Jung gefreit Nataly von Eschstruth Band II Mit Bildern von Wilh. Claudius XVI. So sehr hatte sich Herr von Welfen lange nicht im Leben geärgert, wie über diese schwere Beleidigung. Solch eine Antwort auf sein schönes Gedicht! Oh, es war, um sich die Haare einzeln auszuraufen! Gott sei Dank schien es noch niemand gelesen zu haben. Der Kellner machte ein so harmlos törichtes Gesicht, als der Major ihn ausforschte, wer wohl das Fremdenbuch zuletzt zur Hand gehabt hätte, daß er in der Tat unwissend zu sein schien. Auch der Wirt konnte keine Auskunft geben, ja er entsann sich nicht einmal, daß drei junge Herren in großen, hellen Strohhüten bei ihm eingekehrt seien! Und doch konnten allein die Herren aus Ruhla einer solchen Infamie fähig gewesen sein; davon war Herr von Welfen überzeugt. Auch die Damen schienen es anzunehmen, obwohl man sich nicht weiter darüber aussprach. Es herrschte plötzlich ein allgemeines, stillschweigendes Einvernehmen, diesen wunden Punkt unberührt zu lassen. In Eisenach legte der Major aber viel Wert darauf, die einzelnen Hotels zu besichtigen. Er erzählte den Wirten, daß ihm Thüringen ganz ausnehmend gut gefalle, so gut, daß er den nächsten Sommer in Eisenach verleben wolle. Dazu müsse er sich schon jetzt Quartier ansehen! Ob das Hotel ruhig sei, ob gute Gesellschaft darin verkehre, ob er wohl einen Blick in das Fremdenbuch werfen dürfe? Gewiß! Mit größtem Vergnügen! Welfen setzt den Kneifer auf und musterte mit scharfem Blick die Namen der zuletzt eingekehrten Fremden – deren waren gar viele, aber die gesuchte Schrift fand sich nicht darunter. Der nächste Tag brachte Regenwetter und Sturm. Die Familie Welfen blickte einander forschend in die Augen, ein jedes freute sich im stillen, einen guten Grund für die Heimreise zu finden. Ihre Freude an der Thüringer Waldfahrt war sehr herabgestimmt. Man war ganz nervös geworden, durch das ewige ängstliche Umherspähen, durch die geheime Angst, die drei hellen Touristenhüte irgendwo auftauchen zu sehen. So wurde die Rückfahrt beschlossen und zu allgemeiner Herzerleichterung auch anderen Tages ausgeführt. Das Wetter erklärte sich ebenfalls einverstanden damit, denn der sonnige Spätherbst ging urplötzlich wieder in grauen Wolken und endlosen Regenfluten unter, und Herr von Welfen rieb sich schmunzelnd die Hände, als er einen Blick durch die triefenden Coupéfenster warf und sprach: »Na, wieder einmal die alte Wahrheit! ›'s ist nichts so schlimm, wie man es denkt, wenn man's erfaßt und richtig lenkt!‹ Der Schabernack der Herren Ruhlaer hat uns rechtzeitig in das behagliche Nest zurückgetrieben, während die Übeltäter selber hoffentlich heute tüchtig den Kittel auf dem Rennstieg gewaschen bekommen!« »Hast du eigentlich das Blatt mit dem Verse noch aufgehoben, Papachen?« »Das versteht sich! Das soll mein ewiges Andenken an die Wartburg sein! Wer weiß, der Zufall spielt oft seltsam, und der Satanskerl von einem Verseschmied läuft mir doch noch einmal unter die Finger! Na, dann mag er sich gratulieren!« Frau Dora nickte feierlich, und Rose wiederholte mit unverhohlener Rachsucht: »Ja, dann mag er sich gratulieren!« Nun war man wieder daheim angelangt, und der Major hatte Tante Sidonie mit besonderer Hochachtung begrüßt. Hatten sie doch beide recht behalten, sie mit ihrer Warnung vor der Reise, er mit seiner Graphologie, nach der er die Frau Professor stets für eine geistvolle, scharfblickende Frau erklärt hatte. Auf das erste ungestörte Mittagsschläfchen hatte sich Welfen ganz besonders gefreut. Als er sich nach einem sehr gemütlichen Mittagsmahl, bei dem alle erklärt hatten: »sie fühlten sich nach der Reise wie im Himmel daheim und das Reisen hätte nur das Gute, daß es die eigene Häuslichkeit doppelt lieb mache –« in sein Zimmer zurückgezogen hatte, glaubten Frau Dora und Rose ihn längst in das Reich der Träume entrückt, als sein Schritt noch immer leise auf dem Teppich hin- und herging. Der Major schlief nicht. Das Blatt aus dem Fremdenbuch in Händen, wanderte er unruhig auf und nieder, sich zeitweilig an den Schreibtisch setzend und mit ganz wunderlich verstörtem Gesicht in sein »Lehrbuch der Graphologie« herniederstarrend. War es zu glauben, war es menschenmöglich? Er rieb sich die Augen, blätterte nervös hin und her, sprang auf und rannte heftig gestikulierend in dem Zimmer umher, und sank alsdann wieder wie geistesabwesend auf den Stuhl vor dem Schreibtisch nieder. Er mußte den Schreiber finden! Er mußte es! Koste es, was es wollte! Welfen stützte das Haupt in die Hand und grübelte und sann – und sann und grübelte und forschte abermals –- aber es blieb dabei, eine unumstößliche Tatsache, jener Hassenswürdigste war für ihn der Gesuchteste unter der Sonne! Tage und Wochen vergingen. Kam das Gespräch zufällig einmal wieder auf die Reise und die Ruhlaer Herren, so zeigte der Major eine solche nervöse Erregung, und sprach den Wunsch, »diesen Kerl noch einmal zu finden,« derartig ungeduldig aus, daß Frau Dora besorgt zu Rose sprach: »Mein Gott, wie Vater doch so zäh in seinem Hasse ist! Gott verhüte, daß er dem Unglücklichen jemals im Leben begegnet! Ich stehe für nichts!« Seit jener Zeit vermieden es die Damen noch ängstlicher, des »Feindes« Erwähnung zu tun. Und der Herbststurm fegte die ersten Schneeflocken durch die Luft, und der Reif glitzerte nachts an den letzten Asterköpfchen, bis sie immer schwärzer aussahen und müde auf die zerzausten Beete herabsanken. Noch immer ritt Herr von Welfen fast täglich nach Feldheim, seine Kinder zu besuchen. Frau Dora eiferte dagegen, so sehr sie konnte! »Laß die jungen Leute allein! Es taugt nichts, wenn wir Alten die Nase täglich in ihre Wirtschaft stecken, es verdrießt das Selbstbewußtsein und stört die ungenierte Behaglichkeit.« »Unsinn, Dorchen! Solltest mal sehen, wie die Kinder sich immer freuen, wenn ich komme!« »Wir sehen uns jeden Sonntag, das genügt vollauf!« »Dir Rabenmutter genügt's vielleicht –« scherzte er, »mir zärtlichem Vater aber nicht. Ich will mich an ihrem Glück freuen und es der Salome erhalten helfen! Das Kind ist ja noch so unerfahren, sie braucht einen Berater und eine Stütze!« »Das dürfte wohl in erster Linie ihr Mann sein!« »Siegfried?! Lächerlich; der junge Bengel weiß ja selber noch nicht hott noch hüh ...« » Pardon – er ist ein Mann in Mitte der dreißiger Jahre!« »Pah! Was will das sagen. Er ist aber erst seit ein paar Wochen verheiratet und versteht noch nicht die Bohne vom Eheleben!« »Mach dich doch nicht lächerlich, Väterchen! Was verstandest du denn ehemals davon?« »Nichts! Auch nichts, darum eben! Ich habe dich armes, kleines Wurm auch oft in meiner Torheit entsetzlich tyrannisiert und wollte den Herrn und Gebieter herausbeißen aus purer Eitelkeit! Himmel, wenn ich denke, der Siegfried könnte mein Prinzeßchen in törichtem Hausherrendünkel mit allerhand Launen quälen! Das leide ich nicht, das dulde ich nicht, niemals! – Na, Gott sei Dank, bis jetzt benimmt er sich ja ganz vernünftig und galant!« Anfänglich kehrte Welfen stets sehr guter Laune und strahlend, vergnügt zurück; er konnte gar nicht Worte genug finden, das Glück und die Harmonie im Bornschen Hause zu preisen. Dann, als ein paar Wochen weiter in das Land gezogen waren, kehrte er oft recht verdrossen und übellaunig heim, setzte sich zu Tisch und sprach kein Wort. Aber Frau Dora fragte unverdrossen. »Ach, der alte Drachen, die Hanne, benimmt sich so unverschämt und will Salome in allen Dingen kommandieren! Wenn Salome ein Gericht für den Mittags- oder Abendtisch befiehlt, hat die Person die Frechheit zu erklären: ›Geht nicht, gnädige Frau – es ist noch ein halber Rehrücken, oder ein Hase oder ein Kalbsbraten da – der muß erst aufgebraucht werden.‹« »Sehr vernünftig und richtig!« »Narrheit! Wie lange sollen denn die beiden einzelnen Menschen an solch einem riesigen Fleischstück essen?« »Salome verlangt ja stets große Braten, weil die kleinen Stücke zu schlecht seien –« »Sind sie auch! – Zähes, altes Kochfleisch! Darum soll doch mein Kind nicht alle Tage Schuhleder kauen?!« »Nein, sie soll sich aber mit den großen Portionen einrichten und Reste verwenden, sonst ist sie eine Verschwenderin!« »Na, ist ja ihre Sache! Auf alle Fälle wollte sie heute nicht noch einmal Gänsebraten essen, sondern die Poularden, die du geschickt hast, und damit das alte Donnerwetter, die Hanne, nicht doch die Gans auf den Tisch bringt, schließt Salome heimlich die Speisekammer ab, steckt den Schlüssel in die Tasche und fährt bis zum Essen spazieren!« »Wie kindisch!« »Durchaus nicht kindisch! Sie war völlig in ihrem Recht; aber leider hatte sie vergessen, daß sich in der Speisekammer auch die Poularden befanden – na, und wie sie nach Hause kommt und Siegfried mit einem Löwenhunger auch gerade erscheint, und sie sich zu Tische setzen – na, da gab es eben nichts zu essen, wohl aber einen tüchtigen Spektakel! Wegen des bißchen Essens ist mein Herr Schwiegersohn ganz blaß vor Ärger geworden, und was das bodenloseste ist, er hat der Hanne recht gegeben; Galome wollte einfach Essen aus dem Wirtshaus holen lassen, was doch ganz richtig und zweckentsprechend war, aber glaubst du, daß der Dickkopf das gelitten hätte? Nein, um die Welt nicht! Er habe keine Lust sich derart vor der ganzen Stadt zu blamieren!« »Seine Frau zu blamieren! Sehr rücksichtsvoll von ihm – Salome kann sich nur dafür bedanken!« Nielsen zuckte ungeduldig und etwas ironisch die Achseln: »Ich bezweifle stark, daß sie das tut!« Frau Dora legte die Hand auf die Schulter des Gatten und blickte ihn mit ihren klaren, freundlichen Augen durchdringend an. »Ernst,« sagte sie leise, »du mußt als vernünftiger Mann einsehen, daß Salome im Unrecht war, du hast ihr hoffentlich in aller Güte deine Meinung gesagt und nach Kräften bei ihr zum Frieden geredet?« Der Major wurde trotz seiner sonnenverbrannten Haut so rot wie ein Schulknabe, der auf Nachbars Apfelbaum ertappt wird; er fühlte es und ärgerte sich. Mit gespreizten Fingern fuhr er durch sein graumeliertes Haar und erhob sich hastig. »Alberne Frage! Narrheit!« knurrte er, ohne seine Frau dabei anzusehen, »zum Frieden reden! Wie kannst du von einem Vater verlangen, daß er einem fremden, unliebenswürdigen Menschen gegen sein eigen Fleisch und Blut beistehen soll! Ich dächte, Siegfried wäre für sich selber Manns genug und bedürfe keiner Unterstützung!« »Wenn dir das Glück deines Kindes am Herzen liegt, bedarf er unser aller Hilfe, um den Eigensinn seiner Frau bekämpfen zu können!« »Hoho! Eigensinn!« polterte Wefen erregt, »davon ist bei Salome keine Rede! Sie läßt sich nur nicht von einem alten Hausdrachen unterbuttern und macht, im Notfall, selbst gegen den Gatten Front, wenn dieser so rücksichtslos ist, anstatt ihr beizustehen, zu dem alten Weibe zu halten! – Elten sagte mir erst neulich, er bewundere Salome, daß sie so brillant mit ihrem Gatten auskomme, der, unter uns gesagt, doch ein äußerst schwieriger Charakter sei!« »Elten! – Herr von Elten sollte lieber solch unziemliche Bemerkungen unterlassen!« seufzte Frau Nora mit sorgenvollem Gesicht auf. »Es gefällt mir durchaus nicht, daß er Tag für Tag dem jungen Ehepaar die Schwelle abläuft. Es ist in hohem Grade unpassend, und mich soll es nicht wundern, wenn er Salome ins Gerede bringt. Seine Courmacherei ist höchst unangebracht!« »Lächerlich! Was hat denn das arme Kind anderes in dem Heckennest, als wie den Verkehr mit den jungen Herren?« »Sie hat ihren Haushalt und ihren Mann!« » Den Mann!!« – es lag beinahe etwas Verächtliches in der Stimme des Majors. »Siegfried kann doch unmöglich einem so verwöhnten Geschmack wie dem meines Prinzeßchens alles ersetzen, was sie in Feldheim entbehren muß!« »Das hätte sich ja dein Prinzeßchen früher überlegen können. Warum bestand sie mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln darauf, ihn zu heiraten? Nun muß sie die Konsequenzen solchen Eigensinns tragen, und das will und verlange ich mit der vollen Strenge der Mutter!« Welfen war an das Fenster getreten und starrte hinaus. Als er nicht antwortete, fuhr seine Gattin in ihrer ruhigen, stets maßvollen Weise fort: »Wie endete denn nun der Streit? Ich hoffe doch sehr, daß Hanne begütigt wurde?« »Nein, der alte Schurigel dampft heute nachmittag zu Schwiegermüttern zurück!« Frau Dora wurde ganz blaß vor Schreck. Sie schlang wie in ratloser Verlegenheit die Hände zusammen. »Welch eine unverantwortliche Torheit von Salome! Diese treue, zuverlässige Person ist für ihren fundamentlosen Haushalt unersetzlich. Was soll das nun geben?! Ich fürchte, der arme Siegfried wird nun öfters im Wirtshaus essen müssen, wenn er nicht hungrig bleiben will!« »Das fürchte ich durchaus nicht. Ich habe Salome gesagt, du würdest ihr die Mamsell schicken, bis sie eine neue Köchin gemietet habe.« Welfens Stimme klang etwas kleinlaut, er wandte sich zu seiner Frau zurück und legte den Arm um sie. »Du kannst ja zur Not mit Anna und Rose allein fertig werden, Dorchen, Rose kocht ja selbst schon wie die beste Köchin!« Frau von Welsen schüttelte sehr ruhig, aber sehr bestimmt den Kopf. »Unmöglich, ganz unmöglich, du hast wohl vergessen, daß wir schlachten. Ich habe alles dazu vorbereitet und kann es nicht aufschieben. Mamsell ist dabei einfach unentbehrlich, denn weder ich noch Rose können sie in dieser arbeitsreichsten aller Zeiten ersetzen. Auch verstehen wir nichts von der Schlächterei. So leid es mir tut, diesmal kann ich Salome nicht helfen.« Der Major schritt unruhig auf und ab. »Dann mußt du ihr Anna schicken! Die locht auch gut. Unter allen Umständen, ich will und verlange es! Ich bestehe darauf! Ich kann das Kind nicht im Stich lassen! Ich habe ihr eine Aushilfe versprochen, damit sie die Energie haben sollte, den ewigen Zankapfel Hanne hinauszuwerfen!« Nun wußte Frau Dora genug. Ihr verblendeter Mann hatte das Feuer geschürt, anstatt es zu löschen, er hatte gehetzt, anstatt Frieden zu stiften. Dieser Schwiegervater hatte im Hause seiner Kinder die alte Ansicht der Welt auf den Kopf gestellt, daß nur eine Schwiegermutter das böse Prinzip einer jungen Ehe sein könne. Sie hatten die Rollen getauscht – und tief bekümmert beschloß Frau von Welsen sofort nach Feldheim zu fahren, um nach Kräften gut zu machen, was ihr Mann verdorben hatte. Sie nahm Anna mit, um, so gut es ging, den Verlust von Hanne zu ersetzen, und versuchte mit Liebe, Sorge und gütlichem Zureden den scharfen Riß zuzukitten, der zum erstenmal das junge Haus und sein Glück bedrohte. Würde es etwas helfen und nützen? Die Schwiegermama seufzte schwer auf. Sie wußte nur zu gut, daß es der Anfang einer langen, mühseligen Arbeit war, einer wahren Danaidenarbeit. Der Schwiegervater war Fanatiker genug, um das Sieb stets von neuem zu durchlöchern, wenn sich Frau Dora auch noch so viele Mühe gab, es zu stopfen! Landrat von Born hatte die Hände in die Taschen seines Jacketts versenkt und wanderte mit unregelmäßigen Schritten in seinem eleganten Arbeitszimmer auf und nieder – bald langsam und zögernd, bald hastig und unruhvoll, wie die Gedanken, die er hinter seiner Stirn ordnen und klarlegen wollte. Obwohl es noch nicht völlig dunkel war, brannte die Flamme des Leuchterweibchens, das sich in den prächtigen Geweihen selbst erlegter Hirsche schaukelte; und das offene Feuer warf durch die Marienglasscheiben des Ofens einen rosigen Schein über die zunächst stehenden Möbel, deren kunstvolle Schnitzerei schon viele Bewunderer gefunden hatten. Draußen sauste der Schneesturm, und die weißverschneiten, niederen Dächer der gegenüberliegenden Häuser schimmerten im letzten Abendschein. Still und friedlich lag die Straße da; selten, daß ein Schlitten vorüberklingelte, ein Hund bellte, oder ein paar Stimmen laut wurden. Wie gemütlich und unbeschreiblich schön für ein glückliches, liebendes Paar, das nichts besseres begehrt und sucht, als einzig sich allein. Ach, daß Salome doch auch so gedacht hätte! Feldheim und das behaglich schöne Landratshaus hätten ein Paradies sein können! Anstatt dessen hatten es Laune und Eigensinn der kleinen Frau zu einem wahren Tränenwinkel gemacht. Nebenan auf dem Diwan lag Salome und schluchzte mit der Unermüdlichkeit eines halsstarrigen Kindes in ihr Batisttuch. Und warum? Weil Siegfried sie mit Liebe und mit Lammessanftmut gebeten hatte, einmal Energie zu zeigen und dem unerquicklichen Zustand hier im Hause ein Ende zu bereiten. Seit auch Gottfried gekündigt und das Haus verlassen hatte, schien alles außer Rand und Band zu sein. Solange die gute Schwiegermama Anna geliehen hatte und heimlich hinter den Kulissen waltete, anordnend und beratend, ging die Sache noch einigermaßen, jetzt, wo die neue Köchin aus der Residenz eingetroffen war, empfand man erst, wie hilflos eine Hausfrau den Dienstboten preisgegeben ist, wenn sie selber nichts von der Wirtschaft versieht. Es wurde beinahe das Dreifache an Haushaltungsgeld verbraucht wie früher. Dabei war das Essen meistens herzlich schlecht und der Tisch einfacher besetzt als je. Es lag auf der Hand, daß die Person die Herrschaft in jeder Weise schlecht hielt, um desto unverschämter in ihre eigene Tasche sparen zu können. Sie nahm die schlechtesten Zutaten, wählte die billigsten und reizlosesten Gerichte und behauptete, für das »knappe« Geld bereits Außerordentliches zu leisten. »So gib mehr!« schmollte Salome, die selber am meisten unter diesem »Schmalhans Küchenmeister« litt, denn sie war verwöhnter und anspruchsvoller noch als ihr Mann. »Das kann ich nicht!« ärgerte sich Born; »es hieße, das Geld dem diebischen Frauenzimmer mit vollen Händen in den Hals werfen! Mama sagt, das Wirtschaftsgeld sei geradezu fürstlich! Wenn aber niemand da ist, der in der Küche nach dem Rechten sieht und ein wenig nachzurechnen versteht, dann kann man uns ja ungestraft das Fell über die Ohren ziehen!« Salome ignorierte diese zarte Andeutung. »Nimm doch noch eine Wirtschafterin!« verlangte sie. Ein beinahe zorniger Blitz aus fernen Augen traf sie. »Und für die Wirtschafterin zur Beaufsichtigung vielleicht noch eine Hausdame?« Sie biß bei diesem Spott die Zähne in die Lippe, warf brüsk die Türe hinter sich zu und verschwand bis zum Abend, wo die unvermeidlichen Hausfreunde kamen und Elten der jungen Frau mit erregter Stimme zuflüsterte: »Ich ertrage es kaum noch, Sie derart leiden zu sehen! Sie haben schon wieder verweinte Augen!« Der greuliche Zustand im Hause dauerte an. Wenn die Dienstboten merken, daß die Hausfrau auf sie angewiesen ist, lassen sie sie meistens durch ein freches und respektloses Benehmen ihr Übergewicht fühlen. Wehe, wenn Salome, selbst in freundlichster Weise, diesen oder jenen Fehler rügte! Unverschämte Antworten, Maulen und kecke Vernachlässigung aller Pflichten waren die Folge. Born hatte schon öfters bemerkt, daß die Mädchen sich heimlich abends oder nachts entfernten. Auch tagsüber konnte er oft stundenlang klingeln, bis endlich ein dienstbarer Geist erschien. Salome kümmerte sich nicht um Zucht und Ordnung im Hause, und wenn sie einmal in ihrer kindisch unüberlegten Weise loswetterte, sah sie höchstens spöttische Gesichter und keinerlei Erfolg. Was sollte ihnen denn die Gnädige tun? Sie ahnte ja nicht, wenn das Wasser kochte, und von so einer brauchte man sich doch nichts sagen lassen! Als es dem Landrat allzu bunt wurde, fuhr er mit dem eisernen Besen dazwischen und kündigte. Von der Köchin trennte sich Salome ohne Herzeleid, aber bei dem Ansinnen, ihre herrliche, unersetzliche Jungfer opfern zu sollen, geriet sie wahrhaft in Verzweiflung. Born machte ihr klar, daß gerade dieses Mädchen das nichtsnutzigste von allen sei, und daß er Dinge in Erfahrung gebracht habe, die ihre Entlassung bedingten. Zum erstenmal war er energisch und lohnte ohne Zustimmung seiner Frau das freche Geschöpf ab. So sehr wie in dieser Stunde hatte er sich noch nie geärgert. Nicht allein, daß Betty in hämischester und boshaftester Weise sich zu rächen suchte, indem sie allerhand freche Bemerkungen und Andeutungen über das Benehmen der gnädigen Frau machte, sondern auch über Salome selbst, die zum erstenmal einen schier gehässigen Streit heraufbeschwor, bei dem der Schwiegervater selbstverständlich wieder die Rolle des Aufhetzers spielte. Siegfried war aufs höchste erregt; er sagte dem Major in unverblümter Weise die Wahrheit, und die Feindschaft der beiden Männer loderte in hellen Flammen empor. Gräßliche, unerträgliche Tage folgten, bis Frau Nora abermals als Friedensengel erschien, um den Sturm zu beschwichtigen. Sie benutzte die Gelegenheit, ihrer Tochter noch einmal die dringende Notwendigkeit klarzumachen, daß eine Hausfrau etwas von dem Haushalt verstehen müsse, aber sie stieß nach wie vor auf den hartnäckigsten Widerstand. Früher war der einer gewissen Eitelkeit und Gleichgültigkeit entsprungen, jetzt diktierten ihn Trotz und Oppositionslust, und der Major stand als unsichtbarer Feind im Hintergrunde und bestärkte die Tochter in ihrer »Beharrlichkeit«! Nun ging Siegfried verzweiflungsvoll in seinem Zimmer auf und nieder, und dachte darüber nach, wie er das Kunststück wohl zuwege bringen solle, diese Frau zu erziehen. So sauer und aussichtslos hatte er es sich doch nicht gedacht. Frau Salome glich in nichts mehr dem reizend naiven, so leicht lenkbaren Backfischchen aus der Eisenbahn. Sie fühlte sich jetzt, sie trumpfte auf ihre Würde und Stellung und hatte keine Lust mehr, sich belehren oder beeinflussen zu lassen. »Dem Gängelband dürfte ich wohl entwachsen sein!« bemerkte sie sehr spitz, als Siegfried zuerst den Versuch machte, an ihrem Wesen und Benehmen »den älteren Damen gegenüber« zu modeln. Er hatte gehofft, die zwingende Notwendigkeit werde seine beste Verbündete sein. Er irrte sich. Salome war viel zu phlegmatisch und kindisch unüberlegt, um sich durch irgendwelche Widerwärtigkeiten einen moralischen Zwang auferlegen zu lassen. Sie wußte stets einen Ausweg und verlangte ihn sofort eingeschlagen, wenn er auch noch so töricht, kostspielig oder unmöglich war. Warum nahm Siegfried keine Hausdame? Warum ließ er das Essen nicht aus dem Hotel holen, warum machte er so entsetzlich große Ansprüche an die Dienstboten? Lediglich aus Herrschsucht! Aus Tyrannei, aus Malice gegen sie! Um seine Frau zu ärgern, zu demütigen, um einen Grund zu haben, ihr immer ihre Unwissenheit und Unerfahrenheit vorhalten zu können! Er wußte ja im voraus, daß sie nichts vom Haushalt verstand und auch nichts davon lernen mochte, warum hatte er sie denn geheiratet? Aus lauter empörenden Beweggründen! Ach der Papa hatte so recht gehabt mit seiner Graphologie! Hätte sie doch auf ihn gehört, als er ihr damals Siegfrieds Handschrift deutete! Wie albern und verblendet war sie gewesen, ihn absolut heiraten zu wollen! Was hatte sie nun davon? Der Triumph den Freundinnen gegenüber war sehr mäßig, denn die beiden verhöhnten und beklagten sie in ihren Briefen, daß sie in einem solchen kleinen Krähwinkel sitze, das auf keiner Landkarte zu finden sei. Und Soldat will Siegfried nicht werden, er wurde beinahe brutal, als sie es von ihm verlangte. Ach, daß sie eine solche Närrin gewesen war, sich so voreilig wegzuwerfen! Hätte sie Elten früher kennengelernt, alles wäre wohl anders geworden! Er liebt sie! – Ach wie ganz anders liebte er sie als ihr fischblütiger, langweiliger Siegfried! Und Eltens Liebe, sein Mitleid, sein heißes Empfinden, das süße, geheimnisvolle Einverständnis zwischen ihnen, mit alle seiner Romantik und nervenschüttelnden Poesie, das war das Einzige, was ihr Feldheim noch erträglich machte! – Wie aber sollte es werden, wenn keine Köchin im Hause war, wenn die Herren womöglich mittags oder abends nicht mehr kommen konnten? Sollte das eine neue Ranküne von Siegfried sein? Hatte er den Leuten nur gekündigt, um einen Verwand zu finden, die Besuche unterbinden zu können? Aus Eifersucht tat er es wohl nicht, seine Gleichgültigkeit gegen sie war ja haarsträubend, aber aus Mißgunst, aus Bosheit, um ihr die Freude zu stören! Und sie weinte zornig, leidenschaftlich und erbittert. Sie war so allein. Papa kam bei dem Wetter auch nicht, Siegfried lief nebenan im Zimmer herum und bekümmerte sich auch nicht um sie, kein Mensch nahm Anteil an ihr! Man behandelte sie empörend! – Wer wußte, ob sie ein Abendbrot auf den Tisch bekam! Oh, sie war das unglücklichste Weib unter der Sonne! Da öffnete sich leise die Tür. Der Landrat trat ein, kam langsam zu ihr heran und setzte sich auf den Diwan zu ihr. Sie warf sich zornig herum und steckte ihr Gesicht in die Kissen, er aber nahm ihre Hand zwischen die seine und sagte mit müder, weicher Stimme: »Ich möchte gern etwas mit dir besprechen, Kind. Ich habe mir unsern künftigen Haushalt überlegt. Beharrst du wirklich bei deinem Entschluß, nichts bei Mama zu lernen und der Wirtschaft auch künftighin so fremd zu bleiben wie bisher?« »Ja!« stieß sie rauh hervor, »ja! – Tausendmal ja! Ich bin leine Küchenmagd! Ich habe es dir vorher gesagt!« Er blieb ganz gelassen: »Gut; so werde ich künftighin die Wirtschafterin spielen, falls du diese Zumutung für deinen Mann nicht allzu entwürdigend findest!« Sie hatte immer nur an sich, noch nie an ihn, an sein Behagen, sein Glück, seine Würde gedacht. »Nicht im mindesten!« zuckte sie die Achseln. »Ich beeinflusse dich ebensowenig wie ich von dir beeinflußt sein will. Du kannst tun und lassen, was du willst!« »Was ich will? – Was ich notgedrungen tun muß . Aber gleichviel. Eine perfekte Köchin aus der Residenz nehme ich nicht wieder in das Haus; soviel weiß ich. Ich werde mich bemühen, ein rechtschaffenes, tüchtiges Mädchen von hier oder aus der Umgegend zu finden – so wie bisher lasse ich mich nicht mehr betrügen, sonst werden wir bankrott. Und nun wollen wir uns ohne Bemäntelung die künftige Situation klarmachen. Wir deutschen Männer sind anders geartet, als die leichtsinnigen, frivolen Helden deiner Pariser Romane. Wir stellen Anforderungen an das deutsche Weib ebensogut und ebensohoch und strenge wie an uns selbst. Wir verlangen und setzen voraus, daß ein jedes gebildete und erwachsene Mädchen mit den Pflichten vertraut ist, die Natur und Verhältnisse an ein weibliches Wesen stellen. In unserm nüchternen, tätigen, rastlos schaffenden und erwerbenden Zeitalter ist alles überflüssig und verächtlich, was sich als unnütz erweist. Was nicht den Platz ausfüllt, auf den es gestellt wird, das wirft man beiseite. Die Meister fallen nicht vom Himmel, und ein Mädchen, das vor seiner Verheiratung nichts gelernt hat, kann in der Ehe mit Leichtigkeit alles Versäumte nachholen, wenn sie sich überzeugt, daß es ihre Pflicht geworden. Die Verhältnisse ändern sich, und es läßt sich in der Praxis gar manches Ding sehr anders an, als es in der Theorie den Anschein hatte! – Der Franzose mag in seiner Frau nur ein Spielzeug, eine Puppe – einen Luxusgegenstand sehen, von dem er nichts fordert, weil er selber nichts zu geben mag – nichts an Liebe, nichts an Treue, höchstens den Rahmen zu einem Bilde, das er aufstellen muß, will er sein Geschlecht nicht aussterben lassen. Ein deutscher Mann aber sieht mehr in seinem Weibe, sein Alles, sein Höchstes, sein Heiligstes und sein Bestes. Er teilt mit ihr, was er besitzt, sein Herz, seine Seele, sein Hab und Gut. Und weiß, daß er wohl daran tut. Sie hütet, sie schützt, sie mehrt und veredelt alles, was er ihr anvertraut, was er voll inniger Zuversicht in ihre Hände legt. Wie er seinen Wirkungskreis hat, so sucht die edle deutsche Frau, ob hoch, ob niedrig, ob Kaiserin oder Bäuerin, auch ihren höchsten Stolz darin, den Wirkungskreis, den Natur und Gatte ihr zugeteilt, rechtschaffen auszufüllen. Und das ist der so oft angestaunte, so viel besungene, so göttlich reine und gewaltige Zauber, den die deutsche Frau auf ihren Gatten ausübt. Arbeitet und schafft, sorgt und waltet sie wie ein guter Geist in seinem Hause, so empfindet er einzig darin die volle Macht echter Weiblichkeit. Er kann sie nicht entbehren, er kann nicht mehr ohne sie leben und sein – sein Herz, sein Haus ist öde und tot ohne sie er weiß, daß er ihr all sein Glück, sein Behagen, den holden Frieden seiner Häuslichkeit verdankt; ihr Fleiß spornt den seinen an, ihre Treue stärkt die seine, ihre selbstlose Liebe nährt die Gottesflamme in seiner Brust wie ein heiliges Öl. – Er hebt sein fleißiges, tüchtiges Weib mit dem Stolz eines Königs auf den Schild, und beklagt den Mann, dessen Gattin nichts anderes im Hause ist, als ein überflüssiger, wesenloser Schatten, dessen Dasein niemandem zu Nutz und Frommen ist, dessen Entschwinden keine Lücke reißt. Auch ich habe mir stets ein Ideal von meinem künftigen Weibe geschaffen; auch ich sah sie als mein Unentbehrlichstes, mein Vollkommenstes, mein heiligstes Kleinod. Die Hüterin meines Glückes, die bewunderte Meisterin aller, die sie befehligte, das leuchtende Vorbild ihrer Kinder. – Und ich wähnte, wäre sie dies alles noch nicht im Anbeginn unserer Ehe, so hülfe ihr wohl die große Lehrmeisterin Liebe, es mit der Zeit zu werden. – Es war ein schöner Traum – leider Gottes nur ein Traum. Mein Schicksal hat mich als deutschen Mann aufwachsen lassen, aber es hat mich als Ehemann zum Franzosen gemacht. – Je nun – ich will nicht murren und nicht klagen, ich will das schöne Bild auch in meinem Hause aufstellen, und wenn ich es auch nicht gleich anderen glücklichen Gatten bewundern und hochachten kann, so will ich doch versuchen, es auch trotzdem lieb zu behalten.« Seine Stimme war sehr leise geworden. Er starrte auf die zierliche Gestalt seiner Frau, auf ihr reizendes, noch immer halb abgewandtes Gesichtchen nieder, wie ein Arzt, der an seinem Patienten die Wirkung einer bitteren, aber einzig noch rettenden Arznei erproben will. Und er sah, wie sie regungslos dalag, gleich einem versteinerten Wesen, wie ihre Augen weit aufgerissen in das Leere starrten, wie sich eine heiße Blutwelle über ihr Antlitz ergoß, tiefer und tiefer sich färbend zu dem leuchtenden Purpur, wie ihn nur die Scham kennt. Er atmete tief auf und erhob sich – ehe sie antworten konnte, hatte er das Zimmer verlassen. Sie war allem mit ihren Gedanken. XVII. Eine wunderliche Zeit brach für das Bornsche Haus an. Zeit, in der Frühlingsstürme dem Lenz vorangingen, Stürme der Seele, die naturgemäß austoben müssen, sollen sie jenen einschneidenden Wanbel mit sich bringen, der aus Eis und Schnee die ersten Keime neuen Lebens lockt. Der Landrat hatte stillschweigend die Verwaltung seines Hauses übernommen, und Salome ließ ihn trotzig gewähren. Sie hatte nur ein spöttisches Lächeln dafür, wenn ihr Mann müde und angestrengt vom Dienst nach Hause kam und nun erst seine Befehle und Anordnungen in Küche und Keller treffen mußte, dieweil seine junge Dran träge und gelangweilt in ihrem Boudoir saß, Romane las, oder Malereien und Handarbeiten anfing, ohne sie recht zu vollenden. »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!« sagte sie voll ingrimmigen Spottes zu ihrem Vater, und der Major stimmte kampfeslustig bei: »Gewiß! Die Wirtschaft scheint ihm ja kolossales Vergnügen zu bereiten, sonst hielte er dir wohl eine Hausdame!« Äußerlich verharrte die junge Frau in ihrer starren Opposition, in jeder Beziehung von Herrn von Welsen darin bestärkt, innerlich aber gärte und wogte es mit immer wachsender Ungeduld und Unruhe in ihr, ein Zustand, über den sie sich jedoch nicht klar werden wollte. Oft stieg es glühend heiß in ihre Wangen, wenn ihr Gatte nach dem Abendbrot schellte und befahl: »Die Köchin soll mit dem Wirtschaftsbuch kommen und abrechnen!« Anfänglich hatte sie mit gut gespielter Gleichgültigkeit dabeigesessen und in den Zeitungen geblättert, aber sie erhaschte doch hier und da einen Blick des Mädchens, der sie so verächtlich staunend traf, als wolle es sagen: »Wozu ist denn die gnädige Frau da, wenn sie zu dumm oder zu faul ist, sich um Dinge zu bekümmern, die von Gottes und Rechts wegen nur sie alleine angehen?« Und Salome biß sich die Lippe blutig, stieß brüsk ihren Stuhl zurück und verließ das Zimmer. Anfänglich versuchte sie, sich in doppelter Weise zu zerstreuen und Beschäftigung im Amüsement zu suchen. Wie aber sollte man sich in diesem Krähwinkel amüsieren! Sie war unbedacht genug gewesen, in der ersten Erregung über den vermeintlichen Schimpf, den ihr ihr Mann angetan, Elten verschleierte Andeutungen zu machen. Sie fühlte sich unglücklich, unverstanden, sie ließ ihn ahnen, daß ihre Ehe nicht das Glück gebracht habe, das sie erwartet hatte. Und Elten, der »treue Freund«, ging auf ihren Kummer ein wie ein Fuchs, der weich und geschmeidig das Vöglein umkreist, dessen Nest er verderben will. Zuerst fand Salome einen gewissen Trost in seinem Wesen, das immer unverblümter markierte, daß auch er französische Romane gelesen, und just der Mann sei, die Früchte zu ernten, die diese in dem Köpfchen des ehemaligen Backfischchens gereift. Bald aber bäumte sich in ihr der gesunde moralische Kern, der geblieben war, instinktiv gegen den Versucher auf. Zwischen Roman und Wirklichkeit war doch ein gewaltiger Unterschied, und ein gar anderes Ding, mit ruhigem Herz und Gewissen in einem Buch zu lesen und nur den momentanen Sinnenrausch bei den Erlebnissen einer Ehebrecherin zu empfinden, als selber die handelnde Person zu sein, und alles vor Gott und dem Gewissen verantworten zu müssen, was sonst die Romanheldin mit sich selber abzumachen hatte. Da kam es ihr zum erstenmal in den Sinn, die beiden Männer, zwischen denen sie nun wählen sollte, ernstlich miteinander zu vergleichen. So sehr sich auch Trotz und Eigensinn dagegen wehrten, ihr gesunder Verstand und ihr im Grunde dennoch braver Charakter, der die erste Erziehung der deutschen Mutter nie verleugnen konnte, entschieden in allen Dingen für Siegfried. Da kam es ihr erst klar zum Bewußtsein, wie verächtlich und sündhaft doch ein »Freund« sei, der des Nächsten Weib und dessen Ehre begehrt. Früher hatte sie sich keine Skrupel darüber gemacht; die Flirts sind Mode heutzutage – jetzt aber kamen ihr Bedenken. – Das machte sie noch nervöser, noch aufgeregter denn zuvor. Elten, der sich bereits Sieger glaubte, ahnte nicht, wie er selber den Schleier zerriß, der die Augen der Seele bei diesem jungen Weib verhüllt hatte. Schlaflos lag Salome und starrte mit brennendem Blick in das Dunkel. Der Kampf wogte in ihrem Herzen. Warum war Siegfried nicht auch ein so gewissenloser Mensch wie Elten, daß sie ihn hätte verachten können, so verachten, wie sie ihn oft zu hassen vermeinte? Dann würde sie sich nicht einen Augenblick gescheut haben, ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. So aber tat sie es; er sollte nicht besser, nicht edler, nicht rechtschaffener sein als sie. War er es wirklich? Sie begann, ihn zu beobachten, sie begann plötzlich sich für ihn zu interessieren. Bisher hatte sie es nicht getan. Er hatte ihr gefallen, und sie ihn kühlen Bluts – aus Eitelkeit geheiratet. Jetzt begann ihr Blut sich zu erwärmen, ja, es wallte ihr oft so ungestüm zum Herzen, als sei es auf dem besten Wege sich zu erhitzen. Je mehr sie sein Tun und Treiben verfolgte, desto greller und vorteilhafter stach es gegen des Eltens ab. Er langweilte sich gesellschaftlich genau so wie sie, dennoch fiel es ihm nicht ein, einer Andern den Hof zu machen. Warum nicht? Weil er seine Frau so treu und innig liebte? Bei diesen Gedanken schlug Salome die Hand voll Zorn und Erbitterung vor das Gesicht. Nein, er liebte sie nicht mehr. Sein Wesen war ganz anders geworden als früher, kühler, gleichgültiger, so, wie man mit der Zeit ein hübsches Bild anblickt, das man im ersten Entzücken gekauft, und von dessen wesenloser Überflüssigkeit man sich alsdann überzeugte. Ein Bild! – Sagte er es ihr nicht selber, daß sie nichts anderes sei als ein schönes Bild, das sein Haus schmückte, nicht mehr und nicht weniger als jeder tote Gegenstand im Zimmer, der nichts mehr leistete als – da zu sein. O diese Worte gellten ihr Tag und Nacht vor den Ohren, sie konnte nicht darüber hinauskommen, konnte sie nicht vergessen. Den ganzen Tag erinnerte sie das Tun und Lassen ihres Mannes daran. Sie zitterte bereits vor Nervosität, wenn sie ihn kommen hörte, wenn sein erster Schritt nicht ihrem Boudoir, sondern der Küche galt, um dort nachzusehen, ob das Essen bereitet und wohlschmeckend sei, wenn er in das Speisezimmer trat, um sich zu vergewissern, ob der Tisch ordentlich gedeckt und alles am Platze sei, wenn er über große Wäsche verhandelte und über das Reinemachen, über die Einkäufe und Ausgaben – kurzum, wenn er sich für alles interessierte, was sonst die Sache der Hausfrau ist – nur für die Hausfrau selber nicht, denen er ja kaum bedurfte, und die nur das Gnadenbrot im Hause ihres Gatten aß. Immer unerträglicher wurde dieser Zustand. Die Dienstboten hatten sich auch bereits daran gewöhnt, sie wie eine Null zu betrachten. Sie führten ihre Befehle nicht aus, ehe sie nicht den Herrn Landrat um die seinen befragt hatten; sie wandten sich mit keiner einzigen Frage an sie, sondern nur an Herrn von Born. In aufwallender Erbitterung hatte sie sich bei ihrem Vater darüber beklagt. Dieser tröstete sie. »Laß dir doch solchen Unsinn vollkommen gleichgültig sein, Prinzeßchen! Wenn du dich tüchtig amüsieren könntest, würdest du gar keine solchen Grillen fangen! Freue dich doch, daß du dich nicht mit solchen Dingen plagen mußt, und genieße deine goldene, freie Zeit! Eine vornehme Dame braucht keine Mägdearbeit zu tun, das entwürdigt sie!« Wirklich? Entwürdigt sie das? Salome dachte lange darüber nach. Wie sehr entwürdigt es dann aber erst einen Mann, einen vornehmen Herrn, der dadurch ganz Ungebührliches leistete! Außerdem verlangte Siegfried keine Mägdearbeit, er verlangte nur das, was sich eine Fürstin, eine Kaiserin zur Pflicht macht – ihre Stellung im Hause auszufüllen, das zu sein, wozu sie berufen war. »Gründe einen Frauenverein in Feldheim! Beschäftige dich mit Wohltätigkeit – arrangiere Konzerte und Feste zum besten irgendwelcher Armut!« riet der Major. Aber Salome schüttelte den Kopf. Sie war zu klug, um sich nicht selber zu sagen, wie lächerlich sich eine Frau macht, die ihr eigenes Haus verkommen läßt, um der Verkommenheit anderer zu Hilfe zu eilen. Und Visiten machen, Schlittschuhlaufen, Spazierenfahren, ach die anderen Frauen in Feldheim hatten alle so viel zu tun und starrten die Dame, die in der Woche Visiten machte, an, wie eine Verräterin an Sitte und Ordnung. Auch sprachen sie meistens über ihre Wirtschaftsangelegenheiten, und weil Frau von Born darin nicht mitreden konnte, so schämte sie sich und mied die Philisterinnen. Und Schlittschuhlaufen? Was für ein Vergnügen gewährte es denn, allein bei Wind und Wetter auf den überschwemmten Wiesen unter wimmelnden Kindern herumzusausen? Die Herren hatten just in den besten Tagesstunden Dienst. Siegfried würde sich vielleicht ihr zuliebe freigemacht und sie begleitet haben – allein sie mag ihn nicht darum bitten, denn es würde für ihn nur eine neue Mühe sein, die sie ihm aufbürdete. Also schwieg sie. Wenn Rose doch öfters käme! Aber das dumme kleine Ding vermied jedes Begegnen mit Elten wie die Hölle. Sie machte nie einen Hehl daraus, daß sie ihn nicht leiden konnte, daß sie seine Schakalaugen nicht sehen möchte – Philosophie des Unbewußten. Wie unerträglich wurde die Langeweile! Was hätte Salome darum gegeben, könnte sie sich irgendwie beschäftigen, aber alles, was sie begann, reizte sie nicht, denn es steckte kein Muß, keine Notwendigkeit dahinter, es war ebenso überflüssig wie sie selbst! Sollte sie klein beigeben und Siegfried sagen, daß sie ihm helfen und bemüht sein wollte, eine gute, praktische Hausfrau zu werden? Nein, sie konnte sich nicht so demütigen, es würde ein Schimpf für sie sein! Wieder ein so unendlich langweiliger, tiefverschneiter Wintertag! Salome hatte sehr lange mit der Schneiderin die Modebilder besehen und hatte sich sicherlich sechs neue Toiletten machen lassen, wenn sie nur in Feldheim zu verwenden gewesen wären! Nun, da sie endlich über ein sehr apartes Hauskleid, das die Herren bei ihren Abendbesuchen entzücken sollte, einig geworden waren, befand sich die junge Frau wieder allein. Was anfangen? Siegfried war nicht daheim. Sie hatte Lust, Schlittschuh laufen, aber nicht allein. Kurz entschlossen, ohne sich im mindesten etwas dabei zu denken, schellte sie dem Diener und gab ihm einen Auftrag für Herrn von Elten. »Die gnädige Frau wolle auf dem Mühlgraben Schlittschuh laufen, ob der Herr Leutnant Zeit habe, sie zu begleiten?« Es war das erste Mal, daß sie ihn dazu aufforderte. Und Elten antwortete in einem kleinen, stark duftenden rosa Billet, daß er dem Nixenruf, dem unsagbar beglückenden, folgen werde und ganz und gar ihr getreuer Page sein wolle. Der Mühlgraben sei aber so überfüllt – ob sie nicht der rücksichtslosen Jugend aus dem Wege gehen und sich seinem Schutz auf dem Schloßgarten-Weiher anvertrauen wolle? Er erwarte sie daselbst. Einen Augenblick war Salome zweifelhaft. Der Weiher lag sehr einsam. Sie würde dort ganz allem mit Elten sein – eine Romansituation par excellence ! Sollte sie gehen? Je nun, sie nahm den Diener mit. Er erwartete sie mit dem Pelz am Ufer und diente als Chaperon. Sie ging. Elten kam ihr entgegen, und als sie ihm die Hand reichte, drückte er sie – kühner, anders noch als sonst. Sie errötete, sie sah in sein Gesicht, das auch einen anderen Ausdruck zeigte als sonst. Er hatte ihren Ruf für eine Avance genommen und drückte das in seinem Wesen aus. Salome empfand das sehr wohl, sie war auch im ersten Augenblick erschrocken darüber, aber sie hatte nicht den moralischen Mut, der Gefahr durch rechtzeitige Umkehr auszuweichen. Auch befand sie sich gerade heute wieder in einer Stimmung, die all ihren Trotz herausforderte, ihren gleichgültigen, fischblütigen Gatten ein wenig zu ärgern. Da er sie vernachlässigte und kühl behandelte, war es seine Schuld, wenn die junge Frau sich anderweitig zu entschädigen suchte. Sie preßte die nervös zuckenden Lippen zusammen, ließ sich die Schlittschuhe anschnallen und reichte Elten beide Hände entgegen, mit ihm über die einsame, sonnenglitzernde Eisfläche dahinzuschweben. Sie sah entzückender aus denn je. Das kokette Sportkostüm, mit dem pelzverbrämten Jäckchen, dem kurzen, graziös wehenden Rock und dem kecken Biberbarett auf dem goldblonden Haar, hob ihre jugendliche Schönheit auf die vorteilhafteste Weise. Die Erregung und gereizte Stimmung ließen die Augen blitzen, und die Wangen färbten sich unter dem weißen Gazeschleier so zauberhaft frisch, wie ein Pfirsich am Spalier, der zu süßem Genusse lockt. Und Eltens begieriger Blick streifte die verbotene Frucht und brannte schließlich ungeniert auf dem Antlitz seiner Begleiterin. Anfänglich hatte eine harmlose Unterhaltung die Zeit gekürzt, dann wurden seine Artigkeiten immer vielsagender und verfänglicher – sie schmollte ein wenig, aber sie amüsierte sich herrlich dabei, die Eva in ihr siegte unwiderstehlich, es reizte sie, das Feuer zu schüren – sie kokettierte mit ihm. Weiter und weiter flogen sie dahin. Des Dieners Gestalt verschwand hinter den Tannen, dichtverschneites Gebüsch umgrenzte die Biegungen des Weihers, der in einen breiten Graben auslief und einen Teil des Parkes durchquerte. Und je weiter sie sich entfernten, desto einsamer waren sie, desto kühner wurde der blasse, hagere Mann an ihrer Seite, vor dessen Schakalaugen Rose sich fürchtete. Er preßte ihre Hände ungestümer und neigt sein Haupt immer näher und näher dem ihren. »Es war ein junger Page – blond war sein Haar, leicht war sein Sinn –« »Sehr leicht!! –« »Der trug die seidene Schleppe der jungen Königin!« »Auch beim Schlittschuhlaufen?« »Auch da, immer, überall. Und wo ihm der greise König den Weg durch Türhüter und Drachen versperrte, da fand sich wohl eine Strickleiter...« »Armer, alter König!« »Törichter Egoist, der die Liebe eines Herzens erzwingen will, das nicht für ihn schlägt! Warum seufzen Sie, Salome? Gilt's dem König oder dem Pagen?« Sie wandte das Köpfchen ab, er zog sie gar so nah an sich heran, und seine Blicke waren noch kühner als seine Worte. »Lassen Sie uns umkehren!« sagte sie wie in jäher Angst. Er hielt sie nur fester und stürmte mit ihr weiter. »Umkehren? Dazu ist es zu spät. Sie mußten beide sterben, sie hatten sich viel zu lieb« – – – »Wieviel Uhr ist es, Herr von Elten?!« Er schüttelte mit wunderlichem Lachen den Kopf; seine großen, weißen Vorderzähne blinkten hell unter dem Schnurrbart hervor. »Dem Glücklichen schlägt keine Stunde – und ich bin jetzt glücklich! Sie nicht, Salome? Wenn Sie es leugnen, betrügen Sie sich selbst. – Die glücklichsten Menschen waren ja die ersten beiden im Paradies, denn sie waren allein –- so allein wie wir – und sie sahen die süße, verbotene Frucht winken – so wie wir! Und sie genossen das Verbotene voll kühner, allesvergessender Leidenschaft – auch so ... wie wir?!« – Er flüsterte die letzten Worte in ihr Ohr, und sie riß jäh die Hände aus den seinen und nestelte mit zitternden Fingern an ihrem Schleier. »Ihr Vergleich ist nicht zutreffend!« entgegnete sie herb. »Das Glück, um das sich eine Schlange windet, ist kein wahres Glück!