unglück gebracht.« »Nichts Ernstes hoffentlich.« »Sie sehen, ich lebe.« »Ich bin glücklich, es feststellen zu dürfen.« »Ich denke, wir erledigen nun das Geschäftliche.« »Gnädigste wollten mir doch von Ihrem persönlichen Verhältnissen erzählen.« »Müssen Sie noch mehr wissen als den Grund, aus dem ich verkaufe?« »Sie sind volljährig?« »Zweiundzwanzig.« »Darf ich Ihren Paß sehen?« »Höflich ist das nicht – aber hier ist er.« Sie reichte ihm den Paß – und er erwiderte: »Es ist sogar ein Kompliment. Denn ich bin nur schönen Frauen gegenüber vorsichtig.« »Aus welchem Grunde?« »Weil ich mich kenne und daher weiß, wie leicht ich schönen Frauen gegenüber jede Vorsicht außer acht lasse.« »Meine Großmutter hat mir den Schmuck testamentarisch vermacht.« »Kann ich das Testament sehen?« »Nein! das können Sie nicht. Aber Papa hat Geschäftsfreunde in Brüssel. Erkundigen Sie sich nach mir – aber Sie brauchen ihnen nicht gerade den Grund zu nennen, aus dem ich hier bin.« »Mir würde ein Name genügen.« »Romedenne, Place de Bronchère.« »Ein guter Bekannter – Sie gestatten?« – Er ging an den Apparat und stellte die Verbindung her. »Sag, Romedenne, kennst du einen Fabrikanten namens Emil Gugenzeil in Berlin?« »Ein steinreicher Mann, dem du jeden Kredit geben kannst.« »Weißt du etwas von seiner Tochter?« »Eine der besten Partien Berlins. Außerdem gescheit, schick, bildhübsch. Der Mann, der die bekommt, kann sich gratulieren.« »Danke!« – Er hing an und wandte sich wieder zu Hilde: »Ihre Identität ist einwandfrei festgestellt.« »Was hat Romedenne gesagt von mir?« »Gescheit, schick und bildhübsch.« »Er hat mich nur zweimal im Leben gesehen.« »Und ich nur einmal – und kaum fünf Minuten –, aber es genügt, um zu erkennen, daß er recht hat.« »Also dann endlich zum Geschäft.« – Sie holte den Schmuck aus dem Handkoffer und legte ihn vor Brix auf den Tisch. Der sprang auf und rief: »Das ist ja kostbar!« – Er merkte sofort seinen Fehler und fuhr fort: »Daß heißt, er verblüfft wie alle brasilianischen Edelsteine im ersten Augenblick.« »Schränken Sie Ihr Lob nicht ein und geben Sie zu, daß er besonders kostbar ist.« »Ich habe Ihnen ja vorhin gesagt, daß ich Damen wie Ihnen gegenüber nicht vorsichtig genug bin.« – Er besah sich den Schmuck genau und sagte: »Er ist wert dreimal ...« »Nein!« fiel ihm Hilde ins Wort. »Sie wissen ja gar nicht, was ich sagen wollte.« »Ich weiß genau, daß er das Doppelte von dem wert ist, was Sie sagen wollten. Im übrigen: er ist in Berlin bereits taxiert und ich hätte ihn dort verkauft, wenn ich nicht gefürchtet hätte, es spricht sich herum. Und ein junges Mädchen, das seinen Schmuck verkauft, hebt nicht gerade ihren Kredit.« »Ich verstehe – und wie hoch hat man den Schmuck in Berlin taxiert?« »Auf 150 000 Mark.« »Er ist gerade die Hälfte wert.« »Stimmt. Fünfundsiebzigtausend Mark. So hat man ihn auch taxiert.« »Sie sagten doch eben ...« »Ich wollte nur vorbeugen, daß Sie zu niedrig taxieren. – Wollen Sie mir also 75 000 Mark dafür geben?« »Muß ich mich heute noch entscheiden?« »Aber nein! Ich verbinde bei meiner Reise das Nützliche mit dem Angenehmen und kopiere im Musée Royale den Memlingschen Martertod des heiligen Sebastian.« »Sie malen auch?« »Wieso auch? Ich handle ja nicht gewerbsmäßig mit Juwelen.« »Einer Frau, die so schön und so gescheit ist wie Sie, sollte es genügen, da zu sein.« »Glauben Sie, daß Sie den Schmuck billiger bekommen, wenn Sie mir so plumpe Komplimente machen?« »Ihnen braucht man keine Komplimente zu machen, sondern nur die Wahrheit zu sagen.« »Glauben Sie nicht etwa, daß ich eine Künstlerin bin?« »Ich kaufe Ihnen die Kopie ungesehen ab.« »Das ist sehr unvorsichtig von Ihnen. Sind Sie in Ihren Geschäften auch so leichtsinnig? – Aber ja, ich erinnere mich! Sie sind doch der Juwelier, der im D-Zug Paris–Berlin überfallen und beraubt worden ist.« »Der bin ich – aber wieso führen Sie das auf Leichtsinn zurück?« »Erzählen Sie jedem Mitreisenden – zumal, wenn Sie allein mit ihm im Coupé sitzen – wie wertvollen Schmuck Sie bei sich haben?« »Habe ich das getan?« »Es stand in den Zeitungen.« »Da steht viel.« »Es betraf Ihre eigene Aussage – wenn ich nicht irre.« »Ich erinnere mich – ja – ich habe es gesagt. Bestimmt hat dieser Hochstapler mir durch suggestive Kraft die Erklärung entlockt. Anders ist es ja gar nicht zu erklären, daß ich einem wildfremden Menschen verrate, was ich bei mir trage.« »Er soll nicht vorbestraft und ein guter Musikant sein.« »Soll! – er hat Jahre lang in Paris gelebt. Ich möchte seinem Vorleben nicht nachspüren.« »Vielleicht wäre das ganz amüsant.« »Ich weiß genug von ihm.« »Wieso? Sie haben ihn doch erst auf der Reise kennengelernt – oder?« »Natürlich habe ich das. Aber er hat so viel erzählt, daß ich mir gleich dachte, da stimmt was nicht.« »Und trotzdem haben Sie sich ihm anvertraut?« »Das war vorher – oder später – ich weiß es selbst nicht mehr. Wieso interessiert Sie der Fall?« »Nicht übermäßig. Aber da Sie das Gespräch darauf brachten.« »So? Habe ich? – Das weiß ich gar nicht. Vermutlich, weil Sie aus Berlin kommen – und ich gerade meine Zeugenladung bekommen habe.« »Werden Sie ihr folgen?« »Vielleicht. Bestimmt aber werde ich mich kommissarisch vernehmen lassen. Denn man muß solche Leute unschädlich machen.« »Der Ansicht bin ich auch. – Sie lieben Berlin nicht?« »Doch! Sehr. Ich mache große Geschäfte dort.« »Und trotzdem nehmen Sie die Gelegenheit nicht wahr?« »Ich hasse das Gericht.« »Sonderbar – ich liebe es.« »Kennen Sie es denn?« »Ja. Ich interessiere mich für alles – und treibe vieles, aber nur dilettantenhaft. Ich treibe allerlei Sport, male ein wenig, singe, spiele Klavier – denken Sie, ich fechte sogar, – Degen und Florett – und seit einem halben Jahr gehe ich jede Woche zweimal boxen.« »Sie sind ja ein Universalgenie.« »Von allem ein bißchen – betriebe ich nur eine Kunst und die ernstlich, so wäre das mehr.« »Was hat das aber mit dem Gericht zu tun?« »Richtig! Das Wichtigste vergaß ich. Seit ein paar Wochen besuche ich Gerichtsverhandlungen.« »Weshalb denn das?« »Aus psychologischem Interesse. Und das reizt mich so, daß ich vermutlich vieles andere, was ich jetzt schon vernachlässige, ganz aufgeben werde – nur, um dies eine gründlich zu betreiben.« »Was kann Sie daran interessieren? Ein Verbrecher ist wie der andere – genau wie ein Einbruch dem andern gleicht.« »Im Gegenteil – gerade die Unterschiede sind das Interessante. Und wenn man sich weniger mit der Tat und mehr mit dem Angeklagten als Menschen beschäftigen würde, so käme es seltener vor, daß ein Unschuldiger verurteilt und ein Schuldiger freigesprochen wird.« »Ist das denn so wichtig?« »Erlauben Sie mal! Ich finde den Gedanken furchtbar, daß ein Unschuldiger bestraft wird.« »Es kommt oft vor, daß jemand die Tat, derentwegen er verurteilt wird, nicht begangen hat – dafür aber eine andere.« »Eine andere? – Wie ist das möglich?« »Die Gewohnheitsverbrecher werden selten gefaßt. Die meisten ihrer Verbrechen bleiben ungesühnt.« »Halten Sie diesen – wie heißt er doch? – Krüger – auch für einen Gewohnheitsverbrecher?« »Für einen tollwütigen Hund, den man niederknallen sollte.« »Hätten Sie ihn niedergeknallt, wenn Sie einen Revolver gehabt hätten?« »Ich hatte ja einen.« »Wie! – Sie hatten ...« »Er hatte ihn – aber ich habe mit ihm gekämpft und ihm die Waffe entwunden. Ich hatte sie also.« »Und weshalb haben Sie ihn nicht niedergeknallt? – Sie waren doch in Gefahr und hätten in Notwehr gehandelt.« »Ich wollte den Tatbestand nicht verwischen.« »Er war Ihnen mehr wert als Ihr Leben? – Sonderbar!« »Ich bin kaltblütig – auch im Augenblick der Gefahr.« »Und kräftig müssen Sie sein – kräftiger als Sie aussehen, wenn es Ihnen gelang, ihn niederzuringen. Denn in den Zeitungen steht, daß er jung und kräftig ist.« »Die Not gibt Kraft.« »Ich möchte Ihnen nicht im Streit begegnen.« »Ich bitte Sie! Einer Dame gegenüber würde ich niemals meine Kräfte in Anwendung bringen.« »Wollen Sie mir das versprechen?« »Wie sonderbar.« »Ich meine, Sie könnten mir den Schmuck jetzt doch auch mit Gewalt entwenden.« »Was denken Sie von mir?« »Etwa so!« – Sie versetzte ihm einen Kinnhaken. – Er verlor das Bewußtsein – taumelte und fiel zu Boden. – Sie zerwühlte hastig ihr Haar, riß sich das Kleid vom Leibe, steckte ihm einen Fetzen davon in die linke, einen Revolver, den sie unter einem Kissen des Sofas hervorzog, in die rechte Hand, brachte ihm ein paar Kratzwunden bei, warf den Schmuck auf die Erde und rief, als ihm das Bewußtsein wiederkehrte und er sich mühsam erhob, um Hilfe. Ein Herr und eine Dame, die gerade auf dem Flur waren, stürzten ins Zimmer. Der Juwelier stand verdattert mit gläsernen Augen, den Revolver in der rechten, Fetzen von Kleid in der linken Hand Hilde gegenüber. Auf der Erde zwischen beiden lag der Schmuck. »Dieser Herr hat mich überfallen und mir mit dem Revolver in der Hand den Schmuck entrissen«, sagte Hilde. »Bitte, veranlassen Sie seine Verhaftung.« »Sie – lügt!« brachte der Juwelier mühsam hervor. Aber die Dame erwiderte: »Mein Herr! Ich bin Hoteldetektivin. Die Situation ist so eindeutig wie möglich.« – Sie nahm ihm den Revolver aus der Hand und sagte: »Sie sind verhaftet.« Der Juwelier übersah die Situation. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. Er sagte sich, die Wahrheit würde ihm niemand glauben. So verfiel er auf den Gedanken, zu erklären: »Der Schmuck gehört mir. Sie suchte ihn mir zu entreißen. Da ich alt und schwach bin, so setzte ich mich mit dem Revolver zur Wehr. Als sie sah, daß sie verspielt hatte – und aus Furcht vor dem Revolver rief sie um Hilfe.« »Halten Sie ihn fest im Auge«, rief Hilde dem Herrn zu, eilte an ihren Koffer, entnahm ihm eine Mappe mit Papieren, unter denen sich eine Photographie des Schmuckes, seine Herkunft und der Name des Besitzers, Hilde Gugenzeil, befand. Sie reichte dem Herrn die Photographie. Der gab sie erst an die Dame weiter, reichte sie dann dem Juwelier und sagte: »Sie sind überführt.« Der Juwelier, der sich verloren sah, obschon er sich im Recht wußte, bat den Herrn und die Dame, ihn nur einen Augenblick lang mit Fräulein Gugenzeil allein zu lassen. »Zu welchem Zweck?« fragte die Dame. »Um mich als Gentleman, der sich aus unbegreiflichen Gründen vergaß, bei ihr zu entschuldigen.« »Das können Sie auch in unserer Gegenwart tun.« »Tun Sie ihm den Gefallen«, bat Hilde – »aber untersuchen Sie erst, ob er auch weiter keine Waffen bei sich hat.« Der Herr befühlte seine Taschen und stellte drei gefüllte Brieftaschen, eine Platinuhr mit Platinkette, ein goldenes Zigarettenetui und ein Bund Aluminiumschlüssel fest. »Bitte, wo soll ich den Revolver gehabt haben?« fragte Brix. »Er hat ihn aus der hinteren Hosentasche hervorgezogen«, erklärte Hilde – und der Herr stellte fest: »Stimmt! Der Knopf der hinteren Hosentasche ist geöffnet.« Da gab der Juwelier endgültig jeden weiteren Widerstand auf. Der Herr und die Dame gingen ins Nebenzimmer. An der Tür wandte sich der Herr um und sagte: »Wenn Sie uns brauchen, gnädiges Fräulein, – es genügt ein Ruf.« »Ich werde schon allein mit ihm fertig«, erwiderte Hilde und schloß hinter ihnen die Tür. Dann ging sie dicht an Brix heran und fragte: »Was wollen Sie noch?