Laurids Bruun Aus dem Geschlecht der Byge Roman vom Jahrhundertwechsel Zweiter Band Drittes Buch 1 Ein ganzes langes Jahr war seit jenem Nachmittag, als Svend zu Ellen kam und seine Schuld gestand, vergangen. Ein ereignisreiches Jahr, insofern als es Kruse zu einem einsamen Mann gemacht, Svend und Ellen in einem mit allem modernen Komfort eingerichteten Heim vereinigt, den neugebackenen Ehemann und seinen Mitarbeiter Juhl durch eine Erweiterung von Brynchs Departement, bei der Kruse seine Hand im Spiel gehabt, zu Assessoren gemacht und schließlich für eine nah bevorstehende Familienvergrößerung gesorgt hatte. Mit dem allerersten wurde bei Assessor Byges ein Erbe erwartet und Ellen war aus diesem Grunde bereits im September von Wildpark in die Stadt gezogen, obgleich das Wetter noch mild und sommerlich war. Die Zeit vom Oktober bis zum Hochzeitstage am siebenten Januar war viel zu kurz gewesen. Es war unmöglich gewesen, all die tausend Dinge zu erledigen, die dazu gehören, das Heim eines wohlhabenden jungen Mädchens aufzubauen. Dann kam der Tag mit der Trauung in der Frauenkirche, Diner im Hause des Departementschefs und der Abreise nach der Brautnacht im Hotel in Korsör. Sie waren drei Wochen in Paris gewesen, wo sie die Erinnerungen aus ihren ersten Verlobungstagen aufgefrischt hatten. Jetzt aber war es Winter. Auf dem Rasen im Garten von Versailles, wo sie damals im Gras gelegen und an einem strahlenden Morgen die Vögel hatten singen hören, lag jetzt Schnee. Svend konnte es nicht vor sich selbst verbergen, daß er in Gedanken bereits »damals« sagte. Er blickte ängstlich zu ihr hin. Auch über ihren Brauen lag ein leiser Wehmutsschatten. Wie kann es nur sein, dachte er, daß wir einander eigentlich vor unserer Hochzeit näher waren als jetzt, wo wir Tag und Nacht beisammen sind? Er hatte sich ihre Ehe anders vorgestellt. Er wollte es sich selbst nicht eingestehen. Aber es war eine heimliche Enttäuschung da. Da war ein Vorbehalt in ihrer Hingabe – nicht gerade Keuschheit – wohl aber Angst. Nein, auch nicht Angst. Sehr viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm übrigens nicht. Sie waren den ganzen Tag auf der Fahrt, in den Museen, in den Champs Elysées, im Bois. Sie aßen jeden Tag in einem neuen Restaurant und waren jeden Abend in einem neuen Lokal. Ellen zog die Varietees vor; und in einem derselben hatte sie ein Erlebnis, das sie lebhaft interessierte. Eines Abends saß zufällig neben ihnen in einer Loge – der Kammersänger. Er war allein. Da er Svend von Ansehen kannte – er war ihm mehrere Male mit Falk zusammen begegnet – so stellte er sich vor. Ellen konnte ihre Freude über diese neue Bekanntschaft nicht verbergen. Oder es lag ihr nicht daran, sie zu verbergen. Mit strahlenden Augen und roten Wangen lauschte sie der herrlichen Stimme und erkannte bald die eine, bald die andere Handbewegung von der Bühne. Sie aßen zusammen auf dem Boulevard zu Abend und waren sich einig, die Bekanntschaft in Kopenhagen zu erneuern, wenn der Kammersänger von einem mehrmonatigen Aufenthalt in Italien zurückgekehrt sein würde. Als die drei Wochen schließlich um waren, waren sie beide müde und nervös, und Svend sehnte sich nach einem geordneten und regelmäßigen Leben. Die ersten Tage im neuen Heim waren voller Freude und Zufriedenheit. Es war ihnen beiden ein Fest, ihre Füße unter den eigenen eleganten und massiven Wohnstubentisch setzen zu können. Es war ein Genuß, den eigenen Kaffee nach Tisch im eigenen bequemen Lehnstuhl zu trinken, die Füße auf dem eigenen weichen, persischen Teppich, während der Blick auf dem eigenen stilvollen Bücherschrank aus Mahagoni ruhte. Es war eine Augenweide, Ellens hübsche Schultern sich in häuslicher Tätigkeit bewegen, ihre Augen sanft strahlen zu sehen, während sie umherging und die ganze häusliche Maschinerie prüfte, von den elektrischen Glockenzügen bis zu den Wasserhähnen im Badezimmer. Es war amüsant, sie in ihrem eigenen Heim Besuche annehmen, sie mit eleganten Handbewegungen Plätze in bequemen Stühlen, die ihm und ihr gehörten, anweisen zu sehen. Er erkannte ihre Meisterschaft in allen gesellschaftlichen Dingen an. Bald aber war es nicht mehr neu – weder für ihn noch für sie. Er hatte viel in seinen beiden Kontoren zu tun; sie war viel allein. Darum langweilte sie sich und begann wieder das Leben, das sie als junges Mädchen geführt hatte. Vormittags Besorgungen in der Stadt, dann zum Konditor, um Freundinnen zu treffen; ein munterer Spaziergang und dann nach Hause zum Mittagessen, das sie nicht persönlich beaufsichtigte. Sie war von ihrem Elternhaus nicht daran gewöhnt, und sie hatten eine perfekte Köchin, die beleidigt war, wenn die Hausfrau in die Küche kam.   Ein ereignisreiches Jahr war es auch für Svends Arbeitsleben geworden. Erstens seine Beförderung im Ministerium und zweitens hatte Didrichsen ihm kurz nach seiner Heimkehr eine verantwortungsreichere Stellung gegeben. Das Gefühl der Verantwortung erhöhte seine Arbeitslust. Er kam früher als irgendeiner der anderen und ging häufig nach dem Mittagessen wieder hin. Ellen sah diese Nachmittagsarbeit ungern. Sie gab Veranlassung zu Tränen. Das erstemal ging es ihm sehr zu Herzen. Er küßte sie und blieb zu Hause. Sie hatten einen gemütlichen Abend wie in der allerersten Zeit. Das zweitemal, als es geschah, gab er auch nach; diesmal aber wurde es ein Theaterabend mit darauffolgendem Souper. Das drittemal versuchte er fest zu bleiben. Er versuchte sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß er seine Arbeit zu seiner und anderer Zufriedenheit machen müsse. Er appellierte an ihre Eitelkeit. Wollte sie einen Mann haben, der es nie zu etwas anderem als zum Assessor im Ministerium brachte? Er erinnerte sie an das, was er ihr schon vor langer Zeit anvertraut hatte, daß er darauf hinarbeite, sich eine Position zu verschaffen, von der aus er mit Gewicht eine öffentliche Tätigkeit aufnehmen könnte. Sie kümmerte sich nicht um seine Worte. Sie machte die Frage im stillen zu einer Kraftprobe zwischen ihnen. Sie wollte ihren Willen haben, weil sie die Stärkere sein wollte. Und sie wurde die Stärkere. Svend gab nach und blieb wie die vorigen Male zu Hause. Als es aber das nächstemal geschah, da wurde ihm plötzlich klar – ein unbeherrschter Blick ihrer Augen verriet es ihm –, daß es weder Furcht vor einem langen, langweiligen Abend, noch Trauer, ihn gehen zu sehen, sondern nur eine Kraftprobe, ein kleiner, hitziger Zweikampf war, auf dem die häusliche Zukunft, so wie sie sie wünschte, aufgebaut werden sollten Da blieb er fest. Er bat, daß etwas Abendbrot für ihn hingestellt werden möchte; er käme spät nach Hause. Und dann ging er. Als er etwas nach elf Uhr nach Hause kam, stand das Abendbrot auf dem Tisch im Eßzimmer für ihn bereit, aber weder die Hausfrau noch das Mädchen waren da. Er saß im Wohnzimmer und wartete auf sie. Um zwölf Uhr kam sie strahlend und mit warmen Wangen. Sie war bei Emmy Danielsen zum Abendessen gewesen und schien ihren Zwist ganz vergessen zu haben. Sie sang und plauderte, wahrend sie sich entkleidete, faßte ihn bei den Schultern, barg ihren Kopf girrend an seinem Halse und küßte ihn schließlich mit ihren kleinen hitzigen Küssen auf den Mund. Ihr Atem war süß und von Wein gewürzt. »War Besuch da?« fragte er, »du riechst nach Champagner.« Sie lachte mit glänzenden Augen und rieb ihm die Backen mit ihren weichen Händen. »Niemand weiter als ich. Aber du weißt ja, daß Emmy manchmal so wild und ausgelassen ist. Und als die Alten zu Bett gegangen waren, ließ sie Champagner auf ihr Zimmer kommen. Ich sage dir, es war amüsant.« Ellen summte und tanzte vor dem Spiegel, während sie ihr Haar für die Nacht flocht. »Aber wie bist du denn nach Hause gekommen?« »Ich – wie ich? – ach so – der Diener hat mich natürlich begleitet.«   Am Ministerium wurde Svend abermals eine Beförderung zuteil. Im Laufe des Sommers ließ Brynch ihn hereinrufen und sagte, daß er ihn zu seinem Sekretär machen wolle. »Es ist ja jetzt Mode mit einem Sekretär,« sagte der Alte und strich sich seinen struppigen Bart, »das gab's in meinen jungen Tagen nicht. Da hatte nur der Minister einen Sekretär; aber jetzt hat sowohl Damm – und der – der im Kultusministerium, wie heißt er doch gleich – – und Ihr Schwiegervater hat ja auch einen.« Als Svend Kruse davon erzählte, lächelte dieser und zog seine buschigen Brauen pfiffig zusammen. Er sagte nichts, Svend aber begriff gleich, daß es Kruse sei, der Brynch dazu überredet hatte. Jersey gratulierte, als er davon hörte. Juhl sagte »Wohl bekomm's!« mit einem kurzen Auflachen, das nicht ohne Neid war, obgleich das neue Amt keine Gehaltserhöhung, sondern nur erhöhten Fleiß mit sich brachte. Die Arbeit mit dem Fischereigesetz war beendigt. Ein dickes Gutachten war das Resultat von Juhls und Svends vereinigten Bemühungen. Es war so gegangen, wie Jersey gesagt hatte: Sie hatten über die Sache geschrieben, aber der Prinz hatte unter schrieben, als es so weit war. Er behauptete zwar, daß er den ganzen dicken Band durchgelesen habe. Svend glaubte es nicht; und Juhl sagte voller Überzeugung: Das fehlte gerade! Svend hatte schon einen Teil seiner Frische zugesetzt. Der ursprüngliche Trieb, der ihn von den Dokumenten in die Wirklichkeit, von der sie handelten, hinausgetrieben hatte, genierte ihn jetzt nicht mehr. Jetzt arbeitete er mit Routine und nicht über die Bürozeit hinaus, ebenso wie die anderen. Falk, der eines Tages aus seinem Kontor kam und Svend zwischen seinen Papieren sitzen sah, sagte belustigt: »Recht so, Byge. Jetzt sind Sie ein echter königlich dänischer Aktenmensch geworden. Sie sollen sehen, in einem halben Jahr sind Sie ebenso verdummt wie wir anderen.« Svend blickte hastig auf. Wie gewöhnlich wirkten v. Falks ironische Worte abstoßend und anziehend zugleich auf ihn. Er wurde sie nicht wieder los. Es war etwas Zweideutiges an v. Falk, das ihn reizte. Er ärgerte sich, daß er ihn nicht durchschauen konnte, und er wußte, daß es v. Falk belustigte, mit ihm zu experimentieren.   Was das öffentliche Leben des Landes anbetraf, so war es nicht so ereignisreich geworden, wie man geglaubt hatte. In dem politischen Erdboden hatte dennoch nichts von dem verborgenen Samen gekeimt. Es war keine volkstümliche Birne gegen einen konservativen Apfel eingetauscht worden. Das regelmäßige Finanzgesetz, nach dem alles heimlich seufzte, war noch nicht gereift. Es wurde schlimmer als je geschlampt. Vernünftige Leute wendeten jeder Politik endgültig den Rücken. Sie schlossen sie aus jeglicher Diskussion aus und überließen sie Politikern von Profession bei öffentlichen Versammlungen. Cholerische Menschen wurden gelb im Gesicht, wenn die Rede auf das Finanzgesetz kam. Sanguinische Menschen, die bei dem hoffnungsvollen Beginn der Reichstagssitzung den Himmel voller Geigen hängen sahen, duckten sich bei den spöttischen Bemerkungen, ließen aber im tiefsten Innern die Hoffnung nicht fallen. Die Pessimisten kassierten triumphierend einen neuen Sieg für ihre Lebensanschauung ein, während die Phlegmatiker ihren Geschäften nachgingen und zufrieden waren, solange alles beim alten blieb und nicht an den Steuern gerührt wurde. Falk genoß das Ganze von seinem erhöhten Standpunkt aus wie ein Schauspiel. Svend aber war abwechselnd voller Empörung, voll Mißmut oder voll erkämpfter Gleichgültigkeit. 2 Svend hatte unter anderem als Brynchs Sekretär die Aufgabe, mit den Leuten zu sprechen, untergeordnete Kontorangestellte abzufertigen, kurz gesagt, den Arbeitsfrieden des Departementschefs zu wahren. Eines Tages kam der Kontordiener herein und rief Svend beiseite. Er sah ganz verwirrt aus. »Was ist los, Jörgensen?« »Da ist so ne Art – so ne Art Deputation. Fünf, sechs Mann mit großen Wasserstiefeln. Sie sagen, daß sie aus Jütland sind.« Svend ging schnell hinaus. Da standen fünf stämmige, alte Fischer in Flausröcken, mit wasserklaren Augen, roter Gesichtshaut, wettergegerbten Backenbärten und Fäusten, die sich wie altes Leder anfühlten. Sie standen auf dem halbdunklen Korridor dicht beieinander, die Hüte in der Hand. Svend sah gleich, daß sie ihn für den Departementschef hielten und sich über seine Jugend wunderten. Er wies sie ins Vorzimmer und fragte sie nach ihrem Begehren. Sobald sie aber erfaßt hatten, daß er nur so eine Art Leichtmatrose sei, war nichts anderes aus ihnen herauszubringen, als daß sie mit dem Mann selbst sprechen wollten. Brynch war äußerst überrascht, als Svend die Deputation meldete. Das war ihm in seiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen, daß einfache Fischer angereist kamen und ganz einfach ins Ministerium gingen. Er brummte etwas von der neuen Zeit, im Grunde aber war er neugierig, wie solche Leute eigentlich aussahen. Er war nie an einer anderen Küste gewesen als an der von Klampenborg bis Helsingör. »Was wollen Sie?« fragte er und starrte die fünf großen Männer an, die sich durch die Tür drängten. Der Wortführer warf Svend einen Seitenblick zu. Brynch sah es und sagte: »Das ist mein Sekretär. Lassen Sie den nur ruhig mit hören!« Da begann der Wortführer mit vorsichtigen und einfachen Worten, wie sie auf das Fischereigesetz gehofft, das schon ihr voriger Abgeordneter im Reichstag ihnen versprochen hätte. Das Ministerium hätte sie um ihre Meinung befragt; sie hätten sie abgegeben; das Gesetz sei vorgelegt worden, aber später hätten sie nie etwas davon gesehen noch gehört. Er und diese anderen guten Leute seien nun von den Fischern in Sandöre – dem größten Fischerdorf an der Westküste Jütlands – dazu ausersehen worden, einen schönen Gruß zu bestellen und zu sagen, daß es Jahr für Jahr magerer mit dem Fischfang würde. Dort, wo sie mit ihren kleinen Fischerboten hinkommen könnten, seien bald keine Fische mehr. Aber draußen bei den Sandbänken, da lägen sowohl Deutsche wie Schweden, die in ihrem Vaterlande für billige Anleihen Schiffe bauen könnten, und fingen ihnen all die guten Fische weg. Sie hätten jetzt mit Bestimmtheit auf die Staatsunterstützung gerechnet, damit sie seetüchtige Schiffe kaufen und den Fischereihafen bekommen könnten, der ihnen schon unter dem vorigen König und von drei Ministern, von einem nach dem anderen, und von drei Abgeordneten versprochen worden sei. Nun sollten sie also in aller Bescheidenheit fragen, wie die Sachen ständen; denn hier handle es sich um Leben und Unterhalt für sie und ihre Familien. Brynch starrte von einem zum anderen. Er fühlte, daß er dem nebelhaften Begriff der »Massen« gegenüberstand und mußte sich mehrere Male räuspern, bevor er die richtige Anredeform fand. »Hört mal, lieben Leute,« sagte er schließlich, »warum kommt ihr mit eurer Sache zu mir. Wir haben getan, was wir konnten, aber es sind ja diese« – fast hätte er »diese Bauernlümmel« gesagt, aber er ertappte sich noch schnell darauf – »es ist doch der Reichstag, der euer Anliegen bewilligen soll. Wißt ihr das denn nicht?« Doch, das wußten sie. Aber es war doch der König, der seinen Namen daruntersetzen sollte. »Dann geht doch zum König!« sagte Brynch mit einem Schelm im Auge. Da wären sie gewesen. Aber man hätte sie nicht hereingelassen. Ein Minister oder ein anderer vornehmer Herr hätte sie hierher gewiesen. Brynch kratzte sich ratlos den Bart. Was in aller Welt sollte man mit solchen Klötzen anfangen, die keinen Begriff von der ganzen komplizierten Maschinerie hatten. Er versuchte sein Interesse zu beweisen, indem er sie nach den lokalen Verhältnissen ausfragte; aber er brachte nichts anderes aus ihnen heraus, als daß es schlimm um den Fischfang bestellt sei, und sie sollten von Sandöre grüßen und fragen, was aus dem Gesetz würde. Je mehr Svend die alten, wettergebräunten Gesichter, die klaren, feuchten Augen betrachtete, die von verbissener und naiver Biederkeit leuchteten, desto lebendiger wurde der Eindruck der barschen Wirklichkeit, die sie vertraten. Durch Blick und Haltung, durch das Schweigen zwischen den wenigen, mühsam geformten Sätzen, überreichten sie eine alte Forderung, die sie jetzt nicht länger ausstehen lassen konnten . Dieser Ernst packte ihn, ja, er ergriff schließlich auch von Brynch Besitz, der sich unter diesen festen Blicken zu krümmen begann. Er überlegte, ob er sie an den Minister verweisen sollte; aber was konnte das nützen; der würde sie nur zurückschicken und ihm diese Überweisung wenig danken. Da bekam er eine glänzende Idee. Er erinnerte sich einer Unterredung, die er mit dem Abgeordneten aus der betreffenden Gegend gehabt hatte. Er war einer der fanatischsten Gegner der Regierung, dessen letzte Worte gewesen waren, daß, wenn der Minister auch den doppelten Betrag für seine Wähler, die Fischer, vorschlüge, er dennoch nichts bewilligen würde, was eine verfassungsverletzende Regierung vorschlüge. Oh, das war eine glänzende Idee. Und hier war gleichzeitig Gelegenheit, einem der schlimmsten Bauernlümmel einen Hieb zu versetzen. Brynch rieb sich vergnügt die Hände. »Ich will euch mal was sagen, lieben Leute,« begann er und stand auf. »Geht zu eurem eigenen Abgeordneten – zu – wie heißt er doch gleich – und zieht ihn zur Rechenschaft. Ihr wißt vielleicht nicht, daß er die größte Schuld trägt, daß euer eigenes Gesetz nicht durchgegangen ist.« Es kam Bewegung in den Haufen. Alle fünf traten schwer von einem Fuß auf den anderen, als habe Brynch eine sehr wunde Stelle berührt. »Das wissen wir recht gut!« sagte der Wortführer schließlich, »darum soll er auch bei der nächsten Wahl fallen. Denn wir Fischer wählen keinen, der nicht für das Gesetz stimmt, mag Minister sein wer will.« »So ist's recht!« sagte Brynch und klopfte ihm auf die Schulter. »Denn was kann es nützen, daß wir hier im Schweiße unseres Angesichtes Gesetze machen, wenn so ein – wenn euer eigener Abgeordneter alles umwirft!« Kurz darauf begleitete Svend die Deputation hinaus. Sie sagten nichts. Svend aber merkte, daß der Wortführer über etwas brütete und daß die anderen instinktiv verstanden, was es war, und auch brüteten. Während der Audienz hatten sie eingesehen, daß Svend dennoch etwas mehr sei als ein gewöhnlicher Leichtmatrose, eher – trotz seiner Jugend – so eine Art zweiter Steuermann. Er hatte ja auch alles mit anhören dürfen. Als sie die Haupttreppe erreicht hatten und Svend ihnen den Weg zum Ausgang zeigte, nahm der Wortführer seinen hohen Hut ab. »Höre Er zu,« begann er leise und gewichtig, »wenn Er uns das Gesetz durchbringen kann, so soll Er es nicht umsonst getan haben.« »Darauf habe ich keinen Einfluß!« sagte Svend und warf unwillkürlich den Kopf in den Nacken; im selben Augenblick aber kam ihr Unverstand ihm so komisch vor, daß er kaum ein Lächeln zu unterdrücken vermochte. »Wir hier haben unser möglichstes getan.« Der Wortführer aber ließ sich nicht verblüffen. »Das mag wohl so sein!« sagte er bedächtig, »aber wenn er uns hier in Kopenhagen einen Abgeordneten verschaffen kann, der mit dem König zu reden versteht, so daß wir das Gesetz bekommen, dann soll er es nicht umsonst getan haben. Das sagen wir und dabei bleiben wir.« Er drehte sich nach den anderen um, die still und ernst zur Bekräftigung nickten. Svend wechselte die Farbe. Eine Idee blitzte in ihm auf wie ein Blinkfeuer. Er sah von dem einen zum anderen, aber er las keine Erklärung in ihren klaren Augen, die gewohnt waren, weit über Meer und Wellen zu blicken, aber nicht das widerzuspiegeln, was in ihrem Innern vorging. Seine Gedanken arbeiteten so heftig, daß er Herzklopfen bekam. Öffnete sich ihm hier nicht plötzlich ein Weg von den Akten zur Wirklichkeit hinaus? Wies diese alte Lederhand nicht auf eine öffentliche Tätigkeit hin, die ihm gehören würde, wenn er dreist zugriff? Ein politisches Feld, wie er es sich gedacht hatte und außerdem eine gemeinnützige Tätigkeit, die Tausenden zugute kommen würde. »Ich werde tun, was ich kann!« sagte er und sah dem Wortführer fest in die klaren Augen. »Schönen Dank! – Und dann adieu!« Fünf Lederhände wurden ihm der Reihe nach unter Schweigen gereicht. Fünf Paar Augen ruhten eine Sekunde prüfend in den seinen. Dann stampfte die Deputation schwer die königlich dänischen Kanzleitreppen hinab.   Der Funke, der entzündet worden war, fuhr fort, in seinem Sinn zu glühen. Er wurde aus vielen Quellen genährt, aus alten Jugendträumen, aus seinem Familiensinn, aus der Erinnerung an Onkel Kasper, aus v. Falks Interesse, das ihn jedesmal, wenn sie zusammen waren, wie eine Sonde durchfuhr; aus seinem Tätigkeitsdrang, aus seinem lange niedergekämpften Ehrgeiz, aus seiner ehelichen Enttäuschung, die er jetzt viel tiefer empfand, als er es sich bisher hatte eingestehen wollen. Nachdem er die Idee eine Woche lang mit sich herumgetragen hatte, entdeckte er durch eine halb unbewußte Vorbereitung, daß sie sich in seinem Innern bereits zu einem Entschluß ausgebildet hatte – wie eine Ernennung, die vorliegt, aber noch nicht offiziell ist. Und das kam so: Eines Nachmittags ertappte er sich dabei, daß er ein kunsthistorisches Werk, das v. Falk ihm geliehen hatte, mit der Motivierung von seinem Pult entfernte, daß ihm jetzt doch keine Zeit für derartige Werke bliebe. Im selben Augenblick wurde ihm dieser Gedankengang bewußt, und eine plötzliche, fast dankbare Freude durchfuhr ihn und machte ihn lächeln. »Da hast du dich selbst ertappt,« dachte er bei sich . Und von dem Augenblick an arbeitete er vollbewußt im Dienste seiner neuen Tätigkeit. Er wollte vorläufig theoretisch arbeiten. Es waren noch zwei Jahre bis zu den nächsten Wahlen, er hatte also reichlich Zeit vor sich. Er studierte die politische Geschichte Dänemarks. Wo sie in die Gegenwart überging, nahm er die Reichstagsberichte zu Hilfe. Aber zu dieser neuen Arbeit mußte er die Abende und Nächte nehmen; denn alle Stunden des Tages waren bereits besetzt. Ellen, der er sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte, wo zuerst froh und stolz gewesen und sah schon das Ministerportefeuille am Ende einer ganz kurzen Perspektive. Als aber die neue Arbeit ihn immer mehr unter ihre Macht zwang, ihn ihr nahm und bis spät in die Nacht hinein in seinem Arbeitszimmer festhielt, wurde sie mißvergnügt und fand, daß die Perspektive zu teuer erkauft sein würde. Er aber gab nicht nach. Er war fest in seinem Entschluß. Jetzt endlich war er fest. Ihre blauen Augen, die nicht mehr so sanft waren wie in der Verlobungszeit, sahen mit Verwunderung die energische Falte, die sich quer über die Nasenwurzel gelegt hatte und sich beständig vertiefte. Sie erkannte schließlich, daß dieses Neue stärker sei als sie. Da geschah es, daß sie Mittsommers die Gewißheit bekam, daß sie guter Hoffnung sei. Und durch dieses neue Wunderbare wurde sie so sehr von sich selbst in Anspruch genommen, daß Svend Arbeitsruhe bekam. An demselben Tage, an dem Svend seinem Schwiegervater die große Neuigkeit anvertraute – sie saßen gemütlich nach dem Mittagessen bei Kaffee und Zigarren beisammen, während Ellen bei Lindholms war – am selben Tage sprach er sich auch das vom Herzen herunter, was sich in seinem Innern vorbereitete. Kruse nickte respektvoll. Er hatte seinem Schwiegersohn – dem etwas zu naiven Idealisten – soviel praktischen Sinn gar nicht zugetraut. »Ausgezeichnet!« sagte er, »darauf kommt es hier im Leben gerade an: die Chance ergreifen, wenn sie unsichtbar vor einem in der Luft schwebt, sie an den Schwingen fassen und festhalten.« Er blickte eine Weile prüfend durch die Ringe des Zigarrenrauches auf Svends Perspektive. Dann nickte er wieder ernst und bekräftigend. »Du bist gerade der rechte Mann für die Fischer, da du ihrer Lebenssache so nah stehst, daß du sie fördern kannst. Und umgekehrt wird eine politische Stellung als Vertrauensmann der Fischer dich im Ministerium stützen, weil du auf diese Weise der einzige sein wirst, der Verhältnisse praktisch kennen lernt, die die anderen nur aus Dokumenten kennen. Aber du mußt darauf vorbereitet sein, daß man dir die ganze Bürde im Kontor aufladen wird. Sobald die unumgängliche Mißgunst sich einigermaßen gelegt haben wird, wird eine Menge Arbeit unter dem Vorwand deiner speziellen Fachkenntnis auf dich abgewälzt werden. Aber davor hast du ja keine Furcht, nicht wahr?« »Im Gegenteil. Je mehr ich zu wirken bekomme, desto besser.« Kruse lächelte, wahrend er den Rauch in einer wohlgeformten Wolke von sich blies. Sein Schwiegersohn war dennoch sehr jung. Nun, man mußte versuchen, ihm seinen Weg zu erleichtern. Svend betrachtete die Schläfe seines Schwiegervaters. Sie war von einem Netz feiner Fältchen überzogen und fing an hohl zu werden. Auch das Muskelspiel um den sonst so festen Mund war schlaffer geworden. »Wie ist er in der letzten Zeit gealtert!« dachte Svend, »wahrscheinlich, weil er jetzt so einsam ist.«   Ende Oktober, als Svend blaß und müde von einem angestrengten Arbeitstag heimkehrte, kam das Mädchen ihm mit großen, erschreckten Augen im Entree entgegen und sagte, daß die gnädige Frau sich zu Bett gelegt habe. Es wurde nach dem Arzt und der Hebamme geschickt, und in der Nacht brachte Ellen einen blondhaarigen, schmächtigen Knaben zur Welt, der nach Aussage der Hebamme Svends Augen hatte, aber Ellens Mund und Kinn, wenn sie lächelte. 3 Ellen erholte sich überraschend schnell. Bereits im November konnte man sie wieder beim Konditor und in Gesellschaften treffen. Der Junge gedieh gut und war des Nachts verhältnismäßig ruhig. In der ersten Zeit aber störte er Svend nicht wenig bei der Arbeit. Mit seinen allerliebsten, täppischen Bewegungen raubte er eine Stunde nach der anderen. Ellen war entzückt über ihre lebendige Puppe. Es gab kein Raffinement in Bezug auf Kinderaussteuer, das der Knabe nicht hatte, wenn er in seinem eleganten Kinderwagen ausgefahren wurde, einem Geschenk des neugebackenen Großpapas, der zu Anfang jeden Tag kam, um dieses neue Pfand für die Unsterblichkeit des Geschlechts persönlich in Augenschein zu nehmen. Eine geputzte Amme führte das Wunderkind im Sonnenschein spazieren, während Ellen nebenherging und die Wirkung genoß. Die Freundinnen kamen am Vormittag und durften heben und tragen und bewundern. Es war unglaublich, was die neue Herrlichkeit kostete. Svend betrachtete den stetig wachsenden Haufen Rechnungen auf seinem Schreibtisch mit Entsetzen. Es dauerte nicht lange, da mußte er bei Didrichsen um Vorschuß bitten; und obgleich er sich bestimmt vorgenommen hatte, das Ministerium zu schonen, so kam doch der Tag, an dem er sich an Jersey wenden mußte, mit der Bitte um Gehaltsvorschuß von dem Konto des Departements für außergewöhnliche Ausgaben. Aber es wurde noch schlimmer. Denn jetzt kam die Taufe und Ellen bestand darauf, daß sie mit einer größeren Mittagsgesellschaft gefeiert werden müsse. Svend machte Einwendungen. Ellen aber, die noch den Märtyrergeschmack von den Geburtswehen im Munde hatte, fing an zu weinen. Und da gab er nach. Am nächsten Tag machte sie ihm den Vorschlag, daß ihr Papa die Gesellschaft bezahlen solle. Aber davon wollte er nichts hören. Er setzte seinen Stolz darein, niemanden um etwas zu bitten. Die Konferenzrätin hatte ihn gründlich von Familienunterstützungen kuriert. Das Taufdiner umfaßte so viele, wie überhaupt an dem großen, ausgezogenen Eßtisch sitzen konnten. Da waren die Freundinnen, sowohl die echten wie die sogenannten, einige ältere Herrschaften aus Papas Verkehr, die der Gesellschaft Glanz verleihen sollten, und dann natürlich Svends Mutter und Schwester. Dann war da außerdem ein neuer Gast, der, frisch vom Ausland zurückgekehrt, Besuch gemacht und den Ellen sich in der Wiedersehensfreude stehenden Fußes gesichert hatte. Ein Gast, der die Gesellschaft zieren würde: der Kammersänger. Als Svend und Ellen eines Sonntagvormittags zusammen die Einladungen schrieben, sah Svend plötzlich auf und sagte: »Ja, aber der Prinz!« »Nein,« – Ellen beugte sich eifrig schreibend über die Kuverte – »ihn wollen wir nicht einladen. Das sieht so prätentiös aus und wird nur mißverstanden werden, wenn nicht von ihm, dann von anderen.« Svend fand sich wieder zu seiner Arbeit zurück und warf sich ins Zeug, um das Versäumte nachzuholen. Das war nicht leicht, da schon jeder Tag im voraus vollauf besetzt gewesen war. Schwerer aber noch war die Begleichung der Rechnungen. Wie er auch selbst sparte und hin und her rechnete, es half nichts. Der Haufe unbezahlter Rechnungen wuchs und wuchs. Als der Mietstermin kam, hatte er mit knapper Not den Betrag zusammengebracht. Da kam Ellen ihm mit einem erschreckten Ausdruck in ihren sanften Augen entgegen und gestand ihm, daß sie sich wieder guter Hoffnung fühle. Als Svend, statt sie zu trösten und freudig überrascht zu sein, ein langes Gesicht machte, fing sie an zu weinen und fühlte sich sehr unglücklich und gekränkt. Er versuchte es wieder gut zu machen, aber sie wollte nichts hören. Auf dem Wege zum Kontor durchdachte er die Lage noch einmal. Nachdem er sein letztes Geld für die Miete abgeliefert hatte, war er sich klar darüber, daß eine Veränderung gemacht werden mußte und sollte. Ihr Budget mußte herabgesetzt werden. Nach dem Mittagessen, beim Kaffee, erklärte er ihr mit ruhigen Worten, daß sie einem der Mädchen kündigen oder eine billigere Wohnung suchen müßten. Ellen nahm es wie eine persönliche Beleidigung auf. Jetzt, wo sie wieder ein Kind erwartete, sollte sie sich mit einem Mädchen begnügen – sie, die ihr ganzes Leben lang –? Davon konnte keine Rede sein. Das sei wohl auch nicht sein Ernst. So herzlos könne er nicht sein. Und wenn er es wäre – nun, so hätte sie wohl auch ein Wörtchen mitzureden. Niemals im Leben ginge sie darauf ein. Und eine kleinere Wohnung nehmen! Jetzt, wo die Familie sich um ein kleines Wesen, das doch wahrhaftig nichts dafür konnte, vergrößerte, jetzt sollten sie sich einschränken? – Davon konnte ebensowenig die Rede sein! Sie hätte sogar schon daran gedacht, daß sie gewiß eine größere Wohnung nehmen müßten, da sie nicht wüßte, wie sie alle in dieser Platz finden sollten. Svend gab es auf, ihr zu widersprechen; aber er ergab sich nicht; und sie begriff, daß sie nicht gesiegt hatte. Darum klagte sie über Kopfschmerzen und ging zu Bett, wahrend Svend sich schuldbewußt an die Arbeit setzte. Einige Tage darauf kam Kruse von selbst zum Mittagessen. Svend war sehr erstaunt, denn sein Schwiegervater pflegte nie unangemeldet zu kommen. Beim Kaffee glitt Ellen still aus dem Zimmer, um sich nach Henning umzusehen. Da verstand Svend die Absicht; aber jetzt war es zu spät; Kruse hatte bereits begonnen. Ohne Ellens Erwähnung zu tun sagte er: »Ich habe mir überlegt, mein lieber Svend, daß dein Budget diesen Winter bedeutend überbürdet worden ist. Nichts ist darum natürlicher, als daß ich in meiner neuen Würde als Großvater helfend beitrete. Ich werde mir das Vergnügen machen, in Zukunft eure Miete zu bezahlen.« Es war in jenem Ton gesagt, den Kruse anschlug, wenn er keinen Widerspruch duldete. Um anzudeuten, daß die Sache hiermit erledigt sei, fügte er hinzu, bevor Svend noch Zeit gefunden hatte, sich zu einem ehrerbietigen und dankbaren Protest zu sammeln: »Wie geht es denn dem kleinen Mann? Wir werden wohl bald den ersten Zahn begrüßen können.« Svend blieb nichts anderes übrig, als zu danken und die Demütigung hinunterzuschlucken, daß er das Angebot in Wirklichkeit als eine große Erleichterung empfand. Im Laufe des Abends sagte Kruse, als die Rede auf Svends politische Vorbereitungen kam. »Apropos, ich glaube, du solltest Kammerherrn Tithoff einen Besuch machen.« »Tithoff?« fragte Svend erstaunt. »Er ist ein Mann mit wachsendem Einfluß.« »Auch auf die Politik?« »Das kann man nie wissen,« sagte der Departsmentschef ausweichend. »Auf alle Fälle kann es ja nie schaden, Tithoff ist immer sehr liebenswürdig und – eh – gefällig – kurz gesagt, ich meine wirklich, daß du Tithoff einen Besuch machen solltest. Wie war es doch noch – hat er dem kleinen Mann nicht ein Taufgeschenk gemacht?« »Ja – einen reizenden Silberbecher, für den Ellen gedankt hat, soviel ich weiß.« »Siehst du, dann schuldest du ihm ja geradezu einen Besuch.« Svend konnte nicht begreifen, welche Bedeutung Tithoff für seine Zukunft haben konnte. Dennoch machte er den Besuch und wurde aufs liebenswürdigste empfangen. Es schien wirklich, als habe der Kammerherr seine Aufwartung für das Taufgeschenk erwartet. Er erkundigte sich freundlich nach Svends Arbeit im Ministerium; und als Svend sein politisches Interesse durchblicken ließ, klopfte Tithoff ihm auf die Schulter und sagte zuvorkommend: »Recht so, wir haben junge, frische Kräfte nötig in der Partei.« Da Svend nun einmal hatte durchblicken lassen, womit er sich beschäftigte, so fand er auch keinen Grund, es vor v. Falk zu verbergen, um so mehr als das menschliche Urteil desselben ihm über das all der anderen ging. Er holte v. Falk um vier Uhr zu einem ihrer alten Spaziergänge ab, die aus Mangel, an Zeit unterblieben waren. Falk merkte gleich, daß Svend etwas auf dem Herzen hatte. »Heraus mit der Sprache!« sagte er lächelnd und versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Svend faßte Mut. »Ich will mich bei den nächsten Reichstagswahlen als Kandidat aufstellen lassen!« »Pfui Teufel, wollen Sie Abgeordneter werden?« Svend wurde rot und schwieg gekränkt. »Ist es der Versorgung wegen?« fragte v. Falk und richtete seinen großen, schweren Blick prüfend auf Svends helle Augen. »Es ist, um etwas auszurichten!« sagte Svend und warf den Kopf in den Nacken. Falk schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Ich glaube, weiß Gott, Sie sind ehrlich!« »Was soll das heißen?« »Seien Sie nicht böse. Ich meine natürlich ehrlich gegen sich selbst.« »Und weshalb nicht?« »Gott, lieber Freund, blicken Sie sich doch um. Wie viele von der Bande sind ehrlich – ehrlich nur gegen andere. Aber ich fange wahrhaftig an, an Sie zu glauben, wenn es nicht nur die reine Jugendlichkeit bei Ihnen ist.« Damit war der Friede wiederhergestellt. Svend erzählte von seinem Besuch bei Tithoff. »Tithoff?« Falk lachte munter. »Können Sie sich den alten Tithoff als ›die neue Zeit‹ vorstellen?« Im selben Augenblick ging ihm ein Licht auf. »Ach so!« sagte er ernst. »Ja, das stimmt.« »Was?« »Das mit seinem ›wachsenden Einfluß‹. Er steht Welten nahe, wenn ich mich so ausdrücken darf.« »Was meinen Sie damit?« »Gott,« v. Fall begann auszuweichen, »er hat Geschäfte mit ihm, er ist gewiß bei mehreren seiner Unternehmungen beteiligt, ebenso wie Ihr Schwiegervater und so viele andere.« 4 Im Herbst trat schließlich die große Begebenheit ein, nach der das Land so lange geseufzt hatte. Die Birne, die gegen den Apfel eingetauscht werden sollte, war endlich reif geworden. Die Birne und der Apfel wurden nebeneinander gehalten, in Augenschein genommen und bewertet, befühlt und beredet, in den tiefen Fensternischen des Reichstags, in geschlossenen Ausschußsitzungen, in den Wandelgängen, in weichen Klubsesseln bei vermögenden Personen von der Partei der Birne und des Apfels. Aus Dämmerlicht und Verborgenheit sickerten schließlich Begebenheiten ins Tageslicht hinaus; denn die Birne und der Apfel waren sich darin einig, daß die Zeitungen die Neuigkeit zuletzt erfahren sollten. Aber alle, die im Kerngehäuse etwas bedeuteten, wußten Bescheid und beredeten den Tausch miteinander. Es dauerte noch einige Zeit, bis offiziell bekanntgegeben wurde, daß Kammerherr Tithoff Minister werden solle. 5 Es wurde wieder ein Sohn; größer und gewichtiger als der erste, aber weniger sanft von Charakter. Die Sache verlief ebenso leicht und normal wie das erstemal. Sie waren beide entzückt von Nummer zwei, außer wenn er des Nachts schrie; und ihr Verhältnis, das während des vergangenen Jahres durch Svends Arbeitseifer bedeutend abgekühlt war, wurde jetzt fast ebensogut wie während ihrer Brautzeit. Als Svend sich aber wieder mehr seiner Arbeit zuwandte, lebten sie von neuem nebeneinander, anstatt miteinander. Zu Anfang des neuen Jahres gab es wieder ein Taufdiner. Und wieder betrachtete Svend mit steigender Besorgnis die Rechnungen, die sich auf seinem Schreibtisch häuften. Kruse kam auch diesmal unerwartet zum Mittagessen. Beim Kaffee fiel sein Blick auf die Rechnungen. »Wie geht es mit der Ökonomie?« fragte er. »Es geht,« antwortete Svend und wurde rot. »Ja, siehst du, den neuen kleinen Mann« – er war nach Svends Vater Jörgen genannt worden – »den nehme ich auf mich.« »Ich danke für deine gute Absicht, Papa, aber ich kann mich nicht dareinfinden, daß du meine Versorgerpflichten übernimmst.« »Papperlapapp!« sagte Kruse in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Dann saß er eine Weile und starrte vor sich hin, während sein Mund schlaff wurde und einfiel. »Bald werdet ihr ja doch das Ganze bekommen, Ellen und du,« fügte er hinzu. Svend wurde gerührt; »Nun sage ich ebenso wie du, Papa, papperlapapp.« »Ja, ja,« Kruse strich sich mit der Hand über seine blanke Stirn und glättete die buschigen Augenbrauen, »ich danke dir für deine gute Absicht. Aber das weiß ich besser als du, mein Freund.«   Beim Schluß des Reichstages wurde die Birne in einem Reichstagsbeschluß eingetauscht, und der Apfel – das nagelneue Finanzgesetz – lag blitzblank auf dem Tisch und konnte der ganzen Bevölkerung gezeigt werden. Aber die große Umwälzung, die man im Ministerium erwartet hatte – wo nur die Ältesten sich erinnerten, daß ein ganzes Ministerium auf einmal abgedankt hatte –, blieb vollständig aus, und alles schien wie zu Abrahams Zeiten zu bleiben. Es wurde wieder Frühjahr. Die höchsten Herrschaften eröffneten wie im Vorjahre die Kunstausstellung, die Bäume sprangen aus, die Schollen wurden schmackhaft und die Theater schlossen. Ja, es wurde sogar St. Johannisnacht, ohne daß in Brynchs Departement eine Veränderung geschah. Brynch vertiefte sich mehr und mehr in alte Erinnerungen. Wo er auch anfing, er endigte immer mit »in meiner Jugend –« Und es war nicht so merkwürdig, daß er sich in Erinnerungen verlor, denn er sollte Ende September sein fünfzigjähriges Jubiläum im Dienste des Staates begehen. Der Sekretär des Ministers hatte ihn mehrmals wegen der bevorstehenden Auszeichnung vorgehabt – er hatte die Wahl zwischen dem Kommandeurkreuz und dem Konferenzrattitel. Aber jede Andeutung auf die schwere Bürde des Alters, auf eine ehrenvolle Abdankung zugunsten jüngerer Kräfte und dergleichen, prallte völlig an Brynchs dicker Haut ab. Er fand sich selbst ganz jugendfrisch und interessierte sich im übrigen nur für die Auszeichnung. Die Wahl war schwer. Wahrscheinlich würde er sich für den Titel entscheiden. Denn davon würde auch seine Frau – Frau Konferenzrat – Vergnügen haben, während er den Orden doch nur allein tragen konnte. Das Departement hatte beschlossen, daß es seinen alten Chef mit einem Diner feiern wollte. Da das Wetter ungewöhnlich milde und sommerlich war, hatte man das Badehotel Skodsborg gewählt. Beim Kaffee, der auf der überdeckten Veranda eingenommen wurde, kam Jersey auf v. Falk zu, der an einem der kleinen Tische mit Juhl und Svend zusammensaß. »Ich höre, daß die Herren von der Staatsanleihe sprechen. Wissen Sie, wann sie offiziell wird, Herr Byge?« »Woher soll ich es wissen?« fragte Svend erstaunt. »Ich dachte, daß Ihr Schwiegervater vielleicht davon gesprochen hätte – sein Departement hat ja damit zu tun.« »Er hat kein Wort davon erwähnt!« sagte Svend. Das also war es gewesen, was Kruse in der letzten Zeit so beschäftigt hatte. Im selben Augenblick hörte man Brynchs kreischende Stimme vom Nebentisch: »Ich sage, das ist ein guter Anfang, sage ich, wenn ich an all das denke, was in den vielen Jahren versäumt worden ist. Das neue Ministerium beginnt gottlob damit, daß es uns Gelder für Bahnbau und Hafen- und Fischereiwesen bewilligt, um die wir all die Jahre eingekommen und mit denen wir Mal für Mal abgewiesen worden sind. Ich kann Ihnen sagen, meine Herren« – Brynch atmete geräuschvoll und schob die Hand in die Weste– »es hat mir manches Mal leid getan, daß man wegen dieser elenden Politik nichts für die Bevölkerung tun konnte. Wenn wir auch keinen besseren Mann haben konnten als unseren alten, ehemaligen Minister, so sage ich dennoch: Gelobt sei der Vergleich!« »Ich habe gehört,« fuhr Jersey zu v. Falk gewendet fort, »daß Welten die Emission übertragen worden ist.« Er betrachtete v. Falk forschend, dieser aber verzog keine Miene. »Schon möglich,« sagte er, »der Finanzminister ist ja ein alter Freund von Geheimrat Welten.« »Und zu welchem Kurs?« fragte Juhl. Falk zuckte die Achseln, und Jersey kaute auf seiner Zigarre, ohne zu antworten; er wollte nicht zugestehen, daß er nichts wußte. »Da sind ja die Abendzeitungen!« sagte Svend und winkte dem Oberkellner, der mit den Zeitungen in der Hand vorbeiging. Jersey entfaltete das Regierungsorgan und überflog die Spalten. Plötzlich hielt er interessiert inne. »Etwas Neues?« fragte v. Falk. »Wenn man vom Teufel spricht – –« Jersey setzte sich, um in Ruhe zu lesen – »hier haben wir die ganze Gesetzesvorlage.« Juhl rückte näher heran und guckte ihm über die Schulter. »– Dreiprozentige Staatsanleihe – der Finanzminister zur Emission ermächtigt – für Bahnbau und andere öffentliche Arbeiten – ein Emissionskurs von 93.« Jersey ließ die Zeitung sinken und dachte nach, während er zu v. Falk hinübersah. »93 –?« wiederholte er – »das ist niedrig.« »93,« sagte Juhl und betrachtete Jersey forschend – »und wer soll emittieren?« Jersey las weiter: »Die vereinigten Privatbanken!« sagte er. »Also Welten!« bemerkte v. Falk trocken und blies den Rauch seiner Zigarre in einer langen Wolke von sich. Ein Kollege von Jersey, Chef eines anderen Kontors, wandte sich hastig um, lehnte sich über den Stuhlrücken und blickte in die Zeitung. »Das ist nicht möglich!« sagte er. »Alles ist möglich!« bemerkte v. Falk ruhig. »Aber die Nationalbank ist doch da –« wandte Svend ein. »Aber Welten ist auch da!« sagte v. Falk in demselben Ton und sah mit dem bedeutungsvollen Blick, der Jersey immer unsicher machte, von einem zum anderen. »Welten, meine Herren!« »Er hat doch das alte Ministerium gestützt!« »Welten stützt alle, die er brauchen kann.« Es kam ein kühler Luftzug vom Sund her, der in undurchdringlicher Dunkelheit unter einem sternenbesäten Himmel dalag. Es war eigentlich viel zu spät im Jahr, um draußen zu sitzen. Man fing an, sich Bewegung zu machen. Nur die älteren Herren, die Überzieher anhatten, blieben bei Likör und Zigarren sitzen. Brynch hatte die Abendzeitung bekommen und las v. Galten daraus vor, der sich wie ein Schatten an ihn heftete. »Jetzt fangen sie wieder mit ihrer Panama-Affäre an!« sagte Brynch und schüttelte bekümmert den Kopf. »Es ist doch zu toll, daß sie mit diesen Schurkenstreichen nicht fertig werden können.« Die anderen blieben stehen und hörten zu. Brynch las Telegrammauszüge aus französischen Zeitungen vor. Neue Minister kompromittiert. Neue Enthüllungen von alten Bestechungen. Neue Appelle an das Urteil des Volkes. Neue Pariser Schreie über die großen Schurken, die man laufen ließ, und die kleinen, die gehenkt wurden. »Die Panamasache ist eine Drachensaat. Für jeden Kopf, der abgeschlagen wird, wachsen zehn neue hervor.« »Gott sei Dank!« Brynch lehnte sich atemlos nach dem Vorlesen in den Stuhl zurück, »ich sage Gott sei Dank, daß wir in unserem lieben kleinen Vaterland leben. Wenn wir uns auch zanken und streiten und vermodern und versumpfen, derartige Schurkenstreiche kennen wir doch hierzulande nicht.« »Es lebe die dänische Ehrenhaftigkeit – und unser unbestechlicher Beamtenstand!« sagte v. Falk, der im selben Augenblick vorbeiging, mit feierlichem Ernst. Jersey wandte hastig sein scharfes Profil zu ihm um und versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Als Svend und v. Falk nach Hause fuhren – Jersey und Juhl saßen auf der anderen Seite des Landauers –, wandte v. Falk sich mit seinem liebenswürdigen Gesicht zu Svend, der lange geschwiegen hatte: »Weshalb so schweigsam an einem so festlichen Abend?« Svend richtete sich auf. »Ich kann nicht leiden,« sagte er leise, »daß Ihnen nichts heilig ist.« »Gott bewahre – was habe ich verbrochen?« »Ich finde, daß unsere Ehrenhaftigkeit und Unbestechlichkeit zu echt ist, um lächerlich gemacht zu werden.« »Aber ich habe ja gerade gesagt –« »Oh, ich kenne Ihren Ton nur zu gut. Und weshalb uns in Verbindung mit solchem Morast wie die Panama-Affäre nennen?« »Sie mögen recht haben.« Im selben Augenblick fuhr ein Landauer mit einem alten langbärtigen Kutscher dicht an ihnen vorbei. »Das war Weltens Kutscher!« sagte Svend und drehte sich nach dem Wagen um. »Wer aber saß rechts neben Geheimrat Welten?« fragte Juhl und versuchte vergebens die Dunkelheit zu durchdringen. »Das war unser hoher Chef,« sagte v. Falk munter, »Seine Exzellenz der Finanz- und Verkehrsminister, Kammerherr von Tithoff.« 6 Es war spät, als Svend am nächsten Morgen erwachte. Der Kopf war ihm schwer von dem Stimmenlärm, von Tabaksrauch und Gaslicht. Er kleidete sich Hals über Kopf an – das Bad mußte er streichen –, bemühte sich, Ellen nicht zu wecken, und hatte kaum zehn Minuten für sein Frühstück, als er ins Eßzimmer kam. Er klingelte ungeduldig. Auch die Mädchen schienen die Zeit verschlafen zu haben. Die Zeitungen waren nicht da, und das Zimmer schien gar nicht aufgeräumt zu sein. Es war nur an der einen Seite des großen Tisches für ihn gedeckt. Während er wartete, lief er die Zeitungen durch. Seit er auf politische Ziele zustrebte, hatte er auf die Hauptzeitungen abonniert. Eine sensationelle Überschrift fesselte sein Auge: »Die Staatsanleihe«, stand da, und dann mit kleineren Typen die offizielle Bekanntmachung, die gestern abend beim Kaffee vorgelesen worden war. Darauf stand gesperrt gedruckt: »Der Inhalt dieser Bekanntmachung wird berechtigtes Erstaunen in den weitesten Kreisen hervorrufen. Wir finden uns berechtigt, in diesen panamabewegten Zeiten gleich folgende, rückhaltlose Frage zu stellen: »Weiß der Finanzminister nicht, daß es einen Direktor der Staatsschulden gibt? Wo ist die Nationalbank in dieser Sache? Weshalb sollen ›die vereinigten Privatbanken‹ einige Millionen auf Kosten der Staatskasse verdienen? Bevor wir für heute schließen, wollen wir noch zur Kenntnis bringen, daß es der Departementschef Henning Kruse ist, der von Amtswegen die Verantwortung für die Vorbereitung der Angelegenheit trägt. Da sein Name in weiteren Kreisen nicht bekannt sein dürfte, so bringen wir ferner zur Kenntnis, daß Departementschef Kruse folgende private Stellungen mit seinem hohen Amt vereinigt: Mitglied des Direktoriums in Geheimrat Weltens Bank; Vorsitzender des Aufsichtsrates der Weltenschen Versicherungsgesellschaften, sowie Aufsichtsbeamter bei den Weltenschen Stein- und Kalkwerken. Herr Kruse besitzt das prächtige Gut ›Wildpark‹, in dem Geheimrat Welten, wie man sagt, eine bedeutende Hypothek stehen hat.« Svend fuhr wütend in die Höhe und zerknitterte die Zeitung; glättete sie aber wieder und lief damit zu Ellen hinein, um ihr den unglaublichen Schurkenstreich zu zeigen. »Was ist geschehen?« fragte Ellen erschrocken und richtete sich hastig auf, als sie Svends Gesicht sah, das blaß vor Zorn war. »Das ist doch zu arg!« rief er außer sich, »lies dies hier – nein, hier!« Während sie las, konnte er sich nicht ruhig verhalten und stampfte ungeduldig auf den Fußboden. Ellen las so schnell sie konnte. Zuerst sah sie ganz verständnislos aus; als sie aber zu dem Namen ihres Vaters kam, wurde sie rot und beugte sich mit offenem Mund über die Zeitung. Dann warf sie sie auf die Erde, als sei sie davon beschmutzt worden. »Pfui, was für ein Pack!« sagte sie verächtlich. »Das ist ein überlegter Schurkenstreich!« Svend nahm die Zeitung auf und zerknitterte sie zum zweitenmal. »Der arme Papa!« sagte Ellen mit Tränen in den Augen, »er ist so empfindlich, wenn es seinen guten Namen gilt!« »Das wird ihnen ein teurer Spaß werden, darauf kannst du dich verlassen!« Svend biß die Zähne zusammen und fuchtelte mit der geballten Faust, als hantiere er eine Reitpeitsche. »Diese Flegel!« sagte Ellen mit Tränen in der Stimme, »was geht es sie an, wer Hypotheken in unserem Haus hat.« Svend drehte sich um. »Hat er denn fremdes Geld in ›Wildpark‹ stehen?« »Das weiß ich wirklich nicht!« Ellen warf den Kopf in den Nacken, so daß ihr Haar über den schön geschwungenen Rücken wallte. Svend sah auf seine Uhr. Jetzt mußte er gehen. Er nahm Ellen fest in seine Arme und küßte sie. »Beruhige dich!« sagte er. »Wenn ich es erreichen kann, suche ich deinen Vater auf, bevor ich ins Ministerium gehe.« Svend mußte eilen. Der rasche Gang brachte seine Wut auf den Siedepunkt. Er vermochte nicht ruhig über die Sache nachzudenken. Er warf die ganze Zeit die Frage hin und her, wie man den Schurken, der die Verantwortung für die infame Beleidigung trug, am besten treffen könne. Eine plötzliche Eingebung durchfuhr ihn wie ein Stich, so daß er mit einem Ruck stehen blieb. Er starrte vor sich hin und versuchte die Eingebung kalten Blutes zu prüfen. Auf die Redaktion gehen. Nach dem Redakteur fragen – ihn zur Rechenschaft ziehen. Wenn er doch nur einen Stock bei sich gehabt hätte! Aber eine Ohrfeige würde es auch tun. Es war ja nicht die Züchtigung selbst, sondern die Demütigung und die Scham, die am härtesten treffen würden. Der Gedanke ließ ihn nicht los. Er sah die ganze Szene vor sich, spielte sie von Anfang bis zu Ende und fühlte eine kribbelnde Wollust, die Wut von sich zu geben, sie durch die Ohrfeige auf den verantwortlichen Schurken zu übertragen. Zwei halbwüchsige Jungen kamen ihm entgegen, sahen ihn erstaunt an und lachten. Das kühlte ihn etwas ab. War durch solche Exekution eigentlich etwas gewonnen? Würde er seinem Schwiegervater damit einen Dienst erweisen – er, der seines guten Namens wegen so empfindlich war und alles, was nach Skandal schmeckte, verabscheute? Svend hörte ihn »Knabenstreiche – Dummheiten« sagen, mit seiner klaren, scharfen Stimme. Die Leute würden glauben, daß er im Einverständnis oder sogar auf Aufforderung von Kruse handelte. Nein, das ging nicht an. »Stillschweigen ist die mildeste und zudem die probateste von allen Waffen!« hatte Kruse mal gesagt. Svend blieb wieder stehen und dachte nach. War es möglich, dieses mit Stillschweigen zu übergehen? Nein – nein. Das konnte man nicht. Selbst der Reinste muß sich reinigen, wenn er beschmutzt wird. Sonst bleibt etwas von dem Schmutz an ihm haften. Svend war fast am Ziel, als er den Entschluß faßte, Didrichsen im Stich zu lassen und zu seinem Schwiegervater zu gehen. Kruse hatte wahrscheinlich noch nichts erfahren. Er las nur die konservativen Zeitungen, und es würde besser sein, daß Svend ihn vorbereitete, als wenn die Neuigkeit ihm brutal im Ministerium gegenübertrat. Fräulein Jensen öffnete Svend die Tür. Sie war überrascht, ihn zu dieser Tageszeit zu sehen. »Himmel,« sagte sie, »Frau Byge ist doch nicht krank?« Es war klar, daß sie nichts von dem Artikel wußte. Svend beruhigte sie und fragte nach Kruse. Er sei vor kaum einer Viertelstunde ins Ministerium gegangen. So zeitig? Ja, Herr Kruse sei in der letzten Zeit so beschäftigt gewesen. Er kam also zu spät. Da es nun keinen Zweck mehr hatte, zu versäumen, eilte er in Didrichsens Büro. Er stieß in der Tür mit dem Justizrat zusammen, und es war ihm, als ob seine grauen Augen ihn prüfend streiften, indem er grüßte; aber er ging in sein Privatkontor, ohne etwas zu sagen. Assessor Hansen fuhr geradezu auf seinem Drehstuhl vor innerer Aufregung in die Höhe, als er Svend sah. Die kleinen Augen in dem fetten, blassen Gesicht funkelten vor Neugierde. Svend ging auf ihn zu und sagte ohne Umschweife: »Sie haben wohl die Infamie, die gegen meinen Schwiegervater gerichtet ist, gelesen?