« Sie wandte sich und floh hastig zurück, er versenkte die Hände lachend in die Taschen seines Attilas und folgte ihr – wie ein Schatten sauste er dicht an ihrer Seite dahin. »Und was nennen Sie wahres Glück, grausame, kleine Göttin? Besser doch das sündhafte Glück in lohender Liebesglut, als das Erstarren und Erfrieren in dem Eishauch einer heiligen, langweiligen und gleichgültigen Ehe!« Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Eine namenlose Angst überkam sie. So war er noch nie zu ihr gewesen, sein Benehmen wurde allzu keck und es beleidigte ihren Stolz, der deutscher und echter, als sie selbst gedacht, in ihrem Herzen flammt. Sie sah ihn nicht an, sondern wandte den Kopf brüsk zur Seite. »Das ist Geschmackssache!« stieß sie kurz hervor, und da er ihre Hand abermals haschen wollte, verbarg sie sie trotzig in dem kleinen Muff, auf dem das Blumensträußchen matt herniederhing – die Blumen, die er ihr mit seinem rosa Billet heute gesandt hatte. Er lachte noch mehr, fast klang es wie Spott. »Gewiß ist das Geschmackssache! Aber Sie werden mich doch nicht glauben machen wollen, daß ich über Ihren Geschmack noch im unklaren bin?!« Ein Riß durchquerte das Eis. Salomes Schlittschuh hakte sich fest darin, sie wankte und brach vornüber auf die Knie. Ihr leiser Aufschrei verhallte im Winde. Ein paar Krähen strichen erschreckt aus laublosem Buchenwipfel auf, sonst war keine lebende Seele weit und breit. Da schlang Elten die Arme um die Gestürzte und riß sie wie in jäher, wilder Leidenschaft empor, einen Augenblick hielt er sie an seiner Brust. »Ich weiß ja, wen Sie lieben!« – murmelte er mit flackerndem Blick, und seine Lippen neigten sich näher – immer näher den ihren, schon streifte sein heißer Atem ihre Wange. – Wie eine junge Löwin, außer sich, alles vergessend, warf sie sich zurück und blitzte ihn aus zornigen Augen in wilder Drohung an. »Unterstehen Sie sich, mich zu küssen!« schrie sie in unüberlegter Anschuldigung auf; »ich liebe meinen Mann! Keinen anderen wie ihn allein – haben Sie mich verstanden?« Er war von ihr zurückgewichen und maß sie mit kaltem Blick von oben bis unten. »Nein, meine gnädige Frau, ich habe Sie nicht verstanden!« entgegnete er mit beißender Ironie. »Denn nichts lag mir ferner als der Gedanke, Sie zu küssen, Ihre Eitelkeit verblendet Sie und läßt Sie beleidigend gegen einen Mann werden, dessen freundschaftlichen und harmlosen Verkehrston Sie sehr irrtümlich für tieferes Empfinden gehalten haben. Ebensowenig wie Sie mich lieben – liebe ich Sie! – Früher nicht – und jetzt erst recht nicht. Haben auch Sie mich verstanden, gnädige Frau?« Und er klirrte mit kalter Höflichkeit mit den Sporen und kehrte ihr den Rücken. Erstarrt, keines Wortes fähig stand sie da und fühlte ihren Herzschlag stocken. Alles Blut wich aus ihren Wangen, Tränen der Scham, des Entsetzens stiegen in ihre Augen. Welch eine Blamage! Welch eine tödliche Beleidigung. Sie hatte geglaubt, daß eher Himmel und Erde über ihr zusammenbrächen, als daß sie so etwas erleben könnte. Mit schwindelnden Sinnen, kaum ihrer mächtig, wandte sie sich und eilte wie ein gehetztes Wild dem fernen Rande des Weihers zu, wo der Diener frierend auf und abschritt und erstaunt der allein zurücklehrenden Herrin entgegenschaute. Ganz langsam in der Ferne folgte Elten. »Der Schlittschuh des Herrn Leutnant ist zerbrochen,« stieß Salome atemlos hervor: »Schnallen Sie ab! Ich bin eilig – wir können nicht warten!« Sie fror, daß sie zitterte, wickelte sich in ihren Pelz und stürmte durch die ersten Schatten der Dämmerung heim. Auch Elten schritt seiner Wohnung zu, aber langsam und behaglich, wie einer, der sein Ziel erreicht und es nicht mehr eilig hat. Er lächelte vor sich hin, sein zufriedenstes Lächeln. Er hatte erreicht, was er wollte. Nun sollte Frau Salome ihren Gott erkennen lernen! Glühte bisher noch ein Fünkchen Glück auf dem Bornschen Herde, so würde Elten dafür sorgen, daß es die Asche der Langeweile erstickte, für immerdar. Währenddessen brannten hinter den Parterrefenstern des Hauses, an dem er just vorüberschritt, ganz besonders viele Lampen; auf jedem Tisch mindestens zwei, und es war für Feldheimer Verhältnisse unendlich feierlich. Hier wohnte die verwitwete Frau Bergrätin von Hammer und gab einen Damenkaffee. Sie besaß drei Töchter, späte Mädchen, die den Ausspruch Metternichs: »Man muß sich mehr gefürchtet wie beliebt machen« zu dem ihren erwählt hatten. Man liebte sie nicht, aber man fürchtete sie. Als es in Feldheim und Umgegend ruchbar geworden war, daß Tante Sidonie nach Erben ihres beträchtlichen Vermögens suche, hub eine wilde Jagd nach der Gunst der Frau Professorin an. Man drängte sich in erlaubter und unerlaubter Weise dazu, ihre Bekanntschaft zu machen, und da die gelehrte Witwe gerade ihr wissenschaftliches Werk vollendet und an den Verleger abgesandt hatte, wandte sie sich nun wieder etwas mehr der Geselligkeit zu, suchte und fand sie überall, wo sie sich blicken ließ, so daß sie oft selber nicht wußte, in welche der vielen geöffneten Arme sie sich nun zuerst stürzen sollte. Das Geld ist eine despotische Macht, es zwingt die Nacken der freiesten Menschen ins Joch, es macht aus der wütendsten und bissigsten Dogge ein schweifwedelndes Schoßhündlein, und aus Krähen, die einander zuvor nach den Augen gehackt, sanfte Täubchen sonder Galle. Der Reigen um das goldene Kalb begann; ein Wettlaufen und Überfuchsen, ein Legen von Minen und Gegenminen, ein Kampf um Roma-Sidonia. Und nichts war spaßhafter zu sehen, als die Gefeierte inmitten ihrer Vasallen, grob und rücksichtslos, selbst ihren Günstlingen gegenüber voll stets verletzender Wahrheit, und doch dabei die Angebetete, deren bodenlose Derbheit als »Charakter« bewundert, deren Anmaßung applaudiert, deren Beleidigungen mit süßem Lächeln demütiger Hingebung verschluckt wurden. Die Einladungen für die Frau Professor häuften sich, im seltensten Falle aber wurde die Familie von Welfen mitgebeten, von dem Landrat von Born und dessen Frau schon gar nicht zu reden, denn Tante Sidonie sprach sich ja so entzückend deutlich aus, daß sie für dieses Ehepaar nicht die mindesten Sympathien empfinde. Das war für die Damen Hammer maßgebend, ebenfalls den Stab über das Landratsamt zu brechen – sie waren Hammer und schlugen zu. Und jetzt brannten alle Lampen in ihrer Wohnung, der Duft selbstgebackener Kringel, Plätzchen und Napfkuchen durchzog festlich die Luft, auf den Steinfliesen des Hausflurs knirschte frischgestreuter Sand, und Guste, die dienstbeflissene, hatte sogar weiße Zwirnhandschuhe über ihre frostbeschädigten Hände ziehen müssen, da die Frau Bergrätin wußte, was sich gehörte, und zu Lebzeiten ihres Mannes sogar Gesellschaften mit »dem« Lohndiener gegeben hatte. Dieser Lohndiener existierte noch immer in Feldheim und erfreute sich einer ganz außergewöhnlich angenehmen Stellung in der Gesellschaft. Lud er die Frau Bürgermeisterin zu dem »Teekränzchen« bei Apothekers ein, so wurde er in die gute Stube genötigt und nahm dankend ein kleines Likörchen entgegen. Er saß dann auf dem Sessel, die Dame auf dem Sofa, und die Unterhaltung währte ein Weilchen. »Ist nicht viel los, Fran Bürgermeisterin!« flüsterte er vertraulich, »eine sogenannte Abfütterung, viel Pack dabei! Ihr lila Seidenes reicht aus dafür! Und die Schangschang-Seidenbänder an der Haube sind noch lange gut für das Vergnügen! – Aber nächstens wird bei Rittmeisters eine Tanzvisite sein, da werden sie schon Ihr Bordeauxrotes mit den Astern drangeben müssen!« Und die Frau Bürgermeisterin gab es dran. Ja, Herr Facklam, »der« Lohndiener des Städtchens, war Faktotum, er bediente die Väter, beriet die Mütter und verlobte die Töchter – aber er kannte auch den Wert seiner Leistungen und ließ sie sich bezahlen. Zwölf gute Groschen (nach altem Geld) pro Abend, das war zuviel für eine verwitwete Bergrätin. Dafür hatte sie delikate Makronenspeise hergestellt, die der Frau Professorin entschieden gut geschmeckt hatte, denn wenngleich sie auch schimpfte. – »Eine so schwere Speise am Abend ist eine Rücksichtslosigkeit gegen die Gäste, liebe Hammer!« hatte sie doch viermal davon zugelangt. Dann hatte sie aber immer ungeduldig nach der Uhr gesehen. Seit fünf Uhr war es dunkel, jetzt hatte es sieben geschlagen, und der Wagen aus Jeseritz hielt noch nicht vor der Tür, wie sie doch so strenge befohlen hatte. Nichts haßte Tante Sidonie mehr, als Unpünktlichkeit, und sie machte ihrem Groll energisch Luft. Die anwesenden Damen rangen die Hände und wehklagten über die schauerliche Behandlung, die die herrlichste, liebenswerteste aller Frauen in diesem Verwandtenhause ertragen müsse. Tante Sidonie regte sich immer mehr auf. Sie griff schließlich mit wütender Energie nach dem Pompadour und den Filzhandschuhen und stand mit hartem Ruck auf. Die zunächst herandrängenden Damen und die jüngste Hammer, die an ihrer Seite niedergesunken war und voll stummer Inbrunst ihre Hände küßte, stieß sie über den Haufen. »Ich warte nicht länger! Ich gehe dem Wagen jetzt entgegen – werde daraus, was wolle.« Ein wahrer Tumult erhob sich. »Bei dieser Kälte? Dieser Dunkelheit? Nur über meine Leiche!« Aber Frau Sidonie blieb starr und fest: »Hole ich mir den Tod, so sind die lieben Jeseritzer schuld daran!« grollte sie. »Gut! Gehen Sie wirklich, dann gehe ich mit Ihnen! Ich überlasse Sie nicht allein Ihrem Schicksal – ich sterbe mit Ihnen!« rief die sentimentale Schwester des Doktors in höchster Ekstase. Dieses Wort zündete. Keine gönnte der Rivalin einen solchen Vorsprung im Rennen. Wildes Zanken und Schreien, endlich entschied die Frau Rentmeisterin: »Gut, dann gehen wir alle mit und geben das Geleit.« So geschah es. Die Gastgeberin Hammer erklärte sehr spitz: »Der Platz an der Seite der teuern Frau gebührt mir, als Wirtin!« Sprach's und hängte sich wie eine Klette an den Arm der Professorin. Um den andern Arm schubste und trat man sich, endlich hatte sich die Bürgermeisterin herangedrängelt. Der Auszug begann. Wie weiland der Rattenfänger führte Tante Sidonie die Blüte Feldheims zum Tore hinaus. Vor dem Landratsamt fielen stachelige Worte: »Ob die Verehrer schon versammelt sind? Frau Salome thront ja jeden Abend im Kreise von fünf bis sechs Hausfreunden! Hihi! Die Hammern hat neulich einen so schönen Witz gemacht! ›Den männlichen Harem‹ nennt sie die Salons der Frau von Born!« Riesiges Gelächter. Auch Tante Sidonie lachte rauh auf und versetzte die witzige Hammern dadurch in den siebenten Himmel. In langer Reihe schunkelte die animierte Kaffeegesellschaft die Jeseritzer Chaussee entlang. Guste, die mehr Trinkgeldsgroschen geerntet, als sie erwartet, taumelte wie trunken vor Freude mit der Laterne voran. Als Rätin durfte Frau Hammer zwei Lichte darin brennen. Man begann sogar zu singen: »Laurentia, liebe Laureutia mein, wann werden wir wieder beisammen sein?« »Mund halten! Greuliches Gequieke!« donnerte die Professorin, »ich kann nicht hören, ob ein Wagen kommt!« Tiefe Stille. »Ja, es ist taktlos zu singen, wo wir doch noch nicht wissen, wie diese Winterpromenade der geliebten Frau bekommen wird!« triumphierte die Doktorsschwester, die aus »Unmusikalischkeit« geschwiegen. »Horch – ein Wagen!« – »Er ist's!« – »Endlich!« – Tante Sidonie schüttelte die Damen von sich ab wie ein Pudel die Flöhe, und trat mit drohend erhobenem Arm dem Gefährt, das langsam in der Dunkelheit heranrollt, entgegen: »Nichtswürdiger, wo bleiben Sie? Ich warte schon seit einer Stunde auf Sie!« »Auf mich? I gar Madamchen! Na, da steigen Sie ein, ich bin der Leichenwagen !« Gellendes Geschrei des Entsetzens. Guste, die naseweis den Wagen beleuchtet hatte, schleuderte mit wild fuchtelnden Armen den ahnungslosen Pferden die Laterne gegen die Knochen, daß sie splitternd erlosch, und wandte sich, als sei der Tod ihr auf den Fersen, zur Flucht. Ihr Beispiel steckte die Damen an. Muffen und Schirme wirbelten durch die Luft – ein markerschütterndes Geschrei hallte durch die stille Nacht, und wie ein Haufen Spreu, in den der Wind fährt, wirbelte alles in sinnloser Panik davon. Allein, von allen Getreuen verlassen, stand Tante Sidonie. Sie war abergläubisch und trotz all ihrer Forschheit furchtsam bis zur Feigheit. Sie stand wie gelähmt, der Schreck war ihr in alle Glieder gefahren, sie wollte laufen und konnte nicht. Und vor ihr, allein mit ihr in dunkler, einsamer Nacht, der Totenwagen! Schauderhaft. »Hilfe! Hilfe!« ächzte sie. Da nahten eilige Schritte. »Tante Sidonie? Sie hier? Um alles in der Welt, ist ein Unglück passiert?« »Siegfried!« Die Professorin stürzte sich auf den rettenden Engel, den Landrat, und umklammerte ihn mit den langen Armen. Ihre Zähne klapperten: »Rette mich, mein Neffe!« – Sie schien einer Ohnmacht nahe. Born umschlang sie mit kräftigen Armen. »Dort steht mein Haus! Ich beschütze Sie, liebe Tante.« Und er trug mehr, als daß sie ging, die Feindin unter sein Dach. »Hüh – hott!« sagte hinter ihnen der Leichenfuhrmann, knallte mit der Peitsche und lachte: »Nee so was, Herr Landrat!« XVIII. In Jeseritz hatte die Kaffeestunde geschlagen. Draußen sauste der kalte Nordwind durch den verschneiten Park und rüttelte an den Fenstern, aus denen behaglich helles Lampenlicht strahlte und seinen Widerschein auf die weißglitzernden Zweige warf. Rose waltete heute ganz besonders heiter ihres Amtes; sie hatte die Eltern durch einen vorzüglichen Rahmkuchen überrascht, dessen Rezept sie sich in Liebenstein von der freundlichen Hotelwirtin erschmeichelt hatte. Nun endlich war sie dazu gekommen, es auszuprobieren, und wie trefflich das Experiment geglückt war, bewies der Appetit, das wohlwollende Nicken der Mutter und ein beinahe zärtliches Schmunzeln des Majors, das Rose nur sehr selten an ihm zu sehen bekam. Er zog ihre blühend kräftige Gestalt in dem einfachen »selbstgeschneiderten« Hauskleide und dem hellen Latzschürzchen in die Arme und küßte die rosigen Wangen seiner Jüngsten. »Bist ein Prachtmädel, Kleinchen! Denkst immer daran, deinen Alten eine Freude zu machen! Vorhin hat mich die Mamsell in die Waschküche geholt, damit ich mir deine aufgepäppelten Hühnchen ansehen sollte! Das laß ich mir gefallen! Wahre Prachtexemplare sind es geworden, und du hast recht getan, damals deinen Willen durchzusetzen.« »Nächsten Herbst wirst du es auch an den Feldhühnern merken, Papachen, daß ich recht tat, all die Eier, die man beim Mähen der Felder in den zerstörten Nestern fand, durch unsere Hennen ausbrüten zu lassen! Hoffentlich sind die Tierchen anhänglich und bleiben unserem Revier treu!« »Ja, der Hühnerhof kann sich kein besseres Pflegemütterchen wünschen, als unsere Rosel!« lächelte Frau Dora mit stolz glänzendem Blick. »Und der Garten und die Ställe ebensowenig! Ich denke schon mit Schrecken an die Zeit, wenn sie einmal verwaisen werden!« »Wie meinst du das, Mütterchen?« knurrte der Major. »Je nun, wenn ... wenn...« »Ein Königssohn kommt, dein Aschenbrödel zu holen?« lachte Rose hell auf. »Unbesorgt, Mamachen! Ich lebe auf so selbständig großem Fuß, daß mir nie ein Glaspantoffelchen passen wird!« »Hm, hm,« schmunzelte Welfen mit zwinkerndem Blick, »ich kenne einen, der unter einen recht großen Pantoffel kommen möchte!« »Ich nicht, Väterchen.« »Wirklich nicht? – Kleiner Racker, ich glaube, du spielst nur aus Koketterie das Kräutlein ›Rühr' mich nicht an‹!« Rose schüttelte vergnügt das Köpfchen: »Wirklich nicht! So modern erzogen bin ich nicht. – Nicht wahr, Miß Dolly, ich mache weder lyrische Gedichte, noch seufze ich im Mondenschein? Ich bin furchtbar nüchtern und bis in die kleinste Fingerspitze hinein unverliebt!« »Das sein die Wahrheit! Selten ich habe gesehn eine junge Lady, was seien so nichtsnutzig denkend von die Heirat wie Miß Rose!« »Alte, das kompromittiert uns! Unsere glückliche Ehe müßte dem Mädel doch Appetit machen?« »Sie wartet ja nur, bis der Rechte kommt, der ein genau so vortrefflicher Ehegatte ist wie du, lieber Ernst!« scherzte Frau Dora. »Das laß ich gelten! – Ist's das, Kleinchen, he?« Rose stippte gelassen ein Stück Kuchen ein und blickte schelmisch zu dem Frager auf. »Nur das, Vater! Zum heiraten gehören zwei, und obwohl ich Prachtexemplar reichlich für zwei gelten könnte, zählt das doch leider nicht auf dem Standesamt!« »Ein blauer Husarenattila zählt aber doppelt!« »Wirklich? Wer es tut, möchte sich leicht verrechnen. Ich will nie in der Stadt leben, ich würde in den engen Straßen ersticken und bekäme das Zipperlein, weil ich nicht genug in Haus und Hof schaffen könnte. Ohne mich geht es nicht in Jeseritz – ich muß als notwendiges Übel bis an mein Lebensende kontraktlich hier verpflichtet werden, sonst steht ihr euch selber im Licht!« Wulf trat ein und blieb an der Tür stehen. »Na, was ist los, Alter?« »Befehl, Herr Major. Mamsell läßt das gnädige Fräulein bitten, einmal herunterzukommen; sie wollen mit der neuen Maschine buttern und kommen nicht recht zuwege damit!« »Gleich! – Ich komme schon! Selbstverständlich muß es gehen, es will nur ausprobiert sein!« – Rose trank hastig ihren Kaffee aus, nahm den Kuchenrest in die Hand und eilte mit Augen, die vor Eifer und Interesse blitzten, zur Tür. » Oh – dearest Miß Rose wir müssen haben unsere lesson of reading now!! « klagte Miß Dolly. »Komme gleich wieder! Schlagen Sie derweil auf!« hallte es wie ein Echo zurück, und Mißchen erhob sich in ihrer langsam phlegmatischen Art, seufzte: » yes «, machte eine steife Verbeugung und zog sich zurück. Auf diesen Augenblick schien Frau Dora gewartet zu haben. Sie warf noch einen schnellen Blick hinter sich, ob sich die Tür tatsächlich hinter der Engländerin geschlossen habe, dann rückte sie lebhafter auf ihrem Stuhle vor und legte die Hand auf den Arm des Gatten, der sich soeben nach den Zeitungen ausstreckte. »Ernst – –« »Na?« »Hast du ein bißchen Zeit für mich, bester Schatz?« Der alte Offizier neigte sich und küßte ritterlich die kleine, weiche Hand. »Immer, Dorchen, das solltest du doch wissen!« Ihre Augen senkten sich mit prüfendem Blick in die seinen; sie lächelte, »und hast du auch recht gute Laune und wirst nicht gleich loswettern?« Er nahm momentan die Zigarre aus dem Munde und strich sich langsam über den Kopf. »So etwas ist's?« fragte er gedehnt; »na, frisch weg von der Leber! Je eher eine bittre Pille geschluckt wird, desto schneller ist es überstanden!« » Mir deuchte sie gar nicht bitter!« Er rückte unruhig vom Tisch ab, und schlug das Bein über: »Sie haben sich mal wieder gezankt und du hast die Sache wieder glattgebügelt! Unsinn! Das Gewitter muß erst einmal mit Donner und Blitz losplatzen, ehe die Luft rein wird – jeden Krakehl in der Knospe ersticken, taugt nichts – er bricht wo anders hervor, die Natur will ihr Recht haben!« Er hatte lebhaft in seiner polternden Weise gesprochen, jetzt blickte er gespannt in das ruhige, freundliche Antlitz seiner Frau. »Du denkst immer nur an Salome; interessiert dich Roses Schicksal nicht auch ein wenig?« »Rose?« Er neigte sich vor, als habe er nicht recht verstanden. »Die Kleine? ... Nun, ich dächte, deren Schicksal braucht mir noch kein Kopfzerbrechen zu machen; sie sitzt Gottlob noch im warmen Nest!« »Noch! Aber wie lange noch?« Der Major fuhr erregt mit den Fingern durch die Haare. »Nun, so Gott will, viele lange Jahre noch! Hast es ja eben selber gehört, daß sie noch die reine Gletscherjungfrau ist und nicht einmal für einen Husaren schwärmt!« »Weil der Rechte noch nicht gekommen!« »Schnickschnack – sie kennt sie bereits alle! – Ich bitte dich, Mütterchen, sieh keine Gespenster am hellen lichten Tage!« Und er wollte abermals nach der Zeitung greifen. Wieder legte Frau Dora die Hand unterbrechend auf seine Rechte. »Stopp!« lachte sie, »du sollst gleich eine Gespenstererscheinung bewundern! Hier! Aufgepaßt!« – Und sie griff in die Tasche und zog einen Brief hervor. Ihre Finger bebten ein wenig, sie war nicht so ruhig, wie sie scheinen wollte. »Potz Blitz und Knall! Ein Liebesbrief oder ein Heiratsantrag? Zeige her, ich schieße den Kerl tot!« »Nicht postwendend, wenn es sein kann!« lachte Frau von Welfen, den Brief aus dem sehr eleganten Umschlag ziehend: »Der Kerl ist vorläufig eine Dame!« »Eine Dame? – – Nun denn: erscheine, o weiße Dame!« Er warf einen Blick auf das Papier: »Meine geliebte, beste, treue Seele!« – las er. »Hm ... bin ich etwa damit gemeint?« »Das wollte ich mir denn doch verbitten; die Frau ist jung, schön und reich!« »Also nur im letzten Punkte ist sie dir über!« neckte er, »heraus mit der wilden Katze! Sie heißt?« Und er wandte den Brief um: »Deine altgetreue Hortense! Hm, etwa Hortense Schilling?« Frau Dora nickte mit schier zärtlichem Blick. »Ja, von meiner geliebtesten, besten Freundin, Hortense von Schilling!« »Ich dächte, deren Briefe hätten in deinem Leben zum täglichen Brot gehört – warum erscheint dieser plötzlich aus der vierten Dimension?« »Soll ich ihn vorlesen, oder willst du selber an die Lektüre gehen?« Nielsen tat ein paar behagliche Züge an der Zigarre, stand auf, faßte die Hand seiner Frau und zog sie mit sich nach dem gemütlichen alten Ledersofa im Ofeneckchen. Den Brief warf er auf den Tisch zurück. »Unsinn, Mütterchen, wozu sollen wir beiden Grauköpfe unsere Augen anstrengen! Du hast die Sache schon durchgeschmökert, also machen wir es uns bequem. Komm und ›setze dich, liebste Eveline nah, ganz nah zu mir‹ – so – dichte bei! Und nun erzähle mir kurz und schmerzlos, was die Schillingsmutter will, und was sie mit unserem Nestküken zu schaffen hat!« Frau Dora lehnte den Kopf an seine Schulter, er schlang den Arm fester um sie – so saßen sie wie dermalen, als Hortense den ersten Brief an die junge Frau von Welfen gerichtet. Draußen sauste und brauste es; die Eiskörnchen prasselten gegen die Scheiben, und das Feuer im Kamin rauschte auf wie ein seidenes Gewand, in das der Wind stößt. »Nun erzähle, Mütterchen.« »Hortense war meine liebste und beste Freundin, die einzige Freundin, die ich je im Leben besessen. Ich habe sie seit Kind auf geliebt wie eine Schwester.« »Hm, weiß ich, mein gutes Dorchen – ich habe die Frau auch immer gern gehabt, obwohl sie dich meiner Ansicht nach stets unter dem Pantoffel hatte.« »Niemals, Ernst; sie war klüger und welterfahrener als ich; ich fuhr nie besser im Leben, als wenn sie mir den Kurs angegeben!« »Sie billigte auch deine Neigung zu mir – he? Hat nie gegen mich intrigiert?« Frau Dora lachte. »Niemals, im Gegenteil, sie pflegte und bestärkte meine Liebe zu dir von Anfang an!« »Und das nennst du klug? So einen Kerl wie mich protegieren? – Nette Menschenkenntnis! Also der verdankst du, daß du dich derart in die Nesseln gesetzt hast mit deinem Alten!« »Pst! Keine bösartigen Bemerkungen über meinen Mann!! Also – Hortense steht mir nächst dir und den Kindern am nächsten im Leben, und ihr Joachim ist mein Pate...« »Der Achim! Na ja! Was ist eigentlich aus dem Bengel geworden? Vor Schillings Abreise nach Bern habe ich ihn wissentlich das letztemal gesehen! Ein wilder, frecher Flachskopf! Weißt du noch, Dorchen? Wir hatten den einen Mittag, die lieben Gäste zu feiern, ein Diner gegeben, lauter Würdenträger und Vorgesetzte, und während wir fröhlich bei Tisch sitzen, kriecht der Lümmel, der Achim, unter der breiten Tafel durch und näht die ganze Gesellschaft mit starkem Hanfzwirn zusammen!« Frau von Welfen lachte hell auf. »Richtig! Das hatte ich ja beinahe vergessen! Das allgemeine Entsetzen beim Aufstehen war unglaublich komisch.« »Und ein andermal hatte der Strolch uns allen ausgewaschene, naßkalte Schafdärme in die Betten gelegt, so recht gemein quer über die Matratze unter die Bettdecke – und wie man die Füße ausstreckte, wickelte sich einem das aalglatte Zeug um die Beine! Verfluchte Idee das! Die Bonne bekam ja rein die Krämpfe und schrie wie besessen: ›Eine Schlange! Eine Schlange!!‹ – Das reine Wunder, daß niemand einen Schlaganfall bekam! Netter Pate das – schäme dich Dorchen!« Frau Dora sah wirklich einen Moment ganz verlegen aus. Aber sie lachte trotzdem und sagte sehr eifrig: »Ja, er war ein fabelhaft humoristisch veranlagtes Kind, sehr geweckt und geistig rege! Nun er hat es ja auch bewiesen!« »Bewiesen? Ich dächte der Bengel hätte sein Examen spät genug gemacht!« »Ich bitte dich, Ernst, bei dieser Hauslehrererziehung. Hätten sich die Eltern entschließen können, den Jungen in Deutschland in Pension zu geben, wäre es bei weitem besser gewesen. Solch ein ewig wechselndes Leben im Auslande, wie es eben einem Diplomaten beschieden ist, kann ja gar keinen geregelten Unterricht ermöglichen.« »Deine kluge Freundin hätte das bedenken und ihn in das Korps stecken sollen!« »Ernst – ihr einziges Kind?« »Ach was da! Einziges Kind! Nun haben sie's!!« »Was haben sie? – Einen flotten Leutnant hatten sie, der ihnen nur Freude bereitete!« »Hatten sie? Steht der Schlingel denn nicht mehr bei den Ulanen?« »Nein, er hatte das Unglück, sich bei einer Jagd die Hand sehr schwer zu verletzen; der Daumen mußte sogar amputiert werden, und das macht ihn zum Dienst untauglich.« »Donnerwetter! – Pech!! – Na, zum Glück kommt es nicht darauf an, die Alten haben ja einen großen Sack voll Geld! Was soll er aber nun anfangen? Lediglich den Globetrotter spielen?« »Wo denkst du hin! Das würde durchaus nicht nach Joachims Sinn sein! Im Gegenteil, er hat selber den Wunsch ausgesprochen, Reutin bewirtschaften zu dürfen! Seit drei Wochen ist er in Berlin, um landwirtschaftliche Vorträge zu hören, und im April – ja nun kommen wir zu des Pudels Kern –- im April möchte er gern für etliche Zeit hierher zu uns kommen.« »Zu uns? Hier gibt's nichts zu lernen! Der Reutiner Pächter ist ein viel bedeutenderer Mann als unser alter Schafsdämel hier.« »Väterchen –« Frau Dora schlang die Arme zärtlich um seinen Nacken, »nicht allein um des Lernens willen kommt er! Die Angelegenheit ist schon ganz geregelt. Der Pachtkontrakt von Reutin währt noch drei Jahre, und der Pächter hat sich in liebenswürdiger Weise erboten, Achim in dieser Zeit gründlichst anzulernen. Nun aber ist der Junge so sehr an ein Familienleben gewöhnt, und Hortense fürchtet, die Einsamkeit des Landlebens wirke nicht günstig auf ihn. Sie hat ihm zugeredet, zu heiraten, und Achim ist auch ganz einverstanden damit. – Nun will ich dir einmal etwas beichten, Alterchen! Seit langen Jahren ist es schon Hortenses und mein heimlicher Herzenswunsch, einst Rose und Achim als Paar zu sehen.« »Kreuz Millionen –! Dieses Kiekindiewelt! Dieses Kind – unsere Rose schon heiraten? Und noch dazu den frechen Bengel, der die Leute zusammennäht??« »Gerade den, Väterchen! Aus Kindern werden Leute, und aus dem kleinen, flachsköpfigen Schlingel von ehemals ist ein schmucker, bildhübscher Mann geworden!« »Und da will der Monsieur hier auf Brautschau kommen?« »Ja, er will's; aber Rose darf selbstverständlich nichts davon ahnen.« »Gewiß nicht. Fehlte auch noch! Setze dich hin und schreib' der Hortense, unsere Rose sei noch ein Baby und dürfe vor Jahren nicht an heiraten denken!« »Rose wird siebzehn Jahre alt, bis sie heiratet, zählt sie achtzehn – also genau dasselbe Alter wie Salome, als sie Frau von Born wurde!« Der Major war erregt aufgesprungen. »Du warst ja bei unserer Ältesten so sehr gegen das frühe Heiraten, und nun kannst du dein Nestküken gar nicht früh genug in das Elend hineinbringen!« Er schritt mit heftiger Bewegung auf und nieder, Frau Dora aber antwortete sehr ruhig: »Es ist ein großer Unterschied, wer heiratet. Salome, das Pensionskind, war viel zu jung mit ihren achtzehn Jahren – Rose aber war schon mit sechzehn Lenzen imstande, einen Haushalt energisch zu leiten. Und dann ..., es kommt immer auf den Charakter an. Die Schwestern sind so grundverschieden. Wenn Rose den Achim liebgewinnt, wird sie ihm alles Glück sofort in die Ehe mitbringen, das Borns erst nach schweren Kämpfen erringen werden. Um Rose brauche ich mich nicht zu sorgen.« »Gleichviel – ich habe ganz andere Absichten mit dem Mädel!« »Joachim ist die glänzendste Partie, die man sich denken kann!« »Das Geld spricht nicht mit. Born ist auch ein vermögender Mann – macht das die Salome etwa glücklich? Im Gegenteil – es sieht jammervoll um das Glück im Landratsamte aus, und das quält und peinigt mich Tag und Nacht! – Ein schlapper Esel war ich, mich von dem unverständigen Kinde breitschlagen zu lassen! Hätte ich nur damals auf meinem Willen bestanden und der Graphologie mehr vertraut, als den blinden Augen eines betörten Mädchens! Ja, ja, die Graphologie! Sie ist der Schlüssel zu jeglichem Charakter, und ich habe mir zugeschworen, ihn künftighin besser zu benutzen. An Rose will ich wieder gutmachen, was ich an Salome versäumte! Das versichere ich dir, Mutterchen, und davon beißt keine Maus einen Faden ab!« »Nun – ich bin überzeugt, daß du aus Achims Schrift die besten Dinge heraus liest! Vor allem aber wollen wir ihn einmal kennenlernen.« »Ich habe schon jetzt ein Vorurteil gegen ihn, weil er ehemals ein ungezogener Junge war und mir jetzt meine Pläne durchkreuzen will!« Frau von Welfen lachte: »Du hast Salome verheiratet, ich verheirate Rose.« »Wenn der Vater die Einwilligung gibt!« »Wir streiten um des Kaisers Bart. Wenn er Rose nicht gefällt und sie ›nein‹ sagt, habe ich weder zu verheiraten noch du zu segnen.« »Vor allen Dingen soll der Bengel einmal an mich schreiben – ohne Schriftprobe kein Zugeständnis!« »Nein, du sollst ihn erst kennenlernen und dann seine Schrift sehen. Ich bin nicht gewillt, das Lebensglück meines Kindes wegen einer Narrheit in Stücke schlagen zu sehen.« Das klang sehr fest und sehr entschieden, und die sonst so sanften Augen der liebenswürdigen kleinen Frau hafteten so klar und bestimmt auf ihrem Gatten, daß der Major im Auf- und Niederschreiten innehielt. Er trat neben seine Gattin und zog sie an die Brust. »Die Löwin streitet für ihr Junges!« lachte er, »und die kleine Verlobungskomödie schlägt plötzlich ernste Töne an. Unsinn, Dorchen! Sie soll ein Lustspiel bleiben. Meinetwegen laß den Herrn Leutnant a. D. hier antreten, eine Besichtigung verpflichtet ja nicht. Gefällt er uns allen – bon – ist seine Schrift, so wie sie sein soll, bon – ist Rose einverstanden – sehr gut. Kann er aber meine Sympathien nicht gewinnen und bietet seine Schrift keine Garantie für seinen Charakter, dann könnt ihr euch meinetwegen auf den Kopf stellen – ihr erreicht euern Willen nicht. Zum zweitenmal lasse ich mich nicht gegen meine ureigenste Überzeugung breitschlagen – an einem Herrn Schwiegersohn mit unharmonischer Handschrift habe ich gerade genug, damit Punktum!« Er neigte sich, versetzte seiner Frau einen Kuß, der mehr einem Schnabelhieb glich und schritt nach der Tür. Über der Stirn starrte der Krakeelstrupp in alle Lüfte, und Frau Dora kannte dieses drohliche Wahrzeichen. Sie verschlang Momentan die Hände im Schoß und seufzte tief auf. Ein wunderlicher, unberechenbarer Mann! Statt sich der angenehmen Aussicht zu freuen, einen Schwiegersohn, der fraglos zu den besten Partien des Landes gehörte, für seine Tochter zu finden, wehrte er sich in eigensinniger Laune dagegen, weil der junge Mann das Pech gehabt hatte, ihm als Kind einmal zu mißfallen und ärgerlich zu sein! Seine Graphologie-Marotte begann außerordentlich lästig und für die ganze Familie verhängnisvoll zu werden! Was vermochte die harmloseste Schrift zu verschulden! Sie entschied über Glück und Unglück, gleichviel, ob sie dazu berechtigt war oder nicht. Bei Borns würde alles besser stehen, wenn nicht die Buchstaben in Siegfrieds Brief zu einem giftigen Samen geworden wären, die verderbliche Wurzeln in der Einbildungskraft des Majors geschlagen und von dort hinübergriffen in alle Gedanken Salomes! Ein Vorurteil, ist der schlimmste Ballast, der einem Menschen anhangen kann. Vorurteile sind wie Unkraut, das nicht auszurotten ist. Sie sind unsichtbare Feinde, gegen welche man nicht kämpfen kann, und die ihre Opfer aus dem Hinterhalt hervor überfallen und ihnen die Schlinge um Muß und Hals werfen. Auch Siegfried rang vergeblich dagegen. Joachim durchkreuzte die Pläne des Majors? – Inwiefern? Frau von Welfen starrte sinnend geradeaus. Ihr Mann hatte eine besondere Vorliebe für Elten, wollte er Rose für diesen Freier aufheben? Welch ein greulicher Gedanke! Schrieb der Premierleutnant eine sympathische Schrift, so war das wohl das einzig sympathische an ihm. Wie sehr fatal für Joachim, er würde einen schweren Stand bekommen. Welfen war ein Starrkopf; er verbiß sich in eine Schrulle und hielt daran fest. Das bewies sein unauslöschlicher Grimm gegen den unbekannten Feind aus Ruhla. – Er hatte zwar nie darüber gesprochen, wohl aber war er einmal darüber eingeschlafen, und da erfuhr Frau Dora durch den Zufall doch von dem, was sie nicht wissen sollte. Ihr Mann benahm sich, als müsse er einen der ärgsten Verbrecher auskundschaften. Er hatte ein Faksimile von dem Vers seines Gegners anfertigen lassen und schickte dieses in der Welt herum, in der Hoffnung, den Namen des Unbekannten doch noch zu erforschen. – An Universitäten, Regimenter, Regierungen – o es war einfach lächerlich. Anscheinend hatte er eine Belohnung ausgesetzt für den, der den Schreiber nachwies. Sicherlich würden bald alle Journale und Zeitungen die bedeutungsschweren Schriftzüge widerspiegeln! Wie war es möglich, daß ein Mann sich derart in eine Idee vernarren konnte! – So ungeheuer war die Schuld des Schreibers nicht, denn Welfen hatte seinen Namen nicht unter sein Gedicht in das Fremdenbuch gesetzt, also richtete die Antwort sich nicht gegen ihn, sondern ebenfalls an einen Unbekannten. Der Major aber trieb die Sache auf die Spitze. Je nun, Langeweile und ländliche Einsamkeit haben schon manche Grillen großgezogen, und so lange sie harmlos bleiben, kann man ja den Sonderlingen ihren Spaß daran gönnen. Bei dem Besitzer von Jeseritz entwickelte sich aber die Grille zu einer Marotte, die zu einer Plage für die ganze Umgebung auszuarten drohte. Frau Dora hob entschlossen das Haupt und griff mit fester Hand nach dem Schlüsselkorb. Um dieser Mine eine Gegenmine zu legen war sie noch da – und sie würde es tun. Sie würde eine tapfere, mutige Mutter sein, die für das Glück ihres Kindes eintrat – für Roses Glück! – Ja, wußte sie denn, ob Joachim von Schilling das Glück ihres Lieblings verkörpern würde? Abwarten. Nicht in den Fehler des cholerischen Vaters verfallen. – Ihre Augen wachten ja über dem Lockenköpfchen ihrer Jüngsten Tag und Nacht, sie würden sehen, wenn es Zeit zum Handeln war, wenn es galt, zwei junge Herzen vor den feindlichen Haufen »unharmonischer Schriftzeichen« zu schützen. Ein Lächeln der Zuversicht spielte um ihre Lippen, sie nahm Hortenses Brief sorgfältig wieder an sich und blickte zu dem dunklen Nachthimmel empör – sie hatte schon so viele Jahre auf die Erfüllung ihres Lieblingswunsches gewartet – sie würde noch ein paar Monate länger warten können! – Und dann nahm sie den Schlüssel zu den Vorratskammern aus dem Korb und schritt zur Mamsell, um mit ihr über das Abendbrot zu beraten. Wo nur Tante Sidonie blieb! Solange hatte sie noch niemals auf sich warten lassen. – Sicherlich kam der NJagen bei dem hohen Schnee nicht gut vorwärts. Nielsen hatte in allen Tonarten geschimpft, daß die Uran Professorin jetzt so gesellig geworden war und so oft die armen Pferde anstrengte, aber er schimpfte nur bei dem Inspektor, denn über eine Frau, die seine Graphologie derart zu Ruhm und Ehre gebracht hatte wie sie, durfte er nicht offiziell loswettern. Und während er jetzt ungeduldig über den Wirtschaftshof schritt und mit seinen hohen Pelzstiefeln sogar bis vor das Tor hinaus stampfte, der Kutsche entgegenzusehen, lag Tante Sidonie in dem verhaßten Hause des Landrats auf der Chaiselongue und empfand es mit innerer Genugtuung, wie man besorgt war, sie zu pflegen. Salome war tatsächlich sehr erschrocken, als Siegfried mit der wuchtigen, süßen Last im Arme, nach Hause gekeucht kam. Anfänglich hatte Tante Sidonie, noch sehr ermattet von dem Schreck, sehr schweigsam ein paar Kognaks getrunken und sich die kalten Hände reiben lassen. Nur ihre großen, runden Glasaugen wanderten mit kritischem Blick durch den behaglichen Salon und über die Gestalten des so teilnehmenden und besorgten Ehepaars. Als sie endlich zu Worte kam, stieß sie kurz hervor: »Wie greulich protzig habt ihr euch eingerichtet! Erleuchtet ihr etwa jeden Abend die ganze Wohnung?« »Wir sind so frei – sogar im Pferdestall brennt eine Lampe!« entgegnete Siegfried trocken, und er sah aus der Grobheit der lieben Tante, daß es ihr gottlob wieder wohler war. »Und Kognak habt ihr auch immer angeschenkt stehen?« »Das versieht sich; aber nur eine Masche mit drei Sternen, diejenige zu fünf Sternen wird nur verzapft, wenn es sich lohnt!« »Aha!– Und bei der Erbtante lohnt es sich?« höhnte die Frau Professor mit immer frischeren Kräften. »I wo! Keine Spur!« Siegfried drehte die Flasche sehr gelassen nach dem Licht: » voilà – nur drei Sterne! Eine Erbtante, von der wir sa doch nichts erben, rangiert mit den Neujahrsgratulanten auf einer Stufe!« Momentan war Frau Sidonie etwas erstaunt. »Warum schlepptest du mich denn gleich hierher?« fragte sie alsdann ironisch. »Aus Nächstenliebe. ›Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu‹ – Nein, Tante, ein Drückeberger bin ich mein Lebtag nicht gewesen, und wenn ich andern Leuten eine Unannehmlichkeit ersparen kann, tue ich es gern.« Er sah sehr freundlich aus, hob die Flasche und schenkte die Likörgläschen noch einmal voll. »Na Prost, Tante Sidonie, zur Gesundheit! Auf daß Sie uns recht bald wieder verlassen können!« Und er bot ihr elegant den vierten Kognak an. Einen Augenblick starrte sie ihn sprachlos an, dann kam ein Grunzen über ihre Lippen; halb Amüsement, halb Entrüstung. »Sie sind unverschämt grob, Herr Neffe!« Er verneigte sich verbindlich. »Ich wahre stets die Höflichkeit, auf den Ton einzugehen, den meine Gäste anzuschlagen belieben!« »Hm.« »Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, Tante Sidonie, was dir eigentlich passiert ist?« fragte Salome teilnehmend, und da Siegfried just hinausgerufen wurde, nahm sie an der Seite der Leidenden Platz. Es lag etwas ungewöhnlich Weiches und Schmerzliches in der Stimme der jungen Frau, und Tante Sidonie richtete sich plötzlich auf dem einen Ellenbogen in die Höhe und sah ihr scharf in die Augen, die sichtlich verweint waren. »Glaubst du an Vorbedeutungen?« fragte sie leise, mit völlig veränderter Stimme. Salome seufzte tief auf. »Ja, Tante, ich glaube daran, ich habe schon seit Tagen eine unheimliche Ahnung gehabt, daß heute –« Sie unterbrach sich kurz und schluckte neuaufquellende Tränen hinab. Ein etwas mißtrauischer Blick streifte sie. Es schien der Frau Professorin sehr erstaunlich, daß die Sympathie der stets schlecht von ihr behandelten Nichte eine so große war, daß auch sie die Begegnung der Tante mit dem Leichenwagen als etwas sehr Unheimliches vorausahnte. War das Verstellung? Erbschleicherei? Nein! Ein Blick in das blasse Gesichtchen mit der unverfälschten Leidensmiene überzeugte Frau Sidonie, daß sie es hier mit echtem Schmerz und echter Teilnahme zu tun hatte. – Seltsam; hatte sie Salome so völlig verkannt? Sie war gewiß zu stolz gewesen, um früher ihre wahren Gefühle zu zeigen, ebenso wie Siegfrieds Grobheit nur ein Deckmantel für seine liebevollen Gefühle war. Daß er es gut mit ihr meinte, sah sie an seiner ganzen Art und Weise, als er ihr soeben Hilfe in der Not gebracht hatte. Nein, diese beiden wollten nicht erbschleichen! Tante Sidonie umklammerte jählings den Arm der Nichte. »Salome – ich glaube nicht nur an die Vorbedeutungen – ich bin sogar abergläubisch! Ich bin fest überzeugt, daß meine Begegnung mit dem Leichenwagen meinen Tod bedeutet!« Ihre Stimme klang dumpf und unheimlich, und Salome, die sowieso schon sehr nervös war, bedurfte nur noch dieses geringen Anstoßes, um völlig ihre Beherrschung zu verlieren. Was die Tante sprach, hörte sie eigentlich nur halb, ihre Gedanken waren noch wie magnetisch an die greulichen Ereignisse auf der Eisbahn gebannt. Aber die Klangfärbung der Stimme wirkte das ihre. Salome sank jählings an die Brust ihrer Feindin. »Ach es ist entsetzlich!« stöhnte sie »Gott verhüte, daß es ein schlimmes Ende nimmt – ich überlebte es ja nicht!« Tante Sidonie war sehr betroffen, es überkam sie ein nie gekanntes Gefühl der Rührung bei einer solchen Teilnahme. »Gutes Kind! ... Hm ... so ein braves Herz hast du also doch ... hm ... hatte dich wahrhaftig nicht darauf taxiert, meine Meinung war keine hohe von dir! ... Ja, ja, der Leichenwagen! Wenn er kommt, etwas Liebes abholen, dann versinkt aller Groll und Haß, dann merkt man erst, wie schwer das Scheiden ist, selbst von Menschen, die einem zuvor gleichgültig oder gar unangenehm waren!« Salome dachte nur an ihren Zwist mit Elten, an seine möglichen Folgen – gar an ein Duell. Sie schluchzte so leidenschaftlich auf, daß die Frau Professorin den letzten Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit verlor. »Tante – liebe, beste Tante, ach nur das nicht!« »Es steht in Gottes Hand, mein Kind!« seufzte Sidonie so milde wie noch nie zuvor. »Aber wenn der Tod so quasi seine Visitenkarte abgegeben ... oh, wie konnte ich auch nur sagen, daß ich solange schon auf ihn warte! – Dann muß man auf alles gefaßt sein!« »Auf alles gefaßt sein! – Nein, nein! Ich dulde es nicht, ich bin bereit, jedes Opfer zu bringen, um das Schlimmste zu verhüten!« schrie Salome auf und dachte dabei an das Duell. Ihre Nachbarin weidete sich an dem Schmerz und der Sorge, die das Herz der Nichte um ihretwillen zerrissen. Soviel treuer Hingabe war sie noch nie zuvor begegnet. »Gutes Kind!« nickte sie abermals voll Wehmut, »das hat schon manch eine gewollt, und der Tod nahm doch nur das, was er sich selber aussuchte. Als mein Mann starb, hat er es auch vorher geahnt. Da blieb seine Uhr acht Tage lang jede Nacht um die elfte Stunde stehen – und in der neunten Nacht um die elfte Stunde starb er.« »Gott im Himmel!« Salome schnellte schreckensbleich empor und starrte nach dem Regulator. Gottlob, er tickte noch ganz gemütlich und hob soeben zum Schlage aus, richtig die achte Stunde zu verkünden. – Auch Tante Sidonie erhob sich bei diesem Klang. »Er geht noch richtig« – sagte sie, »er weiß noch nichts von der Vorbedeutung des Leichenwagens. Aber er mahnt mich an den Heimweg. – Ganz allein in dieser dunklen Nacht fahren ... in meiner Aufregung – o Salome – es ist mir sehr unbehaglich zumute!« Die Tür öffnete sich, Siegfried trat wieder ein. Er hörte die letzten Worte. »Dann schlage ich noch einen kleinen Aromatique vor, Frau Tante! – Der wärmt und erheitert.« Sidonie wollte empört auf eine solche Nichtachtung ihrer heiligsten Gefühle antworten, aber sie besann sich noch rechtzeitig, daß diese Sprechweise des Landrats lediglich seine Weichheit bemänteln sollte. »Danke, Ihre einfältigen Scherze erheitern mich am besten, darum leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft!« antwortete sie trocken. Er zuckte die Achseln. »Ich hoffe nicht, daß Sie noch lange Zeit zum Hierbleiben haben – der Wagen wartet drunten!« »Das heißt, die liebe Tante vor die Tür setzen?« »In den Wagen setzen!« Er sah in Salomes heißgerötetes Gesichtchen. »Nanu? Warum weinst du denn?« fragte er überrascht. Die junge Frau wußte ihre Augen nicht besser zu verstecken, als an der Professorin Schulter. »Ach die arme Tante ist noch so nervös und aufgeregt, ihr graut davor, allein fahren zu müssen! ...« schluchzte sie abermals. »Aber Herzchen, darum braucht es doch keine Tränen!« Der Landrat lachte und fuhr fort: »Wenn die Tante meine Gesellschaft angenehmer als die des Totengräbers findet, so bin ich gern bereit, sie nach Jeseritz zu bringen!« »Hm ... Sie wollten wirklich? ... Je nun, in der Not frißt der Teufel Fliegen – bene , ich nehme Sie mit!« »Einverstanden – ich die Fliege – Sie der Deiwel. Aber Sie stehen sich besser dabei, Sie haben alsdann Abendbrot und ich nicht!« »Ach ja, du wirst hungrig sein, Siegfried?« fragte Salome kleinlaut. »Na, dann gib ihm schnell sein Abendbrot, sonst reißt er mich während der Fahrt durch die Zähne!« »Nein, Tante – das nicht! – Wir haben zwei Rosse vor dem Wagen – lieber noch Pferdefleisch als Leder!« »Hm ... Sie können beinahe so grob sein wie ich!« In der Stimme der Tante lag etwas wie Anerkennung. Der Landrat aber fuhr fröhlich fort: »Zu essen bekomme ich vor neun oder halb zehn Uhr doch noch nichts; ich hatte heute keine Zeit mehr, die Anordnungen in der Küche zu treffen, darum ist noch nichts vorbereitet!« Sein Blick streifte Salome, die zu seiner Überraschung dunkelrot bei diesen Worten wurde, dann wandte er sich zu der Frau Professorin und bot ihr galant den Arm: »Darf ich Sie zu Ihrem Pelz führen, Frau Tante? – Der Wagen wartet wie gesagt, und ich ... ich möchte das Vergnügen gern bald ... überstanden haben!« »Hm ... sehr deutlich!« nickte Tante Sidonie, aber sie sah ganz wohlgefällig dabei aus. Und dann nahm sie Abschied von Salome. »Und du fürchtest dich nicht, allein zu bleiben? Ah, so, es kommen gewiß wieder ein halbes Dutzend Hausfreunde, dich zu beschützen? Wie?!