« »Sie sind ein Ungeheuer! Wie kann ein Mensch, der aussieht wie Sie, so handeln?« »Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben? Ich dachte, Sie wollten sich bei mir entschuldigen.« »Sie sind wahnsinnig. Sie wissen doch genau, daß Sie mich überrumpelt haben. Weshalb haben Sie das getan? Es muß doch einen Grund haben.« »Genau wie der angebliche Überfall auf Sie in dem D-Zug Paris–Berlin einen Grund haben muß.« Brix zuckte zusammen und sagte: »Deshalb also ... jetzt verstehe ich.« »Sind Sie jetzt bereit, mir eine Aufklärung zu geben.« »Ganz unmöglich.« Hilde wandte sich zur Tür und sagte: »Dann kann ich die beiden wieder hereinrufen?« Brix überlegte: Würde man ihm glauben, wenn er jetzt erklärte, das Ganze sei ein Racheakt gewesen von Freunden des Musikanten Krüger? Konnte man nach dieser Erklärung aber nicht mit gleichem Recht auch seine Darstellung von dem Überfall in der Eisenbahn anzweifeln? Wenn dies Fräulein Gugenzeil einen so gewagten Coup unternahm, wußte sie mehr. Was aber geschah, wenn sie seine eidliche Aussage, die er dieser Tage machen mußte, widerlegte? Er war sich klar: es lag Verrat vor. Und er brauchte auch nicht lange zu suchen, um zu wissen, von wo der Verrat kam. Aga Tramm liebte den jungen Musikanten und suchte ihn zu retten. »Aga Tramm«, wiederholte er halblaut – und Hilde, die ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte, sprang auf ihn zu und wiederholte laut: »Aga Tramm! Ich kenne das Geheimnis.« »Wenn Sie es kennen, warum quälen Sie mich?« »Sie müssen es mir bestätigen.« »Es wird schon richtig sein, was Sie wissen.« »Reden Sie – oder –« Sie wies wieder zur Tür. »Bedenken Sie, wenn die Brüsseler Blätter heute abend in großen Lettern den Raubüberfall des bekannten Juweliers Brix auf ein deutsches junges Mädchen verkünden.« »Es wird niemand glauben.« »Ihnen aber hat man geglaubt.« »Es war klüger eingefädelt«, erwiderte der Juwelier, der jetzt den ersten Schreck überwunden hatte. »Und dann: Wer ist der Musikant Krüger aus Berlin? Ihn kennt niemand. Aber den Juwelier Brix kennt jeder Mensch – in Brüssel, in Paris, in London und in Berlin.« »Sie werden doch jetzt nicht wagen, die Schilderung, die Sie über den Überfall im D-Zug gegeben haben, aufrechtzuerhalten?« »Halten Sie nicht auch an Ihrer Schilderung hier fest?« »Ich mache sie rückgängig, wenn Sie mir die Wahrheit sagen.« »Was nutzt mir das? Die Beamten sind verpflichtet, mich festzunehmen. Man wird mich vor Gericht stellen – und wenn mein Leumund weniger gilt als Ihr Eid, so wird man mich verurteilen – genau so, wie man den jungen Menschen auf meinen Eid hin ins Zuchthaus schicken wird.« »Auf zwei Meineide hin?« »Sie sehen, wie lückenhaft die Justiz ist und wie leicht es ist, ihr ein Schnippchen zu schlagen.« »Das darf nie und nimmer geschehen – das eine sowenig wie das andere.« »Ihre Schuld, mein Fräulein! Sie haben schlecht gearbeitet.« »Wenn ich die Beamten nun fortschicke?« »Die lassen sich nicht kommandieren. Und wenn Sie ihnen jetzt erzählen würden, der Überfall sei fingiert gewesen, so werden sie annehmen, Sie seien von mir bestochen. Das schadet Ihnen und hilft mir nicht.« »Ich bin überzeugt, daß es mir gelingt.« »Was wollen Sie ihnen sagen?« »Daß es eine Eifersuchtsszene war.« »Dann bleibt noch immer die Bedrohung mit dem Revolver bestehen.« »Daß Sie sich so dagegen sträuben. Geben Sie mir die verlangte Aufklärung – und ich schwöre Ihnen, daß die Beamten Sie nicht anrühren.« »So sicher sind Sie Ihrer Leute?« »Wieso meiner Leute?« Der Juwelier Brix setzte die verschlagenste Miene von der Welt auf, öffnete die Tür, hinter der die beiden standen, stellte sich vor sie hin und erklärte mit großer Pose: »Bitte, verhaften Sie mich.« Der Herr und die Dame waren so verdutzt, daß sie zunächst kein Wort herausbrachten. Dann wandten sie sich an Hilde und fragten: »Was sollen wir tun?« »Lassen Sie ihn laufen.« Brix trat noch ein paar Schritte näher an die Leute heran und sagte in sehr bestimmtem Ton: »Ich bestehe darauf, daß Sie mich verhaften. – Ich habe bereits mit dem Polizeipräfekten, einem guten Freund von mir, telephoniert, daß ich seinen Beamten keinen Widerstand entgegensetzen werde.« »Sie lügen«, rief Hilde, die sah, daß sie verspielt hatte. »Wollen Sie mir den Herrn und die Dame nicht vorstellen?« fragte Brix und schlug sich an den Kopf. »Wie konnte ich nur auf solch einen plumpen Schwindel hereinfallen? Allein an dem schlechten Französisch hätte ich es erkennen müssen. Aber die Wallonen sprechen auch nicht besser.« – Er trat an den Herrn heran und sagte: »Sie sind vermutlich der Liebhaber von Fräulein Gugenzeil?« »Was fällt Ihnen ein? Ich bin ihr Chauffeur.« »Dann sind Sie also die Zofe«, fuhr Brix fort und betrachtete die Dame genau. »Ein allerliebster Racker. Aber die Gnädige ist mir lieber.« »Schweigen Sie«, befahl Hilde. Aber der Juwelier erklärte: »Ich glaube doch, daß ich das Recht habe, hier zu reden.« »So lassen Sie uns doch verhaften.« »Aber nein! Dazu habe ich viel zuviel Sinn für Humor.« »Mir ist durchaus nicht lächerlich zumute.« »Das begreif ich. – Sie waren also so fest davon überzeugt, mich auf diesen, übrigens ausgezeichneten Bluff hin zum Reden zu bringen, daß Sie gar nicht mit der Möglichkeit gerechnet haben, die Verhaftung ausführen zu müssen?« »Ich hatte eben weniger Glück als Sie damals.« »Das scheint mir auch. Aber wollen Sie nun nicht Ihre Domestiken fortschicken, damit wir endlich das Geschäft erledigen können.« Hilde gab den beiden ein Zeichen, auf das hin sie wie zwei begossene Pudel abzogen. Als sie draußen waren, nahm Brix die Halskette auf und sagte: »Ich darf Ihnen also einen Scheck über 75 000 Franken ausstellen?« »Mark«, verbesserte Hilde – aber der Juwelier wiederholte und betonte es – indem er mit der Füllfeder den Scheck schrieb: »Franken.« Er reichte Hilde den Scheck und sagte: »Die kleine Differenz verrechnen Sie wohl auf die besonderen Umstände, unter denen der Verkauf sich vollzog.« »Sie lassen sich Ihr Schweigen erkaufen? Sie sind kein Gentleman.« »Nach der Richtung hin haben wir uns wohl beide nichts vorzuwerfen«, erwiderte er, nahm ihre Hand und küßte sie. Dann ging er zur Tür, wandte sich um und sagte: »Werden Sie mir nicht das Vergnügen machen, heute abend mit mir zu soupieren?« »Nein!« »Auch nicht um den Preis des Schmuckes? – Sie sehen, wieviel mir an Ihrer Gesellschaft liegt.« »Wenn Sie glauben, daß wir noch nicht quitt sind – bitte!« – Sie nahm den Scheck und zerriß ihn. »Schade!« sagte der Juwelier Brix und legte den Schmuck auf den Tisch zurück. »Ich hatte nach allem den Eindruck, daß wir uns gut verstehen würden.« Hilde schwieg. Er verbeugte sich und ging. XXX. So bestimmt Hilde nach ihrer Rückkehr wußte, daß der Überfall im D-Zug ein Manöver des Juweliers Brix war, sowenig konnte sie die Anwälte des Angeklagten Richard Krüger davon überzeugen, daß dieses Schulbeispiel eines räuberischen Überfalles tiefere Hintergründe hatte. Ihr Bericht über die Begegnung mit Brix im Brüsseler Hotel klang in der Tat wenig glaubwürdig und bewies den Anwälten nur, daß Hilde in ihrem Übereifer, dem Angeklagten zu helfen, selbst vor strafbaren Handlungen nicht zurückschreckte. Die Hotelgeschichte klang ihnen so unglaublich, daß sie an den Juwelier Brix nach Brüssel einen Brief schrieben und ihn im Namen der um ihre Tochter besorgten Eltern baten, sich über sein Brüsseler Erlebnis mit Hilde Gugenzeil zu äußern. Der schrieb zurück, daß er eine Dame dieses Namens nicht kenne und in den letzten zehn Jahren überhaupt kein Erlebnis mit einer Dame gehabt habe. Es müsse also eine Personenverwechslung vorliegen. Als die Anwälte pflichtgetreu dem Ehepaar Gugenzeil davon Mitteilung machten, rief Frau Kaete: »Ich habe ja immer gesagt, sie ist nicht normal. Schon vor Jahren wollte ich sie in eine Anstalt tun.« Aber Emil Gugenzeil nahm Hilde in Schutz: »Es steht Aussage gegen Aussage. Wer kann behaupten, daß dieser Juwelier glaubwürdiger ist als meine Tochter.« »Man brauchte ja nur den Chauffeur und die Zofe zu fragen«, erwiderte Frau Kaete – aber die Anwälte rieten davon ab. »Wozu einen klaren Fall unnütz kompliziert machen?« sagte Rechtsanwalt Dr. Bloch. »Wenn wir den Angeklagten auf Grund des § 51 freibekommen wollen, so müssen wir alles unterdrücken, was zur Klärung des Falles führen kann.« Und der auf Wunsch und Kosten Emil Gugenzeils herzugezogene Justizrat Nebel erklärte: »Ich wäre im Interesse des Angeklagten dafür, daß man das gnädige Fräulein, das ich im übrigen für normal und nur für überspannt halte, für die Dauer des Prozesses in ein Sanatorium schickt.« »Das wäre für alle das beste«, erwiderte Frau Kaete – »aber freiwillig geht sie nicht.« »Und mit Gewalt lasse ich mein Kind nicht einsperren«, erklärte Gugenzeil. »Wenn wir ihr klarmachten, daß es in aller Interesse liegt, wenn sie vorübergehend verschwindet«, meinte Rechtsanwalt Dr. Bloch – »wird sie das Opfer doch bringen.« »Fragen wir sie«, entschied Emil Gügenzeil und ließ Hilde durch den Diener nach vorn bitten. Hilde erschien in einem eleganten Reisekostüm, übersah die Anwälte und sagte zu den Eltern: »Ich wollte mich gerade von euch verabschieden.« »Was ist denn los? Wo willst du denn hin?« »Zehn Uhr drei geht mein Zug nach Paris.« »Nach Paris?« »Ich habe mich plötzlich entschlossen – entschließen müssen, um endlich der wahren Ursache dieses Eisenbahnattentates auf die Spur zu kommen.« »So gib das doch endlich auf!« erwiderte Frau Kaete und wies auf die beiden Anwälte, »du siehst, wir tun, was wir können, wir haben zwei hervorragende Verteidiger, denen du durch deine überspannten Eskapaden nur das Konzept verdirbst«, – und da ihr diese Wendung gefiel, so wandte sie sich an die beiden Anwälte und fragte sie: »Habe ich recht? Verdirbt sie Ihnen nicht das Konzept?« Ehe die etwas erwidern konnten, sagte Hilde: »Nach Schablone F kommt man dem Fall nicht auf den Grund.« »Das soll man ja gar nicht«, erwiderte Dr. Bloch. »Ohne einen klaren und überzeugenden Freispruch ist ihm nicht geholfen.« »Wir werden klar und überzeugend nachweisen, daß er bei Begehung der Tat nicht zurechnungsfähig war.« »Und ich werde das Gegenteil beweisen.« »Womit Sie ihn mit aller Sicherheit ins Zuchthaus bringen.« »Abwarten, Herr Doktor.« »Sage uns wenigstens, was du in Paris willst«, bat Frau Kaete. »Eine Frau aufsuchen, die mehr weiß als wir alle.« »Sie vermuten also, daß er aus Eifersucht gehandelt hat?« »Wer?« »Der Angeklagte. – Man könnte dann Affekt annehmen und vielleicht mildernde Umstände erreichen.« »Was wäre die Folge?« fragte Frau Kaete – und Dr. Nebel erwiderte: »Daß er mit ein paar Jahren Gefängnis davonkommt.« Hilde wandte sich an Dr. Bloch und fragte: »Was sagen Sie dazu?« »Sie wissen, aus welchen Gründen für mich nur Freispruch in Frage kommt.« »Bravo, Doktor!« »Freispruch auf Grund des § 51.« Hilde wandte sich darauf an ihre Eltern und sagte: »Ich glaube, ihr tätet gut, wenn ihr auf die Hilfe der Herren verzichtet und die Verteidigung Richard und mir überließet.« »Kind, du weißt ja nicht, was du sprichst.« »Sie sollten wirklich etwas für Ihre Nerven tun, gnädiges Fräulein«, riet mit einiger Zurückhaltung Dr. Nebel und erhielt von Hilde zur Antwort: »Der Ansicht bin ich auch. Und deshalb fahre ich nach Paris. Denn ich weiß genau, meine Nerven werden nicht zur Ruhe kommen, bevor ich nicht Licht in dies Dunkel gebracht habe.