Joseph von Lauff Sinter Klaas Ein Roman vom Niederrhein Udo Leven in treuem Angedenken 1 »Hupla!« An einem ockergelben Häuschen, das mit seinem kleinen Garten und Ziegenstall an die alte verwahrloste Stadtmauer stieß, schlug herrisch die niedrige Tür auf. Ein knirpsiger Mensch, ganz in Schwarz gekleidet, glattrasiert, einen schäbigen Zylinder mit Trauerflor auf dem Kopf, das gekniffene Gesicht energisch, zurückhaltend, manchmal lächelnd, meist aber grausam wie das Aussehen eines Knollenblätterichs, war auf der Schwelle erschienen, machte hier Halt und rief über die Schulter in den Hausflur zurück: »Lena, meinen Medaillenstab!« »Hier, Vater!« »Merci!« Dann ging er. Ein üppiges Weibsbild, das trotz des frischen Wetters seine kräftigen Formen mit einer dünnen Kattunbluse umkleidet hatte, sah ihm mit großen, runden Augen nach, bis die nächste Straßenecke ihn verschwinden ließ. Dann wandte sie sich, kicherte in sich hinein und sah auf den Boden, wo eine feiste, graue, gezähmte Ratte mit klebrigem Schwanz zu ihren Füßen hockte. »Na, Jette,« sprach sie diese an, »nu geht die Komödie auf den Wassermühlen los. Mir soll's egal sein, auch dir; wir haben doch nichts davon. Jetzt komm' man!« und von dem ekelhaften Ungeziefer begleitet, trat das dralle, nicht unschöne, wenn auch etwas aus dem Leim geratene Frauenzimmer wieder in den Hausflur zurück, ließ sich in der Küche nieder und genehmigte sich ein Schälchen mit Kaffee. Inzwischen war der Alte weiter gepilgert, geschwollen, stocksteif, wie der Tod im Puppentheater; mit einer gewissen Selbstherrlichkeit und Grandezza schritt er durch die Kesselstraße, über den Großen Markt mit den altfränkischen Giebeln, wo der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz in Stein gemetzt aufragte und die vierhundertjährige Linde eben dabei war, die ersten grasgrünen Blättchen durch die Hüllen zu stoßen – er, Jan van den Birgel, und sagte den Tod an. Er ging von Haus zu Haus, wenigstens zu solchen, die sich durch ihr Äußeres vorteilhaft hervortaten; denn was er zu melden hatte, war für die Honoratioren bestimmt. Die kleinen Leute wurden in Bausch und Bogen und mehr summarisch behandelt. Bei einer gediegenen Schnirkeltreppe, die zu einer vornehmen Tür mit blanken Messingbeschlägen führte, hielt er den Fuß an. Neben dem Eingang hing ein schwarzes Brett, auf dem Protokolle, Auktionen und sonstige gerichtliche Sachen mit Oblaten festgeklebt waren. Hier wohnte der Notar. Mit dem Medaillenstab klopfte Jan van den Birgel an. Als ihm geöffnet wurde, leierte er seinen Spruch herunter; aber dieses Geleier war zähfadig, hatte den Geschmack von welken Blumen auf der Zunge, war mit Krepp umwickelt und erinnerte an Firnis und Hobelspäne. »Christian Franz Malthus ist tot,« sagte er langsam. »Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace! « Dann ging er zum Apotheker, dicht nebenan. »Christian Franz Malthus ist tot. Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace! « Dann zum Doktor. »Christian Franz Malthus ist tot. Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace! « Und wieder klopfte er an. Es war beim Steuerempfänger ... Es mochte auf vier gehen. Die Schwalben, die erst vor wenigen Tagen zurückgekehrt waren, hatten bereits niedrigen Flug; im Westen spreitete sich schon ein resedafarbiges Band, das sich hier und da mit rosigen Tupfen bedeckte – da drehte sich Jan van den Birgel dem Kesseltor zu, überschritt die Schleusenwerke und trat auf den Paternosterdeich, der in einer mächtigen Schleife, an stillen Ortschaften und Gehöften vorüber, nach Wissel und Emmerich führte. Hier blieb er stehen und sah in die Gegend. Jan van den Birgel war ein grausiger Kerl. Auf den ersten Blick gewahrte man nicht, worin eigentlich das Grausige bestand. Er konnte demütig sein, aber unter dieser scheinbaren Demut lagen häßliche Gedanken, wie Sumpf und Moder unter einem stehenden Wasser. Er war wie eine Nebelkrähe, die unter blankem Sonnenlicht ihres Weges zog und sich doch am wohlsten fühlte, wenn sie auf irgend eine mistige Stätte oder bei einem verluderten Tier einfallen konnte. Sein Lebensbuch umfaßte Seiten, die beschrieben waren, aber auch solche, die keine Zeile enthielten, und diese gaben dem ganzen Buch das Gepräge. Wie alt er eigentlich war, wußte keiner zu sagen. Sein Aussehen wechselte wie das eines Chamäleons. Was er eigentlich trieb, auch darüber schwiegen die Akten. Sein Leben ging hin wie das eines Maulwurfs, einer Küchenschabe, oder wie das eines Borkenkäfers, der seine heimlichen, unheimlichen Gänge bohrte, sich im Holzmulm amüsierte, Eier und Maden erzeugte, die ihrerseits wieder ihr weiteres Dasein auf eigene Gefahr und Laune förderten und sich dabei trefflich erhielten. Nur das wußten alle: vor etlichen Jahren war er noch Leinweber gewesen, wobei ihm sein fleißiges Weib das Garn haspelte und die fertiggestellte Ware auf dem Wege des Hausierhandels unter die Leute brachte. Aus dieser Ehe war eine Tochter, die Lena, entsprossen. Die wuchs heran zu einem starken Menschenbild, schmal in den Schultern, breit in den Hüften, geschmeidig in den Gliedern und mit Brüsten, die an eherne Kuppeln erinnerten. Eine Zeitlang verknüpften sich mit diesen Kuppeln unliebsame Erörterungen, die aber im Laufe der Tage zurückebbten, dann gänzlich verstummten. Während nun diese Gerüchte in sich zusammenfielen, hatte Frau van den Birgel das armselige Leben überbekommen, streckte unter dem Leintuch die Beine steif und wurde unter den Lebensbäumen dicht beim Kalvarienberg begraben. Mit diesem Tage hatte der trauernde Gatte die Lade kaltgestellt und das emsige Schiffchen in eine Ecke gepfeffert. Er wollte nicht mehr. Statt dessen schaffte er sich einen Zylinder mit hängendem Trauerflor an, legte sich einen Medaillenstab zu und versah das Amt eines Leichenbitters in der kleinen Gemeinde. Durchschnittlich fünf bis sechs Tote im Jahre. Davon konnte keine Kirchenmaus leben, geschweige denn ein Mann, der sein Handwerk beiseite getan und eine Tochter zu ernähren hatte, deren Haupttätigkeit darin bestand, mit Jette zu schäkern, ihre blanken, tadellosen Zähne zu zeigen und im übrigen Gottes Wasser über Gottes Acker laufen zu lassen. Und doch lebte Jan van den Birgel, lebte gut und gediegen, hatte allsonntags sein gesottenes Huhn im Topf und seine Bouteille Doppelbier auf dem Tisch und, wenn's hoch her ging, auch seinen Boonekamp of Magenbitter; aber über das Wie und Wodurch, über die Möglichkeiten dieses Lebens, das mit dem der Lilie auf dem Felde eine gewisse Ähnlichkeit hatte, darüber schwieg die Chronik des kleinen Ortes, wußte niemand etwas Bestimmtes zu sagen, darüber gingen nur Mutmaßungen ... und dennoch: die Fäden hierzu liefen ins Geldrische. Dort, zwischen den unermeßlichen Nierswiesen, auf einem stattlichen Anwesen, das über fruchtbare Äcker, treffliche Viehbestände und ausgedehnte Molkereien verfügte, trafen sie sich und schürzten sich hier zu einem festen gordischen Knoten zusammen, und der derzeitige Besitzer dieser weitverzweigten Liegenschaften hütete sich wohl, den scheußlichen Knoten kurzerhand auseinander zu schlagen. So standen die Dinge, als Jan van den Birgel, der Mann mit dem schäbigen Zylinder und der langen Pleureuse, auf der Deichkrone stand und in die weite Gegend hinaussah. Drüben, keine Büchsenschußweite von ihm entfernt, auf einem niedrigen Hügel, der sich unvermittelt aus der Ebene erhob, lag die Höfkenssche Mühle, klobig, im weißen Chorhemd, 'ne schwarze Schieferkalotte auf dem Kopf und mit gewaltigen Armen, die sie langsam und gemächlich im Kreise bewegte. Dort mußte er hin und weiter in die Niederung fort, wo der Gutshof Op gen Dort sich am fetten Boden ausstreckte, breit hingelagert, und von dem jungen Hans Harkort regiert, dem die Menschen den seltsamen Namen ›Kalviner‹ beigelegt hatten. Ja, auch zum Kalviner mußte er hin, aber erst später. Vorher jedoch ... »Dorthin!« sagte er mit heiserer Stimme, streckte den Medaillenstab aus und gespensterte an der schwarzen Kuhle und der Mergelgrube vorbei auf die Windmühle los. Unmittelbar neben ihr, von einer weißen Mauer flankiert und mit abgekröpften Linden umstanden, lag das Wohnhaus, fett und gemästet wie die Mühle selber, mit blanken Scheiben, ziegelroten Pfannen und der ganzen Behäbigkeit eines niederrheinischen Anwesens. Als Jan van den Birgel den mit Karren, Roßäpfeln und ausrangierten Mahlsteinen besetzten Hof überschritt und dann in den Hausflur trat, empfing ihn das Gebelfer eines bissigen Spitzes. »Kusch' dich, du Vieh!« Vor der bleiernen Stimme verkroch sich der Hund wie eine arme Seele, die etwas auf dem Kerbholz hat und nicht weiß, was sie mit ihrem Elend anfangen soll. Gleich darauf pochte der Medaillenstab gegen die erste Tür rechts vom Eingang. »Wer ist da?« »Ich!« »Wer, ich?« »Jan van den Birgel.« »Dann in Gottes Namen: herein!« Der Windmüller Cornelis Höfkens, auch der ›Matador‹ geheißen, saß an diesem Nachmittage mit brennender Kalkpfeife im Lehnstuhl, breitbeinig, mehlüberstaubt und mit einem glatten Gesicht, das an die Physiognomie eines weißen, verschnittenen Bullen erinnerte. Von den Ohrläppchen zogen sich graumelierte Hasenpfötchen bis zur Mitte der feisten Backen, die noch die frische Spur des Rasiermessers an sich hatten. Er war ein Mann in den sechziger Jahren, ernst und würdig in seinem Gehaben, und gehörte zu denen, die ihre wohlüberlegten Worte langsam wie die lauretanische Litanei durch die Zähne ziehen. Eine weitläufige Verwandte aus dem Geldrischen, Mamsell Apollonia Korthals mit Namen, versah ihm den Hausstand. Die etwas kurzatmige und reichlich mit Matronenspeck ausgestattete Dame verstand es, ihm das Leben so angenehm wie nur möglich zu machen. Cornelis fühlte sich wohl unter ihrem Zepter und ließ sie schalten und walten nach bestem Gutdünken. Im übrigen suchte er seine eigenen Wege. Sein Geschäft ging ihm über alles, aber auch die Solopartie, die ihn und seine Freunde, als da waren: der emeritierte Kappesbauer und Schnapsbrenner Pitt Lörksen, der Spezereiwarenhändler Dores Schweißgut und Christian Franz Malthus, allwöchentlich zweimal in der Wirtschaft ›Zum dicken Tommes‹ zusammengebracht hatte. Mit dem Ableben des letzteren war allerdings eine empfindliche Lücke zu Tage getreten, klaffte eine bedenkliche Leere, die den ersprießlichen Fortbestand der Kartengemeinschaft in Frage stellte, wenn nicht gar unmöglich machte. Christian Franz Malthus, der ›Trumpfkönig‹ im Spiel, diese Säule am Stammtisch des ›Dicken Tommes‹, dieser stiernackige Mensch, wenn auch in den letzten Jahren merklich zusammengebrochen, hatte die Partie aus der Hand gelegt und war plötzlich und unversehens koppheister gegangen. Sein geheimnisvolles Ableben wirbelte die Gemüter der kleinen Stadt bunt durcheinander. Man stand vor einem Rätsel, das keine Lösung verstattete. Die niedergefallenen Flore und Kreppschleier lagen so dicht, daß darunter jede Vermutung erstickte und ersticken mußte. Nur Cornelis hatte seine eigenen Gedanken, und als er sich mit ihnen näher befaßte, sie von sich wies, aber immer wieder auf den traurigen Zusammenhang der Dinge zurückkam, da lief ein kalter Schauer über den Rücken des Lebendigen. So saß er mit seiner brennenden Kalkpfeife und sandte lichte Wölkchen zur verräucherten Decke, als einer Einlaß begehrte. »In Gottes Namen: herein!« sagte er feierlich und sah mit glanzlosen Augen auf den Boten des Todes. Jan van den Birgel senkte dreimal den Medaillenstab vor ihm nieder. »Tag, Höfkens!« sagte er in seiner leiernden Sprechweise. »Christian Franz Malthus ist tot, Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace !« »Ich weiß, ich weiß,« versetzte Cornelis, »und wenn's Backsteine regnet – ich komme.« »Kann's mir denken,« meinte Jan van den Birgel, »aber von wegen der Solopartie – 'n Halbstündchen früher. Ich glaube, er hat's so gewünscht auf Leben und Sterben.« »Das hat er,« bestätigte der Müller mit feuchten Augen. »Und dann – vergeßt die Kalkpfeife nicht!« »Die?!« sagte Cornelis. Über sein blankes Gesicht lief ein tiefes und trauriges Verstehen. »Man bloß keine Sorge. Fünfundzwanzig Jahre hindurch an dem nämlichen Stammtisch gesessen – ich und mein Geschäfts- und Solokollege, fünfundzwanzig Jahre hindurch Karten gekloppt, immer dasselbe, fein und mit allen Schikanen – ich und mein Geschäfts- und Solokollege ... Gottverdomie noch mal, und da das Beste vergessen?« Seine Worte erstickten. »Menschenskind,« fuhr er mit verhaltener Stimme fort, wobei er sich aufwuchtete, »das wäre ja nächst dem leibhaftigen Satan ... Hier stehe ich mit brennender Kalkpfeife, und mit brennender Kalkpfeife werde ich meinem Geschäfts- und Solokollegen die letzte Ehre antun. Amen. Im übrigen: habt Ihr Pitt Lörksen verständigt?« »Verständigt,« nickte Jan van den Birgel. ›Trumpfsieben‹ kommt pünktlich.« »Und Dores Schweißgut?« »Dito verständigt. ›Grünober‹ nimmt sich die Ehre.« »Merci!« »Nichts zu danken, absolut nichts zu danken. Es war alles ein Tun, und nu kann ich wohl weiter machen, zum Kalviner und so. Aber was ich noch sagen wollte, Herr Höfkens ... Ich meine: eigentlich habt Ihr die große Nummer gezogen.« »Was heißt das: ›die große Nummer gezogen›‹?« »Gott, wie man so redet!« griemelte der Leichenbitter vergnügt vor sich hin. »Ich weiß nichts Bestimmtes, absolut nichts Bestimmtes; aber mir ist so der Gedanke aufgegangen: jetzt bekommt Ihr die dreifache Portion Wind in die Segel.« »Warum das?« »Komische Frage, Herr Höfkens. Herr Malthus ist tot, tot wie 'ne Ratze, wird übermorgen begraben, na, und so weiter. Auch sein Geschäft wird übermorgen begraben; denn sind männliche Erben vorhanden? Keine blasse Idee von 'ner Ahnung. Wer soll da die Wassermühle betreiben? Ich will nicht und dito Ihr auch nicht. Also – das gibt Wind in die Segel. Gratuliere. Oder habt Ihr 'ne andere Ansicht?« »Ja, seine Tochter, die macht es.« »Die?« meinte Jan van den Birgel und lachte kurz und grindig auf. »Nicht rühr' an die Sache. Simonis bedankt sich.« »Simonis, Simonis ...?!« Der sonst so behäbige Windmüller fiel aus seiner Rolle. Der Name wirkte auf seine Gemütsverfassung wie Feuer und Schwamm auf trockenes Roggenstroh. Seine Beschaulichkeit legte er ab, wie einer einen linden, wohltuenden Pelzrock an den Nagel hängt, um dafür einen groben Arbeitskittel aus der Kirschholzkommode zu nehmen. Mit einer herrischen Handbewegung zeigte er auf einen Stuhl. »Nehmt Platz!« sagte er zwischen den Zähnen und warf sich selbst in den zunächst stehenden Sessel. Jan van den Birgel folgte mit einem gewissen Unbehagen der dringlichen Aufforderung. Als er sich endlich niedergelassen, den fuchsigen Zylinder auf den Tisch gestülpt und den Medaillenstab wie ein Sponton neben sich aufgepflanzt hatte, meinte er lauernd: »Also ich bitte, Herr Höfkens. Was soll's mit Simonis?« »Der kommt gleich an die Reihe,« versetzte der Müller, »zuerst das mit dem ›Wind in die Segel‹. Auf Parol, Herr Jan van den Birgel« – und der alte Herr war aus einem verschnittenen zu einem veritabelen Bullen geworden – »ich für meine Person habe mich nie an dem verfluchtigen Spruch gehalten: Ungegönnt Brot soll fett machen. Der Deuwel mag's fressen! Ich und Malthus sind immer die besten Freunde gewesen, und ich hab's ihm niemals verübelt, wenn seine Wassermühlen die doppelte Arbeit besorgten. Im Gegenteil: liefen seine Mahlgänge wie geschmiert, war's meine Freud', gingen sie mal weniger gut, war's mein Elend. So hab' ich's immer gehalten, und kein Neid oder sonstig Begehren ist mir dabei unter die Weste gekommen. Auf Parol, niemals im Leben! und jetzt, wo er tot ist, kann ich nur wünschen, daß sich Kosman Kraneboom als erster Gesell weiter betätigt und Franziska als einziges Kind die Geschäfte besorgt, um das Unternehmen proper über Wasser zu halten. Das wollte ich sagen von wegen der infamen Geschichte mit dem ›Wind in die Segel‹. Ich will nicht andermanns Profit. Ums Verrecken nicht, unter keiner Bedingung. Jedem das Seine. Und wer da etwas anderes herausspekuliert, dem schlage ich die Knochen zusammen. Verstanden? Meine Weste bleibt rein, ist es immer gewesen, wird niemals einen Flecken besitzen, im Angedenken an den da« – dabei zeigte er mit dem Daumen der rechten Hand über die Schulter – »an den Trumpfkönig, an meinen verstorbenen Geschäfts- und Solokollegen, sonst kann ich ihm nicht als Matador unter die himmlischen Augen treten, wenn es so weit mit mir ist und sie mir das letzte Hemd über die Ohren ziehen. Kurzum, was Malthus geschaffen, das muß weiter florieren, und dazu ist nötig: Franziska muß aus dem Geldrischen heraus, muß auf die Wassermühlen zurück, um mit Hilfe von Kosman die ganze Geschichte auf dem alten Standpunkt zu halten. Auf Parol, das ist meine ehrliche Meinung, und damit Strich unter die Sache.« »Aber Simonis ...!« warf Jan van den Birgel lauernd dazwischen. »Der?!« schrie der Müller, und unter seinen wie mit Spinnweben verhangenen Brauen brannte ein häßliches Licht auf. »Bleibt mir mit Simonis vom Leibe! Da liegt ja das Elend! Das ist ja der Anfang von seinem Jammer und Sterben gewesen. Drum pinkert jetzt der Wurm in der Mühle, ist er auf die Hobelspäne gekommen, wird ihm der Deckel über die Nase geschoben, und wenn ich dran denke, wird mir der Oldenkott Rippchentabak zum Ekel,« und dabei zerbrach er die irdene Pfeife und warf die einzelnen Stücke mit einem grimmigen Fluch in eine verlorene Zimmerecke. Verzweifelt flocht er die Hände zusammen und sagte: »Malthus, Malthus, du bist von jeher 'ne noble Nummer gewesen, immer derselbe, vornehm bis dahin, keine menschliche Seele konnte dir was nachsagen, nicht so viel, wie das Schwarze unterm Nagel bedeutet. Aber dann kam einer und hat dir die richtige Besinnung verkleistert – und da bist du den Holzweg gefahren, den richtigen Holzweg – und da ging das nicht anders – du mußtest ... und als ich genauer zusah, da hattest du deine einzige Tochter dem Simonis verschrieben ... Malthus, warum?! – Himmel, Herrgott und Mühlstein ...!« Mit geballter Faust schlug er auf den Tisch, daß der Tabakkasten davon aufhoppelte. »Ja,« sagte Jan van den Birgel und zwinkerte listig mit seinem linken Augenlid, »wenn einem seine Mühle so abbrennt, ich meine seine Mehl- und Kornspeicher, da kann schon alles passieren.« »Was abbrennt? Was kann alles passieren? Ihr wollt doch nicht sagen, Jan van den Birgel ...?!« »Nichts will ich sagen. Dafür ist mir mein Mundwerk zu schade. Aber das mit der Mühle ... irgend 'ne Unvorsichtigkeit ... gut versichert ... Gott ja! da kann doch irgend ein Streichholz ... und wenn da in der Nähe sich so'n bißchen Stroh und Werg befindet ... Selbstverständlich,« und er machte mit seinem Sponton eine bedeutsame und große Bewegung, »bei Malthus – ausgeschlossen die Sache. Aber sie ist doch nun einmal vor die Hunde gegangen – die Wirtschaft. Dran laßt sich nichts ändern.« »Wenn auch,« fiel der Alte dazwischen. »Drum brauchte er sich nicht dem Simonis mit Haut und Haaren zu verkaufen. Da waren noch andere da. Zum Beispiel: hier steht der Matador,« und mit einem Ruck war Cornelis Höfkens in die Höhe gefahren. »Hier steht er, und wenn er ein Einsehen gehabt hätte, ich war immer zu haben, bei Tages- und Nachtzeit, bar und in Kassenscheinen, ganz gleich, und wären mir dabei die Hypotheken auf die eigene Mühle geflogen. Auf Parol! dafür hab' ich bei den grünen Husaren gestanden. Aber er wollte ja nicht und tat's lieber mit dem Simonis probieren. Unsinn, verfluchter! Was ist bei dem ganzen Handel herausgekommen? Kein Dittchen. Nur Unglück und Elend. Er ist darüber so halber sinnig geworden, und sie, was die Tochter bedeutet, die hat er auch auf dem Kerbholz.« »Nein,« konstatierte Jan van den Birgel mit sichtlichem Wohlbehagen, »die hat er nicht auf dem Kerbholz. Das pure Gegenteil ist hier Trumpf in der Karte. Gut, sie hat den Simonis geheiratet. Aber warum das? Um die niedergebrannten Kornspeicher wieder aufs neue zu richten, um wieder Kapital auf die Mühle zu tragen und den Alten aus der Predullig zu helfen.« »Ich sagte schon eben: ich hatte mich solidarisch verpflichtet.« »Schon richtig, aber Simonis war forscher. Er wird schon seine Gründe gehabt haben – der Alte. Und außerdem: 'ne piekfeine Sache die Heirat. Alles doppelt und dreifach. Plüschene Sofas und so, und ich sage Euch, Höfkens, die kann allsonntags mit 'nem Juckergespann ins Hochamt 'neinkariolen. Ist das vielleicht nichts? Hundert schleckern die Finger nach so was. Das Weibsbild ist glücklich.« »Mensch, Sie!« »Herr Jeses! ich will's auf die Gabel nehmen und doppelt beschwören.« Feierlich hob der Leichenbitter das Sponton in die Höhe. Ein Fluch fiel über ihn her. »Ruhe, Jan van den Birgel! Kein Wort mehr. Ich weiß es schon besser, wie es um mein Patenkind steht. Die kann den gestrigen Tag nicht mehr finden, die ist elend bis in die Knochen und ging am liebsten ins Wasser hinein, um ihr jämmerliches Leben zu ersäufen wie 'ne überflüssige Katze. Das weiß ich, so wahr ich hier stehe, so wahr ich der Matador bin und dereinstmals hoffe, das hölzerne Kamisol in Ehren zu tragen.« »Das sind pure Redensarten, Herr Höfkens.« »Was, Redensarten?!« fragte der Alte und trat auf ihn zu, »wo mir da alles bis an den Hals geht und mir das Herz abdrehen will, wo mir das Gesagte als Trauer und Tränen über die Zunge stolperte, da wollt Ihr meine Worte als Redensarten verschleißen? Herr, in drei Teufels Namen noch mal!« – und seine sonst, so ruhige und langsame Stimme flackerte auf – »nochmals gesagt: ich bitte um Ruhe, Jan van den Birgel, denn da ist noch eine andere Sache, eine ganz andere Sache,« und er warf den Kopf herum und trat ans Fenster. »Nu kommt die Kalvinergeschichte,« klang's hinter ihm her. »Ja, die Kalvinergeschichte!« gab der Müller zurück, stieß den Flügel auf und sah in den Abend, der langsam aus den sterbenden Lichtern des Tages herauswuchs. Die Schatten hatten schon lange Beine und schmale Gesichter. Dabei war die Luft so blank wie eine Spiegelscheibe, die die Fernen wiedergab, als wenn sie auf dem Präsentierteller lägen. Jenseits des Paternosterdeichs, kaum eine halbe Stunde von der Höfkensschen Mühle entfernt, erstreckte sich eine schmale Hügellehne quer durch die Niederung. Von dort blinkten helle Fenster, in denen der letzte Schein der untergehenden Sonne wie böhmische Granaten blutete, gleich gespenstigen Augen herüber. Die Konturen eines weitverzweigten Gutshofes hoben sich scharfumrissen von der Terrainwelle ab, die die ganze Gegend beherrschte. Von zersplissenen Baumgruppen flankiert, weißgekalkt und von saftigem Wiesengrün umbettet, machte der Gebäudekomplex einen stolzen Eindruck, der jedes niederrheinische Bauernherz höher schlagen ließ. Er stand wie auf einer Goldfolie, ruhig, trotzig und einsam, als hätte der lauliche Frühlingsabend seine ganze Glorie um ihn gespreitet. »Da wohnt der Kalviner,« sagte Cornelis, und sein Arm hob sich langsam, um ebenso langsam wieder an seinem Leibe herunter zu sinken. »Wassermühlen und Op gen Oort die nämliche Schose. Alles riecht nach dem Spaten. Malthus ist tot, und der da von drüben ... Besser schon: er wäre von der Koppel gesenst wie mein Solokollege. Aber das kommt noch, das kommt noch, denn der Mensch kann nur 'ne gewisse Portion Not und Mordio vertragen. Was drüber hinausgeht, darf höchstens mit 'ner Handvoll Kirchhofserde wieder gutgemacht werden. Simonis, Hundekanaille ...!« Unvermittelt schraubte der gutmütige Mensch sein Wort in die Höhe. Es klang schrill und blechern. »Das ist ja nächst dem leibhaftigen Satan! Das ist ja, um den Katzenschwanz zwischen die Türe zu klemmen und das Biest gottslästerlich zu verprügeln. Das ist ja ... Zerquält und zerschunden, gehetzt und abgetrieben wie'n armselig Stück Wild! Himmel, Herrgott und Mühlstein! Mensch, wie konntet Ihr dem ehrlichen Kerl nur das gebrannte Herzleid antun?! Hundekanaille ...!« und mit heiserem Stöhnen warf er den Schädel herum. »Und Ihr da, Jan van den Birgel, Ihr und Simonis, Speck und Schwarte von der nämlichen Sorte, Ihr habt mitkomplottiert und dem braven Kalviner ...« »Höfkens, macht keine Geschichten!« »Ach was, Geschichten! Ich weiß, was ich weiß, oder Gottes Wort ist gelogen.« »Höfkens, ich sage noch einmal ...« Grinsend und lauernd hatte sich der unheimliche Gesell von den Binsen erhoben. »Sagt, was Ihr wollt! Ich bleibe bei meiner Ansicht und bin erbötig, sie unter die Leute zu bringen. Basta!« »Höfkens, ich sage zum dritten und letzten ...« Die Stimme des kleinen Mannes vibrierte. »Laßt mich aus dem Spiel, oder ich beschreie die Sache!« Mit erhobenem Stab war er näher getreten, den Blick starr und stur auf den Müller gerichtet. Seine magere Brust hob und senkte sich krampfhaft. Sein fahles Gesicht wurde noch fahler und fahriger und erinnerte in seiner scheußlichen Tünche an das eines Totenkopfes, auf dem nur noch spärliche Haarreste standen. Dabei wirbelte er das schwarze Sponton durch die Luft. »'runter mit dem verfluchtigen Medaillenstab!« gebot der Müller mit herrischer Handbewegung, »denn mit dem niederträchtigen Ding habt Ihr schon, Strunk und Stiel, Glück und Reputation zusammen gehauen. Fisimatenten, infame!« »Mensch, beleidigt mein Amt nicht, sonst kann es immer passieren ...« »Was kann passieren? Immer nur heraus mit der Sprache!« »Wartet man ab!« grinste der Kleine, und dann mit seinen kalten, steifen Fingern die Schultern des erregten Mannes berührend, sagte er tonlos, nachdem er die grauen Augen verächtlich geschlossen und sie wieder geöffnet hatte: »Beleidigt mein Amt nicht, sonst: Höfkens und Malthus, Wind- und Wassermüller werden in denselben Mustopf geworfen. Mir ganz partie egal, wie es kommt. Ich kann warten und warte. Aber das sag' ich Euch, Müller: ich brauche nur diese Finger gegen die Mühle zu strecken, hier diese fünf Finger – und drei Tage später könnt Ihr bereits als Matador mit dem Trumpfkönig Solo in der Ewigkeit spielen.« Er lachte kurz und abgehackt auf, kurz und niederträchtig. Es klang, als habe ein Elstervogel vom Galgenholz heruntergegeckert. Gleichzeitig klappte der Medaillenstab bei Fuß. »Verstanden, Cornelis?« Ja, er hatte verstanden. Höfkens erbleichte. Eiswasser lief ihm über Nacken und Rücken. Was wollte der Mensch nur? Der Kerl hatte zu infame Manieren. Ihm so den Tod an die nackte Kalkwand zu malen! Das war ja bei Licht besehen 'ne Niedertracht, wie kein schäbiger Bußprediger sie besser hätte ausdenken können. Am liebsten hätte er dem widerwärtigen und gefährlichen Knirps die Drohung ums Maulwerk gepfeffert; aber er wagte es nicht. Seine Willenskraft erlahmte unter dem höhnischen und lästerlichen Blick dieses scheußlichen Beamten, der noch immer drohend vor ihm stand, ihm von Zeit zu Zeit die Schultern mit seinen kalten und steifen Fingern betippte und immer wieder versicherte, er brauche nur die Hand zu strecken, um die schwarzen Bretter in die Mühle tragen zu lassen, die nach Firnis riechenden Bretter, mit den blanken Beschlägen und dem finstern Bahrtuch darüber. Mit beiden Händen wehrte er ab. »Unsinn!« sagte er mit unsicherer Stimme. »So leicht stirbt sich das nicht; denn ich hoffe noch immer meine zwölf bis fünfzehn Jährchen zu leben. Was meint Ihr dazu, Jan van den Birgel?« Mit einem breiten Lächeln suchte er sich über seine schweren Bedenken, über das ekelhafte Angstgefühl, das sich an ihn geworfen hatte, hinweg zu schwindeln. »Im übrigen,« brummte er kleinlaut, wenn er auch versuchte einen jovialen Ton anzuschlagen, »'nen ›Ollen Klaren‹ gefällig?« »Wenn's denn sein muß, warum nicht?« versetzte der Kleine. »Aber Frieden gehalten, dann kann's noch mal gut gehen.« Cornelis atmete auf, begab sich ans Eckschab und entnahm ihm ein Gläschen und eine Bouteille mit gebranntem Wasser. »Beste Qualität!« meinte er freundlich, schenkte ein und präsentierte den Fusel. »Wohl bekomm's!« »Merci!« sagte Jan van den Birgel, wippte das Gläschen hinunter, stülpte sich den Zylinder über den kahlen Schädel und achselte den Trauerflor über den linken Arm. »So, nu muß ich zum Kalviner 'nüber.« »Gute Verrichtung!« »Danke und nochmals gesagt: Christian Franz Malthus ist tot. Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace ! Vergeßt die Kalkpfeife nicht!« Dann sockte er ab. Cornelis Höfkens sah ihm mit bleiernen Augen nach. Wie der Kerl dahin latschte! Jetzt verließ er das Haus – jetzt ging er den Windmühlenhügel hinunter – jetzt war er an der Mergelgrube – jetzt auf dem Fahrweg – jetzt bog er ein, um an den Wassermühlen vorbei nach Op gen Dort zu pilgern ... aber es war so, als zöge der Tod in eigener Person neben dem ausgetragenen Menschen her. Dem Alten kam die Besinnung zurück und mit ihr der alte Haß, den er nicht mehr los werden konnte. Da ging das Unheil, das Elend, der grindige Schleicher, der ihm das Sterben ins Haus gewünscht hatte. Unsinn! Erstunkene Lügen! Aber man konnte immer nicht wissen .. »Gottverdammich nochmal!« Langsam hob er die Faust und streckte sie hinter ihm her. Ein Fluch trat ihm zwischen die Zähne. »Hundekanaille!« knirschte er grimmig.   2 Fünfundzwanzig alte, mächtige, sparrige Pappeln auf Reihe! Man konnte lange suchen, ähnliche zu finden, so trotzig ragten sie auf, so breitwipfelig und selbstgefällig liefen sie neben der wuchtigen Deichkrone her, die hier ihre größte Höhe erreichte, um dann wieder um etliche Meter abzufallen und in ebenmäßiger Weise ihren Weg nach Holland zu suchen. Und wenn der Sommerwind in ihren Laubmassen wühlte, wenn es heiß und dunstig in der Ebene herankroch und Gottes Licht wie ein gewaltiges Auge unter dem brandroten Himmel aufzwinkerte, dann begannen die alten Bäume zu rauschen, gewaltig und tausendzüngig, und sie erfüllten die weite Niederung mit ihren brausenden Stimmen. Fünfundzwanzig alte, mächtige, sparrige Pappeln im Wetterlicht, im Sommersturm – das gab eine Melodie wie selten zu finden ... und die Leute in der kleinen Stadt hörten darauf und sagten: »Nu geht's los! Bei Malthus werden die Bäume lebendig. Sankt Florian, hilf uns!« Heute standen sie wie angenagelt, rührten und regten sich nicht und schafften heimlich daran, ihre Knospen zu brechen und die stillen Zweige mit ihrem braungoldigen Grün zu umschleiern. Gottes Abendlicht hing zwischen den Ästen. Hinter diesen Pappeln versteckten sich die beiden Mühlen, die hier vor dem Stauwasser lagen, das unter dem Namen Kalkflack aus der Gegend von Xanten und Alpen herkam, die Stadt umflutete, am Kesseltor sich wieder vereinte und jenseits der Schleuse in breiter und ruhiger Fläche dem Rhein zuströmte. Gesondert von den Wassermühlen erhob sich das stattliche Wohnhaus mit seinen weitläufigen Mehl- und Getreidespeichern, ein massiger Bau von herrischer Eigenart, der erst vor sechs oder sieben Jahren, nachdem der alte einem großen Schadenfeuer zum Opfer gefallen, fest und bodenständig aus der Scholle gewachsen war. Mit seinen hohen Dächern und blanken Scheiben sah er nach der offenen Seite hin weit in die Gegend, über Schleusen und Deiche, Wiesen und Triften, bis dorthin, wo die blauen Wälder von Moyland und die leichten Konturen der Rheindämme der Fernsicht ein Ziel setzten. Noch vor wenigen Tagen hörte man schon von weither das rege Treiben auf den Malthusschen Werken. Karren fuhren ab und zu, Korn wurde abgeladen und schweres Stückgut mit Kleie und Mehl verfrachtet, und wenn man an solchen Stunden auf dem breiten Wehr stand und in die Tiefe hinabsah, dann ward einem seltsam und schaurig zumute. Dieses Gepolter zwischen den Strebebalken, dieses Seufzen und Ächzen, dieses Rumoren und Gurgeln aus dem schäumenden Gischt heraus benahm den Atem und machte die Augen trunken; denn wenn die gigantischen Räder, die, nur durch eine schmale Wassergasse getrennt, ihre kreisende Bewegung vollführten, wie festgelegte vorsintflutliche Tiere die tobenden Strudel unter sich fortschaufelten, sich wechselseitig begeiferten und dumpf vor sich hin brummten – immer dasselbe, immer dasselbe, dann schlug einem das Herz bis in den Hals hinein vor Andacht und vor heimlichem Grauen ... und dann hatte Christian Franz Malthus in der mehlüberstaubten Einfahrt gestanden, die Hände in den Hosentaschen, ernst und gemessen, an manchen Tagen mit gerunzelter Stirn und geballten Fäusten, aber immer Herr seiner Sinne und stets darauf bedacht, seinem Namen und seiner Arbeit Ehre zu machen. Das war jetzt anders geworden, ganz anders. Die Mahlsteine ruhten, die gewaltigen Schaufler feierten, das Wasser lag wie tot und stierte bleiern aus der Tiefe herauf, denn ihr Herr und Gebieter lag mit spitzer Nase und bläulichen Fingernägeln auf seinem Paradebett, die Hände gefaltet, von Dämmerungen umgeben, neben sich eine brennende Wachskerze, von deren Messingleuchter ein Rosenkranz aus Pockholzkügelchen herabhing. Christian Franz Malthus, genannt der ›Trumpfkönig‹, hatte ausgerungen. Morgen schon sollte er in die schwarzen Bretter hinein und in der Guten Stube aufgebahrt werden, wo er gerne in seinen Mußestunden verweilt, die lange Kalkpfeife geraucht und die schöne Glasservante betrachtet hatte, die eine Fülle köstlichen Delfter Porzellans enthielt. Das war nun alles vorbei und vorüber. Früher und heute! Gott ja! es hatte sich vieles verändert. Seitdem das große Schadenfeuer seine Kornspeicher heimgesucht hatte, als Nöte und Ängste kamen, seitdem seine einzige Tochter als Frau Simonis im Geldrischen wohnte und er immer und immer wieder seine traurigen und tiefdenkerischen Blicke auf Op gen Dort richten mußte, seit diesen Tagen war der knochenharte, spartanische, eigenbrödelnde Mann nur noch sein eigener Schatten geworden. Er arbeitete noch, aber diese Arbeit machte ihm keine herzhafte Freude mehr. Allwöchentlich spielte er mit seinem Kollegen Cornelis Höfkens, dem Spezereiwarenhändler Dores Schweißgut und dem emeritierten und fidelen Kappesbauer Pitt Lörksen sein Partiechen Solo im ›Dicken Tommes‹, allein auch hierbei wollte das richtige Behagen nicht mehr kommen, so daß er häufig ganz verloren ins Licht stierte, die meisten Stiche verpaßte und manches aufgelegte Trumpfsolo einfach in den Schornstein zu schreiben hatte. Dieses Sinnieren und Brüten wurde mit der Zeit immer schlimmer und bedenklicher, und da eines Tages ... Es war am verflossenen Sonntag gewesen ... er hatte noch an seiner Schreibkommode gesessen, stundenlang kalkuliert und gerechnet, das Niedergelegte kuvertiert und gesiegelt und es alsdann auf das sorgfältigste in ein Geheimfach seines Zylinderbüros verschlossen, als er plötzlich aufstand und mit dem Ausruf: »Es muß noch heute geschehen,« das Schriftstück zum Notar brachte, zurückkehrte und mit leuchtenden Augen seine Mühlen betrat, die unter der Sonntagsruhe lagen. Hier machte er sich an dem Gangwerk des linken Wasserrades zu schaffen, trat auf die Plattform, die über der Tiefe hing, und sang mit mächtiger Stimme den Kampf- und Weihegesang der christkatholischen Menschen, daß es weithin die ganze Gegend erfüllte. Gleichzeitig setzte sich das große Rad in Bewegung, rollte und schaukelte und übertönte mit seinem Rauschen und Schaufeln das gewaltige »Wir sind im wahren Christentum«, das aber schließlich so herrisch vorgebracht wurde, daß es sich siegreich behauptete und aufstieg wie ein Adler mit ehernen Schwingen. Wie eine Jerichotrompete kam es von der Höhe herunter, schwebte es über den Wassern, marschierte es zu den Menschen – das Lied, das Lied! Und also tönte und klang es: »Wir sind im wahren Christentum, O Gott, wir danken dir! Dein Wort, dein Evangelium, An dieses glauben wir. Die Kirche, deren Haupt du bist, Lehrt einig, heilig, wahr. Für diese Wahrheit gibt der Christ Sein Blut und Leben dar.« Dann verstummte es plötzlich; nur Rad und Wasser polterten weiter. »Was los, was los?!« schrie Kosman Kraneboom, der Obergesell, aus seiner Kammer heraus, wo er seine Feierstunde verbrachte, stürmte vor, stoppte das Wehr ab und brachte das Gangwerk zum Stehen ... und er fand, was er suchte. Mit eingetriebenem Schädel hing der Müller zwischen den Speichen, noch die stolzen Worte: »Wir sind im wahren Christentum« auf den blutleeren Lippen. Bald darauf lag er in seiner abgeblendeten Stube zwischen den Kissen, gestreckt wie ein Pfahl, geworfen wie eine überständige Eiche im Winterwald. Kein Arzt konnte mehr helfen. Nur der junge Vikarius erschien, gab dem Todwunden die letzte Ölung und sprach die Sterbegebete. Dann ums Abendwerden ... noch einmal kehrte das Bewußtsein zurück. Er rief nach Kosman, und als er mit diesem allein war, sprach er ihm zu und legte ihm eine dringliche Mission auf die Seele. Zwei Tage später war alles vorüber. Aber seltsamerweise, trotz der eiligen Depesche: Frau Simonis kam nicht und kam nicht. Da trat Kosman Kraneboom an den Toten heran, gebeugt und ganz durcheinander. Bekriegte sich aber und sagte mit zerdrückter Stimme: »Da muß was passiert sein im Geldrischen; aber sie wird schon kommen, die arme Franziska. Bis dahin bin ich der nächste dazu, dir den letzten Dienst zu erweisen. Im übrigen noch: was ich mir denke, darüber liegt Kirchhofserde. Jeder ist sein eigener Herr und Meister. Was er mit seinem Leben anfängt, das ist seine besondere Sache. Wir sind im wahren Christentum. Auch du. Daran darf keiner nicht rütteln. Malthus, ich schweige. Nur mit einem habe ich darüber zu reden. Gott sei deiner Seele barmherzig. Gehe hin zum ewigen Frieden; du verdienst ihn, denn dein Leben war Mühe und deine Seele war irre geworden vor lauter Bedrängnis. Keiner hebe den Stein wider dich auf. Wir alle sind sündig. Du noch am wenigsten. Gott wird gnädig sein. Amen.« Hierauf machte er gegen den Abgeschiedenen das Zeichen des heiligen Kreuzes, drückte ihm die Augen zu und ging an die Arbeit. Jetzt lag der Müller in königlicher Ruhe. Alles Leid war von ihm genommen. Die Mahlgänge feierten, die Wasser schwiegen; nur die braungoldigen Pappeln wisperten leise herüber. – Wenn man von dem Höfkensschen Anwesen nach Op gen Oort wollte, mußte man die Wassermühlen passieren. So stakelte denn auch Jan van den Birgel schon geraume Zeit auf sie los, immer die große Einfahrt vor Augen, die, nachdem er den Kommunalweg hinter sich hatte, ihm wie ein unersättlicher Schlund entgegengespensterte. Sie wurde immer größer und breiter. Der Abend kroch langsam in sie hinein, ließ aber noch so viel Helle übrig, daß man die Spinnweben, die von den schweren Balkenlagen wie zierliche Festons niederhingen, sattsam erkennen konnte. Mehr dem Inneren zu, zwischen dem Läutewerk, den hungrigen Trichtern und den verstäubten Mahlgängen, die aussahen, als wäre ein Rauhreif darüber gefallen, baumelte eine Messinglaterne, ein mattes Licht, unstet und fahrig, als schwebe der arme Geist des heimgegangenen Müllers zwischen Decke und Diele. Die nächste Umgebung stand unter dem verlorenen Schein dieser hängenden Leuchte. Von dorther kam eine einsame und trostlose Stimme: »Herr, sei seiner armen Seele barmherzig!« Mit wehem Ton zitterte sie durch die eingedunkelten Räume. Und wieder klang sie: »Von den Schrecken der Finsternis – erlöse sie, o Herr!« Die Stimme schwoll an, gewann einen zuversichtlichen Ausdruck und sagte: »Von ihren noch anhaftenden Sünden und den ewigen Strafen, die ihrer warten – befreie sie, o Herr!« Eine wuchtige, schwerfällige, vierschrötige Gestalt, die auf einem Mehlsack gekauert hatte, erhob sich unter der Rübsenöllampe, langsam wie ein niederrheinischer Ackergaul von der Spreu, wie ein Gewaltiger aus dumpfem Traume heraus. Es war Kosman Kraneboom, der Obergesell, das Faktotum der Mühle, die rechte Hand des Verstorbenen, der Sorger und Mühwalter, der Mensch mit dem reinen Gewissen, der nicht um Haaresbreite die Tafeln Mose außer acht gelassen hatte. Er war rein wie ein Kindergemüt, selbstlos wie eine Mutter, arbeitsam wie ein entmannter Stier im Joch. Die weißgesprenkelte Seidenmütze übergezogen, silberne Ringe in den Ohrläppchen, eine graumelierte Bartfräse um Backen und Kinn, gehörte er zu den Stillen im Lande. Er war ein Häuslerkind, auf dem Emmericher Eiland heimatberechtigt und mehr als dreißig Jahre im Dienst des abberufenen Mannes. Wer ihn ansah, freute sich über das Maß seiner Glieder, wer mit ihm zu tun hatte, wunderte sich über sein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl, wer aber den traurigen Mut fand, ihm an den properen Wagen zu karren, dem war es, als führe ihm Gottes Donnerwolke über den Schädel. Und dieser Kosman Kraneboom, dieser Insichgekehrte und Denker, wegen seiner vaterländischen Gesinnung auch der ›Preußen-Kosman‹ genannt, führte sein Gebetbuch mit den großen Lettern näher dem Licht zu und betete stärker: »Von dem nagenden Wurm des Gewissens – erlöse sie, o Herr! Befreie sie, o Herr! Mache sie rein, o Herr! wie ein Hemd auf der Frühlingswiese, auf daß sie eintriumphieren möge in den Garten deiner ewigen Freuden!« Und er streckte die Arme in das Dunkel hinein, und sein Schatten wuchs an der gegenüberliegenden Wand wie ein Zyklop auf. Er rief um Gnade für seinen toten Herrn und Meister wie der dürstende Hirsch nach der Quelle: »O du Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt ...« »Herr erbarme dich unser!« nahm ihm plötzlich ein andrer das Wort von den Lippen. Kosman fuhr auf und warf den Kopf herum. »Wer ruft da, wer stört mich in meinem Gebet?« »Ich habe mir die Ehre genommen.« Ein Medaillenstab blenkerte auf, eine dunkle Gestalt trat näher heran. Jan van den Birgel war durch die Einfahrt getreten. »Ich bin's.« »Jetzt seh' ich's,« sagte Kosman Kraneboom und fuhr sich mit der borkenrissigen Hand über die ausgebleichten Augen. Gleichzeitig machte er eine abwehrende, stumme Bewegung. »Gefällt Euch wohl nicht?!« meinte der Eindringling. »Offen gestanden, es wäre mir lieber gewesen, Ihr wäret vorüber gegangen. Mit Euch und ähnlichen Leuten habe ich nicht gerne zu schaffen. Aber nichts für ungut, Jan van den Birgel.« »Hm!« sagte dieser mit heiserem Lachen, »kann's mir schon denken. Ich und Simonis, wir zwei beiden ...« »Ja, ihr zwei beiden,« kam es bedrückt aus dem Munde des vierkantigen Menschen, »ihr habt schon 'ne gehörige Portion Dreck an den Schuhen.« »Kosman!« »Das habt ihr; denn wenn ich Euch sehe, muß ich an Simonis denken, und wenn ich mir Simonis vorstelle, dann ist es mir gerade, als erfröre mir das Vaterunser zwischen den Zähnen.« »Das sind wieder so 'ne verfluchtigen Preußen-Gedanken.« »Schon möglich, aber laßt man diese Gedanken in Ruhe, denn wer dem Volk diese preußischen Gedanken nimmt, der nimmt dem Volk seine richtige Andacht, der bricht ihm das Rückgrat. Solche Gedanken wecken Tote auf, machen klar und hellsichtig, haben Mist an den Füßen, sind wie Gebote des Herrn. Sie sagen die Wahrheit, denn seit dem Tage, wo Ihr und Simonis uns mit euren malproperen Fingern die niederträchtige Suppe anrührtet, ist der Müller sinnig geworden, war sein Schatten ohne Kopf, konnte er den gestrigen Tag nicht mehr finden ...« »Und der Brand . ..?« »Herr Jeses, der Brand! Das war 'ne ehrliche und rechtschaffene Sache. Bleibt mir mit dem Feuer vom Leibe! Feurio! Rein war's wie die Sterbekerze am Sarg unsres seligen Dechanten. Wer schickte es? Der liebe Gott hat's geschickt. Da kann niemand gegen an operieren. Das kam, weil's kommen mußte. Ihr aber, Ihr und Simonis, ihr trugt Pech und Schwefel herzu und mächtige Teertonnen und bliest in die Flammen, um euren eigenen Hammel zu braten, euern fetten, dickleibigen Hammel, und seit dieser Stunde wühlt so 'ne niederträchtige Maulwurfskreatur vor der Einfahrt herum, hier vor der Einfahrt. Jeden hellichten Morgen hat sie ihren infamen Hügel geworfen ... und wißt Ihr, was so'n Hügel bedeutet?« »Dummes Zeug und Unsinn bedeutet's.« »Mensch – Ihr!« trumpfte Kosman Kraneboom auf, und tief in seinen verbleichten und ausgewaschenen Augen begann es zu leuchten. »Das ist ja, als täte ein Verrückter das Maul auf. Unglück bedeutet's, den Tod bedeutet's, und als die schöne Franziska, als sie sich dem Simonis verschrieb und den andern ins Elend hineinstieß, als sie hinaus mußte, als Gott und alle Welt in den Binsen versanken, da war's auch mit dem Müller alle geworden; denn wo war seine muntere Art geblieben? Abgehalftert wie'n spatlahmer Gaul. Und wo hatte er seine forsche Hantierung und barbarische Arbeit hingetan? Sucht auf dem Boden nach; da liegen sie beim alten Gerümpel, die konnten sich selbst auf Krücken nicht mehr weiter helfen, und so ist denn das Unglück gekommen. Das mußte gesagt werden, denn so was ist die preußische Wahrheit. Den Rest wißt Ihr selber. Das große Rad war barmherzig und hat ihn auf die Hobelspäne geworfen.« Seine Worte verebbten, gingen unter in einem dumpfen Gemurmel. Noch einmal flackerten sie auf. Kosman Kraneboom streckte die Hand aus und sagte, den Blick eindringlich und scharf auf seinen Besucher gerichtet: »Geht weiter, Jan van den Birgel, sonst kann ich meine Andacht nicht finden.« Zwischen den verstäubten Balken und Mahlgängen bewegte sich eine fühlbare Stille. Sie war plötzlich gekommen, ganz unerwartet, mit dem unheimlichen Schritt des Verhängnisses. Die beiden Menschen standen sich stumm gegenüber. Jeder von ihnen suchte die Gedanken des andern zu erraten. Sie waren wie angeschmiedet. Vieles ging ihnen durch den Sinn. Alle Begebnisse, die sich in den letzten Jahren auf den Wassermühlen abgespielt hatten, all das Sorgen und Ringen, die dunkeln Rätsel, die nebeneinander aufragten wie die düsteren Stämme in einem Föhrenbusch, zogen an ihren geistigen Blicken vorüber, als Kosman Kraneboom sich abwandte und wieder in sein monotones Murmeln verfiel, gleichsam, um den ungerufenen Gast aus der Einfahrt zu beten. Aber der rührte und regte sich nicht, blieb, wo er war, und machte keine Anstalten, der dringlichen Aufforderung Folge zu geben. Da drehte sich Kosman. Seine Schläfen hämmerten. Mit einem energischen Ruck schob er seine Schirmmütze in den Nacken zurück. »Ihr klebt ja wie Schusterpech,« sagte er hart und trocken. »Was wollt Ihr noch länger? Hier zwischen den Pfählen ist Sabbatruhe, Totenruhe. Ich will meine Überlegung haben. Drum sag' ich noch einmal: Geht weiter, Jan van den Birgel, sonst kann ich meine Andacht nicht finden.« »Ihr Knüppel, Ihr!« fuhr der Gemaßregelte auf. »Ihr Knollfink von 'nem Herrgottsanbeter. Weiß der Deibel, was ihr Kerls nur habt, was euch in die Kaldaunen geschlagen! Erst der dämliche Windmüller mit seinen großartigen Redensarten, dann Ihr, dem toten Wassermüller sein Rosenkranzhanack! Das ist ja um die Kränke zu kriegen. Himmel, Herrgott und Motten!« und Jan van den Birgel stieß den Medaillenstab auf, daß davon ein unwirscher Klang durch die verlorenen Räume irrte. »Was fällt euch denn ein, mich hier zu kuranzen, Ihr und der Windmüller! Rutscht mir den Buckel 'runter, ihr alle zwei beiden! Was wollt Ihr überhaupt?! Ich bin hier im Amt, von der Kirche gesendet, Leichenbitter und so, und wer mir konträr ist, versündigt sich an Gott und der Auferstehung des Fleisches.« Seine Stimme schrumpfte zusammen. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes,« sagte er leise. »Amen, Amen!« »Wenn Ihr denn kommt als friedfertiger Mann, als Seelenbräutigam ...« »Als solcher bin ich gekommen,« sagte Jan van den Birgel. »Dann allerdings ... was wegen der Ordnung geschieht, soll in der Ordnung verbleiben. Also, ich bitte. Ich will, daß alles der Regel gemäß ist, denn ohne eine solche, sagt der Herr Vikar, bleibt das menschliche Tun nur Stückwerk und eine klingende Schelle.« »Meine ich auch,« bestätigte der Alte. »Wenn einer so unter den Sargdeckel spazieren will, muß ihm das kommod gemacht werden, denn er hat noch 'ne lange Reise vor sich. Da muß einer fix bei der Hand sein und Sorge drum tragen. Ich meine: ist alles parat für den Freitag?« »Alles,« versicherte Kosman mit langem Gesicht. Aus seiner Brust rang sich ein weher und verhaltener Seufzer. »Und dann im Angesicht seines Sterbens,« fuhr Jan van den Birgel erhobenen Tones fort, »ich frage zum andern: Wer kleidet ihn ein?« »Die Notnachbaren. Auch die Frau von Dores Schweißgut und Cornelis seine Aufwartemamsell wollen ihm die letzte Ehre erweisen. Die totale Aufmachung vom besten Ende weg. Am Kopfstück kommt 'ne zehnpfündige Kerze zu stehen.« »Und wer balbiert ihn?« »Schnurr Schnapp von der Waterkant.« »Allerhand Achtung!« stellte der Leichenbitter ausdrücklich fest, »über alles Erwarten ... der richtige Mann ... und weil wir nu ... ja, so ... ich denke eben daran: Kosman, so um Kasper, Melcher und Balzer herum, wo die Tage schon 'nen kleinen Hirtzensprung machen und die Nächte 'nen kürzeren Atem bekommen, da bin ich dem Malthus selig begegnet. Er sah zum Gotterbarmen aus, so hatte der Mensch sich verändert. Wir verstanden uns schon lange nicht mehr und waren offenbare Gegner geworden, denn er war immer der unsinnigen Meinung, ich hätte ihm das Genick brechen wollen, obgleich ich für meine Person mich in vollster Unschuld befinde. Malthus hingegen ... Indessen jedoch, er kloppte mir auf die Schulter, ganz honett und freundlich, und sagte: Wenn's so weit mit mir ist und der gefirnißte Deckel mit's silberne Kreuz mir näher ist als's Plafond, dann soll die Solopartie, worunter ich meine Kollegen Cornelis, Dores und Pitt verstehe, nach alter Sitte, Herkommen und Brauch, wie das die vornehmen Leute so in der Gewohnheit besitzen ... Na, Ihr begreift mich schon, Kosman. Es ist nur von wegen dem Oldenkott Rippchentabak und den Kalkpfeifen. Selbstverständlich – prima Qualität. Auch die Fidibusbecher müssen parat sein, die mit den goldenen Rändchen. Alles auf's nobelste. Bestellt es an Kosman!« Der Obergesell nickte wie aus einem dumpfen Brüten heraus. »Dann bestimme ich hiermit ...« und Jan van den Birgel hob den Sponton in die Höhe. »Ich weiß, ich weiß!« fiel Kosman dazwischen. »Die Sache ist rund wie'n Mühlstein. Ich brauche nichts weiter. Alles meinem preußischen König, aber auch alles für den Bas. Was der ordiniert hat, das ist so heilig wie die ehelichen Bettposen. Jedem sein Recht. Dem wird Unterschrift und Siegel gegeben, selbst wenn ich's von einem Jan van den Birgel in Bestellung bekomme.« »Schön so!« krähte der Alte in heller Genugtuung, ohne der bissigen Einschränkung auf die Spur gekommen zu sein. »Und jetzt noch 'ne Frage. Ist Simonis vorhanden?« »Nein.« »Und die Frau?« »Ist da.« »Wie lange schon?« »'ne Stund' oder zwei.« »Warum das – allein?« »Ganz einfach,« sagte Kosman mit eingetrockneten Lippen und Augen, die wie Holzmulm phosphoreszierten, »sie pilgert von einem Sarge zum andern.« »Was?!« schrie Jan van den Birgel. Bis ins Mark getroffen, mußte er sich an einem Mahltrichter halten. »Simonis ist tot,« konstatierte Kosman mit einer Ruhe in der Stimme, die an den langsamen Gang einer Sterbeglocke erinnerte. »Und sie, was die Frau ist ... kaum, daß sie ihn unter der Erde hat, muß sie nu ihren Vater begraben.« »Kosman, Ihr seid woll ...?!« »Simonis ist tot,« klang es ihm mit der nämlichen unerschütterlichen Gelassenheit entgegen. »Mensch!« Jan van den Birgel war wie vor den Kopf geschlagen. Er konnte sich nicht mehr zurecht finden. Wie ein Blitzschlag aus heiterm Himmel war es ihm in die Glieder gefahren. Er sah Mücken, Kugeln, betrunkene Sterne. Die Welt schien ihm aus dem Senkblei gekommen. Alles um ihn taumelte, wankte. Nur einer nicht. Kosman Kraneboom kam nicht aus dem Lot, war der alte geblieben, zuversichtlich und bodenständig wie immer. »Simonis, Simonis!« rief der Verstörte. »Ich verstehe immer Simonis!« »Stimmt,« sagte Kosman. »Herr Jeses!« Jan van den Birgel suchte nach Worten. Erst fand er keine, schließlich fielen sie ihm brockenweise von den Lippen herunter: »Nicht möglich ... noch vor wenigen Tagen ... am verflossenen Freitag ... 'nen Brief von Simonis ... 'ne Bestellung an Lena ... 'n feines Präsent ... alles in Ordnung ... er selber gesund wie'n Spiegelkarpfen im Wasser, wie'n Apfel am Baum ... und nu ... Mensch, es kann nicht seine Richtigkeit haben!« »Es bleibt dabei,« sagte Kosman, ohne mit der Wimper zu zucken. »Simonis ist tot, tot wie'n altes Laken in 'ner Kirschholzkommode. Reineweg aus. Nichts mehr zu machen. So – und nu geht man nach Hause. Eure Mission ist zu Ende. Hier habt Ihr nichts mehr zu suchen. Aber zum Kalviner –- zu dem geht Ihr nicht. Zu dem gehe ich. Noch heute, wenn Op gen Oort sich in seiner Abendruhe befindet. Das Weitere ist meine Sache. Und damit will ich mich empfohlen haben für heute. Da geht Euer Weg hin.« Er hob feierlich die Hand. Sie wies auf die Einfahrt, wo der Westen noch mit seinen letzten verlorenen Lichtern spielte. Dann trat er wieder in den vollen Schein der Rübsenöllampe, stocherte den Docht hoch und fuhr mit erhobener Stimme in der Litanei für den Abgestorbenen fort, ohne sich weiter um den Leichenbitter und Simonis zu kümmern. »Erlöse uns, o Herr, vor den Schrecken der Finsternis und den Gluten des ewigen Feuers! Herr, sei unsren Seelen barmherzig, auf daß wir teilhaftig werden der heiligen Gnade und der Anschauung Gottes! Herr, erbarme dich unser, Christe, erbarme dich unser!« Sein Gebet war wie eine leuchtende Flamme. Sie drang durch die Wolken. Jan van den Birgel stolperte ins Freie, verbaselt, zerrissen. Über ihm lärmten die Elstervögel in den hohen Pappeln, wo sie zur guten Nacht bei ihren angefangenen Kugelnestern aufbäumen wollten. Schrien sie nicht: »Simonis ist tot, Simonis ist tot?!« Ja, das schrien sie, genau so, wie es Kosman Kraneboom getan hatte. »Haltet die Mäuler!« lärmte Jan van den Birgel seinerseits zu ihnen hinauf. Aber seine Stimme zerflatterte, verkroch sich, winselte am Boden. Noch einen langen Blick warf er auf die Wassermühlen; dann umgriff er den Medaillenstab fester und trudelte über den Deich fort. Aber den letzten Gang, den er noch zu machen hatte, machte er nicht. Er ging nicht zum Kalviner.   3 Bald nachher tat sich der Wind auf. Er kam von Wisselward und Emmerich her, zog schmeichelnd und allbelebend über die Niederung und legte sich mit breitem Odem über das weitverzweigte Bauerngehöft, das mit seinen Ställen, Brennereien, Scheunen und Wirtschaftsgebäulichkeiten, seinen Ackerländereien und Wiesen einen Teil der Hügellehne einnahm, die fast unvermittelt jenseits der großen Deiche aus der Ebene aufstieg. Schon von weither fiel es ins Auge. In selbstgefälliger Eigenart, in dem blendenden Weiß seiner gekalkten Mauern und dem frischen Grün seiner Tore und Läden, schluckte es begierig das helle Sonnenlicht ein, um es nur widerwillig und zögernd wieder von sich zu geben, und legte sich der Mond um seine Giebel und Dächer, dann schien es so, als wäre Op gen Oort in einer unendlichen Reinheit und einem ewigen Frieden gebettet. Seit undenklichen Zeiten war das stattliche Anwesen in der Familie Harkort geblieben, hatte sich folgerichtig und nach alter Satzung vom Vater immer auf den ältesten Sohn vererbt, bis es anders gekommen war. Als der letzte Besitzer, Adam Harkort, unter den Landwirten, seines behäbigen und großspurigen Wesens halber, auch der ›Marquis‹ geheißen, mit dem Tode abging, sich schwerfällig hingestreckt und ein elendes Sterben gefunden hatte, sprang der Gutshof mit all seinen Gerechtsamen und Liegenschaften unter Übergehung der Erstgeburt auf die Frau des Erblassers über, und zwar aus folgenden Gründen. Aus dumpfer Seelennot und einem heiligen Gelöbnis heraus, das er wie eine klirrende Kette mit sich herumschleppte, hatte der Alte seinen zweiten Sohn Hans zum Geistlichen bestimmt, und dieser, gleichfalls unter tiefer Qual und Bedrängnis stehend, besuchte bereits das Priesterseminar in Münster, als er sich gegen Vater, Gelöbnis und Satzung auflehnte, noch vor den großen Weihen die Soutane ablegte und nichts einheimste als das Pflichtteil und den Fluch seines Erzeugers. Mit diesem Fluch auf den Lippen, hart wie ein Kiesel, selbst unerbittlich unter der letzten Wegzehrung, wurde der starkknochige Mann zu den Vätern versammelt. Fast gleichzeitig mit ihm sah sich der Erstgeborene zu den Freuden der himmlischen Tafel berufen. Ein grausames Geschick hatte ihn unversehens und wie mit blanker Sense in die Stoppeln geworfen. Die Mutter blieb; allein seit jenen verhängnisvollen Tagen wühlte sich das Unglück in die fetten Ackerschollen hinein, hauchte den Pflug an, daß er verrostete, drängte sich mit breitem Rücken unter die Sparren, daß sie in allen Fugen und Gelenken ächzten und krachten, rief es die Maul- und Klauenseuche ins Haus, ließ es durch einen mächtigen Dammbruch die besten Wiesenparzellen versanden ... und das stolze Erbe wäre zweifellos zugrunde gegangen und unter den Hammer gekommen, hätte nicht Hans Harkort, allgemein der ›Kalviner‹ genannt, auf dringliches Zureden der Mutter mit energischer Faust, wenn auch wehen Sinnes, Op gen Dort über Wasser gehalten. Von seinen Schriften und Büchern fort, noch unter dem Fluche seines Vaters seufzend, eine große und heilige Sehnsucht im Herzen tragend, riß sich der ehemalige Seminarist ins Leben zurück und brachte die Speichen des gewaltigen und jetzt müden Rades aufs neue in Bewegung. Als Enterbter war nichts von dem Grund und Boden, auf dem er schaffte, sein eigen, und dennoch mühte er sich wie der letzte der ihm unterstellten Knechte. Was ihn belastete und ihm Furche bei Furche in die Schläfen hämmerte, schluckte er wie ein Starker, ein Sichwiedergefundener hinunter, glaubenskräftig und nur von dem Drange beseelt, die grauen Schatten, die das Haupt seiner Mutter umlagerten, weniger grau zu gestalten. Sein Wille regierte, und unter diesem Willen dampften die Schollen, zog der Pflug seine Gassen, senkte sich das goldene Korn aus dem Sämannstuch, füllten sich Scheunen und Ställe, tat der Gutshof einen langen und gesunden Atemzug und wurde wieder zu dem, was er gewesen war: der stolzeste Besitz in der Klever Gemarkung. Darüber waren viele Jahre vergangen.   Der Wind war stärker geworden, die Dämmerung nahm zu, und die weite Umgebung florte sich ein. Ein einsamer Mann stand um diese Zeit an einem Fenster des Herrenhauses und drückte die Stirn gegen die Scheiben, gleichsam um wachen Auges noch einmal Umschau über den großen Hof zu halten, auf dem das Leben allmählich einschlafen wollte. Nur vereinzelte Knechte und Mägde gingen vorüber oder verließen die Ställe, aus denen das Stampfen der Pferde, das sanfte Muhen der Kühe und das gedämpfte Klirren der Halfterketten herübertönte. Es war Hans Harkort. Er rückte und regte sich nicht; um so emsiger arbeitete seine geschäftige Seele. Soeben war er von den Feldern zurückgekehrt, körperlich abgemattet, mit heißem Gesicht, werkeltägig gekleidet und in Ledergamaschen, an denen noch der Kleiboden der feuchten Äcker klebte. Wer den jungen Menschen einmal gesehen hatte, vergaß ihn nie mehr im Leben. Wesen und Haltung imponierten. Er war ein Mann im Beginn der dreißiger Jahre, hochgewachsen, mit glattrasiertem, ausdrucksvollem Gesicht, wie aus Bronze gegossen, gedankenschweren, grüblerischen Augen und kurz geschorenem Haar, das an den Schläfen schon merklich ergraut schien. Hans Harkort fuhr sich über die Augen. Draußen begann sich der Frühling zu regen. Er zupfte Himmelschlüssel, Lerchensporn und die jungen Ährenspitzen aus der erwachenden Erde. Die Tage waren wie Maientage und die warmen Nächte voller Sterne und Seligkeit. Aber in seinem eigenen Herzen wollte es noch immer nicht maien und lenzen. Von Zeit zu Zeit ging sein Blick nach den Wassermühlen hinüber, die wie schwarze Klumpen am Boden lagen und immer mehr eindunkelten. Dort waren die Sterbelaken auf die Dächer gefallen, war Trauer und Elend, zogen die Stunden wie unheimliche Mahner ihres Weges. Bei ihm, in seinem Inneren, war es nicht anders, da wohnte die Hoffnungslosigkeit, spannen trübe Gedanken ihre eintönigen Fäden. In dieser Öde mußte alle Freude trostlos versanden. Der rote Sonnenball versank in der Niederung. Die Welt schlummerte ein. Auf dem Hof war es still und einsam geworden. Nur eine Schleiereule wankte wie ein Federspiel um die Dächer, um dann und wann ihren traurigen Ruf durch die Feier des Abends zu senden. Dazwischen rauschten die Bäume, die oberhalb der Schwarzen Koppel standen, mit Geisterstimmen herüber. Hinter ihm klinkte die Tür auf. Ein dralles Mädchen, im schlichten Waschkleid und ein schmuckes Häubchen auf den straffgescheitelten Haaren, brachte die Lampe, stellte sie auf den Tisch und wollte sich wieder entfernen. »Wie spät schon, Johanna?« »Es geht auf sieben, Herr Harkort.« »Mutter noch immer nicht da?« »Nein, Herr Harkort.« »Wann ist sie ausgefahren, Johanna?« »Gegen drei, kurz nach dem Kaffee.« »Nach der Stadt?« »Ja, nach der Stadt.« »Und hat nichts hinterlassen?« »Gar nichts, Herr Harkort.« »Ich danke, Johanna.« Auf lautlosen Lammfellsocken drückte sich das hübsche Mädchen aus dem erhellten Zimmer, die Tür behutsam hinter sich zuziehend, während der junge Mann sich in einen Sessel warf, den Kopf auf die Rechte stützte, seinen Gedanken nachhing und die Heimkehr der Mutter erwartete. Ein wohliger Lampenschein umspielte die geräumige Stube, die mit ihrer taubenblauen Tapete, den schweren Stollenschränken, den Zinngeschirren und Steinkrügen den Eindruck des Behaglichen und Wohnlichen machte. Stiche nach Landseer und solche aus dem Kunstverein von Rheinland und Westfalen hingen an den Wänden, unterbrochen von Rehstangen und Hirschgeweihen, die aus dem benachbarten Reichswald stammten. Eine große Glasservante beherbergte den Porzellanschatz der Harkortschen Familie, darunter seltene Stücke aus Meißen und Delft. Eine große Fläche der linksseitigen Wand nahm die Flurkarte ein, worauf der gesamte Besitz, bestehend aus Ackerländereien, Wiesen, Hutungen und Brachland, Privatwegen, Wehren und Schleusenanlagen, in buntilluminierten Rissen sich verfolgen ließ. Daneben grüßte eine altmodische Kaffeekanne, aus blankem Messing getrieben und mit verschiedenen Kränchen versehen, von einer kirschbaumhölzernen Anrichte herunter. Eine hohe Standuhr, auf deren Zifferblatt sich zierliche Rheinschiffe je nach dem taktmäßigen Gang des Perpendikels auf und nieder bewegten, plauderte ihre monotone Weise in den Frieden des stillen Zimmers hinein, ruhig und sachlich und von einem sanften Rucksen begleitet, das sich von Zeit zu Zeit in verstärktem Maße wiederholte. Und dennoch: es war so schweigsam zwischen den vier Wänden, daß man den seinen Klang einer Stecknadel gehört hätte, wäre sie von der Decke auf den hellgescheuerten Boden gefallen. Und die Stille hielt an, bis sich plötzlich auf dem Vizinalweg, der quer durch das Weideland hindurch und an einem stehenden Wasser vorbei nach der kleinen Stadt führte, ein mattes Pferdetrappeln erhob, das immer lauter und deutlicher wurde. Bald darauf ratterte ein leichtes Gefährt in den Gutshof, nahm die große Schleife um den Brunnen und hielt vor der Haustür. Ehe Hans Harkort noch aufmerksam wurde, war bereits eine betagte Frau, die draußen abgelegt hatte, ernst und feierlich ins Zimmer getreten, einen verhaltenen Schmerz um die Mundecken, das erhobene Haupt wie mit Schnee überglitzert – eine ehrfurchtgebietende Frau, die sicher ihres Weges daherkam, mit großen, wundersamen, leuchtenden Augen, und dennoch die Hände wie tastend vor sich hinstreckte, als müsse sie diesen wundersamen Augen noch eine gewisse Richtung und Stütze verleihen. Jetzt sprang er auf. »Mutter!« sagte er freundlich, legte den Arm um sie her und führte sie, als sei sie des Geleites bedürftig, zum nächsten Sessel, der von der Lampe wohlig umschienen war. Hier ließ sie sich nieder, hob schweigend den Kopf und sah lange mit aufgerissenen Lidern in den grellen Lichtschein, ohne davon geblendet zu werden. Dann strich sie mit ihrer schmalen, feingegliederten Hand etliche Male über das Tischtuch, als gäbe es dort etwas wegzuwischen, und sagte: »Ich war beim Notar.« »Du?« fragte er mit einem gewissen Erstaunen und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Mutter, warum das?« Ein Seufzer entstieg ihrer Brust, dann sagte sie heimlich: »Hans, weil ich mußte. Und nun setze dich zu mir, dicht an meine Seite, ganz nahe! Ich muß leise sprechen, denn die verflossenen Stunden sind mir schwer angekommen. Schwerer als ich wohl dachte. Nun ist ja alles vorbei und mir wohler geworden. Ohne das, was ich getan habe, wäre mir das Leben eine endlose Kette von Nichtigkeiten gewesen. Das wollte ich nicht, und deshalb mußte ich handeln, um diese Nichtigkeiten aus dem Wege zu räumen. Nein, du, unterbrich mich nicht! Du wirst mich verstehen, wenn ich dir alles folgerichtig auseinandergelegt und dargetan habe. Bisher sah ich nichts, worauf ich hätte stolz sein können. In den letzten Jahren jedoch ist mir dieses ersehnte stolze Bewußtsein gekommen, und kein anderer als du ...« »Aber Mutter!« »Keine Einrede, mein Junge,« sagte sie lächelnd. »Ich komme später darauf zurück, und dann wirst du auch dieses begreifen. Du weißt ja selber: heute jährt sich der Sterbetag deines Vaters. Das bringt Erinnerung und Einsicht. Auch das plötzliche Ableben des alten Malthus läßt mich an die Ewigkeit denken. Man muß sein Haus bestellen, bevor es zu spät ist. Wer es nicht tut, der ist wie ein Mensch, der mit offenem Licht seine volle Scheuer betritt und zusehen muß, wie das Eingebrachte dem Verderben anheimfällt. Alles hat seine Zeit, auch das Testieren, mein Sohn, und so bin ich denn beim Notar gewesen und habe meinen letzten Willen festlegen lassen, so wie es die Gesetze zuließen und ich es vor Gott und meinem Gewissen verantworten konnte.« »Und du hast im Sinne des Vaters gehandelt?« fragte er mit einem wehen Ton in der Stimme. »Wie meinst du das?« »Ich meine, man hat den Willen eines Verstorbenen zu ehren, ohne jede Klausel, unter jeder Bedingung, so hart er auch war, so sehr er auch geeignet schien, mir den Strick um den Hals zu legen.« »Dein Vater ist tot,« versetzte sie schartig, »und sein Dasein und Sterben in Ehren. So sagst du ja selber. Sein Lebensbuch wies keine schwarzen Stellen auf, wohl aber solche, die ihn der Starrheit und des Übereifers beschuldigten. Er sorgte um mich, wie selten ein Sterblicher um sein Weib Sorge trug, und dieses ewige Sorgen ist sein eigenes Verhängnis geworden. War es Sünde, sich diese Sorge um mich zu machen? Ich weiß es nicht, aber das weiß ich: ist es Sünde gewesen, so hat ihm der Himmel diese Sünde verziehen. Aus diesem Bangen um mich wuchs auch das Recht oder Unrecht heraus, das er in schwerer Seelenstimmung dir gegenüber betätigte. Und wieder frage ich mich: War es Sünde, sich dieses Rechts oder Unrechts zu bedienen? Ich weiß es nicht, aber das weiß ich: ist es Sünde gewesen, so hat ihm der Himmel auch diese Sünde verziehen, wenn auch ... ja wenn auch ... mir wollte das Herz drüber brechen, und du ... du wurdest durch diesen eisernen Willen, durch dieses Bangen um mich um dein Glück und deine Jugend betrogen.« Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich bitte dich, Mutter!« »So ist es,« sagte sie heftig, fast zürnend, und ihre leuchtenden Augen begehrten auf wie ein fernes Gewitter. »Du willst ihn entschuldigen, das weiß ich, denn trotz aller Unbill ist deine Kindesliebe siegreich geblieben. Sie beugte den Nacken unter das ihr aufgezwungene Joch, weil Gott es also gewollt hat. Aber deine Freudigkeit ist darüber zugrunde gegangen. Mache keine Einwendungen deshalb; sie würden bei mir doch nur auf unfruchtbares Erdreich fallen. Ich weiß, was ich weiß, und lasse mich nicht irre führen, selbst durch Gründe nicht, die dem lautersten Wesen entspringen. Dein Vater war der beste Mann von der Welt, arbeitsam, geradeaus, starr wie ein Feldstein an der Wegscheide, nur darauf bedacht, das Wohl seines Hauses zu fördern, und dennoch ... Ein ganzes Leben lang suchte ich an seiner Seite das Licht – und fand nur die Finsternis. Ein ganzes Leben lang mühte ich mich an seiner Seite, heitere Blumen in das Alltägliche unseres Daseins zu tragen – und habe nur dürre Kränze gewunden, die jetzt an meiner Bettlade rascheln.« Ihre Stimme wurde spröde und hart, als wäre ein heißer Strom über ihre Lippen gegangen. »Das wäre alles zu ertragen gewesen. Aber das andere. Um meinetwegen wurde er frostig und abweisend wider Willen – dir gegenüber. Mit Berufung auf Gott zerbrach er dein junges Leben wie man ein trockenes Holzscheit zerbricht, um es ins Feuer zu werfen, damit es einen wärme. Ich konnt' es nicht ändern – damals. Und hätte mein Wort Tote auferwecken können, ihm gegenüber wäre ich machtlos geblieben. Ich hatte die Einsicht und die Seelenstärke nicht, die hierzu gehörten. Aber jetzt hab' ich beide, und weil ich sie habe, bin ich heute am Todestag deines seligen Vaters zum Notar gegangen und tat, was ich mußte. Ich habe vieles geändert.« »Was?!« fuhr er auf. »Das Testament des Vaters doch nicht?!« »Ja, den letzten Willen des Vaters; denn kraft der Gewalt, die mir zusteht, in Kraft meiner Besitztitel, die mir als alleinige Erbin von Op gen Oort gewährleistet wurden ...« »Doch nicht zu meinen Gunsten geändert?« fiel er mit rauher Stimme dazwischen. »Warum diese Frage?« »Weil sie mich quält.« »Du!« sagte sie heftig. Sie riß den Kopf herum. Mit einer jähen Bewegung war sie in die Höhe gefahren. Regungslos stand sie vor ihm, wie aus Stein gehauen. Nur das leise Zittern, das um ihre Mundwinkel spielte, verriet, was in ihrem Innern vorging. »Was heißt das?« sagte sie schmerzlich, die Knöchel ihrer Rechten auf die Tischplatte stemmend. Eine steile Falte stand über ihrer Nasenwurzel. »Ich tat, was ich tun mußte,« wiederholte sie tonlos, »und was eine Mutter tut, daran haftet der Segen des Herrn. Das merk' dir, ohne darüber ins Grübeln zu fallen. Ich tat es aus langer Erwägung heraus, aus der Überzeugung heraus: ich bin nicht gekommen, um zu zerstören, sondern um aufzubauen. Und wo da Bedenken waren, habe ich diese Bedenken weggewischt wie nichtige Dinge, nahm Mörtel und Steine und ging an die Arbeit. Nun habe ich den neuen Bau aufgeführt, wie ich ihn mir vorstellte, und hoffe zu Gott, er werde die Zeit überdauern. Du aber ... wie ich dazu kam, also zu handeln ...« Sie unterbrach sich jählings. Die hagere, schmale Frau wuchs über sich hinaus. In ihrem grauen Gewand, dem weißen Haar, das wie Rauhreif ihren Scheitel bedeckte, schien sie einer Seherin ähnlich. Ihr Blick ging nach innen. Langsam und feierlich begann sie, den Schleier von den vergangenen Tagen zu heben, meistens von solchen, die nicht wußten, was sie mit ihren Tränen anfangen sollten. Das Gesicht, auf dem noch Spuren einstiger Schönheit ruhten, hob sich schroff in die Höhe, während die Augen, in denen ein heiliges Feuer brannte, groß und traurig ins Leere gingen. Und diese Augen ... es war so, als wenn sie die Welt umfaßten mit all ihrem sinnigen Grün, dem spiegelnden Wasser, dem Blau ihres ewigen Himmels, dem tiefen Samtschwarz ihrer Nächte und dem Glanz ihrer Myriaden von Sternen. Jetzt tat sie den Mund auf. »Hans, wie spät ist es mittlerweile geworden?« fragte sie mit seltsamer Betonung eines jeden Wortes. »Ein Viertel nach sieben,« sagte er mit einem gewissen Unbehagen, denn er wußte nicht recht, wo die Mutter hinauswollte. »So spät schon!« gab sie leise zurück. »Dann ist auch schon Licht in der Stube?« »Ja, Mutter, es ist Licht in der Stube.« »Welche Lampe brachte Johanna?« »Die mit dem grünen Schirm.« »Ah! Das ist gut! Die brennt hell und vernünftig, ohne zu kohlen. Wenigstens tat sie es früher, als ich noch schaffen und zugreifen konnte. Da brachte sie immer das schönste Leuchten ins Zimmer.« »Das tut sie noch heute.« »Dann siehst du auch jeden einzelnen Gegenstand, der sich in der Stube befindet?« »Nichts entgeht mir; es ist alles klar wie am Tage.« »Dann siehst du auch mich.« »Ja, ich sehe dich deutlich.« »Wenn es denn so ist, daß du das Kleinste und Geringfügigste unterscheiden kannst, dann sieh mir ins Auge!« Sie war dicht vor ihn getreten und hatte ihm beide Hände auf die Schulter gelegt. »Aber siehe genau zu; denn um dieser Augen wegen ist das ganze Unglück gekommen.« »Mutter,« sagte er mit heimlichem Frösteln, »laß die alten Zeiten doch ruhen!« Ihre Stimme wurde hart und brüchig, als sie jetzt sagte: »Es ist schlimm genug, daß sie so lange schon ruhten, daß ich den Mut nicht hatte, sie schon früher zu wecken. Manches wäre anders gekommen, denn um dieser Augen wegen tat der Vater das unheilvolle Gelöbnis – wurdest du aus deiner Bahn geworfen – solltest du für immer in die Soutane hinein – wurdest du auf den Pflichtteil gesetzt – drängte sich der Haß auf den Hof – taten Knechte und Mägde, was sie wollten – verdarben die Schollen – gerieten die Sparren ins Wanken – kam das Grauen.« Sie suchte nach Atem. »Mein Gott und mein Heiland! wenn ich so alles bedenke ...« Jahre des Irregehens, des Leidens und der Entsagung türmten sich vor ihren geistigen Blicken auf, drohten zu stürzen und sie mit ihrem Schutt zu begraben. Aber nicht dieses allein ... noch schlimmer als all diese Qualen und Nöte ... unsichtbare, aber straffe Fäden zogen sich von den Wassermühlen nach Op gen Oort herüber, verstrickten sich immer mehr und verhüllten schließlich die Sonne, das Licht des Lebens, wie mit einer dunkeln Gardine, die das letzte Fünkchen der Hoffnung mit grauen Nebeln erstickte. Auch daran mußte sie denken. Ein schmerzliches Aufleuchten ging durch die hellen und doch abgestorbenen Augen, und mit traurigem Lächeln fuhr sie mit ihren weißen Händen darüber hin, als müsse sie auch diese tote Helle verwischen. »Hans, und du selber ...« meinte sie schließlich. »Ich weiß, was du sagen willst,« unterbrach er sie heftig. »Du denkst an Franziska.« »Ja, ich denke an sie, und weil ich es tue ... Leib und Seele gehören zusammen, sind untrennliche Dinge, wenigstens dann, wenn heißes Begehren sie umzittert. Du hattest die Seele des Weibes. Das genügte dir nicht und konnte dir auch allein nicht genügen. Auch den Leib wolltest du haben; aber dieser Leib ist nicht dein eigen geworden, trotzdem du die Soutane um seinetwillen ablegtest und hierdurch den Zorn deines Vaters erregtest. Das zehrte an dir und quält dich noch heute. O du, du ...« und sie erhob sich, legte die Arme um seinen Nacken und preßte ihm einen heißen Kuß auf die Stirne. »Ich habe Mitleid mit dir, Erbarmen mit dir. Du konntest Franziska nicht retten. Auch mich nicht. Und hättest du die Tonsur zeit deines Lebens getragen, und hättest du tagtäglich Wein und Brot gesegnet, um es in den Leib des Herrn zu wandeln, nein, du ... das Licht der Augen hättest du mir nicht wiedergegeben. Du konntest mir nicht helfen und Franziska nicht helfen ... und das ist unser aller Unglück gewesen ... Aber eins hast du getan« – und ihre Worte nahmen einen jubelnden Ton an, waren voller Glanz und Freudigkeit – »du hast dich selber gerettet, weil du dich wiederfandest, weil du erkanntest: hier auf diesem Grund und Boden wurzelt meine ureigene Kraft, kann ich das Vergessen finden, habe ich mir ein neues Leben gezimmert. Hans, du mein Letzter! – hier diesen sinkenden Hof – du hieltest ihn über Wasser, richtetest wieder, was einstürzen wollte, bautest auf, was in Trümmern lag, hast Acker und Wiesen befruchtet und Knechte und Mägde wieder schaffig und emsig gemacht ... Man braucht nicht in der Soutane zu sein, um dem Herrn zu dienen. Und wenn dein Vater es sähe, wenn es ihm vergönnt wäre, durch die Felder zu schreiten, durch Scheunen und Ställe, wenn er die gebändigten Stauwasser sähe und den Segen wahrnähme, der wieder auf Op gen Oort ruht – er zöge seinen letzten Willen zurück, seinen Fluch, die Verfügung von wegen des Pflichtteils; er würde deine Hand nehmen und sagen: Hans, wir wollen Freunde sein; es ist alles vergessen. Und weil ich das weiß, weil ich die heilige Überzeugung besitze, daß es so ist, so und nicht anders, habe ich auch in seinem Namen und in Kraft seiner Vollmacht gehandelt. Hans, nicht ich mehr, nicht die tote Hand, sondern du bist von nun an Herr auf Op gen Oort, du ganz allein, und das bist du heute geworden.« »Mutter, Mutter ...!« Eine hohe, erblindete Frau, die endlich ihren Frieden gefunden hatte, und ein junger Mann, der ihn immer noch suchte, standen engumschlungen in der heiligen Stille des weißen Hauses, und ihre Seelen wurden warm und sinnig wie das eingedunkelte Land da draußen, darüber jetzt ein laulicher Frühlingsabend zog, winddurchspielt und wie mit einem Spitzenschleier von blanken Sternen überzittert. Die beiden hielten sich noch immer umfangen. Jetzt nahm er ihre Hände und küßte sie. Dann legte er seinen Mund auf ihre geschlossenen Augen. »Du Lieber, du Guter!« sagte sie glücklich. Alle Härte, die bis auf den heutigen Tag ihr Antlitz versteinert hatte, war von ihr genommen. Statt ihrer breitete sich eine sonnige Wärme über die verhärmten Züge. Mit kaum wahrnehmbarem Lächeln entwand sie sich seiner Umarmung. »Hans,« sagte sie leise, »eine Hoffnung, auf Gräber gepflanzt, zählt zu den besten. Sie geht in Erfüllung. Und das mit Franziska ... lasse die Vergangenheit schlafen!« Sie blickte ihn mit großen, fragenden Augen an, als wenn sie ihn sähe. »Willst du?« meinte sie nach einigem Zögern. »Wenn es in meiner Macht stünde, sie schlafen zu lassen, wie gerne. Aber ich kann nicht.« »Du mußt.« »Ich will es versuchen.« »Hans, nur versuchen?! Wo ein Wille ist, da wird auch ein Weg gefunden. Es gibt zweierlei Wege. Einer führt dem Untergang, einer der Auferstehung entgegen. Wähle den richtigen! Gott gebe dir eine glückliche Stunde!« Zaghaft wurde angepocht. »Wer klopft da?« fragte die Alte. »Es wird Johanna sein.« »Immer diese Störung,« sagte die Mutter. »Herein!« und als das Mädchen erschien, das vor einer kleinen Stunde die Lampe gebracht hatte, fragte sie hastig: »Was gibt es, Johanna?« »Kosman Kraneboom ist draußen.« »Der von den Wassermühlen?« »Ja, der von den Wassermühlen.« »Was will er denn?« »Er möchte den jungen Herrn sprechen. Sein Auftrag sei eilig.« »Ich habe mit der Mühle keine Gemeinschaft mehr,« entgegnete Hans Harkort in sichtlicher Unruhe. »Empfang' ihn!« gebot die Mutter. »Du kannst doch nicht alle nachbarlichen Beziehungen abbrechen, vornehmlich jetzt nicht, wo die da drüben mit verweinten Augen umhergehen. Man kann nicht wissen, worum es sich handelt. Möglich: sie haben Hilfe und Beistand nötig, oder aber der Verstorbene hat eine Botschaft an dich. Du sagst ja selber: man soll den Willen der Toten in Ehren halten.« »Ja, das sagte ich, Mutter.« »Dann empfange; vielleicht wird hierdurch die Vergangenheit schlafen.« Langsam schritt sie der Türe zu, aufrecht, ohne Hilfe und Unterstützung; nur wie tastend hielt sie die Hände vor sich ausgebreitet. Noch einmal wandte sie sich. »Wann kann ich dich zum Abendessen erwarten?« fragte sie herzlich. »Wenn es dir recht ist, um neune.« Sie nickte. Erhobenen Hauptes verließ sie mit Johanna das Zimmer.   4 Hans Harkort war ans Fenster getreten, hatte geöffnet und sah in den Abend hinaus. Die Luft, die noch immer in herzhafter Frische von den Deichen herüberwehte, tat ihm wohl. Der Mond war aufgegangen. Die Erde ruhte unter seinem weißen Licht. Die Straße, die vom Hof nach den Wassermühlen und der kleinen Stadt führte, ließ sich eine geraume Strecke deutlich verfolgen. Ein paar Lichter schimmerten bleich ins Fenster herein; sie kamen aus den Mägdekammern. Der kreisrunde Teich, jenseits der großen Scheune, glänzte wie Silber. Irgendwo schlug ein Hund an; nicht auf dem Hofe selber, sondern mehr den Wassermühlen zu, die sich in ihren gewaltigen Schattenrissen noch mächtiger und umfangreicher darboten, als sie es in Wirklichkeit waren. Daneben lag das Herrenhaus mit abgeblendeten Fenstern. Nur zwei waren erleuchtet. Hinter den weißen Gardinen streckte sich der Trumpfkönig auf seinem Paradebett. Der Mann hatte ihm von jeher imponiert, imponiert durch das Zugreifende, Arbeitsame, Selbstherrliche und die graue Stille seines Wesens. Sonst hatte er keine Gemeinschaft mit ihm gehabt, obgleich er als Junge ein täglicher Gast unter seinen Sparren gewesen war. Hier empfand er das erste Surren und Flimmern des Blutes, das unbestimmte Sehnen und Erwachen einer schlummernden Seele. Hier hatte er das erste Erlebnis, die größte Entdeckung eines jungen Herzens: das Finden des Weibes; hier wurde dieses zarte Erlebnis zerstückelt und schließlich auseinander gerissen. In kurzer Gedankenspanne, kaum für etliche Sekunden hindurch, durchlebte er Jahre, sah seine Jugend, sah sein Ringen und Streben und sah, wie der Schmerz sich immer näher heranarbeitete. In rascher Folge, mit dem Wechsel der Bilderreihe eines Traumbuches zog das alles an seinem geistigen Auge vorüber, und doch waren kaum einige Minuten vergangen, seitdem ihn die Mutter verlassen hatte. Hinter ihm zirpte die Lampe. Langsame Schritte kamen den langen Korridor herauf. Da trat er vom Fenster zurück, nachdem er es geschlossen hatte, und begab sich wieder in den Lichtschein des grünen Schleiers. Hochaufgerichtet, die Rechte auf dem Tisch, sah er zur Tür. Leise klinkte sie auf. »Heelmoijen Abend!« »Herr Kraneboom ...!« »Was soll das? Warum das?« Mit mißbilligendem Kopfschütteln, die Mütze gegen die Brust gedrückt und den Blick in stiller Andacht auf den Gutsherrn gerichtet, war der Alte näher getreten. »Wenn ich so spät noch komme, so bitte ich das exküsieren zu wollen, denn bis jetzt habe ich der traurigen Umstände wegen meine gehörige Portion Arbeit gehabt, solche, die sich mit's Gewöhnliche befaßte, und solche, die mehr in die Ewigkeit hineinpilgerte. Alles der traurigen Umstände wegen.« »Ich weiß das. Sie sind mir willkommen, Herr Kraneboom.