« Der Assessor fuhr sich verblüfft durchs Haar. Es kam so plötzlich. »Sie meinen – ach so – ja, es ist –« Er suchte vergeblich nach einem passenden Wort. »Gemein!« sagte Svend, »und Sie können sich darauf verlassen, daß es dem Betreffenden teuer zu stehen kommen soll.« Der Assessor blickte zur Seite, sagte aber nichts. Svend konnte sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren. Was er auch anfing, immer kehrten die Gedanken zu dem Artikel zurück. Er meinte, daß er aufspringen und etwas tun müsse, um den Fleck abzuwaschen, der auf Ellens Vater gefallen war. Es war ein ätzender Fleck, fast eine Brandwunde; und sie brannte auch ihn. Als die Uhr endlich zwölf schlug, machte er, daß er fortkam. Er atmete erleichtert auf, als er wieder auf der Straße stand und eilte ins Ministerium. Auf der Kanzleitreppe begegnete ihm ein Bote aus seinem eigenen Ministerium, der ihn kannte und wußte, daß er Kruses Schwiegersohn sei. Er grüßte übertrieben ehrerbietig. Aha, er weiß Bescheid, dachte Svend bei sich. Als er durch den langen, halbdunklen Gang zwischen den Kontoren schritt, standen zwei Referendare aus dem Justizministerium in der Tür einer Portierloge, und es war Svend, als ob der eine dem anderen ein Zeichen zumachte, als er vorbeiging. Es war das reine Spießrutenlaufen, bevor er Kruses Büro erreichte. Schon von weitem konnte man sehen, daß sich etwas im Departement ereignet hatte. Bald wurde mit dieser Tür geklappt, bald mit jener; und aus den Kontorzimmern klang lautes Reden auf den Gang hinaus. Im Vorzimmer zu Kruses Kontor saß der Kontorbote mit der fatalen Zeitung vor sich auf dem Tisch. Als er Svend sah, fegte er eiligst die Zeitung vom Tisch, erhob sich und dienerte. »Herr Departementschef Kruse ist nicht da!« sagte er vorsichtig, noch bevor Svend etwas gesagt hatte. »Ist er nicht hier gewesen?« »Doch – er kam zeitig – aber –« Er stockte und zerrte nervös an seinen Rockknöpfen. Svend trat ganz ins Zimmer und sah ihn fest an. »Was ist geschehen?« fragte er. »Herr Departementschef fühlten sich nicht ganz wohl – nein, aber wollen Sie nicht mit dem Bürochef sprechen, Herr Assessor – ich werde sofort –« Er versuchte an Svend vorbeizukommen, Svend aber hielt ihn ungeduldig zurück. »Ist er nach Hause gegangen?« »Nee – Herr Departementschef fühlten sich nicht wohl – ich mußte einen Wagen holen. Aber wollen Sie nicht – ich werde sofort dem Bürochef –« Svend stellte sich ihm in den Weg. Er war so bleich, daß der Kontordiener erschrak. Svend biß sich auf die Lippe und zeigte auf die Zeitung, die auf der Erde lag. Es wollte ihm nur schwer über die Lippen. »Hat – hat Herr Kruse den Artikel gelesen?« fragte er und bohrte seinen Blick in die erschrockenen Augen des Dieners. »Ob? – Ja – jawohl, das glaube ich!« »Wann?« »Tja – Herr Departementschef bekommt die Zeitungen ja gleich des Morgens und dann –« Was dann?« Svend stampfte ungeduldig auf. »Dann klingelte er nach dem Sekretär – und dann hatten sie eine längere Konferenz miteinander. Aber wollen Sie nicht lieber – ich will den Bürochef rufen –« »Herrgott,« bat Svend, »erzählen Sie mir doch, was Sie wissen.« Der Kontordiener betrachtete ihn einen Augenblick. Dann strich er sich durch sein hochstehendes Haar und seufzte. »Tja, dann kam der Sekretär mit einer Erklärung heraus, die gleich an alle Zeitungen geschickt werden sollte.« »War sie offen?« »Wie meinen Sie?« »War sie in einem Kuwert? – Ich meine, ob Sie sie gelesen haben?« »Ob ich? Ja – jawohl – sie war offen. Ich hab sie selbst dem Schreiber gebracht, denn sie sollten ja alle ein Exemplar haben – ich meine die Zeitungen. Aber, Herr Assessor, wollen Sie nicht lieber –« Wieder versuchte er auszukneifen, Svend aber ließ ihn nicht los. »Was stand darauf?« fragte er mit halber Stimme. Der Diener fuhr sich wieder durchs Haar. Dann nahm er sich zusammen und ergab sich in sein Schicksal. »Ja, da stand also, daß der Artikel eine infame Verdächtigung sei und daß der Departementschef ein freier und unabhängiger Mann sei – natürlich – der nie Geheimrat Welten ökonomisch verpflichtet gewesen sei – ich erinnere mich der einzelnen Worte nicht mehr so genau.« Svend atmete wieder auf. »Wann wurde er denn krank?« »Ja, als ich so ne halbe Stunde später hineinkam, da – da sitzt der Herr Departementschef am Tisch, wie gewöhnlich – und dann fragt er mich, wieviel die Uhr ist. Und dann sage ich: Punkt halb zwölf, Herr Departementschef. – Danke! sagt er – und dann sieht er mich an und sagt nach einer Weile: Entschuldigen Sie, sagt er, wünschen Sie etwas? – Mir wurde ja ganz komisch zumute, weil Herr Kruse selbst nach mir geklingelt hatte. – Herr Departementschef haben ja geklingelt, sage ich. – Richtig! sagt er und greift sich an den Kopf, als ob ihm etwas weh täte. Dann fragt er wieder, wieviel die Uhr sei. – Und dann sage ich ja noch einmal, wieviel sie ist; und dann sieht er mich von Kopf bis zu Fuß an und steht auf, wie er zu tun pflegt, wenn die Audienz vorbei ist; und dann sagt er mit seinem liebenswürdigen Lächeln: Haben Sie noch etwas auf dem Herzen? – Da wurde es mir ja klar, daß etwas nicht in Ordnung sei. Und ich sage, was mir so gerade einfällt: Jawohl, Herr Departementschef, sage ich, ich werde den Sekretär rufen. Na, da kamen ja sowohl der Sekretär wie der Bürochef, aber Herr Kruse erkannte weder den einen noch den anderen. Er fragte, wie er sonst bei Audienzen zu fragen pflegt: Womit kann ich Ihnen dienen, meine Herren? – Ja, und dann holten wir also einen Wagen. Und der Departementschef ging ruhig mit – ganz wie er immer ist – und er sprach vom Wetter und – nur daß er keinen von uns kannte. Und dann fuhr der Sekretär mit ihm nach Hause.« Svend saßen die Tränen im Halse. Auch der Kontordiener war bewegt und trocknete sich die Augen. Er wollte durchaus den Bürochef holen; Svend aber schüttelte den Kopf, grüßte und eilte davon. »Oh, diese Schurken – diese gewissenlosen Ehrabschneider!« Was hatte Kruse ihnen getan, daß sie ihn, die personifizierte Ehrenhaftigkeit, an seiner empfindlichsten Stelle, an seinem guten, alten Namen, treffen wollten? Tränen kamen ihm in die Augen, während er nach dem Hause seines Schwiegervaters eilte. Trauer und Zorn zwangen sie abwechselnd hervor. Als er bei Kruse klingelte, dauerte es eine Weile, bevor geöffnet wurde. Als das Stubenmädchen ihn sah, fragte sie, während sie sich die Augen trocknete: »Herr Byge, wissen Sie, daß –« »Ja!« Svend ging rasch an ihr vorbei. »Ist er zu Bett gebracht worden?« »Nein – der Sekretär ist bei ihm. Sie sitzen im Bibliothekzimmer und warten auf den Arzt.« Svend ging ins Zimmer, ohne anzuklopfen. In dem großen Stehspiegel des Wohnzimmers konnte er das Bibliothekzimmer sehen. Kruse saß zurückgelehnt in seinem Stuhl, der Sekretär saß neben ihm, bleich und ängstlich, und lauschte angespannt auf das, was Kruse sagte. »Ich will Ihnen nämlich sagen, meine Frau ist etwas penibel mit Obst!« sagte er in demselben ruhig gemessenen Ton, der ihm in Gesellschaften eigen war. Svend stand in der Tür. »Papa!« rief er und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Kruse drehte verwundert den Kopf zu ihm um. Die scharfen, blauen Augen, die Ellens glichen, starrten ihm fremd und leer unter den buschigen Augenbrauen entgegen. Dann erhob er sich aus seinem Stuhl, und der Mund formte sich zu dem verbindlichen Lächeln, das Svend so gut kannte. Er streckte seine linke Hand fragend dem Besucher entgegen, wie es seine Gewohnheit war und sagte verbindlich: »Mit wem habe ich die Ehre?« Svend konnte sich nicht länger beherrschen. Er zog sich zurück, um sein Schluchzen zu verbergen. Im selben Augenblick klingelte der Arzt. Die Diagnose war schnell gestellt. Eine lokale Gehirnlähmung hatte das Gedächtnis ausgelöscht, außer für solche Ereignisse, die weit zurücklagen.   Während die Mittags- und Abendzeitungen Kruses rückhaltloses, in seiner Kürze vollkommen zufriedenstellendes Dementi brachten, lag Kruse zu Bett, allem und jedem fremd. Er glaubte, daß er sich auf Reisen befände und sprach vom Hotel. Ellen geriet vollständig außer sich, als Svend nach Hause kam und sie schonungsvoll von dem Geschehenen unterrichtete. Sie verlangte sofort, bei ihrem Vater zu sein. Und noch am selben Abend siedelte sie in ihr Vaterhaus über, um den Kranken zu pflegen, während Svend mit den Kindern und den Mädchen zurückblieb. 7 Das Dementi tat seine Wirkung. Sogar die betreffende Zeitung beschränkte sich auf die Bemerkung, daß man ein späteres Mal auf die Sache zurückkommen werde. Einer verblümten Andeutung in einem Schmutzblatt, daß die plötzliche Erkrankung des Departementschefs die Zuverlässigkeit des Dementis in Zweifel ziehe, wurde von der gesamten Presse mit einem zornigen Protest begegnet, indem man offen die Oppositionszeitung dafür verantwortlich machte, durch ihre Ehrabschneidung einen alten, ehrliebenden Beamten krank gemacht zu haben. Svend hatte in den ersten Tagen nach dem Erscheinen des Artikels den Redakteur vergebens zu treffen versucht. Als er jetzt sah, welche vollkommene Genugtuung seinem Schwiegervater überall zuteil wurde, gab er es auf, den Ehrabschneider persönlich zur Rechenschaft zu ziehen. Es war ja offenbar, daß der Schurkenstreich bereits auf seinen Urheber zurückgefallen war. Mit Kruse ging es langsam bergab. Als er Ellen sah, blitzte ein plötzliches Wiedererkennen in seinem leeren Blick auf; aber dieser Blitz verlöschte wieder im nächsten Augenblick, und er fuhr fort, seiner Umgebung fremd zu bleiben. Das Gesicht fiel zusammen, die Züge wurden schlaff. Auch seine Sprache wurde nach und nach dick und unverständlich. Svend kam täglich auf seinem Wege von Didrichsen zum Ministerium bei ihm vor. Er frühstückte mit Ellen zusammen, und wenn er Zeit hatte, kam er noch einmal des Abends, wenn die Kinder schliefen. Svend konnte den Niedergang von Tag zu Tag erkennen. Der Arzt gab gar keine Hoffnung. Es war nur eine Frage der Zeit. Ellen war zuerst trostlos, gewöhnte sich aber mit ihrer leichten Natur schnell an die Krankheit. Sie pflegte ihren Vater treulich und war nicht zu bewegen, in ihr Heim zurückzukehren, bevor nicht eine Veränderung eingetreten war. Sie stand dem Hauswesen vor, empfing den alten vornehmen Umgangskreis, der Besuch machte, um sich nach dem Befinden ihres Vaters zu erkundigen. Sie empfing ihre Freundinnen und teilte ihren Tag, wenn sie nicht bei dem Kranken war, ganz wie früher ein, so daß sie nach und nach so in ihr Mädchendasein zurückglitt, daß sie sich wunderte, wie wenig sie sich nach ihrem eigenen Heim sehnte. Sie vermißte die Kinder mehr als Svend und war böse auf ihn, wenn ein Tag verging, ohne daß das Kindermädchen Zeit gefunden hatte, sie vormittags mit den Knaben zu besuchen. Dagegen vermißte Svend sie, wenn er ganz ehrlich gegen sich sein wollte, nur in der allerersten Zeit. Er hatte jetzt solch wunderbaren Arbeitsfrieden zu Hause. Er sah sie ja täglich beim Frühstück, und außerdem hatte er die Kinder in der kurzen Zeit am Nachmittage, die er ihnen widmen konnte, ganz für sich. Einen Monat später wurde Kruse in der Nacht von einem zweiten Schlaganfall betroffen. Als Ellen des Morgens wie gewöhnlich mit dem ersten Frühstück zu ihm hineinkam, fuchtelte er mit dem rechten Arm durch die Luft, der linke hing schlaff und unbeweglich über den Bettrand hinab. Seine ganze linke Seite war gelähmt, und er hatte die Sprache verloren. Ellen und die Krankenpflegerin gaben ihm abwechselnd sein Essen. Er mußte in allem und jedem wie ein kleines Kind versorgt werden; und der Arzt betrachtete von dem Tage an seine endliche Auflösung als nahe bevorstehend. Eines Nachts in den ersten Tagen des November sah die Pflegerin, daß es zu Ende ging. Sie weckte Ellen. Kruse lag mit geschlossenen Augen unter den hochgezogenen buschigen Brauen. Schweißperlen liefen ihm über die blanke Stirn und die kahlen Schläfen, deren Fältchen die Krankheit geglättet hatte. Er bewegte seine rechte Hand tastend auf der Bettdecke. Ellen ergriff sie mit beiden Händen und drückte sie weinend an ihr Gesicht. Dann kam ein röchelnder Laut tief aus der Kehle. Ein Seufzer drängte sich durch die schmalen Lippen; und das Licht war ausgeblasen. Es war, als ob der haßerfüllte Angriff auf Departementschef Kruse und das dadurch hervorgerufene Dementi den Sturmlauf, den man gegen den Finanzminister geplant, abgeschwächt hatte. Ob man tatsächlich keine eigentliche Grundlage für einen Angriff besaß oder ob man die allgemeine Stimmung gegen sich hatte und aus Rücksicht auf die Abonnenten nicht fortzusetzen wagte, oder ob man einsah, daß der allmächtige Welten ganz allein durch eigene Pfiffigkeit und die Dummheit der Regierenden, also ohne heimliches Kommissionssalär, seiner eigenen Bank den unbestreitbaren Vorteil durch einen allzu niedrigen Emissionskurs zugewendet hatte – genug, die angekündigte Untersuchung blieb aus, und die Sache geriet in Vergessenheit. Beim Ableben des Departementschefs flackerte die Indignation gegen die Zeitung von neuem auf und machte sich in überströmenden Lobreden auf den Verstorbenen in allen Zeitungen, die sich zur anständigen Presse rechneten, Luft. Das Begräbnis, das im Namen der Familie von Justizrat Didrichsen geordnet wurde, versammelte die Spitzen aus allen Ministerien. Der König und der Kronprinz ließen sich vertreten, Prinz Adolph, der Premierminister, Geheimrat Welten und Kammerherr Tithoff waren persönlich zugegen. Der Geistliche hielt eine wundervolle Rede, und der Sarg wurde durch ein Spalier von Palmen und florumwundenen Kandelabern von Assessoren und Referendaren aus Kruses eigenem Departement getragen. Justizrat Didrichsen und Svend dankten im Namen der Familie nach der Trauerfeier. Kruse hinterließ kein Testament. Svend und Ellen, die in Gütergemeinschaft lebten, erbten das ganze Vermögen, wie Kruse es einmal seinem Schwiegersohn gegenüber angedeutet hatte. Ellen überwand den Schmerz rasch; der Tod war ja nicht unerwartet gekommen. Von dem Tage an, wo Kruse gelähmt wurde und die Sprache verlor, war er im eigentlichen Sinne für sie tot gewesen. Nachdem das Begräbnis überstanden war, begannen sie an die Zukunft zu denken. Svend war plötzlich ein wohlhabender Mann geworden. Sowohl bei Didrichsen wie im Ministerium merkte er die Veränderung. Seine Worte hatten ein Gewicht bekommen, das sie früher nicht gehabt hatten, wie wohlbegründet und überlegt sie auch gewesen sein mochten. Einige Tage nach dem Begräbnis rief Didrichsen ihn in sein Privatkontor und sagte: »Ich weiß nicht, lieber Herr Byge, ob wir uns der Hoffnung hingeben dürfen, Sie hier zu behalten.« »Ja, weshalb nicht?« fragte Svend. »Ich meinte, ob Sie sich vielleicht wegen der veränderten Verhältnisse auf Ihre Tätigkeit im Ministerium beschränken wollen. Sie sind ja jetzt, wenn auch kein reicher, so doch ein wohlsituierter Mann. Aber wenn ich Ihnen raten darf, so glaube ich, daß es klug wäre, keine Veränderung zu treffen.« Didrichsen begann von dem Nachlaß zu sprechen, für den er als Erbschaftsvollstrecker eingesetzt war. Er erhob sich und bot Svend eine Zigarre – eine von den feinsten aus dem Schrank. Indem er Svend ein Streichholz reichte, sagte er: »Sehen Sie, was Briefe und Dokumente und dergleichen anbelangt, so erinnere ich mich, daß Ihr Schwiegervater seine private Korrespondenz in dem alten Sekretär in seinem Zimmer aufbewahrte.« Er machte eine Pause. Als Svend aber nichts sagte, fuhr er fort: »Sicher werden darunter Sachen sein, die für die Ordnung des Nachlasses von Interesse sind. Wäre es darum nicht das beste, wenn ich selbst hinkäme und das rein Private von dem Geschäftlichen sonderte?« »Ja – a!« sagte Svend gedehnt. Er meinte, daß er niemandem Zugang zu Kruses heimlichen Fächern geben könne, bevor er Ellens Erlaubnis dazu bekommen hatte. »Wir können es ja gemeinsam tun!« beeilte Didrichsen sich hinzuzufügen; als Svend aber zögerte – er suchte nach einer passenden Antwort, die nicht verletzend wirkte –, sah Didrichsen mit einem hastig forschenden Blick von der Seite zu ihm auf. Dann erhob er sich und sagte: »Als Exekutor wäre es eigentlich meine Pflicht; aber ich verstehe und achte Ihre Bedenken. Doch muß ich hinzufügen« – hierbei richtete er seine grauen, zutrauenerweckenden Augen fest auf Svends, so daß dieser einen Augenblick überlegte, ob Didrichsens Worte wohl einen besonderen Sinn verbargen –, »daß mir die Verhältnisse Ihres Schwiegervaters recht genau bekannt sind.« Der Justizrat begann im Zimmer auf und ab zu gehen, von den Fenstern bis zur Tür und wieder zurück. »Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen, daß Sie den Nachlaß selbst ordnen,« sagte er und blieb stehen. »Sie haben ja bereits zu meiner Zufriedenheit mehrere kleinere Nachlasse geordnet. Dabei verdienen Sie dann außerdem« – Didrichsen lächelte – »einen Anteil des Exekutorhonorars.« Svend wurde rot und wollte ihn unterbrechen; Didrichsen aber ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Ja, so soll es sein! Das ist die natürlichste Lösung. Dabei können Sie ja selbst beurteilen, was den Nachlaß berührt und was nicht; und Sie und Ihre Frau sind dann sicher, daß nichts in fremde Hände kommt, das – aus irgendeinem privaten Grunde« – Didrichsens graue Augen ruhten wieder einen Augenblick bedeutungsvoll in Svends – »am besten außerhalb bleibt. Ich meine, Sie legen mir ja Rechenschaft ab, und ich werde mich nach Ihren Bestimmungen richten.« Didrichsen sah auf seine Uhr, drückte Svend die Hand und begleitete ihn – eine Höflichkeit, die nur vornehmen Klienten erzeigt wurde – durch das äußere Kontor auf den Korridor. Als Svend Ellen von Didrichsens Bestimmung Mitteilung gemacht hatte, gingen sie zusammen in Kruses Zimmer hinter dem Bibliothekzimmer. Ellen suchte den Schlüssel zu dem alten Sekretär hervor und schloß auf. Hier lagen Haufe neben Haufe von zierlich geordneten Papieren. »Das ist eine tüchtige Arbeit!« sagte sie. Sie beschlossen, bis auf weiteres in Kruses Wohnung überzusiedeln. Das Kindermädchen wurde in einem der Fremdenzimmer installiert. Ellen hatte die Kinder bei sich in ihrer Mädchenstube und Svend bekam Kruses Schlafzimmer. Schon am nächsten Tage waren sie so weit eingerichtet, daß sie beim Frühstück verabredeten, denselben Abend noch die Sache gemeinsam in Angriff zu nehmen. Svend war wegen des Umzuges zu Hause geblieben. Nach dem Frühstück begab Ellen sich auf eine Besuchstournee. Den Vornehmsten und Intimsten ihres Umgangskreises wollte sie persönlich für die erwiesene Teilnahme während der Krankheit und beim Begräbnis ihres Vaters danken. Kurz nachdem Ellen gegangen war, kamen einige Besuche, denen Svend sich verleugnen ließ. Da klingelte es wieder und diesmal meldete Fräulein Jensen Seine Exzellenz Kammerherrn Tithoff, Svends eigenen Vorgesetzten. Der Kammerherr erhob sich, als Svend aus dem Bibliothekzimmer in den Salon kam. »Mein lieber, junger Freund!« sagte er in kondolierendem Ton und streckte Svend beide Hände entgegen. »Ich konnte es mir nicht versagen, noch einmal in das Haus meines alten Freundes zu kommen, wo ich so viele behagliche Stunden verlebt habe.« Svend dankte ehrerbietig und bat ihn, Platz zu nehmen. Der Kammerherr aber wandte sich zu der offenstehenden Tür des Bibliothekzimmers um, von wo man in Kruses Zimmer sehen konnte, und sagte mit bewegter Stimme: »Ach, es ist noch alles wie früher. Sie erlauben, daß ich die teuren alten Zimmer betrete.« Svend folgte ihm. Tithoff nahm in Kruses bequemem Schreibtischstuhl Platz, lehnte sich zurück und blickte sich im Zimmer um. »Da steht der schöne alte Sekretär und der Bücherschrank. Ach, ja, ja. – Ich kann mir denken, daß Sie damit beschäftigt sind, die hinterlassenen Papiere durchzusehen?« sagte Tithoff kurz darauf und blickte Svend von der Seite an. »Noch nicht, Euer Exzellenz –, aber heute abend wollten wir damit beginnen.« »Wir – ?« »Ja, Ellen und ich.« »Die liebe, kleine Frau Ellen – sie ist nicht zu Hause?« »Sie ist leider ausgegangen, aber –« »Grüßen Sie sie herzlich von ihrem alten Freund!« Der Kammerherr seufzte und strich sich über die Stirn. »Ach ja, wir müssen alle fort – der eine nach dem anderen. Wer aber hätte geglaubt, daß Kruse – ich bin doch älter als er – und jetzt sitze ich hier auf seinem Stuhl und warte, daß die Reihe an mich kommt! Na, Sie wollen sich also heute abend an den Sekretär heranmachen. Das wird eine bedeutende Arbeit werden, mein junger Freund. Was ich sagen wollte, wenn da irgend etwas ist – ich meine Briefe oder Dokumente, die Sie erklärt haben möchten –, so stehe ich zur Verfügung. Ich habe Ihrem Schwiegervater ja während vieler Jahre sowohl in privater wie – eh – geschäftlicher Beziehung sehr nahegestanden. Kommen Sie nur zu mir, lieber Freund!« »Vielen Dank, Exzellenz, aber ich glaube kaum, daß es nötig sein wird. Denn es handelt sich ja hauptsächlich um die Sachen, die für den Nachlaß von Wichtigkeit sind.« »Didrichsen ist Exekutor, nicht wahr?« Tithoff sah ihn von der Seite an. »Jawohl, Exzellenz, und ich übernehme die Ordnung des Nachlasses als sein Assessor.« »Aha!« Tithoff nickte vergnügt. »Sehr rücksichtsvoll und – äh – bedachtsam von Didrichsen. Ja, er ist ein alter Ehrenmann.« Der Kammerherr nahm verschiedene Gegenstände vom Schreibtisch in die Hand, und rief sich bald dieses, bald jenes aus Kruses Zeit ins Gedächtnis zurück. Dann wandte er sich plötzlich zu Svend und sagte: »Apropos, Herr Byge, darf ich mir die Frage gestatten, wie Sie sich Ihre Zukunft gedacht haben? Wir behalten Sie doch im Ministerium?« »Ja, Exzellenz, ich beabsichtige keine Veränderung zu machen – ausgenommen in der Sache, die ich Ihnen vor einiger Zeit anzudeuten die Ehre hatte –« »Ah – ich erinnere mich. Sie meinen, die politische Karriere.« Tithoff erhob sich. Er legte seine Hand auf Svends Schulter. »Das hat meine wärmste Zustimmung. Wie ich Ihnen bereits damals sagte: wir brauchen frische Kräfte mit einem festen Glauben an die Zukunft. Junge Leute wie Sie, Herr Byge.« Der Kammerherr blickte aus dem Fenster und räusperte sich. Dann fuhr er in einem leisen und vertraulichen Ton fort: »Es ist vielleicht nicht richtig von mir, nein, ganz korrekt ist es sicher nicht« – Tithoff wandte sich zu Svend und lächelte ihm schelmisch mit seinen runden Augen zu –, »aber ich werde trotzdem die Verantwortung auf mich nehmen. Sehen Sie, mein junger Freund, ich habe über Sie und Ihre Zukunft nachgedacht – und um Ihnen Ihre politische Aufgabe zu erleichtern – Sie wissen selbst, was es für jemanden, der in den Reichstag will, heißt, eine Position zu haben – und Assessor« – Tithoff lächelte nachsichtig – »klingt ja nicht nach viel – um Ihnen also eine Erleichterung zu verschaffen, will ich Ihnen verraten, daß ich Sie zum Nachfolger des alten Expeditionssekretärs Galten ausersehen habe, wenn er zu Neujahr mit Brynch abtritt. Sie wissen vielleicht, daß man beabsichtigt, den Posten eines Expeditionssekretärs aufzuheben und ihn zu einer Bürochefstellung zu machen. – Das muß natürlich bis auf weiteres unter uns bleiben. Ich möchte Sie sogar bitten, auch Ihrer Frau, unserer lieben kleinen Ellen gegenüber, Stillschweigen zu bewahren.« Svend war beglückt. Das Blut stieg ihm zu Kopf, während er dem Kammerherrn herzlich und dankbar die Hand drückte. »Ja, ja, Sie sind ein tüchtiger, junger Mann. Ich meine, daß Sie dies durch Ihre ausgezeichnete Arbeit mit dem Fischereigesetz, die Prinz Adolph mehrfach lobend erwähnt hat, verdient haben.« Kurz darauf verabschiedete er sich. Als Ellen nach Hause kam, wunderte sie sich, daß Tithoffs Besuch Svend in solch strahlende Laune versetzt hatte. Svend aber hielt sich tapfer und verriet nichts von der vertraulichen Mitteilung. 8 Ellen verlor bald die Lust, wie zu erwarten war. Nachdem sie die Lichter in den vielarmigen Silberleuchtern auf dem Sekretär entzündet hatten, damit das Innere der Fächer beleuchtet wurde – als der erste Haufe angegilbter Papiere aus Kruses Assessortagen geöffnet und seinen Inhalt von mehr oder weniger interessantem Stoff, Referate über Sitzungen, Geschäftsbriefe und dergleichen offenbart hatte –, da begann Ellen sich bereits zu langweilen. Sie zählte die Haufen in den Schränken, und da Svend nicht darauf eingehen wollte, die Reihenfolge zu unterbrechen, um solche zu suchen, die interessanter aussahen – hauptsächlich die, in denen Ellen Briefe von ihrer Mutter vermutete –, so erklärte sie, daß er sie rufen solle, wenn er etwas Spannendes fände, und setzte sich bequem ins Sofa, um das Feuilleton zu lesen. Da aber Svend, der in seine Arbeit vertieft war, nur kurze Antworten gab, wenn sie ihn unterbrach, und nachdem sie schließlich auch noch alle Annoncen in der Leitung gelesen hatte, sagte sie mürrisch gute Nacht und ging zu Bett.   Es wurde weit über Mitternacht, bevor Svend zu Kruses Tagen als Departementschef kam. Er fand keine Veranlassung, etwas aus den früheren Haufen für den Nachlaß auszuscheiden. Es waren viele interessante Schreiben darunter, Briefe von Leuten, die später berühmt geworden waren – Entwürfe zu Zeitungsartikeln, wirtschaftliche und politische – und vieles mehr. Aber es war unmöglich, alles durchzulesen. Svend numerierte die Haufen und notierte das, worauf er später zurückkommen wollte, wenn er erst das Ganze durchgesehen hatte. In dem Haufen aus den ersten Departementscheftagen tauchten Tithoffs und Weltens Namen zum erstenmal auf, wogegen Didrichsens Name ganz bis in die Assessortage verfolgt werden konnte. Der erste Brief von Welten war überschrieben: »Hochwohlgeboren Herrn Departementschef Kruse.« Es war eine Mitteilung von Welten in seiner Eigenschaft als Bankier, daß er für Kruses Rechnung eine Partie Aktien in dem Stein- und Kalkwerk zu 88 gekauft und sie später zu 97 verkauft habe. Die Kursdifferenz stehe Kruse in Weltens Kontor zur Verfügung. Daher stammte also Kruses Bekanntschaft mit Welten. Er war Kruses Bankier gewesen. Sein Schwiegervater hatte ihm mal erzählt, daß er ganz mittellos begonnen und sich langsam zu Wohlstand hinaufgearbeitet habe. Diese Papiere, die die Vermögensangelegenheiten seines Schwiegervaters berührten, interessierten Svend darum besonders. Er meinte etwas aus diesem langsamen Emporsteigen lernen zu können. In den früheren Papieren war von Honorar für Extraarbeiten im Ministerium und ähnlichen Einnahmequellen die Rede gewesen. Außerdem war daraus hervorgegangen, daß Kruse als Sammler kostbare Möbel auf Auktionen gekauft und sie später unter der Hand mit großem Vorteil wieder verkauft hatte; die Kontokorrentbücher aus jener Zeit aber konnte Svend nirgends finden. So weit hatte Kruse es also durch verständige Ökonomie bereits in seinen ersten Departementstagen, zweiundvierzig Jahre alt, gebracht, daß er Aktien für einen Betrag von 8800 Kronen kaufen konnte. Welten hatte sie für 9700 Kronen verkauft, also hatte er in weniger als zwei Monaten 900 Kronen verdient. Es interessierte Svend außerordentlich zu sehen, welche feine Nase Kruse bereits damals gehabt hatte. Er suchte weiter und freute sich an jedem Papier, das Weltens feine, spitze Handschrift trug. Es war überraschend, wie Kruse das Geschäftliche leitete. Wieder und wieder kaufte er Aktien und Obligationen, und immer mit Gewinn. Nicht eine einzige von Weltens Abrechnungen enthielt einen Kursverlust. Es war amüsant, die Entwicklung von Kruses und Weltens Privatverhältnis bei dieser glückbegünstigten Geschäftsverbindung zu verfolgen. »Hochwohlgeboren« fiel fort. Statt dessen stand: »Hochverehrter Herr Departementschef«. Dann kam »Lieber Herr Departementschef«. In den letzten Briefen hieß es schlecht und recht: »Lieber Kruse«. Diese langjährige Geschäftsverbindung zwischen Kruse und seinem Bankier also war es, die die Zeitung in den Schmutz gezogen und als eine unwürdige, fast kriminelle ökonomische Abhängigkeit verdächtigt hatte. Eher hatte man Welten von Kruse abhängig nennen können. Denn die Stadt war doch voll von Bankiers, und Kruses feine Nase kam doch auch Welten zugute, denn er berechnete sich wohl eine Provision wie alle anderen. Ja, ja, aus diesem Nachlaß konnte man viel lernen. Amüsant war es auch, wie dieser feine Spürsinn, der in Verbindung mit natürlichem Takt Kruses vornehmste Eigenschaft gewesen sein mochte, von denen gewürdigt wurde, die ihn kennen lernten. Da waren vertrauliche Briefe von Ministern, die ihn in besonderen Angelegenheiten um Rat fragten. Zum Beispiel von Tithoff. Svend konnte chronologisch verfolgen, wie die Orden durch Kruses Verdienst reif wurden und von selbst auf seine Brust fielen. Und seine Ämter – Es war ja selbstverständlich, daß Welten sich eine so außergewöhnliche Kraft sicherte. Er hatte nicht umsonst den Ruf, daß er stets den richtigen Mann für den richtigen Posten zu finden wisse. Da war der Brief, in dem Welten Kruse aufforderte, in die Bankverwaltung einzutreten. Eine bedeutende Tantieme war damit verbunden. Dann kam in einem Päckchen für sich die Korrespondenz betreffs der Stein- und Kalkwerke, bei denen Kruse ja später Aufsichtsbeamter der Regierung geworden war. Einer der ersten Briefe, der Svend in die Hand fiel, handelte von der Konzession für den Hafen, der in der Nähe des Steinbruches angelegt werden sollte. Welten bat Kruse, daß er seinen Einfluß geltend machen möge. Kruse schien dies abgeschlagen zu haben, denn in dem nächsten Brief versuchte Welten ihn zu überreden und fügte hinzu, daß er für Kruses Rechnung Aktien der Stein- und Kalkwerke gekauft habe, da vorauszusehen sei, daß sie nach Erlangung der Konzession stark steigen würden. Für 50 000 Kronen! Svend begriff nicht recht – wie konnte er ohne Kruses Auftrag für 50 000 Kronen Aktien kaufen? Ah, hier war die Erklärung: »Sie stehen vorläufig für meine eigene Rechnung«, stand weiter unten. Ja, aber – Svend wurde wieder nachdenklich. Vorläufig? was sollte das heißen? Bis wann? – und weshalb bot er sie Kruse überhaupt an, wenn sie so vorteilhaft waren? – Ohne Auftrag! – Weshalb behielt er sie da nicht selbst? – 50 000 Kronen! – wie war es möglich, daß Kruse so viel verfügbares Kapital hatte, daß Welten daran denken konnte –?« Svend griff sich an die Stirn, sein Kopf glühte, und seine Hände waren kalt von dem beschwerlichen Handschriftenlesen. Er stand auf und löschte die Gaskrone, holte die Lampe aus dem Bibliothekzimmer und blies die herabgebrannten Lichter aus. Er tat alles ganz mechanisch. Seine Gedanken umkreisten beständig die große Summe, die Welten für Kruse gezeichnet hatte – heimlich, ohne Auftrag. Von der erstaunlichen Geschäftstüchtigkeit geblendet, die Kruse in so wenigen Jahren ein verfügbares Kapital von 50 000 Kronen verschafft hatte, stürzte er sich mit erneutem Eifer über die Papiere. Wieder ein Brief von Welten. Er dankte Kruse, daß er seinen Einfluß zugunsten der Konzession geltend gemacht habe. Dann stand da etwas von einem Widerstand im letzten Augenblick von seiten des Ministers, mit dem er aber bald fertig geworden sei. Wieder lehnte Svend sich zurück und grübelte. Kruses Einfluß bei der Regierung also war es, der die Konzession verschafft hatte – und diese Konzession war es, die die Aktien so gewaltig zum Steigen bringen würde. Kruse aber war selbst Aktionär – heimlicher Aktionär. Svend erhob sich, von einem plötzlichen, scharfen und unbarmherzigen Licht geblendet. Etwas wälzte auf ihn ein, obgleich er sich unwillkürlich dagegen wehrte – etwas, dem er auf den Grund gehen mußte. Er beugte sich über die Papiere. Da kam ein Brief von Welten, in dem er Kruse einen alten Bauernhof bei den Kalkwerken anbot – großer alter Garten, der sich bis zum Strand erstreckte – 75 Tonnen Land, die in wenigen Jahren Bauplätze für eine Stadt werden würden, die notwendig um den Hafen emporblühen müßte und nirgends anders liegen konnte . Er hätte ihn an der Hand. Kruse solle ihn sehr billig bekommen. »Eine ausgezeichnete Sommerresidenz für den Aufsichtsbeamten der Regierung« stand da. Im selben Augenblick, als Svend begriff, daß es sich hier um »Wildpark« handelte, erinnerte er sich der boshaften Bemerkung der Zeitung über Weltens Hypothek. Er untersuchte fieberhaft die Daten der Briefe und machte eine Entdeckung, die seine Hände zum Zittern brachte. Dieser Brief, der von dem Kauf von Wildpark handelte, war vor der Konzession geschrieben – der Konzession, die Kruse Welten verschafft hatte. Svend bekam Herzklopfen. Ein Gefühl des Grauens kroch ihm durch den Körper. Hier saß er mitten in der Nacht und durchstöberte die geheimsten Papiere eines Toten – seines Schwiegervaters; warf Streiflichter über das Verborgene einer Menschenseele, der er so nah gestanden und zu der er aufgesehen hatte. Einen Augenblick dachte er daran, das Ganze aufzugeben; aber die angstvolle Ahnung, die bereits mehr war als ein Verdacht, zwang ihn gegen seinen Willen vorwärts. Die Hypothek – die Abhängigkeit – alles das, was Kruse so gründlich dementiert hatte – er mußte jetzt Klarheit haben. Er konnte den Gedanken an Kruses plötzliche Krankheit nicht loswerden. Stand der infame Artikel wirklich damit in Verbindung? Er versuchte die Sache von neuem ruhig zu durchdenken, wie sie sich ihm durch diese alten, vergilbten Papiere offenbarte. Eins war unverkennbar: bevor die Konzession gegeben worden war, war Kruse Besitzer von Wildpark und Aktionär geworden, heimlicher Aktionär. Kruses eigene Interessen waren also im höchsten Grade mit diesem Hafen verbunden, den er durch seinen Einfluß Weltens Kalkwerk verschafft, nachdem er zuerst abgeschlagen hatte, dafür zu wirken. Nein, nein – es war ja nicht möglich –, es mußte sich eine Lösung finden, eine ehrenhafte Erklärung. Da war zum Beispiel die Hypothek, von der die Zeitung geschrieben hatte – davon hatte doch nirgends etwas gestanden. Es mußte aus dem Grundbuch des Bezirks ersichtlich sein, wer die Hypothek hatte – denn der Hof war natürlich belastet. Wahrscheinlich hatte der frühere Besitzer, der Bauer, der das Gut verkauft hatte, diese Hypothek. Denn wer konnte ein Besitztum wie Wildpark schuldenfrei kaufen gegen volle Barzahlung? Kruses Vermögen war ja in Aktien und Wertpapieren angelegt. Außerdem – stand da nicht ausdrücklich »eine geringe Anzahlung«? Ja – da stand es, in dem ersten Brief. Svend blätterte nervös weiter in den Briefen und suchte das Wort: Hypothek. Er fand es. »Die Zinsen der Hypothek stehen auf unserer alten Rechnung gebucht!« stand am Schluß eines Briefes, dem eine Jahresabrechnung beigegeben war. Also doch! Aber es war doch immerhin möglich, daß von einem anderen Besitztum die Rede sein konnte. Er wollte Gewißheit haben, koste es, was es wolle. Er ging zum Schrank und suchte. Es mußte doch irgendwo ein Hauptbuch – ein Kontokorrent sein. Im Schrank fand er keins. Dann zog er die Schubladen des Schreibtisches auf und fand schließlich, was er suchte. Da war ein Zwischending zwischen einem Journal- und einem Kontokorrent für das laufende Jahr. Svend suchte nach dem letzten Fälligkeitstage der Hypothekenzinsen und fand unterm 18. Juni: »Löste heute die erste Hypothek in Höhe von 75 000 Kronen bei Welten ein und besitze jetzt Wildpark schuldenfrei.« 75 000 Kronen! Woher stammte diese große Summe? Sämtliche gebuchten Aktien und Obligationen, die Kruse in einem von Weltens Schrankfächern hinterließ, waren doch unberührt, wie aus den am Zinstermin erhobenen Kuponbeträgen hervorging. Svend ließ den Rest des Haufens liegen und ging fieberhaft an die Korrespondenz des letzten Jahres. Sie lag chronologisch geordnet in der obersten Schreibtischschublade. Ihm war, als habe er Fieber. Mit zitternden Händen suchte er, ohne sich eingestehen zu wollen, daß es das eine Wort »Staatsanleihe« war, das jetzt alle seine Gedanken in Anspruch nahm. Lange suchte er vergebens. Da fand er schließlich einen Brief von Welten, vom 3. Juni. Darin stand: »Ich habe heute mit Tithoff über die Staatsanleihe gesprochen und möchte jetzt gern eine Unterredung mit Ihnen in derselben Angelegenheit haben.« Über das, was in dieser Unterredung verhandelt worden war, lag nichts Schriftliches vor. In dem Tagebuch aber fand er unter dem 7. Juni: »Hatte heute eine entscheidende Unterredung mit Welten.« Und dann am 18. Juni die Einlösung der 75 000 Kronen. An Brynchs Jubiläumstag im September war dann die Staatsanleihe im Regierungsblatt veröffentlicht worden. Tags darauf verdächtigte die Zeitung Kruse, daß er von Welten bestochen sei. Und Kruse erklärte, daß er ein freier und unabhängiger Mann sei. Ja – das war wahr. Als das Dementi kam, hatte Welten keine Hypothek mehr in Wildpark. Da besaß Kruse es »schuldenfrei«. Aber um welchen Preis? Svend wurde es eiskalt an Händen und Füßen, während ihn ein Gefühl tiefen Ekels durchschauderte. Gleich darauf wurde ihm so brennend heiß, daß er aufsprang und ein Fenster zu dem dunklen Kanal hinaus öffnete. Ein kalter Windzug kam herein, so daß die Lampe auf dem Schreibtisch aufflackerte. Er mußte es wieder schließen. Dann ging er im Zimmer hin und her und versuchte das, was er erfahren hatte, zu sammeln. Das Wort »schuldenfrei« hatte sich in ihm eingegraben und wollte ihn nicht wieder freigeben. Er wiederholte es unablässig im stillen, während Erinnerungen an Kruse und an Dinge, die dieser gesagt hatte, in ihm auftauchten und ihn zu rechtfertigen versuchte». Erinnerte sich an dieses und jenes. – Sprach so ein Schwindler, – ein bestochener Beamter? Er dachte an Ellen, an seine kleinen Knaben; und wieder durchfuhr ihn ein Schauder. Er wagte es nicht, mit all dem, was auf ihn einstürmte, allein zu sein. Und noch weniger wagte er zu ihr, die ahnungslos schlief, hineinzugehen. Er blieb stehen und griff sich an den Kopf. Wie sollte er ihr das Schreckliche sagen? Ihr sagen, daß ihr Vater sein Vermögen durch Bestechungen verdient, von den ersten Tagen seines Wirkens als Departementschef an, als Welten ihn zum erstenmal gekauft hatte. Das scharfe Licht, das jetzt über den ganzen Zusammenhang gefallen war, über die glänzenden Bankiergeschäfte, bewies, daß Kruse nie Kapital, sondern nur Einfluß gehabt hatte. Und diesen Einfluß hatte er verkauft. Die Kursunterschiede waren eine regelrechte Bestechung, wenn sie auch nicht von dem Strafgesetz betroffen werden konnten. Denn wer wollte beweisen, daß Welten nicht wirklich in Kruses Auftrag gekauft, daß Kruse nicht die feine Nase gehabt hatte? Ach, er wollte das Ganze für sich behalten. Niemand brauchte die Schande kennen zu lernen. Ellen sollte nichts davon ahnen. Er wollte Stillschweigen bewahren, und wenn der Nachlaß geordnet war, wollte er diese gefährlichen Papiere verbrennen. Hatte Didrichsen – hatte Tithoff eine Ahnung? Beide hatten auf die hinterlassenen Papiere angespielt. Tithoff hatte ihn sogar aufgefordert, daß er zu ihm kommen möge, wenn er eine Erklärung nötig habe. Nein, nein! – Er hatte kein Recht, so etwas zu glauben. Er wollte nicht zu Tithoff gehen, nichts verraten. Kruses Schande sollte mit ihm ins Grab sinken – und mit Welten, dem einzigen, der davon wußte. Kruse hatte sich seinen Tod nicht so nah gedacht, sonst wäre diese Korrespondenz jetzt sicher verbrannt, oder wenigstens gereinigt gewesen. Svend wünschte, daß es geschehen sei. Dann wäre nicht dieses furchtbare Geheimnis zwischen ihm und dem Toten gewesen, ein Geheimnis, das er sein ganzes Leben lang vor Ellen verbergen mußte. Svend rang nach Atem und griff vor sich durch die Luft – so plötzlich durchfuhr ihn ein Gedanke: Es konnte ja nicht verborgen bleiben! Er versuchte seine Nerven zur Ruhe zu zwingen. Ruhig denken! – Ruhig! – Also wie lag die Sache? Er stand eine Weile und grübelte mit gesenktem Kopf. Aber er fand keine Lösung – O Gott – o Gott – es konnte ja nicht verborgen bleiben! Wie sollte er vor Ellen und der Welt verbergen, daß sie plötzlich arm geworden waren? Denn das Vermögen, das durch Unehrlichkeit erworben war, das konnten sie nicht annehmen. Er versuchte sich einen Ausweg zu verschaffen. Was konnten er und Ellen dafür – es war ja der reine Zufall, daß er entdeckt hatte – wenn er die Briefschaften nicht durchgesehen hätte, dann würde er jetzt ja mit Recht reich sein. Nein, das konnte niemand verlangen, daß er Verzicht leistete! Es gelang ihm nicht, um die Sache herum zu kommen. Jetzt weißt du es aber – und jetzt kannst du die Erbschaft nicht antreten! protestierte etwas in ihm. Selbst wenn du es wolltest, so könntest du es nicht vergessen. An diesem Geld klebt ein Fluch! Du kannst deine und Ellens und deiner Söhne Zukunft nicht auf unehrliches Geld aufbauen. Du kannst es nicht, selbst wenn du es wolltest. Es war, als starre er nach allen Seiten in ein unendliches trostloses Dunkel. Sollte er seines Schwiegervaters Schande offenbaren? Wem sollte er sie bekennen? – An wen zurückzahlen? Er blieb stehen, während er einen neuen Gedanken verfolgte. Weshalb sollte Kruse der einzige sein –? Welten, der ihn gekauft hatte –? Und Tithoff – der doch als Minister der Staatsanleihe die letzte Verantwortung trug – waren seine Hände reiner als Kruses? Hatte Welten sie alle gekauft – alle, die etwas bedeuteten? – Wurde er deshalb der Allmächtige genannt? Svend griff vor sich durch die Luft. Alles das, wozu er von Kindesbeinen an aufgesehen hatte, – in Onkel Kaspers Land – in seines Großvaters Land – in seines Vaters Land, begann um ihn her zusammenzustürzen. Nein – nein – das war ja nicht möglich. Er wollte nicht weiter denken. Wollte sich nicht über den Abgrund beugen und sich die Augen nach festem Boden aus dem Kopfe starren. War es denn so schwer für jemanden, der etwas erreichen wollte, ein ehrlicher Mann zu bleiben? Es war, als ob der Stahl plötzlich in ihm gebrochen sei. Er sank auf einen Stuhl und versuchte in seine Zukunft zu blicken. Wofür sollte man kämpfen, wenn Ehrlichkeit der Preis war? Die politische Tätigkeit, von der er geträumt und für die er gearbeitet hatte, verlor ihren Wert – Er begriff jetzt – oh, er begriff es nur zu gut, weshalb Onkel Kasper sich von allen Vertrauensstellungen zurückgezogen hatte. Er erinnerte sich der schweigenden Bitterkeit seines Vaters, gedachte seines schwierigen Lebensweges – wie langsam er vorwärts gekommen war – wie wenig er erreicht hatte: Weil er ein ehrlicher, ein anständiger Mann geblieben war, der nicht verkaufen wollte, was niemand offen zu kaufen wagte. Wenn es wirklich so war! Er blieb eine Weile mit den Händen im Schoß sitzen und starrte trostlos vor sich hin. Das Schlimmste war, daß er die Lust zu seiner Arbeit verloren hatte – gerade jetzt, wo er nur noch seine Arbeit hatte – wie alle mittellosen Leute. Dabei mußte er wieder an Ellen denken. Wie sollte sie sich ohne Vermögen einrichten? Wenn sie von seinem Verdienst leben sollten, mußte ihre Lebensführung auf einem ganz anderen Fuß eingerichtet werden. Aber das Vermögen – diese Frage war ja noch nicht gelöst. Wie sollte er das Erbe ablehnen, ohne die Schande der Familie zu offenbaren? Wohltätigkeit? – Legate? Ja – das war ein Ausweg. Vor den Augen der Welt aus der Notwendigkeit ein Prinzip machen: es sei gegen seine Überzeugung, von einer Erbschaft zu leben; er erkenne nur seine Arbeit als Einnahmequelle an; so sei es am besten für ihn und seine Kinder! Er lächelte bitter vor sich hin: Das also würde die Frucht von Kruses Erbschaft sein, daß er mit einer Hehlerei, einer Lüge beginnen, sich in dem allgemeinen Urteil zum Sozialisten machen würde, um Kruse zu decken. Er wußte nur zu genau, wie diese Auffassung in seinem Kreise ausgelegt werden würde. Die meisten würden über »den unverbesserlichen Idealisten« den Kopf schütteln. Einige wenige würden ihn zum Helden und Märtyrer seiner Überzeugung stempeln. 9 Svend war so in seine Gedanken vertieft, daß er die Tür zu dem Bibliothekzimmer nicht gehen hörte. Er fuhr erschrocken in die Höhe, als er plötzlich Ellens weiße Gestalt in der Türöffnung sah. Sie stand dort in ihrem Nachthemd und sagte in einem schmollenden Ton: »Weshalb kommst du nicht zu mir herein?« »Ich dachte, du schliefest schon längst!« sagte Svend und nahm ihre Hand. »Ich hab die ganze Zeit wach gelegen. Mir war, als hörte ich jemand im Wohnzimmer gehen.« Sie sah von dem offen stehenden Sekretär zum Schreibtisch, wo die Haufen noch aufgestapelt lagen. »Was machst du nur!« sagte sie ärgerlich. – »Du mußt doch bald fertig sein!« »Ja,« sagte er tonlos und sah fort. Sie wurde auf sein verändertes Aussehen aufmerksam. »Wie bist du bleich!« sagte sie bekümmert und strich ihm über die Stirn. Svend wagte nicht sie anzusehen. Er meinte, daß sie ihm das Geschehene vom Gesicht ablesen müsse. Und er wußte ja noch gar nicht, wie er es ihr sagen sollte. »Bist du krank?« fragte sie und zwang seinen Kopf zu sich herum. Er antwortete nicht. Da merkte sie, daß er in den langweiligen Papieren etwas gefunden haben mußte, das ihm die Laune verdorben hatte. »Weshalb quälst du dich mit den alten Geschichten?« sagte sie hart und stieß nach dem Haufen, der ihr am nächsten lag, während sie sich auf sein Knie setzte. Als er immer noch nicht antwortete, nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände und drang in ihn: »Aber so sag mir doch, was geschehen ist – was hast du in den Papieren gefunden?« Sie begann neugierig in den Briefen zu blättern, die offen dalagen, gab es aber gleich wieder auf. Svend nahm sich zusammen. Sein Herz schlug so hart gegen seine Seite, daß er es fast zu hören vermeinte. Seine Hände waren feucht und seine Stirn schweißbedeckt, als er den Entschluß faßte, zu antworten. Er hatte das sichere Gefühl, wenn er es jetzt nicht sagte, so würde er es nie über die Lippen bringen, und ihr Leben würde dadurch auf eine schiefe Ebene geraten, die zum Unglück führte. »Ellen!« begann er und ergriff ihre Hände. Der Ton erschreckte sie, so daß sie ihre Hände zurückzog und sie auf dem Rücken barg, während sie ihn forschend mit den blauen Augen betrachtete, die denen des Departementschefs so sehr glichen. »Ellen!« wiederholte er. Sie wurde nervös und setzte sich in Kruses Stuhl. »Aber mein Gott, so sag es doch!« »Dort – in diesen Papieren – « sagte er und tastete mit der Hand über den Schreibtisch – »habe ich Beweise gefunden, daß das Vermögen deines Vaters –« Ellen sprang auf, mit offenem Munde und entsetzten Augen. »Ist es verloren?« sagte sie atemlos. Svend mußte gegen seinen Willen lächeln. »Verloren? – Nein – Ellen – schlimmer als das.« Sie packte ihn am Arm. »Aber so sprich doch! – Sage es!« schrie sie. Svend machte seinen Arm frei und griff nach ihren Händen, aber sie entzog sie ihm. »Das Vermögen ist da – es ist sogar größer als wir geglaubt haben – aber für uns ist es verloren!« Svend erhob sich. Er konnte es nicht über die Lippen bringen. Sie griff nach seinem Arm und sah ihn erregt an. Ihre blauen Augen waren voll kalten Zornes. »Was ist das für ein Unsinn? – Ich will klaren Bescheid haben.« »Es ist durch Bestechungen verdient,« entfuhr es ihm, »zusammengeschwindelt.« Svend griff unwillkürlich nach ihr, nachdem ihm diese Worte entfahren waren. Er fürchtete, daß sie schreien, fallen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Ellen blieb stehen, wo sie stand, griff sich nur mit der Hand in den Nacken und blickte ihn unverwandt an, als wolle sie ihn mit ihrem Blick durchdringen. Svend meinte, daß sie ihn nicht verstanden habe. Es war fast, als atme sie erleichtert auf. Dann sagte sie ruhig und gemessen: »Willst du so freundlich sein und mir eine Erklärung geben?« Svend wollte sie an sich ziehen. Er wollte sie dicht bei sich haben, während er ihr das Geheimnis aus dem Leben ihres Vaters offenbarte. Ellen aber war anderer Ansicht. Als ob sie einen Streit ahnte, schob sie ihn von sich und setzte sich mit gekreuzten Armen in Kruses Stuhl. »Laß mich wenigstens ein Tuch für dich holen!« sagte er, »du sitzt ja und frierst.« Sie aber schüttelte den Kopf mit gerunzelten Brauen. Wie glich sie doch ihrem Vater, wie sie dort auf dem Stuhl saß und auf seine Erklärung wartete. Svend begann zuerst langsam und einigermaßen beherrscht, dann aber konnte er nicht länger an sich halten. Seine Trauer, sein Zorn und seine Scham mußten sich Luft schaffen. Ellen unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. Sie starrte ihn unverwandt an. In ihren Augen leuchtete nur hin und wieder ein Zornesblitz auf; Svend wußte nicht, ob er ihm oder ihrem Vater galt. Als er schließlich geendigt hatte und wieder wie zum Trost ihre Hände ergreifen wollte, erhob sie sich und sagte kalt: »Was geht das alles dich und mich an?« Svend taumelte zurück. »Was es uns angeht?« wiederholte er. »Glaubst du, daß Welten und Tithoff und die anderen um ein Haar besser sind? – Wie kannst du, der du Papa so nah gestanden und dem Papa soviel Gutes erwiesen hat« – hier zitterte ihre Stimme – »wie kannst du so naiv sein, zu glauben, daß Papa sich auf so etwas eingelassen hätte, wenn sie es nicht alle täten. Es ist eine Beleidigung gegen ihn, so etwas zu glauben!« fügte sie stark hinzu und betrachtete ihn mit flammenden Augen. Svend war überrascht über sie. Er ärgerte sich über ihre Worte und dennoch konnte er ihr seine Bewunderung nicht versagen, wie sie dort hochaufgerichtet und stolz vor ihm stand. »Selbst wenn du recht hättest,« sagte er schließlich traurig, »so ändert das ja nichts an der Sache – Bestechung bleibt Bestechung.« »Was geht es dich an?« sagte sie wieder und wandte sich heftig zu ihm um. Svend begann böse zu werden. Das Blut klopfte in seinem Herzen. Konnte sie nicht verstehen – oder – Svend sah sie entsetzt an und dachte im selben Augenblick an seine Knaben – oder war diese moralische Gefühllosigkeit eine heimliche Frucht von Kruses heimlichem Verbrechen? »Das geht uns insofern etwas an,« sagte er ernst und sah ihr fest ins Auge, »daß wir sein Vermögen nicht übernehmen können – weder Wildpark noch das Kapital.« Ihre Lippen verzogen sich, und sie machte eine Bewegung auf ihn zu, als wolle sie ihn schlagen. Aber sie beherrschte sich, warf den Kopf zurück und lachte laut auf. »Also wir wollen die Erbschaft nicht antreten? – Ha, ha! Da habe ich wohl auch ein Wörtchen mitzureden, mein Freund. Wir sollen sie vielleicht für milde Stiftungen und Legate verschenken, nicht wahr?« »Ja,« sagte er ernst, »das ist der einzige Ausweg, um den wahren Sachverhalt zu verbergen. Wir müssen vorgeben, daß wir nur von meiner Arbeit leben wollen.« Sie wurde ganz weiß im Gesicht, und die feinen Adern ihrer Schläfen traten hervor. Ihr Mund verzerrte sich und ihre blauen Augen blitzten vor Zorn. Er hatte sie noch nie so gesehen. »Bist du verrückt?« schrie sie und trat so nah an ihn heran, daß er unwillkürlich einen Schritt zurückwich. »Meinst du, daß ich mich und meine Kinder deines dummen Idealismus wegen zu Bettlern machen will.« »Bettlern!« Svend fuhr in die Höhe. So also bewertete sie seine Arbeit. »Ich werde uns schon versorgen!« »Und du glaubst, daß ich mich mit solcher schmalen Kost begnügen will – ich, die ich mein ganzes Leben im Luxus gelebt habe? – Und du – du selbst – glaubst du, daß du dich dazu eignest, die Rolle eines Märtyrers zu spielen?« Sie sah ihn an und lachte höhnisch. Er antwortete nicht, biß sich in die Lippe und erwiderte ihren Blick mit flammenden Augen. So hatte er sie noch nie gesehen, er war sowohl verwundert wie erbittert über das, was sie vor ihm entschleierte – sie, seine Frau und die Mutter seiner Kinder. Da ging ihr plötzlich ein Licht auf. »Ach so!« rief sie aus und lachte höhnisch, »jetzt verstehe ich. Du denkst an die Erbschaft, die du selbst im Rücken hast. Auf diese Weise ist das Martyrium ja nicht so groß – und inzwischen willst du auf meine und der Kinder Kosten ein großer Mann in Wohltätigkeit und Idealismus werden. Ach so!« »Meine Erbschaft?« Svend sah sie verständnislos an. »Was meinst du damit?« »Das Vermögen der Konferenzrätin.« »Wer hat dir das eingebildet?« »Prinz Adolph!« »Was weiß der von meinen Verhältnissen?