« »Wir wünschten, alle Fälle lägen so klar«, erwiderte Dr. Nebel – und Rechtsanwalt Dr. Bloch bestätigte dies, worauf Hilde sagte: »Also, wenn es so klar ist, wozu dann der Aufwand von zwei berühmten Verteidigern? Nehmt, wenn es sein muß, doch irgendeinen Referendar, der sich den Menschen und nicht den Fall ansieht.« »Ist Ihre Absicht, nach Paris zu fahren, die Folge einer Unterredung mit dem Angeklagten?« fragte Dr. Bloch – und Hilde erwiderte: »Sie haben ja meine Besuche bei ihm hintertrieben und ein Besuchsverbot für mich erwirkt, das ich weder mit Geld noch mit guten Worten unwirksam machen konnte.« »Es war meine Pflicht – im Interesse des Angeklagten.« »In Ihrem Interesse wollten Sie sagen.« »Wenn das Ihr Ernst ist, sähe ich mich genötigt, die Verteidigung niederzulegen.« »Schon wieder mal. Nur Sie versprechen es immer und halten es nicht.« »Hilde«, mahnte Frau Kaete. Rechtsanwalt Dr. Bloch wandte sich an Herrn Gugenzeil und sagte: »Herr Gugenzeil! Ich lege die Verteidigung nieder!« »Bravo!« rief Hilde. »Sie mögen ein guter Anwalt sein, wenn es gilt, nachzuweisen, daß eine gefälschte Bilanz richtig oder daß ein Wucherer, der seinen Schuldner in den Tod trieb, ein Ehrenmann ist. In einem Fall wie diesem aber, dem man nur mit der Wahrheit beikommt, müssen Sie versagen.« »Du bist ein Phantast, Kind!« sagte Frau Kaete und fuhr, zu Bloch gewandt, fort: »Ich hoffe, Sie nehmen es ihr nicht übel.« »Ich rechne damit«, erwiderte Dr. Bloch, »daß Ihr Fräulein Tochter ihr Unrecht, das sie an dem Angeklagten und an mir begeht, noch vor Prozeßbeginn einsehen wird.« »Wenn das der Fall sein sollte«, erwiderte Hilde, »so werde ich mich nicht schämen, es zu gestehen.« »Ob ich dann, wenn die Karre verfahren ist, noch für den Angeklagten einspringen werde, kann ich freilich nicht versprechen.« »Ich nehme Kenntnis«, erwiderte Hilde, wandte sich an Dr. Nebel und fragte ihn: »Und Sie?« »Ich erkläre mich selbstredend mit meinem Kollegen solidarisch.« »Sie legen also auch nieder?« »Wenn es gewünscht wird?« »Es wird gewünscht.« »Aber Hilde, wir können ihn doch nicht ganz ohne Schutz lassen.« »Er steht in meinem Schutz. Lebt wohl, ich muß zur Bahn! Ihr hört von mir aus Paris!« XXXI. Bevor Hilde nach Paris gefahren war, hatte sie Frau Elsa Krüger aufgesucht und ihr erzählt: »Ich war in Brüssel und habe diesen Juwelier gestellt. Ich hatte ihn schon in der Hand – aber er war gerissener als ich, entglitt mir – und ich mußte noch froh sein, daß er mich nicht der Polizei ausgeliefert hat. Aber einen Zweck hat die Reise doch gehabt.« »Haben Sie etwas erfahren? Hilde?« »Sag doch du zu mir – wenn es doch so ist.« »Es ist nicht so. Ich habe es eidesstattlich widerrufen.« »Der Rechtsanwalt Dr. Bloch hat die Erklärung von dir erpreßt. Ich weiß es. Er hat dir gedroht, dich wegen Erpressung anzuzeigen.« »Wegen Erpressung – mich?« »Er behauptet – obschon er bestimmt weiß, daß es nicht wahr ist – diese Kindesunterschiebung hast du nur erfunden, um deinem Sohn das großmütterliche Erbteil zu verschaffen.« »Es gehört ihm – so wahr ich lebe – und so wahr es nicht mein Sohn ist.« »Sei vorsichtig. Dr. Bloch hat sicherlich von deiner eidesstattlichen Erklärung vor Gericht Gebrauch gemacht. Das wird schwer bestraft – und glauben wird man es dir nach dem Widerruf doch nicht.« »Ob sie es glauben oder nicht – mir ist schon alles gleich.« »Liegt dir denn nicht daran, daß Richard freigesprochen wird?« »Ich würde mein Leben dafür geben.« »Obschon er nicht dein Sohn ist?« »Bin ich ihm darum nicht zehnfach verpflichtet? Wie habe ich an dem Jungen gesündigt – nur, um dir ein gutes Leben zu verschaffen.« »Ich glaube, er hat von seinem Leben mehr gehabt als ich von meinem. Er hat immer tun dürfen, was er wollte – mir aber hat man gerade immer das verboten, was ich gern tat – und hat immer zu mir gesagt, das schickt sich nicht für ein Kind aus gutem Hause. – Was glaubst du, wie oft ich den Richard beneidet habe?« »Aber später, als du erwachsen warst, da hast du doch alles gehabt, was du wolltest – eine Zofe, dein Auto, dein Pferd!« »Gewiß, aber das war bei uns alles so selbstverständlich, daß ich gar nichts Besonderes mehr daran fand. Es gehörte zu dem Stil des Lebens, das wir führten, genau so wie unzählige Rücksichten und Unannehmlichkeiten. Richard hingegen lebte als freier Künstler in Paris und konnte – zum mindesten in bezug auf seine Gefühle – tun und lassen, was er wollte. Er hat den Kammerdiener bestimmt weniger entbehrt, als ich die Zofe als lästig und überflüssig empfunden habe. Und wenn er in einer Taxi dahin fuhr, wohin das Herz ihn trieb, brachte mich meine Minerva in irgendeine Gesellschaft, in der ich vor Langeweile starb.« Frau Elsa war den Worten Hildes mit Staunen erst, dann mit Entsetzen gefolgt. »Dann habe ich ja etwas Furchtbares angerichtet!«, sagte sie. »Dann wärst du ja hier viel glücklicher gewesen.« Und was sie sich zweiundzwanzig Jahre lang, wenn Sehnsucht und Gewissen sie quälten, immer wieder zu ihrer Beruhigung gesagt hatte: »Sie hat es gut – tausendmal besser als sie es bei mir je hätte haben können« – war demnach ein Irrtum gewesen. Sie war so sehr von dieser Erkenntnis erschüttert, daß sie kaum zuhörte, als Hilde jetzt ihr Erlebnis mit dem Juwelier erzählte und von ihrer Absicht, nach Paris zu fahren. »Das einzig Positive, das ich von ihm herausbekommen habe, war der Name Aga Tramm. In Brüssel gibt es keine Frau dieses Namens. Ich habe drei Tage und vier Nächte lang mit Hilfe von Detektiven die Stadt von oben bis unten abgesucht, weder in der Gesellschaft, noch in der Unterwelt gibt es eine Frau dieses Namens. Ich war davon weder enttäuscht, noch war ich überrascht, denn ich sagte mir gleich, du bist nun einmal in Brüssel, also gehe den Dingen nach, aber finden wirst du sie vermutlich in Paris. – Du warst in Paris, du hast ihn besucht, kennst du eine Frau dieses Namens?« »Nein.« »Mit was für Frauen hat er damals verkehrt?« »Das weiß ich doch nicht. Er wird seine Mutter doch nicht mit seinen Geliebten zusammenbringen.« »Gott, seid ihr zimperlich. Eine Mutter sollte alles von ihrem Sohne wissen. Sie sieht mehr als er – und kann, wenn sie Takt hat, viel Unglück verhindern.« »Das muß dann eine sehr kluge Mutter sein.« »Du bist doch klug.« »Du meinst, weil ich eine so gescheite Tochter habe?« Hilde fühlte sich unsicher. Irgendein Gefühl trieb sie jetzt, Frau Elsa um den Hals zu fallen, sie an sich zu drücken und – zum ersten Male – Mutter zu ihr zu sagen. Sie trat auch einen Schritt auf sie zu. Aber dann hatte sie plötzlich eine Hemmung, dachte an Gugenzeil und an Frau Kaete – blieb stehen, sah Frau Elsa an und sagte: »Wenn erst alles vorüber ist, dann müssen wir beide ein paar Tage mal ganz für uns sein.« »Ob du bei mir auch so geworden wärst?« fragte Frau Elsa – oder sie dachte es laut – denn sie selbst legte sich diese Frage vor, auf die sie keine Antwort erwartete. Hilde nahm jetzt ihre Hand, führte sie an ihr Gesicht, küßte sie und sagte: »Du hörst von mir, Mutter!« Dann ging sie – und Frau Elsa sah ihr nach – und blieb wohl eine Viertelstunde lang, laut schluchzend im Zimmer stehen. – Hilde aber fuhr nach Paris – und suchte Aga Tramm. – Wenn man glaubt, eine besonders schwierige Aufgabe vor sich zu haben, so überlegt man so viel und denkt nicht an das einfachste. Denn Hilde hätte nur in dem Pariser Telephonbuch nachzuschlagen brauchen und hätte Aga Tramm, Privatiere, 35 Avenue de Villiers, gefunden. Aber das Geheimnisvolle, das diesen Namen umgab, ließ sie auf diesen einfachen Gedanken gar nicht kommen. Sie kannte Paris – so, wie Fremde es zu kennen pflegen. Dreimal war sie mit ihren Eltern hier gewesen, hatte im Hotel Meurice gewohnt, bei Ritz gegessen, und auf dem Montparnasse ein paar Lokale kennengelernt, die der Fremde sehen mußte, um zu Haus geheimnisvoll erzählen zu können: »Ja, Paris, das echte Paris bei Nacht! – So etwas gibt es doch in keiner anderen Stadt der Welt.« Diese Behauptung bleibt auch dann noch lächerlich, wenn man die echten Pariser Quartiers um die rue Lépic herum und den Montmartre da, wo selbst der französische Provinzler sich mit Grauen wendet, aufsucht. Also nicht etwa um den Place Pigalle und den Place Clichy herum, wo die kleinen Mädchen ihrem Gewerbe nachgehen und ihre »Beschützer« vor den kleinen Hotels der engen Nebenstraßen Wache halten – sondern über die rue Leibniz hinaus, wo so manche Impasse hart auf die Fortifications führt. Und sonderbar! In diesen dunklen Quartieren, die Hilde aus den Erzählungen junger Pariser kannte – die meist auch nur von ihnen gehört hatten –, vermutete Hilde die gesuchte Aga Tramm. Gleich nach ihrer Ankunft setzte Hilde sich mit einem jungen Pariser in Verbindung, mit dem ihr Vater sie vor einem Jahre bekannt gemacht hatte und bat ihn, sie in das dunkelste Paris zu führen. Den Grund nannte sie nicht, obschon der junge Mann über Hildes Bitte mehr als erstaunt war. Es gibt wohl niemanden heute, der Gedankenübertragung als Hokuspokus ablehnt. Auf den Wegen der Seele ist bis heute noch keiner so weit wie der verstorbene Pole Stanislaus Przybiscewski vorgedrungen. Sein De Profundis ist – Rops eingeschlossen – unerreicht. Er allein hätte eine Erklärung dafür gefunden, daß die Gedanken der nüchternen und klugen Hilde Gugenzeil beim Forschen nach Aga Tramm eine so sonderbare Richtung nahmen. Der belgische Juwelier Brix hatte, als er den Namen Aga Tramm nannte, an Dinge gedacht, die jedem vernünftig Denkenden à rebours (wider den Strich) gingen. Und diese Vorstellung an ungewöhnliche gewisse Vorgänge war bei ihm so bestimmt und deutlich, daß sie sich als Grauen auf die Seele Hildes übertrugen. So kam es, daß sie mit dem Namen Aga Tramm etwas ungewöhnlich Häßliches verband – und das war für sie das Laster – da, wo es in niedrigster Form in die Erscheinung trat. So suchte sie mit dem jungen Pariser die niedrigsten Lasterhöhlen auf, schlich sich überall unauffällig an den Wirt heran, schob ihm einen Geldschein in die Hand und fragte, ob bei ihm eine Dirne Aga Tramm verkehrte. Aber schon in der dritten Kaschemme war sie so angeekelt, daß sie jeden weiteren Versuch aufgab. Die Wirte, die für ihr Geld etwas leisten wollten, schickten irgendeine Dirne an ihren Tisch, die log, daß sie Aga heiße. Die Verworfenheit dieser Dirnen niedrigster Sorte ernüchterte sie. Unmöglich konnte sich der Juwelier Brix, noch gar Richard Krüger, in diesen Kreisen bewegen. Sie suchte zu ergründen, wie sie überhaupt auf den Gedanken gekommen war, diese Frau hier zu suchen. Und sie fand, daß es eigentlich gar keine Anhaltspunkte dafür gab. Als der Pariser, angeregt von dem Reiz, der von Hilde ausging, und beeindruckt von der Sicherheit und Bestimmtheit, mit der sie ihr Ziel verfolgte, endlich fragte: »Was für eine Aga suchen Sie eigentlich?« – erwiderte sie müde und enttäuscht: »Aga Tramm.« Da lachte der junge Pariser laut auf – und als Hilde erstaunt fragte: »Weshalb lachen Sie?« erwiderte er: »Aga Tramm? Die schöne Aga, die Freundin des türkischen Prinzen, suchen Sie in den Kaschemmen?« »Sie kennen sie?