« »Nicht so, Herr Harkort! Bitte, sonder Komplimente, Mynheer. Für Euch bin ich noch immer der preußische Kosman. Genau so wie damals. Erinnert Euch nur. Wenn ich Euch so in früheren Jahren meine feinen Geschichten erzählte, die vom General Seydlitz und die, die immerzu anfing: Es war 'mal ein Schiff, das hieß Austria und fuhr in ein schweres Wetter hinein und mußte schließlich in dem wüsten, grauen Wasser ersaufen ... und das mit die Weidenpfeifchen, die ich Euch so um die Osterzeit machte ... und das mit die Ratten, wenn sie Sonntags, wo die Räder keinen Gusto besaßen, mang die Speichen herumturnten, kommod und pläsierlich, und wie sie dann quietschten und lustige Kringel mit ihren klebrigen Schwänzchen drehten, und wir sie schlankweg von der Schleuse hinunter ins Wasser pulverten ... und dann das Weitere, als ein Gewisser größer und verständiger wurde ... Also keine Komplimente, Herr Harkort. Es muß schon beim preußischen Kosman bleiben. Das ist ein Ehrentitel von mir, und wenn auch die Menschen 'ne andere Besinnung von haben, ich für meine Person estimiere die Sache, denn ich habe bei die Preußen gedient, Berlin, Chausseestraße, Gardefüsiliere, und das ist mir bekömmlich gewesen. Ich habe den preußischen Drill gesehn und erduldet, und bin dabei gut bei Wege geblieben. Und wenn die vom Niederrhein mehr Preußisches an sich hätten, ich meine das Akkurate, Prompte, Stramme, das, was man Pflicht und Vaterlandsgefühl benennt, immer proper aufs Ganze – es stünde schon besser um die hiesige Gegend. Also wie früher: ich bitte um den preußischen Kosman, Herr Harkort.« Der treue, warmherzige Ton, mit dem das alles vorgebracht wurde, verfehlte seine Wirkung nicht. Über die ernsten Züge des Gutsherrn glitt ein freundliches Glänzen, ein Überbleibsel aus jenen längstvergangenen Tagen, wo er noch nicht gegen den Strom der Zeit zu schwimmen hatte, und wo, wenn es schneite, er des seligmachenden Glaubens war, weiße Rosen schaukelten für ihn vom Himmelreich. Ein Strom von Leben und Wärme durchrieselte ihn, und es flog ihm durch den Sinn: so ein Mensch wie der, so steht kein zweiter zwischen Kleve und Xanten ... und er trat auf ihn zu und sagte: »Gut denn, es bleibt dabei. Nichts soll sich geändert haben. Drum setzt Euch, Kosman, und nochmals gesagt: herzlichst willkommen in meinen vier Pfählen!« Dabei machte er eine Handbewegung, die den Alten ganz sacht in einen Korbsessel hineindrückte. Kosman legte die Mütze auf die Knie, darüber die breiten, gutmütigen Hände, die an jedem Fingerglied ein dickes Büschel rötlicher Haare aufwiesen. »Merci, merci! und meinen gehorsamsten Ausdruck, Herr Harkort. Ja, ja, wir sahen uns lange nicht, oder besser gesagt: wir gingen aneinander vorüber wie zwei verödete Menschen, die so recht nicht mehr wußten, wo sie die Sprache, das richtige Herz und den Glanz aus früheren Tagen hernehmen sollten. Besonders Ihr nicht; denn wenn einem alles Glück, alle Hoffnung und alle Besinnung so einfach abgedreht wurden, dann geht man schon mit blinden Augen an alten Geschichten vorüber. Ich kann das verstehen, Herr Harkort. Es ist etwas Schönes darum, bei einem jungen Weibe zu sitzen, ihm das stille Blut zwischen Bast und Borke zu wecken, viel schöner, als über seinen Schriften und Büchern zu hocken und sich sagen zu müssen: Ich darf nur im Herrn atmen, nur sorgen und sinnen und den heißen Leib tot machen, um später der Würde eines Heerohmes teilhaftig zu werden. Alles recht schön das, aber das mit dem Weibe ist feiner. Da wird einem viel wohler. Ich hab's ja nicht selber ausgekostet, aber Ihr habt's erfahren. Nur schlimm, so ein Weib zu verlieren. Ihr tatet's, und da zerquälte der erste große Schmerz Eure Brust, und da begann der schwerste Tag Eures Lebens, und seit diesem Tage seid Ihr an den Wassermühlen vorübergegangen, immer ganz heimlich, mit blinden Augen und so ganz auseinander.« Er schüttelte traurig den Kopf, daß die silbernen Ringe in seinen Ohrläppchen geisterhaft aufleuchteten. »Früher ist das anders gewesen, Herr Harkort,« sagte er mit verlorener Stimme, und seine Finger begannen verlegen mit der zersplissenen Seidenmütze zu spielen, zerknüllten sie, um dann die erzeugten Falten und Fältchen wieder glatt und sauber zu bügeln, »ganz anders gewesen, Herr Harkort, ganz anders.« »Kosman, warum das? Weshalb diese wehen Gedanken, diese Erinnerungen? Sie führen zu nichts, auch jetzt nicht, wo das alles längst hinter mir liegt, die Welt mit ihren Anfechtungen mir nichts mehr zu sagen hat und ich darüber lächle, wenn die Menschen mich meiner sogenannten Abtrünnigkeit wegen mit dem Ehrentitel eines Kalviners begnaden, auch jetzt nicht« – und seine Stimme schwoll an und hatte etwas Bitteres auf der Zunge – »auch jetzt nicht, wo hier diese Fäuste ...« Er streckte sie von sich. »Was heißt das, Herr Harkort?« Kosman schaute auf, wie ein Regimentsgaul aufschaut und die Ohren spitzt, wenn das Trompetensignal über die Heide schmettert. »Das heißt,« sagte der Gutsherr, »hier diese Fäuste ... mit dem heutigen Tage regieren sie auf ihre eigene Kappe, mit dem heutigen Tage ...« »Menschenskind, Menschenskind!« fiel ihm der Alte ins Wort, »Hans, mein Junge, mein alles, wo soll ich das hintun? Also wirklich und wahrhaft! Nicht mehr der erste Knecht und Schaffer auf Op gen Oort, sondern sein Herr und Besitzer?!« »Ja, sein Herr und Besitzer,« versetzte Hans Harkort, und in seinen Augen stand ein helles und stilles Wasser, »denn mit dem heutigen Tage ... Früher stieß ich andermanns Pflug in andermanns Scholle, jetzt zieht mein eigener Pflug durch den eigenen Acker, früher stakelte ich mit andermanns Sämannstuch über die Felder und streute andermanns Korn auf andermanns Boden, jetzt tut's das eigene Tuch und der eigene Weizen. Aber was hilft mir das alles! Es gibt ein bitteres Wort, und dieses Wort hat sich an mich geworfen wie ein scheußliches Tier. Kosman, zu spät! Man kann nicht mehr ins Leben zurückrufen wollen, was zu Asche wurde. Totes soll ruhen. Nur das Lebendige regiert, und was verflucht ist, bleibe verflucht. Es wäre ein unsinniges Tun, diesem Fluch in die Parade zu fahren. Ein Fünkchen gibt Hoffnung auf Feuer. Bei mir ist auch der letzte Funke erloschen. Ich habe nichts mehr zu hoffen. Als das auf den Wassermühlen passierte, als der alte Malthus das Tafeltuch entzweischnitt, um aus seinem Elend zu kommen, als das junge Weib sich abwandte und sein gelenkfeines Denken mir die bitterste Stunde brachte – mit diesem Tage überzählte ich meine verlorenen Jahre, meine vergebliche Arbeit. Ich blieb nüchtern, klar bei Sinnen. Das war aber auch alles. Das Spiel ging verloren. Langsam senkte sich die dunkle Wolke herunter, und hinter mir krachte mit scheußlichem Gepolter mein ganzer Tempel zusammen.« »Ich weiß das, Herr Harkort, ich weiß das,« brütete der Alte dumpf vor sich hin, und er schien die blankgescheuerten Dielen zu zählen, die in schmalen Borten die Stube durchquerten. »Alles so fremd und seltsam, so aus der richtigen Spur heraus,« fuhr er fort mit sich selber zu sprechen. »Das ist ja gerade, als wenn ein Hanswurscht in der Komödie steht und das ganze Schauspiel verbiestert. Der liebe Gott kann doch so was nicht wollen. Solchem Hanswurscht müßte man ja die Faust in den Hals stoßen. Gottverdammich, das müßte geschehen ... und dann das übrige noch ... ich meine, was da sonst noch passiert ist ...« Er sprach nicht mehr, grübelte aber weiter in sich hinein, drehte die Schirmmütze in den Fingern herum und saß wie angenagelt, bis er sich plötzlich in die Höhe wuchtete und in die Worte ausbrach: »Hans, Herzensjunge, Herr auf Op gen Oort,« und er warf beide Arme zur Decke, »höre mich an – du! Ich, Kosman Kraneboom, ich glaube an Gott den Vater, an eine einzige christkatholische Kirche, an die Gemeinschaft der Heiligen ... warum sollte ich denn da an 'ne ewige Vorsehung nicht glauben?! Man muß doch irgend 'ne Hoffnung besitzen, 'nen Schein auf die Zukunft. Sonst geht der Mensch auseinander. Hans, gibt es denn gar keinen Ausweg?!« und mit heißen, vor Angst und Liebe flammenden Augen umfaßte er die Gestalt des Insichgekehrten, der sich langsam erhoben hatte. »Keinen,« kam es hart und trocken zurück. »Was – keinen?! Also nichts, reineweg gar nichts! Herr Jeses noch mal!« und die Hände des Alten, die noch immer in der Luft standen, falteten sich krampfhaft zusammen und sanken dann nieder. »Gottes Not und Elend, so was kann einem die fünf Sinne verdrücken! Wäre es doch so gekommen, wie ich mir es ausgedacht hatte. Ich könnte mein Herz zwischen die Finger nehmen und sagen: Man ruhig, immer man ruhig; denn ich habe das Licht gesehen, ein großes, stilles und heiliges Licht, wie es brennt in der Nacht, wenn sie auf dem Emmericher Eiland die Osterfeier begehen. Aber ich sehe das Licht nicht. Und dennoch, Herr Harkort, ich glaube, ich glaube,« und er wiederholte mit mächtiger und hoffnungsfreudiger Stimme: »Ich glaube an Gott, den Vater, den Sohn und den heiligen Geist. Ich glaube an eine einzige christkatholische Kirche, an die Gemeinschaft der Heiligen und eine Auferstehung des Fleisches. Ich glaube aber auch, daß ich noch das Licht sehen werde, wie es alljährlich brennt auf dem Emmericher Eiland und auf den Deichen nach Kleve und Rees zu. Man muß nur darauf warten, immerzu warten, immerzu warten ...« Seine Worte versickerten. Mit einer scharfen und kurzen Bewegung unterbrach ihn der Gutsherr. Trotz der behaglichen Wärme des Zimmers schien er zu frieren. »Ich bitte Euch, Kosman,« sagte er aus tiefster Erregung heraus, »macht mir die Stunde nicht schwerer. Ich habe schon genug zu tragen. Was Ihr da betreibt, macht mich immer noch ärmer. Ihr zeigt mir ein Bild in flackernder Beleuchtung. Ich sehe das Weib, wie es war, in seiner ganzen Reinheit und Liebe, in seiner Gottähnlichkeit, schön wie die Frauen, die an den ewigen Tischen sitzen. Aber wenn ich es näher betrachte, dann ist es kein Weib mehr, sondern ein Dämon, ein Unsagbares, ein Entsetzliches, das mich bis an den Rand der Verzweiflung brachte.« »Hans, um Gotteswillen, Ihr lästert, Ihr lästert!« »Ich lästere nicht. Ihr wißt es ja selber: ich gedachte das geheimnisvollste Fest meines Lebens zu feiern, wurde jedoch daran verhindert, dieses Fest zu begehen; denn sie da drüben hat nichts von meinen Freuden und meinen Opfern empfunden, sondern ließ mich in einer Verfassung zurück, die mich nur mit Grausen an das Vergangene denken läßt. Wie alles so kam, Gott mag es ermessen. Ich zählte ihre Atemzüge, um hieraus während der Krise ihre Gedanken zu erraten, einen Grund zu finden, mir das Rätselhafte ihres Wesens näher zu bringen. Selbst ihr letzter Brief machte das tiefe Schweigen nur größer. Ich tastete wie mit einer Stange ins Nichts hinein, ins Leere, in einen undurchdringlichen Nebel. Irgend einen Lichtstrahl in dieses Dunkel der Widersprüche und der seltsamen Begebnisse zu tragen, gelang mir nicht, ist mir bis heute nicht möglich gewesen. Es ist nichts mehr zu ändern, und somit, Kosman, mag die Vergangenheit ruhen. Ich habe mich damit abgefunden, wie einer, dem es gleichgültig ist, ob heute oder morgen für ihn das letzte Brot gebacken wird. Ich lebe nur noch, um zu leben, und schaffe, um zu schaffen, und hoffe dereinstens einen gnädigen Richter und meinen Erlöser zu finden. Und somit, was bleibt mir noch übrig? Nichts anderes, als in Geduld die Mühseligkeiten des Tages auf mich zu packen und die Kälte des Todes mit freier Stirn zu erwarten. Ihr aber« – und er drückte den Alten in die Kissen zurück, und seine Worte nahmen einen warmen und zuversichtlichen Ton an – »Ihr aber, Ihr und ich, wir bleiben die alten, genau so wie damals, als uns das ganze Himmelreich noch voller Geigen hing und die Wiesen aussahen, als hörten sie Glocken, die einen ewigen Sonntag verkündeten.« »Schön denn,« sagte der Alte, »da ist denn wohl weiter nichts in der Sache zu machen, obgleich ich die Besinnung hatte, es würde sich manches noch seiner begeben. Aber nichts für ungut, Herr Harkort.« Mit seinen ungelenkigen Händen wischte er sich über die Augen. »Und nun,« meinte der Gutsherr, indem er sich's wieder in seinem Lehnstuhl bequem gemacht hatte, »wegen dieser Auseinandersetzung seid Ihr doch nicht nach Op gen Oort gepilgert, habt Ihr die alten Beziehungen nicht aufs neue eingerenkt. Da muß noch irgend was Tieferes liegen. Und wenn Ihr schon vorsprechen wolltet, weshalb seid Ihr nicht früher gekommen? Aber Ihr kamt nicht und kamt nicht. So ging das Monde hindurch und Jahre hindurch. Wir sahen uns kaum, und wenn wir uns sahen, zogen wir stumm aneinander vorüber. Als wäre das nötig gewesen. Gut, ich hatte mit den Wassermühlen nichts mehr zu tun, wollte sie nicht mehr sehen, ging mit toten Augen vorüber ... Ihr aber, Ihr ...« »Menschenskind, Ihr reißt mir ja den Verstand auseinander!« »Kosman, das mußte nun einmal gesagt sein. Das lag in dieser Stunde begründet. Und nun: was führte Euch her? Was wollt Ihr von mir? Kann ich Euch helfen? Wollt Ihr Euch verändern und von den Wassermühlen herunter?« »Niemals, Herr Harkort! Da drüben« – und mit aufgerissenen Blicken streckte er die Hand aus – »da liegt mein Reich und mein alles. Da stehen meine biblischen Erinnerungen wie die Kornsäcke nebeneinander, und die geb' ich nicht auf. Nicht ums Verrecken. Da hab' ich Gotteslohn empfangen und Gottesbrot gegessen und will da auch sterben.« »Kann's mir denken. Ihr habt vielleicht ein sonstiges Anliegen?« »Das stimmt schon.« »Dann mal offen und ehrlich gesprochen.« »Hans,« meinte der Alte, »nein, ich sage besser Herr Harkort,« und in seinen ausgebleichten Augen stand ein wehes Sinnen und Suchen, »man soll den Tag nicht vor dem Abend preisen. Heute rot und morgen schon als arme Seele an der Himmelspforte. Ihr wißt es ja selber: Malthus ist per Malör vor seinen Herrgott getreten. Daß das so kommen mußte, so und nicht anders, das wußte ich lange. Man soll darüber bloß keine großen Töne nicht reden. Das hat jeder mit sich selbst zu befinden. Aber wer ihn so gekannt hat im Leben, so mitten darin, so rank und honett wie'n gesunder Pfahl im Schleusenwerk, ein Mensch, dazu gemacht, alle Wasser-, Wind- und Sägemühlen zusammen unter sein Zepter zu bringen, und dann zusehn mußte, wie ihm so'ne gierige Ratte im Nacken saß, wie das nagte und quietschte, wie da jeden Morgen so'n Biest von 'nem Maulwurf vor der Einfahrt wühlte und wühlte, wie ihm da das Essen lang wurde zwischen den Zähnen und es immer mehr bergab ging mit seiner Pläsierlichkeit, seinem Können und seiner barbarischen Forsche ... wer das alles hat mit ansehen müssen mit leiblichen Augen und nicht in der Lage war, helfen zu können, dem drehte sich vor Angst und Benautheit der Kopf in den Rücken, und so wahr ich mich Kosman Kraneboom nenne, mir hat er sich in den Rücken gedreht, daß er mir heute noch weh tut. Aber wir wollen's kurz machen, Herr Harkort,« und in sein ganzes Gehaben drängte sich eine fröstelnde und offizielle Note ein, »denn ich hab' 'ne Bestellung zu machen.« »'ne Bestellung, Kosman?« »Ja, 'ne Bestellung, Herr Harkort.« »Von wem denn?« »Von 'nem Toten, Herr Harkort.« »Von Malthus?« »Ja, von Malthus, Herr Harkort.« »Was?!« und der Gutsherr fuhr wie ein Richtscheit steil in die Höhe. »Von dem da?!« fragte er tonlos. Es war weder Glanz noch Metall in der Stimme. »Herr Harkort ...« Schwerfällig trat der Alte an seine Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Herr Harkort,« meinte er bedrückt vor sich hin, »ich bin nicht immer meine reguläre Straße gegangen. Ab und zu machte ich 'nen Abstecher, von dem man sagen konnte: es wäre besser und gottwohlgefälliger gewesen, du wärest auf dem richtigen Wege geblieben. Das liegt nu mal so in der menschlichen Natur, denn von Zeit zu Zeit sticht einen der Hafer, und dann kriegt man Allüren wie die bockigen Pferde. Aber, Herr Harkort, und das mit Respekt zu vermelden, mit der Wahrheit bin ich all meine Tage dakkohr und im besten Einverständnis gewesen, und was ich jetzt zu sagen habe, das ist piekfein gewaschen und wie aus der Bibel genommen. Was sich da drüben zugetragen hat, ich meine das Unglück, davon hat jeder Kenntnis empfangen, aber was später passiert ist, darüber hat keine menschliche Seele nicht die rechte Besinnung. Selbst die Tochter nicht. Sie kam, als alles vorbei war, selbst 'ne Totenbeterin, vom Sarg an die Sterbelaken ...« »Nicht möglich!« »So ist es, Herr Harkort. Es war bei ihm ein schweres und langsames Sterben, und ich sagte soeben: Von dem Rest hat keine menschliche Seele 'ne rechte Besinnung bekommen. Dazu muß ich 'ne kleine Einschränkung machen. Ich bin bei ihm gewesen, denn als er noch für 'nen Augenblick hellsichtig wurde, da ließ er mich rufen. Das Nönnchen aber, das ihm in den letzten Tagen mit christlicher Salbung und Nächstenliebe beistand, blieb draußen, weil er mir allein sprechen wollte. Dann sagte er mit schon halbgebrochenen Augen: Da liegt noch was zwischen mir und der Ewigkeit, das muß fortgewischt werden. Ich mußte ihm das Ohr an den Mund legen, um seine Worte, die so schwach wie kranke Hühner waren, verstehen zu können. Ja, Kosman, das muß von der Seele herunter; denn die da auf Op gen Oort, die sollen vergessen, die sollen nicht glauben, ich hätte als moralischer Lump mein Leben verkartet, die sollen Barmherzigkeit üben ... besonders Hans Harkort ... ja, die sollen Barmherzigkeit üben ... die sollen, die sollen ... im Namen des dreieinigen Gottes, die sollen nicht nachtragen und den Stein nicht wider mich heben, sonst kann ich nicht absocken und die ewige Ruhe nicht finden. Und Malthus griff in die Luft und redete wirres Zeug durcheinander ... Hurra die Enten ... und Simonis soll leben ... der Viechskerl ... Kosman, tu' mir die Deich- und Mühlenkasse beiseite ... die blutet ... da klebt mein Gewissen dran ... ich kann sie nicht sehen ... Und dann kam er wieder auf 'nen vernünftigen Turnus und meinte, während der Abend schon auf die Dächer fiel und die Bäume leise dazwischen rauschten: Kosman, wenn alles vorbei ist, dann mache nach Op gen Oort hin, so ums Schummern herum, wenn keiner dich sieht und die Felder einschlafen wollen, und sagen sollst du dem jungen Hans Harkort, und in meinem Namen sollst du es sagen: Ein Toter steht vor dir. Und der Tote bin ich. Vergib mir, vergib mir um Jesu willen und um meiner Reue und Nöte willen, denn ich und Franziska, wir mußten den entsetzlichen Weg gehen, mußten ins Dunkel hinein, mußten alles hinter uns lassen, was ins Himmelreich führte ... Mensch, du ... sonst wäre ich vor die Assisen gekommen ...« Hans Harkort bäumte sich bei den letzten Worten auf, als habe ihn eine Kugel getroffen. »Mein Gott, mein Gott!« stöhnte er mit verlähmter Stimme. »Man Ruhe, man Ruhe,« sagte der Alte, »denn nu ist ja alles vorüber; aber es ist doch ein schweres und elendiges Sterben gewesen, schwer und unbarmherzig wie das Sterben des Herrn, als die Finsternis kam und der Vorhang im Tempel mitten entzwei riß. Das vergesse ich nie mehr und wenn ich so alt wie Mathusalem würde – nie mehr, Herr Harkort, denn Sterbende lügen nicht. Da liegt was begraben, von dem man nicht weiß, warum sie das da eingescharrt haben, was da ruht, um zu ruhen und zu verwesen wie'n mistiger Strohhalm. Mag's denn da liegen, wie's liegt. Ich bin nicht schuldig, und so Gott will, auch Malthus nicht, es sei denn, er ist schuldig geworden ohne Besinnung, ohne zu wissen, was er getan hat. Ihr aber« – und Kosman Kraneboom warf alle Wehleidigkeit von sich, ging über sich fort, wie man über etwas Geringes und Minderwertiges fortgeht, wurde zu einem Seher und Mahner und zu einem Rufer in der Sandwüste ... und seine Muskeln wurden zu Stahl und seine Sehnen zu Strängen und seine Augen zu heiligen Feuern, wie sie brennen in der Osternacht auf den Deichen von Wisselward und in den Wiesen vom Emmericher Eiland, »Ihr aber, Herr Harkort« – und er packte die Hand des entsetzten Mannes und sah ihn an, bis er ihm seine Seele versengte, und sagte: »Ihr aber, Herr auf Op gen Oort – Besitzer von Hof und Haus und von Äckern und Fluren, auf denen während der Reife die Gespanne in den vollen Roggen- und Weizenschlägen ersaufen – jetzt aus der Qual und dem Priestertum heraus und wieder das geworden, was Euch in den Knochen und der Natur lag: ein Pflüger und Säer und Ernter und brav und stark wie die hiesige Scholle – Ihr sollt ein übriges tun, Hans Harkort, und mit dabei sollst du sein, wenn sie ihn aufheben, sie, die Menschen mit den schwarzen Röcken und den Gesichtern, die nach Fusel riechen – und mitgehen sollst du, wenn sie ihn forttragen, von den Mühlen herunter, den Deich entlang, an der Mergelgrube vorüber, bis dorthin, wo die Kreuze stehen, große und kleine, und viele davon umfallen wollen – und zusehen sollst du, wenn sie ihn einsegnen und dann in die schwarze Kuhle versenken – und eine Handvoll Erde sollst du ihm nachwerfen – und beten sollst du drei Vaterunser für ihn, auf daß er fühlt und es mit in die Ewigkeit nehmen kann: der Herr auf Op gen Oort hat vergeben. Das ist meine Botschaft, Herr Harkort.« Mit tränenerstickter Stimme sagte dieser, indem er seinen Arm um den Nacken des Alten legte: »Kosman ich kann nicht. Erspart mir diesen schweren Gang. Ich bräche ja körperlich und seelisch zusammen.« »Wo das Christian Franz Malthus gewünscht hat. ..?« »Kosman, Kosman, die Mühle ...!« jammerte es aus dem Verzweifelten heraus. »Wenn ich ihre Schwelle betrete, dann lacht der Satan. Mensch, Mensch, für mich hat's ja nicht mal 'nen Schmied von Gretna-Green gegeben! Und dann Simonis ... ich kann Simonis nicht sehen.« »Simonis!« Kosman atmete auf; durch seine Hünengestalt ging ein Sichdehnen und Strecken. »Simonis laßt schlafen!« sagte er feierlich und hob die Hand und senkte sie wieder. »Nu weiß ich's: Jan van den Birgel ist nicht bei Euch gewesen. Es freut mich aber, daß er mein Wort estimiert hat und Euch so Böses ersparte; denn wo der Kerl seinen Medaillenstock hinstellt, da wächst der Tod aus dem Boden. Und weil er nicht auf Op gen Oort war, so könnt Ihr auch nicht wissen ...« »Was kann ich nicht wissen?« »Na das, was sich inzwischen im Geldrischen abgespielt hat. Auf dem Hof, den sie dort den ›Aukamp‹ benennen, brannten die Lichter. Sechs Lichter auf Reihe. Und als sie verloschen, wurde Simonis erster Klasse begraben.« »Was ...?!« Hans Harkort griff in die Luft und suchte Halt zu gewinnen. »Wann gestorben?!« rief er mit geisterhaft geweiteten Blicken. »Nach Malthus gerechnet – vier Tage vorher.« Der Entsetzte brach wie unter einem Wetter zusammen, tastete sich mühselig hoch und stützte den Kopf auf. Stieren Auges sah er über den Tisch fort. Eine Welt von Trümmern fiel über ihn her. Eine dumpfe, schwere See brandete gegen ihn an, rauschte und polterte und suchte ihn in die Tiefe zu ziehen. Er faßte das Ungeheuerliche nicht. Eine Symphonie des Schmerzes hämmerte auf ihn ein, ließ ihn die Vergangenheit abtun, brachte ihm die Gegenwart näher. Und doch war alles so wüst um ihn, so kalt und hoffnungslos. Er sah den Aukamp, den er verflucht hatte, und er hob die Hand, um ihn nochmals zu verfluchen. Er konnte es nicht. Der Fluch erstarb ihm zwischen den Zähnen. Er schauderte in der Erinnerung an das, was ihm alles geschehen war, was er erduldet hatte. Und nun kam das Licht, aber dieses Licht zerrann ihm, wie das Licht an einem grauen Tage in der Karwoche zergeht. Er kam sich vor wie einer, dem man die Tür gewiesen hatte. »Wie 'nem Hund,« kam es von trockenen Lippen. Dann wurde er ruhiger. Eine zuverlässige, wohltuende Stimme war bei ihm, und eine treue und gütige Hand berührte seine Schulter. »Das muß man hinnehmen, wie Gott es gewollt und geschickt hat. Im übrigen: ich stehe noch immer mit 'ner unerledigten Botschaft zwischen diesen Pfählen und warte auf Antwort. Was soll ich ihm sagen, wenn ich auf die Wassermühlen retour gemacht habe? Die Toten warten nicht gerne. Nimm Wind in die Nase, reiße deinen inneren und äußeren Menschen zusammen. Ich bitte um 'nen präzisen Bescheid: ja oder nein, aber ich hoffe: Hans Harkort, du kommst doch?« »Kosman, ich komme.« Und wieder verfiel der Ärmste in sein voriges Brüten. Als er aufsah, hatte der Alte die Stube verlassen.   5 Er hörte auf die abgehenden Schritte, die sich in der Tiefe des Ganges verloren, auf das Einklinken der Haustür, auf das Rauschen der Frühlingsbäume, das sich inzwischen wieder verstärkt hatte und anmutete wie das ferne Spiel von großen Harfen, die weit drüben in der Niederung von geisterhaften Wesen gespielt wurden, und er lehnte sich in den Sessel zurück und legte die Hände zusammen. Jetzt gingen die Schritte des Alten über den Hof und dann den Feldweg entlang, der zu den Wassermühlen führte. Es kehrte die vorige Stille zurück. Nur die Wanduhr und die illuminierten Zinnschiffchen, die sich auf dem Zifferblatt bewegten, taten ihren schaukelnden Gang, ohne sich die geringste Ruhe zu gönnen. Der Einsame hörte die Stille, die durch die weiten Räume des Gutshofes schlich und den Atem anhielt. Die sanfte Helle, die dem grünen Lampenschirm entstrahlte, spann sich zu lichten Fäden aus, zu einem feinen Maschenwerk, auf dem scharfumrissene Bilder erschienen, sonnige und freudige Bilder und solche, von denen man sagen konnte: »O Herr, du mein Gott, warum hast du solche Bilder erschaffen? Denn in ihnen ruht der wehmütige Glanz von heimgesuchten Augen, die nicht mehr weinen können.« Hans Harkort ließ die Lider herunter, um besser sehen zu können ... und seine Jugend kam wieder. Da sah er ...   In seiner ganzen soliden Pracht und Herrlichkeit lag der Gutshof unter einem ehernen Himmel. Die Wiesen hatten bereits ihren Grummetschnitt hinter sich. Die Weizen- und Roggenschläge waren abgeerntet, und nur auf den Haferfeldern raschelten die Ähren noch mit ihren glasharten Spindeln. Drüben, von der breiten Wegscheide her, kam das Prusten und Stampfen eines Dampfpfluges, der schon seit etlichen Tagen die brach gelegenen Stücke für die Winteraussaat vorbereitete. Lokomobile und Ankerwagen mühten sich ab, die blanken Messer in gründlicher Tiefkultur durch den schwarzen Boden zu reißen. Gleich fetten Schwarten legten sich die Schollen nebeneinander. Die Luft war trocken und rein wie Kristall. Die Türme von Emmerich und Kleve sah man scheinbar in Reichweite liegen, so klar und sichtig gab sich dieser glutheiße Sommermorgen, der schon herbstliches Laub um die Stirne trug, aber noch immer frisch genug war, die besten seiner Art in den Schatten zu stellen. Es ging auf Mittagszeit. Schwerfällig schritt der alte Adam Harkort, wegen seines würdigen Aussehens auch der ›Marquis‹ genannt, im blauen Leinenkittel, mit weißgestickten Achselzeichen und einem handlichen Kreuzdorn in der Rechten, von seinen Feldern herunter. Er kam nicht allein seines Weges. Sein zweiter Sohn Hans begleitete ihn. Mit dem aalglatten Pontakgesicht, den silbernen Haaren, die sich unter der leichten Mütze hervorstahlen, und dem selbstgefälligen Takt unter dem Leibe, machte der Alte einen stattlichen Eindruck. So wortkarg der Marquis im allgemeinen auch war, er liebte es, sich unter die Leute zu mischen und hier fette Brocken landwirtschaftlicher Erfahrungen an den Mann zu bringen, immer darauf bedacht, sein Ansehen zu stärken und den Großen zu spielen, und wenn sein Schwiegervater, der emeritierte Schulmeister Gerhard Donsbrügge, ihn aufsuchte, schlug er diesem fest auf die Schulter und sagte: »Sieh dich um! Du kennst ja die Gegend. Ohne mich wäre der Kreis in ökonomischer Hinsicht verludert. Jetzt 'ne opulente Sache. Meine Affäre als Kreisdeputierter und Landwirt. Achtung, Sie Knabe!« und dabei war dieser ›Knabe‹ ein Mann, der schwer und mühselig an seinen dreiundachtzig Jahren herumtrug. Protz und tüchtiger Kerl in einer Person, das war dieser Adam, dabei grobkörnig und kratzig wie eine Kardendistel, aber er hatte auch eine Eigenschaft, die ihm gewertet wurde bei Gott und den Menschen. Er liebte sein Weib, wie er sein Anwesen und seinen Augapfel liebte. Mit sorglicher Hand zog er tagtäglich einen Kreis von Aufmerksamkeit und Güte um die ernste und hohe Frau, die er erst nach langer Freite und gegen den Willen seiner Eltern heimgeführt hatte. Sie war sein Stolz und sein alles, und wenn er sie eigenhändig in seinem stattlichen Doppelgespann mit dem silberplattierten Geschirr ins Hochamt kutschierte, dann war es ihm gerade, als hätte er das Heil seines Lebens, sein Glück und seine ganze Reputation zur Kirche gefahren. In ihr wurzelte seine ganze Kraft, seine Bekömmnis und Tüchtigkeit, und er freute sich ihres stillen und emsigen Schaffens. Nur in den letzten Monaten hatte er eine bange Sorge um sie, und allmorgens, wenn er aufwachte, fuhr er ihr liebevoll über Stirn und Augen und sagte: »Kopf oben behalten! Für das da sind noch keine Totenblumen gewachsen. Es wird schon werden, Felicitas.« Als er mit seinem Begleiter die Einfahrt des stattlichen Hofes erreicht hatte, hielt er den Fuß an und zeigte in die Gegend, aus der noch immer das Stampfen und eigentümliche Schnauben der Lokomobile herübertönte. »Hans,« meinte er mit sichtlichem Behagen in der ruhigen Stimme, »das wäre geleistet. Der Dampfpflug rentiert sich und schafft mehr als ein Stall voller Gäule. Acht Haferfresser und 'ne Portion Knechte kommen hierdurch in Wegfall. So 'ne Maschine buttert ganz anders, und dein Bruder, wenn er von der Ackerbauschule zurückkommt, wird seine Freude dran haben.« »Ich habe sie jetzt schon,« sagte der junge Mann mit leuchtenden Augen, und seine Brust hob sich im Hinblick auf diesen neuen Betrieb. »Vater, wenn ich hier so mitmachen könnte!« »Nix der da!« versetzte der Alte und stieß seinen Kreuzdorn fest in den Boden. »Die Landwirtschaft hat ihre festumzogenen Grenzen, und ein tüchtiger Haushalter hat alle Hände voll zu tun, diese Grenzen zu wahren. Wer drüber hinaus geht, ist als Narr zu verschleißen. Dem Pflug seine Scholle und dem Kalb sein Blöken. Man soll den Gaul nicht beim Schwanz aufzäumen. Das will so die Regel. Jedem sein Teil, und daher: Adrian den Hof und die Wirtschaft mit allem, was drauf ist – und dir das Studium. So hab' ich's beschlossen, so bleibt's. Das ist dreifach verdiebelt. Daran rütteln keine drei Pferde. Auch du nicht. Die Ferien können doch nicht ewig dauern. Wann geht's wieder nach Kleve?« »In drei Wochen.« »So, in drei Wochen! Und wann ist das Abiturium fällig?« »Im kommenden Frühjahr.« »Und du wirst es bestehen?« »Ich hoffe.« »Schön das! – und was gedenkst du zu werden?« »Ich bin mir noch nicht im klaren darüber.« »Aber ich,« sagte der Marquis, zog den Kreuzdorn aus dem Boden und tat damit einen energischen Lufthieb. »Das Weitere findet sich im Laufe des morgigen Tages. Denke an Mutter. Komm' jetzt!« Schweigend gingen sie über den einsamen Hof fort. Der Schritt des Alten war hart und wie auf dem Amboß geschmiedet. Von den weißgekalkten Scheunen und Ställen kam das Echo zurück. Wie der Schritt, so der Mann. Er hatte seine eigenen Ansichten, seine eigene Weltanschauung, seine eigenen Feste, und wurde im Kreishaus Königs Geburtstag gefeiert, dem er in seiner Eigenschaft als Deputierter beizuwohnen hatte, so war es bei ihm lediglich ein wohlerwogenes Vorbeischleichen. Er hob zu Ehren des Landesherrn den Champagnerkelch, um ihn auf das Wohl und Gedeihen des Papstes zu leeren. Das Patriotische, besonders das Preußische, lag ihm nicht. Das war für ihn ein Ding ohne Schall und Inhalt, ein leeres Gefäß und eine überflüssige Sache. Wie die Menschen sich nur darüber so amüsieren und ereifern konnten! Dieses Anprosten und Hurraschreien! Diese Fräcke und weißen Westen, und der Herr Landrat erst mit seiner wichtigen Amtsmiene und dem roten Kuckuck vierter Güte im Knopfloch! So'n getrommelter und mit Schaumwein begossener Unsinn! Lachhaft, rein lachhaft! Dafür war er aber ein Mann seines Glaubens, ein strammer Katholik, dessen steinharte Überzeugung Berge versetzen und Ströme ablenken konnte. Kopf und Herz steckten ihm voller Heiligenlegenden und Wunderlichkeiten. Er liebte Arme-Seelen-Geschichten. Das Tragen von Skapulieren war ihm zum Bedürfnis geworden. Rosenkranzgebete und das Anzünden von geweihten Kerzen bei besonderen Gelegenheiten, Besprechungen und sinnlich-übersinnliche Erscheinungen gehörten zu seinem Inventar, und als eines Tages in der sogenannten Guten Stube sich ein Geräusch erhob, das plötzlich wie auf stilles Geheiß alle Räume belebte, ließ er eine konsekrierte Hostie von Zimmer zu Zimmer tragen, um auf diese Art den Spuk aus dem Hause zu bannen. Der Exorcismus gelang. Mit eigenen Augen sah der Marquis den Unhold aus einem sich selber öffnenden Fenster verschwinden. Das genügte, den Alten noch halsstarrischer und verbohrter zu machen, und dabei war er sonst ein Mensch von klarem Verstand, hellhörig und sachlich, und mit dem erprobten Grundsatz: Behandelt einen schlechten Kerl wohlwollend, so wird er euch Verdruß machen, drückt ihm den Daumen ins Auge, wird er euch alles zu Gefallen tun – hatte er Zucht und Ordnung auf seinem Grund und Boden gehalten. In der Nähe des Ziehbrunnens trat ihm ein wunderliches Männchen in hechtgrauem Rock, hohem Zylinder und blendendweißen Vatermördern entgegen. Er war just aus dem Hausflur getreten und führte einen beknopften Bambus in der Rechten. »Na, Herr Doktor, wie steht's denn?« Der kleine Herr mit dem Gelehrtengesicht und dem gestutzten Schnurrbärtchen unter der scharfgebogenen Nase zuckte die Achseln. »Herr Harkort,« sagte er mit einem gewissen Zögern, »ich kann's nicht verhehlen: meine Diagnose trifft zu. Die verdächtigen Symptome mehren sich. Die regenbogenfarbigen Erscheinungen sind nicht mehr zu leugnen. Das Nebelsehen ist stärker geworden.« »Gottverdammich!« »Herr Harkort!« »Ja, so!« sagte der Marquis, während ein Frösteln seinen mächtigen Körper durchrieselte. »Sie müssen mich schon exküsieren, Herr Doktor; aber wenn einer so in der Herznot drin steckt und einem das Wasser bis über das Maul will, da kommt einem schon mal 'n malproperes Wort zwischen die Zähne. Also nichts für ungut, Herr Doktor. Ich bin auf das Schlimmste gefaßt, wenn's mir auch den Verstand aus dem Gelenk dreht. Wie benennt sich die Krankheit?« »Glaukom.« »Und so was kann zur Erblindung führen?« »Offen gestanden ...« Das Antlitz des Fragestellers wurde weiß. Alles Pontakartige war von ihm gewichen. Mit dem Kreuzdorn suchte er krause Figuren auf den Boden zu zeichnen. »Ich weiß schon, Herr Doktor, ich weiß schon! Und wie lange kann's bis dahin noch dauern?« »Im günstigsten Falle mehrere Jahre.« »So, so! mehrere Jahre!« Der Marquis schüttelte den Kopf. Er sah über den Hof fort. Da standen seine Scheunen und Ställe, und sie, die früher wie die eingerammten Pfähle ihren Ort behaupteten, schienen ins Wanken gekommen zu sein. Er fuhr sich über die Augen, aber wie er auch darüber hinfahren mochte, das Bild wurde nicht besser. Dächer und Giebel senkten sich aus Blei und Lot, wollten in Trümmer zergehen und über ihn stürzen. Aus dieser Qual heraus fragte er mit weher und langsamer Stimme, die etwas Schleppendes an sich hatte: »Ist denn überhaupt Rettung möglich, Herr Doktor?« »Ein Wunder kann helfen.« Das beglückte ihn und riß ihn wieder zusammen. »Ein Wunder!« Er griff nach der Hand des Arztes. »Ich danke Ihnen. Also ein Wunder!« Ein helles Glück stand in den Wimpern des ehrlichen Mannes, der sich mit allen Masern und Fasern der Hoffnung an diesen winzigen Strohhalm klammerte. »Komm', Hans, wir wollen zu Muttern. Und Sie, Herr Doktor, Sie sprechen doch bald wieder vor?« »In den nächsten Tagen. Auf Wiedersehen, Herr Harkort, Herr Studiosus ...« und der kleine grauröckige Herr wandte sich seinem Schäschen zu, das im Schatten zweier Kastanienbäume auf ihn gewartet hatte, während Vater und Sohn sich zum Eingang des Hauses begaben. Hier angekommen, blieb der Alte stehen. »Hans,« konstatierte er mit fester Stimme, »du hörtest, was der Doktor gesagt hat, und wirst deinen Schluß daraus ziehen. Die Liebelei auf den Wassermühlen wird mit dem heutigen Tage gestrichen. Das Konto ist abgeschlossen, mehr als abgeschlossen. Kein Wort mehr! Dämlichen Plänen, die sich nie verwirklichen lassen, soll man nicht nachgehen. Es ist vergebliche Arbeit, und wer vergebliche Arbeit tut, wird zu den Dummen gerechnet, denn er schöpft Wasser mit durchlöcherter Kelle. Aus! sage ich, oder ... komm' jetzt!« Bald darauf standen die beiden vor Felicitas Harkort, der gütigen Frau, die trotz ihrer Heimsuchung einen stillen Frieden um sich verbreitete. Sie saß dicht am Fenster und beschäftigte sich damit, die Perlen eines zertrümmerten Rosenkranzes auf eine neue Schnur zu ziehen. »Wie geht es denn, Mutter?« fragte der Marquis mit so viel Liebe und Herzlichkeit, wie man es ihm kaum zugetraut hätte. Dabei glitt er ihr sacht über den Scheitel. »Ich danke dir, Adam. Man muß zufrieden sein. Was der Herr uns schickt, soll man freudig hinnehmen, denn es ist gut von Anbeginn der Tage gewesen. Dabei überdenke ich den ›Beichtspiegel‹, worin gesagt wird: Adam und Eva machten sich nur einer Sünde schuldig und wurden deswegen aus dem schönen Paradiese verwiesen. Die bösen Engel haben auch nur einmal gefehlt, wurden dafür aber zu ewigen Höllenstrafen verurteilt, und ich ... Ach Gott! ich sündigte gar oft in Gedanken, Worten und Werken ... Welche Strafe müßte ich dafür empfangen? und siehe: der Herr hat mir nur diese kleine Prüfung gesendet.« Sie lächelte in sich hinein und legte die schlanken Hände still ineinander. »Laß man, laß man! Nun wirst du bald wieder.« »Adam, glaubst du das wirklich?!« »Ja, Mutter, ich glaube. Das wäre ja noch schöner, wenn sich nicht bald ein Umschwung vollzöge! Das kommt über Nacht, wenn's auch seine Zeit haben will. In 'nem Jährchen vielleicht, aber dann sollst du sehen ... dann fällt's über dich her mit Sternen und anderen Himmelslichtern, denn Gott läßt die Seinen auf Op gen Oort, und besonders dich, nicht im Finstern sitzen. Das gibt's nicht, wenn solche Leute, wie wir sind, bestraft werden sollten, als hätten wir mit dem Verlorenen Sohn die Schweine gehütet. Nee, Mutter, das properste Gegenteil ist hier Trumpf in der Karte. Wir haben gebetet, daß sich die Balken bogen, wir haben gekniet, bis wir Schwielen bekamen, und wenn der Klingelbeutel vorbeiging, dann hab' ich allsonntags 'nen harten Speziestaler geopfert –- und bei so 'nem nobelen Lebenswandel, da sollte uns die göttliche Vorsehung mit Not und Gram unter die Augen treten, sollte alles vergessen, was wir ihr angetan haben?! Nee, Mutter, da kennst du den himmlischen Vater man hundsmiserabel. Gebet und Klingelbeutel, die machen's, und ich verwette Op gen Oort mit allem, was drauf ist, mit Flur und Gemarkung, mit Vieh und Ferkel, mit Mist und Stall gegen die lausigste Katstelle, wenn du nicht wieder so hellsichtig wirst wie der neuvergoldete Kirchturmhahn, der bis nach Holland hineinguckt. Natürlich, Mutter, man muß nur den richtigen, wahrhaftigen und christkatholischen Glauben besitzen.« »Adam, den hab' ich. Aber immer den Nebel ... und unsere Pilgerfahrt nach la Salette hat auch nicht geholfen.« Unmerklich den Kopf schüttelnd, ließ die Ärmste wieder die Perlen durch die Finger gleiten. »Seitdem wir dort waren,« sagte sie traurig, »und sich keine Besserung einstellen wollte, bin ich etwas stutzig geworden.« »Gott, Mutter, la Salette!« meinte der Marquis so obenhin und zog diesen Gnadenort so lang durch die Zähne, als sei er gewillt, ihn nicht als vollwertig anzuerkennen. »Da wird auf französisch gebetet, und was die Franzosen so beten ... Möglich, die himmlische Mutter von la Salette hat uns so recht nicht verstanden, denn deutsch und französisch ist doch nicht ein und dasselbe; möglich, es kommt nach, aber ich denke: wir müssen uns unserm lieben Herrgott aufs frische in Erinnerung bringen. Und das soll morgen geschehen, denn hör' mal,« und er wälzte einen mächtigen Gedanken in sich herum. Als er ihn endlich auf die richtige Stelle placiert hatte, sagte er überzeugungstreu aus seinem blauleinenen Kittel heraus: »Mutter, ich habe mir das so ausspekuliert. Hans und ich, wir wollen nach Marienbaum und dich und uns der allerheiligsten Jungfrau empfehlen. La Salette in Ehren, aber Marienbaum meine besondere Hochachtung. Zwei Pferde ziehen forscher den Pflug als ein Einzelgespann; denn doppelt hält besser ... und außerdem, Mutter: was man aus dem Inland beziehen kann, soll man nicht anderswoher holen, und Marienbaum ist im Inland gelegen ... hier vor der Tür ... kaum zwei Meilen weiter rheinaufwärts ... und was da schon alles passiert ist, das kann 'ne Kuhhaut nicht fassen. Ich glaube an meine Mission wie an das Feuer des Himmels, wenn ein Wetter heraufzieht, ich hoffe auf sie wie auf die Auferstehung des Leibes. Morgen um sechs brechen wir auf, ich und der Hans. Simon von Cyrene trug das Kreuz des Herrn. Wir tragen das deine ... und wir tragen es mit Freude ... und wir tragen es fröhlich« – und seine Stimme schwoll an – »und wir hoffen zu Gott, er werde hierdurch alle Übel von dir nehmen, auf daß du gesundest, von jetzt an bis in alle Ewigkeit. Amen.« Mit einem jähen Ruck brach er in die Knie und barg sein Haupt in den Schoß seines Weibes. »Ich höre die Stimme des Herrn und halte meine Lampe bereit,« schluchzte der Kniende, »denn ich weiß, die Erlösung wird kommen.« »Sie kommt, sie kommt!« sagte Felicitas und fuhr sich mit ihren schmalen Händen über die schönen, lichten, stahlblauen Augen, die voller Helle und doch voller Dämmerungen waren. »Adam und Hans, geht nur und betet für mich; ihr werdet mir den Nebelschleier schon nehmen.« Andern Tages, als die Knechte ihre Raufen bestellten und die Mägde mit ihren Melkeimern umgingen, lag eine blutrote Sonne am tiefen Horizont. Wie aus einem Krater aufgestiegen, ruhte sie auf der dampfenden Erde, um sich langsam und mit glutender Feuerkrone in den unendlichen Himmel zu heben. Die ersten Rauchkräusel wurden lebendig, die ersten Spatzen, die ersten Lerchen. Op gen Oort erstrahlte im Glorienschein des jungen Morgens. Harkort und Sohn waren wanderbereit. Bevor der Alte jedoch seinen Kreuzdorn aus der Ecke hervorholte, begab er sich zum Getreidespeicher, griff in die Erbsenkiste hinein und versenkte eine Handvoll glasharter Kügelchen in die leinene Brottasche. Als er damit fertig geworden war, sich den Rosenkranz um die linke Hand gewickelt, den Stock geholt und sein Morgengebet gesprochen hatte, brachen sie auf. »Freust du dich, Hans?« fragte der Alte. »Ja, ich freue mich, Vater.« »Gut, daß es so ist,« gab der Marquis zurück und nahm in seinen derben Transchuhen einen rüstigen Schritt an. »Aber nochmals gesagt: Adrian den Hof und die Wirtschaft und dir das Studium. Du kannst dich auch hierin betätigen. Mist und Ökonomie tun es allein nicht, es muß auch solche geben, die sich mit der Schärfe des Geistes umtun, um auf solche Weise dem Herrn, der Kirche und dem Staate zu dienen. Wie denkst du hierüber?« »Ich denke wie Ihr, nur läge mir die Landwirtschaft besser, und es wäre mir ein Liebes gewesen, gemeinsam mit Adrian den väterlichen Acker zu bebauen. Darin liegt die Urkraft des Landes und allen Bestehens.« »Wenn auch,« konstatierte der Alte. »Aber ich habe es anders beschlossen, und was ich beschlossen habe, dem wird Rechnung getragen.« Hans zuckte unwillkürlich zusammen. »Wenn ich denn eine Bitte aussprechen dürfte, so möchte ich ein civis academici werden.« »Was ist das?!« »Ein Beflissener der Hochschule.« »Ja, so! Natürlich, natürlich! Wenn man das Abiturium hinter sich hat, kommt dies an die Reihe. Aber ich hörte davon, man kann auch in diesem Falle das Seminar in Münster beziehen. Zum Beispiel: dein Freund und Studienkollege, Andreas Lobbers aus Keppeln, dem alten Schmied Lobbers sein Junge, will ja wohl Geistlicher werden. Stimmt's, oder bin ich fälschlich berichtet?« »Nein, er will Geistlicher werden.« »Brav von dem Jungen! Das ist denn doch 'ne vornehme Sache, so direkt aus dem Poweren heraus mit dem lieben Herrgott in Verbindung zu treten! Erst Kaplan, dann Pastor, dann Bischof ... Da müßte man ja alle Fenster aufreißen und die Fahnen 'naushängen, um so'n Kerlchen zu ehren. Das ist ja, um auf die Knie zu fallen, die Erde zu küssen und neunhundertneunundneunzig Vaterunser zu beten. Allerhand Achtung! Obgleich der alte Lobbers sich man in schwachen Umständen befindet, der Mensch ist reicher als wir Ökonomiker alle zusammen genommen. Ich beneide den Mann, und wenn mir und Muttern so'n unbändiges Glück in den Schoß fallen würde ... Hans, jetzt aber mal offen und ehrlich gesprochen. Wenn's nun mit dem Landwirt nichts ist, was würdest du dann werden wollen?« »Arzt oder Jurist.« »So, so! Arzt oder Jurist. Recht schön das; nur 'ne teure und langwierige Sache. Außerdem: Advokaten und Dokters besitzen keine Primanummer beim himmlischen Vater. Die mit dem Weihwasserpinsel werden höher bewertet. Was hältst du überhaupt von der Gottesgelahrtheit? Denk' drüber nach! So'n paar Stündchen vielleicht. Es wird sich lohnen. Wir sprechen später darüber.« Mit verstärkter Heftigkeit rumpelte er in seinen Transchuhen weiter. In der Brust des jungen Mannes war ein Stürmen und Drängen, ein Blühen und Welken. In der einen Herzkammer wohnte das Glück, denn der Gedanke, du pilgerst zur himmlischen Frau, zum Trost der Bedrängten und zur Königin der Barmherzigkeit, die aus der Fülle ihrer Gnade das Licht nehmen wird, um es in die absterbenden Augen deiner heißgeliebten Mutter zu legen, machte ihn selig, während die zweite Kammer ein grimmiges Weh umfaßte, ein Weh, das ihm sagte: Das Licht, so schön und allbefreiend, so hell und rein es auch ist – dieses Licht wird dir leuchten wie die trüben Lämpchen zwischen Gräbern, wenn es nicht noch schlimmer kommt und verlischt und sich eine ewige Finsternis um dich breitet. Und er dachte an das, was ihm sein Vater gesagt hatte, an die zwingenden und präzisen Worte, die keinen Widerspruch duldeten und ihres Weges gingen wie derbe Hufeisen über harte Steine, und dann dachte er wieder ... Er sah in die Wiesen hinaus, die im Morgentau ruhten, frisch und gesund, und in allen Farben des Regenbogens erstrahlten. Dort bei den Erlen hatte er noch vor wenigen Tagen gestanden, mit ihr, hatte ihre junge Brust gespürt und die größte Offenbarung seines Lebens empfangen. Was konnte ihm die Heimat Köstlicheres und Schöneres bieten? denn die Sehnsucht des erwachenden Weibes war bei ihm, hatte sich ihm in die Arme gelegt und seine Lippen gefunden. Hans und Franziska! und sie wandte sich ab, öffnete ihr Mieder und brachte ein goldenes Herzchen zum Vorschein. An einer seidenen Schnur hatte es bisher zwischen ihren jungen Brüsten gerastet. »Das nimm,« sagte sie leise, »zum Zeichen dafür, daß wir zusammen gehören zeit unseres Lebens, mit Leib und Seele, und uns nicht lassen wollen, bis der Tod uns scheidet,« und wieder spürte er den Druck ihrer Hände und die Süße ihres Mundes, und vereinzelte Sterne standen am Himmel, und ein weiches Mondlicht spiegelte sich in den Wassern, die in der Niederung lagen ... Sie mußten an den Mühlen vorüber. Am Fenster stand Franziska und sah ihnen nach, bis sie untertauchten am Ravelin, wo weite Rohrfelder der Fernsicht ein Ziel setzten. Ihm wollte das Herz auseinander. Mit beiden Händen umgriff er das Kleinod, das ihm auf der nackten Brust ruhte ... und sie gingen durch glasharte Stoppeläcker und blanke Wiesen über Hanselaer und Appeldorn, um von hier den Gnadenort Marienbaum zu erreichen. Wortlos schritten sie nebeneinander. Hinter Hanselaer, just als die erste Morgenglocke verhallte, schob der Marquis die Mütze unter die Achsel und sagte: »Lasset uns beten!« und glaubenskräftig begann er: »Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin! Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren. O du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau, unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin, versöhne uns mit deinem Sohne, empfiehl uns deinem Sohne, stelle uns vor deinem Sohne! Hans, denke an Mutter! Und du, heilige Jungfrau, bitte für uns in der Stunde des Todes!« Und Hans respondierte: »Auf daß wir würdig werden der Verheißungen Christi!« Und der Alte sprach weiter: »Wir flehen zu dir, o Herr! Ergieße deine Gnade in unsere Herzen, damit wir, die wir durch die Botschaft des Engels die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt haben, durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung geführt werden, durch denselben Christus, unsern Herrn. Hans, deine Stunde wird kommen! Und du, allerseligste Jungfrau, sei bei uns, wenn die letzten Seufzer der Seele gebieten, vom Leibe zu scheiden.« »Auf daß wir würdig werden der Verheißungen Christi!« kam es von zuckenden Lippen. »Amen, Amen!« sagte der Alte und zog die Mütze wieder über die silbernen Haare. Die Hitze war mittlerweile unerträglich geworden. Sie lag platt auf dem Bauch und qualmte ihren glühenden Atem über alles, was Leben hatte. Nur mit aller Mühseligkeit vermochten es die Blätter der Gesträucher und Bäume, sich auf die andere Seite zu legen, so schwer kam es dem leichten Windhauch an, die bleierne Ruhe aus den Zweigen zu schütteln. Allmählich stellte er seine Tätigkeit völlig ein, näselte noch einige Male, um mit einem leisen Wispern zwischen den dunkeln Laubmassen zu sterben. Das stumpfe Einerlei des Unbeweglichen schläferte die Gegend ein, machte sie untätig und lautlos. Selbst die emsigen Heupferdchen hatten ihr Geigen eingestellt. Mit ihren starren Flügeln und Glotzaugen hingen sie wie abgestorben zwischen den Gräsern. Jenseits von Appeldorn waren die beiden aus dem Bereich der Wiesen gekommen. Die saftigen Erlenbestände, die noch eine gewisse Kühle gespendet hatten, blieben zurück. Eine immense Ebene lag jetzt vor ihnen, die sich in ihrer Unabsehbarkeit bis nach Xanten und Wesel erstreckte. Nicht die geringste Erhebung. Alles flach wie ein Teller . . . Kleeäcker und geschorene Felder, ab und zu unterbrochen durch aufgestapelte Weizen- und Roggenmieten, die gierig das Feuer aufsogen, das in gelben Flammengarben vom Himmel niederzüngelte. Eine weißglühende Decke überspannte die Landschaft, die Weiten flimmerten, ließen das Auge nicht zur Ruhe kommen. Es fand keinen Halt in dieser abgeernteten Öde. Kaum daß sich vereinzelte Gehöfte und niedrige Baumgruppen auf dem von der Sonnenglut zerrissenen Boden hinzogen. Nur tief am Horizont hob sich ein spitzer Kirchturm aus dem nackten Gelände, der einzige markante Punkt in diesem Meer von versengten Halmen und Stoppeln. Der Schieferhelm blinkte wie geschmolzenes Silber herüber. Als der Alte die Gnadenkapelle gewahrte, warf er den Kopf in den Nacken, pflanzte sich nicht weit von einem Roggenschober, der einen blauen Schattenkegel hinter sich warf, breitbeinig auf und sagte mit einem seligen Glanz in der Stimme: »Marienbaum!« So sahen die Kreuzfahrer Jerusalem liegen und den Ölgarten und Golgatha, den Berg der Erlösung. In Schweiß gebadet, wischte er sich mit einem blaubedruckten Tuch die heißen Tropfen von der Stirne herunter. Aus allen Teilen des Körpers sickerte ihm die kochende Feuchte. Sein Leinwandkittel dampfte. Wie mit Scharlach war das harte Gesicht übergossen. Kein Baum spendete Schatten; keinen anderen gab es als den der nahen Kornmiete, der wohlig und einladend von der Wegscheide herüberwinkte. »Wollen wir nicht Rast machen, Vater?« fragte der junge Student, als er den hochroten Kopf des Alten bemerkte. Selbst zerschlagen bis in die Knochen hinein, deutete er auf die einzige Stelle, die nicht unter dem brutalen Feuer der ehernen Kuppel ruhte. »Was Rast?!« knurrte der Marquis über die Schulter fort und reckte sich hoch, als wären ihm die Muskeln und Sehnen aus Eisen und Stahl geschmiedet. »Gibt's nicht für uns, kann es nicht geben! Pilgern wir im Schweiß unsres Angesichts, oder machen wir 'ne pläsierliche Reise mit Burger Brezeln und Nymwegener Moppen? Ich dächte, wir pilgern. Hat denn der heilige Polycarpus gerastet, als er zum Scheiterhaufen wallfahrtete, oder aber hat der Diakon Laurenz Kühle und Schatten herbeigesehnt, als ihm gesagt wurde: Laurenz, Sie haben den glühenden Rost zu besteigen? Männer waren's mit Mark in den Knochen. Kasteit haben sie sich, um so der ewigen Gnade teilhaftig zu werden. Hans, denke an Mutter! Durch Marter zur Palme! Besinne dich, Hans, nimm das Kreuz auf und wandere! Das Schwerste kommt noch für dich. Für mich ist es jetzt schon gekommen. Hier wird kein Wassersüpplein aufgetischt, sondern Blutsuppe gelöffelt. Seien wir Männer! Ich tue das Meine,« und der absonderliche Mann, der Marquis auf Op gen Oort, der Herr und Besitzer von fünfhundert Morgen Ackerboden, Wiesen und Hutungen, beugte sich nieder, löste die Riemen, zog die schweren Schuhe von den Füßen, tat die mitgebrachten Erbsen hinein und beschuhte sich wieder. »Was tust du, Vater?« »Alles für Mutter!« sagte der Alte und stieß seinen Dorn auf, daß die Kiesel, die auf dem Feldweg lagen, Funken spritzten. »Ich tue das Meine,« rief er im Weitermarschieren, »und ich hoffe zu Gott, du wirst in gleicher Weise das Deinige machen. Die Stunde wird kommen. Alles für Mutter! Durch Leiden zum Siege! Durch Marter zur Palme! Durch Nacht und Finsternis zur Anschauung Gottes! Ich sehe das Himmelreich offen. Ich sehe Gott den Vater, den Sohn und den heiligen Geist. Ich sehe die Erzengel, Cherubim und Seraphim, und die großen und die kleinen Propheten – und ich sehe das Licht. Und das Licht soll ihr werden, soll in ihre kranken Augen hinein und soll ihr leuchten wie das Licht von einem hohen und heiligen Berge herunter.« O! dieser Glaube, diese Andacht, dieses Kasteien und Leiden und diese Hoffnungsfreudigkeit, alles das erschütterte mehr als die Bußpredigt eines Barfüßermönchs, rührte zu Tränen... und das junge Gemüt erschauerte vor Bewunderung und Ehrfurcht. »Folge ihm nach, folge ihm nach!« fuhr es durch seine Seele hindurch. »Bringe ein Opfer, um die Mutter zu retten!« und alles versank vor seinen trunkenen Blicken: die Welt mit ihren leuchtenden Farben, die Wassermühlen mit ihrem süßen Geheimnis und das goldene Herzchen, das ihm auf der Brust ruhte, und immer wieder mußte er auf diesen Bekenner und Bußfertigen schauen, der in seiner Marter und Pein neben ihm herschritt, als wallfahre er der goldenen Pforte des Paradieses entgegen. Dicht vor Marienbaum, als schon die einzelnen Häuschen aus den mit Phlox, Feuerbohnen und Obstbäumen bestellten Gemüsegärten emporwuchsen, reckte sich der Marquis, daß es in allen Gelenken knackte und krachte, und mit qualverzerrtem Gesicht, mit brennenden Füßen und hämmernden Pulsen, die ihm die Adern zu sprengen drohten, aber ungebrochen und treu auf seinen Heiland vertrauend, stimmte er das gewaltige Lied an, das die Büßenden auf ihren Wegen sangen, wenn der Gnadenort in greifbare Nähe gekommen war. Und also klang es über Stoppelfelder und Kleeäcker, durch Straßen und Obstgärten: »In Gottes Namen fahren wir Und pilgern unsere Pfade. Herr Zebaoth, das Herz zu dir, Wir suchen deine Gnade. Ob auch der Satan sinnt auf Raub Mit List und Höllenkrallen, Für dich durch Leid und Erdenstaub Wir wallen, wallen, wallen.« Hans stimmte mit ein. Sein Vater wurde zum Helden für ihn, zum Glaubensträger, zum Widerpart des Bösen und Schlechten. Der Kern seines Wesens machte ihn in seinen Augen den Blutzeugen ähnlich. Er hörte auf seine Stimme wie auf eine Offenbarung. Er sah in ihm einen Wundertäter, einen Knechter des Fleisches. Was dieser ihm angetan durch seine Härte und Starrheit, vergaß er. Die Stunde regierte. Nur seine Liebe... Aber auch diese gewann einen Heiligenschein und schwebte als schleierweiße Taube gen Himmel. Diese Andacht und Weihe! Die Leute, die ihnen begegneten, Büßer und Bittgänger, knieten nieder und zogen die Mützen herunter. So hatte noch keiner gesungen von allen, die zur Gnadenstätte gewandert – so nicht, so nicht geliebt und gelitten. Von fünf zu fünf Minuten wiederholte sich der mächtige Kantus. Als die vorletzte Strophe einsetzte und die Erbsen in den Schuhen wie die höllischen Geister plagten und bohrten, als die Marter ihren höchsten Grad erreicht hatte und schier unerträglich wurde, zogen die beiden an den Verkaufsläden vorüber, deren Besitzer allerlei fromme Gegenstände feilhielten, als da waren: Skapuliere und Rosenkränze, wächserne Hände und Beine, Kerzen, Gebetbücher und Marienplätzchen, und über das alles bimmelte das magere Glöckchen des Heiles, straffte die Nacken und munterte die zerschlagenen Glieder wieder auf, die sich auf dem holperigen und glutenden Straßenpflaster zum Hort der Bedrängten, zum wundertätigen Bildstock bewegten. »Da geht der Marquis,« sagten die Menschen und stießen sich an, als sie den Alten mit seinem Sohne kommen sahen. »Großartig, was?!« und mit verklärten Augen folgten sie den Schritten des unbändigen und fanatischen Gutsherrn. »Der erstickt in der heiligen Dreifaltigkeit, so fromm ist der Mann,« erklärte ein vermickertes Bäuerchen aus der Gegend von Op gen Oort. »Ich kenn' ihn. Der duldet keinen Blitzableiter auf seinen Dächern und Kaminen und dreht allem modernen Schwindel den Hals ab. Ein Kreuzweggang oder 'ne geweihte Kerze tut's auch. Das meint er, und dabei ist er gut gefahren im Leben. Deo gratias !« Adam Harkort warf ihm einen dankbaren Blick zu, und wieder polterte das Lied über die Menge. Als sie mit der letzten Strophe begannen, hatten sie die Schwelle der Gnadenkapelle erreicht. Ein warmer Brodem nach Schweiß und Weihrauch schlug ihnen entgegen. Von allen Seiten strömten die Gläubigen zu. Ha, wie das wohltat! Dieses Brausen, dieses Flehen und Opfern! Singend traten sie ein, gewannen das Mittelschiff und knieten vor dem Wunderbild nieder. »Non est in toto sanctior orbe locus,« stammelte Hans und küßte den Boden, während die Orgel aufjubelte und die zermürbten, zernagten und gepeinigten Beter, die die niedrigen Hallen mit ihrem dampfenden Atem, ihrem Dunst nach Stiefeltran und Zichorienkaffee erfüllten, in den marianischen Lobgesang ausbrachen, um das Herz der himmlischen Frau willfährig und gefügig zu machen. Ob sie wollte oder nicht, sie mußte. Von heiliger Begeisterung getragen, aus tiefster Not und Bedrängnis sangen sie alle: »O piissima, O sanctissima, Dulcis virgo Maria! Mater amata, Intemerata – Ora, ora pro nobis!» Die Stimme des Alten marschierte durch dieses Gebrause hindurch wie eine streitbare Heldin, als gälte es, Löwen und Drachen und sonstige Ungeheuer in das ewige Feuer zu singen. O sanctissima ...! Die mit dem Rosenkranz umwickelten Hände hoben sich langsam, und mit ungestümer Inbrunst umgriff er mit stieren Blicken das wundertätige Bild – den mit einem groben Messer bearbeiteten Holzstock von brauner, schmutziger Farbe, mit Edelsteinen umkrustet, mit einem goldenen Krönchen geziert, mit einem steifen Gewand und silbernen Bordüren bekleidet, roh und mißgestaltig und mit brennenden Kerzen, Wachsstöcken und weißen Papierrosenkränzen geschmückt ... aber in dieser Umgebung, unter diesen Gläubigen, hier in dem Rauschen der Orgel, dem Stammeln inbrünstiger Lippen, dem leisen Geklirr der Medaillenstäbe, in dem Dampfen des Weihrauchs, dem Jammern, Klagen und Bitten wurde das unscheinbare, häßliche Ding zu einem leuchtenden Wesen, zu einer strahlenden Frau, zur Gottesmutter, zur Allerbarmerin, zur Königin des Himmels und der Erde. »O piissima, O sanctissima, Ducis vigro Maria ...« Adam Harkort erbebte bis in die derben Schuhe hinein. Sein Blut rauschte. Seine Adern schwollen an. In visionären Bildern zog es an seiner Seele vorüber. Seine Mundecken kauten. In monotonen Sätzen fiel es ihm von den Lippen herunter. Die Menschen, die in seiner Nähe standen, wurden aufmerksam. Sie stießen sich an. »Der Marquis will sprechen,« flüsterten sie sich zu. Die Hälse reckten sich. Eine Bewegung entstand, die sich stoßweise fortpflanzte. »Jungfrau Maria,« begann er zu reden, schwerfällig, abgehackt, eindringlich, dann und wann mit Tränen dazwischen, »daß ich hier stehe, ist um deswillen, daß ich mich entschuldigen möchte von wegen meiner Reise nach Frankreich. Ich war in la Salette, ich und mein Weib, und haben dort keine richtige Bekömmnis gefunden. Daß ich's man sage: La Salette ist nichts, und was sie dir dort angesteckt haben, stank nach dem Öl der Nachtlampe. Franzien ist das Land der Dirnen, das Babel der Neuzeit. Deutsche Männer und deutsche Frauen sollen nicht die französische Muttergottes begrüßen. Die hilft ihnen nicht, weil sie sich nicht auf den französischen Tand und den französischen Schwindel verstehen. Hier allein wohnst du, lebst du, regierst du – hier in Marienbaum, wo wir niederrheinischen Boden unter uns und niederrheinisches Himmelreich über uns haben.« Ein beifälliges Gemurmel begleitete diese zuversichtlichen Worte. Der Alte sprach weiter, immer lauter und voller, immer freier und herrlicher: »Jungfrau Maria, du ehrwürdiges Gefäß, du elfenbeinerner Turm, Gottesgebärerin, Mutter der Gnaden und der Barmherzigkeiten, mein Weib will erblinden, will in die Nacht hinein, in ewiges Dunkel... O du Wundertätige, nimm ihr dieses Erblinden hinweg, lege ihr die Hände auf, damit sie gesunde; denn siehe: wie Abraham in der Morgenfrühe auszog, dem Herrn zu dienen, so bin ich meines Weges gegangen, um dir ein Opfer zu bieten. Ich bin nicht mit leeren Händen gekommen...« und seine Stimme lief wie die eines Propheten durch die Gnadenkapelle, »nein ich bin nicht mit leeren Händen gekommen...« Er riß seinen Sohn in die Höhe. »Erbarme dich meiner, erbarme dich meines gequälten und zermarterten Weibes, denn wisse: hier dieser, mein Zweitgeborener, will die Freuden des irdischen Lebens von sich tun, will das Kreuz auf sich nehmen und Geistlicher werden.« »Vater, Vater...!« Der Alte hörte über ihn fort, wie der Sturm über das bange Leben hinweghört, wenn er die hundertjährigen Eichen rüttelt und schüttelt. »Dies mein Gelöbnis, dies mein Opfer! und du« – und er legte seinem Jungen die harten Fäuste fest auf den Scheitel – »du willst doch, du bist doch kein Schwächling, du willst deine Mutter doch retten? Und hier im Angesicht des allewigen Gottes, der gebenedeiten Jungfrau Maria sollst du mir schwören: Vater, dein Wille geschehe, oder ich bin verflucht vor dem Herrn!« und der Alte verstummte... und es war so, als wenn der Bildstock Odem und Leben gewönne, als ginge ein überirdisches Flammen von dem goldenen Krönchen, als spiele ein seliges Lächeln um den Mund des wundertätigen Gnadenbildes... Ein Schluchzen und Weinen erschütterte die Menschen, als sie das alles sahen und hörten. Aufrecht stand der Marquis, aufrecht wie der große Leuchter auf der Evangelienseite, das Haupt aufwärts gerichtet. Hans lag am Boden und preßte die heiße Stirn auf den Estrich... und er sah die eigene Jugend zerfließen ... und sah ein Mädchen verzweifelt die Arme ringen ... und sah sein Dasein und seine Ideale zertrümmert ... aber seine Mutter, seine angebetete Mutter ging wieder dem Licht und der Auferstehung entgegen. »Ich will!« rief er jubelnd. Dann sah er Sterne und leuchtende Kugeln, Planetenfeuer und himmlische Kronen, und als diese verschwanden, hatte er das Gefühl, als legte sich eine wohltuende Nacht um ihn her. In der Wirtschaft ›Zum glorreichen Rosenkranz‹ fand er sich zu einem neuen Dasein wieder. Als die Hitze nachließ, der Dunst des Tages sich auflöste und ein stiller Friede die Erde beglückte, traten sie den Heimweg an. Die Welt lag in Gold. Ums Abendwerden passierten sie die Wassermühlen. Franziska stand wieder am Fenster. Bleich und mit verweinten Augen, drückte sie ihre Stirn gegen die Scheiben. Ihr Blick war nach innen gerichtet, als wenn sie in das kalte Nordlicht des Schmerzes hineinsähe. Hinter Op gen Oort lag eine dunkle Wolkenbank. Sie regte sich nicht. In majestätischer Bewegungslosigkeit blieb sie am tiefen Horizont rasten. Von Zeit zu Zeit blinkte sie auf, und eine hellblaue Linie zuckte lautlos über den Boden. Die beiden traten in den Hof ein. Bald darauf lagen sie an der Brust eines schluchzenden Weibes. »Er tat seine Pflicht,« sagte der Marquis, »wie ich es versuchte, dir gegenüber meine Pflicht zu erfüllen.« »Mutter, Mutter!« »Mein Junge...! Adam und Hans, ich küsse euch beide.« Segnend hielt sie die Arme gebreitet. – Im folgenden Frühjahr hatte Hans Harkort das Seminar in Münster bezogen. Gemeinschaftlich mit ihm war Andreas Lobbers, der Schmiedejunge aus Keppeln, desselben Weges gegangen. Die Tonsur wartete ihrer.   Die Standuhr ließ ein feines, nadelscharfes Tinken vernehmen. Neunmal schlug sie an. Gleich darauf klinkte die Tür auf und zu. Lautlos und mit vorgestreckten Händen war die Mutter ins Zimmer getreten. Sie berührte ihn mit weichen Fingerspitzen. »Hans, wir wollen zu Tisch gehen.« 6 Freitag Nachmittag gegen zwei ... Wie mit Aschensäcken hing es vom grauen Himmel herunter. Das Sonnige und Heitere war von der Erde genommen, von der jungfräulichen Erde, die schon so tapfer geblüht und geduftet hatte. Die Veilchen unter den Bocksdornhecken häkelten ihr blaues Mäntelchen zu, auf den Wiesen fröstelten die Himmelschlüsselchen, und doch lief ein laulicher Wind von Abend gen Morgen. Nur das Dunstige, Versponnene in der Natur ließ die Stimmung unbehaglich und stumpf erscheinen und gab ihr das, was die Haut schaudern machte und die Seele vergrämelte. Überall leise Seufzer und das Rascheln von Trauerfloren. Überall das Duften nach vertrockneten Blättern und welken Blumen. Kein fröhlicher Auftakt, kein Buchfinkenlied, nicht das Geringste, was die bunten Flügel spannte, um wie ein schillernder Falter das Auge zu erheitern und den Sinnen wohl zu tun. Das Steifleinen-Putzige, das sonst der niederrheinischen Gegend anhaftete, wollte nicht aufkommen. Man dachte vielmehr an die ernsten Psalmen Davids, an die schauervollen Klagegesänge des Jeremias, und dennoch, wer genauer zusah, war imstande, den Pulsschlag des scheinbar abgestorbenen Lebens zu spüren. Obgleich der Himmel Tränen in den Wimpern hatte, ein feiner Aschenregen die Fernen umdüsterte und die alten Pappeln, die den breiten Stadtgraben umstanden, gleich den Totenbeterinnen allerlei krauses Zeug durcheinander fummelten – etwas Erbauliches lief mit unter, und dieses Erbauliche trug ein fideles, drolliges, kregeles Schweineschwänzchen im Nacken, ein Schwänzchen so übermütig, wie überhaupt ein Schweineschwänzchen nur sein konnte. Die Landschaft schmunzelte und mit ihr die Lebewesen, die diese Landschaft bewohnten. Trotz aller Tränen und Wehleidigkeiten – überall kam das naive Schweineschwänzchen zum Vorschein: ein Lächeln unter Leiden und Schmerzen, eine Kapuzinade inmitten der Evangelien. Es war so, als hätte hier der weiland ehrwürdige, hochgelehrte und wohlachtbare Doktor der Medizin, Herr Carolus Arnoldus Kortum, Gründer der Hermetischen Gesellschaft, seine köstliche ›Jobsiade‹ oder Leben, Meinungen und Taten von Hieronymus Jobs, dem Kandidaten, verfaßt und niedergeschrieben, um dann das Dichterzepter an den unseligen und göttlichen Friedrich Hölderlin abzugeben. De profundis clamavi ad te, Domine ... Der Zeiger der Rathausuhr rückte auf zwei. Bald darauf arbeitete sich die Stunde mit heiserem Murren über die Dächer der kleinen Stadt, die aus ihrem Mittagsschläfchen noch nicht so recht aufwachen konnte. Gleichzeitig pilgerten drei einzelne Schläge von Sankt Nikolai in alle Fernen hinein, drei einzelne Schläge, die sich in gemessenen Intervallen aneinander reihten, was andeuten sollte: in einer Stunde wird Christian Franz Malthus begraben. In diesem Augenblick bewegte sich ein wohlgenährter, trefflich aussehender Mann, eine lautpickernde Uhr in der Westentasche und einen stattlichen, wenn auch etwas altmodischen Zylinder auf dem Kopfe, von der Windmühle herunter, schlug den Kommunalweg ein, um auf diesem die am Kesseltor gelegene Schleuse zu gewinnen. Von hier aus war das Sterbehaus leicht zu erreichen. Der wohlgenährte und trefflich aussehende Herr imponierte. Ganz in Schwarz gekleidet, das glattrasierte Doppelkinn durch sorgfältig gebügelte Vatermörder abgesteift, machte er eine würdige Figur. Nur der langschößige Bratenrock saß zu prall auf dem Bäuchlein und warf hierdurch neckische Falten und Linien. Auf dem Pastetengesicht des zufriedenen Mannes, dem des Lebens Pein und Plagen niemals die ernsten Zeichen des Duldens eingeprägt hatten, lagen zurzeit die Schatten der Wehmut und der Trauer. Trotz der erfrischenden Kühle, die von der Mergelgrube herüberwehte, wuchtelte er sich mit seinem Taschentuch etliche Luft zu, denn Cornelis Höfkens war etwas kurzatmig veranlagt, obgleich er über eine Stimme verfügte, die einem querköpfigen Müllergesellen Angst in die Hosen jagen konnte. Unmittelbar neben der Schleuse erhob sich ein zweiter Zylinder, ähnlich dem ersten, nur mehr in die Höhe gereckt, einem abgeschnittenen Kegel von fuchsigem Aussehen wie aus dem Antlitz geschnitten. Eine tiefschwarze Kreppbinde verlieh dieser Kopfbedeckung eine besonders feierliche Note. Der Tod von Basel hätte keine sinnigere aufweisen können. Zu diesem Zylinder gehörte ein hagerer, langaufgeschossener Mann, dessen Hosen sich auf den mastigen Stiefeln korkzieherartig stauchten, ein Zeichen dafür, daß der Zuschneider es nicht verstanden hatte, die unteren Potentaten mit den Beinkleidern in ein harmonisches Verhältnis zu bringen. Disharmonie über Disharmonie! Aber Herr Dores Schweißgut, in der schwerheimgesuchten und angekratzten Solopartie ›Grünober‹ genannt, fühlte sich in diesem Bekleidungsgehäuse so trefflich und mollig und stand dabei so sicher und zukunftsfreudig auf seinem unförmlichen Schuhwerk, daß es jedem eine innere Befriedigung gewähren mußte, diesen Vertreter einer kleinstädtischen Honoratiorenwelt näher ins Auge zu fassen. Was Cornelis Höfkens nicht hatte, das besaß dieser Biedermann in reichlichstem Maße: eine respektable Länge, die ihn befähigte, seine Schinken und Speckseiten ohne Beihilfe einer zweizinkigen Forke aus dem Rauchfang zu heben. Seines Zeichens Kolonial- und Schnittwarenhändler, war er ein Weltweiser melancholischen Sinnes, mit Korinthenäugelchen, einer durch Spaniol schwärzlich gefärbten Schnurrbartfliege unter der breitschäftigen Nase und einem schmalgezogenen, ausgemergelten Gesicht, das aussah, als hätten sich darin die Leiden des Herrn oder die mageren ägyptischen Jahre verkörpert. Sein Sich-Bücken war Arbeit und sein Sich-Aufheben ein mühseliges Tun, was ihn veranlaßte, möglichst geringen Gebrauch von diesen Körperbewegungen zu machen. So stand er denn auch jetzt wie ein Säulenheiliger, kerzengeradeaufrecht, den baumwollenen Regenschirm mit der blanken Messingkrücke unter der linken Achsel und die klobigen Hände, die nach Kandiszucker, Zichorien und Anissamen dufteten, fest und stramm auf dem stärkeblauen Schemisettchen gefaltet – einem Schemisettchen, das steif und hart wie ein Brett war und bei jeder Gelegenheit wie ein Ofenblech rasselte. Das Flanellartige einer sanften Unterjacke und das Sture und Straffe eines preußischen Steuerbeamten waren in Dores Schweißgut vereinigt, ergänzten sich wechselseitig und muteten an wie die siamesischen Zwillinge. Ohne das eine war das andere nicht denkbar, wäre die körperliche Verfassung des Herrn Schweißgut dem Bankrott verfallen und er selber ein Bankrottierer geworden. Als die beiden Leidtragenden sich dicht gegenüber standen, hoben sie die Zeigefinger gleichzeitig an den Rand ihrer Zylinder. »Tag, Grünober!« »Tag, Matador!« »Wie steht's mit's Befinden?« »Um die Wahrheit zu sagen – es könnte besser gehen. Aber ich bin trotzdem zufrieden. Und du?« »Merci. Man muß den Kopf oben behalten. Es macht sich.« Wie auf ein Kommando sahen die Herren in die nämliche Richtung und revierten wie die Sperber die lange Kesselstraße ab, auf der Pitt Lörksen, emeritierter Kappesbauer und Schnapsbrenner, in der Solopartie ›Trumpfsieben‹ geheißen, ansegeln mußte. Und keine drei Minuten vergingen, da kam er – ein purzelndes Kerlchen mit viven Beinchen, fünf Käse hoch, aber fett und rund wie eine Weinbergschnecke und mit einem Kartoffelgesicht, als wäre der mit einem Quäkerbart verunzierte Kopf eines Silen auf den Rumpf eines zwergigen Menschen gestolpert. Seinem Äußeren entsprach seine Gemütsart. Miesepetereien lagen ihm fern. Immer aufgeräumt wie die Bläschen im Selterwasser, nahm er die Geschicke des Tages hin, wie sie ihm in den Schoß fielen, gute und böse, ohne sich dabei aus seiner Kontenance bringen zu lassen. Eine besondere Kunstfertigkeit besaß er im Pfeifen. Er gefiel sich darin wie ein Flachsfink oder ein Harzer Kanarienvogel. Mit spielender Leichtigkeit bewältigte er die schwierigsten Passagen. Ihm gleich, ob er eine tremoulierende Gluckertour oder eine perlende Klingelrolle an den Mann zu bringen hatte – mit einer Treffsicherheit, die Bewunderung abzwang, brachte er sie unter die Leute und erfreute die Herzen. Niemand konnte ihm gram sein. Von dem Wahlspruch beseelt ›Immer leschär‹, wußte er selbst den traurigsten Dingen eine freundliche Seite abzugewinnen, obgleich das Ableben seines Freundes und Solokollegen ihn schlimmer gepackt hielt, als er sich eingestehen mochte. Aber auch dieses mußte erduldet werden, so schwer es ihm auch ankam, wobei er den etwas zu engen Zylinder mit einer gewissen Kunstfertigkeit den Launen des Windes anpaßte, um ihn in Balance zu halten, nicht ohne dabei verhindern zu können, daß der schönaufgebügelte Kopfschmuck auf dem entwaldeten Schädel herumschaukelte wie der unstete Lichtschein in einer Straßenlaterne. Fidel kam er näher, wobei er den Chopinschen Trauermarsch ›Nu trinkt er keinen Rotspon mehr‹ getragen vor sich hinflötete. Schon von weitem warf er den Zeigefinger an den Hutrand. »Tag, Grünober! Tag, Matador!« und dann, als er sich zu diesen gesellt hatte, legte er los: »Immer leschär, meine Herren! – Aber zackerzucker nochmal, dieses Malör! – Diese Geschichte! – Das ist ja, um junge Hunde zu kriegen! – Malthus ist rips! – Die Solopartie zum Deubel! – und alles so plötzlich und wie vom blauen Himmel herunter ...!« »Schlimm!« sagte Höfkens. »Sehr schlimm!« meinte Grünober. »Trostlos!« konstatierte der zuletzt Angekommene und streckte die mit einem schwarzwollenen Handschuh umkleidete Rechte in den dunstigen Himmel, um sie matt und lahm wieder fallen zu lassen. »Malthus, diese Säule, dieser Trumpfkönig, dieser knollige Kraftmensch – unser Freund, unser Gönner, unser Präside ... so von uns zu gehen! Mußte das sein? Aber immer leschär, meine Herren! Noch vor wenigen Tagen konnte der Mensch die festesten Haselnüsse mit den Zähnen zerbrechen. Und nun? Staub und Asche und tot wie'n toter Mehlkäfer. O, o, o!« Das ›O‹ winselte am Boden, als wäre ihm das Rückgrat gebrochen. »Äußerst traurig,« schluchzte der Müller. »Mehr als äußerst, um die Wahrheit zu sagen,« bemerkte Grünober. »Zum Weinen,« erklärte Pitt Lörksen. »Aber gehen wir, damit wir dem Verstorbenen, seinem Wunsche gemäß, die letzte Ehre erweisen. Immer leschär, meine Herren!« und damit sockten sie ab, der Matador in der Mitte, rechts Trumpfsieben, zur Linken Grünober – die betrübte und schwergeprüfte Solopartie – drei Zylinder in der niederrheinischen Landschaft – drei Bratenröcke in Schwarz – von Wehmut getragen und dem melancholischen Rauschen kahler, wenn auch knospender Bäume umzittert ... und sie sprachen von dem Verstorbenen, von Hans Harkort, von der heimgesuchten Frau und Simonis ... und sie versuchten es, Licht in die rätselhaften Dinge zu tragen, den Schleier zu lüften, die letzten Augenblicke ihres Freundes zu beleuchten und sich die Gründe zu vergegenwärtigen, die ihn veranlaßt haben mochten, in der letzten Stunde das gewaltige Lied ›Wir sind im wahren Christentum‹ mit getragener, wenn auch verzweifelter Stimme zu singen. Allein, wie sie auch nachdachten und grübelten und das Für und Wider in Erwägung zogen, auf Schritt und Tritt hatten sie mit Widersprüchen zu kämpfen, die außerhalb des Kreises ihrer Kalkulationen standen. Sie konnten die Lösung der geheimnisvollen Begebenheiten nicht finden. So gaben sie denn ihre Bemühungen auf und rollten schweigend wie die Lemuren den letzten Rest des Weges unter ihren breiten Schuhen auf. Taktmäßig gingen ihre Tritte über den Paternosterdeich. Als die ersten Leidtragenden näherten sie sich dem Trauerhaus, das mit seiner greifbaren Einsamkeit und seinen geblendeten Fenstern stumpf und leblos unter dem bleiernen Himmel ruhte. Auf dem Flur drang ihnen ein atembeklemmender Duft nach warmem Krepp und welkendem Fichtengrün entgegen. Blumenreste und Schleifen lagen auf dem Boden verstreut, und zwei Mädchen waren dabei, den Estrich zu säubern und die zugetragenen Kränze zu ordnen. Ein regelmäßiges Hämmern, das irgendwoher tönte und dazu dienen mochte, die Wanddekoration zu befestigen, verstummte bei ihrem Eintritt. Kosman Kraneboom empfing sie. »Kosman, ist alles parat?« fragte Cornelis Höfkens. »Allens! – ich bitte die Herrens.« »Noch eins!« meinte Trumpfsieben. »Wer macht die geistlichen Honnörs?« »Der Herr Dechant.« »So, so! – Der Herr Dechant! Und wer assistiert ihm?« »Der neue Kaplan.« »Kuck mal an! Der junge Herr Lobbers. Der Andrees!« »Derselbe,« stellte Kosman ausdrücklich fest. »Erst vor kurzem ist er von Empel weg auf die hiesige Stelle gekommen.« »Ich kenn' ihn,« warf Grünober dazwischen, »ihn und den Alten, und um die Wahrheit zu sagen: ganz propere Leute; denn Schmied Lobbers aus Keppeln hat von mir immer seine Waren bezogen, Kandis und Korinthen, um die Weihnachtsstuten zu backen, 'ne gute Familie und allerhand Achtung!« »Schön!« sagte Kosman. »Aber ich bitte die Herrens.« »Immer leschär!« meinte Grünober. Gemeinsam traten sie in die geräumige Küche und von hier durch die sperrangelweit geöffnete Tür, die ins Sterbezimmer führte. Ein matter Dämmerschein empfing sie. Mitten unter der verkleideten Hängelampe ruhte Christian Franz Malthus. Geranien und Goldlackstöcke umgaben die offene Lade, der ein aufdringlicher Geruch nach Lack und Firnis entströmte. Sieben Kerzen, je drei zur Seite und eine stärkere, größere am Kopfende des Sarges, verbreiteten eine spärliche Helle, die aber immer noch ausreichte, die Züge des Abgeschiedenen genau zu erkennen. Sein Anblick war ehrfurchtgebietend. Wie ein Großer, ein Mächtiger, einer von den Auserwählten, langhingestreckt, eine blendendweiße Zipfelmütze übergezogen, die Nase spitz und durchsichtig wie Porzellan, die stillen Hände mit den bläulichen Fingernägeln gefaltet und dazwischen die Glasperlen eines Rosenkranzes vernestelt, majestätische Ruhe auf den zermarterten, aber doch nicht entstellten Zügen, die Lippen, auf denen ein kleiner Blutstropfen ruhte, ernst und geschlossen – so lag er auf den steifleinenen Kissen, jetzt aller Sorgen ledig, ein freier Mann, fern dem Menschengewühl, dem Irdischen entrückt und der Anschauung Gottes nahe. Mit leisem Tönen tropfte das überschüssige Wachs auf die Messingbehälter. Sonst war es totenstill im Zimmer. Nur eine Fliege näselte von Zeit zu Zeit mit dem seinen Singsang einer zart angestrichenen Saite durch den Gottesfrieden. Betroffen standen die drei an der Lade, schüttelten die Köpfe und preßten bewegt den Rand ihrer Zylinder gegen die Westen. Keiner sprach ein Wort. Endlich jedoch wagte Cornelis Höfkens das Schweigen zu brechen und sagte: »Malthus, wir drei, deine Freunde und Solokollegen, sind gekommen, um dir nach alter Sitte und deinem Wunsch gemäß die Ehre zu geben. Indem wir nun in Trauer und tiefster Bekümmernis hier vor deinen sterblichen Resten erscheinen, um dir zu dienen und dir unsere Liebe und Anhänglichkeit zu beweisen, geloben wir in dieser ernsten und erhabenen Stunde: Malthus, dein Wille geschehe!« »Dein Wille geschehe!« respondierten die übrigen Leidtragenden. »Dann Hut auf!« gebot Cornelis, und bedeckten Hauptes traten sie in die Küche zurück, wo sie sich im Anblick des Toten um den für sie hergerichteten und mit einem Fidibusbecher, einem Kartenspiel und zwei brennenden Kerzen bestellten Tisch niederließen. Kosman überreichte jedem seine gestopfte Kalkpfeife, bediente die Herren und machte sich hierauf an der Anrichte zu schaffen, indem er drei Schnapsgläschen auf eine Zinnassiette stellte und einen bauchigen Tonkrug hinzutat, auf dessen Binde die anheimelnden Worte standen: »Münsterländer Korn, hergestellt von Josias Schwerdrupp in Rheine. Semper idem .« Bläuliche Kringel stiegen zur Decke. Mit übergeschlagenen Beinen und stumm wie die Spiegelkarpfen folgten die drei den ziehenden Wölkchen. Keines Menschen Stimme wurde laut, kein Geräusch ließ sich hören. Die ernste Zeremonie ging ungestört weiter. Nur vom Herdfeuer her kam zuweilen das monotone Zirpen eines Heimchens herüber. Wie Ölgötzen saßen sie da, wie Fakire oder auch wie Feueranbeter in Baku auf der Halbinsel Apscheron im Kaspischen Meere – drei Marabus auf der nämlichen Stätte, würdig, feierlich und mit langen Gesichtern, über denen sich die hohen Zylinder wie schwarze Kegel aneinander reihten. Der Rauch wurde stärker. In zierlichen Spiralen und Streifen verstreute der Oldenkott Rippchentabak seine köstlichen Arome. Die Dämpfe schleierten sich um Zinnteller und Kasserollen und senkten sich dann als Musselingewebe wieder sacht aus der Höhe. Unter diesem feierlichen Schweigen und Rauchen waren etwa zehn bis fünfzehn Minuten vergangen, als Cornelis Höfkens einen grunzelnden Ton von sich gab und diesem Grunzeln noch das Wort ›Codille‹ hinzutat. »Codille!« rief er mit einer getragenen Geste. »Hm, hm!« sagten die andern. Dann wieder Pause, die Kosman Kraneboom dazu benutzte, den Münsterländer Korn, hergestellt von Josias Schwerdrupp in Rheine, sorgfältig in die blanken Gläschen zu füllen. Im selben Augenblick sagte Pitt Lörksen tief aus seiner schwarzen Samtweste heraus: »Trumpfsolo!« »Brav so, brav so!« murmelten die andern, während sich Kosman Kraneboom mit dem Zinntablett und den eingeschenkten Schnäpsen langsam in Bewegung setzte. Wiederum waren zwei Minuten vergangen, da schlug Grünober die flache Hand gedämpft auf den Tisch, blies eine forsche Wolke aus seiner Kalkpfeife und flüsterte mit verhaltener Stimme: »Solo tout, um die Wahrheit zu sagen.« Alle erhoben sich. »Pompös!« sagten die Männer, sahen sich an und grüßten sich wechselseitig durch Lüften ihrer Zylinder. Kosman war an ihre Seite getreten. »As't üh belieft, Mynheer Höfkens.« »Merci.« »As't üh belieft, Mynheer Schweißgut.« »Danke, danke, um die Wahrheit zu sagen.« »As't üh belieft, Mynheer Lörksen.« »Immer leschär!