« »Nein, Tante, es kommt heute niemand!« »Aber morgen ... und übermorgen? Soll ja eine tolle Wirtschaft hier im Hause sein?« »Auch morgen und übermorgen kommen keine Herren, liebe Tante!« Sie sagte es leise, abermals mit einer Stimme, durch die Tränen zitterten. Siegfrieds Blick streifte abermals die Sprecherin, aber er nahm keine Notiz von ihren Worten. Da geschah etwas Seltsames. Tante Sidonie legte den Arm um die junge Frau und klopfte schier zärtlich ihren Rücken. »Hm ... also nicht. – Diese verfluchten Lügenmäuler, die dir etwas anhängen wollen ... diese elenden Erbschleicher! ... Habe sie heute durchschaut, wie sie mich im Stiche ließen und nur an sich und ihre eigene Rettung dachten! – Hm ... armes Kind, du wirst viel verkannt! – Na – Kopf hoch! – Ich besuche dich bald mal wieder.« Noch einen derben Schlag auf die Schulter, und die Frau Professorin schritt zur Tür. Nicht ganz so resolut und wuchtig wie sonst – es lag etwas Fremdes in ihrem Wesen.   XIX. Als Salome allein war, sank sie in einen Sessel und weinte weiter. Nicht mehr allein um den Zwist mit Elten, es kam plötzlich noch etwas anderes dazu. Der arme Siegfried mußte hungrig in die Nacht hinausfahren, weil seine pflichtvergessene Frau keine Lust und Zeit gehabt hatte, ihm Abendbrot zu besorgen. Noch nie waren ihr seine Worte so peinlich, so quälend gewesen wie soeben. Es lag wohl an ihrer nervösen, rührseligen Stimmung, daß sie alles so schwer nahm. Ja, wenn der Leichenwagen etwas Liebes abholt, dann ist es zu spät, Versäumtes und Vergessenes nachzuholen – zu spät. Und wenn es wirklich zu einem Duell kam, wenn Siegfried womöglich durch Eltens Kugel sterben mußte, lediglich darum, weil seine kokette, kindische, unüberlegte Frau das Unheil heraufbeschworen hatte – für nichts und wieder nichts ein Menschenleben – ein Glück, ein ganzes Dasein aufs Spiel setzte –! Was dann? Dann würde sie plötzlich über alles nachdenken, was sie verschuldet hatte, dann – wenn es zu spät ist. Eine fiebrige Unruhe erfaßte sie. Sie sprang auf und eilte in das Eßzimmer. Der kahle, ungedeckte Tisch starrte sie an wie ein bitterer Vorwurf. Das Feuer im Kamin war erloschen; wer sollte sich darum bekümmern, wenn die Hausfrau für nichts Sinn und Augen hatte? – Es wehte wie ein Hauch kalter Lieblosigkeit durch das ungemütliche Zimmer, und Salome empfand ihn mit bang klopfendem Herzen – zum erstenmal. Da stand der Holzkorb neben dem Kamin. Sollte sie schellen und das Feuer frisch entzünden lassen? – Nein! – Es überkam sie plötzlich wie das quälende Verlangen, etwas gutzumachen, etwas zu büßen. Ehe sie es selber wußte, kniete sie vor dem Kamin und schichtete mit bebenden Händchen die dicken Eichenkloben darin auf. Und nun Schwefelhölzchen ... Hier standen sie. Wie das durch den Schlot blies! Jedes Hölzchen losch aus, ehe sie es recht an das Holz heranbringen konnte! – Es wollte nicht brennen! Zitternd vor Ungeduld und Aufregung versuchte sie es aufs neue. Umsonst. – Vielleicht half Papier. Sie legte eine Zeitung unter die Scheite und steckte sie in Brand. Das Papier flammte hell auf – aber das Holz entzündete sich nicht. Wie schwer war es, Feuer anzumachen! Salome hätte es nie gedacht. Es sah so leicht ans, wenn sie morgens im Bett lag und das Stubenmädchen den Ofen heizte. Nein, sie konnte es nicht, nicht einmal Feuer anzünden konnte sie –! Und wenn es sein müßte? Wenn die Not sie einmal in eine Lage brächte, wo sie es müßte? – Kürzlich noch las sie von den Flüchtlingen der französischen Revolution, von Fürstinnen, Marquisen und Komtessen, reichen, verwöhnten Damen, die es nicht verstanden, sich selber einen Strumpf anzuziehen, die nicht wußten, wann das Wasser kochte, die nichts anderes gelernt hatten, als sich zu putzen und zu amüsieren. –- Und diese Frauen wurden plötzlich hinaus in das Elend gestoßen, hilflos, mittellos, nicht imstande, auch nur das Notdürftigste zur Erhaltung ihrer Kinder und ihrer selbst zu leisten. Da war vielleicht manche Familie zugrunde gegangen, weil die Mutter kein Feuer machen und kochen konnte, weil sie es nicht verstand zu arbeiten, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Entsetzlich! – Salome fühlte, wie ihr ein kalter Schauder durch die Glieder rann. Und dann las sie ein Stück von Ludwig Fulda, das die Unwissenheit und Unbehilflichkeit der reichen Leute geißelte. – Ein Schiff strandete und eine Gesellschaft verwöhnter Menschen wird auf ein wüstes Eiland verschlagen. – Dort müssen sie für sich selber sorgen – und können es nicht, weil sie nicht lernten, was das Leben am ersten und dringendsten erfordert. Salome strich mit der bebenden kleinen Hand über die Stirn und begann von neuem, Streichhölzchen in Brand zu stecken. Aber die Eichklötze brannten dennoch nicht an. Gütiger Himmel, war sie denn wirklich nur eine Puppe, nur ein Spielzeug, nur ein wesenloses Bild im Hause ihres Mannes? –- Ein etwas, dessen Fehlen niemand empfinden würde? – Ein tiefer, qualvoller Seufzer rang sich über ihre Lippen – es deuchte ihr, als fände er ein Echo hinter ihr. Sie wandte den Kopf und erglühte bis auf den weißen Hals hinab. Hinter ihr, zwischen den Portieren stand Gottfried, ein Tablett mit Tellern und Tassen regungslos in den Händen, und stand und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf seine elegante Gebieterin, die vor dem Kamin kniet und Feuer anmachen will. Ein Laut der größten Überraschung, und Gottfried setzte den Präsentierteller so hastig auf den Kredenztisch, daß die Gläser klirrten, und eilte an die Seite seiner Herrin. »Das Feuer ... gnädige Frau ...« stotterte er, »ich werde sofort neu anstecken ...« Salome faßte sich: »Ja, machen Sie schnell Feuer an, Gottfried!« nickte sie ein wenig abseits blickend, aber sie verharrte in ihrer knienden Stellung. »Wollen gnädige Frau nicht erst in den Salon treten? Es möchte am Ende ein bißchen rauchen!« Frau von Born schüttelte eifrig das Köpfchen und zwang sich zu einem harmlosen Lachen. »Nein, Alter, lassen Sie mich hier! Ich möchte gern sehen, wie Sie das machen!« »Befehl, gnädige Frau!« Und Gottfried zog schnell sein derbes Taschenmesser, schnitzte Späne von dem Holz und spaltete kleine Stücken ab, und dann schichtete er sie sorgsam zu einem kleinen Scheiterhaufen auf. Nun ein wenig Papier dazwischen – und dann in Brand gesteckt. Richtig! Die kleinen Späne flackern sofort auf, und als es knisterte und sprühte, legte der Alte sorgsam die größeren Holzstücke darum her, hübsch luftig gebaut, daß die Flamme überall einschlagen konnte. Salome verwandte keinen Blick von seinen Händen. »Wo haben Sie das eigentlich gelernt, Gottfried?« fragte sie erstaunt, »Sie find doch ein Mann – und haben es nicht nötig, Frauenarbeit zu verrichten?« Der Alte schmunzelte. »Ja, das sagt man so, gnädige Frau, aber ich meine immer, man kann nie genug lernen und braucht alles zum Leben! Ei du meine Güte, wie oft muß auch der Mann einmal Frau spielen! Wenn das Weib krank liegt, oder seine Sache noch nicht recht versteht, ja dann bleibt unser einem nichts anderes übrig, als zuzugreifen, damit der Hausstand nicht zugrunde geht.« Er verstummte und fuhr sich erschrocken mit der Hand nach dem Mund. Die junge Frau vor ihm wurde blutrot im Gesicht, und da fiel ihm erst ein, daß der Herr Landrat ja auch Tag für Tag die Hausfrau spielen muß! Aber er lenkte schnell ein und fuhr heiter fort, indem er tüchtig in das Feuer hineinblies: »Ei, gnädige Frau, was war das Anno 70 für ein Glück, daß ich Feuer machen konnte! Im Feld hatten wir keine Frauen dazu, und es war bitter kalt, und Hunger hatten wir wie die Bären! Ja, da hieß es auch, selbst ist der Mann! Und die Bratkartoffeln, die ich dem Herrn Landrat seinem Vater – was damals mein Herr Rittmeister war – im Biwack gebraten habe – die schmeckten ihm noch nach zehn Jahren gut! Hat der gnädige Herr nie davon erzählt?« – Und Gottfried machte ein so pfiffiges Gesicht, daß Salome schnell fragte: »Nein, aber warum waren die denn so besonders gut?« Da kicherte der Alte wie ein Schalk: »Der Herr Rittmeister aß so gern Bratkartoffeln, und weil es Weihnachtsabend war, wollte ich ihm gern eine Überraschung bereiten! Aber du lieber Gott... Butter oder Fett haben, wenn man vor Paris in einer halbzerschossenen Baracke auf Wartezeit sitzt! – Na, da kam mir eine gute Idee. Ich machte mich heimlich über den Koffer von meinem Herrn Rittmeister her, weil ich wußte, daß wir so mancherlei noch hatten, was ein paar französische Bagagewagen uns in die Hände gespielt, und richtig, da war eine – eine kleine Salbenbüchse mit wunderschön riechendem Fett darin! Davon nahm ich und briet die Kartoffeln darin – und die Herren Offiziere waren ganz außer sich und sagten: so was gutes von Bratkartoffeln hätten sie noch nie zuvor gegessen!« »Wirklich? – Ja aber Gottfried, was war es denn für ein Fett?« »Es war Bartwichse, gnädige Frau! Aber verraten habe ich dem Herrn Rittmeister dieses gute Rezept erst nach dem Feldzug, als wir wieder daheim waren!« Salome mußte trotz all ihres Kummers hell auflachen, und Gottfried rieb sich die Hände und lachte mit. Das Feuer brannte hell auf, und Salome blieb allein davor stehen und schaute mit ihren verweinten Augen zu, wie die Flämmchen aufzuckten und die roten Funken lustig emporsprühten. Sie hatte genau zugesehen, wie Gottfried seine Sache gemacht, und das nächste Mal würde sie es auch können. Morgen sollte das Feuer wieder ausgehen, und dann probierte sie abermals ihr Heil. Sie setzte sich auf einen Stuhl und dachte nach... über viele Dinge, an die sie früher noch niemals gedacht hatte, und dabei beobachtete sie verstohlen, wie Gottfried lautlos hin und her schritt und den Tisch deckte ... Möglicherweise zwang sie auch einmal irgendeine Lebenslage selber den Tisch zu decken, und sie hatte sich noch nie darum bekümmert, was eigentlich alles darauf gehörte und wie man es nett hinstellte. Die Damen der französischen Revolution und die Leute auf der einsamen Insel wollten ihr gar nicht aus dem Sinn kommen. Wie oft hatte ihre Mutter gesagt: »Man muß alles im Leben können und verstehen – braucht man es auch nicht selbst zu tun, so kann man doch seine Leute besser kontrollieren und steht immer auf eigenen Füßen, ohne von anderen abhängig zu sein.« Sie hatte gelangweilt zugehört und das Näschen gerümpft. Die Theorie überzeugte sie nicht von der Wahrheit dieser Worte – die Praxis tat es. Es war ihr plötzlich, als sei sie blind gewesen und eben erst sehend geworden. Sie sah jetzt Dinge, die sie früher nicht gesehen hatte. Und die Stunden flogen dahin wie Minuten. Seltsam – es kam kein Besuch, sie war ganz allein, und doch langweilte sie sich nicht. Wie gern wäre sie auch einmal in die Küche gegangen, aber sie schämte sich. Sie mochte ihrer Köchin nicht zeigen, daß sie alles von ihr lernen mußte. Je nun, es gab ja auch in den Zimmern Arbeit genug für sie. Ein Wagen rollt herzu. – Siegfried. Ihr Herz klopfte hoch auf. Sie hätte ihm entgegenlaufen und ihm um den Hals fallen mögen, es war ihr so weich und weh um das Herz, sie sehnte sich nach einem lieben Wort, nach seiner alten Zärtlichkeit – sie hatte all ihre Sorge und Aufregung an seiner Brust ausweinen mögen. Aber – was würde er davon denken? Seit Wochen ging sie ihm nicht mehr entgegen, seit Wochen hatte sie keinen innigen Gruß, kein herzliches Anschmiegen mehr für ihn gehabt – sollte sie es heute einmal wieder versuchen? Sie verschlang die bebenden Hände ineinander und blickte ihm zaghaft entgegen. Er trat ein – hastig, sichtlich müde und abgespannt. »Guten Abend, Salome!« nickte er und reichte ihr im Vorübergehen die Hand: »ich bin sehr hungrig – bitte schelle nach dem Essen – ich ziehe mich derweil aus,« und schritt durch das Zimmer. Wie kühl, wie gleichgültig. Warum sollte er sich auch vor ein Bild hinstellen und es liebevoll ansehen und streicheln? Das stumme, nutzlose Ding hatte ja doch keinen Dank dafür und er sah es schon lange genug, er kannte es. Wie Bitterkeit überkam es sie. Er liebte sie nicht mehr. Sie war ihm gleichgültig geworden. Sie! Das Prinzeßchen, die angebetete, umschwärmte Salome! – 0h, wie das ihre Eitelkeit verletzte! – Vorerst sprach diese immer noch das Hauptwort, all die anderen Empfindungen, wie Herzeleid und Sehnsucht gingen unter in dem Kampf, der ihr Inneres aufwühlt. Siegfried kehrte zurück, das Abendbrot wurde serviert und schweigsam genossen. Nur etliche Male scherzte der Landrat über Tante Sidonies Abenteuer, über ihre plötzliche Freundschaft – auch brachte er Grüße von den Jeseritzern. Salome antwortete das Notdürftigste. Dann räumte Gottfried ab, Born erhob sich und griff nach den Zeitungen. »Wir sind heute abend allein, wenn es dir recht ist, lese ich meine Zeitung in deinem Salon.« Ihr Auge leuchtete unwillkürlich auf, sie nickte hastig. »Gewiß!« Und als er sich in dem kleinen lauschigen Boudoir niedersetzte, ging sie nebenan in sein Zimmer, holte seinen kleinen Rauchtisch und stellte ihn an seiner Seile auf. Er schaute sie betroffen an. »Wozu das? Du liebst es doch nicht, wenn ich dein Zimmer einräuchere?« Sie beugte sich über den Vogelkäfig und deckte die aufflatternden Reisvögelchen zu. Der Landrat sah nicht, wie sie errötete. »Bitte rauche nur, du magst es ja so gern, und Elten und der Rittmeister rauchten ja in letzter Zeit auch immer ihre Zigaretten hier!« Sein Blick haftete forschend auf ihrem Antlitz. Sie war so verändert, so unerklärlich. »Warum kommt eigentlich niemand heute abend?« fragte er leichthin. Sie wandte sich nach ihrem goldgegitterten Bücherständer und tat, als wähle sie eifrig ihre Lektüre. »Es ist doch nicht nötig, daß jeden Abend Gäste hier sind!« – entgegnete sie achselzuckend. »Du versichertest Tante Sidonie, es würden auch in den nächsten Tagen keine Besuche kommen?« »Wohl möglich!« »Salome ... ist etwas vorgefallen?« Wie ruhig er fragte. Ihre Hände bebten, sie legte das Romanbuch jählings nieder. »Ja, ich habe mich mit Elten gezankt!« stieß sie kurz hervor, aber sie wandte sich nicht um, damit er nicht die Tränen sah, die ihr wieder in die Augen schossen. Er lachte. »Ach so! Darum dein befremdliches Wesen! Nun, so gar schlimm wird es doch nicht gewesen sein?« »Sehr schlimm!« Seine Stirn runzelte sich plötzlich; Salome sah es nicht. »Hat er etwa gewagt, dich irgendwie zu beleidigen?« fragte er ernst. Sie zuckte zusammen. »Nein. – Im Gegenteil.« »Im Gegenteil? – Was heißt das?« Sie neigte das Haupt sehr tief. »Ich beleidigte ihn!« flüsterte sie. Nun lachte er abermals laut auf. »Inwiefern das? Hattest du schlechte Laune und ließest du das den armen Kerl entgelten?« Sie antwortete nicht, sondern setzte sich abgewandt von ihm vor das Feuer und stieß mit dem eisernen Haken in die Glut. »Erzähle doch, Frauchen! – Wie kam es denn zum Streit?« amüsierte er sich harmlos. »Ach bitte, erinnere mich nicht daran« – schluchzte sie plötzlich in ihr Taschentuch. Aber sie weinte nicht um Elten, ein ganz neues, fremdes Gefühl preßte ihr die Brust zusammen. Wie leichthin behandelte er diese ganze Sache – er lachte darüber, und fand es ganz gleichgültig, ob seine Frau sich mit ihren Verehrern zankte oder vertrug. Nein, er liebte sie nicht mehr. Er deutete ihre Tränen falsch. Ein schmerzliches, wehes Beben ging um seine Lippen, aber er biß die Zähne zusammen. »Ich bitte dich, Kind, sei doch nicht komisch! Die Sache ist doch keiner Träne wert! Elten wird ja nicht ewiglich grollen, und wenn du willst, gehe ich morgen hin und versöhne ihn wieder!« Auch das noch! War er denn nicht eine Spur eifersüchtig? Wollte er ihr die Verehrer selber noch zurückholen, anstatt sich zu freuen, daß die Nebenbuhler das Feld räumten? Wie ein Aufschrei ging es durch ihre Seele. Sie sprang auf und warf das Köpfchen stolz in den Nacken. »Um keinen Preis wirst du das tun!« rief sie heftig, »Herr von Elten existiert nicht mehr für mich, und wenn er wieder hier in das Haus kommt, bin ich nicht für ihn zu sprechen, hörst du?« »Aber Kind, Kind, wer wird eine Sache derart auf die Spitze treiben!« Borns Stimme klang unverändert, aber in seinen Augen leuchtete es auf wie ein plötzliches Verstehen, wie ein Ahnen von sehr großem Glück, an das er aber noch nicht zu glauben wagt. Wäre es möglich, daß Elten keck geworden? Daß die brave, kleine Frau sich ihrer Pflicht bewußt gewesen war und ihn zurückgewiesen hatte? – Könnte es sein, daß sie sich ihm nun wieder in der alten Liebe zuwandte? Das würde das Morgenrot bedeuten, das den Sonnenaufgang verkündete. Nun galt es mit aller Vorsicht und Klugheit zu Werke gehen; die Sonne durfte nicht wieder im Nebel untergehen; brauste ihr der Morgenwind zu hoffnungsfroh entgegen, trieb er leicht Wolken herauf und hüllte sie selber darin ein. Salome war wie eine Blume im Frühling; es nützte nichts, wenn man voreilig die Knospe aufsprengte und die Deckblättchen auseinanderbrach, die Blüte selber mußte sich zu ihrer Entfaltung durchringen. Und Born lächelte vor sich hin und wartete auf das liebe Wunder. Er hätte aufspringen, die kleine Frau an sein Herz ziehen und ihr die Tranen von den Augen küssen mögen, aber just dies würde sein wie rauhe Finger, die die Knospe gewaltsam öffnen wollen. Er blieb ruhig auf seinem Sessel sitzen und entfaltete die Zeitung. »Man ißt nie so heiß wie man kocht!« sagte er, »und wenn Elten dir nicht mehr die Schleppe tragen darf, nun, so sind ja noch andere Herren genug da, die mehr als gern in die vakante Pagenstelle eintreten!« Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und antwortete nicht mehr.   Eine große Veränderung war in dem Hause des Landrats vor sich gegangen. Es war sehr still darin geworden. Die allabendlichen Gäste, die sonst Leben hineingetragen, blieben aus. Herr von Elten hatte einen kurzen Urlaub angetreten, und als er zurück kam, behauptete er, sich eifrigst seinen Studien hingeben zu müssen. Er wollte sich für die Kriegsakademie vorbereiten und arbeitete zu angestrengt, um gesellig leben zu können. Der Rittmeister klagte über Nervosität »nd verlangte ebenfalls nach Ruhe, und der kleine Leutnant, der am wenigsten im Hause Born verkehrt hatte, verlobte sich ganz überraschend mit der Enkelin eines benachbarten Gutsbesitzers und verbrachte jede freie Stunde bei der Braut. Dies war der einzig stichhaltige Grund, gegen den man nichts einwenden konnte. Über den Rittmeister und Elten jedoch zerriß sich ganz Feldheim die Mäuler. Ersterer war nicht krank und letzterer arbeitete nicht. Sie saßen abends in dem Restaurant oder folgten Einladungen – Elten machte plötzlich einer Verwandten des reichen Fabrikanten auf Tod und Leben den Hof. Da sie schon ältlich, unvermögend und wenig hübsch war, geschah es lediglich pour passer le temps – oder um Frau von Born zu ärgern. Daß es mit dieser einen eklatanten Krach gegeben, das erzählte sich bald das ganze Städtchen, und es gingen die verschiedensten Gerüchte um, welcher Art die Ursache dazu gewesen. Etwas allzu Gravierendes konnte es nicht sein, denn der Landrat verkehrte nach wie vor freundschaftlich mit den Herren, wenn er sie traf, und beide befleißigten sich der ausgesuchtesten Höflichkeit gegen Born. Der Assessor wollte einmal folgendes Gespräch gehört haben. Der Landrat fragte lachend: »Na, bester Elten, schmollen Sie noch immer mit meiner Frau?« Dieser lachte ebenfalls. »Wir schmollen alle, bis Ihre Frau Gemahlin zuerst die Hand zur Versöhnung bietet; wollen sehen, wer es länger durchhält!« – – »Salome ist ein kleiner Trotzkopf, Elten! Seien Sie der Klügere und geben Sie nach!« – – »Das wäre ungalant – die Damen müssen stets klüger sein als wir!« – »Sind Sie denn tatsächlich von meiner Frau beleidigt, lieber Elten? Das würde ich außerordentlich beklagen!« – »Ich bitte Sie um Himmels willen, Verehrtester! Eine Dame kann mich gar nicht beleidigen! Der lustige Krieg! – Nichts weiter! Und wenn meine holde Feindin wieder die weiße Flagge hißt, gibt es ein sehr fideles Versöhnungsfest.« Also nichts Ernstliches. Schade, man hatte schon so viel gemutmaßt. Also nur ein Kokettieren hin und her – bah ... wird wohl bald ein desto süßerer Frieden auf diese »Freundschaftssperre« folgen. Äußerlich war Elten der gelassen Kühle wie stets, innerlich aber gärten Ungeduld und Besorgnis in ihm. Es dauerte unerwartet lange, bis der Erfolg seines so geschickten Spieles zutage trat. Salome tat keinen Schritt zur Versöhnung. Sollte sie die tötende Langeweile von Feldheim tatsächlich ohne ihn aushalten? Hatte er sich gar verrechnet? – Wo blieb der Eklat, den er so sicher im Bornschen Hause erwartete? – Gestaltete es Frau Salomes Laune und Unzufriedenheit jetzt nicht sicher zur Hölle? Seltsam, der Landrat sah vergnügter und glücklicher aus als je zuvor, und Frau Salome sang oft mit hallender Stimme glückselige Lieder von Lenz und Liebe. Sie sah auch gar nicht so verärgert oder vergrämt aus, wenn er ihr begegnete, wie er erwartet hatte. – War er tatsächlich mit seiner Berechnung entgleist? Hatte er womöglich gerade das Gegenteil von dem erreicht, was er bezweckte? Führte er durch die Langeweile das Paar, das er entzweien wollte, gar einander in die Arme? Fast schien es so. Elten sah bei diesem Gedanken ganz entstellt aus. Er wütete innerlich und suchte Zerstreuung. Er trank stets gern ein Glas Wein – jetzt übertrieb er oft diese Passion und der Rittmeister sollte ihn schon verschiedentlich darüber zur Rede gestellt haben. Nun litt Elten, was er Salome hatte zufügen wollen, Qualen der Langenweile, der schlechtesten Laune, der unerquicklichsten Selbstvorwürfe, daß er sich selber das amüsanteste, einzigste Verkehrshaus zugeschlossen. Er suchte auf alle Weise, Salome zu begegnen. Vergebens. Die junge Frau hatte die Marotte, zu allen Gesellschaften abzusagen. Was sollte das bedeuten? Er fuhr nach Jeseritz, aber das sehr kühle Benehmen der Damen, die beinahe verletzende Kälte Roses, nahm ihm die Lust, den Besuch zu wiederholen. Salome traf er auch dort nicht. – Da griff er abermals zum Glase, um seinen tobenden Ingrimm hinabzuspülen. Und Salome sang daheim heitere Lieder! Aber sie war im Grunde ihres Herzens nicht heiter, sie weinte manche heimliche, bittere Träne. Anfänglich hatte sie kaum die Einsamkeit und Langeweile ertragen. Dann aber fand sie, daß just diese beiden zwei Lehrmeisterinnen waren, die ihr wohl noch am richtigsten den Weg zum Glück wiesen. Sie suchte sich zu beschäftigen – sie empfand den Gedanken, nur ein Bild im Hause ihres Mannes zu sein, immer unerträglicher. »Die ganze Ferse im Strumpf des gnädigen Herrn fehlt, haben Sie schon den Stiefel umgeschüttelt, ob das Stück noch darin liegt?« fragte sie eines Tages das Stubenmädchen, das Wäsche auslas. Diese lachte laut auf, und Salome errötete abermals. Aber sie wurde nicht heftig. Sie ließ sich belehren, und Liese war entzückt, ihrer Herrin das Stopfen und Flicken zeigen zu können. Da trug der Herr Landrat bald Strümpfe, die seine kleine Frau gestopft hatte, aber er ahnte es nicht, denn Salome verlangte tiefstes Schweigen. Und sie hatte hinreichend Zeit, im geheimen zu lernen, denn das Frühjahr brachte ihrem Mann viele Arbeit. Auch war sie zu empfindlich, um ihre Wandlung einzugestehen – und noch immer zu eigensinnig und kindisch, um zuzugeben, daß sie alles, was sie tat, nur für ihn tat, um ihm zu gefallen. – Er aber merkte nichts von allem, er war wie stets aufmerksam und höflich zu ihr, aber er liebte sie nicht mehr, sie war ihm gleichgültig geworden, denn ihr fehlte ja in seinen Augen jede Tugend, die das deutsche Weib dem Gatten lieb, teuer und heilig macht. O wie das schmerzte, wie das quälte! Wie oft preßte sie die Hände gegen das Herz und rief in Gedanken: »Gib mir die Schlüssel zu Küche und Keller! Laß mich sein, was ich sein muß! – Laß mich sorgen, arbeiten, schaffen für dich – aber vergib mir und habe mich lieb!« –- Wie oft schluchzte sie so in Gedanken, aber sie sprach die Worte nicht aus. Konnte sie denn schon sein Haus verwalten? Nein, noch nicht, noch immer nicht!! – Und wie sollte sie es lernen?! – Ach, lange ertrug sie diesen Zustand nicht mehr. Eines Tages kam Frau von Welfen – sie fand ihr Kind mit verweinten Augen, und sie zog sie in die Arme und fragte: »Hast du denn gar kein Vertrauen zu deiner Mutter? Willst du denn all dein Herzeleid allein tragen?« Da schluchzte die junge Frau verzweifelt auf und barg ihr Antlitz an der Brust der Mutter und schüttete ihr das Herz aus mit all seiner Not und seinem Kampf und seinem Zweifel. Frau von Welfen aber blickte mit strahlendem Lächeln hinaus in die Lindenzweige, die der Lenzessturm mit Regenströmen peitschte, und durch ihre Seele zog es wie ein Gebet. »Ich danke dir, mein Herr und Gott, daß du endlich Frühling werden läßt!« Seit der Zeit kam sie öfters, dieweil der Major noch immer an seiner Gicht in der Stube saß und nicht mehr täglicher Gast im Landratsamte sein konnte. Eines Tages reichte Salome ihrem Mann nach Tisch die Hand und sah ihn mit wunderbar glänzenden Augen an. »Erfülle mir eine Bitte!« »Herzlich gern! Welch eine?« »Laß uns den Osterurlaub in Jeseritz verleben!« Er lächelte etwas überrascht. »Gewiß, liebes Kind! Sehnst du dich heim? Wir können übersiedeln, wenn du willst; ich kann meine Geschäfte auch von dort aus erledigen!« Ihr Gesichtchen lächelte wie verklärt. »Dann laß uns sobald wie möglich fahren!« Er nickte. Das Herz tat ihm plötzlich weh. Hatte er sich doch in ihr getauscht? Sie fühlte sich nicht mehr glücklich in ihrem eigenen Heim. Sie war ihm fremd geblieben, so fremd wie er ihrem Herzen. XX Einem strengen Winter folgte ein vorzeitiger Frühling. – Die letzten Tage des Februar waren bereits so milde und sonnig gewesen, daß man vermeinte, schon den Veilchenduft in Feld und Wiese zu atmen, und der März brachte vollends den Frühling mit, grüne Wiesen und schwellende Knospen und gar bald den zarten maigrünen Schleier, den Erda scheu und zaghaft über ihr erwachendes Antlitz zieht, damit die ungewohnte Himmelspracht sie nicht blende. Salome hatte in freudiger Hast die Reisekörbe gepackt. Die Dienerschaft war bis nach dem Osterfest beurlaubt, und der Wagen hielt vor der Tür, der das junge Paar in das Elternhaus nach Jeseritz bringen sollte. Die junge Frau trug beinahe denselben Anzug wie vor einem Jahr, als sie ihren Gatten auf so eigenartige Weise in dem Eisenbahncoupé kennengelernt hatte. Und sie hatte mit allem Vorbedacht und nach reiflichster Erwägung diese 22ahl getroffen. Sie wollte in dem Antlitz ihres Joannes lesen, ob er wohl an damals zurückdenken, ob sein Herz wieder aufwachen würde in der alten Liebe und dem Entzücken, das ihre Erscheinung ihm bei jenem ersten Begegnen eingeflößt. Sie stand vor ihrem Toilettentisch und band just den Schleier über das rosige Gesichtchen, als Siegfried lautlos zwischen die Portieren trat und überrascht bei ihrem Anblick stehen blieb. Sie bemerkte ihn nicht. Sie ließ just die Arme sinken und blickte in den Spiegel. Ein ernster, beinahe sorgenvoller Ausdruck lag auf ihrem Antlitz, der mit dem heiteren Wesen, das sie in letzter Zeit zur Schau getragen, seltsam kontrastierte. Sie seufzte tief auf: »Das rote Mieder, die blanken Schuh, Das weiße Fürtuch, ein Sträußel dazu, Was nutzen sie all meinem bleichen Gesicht, Mein Schatzel, mein böser, er sieht sie ja nicht!« sang sie leise vor sich hin. Siegfried lächelte und zog sich schnell zurück. Er durchschaute die Absicht der kleinen Frau. Sie wollte ihn an ehemals erinnern – sie wollte ihn weich stimmen. –- Umsonst, er durfte noch nicht weich werden, es war leider noch lange nicht an der Zeit. Das Prinzeßchen langweilte sich und verlangte nach einem Courmacher, und weil kein anderer zur Hand war, wollte sie mit dem Gatten fürlieb nehmen. Sie empfand es sehr wohl, daß er gegen früher recht verändert war. Sie kannte auch genau die Gründe, die ihn ihrem Herzen entfremdet hatten, er sagte sie ihr ja klar und deutlich in das Gesicht, und hoffte, daß die kleine Frau sich seine Worte zu Herzen nehmen würde. Aber er hatte sich getäuscht, wenn er an eine Wandlung glaubte. Daß Salome sich nicht wieder mit Elten versöhnte, daß sie sich selber das bißchen Geselligkeit in Feldheim versagte, um sich keiner Vernachlässigung vonseiten der Herren auszusetzen, entsprang lediglich ihrem Trotz. – Sie gab nicht nach – sie war eigensinnig wie ein Kind – auch ihrem Manne gegenüber. Wieviel Gelegenheit hatte sie gehabt, sich ihres Haushaltes anzunehmen! – Aber sie tat es nicht; sie beharrte hartnäckig bei ihrem Willen – sie wollte erst sehen, wer das letzte Wort behielt. Wenn sie glaubte, ihr Mann gäbe nach, so irrte sie sich gewaltig. Er führte und leitete den Hausstand nach wie vor, und darum konnte er weder Liebe noch Verehrung für seine pflichtvergessene Frau empfinden, das hatte er ihr gesagt, und dabei blieb er. Daß sie ehemals nichts gelernt, rechnete er ihr nicht als Schuld an, aber daß sie jetzt noch immer nichts lernen wollte, da es ihre Stellung als Hausfrau doch gebieterisch von ihr verlangte, das verzieh er ihr nicht, und das ließ es sie empfinden. Nicht durch unfreundliches, mürrisches oder gar rücksichtsloses Benehmen, nein, dazu war er viel zu sehr Kavalier, und dazu liebte er sie viel zu innig, aber durch eine gewisse Kälte und Gleichgültigkeit, die jede feinfühlige Frau aufs bitterste empfinden mußte. Er wollte ihr Lehrer und Erzieher sein, und er wählte die Methode, die seiner Ansicht nach die einzig richtige war. Salome aber wollte seine Pläne durchkreuzen. Er bemerkte es täglich aufs neue, wie sie um seine alte Liebe warb, wie sie mit ihm kokettierte, wie sie alles aufbot, ihm zu gefallen. Alles? Ja, alles, was sie für wirksam hielt, einen Mann zu bezaubern, nur das einzig Wahre und Beste nicht, weil ihr das der Eigensinn verbot. Siegfried sollte an die Macht des »Bildes« glauben lernen. – Sie wollte ein »lebendes Bild« in seinem Hause sein, dessen Sklavenfesseln er willenlos trug. Er durchschaute ihre Absicht und machte sie zunichte. Sie kämpften in leidenschaftlich heißem Kampfe; er um seine Würde und seinen festen Willen – sie um ihren Trotz, der sich siegreich behaupten wollte. Und doch schwebte die Taube des Friedens über ihnen, dennoch schaute keines in den ruhigen Zügen des andern, wie erregt und ungestüm das Blut dahinter kreiste. Siegfried litt ebenso bitter darunter wie Salome, aber er blieb fest. Anfangs hatte ihm die freudige Zuversicht das Harren und Hoffen erleichtert, in letzter Zeit waren ihm oft quälende Zweifel gekommen. Er hatte seine Frau so gut beobachtet, wie es ihm bei seiner häufigen Abwesenheit von Hause möglich war. Er hoffte im stillen, irgendwelche Wahrnehmungen zu machen, daß Salome Interesse an häuslicher Arbeit fände. – Umsonst. Was sie den lieben, langen Tag begann, wußte er zwar nicht recht – denn ihre Mal- und Musikstudien betrieb sie fast gar nicht mehr, und die begonnene Stickerei lag unverändert im Körbchen. Sie schrieb wohl Briefe oder las. – Das erbitterte ihn mit der Zeit; eine solche Widerspenstigkeit hätte er ihr wahrlich nicht zugetraut. Und doch dabei ihre anmutige Liebenswürdigkeit, ihre schlauen kleinen Manöver, ihn zu entzücken! Oh, es war nicht leicht, ihren süßen Veilchenaugen gegenüber den Gleichgültigen zu spielen. Nun ging es nach Jeseritz. Der Einfluß des Vaters würde alles wieder verderben, was vielleicht schon zu guter Saat emporkeimte. Er hätte sein etwas voreiliges Wort gern wieder zurücknehmen wollen – leider aber war gerade ein Briefchen von der Mama gebracht worden, das ihnen mitteilte, man erwarte in nächster Zeit den Besuch eines jungen Herrn in Jeseritz. »Gewiß mein Jugendfreund Hermann!« lachte Salome. Born hatte wohl die Stirn etwas kraus gezogen, denn sie sah ihm plötzlich mit ganz seltsamem Ausdruck in das Gesicht und fragte leise: »Nun willst du wohl nicht, daß wir hinfahren?« »Um dieses Jünglings willen?« Er lachte laut auf. »Im Gegenteil, ich hoffe, daß er ein wenig Leben und Abwechslung mitbringt!« Nun mußten sie hin, wenn Salome ihn nicht für eifersüchtig halten sollte. Und jetzt reisten sie ab. Gottfried verabschiedete sich am Morgen. Er hatte seine neue Stellung auch wieder gekündigt, weil er trotz seiner grauen Haare noch einmal heiraten wolle, die Witwe seines Bruders, die ihr kleines Anwesen nicht mehr ohne Hilfe und Schutz bewirtschaften wollte, seit ihr einzigster unter die Soldaten mußte. Born ließ ihn ungern gehen. Nun würde ihn das abermalige Anlernen eines neuen Dieners noch mehr Mühe und Zeit im Hause kosten. Er sprach das auch aus, als er neben seiner Frau im Wagen saß, aber Salome war sehr schwerhörig und zerstreut, wenn sie keine Lust hatte, von einem Thema Notiz zu nehmen. Sie saß und blickte schweigsam auf die Pferde, dann reichte sie ihrem Mann die Zügel and sagte: »Ich bin so müde – fahre du heute.« »Müde! Wovon?« wollte er fragen, aber er tat es nicht, er fand, als er sie plötzlich ansah, daß sie wirklich müde und ein wenig blaß ausschaute. Ach so, sie war verletzt, weil er kein Wort über ihr »erinnerungsreiches« Kleid gesagt hatte, weil er gar nicht bemerkt zu haben schien, daß sie es heute zum erstenmal wieder trug. Früher hatte er ihr fast täglich gesagt, wie reizend und herzig sie aussehe, wie ihr dieses Kleid – jener Hut oder Mantel so besonders hübsch stände, wie er das eine mehr, das andere weniger an ihr liebte –- jetzt sagte er nichts mehr, nicht einmal heute hatte er sie mit Blicken bewundert, heute, wo sie in der Tat bezaubernd aussah und wo sein Herz so hoch aufschlug bei dem Gedanken an ihr erstes Gehen und Finden. Aber ruhig Blut! – Gerade sein Schweigen und Ignorieren war die beste Arznei für ihren trotzigen Sinn. In Jeseritz war alles beim alten. Salomes Stimmung wurde auch wieder besser, als sie bei Tisch in fröhlicher Runde sitzen und sogar Tante Sidonie in derselben erschien. Sie war wochenlang erkältet und sehr besorgt um sich selbst und ihre Gesundheit gewesen. Alles ganz entschieden die Folgen ihres abendlichen Spazierganges mit der Leichenwagenbegegnung. Rose flüsterte dem Schwager zu, die Stimmung der teuern Patientin sei oft unerträglich gewesen. Zu der Grobheit geselle sich jetzt noch eine entsetzliche Empfindsamkeit. Sie bilde sich ein, sehr leidend an irgend etwas »unheilbar Innerlichem« zu sein, und verlange nun die grenzenlosesten Rücksichten für ihren besorgniserregenden Zustand. Der Arzt sei ihr zu teuer, da er ihr zu Neujahr eine Extrarechnung für seine Bemühungen gesandt und Tante Sidonie sich eingebildet habe, als Hausarzt der Familie Welfen müßte er auch sie für das Fixum mit behandeln. Nun hat sie Elektro-Homöopathie nach eigener Verordnung gebraucht, behauptet aber, diese Methode sei veraltet und unwirksam, seit das Gasglühlicht die Elektrizität für die moderne Menschheit entwertet habe. Leider scheine sie gar nicht an die Abreise zu denken, im Gegenteil, zu ihrer aller Entsetzen sei jüngst ein Möbelwagen mit fürchterlichem altem Plunder eingetroffen, ein völlig vergilbtes Sofa mit zwei Sesseln, eine wackelige Kommode und eine schreckliche Chiffonniere mit abgestoßener Schnitzerei. Alle guten Möbel habe sie ehemals versteigern lassen, die schlechtesten Sachen aber, für die nicht genug geboten sei, aus Geiz zurückbehalten. Und nun habe sie sich oben in den leeren Erkerstuben häuslich eingerichtet und behauptete: »Nun werde es ihr erst ganz und gar gemütlich in Jeseritz!« Siegfried zog eine sehr bedenkliche Grimasse, Tante Sidonie aber schnitt seine Entgegnung ab und wandte sich ihm ärgerlich zu: »Nun kosten Sie doch mal diesen Salat, Neffe! Schauderhaft – ungenießbar! Nichts wie Essig und Pfeffer, und dabei weiß doch die Bagage in der Küche, daß ich beides nicht essen darf! Aber ich sage es ja – Rücksicht nimmt man hier im Hause nicht! – Kostet mal ihr beiden, Siegfried und Salome – ich bin überzeugt – ihr könnt mir so etwas nachfühlen!« »Vollkommen, liebe Tante!« Der Landrat langte tüchtig von dem Kartoffelsalat zu und kostete. »Ich habe mich früher sehr für sanitäre Fragen interessiert, meiner Eltern wegen, die beide kränkelten. Pfeffer und Essig sind geradezu schädliche Genußmittel. Der Essig verdirbt das Blut, der Pfeffer die Nerven. Jeder Mensch, der etwas auf seine Gesundheit hält, sollte nie im Leben Pfeffer oder scharfen Essig genießen.« Sprach's, bat um das Huilier – er ärgerte sich stets, wenn er das Ding französisch nennen mußte, doch er kannte bei dem besten Willen keinen deutschen Namen dafür – nahm die Essigflasche zur Hand und goß einen tüchtigen Löffel voll über seinen Salat. Ebenso ergriff er die Pfefferbüchse und bediente sich. Staunend sah man ihm zu, aber Tante Sidonie, von der man etwas beklommen einen heftigen Zornesausbruch über »diese Persiflage« erwartete, musterte ihn nur einen Augenblick nachdenklich, neigte dann schweigend den Kopf und aß ihren Braten ohne Salat. Siegfried jedoch plauderte in seiner frischen Art weiter, über dieses und jenes, durchaus harmlos. »Soll der Kaffee heute gleich nach Tisch getrunken werden, damit wir nachmittags einen Spaziergang in den ´Wald machen können?« fragte Frau von Welfen. Allgemeine Zustimmung, nur Tante Sidonie schaute mißbilligend darein. »Ich darf keinen Kaffee bei meiner Arznei trinken!« grollte sie. »Das ist sehr richtig und vernünftig!« nickte der Landrat mit ernsthafter Miene, »das erste, was die Ärzte der leidenden Menschheit verbieten sollten, müßte eigentlich der Kaffee sein, und nicht nur die kranken, sondern auch die gesunden Leute sollten ihn meiden. Unser bleichsüchtiges, nervenschwaches Zeitalter ist an und für sich schon zu sehr vergiftet, um obendrein noch eine derartige, tägliche Dosis Gift zu vertragen, wie sie der Kaffee enthält. Ich habe neulich einen Aufsatz über dieses tückische Getränk der Levante gelesen; auch eine Kneippsche Abhandlung über den Mokka, und ich habe geschaudert, wie leichtsinnig die Menschen mit ihrer Gesundheit umgehen. Einen Spaziergang in den Wald aber wird jeder Arzt als gesündestes und nutzbringendstes Beginnen loben, darum rate ich Ihnen, liebe Tante, sich diese Zufuhr von Ozon ja nicht entgehen zu lassen!« »Also gleich den Kaffee kommen lassen,« nickte Frau von Welfen – »oder wünscht jemand der Allgemeingefährlichkeit dieses Getränkes wegen lieber Tee?« »Ich bitte um Tee!« entschied die Frau Professor. »Euer Kaffee ist allerdings so jammervoll dünn, daß er sicher niemandem schadet!« »Mir kannst du auch Tee kommen lassen!« brummte der Major, der sich leicht um seinen Magen ängstigte, wie so viele alte Soldaten, die voll Heldenmut dem Tod auf dem Schlachtfelde in das Auge geschaut haben, aber vor einem Schnupfen zittern. »Und du, lieber Siegfried?« »Ich bitte um eine Tasse Kaffee, Mamachen, aber bitte möglichst stark, denn für des Mokkas Stärke habe ich eine große Schwäche!« Abermals etwas überraschtes Staunen. Rose stieß ihre Schwester leise mit dem Ellenbogen an und verkniff sich nur mühsam das Lachen. Born aber fuhr ganz gelassen und heiter fort: »Da fällt mir übrigens eine famose Kaffeegeschichte ein! Als ich meine letzte Übung als Reserve-Offizier mitmachte, wurde unser Kürassier-Regiment durch einen Leutnant verschönert, der in dem Ruf stand, meisterlichen Kaffee zu brauen. Die Kameraden schwärmten so begeistert davon, daß eines schönen Tages die Regimentsmutter sich mit den Offiziersdamen verabredete und dem Leutnant von M. ein charmantes Briefchen schrieb: ›Die Damen des Regiments wünschten seinen so sehr gerühmten Kaffee auch kennenzulernen und würden sich demzufolge morgen nachmittag als Gäste in dem Kasernengarten einfinden. Einen silbernen Löffel brächte jede selber mit.‹ – Große Freude. Der Damenkaffee entwickelte sich höchst amüsant – die Herren waren ebenfalls vollzählig erschienen, man trank den Kaffee und war des Lobes voll. Da, zum Schluß, setzt die Kommandeuse dem strahlenden M. die Pistole auf die Brust: ›Nun müssen Sie uns Ihr Mittel verraten, lieber Baron! Wir gehen nicht eher, als bis Sie gebeichtet haben!‹ –- M. sucht vergeblich Ausflüchte. Er wird in die Enge getrieben und gesteht schließlich errötend ein, nicht er, sondern sein Bursche sei der Kaffeekünstler. Konrad wird gerufen und steht vor der Frau Oberst stramm. ›Sie dürfen uns alles verraten, Konrad!‹ jubeln die Damen. ›Welch eine Kaffeesorte gebrauchen Sie?‹ – ›Befehl Frau Gräfin, is sik gewöhnnliches Koffe vom Kaufmann unsrigtem, kost sik Pfund einer Mark und Pfenniger achtzick!‹ – Allgemeines Staunen; M. beißt sich auf die Lippe. Die Frau Oberst aber fährt fort: ›Und welch einen Zusatz nehmen Sie? Karlsbader Gewürz? Feigenkaffee?‹ – ›Nemm' ik nix von – nemm' ik nur Koffe alleinigtes.‹ ›Undenkbar! – Was haben Sie für eine Kaffeemaschine?‹ ›Nix Koffemaschine – hob' ik nur Blechtopf meinigtes!‹ ›Und filtrieren gleich dahinein? – Durch einen Beutel oder Papier?!‹ – ›Nix Papierr, nix Beitel – Frau Gräfin gnädiges.‹ – ›Aha! Da steckt das Geheimnis! Nun – was nehmen Sie sonst?‹ – Konrad richtet sich noch strammer auf: ›Nemm' ik ganz einfach Strumpp von Leutnant!‹ – Ein Schrei in allen Tonarten, die Damen sinken hinten über – Leutnant von M. aber fährt wie ein Rasender auf den verblüfften Konrad ein. ›Kerl – bist du toll! – bist du von Sinnen – sofort gestehe ein, daß du lügst!!‹ Da sieht der brave Polacke seinen Leutnant gutmütig tröstend an und sagt mit der Miene gekränktester Unschuld: ›Brauchst nix bös sein, Leutnant – nemm' jo nix aus Kommodde zugeschlossenes! Nemm' ik ja nur Strumpp gebrauchtes!!‹« Große Heiterkeit! Salome rief allerdings entrüstet »Pfui!« – Aber der Major und Rose lachten Tränen, und selbst die Frau Professor richtete ihre runden Glasaugen huldvoll auf den Erzähler und zog den Mund in die Breite. »Auf den Schreck will ich mir einen Tabak anstecken!« rief der Major und wollte sich erheben, aber Tante Sidonies Hand fuhr wie ein Stoßvogel herzu und hielt ihn fest. »Nichts da! – Du weißt, daß ich den Zigarrenrauch nicht vertragen kann!« Welfen blieb unschlüssig sitzen, der Landrat aber stimmte eifrig zu. »Sehr recht, liebe Tante, daß Sie sich dem so ungeheuer schädlichen Einfluß des Tabaksqualmes entziehen,« nickte er. »Es gibt ja nichts Gesundheitswidrigeres als das Rauchen, und die Sterblichkeit unter den Männern würde sich auf die Hälfte reduzieren lassen, wenn sie dem Laster des Rauchens entsagen wollten. Aber das sitzt und pafft von früh bis spät – saugt für teures Geld das Gift in den Körper, bläst den Damen zum Ruin des schönen Teints den Dampf ins Gesicht und schädigt sich selber an Leib und Leben. Meiner Ansicht nach müßte die Polizei einschreiten und alle Zigarrenläden schließen, ebenso wie die Destillationen, denn Likör und Schnaps ist genau ebenso gefährlich; sie zehren unserer Nation das Mark aus und bringen Mann und Weib unter die Erde!« Und der Sprecher griff nach einem der Likörgläschen, die Wulf herumreichte und kippte behaglich seinen Inhalt. »Brrr! – Man kann sich so gut denken, daß dieses Zeug jeden Magen zunichte brennen muß – ... noch eins, Wulf! – – Heiß wie die Hölle ... süß wie die Liebe ... und dabei doch ein flüssiges Verderben. Aber die Zigarren halte ich für noch schädlicher« – und der Landrat zog sein Etui, entnahm ihm zwei Havannas und legte eine davon auf den Teller seines Schwiegervaters – »von dieser Sorte darf man höchstens zwei am Tage nehmen, sonsi ist man ein Kind des Todes – das konzentrierte Gift, sage ich euch. – Stecke sie dir mal an, Papa – sie schmeckt – wie jede Sünde – verführerisch! Tante Sidonie geht derweil auf die Veranda oder in ihr Zimmer, denn sie sagt selbst, baß sie den Rauch nicht vertragt und ich fürchte auch, er schadet nervösen Damen ungemein! Da ist es schon besser, sie zieht sich zurück!« Er brannte ein Streichholz an und setzte seine Zigarre in Brand, so daß die Frau Professorin hinter den dicken Wolken verschwand. Abermals saß die ganze Tafelrunde sprachlos. Nun mußte das Wetter doch losbrechen. Aber unbegreiflicherweise erhob sich die Tante gelassen und nickte dem Neffen mit wunderlichem Gesichtsausdruck zu. »Hast recht, daß ich mich schonen muß! ... Hm ... ist zwar recht grob, mich einfach hinauszuräuchern, aber besser, du machst mich auf die Gefahr aufmerksam, als daß du mich darin umkommen läßt. – Hm ...« und sie klopfte Salome auf die Schulter: »Komm nachher zu mir, Kleine ... ich will etwas mit dir besprechen. Aber mache kein so sentimentales Gesicht – das greift mich an, und außerdem siehst du dumm damit aus!« Sprach's und verließ mit großen Schritten das Zimmer. Der Major wartete noch eine Minute, bis die Stiefel des seligen Professors nicht mehr auf dem Flur krachten, dann griff er schnell nach der Zigarre und brach in ein schallendes Gelächter aus, in das die kleine Tafelrunde mit Ausnahme von Salome herzhaft einstimmte. »Junge! – Liebster Herr von Born von hinten und von vorn« – schluchzte er vor innerlichem, lang verhaltenem Vergnügen. »Bist du denn rein des Teufels, die alte Schachtel derart zu persiflieren?!« Salome hob mit pikiertem Gesichtchen den Kopf. »O nein, des Teufels ist er nicht, wohl aber etwas anderes!« »So? Na was denn?« Ein herber Ausdruck kräuselte ihre Lippen. »Ein Wegweiser ist er!« spottete sie. »Potzwetter – ein Wegweiser?