« »Jeder Lebemann in Paris kennt Aga Tramm. Hätten Sie mir das vor zwei Stunden gesagt, wären wir zu Ciro oder zu Ritz gefahren.« »Was denn? – Sie ist eine Dame?« »Dem Benehmen und dem Stil ihres Lebens nach schon – und insofern eine grande Cocotte eine Dame sein kann, ist sie es.« »Sie wissen womöglich auch, wo sie wohnt.« »Sie hat eine Villa in der Avenue de Villiers.« »Fahren wir zu ihr.« »Mitten in der Nacht? – Unmöglich! Das heißt: Sie haben nicht unrecht. Tagsüber schläft so eine Frau.« Hilde sprang auf – und der junge Pariser hatte Mühe, ihr zu folgen, so eilig strebte sie dem Ausgang zu. Als sie vor der Villa Aga Tramms eintrafen – es war vier Uhr früh – erklärte ihnen der Hausmeister: »Die Gnädige ist noch nicht zu Haus.« »Wir warten«, erklärte Hilde. In diesem Augenblick wies der Hausmeister auf ein Auto und sagte: »Sie kommt!« Der Wagen hielt kaum, da stürzte Hilde schon an den Schlag, öffnete die Tür und sagte: »Sie verzeihen! Ich habe dringend mit Ihnen zu sprechen.« »Gott, was für eine reizende Person!« erwiderte Aga Tramm. »Und so anständig sehen Sie aus. – Aber wollen Sie mich nicht wenigstens erst aussteigen lassen.« »Verzeihen Sie mein Benehmen«, sagte Hilde und reichte Aga Tramm den Arm, um ihr behilflich zu sein. Aga Tramm, die schon im Begriff war, auszusteigen, beugte sich plötzlich in den Wagen zurück und sagte: »Es ist eine so schöne Nacht – und ich habe viel getrunken. Kommen Sie zu mir in den Wagen, wir fahren ins Bois und Sie erzählen mir, was Sie bedrückt.« »Gern ... aber ...« »Gar kein aber. Ich verspreche Ihnen heilig, daß ich Ihren Freund weder liebe noch zu heiraten gedenke.« »Meinen Freund?« »Sie kann doch nur die Eifersucht zu mir führen. Also wie heißt Ihr Kavalier? – Aber so steigen Sie endlich ein! – Ach so, Sie haben einen Herrn bei sich. – Leo! Sehe ich recht? Wie geht es Ihnen?« Der junge Pariser begrüßte Aga Tramm mit großer Zurückhaltung und sagte: »Madame, das junge Fräulein ist aus erster Familie.« »Dummkopf, das habe ich längst gesehen.« »Ihre Eltern ...« »Sie wollen sie heiraten, Leo, und haben ihr von mir erzählt, um sie eifersüchtig zu machen oder zu renommieren.« »Nichts von alledem. Sie kommt aus Berlin.« »Daher der reizende Akzent. Sie wäre auch viel zu schade für Sie. Sie müssen nämlich wissen – ja, wie heißen Sie denn?« »Hilde Gug ....« »Die Familie interessiert mich nicht. – Also Leo, fahr nach Haus und überlasse mir das junge Fräulein, das mich so dringend zu sprechen wünscht.« »Ich habe die Verantwortung, Aga.« »Beleidige mich nicht.« Der junge Pariser verabschiedete sich von den beiden Damen – und Aga Tramms Auto, in dem Hilde Platz genommen hatte, setzte sich in Bewegung. Aga Tramm machte es, ohne daß sie wollte, Hilde leicht. »Sie kommen aus Berlin?« sagte sie. »Dann kennen Sie vielleicht den Primgeiger Richard Krüger?« »Deswegen bin ich nach Paris gekommen!« »Nicht möglich!« »Um mit Ihnen über ihn zu sprechen.« »Er schickt Sie?« »Nein! Er weiß nicht, daß ich in Paris bin.« »Er hat Ihnen von mir erzählt.« »Nicht ein Wort.« »Woher wissen Sie dann, daß ich und er ...« »Von Brix, dem belgischen Juwelier.« »Was hat er Ihnen von uns erzählt?« »Daß Sie für sein Unglück verantwortlich sind!« »So ein Lump! Er allein hat schuld.« »So schien es mir aber nicht.« »Von allen Männern, die ich in den letzten Jahren geliebt habe ...« »Geliebt?« »Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich hing an ihm, weil er vergnügt und natürlich war – und nicht so gerissen und verlogen wie alle anderen.« »Und trotzdem haben Sie ihn ins Unglück gestürzt?« »Nein! Und tausendmal nein! Wenn Sie wüßten, wie ich darunter leide, daß der arme Junge im Unglück ist. – Sagen Sie, was wird ihm geschehen?« »Zwei Jahre Zuchthaus, meint sein Anwalt.« »Ich hasse ihn.« »Wen?« »Diesen Juwelier, der sich anmaßt, über uns zu richten.« »Er fühlt sich sehr sicher.« »Weil wir schweigen müssen.« »Und er darf Sie verraten?« »Ich schwöre Ihnen, ich habe es nicht gewollt. Und wenn Sie es mir auch nicht glauben! Ich habe den Jungen geliebt. Auf meine Art. Nur aus dem Grunde und weil ich dachte, ich tue ihm etwas Gutes damit, habe ich ihn mitgenommen. Ich glaubte, daß ein Mensch, der so Violine spielt, Sinn für Höheres hat.« »Für Höheres?« »Nun, zum mindesten nicht an die Bibel glaubt. Es war schon mancher vor ihm bei uns, den wir für reif hielten und zu gewinnen glaubten, – der dann plötzlich aber erklärte: Nein, das mache ich nicht mit.« – »Aber mitten in den Gottesdienst hinein zu fluchen, das hat noch keiner gewagt.« »So hat es ... mir ... auch ... Brix erzählt«, stammelte Hilde, die kein Wort verstand. »Brix hatte recht, wenn er sagte, der Grünschnabel hat uns beleidigt. Andere Religionen werden ja auch geschützt. Nur unsere nicht. Was bleibt uns da anderes übrig, als selbst Gericht zu halten?« »Sie hätten ihn verteidigen sollen.« »Das habe ich getan. Aber man hat mich niedergestimmt und Brix ermächtigt, die Sühne an ihm zu vollziehen.« »Gemein die Weise, in der er es getan hat.« »Wir haben uns den Gesetzen unterworfen, und ich glaube nicht, daß Sie den Mut haben werden, sich dagegen aufzulehnen.« »Ich? – wieso ich?« »Ja, gehören Sie denn nicht zu uns?« »Gott sei Dank, nein! – Obgleich ich nicht einmal ahne, was für Verbrechen Sie begehen.« »Sie ... gehören ... nicht ... zu ... uns? – Ja, wie ist es dann möglich, daß Brix, der so vorsichtig ist und so gescheit, sich Ihnen offenbart hat?« »Er hat sich verraten – ohne, daß er es wollte. Oder vielleicht nicht einmal das. Ich habe es herausgefühlt. Denn ich hatte den Willen, Richard zu helfen. Begreifen Sie! Und dieser Wille ist so stark, daß auch Sie sich ihm zuliebe über alle Bedenken hinwegsetzen und ihm helfen werden.« »Man bringt mich um, wenn ich es tue.« »Das also ist die Art, auf die Sie lieben.« »Verstehen Sie mich doch richtig ...« »Ich verstehe Sie genau! Leider! – Und nun, bitte, fahren Sie mich in mein Hotel.« »Brechen Sie doch nicht gleich alle Brücken ab. Zwischen damals und heute liegt so viel.« »Ich hatte ihn zehn Jahre lang nicht gesehen, als ich von der Katastrophe im D-Zug erfuhr. Ich hatte während der ganzen Zeit weder ihm geschrieben, noch er mir. Aber ich wußte, obschon nichts für ihn sprach – er war es nicht! Gesetze – so eng wie Ihre – bestehen auch für mich, das junge Mädchen aus gutem Hause. Aber was bedeuten mir die, wenn es darum geht, jemanden zu retten, den man liebt? – Angst vor gesellschaftlicher Ächtung? Lächerlich! – Oder vor dem Tod? Ich wäre froh, wenn ich beweisen könnte, ich liebe ihn mehr als mein Leben.« Aga Tramm hatte Hildes Hand ergriffen, drückte sie an sich und sagte: »Kind, was sind Sie gut!« Dann rief sie dem Chauffeur zu: »Nach Haus!« – legte den Arm um Hilde und sagte: »Ich kann uns nicht verraten – nicht der Gesetze wegen, die es verbieten, sondern aus Überzeugung.« »Und wenn ich Sie als Zeugin lade und aussage, was Sie mir erzählt haben?« »So wird es Ihnen niemand glauben. Ein junges Mädchen aus gutem Haus, das nachts um vier mit einer Kokotte in Paris im Bois de Boulogne spazieren fährt? Man wird Sie in falschen Verdacht bringen und der Kokotte mehr glauben als Ihnen.« »Sie sind kein Mensch!« »Sie irren, Kind! Mir geht das alles sehr nahe – und ich weiß noch nicht, ob ich darüber hinwegkommen werde.« »Und wenn Sie nicht darüber hinwegkommen?« »Dann werde ich einen Ausweg suchen.« »Der Termin ist am 21. September.« »Und wo finde ich Sie?« Hilde nannte Namen und Adresse. Aga Tramm schrieb es sich auf. – Als das Auto vor ihrer Villa hielt, fragte sie Hilde: »Wohin darf mein Chauffeur Sie fahren?« »Rue Meurice, bitte!« Aga Tramm reichte Hilde die Hand zum Abschied und sagte: »Ich beneide Sie.« »Um was?« »Um Ihr Gefühl.« »Ja, das ist schön«, erwiderte Hilde. »Wie schade, daß Sie nicht auch so fühlen.« Und als Aga Tramm sich plötzlich abwandte und, ohne sich umzusehen, im Haus verschwand, sagte sich Hilde: »Ich glaube, sie wird uns nicht helfen.« XXXII. Es hatte nur eines telephonischen Anrufs von Seiten des Herrn Gugenzeil bedurft, um die Rechtsanwälte Dr. Bloch und Nebel zu bestimmen, die niedergelegte Verteidigung wieder aufzunehmen. – Dr. Bloch verlangte zwar die Erklärung, daß Hilde damit einverstanden sei, begnügte sich in deren Abwesenheit aber mit der Versicherung Gugenzeils, daß Hilde ernstlich diesen Schritt niemals gewollt und ihn nur auf die Probe habe stellen wollen, ob er eine übernommene Pflicht der Laune einer Frau zuliebe verletzen und den Angeklagten der Willkür der Richter aussetzen würde. – Dr. Bloch glaubte das, weil er es glauben wollte – aber auch, weil es in das Ansichtenbild Hildes paßte. Der Prozeß Krüger – wenn er auch keine große Sensation war, beschäftigte doch die Öffentlichkeit – um so mehr, als das Gerücht, der Angeklagte sei ein unehelicher Sohn Emil Gugenzeils – vom Personal erst unter sich diskutiert, dann in die Villen nebenan getragen, bald allgemein diskutiert wurde. Und darüber hinaus hieß es, daß das gnädige Fräulein – ihrer äußerlichen Reize und ihrer geistigen Vorzüge wegen bei den jungen Damen der umliegenden Villen zwar gesucht, aber beneidet und im geheimen gehaßt – ein Interesse für den Angeklagten an den Tag lege, das nur mit starker Zuneigung zu erklären sei. Ein leiser Spott über Hildes Geschmacksverirrung kam zum Ausdruck – und im geheimen flüsterte man sich sogar zu: Inzest. Und alle diese Gerüchte wären viel lauter und bestimmter aufgetreten, wenn nicht die Mamsell gewesen wäre, die so grob dazwischenfuhr, wenn sie diesen Unsinn hörte, daß man leise blieb und Vorsicht übte. Am Tage der Hauptverhandlung aber war der Saal von Damen und jungen Mädchen der guten Gesellschaft überfüllt, die in ihrer Eleganz und Bewegtheit den Eindruck machten, als wohnten sie von der Tribüne eines Rennplatzes aus der Entscheidung einer klassischen Prüfung bei. Sie hatten Operngläser bei sich, begrüßten und unterhielten sich über Reihen hinweg so laut, daß der alte Gerichtsdiener sie zur Ruhe mahnte. Freudig überrascht von dem Anblick waren die Rechtsanwälte Dr. Bloch und Nebel – einmal, weil sie sich einbildeten, das Interesse der großen Welt gälte ihnen, dann aber auch, weil sie glaubten, daß sich ihnen Gelegenheit bot, grade die Kreise zu gewinnen, an denen ihnen besonders lag. Deshalb einigten sie sich stillschweigend dahin, das Publikum nicht zu enttäuschen, Proben ihrer forensischen Beredsamkeit zu geben und alles zu versuchen, den Fall groß aufzuziehen. Diesen Wünschen kam der Vorsitzende des Gerichtshofes nicht entgegen. Als der Angeklagte aus der Untersuchungshaft in den Saal geführt wurde, ging ein allgemeines »Ach!« durch die Reihen, die Operngläser wurden auf ihn angesetzt und man hörte Worte wie: »Ein hübscher Bursche!« – »Die Hilde Gugenzeil hat gar keinen schlechten Geschmack.« – »Er ist dem alten Gugenzeil aus dem Gesicht geschnitten.« Der Angeklagte Richard Krüger ließ sich, ohne die vielen Menschen eines Blickes zu würdigen, auf die Anklagebank führen und erwiderte kaum den Gruß der Verteidiger, die mit Worten, die nichts besagten, ihr Interesse zu bekunden suchten. Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung, rief die Zeugen auf, unter denen zur großen Enttäuschung des Publikums Hilde Gugenzeil fehlte, verlas den Eröffnungsbeschluß und sagte zu Richard Krüger: »Also, Angeklagter! Sie haben gehört, daß aus § 249 und 250 Absatz 3 Anklage gegen Sie erhoben worden ist. Der § 249 lautet: ›:Wer mit Gewalt gegen eine Person oder unter Anwendung von Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, sich dieselbe rechtswidrig anzueignen, wird wegen Raubes mit Zuchthaus und, falls mildernde Umstände vorhanden sind, mit Gefängnis nicht unter sechs Monaten bestraft. Ist nach § 250 Absatz 3 der Raub auf einem öffentlichen Wege, einer Straße, einer Eisenbahn , einem öffentlichen Platze, auf offener See oder Wasser begangen, so ist auf Zuchthaus nicht unter fünf Jahren zu erkennen. Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Gefängnisstrafe nicht unter einem Jahr ein.‹: Sie wissen also, was Ihnen bevorsteht. Bei der klaren Sachlage rate ich Ihnen, das Verteidigungssystem, das Sie während der Voruntersuchung angewandt haben, aufzugeben. Es ist so sinnlos, daß Sie Ihre Lage damit nur verschlechtern und sich um die Möglichkeit bringen, mildernde Umstände zu erhalten. Sie sind noch nicht vorbestraft, eine Gefängnisstrafe wirft Sie noch nicht aus der bürgerlichen Gesellschaft. Sie sind jung und haben nach Verbüßung der Strafe die Möglichkeit, wieder festen Fuß zu fassen – während Ihnen das im Falle einer Zuchthausstrafe zum mindesten sehr erschwert ist.« »Ich kann doch nicht etwas eingestehen, was ich nicht begangen habe.« »Ist das alles, was Sie zu sagen haben?« »Ich weiß, der Schein spricht gegen mich – ich kann die einzelnen Punkte der Anklage nicht widerlegen – aber ich bleibe dabei ...« »Erzählen Sie.« »Ich fuhr von Paris nach Berlin. In meinem Abteil saß außer mir nur ein Herr, der mir erzählte, daß er Juwelenhändler sei ...« »Der Zeuge Brix bestreitet das.« »Es ist aber so. Er bat mich noch um Einführung in Berliner Familien, wo er den Rest des Schmuckes – die Hauptstücke hatte er in Paris verkauft ...« »Woher wissen Sie das?« »Er hat es mir doch erzählt.« »Oder haben Sie ihn nicht in Paris beobachtet?« »Ich habe ihn nie zuvor gesehen.« »Es ist doch mehr als unwahrscheinlich, daß ein Juwelier einem wildfremden Menschen, mit dem er allein im Coupé sitzt, erzählt, daß er kostbaren Schmuck bei sich trägt.« »Das war sehr unvorsichtig.« »Aha! Sie geben also zu, daß er Sie erst durch seine Erzählung auf die Idee gebracht hat, die Juwelen zu stehlen?« »Ich gebe gar nichts zu.« »Aber, daß es unvorsichtig war, haben Sie doch eben selbst gesagt.« »Ja.« Rechtsanwalt Dr. Bloch erhob sich und sagte: »Ich bitte die Herren medizinischen Sachverständigen darauf zu achten, daß der Angeklagte sich ohne jeden Grund selbst belastet.« »Das fällt mir gar nicht ein.« »Jeder andere normale Angeklagte an seiner Stelle würde erklären, er habe keine Ahnung davon gehabt, daß der Mitreisende Schmuck bei sich trug.« Der Vorsitzende fuhr fort: »Sie haben in der Voruntersuchung zugegeben, an den Zeugen Brix, der es bestätigt, die Frage gestellt zu haben: ›:Tragen Sie den Schmuck denn bei sich?‹:« »Ja.« »Weshalb stellten Sie diese Sie belastende Frage?« »Das weiß ich nicht mehr.« Der Staatsanwalt: »Die Antwort genügt mir.« Rechtsanwalt Nebel erhob sich und erklärte: »Der Herr Vorsitzende unterstellt, daß der Angeklagte den Zeugen Brix in Paris beobachtet ...« »Ich habe das nicht unterstellt, sondern nur den Angeklagten gefragt, ob es sich so verhält.« »Gut! Wenn es sich so verhielte, dann wäre die Frage, die den Angeklagten belasten soll: ›:Tragen Sie den Schmuck denn bei sich?‹: – dumm und unvorsichtig gewesen.« »Das sage ich ja!« erklärte Rechtsanwalt Dr. Bloch. »Der Angeklagte belastet sich – auch da, wo er es gar nicht nötig hat.« »Wenn feststeht – und das glaube ich bewiesen zu haben« – fuhr Dr. Nebel fort – »daß der Angeklagte den Zeugen Brix in Paris nicht verfolgt, sondern erst während der Reise kennengelernt hat, so wußte er bis dahin nicht, daß er einem Juwelier gegenüber sitzt. Das Gespräch über den Schmuck aber wird von dem Zeugen zugegeben. Der Angeklagte muß also ein Hellseher sein, wenn er den Beruf seines Mitreisenden erkannt hat. Ist er das aber nicht, so kann er es nur von dem Zeugen Brix selbst erfahren haben.« »Natürlich habe ich es von ihm erfahren.« »Der Zeuge behauptet das Gegenteil.« »Dann hat der Zeuge die Pflicht, das Rätsel zu lösen«, erklärte Dr. Nebel. Der Vorsitzende: »Damit, daß der Angeklagte wußte – gleichgültig, ob aus eigener Erfahrung oder aus der Erzählung des Zeugen –, daß er sich einem Juwelier gegenüber befand, wußte er noch immer nicht, wo der Juwelier den Schmuck aufbewahrte. Wenn also der Juwelier so unvorsichtig war und sich zu erkennen gab« – er wandte sich zum Angeklagten – »war Ihre Frage durchaus verständlich. Was hat der Zeuge denn geantwortet?« »Er sagte: Der Schatz ist fünfmal gesichert – und da ich das nicht verstand, so erklärte er: Erst kommt der Pelz, dann der Rock, dann die Weste, das Oberhemd und die Unterjacke.« Rechtsanwalt Nebel: »Das ist geradezu eine Offerte für einen Diebstahl.« Der Angeklagte: »Er traute mir eben.« Der Vorsitzende: »Sie sollen weiter gefragt haben: ›:Für wieviel haben Sie heute bei sich?‹:« »Stimmt.« »Und der Zeuge Brix will erwidert haben: für eine halbe Million.« »Jawohl.« Der Staatsanwalt: Der Zeuge Brix kannte den Angeklagten von Ciro her. Er ist ein großer Musikfreund und vierzehn Tage lang dort gewesen, um den Angeklagten spielen zu hören. Es ist daher durchaus begreiflich, daß er ihm vertraut hat.« Der Vorsitzende zum Angeklagten: »Weshalb haben Sie das verschwiegen?« »Man hat mich nicht danach gefragt.« »Sie kannten ihn also doch?« »Ich habe ihn nie gesehen.« »Obgleich er vierzehn Abende hintereinander im Ciro war? – Hören Sie einmal, das können Sie uns nicht erzählen. Ein Primgeiger kennt sein Stammpublikum.« »Ich sehe nichts, wenn ich spiele.« »Und in den Pausen?« »Ruhe ich aus oder sehe mir die Damen an.« »Na, hören Sie mal, das klingt nicht gerade glaubwürdig. – Aber was wichtiger ist: Ein Schaffner hat unter seinem Eide ausgesagt, daß Sie ihm hinter Köln drei Mark gegeben und ihn gebeten haben, dafür zu sorgen, daß Sie mit dem Zeugen allein bleiben.« »Jawohl!« Bewegung im Zuschauerraum. »Weshalb taten Sie das?« »Um uns hinlegen zu können.« »Dem Zeugen Brix haben Sie davon aber nichts gesagt.« »Nein!« »Weshalb nicht?« »Ich weiß nicht.« »Was taten Sie dann?« »Ich legte mich hin.« »Und der Zeuge Brix?« »Legte sich auch hin.« »Vorher sollen Sie mehrere Flaschen dunkles Bier getrunken haben?« »Ist das etwa auch verdächtig?« »Insofern, als Sie auch den Zeugen Brix zum Trinken animiert haben.« »Ich habe ihm gesagt, danach schläft man gut.« Rechtsanwalt Dr. Bloch zu den medizinischen Sachverständigen: »Beachten Sie, meine Herren, mit welcher Beharrlichkeit der Angeklagte sich belastet. Das tut nur ein Geisteskranker.« Der Vorsitzende zu Dr. Bloch: »Herr Rechtsanwalt, Sie dürfen dem Gutachten der Sachverständigen nicht vorgreifen, ihnen auch nichts insinuieren.« Der Angeklagte zu Dr. Bloch: »Ich verbitte mir das! Ich habe meine fünf Sinne Gott sei Dank völlig beisammen.« Rechtsanwalt Dr. Bloch: »Das sagt jeder Kranke von sich.« Der Vorsitzende: »Sind Sie dann eingeschlafen?« »Nein! Der Juwelier schnarchte wie ein Bär!« »Sie haben also überhaupt nicht geschlafen?« »Doch, gegen Morgen schlief ich dann ein.« »Erzählen Sie weiter.« »Plötzlich erwachte ich durch einen Knall und sah den Juwelier an der Flurtür laut um Hilfe rufen.« »Sahen Sie sonst nichts?« »Nein.« »In der Voruntersuchung wollen Sie das Gerassel von Scheiben gehört haben.« »Möglich. Ich weiß es nicht mehr.« »Was geschah dann?« »Ich fragte den Juwelier, was denn geschehen sei. Im selben Augenblick rief er Halunke und stürzte sich auf mich.« »Sie setzten sich zur Wehr?« »Natürlich! Ich nahm an, daß er den Verstand verloren hat.« »Und wie erklärten Sie sich den Knall?« »Es hatte jemand durchs Fenster geschossen.« »Wissen Sie das genau?« »Anders kann es ja gar nicht gewesen sein.« »Wenn ich Ihnen nun folgendes verrate: Die Sachverständigen haben übereinstimmend erklärt, daß die Waffe, die man auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig gefunden hat und die nicht etwa aus Brüssel stammt, sondern aus Paris – und zwar aus einem Geschäft, das keine fünfzig Schritte von Ihrer Pariser Wohnung entfernt liegt – und daß der Inhaber dieses Geschäfts von dem Käufer eine Beschreibung gegeben hat, die auf Sie paßt – finden Sie sich dann noch immer nicht zu einem Geständnis bereit?« »Nein!« Der Staatsanwalt zieht die Schultern hoch und wendet sich zu den Verteidigern: »Vielleicht bestimmen Sie ihn, meine Herren.« Rechtsanwalt Dr. Bloch erwidert: »Aber Herr Staatsanwalt! Einem Geisteskranken gegenüber nützt doch keine Vernunft.« »Bin ich denn wirklich verrückt?«, ruft der Angeklagte – und Dr. Bloch erwidert lächelnd: »Bravo! Endlich! Er kommt zur Vernunft.« »Angeklagter«, sagte der Vorsitzende und begleitet seine Worte mit einer wohlwollenden Geste: »Sie sehen, es hat keinen Sinn, daß Sie weiter leugnen. Ich brauche Ihnen nur die Aussagen des Zugführers und des Zeugen Brix vorzuhalten, die übereinstimmend erklären, daß Sie nach dem Überfall erklärt haben, der Juwelier habe gar keine Brillanten gehabt! Er habe sie seiner Firma unterschlagen und täusche daher einen Überfall vor – eine sehr geschickte Verteidigung, Herr Dr. Bloch, die ganz und gar nicht nach Geisteskrankheit aussieht, – die aber, da man die Brillanten unter Ihrem Sitz gefunden hat, so belastend für Sie ist, Angeklagter, daß Sie wirklich Ihr sinnloses Leugnen aufgeben sollten.« »Ja doch! Ja! Wenn Sie es durchaus wollen!« »Ein Geständnis!«, sagte der Vorsitzende – und der Staatsanwalt erhob sich triumphierend. Aber Rechtsanwalt Dr. Bloch springt auf und sagt: »Er ist irre! Er spielt den Gesunden! Er simuliert!« »Wollen Sie nicht, daß ich die Beweisaufnahme schließe?«, fragte der Vorsitzende. »Ich bin dafür«, sagte der Staatsanwalt – aber Rechtsanwalt Dr. Bloch protestiert: »Nur wenn die Sachverständigen auf Grund der bisherigen Verhandlung bereits den Eindruck gewonnen haben, daß er für die Tat nicht verantwortlich gemacht werden kann.« »Davon ist kein Rede«, erwidert im Namen der Sachverständigen ein Gerichtsarzt – und Dr. Bloch erklärt: »Dann beantrage ich, in der Beweisaufnahme fortzufahren.« Der nächste Zeuge ist der Zugführer Klemm. Er erzählt den Hergang, als wenn er ihn von Anfang an miterlebt hätte. »Der Angeklagte«, sagte er, »kam mir schon in Köln verdächtig vor, als er durchaus allein mit dem andern Reisenden bleiben wollte. Unsereins hat 'nen Blick für so was.« »Halt!« ruft Rechtsanwalt Dr. Bloch. »Sie sagten, er kam Ihnen verdächtig vor?« »Aber, Herr Rechtsanwalt«, wirft der Vorsitzende ein – »der Angeklagte ist ja geständig.« »Aber nicht schuldig«, erwiderte er – und fragte den Zugführer weiter: »Hatten Sie den bestimmten Eindruck, es mit einem Verbrecher zu tun zu haben?« »Das ist zu viel gesagt.« »Aha! Sie wollen sagen, er machte eher den Eindruck eines Geistesgestörten.« Der Staatsanwalt: »Ich beanstande diese Frage und bitte, sie nicht zuzulassen.« »Warum denn?«, fragte Dr. Bloch. »Weil derart suggestive Fragen die Antwort vorwegnehmen und nach reichsgerichtlicher Entscheidung unzulässig sind.