« meinte Trumpfsieben, und gemeinsam mit den andern wippte er sein Gläschen hinunter, worauf der Matador ein stummes, vielsagendes Zeichen machte und die drei mit brennender Kalkpfeife und auf Zehenspitzen sich zum Toten begaben. »Malthus,« sagte Cornelis, nachdem er dicht vor die Lade getreten war und seine Kollegen sich rechts und links von ihm aufgepflanzt hatten, »nun sind wir zum zweitenmal erschienen, aber in voller Montur und mit brennenden Pfeifen, um dir das letzte Lebewohl zu bereiten. Lieber Freund und Tabaksgenosse, nimm mir's nicht übel« – und seine Worte gerieten in ein gelindes Zittern und Zagen – »wenn ich behaupte: ein ekelhaftes Biest hat dir das Marks aus den Knochen gesogen, und trotzdem und desungeachtet« – und seine Stimme straffte sich wieder – »müssen wir dir alle Hochachtung schulden. Malthus, dein Leben war tuschur 'ne barbarische Arbeit mit das infamige Wasser, und was solches bedeutet ... Malthus, ich kenne das mit dem Wind und das mit's Wasser, aber das mit's Wasser ist noch immer 'ne Portion unbequemer gewesen, denn es hat seine Nucken und Raupen und kann einem Strunk und Stiel und Reputation und Monetens verderben. Indessen jedoch, du hast dir immer forsch überm Pegel gehalten.« »Hast du,« pflichtete Trumpfsieben bei. »Hast du, um die Wahrheit zu sagen,« nickte Grünober. »Malthus, und dein Sterben war köstlich,« sprach Cornelis weiter, »köstlich wie man das so benennt, wenn man nicht lange gebraucht, um ins Himmelreich und zum lieben Gott zu gelangen.« »War es,« bestätigte Grünober. »Immer leschär!« sagte Trumpfsieben. »Indessen jedoch,« fuhr der Matador in getragener Weise und mit einem schweren Seufzer fort, wobei er eine blaue Opferwolke über den Abgeschiedenen forträucherte, »nur ein dunkler Punkt ist aus deinem schneeweißen Edelmannsleben übrig geblieben; denn was um Gottes willen, du lieber Solo- und Tabakskollege, hattest du mit Jan van den Birgel zu schaffen? und was veranlaßte dich, dem schwerreichen, aber dunkeln Kavalier aus dem Geldrischen deine Tochter zu geben? Ach, Malthus! – warum hast du Hans Harkort in Not und Elend getrieben? Ich bitte dir, Malthus!« »Ich bitte dir, Malthus!« echoten die beiden Mitkomparenten, indem sie ihre Nasen lang machten und einen schmerzlichen Blick auf den Verstorbenen sandten. »Indessen jedoch« – mit diesen Worten kam Cornelis allmählich zum Schluß seiner gehaltvollen Rede – »wir sind keine Richter und nicht bei's Amt angestellt, sondern bloß ehrliche Christenmenschen und schlichte Bürger, und können nicht wissen, welche tränenreichen Mouvements deine Seele bewegten, als du meintest, Glaube, Hoffnung und Liebe zwischen den Rädern zu finden. Das weiß nur der Himmel, das wissen nur die, die unter den ewigen Heerscharen wandeln. Auf Parol, meine Herren, dafür wird Malthus seine Gründe schon haben und sich verdeffendieren können, wenn der Herr ihm gebietet: Malthus, steh' Rede! Im übrigen: jeder Mensch hat sein Schwarzes im Konto, denn wir allinsgesamt sind Kinder der Finsternis und nicht solche des Lichtes. Drum keine Bange. Ich lege dafür meine Hand ins Feuer: spiegelrein bist du trotzdem geblieben und wirst so deinen Heiland erkennen, wirst eingehen zu ihm und zu seinem splendiden Gastmal – mit Gott, für König und Vaterland. Wir aber, die wir hier die Solopartie und den Rauchklub glorreich vertreten, die wir mit dir Freud' und Leid trugen bei Wind und Wetter, zu Wasser und zu Lande und wo nur immer es sein mochte, wir werden dir ein stetes Andenken bewahren, bieder und treu, besser als in Stein und Eisen verewigt, ungeteilt bis in die dunkelsten Tage – mit Gott, für König und Vaterland. Auf Parol, meine Herren« – und das melancholische Finale eines schmerzdurchpflügten Herzens zitterte vielbewegt durch seine verhaltene Stimme – »an deine Stelle soll ein Würdiger treten, ein Mann wie du, wert, die Karten zu mischen, im ›Dicken Tommes‹ zu sitzen und die Pfeife zu stopfen, auf daß es uns wohlergehe und wir noch lange leben auf Erden – mit Gott, für König und Vaterland!« »Amen,« sagte Grünober. »Amen,« bestätigte Trumpfsieben, und zum Zeichen unverbrüchlicher Treue und Trauer zerbrachen sie ihre Kalkpfeifen und warfen die Brocken unter die schwarzen Bretter. Kosman Kraneboom, der während dieser ergreifenden Feier zwischen Tür und Sterbezimmer gestanden hatte, trat erschüttert näher, drückte den dreien die Hand und sagte, während ihm ein namenloses Weh fast die Kehle abschnürte: »Danke, danke! wenn das noch Malthus erlebt hätte, er würde sich freuen.« Mitdem begannen die Totenglocken zu läuten, während Pitt Lörksen ganz leise dazu pfiff und ein tiefwehmütiges »Es ist bestimmt in Gottes Rat« durch das Trauerzimmer klingelte. Die Leidtragenden stellten sich allmählich ein. Der Duft nach Buchsbaum und welken Blumen war stärker geworden. Die Kerzen, die Malthus umstanden, schienen heller zu brennen. Weihrauch wölkte auf; er füllte alle Räume mit seinem Arom, und als der Dechant erschien und mit ihm Andreas Lobbers, im weißen Röckling, das Barett auf dem dunkeln Haar, schlicht und einfach und mit gütigen Augen, als sich ein erwartungsvolles Hüsteln und Scharren unter den Menschen austat – da öffnete sich die gegenüberliegende Tür, und eine hohe, schwarzgekleidete Frau trat ins Zimmer und stellte sich an das Kopfende des Sarges. Es war Franziska Simonis.   7 Sie stand in Weihrauch und Wolken, in einem aufdringlichen Duft nach Firnis und welken Blumen – abweisend, unnahbar und mit einem Ausdruck in dem schmerzentstellten Gesicht, den man bei jenen Frauen findet, die von sich sagen müssen: »Wir nahmen mutig ein leidenreiches Dasein auf, um Schlimmerem die Türe zu weisen. Leib und Seele gedachten wir dem Höchsten zu weihen und mußten sie dem Niederen geben. Nächtelang haben wir nach Erlösung gerungen. Sie kam nicht. Unsere Kämpfe sind vergebens gewesen. Es gab Augenblicke, wo wir zu verzweifeln drohten. Der Glaube an Gott ließ uns nicht gänzlich verkümmern. Wir hatten die traurige Pflicht, einem ungeliebten Mann anzugehören, und wurden so ein Opfer der Liebe. Das ist schlimmer als sterben. Es traten Dinge ein, denen man nicht nachspüren durfte, und Nächte kamen, die in Licht gebadet schienen und uns an jene Tage erinnerten, wo die Sinne erschauerten und wir wähnten, durch einen Sommer des Glückes zu schreiten – Erinnerungen, die zu schön waren, als daß sie wahr sein konnten, und die dennoch in der Wirklichkeit fußten; denn die Küsse flammten noch auf unseren Lippen, die wir in jenen heißen Stunden entgegennahmen und erwiderten. Sie machten uns zu Kelchen des Empfangens, zu Königinnen mit einem Kronreif im Haar, um uns gleich darauf wieder den zerschlissenen Mantel eines Bettelweibes um die schwachen Schultern zu legen. Der Schmelz unserer farbenschillernden Flügel ward von rohen Händen vernichtet. Die Leidenschaftlichkeit unserer Liebesglut ebbte zurück, verlief sich im Sande. Das große Sehnen und Suchen, das uns als Erbteil gehörte, aber keine Nahrung mehr fand, mußte verkümmern. Die Natur hatte uns geschmückt mit allem, um Liebe zu geben, um Liebe zu nehmen. Der Wunsch nach dem Mann war in uns. Wie der glückgesättigte Hauch sommerlicher Laubmassen, so rauschte es durch unser Sinnen und Hoffen. Wir waren wie die benedeiten Frauen, die dem Mysterium der Empfängnis entgegenharrten, und täuschten uns bitter. Wir breiteten die Arme, um mit dem Ersehnten himmlische Wonnen schon auf dieser Erde zu genießen, und ließen sie matt und gelähmt wieder fallen. So gingen wir durch eine endlose Wüste voller Spiegelungen, durch ein Land ohne Wasser. Wir dursteten nach einer lauteren Quelle und konnten die lautere Quelle nicht finden. Und die Nacht kam herauf, verschwiegen und von laulichen Winden durchzittert. Wir hatten nicht teil daran. Myriaden von Sternen glitzerten uns zu Häupten. Sie erfüllten unsere Augen mit Glanz, ohne unser Herz zu erquicken. Wir hörten nicht das Stammeln des Kindes, weil wir vor der Entweihung unseres Leibes bangten, denn ein Opfer zu bringen, ohne dieses Opfer mit aller Inbrunst der Freude darzubieten, ist Entweihung des Menschen. Schuldlos wie wir waren, waren wir schuldig geworden. So kam es denn auch ... Das Brausen der Leidenschaften schläferte ein, verhielt den Atem, bis es schließlich gänzlich verstummte. So blieb es bis heute – und wird nicht wieder erwachen – nie wieder ... Es sei denn ...« Franziska Simonis ...! Und sie stand in Weihrauch, in einem aufdringlichen Duft nach Firnis und welken Blumen – unnahbar wie eine Heilige, abweisend, ohne zu verletzen, eine Frau in Trauer, die ihr eigenes Leben beklagte und ihre Sinne gefesselt hielt, um sie nicht mehr von der Kette zu lassen. Und darin glich sie ihrer verstorbenen Mutter. Diese, aus gutem Hause gebürtig, strengen Gemütes und die engen Grenzen ihres ehelichen Wirkungskreises mißachtend, verlebte an der Seite des ihr aufgezwungenen Mannes farblose Tage. Zwei entgegengesetzte Naturen, sie: von dem Wunsche beseelt, aus kostbaren Schalen zu trinken, überempfindlich und sich nach Höherem sehnend, und er: aus grobem Holze geschnitten, ein Mann der Niederung, zugreifend, ernst und verschlossen, an Bildung des Geistes ihr nachstehend, so konnten sie eine ersprießliche Gemeinschaft ihres Daseins nicht finden und glitten auf diese Weise immer mehr auseinander. Nur die Tochter war Vermittlerin und Bindeglied zwischen ihnen geworden und blieb es, bis der Tod die Vereinsamte von ihren trüben Tagen erlöste. Der Durst nach dem Schönen, die Schwingungen einer trunkenen Frauenseele, das Abweisende und doch Anziehende, das schwarzblaue, wundersam gescheitelte Haar, die hohe Gestalt, das Sichverlieren in ihr eigenes Ich waren ihr als Vermächtnis der Mutter überkommen; doch als das Weib in ihr aufbegehrte, als sie wissend ward und ihre jungen Glieder in das Alter der Vollreife traten, brach auch ihre Welt zusammen, vereinsamte auch sie. Sich wohl bewußt, daß der schlimmste Teil ihres dornigen Weges nun hinter ihr lag, blieb sie eingedenk ihres verlorenen Lebens und eingedenk des Betruges, den man an ihrem ureigenen Recht begangen hatte. Dennoch klagte sie nicht um ihr zertrümmertes Glück, war eine Abgeklärte, eine Dulderin, die den Garten Gethsemane gefunden hatte. Und so stand sie auch heute gefaßt und ergeben in den Willen des Herrn, hörte sie das geheimnisvolle Wispern verworrener Stimmen, vernahm sie das dumpfe Glockengeläut, das in abgemessenen Pausen herübertönte und wie eine graue See gegen sie anbrandete. Sie sah ihren Vater liegen, mit gefalteten Händen, jetzt friedlich und still und doch mit dem markanten Schmerz um die Mundecken, der ihr eine große Leidensgeschichte erzählte. Die Sterbegebete klangen ihr zu ... und es war ihr, als sähe die Jugend sie an, als würde ihre tote Seele lebendig, als ginge sie wieder durch taufrische Wiesen, als genösse sie noch einmal die Stunde, in der ihre jungen, unbewußten Begierden erwachten, obgleich sie sich nicht verhehlen konnte: deine Liebe stirbt Hungers, und der Augenblick ist da, ihr die letzte Ölung zu geben – denn drüben an der Türschwelle ... Sie konnte nicht irren ... Seit Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, war sie nicht mehr daheim und auf den Wassermühlen gewesen, hatte sie es ängstlich vermieden, seine Pfade zu kreuzen, denn sie hatte sich richtig gesagt: Wenn du ihm wieder begegnetest, du müßtest in seine Arme hinein, müßtest sündig werden, das Brausen der erregten Sinne wäre nicht zu ertragen. Und das wollte sie nicht. Die ihr aufgezwungene Würde des Weibes ließ es nicht zu. Lieber das Schlimmste ertragen und geheiligt werden durch gemeinsame Leiden, als sich eingestehen zu müssen: Nun hast du auch deine Ehre verloren. Jetzt stand der Tod zwischen ihnen, und im Angesicht des Todes verleugnete sie auch jetzt die Stimme des Blutes, aber nicht die ihrer Gedanken, die so ungestüm waren wie stoßende Falken. Nur für die Flucht einer Sekunde begegneten sich ihre hungrigen Blicke, allein diese kurze Spanne genügte, sie mit Schatten kämpfen zu lassen, die sich allmählich inkarnierten und mit lichten Farben umgaben. Eine Wolke sank über ihre weitgeöffneten Augen, um sich gleich darauf wieder in ein Nichts aufzulösen. Man wußte nicht, ob Franziska Simonis in die Gegenwart schaute oder in die Tage zurück, die für sie voller Glanz und Sonnenschein waren. Nur sie allein konnte es wissen und dann noch der Insichgekehrte, der scheinbar ohne Teilnahme den Gang der heiligen Handlung verfolgte. Sie atmete tief auf. Ihr steinernes Antlitz war noch abwendiger und härter geworden. Ihr Leben und Lieben, ihr Dulden und Leiden zog an ihren geistigen Augen in raschen Bildern vorüber. Die Rückwirkung dieser Bilder machte sie wissend. Jahre, Monate, Tage wurden zu Minuten, zu flüchtigen Sekunden, und doch war jedes Bild, jede Szene von einer erstaunlichen Genauigkeit und Schärfe, so sauber und fein geprägt, als wären künstlerische Hände bei der Arbeit gewesen. Aus der Asche der verflossenen Zeiten hoben sich vereinzelte Funken, Funken, die hell wie der Tag leuchteten, und solche, die nur das matte Glänzen winziger Sternchen vortäuschten. Jeder Funke und jedes Fünkchen ein Erinnern, ein Offenbaren, ein liebes Gedenken oder ein namenloses Wehklagen – so stiegen sie auf, so glitzerten sie, so sanken sie nieder, um wieder still zu verlöschen. Wie sie spielten, diese glimmernden Fünkchen! Der Ton einer sanftangeschlagenen Glocke klang aus weiter Ferne herüber. Es war die Abendglocke, die den ›Engel des Herrn‹ läutete. Die Luft war klar wie Kristall. Ein roter Schein lag auf den Wäldern von Moyland. Durch die endlosen Wiesen schleppte sich ein stilles, verschwiegenes Wasser, das die Mühlen getrieben hatte und jetzt fromm und besonnen und an träumenden Gehöften vorüber dem Rhein zuströmte. Da standen sie an einer seichten Bucht bei den Erlen, sie und der junge Gymnasiast, der seine Sommerferien daheim verlebte, dicht aneinandergeschmiegt und Hand in Hand – und sie küßten sich lange. »Nun haben wir unser Geheimnis und unsre Liebe,« sagte er ganz benommen, während sie still vor sich hinweinte und sich in ihrem Glück nicht mehr zurecht finden konnte. Die Dächer von Op gen Oort ruhten im letzten Schein der untergehenden Sonne. Die Scheiben brannten wie böhmische Granaten. »Was werden die dazu sagen, Vater und Mutter?« fragte sie ängstlich, und ihre Blicke liefen verstört nach dem großen Gehöft, das in seiner ganzen Majestät und Selbstgefälligkeit sich den Purpurmantel des Westens um die starken Schultern legte. Zwei dunkle Vögel schwebten darüber hin und zogen Kreise um Kreise. Er schwieg einige Augenblicke und warf ihre Hand aus der seinen. Ein Brausen und Stürmen war in ihm. »Müssen werden sie beide!« sagte er mit fliegendem Atem, und dann riß er ihren jungen Leib an sich und war wie betäubt von den Wundern, die bei ihm waren. Und dichte Schleier zogen herauf und zerflossen wieder. Eine glutheiße Kuppel lag über der Erde. Da machte er mit seinem Vater die verhängnisvolle Pilgerfahrt nach Marienbaum, um für seine Mutter zu beten. Mit dieser Pilgerfahrt wollte ihr Glück auseinander, denn als sie zurückkehrten, krampfte sich ihr Herz schmerzhaft zusammen, sagte sie sich: »Nun will für mich das große Bahrtuch herunter.« Die Jahre vergingen. Er war längst im Seminar, aber sie fühlte noch immer die heißen Augen, die nicht von ihr ließen und sie selbst im Traume verfolgten. Sie hatte alle Hoffnung aufgegeben und lebte nur noch ihrer aussichtslosen und trostlosen Liebe. Und da eines Tages ... Es war wieder im Sommer. Der erste Schnitt war von den Wiesen herunter. Roggen und Weizen reiften der Sense entgegen. Der westliche Horizont glich einem Feuermeer, während der übrige Himmel schon langsam verblaßte. Die qualvolle Hitze, die tagsüber auf allem gelastet hatte, war von der Erde genommen. Taufrisch und kühl wehte es von dem blanken Wasser und den geschorenen Parzellen herüber. Da stand sie wieder an der seichten Bucht unter den Erlen, jetzt, wenn auch stiller und insichgekehrter, zur Jungfrau herangereift, die Taille schlank, die Hüften gerundet und die Brüste schön und kräftig gebildet. In ihren stahlblauen Augen, die zeitweilig eine dunkle Färbung annahmen, ruhte das Strenge, aber auch die Sehnsucht und das Verlangen des Weibes. Sie wußte, er hatte bereits die niederen Weihen empfangen und war jetzt seit einigen Tagen im Elternhaus, um sich für die höheren vorzubereiten. Immer mehr hatten sie sich aus den Augen verloren; nur nachts im Traume gingen sie Hand in Hand die alten Pfade und suchten die Stätten auf, wo sie einst glücklich gewesen. Das war alles. Sonst nichts mehr. Die Luft war regungslos, Blumen und Gräser schliefen, kein Laut ließ sich hören. Noch einen letzten Blick warf sie nach Op gen Oort, das wohlig zwischen seinen breiten Baummassen lag, und wandte sich zum Gehen. Der weiche Glanz des sinkenden Tages ruhte noch zwischen den Ackerfurchen oder verästelte sich mit den Zweigen der einsamen Erlen. Da war es ihr plötzlich ... Unvermittelt stand er neben ihr in seiner schwarzen Soutane, barhaupt, auf dem Hinterhaupt die bleifarbige, talergroße Tonsur, und mit glutenden Augen. Mit einem Schrei fuhr sie auf, raffte ihr Kleid und stürmte landeinwärts. Er aber ... wie angeschossen bäumte er hoch, und seine Stimme flog hart hinter ihr her: »Franziska!« Da blieb sie stehen, wie gebannt, wie angeschmiedet. »Was willst du von mir?« fragte sie tonlos. Mit einem Sprung war er bei ihr, hatte die Arme um ihren Nacken gelegt und sie an sich gezogen. »Glaubst du denn, ich hätte dich jemals vergessen?« fragte er mit entstellten Zügen, »hätte mein Fleisch und meine Sinne abgetötet, als wäre ich in der Thebais gewesen? Ich nenne mich noch immer Hans Harkort und dich meine Liebe, um die ich schrie wie das Tier in der Wüste, wenn es nach Wasser ruft. Und jetzt bin ich hier. Damals ... ich ging von Hause fort in der Absicht, über einen Friedhof zu gehen und eine Tote zu finden – und fand eine Lebendige.« »Hans, dein Gelöbnis!« Sie stemmte sich gegen ihn an und suchte aus seiner Nähe zu kommen. »Nein!« wehrte er gebieterisch ab. Seine Stimme klang rauh. Eine brausende Leidenschaft machte jedes Wort zu einem glühenden Wesen, das sich in ihre Seele versenkte. »Wo denkst du hin? – Gehe nicht fort ... bleibe hier ... niemand hört uns ... keiner sieht uns ... fürchte dich nicht ... Ich sage dir ehrlich: Kein Zufall brachte mich her. Ich bin um deinetwillen gekommen.« »Hans, du bist in der Soutane, stehst unter der Satzung der Kirche, und deine Mutter sehnt sich nach Licht ...« »Und wenn sie durch ewige Finsternis schritte ... mit dem heutigen Tage ... wenn es nicht heute geschieht, gehe ich in der Brutstätte der Verzweiflung unter. Ich halt's nicht mehr aus! Das Schermesser reißt mir das Gehirn auseinander. Der Buchstabe tötet, nur der Geist ist lebendig. Sprich nicht ... schreie nicht ... komme näher ... lasse mich an deinem Herzen gesunden ... sage mir: Willst du mich hören, Franziska?« Mit einem wehen Laut ließ sie ihre Arme sinken und flüsterte leise: »So sprich! Was willst du mir sagen?« Alles Blut war ihr vom Antlitz gewichen. »Du bist schön geworden, Franziska,« hauchte er leise, indem er versuchte, seinem Stürmen und Drängen Gewalt anzutun. »Dein Haar ist wie ein dunkles Vlies, und dein Leib ist wie der, von dem uns das Hohe Lied Salomonis berichtet. Du bist eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal. Dein Hals ist wie der Turm Davids mit Brustwehr gebaut, daran tausend Schilder hangen und allerlei Waffen der Starken.« »Hans, höre auf!« Sie wand sich in seinen Armen, ohne aus seiner Umstrickung zu kommen. Immer fester zog er sie an sich. Seine Worte wurden heißer und eindringlicher. »Ich wollte, daß du sagen möchtest,« fuhr er mit erstickten Lauten fort, »seine Linke liegt unter meinem Haupt, und seine Rechte herzet mich. Meine Liebe ist stark wie der Tod und ihr Eifer fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn. Franziska!« – und ihren Mund mit heißen Küssen bedeckend, stammelte er ihr trunken ins Ohr: »Die Stunde ist da. Ich muß dein Jawort haben oder du siehst mich nicht wieder.« »Was machst du aus mir?!« schrie sie auf. »Was soll aus uns werden?!« »Aus mir?!« klang es ihr zu. »Drei Jahre hindurch ertrug ich die entsetzlichsten Qualen. Drei Jahre hindurch knechtete ich meine rauschenden Sinne. Drei Jahre hindurch ... Ich ertrag' es nicht länger. Die niederen Weihen verpflichten zu nichts, bringen mich nicht mit der Kirche und Gott in Konflikt. Mein Gewissen ist rein, und hier die Tonsur – das Schermesser soll sie nicht mehr berühren, und hier die Soutane – ich werfe sie von mir. Vor Gott und den Menschen – ich will in die Welt zurück, ich will ins Leben zurück. Mir ist alles ein Tun. An deinem Herzen, in deinen Armen ... für immer und ewig ...!« Er umgriff ihre Gelenke, ihren armen Leib und drückte ihn aufs feuchte Gras in die Knie. Seine Stimme rollte über sie fort. »Willst du, Franziska?!« Da riß sie sich auf, umschlang seinen Nacken, preßte ihren heißen Mund auf den seinen. »Nimm mich, Hans! Ich will ja, ich will ja!« und er sah es ihr an: sie war bereit, an seiner Seite um ihr Heil und ihr Dasein zu kämpfen. Fest aneinandergeschmiegt, über sich den Stern ihrer Liebe und um sich die Stimmen des laulichen Abends, gingen sie durch die eingedunkelten Wiesen. – Andern Tages trat er entschlossenen Sinnes vor seinen Vater – drei Tage später war er verflucht und enterbt – und eine Woche darauf wurde der Alte begraben. Kurz nachher fiel sein Bruder einer Dreschmaschine zum Opfer. Über Op gen Oort senkte sich der Moder des Friedhofs. Die Äcker brachten keine dreißigfältige Frucht mehr, Knechte und Mägde lebten in gemeinsamer Kammer, das Vieh darbte, und die fetten Schollen verkamen. Die Menschen aber, die in der Niederung ihre Felder bebauten, sahen ihn traurig an, weil sie ihn für einen Entehrten, für einen Abtrünnigen hielten, schüttelten die Köpfe und sagten: »Der von Op gen Oort ist ein Kalviner geworden.« Nicht böswillig geschah es, sondern aus Mitleid; denn sie hielten ihn für den alleinseligmachenden Glauben verloren und das Heil seiner Seele gefährdet. Die Einsichtigen aber dachten anders darüber. Sie wünschten ihm Glück, sprachen ihm zu und priesen ihn und Franziska wegen ihrer erprobten Ausdauer und Opferfreudigkeit. Es sei gewiß: die Zukunft müsse sich ihnen sonnig gestalten, und so gingen die beiden still ihres Wegs und glaubten, aus dem Schweigen des Todes wüchsen für sie die Stimmen des Lebens, bis das Entsetzliche geschah, der eigene Vater den goldenen Tempel ihres Glückes zerstörte und ihr das grauenvolle Wort ›Assisen‹ vor die Stirne hämmerte. Sie wußte damit nichts anzufangen, obgleich sie in ihrer tiefen Heimsuchung fühlte: hier brütet ein Unheil. Der Vorhang zerriß, und der siebenarmige Leuchter, der sich eben anschicken wollte, ein sanftes Licht um ihr hartes Dasein zu spreiten, lag zertrümmert am Boden ... »Hans, ich werde gezwungen, das Weib des Simonis zu werden ...« Da streckte er die Arme gen Himmel, um wie ein totes Stück Holz zusammenzubrechen. Die Bilder zergingen. Die Sterbegebete nahten sich ihrem Ende. Der Weihrauch umnebelte ihre Sinne. Das schien ihr erträglicher als das brutale Wachsein des Geistes. Wer so einschlafen könnte, um nie mehr aufzustehen! Der Gedanke an den Tod hatte sie ergriffen. Sie sah sich bereits zwischen den schwarzen Brettern liegen, und die Worte, die dumpf und nur halb verständlich an ihr Ohr schlugen, geleiteten sie vor den ewigen Richter. Und dennoch – sie kannte keine schwächlichen Anwandlungen. Trotz der feierlichen und erhebenden Handlung – aller Augen waren auf die ernste Frau gerichtet. Wie war das nur möglich gewesen? Sie und Simonis! – und nun war auch dieser Mensch hingestreckt worden, wie mit 'ner Bouteille erschlagen – dieser Egoist mit dem brutalen Körper und dem noch brutaleren Gewissen, dieser selbstgefällige Großtuer mit dem verborgenen Leben voller Pläne und Eigenmächtigkeiten! – und sie steckten die Köpfe zusammen, munkelten heimlich, um dann wieder über das verglaste Gesicht des Verstorbenen hin nach der hohen Gestalt in Trauer zu sehen, die ihresgleichen nicht hatte unter denen, die am Niederrhein wohnten. Keine regelmäßige Schönheit war diese Franziska Simonis, aber gebietend und mit einem Zauber umgeben, den man nicht wieder loswerden konnte. Immer wieder fesselte sie – diese Frau mit dem straffgerichteten Körper, dem blauschwarzen Haar, das dem Schmelz eines Rabenfittichs ähnelte, den Augen, die in ihrer stählernen Färbung und dem verlangenden Feuer in der Tiefe den Himmel auf Erden verhießen, jetzt aber ins Leere sahen, ins Nichts, als hätte Gottes Wille ihnen den Glanz und die Freude genommen. Ihr ebenmäßiger Leib rief nach dem Künstler, ihn in Stein zu metzen oder aus Bronze zu gießen. Etwas Großes, Bedeutsames wäre seinem Meißel entsprungen, etwas von dem, was die Alltäglichkeit nicht kennt, was erhebt und in die Knie zwingt. Selbst die Asketen und Barfüßermönche hätten, ohne schuldig zu werden, sich ihr zugekehrt, um sich ihres Bildes zu freuen. Unangetastet war sie geblieben. Der goldene Reifen hatte ihr gar nichts genommen, denn als sie heiraten mußte, gehörte sie nicht mehr zu denen, die nach einer Liebesnacht bangten. Da war ihre Kammertür nicht sperrangelweit offen, sondern blieb zu und verriegelt. Die Ehe sagte ihr nichts. Sein Pochen öffnete nicht. Sie versagte sich ihm und teilte nur die gemeinsamen Sparren mit ihm und die gemeinsamen Tagesstunden und das gemeinsame Tafeltuch, sein Weib zwar, aber ohne die Heimlichkeiten und die Wohlfahrt des Weibes gefunden zu haben. Sie blieb, wo sie war, in Ruhe und Kälte, sorgte und schaffte und hielt das große Anwesen aufrecht, aber alles nur, um das drohende Verhängnis von der Seite ihres Vaters und der Schwelle des elterlichen Hauses zu scheuchen. Sie schauderte. »In nomine patris et filii et spiritus sancti!« Ein Weihwassertropfen benetzte sie. Die eisige Kühle schreckte sie auf. Kalten Blickes und doch mit verzehrendem Mitleid sah sie über den Sarg fort. Sie hatte vergeben; sie hatte dem verziehen, der das Weib in ihr geknebelt und es, wenn auch unter den schwersten Qualen und Gewissensbedenken, entstellt und vergewaltigt hatte. Ja, sie hatte vergeben, und ihr Geist nahm den des Verstorbenen bei der Hand und geleitete ihn bis dorthin, wo die Himmlischen in der Anschauung Gottes verharren. Die Stimme des Dechanten erhob sich. »Lasset uns beten! Wir bitten dich, o Herr, verleihe der Seele deines Dieners die Nachlassung aller Sünden, damit sie die Verzeihung, die sie immer erflehte, durch fromme Fürbitte erlange. Der du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Herr, gib ihr die ewige Ruhe!« »Und das ewige Licht leuchte ihr!« respondierte Andreas Lobbers. Seine Stimme war mild und gütig und kam wie aus dem Himmelreich. »Lasse sie ruhen im Frieden!« »Amen!« Eine Bewegung trat ein. Noch einmal begegneten sich beider Blicke. Da fuhr er auf wie von einer Peitsche getroffen. Dann ging sie den nämlichen Weg zurück, den sie gekommen war. Die Träger traten hinzu, und als der Sarg geschlossen wurde, standen die drei von der Solopartie wie kranke Hühner nebeneinander, ließen einen Seufzer um den anderen fahren und sahen steif in ihre Hüte hinein, als wäre auf deren Boden Trost und Ergebung in den Willen des Allerhöchsten zu finden. »Nun geht er von uns,« sagte Cornelis Höfkens in tiefer Bedrängnis, wobei eine große Träne in den Zylinder hineintropfte. »Immer leschär!« meinte Trumpfsieben. Seine Stimme knickte ein wie der Stengel einer weißen Lilie. Grünober schluchzte wehmütig auf, stieß seinen Nachbar sanft in die Rippen und raunte ihm zu: »Pitt, um die Wahrheit zu sagen: sein Münsterländer Korn von Josias Schwerdrupp aus Rheine war delikat und 'ne Aufmachung für sich. Ich kenn' das als Kolonial- und Schnittwarenkaufmann. Der rekolljiert und ist bekömmlich gewesen.« Seine Kollegen nickten ihm Beifall zu und fuhren sich mit ihren schwarzen Baumwollhandschuhen über die kummerroten Gesichter. »Et lux perpetua luceat ei!« Das Kreuz hob sich auf. Der Weihrauch dampfte, und während sich das Trauergeleit ordnete und die Kränze hinausgetragen wurden, nahm Andreas Lobbers im Vorübergehen die Hand seines Freundes und früheren Mitseminaristen und sagte: »Hans, ich möchte dich gelegentlich sprechen.« »Du – mich, den Kalviner?« »Hans,« sagte der junge Kaplan eindringlicher, »ja, ich möchte dich sprechen. Wann bist du zu Hause?« »Für dich ... für dich immer, Andreas,« kam es traurig zurück. »Gut, du wirst von mir hören.« Die monotonen Gebete setzten von neuem ein, und unter dem dumpfen Gemurmel des Wechselgesanges wurde Christian Franz Malthus, der Mann mit der ehernen Stirn, der Dahingestreckte mit der unheimlichen Faust an der Kehle, von seinem stolzen Besitz und den Wassermühlen getragen.   8 Um fünf Uhr war alles vorüber. Der Hügel wölbte sich auf, die Leidtragenden verliefen sich, und die schwarzen Lebensbäume, die den Kalvarienberg umstanden, säuselten mit traurigen Stimmen: »Tu est pulvis et ad pulverum reverteris.« Auch die Herren von der Solopartie machten es den anderen nach, warfen noch einen letzten Blick auf die dunkeln Grabschollen und empfahlen sich der Stätte des Todes. Die drei Zylinder pilgerten wieder durch die niederrheinische Landschaft, drei Zylinder in Reihe, die sich vom rechten Flügel aus allmählich nach links abdachten. Der von Dores Schweißgut überragte sie alle. Cornelis seiner hielt die mittlere Straße inne, während Pitt Lörksens Hut merklich gegen die übrigen abfiel. Aber alle drei machten einen stattlichen Eindruck, suchten ihresgleichen in der kleinen Stadt und zogen wie selbstgefällige Protzen durch das Abendlicht, das friedlich heraufdämmerte, nachdem das Graue, Trübe und Dunstige des verflossenen Tages sich wieder aufgelöst hatte. Sogar einige Lerchen hingen in der Luft, und es war einem so, als wäre Trumpfsieben selig geworden und pfiffe seine feinsten Touren zum Himmelsfenster heraus, so fröhlich wirbelte es aus der Höhe herunter. Am Kesseltor machte die Solopartie Halt. Hier verabschiedete sich Cornelis von seinen Kumpanen und ging straffen Schrittes seiner Windmühle zu. Dores und Pitt sahen ihm nach. Als er außer Hörweite gekommen war, sagte der emeritierte Kappesbauer und Schnapsbrenner: »Ich will 'ne Pfeife Tabak dran hängen – der Matador weiß mehr, als er sagt.« »Laß ihn,« versetzte Grünober, »denn was er tut und nicht tut, wird schon seine Richtigkeit haben und den sogenannten Fundus besitzen.« »Aber so unter uns Freunden ... Man möchte doch gern hinter die Gardine mal gucken. Indessen jedoch: nicht rühr' an die Sache. Auch gut. Lassen wir ihn, denn ich sage ja selber: Immer leschär, meine Herren! Aber was mir absolut nicht gefällt ... dieser Jan van den Birgel ... Der Kerl pflügt nicht, sät nicht, erntet nicht und lebt doch wie der Flachsfink im Rübsen.« »Um die Wahrheit zu sagen: das besorgt ihm die Tochter.« »Aber er behauptet ja immer, er hätt' 'nen reichen Verwandten am Misipippi dahinten.« »Unsinn! Die Tochter besorgt's ihm und mit ihr der verfluchte Simonis. Gott hab' ihn selig!« »So'n Rindvieh!« fiel Pitt Lörksen dazwischen. »Der Kerl ist mir als Ökonomiker immer ein Rätsel gewesen. Was war er? Ein armseliger Schlucker, dann Schreiber bei 'nem Halsabschneider von Anwalt, dann Kassenrevisor bei die Deichkorporationen von Kleve und Geldern und schließlich Herr und Besitzer vom Aukamp. Allen Respekt, wenn ich auch glaube: die Totalität ist mistig und stinkig.« »Und was die Hauptsache ist,« bestätigte Grünober mit lurksender Stimme, »der Mensch konnte Malthus beschwatzen und den armen Kalviner um sein Höchstes betrügen.« »Auch da steckt Jan van den Birgel dahinter.« »Und erst recht seine Tochter.« »So, so! Dann ist also die Geschichte mit dem reichen Verwandten am Misipippi dahinten ...« »Erstunken und erlogen! Simonis allein ist das Karnickel gewesen, und du sollst mal sehen: die beiden machen der jungen Witwe noch schwere Molesten, haben sie ihr immer gemacht, besonders das Weibsbild, das immer herumgeht wie die leibhaftige Sünde.« »Ja, die auch! Die macht Nägel mit Köpp. So 'ne Leberklöße und so 'ne Augen! Da läuft einem schon bei's Angucken das Wasser im Mundwerk zusammen.« Dores Schweißgut warf dem Begeisterten einen mißbilligenden und strafenden Blick zu. »Das ist kein christkatholischer Standpunkt.« »Bei dir nicht, aber bei mir ... Nichts für ungut, Grünober, aber in meinen Verhältnissen ... Junggeselle und einzelner Herr ... Da kann einer schon 'n halbes Auge riskieren.« »Wenn auch! aber mit Jan van den Birgel die seine ...!« »Brustlatz ist Brustlatz!« lachte Trumpfsieben. »Immer leschär, meine Herren! Aber herauskriegen tu ich's, ob Simonis oder der reiche Verwandte vom Misipippi dahinten ...« »Der Fluß in Amerika tut sich Mississippi benennen,« verbesserte ihn Dores Schweißgut. »Merci! Will's mir merken für später. Bloß die Frage ist die: von wem hat sie ihr Salär und ihre Honorierung bezogen? Von Simonis oder von dem reichen Verwandten am Misipippi dahinten? Herauskriegen tu ich's! Aber alles, was recht ist, und ganz partie egal, ob sie die heiligen Ehesakramente empfangen hat oder nicht – die Lena hat was anzupräsentieren und kann einem schon lange Stielaugen machen. Drum keine Feindschaft, Grünober! Wie wär's denn, wenn wir uns noch 'nen kleinen Türlütüttü vergönnten, dem Malthus zu Ehren?« »Können wir machen,« versetzte der würdige Kolonial- und Schnittwarenhändler, »aber wenn ich bitten darf: keine leichtfertigen Redensarten mehr. Ich bin christkatholischer Bürger und kein einzelner Herr und habe immer den Standpunkt vertreten: das Weib soll sein wie ein fruchtbarer Weinstock vor deinem Hause. Nur meine ehelich angetraute Frau darf mir ihre Plüschpantoffeln unter die Bettlade stellen. Sonst keine und könnte sie das Feinste und Sehnsuchtsvollste mang die Kissen placieren. Verstanden?!« Ja, Pitt Lörksen hatte verstanden. »Auch 'ne Ansicht,« sagte er schmunzelnd. »Als Junggeselle und Kappesbauer jedoch muß ich 'ne andere Meinung vertreten. Wo kam' ich sonst hin? Immer leschär, meine Herren! Indessen jedoch: nichts für ungut, Grünober,« und damit nahmen die beiden wieder ihren früheren Schritt auf, um sich ihren Abendschoppen im ›Dicken Tommes‹ zu gönnen. Auf ihrem Gange mußten sie die schmale Gasse passieren, die parallel mit der alten Stadtmauer lief und aus diesem Anlaß im Volksmund die Bezeichnung ›Achter de Mur‹ erhalten hatte. In diesem entlegenen Viertel wuchs das Gras zwischen den Steinen, duftete es nach Ziegen- und Bockmist, standen die Häuser so recht nicht im Senkel und wohnten nicht die sanften Klänge eines Klaviers hinter den Schirtinggardinen. Aber hier und da, ganz leise und sachte ... zuweilen tönte aus einem verlorenen Winkel eine Ziehharmonika herüber, und dazu sang eine heisere und verrostete Stimme: »Es waren einmal zwei Knaben, Die hatten ein Mädchen so lieb. Der eine, der war ein Schiffer, Der andre dem Amtmann sein Jung. Sie tät die Mutter fragen, Wen sie wohl nehmen sollt. Laß du den Schiffer man laufen Und nimm den Amtmannsjung! Der Schiffer und der tat weinen. Als er den Abschied bekam. Der Düwel soll dich holen An deinem Hochzeitstag. Der Düwel kam geritten Auf einem schlohweißem Roß, Tanzt dreimal in die Ru-hun-de, Fuhr mit ihr zum Fenster hinaus. Juhu!« »Da singt der Bocken-Wilm,« meinte Pitt Lörksen. »Der kann's wie'n Kanalljenvogel und ist hinter der Musik her wie sein Bock hinter der Ziege. Aber ich bitte dir, Dores, bleib' bei 'ner Besinnung ... da hinten ... vor ihrem eigenen Häuschen ... da steht ja die Lena ...« Und richtig, da stand sie, mit untergeschlagenen Armen, auf denen ihre jungfräulichen Äpfel wie auf Buttermilch und Mandelkleie ruhten, in einer blau- und weißgewürfelten Bluse, mit prallen Schenkeln und derben Waden, die unter dem kurzen Röckchen wie bronzene Säulen hervorsahen. Donnerwetter noch mal! Die Lena war schon ein üppiges Fraumensch, riemig und herzhaft gewachsen, rassig und gierig und eigens dazu geschaffen, ein Mannsmensch heiß und kirre zu machen, und dabei wuscherte sie mit ihren blanken Augen herum wie 'ne fidele Bachforelle im Strudelwasser. Selbst Dores Schweißgut war wie besessen, tat aber so, als hätt' es für ihn nie eine Lena van den Birgel gegeben, obgleich er jetzt, wenn auch nur heimlicherweise, das fleischliche und pralle Geheimnis der blau- und weißgewürfelten Bluse zu ergründen versuchte, schlug jedoch mit dem Daumen der rechten Hand ein Kreuz in der Hosentasche, um sein Gewissen zu beruhigen und seinen ausschweifenden Sinnen eine weniger verdorbene Richtung zu geben. Pitt Lörksen hingegen, als ein gerader und aufrichtiger Mann und nicht dazu angetan, aus seinem munteren Herzen eine Mördergrube zu machen, hatte keine seelischen Bedenken, ließ sich auch nicht nötigen und knabberte mit seinen gütigen Pupillen an dem schmucken Weibsbild herum wie 'ne Ratte an einem fetten Edamer Käse. Hierauf gab er Dores einen kurzen Stoß in die unteren Rippen und sagte: »Spiritus, merkst du was? Jetzt krieg' ich's heraus, ob Simonis oder der reiche Verwandte vom Misipippi dahinten ...« »Der Fluß tut sich Mississippi benennen,« korrigierte Grünober zum andern. »Man muß doch sich als gebildeter Staatsbürger benehmen, sonst ist einer man power beschlagen,« und seine Korinthenäugelchen nahmen wieder ihren verstohlenen Patrouillengang auf und blieben wie Fliegen auf Sirupspapier an den Buckeln der saftigen Schildjungfrau haften. »Merci!« sagte Pitt Lörksen, kniff seinem Kollegen noch ein fideles Äugelchen zu, als wenn er ihm dartun wollte: »Dores, nun kommt die Geschichte,« nahm sein putziges Beinwerk zusammen und fragte verbindlichst: »Na, Mamsell Lena, wie geht's denn, wie steht's denn?« »Danke der Nachfrage. Nicht besonders, Herr Lörksen.« »Kann's mir denken; es hat sich vieles verändert.« »Das ich nicht wüßte, Herr Lörksen.« »I der tausend noch mal! ich sollte doch meinen, wo sie Christian Franz Malthus begruben ...« »Kümmert mir nicht; die Wassermühlen sind mir immer schnuppe gewesen.« »Das allerdings; aber das mit Simonis ... Vielleicht habt Ihr 'ne Aufmunterung nötig.« Die molligen Halbkugeln des jungen Weibes kamen in eine sanfte Bewegung. »Gott ja, das mit Simonis!« »Und da sollte ich annehmen,« fuhr Trumpfsieben wehmütig fort, »es wäre Euch bekömmlicher, in 'ne propere Stelle zu kommen.« »Bei wem denn?« »Zum Beispiel ... nehmen wir an ... ich denke bei mir; denn in meinen Verhältnissen und als einzelner Herr, darüber könnte man schon 'ne Lippe riskieren.« »Als was denn?« »Als Jungfer für allens, um doch dem Kind 'nen Namen zu geben, und das bei guter Salärung.« »Das sollte Euch passen!« fauchte sie auf und kicherte dabei wie'n Kuckucksweibchen beim Liebesstrich. »Aber warum denn, Herr Lörksen?« »Ich dächte doch: Simonis ist tot ... oder sollte der reiche Verwandte am Misipippi dahinten ...« »Wa... was ...?!« In ihren Augen begann es zu flackern. »Menschenskind, ich bitte mir aus ... Was soll's mit Simonis? Ich kenne ihn nicht, das heißt, ich habe mich nie um seine Details und seine Talers gekümmert.« »Hoho!« machte Trumpfsieben und warf seinem frommen Solokollegen einen pfiffigen Blick zu. »Lena, Ihr wollt doch die Geschichte nicht wahr machen: ehe der Hahn zweimal kräht, hast du mich dreimal verleugnet?« »Lörksen, ich sage noch einmal ...« Der leuchtende Glanz in ihren Augen war bleiern geworden. Ihr Busen hob sich wie eine kräftige Dünung. »Wer hat Euch denn mal früher die Taille verdorben?« schäkerte Trumpfsieben, »und wer so was betreibt, muß doch die Honorierung bezahlen.« Er kam nicht weiter, denn es war aus mit Lena. Sie hatte verstanden. »Ihr nicht und Simonis erst recht nicht!« schrie sie auf und warf ihren Kopf in den Nacken. »Vater, komm' mal mit dem Medaillenstab her, um die beiden Kerls im Trauerbibi über die Köppe zu hauen. Die Drecksknochen wollen mich als Saumensch verschleißen!« Als ihr Erzeuger jedoch auf sich warten ließ, setzte sie ihr Mundwerk in Bewegung, daß es man so rasselte und prasselte, wobei die fette Ratte, die sich mittlerweile eingestellt hatte, mit ihren nadelscharfen Zähnen fletschte und grimmige Männchen machte. »Dreckspropheten, infame! Lausegesellschaft! – mir so unter die Augen zu kommen!« Ein Eimer mit Spülichtwasser folgte dem andern, bis sie's endlich über hatte und in die Worte ausbrach: »Jette, wollen man gehen. So 'ne Package soll man nicht von vorne betrachten.« Damit machte sie Kehrt, hob die Röcke bis zu den straffen Schenkeln auf, knickste etliche Male und trat in den Hausflur. »Wer schreit, hat unrecht,« konstatierte Pitt Lörksen mit stoischer Ruhe. »Und sie hat wie Speck in der Pfanne geschrien. Immer leschär, meine Herren! Jetzt weiß ich's. Dores, du hast richtig vermutet. Nicht der reiche Verwandte am Misipippi dahinten, sondern Simonis ist das unschuldsvolle Karnickel gewesen. Der gab die Monetens, und ich will meinen kleinen Finger verwetten: nu kommt Schnurr Schnapp von der Waterkant an die Reihe, um sich als Thron- und Bettfolger anzuempfehlen.« »Der?« fragte Grünober. »Aber natürlich. Der Mann hat Grütze im Kopf. Erst Schulmagister, dann Balbierer und nebenher so'n halber Kümmeltürke. Das imponiert ihr. Aber wollen mal Leine ziehen, sonst macht sie retour, und wir können noch an ihrem Maulwerk ersticken. Indessen jedoch: ein kapitales Fraumensch ist sie und bleibt sie. So 'ne Leberklöße, Grünober!« Mit beiden Händen machte er die hierzu gehörige Anmerkung. »Pitt, um die Wahrheit zu sagen: wir haben in ein reguläres Wespennest gestochen,« entgegnete Dores. »Aber es war trotzdem pläsierlich,« und damit marschierten sie ab und trugen ihre Zylinder dem Stammtisch im ›Dicken Tommes‹ entgegen, während Trumpfsieben fidel dazu pfiff: »Ein Kreuz, ein Leid, ein böses Weib Hat mir der Herr gegeben; Nimm's Kreuz von mir und's Weib zu dir, Dann kann ich ruhig leben.« Als sie sich noch einmal umschauten, stand Jan van den Birgel in voller Montur und als Tempelwächter vor seiner Hausschwelle und gestikulierte drohend mit seinem Medaillenstab hinter ihnen her, der ernst und feierlich im matten Licht des Abends erglühte. Die Gasse ›Achter de Mur‹ bekam ihren Frieden und ihre weihevolle Stille zurück. Nur aus einem verlorenen Winkel tönte noch immer die Ziehharmonika herüber – ernst und getragen und von zierlichen Variationen begleitet. Dazu sang eine heisere und verrostete Stimme: »Es waren einmal zwei Knaben, Die hatten ein Mädchen so lieb. Der eine, der war ein Schiffer, Der andre dem Amtmann sein Jung.«   Andern Tages, als noch die Nebel zwischen den Baumkronen hingen und mit lautem Klatschen ihre Feuchte niedertropfen ließen, begann sich schon das Leben auf den Wassermühlen zu regen. Das Herrenhaus schlief noch, aber in der Gesellen- und Mägdekammer standen bereits die Fensterrahmen sperrangelweit auf. Ein Geklapper von Holzschuhen und Sohlen war auf den Treppen, und in der großen Küche mit dem allmächtigen Rauchfang, von dessen Gesims blankgescheuerte Zinnteller und Schüsseln herabäugelten, knatterte die Kaffeemühle so überlustig und rege, als wäre drüben im nahen Gehölz eine Schützenlinie in emsiger Tätigkeit. Auf dem Herd züngelte ein munteres Holzfeuer. Leise begann es in dem kupfernen Kessel zu sieden. Ein Duft nach Kaffee und frischgebackenen Wecken' durchwölkte alle Räume. Fünf Uhr! Im tiefen Osten nahm der Himmel eine rosige Färbung an. Die Nebel zerteilten sich. Das Bläßhühnchen tackte im überständigen Ried. Der rosige Schleier wurde zu einem purpurnen Vorhang, aus dem Strahlenbündel und Feuergarben aufloderten. Langsam und dunstig zog das Tagesgestirn hinter ihnen her. Menschen und Vieh, Bäume und Gräser schauerten dem jungen Morgen entgegen. Alles rang nach Betätigung. Nur zwischen den Dämmen und Schleusenwerken herrschte noch Ruhe. Kein Rauschen und Brausen! höchstens daß sich durch die schweren Balkenroste und Schaufelräder glucksende Quellchen zu drängen versuchten. Es war wie ein mühseliges Schlappen und Lecken. Drei Tage hintereinander hatten die Wasser gefeiert. Sie stauten sich an und sahen gierig über die hölzernen Brustwehren. Ein Ziehen, ein Auf- und Niederschwadern fältete die breite Fläche, die den Augenblick nicht abwarten konnte, mobil zu werden und sich wie ein Tobet auf Gangwerk und Schaufeln zu stürzen. Die Zeit mußte bald kommen, denn mit dem heutigen Morgen waren die Trauerflore von den Mühlen genommen. Dreiviertel Stunde später stülpte Kosman Kraneboom seine Kaffeetasse über den Untersatz, rückte seine silbernen Ohrringe zurecht, erhob sich und zog sich seine Schirmmütze über. Langsamen Schrittes verließ er die Küche, trat ins Freie hinaus und begab sich zur großen Einfahrt, wo sich bereits der Speichermeister, die Müllergesellen und die Lehrburschen versammelt hatten. Es war eine stattliche Anzahl von Menschen, die seiner harrte, meist bodenständige Leute, dem Hause Malthus zugetan und von dem Grundsatz überzeugt: der Eigennutz unseres Herrn und Meisters ist unsere eigene Wohlfahrt. Für Kosman Kraneboom gingen sie durch dick und dünn, durch Wetter und Sonnenlicht, und selbst vom Verstorbenen war das hohe Verdienst dieses seltsamen Mannes in jeder Weise anerkannt worden. Sein Wort galt und wertete wie pfündiges Silber. Ein zustimmendes Gemurmel empfing ihn. »Tag, Leute!« sagte er ernst und griff an seine Kopfbedeckung. »Tag, Kosman!« »Leute!« begann er, nachdem er vorher seine Mütze abgesetzt und unter die Achsel geschoben hatte, »daß ich heute früh, wo wir eigentlich keinen richtig gehenden Herrn mehr haben, mit 'ner gewissen Bangigkeit, aber auch mit 'ner rechten Forsche und 'nem bestimmten Programm vor euch erscheine, hat folgende Bewandtnis.« »Sehr gut,« bestätigte Klaas Schulten, ein kleiner Mann mit einem sanften Glanz in den Augen. »Was du redest, hat immer so 'nen aparten Schwung und Turnus besessen. Fange man gleich mit's Programm an! Wir hören.« Kosman fuhr fort. »Malthus ist tot, und die Madam, was seine eingeborene Tochter bedeutet, ist übrig geblieben. Das muß festgestellt werden, denn von heut' an gezählt, haben wir mit Frau Simonis zu rechnen.« Alle nickten ihm zu. »Vorneweg sei gesagt: Malthus ist zu seinen Vätern versammelt, hat uns aber zeit seines Lebens in 'ne opulente Behandlung genommen, und solches wird auch seine Tochter besorgen.« »Bravo!« meinte ein rothaariger Herr, der schon fünfundzwanzig Jahre hindurch den ersten Mahlgang bediente. »Trotz destoweniger,« nahm Kosman wieder den Faden auf, »befinden wir uns in einer herrenlosen Verfassung, denn was sie ist, was die Madam ist, sie hat mir ihren Willen noch nicht kundgetan und zu wissen gegeben. Man hat keine Ahnung, was kommt. Entweder so oder so, aber Bestimmtes kann man nicht sagen. Ob sie wieder ins Geldrische macht, um dort ihre Felder und Ziegeleien in eigene Bestellung zu nehmen, oder ob sie sich anderweitig besinnt und mir sagt: Kosman, nu will ich hier auf die Mühlen selber regieren – darüber muß erst 'ne Entscheidung noch kommen. Der Wasserriese ist tot. Das hindert nicht: der Wasserriese muß aufgeweckt werden. Bis dahin aber« – und mit einem energischen Ruck zog er sich die Schirmmütze über den Schädel – »hat man zu sorgen, daß das Rüstzeug in Gang bleibt, und ich frage daher: Wer soll während dieser Zeit hier kommandieren? Ich oder ein andrer? Ich bitte um Antwort.« »Du selber, du bist unser Mann,« sagte der Alte mit dem sanften Glanz in den Augen. »Bist du, bist du!« pflichteten alle ihm bei. »Und deshalb bin ich dafor,« ergänzte der rothaarige Herr, der schon fünfundzwanzig Jahre hindurch den ersten Mahlgang bediente, »daß du den Zepter ergreifst, um die Mühlen über Wasser zu halten, denn ich gehöre nicht zu die neumodischen Kerle, die in 'ner Biesterei sich wohl und mollig befinden wie 'ne Laus im Schorf, sondern zu die, die gern Ordnung besitzen und 'nen ordentlichen Zepter zu estimieren verstehen. Also tu's man, denn wir schwören zu dir mit Leib und Leben und folgen dir alle.« Ein beifälliges Gemurmel bestätigte die ehrlichen Worte bis ins kleinste hinein. »Na denn,« sagte der Alte, und seine hellen Augen gingen von einem zum anderen, »so was tut wohl, und ich bedanke mich daher vielmals für getätigten Zuspruch. Leute!« – und ein sehniger Ruck streckte ihn hoch – »ihr kennt mich ja alle. Ich heiße Kosman Kraneboom; bin ledigen Standes und auf dem Emmericher Eiland zu Hause, werde aber meistens als preußischer Kosman verschlissen. Das soll 'ne Art von Blamation für meinen ehrlichen Namen bedeuten, denn die meisten wissen so recht nicht, was sie mit ihren dämlichen Gedanken anfangen sollen. Aber ich sagte schon dem von Op gen Oort, den sie ja auch den Kalviner benennen – Herr Harkort, hab' ich gesagt, ich bin stolz auf den Namen, denn in ihm liegt Kraft und Reellität und das preußische Bewußtsein: erst das Ganze, dann die eigene Person, ein Erbteil von dem Grenadierkönig, der nur Ducksteiner Bier trank und weiße Rüben verzehrte, dafür aber sorgte, daß der Staat florierte und die Leute ihr Deputat und ihr Essen bekamen.« »Bravo!« »Und so ergreife ich denn im Namen des verstorbenen Malthus und seiner eingeborenen Tochter den mir angebotenen Zepter, um nach bestem Wissen und Gewissen, nach bestem Wollen und Können das Wohl der Herrschaft zu betreiben und euer Interesse nicht dabei zu kurz kommen zu lassen – und will diesen besagten Gewaltstab mang die Mehlgassen und Schleusenwerke führen, bis die Madam mir sagt: Kosman, ich danke dir vielmals, aber nu komm' ich an die Reihe.« »Bravo!« »Und daß es so gehalten sein soll,« kam Kosman allmählich an den Schluß seiner Ansprache, »und wir alles daran setzen wollen, die Reputation der Wassermühlen hoch und in Ehren zu halten, ohne Ansehen der Person, aus purem Gefühl heraus und ohne Nebengedanken, das sollt ihr mir als brave und ehrliche Kerls hier in die Hand 'nein schwören, auf daß wir bestehen können vor Gott und unserm Gewissen.« »Hier meine Hand!« »Und hier die meinige!« »Und hier und hier und hier ...!« Alle Hände streckten sich ihm freudig entgegen und schlugen ein, daß es knallte. »Abgemacht, Leute! So was hört einer gern! und nu frage ich dich, Klaas Schulten, was steht noch zu mahlen?« »Per primus! Hundertundzehn Malter Korn vom Fingerhutshöfer.« »Und weiter.« »Fünfundzwanzig vom Baron Steengracht in Moyland.« »Und weiter.« »Zwei Fuhren Gerste aus der Wisselwarder Gemarkung.« »Und dann noch,« fiel der rothaarige Herr ein, »zweimal dreiunddreißig Scheffel Buchweizenkorn von die Nönnchen der ewigen Anbetung. Das wäre wohl alles.« »Denn los dafür!« gebot Kosman. »Musik, aber mit allen Kulören! – Schleusen hoch! – und alle Gänge in Betrieb! Die Welt soll doch sehen, daß wir arbeiten können. Respekt vor die Wassermühlen! – und was die Hauptsache ist: der verstorbene Bas wird sich freuen ...« und keine fünf Minuten vergingen, da stand Kosman Kraneboom auf dem obersten Wehr und sah in die Tiefe. Sechs Uhr! Langsam und schwerfällig kamen die einzelnen Schläge von der Sankt Nikolaikirche herunter, und als sie verzitterten, da polterte und rumpelte es zwischen den Balkenrosten und Sielen. Mit dumpfem Gebrüll nahmen die angestauten Wasser ihren herrischen Weg, schäumten und gurgelten und warfen sich wie lechzende Tiere in das Gangwerk der Mühle. Weiße Tatzen griffen in die gekuppelten Achsen. Die Abgründe donnerten. In majestätischer Ruhe begannen sich die gigantischen Räder zu drehen. Schaumspritzer und flockige Fetzen wurden in die Höhe gerissen. Mit blechernem Ton riefen die Läutewerke herüber. Die Mahlsteine knirschten. Zwischen den Müllergazen stiebte und stäubte es. Die Kammern ächzten und seufzten, und durch das Klopfen und Hämmern, das Tosen und Dröhnen lief die Stimme Kosmans: »Musik, Musik! Malthus ist tot – aber die Tochter lebt – und hier diese Fäuste ...« Die Worte zergingen in der lärmenden Arbeit. Ein kräftiger Geruch nach Mehl und frischem Brot hüllte ihn ein. Die Stunden nahmen ihren vorgeschriebenen Weg. Es wurde Mittag und Vesperzeit. Kosman Kraneboom war überall tätig und sah nach dem Rechten. Als er sich dann eine Viertelstunde gegen einen Torpfosten lehnte und sein späteres Geschick überdachte, legte sich ihm eine weiße und schlanke Hand auf die Schulter. »Kosman, so in Gedanken?« Er wandte sich. Franziska Simonis stand vor ihm. »Ja, Madam,« sagte er treuherzig, »so in Gedanken, aber in Gedanken, die sich mit's Geschäft und mit die Zukunft befassen, denn ich muß immerzu drüber nachsimulieren: was soll mit die Mühlen nu werden? Das Gröbste ist ja so ziemlich in die Wege geleitet, und wir arbeiten wieder. Meinetswegen kann's munter so weiter gehen, weil wir in 'ner guten Position uns befinden; aber es kommt doch immer drauf an, wie Sie darüber verfügen und was Sie aufstellen wollen. Indessen, man muß auch in Berücksichtigung nehmen: es hat sich vieles geändert, und es schafft sich so leicht nicht. Ein Herr muß wieder heran, es kann auch ein weiblicher sein, denn ein Herrenauge ist dem eines besten Gesellen tausendfach über, und da Ihr selber im Geldrischen sitzt und dort Euer tägliches Brot habt, sind verschiedene Standpünkter möglich. Man muß das bemessen und sich 'ne gewisse Perspektive vergönnen. Und ferner: was ist von der Zukunft unserer Leute zu halten? und schließlich: kann man meine eigene Person noch gebrauchen?« Er zuckte die Achseln. Verloren und mit einem traurigen Zug um die Augen sah er nach dem schmalen Tagesschein hin, der durch die große Einfahrt hereindämmerte. »Gebt mir Eure Hand!« versetzte sie ruhig, und als sie diese zwischen ihren schmalen Fingern hielt und leise drückte, meinte sie mit zuversichtlicher Stimme: »Unsere Hände haben etwas Gemeinsames, Kosman, und dieses bedeutet: auf solche Hände kann sich ein Mensch schon verlassen. Sie nehmen nichts Falsches an, und wenn es darauf ankommt: die eine weiß nicht, was die andere tut oder getan hat, und dennoch wissen sie schließlich ganz genau: es ist etwas Gutes gewesen. Drum keine Sorge, mein Lieber. Vorab sei gesagt, und zwar im Hinblick auf dieses Anwesen: Gefeiert wird nicht, denn wenn Körper und Seele hier brach liegen wollten, dann schlüge einem das Leid überm Kopf zusammen, würden einem die Tage zur Qual und die Nächte zu Feinden. Und was Euch betrifft, Kosman – darüber zu sprechen, ist der Abend ganz wie geschaffen.« »Total meine Ansicht,« versetzte der Alte und tat einen langen und befreienden Atemzug, »und wenn dann alles in Schick und Richte gekommen und lieblich postiert ist, und wenn man dann weiß, wie man dran ist ... entweder so oder so ... Schon gut, schon gut! und wann darf ich vorsprechen, Madam?« »Gegen acht. Bis dahin ist noch viel zu erwägen. Dieses und jenes. Außerdem: ich habe noch mit meinem Herrgott und mit meinem Vater zu verhandeln. Das läßt sich nicht aufschieben. Inzwischen bin ich schlüssig geworden. Ist das geschehen, dann kommt Ihr an die Reihe, und ich glaube, wir fahren gut miteinander.« Als die jugendliche, schöne Frau so mit ihm redete, da wurde er um eine Handbreit größer, und sein Herz klopfte härter. »Das sollte mich freuen!« sagte er mit leuchtenden Augen. »Bis später denn,« versetzte sie lächelnd und ging dem nahen Gehölz zu, um sich hier zu sammeln und Ruhe zu holen.   9 Es lag wie ein warmer Brodem in der Luft, wie ein stilles Werden und Gedeihen in der Erde. Zwischen den Gräsern leuchteten die Sumpfdotterblumen bereits wie schwefelgelbe Flämmchen; die Weiden hatten ihre Kätzchen aufgesteckt und fingen an, die Blütenbeutelchen sacht zu verstäuben. Ein braungoldiger Schimmer rieselte über die Ebene. Die Weiten verfärbten sich, gingen aus einem flüssigen Silber in ein zartes Violett über, das den ganzen Westen bedeckte. Resedabänder lagen dazwischen. Aus dieser weichen Tönung wurde der Abend geboren. Von fernher polterten noch die Wassermühlen herüber. Franziska Simonis hielt den Fuß an und horchte auf das werktätige Schaffen wie auf eine Offenbarung. Mit geblähten Nasenflügeln, die Lider halbgeschlossen und in stummer Andacht, ließ sie das Brausen und Sausen auf ihre Sinne wirken. Es war ihr wie eine stolze Harmonie, wie das Evangelium der Arbeit. In diesem Evangelium verkörperte sich ihre engere Heimat und alles das, was sie noch von der Zukunft erhoffen konnte. Nicht im Geldrischen wurzelte ihr späteres Leben. Darüber war sie sich bereits schlüssig geworden, obgleich sie sich sagen mußte: Trübe Erinnerungen, die sich mit dem hiesigen Grund und Boden verknüpfen, sind wie Blumen, die man trägt auf dem Gange zum Tode . .. und doch sah sie diesen Blumen entgegen, wie man die dunkelroten Zentifolien erwartet, die die laulichen Sommernächte noch wohliger und köstlicher machen. Sie dachte an ihre Pensionszeit bei den Nönnchen in Aspel, jenseits des Rheines, an ihre Ferien, die sie gemeinsam mit dem jungen Hans Harkort verlebte, an, Andreas Lobbers aus Keppeln, der öfters nach Op gen Oort kam, um seinen Freund zu besuchen, und dessen Ansichten und Erzählungen immer so klar und rein waren wie weiße Lilien in einem Klostergarten, und sie dachte an ihre große und heilige Liebe, an ihr Blühen, Welken und Vergehen ... und sie nahm ihren Schritt wieder auf, der sie zu den geweihten Stätten der Erinnerung führte. Eine kleine Stunde bereits war sie auf bekannten Pfaden gegangen, in der ihr eigenen Würde, erhobenen Hauptes und mit den Augen der Sehnsucht. Seitdem sie zum letzten Male hier weilte, waren Jahre verflossen. Sie fand manches ausgewechselt, nicht mehr so traulich, vieles leerer und vereinsamter. Die große Stauflut, die damals einsetzte, als sie selber ins Geldrische mußte, und die in der Niederung wütete, wie keine andere seit Menschengedenken, hatte weite Strecken verschlickt und versandet und derart verändert, daß sie sich kaum noch zurechtfinden konnte. Die stille Bucht mit den alten Erlenbeständen war wie von der Erde verschwunden, und ein breites Wasser stierte jetzt wie ein Zyklopenauge gen Himmel, bleiern und düster und von dem Hauch des Unwirschen umgeben. Andere Stätten waren erhalten geblieben, gemahnten sie an glückliche Stunden, machten ihr das Herz freudig und doch wieder so todestraurig wie das einer jungen Königin, die den besten Edelstein aus ihrem Kronjuwel verloren hatte ... und um ihr Leid voll zu machen: die Dächer von Op gen Oort waren die alten noch, winkten ihr zu, als wäre gar nichts geschehen, und doch umschlossen jene Dächer und Mauern ihr größtes Leid und ihre tiefste Not, ihr bitterstes Elend, wovon sie nicht mehr zu gesunden vermochte. Ein wilder Schmerz furchte ihr Antlitz. Sie riß sich zusammen. Das Schlimmste lag hinter ihr, aber auch die Anwartschaft, der ureigensten Bestimmung des Weibes teilhaftig zu werden; und der Gedanke daran zerquälte sie: also dieses Rechtes bist du verlustig geworden, ebenso der göttlichen Verheißung: Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes ... eine Verneinung, gegen die sie sich aufbäumte wie gegen das Begehen einer häßlichen Sünde; denn war sie nicht frei, nicht Herrin über ihren eigenen Leib und ihre eigene Seele? Hatte sie diese Heiligtümer nicht gehütet wie ihren Augapfel bis zur heutigen Stunde? Konnte sie nicht darüber verfügen nach bestem Gutdünken und freiem Ermessen? – Und dennoch: der Engel des Unerbittlichen stand vor diesen Heiligtümern mit flammendem Schwert und sagte: »Dieser dein Leib, so unberührt und schön er auch sein mag, und diese deine Seele, so sehr sie auch das Licht suchte und die Finsternis mied – sie wurden entweiht durch die Schuld deines Vaters. Du sollst einsam sein und nicht darauf sinnen, dein herbes Los mit dem eines anderen zu verflechten. Es ist zu spät, das Vergangene ungeschehen zu machen, und hättest du dennoch den traurigen Mut, den dunkeln Schleier zu heben und dein Geschick zu ändern, die Schande würde dir den Kopf zwischen die Knie drücken, wie es den Unseligen geschieht, die nichts mehr besitzen.« »Zu spät,« sagte sie tonlos. Ihre Augen brannten wie Fackeln in den Abend hinein. Ihre Brust hob und senkte sich. Kein Geräusch lief über die Felder. Noch niemals war ihr die engere Heimat so ohne Klang und Farbe erschienen. Sie wandte sich und ging wieder den Mühlen zu, war aber im reinen mit sich, was sie mit ihren Tagen anzufangen habe. Nach kurzem Imbiß, den sie gleichgültig zu sich genommen hatte, begab sie sich in das Zimmer im oberen Stockwerk, das früher ihr Vater bewohnt hatte. Eine freundliche Helle strahlte von der Decke herunter. Zwei brennende Kerzen standen auf der alten Schreibkommode. Im Kamin knisterte ein mattes Feuerchen. Es war alles geschehen, wie sie es vor ihrem Spaziergang angeordnet hatte. Nichts fehlte. Mit schmerzlichen Blicken sah sie sich um. Alles wie früher. Die gleichen Möbel und die gleichen Schildereien an den Wänden. Der große Brand, der das Anwesen vor Jahren heimgesucht hatte, war an diesem Inventar spurlos vorübergegangen. So geschah es denn auch, daß die alte Zeit sie mit liebevollen Händen berührte. Mit einem tiefen Seufzer ließ sie sich am Schreibpult nieder und begann, die hinterlassenen Papiere des Verstorbenen zu sichten, die sie bereits am frühen Morgen flüchtig geordnet hatte. Sie tat es mit einem apathischen Lächeln und einzig von dem Pflichtgefühl geleitet, vorhandene Verträge festzustellen und etwaige Verbindlichkeiten des Toten auf ihre Echtheit zu prüfen. Im allgemeinen handelte es sich um Dinge von geringer Bedeutung, um Schuldforderungen, quittierte Rechnungen, Pachtverträge und erledigte Hypothekenverschreibungen ... und hier: die Statuten der Solopartie, aufgesetzt und niedergeschrieben von Cornelis Höfkens, wohlbestalltem Besitzer auf dem Windmühlenberg und Säckelmeister der hiesigen Kirchengemeinde. Dazu stand in den steilen Schriftzügen ihres Vaters geschrieben: »Prächtige Menschen, die drei; besonders Cornelis. Geradeaus wie ein Percheron. Etwas langsam im Sprechen, dafür aber ehrlich und bundestreu bis in die innersten Knochen. Käme es darauf an, seinem Freund aus der Not und der Unruh' zu helfen, gab' er sein letztes Hemd dahin, wie der Heilige Martinus es mit seinem Reitermantel getan hat. Dores Schweißgut. Nicht übel. Etwas angesäuert zwar wie Schattenmorellen oder unreife Pflaumen; dazu Pfennigfuchser beim Karten. Auch dann und wann in seinem Gewissen. Im übrigen: braver Charakter mit Korinthengedanken, glaubensstark und hilfsbereit, wenn auch bei erklecklichem Gewinn stets von dem Wahn geplagt, kalte Füße zu haben. Pitt Lörksen. Ganz besondere Nummer. Früher Inhaber von Kappesplantagen und Schnapsfabrikant. Das Bauern hat er aufgegeben, auch das Fabrizieren. Der Sprit ist übrig geblieben. Verträglich mit etwas krötigem Einschlag. Kuckt in die Karten. Nichtsdestoweniger ein Mann von gesundem Schrot und Korn und immer bereit, eine gute Bouteille zu stechen. Ist scharf auf das Girren der zarten Turteltauben, obgleich er den Ausspruch des heiligen Paulus befolgte: Heiraten ist gut, aber Nichtheiraten ist besser. Er weiß sich zu trösten, denn er ist ›einzelner‹ Herr, wie er von sich selber behauptet. Alles in allem: ich freue mich, solche Menschen um mich zu haben. Ein jeder von ihnen ist mir lieb und teuer geworden. Besonders Cornelis.« »Cornelis,« sagte sie still vor sich hin, legte das Schriftstück zu den übrigen Papieren und entnahm einem Aktenbündel, das doppelt und dreifach verschnürt war, eine verknitterte Urkunde, der noch die Spuren von Siegelwachs anhafteten. Die krausen Buchstaben interessierten sie. »Auszug aus den Regesten der Stadt,« stellte sie fest, um dann weiter zu lesen: »Im Jahre des Herrn 1649, da alles im Lande traurig bestellt war, selbst die Zunge zu radebrechen anhub und ein des Dichtens Kundiger solches mit den Worten beklagte: ›Die Sprache unserer Mutter bekömmt die schwere Not; Man schmiert die deutsche Butter aufs Franze weiße Brot‹, geschah es, daß Seine Hochfürstliche Durchlaucht Friedrich Wilhelm, Herr zu Brandenburg, die Grafschaft Kleve aufsuchte, um sich den betrüblichen Stand der Dinge vor Augen zu führen. Beehrte auch die hiesige Stadt mit seiner erhabenen Person und fragte nach allem, sich ein richtiges Bild zu verschaffen, denn die Nachwehen der Pest und die des großen Krieges standen auf vielen Gesichtern geschrieben. Vornehmlich war es der Hunger, der das Antlitz verzerrt und alle Freudigkeit des Herzens hinweggenommen hatte. ›Das ist ja zum Gotterbarmen!‹ sagte der hohe Herr, als er solches gewahrte, herrschte auch den regierenden Bürgermeister von wegen seiner Administration an und daß er nicht rührig gewesen, den böslichen Dingen in die Parade zu fahren, worauf dieser erbleichte und vor großer Ehrerbietung kaum zu stammeln vermochte. Da trat einer vor – ergrauten Haares, blauen Auges, das Gesicht wie aus einem Holzstock geschnitten. ›Hochfürstliche Durchlaucht, halten zu Gnaden,‹ sagte er gemessen und ruhig, ›es tut not, das Kind nicht mit dem Bad zu verschütten.‹ Darob tiefe Stille. Über der Nasenwurzel des jungen Fürsten stellte sich eine Falte auf, die Böses anzeigte. ›Wie heißt Er?‹ fragte er kurz angebunden. ›Wierus Antonius Malthus.‹ ›Was ist Er?‹ ›Ratsherr und erster Statthalter hujus loci – mit Respekt zu vermelden.‹ ›Und wie erklär' ich mir das offene Wort, so Er mir zuwarf?‹ ›Halten zu Gnaden – weil ich die Ansicht vertrete: man soll eines Fürsten Wort nicht ruhig hinnehmen und darüber hündisch zu schweifeln beginnen, wenn es zu Unrecht besteht, zumal hiesige Administration jegliches aufbot, der Not zu steuern und frisches Leben in die armen Menschen zu tragen; allein widrige Umstände machten alles zu Schanden.‹ ›Widrige Umstände? Kurz denn: nenn' Er mir ein solches Exempel!‹ ›Halten zu Gnaden – Getreide war da, aber es fehlte an Mühlen, und das, was wir nach Holland sandten, um dort brechen zu lassen, vergönnten sich die Mynheers mit den langen Gesichtern.‹ ›Und war hiesige Administration nicht auf den naheliegenden Gedanken verfallen, Wind- und Wassermühlen in der eigenen Bannmeile zu errichten?‹ ›Das schon, Hochfürstliche Durchlaucht, und ich selber, mit Respekt zu vermelden, war erbötig, und zwar auf eigene Kraft und Gefahr hin, einem solchen Bau das Leben zu geben.‹ ›Er?‹ ›Ja, ich, Hochfürstliche Durchlaucht; wurde aber diesem Ansinnen Lizenz und Siegel verweigert.‹ ›Lizenz und Siegel verweigert? Eine freie Behauptung. Von wem denn verweigert?‹ ›Von der Kommission Eurer Hochfürstlichen Durchlaucht in Kleve.‹ ›Unter welcher Begründung?‹ ›Weil man fürchtete, sotanes Unternehmen würde der niederländischen Regierung nicht zum Nutzen ausschlagen.‹ ›Meiner etwa, wo man diesem vaterländischen Willen den Gutschein versagte? Himmel und Wetter!‹ flammte der gebietende Herr auf und warf seinen Handschuh zu Boden, ›da stehe ich vor: die Mühlen werden gebaut, und meinen Dummköpfen in Kleve soll man die Schädel zerklopfen. Er aber – ist er noch immer gesonnen, das menschenfreundliche und gottwohlgefällige Werk zu fördern und in Arbeit zu nehmen, dann sag' Er's.‹ ›Mit dem Privilegio Eurer Hochfürstlichen Gnaden werde ich Geld und Mühe nicht scheuen. Nur das Privileg, mit Respekt zu vermelden, muß ich besitzen.‹ ›Das hat Er und meinen Segen dazu.‹ ›So werde ich bauen.‹ ›Brav so!‹ und er, der Brandenburger, warf das Haupt in den Nacken, und seine Augen leuchteten wie die eines Adlers. ›Die Hand, Wierus Antonius Malthus! Er gefällt mir. Gerade und aufrechte Köpfe sind selten geworden, und sind seinesgleichen noch viele in der Grafschaft Kleve und Geldern, dann ist es trefflich bestellt um mein hiesiges Erbe. Bau' er mit Gott! Mein kurfürstliches Ansehen ist bei ihm, bei ihm und seinen Mühlen. Mögen sie blühen! Die Stunde war lehrreich für mich. Ich habe einen braven Mann gefunden, und so etwas erfreut.‹ So geschehen am Tage Reminiscere und im Jahre wie eingangs gemeldet.« Sie erhob sich und atmete auf. Und das mußte sie heute erst lesen! Erst heute! Ein Gefühl von Stolz überkam sie. Die alte Zeit sah sie an. Die brandenburgische Zeit und die der preußischen Könige. Also – nicht nur am Windmühlenhügel, wo der junge Friedrich Wilhelm von Seydlitz seine Reiterkunststücke gemacht und sich vorbereitet hatte, der Sieger von Roßbach zu werden, auch hier, auf ihrem Anwesen war historischer Boden. Hier atmete der Geist des herrlichen Fürsten – der Mehrer seines Landes, der Sorger für Volk und Recht, der Unüberwindliche ... Dieser Regent! und hier diesen Mühlen hatte er Lizenz und Siegel gegeben, hatte er den wohlachtbaren Herrn Wierus Antonius Malthus belobt und gefeiert, hatte sein blaues Hohenzollernauge geflammt und verheißen ... Ha, wie das wohltat, wie das das Herz höher schlagen ließ! Denn war sie nicht auch eine Malthus? Und das Schriftstück selber, vergilbt und vermodert, zu neuem Glanz hatte es aufzuerstehen. Unter Glas und Rahmen mußte es kommen, mußte ausgestellt werden, daß es alle sähen, um des hohen und fürsorglichen Sinnes des erlauchten Herrn teilhaftig zu werden. Mit liebevollen Händen glitt sie über die Urkunde. Sie setzte sich wieder und ließ neue Papiere durch ihre Hände gleiten: Kornrechnungen, Forderungen, Ausweise und lange Berichte, die sich auf den Neubau und die benachbarten Parzellen bezogen. Gleich darauf las sie: »Fünftes Protokoll, betreffend Deichschöffensitzung, abgehalten im Interesse der Kreise Geldern und Kleve in der Wirtschaft ›Zum dicken Tommes‹, domiziliert in hiesiger Stadt- und Kirchengemeinde. Anwesend die Herren: Grades van Lommen, Deichgraf, Simonis vom Aukamp, Cornelis Höfkens und Christ van de Kamp als Geschworene, ferner die Herren: Adam Harkort, Ökonom auf Op gen Oort, und Christian Franz Malthus, Mühlenbesitzer, als Vertreter der Inhaber pflichtiger Grundstücke beiderlei Kreise. Nachdem die getätigten Arbeiten des verflossenen Jahres als sachlich erkannt worden waren, wurden die neuaufzulegenden Steuern und Lasten erörtert. Keine Einwendung erfolgte. Zum andern. Gemäß Deichrolle, Paragraph 18, ruht eine Reallast auf den anliegenden Äckern und Feldern, ohne daß eine Befreiung stattfindet, denn: kein Deich ohne Land, kein Land ohne Deich. Elsken ter Molen aus Wisselward suchte sich dieser Pflicht zu entziehen. Er ließ das ihm übertragene Siel verschlammen und verschlampen; wurde dieserhalb mit fünfundzwanzig Talern in Strafe genommen. Stimmenmehrheit entschied. Zum Dritten und Letzten. Da Herr Bärendonk von der Niershöhe mit Tode abging, anwesender Herr Christ van de Kamp sich hohen Alters wegen außerstande erklärte, des ihm übertragenen Amtes noch länger zu walten, sah sich die Korporation veranlaßt, anderweitig Ersatz zu beschaffen, und ließen sich die Herren Simonis vom Aukamp und Christian Franz Malthus in dankenswerter Weise bestimmen, die verwaisten Stellen neu zu bekleiden, und zwar Herr Simonis als Revisor, Herr Malthus als Kassenwart, und geschah solches unter Eid und ehrlichem Handschlag. Wurde hiermit die Sitzung geschlossen, das Protokoll unterfertigt und daran anknüpfend noch eine kleine, solenne Feier im ›Dicken Tommes‹ abgehalten.« Alles das hätte die Leserin weniger interessiert, wären nicht die beiden Namen ›Simonis‹ und ›Malthus‹ in dem Schriftsatz enthalten gewesen. Aber da standen sie, nicht zu mißdeuten, haarscharf nebeneinander ... und hier ... an dem Rand ... eine Anmerkung ihres Vaters mit Bleistift geschrieben ... Noch einmal las sie mit aufgerissenen Augen: »Daß sich solches begeben und keine Vorsehung da war, die mir zugedachte Ehrung als Kassenwart anderweitig zu vergeben, werde ich zu beklagen haben bis an das Ende meiner Tage; denn seit dieser Stunde hat mein Leid und mein Elend begonnen. Herr, sei meiner Seele barmherzig!« Mit einem unterdrückten Schrei fuhr sie auf. Was war das nun? Sollte hier die Lösung zu finden sein, die sonst ängstlich bestrebt war, sich in die Schatten des Wesenlosen zu flüchten? Drang ein kärgliches Licht in diese Schatten hinein? Wollte der Heimgegangene den Mund auftun und leise zu reden beginnen? War sie hierdurch gezwungen worden, das Herz zu zermartern und ihre Liebe auf unfruchtbaren Felsen zu säen? Ach, wenn es dieses nur wäre! Sie hätte sich damit abfinden können, denn die Stationen ihrer leidvollen Pilgerschaft nahten sich ihrem Ende. Der Kalvarienberg winkte ihr zu. Aber sie sah tiefer und weiter. Liefen in dieser kurzen Bemerkung, in diesem verhaltenen Aufschrei einer gepeinigten Seele nicht die Fäden zusammen, die entsetzlichen Garne, die das Drama auf den Wassermühlen vorbereitet, es weiter geführt und den Knoten geschürzt hatten, bis endlich der grauenvolle Abschluß erfolgte? Das war es. »Vater, Vater!« sagte sie stumpf und dumpf vor sich hin, faltete das heiße Schriftstück eiligst zusammen und legte es gesondert von den übrigen Akten. »Selig sind die Toten!« schrie es in ihr auf, und sie fühlte es nicht, daß der Zeiger der Uhr langsam und gemächlich auf acht rückte. Das war die Zeit, wo Kosman Kraneboom vorsprechen wollte. Gleich darauf ließen sich denn auch zage Schritte vernehmen, denen ein ängstliches Klopfen folgte. »Herein!« Der Alte erschien und blieb im Türrahmen stehen. »Hier bin ich, punkt acht, wie Ihr gesagt habt, Madam.« »Ich danke Euch, Kosman. Kommt näher und setzt Euch!« »Merci, Madam. Aber ich störe doch nicht? Ich sehe: Ihr seid noch mit's Rechnen und die Papiere beschäftigt. Da hat einer Besinnung zu nötig. Da darf sich unsereiner nicht hineinmengelieren. So was will seine gehörige Ruhe und Einsamkeit haben. Sonst kann man den richtigen Awek nicht finden. Vielleicht 'ne kommodere Stunde gefällig? Ich bitte gehorsamst – morgen kann man die Sache ja auch noch besprechen.« »Nein, nein! Bleibt nur. Ihr kommt mir gelegen. Das Nötigste ist vorderhand erledigt. Was noch zu tun bleibt, muß ich der Zeit überlassen. Die Angelegenheit, die wir jetzt zu besprechen haben, ist dringlich und verträgt keinen Aufschub. Ich hoffe, alles zu einem glücklichen Abschluß zu bringen. Ich habe es nötig. Es gibt Dinge im menschlichen Leben, deren Qual schlimmer ist als die, verlassen zu werden. Noch soeben erfuhr ich, wie entsetzlich es ist, um die Gewissensnot eines andern zu bangen ... und dann, Kosman: mein eigenes Dasein ist ein verfehltes gewesen.« Sie nahm die Rolle der Deichkorporation, ließ die Finger darüber gleiten und legte sie wieder an ihre frühere Stelle. Die Augen des Alten wanderten zu ihr hin wie tiefgebrannte Lichter. »Das weiß ich, Madam,« sagte er düster, »denn es ist mir vorgekommen wie Blumen, die am Prozessionstag auf den Straßen verwelken, und die Frage ist nur: Was soll daraus werden für später? Ich für meine Person, ich wüßte schon, wie man das ändert, um dem infamen Gerede den Brotkorb höher zu hängen und alles wieder auf seine richtige Stelle zu setzen. Das wäre noch schöner, wollte einem der liebe Herrgott nicht helfen. Da erfröre einem ja die lauretanische Litanei zwischen den Zähnen.« »Wie denkt Ihr Euch das?« »Madam, das ist nicht so einfach zu sagen. Da muß ich erst wissen, was Ihr von der Zukunft erwartet, was Ihr vorhabt und wie Ihr Euer eigenes Leben zurecht basteln wollt. Von mir allein hängt's nicht ab. Da muß auch der andere Part seine Mithilfe stellen. Mag's gehn, wie's will, denn mithelfen muß er, sonst ist der beste Bundesgenosse man ein schwächliches Werkzeug. Aber erst klaren Wein in die Buddel. Könnt Ihr den geben und wollt Ihr den geben, dann sind wir schon 'nen Hirtzensprung weiter gekommen. Aber erst muß ich 'ne runde Antwort besitzen.« »Hier meine Antwort. Ich lege Hand auf die Mühlen.« »Das heißt also: Ihr wollt es mit der Arbeit versuchen?« »Das habe ich vor.« »Und das ganze und völlige Arbeit? Arbeit, die sich nur auf die Mühlen bezieht, harte und werktätige Arbeit, die weder rechts noch links sieht und weiter baut, was ein gerader und aufrechter Mann bis zu einer gewissen Höhe gebracht hat?« »Es ist so, wie Ihr sagt.« Da glänzte es in seinen Blicken auf wie ein schönes und warmes Herdfeuer. »Dann gabt Ihr die richtige Antwort,« sagte er freudig, »denn Arbeit ist Vergessen, und Vergessen heißt, dem infamen Geschick an die Gurgel fahren, und was mich betrifft ... Vorher aber habe ich noch 'ne Frage zu stellen, um mich auf meine eigene Person zu besinnen. Ich meine: was soll denn nu mit dem Besitz im Geldrischen werden?« Sie atmete auf und suchte ihre Ruhe zu sammeln. »Um das zu beantworten, muß ich ausholen, Kosman,« sagte sie nach einigem Schweigen. »Ihr wißt, wie ich auf den Aukamp gelangte, wie schwer es mir wurde, von den Mühlen zu scheiden. Ich will nicht schildern, wie ich nahe daran war, dieses mein Leben wie ein nichtiges Gut zu zerbrechen und es auf den Kehrichthaufen zu werfen. Das alles ist Euch bekannt und so gegenwärtig, als wäre es erst heute geschehen. Ihr kennt meine Ehe. Das Ende selber bestimmte das Schicksal. Es mag nicht christlich erscheinen, wenn ich behaupte, der Tod ist barmherzig gewesen, und dennoch: was ich erduldete und noch erdulde, reicht hin, mir das Grauen und die Bestürzung in den Nacken zu setzen. Aber ich bleibe dabei: der Tod ist barmherzig gewesen – mir und dem Vater barmherzig gewesen. Ihm nahm er das ewige Grübeln und Sinnen und die furchtbare Angst – und mir den Ekel.« »So wird es wohl sein.« »Kosman, so ist es, und weil es so ist, weil mir dieser Ekel genommen wurde ... ich fühle mich freier, kann wieder atmen und meine armen Gedanken sammeln, die früher wie Spreu vor dem Winde waren. Mein Entschluß steht fest: ich will ein neues Leben beginnen, und dieses Leben muß rein sein; denn das frühere ist unrein gewesen.« »Madam ...!« Kosman entsetzte sich. »Herr, du mein Jesus! Herr, du mein Christus! wie könnt Ihr nur so das Heiligtum Eures gottwohlgefälligen Leibes verleugnen?!« Sie machte eine stumme Handbewegung und sagte: »Wie nennt man die, die wider Willen, gegen alle Satzung des Weibes und mit Verachtung im Herzen vor den Tisch des Herrn trat, um hier die Ringe zu wechseln?« »Mein Gott und mein Heiland!« Ihre Stimme nahm an Heftigkeit zu: »Wie nennt man die, die einen andern wollte, die mit einer großen und reinen Liebe zu ihm, diese Liebe vergewaltigte und totzuschlagen versuchte? Das tat ich, und weil ich es tat, so sollt Ihr mir sagen, wie die geheißen wird, die solches vollbrachte.« »Madam ...!« und Kosman Kraneboom fuhr stocksteif und strack in die Höhe, als beklemmte ihm etwas die Brust, und sein Auge flammte, und seine Stimme war kalt und brüchig geworden. »Ja, Madam, das will ich Euch sagen, wie die heißt, die so von sich redet. Sie nennt sich Franziska Simonis, geborene Malthus, und ist die ärmste, die heimgesuchteste, die schmerzensreichste – und doch die beste und schönste Frau zwischen Xanten und Kleve.« »Kosman,« wehrte sie ab, »so dürft Ihr nicht sprechen. Ihr versündigt Euch an den anderen Frauen. Ich bin dessen nicht würdig, weil ich mich der besseren Einsicht nicht gefügt habe. Mein Widerstand erlahmte, und das ist Feigheit gewesen, erbärmliche Feigheit, und Feigheit ist wie ein ausgetretenes Feuer. Und dennoch: meine Handlungsweise entsprang nicht unlauteren Motiven. Nur aus der Liebe und der Not zu meinem Vater heraus trat ich den furchtbaren Weg an, machte ich mich elend, verscharrte ich das Glück eines andern. Kosman ...« und ihr Gesicht wurde bleich. Nur auf ihren Backenknochen glühten zwei kleine purpurne Flecken. Mit einer jähen Bewegung erhob sie sich, nahm das Protokoll und legte es erregt auseinander. »Hier dieses Schriftstück ... Es brennt mir zwischen den Fingern. Sind hier vielleicht irgendwelche Anhaltspunkte dafür zu finden, was meine Tage verbitterte und meine Nächte trostlos machte?« Dann las sie: »Da Herr Bärendonk von der Niershöhe mit Tod abging, anwesender Herr Christ van de Kamp sich hohen Alters wegen außerstande erklärte, des ihm übertragenen Amtes noch länger zu walten, sah sich die Korporation veranlaßt, anderweitig Ersatz zu beschaffen, und ließen sich die Herren Simonis vom Aukamp und Christian Franz Malthus in dankenswerter Weise bestimmen, die verwaisten Stellen neu zu bekleiden, und zwar Herr Simonis als Revisor, Herr Malthus als Kassenwart, und geschah solches unter Eid und ehrlichem Handschlag.« »Stimmt!« sagte Kosman. »Der Bas nahm an und kam ganz vergnüglich aus dem ›Dicken Tommes‹ nach Hause. Das ist so propter und prätorius vor fünfzehn Jahren gewesen.« »Und könnt Ihr mir nichts über seine Tätigkeit sagen?« »Nur wenig. Aber das weiß ich: er war mit Lust und Liebe dabei, obgleich ich die Ansicht vertrete: er hätte besser die Finger von die Geschichte gelassen. Sie brachte nur Arbeit und kam nicht den Mühlen zugute.« »Und wie gestaltete sich sein Verhältnis zum Kassenrevisor?« sondierte sie weiter. »Gott, wie Simonis so war! Nicht äußerst konträr, aber auch nicht äußerst erhebend. Alljährlich 'ne Revision nach dem gewöhnlichen Brauch. Meistens so um Martini herum. Nur einmal, und zwar kurz nach dem Bau, ist er ganz unerwartet gekommen. Warum es geschah, darauf kann ich mich nicht mehr besinnen, muß aber bekennen: bei dieser Gelegenheit sind sie sich barbarisch in die Haare geraten.« »Und wißt Ihr die Gründe?« »Nein, die kann ich nicht sagen; habe mich auch nicht drum gekümmert, denn sie gingen nachher ganz versöhnt auseinander.« »Und fiel Euch eine Veränderung im Wesen meines Vaters auf, als sie sich trennten?« »Allerdings,« sagte Kosman. »Seit diesem verfluchtigen Tage war der Bas außer Verfassung. Sonst wie 'ne eschene Runge, frisch bei der Hand, immer bei Wege und großartig in seinen Maßnahmen, daß man seine Freude dran haben konnte, war sein Wesen von da an duckerig und sinnig geworden. Er wußte kaum noch, daß er ein echtes Mannsbild an Leib und Blut gewesen. Nicht immer. Von Zeit zu Zeit kam seine alte Natur wieder zum Vorschein, so das Ranke von früher, und da dachte ich mir: der kann wieder werden. Ich wartete Tage, ich wartete Monate, ich wartete Jahre und glaubte jeden Momang: nu kommt der Umschwung in ihm, wo er sich aufrappeln tut. Aber hat er sich aufgerappelt? Im Gegenteil – nein, er ist nie mehr der alte Malthus geworden.« »Und ist Euch selber nicht eine bange Ahnung gekommen?« »Madam!