« »Lawise, wie meenste det?!« »Liegt das nicht auf der Hand? Mein Herr Gemahl und ein Wegweiser ähneln sich zum verwechseln. Beide zeigen den Leuten ganz klar und deutlich den richtigen Weg an – ohne ihn jedoch selber zu betreten ! Siegfried weiß genau, was gut und was schlecht, was falsch und was richtig ist, und er belehrt darüber jeden, der seinen Weg kreuzt, er selber aber ...« sie brach kurz ab, ihre Lippen bebten. Sie erhob sich und verließ das Zimmer. Born und seine Schwiegermutter wechselten einen schnellen Blick, der Major aber folgte zum erstenmal nicht dem schmollenden Töchterchen, sondern blies sehr behaglich die Dampfwölken vor sich hin. »Ärgert sich über die Fliege an der Wand!« schüttelte er den Kopf. – »Armes Ding, sie ist so nervös!« – Und dann lachte er abermals und klopfte dem Landrat auf die Schulter. »Sage mal, wo nimmst du die Courage her, den alten Giftpilz so forsch zu behandeln? Willst du dir denn mit Gewalt deine Erbschaft verpuffen? Wenn Salome nicht wieder gutmacht, was du sündigst, dann könnt ihr auf eine schöne Liebeserklärung in ihrem Testament gefaßt sein!«   Wie zauberhaft schön war es im Walde! Der Frühling erwachte aller Ecken und Enden, das Moos hob sich wie ein schwellender Teppich unter den Füßen, goldene Sonnenstrahlen säumten die maigrünen Zweiglein, und die Luft wehte so lindduftig, daß sie die Stirn umhauchten wie die Küsse neckischer Liebesgeister. Salome hatte erwartet, daß ihr Mann, zärtlich und galant wie früher, ihr den Arm bieten solle, aber Siegfried schien gar kein derartiger Gedanke zu kommen. Er neckte sich mit Rose, lief mit ihr um die Wette, bergauf und bergab, so weit man in dieser meist flachen Gegend von Berg und Tal reden konnte, half ihr die ersten Blumen sammeln und freute sich auf den prachtvollen Hunger, den er mit heimbringen würde. Sie mußte ihm sodann erzählen, was sie wohl auf den Tisch bringen würde, und er bestellte sich dies und jenes Leibgericht, das die kleine Schwägerin ganz besonders künstlerisch herzustellen verstand. Einmal wandte er sich zurück und rief Frau von Welfen mit vergnügtestem Gesicht zu: »Ich komme mir selig vor wie in den Ferien! Welch ein behagliches Gefühl, daß ich mir nicht den Kopf um das leidige Essen zerbrechen muß, daß ›Röslein, Röslein, Röslein rot‹ mir diese Sorge für ein Weilchen abgenommen hat! Nun wird es mir doppelt gutschmecken!« Frau Dora drückte den leis erbebenden Arm Salomes lächelnd an sich. »Nur Geduld, mein Liebling! Je mehr er sich danach sehnt, daß ihm auch daheim diese Last von den Schultern genommen wird, desto glückseliger wird ihn später die Überraschung machen!« »Ach Mamachen, ich glaube und fürchte, es wird zu spät sein.« »Wieso das, mein Herz?« »Siegfried liebt mich nicht mehr.« »Torheit. Er liebt dich nach wie vor, aber der schwärmerische Rausch der Flitterwochen ist mit der Zeit verflogen, und die Wirklichkeit fordert ihre Rechte. Die Liebe geht bei den meisten Männern durch den Magen, die persönlichen Reize der schönsten Frau verblassen im Alltagsleben und verlieren ihren Reiz. Sie muß nicht mehr allein Geliebte, sondern vor allen Dingen Gattin und Hausfrau sein – sie muß nicht mehr allein durch ihr Äußeres, sondern durch ihre Tugenden die Liebe ihres Mannes festhalten, kräftigen und sie mit all dem idealen Glück des Brautstandes in die Ehe hinübertragen und darin festhalten.« »Ach Mutterchen, ich habe mich ja heimlich schon so viel im Haushalt beschäftigt – aber er ahnt es noch nicht, er achtet auch gar nicht mehr darauf, und da ich noch nicht kochen kann –« »Unser Kursus beginnt jetzt, ganz heimlich und eifrig, in vier Wochen sollst du so viel lernen, daß du dir zu Hause allein forthelfen kannst!« »Und du glaubst wirklich, daß er mich dann wieder lieben wird?« »Wenn die Überraschung gelingt, wird seine Liebe heller aufflammen als je zuvor!« »Aber es ist so schimpflich für mich, ihm nachzugeben! Ich verliere dadurch alle Würde, ich vergebe mir so viel von meinem Stolz – und Papa sagte auch ...« »Mein Herzenskind, ich bitte dich, in solchen Dingen nie auf den Rat des Vaters, sondern lediglich auf den deiner Mutter zu hören. Diese Angelegenheit gehört uns Frauen, und nur das peinlichste Takt- und Zartgefühl trifft hierbei das richtige. Der Mann steht dem Manne immer schroff gegenüber. Dein verblendeter Vater, der von jeher eifersüchtig auf den Räuber seines Lieblings war, ist zu egoistisch und hitzig, um dir einen Rat zu erteilen, der Siegfrieds Glück vergrößern würde. Aber er vergißt, daß Siegfrieds Glück auch das deine ist! Glaube mir, eine Frau vergibt sich niemals etwas, wenn sie sich in Liebe und Demut ihrem Manne fügt. Je mehr sie ihm dient, desto mehr beherrscht sie ihn. Eine fromme und gottesfürchtige Frau sagt sich: ›Ich diene ihm nicht aus Furcht, aus Schwäche, aus Eigennutz – sondern aus Liebe um meines Heilandes Jesu Christi willen, der dem Weibe den Gehorsam und das Dienstbarsein zu der heiligsten Aufgabe des Ehestandes gemacht hat.‹ – Und eine kluge Frau sagt sich: ›Die Grundlage alles ehelichen Glückes ist die gegenseitige Achtung.‹ Ein Mann achtet und respektiert aber nichts an dem Weibe, was er an seinen Genossen täglich bekämpfen muß, was ihn naturgemäß ärgert und erregt. Herrschsucht, Rechthaberei, Launen, Überhebung, Stolz und Trotz treten ihm im Leben überall bei anderen Männern entgegen und machen sie ihm verhaßt, wie soll er da ein Weib lieben, das ihm mit denselben Untugenden auch noch seine Häuslichkeit verleidet? Gerade weil Milde und Sanftmut, Nachgeben und sich fügen dem Mann so unbegreiflich und fremd sind, darum bewundert er Weichheit im Wesen des Weibes wie etwas Überirdisches, Besseres und Vollkommeneres als sich selbst, und diese Achtung, diese Bewunderung sind die mächtigen, unerschütterlichen Tragpfeiler der Liebe! – Ein Weib, das sich demütigt, ist in den Augen des Mannes eine größere Heldin als eine Jeanne d'Arc. Ein solches Weib hebt er voll ritterlicher Bewunderung selber auf den Schild und bekennt es voll Stolz und Glück: Ja, ich bin ihr Haupt – aber sie ist meines Hauptes Krone!« Frau von Welfen hatte immer erregter, immer lebhafter gesprochen; jetzt als sie schwieg, drückte Salome voll Innigkeit ihre Hand und flüsterte: »Nun weiß ich auch, Mütterchen, warum du so glücklich mit Papa bist – es hätte keine andere zu ihm gepaßt als du!« Frau Dora lächelte so freundlich und liebenswürdig wie stets: »Wir sind gut zusammen ausgekommen.« »Ich glaube, das war nicht leicht mit Papa?« »Wir haben geheiratet, als wir beide nicht mehr ganz jung waren, und wir hatten beide den redlichen Willen, uns glücklich zu machen. Er hatte mit mir Geduld und ich mit ihm. Ganz ideal ist unsere Ehe nicht verlaufen, wie zum Beispiel bei Schillings, die sich nie im Leben auch nur ein einziges Mal gezankt haben! – Wir stritten öfters miteinander, aber nie wegen einer Bagatelle, es mußte eine Ursache sein, die ernst und inhaltsschwer und wohl eines kleinen Wortgefechtes wert war.« »Papa war immer sehr eifersüchtig!« »Allerdings, er ist es selbst auf seine Kinder!« Salome seufzte schmerzlich auf: »Das ist schön, das ist doch ein Zeichen von Liebe! Siehst du, Siegfried ist seit einiger Zeit gleichgültig gegen mich, daß ich es kaum noch ertrage. Warum duldete er, daß die Herren so viel in unser Haus kamen? Wenn ich einen dummen Streich gemacht hätte, würde er allein die Schuld getragen haben.« »Er wußte, daß du keinen machen würdest! Seine Meinung von dir war so hoch und zuversichtlich, daß es seinen Stolz beleidigt hätte, wenn er dich durch Mißtrauen hätte erniedrigen sollen!« »Du weißt alles so rührend gut zu entschuldigen, Mama. Ich kann aber nicht recht daran glauben. Seltsam, ich bin überzeugt, in letzter Zeit sehr viel älter und vernünftiger geworden zu sein, aber in diesem Punkt, die Eifersucht betreffend, blieb ich noch ganz das törichte Kind von ehedem! Ach, Mama, ich furchte, ich werde erst noch Lehrgeld zahlen müssen, ehe ich von dieser fixen Idee geheilt werde!« Frau von Welfen blieb jählings stehen und blickte voll tiefen Ernstes in die Augen der Tochter: »Salome! Gott bewahre dich, daß du mit anderen Herren kokettierst, um Siegfried eifersüchtig zu machen! Diese Eifersucht würde die Liebe nicht neu erwecken, sondern töten, denn eine leichtsinnige Frau achtet man nicht. Ich bin überzeugt, daß die häßlichen Reden, die man in Feldheim über dich und Ellen führte, und die du selber verschuldetest, weil du der Betty ehemals zu viel vertrautest und ihr gegenüber harmlose Äußerungen tatest, die sie in nicht harmloser Weise kolportierte – ich bin überzeugt, daß diese Reden auch zu Siegfried gedrungen sind und ihn verdrossen haben. Gott sei Lob und Dank hast du selber den Verkehr mit Ellen abgebrochen und dir dadurch Siegfrieds gute Meinung über deine Moral erhalten – eine neue Courmacherei, die dich abermals in den Mund der Leute bringt, würde diese gute Meinung für immer vernichten!« »Ach, Mama, warum habe ich dir nicht früher geglaubt, als du mich so oft zum Guten ermahntest!« »Weil du eine jener Naturen bist, die sich selber erst durch die Erfahrung belehren und durch Kampf zum Sieg müssen! Also du versprichst mir, mein Liebling, geduldig zu sein und der guten Ernte zu warten? Bedenke, daß du selbst deinen Kummer verschuldet hast! Du hast von vornherein selber die fremden Menschen tagtäglich zwischen dich und deinen Mann gestellt und ihn deinem Herzen dadurch entfremdet. Junge Liebe will allein sein –- und soll sie Bestand haben, unangetastet und glückstrahlend bleiben, darf man sie nicht auf den Jahrmarkt tragen. Ferner hast du nicht verstanden, Siegfried eine behagliche Häuslichkeit zu schaffen. Du hast ihm Mühen und Sorgen aufgebürdet, die dein Teil waren. Ehe du diese Schuld nicht abträgst, darfst du nicht auf die Liebe rechnen, die stets nur der Lohn der Treue ist.« – Herr von Welfen unterbrach die Sprecherin. Er rief nach den Damen, um ihnen das Skelett eines Wiesels in einem großen Ameisenhaufen zu zeigen. XXI. Wieder wehte die Flagge von dem Turm des Jeseritzer Gutshauses. Man hatte Besuch erwartet, und er war eingetroffen. Die Familie von Welfen war auf der Veranda versammelt, als Herr Joachim von Schilling aus dem Wagen sprang. Eine hübsche, flotte Erscheinung, vom Scheitel bis zur Zehe der Offizier in Zivil. Als er grüßend den Hut zog, leuchtete die Sonne auf dem leichtgewellten Blondhaar und dem frischen Gesicht, dessen Manöverbraun die Winterluft nicht völlig hatte bleichen können. Jugendlust und Übermut blitzten aus den blauen Augen, sein Wesen war gewandt und sicher, und darum wunderte sich Frau von Welfen, daß sich ganz plötzlich eine gewisse Verlegenheit in seinem Gesicht malte, als Born ihn die Treppe emporführte, und der Major ihm etwas steif und förmlich grüßend entgegentrat. Warum wurde er mit einem Mal so rot und verwirrt? Warum flog sein Blick betroffen zu ihr und Rose hinüber, warum stotterte er plötzlich so ungereimtes Zeug? Ah so –- er kam ja als Freier, und das Bewußtsein als solcher von all den erwartungsvollen Augen gemustert zu werden, mußte etwas Peinliches, selbst für den Zuversichtlichsten, haben. Frau Dora holte an Herzlichkeit nach, was ihr Gatte darin versäumte, und dann stellte sie den Gast ihren Töchtern vor. Salome begrüßte ihn mit liebenswürdiger Heiterkeit, Rose sah ihn unbefangen an und lachte: »Haben Sie Hanfzwirn und Schafdärme mitgebracht? In Jeseritz gibt es diese Requisiten nicht!« Der Bann der ersten Verlegenheit war gebrochen, man lachte und dachte des letzten Besuchs von Freund Achim vor beinahe fünfzehn Jahren. Zehn Jahre zählte er damals erst–-und doch würde ihn Frau Dora sofort wiedererkannt haben, er war ja ganz und gar das Ebenbild seines Vaters! Ein unmerkliches Zucken ging um die Lippen des jungen Mannes, daß die blonden Schnurrbartspitzchen zittern. »Ich begreife es selber nicht, gnädigste Frau, wie es möglich war, daß wir uns nicht schon früher einmal in der Welt begegnet sind!« sagte er verbindlich, und sein Blick senkte sich dabei wie mit heimlichen Forschen in den ihren. »Mama sprach ja so oft den Wunsch aus, Sie einmal hier in Ihrer neuen Heimat aufzusuchen, aber Papas Dienst fesselte ihn ja leider stets im Ausland! Warum aber haben die Herrschaften sich niemals zu uns auf die Reise begeben? Hassen Sie die Eisenbahn, Herr Major?« »Der Teufel soll das Reisen holen!« polterte der alte Herr mit einer bezeichnenden Geste. »Ich habe für lange Zeit an unserer letzten Spritztour genug!« »Ah ... die Herrschaften waren ...?« »In Thüringen, lieber Achim! Sie werden genug der Klagelieder darüber zu hören bekommen, denn mein Mann ist schlecht darauf zu sprechen!« »Nicht möglich! – Auf das reizende Thüringen, auf eines der schönsten Fleckchen Erde, das man sehen kann?« »Ja, mein verehrter junger Freund, das Land an und für sich mag ja ganz hübsch sein« – nickte Welfen ingrimmig, »aber die Sorte Menschen, die sich darin herumtreibt, kann einem den Geschmack daran verleiden!« Schillings Blick huschte unvermerkt von einem Gesicht zum andern. »Unangenehme Menschen?« fragte er mit einer Miene vollkommener Unschuld, »ah –- tatsächlich? Sie haben fatale Erfahrungen gemacht? Oh, das ist allerdings ärgerlich! Aber wie war das möglich? Ich begreife gar nicht – – « Der Sprecher verstummte, denn hinter dem Rücken des Vaters machte Rose ihm ganz absonderliche und höchst unverständliche Zeichen. »Mein Gott, es war im Grunde genommen gar nicht so schlimm!« lächelte Frau Dora schnell: »Ein paar übermütige junge Herren haben meinen Mann geärgert, machten nachts Spektakel in Ruhla, tranken Bier, während er dursten mußte, mieteten ihm die Esel weg – lauter verzeihliche Jugendsünden!« »So? Und das Fremdenbuch?« fuhr der Major auf. »War auch ein Scherz, lieber Ernst! Einen unbekannten Menschen kann man ja gar nicht beleidigen!« »Ich will ihn schon kennenlernen, den unbekannten Kritikus!!« murmelte Welfen in den Bart. Achim sah sehr rot aus und schnaubte sich wiederholt die Nase – dennoch schien er keinen Schnupfen zu haben. »Kennen Sie Thüringen auch, Herr von Schilling?« fragte Salome freundlich. »Ja ... gewiß ... das heißt ... eigentlich nein –« versicherte Achim mit großer Dringlichkeit. »Ich habe es mal im Fluge durchmessen, aber schon vor längerer Zeit, ich weiß wahrhaftig nicht mehr genau, wann es war! Aber so als junger Mensch hat man wenig Interesse für die Mitreisenden, ich glaube wirklich, wir haben kaum eine Menschenseele auf unseren Streifzügen durch die Wälder getroffen!« »Reisten Sie allein?« »Ja ... das heißt ... ich hatte mich einem jungen Paar angeschlossen, oder besser gesagt, einem älteren Paar, der eine wartete auf den Legationsrat und ...« »Kein Ehepaar?« »Gewiß – der Bruder des Ehemanns war der Legationsratsaspirant! Nette Menschen, aber sehr still und gesetzt – ein wenig langweilig für mich! Immer nur Fußtouren! Wäre gern mal zur Abwechslung geritten – –« »Ist nicht! Esel gibt's dort zu Lande nicht!« grollte der Major, dieweil Achim mit dem eleganten Taschentuch über sein glühendes Gesicht strich, sich abermals schnaubte und dazu hustete. »Und die Fußtouren habe ich im Magen! Werde zeitlebens an den Weg von Ruhla nach der Hohen Sonne denken! Waren Sie auch in dem Satansnest, dem Ruhla?« Achim sah den Sprecher mit unendlich ehrlichen und treuherzigen Augen an. »Ruhla? – Nein – habe ich nie kennengelernt! Das liegt am Fuße des Inselbergs, nicht wahr?« »I, wo! Inselberg! – Nahe bei Eisenach liegt's ... eigentlich sollte es im Pfefferland liegen!« Wieder gestikulierte Rose so lebhaft hinter Papas Rücken, und Born sekundierte ihr diesmal dabei, daß der arme Herr von Schilling ganz verlegen wurde. Glücklicherweise meldete Wulf gerade zur rechten Zeit, daß angerichtet sei. Außerdem ein eingeschriebener Brief an den gnädigen Herrn. Der Major griff danach, bat um Verzeihung und trat zum Tisch, um den Postschein zu unterzeichnen. Herr von Schilling aber wandte sich mit verschmitztem Gesicht zu Rose. »Mein gnädiges Fräulein, hatten Sie eben den Veitstanz oder sprachen Sie in Zeichen zu mir?« »Ja, beinahe wurde mir tanzerig zumute aus Angst!« gab sie ebenso zurück. »Wollen Sie uns das ganze Mittagsessen verderben? Wenn man Vater an Thüringen erinnert, ist er tagelang schlechter Laune!! –« »Donnerwetter! Wegen des übermütigen jungen Mannes?!« »Gewiß! Wir hassen ihn!« »Sie auch, Fräulein Rose?« »Jawohl, ich auch. Von einer solchen Frechheit machen Sie sich gar keinen Begriff!!« »Schauderhaft! Wie sah der Unmensch denn ans?« »Weiß ich nicht! Wer wird sich so unverschämte Kerle noch groß ansehen!« »Es waren mehrere?« »Drei Stück. Sicherlich drei kohlpechrabenschwarze Galgenphysiognomien! – Wie die Piquebuben!!« »Fraglos! Bösewichte müssen schon des Prinzips wegen immer schwarz aussehen,« nickte Schilling ernsthaft. »Was aber taten die Ungeheuer denn Ihnen , Fräulein Rose?« »Vielleicht erzähle ich Ihnen das später einmal. Jetzt um Gottes willen still davon! Und ein paar Witze gemacht, daß Vater wieder lachen muß!« »Sofort! – Kommando: Alle Witze auf Deck!!« »Bitte, lieber Joachim, führen Sie meine Frau zu Tisch!« »Vor fünfzehn Jahren führte ich Fräulein Rose noch zum Katzentisch, und sie bat niedlich ›Onkel Achim – bitte setz' mir mal auf'n Stühli!‹« – Er sah sich neckend nach der jungen Dame um: »Darf ich meine Hilfe auch heute wieder anbieten, mein gnädiges Fräulein??« Rose machte ein empörtes Gesichtchen. »Flunkern Sie doch nicht so! Ich werde gerade zu einem solchen Rüpel wie Sie damals waren, Onkel gesagt haben!!« »Was Sie jetzt rüpelhaft finden, entzückte Sie dermalen! Die zusammengenähte Tischgesellschaft ergötzte Sie am meisten, und ich bin überzeugt, ich vollführte die bösen Streiche lediglich, um mir Ihr Wohlwollen zu erwerben!« Die Stimmung war wieder vortrefflich und hielt auch an; selbst Tante Sidonie war von nie gekannter Milde und Nachdenklichkeit. Herr von Schilling war die verkörperte Höflichkeit und Galanterie gegen sie, und sie ließ sich willig seine Artigkeiten gefallen. Nur als er Rose helfen wollte, die ersten neuen Kartoffeln für die Frau Professor zu schälen, lehnte sie beider Höflichkeit in ihrer brüsken Manier ab. »Danke! – Ich esse keine Kartoffeln, die nach fremden Fingern schmecken! Wer garantiert mir denn, ob ihr euch vorher die Hände gewaschen habt!« Alsdann überraschte Tante Sidonie die Familie durch einen Entschluß. »Ich will nächste Woche einen Damenkaffee geben! Von allen Seiten drängt man mich! – Rose, du kannst dann guten Kaffeekuchen backen und du, Dora, sorgst für die süße Speise. Ernst rückt auch eine Flasche zu Maibowle heraus; den Waldmeister liefere ich, er ist bis dahin so weit; ich weiß, wo er im Walde steht.« »So macht man sich einen Kaffee billig und bequem!« raunte der Landrat in das Ohr der Schwiegermutter. »Sollen die Damen in deinem Zimmer empfangen werden?« »Selbstverständlich! Sonst denken sie ja, ihr gebt die Gesellschaft!« »Aber deine verblichenen Möbel?« Die Professorin nickte beinahe verschmitzt. »Die sind bis dahin wieder neu! – Und zwar ohne den teuren Färber und Tapezierer!« »Aber Tantchen, wie willst du das machen?« »Ist mein Geheimnis, du Gelbschnabel! Warte es gefälligst ab!« »Werden wir Herren auch Zutritt haben?« »Zum Schluß könnt ihr erscheinen; vorher stört es die Gemütlichkeit. – Wenn die Frauenzimmer einen Schnurrbart sehen, haben sie für nichts anderes mehr Sinn und Interesse – und ich beabsichtige ihnen doch aus meinem neuen botanischen Werk vorzulesen, dessen erstes gedrucktes Exemplar ich nächster Tage erhalten werde!« Joachim fuhr erschrocken zusammen, der Landrat aber sagte sehr ernst: »Pardon –!« Denn er hatte anstatt auf den Fuß seiner Schwiegermama auf den des Herrn von Schilling getreten. Rose hob ihre Serviette auf und tauchte dabei längere Zeit unter den Tisch. »Rose, Rose! Hast du etwa Hanfzwirn da unten?« rief Siegfried und gab damit das Signal zu einem erlösenden Gelächter.   Joachim von Schilling lebte sich außerordentlich schnell in Jeseritz ein. – Es war ganz seltsam, wie ausgezeichnet er mit Rose harmonierte. Er interessierte sich für alle Dinge, die auch das junge Mädchen am lebhaftesten beschäftigten, und da er ja hierher gekommen war, um recht viel Praktisches zu sehen und zu lernen, so war es ganz selbstverständlich, daß er fast den ganzen Tag über ihr Begleiter war. – Er schritt an ihrer Seite, wenn sie in frühester Morgenstunde nach dem Hühnerhof ging, persönlich die Eier einzusammeln. Sie zeigte ihm dann mit leuchtenden Augen ihre Glucken, die jedes Jahr früher als alle ihre Dorfgenossinnen ihre kleine Brut vorstellten, ein Ergebnis all der Sorgfalt und Pflege, die sie genossen, und der praktischen Stalleinrichtungen, die Rose sich persönlich ausgedacht hatte. Dann ging es weiter in den Garten, wo die Obstkulturen ihr besonders am Herzen lagen, wo die Mistbeete Außerordentliches zeitigten und in dem Treibhaus ein feenhafter Blumenflor das Auge entzückte. Und er lobte, bewunderte und ließ sich erklären, was ihm neu war. Alles wollte er daheim ebenso haben wie in Jeseritz. Das machte sie riesig stolz. »Die Anlagen Ihrer Herrschaft sind ja alle so bedeutend großartiger wie bei uns auf dem bescheidenen Gut!« sagte sie eifrig. »Oh, wieviel können Sie daraus machen, wenn Sie es geschickt und praktisch anfangen!« »Sie müssen uns im Sommer, wenn Mama anwesend ist, besuchen, Fräulein Rose! Ich bin überzeugt, daß es Ihnen bei uns gefällt! Wir haben ja einen so gleichen Geschmack, und ich bin nirgends lieber als in Reutin!« Sie schritten durch die sonnigen Gartenwege. Die Kirschblüten brachen über ihnen durch die Knospen – die ersten Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her. »Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, den Säbel an den Nagel zu hängen und Landwirt zu werden?« fragte Rose lebhaft, neigte sich und sammelte ein paar trockene Reiser, die den Weg verunzierten, in ihr weißes Schürzchen. »Der abgeschossene Daumen allein war doch nicht Grund genug für solch schwerwiegenden Schritt!« Er sah flüchtig auf seine rechte Hand nieder, an der der fehlende Daumen durch einen Lederfinger ersetzt war. »Nein, dieses kleine Mißgeschick allein zwang mich nicht dazu, denn möglicherweise hätte ich auch trotzdem weiter dienen können. Aber die Veranlassung kam mir sehr gelegen. Ich war ungern Soldat geworden, hatte mich eigentlich nur überreden lassen, als aktiver Offizier in dem Regiment einzutreten, in dem ich als Freiwilliger allerdings eine hervorragend nette Zeit verlebt hatte. Der bunte Rock reizte auch ein wenig, Papa wünschte es ebenfalls – nun, da blieb ich in der Ulanka stecken – ich wußte selber nicht wie!« »Aber sie wurde ein Nessusgewand?!« »Ja, die Sehnsucht nach Reutin verzehrte mich. Ich war schon als Junge nirgends lieber als auf dem Lande und kreuzunglücklich, wenn wir nach kurzem Sommeraufenthalt wieder in die großen Städte, nach Bern, Amsterdam, Paris oder Konstantinopel zurück mußten. ›Er kann sein deutsches Blut nicht verleugnen, er klebt an der Scholle!‹ sagte Vater, und in der Tat, ich hatte keinen sehnsüchtigeren Wunsch, als Landwirt zu werden und mich dauernd in der Heimat festzusetzen. Das Reisen war mir verleidet, und was ich als Junge geliebt, das Arbeiten und Schaffen in Wald, Feld, Haus und Stall, das wollte ich als freier Mann dereinst genießen. Meine gute, einsichtsvolle Jagdflinte kam mir zu Hilfe, sie amputierte mir den kleinen Dicksack hier an der rechten Hand, und in dem ersten Trubel benutzte ich die Gelegenheit, als Halbinvalid den Dienst zu quittieren! Nun bin ich gottlob am Ziel!« Sie sah ihn mit ihren großen, leuchtend braunen Augen heiter an. »Ich sage es ja: ›'s ist nichts so schlimm, als man es denkt, wenn man's erfaßt und richtig lenkt!‹ – Nun sind Sie frei und es geniert Sie nichts weniger, als der Daumen in absentia ?« Er lachte. »Sie haben recht – ich behelfe mich ausgezeichnet damit, nur das Schreiben ... hm ... das ist unmöglich geworden! Auf stilvolle Liebesbriefe kann meine Braut einmal nicht rechnen!« Er sah sie neckisch von der Seite an und fand, daß sie ganz entzückend aussah, wie sie ein wenig, ein ganz klein wenig errötete. Sie hatte sowieso frische Farben – jetzt vertiefte sich das zarte Inkarnat und überhauchte den weißen Hals, bis unter die Nackenlöckchen, die in ganz zarten, goldigbraun schimmernden Flaum ausliefen. Alles sah so warm, so schwellend frisch und jung an ihr aus, auch die zierliche Figur in dem einfachen Hauskleide, die sich gerade jetzt vorteilhaft präsentierte, weil Rose sich abwandte, die Arme hob und einen Fliederzweig hernieder bog. »In acht Tagen blüht er!« sagte sie, und fuhr dann harmlos fort: »Also schreiben können Sie nicht? Sie Glücklicher, so sind Sie vor Papas Crépieux sicher und brauchen sich nicht auf Grund Ihrer Handschrift beurteilen zu lassen!« »Ist Ihr Herr Vater wirklich ein so ernsthafter Graphologe?« Rose wandte ihm wieder ihr Gesichtchen zu. Es sah sehr wichtig aus. »Ein fabelhafter Graphologe, sage ich Ihnen! Er liest aus jeder Schrift den Charakter!« »Und glaubt auch daran?« »Steif und fest! – Manchmal täuscht er sich ja freilich, was man aber beileibe nicht sagen darf! – Manchmal aber trifft er wirklich das Richtige!« »Alles Dilettantenwissen ist in diesem Falle Humbug! Verzeihen Sie mir, unter uns, diese Aufrichtigkeit, Fräulein Rose! Die Graphologie ist eine ernste Wissenschaft, welche enormes Studium verlangt – als Sport betrieben hat sie keinerlei Wert.« »Wohl möglich!« Das junge Mädchen lachte so schelmisch, daß die weißen Zähne blinkten. »Aber er ist ganz vernarrt darin! Denken Sie doch nur, daß er jetzt mittelst der Handschrift seinen Thüringer Feind sucht!« »Thüringer Feind? Wer ist das?« – Joachim sah ganz betreten aus. »Nun, das Ungeheuer aus Ruhla! Sie wissen doch!« »Ach so! Den! ... Hm ... aber wie kam denn Ihr Vater zu der Handschrift dieses Unbekannten?« Rose erzählte sehr lebhaft die empörende Begebenheit von dem Vers in dem Wartburgfremdenbuch. Selbst ihre sittliche Entrüstung stand ihr reizend. Joachim war stehengeblieben und lauschte atemlos. »Donnerwetter! Er hat das Blatt mitgenommen?« stieß er jählings hervor, und dann folgte ein langgedehnter, leise pfeifender Laut durch die Zähne. »Oh ... und er findet ihn sicher! Er hat das Autograph vervielfältigen lassen und schickt es in der ganzen Welt herum!« triumphierte Rose. Achim schwippte ein wenig nervös mit einem kleinen Fliederzweig durch die Luft. »Das kann ja recht heiter werden! Donnerwetter!« »Nicht wahr? Oh, ich freue mich auch riesig darauf. Er verdient es, exemplarisch bestraft zu werden, er hat uns ja gar zu furchtbar beleidigt!« »Uns? ... Sie auch? ... Na ich dachte, die Blumenovation, die er gerade Ihnen gebracht ...« Rose riß die Augen weit auf vor Staunen. »Woher wissen Sie denn das?!« – fragte sie höchst überrascht. Er ward ganz verlegen. »Nun ... erzählten Sie es mir nicht am ersten Tage?« »Ich denke gar nicht daran!« »Dann war es Ihre Frau Mama!« Er sagte es sehr bestimmt und Rose nickte in plötzlichem Verstehen. »Ach so, Mama! Ja, die war ja auch dabei. Und Sie nennen das eine Ovation?« »Fraglos! Man wollte Ihnen huldigen, weil Sie gewiß tiefen Eindruck auf den Missetäter gemacht hatten!« Rose blieb stehen und hob die geballten kleinen Hände. Ihre Augen blitzten ein Gemisch von Kampfeslust und Zorn. »Herr von Schilling –« rief sie – »ich bin wahrhaftig nicht kokett und möchte keinem Menschen etwas Böses zufügen, aber dem frechen Menschen aus Ruhla ... dem ... dem könnte ich kaltblütig den Hals umdrehen – Herr von Schilling – wenn er sich in mich verliebt hätte – oh, ich möchte, er hätte es! Dann könnte ich mich an ihm rächen, wenn ich ihm noch jemals im Leben begegnen würde!« »Hm ... Armer Junge!« »Sie bedauern ihn wohl gar?« »Nein, ich hasse ihn in diesem Augenblick, weil Sie ihn hassen, und wenn ich je Gelegenheit habe, ihm unverhofft zu begegnen, so schieße ich ihn zusammen. Und darum sage ich, ›Armer Junge‹, denn mit einer unglücklichen Liebe im Herzen sterben, muß sehr traurig sein!« Sie lachte. »Nein, sterben soll er nicht; im Gegenteil, er soll recht lange leben, um seine Missetaten genügend büßen und bereuen zu können!« Er trat ganz nahe an ihre Seite und sah ihr mit seinen lustigen Augen recht wunderlich in das Gesicht. Es lag beinahe etwas Schalkhaftes darin. »Haben Sie sich den gehaßten Menschen wirklich nicht angesehen?« »Nur so im ersten Schreck – ich war so entsetzt, und verwirrt dazu. Warum?« »Vielleicht war er ein recht hübsches junges Blut und hätte Ihnen bei näherer Bekanntschaft gefallen?« Sie wurde wieder ein wenig verlegen und trat schnell zur Seite auf ein Beet, um ein paar Stauden Unkraut auszurupfen. »Nein – in keinem Fall! – Ich kann schwarze Männer nicht leiden, habe mich schon als Kind vor ihnen gefürchtet! – Außerdem braucht mir gar kein Mann zu gefallen!« »Ach? Warum denn nicht?« »Heiraten tue ich nicht, und für eine unglückliche Liebe danke ich!« »Warum wollen Sie absolut alte Jungfer werden?« Sie richtete sich wieder auf und strich glättend über Schürze und Kleid. Ihre Wangen leuchteten in tiefem Rot, und die Augen blitzten. So stand die Heiderose jung und morgenschön im Tau und hob trotzig die Stacheln gegen den wilden Knaben, der ihr so gefährlich deuchte – ihr Kinderherz wußte selber noch nicht, warum. »Weil ich nicht weg von hier will, weil ich Jeseritz liebe, weil ich nicht in der Stadt wohnen mag–-! Und außerdem ...« »Wer spricht denn von der Stadt? Vielleicht wohnt der Rechte just auf dem Lande!« Wie er sie ansah! Und wie das Gespräch so wunderlich wurde! –- Rose atmete ganz beklommen. Das Necken gefiel ihr bei weitem besser. Sie lachte darum und sagte hastig: »Der Rechte kann gar nicht kommen, weil es auf der ganzen Welt keinen Mann gibt, der so schön schreibt, wie es Papa verlangt!« »Was verlangt Ihr Vater?« wiederholte er gedehnt. »Ei, eine Schriftprobe! Er hat es hoch und teuer verschworen, daß ich nur einen Mann heiraten darf, der durch seine Handschrift Garantie für einen tadellosen Charakter gibt!« »Undenkbar! Hat der Landrat auch Probe schreiben müssen?« Sie nickte übermütig. – »Und ob!« »Und hat so glänzend bestanden?« Rose zog eine schelmische kleine Grimasse: »Na, so ganz hervorragend war die Sache nicht, und das hält Papa der Salome jedesmal vor, wenn sich das Ehepaar gezankt hat! –- Ganz unter uns gesagt« –– sie trat voll reizender Wichtigkeit näher und hielt die Hand gegen den Mund, während die großen Augen sehr ernsthaft zu ihm aufschauten –- »steht sich Papa nicht so glänzend mit Siegfried, und behauptet, die Salome habe ihm damals sein Jawort nur durch List entlockt! Er will nun bei mir desto strenger und gewissenhafter sein, denn er meint, einen Schwiegersohn mit harmonischer Handschrift könne er doch verlangen!« »Donnerwetter ja ... das ist ja eine nette Geschichte!« »Eigentlich finde ich sie gar nicht so nett, denn wenn mir nun vielleicht doch einmal einer gefällt und er schreibt unharmonisch.« »Na, das wäre doch immerhin noch geschrieben! Aber was soll ein armer Teufel anfangen, der überhaupt nicht schreiben kann?« Und er hielt ihr mit wahrhaft verzweifeltem Blick seine daumenlose Hand entgegen. Einen Augenblick stand Rose sprachlos. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. – O Himmel, wie todesverlegen sie wurde! »Übermorgen gibt Tante Sidonie ihre Kaffeegesellschaft!« stieß sie jählings hervor, um von etwas anderem zu reden. »Wissen Sie was, Fräulein Rose – ich lerne jetzt mit der linken Hand schreiben!« »Erst soll es Stolle, Mandelkuchen und Zimmtstengel geben, und zum Dessert Weincreme mit Makronen!« »Nein – zum Dessert gibt's etwas viel Süßeres!!« »Ei, das müßte ich doch wohl zuerst wissen! Und was denn, wenn man fragen darf?« Joachim warf sich in die Brust: »Uns Herren!« »Nun, das ist doch nichts zum Anbeißen?!!« Und darauf lachten sie beide. Gottlob, es kam wieder zum Necken! Da waren sie beide in ihrem Element, und zwischendurch trat mal wieder eine tiefernste landwirtschaftliche Besprechung dazwischen, dann verhandelten sie höchst feierlich und ehrwürdig, bis ein Schmetterling über den Weg flog und Rose lachend versuchte, ihn mit spitzen Fingerchen auf den Primeln zu fassen. Joachim warf den Hut danach, und dann begann, ehe sie selber recht wußten, wie, eine lustige Jagd. »So tollten wir vor fünfzehn Jahren auch zusammen!« »Renommieren Sie doch nicht so, Fräulein Rose! Damals nahm ich Sie auf den Arm und spielte Hottopferd mit Ihnen!« Das war ein Thema, das immer eine lange Zeit in Anspruch nahm, aber es endete jedesmal mit Joachims Versicherung: »Komisch! Wir hatten uns damals schon riesig gern! Faktisch, Röslein rot, ich verkörperte in jeder Beziehung Ihr Ideal!« »Der Geschmack ändert sich alle sieben Jahre!« knickste sie schnippisch. »Und jetzt – nach abermals sieben Jahren? On revient toujouirs à ses premiers amours !«   XXI Welch ein geheimnisvolles Treiben in der Küche! Kein Mensch ahnte etwas davon. Nahten Schritte, so sauste Mamsell nach der Tür und schaute aus, und wenn sie dann dem Kommenden von weitem entgegenrief: »Guten Morgen, Herr Major, die gnädige Frau ist nicht hier!« – oder: »Was wünschen Sie denn, liebe Miß?« oder gar: »Die Damen sind in dem Park, Herr Landrat!« dann huschte eine graziöse Gestalt hastig in die Speisekammer, sich dort zu verbergen. Salome lernte kochen! Wahr und wahrhaftig kochen! Und Rose und alle, die in das tiefe Geheimnis eingeweiht waren, hielten so reinen Mund, als ahnten sie, wieviel Glück für zwei zunge Menschen von diesem Studium abhing. Und seltsam, was Salome früher so äußerst unsympathisch gewesen, das interessierte sie jetzt aufs lebhafteste. Welch ein Stolz, wenn sie selber eine Speise zubereitet hatte, wenn sie genau sagen konnte, was sie an Zutaten erforderte, und wenn Siegfried sie bei Tisch gar lobte und Rose, als der vermeintlichen Meisterin, große Komplimente darüber sagte. Salome sah dann errötend unter sich, oder ihr Blick huschte zu der Mutter hinüber, die ihr bedeutsam zulächelte. Allerdings war es schwer, sehr schwer, Siegfrieds Ahnungslosigkeit dabei zu ertragen. Hier, wo er Gelegenheit hatte, zwischen ihr und Rose Vergleiche anzustellen, schien sie immer mehr »Bild« für ihn zu werden. – Sie hatte den Wagen ihres Mannes, der seinen Dienst sehr gut von Jeseritz aus versehen konnte, kommen hören und stürmte in ihr Zimmer, sich von den Spuren ihres Fleißes zu reinigen. Ihr Geheimnis amüsierte sie jetzt und reizte sie, den gestrengen Tyrannen möglichst lange auf seinen Sieg harren zu lassen. Als er eintrat, saß sie im Frisiermantel und ordnete ihr Haar. Er blieb überrascht stehen, eine Wolke des Unmuts trat auf seine Stirn. »Es ist zwölf Uhr. Machst im eben erst Toilette?« »Hm. – Habe ein bißchen lange geschlafen.« »Rose ist schon seit sechs Uhr in Haus und Hof tätig.« »Mein Gott ... so laß sie doch! Es macht ihr eben Freude!« »Allerdings. Und dir macht es keine Freude.« Sie wandte das Hälschen kokett hin und her, um ihre Lippen zuckte es. »Nein, nicht im mindesten!« Er wusch sich etwas heftig die Hände. »Und du leistetest weiter nichts als zu schlafen?« Sie kicherte. »Ich träumte von dir! – Ist das nicht zehnmal wertvoller?!« Er sah sie von der Seite an. Was hatte sie? Ihre Worte klangen wie Ironie. Dabei die Heiterkeit, und das gerötete Gesichtchen, die vortreffliche Laune ... bisher nur sentimentale Unglücksmiene oder Gereiztheit und Nervosität ... was bedeutet der Umschwung, hatte sie sich etwa wieder mit Elten versöhnt? Glühend heiß wallte es plötzlich in ihm auf und griff an sein Herz. »Kommen Gäste heute?« fragte er, und seine Stimme klang so seltsam, daß Salome jäh auflauschte. »Wohl möglich! Sehnst du dich danach? Ach ... und ich bin so glücklich, wenn ich mit dir ganz – ganz allein bin!« Sie lachte abermals und ihr Blick blitzte verführerisch zu ihm auf. Dahinter steckte etwas. Er stand mit zwei Schritten an dem Tisch und riß ein Briefchen, das halb unter das Morgenhäubchen geschoben ist, hervor. »Ah ... ein Billet-doux – darf man nicht wissen von wem?« Salome war sprachlos. Wie er aussah, wie sein Auge flammte ... sollte er glauben es sei von Elten, sollte ... sollte ... Herr des Himmels, sollte er eifersüchtig sein? Sie konnte vor Überraschung nicht sprechen, sie rang nach Atem. Und er stand vor ihr und sah sie schier drohend an. Dann nahm er den Brief, warf ihn hastig hin und biß sich auf die Lippe. »Meinetwegen! Korrespondiere doch, mit wem du Lust hast!« sagte er stolz, zuckte gleichmütig die Achseln und verließ das Zimmer.   XXII Noch nie im Leben war Salome so überrascht gewesen, wie in diesem Augenblick. Sie saß regungslos und starrte noch immer auf den Fleck, wo Siegfried soeben gestanden. Er war eifersüchtig! War er es wirklich? Wie ein Taumel des Entzückens überkam es die junge Frau. – Er hatte sich verraten, er liebte sie doch, und seine Gleichgültigkeit war nur Komödie, nur ein Mittel zum Zweck! – – Und das hatte er so lange Wochen durchführen, es über das Herz bringen können, sie derart zu quälen? – Warte du Bösewicht! Dafür sollst du gestraft werden! Er sah den Brief nicht an, als er merkte, daß er aus der Rolle gefallen war. Stolz und gleichgültig warf er ihn auf den Tisch zurück – aber er hätte doch gewiß gar viel darum gegeben, wenn er ihn gelesen oder den Schreiber gekannt hätte. Salome stützte das Köpfchen in die Hand und lachte mit strahlenden Augen vor sich hin. Er vermutete ein Billet von Elten. Pfui! Wie abscheulich, ihr womöglich eine heimliche Korrespondenz mit dem widerwärtigen Menschen zuzutrauen! Darüber müßte sie eigentlich böse sein, wenn es nicht ein gar zu beglückendes Zeichen von Eifersucht wäre! O wie sie jubeln möchte! Die ganze Welt war ihr nie so sonnig und wonnig vorgekommen, wie in diesem Augenblick! – Ein Gefühl des Übermuts überkam sie –- »wohin mit der Freude?!« Das Bewußtsein, nun etwas zu lernen und künftighin etwas leisten zu können, hatte sie just heute schon mit stolzem Frohsinn erfüllt. Sie kostete das süße Selbstbewußtsein, ihre Pflicht zu tun, sich nützlich zu machen, den Anforderungen, die man an sie stellte, gerecht zu werden. Das gab ihr eine nie gekannte Sicherheit und Zufriedenheit. Sie brauchte sich nicht mehr vor Siegfried zu schämen; noch eine kurze Lehrzeit und sie würde kein wesenloses Bild mehr im Hause ihres Mannes sein. Sie atmete auf wie von Lasten befreit und empfand es jetzt erst, wie unglücklich sie sich zuvor gefühlt hatte. Und doch gab es Frauen auf der Welt, die als Tagediebinnen das Gnadenbrot im Hause ihres Mannes essen und eine solche entwürdigende Stellung gelassen ertrugen. Die mußten weder Ehr- und Pflichtgefühl, noch die wahre, echte Liebe für den Gatten kennen. Sie breitete die Arme weit aus und lachte ihrem rosigen Spiegelbilde zu. – »Du da drinnen! – Frau Salome! Er liebt dich doch! – Er ist dennoch eifersüchtig ... so sinnlos eifersüchtig, daß er dir sogar Liebesbriefe von Elten zutraut!!« Und das blonde Köpfchen nickte mit strahlenden Augen aus dem Glase heraus und kicherte. »So mußte es kommen, das verdiente der böse Schelm! – Welch ein ›lustig Weib‹ ist aus mir geworden! Es kribbelt mir in allen Fingern, ihn einmal weidlich zu necken! Ich bin ja so froh! – Was soll ich tun mit ihm, daß er sich ganz verraten muß? –- Ihn vor allen Dingen mit meinem Küchengeheimnis quälen ... und dann ... ja was noch?« Sie sann und sann und, plötzlich kam ihr ein toller Gedanke, sie klatschte vor Vergnügen in die kleinen Hände. – Ja, das war eine großartige Idee! Heute nachmittag gab ja Tante Sidonie die vielbesprochene Kaffeegesellschaft. Alle Damen würden bei ihr versammelt sein, und Siegfried sicher in dieser Zeit das Zimmer hier betreten, um eine kleine Siesta zu halten. Er würde den ominösen Brief unverändert auf seinem Platz liegen sehen, und er wird nicht widerstehen können, einen Blick hineinzutun. War er wirklich eifersüchtig, so kannte er keine Skrupel, sondern hegte nur den einen Wunsch, klar zu sehen. Er würde den Brief lesen – aber nicht den harmlosen der Frau Doktorin, der darin steckte, sondern einen anderen, der ihm alles sagen sollte, was der Schlingel zu hören verdiente. – Das sollte ein Spaß werden! Hastig holte die junge Frau ihre Schreibmappe herzu, wählte einen rosa Bogen und setzte sich mit glühenden Wangen an die Arbeit. Vor allen Dingen mußte sie die Schrift verstellen. Sie malte und kratzte mit der Feder die fremdartigsten Buchstaben und schrieb: »Geliebte! Teuerste! Namenlose Sehnsucht nach Dir verzehrt mich! Ich habe alles Herzeleid vergessen, das Du mir durch Deine Heirat zugefügt, denn ich weiß, Du bist unglücklich! Du leidest. – Ich hörte alles; wie Dein herzloser, gefühlloser Tyrann von einem Mann Dich kalt und gleichgültig behandelt, wie er schon seit Wochen neben Dir hergeht, kaum noch einen Blick, noch einen Händedruck für Dich hat! Und warum? Weil Du zartes, minnigliches Prinzeßchen Dich für zu gut hältst, um grobe Mägdearbeit zu tun! – Anstatt durch Liebe und zärtlichste Vorstellungen Dich seinem Wunsche geneigt zu machen, spielt er sich auf den Barbaren hinaus. Sein ist die Schuld, wenn er Dich, holde Frühlingsblüte, dem Sturm aussetzte, der Dich nun doch an meine Brust weht. – Ja ich komme! Ich komme als Retter und Befreier! – Ich werde Deine Ketten brechen und Dich von einem Manne erlösen, der Dich Kleinod nicht zu würdigen weiß und nicht verdient! – Ich komme, sobald ich alles vorbereitet habe. – Wenn Du willst, entführe ich Dich! – Bis dahin in Liebe – die selbstloser und zärtlicher ist als die Deines kaltherzigen Tyrannen. – Dein ewig treuer Hermann!« Ja, »Hermann« ist gut! »Hermann« ist Sammelname, so heißen sehr viele Leute auf der Welt! Salome lachte, daß sie kaum noch die Feder halten konnte! »Hermann, der unbekannte Gott, muß herniedersteigen und Herrn Siegfried Moral predigen! Er muß ihn ängstigen und foppen, er muß Frau Salome helfen, diesen herrlichen Scherz ausführen! – Kann er etwas Schlimmes anrichten? Nein, unmöglich – es gibt ja gar keinen Hermann in Feldheim, weder dort noch in der Umgegend. Also vorwärts! Wie gut die Schrift aussieht! Es ist undenkbar, daß man sie als ihre Hand erkennen kann!« Nun schnell den Brief in das Kuvert gesteckt ... und »guten Appetit« und »viel Vergnügen, Herr Landrat!« Was würde er für Augen machen! Wie er auf Hermann den Raben warten und die Pistolen für den Entführer laden! – Oh, es war ein kapitaler Scherz! Wie würden sie lachen, wenn alles sich nachher so harmlos aufklart! So, hier auf dem Tisch ... ein wenig unter die Bücher geschoben ... finden würde er den Brief auf jeden Fall! Und ausgelassen wie ein mutwilliges Kind, schmückte sich die junge Frau schöner und sorgsamer als je, wählte aus dem Strauß, welchen der Gärtner in das Zimmer gestellt, die schönsten Blüten und steckt sie an Haar und Brust, Schon erklang die Tischglocke zum ersten Zeichen. Schnell noch einen Blick in die Küche, ob ihr Schmorbraten, der Rotkohl und der Fleischpudding noch ebenso lecker dreinschauten wie vorhin ... und dann zu Tisch! Wenn sie nur ernst bleiben konnte! – Je nun, die kleine Tafelrunde war ja stets so lustig und guter Dinge, daß es genug Ursachen und Vorwand zum Lachen gab. Heute wird Salome ihr redlich Teil zu der allgemeinen Heiterkeit beitragen! Und sie tat es. Tausend kleine Kobolde lachten ihr aus den Augen, und Siegfried, der anfänglich etwas wortkarg und verstimmt seiner Frau gegenübergesessen hatte, ließ sich anstecken und amüsierte sich mit. Zwar deuchte es Salome, es sei eine etwas nervöse Munterkeit, und sein Blick, der wieder und immer wieder, wie magnetisch angezogen, zu ihr herüberflog, drückte Mißtrauen und Argwohn aus. Er begriff nicht, warum seine kleine Frau urplötzlich so verwandelt war, und machte sich allerhand Gedanken darüber.   Die Kaffeegäste der Tante Sidonie waren für vier Uhr eingeladen, und präzise zu der befohlenen Stunde rollte ein großer Partienkremser heran, der die Blüte von Feldheim in den absonderlichsten Gestalten und Farben, sowie in den mannigfachsten Jahrgängen entlud. Siegfried und Joachim standen verborgen hinter einem Parterrefenster und staunten das Sehenswerte an, Schilling noch mehr als der Landrat, denn diesem waren die Feldheimer Typen schon bekannt und gewohnt geworden. Die Mode fand schwer Eingang in dem kleinen Städtchen, namentlich bei den älteren Generationen, die auch der Ansicht huldigten: »Was ich als Mädchen gepflegt und getan, nicht will ich's als Greisin entbehren!« – Die ältere Frau Rechtsanwalt emanzipierte sich schon eher einmal – sie hatte sich jetzt endlich – wenn auch noch widerwillig, zum Tragen eines Cul de Paris entschlossen – so wie er vor fünfundzwanzig Jahren Aufsehen in der Weit erregte. Damals erlaubte ihre Mutter der Sechzehnjährigen nicht, solche Modenarrheit mitzumachen – später wollte es der Gatte nicht, jetzt aber, wo diese beiden Unerbittlichen im Grabe lagen, konnte sich Frau Malwine den sehnlichsten Wunsch erfüllen. Das schöne warme Wetter hatte die Damen zumeist veranlaßt, helle Gewänder anzulegen. Die Bergratstöchter hatten sogar »rosa« gewählt, doch versicherte Siegfried seinem Lauschgenossen: »Es ist die Abendröte, die die Fräulein markieren wollen.