« »Dann frage ich den Zeugen: Kam Ihnen der Angeklagte normal vor?« »Eben nicht.« Rechtsanwalt Dr. Bloch zu den medizinischen Sachverständigen: »Haben Sie gehört, meine Herren, der Herr Zeuge, der dank seines Berufs ein Sachverständiger von Graden ist, hält den Angeklagten nicht für normal.« Der Vorsitzende: »Herr Rechtsanwalt, diese direkte Einwirkung auf die Sachverständigen ist durchaus unzulässig. – Also, Herr Zeuge, erzählen Sie den Hergang.« »Ich kam gegen neun Uhr früh aus dem Gepäckwagen. Als ich den ersten Wagen betrat, hörte ich einen Knall. Ich suchte der Reihe nach die Abteile ab. Plötzlich schrie jemand: ›:Hilfe!‹:« »Wie lange nach dem Knall mag das gewesen sein?« »Zwanzig Sekunden.« »So haben Sie es auch vor dem Untersuchungsrichter bekundet. Fahren Sie fort.« »Im vorletzten Abteil sah ich den Angeklagten in drohender Haltung dem Juwelier Brix gegenüber.« »Kannten Sie die Reisenden?« »Nein. Ich habe erst später erfahren, wer sie sind. – Ich trat zwischen beide und fragte sie: Ist hier ein Schuß gefallen? – Sie bejahten. – Von außen?, fragte ich und wollte die Notleine ziehen. Der Angeklagte erwiderte: Ja, während der Juwelier es kräftig bestritt und erklärte, der Angeklagte habe ihn erschießen wollen.« Der Staatsanwalt: »Es ist einwandfrei festgestellt, daß der Schuß nicht von außen abgegeben worden ist, daß der Angeklagte also die Unwahrheit gesagt hat.« »Herr Staatsanwalt, der Angeklagte leugnet ja gar nicht mehr. Nicht wahr, Angeklagter, Sie haben den Schuß abgegeben?« »Wie Sie wollen.« Rechtsanwalt Dr. Bloch: »Ein ausgesprochener Psychopath.« »Herr Zeuge, fahren Sie fort!« »Der Juwelier erzählte, daß sich der Angeklagte schon vom Beginn der Fahrt an verdächtig gemacht habe und daß er daher, um wachzubleiben, ein Mittel eingenommen habe. Er habe sich dann schlafend gestellt, um den Angeklagten zu beobachten. Er habe deutlich gesehen, daß der Angeklagte kein Auge von ihm gelassen, sich dann leise aufgerichtet habe und zum Gang gegangen sei. Nachdem der Angeklagte sich überzeugt hatte, daß der Gang leer war, habe er die Tür geschlossen, die Gardinen vorgezogen und plötzlich einen Revolver aus der Tasche geholt. Als er den Arm gehoben und den Revolver auf ihn angelegt habe, sei er aufgesprungen und ihm in den Arm gefallen.« »Genau so hat es der Zeuge Brix auch vor dem Untersuchungsrichter erzählt.« »Sie hätten miteinander gerungen – plötzlich habe man Schritte auf dem Korridor gehört.« Ein Beisitzer: »Kann man bei einem in Fahrt begriffenen Zug denn hören, wenn jemand den Gang entlanggeht?« »Mich schon«, erwiderte der Zugführer, »ich wiege zwei Zentner.« Der Vorsitzende: »Also erzählen Sie weiter.« »Als man die Schritte hörte, habe der Angeklagte ihn plötzlich losgelassen und den Revolver zum Fenster hinausgeworfen.« Wie zur Bestätigung sagte der Staatsanwalt: »Wo man ihn später denn auch gefunden hat.« »Soweit der Zeuge Brix – und was für eine Darstellung gab Ihnen der Angeklagte?« »Eine verworrene.« Rechtsanwalt Dr. Bloch springt auf: »Verworren! Also war er zum mindesten bei Begehung der Tat in einem Zustand, der seine freie Willensbestimmung ausschloß.« Der Vorsitzende zum Zugführer: »Was sagte er denn?« »Erst sagte er, er sei wach gewesen, und dann wieder erklärte er, geschlafen zu haben.« Rechtsanwalt Dr. Bloch: »Im Dämmerzustand also.« »Der Angeklagte erzählte, er habe gesehen, wie der Schuß durchs Fenster kam ...« Der Angeklagte schüttelte den Kopf und sagte: »Ich habe nichts gesehen.« Der Vorsitzende: »Jetzt wollen Sie auf einmal nichts gesehen haben. Uns haben Sie vorhin erzählt ...« »Ich sage gar nichts mehr.« »Aber Ihr Geständnis halten Sie aufrecht?« »Wie Sie wollen.« Rechtsanwalt Dr. Bloch: »So verteidigt sich kein Mensch, der bei fünf Sinnen ist.« Der Vorsitzende zum Zugführer: »Haben Sie sonst noch etwas zu bekunden?« »Das Wichtigste. Ich sah erst jetzt, daß Pelz, Rock, Weste und Hemd des Juweliers aufgerissen waren. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, griff er sich an die Brust und rief entsetzt: Ich bin bestohlen! Die Tasche mit den Brillanten ist fort.« »Und wie verhielt sich der Angeklagte dazu?« »Er sagte: ›:Sie haben gar keine Brillanten gehabt.‹:« »Alles das wissen wir schon. Und der Zeuge Brix wird es uns noch einmal erzählen.« »Ich wollte dem Angeklagten die Taschen durchsuchen, aber er wehrte sich. Ich schloß das Abteil ab, nachdem ich den Schaffner zur Bewachung hineingesetzt hatte. Kaum war ich draußen, da stürzte sich der Angeklagte erneut auf den Juwelier ...« Der Angeklagte: »Stimmt!« »Der Schaffner sprang hinzu, um den Juwelier zu befreien.« »Weshalb ist er denn in dem Abteil geblieben?« »Um zu verhindern, daß der Angeklagte den gestohlenen Beutel aus dem Fenster warf.« »Aha – und wo fand man schließlich den Beutel?« »Unter dem Sitz des Angeklagten.« »Wieso haben Sie ihn nicht schon früher da liegen sehen?« »Weil das Plaid des Angeklagten darüber hing.« Der Staatsanwalt: »Sehr raffiniert.« Rechtsanwalt Dr. Bloch: »Krankhaft dumm. Ein normaler Verbrecher hätte den Beutel unter den Sitz oder in das Netz des Juweliers gelegt.« »Und in Berlin haben Sie den Angeklagten dann der Polizei übergeben?« »Jawohl. – Und der Juwelier hat mir zur Belohnung hundert Mark angeboten, die ich aber nicht genommen habe.« Der Zeuge wird vereidigt und entlassen. Nach der Vernehmung stellte der Staatsanwalt noch einmal den Antrag, die Beweisaufnahme zu schließen. Der Angeklagte erklärte sich damit einverstanden und sagte: »Schon damit meiner armen Mutter die Qual erspart bleibt.« Auch der Rechtsanwalt Dr. Bloch, der inzwischen mit den medizinischen Sachverständigen verhandelt hatte, erklärte: »Einverstanden. Nur die Mutter wollen die Sachverständigen noch hören.« »«Was kann die denn bekunden?« »Daß sich ein Onkel des Angeklagten väterlicherseits vor einundzwanzig Jahren in geistiger Umnachtung das Leben genommen hat.« »Ist das alles?« »Und daß eine Großkusine der Mutter vor acht Jahren an Paralyse gestorben ist.« »Ich unterstelle das als wahr«, erklärte der Vorsitzende, »meine aber, daß wir trotz des Geständnisses des Angeklagten den einzigen Tatzeugen, den Juwelier Brix, der erst mit dem Mittagszug, also gerade jetzt, in Berlin eintrifft, und Hilde Gugenzeil, die sich als Entlastungszeugin sehr dringlich gemeldet hat, noch hören müssen – und zwar nach einer Pause von dreißig Minuten, die ich jetzt mache.« XXXIII. Während dieser dreißig Minuten spielte sich folgendes ab. Aga Tramm hatte nach ihrer Begegnung mit Hilde Gugenzeil keine ruhige Stunde mehr. Sie erhielt fast täglich einen Brief von Hilde, in dem die flehentlich bat, nicht das Leben zweier Menschen auf ihr Gewissen zu laden. Sie beantwortete diese Briefe höflich und zeigte Teilnahme, die bestimmt echt war. In der Sache selbst aber erklärte sie, da ihr ihr Leben lieb sei, nichts tun zu können. Hilde hatte keine Mühe und kein Geld gescheut, um hinter das Geheimnis zu kommen. Mit großer Vorsicht war sie dabei vorgegangen und hatte sich dem jungen Pariser anvertraut, der, obschon er selbst Zuneigung zu Hilde gefaßt hatte – alles daran setzte, ihr zu helfen. Er nahm die Freundschaft mit Aga Tramm, die einst kurze Zeit bestanden hatte, wieder auf. Aber er war nicht gerissen genug, um ihr das Geheimnis zu entlocken. Zwar erhielt er Tips von Hilde – oft sogar in Telegrammen, die lang und ausführlich waren –, aber Aga war auf der Hut und sagte, wenn er ungestümer als gewöhnlich in sie drang: »Diese Hilde scheint dir ja wieder gut eingeheizt zu haben.« Das einzige, was er herausbekam, war, daß Aga Tramm alle vierzehn Tage einmal verschwieg, wo sie die Nacht verbrachte – und daß sie nach dieser Nacht vierundzwanzig Stunden lang wie tot in ihrem Bett lag. Der junge Pariser verschaffte sich Einlaß in alle Lasterhöhlen von Paris. Es gab keinen noch so verborgenen Ort, an dem man sich im geheimen Rauschgiften hingab, den er nicht ausfindig machte und nach Aga Tramm absuchte. Es gab keine noch so gefährliche Verbrecherkaschemme, in der er nicht Geld springen ließ, um Aga aufzustöbern. Noch einen Tag vor der Hauptverhandlung telegraphierte er der ihn immer dringender bestürmenden Hilde: »Ich habe wirklich nichts unversucht gelassen und bin am Ende meiner Kraft. Aber ich kann Ihnen keine Aufklärung verschaffen.« Hilde hatte sich als Zeugin gemeldet und war entschlossen, alles dran zu setzen, daß man sie vernahm. Noch am Morgen der Hauptverhandlung wußte sie nicht, was sie sagen würde. Sie verließ sich auf ihren guten Stern und mehr noch auf ihre – nach Paris zur Gewißheit gewordene Überzeugung, daß ihr im entscheidenden Augenblick das Richtige einfallen werde. Dennoch war sie nicht gerade hoffnungsfroh, als sie am Arm ihres Vaters, der zu ihr hielt, die Treppe der Villa hinunterstieg, um auf das Gericht zu fahren. Als sie aus dem Haus trat, kam auf einem Rad der Depeschenbote. Wenn das Telegramm für mich von Aga aus Paris wäre, dachte sie. Aber sie verwarf den Gedanken sofort wieder, da es so einen Zufall wohl im Film, aber nicht im Leben gab. Ihr Vater bekam jeden Tag Dutzende von Telegrammen – und der Bote gab es denn auch ihm – er öffnete es – las, schüttelte den Kopf – sah noch einmal auf die Adresse – gab es Hilde und sagte: »Verzeih! Es ist für dich.« Als Hilde es nahm, wußte sie, daß es – wenn auch nicht die Rettung, so doch die Entscheidung brachte. Zitternd nahm sie das Blatt und las: »Paris, den 11. Oktober. Drohe, du verrätst den Teufel, wenn er nicht Ausweg findet.« Sie las das Telegramm nochmals – sagte den Text dann halblaut vor sich hin – reichte es ihrem Vater und sagte: »Bitte, verstehst du das?« Er las und fragte: »Wer schickt dir das?« »Ich duze niemand in Paris.« »Der junge Franzose?« »Würde mir niemals in diesem Ton telegraphieren.« »Also eine Frau.« »Aga Tramm.« »Wer ist das?« »Eine Frau, die ihn retten könnte, wenn sie die Wahrheit sagt.« »Soll ich veranlassen, daß sie geladen wird?« »Es wäre zwecklos – denn sie würde auch unter ihrem Eide nicht die Wahrheit sagen.« »Wen kann sie meinen, mit dem du sprechen sollst?« »Mit Brix.« »Du wirst es tun?« »Ich hätte es so wie so getan – aber ich verstehe das Telegramm nicht. Wen mag es nur mit dem Teufel meinen?« »Vielleicht weiß es Richard.« »Jetzt ist es zu spät. Hätte ich nur einmal über Paris und Aga Tramm mit ihm sprechen können! Aber dieser Idiot von Bloch hat es verhindert.« Da Hilde als Zeugin geladen war, so durfte sie vor ihrer Vernehmung der Verhandlung nicht beiwohnen. Sie saß mit ihrem Vater im Warteraum auf dem Flur und ließ sich von der Mamsell, die eine Karte hatte, alle halbe Stunde Bericht erstatten. So trostlos diese Berichte waren – Hilde brachten sie nicht aus der Fassung. »Ich wußte genau, daß es so kommen wird. Meine einzige Hoffnung ist Brix.« Dabei sah sie alle zehn Minuten nach der Uhr und rief, gerade als die Pause begann: »Jetzt kommt sein Zug.« Aber sie hatte trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Vormittag nicht ungenutzt gelassen. Mehrere Gerichtswachtmeister, die den Flur entlang kamen, hatte sie ins Gespräch gezogen. Die meisten waren kurz angebunden und erklärten, sie seien im Dienst und könnten daher keine Unterhaltung führen. Der vierte, den sie ansprach und zu dem sie sagte: »Wo gibt es denn hier eine gute Havanna und ein Glas Wein?