« und über die Augen des Getreuen legten sich tiefe Flore und Schatten, »warum diese Frage? Ich weiß nichts und will auch nichts wissen. Was tot ist, soll ruhen. Ich will ihm diese Ruhe nicht stören. Der Bas steht vor mir wie ein Eichbaum, gesund in Bast und Borke und nur mit einigen trockenen Ästen behaftet. Just so wie ein Mann aus der Bibel. Genau so will ich ihn auch in meinem Gedächtnis behalten. Daran soll keiner mir rütteln. Den gesunden Eichbaum beschreien die Krähenvögel. Was tut's? Den heiligen Paulus haben sie auch gelästert und zu Tode gemartert. Hat's ihm geschadet? Den Teufel hat's ihm geschadet. Er ist doch der große Paulus mit den gewaltigen Briefen und dem köstlichen Salböl geblieben. Dasselbe nehme ich für meinen toten Herrn in Anspruch.« Er hob langsam den Kopf. »Madam, Ihr seid doch der nämlichen Ansicht?« Seine Worte waren wie die eines Richters. Sie griff nach der Tischkante. Totenbleich starrte sie dem Frager ins Gesicht, und jenes entsetzliche Wort, das sich ihr bereits bei der Beerdigungsfeier aufgedrängt hatte, lief ihr wie ein wilder Riß durch die Sinne. Mit Gewalt hielt sie es nieder. »Ja, ich bin der nämlichen Ansicht.« Sie fuhr sich über die Augen. »Daran darf ich keine Erinnerung mehr haben,« sagte sie hart in sich hinein, und dann zu dem Alten gewendet: »Ihr werdet schon recht haben, Kosman. Was modert, soll ruhen. Mit besudelten Gedanken kann man keine große Andacht besitzen. Rein sollen sie sein; denn nur mit einer großen Andacht im Herzen läßt sich ein neues und reiches Leben begründen. Also zur Sache! Ich komme auf Eure Frage und den Aukamp zurück. Und was ich in dieser Hinsicht zu tun gedenke, sei von mir in kurzen Zügen umschrieben. Meine Arbeit liegt hier und nicht im Geldrischen. Das muß in erster Linie gesagt sein, um wieder Grund und Boden unter den Füßen zu haben. Keine kleinlichen Auseinandersetzungen mehr. Sie führen zu nichts. Der große Schnitt muß geschehen. Meine Ehe blieb kalt. Es war überhaupt keine Ehe. Ich fror dabei bis in die Seele hinein, und was ich da drüben besitze, liegt mir wie ein sündiges Gut zwischen den Fingern. Der Himmel schied mich und Simonis. Die Freiheit des Handelns ist wieder mein Erbteil geworden. In diesem Sinne werde ich meine Maßnahmen treffen. Dem Verstorbenen lebt eine Schwester. Dieses arme Weib hat er um Gut und Eigen betrogen. Nicht durch brutale Gewalt, sondern auf legale Weise betrogen, wie er mich und mein junges Leben betrog und den Vater vergewaltigte. Ähnlich wie jener, erging es noch verschiedenen andern Menschen. Diesen Mißhandelten soll ihr Recht wieder werden – und aus solcher Überzeugung heraus wird der Aukamp und alles das, was ich sonst noch im Geldrischen besitze, aufs neue in die zuständigen Hände gelegt, auf daß ich nicht schuldig werde an der Schuld meines Mannes. Ich selber ... nichts will ich haben, was mich an verhaßte und verzweifelte Jahre erinnert. Die dortigen Äcker wurden mit Blut gedüngt und mit Tränen begossen. Ich verzichte auf alles.« »Was?!« stammelte Kosman und war wie vor den Kopf geschlagen. »Auf alles,« wiederholte sie ehern, und die Stille stand wie eine Mauer um die beiden einsamen Menschen. »Und Ihr ...?!« fragte der Alte nach längerem Schweigen. »Hier meine Hand!« sagte sie frei und groß, und ihre Brust kam in ein heftiges Stürmen und Drängen. »Und diese meine Hand lege ich auf das väterliche Erbe – und die Wasser sollen sich wieder übers Wehr stürzen, so, wie sie es heute taten – und die Mühlen sollen gehen wie in früheren Zeiten – und alles soll sein, wie es war in den Tagen des Glückes. Euch aber, Kosman« – und ihre Stimme zitterte und nahm einen weichen und gütigen Ton an – »Euch will ich als meinen Sachwalter aufstellen, als Leiter und Führer über das, was ich habe, in gemeinsamer Pflicht, auf daß die Vergangenheit die bösen Augen zumacht und die Zukunft freundlicher werde ... und dann glaube ich: ich kann wieder leben; denn Arbeit ist Leben.« Kosman stieß einen dumpfen, verhaltenen Ton aus. Mit gebogenem Rücken sah er zu Boden, als müßte er die Beruhigung seiner erregten Sinne aus den Dielen herausholen. Dann hob er sich auf und streckte den Nacken, und in seinen Blicken schwamm ein inniges Verstehen. »Gottverdammich, Madam!« rief er aus, »wie schön und feierlich Ihr das alles gesagt habt. Das ist wie im Hochamt. Herr Jeses, die Freude! und wenn ich Schulmeister wäre, ich ginge zur Kirche, um dort auf der Orgel zu spielen: Hebt das Auge, das Gemüte ... und nu stellt mir noch einmal die Frage: Wie nennt man die, die wider Willen und mit Verachtung im Herzen vor den Tisch des Herrn trat, um hier die Ringe zu wechseln?! – und ich gebe die Antwort: Sie ist eine Heilige!« Mit Tränen in den Augen hatte er die Hände des schönen Weibes ergriffen. Dann deutete er über die Schulter und fragte: »Und der da, was soll aus dem da jetzt werden?« »Wen meint Ihr?« »Den Stillen von Op gen Oort,« sagte er leise. Sie überhörte die Worte. »Kosman,« meinte sie wie aus einem Traum heraus, »ich will bald ins Geldrische, um alles zu ordnen und mein Vorhaben gesetzlich regeln zu lassen. Darüber können Monde vergehen. Bis dahin ...« »Madam, ich verstehe, und es soll alles gehalten werden, als wenn es das Meinige wäre.« »Kosman, das weiß ich.« Schön denn! und mit Gottvertrauen und Lust an die Ramme! Ihr und ich – da freut sich der Himmel darüber.« Er wandte sich und wollte das Zimmer verlassen. »Also bis morgen.« Sie nickte ihm freundlich nach. Als er die Türe aufmachte, stand ein kleiner Mann vor der Schwelle. »Na nu!« sagte Kosman, »was wollt Ihr so spät noch, Jan van den Birgel?« »Ich habe mit der da zu sprechen.« »Madam,« rief Kosman zurück, »Jan van den Birgel ist hier mit 'nem Anliegen! Das hat wohl noch Zeit bis zu 'ner kommoderen Stunde?« »Heute will ich niemand mehr sehen.« »Da habt Ihr's!« »Was nennt Ihr 'ne kommodere Stunde?« fragte der Alte aus der Straße ›Achter de Mur‹. Seine Äugelchen blitzten. »So in acht Tagen vielleicht.« »Gut – in acht Tagen; aber dann hoffe ich in beider Interesse, daß ich nicht ausgeklinkt werde.« »Abwarten, Jan van den Birgel!« sagte Kosman und begleitete den Eindringling bis an die Schwelle des Hauses. Über Op gen Oort stand die volle Scheibe des Mondes. Zwischen den Ästen der alten Pappeln hingen seine silbernen Schleier.   10 Es war acht Tage später. Wie heute die Landschaft so fein war, durchsichtig wie Kristall, lieblich wie eine junge Braut, freundlich wie eine junge Knospe, die sich zu entfalten gedachte! Ein Spiegel konnte nicht reiner und blanker sein. Das Gegenständliche rückte greifbar näher. Nur in weiter Ferne grenzte ein zarter Duftstreifen den Horizont ab. Vom Paternosterdeich aus sah man die Wisseler Basilika, die Türme von Rees, die Sankt Adelgundiskirche von Emmerich, die blauen Wälder von Moyland. Darüber hinaus zogen die Klever Höhen ihre sanften Linien durch die friedliche Ebene. Alles gab sich freier und sonniger als noch vor wenigen Tagen. Die Stachelbeersträucher begannen zu leuchten. Die dicken Pfingstrosen arbeiteten sich mit breiten Trieben aus dem warmen Erdreich, in den Gärten blühte der Krokus, unter den Bocksdornhecken war es blau von Veilchen geworden, und um die braungoldigen Äste der Pappeln flockte ein smaragdgrüner Schimmer. Dores Schweißgut stand vor der Haustür, vigilierte mit seinen Korinthenäugelchen nach den ersten Schwalben, die die Luft wie Pfeile durchschossen, und meinte: »Um die Wahrheit zu sagen, nu kann man bald die ersten Spargels mangieren.« Auch Pitt Lörksen war eitel Wonne und grunzendes Behagen, machte seinen Morgenspaziergang über den Markt, wo die strammen Bauernweiber aus der Umgegend Butter und Grünkram feilhielten, und taxierte ihre Waren nach den gespannten Blusen und den festen und schöngerundeten Strümpfen, die der liebe Herrgott in seiner besten Geberlaune aus den kurzen Röcken hervorwachsen ließ, während Cornelis seine Gaudaer Tonpfeife rauchte, sein Schälchen Kaffee schlürfte und eifrigst dabei war, den neu belebten Fortbestand der Solopartie in Erwägung zu ziehen. Das Schicksal seines heimgegangenen Freundes hatte ihn aufs tiefste ergriffen. Immer und immer wieder mußte er an diesen Ehrenmann denken. Aber was half ihm das alles? Grübeln brachte nicht weiter. Trauern noch weniger, und da der Verstorbene allzeit darauf gehalten hatte, die gemütlichen Spielabende im ›Dicken Tommes‹ aufs emsigste zu pflegen, so war es schon aus diesem Grunde der Nachfahren verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, die weitere Gedeihlichkeit dieser Abende auch für die Zukunft sicherzustellen. Der vierte Mann mußte herbeigeschafft werden, unter allen Umständen, ohne langes Besinnen, wobei allerdings zu berücksichtigen war, daß nur einer in Frage kommen konnte, der wert und würdig erschien, den verwaisten Stuhl zu besetzen. So einer wie der Trumpfkönig war nicht alle Tage zu haben. Da mußte man schon mit der Laterne suchen und den richtigen Instinktus besitzen, wie er, Cornelis, gerne zu sagen pflegte, und so saß er denn in seiner gemütlichen Koje, äugelte den bläulichen Rauchwölkchen nach und suchte den passenden Talgstumpf für sein Laternchen zu finden. Plötzlich hellte sein Geist auf. Der angeforderte Kern kam zum Vorschein, ähnlich wie eine blanke Kastanie aus ihrem Igelgewand. »Auf Parol,« sagte er freudig und schlug auf den Tisch, daß das Kaffeegeschirr klirrte und aufhoppelte, »der oder keiner!« und so behende wie ein Mehlkäfer in frischer Weizenkleie, so fixbeinig machte er sich auf die Strümpfe, um den schönen Gedanken an das Herz seiner Freunde zu legen und zu einem ersprießlichen Abschluß zu bringen. Es war um die Frühschoppenzeit, als er losmarschierte. Dores Schweißgut stand noch immer vor seiner Haustür, sah nach den Schwalben und verzehrte im Geiste ein Gericht delikater Spargel mit blauroten Köpfen, in ausgelassener Butter natürlich, als Cornelis ihm zuwinkte und näher herantrat. »Dores, ich hab' 'ne großartige Idee. Die will ich im ›Dicken Tommes‹ bei 'ner Bouteille verzapfen. Selbstverständlich, Pitt muß dabei sein.« »Unleugbar!« erklärte Grünober. »Dann komm man; denn er ist immer zu finden, wo das dickste Fleisch unterm Zeug steckt,« und als sie gleich darauf den Wochenmarkt abpatrouillierten, da brauchten sie nicht lange zu suchen; denn siehe: bei 'ner umfangreichen Mamsell aus Neu-Luisendorf, weiß wie ein Spanferkel und frisch wie ein Borsdorfer Apfel, machte er eindringlichst Konversation und mußte ihr auch etwas sehr Angenehmes gesagt haben, denn sie erklärte ihn für einen ganz schlimmen und ausgetragenen Windhund, drängelte sich ihm aber dicht an die Rippen, daß alle Nähte ihrer straffen Bluse wie allerliebste Liebesgötter kicherten und krachten. »Immer leschär!« versetzte Trumpfsieben und legte ihr den Arm um die Taille. Dabei pfiff er wie ein Kanarienvogel. »Pfui!« sagte Grünober und wandte sich ab. Cornelis jedoch sah über die menschliche Schwäche hinweg, zitierte den Schwerenöter zu sich heran und machte ihn in großen Zügen mit dem bekannt, was er vor hatte. So gingen sie denn einträchtiglich dem Stammtisch und der Bouteille entgegen, und als sie über den Bordstein traten, flüsterte ihnen Cornelis einen Namen heimlich ins Ohr, der sie wie ein elektrischer Funke berührte. »Das wäre pompös!« meinte Grünober, »Da käme Malthus vor Freude direkt in den Himmel,« ergänzte Pitt Lörksen, »ohne zuerst ins Fegefeuer zu müssen.« »Meine ich auch,« sagte Cornelis, und damit verschwanden die drei in den gastlichen Räumen des ›Dicken Tommes‹, um den vierten Mann bei einer Flasche ›Langkork‹ pflichtig und dingfest zu machen. Lena van den Birgel, die der ganzen Szene auf dem Wochenmarkte beigewohnt hatte, machte runde Augen und verliebte Nasenlöcher. Vieles ging ihr durch den Sinn, auch das, was ihr noch vor einigen Tagen mit Pitt Lörksen passiert war. Heute dachte sie sachlicher darüber, nicht mehr so voreingenommen und krötig. Sie schätzte ihn höher ein. Sein Benehmen der Neu-Luisendorfer Mamsell gegenüber imponierte ihr, und abgesehen von einigen Anzüglichkeiten, die sie selber damals hatte einstecken müssen, glaubte sie in ihm einen Mann von Komplaisanzen gefunden zu haben, wenn er auch singen mußte: »Auch ich war ein Jüngling im lockigen Haar«, wobei er die Betonung auf das ›war‹ zu legen hatte, aber sonst ... noch immer schien er kregelen Geistes und tapfer bei Wege, und so ging sie denn mit dem Vorhaben nach Hause, sich das Anerbieten des emeritierten Schnapsbrenners und Kappesbauern überlegen zu wollen. Vielleicht ließe sich eine angenehme Lösung noch finden. Man mußte nur abwarten, nichts übereilen und alles dem lieben Gott überlassen. Aber dann wieder ... Da war noch ein zweiter, da war noch Schnurr Schnapp von der Waterkant, der ihr seit einigen Tagen auffällig den Hof machte und sich alle Mühe gab, ihre Gunst zu gewinnen und seiner Werbung einen reellen Boden zu geben. Auch nicht so übel! Der Mann hatte das Seine gelernt, war gebildet, trug ein türkisches Mützchen und wartete immer mit den feinsten Redensarten auf, wenn er seine Kunden bediente. Und Legenden konnte dieser frische und ernsthafte Seladon erzählen. Legenden, die so schön und glitschig waren wie seine Barbierfinger! wenn der Pastor auch sagte: »Das sind faule Geschichten, verlumpte Geschichten und nur geeignet, die Sitten zu verderben und den orientalischen Halbmond auf die katholischen Kirchen zu pflanzen.« Und das wollte der Herr Pastor unter keiner Bedingung. Aber schön waren sie doch, diese Fabliaus, und wenn Schnurr Schnapp von der Waterkant sie anpräsentierte, dann lief einem ein angenehmes Kribbeln und Krabbeln den Rücken hinunter. Das alles mußte berücksichtigt werden, und so kam sie denn zu der gediegenen Ansicht, ihn nicht außer Wettbewerb zu stellen und den Fall überlegen zu wollen. Sie strahlte ordentlich vor innerer Freude, warf sich forsch in die Bluse und mit dem löblichen Vorsatz, dem neuen cavaliere servente gegenüber Gott vor Augen und den Beiderwandrock trocken und proper zu halten, beeilte sie sich, zu Jette zu kommen. So war denn der heutige Frühlingstag so recht dazu angetan, alle Welt zu vergolden und glücklich zu machen. Nur auf Op gen Oort lagen noch immer die Schatten der Trübnis. Das erhoffte Licht wollte nicht kommen, obgleich die Mutter alles aufbot, Sonne und Behagen in die Zimmer zu lassen. Die Schatten blieben und spannen ihre grauen Strähnen um Hof und Äcker. Hans Harkort konnte sich noch immer nicht finden. Seit dem Begräbnistage verursachten die alten Wunden aufs neue brennende Schmerzen. Der Geist der Verdüsterung regte sich wieder. Die Anlage zur Schwermut, die bei ihm heimlich geschlummert hatte, trat offen zu Tage, und Stunden kamen über ihn, die seinen Geist mit brutalen Erinnerungen zerfleischten. So schön, wie sie früher gewesen waren, so entsetzlich schwer lasteten sie heute auf ihm. Trostworte verfingen nicht mehr. Seine Gedanken froren. Das Herz war ihm auseinander gerissen. Das alte Leid hatte ihn zurückgefordert und ließ nicht ab, ihn zu quälen, immerfort und mit ausgeklügeltem Behagen. Die schöne Frau stand ihm stündlich vor Augen, sah in seine Träume hinein und schien die Arme zu breiten. Und doch war sie ihm für immer verloren. Darüber war er sich völlig im klaren. Unübersteigbare Mauern türmten sich auf, und die Pforte, die hindurchführte, war doppelt und dreifach verrammelt. Davor stand ein Cherub. Des Haupt brannte wie Feuer, und das Schwert, das seine Hände umspannten, leuchtete wie eine brandrote Zunge. Der Wächter des Paradieses schilderte wie aus Eisen gegossen, abweisend, unnahbar, und sein Blick war Vernichtung. Vor diesem Blick bangte Hans Harkort wie vor dem eines Dämons. So traf ihn die Mutter, als er um die vierte Nachmittagsstunde von den Feldern heimkehrte. Den Krückstock vor sich gestemmt, den schneeweißen Kopf rückwärts geworfen, barhaupt und mit weitgeöffneten Augen, so erhob sich ihre graue Gestalt inmitten des Hofes. Seine Schritte kamen näher. Jetzt stand er vor ihr. »Hans,« sagte sie vorwurfsvoll, »du kommst von der Wisseler Scheid her?« »Ja, ich komme von der Wisseler Scheid her.« »Immer dasselbe. Das solltest du nicht tun, denn von dort aus sieht man die Wassermühlen wie in Greifnähe liegen.« Sie erhielt keine Antwort. »Es ist besser,« fuhr sie unbeirrt fort, »eine Hand voll mit Ruhe zu nehmen, denn beide Fäuste voll mit Mühe und Jammer. Du aber, du schaffst dir nur Mühe und Jammer.« »Mutter, es wird sich schon geben.« »So nicht. Auf diese Weise nicht, und geht das so weiter, dann werde ich an die Worte erinnert, die da lauten: Ich wandte mich und sahe alle, die unrecht leiden unter der Sonne, und siehe: da waren die Tränen derer, so Unrecht duldeten, und hatten keine Tröster; und die ihnen unrecht taten, waren zu mächtig, daß sie keinen Tröster haben konnten. Da lobte ich alle, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben besaßen. Das will mir das Herz abdrücken.« »Mutter, du quälst dich mehr als nötig.« »Das sagst du so leichthin. Ich aber habe Ursache dazu und Gründe in Hülle und Fülle. In dir ist Not und Angst, in mir die Vorsehung. Ich sehe dich dulden, denn meine Augen, so tot sie auch sind – den Jammer eines Kindes sehen sie immer, und ich dachte mir schon: das dir übertragene Herrenrecht würde nicht nur dem Hof, sondern auch dir selber zum Heile gereichen.« »Dem Hof kommt's zugute,« sagte er tonlos. »Das weiß ich, aber die Hauptsache ist: du leidest maßlos und sollst doch gesunden.« »Ich kann meine Gedanken nicht wie ein Henker erwürgen.« »Das brauchst du auch nicht, aber sie in Zucht und Ordnung halten, das solltest du können, denn wer seine Leidenschaften nicht anseilt, der gibt sich selber verloren. In Gott ist Friede. Du aber betrachtest die Welt mit gottfernen Augen, und der Gekreuzigte sagt doch: Wer mich verleugnet vor sich und den Menschen, den werde ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater, und Jesus Sirach verkündet: Wehe den Verzagten; denn sie wollen nicht glauben. Darum werden sie auch wenig beschirmet. Wir wollen lieber in die Hände des Herrn fallen, denn in die Hände der Menschen. Von ihnen ist kein Heil zu erwarten.« Er lachte bitter auf. »Was soll das,« fragte sie leise, und ihre Hand fuhr mit einer jähen Bewegung zum Herzen. »Ehre deinen Vater, und vergiß nicht, wie sauer du deiner Mutter geworden bist!« Und sie blickte ihn an, als wenn sie ihn sähe, und sagte: »Ich wollte, du machtest deinen Frieden mit dir, auf daß du glücklich würdest – sonst geh' ich zugrunde.« Da wurde sein Gesicht wie die Scheunenwand. Mit einem verhaltenen Schrei griff er zur Schläfe und begehrte auf: »Es ist doch alles verpfuscht und verhauen,« und wandte sich und ging langsam dem Herrenhaus zu. »Hans!« sagte sie traurig und hörte auf seine sich verlierenden Schritte und schüttelte den Kopf und rief über den Hof fort: »Jansenius!« Da kam Jansenius, der Oberknecht, aus dem Pferdestall, wo er die Raufen bestellt hatte. Er war ein langsamer, aber ein anstelliger und bedachtsamer Mensch, drahtig und wie ein Starker gewachsen. In Ehrfurcht kam er seines Weges gegangen, lüftete die Schirmmütze und sagte: »Hier bin ich. Womit kann ich dienen, Madam?« »Zufrieden mit dem heutigen Tagewerk?« »Merci, alles im Blei.« »Und die Leute, sind sie schon von den Feldern zurück?« »Alle, Madam. Nur die auf der Wisseler Scheid vespern im Freien.« »Wann geht's wieder hinaus?« »Um fünfe.« »Und wann wird Feierabend gemacht?« »Um sieben. Bis dahin ist sichtiges Wetter.« »So kommt, ich habe mit den Leuten zu reden,« und da gingen die beiden dem weißen Giebel zu, wo die Gesindeleute beim Kaffeetisch saßen – sie wie eine graue Königin, nicht tastend und zaghaft, sondern aufrecht und sicher und erhobenen Hauptes ... und als sie an den Pferdeställen vorbeikamen, klang ihnen ein helles und freudiges Wiehern entgegen. »Das ist die Lotte,« sagte die Blinde. »Die kennt mich. Mit ihr bin ich immer ins Hochamt gefahren,« und sie trat in den Stand und fuhr dem Tier mit liebevoller Hand über Hals und Kruppe. »Du Treues, du Gutes und ihm ans Herz gewachsen!« Es rührte sich nicht und ließ sie gewähren. Nur seine Haut wurde von einem kaum merklichen Zittern gefältelt. »Mußt gut mit ihm sein,« sprach sie ihm freundlich zu, »und Geduld mit ihm haben, wenn er mehr als gewöhnlich seine einsamen Wege reitet. Dann wird er auch wieder. Sonst kann ich den anderen Tag nicht mehr finden,« und leise Worte vor sich hinmurmelnd, verließ sie den Stand, ging über den Hof und lenkte ihre Schritte dem Gesindehaus zu. Als sie eintrat, erhoben sich Knechte und Mägde. »Tag, alle zusammen!« »Tag, Madam!« und sie wandte sich an den Oberknecht und fragte: »Wie ist das mit ihm? Hat er Euch noch gar nichts gesagt?« »Was denn gesagt?« »Daß auf Op gen Oort sich neues begeben?« Jansenius schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er in seiner bedachtsamen Weise, »mir nichts gesagt und den anderen auch nichts gesagt.« »So soll es hiermit geschehen,« und sie stellte den Krückstock vor sich hin, legte die Hände darauf und redete mit vernehmlicher Stimme: »Das Weib soll schweigen in der Gemeinde. So heißt es, denn es ist für gewöhnlich nicht Weibes Art, in geschäftlichen Dingen und Verwaltungssachen das Wort zu führen und die Ellbogen auseinanderzulegen. Ich für meine Person mußte es tun, denn die Verhältnisse waren stärker als ich und wollten es, daß es also geschehe. Das ist seit einigen Tagen besser geworden, und ich bin nur erschienen, um als Herrin von euch Abschied zu nehmen.« Ein leises Flüstern erhob sich. »Ich habe Hartes ertragen und Schweres erduldet.« fuhr sie fort, indem sie den Stab etliche Male auf und nieder bewegte, »und viele Stunden sahen in mein Leben herein, von denen ich gewünscht hätte, sie wären mit anderen Gesichtern gekommen. Als Adam Harkort auf die Hobelspäne mußte, hatte ich tiefe Not mit Knechten und Mägden. Sie boten einem die Zeit nicht mehr, versäuerten den Tag und waren plump wie die Kälber. Sie sprachen ihr Gebet zum Fenster hinaus, scheuten die Arbeit, aber scheuten sich nicht, verbotene Freuden in gemeinsamer Kammer zu suchen. Das schrie gen Himmel und brachte die Zucht auseinander. So nahm alles den Krebsgang auf Op gen Oort, und die Äcker verkamen. Später schloß sich die Wunde; denn als Jansenius eintrat, als ihr euch verdingtet und mein Sohn zu regieren begann, konnte ich mich wieder der Meisterschaft freuen und meine Stunden segnen; denn die Melkeimer glänzten wie früher, die Striegelstriche lagen so glatt nebeneinander, als wären sie bei einem Rechenmeister in die Lehre gegangen, die verkehrte Bettgängerei hörte auf, und die Roggen- und Weizenschläge warfen fünfundvierzigfältige Frucht ab. Eine hellere Zeit dämmerte herauf. Gott war sichtlich mit mir und bei mir, und daß er es war, das hab' ich euch und meinem Sohn zu verdanken.« Ein unterdrücktes Schluchzen war um sie. Jansenius stierte fest auf den Boden und zählte die einzelnen Estrichsteine, die die Gesindestube nach Länge und Breite bedeckten. Die übrigen schoben sich ehrerbietig heran, um jedes Wort besser von den Lippen der Blinden nehmen zu können. »Ich kann euch nicht sehen,« fuhr diese fort, »und habe euch im Leben niemals gesehen, aber das fühle ich: ihr seid alle prächtige Menschen. Ihr versteht mich, und ich verstehe euch, und ich hoffe zu Gott, wir werden uns auch später verstehen. Und weil es so ist –« und ihre Stimme nahm zu an Innigkeit und Liebe – »weil aus Abgestorbenem wieder Lebendiges wurde, weil ich weiß, es geht alles seinen geregelten Fortgang, seinen Weg, der ins Helle und nicht ins Dunkle hineinführt, so nahm ich den Fluch von Äckern und Wiesen, von Sparren und Scheunen, von jeglichem, was die Sonne bescheint –- und von dem Haupt meines Sohnes ... und über alles soll er sein wie ein Starker, der über sein eigenes Feld geht, der seinen eigenen Knechten und Mägden befehligt, der ein Freier ist unter Freien und der da gebietet: Das geschieht heute, und das geschieht morgen, und der keinem verpflichtet ist als nur sich und seinem Gewissen; deun Hans Harkort, mein Sohn, ist Herr von Op gen Oort seit einigen Tagen geworden, und sein ist die Macht über alles, was ich ihm übertragen habe von Rechts wegen.« Ein beifälliges Gemurmel wogte gegen die blinde Frau an, die einen tiefen Atemzug machte und jeden einzelnen mit ihren erloschenen Blicken zu umfassen suchte. »Ihr aber – denkt daran ... euch soll er halten, wie ich es getan habe. Mangel sollt ihr nicht leiden, sondern auf Heller und Pfennig empfangen, wie die Ordnung es vorschreibt. Dem dreschenden Ochsen darf man das Maul nicht verbinden und der sammelnden Hand nicht die Ähren mißgönnen. Liebe zeugt Liebe, und Wohltun schafft willfährige Menschen. Ihr sollt eure Sonn- und Feiertage haben und schmuck in eurem Zeug einhergehen, nicht fühlen, nicht wissen, daß es einen Unterschied gibt zwischen Dienen und Herrschen. Gemeinsame Arbeit, gemeinsame Feste! Kein Bangen und Fürchten, sondern Vertrauen und wechselseitiges Geben und Nehmen! so werdet ihr finden: die Blüte von Op gen Oort ist unsere eigene Wohlfahrt geworden. Das sagt auch denen, die sich auf der Wisseler Scheid noch befinden, damit sie es wissen. Dafür aber« – und ihre Worte nahmen zu an Glanz und Metall – »dafür aber sollt ihr weder rechts noch links sehen, euch nicht beeinflussen lassen durch heimliche Reden, nicht von dem Unkraut sammeln, das der böse Sämann in den Acker hineinstreut. Gebt Gott, was Gottes, und dem Herrn, was dem Herrn. Nicht sitzen sollt ihr auf den Bänken, wo die Spötter das große Wort führen und die Revoluzer ihren Fusel verzapfen, nicht halten zu denen, die euch mit falschen Lehren zu betören suchen. Folgt meinem Sohn! Sein Wort sollt ihr ehren und ihm freundlich begegnen, auf daß ihm die Stunden nicht sauer werden und seine Sinne sich heitern. Dann kommt das versunkene Lachen auch wieder. So werdet ihr euch gegenseitig willig finden, gut und gerecht und miteinander leben wie unter dem Glanz einer schönen und glücklichen Sonne. So, und nun geht an die Arbeit!« Und da standen die Leute, Knechte und Mägde, noch ganz benommen von dem, was sie gehört hatten, und sahen die Blinde an, nickten ihr zu, wischten sich über die Augen und wollten still auseinandergehen. Da aber trat Jansenius vor, machte ein stummes Zeichen und streckte sich auf in seiner unbeholfenen, aber rührenden Einfalt. »Madam!« sagte er mit seiner schweren und zitternden Sprechart, »daß ich hier rede, ist nur um dessentwegen, um Euch zu danken und Euch den Abschied zu bieten. So nehmen wir denn Abschied von Euch als Herrin von Op gen Oort, aber nicht als Madam. Die bleibt Ihr, und was Ihr gesagt habt, dem stimmen wir zu, als wäre es aus dem Beichtstuhl oder direkt aus dem Himmel bezogen. Unsere Augen sehen für Euch, unsere Hände sorgen für Euch, und wenn mal die Zeit kommt ... aber davon will ich gar nicht mal reden, sondern mich freuen, daß wir Euch noch unter uns haben, und was ich jetzt noch auf dem Herzen besitze, das will ich direkt aufs trockene bringen, ohne langes Getu, denn der Weg geradeaus ist von jeher der kürzeste und beste gewesen. Es gibt Stunden, da kann man vor Gottvertrauen versinken. Eine solche Stunde ist bei mir, und so sage ich denn, ich, Hermann Jansenius, zugleich im Namen der übrigen: Wir wollen den neuen Herrn als solchen anerkennen, ihn lieben, ihm dienen und alles so tun, wie er es für sachlich und richtig befindet, weil wir uns immer gesagt haben: Der oder keiner, denn sein Wort ist wie das Kredo im Hochamt und seine Arbeit wie die des Sämanns im Evangelium, die vor Feuer und Wasser nicht ausweicht. Offen und ehrlich wollen wir zu ihm halten, nicht drängeln und nörgeln, sondern uns so betragen, wie es braven Menschen geziemt. Dann wird auch wohl die Not wieder von ihm gehen und er sich freuen können wie in früheren Tagen. Dieses versprechen wir heilig, ohne Ansehen der Person oder aus einem anderen Grunde. Will dieses auch auf meine erste heilige Kommunion nehmen und mit einem wahrhaftigen Amen beschließen.« Da drängten sich alle an die Blinde heran, sagten ihr artige Worte, gaben ihr die Hand und gingen bedachtsam und rudelweis auseinander, während die Alte, von Jansenius begleitet, ihren Rundgang wieder aufnahm und an den Ausgang des weitläuftigen Gehöftes gelangte. Von hier aus lief der Blick über endlose Felder, die sich erst bei den Deichen verloren. Linker Hand erhob sich der Giebel der großen Scheune, weißgekalkt und mit einem blühenden Pfirsich bekleidet. Vor rosigem Schaum war kein grünes Blättchen zu sehen. Eitel Karmin und süßes Duften! Warm und wohlig ruhte die späte Nachmittagssonne auf dem Frühlingswunder. Eifrige Bienen näselten ab und zu, und des Summens war kein Ende. Die Blinde wandte den Kopf und horchte auf das emsige Fliegen, das nicht aufhören wollte. »Mir ist so, als ob der Pfirsich schon blühte,« sagte sie leise. »Das tut er, Madam, und so tapfer ist es ihm noch niemals gelungen. Setzt kein Frost ein, haben wir mit 'ner vollen Ernte zu rechnen. Auch das mit die Felder – lauter Pracht und Herrlichkeit! Ein heuriges Häschen kann sich kommod in der jungen Sommerfrucht bergen. Man hat schon den warmen Brotgeschmack zwischen den Zähnen. Und die Wintersaat erst! Kein Korn setzte aus, keine Scholle blieb übersehen. Alles sattgrün und mastig und wie mit dem Richtscheit gemessen. Bleibt's dabei, müssen wir im Herbst auf den Stoppeln schobern und mieten. Die Scheunen tun's nicht mehr und die Dreschmaschinen erst recht nicht.« »Dieser Segen!« sprach sie verloren dazwischen, »und ich kann ihn nicht sehen! und möchte so gerne ... ja, ich möchte so gerne ...« Ihre Worte verrieselten wie trockener Sand zwischen den Fingern, und ihre Gedanken nahmen wieder den herben und dornigen Weg auf, der zu ihrem Einzigen führte, als sie unversehens aufhorchte und fragte: »Kommt da nicht jemand?« »Wer sollte denn kommen?« »Auf dem Kommunalweg sind Schritte, langsame und freundliche Schritte. Ich höre sie deutlich.« Der Knecht hob die Schultern. Auch er horchte hinaus. »Ja!« sagte er endlich, »da kommt wer,« und als er einige Schritte vortrat, so daß er den schmalen Weg, der in einer großen Schleife und an Feldern und Weidenkoppeln vorbei nach Op gen Oort führte, verfolgen konnte, da sah er, wie eine schwarze Gestalt sich auf ihm vorwärts bewegte. Als sie näher kam, wandte er sich und sagte feierlich: »Ich glaube, Madam, wir kriegen Besuch.« »Von wem denn?« »Von 'nem geistlichen Herrn.« »Ah!« fuhr sie auf. »Andreas! der Freund meines Sohnes. Gut, daß er kommt. Er hat es schon lange versprochen.« »Dann kann ich wohl retour machen und mich an die Arbeit begeben?« »Mit Gott denn, Jansenius! und nochmals besten Dank für die freundlichen Worte.« »Ist gerne geschehen,« und damit ruckte der prächtige Mensch an der Schirmmütze, ging durch die Scheunengassen hindurch dem hinteren Hof zu, um sich von hier aus nach der Wisseler Scheid zu begeben. Währenddessen kam der junge Kleriker still seines Weges, glitt mit sanften Augen über die Saat fort oder folgte den Lerchen, die sich von Zeit zu Zeit aus den Roggen- und Weizenschlägen erhoben. »Der da kommt,« sagte die Blinde lächelnd vor sich hin, »ist wie ein Bote des Herrn. Er hat weiße Hände und weiße Gedanken, und seine Blicke erinnern an die des Nazareners ...« und als er vor ihr stand, rief sie mit bewegter Stimme: »Andreas!« »Der bin ich, Frau Harkort, und ich freue mich innig, endlich wieder den Fuß auf Ihren Grund und Boden setzen zu können, ich, der frühere Schmiedejunge aus Keppeln und nunmehriger zweiter Kaplan im hiesigen Kirchspiel.« »Das weiß ich,« sagte sie gütig und tastete nach seinen Händen. »Herzlich willkommen! Als Ihr zum letztenmal hier wart, da lebte mein Mann noch.« »Ja, da lebte er noch, und Ihr ...« »Wie ist es Euch denn ergangen in all den Jahren, Andreas?« »Gesundheitlich gut. Das übrige liegt in den Händen der Kirche. Sie ist unsere Sorgerin und Mutter. Sie bietet uns die Zeit, gibt uns unser tägliches Brot, und wenn wir straucheln, ist sie unsere Mittlerin und Fürsprecherin. Wem es gegeben ist, sich ihrer Satzung zu fügen, hat den Himmel auf Erden und lebt ein schnurgerades Leben, das keine Abwege duldet. Mir ward es gegeben, in diesem Sinne zu handeln, wenn auch Stunden kamen, die meine Seele bedrängten. Aber diese Stunden ... ich rang sie nieder wie in der schönen Legende der heilige Georg den Lindwurm bekämpfte, um seine Mission zu erfüllen. Meine erste Pfründe war kärglich. Auch die zweite. Allein der Generalvikar wollte mir wohl, und so bin ich denn auf die hiesige Stelle verschlagen.« »Das freut mich, denn Ihr verdient sie, Andreas.« »Es ist mein Verdienst nicht, Frau Harkort. Viele meiner Mitbewerber, die besser denn ich sind, hatten das nämliche Anrecht. Es ist lediglich Gottes Fügung gewesen.« »Und Ihr seid zufrieden, Andreas?« »Zufrieden und glücklich.« »Wäre Hans doch auch zufrieden und glücklich!« sagte sie schmerzlich. »Aber immer dieses Quälen und Sinnen – das ist es, was mir die Tage verleidet.« »Drum bin ich gekommen, Frau Harkort. Ich hörte davon. Auch sah ich bei unserem letzten Begegnen: er sucht noch immer und kann seine Ruhe nicht finden. Das zermürbt den Menschen, und Thomas von Kempen hat recht, wenn er die innewohnenden Schmerzen tiefer bewertet als solche des Leibes. Vielleicht kann ich helfen, ihm den Balsam spenden, den seine Seele bedarf. Schon von Jugend auf waren wir innig befreundet, eine wechselseitige Zuneigung, die sich auf dem Seminar stetig vertiefte und immer anregender wurde, obgleich sich unsere Lebensziele schieden wie Feuer und Wasser. Letzteres schließt keinen Vorwurf in sich ein und soll auch keinen solchen beschwören, denn es steht mir nicht an, mich als Richter aufzuwerfen über das Tun und Lassen meines Bruders in Christo. In jedes Menschen Brust schlummern andere Ziele und andere Beweggründe. Die irdische und die überirdische Liebe haben keine gemeinsamen Pole. Aber Gott, der Herr, hat sie beide eingesetzt, wie er die Sakramente eingesetzt hat. Kein Fehl ist an ihnen. Beide können ins Himmelreich führen.« »Ihr sprecht lieb und gütig, Andreas.« »Ich spreche nur das, was die Stunde gebietet, wie mir ums Herz ist,« und inniger werdend, fragte er leise: »Er arbeitet doch, meine liebe Frau Harkort?« »Von morgens bis abends. Ohne ihn wäre hier alles zuschanden geworden. Das Korn wächst ihm unter den Händen, das Vieh gedeiht, und was die anderen nicht haben – ich meine die von Wisselward, von Brienen und Till – haben wir doppelt und dreifach. Unsere Speicher brechen unter dem Segen der Äcker, unter der Fülle des vorigen Jahres. Und was das beste ist: er und ich, wir haben unseren Frieden gemacht und unsere Herzen wieder gefunden. Nichts mehr steht zwischen uns. Die starre Mauer ist niedergerissen. Wir reichten uns die Hände, Andreas. Der Fluch des Vaters, der noch auf ihm lastete – ich habe ihn von ihm genommen und meinen Sohn gesetzt über Knechte und Mägde und über jeglichen Teil, der mir gehörte vor Gott und den Menschen, und ich bin des zuversichtlichen Glaubens: auch er, der die Verdammnis gegen ihn ausstieß, der ihm sein Erbe nahm und ihn zum Bettler machte – auch er wird die Hände breiten und sagen: Ich bin durch den Kummer Gottes gegangen, damals, als ich im gerechten Zorn und Unwillen die Hand wider ihn hob und ihm die väterliche Scholle entzog; nun schreite ich durch sein Erbarmen und Lieben ... Weib, und das habe ich dir zu verdanken.« Ihre heißen Worte erstickten. »Das sind doch erfreuliche Dinge, Frau Harkort,« sagte er leise, »Dinge, die im Herrn leben und den stetigen Segen verbürgen.« »Freilich sind sie das! Sie sind mein bestes und heiligstes Besitztum geworden und muten an, als wären sie aus der Bibel genommen. Seit dieser Stunde bin ich auch zufrieden und glücklich. Aber das andere, Andreas, das andere!« und in leidenschaftlicher Bewegung hatte sie die Hände des jungen Klerikers ergriffen. »Andreas, meine Augen sind blind und sind es schon Jahre um Jahre. Keine Kunst konnte sie retten. Auch er nicht,« und mit einer wehen Geste deutete sie auf das Herrenhaus, um das der Spätnachmittag seine rosigen Schleier zu wirken begann. »Nein, das konnte auch Hans nicht. Daß ich Gottes Werk nicht mehr kenne und Gottes Erde nicht mehr und alles das nicht, was er uns Menschen in seiner Allbarmherzigkeit und Güte vermachte – daran ist der da nicht schuld; denn er war nicht zum Priester geschaffen. Wer die Hostie aufhebt und segnet, wer da hingeht, um Gottes Öl auf Gottes Lampe zu gießen, wer da sagt: Kommet zu mir, auf daß ich die Sünden hinwegnehme, die ihr begangen, der muß es tun mit einer großen und stolzen Botschaft im Herzen. Fehlt ihm diese vom Himmel überkommene Sendung, so durstet er ewig, wird er nie über die Schwelle des Allerheiligsten treten. Wahrlich – er hatte sie nicht, und so konnte er mir auch das graue Dunkel nicht nehmen und die toten Augen zu keinem neuen Leben erwecken. Das begreife ich heute, und weil ich es tue, bin ich zufrieden im Herrn, daß er sein aufgezwungenes Gelöbnis nicht hielt und die Soutane von sich wies. Sie wäre ihm nicht und mir nicht zum Segen geworden.« »Sie werden recht haben, Frau Harkort.« »Ich habe recht, mein lieber Andreas. Aber das weitere ... Nicht, daß ich klagte um mich, daß ich mich am Holz meiner Blindheit zerquälte. Ich habe mein inneres Licht und mein inneres Leben – und hier diese Augen, so tot sie scheinbar auch sind, sie sehen doppelt und dreifach. Sie sehen das Leid meines Sohnes, und weil sie es sehen, möchte ich retten und helfen ... Andreas!« – und ihre Stimme zitterte wie vor verhaltenem Schmerz – »ich sehe bis in seine Seele hinein – und sehe das Schlimmste und sehe, daß er im roten Martereisen der Liebe hängt – und sehe, daß er am Weibe verblutet ... und Ihr ...« Ihre Worte zerfaserten in einem unterdrückten Schluchzen. »So geht denn hinein, sucht ihn aufzurichten, sprecht ihm Trost zu, vielleicht könnt Ihr helfen.« Er nickte stumm vor sich hin. Sie gab seine Hände frei, und da schritt Andreas Lobbers dem Herrenhaus zu, gefaßt und insichgekehrt, während die Blinde auf derselben Stätte haftete, erhobenen Hauptes, über sich das tiefblaue Himmelreich, neben sich den rosigen Blütenschaum des Pfirsichs und vor sich das leuchtende, junge Frühlingsgrün der endlosen Felder – eine blinde Frau in all den glühenden und farbigen Wundern.   11 Doktor Andreas Lobbers ...! Als er die Freitreppe erreichte, blieb er unwillkürlich stehen, denn er wähnte, ein Mirakel zu schauen. Er stand wie in feuriger Lohe. Der Abend hatte eine Handvoll pupurroter Rosen über das weiße Haus geworfen, die immer voller und verlangender blühten. Die Ziegel brannten, über First und Giebel rieselten schaumige Bäche, aus allen Fenstern und Bodenluken drängten sich flammende Zungen. Ein Scharlachmantel legte sich um Op gen Oort, über seine Fluren und Felder, und Funken waren dazwischen und flirrende Sterne und zuckende Garben. Aus dem Rosentraum war eine glühende Esse geworden, ein Brennen und Leuchten, eine feurige Halle. Andreas Lobbers warf den Kopf in den Nacken. Er meinte das Gedröhn von Schmiedehämmern zu hören. Der versonnene, schlichte Kaplan horchte darauf wie auf eine Offenbarung. Das weltliche Priestertum fiel von ihm ab. Das innere blieb ihm, aber nichtsdestoweniger: er fühlte sich als Sohn eines Schmiedes, als Sohn des alten Joseph Severin Lobbers in Keppeln – nicht mehr als Vikarius im kleinen benachbarten Kirchspiel, wo er sein tägliches Brevier betete, Beichte hörte und predigen mußte. Er sah seinen Vater, seinen prächtigen Vater. Der war krumm wie eine Greifzange, zäh wie Tischlerleim, aber gutmütig wie gedroschenes Erbsenstroh, und wohnte an der breiten Heerstraße, die vom alten Posthause über Keppeln fort ins Üdemsche führte. Da wohnte er am Eingang des Dorfes, linker Hand vom Pastorat, wo die breitästige Ulme aufragte, zersplissen und wetterhart und ergraut wie Methusalem. So schrundig und bodenständig sah auch Joseph Severin Lobbers aus, der Dorfschmied von Keppeln. Er beschlug die Pferde der Bauern und montierte ihre Pflüge und legte den schadhaften Rädern die neuen Reifen so meisterlich an, daß sie wieder imstande waren, ohne die geringste Lebensgefahr über die infamsten Knüppeldämme zu rattern. Ja, er sah seinen Vater, er sah ihn im Schurzfell, in der niedrigen Esse, am Amboß, hämmernd und schweißend, zufrieden in sich, gläubig in Gott, wohlgelitten in der alleinseligmachenden Kirche ... und Dampf umstrudelte ihn, und Blitze umzuckten ihn, und aus seinen wuchtigen Schlägen predigte die Mission seines Leben. Qualm und Lohe und Wettern! und es war dem jungen Kleriker, als vernähme er die Bibelworte: »Der ganze Sinai aber rauchte darum, daß der Herr herab auf den Berg fuhr mit Feuer; und sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, daß der ganze Berg sehr bebete.« Diese Worte waren bei ihm. So geschrieben im zweiten Buch Mosis, neunzehntes Kapitel, achtzehnter Vers – eine hohe Bibelstelle, in der der Führer der Juden seine leuchtende Sendung empfing, um sie zu seinem Volke zu tragen. Auch er, Andreas, hatte eine Sendung zu erfüllen, genau so wie Moses, genau so wie sein Vater in Keppeln – und doch war sie anders geartet. Moses trug sie einem großen Stamme entgegen, er sie einem einzelnen Menschen. Sein Vater quälte sich das tägliche Brot für Weib und Kinder zusammen, sorgte und schaffte für die irdische Notdurft. Er jedoch ... auch er mußte sich quälen, mußte schweißen, genau wie sein Vater, nur nicht für das tägliche Brot und die irdische Notdurft seiner Mitbrüder. Seine Mission wurzelte tiefer, ging mehr ins Seelische hinein und war mit dem weißen Gewand der christlichen Nächstenliebe umkleidet. Er hatte ein grimmiges Weh zu erschlagen, ein niedergebrochenes Gemüt aufzurichten und ihm den Nacken zu straffen; ein zerrissenes Herz war zu heilen und wieder zusammenzunieten. Er mußte hämmern, hämmern, hämmern. Funken mußten sprühen und Sterne blitzen, und aus dieser Arbeit hatte sich das Licht des Friedens zu schälen, das hehre, heilige, allbefreiende Licht der Erlösung. Ja, alles Priestertum war von ihm genommen, wenigstens das, was man das äußerliche heißt. Der sonst so schüchterne, schlichte und einfache Mann, der schmalschulterige Kaplan mit dem dunklen Haar, dem mit Sommersprossen gezeichneten Antlitz, den weißen Händen und den gütigen Augen, war nicht wiederzuerkennen. Noch einmal sah er in den Abend hinaus, ließ er den Blick über das Rosenwunder gleiten, noch einmal riß er seinen inneren Menschen zusammen, rang nach Worten und Gründen, die er vorbringen mußte, überschlug er die vergangenen und die kommenden Tage, um dann mit einem festen Willen unter der bäuerlich zugeschnittenen Soutane über die Schwelle zu treten. Hans Harkort saß um diese Stunde am Schreibtisch, den ein voluminöser Stoß von Zuschriften, Zertifikaten, Veranlagungen und Flurkarten bedeckte. Arbeit schaffte ihm Ruhe, gab ihm, wenn auch nur für kurze Zeit, innere Befriedigung und die Lust, Geist und Arme zu regen. Neue Pläne setzten Wurzeln an, rangen nach Freiheit und Luft und strebten ihrer Ausführung zu. Stillstand galt ihm als Rückschritt. An Stelle der menschlichen hatten eiserne, maschinelle Kräfte zu treten. Nicht überall, aber dort, wo es die Schonung erheischte. Der Bodenerschöpfung war Rechnung zu tragen, der Rübenmüdigkeit durch Anbau von Fangpflanzen Einhalt zu tun. Vornehmlich an der brackigen Scheid und weiterhin dem Paternosterdeich zu. Hier lag manches im argen. Dann ferner: der grundlegenden Bedeutung des in den Kreisen Geldern und Kleve geltenden Wasserrechtes war eine Auffrischung an Haupt und Gliedern so nötig wie das tägliche Brot, um die längstgeplante Melioration der versumpften Äcker und Hufen mit Erfolg in die Wege zu leiten. Sein Ringen ging weiter, suchte den gemeinnützigen Bestrebungen helfend zuvorzukommen. In dieser Hinsicht tagte bei ihm bereits die Idee von den späteren Bodenreformen, mit denen die organische Überführung des Realkredits in die öffentlichen Hände, die Besteuerung der unbebauten städtischen Grundstücke nach ihrem Werte und die Erhaltung und planmäßige Erweiterung des Gemeindegrundeigentums angebahnt und ausgebaut werden sollte, und er war gerade dabei, eine solche Eingabe an die zuständige Behörde aufzustellen, als es heimlich anklopfte, die Tür sich geräuschlos bewegte, Andreas Lobbers eintrat und mit gebreiteten Armen stehen blieb. » Salve, salve, confrater dilectissime !« sagte er mit einem heiteren Anflug in der Stimme. » Pax vobiscum , mein Junge!« »Andreas!« »Ja, der bin ich, bin ich noch immer!« und die beiden Freunde hielten sich innig umschlungen. »Endlich bist du gekommen, Andreas!« »Aber noch immer früh genug, um dir Leib und Seele aufzurütteln und dir den Frühlingswind um die Nase blasen zu lassen. Augen auf und die Herzen geöffnet! Ich möchte nicht vor tauben Ohren predigen, nicht sein wie der, von dem behauptet wird: Vox clamantis in deserto .« »Das schmeckt nach der Bibel.« »Tut's auch und soll's auch, mein Junge! Aber nun mal ehrlich gesprochen. Setze dich dorthin, dort in den Sessel! So ist's recht, und wenn es dir ansteht, wenn ich dir nicht lästig falle, folge ich deinem Beispiel, schlage die Beine übereinander und steh' dir zu Diensten, denn ich sehe: auf deinen Lippen sind die Fragen geschrieben: Quis, quid, ubi, quibus auxilius, cur, quomodo, quando ? streng nach der Chria Aphthoniana geordnet. Habe ich recht oder unrecht, mein Junge? Recht habe ich, Hans,« und mit einem feinen Schmunzeln ließ er sich nieder, gerade seinem Freund gegenüber, faltete die Hände auf den Knien zusammen, ließ die Daumen gegeneinander spielen und sagte: »Aber wozu diese Fragen? Alle sind bereits säuberlich erledigt. Kein Titelchen fehlt, und deine Mutter wird die Liebenswürdigkeit haben, dir die entsprechende Auskunft zu geben. Nur eins möchte ich hier an Ort und Stelle bemerken, möchte dich bitten, mir den schuldigen Respekt zu erweisen. Augen geradeaus und Hand an die Hosennaht! denn in mir erblickst du den zweiten ordinierten Kaplan im hiesigen Kirchspiel. Wem Gott ein Amt gibt ... na, und so weiter.« »Ich hörte davon.« »Um so besser, mein Lieber.« »Und ich gratuliere dir herzlich.« »Danke dir vielmals, und ich freue mich innig, die hiesigen städtischen und bäuerlichen Schäfchen zu hüten, sie in den Pferch zu treiben, zu waschen, zu säubern, zu scheren und sie nach gottwohlgefälligem Erdendasein auf die himmlische Weide zu treiben ... und das gerade hier, hier in der Gegend, wo ich, wenn ich die Ohren spitze, das Keppelner Kirchenglöckchen hören kann, hier, zwischen den Hecken, wo wir umarmen wollten, was gut war, und küssen wollten, was schön war, wo wir ... Hans, weißt du es noch? Wir sahen Gott schreiten über den Wassern, und wir sahen ihn wandeln durch die Kornfelder ... und waren froh mit den Lerchen ... und träumten uns in Ehrenstellen hinein... und säbelten Distelköpfe herunter ... hier im Land unserer Jugend ... Und später dann, Hans ... als wir lernten und faulenzten ... weltbewegende Stürmer und Dränger auf Prima...« »Ja, damals in Kleve,« kam es grübelnd zurück. »Richtig, mein Junge! Herrgott, diese goldenen Tage! Dieses Tasten und Suchen! Weißt du es noch? Keine Symposien a la Trimalch. Aber diese stillverschwiegene, heimliche Kneipe auf der Stechbahn! Farben und Bänder! Wir singen das Lied: Fort mit den Grillen und Sorgen! Silentium! Das Lied steigt,« und mit verhaltenen Lauten stimmte er an: »Fort mit den Grillen und Sorgen, Brüder, es lacht ja der Morgen Uns in der Jugend so schön! Laßt uns die Becher bekränzen, Kränzen, Laßt bei Gesängen und Tänzen Uns durch die Pilgerwelt gehn, Bis uns Zypressen umwehn. Cantus ex est . Ein Schmollis den Sängern!« » Fiducit !« lächelte Hans Harkort still vor sich hin. »Mensch, mußt du glücklich sein!« »Und du nicht? Fort mit den Grillen und Sorgen! In die Kanne gestiegen! Alles hat seine Bestimmung: Hangen und Bangen, und das Leben, das klingende Leben, sich an die Brust zu reißen. Aber jedes mit Maßen, jedes mit Andacht. Nur das ewige Einerlei ist vom Übel. Die törichte, seligmachende, goldene Zeit darf man nicht aus den Händen lassen. Sie ist eine Welt für sich, das liebe Gedenken an halkyonische Tage. Man muß sie wie ein Heiligtum halten. Wie Fafner den Schatz auf der Gnitaheide; sonst geht uns das Beste verloren. Ich bin nur ein schlichter Mensch, ein Habenichts, ein Kirchenmäuserich und ein armseliges Bauernkaplänchen, das froh ist, die Brosamen vom spärlichen Tische des Patronats zu heimsen; aber in dieser Beziehung: Fafner bin ich, und Fafner will ich bleiben, selbst auf die Gefahr hin, als ein Bruder Lustig in der Soutane verschlissen zu werden.« »Man kennt dich nicht wieder.« »Brauchst du auch garnicht, wenn ich nur mir selber genüge und mich selber erkenne. Es tut meiner Priesterschaft keinerlei Abbruch, daß ich mich mit einer gottwohlgefälligen Freude meiner Pennalzeit erinnere. Auch heute noch: ich lasse sie auf Rosenwölkchen segeln; ins Nirwana, ins Dorado hinein. Ich sehe ihr mit glücklichen Augen nach und pfeife sie heimwärts, wie man silberlichte Tauben zurückpfeift. Je nachdem, wie ich's brauche. Aber entrinnen soll sie mir nicht. Jung will ich bleiben, selbst dann, wenn sie mich pfründig machen oder mit dem Pallium und der Mitra beschenken sollten, sonst kann's einem immer passieren, daß man mit Hussa und Hallo und 'ner siebenspännigen Kutsche in den Trübsinn hineinrasselt.« »Andreas, was ist in dich gefahren?« Der junge Kleriker schmunzelte. »Die Zeiten von damals. Laßt uns die Becher bekränzen – kränzen ... Hans, und wenn die Vakanzen erschienen, wenn wir Arm in Arm durch die Niederung schlenderten, immer weiter und weiter, bis ans äußerste Thule ... und wenn dann so ein treuherziges, feinrassiges Mädel, so ein liebes, verträumtes ...« Mit einer jähen Bewegung war Hans Harkort in die Höhe gefahren. Sein Antlitz verfärbte sich bis in die Haarwurzeln hinein, während ein hartes Weh sich um seine Mundecken legte. »Andreas, rühr' nicht daran!« sagte er verstört, »es sei denn: du bist gekommen, alte Wunden aufzureißen und sie aufs neue bluten zu lassen. Das sollte mir leid tun.« »Hans, keine Sentimentalität, keine weichen Anwandlungen. Oder sollte noch immer ...?« »Ich bitte dich, schweige darüber!« »Nein, ich bin nicht gesonnen zu schweigen, denn wer es tut, wo es geboten ist, die Zunge zu lösen, wer sich ängstlich verkriecht und vor den Folgen einer offenen Aussprache zurückschreckt, ist minderwertig und schlimmer als der lässige Knecht im Gleichnis.« »Andreas, ich bitte dich nochmals ...« Die Stimme des Erregten zitterte. Mit großen Schritten, die Hände auf den Rücken gelegt, durchmaß er das Zimmer, zählte die Dielen und murmelte dabei verloren vor sich hin: » Una salus victis nullam sperare salutem .« Immer dasselbe. »Ich sehe,« redete Andreas hinter ihm her, »du bist im Lateinischen noch trefflich bei Wege, hast garnichts vergessen und futterst den ehrenwerten Herrn Publius Virgilius Maro wie Apfelschnitze und gebratene Krammetsvögel herunter. Allerhand Achtung! Äneide, zweiter Gesang. Und wie schön das von dem steifleinenen Klassiker gedacht und versifiziert ist: Ein Heil bleibt dem Besiegten allein, kein Heil mehr zu hoffen. Trefflich, sehr trefflich und weise gesprochen! Also du rechnest dich zu den Besiegten, zu den Niedergeworfenen und hast alle Hoffnung verloren? Warum das? Aber sagt nicht der nämliche ehrenwerte Herr Publius Virgilius Maro an einer anderen Stelle, wenn ich nicht irre, in seiner Georgica: Labor omnia vincit improbus? Da hast du's, und ferner ... mehr als dieser wertet mir der göttliche Quintus Horatius Flaccus. Im zweiten Buch seiner Oden stellt er die Behauptung auf: Aequam memento rebus in arduis servare mentem , was gut übersetzt, sich also darbietet: Bedacht sei, dir in Tagen des Ungemachs Gleichmut zu wahren. Beherzige diese Worte meines Lieblingschriftstellers, nimm dein Kreuz auf, sei gutes Mutes und wandle!« Mit einem Satz war Hans Harkort bei dem Sprechenden, packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. »Du,« sagte er hart zwischen den Zähnen, »ich kann nicht vergessen, und es wäre besser gewesen ...« Matt sanken ihm die Arme herunter. Andreas Lobbers erhob sich. Fest und mit zugreifenden Blicken sah er seinen Freund an. Äußerlich blieb er ruhig, obgleich sein Inneres stürmte. »Was wäre besser gewesen?« fragte er tonlos. »Andreas, du kennst meine Lebensgeschichte. Jedes Buch, jede Seite hast du gelesen. Kein Buchstabe, nicht die kleinste Spalte blieb dir verborgen. Das irdische Dasein soll schön sein, behaupten die meisten. Ich bin anderer Ansicht. Für mich ist es kein Rosenpflücken gewesen.« »Trotz aller Nöte und Bedrängnisse – Hans, das ist leichtfertig geredet, um nicht frevelnd zu sagen.« »Schon möglich, aber es wäre mir lieber, du ließest mich aussprechen.« »Hans, du lieber, du guter, dein Name ist Grobheit. Auch das soll ertragen werden um deinetwillen. Ich werde deine Beichte nicht mehr stören. Nur noch eine einzige Frage.« »Bitte.« »Dann künde mir an: Bist du gewillt, dich als ein Simeon Stylites auszubilden oder als ein Weltflüchtling mit den Einsamen in der Wüste Thebais zu leben?« »Wie kommst du darauf?!« »Weil es grau um dich ist, weil es um dich geistert und deine Jugend verzehrt, und weil ich sehe: die dürren Blätter der Entsagungsphilosophie beginnen um deine Schläfen zu rascheln. Wo sind die köstlichen Erinnerungen an unsere Pennalzeit und die Stechbahn geblieben? Cantus ex est . Nichts mehr, nichts mehr. Aber ich sage dir, so geht das nicht weiter.« Hans Harkort lachte bitter auf. »Du triffst schon ins Schwarze,« sprach er abgerissen und wie aus einem tiefen Sinnen heraus. »Aber wie soll ich mich der Marter entwinden, wie ihr zurufen: Kusch dich, du Untier? Glaubst du, das ginge so einfach, wie man sich einen schäbigen Rock abstreift, um sich einen neuen um den armen Kadaver zu legen? Da müßte schon ein Stärkerer kommen und mir dieses Kunststück vormachen. Ich bin dazu nicht mehr imstande. Versetze dich in meine Lage, Andreas. Damals, vor Jahren! Die Welt ging mir auf, und diese Welt leuchtete mir aus zwei glücklichen, schuldlosen Augen entgegen, die mich fliegen lehrten und zwar direkt in den Himmel.« »Ich weiß, ich weiß,« bestätigte der Kaplan, nahm seine Schärpe und zählte die einzelnen Seidenfransen. Seine weißen Finger spielten damit wie im Traum. »Ich glaubte, durch einen ewigen Sonntag zu schreiten,« klang es ihm aufs neue zu, »wenn ich mich niederließ und wieder bodenständig wurde, durch blumige Wiesen, und das Bewußtsein war in mir: du wirst dir ein bukolisches Dasein zusammenzimmern, und hier wirst du leben, mit ihr, an ihrer Seite, und der Worte gedenken: Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet . Es kam anders, mein Lieber. Das unerbittliche Schicksal wies mir dornige Pfade. Mit Keulenschlägen fiel es über mich her. Dazwischen waren süßselige Stimmen und solche, die hart wie Granit waren und unbarmherzig wie die von Sterbeglocken. Ich sah meine Mutter ... sie lag auf den Knien ... sie tastete in einen ewigen Nebel hinein, und ihre stumme Bitte war bei mir: Rette mich, hilf mir! – und mein Vater gebot, und die heilige Jungfrau flehte mich an ... Ich mußte, Andreas. Mir blieb keine andere Wahl. Ich tötete meine junge Liebe und die einer Standhaften. Ich würgte sie ab. Das Seminar nahm mich auf. Hinter mir donnerten die Tore der Welt und die der Freiheit zu. Deus lo vult! sangen die alten Kreuzfahrer, die armen Büßer und Bettler, die Verzweifelten und Gottsucher. Ich sang wie die, die auf dem Weg nach Jerusalem waren. Und also geschah es: all meine Tapferkeit riß ich zusammen, beugte den Nacken und duckte mich wie ein armseliges Knechtlein.« Er machte eine wehe Handbewegung und warf sich in den nächsten Korbsessel nieder. Der junge Kaplan trat vor. »Wem sagst du das alles?« Hans Harkort hob langsam den Kopf. »Komische Frage,« versetzte er heftig. »Ich dächte doch, es wäre an deine Adresse gerichtet, und wenn du diese Trauerepistel auch kennst wie dein Brevier und die biblischen Psalmen, es verschlägt nichts und tut unserer Freundschaft keinerlei Abbruch; denn so etwas muß immer und immer wieder erzählt werden, so etwas muß man erleben, muß man sich immer und immer wieder zwischen die Schläfen hämmern, um es begreifen zu können. Gut also, ich wollte. Immer tiefer glitt ich in die Mysterien der Evangelien hinein, baute am Turm der Dogmatik, verschmierte die losgebröckelten sophistischen Ziegel, erquickte mich an den Schriften des gottseligen Martinus von Kochem, studierte Suso und Tauler und ergründete die Kirchenweisheit des heiligen Franz von Assisi. Ja, ich wollte, ich wollte ... und betete laut und inbrünstiglich: Gib mir Gnade und Einsicht, heiliger Gott! und von den Anfechtungen des Fleisches und der irdischen Dinge – libera nos, Domine! Den Feuerbrand, der mein junges Blut umstrudelte, kämpfte ich nieder und suchte in dem grauen Häuflein der übriggebliebenen Asche Resignation und die Ruhe des Herzens zu finden. Es ist ein' Ros entsprungen ... Sie blühte mir zu. Äpfel reiften mir entgegen, rotwangige Äpfel, doch als ich sie genauer ansah, waren es Sodomsäpfel, staubgefüllte, trügerische Sodomsäpfel« – und seine rechte Faust knöchelte über den Tisch hin – »und da eines Tages ... genau wie du sagtest: ein treuherziges, feinrassiges Mädel, so ein liebes, verträumtes, schaute wieder in meinen grauen Alltag herein ... wurde zur Jungfrau ... wurde zum Weib ... lieblich anzusehen und schön wie die Blumen, wie sie blühen unter dem Himmel des heiligen Landes ... und breitete die Arme ... und war wie eine, die gekommen war, einem das Blut aus den Adern zu nehmen. Du, da wurde die tote Asche lebendig, da kam es in mich gefahren wie Flammen und Schwertstreich. Trotz der niederen Weihen, die ich bereits empfangen hatte – es war ein Stürmen und Drängen in mir, ein Reißen und Aufbegehren. Als springe mir ein eisernes Band von der Seele, so war es; als zermürbte die Decke, die mich eisig umklammerte, so ließ es mich an. Das Schermesser, das mir die Tonsur auf den Hinterkopf zirkelte, war mir verhaßt, all die mit heißen Gebeten durchstammelten Nächte versanken, die Soutane, die ich mit Ehren getragen hatte, ich riß sie mir vom Leibe herunter, und eine Glocke heulte mir zu: Suche die Freiheit, die Freiheit! Dränge dich an die Brust und in die Arme des gottwohlgefälligen Weibes ... und so gläubig und kirchlich ich war, so innig und warm ich auch meiner armen Mutter gedachte – die Türe des Seminars schlug hinter mir zu, und siehe da: ich war dem lachenden Land, der Freude und der Herrlichkeit wieder gegeben. So schien es.« »Hans, das ist furchtbar.« »Nur furchtbar, Andreas? Das Furchtbarste kommt noch, denn all das lachende Land, die Freude und die erträumte Herrlichkeit, sie stürzten zusammen wie der jüdische Tempel, wurden zu Lavabrocken, wie sie liegen am Meere des Todes.« Er riß sich auf und suchte nach Atem. »Und so ist denn das Heute gekommen, und nochmals gesagt ...« »Was du?« »Es wäre besser gewesen, ich wäre Priester geworden.« »Nein,« flammte der junge Kleriker auf, »es wäre nicht besser gewesen!« »Andreas, ich kann nicht vergessen. Aber jetzt weiß ich: die Kirche kann Wunder tun. Man muß nur harren und hoffen. Schließlich kommt doch die Erkenntnis, daß alles eitel und nichtig war und leeres Spreuicht. Ich hätte die Dornenkrone tragen und mir das Stigma des Cölibats aufdrücken sollen, hätte ringen sollen gegen die Anfechtungen des Fleisches, gegen die Lockungen und Reize des Weibes, gegen alles das, was den Menschen aus Senkel und Blei wirft, hätte die Martinizinsen meiner Seele bezahlen und mich mit unersättlicher Gier hineinstürzen sollen in die Geheimnisse und Tiefen der Mystik – vielleicht hätte ich Ruhe gefunden.« »Vielleicht auch nicht. Nein du – du bist nicht zum Lehramt bestimmt, nicht zum Hirten berufen. Wohl dem Manne, dem eine innere Stimme gebietet: Gehe hin und lehre den Völkern! Bekleide das Amt eines Gesalbten! Es ist das höchste auf Erden. Segne und weihe und gib denen das Brot des Lebens, die nach dem Brot des Lebens verlangen! Ein solches Amt kommt von Gott und liegt dem Auserwählten im Blute. Du aber gehörst nicht zu den Auserwählten; die heilige Prädisposition hierzu hat dir niemals im Blute gelegen. Du kannst mit deinen theologischen Weltanschauungen keine Berge versetzen, keinen Strömen gebieten, talaufwärts zu fließen. Du hättest die Prüfung nicht bestanden, nicht vor dir selber, und wärest zu leicht befunden worden; denn wer in den Armen des Weibes gelegen, an seiner Brust gerastet, wer heiße Liebe gekostet und verzehrende Küsse empfangen hat, wer sich da sagte: Nur so steht mir das Himmelreich offen – der kann sich nicht mehr ein Auge ausreißen, weil es ihn ärgert, für den ist der Palmsonntag eines Hirten dahin, der kann kein Priester mehr werden.« »Nicht!« »Nein – du, der kann wohl noch den weltlichen, aber nicht mehr den göttlichen Acker bebauen. Dixi et salvavi animam meam.« »Also denn nicht.« Ein dumpfes Schweigen tat sich aus, war in ihnen, war um sie. Der Rosenschimmer, das Leuchten und Glänzen war längst von der Erde gewichen. Durch die weißen Gardinen schob sich das Dunkel des Abends, die große Andacht der Einsamkeit. Die Gegenstände des Zimmers flossen sacht ineinander. Die Rehstangen und die Hirschgeweihe, die Stiche nach Landseer, die an den Wänden hingen, die Glasservante mit ihren seltenen Stücken aus Meißen und Delft waren kaum noch zu sehen. Die ernste Stille ließ sich mit Händen greifen. Plötzlich zerriß sie. »Gut,« knirschte Hans Harkort, »da doch nichts mehr übrig bleibt, mag kommen, was wolle. Das Rätsel von Theben hat noch keiner ergründet. Auch ich nicht. So mögen mich denn seine Tatzen verderben.« »Du ...!« Andreas Lobbers pflanzte sich dicht neben ihm auf. »Das hat schon deine Mutter befürchtet. Du – willst du sie auch hierhin umnachten? Sei doch barmherzig! Was hast du eigentlich vor? Bist du denn gänzlich von Sinnen und unterfängst dich, die Vorsehung herauszufordern? Willst du Sturm laufen gegen den gesunden Menschenverstand und deine Arbeit, dein Glück und dein Ansehen zerfleischen? Willst du dich unselig machen und dein Capua finden? Sapere aude! Wage es, weise zu sein, und gehöre nicht zu denen, die sich in ihrer Bitterkeit anheischig machen, den Pelion auf den Ossa zu türmen, sonst – die Stunde kommt, wo du aufschreien wirst: Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!« und strack reckte er sich auf, und in jäher Bewegung warf er ihm die Arme um den Nacken, drückte ihn an sich und stammelte, tiefes Weh in der Brust und Tränen in den Augen: »Hans, du lieber, du guter, du treuer! sei doch nicht völlig verzweifelt, denn siehe: der Himmel kam dir zu Hilfe. Franziska ist frei. Du selbst bist dein eigner Herr und keinem verpflichtet. Willst du, daß ich hingehe zu ihr, um deinem Kummer ein Ende zu machen?« »Andreas, wo das alles passiert ist?!« Da ließ der junge Kaplan von ihm ab und sah ihm tief in die Augen. »Hans,« sagte er gütig, »denke an den Zimmermannssohn aus Nazareth, an das sündige Weib, das die Pharisäer und Schriftgelehrten ihm zuführten. Sie hatte die Ehe gebrochen, die andere aber nur die Brautschaft von sich getan. Und der Nazarener sagte zu den Pharisäern und Schriftgelehrten: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie! Und er bückte sich und schrieb in den Sand, stumme Zeichen und Runen. Und er richtete sich auf, und da er niemand sah denn das Weib, sprach er es an: Weib, wo sind deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt? Und sie erwiderte ihm: Herr, niemand. Und da sagte er tröstlich: So verdamme ich dich auch nicht, und er bückte sich nochmals und schrieb in den Sand, Zeichen und Runen. So der Nazarener. Es gibt Dinge, über die man nicht rechtet und richtet, die man in den Sand schreibt, in den eilfertigen, raschen, auf daß sie vergehen. Der schlichte Zimmermannssohn tat es, unser Herr und Erlöser. Glaubst du denn, besser zu handeln als dieser? Du Unbesonnener. Wage es nicht, vielmehr: folge ihm nach und tue desgleichen!« Er wandte sich ab und hörte auf die Stimmen des Abends, die gedämpft und verschwommen vom Hof aus herübertönten. Irgendwo sang einer das Lied vom guten Kameraden. Alle Strophen wurden gesungen, innig und eindringlich. Dann kamen derbe Schritte gegangen und schienen in den Hausflur zu treten. Hier verstummten sie plötzlich. Lautlos hatte sich Hans Harkort an die Seite des abgekehrten Freundes begeben. »Andreas ...!« »Was willst du? Erinnere dich des judäischen Weibes und gedenke der andern. Jene war sündig, diese nur vom Unglück geschlagen. Willst du dich niederbücken und in den Sand schreiben, Zeichen und Runen?« Er griff nach der Hand des Insichgekehrten. Sie war fiebrig und heiß. »Ich möchte dir eine Geschichte in Briefform erzählen,« sagte Hans Harkort. »Sie hat noch keiner erfahren. Nur du sollst sie wissen. Willst du sie hören?« Seine Worte waren trocken und eingerostet und von einer seltsamen Eisigkeit. »Ja, ich will hören.« »So höre Wort für Wort und Zeile für Zeile. Aber höre genau zu, damit dir auch nicht das Geringste entschwindet. Suche die Frauenseele zu erkunden, zu deuten, und wenn es geschehen ist, wenn du mit dir im reinen bist, dann überlege dir nach bestem Gewissen und Wissen, ob du noch gesonnen bist, mir zu gebieten: Tue das, was der Herr getan hat, als sie ihm die Verlorene zuführten – beuge dich nieder und male in den Sand, Zeichen und Runen!« »Es geschehe nach deinen Worten,« versetzte Andreas, während Hans Harkort an den Schreibtisch trat, ein mittleres Gefach öffnete und es mit einer heftigen Bewegung aufriß. Einem Bündel von Briefen entnahm er das oberste Schreiben. In diesem Augenblick ließ sich draußen eine schüchterne Stimme vernehmen: »Darf ich vorsprechen, Herr Harkort?« »Wer ist da?« »Ich bin es, Herr Harkort.« »Herein nur, Johanna!« und als sie eintrat und das brennende Licht auf den Tisch stellte, sagte sie scheu vor sich hin: »Madam wollte es so. Ich sollte die Lampe ... und dann noch, Herr Harkort ... Draußen sind welche, die wollen Sie sprechen.« »Wer denn, Johanna?« »Herr Höfkens, Pitt Lörksen und Dores Schweißgut. Sie hätten es eilig, meinten die Herren, und könnten nicht warten. Was sie vorzubringen hätten, sei wichtig. Sie wären extra deswegen den weiten Weg herübergekommen.« Unwillkürlich, den Brief in der Hand, wandte sich Hans Harkort an seinen Jugendgenossen: »Was meinst du, Andreas?« »Gott ja! laß sie kommen! Es sind prächtige Menschen. Man weiß nicht, was sie für ein dringliches Anliegen haben. Deine Sache dann später – in aller Ruhe und Überlegung.« »Gut denn, ich lasse bitten, Johanna.« Das Schriftstück warf er wieder in die Lade zurück und stieß das Gefach zu. Hinter Johanna klinkte leise die Tür ein. 12 Würdig, zeremoniell und der Reihe nach, so wie sie es beim Frühschoppen im ›Dicken Tommes‹ verabredet hatten, traten sie ein. Zuerst der Matador. Cornelis Höfkens war Weihe und Andacht. Wie am Begräbnistage, als er seinem heimgegangenen Freunde und Kollegen die letzte Ehre zu erweisen hatte, trug er auch heute seinen schwarzen Bratenrock, der sich auf dem stattlichen Bäuchlein etwas straffte und strängelte. Der frischaufgebügelte Zylinder, dessen Rand er mit beiden Händen gegen die knappe Weste gepreßt hielt, drohte wie ein blankes Kanonenrohr ins Zimmer hinein. Das sanfte Licht der feinnäselnden Lampe machte ihn strahlen. Die Hasenpfötchen des korrekten Mannes verliehen dem etwas verschwommenen Antlitz eine gewisse Reserve. »Guten Abend allerseits!« sagte er freundlich. »Herzlich willkommen, Herr Höfkens!« Grünober rückte nach. Wie die mageren Jahre in ägyptischen Landen erschien Dores Schweißgut neben seinem Solokollegen. Der baumwollene Regenschirm mit der schön aufgemunterten Messingkrücke unter dem linken Arm, im Glanz des stärkeblauen Schemisettchens, das bei jeder Bewegung wie ein Kienfeuerchen knisterte, und den sich nach oben verjüngenden Zylinder wie eine Opferschale vor sich hertragend, folgte er den Spuren des behäbigen Windmühlenbesitzers. Sein Gesichtsausdruck erinnerte an den eines gutmütigen Hammels. »Guten Abend, die Herren!« Die vorgetragenen Worte zogen sich so sanft in die Länge, als sollten sie eine Ewigkeit währen. »Herr Schweißgut, was verschafft mir die Ehre?« Grünober räusperte sich, ließ die Opferschale herunter, umschleierte die Korinthenäugelchen und meinte: »Herr Harkort, um die Wahrheit zu sagen – darüber wird mein Freund Herr Höfkens befinden.« »Ich bescheide mich, mein werter Herr Schweißgut.« Grünober nickte. Hinter ihm war ein versonnenes Pfeifen wie das eines Kanarienvogels, der in eine lauliche Abendstunde hineindämmerte. »Bruder, trink' einmal, du bist ja noch so jung,« klang es munter herüber, und ein purzelndes Kerlchen, fünf Käse hoch, mit Quäkerbart und vivem Kartoffelgesicht, den Rand des Zylinders wie zum Salut an den rechten Ohrlappen führend, trudelte ins Zimmer. Fixbeinig pflanzte sich Pitt Lörksen bei seinen Freunden auf, dienerte dem Hausherrn und dann dem jungen Kaplan zu und sagte: »Tag, Herr Harkort! Tag, Hochwürden! Wie geht es, wie steht es? Immer leschär, meine Herren! Molliges Wetter da draußen, mit 'nem richtigen Vivatgesicht. Fein das! aber zackerzucker noch mal, Höfkens, worauf wartest du noch? Cornelis, beginne!« und da machte der Angerufene Anstalten, das im ›Dicken Tommes‹ reiflich Überlegte und Beschlossene an den zuständigen Mann zu bringen, trat etliche Schritte vor und sagte: »Herr Harkort ...« Der Gutsherr unterbrach ihn mit einer leichten Handbewegung. »Ihre Angelegenheit ist privater Natur, mein Verehrter?« »Allerdings«, entgegnete Höfkens. »Gewiß,« pflichtete ihm Dores Schweißgut bei. »Äußerst privatim,« sagte Pitt Lörksen. »Dann möchte ich vorschlagen, fragliche Angelegenheit bei einem Gläschen Wein zu erörtern.« »Wie Sie bestimmen, Herr Harkort.« »'ne Idee,« schmunzelte Grünober und stellte seinen Baumwollenen in eine verschwiegene Ecke. »Ganz meine Ansicht,« konstatierte Trumpfsieben, schaukelte sich vom linken Bein auf das rechte und stülpte seinen etwas zu engen und fidelen Zylinder auf die schöne Glasservante, während Herr Harkort die Klingel in Bewegung setzte und dem dienstfertig erscheinenden Mädchen befahl, etliche Flaschen Balwiger Herrenberg, Wachstum Amtsgerichtsrat Zenz, und die hierzu gehörige Anzahl Gläser aufzutragen. Nachdem dieses geschehen und eingeschenkt war, die Herren sich gesetzt und angeklingt hatten, hob sich Cornelis Höfkens schwer aus der ihm angewiesenen Sofaecke heraus, stemmte die Knöchel seiner wohlgerundeten Hände auf die Tischdecke, plinkte seinen Freunden zu und sagte dann mit einem elegischen Augenaufschlag, wobei seine Hasenpfötchen sich merklich in die Länge zogen: »Herr Harkort, es gibt Umstände im menschlichen Leben, die sich alleweil auf verschiedenen Kleiderhaken befinden. Ich meine das bildlich, um mich deutlich zu machen. Hier wird gelacht und gejankert und der sogenannte Stöpsel aus 'ner Champagnerbouteille gezogen, und dort wird Nagel um Nagel in 'ne Totenkiste gerammelt. Gerade wie's kommt; aber warum dies geschieht, vermögen wir nicht zu ermessen, denn des Herrn Beschließungen und Gebote sind unergründlich wie die Tiefen des Meeres.« »Gut,« nickte Grünober. »Sehr gut,« ergänzte Pitt Lörksen. Höfkens fuhr fort: »Letzteres, ich meine das mit dem Sarg- und Nagelgekloppe, ist Herrn Christian Franz Malthus begegnet, unserm Freund, unserm Gönner, unserm Solokollegen, und wir stehen an seinem frischaufgeworfenen Grabe wie verschüchterte Amis. Fehler hatte der Mann, denn wir alle ohne Ausnahme sind mit dieser Sünde behaftet; aber alles in allem genommen: er ist wie 'ne schmiedeeiserne Säule durchs Leben gegangen, properen Herzens und pielgerade aufrecht, schmucker und reiner als die Auserwählten und Strammen der Kirche, die jeden Morgen 'ne Frühmesse hören, um mittags schon andermanns Glück zu verbiestern, und wer es wagen sollte, gegen ihn den Stein zu erheben, der bekommt es mit Cornelis Höfkens zu schaffen. Trinken wir auf das überirdische Wohl und die ewige Ruhe von Malthus!« Und da erhoben sich alle, stießen an und tranken und setzten sich wieder. Cornelis sprach weiter, und seine Blicke legten sich liebevoll um den Gutsherrn, der still vor sich hin sah und spielend den Fuß seines Glases umfaßte. »Gewiß, Herr Harkort, Ihre Gefühle werden Sie strenger bemessen und nicht verstehen können, wie das alles passiert ist. Sehr begreiflich, Herr Harkort, und ich selber habe mir schon Tage und Nächte hindurch darüber besonnen, wie Malthus sich Ihnen gegenüber nur so rätselhaft herausmustern konnte. Indessen jedoch, was immer geschehen ist – darüber wird sich die spätere Zeit noch erweisen. Noch lebt ein Herrgott im Himmel, und so viel kann ich sagen: Sie sind sein Höchster gewesen. In diesem Falle natürlich: Malthus sein Höchster. Leider, er konnte nicht so, wie er wollte, denn da liegt irgendwo eine dumpfe und stumpfe Geschichte begraben, die ihm den Gang zum Ostersonntag verlegte. Das machte ihn hilflos. Auf Parol, Herr Harkort, das mußte ich mir von der Seele reden, um unser Anliegen unter den richtigen Mahlstein zu bringen,« und er wandte sich mit einem Diener an Grünober und sagte: »Dores, nun kommst du an die Reihe.« Und Dores Schweißgut erhob sich. »Herr Harkort,« begann er, »nachdem mein Freund Cornelis sein Wort getan und die Einleitung von's Ganze in sachlicher Weise anpräsentierte, melde ich mir zu's Wort, um den mittleren Aufsatz zu bringen. Herr Harkort, um die Wahrheit zu sagen ... im ›Dicken Tommes‹ am Markt, in der Wirtsstube links, am hintersten Fenster und ungefähr dort, wo sich der schön gepottlote Kanonenofen befindet, erhebt sich ein runder Tisch, der größte von allen. So 'ne Art von Nußknacker mit eichene, handfeste Beine, an welchem sich, meinetswegen, um die Wahrheit zu sagen, schon von Anno Tobak her unsere Sologesellschaft insinuiert hat, bestehend aus mir, Cornelis Höfkens, Pitt Lörksen und Malthus, Gott habe ihn selig! – und Jahre hindurch haben wir an ihm unsere gemütlichsten und erhabensten Stunden verbrochen, alle Festivitäten begangen, Königsgeburtstag gefeiert, Karten gespielt und unsere politischen Morgenschoppen verzehrt und uns immer wohl und gediegen befunden, ohne dabei Mensch und Vieh zu belästigen und gegen den christkatholischen Standpunkt zu reden. Augenblicklich jedoch ergehen wir uns in 'ner schlimmen Verfassung, denn der vierte Mann fehlt, und daß solcher wieder eingebracht werde und die Gesellschaft weiter floriere, darauf wollen wir unsere Gläser erheben.« Und da standen alle auf, klingten an, tranken und setzten sich wieder. Und Dores warf einen vielsagenden Blick auf Trumpfsieben und sagte: »Pitt Lörksen, nu kommst du an die Reihe.« »Meine Herren, Hochwürden, Herr Harkort!« Da stand er, der kregele Kappesbauer und Schnapsbrenner a. D., selbstüberzogen und selbstgefällig, als wenn er sagen wollte: »Kinder, paßt Achtung, jetzt kommt der Clou von der ganzen Geschichte,« grandios wie ein aufgeplusterter Misthahn, im Angedenken an den verstorbenen Malthus wehleidig überzuckert, im Hinblick jedoch auf das neuzukürende Mitglied der angeknabberten Solopartie von einer würdigen Spendierkraft durchzittert, als sei es ihm vergönnt, eine Grafschaft oder gar ein Herzogtum mit allen Gerechtsamen, Ehren und Ämtern zu vergeben. Mit gestrecktem Hals sah er um sich. »Meine Herren, Hochwürden, insbesondere hochverehrter Herr Harkort! Wir beide, Sie und ich, wir sind von jeher in ein und derselben Hantierung gewesen: Landmänner, prächtige Landmänner, wenn auch nicht komplett von der nämlichen Sorte. Ich für meine Person hab's mit Kartoffelbrennen und mit die Kappesfelder gemacht, mit die roten und weißen, und es waren meistens ganz opulente Köppe darunter, Sie hingegen mehr in nobler Weise und zwar mit Roggen und Weizen und mit die Mastochsenwirtschaft. Aber das Geschäft ist dasselbe, und weil es so ist, spreche ich als Ökonomiker a. D. zu dem Ökonomiker in vollen Kulören und vertrete die Meinung, die Sache wird rollen wie dem Juden Spier seine Hammelwägelchen zwischen Wissel und Kalkar.« »Bravo!« sagte Cornelis Höfkens. »Bravissimo!« pflichtete ihm Dores Schweißgut bei, und der salbungsvolle Herr legte sich befriedigt in den Korbsessel zurück, schlug die endlosen Beine wie ein Paar Waschhölzer übereinander und kniff die Korinthenäugelchen vergnüglich zusammen, gleichsam um anzudeuten: »Man weiter so, Lörksen! Die Sache befindet sich in den richtigen Händen.« Andreas Lobbers griemelte still vor sich hin. »Herr Harkort,« fuhr Trumpfsieben mit erhobener Stimme unbeirrt fort, »wir zwei beide befinden uns gewissermaßen in demselben Apartemang, und was wir als Landmänner vorstellen, dagegen sind alle Kolonialwarenhändler zusammengenommen nur als unbewußte Faktotums einzukaufen. Aber nichts für ungut, mein lieber Herr Schweißgut. Du weißt ja, wie es gemeint ist, und daß die Kolonialwarenhändler auch ihre ihnen zukommenden Verdienste besitzen, zum Beispiel mit's Rechnen, mit's Abwiegen und mit die kaufmännischen Präpositionen. Besonders du als Präside der hiesigen Ladenbesitzer. Sie aber, Herr Harkort, Sie haben Aufmunterung nötig, Sie müssen sich wieder unter anständigen Mitkomparenten bewegen, Sie müssen sich abermals mit's pläsierliche Leben befassen ... und Sie können das haben, täglich und stündlich ... und wenn Sie mich fragen: Wo ist solches zu holen? so sage ich Ihnen: Kommen Sie zu uns, tun Sie Ihren Gefühlen keinerlei Zwang an, denn Sie sind für geeignet befunden, uns als Ressource zu dienen, und wenn auch vereinzelte dämliche Menschen Ihnen den sogenannten ›Kalviner‹ angeklebt haben, wir sind ganz konträriger Meinung und haben in heutiger Sitzung, abgehalten beim Frühschoppen im ›Dicken Tommes‹ am Markt und am hintersten Stammtisch, einmütig und aus voller Überlegung beschlossen ... Cornelis, nun bist du wieder an die Reihe gekommen. Immer leschär, meine Herren!« »Herr Harkort,« und Cornelis Höfkens wuchtete sich aufs neue aus seiner behaglichen Sofaecke, »ja, Herr Harkort, in diesem Sinne, Herr Harkort! Ich als Matador, Dores Schweißgut als Grünober und Pitt Lörksen als Trumpfsieben, wir sind uns unisono schlüssig geworden, Sie zu bitten, Mitglied der Sologesellschaft zu werden, ihr zu dienen, ihre Interessen zu fördern und sich als Nachfolger des seligen Christian Franz Malthus betrachten zu wollen. Herr Harkort, tun Sie ein übriges, schlagen Sie ein, und ich und meine Mitkomparenten würden sich freuen. Ja, wir würden uns freuen, ich und der Stammtisch, denn mit Ihrem Eintritt wäre ein frisches Säkulum und eine neue Sommerblüte für den ›Dicken Tommes‹ gekommen. Also, Herr Harkort ...?« Mit erwartungsvollen Augen hing der gerade und aufrechte Mann an den Zügen des jungen Besitzers, der erregt aufstand, jedem einzelnen die Hand schüttelte und sagte: »Ich bin tiefgerührt, meine Herren, und danke Ihnen aus innigem Herzen. Besonders Ihnen, Herr Höfkens. Ihr löbliches Tun und Ihr Stammtisch sind mir präsent, aber Sie wissen ja selber: meine Zeit ist nur kärglich bemessen. Die Arbeit hier und als Kreisdeputierter, meine Tätigkeit als Mitglied der Deichkommission, das alles läßt mich nicht zur Ruhe kommen. Und dann, meine Herren: ich passe nicht zu dem fröhlichen Treiben und würde ein behagliches Zusammensein nur stören.« »Aber ich bitte Ihnen, Herr Harkort!« »Das wäre noch schöner!« »Immer leschär, meine Herren!« »Das letzte Wort habe ich,« sagte eine muntere Stimme, und die ecclesia militans klingelte ans Glas, erhob sich und predigte: »Warum nicht, Herr Harkort?! Aut Caesar aut nihil! Selbstverständlich, mein Junge! Hier bietet sich die beste Gelegenheit, wieder Mensch unter Menschen zu sein, dem Trübsinn ein Schnippchen zu schlagen und mit gediegenen Männern das Lied anzustimmen: Laßt uns die Becher bekränzen – kränzen, laßt bei Gesängen und Tänzen ... und wenn's auch nur bei einer Solopartie wäre ... Cantus ex est. Ein Schmollis den Sängern! Und Sie, meine Herren, gehen Sie beruhigt nach Hause! Herr Harkort wird sich die Sache überlegen. Ja, ich kann wohl schon sagen: Omnes eodem cogimur. An gleicher Stätte werden wir alle vereinigt. Ich bürge für ihn, und wenn die streitbare Kirche sich als Bürge verpflichtet, dann klappt die Geschichte.« »Aber Andreas!« »Nichts mehr zu machen! Der Pakt ist unter Wachs und Petschaft genommen und somit spruchreif geworden, und darauf wollen wir trinken. An die Gewehre! Es lebe das neue Mitglied der Solopartie, tagend im ›Dicken Tommes‹ am Markt und am hintersten Stammtisch, Hans Harkort soll leben!« und da klingelten die Gläser zusammen, und ein freudiges Gemurmel ging um, und dann war ein Scharren von Stiefelsohlen, ein Sichbedanken und Grüßen, und der Baumwollene sah sich unter den linken Arm geschoben, und drei biedere, handfeste Männer griffen nach ihren prächtigen Zylindern, bedeckelten sich im Hausflur und zogen glücklich wie die Kinder am heiligen Christfest über den Gutshof und in den Abend hinaus, der mit tausend und abertausend silberlichten Sternchen am ewigen Himmelreich spielte. »Das wäre geleistet,« sagte der junge Kleriker, rieb vergnügt seine weißen Hände zusammen und leerte den Rest seines Kelches. »Andreas, wie kommst du dazu? Was soll das?« »Nur keine Misepetereien, mein lieber Hans Harkort! Das steht dir nicht an, oder besser gesagt, das sollte dir wenigstens nicht anstehen. Du mußt aus deinem selbstgewebten Dusel heraus, mußt wieder unter Menschen, mußt Gelegenheit haben, dir das mörderisch zerquälte Leben wieder erträglich zu machen.« »Und da glaubst du, daß mir dies im ›Dicken Tommes‹ gelänge?« »Im ›Dicken Tommes‹ allein nicht. Das ist doch wohl selbstverständlich, mein Junge! Darüber brauche ich dir keine besondere Vorlesung zu halten. Es wäre ja töricht, ein solches Ansinnen deiner gesunden Erwägung anheim zu stellen. De nihilo nihil , aber ein Stein treibt den andern, und viele Steine bringen den stattlichsten Bau zuwege. Das ermesse, mein Lieber! Betrachte den Eintritt in den Kreis dieser ehrlichen und bodenständigen Männer als Steinchen, dem die übrigen folgen! Nur zugegriffen, Hans Harkort, und Gott wird weiter helfen! Discite moniti! Weise meinen Rat nicht von dir! Es wäre ein unverzeihlicher Fehler. Du hast Pflichten gegen dich, gegen Gott und die Umwelt. Du mußt dein Pensum von vorne beginnen. Nicht wanken, nicht zögern. Dir wurde das erste Steinchen geboten.