« »General Lindholm hat es ihm erzählt und der weiß es von Onkel Kasper selbst. Er hat dich einmal dort gesehen.« Die Erinnerung an einen stattlichen Militär mit einer hohen Stimme stieg plötzlich in ihm auf. »Sie haben einen ausgezeichneten Vater gehabt, junger Mann!« hatte er gesagt. Das war also Jenny Lindholms Vater. »Weshalb hast du mir das nie erzählt?« »Das ist ja ganz gleichgültig,« sagte sie, wahrend sie ihre Worte bereute. »Wir sprechen jetzt ja nicht von deinem Erbe, sondern von meinem Geld – und ich will dir sagen –« Svend faßte sie hart am Ann. »Ich will wissen, weshalb?« unterbrach er sie. Ellen sah ihn an, maß seinen aufflammenden Zorn und fand es am ratsamsten, nachzugeben. Sie wurde rot und sah zur Seite. »Weil der Prinz es nicht wünschte.« Es war etwas in ihrem ausweichenden Blick, wodurch Svend aufmerksam wurde. Etwas so Überraschendes und Unerwartetes, daß er es gar nicht auf einmal fassen konnte. Er atmete hastig und drehte sie mit Gewalt zu sich herum. »Wann hast du heimlich mit dem Prinzen gesprochen?« entfuhr es ihm. Ellen wurde blaß. Sie schloß einen Augenblick die Augen und wimmerte bei dem harten Griff seiner Hand um ihren Arm. Dann schoß ihr das Blut in die Wangen. Ein trotziger Mut ergriff sie. Sie warf den Kopf in den Nacken, riß sich mit einer heftigen Bewegung los und blickte ihm mit von Trotz sprühenden Augen gerade ins Gesicht. Eine brennende Lust, ihn zu kränken und zu demütigen, überfiel sie. »Ich habe mit dem Prinzen soupiert – ja, soupiert – bereits als wir verlobt waren. – Und nach unserer Heirat. Mehrere Male sind wir hinter deinem Rücken zusammengekommen!« Die Worte kamen überstürzt von ihren verzerrten Lippen. Er griff sich an den Kopf und sah sie erstaunt an. »Du – du hast –« Plötzlich begriff er. Der Zorn brach in ihn, hervor und benahm ihm den Atem. Er trat einen Schritt zurück, weil er seine eigene Heftigkeit fürchtete. Er betrachtete sie, und mitten in seinem Zorn verliebte er sich in ihren Trotz und in ihre sprühenden Augen. Sie war entzückend, wie sie dastand. Der Zorn aber überwog die Verliebtheit, und er stammelte; »Du – du hast – mit dem Prinzen –?« Ihre Wangen färbten sich dunkelrot unter seinem Blick. Ihr Stolz gewann die Oberhand. Sie wollte ihm keine Rechtfertigung gönnen. »Du magst glauben, was du willst!« sagte sie und warf den Kopf zurück, »du hast mich ja von jeher vernachlässigt, deiner Arbeit und deiner Zukunft und deiner Interessen wegen!« höhnte sie. »Dein Verdienst ist es nicht, daß nichts geschehen ist. Im übrigen kannst du glauben, was du willst. Ich hätte vielleicht zu Hause sitzen und wie eine vernachlässigte Frau weinen sollen – ich, mit meiner Jugend und Schönheit – ja, mit meiner Schönheit!« wieder funkelten ihre Augen ihm entgegen –, »das hätte mir gerade gefehlt. – Du bist deinen Interessen nachgegangen – und ich den meinen . – Wer am meisten Vergnügen davon gehabt hat – das ist wohl nicht schwer zu erraten.« Sie lachte. Er krümmte sich bei ihrem Lachen vor Schmerz. Sie sah es und freute sich darüber. Oh, er sollte es fühlen, was es hieß, eine Frau zu vernachlässigen – eine Frau wie sie. »Ich sage dir, wir haben uns amüsiert – der Prinz und ich!« Da stürzte Svend, aufs äußerste gereizt, auf sie zu. Er packte sie an den Handgelenken, aber etwas in ihrem Blick ließ ihn zurückweichen. »Bist du seine Geliebte gewesen?« stieß er heiser und erbittert hervor, »ich verlange eine Antwort!« »Glaube, was du willst!« sagte sie und sah ihm fest ins Auge. »Ich wiederhole: Wenn es der Fall wäre, so hättest du es nicht besser verdient.« Sie warf den Kopf in den Nacken, kehrte ihm den Rücken und ging hochaufgerichtet aus dem Zimmer. Er hörte den gedämpften Laut ihrer Morgenschuhe auf dem Teppich, wollte hinter ihr herstürzen, drohen ober bitten, die Hand zur Versöhnung ausstrecken oder sie greifen und züchtigen – wunderbar schön wie sie gewesen war. Aber er tat nichts von alledem. Er stand wie festgewurzelt da. Er konnte seine Beine nicht vom Fleck rühren. Jetzt warf sie die Wohnzimmertür hart hinter sich ins Schloß. Im selben Augenblick brach er in Tränen aus. Es war Schmerz, Eifersucht, Zorn, Scham, es war Verzweiflung über sich selbst und die Welt, in die er hineingeraten war und die ihm jetzt zum erstenmal ihr volles, bitteres Grauen entschleiert hatte. Er warf sich über einen Stuhl und schluchzte, das Gesicht in seine Hände vergraben. So lag er lange. Als aber der bleiche Novembermorgen zu dämmern begann, da richtete er sich still auf. Er warf einen flüchtigen Blick über die Papierhaufen auf dem Schreibtisch, blickte vor sich hin und erinnerte sich jedes Wortes, das Ellen gesagt hatte. Ganz einfach, wie die plötzliche Lösung einer schwierigen Aufgabe, formte folgender Gedanke sich in ihm zu Worten: Sie ist weder schlecht noch falsch. Es ist nur eine Vererbung in ihrem Gemüt, eine heimliche Frucht des heimlichen Verbrechens ihres Vaters, daß auch sie sich eine heimliche Freude erschleichen mußte. Er glaubte nicht, daß sie die Geliebte des Prinzen gewesen war. Er war überzeugt, daß sie nichts weiter als einen Flirt miteinander gehabt hatten. Sie kannte den Wert ihrer Schönheit und fiel nicht einer Versuchung zum Opfer. Was tat's, wenn nur niemand etwas davon zu wissen bekam! Dann dachte er an den Prinzen, der freundschaftlich mit ihm verkehrt und seine Frau hinter seinem Rücken geküßt hatte. Er lächelte bitter vor sich hin. Wie hübsch das alles zusammenhing, wie sie allesamt zueinander paßten. Die, die kauften und die, die verkauften. Welten, Tithoff, Kruse – Jersey und der kleine Juhl – von oben nach abwärts, alle steckten einander an und verpflichteten sich gegenseitig. Er dachte darüber nach, wie plötzlich alles um ihn herum zusammengestürzt war. Wie er plötzlich die Lust zu seiner Arbeit verloren hatte, den Drang, zum Wohle aller zu wirken. Jetzt aber – jetzt wußte er, was er wollte. Jetzt hatte er endlich ein Ziel gefunden, ohne es gesucht zu haben. Es war ihm in die Hand gezwungen worden. Eigentlich war es so einfach, daß man es kaum ein Ziel nennen konnte. Denn es war ja nur das eine: Wie es auch gehen würde, wenn es ihn Frau und Kinder, Stellung und Zukunft kosten sollte: Er wollte das bleiben, was die anderen mit einem mitleidigen Achselzucken einen naiven Idealisten nannten, mit anderen Worten: ein anständiger Mensch. Seinem Geschlecht nacharten, wie sein Großvater gesagt hatte. Ein anständiger Mensch sein. Er setzte sich an Kruses Tisch und schrieb an Ellen: »Handele wie du willst. Ich und meine Kinder weisen die Erbschaft Deines Vaters zurück!« Er kuwertierte den Brief und legte ihn auf ihren Nähtisch im Wohnzimmer. Dann kehrte er in seine eigene Wohnung zurück und erwartete ihre Antwort. 10 Svend wartete und wartete; aber es kam keine Antwort. Die Köchin, die nicht mit in Kruses Wohnung übergesiedelt war, fragte mehrere Male nach der gnädigen Frau. Als sie keine Antwort bekam, verhandelte sie den Fall mit allen Dienstboten des Hauses. Svend lebte in einem Zustand beständiger Erregung. Und nicht nur die Entdeckung von der Unehrlichkeit seines Schwiegervaters, auch Ellens Geständnis von ihren Beziehungen zum Prinzen brannten in seiner Seele. Was sollte er glauben? – Was war geschehen? Auch die Worte von seiner Erbschaft, die ihr entschlüpft waren, kehrten beständig zurück. Und wie war es doch noch – hatte nicht auch Juhl gleich am ersten Tage gefragt, ob er den General kenne? – Und Didrichsens Assessor, der bei dem Nachlaßgericht der kleinen Stadt, in der Onkel Kasper starb, angestellt gewesen war, hatte er ihn nicht naseweis nach dem Konferenzrat ausgefragt und bemerkt, daß keine Leibeserben da seien? War es möglich, daß auch Ellens Vater etwas gewußt oder geahnt hatte? – Svend hatte sich eigentlich häufig gewundert, daß er damals in Paris so schnell seine Einwilligung gegeben hatte. Er versuchte diese Gedanken zu verjagen, um mit der unglückseligen, neuen Realität fertig zu werden. Er kämpfte alle Stunden des Tages, um den Kopf klar zu behalten. Bei den Mahlzeiten, in jeder Arbeitspause stürzten alle Worte, die in jener Nacht zwischen ihm und Ellen gewechselt waren, auf ihn ein, so daß sein Gesicht sich vor Schmerz verzog. Wenn er nachts in seinem Bette lag, krümmte er sich bei dein Zwiespalt in seinem Sinn. Dann sehnte er sich heiß und verzweifelt nach Ellen und gelobte sich, daß er die bittere Gewißheit, die die schicksalsschweren Briefe ihm aufgedeckt hatten, aus seinem Herzen reißen, den ganzen Haufen verbrennen, alles vergessen und zu Ellen und seinen Knaben zurückkehren wolle. Wenn aber der Morgen mit seinem kühlen, nüchternen Erwachen kam, dann stand die Gewißheit wie eine unübersteigbare Mauer vor ihm, und der Gedanke, Mitschuldiger an dem erschwindelten Vermögen zu werden, brannte ihn wie eine Schande. Er saß am Fenster und paßte auf, ob der Postbote an seiner Tür vorbeigehen würde. Wenn er ihn dann ins Haus gehen sah, lauschte er klopfenden Herzens auf die Glocke. Er wartete atemlos und versuchte von dem Gesicht der Köchin abzulesen, wenn sie mit einem Brief herein kam, ob es Ellens Handschrift sei. Ellen aber sandte noch immer keine Antwort. Es tat weh. Er mußte sich aufs äußerste zusammennehmen, um sich aufrecht zu halten. Und es glückte ihm. Der alte Bauernstarrsinn der Byge kam ihm zu Hilfe. Er schluckte den Schmerz hinunter und stürzte sich mit fanatischem Eifer in seine Arbeit.   Er hatte nichts von seiner Lage verraten, weder bei Didrichsen noch im Ministerium. Dennoch merkte man an beiden Stellen, daß etwas nicht in Ordnung sei. Juhl betrachtete mit verstohlener Neugierde seine fest aufeinander gepreßten Lippen und machte ein paarmal den Versuch, sein Schweigen zu brechen. Svend sah ein, daß es notwendig wurde, die Ordnung des Nachlasses abzugeben. »Ich möchte gern mit Ihnen sprechen!« sagte er eines Tages zu Didrichsen, als er ihm auf der Treppe begegnete. Didrichsen führte ihn in sein Privatkontor und bat ihn Platz zu nehmen. »Nun, mein lieber Byge, wie geht es mit dem Nachlaß?« »Darüber wollte ich gerade mit Ihnen sprechen, Herr Justizrat!« sagte Svend und preßte seine Hände nervös zusammen. »Ich möchte Sie bitten, mir diese Sache wieder abzunehmen.« Didrichsen sah auf. Seine grauen Augen umfaßten Svends ganze Person mit ihrem ruhig forschenden Blick. Er hatte eine Frage auf den Lippen; Svend aber sah im selben Augenblick mit einem so heftig abwehrenden Blick auf, daß er nur formell sagte, indem er sich erhob: »Wie Sie wollen, Herr Byge!« Svend beugte schweigend den Kopf und ging hinaus. Einige Tage darauf rief Didrichsen ihn zu sich herein. Er ging einige Male im Zimmer hin und her, bevor er sagte: »Ich habe mit Ihrer Frau gesprochen. Sie hat gestern nach mir geschickt.« Svends Herz hämmerte in der Pause, die Didrichsen machte, wahrend sein Blick auf Svends unruhigen Augen weilte. »Sie hat mir alles erzählt.« Svend fühlte, wie er im Namen der Familie schamrot wurde. »Ich war gestern abend bei Ihrer Frau –« fuhr Didrichsen fort und nahm Svend gegenüber auf dem Sofa Platz, ohne einen Blick von ihm zu verwenden. Svend erwiderte seinen Blick fest, wagte aber nicht zu fragen. Brachte er ihm die lang ersehnte Antwort von Ellen? Didrichsen bürstete sorgfältig ein Stäubchen von seinem Anzug, bevor er fortfuhr: »Wenn ich sie richtig verstanden habe, liegt ein kleiner ehelicher Zwist vor« – er blickte auf und lächelte – »wegen der Übernahme des Erbes von Ihrem Schwiegervater. Frau Ellen sagte mir, daß Sie sich bestimmt geweigert hätten, die Erbschaft anzutreten, auf Grund gewisser Unregelmäßigkeiten, die Sie in Kruses hinterlassenen Briefen und Kontobüchern gefunden zu haben meinen.« »Haben Sie die Briefe durchgelesen?« unterbrach Svend ihn. »Bewahre. Dazu fühle ich mich durchaus nicht berechtigt!« beeilte sich Didrichsen zu erwidern. Svend wollte etwas sagen, der Justizrat aber faßte ihn am Arm und sagte in einem eindringlich väterlichen Ton: »Hören Sie mal, mein lieber Byge, darf ich Ihnen eine ganz unumwundene und menschliche Frage stellen und darf ich hoffen, daß Sie sie mir ebenso beantworten werden?« Svend beugte bejahend den Kopf und blickte auf die Erde. »Gesetzt den Fall, daß der Verdacht, den Sie gegen Ihren Schwiegervater nähren, berechtigt ist, würden Sie es dann als wahrscheinlich ansehen, daß die verdächtigen – die von Ihnen verdächtigten Briefe, in seinem Archiv zu finden gewesen wären, wenn er von seinem nahen Ende gewußt hätte? Nicht wahr, wenn die Krankheit nicht sein Gehirn gelähmt und jede Verfügung unmöglich gemacht hätte, dann wären diese Briefe vernichtet gewesen und Sie wären mit Recht und Ehre ein reicher Mann gewesen. Finden Sie nun nicht selbst, daß es sinnlos ist, solch einen Zufall für Ihre und Ihrer Familie Zukunft bestimmend sein zu lassen?« »Ein Zufall? – Ja, die meisten Verbrechen werden wohl durch einen Zufall entdeckt. Es kann doch unmöglich Ihre Meinung sein, daß man sich über eine Mitwisserschaft hinwegsetzen, ja, geradezu Vorteil durch das Verbrechen genießen soll, weil ein Zufall es einem offenbart hat?« Didrichsen erhob sich. »Sie sind noch sehr jung, mein Freund!« sagte er, während ein Schimmer von Müdigkeit in seine grauen Augen kam. »Die wenigsten Korrespondenzen berühmter Männer können es vertragen, von einem so jugendlichen und naiven Idealismus wie dem Ihren beleuchtet zu werden. Wenn junge Leute wie Sie ans Ruder kämen, würden sie alle Tage Unheil anrichten. Ich bereue es bitter, daß ich diese Möglichkeit nicht vorausgesehen habe. Ich hätte Sie besser kennen müssen.« »Und Sie – was hätten Sie an meiner Stelle getan?« »Das will ich Ihnen sagen. Ich hatte jede Spur des Ver – des von Ihnen angenommenen Verbrechens vernichtet.« »Das hätten Sie getan, Herr Justizrat,« Svend sah ihm mit flammendem Blick in die Augen, »und vor einem Augenblick erklärten Sie, daß Sie sich nicht einmal berechtigt fühlten, diese Briefe zu lesen.« Didrichsen erwiderte seinen Blick mit demselben müden Ausdruck in den Augen wie vorhin. »Das geschah unter ganz anderen Voraussetzungen!« Dann legte sich ein wehmütiges Lächeln um seinen Bart. »Nun meinen Sie,« sagte er und faßte Svend am Rockaufschlage, »daß auch ich eine unehrenhafte Person bin – nicht viel besser als Ihr Schwiegervater.« Svend schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. »Doch, doch! – Aber Sie irren, mein Freund. Sie sind nur so jung, daß Sie noch nicht gelernt haben, daß ein ehrenwerter Mann weder das Recht noch die Pflicht hat, Unheil anzustiften. Im umgekehrten Fall müßte die menschliche Gesellschaft ja sonst die Unehrenhaften vorziehen. – Gehen Sie nun nach Hause und vergessen Sie diese Briefe, die ein unglückseliges Geschick und meine Gedankenlosigkeit Ihnen in die Hand gespielt haben. Versöhnen Sie sich mit Ihrer Frau und bleiben Sie auf dem Wege, den Sie eingeschlagen hatten. Sie persönlich haben ja das beste Gewissen von der Welt.« Svend stand eine Weile und überlegte mit gesenktem Kopf. Dann blickte er verzweifelt auf und sagte: »Ich kann doch nicht von diesem Geld leben, nachdem ich alles erfahren habe –« Didrichsen sah ihn fest an. »Haben Sie ein Recht, sich in das Geheimnis eines Toten – Ihres Schwiegervaters, Ihres Wohltäters, einzudrängen?« Svend antwortete nicht. Didrichsen beeilte sich, die Wirkung seiner Worte auszunutzen. »Ich habe jetzt keine Zeit mehr,« sagte er und sah nach der Uhr, »überlegen Sie sich meine Worte, Herr Byge! Ich verlasse mich darauf, daß Sie als ein Mann von Ehre und als ein vernünftiger Familienvater handeln werden.« Svend stand mit krampfhaft verschlungenen Händen da und versuchte sich selbst zu überwinden. Plötzlich aber wurde ihm klar, was man von ihm verlangte: er sollte die Voraussetzungen für seine Persönlichkeit verleugnen, seine ganze Vergangenheit abstreifen, das Leben an Ellens Seite mit einem nagenden Gewissen fortsetzen, sich frank und frei in seiner Tätigkeit bewegen, mit dem Bewußtsein, einem Verbrechen sein Ansehen, einer Hehlerei seinen Wohlstand zu verdanken. »Nein!« Er stieß es so heftig hervor, daß der Justizrat unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. »Nein, nein, und nochmals nein! – Sagen Sie meiner Frau, daß ich es nicht kann. Ich bin damit einverstanden, daß wir das Geschehene vor der Welt verbergen. Wohltätigkeit, Legate, was sie will. Es mag so gehandhabt werden, daß es wie eine letzte Bestimmung des Verstorbenen aussieht. Das Geld aber rühre ich nicht an. Und will sie mir hierin nicht folgen, so müssen unsere Wege sich trennen. Er war totenbleich und große Schweißperlen rannen ihm über die Schläfen. Didrichsen betrachtete ihn mit einer Mischung von tiefem Mitleid und erstauntem Unwillen. »Scheidung?« fragte er. »Wenn notwendig, ja!« Svend wandte sich hastig ab, um seine Bewegung zu verbergen. Nur einen Augenblick, dann hatte er seine Fassung wiedergewonnen. »Und Ihre Kinder? – Sie wissen doch, daß Sie auf deren Erbanteil nicht verzichten können.« Svend sah entsetzt auf. Das hatte er in seiner Aufregung vergessen. Seine Knaben – Henning und Jörgen – die beiden kleinen Blondköpfe. Tränen schossen ihm in die Augen. Diesmal übermannte die Rührung ihn. Didrichsen legte ihm die Hand auf die Schulter. Sein Mitgefühl aber hatte eine entgegengesetzte Wirkung wie die beabsichtigte. Svend entzog sich ihm. Während er die Sache noch einmal aus tiefster Seele prüfte und wog, sollte keine fremde Hand ihn stören. »Ellen muß nachgeben!« sagte er schließlich und sah Didrichsen bittend an. Der Justizrat ließ sich aber von diesem Appell nicht rühren. Dieser junge Brausekopf sollte alles auf einmal zu fühlen bekommen. »Sie wissen doch, daß ihr im Fall einer Scheidung die Kinder zugesprochen werden.« Ja, er wußte es. Jetzt wußte er es. »Sie muß nachgeben!« rief er. »Sie soll. Sie ist zu rechtschaffen, um –« Didrichsen betrachtete ihn von der Seite mit seinem ruhigen, grauen Blick, wahrend er seine Taschenuhr hervorzog. »Soll?« fragte er – »Können Sie sie zwingen? – Bedenken Sie, Sie haben ja keine Beweise für die Schuld ihres Vaters. Die Beweise sind in meiner Verwahrung. Das ganze Archiv des Departementschefs liegt dort.« Er zeigte auf einen Haufen, der im Halbdunkel hinter dem großen Geldschrank aufgestapelt lag. Svend sah ihn jetzt erst. Er erkannte die vergilbten Pakete, die er in jener Nacht vor sich gehabt hatte. Didrichsen sah auf seine Uhr. »Jetzt müssen Sie gehen!« sagte er; und als Svend mit gesenktem Kopf zögerte, als erwarte er noch ein Wort, fügte er hinzu: »Ich werde Ihrer Frau unser Gespräch mitteilen. Was meine eigene Auffassung betrifft, so möchte ich Ihnen nur sagen, daß ich Ihnen meine Achtung nicht vorenthalten will, aber ich bedaure Sie tief und fürchte ernsthaft für Ihre Zukunft!« Svend hob seinen Kopf und heftete seinen hellen, halsstarrigen Blick auf die grauen Augen des Justizrates. »Eine so schlechte Meinung habe ich nicht von der Welt!« Er verließ das Zimmer, während Didrichsen ihm nachblickte und sich kopfschüttelnd an seinen Schreibtisch setzte. 11 Svend litt mehr, als er ertragen konnte. Er erwachte des Nachts in tiefster Herzensangst und hatte geträumt, daß seine Knaben nach ihm riefen und Not litten. Dann lag er wach und wälzte Gedanken hin und her, bis er vor Schlaffheit ganz gleichgültig wurde und beschloß, zu Ellen zurückzukehren und alles zu vergessen. Dann bekam er Ruhe und konnte wieder schlafen. Wenn aber der Morgen kam, wälzte die bittere Wirklichkeit sich wieder auf ihn, rief das Geschehene zurück und zeigte ihm, was er im Begriff stand zu tun. Und er war noch ebenso weit wie vorher.   Falk pflegte sich jedes Jahr Herbstferien zu nehmen. Dann reiste er nach seinem Gut Lindersbo, inspizierte und ging auf die Jagd. Svend begegnete ihm eines Morgens, als er gerade vom Bahnhof kam. Es war sein letzter Ferientag. Falk ließ die Droschke halten. Er fand, daß Svends Gesicht ganz verändert war. Es lag ein verbissener Schmerz über den schmalen Lippen. Etwas Krampfhaftes war im Gang, das seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. »Hallo, Byge!« rief er. Svend fuhr aus seinen Gedanken auf und blickte sich verwirrt um. Als er v. Falks ansichtig wurde, der ihm mit seinen großen, schweren Augen freundlich zulächelte, wurde er dunkelrot. Im selben Augenblick durchblitzte ihn der Gedanke: Falk soll mir raten. Ja, ihm wollte er sich anvertrauen. Mit einem Menschen sprechen, der sein und ehrliebend das Rechte wollte, der ihn gern hatte, der außerdem Ellens Vetter war und die Sache auch von ihrer Seite sehen konnte. Er winkte mit der Hand und ging hastig auf den Wagen zu. Kein Aufschub. Jetzt gleich. Sonst würde er es nie sagen können. »Darf ich zu Ihnen in den Wagen steigen?« »Gern. Dann frühstücken Sie mit mir!« Falk machte neben sich Platz und legte in einer unwillkürlichen Gefühlswärme seine Hand auf Svends Schulter, indem er einstieg. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Falk blickte von der Seite in Svends unruhig flackernde Augen und wartete, daß er beginnen würde. Svend preßte seine Hände zusammen und wußte nicht, wie er es über die Lippen bringen sollte. »Lieber Byge!« sagte v. Falk, »ich kann Ihnen ansehen, daß Ihnen etwas passiert ist, worüber Sie sich aussprechen möchten. Nicht wahr?« Svend nickte und blickte zur Seite. »Es ist hübsch von Ihnen, daß Sie damit zu mir kommen.« »Ich habe es eben in diesem Augenblick beschlossen.« »Das hab ich gesehen. Wenn ich Ihnen helfen kann, bin ich gern dazu bereit, das wissen Sie.« Falk setzte sich zurecht, um ihm zuzuhören. »Nicht hier im Wagen!« sagte Svend, »dazu ist die Sache zu ernst.« Falk sah ihm forschend in die Augen; der Reflex von Svends Ernst legte eine bleiche Röte über seine Schläfen, während seine Brauen sich unwillkürlich zusammenzogen. Dann begann er von Lindersbo zu erzählen, bis sie zu seiner Villa kamen. Das Frühstück wartete. Sie setzten sich gleich zu Tisch. v. Falk war hungrig; sein guter Appetit steckte Svend an, und v. Falk erzählte so munter, daß Svend zum erstenmal seit jener traurigen Nacht auf einen Augenblick seinen Schmerz vergaß. Als sie von Tisch aufgestanden waren und sich Zigarren angezündet hatten, fing die Sonne an zu scheinen. Der feuchte Novembernebel war zerstoben. Er hing wie Tränen und Tauperlen in den vergilbten Büschen des Gartens, in dem roten Weinlaub, das sich um die Fenster rankte. Über die Baumkronen, die in güldenem Herbstgewand prunkten, hatte der Nebel einen seinen Tüllschleier gebreitet, der die kräftigen Metallfarben zu einem harmonischen Akkord vereinigte. Falk schlug vor, daß sie in den Garten gehen wollten. Während sie in dem Mittelgang auf und ab schritten, wurde Svend endlich die Zunge gelöst. v. Falk ging langsamer und hörte schweigend zu, den Blick auf Svends bleiches, verwachtes Gesicht gerichtet, dessen Mienenspiel mit den Worten in nervösem Einklang zitterte. Als Svend zu der letzten Unterredung mit Ellen kam, ging v. Falk ganz dicht an ihn heran und berührte unwillkürlich seinen Arm, während seine großen Augen auf seinen Lippen ruhten, als wolle er die Worte durch seinen Blick in seiner Seele aufnehmen. Svend schwieg. Er ging gesenkten Hauptes und blickte zur Seite, von seiner Bewegung überwältigt. Falk schob seinen Arm unter Svends und sagte ruhig: »Was Sie mir da von Ihrem Schwiegervater erzählen, kommt mir nicht überraschend.« Svend blieb stehen und sah ihn verblüfft an. Falk verzog die Lippen zu einem wehmütigen Lächeln. »Erinnern Sie sich, daß Sie mir meine spöttischen Worte über den dänischen Beamtenstand bei Brynchs Jubiläum vorwarfen? Jetzt erfahren Sie es selbst. Sie müssen wissen, lieber Byge, daß ich zwischen Menschen ohne Ideale aufgewachsen bin. Bei meinen Eltern auf Lindersbo gab es keine andere Moral als das Urteil der Standesgenossen. Als ich sehr jung war, litt ich darunter. Mich fror dabei und ich fand, daß es eine langweilige, schmutzige und schlechte Welt sei, in die ich durch den Leichtsinn meiner Eltern gesetzt worden war. Später, als ich in die Hauptstadt, in größere Verhältnisse kam, wurde mir bald klar, daß es hier nicht anders war als zu Hause. Während man sich den Anschein gab, alle möglichen Formen und Pflichten unter dem Deckmantel vieler schönen und gottesfürchtigen Worte über die Nächstenliebe zu erfüllen, knetete man unbekümmert seinen eigenen Teig, ohne auf etwas anderes als auf eine gewisse Etikette Rücksicht zu nehmen. Durch meine Veranlagung, den Leuten ein wenig tiefer in die Augen zu sehen, konnte es mir nicht entgehen, daß es mit den Kammerherren wie mit den Lakaien war: sie ließen sich alle bestechen. In alten Tagen sprachen die Besitzenden von Prinzipien; heutzutage spricht man von Interessen. Der Sinn ist derselbe, nämlich der: dafür zu sorgen, daß die, die etwas haben, mehr bekommen. Das ist ein Naturgesetz, von dem wir alle mehr oder weniger abhängig sind, sowohl Kammerherr Tithoff wie Ihr Schwiegervater.« »Der Begriff Rechtschaffenheit besteht also nach Ihrer Ansicht nicht mehr?« »Nein, nicht im eigentlichen Sinne des Wortes.« »Das ist empörend!« »Freilich. Aber glauben Sie nur nicht, daß dieses Manko spezifisch dänisch ist. Das haftet dem modernen Leben der oberen Klassen überhaupt an. Wie gesagt, als ich sehr jung war, empörte es mich auch. Aber ich lernte bald mich damit abfinden.« »Was meinen Sie damit?« »Ich schob diese ganze emsige Betriebsamkeit von mir und suchte Zuflucht in dem, was rein und unbefleckbar ist. Ich erfreute mich am Schönen. Das kam ganz von selbst, denn es lag in meiner Natur, die glücklicher ist als die Ihre. Ich kehrte zu den Gütern zurück, die man genießen kann, ohne sie zu besitzen, ohne Eroberungs- und Erwerbsfreude. Mit anderen Worten: die ästhetische Freude. Nach und nach habe ich mich dazu erzogen, alles was mir begegnet unter ein und demselben Gesichtswinkel zu betrachten: als Objekt für eine Schönheitsbewertung. Es ist mir ganz gleichgültig, was die Menschen für sich selbst erreichen wollen. Ihr moralischer Habitus interessiert mich nicht; sie haben nur so weit Bedeutung für mich, als ich sie für eine ästhetische Wertschätzung ausnutzen kann. Sehen Sie nun zum Beispiel zwei solche Streber wie Jersey und Juhl. Es könnte mir doch nicht einfallen, mich über sie zu ärgern. Ich verfolge ihre Spur, genieße sie und habe im Lauf der Jahre recht viel Vergnügen an ihnen gehabt.« »Ja, Sie, der Sie von Geburt an unabhängig gewesen sind und nur an sich selbst zu denken haben! Sie brauchen in keinem Kampf zu stehen, weder für sich, noch für andere. Sie stehen über der Sache, weil Sie ohne Ehrgeiz sind. Ich aber, der ich mir das Leben nicht ohne ein Ziel denken kann, nach dem ich strebe, ich muß das Gefühl haben, daß ich einen Platz ausfülle, daß ich anderen außer mir selbst, ja, rein heraus der Allgemeinheit nütze. Und wie sollte ich von einem erschwindelten Vermögen leben können? Können Sie nicht begreifen, daß meine Persönlichkeit Schiffbruch leiden würde?« »Ja, ja, Ihre Denkweise ist zu unkompliziert. Das können Sie nicht, Sie würden dadurch die reine Linie in sich selbst verletzen, würden sich unfrei, unschön machen – und das würde mir leid tun.« Falk blieb stehen und heftete seinen ruhigen, schweren Blick voll auf Svend. Es lag eine Innigkeit darin, wie Svend sie noch nie bei ihm gesehen hatte, und sie wärmte ihn ganz bis ins Herz hinein. »Und dennoch,« fuhr er nach einer Weile fort, »ist es schwer für mich, Ihnen zu raten. Ich denke nicht daran«– er schnitt eine Grimasse –, »daß Sie mit meiner Kusine verheiratet sind, daß ich eigentlich auch die Sache von ihrer Seite sehen müßte – sondern ich denke daran, daß, wenn ich Ihnen nun raten würde, Ihrer eigenen Linie zu folgen, ohne nach rechts oder nach links zu blicken – in Schönheit zu leben« – Falk lächelte wehmütig, während er in die vergilbten Baumwipfel starrte –, »ja, denn darum handelt es sich –Schönheit! Wenn Sie dorthin schlendern, wo das Leben Sie hinhaben will, so geschieht es auf Kosten der Schönheit. Wenn ich Ihnen aber raten würde, Ihrer Linie zu folgen, und es würde schief gehen – denn bürgerlich gesprochen handelt es sich um Armut und Reichtum –, so weiß ich nicht, ob Sie stark genug sind, ob Sie nicht, wenn die Jahre vergangen und Kahlheit in Ihre Seele eingezogen ist, ob Sie sich dann nicht selbst – oder vielleicht mich – fragen werden, was Sie eigentlich gewonnen haben, ob es nicht doch vielleicht besser gewesen wäre, ein einziges großes Mal nachzugeben, anstatt sich die vielen kleinen bitteren Verzichte Tag für Tag im Leben eines armen Mannes abringen zu lassen. Sind Sie stark genug, sich durch Armut, bürgerlich gesprochen, zu Reichtum, persönlich gesprochen, hindurchzuringen?« Svend sah ihn an, von seinen Worten ergriffen. »Ja, das bin ich!« sagte er leise. »Im übrigen aber,« fügte er hinzu, »jetzt bin ich der Praktische – erinnern Sie sich der Zeitung, die Kruse angriff? Sie war also auf der richtigen Spur. Diese Leute hatten recht. Und außerdem sind da Welten, Tithoff, Didrichsen und wahrscheinlich noch etliche andere, die über die Sache Bescheid wissen. Wenn ich nun das Vermögen, in dessen Besitz ich durch den Todesfall gekommen bin, annehme und als ein reicher Mann lebe, so bin ich ja nicht sicher, ob das Verbrechen nicht doch eines Tages entschleiert wird. An dem Tags, wo ich als Politiker Gegner dieser Leute würde, würde man mir den Boden unter den Füßen fortziehen. Also abgesehen von Idealismus und Rechtschaffenheit wird meine Stellung unhaltbar sein.« Sie sprachen lange hin und her. Es begann zu dämmern. Falk blieb stehen und sah nach der Uhr; es war nach fünf. »Hier gehen wir und verplaudern einen halben Tag wie die Dichter Steffens und Oehlenschläger!« sagte er lächelnd – »aber wir verhandeln nicht über die Schönheit und die Natur, sondern über die bürgerliche Gesellschaft und die Rechtschaffenheit. Das ist bezeichnend für die beiden Zeitalter und für das Jahrhundert, das dazwischen liegt. Damals bewertete man noch das Leben von dem Schatten des Kolosses in Weimar aus.« Schließlich waren sie dennoch zu einem Resultat gekommen. Falk hatte Svend geraten, seine Ehe mit Ellen fortzusetzen, unter der Bedingung, daß sie von seiner Arbeit allein leben wollten. Das Vermögen sollte unangerührt stehen bleiben und durch Zinsen unter einer von ihnen gemeinsam gewählten Administration vermehrt werden. Dann würde sicher der Zeitpunkt kommen, wo sie sich über eine richtige Anwendung einigen würden. Auf den Anteil der Kinder konnten sie ja doch nicht verzichten. Svend hatte v. Falks Einladung, bei ihm zu Mittag zu essen, mit Freuden angenommen. Seit Kruses Tod hatte er sich nicht so leicht und im Gleichgewicht befunden, wie nach dieser Aussprache. Nach dem Mittagessen machten sie es sich bequem. Falk streckte sich auf die Chaiselongue, Svend setzte sich auf das alte Sofa. Der Kaffee stand auf einem kleinen venezianischen Tisch zwischen ihnen. Der dunkelgrüne Schirm der Lampe dämpfte das Licht im Zimmer. Nur auf die Papiere des Schreibtisches fiel der Schein scharf und weiß. Es klingelte. Die Haushälterin kam mit der Abendzeitung herein. Svend erwachte aus seinem Halbschlaf. Die Zeitung lockte ihn immer. Er setzte sich an den Schreibtisch und entfaltete das Blatt. Seine Augen suchten aus alter Gewohnheit die offiziellen Mitteilungen. Da stand unter »Ernennungen«, daß Brynch pensioniert und Konferenzrat geworden und Jersey zu seinem Nachfolger ernannt sei. »Sehen Sie mal her!« rief Svend; bevor er aber noch gesagt hatte, um was es sich handelte, fiel sein Blick auf Galtens Namen. Auch er war erledigt, war Justizrat geworden, und sein Nachfolger war erwählt Es war Juhl! Falk sah gleich, daß etwas nicht in Ordnung sei. Svend sagte nichts. Er saß und starrte mit offenem Mund auf das vor ihm liegende Blatt. Falk sah ihm über die Schulter. Auch er hatte geglaubt, daß Svend Galtens Stelle bekommen würde, obgleich er von dem Versprechen des Ministers, das Svend getreulich geheim gehalten hatte, nichts wußte. Jetzt, da das Versprechen gebrochen war, fand Svend keinen Grund zu schweigen. »Tithoff ist bei mir gewesen und hat mir Galtens Stelle versprochen. Er sagte, daß sie wahrscheinlich zu einem Bürochefposten gemacht werden solle.« »Wann war das?« fragte v. Falk interessiert. »Kurz nach der Beerdigung. Wir saßen in Kruses Zimmer und sprachen von seinem Archiv. Er forderte mich auf, zu ihm zu kommen, wenn ich in den hinterlassenen Briefen Sachen fände, die ich nicht verstehen würde.« »Und Sie unterließen es?« »Ja. – Am selben Abend machte ich die Entdeckung.« »Das ist Welten!« sagte v. Falk und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. »Welten?« »Du lieber Gott, Sie wissen doch, daß er alle Fäden in seiner Hand hält. Er wußte noch besser als Tithoff, was in Kruses Schrank zu finden war. Und statt den Mund zu halten und zu ihm zu gehen, um sich die Briefe abkaufen zu lassen, handelten Sie auf eigene Rechnung, schlugen Lärm, gingen zu Didrichsen und verrieten das Geheimnis. Glauben Sie, daß man einen Menschen Ihres Schlages befördert? – das hieße ja eine Schlange am Busen nähren. Sie haben nicht verstanden, sich vor den »Interessen« zu beugen. Sie passen nicht in das System hinein, mein lieber Byge. Ja, so sieht die Wirklichkeit aus – Sie Ritter von der guten Sache – und dies war Ihre erste Ohrfeige. – Was machen Sie jetzt?« Svend war aufgesprungen. Er preßte die Hände um die Stuhllehne, daß seine Finger ihn schmerzten. Er sah bei Falks Worten den ganzen Zusammenhang, sah in blendender Klarheit, was er geahnt und was ihm nicht hatte einleuchten wollen. Er fand das Zentrum: das war Welten, der Allmächtige, der hinter allen stand. Und wieder Welten – es war das Geld. »Die Interessen«, wie v. Falk es genannt hatte. Tüchtigkeit in seinem Fach, Anciennität, Rechtschaffenheit, gute Familie, gegebenes Versprechen – alles das, an das er und die anderen Naiven glaubten, das waren nur Vorwände, die als Hebel in der Mechanik gebraucht, Schirmwände, hinter denen die wahren Motive, die den Interessen dienten, versteckt wurden. Nein, nein, und tausendmal nein! Er versuchte seinen Willen in einem Brennpunkt zu sammeln, aber er konnte nur das eine finden, daß er sich nicht unter das System beugen wollte . Er rang nach Atem. »Was ich jetzt mache?« rief er und schlug auf die Stuhllehne – »das will ich Ihnen sagen Falk. Ich stehe auf der Seite der Prinzipien, auf der Seite des Rechtes. Und wissen Sie, was ich will? – ha, ha – wissen Sie es? – Denn jetzt weiß ich es. Ich will sie entschleiern. Ich will den Mechanismus bloßlegen. Jetzt soll es ernst werden, kann ich Ihnen sagen. Oh, ich will –« Er gestikulierte mit den Armen und raste durch das Zimmer, während v. Falk ihn still und vergnügt betrachtete. »Recht so, Byge! – So soll es sein! Kopf hoch. Ich glaube dennoch, daß Sie stark genug sind, Ihre Linie durchzuhalten. Oh, das wird wohltuend sein!« Er rieb sich die Hände und hielt Svend bei den Schultern fest, als er ihm mit starken Augen und hocherhobenem Kopf entgegenkam. Am nächsten Tage schrieb Svend seine Bedingungen an Ellen. Er schrieb knapp und fest, wie ein Mann, der endlich einen Mittelpunkt gefunden hat. Bereits tags darauf kam die Antwort. Ellen schrieb, ebenso knapp und ebenso fest, daß es ihr jetzt durch die Trennung klar geworden sei, was sie lange geahnt habe, daß sie ihn nicht liebe und daß sie nie seine Frau hätte werden sollen. Sie seien viel zu verschieden. Im Grunde begreife sie nicht, weshalb sie sich damals in ihn verliebt habe. Es sei wohl nur die Pariser Luft gewesen. Da sie unter allen Umständen Scheidung wolle, falle die Frage, ob sie von seiner Arbeit allein leben wolle, von selbst fort. Sie finde diese Frage nicht nur lächerlich, sondern im höchsten Grade kränkend für sie und das Andenken ihres teuren Vaters. Svend könne sich darauf verlassen, daß sie nicht auf das Vermögen, das sie geerbt habe, verzichten wolle, weder für sich noch für ihre Kinder. Sie wolle diese schon lehren, ihren Großvater zu ehren. 12 Einige Tage nach dem endgültigen Bruch mit Ellen machte Svend zeitig Schluß in seinem Kontor im Ministerium, wo er jetzt allein saß. Juhl war in Galtens Kontor eingezogen. Er ging in die Portierloge des Ministeriums. Dort saßen einige Boten und ordneten die Post. Der eine, der ihn kannte, erhob sich und kam ihm entgegen. Svend konnte ihm ansehen, daß er wußte, weshalb er kam. Daß Svend Galtens Posten nicht bekommen hatte, war offenbar auch hier verhandelt worden. »Glauben Sie, daß ich sofort Audienz bekommen kann?« fragte er. »Ich weiß nicht recht!« meinte der Bote gedehnt. »Melden Sie mich!« sagte Svend kurz und gab ihm seine Karte. Der Bote wog sie einen Augenblick in der Hand. Dann verbeugte er sich und sagte: »Der Direktor der Staatsschulden ist drinnen. Wenn er fertig ist, werde ich Ihre Karte hineinbringen, Herr Assessor.« Bald darauf kam ein kleiner, dickleibiger Herr mit gutmütigen, schläfrigen Augen aus dem Ministerzimmer. Er hatte noch das höfliche Beamtenlächeln auf den Lippen und nickte im Vorbeigehen auch Svend zu, obgleich er ihn gar nicht kannte. Der Bote ging mit der Karte hinein und kam einen Augenblick später zurück. »Bitte!« sagte er und hielt die Tür offen. Svends Herz schlug laut, als er durch die doppelte Flügeltür in den hohen geräumigen Saal eintrat, wo Kammerherr Tithoff ihm mit ausgestreckter Hand vom Fenster entgegenkam. Sie hatten sich seit Tithoffs Besuch in Kruses Hause nicht gesehen. »Guten Tag, guten Tag!« sagte Tithoff und drückte ihm leicht die Hand. »Bitte, nehmen Sie Platz.« Tithoffs runde Augen hatten Svend nur flüchtig gestreift. Aber der zurückhaltende Ausdruck darin zeigte Svend, daß er erwartet und die Antwort bereit sei. Svend ging ohne Umschweife auf die Sache los. »Gestatten Exzellenz mir die Frage, ob Sie sich erinnern, mir bei einem Besuch in meines Schwiegervaters Hause, unmittelbar nach der Beerdigung, die vertrauliche Mitteilung gemacht zu haben, daß Sie mich zu Expeditionssekretär Galtens Nachfolger ausersehen hätten?« Kammerherr Tithoff hatte mit geduldig geneigtem Kopf, halbgeschlossenen Augen und aufmerksam lauschend dagesessen. Jetzt legte er sich in den Stuhl zurück und blickte suchend zur Decke. »Ja, wo Sie es sagen – ich machte Ihnen gewiß eine vertrauliche Mitteilung über die Veränderungen, die nach Galtens Abgang vorgenommen werden sollten.« Tithoff kniff die Augen pfiffig zusammen, sah von der Seite auf ihn herab und dämpfte seine Stimme: »Das war nicht ganz korrekt von mir, wie Sie wohl wissen, und darum ist es eigentlich nicht hübsch von Ihnen, mich daran zu erinnern.« Als Svend, statt das Lächeln zu erwidern, die Lippen fest aufeinander preßte, erlosch auch das Lächeln des Kammerherrn. Er strich sich über die Stirn und fügte hinzu: »Ich erinnere mich nicht genau, wie es zuging. Wahrscheinlich war es unter dem Druck der Gemütsstimmung, in die der schmerzliche Verlust meines alten Freundes, Ihres unersetzlichen Schwiegervaters, mich versetzt hatte.« Der Blick des Kammerherrn fiel zum erstenmal voll auf Svend, während er die Worte »Freund« und »unersetzlich« betonte. Svend irrte sich nicht, es stand ein deutliches »Ich weiß Bescheid und werde es Ihnen gedenken« in den runden, sonst so gutmütigen Augen zu lesen. »Ich bin eine leichtbewegte Natur,« fuhr Tithoff fort, »und habe sicher das Bedürfnis empfunden, Kruses Andenken zu ehren, um Ihnen, der Sie Kruse noch soviel näher gestanden und seinen Verlust sicher noch schmerzlicher empfunden haben, eine Freude zu machen.« Wieder trafen die Augen des Kammerherrn Svends Blick. Er wollte antworten, Tithoff aber kam ihm zuvor: »Apropos, Herr Byge, was macht Ihre Frau, meine kleine Freundin?« Svend fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Die Worte enthielten in ihrer Harmlosigkeit einen direkten Angriff, eine Kritik seines Privatlebens, die er sich nicht gefallen lassen wollte. Er richtete sich auf und antwortete, indem er seine Hände zusammenpreßte: »Meine Frau und ich liegen in Scheidung.« Tithoff hob die Augenbrauen und zog sich etwas in den Stuhl zurück. »Ach so!« sagte er; Svend aber war keinen Augenblick im Zweifel, daß seine Überraschung nur Komödie sei. Es sollte dem Minister nicht glücken, sich einer Rechtfertigung zu entziehen, indem er ihn nach seinen Privatverhältnissen ausforschte. »Ich gestatte mir die Frage,« sagte er schnell und schärfer, als er eigentlich beabsichtigt hatte, »aus welchem Grunde Exzellenz das mir gegebene Versprechen nicht gehalten haben. Wenn ich mir in der dazwischen liegenden Zeit etwas habe zuschulden kommen lassen, was meine Befähigung für das Amt verringert hat, so würde ich Eurer Exzellenz für eine offene Mitteilung darüber dankbar sein.« In dem Blick des Kammerherrn ging eine plötzliche Veränderung vor, so daß Svend verstand, daß die Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hatten; Tithoffs Gesicht aber war vollkommen ruhig, als er antwortete: »Ich wüßte nicht, daß Sie sich etwas haben zuschulden kommen lassen – was Ihr Amt betrifft. Im übrigen –« der Kammerherr lächelte nachsichtig, »wissen Sie ja, Herr Assessor, daß das Ministerium seine Ernennungen oder Nichternennungen nicht zu motivieren pflegt. Dies wäre ja allein aus dem Grunde unschicklich, weil ja nicht wir, sondern Seine Majestät der König ernennt. Dennoch, da Sie mich fragen, will ich Ihnen meine private Meinung nicht vorenthalten. Und die besteht darin, daß das Ministerium, als die endgültige Entscheidung getroffen werden sollte, Herrn Juhls Anciennität nicht umgehen zu können meinte.« Tithoff erhob sich und wandte den Kopf zu Svend um, als Zeichen, daß die Audienz beendigt sei. Svend stand auf und sah dem Kammerherrn fest ins Auge. »Exzellenz äußerten seinerzeit, daß man mir nicht mehr gäbe, als ich durch meine Leistungen verdient hätte; da Juhl nur seine Anciennität als Referendar, nicht als Assessor vor mir voraus hat – wir wurden am selben Tage befördert –, so muß ich mir also etwas zuschulden haben kommen lassen, was Eure Exzellenz zu der Ansicht bekehrt hat, daß ich – wenn ich mich so ausdrücken darf – nicht in das augenblicklich herrschende System hineinpasse.« Er hatte sich in Zorn geredet. Seine Stimme zitterte, und sein Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln, als er das Wort: »System« gebrauchte. Im Innern sagte er nicht »System«, sondern »Welten«, und er sah zu seiner großen Genugtuung, daß es auf dem Wege der Suggestion sofort das Bewußtsein des Ministers erreichte, dessen Züge stramm wurden, während die Lider hastig über die runden Augen glitten. Er fuhr fort, bevor Tithoff ihm Einhalt tun konnte: »Exzellenz hätten mir das Versprechen ja nicht zu geben brauchen, das, nach Ihrer eigenen Ansicht, nicht ganz korrekt war. Da es jedoch gegeben und später aus unbekannten Gründen zurückgenommen wurde, so werden Exzellenz begreifen, daß ich mich ernstlich vor den Kopf gestoßen fühle. Ich habe deshalb die Ehre, Exzellenz hiermit um meine Entlassung zu bitten.« Als Svend am Morgen von Hause fortgegangen war, hatte er diesen Entschluß noch nicht gefaßt. Er hatte den Minister zur Rechenschaft ziehen wollen und hatte gehofft, daß er sein Bedauern ausdrücken, einen plausiblen Grund angeben und ihm Ersatz anbieten würde. Aber es war anders gekommen. Tithoff hatte weder eine Entschuldigung gesucht, noch eine Erklärung gegeben und ihn nur in der Vermutung bestärkt, die Falk ausgesprochen hatte: daß das Versprechen eine Gegenleistung seinerseits zur Bedingung gehabt habe, die ausgeblieben war. In dem Augenblick, als er das Wort »Entlassung« ausgesprochen und die Wirkung, die es auf Tithoff machte, gesehen hatte, der unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen war und ihn von der Seite anblickte, wußte er, welchen Weg er jetzt verfolgen wollte. Unter dem Vorwand, eine Erklärung für das nicht eingelöste Versprechen zu suchen, wollte er die Sache bis vor den König bringen, der ja den Abschied bewilligen mußte. Der Minister überlegte einen Augenblick, während er bis zu dem großen Fenster und wieder zurück ging. Dann fragte er in einem väterlichen Ton: »Ist dieser Schritt auch wohlüberlegt, Herr Byge?« Svend schwieg. »Ist es, weil Sie Galtens Stelle nicht bekommen haben?« fragte er in einem leiseren Ton, der zu Aufrichtigkeit aufforderte, während er Svend forschend anblickte. »Es ist, um frei zu stehen, Exzellenz!« lautete die Antwort fest und selbstbewußt. Tithoff faßte sich schnell. »Haben Sie Ihr Entlassungsgesuch bei sich?« fragte er und streckte die Hand danach aus. »Nein, Exzellenz, aber ich werde es noch heute einreichen.« Der Minister sah aus, als ob er noch etwas sagen wollte. Als Svends Gesicht aber kalt und unzugänglich blieb, nickte er kurz zum Abschied, blickte zur Tür und griff nach einigen Papieren auf dem großen Arbeitstisch. Svend zog sich mit einer Verbeugung zurück. Als er die Kanzleitreppe hinunterstieg, fühlte er sich froh und erleichtert. Er sah der Zukunft ohne Besorgnis entgegen. Jetzt, wo er nur für sich selbst zu sorgen hatte – Ellen wollte ja für sich und die Kinder nichts annehmen –, würde er schon mit dem, was er bei Didrichsen verdiente, auskommen. Ihm wurde wehmütig zumute bei dem Gedanken, daß er diese Treppen bald zum letztenmal herabsteigen würde und daß er das Leben, das sich hinter diesen Mauern rührte, mit feindlichen Blicken betrachten sollte. Aber der Fehler lag ja nicht an ihm. Er hatte den Geist und das System, die hier herrschten, nicht gekannt. Er hatte wie gewöhnlich eine zu gute Meinung vom Leben und von den Menschen gehabt. Er war zum Kampf gezwungen worden. Gut, da gekämpft werden sollte, wollte er es auch ganz tun. 13 Während der kommenden Tage verhielt Svend sich ruhig. Er stellte sich wie gewöhnlich im Ministerium ein, sprach aber nur das Notwendigste. Jersey, der neugebackene Departementschef, nahm ihn sich vor; es glückte ihm aber nicht, ihm etwas über seine Pläne zu entlocken. Er sprach Svend sein Bedauern über den Schritt aus, den er getan hatte. Nachdem die Sache im Staatsrat vor gewesen war, bekam Svend Mitteilung vom Ministerium, daß sein Entlassungsgesuch bewilligt sei. Am Nachmittag ging er zu v. Falk, der ihm zu seiner Freiheit Glück wünschte. Sie hatten eine lange, vertrauliche Unterredung. Am nächsten Tage erschien Svend in Gehrock und Zylinder auf dem Schlosse und ließ sich beim Kabinettsekretär melden. Der Diener notierte seinen Namen auf einer Liste und nahm seine Karte. Er mußte eine Viertelstunde warten, bevor er an die Reihe kam. Der Kabinettsekretär, ein kleiner, sehr zierlicher Herr, empfing ihn stehend, die eine Hand hinterm Rockaufschlag, die andere auf eine grüne Tischdecke gestützt. »Sie wünschen?« fragte er, während seine kleinen, lebhaften Augen ihn neugierig musterten. »Ich wünsche eine Audienz bei Seiner Majestät.« Svend stand hochaufgerichtet und verschlossen da. Er hatte mit sich selbst abgerechnet und war vollkommen Herr seiner Bewegung. Der Kabinettsekretär gab es auf, ihm imponieren zu wollen. Er deutete mit einer nachlässigen Handbewegung auf einen roten Sessel am Fenster und nahm selbst ihm gegenüber in der Sofaecke Platz, indem er das eine Bein über das andere schlug. »Wenn ich nicht irre,« sagte er, und betrachtete Svends Karte, die er zwischen zwei Fingern wippte, »so sind Sie es, Herr Byge, der seinen Abschied vom Ministerium verlangt hat.« .Ja!« »Wünschen Sie in dieser Angelegenheit eine Audienz?« »Ja – ich möchte gern Gelegenheit haben, Seiner Majestät persönlich vorzustellen, wie man mich trotz eines gegebenen Versprechens bei einer Amtsernennung übergangen hat.« »Sie wollen sich über Ihren Minister beschweren!« fiel der Kabinettsekretär ihm scharf ins Wort. »Ja, so kann man es auch auffassen!« »Und was wollen Sie dadurch gewinnen?« Der Kabinettsekretär lächelte überlegen. »Das wird sich zeigen!« sagte Svend kurz und biß die Zähne fest aufeinander. Der Kabinettsekretär sah ihn fragend an, unsicher, wie er diese kurze, etwas abweisende Antwort auffassen solle. »Hat der Minister Ihnen sein Wort gebrochen?« »Ja!« »Aber haben Sie bedacht, Herr Byge, daß der Minister überhaupt kein bindendes Versprechen geben kann, da es der König ist, der Ernennungen und Beförderungen bestimmt?« Svend lächelte und antwortete nur: »Der Minister ist die verantwortliche Autorität, an die man sich zu halten hat.« Der Kabinettsekretär richtete sich auf und rieb sich die weißen Hände. Er hatte es hier scheinbar mit einem bärbeißigen Herrn zu tun. Er konnte nur zu gut verstehen, daß der gutmütige Tithoff keine Verwendung für so einen in seinem Ministerium hatte. Er erhob sich, steckte die Fingerspitzen mit den rosenroten, blanken Nägeln in die Westentaschen und sagte zu Svend, der sich ebenfalls erhoben hatte: »Ja, Herr Byge, es steht einem jeden frei, Audienz beim König zu suchen. Montags um zehn Uhr ist öffentliche Audienz im Schlosse. Wenn Sie sich zu dieser Zeit einfinden, werden Sie vorgelassen werden, wenn die Reihe an Sie kommt. Es geht nach der Rangordnung –« der Kabinettsekretär sah ihn nachsichtig an – »für Sie wird es also so etwas wie eine Geduldsprobe werden. Es ist sogar möglich, daß Sie nicht einmal beim ersten Mal hereinkommen. – Guten Morgen.« Er reichte Svend die Spitzen seiner soignierten Finger und begleitete ihn halbwegs zur Tür. Der Kabinettsekretär wußte offenbar nicht, daß ich Departementschef Kruses Schwiegersohn war, dachte Svend spöttisch, als er die Treppe hinabstieg – oder war er vielleicht schon unterrichtet? Am folgenden Montag kam Svend beim Schlosse vorgefahren. Eine lange Reihe Wagen hielt davor, teils Privat-, teils Mietsfuhrwerke. Obgleich er die Sache wieder und wieder durchdacht hatte – er hatte den größten Teil der Nacht wachgelegen – war er jetzt, wo die Schlacht geschlagen werden sollte, dennoch nervös. Ein alter, weißhaariger Lakai war ihm beim Ablegen behilflich. Die beiden langen Garderobenständer hingen schon voller Mäntel, darunter viele Offizierskragen. Svend warf einen Blick in den Spiegel, zupfte an seiner weißen Krawatte, richtete sich auf, zog die Frackweste herunter und ging an der Schildwache vorbei durch die weiße Flügeltür, die ein anderer alter Lakai öffnete. Das große, breite Vorgemach war wie ein alter, herrschaftlicher Salon möbliert; mitten im Zimmer zwei runde Tische, von dem der eine von dem jourhabenden Adjutanten mit Beschlag belegt wurde, der den Hof- und Staatskalender aufgeschlagen vor sich liegen hatte. An der Längswand, den Fenstern gegenüber, war eine Vertiefung, wie ein kleiner, blinder Korridor, der zu einer Flügeltür führte. Da die Höchsten im Rang – zwei galastrahlende Generale mit Federbüschen unterm Arm, die Brust voller Orden – sich in der Nähe dieser Tür hielten, wurde es Svend gleich klar, daß hier der Eingang zum Audienzsaal sei. Während er mit einem aus Neugierde und Ehrfurcht gemischten Gefühl diese Flügeltür betrachtete, öffnete sich eine Tapetentür in der einen Seitenwand des halbdunklen, blinden Korridors, und ein dickleibiger Lakai mit Seidenstrümpfen und Frackschößen kam zum Vorschein und nahm einen kleinen Überblick über den Saal, mit jenem Ausdruck von erhabenem und wehmütigem Selbstbewußtsein, das vertrauten Kammerbedienten eigen zu sein pflegt. Dann ging er quer über den Korridor und verschwand durch eine Tapetentür in der gegenüberliegenden Seitenwand. Es waren also blinde Korridore zwischen den Sälen im Schloß. Das interessierte Svend sehr. So war es wohl in allen alten Königsschlössern. Wie konnte von diesen Laufgängen aus gelauscht und spioniert werden! Svend sah sich im Saal um. Es strahlte von allen möglichen Uniformen. »Darf ich um Ihren Namen und Ihre Stellung bitten?