« erwiderte lachend: »Die such ich hier auch schon zehn Jahre lang.« »So lange tun Sie hier Dienst. Dann wissen Sie ja Bescheid.« »So'n bißchen. Na, was soll's denn sein?« »Eine kleine Gefälligkeit.« »Verstößt sie auch nicht gegen das Reglement?« »Aber! Ich werde Ihnen doch keine Ungelegenheiten machen.« »Also?« »Gibt es hier wirklich nichts zu trinken?« »Milch, Tee und schwarzen Kaffee.« Sie schob ihm einen Hundertmarkschein in die Hand und sagte: »Das vertrinken Sie auf mein Wohl.« Der Wachtmeister befühlte den Schein, warf schnell einen Blick rauf und sagte: »Nee! Was Sie wollen, mach ich nicht!« – und er drückte ihr den Schein wieder in die Hand. »Nichts will ich als in Ihrer Gegenwart dem Angeklagten Krüger guten Tag sagen.« »Und dafür – Nee! Sie wollen ihm was zustecken. Einen Revolver oder Gift.« »Auf Ehrenwort, ich will nichts anderes. Sie können meine Taschen und meine Kleider untersuchen.« »Wer ist'n der Herr da?« »Mein Vater.« Sie rief ihn heran und sagte: »Bitte, Papa, bestätige dem Herrn, daß ich nichts weiter will als Krüger guten Tag sagen.« Gugenzeil wies sich durch seinen Paß aus und sagte: »Ich stehe für meine Tochter ein.« »Aber das muß doch einen Sinn haben.« »Sie bekommen einen Posten in meiner Fabrik, wenn Sie Unannehmlichkeiten davon haben.« »An und für sich ist das ja keine verbotene Sache – wenn der Angeklagte in der Pause abgeführt wird – und Sie stehen zufällig auf dem Korridor.« »Sehen Sie.« »Aber das ist ja nicht der Korridor hier, sondern der ins Untersuchungsgefängnis führt.« »Also gehen wir dahin.« »Weshalb?« »Ich habe Ihnen doch gesagt ...« »Nichts haben Sie gesagt.« »Natürlich nichts – ich verstehe.« »Doch haben Sie was gesagt.« »Nämlich?« »Sie haben gesagt, ich soll Ihnen zu dem Arzt vons Untersuchungsgefängnis führen – was ein Verwandter von Ihnen ist. – Haben Sie das gesagt oder nicht?« »Selbstverständlich! – Ich muß ihn dringend sprechen.« »Gut.« Hilde wollte ihm das Geld schon wieder in die Hand drücken, aber er zog den Arm zurück und sagte: »Für Handlungen im Dienst bezahlt mich der Staat. – Wenn Sie mal außerdienstlich von mir was wollen, ist das was anderes.« Hilde gab ihm ihre Visitenkarte und sagte: »Rufen Sie an.« »Vorausgesetzt, daß ich mal Zeit habe.« Dann führte er sie über endlose Korridore einen Gang entlang, der das Gerichtsgebäude mit dem Untersuchungsgefängnis verband und sagte: »Hier warten Sie – und wenn Sie jemand fragt, so sagen Sie, Sie warten auf Medizinalrat Bürgner. – Aber lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden, der kommt heut nicht.« Hilde stand fast zwei Stunden auf dem kalten Flur. Beamte, die vorbeikamen, sahen sie neugierig an, wagten aber nicht, sie anzusprechen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie dastand und jeden, der vorbeikam, musterte, hatte zur Folge, daß die meisten die Hand an die Mütze legten oder den Hut zogen. Die halbstündige Pause begann. Zwei Beamte führten Richard über den Flur. Als Hilde ihn von weitem kommen sah, gab sie ihm ein Zeichen, das er sofort verstand. Als sie noch zwei Schritte von ihr entfernt waren, rief Hilde den Beamten in energischem Ton zu: »Was ist denn das für einer?« Die Beamten legten die Hände an die Hosennaht – und der eine sagte: »Angeklagter Krüger – hat ein Attentat im D-Zug verübt.« »Richtig! Erinnere mich. Das sind Sie! Sie sollen es ja toll in Paris getrieben haben. Was hatten Sie denn mit dem Teufel zu tun?« Da Richard entgeistert schwieg, so sagte Hilde zu den Beamten: »Befehlen Sie ihm, daß er mir Antwort gibt.« »Reden Sie!«, befahl der Beamte. »Eine Frau ...« »Aga Tramm.« »... hat mich hingeschleppt. Sie beten den Teufel an. Ich habe nicht mitgemacht und sie beschimpft. Daraufhin haben sie mich verfolgt, und ich bin geflohen.« »Der Mann spinnt ja«, sagte Hilde – und der Beamte erwiderte: »Die Anwälte wollen ja auch auf den § 51 raus – aber die Sachverständigen halten ihn für normal.« Hilde nickte kurz mit dem Kopf und stürzte eilig den Korridor entlang – während die Beamten den Angeklagten abführten. »Wer war'n das?« fragte der eine Beamte – und der andere erwiderte: »Die Tochter des Oberstaatsanwalts, glaub ich.« Dies kleine Manöver, das so leicht hätte mißglücken können, brachte die Entscheidung. – Hilde eilte zu ihrem Vater zurück, der schon ungeduldig auf sie wartete und sagte: »Die Pause ist gleich vorüber.« »Sie hat doch eben begonnen.« »Man erzählt, sie wollen die medizinischen Sachverständigen vernehmen – und zwar in Abwesenheit des Angeklagten.« »Und der Juwelier Brix?« »Der Herr ist eben gekommen«, erwiderte Gugenzeil und wies auf einen kleinen Herrn im Cut, mit hohem Hut und weißen Handschuhen, der einen Bart trug und wohlgefällig einen Spitzbauch vor sich her spazieren führte. »Er ist es!« sagte Hilde und ging eilig auf ihn zu. Brix tat hocherfreut, zog den Hut, verbeugte sich und sagte: »Ich habe mich sehr auf das Wiedersehen gefreut. Berlin ist voll von hübschen Frauen, voller als Brüssel und selbst Paris – aber keine gleicht in Charme und Erscheinung Ihnen.« »Machen Sie noch immer so gern Komplimente?« »Leider bietet sich selten Gelegenheit – ist sie aber mal da, muß man sie wahrnehmen.« »Hätten Sie nicht Lust, einen Augenblick lang ernst mit mir zu sprechen?« »Ich stehe nach Schluß meiner Vernehmung den ganzen Tag und Abend – die Nacht kommt ja leider nicht in Frage – zu Ihrer Verfügung.« »Es muß vor Ihrer Vernehmung sein.« »Eilt es so?« »Ja! Denn nach Ihrer Vernehmung dürften Sie kaum mehr Gelegenheit haben.« »Wie soll ich das verstehen?« »Daß man Sie im Gerichtssaal wegen Meineids verhaften wird, wenn Sie den Überfall im D-Zug so schildern wie bei Ihrer kommissarischen Vernehmung.« »Sie verstehen es allerliebst, zu bluffen. – Ich muß gestehen, Sie gefallen mir heute noch besser als damals in Brüssel.« »Daran liegt mir nichts.« »Ich könnte mir denken, daß ich meine Aussage in manchen Punkten zugunsten des Angeklagten einschränke – das läßt sich machen, ohne, daß man der Wahrheit Gewalt antut –, wenn Sie mir versprechen – sagen wir mal, auf acht Tage mit mir nach Ostende zu reisen.« »Sie begreifen noch immer nicht«, erwiderte Hilde, das Telegramm in der Hand, »daß ich Sie unweigerlich ins Zuchthaus schicke, wenn Sie nicht die Wahrheit sagen.« »Wenn Sie mir drohen, müssen Sie mir schon sagen, womit.« »Mit Aga Tramm.« Der Juwelier entfärbte sich und sagte: »Ich weiß, Sie waren in Paris.« »Aber Sie wissen nicht, daß ich Sie und alle andern – Teufelsanbeter in der Hand habe.« Der Juwelier fuhr zusammen, senkte den Kopf und sagte: »Was wissen Sie?« »Es nützt Ihnen nichts mehr.« »Ich bin zu Verhandlungen bereit.« »Ich nicht.« »Was wollen Sie tun?« »Das werden Sie im Gerichtssaal hören.« »Wo ist Aga?« »Sie hat sich vor Ihrer Rache in Sicherheit gebracht.« »Ich wußte, sie liebt den Jungen – aber daß sie für ihre Liebe uns verraten würde, habe ich nicht für möglich gehalten.« »Sie kennen Frauen nicht.« »Kein anderer von uns hätte das getan.« »Nun ist es zu spät.« »Noch nicht«, sagte Brix und nahm einen Ansatz zur Treppe zu. Aber Hilde packte ihn am Arm und sagte: »Ich habe dafür gesorgt, daß Sie dies Haus nicht als freier Mann verlassen.« Sie wies auf ihren Vater und sagte: »Der Herr da sorgt für Ihren persönlichen Schutz.« »Ich dachte, ich hätte Sie mir in Brüssel verpflichtet.« »Gut! Das haben Sie. Und ich bin nicht rachsüchtig. Dem Jungen da drin aber werden Sie nicht das Genick brechen.« »Ich kann doch unmöglich die Wahrheit sagen. Mich bindet der Eid – und dann: es wäre das Ende für uns alle.« »So denken Sie sich etwas anderes aus.« »Hätten Sie mir das gestern gesagt.« »So wären Sie heute auf dem Wege nach Buenos Aires, dem Eldorado aller Verbrecher.« Die Sitzung hatte wieder begonnen. Der Gerichtsdiener rief als nächsten Zeugen den belgischen Juwelier Brix auf. Er taumelte mehr in den Saal, als daß er ging. Dieser Umstand und seine an sich schon ungewöhnliche Erscheinung und Kleidung, die in diesem Milieu doppelt wirkten, ermöglichten es Hilde, sich hinter ihm in den Saal zu schleichen. Sie stellte sich so, daß er sie sehen mußte. Nach Feststellung der Personalien sagte der Vorsitzende: »Herr Brix. Obgleich der Fall vollkommen geklärt und der Angeklagte geständig ist ...« »Der Angeklagte ist geständig?« »Jawohl. Er hat eingesehen, daß dem Tatsachenmaterial gegenüber jedes Leugnen zwecklos ist. Trotzdem möchten wir von Ihnen, dem eigentlichen Tatzeugen, noch einmal kurz den Vorgang hören.« Der Staatsanwalt: »Ich bitte den Zeugen zu vereidigen.« Die Anwälte: »«Wir auch.« Der Vorsitzende: »Ich hatte nicht die Absicht, ihn unvereidigt zu lassen. Dafür liegt ja auch gar kein Grund vor. – Also, Herr Brix, – ich höre, Sie sprechen perfekt Deutsch – die Heiligkeit des Eides ist Ihnen bekannt.« »Ich bitte, von meiner Vereidigung abzusehen.« »Warum denn?« »Ich möchte – da wir doch nur zwei – der Angeklagte und ich – sind, dem Angeklagten gegenüber nicht im Vorteil sein.« »Erlauben Sie mal, das ist ja eine sonderbare Auffassung.« »Ich habe kein Interesse daran, daß der Angeklagte verurteilt wird.« »Aber der Staat hat es. Dazu sind die Gesetze da, daß sie angewandt werden, wenn jemand gegen sie verstößt.« »Es ist ja niemand geschädigt worden. Ich habe den Schmuck – und der Angeklagte ist durch die Verhaftung bestraft genug.« »Das ist ja sehr edel – aber es widerspricht ganz und gar sowohl Ihrem Verhalten unmittelbar nach dem Überfall, als auch Ihren Aussagen, die Sie vor dem Kommissar in Brüssel gemacht haben. Damals verlangten Sie ausdrücklich eine exemplarische Bestrafung, obschon das nicht Ihre Sache ist.« »Ich bin ... zu einer anderen Auffassung gekommen.« »Die werden Sie uns erzählen, sobald Sie den Eid geleistet haben.« »Ich gehöre einer Sekte an, für die der Eid keine moralische Bindung bedeutet.« »Welche Sekte ist das?« »Darüber verweigere ich die Aussage.« Der Angeklagte, der bisher apathisch gesessen hatte, richtete sich auf. Es schien, daß er etwas sagen wollte. Aber ein Blick Hildes, die er erst jetzt bemerkte, ließ ihn schweigen. »Sie leisten den Eid«, erklärte der Vorsitzende bestimmt – »und Sie unterliegen – gleichviel, welcher Sekte Sie angehören – den für die Eidesverletzung geltenden Gesetzen.« Es blieb Brix nichts anderes übrig, als den Eid zu leisten. Als das geschehen war, sagte der Vorsitzende: »So! – und nun erzählen Sie.« »Ich kann mich nicht erinnern.« »Was ist denn mit Ihnen los? Sind Sie von irgend jemandem bestochen?« »Bei Gott und dem Teufel: nein! Das schwör' ich in Ihrem und in meinem Glauben.« »Sie brauchen nicht besonders zu schwören, da jedes Wort, das Sie sagen, unter Eid steht. Also, was ist?« »Ist der Angeklagte wirklich geständig?« »Jawohl.« »Dann sagt er die Unwahrheit.« Von der Anklagebank ging ein befreiender Seufzer aus. Der Angeklagte beugte sich weit über die Brüstung, streckte die Arme aus, als wenn er den Zeugen Brix liebevoll zu sich heranziehen wollte und bat flehend: »Sind Sie ein Mensch! Sagen Sie die Wahrheit!« Der Zeuge Brix wandte sich zu dem Angeklagten: »Verzeihen Sie mir.« »Reden Sie zu mir«, befahl der Vorsitzende – und der Juwelier trat dicht an den Richtertisch heran und erklärte: »Ich bekenne unter meinem Eide, daß der Überfall von mir fingiert war.