« »Und das ist deine ehrliche Meinung?« »Meine ehrliche, Hans.« »Und du bist der unwiderruflichen Ansicht, mein Leben würde sich hiedurch freundlicher und besser gestalten?« »Der unwiderruflichen.« »Auch das mit Franziska ... auch dieses würdest du noch unter dem Gesichtswinkel betrachten, daß noch Rettung vorhanden und sich die Möglichkeit ergibt, auf irgendeiner gesunden Basis sich ihr wieder zu nähern?« »Warum nicht?« »Das glaubst du wirklich und wahrhaft?« »Sei doch nicht so schwerfällig, Hans! Komme endlich zu Rande! So geht das nicht weiter.« Der Gemaßregelte lächelte über ihn weg. »Auch dann noch,« fragte er heiser, »wenn ich dich mit Begebenheiten bekannt mache, die geeignet sind, deine aufgestellten Prämissen wie Kartenhäuser über den Haufen zu werfen?« »Mensch, bevor ich darüber zu urteilen vermag, muß ich sie hören.« »So höre!« und wie im Fieber holte er den unscheinbaren Brief hervor, den er schon einmal dem Gefach entnommen hatte. Gleichzeitig tastete er nach einer Kassette und trat wieder in den Schein der zirpenden Lampe. »Nimm Platz, Andreas! denn was du zu hören bekommst, muß kalt und mit allem Behagen genossen werden, so wie die alten Stoiker es taten, sonst geht dem Menschen das Beste verloren,« und mit einem heftigen Ruck hob er den Deckel der kleinen Schatulle. »Das hier«, sagte er mit erzwungener Ruhe, »stammt noch aus den Tagen des Glückes,« und mit nervösen Fingern wühlte er in bunten, vergilbten Bandschleifen herum, in verschnürten Briefschaften und vertrockneten Rosen. Einzelne Blättchen verloren sich auf der Tischdecke oder zerflatterten wie dunkle Falter, die unter Gräsern und Blumen sterben. »Gedanken, liebe Erinnerungen, Schwüre und Wölkchen, die unter einem lächelnden und verträumten Himmel segelten. Sie gaben mir das, was ich nötig hatte, und machten mich heiter. Unter ihren zärtlichen Schwingungen zerteilten sich die schwülen Dämpfe, die sich wie ein dumpfes Wetter über Op gen Oort lagerten. Und was ist aus all diesen Dingen geworden, aus diesen silberlichten Wölkchen, Erinnerungen und vertrockneten Rosen, die einst wie ein Wunder blühten, wie ein Wunder in verschwiegener Sommernacht, wenn Gott mit seinem Feuerwerk tändelte und stumme Blitze am tiefen Horizont hin und wieder gleiten ließ? Hier dieses ...!« und er lachte grimmig auf und ließ sich nieder und faltete das zerknitterte Schreiben in erregter Hast auseinander. »In völliger Einsamkeit,« sagte er klanglos, »bin ich durch diese Zeilen gepilgert, Schritt für Schritt, Station um Station, bis ich die sandige Höhe des Leidens erreicht hatte. Vor mir ragte der Berg des Ärgernisses auf. Nichts blieb mir erspart. Auch ihn mußte ich ersteigen, und ich tat es mit der Verzweiflungswut eines verdurstenden Menschen. Es war völlig Nacht um mich. Unter mir rieselte Sandkorn um Sandkorn, raschelte trockenes Riedgras. Am tiefen Horizont stand ein roter Feuerschein. Es war der Scheiterhaufen, auf dem meine Liebe verbrannte. Später hörte ich: drei Tage und drei Nächte hindurch lag ich in einem wahnwitzigen Fieber, nur ihren Namen auf den dürren Lippen und das große Feuer vor Augen, das meine Seele und den ganzen Himmel erfüllte. Das tat dieses Schreiben.« Dann las er: »Geliebter! Gestern noch sahen wir uns. Heute schon nicht mehr, und ob wir uns jemals wiedersehen werden, wage ich nicht zu hoffen, denn wenn du das Nachstehende wirst gelesen haben, wirst du dich abwenden und meinem Andenken fluchen. Und dennoch: ein Lebewohl muß ich dir sagen, wenn ich auch weiß, es wäre besser gewesen, spurlos und ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen von dir zu scheiden. Eine Entschuldigung gibt es nicht für mich, und wenn es eine gäbe, du würdest sie doch nicht verstehen. Eine Scham ist in mir, wie sie die ersten Menschen empfanden, als sie sahen, daß sie nackt waren. Aber was schlimmer ist als dieses trostlose Empfinden: es gibt keine Rettung mehr aus dieser Wirrnis der Dinge. Sie sind zu mächtig geworden, zu drohend. Sie umklammern dich und mich mit ihren entsetzlichen Armen. Wir waren längst nicht mehr zwei getrennte Wesen, die sich nur mit scheuen Flügeln berührten, sondern zwei Wesen in einem. Ich war der glücklichste Mensch auf dieser Erde, namenlos glücklich. Selbst räumlich geschieden –- ich brauchte nur die Augen zu schließen, um dich bei mir zu haben, dich zu sehen und meinen Mund auf deine heißen Lippen zu drücken. So ging das Tage hindurch und Wochen hindurch und lange Monde hindurch, und eine innere Stimme war bei mir und sagte: Ähnlich wie dir, wird es auch dem Geliebten ergehen. Hans, so waren wir beide beschaffen, so schmolzen wir in eins zusammen und wähnten uns vereinigt, bis der Tod uns scheiden würde – und das alles wurde auseinandergerissen.« Er hielt inne und sah über das Schreiben hinaus. »Andreas, was sagst du dazu?« fragte er mit zerquälter Stimme. »Lies weiter!« mahnte der junge Kleriker und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Und Hans Harkort las weiter, häufig stockend und fahrig, dann wieder jedes einzelne Wort scharf betonend und mit gekniffenen Lippen. »Geliebter! wo ich dies schreibe, steht meine Seele bis an die Brust in eisigem Wasser, und mein Herz ist kalt und hart wie Stahl, sonst würde es mir nicht möglich sein, meine Vernunft an der Kette zu halten und dieses zu erörtern. Ich bin mir völlig klar über mein vergangenes Leben und über das, was kommen wird. Ich sehe es vor mir wie die Stationen eines langen Pilgerweges, die zur Leidenskapelle führen, hoch oben auf einem steinigen Hügel – und dieses Leben ist furchtbar, so furchtbar, daß, wäre noch Hoffnung vorhanden, ich nicht mehr den Mut besäße, diesen Strohhalm der Hoffnung mit Händen zu greifen und mir an deiner Seite ein neues Dasein zu zimmern, Über gewisse Dinge kommt man nicht hinweg; man muß sie auskosten bis auf die schalste und bitterste Hefe. So auch ich, weil ich verdammt bin, den Kelch des Leidens bis auf den letzten Tropfen zu leeren, denn ich sehe keine Möglichkeit, auch nicht die geringste, diesen Becher von mir zu weisen. Es ist wohl das letzte Mal, daß ich so zu dir spreche, das letzte Wort, das ich an dich richte, und ich bitte dich flehend, dringe nicht in mich, eine andere Lösung herbeizuführen. Ich werde schweigen, immer nur schweigen. Und du – tue dasselbe! Schreibe auch du nicht, suche nicht auf irgendeine Art ein Begegnen zu erzwingen! Es wäre verlorene Mühe. Unsere Wege müssen sich trennen. Gehe du rechtwärts, ich will linkwärts gehen. Suche das Licht auf, während ich durch Finsternis schreite. Wir wollen uns meiden, nie mehr uns sehen, nie mehr auf Erden ... sonst: dein Anblick würde mich nur noch verzweifelter machen, mein Menschentum gänzlich zerfleischen und mich unweigerlich dem Abgrund entgegenführen. Das wirst du nicht wollen, obgleich ich fühle: der Tod wäre mein Herr und Erlöser.« Andreas Lobbers sprang auf. Seine Lippen waren kreidig geworden. Wie ein eingekäfigtes Tier ging er im Zimmer hastig auf und nieder, unverständliche Worte zwischen den Zähnen murmelnd. Dann warf er sich wieder in den Lehnstuhl zurück, rieb die Hände fröstelnd gegeneinander und stöhnte: »Das ist ja entsetzlich!« »Höre weiter, Andreas!« sagte Hans Harkort mit einer eisigen Ruhe, die bis ins tiefste erschütterte. »Meine Hand ist kalt und meine Stimme schwer von Tränen geworden. Ich sehe wie durch ein Schneegestöber, das nicht aufhören will. Ich strecke die Hand um Mitleid aus, und man bietet mir Steine. Ich habe nichts mehr, nicht das Geringste. Das einzige, das mir verblieb, ist die Erinnerung daran, daß es Zeiten gab, die mich anlächelten wie Sonnenkinder. Aber das ist lange vorüber, als wäre es niemals gewesen. Ein eisernes Gebot tut mir Gewalt an. Ich kann ihm nicht mehr entgehen und muß ihm folgen, wohin es mich leitet. Du kennst meinen Vater. Er war der Inbegriff des Höchsten für mich. Ich liebte ihn mit aller Kindesliebe, deren ein Herz nur fähig ist, und tue es jetzt noch, obgleich ich weiß: um seinetwillen bin ich unsagbar elend geworden, und dieses mein Elend wird ihn selber verderben. Seit gestern abend weiß ich, daß es so ist. Du kennst doch Simonis? Er stammt aus dem Geldrischen, ist Herr von Aukamp und bekleidet die Stelle eines Kassenrevisors beim hiesigen Deichwesen. Schon häufiger sprach er bei uns vor, und wenn ich ihn sah, dann war es mir so, als würde mir ein Stück von meinem Himmelreich genommen. So gestern wieder. Mein Vater ging wie durch einen blutroten Nebel. Alles an ihm war krank und verlähmt. Was mit ihm geschehen war, kann ich nicht sagen. Aber als Simonis erschien, und er tat es von Amts wegen, kam es zu einer heftigen Szene zwischen den beiden ... und dann ... eine Stunde nachher: mein Vater lag vor mir auf den Knien, brach in sich zusammen und war wie von Sinnen. Eine dunkle Schuld richtete sich auf, geeignet, ein häßliches Brandmal auf unseren Namen und unsere Ehre zu drücken. Woher sie kam, blieb mir ein Rätsel, und es wäre unsinnig und grausam, noch darüber grübeln zu wollen. Es war nichts mehr zu ändern. Simonis forderte und bestand auf seinem Schein ... Anderen Tages hatte ich mein Jawort gegeben ... Hans, Hans, Hans, richte mich nicht, laß deinen Fuß nicht über mich gehen! Ich flehe dich an: Vergib mir, mache mich nicht noch ärmer, als ich bin! Erbarme dich meiner! Mein Entschluß ist gefaßt. Es gibt kein Zurück mehr. Wer ist schuld daran? Frage mich nicht! Ich könnte dir doch keine Antwort darauf geben. Unsere Liebe muß absterben. Und selbst: wäre ich nicht bestimmt, die Frau des Verhaßten zu werden – dein Weib wäre ich seit dem gestrigen Tage nicht mehr geworden. Aber noch einmal – du ... und wenn auch nur in heißen Gedanken ... noch einmal werfe ich mich in deine Arme hinein ... drücke mich an dich ... und küsse dich mit einem langen, verzehrenden Kusse ... Hans, lebe wohl! Deine Franziska.« Hans Harkort erhob sich. »Verstehst du das alles?« Mit einem verhaltenen Laut barg er das Schriftstück, wandte sich ab und stöhnte zerdrückt vor sich hin: »Und das wagte sie niederzulegen, Buchstabe um Buchstabe, Zeile um Zeile ... Franziska! – Weib du ...! Soll mein Fluch dich ...?« Ein abgehackter, wilder Schrei lärmte auf, der für eine kurze Spanne Zeit das Zimmer durchgellte. »Hans!« Eine schwere Hand legte sich ihm auf die Schulter. »Was willst du von mir?« Hans Harkort warf den Kopf zurück und starrte ihn an. Man hätte glauben können, dies Gesicht sei aus Erz gegossen, so ehern und scharf umrissen stand es in der sanften Beleuchtung. »Du willst mir doch nicht beibringen wollen, vor diesem Weibe noch die Knie zu beugen?« Andreas Lobbers verfärbte sich. »Von wem sprichst du eigentlich?« fragte er heiser. »Nun von der, die meinen Leib zerbrach und meine Seele zermürbte.« »Richte nicht, auf daß du nicht gerichtet werdest!« kam es unerbittlich zurück. »Ich will auch nicht richten ... aber nun komme mir einer mit der schönen Legende, das zerschlagene Heiligenbild wieder atmend zu machen und es auf den Tisch des Herrn zu stellen. Utopisch! Wer sollte das können?« »Hans, Hans!« rief der junge Kleriker und wehrte mit beiden Händen ab, »ich nicht, aber du selber. Nur du allein bist der Schmied deines Glückes, aber in gleicher Weise auch der Totengräber deiner eigenen Zukunft. Selbst ist der Mann, und willst du, daß noch ein Starker neben dir her geht, um dir den Kampf leichter zu machen – den hast du. Ich sagte dir schon: der Himmel ist dir persönlich zu Hilfe gekommen. Weise diese Hilfe nicht von dir, greife sie auf, schreite mit ihr durch Not und Gefahr, und deine Stärke wird siegen.« »Andreas, und diese deine Ansicht verfichtst du auch jetzt, auch jetzt noch, wo du weißt, was sie sagte? denn geschrieben ist, von ihr selber geschrieben: Und wäre ich auch nicht dazu bestimmt, die Frau des Simonis zu werden ... seit den Erlebnissen des gestrigen Tages: dein Weib wäre ich nicht mehr geworden.« »Auch jetzt noch.« »Andreas ...!« »Ja, auch jetzt noch, so wahr ich hier stehe. Hans, verleugne dich selbst nicht! Glaube an dich! Wer Gott sucht, der findet ihn auch. Bleibe dir selber getreu! Willst du denn in deinem Trübsinn ersticken? Gib dich nicht selber auf! Werde wieder der Alte, der Zugreifende, Zupackende! Laßt uns die Becher bekränzen ... und was da drüben passiert ist – was kümmert es dich? Wem gegenüber bist du denn verpflichtet? Nur dir allein gegenüber. Finde dich damit ab! Nimm es hin wie ein unabwendbares Schicksal! Die Hauptsache bleibt: sie selber ist rein wie eine Blume des Feldes, wie das Gewand der allerseligsten Jungfrau, und was sie dir in ihrer Verzweiflung auch schrieb – münze es um und werte es nach seinem lauteren und wahrhaftigen Inhalt! Drum raffe dich auf! Das Heute gebietet. Nur dieses allein. Zersprenge die Fessel! Sei kein Träumer! Dum Roma deliberat, Saguntum perit. Hans« – und er hatte seine Hände ergriffen – »und was sie jetzt noch umgibt, was die Wassermühlen bedeckt – habe den Mut, das Dunkel zu lichten und das schwarze Tuch von diesem Geheimnis zu reißen!« »Andreas, ich habe ihn nicht.« »Du mußt ihn haben, sonst bist du verloren – du und Op gen Oort; denn nur an diesem Weibe wirst du gesunden! Also du willst? und tust du es nicht: uns hält nichts mehr zusammen. Mit dem heutigen Tage: geschieden für immer.« Da reckte sich der Gequälte auf, fest und zuversichtlich, hoffnungsfroh und von einem starken Willen getragen. Energisch und mit festem Griffe drückte er die Hand seines Freundes. » Ultima ratio . Ja, Andreas, ich will!« sagte er ruhig.   13 Bis tief in den Abend hinein brannte an diesem denkwürdigen Tage die grünlackierte Petroleumhängelampe im ›Dicken Tommes‹ über dem hintersten Stammtisch. Wie die Glücklichen aus Märchenland saßen die drei von der Solopartie vor ihren Bouteillen und Gläsern, zufrieden in sich, zufrieden mit ihrem Bittgang nach Op gen Oort, zufrieden mit Gott und den Menschen. Bei ihrem stundenlangen Beisammensein hatten sie sich schon wechselseitig beglückwünscht und angeprostet. Der Matador ließ Grünober, dieser den Matador und Trumpfsieben, Trumpfsieben wieder in heller Begeisterung den Matador und Grünober und der Matador zum guten Beschluß den fidelen Trumpfsieben leben, bei welchen Ovationen drei Bouteillen geleert und zwei weitere bestellt wurden, aber zwei bessere, gelbgesiegelte, langkorkige, die auf ihrem verstaubten Etikett von irgendeinem vieljährigen Schloßabzug aus dem Departement der Gironde erzählten. Drunter taten sie's nicht. Der Besitzer des ›Dicken Tommes‹ brachte sie an. Er war ein kleines, munteres Kerlchen im grauen Flausrock und krapproten Plüschpantoffeln, Spinnwebhaaren und einem mit Perlen bestickten Samtkäppchen auf der linken Kopfseite, dessen Troddel wie ein lebhafter, angeseilter Wauwau stetig auf und nieder kapriolte. Dabei war er fett wie eine Weinbergschnecke, saftig und kernig und kullerte wie ein hopsender Gummiball über die blankgescheuerten und mit weißem Sand gesprenkelten Dielen. »Ein angenehmes Pröstchen, die Herren!« »Merci, Herr Lamers!« Die beiden Schloßabzüge aus dem Departement der Gironde sonnten sich in ihrer ganzen angelaufenen Herrlichkeit in dem sanften Schein der gütigen Petroleumlampe, wobei die drei am Zapfenbrett befindlichen Zylinder tapfer und freudig in das lustige Treiben hineinvigilierten. Drei schöne, strammaufgebügelte Zylinder in Reihe. Cornelis Höfkens machte den Mundschenk. »Château Margot!« sagte er schmunzelnd, als das einladende Glucksen begann, die Gläser sich füllten und ein rubinartiger Glanz sich auf der Tischplatte kringelte. Seine Zunge lahmte noch nicht, war noch locker und lose und hatte noch immer den Schmelz eines trunkfesten Mannes. Nur seine gutmütigen Augen schwammen in einem wonnigen Wasser. »Herr Lamers,« sagte er förmlich und umgriff den Stengel des feinglasigen Kelches, »dem ›Dicken Tommes‹ ist Heil widerfahren.« »Heil, um die Wahrheit zu sagen,« bestätigte Grünober. »Immer leschär, meine Herren!« echote Trumpfsieben in einem ausgesprochenen Glückseligkeitsdusel. »Dreifaches Heil, mein lieber Herr Lamers,« fuhr Cornelis mit getragener Stimme fort, »denn erstens« – und der linke Daumen richtete sich wie ein putziges Stehaufmännchen gerad in die Höhe – »denn erstens: wir haben die hohe Bekömmnis gefunden, Hans Harkort, den Besitzer von Op gen Oort, den Ökonomiker von größter Bedeutung, am Stammtisch im ›Dicken Tommes‹ zu wissen.« »Wa... wa... wa... was?!« rief der rundliche Gastwirt, und seine krapproten Plüschpantoffeln klapperten vor lauter Respekt in Paradestellung zusammen. »Es ist so, Herr Lamers, und zweitens« – und der Zeigefinger folgte dem Beispiel des Daumens – »und zweitens, Herr Lamers: durch seinen Eintritt erhalt auch die Solopartie frischen Wind in die Segel, wird spritzig und lebensfähig und kann wieder mahlen. Das kommt auch Ihnen und dem ›Dicken Tommes‹ zugute. Sie Glückspilz, Sie veritabler Glückspilz! und drittens« – und der Mittelfinger erhob sich wie ein majestätischer Spargel – »und drittens, Herr Lamers ...« »Weiß die Ehre zu schätzen, weiß die Ehre zu schätzen,« versicherte das joviale Männchen, wobei er das Troddelmützchen ehrerbietig abnahm und in Verzückung kundgab, daß er sich genötigt sehe, die beste Bouteille, die er im Keller habe, für gratis und garnichts zu geben. »Gottverdomie und drittens, Herr Lamers: ein Mitglied der christkatholischen Kirche, einer, den man mit dem Titel Hochwürden bezeichnet, der bräutlichste Jüngling in Christo, der Herr Kaplan Lobbers, um seinen richtigen Namen zu nennen, hat sich in höchsteigener Person bewogen gefunden, der Solopartie und dem ›Dicken Tommes‹ unter die Arme zu greifen, und damit bin ich erst auf meinen sogenannten Standpunkt gekommen.« Vielsagend sah er sich um. »Diese Seele von Mensch!« seufzte Grünober, »dieser bräutliche Jüngling ... uns diese Freude zu machen! O Gott, o Gott!« Der reichlich genossene Schloßabzug aus dem Departement der Gironde hatte den sonst so zugeknöpften und eigenbrödelnden Mann in das sanfte Tal der Tränen geworfen. Reichlich tropften sie nieder, fielen auf das steife, blaugestärkte Schemisettchen und vereinigten sich hier mit den bereits vorhandenen Rotweinspuren zu einer wohlfundierten und ersprießlichen Gesellschaft mit beschränkter Haftung, während Pitt Lörksen die Gelegenheit benutzte, sein Glas hinter die Weste zu schütten und sich in Kraft eigener Machtbefugnis den Kelch aufs neue zu füllen. »Immer leschär, meine Herren!« »Ja, dieser Jüngling!« ließ sich Cornelis wieder vernehmen. »Bräutlich ist garnichts dagegen. Auf Parol und so wahr ich hier sitze: bräutlich ist garnichts dagegen! Wir schulden ihm Dank, wir sind ihm verpflichtet. Aber leider hat er diesen Dank noch garnicht genossen, denn vor einigen Stunden, auf Op gen Oort, bei unserer erhabenen Sitzung, aere perennius , wie der Herr Bürgermeister sich ausdrückt, ging alles in der allgemeinen Begeisterung unter. Ich konnte nicht danken, konnte ihm meine bürgerlichen Gefühle nicht an das priesterliche Herz legen. Aber das soll nunmehr geschehen. – Herr Lamers, liebe Mitglieder der Sologesellschaft! In Anbetracht dessen, daß wir uns hier im ›Dicken Tommes‹ befinden, im Anbetracht ferner, daß Hochwürden diesen ›Dicken Tommes‹ samt Stammtisch wieder kräftig verposamentiert und ihm Gelegenheit geboten hat, meinetswegen noch hundert Jahre zu leben, mit Gott für König und Vaterland, in Anbetracht schließlich, daß er ein Geistlicher ist und noch Sinnlichkeit hat für pläsierliche Stunden und ein schuldloses Spielchen nach schwitziger Arbeit – in Anbetracht dessen ernenne ich ihn hiermit zum Ehrenmitglied unserer Sologesellschaft und ersuche die Herren, sich von ihren Sitzen zu erheben, das Glas zu ergreifen und mit mir in den Ruf einzustimmen: Hochwürden, der liebe und wohlwollende Herr Kaplan Lobbers, soll leben ...!« »Hoch und nochmals Hoch und zum drittenmal Hoch!« und alle erhoben sich und tranken und warfen sich wechselseitig an die Brust und versicherten sich ihrer immerwährenden Freundschaft auf Leben und Sterben, mit Gott für König und Vaterland, wobei Pitt Lörksen wie ein Kanarienvogel pfiff und einen so schönen und getragenen Walzer anstimmte, daß Herr Lamers erst wie angewurzelt stand, dann aber den Kopf auf die Seite neigte und schlenkerbeinig, mit fliegendem Tröddelchen und schwappendem Bäuchlein, durch sein Wirtslokal schleifte. Alles war ein Herz und eine Seele. Die neuzugebrachten Flaschen aus dem Departement der Gironde stellten den Gipfel der Freude ins Unermeßliche. Erst spät nach Mitternacht trennte man sich. Etwas angekratzt zog man den heimischen Penaten zu. Nur Cornelis ging aufrecht, noch völlig Herr seiner Sinne. Der Markt war lichtübersponnen. Am Denkmal des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz nahmen sie Abschied. Cornelis schritt dem Kesseltor zu und seinem mehlüberstäubten Tempel entgegen. Dort lag er. Gespenstisch ruhte die gigantische Mühle unter dem blanken Mond. Friedliche Stille ringsum. Feierlich zogen die Sterne ihre ewigen Kreise unter dem Himmelszelt. Die ersten Frösche begannen mit ihrem Frühlingskonzert. Melancholisch zog ihr weiches Rufen durch die einsame Nacht hin. Cornelis Höfkens war an Ort. »Angtree!« sagte er lächelnd, drehte den Schlüssel um und trat in den Hausflur.   Mit dem ersten Frühlicht knatterten die Windmühlensegel. Eine fröhliche Brise spielte in den Ruten, die Knechte erschienen und lösten die Sperrung, und in stoischer Selbstgefälligkeit begannen sich die Flügel zu drehen. Die Mahlgänge stäubten, die Lagerpfannen ächzten und seufzten, mit Korn- und Mehlsäcken befrachtete Wagen fuhren ab und zu, und Cornelis Höfkens stand mit brennender Kalkpfeife neben der Einfahrt und sah nach dem Rechten. Ein wohliges Gefühl durchrieselte ihn, das Gefühl des sonnigen Behagens, ebenso bekömmlich, wie es ein alter Kater empfindet, wenn er vor der Haustür spinnt und ihm ein warmer Strahl über das seidenfadige Haar gleitet. Cornelis blinzelte in das junge Frühlicht hinein, das die Welt vergoldete: die kleine Stadt, den Paternosterdeich und die Schleusenwerke, die aus den braunen Schleiern der Pappeln hervorschimmerten. Wie mit einer duftigen Gaze war alles umsponnen. Er dachte an den gestrigen Tag, an den Besuch auf Op gen Oort, an das prächtige Eingreifen des geistlichen Herrn, an den würdigen Abschluß, den die heikle Angelegenheit in den traulichen Räumen des ›Dicken Tommes‹ gefunden hatte, und unwillkürlich drängte sich ihm die Genugtuung auf: die Zeit wird besser, die dunkeln Schatten zerteilen sich, Gottes Finger dringt durch die Wolken, weist den Menschen freundliche Geschicke zu, und auch für die Wassermühlen werden jetzt heitere Tage kommen, denn Gott ist gerecht, und er will nicht, daß die einen sich stetig zermartern, die anderen durch ewigen Sonnenschein gehen. So dachte Cornelis, und in seinem Glücksgefühl hätte er die Arme breiten können, um die ganze Schöpfung an seine mehlübersprenkelte Weste zu ziehen. Doch so wie er, dachten nicht viele. Besonders nicht Jan van den Birgel. Der war verzwickter geartet, verzwickter und frettchenhafter, und so ein Frettchen gehört zu den Tieren, die sich langsam anschleichen, sich winden und drehen, heimlich und nach der Weise der Beutelkatzen, um dem harmlosen Opfer unversehens an die Kehle zu fahren. So ein geschmeidiges, gieriges, bösartiges Frettchen war nun auch Jan van den Birgel, nichts mehr und nichts weniger; aber er war es, denn sprungfertig wartete er, holte ein schäbiges, beschriebenes, abgelebtes Papier aus dem Eckschab, versenkte es in die Falten eines abgegriffenen Portefeuilles, stülpte sich die Mütze auf und rief über die Schulter: »Lena, ich habe noch so 'nen kleinen Pläsiergang zu machen.« »Gute Verrichtung und kachele ordentlich ein! Aber mit Kienholz! Sonst bläst es aus, gibt keine Hitze, und wir haben das Nachsehen.« »Man keine Sorge, du Goldkind!« gab er zurück. »Ich halte dir den Daumen,« rief sie ihm nach. »Dann trudelt's besser. Immer man feste! Von nichts kommt nichts, und wer's Maul zuhält, den fressen die Hühner.« »Mich nicht,« lachte der Alte, und mit einem kräftigen Fußtritt stieß er die Tür auf. »Hupla!« Aber noch einmal blieb er stehen. »Lena,« sagte er mit kantigem Schmunzeln, »Schnurr Schnapp von der Waterkant fängt immer mehr Feuer. Gestern sagte er noch: Ihre Hinterbacken sind schwerer als zwei Hügel aus Sand. Das hat er aus dem türkischen Geschichtenbuche genommen, worin er immer drin liest. Ich glaube, er will dich zu seiner Sultansfrau machen, will dich erheben über alle Mamsells, und wenn er in Wirklichkeit diese Absicht bekundet, dann tu's nur!« »Wollen's überlegen. Aber jetzt geh' man!« Es war am späten Nachmittage, als sich Jan van den Birgel aus dem ockergelben Häuschen in der Straße ›Achter de Mur‹ hinausdrehte und den Weg zu den Wassermühlen einschlug. Sein Gang hatte das Lurksige verloren; er trat fest auf und mit der Sicherheit eines gediegenen Mannes. Der schäbige Papierfetzen in dem schmuddeligen Portefeuille heizte ihm ein und gab seinem inneren Menschen einen fröhlichen Auftrieb. Es war ein Tag wie im Sommer, laulich und warm und von den sanften Schwingungen eines werdenden Abends durchzittert. Auf den Hausfirsten lärmten die Stare, und dunkle Geschwader von Krähenvögeln flogen den westlichen Himmel an. Am Kesseltor hatten die Schatten schon breite Schultern. Die Wassermühlen jedoch lagen in voller Beleuchtung und in traulichem Behagen. Sie machten bereits Feierabend. Kosman Kraneboom stand an der Einfahrt und war gerade dabei, die Tore zu schließen. Die Knechte trotteten ab. Der letzte Wagen rumpelte über den Paternosterdeich hin. Die Gegend begann still und einsam zu werden, und Kosman dachte daran, sich ein Pfeifchen zu stopfen und nach getaner Arbeit die Beine unter den Gesindetisch zu strecken, in aller Muße und in aller Beschaulichkeit. Bequemen Schrittes ging er dem Herrenhause zu. Jan van den Birgel kam näher. Als Kosman seiner ansichtig wurde, kroch ihm ein widerwärtiges Gefühl über den Rücken, und er beeilte sich, aus dem Bereich des unheimlichen Menschen zu kommen. Allein dieser war flinker als er. Er rief ihn an und fragte: »Ist die Madam jetzt zu sprechen?« »Pressiert's so?« »Ja, es pressiert. Schnurr Schnapp von der Waterkant ist der nämlichen Ansicht.« »Ach der!« sagte Kosman. Verächtlich zuckte er mit den klobigen Schultern. »So'n infamer Balbierer!« setzte er grimmig hinzu, »so'n glitschiger Weisheitsapostel und Dreckspatz! Beruft Euch auf 'nen andern, Jan van den Birgel!« »Kosman, man Ruhe! Er steht in der Freundschaft von mir und ist mal Wisseler Schulmagister gewesen.« »War er. Aber wie lange? Keine drei Jahre. So 'ne fatale Ferkelgeschichte machte ihm Beine. Und noch heute ... man sollte 'nen Zölligen schneiden, um ihm das Fell zu versohlen.« »Kosman, ich ersuche Euch, Kosman ...!« Jan van den Birgel pulverte los: »Verflucht und vernagelt! Wie kommt Ihr darauf? Nur ein pures Malörchen! Jedereins kann sich doch mal im Leben besaufen. Das tat er. Nichts weiter. Und dann ist er Balbierer geworden. Kreuzkuckuck noch mal! – aber was die Hauptsache ist: er hat auf Schulmagister studiert, und ist Schulmeister gewesen... und was so'n preußischer Schulmagister bedeutet... Kosman, ich bitte mir aus... und Ihr als Preußen-Kosman ...« »Da wollt Ihr wohl sagen,« versetzte der Alte mit unerschütterlicher Ruhe, »genau so sagen, wie so viele es sagen: Der preußische Schulmagister hat die Schlacht von Königgrätz oder die von Sadowa gewonnen, und wer so was vollbrachte...?« Jan van den Birgel legte den Kopf auf die Seite und nickte. »Dazu rechnet Ihr auch Schnurr Schnapp von der Waterkant?« »Jawoll!« kam es patzig zurück. »Unsinn, verfluchter! Denkt nicht dran! Der preußische Kuckuck tat's und das preußische Reglement und die preußische Faust, die den Schulmagister erst schaffte und auf die richtige Stelle placierte... und Ihr wollt mir mit Schnurr Schnapp von der Waterkant kommen?« »Ich sagte Euch schon: er steht in der Freundschaft von mir und kennt meine Sache.« »Und er hat Euch geraten, die Madam zu belästigen?« »Mein Recht will ich haben.« Kosman trat näher heran. Seine Augen suchten in dem Blick des Eindringlings. »Ihr habt doch nichts vor, Jan van den Birgel?« fragte er eisig. »Ihr müßt nämlich wissen: ich stehe für alles, gleichviel, was es ist: Mühlen und Wasser, Madam und Mägde, und wer dem einzelnen nur ein Härchen krümmt, der kommt nicht lebendig von diesem Grund und Boden herunter. Das müßt Ihr in Eurer Überlegung besitzen, sonst, Jan van den Birgel ...« Langsam hoben sich die geballten Fäuste. »Sonst, Jan van den Birgel ...« »Herr, macht keine Geschichten! Jeder ist sich selber der nächste. Was ich mit der Madam zu besprechen habe, sind keine konträrigen Dinge. Ich habe noch alte Felle zu gerben und kann sie nicht fortschwimmen lassen.« »Wenn diese Felle Euer Eigentum sind ...« »Kosman, das sind sie.« »Und sie sind rechtmäßig in Eure Hände gelangt?« »Rechtmäßig,« sagte der Alte und hob wie zum Schwure die leichenfarbigen Finger. »Ich schwöre.« »So kommt! Ich werde Euch melden,« und damit gingen sie der nahen Tür zu, die ins Herrenhaus führte. Franziska Simonis saß wieder an der Schreibkommode ihres verstorbenen Vaters. Die Sichtung der hinterlassenen Papiere, der Rechnungen, Hypotheken, Forderungen und Darlehen ging ihrem Ende entgegen, aber was sie eigentlich suchte, den letzten Willen des Heimgegangenen, hingeworfene Schnitzel und Anhaltspunkte, geeignet, einiges Licht in das geheimnisvolle Dunkel der letzten Jahre zu tragen, ließ sich nicht finden. Müde und angegriffen hielt sie mit ihrer Arbeit inne, verschloß die Dokumente und legte die Hände zusammen. Ihre Erwägungen verfolgten die endlose Straße, die sich durch ein unwirtliches, ödes und trockenes Heideland hinzog, durch ein Land voller Zweifel und Ängste, voller Widersprüche und Gegensätze, eine endlose Straße, die ins Wesenlose hineinging, ohne ein Ziel zu erreichen. Immer dieselben Versuche! aber sie führten nicht weiter. Selbst das vielsagende Protokoll der Deichschöffensitzung mit dem seltsamen Vermerk ihres Vaters, das sie immer und immer wieder vorgenommen hatte, um wenigstens hier irgendeinen Anhalt zu finden, gab keinen Aufschluß und bot ihr nicht die geringste Handhabe, wissend zu werden und durch die ersehnte Pforte der Erkenntnis zu treten. So beschloß sie denn, die wirren Dinge von sich zu tun und nur der Stunde zu leben. Feines Stramin spann der Abend durch die blanken Scheiben. Nur in ihrem Oberlicht wohnte noch ein feuriges Leuchten und vergoldete die Schildereien, die verstreut an den Wänden hingen. Und sie saß still und einsam und beobachtete den hellen Lichtglanz, der langsam auf der Tapete weiterrückte, vereinzelte Kringel malte und friedlich eindämmerte, als Kosman anklopfte, den Kopf durch den Spalt steckte und sagte: »Madam, nu sind die acht Tage vorüber, und jemand ist draußen.« Mit einem Ruck stand sie auf. »Er soll kommen!« sagte sie hart und ohne jede Bewegung. Die Tür öffnete sich vollends und schloß sich dann wieder. Jan van den Birgel stand vor ihr. Draußen aber gingen derbe Schritte, kurz und nachhaltig, und dazwischen knirschte es zwischen den Zähnen: »Ich, Kosman Kraneboom, stehe für alles, gleichviel, was es ist: Mühlen und Wasser, Madam und Mägde, und wer dem einzelnen nur ein Härchen krümmt, der kommt nicht lebendig von diesem Grund und Boden herunter. Da stehe ich vor« und am äußersten Ende des Flures hielt er den Fuß an und pflanzte sich in einer Fensternische auf, gewillt, Leben und Gut seiner Herrin mit der Umsicht eines Getreuen zu sichern, und mochten darüber Stunden vergehen, lange und qualvolle Stunden. »Madam, ich bin doch nicht ungelegen gekommen?« »Ungelegen oder nicht ungelegen, ich stehe zu Eurer Verfügung, Jan van den Birgel, und bin nur begierig zu wissen, was Euch so dringlich in dieses Haus führte.« »Dringlich, Madam? Dringlich kann man eigentlich nicht sagen.« »Wie nennt Ihr es denn?« »Gott, wie soll ich es nennen? Eilig vielleicht.« »Also eilig, obgleich ich nicht ahne, welche Interessen uns gegenseitig verbunden hätten.« »Ich dächte doch,« sagte er lauernd. »Man muß nur so'n bißchen seine Gedanken auffrischen. Bei gutem Willen läßt sich das machen, etwa so, wie der Bäcker es tut, wenn er seine überständigen Semmeln aufmunteriert. Aber keine Frage, Madam« – und über sein dürres Gesicht lief ein demütiges Grinsen – »ich weiß: die letzten Tage und Wochen ... ich möchte nur bescheiden erwähnen... bei all der Not kann man leicht das Nächste in den Schornstein schreiben. Malthus ist tot; na, und Simonis ...« Mit einem erheuchelten Bedauern streckte er ihr die grausige Hand entgegen. »Meine innigste Teilnahme,« meinte er trostlos, »mein herzlichstes Beileid ... indessen jedoch ... meine Privatangelegenheiten ...« »Die auch mich berühren?« fragte sie ruhig, ohne auf die schofel ausgestreckte Hand zu achten. »Jawoll,« gab der Alte zurück und ließ die Rechte wieder in seine Hosentasche verschwinden. »Privatangelegenheiten, nicht groß von Belang, aber für mich von 'ner gewissen Bedeutung.« »Und die wären?« »Wie man so sagt: geschäftliche Kleinigkeiten, alte Beziehungen ...« »Ich wüßte mich nicht zu erinnern ...« »Schon möglich. Vornehme Frauen können sich niemals erinnern. Besonders bei all dem Malör, da kann man vergessen. Aber wohl gemerkt: das Gesetz vergißt nichts. Kein Titelchen, nicht das Schwarze unterm Nagel. Das ist wie ein Flußadvokat, wie wir die Hechte benennen. Das denkt an alles und sagt ganz akkurat, wenn einer geerbt hat ..« »Was hat das mit Eurem Hiersein zu schaffen?« fragte sie heftig. »Bitte, Madam, keine Mouvements. Das bringt nicht weiter, und ich bin doch hier, um mit Euch in 'ner netten Weise die alte Freundschaft zwischen mir und den Wassermühlen aufrecht zu halten. Drum sage ich nochmals: Wenn einer geerbt hat, so übernimmt er nicht nur das Pläsierliche und die Monetens des Erblassers, sondern auch dessen Verpflichtungen und Schulden.« »Weshalb diese Belehrung?« »Weil ich sie für richtig und angemessen finde, denn Schnurr Schnapp von der Waterkant sagt: Jan van den Birgel, jedem das Seine. Alles muß im Leben seine destillierte Ebenmäßigkeit haben, sonst gehen die feinsten Urzustände zum Teufel. Und was Schnurr Schnapp von der Waterkant aufstellt, dem kann man nachpfeifen. Ich bin der nämlichen Ansicht und möchte alles so geregelt wissen, wie man es eben nobel erledigt.« Die junge Frau war um einige Töne blasser geworden. Langsam hob sie die weiße Hand. »Nehmt Platz, Jan van den Birgel!« »Merci, Madam!« und während er sich ihr gegenüber niederließ, seine knochigen Hände auf die spitzen Knie legte und an ihnen herumrieb, begann er zu sprechen: »Nur der Ordnung wegen hab' ich mich auf die Lappen gemacht. Das muß vorher festgelegt werden, um keinen schlechten Docht auf die Funzel zu stecken. Selbstverständlich, Madam: verschiedene Wege führen nach Rom. Der Gerichtsweg zum Beispiel. Aber warum das? Der privatrechtliche ist immer der beste, und je schneller man auf ihm vorwärts kommt, um so kommoder für beide Parteien.« »Ich verstehe noch immer nicht.« »Man keine Sorge. Das kommt noch, denn ich habe von jeher den Standpunkt vertreten: immer langsam, aber sicher gefahren. Hitzige Kutscher machen Wagen und Gaul zuschanden und verbiestern die Sache. Ich meine: das ist doch 'ne vernünftige Ansicht, und Ihr, Madam, werdet das auch begreiflich finden.« »Vollkommen,« sagte sie ruhig. »Das freut mich,« fuhr er sachlich und geschäftsmäßig fort, indem er mit der Rechten sein dürres Kinn schabte und langsam den Blick an sein stilles Opfer herankriechen ließ, »denn auf diese Art können wir unsre Kartoffeln zusammenschmeißen und gemeinsam verzehren. Mit meinen Kartoffeln ist das allerdings man power bestellt. Das buttert so recht nicht. Da müssen andere helfen und haben geholfen, denn offen gestanden: ich bin nie ein Glückspilz gewesen und meine Lena erst recht nicht ... und bei ihr sollen ja nu wohl Veränderungen kommen ... Aber Schnurr Schnapp von der Waterkant hat's auch nicht, denn ich habe niemals gehört, daß ein ehemaliger Schulmagister und nunmehriger Balbierer berufen wäre, preußische Speziestaler auf die hohe Kante zu legen. Gott ja! und die Leutchen wollen doch leben, und ich desgleichen dito, und da wäre es mir 'ne bekömmliche Freude, wenn die Mitbürger sagen würden: Bei Jan van den Birgel schreit wieder 'ne gehörige Portion Speck in der Pfanne. Das wäre doch 'ne prächtige Sache! Na also, wie denkt Ihr darüber?« »Warum richtet Ihr das alles an meine Adresse?« »Weil es Euch angeht.« »Da bin ich entgegengesetzter Ansicht,« sagte sie frostig, »und möchte Euch bitten, der Unterredung ein Ende zu machen. Unter den obwaltenden Umständen ist meine Zeit sehr kurz bemessen und verträgt es so recht nicht, sich mit andermanns Geschick zu befassen.« »Nicht?!« fragte er trocken und begann wieder damit, nachdenklich an seinem Kinn herumzufühlen. »Nein,« sagte sie kurz abgebrochen und verfolgte das letzte Rot, das bei den Schildereien langsam zerfaserte. »Aber meine erlaubt's,« fuhr er auf und tupfte etliche Male gegen seine schäbige Weste, »und ich bin sicher: Eine wird's auch noch erlauben, denn von Amts wegen wird irgendwo bestimmt, daß der Erbe für die Nachlaßverbindlichkeiten des Verstorbenen haftet, und soviel mir bekannt ist, befindet Ihr Euch in der nämlichen Lage.« »Was kümmert das Euch?« »So'n bißchen, Madam, und ich möchte Euch raten, alles beim alten zu lassen.« »Was heißt das: ›alles beim alten zu lassen‹?« »Ganz einfach: so wie es war zwischen mir und Malthus, zwischen mir und Simonis.« Sie hob den Kopf. Wo führte das hin? Begannen sich hier die vergangenen Tage zu regen? Streckte sich bereits jetzt die entsetzliche Hand aus, die sie schon lange gefürchtet hatte? Sie wußte: Jan van den Birgel war öfters auf den Wassermühlen gewesen, hatte mit ihrem Vater verhandelt und heimliche Geschäfte betrieben. Auch auf dem Aukamp war er erschienen, so um Martini herum, wenn das Korn längst eingebracht war und die Dreschflegel über das weite und stille Land riefen. Dann hatte ihr Mann stets einige Flaschen Wein auftischen lassen und ihm zugetrunken, bis die Sterne am Himmel flinzelten, ein Tilbury vorfuhr und den Besuch wieder nach Hause brachte. Dessen erinnerte sie sich, ganz genau und mit allen Einzelheiten, obgleich sie diesen Zusammenkünften keinen besonderen Wert beigelegt hatte. Jetzt kam Licht in die Sache. So schien es. Garne entwirrten sich, enggeschürzte Knoten lösten sich auf, nur war sie sich noch nicht im klaren darüber, was der Alte bezweckte und was die eigentlichen Triebfedern waren, die ihn hergebracht hatten. Handelte er auf Grund von Vorgängen, die eine gewisse Berechtigung aufweisen konnten, oder aber sollte hier ein Spiel ausgetrumpft werden, scheußlich wie die Sünde und verlogen bis in die innersten Knochen, nur darauf berechnet, auf Kosten der Verstorbenen irgendeinen unlauteren Gewinn zu erzielen? Jedenfalls – sie hatte auf der Hut zu sein und mit der jetzigen Stunde zu rechnen. Scharfumrissen stand die Gegenwart vor ihr. Ihre Hände verflochten sich. Es durchzuckte sie bis in die Fingerspitzen hinein. Schwer hob sich ihre Brust, und ihre heißen Blicke umfaßten den Gegner. »Ihr da,« fragte sie nach kurzem Besinnen, »was hattet Ihr mit meinem Vater und Simonis zu schaffen?« »Vieles, Madam. Wir waren uns gegenseitig verbunden: Malthus und ich, ich und Simonis. Pure geschäftliche Interessen, auf Treu und Glauben niedergelegt und eigenhändig unterfertigt, und so was verpflichtet. Und außerdem noch, Madam: ich für meine Person nicht allein, auch meine Tochter, die Lena, ist Partei in der Sache und kann sich nicht an die Wand drücken lassen. Jedem das Seine, wie schon Schnurr Schnapp von der Waterkant sagt. Keine langen Fisimatenten. Die haben Dreck an den Schuhen, und ich will reinliche Arbeit. Gebt Hals her und laßt es beim alten verbleiben.« »Ich weiß von keiner Verpflichtung,« sprach sie verächtlich. »Ihr vielleicht nicht, aber Malthus und dito Simonis, und was Mann und Vater als richtig und gesetzmäßig erkannten, dem wird sich auch die Tochter nicht entziehen wollen.« »Das heißt also ...?« »Daß ich auf meinem Schein bestehe und ausbezahlt werden will auf Heller und Pfennig.« »Ihr wollt hier wohl den Blutegel spielen?« »Was?! Den Blutegel spielen? Wo das hier verbrieft steht?« Er fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen. »Schwerebrett und noch eins! mir so unter die Augen zu kommen, mir, Jan van den Birgel von ›Achter de Mur‹ her! Das ist ja nächst dem leibhaftigen Satan ...!« »Herr, wollt Ihr Ruhe bewahren? Ja oder nein?« Hoheitsvoll hatte sich Franziska erhoben. »Ich tu's schon, ich tu's schon! aber Himmelsakrament noch einmal ...!« Mit gierigen Fingern griff er in seine Rocktasche und brachte das abgegriffene Portefeuille zum Vorschein, blätterte emsig herum und suchte das zusammengelegte, sich darin befindliche Papier zu entfalten, als sich draußen energische Schritte bemerkbar machten, die plötzlich Halt machten, in stummer Ruhe verharrten, um dann wieder mit dem taktmäßigen Gang eines Grenadiers auf und nieder zu hämmern. Jan merkte auf. »Kosman!« sagte er mit eingeschrumpftem, aber verbissenem Grunzen, trat hastig an die junge Frau heran und hielt ihr das zerknüllte Schriftstück entgegen. Mit dem scheußlichen Zeigefinger der Rechten deutete er auf eine beschmuddelte Stelle. »Kennt Ihr das?« fragte er mit niederträchtigem Behagen, ohne mit der Wimper zu zucken. »Das ist die Unterschrift meines Vaters.« »Und das hier?« und der Zeigefinger betupfte eine weitere Stelle. »Die meines verstorbenen Mannes.« Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Sie vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. »Und Ihr nehmt sie als richtig an?« »Als richtig.« »Das wäre geordnet. Tausend Taler alljährlich ... zahlbar in der ersten Woche nach Ostern ... tausend Taler preußisch Kurant ... gleichviel, ob in Kassenscheinen oder in bar ... ohne Abzug und Spesen ... hier steht das ... schwarz auf weiß und von Malthus und Simonis eigenhändig unterfertigt ... beide solidarisch verpflichtet ... He, wie gefällt Euch die Sache?!« und wieder deutete der niederträchtige Zeigefinger auf den knitterigen Bogen: »Tausend Taler alljährlich ... kein Titelchen fehlt dran ... zahlbar an Jan van den Birgel, also an mich, und die Frage besteht nur: wollt Ihr die mir gegenüber festgelegte Verpflichtung anerkennen und freiwillig zahlen, oder sollen die Gerichte in Kleve ...? Madam, es liegt in Eurem Befinden. Mir soll's egal sein, gebe aber zu bedenken: besser ein magerer Vergleich als der fetteste Advokatenprozeß. Ich nicht, aber Ihr würdet den kürzeren ziehen.« So der Alte, und in umständlicher Selbstgefälligkeit schob er das zusammengefaltete Dokument wieder in die Seitentasche zurück. »Bitte, Eure Ansicht, Madam!« Sie stand wie ein Steinbild; nur um ihre schmalen Lippen spielte ein verächtliches Lächeln. »Mit anderen Worten heißt das,« sagte sie schließlich, »diese von meinem seligen Vater und Simonis übernommene Verpflichtung wollt Ihr auf mich übertragen?« »Allerdings! Warum lange Umstände machen? Glatte Bahn wäre die beste. Ich müßte sonst so'n kleines Skandälchen entrieren, und das tut man nicht gerne.« Sie lachte kurz auf. »Eine Frage zuvor, Herr Jan van den Birgel.« »Bitte.« »Worauf gründet sich eigentlich diese Verpflichtung?« »Madam,« sagte der Alte, und seine scheußliche Hand legte sich flach auf die Weste, »ich bin ein Ehrenmann und vertrete eine reputierliche Sache, und wer mich dieserhalb anrempelt, dem kann's passieren, seine Knochen im Schnupftuch nach Hause tragen zu müssen. Und weil ich so denke ... Was Malthus anbetrifft: auf ihn will ich mich direkt nicht beziehen. Wenigstens jetzt nicht, zurzeit nicht. Ich möchte ihm das Elend nicht antun. Da muß Gras drüber wachsen, denn er ist mir immer ein lieber Freund und Genosse gewesen.« »Herr ...!« fuhr sie auf. Ihre Hände ballten sich. »Laßt meinen Vater ruhen!« sagte sie bebend. »Das soll er, das soll er! Simonis hingegen« – und er suchte seinen zusammengekniffenen Mund ihrem Ohre zu nähern – »Simonis hingegen ... er und die Lena ... sie hat ihm ihr Bestes gegeben ... aber auch alles ... und dann noch das übrige ... die Umstände, die Kosten ... und wenn eine einem so die Bettposen anwärmt ... und das Jahre um Jahre ...« Sie unterbrach ihn. »Auch während meiner Ehe?« fragte sie bitter. »Aber natürlich!« Totenbleich streckte sie sich. Eine purpurblaue Nacht fiel über sie her. Ekel und verhaltene Genugtuung stiegen in ihr auf. Sie hatte eben noch die Kraft, eine herrische Bewegung zu machen. »Geht! Laßt mich allein! Ich kann Euch nicht sehen.« »Das sollte Euch passen? Nicht um's Verrecken. Erst die Antwort, sonst klebe ich Euch wie'n Fleckfieber am Leibe. Das ist so 'ne Gewohnheit von mir. Ich will leben, und die Lena will's auch. Also wie denkt Ihr darüber? Ostern steht vor der Tür. Gebt 'ne runde und beglaubigte Antwort. Kutt ki kutt! Das Weitere wird sich dann finden.« »Geht jetzt! Ich bin mir noch nicht schlüssig geworden. Man muß das erwägen. Erst hat das Nachlaßgericht zu sprechen, bevor ich zu entscheiden vermag, was zu tun ist. Drum geht jetzt! Es ist schon das Beste,« und wieder streckte sie herrisch die Hand aus. »Ich verstehe. Und wie lang kann's dauern, das mit dem Nachlaßgericht und Eurer Besinnung?« »Monate werden darüber vergehen.« »Gut, ich kann warten. Ostern wird geschlabbert. Euch zuliebe und der Hochachtung wegen, denn ich bin ein Mann der Ruhe und Ordnung. Um Martini jedoch –« und seine Äugelchen leuchteten auf wie Holzmulm – »alles auf Heller und Pfennig, sonst schreit die Geschichte, denn ich bin ein prompter Geschäftsmensch.« Damit ging er. Mit toten Augen sah sie ihm nach. Draußen waren erregte Stimmen, die sich langsam entfernten. Sie hörte darauf, bis sie verstummten; dann trat sie ans Fenster. Ihre Pulse jagten. Sie sah Funken und Blitze. Mittlerweile war es dunkel geworden. Vereinzelte lichtschwache Pünktchen standen am Himmel. Sie sah in die Niederung. Drüben die finstere Häusermasse zwischen den Baumkronen – das war Op gen Oort. Ein erhelltes Fenster winkte herüber. Da schlug sie die Hände vor das entsetzte Gesicht und brach lautlos zusammen.   14 Die Tage vergingen. Franziska Simonis befand sich längst auf dem Aukamp. Im Geldrischen, umgeben von den dunkelblauen Wäldern von Winnekendonk und Sonsbeck, nicht weit von den grünen Ufern der Niers, dem ruhigen Wasser, das in gemächlicher und beschaulicher Weise der Maas zuströmt, verlebte sie ihre Zeit in emsiger Pflicht und verschwiegener Trauer. Das Leben hier hatte ihr nichts mehr zu bieten, hatte ihr überhaupt in den letzten Jahren nie etwas geboten. Fremd war ihr alles. Es kam ihr so vor, als wäre sie von Gott und den Menschen verlassen. Kein Sonnenstrahl erquickte sie, kein Gedeihen und Blühen stimmte sie heiter. Eine Ungewisse, aber körperliche Angst vor dem bevorstehenden Kampf gab ihr das Gepräge der Schwermut – ein ewiges Ringen, das nicht aufhören wollte. Hof und Haus, Inventar und Liegenschaften des weitverzweigten Besitzes betrachtete sie nicht mehr als die ihrigen. Alles und jedes war ihr verhaßt. Überall wähnte sie den brutalen Geist und den Odem ihres verstorbenen Mannes zu spüren. Eine endlose Serie von unliebsamen Bildern und Vorstellungen zog an ihren Blicken vorüber, erneute sich stündlich und machte sie irr, als wäre sie mit sich selber zerfallen. Und doch mußte sie bleiben und ausharren, obgleich sie sich heimwärts sehnte wie die Durstigen nach dem Quell der Erlösung. Jedes bedrückte sie hier, lastete auf ihr gleich giftigen Schwaden, und das Lachen der Knechte und Mägde mutete sie an wie der monotone Singsang von Bettelmönchen. Die Stille des Abends war ihr furchtbar, und sah der Morgen in ihre Fenster herein, kam er grau und fröstelnd gegangen, auch dann, wenn die munteren Stare ihre besten Noten verstreuten. Ihr Rechtsbeistand kam häufig herüber. Mit ihm besprach sie das Wesentliche, die Übertragung des Hofes an die Schwester des Verstorbenen, ordnete und sichtete sie und gab ihm Vollmacht, das Erforderliche beim Nachlaßgericht in Kleve in die Wege zu leiten. Darüber vergingen Tage, Wochen und Monde. Die Schlehdornhecken hatten inzwischen ihre weißen Schleier abgelegt. Die Zentifolien entfalteten in den Gärten ihre ganze Feier und Pracht. So schön wie in diesem Jahre hatten sie selten geduftet. Die Natur schmückte sich wie eine feinsinnige Jungfrau, die ihren Geliebten erwartet. Eine glückgesättigte Luft zitterte zwischen Himmel und Erde, und in den weiten Schilfbeständen der Raveline und Altgräben sang die Rohrdrossel Tage und Nächte hindurch, als hätte sie vor, ihre Sehnsucht aller Welt zu verkünden – ein Lied über den Wassern. Weiter ins Klevische hinein rauschten die Ähren wie Äolsharfen. Wolken von köstlichem Weihrauch zogen über die Landschaft. Alles sehnte sich nach Zuneigung und Erfüllung. Op gen Oort versank in einer Dünung von blühenden Roggen- und Weizenfeldern, und die Wiesen, die unter Gräsern und Blumen erstickten, gingen dem ersten Schnitt und der Heuet entgegen. Die Tage waren voller Sonnenglanz und die Nächte voller Sternengefunkel. Die Höfkenssche Mühle stand wie ein gewaltiger Zuckerhut auf dem saftigen Hügel, spielte mit ihren Windruten und bewegte mit leisem Säuseln die majestätischen Flügel. Auch Kosman war tätig. Als Statthalter des ihm beliehenen Gutes betreute er dieses mit seltener Gewissenhaftigkeit, war vom ersten Hahnenschrei bis zum Revieren der Fledermäuse auf dem Posten und scheute keine Mühe, das Interesse seiner Herrin zu fördern und ihren Wohlstand zu heben, »Kosman produziert blanke Speziestaler,« sagten die Leute, als die schwer beladenen Spriegelkarren ab- und zufuhren, immer neue Frachten durch die Mahltrichter rutschten und die sparrigen Schaufeln wie die Jochstiere ihre Tagesfron hinter sich brachten. Mit ihm und Cornelis Höfkens bestand rege Verbindung; sie trafen sich öfters und besprachen das Nötige bei einer brennenden Kalkpfeife, die sie nach des Tages Mühen und Lasten gemütlich in die laulichen Sommerabende hinausrauchten. Zwischen Op gen Oort und der Kaplanei spannen sich traute Beziehungen. Immer inniger gestaltete sich das Verhältnis. Andreas Lobbers war eifrigst darauf bedacht, die dunkeln Wolken zu bannen und helle Farben in die umdüsterten Räume des nahen Hofes zu tragen. Er und Hans Harkort machten weite Spaziergänge, wanderten durch Fluren und Felder, schafften und sorgten und freuten sich des Gedeihens und Reifens, das ihnen aus allen Gemarkungen entgegenlachte. Sie sahen: der lebendige Gott ging durch die dampfenden Korngassen und lächelte und hob die Hand und segnete alles. Auch die kleine Stadt war in Sonne getaucht. Es war am zweiten Sonntag nach Trinitatis. Die Leute gingen in Feierkleidern zur Kirche. Nach dem Hochamt versammelten sie sich unter der großen Linde, die einen Teil des Marktes beschattete, beredeten hier die zu erwartenden Heu- und Getreidepreise oder fielen im ›Dicken Tommes‹ ein, um bei einem Glase ›Burdo‹, wie sie sagten, den Schweiß der verflossenen Woche zu vergessen und sich des heiligen Sonntags zu freuen. Dem ›Dicken Tommes‹ schräg gegenüber erhob sich dort, wo die Kesselstraße zum Markt einbog, ein helles Blitzen und Leuchten, dazu klimperte es wie von den Messingbecken in einer ihres Weges einherziehenden Janitscharenmusik. Und es waren auch zwei Becken, die, vom weichen Sommerwind in Bewegung gesetzt, dieses lustige Tönen vollführten. Sie hingen an einem Galgen über einer niedrigen Tür, hinter der ein Bartkratzer wohnte, der an Sonn- und Werkeltagen hier seiner Kunst oblag, widerborstige Haare zurechtzustutzen und für ein Groschenhonorar mit Schaumpinsel und Schermesser männliche Antlitze zu verschönen. Von Zeit zu Zeit erschien am geöffneten Fenster ein lebhafter Mann in den vierziger Jahren, dem vom Hinterkopf die schwarzseidene Troddel eines bordeaurroten Tarbusches bammelte, ein lebhafter Mann mit einem Entenschnabelgesicht und bekleidet mit einer weißen Jacke, der eiligst verschwand, um gleich darauf wieder zu erscheinen und jedesmal eine mit Stoppeln durchsetzte Seifenschaummasse ins Freie zu klatschen. So ging das Minuten hindurch, und dabei wurden die Worte gesprochen: »Bei Allah! er sei erhöht und erhoben! Und Scheherezade bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Aber ich sage: Sie ist schön wie der Mond, wenn er aufgeht, und wie die Gazelle, wenn sie werdet. Ihre Hinterbacken . sind schwerer als zwei Hügel aus Sand und ihre Zähne wie Kamillenknospen,« und wieder kleckerte eine Portion Schaum auf die Straße. Achtet und tretet ein! Wir sind bei Schnurr Schnapp von der Waterkant, bei dem bedeutsamen und großen Schnurr Schnapp von der Waterkant, der es fertiggebracht hatte, sich durch eine Fuselwelle hindurch vom ehrsamen Schulmagister bis zur Würde eines Barbiers emporzuschwindeln, bei dem nunmehr in sich gegangenen Schnurr, der honett sein Gewerbe betrieb, sich nur dann und wann ein Gläschen mit gebranntem Wasser erlaubte und seine Mußestunden damit verbrachte, die Geschichten aus ›Tausend und einer Nacht‹ eifrigst zu lesen. Dieses Buch war ihm das Alpha und das Omega seines Lebens geworden. In ihm schaffte und wirkte er, schlief und träumte er, schwor er auf die Worte, die ein kundiger Thebaner dieser orientalischen Offenbarung mit auf den Weg gegeben hatte: »Es sind Märchen über Märchen, Abenteuer und Schwänke. Sie gehen bis ins Groteske hinein. Es sind Wechselreden, geflochten aus Rätseln und Parabeln, aus Gleichnissen, bis ins Ermüdende; aber in der Luft dieses Ganzen ist das Fratzenhafte nicht fratzenhaft, das Unzüchtige nicht gemein, das Breite nicht ermüdend; denn eine unvergleichliche, eine vollkommene, eine erhabene Sinnlichkeit halt alles zusammen. Es ist ein Irrgarten, aber ein Irrgarten der Lust und geeignet, ein Gefängnis zum kurzweiligen Aufenthalt zu machen. Ich weiß nicht, wo ähnliches zu finden wäre, außer dann und wann an den heitersten, naivsten, frechsten Stellen der Komödien des bezaubernden Lope de Vega. Es ist das Buch, das man immer wieder sollte völlig vergessen können, um es mit erneutem Behagen aufs frische zu lesen.« Salem aleikum ! so dachte auch Schnurr Schnapp von der Waterkant, schwang Rasierpinsel und Schermesser, schabte und kratzte und erbaute sich tagtäglich an den Novellen dieses unvergleichlichen Werkes. Es war ihm sein liebstes Brevier, sein Vademecum, seine Perle der Andacht. Er spielte damit, wie ein Junge mit seinem Kasperletheater spielt, er behütete es, wie ein kleines Mädchen seine Puppenstube behütet. Ganze Seiten, halbe Geschichten konnte er auswendig sagen, weisheitsvolle Sprüche daraus lagen ihm stets auf der Zunge. Der schrankenlosen Gegenständlichkeit der Erzählungen folgte er mit fliegendem Atem. Er tafelte in Königspalästen, verstreute Gold und Narden wie Leinsamen um sich und galoppierte mit dem greulichen Kurden, der die liebliche Summurud auf seinem haarigen Rücken entführte, durch die schaurige Sandwüste. Mit der Königin Scheherezade stand er auf du und du, plänkelte und koste mit ihr und erfreute sich ihres elfenbeinernen Leibes. Ihr zuliebe trug er den türkischen Tarbusch, rauchte er zum Gespött seiner Mitbürger landfremden Krülltabak aus bequastetem Tschibuk, erging er sich in Redensarten, die geeignet waren, den Unmut des gestrengen Pastors in die Schranken zu fordern. Doch wie dieser auch wetterte und predigte, es fruchtete nimmer. Das räudige Schaf seines Kirchensprengels trottete seine eigenen Wege, graste, wo es ihm beliebte, und ergötzte sich weiter an der bilderreichen Sprache des leuchtenden Ostens. Salem aleikum ! Er hieß eigentlich Christofer van der Wayen, war einfacher Leute Sohn und zu Wissel gebürtig, mußte sich aber schon von Kindesbeinen an mit dem lustigen Namen ›Schnurr Schnapp von der Waterkant‹ abfinden und schleppte ihn mit sich wie der Ziegenpascha seinen prächtigen Bocksbart. Warum, das wußte niemand zu sagen. Die Einsichtigen im Dorf glaubten ihn zu Höherem geboren, taten Geld zusammen und verstatteten ihm die Wohltat, das Seminar zu besuchen. Nach dreijährigem Studium kam er als Lehrer in seine engere Heimat. Aber wirbelsinnig, wie er war, den Weibern zugetan und sich ohne Kandare und Trense in die Mysterien von ›Tausend und einer Nacht‹ vertiefend, hielt er die Fibel für den alleinseligmachenden Koran, die strammen Dirnen der Gegend für gelenkige und breithüftige Huris und den landläufigen Doppelkorn für Baktrer Schnaps und säuerlichen Palmwein, eine Verkennung der Dinge, die seiner kurzen Magisterlaufbahn ein vorzeitiges Ende bereitete. Drei Jahre hindurch regierte er das Haselgertlein, drei sonnige, wonnige Jahre hindurch, bis die Nemesis gebot: »Bis hierher und nicht weiter.« Die silberne Mondsichel hing feiernd am Himmel. Bülbül wirbelte ihre schmelzende Strophe in den dörflichen Fliederbüschen, die Schnurr Schnapp von der Waterkant als blühende Granatbäume ansprach, und dem fetten Niederungsbauern Stephan Otten vom Entenbusch seine rahmweiße Melkmagd lockte und winkte: da tat er ein übriges, denn des säuerlichen Schnapses voll, kam er heimlich geschlichen, legte die Hühnerleiter an und gelangte mit Allahs Hilfe auch glücklich in die trauliche Kammer, umarmte die Jungfer und tat sich gütlich mit ihr bis an den grauenden Morgen ... und alles wäre auch zum besten ausgelaufen, hätte er in seiner brennenden Sehnsucht nicht vergessen, die verräterische Hühnerleiter zu bergen und in die Kammer zu ziehen. Aber da stand sie, von oben bis unten bekleckert – eine Anklägerin, eine glaubhafte Zeugin ... und der Niederungsbauer war nicht wie der in Gott ruhende alte Tobias aus der biblischen Legende. Keine Schwalbe hatte ihm die Augen verkleistert. Er sah wie ein Luchs und witterte wie ein brünstiger Gemeindebulle. Dazu war er kombinationstüchtig und reich an Erfahrung und verfügte über eine Handschrift, die nicht zu den gewöhnlichen zählte. Diese nun wandte er an, aber derbe und feste, und schrieb sie mit ungebrannter Asche und handlichen Fäusten. Und jedermann im Dorf hielt sich vor Lachen den Bauch, und die rahmweiße Melkmagd verbarg ihre Schande, und der Lokalschulinspektor rang seine Hände, und er, der Ertappte ... Acht Tage später sah er sich aus dem Bann von Mekkas Toren und seiner Stelle verwiesen und zog seines Weges, habelos, wie er war, klanglos und sanglos und nur von der Melkmagd betrauert, der nichts weiter übrig blieb, als ihr Bündel zu schnüren und sich in den Schoß der frommen ›Marienkinder‹ zu flüchten. Seine Aussichtsmöglichkeiten gestalteten sich hundsmiserabel. Was sollte er beginnen und wohin sich wenden? Jahre hindurch führte er ein vagabundierendes Dasein, lebte von den Stoppelrüben des Feldes und der Barmherzigkeit seiner Mitmenschen und wußte nicht ein und aus, sich eine neue Tätigkeit zu schaffen. Da endlich ... Die Erleuchtung kam über ihn wie ein Licht in der Finsternis. Er erinnerte sich wieder seines Lieblingsbuches und seiner Lieblingsgeschichten, nahm den abgegriffenen Band aus dem Rucksack, setzte sich am Straßenrain nieder und las: »Und Scheherezade bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die einunddreißigste Nacht da war, fuhr sie also fort: Ich vernahm, o glücklicher König, daß im goldenen Bagdad ein Bartscherer wohnte, der zu Rang und Ansehen gelangte ...« Das war es. Wie im Glückstaumel hob er sein Sitzfleisch aus dem staubigen Gras, genehmigte sich einen Schluck von seinem Baktrer Schnaps und brach in die Worte aus: »Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen. Wenn's sein muß, lammt auch der Bock. Also Barbier!« und er hörte Messingbecken klingeln und sah weißen, flockigen Schaum und einen feinen Salon mit Flaschen und Phiolen, mit Wohlgerüchen und köstlichen Essenzen, nahm eine bescheidene Anleihe auf und etablierte sich in der kleinen Stadt, zunächst seiner Heimat, und zwar dem ›Dicken Tommes‹ schräg gegenüber. Fünfzehn Jahre hintereinander betrieb er hier sein Geschäft, legte sich einen Tarbusch und ein Weichselrohr nebst Kopf aus Siegelerde zu, verfiel von Zeit zu Zeit in seinen florigen Zustand zurück, den er mit hiesigem Palmwein nährte und sorglich pflegte, und gehörte zu denen, von denen man sagen konnte: »Sie befanden sich auf der Rollerbahn, allein der Herr war mit ihnen, stutzte sie zurecht, und machte sie wieder zu annehmbaren und leidlichen Menschen«, wenn auch der Herr Pastor sein unmoralisches Türkentum scharf befehdete und in die tiefste Hölle verdammte. Allein Schnurr Schnapp von der Waterkant ließ ihn fluchen und wettern, balbierte und schabte und schritt durch seine neue Welt hindurch wie durch einen rosigen Garten. Salem aleikum ! und heute war Sonntag. Der vorletzte Kunde hatte gerade den Verschönerungstempel verlassen, und der letzte war an die Reihe gekommen. Breitbeinig saß er im Lehnstuhl, die etwas schmuddelige Serviette umgeknüpft, vor sich den schadhaften Spiegel, und die kalkigen Hände gottergeben zusammengefaltet. »Na, was meinst du dazu?« fragte er über die Schulter. »Habe ich etwa Bockmist geredet? Die Lena ist von jeher erster Klasse gewesen.« Schnurr Schnapp rührte den Schaum an, und dieser legte sich mit dem zarten Weiß einer Sahnentorte um die glitschigen Finger. »O Herr der Gläubigen, du hast die Wahrheit gesprochen, denn geschrieben steht: Ich sah sie an mit glücklichen Augen, und alle Sehnsucht kam zurück.« »Man weiter, immer man weiter!« schmunzelte Jan van den Birgel. »So was tut einem Vater gut, denn es ist pläsierlich zu hören.« »Sie ist ein Gefäß des Herrn und eine Perle ohne Durchbohrung.« »Bravo!« echote Jan van den Birgel. Der Schaum glitzerte höher, während die Worte erklangen: »Ihr Palast ist erleuchtet von ihrer eigenen Schönheit. Sie ist eine rudainische Lanze und hat von Natur mit Kohle gezeichnete Augen, schwere Hüften und Schenkel und zwei Hinterbacken wie Hügel von Sand.« »Hat sie, hat sie!« konstatierte der Alte und wollte sich ausschütten vor Lachen. »Menschenskind, habe ich das nicht sauber gedeichselt?« »Hast du, hast du, denn ich habe den allmächtigen Allah gebeten, mich zu leiten und meine Pfade zu ebnen, und ich habe dich dieserhalb ernannt zum Kadi der Kuppler und Zwischenträger.« »Soll ein Wort sein,« beteuerte Jan van den Birgel. »Jeder Topf will sein Deckelchen haben. Nu kriegt er's. Die Sache wäre somit geregelt.« Behaglich streckte er die verschrobenen Beine. Schnurr straffte sich auf. »Geregelt? Wieso denn geregelt? Sagen wir lieber beinah geregelt.« »Kreuzkuckuck, was heißt das?! Ich habe mir doch die größte Mühe gegeben.« Schnurr war ein Schwarbelkopf, ein Mensch ohne Selbstzucht und mit krausen Ideen befangen, aber er besaß dennoch die löbliche Eigenschaft, nachzudenken und vernünftige Fragen zu stellen. Das tat er denn auch, pulverte seinem Schwiegervater in spe eine Handvoll Seifenschaum gegen die rechte Backe, verrieb sie und sagte: »Inschallah, so ist es! Aber das mit Simonis ...?« Jan van den Birgel warf sich mit seinem angepinselten Gesicht auf dem Lehnstuhl herum. »Na, was denn? Was soll's denn?!« »Nur Ruhe,« meinte der Bader, legte das Becken beiseite, nahm Riemen und Messer und begann langsam zu streichen, verfolgt von den lauernden Blicken seines Klienten. Dann machte er eine große pompöse Handbewegung und sagte: »Und Scheherezade bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die hundertundfünfte Nacht da war, fuhr sie also fort: Ich hörte, o großmächtiger König ...« »Was hast du gehört?« unterbrach ihn Jan van den Birgel. »Und wenn es so wäre? Dafür hat Simonis aber auch Zahlung geleistet, und außerdem: ihr Kind – Gott hab es selig! – ist so langsam eingegangen.« »Gut,« sagte der besonnene Mann, »das Wild gehört dem, der es fängt, nicht dem, der es aufstört. Ich bescheide mich. Aber wie steht's mit der späteren Zahlung, und wie weit ist die Geschichte mit der Witwe gediehen? Darf man dabei getrost in die Zukunft schauen? Man muß doch leben können und nicht so ins Blaue hineinvegetieren; denn ich brauche etwas, was kostbar ist im Preis und gefällig für das Auge. Mit anderen Worten ...« »Wird gemacht,« sagte Jan, »und Hals muß sie geben – die von den Wassermühlen.« »Entgegengesetzten Falles,« versetzte der Bartkratzer, »wird sie nach berühmtem Muster mit Quittenruten gestrichen und gezwungen, auf einer nubischen Maultierstute außer Landes zu reiten.« »Ha, ha, ha!« lachte der Alte. »Gut, sehr gut! Menschenskind, diese noblen Redensarten! Ha, ha, ha, ha! Das ist ja, um vor Spaß auf den Rücken zu fallen. Hätte das meine Lena gehört ... na, ich sage man bloß ... Quittenruten und nubische Maultierstute ... Gottverdammich, das wär' was für die Lena gewesen!« »Lena,« sagte der Verschönerungsrat und begann eifrigst zu schaben. »O diese Blume! Bei Allah! er sei erhöht und erhoben – sie ist wie eine Dame aus Bagdad. Ihre Gestalt ist wie eine aufrechte Eins, von ihren Lippen träuft Benzoesalbe, und ihre Kugeln stehen sich wie zwei Granatäpfel gegeneinander. Ruhm und Ehre dem Manne, der ihr Gesicht geformt und ihre Füße gemodelt,« und mit hellem Geklatsch sah sich eine Portion Seife auf die Straße geworfen. »Schön,« sagte Jan van den Birgel, »dann wäre hiermit die Sache geordnet?« »Inschallah, so ist es,« beteuerte Schnurr und kratzte die letzten Stoppeln herunter. »Herr, der Gläubiger, ich bitte gehorsamst.« »Hupla!« meinte der Abgefertigte, erhob sich und fuhr mit der Serviette von einem Ohr zum andern. »Dann heute zu Abend. So gegen acht. Aber ich bitte mir aus, meine Tochter als zukünftige Frau in Honorierung zu halten.« »Hören und Gehorchen,« versicherte der Glückliche, »denn die Königin Scheherezade gebietet: Der Mann verhungert, um sein Weib zu ernähren, er entblößt sich, um sie kleiden, erzürnt die Seinen, um ihr zu gefallen, und er ist seinen Eltern ungehorsam und verleugnet sie, um sein Weib zu beschenken.« »A la bonnör! und denn auf Wiedersehn heute um achte!« »Inschallah, so sei es! Meinen Gruß der Geliebten. Peri-Banu beschütze die Holde!« und mit den verbindlichsten Bücklingen von der Welt komplimentierte er seinen geehrten und braven Schwiegervater in den Hausflur und von hier auf die Straße. »Bei Allah! er sei erhöht und erhoben!« Eine halbe Stunde nachher paradierte er vergnügt und in sich zufrieden auf der grünangestrichenen Lattenbank vor seiner Haustür, schlug die Beine übereinander und rauchte wie ein echter Moslem landfremden Krülltabak aus seinem langen und duftenden Tschibuk. Wenn einer an diesem heiligen Sonntag im leckersten Hanfsamen saß, so war es in erster Linie Schnurr Schnapp von der Waterkant. Sein linker Plüschpantoffel wippte auf und nieder, seine Äugelchen strahlten. »Ihr soll nichts Arges widerfahren,« dachte er glücklich. »Ihr Leib, wie ein Barren Silbers, sei in Stoff von Mossul gekleidet, ihre Haut gepflegt mit indischen Narden und Spezereien, denn ihr Antlitz ist gleich dem einer Mandelaprikose und ihre Waden ähneln den Schwänzen weißwolliger Hammel. Dazu hat sie Dinare und Dirhems. Mit anderen Worten: ›Puttputt.‹ Salem aleikum! Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen,« und er sah den munteren Spatzen zu, die sich mit hellem Geschrei bei den Roßäpfelpyramiden der Kesselstraße vergnügten. Der Duft der blühenden Linde strömte herüber.   Langsam rückten die Zeiger der großen Turmuhr dem laulichen Abend zu. Die kleine Stadt ruhte auf einer Goldfolie. Aber der Scheitel des Himmels strahlte noch in einer leuchtenden Bläue. Der Duft der ehrwürdigen Linde wurde stärker, das Surren der Bienen, die sich mit den safrangelben Blütenspitzen verhäkelten, freier und nachhaltiger. Von den nahen Wiesen kam der Ruch der Blumen herüber, der von Salbei, Labkraut und Ehrenpreis. Sie reiften mit den Gräsern dem ersten Schnitt entgegen. Bald sollten sie fallen, und ihr süßes Arom war wie der letzte Gruß an das Leben. Der Holunder entfaltete seine milchfarbigen Dolden. Der schönste und stattlichste stand ›Achter de Mur‹ neben dem ockerfarbigen Häuschen von Jan van den Birgel. Der alte Bursche hatte seine köstlichsten Sträuße aufgesteckt, als wenn er gewußt hätte: »Paßt Achtung! hier wird Brautschaft gefeiert,« und in seinem Glücksgefühl suchte er mit dem ganzen Aufgebot seines eigenen Hochzeitskleides dieses bevorstehende Ereignis zu umstrahlen. Seine Staubbeutel und Stempel küßten sich wechselseitig, waren wie Verliebte. Eine Aussaat von Blüten und Sporen verstreute ihren kräuselnden Weihrauch, und das Gebot des Herrn: Wachset und mehret euch wie der Sand am Meere« säuselte durch seine saftgrünen Zweige ... ein Geckern und Kichern, als wenn er Einspruch erhöbe gegen die vernunftwidrige Sage, die uns erzählt vom keuschen Joseph und von dem Erhörung suchenden Weibe des ägyptischen Kämmerers. Selbst das ockerfarbige Häuschen sielte sich in eitel Wonne und Seligkeit. Erwartungsvoll lag es unter dem werdenden Abend. Das mußte man überhaupt Jan van den Birgel lassen: so grindig der Kerl auch war, giftig wie die Lamellen eines Knollenblätterichs und zudringlich wie eine Rinderbremse – sein kleines Besitztum hielt er in Ordnung, und Lena sorgte dafür, daß sie jeden Besuch, ohne als Schlumpe angesprochen zu werden, invitieren konnte, sich auf das großblumige Sofa zu setzen und sich mollig zu fühlen. Ihre Kessel und Kasserollen glänzten und lachten, und die zinnernen Teller, die den Rauchfang des kleinen Herdes umstanden, leuchteten so munter wie das Tafelgeschirr eines Bestemanns auf einem Ostindienfahrer. Alles hatte seinen gehörigen und reinlichen Anstrich. Das sah man auch heute. Der Tisch in der Guten Stube neben der Küche war sorglich gespreitet, mit Korinthenwecken und Rodongkuchen bestellt und mit drei stattlichen Gläsern versehen, aus deren Mitte sich eine mächtige Porzellanterrine aufhob, weitbauchig und von einem angenehmen Düften umgeben, denn tief im Schlunde des Ungetüms schwammen etliche Zitronenscheiben auf angezuckertem Korn, der später, mit kochendem Wasser versetzt, eine Art von Bischof oder Glühwein abgeben sollte – eine zarte Aufmerksamkeit dem gebetenen Gast gegenüber, der Punsch und ähnliches Getränke auch jetzt noch als die edelsten Lebenselixiere betrachtete. Alles das hatte Lena emsig in die Wege geleitet. Jetzt befand sie sich in ihrer Kammer, um sich für die kommende Stunde fertig zu machen und dem Bewerber lieblich unter die Augen zu treten. Ihr volles Haar hatte sie bereits geordnet, auch die strammen Beine mit weißen Strümpfen und die wohlgebildeten Füße mit krachneuen Pantöffelchen bekleidet. Nur mit Unterrock und Hemd angetan, die festen Arme gegen die saftigen Hüften gestemmt, saß sie auf ihrem Bettrand und sah in den Spiegel. Donnerwetter noch mal! die Lena war gar nicht so übel. Wer die kriegte, konnte schon sein Vergnügen dran haben. Alles an ihr war Leben und strotzende Kraft, weiß wie Buttermilch und rosig wie der zarte Hauch von Damaszenerrosen. Niemand sah es ihr an, daß ihr Jungfernkränzchen nicht mehr zu den unberührten gehörte – so schuldlos konnte sie dreinschauen, so hart und frisch wölbten sich ihre Formen unter der blanken Leinwand. Wie in Selbstanbetung blickte sie in die zersprungene Scheibe, erhob sich und warf sich ihr Neuestes über. Dann fuhr sie in die dünnste Bluse hinein, die sie auftreiben konnte, zierte und wendete sich und erfreute sich an dem Spiel ihrer Glieder. »Nu darf er kommen,« sagte sie zuversichtlich, »meinetwegen kann's losgehen,« und sie reckte und streckte sich, daß alle Nähte krachten und seufzten, drehte sich kurz auf dem Absatz und verließ ihre Kammer. In der Küche saß Jette und amüsierte sich an einem Kohlstrunk herum, den sie noch vom Mittag aufgespart hatte. Als sie ihrer Herrin ansichtig wurde, die so drall und üppig daherkam und sich selbstgefällig und herausfordernd in den Hüften wiegte, ließ sie ein vergnügliches Quietschen vernehmen. »Merci, merci, mein Tierchen! aber was du betreibst, ist man eine powere Arbeit. Da hast du was Besseres, denn heute sollst du auch deinen Pläsierjokus haben,« und sie schnitt eine breite Schwarte von der Speckseite herunter, die neben dem Rauchfang hing, warf sie Jette zu und trat in die Stube, wo die Korinthenwecken ihrer warteten – und der Rodongkuchen und die geheimnisvolle Suppenterrine. Jan van den Birgel saß in seinem besten Sonntagsrock an einem kleinen Tischchen neben dem Fenster, vor seinem Hauptbuch, wie er es nannte, in Wirklichkeit war es ein liniertes Schreibheft, worin er seine Eingänge und Ausgaben niederlegte, seine Bitt- und Bußgänge, alles genau und auf Heller und Pfennig, denn er war ein gewissenhafter Sachwalter, ein Sorger und Rechner, der jedem Kastenmännchen nachjagte und hinter ihm her war wie Zeigefinger und Daumen hinter 'nem Jungfernfloh. Mit einem fröhlichen Klaps schlug er sein Kontokorrent zu. »Es stimmt,« sagte er heiter. »Was stimmt?« fragte Lena. »Auch das mit die Einnahmen?« »Soll und Haben sind richtig verzeichnet,« konstatierte Jan van den Birgel. »Kein Titelchen fehlt daran.« »So?!« meinte Lena, und ihre Arme gingen wieder in Hüftstellung. »Soll und Haben kann mir nichts nützen, wenn kein Profit bei herausspringt. Oder meinst du, ich würde Schnurr Schnapp die seine und könnte mich in seine türkische Synagoge begeben, ohne daß ich weiß, was mir gutgeschrieben ist? Ich denke nicht dran. Erst die Beweise. Zum Beispiel, wie ist das mit's vorige Jahr und das mit Simonis?« Ihre runden und blanken Augen wurden noch runder und blanker. »Hier!« sagte Jan und pfefferte mit dem Rücken der Hand auf das Hauptbuch. Dann riß er das Heft auf, blätterte darin herum und wies mit steifem Zeigefinger auf eine fettige Stelle: »Hundert Taler am ersten Juni vorigen Jahres.« »Stimmt,« nickte Lena, »man weiter.« »Nochmals hundert, drei Wochen später.« »Richtig, die hab' ich für Karlchen verwendet.« »Dann dreihundert Taler mit einmal, gebucht am fünften August vorigen Jahres. Alles Extrapräsente vom Aukamp.« »Man weiter!« Jan zuckte die Schultern. »Das wäre alles,« sagte er mit verdrießlicher Betonung. »Wie, alles?« »Nu das mit die Extrapräsente.« »Na so was! So'n Drückeberger von Mannskerl! Immer Lena hinten und Lena vorne ... und dann noch die Rendezvous und die Touren mit's Schäschen ... Da sollte man ja mit der Peitsche dahinter.« »Hättest ihm ja besser auftrumpfen können.« »Wie hätte ich sollen? Ich kann doch nicht dafür, daß Karlchen ein Engelchen wurde.« »Gottverdammich!« und Jan fuhr wie ein Siesemännchen von den trockenen Binsen, »ich hab's ja immer gesagt: Warum hast du die Kröte bei dem Weibsbild in Kleve in Pensionierung gegeben?« »Konnte ich mich denn als Schandluder ausrufen lassen? Oder aber sollte der Herr Pastor hinter mir her sein und mich in der Kirche vermöbeln? Das wäre noch schöner gewesen! Lieber ins Wasser oder nach Amerika, denn ich habe doch meine Honnör und meine Estimierung im Leibe.« Heiße Tränen rannen ihr über die Backen. Jan war weich wider Willen geworden. »Ja, die hast du,« sagte er begütigend und legte ihr den Arm um die Taille. »Sei man zufrieden! Das wäre im Reinen.« »Im Reinen?« fragte sie durch ihre Tränen hindurch, »wo keine Extrapräsente mehr kommen? Und das mit die Wassermühlen ... ist die Rente denn von ihr festgelegt worden?« »Ich sagte dir schon: Das wird sich erweisen; aber erst zu Martini.« Die Erregte warf den Kopf in den Nacken. »Gesetzt aber den Fall, daß sie uns auszupowern gedächte und wir uns, mit Respekt zu vermelden, auf dem Hintern befänden, da wollt' ich ja lieber ... Nee, da kann ich den Pascha nicht nehmen, nicht in die Hand, unter keiner Bedingung; lieber Pitt Lörksen. Bei dem ist noch 'ne reelle Unterlage zu haben.« »Was?!« rief der Alte, »du könntest?! Du könntest dich mit deinem prächtigen Frauenzimmerfleisch und der forschen Tornüre in die Arme von so 'nem krummen Kappesbauer begeben?! Das müßte ein netter Gestütsdirektor sein, der so was unterfertigen wollte! Da ist Schnurr Schnapp doch eine andere Bonität! Gebildet und so ... und daher: der oder keiner; und das mit die Wassermühlen ... Die Sache ist so gut wie geordnet, völlig geordnet, so wahr ich mich Jan van den Birgel benenne.« »Aber wenn sie's nun nicht wollte und täte?« »Nicht wollte und täte? Sie muß!« wetterte Jan und hielt sein Kontokorrent marschallstabartig zu Häupten. »Hier steht alles gebucht und verrechnet, und hier –« und er legte den Stab wieder nieder, schlug sich mit der flachen Hand auf die Brusttasche, in der er sein Portefeuille verborgen hatte, und sagte: »Und hier ist das Schriftstück, welches beschwört, daß unsere Ansprüche so fest stehen wie dem Küster Anderheyden seine Kevelaerer Prozessionsschuhe. Sie kann nicht retour. Sie kann die Unterfertigung von Simonis und die ihres Vaters nicht fressen. Sie muß ...« und er streckte die Faust aus, die Faust mit den gierigen und abgezehrten Fingern, und knirschte zwischen den Zähnen: »Und kämen selbst die Assisen dahinter – mir soll's nicht rühren. Und müßte ich sogar ihren Vater ... na und so weiter. Nee, Lena, mich kann niemand betuppen. Und du ... Was einmal im Blut sitzt, das will an den Mann, und das kann dir nur Schnurr Schnapp von der Waterkant bestens besorgen. Der hat's von die Türken gelernt und kennt sich aus wie der munterste Hahn auf dem Mist, obgleich er die vierzig schon hinter sich hat. Da laviere ich für mit meiner Edelmannsparol und meinem innersten Grundsatz. Und drum keine Bange!« Damit zog er die ausgestreckte Hand wieder ein und trat ans Fenster. »Mag's denn so sein!« sagte Lena, umkreiste den gedeckten Tisch und machte sich an den Korinthenwecken, dem Rondongkuchen und der großen Suppenterrine zu schaffen. Das Einvernehmen zwischen Vater und Tochter war wieder hergestellt, und das gütige Wort ›Eintracht‹ säuselte allbefreiend durch die Stube. Immer heißer und verlangender räucherte der Holunder seine Düfte ins Zimmer. Der zunehmende Abend, der aber noch soviel Helle besaß, daß auch die kleinste Erscheinung noch zu erkennen war, preßte jedes einzelne Blütchen wie zwei Schmetterlingsflügel zusammen. Ihre Papillen berührten sich, schmiegten sich eng aneinander, wurden zu eins und umgaben sich mit einem Schauer befruchtenden Staubes. Ein verhaltenes Liebeswerben, ein Sich-Sehnen und Sich-Finden drang aus dem dunklen Laubwerk und machte die Sinne trunken. Lena stand mit geöffneten Nüstern. Sie konnte sich der warmen Welle, die sie allgemach einhüllte, nicht mehr entziehen und horchte auf die einzelnen Schläge, die in diesem Augenblick über die kleine Stadt hinzitterten. »Acht Uhr!« sagte Jan van den Birgel, beugte sich aus dem Fenster und suchte die enge Straße ab, die still und einsam an seinem schmalen Häuschen vorbeiführte. Er wartete auf seinen Gast, der jeden Augenblick vorsprechen mußte. Plötzlich rief er über die Schulter: »Lena, nu aber fix! 'ran mit's kochende Wasser! 'rin in den Pott und eingeschunken! Er kommt!« und keine drei Minuten vergingen, während welcher Lena das heiße Wasser herbeischaffte, es auf den verzuckerten Korn goß und die Gläser füllte, als auch schon der Gebieter von Bagdad, wollte sagen: der erste Barbier aus dem hiesigen Kirchspiel, in seinem besten Zeug und mit übergezogenem Tarbusch auf der Schwelle erschien, mit gekreuzten Armen seine Brust bedeckte, die Entenschnabelnase etwas auf die Seite legte und in die Worte ausbrach: »Allah il Allah, wa Muhammadum rasulu il Allah! Ich trete in das Haus des Kalifen, um von ihm die Frucht seiner Lenden zu erflehen. O Beherrscher der Gläubigen, ich bitte um nichts Geringes; denn sie, deine Tochter, gleicht dem Mond in der Nacht seiner Ganzheit, ist schön von Angesicht, voll von lieblicher Rede und fließender Zunge, und weil es so ist, bin ich gewillt, ihr die Bohne zu reichen, die Bohne der Liebe und Fruchtbarkeit, auf daß nach Ablauf der gebührenden Zeit sich ihre Tage erfüllen.« »Tu's man!« freute sich Jan, »aber ich frage dich, Schnurr: Willst du ihr auch immer ordentlich halten, ihr ehren und lieben, auf daß sie sich wohl in deinem neuen Harlem befindet?« »Ich will,« sagte Schnurr und hob beteuernd die Hände. »Ich werde sie halten als meine treue Genossin in der Reinheit der Glieder und werde sie hegen und ihr huldigen, bis zu uns kommt der Vernichter der fleischlichen Wonnen und der Trenner aller Gemeinschaft.« »Denn man zu!« sagte Jan und ergriff ein dampfendes Punschglas. »Drauf wollen wir trinken!« »Ich höre und gehorche,« sagte der Streichriemen, »allein es gibt keine Wonne des Trinkens für mich, bevor ich nicht meine Zuleika gewinne. Erst ihr Jawort, ihr heiliges Jawort von heißen Lippen – und dann der duftige Scherbett.« »Herr Jeses, diese türkischen Umstände!« rief Lena. »Schnurr, mache man vorwärts! Ich will ja. Ich will dir besitzen! Nur keinen Scharnier nicht! Hier hast du deine Zuleika!« und mit gebreiteten Armen und dünner Bluse segelte sie auf ihn los, drückte ihm einen saftigen Kuß auf und legte ihm zwei pralle Halbkugeln auf die glückliche Weste. »Salem aleikum!« und die Bilder und goldenen Saitenklänge aus ›Tausend und einer Nacht‹ rauschten über das vereinigte Paar hin. »Hoch sollen sie leben!« rief Jan und forderte sie auf, den geschlossenen Bund durch einen guten Schluck zu befestigen und fix und fertig zu machen. Und da klangen die Punschgläser durch den traulichen Abend, und der alte Holunder sorgte dafür, daß die Düfte und Spezereien, die Öle und Benzoesalben von Schiras die blaugekalkte Stube in der Straße ›Achter de Mur‹ freundlich durchwölkten. Mit dem heutigen Tage sah sich Pitt Lörksen aus Bügel und Sattel gehoben. Schnurr Schnapp von der Waterkant war Sieger geblieben, und als Sieger, seine Lena zur Rechten, saß er jetzt am Herd der Jan van den Birgelschen Penaten, legte den Arm um ihre irdische Hülle und leerte ein Glas nach dem andern. Allah befahl es! – und Jette hatte sich ganz heimlich und sacht von der Küche in die Gute Stube geschlichen, war auf die Kirschholzkommode geklettert und sah von hier aus auf die gemütliche Szene.   