« ertönte eine angenehme, klangvolle Stimme, während er sich umblickte. Svend drehte sich um. Es war der jourhabende Offizier, der ihn mit vorsichtigen Augen in einem ovalen, blassen Gesicht betrachtete. Svend stellte sich vor. Der Adjutant sah mit einem plötzlichen Schimmer von Interesse und einem Anstrich von einem Lächeln um den glattrasierten Mund zu ihm auf. Dann sagte er mit einer Bewegung auf den Saal zu: »Ich fürchte, Sie werden lange warten müssen, denn es sind heute ja viele von Rang da.« Es dauerte eine Stunde, bevor ein Sitzplatz frei wurde. Das verringerte seine Nervosität nicht. Jetzt begann er noch dazu hungrig zu werden. Er hatte noch nichts weiter als ein Ei und eine Tasse Tee zu sich genommen. Nach und nach wurde es aber leerer im Saal und schließlich kam der Adjutant auf ihn zu und sagte: Der nächste sind Sie, Herr Byge.« Mit einer Handbewegung forderte er ihn auf, sich der Tür zu nähern, um sich bereit zu halten. Svend bekam Herzklopfen, kämpfte aber mit Kraftanstrengung seine Aufregung nieder, und es gelang ihm, äußerlich einen vollkommen ruhigen Eindruck zu machen. Die Tür wurde geöffnet, und sein Vorgänger kam heraus. Svend wartete noch eine Sekunde, dann forderte der Adjutant ihn mit einer Verbeugung auf, näherzutreten. Der alte König kam ihm in aufrechter Haltung entgegen. Svend näherte sich, indem er sich mehrmals verbeugte. Das Licht aus den hohen Fenstern fiel ihm in die Augen, so daß er die Züge des Königs erst deutlich zu erkennen vermochte, als er dicht vor ihm stand. Zwei graue Augen in einem offenen, etwas wettergebräunten Gesicht betrachteten ihn mit forschendem Wohlwollen. »Sie haben Ihren Abschied genommen?« Die Stimme war leicht verschleiert, der Ton erstaunt, mit einem Anstrich von Unwillen, der angenommen war, wie Svend empfand. Die zurückgedrängte Aufregung in Verbindung mit dem Gefühl der Bedeutung des Augenblickes hatten seine Sinne geschärft. Er begriff, daß Seine Majestät darauf präpariert war, daß der Schwiegersohn des verdienstvollen Departementschefs Kruse, ein junger Brausekopf, seinen Abschied genommen hatte, da er sich wegen einer vermeintlichen Übergehung beleidigt fühlte, indem er sich an einige unüberlegte, liebenswürdige Worte klammerte, die seinem Minister in einem Privatgespräch entschlüpft waren. Man hatte ihn seinen Willen bekommen lassen, um ihn durch Erfahrung zu belehren; im übrigen müsse man auf der Hut sein mit dem, was man zu ihm sagte, denn er litt an dem Fehler, alles buchstäblich zu nehmen. »Ja, Majestät!« sagte Svend, der jetzt, wo es galt, im vollen Besitz seiner Geistesfähigkeiten war, »man hat mir unaufgefordert das Versprechen gegeben, mir ein Amt zu verleihen und hat, ohne eine Veranlassung von meiner Seite, dieses Versprechen nicht gehalten.« Dieses, ein Versprechen zu geben und nicht zu halten, war etwas, was scharf gegen die militärische Lebensauffassung des Königs verstieß. Die Sache schien dennoch einen tieferen Zusammenhang zu haben, als man ihm vorgestellt hatte. »Wer hat Ihnen dieses Versprechen gegeben?« »Euer Majestät Minister, Kammerherr Tithoff.« Der König sah zum Fenster und dachte einen Augenblick nach. Dann entsann er sich, was ihm vom Kabinettsekretär vorgetragen worden war. »War es auch wirklich ein Versprechen?« fragte er und sah Svend mit einem neckenden Augenblinzeln von der Seite an. »Jawohl, Majestät! – ein ausdrückliches Versprechen, das mir vom Kammerherrn Tithoff während eines Besuches in meinem eigenen Hause gegeben wurde. Es war vertraulich, und ich habe es auch niemandem gegenüber erwähnt, bevor ich wußte, daß der Minister es nicht gehalten hatte.« »Hat der Minister Ihnen denn die Erlaubnis gegeben, es jetzt zu verraten?« fragte der König und sah ihn mit seinem offenen, ehrlichen Blick fest an. Svend sah sofort ein, daß hier ein schwacher Punkt sei, den er nicht genug erwogen hatte. »Nicht direkt, Majestät. Aber ich habe dem Minister gegenüber mein Entlassungsgesuch mit dem nicht eingelösten Versprechen motiviert und ihm erklärt, daß ich meinen Abschied nähme, um frei zu stehen.« Der König schien wieder zu überlegen. Svends Beobachtung entging es nicht, daß dem König seine freie, kühne Antwort gefiel. »Ist es denn Ihre Absicht, überhaupt aus dem Staatsdienst auszutreten – oder – haben Sie an eine andere Stellung gedacht?« Diese Worte kamen zögernd, ein wenig tastend heraus. Svend hatte die bestimmte Empfindung, daß diese Frage in letzter Instanz von Tithoff stamme. Er nahm allen Mut zusammen. Das Vorhergegangene waren ja nur Umschweife und Nebensächlichkeiten gewesen. Jetzt sollte das entscheidende Wort fallen, das er sagen wollte, wie er sich selbst gelobt hatte. »Majestät, es ist seit meiner frühesten Jugend mein Ziel gewesen, eine hervorragende, öffentliche Stellung einzunehmen, in der ich etwas Nützliches ausrichten kann. Wie die Verhältnisse aber augenblicklich liegen – unter dem jetzigen System – ist es mir unmöglich.« Er machte eine Pause und hielt den Blick des Königs fest, der fragend und verständnislos auf ihn gerichtet war. »Ich betrachte es als meine Pflicht, Eure Majestät davon in Kenntnis zu setzen, daß unter Leuten, die Einblick in die Verhältnisse haben, die allgemeine Anschauung vertreten ist, daß das jetzige Ministerium nicht frei disponiert, sondern sich gezwungen fühlt, im Sinne und zur Förderung der Geschäftsinteressen eines Privatmannes, Geheimrat Weltens, zu handeln. Ich habe durch einen schicksalschwangeren Zufall persönlich Beweise in die Hand bekommen, daß es sich hier um mehr als um ein Gerücht handelt und daß die Abhängigkeit von Welten eine Demoralisation unter hochgestellten Beamten zur Folge gehabt hat, deren landesschädliche Konsequenz nicht schwer zu überblicken ist.« Jetzt war es gesagt. Die Augen des Königs wurden rund vor Erstaunen, während er Svend mit offenem Mund anstarrte. Als Svend Weltens Namen nannte, stieg ihm ein bläuliches Rot in die mageren, gefurchten Wangen. Dann wandte er seinen Blick von Svend ab und starrte mit gerunzelter Stirn zum Fenster. Darauf sah er wieder zu Svend hin, zog sich einen Schritt von ihm zurück und fragte in einem Ton, der müde klang: »Haben Sie Ihren Abschied genommen, um mir dies zu sagen?« »Ja, Majestät!« »Gut!« sagte der König fest, mit einem entschlossenen Kopfnicken. »Wer von den Ministern war es?« »Mein Amt ressortierte unter dem Verkehrs- und Finanzminister Kammerherrn Tithoff.« »Ich werde mit Tithoff sprechen.« Der König reichte ihm gnädig die Hand. Svend beeilte sich sie zu ergreifen, worauf er sich mit tiefen Verbeugungen zurückzog. 14 Als Svend nachmittags voller Hoffnung zu v. Falk kam und ihm von der Audienz erzählte, sah dieser ihn bewundernd an: »Wie konnten Sie sich nur dazu überwinden!« Nachdem sie sich eine Zigarre angezündet und es sich behaglich gemacht hatten, Svend im Sofa und v. Falk auf der Chaiselongue, fragte Svend: »Was meinen Sie, daß sich jetzt ereignen wird?« v. Falk blies langsam den Rauch von sich. »Nichts. Der König wird Tithoff rufen lassen. Tithoff wird ihm etwas von Weltens ungeheurer Bedeutung für den Staat vorschwatzen, von der Schändlichkeit, Weltens nationale Bestrebungen und sein hübsches Zusammenarbeiten mit der Regierung zu verdächtigen. Und von Ihnen –« »Von mir?« »Von Ihnen wird man sagen, daß Sie an Unreife und Größenwahn leiden und darum nur auf einem sehr bescheidenen Platz verwendet werden können; worauf Tithoff irgendein unschädliches kleines Kassenamt für Sie aussuchen wird, mit der boshaften Bemerkung, daß Sie auf Grund Ihrer unbestechlichen Rechtschaffenheit und Ihres sozialen Reinlichkeitssinnes für diesen Posten besonders geeignet seien.« Svend sprang auf und stellte sich vor v. Falk hin: »Herrgott, seien Sie doch ernsthaft!« Falk betrachtete ihn lange, und es kam eine eigene Wehmut in seine großen, schweren Augen, als er sagte: »Ich bin ernst, vollkommen ernst.« Wieder blies er den Rauch in einer langen Wolke von sich und fügte mit weicher Stimme hinzu: »Ich fürchte für Ihre Zukunft, lieber Byge, Sie werden viel durchmachen müssen, bevor Sie – bevor Sie zur Ruhe kommen.« Svend sah ihn an. Tief in ihm dämmerte die Erkenntnis, daß Falk recht haben mochte; aber er wagte nicht, es sich einzugestehen. Er setzte sich wieder still auf seinen Platz, während Falk ihm mit den Augen folgte und sagte: »Dennoch bereue ich es nicht, Byge, daß ich Ihnen so geraten habe. Menschen wie Sie, müssen der reinen Linie folgen – können nur von persönlichen Erfahrungen belehrt werden. Es war nicht nur mein experimentaler Schönheitsdrang, der mit mir durchging. Nicht Egoismus allein.« Svend beugte sich vor und starrte durch das Halbdunkel auf Falks großes weißes Gesicht. »Egoismus?« fragte er erstaunt. Falk antwortete nicht. Svend verließ seine große Wohnung und mietete sich in zwei Dachstuben ein, die er mit seinen eigenen Möbeln möblierte. Denn jetzt mußte gespart werden. Er hatte Aussicht über einen Park, und die Nachmittagssonne schien auf seine Fenster. Das erste Frühstück bekam er von der Frau, bei der er wohnte, einer einsamen, alten Schutzmannswitwe. Die übrigen Mahlzeiten aß er in einem Restaurant. Das war einsam und trist. Es verging kein Abend, wenn er in seine einsamen Zimmer zurückkehrte, ohne daß er an Ellen und seine Knaben dachte. Es geschah auch, daß er weinend sein Kopfkissen zerdrückte, bevor er Ruhe fand. Des Morgens aber war er stark und sicher im Gefühl, das Rechte erwählt zu haben. Er gewöhnte sich schließlich an sein neues Leben, das ihm nach dem Abschied im Ministerium viel Zeit für seine Anwaltstätigkeit ließ, der er sich mit Eifer widmete. Er war wie in der ersten Zeit der erste morgens im Kontor und der letzte, der ging. Seit dem Bruch mit Ellen und den darauf folgenden privaten Unterredungen mit Didrichsen war Svend schweigsam und zurückhaltend im Büro gewesen. Er war stets in seine Arbeit vertieft und sprach nur vom Geschäft. Auch Didrichsen gegenüber beschränkte sich sein Verhältnis auf die notwendigsten Unterredungen. Svend hatte den Eindruck, als ob es Didrichsen gerade so recht sei. Die einzige private Bemerkung, die zwischen ihnen gewechselt wurde, fiel, als der Justizrat seine Entlassung in der Zeitung gelesen hatte. »Ich lese in der Zeitung, daß Sie Ihren Abschied genommen haben, Herr Byge.« »Ja!« antwortete Svend. »War das auch ein wohlüberlegter Schritt?« fragte Didrichsen vorsichtig und ernst. Svend fühlte wohl, daß es gut gemeint war. Aber er wollte sich höchst ungern auf Näheres einlassen und antwortete darum ziemlich kurz: »Ich hoffe es!« Didrichsen schüttelte seufzend den Kopf. Einige Zeit nach der Audienz beim König rief Didrichsen ihn eines Morgens in sein Privatkontor. Als Svend ihn gedankenvoll am Fenster stehen sah, merkte er gleich, daß es sich um etwas Ernstes handelte. Er bekam Herzklopfen und trat mit einem fragenden Gesicht näher. Didrichsen wandte sich mit dem müden Ausdruck in den Augen zu ihm um, den Svend so gut kannte. Er machte sich etwas an den Papieren auf dem Schreibtisch zu schaffen, während er sagte: »Ja, Herr Byge, es tut mir leid« – Svend konnte seiner Stimme anhören, daß es ihm wirklich leid tat –, »ich muß Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, daß ich Sie nicht mehr in meinem Büro behalten kann.« Svend zuckte zusammen. Nichts kam ihm unerwarteter als dies. Er hatte in der letzten Zeit mit einem Fleiß und einem Eifer gearbeitet, der seinem Prinzipal nur dienen konnte. Er kannte seinen eigenen Wert; und jetzt kassierte man ihn also. »Gilt die Kündigung für sofort?« fragte Svend mit mühsam erkämpfter Ruhe. »Ja! – Sie dürfen mich nicht mißverstehen,« Didrichsen hob abwehrend seine Hand, ohne ihn anzusehen, »Sie wissen, daß ich sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit bin – eine Extragage für drei Monate liegt für Sie bereit; aber ich habe – man hat mir erzählt« – hierbei blickte er von der Seite auf Svends blasses Gesicht–, »ich weiß aus bester Quelle von Ihrer Audienz bei meinem alten Freund, dem Kammerherrn Tithoff und – eh, von der beim König. Ich hoffe, Sie werden begreifen, daß ich nicht Vertrauensmann des Ministers und eh – hm! – meines hochverehrten Geschäftsfreundes Welten sein und zur selben Zeit einen jungen Mann in verantwortungsvoller Stellung in meinem Büro haben kann, der unbehindert Zutritt zu allen inneren Angelegenheiten hat – einen jungen Mann, der einen so – eh – ganz ungewöhnlichen und gegen die Herren aggressiven Schritt unternommen hat.« Die letzten Worte kamen so leise, daß sie fast nicht zu hören waren. Svend empfing den Eindruck, daß Didrichsen hier weiter ging, als er eigentlich durfte. Svend fand sich selbst wieder. Es war ein kitzelndes Gefühl der Befriedigung, den Schlag zu empfangen und im selben Augenblick zu verstehen, weshalb und wofür. Es war Welten, wie Falk zu sagen pflegte. Falk hatte doch immer recht. Jetzt sollte er ausgehungert, sollte machtlos gemacht werden. Er wußte zu viel. Er mußte von jedem Platz, von wo aus seine Stimme gehört werden konnte, entfernt werden. Es war wie ein erfrischendes Gewitter, hier zu stehen und den Schlag zu empfangen. Er sah den alten Geheimrat mit seinen eingefrorenen Runzeln vor sich. Er brannte darauf, sich an ihm zu rächen, und zur selben Zeit kam er ihm ganz nah – es war lächerlich –, so nah wie in Freundschaft. Er empfand trotz seines Hasses und seines Zornes ein blindes Gefühl von Bewunderung für seine Starke und seine Rücksichtslosigkeit. »Ich begreife diesen Schritt sehr gut!« sagte er und trat dicht an den Schreibtisch heran. Um seinen Mund lag ein so seltsames Lächeln, daß es Didrichsen ganz unheimlich zumute wurde. »Welten hat meinen Kopf verlangt!« sagte er scharf und lachte. Didrichsen wollte etwas Würdiges und Abweisendes sagen. Ein Blick auf Svends Gesicht aber ließ ihn verstummen. Er fürchtete eine Explosion. Dieser junge Brausekopf mußte sich ja entladen. In Gottes Namen, aber nur nicht bei ihm. Didrichsen beeilte sich, ihm sein Gehalt zu geben. Svend machte erst eine Bewegung, als wolle er es zurückweisen, bedachte sich dann aber und zählte es zum Erstaunen des Justizrates ruhig nach. Gott sei Dank! – Didrichsen atmete erleichtert auf – er nahm die Sache also vernünftig. Als Svend die Tür erreicht hatte, drehte er sich um und fragte höflich: »Darf ich auf eine Empfehlung von Ihnen rechnen, Herr Justizrat?« Didrichsen blickte verlegen auf seine Fingerspitzen. Das war ja der schwierige Punkt. Er würde es ja mehr als gern tun, aber er wagte es nicht. Was würde es nützen, wenn er zu einem anderen Rechtsanwalt käme, wo er frei reden konnte. Nein, er mußte fort, in andere Kreise, wo er keinen Schaden anrichten konnte. Da war die kleine Steuereinnehmerstellung, die Tithoff für ihn in Bereitschaft hatte, wenn er mürbe geworden war. Der Ärmste, warum verfuhr er so schlecht mit sich selbst. Er mußte doch mal das Leben und die Welt, in der er arbeiten sollte, kennen lernen. Oder war er verrückt? Dieser Gedanke tauchte plötzlich in ihm auf und ließ ihn mit ängstlichen Augen in die Höhe blicken. Aber nein! Er hatte einen Starrkopf, einen Heißsporn vor sich, aber keinen Verrückten. Didrichsen faßte Mut. Er ging auf Svend zu, legte ihm die Hand auf die Schulter, sah ihm in die Augen und sagte: »Lieber Byge, glauben Sie einem alten, erfahrenen Mann: Dort, wo Sie jetzt gehen, führt kein Weg vorwärts.« Svend richtete sich auf und betrachtete ihn kalten Blickes. »Wollen Sie mir eine Empfehlung geben, Herr Justizrat, ja oder nein?« Didrichsen duckte sich, zog seine Hand zurück und sagte mit einem tiefen Seufzer: »Solange Sie das Leben so wie jetzt betrachten und danach handeln, kann und wage ich Ihnen keine Empfehlung zu geben, die Ihnen eine Vertrauensstellung in der juristischen Welt öffnet.« Svend versuchte die Tiefe dieser ernsten Worte zu loten. Er fühlte, daß sie ehrlich waren, und antwortete bewegt: »Leben Sie wohl, Herr Justizrat, und Dank für die Zeit, die ich in Ihrem Geschäft gearbeitet habe.« Didrichsen wandte sich um, als habe jemand ihn beim Namen gerufen. Es blitzte in seinen Augen, entweder von einer Träne oder von einem Hoffnungsschimmer. Er nahm Svends Hand in seine beiden. »Leben Sie wohl, Byge,« sagte er leise, »und kommt eine Zeit, wo es Ihnen schlecht geht, dann kommen Sie zu mir. Das müssen Sie mir versprechen!« Svend beugte schweigend den Kopf. Er konnte vor Bewegung nicht sprechen. Dann verließ er das Zimmer. 15 Es kam eine Zeit ernster Sorge für Svend. Wie tief er auch das Dunkel unheilschwangerer Möglichkeiten, das sich durch seinen Bruch mit dem Ministerium für ihn öffnete, zu durchdringen versucht hatte, daß er eines Tages erwerbslos dastehen und vor allem für das Notdürftigste kämpfen mußte, das war ihm doch nicht eingefallen. Er sah sich plötzlich in dem leeren Raum, von dem eisigen Gefühl zu Boden gedrückt, daß seine Leiden jetzt erst wahrhaft beginnen würden. Gleichzeitig aber war er so gespannt auf das Resultat seiner Audienz beim König, daß er keine Zeit übrig zu haben meinte, sich mit dem Suchen nach einer neuen Stellung zu beschäftigen. Es standen ja ganz andere Dinge auf dem Spiel. Er verglich seinen eigenen, kleinen, zufälligen Brotkampf mit dem großen Zweikampf zwischen Prinzipien und Interessen, der jetzt beginnen sollte. Er beruhigte sich vorläufig mit der Extragage, die Didrichsen ihm gegeben hatte, in der Hoffnung, daß die Dinge sich gewendet haben würden, wenn diese aufgezehrt sei. Bis dahin würde ein Resultat vorliegen, das ihm Genugtuung geben und ihn mit einem Schlage über den Kampf um das tägliche Brot emporheben würde. Jeden Morgen und Abend stürzte er sich begehrlich auf die Zeitungen. Er erwartete etwas zu lesen, wie daß Kammerherr Tithoff »einem Gerücht zufolge« auf Grund von Kränklichkeit abdanken würde. Vielleicht würde sogar noch mehr Staub aufgewirbelt werden. Dem König, dessen Gerechtigkeitssinn allgemein bekannt war, konnten jetzt, wo sein Mißtrauen einmal geweckt war, die Augen für Dinge aufgegangen sein, die ihm früher rätselhaft gewesen waren, Dinge, von denen nur der, der an den Staatsratssitzungen teilgenommen hatte, Bescheid wußte. Vielleicht hatte er sich im Vertrauen von dem Staatsratssekretär das Protokoll zum Durchforschen ausgebeten. Vielleicht hatte er sich an Hand desselben gewisse rätselhafte Punkte ins Gedächtnis zurückgerufen oder durch den Kabinettsekretär geheime Untersuchungen vornehmen lassen, da ihm jetzt ein bestimmter Weg angegeben worden war. Vielleicht war er dadurch zu bestimmten Fragen gelangt, für die er von dem Ministerpräsidenten Aufklärung gefordert hatte. Vielleicht hatte es in der Stunde eines einsamen Privatkabinetts zwischen dem König und seinem verantwortlichen Minister, der den König auf untertänigste Weise auf seinen eingeschränkten Platz zurückzuweisen versuchte, einen Kampf gegeben. Vielleicht war der König stark genug gewesen, dem Minister zu verstehen zu geben, daß er in einem doppelten Vertrauensverhältnis stünde, nicht nur in einem äußeren politischen dem Volk gegenüber, das vom Reichstag vertreten wurde, sondern auch in einem inneren persönlichen, dem König gegenüber, dessen freies Ernennungsrecht dem Volke eine Garantie sein sollte, daß nicht hinter den Kulissen Dinge vorgingen, die gegen Recht und Ehrlichkeit verstießen und folglich keines Vertrauens wert waren. Oh, vielleicht – wenn der König stark genug wäre, würde man eine ganze Krise zu sehen bekommen; unter dem Vorwand irgendeiner politischen Uneinigkeit mußte dann das ganze Ministerium abdanken. Dann galt es eine Königsprobe, dann würde es darauf ankommen, was die persönliche Umgebung des Königs wert war. Ob Seine Majestät imstande war, die Besten des Landes ausfindig zu machen – diejenigen, die, wenn sie auch zurückgezogen lebten, dennoch in kritischen Augenblicken geahnt werden. So kreisten Svends Gedanken beständig um dasselbe. Er kam mehr und mehr von dem fort, was der Ausgangspunkt gewesen war, von seinem eigenen persönlichen Zusammenstoß. Ein starkes und echtes Allgemeininteresse wuchs in ihm empor. Das Geradlinige in seiner Natur, die reine Linie, an der Fall sich erfreute und die er ästhetisch genoß, war es, die ihn dazu drängte. Durch dieses zunehmende Interesse bekam seine Neigung für eine öffentliche Wirksamkeit, sein Streben nach einem Reichstagsmandat als vorläufigem Ziel, neue und kräftige Nahrung. Er hatte darüber eine lange Unterredung mit Falk. Die Schwierigkeit lag darin, daß er die Chance für das bestimmte Mandat, das er im Auge gehabt hatte, die Vertretung für die Fischer, wahrscheinlich durch seine Entlassung aus dem Departement verspielt hatte. Falk schlug ihm vor, sich in seiner Heimatgegend als Kandidat aufstellen zu lassen. Als Besitzer von Lindersbo hatte er einigen Einfluß und stand sich gut mit den Großbauern. Svend nahm den Vorschlag dankbar an und warf sich von neuem mit Eifer auf seine politischen Studien. Die Tage vergingen. Und noch immer ereignete sich nichts. Es war nicht möglich, auch nur die geringste Spur, die seine Audienz beim König hinterlassen hatte, zu entdecken. Seine Ungeduld wurde schließlich so unerträglich, daß er beschloß, den Kabinettsekretär noch einmal aufzusuchen. Es war doch immerhin möglich, daß er durch ihn etwas erfahren konnte. Als Vorwand wollte er die Frage des Königs, ob er an ein anderes Amt gedacht habe, benutzen. 16 Der kleine, zierliche Kabinettsekretär erhob sich von seinem Sofa und kam ihm freundlich lächelnd entgegen. Es war ein ganz anderer Empfang als beim erstenmal. Die Liebenswürdigkeit verblüffte Svend, der sich gegen kühle Zurückhaltung gewappnet hatte. »Ich bin erfreut. Sie zu sehen,« sagte der Sekretär und gab ihm seine ganze Hand. Svend nahm im Sessel Platz und brachte sein Anliegen vor. Der Kabinettsekretär tat sehr erstaunt. So hätte er die Sache gar nicht aufgefaßt. Er könne ihm versichern, daß Seine Majestät einen vorzüglichen Eindruck von ihm bekommen und sich sehr gnädig über ihn geäußert habe; aber der König hätte auch die Auffassung, daß er seinen Abschied genommen habe, um ein vollkommen unabhängiger und freier Mann zu werden. Svend betrachtete den Kabinettsekretär, dessen kleine, lebhafte Augen munter blitzten, voller Erstaunen. »Sie vergessen das Unrecht, das man mir im Ministerium zugefügt hat!« sagte er ernst. Der Kabinettsekretär lächelte, als ob Svend einen Witz gemacht hätte; als der junge Mann aber unverändert ernst blieb, beugte er sich vor und sagte: »Wenn Sie im Staatsdienst bleiben wollten, weshalb dann dieser Umweg durch Abschied?« »Ich hatte keinen anderen Weg, um meine Ansprüche geltend zu machen!« Jetzt schien ihm der Augenblick gekommen, wo er den Kabinettsekretär ausforschen konnte. »Ich habe Grund anzunehmen,« fügte Svend hinzu, »daß Seine Majestät nicht nur meine Ansprüche verstanden, sondern auch dem Betreffenden gegenüber Schritte unternommen hat –« Der Kabinettsekretär sah hastig auf. »Wie meinen Sie das?« »Daß Seine Majestät mit Kammerherrn Tithoff gesprochen hat, wie es seine Absicht war.« »Das hat er sicher; aber wie gesagt: ich habe den Eindruck, daß weder der König noch der Minister Sie so verstanden haben, daß Sie in ein neues Amt einzutreten wünschen.« Er lächelte wieder mit fast herausfordernder Liebenswürdigkeit. »Es ist ja nur begreiflich,« fügte er hinzu, »daß ein junger vermögender Mann wie Sie sich nicht durch ein öffentliches Amt binden möchte. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich sicher ebenso handeln.« »Vermögend?« Svend sah erstaunt auf. Was sollte das heißen? – War es Unwissenheit oder ein Versuch, ihm sein Verhältnis zu Kruse zu entlocken. Nach einem Augenblick der Überlegung sagte er: »Ich gestatte mir, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ich nach Lösung meiner Ehe auf jeglichen Anteil an dem hinterlassenen Vermögen meines Schwiegervaters verzichtet habe.« »Das meinte ich auch gar nicht!« sagte der Kabinettsekretär mit unveränderter Liebenswürdigkeit. » Enfin! – Wenn Sie nicht darüber zu sprechen wünschen, so lassen wir das.« Svend hatte den bestimmten Eindruck, daß der Kabinettsekretär wirklich meinte, daß er ihm etwas verbergen wolle. Deshalb beeilte er sich zu versichern: »Ich bin alles andere als vermögend, und wenn ich –« er war dicht daran zu verraten, daß seine Anfrage nach einem Amt nur ein Vorwand sei, aber er schwenkte noch rechtzeitig ab – »und wenn ich mich der Hoffnung hingebe, ein neues Amt, natürlich in einem anderen Etat, zu bekommen, so ist es, um der Zukunft unbekümmert ins Auge blicken zu können, bis –« Er wollte sagen: »Bis ich mir einen Weg zu einer politischen Wirksamkeit gebahnt habe.« Der Kabinettsekretär aber mißverstand ihn und unterbrach ihn lächelnd: »Ich verstehe – bis Ihre Zeit gekommen ist.« Dann erhob er sich und sagte wie in einer naheliegenden Gedankenverbindung: »Sagen Sie mal, Herr Byge, wie alt ist eigentlich Ihre Tante, die Konferenzrätin Byge?« Svend sah erstaunt auf. Dann ging ihm plötzlich ein Licht auf. Der Kabinettsekretär spielte auf Onkel Kaspers Vermögen an. Das Blut stieg ihm zu Kopf. Es war jetzt das dritte Mal, daß ihm diese Anspielung in einer ernsten Unterredung begegnete. Es schien, als ob alle anderen, vom Prinzen und Kruse, bis zu dem Assessor bei Didrichsen, über diese Sache Bescheid wußten, nur für ihn war sie beständig in Dunkel gehüllt. War wirklich etwas Wahres daran? Tausend Gedanken und Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Er fand keine Zeit zur Überlegung, ob er dementieren oder mit Stillschweigen darüber hingehen sollte, darum begnügte er sich damit, die gestellte Frage zu beantworten. »Meine Tante ist, soviel ich weiß, neunundsechzig Jahre alt; aber sie ist sehr leidend.« »Das tut mir leid!« sagte der Kabinettsekretär bedauernd. Die kleinen lebhaften Augen aber blinzelten Svend ein »Gottlob« zu. Indem er Svend zur Tür begleitete, sagte er: »Ich kann natürlich nicht dafür einstehen, was Kammerherr Tithoff für einen Eindruck bekommen hat; aber wenn Sie wirklich ein neues Amt wünschen, so möchte ich Ihnen doch raten, zu ihm zu gehen. Es ist ja nicht unmöglich, daß Tithoff irgend etwas für Sie hat, was er Ihnen anbieten kann. Er ist ja so ein außerordentlich wohlwollender Mann, dem es gar nicht ähnlich sieht, vorsätzlich ein gegebenes Versprechen zu brechen.« Svend antwortete nichts. Auf seinem Wege nach Hause war er so von den Worten des Kabinettsekretärs über seine Vermögensverhältnisse in Anspruch genommen, daß er weder sah noch hörte, was um ihn herum vorging. Er fuhr darum zusammen, als dicht neben ihm eine wohlbekannte Stimme »guten Tag, Byge« sagte. Es war Premierleutnant Flindt, der Adjutant des Prinzen. Der kleine, runde Offizier strahlte förmlich vor guter Laune und Selbstzufriedenheit in dem klaren Frostwetter, unter einem graublauen Himmel. »Wie geht's Ihnen? Lange her, seit wir uns gesehen haben!« Flindt drückte ihm herzlich die Hand und Svend verstand, daß er damit sagen wollte, daß seine Ehescheidung und Entlassung das gute Verhältnis zwischen ihnen nicht getrübt habe. Sie gingen ein Stück zusammen. Svend konnte es nicht unterlassen, nach dem Prinzen zu fragen. »Es geht ihm großartig!« sagte Flindt, fühlte aber im selben Augenblick instinktiv, daß Svend ihn vielleicht mißverstehen würde. Man konnte ja nicht wissen, was Ellen ihm gesagt hatte, denn Flindt wußte aus Erfahrung, daß bei ehelichen Auseinandersetzungen der eine Teil dem anderen gewöhnlich das an den Kopf wirft, was dem anderen am unangenehmsten zu hören ist. Er beeilte sich deshalb hinzuzufügen, indem er Svend mit seinen lebenslustigen Augen fest ansah: »Ich muß Ihnen sagen, mein lieber Byge, daß Sie einen großen Bewunderer in Seiner Durchlaucht haben.« »Wirklich?« Svend bekam einen strammen Zug um den Mund. Flindt aber faßte ihn unterm Arm und fuhr eifrig fort: »Ja, wahrhaftig. Von solchen Leuten wie Byge müßten wir mehr haben, sagte er neulich, als von Ihrem Abschied und – eh – der Audienz beim König die Rede war.« Flindt preßte seinen Arm: »Verflucht schneidig von Ihnen! Abschied aus Überzeugung. Das macht Ihnen niemand nach. Und dann eine alte, gebrechliche Erbtante im Rücken – ha, ha. Ich beneide Sie von ganzem Herzen, Byge, tatsächlich. Sie nehmen eine ganz exzeptionelle Stellung ein.« Auch er sprach von der Erbschaft. Das mußte ja in der ganzen Stadt bekannt sein. Er wollte diesem Gerücht doch mal auf den Grund gehen. »Erbtante? Was wissen Sie eigentlich davon, Flindt?« fragte er und sah ihn fest an. »Gott bewahre, wenn es ein Geheimnis sein soll, so weiß ich natürlich nichts.« »Nein, sagen Sie mir bitte die Wahrheit!« Flindt sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er verständnisvoll: »Ach, lassen Sie mich in Ruh, Sie Geheimniskrämer. Das weiß doch alle Welt.« »Woher wissen Sie es aber?« »Ich?« Flindt dachte nach. »Ich weiß es wohl vom Prinzen – oder von meiner Frau – oder ich hab es im Ministerium gehört. Wenn es übrigens ein Geheimnis sein soll, so ist es ungewöhnlich schlecht verwahrt. Wissen Sie, Byge, so was kann nicht geheimgehalten werden. Ich will gern glauben, daß es die Absicht Ihres ehrenwerten Onkels war – das sieht alten Leuten, die etwas zu vererben haben, ähnlich. Wenn man nur eine Andeutung auf ihr Testament macht, bekommen sie schon einen Schlaganfall. War der Alte nicht auch ein bißchen geizig – vorsichtig mit jungen Leuten, und so?« Svend nickte. »Da haben Sie's. Und dann steigt er ins Grab und meint, was die Witwe und der Rechtsanwalt und die Zeugen und der Notar wissen, das könne ewig ein Geheimnis bleiben.« Flindt lachte nachsichtig, und Svend unterließ es zu widersprechen. Er wußte ja doch nichts, und vielleicht war es das klügste, die Leute bei ihrem Glauben zu lassen. Rechtsanwalt – Notar! Wieder ein Streiflicht. Hatte Assessor Hansen nicht gesagt, daß er sich Konferenzrat Byges erinnerte? Sollte er bei der Unterschrift des Testaments zugegen gewesen sein? Der Gedanke beschäftigte ihn so stark, daß er sich Flindts so schnell wie möglich zu entledigen versuchte. Sie schieden mit einem freundschaftlichen Händedruck voneinander. 17 Der erste Januar kam mit stillem, klarem Frostwetter. Als Svend sein Rouleau aufrollte, lag der Park mit seinen bereiften Bäumen und Büschen in blendendem Morgenlicht da. Dort draußen glühte eine Hoffnung so stark und reich, daß der Mißmut mit einem Schlage aus seinem Gemüt entschwand. Er streckte seine Arme dem Leben entgegen und jubelte über die erste Verzauberung des Jahres. Nachdem er gefrühstückt und eine Weile in die schimmernde Landschaft geblickt hatte, zog er sich an und ging in den Park. Dort war es voll von Spaziergängern. Die Leute kamen schon aus der Kirche. Die Glocken läuteten. Ein tiefer Baßton brummte um die Wette mit einem höheren, helleren. Die Glocken schienen einander überzeugen zu wollen, die eine von dem Düsteren, die andere von dem Heiteren. Svend ging zum Teich, in der Mitte des Parkes. Dort schwammen Schwäne und schnappten mit einer Haltung nach dem Brot, das ihnen zugeworfen wurde, als erwiesen sie den Menschen eine Ehre, wenn sie ihre Brotkrumen nahmen. Svend blieb plötzlich stehen und griff sich mit einer unwillkürlichen Bewegung ans Herz. Die junge Dame dort, die sich über einen kleinen geputzten Knaben beugte, um ihm die Nase zu trocknen, während ein anderes Kind, noch kleiner und noch geputzter, neben ihr trippelte und zwei großen Schwänen Furcht einjagen wollte, indem es seine kleinen Fausthandschuhe gegeneinander schlug – ja – das war Ellen. Und das waren Henning und Jörgen. Tränen schossen ihm in die Augen und blendeten seinen Blick. Er zog sich in eine Seitenallee zurück, um sie zu betrachten, ohne selbst gesehen zu werden. Es erschien ihm unfaßbar, daß diese flotte, junge Frau, für die das Leben so munter wie ein Scherz zu sein schien, die Seine gewesen war, daß sie wirklich Tag und Nacht Seite an Seite gelebt hatten. Und die beiden Kleinen – Henning und Jörgen –, das waren seine Knaben. Als er sie zum letztenmal sah, spielten sie auf dem Teppich. Sie ritten auf seinen Knien, während er ihnen etwas vorsang – und jetzt – jetzt würden sie ihn kaum wiedererkennen, wenn er plötzlich vor ihnen stünde. Wie bitter das war! – Wie kalt, wie einsam! Was hatte er verbrochen, daß ihm alles genommen worden war! Wieder wurden seine Augen von Tränen geblendet. Ellen hatte Brot mit, das die Kleinen den Schwänen zuwerfen durften. Sie waren entzückt und plauderten unausgesetzt. Als das Brot schließlich aufgezehrt war, bürstete sie sich mit ihrem Muff die Krumen vom Rock, ordnete die Kleider der Kinder und wandte sich zum Gehen. Svend folgte ihnen von fern. Er verlor sie nicht aus dem Auge, solange sie im Park waren. Als sie durch das Gittertor hinausgingen, blieb er stehen und sah ihnen nach, bis er ihren großen Trauerhut und die weißen Handschuhe der Kleinen nicht mehr unterscheiden konnte. Da kehrte er traurig in seine einsamen Stuben zurück. Die ersten Tage nach Neujahr benutzte Svend, um sich auf seine augenblickliche Lage zu besinnen. Sein Geld war bald zu Ende. Er mußte sparen, einen Ausweg suchen. Leider sah es so aus, als würde seine Sache mit dem Ministerium im Sande verlaufen. Sie hatte keine für ihn sichtbare Spur hinterlassen. Der Gedanke, zu Kammerherrn Tithoff zu gehen, wie der Kabinettsekretär ihm geraten hatte, war von vornherein ausgeschlossen. Aber irgend etwas mußte er tun. Er hatte bereits vor längerer Zeit seine Gedanken über das herrschende System und seine Schäden niedergeschrieben. Sie hatten sich unwillkürlich zu einem polemischen Aufsatz geformt; und als er sie jetzt von neuem durchlas, kam ihm der Gedanke, daß er einen scharfen und treffsicheren Zeitungsartikel daraus machen könne. Er machte sich sofort an die Arbeit; und bereits bevor es Abend wurde, war der Artikel fertig. Er hieß »Das herrschende System«, beschuldigte die Regierung ziemlich unverblümt der Abhängigkeit von einer näher bezeichneten Privatperson und endete mit der direkten Aufforderung an die Minister, abzudanken. Nachdem er lange hin und her überlegt hatte, kam er schließlich zu der Überzeugung, daß er den Artikel nirgends anders angebracht bekommen würde als in der Zeitung, die den Mut gehabt hatte, seinen Schwiegervater zu verdächtigen. Der Redakteur – ein kleiner grauhaariger Herr mit festgeschlossenen Lippen und ausdruckslosen, wasserblauen Augen hinter einem goldenen Kneifer – bot Svend mit einer eigenen, vorsichtigen Höflichkeit einen Stuhl an. Es lag ein halb neugieriger, halb mitleidiger Blick in seinen blassen Augen, als ob er Svend nicht recht ernst nähme; es war offenbar, daß auch er von der Sache gehört hatte und sie von einem voreingenommenen Standpunkt betrachtete. Er las den Artikel durch, während Svend dabeisaß. »Ja, Herr Byge,« sagte er nach einem Augenblick der Überlegung, während er seinen Kneifer sorgfältig mit seinem Taschentuch putzte, »der Artikel ist gut geschrieben, aber er ist zu scharf. Es tut mir leid, daß ich ihn nicht bringen kann. Wir haben ja schon früher in dieser Angelegenheit das Wort ergriffen« – der Redakteur lächelte schalkhaft – »Sie erinnern sich vielleicht, wie die ganze Bürgerschaft über uns herfiel, als wir Departementschef Kruse angriffen.« Dann legte er sein Gesicht in würdige Falten, setzte den Kneifer auf und fügte hinzu: »Außerdem bin ich nicht davon überzeugt, daß es so schlimm ist, wie Sie schreiben. Welten ist ja wirklich einer unserer wenigen bedeutenden Männer, dem ich – eh – keinen Stein in den Weg legen will, solange ich nicht persönlich davon überzeugt bin, daß es für das Land notwendig ist. Und wie gesagt, ich glaube es nicht.« Aha, dachte Svend bitter, auch hier hat der Allmächtige seine Hand im Spiel gehabt. »Ihrer selbst wegen, Herr Byge,« fügte der Redakteur mit väterlichem Wohlwollen hinzu, »möchte ich Ihnen raten, den Artikel in der Schublade zu lassen. Ein so scharfer Artikel muß mit einem Namen gedeckt werden. Und ich fürchte, er kann gerade von Ihrer Hand – ein Mann, der seinen Abschied im Zorn genommen hat – ohne Wirkung bleiben, weil man ihm mit einem Achselzucken und dem kleinen Wort: ›Querulant‹ begegnen wird.« Querulant? Svend sah ihn erstaunt an. Das war etwas Neues. Es erfüllte ihn mit einem so plötzlichen Zorn, daß das Blut ihm heftig zum Herzen drang. Er meinte doch, daß er die Sache von allen Gesichtspunkten betrachtet hatte, aber dies war ihm noch nicht eingefallen. Querulant! Dies Wort traf ihn hart. Er fühlte, wie boshaft es war, wie gewissenlos, wie mächtig im Munde derer, die es zur rechten Zeit und am rechten Ort zu gebrauchen verstanden. Hatte man ihn vielleicht schon mit diesem schwarzen Stempel der Wahnvorstellung versehen? Er fühlte die Augen des Redakteurs auf sich ruhen, darum nahm er sich rasch zusammen, griff nach dem Artikel, steckte ihn ohne ein Wort zu sagen in die Tasche, verbeugte sich und ging, während der kleine grauhaarige Redakteur sich verblüfft erhob, um ihn zur Tür zu begleiten, es aufgab, sich wieder setzte und ihn mit einem indignierten Kopfschütteln aus seinem Leben strich. Svend war erbittert. Das war wie ein Drachenkampf. Nirgends etwas, das er treffen konnte. Alles entglitt ihm aalglatt, um ihn hinterher vom Rücken zu umspannen. Querulant! Was für eine niederträchtige Waffe! Denjenigen, der für sein Recht kämpft, zu einem Unzurechnungsfähigen zu machen, mit dem man Mitleid hat, und sich damit der Frage des Unrechts zu entledigen. 18 Je mehr Svend über die Sache mit der Erbschaft nachdachte, desto mehr leuchtete ihm ein, daß den Gerüchten, die ihm von ganz verschiedenen Seiten zugetragen worden waren, etwas Positives zugrunde liegen müsse. Der Gedanke, daß einst, vielleicht bald, der Tag kommen würde, wo sein Streben im Dienst eines idealen Zieles nicht mehr von dem Kampf ums tägliche Brot geknebelt sein würde, wirkte wie ein Rausch auf ihn und ließ ihn nicht wieder los. Wenn er auch nicht bewußt mit der Erbschaft rechnete, so übte das magische Wort dennoch seine Wirkung unter der Schwelle seines Bewußtseins aus und stärkte ihn in seinem Vorsatz, nicht nachzugeben. Er sah sein Verhältnis zur Konferenzrätin jetzt in einem neuen Licht, das vieles erklärte und einiges entschuldigte. Und die Gerüchte hatten jedenfalls das eine Ergebnis, daß er seinen Stolz nicht länger bekämpfte und beschloß, sie um ihre Unterstützung zu bitten. Er fand, es sei der natürliche Weg, um etwas Genaues über die Gerüchte zu erfahren, jetzt, wo es so außerordentlich viel für seine Zukunft zu bedeuten hatte. Er überlegte hin und her und beschloß schließlich, die alte Dame persönlich aufzusuchen. Als er zu ihrer Villa kam, erfuhr er, daß sie verreist sei und daß er sich an ihren Rechtsanwalt wenden möge, dessen Adresse er bekam. Doktor Fratz war ein kleiner, untersetzter Herr mit einem kurzgeschnittenen Vollbart, einer blanken Glatze und runden, feuchten Augen. Nachdem Svend sich vorgestellt hatte, bot Doktor Fratz ihm mit großer Zuvorkommenheit einen Stuhl und setzte sich selbst behaglich zurecht, indem er seine Hände auf die massiven, kugelrunden Kniescheiben stemmte und die Augen fragend auf Svend heftete. Je mehr Svend erzählte, wobei er eifrig wurde, und seine eigene Angelegenheit fast wegen der »Affäre« vergaß, desto erstaunter wurde Doktor Fratz. Er war augenscheinlich ganz verblüfft, wie ein junger Mann in einer niedrigen Beamtenstellung so gegen seine Vorgesetzten vorgehen konnte. »Darf ich fragen,« begann er vorsichtig, »womit ich Ihnen nach der interessanten Darstellung Ihrer Lage dienen kann?« Svend nannte kurz und bündig sein Anliegen: Eine Unterstützung von Konferenzrätin Byge. Doktor Fratz' Augen veränderten sofort ihren Ausdruck. Er erhob sich und wandte sich zur Seite, während er zu überlegen schien. Die bereitwillige Liebenswürdigkeit seines Gesichtes war einer kalten Geschäftsmiene gewichen. Schließlich drehte er sich zu Svend um und sagte streng: »Darf ich fragen, Herr Byge, was berechtigt Sie zu solchen Forderungen der Konferenzrätin gegenüber?« »Ich trage ihren Namen, und meine Ausbildung ist, wie Sie vielleicht wissen, von meinem verstorbenen Onkel, ihrem Mann, bestritten worden.« Doktor Fratz überlegte wieder, ohne daß sein forschender Blick Svend verließ. »Ich wüßte nicht,« sagte er schließlich, »daß die Konferenzrätin ein besonderes Interesse für Sie nährt, Herr Byge –« Jetzt war es an Svend zu fixieren, und er tat es so scharf, daß die Pupillen in Doktor Fratz' feuchten Augen sich unwillkürlich zusammenzogen. »Das wüßte ich auch nicht,« antwortete er, »aber mein Onkel war mir sehr wohlgesinnt, wie ich wohl behaupten kann. Und ich habe Grund anzunehmen, daß er diesem Interesse in seinem Testament einen praktischen Ausdruck gegeben hat.« Bei dem Wort »Testament« horchte Doktor Fratz auf. Er erhob sich wieder vom Stuhl und sagte in einem brüsken, fast verweisenden Ton: »Niemand kennt den Inhalt von Konferenzrat Byges Testament. Und ich habe nie gehört, daß Sie eine Sonderstellung unter den Erben einnehmen. Worauf stützen Sie Ihre Annahme, wenn ich fragen darf?« Svend wußte nicht recht, ob der andere wirklich unwissend war und ihn ausforschen oder ob er nur die Tiefe seines Wissens ermessen wollte. »Das kann ich Ihnen nicht näher mitteilen,« sagte er und warf den Kopf in den Nacken. Doktor Fratz schien etwas vor den Kopf gestoßen. Dann lenkte er ein und wurde wieder liebenswürdig. »Nun, es handelt sich hier ja nicht um das Testament des Konferenzrates, sondern um das Interesse der Frau Konferenzrätin für Sie. Und da muß ich Ihnen leider sagen, daß Ihre Tante so leidend ist, daß ich nicht weiß, ob ich sie mit Ihrem Anliegen behelligen darf.« »Ich würde Ihnen dennoch sehr dankbar dafür sein!« sagte Svend und sah Doktor Fratz eindringlich an, indem er ihm durch den Blick zu verstehen gab, daß, wenn er sein Erbe bekäme, er ihm seinerseits dienen würde. Doktor Fratz verstand ihn sofort. Er nickte resolut. Im Augenblick war seine Dankbarkeit wohl nicht viel wert, aber man mußte damit rechnen, was sie eventuell einst wert werden konnte. »Ich werde für Sie tun, was ich kann!« sagte er großmütig. Damit begleitete er ihn zur Tür und drückte ihm die Hand. Es vergingen vierzehn Tage, bis eines Abends, als Svend von Falk kam, ein Brief mit Doktor Fratz' Firma für ihn dalag. Er teilte ihm mit, daß die Konferenzrätin im höchsten Grade erstaunt über sein Ansinnen sei. Sie schriebe, daß sie nicht imstande sei, seine Lage zu beurteilen, daß sie aber, soweit sie seinen Charakter kenne, geneigt sei, anzunehmen, daß er sich die unglückliche Situation, in der er sich befinde, selbst zuzuschreiben habe. Dennoch habe sie beschlossen, ihm so weit entgegenzukommen, daß sie ihm dreitausend Kronen auszahlen lassen wolle. Sie lasse ihm aber ausdrücklich sagen, daß dies das letztemal sei. Sie fordere ihn auf, mit dem Gelde Haus zu halten, und spreche die Hoffnung aus, daß er so vernünftig sein werde, seinen starren Sinn zu beugen und durch eine Abbitte wieder ins Ministerium zurückzukehren. Die Summe könne er jederzeit in seinem Büro erheben, fügte Doktor Fratz hinzu. Svend biß die Lippen aufeinander und lachte höhnisch über den Rat der Konferenzrätin betreffs der Abbitte. Dann überlegte er, worauf er aus ihrer Entscheidung schließen konnte. Er kam zu dem Resultat, daß, wenn sie aus einer so ungünstigen Motivierung heraus zu einem verhältnismäßig so günstigen Schluß gekommen sei, so müsse noch ein ungenanntes, aber zwingendes Motiv vorhanden sein, nämlich daß sie denjenigen, der ihr Vermögen erben sollte, nicht der Not preisgeben konnte. Am nächsten Tage fand Svend sich in Doktor Fratz' Kontor ein und bekam gegen eine umständliche Quittung ein Sparkassenbuch mit der genannten Summe ausgeliefert. Er dankte Herrn Fratz, der heute ganz väterlicher Freund war, aufs beste, und sprach die Hoffnung aus, daß er bald Gelegenheit fände, ihm einen Gegendienst zu leisten. 19 Von dem Augenblick an, wo Svend das Sparkassenbuch der Konferenzrätin mit den dreitausend Kronen in der Hand hielt, zweifelte er nicht länger, daß Onkel Kasper ihn zu seinem Erben eingesetzt hatte. Das war die einzige Annahme, die nicht allein das rätselhafte Benehmen der Konferenzrätin ihm gegenüber, sondern auch die Andeutungen, die ihm von so verschiedenen Seiten begegnet waren, erklärte. Das änderte nichts an seinem Verhältnis zur »Sache«. Er hatte ja bereits sich selbst und der Welt bewiesen, daß er auch ohne Vermögen oder Aussicht auf Vermögen konsequent dem folgen würde, was er für Recht hielt. Aber es änderte viel an seinem Blick für die Zukunft. Er war mit einem Schlage in die Klasse derjenigen aufgerückt, deren Wort und Haltung die menschliche Gesellschaft gutwillig jene Bedeutung einräumt, die ihr von anderen erst abgerungen werden muß. Auch v. Falk hatte von den Gerüchten betreffs seiner Erbschaft gehört und wunderte sich mit Svend über die Dreitausend von der Konferenzrätin; er riet ihm aber eindringlich, skeptisch zu sein, um sich keiner ernsthaften Enttäuschung auszusetzen. Svend aber, der seinen Pessimismus zur Genüge kannte, kehrte sich nicht daran. Im März, als das Wetter milder wurde, war Svend v. Falks Gast auf Lindersbo und hielt bei dieser Gelegenheit zur Vorbereitung für seine Wahl mehrere politische Versammlungen ab. Falk fuhr mit ihm zu den einflußreichsten der Großbauern und amüsierte sich köstlich bei diesen Besuchen, Svend aber hatte die ärgerliche Empfindung, daß die Bauern ihn nicht verstanden oder nicht verstehen wollten. Nur wenige bekannten ehrlich, daß Svends Programm ihnen nicht praktisch genug dünkte: »Zusammenarbeiten von Stadt und Land außerhalb jeglichen Parteiwesens zur Förderung des nationalen Gewerbes, hauptsächlich der stiefmütterlich behandelten Fischerei; Kampf zur Reinigung aller öffentlichen Verhältnisse durch eine prinzipienfeste Regierung, die allen Privatinteressen fern stand« – das klang ja recht schön, fanden sie. Aber wo blieb da die Eisenbahn, die sie haben wollten? Und die Fischerei? Fischerei gab es ja kaum in ihrer Gegend. Es zeigte sich dagegen, daß Svends Mitbewerber, der von dem Hauptlager der Partei geschickt wurde, ein Mann war, der alle abgeleierten Redensarten der Partei am Schnürchen wußte. Als er auf dem Rednerstuhl stand, fand er Gelegenheit, von Svends Entlassung zu sprechen, auf eine breite, volkstümliche Weise, und er hing ihm das Wort »Idealist« mit einer solchen Betonung an, daß die Wähler, die nur eine dunkle Vorstellung von der Bedeutung dieses Wortes hatten, glaubten, daß er »Idiot« meinte. Als schließlich der Wahltag kam, wurde Svends Gegenkandidat mit einer Majorität von fast zweihundert Stimmen gewählt. Im Herbst, als das Wetter rauh wurde, zog v. Falk sich eine Erkältung zu. Sie entwickelte sich zu einer ernsten Lungenentzündung. Er lag in seiner Villa, wo er von seiner alten Haushälterin rührend gepflegt wurde. Als die Krankheit schließlich eine bessere Wendung nahm und er Besuche empfangen durfte, verbrachte Svend täglich eine Stunde an seinem Bett, sprach mit ihm oder las ihm vor, während v. Falks ruhiges Auge, das die Krankheit noch größer gemacht hatte, auf seinen Lippen ruhte. Auf diesen täglichen Gängen zu der Villa begegnete er häufig einer Dame. Und das war Kamma Ejstrup. Am selben Tage, als sie zufällig von Falks Krankheit gehört hatte, war sie in der Dämmerung gekommen und hatte die Haushälterin ausgefragt. Die Alte kannte sie nicht und betrachtete sie zuerst mit feindlichen Augen; als sie aber das regelmäßige, blasse Gesicht, dessen Lippen vor Teilnahme bebten, näher in Augenschein genommen hatte, wurde sie milder gestimmt. Und als Kamma inständig bat, daß sie ihrem Herrn nicht verraten möge, daß eine Dame nach ihm gefragt habe, schwand jedes Gefühl der Eifersucht bei ihr. Eines Tages hörte v. Falk ihre Stimme im Korridor – die Haushälterin hatte vergessen, die Tür hinter sich zu schließen. Da entlockte er der Alten die Wahrheit, und nachdem er einige Tage Kammas diskretes Läuten und das leise Flüstern im Korridor gehört hatte, gab er seiner Haushälterin Auftrag, das Fräulein hereinzubitten, damit er für ihre Teilnahme und die regelmäßigen Blumensendungen, die gewiß von ihr seien, danken könne. Kamma hatte ihre ganze Selbstbeherrschung nötig, als sie sah, wie die Krankheit sein teures Gesicht ausgezehrt hatte. Falks große Augen spürten sofort, was in ihr vorging. Er streckte ihr schweigend die Hand entgegen; und während sie ihre Verlegenheit unter einem Strom von heiteren, ermunternden Worten verbarg, weilten seine Augen auf ihrem Haupte. Er freute sich über den launenhaften Fall ihres unregierlichen Haares, über die schmale, feine Wange und den ausdrucksvollen Mund, der in unablässiger Bewegung war. Es tat ihm wohl, so zu liegen und sie zu betrachten, während ihre klare, deutliche Stimme mit einem warmen Wortstrom über ihn herabrieselte und ihn häufig durch eine drollige Bemerkung zum Lächeln brachte. Kammas Krankenbesuche wurden ihm schließlich zu einer täglichen Gewohnheit. »Sie will mich haben!« dachte Falk, während sie im Lehnstuhl an seinem Bett saß und plauderte, »seit vielen Jahren hat sie mich schon haben wollen!« Und er dachte an ihre ganz jungen Tage zurück. »Sie will mich haben!« dachte er mit einem Lächeln, wenn sie ihn verlassen hatte und er mit den geschärften Sinnen eines Rekonvaleszenten den Duft ihrer Person einatmete, der noch durch das Zimmer wogte. Er lächelte bei dem Gedanken, wie oft er sich schon dasselbe gesagt hatte; früher war ein Widerstreben in seinem Sinn gewesen, jetzt, wo er den tiefen Ernst ihrer Neigung kennen gelernt hatte, wurde die Sache für ihn eine andere. Er dachte nicht mehr an sie, wie der Reiche, der an Nachstellungen gewöhnt ist, an den Armen denkt. Er dachte mit Freuden an sie und wunderte sich darüber. »Kamma Ejstrup wollte ihn haben!« sagte er zu sich selbst, als beschäftige er sich mit einer biographischen Studie. Dann fügte er hinzu: »Und sie bekam ihn schließlich.«   Sie bekam ihn sogar früher, als einer von ihnen gedacht hatte. Die Rekonvaleszenz zog sich in die Länge. Obgleich v. Falk fieberfrei war, verlangte der Arzt dennoch, daß er nach dem Süden reisen sollte, weil der Herbst ungewöhnlich rauh und kalt war und seine Lungen nur geringe Widerstandskraft hatten. Nur hatte er Bedenken, ihn allein reisen zu lassen. Falk erzählte Kamma von der Verordnung des Arztes. »Ich soll ein Kindermädchen mithaben!« sagte er mit einem wehmütigen Lächeln. Eine plötzliche Röte stieg in ihr Gesicht, während ihre Augen dunkel wurden, mit einem matten Hauch wie Trauben. Er sah es und begriff sofort. Das, was sie dachte, war ihm noch gar nicht eingefallen. Er hatte halbwegs beschlossen, daß er Svend bitten wollte, ihn zu begleiten. Es würde ihm guttun, eine Weile aus der heimatlichen Suppe herauszukommen – und, Gott, wie würden Tithoff und die ganze Klerisei entzückt sein, ihn eine Weile loszuwerden. Aber andererseits – wie sollte Svend ihm helfen können – wenn ihm etwas zustieße, solch ausgeprägt unpraktische Natur wie er war! Da saß nun Kamma – mit dem guten Herzen, dem scharfen Mund und dem starken Willen. Sie saß dort errötend und wurde ganz mütterlich bei dem Gedanken, daß sie ihre Hände liebend und beschützend um seinen Kopf legen durfte. Er konnte geradezu mit seinen fünf Sinnen fühlen, wie sie darum flehte, Weib für ihn sein zu dürfen. Es war ein so tiefer Ernst in ihren betauten Augen, daß er nicht umhin konnte, das Wort zu sagen, das er doch gern noch einmal in Ruhe durchdacht hätte. »Wollen Sie mich begleiten?« fragte er, während er sein Gesicht dem ihren näherte und sie mit seinen starken Augen gleichsam an sich zog. Ihr Kopf sank zuerst etwas auf die linke Seite, wie eine frisch entfaltete Blume, die von einem Platzregen getroffen wird. Dann faßte sie sich, richtete sich hastig auf und sah ihm kühn in die Augen. »Ja!