« Rechtsanwalt Dr. Bloch sprang auf und rief: »Ist der Angeklagte nun nicht meschugge? Er gesteht eine Tat, die er gar nicht begangen hat.« »Unterbrechen Sie den Zeugen nicht!«, fuhr der Vorsitzende den Rechtsanwalt Dr. Bloch an – und Brix fuhr fort: »Es war ein Racheakt.« »Wofür wollten Sie sich rächen?« »Bitte ersparen Sie mir das.« »Sie müssen es mir sagen.« »Es ist keine gewöhnliche Frau – Sie ersparen es mir, ihren Namen zu nennen.« »Sagen Sie uns zunächst, wessen Frau es war – vermutlich Ihre.« »Ja. – Ich bin weder jung noch schön – sie lebte in Paris, während ich in Brüssel war. Als ich eines Tages wieder nach Paris kam, erfuhr ich, daß sie ein Liebesverhältnis mit ihm hatte.« »Stimmt das, Angeklagter?« Richard sah zu Boden, schloß die Augen und sagte: »Es stimmt!« »Eine niederträchtige und feige Rache, die Sie sich da ausgedacht haben«, sagte der Vorsitzende – und Brix erwiderte: »Ich bin ein alter Mann – niederschlagen konnte ich ihn nicht – sollte ich einen Primgeiger zum Duell herausfordern?« »Wenn man in Ihren Jahren eine Geliebte hat, muß man damit rechnen, daß man betrogen wird – zumal, wenn man nicht in derselben Stadt wie sie lebt.« »Und weshalb gestehen Sie das heute?«, fragte der Staatsanwalt. »Man vergißt – man überwindet. Man wird auch nachdenklich mit der Zeit und sieht ein, daß man ein Esel war. Als ich hierher gekommen bin, um als Zeuge aufzutreten, wußte ich noch nicht, was ich tue. Als ich dann den Angeklagten sah, seine verzweifelte Braut ...« »Seine Braut? Wer ist denn das?« Brix wandte sich um und wies auf Hilde. »Sie sind seine Braut?«, fragte der Vorsitzende – und Hilde sah mit klaren Augen den Angeklagten an und erwiderte: »Wenn er mich will – ich habe ihn lieb.« Der Angeklagte warf die Arme hoch und rief: »Gibt es denn so ein Glück?!« »Noch sind wir nicht so weit«, erklärte der Vorsitzende – mit einer Stimme, die fast väterlich klang – und aller Augen waren auf Hilde Gugenzeil gerichtet. Der Vorsitzende wandte sich wieder zum Zeugen und fragte ihn: »Und alles das nehmen Sie auf Ihren Eid?« »Ich schwöre, daß ich den Überfall vorher genau ausgeklügelt und genau so ausgeführt habe, wie ich es mir vorgenommen habe. Ich habe mir – während der Angeklagte schlief – Pelz, Rock, Weste und Hemd aufgerissen, den Beutel mit den Brillanten neben seinen Platz geschoben, den Revolver hervorgeholt, losgeknallt und ihn aus dem Fenster geworfen. Dann habe ich den Angeklagten wachgerüttelt, die Tür geöffnet und laut um Hilfe geschrien. – Es ist so einfach, wenn man darauf ausgeht, einen Menschen unglücklich zu machen. Für die Richter sollte das eine Warnung sein.« »Von einem Menschen wie Ihnen müssen wir eine Belehrung ablehnen«, erwiderte der Vorsitzende und erklärte die Vernehmung des Zeugen Brix für beendet. Dann sagte er: »Nachdem der Prozeß diese sensationelle Wendung genommen hat, können wir auf die Zeugin Hilde Gugenzeil wohl verzichten. Rufen Sie sie jedenfalls mal herein, Herr Wachtmeister. »Ich bin schon hier«, rief Hilde und trat an den Richtertisch heran. »Sie sind Hilde Gugenzeil? Sie durften ja gar nicht hier sein. Wie sind Sie denn hereingekommen?« »Ich dachte mir, es ist besser für den Zeugen, wenn ich bei seiner Vernehmung dabei bin.« »Wieso denn?« »Weil er sonst vielleicht doch einen Meineid geleistet hätte.« »Und Sie wußten ...?« »Nein!« Der Juwelier wandte sich empört zu Hilde und fragte: »Sie wußten es nicht?« »Nichts wußte ich – nur, daß der Angeklagte ein guter Junge ist.« »Dann hat Aga Tramm mich gar nicht verraten?« Hilde schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: »Nein! Ich habe alles versucht, um aus ihr etwas herauszubekommen. Aber sie blieb standhaft.« »Wer ist denn Aga Tramm?«, fragte der Vorsitzende – und Hilde erwiderte lächelnd: »Die Dame, welche ...« »Derentwegen diese Akten in die Welt gesetzt wurden«, sagte der Vorsitzende und wies auf einen hohen Stoß beschriebenen Papiers. Dann wandte er sich an den Zeugen Brix und sagte: »Das wird für Sie noch ein böses Nachspiel haben.« »Ich muß es auf mich nehmen«, erwiderte er – und als auf Antrag des Staatsanwalts das Gericht den Angeklagten freisprach und ihm überdies eine Ehrenerklärung gab, schritt der kleine Kavalier im Cut und dem hohen Hut in der Hand auf den Angeklagten zu und bat ihn um Verzeihung. Statt des Angeklagten, der vor Glück gar keinen Gedanken fassen konnte, streckte ihm Hilde die Hand entgegen und sagte: »Sie haben Ihr Unrecht gutgemacht, Herr Brix. Zum Dank werden wir den Hochzeitsschmuck bei Ihnen bestellen.« Nur Rechtsanwalt Dr. Bloch schien unzufrieden. Er trat an Hilde heran und sagte: »Sie haben, scheint's, vergessen, was Sie mir für den Fall, daß ich den Angeklagten freibekomme, versprochen haben.« »Ich habe ihn freibekommen, nicht Sie«, erwiderte Hilde und kehrte ihm den Rücken. XXXIV. Da Frau Elsa bei den Vernehmungen während der Voruntersuchung jede Frage mit den Worten beantwortet hatte: »Ich kann es Ihnen nicht sagen – aber ich weiß, daß mein Junge es nicht getan hat« – so hatte die Staatsanwaltschaft keinen Wert auf ihr Erscheinen in der Hauptverhandlung gelegt. Aber auch die Verteidigung hatte auf sie verzichtet, obschon sie als Entlastungszeugin für den Angeklagten nicht ganz ohne Bedeutung war. Denn, wenn sie sich auch zur Tat nicht hätte äußern können, so blieb eine Mutter, die so überzeugt für den Leumund ihres Sohnes eintrat, doch niemals ohne Wirkung. Aber Rechtsanwalt Dr. Bloch hielt sie fern – aus Gründen, die Hilde durchschaute. Da man eine Mutter selbst durch eidesstattliche Versicherungen nicht mundtot machte, so mußte er fürchten, daß sie im Kreuzverhör Aussagen machte, die zur Katastrophe für am Prozeß Beteiligte und Unbeteiligte werden konnte. Und sonderbar! Frau Elsa hatte sich nicht darum gerissen, als Zeugin aufzutreten. Man hatte sie während der Voruntersuchung mürbe gemacht. Als sie, statt sich zur Anklage zu äußern, immer wieder sagte: »Ich kann es Ihnen nicht sagen – aber ich weiß, daß mein Sohn es nicht getan hat« – hatte der Untersuchungsrichter, so rücksichtsvoll er sonst mit ihr verfuhr, erwidert: »So ungeschickt hat noch keine Mutter ihren Sohn verteidigt.« Das hatte sie scheu gemacht – und sie hatte aufgeatmet, als sie erfuhr, daß man auf ihr Erscheinen in der Hauptverhandlung keinen Wert legte. Allmählich hatte sie sich immer mehr in die Vorstellung hineingeredet, daß sie die eigentlich Schuldige sei. Nie, sagte sie sich, wäre Richard, der arme Junge, in diese Situation geraten, wenn er bei seinen Eltern aufgewachsen wäre. Zu diesem Schuldbewußtsein gesellte sich weniger die Angst vor den Folgen ihrer falschen eidesstattlichen Versicherung, die sie unter Zwang abgegeben hatte – als die Überzeugung, daß sie sich damit der Möglichkeit begeben hatte, das Unrecht jemals aus der Welt zu schaffen. Niemand würde ihr nach diesem Eid mehr glauben. Als die Mamsell von Gugenzeils sie am Tage der Hauptverhandlung besuchte, um ihr über die schrecklichen Stunden hinwegzuhelfen, glaubte Frau Elsa angesichts dieses charaktervollen Menschen endlich die Möglichkeit zu haben, sich zu erleichtern. Aber sie hatte kaum begonnen und unter Tränen gebeichtet, daß sie in einer eidesstattlichen Versicherung ihr Kind abgeschworen habe, als die Mamsell empfindlich erwiderte: »Fangen Sie schon wieder an mit dem Unsinn? Ich will Ihnen mal was sagen, Frau Krüger! Sie leiden entweder an Größenwahn oder an einer fixen Idee.« »Ich schwöre Ihnen ...« »Sie schwören falsch!« »Ich habe falsch geschworen.« »Sie bringen sich noch ins Zuchthaus.« »Unter uns, Mamsell: Ich gehöre hinein.« »Dann will ich mit Ihnen nichts zu tun haben«, hatte darauf die Mamsell gesagt und Frau Elsa den Rücken gekehrt. Das war am Tage der Hauptverhandlung. XXXV. Trotz aller Dankbarkeit und Liebe, die den nun freien Richard mit Hilde verband, trieb es ihn doch vom Gerichtsgebäude aus zuerst zu seiner Mutter. Hilde kränkte das keineswegs – im Gegenteil, sie fand es richtig so und bat ihn nur, mitkommen zu dürfen. »Erst laß ich euch eine halbe Stunde allein«, sagte sie – »und dann fahren wir alle drei zu meinen Eltern.« »Mama wird eine Freude haben!«, rief Richard. »Den Sohn zurück – und gleich noch eine Tochter dazu – und was für eine!« »Wenn es nur nicht zu viel für sie wird«, erwiderte Hilde. »I was! Vom Glück kann man schon einen tüchtigen Haufen vertragen.« Sie stiegen in Hildes Wagen und fuhren in höchster Geschwindigkeit zu Frau Elsa. Hilde hielt unterwegs und kaufte einen großen Strauß roter Rosen. Als sie in der vierten Etage, auf der Frau Elsa's Wohnung lag, anlangten und Hilde eben läuten wollte, zog Richard sie zurück und sagte: »Nicht doch! Wir wollen sie überraschen – und ganz plötzlich beide vor ihr stehen.« »Wie willst du denn hereinkommen?« »Ich habe die Schlüssel noch von damals« – und er zog einen großen Schlüsselbund aus der Tasche, suchte ihn ab und sagte: »Der hier war's.« Er öffnete – und sie schlichen auf Zehenspitzen Hand in Hand in die Wohnung, die aus Küche und Zimmer bestand. Plötzlich blieben sie stehen, schlossen die Augen, drückten sich, ohne, daß sie es wußten, fest die Hand und begannen am ganzen Körper zu zittern. So standen sie eine ganze Weile und starrten auf das Bett, in dem leblos Frau Elsa lag. So – Hand in Hand – traten sie an das Bett heran – Hilde beugte sich über die Tote – umschlang sie mit beiden Armen und rief schluchzend: »Mutter! Mutter! – Warum? Warum?« Richard kniete vor dem Bett nieder, drückte sein Gesicht auf Frau Elsa's Hand und weinte in sich hinein. Sie sahen nicht, daß durch die offene Tür Emil Gugenzeil trat. Auch er hatte Rosen in der Hand und kam, um als erster Frau Elsa zu dem Ausgang des Prozesses zu beglückwünschen. Er sah sofort, was sich ereignet hatte – schloß behutsam hinter sich die Tür – blieb in der Küche stehen und nahm einen Brief vom Herd, auf dessen Umschlag stand: »An meine lieben Kinder.« Er nahm den Brief auf, trat an das Bett heran, legte seine Hand auf Hildes Schulter, half ihr hoch und reichte ihr den Brief. Auch Richard erhob sich. Hilde öffnete den Brief und beide lasen: »Meine geliebten Kinder! Ich ertrage es nicht, mit der Lüge weiterzuleben. Ich habe Euch beide gleich liebgehabt. Denn für mich seid Ihr beide meine Kinder. Vor Gott aber bist du, Richard, Gugenzeils Sohn. Versucht mich zu verstehen, statt über mich zu Gericht zu sitzen. Niemand kann Mensch und Richter zugleich sein. Denn wer die Tat eines andern menschlich begreift, wird ihn freisprechen!! Wenn Ihr Euch nur einen Bruchteil so lieb habt, wie ich Euch habe, dann werdet Ihr mein Unrecht gutmachen und Mann und Frau werden. In diesem Wunsche segne ich Euch. Eure arme Mutter.« Richard faßte sich an den Kopf. Er verstand nicht. Aber Hilde führte ihn zur Chaiselongue. Sie setzte sich dicht zu ihm – erzählte ihm alles. Nach einer Weile traten sie eng umschlungen an Frau Elsa's Bett. Sie schmückten es mit Rosen – und gelobten sich Treue. Und als Richard Gugenzeil wenige Wochen später Hilde Krüger zum Traualtar führte, da legte Emil Gugenzeil ihre Hände ineinander und sagte: »Habt euch lieb und vergeßt nie, daß eine gute Frau und Mutter sich für euch geopfert hat.«