15 Die ergötzliche und lobenswerte Familienangelegenheit, die sich in dem Häuschen ›Achter de Mur‹ abgespielt hatte, machte begreifliches Aufsehen. Die Verlobung Schnurr Schnapps von der Waterkant mit Lena, der Tochter Jan van den Birgels, war zum lustigen Sauerteig in einem langweiligen, zähfadigen und dem behaglichen Nichtstun frönenden Weizenmehlknödel geworden. Sie wirkte wie Hefe, hauchte der trägen Masse Odem und Leben ein, ließ die Rosinen aufquellen, die ihr beigemengt waren, und formte besagten Knödel schließlich zu einem der prächtigsten, fidelsten und fettleibigsten Puddings, die jemals die kleine, weltabgelegene Stadt ihren Bürgern anpräsentiert hatte. Alle kamen und bewunderten das wohlgelungene Machwerk. Jeder schnüffelte daran herum, sog den weltfremden Duft ein und suchte mit spitzen Fingern irgendein leckeres Teilchen aus dem ungewöhnlichen Gebilde zu picken. Der Verlobungspudding bestritt Tage und Wochen hindurch den Gesprächsstoff an den Stammtischen und auf den Kegelbahnen, modelte die Kaffeevisiten erst zu richtigen Kaffeevisiten und machte die Menschen unempfindlich gegen das, was unlängst noch ihre Sorgen und ihre Interessen in Anspruch genommen hatte. Die wichtigsten amtlichen Berichte im privilegierten Amts- und Kreisblatt wurden kaum noch gelesen, die zu erzielenden Heumengen, die sonst um diese Zeit in den Vordergrund traten, blieben außer Debatte, die Verhandlungen auf dem Rathaus, die sich mit den dringlichsten Angelegenheiten zu befassen hatten, als da waren: Anschaffung von drei neuen Straßenlaternen, Bau eines zweckmäßigeren Stalles für den angekörten Stadtbullen, Verweisung eines schulmeisterlichen Ansuchens um zwei Raummeter Holz für den kommenden Winter an einen engeren Ausschuß und andere Dinge, fanden wenig Beachtung. Alles drehte sich um Schnurr Schnapp von der Waterkant und seine Erkorene – und als das junge Paar, er wie ein Vezier mit sieben Roßschweifen, im Gehrock, den Tarbusch geachselt und die glitschigen Finger der Rechten in den Ausschnitt seiner etwas stockfleckigen weißen Weste geschoben, und sie, aufgeblüht wie eine Rose des Ostens, im tiefen Enkörchen, ihre nur dünnumkrustete Büste wie ein Sanktum vor sich hertragend, am darauffolgenden Sonntag das Hochamt beehrte, war ein Tuscheln umher wie im Blätterwald, und der Herr Pastor, der just die Kanzel bestiegen hatte, warf einen langen Blick auf die beiden und sagte mit heimlichem Feixen: »Nun, wo er gewillt ist, in den Stand der heiligen Ehe zu treten und die Hoheit des Weibes im Weibe zu achten, wird er sich wohl eines Besseren besinnen, sich seiner orientalischen Redensarten entäußern und Allah – er sei erhöht und erhoben! – nicht mehr über die Dreieinigkeit Gottes versetzen, und du, Helene ... aber ich fürchte, ich fürchte ...!« und mit geschlossenen Lidern, die Hände in den weiten Ärmeln seines Röcklings verborgen, begann er über eine entsagungsfreudige Brautschaft und das heilige Sakrament einer aufopferungsfähigen Ehe zu sprechen. Allein – es fruchtete wenig. Die es nicht nötig hatten, horchten darauf wie die Karnickel am Sandloch, und die es anging, denen erschien es gleich dem monotonen Geriesel einer verödeten Quelle. Schnurr Schnapp von der Waterkant verfügte über keinen christlichen Standpunkt. Seine Paschanatur war wie die eines feurigen Hengstes, und seine Gedanken, anstatt sich mit den gediegenen Ermahnungen eines weisen Seelsorgers zu befassen, seinen Lehren zu folgen und sich erbauen zu lassen, gingen durch wie ein übermütiges Füllen und durchlebten schon jetzt die heimlichen Stunden und den Genuß aller Freuden, bis zu ihm kam der Zerstörer der Wonnen und der Trenner aller Gemeinschaft, denn die aufdringliche Ruhe des rassigen Weibes machte ihm die Sinne trunken und verpflanzte ihn in die schwülen Nächte des Morgenlandes, die voller Bülbülgesänge und Weihrauch waren ... und als sie nach dem Hochamt gemeinsam die Kirche verließen und Arm in Arm den traulichen Hausgöttern Jan van den Birgels zustrebten, verhielt er sich in einer verschwiegenen Ecke, drückte die Geliebte an sich und sagte: »Ich vernahm, o glückliche Jungfrau, daß die Königin Scheherezade in der zweihundertundneunundfünfzigsten Nacht also zu sprechen geruhte: Mög' Ruhm und Ehre dein tagtäglich harren! – Der Neider Nahen drück' aufs Bodenbrett! Nie sei dein Tag dir weniger weiß als Schnee; die Nacht jedoch sei schwarz wie Jett! Bei dieser Gelegenheit denke ich an unsere Widersacher und Feinde. Mögen sie kommen! Bei unserer Vereinigung werden sie schweigen, denn das Glück macht verstummen, und im Hinblick darauf sei mir die Frage verstattet: Wann wollen wir unseren Diwan errichten und unser Beilager halten?« Lena glaubte nicht richtig gehört zu haben, warf sich wiehernd in seinen Armen herum, sah ihn mit kreisrunden Augen an und kicherte: »Schnurr, nu hab' dich nicht so! Du meinst wohl das mit die Trauung?« »Allerdings, um es prosaisch zu sagen.« »Na – denn so um Martini herum.« »Bismillah! so spät erst?« ereiferte sich der Streichriemen und machte ein Gesicht wie ein verregneter Landweg. »Unmöglich! Ich halt's nicht mehr aus. Ich habe Verlangen nach dir, denn deine Blicke buhlen wie die der Gazellen, bis das Geheimnis geschieht, wonach es kein Forschen gibt, und außerdem: zu dieser feierlichen Aktion muß ich Sonnenfeuer haben und lauliche Abende; keine angegrämelten und fröstelnden Tage, kein Blätterfallen. Alles muß in sommerlichen Hauch und in Mondlicht getaucht sein, so wie am Beiramfest, und mit den Worten Ali Babas auf den Lippen: Sesam, öffne dich! will ich in den Basar der Ereignisse und den der Überraschungen treten.« Lena wollte bersten vor Lachen. »Menschenkind,« stammelte sie unter heißen Küssen, »wir haben ja noch nicht das richtige Öl auf der Lampe.« »Wieso nicht? Dein Vater – er sei erhöht und erhoben! – sagte mir gut, mein Mannestum ist in bester Verfassung, und die Witwe ist pflichtig zu machen.« »Das geht nicht so einfach,« versicherte Lena. »Martini wird die Geschichte erst fällig. Vorher läßt sich mit dem Fraumensch nicht reden.« »Ich werde sie zwingen. Ich werde, ich werde, selbst wenn ich mich genötigt sähe, Harun al Raschid zu zitieren; desgleichen seinen Vezier und Masrur, den Träger des Schwertes seiner Rache.« Er streckte die Hand aus. »Ich werde, Geliebte!« »Dann rede mit Vater!« »Hören und Gehorchen,« versetzte Schnurr Schnapp von der Waterkant, »und ich für meine Person gedenke, und zwar im Hinblick auf unser zukünftiges Heim, meinem Salon eine neue Aufmachung zu geben und damit schon morgen zu beginnen. Also gehen wir! Zuvor jedoch, um mit Scheherezade zu sprechen: Küsse mich mit einem Kuß, der so klingt, als wenn man eine Walnuß zerbricht, denn nur so fühle ich die Kraft in mir, bei deinem Vater – er sei erhöht und erhoben! – in obigem Sinne vorstellig zu werden.« Das tat denn auch Lena, um bald darauf mit ihrem Auserkorenen über die väterliche Schwelle zu treten, begrüßt von Jette und empfangen von Jan van den Birgel, der es sich nicht hatte nehmen lassen, zur Feier des heiligen Sonntags einen kräftigen ›Ollen Klaren‹ auf Zucker zu setzen.   Anderen Tages blieben die Leute in kleinen Trupps vor dem Barbiersalon stehen. Pinsel und Farbentöpfe standen und lagen neben der Türe, und hoch auf der Leiter schwebte die Gestalt des buckligen Anstreichermeisters Jupp Erfgen, der es sich angelegen sein ließ, geheimnisvolle Zeichen und Runen mit Holzkohle auf die Giebelseite über dem Eingang zu hexen. Von Zeit zu Zeit trat er von den Sprossen herunter, legte die rechte Hand wie ein Perspektiv vor das Auge und stand in schweren Kalkulationen, bewundert von allen, die in ihm einen Raphael oder den heimischen Maler Jan van Kalkar zu entdecken wähnten. Im Verlaufe der Woche wuchs die Erregung. Die Zuschauer mehrten sich. Selbst Dores Schweißgut und Pitt Lörksen trieb es dazu, den Buckelinus hantieren zu sehen und ihm ihre Estimierung zu zollen, denn Jupp befand sich just in bester Künstlerlaune. »Jetzt kommt's mit's Feine!« rief er von seiner Leiter herunter und tauchte seinen Pinsel in glitzernden Goldschaum. Die Zugeströmten mußten die Hände vorhalten, um nicht geblendet zu werden, einen solchen Überfluß an Licht zauberte Jupp aus seinen Farbentuben. Zwei Tage später war die Arbeit vollendet. Jetzt erschienen auch Lena und Jan van den Birgel. Selbst die Honoratioren des ›Dicken Tommes‹ ließen es sich nicht nehmen, vorzusprechen und Beifall zu spenden, während die Konkurrenz sich zurückhielt, mit verfänglichen Redensarten hausierte und sich vor Gift und Galle fast die Schwindsucht an den Hals ärgerte. Schnurr Schnapp selber rekelte sich in Behagen und Wonne. Mit übergeschlagenen Beinen, in Schlappschuhen, die Bammelmütze im Nacken und feinsten Krülltabak aus dem duftigen Tschibuk rauchend, lehnte er am Türpfosten, sah mit einer reichlichen Dosis Triumph auf seine Mitbürger, warf Lena einen verständnisinnigen Blick zu und erklärte die Sachlage. Mit der Bernsteinspitze der türkischen Pfeife deutete er aufwärts, was soviel sagen wollte als: »Bitte, lesen und bewundern zu wollen!« Und sie lasen und staunten, weil Jupp Erfgen das Höchste in Schilderei und Schriftkunst geleistet hatte, das Höchste, was menschliche Hände nur zu leisten vermochten, denn gemalt und geschrieben stand: »Salem aleikum!« darunter: »Zum glücklichen Diwan von Bagdad«, flankiert von zwei wehenden Roßschweifen und gekrönt von einem goldenen Halbmond, der selbst den grellilluminierten Turmhahn verdunkelte, dessen impertinentes Licht schäbig gegen jenen zu nennen war. Ein allgemeines »Ah!« folgte der Kundgebung mit der Bernsteinspitze, und Jan van den Birgel trat an seinen zukünftigen Schwiegersohn heran, drückte ihm die Hand und sagte wie einer, dem ein unermeßliches Kornfeld zureift: »Großartig, Schnurr! Du bist meiner würdig, und sobald sie retour ist, wird die Sache geregelt. Ich meine die Martinigeschichte. Hier ist mein Schein, und die Groschen sind fällig. Entweder sie zahlt oder der heilige Herrgott von Bentheim ... Ich kann nicht mehr warten und ihr beiden erst recht nicht, denn wenn die Henne gackert, hat sie's eilig mit's Eierlegen. Abgemacht, Schnurr; und nochmals gesagt: Das Weitere findet sich, sobald sie retour ist.« »Ich höre und gehorche,« versetzte der Streichriemen mit getragener Geste und invitierte Lena und Jan van den Birgel, seine nach Seifenschaum, Pomade und Hühneraugenpflastern duftende Karawanserei zu beehren. Sie folgten dem Anruf und traten ein in den ›Glücklichen Diwan von Bagdad‹, während der goldene Halbmond mit seinem feinsten Leuchten aufwartete und selbst die Sonne zu übertrumpfen suchte, die wie eine gelbe Schusterkugel am ehernen Firmament hing und mit ihrem heißesten Himmelsfeuer niederzüngelte, um die Feldfrüchte falben zu lassen und die Halme schnittreif zu machen. Und siehe: es währte nicht lange, da erhob sich ein warmer Heugeruch unter den weißglühenden Wolkenballen, die blank und regungslos in dem unendlichen Blau ruhten, und die blonden Getreidefelder schauerten nach den Sensen. Endlich rauschten sie auf. Fast gleichzeitig erhob sich ein Blitzen in der fruchtbaren Ebene, die sich zwischen Xanten und Kleve und dem linken Rheinufer erstreckte. Am ersten wohl erklangen sie auf der Gemarkung von Op gen Oort, dann auf den Äckern, die zu den Wassermühlen gehörten. Auch Cornelis Höfkens ließ schneiden. Seine stattlichen Hufen stießen an verschiedenen Stellen mit denen von Hans Harkort zusammen. Es war ein prächtiges Erntewetter. Knechte und Mägde, nur mit dem Allernötigsten bekleidet, bewegten sich in langen Reihen dicht nebeneinander, ließen die Schwaden rhythmisch niederfallen, banden sie zu Garben oder richteten Diemen zu schnurgeraden Zeilen. Ein Surren und Sirren machte die Lüfte erbeben, ein fortwährender Zusammenklang, der in seiner imposanten Einheit wie das hohe Lied der Arbeit selbst ertönte. Ein kräftiger Geruch nach Menschen einte sich dem würzigen Duft nach frischem Brot, der den trockenen Schollen und den gemähten Halmen wie eine große Verheißung entströmte. Das ganze Land war in angestrengtester Tätigkeit. Selten hatte Gottes Segen so rührig gespendet. Selbst auf den minderwertigen Schlägen stand die dort angebaute Frucht so voll, wie seit Menschengedenken nicht mehr zu sehen gewesen war. Nicht weit von Op gen Oort stampfte und prustete eine schwere Dreschlokomobile, und was der Scheunen harrte, schwankte auf zahllosen Leiterwagen den Gehöften und freistehenden Tennen zu, die den eingeheimsten Segen kaum zu bergen vermochten. Während all dieser Zeit streifte Jan van den Birgel häufig bei den Wassermühlen herum, schlendernderweise, scheinbar, ohne eine Absicht zu haben, und nur von dem Wunsche beseelt, sich zu ergehen und vom Paternosterdeich aus dem ruhigen Treiben der Erntearbeiter zu folgen. Eines Morgens jedoch, als er bemerkte, wie im ersten Stockwerk des Herrenhauses die schon seit geraumer Zeit vorgelegten Läden aufgestoßen wurden, schob er die Mütze mit einem vergnüglichen Schmunzeln quer über die linke Kopfseite, schnippte mit Daumen und Mittelfinger, griemelte in sich hinein und sagte: »Haha! nu kommt sie retour. Achtung, Jan van den Birgel! Alles packt nach dem Segen Gottes, warum sollte ich da rückständig bleiben?« und mit einer raschen Bewegung trieb er die Hand vor und krampfte langsam die gierigen Finger. »Jetzt buttert's, denn was geschrieben ist, ist nun einmal geschrieben. Hals muß sie geben,« und mit dem löblichen Vorsatz, der Bedrängten baldigst seine Aufwartung zu machen, ging er nach Hause. An demselben Tage leitete Hans Harkort die Arbeit auf seiner Gemarkung, nicht weit von der Stätte, wo die Op gen Oortschen Parzellen und die von Cornelis Höfkens aneinander grenzten. Seit der denkwürdigen Stunde, als ihn Andreas Lobbers zusammengerüttelt und ihn aufgefordert hatte, das lachende Leben wieder an sich zu reißen, fühlte er, wie eine neue Gewalt seine Adern durchpulste. Immer nachhaltiger drückte ihn diese Gewalt ins Dasein hinein, straffte ihm den Nacken und gebot ihm, die Hand an den Pflug zu legen, den Acker zu brechen und die Körner der Zukunft zu streuen. Sie sollten aufgehen wie ein fruchtbares Saatmeer. Und er legte die Hand an den Pflug und brach die Schollen und verstreute die Körner, denn immer eindringlicher klangen ihm die Worte zu, die Andreas Lobbers gesprochen hatte, als das grimmigste Herzeleid mit Sturmschwingen über die Deiche wollte: »Hans, greife zu! Der Himmel selber ist dir zu Hilfe gekommen. Weise diese Hilfe nicht von dir, schreite mit ihr durch Not und Gefahr, und deine Kraft wird siegen.« Und dann wieder: »Die Hauptsache bleibt: sie selber ist rein wie die Blumen des Feldes, und was sie dir in ihrer Verzweiflung auch schrieb – münze es um und werte es nach seinem lauteren und wahrhaftigen Inhalt!« Und weiter: »Was auch auf den Wassermühlen passiert ist ...« Das war es ... und wäre das Dunkel, das Malthus um sich verbreitet hatte, noch dunkler und verhängnisvoller gewesen, und läge dort ein Geheimnis verborgen, das sich scheuen müßte, auch nur einen Zipfel des schwarzen Tuches heben zu lassen, was hatte das alles mit seiner tiefen Neigung und seiner heißen Liebe zu schaffen? Schleierweiß hob es sich auf; eine Lichtgestalt stand inmitten der Finsternis, unberührt von dem Schmutz dieser Erde, und entsündigte jedes, auch die Schuld der Väter, wie der Engel des Herrn alles hinwegnimmt, wenn er seinen Blick leuchten läßt über Gerechte und Ungerechte und über solche, die ohne eigenes Zutun in die Irre hineingingen, um dort sündig zu werden. Und diese Lichtgestalt erschien ihm in ihrer ganzen Anmut und Selbstlosigkeit – jetzt, wo die Worte seines Freundes wieder in ihm aufbegehrten wie feurige Zungen und der Segen des Herrn ihn umwölkte wie von einem Rauchaltar. Unwillkürlich glitt seine Sehnsucht über die immense Ebene. Fern, jenseits der sanften Hügellehne, dem tiefen Süden zu, an den Ufern der Niers, weilte sie in verborgener Stille. Hüben und drüben – zwei Menschen, die sich etwas zu sagen hatten und doch den Mut nicht finden konnten, die Lippen zu öffnen. Und dennoch, wenn auch räumlich getrennt, nie waren sie enger verbunden als in der gegenwärtigen Stunde. Er fühlte ihre Nähe, den Duft ihres Haares. Längst vergangene Tage wurden lebendig, verstimmte Saiten begannen wieder in alter Reinheit zu klingen. Da kam sie. Seine Vorstellung des Übersinnlichen ging in die des Sinnlichen über. Er wähnte, sie über die geschorenen Felder schreiten zu sehen, durch die Gassen der noch unberührten Ähren und Rispen, die bereits mit stummer Ergebung das immer lauter werdende Singen und Wispern der Sensen vernahmen. Er sah sie ganz deutlich und so, als wenn sie ein Bangen hätte, die Schritte weiter zu tragen ... als wenn sie umkehren wollte ... »Franziska!« Erregt fielen ihm die Worte vom Munde. Da blieb sie stehen, ruhig und mit verschlungenen Händen. Ihre Augen waren fest auf ihn gerichtet. Sie erregten ihn bis in die tiefsten Fibern hinein, so lebenswahr waren sie bei ihm, so körperlich berührte ihn die ganze Erscheinung. »Nur an diesem Weibe wirst du gesunden.« So hatte Andreas gesprochen, damals auf Op gen Oort, zu ihm, dem Gottverlassenen, als er nahe daran war, sein letztes Heil zwischen die Hände zu nehmen, um es wie ein Stück Vieh zu erwürgen. Und er wollte gesunden ... »Noch ist es nicht so weit,« sagte ihm eine innere Stimme, und diese Stimme war voller Hoffnung und Zuversicht, »aber ist es so weit ...« und seine Arme hoben sich langsam und streckten sich der Hügellehne zu, wie in Selbstvergessenheit, wie von dem glücklichen Wahn beseelt, die Fernen zu überbrücken und seine Blicke trunken zu machen, obgleich Schnitter und Binderinnen unmittelbar neben ihm schafften und Cornelis Höfkens, der bis spät in den Mittag hinein seine neue Mähmaschine beaufsichtigt und emsig gewirkt hatte, über die Grenze trat und näher herankam. Eine frische Brise wehte aus der Gegend von Wissel herüber. Die Hitze ließ nach. Die Leute wischten sich den Schweiß von den Stirnen. Es ging auf Vesperzeit. Die letzten Erntewagen schaukelten von den Stoppeln herunter. Alles atmete auf. Die blankgescheuerten Wolkenballen nahmen eine rosige Färbung an und setzten sich still in Bewegung. Hans Harkort sah ihnen nach und gewahrte, wie sie jenseits der violetten Linie, die den Kreis Kleve von dem geldrischen Kreise trennte, gemächlich versanken. Da legte sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter. »Herr Nachbar ...!« »Sie, mein lieber Herr Höfkens ... auch bald so weit?« Cornelis fuhr mit seinem breiten Zeigefinger einen Teil des Horizontes ab. »Das ist geschnitten. Morgen kommt die Lehmkuhle dran, und übermorgen hoffe ich, mit der Flur an der Holländer Kat fertig zu werden.« »Und zufrieden mit allem?« »Na, und ob, mein lieber Herr Harkort! Wird wohl ähnlich sein wie auf Op gen Oort, denn man hat das Gefühl: der Herr ist mit 'nem extraordinären Weihwasserkessel über die Felder gegangen. Da sitzt keine Armut drin. Das scheffelt man so in die Scheunen und Tennen. Prima Korn. Zum Anknabbern. Hab's auf 'ner glühenden Kohlenschippe probiert. Das springt wie die Flöhe. Noch zwei Tage – und wir können ein Magnificat singen. Bis dahin hält sich das Wetter, ist das Gröbste getan und die Ernte trocken herein. Dann aber ... oder noch besser: wie wär' es, Herr Harkort, wenn wir schon heute abend so 'ne kleine Vorfeier machten? Selbstverständlich so unter uns ... im ›Dicken Tommes‹ ... ohne Verbindlichkeiten ...« »Und die Herren Schweißgut und Lörksen ...?« »Natürlich! Prächtige Kerle, ohne Neidhammelei! Die freuen sich doch, wenn einer von uns so 'nen reichlichen Spätsommer hat. Besonders Pitt Lörksen. Wie überhaupt ... denn wir von der Solopartie ... Sie verstehen mich schon, mein lieber Herr Nachbar? Auch die Wassermühlen befinden sich in floribus . Da soll sich alles barbarisch anlassen. Kosman sagte mir's eben. Die müssen im Freien mieten, sonst bringen sie die Fülle nicht unter. Die Gerste gar nicht zu rechnen. So was hat sich seit Olimszeiten noch niemals ereignet. Die haben 'nen Monat zu tun, allein um diese zu schroten. Wenn das Malthus erlebt hätte, ich täte mich ja noch freuen im Grabe,« und der Alte wandte sich und blickte stur und steif nach den Mühlen hinüber. »Ja – Malthus,« sagte Hans Harkort verloren vor sich hin, und seine Worte erstickten, als er leise hinzufügte: »Aber ihr kommt's zugute.« »Das tut's,« versetzte Cornelis, »und ich glaube auch, es kann ihr nur angenehm sein bei den heutigen Umständen, denn wie ich von Kosman hörte, hat sie auf den Aukamp freiwillig und gänzlich verzichtet.« »Was?!« »Auf alles,« konstatierte Cornelis, »auf totes und lebendes Inventar. Selbst die diesjährige Ernte will sie nicht angerechnet wissen.« »Nicht möglich!« »Nichts will sie haben, wie Kosman behauptet. Es klebt ihr wie Blut an den Fingern, so sagt er. Sie hat's abgewischt, um vergessen zu können. Alles, aber auch jedes, hat sie seiner Schwester verschrieben. Die kann's gebrauchen. Hut ab vor so was! Daran erkenne ich die Tochter von Christian Franz Malthus.« »Franziska!« Ein unterdrückter Schrei rang sich aus der Brust des Herrn von Op gen Oort. »Ja, Herr Harkort – Ihre Franziska,« und die Hand des Alten tastete nach der des jungen Besitzers. »Herr Höfkens ...!« »Schon gut, schon gut! aber um wieder auf besagten Hammel zu kommen: kann ich auf Sie rechnen so gegen achte?« »Ich freue mich auf den heutigen Abend.« »Also abgemacht?« »Abgemacht!« »Dann bis später,« und Cornelis Höfkens ging wieder seinem eigenen Reich zu, während Hans Harkort noch lange auf der nämlichen Stätte haftete und das weite Feld absuchte, das immer einsamer und lautloser wurde. Des Tages Last und Müh' war getragen. Eine ferne Glocke mahnte zur Ruhe. Die Kegel der zusammengetragenen Garben dunkelten ein. Ein tiefblauer Streifen grenzte das Bild ab. Die grellen Lichter des Tages gaben milderen Farben Raum. Himmel und Erde flossen sanft ineinander; nur die mächtigen Pappeln, die in der Höhe der Wassermühlen den Paternosterdeich begleiteten, standen wie würdige Kardinäle in der einförmigen Landschaft. Das letzte Sonnenfeuer hatte sie mit dem Purpur umkleidet, und der warme Duft, der von den niedergelegten Ähren aufstieg, umwölkte sie wie aus heiligen Weihrauchfässern. – – – Gegen acht machte der ›Dicke Tommes‹ die roten Lampenaugen auf. Es war draußen noch sichtig, allein in dem langgestreckten Wirtslokal drückten sich bereits graue Schatten in die Ecken hinein, vornehmlich dort, wo die Solopartie an dem runden Stammtisch Platz genommen hatte. Ein kreisrunder Schein umstrahlte die Tafel. Etliche Flaschen mit gelbem Siegellackkragen gaben ihr ein gediegenes Aussehen. Der markante Kopf des ersten Reichskanzlers grüßte von der Tapete herunter, als wenn er sagen wollte: »Wer an mich glaubt, ist geborgen, wer mich verleugnet, bricht sich den Nacken, wie das Reich frohe Fahrt hat oder zerschellt, je nachdem es an mich glaubt oder meinen Namen verleugnet.« »Mein Mann!« sagte Pitt Lörksen und hielt ihm sein Glas hin, »denn du bist für uns durchgehends 'ne pompöse Schose gewesen. Und immer en avant mit die Gäule. Besonders in ökonomischer Hinsicht. Du hast uns Landmänner in 'nem Extraschäschen gefahren, weil du uns allzeit als den Urstand erkanntest. Drum sollen die Landmänner leben. Immer leschär, meine Herren! Die Ökonomiker hoch und auf 'ne opulente Ernte! Prost, meine Herren!« und mit hellem Klingen der Gläser wurde auf Bismarck, die Landwirtschaft und den diesjährigen Feldsegen getrunken. Gleich darauf setzte die erste Kartenpartie ein, nur unterbrochen durch das Summeln der Fliegen und das kaum hörbare Auf- und Niederschreiten des Wirtes, der noch Muße genug hatte, seine lange Pfeife zu rauchen und spazierenderweise die übermütige Troddel seines Samtkäppchens bammeln zu lassen. Zur Stunde war der ›Dicke Tommes‹ erst wenig besucht, sodaß Herr Lamers noch hinlänglich Zeit fand, sein tagtägliches Rechenexempel zu erledigen und ins Gleiche zu bringen, das darin gipfelte, die Anzahl der Dielen und der blanken Nägelköpfe festzustellen, eine tiefgründige Mühewaltung, die er bereits seit fünfundzwanzig Jahren betrieb und jeden Abend mit der sichtlichen Genugtuung abschloß: »Zweiundfünfzig gehobelte Borten und vierhundertsechsundachtzig fünfzöllige Nägel. Stimmt auf den Knopp. Nichts dran zu ändern.« So auch heute. Herr Lamers brachte die Plüschpantoffeln in Ruhestellung und straffte sein Bäuchlein. Alles war in bester Ordnung. Keine Diele fehlte, kein Nagel war abhanden gekommen. Mitdem wurde es im Hausflur lebendig. Zu wiederholten Malen gellte die Klingel herüber. »Haha!« sagte Herr Lamers, setzte sich wieder in Marsch und stellte die Pfeife beiseite. Mehrere Gäste erschienen, unter ihnen Schnurr Schnapp von der Waterkant und Jan van den Birgel; Jan in seinem Sonntagsrock und Schnurr in seiner türkischen Aufmunterung. Mit einem »'nen guten Abend, die Herren!« nahmen sie Platz und richteten sich dicht bei der Solopartie ein. Der Gastwirt sprang zu. »Zwei Bayrisch gefällig?« »Was Bayrisch?!« Mit souveräner Verachtung wies Jan dieses Ansinnen zurück. »Herr Lamers, Sie sind woll?! Wo Kuhfladen sind, wachsen Butterblumen heran. Wir haben's. Nee, mein Bester, aber 'ne Bouteille Gelbhals; genau dieselbe Nummer wie die Herren da drüben!« »Hören und Gehorchen, Sie Sklave,« sagte der Streichriemen, schlug die Beine übereinander und deutete mit seinem Tschibuk auf die Anrichte, wo der ›Dicke Tommes‹ seine besonderen Marken bewahrte, »denn auch wir wollen die Freuden des Lebens genießen, bis zu uns kommt der Entvölkerer der Städte und der Sammler für die Totenäcker und wir entrückt werden in das Erbarmen des allmächtigen Allah. So die Königin Scheherezade, Herr Lamers, und die kannte sich aus. Tausend und eine Nacht. Großartige Sache! Also ich bitte, Gestrenger.« »Bong!« meinte der Wirt und tat so, als sei besagte Königin einer seiner besten Bekannten gewesen, obgleich er von dem Zauber des Orients soviel verstand wie Mordje Rosenzweig von dem Wunder der heiligen Eucharistie. Er las nur das Gebetbuch für christkatholische Menschen und den ›Klever Volksfreund‹, Literarisches kaum, und wenn er es tat, begnügte er sich damit, einige Kapitel aus dem ›Wacholdergeist gegen die Grundübel der Welt‹ von Alban Stolz zu durchblättern, um wenigstens den Hauptvertreter des deutschen Schrifttums kennen zu lernen und mitreden zu können. Das war auch alles. Aber die Königin Scheherezade imponierte ihm dennoch. Auf seinen schnurrigen Beinchen segelte er hinter die Theke, entstöpselte eine Gelbhals und präsentierte sie auf einer Zinnassiette. »Ein angenehmes Willkommen, die Herren!« »Merci, Herr Lamers!« sagte Jan van den Birgel und füllte die Kelche, während sein Partner den Stiel seines Glases umfaßte und in die Worte ausbrach: »Bei Allah, dein Anblick ist Glück und Segen, und in diesem heiligen Purpur wollen wir Lenas gedenken! Die Stirn im Lockendiadem ist Mondscheinnacht; Entschleiere sie, und heller Morgen lacht. In ihr wohnt die Ader der Süße und das Geheimnis einer undurchbohrten Perle. Schwiegervater, es gilt! »Prost, Schnurr!« und die beiden Gemütsmenschen, Schwiegervater und Schwiegersohn, ließen mit einem triumphierenden Blick auf den Nachbartisch die Gläser anklingen, brachten dem Bräutchen ein zündendes Hoch und wiederholten diese zarte Ovation so nachhaltig, daß sie den köstlichen Stoff binnen fünf Minuten verflüchtigten und der Inhaber des glücklichen Diwans von Bagdad sich genötigt sah, das Haupt zu wenden und über die Schulter zu rufen: »Beherrscher der Gelbhälse und anderer Marken, noch 'ne Bouteille!« Aber auch dieser Flasche blieb kein langes Dasein beschieden, denn neue Gründe, als da waren: Errichtung des künftigen Haushaltes, flotter Geschäftsgang und die Geburt des Thronfolgers, boten hinreichend Gelegenheit, die Köpfe wie die von kalkuttischen Hähnen zu färben und den Inhalt der rotangelaufenen Phiole ›alle‹ zu machen. Eine dritte mußte heran, eine Erkenntnis, die Schnurr veranlaßte, etliche nachdenkliche Züge aus seinem Weichselrohr zu stoßen und sich an Jan mit der Frage zu wenden: »Schwiegervater, wie wär's mit 'ner besseren Nummer? Vielleicht 'ne Lafitte?« »Genehmigt!« versetzte Jan van den Birgel. »Schon um die da zu ärgern.« »Wie Gott will!« fiel der Streichriemen ein, streckte die Beine und gebot mit schon etwas verlähmter Stimme: »Beherrscher der Gelbhälse und anderer Marken, noch 'ne Bouteille, aber dieses Mal aus der untersten Ecke, 'ne Château Lafitte!« »Gleich, gleich!« meinte Herr Lamers, angenehm berührt von dem gediegenen Zuspruch, und ging hin, das Verlangte zu holen. Hinter der Theke ließ sich gleich darauf das einladende Schnalzen eines Pfropfens vernehmen, der seine langentbehrte Freiheit in dieser artigen Weise bekundete, und als der ›Dicke Tommes‹ eigenhändig bediente und so sorgfältig eingoß, als hätte er die Ritter vom heiligen Gral zu versorgen, klopfte ihm Jan van den Birgel auf den Rücken und sagte: »Opulente Firma und opulente Gäste, Herr Lamers! Aber alles auf Rechnung.« Die Firma erstarrte. »Wieso?« fragte sie bestürzt und ganz außer Fassung. Die am Nebentisch wurden aufmerksam, und Pitt Lörksen spitzte die Ohren. »Aber selbstverständlich,« konstatierte der Tarbuschträger, »alles auf Rechnung. Nobler Verzehr und noble Bedienung! Sonst geht die Welt zu Grunde und alle Freundschaft koppheister.« »Hoho!« lachte Pitt Lörksen und knallte den Treffkönig auf den Tisch. »Achtung, Herr Lamers!« »Was?!« sagte Schnurr und schlenkerte sich hoch. »Ihr wollt doch unsere Bonität nicht bezweifeln?« Seine Entenschnabelnase legte sich dabei scharf auf die Seite. »Herr!« fuhr er puterrot fort, »und Scheherezade bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der ihr verstatteten Rede.« »Dann tun Sie's man auch,« sagte Trumpfsieben. »Nein, ich will sprechen, denn wie kommen Sie dazu, unsern Kredit zu bemängeln – Sie ländliche Pflaume, Sie grindiger Scheik von einer armseligen Kappesplantage?! O du trauriger Mann, du hältst dich für einen reichen Besitzer, aber wisse: dein Bruder Ali Baba, alias Jan van den Birgel, ist ein Emir gegen dich, ein Kalif, und bei weitem reicher als du. Er hat solche Berge Goldes, daß er sein Geld mit der Wage abwägen muß, während du dich noch damit begnügst, deine Aschrafis zu zählen – du Gurke! Ein Geheiß nur von ihm – und seine Speziestaler kommen wie die Mamelucken ins Rollen. Verstehst de!« Pitt Lörksen wieherte los: »Hoho! da steckt der Onkel vom Misipippi dahinter!« »Das ist Tusch!« lärmte Schnurr. Er fiel aus seinem florigen in seinen reizbaren Zustand. Der Wein machte ihn mutig. »Welche Unterstellung wagt der Stammtisch an unsere Adresse zu richten?! Nein, Sie Knecht, dessen Name Allah verdamme, Sie Obereunuche, Sie schmieriger Kuli einer armseligen Ausspannung, da steckt was anderes dahinter, da steckt eine große Verschreibung dahinter. Wir brauchen nur unser ›Sesam, öffne dich‹ zu sprechen, und wir schwimmen in lauterm Reichtum. Drum in den Staub, du schäbiger Maultiertreiber, du abgelederter Efendi im Basar der räudigen Kamelstuten!« und mit schiefgezogenem Maulwerk hielt er ihm seine Pfeife wie ein gebieterisches Zepter entgegen. Hans Harkort warf verärgert die Karten auf den Tisch. »Dieser Unfug! wir wollen gehen, meine Herren!« »Unter keiner Bedingung, Herr Harkort!« legte sich Herr Lamers erregt ins Mittel, »nein, unter keiner Bedingung! Wo sollte das hinführen? Das Renommee vom ›Dicken Tommes‹ wäre ja mit Maul- und Klauenseuche behaftet. Bleiben Sie sitzen, spielen Sie weiter ...« und sich wie ein Kreisel um seine Achse drehend, führte er Jan van den Birgel seine ganze Entrüstung vor Augen: »Schwerebrett noch einmal! Wie können Sie nur ... Sie und Ihr Zukünftiger?! Arbeiten sollten Sie beide, und bayrisch Bier sollten Sie trinken, anstatt meine ehrenwerten Gäste zu belästigen und ohne Bezahlung meinen teuern Lafitte zu verzehren.« »Sie Kümmeltürke!« schrie der Besitzer des glücklichen Diwans. »Was fällt Ihnen ein, uns Ihren Lafitte zu verbieten?! Saufen Sie man Ihr Bayrisch alleine! Sind wir schlechter als die Mistjunker und Windmüller und das andre Gemüse?! und was unsere Arbeit betrifft: mein Schwiegervater und ich, wir schaffen wie die nubischen Stuten.« »Arbeiten?! Gibt's nicht!« fuhr Jan van den Birgel dazwischen, torkelte hoch und stürzte sich ein wohlgemessenes Glas Rotwein hinter die Binde. »Lasse dich nicht auslachen, Schnurr! Arbeiten die da?!« und mit einem hellen Gelächter streckte er die knöcherne Hand gegen den Stammtisch aus. »Arbeitet zum Exempel der Müller dahinten? I prosit die Mahlzeit! Der Wind mahlt für ihn, und sein Esel schleppt ihm die Dukaten zusammen. Arbeitet Dores? Fällt ihm nicht ein. Mit 'nem Wuppdich mißt er sein Öl ab, schlabbert die Hälfte in die Kanne retour und beschummelt Gott und die Mitwelt.« »Menschenskind, um die Wahrheit zu sagen ...!« Grünober trillerte mit Armen und Beinen. »Maul halten, Dores! – von Pitt Lörksen gar nicht zu reden. Der erstickt an seinem früheren Kappes.« »Immer leschär, meine Herren!« »Der melkt seinen Fusel und drückt sich mit seinen ausgeliehenen Hypotheken ins Sofa ... und so'n Kerl will mich mit Modder beschmeißen und meinen ehrlichen Namen verstänkern?! Und der von Op gen Oort? Der Ochs drischt für ihn, der Knecht rackert sich schief und krumm unter seiner Fuhrmannspeitsche, während er selber großartig zusieht, wie ihm die verschwitzten Weibsbilder, den Hintern nach oben und kaum 'nen Rock noch am Leibe, Weizen und Gerste einbinden ... und ich soll wie 'n Bulle mich schinden und meinen Lafitte nicht verkümmeln?! Gottverdammich, Himmel und Motten!« und er pfefferte sein Glas hin, daß es in tausend Scherben am Boden zerklirrte. »Was Arbeit?! Hab's nicht mehr nötig!« und mit einer scheußlichen Genugtuung schlug er sich auf seinen Sonntagsrock. »Musikanten heraus! Was die können, können wir auch. Hier steht's verbrieft und versiegelt. Schwarz auf Weiß. Dran kann keiner nicht tippen. Hurra und Vivat! Rentenieren will ich und tu' ich; denn die Wassermühlen hab' ich im Sack. Sie mahlen für mich – und dito tut's der tote Malthus – und dito der tote Simonis ... sie schluckten die Angel. Ungegönnt Brot soll fett machen. So heißt es. Mir vollständig schnuppe! und was sie ist – sie hat auch bereits den Haken im Halse ...« Jählings verstummte der Alte. »Wer hat bereits den Haken im Halse?!« Von der ehernen Stimme bröckelte der Kalk von der Decke. Alles sprang auf und drängte zusammen. Grau bis in die Haarwurzeln hinein, hatte sich Hans Harkort erhoben. Seine Faust umgriff einen Flaschenhals, ließ aber verächtlich davon ab und löste sich wieder. »Nein, nein,« sagte er mit einer Ruhe, als hätte das Schicksal gesprochen, »das wäre erbärmlich,« aber in der Tiefe seiner Augen blitzte es auf wie ein Schwert, das vorstoßen wollte. Das sahen alle. Cornelis Höfkens erfror das Blut in den Adern. »Ich bitte Sie, kommen Sie, mein lieber Herr Harkort!« »Ob ich bleibe oder zu gehen gedenke, das müssen Sie schon mir überlassen, Cornelis.« Seine Stimme schwoll an: »Schweigen wäre gleichwertig mit einem Verbrechen, und ich will kein Verbrechen begehen, denn ich habe den beiden ein Mal auf die Stirne zu brennen. Besonders dem einen. Der da« – und er zeigte mißachtend auf Schnurr – »ist lediglich eine Null, ein Schwarbelkopf, das gefügige Werkzeug des andern. Er hat mir gar nichts zu sagen. Ich gehe über ihn fort, wie man über eine verluderte Sache hinwegschreitet, und werfe ihn zu den Toten. Aber Jan van den Birgel ...« und seine Worte fielen ihm wie harte Kiesel vom Munde. »Schon Jahre um Jahre verfolge ich die Maulwurfsarbeit dieses entsetzlichen Menschen, fand aber keine Handhabe, ihm beizukommen, denn es ist schwer, Finsterlinge aus ihren Löchern zu stöbern. Jetzt aber ... er hat sich selber verraten, und ich hebe ihn aus seinem heimlichen Wühlgang. Auf ihn passen die Worte: Wer, um sich oder einem andern einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, jemand durch Gewalt oder Drohung, Duldung oder Unterlassung nötigt, ist wegen Erpressung mit Gefängnis zu strafen.« Ein Wutschrei polterte gegen ihn an. »Abwarten, Jan van den Birgel! So das Gesetzbuch, und dieses Gesetzbuch ... Einen hat dieser Kerl schon zur Strecke gebracht, und er ist eifrigst dabei, sich auch ein zweites Opfer gefügig zu machen. Aber schickt er sich an, dem reinen und schuldlosen Weib auch nur ein Haar zu krümmen oder es in die Enge zu treiben ...« »Ich wage, ich wage und will mein Recht, verfluchter Kalviner ...!« Mit blutunterlaufenen Augen und Schaum zwischen den Zähnen, eine Flasche in der Rechten, torkelte der Alte vor, gewillt, den Schlag zu riskieren ... aber eine vorgestreckte, eiserne Faust warf ihn zurück – und hinter dieser Faust stand die Satzung: »In zwei Minuten will ich keinen Jan van den Birgel mehr sehen, keinen Erpresser und Lumpen mehr! Da ist die Türe!« und das herrische Gebot war überreichlich bemessen, denn keine fünfundzwanzig Herzschläge vergingen, da war auch schon die Wirtschaft gesäubert. Wie verprügelte Hunde hatten die beiden das Zimmer verlassen. Totenstille ringsum. Nur von draußen klang es herüber: »Ich vernahm, o großmächtiger König ...« Dann verstummte auch dieses. Die Tafelrunde umscharte Hans Harkort. Auch die übrigen Gäste traten hinzu. Wie ein Aufatmen ging es durch die verstörten Menschen, und Cornelis Höfkens wandte sich bewegt an den Insichgekehrten und sagte: »Endlich das richtige Wort! Das wird Ihnen Malthus im Himmel danken, und diesem Wort zu Gefallen – Herr Lamers, noch 'ne Extrabouteille, aber eine mit 'nem dreizölligen ›Proppen‹, um Herrn Harkort zu feiern.« »Gerne,« meinte Herr Lamers, »aber ich bitte mir aus: alles für gratis.«   16 Inzwischen hatte der große Zaubermeister die Zeidlerstände des Himmelreiches geöffnet und seine goldenen Bienenschwärme ausfliegen lassen. In unermeßlichen Scharen verteilten sie sich, wirrten und entwirrten sich wieder, zogen Kreise um Kreise oder trennten sich zu einzelnen Flügen, und es waren Königinnen darunter, herrlich anzuschauen, die mit ihrem stillen Leuchten die ganze Erde erfüllten. Die kleine Stadt war mit feurigen Punkten übersät und gesprenkelt, und in dieses Glitzern hinein wuchs das Rathaus und die alte Linde und das Standbild des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz, der mit gezogenem Palasch die Fahnenwacht hielt, als wäre er eigens dazu hingestellt worden, die preußischen Ideen Kosman Kranebooms würdig und echt zu verkörpern. Die meisten Giebel, die den Markt wie verschlafene Mynheers umstanden, hatten bereits die Nachtmütze aufgesetzt und die Lider geschlossen. Nur der ›Dicke Tommes‹ war noch äußerst mobil und dachte nicht daran, sich's kommod zu machen, die Hände zu falten und sich die Flanelldecke über die Ohren zu ziehen. Seine Billardkugeln ketschten noch immer, und seine erhellten Fenster standen wie breite Lichtschäfte im Dunkel der laulichen Sommernacht. Unmittelbar neben dem Denkmal erhoben sich zwei einsame Gestalten: Schnurr Schnapp von der Waterkant und Jan van den Birgel. Die Augen der beiden Ausgeklinkten umgriffen das ungastliche Wirtshaus wie mit Basiliskenblicken. Das war ja, um junge Hunde zu kriegen, denn was sich zwischen seinen vier Pfählen zugetragen hatte, blieb mehr oder weniger eine ausgestunkene Gemeinheit, eine Vergewaltigung und eine Mißachtung aller menschlichen und göttlichen Gesetze. In ihren verbaselten Schädeln drehte sich ihnen die Welt wie ein Karussell mit bunten Flittern und Lappen und kreisenden Spiegeln, aber aus jedem Spiegel grinste ihnen eine diabolische Visage entgegen; die sperrte das Maul auf und lärmte ihnen zu: »Nur immer 'rin ins Vergnügen! Wer mitfährt, kann sich auf seine eigene Kappe blamieren. Kein Hosenknopp wird in Bezahlung genommen. Vorwärts, die Herrschaften!« In verhaltener Wut stierte Jan auf den sich drehenden Pavillon, auf dieses konfuse Spiel seines Zornes. Als er aber genauer zusah, da waren es die erhellten Fenster des ›Dicken Tommes‹, die sich vor seiner ingrimmigen Seele bewegten, und seiner Sinne nicht Herr, pfefferte er die abgegriffene Schirmmütze gegen die höhnischen Lichtbalken. »Gotts den Donner noch mal! Luft! ich ersticke ...!« Schnurr, kalt und gelassen wie immer, schob besänftigend seinen Arm in den seines zukünftigen Schwiegervaters und sagte mit gemessener Stimme: »Beherrscher der Gläubigen, wir wollen uns keiner Täuschung hingeben und trotzdem die gebührende Ruhe bewahren. Indessen jedoch – zu meinem größten Leidwesen sehe ich ein: die Aschrafis sind alle.« »Woso?« fragte Jan, ganz benommen und wie vor den Kopf geschlagen. »Ganz einfach,« versetzte Schnurr mit selbstquälerischem Behagen, »denn nach dem soeben Vorgefallenen bist du arm wie eine arabische Maultierstute geworden, die sich damit zu begnügen hat, nur Disteln und Dornen vom Rand der Oase zu raufen. Deine Hilfsquellen versagen.« »Oho!« sagte Jan. »Ich denke dabei an Lena,« fuhr Schnurr unbeirrt fort und hob feierlich den Tschibuk, den er glücklich aus dem Debakel gerettet hatte. »Erhoben sei Allah, der ihre Gestalt geformt hat wie deine Gestalt, und die Farbe ihrer Haut wie die Farbe deiner Haut, und ihre Wange wie deine Wange. Ihre Augen sind wie Monde und ihre Zierden wie Granatäpfel, die nebeneinander stehen; ihre Brauen sind mit Kohle gezeichnet, und ihre Hände und Füße mit Henna gerötet, ihre Lippen schmecken wie Kümmelragout und Pistaziennüsse, aber trotz dieser Vorzüge – unter den obwaltenden Umständen kann ich diese jungfräuliche Perle nicht gewinnen und bin gezwungen, den Riegel vor unsere Brautschaft zu schieben.« Jan glaubte, ein Trumscheit auf seinem Schädel zu spüren. »Mensch!« schrie er auf, »bleibe mir mit deinem türkischen Unsinn vom Leibe!« Schnurr zuckte die Achseln. »Beherrscher der Gläubigen, leider grinsen mir deine eigenen Worte in ihrer ganzen Nacktheit entgegen. Fußend darauf, was ich im ›Dicken Tommes‹ zu hören bekam, ist für mich eine zweispännige Gemeinschaft ein Unding geworden, muß ich auf Lena verzichten, können sich ihre Interessen mit den meinen nicht paaren, fühle ich mich außer stande, den geplanten und bereits im Entstehen begriffenen ›Glücklichen Diwan von Bagdad‹ würdig zu führen, denn die Gelder der Witwe verflüchtigen sich mir wie eine Fata Morgana, und ohne dieselben ...« »Ist es bloß deshalb?« fragte Jan verworren aus seinem Rotspondusel heraus. »Ja, nur deshalb, armer Kalif.« Jan atmete auf. »Dann komm'! und sehen sollst du, wie ich noch Monetens besitze und die Wassermühlen zu melken gedenke.« »Ich höre und gehorche!« und selbander zogen die beiden unter den goldenen Bienenschwärmen dahin, wortlos und insichgekehrt, bis sie die Straße ›Achter de Mur‹ erreichten und vor dem ockerfarbigen Häuschen Halt machten. »Einen Momang,« sagte der Alte. »Hier bleiben. Ich komme gleich retour.« Schnurr nickte verloren und ungläubig vor sich hin, während Jan die Tür aufklinkte, Licht machte und dem Herdfeuer zuschritt ... aber keine zwei Minuten vergingen, da klatterte eine Portion irdenes Geschirr und eine allmächtige, porzellanene Kaffeekanne dem Harrenden direkt vor die Füße. Fünf Tassen und etliche Teller nahmen denselben Weg. Die Scherben rasselten auseinander wie aufgestöberte Spatzen in einer Erbsenrabatte, und bevor sich der Streichriemen noch von seinem panischen Schrecken zu erholen vermochte, stand der Attentäter bereits im Türrahmen, barhaupt, und mit erhabener Grandezza die schöne, weitbauchige Suppenterrine schwingend, die dem kürzlichen Verlobungsfest erst die eigentliche Weihe und Würze gegeben hatte. Schnurr glaubte eine Erscheinung zu haben, aber sie bekam Leben und Odem und donnerte über die Opferschale fort: »Glaubst du, armseliger Tropf, ich ließe mich durch den infamen Kalviner und die anderen Solopotentaten beirren? Glaubst du, ich würde mein piekfeines porzellanenes Inventar zertöppern, ohne daß ich wüßte, daß mir neues in die Anrichte hineinwüchse? Glaubst du, ich könnte auf meine verbrieften Rechte verzichten, und sie, was die Frau ist, käme mir von der Angel herunter? Kreuzkuckuck und kein Ende! – die Gelder sind mir und der Lena so sicher wie dem Bocken-Wilm sein Sprunggeld ... und zum Zeichen dessen ...« Schnurr wollte zuspringen, um weiteres Malör zu verhüten und der Beteuerungswut seines Schwiegervaters eine Grenze zu setzen. »Das möge Allah verhüten. Ich glaube, ich glaube und nehme alles zurück!« Es war zu spät. Die schöne Suppenterrine, das Prunkstück des Hauses, tat einen gellenden Wehschrei und zerschellte am Boden. »Schnurr, du sollst dich was schämen!« »Ich tu's schon,« sagte der Zerknirschte und war im Begriff, mit gebreiteten Armen auf den Porzellantyrannen zuzusegeln, als eine Vision ihn zurückhielt, denn nur mit Hemd und Unterrock bekleidet, mit blanken Waden und gelöstem Haar, fast so, wie sie aus den Federn gesprungen war, stand Lena unter Gottes glitzerndem Himmelreich, rang die nackten Arme und sah verstört auf die beiden. »Was los, was los?!« schrie sie auf. »Seid ihr denn alle zwei beide des Satans?!« Als sie aber die Wüstenei gewahrte, die ihr leiblicher Vater angerichtet hatte, mußte sie sich an einen Türpfosten halten, um nicht niederzubrechen. »Fünf Tassen, 'ne Kaffeekanne und die opulente Suppenterrine ...!« und wieder hoben sich die bloßen Arme gen Himmel. »Jesus, Maria und Joseph ...!« indessen jedoch, als ihr schwergeprüfter Erzeuger ihr alles erklärte, als er ihr mitteilte, was er im ›Dicken Tommes‹ Trübes erduldet und wie ihr Verlobter unter dem Standbild des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz die zweispännige Gemeinschaft aufgeben und ein harmonisches Verhältnis zwischen den weiblichen und männlichen Interessen nicht mehr wahr haben wollte, als er ihr dartat, aus welchem Grunde er, Jan van den Birgel, sich gezwungen sah, wie ein wildgewordener Esel in dem Urväterhausrat, in porzellanenen Tellern, Terrinen und Assietten zu wüten, und das alles nur, um diesen Zweifler und ungläubigen Thomas eines Besseren zu belehren –- da kam eine elegische Stimmung über die heimgesuchte Jungfrau in Hemd und Unterrock, ein Trauern und Weinen und eine stille Ergebung. Ihre Augen hatten nur einen einzigen Blick, und dieser Blick war auf den Zerknirschten gerichtet. Und ihre Lippen fanden nur ein einziges Wort, und dieses Wort lautete: »Schnurr!« Und diesem Wort folgte ein rührendes Stammeln in der Sommernacht: »O Wunderlampe, o du ›Sesam, öffne dich‹, o du Mond in der Vollheit, kannst du vergeben?!« – folgte ein Sichgrämen und Schluchzen, dem sich Lena nicht mehr zu verschließen vermochte. Mit schwimmenden Augen und wogender Brust trat sie näher und legte ihm die nur von einem dünnen Hemde behüteten Granatäpfel an die glückliche Weste. »Allah erhalte dich mir!« seufzte der Inhaber des ›Diwans von Bagdad‹, und sacht über ihr duftiges Haar gleitend, durch ihre Nähe berückt und angeregt, begann er zu sprechen: »Abu Bilal, der Scheik, gab mir das Wort zu lernen, Das seine Scheiks ihm einst gegeben hatten: Die Liebessehnsucht heilt nicht Kuß noch Druck; Dem Liebenden hilft eines nur: sich gatten.« »Ach, Schnurr, Schnurr!« flüsterte Lena, und Jan, hingerissen von diesem ergreifenden Sichwiederfinden, gelobte mit gestreckten Fingern, dem Kalviner und der ganzen ›Dicken Tommes‹-Gesellschaft zum Tort, die ausstehenden Gelder unter tunlichster Beschleunigung mobil machen und eintreiben zu wollen, in Bausch und Bogen, wie er sagte, unbarmherzig und mit äußerster Strenge ... und während dieses Gelöbnisses löste sich ein einzelner Stern aus den goldenen Bienenschwärmen und funkte als Drohne durch die geweihte Nacht voller Wunder und Seligkeiten.   Anderen Tages befand sich Jan schon beizeiten auf dem Weg zu seinem Opfer, zugeknöpft wie ein Gewaltiger und mit dem Schritt eines Vollstreckers am Leibe, der bereits den Henker, mit Strick und Rutenbündel ausgerüstet, hinter sich führte. Zuversichtlich stieß er den weißgeschälten Dorn auf den Boden. Aber wie erstaunte er! Die noch gestern weitgeöffneten Läden des Herrenhauses hatten sich wieder geschlossen. Er wagte nicht vorzusprechen, denn Kosman Kraneboom stand in der Einfahrt, unnahbar und abweisend wie der Türhüter eines verwunschenen Schlosses, und da blieb ihm nichts anders übrig, als Kehrt zu machen und seine Vollstreckungsgelüste auf eine geeignetere Zeit zu verlegen. Auch die nächsten Tage brachten keine Veränderung. Es blieb alles beim alten, und als der Erntemond sich so langsam in den September hineintrödelte, Kosman aber noch immer wie eine Dogge auf Posten stand und die Fenster nicht aufhellen wollten, da bekam's Jan mit der Wut, lärmte mit seinem Dorn gegen den Tisch und verwünschte die Abwesende in die siebente Hölle. »Wo sie nur steckt, das infamige Weibsbild?« sagte er wirbelsinnig und goß sich einen ›Ollen Klaren‹ hinter die Binde. »Wo denn sonst als auf dem Aukamp,« erwiderte Lena. »Da schlemmt und schlampampt sie, vertut unser Eigen und hält uns alle zum Narren. Schnurr hat die ganze Warterei schon über, und meine Liebesgefühle bekommen die Mauke. Aber wenn du selber ein Kerl wärst ...« »Bin ich!« prahlte er los und pfefferte seinen Stock nach Jette, die sich ein heimliches Vergnügen daraus machte, aus einer aufgestellten Schüssel mit Sahne zu schlecken. »Zackerzucker noch eins! morgen will ich ins Geldrische machen, und wenn ich's tu' ... Aber ich bitte mir aus: den Mokka um achte,« und damit markierte er den um neun fälligen Postwagen, indem er die gerollte Hand vor den Mund schob und lauthals hineintrompetete: »Ach, du mein lieber Kurt, Muß ich schon wieder furt Auf die Chaussee, Auf – die – Chaus – see!« um anderen Tages, beim Schwager auf dem Bock sitzend, durch die niederrheinische Landschaft zu kariolen. Er hatte Fahrgelegenheit bis Weeze. Von hier aus mußte er sich auf sein Schuhwerk verlassen und konnte bei tapferem Ausgreifen nach anderthalbstündigem Marsch das Ziel seiner Reise gewinnen. Das versuchte er auch mit bestem Gelingen. Wie auf gesalbten Wagenrädern rollte er den Weg unter sich auf und folgte der trüge dahinschleichenden Niers, bis er zu einer Kneipe kam, die zwischen Geldern und Kevelaer lag und allen Bedrängten und Mühseligen, die zu der berühmten Gnadenstadt zogen, Gelegenheit bot, Rast zu machen und die durstigen Transtiefel durch einen Boonekamp of Magenbitter wieder aufzumuntern. Neben Marienbaum war Kevelaer der gefeiertste Wallfahrtsort und das Wirtshaus ›Zur ewigen Anbetung‹ die gesuchteste Quelle. Jetzt war stille Zeit, die schnurgerade Straße menschenleer, und nur mit seinem Geraschel glitten die überständigen Blätter in der bereits herbstlichen, aber noch warmen Sonne von den Chausseebäumen herunter. Jan machte Halt. Er war der Stärkung bedürftig. Neben der Haustür, an einem kleinen, runden Tisch saß der Hausherr, Aloys Boßmann, würdig und insichgekehrt, schwarz gekleidet, hager wie eine Hopfenstange, mit ausgemergeltem Gesicht und roter Nasenspitze, blankgescheuerten Holzschuhen an den Füßen und von dem Bewußtsein getragen, sich durch seine Vermittlung zwischen den wegmüden Pilgern und dem Gnadenort schon jetzt einen goldenen Thronsessel im himmlischen Jerusalem verdient zu haben. Er fühlte sich denn auch wie ein heiliger und omnipotenter Mann auf dem Nachtstuhl, aber mit einem Weihrauchfaß in der Hand, mit dem er sich selber bewölkte. Die Linke ruhte auf einem gediegenen Rosenkranz aus Pockholzkügelchen, während er von Zeit zu Zeit an einem Glas mit kaltem Zitronengrog nippte und dabei vor sich hinmurmelte, als hätte er ein Gebet auf den Lippen. Jan setzte sich zu ihm, bestellte bei der herzugeeilten Mamsell ein ähnliches Getränk und sagte: »Na, Aloys, noch immer beiwege?« »Ich danke, Mynheer, man muß zufrieden sein, obgleich das Geschäft flotter sein könnte. Aber die preußischen Zustände und die preußischen Schandarme! Die sind schlimmer als der feuerspeiende Berg Veesu und überschütten alles mit ihrer grünlichen Asche. Die Sittenlosigkeit wird immer größer auf Erden. Die Prozessionen werden weniger. Keine Gläubigkeit mehr, keine richtige Andacht, und wenn ich meinen Betrieb überschlage ... in dieser Saison habe ich fünfhundertneunundneunzig Quart minus verzapft gegen die früheren Jahre. Das gibt zu denken, mein lieber Jan van den Birgel.« Mit einem schweren Seufzer stärkte sich der biedere Gentleman durch einen herzhaften Schluck und ließ gottergeben die schweren Augendeckel herunter. »Ja,« fuhr er salbungsvoll fort, »wenn Simonis noch lebte! Aber seit dieser das Zeitliche gesegnet, will's so recht nicht mehr flecken, überhaupt nicht mehr flecken ... und wie oft sprach er in der ›Ewigen Anbetung‹ vor, so ganz honett und ohne alles Getue, und hat mit Lena sich ein Fläschchen Champagner geleistet! Hier auf dieser Stelle, so ums Schummern herum – und immer vom Besten. Fünf Taler die Bouteille. Und wie fromm war der Mensch! Keine Äußerlichkeit, kein langes Gerede, aber inneres, tiefes Erfassen, und zwei- bis dreimal im Jahre schwitzte er sich nach Kevelaer hin, um mit seinem Herrgott zu sprechen. Wo sind noch solche Menschen zu finden ? Und so was muß sterben! O Gott, o Gott!« und wieder führte er den kalten Zitronengrog an die Lippen. »Im übrigen, Jan, was macht denn die Lena?« »Danke der Nachfrage. Es geht ja, obgleich sie sich noch in gewissen Trauerumständen befindet. Nichtsdestoweniger – sie will sich verändern, das kann sie auch machen, ohne dabei ihrem Früheren untreu zu werden. Das ewige Alleinsein ist ihr auf die Nerven gefallen. Rassiges Blut läßt sich nicht totschlagen, und so ist sie denn auf den Einfall gekommen ...« »I der tausend noch mal! und wer ist der Glückliche?« Jan schnippte mit Daumen und Mittelfinger und schnalzte dabei mit der Zunge. »Schnurr Schnapp von der Waterkant, mein lieber Herr Boßmann.« »Großartiger Musjö!« bestätigte die ›Ewige Anbetung‹, indem sie ihr Glas gegen das des Brautvaters tinkte. »Nur etwas weltlich veranlagt, so zu sagen ein bißchen türkisch belastet. Aber das gibt sich, das gibt sich, wenn ich auch meine: die kleine Liebschaft mit Simonis ist sittenstrenger und reiner gewesen. So 'ne Art von Seelenverbrüderung, mit neckischen Spielen dazwischen. Man darf gar nicht dran denken. Sie und Simonis! Herrgott, waren das zwei Edelspaliere! Und amüsieren taten sie sich, und trinken konnten die beiden ...! Zwei Bouteillen ›Pitsch‹, ohne die Binsen zu wechseln, und oft alleine für sich, im hinteren Stübchen. Und wie blühte der Aukamp! Aber seit der männliche Part sich im Himmel befindet und der eheliche Rückstand das Erbteil verwirtschaftet, geht alles seinen dreckigen Mistfinkenweg.« »Wieso?« fragte der Alte. »Mynheer,« versetzte Herr Boßmann mit bedenklichem Räuspern, »es ist mal so, wie ich sagte. Das Fraumensch kann sich mit Lena nicht messen. Sie hat die Spendierwut, und was ihr noch vom Aukamp an Äckern, Wiesen und sonstigen Liegenschaften übrig blieb, hat sie in großartiger Weise an die mißratene Schwester des Abgestorbenen verschummelt.« »Nanu!« polterte Jan auf. »Leider!« konstatierte der schwarzgekleidete Herr, zog ein blaubedrucktes Schnupftuch aus der Tasche und betupfte sich mit einer herben Litanei von Seufzern die Stirne, steckte es wieder zu sich und orakelte über den kalten Zitronengrog fort: »Aber was das Dümmste ist: sie ruiniert sich bei lebendigem Leibe und mit kindlicher Unvorsichtigkeit. Daß es die Menschenmöglichkeit ist! Läßt sie da ins ›Geldrische Kreisblättchen‹ einrücken: Wer noch Forderungen an meinen verstorbenen Mann hat, sei es privater oder geschäftlicher Art, möge sich rechtzeitig melden. So'n Blödsinn! Wer tut so was heutigen Tages? und jetzt kommen die gierigen Hammel gelaufen und grasen ihr den letzten Halm von der Koppel herunter.« »Herr Jeses!« rief Jan, »und ich habe noch 'nen schönen Posten zu kriegen.« »In bar oder sonstwie?« »In bar und auf Lebenszeit für mich und die Lena.« »Dann aber man schleunigst. Sonst verschimmelt die Sache – und heute ist Zahltag. Wer zuletzt kommt, kann sich einpökeln lassen. Wie ich höre, verläßt sie morgen den Aukamp und macht ins Klev'sche retour.« »Gotts den Donner noch mal!« wetterte Jan, »so'n ›schrager Hond‹ von Frauenzimmer!« Wie ein Gerichtsvollzieher war er auf die Beine gefahren. »Und wenn ich Euch einen Rat geben kann: setzt Euch nicht aufs Maulwerk, sondern schreit wie'n Advokat oder wie der Küster vor der Gnadenkapelle.« »Wird gemacht, und damit adjüskens, Herr Boßmann!« »Gute Verrichtung, Mynheer!« und der Gentleman und Besitzer der Kneipe ›Zur ewigen Anbetung‹ machte das Zeichen des heiligen Kreuzes und sagte: »Gelobt sei die allerseligste Jungfrau Maria!« »In alle Ewigkeit, Amen!« echote Jan, stieß den geschälten Dorn auf und nahm den Rest des noch zurückzulegenden Weges unter die Füße, während Herr Boßmann sich einen neuen Zitronengrog bestellte und darüber nachdachte, wie es möglich zu machen sei, dem lauen Christentum aufzuhelfen, dem verflixten Preußentum ein Schnippchen zu schlagen und den heimgesuchten Pilgerfahrten wieder eine fröhliche und klingende Note zu geben. »Es ist ja 'ne Affenschande: fünfhundertundneunundneunzig Quart weniger als in den sonstigen Jahren! Das ruiniert ja den Menschen. Aber im Hinblick auf Simonis und Lena, wollen wir hoffen,« und die Zukunft mit freudigen Bildern belebend, sah er Jan van den Birgel nach, der immer kleiner und vermickerter wurde und schließlich in dem herbstlichen Gold der fallenden Blätter verschwebte. – Drüben lag der Aukamp in einem Kranz von geschorenen Wiesen. Violette Teppiche schoben sich ein. Die Herbstzeitlose blühte und hatte unter dem wolkenlosen Himmel ihr gütigstes Lächeln. So lieblich wie in diesem Jahr hatte sie noch niemals geleuchtet. Es war so, als wäre der Abglanz von rosigen Abendwölkchen auf die Erde gefallen. Das feierte und schmückte sich wie eine liebliche Flur im Paradiese, und dennoch war alles nur eitel Schein und trügerisches Wesen, das die Sinne umschleierte. Ja, die Zeitlose blühte, zeigte sich in heiliger Unschuld; aber ihr giftiger Odem kräuselte auf, und ihre violetten Streifen legten sich um das stattliche Gehöft wie schleichende Bringerinnen der Verwesung. Und ihr Beschwörer war Jan van den Birgel. Auf dem Aukamp gingen die Leute ab und zu, solche aus der Nachbarschaft und andere, die weiter im Geldrischen wohnten, meistens Handwerker, Tagelöhner und kleine Besitzer, die ihren eigenen Kohl bauten und mit dem verstorbenen Herrn des Hofes in geschäftlicher Beziehung gestanden hatten. Sie betraten den Flur, um bald darauf wieder das Haus zu verlassen. Knechte und Mägde, die eben erst Gabel und Messer beiseite gelegt hatten, ergingen sich zwischen den Ställen, sahen nach den Raufen oder suchten den einsamen Bungert auf, wo die Goldparmänen so verschwenderisch an den Bäumen hingen wie die Zauberäpfel im Garten der Hesperiden. Irgendwoher erklang der Ton einer Mundharmonika. Eine Amsel tackte im Busch, und ein gravitätischer Schruthahn kollerte dann und wann durch die verlorene Weltvergessenheit. Ein großer, zottiger Hund trottete über den Hof, revierte von Scheune zu Scheune und belferte schließlich einer gemauerten Torfahrt zu, von wo aus die breite Heerstraße verfolgt werden konnte, die vom Niederrhein über Geldern und Krefeld ins Kölnische führte. Hier schlug er an. In einem zur ebenen Erde des Herrenhauses gelegenen Zimmer stand Franziska Simonis, neben einer ausgezogenen Tafel, die mit allerlei Papieren, quittierten Rechnungen, Aktenbündeln und Wirtschaftsbüchern belegt war. Dazwischen befanden sich Gold- und Silbermünzen, Kassenscheine und zu niedrigen Röllchen aufgeschichtete Talerstücke. Mit dem Kommen und Gehen der Gläubiger schrumpften die Geldsorten allmählich zusammen und zogen, in grünen Beuteln oder Leinewandkitteln sorglich geborgen, ihre vorgeschriebenen Wege. Die letzten zweihundert Taler kamen an die Reihe. Ein kleiner Scharwerker aus der Niederung, ein verhutzelter Mann, dem die schweren Lider wie Strohdächer über die Augen fielen, sackte sie ein. »Merci, Madam!« sagte er mit wehem Kopfschütteln. »Um die wollte mich Simonis betuppen, als er meine einzige Tochter unehrlich machte. Sie gingen drauf zur Wochenpflege, Apotheke und Beerdigungskosten. Aber jetzt sehe ich ein: es gibt noch brave Menschen auf Erden,« und mit einem leise hingeworfenen: »Ich danke auch vielmals,« verließ er die Stube. Franziska Simonis war allein. In bitterer Erregung verfolgte sie das gebrechliche Männchen, das um der Laune eines Wüstlings und Elenden willen sein Bestes hatte hergeben müssen. Ein junges Menschenleben einfach niedergesenst ... Daran war nichts mehr zu ändern. Dieser Verwüster! Die traurigen Erinnerungen der verflossenen Jahre hingen wie Spinnweben von der Decke herunter; ihre Gedanken irrten durch das Schattenreich des Gewesenen, und doch atmete sie auf, aus tiefer Brust, wie aus einem bangen und schrecklichen Träumen heraus, das sich langsam verflüchtigte. Die Abgründe des Totenberges lagen hinter ihr. Nur noch wenige Stunden, und sie konnte die Stätte verlassen, wo sie viel des Widerwärtigen und des Grauens verlebt hatte. Und dieses Grauen ... es ging durch die Kammern des weiten Hauses, es haftete an jeder Diele, an jedem Türpfosten, es klebte an den Tapeten und Bildern und irrte durch die langen Korridore mit dem scheußlichen Lachen eines verzweifelten Menschen, der an den Stäben des ernsten Gebäudes rüttelte, hinter denen die Übersinnigen wohnten, und was das Entsetzlichste war: es geisterte aus den Blicken des Alten, der sie soeben verlassen hatte. Aber nur noch wenige Stunden ... und sie befand sich wieder in ihrer Heimat. Mit dem heutigen Tage hatte sie alles erledigt, was sie noch auf dem Aukamp zurückgehalten hatte. Nichts von dem verhaßten Gut klebte mehr an ihren Fingern. Eine reine Bahn lag vor ihr und hinter ihr die Spur, die sich im Geröll des Trostlosen verzehrte. Sie hoffte auf Vergessen, auf Zufriedenheit – auf die Zufriedenheit der Seele, und sie ahnte es nicht, daß einer den Hof betreten hatte, der gekommen war, diesen Wunsch zu zerstören. Der zottige Hund, der noch kurz zuvor die Einfahrt bewacht hatte, knurrte und geiferte jetzt dicht in der Nähe. Plötzlich schlug er ein wildes Geheul an. »Kusch dich!« klang es von draußen her. Die junge Herrin trat ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe. Zwei Minuten vergingen. Da klopfte es hinter ihr hart auf die Dielen. »Madam, es ist nur deswegen, daß ich mich melde.« »Jan van den Birgel...?!« »Aufzuwarten – jawoll.« »Und das hier auf dem Aukamp?« Der Alte warf seine Mütze auf den Tisch und legte seinen geschälten Weißdorn daneben. »Ich hörte: heute ist Zahltag, und irgendwo steht, daß alle vorsprechen könnten, die noch eine Forderung haben.« »Das bezieht sich auf die Gläubiger meines verstorbenen Mannes.« »Ganz richtig; ich zähle zu ihnen. Aber ich gehe noch weiter und möchte zwei Fliegen mit ein und derselben Klappe vermöbeln. Zwei Fliegen, Madam: Simonis und Malthus; denn wie ich früher schon sagte: sie sind mir beide solidarisch verpflichtet, und da Ihr als Frau, beziehungsweise als Tochter der Erblasser ...« Sie wehrte ab. »Das habt Ihr mir schon einmal erzählt,« meinte sie mit erkünsteltem Gleichmut, »und ich bin nicht willens, mir Unverständliches doppelt und dreifach erzählen zu lassen. Außerdem erinnere ich mich, daß Ihr erst um Martini vorsprechen wolltet.« »Das war die Absicht. Aber ich kann bis Martini nicht warten.« »Dann wendet Euch, bitte, an meinen Anwalt in Kleve.« Jan schüttelte den Kopf. »Abgelehnt. Ich kann solche Kerle nicht leiden. Die sind wie die Ziegen und knabbern einem Bast und Borke herunter. So was regelt sich besser unter verständigen Leuten allein, und ich denke, wir sind groß und verständig genug, uns gegenseitig keine Molesten zu machen. Mir brennt's auf den Nägeln. Meine Tochter will freien, und Schnurr Schnapp von der Waterkant kann seinen ›Glücklichen Diwan‹ nicht einbalsamieren. Die Leutchen wollen ihre Betätigung haben, und das geht nur, wenn sie imstande sind, die ihnen zustehenden Monetens einzukassieren ... und ich als Vater habe mich hierzu gemolden.« Zur Bekräftigung seiner Worte schlug er mit der Hand auf den Tisch. »Also Butter bei die Fisch. Meinetwegen auch Mostrichsauce. Heute ist Zahltag. Alle gingen befriedigt nach Hause. Das kann ich dito in gleicher Weise verlangen. Sonst Zwangsvollstreckung – und da ich sehe, daß hier auf dem Aukamp schon vieles lange Beine gemacht hat, so möchte ich auf 'nen wichtigen Paragraphen verweisen, wie er festgelegt ist von Gerichtswegen und dartut: Wer in der Absicht, die Befriedigung des Gläubigers in den Schornstein zu schreiben, Bestandteile seines Vermögens veräußert oder beiseite schafft, wird ohne weiteres eingestochen und bekommt zwei Jahre Kittchen.« Sie lachte kurz und trocken auf. »Das geht auf eine Drohung hinaus.« »Keine Veranlassung. Ich bin's gewohnt, mit schlapper Leine zu fahren. Erst wenn die Karre bis an der Achse im Dreck sitzt und alle Stränge reißen, wird Vorspann genommen. So weit sind wir noch nicht, und wenn ich mir alles so recht überschlage, können wir auch gar keinen Vorspann gebrauchen, haben solchen nicht nötig; denn warum Umstände machen und uns 'ne private Angelegenheit durch Advokaten und 'ne ähnliche Sorte von Schreibern verrungenieren zu lassen? Gibt's nicht, Madam! Unter honetten Leuten ist so was nicht Mode. Die legen ruhige Pferde vor und keine Sternkucker und bockigen Gäule. Die fahren in 'ner Glaskutsche und nicht in 'nem Rumpelkasten von Wagen. Immer sacht und gemütlich. Aber geht das nicht anders« – und seine Stimme schrumpfte ein wie eine Hutzelbirne – »wollen die Biester nicht anziehen, klebt die Gesellschaft und haut nach dem Ortscheit – dann allerdings, dann muß die Kandare heran und dann: Jü mit die infamigen Kribbensetzer! Aber Spaß beiseite, Madam. Ich sitz' nicht auf meinem Schein wie der Bocken-Wilm auf seiner Körungsbestallung. Ich will 'nen runden Vergleich. Lena möchte in die ehelichen Posen hinein, und Schnurr kann nicht warten, und daher: ich rechne auf Euer Mitgefühl und Euer Erbarmen ... und nur im äußersten Notfall ... dann aber feste. Aber ich hoffe ...« Die gequälte Frau zuckte auf. Ihre Stimme erhob sich. »Also darauf rechnet Ihr, Jan van den Birgel? Auf Erbarmen und Mitleid? Worauf noch mehr? Ihr seid nicht bescheiden, Jan van den Birgel. Wie kommt Ihr dazu? Ihr tätet besser daran, auf meine Verachtung zu rechnen, denn die besitzt Ihr im reichlichsten Maße.« Der Ekel schüttelte sie. Sie wandte sich ab, um den Peiniger nicht mehr vor Augen zu haben. Jan strammte den Daumen auf den Tisch. Auf seinen Lippen stand ein gelblicher Speichel. »So, so, so!« griemelte er mit seiner innersten Ruhe. »Das wäre also die Meinung!« Dann bäumte er hoch. »Himmelverdammich! Herrgott und kein seliges Ende! Das muß einer Euch lassen: Ihr habt Kurasch in den Knochen. Aber Kurasch gegen Kurasch. Die Gäule sind bockig ... sie wollen nicht weiter ... her mit die Peitsche! und schweppen will ich, daß man's hören soll zwischen dem Aukamp und Kleve. Knallen, knallen. ..!« Sie warf sich herum. »Was wollt Ihr, Jan van den Birgel?« Ihr Antlitz war wie das des Herrn auf dem ›Kalten Stein‹ geworden. »Mir die Scheuklappen vom Maul reißen – das will ich. Den Esel zu spielen und die Grasnarben von alten Geschichten zu fressen, soll mir ein auserwähltes Pläsier sein. Madam, ich will Euch 'ne feine Sache erzählen. Dran sollt Ihr verrecken.« Mit einem Ruck stand die bleierne Faust in der Luft. »Ihr denkt wohl, Euer Vater sei ein ehrlicher Mannskerl gewesen, einer von den aufrechten und frommen im Lande? Ich will Kuhfladen mangieren, wenn nur ein Titelchen dran ist. Ein Lump war's, einer von den großen und ausgetragenen!« »Mensch, Sie ...!« »Aussprechen lassen ... nebenher Brandstifter, Feuerkokler und Versicherungsbescheißer. Aber was die Hauptsache ist: er griff in die Kasse ... in die Deichschöffenkasse ... er hat lange Finger gemacht ... zehntausend preußische Taler blieben dran kleben, und wären wir nicht gewesen: ich und Simonis, hätten wir kein Einsehen gehabt, und wären wir nicht in Hammels verwandelt, in gutmütige Hammels – drüben auf dem kleinen Kirchhof läge ein Hundsfott begraben!« Es war ihr, als wäre die Nacht über den Aukamp gefallen. Sie sah noch: die entsetzliche Faust sank herunter. »Also besinnt Euch! Macht keine Umstände! Ich hab' keine Zeit mehr. Überschlagt Euern Vorteil! Laßt mich nicht warten! Es bringt uns nicht weiter. Entweder Ihr erkennt die Unterschrift an und bezahlt, oder das Gericht hat zu sprechen, und Christian Franz Malthus liegt als Verbrecher im Grabe.« Kein Wort mehr, keine Silbe. Es war so still wie zwischen den Grüften ... und die unselige Frau stand in diesem Schweigen wie eine, der gesagt wird: »Bereite dich vor; morgen kommen die Jungfern, die berufen sind, dich wie eine schöne Leiche zu schmücken.« Ihre Lider fielen herunter; die Augen verlängerten sich. Aber die Schwäche ließ von ihr. Das Herz, das ausgesetzt hatte, begann wieder zu schlagen. Ihr geschmeidiger Körper streckte sich gleich dem einer Königin. »Jan van den Birgel,« sagte sie so ruhig und sicher wie in ihren glücklichen Tagen, »ich hörte Euch sprechen und hörte, wie aus Euren Worten der Satan herauswuchs.« Sie suchte nach Atem. Draußen war ein Trotten und Traben. Der große zottige Hund drang ins Zimmer und stellte sich mit fließenden Lefzen seiner Herrin zur Seite. »Jan van den Birgel, wäret Ihr in Frieden gekommen, ohne zu drohen, ohne mir das Messer auf die Brust zu setzen und ohne den Heuchler und Schädling zu spielen, vielleicht wäre ich willens gewesen, Eure Not zu beheben. Unter diesen Umständen aber: keinen Heller und Pfennig, und müßte ich nicht fürchten, meine Finger zu verpesten – hier diese Hand säße Euch zwischen Schläfe und Stirne.« »Fraumensch, infames ...!« Der Hund knurrte und fletschte die Zähne. Dann rückte er vor, den Geifer unter sich lassend. Jan griff nach Stock und Mütze. »Wir werden ja sehen,« sagte er kleinlaut, »wir werden ja sehen.« »Tut, was Ihr wollt! Ich habe noch keinen gehalten – geschweige denn Erpresser wie Ihr und Simonis. Ich bin, die ich bin. Geht nur und predigt es aus: Christian Franz Malthus wurde zum Lumpen und ließ sich von den Schaufelrädern erwürgen. Tut's nur, sprecht ihm Ehre und Seligkeit ab – ihr beiden bleibt doch seine Mörder. Ich aber – ich für meine Person: an sein Grab will ich treten, und seinen Geist rufe ich auf und gehe mit ihm durchs Klevische und bis weit ins Geldrische hinein ... und schreie den Menschen zu: Seine Ehre ist meine Ehre, und seine Unehre ist meine Unehre! Vater und Tochter – wir beiden sind eins. Vereinigt im Leben, vereinigt im Tode – so will ich es halten. Das ist mein Evangelium und Glaubensbekenntnis. In ihm lebe ich, in ihm sterbe ich, in ihm hoffe ich dereinstens selig zu werden.« Sie streckte die Hand aus. »Ihr versteht mich doch, Jan van den Birgel?« und sie wandte sich an den Neufundländer und sagte: »Leo, wir beiden wollen allein sein.« Da kreiste das Tier um den Eindringling, mit gestrecktem Wedel und die Nase am Boden. Es knurrte und belferte nicht, aber der Alte fühlte sich dennoch veranlaßt, so schnell wie möglich vom Aukamp zu kommen. »Hier bleiben, Leo!« Franziska Simonis stand wie eine eherne Säule. Kein Bangen war in ihr, kein schwächlicher Kleinmut. Die Hohheit des Weibes ruhte auf ihrer reinen Stirne, und ihre Lippen flüsterten: »Seine Ehre ist meine Ehre, und seine Unehre ist meine Unehre. Wir beiden sind eins. Und was ich meine: der Herr wird es wissen. Amen.« Sie riß den Kopf herum und sah über den Hof fort. »Der Herbst will kommen,« sagte sie gefaßt vor sich hin. Rot- und goldiggesprenkelte Blätter sanken von den Bäumen herunter und wurden von einem sanften Lufthauch weiter getragen. Dabei raschelte es durch die farbigen Aste: »Blühen und Gedeihen, Welken und Sterben! Und kein Auferstehen? Ja, auch ein Auferstehen!« und sie hörte auf das Fallen und Raunen wie auf eine große Verheißung. Ihre Blicke leuchteten auf, ihre Arme hoben sich. Da war es, als wären Nähe und Weite entsühnt, als zöge ein böser Geist von dem Aukamp herunter.   17 »Welch reicher Segen!« sagte eine freundliche Stimme. »Hier die Champagnerreinette und dort der große Bohnapfel und weiter dahinten ...« Ein schlanker Mann in schwarzer Soutane schritt von Bäumchen zu Bäumchen und bewunderte die Früchte, die in seltener Fülle das gelbe Laub durchschimmerten. Bei den Birnenspalieren blieb er wiederum stehen. Drei schöne Exemplare auf Reihe. Mit sorglichen Händen glitt er über die Grüne Sommer-Magdalene, über die Späte Hardepont und erfreute sich an den prächtigen Wangen der Roten Dechantsbergamotte. Eine warme Spätsommersonne fiel in den kleinen Priestergarten, der sich an die Stadtmauer lehnte und mit seinem unteren Teil ein stilles Wasser begrenzte, über das hinaus der Blick in endlose Wiesen hineinging, die sich bis zu dem benachbarten Moyland erstreckten. Violette Astern blühten auf den schönabgezirkelten Rabatten, während krapprote Georginenstöcke so schnurgerade die schmalen Wege begleiteten, als hätte sie ein preußischer Korporal ausgerichtet und sie wie die Musketiere nebeneinander gegliedert. »Augen links!« Jeden Augenblick wartete man auf dieses Kommando. Allein es setzte nicht ein. Dafür aber begann die Mittagsglocke von Sankt Nikolai zu läuten, und ihre Klänge standen über dem Fleckchen Gartenerde wie singende Schwäne. Da faltete Andreas Lobbers die Hände, und seine Lippen sprachen: » Laudate, pueri, Dominum; laudate nomen Domini! Sicut erat in principio et nunc et semper et in saeculorum. Amen .« Mitdem rief irgendein weibliches Wesen aus der nahegelegenen Küche: »Herr Kaplan!« »Was soll's, Therese?« »Es ist jemand im Hausflur!« »Ein Bekannter?« »Herr Schnapp von der Waterkant!« »In welcher Angelegenheit?« »Er möchte Sie selber sprechen, Hochwürden!« »Soll kommen!« In den Augen des jungen Klerikers glänzte etwas Fideles auf, denn der Name des Angemeldeten wirkte auf seine Heiterkeit wie Spaniol auf die zarten Schleimhäute empfindlicher Nasen, und als der Biedermann erschien, sonntäglich gekleidet, und ein kräftiges » Deo gratias !« durch den stillen Gottesfrieden lärmte, trat Andreas auf ihn zu und fragte schmunzelnd: »In welcher Eigenschaft darf ich Sie begrüßen, mein Lieber? Als Bart- und Haarkünstler oder als früherer Lehrer? Ihr › Deo gratias ‹ weist auf das letztere hin.« »Wie es Ihnen bequem ist, Hochwürden. Beide Ämter habe ich in Ehren verwaltet, hoffe jedoch, im ›Glücklichen Diwan‹ weiter zu kommen. Er scheint mir wie die Sonne zu sein, die liebliche Lichter regnet. Der Lehrerstand warf mir ein Haar in die Bouillon. Ich hab's verwunden, Hochwürden.« »Und der Zweck Ihres Besuches?« »Ich möchte mich in den Stand der heiligen Ehe begeben, mit dem Ring am Finger mein Dasein weiter leben, denn meine jetzigen Unternehmungen und Arrangements rufen gebieterisch nach der waltenden Hand einer Hausfrau.« »Ich hörte davon. Außerdem: Sie wollen Ihren Laden vergrößern?« Der Streichriemen schüttelte bedauernd den Kopf und machte eine abweisende Handbewegung. »Laden, Hochwürden? Vergrößern, nur vergrößern, Gestrenger?! Das sind keine Worte, Sie barmherziger Samaritan. Ich verwerfe sie mit dem Abscheu der Verhinderung. Was Sie mit ›Laden‹ bezeichnen, wächst sich zum Ereignis aus, und was Sie unter ›Vergrößern‹ verstehen, ist ein glänzender Umbau geworden. Ich will über die Kreisstadt hinaus, will mit dem alten Schlendrian aufräumen, will arabischen Zauber und dartun, wie Kunst und Hygiene sich geschwisterlich paaren.« »Ein großes Ziel!« »Kein Zweifel, Hochwürden ... und 'ne Aufmachung sage ich Ihnen ...!« und Schnurr umschrieb mit langsamem Zeigefinger ein längliches Viereck, das sein lebhafter Geist ihm vor die Seele stellte. »Und solche Spiegel, Hochwürden! Selbstverständlich Goldrahmen und geschliffene Gläser. Dazu Phiolen und Flaschen aus bestem Kristall, seltsam und absonderlich wie die Gebetmühlen der Tibetaner, und aus diesen Phiolen werde ich Ambra, Pomeranzenwasser und alle Düfte des Orients verstreuen. Kultur am Niederrhein! überhaupt ganz etwas Extraordinäres, von dem man sagen wird: Ecce nunc benedicite !« »Das wird Geld kosten, mein Lieber.« »Nur keine Sorge! Wir haben Aschrafis, und mein Schwiegervater ist bereits auf dem Wege, den hierzu nötigen Fundus sicher zu stellen, und darauf basierend, gedenke ich das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden: Schönheit und glücklicher Diwan, Hochzeit und die Freuden der Ehe. In vier Wochen vielleicht, und ich möchte Sie bitten, das erforderliche Aufgebot in die Wege zu leiten. Mit Freude und großer Lust. In sensu Evangelii , um es beim richtigen Namen zu nennen.« »Ja, wenn ich zuständig wäre! Aber das bin ich nicht. Da müssen Sie sich schon an meinen höheren Amtsbruder wenden, und das ist der Dechant.« »Hören und Gehorchen! aber Sie wissen, Beherrscher der Gläubigen, wollte sagen Hochwürden, ich stehe so recht nicht mit ihm ... kleine Mißhelligkeiten ... Tausend und eine Nacht ... die weisheitsvollen Sprüche der Königin Scheherezade und ähnliche Dinge ... und da möchte ich fragen, ob Sie nicht die Freundlichkeit hätten ... Es wäre mir lieber ...« »Gut, ich werde die Vermittlung übernehmen und vorstellig werden. Somit würde dann das erste Aufgebot am nächsten Sonntag erfolgen ... und in Ihrem Interesse, mein Lieber: Ihre orientalischen Fieberkurven und gewagten Sentenzen, die etwas nach derber Erotik schmecken, müssen Sie allmählich abflauen lassen. Nur so wird eine christliche Ehe gezeitigt, die allen Anfechtungen des Lebens zu begegnen imstande ist; nur so sind Sie fähig, die auferlegten Pflichten zu tragen und die Miseren hinzunehmen, die sich mit diesem Sakramente verbinden – nur so werden Sie glücklich.« »Hoffen wir!« sagte Schnurr Schnapp mit einem getragenen Hochgefühl in der Brust, ganz beseligt von den gütigen Worten des jungen Seelsorgers. Aber den alten türkischen Adam zog er nicht aus. Der blieb ihm. Mit diesem Kaftan angetan, gedachte er sich dereinst auf die letzten Kissen zu strecken, wenn für ihn die Fabeln und Wunder der tausend Nächte und der einen Nacht wie ein Schemen zergingen. »Ich danke Ihnen, Hochwürden, und auf unserer Hochzeit sollen Sie den Ehrenplatz haben, direkt neben Lena. Ich sage Ihnen« – und Daumen und Zeigefinger der rechten Hand stellten sich spitz gegeneinander – »eine Rose des Südens, wie Milch und Blut und mit zwei Granatäpfeln ausgestattet ... O, o ...!« Er sprach es besonnen und leise, eine kaum bemerkbare Wehmut im Ton, aber so schön, als sähe er in einer lieblichen Vision die Minaretts und Palmen von Bagdad, als sähe er Lena am Brunnen, wie sie sich entschleierte in der abendlichen Kühle, über sich die goldene Sichel, und ein Gewand nach dem andern fallen ließ – eins nach dem andern ... Dann trat er mit nochmaligen Dankbezeigungen über den Kiesgang den Rückweg an und sang dabei verloren in die Georginenstöcke hinein: » Vivant omnes virgines ...« wobei er an seine Gazelle dachte, duftend nach Benzoesalbe, an seinen gütigen Schwiegervater, der selbstwillig die Lasten des Tages auf sich genommen hatte und nach dem Aukamp gepilgert war, um ein halsstarriges Frauenzimmer gefügig zu machen und dem Geheimnis der zukünftigen Ehe die noch geschlossenen Augen zu öffnen. Aber er wollte sich ihm gegenüber auch erkenntlich erzeigen, das nahm er sich vor, er wollte ... Ja, was wollte er denn? Kurzum, es sollte großartig werden, und zwar heute noch, heute so ums Schummern herum, wenn die Weezer Post fällig war und die ersten Laternen an den Straßenecken aufblinzelten ... niedagewesen und mit allen Schikanen! und diesen Gedanken ausspinnend, zog er durch den herbstlichen Priestergarten. Andreas Lobbers sah ihm nach. Um seine Augenwinkel spielte der Schalk. In seinem Inneren kicherte ein fröhlicher Triller. »Unverbesserlich!« meinte er lustig. »Er bleibt, was er ist: ein Gottestropf, oder besser gesagt: ein Dämel in Allah. Aber der Alte ...! Er scheint das Wasser trüben zu wollen, um fette Schleien zu fangen. Achtung, Andreas!« und der vergnügte Menschenkenner und Diener des Herrn kehrte sich abermals seinen Spalieren zu und bewunderte eine gestreifte Dechantsbergamotte, die er mit ihren rosigen Bäckchen und ihrem stattlichen Bäuchlein für die schönste erkannte. »Ein Prälat unter den Birnen!« erklärte er übermütig. »Ein Präsent für Hans Harkort!« und mit zärtlichen Händen streichelte er das schmackhafte Gebilde aus seinem Zier- und Nutzgarten und sprach es an, als wenn er zu einem vernünftigen Menschenkind spräche. Dann wurde er unterbrochen. »Herr Kaplan!« rief es von der Küche herüber. »Nun, Therese ...?« »Die Saucischen sind fertig! Saucischen mit Wirsing.« »Mein Leibgericht,« sagte Andreas. Dann rieb er die Hände und lächelte: »Der reinste Lucullus oder Trimalch! Es fehlt nur ein Petron, um mein einspänniges Symposion würdig zu besingen. Mit Rosen im Haare ...« Die Weise vor sich hinsummend, trennte er sich von seinen Obstbäumchen. – Ungefähr um diese Stunde hatte Jan van den Birgel den Aukamp betreten, um eine halbe Stunde später wie ein Reisender in Buckskin, den man vor die Tür gewiesen, wieder über die Schwelle zu stolpern und landeinwärts zu treiben. Als er die Begleitung des zottigen Neufundländers los war, wandte er sich um und streckte noch einmal seine blutleere Faust nach dem Gehöft aus. Ein Fluch knatterte von seinen Lippen herunter. »Gott's den Donner noch mal, dies Weib ist mir über!