« Die Frau Apotheker trug noch ihren roten, goldbesetzten Baschlick, den ihr »gutes, liebes Tierchen« –- das war ihr Mann – auf der Hochzeitsreise in Frankfurt a. M. gekauft hatte, ein Prachtstück, das vor Zeiten sogar in dem Feldheimer Intelligenzblatt eingehend besprochen war. Von so etwas trennt man sich nicht. Die Rittmeisterin a. D. prangte sogar in Seide und tat sehr vornehm; sie trug einen Pompadour von außergewöhnlicher Größe am Arm. »Heiliges Linksschwenkt – was mag sie in dem Schnappsack alles mit sich schleppen!« staunte Joachim. »Das kann ich Ihnen genau sagen, ich habe das Ding mal während eines Kaffees bei meiner Frau untersucht!« flüsterte Born. »Wenn sie kommt , hat sie ein Strickzeug, einen baumwollenen Seelenwärmer, ein Paar Gummischuhe, eine Schachtel Magnesia – sie leidet am Magen – eine gestrickte Kapuze, sowie die Brille und ein Flänschchen Ohrenwatte für den Heimweg bei sich, wenn sie geht , befinden sich nur noch der Strickstrumpf, die Schachtel und Brille – sowie sehr – sehr viel Kaffeekuchen darin!« Achim prustete los vor Lachen – er konnte es getrost, denn draußen hörte man ihn nicht. Alle Damen hatten die Eigentümlichkeit, stets a tempo zu sprechen – eine immer lauter als die andere, denn jede wollte zur Geltung kommen. Man machte Knickse, die jedem Menuett zur Ehre gereicht hätten, nötigte sich eine Viertelstunde vor der Tür, wer zuerst eintreten solle, bis schließlich – Ehre wem Ehre gebührt – der Affenpinscher der Miß Howard den Anfang machte, und die dicke Apothekerin durch einen neckischen Stoß der Bergrätin ihm nachflog. Da war der Bann gebrochen, und jede drängte sich vor. Tante Sidonie hatte nichts von der gewinnenden Begrüßungsfreude der Gastgeberin im Gesicht. Im Gegenteil, sie schien heute in Grobheit zu exzellieren, was man aus dem verlegen- erzwungenen Demutslachen der jeweilig Betroffenen entnehmen konnte. »Tripp und trapp, klipp und klapp! Gott sei Dank, sie ziehen ab!« – rezitierte Schilling aufatmend, als sich der weibliche Heerhaufen, zu jedem Zungenmassaker und Wortgefecht bereit, die Treppe emporwand, nach dem Salon der Frau Professorin. »Nachher horchen wir!« schmunzelte der Landrat, »ich sage Ihnen, Schilling, es gibt nichts Spaßhafteres als Königin Klotz unter ihren Fröschen! – Habe schon alles vorbereitet. Über den Balkon können wir bequem in das Nebenzimmer gelangen, die Fenster stehen offen!« »Das ist gut. Die Tür soll ja abgeschlossen werden!« »Um so besser für die Überraschung. Und nun kommen Sie, wir wollen Kaffee trinken! Rose hat sich oben freigemacht, unter dem Vorwand, selber Waffeln backen zu wollen; sie kommt und leistet uns Gesellschaft!«   »Wenn muntre Reden ihn begleiten, so fließt der Kaffee munter fort!« Die Frau Professorin hatte ihre Gäste hinauf in ihre »gute Stube« geleitet. Auch Salome betrat an der Seite ihrer Mutter zuletzt das Zimmer, und beide Damen wechselten einen überraschten Blick. In grellstem frischestem Königsblau prangten die ehedem so alten, verschlissenen Möbel, und Tante Sidonie prüfte mit triumphierendem Blick die Wirkung dieser Neuigkeit in den Gesichtern ihrer Hausgenossen. Dann teilte sie die Plätze aus, nicht wie gewöhnlich üblich streng nach Rang und Würden, sondern wie es ihr just in den Kram paßte. Zu allgemeinem, tiefinnerstem Staunen wurde Salome an ihre Seite beordert, und darüber machte die Frau Apotheker ein so schwer gekränktes Gesicht, daß Frau von Born kein anderes Mittel wußte, sie zu versöhnen, als daß sie schnell den königsblauen Sessel vor den Platz der würdigen Dame schob, und selber bescheiden auf einem Rohrstuhl niedersaß. Das rettete einigermaßen Ehre und Reputation. Solange gegessen und getrunken wurde, war es ziemlich still; als aber eine der Damen nach der anderen sich mit dem windelförmig großen, selbstgestickten Taschentuch den Mund wischte, die Arbeit aus dem Pompadour nahm und guter Sitte gemäß Speise und Trank bis in den siebenten Himmel lobte, da begann das Büchlein der Unterhaltung zu plätschern, lebhafter und eiliger, immer toller sprudelnd, bis schließlich ein wahres Mühlengeknatter, unterbrochen von schrillen Lachtönen, durch das ehrbar stille Gutshaus von Jeseritz dröhnte. Man mußte es doch hören, wie gut sich die Damm amüsierten! Plötzlich trat feierliche Stille ein. – Tante Sidonie erhob sich und kündigte den Herrschaften eine Vorlesung aus ihrem neuen, epochemachenden, naturwissenschaftlichen Werke an. Kolossaler Beifall. Der ganze Hofstaat schwamm in Entzücken, man überbot sich, das denkbar größte Interesse zu bezeigen. »Über neue Forschungen auf dem Gebiete der Gliederfüßler, ihre Atmung durch Tracheen, über Parthenogenesis und Generationswechsel. Beginnend mit den Aptera bis zur Hemiptera, schließend mit den Rhynchota.« »Wie unbeschreiblich interessant!« exaltierten sich die Damen, und der Bergrätin Jüngste preßte schwärmerisch die Hände gegen die flache Brust: »Gerade dafür habe ich mich stets begeistert! O diese Naturwissenschaft! Selbst eine Käsemade war mir immer ein interessantes, rätselhaftes Geschöpf!« Die Umsitzenden wechselten ein paar giftig ironische Blicke. Tante Sidonie aber schlug feierlich das Buch auf und begann mit monotoner Stimme zu lesen. Alles lauschte voll Ehrerbietung, keine wagte sich zu rühren, der Respekt verbot sogar das Arbeiten. Steif und stumm, die Augen mit dem Ausdruck hilflosester Verständnislosigkeit auf die Leserin – oder in die Luft gerichtet, ließen die Schönen von Feldheim einen Schwall lateinischer Worte und unbegreiflicher Tatsachen über sich hingehen. Dazu war es drückend heiß in dem nicht allzugroßen Zimmer. Die Sonne prallte auf die Fenster und die vielen eng zusammengepferchten Menschen heizten an und für sich schon gewaltig ein. Dazu das gleichmäßige Sprechen. Die dicke Apothekerin trocknete sich die Stirn – die anderen Damen folgten ihrem Beispiel. Der Schweiß rann in Strömen. Aber was half es? Man lauschte entzückt. Allzulange würde es ja nicht dauern! – Aber es dauerte lange – die harte Stimme klang rastlos weiter, wie eine Blechtrommel. Da hob die Bergrätin mit verzweifelter Grimasse das Taschentuch – sie gähnte. Und die Apothekerin sah es – und mußte rettungslos mitgahnen – und rechts und links hoben sich die Hände an den Mund. – Welche drückende Schwüle. – Die Rittmeisterin konnte sowieso keine Hitze ertragen, sie schlief regelmäßig in der Kirche ein, und jetzt deuchte es ihr, die Frau Professorin stände auf der Kanzel und predigte. Da gähnte auch die Doktorin neben ihr – ei, es wird ja nichts schaden, Frau Sidonie sah ja nicht auf – und nach zwei Minuten sank ihr Kopf vornüber, die Frau Rittmeisterin schlief. Die Glückliche! Die Bergrätin wehrte sich auch nicht länger, sie mußte! – Auch ihr schönes Haupt neigte sich. – Ihre Töchter saßen zu weit entfernt, um sie knuffen oder treten zu können. Und die Uhr tickte, und die Sonne brütete, und die Leserin machte keine Pause. Plötzlich horchte sie erstaunt auf. Welch ein seltsam rasselnder, sägender Ton? – Sie stutzte. Da klang es wieder und abermals ... dröhnend laut und schrecklich. Salome schüttelte bedenklich den Kopf – die Tante blickte über Buch und Brille auf. – Ja, was war denn das? – Wie in Dornröschens Schloß saßen rings ihre Vasallinnen und schliefen – schliefen tief und fest – ja, die Apothekerin schnarcht sogar wie ein Wachtmeister. Nur Salome – sie war die einzige, die andächtig gelauscht hatte. Da überkam die Professorin der Zorn eines Moses, als er, ergrimmt über sein verderbtes Volk, die Tafeln des Gesetzes zur Erde schmetterte. Auch sie hob ihr Buch und knallte es voll heiligen Ingrimms auf den Tisch, daß alle Kaffeetassen hoch in die Luft flogen. Ein gellendes Schreckensgeschrei. Die Damen fahren zu Tode entsetzt aus süßen Träumen auf – die Bergrätin zetert schlaftrunken: »Eine Explosion! – Dynamit!« – und trat ihrer Nachbarin vor Angst auf die Hühneraugen. Gleicherzeit ein schallenes Gelächter nebenan. Born und Schilling standen auf der Schwelle und verneigten sich, »Wünsche wohl geruht zu haben!« sagte der Landrat, »liebe Tante, das Mädchen bringt die Bowle!« Die Professorin erhob sich steif und feierlich. Ihr Antlitz zuckte in beleidigtem Stolz. – »Gut – andere Nahrung paßt auch nicht hierher, man soll die Perlen nicht vor die Säue werfen.« – Sprach's und trug ihr Buch davon ... die Damen saßen wie gelähmt. Etliche blickten beschämt in den Schoß, andere wollten ihre Verlegenheit hinter krähendem Lachen verbergen. Die Herren halfen über die fatale Situation hinweg, außerdem kam die süße Speise und Bowle. »Jetzt schon?« wunderte man sich. Der Landrat sah sehr ernst aus. »Ja, denken Sie nur, meine Damen, Ihr Kutscher muß falsch beschieden worden sein! – Anstatt um acht Uhr, kam der Wagen schon jetzt. Ich bestimmte den Kutscher, noch die zwei Stunden zu warten, aber er behauptete, das könne er nicht – höchstens eine halbe Stunde bewilligt er!« »Dann schnell mit dem Essen heran, daß sie wegkommen!« rief die Professorin mit harter Stimme und trat neben den Landrat. »Wie kommt ihr in das Nebenzimmer? Ihr habt gehorcht!« »Allerdings. Wir hörten Sie vorlesen, da wollten wir nicht zu kurz kommen!« »Nun – und ihr seid wach geblieben?« »Selbstverständlich. Ich wollte gern die Schnitzer zählen, die Sie gemacht haben, teuerste Tante!« »Hm ... und wie viele waren es?« Siegfried zuckte die Achseln. »Je nun, Ihr Mann war ja ein bedeutender Gelehrter!« »Was habe ich damit zu tun?« »Alles, Sie haben das Buch von ihm abgeschrieben!« Der Sprecher wollte derb sein, und war daher äußerst erstaunt über das strahlende Lächeln, das über der Professorin Züge glitt. »Hm ... das läßt sich hören. – Eine größere Anerkennung kann das Buch nicht finden. – Sie haben sich mit Ihren eigenen Worten geschlagen, Herr Neffe, und alles gut gemacht, was die Brut am Kaffeetisch dort gesündigt hat.« Kein Schmeicheln, kein Bitten und Betteln, kein noch so derbes Liebesgeständnis konnte Tante Sidonie versöhnen – sie blieb ihren Gästen gegenüber ein Marmorbild. – »Habe das Gesindel neulich schon durchschaut« – sagte sie zu Herrn von Schilling – »elende Erbschleicher, weiter nichts.« Tante Sidonie gab auch das Signal zum Aufbruch, indem sie mit entsprechendem Blick die Weinflasche, aus der die Bowle nachgefüllt werden sollte, an sich heranzog, den Kork mit der flachen Hand fest einschlug und diktatorisch erklärte: »Weg damit, es trinkt niemand mehr.« Da sahen sich die Namen mit wahren Armsündermienen an und fühlten sich entlassen. Sie erhoben sich, und das Knicksen begann von neuem. Plötzlich aber dröhnte abermals ein Gelächter durch das Zimmer. Der Landrat und Joachim warfen sich auf die nächsten Stühle und hielten sich die Seiten vor Vergnügen. »Kehrt, meine Damen! Kehrt!« Das war eine schöne Bescherung! – Die neuen Aufbürstefarben, die Tante Sidonie so stolz in Anwendung gebracht, hatten sich bitter für den Tort gerächt, den die Feldheimer Namen ihrer Herrin angetan. – Jede der Schönen bewies das – en revers de la medaille ! Wer auf den königsblauen Sesseln gesessen hatte, nahm die Farbe mit nach Hause! Ein außerordentlicher Tumult erhob sich. Die schönen hellen Kleider, und dieser Anblick für die Herren! – Man vergaß den Abschied. Rückwärts zur Tür hinaus schassierend flüchteten die Holden nach dem Omnibus. Die Hinterbliebenen aber konnten sich gar nicht fassen vor Heiterkeit, und der Landrat hat nie anders von diesem Fest erzählt, als wie von dem »Pavianskaffee!« Der Kutscher hat nachher verraten, er habe noch nie im Leben so furchtbar schimpfen hören, als bei dieser Heimfahrt – und warum er zwei Stunden früher gekommen? – Ja, das ist für ewige Zeit ein Geheimnis zwischen ihm und den beiden Jeseritzer Herren geblieben. Aber sein Schatz hat am nächsten Sonntag einen nagelneuen Hut in der Kirche aufgehabt. Währendessen hatte sich Herr von Welfen sehr gelangweilt. Zeitungen gab es heute nicht, die Frauenzimmer bei Tante Sidonie waren ihm zu »quatsch!« und spazierengehen mochte er in der Mittagssonne nicht. Da setzte er zunächst eine Annonce für das Jeseritzer Kreisblatt auf, und zwar im Interesse seiner Tochter Salome – so, wie er es mit ihr und Siegfried gestern abend besprochen hatte. Ein neuer Diener wurde gesucht. – Was man auf gute Zeugnisse der Dienstboten geben kann, wußte jede Hausfrau und jeder Hausherr. Man lobte aus dem Hause hinaus, was man nicht wagte hinauszuwerfen. – Also auf Empfehlungen gab man nichts mehr, wie aber sollte man sich über die Leute orientieren? Durch die Handschrift! – Dreimal Heil der Graphologie, die die Menschenseele so durchscheinend klar dargelegt, wie die Röntgenstrahlen das geheimste Innere eines Menschenkörpers. Und der Major setzte eine Annonce auf: »Gesucht für sogleich oder später ein sehr zuverlässiger, herrschaftlicher Diener mit besten Zeugnissen. Schriftliche Anmeldung zu richten an Herrn Major von Welfen, Jeseritz.« Das war ein vortrefflicher Gedanke. Morgen stand es im Blatt. Dann brachte Wulf einen Brief, den der Kutscher des Damenomnibus abgegeben hatte. Eine Schusterrechnung. »Hm, ob das der Meister selber geschrieben hat? Wollen doch gleich mal nachsehen, was hinter dem Kerl steckt! – Seine Preise kommen mir hoch vor – wenn sich in der Schrift Anzeichen für Habgier, Gewissenlosigkeit und Verschlagenheit vorfinden, ist der Monsieur ein Betrüger und übervorteilt seine Kunden!« Mit großem Eifer und dem Behagen eines Menschen, der sich in der Lage sieht, hinter die Schliche eines andern zu kommen, trat der alte Herr an den Schreibtisch. Wo lag sein Handbuch der Graphologie? ... Nicht da? ... Hm, richtig, Salome hatte es sich gestern geholt, um etwas nachzuschlagen. – Würde noch droben in ihrem Zimmer liegen. Welfen schritt hinaus, die Treppe hinauf in die Logierstube des Bornschen Ehepaares. Er blickte umher. Ah, da lag es ja auf dem Tisch. – Nebenan plötzlich ein furchtbares Geschrei und Gepolter in Tante Sidoniens Zimmer. Gewiß war jemand mit dem Stuhl durchgekracht! – Vielleicht sonst ein Malheur – er mußte doch nachsehen! –- Hastig raffte er das Buch auf und eilte damit auf den Korridor. Da schlug ihm schon eine Lachsalve entgegen, und Siegfried schien auch dabei zu sein, denn er rief: »Wünsche wohl geruht zu haben, meine Damen!« – Na ja, wahrlich war das wackelbeinige Sofa mit der dicken Apothekerin und der Frau Rittmeister zusammengebrochen, und schadenfroh schmunzelnd zog sich Welfen wieder in sein Zimmer zurück. Er setzte sich in einen Sessel und schlug den Crépieux auf. – Ein Brief fiel ihm entgegen, er hatte sich zwischen die Blätter des Buches geschoben. »Wetter ja – ein Brief? – Etwa an mich?« Und mechanisch schlug er das steife Papier auseinander. Er stutzte. Welch eine wunderliche Schrift! Der reine Krikelkrakel! Ein Buchstabe hoch, einer niedrig, einer dick, einer dünn – keiner hing an dem andern, dieser ist deutsch, jener lateinisch geschrieben! Die großen Buchstaben waren am wunderlichsten. Weit ausfahrende Linien, Striche, Schnörkel. Alle Zeichen unter der Linie weitgebaucht oder völlig verkrümmt. Das Ganze sah aus, als sei ein Sturmwind durch die Schrift gefahren, so windschief hing sie auf dem Papier. So etwas hatte Welfen noch nie in seinem ganzen Leben gesehen! Wer war denn der Schreiber? – »Hermann?« Wer hieß Hermann? Er kannte keinen dieses Namens, doch ja – Neffe Hermann in Berlin, der Sohn seines Stiefbruders, hm. Aber der hatte doch früher ganz anders geschrieben! Allerdings schon lange her, daß der Junge von sich hören ließ. Er war wütend beleidigt, weil ihm der liebe Onkel einst eine tüchtige Ohrfeige gehauen hatte, und zwar von Gottes und Rechts wegen, denn er hatte Salome küssen wollen! – Ein Primaner, und sie noch nicht mal in der Pension gewesen! Na, er hatte ihm die verliebten Mucken ausgetrieben, und seit der Zeit maulte er. Wollte erst Jurist werden – dann sattelte er um und studierte plötzlich Musik. Hm ... und nun meldete sich der Schlingel plötzlich wieder. – Was wollte er? Der Major beginnt zu lesen. Er schüttelte immer besorgter den Kopf: »Verrückt! Total verrückt!« Und wie er das Wort aussprach, durchzuckte ihn ein lähmender Schrecken. Diese Schrift! Der verworrene, sinnlose, überspannte Inhalt der Zeilen ... kein Zweifel mehr, der Unglücksjunge ist verrückt geworden! So etwas soll ja bei den Musikern öfters vorkommen, sie fiedeln und komponieren sich das bißchen gesunden Menschenverstand weg! Armer Hermann! So jung, und so hoffnungsfreudig, und nun so! Das kam davon, wenn die Söhne so ohne alle elterliche Sorge aufwachsen mußten. Der »Männe« war stets eine verdrehte Schraube, erst schauderhaft verhätschelt und verzärtelt von der Mama, und als die gute Seele starb, noch mehr verwöhnt von dem Vater, und als auch dieser die Augen schloß, da stand das Muttersöhnchen und wußte sich nicht allein die Krawatte zu binden! Und so einen laschen Bengel nun allein in die Welt und das Leben hinaus! – Erst studiert – ewig lange – dann umgesattelt – na, man hätte ihm nur Onkel Welfen zum Vormund geben sollen, der hätte vielleicht noch was aus ihm gemacht, aber so ging die Sache naturgemäß schief. Also verrückt! Der Männe verrückt! Schauderhaft. Der Major schleppte alle graphologischen Bücher zusammen und forschte darin nach der Wahrheit seiner trüben Ahnung. – Da, es stimmte; er las die schrecklichsten Dinge aus der beinahe unheimlichen Schrift des armen Neffen. Und dann saß er da und dachte über das Unheil nach. Er wollte herkommen und Salome entführen. Das arme Wurm, davon durfte sie natürlich nichts ahnen. Ob er Siegfried in Kenntnis setzte? – Aber freilich einer von ihnen mußte ja den Brief schon gelesen haben, denn er war erbrochen. Zuerst mußte er also das Terrain sondieren. Oben gab es abermals ein furchtbares Hallo – und dann stürmten die Damen wie die wilde Jagd die Treppe hinab zum Wagen. Teufel, Donner, wie sahen sie denn von rückwärts aus? – Welfen setzte flink den Kneifer auf und dann schüttelte er sich vor Lachen, ja er vergaß sogar den armen, verrückten Hermann und eilte in Tante Sidoniens Zimmer hinauf, wo er die Familie halb aufgelöst vor Heiterkeit antraf. Frau Dora und Salome stürmten soeben den Gästen nach, um so gut es ging, die Abschiedshonneurs zu machen. Als sich der Sturm etwas gelegt hatte, zupfte Papa Ernst seinen Schwiegersohn am Arm. »Du ... Siegfried!« »Was denn, Vater? Ach, ich bin halb tot vor Lachen!« »Sage mal, hast du heute in eurem Zimmer einen Brief gelesen, der an Salome adressiert war?« Der Landrat hörte nur mit halbem Ohr, er lauschte mehr auf die Witze, die Rose und Joachim über die Paviane machten. »Hm ... habe ihn in der Hand gehabt – wollte gerade lesen, aber dann überlegte ich mir, daß mich die Briefe meiner Frau nichts angehen!... Höre mal, Rose – ihr habt um den Möbelstempel gewußt, sonst hatte sich doch wohl auch eine von euch auf solch einen perfiden Abklatschsessel gesetzt!« Der Major nickte vor sich hin. »Also Siegfried hat den Brief fraglos geöffnet, aber glücklicherweise nicht gelesen. fragt es sich, ob Salome schon Kenntnis davon genommen!« Er schritt die Treppe hinab und begegnete seiner Tochter an der Haustür. Sie lehnte ihr glühendes Gesichtchen an seine Schulter und schluchzte vor Lachen. »Ja, Prinzeßchen, es sah sehr komisch aus. Aber höre mal, was ich dich fragen wollte ... hast du eigentlich mal wieder Nachricht von Vetter Eylau gehabt?« »Vetter Eylau? – Aus Berlin?« – Salome blickte ihn mit großen Augen erstaunt an. »Nein! Wir korrespondieren ja gar nicht miteinander! Wie kommst du darauf?« »Ich meinte nur so! ... Hm ...« und er blickte dem Liebling scharf prüfend in das unschuldige Gesicht. »Nein, sie war vollkommen harmlos; derartig konnte man sich gar nicht verstellen. Also sie ahnte nichts von dem Schrecklichen, daß ein verrückter Mensch sich einbildete, sie sei unglücklich, und die fixe Idee hatte, sie zu entführen! Und sie durfte auch nichts davon wissen.« Vorläufig sollte auch Siegfried ahnungslos bleiben, und erst wenn der Unglückliche wirklich hier auf der Bildfläche erscheint, so war es an der Zeit, ihn zu warnen. Vor allen Dingen mußten Maßregeln getroffen werden, den gefährlichen Kranken so schnell wie möglich unter ärztlicher Aufsicht zurückzutransportieren. Vielleicht war der Brief auch nur in einem Moment geistiger Verirrung entstanden, und in der nächsten Stunde wußte der Schreiber nichts mehr von ihm! Also abwarten, ob er überhaupt kam. Nachher, beim Abendbrot oder morgen beim Frühstück würde er die Familie auf den unheimlichen Gast vorbereiten, denn daß er verrückt war, mußten sie schon um der allgemeinen Sicherheit willen wissen.   XXIII Man trank den Kaffee auf der Veranda. Die Wettermacher mußten sich wohl ganz und gar in der Zeit verrechnet haben, denn niemand in der kleinen Frühstücksrunde entsann sich eines Aprils, der derart sommerlich geartet war wie der heurige. Die Damen trugen helle Kleider, die Herren hatten es sich in leichten Tennisanzügen bequem gemacht und rauchten behaglich ihre Zigarren, während die Damen sich eine Handarbeit geholt hatten und vergnüglich an der Unterhaltung teilnahmen. Da der Landrat heute zu Hause bleiben konnte, war die Frühstücksstunde länger als gewöhnlich ausgedehnt. Es gab nicht leicht etwas Gemütlicheres, als dieses Beisammensitzen in der köstlich warmen, blütendurchdufteten Luft, inmitten einer Natur, über die der Lenz seine Schönheit in verschwenderischster Pracht ausgegossen hatte. Ganz besonders heiter war Salome. Sie schien recht oft aus dem Tokayerglase ihres Vaters genippt zu haben, wenigstens führte Rose lachend ihre übermütige Laune daraufhin zurück. So eifrig sie auch an dem Monogramm in dem zarten Spitzentuch stickte, ihr Blick flog doch oft genug, wenn auch unbemerkt, zu ihrem Manne hinüber, der, im Gegensatz zu ihr, ernster als gewöhnlich dreinschaute und selbst über den schönsten Pavianskaffeewitz nur zerstreut lachte. Dahingegen schauten sowohl er, wie auch der Major jedesmal mit scharfem Blick auf, wenn das Rollen eines Wagens von der entfernten Chaussee herübertönte. Oh, Salome wußte wohl, nach wem er ausschaute! Und sie biß die Zähne zusammen, um nicht laut aufzulachen über ihren herrlichen Witz. »Hermann, der unbekannte Gott!« der Entführer seiner Frau, wurde von ihm erwartet, darum blieb er auch heute zu Hause. – Wen er sich wohl darunter vorstellt? Vielleicht einen Verehrer aus Lausanne! Ihr erster Gang nach dem gestrigen Kaffee hatte ihrem schönen Skriptum in dem Logierzimmer gegolten. Sie warf sich in einen Sessel und schüttelte sich vor Lachen, denn mit Genugtuung hatte sie bemerkt, daß es von dem Tisch verschwunden war. Glücklich in dem Gedanken, daß ihr Streich gelungen sei, lachte sie still vor sich hin. Aber Hermann, mein Rabe, kam nicht. Wie sollte er auch am hellen, lichten Tage! Romeo hing die Strickleiter auch erst im Mondenschein an. Die Nadel zitterte in Salomes Hand; sie lachte ganz plötzlich laut auf und behauptete, Miß Dollys Affenpinscher gleiche der einen Bergratstochter, die habe auch ihre großen Zähne so gefletscht, als sie von den Käsemaden schwärmte. Plötzlich ließ der Major die Zeitung sinken. »Gräßlich, wie der Irrsinn in der Welt überhand nimmt!« sagte er beinahe feierlich. »Überall müssen neue Anstalten gebaut werden, Und nun kommt solch ein Unglück gar noch in unsrer Familie vor!« Alle Köpfe hoben sich mit verdutzten Blicken. »In unsrer Familie?!« Selbst Salome sah ernst aus. »Was heißt das, Papa?« Welfen staubte bedächtig die Zigarre ab, und Mamsell, die Wulf half, den Frühstückstisch abdecken, wurde ganz blaß und preßte jählings einen Teller mit Honigresten gegen die Brust. »Ihr wißt's noch nicht?« forschte der Hausherr. »Nein!« Tiefe Stille. »Der arme Vetter Eylau aus Berlin.« »Männe Eylau?! – Barmherziger Himmel!« »Ein bißchen verdreht war er immer!« nickte der Landrat. »Tatsächlich geisteskrank?« »Unheilbar.« »Gewiß überarbeitet?« »Fraglos. Armer Junge. Steckt vielleicht schon in der Zwangsjacke, denn alle Anzeichen für Tobsucht sind vorhanden!« Mamsell ließ vor Schreck den Honigteller fallen; er glitt sanft Miß Dollys Rücken herunter, und Wulf fing ihn noch geschickt auf. »Grauenvoll! –« »Woher weißt du es denn, Papa?« »Brief.« – Welfen stieß das Wort kurz durch die Zähne hervor und paffte eine dicke Dampfwolke. Sein Blick zuckte zu zu Salome hinüber. Sie blieb auch jetzt ganz harmlos und sagte nur: »Sicherlich ist die Musik daran schuld, die fällt so auf die Nerven! Wo ist er denn jetzt, Papa?« »Weiß nicht. Wohl möglich, daß er schon in einer Anstalt ist, manchmal haben ja aber gerade diese Kranken ein sehr feines Gefühl für ihre drohende Überführung und entwischen den Ärzten, die sie transportieren sollen!« Mamsell trocknete sich mit der Schürze den Angstschweiß von der Stirn, sie graulte sich so furchtbar vor den Tollhäuslern. In den Hof rollte ein Wagen. »Wer kommt denn? – Vielleicht der Doktor?« Alles schaute und lauschte. Stimmen wurden laut, Schritte klangen auf dem Kies, und um die Ecke des Hauses bog eine hohe, hagere Jünglingsgestalt im wehenden grauen Havelock, gefolgt von Bachmann. Der Fremde blickte zur Veranda herauf und schwenkte sehr ungestüm den Hut – gleicherzeit aber ein lauter Aufschrei der Frau von Welsen: »Da ist er! Vetter Eylau!« Erschrocken sprang die ganze Gesellschaft auf. Die Damen mit gellendem Schreckensschrei, die Herren im ersten Moment fassungslos. Am lautesten zeterte die Mamsell, sie ließ das ganze Kaffeebrett fallen, fuchtelte mit den Armen wild durch die Luft und raste wie von bösen Geistern verfolgt, davon. Vetter Eylau stand vor Entsetzen wie angewurzelt, Welfen aber flüsterte drohend durch die Zähne: »Ruhig! Keiner rührt sich vom Fleck und läßt den Unglücklichen ahnen, daß wir von seinem Zustand wissen. Wir haben jetzt kein anderes Mittel, als ihn durch List einzufangen! Also ruhig Blut!« Und er schritt dem Gast eilig entgegen und reichte ihm herzlich die Hand. »Aber Männe! Du kleiner Schäker! Was sind denn das für Witze? Uns derart zu überraschen! Die Damen sind ja ganz nervös geworden über eine so unvermutete Erscheinung!!« Eylau schüttelte lachend die dargereichte Hand. »Grüß dich Gott, lieber Onkel! Ja zum Teufel, überrasche ich denn? Ist etwa mein Brief mit der Anmeldung nicht eingetroffen?« Frau von Welfen sah etwas blaß aus, aber sie begrüßte den Neffen auch sehr herzlich, und die anderen traten ebenfalls zaghaft herzu. »Dein Brief? – Nein, ein Brief von dir ist nicht eingetroffen!« »Seltsam –! Habe doch vorgestern abend geschrieben!« »Nun, dann kann er noch nicht hier sein!« lachte der Major und klopfte dem jungen Mann beruhigend auf die Schulter. »Gestern war Sonntag! Also kommt er erst heute nachmittag mit der Post an!« Der Landrat trat mit Joachim herzu und bat, die Herren bekannt zu machen. Welfens scharfer Blick ruhte forschend auf dem Neffen, als er Borns Namen nannte, und die beiden Nebenbuhler sich die Hand reichten. Siegfried ahnte noch nicht den Entführer, den Wolf im Schafspelz in ihm. Eylau versicherte mit höflichsten Worten, wie es ihn freue, den neuen Verwandten kennenzulernen, er habe sich seinerzeit herzlichst über die Verlobung gefreut und würde gern zur Hochzeit gekommen sein, wenn er sich nicht auf Reisen befunden hätte! »Dieser Heuchler! Dieser Erzschelm!« dachte der Major ingrimmig, »wie er sich verstellen kann! Aber das ist so recht bezeichnend, wie schlau und raffiniert die Verrückten sind!« Frau Dora bat, Platz zu nehmen. Wulf sammelte die Scherben von der Erde auf, und bekam Befehl, ein Frühstück für den Herrn Referendar zu servieren. »Das bist du doch, Manne, nicht wahr?« fragte sie freundlich ihren Gast. »Dein Examen machtest du ehemals!« »Allerdings, liebe Tante!« bejahte der junge Mann höflich und warf den grauen Havelock ab, seine lange, sehr dürre Gestalt erschien in gemäßigtem Gigerlkostüm, welches ihn wie ein Sack umschlotterte. »Ehe ich mich der Musik zuwandte, war ich schon die erste Staffel auf der Ministerleiter emporgeklettert.« Er ließ sich nieder, und Welfen und Born drängten sich von jeder Seite geschickt neben ihn, während die Damen alle an einer Ecke des Tisches zusammenrückten. Die Herren bezogen die Wachtposten neben dem Tobsüchtigen. »Und das Studium der Musik sagt dir zu?« fuhr Welfen fort. Eylau zuckte die Achseln. »Es ist rasend anstrengend. Es konsumiert Nerven wie kein anderes – und ich muß leider selber eingestehen, daß ich in letzter Zeit sehr nervös und zerstreut geworden bin! Die kleinste Kleinigkeit regt mich auf!« Man wechselte allgemein sehr einverständnisvolle, scheue Blicke. – »Und die Stellung als Dirigent mußte ich aufgeben, weil ich tatsächlich nicht die Kraft hatte, die Anstrengungen zu bewältigen. Tag und Nacht nur Noten, Melodien – Orchesterspektakel im Kopf, das war rein zum Verrücktwerden!« »Ach Gott!« schrie Rose erschrocken auf, und Salome und Mißchen faßten sich krampfhaft bei der Hand. »Sie haben schon selbständig dirigiert?« fragte der Landrat höflich. »Davon wußten wir ja nichts!« Eylau machte ein paar heftige Bewegungen mit seinen langen Armen. »Das versteht sich, habe den Taktstock tapfer geschwungen!« lachte er, »man erzählt sich sogar eine Anekdote darüber! Als der erste Kapellmeister von dem Komitee die Anschaffung von fünfundzwanzig neuen Taktstöcken verlangte, wurde er ersucht, ein solch seltsam unbescheidenes Verlangen zu motivieren, er tat es in lakonischster Weise: ›Taktstock von Holz – Pult von Eisen – Eylau sehr nervös!‹ – – Ich hatte in der Tat in sehr kurzer Zeit fünf Taktstöcke zerhauen!!« Allgemeine Heiterkeit, sogar die Damen gewannen es trotz ihrer Angst über sich, mitzulachen. Wulf deckte und trug das Frühstück auf, und hinter der Hausecke lugten die ängstlichen Gesichter des Küchenpersonals hervor, das den »verrückten Tollhäusler« sehen wollte. »Na und sage mal, mein guter, alter Junge, wie kamst du auf die Idee, uns hier einmal zu besuchen?« forschte der Major gemütlich. »Ja, Onkelchen – ehrlich gestanden – kam das sehr plötzlich.« – Männe langte wacker zu und belegte sich ein Brot mit Schinken. – »Weißt du, wenn man als Rentier in der Residenz lebt, und viel verkehrt, klexen sich einem alle möglichen Freunde an, die man nie gerufen hat, und die man nicht wieder los wird – gleich den klassischen ›Geistern‹! So ging es mir mit einem jungen Doktor. Der Kerl lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen und nassauerte überall herum. Er hatte es auf mich ganz besonders abgesehen. Verschrieb mir ein paarmal Phenacetinpulver gegen meine Kopfschmerzen und seit der Zeit klebt er! Wo ich ging und stand, war der Herr Doktor hinter mir –« abermals wechselten die Umsitzenden sehr bedeutungsvolle Blicke – »ich mußte überall die Zeche bezahlen, und weil ich das anfangs gutmütig tat, zog der verfluchte Kerl sogar noch in dieselbe Pension, wo ich wohnte und wurde vollends mein Schatten!« »Ein Irrenarzt?« flüsterte Rose schreckensbleich ihrem Nachbar Joachim zu, und dieser nickte. »Na, ich sagte dem Monsieur endlich, als mir die Sache zu bunt wurde, ich müßte verreisen! – ›Wohin? – ich begleite Sie!‹ Na das fehlte mir noch. Zu Verwandten! ›Wo wohnen die?‹ Ich gab selbstverständlich eine falsche Adresse an, sagte in Schlesien, bei Breslau! ›Ach, das trifft sich brillant! In Breslau wohnt meine Großmutter, die ich gern besuchen möchte! Bester, teuerster Eylau, Sie müssen mich mitnehmen! Als Leibmedikus – als Kammerherrn – als Stiefelputzer – ganz egal, wenn ich nur mitkomme!‹ – Na, da saß ich schön in der Tinte; aber kurz entschlossen – ich überlistete ihn und kniff ihm aus. Hierher zu euch. – Wenn er mich hier auswittert, ginge es mit Teufelsspuk zu, denn ich habe alle Vorsichtsmaßregeln gebraucht. Hätte ich dem Kerl nur grob werden können! Aber dazu bin ich leider zu gutmütig, und darum beutete er mich aus. Na, Gott sei Dank, ich bin ihn los – und ihr habt mich dafür auf dem Halse! Prost meine Herrschaften! Auf Ihr Wohl!« »Ich muß sofort an den Arzt telegraphieren!« raunte Welfen seiner Frau ins Ohr, und dann forschte er liebevoll, wie dieser gräßliche Mensch geheißen und wo er wohne. Männe riß den Filzhut vom Kopf und knöpfte sein Jackett auf. »Puh, diese Hitze! – Ihr Damen habt es gut in euren leichten Kleidern! Oh, ich hasse die Hitze! Sie steigt mir gleich zu Kopf. Und dabei bin ich doch gar nicht dick. Übrigens, Kusinchen Salome – du bist eine reizende kleine Frau geworden – und du, liebe Rose, ein entzückendes Mädel! Ich bin Blumenfreund – ich bete das ewig Weibliche an! Und doch habt ihr mir noch nicht einmal eine Hand gegeben! Das war doch früher nicht so? – He?!« – und er streckte seine langen Arme rechts und links über den Tisch und bot den Kusinen die langfingrigen Hände. Beide wichen entsetzt zurück. Aber Joachim hauchte Rose hinter dem Schnupftuche zu: »Um Gottes willen, reizen Sie ihn nicht!!« – worauf die Kleine ihm ihr zitterndes Händchen reichte. »Ich trinke dich, himmlische Frühlingsluft! Die Rose, sie sei mein Becher! Es wallet empor ein berauschender Duft, ach ich fröhlicher, seliger Zecher!« sang Männe plötzlich mit schmetternder Stimme, hob abermals das Weinglas und leerte es. Dann fuhr er plötzlich mit den Händen nach dem Kopf: »Oh, diese verdammten Melodien! Immer spuken sie einem im Kopf herum – gleich kommen die Stiche! – Hätte keinen Wein trinken sollen, die Eisenbahnfahrt und die Extrapost hierher haben mich sowieso schon aufgeregt und nervös gemacht!« Frau von Welfen erhob sich: »Dann wirst du gewiß gern ein wenig ausruhen wollen!« sagte sie hastig, »entschuldige mich einen Augenblick, ich will dein Zimmer zurecht machen lassen!« »Wir helfen dir, Mama!« – Die Damen sprangen wie erlöst empor und drängten sich nach. Herr von Welfen aber flüsterte hastig seiner Frau zu: »Ein möglichst entlegenes Parterrezimmer – am besten den Saal – da kann er nicht viel demolieren!« Und dann flüchteten Mutter, Töchter und Mißchen in das Haus. Allmächtiger Gott, diese Angst! – Mamsell war ganz verzweifelt, das weibliche Küchenpersonal schluchzte hoffnungslos in die Schürzen. Mamsell hatte erzählt, was so ein Wahnsinniger schon angerichtet habe, das Haus in Brand gesteckt, die Menschen ermordet, alle Sachen kurz und klein geschlagen, und keiner könne solch einem Menschen beikommen! Nun wurde in dem Saal ein Bett aufgeschlagen und ein Waschtisch herzugebracht! »Aber um Gottes willen kein Wasser in die Karaffen!« jammerte Mamsell. »Die Tollen können kein Wasser sehen, dann werden sie gleich wild! 's ist wie bei der Hundswut!« »Alle Sachen aus dem Zimmer herausschaffen, die er demolieren könnte!« »Schließe die Nebentüren ab und nimm die Schlüssel an dich, Salome!« »Ach Gott, die Küche liegt gerade hier drunter! Wir werden den ganzen Spektakel am schrecklichsten hören!« »Und er bekam schon die Stiche im Kopf!« rang Rose die Hände. »Das bedeutet sicher einen Ausbruch!!« »Wenn er sich nur nicht mördert!« flüsterte Mißchen, »es darf nicht sein hier eine Messer oder Strick!!« »Unbesorgt! Wenn wir ihn erst glücklich hier in das Zimmer hineingelockt haben, ist er ja sicher eingesperrt, und dann telegraphiert Papa an den Arzt – und wir lassen noch den Doktor aus Feldheim holen – –« »Mama – sie kommen schon mit ihm! Sie kommen!« Laut aufkreischend stürzten die Mägde und Mamsell zur Tür hinaus, die jungen Damen folgten in blinder Hast, und nur Frau von Welfen erwartete mit blassen Lippen den unheimlichen Gast. Die Herren nahten heiter plaudernd. »Eylau will sich gleich ein bißchen legen und noch vor Tisch etwas schlafen. Sein Kopfschmerz meldet sich, und dem möchte er rechtzeitig vorbeugen.« »Ach ja, liebe Tante, ich kann das Eisenbahnfahren gar nicht vertragen!« stöhnte Männe und wühlte die Hände in das Haar; »aber ich denke, ein Stündchen Ruhe macht alles wieder gut!« »Ganz gewiß, mein armer Junge, lege dich nur hin und schlafe tüchtig aus!« »Zum Essen brauchst du ja heute nicht zu kommen, wir heben dir auf! Vor allen Dingen schlafe!« Dann zogen sich die Gastgeber zurück. Hoch aufatmend drehte der Major den Schlüssel herum und zog ihn ab. »So, der wäre besorgt und aufgehoben, nun schnell die Depesche aufgesetzt und Hilfe geholt.« »Wenn man nur eine Zwangsjacke herbeischaffen könnte!« »Zur Not telegraphieren wir um Hilfe in die nächste Irrenanstalt.« Auf leisen Sohlen entfernte man sich. Währenddessen schritt Herr von Eylau langsam in seinem Zimmer auf und nieder. Staunend musterte er das große, kahle Gemach, das ein Speise- oder Tanzzimmer zu sein schien. Es war so gut wie gar nicht möbliert. Nur das Bett stand an der Wand, ein Stuhl daneben, seitlich der Waschtisch und am Fenster ein alter Korbsessel mit einem Rauchtischchen davor. Etliche Zeitungen lagen auf dem Fensterbrett. Seltsame Einrichtung für ein derart komfortables Gutshaus wie Jeseritz. Allerdings war ja zur Zeit noch mehr Logierbesuch anwesend, und er, Eylau, kam überraschend. Tat er recht daran? – Ihm blieb wirklich kein anderer Ausweg, sich vor der klettenhaften Zudringlichkeit seines Verfolgers zu retten. Eigentlich hätte er dem Onkel die volle Wahrheit sagen sollen, daß er den Kerl für einen Hochstapler und Schlepper für eine geheime Spielhöhle hielt, aber dann hätte der gestrenge Moralist sofort die Nase gerümpft und gefragt: »Wie ist es möglich, daß ein anständiger junger Mann überhaupt in solche Gesellschaft hineingerät!« »Du lieber Gott! – Wie kannte man hier in dem einsamen Jeseritz das Sodom und Gomorrha einer Großstadt?« Der ehemalige Referendar schritt unruhig auf und nieder. – Er hatte noch keine Ruhe, um sich niederlegen zu können, seine Migräne war im Anzuge, das fühlte er. Oh, diese Eisenbahn! Er hatte sie seit jeher gehaßt, und seine Nerven waren empfindlicher als je. Sehr unangenehm, gleich als Patient hier im Hause aufzutreten. Das beste würde sein, er beugte den unleidlichen Kopfschmerzen vor, nahm ein Pulver, legte ein nasses Tuch auf den Kopf und versuchte zu schlafen. Ruhig schien es ja im Hause zu sein, und im Garten klingelte weder die Pferdebahn, noch dröhnten die Lastwagen oder rasselten Droschken und Equipagen, nur die Vögel zwitscherten in dem Blütenmeer der Bäume! Eylau trat an das Fenster und blickte entzückt in die Frühlingspracht hinaus. Er strich langsam mit der Hand über das farb- und fleischlose, schon jetzt von zahllosen Rinnen durchzogene Gesicht. Es lag zumeist der wehleidige Ausdruck verzärtelter Weichheit darin, etwas krankhaft Altes, das gewaltsam vertuscht werden soll. – Er tat gern forsch, aber er war es nicht –- im Gegenteil, er gehörte zu den ängstlichsten und mißtrauischsten Menschen, die es gab, und seine Sorge um sich selbst war die Wurzel seiner Nervosität. – Er entfloh nicht aus Geiz oder Widerwillen vor seinem zähen Freunde, sondern lediglich aus Angst. Er traute ihm nicht. Er witterte einen Dieb, einen Mörder in ihm, der ihn ausbaldowern wollte. Er war so leicht mißtrauisch und wurde dadurch furchtsam. Seine Phantasie malte ihm stets die schrecklichsten Möglichkeiten aus. Auch jetzt, als er voll eitel Wohlbehagen in den Park hineinschaute, wand sich die Schlange durch das Paradies. Er sah, wie Bachmann und ein alter Gartenarbeiter, die beschäftigt waren, den Rasen zu sprengen, ihn bemerkten, und wie sie sofort die Köpfe zusammensteckten und ganz sonderbare Mienen aufsetzten. Sie sprachen über ihn – und zwar nicht in wohlwollender Weise, das sah man. Und nun kam noch ein Weib dazu – sie deuteten verstohlen nach seinem Fenster, und die Alte fuchtelte wie besessen mit den Armen durch die Luft, dann wieder stellte sie sich hin und glotzte ihn hinter einem Busch hervor an, wie man ein Ungeheuer mit haarsträubendem Entsetzen mustert. Was sollte das bedeuten? Eylau fuhr schon wieder ganz nervös empor und suchte nach einem Spiegel, ob er irgendetwas Absonderliches an sich habe? –- Eine schwarzgefärbte Nase oder dergleichen ...! Aber er fand keinen Spiegel in dem Zimmer. Warum waren alle Menschen so wunderlich? Die ganze Frühstücksgesellschaft benahm sich so eigentümlich, und die Dienerschaft war vollends wie von Sinnen! Seine Schienbeine taten ihm noch weh von dem Kaffeebrett, das das alte Trampeltier von einer Mamsell dagegengefeuert hatte. So etwas furchtbar Außergewöhnliches konnte doch ein überraschender Besuch auf dem Lande nicht sein! – Je nun, mochte es sein wie es wollte, Aufregung und Nachdenken verschlimmerten die Migräne. Eylau nahm ein Pulver und wollte einen Schluck Wasser hinterher trinken. Aber die Flasche war leer. »Tolle Wirtschaft!« brummte er. Und nun legte er sich sein Taschentuch als Kompresse zurecht und wollte es in kaltes Wasser tauchen. Er hob die Waschkanne. Sie war federleicht und ungefüllt. »Verfluchte Wirtschaft! Können doch wissen, daß man sich als erstes nach der Reise wäscht! – Aber die Dienstbolzen scheinen hier eine nette Sorte zu sein!« – Dabei fühlte er, wie ihm Ärger und Erregung das Blut nach dem Kopfe trieben, wie seine Galle bereits anfing zu arbeiten. Er sah sich nach einer elektrischen Klingel um. Is nich – umsonst! – Vielleicht ein Klingelzug? Auch nicht. – Na dann nur zur Tür hinausgerufen! Er gewann mit großen Schritten die Schwelle und drückte auf die Klinke. »Na? – Zum Teufel Donnernw... wie geht denn dies verdammte Schloß auf? Er ratterte – drückte – schob daran ... umsonst. Die Tür öffnete sich nicht. – Die Zornesröte auf seiner Stirn vertiefte sich. Er nahm die Faust und klopfte. – Erst leise, dann lauter – schließlich donnerte und paukte er gegen die Tür. Horch? – Huschten da draußen nicht Schritte? Jawohl, man hörte ihn und kam – aber man öffnete nicht. War denn die ganze Gesellschaft hier übergeschnappt? »Bedienung! ... heda! ... Bedienung!« er schrie es aus Leibeskräften, und dann holte er den Stiefelknecht und paukte gegen die Tür, daß das morsche Holz in allen Fugen ächzte. Draußen aber stand das ganze Personal an der Treppe und lauschte mit angstverzerrten Gesichtern, und Wulf meldete soeben den Herren auf der Veranda, daß die Tobsucht bei dem unglücklichen Herrn Referendar ausbreche. »Sind die Fenster verwahrt, daß er nicht von dort ausbrechen kann?« fragte der Landrat hastig. »Nein – daran hatte niemand gedacht!« »So müssen die Außenläden vor!« »Aber wie?« »Es sind drei Fenster! Wir schleichen uns heimlich heran, lösen die Riegel leise und schlagen die Läden a tempo zu!« »Ja, das ist das einzige! Gütiger Himmel, hört doch, wie der Unglücksmensch spektakelt! Es ist furchtbar! Die armen Damen!!« Die drei Herren stürmten um das Haus herum und schlichen unter die Fenster. Bachmann kam ihnen, zitternd vor Angst, entgegen. »Alle guten Geister, Herr Major – hören Sie ihn?!« »Schnell zurück auf Ihren Platz, Bachmann! Beobachten sie die Fenster, und sowie Sie sehen, daß er eines öffnen will, geben Sie uns ein Zeichen!« Bachmann stürzte zurück auf den Rasen, neben seine Spritze und starrte auf die Fenster. Welch ein Höllenspektakel in dem Saal – jetzt klirrten auch schon Scherben!! – Währenddessen empörte sich Eylau immer mehr gegen eine derartig nichtswürdige Behandlung. »Oh, ich will euch schon zwingen, mich zu hören!« dachte er, knirschend vor Wut, »ich will euch lehren, einen Gast zu ehren!« – und dabei nahm er Waschkanne und Waschbecken und schmetterte sie gegen die Tür. »Aufmachen!! – heda!! – verfluchtes Gesindel von Dienstboten! Aufmachen! – Onkel!! – Onkel!! – Hilfe!!!« Aber es rührte und regte sich nichts, obwohl er deutlich Stimmengetuschel und Schritte von der Treppe her vernahm. Was tun? – Abwechslungshalber einmal aus dem Fenster schreien. – Vielleicht »Feuer!« – Das zog am Ende! – Und Eylau sprang mit ein paar mächtigen Hechtsätzen nach dem Mittelfenster, stieß den Riegel zurück und öffnete. In demselben Augenblick aber, als er sich hinausbeugen will, um Bachmann, dem Hornochsen, der wie angewurzelt dastand und herüberglotzte, zuzurufen, tat der Teufelskerl einen Pfiff durch die Zähne, richtete wie ein Besessener den Schlauch der Gartenspritze gegen ihn und – hui – brrrrrr – sauste ihm der kalte Strahl ins Gesicht, daß er hinten über taumelte und jählings auf der Erde saß! Er stieß einen Wutschrei aus und wollte sich aufraffen, da knallte es plötzlich dreimal nacheinander, als ob Kanonen losgeschossen würden – ein Krach und Herr von Eylau saß im Dunkeln. Himmelschockbombenelement!! – – Was war denn das? – Ah ... perfide! – rasende – himmelschreiende Gemeinheit! – Man hatte von außen die Fensterläden geschlossen. Er war in ein Narrenhaus geraten – fraglos. Ächzend rappelte er sich von der Erde auf. Das Wasser triefte ihm vom Kopf herunter, sein Anzug war quatschenaß, und der Fußboden schwamm. »Na – Wasser habe ich wenigstens!« philosophiert der maltraitierte Logierbesuch, der plötzlich sehr ruhig und todesmatt in der Dunkelheit hineinstarrte, »aber man hat eine merkwürdige Art hier im Hause, es zu servieren!« Die Kälte auf dem Kopfe tat ihm wohl; das Taschentuch saugte sich am Anzug und von der Erde die Feuchtigkeit ab, »So, eine Kompresse haben wir auch; nun heißt es, sich in Geduld fassen, bis das Gutshaus von Jeseritz den abhanden gekommenen Verstand seiner Bewohner wieder gewinnt.