« sagte sie und nickte entschlossen. Er mußte dennoch erst ein wenig mit ihr experimentieren, das lag in seiner Natur. »Wird es aber auch angehen?« meinte er und setzte ein bedenkliches Gesicht auf. Diesmal aber errötete sie nicht, noch beugte sie den Kopf. »Das kommt auf Sie an!« »Wenn Sie wenigstens Krankenpflegerin wären!« sagte er scherzend und betrachtete sie lächelnd; sie aber schwieg hartnäckig, ohne ihre Augen niederzuschlagen. »Was werden die Leute sagen, wenn wir zusammen fortreisen?« fragte er und nahm ihre Hand, die über die Stuhllehne hing und nervös in den Fingerspitzen bebte. Sie sah mit Augen voll Tränen zu ihm auf; sie brachen so plötzlich hervor, daß sie ihnen keinen Einhalt zu tun vermochte. Sie warfen einen Schein von Wehmut über ihren Mund, der zu flüstern schien: »Weshalb bist du nicht früher gekommen – als wir beide noch jung waren?« Er verstand sie; und er antwortete, als ob sie laut gefragt hätte: »Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu heiraten!« Er nahm ihre Hand zwischen seine beiden, als sei sie ein krankes Vögelchen, das gewärmt werden müsse, »und nun tue ich es dennoch. Wollen Sie, Kamma?« Sie beugte sich vor und blickte ihm offen in die Augen. »Das wissen Sie ja!« Dann fügte sie hinzu, während wieder Tränen in ihren Augen blinkten: »Ich hab es seit meinem siebzehnten Jahr gewollt!« Sie wußte, daß es demütigend, vielleicht dumm war, dies zu gestehen; aber sie konnte es nach den vielen Jahren des Schweigens nicht mehr zurückdrängen. Er sagte nichts, fuhr nur fort, ihre Hand zwischen seinen beiden zu halten, während er ihren Mund fest ansah. Da legte sie ihren freien Arm ganz still um seinen Nacken, senkte ihre Stirn auf seine Schulter und ließ zum erstenmal ihrer Bewegung freien Lauf. Er ließ ihre Hand los, faßte ihren Kopf und küßte sie auf die Stirn – dort, wo eine einsame Falte ihren feinen lotrechten Strich über der Nasenwurzel zeichnete. »Diese Falte habe ich gewiß auf dem Gewissen!« dachte er im selben Augenblick. Eine Woche später waren sie getraut und auf dem Wege nach Ägypten. Svend schrieb Artikel für Zeitungen. Er mußte sich dazu bequemen, den Ton zu dämpfen, und lernte es, zwischen den Zeilen zu reden. Seine Schriftstellerei erweckte nicht wenig Aufsehen, besonders in den Kreisen, die seine Vorgeschichte kannten. Bei Hofe und im Ministerium sprach man davon und konstatierte mit Befriedigung, daß seine Artikel nichts verrieten, was eine Aktion notwendig machte. Man konnte sie ruhig ignorieren. Kammerherr Tithoff hatte das kleine Amt solange wie möglich offengehalten; als Svend aber immer noch nicht kam, wurde es einem älteren Beamten gegeben. Wenn der Sünder nun doch noch kommen würde, war es zu spät. Dann würde Tithoff diskret andeuten, daß er es seinen Artikeln zu verdanken habe, daß nichts mehr für ihn da sei. Svend aber dachte nicht daran, zu Kreuze zu kriechen. Es war eine beständige Unruhe über ihn gekommen bei diesem andauernden Zustand der Erwartung. Sein Ziel war, in den Reichstag zu kommen, früher oder später. Er suchte die Einflußreichsten der Partei auf. Sie hörten ihm voller Interesse zu, aber es wurde ihnen bald klar, daß der »Systemwechsel« von dem er sprach, etwas anderes war als der, den sie im Munde führten. Er war und blieb in ihren Augen der Idealist, der, indem er die Erbitterung anfachte und die Fahne in den Zeitungen hoch schwang, von Nutzen sein konnte. Praktisch aber war er nicht brauchbar, solange er nicht begriff, daß er sich binden mußte. Ohne Handfeste kein Mandat. Außerdem stand er mit den regierenden Personen auf feindlichem Fuße; und das war ja nicht die Absicht. Man mußte sich mit den Personen verhalten, während man ihre Taten verhöhnte und verdächtigte. Sonst hatte man keinen Zugang zu Einfluß, solange der Kampf währte. Auf die politischen Zukunftswechsel Geld ziehen, das ließ sich nicht gut machen. Während das Gras nachwächst, stirbt der Gaul. Svend erkundigte sich hin und wieder nach dem Befinden der Konferenzrätin. Sie war vom Ausland zurückgekehrt, war aber schwächer als je. Sie verkehrte mit niemandem, und ihre Villa machte einen vollkommen verlassenen Eindruck. 20 Schließlich kam der Tag, an dem Svend abermals dem Nichts gegenüberstand. Es traf ihn mitten bei der Arbeit an einer größeren politischen Abhandlung. Er wollte eine Broschüre herausgeben, die wie ein Sturm über das Land hingehen sollte. Sie sollte die alte Frage, inwieweit eine Regierung nach Prinzipien handeln oder sich von Interessen leiten lassen sollte, von neuem aufnehmen. Sie sollte mit Beispielen illustriert werden, die jeder, der nur einigermaßen in dem öffentlichen Leben mitfolgte, verstehen konnte, ohne daß sie direkte Veranlassung zu gerichtlicher Klage oder Konfiskation boten. Da kam wieder diese unselige Ernährungsfrage und sperrte ihm den Weg! Es half nichts. Die Arbeit ging vor. Er mußte sich bis auf weiteres durch Anleihen helfen. Er schuldete Frau Henrichsen Miete; aber sie drängte ihn nicht, obgleich er wußte, daß sie das Geld notwendig brauchte. In dem Restaurant, wo er aß, genoß er einen ausgiebigen Kredit. Darauf konnte er wohl noch einen weiteren Monat leben. Aber dann waren da all die kleinen täglichen Ausgaben, das Taschengeld; das mußte er leihen. Es war Svend eine große Enttäuschung gewesen, als v. Falk heiratete. Ihm war es, als verliere er dadurch seinen einzigen Freund. Während der ersten Zeit hatten sie auf v. Falks Aufforderung korrespondiert; die Briefe aber wurden seltener und seltener, und Svend meinte eine fremde Hand zwischen den Zeilen zu spüren – die Hand Kammas, der Freundin Ellens. Jetzt, wo er in Not war, galt sein erster Gedanke dennoch v. Falk; aber er konnte sich nicht dazu überwinden, ihn um eine Anleihe zu bitten. Wenn er wenigstens allein gewesen wäre. Da ging er zu dem Rechtsanwalt der Konferenzrätin. Doktor Fratz empfing ihn freundlich; als er aber sein Anliegen hörte, stellte er sich gleich abweisend. Er bedaure, aber er habe strikte Order. Außerdem sei die Konferenzrätin so schwach, daß das Schlimmste zu erwarten sei. Als er hörte, daß es sich um einige hundert Kronen handele, ließ er sich schließlich darauf ein, sie Svend für eigene Rechnung leihweise gegen einen Wechsel zu verschaffen. Svend ging froh nach Hause und beschleunigte seine Arbeit. Als die Broschüre aber schließlich fertig war, war sie zu einem Buch von anderthalb hundert Seiten angeschwollen. Er ging vergebens von Verleger zu Verleger damit. Einige wiesen von vornherein mit kräftigen Worten eine politische Broschüre zurück. Andere machten sich wohl die Mühe sie zu lesen oder ließen sie lesen, fanden sie dann aber zu gewagt – gesetzt, daß der Verkauf verboten wurde! – oder nicht gewagt genug, um als Skandal zu wirken. Schließlich fand sich eine junge, vorwärtsstrebende Firma, die den Versuch wagen wollte, wenn Svend einen eventuellen Verlust tragen würde. Als der Verleger aus diesem Anlaß nach seinen ökonomischen Verhältnissen fragte, verlor Svend die Geduld und nannte den Namen der Konferenzrätin auf solche Weise, daß der Mann begriff, daß er es mit einem reichen Erben zu tun habe. Das änderte die Sache. Dann handelte es sich nur noch um gewisse notwendige Änderungen; es zeigte sich bald, daß diese Änderungen eine teilweise Umarbeitung erforderten, auf die Svend sich, wenn auch ungern, einlassen mußte. Svend wurde bedenklich, als er sah, welche Wirkung der Name der Konferenzrätin auf den Verleger ausübte. Aber er tröstete sich damit, daß das Ende der Konferenzrätin – nach Aussage des Rechtsanwaltes und nach dem, was seine Mutter schrieb, die von Tante Amalie unterrichtet war – jeden Augenblick erwartet werden konnte. Dann würde seine Lage mit einem Schlage eine ganz andere werden. Dieser Gedanke hielt ihn beständig aufrecht; aber er bewirkte gleichzeitig, daß er in keinem Punkt nachgab. Seine ökonomische Lage war verzweifelt, das war sicher. Aber er tröstete sich damit, daß es ja nur eine augenblickliche Misere war; er konnte doch nicht eine Stellung annehmen, in der er sich zu der Meinung anderer bekennen oder wenigstens seine eigene zurückhalten mußte, um die Forderung des Augenblicks zu befriedigen und dadurch das Tieferliegende, auf dem er seine Zukunft aufbauen wollte, zerstören. Wenn es möglich wäre, der Forderung des Augenblicks zu entgehen! Er zerbrach sich den Kopf nach einem rettenden Ausweg. Er mußte um jeden Preis Geld haben; es erschien ihm undenkbar, daß man nicht auf irgendeine Weise auf eine so bald zu erwartende Erbschaft Geld erheben könne. Der Wirt in dem Restaurant hatte bis jetzt keine Schwierigkeiten gemacht. Weder Schneider noch Schuhmacher, Zigarren- oder Buchhändler drängten ihn im Augenblick. Aber da war Frau Henrichsen. Sie konnte er nicht länger warten lassen. Der Termin, an dem sie selbst die Miete bezahlen sollte, war längst vorüber. Er wußte, wie wenig sie hatte, und schämte sich jeden Morgen, wenn sie mit seinem Kaffee hereinkam. Es wurde dennoch der Restaurateur, der den Ausschlag gab. Er kam eines Abends zu ihm und präsentierte ihm die Rechnung. Es täte ihm leid, aber er sei selbst in Verlegenheit. Svend betrachtete die Rechnung. Er hatte nicht gedacht, daß sie so groß sei. Jetzt war guter Rat teuer. Svend grübelte und grübelte den ganzen Nachmittag. Er hatte nicht einmal Zeit, an Falk zu schreiben und Antwort von ihm zu bekommen. Doktor Fratz war ausgeschlossen. Er dachte einen Augenblick an seine Mutter, wies den Gedanken dann aber beschämt von sich. Nachdem er vergeblich seinen Bekanntenkreis durchgegangen war, bekam er eine Idee. Er nahm die Zeitung und fand darin eine Annonce: »Billige Darlehen gegen Gageüberweisungen, Wechsel oder Mobiliar.« Svend war keinen Augenblick im Zweifel, daß er es hier mit einem Wucherer zu tun habe. Er empfand einen tiefen Widerwillen und schämte sich über sich selbst, als wolle er einen verbotenen Weg betreten. Er tröstete sich aber damit: wenn es eine Lage gäbe, die derartige Geschäfte rechtfertige, so sei es sicher seine. Denn was waren die schamlosen Zinsen im Vergleich dazu, daß er dadurch die augenblickliche Schwierigkeit überwinden und Zeit zum Warten bekommen konnte. Svend kam in der Mittagsstunde zu einem düsteren Hause mit schmutzigen Kindern in der Haustür und einem üblen Geruch von brenzligem Fett. Fast hätte er den Mut verloren. Aber es blieb ihm ja keine Wahl. Darum stieg er die Treppe hinauf und zog die Glocke, wo »I. O. Nielsen, Kaufmann« auf einer gesprungenen Porzellanplatte stand. Ein specknackiger, untersetzter Mann mit schlaffen Hängebacken und einem seltsam aufgedunsenen Körper erhob sich vom Schreibtisch und betrachtete den Eintretenden mit einem Seitenblick, der gleichzeitig schläfrig und stechend war. »Wo hab ich dieses Gesicht schon gesehen?« dachte Svend. Er konnte sich nicht darauf besinnen, und Herr I. O. Nielsen gab kein Erkennungszeichen von sich. »Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte er und zog mit einer kurzen, dicken Hand einen Rohrstuhl zum Schreibtisch heran. Im selben Augenblick, als Svend die belegte Stimme mit dem etwas fremdartigen Akzent hörte, wußte er Bescheid. Das war ja Jens Nielsen, der Pseudo-Amerikaner, der seinerzeit auf der Reise nach England von dem Lehrer entschleiert worden war. Der Mann war damals so betrunken gewesen, daß er sich des Auftrittes jetzt wohl kaum erinnerte. Hier war er also gelandet, der prahlerische Whiskytrinker. Gott weiß, was aus seiner schweigsamen Frau mit den vielen Ringen geworden war? Svend brachte sein Anliegen vor. »Wieviel wollen Sie borgen?« fragte Nielsen und trommelte mit seinen dicken Fingern auf der Tischplatte. »Dreihundert Kronen!« »Das ist viel Geld! – Welche Sicherheit bieten Sie?« »Wieviel Zinsen nehmen Sie?« fragte Svend anstatt einer Antwort. »Gegen Wechsel zehn Prozent.« »Jährlich?« Nielsens Blick glitt träge über Svends Gesicht. »Monatlich – selbstredend.« »Das sind hundertundzwanzig Prozent im Jahr!« sagte Svend zornig. »Jahr?... Hier gibt's nichts, was Jahr heißt. Ich leihe nur auf einen Monat.« »Aber Sie erneuern das Darlehn?« »Dem steht nichts im Wege, wenn der Schuldner es wünscht; aber dann ist es ein neuer Wechsel und abermals zehn Kronen – selbstredend.« »Also für dreihundert Kronen gegen einen Wechsel macht es –« »Dreißig Kronen im Monat – ja.« Svend hätte ihm am liebsten seine Verachtung gezeigt und wäre seines Weges gegangen. Aber es blieb ihm leider keine Wahl. Dann sagte er seinen Namen und nannte die Konferenzrätin. Die trägen Augen mit dem stechenden Blick ruhten unausgesetzt auf ihm, während er sprach. » Well !« sagte er, »Sie können dreihundert Kronen gegen einen Wechsel bekommen, aber der Name Ihrer Tante muß hinten drauf stehen.« »Der Name meiner Tante?« Svend betrachtete ihn höhnisch. »Glauben Sie, daß ich Ihnen einhundertzwanzig Prozent für lumpige dreihundert Kronen geben würde, wenn ich die Unterschrift meiner Tante bekommen könnte?« »Glauben Sie, daß ich Leuten auf ihr ehrliches Gesicht hin Geld pumpe?« fragte Nielsen und gab ihm seinen Blick zurück. Sie maßen einander einen Augenblick. Dann beugte Nielsen sich vor in seinem Stuhl und nahm einen dicken Haufen blauer Wechsel, die mit einem schwarzen Gummiband zusammengehalten waren, von einem Regal. »Sehen Sie – dieser Haufe –, das sind lauter erstklassige Namen. Wer sie drauf geschrieben hat – das geht mich ja nichts an, verstehen Sie –!« Er sah von der Seite mit einem listigen Blick zu Svend auf und fügte hinzu: »Wenn ich nur den Namen bekomme, das genügt mir. Dem Indossenten den Wechsel präsentieren, das gibt es nicht in meinem Geschäft, verstehen Sie; ein Name ist ein Name – wenn das Geld pünktlich eingeht, meine ich.« Er wog den Haufen mit einem selbstgefälligen Ausdruck in der Hand. »Keiner von den feinen Herrschaften bekommt den Wechsel jemals zu Gesicht – außer –« fügte er mit einer Grimasse hinzu, »das eine Mal, wo sie unterschreiben. Verstehen Sie?« Ja, Svend verstand. Es war deutlich genug. Nur den Namen hinten drauf. Wer ihn schrieb, das ging Herrn J. O. Nielsen nichts an. Erst hinterher, wenn das Geld nicht pünktlich einging. »Ja, diese Art Wechsel sind sicher genug!« sagte Svend mit Nachdruck. »Das stimmt!« Nielsen widersprach nicht. »Wenn der Name nur gut ist.« »Das ist doch gar nicht so wichtig.« »Wie meinen Sie das?« »Wechsel auf Zuchthaus sind doch eigentlich die feinsten.« »Das verstehe ich nicht!« Nielsen grunzte ein kleines behagliches Lachen. »Na, wird's also?« fragte er. »Nein, es wird nicht, jedenfalls nicht auf diese Weise. Sie können Sicherheit in meinem Mobiliar bekommen; aber aus der Wechselgeschichte wird nichts.« »Da irren Sie sich, daraus wird doch was; dann müssen wir aber noch einen Hypothekenbrief als Faustpfand nebenbei haben, und das ist viel umständlicher. Verschaffen Sie sich doch lieber den Namen Ihrer Tante hinten drauf, dann können Sie schon morgen das Geld bekommen.« »Wann können Sie zu mir kommen und mein Inventar aufnehmen?« fragte Svend. »Ich will sehen, daß ich mich morgen vormittag in aller Stille zu Ihnen schleichen kann. Vielleicht schicke ich auch Pedersen, meinen Prokuristen. Aber ich begreife Sie, ehrlich gestanden, nicht, Herr Byge. Es ist doch nicht Ihre Absicht, mich oder Ihre Tante um das Geld zu betrügen – also –« »Das ist nun mal ein Prinzip von mir!« Svend konnte trotz seines Ekels vor dem Kerl ein Lächeln nicht unterdrücken, »ein Prinzip, das ich und das Strafgesetz gemeinsam haben.« »Das verstehe ich nicht!« sagte Nielsen und machte ein dummes Gesicht. »Na, ja, wie Sie wollen,« fügte er hinzu und erhob sich schwerfällig. »Ich will sehen, daß ich morgen früh zu Ihnen kommen kann – dann können Sie sich hier übermorgen das Geld abholen. Ist es Ihnen so recht?« »Ja,« sagte Svend. »Adieu!«   Am nächsten Tage gegen elf Uhr klingelte Herr J. O. Nielsen bei Svend. Er blickte sich in den beiden Zimmern um, schimpfte, daß nicht mehr da sei, und wollte ihm für alles nur zweihundertundfünfzig Kronen borgen. Dann wurde alles gebucht. Kurz darauf kam Pedersen, der mit bei der Taxierung half und als Zeuge unterschrieb; er verlangte fünf Kronen von dem Schuldner für seine Mühe. Das Ganze vollzog sich nett und ruhig. Sowohl Nielsen wie sein Prokurist sprachen mit gedämpften Stimmen, so daß keine Einzelheiten hinter der mit einer Portiere verhangenen Tür gehört werden konnten. Man merkte, daß sie gewohnt waren, in besseren Häusern zu arbeiten. Das Dokument wurde gleich ausgefertigt. Tags darauf erschien Svend in Nielsens Kontor, unterschrieb in Prokurist Pedersens Gegenwart und empfing zwei verhältnismäßig neue Hundertkronenscheine und fünf sehr schmutzige Zehner. Pedersen bekam seine fünf Kronen und murmelte etwas von einer Flasche Bier, was aber weder bei J. O. Nielsen noch bei Svend, der mit seiner teuer erkauften Beute davoneilte, auf günstigen Boden fiel. Viertes Buch 1 Es war eine seltsame Unruhe über Svend gekommen. Wenn er des Morgens erwachte, fuhr er erschreckt in die Höhe. Er hatte das bestimmte Gefühl, als ob er etwas versäume. Und im Laufe des Tages – während er die Zeitung las, während er aß – durchfuhr ihn plötzlich der Gedanke, daß er keine Zeit zum Lesen und zum Essen habe. Wenn er aber nachdachte, konnte er nichts finden, was so eilte. Ich bin von dem ewigen Warten nervös geworden, dachte er und seufzte über sein Schicksal. Abermals wurde es Weihnachten. Und zum zweitenmal sollte er das Fest fern von den Seinen verleben. In diesem Jahr war nicht einmal Falk zu Hause. Er dachte ernstlich daran, zu seiner Mutter und Gerda zu reisen. Aber es lag so viel zwischen ihnen, was entweder verschwiegen oder gebeichtet werden mußte. Und was er auch täte, er würde ihnen nur Schmerz bereiten. Er war ihnen nun einmal entfremdet; und da kein Verständnis zwischen ihnen mehr möglich war, so gab es nur das eine, seiner guten, alten Mutter keinen Schmerz zu bereiten. Er konnte sich auch nicht entschließen, die Stadt zu verlassen. Sie band ihn mit hinterlistigen Fesseln. So saß er denn wieder allein in seinem Zimmer, das Kinn in die Hand gestützt, und starrte in die Glut des Ofens, während die Erinnerungen um ihn emporstiegen, sein Gemüt erhitzten, sein Herz beunruhigten und seinen Augen Tränen entlockten. Er dachte an Ellen, mehr aber noch an seine Knaben. Er dachte an seine eigene Knabenzeit und an alles das, was sein Leben aus dem Geleise gebracht hatte. Dann nahm er sich zusammen, ballte die Hände und dachte an die Zukunft. Sie war sein ständiger Trost. Bald war das alte Jahr zu Ende, und diesmal ging ein ganzes Jahrhundert mit ihm zu Grabe. Ein mächtiger Sprung sollte gemacht werden – von dem neunzehnten zum zwanzigsten Säkulum. Ja, eine neue Zeit sollte anbrechen, auch für ihn. Was wollte er alles ausrichten! Wenn das Vermögen erst sein war, so sollten seine Taten von sich reden machen. Er sprang auf und ging im Zimmer hin und her, während er das Ganze durchdachte, wie er es so häufig getan hatte. Sein eigenes Organ! – Verantwortlich für seine Meinungen, seine Feder! Man sollte hier in Dänemark die Wahrheit zu hören bekommen. Die besten Köpfe wollte er um sich versammeln, die ganz jungen, die noch nicht vom System angeworben waren. Am Morgen des dritten Weihnachtstages erwachte er aus einem seltsamen Traum. Als er aber die Augen zu dem dämmernden Wintertag aufschlug, schwand er im selben Augenblick aus seinem Gedächtnis. Auf dem dunklen Grund hoben sich nur die bleichen Züge der Konferenzrätin und seines Vaters ab. Was war es doch nur, was sie ihm gesagt hatten? Oder hatten sie etwas zueinander gesagt, wahrend er ihnen zuhörte? Sie hatten etwas über ihn gesagt, den Eindruck hatte er behalten. Ein gewisses Gefühl von Feierlichkeit lag über seinem Gemüt und verließ ihn nicht. Es verließ ihn nicht, während er sich ankleidete, während er das Rouleau aufrollte und über den Park blickte. Noch einmal versuchte er sich den Traum zurückzurufen, als schwebe er da draußen in den weißen Wolken, die von blauen Himmelsflecken unterbrochen in dicken Schichten dahinzogen. Als Frau Henrichsen mit seinem Frühstück und der Zeitung hereinkam, lag die Feierlichkeit noch in seinem Blick. Dann schlug er sich den Traum aus dem Sinn und machte es sich mit der Zeitung bequem. Da ging ein Ruck durch seinen Körper. Er fuhr in die Höhe und wußte im selben Augenblick, was sein Traum bedeutete. Unter den »Letzten Telegrammen« fiel sein Blick auf Onkel Kaspers Namen. Da stand: »Aus Fjordby wird telegraphiert, daß die Witwe des bekannten Politikers Kasper Byge heute nacht nach längerem Leiden im Alter von siebzig Jahren verstorben ist.« Er las es wieder und wieder, während sein Herz sich langsam nach der Sturmwoge, von der es erschüttert worden war, beruhigte. Eine milde Müdigkeit goß ihre Wärme durch seine Glieder. Es war, als ob ein zwingender Druck, der seinen Kopf und sein Herz lange umspannt gehalten hatte, plötzlich gewichen war; jetzt, wo er sich befreit fühlte, begriff er erst, wie furchtbar schwer er es gehabt hatte. Seine Augen füllten sich mit Tränen der Befreiung; im selben Augenblick aber schämte er sich, wie müßig er umhergegangen war und auf ihren Tod gewartet hatte. Für Scham war bis jetzt in seinem überlasteten Gemüt kein Raum gewesen. Den ganzen Vormittag blieb er in seinem Stuhl am Fenster sitzen, während Erinnerungen auf ihn einstürmten, von dem ersten steifen Mittagessen in Onkel Kaspers Hause, bis zu dem letzten zornigen Brief der Konferenzrätin. Er sah ihre strenge Miene, ihren mißtrauischen Blick wieder vor sich; aber jetzt war er verklärt, hatte keine Bitterkeit mehr für ihn. Auf eine seltsame Weise verwebte der Traum, der ihm heute morgen entschwunden war, sich mit der Erinnerung an sie. Es war, als ob ein Bescheid vom Jenseits zu ihm gekommen sei. Unsinn! Er versuchte sich von dem geheimnisvollen Eindruck loszumachen, aber es gelang ihm nicht. Seine Gedanken wurden von der Phantasie ergriffen, die sie mit sich ins Weite nahm, dorthin, wo es so himmelhoch und so abgrundtief war, daß der Wille nicht länger mitzufolgen vermochte. Endlich, endlich war das Geld des Geschlechtes durch Onkel Kasper zu ihm gekommen, dazu ausersehen, Großes und Gutes für Land und Leute zu wirken, wie sein Wille es seit langem gelobt hatte. Wenn seine Kräfte nur mit seinem Willen Schritt halten wollten, so würde Svend Byge seinen Vätern nacharten – ja, mehr als das. Größere Taten wollte er verrichten als irgendeiner von den Alten. Sie mußten sich in ihrem Grabe damit trösten, daß es ihr Geld war, auf dem er alles aufbaute. Sie würden unter ihren schweren Grabsteinen in dem alten Familiengrab in der Heimatgegend des Geschlechtes lächeln beim Bewußtsein, daß sie gegründet, was er gewonnen hatte. Fast wäre es zu spät geworden. Jetzt, wo er gerettet, sah er mit Grauen, wie tief er gesunken war. Keine Stellung. Keine Stütze. Von allen und allem abgeschnitten. Querulant! An allen Ecken und Enden verschuldet und schließlich in den Klauen eines Wucherers! Wie tat es wohl, wieder den Rücken aufrichten, wieder der Welt unter ihren barschen Brauen offen ins Auge blicken zu können! Es kam über ihn wie ein Rausch. Er ging aus. Er fand, er mußte die große Neuigkeit der ganzen Welt verkünden. Daß auch Falk ihm in dieser Stunde so fern war! Er mußte sich damit begnügen, in den Straßen umherzuwandern, allein mit seinem neugeborenen Jubel und seiner wiedererwachten Willenskraft. Er gönnte sich ein gutes Mittagessen. Während er ein Glas auf sein eigenes Wohl trank, gedachte er der Trunkgelübde der Alten. Er bedurfte keiner Versprechungen. Die hatte er so oft in seinem bewegten Innern gegeben, jetzt galt es, sie einzulösen. Schon am nächsten Tage konnte Svend seine Ungeduld nicht länger beherrschen. Gleich nach dem Frühstück begab er sich auf den Weg zu Doktor Fratz. Es war ein strahlendes Frostwetter. Er fühlte sich stark und elastisch wie nie zuvor. Plötzlich wurde er der Equipage des Prinzen ansichtig. Aus alter Gewohnheit wollte er ihr ausweichen; da aber schwoll der Triumph in ihm. Und mit zurückgeworfenem Kopf und festem Blick bereitete er sich zum Gruß. Leutnant Flindt sah ihn zuerst und sagte einige Worte zum Prinzen. Seine Durchlaucht wandte den Kopf zu ihm um und winkte lächelnd mit der Hand, während er grüßte. Leutnant Flindt kniff das eine Auge zu, als wolle er sagen: »Na, nun sind Sie wohl wieder oben auf. Sie glückliches Luder.« Indem Svend an der Börse vorbeiging, musterte er das daneben liegende Ministerium und wünschte, daß Juhl oder Jersey zufällig am Fenster stünden, um ihn als Sieger vorbeigehen zu sehen. Dort drüben lag Kammerherr Tithoffs Fenster, aber er war wohl noch nicht da. Er nickte selbstbewußt vor sich hm: Man sollte bald von ihm hören dort drinnen! Als er am Ministerium vorbei war, erinnerte er sich des Spazierganges mit Ellen vor Jahren, als sie denselben Weg gegangen und dem Prinzen begegnet waren, der sie angeredet und die Bekanntschaft von der Reise her erneuert hatte. Was hatte er seit damals alles durchgemacht. Jene Seereise über die Nordsee war in vielen Beziehungen schicksalsschwanger für ihn geworden. Aber es hatte sich alles zum Guten gewendet. Selbst die dunkelsten Erinnerungen verklärten sich in dem Lichtschein der Zukunft, der er entgegenging. 2 Als Svend in Doktor Fratz' Privatkontor trat, stand der Rechtsanwalt mit dem Rücken zum Zimmer und sprach in das Telephon, das auf seinem Schreibtisch stand. Indem er, ohne das Telephon aus der Hand zu legen, sich zu dem Eintretenden umwandte, blitzte ein böses Licht in seinen Augen auf, so daß Svend von einer unheilverkündenden Ahnung durchzuckt wurde. Ungeduldig wartete er darauf, daß die Telephonunterredung ein Ende nehmen würde. Schließlich klingelte Doktor Fratz ab und bot ihm mit einer Handbewegung einen Stuhl an. Da er aber selbst nicht Platz nahm, blieb Svend ebenfalls stehen. »Ich komme, um –« »Ich kann mir denken, warum Sie kommen,« unterbrach Doktor Fratz ihn, »ich habe mich telegraphisch erkundigt und erhielt heute morgen Antwort. Bitte!« Doktor Fratz warf mit einer heftigen Handbewegung ein offenes Telegramm vor ihn hin. Svend nahm es und las: »Das von Ihnen bezeichnete Testament ist durch ein späteres umgestoßen worden. Als Exekutor ist der Vetter der Erblasserin, der ehemalige Bürgermeister Lund in Fjordby ernannt. Die hiesigen Grundstücke fallen den Stiftungen der Stadt zu. Die Grundstücke in Kopenhagen sollen verkauft werden; der Ertrag und übriges disponibles Kapital teils Armenlegate, teils Familienlegate für Witwen und unverheiratete Töchter, Witwe Jörgen Byge erster Legatar mit 800 Kronen jährlich und Freiwohnung im ›Witwenhause‹. Kleinere Legate an verschiedene Blutsverwandte der Erblasserin. Keiner mit Namen Svend Byge genannt.« Die Knie zitterten so unter ihm, daß er sich am Schreibtisch festhalten mußte. Die Fenster und die Wand mit ihren Bildern verschwammen vor seinen Blicken. Er mußte vor sich niederblicken, um den Schwindel zu überwinden. Dann biß er die Zähne aufeinander und blickte wieder auf. Er wollte etwas sagen, konnte aber keine Worte finden. Doktor Fratz machte seinem Zorn Luft, indem er lärmend durchs Zimmer ging. »Was sagen Sie nun, Verehrtester?« Er blieb mit gespreizten Beinen mitten im Zimmer stehen und knipste wütend mit seinen dicken Fingern. »Wissen Sie, was das für mich bedeutet? Ein Verlust von zehntausend Kronen! Das hatte ich als Exekutor des vorigen Testamentes bekommen!« »Aber wie konnte sie – es war doch Onkel Kaspers Testament!« brachte Svend mühsam heraus. »Ach was, Unsinn! Bei seinem Tode lag ein gegenseitiges Testament der Ehegatten vor mit dem Recht des überlebenden, es abzuändern. Aber in dem Testament, das sie vor drei Jahren machte, mit Bezugnahme auf den schriftlichen Wunsch ihres verstorbenen Mannes, da wurde ich als Testamentsvollstrecker eingesetzt mit einem Salär von zehntausend Kronen.« »War ich in dem Testament genannt?« fragte Svend und rückte Doktor Fratz auf den Leib.' »Ob Sie – nun, ich habe keine Diskretionspflichten mehr – ja, Sie waren genannt, ›Referendar Svend Byge‹ stand da.« »Referendar.« – Also als er seine Verpflichtungen eingehalten und sein Examen gemacht, da hatte auch sie ihre Pflicht erfüllt und das Testament geschrieben, das ihr Mann ihr ans Herz gelegt hatte. »Wieviel?« fragte Svend leise. »Ich habe die Bestimmungen nur flüchtig zu wissen bekommen; die Konferenzrätin war ja eine selbstherrliche Dame. Aber soweit ich mich erinnere, waren Sie mit einer bedeutenden Summe genannt.« Svend wurde wieder von einem Gefühl des Schwindels ergriffen, aber er nahm sich aufs äußerste zusammen und fragte: »Wann hat sie das Testament geändert?« »Ja, wann? Fragen Sie nur! Gleich nachdem sie von ihrer Auslandsreise zurückgekommen ist, ist sie nach Fjordby gereist und hat das Testament hinter meinem Rücken geändert!« Doktor Fratz konnte sich nicht länger beherrschen. Er suchte einen Gegenstand für seine Rache. Seine Stimme wurde schreiend, als er fortfuhr: »Zum Teufel, wie spielen Sie denn auch Ihre Karten aus? Was sind das für dumme Geschichten, die Sie sich der Regierung gegenüber herausgenommen haben? – Anstatt ruhig Ihrer Beschäftigung nachzugehen, wie wir anderen es tun! – Und dann überreden Sie mich ihr zu schreiben – verwickeln mich in Ihre Affäre! Ich merkte ihren Briefen ja an, daß sie mißtrauisch geworden war, nachdem ich für Sie eingetreten war! – Als sie zurückkehrte, hat sie sich natürlich nach Ihnen erkundigt, und man hat ihr die ganze Geschichte von Ihrer Entlassung und der Audienz und was Sie sich sonst noch eingebrockt haben, erzählt. – Und da stehe ich und habe Sie empfohlen! – Kompromittiert! Verstehen Sie?« Hier kippte Doktor Fratz' Stimme beinah um. »Und anstatt zu mir zu kommen, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, hat sie natürlich bei sich gedacht: Hoho, er hat meinem Neffen das Testament verraten, und jetzt wollen sie mich in Gemeinschaft plündern, während sie auf meinen Tod warten. Mißtrauisch wie des Teufels Großmutter war sie ja. Aber ich hätte es mir denken können, als sie Ihnen die Dreitausend gab, denn das sah ihr verflucht wenig ähnlich, ich hätte es ahnen können, daß sie mit Ihnen abrechnete und Sie dafür enterbte. – Ja, Sie haben mir einen reizenden Dienst erwiesen, mein Bester! Das hat man davon, wenn man leichtgläubig und hilfreich ist! Zehntausend Kronen, die einem an der Nase vorbeigehen! – Und darf ich fragen« – er trat dicht an Svend heran, steckte seine dicken Daumen in die Ärmellöcher und trommelte auf seiner farbigen Weste – »darf ich fragen, was aus dem Geld wird, das ich Ihnen geliehen habe, Verehrtester – der Wechsel – he?« Svend war so verblüfft darüber, daß er, der Benachteiligte, angegriffen wurde, daß er nicht gleich Worte fand. Er sah verständnislos in die zornigen Augen, die ihn anfunkelten. Sein Schweigen reizte Doktor Fratz nur. »Haben Sie das Geld oder haben Sie es nicht?« »Ich werde es Ihnen schicken, wenn der Wechsel fällig ist!« sagte Svend schließlich. »Das möchte ich erst mal erleben!« knurrte er drohend. »Es ist kaum noch eine Woche, wenn ich mich recht erinnere.« 3 Als Svend auf die Straße kam, ging er gesenkten Kopfes und wankenden Schrittes geradeaus, ohne auf den Weg zu achten. Er stieß mit Leuten zusammen, sagte mechanisch »Pardon« und lüftete den Hut. Er kam erst zur Besinnung, als er die kahlen Bäume des Stadtwalls über das alte Torgebäude emporragen und die Brücke, die nach Amager hinüberführte, vor sich liegen sah. Er zitterte vor Kälte und schlug mechanisch seinen Rockkragen hoch. Dann blickte er die dunkle, schmutzige Straße hinab, durch die er gekommen war. Dort lag die Stadt, in die er zurückkehren mußte. Er erinnerte sich des Triumphgefühles, das ihn vor einer Stunde durchstrahlt, des Prinzen, des sieghaften Lächelns, das er zum Ministerium hinaufgesandt hatte. Eine ohnmächtige Wut gegen die Tote benahm ihn, fast den Atem; aber es war nur ein Augenblick; dann griff die Scham mit fester Hand in seine frische Wunde. Unmöglich, in die Stadt zurückzukehren, die seinen Jubel gesehen hatte, unmöglich, die belebten Straßen zu betreten, wo er Flindt und Juhl und all den anderen begegnen konnte. Unmöglich, der Welt nach diesem in die Augen zu sehen. Er, der triumphiert, Schulden gemacht und auf etwas Wechsel gezogen hatte, das ein Nichts gewesen war, der schwache Schimmer eines Lichtes, das von dem, der es selbst entzündet, ausgeblasen worden war. Es handelte sich ja nicht nur darum, daß er seine Sache verloren, daß alles Große und Starke, was er ausrichten wollte und nur mit Hilfe des Geldes erreichen konnte, im Keim erstickt worden war, sondern er stand der bitteren Not gegenüber, dem Kampf ums Brot. Er paßte nicht mehr in diese Stadt, zwischen diese Menschen. Er mußte fort, konnte nicht mehr dorthin zurückkehren. Er eilte über die Brücke, durch die lange Amagerstraße, an den kahlen, grauen Bäumen und den alten Häusern vorbei. Er ging wie im Traum. Bald zählte er seine Schritte, bald fühlte er, daß er hungrig sei. Dann wieder fror ihn, und er schüttelte sich vor Kälte. Er blieb stehen, sah in ein Ladenfenster und ahnte nicht, was er gesehen hatte. Je weiter er ins Freie kam, desto frischer wurde die Luft. Es tat ihm wohl, daß der Wind ihm entgegenstrich. Er atmete stärker, die Füße gehorchten ihm williger, bis er, plötzlich ganz wach, stehen blieb, über das flache Land blickte und sich fragte, warum er hier eigentlich ginge, er mußte ja doch einmal nach Hause zurückkehren. Ein Stich jagte durch sein wundes Herz, als er an seine Zimmer – und an Frau Henrichsen dachte. Nein, er konnte nicht zurückkehren. Er mußte ausziehen – gleich – heute noch – sich ein kleines, elendes Dachstübchen mieten. Links führte ein Seitenweg zum Strand hinab. Ja, dort wollte er hin – auf einem Stein am Strand sitzen und über das Meer starren. In Frieden. In kaltem, totem Frieden. Am Ende des Weges lag ein kleines Haus. Es lag dort so einsam und verlassen. »Strandhaus« stand mit ungeschickten Buchstaben auf den Giebel gemalt. Was war das –? Ach ja; es erinnerte ihn an das »Möwenhaus«, wo er einst als Genesender gelebt hatte. Ein alter Mann stand in dem kleinen kahlen Garten und sägte Brennholz. Als Svend ganz bis zum Gartenzaun gekommen war, sah er, daß ein Zettel an die eine Fensterscheibe geklebt war. »Möbliertes Zimmer zu vermieten« stand dort mit ungeübter Schrift. Ohne sich einen Augenblick zu bedenken ging er auf den Mann zu und fragte ihn, was das Zimmer kosten solle. Der Alte richtete sich auf und kratzte sich den Kopf. Dann bekam Svend eine längere Erklärung. Das Haus sei unbewohnt; aber im Sommer vermieteten sie es. Er selbst und Mutter wohnten dort drüben in dem Haus. Letzten Sommer aber hätten sie nur das eine Zimmer vermietet gehabt. Ein Student hätte dort gewohnt, der sein eigenes Mobiliar gehabt hatte. Er konnte die Miete nicht bezahlen und hätte ihnen seine Möbel dafür dagelassen. Svend besah das Zimmer. Es war klein und niedrig, aber es hatte eine Doppeltür zum Garten und einen Ofen auf hohen Füßen. »Sie wollen wohl Ruhe zum Studieren haben?« fragte der Alte und betrachtete Svends blasses Gesicht. »Ja!« sagte Svend, und bei sich dachte er: Das ist's. Ruhe will ich haben, Ruhe, um mich zu besinnen, nachdem alle meine Hoffnungen zerschmettert worden sind. Svend mietete das Zimmer für zehn Kronen, die er gleich bezahlte. Es tat wohl, sich geborgen zu wissen. Einen ganzen Monat konnte er sich verborgen halten, konnte Ruhe haben vor den Menschen und den Forderungen, die an den Svend Byge gestellt wurden, der soviel versprochen und nichts gehalten hatte. Jetzt meldete sich der Hunger so heftig bei ihm, daß er kurz adieu sagte und davoneilte. Er merkte sich den Seitenweg, um das Haus zu finden, wenn er zurückkäme. Der Hunger trieb ihn vorwärts. Er half ihm, indem er alle anderen Gedanken verjagte. Endlich kam er an ein kleines Café. Er verschlang einige Butterbrote und stürzte ein Glas Bier hinunter. Dann eilte er weiter. Es galt, nach Hause zu kommen, bevor Frau Henrichsen von ihrem Nachmittagsspaziergang zurück war. Er drückte sich an den Häuserreihen entlang, den Kragen hochgeschlagen, den Blick geradeaus gerichtet, voller Angst, Bekannten zu begegnen.   Als Svend seinen neuen Frack aus dem Schrank nahm, um ihn einzupacken, lächelte er bitter. Für den würde er wohl lange keinen Gebrauch haben. Da kam ihm der Gedanke, daß er ihn versetzen könne. Er hatte einmal seine Ubr versetzen müssen. Da hatte er gesehen, wie ein armer Student mit der dicken Frau um den Preis für seinen Frack feilschte. Er legte ihn für sich in die Handtasche. Und als alles gepackt war, schrieb er einige Worte für Frau Henrichsen auf. »Komme vorläufig nicht nach Hause. Bin von einem Freunde eingeladen, Neujahr mit ihm zu feiern. Meine Adresse ist: Strandhaus bei Kastrup, Amager. Glückliches Neujahr! Ihr Svend Byge.« Er mußte den schweren Koffer selbst ein Stück schleppen, bevor er einen Dienstmann traf. Dann schlich er sich zu dem Pfandverleiher, wo er den armen Studenten mit seinem Gesellschaftsanzug gesehen hatte. Die Frau bot ihm zwanzig Kronen. Aber er feilschte, wie er es von dem Studenten gelernt hatte. Da der Frack neu und elegant war, bekam er fünfundzwanzig. Mit den dreizehn Kronen, die er noch in der Tasche hatte, bedeutete das Friede für viele sparsame Tage. 4 Morgen auf Morgen saß Svend am Strande und blickte über das Wasser. Er dachte gar nicht, saß nur und sammelte Frieden in seinem Herzen, wahrend er über den Sund starrte, der unter den ziehenden Wolken unablässig die Farbe wechselte. Sein unruhiges Gemüt wurde still. Seine Nerven, die so lange unnatürlich angespannt gewesen waren, streckten sich in Frieden und schoben alle Gedanken von sich. So blieb er sitzen, bis der Hunger sich meldete. Dann wanderte er langsam durch die Straße von Arbeiterwohnungen zu dem Wirtshaus in dem alten, verwilderten Garten. Wenn er nach Hause kam, begann er sich mit der Arbeit des alten Mannes zu beschäftigen. Dort lag noch ein Haufe langer Pappeläste, glatt von Feuchtigkeit. Die legte er über den Holzblock und sägte drauflos. Zu Anfang ging es nur langsam, denn die Säge war stumpf, das Holz feucht und seine Hand ungeschickt. Aber es tat doch wohl, mit etwas Handgreiflichem beschäftigt zu sein, etwas, was seine Mühe durch ein sichtbares Resultat lohnte. Mitten in der Arbeit aber wurde er plötzlich von der alten Unruhe ergriffen. Was stand er hier und vergeudete die Zeit? Jede Stunde war ja kostbar. Er richtete sich auf, warf die Säge von sich und ging ruhelos auf und ab. Aber wohin er auch blickte, überall waren die Auswege versperrt. Der ruhelosen Gedanken müde, ergriff er wieder die Säge und arbeitete, bis er nicht mehr konnte. Dann maß er den Haufen zu seinen Füßen, sah mit Vergnügen, wie er gewachsen war, und fand dennoch, daß er etwas aus seiner Zeit herausgeschlagen habe. Er beneidete diejenigen, die von ihrer Hände Arbeit leben konnten; hier machten seine Gedanken plötzlich halt und tasteten nach etwas, das tief in ihm dämmerte. Er hatte ein Gefühl, als sei er von seinem Geschlecht oder von seiner Vergangenheit oder von dem, was er gelernt und studiert hatte, an Händen und Füßen gefesselt. Als sei all sein Wissen nur ein leeres Beschauen von Menschen und Arbeit, die der Vergangenheit angehörten – als sei es sein akademisches Wissen, das ihn daran hindere, sich mit dem Leben zu versöhnen und seine Zukunftsarbeit zu verrichten. Wie sehr er aber auch grübelte und tastete, er kam zu keiner Klarheit und gab es schließlich auf. Außerdem plagte ihn der Gedanke an die Erbschaft. Selbst wenn er müde und schlaff dasaß und leer vor sich hinstarrte, lag er wie ein Hund vor seiner Tür und paßte auf, daß keine anderen Gedanken sich hereinschlichen. Es war das Unwiederbringliche, über das er brütete. Nach und nach aber, je mehr er sich durch die Äste des Haufens hindurchsägte und sich über den Erfolg der bescheidenen Arbeit seiner Hände freute, desto kräftiger schoß in seinem Gemüt das demütige Verlangen empor, sich in sein Schicksal zu ergeben und die Folgen ohne Trotz wie ein Mann auf sich zu nehmen. Wenn er nur wüßte, wo er angreifen sollte. In den ersten Tagen des neuen Jahres würde die Schuld, die er bei Doktor Fratz hatte, fällig, und er ahnte nicht, womit er sie decken sollte. Gleich darauf mußte der Monatswechsel bei dem Wucherer erneuert werden, und er wußte nicht, wo er die dreißig Kronen hernehmen sollte. Wieder griff das schmerzende Schamgefühl ihm ans Herz. Und der Restaurateur – und Frau Henrichsen, die arme Alte, die ihm von ihren Sparpfennigen geliehen hatte, obgleich er ihr noch die Miete schuldete. Das war das schlimmste! Ja, er wollte sich beugen, die Demütigung, die er verdient hatte, auf sich nehmen. Fachausbildung – Examen – alles das konnte ihm jetzt wenig nützen. Sein Streit mit der Regierung konnte ihm vielleicht zu einer Stellung an einer Zeitung verhelfen, nicht zu einem juridischen Amt. Es war Arbeit um jeden Preis, die seiner wartete. Wenn die Dämmerung kam, wurde er dennoch von Bitterkeit überwältigt. Das Bewußtsein seines wirklichen Wertes empörte sich gegen die Demütigung und verlangte danach, respektiert zu werden. Dann wanderte er stundenlang in dem kleinen Zimmer auf und ab, mit geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen, während sich Tränen aus seinen Augen drängten. Er fluchte seinem Schicksal, der Konferenzrätin, Kammerherrn Tithoff – allem dem, was ihn niedergehalten hatte und tief unter das Niveau zwang, wozu seine Fähigkeiten und sein Wille ihn berechtigten. Wenn er aber nach einem schweren Schlaf in der starken Nachtluft zu dem hereinsickernden Tageslicht erwachte, dann war wieder Ruhe in seinem Gemüt. Während er sich ankleidete und ins Wirtshaus ging, um zu frühstücken, gelobte er sich selbst, daß er jetzt – heute – den Sprung tun wollte. Er wollte zur Stadt gehen, in die er seit jenem Abend keinen Fuß gesetzt hatte, wollte von Zeitung zu Zeitung, von Schule zu Schule gehen. Nur zwei Tage trennten ihn noch von dem neuen Jahrhundert, das ihm so große Dinge verheißen hatte. Als Svend vom Strande zurückkam, lag ein Brief von Frau Henrichsen für ihn da. Er erkannte gleich ihre spitze, altmodische Schrift und öffnete das Kuwert mit einem Seufzer. Es war, was er erwartet hatte. Sie bat so flehentlich und dennoch so eindringlich, daß er ihr das Geld schicken möge. Sie könne nicht länger warten. Svend wußte, daß es wahr war. Er blieb mit dem Brief in der Hand sitzen und starrte vor sich hin. Gab es nicht einen einzigen, zu dem er gehen und um Hilfe bitten konnte? Da fielen ihm Didrichsens Worte ein: »Wenn es Ihnen mal schlecht ergeht, dann kommen Sie zu mir. Das müssen Sie mir versprechen!« Er nickte still vor sich hin. Ja, er wollte zu Didrichsen gehen. Er machte sich gleich für seinen Gang zur Stadt zurecht; als er sich aber gewaschen hatte und im Begriff war, seinen Mantel anzuziehen, setzte er sich statt dessen auf die Bettkante und vergrub den Kopf in die Hände. Er konnte, konnte nicht ins Kontor gehen, Assessor Hansens Blick begegnen, der bei der Abfassung des ersten Testaments zugegen gewesen war. Er konnte in seiner armseligen Demut nicht alles das wiedersehen, was ihm so gering erschienen, als er noch reich war und die Welt stürmen wollte. Schließlich entschloß er sich zu warten, bis es Abend würde. Dann wollte er Didrichsen in seinem Hause aufsuchen. 5 Es war gegen neun Uhr, als Svend mit einer letzten großen Kraftanstrengung bei Didrichsen klingelte. »Ist Herr Justizrat zu Hause?« Das Mädchen zögerte mit der Antwort und betrachtete ihn prüfend in dem flackernden Licht der Gasflamme auf dem Treppenabsatz. »Ja – a. Aber es ist Besuch da. Der Herr hat seinen Spielabend.« Svend war bereits im Begriff umzukehren. Im selben Augenblick aber fühlte er, daß, wenn er jetzt nicht Ernst mache, dann würde er nie wieder Mut bekommen. Soviel Überwindung hatte ihn dieser Gang gekostet. Er knöpfte fieberhaft seinen Rock auf, zog eine Karte hervor und sagte: »Bitte, geben Sie ihm diese.« Das Mädchen betrachtete sie, warf ihm einen verstohlenen Blick zu und klopfte dann an eine Tür in dem erleuchteten Korridor. Nach einer Weile kam sie zurück. »Bitte!« sagte sie und öffnete die Tür zu einem Herrenzimmer. Sie zündete die Lampe auf dem Schreibtisch an und ließ ihn allein. Es klangen hastige Schritte auf dem Korridor. Svends Herz klopfte so stark, daß es ihm fast den Atem benahm. Wie gut er diese Schritte kannte. »Guten Abend, Byge!« Svend war aufgestanden. Er senkte den Kopf, außerstande, etwas zu sagen. Didrichsen schloß die Tür und ging ihm einige Schritte entgegen, während er sich über den grauen Vollbart strich. Jetzt erst konnte er Svends Gesicht ordentlich sehen – er hatte mit dem Rücken gegen die Lampe gestanden –, und im selben Augenblick wußte er Bescheid. Ein tiefes Mitleid zog seine Gesichtsmuskeln zusammen, aber sie glätteten sich gleich wieder. Er reichte Svend die Hand und nötigte ihn, auf dem Sofa Platz zu nehmen; er selbst setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl. »Es ist mein Skatabend, Byge, aber ich wollte nicht, daß Sie vergeblich gekommen sein sollten.« Svend schluckte und schluckte, um Worte zu einer zusammenhängenden Erklärung hervorzubringen. Schließlich gab er es auf. »Mir ist es schlecht ergangen!« war alles was er sagen konnte. Didrichsen betrachtete ihn mit seinem ruhig forschenden Blick. »Ihre Tante ist gestorben!« sagte er schließlich. »Sie hat mir nichts hinterlassen!« »Hatten Sie es erwartet?« Svend sah zu Didrichsen auf und fragte leise: »Sie nicht auch?« Didrichsen besann sich einen Augenblick, bevor er antwortete: »Das will ich nicht leugnen. Sie haben daraufhin Schulden gemacht?« »Ja.« »Wieviel?« »Nicht mehr, als ich nach und nach abbezahlen kann!« Didrichsen beugte sich vor: »Haben Sie etwas Unrechtes getan?« fragte er leise. Svend verstand, daß er das meinte, wozu der Wucherer ihn aufgefordert hatte, den Namen der Konferenzrätin zu fälschen. »Nein!« sagte er und sah auf, »ich habe mir außer Leichtsinn nichts zuschulden kommen lassen.« »Wieviel müssen Sie haben?« fragte Didrichsen. Er glaubt, daß ich gekommen bin, um ihn anzubetteln, dachte Svend. Dann erhob er sich und sagte: »Ich bin gekommen, um Sie zu bitten, mir zu Arbeit zu verhelfen – einerlei welche –, um Geld wollte ich Sie nicht bitten.« Didrichsen sah hastig auf. Jetzt erst begriff er, wie tief er ihn verletzt hatte. »Armer Byge!« sagte er, erhob sich und legte ihm die Hand auf die Schulter, »es ist gekommen, wie ich gefürchtet hatte. Seltsam,« fügte er nach kurzem Bedenken hinzu, »noch heute, ja, sogar heute abend wurde von Ihnen gesprochen.« Svend erfaßte wie durch eine Eingebung, daß drinnen im Zimmer von ihm gesprochen worden sei; und daß der, der die Worte gesagt hatte, kein anderer war als Geheimrat Welten, der mit zu Didrichsens Skatpartie gehörte. »Jemand hatte erfahren, daß es schlecht um Sie bestellt sei. Da sagte ich zu dem Betreffenden, wenn es wirklich der Fall wäre, so hoffe ich, daß Sie zu mir kommen würden. Wissen Sie – warum ihn nicht nennen? – was Geheimrat Welten dazu sagte?« Didrichsen zögerte und forschte nach der Wirkung seiner Worte. Svend saß gesenkten Kopfes da und starrte vor sich hin. »Er sagte: Wenn er kommt, dann schicken Sie ihn zu mir.« Svend sagte nichts. »Ja, lieber Byge« – Didrichsen legte eindringlich die Hand auf sein Knie –, »das ist der beste Rat, den ich Ihnen geben kann: Gehen Sie zu Welten! – Ich weiß nicht, was er Ihnen sagen will. Aber Sie wissen so gut wie ich, daß er der Mann ist, der Ihnen eine Stellung geben kann, wenn er nur will.« Svend sagte noch immer nichts. Er grübelte darüber, wie seltsam mit seinem Leben verfahren wurde, wie ironisch, wie höhnisch. »Nun müssen Sie mich entschuldigen, Byge,« Didrichsen stand auf, »ich kann meine Gäste nicht länger warten lassen. Versprechen Sie mir, daß Sie zu Welten gehen wollen. Morgen ist Altjahrsabend; das ist ein glücklicher Tag!« Svend beugte zustimmend den Kopf. Er hatte ja keine Wahl. Dann drückte Didrichsen ihm herzlich die Hand, begleitete ihn hinaus und sagte ermunternd: »Mut, Antonius!« 6 Svend lag die halbe Nacht wach und grübelte darüber, was morgen, an dem letzten Tage des Jahrhunderts, mit ihm geschehen würde. Welten kannte sein Schicksal, wußte von seiner Entlassung, der Audienz und von allem, was Svend getan hatte, um seinen Einfluß auf die Regierung zu hintertreiben. Was wollte er jetzt von ihm? War es möglich, daß der allmächtige Mann nach einem Feinde schickte, um ihn zu verhöhnen? Nein, so klein konnte er nicht sein, das war unmöglich. Svend grübelte und grübelte, während er sich schlaflos auf seinem Bett hin und her warf; aber er kam zu keiner Klarheit. Nur kehrte der eine Gedanke beständig zurück: Er will deine Mitwisserschaft kaufen, jetzt, wo du in Not bist. Es war noch nicht hell, als er aufstand. Während er sich wusch, brach sich ein bitteres Lächeln durch sein Elend Bahn: Daß Welten ihn zu sich kommen ließ, war doch endlich ein Resultat – das einzige – das er durch die Entlassung, die Audienz beim König und den Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit erreicht hatte. Dann dachte er wieder: Welten will, daß du sein Geschöpf wirst, ebenso wie all die anderen. Es durchrieselte ihn kalt. Er erinnerte sich des Besuches bei I. O. Nielsen, und er dachte, daß der Wucher, den Welten mit seiner Seele treiben wollte, tausendmal blutiger sei. Er ging den ganzen Morgen in seinem Garten auf und ab. Einen Augenblick blieb er stehen, entschlossen, dem Ganzen zu entlaufen, für sein letztes Geld zu seiner Mutter zu reisen, sich dort zu verstecken und Vergessen zu suchen. Aber dann dachte er an den Wechsel bei Doktor Fratz, beim Wucherer – Frau Henrichsens Geld, das schlimmste von allem; und es wurde ihm wieder klar, daß er keine Wahl hatte. Mußte er denn wirklich zuschlagen und Weltens Geschöpf werden? Nein – nein! – Das konnte niemand von ihm verlangen, weder Frau Henrichsen, noch seine Mutter, noch sonst jemand auf der Welt. Sich zerstückeln, seine lebendige Persönlichkeit preisgeben wegen einer elenden Geldesschuld! Wie ein Hund vor diesem Feind kriechen, den er im besten Glauben verfolgt, das Brot nehmen, das er ihm zuwarf! Nein – nein! Und dennoch – es blieb ihm ja keine Wahl. Während ihm der Schweiß auf die Stirn trat, starrte er in den niedrigen, grauen Himmel hinauf und war dem Verzweifeln nahe. Eine Stunde saß er in dumpfe Grübeleien versunken da. Dann erhob er sich mit einem Seufzer, kleidete sich mechanisch an, verschloß seine Tür und wanderte zur Stadt. Von dem ewigen Kampf gegen das Unabänderliche ermattet, war er entschlossen, den Zufall walten zu lassen und – wenn er Welten gegenüberstand – so zu antworten, wie der Augenblick es ihm eingab. Es war gegen drei Uhr, als Svend in Geheimrat Weltens Vorzimmer stand. Es saßen schon einige Herren da und warteten. Sie versuchten sich den Anschein zu geben, als ob sie ganz gleichgültig wären, aber der eine trocknete sich heimlich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Der Kontordiener nahm Svends Karte in Empfang und Svend setzte sich auf den freien Stuhl neben die anderen. Wie durch einen Nebel sah er, wie einer der Wartenden sich erhob, mit unsagbar zaghaften Schritten durchs Zimmer ging und sich neben der Tür bereithielt, durch die jetzt ein fetter Börsianer mit einem gutmütigen Lächeln auf den Lippen herauskam. Sein Herz hämmerte so laut, daß er es hören konnte. Seine Hände waren feucht und er konnte sich kaum aufrechthalten, während er dasaß und der endlichen Besiegelung seines Schicksals entgegensah. Nach einer unsäglich qualvollen Wartezeit kam er schließlich an die Reihe. Als er in dem großen, halbdunklen Kontor stand, dessen Fenster sehr hoch lagen, sah er den Nacken des Allmächtigen mit dem trocknen, farblosen Haar, über den Schreibtisch gebeugt, während die Feder über das Papier kratzte. Während Svend an der Tür wartete, erinnerte er sich des ersten Males, als er diesen festen, eckigen Kopf mit den eingefrorenen Runzeln gesehen hatte. Es war bei der Verlobungsgesellschaft gewesen. Da hatte Geheimrat Welten ihm gegenüber gesessen und war einer von denen gewesen, die ihn als Departementschef Kruses zukünftigen Schwiegersohn gefeiert hatten. Und jetzt –! Welten hob den Kopf und wandte sich ganz zu ihm um, während seine Hand noch auf dem Papier ruhte. »Bitte!