« und er sah eine Leere vor sich, die ihn für einen Bankrottierer erklärte. Seine schönsten Trümpfe versanken wie bleierne Enten. Was er jetzt anfangen sollte, wußte er nicht. Er befand sich zwischen zwei Feuern: Schnurr Schnapp und Franziska. Jener drängelte, und diese hatte den traurigen Mut, ihm das Gewerbe eines Erpressers in die Schuhe zu schieben. Kein Zweifel: die Karte hatte eine niederträchtige Volte geschlagen. Seine Schläfen fieberten. Er konnte keinen energischen Gedanken mehr fassen, sich nicht selber gebieten: »Das tust du, und jenes ist unumgänglich nötig geworden.« Er fühlte sich wehrlos und machtlos. Die Waffe, die er zwischen den unbarmherzigen Fingern hielt, sah ihm rostig und schartig entgegen. Wie sollte er sie nutzen und sachlich gebrauchen? Ebenso gut hätte man ihm zumuten können, ein kleines Erdbeben zu inszenieren, den Popocatepetl in Bewegung zu setzen oder 'ne Stute zum Wallach zu machen. Einfach scheußlich! – und wie ein armseliger Sterblicher, der mit seinem Eselgespann in einen Bunzlauer Kram geraten war, torkelte er unter den Chausseebäumen hin, die ihn höhnisch mit ihren gelben Blättern bewarfen; er aber hoffte, in der ›Ewigen Anbetung‹ wieder Mensch unter Menschen zu werden. Allein Aloys Boßmann hatte inzwischen einen kleinen Abstecher nach Kevelaer gemacht, und so blieb ihm nichts übrig, als nach Weeze zu stakeln, um dort die abendliche Post zu erwarten. Gegen drei kam er an. Noch vier Stunden hatte er bis zum Abgang der schwerfälligen Kutsche totzuschlagen. Das besorgte er auch redlich in den verschiedenen Ausspannungen und Kneipen, an denen Weeze so reich war wie der benachbarte Gnadenort an Seufzern und Rosenkränzen. Im ›Spanferkel‹ genehmigte er sich ein Schellrippchen mit Sauerkraut und diverse Glas Bier, im ›Fröhlichen Landmann‹ spielte er eine Partie ›Schafskopf‹ und genoß die dazugehörigen Schnäpse, und als er im ›Blauen Schiffchen‹ fünf vollgemessene ›Dornkaats‹ getrunken hatte, mahnte der Schwager zum Aufbruch. Fünf Minuten später rollte der schwefelgelbe Wagen, Jan zwischen den abgeschlissenen Polstern, über die eintönige Heerstraße. Kurz vor Abschluß der Reise machten die Laternen ihre plierigen Augen auf, und unter den feierlichen Klängen »Allabends, bevor ich zur Ruhe geh',« die allerdings von Zeit zu Zeit mit einem Knödel in der Kehle aufwarteten oder mit einem unvermeidlichen Kickser behaftet waren, stuckerten die Räder über das holperige Straßenpflaster, um bald darauf vor dem Königlichen Postamt zweiter Klasse zu halten. Ganz verweht erschien Jan auf dem Trittbrett. Aber wie erstaunte er! Fünf rosige Lampions strahlten ihm entgegen, fünf rosige Lampions aus Zuckerrüben, die Schnurr Schnapp von der Waterkant von andermanns Acker stibitzt, ausgehöhlt, mit Kerzenstummeln versehen, auf Haselstecken geschoben und sie fünf Mitgliedern des Männergesangvereins ›Frohsinn‹ in die Hände gedrückt hatte. Und diese stimmgewaltigen Brüder, diese Fackelträger und Gesinnungsgenossen ... »Eins, zwei, drei!« kommandierte der Inhaber des ›Glücklichen Diwans‹, und sangesfreudig klang es über den Marktplatz: »Alles schweige! Jeder neige Ernsten Tönen nun sein Ohr! Hört, ich sing' das Lied der Lieder, Hört es, meine deutschen Brüder! Hall' es wieder, froher Chor!« Jan wollte Einwendungen machen, die Lage der Dinge erklären, sich rechtfertigen ... allein eine neue Strophe brauste schon wieder über ihn fort: »Nimm den Becher, wackrer Zecher, Vaterländ'schen Trankes voll! Nimm den Schläger in die Linke, Bohr' ihn durch den Hut und trinke Auf des Vaterlandes Wohl!« Der Gefeierte gestikulierte mit Armen und Beinen, er gedachte zu sprechen, die Ehrungen von sich zu weisen, sein trostloses Nichts zu beteuern, aber seine Zunge stand still, wie die Sonne auf Josuas Geheiß stille stand zu Gibeon, als er auszog, um die Amoriter mit der Schärfe des Schwertes zu schlagen. Sein gedunsener, konfuser und verschnapster Zustand machte ihn völlig vertapert. Was sollte er überhaupt mit dem Hut und dem Schläger beginnen? Dazu kamen noch die lärmenden Zurufe: »Beherrscher der Gläubigen! Hurra und Vivat! Jan van den Birgel soll leben!« und bevor er sich noch zurechtfinden konnte, hatte ihm sein zukünftiger Schwiegersohn einen festen Kuß auf die Wange geklebt und den Arm in den seinen geschoben. »Mensch!« rief er ihm zu, »ich seh' es dir an: deine Mission ist gelungen. Ich staune im höchsten Erstaunen. Um Allah und bei deiner Bescheidenheit: du bist ein Vezier, ein Kalif, dem die Aschrafis von den Fingern springen wie die Mäuse vom Mehlsack. Der Himmel träuft von der Fülle des Segens. Nun komm' man! Auf nach Mekka, die Herren!« und widerwillig, Schnurr zur Linken und den Bocken-Wilm zur Rechten, unter Fackelbeleuchtung, hergestellt durch fünf glimmende Zuckerrüben, unter Hoch- und Vivatrufen, sah sich Jan über den Marktplatz gezogen. Dazu sangen die Jünger Arions: »Hab' und Leben dir zu geben, Sind wir allesamt bereit. Sterben gern zu jeder Stunde, Achten nicht der Todeswunde, Wenn das Vaterland gebeut.« Dreimal ging es im Triumphzug um die eingedunkelte Linde, fünfmal um das Standbild des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz, am ›Dicken Tommes‹ vorüber und dann johlend nach Hause. Hier angekommen, legte ihm Schnurr den Arm um den Nacken, beugte sein Entenschnabelgesicht tiefer und sagte: »Beherrscher der Gläubigen, Erzeuger der Jungfrau, würdig unter den schwarzäugigen Bräuten des Paradieses zu sitzen, ich bitte um fünf Taler Vorschuß.« Jan sah ihn fassungslos an, versenkte die Hände in die Hosengehäuse und beutelte die leeren Taschen auswärts. »Nichts!« lächelte er krampfhaft. »Das letzte Kastenmännchen ist im ›Blauen Schiffchen‹ geblieben. Reineweg nichts mehr!« Schnurr wurde zur Salzsäule, und als die Starrheit sich löste, fragte er, von einer aufdringlichen Ahnung gefoltert: »Und die sonstigen Aussichten ...?« Jan zuckte die Schultern. Der Fuselnebel zerfloß, die Wirklichkeit verkörperte sich, und er fand nur die Worte: »Das verfluchtige Fraumensch!« dann blickte er stier vor sich hin, stumm wie ein Fisch und in frommer Ergebung. »Du schweigst,« donnerte Schnurr, »und sitzt auf deinem sonst so eifrigen Maulwerk? Du meinst, das Grauen des Tages zu spüren, und hältst inne in der verstatteten Rede? O du Bettelvogt und entlarvter Pocher und Prahler!« und verzweifelt warf er seine langen Arme aufwärts, den Sternen, der ewigen Gottheit zu. »Meine Ahnung, meine furchtbare Ahnung! Das ›Sesam, öffne dich‹ ist purer Schwindel gewesen. Ich wähnte alle Dinge des Geschehens in bester Verfassung und sah mich bereits tagtäglich vor einem gemästeten Sandhuhn, gefüllt mit Pistaziennüssen und Kardamomen, sitzen –- und nun dieser Wandel! Man sollte dich in diesem Falle auf das Blutleder stoßen, wie es Allah gebietet. Mein Diwan versinkt, mein Halbmond erbleicht, meine Phiolen und Flaschen lösen sich auf als Fata Morgana. Aber das ist keine Fata Morgana: trotz Aufgebot und dem übrigen Schwindel, ich ziehe mich zurück, ich bin nicht mehr willens, mich auf ehelichen Krücken fortzubewegen. Friede mit dir, aber deine undurchbohrte Perle – behalte sie, Jan; dieses köstliche Gefäß weiblicher Reize – vererbe es einem andern, Jan ... ich mache nach Holland,« und mit großen Schritten suchte er ein möglichst erkleckliches Wegstück zwischen sich und den Alten zu legen. Die erhellten Zuckerrüben verloren sich. Die Schritte der verdutzten Fackelträger verhallten allmählich. Es war einsam um Jan van den Birgel geworden – ganz einsam. Gesenkten Hauptes trat er in das Haus seiner Väter.   Die schmucken Kränze und Girlanden, die Kosman Kraneboom zum Empfang seiner Herrin an der Eingangstür des stattlichen Wohnhauses hatte anbringen lassen, knisterten bereits vertrocknet im laulichen Wind, und die schöne, fast kürbisrunde Dechantsbergamotte im kleinen Priestergarten ging ihrer Reife entgegen. Die Tage, die jetzt kamen, waren wie Feiertage, und die Nächte wie Träume, die mit ihren Himmelslichtern wie mit lieblichen Perlenschnüren spielten. Die Georginen prunkten noch immer in ihrem heitersten Flor, und die Asternbeete schauten aus wie bunte Teppichmuster, rosa und violett und mit einem tiefen Indigo dazwischen. Das Mariengarn segelte in langen Fäden durch die Luft oder verhäkelte sich mit den Bäumen, die in der Niederung standen. Aber so resigniert der sterbende Sommer auch zu lächeln vermochte, so rot und golden die Wälder auf dem nahegelegenen Monreberg auch aufflammten, so kregel der Halbmond über der Eingangstür des Schnurr Schnäppchen Frisier- und Barbiersalons auch seine Strahlen versandte – eines Morgens sahen die vorübergehenden Leute und die, die sich vor dem Hochamt noch ›schön‹ machen wollten, die Blenden vorgelegt und die Schwelle verrammelt, und mit Staunen lasen sie auf einem mit Oblaten angeklebten Papierschildchen: »Ich trank das Glas der Strenge bis zur Hefe; Demütig warf ich mich vor ihre Füße. Das Schicksal schwor, uns Liebende zu trennen. Es hielt sein Wort: ich weiß es, weil ich büße! So geschrieben in der zweihundertundelften Nacht, und ihr da, die ihr da wähnt, daß das ›Sesam, öffne dich‹ noch immer zu euren Diensten stände – ihr irrt euch. Mit dem heutigen Tage bleibt der Diwan verschlossen. Dringende Gründe zwingen mich, mein Lokal zu verlegen. Allah gebot es. Ich will mich verändern und mache nach Holland. Schnurr ...« und als diese Hiobskunde in das dem Untergang geweihte Häuschen hineinkroch und sich dort einnistete, wandelte sich Lena, die noch immer harrte und hoffte, in das Weib des gottesfürchtigen Mannes Loth, während Jette in vorahnender Weise Pfötchen und Rüssel putzte und sich sacht auf die Sprünge machte, weil sie sich in ihrem Nagerverstand sagen mußte: »Bald gibt es auf dieser Stätte nichts mehr zu brocken und nichts mehr zu knabbern. Also warum denn?« und die Undankbare drehte sich der Behausung und der Stätte des Bocken-Wilm zu, wo das Geschäft immer noch blühte. Jan sah sie wandern. Da faßte ihn eine ohnmächtige Wut. Der Zorn des göttlichen Peliden kam über den Ärmsten. Mit der Faust stieß er sich gegen die Stirn, daß es knallte. »Die Ratten verlassen das Schiff!« rief er schäumend und brach lautlos zusammen ... und als Andreas Lobbers von dem Unheil hörte, das der Streichriemen und Antlitzverschönerer angestellt hatte, um sich wie Masrur, der Träger des Schwertes, seinen Verpflichtungen zu entziehen und sacht zu verflüchtigen, da suchte er sein kleines Gartenidyll auf und gab sich Betrachtungen hin, die sich mehr oder weniger mit der Unbeständigkeit und der Wandelbarkeit des irdischen Glückes befaßten. Und dennoch vergnügte er sich, denn er sah diesen seifenschaumschlagenden Don Quichotte von der Mancha vor sich, wie er leibte und lebte, und seine Seele ward heiter. »Nein, nein,« sagte er im Weitergehen, »diese Affenkomödie! Diese Farce in optima forma ! Da muß einer schon die Brille aufsetzen, um einen solchen Schnorranten und verschnapsten Theaterkönig aus hartgewordenem Papierbrei zu finden. Aber mit welcher Glorie und Grazie verließ er die Bretter! Einfach zwerchfellerschütternd. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte vor eitel Wonne einen Purzelbaum schlagen. Applaudite! comoedia finita est ,« und er ging hin und streichelte die ihm liebgewordene Bergamotte, diesen Prälaten unter den Birnen, mit gütigen Fingern – und da geschah es: die vollreife Frucht brach schmerzlos vom Holz, drehte sich um die eigene Achse und bettete sich sorglich zwischen die weißen Hände des jungen Geistlichen, rundlich, mit zartem Arom und über und über mit seinen Stippsern gepunktet. »Für Hans Harkort,« sagte er nachdenklich. »Eine kleine Freude für ihn. Es ist gerne gegeben. Andreas Lobbers Donator.« Etliche Stunden später war er auf dem Wege nach Op gen Oort. – – – An demselben Tage hatten sie sich im Hochamt gesehen, nach langer Zeit wieder: er, Hans Harkort, und sie, Franziska Simonis, und als das Credo einsetzte und die Stimme des Priesters ertönte: »Credo in unum Deum. Deum de Deo, lumen de lumine. Deum verum de Deo vero!« trafen sich ihre Augen, aber nur im Nu, mit der Gedankenschnelle eines Blitzes, wenn er den Horizont aufhellt, um gleich darauf wieder in die Nacht des Schweigens und der Finsternis zu gleiten. Allein für Hans Harkort blieb diese Helle bestehen: sie züngelte auf wie ein Feuer in der Osternacht, das stetig zu wachsen schien und mit seinen lichten Garben die dunkle Kuppel berührte, und als das ›Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis‹ verhallte, der Priester den Segen erteilte und anhub zu sprechen: »Benedicat vos ominpotens Deus, Pater et Filius et Spiritus Sanctus!« als sie die Kirche verließ, in ihrem ebenmäßigen Gang und in der Ruhe einer Abgeklärten, da erinnerte er sich wieder der eindringlichen Worte seines Freundes: »Nur an diesem Weibe kannst du gesunden«, und diese Worte gingen ihm nach wie eiserne Gebote, wie Glockenrufe, und sie waren bei ihm, als er einsam durch die kahlen Felder nach Op gen Oort schritt und die Stunden sich langsam in den Nachmittag verloren. Da wußte er, was er zu tun hatte, denn ein fester Wille befahl ihm: »Heute hast du über dein Geschick zu würfeln, über Auferstehung und Niedergang, über Tod und Leben. Res ad triarios venit . Die Zeit ist gekommen«, und da riß er sich zusammen wie ein Großer und Starker, wie einer, der bereit ist, die Viktoria zu erzwingen oder auf verlorener Walstatt sich in die Fetzen seines Fahnentuches zu hüllen, um den ehrlichen Soldatentod zu sterben. Eins oder das andere. Ein drittes gab es nicht mehr, und so entschloß er sich denn und machte sich auf den Weg zu den Wassermühlen. War für ihn die Zeit wirklich gekommen? Ja und nein, und wenn er alles überlegte: eigentlich nicht; denn seit dem Tode des Verhaßten waren kaum fünf Monde vergangen. Noch hatte sich dieser nicht in der Ewigkeit eingerichtet, noch sich nicht die Erde gesetzt, die ihn deckte, noch waren die Kränze nicht verwelkt und zermürbt, die auf seiner Grabstätte ruhten. Aber was galt ihm Simonis? Was sollte ihm dieser? Um seinetwillen war ihm das Leben verwüstet, war er bis an den Abgrund des Wahnsinns getaumelt. Um seinetwillen hatte man seiner Liebe die Sterbegebete gesprochen, hatte man ihn hineingestoßen in die Gemeinschaft der Verzweifelten, die untätig vor sich hinmurmeln und nicht mehr darauf sinnen, möglichst bald aus dem Bereich ihrer bösen Gedanken zu kommen ... und im Angesicht dieser Ungeheuerlichkeiten sollte er sich noch Pflichten auferlegen? Pflichten gegen wen denn? Gegen Simonis? Der Welt gegenüber? Rein lachhaft! Er hatte keine anderen Pflichten mehr als gegen sich selbst, nur das verdammte Muß und die Schuldigkeit zu erfüllen, seinen geraubten Besitz, sein Höchstes und Liebstes aus der ekelhaften Umklammerung des Toten zu reißen ... und dieses als starres Gesetz, als das Recht des Lebendigen mit sich führend, hatte er die Rote Schleuse erreicht, die an dieser Stelle den Paternosterdeich unterlief und mit ihrem gewaltigen Mauerwerk, ihren Sielen und Rosten einen Ausgleich des Wassers herbeiführte, wenn bei Überschwemmungsgefahr die Neuflut in die Niederung wollte, um alles hinwegzunehmen, was sich ihr entgegenstellte. Der Deich grenzte das Op gen Oortsche Gebiet von dem ab, was zu den Mühlen gehörte. Hier an der Schleuse blieb er stehen. Der Himmel hatte jene eigenartige Färbung angenommen, wie der Herbst sie dem Niederrhein bringt, wenn der Nachmittag sich danach sehnt, Abschied zu nehmen und sich von dem sanften Dämmerlicht des Abends umschmeicheln zu lassen. Die unbestimmten Geräusche des Tages ebbten langsam zurück. Ein kupferfarbiger Ton überspannte das weite Land, in dem die Bäume ihr Säuseln vergaßen und die Teiche so ruhig zwischen den Ufern lagen, als wären sie flüssige Lava gewesen. Nichts störte die große Einsamkeit; keines Menschen Ruf ließ sich hören, keines Vogels Stimme war über den Altwassern. Nur drüben neben der linken Deichflanke bewegte sich ein einzelner Schatten, der langsam heraufkam ... Unbewußt und des Weges kaum achtend, ging er diesem Schatten entgegen. Da sah er ... Nun war die Stunde gekommen. Er brauchte die Schritte nicht weiter zu lenken; das Geschick wollte: sie sollten sich finden, und sie fanden sich ohne ihr Zutun, ohne daß einer von dem anderen wußte, ohne daß ihnen eine innere Stimme geboten hätte: »Begebt euch zur Roten Schleuse; da wird Gott mit euch sprechen!« Sie war barhaupt und leicht gekleidet; nur ein dunkles Spitzentuch hatte sie um sich geschlagen, das die Formen ihres geschmeidigen Körpers und die zierlichen Konturen der Schultergelenke nicht zu bergen vermochte. Straffgezogen, legte es sich um die runden Arme und das keusche Wunder ihrer ganzen Erscheinung. Gefaßt sah sie seinem Kommen entgegen. Nichts verriet, was in ihrem Inneren vorging. Ihre Züge wiesen nicht die geringste Veränderung auf. Ebenso gut hätte sie mit diesen Zügen zum Tische des Herrn schreiten können, um mit der Gläubigkeit eines schuldlosen Kindes niederzuknieen und das Abendmahl zu empfangen. Der Spiegel ihrer Seele schäumte nicht über; kein Windhauch kräuselte ihn. Er lag so friedlich wie die Oberfläche eines verschwiegenen Wassers. Nicht einmal die zarte Schwinge eines Vogels machte ihn unfreundlich. Still und gelassen begegnete sie seinen hungrigen Blicken. Jetzt stand er vor ihr und suchte sie an sich zu ziehen. »Franziska ...!« Sie wehrte ihn ab. »Nein du,« sagte sie schmerzlich, »das ist vorüber. Du weißt doch: wir wollten uns nicht mehr begegnen ... ich bat dich darum ... ich flehte dich an um meiner Ruhe und Seligkeit willen ...« »Und das sagst du auch jetzt noch?« »Auch jetzt noch.« »Franziska, Franziska ...!« Wie ein Trunkener war er ihr zu Füßen gefallen, hatte ihre Knie umspannt und das gequälte Antlitz in die Falten ihres Kleides geborgen. »Erlöse mich, hilf mir! Willst du mich denn völlig verderben?!« Mit einem rauhausgestoßenen Laut brach er ab. Die Welt brauste auf und tobte ihm zu wie die dröhnende Arbeit in einem Hammerwerk, und war doch alles so still in ihr wie in einer Totenkammer, wo selbst die Sterbekerzen nicht zu knistern wagen und die Schuhe der Seelfrau so geräuschlos über den Boden gehen, als scheuten sie sich, die Dielen zu berühren. Aber das Hammerwerk pochte und stampfte. Mit einem unterdrückten Schrei hob er den Kopf. Der ganze Mensch schüttelte sich vor wilder Erregung. »Hans,« sagte sie weich, »sei doch nicht so gänzlich verzweifelt!« Sie beugte sich zu ihm. Ihre weißen Hände legte sie ihm auf die Schultern und dann auf die Stirne. »Du weißt, was ich denke und daß ich dich namenlos liebe. Erinnere dich meines Briefes von damals. Es ist mir so, als hätte ich ihn erst heute geschrieben. Keine Silbe ist mir entfallen, auch nicht die geringste. Hans, ich flehe dich an: Vergib mir, mache mich nicht noch kränker, als ich bin. Denke daran: unsere wechselseitige Neigung muß absterben, muß sich in sich selber verzehren. Das gilt heute mehr noch als damals.« »Auch jetzt noch,« sagte er schmerzlich bewegt, »wo der Tod die Schranken niederriß, die sich zwischen uns stellten? Auch jetzt noch, wo ich dir zujubeln wollte: Mors imperator ? Auch jetzt noch, Franziska?« »Erspare mir die Antwort darauf!« versetzte sie schluchzend. »Es wäre zwecklos und würde dich und mich nur noch tiefer in die Versuchung hineintreiben. Quäle mich nicht! Beende diese entsetzliche Stunde! Du hast kein Recht, mir das Siegel vom Munde zu nehmen, und es steht dir nicht zu, meine Seele durch das Grauen zu peitschen. Überlasse mich meinem eigenen Schicksal. Wende dich von mir! Wir wollen in Frieden scheiden, ohne Groll im Herzen, und nur der Erinnerung leben. Aber noch einmal du ...« und ihre Stimme war wie die einer Verzückten, »was ich damals in Gedanken begehrte: noch einmal du ... werfe ich mich in deine Arme hinein ... drücke mich an dich ... küsse dich mit einem langen, verzehrenden Kusse!« Und das Weib war in ihr lebendig geworden, das Weib, das nach dem Manne schrie wie der Sterbende nach den Heilssakramenten ... »Hans, Hans, Hans!« und sie zog ihn empor, umschlang ihn, und ihre Nasenflügel weiteten sich über dem halbgeöffneten Munde, den sie ihm preisgab. »Küsse mich, küsse mich, Hans! und wenn ich vergehe!« In wütiger Hast riß er sie an sich. »O du, du, du! Geliebte! Himmlische!« und zwei Menschen standen in der großen Einsamkeit, in der endlosen Stille, die so heilig war, wie die in der Kirche, wenn der Priester die Hostie aufhebt und das große Wunder verkündet – zwei Menschen, deren Körper sich scheiden mußten wie Feuer und Wasser, Monde hindurch und lange Jahre hindurch, und die doch zueinander gehörten wie der junge Tag und das Licht auf den Bergen. »Und du liebst mich noch immer?!« »Fühlst du es nicht? Du mußt es fühlen!« und ihr Mund preßte sich auf den seinen wie eine Flamme des Herrn ... und schmerzte ihn ... und nahm ihm das Blut von den Lippen. Dann ließ sie von ihm ab. Mit einer jähen Bewegung warf sie sich rücklings. Ihre Arme stemmten sich gegen ihn an. Ihr Antlitz war bleich wie Wachs geworden. »Hans,« sagte sie mit geschlossenen Augen, »das ist mein letztes Vermächtnis. Es ist mein Höchstes und Bestes. Mehr kann ich nicht geben. Mit diesem Kuß kaufe ich mich los von dir ... nehme ich Abschied ... will ich in mein eigenes Leben zurück ... sonst: die Vergangenheit hätte dir etwas zu sagen.« Sie wandte sich zum Gehen. »Du bleibst.« Seine Stimme klirrte. Mit eiserner Faust umspannte er ihr Handgelenk. »Also auf- und davongehen, das willst du?« sagte er heiser. »Glaubst du denn, ich wäre ein Gottestropf, ein Spielzeug, das man achtlos beiseite wirft, wenn man seiner überdrüssig geworden ist? Du bist wohl von Sinnen? Du –« und seine Blicke zuckten in die ihren hinüber – »für wen hältst du mich denn?! Bin ich dazu bestimmt, den Bajazzo mit dem durchstochenen Herzen zu spielen?! Du reißt mir die Schale vom Munde, die du mir botest, um mich verdursten zu lassen. Du gibst mir deinen Leib zu kosten, um mich wie ein lästiges Tier vom Leibe zu schütteln ...« »Hans, verstehe mich doch! Ich flehe dich an!« »Nein, ich kann dir nicht folgen. Ich schlage die Pforte des Himmels ein, um mir den Eingang zu erzwingen. Ich reiße sie auf, und sollte ich darüber irrsinnig werden. Und wäre der Grund und Boden, auf dem du lebst und atmest, tausendmal sündig geworden, und hätte sich die Schuld eines andern an dich geworfen und dich übergeifert, um auch dich zu vergiften – drüben auf Op gen Oort ist heilige Erde. Mag hinter dir alles versinken – auf meinem Grund und Boden wirst du entsühnt. Dorthin gehörst du, du mein Weib, du mein Alles, mein Leben und Sterben!« und, seiner Sinne nicht Herr, hob er sie auf und preßte sie an sich. »Was tust du? Was machst du aus mir?!« Sie warf sich an seiner Brust herum und suchte aus seiner Umstrickung zu kommen; aber er hielt sie wie mit eisernen Klammern, die sie immer fester umschlossen. »Hans, ich darf nicht und kann nicht! Ich entweihe die Erde, deinen Besitz, deine Scholle!« »Du,« lachte er gellend auf, »du und entweihen ...?! Sühnen tust du, segnen tust du! Unter deinen Füßen grünt der Acker, schwillt das Saatkorn, werden die Felder begnadet ... und drüben auf Op gen Oort: da wird Verlöbnis gehalten, da werden die Ringe getauscht, da wartet die Kammer auf dich, da fällt die Nacht des Vergessens über uns her ... eins werden wir dort ... ein Leib, eine Seele ...! denn um deinetwillen brach ich die Fesseln, zerpflügte ich den Verstand meines Vaters, warf ich die Soutane von mir und wurde zum Siegelbrüchigen ... aber für all diese Qualen: an deinem Leib will ich gesunden, will ich die Freude genießen, will ich wissen, wie Weibesliebe tut und Weibesliebe beseligt!« und mit der Kraft eines Gewaltigen trug er sie aus dem sündigen Reich der Deichkrone zu, hinter sich die Wassermühlen, wo eine dunkle Schuld brütete, vor sich Op gen Oort mit seinen hellen Fenstern, die im Abendfeuer brannten und über sich Gottes Himmelreich, in das er hineinwollte. »Und wenn ich mit dir in den Schatten des Todes hineinmüßte, ich will dich besitzen!« Sie stemmte sich gegen ihn an. »Lasse mich los – du, ich bin deiner nicht würdig!« Es half nichts; willenlos wurde sie aufwärts getragen, immer höher und höher, immer freier und stolzer. Sein Atem keuchte, seine Brust stürmte, die Nähe des geliebten Weibes berauschte ihn. Ihr Duft ging über ihn fort. Er war wie ein Königssohn, der ausgezogen war, ein Königskind aus der Umklammerung eines Unholds zu retten. Endlich ...! – er hatte den Scheitel erreicht, und inmitten des Deiches, auf neutralem Gebiet, ließ er sie nieder, unmittelbar neben dem Gemäuer der Schleuse, die schroff in die Tiefe fiel, wo ein schwarzes Wasser gurgelte und Blasen trieb und geheimnisvoll rauschte ... und er streckte die Hand aus: »Hier scheidet sich Gutes und Böses, hier fällt alles von dir ab, was deine Tage umdüsterte und deine Nächte schlaflos machte, und dort« – und er deutete auf das weiße Gehöft, das im Abendlicht glutete – »und dort ist unsere Kammer bestellt. Komm' mit mir!« Er suchte seinen Arm um ihre Schulter zu legen. Da stieß sie ihn von sich. Ihre Blicke erstarrten, ihre Brust hob und senkte sich stürmisch. Ihr Antlitz war wie das einer Gerichteten. Schaudernd hatte sie ihr Spitzentuch um Brust und Schultern gezogen. »Rühr' mich nicht an – du! Ich gehöre dir nicht! Du und ich, wir sind geschieden für immer. Verpestete berührt man nicht. Du hast mir das Siegel vom Munde gerissen. Gut denn, so wisse: ich bin das Kind eines Gezeichneten, eines Verbrechers, und mit einem solchen pflegt man keine Gemeinschaft mehr, nicht die der Seele und nicht die des Leibes.« »Und wenn du es wärst ...! Ich will ...!« und er taumelte vorwärts. »Keinen Schritt weiter!« schrie sie ihm zu. Ihre Gestalt reckte sich wie die einer Gorgo, und ihre Augen waren auf einen Gegenstand gerichtet, den sie nicht oder nur halbwegs zu sehen schien. Dann flammte es in ihnen auf wie ein drohendes Feuer. »Und tust du es dennoch ...« mit einer jähen Bewegung deutete sie auf den schroffen Abgrund, auf das dunkle Wasser, »wagst du es nur: dort findest du mich, und Tote begehrt man nicht mehr.« Er stand wie angekettet, nicht fähig, ein Glied zu bewegen. Er wähnte, die Tatzen einer Pantherkatze zu fühlen. Langsam hob sich ihr Haupt. »Hans, lebe wohl!« sagte sie mit einer Stimme, die ihn völlig zermalmte. »So wollen wir scheiden. Ich gehe in das Haus der Sünde und ins Elend zurück. Du aber, Hans, tritt in das schuldlose, weiße da drüben! Vergiß und suche glücklich zu werden!« Große Tränen hingen an ihren Wimpern. Ein herzzerreißendes Lächeln, das nicht absterben wollte, machte sie zur Märtyrerin, zur Blutzeugin ihres eigenen Schmerzes, der durch ein graues Meer von Enttäuschungen und Qualen schritt, durch ein Meer, das weder Anfang noch Ende hatte. Und dennoch fluchte sie nicht, verdammte sie nicht. Sie hatte noch Mitleid mit dem, der ihr diese Stunde vermocht und bereitet hatte. Sie gedachte ihres armen Vaters in Liebe. Noch einen letzten Blick warf sie auf Hans. Sie wollte etwas sagen, ihm den Abschied leichter machen. Er winkte ihr ab. »Geh' nur, geh' nur!« sagte er kaum hörbar und stützte sich schwer auf das Gemäuer der Schleusenwehr. Jetzt hatte er sie völlig verloren. Nur einmal noch glaubte er, das seine Knistern ihres Kleides zu hören und den Duft ihres Haares zu spüren. Er täuschte sich. Mit Gewalt riß er die Lider auf. Sie war nicht mehr da. Nur ihr Schatten bewegte sich durch die abendlichen Wiesen, die still und versonnen einschlafen wollten. »Franziska ...!« Mit leeren Blicken sah er ihr nach, und er wähnte, sie noch zu sehen, als sie schon längst hinter den schwarzen Erlen verschwunden war, die in der Niederung standen. So traf ihn Andreas. Er befand sich auf dem Wege nach Op gen Oort, um ihm eine Freude zu machen, eine Freude, die in seinem kleinen Priestergarten gereift war. »Hans ...!« sagte er fassungslos. »Da geht sie, und sie kommt nicht mehr wieder,« versetzte der Ärmste. »Das Spiel ist aus; die Szene, auf der keine Kränze liegen, dunkelt ein. Ich bin ein schlechter Mime gewesen.« Und er lächelte noch und konnte noch lächeln; aber das Fieber war in ihm.   18 Mit gewaltigen Schritten ging es dem Spätherbst zu. In hellen Scharen fielen die Kramtsvögel in die Ebereschen ein, die in den Vorgehölzen standen oder die Kommunalwege in monotoner Reihenfolge begleiteten. Gleich den Vagabunden lärmten die Häher. Ihre zimtroten Wämser und die himmelblauen Bändchen ihrer Flügelfedern leuchteten weithin. Die Welt lag grau und dunstig, kalt und verwaschen, und die vom Niederrhein rüsteten sich schon auf die Tage, wo sie wieder ihre Holzschuhe mit Ehren tragen, sich die Hände reiben und behaglich vor sich hin schmunzeln konnten: »Flämmchen, glüh' mich an!« so recht aus dem Herzen heraus und beim Anblick eines emsigen Feuerchens, das mit seinem Schein über die blankgescheuerten Dielen gaukelte, heimlich knisterte und die nächste Umgebung vergoldete. Menschen und Vieh hatten während der heißen Sommermonate gesorgt und geschafft, geheimst und geerntet, alles in ruhloser Hast, in schwerer Not und im Schweiß ihres Angesichtes. Nun durften sie sich's bequemer machen und kommoder arbeiten. Auch das weite Land, Wiesen, Äcker und Triften, sehnte sich nach Ruhe und Ausspannung. Die letzten Blumen legten sich still auf die Seite, und fröstelnd drehte sich das welke Laub von den Bäumen herunter. So ging das den halben September und den ganzen Oktober hindurch. Dann, gegen Ende des Monats, klärte das Wetter auf, bekam einen frischen Atem und fröhliche Backen. Man konnte den Horizont mit den Händen greifen und jedes überständige Blättchen an den bettelarmen Zweigen der Bäume zählen, so sichtig war es mittlerweile geworden, und selbst die Kartoffelfeuer, die jetzt überall brannten, taten dem keinerlei Abbruch, denn ihre zartbläulichen Schleier ließen die Helle noch leuchtender und freundlicher werden. Ein belebender Duft, der von dem stillen Behagen des Winters erzählte, ging anheimelnd über die Landschaft, schmeichelte sich sacht in die Häuser hinein und weckte ganz leise die innigen Freuden, die sich mit Sankt Nikolaus und der kommenden Weihnacht beschäftigten. Die Wetterkundigen prophezeiten eine frühzeitige Kälte. Alle Zeichen sprachen dafür, daß sie recht behalten würden. Zeitiger als sonst hatten die Störche ihre Wanderung angetreten, und gegen alle Erfahrung und Ordnung fielen schon jetzt die wilden Gänse in die Altwasser des Rheines, zahllos wie nie und mit hellem Trompeten. Aber was das sicherste war: bereits im August hatte es die Herbstzeitlose gewagt, ihre violetten Teppiche über die Wiesen zu spreiten und das weite Land in einen einzigen Farbenrausch zu tauchen. Bis spät in den November währte das Blühen. Danach setzte der erste Frost ein, und zwar so herzhaft, daß sich die Scheiben blümten und die Wässerchen ihr Gurgeln verloren. Spitzige Eiskristalle nickten von den Bäumen herunter. Eines Morgens nun klapperten derbe Holzschuhe über den Paternosterdeich hin. Ein schwerfälliger Mann, die Schirmmütze im Nacken und die Hände in den Hosentaschen, einen Tonstummel zwischen den Zähnen, kam gemächlich seines Weges geschritten. Sein Pfeifchen glühte, und ein krauses Wölkchen zog mit ihm. Es war Jansenius, der Oberknecht von Op gen Oort, der von der Wisseler Grenze herschlenderte, wo er nach den eingemieteten Kartoffeln und Runkelrüben gesehen hatte, und jetzt im Begriff war, eine Bestellung zu machen. Vom Deich aus hatte er eine prächtige Umschau, und mit einem gewissen Behagen sah er auf die kleine Stadt, auf die Gehöfte, Katen und Weiler, die wie Nürnberger Spielzeug die flache Gegend belebten. Die jetzige Zeit, das langsame Heraufdämmern der Adventtage, lag auch ihm wie allen niederrheinischen Menschen im Blute. Er dachte an seine Jugend, an Vater und Mutter, an das, was ihm lieb und teuer gewesen war. Gott ja, wie hatte sich das alles sinnig und herrlich angelassen, wenn die Buchenknüppel ihr Feuerwerk machten und die Eisblumen auftauten, die die niedrigen Fenster bedeckten! Und dann eines Abends ... da war sein Vater aufgestanden, still und gelassen, hatte Frau und Kinder mit großen und verwunderten Augen angesehen und war mit einer wunderlichen Feierlichkeit in den Keller gegangen, der neben der armseligen Kat lag und die eingebrachten Schätze des Sommers und des Herbstes beherbergte. Mit einer gelben, dickleibigen Mohrrübe, die noch ihren grünen Federbusch trug, war er in die Stube zurückgekehrt, hatte sein Taschenmesser locker gemacht und eifrigst zu schnitzen begonnen, während dazu der Perpendikel in der alten Kastenuhr auf und nieder pendelte und die Mutter eine schöne Geschichte von Bauberger oder Herchenbach erzählte. Eine kleine halbe Stunde verging, und aus der fetten, gelben, mastigen Wurzel war ein niedlicher Holzschuh geworden, den der Vater mit einer Handvoll Hafer gefüllt und auf das Fensterbrett gestellt hatte, um dem Schimmel des heiligen Mannes Krippe und Raufe zu bestellen. Und draußen froren die Sterne und stachen wie seine Nadeln aus der Ewigkeit nieder, und tief in der Ebene klagte eine alte Weide im Frost, und heiße, glückliche Kinderherzen schauerten dem Morgen zu – dem Tag der Bescherung, der Stunde des Heiles und des reinen Christentums. Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich! »Sinter Klaas!« sagte Jansenius und wischte sich eine Träne herunter. An der ersten Schleuse machte er Halt. Er drehte sich um und blickte nach Op gen Oort. Von dorther kam ein volles Klingen und Tönen, dumpf und feierlich, das mit seinem Wohllaut ihn seltsam bewegte. Die benachbarten Ortschaften und Gehöfte nahmen den Ruf auf, und als er genauer zuhörte, da kam er von den Tennen herunter, wo Knechte und Mägde die Flegel regierten und Gottes Korn aus Gottes Garben droschen und wie mit Glocken läuteten. War das eine weihevolle Musik! War das eine Fülle des Segens! und Jansenius faltete die Hände und sagte: »Und die von Op gen Oort predigen dennoch am schönsten; aber das tut es allein nicht. Es ist keine richtige Freude dabei und keine liebliche Andacht; denn gemästete Speicher und Kornkammern machen als solche die Herzen nicht voll und können nicht sagen: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset! Ich habe dich bei meinem Namen gerufen. Ich bin dein. Das können sie nicht. Sie können den Frieden nicht geben und die innere Beschaulichkeit nicht und die innere Ruhe nicht. Da muß es schon heißen: Nu ist Sinter Klaas gekommen, auch für Op gen Oort.« Und er öffnete wieder die Hände und wandte sich und sagte noch einmal: »Sinter Klaas!« und nahm aufs neue seinen früheren Schritt auf, der rumpelnd über den hartgefrorenen Boden fortging. Schon von ferne hörte er das Rauschen und Poltern der Wassermühlen. Als er dort eintrat, sah er Kosman Kraneboom bei den riesigen Mahlsteinen stehen. Dielen und Balken schaukelten und schwankten unter dem Rucksen der gewaltigen Pfannenlager. Es war eben frisch aufgeschüttet worden. Alle Trichter und Gänge waren in regster Tätigkeit. »Tag, Kosman! So forsch bei's Geschäft?« »Sieh da! Haben wir auch mal die Ehre? Im übrigen aber: Drenkt che der eene?!« »Woröm niet?« versetzte Jansenius, »et kann jo niet schage, ent et es gut för kalde Füt,« und da langte Kosman nach einer Flasche, die in einer Wandnische stand, brachte auch ein Gläschen zum Vorschein und schenkte ihm ein. »Donnerkiel, da ist Feuer und Fett drin!« »Bester Aquavit von Hendrik Pastores; so – und nu: warum schon so zeitig?« »Es ist nur von wegen der Richtigkeit, daß ich vorsprechen täte, und möchte bloß fragen, ob wir noch drei Fuhren Weizen zubringen könnten?« »Pressiert's?« meinte Kosman. »Das weniger, aber es wäre bekömmlicher für unsren ganzen Betrieb. Nach Schluß der zweiten Adventwoche hat's so recht keinen Zweck mehr.« »Dann allerdings! Wollen mal sehen, was sich tun läßt. Für Op gen Oort sind wir immer zu haben, denn wenn solches nicht wäre, zöge sich ja alles aus Leim und Furnierung. Wie geht's denn da drüben?« »Gott, wie soll's gehn?!« seufzte Jansenius und fuhr sich mit der ungelenken Hand über die Stirne. »Bis jetzt immer dasselbe! Da befindet sich unsereiner wie in einem mächtigen Rätsel mit zune Augen. Der junge Kaplan kommt ja öfter herüber und spricht mit ihr, was die Madam ist, und dann wieder mit ihm, und redet sein Bestes. Aber es scheint: er kann auch nicht raten und helfen. Die Verfinsterung und Biesternis ist zu barbarisch geworden. Da müßte schon ein Hexenmeister kommen, um ihnen das Handwerk zu legen. Nee, es ist nichts Amüsantes von uns zu berichten. Das läppert sich so fort und geht immer tiefer ins Wirre hinein.« »Auch mit ihm?« fragte Kosman. »Das ist es ja gerade. Gottes Segen ist bei seinen Knechten und Mägden, auf seinen Weizenschlägen und auf allem, was sein ist, aber bei seiner eigenen Person ist kein Gottessegen zu finden. Keine Einsicht und gar nichts, und ich hab' immer so 'ne eigentümliche Bange, wenn er den Gewehrkasten aufmacht, um sich auf die Jagd zu begeben. Das nimmt noch mal ein erbärmliches Ende, wenn kein heldenhafter Rückschlag die Dinge anderweitig gestaltet. Einmal dachte ich, es würde sich geben. Das war so um Ostern herum und dauerte bis tief in den Sommer hinein, und ich hatte schon die munterste Hoffnung: jetzt wird's Frühling für ihn. Aber ist's für ihn Frühling geworden? Nicht die leiseste Ahnung davon, und ich kann mir nicht helfen« – und seine Stimme nahm etwas Bedrohliches und Stickiges an – »von den Wassermühlen kommt's, und von den Wassermühlen hat's nach uns hinübergegriffen.« »So!« fiel ihm Kosman ins Wort, »und nicht von Op gen Oort nach den Mühlen retour?!« »Möglich, aber das von die Wassermühlen ist das Schlimmste gewesen.« »Himmelverdammich, du willst doch meiner Herrin das gebrannte Herzleid nicht antun?!« »Kosman, man Ruhe, immer bloß Ruhe! Wir können die Sache ja in aller Freundschaft besprechen.« »Ruhe – die hab' ich, und du willst mir Ruhe gebieten, wo ich solche schon von den Preußen bezogen habe? Da ging alles mit Ruhe, mit preußischer Ruhe und Promptheit – und die besitze ich heut noch. Aber das Malör auf die Wassermühlen schieben zu wollen ... Glaubst du denn, hier ginge alles seinen normalen Gang wie'n munteres Uhrwerk, wäre alles so glatt und vergnüglich wie auf 'ner Kirmestente, und da wäre nicht Eine, die lieber heute als morgen in die letzten Laken hinein wollte? Nein, Jansenius, da bist du auf 'nen regulären Holzweg geraten. Op gen Oort hat nicht die alleinige Schuld, aber dieses Besitztum erst recht nicht. Indessen: Simonis und Jan van den Birgel – die waren's, die Hand an das Totenseil legten, um die Totenglocke zu läuten, und was die Hauptsache ist: hier und drüben befinden sich zwei liebe, aber unbedachtsame Menschen, die sich umschichtig in die Not hineinreden und sich wechselseitig zerreiben, als wären sie Mühlsteine, aber zwei harte ... und brauchten nur ›ja‹ zu sagen ... und tun's nicht ... und das ist das Kreuz ... und das ist das Unglück ... und das ist die kalte Hand, die schließlich erscheint, um mit 'nem schwarzen Pinsel über die Bretter zu fahren. Jedoch was sie ist, sie hat am meisten zu leiden.« »Das ist denn 'ne andere Sache,« pflichtete ihm Jansenius bei und rückte seine Schirmmütze schief auf die Seite. »Herrgott, diese Menschen! und was ich fragen wollte: Befindet sie sich jetzt hier im Hause? Da könnte man ja ein Wort mit ihr reden.« »Das lass' man! Würde auch kein Dittchen nicht helfen. Außerdem: sie hat heute früh nochmals ins Geldrische gemacht und will dann ans Nachlaßgericht, um den letzten Strich unter die Rechnung zu ziehen. So ist wenigstens dieses erledigt und ihr 'ne gehörige Last von den Schultern genommen. Am vierten abends will sie retour sein.« »Also am vierten. Kosman, dann muntere sie auf, denn am fünften feiern wir Sinter Klaas-Abend, und so was ist bekömmlich für solche, die sich betrüben und im Ungemach sitzen. Auf Op gen Oort will ich das meinige tun. Vielleicht kann man helfen und so'n bißchen den Jammer vertreiben. So! – und nu will ich fortmachen. Bei der Bestellung bleibt's: drei gestrichene Fuhren mit Weizen; möglich, es kann auch was Gerste dabei sein. Du packst's ja, und damit adjüskes!« Aber noch einmal kam er zurück und sagte: »Kosman, noch eins! Cornelis Höfkens sein erster Geselle soll sich im Sterben befinden.« »Du bist woll! Doch nicht Nöllecke Reigers, der auf der Holländer Kat zunächst dem Mühlenberg wohnt?« »Derselbige, Kosman.« »Das wäre ein Jammer, ein entsetzlicher Jammer! So jung noch und fünf unbedachte, lebendige Kinder! Was soll ihm denn fehlen?« »Einige sagen, es wäre 'ne Lungenverkühlung, die anderen wieder, es hätte ihm schon lange im Blute gestochen. Aber was die Menschen so reden! Niemand kann's wissen. Darüber kann sich nur unser lieber Herrgott benehmen. Aber schlimm soll es aussehn.« »Gott helfe ihm!« »Wollen's hoffen,« und damit schob Jansenius seine vierschrötige Gestalt zur Einfahrt hinaus und steuerte dem Paternosterdeich zu. Die Luft war inzwischen noch bissiger und grimmiger geworden. Ein eisiger Wind fegte von der Niederung her. Feine Kristalle glitzerten auf. Das helle Sonnenlicht schrumpfte zusammen. Aus der Tiefe hoben sich graue Tücher, die allmählich den ganzen Himmel bedeckten. Krähenvögel flogen ab und zu. Die kleine Stadt düsterte ein; auch das weite Land hatte seine Fernsicht verloren. An der Schleuse angekommen, sah Jansenius ins Wetter. »Dunnerkiel, diese Kälte!« Beide Arme schlug er kreuzweise unter die Achseln. »Aber fein ist's doch. Das kann 'n weißer Sinter Klaas-Abend geben. Fein das, sehr fein das!« Diese Überzeugung stimmte ihn glücklich. Als er Op gen Oort erreichte und über den Hof klapperte, begann es zu schneien. In einzelnen Wollklümpchen schaukelte es aus der Höhe herunter. Schließlich war ein Gewimmel von kalten, lustigen, unzähligen Sternchen rings um ihn her. Die Erde bedeckte sich mit einem köstlichen Hermelin. Nun war es Winter geworden.   Anderen Morgens, am ersten Sonntag im Advent, lag die Welt in einer blendenden Weiße. Die Türme trugen Gugelmützen, die Dächer weiche Überdecken, und von den Zweigen puderte es wie von Kandiszucker. Herrgott, und dieses Strahlen und Funkeln! Die Leute gingen in gehobener Stimmung zur Kirche, nickten sich freundlich zu und betrachteten die Auslegefenster der Lebküchler und Bäcker, wo hinter den Scheiben der Sankt Nikolaus-Zauber seine ganze Herrlichkeit entfaltet hatte. Der fünfte Abend im Dezember schickte bereits seine Vorboten, duftete mit Nymwegener Moppen, Klever Spekulatius und leckeren Sinter Klaas-Männern, die sich nicht genug darin tun konnten, die Schaulust zu erregen und eine prickelnde Vorfreude in die Herzen der Menschen zu tragen. Nach dem Hochamt bewegte sich ein eiliger, untersetzter Mann in lederfarbigem Überrock, Vatermördern und mit einem winzigen Filzhütchen auf dem weinroten Kopf durch die Menge, grüßte mit einem verbindlichen »Servus, servus!« und ging durch die Kesselstraße dem Tor zu, um von hieraus den Weg rechter Hand einzuschlagen. »Tag, Herr Sekretarius! Wohin denn so eilig?« »Wichtig, sehr wichtig! Secretarii publici per totum annum diligentes «. Das hier muß an den Mann gebracht werden oder vielmehr an die Frau,« und er tippte dabei auf die unscheinbare Aktenmappe, die er unter dem linken Arm trug, schwenkte sein Filzhütchen, und nahm mit einem schnell hingeworfenen »Servus, servus!« wieder seinen früheren Schritt auf. Nach weiteren zehn Minuten setzte der erste Gehilfe des hier amtierenden Notars und Justizrats die Glocke am Herrenhaus der Wassermühlen in Bewegung, räusperte sich etliche Male und versuchte, den kalten Schnee von den Schuhen zu klopfen. Ein schmuckes Dienstmädchen im weißen Spitzenhäubchen und mit klingelnden Ohrgehängen machte die Tür auf. »Von Amts wegen,« sagte der Schreiber, indem er sein glattrasiertes, weinrotes Gesicht tiefer in die Vatermörder hineinzog. »Ist vielleicht Frau Simonis zu sprechen?« »Mynheer Hürland, bedaure lebhaft. Sie hat gestern ins Geldrische gemacht und will von dortaus nach Kleve.« »Äußerst betrüblich!« Der Herr Sekretarius machte eine bedenkliche Miene. »Mynheer Hürland, kann ich vielleicht die Sache besorgen?« »Unmöglich, Mamsell! Ein hinterlegtes Dokument auf Leben und Sterben ... nach letztwilliger Verfügung am heutigen Tage zu behänden ... und das persönlich, höchst persönlich, Mamsell! Wann könnte ich denn die Gelegenheit haben? Die Sache ist dringlich und von äußerster Wichtigkeit.« »Am vierten abends kommt sie zurück.« »So, so! – am vierten und erst gegen Abend. Gut so! dann werde ich am fünften nochmals vorstellig werden. Actum ut supra ! So gegen Mittag. Möglich auch später. Aber bis vier Uhr gewiß. Bitte, solches übermitteln zu wollen. Von Amts wegen.« »Merci, Mynheer!« »Servus, servus!« und der eilige, untersetzte Herr drehte sich wieder der kleinen Stadt zu, gedachte auch gleich nach Hause zu gehen, änderte aber seine Absicht, als er den Großen Markt erreichte und am ›,Dicken Tommes‹ vorbei mußte; denn hinter den Fenstern stand Pitt Lörksen mit einem dampfenden Punschglas und brüllte ihm zu: »Heda, Herr Hürland! Hü mit's Gestell, und man immer 'rein in die Stube! Nobelste Mischung: Batavia-Arrak, Zitronenwasser, mit 'nem kleinen Schuß Burgunder dazwischen. Erfindung der Solopartie und 'ne Probe für den Sinter Klaas-Abend. Also ich bitte. Immer leschär, meine Herren!« und dabei lachte Trumpfsieben, daß davon die blanken Scheiben in ein gelindes Klirren gerieten. Auch Cornelis Höfkens und Dores Schweißgut zeigten sich am Fenster und invitierten ihn, näher zu treten. »Servus, servus!« und da ließ Herr Hürland seinen löblichen Vorsatz schwimmen, beehrte den ›Dicken Tommes‹, gesellte sich der Tafelrunde zu und wies im Laufe des Gesprächs auf geheimnisvolle Ereignisse hin, die voraussichtlich auf den Wassermühlen eintreten würden. »Da ändert sich was, muß sich was ändern,« sagte er schließlich, »denn was ich dort zu deponieren habe, scheint mir von höchster Bedeutung, obgleich ich von Amts wegen verpflichtet bin, das äußerste Schweigen zu wahren, will aber hoffen« – und er wies auf die Aktenmappe, die neben ihm auf dem Tisch ruhte – »daß das hier berufen ist, das getrübte Wasser zu klären und wieder fröhliche Menschen zu schaffen. Von Rechts wegen.« »Das sollte Gott wollen!« seufzte Cornelis und sah steif in sein Punschglas. Dann meinte er mit zuversichtlicher Stimme: »Auf das, was wir lieben: auf Malthus und seine arme Tochter!« »So sei es, um die Wahrheit zu sagen,« pflichtete Dores Schweißgut ihm bei, und da erhoben sich alle und tranken und setzten sich wieder. – Am vierten Dezember, als es bereits in den Abend hineinging und die Häuser ihre Läden vorgelegt hatten, klingelte ein eiliger Schlitten über die breite Heerstraße, die von Kleve aus ins Binnenland führte. Ein weißer Puder wirbelte unter den Hufen des Percherons auf und funkte mit Myriaden silberner Fliegen im Schein der beiden Laternen, deren unstetes Licht bis weit in die verschneiten Felder gespensterte. Der Fuhrknecht aus Kleve hatte alle Mühe, den dampfenden Gaul fest an der Kandare zu halten, so heftig preschte er vor und so munter schob er den Weg unter sich fort, als gölte es, die ihm zugemessene Strecke in der Hälfte der gebräuchlichen Zeit zurückzulegen. Stille Ortschaften und verschneite Gehöfte! Nur hie und da eine einsame Lampe, sonst alles eine weiße Ebene, eine endlose Öde, bitterkalt, bläulich umhaucht und von einem grauen und eisigen Tuch überspannt, aus dem es mit tausend und abertausend spitzen Äugelchen hervorblinzelte. Ein Bibbern und Beben unter der glitzerigen Decke, ein Stieben und Stäuben um das lautlose Gefährt, das mit Windeseile dahin jagte, Moyland passierte und jetzt mit leisem Singsang an dichten Gehölzen, einsamen Lichtungen und vereinzelten Bäumen vorbeiglitt, um bald darauf wieder freies Land zu gewinnen. »Hia da hüp!« rief der Fuhrknecht, lockerte die Zügel und pfiff dabei fein vor sich hin: »Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, einer reichen Erbin von dem Rhein ...« warf den Gaul an der nächsten Kreuzung herum und hielt nun geradeswegs auf die schmale Perlenkette zu, die mysteriös hinter der großen Schneewehe aufglimmerte. Die wie in Watte verpackten Häuschen an der Landstraße mehrten sich. Irgendwo belferte ein Hund in den kalten Abend hinein. Die schmale Perlenkette wurde größer und lichter. Noch fünfzehn Minuten ... und nach einer sanften Schwenkung eilte der Schlitten über den Deich hin, um bald darauf vor den Wassermühlen zu halten. »Das hier wäre wohl richtig?« »Ja, es ist richtig,« und eine hohe, vermummte Frau in dickem Pelzwerk erhob sich zwischen Schachteln und Paketen und trat aus dem Fuhrwerk. Gleichzeitig wurde die Haustür aufgeworfen. »Ah, Madam ...!« Das schmucke Dienstmädchen, das schon vor etlichen Tagen den Herrn Sekretarius abgefertigt hatte, kam dienstbeflissen herbei und wurde angewiesen, den Kutscher abzulohnen und das Mitgebrachte ins Haus zu tragen ... »und dann, Petronell, heute will ich niemand mehr sehen.« »Aber Kosman, Madam ...?« »Auch ihn nicht!« gebot Franziska Simonis. Ihre Stimme war unfreundlich und hatte einen herrischen Anflug. »Und dann noch, Madam ... 'ne wichtige Sache von Amts wegen ...« »Nichts Geschäftliches mehr! Unter keiner Bedingung! Ich will nicht,« und ohne jede weitere Einwendung abzuwarten, betrat sie den Flur und ging auf ihr Zimmer. Zwei Stunden später lag das ganze Haus in tiefster Ruhe, eingebettet in Schnee und überzittert von dem hellen und silbernen Glimmern unzähliger Pünktchen, die sich im ewigen Reigen um den kalten Nordstern drehten. Nur sie wachte allein noch. Heute war ihr manches von der Seele genommen. Mit dem Aukamp und seinen schmerzlichen Erinnerungen hatte sie nichts mehr zu tun. Keine Gemeinschaft bestand mehr. Beim Nachlaßgericht war alles geregelt und das Kleinste in Erwägung gezogen. Auch Jan van den Birgel mochte jetzt kommen. Sie fürchtete ihn nicht mehr und hatte nichts mehr zu fürchten. Ihr Herz fühlte sich frei. Ihrem Rechtsbeistand hatte sie selbstlos gebeichtet und Trost und Erlösung in seiner Belehrung gefunden. Die scheußliche Hand war gelähmt, und sollte sie nochmals ihre ekelhaften Gelenke strecken, tat sie's auf die Gefahr hin, selber verstümmelt zu werden. Aller Welt gegenüber – hart wollte sie sein, hart wie die Kiesel am Wege und unbarmherzig wie die Finger eines geizigen Menschen. Mochten sie die Köpfe zusammenstecken und sie heimlich mit Disteln und Dornen krönen – sie war gefeit gegen jeden niedrigen Anwurf. Und hier war ihr Eigen und Erbe, ihr Angestammtes – und das wollte sie halten und stärken und mehren und, wenn es sein mußte, mit der derben Hand einer Unerbittlichen. So war ihr Leben doch nicht ohne Zweck und Inhalt gewesen, nicht ohne Gedeih und Erfolg, und dieses erwägend, kam es über sie wie der Rausch einer jähen Befreiung. Ihre Gestalt hob sich zuversichtlich; ihre schmalen Hände flochten sich energisch zusammen. Sie hätte aufatmen mögen, denn über sie fort ging es wie eine erlösende und spurfeste Welle, und dennoch: ihr heißes Blut bäumte auf, die verhaltenen Leidenschaften des Weibes gerieten ins Stürmen, verlangten nach Sättigung und waren doch verurteilt, abzusterben und zu Asche zu werden. Und sie brauchte doch nur ein düsteres Ereignis von sich zu weisen, es niederzutreten und in die Worte auszubrechen: »Hans, Hans, Hans! hier bin ich ... ich will in deine Arme hinein ... nimm meinen Leib und alles, was mir gehört!« und ein unsagbares Glück hätte sich um sie gebreitet mit all seinen Wundern, und die geheimsten Regungen eines liebenden Frauenherzens hätten das gefunden, wonach sie sich sehnten: starke Mannesliebe und die Ruhe der Sinne. Aber dieses Ereignis stand wie ein Riese, ging mit ihr, wankte und wich nicht und ließ sich nicht scheuchen ... und damals, als sie sich nach langen Jahren zum erstenmal wieder begegneten – sie und Hans Harkort – als die Stunde erschien, in der die Hoffnung aufbegehrte wie der Wetterstrahl in Gottes Donnerwolke, die berufen schien, die durstende Erde zu tränken, da reckte es sich und wuchs bis zum Himmel hinan, und sie hörte eine Stimme, die ihr sagte: »Du bist unrein geworden, unrein im Hinblick auf deinen verstorbenen Vater, und somit nicht würdig, den lauteren Becher zu heben und an deine Lippen zu führen.« Es blieb ihr nichts übrig: sie mußte sich fügen und die Majestät des Schicksals begrüßen, obgleich sie wußte, daß hierdurch ihr Herz verelenden und das eines anderen verbluten würde. Seit diesem Tage war sie nicht wieder zu kennen. Etwas Unnahbares ging von ihr aus. Ihr Antlitz verhärmte, ihren Augen war das Gütige und Sanfte genommen, und es deuchte sie, als ginge eine glutende Brunst über die Erde, als hüllte diese Lohe sie ein wie mit einem Feuermantel und höbe sie auf, sie langsam verzehrend und ihr Sterbliches in das Meer des Vergessens verstreuend. In jäher Hast riß sie ihre Kleider herunter und legte sich nieder. Sie schlief bis tief in den Morgen hinein. Ihr Schlaf war tief und traumlos. Nur etliche Male glaubte sie, ferne Schreie zu hören. Es waren die Stimmen, die das Eis unterliefen, das jenseits des Mühlenwehres das angestaute Wasser gefesselt und eingeschnürt hatte. Erst das Schaufeln der Räder und das Stampfen der Mahlsteine weckte sie auf. Keine freundliche Sonne vergoldete die Musselingardinen ihres Schlafgemaches. Der Himmel hatte sich wieder umzogen. Harte Eisblumen glitzerten auf, und feine Schneekristalle klimperten gegen die Fenster. Immer reicher und weißer bettete sich die Erde. Und Franziska Simonis ... den Rest des verbleibenden Morgens verbrachte sie untätig. Sie hatte es endgültig aufgegeben, nach etwaigen Aufzeichnungen ihres verstorbenen Vaters zu suchen, denn die Gewißheit war bei ihr: alles und jedes, was ihn vielleicht beschuldigen oder auch entlasten konnte, hatte er mit sich genommen. Sie war dessen sicher. Warum da noch länger suchen und forschen? Ein toter Mund kann nicht mehr sprechen, tote Augen vermögen sich nicht mehr zu heben. Langsam und feierlich überkam sie das große Schweigen. Nach dem Mittagstisch richtete sie in der Guten Stube, in der man seinerzeit Christian Franz Malthus aufgebahrt hatte, die Sinter Klaas-Präsente für den heutigen Abend. Die Angebinde, die sie von Kleve mitgebracht hatte, wurden mit Liebe gesichtet und mit Verständnis geordnet. Ein wohliger Duft nach Aachener Printen, Spekulatius und Äpfel durchwürzte das behagliche Zimmer. Tabaksbeutel, wollene Jacken, Pfeifen und seidene Schürzen harrten der Stunde der Bescherung. Neben jedem Teller stand ein zierlich geschnitzter Holzschuh mit eingeschüttetem Hafer, blaugebändert und mit frischen Fichtenzweigen umspreitet ... alles ihrem Gesinde zur Freude. Sie selber hatte keinen Anteil daran. Ihre weißen Hände waren weißer als sonst, ihre feinen Nasenflügel hatten etwas Porzellanartiges an sich, und zwischen ihren Augenbrauen lag eine kühle und abweisende Strenge. Nachdem sie auch das Kleinste in bester Weise geordnet hatte, verließ sie die Kammer, drehte das Schloß ab und wollte sich auf ihr Zimmer begeben. Auf dem Flur begegnete ihr das schmucke Mädchen mit den klingenden Ohrgehängen. »Petronell, wann wird Feierabend gemacht?« »Um viere, Madam.« »Gut, dann wird um fünfe beschert. Sagt's an!« »Und dann noch, Madam ...« »Ich weiß schon. Der Sekretär kann gemeldet werden. Auch Kosman soll kommen.« »Merci, Madam.« In diesem Augenblick schlug die Hausglocke an, und als Petronella öffnete, erschien der korrekte Beamte mit dem lederfarbigen Überrock und den steifen Vatermördern im Türrahmen. »Servus, servus! Frau Simonis, ich komme im Auftrage des Herrn Justizrats und hatte bereits vor einigen Tagen ...« »Und Ihr Auftrag, Herr Hürland?« »Laut Urkunde, errichtet vor dem instrumentierenden Notar und am Tage wie eingangs gemeldet, war dieses versiegelte Schreiben bereits am ersten Adventssonntag in Ihre Hände zu legen. Widrige Umstände, die allerdings der freiwilligen Gerichtsbarkeit nicht zur Last gelegt werden können, verhinderten die prompte Erledigung des geschäftlichen Aktes. Ich bitte daher, gütigst entschuldigen zu wollen, daß ich erst heute ... Leider, leider! aber auch wir von der Rechtspflege haben den Umständen Rechnung zu tragen und sotanen Regelwidrigkeiten die Stirne zu bieten, wollen jedoch annehmen, daß die kleine Verspätung keine generelle Bedeutung in sich schließt, hoffen vielmehr auf eine glückliche Lösung der etwa noch schwebenden Fragen.« Damit überreichte er das Schriftstück mit spitzen Fingern. »Was wird's sein?« sagte sie achtlos, »Hypothekenerneuerungen, Zessionen und ähnliche Dinge, noch an die Person meines verstorbenen Vaters gerichtet ...« Der eilige, untersetzte Mann zuckte die Schultern. »Im übrigen,« fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, »ich bin Ihnen für Ihre Mühewaltung verbunden und bitte darum, mich dem Herrn Justizrat empfehlen zu wollen.« »Ich danke submissest,« und mit einem sanft gesprochenen »Servus, servus!« empfahl sich Herr Hürland und ging wieder durch den schneeweißen Mittag seiner Amtsstube zu, während sie selber ihr Wohnzimmer aufsuchte. Dort angekommen, fand sie Kosman schon vor. Er stand an der Türe, auf bloßen Socken und die Schirmmütze zwischen den Händen zwirbelnd. Die Holzschuhe paradierten neben der Schwelle. »Bitte, mein Lieber!« Eine angenehme Wärme empfing sie. Der Tag schummerte bereits durch die Scheiben. Noch immer gaukelte es vom umdüsterten Himmel. Zerstreut warf sie den mit dem notariellen Siegel ausgestatteten Brief auf den Tisch und wandte sich eiligst: »Nun, Kosman ...?« »Madam,« sagte dieser, »ich wollte schon gestern ... bin aber, scheint's, vor die unrichtige Tür gekommen. Es sollte mir leid tun, wenn das alte Einvernehmen nicht mehr bestände oder sich sagen müßte: Ich bin marode geworden und kann nicht mehr weiter. Ich selber habe das unbestimmte Gefühl: es ist nicht alles mehr so, wie es sein sollte. Es lockert sich manches.« »Zwischen uns nicht,« versetzte sie hastig. »Nichts für ungut, Madam, aber es hat so den Turnus; denn so'n alter Praktikus, zu dem ich mich im Laufe der Jahre herausgemustert habe, bekommt rechtzeitig Wind in die Nase.« »Wo will das hinaus?« »Ins Helle, Madam, weil ich die Überzeugung vertrete: man muß sich aussprechen können, damit man sich in 'ner gewissen Klarheit befindet. Früher war's so, da gingen wir immer durch ein sichtiges Wetter, und wenn's sich mal diesig anließ, waren gleich ein paar Worte parat, um wieder offene Freibahn zu machen. So zogen wir beide durch Licht und konnten uns finden und konnten uns gegenseitig helfen und nützen und, wenn's nötig war, auch mal hart aneinander geraten, aber wir verstanden uns doch und wußten genau, wo wir dran waren. Ich für meine Person bin der alte geblieben. Ihr aber, Madam ...« Mit einem kantigen Ruck warf er sich die zusammengedrehte Schirmmütze unter die Achsel. »Seit wann wollt Ihr diese Beobachtung gemacht haben?« fragte sie in einer gewissen Erregung. »Seit dem vierzehnten Sonntag nach Trinitatis, gehorsamst zu melden. Ich kann mich nicht irren, denn genau an dem Tage stand der junge Kaplan auf der Kanzel und las das siebzehnte Kapitel aus dem Evangelium des heiligen Lucas und sagte: Er aber sprach zu seinen Jüngern: Es ist unmöglich, daß nicht Ärgernisse kommen; wehe aber dem, durch welchen sie kommen. Und dann erzählte er die Geschichte vom Meer und dem Mühlstein, und wenn Ihr Euch selber besinnt, dann werdet Ihr sagen: Das kann seine Richtigkeit haben.« »Kosman,« versetzte sie mit erhobener Stimme, »Ihr spielt auf den Tag an, an dem wir uns begegneten: Hans Harkort und ich. Damals zwischen den Wiesen ...« »Das tu' ich und habe nur immer gedacht: Schade, daß alles vorbei ist.« »Kosman ...!« »Madam,« fuhr er auf, »das Gegenteil wäre besser gewesen; denn seit dieser Zeit erhielt ich kein freundliches Wort mehr, ging vieles seinen unebenen Schritt und verlor sich das schöne Vertrauen und Einverständnis zwischen uns beiden, und es gab eine Stunde, in der Ihr mir sagtet: Kosman, hier meine Hand! Und diese meine Hand lege ich auf das väterliche Erbe – und die Wasser sollen sich wieder übers Wehr stürzen, so, wie sie heute es taten – und die Mühlen sollen gehen wie in früheren Zeiten – und alles soll sein, wie es war in den Tagen des Glückes. Euch aber, Kosman, Euch will ich als meinen Sachwalter aufstellen, als Leiter und Führer über das, was ich habe, in gemeinsamer Pflicht, auf daß die Vergangenheit die bösen Augen zumacht und die Zukunft freundlicher werde ... und dann glaube ich: ich kann wieder leben; denn Arbeit ist Leben.« Sie warf den Kopf in den Nacken. »Und tat ich es nicht?« »Nein, Ihr tatet es nicht. Möglich, Ihr wißt es nicht selber; aber Ihr tatet es nicht. Wo ist die erste Freudigkeit geblieben? Euer Zugreifen? Euer Zupacken? Seit der Stunde, wo der junge Kaplan vom Mühlstein und dem tiefen Meere erzählte, begannt Ihr damit, unnötige Dinge zu wälzen. Und Eure Hand wurde stur und Euer Sinn eigenwillig, und das, was wir gemeinschaftlich dachten, ging so recht nicht mehr über denselbigen Leisten. Ich habe Bange: es wird still um Euch, denn ich frage Euch bloß: Hat die Vergangenheit die bösen Augen zugemacht? Wird die Zukunft friedlicher werden? Madam, ich hab' meine eigene Ansicht darüber, und weil ich sie habe, bin ich der Meinung, daß ich mich eine Tür weiter begebe.« »Ihr ...!« Mit einem herrischen Schritt kam sie näher. »Das wagt Ihr mir ins Gesicht zu sagen, mir, der Ihr in die Hand gelobtet, unverbrüchlich zu mir zu halten, mochte auch kommen, was wollte? Und was ich Euch selber gesagt hab': Unsere Hände haben etwas Gemeinsames. Sie verstehen sich, Kosman, und wissen: auf solche Hände kann sich ein Mensch schon verlassen. Sie nehmen nichts Falsches an und verausgaben nichts Falsches, und wenn es darauf ankommt: die eine weiß nicht, was die andere tut oder getan hat, und dennoch wissen sie schließlich ganz genau: es ist etwas Gutes gewesen. Auch das soll nicht wahr sein?« Ein plötzliches Zittern erschütterte ihren Körper. »Kosman, auch das soll nicht wahr sein?« »Madam, da sei Gott vor!« wehrte er ab und hielt ihr beide Hände entgegen. »Aber es muß mir vom Herzen herunter ... und dennoch: ich will den heutigen Tag und den heutigen Abend nicht stören, denn er ist ein heiliger Tag und ein heiliger Abend. Es ist besser, wir sprechen später darüber. Morgen vielleicht oder übermorgen ... aber eins muß ich heute noch sagen, sonst finde ich so recht keine Besinnung und meine, ich hätte etwas verpudelt auf Erden. Madam« – und er zupfte an den silbernen Ringen, die er in seinen Ohrläppchen hatte – »die habe ich seit vierzig Jahren getragen, und sie sind mir bekömmlich gegen Reißen und alle Unpäßlichkeiten im Leben gewesen, aber gegen das hier« – und er klopfte sich mit der Faust auf die Brust, daß es einen schweren und dumpfen Ton gab – »gegen das hier haben sie mir niemals geholfen. So'n Herzweh läßt sich durch silberne Ringe nicht zum Teufel kurieren. Da muß man sich anderweitig benehmen. Das will ich; und warum ich hier fortmöchte? Ich kann das Elend nicht länger mehr ansehen – hier das auf den Wassermühlen nicht und das auf Op gen Oort, offen gestanden, erst recht nicht. Und darum ...« »Ihr sollt schweigen, Kosman!« begehrte sie auf, »oder wollt Ihr mich gänzlich zerdrücken?« »Madam« – und der Alte war erschüttert bis in die Knochen hinein – »Jansenius war hier. Vor einigen Tagen. Ihr kennt doch Jansenius?« »Was soll das? Er steht mir nicht näher. Ich will mich nicht mit allen Menschen ins Einvernehmen setzen. Ich kenne ihn kaum dem Namen nach. Und wenn er auch hier war – was soll ich mit ihm?« »Ich will ausdrücklich gesagt haben,« fuhr der Alte mit erhobener Stimme fort, »Jansenius von Op gen Oort.« Sie kehrte sich ab. »Gut denn,« rief er ihr zu, »er kam in Geschäften. Drei Fuhren sollen noch klein gemacht werden – Weizen und Gerste.« Sie warf den Kopf herum. »Kosman, was hat das mit Eurem Herzweh zu schaffen?« Ihre Worte waren die einer Gefühllosen. »Direktemang nichts. Aber drei Fuhren mit einmal. So was ist im Gegenteil aufmunterierend und vergnüglich für die Wassermühlen zu hören. Doch wie gesagt: solches nur nebenher. Er ist eigentlich wohl aus einem anderen Grunde gekommen; denn wenn Jansenius sich in eigener Person aufrappelt, wenn er werkeltags von seinen Geschirren und Äckern marschiert, um Weizen und Gerste zu's Mahlen anzumelden, dann ist so 'ne Geschichte man ein powerer Vorwand, sich was Tieferes von der Seele zu reden. Madam, da steckt ein schlimmes Zeichen dahinter.« »Nun?« fragte sie mit aufgerissenen Augen. »Daß ich's hiermit bestelle. Drüben steht es gar nicht zum Besten. Auf Op gen Oort sitzt ein Armer. Der will mit dem Kopf durch die Wand. Dem geht es wie mir« – und wieder schlug er sich mit der Faust gegen die Brust – »der hat ein kaltes Eisen hier liegen, einen stählernen Ring, und ist wie einer im Wasser, der den Grund nicht mehr hat und nicht wieder an Land kann.« Sie zuckte auf wie unter einem Peitschenhieb. Eine gespenstische Hand umschnürte ihre Kehle. Sie war keines Wortes mehr fähig. »Madam,« sagte Kosman, und seine Stimme war weich und einschmeichelnd und lieb und zutraulich wie die eines gütigen Helfers, »heute Abend ist Sinter Klaas-Abend. Da wird einem ganz anders, da legt man still das Werkzeug beiseite und die Arme zusammen und denkt darüber nach, was war und was ist und was noch passieren wird. Da kommt einem die Jugend zurück und alles, was wir als Kinder liebten und was uns glücklich machte. Und da tun sich die Menschen zusammen und setzen sich froh nebeneinander und nehmen sich gegenseitig alle Not fort. Und wenn da zwei vereinsamt sich fühlen, einer hüben und einer drüben, und finden den Mut nicht oder den Willen nicht, sich die Hände zu reichen, oder wenn da Bedenken sind, die einen in die Knie drücken und sagen: Für euch gibt es kein Glück und kein Heil mehr – der Sinter Klaas-Abend ist wie ein leibhaftiger Engel, wie ein Bote des Herrn, und weiß das alles wieder ins gleiche zu bringen. Madam, Ihr habt doch vor, den heutigen Abend zu feiern?« Eindringlich waren seine Blicke auf die Herrin gerichtet. »Ja,« sagte sie zögernd, und ein helles Wasser stand ihr in den schwimmenden Augen, »das will ich. Für Euch, Kosman, und für alle Knechte und Mägde.« »Und für Euch nicht?« fragte er atemlos. »Ich will nichts von Sinter Klaas,« versetzte sie kühl. »Nein,« und ihr Körper erstarrte, »ich will nicht.« »Aber ich!« rief der Alte, »und da Eure Person nicht dabei ist, so kann ich auch hierorts nicht feiern. Daß so was kommen mußte – schade, sehr schade! Aber ich weiß schon, wo ich den heiligen Abend begehe ... und wenn Ihr mich noch nötig habt, wenn Ihr mich noch brauchen könnt – ich bin bei meinem Freund Cornelis Höfkens zu finden. Adjüs denn, Madam!« Gesenkten Hauptes verließ er das Zimmer. Sie stand wie ein Bildstock. Alles Blut war ihr aus dem Antlitz gewichen. Langsam hob sie die Arme. »Kosman ....!« rief sie ihm nach, wie eine Irre, wie eine Verzweifelte. Aber der Alte hatte bereits Feierabend gemacht, war auf seine Kammer gegangen, um sich festtäglich zu kleiden und dann auf seine Art Sinter Klaas zu begehen.   19 Sie ging zur Tür, öffnete sie und suchte den Gang ab. Vielleicht war Kosman noch da, harrte auf ein freundliches Wort, um die erregte Szene von eben vergessen zu können. Aber nichts ließ sich blicken. Da dachte sie daran, Petronella zu rufen und ihn noch einmal bitten zu lassen. Sie fühlte es selber: sie war zu weit gegangen, hatte ein treues Herz gekränkt und ihm die Einfalt der Tauben und das Wunder aus der Kindheit genommen. Aber auch diese milde Regung verwarf sie. Sie kannte den Alten. Der war kein gefügiges Wachs mehr in ihren Händen. Möglich – er war ihr für immer verloren, denn solche Menschen, so reell sie auch sind, so selbstlos und unterwürfig sie auch ihre Tage verleben und nichts höher bewerten, als die Interessen ihres Herrn zu den ihrigen zu machen – in gewissen Dingen sind sie eigenwillig und scheu wie die Kinder, empfindlich wie das zarte Blatt der Mimosen, das jede, auch die geringste Berührung als etwas Verletzendes erduldet. Sie richtete sich jäh auf und ließ wieder die Tür ins Schloß fallen. Ihr Blick wurde starr, ihr Denken hart und von einer selbstquälerischen Strenge. Nein, sie wollte nicht mehr. Mochte er bleiben. Ihr Herz krampfte zusammen und nahm das Frostige und Ablehnende des weißen Wintertages an, der sich schon abendlich über die Erde legte und das Gegenständliche weiter rückte. Noch war alles sichtig genug, auch das Geringfügigste erkennen zu können. Nur die hohen Pappeln auf dem nahen Deich begannen allmählich ineinander zu fließen und als grauverhängte Gestalten ihr Wesen zu treiben. Ein kaum wahrnehmbares Rauschen tönte herüber. Sie hörte darauf wie auf das geheimnisvolle Rufen einer fernen Klage um ein verlorenes Glück, das mit einem jähen Ton in Scherben zerklirrte, und dieses Rufen machte die eigenen Saiten ihres Empfindens lauter erklingen, und bei diesem Erklingen durchlebte sie ihr vergangenes Dasein noch einmal, zerlegte es und erduldete es in all seinen Einzelheiten, in all seinen Freuden und Leiden, in seinen Tränen und schlaflosen Nächten ... aber in einem gewaltsamen Tempo ... in der jähen Flucht von Sekunden ... gleichsam als zöge es in den raschen und scharfumrissenen Bildern eines Zauberbuches vorüber. Aber nichts konnte sie greifen, nichts halten. Die einzelnen Bilder zerrannen, quirlten wirr durcheinander, verloren sich in eine endlose Nacht ohne Andacht und Sternenfeuer ... und dazwischen tönte ein monotones Klopfen, langsam und feierlich, ohne Aufhören, wie das regelmäßige Fallen großer Wassertropfen in eine Bronzeschale. Immer dasselbe! Die schmerzlichen Laute der Einsamkeit und des Verlassenseins. Auch das nahm sie hin, wie man etwas Alltägliches hinnimmt. Sie wollte das Leben hinter sich werfen wie ein nichtiges Gut, nicht mehr denken und grübeln. Entschlossen trat sie vor. Ihr konnte es recht sein: mochte das regelmäßige Fallen der großen Tropfen in die Bronzeschale für ewig ertönen. In selbstauferlegter Marter gefiel sie sich plötzlich darin, die Einsamkeit und das Verlassensein in ihre Arme zu schließen. Sie befreundete sich damit und war glücklich, sie endlich gefunden zu haben. Die Spiegelungen der Resignation hüllten sie ein und geleiteten sie unauffällig in das Land des Vergessens, wo so viele sitzen, die den Kranz der Freude aus ihren Haaren taten, ihr Feierkleid ablegten, aber auch keine Leiden mehr haben. Da fiel ihr Blick auf den petschierten Brief, den sie achtlos empfangen und achtlos beiseite gelegt hatte. Sie hatte ihn völlig vergessen; er war durch die heiße Stunde, die sie mit Kosman verlebt hatte, hinweggeschwemmt worden. »Auch das noch!« sagte sie unwillig. »Immer diese geschäftlichen Dinge! An Frau Simonis, geborene Malthus, und auf der Rückseite der preußische Adler, das Notariatssiegel, der Hort der freiwilligen Gerichtsbarkeit ... hat Zeit bis morgen ...« und sie hatte bereits vor, ihn wieder beiseite zu schieben, als sie den Hinweis des instrumentierenden Beamten gewahrte. »Am ersten Tag im Advent zu bestellen.« Das hatte ihr schon Herr Hürland ausgerichtet, wenn auch verspätet, aber dringlich und mit aller Bestimmtheit. Da erbrach sie das Schreiben. »Mein Gott!« stöhnte sie auf, denn ihr starrten die steilen, ungelenken, aber deutlichen Schriftzüge des Vaters entgegen. Ihre Hände bebten. In hastiger Weise umgriff sie einzelne Sätze, einzelne Stellen, wahllos und ohne Zusammenhang. Die Buchstaben zerflossen ihr zu einem undurchdringlichen Chaos. Mit einem kurzen Laut brach sie ab. »Endlich, endlich!« Ihre Stimme frohlockte, denn so undurchdringlich das Chaos auch war, es mußte sich klären. Eine rücksichtslose Faust stieß hindurch und hielt eine flammende Leuchte – das ersehnte Licht, das sie erträumt hatte mit wildem Verlangen, mit heißem Begehren: das Licht der Erkenntnis. Sie mußte es haben, auch wenn es ein furchtbares Licht war und sie geblendet würde von seinem entsetzlichen Glänze. »Mein Gott und meine Seele!« Sie stürmte ans Fenster. Dann las sie: »Franziska! Von Todes wegen. Ein Toter tut den Mund auf und hat dir ein Geständnis zu machen. Lies Zeile für Zeile und Seite für Seite ... eile nicht vor ... unterschlage kein Wort, keine Silbe ... sei wie die, die auf einem abgeernteten Gerstenfeld Nachlese halten, jede Ähre aufraffen und sie sorglich verstauen, sonst sind meine Darlegungen Spreuicht und vergebens gewesen. Was du jetzt liest, das hätte ich nötigen Falles in meiner Schreibkommode aufheben oder durch Kosman aufheben lassen können. Auf diese Weise wäre es dir auch in die Hände gekommen. Aber das wollte ich nicht. Ich mußte unbedingte Sicherheit haben, und die konnte der Notar mir nur geben; denn dieses Geständnis ist wie das eines Mannes, dem bereits die gebieterische Hand der Ewigkeit auf der Schulter lastet, um ihn mit sich zu führen. Du wirst dir ferner die berechtigte Frage vorlegen, warum ich den Termin der Bestellung auf den ersten Adventstag verlegte. Weshalb nicht früher, gleich nach meinem Ableben? Auch das wies ich von mir. Ich müßte weit ausholen und mich verzetteln, um dir meine Gründe verständlich zu machen, und will dir nur sagen: Eine gewisse Zeit mußte hingehen, die bitteren Dinge reifen zu lassen. Alle Geschehnisse aus unmittelbarer Nähe betrachtet sind trügerisch, verwirren die Sinne und geben die Einzelheiten nicht in ihrer ganzen Tragweite und Bedeutung wieder. Eine gewisse Entfernung ist nötig, um das richtige Bild zu gewinnen, seine Entschlüsse zu fassen, das Für und Wider zu erwägen und das endgültige Urteil zu fällen. – Seit deiner Heirat liegt auf mir die furchtbarste Bürde meines Lebens. Immer tiefer drückt sie mich nieder. Nicht lange mehr – und ich röchle im Staube. Ich höre den scheußlichen Knall einer Geißel. So peitscht das Gewissen. Das ist unerträglich geworden ... und ich hatte nicht den Mut, dir zu bekennen, wie ich meinem Heiland bekannte: Ich armer, sündiger Mensch ... Jetzt aber, wo die Blätter fallen, das Unheil hinter mir steht und mein Fuß sich bereit macht, den letzten Schritt auf dieser Erde zu tun, wo ich dieses niederlege, hoffe ich in deinem Angedenken und in der Gnade Gottes zu sterben, auf daß ich das finde, was ich vergebens hier suchte – die Blumen des Friedhofes. Meinen Gruß in Jesu Christo zuvor. So höre, Franziska; dann wird mein Leid zu Ende sein und ein liebes Kind um mich weinen.« Sie ließ das Schreiben herunter. Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen. Sie hörte die Stille atmen, und wieder fielen die großen Tropfen in den gleichen Intervallen in die bronzene Schale. Ihre Nerven versagten. Mit leisem Schluchzen sank sie in die Knie, glättete das Papier mit kalten Händen, und ihr war, als träufelte Wasser und Blut aus den Zeilen, als wären sie mit Blut und Tränen geschrieben. Und abermals begann sie zu lesen: »Meine Vermögensverhältnisse waren geordnet. Keine Übereilung, keine Spekulationen im geschäftlichen Wirken. Meine Unternehmungen bewegten sich in gesunden und zuverlässigen Bahnen, und wenn ich alljährlich um Martini meinen Überschlag machte, war ich mit dem ›Soll und Haben‹ zufrieden. Die Hand Gottes war bei mir, und in Kosman hatte ich den besten Helfer und Berater gefunden. Rechtlich, wie er war, mir und dir mit allen Masern und Fasern seines Herzens zugetan, selbstlos und nur darauf bedacht, den Mühlen ein immer stolzeres Ansehen zu geben, war er der gute Hausgeist geworden, der meine Sparren bewachte. Mein Weib schlief schon lange unter den Lebensbäumen; aber gute Freunde verstanden es, mir die kleinen täglichen Sorgen von der Stime zu nehmen; besonders Cornelis. So lauter wie ihn habe ich unter meinen Kollegen keinen gefunden. Unsere Interessen begegneten sich, kein Neid wandelte uns an; selbst der letzte Stein und Ziegel seiner Mühle stand zu meiner Verfügung. Ich hätte den Mann in Gold fassen mögen, so sehr war er in meine Liebe gewachsen, und wenn es mir schwer wird, von dieser Erde zu scheiden, so geschieht es um seinetwegen und um deinetwegen, Franziska. Du weißt aus Erfahrung: ich konnte mich sorglos betten. Keine Schulden sahen in meine Träume hinein, kein Zahlungsbefehl umschlich meinen Besitz, um mir schließlich mit brutaler Faust die Läden einzustoßen und mich anzugrinsen: Hier bin ich. Im Gegenteil: ich verfügte über beträchtliche Außenstände, hatte Darlehen gegeben und konnte mich der schönen Genugtuung erfreuen, auch nicht die geringste Hypothek auf meinem liegenden und beweglichen Eigen zu wissen. Und da eines Tages ... Ich brauche dir diese grausame Stunde nicht in Worten zu schildern. Aus Brand und Verwüstung sah das Grauen und verzehrte alles: Haus und Speicher, andermanns Korn und andermanns Güter, die zum Mahlen zugebracht waren, und trotz allem großen Elend, das Schlimmste kam nach, hinkte aus Asche und verkohlten Balken heraus, streckte die welke und blutleere Zunge und begann damit, ungeheuerliche Gerüchte über mich und meine bürgerliche Ehre unter die Leute zu tragen. Das Gesäme ging auf; aber so wahr mir Gott helfe! ich wäre ein Tor gewesen, ein Gottesnarr, ein Verblendeter, hätte ich im Leben etwas getan, was der Entstehung dieser Gerüchte auch nur den geringsten Vorschub geben konnte. Warum auch? Meine Hände waren rein wie die eines Kindes, wenn es sie faltet, um für Vater und Mutter zu beten ... und wenn da irgendeine Schuld meinerseits war, so wäre sie lediglich darin zu suchen, daß ich mein Anwesen zu gering bewertet, zu wenig überschlagen und daher zu niedrig versichert hatte. Bis zu diesem Absatz meines Bekenntnisses bin ich erhobenen Hauptes durch meine Tage gegangen, freien Auges und mit der harmlosen Ruhe eines glücklichen Menschen. Dann aber, Franziska ...« Ein Schluchzen unterbrach sie. »Das bist du, das bist du!« weinte sie still in sich hinein und beugte sich nieder und küßte die Stelle, die diese Worte enthielten, und suchte dann wieder die steilen und lieben Zeichen ihres Vaters zu lesen. »Dann aber, Franziska ... Der heimliche, schleichende Geist ist stärker als alle verfügbaren Kräfte. Er ist wie Gift und eine heiße Zinntraufe, die einem ins Blut rinnt. Und dennoch sagte ich mir: Es geht nichts verloren in der Welt, nicht Mühe und Arbeit, und begann aufs neue zu schaffen, obgleich ich mir eingestehen mußte: in deinem Hab und Gut beginnt es leise zu knistern. Die Zeiten waren ernster geworden und die Außenstände und Darlehen nicht ohne weiteres flüssig zu machen. Die Baukosten wuchsen, das vernichtete Korn mußte eingelöst werden, und so blieb mir nichts anders übrig: ich mußte Wechsel ausstellen und mich ihrer bedienen, hatte aber in meinem verblendeten Ehrgeiz das nächste und beste von mir gewiesen, mich an Cornelis Höfkens zu wenden, wenn auch der Bau gedieh und bald unter Dach kam. Hoch vom Giebel ragte der Maibaum ... immer frische Zufuhren kamen ... die Wehre brausten auf... und die Steine drehten sich wieder. Ein zuversichtliches Behagen durchströmte mir Geist und Körper. Die Welt erschien mir aufs neue in lichteren Farben, und ich atmete freier, wenn auch meine Verpflichtungen noch immer bestanden. Ich vertraute auf Gott, auf meine eigene Kraft und ein gutes Gedeihen. Allein die Wechsel wurden allmählich fällig ... und seltsamer Weise: unversehens und in stiller Art wurden die Mühlen heimgesucht von ungebetenen Gästen, die Jahre hindurch zu den rarsten Vögeln gehörten. Jan van den Birgel kam mehr als gewöhnlich. Meist unter nichtigen Vorwänden. Auch Simonis erschien, und bei diesen Gelegenheiten kamen Dinge zur Sprache, die sich mit meinen jeweiligen Schwierigkeiten befaßten. Sie redeten mir Mut zu und vertrösteten mich auf eine bessere Zukunft. Ich war ihnen dankbar, zumal da sie sich den Anschein gaben, als verstünden sie es, die Monatsziele zu verlängern oder nötigen Falles die laufenden Wechsel überschreiben zu lassen. Simonis und Jan van den Birgel! Zwei sonderbare Menschen! Ich ahnte noch nicht, daß irgendwelche geheime Machenschaften und wechselseitige Verpflichtungen zwischen ihnen bestanden. Erst später erfuhr ich davon, hörte dieses und jenes, war aber nicht mehr imstande, sie mir vom Leibe zu streifen. Damals jedoch wähnte ich, ehrliche Hände zu fassen und mit lauteren Männern diese meine Drangsal und Unruhe teilen zu können, und ich dachte nicht daran, daß ihre Finger bereits auf einem schwarzen Türgriff ruhten, um mich in die Totenkammer zu führen. Ich glaubte an sie, hatte aber noch so viel gesunden Menschenverstand, mich endlich zusammen zu reißen und nach einem sicheren Anker zu greifen. Ich ging zu Cornelis. Als er mein Anliegen kannte und Einblick gewann in meine Schwierigkeiten, die nach rechtlichen und kaufmännischen Begriffen eigentlich keine besonderen Schwierigkeiten waren, sondern höchstens als fatale Sorgen und Verlegenheiten des Geschäftes angesprochen werden konnten, sagte er mit seinem stetigen Wohlwollen: ›Aber, Malthus, weshalb diese Umstände? Warum diese langen Auseinandersetzungen und schweren Bedenken? Immer man frisch von der Leber herunter! Auf Parol! für dich bin ich immer zu haben – alltäglich, allstündlich, und wenn ich dadurch mich selbst auf den ›Proppen‹ begäbe. Also was willst du? Du brauchst nur zu wünschen.‹ ›Wenn ich denn zehntausend Taler ...‹ ›Auch fünfzehn-, auch zwanzigtausend,‹ versetzte er schmunzelnd und deutete auf sein Zylinderbüro. ›Dort befinden sie sich. Bar oder in Kassenscheinen. Je nach Befinden.‹ ›Und du stellst sie zu meiner Verfügung, wenn ich sie abrufen sollte?‹ ›Bei Tages- und Nachtzeit. Sie sind so gut wie dein Eigen ... und damit abgemacht, Malthus.‹ ›Ich danke dir vielmals, Cornelis.