« Mit Gewalt richtete er hier nichts aus, das sah er ein. – Auch fühlte er sich wie zerschlagen an allen Gliedern; das Spektakelmachen hatte ihn furchtbar angestrengt, solche Übungen war er nicht gewohnt, und hier hatte er sich abgetobt, als habe er den Veitstanz. – Wenn nur das Bett nicht auch etwas von der Spritze abbekommen hatte! Langsam schlurrend tastete sich Hermann mein Rabe nach der Lagerstatt. Nein, sie war trocken. Gott sei Dank! Mechanisch streifte er den Rock ab, legt die Kompresse auf seine hämmernde Stirn und streckte sich aus dem Lager aus. – Mochte kommen, was da wollte – ihn schreckte und störte nichts mehr – er mußte schlafen. Tuck ... tuck ... tuck ... tropft das Wasser vom Fensterbrett und ein Tropfen rollte ihm aus dem Haar recht kalt ins Ohr hinein – Eylau schüttelte sich mit einem Märtyrerlächeln, seufzte tief und schmerzlich auf und schloß die Augen. Nur schlafen – schlafen! XXIV Währenddessen hatte sich die Familie von Welfen wieder in dem Gartensalon versammelt und lauschte voll stummen Entsetzens auf das Wüten des Unglücklichen, dessen Schreien und Poltern deutlich durch die Wand zu vernehmen war. Salome sprach in ihrer Todesangst ein Stoßgebet ums andere – Rose sah zum erstenmal im Leben bleich wie eine Kalkwand aus, und Frau von Welfen trocknete die überströmenden Augen. Auch die Herren blickten ernst darein, ließen in ihrer Aufregung die Zigarre ausgehen und berechneten im stillen, wann wohl der herantelegraphierte Doktor als rettender Engel erscheinen könne. »Wie bringen wir ihm nur während der Zeit etwas Essen bei?« stöhnte Frau Dora, »wir können doch den Unglücklichen nicht verhungern lassen!« Alle möglichen und unmöglichen Vorschläge wurden gemacht. Keiner war annehmbar. »Ich weiß es!« sagte Rose, »es ist ja der alte Speiseaufzug in dem Zimmer, den lassen wir in die Küche herunter, stellen das Essen drauf und lassen es nach oben fahren!« »Unmöglich! Er müßte dazu die Schranktür öffnen und dazu hat er keine Überlegung mehr. Außerdem sind die Abteilungen aus dem Aufzug herausgenommen!« »Je nun, Kinder, ängstigt euch nicht um solche Dinge! Der Doktor aus Feldheim ist jedenfalls in ein paar Stunden hier, und unter dessen Anleitung werden wir den armen Männe schon behandeln können. Außerdem tritt meistens nach der Tobsucht ein Zustand völliger Erschöpfung ein. Hört ihr? Es ist plötzlich still!« »Ja, ganz still! – Ich höre nichts mehr!« »Er beruhigt sich!« »Vielleicht hat sich der Unglückselige den Schädel eingerannt!« »Entsetzlich!« »Um Himmels willen, sage so etwas nicht!« »Unsinn! Die kalte Dusche hat ihn ernüchtert und abgekühlt. Eine vortreffliche Idee von Bachmann; die Todesangst machte ihn gewitzigt!« »Aber vielleicht liegt er doch in seinem Blute – mit zerschmettertem Schädel – und keiner kommt dem Sterbenden zu Hilfe!« Salome schrie auf und drückte voll Grauen beide Hände gegen die Ohren, »Ich komme um! Ach ich kann kaum noch atmen ... solch ein Gedanke ... Hier im Hause so schreckliches –« »Nein, er lebt! Er geht umher ...« Der Landrat stand an der Wand und drückte das Ohr gegen die Tapete – ich höre ihn ganz deutlich ... jetzt kracht das Bett ...« »Gott sei Lob und Dank, er legt sich zur Ruhe!« »Er wird schlafen! Nun ist die Gefahr für eine lange Zeit vorüber!« Alle atmeten auf wie von Zentnerlasten befreit. Man saß noch ein Weilchen im flüsternden Gespräch, dann sah der Major nach der Uhr. »Es bleibt still, er ist fraglos in den lethargieähnlichen Zustand verfallen – der hält viele Stunden – oft tagelang an. Kommt, Kinder, laßt uns zu Tisch gehen, ich habe trotz all der Aufregung doch einen barbarischen Hunger!« »Ach, wie kann man in solch einem Zustand essen!« wehklagte Salome – »mir ist ganz übel vor Angst!« »Was da! Dein leerer Magen knurrt!« – schüttelte Siegfried den Kopf – »komm – ich führe dich zu Tisch!« »Rose – schelle Wulf! – Es soll angerichtet werden!« «Ich helfe Ihnen schellen –« versuchte Joachim zu scherzen, »wir ziehen ja stets an einem Strick!« Aber der Scherz weckte nur ein wehmütiges Lächeln auf dem blassen Gesichtchen der jungen Dame. Nach dem Essen schlug Herr von Welfen vor, um die erregten Gemüter zu beruhigen, solle jeder sich zurückziehen und eine kleine Siesta halten. Aber er stieß auf Widerspruch. Die jungen Herren hielten es für notwendig, das »Gefängnis« zu bewachen. »Man kann nicht wissen, was passiert!« meinte der Landrat. Dem stimmte der Major bei. »Gut, rauchen wir zusammen unsern Tabak auf der Veranda!« nickte er. Frau von Welfen und Rose schliefen nie am Tage, sie setzten sich zu den Herren, und nur Salome fühlte sich gar zu elend und zog sich zu kurzer Ruhe auf ihr Zimmer zurück. Kaum hatte Wulf den Kaffee auf der Veranda serviert, als der Postbote die große Federtasche überreichte. Welfen öffnete. »Hm ... nur ein Brief ... an mich ... von wem? Handschrift unbekannt!« »Bitte öffnen!« Er schnitt das Kuvert auf und begann zu lesen. Groß und starr wurde sein Blick. »Donnerwetter ... von Hermann!« »Ah, richtig! Der verspätete Anmeldebrief!« Der Major schüttelte betroffen den Kopf. »Undenkbar, es ist ja gar nicht seine Schrift –« und er zog einen Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und hielt beide Bogen vergleichend nebeneinander. »Nein – eine absolut fremde Schrift!« »Hast du denn schon einen Brief von ihm?« »Na, gewiß – hier, das denunzierende Schriftstück!« »Welches?« »Ei, seinen ersten Brief an Salome!« »An Salome?« »Nun ja, ich fing ihn zufällig ab, ehe sie ihn in die Hände bekam! Hier seht, lest – die ausgesprochene Schrift eines Wahnsinnigen, was durch den Inhalt bestätigt wird! – Da Siegfried! Ein Gottes Segen, daß ihn Salome nicht las!« Allgemeines, starres Staunen. »Und nur auf die Schrift hin erklärtest du ihn für verrückt, Papa?« Born sprang erregt auf. »Dieser Brief ist eine Mystifikation! – Er stammt überhaupt nicht von Eylau! Er ist als infame Malice, als Ironie von irgendeinem Feldheimer Paviansweib verfaßt! Aus Rache!« »Fraglos! Dieser Brief ist also tatsächlich der echte Eylausche, der andere muß ja ein Falsifikat sein!« »Allmächtiger Gott – dann ist er ja aber gar nicht verrückt!« »Kinder! Habt ihr den Ausbruch der Tobsucht vergessen?« »Ja, das ist allerdings seltsam –!« »Welch eine Verwirrung! Vielleicht hat er seine Hand nur in dem einen Brief verstellt?« »Unmöglich! War der erste denn auch in Berlin aufgegeben, Papa?« Der Major kraute sich den Kopf. »Teufel ja – ich habe das Kuvert als Fidibus verbraucht!« »Aber du schneidest immer die Marke heraus?« »Richtig – ich steckte sie hier in die Brusttasche! Wartet mal ... da ist sie ... vortrefflich – –« »Weiter keine in der Tasche?« »Nein – sie muß die richtige sein!« Alle Köpfe neigten sich erregt zusammen. »..ldheim« – buchstabierte der Landrat und rief voll Triumph: »Ich sage es ja – Feldheim! – Das ›F‹ und ›e‹ ist auf den Umschlag gedruckt! Also fraglos eine ganz nichtswürdige Mystifikation! Und sage Vater ... auf Wort ... Salome weiß nichts von dem Brief?« »Nein, ich versichere dir! Ich fragte sie sofort aus, sie war absolut harmlos! Auch bekam ich den Brief aus Zufall zuerst in die Hand, weil er sich in ein Buch geschoben hatte! »So! Nun, den lieben Schreiber will ich ermitteln! Sei so gut, mir den Brief zu überlassen, Papa?« »Herzlich gern! Wenn er gefälscht ist, hat er gar keinen Wert für mich!« »Aber Ernst! Kinder – ich beschwöre euch, wenn er nun gar nicht krank wäre?! Wenn ihn nur die verschlossene Tür, der Mangel an Wasser, die Dunkelheit, das Nichterscheinen der Dienstboten gereizt hatte?« – Frau Dora sagte es mit wahrhaft verzweifeltem Gesicht. Die Herren lachten schallend auf. »Das wäre allerdings rasend! Ein Mißverständnis, das ja kaum gutzumachen wäre!!« »Wie gut, daß du das Telegramm für Doktor Tassot an die Adresse der Frau Major Kielmann richtetest! Wenn er nun auch hinter Eylau hergereist sein sollte, erhalten wir doch hoffentlich durch die Inhaberin der Familienpension Nachricht, die irgendeinen Aufschluß gibt!« Joachim kam zurück, er hatte an der Saaltür gelauscht und berichtete, der Herr Referendar schlafe noch und schnarche, daß man es durch sechs Mauern höre! »Ist das auch ein schlimmes Zeichen?« fragte Rose ängstlich, was momentane Heiterkeit erregte. »Wenn nur der Doktor eher kommt, als er aufwacht!« – brummte der Major, dem die Sache auch etwas beunruhigend wurde. »Der arme Teufel wird guten Hunger haben, wenn er sich gründlich ausgeschlafen hat, und doch kann man nicht riskieren, ihn früher loszulassen, ehe wir eine Garantie für seine Unschädlichkeit haben.« Der Landrat saß schweigend zur Seite und starrte immer wieder auf den mysteriösen Brief des unbekannten Hermann. Die Sache ging ihm im Kopf herum. War es nur eine nichtswürdige und kleinliche Bosheit, die man seiner Frau und ihm antun wollte? Fraglos. Die Vorwürfe, die er indirekt zu hören bekam, trieben ihm das Blut in den Kopf. Sollte Salome sich wirklich über ihn beklagt haben? Vor fremden Menschen nie – davon war er überzeugt, aber die Frauen locken sich untereinander gar manche Äußerung ab, die von der Gemeinheit falsch ausgelegt und breitgetreten wird. – Oder sollte man ihn in Feldheim so scharf beobachtet und so streng verurteilt haben? – Lächerlich! – Vielleicht – oder versteckte sich hinter dem Pseudonym »Hermann« irgendein anderer Name, und ein Marder schlich heimlich um das Nest des Nachbarn. – Sollte das so unmöglich sein? – Gewiß nicht. Born deuchte es sogar, als kenne er den »Hermann«, der solcher galanten Abenteuer fähig war. – Aber er würde ihn entlarven. – Erwartete ihn Salome etwa? – War dies nicht der erste Brief, welchen man an sie schrieb? – Ein nie gekanntes Gefühl der Aufregung überkam Siegfried bei diesem Gedanken. Er biß die Zähne zusammen. Darum vielleicht ihre übermütige heitere Stimmung! – Wie ihm so heiß um das Herz wurde, wie es ihm glühend empor in die Schläfen stieg. Hatte er es doch vielleicht falsch angefangen, seine Frau zu erziehen? Hatte er das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte? Er zog finster die Brauen zusammen. Seine Schwiegermutter hatte recht, als sie ihn ehemals davor warnte; eine Frau läßt sich nicht mehr erziehen, sie hat die Kinderschuhe ausgetreten, es ist zu spät, ihr noch einen Schulmeister zu geben. – Nur die Liebe kann noch ihre Erzieherin sein. – Liebte ihn Salome noch, hatte sie ihn jemals geliebt? – – Nun, es würde sich zeigen. Wenn der Hermann kam, würde Siegfried zur Stelle sein, um zu sehen, ob sein Weib ihn erwartet hatte, und ob sie ihn willkommen hieß. Er erhob das finster blickende Gesicht. »Ich bitte euch nochmals, Salome nichts von diesem Briefe zu sagen! Es liegt mir viel daran, die Sache aufzuklären, und ehe es geschehen, soll sich die kleine Frau nicht ärgern!« Auf den Hof rollte ein Wagen. Der Doktor! – Endlich! – Die Familie von Welfen eilte ihm aufgeregt entgegen, das Unerhörte und Unglaubliche zu berichten. In der Küche hatten sich die Gemüter noch ebensowenig beruhigt wie im Salon. Mamsell fühlte sich ganz elend vor Angst und Aufregung, sie hatte eine Kanne voll recht starken Kaffees gekocht, um den gequälten Lebensgeistern wieder etwas aufzuhelfen, und dabei saß sie, die freundlich sanften Augen vor Grauen weit aufgerissen, und hörte den furchtbaren Geschichten zu, die Wulf von einem verrückten Unteroffizier zu erzählen wußte. Die anderen Mägde rückten mit zitternden Gliedern herzu, vom Hof hatte sich das ganze weibliche Stallpersonal versammelt, nähere Erkundigungen über die Schauermär von dem Tollhäusler droben einzuholen – man hockte und stand mit furchtverzerrten Gesichtern um den Herd herum und lauschte dem Erzähler. Schrecklich war's, was der berichtete. Jeder Wahnsinnige bildet sich etwas anderes ein, was er wohl sei, und benimmt sich danach. So hatte der arme Unteroffizier von des Herrn Majors Bataillon viele Geschichten von den schwarzen Teufeln in Kamerun gelesen, und das hatte er sich zu Herzen genommen Nun bildete er sich plötzlich ein, er sei auch ein Menschenfresser, und das war für die anderen Leute ganz »verdraxt«, denn ganz plötzlich, ehe sich ein Soldat was versah, schmetterte die Tür auf, mit wildem Gebrüll stürzte der Unteroffizier in die Kammer, fiel über einen der ruhig Dasitzenden her und zerfleischte ihn mit den Zähnen, bis er den Geist aufgab – siehste du, Guste – so – hui – ju ju ju ju rrrr – und Wulf stürzte sich jählings auf eine der Maiden, mit wilden Negergeheul – und packte sie am Halse und fletschte die Zähne und biß zu ... so daß die ganze Schar mit gellendem Gezeter auseinanderstob und Guste platt auf dem Bauche lag vor Schreck. Wulf aber richtete sich gelassen empor. »Dumme Gänse, was brüllt ihr denn so? – Ich wollte es euch ja bloß zeigen!« – – woraufhin sich das Zerstreute mit höflich verlegenem Lachen wieder sammelte. Nur die Mamsell wischte sich den Angstschweiß von der Stirn und sagte voll milden Vorwurfs: »Sie müssen es nicht so furchtbar natürlich veranschaulichen, Wulf – Sie sind ja doch nicht ein Schauspieler, der den Mohr von Venedig machen muß!!« – – Und wieder trank sie eine Tasse Kaffee. Wulf aber fuhr fort: »Wenn er nun so zwischen uns hineinfuhr wie der Teufel auf eine arme Seele, dann hatte er so furchtbare Kräfte, daß ihn sechs Mann nicht halten konnten –« »Huhuhu –-« heulte Guste, »wenn oben der nur nicht auch mal ausbricht!« – – »Wie soll er denn! Die Türe und Fenster sind ja verschlossen!« »So ein Toller bricht sie doch entzwei!« »Wie er vorhin auf die Dielen haute, dachte ich schon, die Decke bräche herunter!« »Wundern sollte es mich nicht, denn wie gesagt, die Verrückten stehen mit dem Gottseibeiuns im Bunde und fahren zur Not zum Schornstein hinaus.« »Huhuhuhu«–schluchzte die Versammlung in die Schürzen und zitterte wie Espenlaub. Währenddessen erwachte Eylau aus einem recht festen, wohltuenden Schlaf. Die Kompresse auf der Stirn war trocken geworden, aber die Stiche und die Migräne waren durch sie beseitigt. Eylau reckte und dehnte die Arme. Er mußte sich erst besinnen, wo er nun eigentlich sei, und als ihm die Erinnerung kam, philosophierte er über seine doch recht merkwürdige Lage und die höchst eigenartige Behandlung, die er als Gast in Jeseritz erfahren hatte. Entweder steckt ein schlechter Witz, oder irgendein Mißverständnis dahinter!« sagte er sich, und blickte ein wenig besorgt in dem großen, dämmerigen Raum umher. Die Läden waren noch fest geschlossen, doch befanden sich sternförmige Ausschnitte auf ihren Oberteilen, und diese ließen einen matten Dämmerschein in den Raum dringen. Man wollte ihn fraglos hier gefangen halten, aber aus welchem Grunde? Mißtraute man ihm? Seit längeren Jahren hatte er die Verwandten nicht gesehen, und wie man sagte, hatten ihn seine neue Haarfrisur und der kurzgeschnittene Backenbart sowie seine neu aufgebesserten Zähne ganz bedeutend verändert. Hm, möglicherweise vermutete man einen Schwindler in ihm, denn die Provinzler leisten sich die unglaublichsten Extravaganzen im Mißtrauen – anderenfalls aber sollte die ganze Sache einen Scherz vorstellen, freilich einen sehr derben, klotzigen Scherz, wie sie der biedere Landmann und die übermütigen Brautjüngferlein zeitweise in Szene zu setzen belieben! Man wollte vielleicht sehen, wie sich der Mann aus der Residenz zu helfen wußte! Also nachdenken und schlau zu Werke gehen, ohne allen Skandal diesmal, um die Aufpasser zu täuschen! Eylau kletterte leise aus dem Bett und schaute sich um. Seine Augen gewöhnten sich an das Zwielicht. »Das beste ist« – überlegte er – »ich lasse mir Zeit und Mühe nicht verdrießen, sondern schneide mittels meines Taschenmessers das Türschloß aus! Laß sehen, ob das möglich ist!« Er schritt ganz sacht und leise zur Wand und tastete sich an derselben vorwärts. Plötzlich ... was war das? – Er fühlte einen Schlüssel. – Hallo – hier auch eine Tür! Hatte er sich womöglich vorhin in der rechten Tür geirrt und ganz ohne Grund und Ursache einen solchen Heidenlärm vollführt, der das ganze Haus entsetzte? Das wäre ja ein kapitaler Scherz! Er drehte den Schlüssel herum, richtig, er schloß und die Tür öffnete sich. – Aha, eine Doppeltür. Jenseits der dicken Wand war die zweite, durch deren Augen das helle Tageslicht schimmert! Gott sei Dank – und Triumph!! Er war erlöst. Hastig trat er einen Schritt in den dunklen Zwischenraum hinein – gleicherzeit einen gellenden Schrei des Entsetzens ausstoßend! Der Boden unter seinen Füßen wankte – und mit lautem Gekrach sauste er in Blitzesschnelle hinab in einen dunklen Abgrund, daß ihm vor Schreck Hören und Sehen verging. Das war in dem Augenblick, als Wulf in der Küche von dem tollen Unteroffizier erzählte und just sprach: »Die Verrückten haben sich alle dem Teufel verschworen! Sie sind behext worden und behexen nun wiederum andere, und darum verstehen sie sich auf allerhand Zauberspuk, sie klettern an steilen Wänden hinauf auf das Dach, sie stampfen auf die Erde und fahren in Rauch und Schwefeldampf in die Unterwelt« – – Gerade wie er das sagte, krachte es und dröhnte es seitlich an der Wand, ein wahres Höllengepolter erhob sich, noch ein dröhnender Knall, und ein mit Arm und Bein zappelnder Mann flog mit entsetzlich langen, weißen Fangarmen unter lautem Schrei mitten in die Küche hinein. Er taumelte vorwärts, stieß Wulf derb zur Seite und flog der Guste mit solcher Vehemenz in den Rücken; daß sie vornüber schoß und die Mamsell in wuchtigem Fall vom Stuhle riß. Einen Augenblick knäulten sich die drei als ein undefinierbares Etwas auf der Erde, dann aber erhob sich ein wahrer Höllenlärm wildester Todesangst. Wie rasend stürzten alle nach der Tür. »Der Verrückte ist los! Der Verrückte ist ausgebrochen!!« – gellte es, die Holzpantoffeln klapperten und flogen weit ab von den Füßen; sich gegenseitig über den Haufen rennend, drängten die Mägde in sinnloser Flucht hinaus. Guste war stets ein dickes, faules und sehr langsames Frauenzimmer gewesen, in diesem Augenblick aber war sie, behend wie eine Katze, wieder auf den Füßen – stützte sich noch einmal recht kräftig mit der Faust auf Eylaus Magen und kratzte dann aus, daß der Estrich noch lange Zeit die Schrammen ihrer Nagelschuhe aufwies. So schnell war sie noch nie im Leben vom Fleck gekommen. Die Mamsell war im ersten Augenblick wie gelähmt vor Entsetzen, aber dann verlieh auch ihr die Todesangst Flügel. Sie raffte – schreiend wie am Spieß – die Röcke zusammen, voltigierte über den Referendar hinweg und gewann mit flatternden Haubenbändern, mehr tot als lebendig, die Tür. Eylau aber lag einen Moment wie betäubt. Er stieß einen gurgelnden Laut aus, als ihm Gustes Faust in den Magen fuhr – dann sah er wie im Schwindel die alte Mamsell über seine langen Beine hinwegsetzen und richtete sich stöhnend auf, wie ein Mondsüchtiger seine Umgebung anstarrend. Alle Wetter, wo war er hingeraten? In die Küche – und dort an der Wand ... Blitz und Knall, der Speiseaufzug! ... Er wollte eigentlich lachen, aber die Knochen taten ihm zu weh. Er sammelte ächzend seine Glieder und prüfte sie. Püffe und Stöße genug, aber ernste Verletzungen anscheinend nicht! Und der Schrecken!! Er rieb sich die Schienbeine, den Magen und en revers de la medaille , wobei sein Blick auf die Kaffeetasse der Mamsell fiel. Gott sei Lob und Dank, er war am Umsinken vor Hunger und Durst und dazu noch die Magenmassage von dem dicken Bauerntrampel! Er ergriff die Tasse und trank – das stärkte seine Lebensgeister. Nun lachte er und freute sich, daß er seinem Gefängnis entronnen war. Wenn man ihn hier einsperrte, war es nicht so bedenklich, die Speisekammer befand sich nebenan. Ganz erschöpft sank er vor der Kaffeetasse auf den Stuhl. »Der Verrückte ist los! Der Verrückte ist ausgebrochen!« – So gellte und zeterte es auf dem Hof und alarmierte das ganze Haus. Er hob betroffen lauschend den Kopf. Für einen Verrückten hatte man ihn gehalten? – Für einen Verrückten!! Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, nun begriff er alles! Wie aber konnte ein so haarsträubendes Mißverständnis kommen? Nun, es würde und mußte sich ja aufklären. Männe war kein übelnehmischer, sondern ein sehr tolerant denkender Mensch, und er hatte Sinn und Verständnis für Humor. Das namenlos Komische seiner Situation wurde ihm nun erst völlig klar, er lehnte sich in den Stuhl zurück und lachte, lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen rollten. Da eilten hastige Schritte herzu. Der Onkel, der Landrat, Schilling und ein fremder Herr erschienen in der Tür und starren sprachlos auf den so äußerst vergnügten Kaffeetrinker. »Hermann!« – »Befehl, lieber Onkel? ... Hahahaha! Nach meiner Reise durch die Luft hältst du mich gewiß erst recht für verrückt!« Und schluchzend vor Lachen erhob er sich, schritt den Herren entgegen und sagte: »Unbesorgt, ich bin Gott sei Lob und Dank bei völlig gesundem Verstande, wenn eure eigenartige Gastfreundschaft mich auch leicht hätte darum bringen können!« Der Major hatte noch nie im Leben so verlegen ausgesehen, wie in diesem Augenblick. Er reichte dem Neffen beide Hände und drückte sie schier krampfhaft: »Verrückt ... wir dich für verrückt halten?« stotterte er: »Wer sagt solchen Unsinn?« Eylau lachte noch mehr. »Ei, erstens das gesamte Küchenpersonal und zweitens euer aller Benehmen! Nun sage, bitte, um Himmels willen, bester Onkel, wie seid ihr auf diese unerhörte Idee gekommen?« »Aber lieber Junge, du hast in deinem Zimmer derartig getobt, daß man wirklich –« »Getobt? Allerdings – aber Hand aufs Herz, lieber Onkel, hättest du nicht vielleicht noch ärger getobt, wenn du dich waschen willst, und kein Wasser vorfindest, wenn du die Tür öffnen willst und bemerkst, daß du eingeschlossen bist, wenn du nach der Dienerschaft rufst und es kommt niemand, obwohl draußen Schritte und Stimmen deutlich zu hören sind! Wenn du schließlich solch empörender Behandlung durch einen Ruf nach der Herrschaft ein Ende machen willst und behufs dessen das Fenster öffnest, als Empfang aber einen Wasserstrahl ins Gesicht erhältst und dich plötzlich in ägyptischer Finsternis befindest – pardon, meine Herren, daß ich demzufolge noch in Hemdsärmeln bin, aber mein Rock trieft noch wie ein Schwamm!« Der fremde Herr hatte schon während der ganzen Beschreibung solcher Leiden gelacht, daß er sich die Tränen trocknen mußte – jetzt legte er die Hand auf die Schulter Welfens und sagte voll größter Heiterkeit: »Nehmen Sie es mir nicht übel, verehrtester Herr Major, aber bei einer solchen Behandlung tobt selbst der Vernünftigste. Darf ich übrigens bitten, mich bekannt zu machen?« Welfen nannte die Namen, und Eylau fragte voll Humor: »Man hat Sie mit einer Zwangsjacke zu Hilfe telegraphiert? – Auf Wort – die Jacke wäre mir momentan recht willkommen, denn ich fange an wie ein Schneider zu frieren!« »Um Himmels willen, Verehrtester, ich besorge Ihnen sofort einen Rock!« rief Schilling mit dunkelrotem Kopf und stürmte davon. »Kommt bitte vor allen Dingen hinauf in das Zimmer!« bat Welfen – »ich weiß wahrhaftig gar nicht, wie ich das unglückselige Mißverständnis aufklären soll! – Siegfried –laß vom ›Besten‹ aus dem Keller bringen ... in den Gartensalon ... wir wollen diesen gräßlichen Tag und jedwede Erinnerung daran ersäufen und dann, du armes Opferlamm, du Unschuldsengel von einem Männe, sollst du die ganze Konfusion aufgeklärt bekommen!« »Wenn ich auch um etwas zu essen bitten dürfte« – verneigte sich der Referendar mit freundlich mildem Dulderlächeln – »ich habe das Mittagbrot überschlagen dürfen ...!« Wieder ein schallendes Gelächter. Welfen gewann seinen Humor zurück: »Du sollst ein Diner serviert bekommen, du armer Orpheus in der Unterwelt, Donnerwetter ja ... in dem Speiseaufzug bist du hier herabgefahren ... verdeiwelte Idee!« »Auf diesem sonst recht ungewöhnlichen Wege!« »Sie müssen dann mal nach der Mamsell sehen, lieber Doktor! Ich glaube, die arme Person hat Krämpfe vor Schreck!« »I wo! Da hinten äugt ja das ganze Chor der Rache durch die Fenster!« Schilling kam mit einem Rock zurück, Welfen nahm Eylau von der einen – Schilling ihn von der andern Seite unter den Arm und beide führten ihn im Triumph über den Hof nach dem Herrenhause. Welch eine urfidele Nachfeier zu der Tragikomödie! Der Wein perlte in den Gläsern, und Welfen erklärte mit kurzen Worten das Mißverständnis. Siegfried aber wies mit ernstem Gesicht den geheimnisvollen Brief vor und sagte: »Ich verspreche Ihnen auf Ehrenwort, Vetter Eylau, daß ich Ihnen jedes Wort, das in diesem Schreiben enthalten ist, verzeihen will, wenn Sie mir ehrlich die Wahrheit sagen, ob Sie der Verfasser desselben sind!« Männe starrte das seltsame Schriftstück staunend an. »Das soll ich geschrieben haben? Nein, lieber Born, mein heiliges Ehrenwort darauf, ich sehe diesen Brief soeben zum erstenmal im Leben! Wie sollte ich darauf kommen, solch einen Wahnsinn zu schreiben? Ich habe ja niemals mit Cousine Salome korrespondiert, ich ahne nichts von Ihrem Eheleben, das, so Gott will, in diesem Schreiben nur verunglimpft wird, und wenn es Sie beruhigt, so will ich Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauen, daß ich glücklicher Bräutigam bin und es Ihnen in kurzer Zeit schwarz auf weiß unterbreiten werde!« »Also doch eine Mystifikation von einem lieben Feldheimer Freunde!« grollte Born mit schweren Wetterwolken auf der Stirn, »aber bitte das Thema jetzt fallen zu lassen – die Damen kommen!« »Und sagen Sie, lieber Doktor, Sie halten ihn also tatsächlich für gesund?« flüsterte Welfen. »So gesund wie Sie und mich!« »Donnerwetter, und nun habe ich an den Kerl, den Doktor Tassot telegraphiert!« Eylau hörte den Namen und schnellte herum. »Tassot? Was ist mit dem Menschen?« »Männe! – Lieber bester Männe, wir hielten ihn für einen Irrenarzt, der dich bewachen sollte, darum benachrichtigte ich ihn von deinem Aufenthalt!« Einen Augenblick stand der Referendar wie versteinert vor Schreck, dann fuhr er mit den beiden großen Händen voll Entsetzen nach seinem Haupt. »Onkel – um alles in der Welt – das ist ja furchtbar! Nun werden wir den unheimlichen Kerl in Wochen nicht wieder los, denn deine Depesche hält er für eine Einladung, oder legt sie wenigstens so aus! – Und los werden wir ihn nicht – höchstens mit brutaler Gewalt! –- Anpumpen tut er uns alle – und jeden Abend muß gespielt werden, Kümmelblättchen – meine Tante – deine Tante – und er gewinnt immer! Ich bin fest überzeugt, daß er der abgefeimteste Bauernfänger ist!« Der Major sah schon jetzt vor zorniger Erregung dunkelrot aus. »Ich bin doch Herr in meinem Hause! Ich spiele nicht! – Ich werfe den Menschen hinaus!« »Ach Onkel – du kennst ihn noch nicht! Seine bestrickende Liebenswürdigkeit läßt einen gar nicht zum Grobwerden kommen!« »Ich werde aber grob!« »Es hilft nicht viel!« »Wenigstens gibt es namenlose Aufregungen und Ärger!« seufzte Frau Dora. Wulf meldete, daß das Essen serviert sei. »Ach, mir ist der Appetit völlig vergangen!« stöhnte Männe. »Onkel, ich bin kein feiger Kerl – aber vor dem Tassot zittere ich!« Welfen schaute schweigend vor sich hin, aber er gestikulierte so lebhaft, als würfe er den Unliebsamen schon jetzt im Geiste zum Haus hinaus. »Und all diese Aufregung wegen jenes rätselhaften Briefes!« seufzte Rose. Dem Landrat schien die Ankunft Tassots am unangenehmsten zu sein. »Es ist unmöglich, ganz unmöglich, daß wir diesen fragwürdigen Herrn hier im Hause aufnehmen! Ihr wißt, wie ich in diesem Punkte denke! Es kann uns selber die Ehre kosten! ›Sage mit wem du umgehst, dann sage ich dir, wer du bist‹!« Der Major wurde immer aufgeregter. »Er wird überhaupt nicht angenommen! – Zur Not reisen wir sämtlich ab!« »Nach Thüringen?« – fragte Joachim leise, mit tiefem Seufzer. »Meinetwegen selbst nach Ruhla!« »Herr Major – eine Depesche!« meldete Bachmann eilig von dem Garten her über die Veranda kommend. »Eine Depesche! – Selbstverständlich von ihm!« »Heute abend ist er hier!« »Alle guten Geister!« Und dann tiefe Stille. Der Major war so erregt, daß er das Papier kaum öffnen konnte. Er las – und plötzlich stieß er einen Seufzer aus, knäulte das Papier wie in tollem Übermut zusammen und warf es dem Neffen an den Kopf. – »Da haste deinen sauberen Busenfreund!« rief er lachend. »Was ist mit ihm?« »Lesen Sie, Eylau!« »Sage doch Papa – kommt er?« Der Referendar glättete eilig das Papier und las murmelnd: »Doktor Tassot soeben als Hochstapler verhaftet. –- Große Aufregung im ganzen Hause. Hat falschen Namen geführt. – Frau Major Kielmann.« »Ich sage es ja! Ich ahnte es ja!« stöhnte Männe, dann aber warf er in jubelnder Freude die Arme hoch und atmete erleichtert auf: »Gott sei Lob und Dank! Da kam die Polizei zur rechten Zeit.« »Also faktisch ein Schwindler!« rief der Landrat. »Himmel, welch ein Segen, daß der Kerl nicht gar bei uns hier dingfest gemacht wurde!« – Große allgemeine freudigste Erregung. Die übermutsfrohe Laune kam zurück. »So, Kinder – nun wollen wir diesen bösen Tag, der so gut endete, mal gründlich feiern!« Salome und Tante Sidonie erschienen in der Tür. Sie standen betroffen bei dem jubelnden Halloh still. Frau von Born sah verweint aus, die Professorin böse: »Nette Zustände hier im Hause!« schimpfte sie gewohnheitsmäßig los, »und niemand macht mir Mitteilung davon – niemand warnt mich! Es ist eine Unverschämtheit! Wo ist denn der verrückte Herr Neffe – he?« »Hat die Ehre hier vor Ihnen zu stehen, Frau Tante!« Sie musterte ihn ingrimmig. »Hätten auch zu Hause bleiben können, Hermann, anstatt hier das ganze Gut auf den Kopf zu stellen. Sind so schon zu viele Menschen hier! Ich kann solch eine Besuchskolonie in den Tod nicht leiden!« Siegfried bot der Grollenden galant den Arm. »Nun, dann wäre es das einfachste, liebe Tante, Sie packten morgen die Koffer und reisten ab, dann ist sofort ein Gast weniger in Jeseritz! Und nun darf ich wohl bitten, meine Herrschaften, ›Polonäse nach dem Eßzimmer.‹« »Hm!« sagte die Tante verdutzt. »Hurrah! Avanti! – Polonäse! – Musik!« jubelte es im Kreise, und in wahrer Karnevalstimmung, selber den Marsch singend, zog die fröhliche Gesellschaft nach dem Speisesaal.   XXV Selten hatte in dem kleinen Familienkreise eine so übermütige Laune geherrscht wie an diesem Abend. Der Doktor, der sich selbstverständlich der Tafelrunde als Gast angeschlossen hatte und den so böse mitgenommenen Referendar im geheimen weiter beobachtete, konnte den Anwesenden nur stets von neuem zuflüstern, daß Herr von Eylau zwar ein wenig nervös, aber in geistiger Beziehung durchaus gesund und zurechnungsfähig sei. Da schlug dem Major das Gewissen immer heftiger und machte ihn splendid. Eine Masche nach der andern wanderte aus dem Keller herauf, und als er Wulf sogar befahl, die spitzen Kelchgläser aufzustellen, und mit fröhlichem Schmunzeln sagte: »Nun wollen wir mal auf Männes ganz spezielles Wohl trinken!« da wurde die Stimmung ganz ausgelassen, so daß Joachim behauptete, nun müsse auch noch nach dem Leierkasten ein Tischwalzer getanzt werden. Dies Vergnügen deuchte aber den älteren Herrschaften zu anstrengend und heiß, und Frau von Welfen schlug anstatt dessen vor, den köstlichen Mondschein zu benutzen und noch hinaus in den blühenden Park zu wandeln, eine Idee, die allgemeinen Anklang fand und lebhaft gebilligt ward. In der Küche braute Mamsell auf »hohen Befehl« ebenfalls eine Maibowle für all die schwer geängstigten Gemüter, die der Stärkung nach, dem heillosen Schrecken bedurften. Es ging drunten bald ebenso lustig her wie droben im Eßzimmer, und durch die geöffneten Souterrainfenster hallten und jubelten die Stimmen, bald in schmetterndem Gelächter, bald in Gesang, der nach Gewohnheit der vergnügten Deutschen meist recht wehmütig klang und höchst unvermittelt von dem »Mühlrad im stillen Grunde« zu dem »kleinen Muckenbold« übersprang. Miß Dolly, welche laut ihrer eignen Versicherung »ein sähr ein merkwürdiges Kopf« nach dem vielen Anstoßen bekommen hatte, konnte es sich nicht versagen, heimlich an das Küchenfenster zu schleichen und darin eine aufgeblasene Tüte abzuknallen, was unglaublichen Effekt erzielte. Sie verspätete sich über diesen Scherz etwas, so daß die andere Gesellschaft einen kleinen Vorsprung in den Park gewann. Mißchen hatte den Speisesaal an Roses Arm verlassen, und Frau von Welfen war darum ganz beruhigt über ihre Jüngste, die wohl behütet in der Obhut der Engländerin an Joachims Seite in dem dämmernden Garten wandeln würde. Aber wie gesagt, Mißchen bekam übermütige Gelüste, und Rose und Joachim schritten unter heiterem Geplauder allein in die Anlagen hinein. Zuerst gingen Salome und der Doktor vor ihnen her, dann bogen diese links ab, während das junge Pärchen geradeaus schritt. Anfänglich hielt die fröhliche Weinlaune an. Sie lachten und scherzten weiter, und die frische, balsamische Nachtluft strich kosend über die heißen Gesichter und all die kleinen Liebeselfen flogen neckisch herzu und spannen im Mondlicht viele Tausende feiner Silberfäden zu einem Netzchen, und das warfen sie über die beiden Menschenkinder und zogen die Maschen zusammen – immer fester, immer dichter, unzerreißbarer – ein süßer, geheimnisvoller Zauber lindduftiger Maiennacht, der nicht wieder voneinander läßt, was er einmal verbunden. Die Unterhaltung stockte allmählich. Rose blieb stehen und schaute mit großen, leuchtenden Augen umher. »Wie schön ist's doch!« – sagte sie aus tiefster Brust heraus, »solch einen Abend lernen die armen Stadtmenschen doch niemals kennen!« »Nein, er ist ein Vorrecht von uns einsamen Landleuten!« nickte Achim, aber er sah dabei nicht in den silbernen Glanz, in die taufrische Blütenpracht der Zweige, sondern nur voll innigen Entzückens in ihr junges, lichtverklärtes Angesicht. Es wurde ihm gar seltsam zumute. Er, der übermütige, kecke Brausekopf, der das Leben selten feierlich ernst nahm, er fühlte, wie sein Herz weit und groß wurde, so voll von Sehnsucht und Liebe, daß es hätte zerspringen mögen. Wie ein Rausch himmelanstürmender Wonne erfaßte es ihn, und doch konnte er nicht, wie er wohl gemocht hätte, die Arme jubelnd um die Geliebte schlingen, sie in ungestümer küssender Werbung zu eigen zu nehmen – es lag etwas so Reines, heilig Keusches in diesem mondbeglänzten Mädchengesicht, daß es ihm ganz andächtig zumute wurde wie in der Kirche. Da forderte der Idealismus bei der Jugend sein Recht, da senkte sich das verlorene Paradies wieder sekundenlang auf die Welt herab und erfüllte die jungen Seelen mit dem heiligen Liebeszauber, in dem einzig und allein noch der Gottesfunken glüht, der ehemals Himmel und Erde in Glückseligkeit verschmolz. Welch eine Poesie in diesem süßen Schauern! Welch ein Entzücken, dieses Herzklopfen, dieses atemlose Bangen und Beben vor dem entscheidenden Wort, welche nie geahnte Wonne es auszukosten in seligem Alleinsein! Sie schwiegen beide – und dann begegnete sich ihr Blick. Sie wandte das Köpfchen jählings zur Seite und schritt weiter. »Wir sind ja irre gegangen! Die andern sind dort drüben!« sagte sie beklommen. Da nahm er ihre Hand in die seine – ganz zaghaft, auch er war befangen – zum erstenmal im Leben. »Wie schön Salome singt!« – sagte er, »als ob sie meine Gedanken ausspräche! – Verstehen Sie es, Rose?« Sie wollte ihre Hand zurückziehen: »Gewiß, ich kenne ja das Lied!« »Es blinkt der Tau in den Gräsern der Nacht, Der Mond steigt herauf in stiller Pracht –« »Wir beide wandeln inmitten ...« »Rose! Eilen Sie doch nicht so ... ich ... ich habe Ihnen ja so viel zu sagen!« Sie zögerte ein wenig und senkte das Köpfchen sehr tief. Ihre Hand zitterte. – »Sie haben mir etwas zu sagen?« wiederholte sie wie im Traum. »So viel ... ach – so viel, Rose! Wollen Sie mich hören?« Sie nickte nur – sprechen konnte sie nicht – und doch hätte sie reden und antworten müssen, jetzt gleich, ehe er Worte gesagt, die sie eigentlich gar nicht anhören durfte. Sie wollte doch nicht heiraten! Sie hatte es sich so fest vorgenommen und es stets versichert – und nun? – Ach, wie anders war es doch mit ihr geworden, seit Joachim ins Haus gekommen. Da waren all die guten Vorsätze geschmolzen wie Butter an der Sonne. Konnte es aber auch anders sein? Nein, Joachim war ja auch anders als alle anderen Männer, die ihr jemals zuvor begegneten. Mit ihm harmonierte sie vollkommen, seine Interessen waren die ihren, seine Liebhabereien teilte auch sie; sie würden gewiß niemals solch törichten Streit miteinander haben wie Borns, und sicherlich nicht so eigensinnig in entgegengesetzte Bahnen drängen wie Siegfried und Salome, die eigentlich in nichts recht zusammenpassen! Schon allein die seltsame Verlobung der Schwester! Sie hatte Rose nie gefallen, denn sie entbehrte all der schönen würdevollen Feierlichkeit, wie sie einst der Mutter und Großmutter Verlöbnis geweiht hatte. Und das fiel dem jungen Mädchen just in diesem Augenblick ein. Hatte Mama nicht so oft gesagt: »Vor allen Dingen muß man einen Mann ordentlich ausreden lassen, wenn er seinen Antrag macht! – Großmutter hatte mit zitternden Fingern eine viertel Elle Klingelzug gestickt, dieweil ihr herzliebster Fritz ihr seine Liebe gestanden.« Und so muß es sein zwischen ehrbaren jungen Leuten! Dies empfand Rose ganz besonders in diesem Augenblick, wo ihr Herzchen zum Zerspringen klopfte in der seligen Gewißheit: »Nun wird er dir sagen, daß du seine Frau werden sollst!« Wie feierlich, wie würdevoll wurde es ihr in diesem ernsten Augenblick zumute. Ja, er soll ausreden, sie will nicht voreilig unterbrechen, nicht mit einem Wort ihm entgegenkommen, sondern sittsam wie Großmutter und Mutter dem Antrag lauschen und dem Freier zeigen, daß sie es nicht so eilig mit dem Jawort hat, wie ehemals Salome. »Darf ich sprechen? Wollen Sie mich hören?« hatte er mit leiser, stockender Stimme gefragt, und Rose nickte ein stummes Ja, setzte sich beklommen auf der Bank unter dem Flieder nieder und legte die Händchen andächtig im Schoß zusammen, als solle sie photographiert werden. Sie hatte leider keinen Klingelzug zum Sticken. »Rose!« flüsterte er, an ihrer Seite Platz nehmend, unwillich von ihrer Feierlichkeit angesteckt. »Ich habe schon seit Tagen keine Rast und Ruhe mehr. Es drängt mich, Ihnen alles zu sagen, was mir im Herzen lebt und glüht! Aber braucht es wirklich erst der Worte? Liebe, süße, kleine Rose – nicht wahr, du ahnst es ja längst, wie es um mich armen Gesellen steht, und du wirst dich meiner erbarmen und mich erhören?« Er rückte näher und faßte leidenschaftlich ihre Hände. Die aber lagen wie angenagelt in ihrem Schoß. »Bitte reden Sie weiter!« hauchte sie mit tiefgesenktem Köpfchen, als er eine kleine Pause machte. Er wollte lachen, aber er konnte es nicht, weil sie so merkwürdig ernst war. »Aha, sie will eine regelrechte Liebeserklärung!« dachte er und wurde bei diesem Gedanken ein klein wenig verlegen, denn er wußte nicht recht, was er noch alles sagen sollte, und er hätte sie viel lieber in den Arm nehmen und küssen mögen, aber dennoch respektierte er ihr so reizend ehrbares Benehmen, das ihr so ganz besonders gut zu Gesicht stand. »Als ich Sie zuerst sah ... ich meine, als ich dich zuerst erblickte, herzliche Rose, da hast du gleich einen so tiefen, unerklärlich tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mich, ehrlich gestanden, gar nicht gegen den Zauber gewehrt habe, den du so verhängnisvoll auf mich ausübtest! Ich gab mich voll und ganz dem heilig süßen Entzücken hin, zum erstenmal zu lieben! – Rose ... meine einzig holde, goldige Rose –!« Und er wollte den Arm um sie legen und alles weitere in Küssen sagen – aber das junge Mädchen rückte zitternd von ihm ab, bis in die Blütenzweige und den vollen Mondglanz hinein, senkte die Wimpern tief über die Augen und flüsterte mit traumhaft seligem Lächeln: »Ach bitte ... reden Sie weiter!« Wie hätte er in diesem Augenblick nicht weiter reden können! Das Reden halten in ernsterem Sinne war ihm zwar stets recht schwer gefallen, und er hätte gerade in diesem Augenblick alles andere lieber getan, als Phrasen zu drechseln, aber Rose schien besonderen Wert auf eine gut stilisierte Liebeserklärung zu legen, und so fuhr er denn, alle seine poetischen Reminiszenzen wachrufend, fort: »Sieh Rose, es ist zwar noch nicht der wunderschöne Monat Mai, aber dennoch singen alle Vöglein, und dennoch ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen. Und was alle Blumen duften, was alle Sterne glückselig von fernem, traumhaftem Glück verheißen, was die Nachtigall jauchzt – du meine Seele, du mein Herz, du meine Wonne, du mein Schmerz, du meine Welt in der ich lebe – das klingt mir von den Lippen in zitterndem Bekennen: Ich liebe dich!« Er war vor ihr niedergesunken; um dieser doch fraglos schönen Liebeserklärung den nötigen Nachdruck zu verleihen, nahm er Roses Hände und bedeckte sie mit heißen Küssen. »Rose – und was antwortest du darauf?!« »Ach bitte – reden Sie weiter!« – rang es sich wie ein zitternder Jubellaut von ihren Lippen. Ganz entsetzt blickte er zu ihr auf. » Noch mehr reden? Aber lieber, süßer Herzensschatz –« »Ach bitte bleiben Sie knien und reden Sie aus!« – flehte sie – aber sie preßte unwillkürlich seine Hände dabei an ihr Herz. »Ja, was soll ich denn noch sagen, einziges Lieb?« flüsterte er, »daß ich dich liebe, weißt du, daß du das glücklichste, angebetetste kleine Weibchen unter der Sonne werden sollst, glaubst du mir gewiß, daß ich dich auf den Händen tragen, dich als liebstes Kleinod behüten und wert halten will, bedarf keiner Versicherung! Und nun erbarme dich, sage mir, daß du mir auch ein wenig gut bist, daß du mein eigen sein willst, und Rose ... liebe kleine Braut – gib mir endlich einen Kuß!« »Ja ... das darf ich doch erst, wenn Sie ... wenn du ausgeredet hast, lieber Achim!« »Herzblättchen, jetzt habe ich aber wahrhaftig ausgeredet!« »Wirklich? Ganz und gar? – Gott sei Dank! – Das viele Sprechen hat mich ganz schwindlig gemacht – ach Achim, lieber, allerbester Achim – dich will ich haben und keinen anderen auf der Welt!« »Rose! Meine Rose!« und er sprang auf, saß eins, zwei, drei neben ihr, nahm ihr Köpfchen zwischen seine Hände und küßte das heiße, strahlende Kindergesicht. Sie schlang die Arme um ihn und schmiegte sich fest an seine Brust – und die Fliederdolden nickten über ihnen und dufteten so berauschend wie noch nie, und ein Nachtfalter flog daher, und die Mondesstrahlen glitzerten im Tau. Nun redeten sie eine ganze Weile gar nichts – es war still wie in der Kirche, nur von fern her klang Salomes Stimme: »Ach wie war's möglich dann, Daß ich dich lassen kann! Hab' dich von Herzen lieb – Das glaube mir!« »Rose ...« flüsterte er – »hörst du's? – Hab' dich von Herzen lieb – das glaube mir!« Sie legte ihm das Händchen auf den Mund. – »Still, still!« sagte sie hastig, »nun brauchst du ja nicht mehr zu reden!« Er lachte: »Ei Schatz ... hörst du es denn nicht gern?« »Nein, Achim – mir dünken alle Worte arm und inhaltlos gegen die unbeschreibliche Wonne, die mein Herz durchbebt!« »Und dennoch hießest du mich immer weiter sprechen?« »Ach ... es mußte doch sein! – Um der guten Sitte willen!« Da lachte er, daß es fernhin im Park wiederklang. »Das hätte ich wissen sollen!! Warte, Schelm, nun habe ich mich aber auch für lange Zeit ausgesprochen!!« »Ich hoffe es, Achim!« – Sie blickte ihn neckisch an: »Für unsere moderne Zeit passen die langen Liebeserklärungen nicht mehr, sie klingen so unnatürlich, und man wird wirklich ganz ungeduldig, bis sie zu Ende kommen! Warum hast du eigentlich so viel von Mai ... Sternen ... Blumen ... Seele ... Herz ... Glück gesprochen? – Das wissen wir ja alles viel besser im Herzen ... ich dachte, du hättest darüber reden sollen, wie wir die große Holländerei auf deinem Gute einrichten wollen, und ob ich mich wohl dazu eignen würde, einem so großen Haushalt vorzustehen, ob ich vernünftig, sparsam, praktisch genug sei, um eine tüchtige Gutsfrau zu werden! Daß wir uns beide so recht von Herzen innig lieb haben, das wissen wir doch längst, ob wir aber nuch füreinander passen, das hätten wir wohl erst besprechen müssen!« Er zog sie zärtlich an die Brust. »Was sich liebt , paßt stets zusammen!« »Siegfried und Salome sagen doch auch, sie lieben sich, und dabei zanken sie sich so viel!« »Sie waren nicht vernünftig genug, um den ersten Streit zu vermeiden,« scherzte er, »hätten sie's getan, bliebe ewiger Frieden!« »Wir zanken uns niemals, nicht wahr, Achim?« »Niemals. Ich wüßte gar nicht weswegen.« »Und wer doch einmal Streit anfangen sollte –« »Der ist das Karnickel und hat unrecht!« »Es darf also nie zu einem ersten Zank kommen?« »Nein, dann kommt es auch nie zu einem letzten!« Zwischendurch küßten sie sich wieder und immer wieder. Sie hatten sich sehr, sehr lieb; aber sie blieben trotzdem mit beiden Füßen auf der Erde stehen und verschmähten die bunten Flügel, die die Schwärmerei und Illusion den Liebespaaren verleiht, damit sie hoch über die Vernunft hinaus in einem siebenten Himmel schweben, aus dem sie nach den Flitterwochen naturgemäß herabstürzen müssen – denn jedweder junge Hausstand ist auf der Erde gebaut. »Nun will ich dir noch etwas sagen, Herzlieb, ich muß dir etwas beichten!