« Svend trat näher. Die Feder zeigte auf den Stuhl neben dem Schreibtisch. Svend setzte sich und fühlte im selben Augenblick, wie die Metallaugen mit ihrer außerordentlichen Aufmerksamkeit seinen Kopf gleichsam umspannten. Ohne die Feder aus der Hand zu legen, richtete Welten sich höher auf und sagte: »Ich habe von Ihrer Entlassung und von der Audienz beim König gehört. Sie haben Mut und Energie bewiesen. Aber Sie haben Ihre Karten schlecht gespielt.« Svend richtete sich auf. Die Worte wirkten wie eine Anerkennung und gleichzeitig wie ein Peitschenschlag. Eine solche Offenheit hatte er nicht erwartet. Nach einer Pause, während der Weltens Augen jeden Zug in Svends Gesicht genau studierten, fuhr er mit seiner trockenen Stimme fort, die so klang, als schlüge er kleine Nägel in einen Holzblock ein: »Sie haben mich für die Handlungen der verantwortlichen Minister verantwortlich machen wollen.« Svend beugte den Kopf in unfreiwilligem Respekt vor diesem Willen, der alle in seiner Hand hielt und ohne ein überlegenes Lächeln zu seinem gefallenen Feinde sprach. »Diese Sache ist nicht schlechter als manche andere,« fuhr er fort, »aber es fehlte Ihnen an einer Fußfeste; und die Geschichte mit der Erbschaft hat Sie gestürzt.« Welten machte wieder eine Pause, während seine Metallaugen die Wirkung seiner Worte tarierten. »Ich habe mich nach Ihnen erkundigt,« fuhr er fort, »bei Tithoff und bei Didrichsen, Ihren ehemaligen Chefs. Soweit ich verstehe, haben Sie Fähigkeiten, die von Nutzen sein können. Aber Sie müssen ganz von unten anfangen. Kammerherr Tithoff hat mir gesagt, daß in Ihrem alten Büro durch Krankheitsfall ein Amt frei geworden ist.« Svend griff sich unwillkürlich ans Herz und sah mit einem Blick auf, dessen flehende Angst ihm selbst unbewußt war. Welten zögerte, als sei er einen Augenblick im Zweifel. Dann fuhr er fort: »Der Schreiber hat einen Schlaganfall bekommen.« Svends Hände zitterten, und er sah wieder auf, als bäte er um sein Leben. Die Metallaugen ließen ihn nicht los. Zum erstenmal glitt es wie der Schatten eines Lächelns über die eingefrorenen Runzeln. »Tithoff will den Schreiber durch einen außeretatsmäßigen Referendar ersetzen, der also gleichzeitig Abschreibarbeiten im Büro besorgen muß. Da Ihre Handschrift gut sein soll, nehme ich an, daß Sie die Stelle bekommen können. Wollen Sie sie haben? Es ging wie ein Ruck durch Svend, als wolle er mit einem Fluch aufspringen. Aber er war nicht dazu imstande. Die Metallaugen hielten ihn fest. Der Stahl in ihm war gebrochen, und er dachte bei sich: Vielleicht meint er es gut. Dann beugte er bejahend den Kopf. »Schön!« sagte Geheimrat Welten und nickte, als akzeptiere er einen Wechsel, »morgen ist Feiertag. Melden Sie sich übermorgen bei Tithoff!« Welten machte noch eine kurze Pause. Dann neigte er höflich den Kopf vor Svend und sagte: »Wenn Sie wieder Grund unter den Füßen und das Leben kennen gelernt haben, wird es mir angenehm sein, Sie wiederzusehen – auch als Gegner. Guten Morgen!« Welten nickte, tauchte die Feder ins Tintenfaß und begann zu schreiben, während Svend sich erhob, verwirrt und leer, sich verbeugte und hinausging. 7 Als Svend auf die Straße kam, war es halbdunkel. Die Laternen wurden gerade angezündet. Geschäftsleute eilten nach Hause. Es lag ein festlicher Ausdruck auf allen Gesichtern: der letzte Tag des alten Jahrhunderts! Ein Schuljunge knallte gerade vor seinen Ohren eine Pistole ab. Er schreckte zusammen, während der Junge und sein Kamerad eine schallende Lache hinter ihm hersandten. Eine Straßenbahn klingelte und klingelte, um durch das Wagengedränge hindurchzukommen. Kutscher knallten mit den Peitschen und riefen sich gegenseitig »Prost Neujahr« zu. Überall war ein Leben, eine Erwartung und eine Freude, als gäbe es ein Jubelfest im Lande. Der Lärm tat Svends Ohren weh. Das Licht blendete ihn. Unwillkürlich bog er in eine stille Seitenstraße ein. Weltens trockene Stimme klang ihm noch in den Ohren; er konnte nicht über seine letzten Worte hinwegkommen. Sein Bewußtsein war wie gelähmt. Ihm war weder gut noch schlecht zumute, nur so seltsam leer – und dann so eiskalt, daß es ihn schauderte. Er ging und ging, bis der Stadtwall sich vor ihm erhob. Mechanisch folgte er dem Pfad, der hinaufführte. Oben strich der Wind ihm von der anderen Seite des Festungsgrabens entgegen. Er blieb stehen und starrte ins Leere, bis er von fernem Feuerwerklärm geweckt wurde. Da atmete er schwer auf. Altjahrsabend! Der letzte Atemzug des alten Jahrhunderts. Noch vor einer Woche hatte er ungeduldig in das neue gestarrt, das ihm alles verhieß, wovon er geträumt hatte. Und jetzt – ach, Gott im Himmel! Er wurde von einem plötzlichen Schluchzen geschüttelt. Dann weinte er sich still aus und begann wieder ohne Ziel zu wandern, indem er dem Pfad der beständig sich schlängelnden Festungslinie folgte. Seine Gedanken hatten keinen Halt mehr. Sie schwirrten ein und aus wie eine weiche Masse, die sich bald hier, bald dort zusammenklumpt, um wieder auseinander zu gleiten und neue Formen und Richtungen anzunehmen. Es fror ihn, er schlug den Rockkragen hoch und erinnerte sich daran, daß er seit dem frühen Morgen nichts gegessen hatte. Ein heftiges Verlangen nach einer warmen, behaglichen Stube und nach heißem Essen, das ihm Kraft und Mut zurückgeben konnte, überfiel ihn. Er stieg den Wall hinunter und eilte über die Brücke. Dort hinten winkten die erleuchteten Fenster eines Vorstadtrestaurants. Sitzen und sich wärmen, ungesehen und ungekannt, essen und trinken, in einer Sofaecke schlummern und von Neujahrsgedanken und seinem schlimmen Leben verschont bleiben. Er hatte das feste Menü für eine Krone gegessen und saß jetzt in die Sofaecke gedrückt, mit einer Tasse Kaffee vor sich. Außer ihm waren keine Gäste in dem langen Raum, der von hochlehnigen Plüschsofas in kleine Abteilungen geteilt war. Die Kellner hatten wohl bis auf den einen, der ihn bedient hatte, frei. Er stand dort hinten über das Billard gebeugt und las in einem Witzblatt. Svend hörte in seinem Halbschlaf, daß hinter dem Büfett etwas vorging. Die Mamsell schien abgelöst zu werden. Zwei Frauenstimmen sprachen vom Wetter und wünschten sich ein glückliches Neujahr. Der Kellner trat hinzu und erzählte, daß die Kirchenglocken das neue Jahrhundert eine ganze Stunde nach Mitternacht einläuten sollten. Eine Tür wurde geschlossen, der Kellner kehrte zu seinem Witzblatt zurück. Die neue Mamsell zog eine Schublade heraus, rasselte mit Geld und wurde darauf ganz still. Svend wartete auf den Schlaf. Er war so unsagbar müde und frei von Gedanken, jetzt, wo er gesättigt und durchwärmt war. Aber jedesmal, wenn er dicht am Einschlafen war, störte ihn etwas und hielt den Schlaf zurück. Er richtete sich auf und bettete seinen Kopf bequemer gegen die Plüschlehne; aber das Störende war wieder da. Da öffnete er die Augen und blickte in die Richtung, von wo die Störung kam. Es zog wohl von einer offen stehenden Tür her. Aber es war nichts zu sehen außer dem Büfett, das durch einen Schenktisch von dem Gastzimmer getrennt war. Merkwürdig. Es zog noch immer, so daß er sich wieder umwenden mußte. Dieses Mal traf sein Blick die Mamsell, die die Arme auf den Schenktisch gestützt hielt und ihm den Kopf zugewandt hatte. Was sie für hübsche, weiße Hände hatte! Und wie sie ihn ansah, als ob sie ihn kenne! Er wandte den Kopf unwillig ab. Als er ihren Blick aber noch immer auf sich gerichtet fühlte, drehte er sich wieder um. Sie hatte sich erhoben und betrachtete ihn jetzt mit Blicken, wie jemand, der nicht länger im Zweifel ist. Etwas an diesem Blick tat ihm wohl in seiner Einsamkeit. Er stand auf und trat ans Büfett, um sich einen Kuchen auszuwählen. Sie standen sich gegenüber. Sie zog ihren Kopf mit dem reichen aschblonden Haar etwas zurück, während ihre blauen Augen ihn groß ansahen; um ihren Mund, der halb geöffnet war, lag ein seltsam zärtliches oder wehes Lächeln. »Es ist leer hier!« sagte er, während er sich einen Kuchen aussuchte, »aber Sie schließen heute abend wohl auch früh!« Sie antwortete nicht gleich. Ihre weißen Finger spielten mit der goldenen Uhrkette auf der grauen, gefältelten Bluse, die ihren vollen Busen stramm umschloß. »Kennen Sie mich nicht?« fragte sie dann mit einer leisen Stimme, die im selben Augenblick sein Herz mit einem Erinnerungsschimmer durchleuchtete. Er ließ seinen Blick über die ruhigen, blauen Augen schweifen, über die feste, runde Stirn, auf der das Haar sich üppig kräuselte, über die vollen, etwas sommersprossigen Wangen, auf die weichen und doch festen Lippen, um die jetzt wieder das zärtliche oder wehe Lächeln spielte. Ja, dieses Gesicht – 8 »Lisbeth!« sagte sie und beugte ihm ihren Kopf mit einem Lächeln entgegen, das ihre Zähne zeigte. Diese Grübchen kannte er – ja, das war Lisbeth. Eine heftige Freude und gleich darauf eine hilflose Scham jagte ihm das Blut in die Wangen. Weshalb gerade jetzt – weshalb mußte er ihr gerade jetzt begegnen, wo alles vorbei war? »Lisbeth!« flüsterte er verwirrt und ergriff die Hand, die sie ihm reichte. »Ich hab Sie gleich erkannt! – Wie geht es Ihnen?« Sie wollte sagen: ich habe gehört, daß Sie Frau und Kinder haben. Aber sie unterdrückte es. Er sah' nicht aus wie ein glücklicher Mann. Es war Mitleid mit der einsamen, müden Gestalt dort in der Sofaecke gewesen, das sie auf ihn aufmerksam gemacht hatte. »Es ist lange her, seit wir uns gesehen haben!« beeilte er sich zu sagen. »Ich glaube, ich sah einen Schimmer von Ihnen, als ich das alte Haus mit meiner Schwester besuchte.« »Ja – das sind jetzt sieben Jahre her. Damals war ich einige Wochen zu Hause gewesen, und Vater fuhr mich zum Bahnhof.« Er lehnte sich gegen die Wand und gab sich plötzlich den Erinnerungen hin. »Ja, das Witwenhaus!« seufzte er, »jetzt soll meine Mutter dort auf Lebzeiten wohnen, nach den testamentarischen Bestimmungen der Konferenzrätin.« Der wehmütige Klang seiner Stimme schnitt ihr ins Herz. Sie fühlte mit sicherem Instinkt, daß das Leben ihm schlimm mitgespielt habe. Sie dachte an ihre Kinderliebe, und es tat ihr leid um ihn. Nun, sie kannte ihn ja nicht, und wahrscheinlich erntete er, was er selbst gesät hatte. Aber dennoch. Jetzt, wo sie sich am letzten Abend des Jahrhunderts so allein gegenüberstanden, konnte sie ihrem Wunsch, etwas über sein Schicksal zu erfahren, nicht widerstehen. »Svend!« sagte sie, und das zärtliche oder wehe Lächeln legte sich wieder um ihren Mund, »so hab ich Sie ja früher immer genannt – wie ist es Ihnen im Leben ergangen?« Ihr Ton war so herzlich, daß es um seine Lippen zu beben begann. Er unterdrückte seine Bewegung, aber sie hatte sie gesehen, und wandte ihren Blick ab, um nicht zu verletzen. Er sah sich in dem leeren Café«, wo der Kellner auf einem Stuhl eingeschlafen war, hilflos um. Dann drängte die schreckliche Öde, in der er lebte, ihn ihrer Teilnahme entgegen. Es war so lange, lange her, seit jemand zu seinem Herzen gesprochen hatte. Er blickte in ihre blauen Augen und versuchte zu lächeln, während er seinen Nacken gegen die Wand drückte. »Schlecht genug!« sagte er. »Von Frau und Kindern geschieden. Ohne Stellung. Ohne Heim.« Ein leises Rot stieg in ihre Wangen. Ihre Augen wurden dunkel, während sie auf ihm ruhten. Dann suchte ihr Blick die Uhr über dem Schrank, streifte darauf den Kellner, der auf dem Stuhl schnarchte. »Gehen Sie heute abend aus?« fragte sie und sah auf ihre Hände herab. »Ja, nach Amager hinaus,« sagte er mit dem Schatten eines Lächelns, »dort wohne ich.« »Auf Amager?« sie sah erstaunt auf. Es war etwas an ihr, das ihn zur Offenheit zwang. Diesen blauen Augen gegenüber, die sich der Vergangenheit so gut erinnerten, halfen keine Ausflüchte. Und gleichzeitig empfand er es wie eine Linderung, sich aussprechen zu können. »Ich habe niemanden, mit dem ich Neujahr feiern kann.« »Ich auch nicht!« sagte sie. »Ich wohne hier in der Nähe in einem kleinen Gartenhaus. Wollen Sie mit mir nach Hause kommen? Dann feiern wir zusammen.« Das kam so natürlich und ruhig – ohne Hintergedanken und ohne Furcht. Er ergriff ihre Hand und drückte sie zum Dank. »Setzen Sie sich wieder auf Ihren Platz!« flüsterte sie. Nach einer Weile klingelte sie dem Kellner, der erwachte, sich streckte und langsam herauskam. »Wie ist es hier öde, Hansen!« »Ja, verflucht langweilig.« »Heute abend kommt sicher kein Mensch mehr. Wissen Sie was, Hansen, wir wollen lieber gleich schließen und Altjahrsabend feiern. Aber Sie dürfen es dem Alten nicht petzen.« »I wo! Der kommt nicht vor morgen früh mit seiner Alten nach Hause. Und dem Schutzmann stecken wir ne Flasche Bier zu, damit er reinen Mund hält.« Mit einem verdrossenen Blick auf Svend begann er lärmend das Licht zu löschen. Svend klingelte, bezahlte und ging. Er wartete einige Minuten draußen an der Ecke; dann kam sie rasch und munter auf ihn zu. »Wie schön, daß ich Sie getroffen habe!« sagte sie. Sie schritten schnell zusammen aus. Der Altjahrsabendlärm hatte begonnen. Einige Knaben schossen Spritzteufel ab, sie zischten und strahlten in allen Farben und warfen ein scharfes Licht auf Lisbeths Gesicht. Svend fuhr bei jedem Knall zusammen. »Wie sind Sie nervös!« sagte sie und betrachtete sein mageres, blasses Gesicht. Sie bogen rechts in eine Seitenstraße ein, die in eine Allee mit jungen Bäumen und kleinen Gartenhäusern, die sich wie Geschwister glichen, endigte. Sie öffnete eine Gittertür und ließ ihn auf einem kiesbestreuten Weg vorangehen. »Dort oben ist es!« sagte sie und zeigte auf zwei dunkle Giebelfenster und eine Glastür, die zu einem Balkon über der Veranda des Parterres führte.   Der Schein des Ofens tanzte in einem breiten Streifen über dem Fußboden, eine starke Wärme schlug ihnen entgegen. »Hu, sie hat ordentlich eingeheizt!« sagte Lisbeth munter, zündete die Lampe auf dem Tisch an und schloß die Ofentür. »Ich wohne bei den Leuten, die das Parterre haben, zur Miete. Es sind nette Leute. Der Mann ist Tischler. Jedes Jahr bezahlt er ab, und in zehn Jahren gehört das Haus ihm.« Ihre klaren Augen fügten anerkennend hinzu: So muß man es machen! Es war eine kleine zierliche Stube mit modernen, billigen Möbeln, so wie Tischler sie dutzendweise anfertigen. Auf der roten Tapete hingen Ölgemälde, mit und ohne Rahmen – einige Studienköpfe, Landschaften, der Rücken eines Aktmodells, das ihr Haar aufsteckte. Über dem Sofa hing ein längliches Bild, das ein altes Haus mit einem hohen Dach vorstellte, über das einige große Kastanienbäume ihre knorrigen Äste streckten. Svend wurde es ganz warm ums Herz. »Das ist ja das ›Witwenhaus‹« sagte er, »das alte Haus!« »Können Sie es erkennen?« Sie stellte sich froh neben ihn, um das Bild mit seinen Augen zu betrachten und das Wiedererkennen mit ihm zu genießen. Er stand lange schweigend da und betrachtete das Dach, die Fenster und die Kastanien voller Rührung. Sie dachten beide an dasselbe. Sie fragte mit dem zärtlichen oder wehen Lächeln von vorhin: »Wissen Sie noch die Ziege Jens?« Ihre Stimme bekam einen anderen, einen wärmeren Klang, wenn sie sie senkte. »Was ist aus ihr geworden?« »Sie brach ein Bein in der Mergelgrube und Vater mußte sie erschießen.« »Ach du lieber Gott!« »Ich war trostlos, wie Sie sich denken können!« »Wie sind Sie nur zu dem Bild von dem alten Haus gekommen?« Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sah sie ihn offen an und sagte: »Ein Maler wohnte einen Sommer bei uns. Es war in dem Jahr, als ich Ihnen und Ihrer Schwester begegnete.« Jetzt war wieder der warme, tiefe Klang in ihrer Stimme. Der bricht immer durch, wenn sie mit dem Herzen spricht, dachte Svend bei sich; mit diesem Maler hat sie sicher etwas gehabt. Ein blondlockiger Kinderkopf lachte ihm von der Wand mit großen Augen entgegen. Er betrachtete ihn lange. Es waren Lisbeths Augen. Er hätte gern etwas Näheres gewußt, aber er wagte nicht zu fragen. Sie sah ihn von der Seite an und las seine Gedanken. »Das ist mein Kind!« sagte sie still. »Aber es ist tot.« Er wurde in ihrem Namen verlegen. Dann aber stieg ein warmes Gefühl der Teilnahme in ihm auf; er drehte sich um und hielt ihren Blick fest. Sie sah ihn mit dem zärtlichen oder wehen Lächeln an, und jetzt war es, als ob sich Tränen dahinter verbargen. »Man muß nehmen, was das Leben gibt!« sagte sie stark, und nach einem Augenblick des Zögerns fügte sie hinzu: »Es ist der Vater des Kindes, der das Haus und all das andere gemalt hat.« Svend wurde wieder verlegen; bevor er aber die teilnehmenden Worte, die ihm auf den Lippen lagen, gesagt hatte, wandte sie sich ab und begann ihre Mäntel an den Garderobenhaken an der Tür aufzuhängen. Ihre Gestalt war kräftig und voll, weich und fest zugleich. Sie hatte eine schnelle und sichere Art, die Dinge anzugreifen. »Jetzt wissen Sie es also!« sagte sie keck, »ich habe ein Verhältnis gehabt und ein Kind bekommen – ein uneheliches Kind –« Sie drehte den Kopf zu ihm um und betrachtete ihn mit einem Blick, der prüfend, aber gleichzeitig schelmisch war, als wolle sie sagen: Hättest du geglaubt, daß ich so eine sei? Denn du findest wohl, daß es schrecklich ist. Er hatte wohl etwas Ähnliches gedacht. Aber es war seltsam, wie das alles, durch die Art, wie sie es sagte, und bei dem starken, unverzagten Blick, der ihren Worten folgte, von ihm abfiel. Das Herz wurde ihm warm. Du lieber Gott, die kleine Lisbeth mit der Ziege. Er vergaß für einen Augenblick seine Müdigkeit und seine eigene Not. »Sie haben wohl viel durchgemacht!« sagte er. »O ja!« sagte sie kurz und knapp. »Wie hieß Ihr Kind?« fragte er und betrachtete wieder den blonden Kinderkopf an der Wand. »Svend!« sagte sie einfach. Bevor er aber Zeit fand, sich zu wundern oder zu fragen, zog sie einen Stuhl an den Tisch, setzte sich ihm gegenüber, beugte sich zu ihm, wobei ihr volles aschblondes Haar vom Lampenschein beleuchtet wurde, und fragte ernst, als ob es selbstverständlich sei, daß sie wieder Freunde wie ehemals waren: »Und wie ist es Ihnen ergangen?« Sie setzte sich zurecht und richtete ihre großen Augen aufmerksam auf ihn. 9 Es wurde eine lange und traurige Erzählung. Anfangs suchte er verlegen nach Worten. Sie war ihm doch so fremd. Aber diese klaren, festen Augen wollten nichts von Umschweifen wissen, duldeten keine Beschönigung. Als er erst erfaßt hatte, daß sie voller Menschlichkeit waren, da beichtete er ihnen sein Leben, mit Wort und Blick. So stark war seine Ehrlichkeit, daß er fühlte, daß er sich nie so offen und unverschleiert jemandem offenbart hatte – nicht einmal sich selbst. Und wie er sich diesen Augen anvertraute, war es, als ob er die Bürde einen Augenblick von den Schultern nehmen und in Ruhe und Frieden Atem schöpfen konnte. Als er aber zu der letzten großen Niederlage kam, daß er, dessen Gedanken und Wünsche so hoch gespannt gewesen waren, jetzt ganz von unten beginnen, die Schmach erleiden sollte, in demselben Kontor, wo er die größten Chancen gehabt hatte, als Schreiber zu beginnen, da übermannte ihn dennoch sein Elend. »Übermorgen,« sagte er mit bebender Stimme, ohne daran zu denken, seine Bewegung vor diesem Blick zu verbergen, der sein Schicksal so teilnehmend in sich aufnahm, »übermorgen melde ich mich bei dem Mann, der sein Versprechen nicht hielt, und bitte demütig um Verzeihung.« »Nein, das tust du nicht!« Sie merkte selbst nicht, daß sie ihn geduzt hatte. Sie war blaß, und ihre Augen hatten einen dunklen Schein bekommen. Sie preßte die Lippen aufeinander, während ihr fester Busen heftig unter ihrer Taille wogte. »Sie sind doch ein Mann!« fügte sie hinzu, indem sich zum erstenmal ein Zug von Unwillen um ihren Mund legte. Svend sprang auf. »Ja, was soll ich denn tun?« sagte er heftig, »meinen Sie nicht, daß ich Tage und Nächte gegrübelt und gegrübelt habe?« Sie blieb sitzen und sah zu ihm aus, das Kinn in ihre weißen Hände gestützt. Als sie nicht antwortete, fügte er hinzu: »Sie vergessen meine Schulden!« »Ach, Ihre Schulden!« sagte sie verächtlich. »Wem schulden Sie denn?« Er nannte den Wucherer. »Na, und? – Der hat ja Ihr Mobiliar. Das mag er behalten!« Svend sah sie unsicher an. Das war ihm noch gar nicht eingefallen. Die alten Möbel, von denen die meisten seinem Vater gehört und die seine Mutter ihm mitgegeben hatte, als er zur Stadt gezogen war, um zu studieren! Er sprach von den Erinnerungen, die – »Erinnerungen!« unterbrach sie ihn höhnisch, »wenn es das Leben gilt, streicht man die Erinnerungen.« Sie lächelte vor sich hin, halb höhnisch, halb schmerzlich, als dächte sie: Was habe ich alles streichen müssen? Was war es nur mit diesem Lächeln? Es schien die Erinnerungen aus seinem Gemüt zu verwischen. Es war, als entglitte ihm die Verantwortung, die er im Namen seines Geschlechtes zu tragen meinte, als sähe er plötzlich mit ganz neuen Augen: Das, was er nicht loslassen zu können meinte, wurde plötzlich zu etwas Feindlichem, das ihn niederdrückte, weil es ihn nicht loslassen wollte. Es lag da und versperrte ihm den Weg. »Und wem sonst noch?« fragte sie. Er nannte den Wechsel von Doktor Fratz. »Ach, dieser Rechtsanwalt wußte ja, was er riskierte.« Aber der Restaurateur und all die anderen, die dem reichen Erben Kredit gegeben hatten? Ja, was denn weiter? Er wollte sie ja nicht um ihr Geld betrügen. Sie müßten nur warten. Sie überlegte einen Augenblick. Dann sagte sie bestimmt: »Aber du mußt fort aus Kopenhagen.« Dieses Mal entdeckte sie das »Du«. Sie wurde rot, wiederholte den Satz mit »Sie«, mußte aber im selben Augenblick lächeln. »Bitte, nein,« bat er und faßte nach ihrer Hand, »wir haben uns ja früher auch geduzt.« Sie betrachtete ihn mit einem festen und prüfenden Blick, gab ihm aber nicht die Hand. Dann legte sich das zärtliche oder wehe Lächeln um ihren Mund. »Gut, sagen wir du,« sagte sie einfach. »Dann ist da noch meine Wirtin,« sagte er, »Frau Henrichsen. Und das ist das schlimmste. Denn sie ist arm.« »Wieviel schuldest du ihr?« »Fünfundachtzig Kronen.« Sie ließ einen Augenblick ihren Blick ins Weite schweifen, als rechne sie. »Die kann ich dir leihen!« sagte sie dann ohne weiteres. Svend blickte sie erstaunt an. Was sollte er sagen? Er hatte Lust, ihre weiße Hand in die seine zu nehmen, weil sie so warm an seinem Elend teilnahm. Aber sie ließ ihm keine Zeit zum Danken. Sie studierte sein Gesicht, während sie ihn verwundert anblickte. »Was willst du eigentlich in diesen staubigen Kontoren?« sagte sie. »Das ist doch mein Fach.« »Wenn man so viel gelernt hat wie du, muß man doch auch was anderes können. Kannst du Sprachen?« »O ja!« Er lächelte über ihren Eifer. »Englisch kann ich am besten. Ich bin sehr gut durchgekommen, als ich in London war.« Sie griff das Wort auf. »Kennst du jemanden in London?« Er schüttelte den Kopf. »Ich war mal beim Gesandten zum Diner. Aber sonst« – er hielt bei der Erinnerung an alte Tage inne; dann fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu: »Richtig – ich kenne auch noch den Portier eines Hotels – er war in Kopenhagen gewesen – ich war eines Abends Gast in seinem Hause.« Ihre Augen wurden dunkel. Sie erhob sich und ging mit raschen Bewegungen durchs Zimmer, als würde ihr das Denken leichter beim Gehen. Mitten im Zimmer wandte sie sich zu ihm um, umfaßte die goldene Uhrkette mit beiden Händen und sah ihn fest mit ihren blauen Augen an. »Reise nach London!« sagte sie. Er blickte erstaunt auf. »Das Reisegeld – und der Aufenthalt?« Sie antwortete nicht, fuhr nur fort, seinen Blick festzuhalten, damit er ihr nicht entschlüpfen sollte. »Meinst du, daß ein dänischer Assessor in London etwas wert ist?« »Ach was, Assessor!« sagte sie geringschätzig, »es ist dein Fehler, daß du zu viel gelernt hast. Alles, was du dir zusammenstudiert hast, ist ja nur eine Fessel um dein Bein.« Er erhob sich überrascht. Seltsam, daß sie das, was ihm in den letzten Tagen, während er Brennholz in seinem Garten sägte, so undeutlich vorgeschwebt hatte, ganz ruhig und ohne Umschweife aussprach. »Wenn du ein ganz gewöhnlicher Arbeiter oder Handwerker wärest, so würdest du dich nicht so hereingerudert haben. Ihr sitzt und studiert in euren vier Wänden, während das Leben euch zwischen den Fingern hindurchschlüpft. Und wenn ihr zufällig eines schönen Tages ins Leben hinausgestoßen werdet und euch selbst oben halten sollt, dann zappelt ihr wie ein junger Hund, der ins Wasser fällt.« Was sagte sie da – so einleuchtend und selbstverständlich? Seine Augen starrten sie groß und rund an. Woher kamen ihr diese Worte? Das war es ja, was auf dem Grund seiner nächtlichen Seufzer gezittert, was er aber nicht hatte ans Tageslicht ziehen können, weil soviel Staub, so viele Schichten jahrelanger Vorurteile darauf gelegen hatten. Sie sprach sich warm, wie sie da vor ihm stand und an ihrer goldenen Kette zerrte. »Glaubst du, daß das Leben sich etwas aus deiner Gelehrsamkeit macht? Was ist sie wert, wenn sie dir nicht mal zum täglichen Brot verhelfen kann, sobald du mit einem deiner dummen Büromenschen aneinander gerätst? Glaube mir, die neue Zeit, der wir entgegengehen – das neue Jahrhundert –, fragt nicht mehr nach Examen, sondern danach, was ein Mann unter Männern wert ist.« Sie betrachtete ihn von oben bis unten, seine Gestalt, seine Hände, als wolle sie ihn taxieren. »Du hast es nicht gelernt, deine Hände zu gebrauchen, das ist klar – aber du bist sprachgewandt, bist groß und schlank und hast ein nettes, gebildetes Wesen.« Sie bekam eine Idee. Wie ein Funke, der Feuer fängt, so huschte das zärtliche oder wehe Lächeln über ihr Gesicht. »Portier – ja – das wäre etwas für dich. – Portier!« Svend sah sie an. Verhöhnte sie ihn in seinem Elend. »Portier?« fragte er unsicher. »Ja – Portier!« Sie trat ganz nah an ihn heran und blickte ihm so fest ins Auge, daß er ihr nicht zu entschlüpfen vermochte. »Warum willst du dich hier in Dänemark verhöhnen und hunzen lassen? Pfeife ihnen ein Stück und stürze dich kopfüber ins Leben hinein! – Ja, das rate ich dir, Svend! – Reise morgigen Tages nach London! Keine lange Bedenkzeit. Glaube mir, ich kann dir ansehen, daß du ganz krank bist vor Überlegen und Prüfen, ob das ehrlich genug ist und das groß genug und das dritte – hu! – ich wäre schon längst verrückt geworden, wenn ich du gewesen wäre.« Svends Herz klopfte heftig; er hatte sich höher aufgerichtet. Sie lächelte wieder, weil sie den Knaben von damals jetzt wiedererkannte. »Portier?« Er sah das große Hotel und den distinguierten Herrn vor sich, der gegen alle so höflich gewesen war und sein Hausboot auf dem Fluß hatte. Es war ein lächelndes Bild, das da vor ihm auftauchte. Sie sah, wie es in ihm Wurzel schlug und beeilte sich, nachzuhelfen. »Ich sage dir, darin liegt eine Zukunft. Wer sich auf solche Weise emporgearbeitet hat, der wird ein reicher Mann, während andere, Akademiker, es zu nichts weiter bringen, als andere anständige Leute über den Kopf anzusehen. Sie erlangen mit knapper Not gerade das, was sie zum Leben brauchen – und einen noblen Titel kurz bevor sie sterben. Aber weder Reichtum noch Macht.« Da merkte sie, daß er an seine Zukunftsträume dachte, die sich nicht so in Geld werten ließen. »Und wenn du dich erst in England emporgearbeitet hast,« fuhr sie fort, »dann kehrst du zurück und kannst deinem Lande noch immer nützen.« »Portier!« wiederholte er. »Findest du es vielleicht schöner, übermorgen um Verzeihung zu bitten und einen Knochen zugeworfen zu bekommen, von dem du weder leben noch sterben kannst? Pfui!« Sie warf den Kopf verächtlich in den Nacken und nahm ihre Wanderung durch die kleine Stube wieder auf. Zum erstenmal seit dem Tage bei Doktor Fratz begann es für ihn zu dämmern. Es war, als habe sie ihn mit ihren starken Armen von der Bürde befreit und ihm gezeigt, wie wenig sie des Tragens wert gewesen sei. »Lisbeth!« sagte er und trat neben sie, ohne zu wissen, was er von ihr wollte. Sie aber dachte: Wird er jetzt alles zwischen uns beiden verderben, indem er mich küssen will – er ist ja ein Mann und hat sich gewiß lange keinem Weib genähert. Deshalb zog sie sich von ihm zurück und stand fest und abweisend auf ihren Füßen. »Aber das Reisegeld – und der Aufenthalt für die erste Zeit?« sagte er; das hatte sie ja vergessen. »Das kann ich dir leihen!« Es ist wie ein Traum. Er sieht sie zur Kommode gehen und ein Sparkassenbuch herausnehmen, in dem viele Scheine liegen. Sie hat das Geld heute gehoben, für ein Mobiliar, das sie sich zusammengespart hat; aber das kann warten. »Bitte! Hier ist das Geld für deine Wirtin. Und hier sind zweihundert Kronen für die Reise und die ersten Tage in London.« Plötzlich fällt ihr etwas ein – »Du hast doch deinen Frack? Den kannst du nicht entbehren?« Denn sie denkt bei sich: gesetzt, er wird Kellner; aber sie spricht es nicht aus, dazu ist sie zu klug. Er errötet bis an die Stirn. Wie sie das Leben kennt und an alles denkt! »Wieviel?« »Fünfundzwanzig Kronen!« »Schön. Dann schuldest du mir alles in allem dreihundert und zehn Kronen. Die schickst du mir, sobald du dir etwas verdient hast.« Sie sieht ihn fest an, ohne eine Spur von einem Lächeln. Als sie ihm aber das Geld reicht, wagt er es nicht anzunehmen. Er schüttelt den Kopf und tritt einen Schritt zurück. Das Geld nehmen, das sie sich im Schweiße ihres Angesichts erarbeitet hat, während ihm von anderen geholfen worden ist – vom Kinde zum Studenten – vom Studenten zum Assessor – bis er jetzt alles zugesetzt hatte! Nein – nein! Er konnte ihr Geld nicht nehmen. »Unsinn, Svend!« Sie reichte es ihm von neuem. »Ich kann nicht, Lisbeth!« Erst stampft sie heftig auf den Fußboden. Dann wird sie betrübt und sagt mit dem zärtlichen oder wehen Lächeln und mit dem tiefen Klang in der Stimme: »Nimm es meinetwegen, Svend!« »Deinetwegen –?« fragen seine Augen. »Ich will wissen, ob du etwas taugst.« Jetzt ist es gesagt. Er betrachtet sie und das Geld in ihrer Hand; aber sie gibt ihm nicht mehr Worte. Da nimmt er die Scheine, steckt sie zu sich, faßt ihre weiße Hand und sieht sie mit einem bittenden und fragenden Blick an. Sie läßt ihre klaren Augen eine Weile in den seinen ruhen. Sie zieht ihn durch ihren Blick zu sich heran und hält ihn doch gleichzeitig in Abstand. Dann zieht sie behutsam ihre Hand zurück. »Nein!« sagt sie mit ihrem Lächeln. »Wann denn?« fragt er ohne Worte. »Ich will erst wissen, ob du etwas taugst.« Sie wendet sich ab und schließt die Kommode. Er weiß nicht, ob er gehen oder bleiben soll. »Du mußt jetzt lieber gehen!« sagt sie, ohne sich umzuwenden. »Soll ich gehen?« »Nein – wir wollen erst auf ein glückliches neues Jahr anstoßen!« Sie zieht ihre Uhr zwischen zwei Knöpfen der strammsitzenden Taille hervor – es sind nur wenige Minuten von dem alten Jahrhundert noch übrig. Dann nimmt sie eine Flasche Portwein und zwei Gläser aus dem Schrank. Nachdem sie eingeschenkt hat, öffnet sie die Tür zum Balkon. Sie treten hinaus. Es ist mild und sternenklar. In der Allee ist es ganz still, aber aus der Ferne dringt der Neujahrslärm zu ihnen. Sie sitzen auf dem Balkongitter und warten mit den Gläsern in der Hand. Die Uhr schlägt zwölf. Alle Kirchenglocken der Stadt beginnen das neue Jahrhundert einzuläuten, sie begrüßen eine neue Zeit und eine glückliche Zeit. »Ein glückliches neues Jahrhundert!« sagt sie und stößt mit ihm an. Sie leeren ihre Gläser bis auf den Grund, während ihre Blicke ineinander ruhen. »Lisbeth,« fragt er und faßt wieder ihre Hand, »darf ich dich etwas fragen?« Sie nickt. »Weshalb hattest du deinen Knaben Svend genannt?« »Ach, das war ein Traum!« sagt sie und zieht ihre Hand an sich. »Gute Nacht, Svend!« »Gute Nacht, Lisbeth!« Als er über den stillen Weg geht, wo der Kies unter seinen Füßen knirscht, sitzt sie noch oben auf dem Balkon und blickt hinab. »Glückauf!« flüstert sie auf seinen Weg hinab. Sie bleibt auf dem Balkon, bis sie ihn nicht mehr sehen kann. Dann klirrt die Glasscheibe ihrer Tür durch die Nacht. Und während die Glocken läuten, wandert er mit Morgengrauen im Herzen in das neue Jahrhundert hinein. 10 Er kam nachmittags mit dem Zuge nach Aaberg. Ein dicker, gelber Nebel lag über dem Hafen und erstickte alles Licht und Leben, so daß der Dampfer nicht abfahren konnte. Die Passagiere mußten an Bord bleiben, um besseres Wetter abzuwarten. Aber es wurde Abend und Nacht, ohne daß sich ein Luftzug rührte. Der Nebel herrschte unentwegt über Land und Meer. Svend warf sich unruhig in seiner engen Koje hin und her. Er fuhr zweite Kajüte. Er erinnerte sich seiner vorigen Reise nach London, als er voller Erwartung auf dem Deck der ersten Kajüte auf und ab spazierte und den Himmel voller Geigen hängen sah. Dann aber unterdrückte er seine Gedanken – er hatte ja gelernt, daß sie es waren, die ihn irre führten – biß die Zähne zusammen, dachte an Lisbeths seltsame Worte, die an etwas auf dem Grunde seiner Seele gerührt hatten: »Ich will wissen, ob du etwas taugst!« – und schlief schließlich ein. Am Morgen war der Nebel noch so dicht, daß man kaum die Schuppen auf dem Kai unterscheiden konnte. Er ging mit den anderen Passagieren an Land, tastete sich über die Schleusenbrücke und folgte der langen Mole bis zur Spitze. Dann ging er auf der Innenseite zurück, wo dicht bei dicht Fischerboote lagen, die ihre nebelfeuchten Segel gehißt hatten und auf Umschlag im Wetter warteten, während die Fischer sich in kleinen Gruppen auf dem Kai herumtrieben. Da waren alte verwitterte Gesichter, wie er sich ihrer von der Fischerdeputation aus Sandöre erinnerte, aber auch ganz junge Burschen, deren gutmütige, treuherzige Kindergesichter in drolligem Gegensatz zu ihren schweren Gliedern und langsamen Bewegungen standen. Es kam ein strammer und verfaulter Geruch vom Meere her. Ein Hafenangestellter, der damit beschäftigt war, Signallaternen im Brückenhaus zu hissen, sah Svend auf dem Bollwerk stehen und diesen Geruch prüfend durch die Nase ziehen. »Ja, so riecht es hier immer!« sagte er, »das kommt von all dem Abfall und den toten Fischen, die die Fischer über Bord werfen. Die liegen hier und verfaulen.« Svend gab seiner Verwunderung Ausdruck. »Ja, was sollen sie denn sonst mit dem Abfall machen?« Ob hier denn kein Abfluß sei? Nein, das sei ja gerade das Unglück. Das Wasser müsse denselben Weg zurück zwischen den Brückenköpfen – wo es hereinkäme. Svend meinte, daß durch eine Öffnung weiter unten in der Mole und durch den Werfthafen auf der anderen Seite Strom geschaffen werden könne. Freilich, aber darauf wollte der Werftbesitzer sich nicht einlassen und er sei selbst technisches Mitglied im Stadtrat. Wie konnten da die Fische in den Fischkästen frisch gehalten werden? Ja, damit hätte es auch seine liebe Not. Sie wurden matt im Fleisch und starben bald. Aber das sei ja eine sinnlose Kapitalverschwendung! Der Hafenangestellte zuckte die Achseln: So sei es von jeher gewesen. Svend sah hier zum erstenmal ein Stück von der Wirklichkeit, nach der er sich so gesehnt hatte, als er mit dem Fischereigesetz beschäftigt gewesen war. Er gedachte der beständig einlaufenden Klagen, bald über dieses und bald über jenes, und dachte mit einem Seufzer daran, wie sehr er gewünscht hatte, sich an Ort und Stelle von den Verhältnissen zu überzeugen, um den Fischern zu helfen. Jetzt war es zu spät. Der Weg war versperrt. Die Sache ging ihn nichts mehr an. Gegen Mittag kam ein Wind aus Nordwest auf. Der Nebel wurde zu weißen Wolken zusammengeballt und klebte sich an die Häuser am Lande, bis der Wind sie auch dort wegfegte. Die Schiffsglocke mahnte, und die Passagiere eilten an Bord.   Svend war abermals in London. Er fand den Weg zum Hotel und erinnerte sich seiner Eindrücke von damals. Als er aber des Einganges zum Hotel ansichtig wurde und daran dachte, daß die nächsten fünf Minuten für sein zukünftiges Leben entscheidend sein würden, mußte er seinen ganzen Mut zusammennehmen, um nicht umzukehren. Er duckte sich unwillkürlich, als er an dem Groom vorbeiging, der ihm die Tür öffnete. Dann biß er die Zähne zusammen, fest entschlossen, dem Augenblick wie ein Mann entgegenzutreten. Aufrechten Ganges schritt er auf die offenstehende Tür der Glasloge zu. Ein junger Mann erhob sich und fragte höflich, wen er zu sprechen wünsche. »Mr. Johnstone.« Der Inspektor frühstücke, würde aber gleich wieder hier sein. Ob er so freundlich sein wolle, solange Platz zu nehmen. Svend dankte und blieb stehen. Kurz darauf hörte er die klare, angenehme Stimme in der Halle, deren er sich so gut erinnerte. Er sah, wie der junge Mann sich über die Tonbank beugte und ihm etwas sagte. Im nächsten Augenblick stand Mr. Johnstones schlanke, tadellose Gestalt vor ihm, glattrasiert, das dunkle Haar fest an den Kopf gebürstet, mit seinen ehrerbietig wohlwollenden Augen und dem scharfen, energischen Mund. Svend nannte seinen Namen. Mr. Johnstone ließ seinen Blick einen Augenblick aufmerksam auf Svends Gesicht ruhen. Dann tauchte ein plötzliches Wiedererkennen in ihm auf. »Wie geht es Ihnen?« fragte er lächelnd und drückte Svend die Hand. Jetzt galt es. Er fühlte selbst, wie seine Züge sich strammten, und merkte, wie sein veränderter Ausdruck sich in Mr. Johnstones Gesicht spiegelte. »Es ist mir schlecht gegangen!« sagte er leise, damit der junge Mann am Pult ihn nicht hören konnte, »ich habe mein Vermögen verloren und kann es in meinem eigenen Lande nicht mehr aushalten.« Bei dem Wort Vermögen« wurde Johnstones Gesicht kalt und verschlossen, nur die Höflichkeit war noch geblieben. »Was wünschen Sie?« fragte er kurz, als Svend eine Pause machte, um Mut zu sammeln. Er fühlte, daß der Versuch mißglückt war, bevor er noch gesprochen hatte. Mit einer verzweifelten Anstrengung brachte er dennoch die Worte hervor: »Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht hier im Hotel für mich Verwendung haben. Ich bin sprachgewandt und verstehe mich auf Buchführung. Ich habe die Absicht, in Ihr Fach überzugehen.« Mr. Johnstones Blick musterte ihn kurz und scharf, während seine Hand an die Uhrtasche griff. Ein halb mitleidiges, halb erstauntes Lächeln legte sich einen Augenblick um seinen schmalen Mund und entzündete einen Hoffnungsschimmer in Svends Herzen. »Es tut mir leid, Mr. – äh –« er suchte einen Augenblick vergeblich nach Svends Namen –, »aber wir haben leider keine Verwendung für Ihre ausgezeichneten Kenntnisse.« »Sie brauchen nichts zu befürchten!« beeilte Svend sich zu sagen, da er annahm, daß Johnstone ebenso wie Lisbeth meinte, daß seine akademische Ausbildung eine Fessel sei, die ihn unpraktisch und anspruchsvoll mache. »Ich habe mit meiner ganzen Vergangenheit abgeschlossen und bin bereit, ganz von unten anzufangen.« Ohne darüber nachzudenken, hatte er sich der Worte Geheimrat Weltens bedient. »Gestatten Sie mir nur, dem Portier zur Hand zu gehen und das Fach zu erlernen!« beeilte er sich hinzuzufügen, als Mr. Johnstones Zögern ihm von neuem Hoffnung machte. Der Inspektor betrachtete ihn noch einmal scharf, überlegte kurz und sagte dann in einem entscheidenden Ton, indem er sich zum Gehen wandte: »Es tut mir leid, aber das Hotel nimmt keine Lehrlinge an.« Eine plötzliche Mutlosigkeit machte Svends Augen bleich. Mr. Johnstone sah es und zögerte einen Augenblick. »Sagen Sie mir dann wenigstens, wo ich ein billiges Logis finde und in die Lehre kommen kann.« Aus der Halle ertönten jetzt laute Stimmen. Ein Herr und zwei Damen standen gestikulierend am Fuße der Treppe und versuchten sich verständlich zu machen. Mit einem »Entschuldigen Sie!« ließ der Inspektor Svend stehen und trat zu den Gästen. Aber er hatte nicht mehr Glück, obgleich er es sowohl mit Französisch wie mit Deutsch versuchte. Svend hörte, daß die Fremden Schweden seien. Der Herr wollte die Adresse eines Arztes und einer Masseurin wissen. Die eine der Damen hatte Ischias und mußte massiert werden. Eine Chance, dachte Svend, die er ergreifen wollte! Er trat an Mr. Johnstone heran und erklärte ihm, was die Fremden wünschten. Er bemühte sich, den Fremden gegenüber eine artige Zuvorkommenheit zu entfalten, denn dies war ja wie eine Probe, die er zu bestehen hatte. Die Fremden freuten sich, daß sie endlich verstanden wurden und der Herr, der Svend für einen Angestellten des Hotels hielt, klopfte ihm auf die Schulter und bat, sich in Zukunft an ihn wenden zu dürfen. Als die Fremden gegangen waren, sagte Svend ernst zu Mr. Johnstone: »Ein wenig Nutzen könnte ich doch vielleicht tun!« Johnstone überlegte einen Augenblick, sagte dann » please « und ging voran in die Glasloge. Dort unterhandelte er leise mit dem jungen Mann am Pult, der Svend einen raschen Blick zuwarf, darauf in einem Buch nachsah und einen Nummernplan über die Zimmer des Hotels zu Rate zog. Der Inspektor sagte » well « und nickte, ging darauf auf Svend zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Sie können ein kleines Dienerzimmer in der obersten Etage bekommen und Frühstück am Tisch der Angestellten, wenn Sie dem Portier zur Hand gehen oder hier im Büro Hilfsdienste leisten wollen. Sie müssen die Arbeit nehmen, wie sie fällt, bis wir sehen, was Sie taugen. Wollen Sie?« »Mit Vergnügen!« sagte Svend und dankte Mr. Johnstone, der dem Hausknecht klingelte, ihm kurz Bescheid gab und Svend aufforderte, mit dem Bediensteten-Lift nach oben zu fahren. 11 Die Stube, in der Svend schlief, lag unmittelbar unterm Dach und bekam von einer Milchglasscheibe in der Decke Licht. Wenn es regnete, konnte er bei dem Prasseln der Regentropfen kaum einschlafen. Sein Nachbar, hinter einer dünnen Bretterwand, war ein junger Kellner, der selten vor zwei Uhr zu Bett kam. Dann warf er seine Stiefel mit einem Krach vor die Tür, entkleidete sich unter Schnaufen und Schimpfen und verfiel sofort in einen schnarchenden Schlaf. Um sechs Uhr ging der Hausknecht von Tür zu Tür und weckte. Svend war immer zu rechter Zeit unten. Es galt ja, jede Arbeit so pünktlich wie möglich zu verrichten. Er verbrachte die meiste Zeit des Tages in der Halle, nahm Aufträge entgegen oder wies Zimmer an, wenn der Portier beschäftigt war. Hin und wieder rief der junge Mann hinter der Glaswand ihn herein, trug ihm auf, eine Seite im Hauptbuch zusammenzuzählen oder eine Rechnung auszustellen. Anfangs fiel es Svend schwer, weil er die besondere Hotelbuchführung nicht kannte, und er hatte gleich eingesehen, daß er auf niemandes Wegweisung rechnen könne. Alles, was gelernt werden sollte, mußte er erraten. Sowenig Worte wie möglich, das schien das Prinzip in diesem Fach zu sein. Es war, als ob die Angestellten zum Ersatz für all die überflüssigen Worte, die sie an beschwerliche und weitschweifige Fremde verschwenden mußten, sich gegenseitig ausschwiegen. Svend konzentrierte seine Gedanken auf seine Arbeit. Der Tag ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Er erinnerte sich noch Mr. Johnstones Geschäftsgeheimnis von seiner früheren Reise her: Jedem Gast vollkommen zur Verfügung zu stehen, solange man mit ihm zu tun hatte. Mehrere Male hatte er Gelegenheit, seine Liebenswürdigkeit in Mr. Johnstones Gegenwart zu entfalten, aber es wurde ihm nie klar, ob er den Beifall des Inspektors gewann. Johnstone war immer höflich, behandelte ihn aber nicht anders als die übrigen Angestellten. Svend sah wohl ein, daß es so in jeder Beziehung das beste sei; dennoch berührte es ihn anfangs wie eine Demütigung. Nachdem ein Monat vergangen war, wurde der eine Portier krank, und Johnstone trug Svend auf, seine Stellung vertretungsweise zu übernehmen. Es wurde sehr anstrengend. Er hatte abwechselnd Tag- und Nachtdienst. Da es ihm aber selbst trotz größter Wachsamkeit, bei seiner eigenen Fremdheit, unmöglich war, den Fremden genügende Auskunft über die verwickelten Verkehrsverbindungen der ungeheuren Stadt zu geben, so passierte es ihm mehrere Male beim Nachtdienst, daß er sich irrte und für die Folgen verantwortlich gemacht wurde. Als infolgedessen ein französischer Geschäftsreisender, dem er einen verkehrten Bahnhof angegeben hatte, seinen Zug verfehlte und in seiner Wut das Hotel dafür verantwortlich machte, rief Mr. Johnstone Svend zu sich und sagte ihm, daß er ihn nicht als Portier gebrauchen könne, jedenfalls vorläufig noch nicht. Dagegen erhielt er auf Grund seiner Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit im Rechnungswesen das Amt, die Einkäufe zu kontrollieren. Morgens um fünf Uhr fuhr er mit dem Materialwagen zum Fisch- und Gemüsemarkt, notierte, was eingekauft wurde, und trug die Verantwortung dafür, daß alles, was aufgeschrieben war, auch richtig im Hotel abgeliefert wurde. Jetzt bekam er Kost und einen Wochenlohn. Aber die Arbeit war auch viel mühsamer als seine frühere – und unangenehmer. Denn er mußte früh und spät auf dem Posten sein, und dadurch machte er sich unbeliebt, sowohl bei den Lieferanten, die gewohnt waren, den Einkäufern Angeld zu geben, als auch bei den Leuten des Hotels, die jetzt nicht mehr wie sonst etwas für ihren privaten Haushalt beiseite bringen konnten. Sie versuchten ihm Fallen zu legen, wälzten jeden Fehler, der begangen wurde, auf ihn ab, und machten sich auf alle Weise seine Fachunkenntnis zunutze. Es glückte ihnen auch häufig, seine Rechnung in Unordnung zu bringen; aber sein guter Wille und seine Umsicht machten, daß Mr. Johnstone sich fest auf seine Ehrlichkeit verließ und ihn in seiner Arbeit unterstützte. Manche Nacht warf er sich todmüde auf sein Bett, verzweifelt über seine freudlose Einsamkeit zwischen Menschen, die in allem, außer robuster Arbeitskraft, tief unter ihm standen. Er gelobte sich, daß er dieser Tätigkeit, die noch dazu schlecht besoldet war, bei der ersten besten Gelegenheit den Rücken kehren wollte. Es mußte doch kleinere Hotels geben, wo die Ansprüche, die an einen Portier gestellt wurden, nicht größer waren, als daß er sie bereits jetzt bewältigen konnte.   Der eine graue Morgen löste den anderen ab, nur unterbrochen von der schläfrigen Ruhe des Sonntags, der fast noch unerträglicher war als die Werktage, weil die Untätigkeit Gedanken heraufbeschwor. Er hatte sich selbst gelobt, daß er Lisbeth nicht schreiben wolle, bevor er ihr das Geld schicken konnte. Dennoch saß er mehrere Male des Sonntags mit der Feder in der Hand und dachte an ihre seltsame, wie vom Schicksal bestimmte Begegnung am letzten Abend des alten Jahrhunderts. Aber er brachte es nie weiter als zu »Liebe Lisbeth!« Dann erhob er sich mißmutig und riß den Bogen entzwei. Seiner Mutter aber hatte er gleich geschrieben, als Mr. Johnstone ihn engagiert hatte. Er schrieb, daß er fortgereist sei, weil die Verhältnisse in Dänemark ihm zu eng geworden seien. Sie solle sich nicht ängstigen, es ginge ihm gut und er sei im Begriff, einen ganz neuen Weg einzuschlagen. Er bekam Antwort aus dem »Witwenhaus«, in das sie bereits eingezogen war. Der Brief war voller Besorgnis für seine Zukunft. Sie bat ihn, nach Hause zu kommen. Jetzt, wo sie freie Wohnung und die 800 Kronen im Jahr habe, könne sie ihm sehr gut helfen, besonders da Gerda ihr Examen ausgezeichnet bestanden und bereits eine Stellung als Hilfslehrerin bekommen habe. Svend war tief gerührt über ihren Brief, aber er war fest entschlossen, sie nicht um Geld zu bitten, wie es ihm auch gehen würde. Sie hatte seinetwegen Kummer genug gehabt. Er schrieb darum einen sehr vergnügten Brief nach Hause, daß er alles habe, was er brauche, und daß er hoffe, sie in nicht zu langer Zeit im »Witwenhause« besuchen zu können. 12 Eines Morgens, als Svend und der Einkäufer wie gewöhnlich auf dem Billingsgate-Markt von Tisch zu Tisch gingen, kam ein junger, gut gekleideter Herr auf sie zu und richtete einige Worte an den Einkäufer, der ihn zu kennen schien. Als Svend hörte, daß der junge Mann Johnstones Namen nannte, nahm er ihn näher in Augenschein. Ihm war, als kenne er die feingezeichneten, schrägen Augenbrauen, das gelbliche Gesicht, die großen, klugen Augen. Im selben Augenblick, als er feststellte, daß der junge Mann ein Chinese sei, wußte er, daß er Mr. Johnstones Chinaboy vor sich hatte. Der Knabe war jetzt ein geschmeidiger Jüngling, mit einem selbstbewußten und beherrschten Ausdruck in Blick und Haltung. Svend begrüßte ihn und erinnerte ihn an seinen Besuch auf dem Flusse. Mr. Chanfoe betrachtete ihn aufmerksam, nickte und lächelte mit seinen schmalen Lippen; Svend aber hatte doch den Eindruck, als ob er sich seiner in Wirklichkeit nicht erinnern könne. Es war jetzt, ebenso wie damals, etwas einschmeichelnd Liebenswürdiges im Gesicht des Chinesen, das Svend anzog. Er gedachte der mütterlichen Gefühle Mrs. Johnstones für ihn und der Liebe des Knaben für sie. Und als er hörte, daß Chinaboy jetzt sein eigenes kleines Hotel in Eastend habe, für Gentlemen aus den Kolonien, wie er sich ausdrückte, da beeilte er sich zu sagen, daß er eine Stellung als Portier in einem kleinen Hotel suche. Chanfoe betrachtete ihn mit einem plötzlichen Wechsel im Ausdruck, der seine Rasse verriet. Er wolle gelegentlich daran denken, sagte er. Sie trafen sich noch mehrmals auf dem Markt, wo Chanfoe persönlich seine Einkäufe machte. Svend merkte, daß die Augen des Chinesen ihm beständig folgten, bis er sich ihm eines Tages näherte und fragte, ob er Lust habe, zu ihm zu kommen. Der Chinese erzählte, daß sein Hotel klein sei und meistens Leute beherberge, die mit den großen China- und Ostindienfahrern in den Docks von Eastend lägen. »Sehr anständig,« versicherte er mit ernsten Augen. Es kämen Offiziere der Schiffe, Leiter der europäischen Faktoreien in den chinesischen Hafenstädten, Leute aller Nationen, auch einzelne reiche Chinesen, die mit seinem Vater in Schanghai in Geschäftsverbindung stünden. Aber alle »sehr anständig«. Svend bat sich bis zum nächsten Tag Bedenkzeit aus. Als er mit Johnstone darüber sprach, merkte er gleich, daß der Chinese sich nach ihm erkundigt habe. Zum erstenmal erwähnte Johnstone etwas von seinen Familienverhältnissen. »Seit dem Tode meiner Frau,« sagte er, »sehe ich Chanfoe nur selten. Er hat das Hotel in Eastend im vorigen Jahr von einem Freunde seines Vaters, der nach China zurückkehrte, übernommen. Ich will Ihnen weder ab- noch zuraten. Chanfoe ist ein tüchtiger Mensch und das Geschäft ist sicherlich gut. Aber ob es für Sie paßt, das weiß ich nicht. Sie können es ja versuchen.