‹ ›Absolut nichts zu danken,‹ und mit dem glücklichen und innigen Gefühl in der Brust, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, verließ ich das Haus dieses seltenen Mannes, wobei ich die Worte redete: Das Gedächtnis des Hilfreichen bleibt ein Segen, und lenkte ein in die Bahn einer freudigen Zukunft. Meine Sinne heiterten auf, aber da plötzlich ... Bevor ich nun den schwarzen Mantel umtue, um einsam meines Weges zu gehen, muß ich zurückgreifen, Beiseitegelegtes aufheben und Verlorenes suchen, damit ich die Dinge vereine, die schließlich mein Dasein umstrickten und es zu einem unseligen machten. Ich erinnere mich noch genau des Tages, an dem man mich in das Ehrenamt eines Kassenverwalters hineinstieß. Auch Simonis wurde verpflichtet. Die Deichschöffensitzung brachte uns immer näher zusammen. Seine Besuche mehrten sich. Unter dem Vorwand, sich über den Stand der laufenden Gelder ein genaues Bild zu verschaffen, war er häufiger Gast auf den Mühlen, ohne dabei seine Eigenschaft als Revisor in seiner Art zu betonen. Erst später erfuhr ich, was er eigentlich suchte und wollte, viel zu spät, um dem nahenden Unheil das Wasser abzugraben und ihm eine andere Richtung zu geben. Es schien so, als wäre ich in jener Zeit mit Blindheit geschlagen gewesen. – Du warst meine Freude, Franziska, und jetzt noch nach Jahren lege ich meine Hände zusammen, um deinen Namen zu segnen. Ich wußte um deine Liebe zu Hans und sah sie immer schöner und reicher werden, daß sie sich anließ wie der Wiesengrund hinter dem Mühlwehr, der schon in den ersten Frühlingstagen so voller Blumen zu stehen pflegte, daß man des Glaubens sein konnte, die allerseligste Jungfrau sei durch die Gräser gegangen. Maria Windelweiß und Männertreu blühten dort immer am frühesten, so daß ich dachte: Es ist des Ewigen Wille gewesen, der Herr ist mit euch und wird euch die Pfade ebnen, und trotz der schweren Stunden, die dieserhalb über Op gen Oort kamen und ernste Zerwürfnisse brachten, hielt ich deine Sache für eine reine und heilige Sache und freute mich bereits deiner gottwohlgefälligen Tage ... und wenn auch ein andrer sich um deine Neigung bewarb, den Schmelz von deiner wahren Liebe zu streifen versuchte und dich Monate hindurch mit seinen gierigen Blicken wie mit unkeuschen Fingern berührte – meine Zuversicht blieb und suchte nur das Schöne im Schönen zu finden. Es ist anders gekommen, und mir blieb das traurige Los vorbehalten, die Art an den Wurzelstock deines reinen Menschentums zu legen und es stürzen zu lassen. Zu spät begriff ich, zu spät kam die Einsicht, zu spät wurde mir die Binde von den Augen genommen. Nichts blieb mir übrig, als die Qual und die furchtbaren Schreie: Herr du mein Heiland! – Erbarmen, Erbarmen! – Mir will der Verstand auseinander! – Doch ich will folgerichtig erzählen. Es war an einem regnerischen Tag im November, als Jan van den Birgel auf den Wassermühlen erschien und mich dringlich zu sprechen wünschte. ›Herr Malthus ...‹ Er sah demütig aus und machte ein Gesicht, als seien ihm die letzten Schindeln von den Sparren gehagelt. So jammerselig und zusammengebrochen war er mir noch niemals begegnet, mit solchen äußerlichen und innerlichen Gebresten noch niemals vor Augen gekommen. Unter einem süßsäuerlichen Lächeln rannen ihm die Tränen herunter. Ich hatte Mitleid mit ihm und sagte teilnehmend: ›Womit kann ich dienen, Herr Jan van den Birgel?‹ ›Gott, Herr Malthus, man hat so seine unseligen Tage. Man denkt sich das beste und tut seine Pflicht im Geschäft, denn man will sich doch über Bord halten, Herr Malthus, und dann und wann so'n kleines Profitchen entrieren, aber bevor man sich versieht, pfeffern sie einem die dicksten Knüppel zwischen die Beine. Offen gestanden: meine Spekulationen sind so'n bißchen in die Brüche gegangen, und da dachte ich mir: Geh' zu den Mühlen! Aber beileibe nicht, ich will Ihnen keine Molesten machen, Herr Malthus, obgleich ich weiß: Sie helfen ja gerne, denn hier springen die Goldfüchse herum wie die Flöhe in einer Infantriekaserne. Und weil das so ist ...‹ Er war die verkörperte Wehleidigkeit. ›Und wie kann ich nützen?‹ fragte ich mit einem plötzlichen Unbehagen. ›Ganz einfach, Herr Malthus,‹ und mit einer scheußlichen Liebedienerei präsentierte er mir etliche Wechsel, die ich als die meinen erkannte, ›denn ich stehe doch 'nem soliden Mann und 'nem famösen Geschäft gegenüber. Kleinigkeiten, Herr Malthus!‹ und mit einem stillen und doch grausigen Behagen las er die einzelnen Zettel: ›fünftausend Taler, zweitausend und nochmals zweitausend, macht neuntausend Taler zusammen, und es steht nur bei Ihnen, ob Sie die Unterschriften als die Ihren anerkennen.‹ ›Die Unterschriften sind richtig.‹ ›Da wäre die Angelegenheit ja in der opulentesten Reihe, und da sie heute fällig geworden ... Oder sollte ich mich täuschen, Herr Malthus? In diesem Falle natürlich bitte ich, mich exküsieren zu wollen.‹ ›Nein, Sie täuschen sich nicht, Herr Jan van den Birgel. Aber auf welche seltsame Art sind diese Papiere in Ihre Hände geraten?‹ ›In meine Hände? und seltsamer Weise ...? Das ist meine Sache, Herr Malthus. Wechsel sind Wechsel. Die sind wie die Hasen. Bald im Kleefeld, bald im leckeren Kappes. Oder sind Sie anderer Ansicht? Das würde mir leid tun. Ich sollte doch meinen ... ein Geschäftsmann wie Sie ... kein Talmi ... alles echt und gediegen ... selbstverständlich ist somit auch Deckung vorhanden. Also wie steht's damit?‹ Seine Augenwinkel kräuselten sich. ›Ja, es ist Deckung vorhanden,‹ sagte ich prompt, obgleich ich das Gefühl hatte, als würde mir die letzte Messe gelesen. ›Da sehn Sie. Es wär' auch noch schöner, wenn so'ne grandiose Firma sich vor lumpigen neun- oder zehntausend Talers bange machen täte. Bei so 'ner Bagatelle gingen ja Honnör und Reputation zum Teufel, und es lachten die Hühner darüber. Immer nobel, Herr Malthus!‹ ›Gut, ich werde morgen die Wechsel begleichen.‹ ›Ich verstehe nicht richtig. Erst morgen? Erst morgen, Herr Malthus?‹ Wie im Handumdrehen hatte sich das Aussehen des Alten gewandelt. Der Kopf kroch in die Schultern zurück, die Lippen wurden schmal wie die eines Gehenkten und die ausgemergelten Finger zu scheußlichen Krallen, die mit der Gier eines Raubtieres die verhängnisvollen Papiere umgrapsten. ›I, den Zackerzucker noch mal! erst morgen, Herr Malthus?! Das ist wohl Ihr leibhaftiger Ernst nicht. Schon in Ihrem Interesse – das geht nicht, das geht absolut nicht. Man kann doch sein eigener Schinder nicht werden und den Kopf in den Sack fallen lassen. Machen Sie doch keine Geschichten, mein Lieber, sich selber für insolvent zu erklären. Da würden sich ja die Leute kugeln vor Wonne, wenn so was passierte. Nee, unter keiner Bedingung. Dafür sind Sie mir zu schade, Herr Malthus. Wechsel ist Wechsel, und ich für meine Person kann bis morgen nicht warten. Dafür habe ich meine Ehre im Leibe. Ich bin gewohnt, sachlich zu handeln. Meine Gläubiger sitzen zu Hause und wollen Bezahlung. Eher den Strick um den Hals, als mich für 'nen Lumpen taxieren zu lassen. Immer reine Bahn und ein nettes Gewissen. Das ist bei mir von jeher Regel gewesen. Keine Ausflüchte, wenn ich bitten darf,‹ und mit dem Gesicht eines Gerichtsvollziehers hielt er mir die fälligen Scheine vor Augen. ›Entweder das hier wird beglichen auf Heller und Pfennig und in sofortiger Stunde oder der Name Christian Franz Malthus wird in die Gosse geschmissen.‹ Ich mußte an mich halten, diesen Vertreter des Satans nicht niederzuschlagen. Aber meine Stimme begehrte auf wie die eines Ungerechten und doch Gerechten: ›Schweigen Sie, Jan van den Birgel!‹ und ohne mich weiter um den Menschen zu kümmern, betrat ich die Nebenkammer und tat, was die Stunde mir eingab: der Kasse, die meine Kasse nicht war, entnahm ich die neuntausend Taler und löste die Wechsel ein, von dem starren und unerschütterlichen Glauben durchdrungen: die erforderliche Deckung liegt bei Cornelis. Und ich ging zu Cornelis – barhaupt und so wie ich war ... noch richtig im Geiste und mir keiner Sünde bewußt, um gleich darauf ... Zu meinem wilden Entsetzen fand ich verschlossene Türen. Cornelis war auswärts. Das drehte mir die Welt aus den Angeln. Die Mühle wurde zu einem gewaltigen Unhold, zu einem Giganten, und suchte mich mit ihren Armen von der Koppel zu mähen. Mir war es, als stieße sich mir ein glühendes Schwert in die Seele, als stünde mir ein riesenhafter Kerl im blauen Kittel zur Seite, die Pfeife im Maul, Gamaschen an den groben Knochen, die Schirmmütze übergezogen und 'nen Metzgerdorn in der Hand ... als nickte er höhnisch und frech ... als schritte er durch den regengrauen November ... durch die Grafschaften Kleve und Geldern ... als schrie er lauthals: ›Achtung, die Herrschaften! Christian Franz Malthus streckte die Finger, Christian Franz Malthus hat seine Ehre vergraben, will ins Zuchthaus hinein, ins Zuchthaus nach Kleve ...!‹ Vater im Himmel da droben! Das Hirn wurde mir zusammengehauen ... und Cornelis war auswärts ... Als ich zu Hause ankam, empfing mich Simonis, dieses Mal amtlich und mit der verbindlichsten Güte. Es sei ihm verdrießlich, so meinte er, aber er habe Order bekommen. Geschäft sei Geschäft, und Dienst sei Dienst. Er könne nicht anders. Die Deichschöffenkasse sei ordnungsmäßig zu prüfen ... und er als Revisor ... Die Dielen kamen ins Schwanken, die Mühle polterte wie von Geistern geängstigt ... ›Achtung, die Herrschaften! Christian Franz Malthus ...‹ und mit rohem Gesicht, die Pfeife im Maul, die Schirmmütze übergezogen, sah der riesenhafte Kerl mit dem blauen Kittel durch die angelaufenen Scheiben. Das war das Ende.« Sie las nicht weiter, überschlug nur die folgenden Sätze in rasender Eile, als würde ihr Geist von einem tollen Wirbel getrieben. Dann fuhr sie aus ihrer knieenden Stellung mit einem heiseren Schrei, der wie der Schrei einer von einer Kugel Getroffenen das fast eingedunkelte Zimmer durchgellte. »Ja, das ist das Ende! Vorhang auf! Ich sehe die Szene, die abscheuliche Szene ... und auf ihren Brettern: du und Simonis. Jetzt erst überschaue ich die furchtbare Tragik, stiere ich in das entstellte Gesicht eines verzweifelten Mannes, in das Grauen hinein. Vater, du liebster, du ärmster! Zwei Menschen, zwei hündische Menschen zwangen dich nieder, würgten dich, vergewaltigten dich, bis du die Unterschrift gabst, machten dich strafbar ... und ich bin des einen Opfer geworden. Ich mußte, ich mußte. Mein Gott, nun verstehe ich alles!« und ihre Blicke schlossen sich, ihre Hände falteten sich, ihre Knie beugten sich: »O du – schuldlos, um doch schuldig zu werden! Und doch bist du ehrlich geblieben; denn ich sehe mit sehenden Augen und höre mit hörenden Ohren. Ich sehe das Opfer, das du darbringen mußtest, um deinen Namen rein zu erhalten, ich höre deine trostlosen Schreie, das einsame Stammeln, das Röcheln des Todes. O du schuldiger, schuldloser Mann! O du, der du mein Leben zerstörtest! Und dennoch: ich segne den Mund, der mich preisgab, und küsse die armen Hände, die mir das Heil brachten und dieses niederschrieben. Du Ärmster, du Treuer, du Guter!« Dann aber: sie war wieder die alte geworden. Sie riß sich auf, und in der letzten kümmerlichen Helle des Sankt Nikolaus-Abends las sie den Ausgang, die feierlichen Sätze, die ihr wie aus der Ewigkeit zuriefen: »Dies mein Bekenntnis. Wäge und richte ... aber nochmals, mit gestreckten Fingern und im Angesicht meines Verfalles und der ewigen Allmacht: ich weiß, ich machte mich sündig, ich zerbrach dein Glück, ich mordete deine Liebe – aber vor Gott und meinem Gewissen, im Andenken an deine selige Mutter –- ich bin kein Verbrecher, ich bin dessen nicht schuldig, wessen die beiden Erpresser mich bezichten. Nur ein Schwächling war ich, ein Verstörter, ein Gewürgter, der die Kraft nicht mehr hatte, diesen Menschen die Schädel zu spalten. Und wenn ich auch fehlte, wenn ich auch tat, was vielleicht vor dem irdischen Richter als strafbar erscheint – Deckung war da ... nur ein unheilvolles Geschick, ein Ungeheures, das blinde Walten der Stunde stieß mich in den Abgrund hinein, wo die Geier sitzen und die nächtigen Vögel ... aber ich bin kein Verbrecher ... Des ist Cornelis mein Zeuge. Und du – ich will es und fordere es in dieser Stunde von dir: Hingehen sollst du zu ihm –- und mit erhobenem Haupte sollst du ihn ansehen – und die Frage sollst du ihm stellen: Hat dein Vater die Wahrheit gesprochen? Hältst du ihn schuldig? Darf Christian Franz Malthus als ein Gerechter wohnen im Jenseits? Darf ich, seine Tochter, die Stirn erheben wie in früheren Tagen und meinen Vater segnen mit der Herzenswärme des Kindes? Das frage – und ich habe meine Ehre wiedergefunden, von jetzt an bis in alle Ewigkeit, Amen!« »Ich will!« und als trüge sie ein Sturmwind von hinnen, kaum, daß sie sich Zeit nahm, sich ein Tuch um die Schultern zu schlagen, des heiligen Abends und des zugeströmten Gesindes nicht achtend, eine wilde Qual und doch einen namenlosen Jubel im Herzen, verließ sie das Haus – schritt sie über den Deich fort – trieb sie in der Richtung zu der abgeschiedenen Mühle. »Des ist Cornelis Höfkens mein Zeuge. Ich höre, Vater, ich höre ...!« Eine schneeweiße Feier! Keine Menschen ringsum ... kein Leben ... nur das Ächzen der bitteren Kälte und ein scharfes Gestiebe ... und weit dahinten, ganz verloren und einsam: ein sanfter Lichtschein – das Licht, das sie suchte.   20 Die Höfkenssche Mühle im Schnee! Auch sie hatte Feierabend gemacht. Wie ein einsamer Zyklop, mit Pudermantel und weißer Kalotte, ragte sie in den Dunst des kalten Winterabends hinein, der langsam heraufzog. Stumm und schwarz kam es wie ein Rauch daher. Nur im tiefen Westen, nach Hasselt und Huisberden zu, suchte ein mattes, kränkliches, lebloses Rot durch das frostige Grau des heimgegangenen Tages zu dringen. Bald war auch dieses vergangen; aber die Bilder eines niederrheinischen Sinter Klaas-Abends begannen sich allmählich zu regen. Schneeblau war alles. Auf den zugefrorenen Wassern stöhnte das Eis. Unter den Schritten der noch einsam ihres Weges dahinziehenden Menschen zwitscherte die kalte Decke wie hungrige Mäuschen, ein schneidender Wind machte die Bäume aufseufzen und scharfe Kristalle niederrieseln. Die Vorboten neuen Schneetreibens, das gemächlich aus der Niederung vormarschierte, traten in die Erscheinung. Inzwischen war es völlig dunkel geworden. Nur aus der Holländer Kat, wo Nöllecke Reigers, Cornelis sein erster Gesell, das Zeitliche segnen wollte, drang ein matter Lichtschein ins Freie. Ein zweiter stand unmittelbar neben der Mühle, war aber breit und wohlgenährt und ließ die gehäkelten Vorsätzer, die hinter den Fenstern standen in ihrer ganzen Nettigkeit aufleuchten. Drüben Not und Elend und hier die große Feier eines stillen Behagens. Ungefähr um die Stunde, wo Franziska Simonis wissend geworden war und die Arme zur Decke streckte, saß Cornelis Höfkens mit übergeschlagenen Beinen im Lehnstuhl, seine Tonpfeife rauchend und auf das anmutige Geprätzel von Bratäpfeln horchend, die auf einem Porzellanteller in der Ofenröhre schmorten. Es war genüglich warm in der Stube. Knochentrockene Eichen- und Buchenstubben, an denen ein knisterndes Feuer herumknabberte und dazu anheimelnde Wintergeschichten erzählte, durchkachelten das Zimmer bis in die äußersten Ecken. Kein Eisblümchen wagte es, seine glitzernde Pracht zu entfalten, und versuchte so ein Vorwitznäschen es dennoch, Kelch und Staubfädchen anzusetzen, zerfloß es sofort unter rinnenden Tränen. Auf dem weißgespreiteten Tisch stand eine große Schüssel mit Goldreinetten, mit Nüssen, Lebkuchen und sonstigen Leckerbissen, die mit dem angenehmen Duft nach Wacholder und Arrak, der von der nahen Küche herüberwehte, lieblich die Nasenflügel des insichgekehrten Mannes belebte. Heute war für ihn der erinnerungsreichste Abend des Jahres. Das machte ihn nachdenklich, dazu heiter und angeregt, wenngleich er auch das traurige Geschick, das über die Holländer Kat gekommen war, aufs tiefste beklagte. Ihm gerad gegenüber, zu Häupten des mit Wachstuch überzogenen Sofas, hing das Bild des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz – Seydlitz, kurz vor dem Einsetzen der Schlacht von Roßbach, Seydlitz auf feurigem Rappen an der Spitze seiner straffen Schwadronen, den Tonstummel in die Luft werfend, die Attacke gebietend. Es schmetterte ordentlich mit Fanfaren aus dem Bilde von Camphausen ... und hier, auf diesem Windmühlenhügel hatte er als Junge die sausenden Flügel durchritten ... Cornelis nickte ihm zu. »Brav so! Immer man weiter, immer man weiter! Solche Leute haben wir nötig«, und er deklamierte vergnügt vor sich hin: »Herr Seydlitz, Gott zum Gruße ...« als sich plötzlich die Tür öffnete und die Wirtschafterin, Mamsell Apollonia Korthals, ins Zimmer rauschte – etwas kurzatmig, aber gediegen, behäbig gekleidet, ein neckisches Schürzchen vorgebunden, schwere Goldspiralen unter der holländischen Knippmütz und mit einem Gesicht, frisch und rosig wie der Posaunenengel über dem Predigtstuhl in der hiesigen Pfarre. »Mynheer,« fragte sie mit schönen Augen, indem sie ihre sanften Wurstfinger gottergeben auf dem etwas kompletten Bäuchelchen zusammenlegte, »wird noch wer heute zu Abend erwartet?« »Daß ich nicht wüßte, Mamsell. Pitt Lörksen und Dores feiern zu Hause, um dann noch so'n kleines Extravergnügen im ›Dicken Tommes‹ zu haben. Eigentlich müßte ich hin, aber bei dem heutigen Wetter ...« »Auch Kosman Kraneboom nicht?« »Glaub's kaum. So'n Faktotum darf auf den Wassermühlen nicht fehlen.« »Dann will ich den Punsch für uns beide schon richten.« »Man zu!« versetzte Cornelis, erhob sich und warf neue Kloben ins Feuer. »Wärme von innen und außen, so was hält den armen Kadaver zusammen.« Er schnalzte mit der Zunge. »Mollig, sehr mollig! Aber was ich sagen wollte, Mamsell ... Ist die Holländer Kat auch bedacht?« »Alles besorgt,« und sie zählte an den Fingern herunter: »Der Frau 'nen neumodischen Umhang, honett, aber gediegen, den Kindern Strümpfe und Schuhe, nebst 'nem Deputat Äpfel und Nüsse, und für Nöllecke selber 'ne tuchene Jacke. Er braucht's aber kaum noch.« »Steht's denn so miserabel mit ihm?« »Mehr als das. Ganz miserabel. Der wird nicht wieder und kann nicht mehr werden. Morgen ist's alle. Die Frau war schon bei mir und fragte nach dem besten Geschäft fürs Totenhemd. Sie will's vom nobelsten Ende haben. Ich kann's ihr auch gar nicht verdenken, denn sie lebten wie die unschuldsvollen Turteltauben und Karnickels zusammen. Die ganze Wirtschaft eine einzige Liebe. Für Nöllecke alles, sagte sie weinend. Auch der junge Kaplan ist soeben vorübergegangen, und wenn der mit die letzte Ölung erscheint, kriegt bald der Spaten zu schaffen.« »Herr, mache es gnädig!« meinte Cornelius und setzte sich wieder. In diesem Augenblick klopfte es von draußen gegen die Scheiben. »Christus!« rief die Mamsell und griff nach ihrem Herzen, das laut unter dem weichen, gehäkelten Seelenwärmer trommelte. »Man kriegt ja zuviel bei so 'ner Geschichte!« Auch Höfkens war erregt von den Binsen gefahren, aber da klang es: »Grüß Gott, Sinter Klaas! Heelmoijen Abend, Cornelius!« »Na, so was!« atmete Höfkens auf. »Das ist ja ... 'rein man, immer 'rein man!« und der Wirtschafterin gebot er: »Mamsell, jetzt 'ne Bowle für dreie!« und als diese vergnügt in die Küche trudelte und Kosman Kraneboom fahrig über die Schwelle trat, hieß ihn Cornelis herzlich willkommen, drückte ihn in einen bequemen Lehnstuhl hinein, reichte ihm eine gestopfte Gaudaer Pfeife, brachte einen brennenden Span zu und sagte: »Nu wird's Licht! Kosman, was heißt das?« »Das soll heißen, Cornelis,« versetzte der Ankömmling, indem er den Tabak gemächlich in Brand setzte, »daß ich mich drüben ausgeklinkt habe und mich für heute anderweitig einrichten möchte, und wenn ich nicht ungelegen komme ...« »Unsinn! Ich hab' schon 'ne Bowle für drei in Bestellung gegeben.« »Merci, dann bleib' ich,« sagte der Alte und machte sich's bequem, »denn so'ne Stunde kommt nur einmal im Jahre, und die will ich vergnüglich vertun und so, wie ich's vom Emmericher Eiland her noch in der Gewohnheit besitze. Da ging's einfach zu, aber jedes mit Liebe und Andacht, und so was kann ich nicht missen, denn am Sinter Klaas-Abend wird einem so heilig, als wenn man auf goldenen Schuhen retour machte, ins Kinderparadies hinein, als wenn Vater und Mutter noch da wären und einem 'ne liebevolle Hand über den Kopp ginge, ganz fromm und behutsam – und das kann man auch jetzt noch gebrauchen, denn wie lange noch, und es ist alles vorüber. Für das, was gewesen ist, gibt der Jud keinen Pfennig, und da dachte ich mir: Willst bei Cornelis mal vorsprechen, um 'n Stück Jugend aus dem Bilderbuch des Lebens zu sehen.« Höfkens nickte ihm zu und fragte dann zögernd: »Und das konntet Ihr da drüben nicht haben?« »Nein,« sagte Kosman mit erloschenen Blicken, und seine Hand machte eine zitternde Geste. »Um das zu erklären, muß ich den richtigen Ausdruck gewinnen. Das ist nicht so einfach und geht nicht so flott von der Leber herunter; da muß einer sein spekulieren, um alles auf den gehörigen Karren zu laden. Cornelis, Ihr wißt ja« – und nachdenklich sah er den blauen Kringeln nach, die er gegen die niedrige Decke wölkte – »ich und die Wassermühlen sind doch von jeher wie zwei gute Freunde gewesen, und wer dran gerappelt hätte, den hält' ich ins Stauwehr geschmissen.« »Kosman, das weiß ich.« »Dann könnt Ihr auch wissen, daß keine zehn Pferde mich von den Mahlgängen weggebracht hätten?« »Auch das,« bestätigte Höfkens. »Und daß es allzeit mein innigster Wunsch war, von dort aus auf den Kirchhof zu kommen?« »Und jetzt?« »Ich hab' keinen Animo mehr und will mich verändern.« Der alte Müller machte unfaßliche Augen, und der Mund stand ihm offen, wie er einem Drogisten offen steht, wenn er mit gefesselten Händen zusehen muß, wie ihm sein bestes Fäßchen Provenceröl ausläuft. »Kosman, Ihr werdet doch nicht ...?!« »Warum nicht?« sagte der Alte, rauh und schartig, und hob sich steil in die Höhe. Dabei schliff er erregt mit Mittel- und Zeigefinger rund um Bartfräse und Hemdenkragen, als säße ihm ein Strick um die Kehle. »Schockschwerenot! ich will doch meine Seelenruhe behaupten. Was Simonis und Jan van den Birgel uns eingebrockt haben, benimmt mir den Atem. Die Luft ist mir zu stickig geworden. Ich halt's nicht mehr aus. So was kann kein Vieh nicht vertragen, geschweige denn erst ein Mensch mit hellen Gedanken und mit Ohren, die hören, und mit all der Liebe im Herzen.« »Kosman, was los denn?« »Cornelis« – und die Stimme des Alten kroch in sich zusammen und verbarg sich vor innerem Grauen – »was ich glaubte halten zu können, um ihm gediegen in die Parade zu fahren, das geht seinen Gang, als hätte es mit dem Satan 'nen Kontrakt angefertigt. Nichts mehr zu machen. Das läuft mit der Promptheit einer akkuraten Maschine; denn was ich bei ihr jetzt erlebte ... Zwei Menschen wollen sich langsam verbluten: er drüben und sie auf den Wassermühlen, und in so 'nem Haus kann ich den heutigen Tag nicht beschließen, auch die übrigen nicht, und weil ich das weiß, muß ich nächstens fortmachen, da ich nicht sehn will, wie die Not immer näher herankriecht. Das ist es. Ich will doch meine fünf Sinne besitzen, und so habe ich mich hieher begeben, um den heutigen Abend ...« Seine Worte zergingen. »Ich danke Euch, Kosman, ich danke Euch vielmals ... und hier so am bekömmlichen Ofen –« Das war alles, was Cornelis vorbringen konnte. Auch ihm erstarb jede Silbe zwischen den Zähnen. Er zählte die einzelnen Pendelgänge und verfolgte den großen Zeiger, der bedächtig auf voll rückte. Dann ein vernehmliches Seufzen hinter dem buntilluminierten Zifferblatt; ein Türchen sprang auf, und ein Kuckuck ließ seinen hellen Waldruf vernehmen. »Fünf Uhr,« sagte Cornelis, aber so, daß er das tiefe Schweigen nicht störte. Für einige Minuten blieb es still in der Stube. Nur zeitweilig ein verhaltenes Fußscharren und das schwere Atemholen der beiden Einsamen, die ihren Gedanken nachhingen und sich wie verirrte Kinder immer mehr in Not und Bedrängnis verloren, als sich unversehens ein Sirren und Klingen erhob, das im Rauchfang auf und nieder rumorte und sich mit scharfen Schwingen um die Mauern bewegte. Gleichzeitig knisterte es hart gegen die Scheiben. »Nu geht's mit 's Schneetreiben aufs neue los,« meinte Kosman und setzte sich wieder. »Ah! aber die verfluchte Geschichte!« Mit beiden Händen umgriff er die Lehne. »Und da hinten ... was bimmelt da so?« Die beiden horchten auf das Geriesel der eisigen Kristalle und auf ein ängstliches Stimmchen, das sich mit kurzen Unterbrechungen durch die Windstöße arbeitete. Immer näher kam es heran, immer heller und nachhaltiger. Ab und zu setzte es aus, um dann um so lauter zu gellen. Cornelis spitzte die Ohren. Erregt sprang er auf. »Nu ist's alle mit Nöllecke Reigers,« meinte er traurig. »Gott, die armseligen Menschen! Wollen mal nachsehen,« und er ging hin und schlug das Fenster zurück. Ein frostiges Bild hauchte ihn an, grau in grau und von Myriaden eiliger Flöckchen durchgeistert. Kosman Kraneboom war dicht an seine Seite getreten. Da sahen sie: ein halbwüchsiger Junge wollte draußen an ihnen vorüber. Vor ihm her lief der dunstige Schein einer kleinen Laterne, die in seiner Linken auf und nieder schwankte. Mit der Rechten weckte er den Ton einer emsigen Schelle und drehte dabei den bloßen Kopf gegen das kalte Gestöber. Hinter ihm folgte die hohe Gestalt eines Geistlichen, dessen Hände auf der Brust sich kreuzten und scheinbar eine Kapsel umspannten. Cornelis rief ihn an und sagte: »Herr Kaplan, wollen Sie nicht die Mühle beehren? Ich hätte noch was von wegen Nöllecke Reigers zu fragen.« »Ich nehme die Einladung dankbar an,« kam es freundlich zurück, »um so mehr, als ich noch einen zweiten Barmherzigkeitsgang zu machen habe – und du, Hermann,« mit diesen Worten wandte sich der Kleriker an den jugendlichen Mesner, »geh' nach Hause, sprich aber noch bei meiner Wirtschafterin vor und sage ihr, ich käme erst später. Sie braucht nicht zu warten,« und damit barg er die silberne Kapsel mit dem Allerheiligsten in seine Soutane, stäubte den Schnee von den Schuhen und trat in den Hausflur, empfangen von Cornelis und Kosman, die ihn mit einer gewissen Fürsorge in das warme Zimmer geleiteten. Hier schüttelte Andreas Lobbers ihnen die Hände, legte Chorhemd und Stola beiseite und begrüßte die Stube, die so feiertäglich aufglänzte, als hätte sie einen Abgesandten des Herrn empfangen. »Bei euch ist wohl sein,« sagte er gütig, »aber der Wechsel der Dinge tritt einem hier in seiner ganzen Schärfe und Bedeutung entgegen. Vom Sterbebett in das Behagen des Friedens. Drüben die schwere Hand des Geschickes; hier die milden Augen aus der Kinderzeit und die lieblichen Schauer des heiligen Abends.« »Und wie geht es bei Reigers?« fragte Cornelis. »Morgen wird er befreit sein, und wenn die letzten Seufzer des Herzens seiner Seele gebieten, vom Leibe zu scheiden: ich glaube, er hat alsdann die Huld und Güte seines Erlösers gefunden. Trotz des tiefen Jammers, der sein Krankenlager zu einem trostlosen machte, er fügt sich mit christlicher Geduld in den Willen seines Hirten und Schöpfers. Seine Seele ist heiter. Ich trage kein Bangen um sie, aber um Weib und Kinder, da bangt's mich.« Mit einem traurigen Lächeln legte er die weißen Hände zusammen. »Das laßt meine Sorge sein,« versetzte Cornelis. »Was die Rechte tut, soll die Linke nicht wissen. Sonst ist kein Segen dabei. Was ich an Nöllecke besaß, das wird ihm auch bei seinem Tod nicht vergessen. Wir hatten immer ein arbeitsames und selbstloses Schaffen zusammen. Drum soll es auch auf sein Dach träufeln, wenn's auf das meinige regnet.« »Ihr sprecht im Sinn eines guten Sachwalters,« meinte Andreas, »denn geschrieben steht im Buche der Sprüche: Spende dem Herrn von deinem Gut und von den Erstlingen all deines Einkommens! So werden deine Scheunen voll werden und deine Kelter von Most übergehen.« »So ist es,« sagte Cornelis, »und nu, Herr Kaplan, wenn ich bitten darf ...« und er rückte ihm den nächsten Sessel zurecht, und als sie sich niedergelassen hatten und die sauber gespreitete Tafel sie anlächelte, schob Apollonia Korthals ihre Bänderfladuse ganz behutsam durch den Türspalt und schmunzelte: »Mynheer Höfkens, ich bin so weit fertig.« »Schön!« meinte Cornelis, »aber jetzt 'ne Bowle für viere!« »Hab's schon gemorken,« entgegnete die Mamsell mit einer sinnigen Verbeugung, zog sich zurück und brachte gleich darauf eine dampfende Suppenterrine ins Zimmer, die mit allen Düften des Orients apothekerte, und während Apollonia einschenkte und die Gläser sorglich verteilte, fragte Cornelis: »Ihr habt da soeben von 'nem zweiten Barmherzigkeitsgang gesprochen. Ich meine bei diesem sibirischen Wetter ... hat's weit noch. Hochwürden?« »Ein halbes Stündchen vielleicht. Aber warum diese Frage?« »Und das zu Fuß, Herr Kaplan?« »Wie sollte ich anders? Die Jünger des Herrn bedienten sich hierzu lediglich ihrer abstrapazierten Schuhe und sind dabei trefflich durchs Leben gekommen.« »Schon möglich, das mit den Jüngern. Die befanden sich in Palästina und in 'nem ewigen Sommer. Hatten also keine großen Molesten. Aber hier zu Land und das bei fußhohem Schnee und fünfzehn Grad Kälte ... gar nicht zu machen, Hochwürden. Mamsell! – Christ soll den Braunen anspannen und später mit dem Schlitten vorfahren. Man hat's so perfekter.« »Aber Herr Höfkens ...!« »Abgemacht und streu' Sand über die Sache!« und da ging Apollonia mit ihrem heißen Punschglas hinaus, um das Gebot weiter zu geben. »So nehme ich denn auch dieses dankbar an,« sagte Andreas, »denn der Weg, den ich noch zurückzulegen habe, liegt mir schwer auf der Seele. Uns aber werde ein gesegneter Sankt Nikolaus-Abend!« und er nahm sein Glas, stieß mit dem Gastgeber und dann mit Kosman an, und als sie getrunken hatten, begann er wieder leise zu sprechen und sagte: »Ich erwähnte schon vorhin: hier in diesem traulichen Zimmer ist wohl sein. Eine begnadete Weltabgeschiedenheit umfängt uns. Nicht das Geringste stört hier die beschauliche Ruhe. Die bösen Geschehnisse und Unerträglichkeiten des Tages dringen nicht in diesen verschwiegenen Winkel. Selbst der Zimmermannssohn aus Nazareth würde gerne hier rasten und sagen: Lasset die Kleinen zu mir kommen ... denn alles und jedes freut sich auf seine Art und ruft nach dem Herrn. Wundert euch nicht, daß ich in dieser Weise zu euch rede. Aber das Herz geht mir über, und eine linde Hand führt mich sacht und unauffällig in das Reich, wo ich meine Jugend verlebte. Und dieses Reich – ach, wie so einfach, so unscheinbar und ärmlich und doch von der Aureole des Übersinnlichen verklärt und erhoben! Nur Kappesfelder und Rübenäcker umgeben mich. Aber zwischen diesen Kappesfeldern und Rübenäckern liegt Keppeln ... und am Eingange des Dorfes eine schlichte und einsame Schmiede ... und gerade wie damals: dort der Ofen mit seinem geheimnisvollen Plaudern, und da das mäuschenstille Gehen des Pendels und das duftige Näseln der Äpfel ... alles wie früher, alles wie früher! ... und draußen das Rieseln des Schnees und ein Klopfen mit scheuem Finger gegen die Scheiben, das das Nahen des heiligen Mannes verkündet. Ein großes Wunder in der Winternacht! Es ist wie ein Ewiges, Unsagbares, Allumfassendes, so recht dazu angetan, den heutigen Abend als Kind zu begehen,« und wieder legte er seine weiße Hand um das Glas, hob es auf und sagte: »Mögen wir Kinder bleiben in diesem Sinne, Kinder unseres Vaters im Himmel, den Frieden im Herzen. Ja, meine Getreuen, und wir wollen derer gedenken, die diesen Frieden nicht haben, und zu Gott beten, daß er ihnen einen solchen verleihe. Noctem quietam et finem perfectum concedat nobis Dominus omnipotens. Das füge eine liebe Vorsehung,« und sie tranken aufs neue und stellten ihre Gläser wieder stumm vor sich hin, als wenn sie etwas Geweihtes auf den Tisch setzten. »Herr Kaplan, das war lieblich geredet,« begann Kosman zu sprechen, wie aus einem Traum und aus einem schönen Erinnern heraus. »So was vergißt sich nicht wieder und kommt einem vor wie 'ne Ansicht aus 'nem feinen Bilderbuch, wobei einem ein freundlicher Herr 'nen Guckkasten vorhält und einem zuwinkt: Man immer frisch in die Röhre gesehen! Da findet ihr alles, was euch glücklich machte: die Jugend und Vater und Mutter und Sinter Klaas und all die kleinen Sächelchen des Lebens, aneinander gereiht wie die niedlichen Steinchen in einem Baukasten. Und als Ihr so spracht, da war es mir gerade, als säße ich in dem kleinen Häuschen zu Bethanien, bei Maria und Martha, und hörte die Stimme des Herrn und das, was er zu sagen hatte. Besonders das eine: Wir wollen derer gedenken, die diesen Frieden nicht haben, und zu Gott beten, daß er ihnen einen solchen verleihe. Ja, Herr Kaplan, da habt Ihr den Nagel direkt in die richtige Bordwand getrieben. Da führen viele Stationen zum Ölberg, und da stehen Kreuze bei Kreuze, hölzerne und eiserne und solche von Stein, schwarze und weiße. Und einige hängen windschief und wollen über die Grabschollen fallen.« Mit einem dumpfen Laut ließ er die Hand auf den Tisch poltern. »Ah, diese Kreuze!« »Aber, mein Bester, weshalb diese Erregung?« fragte Andreas. »Herr Kaplan,« fuhr der Alte unbeirrt fort, »und all diese Kreuze gehören zu denen, die nicht das Leben mehr haben, die tot sind, und andere wieder werden noch von lebendigen Schultern getragen ... und eines ist drunter, das schleift und zieht durch den Schnee und die jetzige Stunde ... und der Mann, der es trägt ...« Eine rasche Gebärde des jungen Geistlichen unterbrach ihn. »Kosman,« sagte er mit zuckenden Lippen, »zu ihm will ich jetzt. Ich will nach Op gen Oort. Das ist mein Barmherzigkeitsgang. Als Simon von Kyrene muß ich versuchen, ihm seine Bürde leichter zu machen. Ihr denkt an Hans Harkort?« »An ihn denke ich. Aber da ist noch ein anderes Kreuz –« und der Alte straffte sich hoch und fuhr sich mit der Hand über die Stirn und die eisgrauen Haare, – »da ist noch ein anderes Kreuz ... das schleppt sich von den Wassermühlen herunter ... das kommt den Fahrweg herauf ... und pilgert an der Mergelgrube vorbei ... und geht über den Hof fort ... und ist noch schwerer als das von Hans Harkort... und die, die es trägt, läßt blutige Spuren hinter sich ...« »Franziska Simonis!« rief Andreas und faltete die Hände. » Sursum corda ! Lasset uns beten!« – und draußen schlug die Hausglocke an, und Stimmen waren im Flur, und wie von einem Geist in Bewegung gesetzt, drehte sich langsam die Angel. Entsetzt und mit allen Zeichen des Schreckens sahen die drei auf den Eingang, wo das ernste Gesicht der Mamsell erschien und ein verstörter Mund die Worte hervorstieß: »Mynheer Höfkens, hier neben ...« Aber sie kam nicht weiter. Franziska Simonis stand bereits auf der Schwelle, von den Unbilden des Wetters mitgenommen, barhaupt, die Blicke geweitet, als wenn sie in eine Ewigkeit sähe, und nur ein dünnes Tuch um die Schultern geschlagen. Ihre Brust ging hart und stürmisch, und ihr gelöstes Haar hatte sie mit kalten Fingern darüber gezogen. Mechanisch drückte sie die Tür hinter sich zu. Sie mußte sich gegen die Füllung lehnen, um nicht niederzusinken. Ein schmerzlicher Laut rang sich auf; dann sagte sie tonlos: »Ist Herr Höfkens zu sprechen?« »Hier bin ich, Madam.« Ganz fassungslos war Cornelis nähergetreten. »Mein Gott, Frau Simonis! Womit kann ich dienen? Ist etwas passiert auf den Mühlen?« Sie gab keine Antwort; nur ein trauriges Lächeln war bei ihr. Andreas und Kosman winkten sich zu und machten Anstalten, das Zimmer zu räumen. Sie wollten nicht stören. Da hob sie den Kopf und sagte mit tränenerstickter Stimme: »Nein, Hochwürden ... lassen Sie das ... bleiben Sie ... gehen Sie nicht! Auch Ihr, Kosman ... auch Ihr dürft nicht gehen ... auch Ihr müßt bleiben, um mir diese Augenblicke leichter zu machen ...« und dann holte sie tief Atem, zwang ihre Erregung nieder und sagte, indem sie ein erbrochenes Schreiben aus ihrem Mieder holte und es zwischen den Händen zerknitterte: »Das hier wurde mir von Amts wegen zugestellt. Vor wenigen Stunden erst. Es enthält die Herzensschreie eines Mannes, dem die Not bis an den Hals ging und dem alles daran gelegen war, seine bürgerliche Ehre über Wasser zu halten. Und dieser Mann ist mein Vater.« Eine Erschütterung lief durch die Umstehenden. Sie dachten an den Verstorbenen. Franziska Simonis fuhr fort: »Nicht, daß ich das bittere Geständnis des Heimgegangenen anzufechten gedächte, bin ich gekommen. Nicht der geringste Zweifel wandelt mich an. Jede Silbe, die er niederlegte, gilt bei mir, als wäre sie den Evangelien entnommen. Sein Wort ist mir heilig und kann Berge versetzen. Ich gehe durch offenes Land und durch eine leuchtende Helle, und diese leuchtende Helle soll auch denen werden, die durch Finsternis gingen. Alles Dunkel, das ihn während der letzten Jahre umdrängte, das ihn quälte und zermarterte und ihn irre werden ließ an der Vorsehung Gottes, möchte ich von ihm nehmen mit liebevollen und kindlichen Händen, möchte mich aufrichten am geläuterten Bildstock meines armen Vaters, mir gegenüber und der Welt gegenüber, und so spreche ich denn: Herr Höfkens« – und ihre Blicke waren fest und innig auf Cornelis gerichtet – »es handelt sich bei mir um den letzten Wunsch des Verstorbenen. Sie sollen ihm Schwurhelfer sein, Zeuge sollen Sie sein ... und ich frage Sie dringend: Wollen Sie ihm und mir diese Bitte verstatten und ihm das zukommen lassen, worum er Sie anruft – jetzt in dieser Stunde und in Gegenwart dieser mir befreundeten Männer?« »Ich will,« versetzte Cornelis, und seine Hand hob sich und senkte sich wieder, »und ich sage schon jetzt: Alles, was mein Kamerad und Solokollege Christian Franz Malthus getan hat, ist ebensogut für mich, als hätte er es im Angesicht seines Erlösers getan und gesprochen.« Sie nickte ihm zu und fragte: »Herr Höfkens, Sie erinnern sich wohl noch der Deichschöffensitzung, in der meinem Vater das Amt eines Kassenwarts zugedacht wurde?« »Genau so, als wäre es erst heute geschehen.« »Und daß am nämlichen Tage Herr Simonis vom Aukamp die Bestallung eines Revisors für die pflichtigen Kreise Geldern und Kleve erhielt und diese auch annahm?« »Kein Titelchen fehlt daran.« »Das muß festgestellt werden, um das Weitere verstehen zu können, denn über die Wassermühlen, die seit Menschengedenken das Korn brachen und einen behaglichen Wohlstand verbürgten, spreitete sich die Heimsuchung, und aus dieser Heimsuchung wuchs das Feuer heraus, das Haus und Speicher und den Segen von zweihundertundfünfzig Äckern verzehrte. Das wäre nicht das Schlimmste gewesen. Aber durch dieses Mißgeschick zischelten die Stimmen der Neider, der Einfältigen und Boshaften im Geiste, jene Stimmen, die es unternahmen, dem Schwergeprüften das Ehrenkleid des lauteren Mannes abzustreifen und ihn sündig zu machen.« »So ist es,« bestätigte Cornelis und hob abermals die Hand, um sie mit einer schmerzlichen Geste wieder sinken zu lassen. »Und Verpflichtungen stellten sich ein,« fuhr sie in ihrer abgeklärten Weise fort, »Verbindlichkeiten, die mit der Tätigkeit der Baugewerkler ins Ungemessene wuchsen. Allerdings, die Speicher erhoben sich wieder, das niedergelegte Wohnhaus stieg aus der Asche, der Neuzeit angepaßt und mit allen Bequemlichkeiten, die Mühlen arbeiteten mit verdoppeltem Atem, aber die Lasten häuften sich mit jedem Tage und waren kaum zu ertragen. Und dennoch hielt mein Vater die Faust energisch am Steuer und blieb stark und gesund wie ein kerniger Baum mitten im Frühlingswald. Die Krone dieses Baumes begann wieder zu grünen, im herzhaften Splint kreiste der Saft wie in früheren Tagen, und alles wäre auch zu einem erfreulichen Gedeihen gekommen ... allein da erschienen die heimlichen Mächte, die Finsterlinge, die Menschen mit den gierigen Fingern – und mit ihnen der Mann, der meinen Leib begehrte und meine Seele zerquälte. Und sie kamen wie die Diebe in der Nacht, ringelten den ragenden Stamm und legten Hand an seinen Wurzelstock ... und da deckte sich ein schwarzes Tuch über die Wassermühlen, über mich und den Vater ...« Ihre Worte sanken in sich zusammen. Ihre Blicke schauten nach innen, und langsam fielen ihre Lider über die Augen. Nur ein schmaler Streifen, sein wie ein Seidenfaden, schimmernd wie die zarte Tönung eines Wasserblattes, war übriggeblieben ... und unter lechzender Spannung, unerbittlich und mit selbstquälerischer Offenheit entwirrte sie das Gespinst, das ihr Leben und das des Verstorbenen umstrickte. Nichts hielt sie davon ab, die Geschehnisse bei ihrem wahren Namen zu nennen. Sie wollte nicht irre führen, nicht die Dinge beschönigen. Folgerung setzte sie neben Folgerung wie die Figuren auf einem Schachbrett. Nichts verhehlte sie, auch das nicht, wo Jan van den Birgel vorsprach, Simonis seine Daumschrauben anzog und ihr Vater schuldig wurde, um doch nicht schuldig zu werden ... und mit der Energie eines Weibes, das um sein Höchstes und Heiligstes ringt, um Ehre und Ansehen, um die Makellosigkeit von Haus und Herd und das Heil der Familie, riß sie ihre letzten Kräfte zusammen, und mit kühler und sachlicher Erwägung sagte sie tonlos: »Dies mein Geständnis und das meines seligen Vaters, und es handelt sich nur noch darum: war er im schwersten Augenblick seines Lebens stark genug, die ihm aufgebürdeten Lasten zu tragen und seinen Verpflichtungen nachzukommen? Vor allen Dingen jedoch: hatte er Kredit und Reserven, seine geschäftliche Reputation und die seines Hauses über Wasser zu halten? und deshalb, Herr Höfkens« – und ihr Antlitz war bleich und gespenstisch wie der Zipfel eines Sterbehemdes geworden – »auf den dringlichen Wunsch eines Toten hin und in Gegenwart dieser Zeugen und ehrenwerten Männer frage ich Sie: Ist mein Vater kurz vor der Katastrophe in Ihrem Hause gewesen?« »Er war es.« »Und hat er Sie gebeten, zehntausend Taler bereit zu halten, um hierdurch allen Eventualitäten begegnen zu können?« Alle Blicke waren auf Cornelis gerichtet. Da blitzte ein Wetter auf in den Augen des Angerufenen, ein schönes und heiliges Wetter, und seine Fäuste ballten sich, und seine Stimme rollte: »Wer das bezweifelt und für nicht wahr haben will, dem breche ich das Rückgrat und alle Knochen im Leibe. Auf Parol und so wahr mir Gott helfe, Malthus war bei mir! Die zehntausend Taler lagen bereit ... standen zu seiner Verfügung ... waren so gut wie sein Eigentum ... er brauchte nur die Hände zu strecken ... alles für Malthus ... meinen letzten Groschen und Pfennig ... meinen letzten Sparren und Ziegel ... Aber er kam nicht und kam nicht, und darüber ist dann Gras gewachsen und Gottes Wasser gelaufen ...« »Und an dem kritischen Tage...?« »Jesus!« rief er fassungslos, »wo ich alles jetzt weiß ... wo jetzt alles vor mir liegt wie am hellichten Tag ... ich war fort in Geschäften ... 'ne Woche oder zwei ... aber wer konnte denn ahnen ...« »Ah!« stammelte Kosman und umkrampfte die Lehne eines Stuhles, um Halt zu gewinnen, während Andreas ... Er sah es glänzen wie am Ostermorgen, er sah eine feiertägliche Sonne auf den Bergen liegen, und die brachte die Wahrheit ... Seine Blicke hoben sich aufwärts. Sie aber ... ihr Leib straffte sich in majestätischer Schöne und Reinheit, und ein Schrei kam von ihren Lippen wie der Schrei der Erlösung: »Ewiger Gott, du mein Herr und mein Heiland! Dich rufe ich an ... zum Zeugen ruf' ich dich an ... mein Vater ist schuldlos!« Und sie streckte die Hände. »Hochwürden, Kosman, Herr Höfkens – er ist kein Verbrecher, nein, er ist kein Verbrecher! – und alle sollen es hören. Hans, auch du sollst es hören ... nein, er ist kein Verbrecher!« und ihre Arme breiteten sich, als wollten sie das Verlorene wieder an sich reißen, um es nie mehr zu lassen ... »Hans, Hans, Hans! aus falschem Ehrgefühl heraus bin ich dein Unheil geworden, warf ich dich nieder, zertrat ich mein Glück ... Hans, kannst du verzeihen?! Vergib mir, vergib mir!« Die Starre wich von ihr. Ohne einen Laut von sich zu geben, schwanden ihr die Sinne, brach sie wie ledlos zusammen, von Andreas und Kosman gehalten, die sie unter Beihilfe der Mamsell, die eiligst ins Zimmer stürzte, sorglich betteten – dort, wo das Bild des Reitergenerals von der Wand herabgrüßte und das helle Licht der Lampe ihren Leib nicht berühren konnte. Alles Leid und das letzte Fleckchen der eingebildeten Schande war von ihr genommen. Und Andreas erhob sich. »Sursum corda!« sagte er wie aus dem Garten des Paradieses heraus. Wartet auf mich! Bleibt hier! Geht nicht fort! Ich bringe Segen und Freude.« Gleich darauf fuhr er im raschen Schlitten durch den weißen Sankt Nikolaus-Abend.   21 Cornelis Höfkens und Kosman, noch voller Feier und Gottseligkeit, noch ganz benommen von dem, was ihnen die Stunde gebracht hatte, gerüttelt wie Bäume in der Winternacht, freudig erregt und doch gepackt bis in die innersten Nieren, hatten lautlos das Zimmer verlassen, waren über den Flur gegangen und dann ins Freie getreten. Die scharfe Kälte tat ihnen nichts. Sie empfanden sie vielmehr als ein angenehmes Wehen und Säuseln, das ihre Herzen erfrischte. Gottes Odem umschauerte sie, Gottes Allmacht war bei ihnen und machte sie staunen. Die Ängste und Nöte des soeben Durchlebten begannen sich zu verflüchtigen, das Freudenreiche aber blieb bestehen und entfaltete sich immer reiner und schöner. »Herrgott!« sagte Kosman, »ich glaube, ein unheiliges Ding wurde heute mit einem Messer durchstoßen, und etwas Heiliges will in die Mühle hinein.« Cornelis drückte ihm stumm die Hand. Er konnte nicht sprechen. Beide horchten auf das Gepolter des Schlittens, der sich immer weiter entfernte. Wie er dahinsauste! Jetzt hatte er die nächste Ecke passiert, jetzt war er am Kesseltor, jetzt mußte er zum Paternosterdeich einlenken ... Wie ein silbernes Stimmchen klingelte das Glöckchen herüber. Wohin irrte es jetzt? Über ein unermeßliches Leilach, in den Sankt Nikolaus-Abend hinein, durch schneeblaue Wiesen, bis dorthin, wo das große, einsame Haus lag ... und was wird es bringen? Die Sühne? Ein endliches Finden? Das Glück zweier Menschen, die sich schieden wie Feuer und Wasser und doch so nahe beisammen waren wie zwei Blüten am Baum, die sich wechselseitig mit ihren zarten Kelchen berührten? Oder aber wird es dahingehen in eine ewige Ungewißheit, um dort zu verzittern wie der Ruf eines abgetriebenen Vogels? War seine Stimme das leise Wispern des Todes oder der kaum wahrnehmbare Schrei des erwachenden Lebens unter einem schweren und warmen Mairegen? Wortlos standen die beiden, und beide hatten ihr scheues und verwundertes Sinnen. Sie horchten auf das ferne Gerumpel, das langsam verebbte, auf das feine Geklingel, das allmählich verdämmerte, und sie konnten sich nicht losreißen von dem, was ihre Herzen bewegte. Das Schneetreiben hatte langsam nachgelassen und dann gänzlich aufgehört. Nur einzelne Flöckchen rieselten von den Zweigen herunter. Das Gegenständliche ließ sich besser erkennen, rückte näher heran, entkleidete sich seiner Nebelgewander und Schleier. Der Abend war klarer und freier geworden. Dort, wo die kleine Stadt lag, breitete sich ein verwaschener Schein aus. Vereinzelte Fenster blinkten auf. Auch in der Ferne, nach Grieth und Emmerich zu, standen lichtschwache Pünktchen. Die beiden sahen in das weißgepuderte Land und bemerkten, daß sich die Wolken langsam zerteilten, ein mächtiges Stück des grauen Himmels bloßgelegt wurde und fröstelnde Sternchen mit blanken Füßen über den Teppich des Paradieses trippelten – und sie hörten es nicht, wie weiche Schritte die Straße heraufkamen, kurz darauf einbogen und sich heimlich dem Lichtkegel näherten, der aus der erhellten Stube über den Schnee fiel. Zwei von der Tafelrunde waren im Anmarsch: Trumpfsieben und Grünober. Jetzt sah sie Cornelis. »Gott's den Donner, so spät noch?!« »Es geht erst auf acht,« sagte Pitt Lörksen, »und da bin ich mit Dores auf den Einfall gekommen: wollen doch unsern Kollegen und Stammtischgenossen so'n bißchen zum Sinter Klaas invitieren. Erst 'ne kleine Feier zu Hause, die wir bereits hinter uns haben, und dann 'ne solche dito im ›Dicken Tommes‹ gemeinsam. Das ist doch früher allzeit Mode gewesen. Immer leschär, meine Herren! Also los dafür! Selbstverständlich auch Kosman.« »Um die Wahrheit zu sagen,« ergänzte Grünober, »die Bouteillen sind bereits in Bestellung gegeben. Auch Herr Lamers will mittun. Aber ich bitte, Cornelis – nur im bloßen Hausrock bei diesem eiskalten Minus?! Das hat seine Raupen. Bei so was kann man sich ja bis aufs offenbare Sterben verkühlen.« »Hat nichts auf sich,« versetzte der Alte. »Wir stehen hier in 'ner gläubigen Hoffnung, und was so 'ne Hoffnung bedeutet, die ist so schön wie die Wasserverwandlung bei der Hochzeit zu Kana. Dores, da friert einem nicht, da wird man nicht krank, da denkt einer nur daran: wie ist diese gläubige und stille Hoffnung zu einem glücklichen Ende zu bringen?« »Was gibt's denn?!« riefen die beiden. »Das ist augenblicklich nicht auf den richtigen Apropos zu setzen,« meinte Cornelis, »aber das sage ich euch: mir ist so warm unterm Kittel, als hatte ich fünfzehn Malter Korn auf die Mühle getragen, und wenn ich so alles bedenke« – und seine Stimme verzehrte sich vor innigem Wohlbehagen – »wenn ich darüber nachsimuliere ... Drüben liegt Op gen Oort und hier auf meinem Erbteil, hier zwischen meinen vier Pfählen ... Jesus Christus!« – und er schlug die Hände zusammen – »ich glaube, zwei Kinder des himmlischen Vaters wollen sich gut sein.« »Herr Jeses!« fiel Dores dazwischen, »was für Kinder, um die Wahrheit zu sagen?« »Und wann?« fragte Pitt. »Wir sind über den nämlichen Leisten gezogen und haben auch ein gewisses Interesse. Also, Cornelis?« »Darüber kann noch 'ne Stunde vergehen und mehr noch als das. Doch ist es so weit, dann sind wir, ich und Kosman, im ›Dicken Tommes‹ zu haben. Kinder« – und er drückte beiden die Hände – »kann das ein Sinter Klaas - Abend werden, ein Abend sage ich euch ...! Aber nu geht man! Jetzt wartet nicht länger! Ihr könnt beide nichts helfen. Bis später, sonst können wir die stille und gläubige Hoffnung nicht finden.« »Also gondeln wir los!« sagte Trumpfsieben und schob seinen Arm in den seines Kollegen. »Immer leschär, meine Herren! und ich lasse mich fressen, wenn nicht unser neues Mitglied, unser braver Kalviner ... Schwamm drüber! aber, Cornelis, Ihr kommt doch?« rief er beim Abgehen. »Ich komme.« »Punkt neun oder zehn! und 'ne Absage gilt nicht!« »Auf Parol! und wenn ich einfrieren sollte.« »A la bonnör!« jubelte Pitt Lörksen, »und das will ich festgelegt haben: Hans Harkort zu Ehren – nur die feinsten Lafitts, Bouteillen mit dreizölligen ›Proppens‹ – dreizöllige ›Proppens‹ – dreizöllige ›Proppens‹ ...!« und noch von der Wegkreuzung her knatterten die ›dreizölligen Proppens‹ wie laute Knallerbsen und muntere Frösche herüber. Erst jenseits davon verloren sie sich, sanken sie nieder, piano, pianissimo, und betteten sich in den glitzernden Schnee, der die weite, kalte Erde wie mit einer silberigen und flaumigen Spreite bedeckte. »Prächtige Kerle!« sagte der Alte und wischte sich eine Träne herunter. »Die haben auch ihre Hoffnung, wenn auch bloß 'ne Hoffnung mit ›dreizölligen Proppens‹, aber auch so was kann man im Leben gebrauchen, und wenn Malthus noch unter uns wäre, leibhaftig und wirklich, gerade und aufrecht, wenn auch mit 'nem kranken Zug um die Nase, und wenn er sähe, wie wir, die letzten von's Ganze ... Kosman, ich glaube, Malthus wäre nicht koppheister gegangen. Und wenn er dann merkte, wie wir um sein Kind sorgten und bangten, wenn er das alles vernähme und ausspekulierte ...« Er fuhr sich mit dem Rücken seiner Hand über die Augen: »Aber auch jetzt, wo er das Zeitliche segnete und von uns ging, weil er sich sagte: Ich kann meine eingebildete Schuld nicht mehr tragen – auch jetzt: er fühlt das alles, und er wird unter uns sein, wenn Andreas Lobbers zurückkommt und unsere gläubige Hoffnung das geworden ist, was wir von ihr in liebevoller Einfalt erwarten. Das wäre es, was ich zu sagen hätte. So! und jetzt, bitte: Angtree!« und als sie wieder in den warmen Hausflur traten, stießen sie auf Apollonia Korthals. »Mynheer,« sagte sie wispernd und unter dem sanften Rauschen ihrer Bänderfladuse, »sie ist ruhig geworden, ganz ruhig, und sitzt nun da, als wenn sie in die Ewigkeit guckte. Es ist schon besser, wenn sie allein bleibt. Ich glaube, sie hat noch mit ihrem Heiland zu sprechen,« und da gingen die beiden mit der Mamsell in die Küche, steckten sich ein frisches Pfeifchen an, schlugen die Beine übereinander und hörten auf das Rucksen der Uhr im Nebenzimmer, auf ihr gleichmäßiges Ticken und Tacken, und hörten dann, wie sie zum Schlagen ausholte und ihre laute, anheimelnde Stimme vernehmen ließ. »Acht Uhr!« sagte Kosman. »Jetzt muß er bald kommen.« Und schon waren sie draußen, voller Sinnen und Unruhe, um das weiße Land abzusuchen und den Klingklang des ersehnten Glöckchens aufzuspüren. Aber in der weiten Umgebung regte sich nichts; nur auf dem Weg zur Holländer Kat jammerte ein einzelner Baum, dem die Kalte das Kamisol auseinander sprengte, unbarmherzig und mit den Pranken eines gierigen Tieres. Im übrigen lag eine endlose Stille unter dem Himmel, der jetzt so rein war wie ein eherner Spiegel. Gleich darauf saßen sie wieder am traulichen Herdfeuer, zählten die einzelnen Sekunden und verknüpften mit diesem Zählen ihre schwersten und geheimsten Gedanken; und sie erhoben sich nochmals, fahrig und von einer inneren Hast getrieben, deren sie nicht mehr Herr werden konnten. Und als sie zum dritten Male die Küche verließen und in den Abend hinaussahen, da glänzten die Sterne wie kleine Sonnen herunter, eine Heerschar von Welten, die um den Ewigen kreiste, in voller Glorie, heilig und freudig, als seien sie gewillt, den Abgesandten des Herrn, der jetzt von Haus zu Haus pilgerte und an die Türen der Menschen klopfte, den irdischen Pfad zu vergolden ... und weit dahinten, bei den Wassermühlen, durch die verschneiten Gärten und Hecken – da blitzte es auf. Dann kam es getrappelt. Dazwischen war Schellengeläut und das Prusten eines emsigen Gaules. Das Gefährt kam näher, um gleich darauf sacht und geräuschlos über eine ebene Fläche zu gleiten. Noch fünf Minuten, noch drei ... und mit neuem Antrieb, im Dunst und Nebel des dampfenden Pferdes bog der Schlitten ein und hielt vor der Haustür. »Gelobt sei Jesus Christus!« kam es von den Lippen Kosmans. »In Ewigkeit, Amen!« sagte Cornelis. Ihm war die Brust zum Zerspringen, denn er suchte nach dem jungen Kaplan, der versprochen hatte, den Segen und die Freude unter seine Sparren zu tragen, und nun war er nicht da, denn statt seiner erhob sich eine dunkle Gestalt im Schlitten, eine Frauengestalt, einer Seherin ähnlich, mit strengen Zügen, einen unbarmherzigen, zerrissenen Schmerz um die Lippen und so, wie die Künstler sie nötig haben, um nach ihrem Ebenbild das unerbittliche Geschick zu verkörpern. Der grelle, aufdringliche Schein der Laterne beirrte sie nicht. Die fremde Umgebung störte sie nicht. Sie hatte kein Empfinden für das, was über ihr mit goldenen Zeichen dahinwandelte. Sie schien nicht zu frieren. Ohne Hilfe entstieg sie der niedrigen Kufe. Cornelis trat auf sie zu. Sacht berührte er ihren Arm. »Kommen Sie, Frau Harkort!« sagte er gepreßt, »ich weiß, was Sie suchen.« »Das ist die Stimme von Cornelis Höfkens,« versetzte sie in ihrer kirchenstillen Gemessenheit, indem sie ihre Blicke voll auf ihn richtete. »Wir sind uns lange nicht mehr im Leben begegnet, obgleich wir nicht allzufern voneinander wohnen. Op gen Oort ist nicht weit. Aber die Verhältnisse brachten das mit sich. Wohl am Beerdigungstag meines seligen Mannes, da war es, als wir uns das letzte Mal sahen. Das heißt, Sie mich; zu mir waren ja schon die grauen Stunden gekommen, aber noch heute danke ich Ihnen, daß Sie ihm die letzte Ehre erwiesen. Seitdem hat sich manches ereignet. Gutes und Böses. Das Schlimmste wohl heute. Ein solcher Gang ist kaum einer Mutter geworden. Andreas ist bei ihm. Sonst geht ihm das Herz auseinander. Ich will dieses Herz nicht verlieren. Drum bin ich hier, und wenn ich nicht ungelegen erscheine, dann möchte ich zu ihr.« Wortlos traten sie ein. Im Flur legte sie Mantel und Tuch ab. Als sie die Küche passierte, stand Apollonia Korthals im Türrahmen und führte einen Zipfel ihrer Schürze gegen die Augen. Die blinde Frau blieb für einen Augenblick stehen. Sie schien die Nähe der Mamsell zu fühlen und nickte ihr zu. Dann nahm sie wieder ihren früheren Schritt auf. Laut ging ihr Stock über die Fliesen. Von Cornelis und Kosman begleitet, betrat sie das Zimmer. Zwei Frauen standen sich hart gegenüber, eine in der Fülle der Jugend, mit vergrämten Zügen und wie am Marterholz lehnend; die andere: eine Blutzeugin, eine Mutter der Schmerzen, als wäre ein siebenfältiges Schwert durch ihre Seele gestoßen, und doch ein ehernes Standbild, unbeweglich, ähnlich den hoheitsvollen Dulderinnen, die alles hinter sich lassen und nur den einzigen Wunsch noch haben, ihr Kind zu erretten. Für einen Hauch von wenigen Herzschlägen war es wie in einer verwunschenen Kammer. Die Lampe schien trüber zu brennen, das Heimchen hinter dem Ofen verstummte, und das Gangwerk der alten Kastenuhr rührte sich kaum. Es war so, als hätten Geisterhände Perpendikel und Bleilot angehalten. Dann aber ... ein verhaltener Schrei von weißen Lippen: »Frau Harkort ...!« »Die bin ich,« sagte die Blinde mit einer bitteren Herbe, als wäre das Wort aus einem steinernen Munde gekommen, »und die da rief – ich sehe sie nicht, aber ich weiß, wer sie ist. Ich kannte sie früher. Ich sah sie als Kind, als sie noch auf den Wiesen unter Blumen spielte; ich sah sie als Mädchen, als sie im schlichten Kleid zum Tische des Herrn ging; ich sah sie später ...« Mit einem kurzen Laut brach sie ab. »Nein,« fuhr sie kopfschüttelnd fort, »da sah ich sie nicht mehr, denn um diese Zeit mußte ich schon die schwarze Binde erdulden, die alles verhüllte, was dem Auge lieblich und der Seele angenehm war. Keiner trägt Schuld daran, niemand hat etwas versäumt, keinem ist dieserhalb ein Verfehlen vorzuwerfen. Es lag eben in Gottes Ratschluß, war in seiner Allweisheit und Güte begründet, und ich nahm es hin, wie man etwas Unabweisbares, eine ewige Fügung hinnimmt, einem gesetzt, das Dasein zu läutern, um ungefährdet und leichter über die Schwelle seiner Herrschaft zu treten. Ich dachte mir, du bist nur ein Sandkorn in seiner gewaltigen Ackerscholle, ein Tropfen in seinem unendlichen Meer, ein Wölkchen in seinem unermeßlichen Luftreich – warum da sich auflehnen gegen die Vorsehung und den Willen des Höchsten? Es ist nicht wohlgetan und bringt den Menschen nicht weiter, hemmt ihn vielmehr und macht ihn verstockt gegen Gerechte und solche, die sich bemühen, einem das Leben erträglich und die Schatten weniger dunkel zu machen. Das überdachte ich alles und fügte mich willig, wenn es auch schwer war. Es war ein Kampf, lange Jahre hindurch, zwischen dir und mir, zwischen meinem Sohne und mir. Schließlich gab ich den Kampf auf, denn es ist besser und gottwohlgefälliger in Eintracht und Frieden zu leben, als am Starren zu halten und es an die Kette zu legen. Auch meinem verstorbenen Mann gegenüber konnte ich diese Ansicht vertreten. Du aber – du kamst nicht. Wir rückten immer mehr auseinander. Wir begegneten uns nicht mehr – nicht in der Kirche, nicht auf Op gen Oort, nicht sonstwo. Du gingst deine eigenen Wege und ließest uns in der Einsamkeit sitzen, und du kamst nicht, Franziska. Da dachte ich mir, die Zeit bringt Vergessen, die Zeit wird trösten und das aufgewühlte Stauwasser über die Dämme zurücktreiben. Aber die Zeit war anderen Sinnes und machte es schlimmer. Mit dem muß ich rechnen, sonst wird ›Soll und Haben‹ verworfen,« und ihre Stimme fröstelte, als sie dann sagte: »Drum kommt die Mutter zu der, die einst die Braut ihres armen Sohnes gewesen.« Das junge Weib hob langsam das Antlitz. Große Tränen standen in ihren Augen. »Wollen Sie mir denn alles nehmen, Frau Harkort, aber auch alles?« »Das will ich nicht,« sagte die Blinde, »und es wäre ungerecht und verfehlt, wenn ich es täte, Franziska. Aber es gibt unselige Stunden, die tragen Sterbekränze im Haar, und Partikelchen von Rauschgold haften an ihren leblosen Fingern. Eine solche Stunde ist bei mir. Und dennoch: ich weise sie von mir, diese bittere Stunde, denn ich habe den heiligen Vorsatz, mir das Herz nicht noch mehr zu beschweren. Es hängen Blutstropfen genug daran, solche um dich und solche um meines lieben Kindes willen. Wir wollen uns gegenseitig keine Vorwürfe machen. Was sollte es auch weiter bezwecken? Wir würden nur hoffnungsloses Tagwerk verrichten. Traurig genug, daß das Unglück geschehen ist. Weshalb es noch trauriger machen und es weiter vertiefen? Es ist nicht gut, ein verzweifeltes Tier aus seiner Ruhe zu peitschen. Darüber sind wir beide hinaus. Es würde uns nur um den Verstand bringen, und das wollen wir nicht. Wir beiden sind durch eine harte Leidensschule gegangen. Sie führte mit keiner Spur über die sonnige Straße des Lebens. Im Gegenteil, diese Straße war dornig und steinig, und unsere Füße hinterließen deutliche Male. Ich weiß auch: du hast übermenschlich gelitten, aber ich als Mutter habe schwerer geduldet. Eine Mutter erträgt um ihres Kindes willen, ohne einen Laut der Klage zu finden, eine Mutter bietet ihren Nacken als Schemel und läßt sich zertreten für ihr Fleisch und Blut, eine Mutter vergißt nicht. Was man ihrem Sohne antut, das tut man ihr selber an. Ich kann nicht vergessen und will nicht vergessen. Mein Sohn wurde zum Mann, und ein Mann leidet unsäglich, wenn er am Weibe krankt. Kannst du mir folgen, Franziska?« fragte sie tonlos. »Ja, ich folge, Frau Harkort.« »Gut, daß du es tust,« fuhr die Blinde heftiger fort, »sonst müßte ich an der ewigen Vorsehung und an Gottes Güte verzweifeln.« In ihren toten Blicken begann es phosphorisch zu leuchten. Gebieterisch streckte sie ihre wächserne Hand aus. »Da drüben – auf Op gen Oort,« sprach sie weiter, »dort auf der Scholle seiner Väter sitzt einer, der ist krank nach dem Weibe. Wer dieses Weib ist, brauche ich keinem zu sagen. Auch dir nicht. Jeder weiß es. Es wäre töricht, ihren Namen zu nennen. Und dieses Weib wagte es, meinem Sohn ein unbarmherziges Wort in die Seele zu brennen, obgleich seine Neigung so tief und rein war wie ein kristallklarer Brunnen. Und was folgert daraus? Du scheinst es nicht zu wissen oder willst es nicht wissen. So höre denn; ich will es dir sagen. Hinter ihm steht der Vernichter des Lebens. Das harte Wort eines geliebten Weibes genügt, einen Mann zu verderben und ihn an den Abgrund zu stoßen. Das tatest du ... oder hast du das harte Wort nicht gesprochen – zu ihm – zu meinem Sohn – an der Roten Schleuse da drüben?« »Ich tat es.« Da warf die Alte ihr Haupt zurück, flammte auf, um gleich darauf wieder in ihre vorige Starre zu fallen. Plötzlich fuhr sie zusammen. Cornelis und Kosman rangen nach Luft. Mit bangen Gesichtern sahen sie auf die Frau von Op gen Oort, die nicht mehr sie selbst war, der alles Blut zum Herzen zurücktrat, die aussah, als müßten von ihren Lippen die Worte fallen: »Kommt alle zu mir, die ihr noch Liebe und Mitleid um mich tragt, und reicht mir die Hände. Sputet euch, mir diese Gunst zu erweisen, denn ich habe nicht mehr lange zu leben. Es duftet um mich nach Firnis und Weihrauch. Das soll euch gesagt sein.« Das Schweigen hielt an. Endlich zerteilte es sich. »Du sollst vernehmen, Franziska: Andreas sandte mich – und ich finde dich so. Verstockt und abgekehrt wie an der Roten Schleuse dahinten. Es war nicht anders zu erwarten, und ich hatte mir das sagen müssen; denn wer so viele Totenblumen pflückte wie ich, der greift umsonst nach heiteren Sträußen. Aber Andreas gebot mir: Gehe hin – und ich bin zu dir gegangen ... und nun muß ich sehen: ich bin vergebens gekommen. Unterbrich mich nicht« – und ihr Kopf senkte sich wieder – »denn ich bin älter als du – und Mutter – und kämpfe um das Leben meines einzigen Kindes. Ich bin durch Nacht und bittere Kälte erschienen, um den höchsten Einsatz in die Schale zu werfen – ich, die Blinde, die Leidtragende, die alte Frau vom weißen Hause da drüben. Alles, was um mich blühte und grünte, ist welk geworden und falb und unansehnlich, und das, was meine Tage erfreute, fiel von mir, als wäre es dürres Laub und Spreuicht gewesen. Ich erweckte Reue und Buße, aber Reue und Buße halfen mir nicht. Ich betete zu Gott, mir mein Geschick erträglich zu machen, aber Gott erhörte mich nicht. Er war wie der Gott der Juden, unbarmherzig und unerbittlich mir gegenüber. Er war kein christlicher Gott mehr. Er sprach wie aus einem feurigen Ofen und warf meinen Mann vorzeitig auf die tännernen Bretter ... und ich sagte: Der Herr hat es gewollt. Mit einer geschäftsmäßigen Sachlichkeit stieß er meinen Ältesten in die Maschine hinein und senste ihn wie einen Armvoll Garben von der Parzelle herunter ... und ich sagte in meinem wilden Schmerz: Füge dich, denn es ist eine Schickung des Himmels gewesen. Jetzt aber« – und die Alte nahm ihren Stock und stieß ihn auf und stellte ihn vor sich und legte ihre Hände über die Krücke – »jetzt aber sandte er das Weib, das mir helfen und beistehen sollte, und dieses Weib tritt wider mich auf, und dieses Weib ist schön wie der Tag und dunkel in ihren Worten und Werken und geheimnisvoll wie ein drohendes Wetter, und dieses Weib ...« Sie trat näher heran. »Wer bist du, der du gekommen bist, einer Mutter Steine zu bieten, als sie das Brot des Lebens erflehte? Wer bist du, der du meinen Sohn mit Liebe getränkt hast, um ihn nun verdursten zu lassen? Was veranlaßt dich, mir ruhig und ohne jede Erregung ins Antlitz zu sagen: Ich tat es – an der Roten Schleuse habe ich ihm das Urteil gesprochen? Wo nimmst du die Stirn her? Wie kommst du dazu? – und Andreas Lobbers sagte mir doch: Gehe hin – und ich bin zu dir gegangen ... und muß nun sehen: es ist alles geprahlt und töricht gewesen. Du – soll mein einziges Kind sich an seiner Wunde verzehren? Soll der, der unter meinem Herzen gelegen, am Weibe ersticken? Wer bist du, der du dich auflehnst gegen Natur und Seligkeit, der du nicht wahr haben willst, was deine Arme verhießen und deine Lippen gestammelt? Einmal schon hast du ihm das Dasein zerfleischt. Soll er zum zweiten Male sterben? Wer bist du? Wer bist du ...?!« Ein wilder Schrei flog gegen sie an. »Jetzt habe ich zu sprechen, Frau Harkort,« und sie, Franziska, die bisher der Blinden gefolgt war, die ihr jedes Wort von den Lippen gelesen und alles willenlos über sich hatte ergehen lassen, eine Gequälte, eine Heimgesuchte, ein Weib mit dunkeln Ringen um die aufgerissenen Augen, eine bleiche und stolze Frau reckte sich auf, daß ihr junger Leib sich straffte, sie war die Duldende nicht mehr, war wie eine Herzogin im Schmuck der Schönheit, und als solche kam es von ihrem Munde herunter: »Jetzt habe ich zu sprechen, Frau Harkort, und niemand soll das Wort mir verbieten. Niemand – auch Sie nicht. Es wäre schon besser, ein andrer spräche für mich, nähme dieses schwere Amt als das seine an. Aber wo den richtigen Sachwalter finden? So muß ich es selbst tun, mich selber vertreten, denn dieser Augenblick entscheidet über unser gemeinsames Leben – über seines und meines. Was an der Roten Schleuse passiert ist – wer will darüber rechten und richten? Keiner war bei uns. Nur Gott allein – und er zählte meine Worte und wog meine Worte. Ich tat, was ich mußte, was das Gewissen mir vorschrieb; denn hätte ich anders gehandelt ... Glauben Sie denn, mein Herz wäre mit einem eisernen Gürtel umschmiedet, wäre hart wie ein Feldstein? Glauben Sie denn, ich wäre nicht verurteilt gewesen, wie ein Bettelweib am Straßengraben zu sitzen und mein Gesicht zu verhüllen? Die Schuld eines Vaters vererbt sich, geht auf die Kinder und Kindeskinder über und verbietet einem, über eine reine Schwelle zu treten. Sollte ich trotzdem es tun? Sollte ich Op gen Oort entweihen, den geliebten Mann mit geschändeten Armen erwürgen und mein Geschick mit dem seinen verknüpfen? Ich wäre eine Dirne gewesen!« und ernst und gelassen wies sie der Blinden die Pfade und geleitete sie in das dunkle Reich ihrer Trübsal, ihres Leidens und Duldens, ihrer Nöte und Gewissensqualen. Genau wie vorhin, als sie die Schwurzeugen anrief: nichts verschwieg sie, nichts beschönigte sie. Ihr Bekenntnis war wie eine lautere Quelle. Sie zeigte ihr die vergrämten Tage, die Nächte, die ihr die Stunden zu dornigen machten. Sie führte sie auf die Wassermühlen, zum Aukamp. Sie beschwor ihren Vater, Simonis, den entsetzlichen Jan van den Birgel. Mit selbstquälerischer Hingebung und Entsagung legte sie Zeile um Zeile ihres traurigen Lebensbuches sacht auseinander, um schließlich mit einem ergreifenden Lächeln zu stammeln: »Dies meine Beichte, und diese meine Beichte wird Ihnen Andreas, der junge Kaplan ...« »Er sagte mir alles.« »Dann muß er Ihnen auch gesagt haben ...« und ihre Stimme flog auf wie der Ton einer Glocke ... »jetzt, wo ich sehend wurde ... jetzt, wo ich rein bin ...!« »Ich ließ ihm nicht Zeit.« »Mutter, Mutter! – aber jetzt weißt du's von mir, und wenn ich noch darf ...?!« und zwei Arme streckten sich sehnend. »Ob du noch darfst?! – O du mein Alles! – Kommen sollst du mit mir. – Dein ganzes Menschentum sollst du nehmen und es zu ihm tragen. – Deine Hände sollst du ihm auflegen, wie der Priester einem Kranken die Hände auflegt, um ihm die Stunde leichter zu machen. – Das sollst du. – Sein Weib sollst du werden, damit er gesundet.« »Mutter, Mutter ...!« »Franziska, mein Kind ...!« und ein junges, genesendes Weib lag an der Brust einer Greisin, und in die Augen der Blinden fiel ein Glanz und eine Freude, die nicht von dieser Erde stammten. Gott hatte sie aus dem Himmel gesendet. Und die Alte sprach beglückt vor sich hin: »Hans, ich habe sie wiedergefunden,« und sie wandte den Kopf und sagte: »Cornelis, kommen Sie näher, auch Sie, mein lieber Herr Kosman. Nehmt meinen Dank, ihr Getreuen! Nehmt meinen Segen! Ich glaube, er wird da droben gewertet.« Arm in Arm und Brust an Brust verließ sie mit Franziska das trauliche Zimmer, das so viel des Schmerzes, aber auch so viel des Heiles gesehen. Cornelis und Kosman folgten. Draußen stand die Mamsell und schluchzte. Sie nahm den Kleidersaum der Blinden und küßte ihn innig. Gleich darauf trabte der Braune wieder durch die flimmernde Landschaft. Die beiden sahen ihm nach. »Kosman,« sagte Cornelis, und ein helles Wasser lief ihm über die Backen, »Sinter Klaas ...! Nu komm' man! Im ›Dicken Tommes‹ warten die anderen.«   Schluß Andreas Lobbers hatte angeordnet: »Zündet die Lichter an!« – und so geschah es denn auch: auf Opgen Oort waren die Zimmer erleuchtet, brannten die Kerzen. Wie eine schöne und große Freude, die einen milden Schein um das ganze Anwesen spreitete, lag das weiße Haus unter der abendlichen Winterpracht. Jetzt – wie ganz anders denn früher! Noch vor wenigen Stunden muteten die Räume kahl und verödet an, brütete eine dumpfe Verstörung in allen Ecken herum, ging ein unwirscher Geist durch die langen Korridore, trat in die Stuben hinein und hauchte seinen kalten Odem gegen die Wände. Knechte und Mägde saßen in Wirrnis und schüttelten die Köpfe. Die richtige Stimmung wollte nicht kommen. Trotz der Feiertagskleider, die sie angelegt hatten, saß ihnen die graue Sorge im Nacken. Die Geschenke waren reichlicher als in den sonstigen Jahren gewesen, die Nymwegener Moppen und die Spekulatiusmänner dufteten wie sonst, aber auf allen lastete es wie eine schwere, aufdringliche Nebelmasse, die sich nicht zerteilen und aufhellen wollte. Vergrämelt, den ausgeglühten Tonstummel im linken Mundwinkel, latschte Jansenius über den Hof, ging in die Ställe, sah nach den Raufen, trat wieder in den Schnee, um unverständliche Worte zwischen den Zähnen zu murmeln. Unruhig, verbaselt, mit sich, dem lieben Herrgott und aller Welt zerfallen, nahm er abermals seinen Rundgang auf, schritt von einem Ende des Hofes zum andern, stierte zum Sternenfeuer auf, das kalt und scharf wie Polarlicht über Opgen Oort stand, und pfiff den ersten besten Stalljungen an, der ihm just in den Weg trat. »So 'n Sinter Klaas-Abend! Dunnerkiel und Himmel und Herrgott ...!« er hätte den Bengel an die Wand kleben mögen, so fuchsteufelswild saß ihm der Unmut unter der Mütze, so vollgerüttelt war ihm der Sack seines inneren Wehs und seiner Enttäuschungen noch niemals erschienen. Das war ja, um aus dem Tempel des Herrn zu fahren und Vorsänger in der Synagoge zu werden! Sein christkatholischer Glaube, seine Jugenderinnerungen, seine Kinderjahre, seine feinsten Gedanken an die seligste Zeit seines Lebens – alles das war ihm wie aus den Angeln gedreht, und wie schön, wie lieblich und wie mit Kandiszucker überstreut hatten ihn diese Stunden immer angelächelt! und nun so ein miserabler und verschandelter Abend! Er hätte sein Elend in die Welt hinausheulen mögen. Verächtlich stieß er gegen ein mächtiges Bündel Fichtenreisig, das er selber aus dem nahen Entenbusch hatte zutragen lassen, um dem Hause einen festlichen Anstrich zu geben. Kreuzgewitter noch mal! mochte es liegen bleiben, wo es lag, und vor die Hunde gehen; ihm, Jansenius, konnte alles schnuppe sein; denn wenn der nicht mehr wurde, wenn Hans Harkort ... wenn der immer in der Unruhe und mitten in seinem schweren Jammer sitzen blieb wie ein schönes, weißes Schiff im diesigen Wetter, dann war auch für ihn, den Oberknecht und Vertrauensmann, jede Genüglichkeit zum Teufel gegangen. Hier halfen keine stillen, großen und versöhnlichen Worte mehr, hier konnte Gott nur noch helfen. Aber jetzt ... seit dem Augenblick, wo die Blinde die heilige Fahrt auf sich genommen und Andreas Lobbers geboten hatte: »Zündet die Lichter an!« wo ein wohliger Glanz sich um Opgen Oort legte und es den Anschein hatte, als wäre ein Cherub neben die Einfahrt getreten, hätte sich hier aufgepflanzt in seiner Glorie, um mit dem sanften Schein seines Angesichtes, dem makellosen Weiß seines Kleides und der Glut seiner Schwingen die Nacht zu erhellen – seit dieser Stunde fiel es mit freundlichem Singen in die Herzen der Menschen. Knechte und Mägde schienen wie ausgewechselt. Sie redeten in fröhlichen Zungen, gleich den Aposteln um Pfingsten. Dielen und Flure schmückten sich mit dunkelm Fichtengrün. In Jansenius war ein neuer Adam gefahren. Sein Tonstummel pulverte wieder und zog einen leichten Kometenschweif von glühen Fünkchen hinter sich her. Jetzt war er in der Gesindestube, jetzt geisterte er bei der Haustreppe auf, jetzt bei der Einfahrt, deren Tore sperrangelweit offen standen. Hier hielt er den Fuß an und horchte mit steifen Ohren, ob kein Geräusch sich erhöbe. Aber kein Laut ließ sich hören. Welche feierliche Stille unter dem Himmelreich! Man vernahm nur das Flüstern der Schneekristalle, die in den Zweigen hingen. Sonst nichts. Die Allmacht Gottes offenbarte sich in stummen Zeichen und Wundern. Drüben lagen die Wassermühlen, eingeschneit und mit geblendeten Augen. Jetzt war ein Rauschen in der Nacht, ein kaum wahrnehmbares Gleiten und Klingeln. Man wußte nicht, wo. Bald klang es ferner, bald näher. Es mutete an, als käme es aus dem Lande der Träume. Plötzlich klopfte der Alte die Pfeife aus und steckte sie zu sich. Mit großen Schritten ging er über den Hof bis zum Eingang des Herrenhauses. Hier rief er die Leute zusammen. »Jetzt kommt Sinter Klaas auf Op gen Oort,« sagte er glücklich, nahm die Mütze herunter und deutete ins Ungewisse hinein. Alle umstanden ihn in froher Erwartung, denn sie wußten, was er sagen wollte. – In der Herrenstube brannte die Lampe mit dem grünen Schirm, dieselbe Lampe, die Johanna in jener Stunde hereingebracht hatte, als Mutter und Sohn sich in schwerer Überlegung und harter Qual gegenüberstanden und die Blinde seine Hand nahm und sagte: »Man braucht nicht in der Soutane zu sein, um dem Herrn zu dienen. Und wenn dein Vater es sähe, wenn es ihm vergönnt wäre, durch die Felder zu schreiten, durch Scheunen und Ställe, wenn er die gebändigten Stauwasser sähe und den Segen wahrnähme, der wieder auf Op gen Oort ruht – er zöge seinen letzten Willen zurück, seinen Fluch, die Verfügung von wegen des Pflichtteils; er würde deine Hand nehmen und sagen: Hans, wir wollen Freunde sein; es ist alles vergessen! Und weil ich das weiß, weil ich die heilige Überzeugung besitze, daß es so ist, so und nicht anders, habe ich auch in seinem Namen und in Kraft seiner Vollmacht gehandelt. Hans, nicht ich mehr, nicht die tote Hand, sondern du bist von nun an Herr auf Op gen Oort, du ganz allein, und das bist du heute geworden ...« und vier Kerzen in Porzellanleuchtern standen auf der Anrichte und der Glasservante und verstreuten ihren milden Glanz durch die Stube, die sich vorbereitet, das ersehnte Glück zu empfangen. Hans Harkort hatte sich von der Seite seines Freundes erhoben und war in die Fensternische getreten, die auf den Hof sah und ihn bis zur großen Einfahrt verfolgen konnte. Er war um vieles gealtert. Die verflossenen Wochen, die ihn auf das Krankenlager geworfen, hatten sein Antlitz ermattet und ihm steile Runen über die Stirne gezogen. Sein Schritt ging unsicher, seine Brust krampfte sich ein; nur mit Mühe vermochte er es, sich aufrecht zu halten. »Hans, sei ruhig, nimm dich zusammen!« sagte Andreas. »Du verdirbst dir die Stunde und schadest dir selber. Du warst nahe daran, über Bord zu gehen. Man kann nichts Unmögliches wollen, nicht mit dem Schädel die Wände zerbrechen. Steht ein Wetter auf, so laßt man es toben. Jetzt, wo es vorüber ist, lege die Faust an den Riemen. Den Nacken stramm und den Kopf geradeaus! Das Leben wartet auf dich, und dieses Leben will ohne Unrast und sorglich geführt sein.« Er schob seinen Arm in den seines Freundes. »Das, was dir an der Roten Schleuse passiert ist, wird dir nicht noch einmal passieren. Aber du sollst dich beherrschen und Ruhe behalten!« Hans Harkort kehrte sich zu ihm. »Ich danke dir, Andreas,« sagte er leise und sah ihm tief in die Seele. »Ich danke dir vielmals für alles, was du an ihr und mir getan hast. Deine Hände sind wie die der Unsichtbaren, deine Worte sind wie die des Herrn. Aber eine Frage, Andreas. Welchen Beweggründen entspringt deine Liebe, deine Werktätigkeit? Sie sind wie die Starken im Land und können Tote erwecken.« »Welchen Beweggründen? Warum dieses Grübeln? Wie kommst du darauf? Siehe mein Kleid an! Wer es trägt, dem sind Pflichten gegeben, Pflichten gegen sich und die Menschheit, dem sind die Wege vorgezeichnet, die er zu wandeln hat, mag kommen, was wolle. Wer es mit Unehre trägt, der versündigt sich doppelt und ist verflucht vor dem Herrn. Mir sind meine Ziele gesteckt. Was ich tue und tat, das ist meines Berufes gewesen. Ich hebe die Strauchelnden auf und stütze sie und suche sie dorthin zu führen, wo das Heil ihrer wartet. Du und sie – ihr beiden wäret der Stütze bedürftig. Du und sie – ihr beiden wolltet in den Taumel hineingehen, wolltet vom leukadischen Felsen herunter ... und du und ich ... zwei Herzen, für immer verschweißt und für ewig verbunden ...! – Hans, ich wußte: nur an diesem Weibe wirst du gesunden ... und da kannst du noch fragen?« »Und sie kommt, Andreas?« »Sie kommt.« »Und das noch heute?« »Sie kommt.« »Und wenn sie nicht käme?« »Sie tut es.« »Andreas, Andreas!« und zwei einsame Menschen hielten sich innig umschlungen. Draußen entstand eine große Bewegung ... das Geknirsch eines Schlittens und das Klingeln von Schellen ... Hans wollte hinaus. »Du bleibst!« sagte Andreas. Mit festem Griff hielt er ihn bei sich. »Sie wird dich schon finden. Nimm doch Vernunft an! Sonst – du leidest unsäglich. Was du ihr zu sagen hast, das kannst du ihr immer noch sagen; das kannst du ihr sagen, wenn sie dein Weib ist. Nicht früher. Jetzt nimm diese Stunde für dich. Sie ist deine Stunde. Sie ist die Stunde der Freude. Das Weh soll schlafen. Die Vergangenheit ist tot. Die Gegenwart schlägt die Augen auf, die großen blauen Augen, die Augen voller Verheißung und Hoffnung.« Und die Türe bewegte sich, und siehe: es war, als sollte der Himmel sich auftun, als würden die Pforten des Paradieses geöffnet: eine greise Mutter, eine blinde Frau führte ein Liebe suchendes, ein Liebe bringendes Weib an der Hand und brachte es ihrem Sohn entgegen. »Hans ...!« »Franziska, Franziska ...!« Zwei Stimmen, die zu einer einzigen wurden! Zwei Menschen, die der Sturm des Lebens zu verschlagen gedachte, zwei Menschen in Not, von einem Unstern hin- und hergeworfen, vom Kummer gegeißelt, mit Dornen gekrönt, niedergebrochen am Berge des Ärgernisses, auferstanden am Tag der Erlösung, um jetzt vereinigt zu werden auf einem freundlichen Eiland! Endlich gefunden! – und leise sprach er in ihre Tränen hinein, in ihr Stammeln und Schluchzen: »Ja, du vom Schicksal Verfolgte, du Wegmüde, du, die du gingest, um dein Elend zu bergen, du Leidensreiche und mit Dornen Gekrönte – hier sollst du ausruhen. Und wenn es dann Frühling wird, Frühling auf Op gen Oort – du bist nicht mehr das Weib der Schmerzen, die Niedergebrochene am Berge des Ärgernisses, die mit Dornen Gekrönte. Strahlend sollst du einhergehen, mit freier Stirn und mit sonnigen Blicken. Und ich hebe dich auf – und Felder und Wiesen grünen dir zu – und die stillen Wasser lächeln dich an – und vom Himmel ruft es und singt es: Frühling auf Op gen Oort, Hochzeitsfeier auf Op gen Oort...! Franziska, Franziska ...!«   Um dieselbe Zeit klingten im ›Dicken Tommes‹ die Gläser zusammen. Bei der dritten Bouteille erhob sich Cornelis. »Meine Herren von der Solopartie, Herr Lamers und mein lieber Herr Kosman! Mir ist schon manches zersprungen auf Erden, aber das hier zerspringt nicht. Das hier ist gefeit, und wenn es seine Pflicht und Schuldigkeit getan hat, kommt's in meine Gute Stube hinein, auf daß es ein Angedenken sei an die heutige Stunde. Meine Herren, es gilt! Mit diesem Glas hier – ein dreifaches Hoch auf Hans und Franziska, ein dreifaches Hoch auf den Tag, an dem sie sich fanden: Sinter Klaas am Niederrhein, sie leben!« und die Kelche riefen wie liebliche Glocken, und sie klangen hinein in die Nacht voller Wunder. Die auf Op gen Oort mußten es hören, denn die Liebe trug das sanfte Geläut bis an die Schwelle, wo die Glücklichen wohnten. Ende