« sagte er leise, ganz leise. Sie sah ihm in die Augen und lachte: »Das einzige Verbrechen, das Papa an dir tadelt, daß du nicht schreiben kannst –? – das weiß ich ja langst und heirate dich in gutem Vertrauen auch ohne Schriftprobe!« »Nein, Rose, das nicht – –« » Dearest Miß Rose! ... Wo seien Sie hinversteckt?!« rief es plötzlich dicht neben ihnen. »Pst – ganz feierlich und fremd getan! Sie darf nichts merken, ehe wir das Jawort der Eltern erhalten haben!« flüsterte das junge Mädchen, stand hastig auf und strich ihr Haar glatt, dann noch einen schnellen, hastigen Kuß, und Achim und Fräulein Rose wanderten in ernstem Gespräch über Wert oder Unwert der rationellen Drainage den Kiesweg entlang, auf dem Miß Dolly sie atemlos einholte und versicherte, daß sie schon den halben Park nach ihnen abgepirscht habe! Nach lebhaftem Wiedersehen auf der Veranda, sagte man sich bald, wie auf dem Lande üblich, ein frühzeitiges Gutenacht. Vetter Eylau hatte ein angemessenes Logierzimmer erhalten, das die Mägde unter weinseligem Gekichere, in fröhlichster Rückerinnerung an die Speiseaufzugfahrt des gnädigen Herrn, besonders behaglich eingerichtet hatten. Der reuezerknirschte Bachmann, der es schwer empfand, die Gartenspritze auf einen Unschuldigen gerichtet zu haben, schleppte einen großen Strauß Frühlingsblumen herzu, die dem Referendar ein stummes » Peccavi !« entgegendufteten. Die Herren geleiteten den schwer geprüften Gast unter kühnsten Rezitativen aus dem Nachtlager von Granada, feierlich singend in sein Gemach, und Vetter Männe legte nunmehr sein Haupt ungebadet auf trockene Kissen zur Ruhe. Er schlief sanft und süß, in dem beseligenden Gefühl, daß sein Schatten Tassot sich heute nacht, sicher bewacht von Frau Nemesis, kein Eisenbahnbillett nach Feldheim lösen konnte. Das erfüllte ihn mit unendlicher Genugtuung, und um solch freudiger Nachricht willen hatte er gern ein paar Stunden unfreiwillig den wilden Mann gespielt! Der Landrat, dessen Heiterkeit etwas gewaltsam gewesen, kehrte eilig nach der Terrasse zurück und setzte sich, seiner Gewohnheit gemäß, noch ein halbes Stündchen zur Lampe, um die Zeitung durchzusehen. Salome hatte den Eltern und Rose gute Nacht gesagt; sie schaute noch einmal durch die Tür, sah ihren Mann und trat näher, sich ihm schweigend gegenüberzusetzen. Born starrte mit bewölkter Stirn auf die Abendausgabe des Feldheimer Intelligenz-Blattes nieder, dennoch empfand er es, wie der Blick seiner Frau forschend, schalkhaft, schier unverwandt auf ihm ruhte. Was hatte sie vor? –- Ihr seltsames Benehmen erhöhte die Unruhe, in die ihn der unerklärliche Brief mit den empörenden Anschuldigungen versetzt hatte. Da fiel sein Blick auf eine fettgedruckte Annonce, dieselbe, die der Major hatte einrücken lassen. »Sucht Vater einen Diener?« fragte er überrascht. Salome lehnte gelassen in ihrem Sessel. »Ja, für uns!« »Für uns? – Wie kommt er dazu?« »Nun – wir gebrauchen doch einen neuen!« »Ist das Vaters Sache, sich darum zu kümmern?« brauste Siegfried erregt auf. »Was soll das heißen, daß er sich schon wieder in unsere Angelegenheiten mischt?« Salome blieb außergewöhnlich ruhig. »Aber, bester Schatz, so sei ihm doch dankbar, wenn er dir diese Sorge abnimmt!« lächelte sie. »Nein! Ich bin ihm nicht dankbar! Ich verbitte mir diese ewige, ununterbrochene Einmischung in unsere Angelegenheiten! Vor allen Leuten uns zu bevormunden, als wäre ich ein Kretin oder ein dummer Junge! Da heißt es in der ganzen Welt, die Schwiegermutter wäre das böse Element im Hause ihrer Kinder – aber Gott sei es geklagt, es gibt Schwiegerväter, die noch schlimmer sind!« Salome erhob sich, trat an den Sessel und legte den Arm um den Nacken ihres Mannes. Sie sah nicht pikiert und streitlustig aus wie sonst; mit reizendem Lächeln blickte sie ihm in die Augen. »Wie kannst du gleich so heftig sein, Siegfried! Ich bitte dich! – Es gilt ja Vater hauptsächlich darum, die betreffenden Handschriften zu deuten! Laß ihm doch diesen Scherz! Er hat keine andere Zerstreuung auf dem Lande hier! – Siegfried – lieber, bester Mann, mir zuliebe fange keinen Streit darüber mit Papa an! Hörst du? – Versprich es mir – mir zuliebe!« Wie sie ihn ansah! Welche Weichheit, welche Milde in Stimme und Wesen! Ihm wurde es glühend heiß um das Herz. »Nein – ich fange gewiß nicht an« – brummte er, ihrem Blick ausweichend, »mir ist jeder Zank greulich, obwohl es wirklich kaum noch zu ertragen ist –« Sie schmiegte sich noch zärtlicher an ihn. »Wir kehren ja schon bald heim – in unser eigen Nestchen ... und du sollst sehen, Liebster, Papa wird in Zukunft unsern Frieden nicht mehr stören! – Siegfried, es ist so herrlich im Park – möchtest du nicht noch einmal mit mir durch den Mondschein gehen?« Aha! Die kleine Sirene! Sie versuchte alle Zauberkünste, seinen starren Sinn zu beugen, sie wollte ihren Willen durchsetzen, sie wollte den Löwen ducken ... und Mondschein und lyrische Frühlingsstimmung sollten ihr helfen, den unzufriedenen und entnüchterten Mann wieder als blinden Sklaven und willenlosen Liebhaber vor ihre Füße zu zwingen. Er durchschaute ihre Absicht und lächelte bitter. »Wozu das?« fragte er achselzuckend, »meine Gesellschaft dürfte dir mit der Zeit langweilig geworden sein.« Ihre Augen leuchteten auf. Der Brief! Der Brief! Er tat seine Schuldigkeit; das Fünkchen Eifersucht wollte zur Flamme wachsen. Sie lachte. »Je nun – versuchen wir, uns in schönere Zeiten zurückzuversetzen! Wir sind hier so ganz aufeinander angewiesen, daß wir miteinander fürlieb nehmen müssen!« Er blickte sie scharf an. »Wirklich, müssen wir das?« Frauen waren stets sehr erfinderisch, wenn sie eine kleine Komödie spielen wollten! Und jählings ihre Hand fassend und sie in der seinen pressend, fragte er unvermittelt: »Sieh mir in die Augen, Salome! Du hast ein Geheimnis vor mir!« So wollte sie es haben! Jetzt war die Stunde gekommen, ihn für all seine Kälte und Hartherzigkeit zu strafen, ihr Herz jubelte auf in übermütiger Lust. Aber sie senkte jäh betroffen die Augen und stammelte wie verwirrt: »Du weißt?« – Sie dachte dabei an die Küche und ihre Geheimnisse und freute sich ihrer Schalkheit. Er zuckte zusammen und wurde blaß. Dann gab er ihre Hand frei und sagt kalt: »Nein – ich weiß von nichts und interessiere mich auch nicht für deine Geheimnisse. Behalte sie für dich.« Das hatte sie nicht erwartet. Der alte Trotz erwachte, sie warf den Kopf in den Nacken. »Ich glaube allerdings, daß ich sie für mich behalte – und sehe es leider zu spät ein, wie viele Liebe und Mühe und Demut ich an dich verschwendet habe!« stieß sie erregt hervor. »Demut!« Er lachte leise, ingrimmig, spöttisch. Tränen traten in ihre Augen. Nein, bei Gott, er liebte sie nicht mehr, alles war Irrtum, alles Täuschung, und um ihn –- ihn – hatte sie unter qualvoller Selbstüberwindung – Kochen gelernt! –- Sie wandte ihm den Rücken und schritt zur Tür. Droben in ihrem Zimmerchen aber weinte sie bitterlich. Noch nie hatte sie ihren Mann so geliebt wie in dieser Stunde, wo er sie so unverdient gekränkt hatte. Wirklich unverdient? – Das überlegte sie nicht; Bitterkeit, verletzte Eitelkeit und Trotz kämpften in ihrem Herzen, in dem jungen, kindischen Herzen, das sich selber so viele Qualen schuf und so mühselig nach dem rechten Wege suchen mußte. Soll sie diesem herzlosen Tyrannen gegenüber wirklich klein beigeben und sich seinem Starrsinn gegenüber zur Magd erniedrigen? Nein! – Lieber sterben. – Er verdiente es nicht – er liebte sie ja nicht, es war ihm ja ganz gleichgültig, ob sie ein Geheimnis vor ihm hatte oder nicht! – Nein! – Er sollte es nicht erfahren, daß seine Frau ihm zu Gefallen Kochen lernte – niemals. Siegfried saß drunten auf der Veranda, stützte die brennende Stirn in die Hände und seufzte aus tiefstem Herzensgrunde. Wie liebte er seine kleine Frau! Welche Seligkeit hatte ihn durchschauert, als sie nach so langer Zeit ein zärtliches Wort, einen bezaubernden Blick für ihn hatte – wie namenlos schwer war es ihm geworden, sich zu beherrschen und sein Herz hinter Kälte und Gleichgültigkeit zu verstecken! Um des Prinzips willen! Er wollte seine Erziehungsmethode durchführen. Würde sie jemals glücken und Sieg verheißen? Nein, niemals. Sein Glück war in Trümmern zerschlagen. Er strebte nach rechts und sie nach links. Was konnte sie wieder zusammenführen? – Nichts, denn er als Mann darf sich nicht beugen.   XXVI »Einsam wandelt der Freund im blumigen Garten!« dachte Rose wohl lächelnd im Traum, wenn der Kies drunten unter leisen Schritten erknirschte, und die kraftvolle schlanke Gestalt Joachims wie ein Schatten durch den Mondschein wanderte. Er fand noch keine Ruhe im Zimmer. Eine glückselige Aufregung trieb ihn hinaus in die stille, blühende Welt, auf die Bank im Fliedergebüsch, die vor kurzer Zeit Zeugin seines jungen Liebesglückes gewesen. Er war keine schwärmerische Natur, im eigentlichen Sinne des Wortes, wohl aber ein »Gefühlsmensch«, der trotz seines so ruhigen, vernünftigen Wesens dennoch imstande war, sich voll und ganz dem Zauber poesievoller Minne hinzugeben. So saß er auf der Bank und durchkostete im Geiste noch einmal alle Wonne eines ersten Findens und Bindens, alle Seligkeit bräutlich holden Glückes. Weiße Silberstreifen säumten die Wölkchen, die just den Mond verschleierten, Nachtschmetterlinge und Käfer surrten über ihm um die Blütendolden, und dicht hinter ihm Hub eine Nachtigall ihr süßes Liebeswerben an. Da ging es wie ein heißer, jäher Schreck durch das Herz des jungen Bräutigams. Die Nachtigall erinnerte ihn an all das Unbehagliche, das er in dem Wonnerausch der letzten Stunden völlig vergessen hatte, an die Tatsache, daß er selber der bestgehaßte Mann für die Familie Welfen sei, jener so übel beleumundete, junge Tourist aus Thüringen, den die Tochter haßte, dem der Vater ewige Rache geschworen hatte. Ein Gefühl angstvoller Unruhe überkam ihn. Bisher hatte er das fatale Geheimnis zu wahren gewußt, nötigte ihn aber nicht die Pflicht, es der Braut und dem Schwiegervater gegenüber zu offenbaren? Tat er es nicht, so handelte er nicht ehrlich – entdeckte er sich aber, so hat er Roses Liebe und die Hoffnung verloren, je das Jawort des Majors zu erringen! Welch ein qualvoller Gedanke! Joachim sprang empor und lief mit hastigen Schritten den hell glitzernden Gartenweg auf und nieder. Was sollte er tun? Seine Seele rang in bitterem, verzweifeltem Kampf. Hin und her überlegte er, was er tun durfte, sollte und mußte. Hätte Herr von Welfen nur das Autograph aus dem Fremdenbuch nicht! Über kurz oder lang mußte er doch zum Verräter werden, denn es existieren zu viele Briefe und Schriftstücke von ihm, die er vor der Verwundung seiner Hand geschrieben. Und wenn er auch so lange wie möglich, wenigstens bis nach einer baldigen Hochzeit, dem Schwiegervater gegenüber sein fatales Geheimnis wahrte – Rose mußte auf jeden Fall über ihn klar sehen, ehe sie sich ihm öffentlich angelobte. Rose! – Eine peinigende Sorge und Angst überkam ihn bei dem Gedanken, der Geliebten die schwere Beichte ablegen zu müssen! Wie würde sie ihre Händchen aus den seinen reißen! Wie trotzig und empört ihn aus zornigen Augen anblitzen und ihm beleidigt den Rücken kehren! – Er hatte in den ersten Tagen ein paarmal unfreiwillig Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie Salome bei jeder Kleinigkeit ihrem Mann gegenüber die Verletzte und Beleidigte spielte – ach ... und eine solche Szene mit Rose –! Das Herz tat ihm weh bei diesem Gedanken. Aber Rose war ein vernünftiges Mädchen und liebte ihn! Sie würde ja nicht ewig zürnen, sie würde sich nicht hartnäckig und störrisch jeder Zusprache verschließen, sie würde ihn anhören, würde seiner Versicherung, daß er es niemals böse gemeint, daß er ein übermütiger und kecker Wandergesell, aber kein frivoler Verächter weiblicher Würde gewesen, endlich glauben und ihm verzeihen! Einen Kampf mochte es freilich geben, aber durch den Kampf würde er auch zum Sieg gelangen, Rose liebte ihn ja! Wann aber sollte er ihr beichten? Sie hatten verabredet, daß Joachim morgen vormittag bei den Eltern anhalten solle. Vorher aber muß er sich um jeden Preis mit der Geliebten aussprechen. Die wackere kleine Landwirtin stand ja jeden Morgen zwischen Tau und Tag schon auf, sie kontrollierte die Mägde beim Melken in den Ställen. Auch Joachim liebte die Morgenstunde, und er würde morgen früh nicht die konventionelle Zeit abwarten, um Rose im Garten zu begrüßen, sondern sie diesmal sehr zeitig überraschen, und sie dem Holländer abspenstig machen. Ach, wäre diese saure Stunde doch erst überstanden! Das Herz wurde ihm schwer, wenn er an die zürnende kleine Braut dachte. Er liebte das Schmollen nicht, jede Szene war ihm unsympathisch – aber was half es, das waren eben die Dornen an der Rose, die man um der holden Königin willen doch gern mit in den Kauf nahm. Er hatte stets gehört, daß die jungen Mädchen und jungen Frauen gern zürnen, um versöhnt zu werden, daß ihre Streitlust meistens Koketterie ist, den Mann stets von neuem als Sklave mit Rosenketten zu binden – cosi fan tutte! – Wie sollte Rose anders sein? Langsam, bangen Zweifel im Herzen, schritt Joachim zum Hause zurück und kam just recht, als Wulf die Flurlampen auslöschen wollte.   So klar wie nachts der Mond geschienen, so strahlend hell und wolkenlos stieg die Sonne über den dunklen Waldstreifen des Horizontes empor. Joachim stand bereits am Fenster und blickte ihr sehnsüchtig entgegen. »Wach auf, du goldnes Morgenlicht, und grüße meine Braut! Daß sie des Himmels Seligkeit in Rosenwölkchen schaut!« – So jauchzte es durch seine Seele, und doch lag es wie ein zarter Nebelschleier der Bangigkeit über all dem Hoffen und Seligsein – der Gedanke an den ersten, unausbleiblichen Streit mit ihr! Aber er hatte sich in Gedanken schon alles zurechtgelegt, wie er sie begütigen und besänftigen, wie er ganz innig und zärtlich jeden ihrer Vorwürfe durch Liebe allem entwaffnen wollte. Horch, im Hause wurde es auch schon lebendig. Man hörte Türen knarren, in der Küche drunten rasselte man am Herde. Auch auf dem Hof regte es sich. Die Hähne hatten sich bereits sattgekräht, jetzt knallten Peitschen und Wagen rollten – die Hofhunde begrüßten ihre Freunde durch lebhaftes Bellen. – Im Garten schallten lachende Stimmen – Feldarbeiterinnen mit kurzgeschürzten Röcken und nackten Füßen wanderten wohlgemut durch das taunasse Gras der Pforte zu. Nun würde er nicht mehr lange auf Rose zu warten haben. Richtig, ihr Fenster klappte schon auf, die würzige wonnevoll reine Morgenluft einströmen zu lassen. Joachims Herz wallte auf. Wie fleißig, wie tüchtig war sie! – Zur Gutsfrau geboren. – Seine Rose! Ach, wäre nur erst die nächste Stunde vorüber! Voll Ungeduld griff er nach dem Hut und trat leise auf den Flur – nach wenigen Minuten schritt er über den Hof nach den Ställen – kehrte auf dem halben Wege um und holte sich erst im Garten die schönste Rose für aller Rosen Königin. »Achim ... du schon hier?« Wie ein leise zitternder Aufschrei der Wonne hallte es ihm entgegen, als er im Wirtschaftshof auf und nieder wandelte und der Geliebten mit Augen, aus denen das Entzücken leuchtete, entgegenschaute. Da kam sie ihm entgegen im rosenfarbenen Kattunkleidchen und mit der weißen Latzschürze, frisch, blühend, strahlend in jungem Glück. Er preßte ihre Hand in der seinen, er flüsterte ihr tausend zärtliche Worte zu. »Laß die Leute heut allein fertig werden, Herzlieb! – Komm in den Garten!« bat er. Sie schüttelte schalkhaft das Köpfchen. »Nach getaner Arbeit ist gut ruhen!« lachte sie, »es dauert ja nicht lang!« Nicht lang! Ihm deuchte es eine Ewigkeit. – Die Stalltür nach der Gartenseite stand offen. Die schmalen Gemüsebeete des Nutzlandes dehnten sich davor aus. – Joachim ertrug es nicht, unter so vielen beobachtenden Augen mit der Braut gleichgültig zu verkehren. Er trat in den Sonnenschein hinaus, und besichtigte die Beete. – »Rose, sehen Sie mal die Radieschen an!« rief er zurück. »Hat Zeit!« neckte sie. Endlich, endlich konnte sie abkommen. Sie trat zu ihm heraus und wollte sich wirklich über jedes Radieschen einzeln freuen! »Wir wollen mal nach den Gurken im Mistbeet sehen!« rief er und eilte mit Riesenschritten vorwärts, sie vermochte kaum so schnell zu folgen und lachte immer mit tiefen Grübchen in den Wangen vor sich hin. Endlich allein und unbeobachtet! – Die Sonne, die noch nichts davon erfahren, was sich während ihrer Abwesenheit bei der nachlässigen Beaufsichtigung des Mondes ereignet hatte, war starr über das Benehmen der sonst so schüchternen Leute. – Sie küßten sich! – Und wie! – Als ob sie wochenlang gehungert hätten und gar nicht satt werden könnten! Neugierig lugte sie mit ihren goldensten Strahlen durch die Blütenzweige und lauschte. »Eine Beichte? Du hast mir etwas zu beichten?« lachte das junge Mädchen, immer noch ein wenig verlegen in ihrer neuen Rolle als Bräutchen, »aha daher deine Ungeduld und die frühe Visite im Kuhstall! Nun, du böser Mensch, hast du noch Schlimmeres verbrochen, als wie einem armen, harmlosen Mädel das Herz zu stehlen?« Da faßte er jählings ihre Hände. »Rose –« sagte er, und es schien, als müßte er gewaltsam etwas im Halse herunterwürgen, »Rose ... sieh mich einmal an, ganz genau an!« Sie lachte noch mehr und blickte ihm zärtlich in die Augen. »Ja – du bist bildhübsch! Willst du das hören?« »Nein. – Fällt dir keine Ähnlichkeit auf?« Sie sah erstaunter aus. »Eine Ähnlichkeit?« »Ja, eine Ähnlichkeit! Besinne dich!« Sie schüttelte zweifelnd das Köpfchen: »Ich wüßte wahrlich nicht, mit wem!« Einen Augenblick schien er schwer mit sich zu kämpfen, dann wandte er plötzlich den Kopf halb zur Seite, und plötzlich – Rose läßt vor Schreck beide Arme wie gelähmt herabsinken – ertönte ganz leise zwischen Achims Zähnen hervor das Locken und Schlagen einer Nachtigall, derselben Nachtigall, die sie ehemals an der hohen Sonne zu dem graumosigen Felsgestein jenseits des Straßengrabens gelockt hatte! »Achim!« schrie sie auf und dann wandte sie ihn hastig an den Schultern herum und starrte ihm mit weit offenen Augen abermals in das Gesicht. »Das warst du? ... du?« stammelte sie fassungslos. Mit beiden Armen preßte er sie stürmisch an sich. »Ja, ich war es, Herzlieb! Gott sei es geklagt! Böse war es nicht gemeint, und doch zürnst du mir und willst mir zur Strafe das Herz brechen und mir nie verzeihen! – Rose, liebe, liebe Rose – ich will ja jede Strafe geduldig auf mich nehmen, sage mir nur, daß du mir endlich doch wieder gut sein willst!« Sie rang sich aus seinem Arm frei und er hielt sie voll banger Qual nur desto fester. »Nein, ich lasse dich nicht!« murmelte er. Da lachte sie so hell auf, daß er ganz erschrocken die Arme löst. – Sie lachte? – Ein Lachen höchster Bitterkeit und Trotzes? Nein, sie lachte so lieb und herzig wie je zuvor. Zwar war sie sehr, sehr rot geworden, und, die Bestürzung schaute ihr noch aus den Augen, aber sie strich hochaufatmend die wirren Haare glatt und sah weder zornig noch trotzig noch streitsüchtig aus. »Du unser Feind aus Thüringen?« wiederholte sie mit bebenden Lippen, »bin ich denn nur blind gewesen, dich nicht sofort wiederzuerkennen?« – Und dann reichte sie ihm plötzlich beide Hände entgegen und blickte ihm voll in die Augen. »Du Schlingel, mir so arg mitzuspielen! Wie war es aber nur möglich, daß wir uns alle so sehr in dir täuschen konnten, daß ich dich, den ich nun am liebsten auf Gottes weiter Welt habe, nur jemals eine Sekunde lang voll kindischer Torheit hassen konnte?!« Er stand wie ein Trunkener und starrte ihr fassungslos in das liebe, freundlich gute Kindergesicht. Hatte er sie wahrlich recht verstanden? – War das ihre Anwort auf seine Beichte? – Diese Worte voll Liebe und Zärtlichkeit, während er so ganz anderes erwartet hatte? Wie ein schwindelnder Rausch des Entzückens überkam es ihn. Ihm war, als ginge ein Lichtstrom von der Geliebten aus, der ihm Augen, Herz und Seele blendete. – Da empfand er zum erstenmal den vollen heiligen Zauber, den Frauengüte und Milde auf einen Mann ausüben, den unerklärlich holden Zauber, der das Weib in seinen Augen mit Engelsschwingen schmückt, den Zauber, vor dem der Mann sich willig beugt, gleich wie vor höherer Macht, den er nie voll begreifen kann, wohl aber voll dankbarer, heiß entzückter Liebe als seligstes Gnadengeschenk preist, »Und du bist mir wahrlich nicht böse?« fragte er noch einmal leise, als müßte er sich vollkommen versichern. Da lachte sie abermals, legte ihren Arm in den seinen und schritt langsam mit ihm weiter in die blühende Gotteswelt hinein. »Wie sollte ich wohl so närrisch sein?« scherzte sie, »die Nachtigall ist doch immer eine Künderin seligen Lenzes!« »Du lieber – lieber Engel du! – Wahrlich, Rose, wenn du mir in dieser Stunde nicht zürnst, dann wirst du es niemals tun! – Und ich Narr zitterte vor dieser Beichte, weil ich fürchtete, sie würde mir viel bitteres Herzeleid bescheren!« »Das glaubtest du jetzt noch, nachdem ich dir doch schon gesagt hatte, daß ich dich liebhabe?« »Konnte meine Beichte diese Liebe nicht im alten Groll sterben lassen?« Sie sah plötzlich sehr ernst aus. »Nein, Herzliebster, das konnte sie nicht – und hätte sie es getan, so wäre es ein Glück für dich gewesen, denn eine so kleinliche und schwache Liebe, die nicht einmal em törichtes Vorurteil überwinden kann, wäre viel zu arm und schlecht für dich gewesen. Habe ich es denn nicht unbewußt längst eingesehen und erkannt, daß ich dir, ehemals Unrecht tat? – Ich haßte in dem Unbekannten einen frivolen Spötter, der mich und meinen Vater zur Zielscheibe seiner kecken Scherze erkoren und uns dadurch beleidigte, nun entpuppt sich dieser Sünder just als der, den ich von ganzem Herzen lieben, schätzen und verehren lernte, und ich dächte, dieses letztere Urteil wäre wohl das erprobtere und richtigere. Wir beide verstehen uns ja – es kann sich jetzt kein Groll und Mißtrauen mehr zwischen uns drängen, mein Joachim – aber Papa! – Ach, erst setzt kommt mir der Gedanke an ihn!« »Du glaubst auch, daß dein Vater weniger milde und versöhnlich sein würde als du?« seufzte der junge Mann schwer auf. Rose blieb erschrocken stehen und hob wie beschwörend die Hände. »Achim – du willst ihm doch etwa nicht auch beichten?!« »Muß ich es nicht ehrlicherweise?!« Sie schüttelte energisch das Köpfchen. »Nein, unser Lebensglück ist zu heilig, um es einer Laune opfern zu dürfen; Vater hat dich noch nicht annähernd so kennengelernt wie ich und würde fraglos seinen Unwillen größer sein lassen als seine Nachsicht. – Ich weiß, wie starr er in seinen Ansichten ist, wie fest und zähe er an einem Vorurteil hält. Du würdest zeitlebens vergeblich um seine Liebe und Freundschaft werben!« »Aber er ist doch so gut und freundlich gegen mich!« »Weil er ahnungslos ist. Du hörst, wie sehr er noch nach dem Missetäter forscht!« »Und wenn er mich entdeckt?« »Das ist kaum anzunehmen! Sollte es später ein fataler Zufall fügen, nun, so hast du dich als Schwiegersohn, so Gott will, schon so sehr seiner Liebe versichert, daß er alsdann um unseres Glückes willen gern verzeiht. Sind wir in unserer Ehe glücklich geworden, strafen wir ja seine Graphologie Lügen!« »Du hast recht – Zeit gewonnen, alles gewonnen!« »Meine zerschossene Hand bewahrt mich ja vor dem handschriftlichen Examen!« »Weißt du was? Wir gehen zuerst zu Mutterchen und besprechen die ganze Angelegenheit mit ihr, was sie uns alsdann rät, ist fraglos das richtige!« »Wie denkt sie eigentlich über den Ruhlaer Sünder?« »So lieb und nachsichtig, wie sie alle Menschen beurteilt! Sie hat uns von Anfang an ausgelacht, daß wir harmlosen Übermut so tragisch genommen haben.« »Welch eine ideale Frau! Nur sie konnte eine Tochter wie dich erziehen, du allerliebster Schatz! Aber seltsam, sonst fürchten sich die Männer meistens vor der Schwiegermutter – ich mache eine Ausnahme und zittere vor dem Schwiegerpapa!« »Ganz wie Siegfried! – Mit Mama verstand er sich von jeher vortrefflich und mit Vater absolut nicht!« »Gut, schreiben wir an die ›Fliegenden Blätter‹, daß künftighin alle bösen Schwiegermütter in lauter Schwiegerväter umgeändert werden!« »Diese Umwälzung der Verhältnisse hat sich vielleicht das zwanzigste Jahrhundert vorbehalten!« »Sicherlich, dann ist die Frau am Ruder, bekleidet Staatsämter, drillt Rekruten und fährt zur See – der Mann aber sitzt mit dem Strickstrumpf beim Kochtopf und artet naturgemäß zur Schwiegermutter aus!« Lachend und glückselig, alle Sorge in den Wind schlagend, wanderten sie auf großen Umwegen nach dem Hause zurück. Dort wachten soeben erst die städtischen Langschläfer auf, und ahnten gar nicht, wieviel Gold die Morgenstunde im Munde hat – lauter Dukatengold, aus dem die Trauringe geschmiedet werden!   Wieder trank man den Kaffee auf der Veranda. Die Post war bereits gekommen, und Herr von Welfen griff schmunzelnd nach verschiedenen Briefen, die seine Adresse trugen. »Aha! Da hätten wir ja die verehrten Herren Reflektanten!« – sagte er vergnüglich. »Lauter eigene Handschriften! Na Kinder, diesmal sollt ihr mit eurem Diener nicht hereinfallen!« »Oh – Väterchen, der hier ist mit einem Schwefelholz geschrieben!« lachte Rose, »was für wunderliche Krakelfüße! Aber dieser hier! Sieh, der ist hübsch geschrieben!« »So?! Wirklich, du kleine Jungfer Weisheit?« höhnte der Graphologe, beide Schreiben eifrig durch die Brille studierend, »na, da sieht man ja am allerbesten, wie der Schein trügt! Hier der Schwefelholzmann ... Jochen Klüsing ... oder Brüsing ... bedienstet gewesen als zweiter Kutscher bei dem Oberamtmann Maltow auf Krossin, Kreis Lübben, hat Servieren und Aufwarten gelernt, wird bestens empfohlen von seiner Herrschaft, schickt auf Wunsch Originalzeugnis ein – 28 Jahre alt, ehrlich, zuverlässig – geschickt und anstellig ...« »Hm ... lobt sich selber?« »Gewiß, muß es doch tun, da er das Zeugnis noch nicht hat! – Ja, dieser Jochen Brüsing schreibt eine klare, ruhige Schrift. Will mal meine Bücher zu Rate ziehen – entschuldigt mich solange!« Er stand auf und ging. Ziemlich schweigsam harrte man seiner Rückkehr. Das Ehepaar Born schien sich neuerdings gezankt zu haben, sie waren beide schlechter Laune und sprachen kaum, Rose und Joachim sahen zwar desto strahlender und glücklicher aus, aber sie sprachen auch nicht viel, und nur Vetter Eylau, der prachtvoll geschlafen hatte, und Frau von Welfen, die stets gleichmäßig liebenswürdig, trugen die Kosten der Unterhaltung. Endlich erschien der Major wieder in der Tür. Er sah stolz erregt und sichtlich hochbefriedigt aus. »Der Schwefelholzmann wird engagiert!« sagte er mit Nachdruck, »ein vortrefflicher Kerl. Alle nur denkbar guten Eigenschaften garantiert seine Schrift. Aber der andere hier, der nur höchst lakonisch schreibt: »Ich, August Friedberg, geboren 22. März 1850, bei Herrn Baron von Grahl auf Groß- Schmettow bedienstet, bitte mich mit meinem Zeugnis persönlich der Herrschaft vorstellen zu können!« – Dieser Kerl mit der langen schräggestellten Schrift, taugt in Grund und Boden nichts! Da seht mal her! Verstellungskunst – Lüge ... Brutalität – Egoismus bis zur Dieberei – Sinnlichkeit, Hang zur Verschwendung – Unmäßigkeit, also fraglos Trunksucht ... Na, vor diesem Herrn August möge uns Gott bewahren! Gewiß ein recht unverschämter roher Patron, mit listig verschlagener Galgenphysiognomie und schleichendem Wesen – na, auf den, Kinder, reflektieren wir keinesfalls! Schade, daß wir nicht mit den alten Schmettowern verkehren – so ein kränkliches, greisenhaftes Pärchen hat selbstverständlich gegen solch einen Kerl nicht aufkommen können ... na ... Bachmann? Heda, wen bringen Sie denn da?« Bachmann trat, die Mütze in der Hand, an die Treppe der Veranda; hinter ihm, weiter ab im Garten, stand ein großer, rüstiger Mann in ehrerbietiger Haltung. »Verzeihen Herr Major ... da meldet sich der Kutscher aus Schmettow und bittet, sich der gnädigen Herrschaft vorstellen zu dürfen!« Alle Köpfe wandten sich wie elektrisiert dem Genannten zu. »Wie? August Friedberg? ... Der da? ... hm – soll näher treten!« –- brummte der Major und fügte leise hinzu: »Laßt euch nicht irremachen, Kinder, der Kerl ist ein Heuchler!« August Friedberg schritt stramm herzu. Aller Augen hafteten auf ihm, dennoch wurde er nicht verlegen. Ruhig und sicher stieg er die Treppe empor. »Aber Papa – der sieht ja fabelhaft nett aus!« flüsterte Rose, und die kleine Tafelrunde nickte Beifall. Der übel beleumundete Kutscher aus Schmettow blickte mit gutherzigen, treuen Augen um sich. Sein glattrasiertes Gesicht sah frisch und gesund aus, bescheiden, ernst und freundlich im Ausdruck. Es lag beinahe etwas Würdiges in dem Wesen und Aussehen des alternden Mannes. »Hm ... Sie sind der Kutscher aus Schmettow?« »Befehl, Herr Major.« »Warum verlassen Sie Ihren Dienst?« »Die Herrschaft ist krank und alt geworden – da befahl der Herr Doktor, daß sie in wärmere Sonne müßten. Unser Herr Baron hat nun das Gut verpachtet; löst den Haushalt auf und reist nach Italien.« Das klang so traurig und ernst, als würde es August Friedberg sehr schwer, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. »Warum nimmt Sie der Herr Baron nicht mit?« »Der Kammerdiener und die Jungfer, die besser die Pflege verstehen, sollen die Herrschaft begleiten. Wagen und Pferde werden ja verkauft ... und der Friedrich ist ja auch schon so sehr lange beim gnädigen Herrn!« »Hm ... und wie lange sind Sie in Schmettow bedienstet?« Die gutmütigen Augen des Sprechers wurden feucht. »Es sind nun im letzten Herbst dreißig Jahre gewesen, Herr Major –-« eine allgemeine Bewegung der kleinen Tischrunde! – »als fünfzehnjähriger Junge kam ich dermalen schon in den Pferdestall, und Anno 70 schickte mich der Herr Baron nach Berlin, wo ich als Freiwilliger im Regiment bei unserem jungen Herrn Leutnant eintrat. Ich sollte ein Auge auf ihn haben – und ... na, der liebe Herrgott hat es mir ja auch beschieden, daß ich ihn bei St. Privat aus dem Feuer tragen konnte – er hatte zwei Schüsse wegbekommen. Dann wollte der junge Herr mich bei sich behalten, und ich habe ihn mit pflegen dürfen, bis ihn nach fünf Jahren der himmlische Vater doch noch zu sich nahm – die Kopfwunde wollte nicht heilen, da gab es schließlich Gehirnerweichung.« Die Stimme des Mannes zitterte, er schluckte ein paarmal und fuhr ruhig fort: »Nun wird alles anders in Schmettow, und das Majorat fällt einst an den Vetter des Herrn. Da bleibe ich nicht gern in der entfremdeten Heimat, bin auch noch rüstig und mag noch nicht auf der faulen Haut liegen.« »Sind Sie verheiratet?« »Ich bin Witwer, gnädige Frau. Mein Junge ist zwölf Jahre alt.« Born hatte das Zeugnis und den Brief des Barons gelesen, der demselben beigefügt war. »Herr von Grahl hat Ihnen einen Gnadenlohn ausgesetzt, den Sie auch fernerhin beziehen?« »Ja, Herr Landrat – um des jungen Herrn willen, der in meinen Armen starb.« »Sie werden ganz außerordentlich gelobt in dem Zeugnis!« »Die Herrschaft war so gut zu mir.« Er sagte es leise, wieder zitterte seine Stimme, und die kummervolle Linie zwischen den Brauen vertiefte sich. »Sie haben eine gute Schulbildung genossen?« – fragte Welfen, der sich immer unruhiger auf seinem Stuhl hin und her bewegte. Da wurde August Friedberg dunkelrot. »Halten zu Gnaden, Herr Major, aber ... ehrlich heraus ... nein, das habe ich nicht.« »Sie schreiben aber eine recht geläufige Schrift?« Da senkte der Gefragte das Haupt tief zur Brust. »Nehmen Sie es nicht ungnädig, Herr Major, ich kann nicht schreiben und auch nur Gedrucktes lesen!« »Wie? Was?! Und dieser Brief hier?!« »Der Herr Major befahlen schriftliche Antwort« – stotterte der Mann sehr verlegen, »und da ich doch nicht selber schreiben konnte, ging ich zu dem Herrn Kantor und bat ihn ...« Die Zuhörer suchten zwar den Lachreiz zu ersticken, der Major aber warf sich auf seinen Stuhl zurück und bog sich vor Vergnügen, und die Umsitzenden sekundierten ihn nach Kräften. Dann aber faßte sich der Landrat, zog den verblüfften August in den Gartensalon und engagierte ihn dort mit den freundlichsten und anerkennendsten Worten als seinen Diener. Der kleine Vorfall hatte große Heiterkeit erregt. Der Major triumphierte und war wieder obenauf. »Meine Graphologie ist dennoch unfehlbar!« rief er, den Krakeelbusch erregt über der Stirn sträubend, »die hübsche Konduite, die ich dem braven August vorhin ausstellte – gilt also dem Herrn Kantor! Donnerwetter ja! Da reite ich expreß einmal nach Schmettow, um den Tartüff kennenzulernen!« Frau Dora, Rose und Achim wechselten einen schnellen Blick; diese günstige Stimmung mußte benutzt werden. Als Welfen sich erhob, eine »Friedenspfeife« nach dem Schrecken zu holen, stand Joachim auf und folgte, nachdem er seiner Rose verstohlen die Hand gedrückt, dem künftigen Schwiegerpapa, um dessen Jawort zu erbitten. Es dauerte auch gar nicht lange, da kehrte Achim mit hochgerötetem Antlitz zurück, warf sich erregt auf den Stuhl nieder, faßte die Hände von Frau von Welfen und Rose, und rief, in der Aufregung die Anwesenheit der anderen ganz vergessend: »Mutter! – Rose! – Er gibt sein Jawort, aber zuvor will er meine Handschrift sehen!« Abermals große, stürmische Erregung. Ein Fragen, Lachen, Jubeln, Gratulieren! Borns vergaßen all ihre schlechte Laune und bestürmten das »verratene Brautpaar« mit tausend Fragen. Da blieb Frau von Welfen nichts anderes übrig, als ihnen und Eylau die Lage der Dinge à discretion mitzuteilen. »Und Ihre Schrift will er sehen?« lachte der Landrat, »ja zum Teufel, Schilling, wie wollen Sie denn mit Ihrem Handfragment noch Manuskripte schreiben?« Joachim strich sich mit dem Taschentuch über die glühende Stirn: »Da dies leider unmöglich ist, verlangt er eine Schriftprobe aus früherer Zeit!« stöhnte er auf. »Na, famos!« nickte Eylau, »dann suchen Sie eine recht sauber gemalte Examenarbeit raus und legen sie dem Gestrengen vor, denn wenn Sie nicht vor seiner Kritik bestehen, erklärt er womöglich, ›der Mensch ist kein voller Schilling, höchstens ein Six Pence , und um so niedere Münze verhandle ich meine Tochter nicht!‹« Allgemeines Gelächter, nur Achim und Rose blickten sehr nachdenklich und kummervoll darein. »Selbstverständlich, Joachim! Irgendein aller Brief oder dergleichen wird sich schon finden!« »Unmöglich ... der Major darf meine Schrift unter keinen Umständen sehen!« stieß Schilling gepreßt durch die Zähne. »Nanu? Warum denn nicht? Schreiben Sie etwa ähnlich wie der sündhafte Kantor?!« Tiefes, trostloses Schweigen, plötzlich schluchzte Rose ganz verzweifelt auf: »Ach wenn ihr wüßtet!!« »Was denn? Was? – Mama ... Tante ... du weißt es! Bitte schenkt uns reinen Wein ein! ›Halbpart, Kamerad, dann will ich schweigen‹!« – schwirrten die Stimmen durcheinander. Frau von Welfen blickte fragend auf Achim, dieser nickte seufzend, und Frau Dora erzählte der staunenden Runde, welch ein Wolf sich in Joachims Schafpelz verberge! »Der Bösewicht aus Ruhla?! Alle neun Donner!!« »Joachim – Sie sind der Heißgehaßte, Langgesuchte? Grundgütiger! Dann darf Vater allerdings nie Ihre Handschrift zu Gesicht bekommen!« »Schilling! Mensch? Sie haben das schöne Eselsgedicht verfaßt! Göttlicher! Wo ist Lorbeer für solch eine lyrische Muse!!« »Nun bitte keine schlechten Witze mehr, sondern beraten, wie wir dem armen Pärchen helfen können!« Joachim schlang mit tiefem Seufzer den Arm um Rose, und diese lehnte das Köpfchen mit tränengefüllten Augen an seine Brust. »Nun sieh einer diesen Notstand der vereinigten Landwirte!« schmunzelte Eylau, »wenn man eine Photographie dieser armen Agrarier an den Reichstag schicken könnte, ich wette zehn gegen eins – alles Elend hätte bald ein Ende!« »Du bist ein herzloser Spötter, Männe!!« »Ich? Im Gegenteil. Wie sehr mir die Not der Liebenden zu Herzen geht, will ich euch sofort beweisen, indem ich einen rettenden Vorschlag mache!« »Rede, mein Goldjunge!« »Eylau – ich lasse Sie aus Dankbarkeit in bester Süßsahnenbutter braten!« »Na – dann hört, Kinder. Ich reise morgen nach Berlin zurück. Dort beordere ich meine sämtlichen Freunde zu mir. Allen diktiere ich einen Brief an ›Herzensliebste Mama‹ – datiert aus Achims ehemaliger Garnison, mit irgendeinem recht netten, solid und brav gedachten Inhalt. Unterschrieben – ›dein getreuer Achim.‹ – Diese sämtlichen Schriftstücke schleppe ich zu einem Graphologen, deren es so verschiedene in Berlin gibt, lasse die schönste und vielversprechendste Schrift aus allen heraussuchen und überantworte euch alsdann das wichtige Aktenstück zur gefälligen Benutzung! Na – räche ich mich nicht edel für die sechs Stunden Isolierzelle??« Großer Jubel, lebhafte Anerkennung folgte dem Vorschlag, nur Schilling blickte Frau von Welfen ernsthaft an und schüttelte den Kopf. »Nein, das darf ich nicht wagen!« »Sie allerdings dürfen es nicht, lieber Achim!« lächelte ihm Frau Dora gütig zu, »denn das würde allzusehr gegen den Respekt sein, aber ich habe einen ähnlichen Plan wie Männe, nur weniger kühn, und hoffe euch mit diesem zu Hilfe zu kommen. Einen Versuch müssen wir allerdings noch machen, Papa zu bestimmen, von der Schriftprobe abzusehen; beharrt er jedoch auf seinem Willen und wird mit seiner fixen Idee eurem Glück gefährlich, nun, so steht mir als Frau und Mutter schon eher das Recht zu, dem Schicksal zu Hilfe zu kommen!« »Hurra! Mutterchen soll leben! Die beste, liebenswürdigste Schwiegermama der Welt!« jubelten Born und Eylau, Achim aber faßte ihre Hände und drückte sie innig an seine Lippen, dieweil Rose mit strahlendem Gesichtchen die Arme um ihren Nacken schlang und flüsterte: »Ich wußte es ja, du liebe, liebe Herzensmama, daß du uns helfen würdest!« »Still! Tante Sidonie und Miß Dolly kehren von der Morgenpromenade zurück!« Born raffte die Zeitungen zusammen. »Um alles in der Welt schafft ihr die schlechten Kritiken über ihr unsterbliches Werk aus den Augen, sonst können wir die böse Laune wieder ausbauen!« »Schlechte Kritiken? Alle Wetter ja – schimpft man über die Naturgeschichte der Käsemaden?« »Und wie! – Die eingeschlafenen Paviansdamen sind glänzend rehabilitiert!!«   XXVII Die Stimme des Majors, aus dem geöffneten Fenster seines Arbeitszimmers ertönend, rief seine Frau, Rose und Joachim zu feierlicher Audienz. Herr von Schilling drückte erregt die Hand seiner zukünftigen Schwiegermutter – diese nickte ihm lächelnd zu. »Versprechen Sie, lieber Achim, Ihre Handschrift besorgen zu wollen – ich hoffe, im Trubel und der Freude des Verlobungsfestes vergißt er danach zu fragen, wenn Ihre Eltern eintreffen!« Sie gingen, und wenn auch Papa Welfen nicht gerade mit offenen Armen einen Schwiegersohn aufnahm, dem seiner Ansicht nach das Wichtigste fehlte, eine Hand zum schreiben, so gab er doch dem jungen Paar seinen Segen, mit dem Vorbehalt, daß auch Achims Schrift all die guten Eigenschaften verbürge, die er bisher an dem jungen Mann wahrgenommen habe. »Bis dahin aber untersage ich jedweden brautlichen Verkehr zwischen euch!« schloß er strenge, »bis die Verlobung veröffentlicht wird, seht ihr euch nur im Beisein von Mama oder Miß Dolly. Geküßt wird nicht eher, als bis ich die Schrift gesehen und endgültig ›ja und amen‹ gesagt habe. Verstanden?« »Aber Papachen!!« »Lieber, teuerster Onkel, das ist ja ein qualvolles Gebot! – Bedenken Sie doch, wie lange es noch dauern kann, bis meine Eltern reisen und das Schriftstück mitbringen können! Lieber, einziger Schwiegerpapa – Sie sind doch auch einmal jung und verliebt gewesen – –« »Und wie verliebt warst du, Papachen! Denke doch, wenn du so strenge behandelt worden wärst –« »An der Quelle dursten!!« »Das Himmelmanna der Liebe mit Händen halten und dennoch danach hungern müssen!!« Der Major lachte. »Na, na, ihr unbescheidenes Volk, so schlimm ist's nun nicht! Wollte euch eigentlich damit überraschen, aber wenn ihr mir das Messer derart an die Kehle setzt, muß ich wohl schon beichten! Hm ... hätte ja blind sein müssen, wenn ich den Racker Amor zwischen euch nicht hätte sehen wollen – hat bei jedem von euch Zentrum geschossen! Na, Kinder, da war ich schon auf diese Stunde vorbereitet und tat meine Schritte! Habe mich an eine gute, sichere Quelle gewandt und mir ein paar Schriftstücke aus Achims Leutnantszeit verschrieben, hoffte, sie würden eher da sein als der Heiratsantrag. Nun können sie aber jeden Augenblick eintreffen, und bis dahin verlange ich Geduld. Ehrlich gestanden, lieber Achim, hatte ich andere Pläne mit der Rose im Sinn, wollte ihr gern einen Mann mit harmonischer Schrift auftreiben, mit einer Schrift, wie sie mir ganz besonders im Sinne liegt! Na, das ist aber wohl ein Ding der Unmöglichkeit und darum will ich mich nicht darauf steifen! Also nochmals: Glück auf, mein Junge! – Wir alle haben Sie aufrichtig gern, und Sie sollen uns von Herzen willkommen sein, wenn Sie nicht gerade eine Verbrecherschrift schreiben! Und das glaube ich nicht. – Nun Adio, Kinder – und noch ein paar Tage Ordre pariert!« Rose hatte das Taschentuch vor das Gesichtchen gedrückt und stürmte ohne ein weiteres Wort hinaus, Achim drückte die Hand des Majors und stammelte ein paar unverständliche Worte, dann folgte er hastig zur Tür. »Mamachen – spiele Zerberus!« lachte Welfen in vortrefflicher Laune. »Sonst verproviantieren sie sich draußen für volle acht Tage mit Küssen!« Welch eine trostlos verzweifelte Stimmung. Achims frisches Gesicht war farblos, und Rose schwamm in Tränen – selbst Frau von Welfen sah gar nicht mehr so zuversichtlich, sondern recht besorgt aus. Fern im Park, im kleinen Tempel wurde großer Familienrat gehalten. Borns und Vetter Eylau waren als Vertrauenspersonen hinzugezogen. Die Bestürzung war groß. Bekam der Major die Schrift Achims zu Gesicht, so war alles verloren. »Es darf nicht geschehen, es muß unter allen Umständen vereitelt werden!« entschied der Landrat. »Wenn man nur wußte, an wen er geschrieben hat!« »An den früheren Kommandeur?!« »Ich halte es für wahrscheinlicher, an irgendeinen Regiments- Kameraden!« »Oder an Achims Eltern!« »Oder den Gutsinspektor!« »Vielleicht an irgendeinen Schneider oder Schuster seiner ehemaligen Garnison!« »Gleichviel! An wen er sich auch gewandt hat, der Brief darf nicht ankommen.« »Dann sind wir ja für ewige Zeiten ein unverlobtes Brautpaar!!« »Unsinn, wir schieben währenddessen unser Kuckucksei unter, denn da Papa keine Antwort erhält, bemühst auch du dich und besorgst ihm deine Schriftprobe!« »Das wäre ein rettender Gedanke! Man müßte die Post in Feldheim verständigen!« »Nein, das macht Aufsehen, und außerdem würden die Beamten nicht darauf eingehen!« »Wir müssen Tag für Tag dem Postboten entgegengehen und sehen, daß wir den verdächtigen Brief in unsere Hände schmuggeln!« »Aber, was damit tun?« »Sehr einfach, wir nehmen Achims Schrift heraus und ersetzen sie durch eine andere!« »Durch welch eine?« »Zur Not lasse ich das Schriftstück von einem Schreiber kopieren!« entschied der Landrat: »Not lehrt beten, und um so viel Unheil zu verhüten, kann man schon ein bißchen Taschenspielerkünste in Szene setzen!« »Du müßtest dann gleich nach Feldheim reiten!« »Wir kehren ja sowieso übermorgen dorthin zurück! Sechs Wochen sind wir bereits hier, nun rufen mich Angelegenheiten heim, die von hier aus nicht gut geregelt werden können!« Man beriet noch eifrig hin und her, überlegte genau, wie man dem Briefträger auflauern und ihm die Mappe abnehmen wolle. – Salome erklärte sich bereit, den Schlüssel unter irgendwelchem Vorwand aus Papas Schreibtisch zu stibitzen, kurzum, es war die vollendete Verschwörung. Allmählich versiegten Roses Tränen, und auch Achim schaute hoffnungsfreudiger darein, um so mehr, als die beste und liebenswürdigste Schwiegermama gar keine Zerberusmiene aufsetzte, sondern merkwürdig kurzsichtig war, wenn Achim sein armes Bräutchen zärtlicher und anhaltender tröstete, als es unumgänglich nötig war. Der Landrat und Männe Eylau wollten heute als erste Streifpatrouille gegen vier Uhr den Feldweg und die Chaussee nach Feldheim abpirschen, und morgen früh sollten Eylau, Salome und Rose die Wachtposten übernehmen. Siegfried wanderte mit dem Referendar, eifrig beratend, in dem Gartenweg auf und nieder, Rose und Achim sprachen sich Arm in Arm Mut ein, und Frau von Welfen und Salome saßen in ernstem Gespräch unweit von ihnen und schienen mancherlei für die Übersiedlung des Landratspaares nach Feldheim zu besprechen. Salome hatte es endlich nach langem Kampfe über sich gewonnen, der Mutter ihren letzten Streit mit Siegfried zu berichten. Nun hielt Frau Dora ihr Trotzköpfchen im Arm und redete mit ihrer leisen, lieben Stimme zum Guten. »Wenn er wirklich eifersüchtig ist, so hüte dich wohl, Herzenskind, ihn zu reizen. Die Eifersucht ist eine Wunde des Herzens – reißt man sie mutwillig größer, heilt sie um so schwerer und hinterläßt ihre Narben; träufelt man gar voll sündhaften Leichtsinns Gift hinein, so wird sie tödlich und alle Liebe stirbt an ihr! Darum hege und pflege deines Mannes Herz, daß es gesund bleibt. – Die Mission des Weibes auf Erden ist der Friede. – Wo der im Hause fehlt, da fehlt es auch an Glück und Segen. Du erniedrigst dich nicht, wenn du Siegfried nachgibst und den einzigen Wunsch erfüllst, den er an dich stellt. – Durch dein Nachgeben zeigst du ihm nur deine selbstlose, innige Liebe. Hast du nicht ein Recht dazu? Ist das so schwer? Als ihr euch verlobtet, sagtest du ihm auch, daß du ihn lieb habest, nicht einmal, nein, täglich, stündlich – so oft ihr euch sahet. Glaubtest du damals dieses Liebesgeständnis erniedrige dich in seinen Augen? Nein! Als er dir seinen Ring an den Finger steckte und du lächelnd und hochbeglückt das Zeichen deiner Abhängigkeit trugst – erniedrigtest du dich dadurch? Als du deinen Namen hingabst und dafür den seinen erhieltest–- war es eine Demütigung in deinen Augen? Nein, es waren alles nur Beweise der Liebe. – Die Ehe gibt nicht mehr viel Gelegenheit, die hingebende Liebe durch äußere Zeichen zu betätigen, sie endet naturgemäß auch die Liebeserklärungen in Worten, die ein Brautpaar voll schwärmerischer Zärtlichkeit tauscht, aber darf darum eine Ehe bar aller Liebe und ihrer Beweise sein? Das verhüte Gott. – Die Liebe zwischen Ehegatten hat nur eine andere Sprache angenommen. Jedes Nachgeben, jedes ›Sichfügen‹, jedes freimütige Unterordnen des Weibes heißt in dieser Sprache ›ich liebe dich!