« Svend verstand, daß kein herzliches Verhältnis zwischen Johnstone und seinem früheren Mündel herrschte; aber er wollte nicht fragen. Als er tags darauf Mr. Chanfoe wieder traf, schlug er ein. Er sollte volle Kost bekommen, aber keinen Lohn außer den Trinkgeldern. Mr. Chanfoes Hotel lag weit draußen in Commercial Street und hieß: »Old Svan«. Es war ein graues Gebäude mit zwei Stockwerken, deren Fenster weit auseinander lagen und mit ihren gleichartig gemusterten Stores einen vornehmen Eindruck in dem sonst einfachen Viertel machten. Über der Tür prunkte aus alten Tagen ein in Holz geschnitzter Schwan, dessen Vergoldung die Zeit geraubt hatte. Es war ein Hotel, in dem nie ein Geräusch laut wurde. Dicke Teppiche bedeckten die Fußböden und Korridore. Die elektrischen Lampen waren mit matten Kugeln bedeckt und bunte, undurchsichtige Fensterscheiben führten zu dem dunklen Hof hinaus, in dem nie ein Mensch zu sehen war. In dem ganzen Hotel gab es nicht einen einzigen weiblichen Dienstboten. Außer Svend, der abwechselnd mit Chanfoe selbst den Portierdienst versah, waren ein alter Oberkellner und der Hausknecht Jack die einzigen Europäer. Sonst waren alle Angestellten des Hotels Chinesen. Junge, schweigsame Leute, die Mr. Chanfoe glichen, mit verschlossenen Gesichtern und einem freundlichen, selbstbewußten Lächeln für jeden. Alle Kunden des Hotels schienen Stammgäste zu sein. Leute verschiedenartigen Standes und aus allen Nationen, aber mit einem gemeinsamen Stempel: alle standen sie auf irgendeine Weise mit ostasiatischen Ländern in Verbindung. Da waren Kapitäne; wuchtige, schweigsame Leute mit wettergebräunten, von Seemannsbärten umrahmten Gesichtern. Da waren Angestellte aus englischen Handelshäusern in Schanghai, die sich auf Urlaub oder in Geschäften in London aufhielten. Leute mit einer seltsam vergilbten Haut und seltsam unruhigen Augen. Hin und wieder ein Chinese von hohem Rang, dessen Aufwartung Mr. Chanfoe selbst übernahm. Aber außer diesen Gästen aus der Fremde gab es auch Besucher, die aus der Stadt kamen und nichts außer einer Handtasche bei sich hatten. Sie kamen in regelmäßigen Zwischenräumen in der Dämmerung angefahren, bekamen ihre bestimmten Zimmer und blieben nur eine oder zwei Nächte. Es war leicht zu durchschauen, daß der Name, den sie angaben, fingiert war; und Svend lernte bald, daß am liebsten gar nicht gefragt werden sollte; er konnte einen Namen nach Belieben einschreiben. Vereinzelte Damen waren dazwischen. Sie kamen nach Dunkelwerden mit einem Wagen, glitten dichtverschleiert an der Portierloge vorbei und wurden von Chanfoe, der sie kannte und erwartete, in ein Zimmer geleitet. Es dauerte einige Tage, bis es Svend, der sein Zimmer hinter der Portierloge hatte, klar wurde, was eigentlich die Anziehungskraft dieses abgelegenen Hotels ausmachte. Vom Hotel führte eine Hintertür und ein enger Korridor zu einer Bar, die ihren eigentlichen Eingang von einer Seitenstraße hatte. Svend war an einem der ersten Tage dort hineingegangen, um einen Porter zu trinken. Er wunderte sich, wie ungemütlich leer es in dem halbdunklen Raum aussah, von dem doch so viele der Gäste durch die Hintertür angezogen wurden. Hinter der Schenke stand ein Chinese und trocknete Gläser. Er betrachtete Svend mit demselben schweigend freundlichen Lächeln, das allen Leuten Chanfoes eigen war, und schien überrascht, als Svend einen Porter verlangte. Als der Chinese aber eine Luke in der Wand öffnete, um eine Whiskyflasche hindurchzuschieben, konnte Svend aus einem dahinterliegenden Zimmer Stimmen unterscheiden. Da kam ihm der Gedanke, daß die Bar und die Schenke ein Schirmbrett für ein Opiumhaus sei. Im selben Augenblick wurde ihm alles klar. Mr. Chanfoe besaß auch dieses Haus. Es war die Opiumkneipe, die seine ostasiatischen Gäste aufsuchten und die englischen Gesetze ihn zu verbergen zwangen. Svend ließ Mr. Chanfoe verstehen, daß er alles erraten habe. Der Chinese leugnete nichts, lächelte nur und wiederholte sein »sehr anständig«. Die Entdeckung reizte Svends Neugierde, beunruhigte ihn aber gleichzeitig, obgleich er zugeben mußte, daß es wirklich ein sehr anständiges Hotel sei. Es kam vor, daß ein Gentleman durch die Hintertür der Bar getaumelt kam und die teppichbelegte Treppe zu seinem Zimmer hinaufschwankte; aber es war ein stummer Rausch, der mehr an Krankheit als an Trunksucht gemahnte. Oder einer der chinesischen Kellner aus der Bar mußte in der Nacht einem der Gäste hineinhelfen, der wie eine lebende Leiche an seinem Arm hing. Es waren immer dieselben Gäste, denen dies in gewissen Zwischenräumen, wie ein periodischer Krankheitsanfall, passierte. Aber nie gab es Zänkereien oder Auftritte unangenehmer Art. Svend eignete sich schnell das still diskrete Wesen, das ehrerbietig vertrauliche Flüstern an, das überall in Mr. Chanfoes Hotel Brauch war. Trotz des beständigen Halbdunkels, das in dem Hotel herrschte und bei dem man nur schwer die Gesichtszüge unterscheiden konnte, wurde es Svend doch bald klar, daß sich unter den Gästen des Hotels sogar sehr distingierte Personen befanden. Anfangs war Svend die stille Ruhe des Hotels, die friedliche Tagesarbeit, die selten vor zehn Uhr vormittags begann, ein wahres Labsal gewesen nach dem rastlosen Verkehr in dem großen Hotel und der harten Morgenarbeit. Nachdem er sich aber erst ausgeruht hatte, begann die beständige Eingeschlossenheit in dem gedämpft beleuchteten Raum, die schwere Luft in seinem kleinen Schlafzimmer wie ein Alpdruck auf ihm zu lasten. Obgleich er nichts mit der Opiumkneipe zu tun hatte, ja, so tun konnte und sollte, als ginge sie das Hotel gar nichts an, so wirkte es doch stark auf seine Nerven, sich mit menschlichem Elend in so naher Berührung zu wissen. Er sah Gesichter, starr und bleich wie Masken, an seiner Loge vorbeigehen, nahm ihr Geld entgegen, hörte ihre seltsamen Stimmen, verzweifelte über die grenzenlose Stumpfheit ihrer Gedanken. Er konnte den Gästen wieder und wieder auf ihre gleichen Fragen nach Gepäck und Schiffsgelegenheit Antwort geben, ohne daß er zu dem Rest des Bewußtseinslebens, das noch in ihnen war, durchzudringen vermochte. Aber er hatte es bereits in Mr. Johnstones Hotel gelernt, sich hart zu machen. Jeden Abend, bevor er zu Bett ging, zählte er nach, was der Tag ihm eingebracht hatte, und tröstete sich mit der Größe der Summe. Die Gäste dieses Hotels schienen dem Geld keinen besonderen Wert beizulegen; die Trinkgelder waren so groß, daß Svend jede Woche eine hübsche Summe zurücklegen konnte. Ab und zu aber mußte seine Natur sich dennoch Luft verschaffen. Ganz plötzlich, wie ein Platzregen kam es, wenn es des Nachts so dumpf in seinem Zimmer war, daß er nicht schlafen konnte. Dann warf er sich verzweifelt in seinem Bett hin und her, wollte sich nach oben schleichen, fliehen, stöhnte, daß er es nicht mehr aushalten könne. Schließlich nahm er dann ein Schlafpulver, das Mr. Chanfoe ihm gegeben hatte, als er einst über Schlaflosigkeit klagte. Dann schlief er wunderbar, bis Jack, der alte, mürrische Hausknecht, ihn am Arm rüttelte, um ihn wach zu bekommen. 13 Eines Abends kam eine elegante junge Dame in Begleitung eines sehr distingierten Herrn. Sie war groß und schlank. Sie standen vor der Portierloge und sprachen mit Mr. Chanfoe, der sie gut zu kennen schien. Als der Herr sich eine Zigarre anzündete, fiel der Lichtschein scharf auf ihr Gesicht. Es war sehr bleich. Svend sah zwei seltsam verschleierte Augen, mit Pupillen wie aus dunklem Samt. Ihr Kavalier ging die Treppe hinauf. Sie blieb noch stehen und wechselte einige Worte mit Chanfoe. Es war etwas in der Art, wie er seine geschmeidige Gestalt katzengleich gegen ihren Arm rieb, ohne daß sie die Berührung zu bemerken schien, die Svend sagte, daß zwischen diesen beiden ein besonderes Verhältnis bestehe. Mr. Chanfoe flüsterte ihr einige Worte zu, worauf sie sich nach der Portierloge umblickte. Trotz des Halbdunkels sah Svend einen Blitz des Wiedererkennens auf ihrem Gesicht. Eine Eingebung, die ihm selbst unverständlich war, sagte ihm, daß die Dame Mr. Johnstones Tochter sei – das schlanke junge Mädchen mit dem gesenkten Blick und dem mißvergnügten Gesicht, dessen er sich dunkel von seinem Besuch in dem Hausboot auf der Themse vor fünf Jahren erinnerte. Er versuchte vergeblich ihr Gesicht in der Nähe zu sehen zu bekommen, am nächsten Morgen aber kam sie von selbst in die Loge und gab ihm einen Auftrag. Sie heftete ihre Samtaugen auf ihn – sie waren mandelförmig und gaben ihrem blassen, mageren Gesicht etwas eigenartig Anziehendes. »Ich erinnere mich Ihrer noch sehr gut!« sagte sie lächelnd. »Sie haben mich damals kaum angesehen!« sagte Svend. Sie kam häufig ins Hotel, entweder allein oder mit Herren, die Chanfoe mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte und die scheinbar an eine erstklassige Bedienung gewöhnt waren. Weder sie noch ihre Kavaliere gingen in die Bar. Dennoch war Svend überzeugt, daß sie dasselbe suchten, wie die anderen Gäste, denn der erste Angestellte der Bar servierte ihnen auf ihren Zimmern. Svend konnte aus dem Verhältnis zwischen ihr, Mr. Johnstone und dem Chinesen nicht klug werden, bis er entdeckte, daß der alte Jack Bescheid wußte, den er eines Sonntagnachmittags bei einem Whisky zum Reden brachte. Jane, wie er sie nannte, war eine Pflegetochter von Johnstones. Da sowohl Mr. wie Mrs. Johnstone tagsüber von ihrer Arbeit in Anspruch genommen waren, war sie fast ganz sich selbst überlassen gewesen, und so kam es, daß sie von einem jungen Schauspieler, einem Vetter von Mr. Johnstone, verführt wurde, mit dem sie ein Kind bekam, das ihr gleich fortgenommen und irgendwo auf dem Lande in Pflege gegeben wurde. Kurz darauf nahmen Johnstones den Chinesenjungen ins Haus. Dies war ein so vorteilhaftes Geschäft, daß Mrs. Johnstone sich von der Arbeit zurückziehen und sich ihrem Heim widmen konnte. Jane, die früher ihre volle Freiheit gehabt hatte, mußte sich nach ihrem Abenteuer eine sehr strenge Behandlung gefallen lassen und es außerdem mit ansehen, wie Chinaboy bei jeder Gelegenheit vorgezogen wurde. Sie wollte von Hause fort, aber sie bekam keine Erlaubnis dazu. Auf diese Weise vergingen einige Jahre. Chinaboy entwickelte sich überraschend schnell und wurde so einschmeichelnd wie eine Katze. Sie verliebte sich in ihn, kokettierte mit ihm und brachte ihn dazu, sie zu entführen, als er kaum erwachsen war. Mrs. Johnstone, die längere Zeit leidend gewesen war, nahm sich dies sehr zu Herzen und starb kurze Zeit darauf. Das Heim wurde aufgelöst, und Johnstone sagte sich vollkommen von seiner Pflegetochter los. Svend erinnerte sich ihres stummen, mürrischen Wesens, als er bei Johnstones zu Gast gewesen war. Er erinnerte sich der Kälte, die sie mit sich ins Zimmer brachte, als sie den Tee servierte. Und er begriff, weshalb Mr. Johnstone, der ihm damals so freundlich begegnet war, ihn diesmal vollkommen außerhalb seines Privatlebens hielt. Jane hatte ihre Samtaugen auf Svend geworfen. Er war etwas Neues, etwas Fremdartiges für sie. Mr. Chanfoe sah es und lächelte. Sie sorgte dafür, daß Svend gute Trinkgelder von den Herren bekam, die sie mitbrachte. Wenn sie allein war, stellte sie sich neben seine Logentür und unterhielt ihn leise, während sie ihr Gesicht über ihn beugte und ihre Samtaugen in den seinen ruhen ließ. Ihr Blick machte ihn unruhig; aber sie war zu groß und zu mager für seinen Geschmack, und ihr Lächeln war ihm zu sehr vom Leben gezeichnet, um ihn zu reizen. Als sie sah, daß ihre Annäherungen vergeblich blieben, hielt sie sich einige Zeit von ihm fern. Wenn sie spät abends mit einem Herrn im Smoking kam, glitt sie schnell an Svend vorbei, ohne ihn anzusehen. Trotzdem bekam er größere Trinkgelder von ihren Kavalieren als von den anderen Gästen. Kurze Zeit darauf trat sie eines Abends, als Chanfoe nicht zu Hause war, zu Svend in die Loge, reichte ihm die Hand und bat ihn um seine Freundschaft. »Man kann sehr gut befreundet sein, auch wenn man sich verachtet!« sagte sie mit einem Lächeln und fügte hinzu: »Denn ich verachte Sie auch, weil Sie sich damit abfinden, wie ein Gefangener in dieser Hölle zu leben.« Von da an sprachen sie häufiger zusammen, auch wenn Chanfoe es sah. Obgleich er freundlicher als je lächelte, wenn er sie im Gespräch antraf, so hatte Svend doch den Eindruck, als sähe er ihre Vertraulichkeit nicht gern. Als Svend ihr eines Tages etwas davon sagte, meinte sie: »Er haßt mich zu tief, um mir einen Freund zu gönnen.« »Er haßt Sie? Ich dachte im Gegenteil – « »Ja, damals. Aber dann ließ ich mich von ihm entführen; das kostete ihn Mrs. Johnstones Freundschaft. Jetzt hält er sich schadlos, indem er sich über das Leben freut, das ich führe, was übrigens mit der Zeit eine gute Einnahme für ihn geworden ist. Aber er sieht es nicht gern, wenn jemand gut gegen mich ist. Früher konnte er mich vor Liebe nicht entbehren, jetzt kann er mich vor Haß nicht lassen.« »Und Sie selbst?« »Was ich –?« Sie betrachtete ihn mit einen, Blick, der plötzlich leer wurde. »Mir geht es ja sehr gut so.« Svend schwieg. Trotz allem, was er in diesem Jahre gesehen und wogegen er sich abgehärtet hatte, griffen ihre Worte doch ans Herz. Es entstand wirklich eine Art Vertrauen zwischen ihnen nach diesem Gespräch. Sie fand, daß er ein freudloses Leben führe und begriff nicht, wie er es in diesem halbdunklen Gefängnis aushalten könne. Svend gestand ihr, daß es ihm schwer genug falle; aber er müsse Geld haben, Geld um jeden Preis. Dann wunderte sie sich, daß er kein Opium nähme. Sie erzählte davon mit leuchtenden Blicken, während sie in seiner Loge saß und auf dem Stuhl zusammensank: Es sei das einzige, was sie mit dem Leben aussöhne. Man müsse nur vorsichtig sein, nicht übertreiben, ganz langsam vorgehen. Weder Liebe noch sonst etwas könne damit verglichen werden. Dagegen ankämpfen – einen Tag oder zwei – gegen die Lust und das Verlangen, und dann am dritten Tag den Kampf aufgeben, sich in ein Cab setzen und mit der süßen Unruhe bebender Erwartung im Blute sich dem Ort nähern, wo Seligkeit einen erwartet – wie zur ersten Liebesvereinigung! Sie überredete ihn, es einmal zu probieren. Es war nach düsteren Stunden schmerzlicher Verzagtheit, als er sich dazu entschloß. Sie kam zu einer späten Stunde, als alles im Hotel ruhig geworden war, mit ihren lautlosen Schritten die Treppe herunter aus ihrem Zimmer und brachte ihm eine Pfeife. Sie entzündete sie für ihn und wies ihm den Gebrauch an. Ihre langen Hände bebten, als sie sie ihm reichte; und als er sich auf sein Bett streckte, glitt ihre Hand einen Augenblick liebkosend über sein Haar, bevor sie ihn verließ. Er merkte, wie die Schläfrigkeit sich seiner bemächtigte und träumte, daß es ihre lange, schmale, bebende Hand war, die ihn mit sich zog. Er fühlte wie der Raum sich hob, sich weitete und mit Licht und ferner Musik erfüllt wurde, Lisbeth kam zu ihm und alle frohen Erinnerungen seines Lebens. Er fühlte sich groß und heilig und unnahbar in seinem Glück. Am Morgen erwachte er ganz verstört. Der Kopf schmerzte ihn; die Glieder waren ihm schwer wie Blei; als er sich schließlich mit Anstrengung erhoben hatte, bekam er einen furchtbaren Anfall von Erbrechen. Da kam die Reaktion. Sie kam mit einer Gewalt, daß er sich selbst wunderte. Er wollte fort aus dieser Höhle, deren Halbdunkel sich bereits über seine Seele zu breiten begann. Als sie spät am Tage zu ihm kam, das Gesicht grau und schlaff, mit dunklen Ringen unter den halbgeöffneten, mattglühenden Augen, das schmerzlich lasterhafte Lächeln um den Mund, da sah sie den festen Entschluß in seinen Augen. Und als sie seine entschlossenen Worte hörte, da bereute sie, was sie getan hatte. Sie konnte dieses Vertrauen nicht mehr entbehren, das von keiner Berechnung getrübt wurde und an dem ihr Herz mit seinem letzten Rest von Menschlichkeit hing. »Ja,« beeilte sie sich zu sagen, »Sie sollen hier nicht länger bleiben. Ich will Ihnen etwas anderes, etwas Besseres verschaffen. Oder bin ich es, die Sie nicht mehr sehen mögen?« fragte sie und sah demütig zu ihm auf. »Nein! – Obgleich – was wollen Sie eigentlich von mir?« Ihre lange Gestalt fiel in einer plötzlichen Schlaffheit auf dem Stuhl zusammen. »Ich will jemand haben, mit dem ich mich aussprechen kann, jemand, der mich weder kaufen noch verkaufen will!« Dann nahm sie sich zusammen, erhob sich und reichte ihm die Hand. »Haben Sie Geduld! Ich habe eine Idee. Ich werde Ihnen morgen Bescheid bringen. Ich denke an etwas, was viel, viel besser ist, als dieses.« Am nächsten Abend kam sie in einem Cab, das sie draußen halten ließ. Sie wußte, daß Chanfoe nicht zu Hause war. »Der Inspektor bei Wilkins ist vor einer Woche gestorben. Wenn Sie seine Stellung haben wollen, können Sie sie bekommen. Ich habe mit dem Geschäftsführer gesprochen.« »Wer ist Wilkins?« »Das ist das vornehmste Nachtrestaurant in Picadilly.« »Wohin soll ich mich wenden?« »Bitten Sie sich morgen früh frei und wenden Sie sich dort an den Geschäftsführer. Sie können ihn von mir grüßen.« 14 Svend wurde nach einem kurzen Verhör über seine Vergangenheit angenommen. Es sei seine absolute Gentleman-Erziehung, mehr als seine Sprachkenntnisse und übrigen Fähigkeiten, die den Ausschlag gäbe. Das sagte ihm der Geschäftsführer ganz offen. Aus ihrem weiteren Gespräch ging hervor, daß Jane Johnstone eine der besten Kundinnen des Restaurants sei. Offenbar fand sie hier die Kunden, die sie Chanfoes Hause verschaffte, indem sie den Lebensmüden eine neue Zuflucht und den Geübten ein sicheres Asyl für ihre Leidenschaft zeigte. Endlich hatte Svend eine gute Stellung bekommen. Allerdings mußte er fast die ganze Nacht auf dem Posten sein, aber dafür begann seine Arbeit nicht vor acht Uhr abends; und er hatte es nach und nach gelernt, den Schlaf, den er nachts nicht bekam, am Tage nachzuholen. Er hatte die Oberaufsicht über die Kellner, mußte persönlich die vornehmsten Gäste empfangen, auf ihre Wünsche achtgeben und war dafür verantwortlich, daß sie in jeder Weise befriedigt wurden. Er bekam ein festes Gehalt, von dem er reichlich leben konnte, außerdem Tantieme und Prozente von den Lieferanten. Letzteres war eigentlich ein Mißbrauch; aber Svend begriff, daß es ein durch Verjährung erworbener Mißbrauch war, den er lieber unbeanstandet lassen mußte. Gleich nachdem er engagiert worden war, schrieb Svend seinen ersten Brief an Lisbeth und schickte ihr das Geld, das sie ihm geliehen hatte; den Rest, der ihm noch fehlte, deckte er durch den Vorschuß, den er bekommen hatte. Jane Johnstone sah er häufig, und hier in dem starken Licht entdeckte er bald, worin ihre Anziehungskraft bestand. Eine eigenartige, diskrete und anmutige Trägheit über der schlanken Gestalt und den langen, geschmeidigen Gliedern. Ihre Toilette immer diskret und anmutig wie sie selbst, von persönlicher Eigenart bis in die kleinsten Details geprägt; unter der Oberfläche ihres bleichen, unbeweglichen Gesichts schien ein verborgenes Leben zu spielen. Man ahnte hinter den Linien ihres müden Mundes die rücksichtslose und harte Leidenschaftlichkeit, die ihn schlaff gemacht hatte, und die noch mit einem plötzlichen Funken in den länglichen, samtweichen Augen aufblitzen konnte. Es hatte etwas Gewagtes, sich mit ihr einzulassen. Man wußte nie, wo es endigen würde. Es war, als wandere man längs des Abgrundes eines Kraters, der ausgebrannt schien, aber durch ein plötzliches Beben verraten konnte, daß noch Glut unter der Asche sei. Wilkins war eine Aktiengesellschaft, der außerdem mehrere Tagrestaurants in London gehörten. Der Geschäftsführer kam deshalb nur selten einmal in der Nacht wie ein gewöhnlicher Gast. Er behandelte Svend ganz wie einen Gleichgestellten; er hatte sich selbst vom Kellner heraufgearbeitet. Svend war so klug, seine Kleidung zu kopieren, seinen Bart abrasieren zu lassen und dieselbe Frisur mit dem über die Schläfe nach vorn gestrichenen Haar zu tragen. Svend hatte zwei möblierte Zimmer in einer Seitenstraße in der Nähe des Restaurants gemietet, lebte sehr sparsam und fing an, sich Geld zurückzulegen. Es dauerte nicht lange, bis er einen Brief von Lisbeth bekam. Es strahlte von Freude zwischen den Zeilen. Sie schrieb, daß sie keinen Augenblick an ihm gezweifelt habe, daß sie aber dennoch so froh geworden sei, als sie von seinem Erfolg gehört habe. Denn jetzt könne sie ihm ja sagen, wie schwer ihr am nächsten Tage, am ersten in dem neuen Jahrhundert, die Verantwortung aufs Herz gefallen sei, die sie auf sich genommen, indem sie in sein Leben eingriff, als er so zerschmettert war, daß jeder Rat ihm als ein guter erscheinen mußte. Sie hätte ihn ja nicht gekannt, hätte nicht wissen können, ob er stark genug sein würde, das harte Leben auf sich zu nehmen. Und wenn nicht – Aber jetzt, jetzt wisse sie, daß er etwas tauge. Und jetzt solle er in London bleiben, wenn sie ihm raten dürfe, bis er sich einige Tausende zusammengespart habe. Svend hatte geschrieben, ob sie ihn nicht besuchen wolle. Darauf antwortete sie mit einem Nein. Wenn er sie Wiedersehen wolle, müsse er zu ihr kommen. Aber noch nicht. Er sei ja noch ganz im Anfang. Nach diesem Brief kam eine regelmäßige Korrespondenz zwischen ihnen in Gang. Er erzählte ausführlich, wie es ihm ergangen sei, wie schwer er es gehabt habe und wie es jetzt stehe. Jane Johnstone nannte er nur flüchtig. Und sie erzählte ihm von ihrem Leben bis zu dem Tage, wo sie sich getroffen hatten, erzählte von dem Maler, der sich bei ihren Pflegeeltern eingemietet hatte, um Skizzen von der dänisch-deutschen Grenze zu machen. Sie erzählte von ihrem Kind, von dem Kummer, als sie es bekommen sollte, von der Freude, als sie es hatte, und von dem erneuten Kummer, als sie es lassen mußte. Sie erzählte, wie sie sich nach dem Tode der Alten selbst habe durchs Leben schlagen müssen. Wie sie erst als Mädchen gedient hätte. Aber wie alle selbständigen Naturen habe sie ihre Freiheit nicht entbehren können. Eine Zeitlang habe sie sich selbst aufgegeben und sich ohne einen Gedanken an die Zukunft einem leichtsinnigen Leben hingegeben – oh, es gäbe Dinge aus jener Zeit, die sie bereue – aber dann habe sie sich wieder auf sich selbst besonnen. Und nun – nun sei sie also Büfettmamsell, stehe allein in der Welt, auf eigenen Füßen, ohne daß sie sich etwas vorzuwerfen habe. 15 Drei Jahre waren vergangen. Svend war im Denken und Aussehen ein Engländer geworden. Das Akademische war ganz von ihm abgeglitten. Niemand hätte diesen, eleganten Weltmann mit dem sicheren Auftreten ansehen können, daß er über Büchern geträumt und seine besten Jugendjahre in einem Kontor gesessen hatte. Er selbst aber hat nichts vergessen. Wohl mag er nachsichtig über dieses und jenes lächeln, was ihm einst groß und unumgänglich notwendig erschien. Aber er hat nicht vergessen, was er sich selbst und seinen schweren Lehrjahren schuldet. Das Leben ist ihm zugänglicher geworden, und er weiß, wo er es angreifen soll. Es ist etwas ganz anderes, was er jetzt will und was er für notwendig und nützlich ansieht – und dennoch im Grunde ganz dasselbe. Nur sein Gesichtspunkt hat sich geändert – jetzt, wo er mit beiden Füßen fest auf der Erde steht.   Es war an einem Abend in der Säson, ungefähr Mitte Juni. Die Uhr war nach zwölf. Die Luft war so warm, daß Svend die Tür zu seinem Privatkontor, einem kleinen Zimmer hinter der Halle, das für ihn eingerichtet worden war, nachdem man ihm auch die Buchführung des Restaurants übertragen, geöffnet hatte. Eine Gesellschaft kam in die Garderobe, wo der gepuderte Diener ihnen beim Ablegen der Mäntel behilflich war. Da traf eine bekannte Stimme Svends Ohr. Er blickte von seinem Hauptbuch auf und lauschte. War das nicht Dänisch? Dann ertönte noch eine Stimme, hoch und klar, gleichsam lachend in ihrer schönen Klangfülle. Er hatte sich nicht geirrt. Es war Dänisch, und es war die Stimme eines Sängers. Darauf verstand er sich; die Herren vom Covent Garden kamen hier häufig nach der Theaterzeit. Er stellte sich in die Tür und lauschte, die Garderobehaken verdeckten die Aussicht. Da erklang eine hohe, zwitschernde Damenstimme, die sein Herz zum Schlagen brachte. »Durchlaucht scheinen hier wie zu Hause zu sein!« sagte sie neckend. Es war Ellens Stimme. Er hätte sie unter Tausenden erkannt. Und jetzt hörte er auch die Stimme des Prinzen, aber er konnte nicht verstehen, was er sagte, weil er den Rücken zukehrte. »Bitte, laß das Rauchen, Gunnar!« das war wieder Ellen, »bedenke, daß du morgen abend wieder singen sollst.« Gunnar – ? Richtig. Das war ja der Vorname des Kammersängers, für den sie so geschwärmt hatte, der ihr Gast gewesen war und den Falk so bewunderte. »Gunnar« und »du«! Svend wartete, bis er die Glastür zum Saal zuschlagen hörte. Dann kam er aus seinem Zimmer und blickte in das Restaurant. Ellen sah sich im selben Augenblick um, als ob jemand sie gerufen habe. Es glückte ihm nur mit Mühe und Not, ihren Blicken zu entgehen. Sie war in Gesellschaftstoilette, die Herren im Smoking. Sie hatte ihren Arm unter den des Kammersängers geschoben und stützte sich auf ihn, während der Prinz voranging, von dem alten Oberkellner geführt. Sie setzten sich so, daß Ellens Gesicht gerade auf die Tür gerichtet war, wo Svend stand. Er zog sich eiligst zurück, nahm eine Zeitung und suchte in den Theateranzeigen. Ganz recht. Der Kammersänger aus dem königlichen Theater in Kopenhagen hatte heute abend gesungen. »Gunnar« und »du«! Sie waren also verheiratet oder verlobt. Ja, warum auch nicht? Er hatte einen glänzenden Stellvertreter bekommen. Der Kammersänger brachte seine Stimme und seine Berühmtheit mit – und sie ihres Vaters Geld. Das eine war des andern wert. Er wollte und mußte Bescheid wissen – denn wenn es wirklich so war – Hineingehen und den vornehmen Herrschaften seine Aufwartung machen, wie es eigentlich seine Pflicht war, ihnen Gelegenheit geben, ihn wiederzuerkennen? Um keinen Preis! Es war nicht der Prinz, nicht der Kammersänger, sondern es waren Ellens Augen, denen er nicht begegnen und von denen er sich nicht demütigen lassen wollte! Aber er wollte und mußte Bescheid wissen. Er wartete ungeduldig, daß sie gehen würden. Aber sie hatten das große Souper bestellt. Sie kamen vom Theater, wo der Kammersänger aufgetreten war. Er hatte seine junge Braut oder Frau bei sich. Und der Prinz war zufällig Zuschauer gewesen, hatte ihnen seine Karte geschickt und sie zum Souper eingeladen. Eine merkwürdige Wahl, dieses Restaurant, dachte Svend bei sich, wenn man eine wirkliche Dame bei sich hat. Oder – ja, natürlich, das sah ihr ganz ähnlich. Und Svend erinnerte sich des Abends im Quartier latin – es war wahrscheinlich auf Ellens Wunsch, daß man ein richtiges erstklassiges Nachtrestaurant besuchte. Und die Knaben – wo hatte sie sie untergebracht, während sie mit ihrem Kammersänger umherreiste? Er wollte und mußte es erfahren. Denn wenn er wußte – Dann sollte sie die Knaben herausgeben, koste es was es wolle. Das war sein gutes Recht. Svend dachte an sein Bankbuch. Es fehlten ihm nur noch einige hundert Pfund, dann hatte er die Zweitausend beisammen, die er sich als Ziel gesetzt hatte, bevor er heimkehren wollte. Zum erstenmal seit langen, langen Zeiten wurden ihm die Augen feucht. Er dachte sonst nur selten an seine Knaben, aber jetzt, wo er ihre Mutter wiedersah, rückten sie ihm ganz nah. Er sah sie vor sich, wie er sie zuletzt an jenem Neujahrsmorgen im Park gesehen hatte. Wie lange, lange war das her! Als der Prinz und seine Gesellschaft schließlich aufbrachen, war es zwei Uhr geworden. Svend klingelte dem Groom unten von der Eingangstür. »Hält ein Wagen unten und wartet?« »Nein, Sir!« »Gut, hör zu, was ich dir sage. Es geht jetzt eine Gesellschaft fort, zwei Herren und eine Dame. Wenn du nach einem Wagen für sie flöten sollst, dann flötest du auch nach einem für mich. Verstanden?« »Ja, Sir. Und wenn nicht –?« »Dann nichts.« Svend zog sich an und wartete. Er hörte Ellens muntere Stimme in der Garderobe. Er konnte den Champagner heraushören. Es erinnerte ihn an einen Abend in dem zweiten Jahre ihrer Ehe, als sie zwitschernd nach Hause gekommen war und erzählt hatte, daß sie bei Emmy Danielsen gewesen sei und Champagner bekommen habe. Damals war sie natürlich mit dem Prinzen zusammen gewesen. Er lächelte über seine jugendliche Treuherzigkeit von damals, jetzt tat es nicht mehr weh. Er folgte ihnen langsam, als sie die Treppe hinunterstiegen. Er sah, wie der Groom die Tür aufriß und wie der Prinz ihm wegen eines Wagens Bescheid gab. Der Kleine flötete; noch einmal. Kurz darauf kamen zwei Cabs in schneller Fahrt. Unter Lachen und Scherzen nahmen sie alle drei in dem einen Platz. Kaum waren sie fort, als Svend durch das Vestibül eilte und in das andere sprang. »Folgen Sie dem Cab dort aus der Ferne!« sagte er. Als er sie vor dem Carlton-Hotel im Haymarket halten sah, stoppte er seinen Kutscher und stieg etwas vom Hotel entfernt aus. Nachdem er eine Weile gezögert hatte, ging er in die Portierloge und erkundigte sich. Ja, es stimmte. Der Kammersänger und seine Frau wohnten im Hotel. Sie pflegten bis nach dem Lunch, den sie im Hotel einnahmen, zu Hause zu sein. 16 Als Svend nach fünfjähriger Abwesenheit mit dem Dampfer nach Aaberg kam, war er ein Mann, der wußte, was er wollte, und der es gelernt hatte, Zeit und Gelegenheit seinem Willen dienstbar zu machen. Es war zeitig im Jahr. Die Luft war milde und der Himmel voll Frühjahrsahnungen. Der Dampfer kam bei Nacht an. Svend blieb an Bord; er wollte doch nicht weiter reisen, hatte kein anderes Ziel. Von Gerda hatte er vor einigen Monaten Mitteilung bekommen, daß ihre Mutter in dem alten Haus gestorben war. Während ihrer letzten Tage hatte sie froh und hoffnungsvoll von Svends Zukunft gesprochen; aber sie wußte, daß sie ihn nicht mehr zu sehen bekommen würde. Gerda war jetzt als Lehrerin in einem Landdistrikt hoch oben in Jütland angestellt. Er wollte ihr schreiben, wenn die Schulferien begännen, damit sie bei ihm sein und es gut haben könnte. Als er am Morgen vom Deck aus über den Hafen blickte – die langen Molen, die roten Zollgebäude, den Abhang mit den Anlagen, den Wasserturm, der sich über die niedrige Häuserreihe erhob – mußte er lächeln. Er hatte dennoch nicht gedacht, daß die Verhältnisse hier so klein seien. Indem er langsam durch den Hafen ging, nahm er einen Überblick über die Stadt, von der aus er jetzt wirken wollte. Er hatte sein Gepäck mit dem Wagen zum Hotel geschickt. Er selbst ging zum Telegraphenbüro. Er hatte Lisbeth geschrieben, daß sie ihn hier in Aaberg treffen sollte; jetzt erwartete er ihre Antwort. »Kann nicht kommen,« stand im Telegramm, »erwarte dich hier!« Dann muß sie lange warten, dachte er und lächelte. Sie würde schon anderen Sinnes werden, wenn sie näheren Bescheid bekäme. Aber ärgerlich war es doch. Er hatte sich nach ihr gesehnt. Als er bis zum höchsten Punkt des Abhanges gekommen war, blieb er stehen und blickte von der Aussichtsbank in den neuen Anlagen über das Meer. Die Dünen drüben lagen noch im Morgennebel; weiter oben aber war der Himmel klar. Die Sonne zwang sich durch eine weiße Wolkenschicht hindurch und warf schillernde Streiflichter über das Wasser. Er stand lange in tiefe Gedanken versunken. Dann wandte er sich ab und ging langsam bis zur Hafenstraße. Die meisten Häuser waren kleine Neubauten, nur eine einzelne Villa brüstete sich zwischen dem kleinen Gewürm. Als er das Hotel erreichte, betrachtete er es genau, bevor er hineinging, und im Laufe des Tages suchte er mehrmals Gelegenheit, es auch von innen näher in Augenschein zu nehmen.   Der Wirt, der alte Hagensen, war ein ehemaliger Schiffskapitän, mit einer hohen blanken Glatze und einem langen grauen Bart. Er litt an Gicht in den Beinen, bewegte sich mühsam an zwei Stöcken vorwärts und saß meistens in seinem Lehnstuhl in der Wirtsstube mit der Pfeife im Munde. Als Svend zu Abend gegessen hatte, setzte er sich zu ihm mit seinem Whisky, zündete sich eine Zigarre an und vertraute ihm auf eine bescheidene und ruhige Weise an, daß er hierher gekommen sei, um ein modernes Hotel zu errichten. Der Alte zuckte zusammen, griff nach seinen Stöcken, blieb aber doch sitzen und atmete mühsam. »Hier in der Stadt,« sagte er, »haben wir keinen Bedarf für mehr Hotels.« »Für meines wird schon Bedarf werden.« Der Alte maß ihn einen Augenblick. Dann trocknete er mit seinem roten Taschentuch den Tabaksaft von der Pfeifenspitze und sagte: »Wenn Sie Ihr Erspartes aus dem Fenster werfen und in Ihrem eigenen Haus hungern wollen, so kann ich Sie ja nicht daran hindern!« »Das ist auch meine Meinung!« antwortete Svend bedächtig und rauchte schweigend weiter. »Was kosten wohl die Baugründe hier in der Hafenstraße?« begann er kurz darauf. Der Alte sah ihn wieder an. Dann seufzte er tief auf, legte seine Pfeife auf die Fensterbank und sagte: »Wenn Sie ein neues Hotel vor meiner Nase errichten, so werden wir beide am Hungertuch nagen. Aber weshalb soll ich hungern, wenn ich fragen darf? Können Sie Ihr Geld nicht wo anders anlegen, ohne daß Sie mir das Brot vom Munde fortnehmen?« »Das meine ich auch, weshalb sollen wir beide hungern? Ich könnte Ihnen ja auch das Hotel abkaufen.« »So lasse ich mich nicht an der Nase herumführen!« sagte der alte Hagensen hitzig und schüttelte seinen blanken Kahlkopf. »Ich verkaufe nicht .« »Wenn Sie ein modernes Konkurrenzhotel als Nachbarn bekommen, werden Sie wohl trotzdem dazu gezwungen werden« – Svend sah ihn sanft an –, »aber dann wird es Ihnen wohl schwer werden zu verkaufen.« »Das ist meine Sache!« sagte der Alte und griff nach seinen Stöcken. Er mußte sich Bewegung machen, um sein Blut zu beruhigen. »Gewiß, gewiß! Ich will ja auch weder heute noch morgen anfangen, und wir können immer noch über die Sache reden. Aber Sie könnten mit Ihrem Rechtsanwalt darüber sprechen.« »Ich habe keinen anderen Rechtsanwalt als mich selbst!« sagte der Alte und stolperte schnaufend davon. »Desto besser!« 17 Eine Woche später hatte Svend das Hotel für eine ziemlich geringe Summe gekauft. Hagensen hatte sich für Lebzeiten zwei Dachzimmer im Hotel ausbedungen. Die Kost sollte er auch für ein Billiges haben. Als der Handel erst abgeschlossen war, wurden sie gute Freunde. Der Alte lehrte ihn Sechsundsechzig spielen, und Svend mußte jeden Abend einen Grog mit ihm trinken. Jetzt, wo er sein eigenes Haus hatte, schrieb er Lisbeth und forderte sie auf, die Leitung des Hotels mit ihm zu übernehmen. Das war der zweite Schritt, den er schon längst beschlossen hatte. Sie antwortete mit einem telegraphischen Ja und verzichtete auf den Rest ihres Lohnes in dem Café, wo sie angestellt gewesen war, um gleich kommen zu können. Dann brauchte sie einige Tage, bis sie alles gepackt und geordnet hatte, denn sie dachte sich wohl, daß sie fürs erste nicht zur Hauptstadt zurückkehren würde. Svend stand auf dem Bahnhof, um sie zu erwarten. Schon bevor der Zug hielt, sah er ihr aschblondes Haar unter der Reisemütze und ihre großen klaren Augen, die nach ihm ausspähten. Sie erkannte ihn nicht gleich, bis sich ein großes Lächeln des Wiedererkennen um ihren Mund legte. »Ich habe Sie nicht gleich erkannt. Sie sehen ohne Bart so englisch aus.« Sie versuchte sich in seinem Gesicht zurechtzufinden und dachte darüber nach, ob sie sich seit dem letztenmal näher gekommen seien. »›Sie‹, Lisbeth?« sagte er, während er ihr mit ihrem Gepäck behilflich war. Sie blickte sich hastig auf dem Perron um und sagte: »Bedenke, wir sind in einer kleinen Stadt. Es geht nicht an, daß der Wirt zu seiner Büfettmamsell du sagt.« »Zu seinem Kompagnon, meinst du.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe mir alles unterwegs überlegt. Das mit dem Kompagnon geht nicht. Du weißt, was die Leute sagen werden. Uns kann es ja einerlei sein, aber es schadet dem Geschäft.« »Well,« sagte er, » dann muß es aber auch bei ›Fräulein‹ bleiben.« »Natürlich!« Sie warf ihm von der Seite einen prüfenden Blick zu und fügte mit leiserer Stimme und mit dem tiefen Klang, dessen er sich von jenem Abend so gut erinnerte, hinzu: »Hoffen wir, daß es gehen wird!« »Es soll gehen!« sagte er und preßte seine Lippen fest aufeinander.   Es ging. Es war ein Leben und ein Zug in dem Unternehmen, daß die Kunden mit Verwunderung fragten, ob es wirklich das alte Hotel sei. Lisbeth war früh und spät auf ihrem Posten und hatte ihre Augen überall. Sie hatte die Küche, die Zimmer, die Leinensachen und die Wäsche unter sich und regierte mit einer natürlichen Autorität, die niemals fehlgriff und bei der dennoch die Freundlichkeit nicht zu kurz kam. Das Personal des Hotels liebte sie sehr. Sie hatte etwas an sich, daß jeder, der mit ihr in Berührung kam, Lust fühlte, ihr sein Herz zu öffnen. Sie sagte einmal im Scherz zu Svend: »Man kann doch nicht allen Leuten in ihren Herzensangelegenheiten helfen. Was soll man eigentlich, mit all der Vertraulichkeit?« Svend dachte an sich selbst in jener Neujahrsnacht. »Es ist die Teilnahme in deinen Augen, die tröstet,« sagte er, »die Leute können dir ansehen, daß du es gut mit ihnen meinst.«   Das Hotel wurde bald ein so gutes Geschäft, daß Svend an den dritten Schritt denken konnte. Er erkundigte sich in Kopenhagen, wo Ellen sich aufhielt und wo seine Knaben in Kost waren. Der Kammersänger und seine Frau waren von London nach Paris gereist, dann nach Italien, wo sie den Winter über bleiben wollten, bis er im Mai auf großen deutschen Bühnen singen sollte. Svend schrieb ihr einen freundlichen Brief, worin er sie an die Verabredung bei ihrer Scheidung erinnerte, daß die Knaben bei ihm sein sollten, falls sie sich wieder verheiraten würde. Es dauerte einige Zeit, bevor er Antwort bekam. Sie schrieb ebenso freundlich wie er, konnte sich aber dennoch die Bemerkung nicht versagen, daß sie natürlich vorausgesetzt habe, die Knaben würden eine Erziehung bekommen, wie sie ihnen durch ihre Geburt und ihren Stand zukäme. Svend begriff, daß es das Provinzhotel war, vor dem die Tochter des Departementschefs zurückschreckte. In einer augenblicklichen Bitterkeit tauchten die alten Gefühle wieder in ihm auf. Aber die Verstimmtheit dauerte nur einige Minuten. Dann lachte er vor sich hin und dachte an alles das, an was er seinerzeit selbst geglaubt hatte. Alle diese Unterschiede würden nach und nach ihre Bedeutung verlieren. Auch hier in Dänemark würde man es lernen zu fragen: Wer bist du, und wie arbeitest du ? – statt wie die Alten: Aus welcher Familie bist du, und hast du eine standesgemäße Beschäftigung? Er dachte daran, wie diese fünf Jahre die Vorurteile aus seinem Gemüt herausgedrängt hatten. Und jetzt, wo das, was er damals durchgemacht hatte, wie etwas Historisches hinter ihm lag, fiel es ihm zum erstenmal ein, daß er Welten eigentlich verkannt hatte. Diese gesunde, starke Frage: »Was taugst du?« die immer in Geheimrat Weltens Blick blitzte, wenn er jemanden ansah, durchschnitt ja gerade alle Vorurteile. Aber tüchtig wie er als Kaufmann war, rechnete er mit dem sozialen Humbug, verstand den Kurswert desselben auszunutzen und kaufte ihn, um ihn für seine Interessen zu verwenden. Ja, Welten – es war nicht unmöglich, daß der Tag käme, an dem er sich von neuem mit ihm messen würde. Dann sollte Geheimrat Welten spüren, daß Svend Byge in der Zwischenzeit »festen Grund unter den Füßen« bekommen und das Leben kennen gelernt hatte. Wie hatte er sich durchkämpfen müssen, als er mit dem Hotelkoch auf den Markt von Billingsgate ging und von nichts etwas verstand! Wie hatte er gelernt, sich zu ducken, und wie schwer war seine Lehrzeit gewesen! Und nun sollte er seine Knaben dazu erziehen, dasselbe Fegefeuer durchzumachen? Ihnen dieselben Fußfesseln geben, die sein eigenes Vorwärtskommen gehindert hatten? Sie in dem Glauben erziehen, daß ihnen etwas anderes und Besseres vorbehalten sei als das, was sie sich selbst erzwingen würden? Gab es jemanden, der besser wußte, wie schicksalsschwanger es war, auf ein Erbe zu warten, als er? Nein. Wenn es das war, was Ellen mit einer Erziehung meinte, die ihnen nach Geburt und Stand zukäme, so würden sie sich niemals einig werden. Zum Leben sollten sie erzogen werden! Und Lisbeth sollte ihm dabei helfen – sie, die ihn selbst ins Leben hinausgestoßen hatte. Was wäre er jetzt ohne sie gewesen? Er hätte seinen Charakter verdorben, indem er durch Kriechen und Schöntun dorthin zurückgelangt wäre, wo er vor seinem Abschied gestanden – ohne die Chancen, die er damals gehabt hatte. Ins Leben hinaus sollten sie, auf eigenen Beinen stehen! Etwas moralischer Wert, etwas seelisches Feingefühl ging vielleicht dabei verloren – das hatte er selbst in diesen Jahren erfahren. Aber dabei war nichts zu machen. Das waren die Kriegskosten. Und das Leben ließ sich nur durch Kampf erobern. Er antwortete Ellen, daß er seine Verantwortung den Knaben gegenüber ebensogut kenne wie sie. Nach einem Briefwechsel mit Didrichsen, der noch Ellens Vertrauensmann war, wurde bestimmt, wo und wann er die Knaben holen konnte. Svend und Lisbeth wurden sich einig, daß sie die Sorge für die Knaben auf sich nehmen wollte. Sie schlug ihm vor, daß er eine Büfettmamsell engagieren sollte, die einen Teil ihrer Arbeit übernähme, damit sie sich den Knaben mehr widmen konnte. Svend hatte keine Zeit zum Reisen. Auch wollte er ungern mit Didrichsen zusammentreffen, der in Ellens Namen die Knaben abliefern wollte. Bevor das Ziel erreicht war, das er sich gesetzt hatte, wollte er niemanden von seinen früheren Bekannten wiedersehen. Deshalb war es Lisbeth, die sich auch dieser Pflicht unterziehen mußte. 18 Es war Anfang Mai. Svend spaziert mit Lisbeth und seinen Knaben in den Dünen. Henning und Jörgen sind zwei frische Jungen. Sie haben die Augen ihrer Mutter, aber Svends Stirn und Nacken. Obgleich Henning erst acht Jahre alt ist, hat er doch schon die Nackenhaltung, wenn er seinen Willen nicht bekommt, die Onkel Kasper als eine Familieneigentümlichkeit bei Svend erkannte, und deren auch Lisbeth sich aus der Zeit erinnern kann, als sie mit Svend zusammen in dem Garten des alten Hauses spielte. Seit die Knaben da sind, sind Svend und Lisbeth mehr noch als sonst zusammen. Jeden Nachmittag spazieren sie nach derselben Stelle in den Dünen und atmen das starke Frühjahr ein, das über das Meer zu ihnen kommt und Unruhe in ihr Gemüt bringt. Lisbeth fühlt, was zwischen ihnen in der Luft liegt und jeden Augenblick zu Worten werden kann. Aber sie beherrscht ihre Unruhe und vermeidet es, mit ihm allein zu sein. Sie hat es seit seiner Heimkehr erwartet; aber sie kann weder über sich selbst noch über ihn Klarheit bekommen. Es ist so einfach, fast selbstverständlich, daß sie jetzt zueinander gehören –, daß sie Furcht davor hat. Es ist, als sei ein Zwang dabei, und sie liebte ihre Freiheit über alles. Aber sie hat angefangen, sich nach ihm zu sehnen, wenn sie des Nachts wach liegt; und sie tröstet sich damit, daß er auf den Augenblick wartet, wo Worte überflüssig zwischen ihnen sein werden. Bisweilen, wenn er es nicht sieht, sucht ihr Blick ihn voll und dunkel, als flüstere sie ihm zu: »Sag es jetzt, Svend, dann sind wir uns einig.« Aber wendet er sich dann um und sieht sie an, dann schlägt sie hastig ihren Blick nieder, ruft die Knaben zu sich, läuft mit ihnen an den flachen, weißen Strand, wo die Brandungswellen ihren Fuß netzen; hinterher fragt sie sich dann, weshalb sie eigentlich fortgelaufen ist. Sie fühlt sich zwischen den Wogen wie ein junges Mädchen, so ausgelassen und lebenslustig. Sie sehnt sich nach Küssen und Umarmungen und denkt an ihn, der ihr langsam aus den Dünen nachkommt. Aber dennoch. – Das, was sie zurückhält, ist, daß sie ihrer selbst wegen erwählt werden will. Sie will nicht des Hotels wegen geheiratet werden, denn sie weiß selbst, was sie auf ihrem Posten wert ist. Sie will auch nicht als Mutter für die Knaben engagiert werden, obgleich sie die Kinder in ihr Herz geschlossen hat. Sie ist noch jung und stark und warm. Sie will von seinen Armen und seinem Mund, nicht von seinen Interessen erwählt werden. Und das ist es, worüber sie keine Klarheit bekommen kann. Denn Svend ist ein anderer wie der, der in jener Neujahrsnacht verzweifelt und ratlos in ihrer Stube saß – ein armer Vogel mit gebrochenen Flügeln, dem sie geradeswegs in das verwundete Herz hineinsehen konnte. Er hat es in diesen Jahren gelernt, seine Gefühle zu verbergen. In seinen Augen ist ein kalter Glanz, als dächte er nicht mehr mit dem Herzen, sondern nur mit dem Verstand. Es ist ja nur gut, daß er gelernt hat, wie man vorwärtskommt; sie hat ihn ja selbst dort hinaus gestoßen. Dennoch ist es das, was sie unsicher macht. Sie haben lange schweigend nebeneinander gesessen. Sie sind dem Spiel der Knaben unten am Strande mit den Augen gefolgt, haben ihre eifrigen Rufe gehört, während sie auf ihren nackten Füßen herumsprangen. Svend ist in tiefe Gedanken versunken gewesen und hat den trockenen Sand durch seine Finger laufen lassen. Da fängt Jörgen plötzlich an zu schreien. Der große, braune Hund des Leuchtturmwärters kommt auf ihn losgesprungen. Er läuft auf die Dünen zu und ruft: »Mutter! – Mutter!« In seiner Herzensangst sagt er nicht »Lisbeth«, wie er zu tun pflegt und wie sie es ihn gelehrt hat, sondern »Mutter«. Henning, der mutiger ist, jagt den Hund mit Rufen und Steinwürfen fort; und da Jörgen sieht, daß der Hund flüchtet, bleibt er stehen und wagt sich zurück. Svend und Lisbeth haben sich erschrocken bei dem Ruf erhoben. Lisbeth ist ganz rot geworden und das zärtliche oder wehe Lächeln, das er so gut kennt, liegt um ihre Lippen. Er kann ihr ansehen, wie der Ruf »Mutter« noch in ihrem Herzen nachzittert. Sie merkt seinen Blick auf ihren Wangen. Das Blut steigt ihr zu Kopf. Wenn er jetzt seine Arme um sie legen würde, so daß sie fühlte, daß er es ihretwegen, nicht der Knaben wegen täte, dann wäre alles gut. Sie wendet den Kopf halb zu ihm um, so daß sie von der Seite seinen Blick fängt. Sie liest darin, daß er seine mutterlosen Knaben nennen will. Das tut ihr weh. Sie wendet ihm ihr Gesicht enttäuscht zu und schüttelt den Kopf, als habe er bereits gefragt. Dann läuft sie zu den Knaben an den Strand und ruft sie beim Namen. Sie fassen ihre Hände und zeigen ihr eifrig die Festung, die sie gebaut haben. Svend folgt ihr langsam, mit festgeschlossenen Lippen.   Die neue Büfettmamsell, Fräulein Franzen, war eine lange und dünne Person, mit strohgelbem Haar und sehr viel Selbstbewußtsein. Sie hatte sich gleich in den Kopf gesetzt, daß sie Hotelbesitzersfrau werden wollte; und kaum hatte sie sich zurechtgefunden, als sie anfing, ihre Netze nach Svend auszuwerfen, indem sie ihm auf dem Gang auflauerte, wo es dunkel und eng war, sich jeder Zeit diensteifrig erwies und seinen Blick festzuhalten versuchte. Er entdeckte es nicht, bevor Lisbeth ihn eines Tages auf ihrer gewöhnlichen Spaziertour damit neckte. Da ärgerte er sich darüber und gab von nun an seine Befehle durch Lisbeth. Fräulein Franzen fühlte sich gekränkt und ging einige Tage mit einer roten, verweinten Nase umher. Der alte Hagensen aber, der, nachdem er sich auf das Altenteil gesetzt hatte, überall und nirgends war, sah und merkte alles – er hatte eines Abends gehört, daß Svend »Lisbeth« zu Fräulein Ström gesagt hatte. Seit der Zeit war er auf dem Posten. Er stand manchen Abend auf seine Stöcke gestützt und guckte von seiner Dachetage über das Geländer, wenn er hörte, daß Svend und Lisbeth unten auf der Treppe mit Abschließen beschäftigt waren. Obgleich es ihm nie glückte, den Laut eines Kusses aufzufangen, war er doch davon überzeugt, daß die beiden etwas miteinander hatten. Er glaubte, daß nur sein langsamer Gang an den beiden Stöcken, die noch dazu Spektakel machten, schuld seien, daß er nie etwas entdeckte. Da bekam er den Einfall, Fräulein Franzen aufzuhetzen. »Es nützt Ihnen doch nichts,« sagte er eines Tages zu ihr, während er seinen Nachmittagskaffee am Büfett trank, »daß Sie Ihre Augen auf ihn werfen.« »Ich? Was soll das heißen?« Fräulein Franzen fuhr beleidigt in die Höhe und stemmte ihre Hände in die Seiten. Hagensen fuhr ruhig fort: »Er hat alles, was er braucht. Können Sie das nicht sehen?« Hagensen machte eine Bewegung nach Lisbeth hin, die gerade mit ihrer Schürze voll Eier, die sie aus dem Hühnerhaus geholt hatte, über den Hof ging. Fräulein Franzen vergaß es, beleidigt zu sein. Es ging ihr ein großes Licht auf, und von diesem Augenblick an steckten sie und der alte Hagensen die Köpfe zusammen. Lisbeth merkte bald, das etwas vorgefallen war. In dem Gruß des Hausknechtes lag etwas Unbestimmbares, das ihre Aufmerksamkeit wachrief. Der Portier nickte familiär, wenn sie vorbeiging, als habe er Lust, das eine Auge zuzukneifen, wenn er es nur gewagt hätte. Die Mädchen lächelten auf eine eigene Weise, wenn sie ihnen einen Auftrag gab. Nur Fräulein Franzen schien um verändert. Sie war eher höflicher und ehrerbietiger als früher. Selbst der alte Hagensen, mit dem Lisbeth Mitleid hatte und dem sie es so gemütlich wie möglich zu machen versuchte, schmunzelte, wenn er von Svend sprach. Fräulein Franzen erfand einen ganzen Roman, an den sie schließlich selbst glaubte –, von den Knaben, die in Wirklichkeit Lisbeths seien; sie sprach verblümt davon, daß man eigentlich zu gut sei, um diesen Skandal mit anzusehen. Als es Lisbeth schließlich klar wurde, worüber man munkelte, sagte sie es Svend. Er aber lachte und meinte, man solle sie reden lassen. Sowohl sie als auch er seien ja selbständige Menschen. 19 Als der Sommer vorbei war, sollten die Knaben zur Schule. Es war die höchste Zeit. Henning war acht und Jörgen sieben Jahre alt. Sie hatten bei dem Fräulein, in dessen Obhut sie gewesen waren, bevor ihr Vater sie zu sich nahm, lesen gelernt, aber im Laufe des Sommers hatten sie alles wieder vergessen. Svend überlegte lange hin und her. Dann faßte er einen Entschluß und sagte eines Nachmittags auf ihrem gewohnten Spaziergang zu Lisbeth: »Weißt du, wo ich heut gewesen bin?« »Nein.« »Ich habe die Jungen in der Volksschule angemeldet.« Lisbeth betrachtete ihn eine Weile forschend; sie dachte an die Rede, die sie ihm an jenem Neujahrsabend gehalten hatte. »Ich glaube, du hast recht daran getan!« sagte sie schließlich und nickte vor sich hin. Als es bekannt wurde, daß die Knaben des Hotelbesitzers wie ganz gewöhnliche Arbeiterkinder in die Volksschule gehen sollten, war zuerst ein großes Erstaunen im Hotel. Das erfinderische Fräulein Franzen aber hatte schnell eine Erklärung bei der Hand. Wenn der Vater nicht einmal eine ordentliche Erziehung an die Knaben wenden wollte, so könne man ja leicht ausrechnen, auf welche Weise sie zur Welt gekommen seien! Daß sie sich nicht schämten! Es wurde in der ganzen Stadt darüber geklatscht. Svend kannte nicht viele Bürger persönlich. Er hielt sich am liebsten unten am Hafen auf, wo er stundenlang auf der äußersten Mole saß und die Fischerboote aufs Meer fahren oder schwer beladen mit schlaff hängenden, nassen Segeln zeitig am Morgen heimkehren sah. Jetzt, wo das Geklatsch über ihn und Lisbeth in der ganzen Stadt verbreitet war, begannen die wenigen, die er kannte, ihm aus dem Wege zu gehen. Niemand wollte gern mit diesem Byge gesehen werden, von dem niemand etwas anderes wußte, als daß er eines schönen Tages mit einem Haufen Geld in die Stadt gekommen sei und den alten Hagensen aus seinem eigenen Haus herausgekauft hatte. Hagensen gefiel sich plötzlich in seiner Märtyrerrolle. Er legte sich eine gottergebene Miene zu. Wenn er an seinen Stöcken umherstolperte und alten Bekannten begegnete, schüttelte er seinen kahlen Kopf, sprach von seinem alten Haus, das der andere ihm weggenommen habe, bis er selbst ganz gerührt wurde. Der Beamtenstand der Stadt suchte bei jeder Gelegenheit zu zeigen, daß er sich diesen Byge und sein »Fräulein« drei Schritt vom Leibe hielt. Es hieß, daß sogar der Bürgermeister die treffenden Worte zu Christensen, dem Matador der Stadt, der im Stadtrat das große Wort führte und den er sonst nicht leiden konnte – gesagt habe, der wahre Grund, weshalb der Mann seine Kleinen in die Volksschule gegeben habe, sei natürlich der, daß er selbst die Empfindung habe, daß die armen Kleinen sich nicht zwischen Kindern besserer Leute wohl fühlen würden. Christensen, der die große Schiffswerft und Holzsägerei auf der anderen Seite des Fischereihafens besaß, war sonst ein vorurteilsfreier Mann, der sich nicht in die Privatangelegenheiten anderer Leute mischte. Wenn der Bürgermeister dem Hotelbesitzer übles nachsagte, wäre es sonst Grund genug für ihn gewesen, den Mann in Schutz zu nehmen, da er und der Bürgermeister immer Gegner zu sein pflegten. Aber es schien, als wolle der Herr Byge oder wie er sonst hieß, seine Nase in Christensens Sachen stecken. Wenn man der Sache auf den Grund ginge, war er vielleicht ein verkappter Sozialdemokrat. Christensens Werkführer hatte im Hafen gehört, daß Byge mit den Fischern, wenn sie des Morgens heimkamen, ein Gespräch anzuknüpfen pflegte. Er trieb sich ja immer in aller Herrgottsfrühe am Hafen herum. Und wie es hieß, nicht nur um Fische für das Hotel einzukaufen; denn er ging zu den Leuten an Bord und traktierte sie mit Zigarren und Bier. Neulich hatte ein ganzer Haufe um ihn herumgestanden, und er hatte zu ihnen gesagt, daß es eine Schande sei, wie die Fische halb tot in den Fischkästen lägen, weil sie den Abfall über Bord würfen, so daß das Wasser faulig würde. Und als dann einer der Fischer gefragt hatte, welchen Vorteil sie hätten, wenn sie es unterließen, da das Wasser ja doch keinen Abfluß habe, da antwortete er, daß sie zum Stadtrat gehen und eine Öffnung im Bollwerk des Schiffswerfthafens verlangen sollten. Die Leute hatten ihn ausgelacht. Ob er glaube, daß Christensen sich darauf einließe. Er wolle nicht, daß die Schweinerei durch seine Werft abflösse oder daß Strom zwischen seine Docks käme. Und Christensen führe ja das große Wort im Stadtrat. »Zum Teufel, so stimmt doch gegen ihn, damit er bei der nächsten Wahl fällt!