‹ – und jedes Sorgen, Arbeiten, Schaffen des Mannes für sein Weib und seine Familie sagt voll inniger Treue: ich liebe euch! – – Die Zeit ist zu kostbar geworden für Eheleute, die Liebe darf nicht mehr ein Wort sein – sie muß zur Tat werden, sie darf ihre Aufrichtigkeit nicht mehr versichern, sondern muß sie beweisen. Ihr beiden jungen, heißblütigen Menschen habt euch durch falschen Stolz gegenseitig das Leben unnötig schwer gemacht. Habt euch gegenseitig in eine falsche Bahn gedrängt, und nun will keines zurück. – Wie soll das enden? Wollt ihr euch denn nie wieder zusammenfinden? Sieh, Herzenskind, Siegfried ist dein Mann, du hast ihn selber erwählt, du hast ihm versichert, daß du ihn liebtest, willst du ihn belogen haben? Willst du nicht halten, was du ihm versprachst? – ›Ihr Weiber seid untertan euern Männern‹ – spricht der Herr. Willst du dich nicht um Siegfrieds willen demütigen, so tue es um des Heilandes willen, der es von dir verlangt. – – Nicht das Kirchenlaufen und Kollektenbezahlen allein ist Religion, sondern der ganze Wandel eines Menschen, das Gott wohlgefällige Erfüllen des Berufes, in den er ihn gestellt hat. – Ich weiß, daß es dir bitter schwer werden wird, gerade jetzt, nach dem neuen Streit als Bittende und Gehorsame vor deinen Mann zu treten, und doch beschwöre ich dich um deines eigenen Glückes willen, tue es, Salome. Es gibt keine Entschuldigung für dich, wenn du es nicht tust. Du hast in diesen sechs Wochen genug gelernt, um dir künftighin selber forthelfen zu können, laß das mühsam bestellte Feld nicht verdorren und verkommen in kindischem Trotz. Ganz allmählich, ganz bei kleinem winde deinem Mann die Zügel des Haushaltes aus der Hand und führe du sie, wie es sich für dich gehört. – Du ahnst gar nicht, welch eine unerschöpfliche Quelle der Seligkeit du dir dadurch erschließest, welch einen Triumph für dich dieses scheinbare Erniedrigen in sich schließt. Du brauchst ja keine eklatante Szene heraufzubeschwören, du kannst in der Stille beginnen und fröhlich der Zeit harren, bis er es selber entdeckt – wie treu du ihn liebst! – Ich packe dir all deine schönen, neuen Küchenschürzen oben in den Koffer, und ich weiß es, daß meine liebe, vernünftige Salome zu brav und fromm ist, um ihres Heilandes Gebot und ihres Herzliebsten Wunsch unerfüllt zu lassen!« Salome hatte schweigend gelauscht, jetzt hob sie das Antlitz und blickte mit tränenglänzenben Augen zu der Sprecherin auf. »Du gute, gute Mutter! – Du meinst es treu, und du hast recht – gesegnet, die auf Erden Frieden stiften!« – Sie küßte die Hände Frau Doras, und diese wußte, daß ihr junges Kind in dieser Stunde älter geworden war als sonst in einem Jahre. Vom Hause schallte das erste Zeichen der Tischglocke. Die kleine Versammlung brach auf. Der Landrat blickte sich um, und sein Blick traf wie in schmerzlicher Sehnsucht seine Frau. Nie hatte er sie früher als Braut so oft von dieser Stelle zu Tisch geführt, selige überglückliche Menschen. Salome errötete; aber sie trat schnell an seine Seite, nahm mit bittendem Blick seinen Arm und sagte leise: »komm!« Seine Augen leuchteten auf – unwillkürlich preßte er ihren Arm an sich und sah sie an – ganz wie früher. Schweigend schritten sie dem Hause zu. Beider Herzen waren übervoll – und doch fand sich noch nicht das rechte Wort, um just das auszusprechen, was sie einzig leicht und glückselig machen konnte! Als man das Haus erreichte und die Veranda betrat, lag eine rotumränderte Mütze auf dem Tisch. Joachim sah sie zuerst und zuckte leicht zusammen. »Wer ... wer ist bei dem Herrn Major, Wulf?« »Der Briefträger, gnädiger Herr.« Ein leiser, vierstimmiger Aufschrei des Entsetzens. »Jetzt! Zu dieser außergewöhnlichen Stunde?« »Es war ein Expreßbrief – eingeschrieben, gnädige Frau!« »Allmächtiger Gott, das ist er!« Rose sah leichenblaß aus – die kleine Gesellschaft stand wie versteinert. »Gehen Sie in die Küche! Sollen erst hier zu Mittag essen!« klang Welfens Stimme nebenan, und dann trappten die Nagelschuhe des Postboten durch das Gartenzimmer, und die Flurtür schloß sich hinter ihm. »Salome – ich beschwöre dich, geh hinein zu Papa und bringe heraus, was der Briefträger gebracht hat! – Du hast scharfe Augen, und dir sagt Vater es auch am ersten!« Frau von Born nickte sehr resolut, schwenkte kurz auf den zierlichen Hackenschuhchen um und betrat das Arbeitszimmer des alten Herrn. Schon nach wenigen Minuten kam sie wieder zurück. Sie sah sehr erregt aus. »Es sind wahrhaftig Briefe von Joachim!« stöhnte sie, »und Papa hat auch die Handschrift vom Ruhlaer erkannt! Er scheint vor Aufregung zu beben! ›Salome ich habe ihn!‹ schrie er mir entgegen, und dann riß er seinen Schreibtisch auf und wühlte in den Papieren; fraglos suchte er nach dem Blatt aus dem Fremdenbuch!« Rose warf sich laut schluchzend an die Brust des Geliebten, und Achim umschlang sie so fest und markig, als müsse er sie vor einer ganzen Welt schätzen. Er warf den Kopf energisch zurück, seine Augen blitzten. Jetzt, angesichts der Gefahr, kannte er keine Furcht mehr – sein Sorgen und Zagen wich der stolzen Zuversicht und dem eisernen Willen, der um jeden Preis den Kampf aufnimmt. »Mut, Rose! Es ist ja undenkbar, daß der Vater wegen eines übermütigen Scherzes unser ganzes Lebensglück auf das Spiel setzt! Laß mich nur mit ihm reden, ich werde mich schon mit ihm verständigen!« Frau von Welfen war auf einen Stuhl niedergesunken und starrte wie in verzweifeltem Nachdenken vor sich hin. »Er kommt!« murmelte Born. »Und wie kommt er!« seufzte Eylau. Eine Tür flog schmetternd zurück. Eilige Schritte kamen herzu, und dann klirrte die Glastür der Veranda, auf der die Verschworenen mit bangem Herzen der Dinge harrten, die nunmehr kommen mußten. Da stand auch Welfen schon auf der Schwelle. Er sah dunkelrot aus. »Achim!« schrie er, »Achim!« Hub dann eilte er ungestüm auf den jungen Mann zu und schloß ihn in die Arme. »Infamer Schlingel, also du warst es! – Und sagst es nicht längst! Potz Blitz und Knall ... wo ist Rose! – Marsch hierher, Kleine – einen Mann mit einer harmonischeren Handschrift kannst du nie im Leben bekommen, darum sollt ihr meinen Segen haben, wenn auch dieser Sakramenter von einem Achim seinem lieben Schwiegervater übel mitgespielt hat!« Die Wirkung dieser Worte war eine unglaubliche. Niemand erfaßte und begriff dieses neunte Weltwunder, nur Eylau erholte sich zuerst und schrie »Hurra!« und Schilling preßte Rose an sich und starrte seinem unerklärlichen Schwiegerpapa wie ein Mondsüchtiger in das Gesicht. Alle andern standen regungslos, wie versteinert, bis Frau Dora mit einem erlösenden Jubellaut ihrem Mann um den Hals fiel. »Ernst – lieber Ernst, ist das Wahrheit oder grausamer Scherz?« Da strich sich der Major aufatmend über die erhitzte Stirn, und sein Blick flog nun erst musternd in die Runde. Dann lachte er schallend auf. »Kinder, was für törichte Gesichter macht ihr!« rief er in bester Laune. »Aha, nun verstehe ich auch erst! Meinen Segen hattet ihr nicht so ganz erwartet! – Teufel – ja, wußtet ihr denn etwa schon, daß Achim mein teurer Freund und Galgenstrick aus Ruhla war?!« »Wir wußten es, Ernst – allerdings auch erst seit kürzester Zeit!« »Na Schwerenot, warum sagt ihr mir denn das nicht gleich, sondern macht mir erst noch solch heillose Mühe, bis ich die Wahrheit erfahre?« Rose hatte sich den Armen ihres Verlobten entwunden, ungestüm umschlang sie den Vater. »Ach, Papachen, wie hätten wir denn das wagen dürfen!« rief sie zwischen Lachen und Weinen, »du haßtest ja jenen Unbekannten so sehr, und wir fürchteten, du könntest ihm nie verzeihen!« »Einem derart harmonisch schreibenden Menschen vergebe ich alles! Sehe ich doch aus der Schrift, daß es keine Bosheit, sondern nur Frohsinn und Heiterkeit – keine Ironie – sondern Humor, keine Unverschämtheit, sondern nur gute Laune war, die den Monsieur da zu all seinem Schabernack trieb!« »Eine harmonische Schrift? – Joachim schreibt eine harmonische Schrift, Papa?« »Na ja, ist das etwas Absonderliches? Habe den Schlingel immer gut taxiert, seit ich ihn hier in Ruhe beobachten konnte! Komm her, alter Junge, laß dich umarmen! Du wirst meine Kleine sicher glücklich machen, davon bin ich überzeugt!« »Aber Papachen, hattest du denn nicht die harmonische Schrift schon längst an dem Gedicht erkannt?« fragte Salome noch immer starr von Staunen. »Na gewiß hatte ich das! Darum gab ich mir ja die Mühe, den Herrn Schreiber ausfindig zu machen.« »Und wir hielten diese Nachforschungen nur für ein Zeichen ungestillter Rache!« »Aha – und darum wurde mir der Urheber verheimlicht!« Welfen lachte immer vergnügter. »Zu närrisch Kinder! Und ich habe sooft gedacht, solch einen Mann mit soviel guten Eigenschaften möchtest du wohl für deine Rose haben!« »Hurra!« rief Eylau abermals und warf voll ausgelassener Freude die langen Arme in die Lust. »So ein wunderbares Zusammentreffen muß gefeiert werden! –- Ich habe verteufelten Hunger, meine Herrschaften, und schlage vor, wir werfen das neugebackene Brautpaar in die Suppenterrine!« »Das soll ein Wort sein! – Bitte zu Tisch, meine Lieben! Ich sag's ja, Tante Sidonie hat euer Hurrageschrei aus des Waldes tiefsten Gründen herausgelockt!« Die Genannte trat just in die Tür. »Wo bleibt ihr denn, zum Kuckuck?« räsonnierte sie, »seit einer halben Stunde hat es zu Tisch geläutet!« »Liebe Tante – die Veranlassung war eine sehr frohe. Erlaube die mündliche Anzeige, daß wir soeben unsere jüngste Tochter Rose mit Herrn Joachim von Schilling verlobt haben!« »Das ist mir durchaus gleichgültig!« antwortete die Frau Professorin trocken. »Ich habe Hunger.« »Liebe Tante – Sie sind doch eine große Naturforscherin vor dem Herrn –« wandte sich ihr der Landrat höflich zu, »können Sie mir nicht sagen, wie das Tier heißt, das lediglich für ... Essen und Trinken Interesse hat?« »Hm!« sagte die Tante überrascht. Die andern aber stürmten davon, ihr verräterisches Lachen zu verbergen. Der gestrige Abend hatte bereits Stimmung gemacht, und der Weinkeller von Jeseritz machte in diesen Tagen die Erfahrung, daß die Freude eine Pflanze ist, die immer üppiger emporschießt und immer farbigere Blüten treibt, je fleißiger sie begossen wird. Selbst Tante Sidonie ward an der Seite des Landrats heilerer und wohlgelaunter als je. Mit ganz sonderbarem Ausdruck waren ihre runden Glasaugen auf ihn gerichtet, wenn er es nicht bemerkte. Als sie heute morgen den braven Wulf ingrimmig angeschnaubt hatte, warum sie keine einzige Zeitung mehr zu Gesicht bekäme, hatte er erwidert: »Der Herr Landrat hat die Zeitungen beiseite geschafft.« »Aus welchem Grunde?« hatte sie geforscht. Da lachten die Äuglein des ehemaligen Offiziersburschen recht boshaft und schadenfroh, denn er haßte die Frau Professorin ebensosehr, wie es alle Dienstboten in Jeseritz taten. »Weil etwas recht Schlimmes über das Buch der gnädigen Frau darin stand!« triumphierte er. Da fragte sie nicht weiter, aber sie grübelte ununterbrochen über das Rätsel nach, warum der Landrat ihr nicht die schlechten Kritiken voll Spott und Hohn vorlegte? – Er war doch sonst bei jeder Gelegenheit so urwüchsig grob und sagte ihr soviel Unangenehmes, warum nun nicht die Kritiken präsentieren? Tante Sidonie wußte es. Weil er innerlich viel zu empört über die Ungerechtigkeit und Verlogenheit dieser Rezensionen war. Hatte er ihr nicht selber an jenem Tage die größte Eloge über ihr Werk gesagt, indem er dasselbe für eine hinterlassene Arbeit ihres geistvollen Gatten hielt? Fraglos, Born war der einzige, der dem Buch rückhaltlose Anerkennung und Bewunderung zollte! Er hatte die Vortrefflichkeit ihrer Leistung erkannt und würdigte sie. Daß er stets sehr unhöflich und grob zu ihr war, hatte seinen besonderen Grund. Er war eine zu stolze und selbstlose Natur, um sich zum Erbschleicher zu erniedrigen. Er verbarg seine wahren Gefühle für sie, und hüllte sich in Kälte und Spott, aus Angst, von ihr falsch gedeutet zu werden. Daß er es besser und redlicher als alle andern mit ihr meinte, ersah sie wieder daraus, daß er eifrig bemüht war, ihr jede Kränkung und jeden Schmerz der ihr ungerechtfertigt von Fremden widerfuhr, zu ersparen. Auch sein hilfreiches Erscheinen damals vor dem entsetzlichen Leichenwagen war fraglos kein Zufall gewesen. Er hatte sie im Kreise ihrer falschen, scheinheiligen Freunde arglos dahin wandeln sehen und für sie gefürchtet, darum folgte er ihr von weitem, um ihr Schutz und Schirm zu sein. Fraglos wäre er als treuer Schatten bis Jeseritz gefolgt, wenn das Schicksal nicht schon früher seine rettende Hand requiriert hätte! Ja, Tante Sidonie war so felsenfest von dieser Ansicht überzeugt, daß sie im Grunde ihres Herzens nicht höher schwur, als bei ihrem Neffen Born, wenngleich keine Menschenseele solche Sympathien ahnte und jeder überzeugt war, daß der Landrat, der grobe Wahrheitssager, ihr bestgehaßter Gegner sei. Das Mittagsmahl gestaltete sich zu einem überaus heiteren Verlobungsfeste, das seinen Maibowlestrom auch wieder hinab in die Küche ergoß und dort alle fidelen Geister entfesselte. Joachim setzte eine überselige Depesche an seine Eltern auf, die der Postbote sogleich mit zur Stadt nahm, und dann begab sich die heitere Tischgesellschaft auf die Veranda, um dort in Sonnenglanz und Blütenduft den Kaffee zu trinken. Da rollte ein Wagen herzu: Husarenuniformen. Herr von Elten sprang zuerst zur Erde, einen großen Blütenstrauß in der Hand. Er hatte seiner Ansicht nach die Jeseritzer nun lange genug ausgehungert, und wollte nun doppelten Eindruck als ein so lang und schmerzlich Vermißter machen. Er grüßte allgemein und wandte sich dann sofort zu Rose, ihr den Strauß mit unwiderstehlichsten und ausdrucksvollsten Augen, mit ein paar bedeutsamen Worten zu überreichen. Zum erstenmal sah die Kleine ein wenig boshaft aus. »Mein Gott, Herr von Elten – Sie scheinen mit höheren in Verbindung zu stehen!« rief sie lachend. »Schon Salomes Verlobung wußten Sie damals früher als alle andern Menschen und kamen als erster Gratulant, und nun machen Sie es bei mir ebenso?!« »Ihr Verlobung ... Sie sind ... auch verlobt?« stotterte der Premierleutnant, zum erstenmal im Leben fassungslos, ohne die Geistesgegenwart, die er Salome gegenüber gezeigt hatte. Er stand und starrte die Sprecherin an, dieweil sich ein schallendes Gelächter im Kreise erhob. »Ja,« rief Herr von Welfen in fröhlichster Laune und stellte seinen zweiten Schwiegersohn vor. »Herr von Schilling! Der glückliche Auserwählte!« sagte er, und Eylau fügte lachend hinzu: »Und welch ein vollgültiger Schilling mit einer harmonischen Handschrift – ich werde nie im Leben wieder wagen, ihn Mister Sir Pence zu nennen!« Als Herr von Elten sich überzeugte, daß es sich um keinen Scherz handele, machte er sauersüße Miene zum bösen Spiel. Er versuchte noch einmal mit Frau von Born das alte Spiel zu beginnen, mußte aber zu seiner unbeschreiblichen Überraschung wahrnehmen, daß der Liebe Mühe umsonst war. Der Landrat musterte ihn dabei wie einer, der am Ufer steht und zusieht, wie ein Feind ertrinkt. Auch dem kleinen Rittmeister war die Situation nicht recht behaglich, und es schien ihm eine besondere Freude zu sein, mitteilen zu können, daß er als Lehrer an die Reitschule zu H. kommandiert sei. Nach einer nicht sehr erbaulichen Kaffeestunde gingen die Herren wieder. Sie lehnten eine Einladung zum Abend ab. Der Rittmeister verabschiedete sich sogleich, und Herr von Elten sah ebenfalls aus, als nehme er einen ewigen Abschied von Jeseritz. Er erschien verfallener und verlebter als je, und die Schatten in seinem Gesicht spielten ins Grünliche. Während der Heimfahrt saß er nachdenklich mit tiefgeneigtem Kopf, und sein Kamerad ehrte die Gefühle, die ihn durchtobten, durch rücksichtsvolles Schweigen. Noch nie im Leben hatte Elten sich so schlagrührend geärgert wie an diesem Tage. Wie war es möglich, daß er derart von Roses Verlobung überrascht werden konnte! Er hatte die sämtlichen jungen Herren der Umgegend aufs argwöhnischste beobachtet, ob sie in Jeseritz Besuche machten oder nicht, und zu seiner triumphierenden Genugtuung hatte keiner dort die Schwelle betreten. Elten wußte wohl warum – er hatte dafür gesorgt. Da tauchte durch den Doktor die Nachricht von dem für verrückt gehaltenen Vetter auf, und Elten hielt es nun für gut, das Terrain zu sondieren und die Strafquarantäne, in der sich die Häuser Born und Welfen befunden, großmütig aufzuheben. – Er kam zu spät. – Und nicht nur das, er hatte sich obendrein unsterblich blamiert und lächerlich gemacht. Noch nie hatte er Feldheim so ingrimmig gehaßt wie an diesem Tage, und der Plan, den er schon lange gehegt, gewann an Festigkeit. Kaum zu Hause angelangt, setzte er sich an den Schreibtisch und fertigte ein dienstliches Schriftstück an, welches die Bitte um seine Versetzung enthielt. Er stützte den Kopf in die Hand und starrte mit einem Blick geradeaus, wie ehemals der Schakal im Käfig der Menagerie, wenn er vergeblich hin und her geschlichen und schließlich mit wild entschlossenem Satz gegen das Gitter gesprungen war – das erhoffte Opfer aber unbeschädigt an ihm vorüberging, durch wohlgemutes Lachen den geschlagenen Feind verspottend.   XXVIII Die Bornschen Koffer wurden aufgeladen, und die Goldfüchse schäumten ungeduldig in das Gebiß, die junge Herrschaft zurückzubringen in ihr eigenes Heim, in das trauliche Nestchen, das so lange verwaist und einsam gestanden hatte. In dem Besuchszimmer stand Frau Dora und drückte ihre Tochter abermals mit ganz besonderer Innigkeit ans Herz. »Mach ihm sein Haus lieb! Tue deine Pflicht!« bat sie noch einmal mit liebevoll mahnendem Blick, »bedenke, daß die Männer so leicht zu Sklaven zu machen sind, wenn es die Frau geschickt versteht, die Ketten aus Rosen zu flechten! Gibst du ihm ein einziges Mal nach, wenn er einen berechtigten Wunsch äußert, der Opfer von dir verlangt, so kannst du gewiß sein, daß er dir voll dankbaren Entzückens sechs andere Gegendienste leistet, die all deine Mühe und Last reichlich belohnen. Nur ein brutaler Mann erkennt die Fügsamkeit und Dienstwilligkeit seines Weibes nicht an, ein edler und hochherziger Charakter, wie Siegfried hingegen, wird keine liebere und ritterlichere Freude kennen, als die Dienende zur Herrin zu machen! Darum bedenke, daß des Hauses Glück in deine Hand gegeben ist. Vergiß die überspannten und unhaltbaren Ansichten über Ehe und Frauenrechte, die die vergiftete Lektüre, die ihr heimlich in der Pension gepflegt, euch einimpfte – bedenke, daß du eine deutsche Frau bist, die sich keiner Arbeit schämt und Haus und Ehestand noch heilig hält! – Denke auch an deine Mutter, die durch Leben und Wandel der Tochter zur pflichtvergessenen Schuldigen erniedrigt – aber auch zum leuchtenden und achtungswerten Vorbild erhoben werden kann, dein Unglück – deine Schmach ist auch die meine. Wenn du auch deinen Mann nicht liebtest, würde ich von dir die treueste Pflichterfüllung ihm gegenüber verlangen, wie es sich für ein edles und hochherziges Weib geziemt – Gott sei Lob und Dank liebst du aber Siegfried, und darum wird es dich selbst am meisten beglücken, durch deine Liebe die seine zu festigen und zu erhalten!« Salome hob lächelnd das rosig überhauchte Antlitz. »Warum hast du mich jemals von dir gegeben, Mutterchen?« sagte sie leise und zärtlich, »es hätte mir manch schwere Stunde erspart!« Und dann fuhren sie nach fröhlichem Abschied davon. Das Brautpaar Schilling warf ihnen glückstrahlend die schönsten Rosen in den Wagen, und Vetter Eylau stand an der Gartenspritze, richtete sie mit drohendem Scherz auf die Abreisenden und schrie »Rache!« Da ruckte der Kutscher schnell die Zügel, und der Wagen sauste die Chaussee entlang. Wie blau der Himmel, wie goldig hell die junge Sommerpracht ringsum! Zuerst sahen die jungen Gatten hinaus in die blütenduftige Welt, und dann fanden sich plötzlich ihre Augen, und Blick verschmolz im Blick. Da nahm Siegfried ihre Hand und hielt sie mit sanftem Druck in der seinen. »Heim! – Wir fahren heim!« – sagte er leise, »freust du dich?« Ihre Augen leuchteten auf. »Habe Geduld mit mir – es soll alles gut werden!« flüsterte sie wie ein freundlicher Engel. Er nickte erregt. »Ich will dich nicht mehr quälen, ich will nicht mehr von dem Fisch verlangen, daß er fliegt, von dem Vöglein, daß es schwimmt, der Mensch kann wohl nicht gegen seine Natur ankämpfen. Du bist noch so jung, vielleicht bringt dir die Zeit all jene Interessen mit, die dir jetzt noch fehlen ... und ... vielleicht gewinnst du mich doch noch einmal so lieb, daß du freiwillig lernst, was alle Klugheit nicht anerziehen kann!« Sie lächelte wundersam, aber sie schwieg. Nur etwas fester schmiegte sie sich in seinen Arm und drückte seine Hand unter den blühenden Rosen. Welch ein seliges Schweigen! Zwei Herzen, die sich monatelang kühl und fern gegenübergestanden, schlugen wieder so nah zusammen wie ehemals, da noch eine große, leuchtende Flamme bräutlicher Liebe beide entzündete. Wie lange war es nicht mehr so gewesen. Nun durchzitterte es sie abermals wie eine Ahnung von künftigem, unendlich großem Glück. Der Kirchturm von Feldheim tauchte auf. Noch eine kurze Strecke, dann holperte der Wagen auf dem schlechten Pflaster, und die kleinen Häuschen mit den grünumzäunten Blumengärtchen, den weißen Mullvorhängen und Asklepia- und Goldlackstöcken hinter den kleinen Scheiben grüßten rechts und links vom Wege. Bei der Frau Bürgermeisterin ragte der »Spion« weit über das Blumenbrett hinaus und spiegelte ein paar Husaren, die schwatzend im Hoftor standen. Salome schaute alles an, als sähe sie es zum erstenmal. Es kam ihr auch nicht mehr so lächerlich und krähwinklig vor wie früher, im Gegenteil, es wurde ihr so traut und heimatlich zumute, als könne sie nirgendwo sonst glücklich sein. Nun hielten sie vor dem Landratsamt. Da stand schon der neue Diener, der brave August, mit seinem freundlich ernsten Gesicht und hob die Hände, seiner gnädigen Frau beim Aussteigen behilflich zu sein. Der Landrat aber warf ihm die Zügel zu, schwang sich behende zur Erde und hob sein Weibchen mit strahlendem Gesicht zur Erde. Ganz wie damals – nur fiel heute kein Schatten über den Weg, als sie die Steinstufen emporstiegen. Das Haus war sauber und spiegelblank von oben bis unten, das Stubenmädchen knickste fröhlichen Willkommen und auf allen Tischen dufteten Blumensträuße. Von Herrn von Elten war diesmal jedoch keiner darunter. Da brachte August mit etwas betroffenem Gesicht einen Brief. Die Köchin war daheim an Halsentzündung erkrankt und konnte vorerst noch nicht reisen. »Je nun, so laß, bitte, das Essen aus dem Gasthaus holen, liebes Herz!« sagte der Landrat schnell, »wir können uns die paar Tage sehr gut ohne sie behelfen.« Salome antwortete nicht, aber ihre Wangen glühten auf, und ihre Augen blitzten so lustig wie noch nie. Siegfried nahmen sogleich dienstliche Geschäfte in Anspruch, »Es trifft sich ganz gut, daß wir heute erst später essen« – sagte er, »ich muß noch zu einem Termin ins Haselholz und bin vor vier Uhr kaum zurück.« Dann nahm er Abschied von Salome. Er hielt ihre Hände in den seinen und drückte sie. Beide waren plötzlich ganz verlegen. Warum küßten sie sich nicht? – Sie wußten es selber nicht, es war ja so lange schon her, seit sie den letzten Kuß getauscht, aber er nahm jäh ihre Rechte und preßte sie an die Lippen. »Auf Wiedersehen!« Sie stand am Fenster und blickte ihm nach, wie er davonfuhr, und er hob das Haupt und sah empor. Eine Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, als er sie wieder an dem alten Platze sah. Er riß den Hut vom Kopfe und schwenkte ihn noch lange zurück. Als er müde und hungrig heimkam, grüßte ihm der sauber gedeckte, blumengeschmückte Tisch bereits entgegen. »Sieh an, wie geschickt August seine Sache macht!« dachte er vergnügt. Und Salome kam ihm aus seinem Ankleidezimmer entgegen und war so lebhaft und fröhlich wie nie. »Ich habe dir frische Handtücher besorgt und Seife aufgelegt!« sagte sie. »Hoffentlich habe ich es recht gemacht!« Er lachte mit strahlenden Augen. »Hast du denn den rechten Schlüssel gefunden?« »Gewiß, ich habe ein gelbes Bändchen darangeknüpft, daß ich ihn das nächste Mal schneller herausfinde!« Und dann ging es zu Tisch. »Die Fleischbrühe hat ja Frau Walther einmal ausnahmsweise ohne Extrakt gekocht,« sagte Siegfried und bat sich einen zweiten Teller aus, »die frischen Gemüse darin liebe ich ganz besonders!« Es fiel ihm nicht auf, wie echauffiert seine kleine Frau aussah – sie saß gegen das Licht. Dann kam Hühnerbraten mit Stachelbeerkompott, Bratkartoffeln und frischen Spargel. »Ein ganzes Huhn? – Seltsam, sonst bekommt man doch stets Portionen geschnitten ... und der Spargel ist ja so gut geschält, daß man ihn bis zum letzten Ende essen kann! – Das war sonst eine sehr schwache Seite von Mutter Walther! – Ich muß sagen, heute hat sie sich selber übertroffen, vielleicht hat sie irgendein Anliegen wegen der Ziviltrauung ihrer Tochter und macht mir darum per Kochlöffel die Cour!« »Fraglos! Du sollst gewiß den Bräutigam zur Trauung stellen!« lachte Salome. Sie war ganz merkwürdig erregt und heiter, ihre Augen blitzten wie Sterne zur Winterszeit. Den Kaffee tranken sie im Zimmer Siegfrieds. Der Spiritus brannte unter dem Kesselchen. »Willst du selber aufgießen?« fragte er überrascht. »Warum nicht? Versuchen muß ich es schon, ob es gelingt, ist freilich eine andere Sache!« Und wie gelang es! Siegfried rauchte seine Zigarre und schaute voll Entzücken zu. Hier und da haschte er eins der weißen Händchen und küßte es. Plötzlich strich er über die zartrosa Spitzen hin. »Aufgesprungene Haut? Um diese Jahreszeit?« fragte er ganz erstaunt – »und hier diese harte Stelle ... fühlt sich ja beinahe an wie eine Schwiele?!« Sie antwortete nicht, aber ihr Blick traf einen Moment den seinen wie in sehnender flehender Erwartung. »Gewiß von dem Tennis spielen! Die zarten Händchen sind solches Hantieren mit dem schweren Holzstiel nicht gewohnt!« Da lachte sie leise auf, aber sie schwieg.   Am nächsten Tage war der Landrat den ganzen Vormittag beschäftigt. Als er heimfuhr und an seinem alten Stammlokal vorüberkam, stand Frau Walther gerade in der Tür und machte einen höflichen Knicks. Born hielt die Pferde an. »Na, Frau Walther, mein Kompliment für Ihre vortreffliche Küche! War eine famose Idee, das Huhn ganz zu schicken, und die Spargel waren geradezu meisterlich geschält!« Die dicke Wirtin machte ein sehr dummes Gesicht. »Huhn ... Spargel?« ... stotterte sie, »ja ... was meinen denn der Herr Landrat eigentlich?« »Nun, das schöne Mittagessen meine ich, das Sie uns gestern geschickt haben!« »Mittagessen? ... Ich?!« »Na gewiß! Unsere Köchin ist krank und da hat doch meine Frau zu Ihnen geschickt und das Essen bestellen lassen?« Frau Walther war sprachlos. Sie schüttelte nur den Kopf. » Nicht bei Ihnen?« »Nein, Herr Landrat, das ist ein Irrtum,« »Aber zum Kuckuck, Sie haben doch den einzigen Gasthof hier in der Stadt!« »Das schon, gnädiger Herr, und früher habe ich ja auch öfters die Speisen geliefert! Aber gestern? Nein! Ich habe gar kein Huhn und keine Spargel im Hause gehabt!« »Das begreife ich nicht. Na , dann muß ich mich wohl irren. Guten Morgen, Frau Walther!« »Empfehle mich, Herr Landrat.« In tiefen Gedanken fuhr Born weiter. Sollte Salome die Kochfrau genommen haben? Wohl möglich. Sie wußte, daß er Hotelkost nicht liebt. August stand bereit und hielt die Pferde. Born nickte ihm freundlich zu. »Haben Sie den Tisch wieder so hübsch gedeckt, wie gestern?« Der Gefragte verbeugte sich. »Halten zu Gnaden, Herr Landrat, ich mußte gestern verschiedene Dinge in der Stadt besorgen, da hat die gnädige Frau die Güte gehabt, den Tisch zu decken!« »Meine Frau? Unmöglich!!« August sah ganz verdutzt auf: »Ganz gewiß, Herr Landrat – ganz gewiß.« »So – hm. – Führen Sie die Pferde in den Stall, ich muß noch ein paar Worte mit dem Assessor sprechen!« Langsam, das Haupt wie in tiefen Gedanken geneigt, schritt er die Straße entlang, erledigte seinen Auftrag an den Assessor und kehrte wieder um. Das Tor zu dem Grasgarten stand offen; um abzuschneiden wählte er diesen kürzeren Heimweg über den Hof. »Salome braut Kaffee ... gibt Wäsche heraus ... deckt den Tisch ...« Die Gedanken wirbelten hinter seiner Stirn, er begriff das alles nicht. Als er in den Hof trat, kam ihm das Stubenmädchen entgegen und schritt mit dem Korb nach dem Holzstall. – Sie sah ihn nicht. Unbemerkt erreichte er die Souterraintür und trat in den Flur. Da polterte etwas in der Küche. Wer mochte darinnen sein? August im Stall, Bertha holte Holz – am Ende gar eine Katze. Leise schritt er herzu und trat in die offene Tür. Was er sah, benahm ihm schier den Atem, er griff nach der Stirn, als müsse er aus einem Traum erwachen. Vor ihm, den Rücken nach der Tür gekehrt, stand Salome – sie selber – seine Frau! Über ihr hellblaues Sommerkleid hatte sie eine große, praktische Küchenschürze gebunden und die spitzenbesetzten Ärmel sorglich an den weißen Armen hochgestreift. Sie zog just den Braten aus der Röhre, begoß ihn sorglich und schob ihn zurück. Dann hob sie den Deckel von einem Kochtopf, rührte den Inhalt und griff seitlich nach einem kleinen Porzellangefäß, in welchem ein Quirl stak. Flink und behende, geschickt wie eine erfahrene Köchin quirlte sie nochmals den Inhalt, nachdem sie zuvor von einem Holzbrettchen feingehackte Petersilie hinzugefügt, und dann goß sie die gelbliche Soße in den Kochtopf und rührte abermals behutsam um. Ihr Gesicht glühte, und die blonden Löckchen hingen ein wenig aufgelöst in die Stirn. Born machte eine jähe Bewegung. »Sind Sie zurück, Bertha?« fragte Salome, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, »dann bleiben Sie jetzt bei dem Essen und achten Sie darauf, daß um Himmels willen nichts anbrennt. Ich will mir die Haare schnell etwas ordnen, damit ich im Salon bin, wenn der gnädige Herr kommt ...« Weiter sprach sie nicht, sie stieß einen leisen Schrei des Schreckens aus, und der Kochlöffel polterte auf den Herd. »Siegfried!« Mit beiden Armen hielt er sie umschlungen, hob sie jauchzend empor, preßte sie wie ein Unsinniger an seine Brust und bedeckte ihre Wangen und Lippen mit unersättlichen Küssen. – »Salome!« jubelte er: »Herr Gott des Himmels – kann es denn möglich sein?« Sie lachte und weinte zugleich, und dann legte sie das Köpfchen an seine Schulter und blickte wie verklärt zu ihm auf: »Was wäre der Liebe unmöglich ?!« sagte sie leise. »Salome!!« »Pst ... Bertha kommt!« Da nahm er sie wie ein Kind auf den Arm und trug sie davon. Am Nachmittag hielt der Jagdwagen aus Jeseritz vor dem Hause, den zu berechtigter Überraschung auch Tante Sidonie entstieg. Das Brautpaar Schilling machte seine erste Visite, und Papa Welfen sagte schadenfroh zu seinem Schwiegersohn Born: »Bis jetzt hat mein Weinkeller bluten müssen, bitte, laß nun auch den deinen einmal merken, daß große Feste in der Familie gefeiert werden. Ich muß sowieso nächstes Mal deinen Vorrat inspizieren, denn ihr junges Volk habt noch keine Erfahrung und müßt in allen Dingen noch bemuttert werden!« »Beschwiegermuttert!!« klang es unter schallendem Gelächter im Kreise. »Nein – beschwiegervatert!« Der Major machte ein etwas betroffenes Gesicht und knurrte: »Unsinn –- das fehlte gerade noch, daß ihr für einen Spitznamen für mich sorgt!« »Hast du längst!« neckte Eylau. »Als ich in Feldheim nach dem Jeseritzer Weg fragte, lachte der Kerl und sagte: ›Aha! Sie wollen zu Papa Schwiegermutter!!‹« »Schockdonnerwetter, Junge, du phantasierst!« »Keine Spur von Phantasie!« schüttelte Frau Dora den Kopf, »die ganze Stadt beobachtet es ja, wie du mich im Hause Born ersetzest!« »Das tat ich doch den Kindern zuliebe!« verteidigte sich der Major und zog die Augenbrauen hoch. »Papperlapapp, Väterchen! Die Kinder sind ja groß genug, um selber zu wissen, was not tut!« »Meinetwegen!« zuckte Welfen die Achseln, »ich müßte wenigstens ein Narr sein, mich aus lauter mißverstandener Gutmütigkeit ›Papa Schwiegermutter‹ schimpfen zu lassen. Sorge du selber für deinen Weinkeller, lieber Siegfried, aber wenn ich bitten darf, gleich – wir haben Durst!« »Und was für Durst!« hallte es übermütig Antwort. Strahlend, beinahe noch glückseliger anzuschauen als das Brautpaar, walteten Borns als die liebenswürdigsten Wirte, und Eylau sagte kopfschüttelnd zu Joachim: »Zu komisch! Daß alle jungen Eheleute doch am liebsten im eigenen Nest sitzen! In Jeseritz machten sie beide Gesichter wie zehn Tage Regenwetter, und hier sind sie schier außer Rand und Band vor Zärtlichkeit.« Frau Dora wußte warum, und sie drückte ihr Sorgenkind Salome voll unbeschreiblicher Freude an die Brust und sandte ein Dankgebet zum Himmel. So hatten jene beiden doch den rechten Weg gefunden. Abends, als die Stimmung »konzentrierte Seligkeit« war, biß Siegfried plötzlich die Zähne zusammen. »Nun noch den Schreiber des anonymen Briefes finden – dann liegt kein Schatten mehr auf unserem Glück!« Salome kicherte. »Ich kenne ihn!« flüsterte sie. »Elten?« – murmelte Siegfried erregt. Sie schüttelte übermütig das Köpfchen. »Wenn die anderen fort sind, beichte ich!« raunte sie ihm in das Ohr. Und als sie dann Arm in Arm an dem geöffneten Fenster standen, von Blütenduft umwogt und von dem silbernen Mondesglanz umflossen, da schmiegte sich Salome fester an die Brust des geliebten Mannes und berichtete erst bange und zaghaft, dann immer lebhafter und lachender von ihrer unglückseligen Idee, ihn durch jenen selbstgeschriebenen Brief eifersüchtig zu machen. Borns Gelächter hallte auf der stillen Straße wieder, wie ein Rausch des wolkenlosesten Glückes überkam es ihn. »Welch eine kleine Ursache – und welch große Wirkungen! Arme Männer!« – Dann wurde es still, traumhaft still – und der volle Mond schwebte am Himmel, wie die Leuchte eines Brautgemaches.   Drei Jahre sind vergangen. Im stillen Erkerstübchen zu Jeseritz sitzt Frau Dora und strickt Strümpfchen und Jäckchen für die Enkelkinder, Ihr Antlitz sieht so friedlich aus, als ob es all die Eintracht und das selige Behagen spiegele, das in der Familie herrscht. Sie ist vor einer Stunde aus Feldheim zurückgekommen, und das Herz ist ihr warm geworden bei dem Anblick all des großen, großen Glückes, das in dem Landratshause herrscht. Die Salome von heute gleicht der von ehedem fast in keinem Zuge mehr. Die Salondame ist zur Hausfrau geworden, ohne dabei von ihrer angeborenen Eleganz und ihrem eigenartigen Schick zu verlieren. Frau von Born steht nicht selber in der Küche, um zu kochen, das duldet ihr eitler Gatte nicht, der große Stücke auf die weißen Händchen seiner Herzliebsten hält, aber sie beaufsichtigt und leitet den ganzen Haushalt vom Boden bis zum Keller herab, und ihre Dienstboten gehorchen gern und respektvoll, denn sie wissen, daß die gnädige Frau die Sache versteht, und es ihnen durch die Tat beweisen kann, wenn etwas nicht so ausgeführt wird wie sie es will. Seit gar ein rosiges Mädel in der Wiege zappelte, dem in möglichst kurzer Frist ein sehr energisch schreiender Bruder folgte, hat Frau Salome alle Hände voll zu tun und begreift es oft selber nicht, wie es je in ihrem Leben Zeiten geben konnte, da sie sich langweilte. Auch die geselligen Verhältnisse von Feldheim haben sich geändert. Herr von Elten ist sehr bald versetzt worden, zu seiner unangenehmen Überraschung zum Train. Er soll aber das Glück gehabt haben, eine reiche Frau zu heiraten, darum hing er den Säbel an die Wand und nahm Abschied. Die Miltitscher Schwadron wurde ebenfalls nach Feldheim gelegt, und da sich zur Zeit viele verheiratete Offiziere zusammenfanden, entwickelte sich ein sehr flotter und lebensfroher Verkehr, der dank seiner Eleganz alles kleinstädtische abstreifte und eine nie geahnte Blütezeit für Feldheim mit sich brachte. Vor dem Tor sind bereits drei neue Villen gebaut, und das Intelligenzblatt hat sogar eine Beilage bekommen. Auch widmete es dem neuen Cape der Frau Bürgermeisterin keine Extra-Spalte mehr, was diese sehr übelgenommen haben soll. Salome, die früher über das eintönige Leben so bitter geklagt hatte, seufzte jetzt oft über die lebhafte Geselligkeit. Sie war so glücklich daheim, aber sie wußte auch, daß nichts die eigene, behagliche Häuslichkeit lieber macht, als der Verkehr mit fremden Menschen. Darum genoß sie fröhlich und harmlos, was ihr geboten wurde, ohne darüber Haushalt und Kinder zu vernachlässigen. Siegfried war der zärtlichste und verliebteste Gatte, den man sich denken konnte. Er konnte es seiner Frau nie vergessen, daß sie ihm zuliebe kochen gelernt, daß sie ihm nachgab, daß sie eine Hausfrau wurde, um ihm zu gefallen. Nun trug er sie zum Dank auf Händen und seine Liebe schmückte ihr das Leben mit unverwelklichen Rosen. Wie oft hatte Salome der Mutter schon für ihren treuen Rat gedankt! Papa Welfen wollte keinen Spitznamen haben, er hatte sich davon überzeugt, daß seine Kinder auch ohne seine Hilfe glücklich waren, und darum überträgt er all seine Sorge auf die Enkel. Diese ließen es sich gern gefallen, denn der Großvater war der beste Spielkamerad und trug die schönsten Biskuits in der Tasche. Er fand alles reizend und entzückend an den lieben Krabben und bewahrte die Barthaare, die sie ihm ausraufen, als teure Andenken an solche erste Heldentaten auf. Französische Bücher las Salome nicht mehr. Die Schicksale ihrer Freundinnen hatten sie kuriert. Juliette hatte zum letztenmal in einem Bettelbrief von sich hören lassen. Sie heiratete einen alten Lebemann mit viel Geld, und amüsierte sich königlich, den grauköpfigen Narren mit verschiedentlichen Liebhabern zu betrügen. Sie sank moralisch immer tiefer, bis sie sich in ein Verhältnis mit einem Manne einließ, dessen Ruf ein anerkannt übler war, und der die sittenlose Frau in ihrem eigenen Netz verstrickte und sie zu seinem willenlosen Werkzeug machte. Da sank sie von Stufe zu Stufe. Ihr Liebhaber verlangte Geld, und sie entwendete es ihrem Gatten. Er verlangte mehr, und sie stahl mehr, bis Leidenschaft und drohende Gefahr sie zum äußersten zwangen. Sie veruntreute alles, was sie an Wertpapieren, Geld und Juwelen in dem Geldschrank fand und entfloh mit ihrem Abenteurer nach Nizza. Nach kaum acht Tagen saß sie mittel- und hilflos, von ihm verlassen und betrogen, im fremden Lande. Sie schrieb in ihrer Verzweiflung an Salome und bat um Hilfe, sie verschwieg nichts und bereute nichts. – Voll Abscheu und Entsetzen zögerte Frau von Born mit der Antwort, da kam ein zweiter lakonischer Brief: »Brauche kein Geld – reise mit einem fidelen Spanier nach Monte Carlo.« – Kurze Zeit danach stand eine Notiz in der Zeitung, daß ein spanischer Groß-Industrieller in Monte Carlo sein beträchtliches Vermögen verspielt und sich, samt seiner Geliebten, einer bekannten Pariser Lebedame, der steckbrieflich verfolgten Madame Juliette V., erschossen habe. Auch von Lola lauteten die letzten Nachrichten entsetzlich. Sie enthielten ein Stück der traurigsten Sittenkomödie. Nachdem ibr Liebesverhältnis mit dem Hauslehrer ruchbar geworden, wurde das verblendete junge Mädchen nach den brutalsten Szenen mit dem Vater, Knall und Fall mit einem Manne verheiratet, der um der reichen Mitgift willen ein Auge über das nicht mehr tadellose Vorleben der Gattin zudrückte. Die Ehe wurde selbstverständlich eine überaus unglückliche, bis die Gatten sich trennten und eigene Wege gingen. Frau Lola hatte den ehemaligen Hauslehrer zum Erzieher ihres Sohnes engagiert und sich dadurch in der Gesellschaft unmöglich gemacht. Sie beabsichtigte, nach Paris überzusiedeln. – Salome hatte ihre letzten Briefe uneröffnet zurückgeschickt. – Mit angstklopfendem Herzen drückte sie ihr Töchterchen an die Brust. – Sie würde es nie in eine ausländische Pension schicken – sie wußte, wie viel gefährliche Giftpflanzen dort wucherten und Sitte, Sinn für Häuslichkeit und Deutschtum in den Kinderherzen junger Mädchen mordeten. – Die harmonische Handschrift Joachims hatte sich bewährt. Es konnte nirgendwo eine größere Harmonie und Eintracht herrschen, als bei dem Ehepaar Schilling. »Sie sind so vernünftig! Sie haben so richtige Ansichten!« – schrieb Frau Hortense von Schilling an die Freundin in Jeseritz, »sie haben sich noch nie gezankt, und ich glaube auch zuversichtlich, daß es nie vorkommen wird. Wo kein erster Zank vorkommt, kann es auch keinen letzten geben! Ich dachte oft, als der kleine Klaus geboren war – nun gibt es sicher einmal Streit, über das Kind werden sie fraglos einmal uneinig, denn er wird es kalt – sie wird es warm baden wollen – er ist für ein Bett – sie für eine Wiege! Und wirklich, sie saßen eines Tages zusammen und besprachen diese Meinungsverschiedenheiten, aber im zärtlichsten und ruhigsten Ton. Jeder gab das ›für‹ und ›wider‹ seiner Ansicht an. Schließlich lachte Rose und schlang die Arme um Achims Hals: ›Ich will dir etwas sagen, Schatz, wir wissen beide nichts. Er ist dein erstes Kind – und mein erstes – Erfahrung haben wir eines so wenig wie das andere. Also fügen wir uns einem Schiedsrichter, dem Doktor. Der weiß, was am besten taugt; der soll bestimmen, und wie er es sagt, wird's gemacht.‹ – So geschah es, und der Frieden ist auch seit dem ›neuen Herrn‹ im Hause noch nie getrübt worden. Ich staune, geliebte Dora, wie Rose sich bei ihrer großen Jugend so vortrefflich in ihren Mann und alle Verhältnisse schickt!« Frau von Welfen lächelte ganz wundersam vor sich hin, als sie diesen Brief las. – Dann wurde sie zu der Frau Professorin gerufen. Tante Gidonie hatte eine schwere Influenza durchgemacht und krankte sehr ernsthaft an ihren Folgen. Sie war launischer, gröber, rücksichtsloser als je, bis Siegfried eines Tages die Geduld riß und er ihr, ebenso grob und deutlich die Meinung sagte, ihre Broschüren zum Fenster hinauswarf und den Arzt zu ihr schickte. »Er kommt – ich bezahle ihn – damit basta.« Und sie fügte sich wie ein Lamm. Bald darauf machte sie ihr Testament, und die Spannung, wer sie dereinst beerben werde, war groß. Ganz unerwartet und überraschend machte ein Herzschlag ihrem Leben ein Ende. Als ihr Testament geöffnet ward, erfuhr man zu maßlosestem Staunen, daß der Landrat Siegfried von Born, »weil er immer so grob und ehrlich war«, zu ihrem Universalerben ernannt war. Rose war mit einer verhältnismäßig kleinen Abfindungssumme bedacht, während die drei Schwestern in Frankfurt, Klärchen, Erna und Mariechen – voll scharfen Spottes nur drei Bucher erbten: »Die zärtlichen Verwandten« – »Böse Zungen« und »Gegengift«, eine Erbschaft, die sofort in das Feuer gewandert sein soll. Wiederum hatte das Weihnachtsfest die gesamte Familie mit Kind und Kindeskind in Jeseritz vereinigt. Der Baum hatte so festlich gestrahlt wie noch nie – dann war der Kinderjubel verklungen, die Lichter erloschen, und in stiller, glückseliger Nachfeier saßen Herr und Frau von Welfen im Sofaeckchen, hielten die Hände verschlungen und schauten auf die beiden jungen Paare, die Arm in Arm, ein Bild vollkommensten Glückes unter dem Christbaum standen. Der Major sah seiner Frau plötzlich nachdenklich in die Augen. »Wie seltsam es unseren beiden Kindern doch ergangen ist!« sagte er. »Wie schwer hat Salome um ein Glück kämpfen müssen, das Rose ohne Mühe und Not in den Schoß fiel. Ich würde sagen, Salome hat zu jung gefreit, und das allzu junge Heiraten taugt nichts – aber Roses Ehe belehrt mich eines anderen, denn sie ist eben so jung wie die Schwester unter die Haube gekommen; und doch kann man nicht leicht eine mustergültigere Ehe finden, als die ihre! Mutterchen, du bist ja immer eine so kluge kleine Frau gewesen, nun sage selber einmal, was das rechte ist! – Soll ein Mädchen jung freien oder nicht?« Da lächelte Frau Dora und blickte auf den kleinen »Wegweiser«, den Born laut lachend auf seinem Platz entdeckt hatte, und auf dem stand: »Nach meinem Herzen!!« – Und sie nickte nachdenklich vor sich hin und antwortete: »Ob jung freien oder nicht? – Das kommt ganz auf die Erziehung an, die ein Mädchen genossen hat!«