« sagte Byge. Mit dem, was der Werkführer gehört hatte, hatte es seine Richtigkeit; er wußte aber nicht, daß Svend später mit jedem Mann einzeln gesprochen und ihm klargemacht hatte, welcher Verlust durch das verfaulte Wasser für sie entstände. Alles, was Svend sagte, hatte ein gewisses Gewicht, weil die Fischer wußten, daß er sich als Ihresgleichen betrachtete, da er seine Kinder in die Volksschule geschickt hatte. Ihre Kinder und seine Kinder spielten zusammen und prügelten sich und badeten zusammen; so mußte es sein. Svend befand sich nirgends wohler, als wenn er von Boot zu Boot ging und den Fang besah. Dann dachte er an all das, womit er sich im Ministerium beschäftigt, worüber er gelesen und geschrieben und was er später in lebendiger Wirklichkeit auf dem Markte von Billingsgate gesehen hatte, wo Fischladungen aus allen Weltgegenden zusammenkamen, außer aus Dänemark. Heimlich und sicher arbeitete er jetzt auf das Ziel zu, das er sich gesteckt hatte, als er nach Dänemark zurückkehrte. Es war der Schiffsbauer Christensen, auf den er es zuerst abgesehen hatte. Christensen war ein großer Mann, weil er so vielen Mündern Brot gab. Da waren die Arbeiter an der Werft und der Holzsägerei und dem großen Holzhandel. Außerdem war er Unternehmer im großen; alle, die kommunale Arbeiten bekamen, waren seine Strohmänner. Es war Christensen, der derartige Sachen im Stadtrat entschied. Man war daran gewöhnt und fand sich darein, weil er ein tüchtiger Mann war, der der Stadt im allgemeinen nützte. Svend aber wollte es anders. Er sprach zu den Arbeitern von dem Gestank, der zu ihren Häusern hinaufstieg – zu der langen Reihe von Arbeiterwohnungen, die ein Stück oberhalb der Werft lagen. Die Arbeiter hatten ihn bis jetzt noch nie gespürt; jetzt aber verpestete er geradezu die Luft, so daß sie sich räusperten und spuckten, wenn sie sich des Morgens in Hemdsärmeln vor ihrer Tür reckten. Wenn ein Kind in der Häuserreihe krank wurde und sie keine andere Erklärung bei der Hand hatten, so war der pestartige Gestank daran schuld, der durch ihre Fenster hereindrang, weil Christensen dem Wasser keinen Abfluß geben wollte. Und wie war es mit dem Lohn? Er schmälerte ihn, wo er konnte, er, der sich im Stadtrat mästete und alle Arbeiten der Gemeinde an sich raffte. Aber das sollte jetzt ein Ende haben. Sie hatten lange genug geschwiegen. Damit hatte er recht – dieser Byge – daß es eine Schande für einen freien Mann sei, für jemanden zu stimmen, nur weil er der Arbeitgeber war. So ging das Gerede von Mann zu Mann, sowohl im Fischereihafen wie auf dem Arbeitsplatz. Svend blies ins Feuer, wo er nur konnte, und als die Stadtverordnetenwahlen vor der Tür standen, da war die Sache reif. 20 Svend hatte am Vormittage eine Deputation von Fischern und Arbeitern empfangen, die ihn baten, sich an Stelle von Christensen in den Stadtrat wählen zu lassen. Er hatte geahnt, daß es soweit kommen würde und sah auch ein, daß er seine Freiheit zum Opfer bringen müsse, wenn er seinen Willen durchsetzen wolle. Es lag gar nicht in seiner Absicht, Stadtverordneter zu werden. Er betrachtete das nur als einen Zeitverlust und sein Ehrgeiz ging nur in eine Richtung, für die er seine ganze Kraft einsetzen wollte. Die Frage war nur, ob eine Stellung als Stadtverordneter nicht für seine Zwecke notwendig sei. Er hatte sich deshalb von der Deputation eine Bedenkzeit von vierundzwanzig Stunden ausgebeten. Jetzt machte er seine gewohnte Spaziertour mit den Knaben; und das Schicksal wollte, daß Lisbeth gerade an diesem Nachmittage keine Zeit hatte; es war große Wäsche im Hotel. Es war ein frischer Oktobertag mit klarem Himmel und hoher See. Der Strand war voller Muscheln und Seesterne, die der erste Herbststurm herangespült hatte. Henning und Jörgen waren entzückt. Sie hatten Erlaubnis bekommen, Stiefel und Strümpfe auszuziehen, um unbehindert von den Brandungswellen den Strand absuchen zu können. Sie hatten zu Hause bereits eine große Sammlung von See-Merkwürdigkeiten und erwarteten eine reiche Ernte nach dem Sturm. Svend ging auf dem festen Sandboden, worin die Flutwellen ihre zitternden Linien geritzt hatten. Er ging mit den Händen auf dem Rücken, den Blick suchend auf die Erde gerichtet, wie es seine Gewohnheit war. Da sah er, als er aufblickte, daß jemand ihm entgegenkam. Es war eine Dame mit einem Knaben. Er konnte noch nicht unterscheiden, ob er sie kannte. Er dachte einen Augenblick daran, in die Dünen zu gehen, um eine Begegnung zu vermeiden. Er war nicht aufgelegt, heute mit jemandem zu sprechen. Aber dann mußte er erst seine Knaben rufen, die weit draußen im Wasser gingen, die Hosen hochgezogen und die Schuhe, in denen die Strümpfe steckten, in der Hand. Sie waren so eifrig, daß er es nicht übers Herz bringen konnte, sie zu rufen. Jetzt sah er, daß es eine Dame aus der Stadt war. Sie hatte einen kleinen, dicken Knaben an der Hand, der aufmerksam zu Henning und Jörgen hinüberspähte, die mit bloßen Füßen in dem kalten Wasser patschten. Die Mutter blieb stehen und wollte ihn scheinbar zu etwas überreden; er aber weigerte sich hartnäckig. Dann setzten sie ihren Weg fort. Jetzt waren sie Svend so nahe gekommen, daß er den Knaben erkannte. Es war Christensens Sohn. Die große, ziemlich starke Dame mit dem freimütigen und dennoch etwas beschwerten Gang war dann wohl die Frau des Matadors. Er hatte sich gerade so lebhaft in Gedanken mit ihrem Mann beschäftigt, daß er sie mit Interesse betrachtete. Im selben Augenblick machte sie eine unfreiwillige Bewegung, als ob sie ihn kenne. Einen Augenblick sah es aus, als wolle sie stehen bleiben und umkehren. Dann aber steuerte sie entschlossen auf ihn los. Jetzt war es Svend auch, als ob er diesen freimütigen Gang, den stolzen Kopf und das güldenrote Haar kenne. Plötzlich ging ihm ein Licht auf: »Agnete Grönvold!« Als sie sah, daß er sie wiedererkannt hatte, streckte sie ihm schon aus der Entfernung ihre behandschuhte Hand entgegen. »Svend Byge!« sagte sie freimütig und betrachtete ihn mit ihren grauen Augen, die nicht mehr so dunkel und verborgen lustig waren wie früher. »Sind Sie's wirklich?« sagte sie und drückte ihm die Hand, als ob nie etwas zwischen ihnen passiert sei. Er überwand seine Verlegenheit schnell. »Wenn der Kleine da Ihr Junge ist,« sagte er, »dann sind Sie jetzt Frau Christensen.« »Ja, und Sie? – »Nein, das hätte ich nie gedacht, daß der neue Hotelbesitzer, der meinem Mann soviel Schwierigkeiten bereitet, derselbe Byge ist, den ich einst gekannt habe.« Ihre Wangen waren etwas blaß und aufgeschwemmt; auf der blanken runden Stirn hatten die Jahre einige Fältchen gezogen. Er sah, daß sie an das dachte, was sie damals getrennt hatte. Sie lachte etwas verlegen und sagte: »Es war mein Mann, der nach Ihnen in Frau Jensens Pensionat zog.« Svend lächelte. Wie weit lag das alles zurück. Christensen war also der Kaufmann aus der Provinz, den Frau Severine Jensen seinerzeit so bewundert hatte. Während er vergeblich in ihrem wohlgenährten Gesicht jene Agnete suchte, in die er seinerzeit so verliebt gewesen war, sagte sie: »Und ich glaubte, daß Sie in einem Ministerium angestellt seien! – Nein, dies hätte ich nie für möglich gehalten!« Sie setzte sich etwas atemlos in den Sand und bereitete sich auf eine recht behagliche Unterhaltung vor. Sie erzählte offenherzig aus ihrem Leben, und merkte nicht, daß Svend ihr Vertrauen nur sehr spärlich erwiderte. Sie sagte, daß sie anfange alt zu werden; das Gehen sei ihr beschwerlich und sie könne nichts mehr vertragen. »Es ist Ihnen zu gut gegangen,« sagte Svend und lächelte. »Ach Unsinn! – Nein, nein, es ist seit ich den kleinen Stammherrn hier bekommen habe,« sagte sie und zog den Knaben näher zu sich heran. Er war fast ebenso alt wie Henning, aber größer und dicker. Er blickte sehnsüchtig zu Svends Knaben hinüber, die über einen interessanten Fund gebeugt standen. »Wie sind Ihre Kleinen gesund und geschmeidig!« sagte sie, »es ist ein wahres Vergnügen, ihnen zuzusehen, wie sie mit bloßen Füßen im Wasser patschen. Ich wollte Knud überreden, ihrem Beispiel zu folgen, aber er war nicht dazu zu bewegen.« Sie seufzte und blickte müde vor sich hin. »Er ist wohl Ihr Einziger?« sagte Svend, während er darüber nachdachte, wie er diese seltsame Begegnung ausnützen könne. »Ja, und ich will gern zugeben, daß es meine Schuld ist, daß er so verzärtelt ist. Mein Mann sagt immer, daß ich ihn verziehe. Wissen Sie, es taugt nicht, wenn man in zu jungen Jahren Kinder bekommt; dann hat man selbst darunter zu leiden; aber bekommt man sie, wenn man älter wird, dann haben die Kinder darunter zu leiden. Ich sehe selbst, daß er ein kleines Muttersöhnchen geworden ist.« Sie seufzte wieder, während sie liebevoll mit ihrer kleinen dicken Hand über des Knaben Nacken strich. »Sie waren doch damals so modern!« sagte Svend und sah sie fest an, »Sie predigten damals immer, daß man mit den Jungen jung sein solle!« »Ja damals!« seufzte sie, »mein Mann sagt immer, daß ich mich nicht zur Mutter eigne. Vielleicht hat er recht. Andererseits aber weiß man auch nicht, ob seine Gesundheit so kräftig ist. Mit Ihren Jungen ist das etwas anderes.« Svend faßte den Kleinen unters Kinn und sah ihn scharf an. »Was sollte ihm fehlen? Er ist ja groß und kräftig für sein Alter! – Sie sollten es so machen wie ich, Frau Agnete!« Es ging ein nervöser Zug über ihr Gesicht, als er sie beim Vornamen nannte. »Wie meinen Sie das?« »Schicken Sie ihn in die Volksschule, da wird er wie andere Jungen werden.« Er sagte es so stark und natürlich, daß sie ihn ansehen und darüber nachdenken mußte, was er eigentlich mit diesen Worten meinte. »Lebt die Mutter der Knaben?« fragte sie kurz darauf vorsichtig. Svend erzählte ihr mit wenigen Worten von seiner Ehe und Scheidung. Es war also doch nicht wahr, was man von ihm erzählte. Und sie überlegte, wie sie diese merkwürdige Begegnung ausnützen könne. Hier saß sie mit dem Feinde ihres Mannes. Sie wußte besser als irgend jemand, was auf dem Spiel stand, wenn Christensen nicht wieder in den Stadtrat gewählt würde. Er hatte sich an seiner neuen Werft verhoben. Und jetzt, wo die schlechten Zeiten die Bauunternehmungen beeinträchtigten, stand es auch schlecht mit seinem Holzhandel. Er hatte große Kapitalien hineingesteckt. Aber es galt den Schein und die Stellung zu wahren, bis wieder gute Konjunkturen kämen. Jetzt war die große Lieferung für das neue Rathaus da, wenn er die nicht bekam – – Oh, er hatte eine ganze Stunde lang gerast, als er erfuhr, was gegen ihn geplant wurde. Und sie war es immer, die alles ausbaden mußte; denn sie war die einzige, die seine Angelegenheiten so genau kannte, daß er offen mit ihr zu sprechen wagte. Hier saß sie nun neben dem, der sich vorgenommen hatte, ihn zu stürzen – und dieser Mann war ihr ehemaliger Geliebter! Einen Augenblick dachte sie daran, auf den alten Saiten zu spielen, gab es aber gleich auf. Sie hatte seinen Augen angesehen, daß es mit ihrer alten Anziehungskraft vorbei war. Aber ihm auf den Zahn fühlen, das konnte sie. Zu erfahren versuchen, was die ganze Sache ihm wert war. »Sagen Sie mal,« begann sie ohne Einleitung und heftete ihre dunklen Augen fest auf ihn, »weshalb verfolgen Sie eigentlich meinen Mann? – Was hat er Ihnen getan?« »Ich verfolge ihn durchaus nicht!« »Sie wollen ihn doch aus dem Stadtrat ausdrängen und sich an seine Stelle setzen?« Svend antwortete nicht gleich; er bürstete etwas Sand von ihrem Kleid, um Zeit zur Überlegung zu bekommen. »Darf ich Ihnen einen Rat geben!« sagte er statt einer Antwort, »einen guten Rat von einem alten Freund.« Sie nickte. Er machte ihr ein Zeichen zu, den Knaben fortzuschicken. »Geh hin, mein Junge, und sieh zu, was Herrn Byges Jungen im Wasser gefunden haben.« Knud aber trat von einem Fuß auf den anderen und drängte sich nur fester an seine Mutter. »Geh hin und rufe die Knaben!« sagte Svend und sah den Kleinen fest an. Er starrte den fremden Herrn mit offenem Mund an. Dann wurde ihm plötzlich klar, daß hier gehorcht werden müßte. Und ohne ein Wort zu sagen ging er beleidigt auf seinen kleinen dicken Beinen davon. »Da sehen Sie selbst!« sagte sie und seufzte. »Ja, da sehen Sie!« sagte Svend, »er hat eine etwas feste Behandlung nötig. Das war gerade der Rat, den ich Ihnen geben wollte. Verabschieden Sie Ihr Fräulein und schicken Sie den Knaben in die Volksschule.« »Zwischen Arbeiterkinder – deren Brotherr er einst werden soll?« »Ja gerade!« »Warum soll ich das tun?« »Das würde die Stellung Ihres Mannes stärken.« Sie betrachtete ihn mißtrauisch mit ihren braunen Augen. »Und welchen Vorteil würden Sie davon haben?« »Läßt Ihr Mann mit sich verhandeln?« fragte er statt einer Antwort. »Das kommt darauf an.« »Was ist ihm mehr wert – seine Stellung im Stadtrat oder die Verweigerung eines Abflusses für den Fischereihafen?« Ach, sie kannte diese Geschichte. Gerade das hatte sie ihrem Mann immer gesagt. Er solle der Forderung der Fischer nachgeben, dann würde er an ihnen eine Stütze haben. Wenn er geahnt hätte, daß er seine Stadtratsstellung aufs Spiel setzen würde, dann hätte er es wahrscheinlich schon längst getan, wie eigenwillig er sonst auch war. »Ich weiß nicht, ob er nicht willens ist, die Forderung der Fischer zu erfüllen. Hat jemand ihn kürzlich danach gefragt?« fragte sie mit gemachter Treuherzigkeit. Svend durchschaute sie. Er hatte nicht gewußt, daß die Stadtratsstellung Christensen so viel wert sei, wie ihr Gesicht verriet. Hier war etwas zu machen. »Hören Sie mal, Frau Agnete,« sagte er und nahm ihre Hand, »Sie können mir glauben oder Sie können es bleiben lassen; aber ich möchte Ihnen unserer alten Freundschaft wegen nach bestem Ermessen helfen.« Sie wollte ihre Hand an sich ziehen. Er aber hielt sie fest. »Wenn Sie mir versprechen wollen, Ihren Sohn in die Volksschule zu schicken, wie ich es mit meinen Knaben getan habe, so will ich morgen zu Ihrem Mann gehen und ihm anbieten, daß ich mich unter der Bedingung zurückziehen will, daß er für eigene Rechnung einen Abfluß für den Hafen machen lassen will.« Sie wurde purpurrot; es blitzte in ihren braunen Augen. Dennoch zögerte sie einen Augenblick. »Aber warum das mit dem Kleinen?« »Sonst glauben die Leute, daß er in der Hafenangelegenheit nachgibt, weil er seine Stellung als Stadtrat nicht entbehren kann. Wenn er sich aber so schwach zeigt, dann werden sie der Versuchung, ihn zu stürzen, nicht widerstehen können. Schickt er dagegen den Knaben in die Volksschule, was niemand von ihm verlangt hat, so bedeutet das einen Umschlag in seiner Gesinnung; und dann werden die Arbeiter selbst kommen und ihn bitten, zu bleiben.« »Ist es wirklich – «, sie zögerte, nahm darauf ihren Mut zusammen und beendigte den Satz, indem sie ihn mit einem wehmütigen Lächeln betrachtete, »der Augen wegen, die Sie einst schön fanden?« Er ließ ihre Hand fallen. »Nein!« sagte er und erwiderte ihren Blick fest, »aber meine Pläne kann ich Ihnen nicht verraten. Es muß Ihnen genügen, daß ich Ihnen bewiesen habe, daß Ihr Mann keinen Feind in mir hat.« »Soll ich ihm von unserer Begegnung erzählen?« fragte sie, indem sie sich erhob. »Ich glaube, es wäre klug, es zu lassen; das mit dem Knaben muß am besten Ihre eigene Idee sein. Haben wir uns verstanden?« »Ja!« sagte sie und blickte zu ihrem dicken Jungen hinüber, der auf dem Trocknen stand und Henning und Jörgen herbeiwinkte. Dann reichte sie ihm die Hand und betrachtete ihn wieder mit ihren braunen Augen, während sie an das dachte, was einst zwischen ihnen gewesen war. Svend merkte es und beeilte sich, ihren Gedankengang zu unterbrechen. »Dann werde ich mir das Vergnügen machen, Ihren Mann morgen zu besuchen!« sagte er geschäftsmäßig. »Ja, bitte,« sagte sie und ging mit ihm den Knaben entgegen. Nachdem Henning und Jörgen vorgestellt worden waren und Stiefel und Strümpfe angezogen hatten, kehrten sie alle zusammen zur Stadt zurück. 21 Lisbeth war gerade mit ihrer Arbeit fertig geworden. Sie saß müde am Fenster und blickte hinaus. Wo blieben sie doch nur? Es war schon halb dunkel. Und die Kinder hatten ihre Schularbeiten noch nicht gemacht. Da sah sie im Fensterspion Svend mit einer fremden Dame die Straße entlang kommen, so vertraulich, als hätten sie sich schon jahrelang gekannt. Es ging wie ein Stich durch ihr Herz. Sie versuchte vergeblich, es auf die leichte Schulter zu nehmen, sie wollte ihn nicht einmal fragen, er schuldete ihr ja auch keine Rechenschaft. Als er aber auf dem Vorplatz stand und sich die Füße auf der Matte trocknete, während die Knaben ihr entgegensprangen, um ihr zu zeigen, was sie gefunden hatten, da konnte sie es doch nicht lassen. »Mich dünkt, du gingst mit einer Dame,« sagte sie in einem Ton, der gleichgültig sein sollte. »Ja,« sagte er, und sah hastig auf, ob er ihren Tonfall richtig verstanden habe. »Es war Frau Christensen, die Frau des Schiffsbauers. War das nicht eine amüsante Begegnung? Wir sind gute Bekannte aus meinen Studententagen, haben fast ein ganzes Jahr in demselben Pensionat gewohnt –.« Lisbeth antwortete nicht, sondern beschäftigte sich eifrig mit den Knaben. »Aha!« dachte Svend und war froher als seit langem.   Am nächsten Tage machte Svend sich fein. Er nahm seinen Zylinder aus dem Kleiderschrank und bürstete ihn sorgsam. Das war ein so ungewohnter Anblick, daß Lisbeth, die im selben Augenblick vorbeiging, die Frage nicht unterdrücken konnte: »Willst du einen Staatsbesuch machen?« »Ja, bei Christensens!« Sie blickte von der Seite zu ihm auf. »So!« sagte sie nur und ging weiter. Das Herz war ihr schwer und sie grübelte darüber, was dies wohl zu bedeuten habe. Nicht einmal sein Vertrauen besaß sie mehr. Es verging eine Stunde; Svend kam nicht. Es vergingen zwei; er war noch immer nicht da. Sie war schlechter Laune und antwortete den Leuten kurz. Es wurde Mittag. Das Essen war fertig, aber Svend kam noch immer nicht. Sie setzte sich mit den Knaben an den Tisch und zwang sich freundlich zu sein. Als Svend spät am Nachmittage nach Hause kam, ging er gleich zu ihr ins Zimmer, ohne vorher Mantel und Hut abgelegt zu haben. »So, jetzt kommt Schwung in die Sache!« sagte er strahlend. Sie antwortete nicht. Ihr hatte er ja nichts anvertraut, und sie wollte sich nicht aufdrängen. »Wir haben schon gegessen!« sagte sie nur. Ihr Ton verletzte ihn. Er sah sie einen Augenblick an. Dann nahm er seinen Hut, um hinauszugehen. In der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: »Frau Christensen wollte durchaus, daß ich bei ihnen zu Mittag essen sollte.« »Das kann ich mir denken,« sagte Lisbeth und biß sich auf die Lippen.   Am nächsten Morgen ging Svend zu den Arbeitern und sagte, er habe sich die Sache überlegt und er könne die Bürde eines Stadtverordneten nicht übernehmen. Aber er wolle ihnen raten, es noch eine Weile mit Christensen zu versuchen. Sie waren sehr enttäuscht. Davon könne keine Rede sein. Christensen müsse auf alle Fälle weichen. Und wolle Byge nicht seine Stelle einnehmen, so müßten sie einen anderen suchen. Aber es waren keine drei Tage vergangen, als der »schwarze Jensen«, derjenige von den Arbeitern, mit dem Svend am meisten zu tun gehabt hatte, in der Mittagszeit am Hafen hinter Svend hergelaufen kam. »Wissen Sie schon das Neueste,« sagte er ganz atemlos vor Eifer, »Christensen hat seinen Jungen in die Volksschule geschickt. Was mag das zu bedeuten haben?« »Er hat sich wohl überlegt, daß es so am besten für seinen Jungen ist!« sagte Svend unbefangen. »Nee, nee! Ich will eher glauben, daß er sich nicht von Ihnen übertrumpfen lassen will. Weiß er schon, daß Sie die Wahl nicht annehmen wollen?« »Das glaube ich kaum!« »Sehen Sie wohl, da haben wir's! – Aber es ist dennoch ganz schneidig von ihm.« Eine Stunde später war das Gerücht in der ganzen Stadt verbreitet. Nicht nur auf der Werft und im Hafen wußte man es, sondern die Leute in den Straßen hielten sich gegenseitig an, um die unerhörte Begebenheit zu besprechen. »Das ist dieser Byge mit seinen verfluchten Ideen!« sagte der Apotheker zum Zahnarzt. »So was steckt an, will ich Ihnen sagen.« Als Christensen gegen Feierabend groß und breit mit seinen langen Schritten zur Werft kam, um die Arbeit des Tages in Augenschein zu nehmen und dem Werkführer seine Befehle für den nächsten Tag zu geben, da begegnete er den Arbeitern, die nach Hause gingen. Sonst pflegten sie müde und übellaunig allein oder zu zweien zu gehen. Heute abend gingen sie in einem großen Haufen. Der »schwarze Jensen« war der erste, der des Prinzipals ansichtig wurde. Sie hatten gerade von ihm gesprochen und fühlten sich wie auf frischer Tat ertappt. Einige zögerten, andere wollten zur Seite treten. Jensen aber hielt sie zurück. Er hatte sich zur Feier des Tages einige Extraschnäpse zu Gemüte geführt und hatte die dunkle Empfindung, als ob etwas Besonderes geschehen müsse. Als Christensen an ihnen vorbeiging, zog er zuerst den Hut. Es lag ein schelmischer Blick in seinen Augen, als verberge sich ein Lächeln in seinem großen Vollbart. Der Haufe blieb stehen und erwiderte seinen Gruß; und ohne daß jemand wußte, wie es eigentlich zuging, brachten sie dem Schiffbauer ein Hurra. Christensen sah aus, als ob er etwas sagen wollte; aber es wurde nichts weiter als ein »Danke«, während er weiterging.   Eine Woche vor den Stadtratswahlen wurde der Hafen und die Werft durch eine neue sensationelle Begebenheit in Aufruhr versetzt. Eines Morgens begann eine Schar Arbeiter unter Aufsicht eines Hafenbeamten die großen Steine in Christensens Bollwerk, die die Grenze zwischen dem Fischereihafen und der Werft bildeten, zu lockern. Von beiden Seiten kamen Neugierige und wollten sehen, was hier los sei. Man wollte es nicht glauben, bevor man sah, daß es mit dem Abfluß ernst wurde. Als Christensen tags darauf zur Mittagszeit groß und breit dahergegangen kam, um die Arbeit zu besichtigen, stand ein Haufe Fischer auf dem Bollwerk mit der Pfeife im Munde. Es ging hier wie auf der Werft. Zuerst wollte man sich drücken; aber dann war da ein beherzter Mann, der fand, daß der Schiffsbauer wissen solle, daß man zufrieden sei. Christensen grüßte wie gewöhnlich zuerst. Als man die Mützen abnahm, wurde es zu einem langen Hurra, ohne daß jemand wußte, wer eigentlich angefangen hatte. Von dem Tage an war Christensen ein beliebter Mann in der Stadt. Und wenn Svend nicht selbst sein Lob am eifrigsten verbreitet hätte, würde zweifellos seine eigene Popularität darunter gelitten haben. Nachdem die erste Überraschung sich gelegt hatte, errieten die Verständigsten, daß Byge selbst einen Finger im Spiel gehabt hatte. Christensen wurde mit Glanz gewählt und was noch mehr war, es ging, wie der Apotheker prophezeit hatte: Die verfluchte Idee mit der Volksschule steckte an. Die Kontoristen des Schiffsbauers und die übrigen festen Angestellten, die sonst mit Mühe das teure Schulgeld in den Privatschulen bezahlt hatten, wurden plötzlich demokratisch und schickten ihre Kinder in die Volksschule. Was Christensen tun konnte, das konnten sie auch wohl. Es wurde eine reine Modesache für die Kaufleute und Handwerker der Stadt, Christensens Beispiel zu folgen, um so mehr, als es eine so angenehm sparsame Mode war. Der Beamtenstand aber war wütend. Es kam ihnen vor, als läge eine Revolution in der Luft in ihrer guten Stadt. Jetzt galt es, die gesunden konservativen Prinzipien gegen die verderblichen Auswüchse des Sozialismus zu verteidigen, die dieser Schelm, der von Gott weiß woher gekommen war, mit seiner Konkubine und seinen unehelichen Knaben, einführen wollte. Die beiden Realschulen der Stadt, die sonst in offener Feindschaft miteinander gelebt hatten, schlossen sich in dem gemeinsamen Interesse zusammen. Die Rektoren gingen zusammen zum Bürgermeister und klagten ihre Not. Die Schülerzahl sei so stark zusammengeschmolzen, daß man das Lehrerpersonal einschränken oder das Schulgeld erhöhen müsse, wenn man keine Hilfe bekäme. Der Bürgermeister war ein steifer und rechtdenkender Bürokrat. Er meinte, daß das Geschehene ein Auswuchs desselben Geistes sei, der zu dem unglückseligen Systemwechsel geführt, der Leuten, die ohne die geringste akademische Bildung waren, das Ministerportefeuille verschafft hatte. Hier sah man die Folgen. Es würden noch schlimmere Dinge geschehen, wenn man nicht an höchster Stelle einsah, daß eine Umkehr notwendig sei. Er sah aber ein, daß vorläufig nichts anderes zu machen war, als daß die gute Gesellschaft selbst Justiz üben müsse. Der Apotheker übernahm mit Freuden den ehrenvollen Auftrag, im »Klub von 1888« – der die Spitzen der Stadt zu Sitzungen, Konzerten und Bällen vereinigte, und zum Gegensatz zu dem uralten allgemeinen Bürgerklub »der feine« genannt wurde – den Vorschlag vorzubringen, daß das Hafenhotel boykottiert werden solle. Die Demonstration wurde einstimmig angenommen. Die Mitglieder verpflichteten sich, die Lokale des Hotels weder zu öffentlichen noch privaten Zusammenkünften zu benutzen. 22 Fräulein Franzen war die erste, die die Neuigkeit erfuhr. Sie kam des Morgens zu Lisbeth in die Plattstube und sagte: »Ich will Ihnen nur sagen, Fräulein, daß es so nicht weiter geht.« »Was soll das heißen?« »Der ›feine‹ hat gestern beschlossen, daß er dem Hotel seine Kundschaft entziehen will. Darauf habe ich schon lange gewartet.« »Was geht das Sie an?« »Das geht mich insofern etwas an, als ich hiermit zum Ersten kündige. Wollen Sie so freundlich sein, Herrn Byge das zu sagen.« »Warum tun Sie das nicht selbst?« »Ach Gott, es geht ja immer alles durch Sie, Fräulein.« Lisbeth verstand. Es war also so weit gekommen, wie sie gefürchtet hatte. Sie dachte an die erste Zeit ihres Hierseins. Wie waren sie glücklich miteinander gewesen! Wie hatte sie sich der Kinder gefreut! Damals war sie ihm unentbehrlich gewesen. Und jetzt – kein Vertrauen mehr, keine Kameradschaft. An dem Tage, an dem sie ihn zuerst mit Frau Christensen gesehen hatte, war der Umschlag geschehen. Was die beiden nur zusammen hatten? Ob es wirklich nur Geschäfte waren, die ihn zu Christensens führten? Und trotzdem das grundlose Geklatsch über Svend und sie. Es war bald nicht mehr zum Aushalten. Wenn es nicht der Knaben wegen wäre, so ginge sie auf und davon. Als Svend nach Hause kam, erzählte sie ihm, was Fräulein Franzen gesagt hatte. Er lachte nur darüber. »Ich pfeife auf den Klub von 1888,« sagte er, »und was Fräulein Franzen betrifft, so ist sie nicht mehr als jede andere wert, laß sie nur gehen.« »Aber sie war frech,« sagte Lisbeth. Svend sah auf und verstand sie gleich. Dann klingelte er. »Fräulein Franzen,« sagte er zum Kellner. Die Büfettmamsell stellte sich neben die Tür mit den Händen in die Seite und brannte darauf, alles das zu sagen, was sie sich vorgenommen hatte. Svend zählte eine Summe auf den Tisch. »Hier,« sagte er ruhig, »ist Ihr Lohn und Kostgeld bis zum Ersten – und nun vor Abend aus meinem Hause!« Fräulein Franzen war vor Verwunderung ganz stumm. Nachdem sie das Geld genommen hatte, drehte sie sich in der Tür um und sagte nur: »Adieu und ich danke auch schön!« Svend hatte ein gutes Wort von Lisbeth erwartet; aber sie sah aus dem Fenster und erwartete, daß er zu ihr kommen sollte. Da sagte er: »Ich kann dir eine Neuigkeit erzählen, Lisbeth.« »So?« »Ich habe in Sandöre einen Bauplatz für ein Badehotel gekauft, das Christensen für mich bauen will. Es soll bis zum nächsten Sommer fertig sein.« Sie drehte sich um und sah ihn an. Das sagte er ihr jetzt erst. Frau Christensen hatte es wahrscheinlich schon lange gewußt. Es war vielleicht eine Idee von ihr, da ihr Mann das Hotel bauen sollte. Das Blut stieg ihr zu Kopf. »Dann bist du wohl mit Christensen dort gewesen und hast alles Notwendige in Sandöre verhandelt, denn hier zu Hause haben wir dich ja fast nicht gesehen in der letzten Zeit.« »Ja, das bin ich.« Sie wandte sich von ihm ab, damit ihre Augen ihm nicht ihren Zorn und ihre Enttäuschung verraten sollten. »Seine Frau hat euch wohl begleitet?« sagte sie und bereute es im selben Augenblick. Sie summte vor sich hin und eilte aus dem Zimmer, bevor er Zeit hatte zu antworten.   Von dem Tage ging es beständig mit Lisbeths Laune bergab. Sie fühlte sich überflüssig, obgleich die Arbeit im Hotel vollständig auf ihr ruhte, weil Svend ganze Tage, ja bisweilen auch Nächte in dem etwas nördlich gelegenen Sandöre verbrachte. Wenn sie so den ganzen Vormittag allein umherging, begann sie ernstlich daran zu glauben, daß ein Liebesverhältnis zwischen Svend und Frau Christensen bestehe. Er sah ja aus wie das personifizierte Glück, während sie sich Tag für Tag grämte, so daß selbst das Personal im Hotel es ihr ansehen konnte. Sogar Henning kam eines Abends zu ihr hin und legte seine Wange gegen ihre, indem er fragte: »Bist du krank? Du siehst so traurig aus?« Sie versuchte sich stolz und hart zu machen. Das Beste wäre vielleicht, sie packte ihr Zeug und ginge davon. Aber da waren die Knaben, die sie nicht mehr entbehren konnte. Dennoch war sie reizbar und ungerecht gegen sie. Sie konnte nicht dagegen an, denn sie glichen ihm allzusehr. Wie war es traurig, daß sie gegen die, die ihrem Herzen am nächsten standen, so bitter geworden war! Aber er allein trug die Schuld. Als das Frühjahr schließlich kam – als die Fenster offen standen und die milde, frische Luft hereinließen, die von dem großen bebenden Meer kam und über Sand und Heide strich, als das Blut durch die Adern jagte und unter der Haut prickelte – da konnte sie es nicht länger aushalten. Härte und Stolz fielen von ihr ab. Sie, die nicht geweint hatte, seit ihr Kind gestorben war, lag nun ganze Nächte und weinte herzbrechend. Sie schämte sich dessen, meinte, daß sie nicht wohl sei; sie konnte gewiß die Seeluft nicht vertragen. Und zum erstenmal dachte sie ernstlich daran, fortzureisen. Die Knaben verstanden sie nicht. Sie fingen an sich vor ihr zu fürchten. Bisweilen zog sie sie an sich und küßte sie mit plötzlicher Heftigkeit, zu anderen Zeiten konnte sie sie hart anblicken und sie wegen des geringsten Versehens bestrafen. Da geschah es, daß sie Jörgen eines Abends in ihrer gereizten Stimmung eine Ohrfeige gab. Es war das erstemal, daß sie einen von ihnen schlug. Sie bereute es sofort und wollte ihn abends beim Gute-Nacht-sagen küssen. Er aber wandte sich angstvoll von ihr ab. Und Henning kehrte ihr beleidigt den Rücken. Als sie in ihr Zimmer kam, setzte sie sich ans offene Fenster – die hellen Nächte hatten gerade begonnen – und starrte hilfesuchend übers Meer, bis sie schließlich einen Entschluß faßte. Sie sagte sich selbst, wenn es so weiterginge, so würde ihr Gemüt sich gegen ihn und sie und gegen alle verbittern. Sie hatte keine Wahl. Niemand kann sein Herz zwingen. Deshalb faßte sie den Entschluß fortzureisen.   Tags darauf kam Svend von Sandöre nach Hause. Er war in strahlender Laune, stutzte aber, als er den Ausdruck in ihrem Gesicht sah. »Bist du krank?« fragte er ängstlich und streckte die Hand nach ihr aus. Sie wandte sich ab und nahm all ihren Mut zusammen. Jetzt wollte sie es sagen. »Ich glaube, ich kann die Seeluft nicht vertragen,« sagte sie, »ich will fortreisen.« Er blickte sie überrascht an und konnte nicht gleich eine Erwiderung finden. Sie wagte ihn nicht anzusehen, wußte deshalb nicht, daß er bleich geworden war und ihre ganze teure Gestalt – von dem aschblonden Haar bis zu den festen, weichen Schultern und den starken, runden Armen – mit einem warmen Blick umfaßte. Er aber sah, wie ihre Lippen zitterten, er sah, wie sie sie fest aufeinander pressen mußte, um ihr Gesicht zur Ruhe zu zwingen. Und alles was er sah, ließ ihn verstehen, was ihre Stirn und ihr Mund und ihre Augen seinem Herzen zuflüsterten. Dennoch wollte er nicht noch einmal beginnen, bevor er seiner Sache ganz sicher war. Sie hatte damals in den Dünen den Kopf geschüttelt. Das hatte er nicht vergessen. »Ich wollte dir gerade sagen,« begann er schließlich, »daß das Hotel in Sandöre fertig ist. Ich hatte mir gedacht, daß wir alle die Sommerferien dort verbringen wollten. Ich hatte mich so darauf gefreut, wieder wie in der ersten Zeit mit dir und den Knaben am Strande spazieren zu gehen.« Fast wäre sie ihm um den Hals gefallen – es war der liebevolle Klang seiner Stimme, der sie dazu verlockte; aber sie beherrschte sich und sagte mit der leisen Stimme, die solch tiefen Klang hatte, in den er sich gleich an dem ersten Neujahrsabend verliebt hatte: »Das will ich gern, Svend. Darauf freue ich mich! Aber« – fügte sie leise hinzu, während der Lichtschein von ihrem Gesicht verschwand, weil ihr eingefallen war, daß Frau Christensen wahrscheinlich auch zum Sommer dort Seebäder nehmen sollte – »aber zum Herbst will ich von hier fort.« Er sah sie wieder an, nein, er konnte nicht aus ihr klug werden. »Wie du willst, Lisbeth!« sagte er still und begann die Post durchzusehen, die auf seinem Schreibtisch lag. 23 Es war an einem stillen Juninachmittag. Lisbeth und Svend saßen zusammen auf der offenen Veranda, von wo sie einen weiten Ausblick über Himmel und Meer hatten. Die Knaben spielten in einem kleinen sandigen Garten zu ihren Füßen. Eine ganze Woche hatten sie in schönster Harmonie miteinander verlebt, am Strande spaziert und im Sand gefaulenzt, während die Junisonne ihre Wangen durchglüht hatte. Es war ein gesegnetes Wetter gewesen. Sie hatten große Spaziergänge gemacht, Bernstein gesucht, den Frühlingsschrei des Kibitz über den mageren Ackerfeldern in Sandöre gehört, hatten gesehen wie der Austernfischer mit seinem roten Schnabel im niedrigen Flug das stille Wasser über den Sandbänken durchsuchte. Sie hatten mit den Fischern in dem Sandörer Fischerdorf gesprochen. Svend kannte sie alle, die Alten in ihren Flausröcken mit den goldenen Ohrringen, den struppigen Bärten und den Augen, die vom Meer, über das sie vom ersten Tage ihrer Geburt an geblickt hatten, blau geworden sind. Sie hatte nicht gewußt, daß Svend die Fischer so gut kannte. Sie plauderten mit ihm, als gehöre er zu ihnen. Wie ein Traum war ihr diese Zeit gewesen, so schön, daß sie sich hüten mußte, daß nicht neue Hoffnung in ihr aufblühte. Jetzt sitzen sie beim Nachmittagskaffee mit einem kleinen niedrigen Tisch vor sich. Ihnen ist so wohl, daß keiner von ihnen Lust hat zu sprechen. Da knirschen rasche Schritte über den Kies, der vor dem Hause gestreut ist. Lisbeth sieht zur Seite, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen. Richtig. Da kommt Knud auf seinen dicken Beinchen auf Henning und Jörgen zugelaufen; er ist leichtfüßiger als früher. Und kurz darauf grüßt Frau Christensen mit ihrem Sonnenschirm zu Svend herauf, der sich erhebt und ihr entgegengeht. »Guten Tag, guten Tag,« ruft sie atemlos. Jetzt ist sie ganz bis zum Haus gekommen. Sie schüttelt den Knaben die Hand. Dann wird sie Lisbeths ansichtig, die sich im selben Augenblick erhebt. Sie ist blaß; es ist das erste Mal, daß sie die Frau, deren Rivalität sie fürchtet, in der Nähe sieht. Svend wendet sich zur Veranda um. »Darf ich Ihnen Fräulein Ström vorstellen, die meinen Knaben wie eine Mutter ist! – Frau Christensen, von der ich Ihnen erzählt habe.« Agnete wirft einen scharfen und kritischen Blick über Lisbeths aschblondes Haar und große blaue Augen. Dann grüßt sie mit vornehmer Zurückhaltung und gibt den Knaben eine Tüte Konfekt, die sie ihnen aus der Stadt mitgebracht hat. »Ja, lieber Herr Byge, hier haben Sie mich und während der nächsten vierzehn Tage werden Sie mich nicht wieder los. Der Doktor will, daß ich Seebäder nehmen soll, obgleich ich eigentlich keine Lust dazu habe. Aber er sagt, es ist gerade meine Trägheit, die ich überwinden muß.« Lisbeth fühlt sich grenzenlos überflüssig und merkt auch, daß die Situation Svend bedrückt. Erst will sie still ihres Weges gehen, aber sie kann doch der Versuchung nicht widerstehen, jetzt, wo sie sie zum erstenmal zusammen sieht, ihr Verhältnis durch persönliche Anschauung zu beurteilen. Weshalb sollte sie auch weichen? Sie geht die Verandatreppe hinunter und macht eine Bemerkung übers Wetter. Agnete sieht sie an, als habe sie ihre Gegenwart ganz vergessen. »O ja, es ist warm – jetzt haben wir ordentlich Sommer bekommen. – Was ich sagen wollte, Herr Byge, denken Sie sich nur, mein Mann hat sich in den Kopf gesetzt, daß er sich hier draußen eine Villa bauen will.« Svend lächelt und nickt. Dann schlägt er ihr vor, ihr das Hotel zu zeigen. Als sie nach einer Weile zurückkommen, hört Lisbeth ihn sagen: »Mit Vergnügen, gnädige Frau! Sie können die beiden Zimmer dort oben mit Balkon bekommen. Von dort haben Sie die herrlichste Aussicht. Aber die Kost müssen Sie vorläufig im Wirtshaus nehmen. Wir sind nämlich noch nicht fertig mit der Küche und leben ganz auf Feldfuß. Wir haben noch die Handwerker im Hause.« »Gott sei Dank!« denkt Lisbeth, fühlt sich aber im selben Augenblick durch ihren eigenen armseligen Trost gedemütigt. Sie richtet sich stolz auf und geht durch die Veranda an den beiden vorbei. »Gehen Sie fort, Fräulein Ström?« fragt Svend. »Ja!« sagt sie und geht hochaufgerichtet an ihnen vorbei auf ihr Zimmer. Als Frau Christensen und der Kleine zum Wirtshaus gegangen sind, wo sie übernachten wollen, bis Svend die Zimmer hat instandsetzen lassen, als Henning und Jörgen schlafen und alles still ist, geht Lisbeth auf die Veranda hinunter, wo Svend sitzt und über das Meer und in die helle Nacht hinausstarrt. Sie hat es sich lange genug überlegt. Sie fühlt, daß sie dieser Situation nicht gewachsen ist. Deshalb will sie weichen. »Svend!« sagt sie und hält sich fest an dem Stuhl, der neben ihm steht. Er sieht zu ihr auf, wie sie dort im Halbdunkel steht, während die helle Nacht ihre zitternden Schatten über ihre Schultern und über das weiße Gesicht legt, das geradeswegs auf ihn gerichtet ist. »Ich kann nicht mehr!« sagt sie tonlos, »ich reise morgen fort.« Er erhebt sich und will ihre Hand fassen. »Lisbeth!« Das ist alles, was er über die Lippen bringen kann. Sie aber zieht die Hand heftig zurück, während sie fühlt, daß sie alles das, was sie solange getragen, nicht mehr zurückhalten kann. »Ich weiß nicht, ob etwas zwischen dir und ihr ist – es geht mich ja auch nichts an. Aber das weiß ich, daß ich zu gut bin, um mit solchen Blicken betrachtet zu werden, wie diese geputzte Dame sie mir zugeworfen hat. So eine kann leicht mit dem Leben fertig werden. Sie ist zeitlebens auf Händen getragen und von einem Mann beschützt worden, den sie gewiß noch obendrein betrügt. – Rühr mich nicht an! – Du hast ganz recht, davon weiß ich nichts, und es geht mich auch nichts an. Das ist es auch gar nicht, was ich dir sagen wollte.« Sie tritt ganz nahe an ihn heran; ihre Augen blitzen dunkel durch die helle Dämmerung. »Ich will nicht bei dir sein, wenn ich überflüssig bin. Ach, es ist ganz anders geworden, wie ich gedacht hatte. Als du schriebst, daß du mich nicht entbehren könntest – erinnerst du dich noch? – Da glaubte ich dir und kam sofort. Aber jetzt weiß ich, daß es dein Hotel war, das mich nicht entbehren konnte. Und als du deine Knaben zu dir kommen ließt – erinnerst du dich noch? – Da konntest du mich auch nicht entbehren. Aber es waren deine Knaben, die mich nicht entbehren konnten. Nicht du selbst.« Sie merkt, daß ihre Stimme im Begriff ist, ihr den Dienst zu versagen, aber sie beherrscht sich, denn sie will sich jetzt alles vom Herzen herunterreden. »Du selbst, Svend, hast mich gut entbehren können. Ja, in der ersten Zeit, da hatte ich dein Vertrauen. Aber das war schnell vorbei. Im letzten Jahr habe ich dich kaum bei den Mahlzeiten gesehen. Ganze Tage und Nächte bist du fort gewesen – hier in Sandöre? – vielleicht – was weiß ich? – Aber es ist wie ich sage, du – für dich bin ich überflüssig geworden!« Sie wendet sich von ihm ab. Er sieht es ihren Schultern an, wie ein lautloses Schluchzen sie schüttelt, wahrend sie kämpft, um stark zu bleiben. »Lisbeth!« sagt er und greift nach ihrem Arm; aber sie entzieht sich ihm, »hör mich einen Augenblick ruhig an, dann will ich dir etwas erzählen, was dir Freude machen wird.« Sie will ihn unterbrechen. »Du sollst mich hören!« sagt er und tritt dicht an sie heran, »du, die in jener Nacht in mein Schicksal griff, wie niemand anderes es vor dir getan hat, sollst auch wissen, was sich für mich daraus entwickelt hat.« Es tut ihr wohl, daß er jene Nacht erwähnt. Jetzt schweigt sie, um ihn anzuhören. »Als ich in London auf den Fischmarkt ging, kam mir zum erstenmal ein bestimmter Gedanke; aber ich ließ ihn wieder fallen. Welchen Wert hatten auch meine Ideen? Ich hatte es gelernt, mich vor meinen eigenen Gedanken zu hüten. Aber jedesmal wenn ich den ungeheuren Markt sah, wo Fische aus allen Weltgegenden feilgeboten wurden, außer aus Dänemark, kamen mir die Gedanken von neuem. Eine Ernte von vielen Millionen Pfund; wir Dänen aber waren nicht dabei. Dann vergaß ich sie wieder eine Zeitlang, bis ich zum drittenmal hier nach Aaberg kam. Als ich den Fischereihafen hier wiedersah, das übelriechende Wasser, die kleinen Fischerboote, da kamen mir alle die alten Gedanken wieder. Ich erinnerte mich an all das, womit ich mich im Ministerium beschäftigt hatte – ich erinnerte mich der Fischer, die in einer Deputation aus Sandöre gekommen waren. Dieselben, mit denen du hier in diesen Tagen gesprochen hast. Ich hatte einst davon geträumt, ihr Abgeordneter im Reichstag zu werden. Siehst du, Lisbeth, von dem Tage, wo ich meine Füße in diese Stadt setzte, hat mich dieser Gedanke nicht verlassen. Mit ihm vor Augen kaufte ich das Hotel. Aber ich gelobte mir selbst, daß ich niemand von dem Ziel, das ich mir gesetzt hatte, etwas sagen wollte, nicht einmal dir. Denn ich habe einmal durch bittere Erfahrungen gelernt, daß man nicht Herr über einen Plan ist, den man von sich gegeben hat; und ich konnte seine Aussichtsmöglichkeiten nicht beurteilen, bevor ich festen Grund unter den Füßen hatte.« Er wandte sich um und blickte über das stille Meer, das im Dunst der Sommernacht dalag und ihm zu lauschen schien. »Jetzt sage ich es zum erstenmal: Ich will dem Lande eine neue Einnahmequelle verschaffen, ich will nicht ruhen, bevor die Fischer Schiffe bekommen haben, die zu den großen Fischplätzen fahren und denselben Gewinn mit heimbringen können, wie die Fischer anderer Nationen. Was Deutsche, Holländer, Franzosen, Engländer können – bei Neufundland, bei den Nordseebänken, bei der isländischen Küste – das können Dänen ebensogut. Wir haben ein Geschlecht von Fischern, das hinter keinem anderen zurückzustehen braucht. Ich weiß es, denn jetzt kenne ich sie. Ich glaube sogar, daß sie der Kern unserer Nation sind. Hier in Sandöre, das ich jetzt kenne und das mich kennt, will ich den Anfang machen. In Aaberg soll ein Exempel gegeben werden. Hier sollen die ersten Gelder erhoben und die ersten Schiffe gebaut werden. Keine kleinen Benzin- oder Petroleumboote, wie wir sie schon haben, die einige Meilen von der Küste ins Meer hinaus dampfen können; sondern seetüchtige Schiffe – Schoner von 80 bis 100 Tonnen, die an den großen internationalen Fischfängen teilnehmen können, die monatelang unterwegs bleiben, an Bord reinigen und salzen, die im Biskayischen Meerbusen Steinbutt und Zungen fischen oder mit den Holländern die großen Heringszüge im Frühjahr und Herbst abwarten können. O du kannst mir glauben, ich weiß jetzt Bescheid! – Siehst du, deshalb habe ich mich um Christensen bemüht; ich konnte ihn gebrauchen. Wenn er uns die Schiffe bauen will, muß er auch behilflich sein, das Geld zu schaffen, deshalb ging ich in seinem Hause aus und ein – deshalb befreundete ich mich mit seiner Frau. Aaberg ist nur der Anfang. Später soll das ganze Land daran teilnehmen. Es soll zu einer nationalen Sache werden, denn es ist eine nationale Sache, einen ganz neuen Erwerb zu schaffen; und es ist unbegrenzt, was aus dem Meer geerntet werden kann. Und wenn es erst eine nationale Sache geworden ist, dann heuern wir durch die Konsulate die Dänen, die in fremden Diensten an den großen Fischfängen teilgenommen haben. Es gibt Dänen sowohl auf amerikanischen wie auf englischen Schiffen. Sie sollen unsere jungen Fischer alles das lehren, was sie selbst gelernt haben. – Dann aber kommt das Wichtigste. Geld, Lisbeth, ist nicht genug. Es ist wie bei einer Landesverteidigung: Festung und Kanonen genügen nicht, man muß Menschen haben, die sie bedienen. Weißt du, warum ich meine Knaben in die Volksschule geschickt habe? Weil sie von klein auf abgehärtet werden und in Kameradschaft mit den Kindern der Fischer und Arbeiter leben sollen. Meine Knaben sollen nicht studieren, sie sollen keine akademischen Bürger werden wie ihr Vater. Nein, sie sollen ins Leben hinaus. Sie sollen in die Fischereilehre! – Das ist etwas Neues, Lisbeth, nicht wahr, und klingt komisch? – In die Fischereilehre! – Aber du sollst sehen, in zehn Jahren wird es ebenso allgemein sein, seine Kinder in die Fischereilehre wie zur Landwirtschaft oder in die Handelslehre zu geben. Sind nicht alle Fächer überfüllt? Wird nicht überall, wo die Jungen vorwärts wollen, geklagt! Es ist kein Platz für sie da. Und hier lassen wir einen Erwerb liegen, der Tausende und Abertausende von unseren jungen Leuten beschäftigen kann.« Lisbeth hatte ganz still dagesessen und gelauscht, wahrend ihre Augen groß auf ihm ruhten, wie er vor ihr stand und auf das lauschende Meer hinaussprach. Als er innehielt und sich die Stirn trocknete, erhob sie sich und legte ihre Hände auf seine Schultern. Ihr Gemüt war erfüllt von dem, was er ihr gesagt hatte; es machte ihren eigenen Kummer so klein – es machte sie demütig. Dann wandte er sich zu ihr um und sagte mit einer Stimme, die tonlos war vor unterdrückter Bewegung: »Und an all diesem solltest du nicht teilnehmen?« Sie legte den Arm um seinen Nacken und blickte verwundert in seine hellen Augen. Sie wollte etwas sagen, aber die Stimme versagte ihr den Dienst. »Ohne dich,« sagte er und beugte sein Gesicht auf sie herab, aber er brachte den Satz nicht zu Ende – »glaubst du, daß ich vergessen habe, daß du es warst, die –?« Sie antwortete nicht, drückte nur ihr Gesicht gegen das seine. Jetzt verstand sie endlich alles. »Du hättest mich gleich haben können!« sagte er und küßte ihre Augen, »erinnerst du dich nicht des Tages in den Dünen, als du den Kopf schütteltest?« »Ich glaubte, du tätest es der Kinder wegen. Aber ich wollte meiner selbst wegen erwählt werden.« 24 Am Herbst wurden Svend und Lisbeth in der kleinen Kirche in Sandöre getraut. Niemand wußte von dem Tage, ausgenommen die Fischer. Sie waren in ihrem besten Staat vertreten und begleiteten sie zum Wirtshaus, wo Svend ein Hochzeitsessen gab. Erst Tags darauf wurde die Begebenheit in Aaberg bekannt. Seit Svend bei Christensens aus und ein ging, hatten die Klatschbasen der Stadt genug zu reden bekommen. Es war durchgesickert und von dem Schiffsbauer selbst bestätigt worden, daß die Knaben ehelich geboren waren. Svend sei wirklich verheiratet gewesen und Lisbeth sei nicht ihre Mutter. Nur »der Feine« von 1888 war noch immer zurückhaltend. Die Hochzeit veränderte nichts an der Sachlage. Das wäre ja nur die offizielle Bestätigung, daß etwas Wahres an den Gerüchten gewesen sei. Die Entrüstung war nun einmal in der guten Stadt geweckt worden. Frau Christensen machte mit ihrem Mann eine feierliche Visite im Hotel. Agnete hatte eigentlich nicht mitgehen wollen; der Schiffsbauer aber, der den größten Respekt vor Svend hatte und ihn außerdem seit der Geschichte mit der Stadtratswahl etwas fürchtete, hatte ein Machtwort gesprochen. Er hatte es durchgesetzt, daß sie in dem neuen Coupé hingefahren waren, eine von Aabergs Sehenswürdigkeiten. Die ehemalige Büfettmamsell sollte doch wissen, in welche Gesellschaft sie durch die Verdienste ihres Mannes gekommen war. Lisbeth war glücklich. Das zärtliche oder wehe Lächeln, das Svend nicht hatte vergessen können, war auf ihre Lippen zurückgekehrt und schien nicht wieder weichen zu wollen. Svend fühlte so viele neue Kräfte in sich, daß er sich Gewalt antat, damit die unvorsichtige Übereilung seiner ersten Jugend sich nicht wieder seiner bemächtigen sollte, jetzt, wo es galt, vorsichtig und besonnen zu sein.   Der Bürgermeister saß eines Vormittags in seinem hübschen Studierzimmer, wo die eine Wand Reproduktionen bedeutender Künstler aus der Renaissancezeit geweiht, während die andere teils Familienporträten vorbehalten war, teils einer Auswahl bekannter Politiker, die seit dem goldenen Zeitalter der Nationalliberalen – ein Lieblingsausdruck des Bürgermeisters – die konservativen Interessen des Landes gewahrt hatten. Er saß in seinem Lehnstuhl am Fenster und hatte einige Akten vor sich, von denen ein größerer Haufe auf dem Schreibtisch lag. Als er zufällig seinen Blick hinter der Brille hob, sah er den Hotelbesitzer Byge schräg über die Straße auf seine Villa zukommen. Was in aller Welt will dieser Mensch hier? Der Bürgermeister wollte gerade klingeln, um sich verleugnen zu lassen, aber seine Neugierde siegte. Er setzte sich schleunigst zurecht, nahm Svends Karte entgegen und sagte dem Stubenmädchen, daß er zu Hause sei. Einen Augenblick später stand Svend in der Tür und verbeugte sich. Der Bürgermeister hatte sich halb erhoben, sagte guten Tag und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Er war etwas erstaunt über Svends Auftreten. Merkwürdig, was solche Art Leute – Kellner oder Portier oder was er ursprünglich gewesen sein mochte – sich für eine Sicherheit im Auftreten anzueignen vermochten. »Sie wünschen?« Der Bürgermeister nahm seine Brille ab, setzte sich im Stuhl zurecht, schlug das eine Bein über das andere und gab mit einer Handbewegung zu verstehen, daß es seine Pflicht als Bürgermeister sei, alle Leute der Stadt, ohne Ansehen der Person, anzuhören. Svend ging geradeswegs auf die Sache los. Er hatte sich genau überlegt, was er sagen wollte und faßte sich kurz. Er käme, um den Bürgermeister zu bitten, Vorsitzender in einem Komitee zu werden, das aus dem Schiffsbauer Christensen, aus drei der angesehensten Sandörer Fischer und aus ihm selbst bestehe. Ein Komitee, dessen Aufgabe es sei, zur Förderung von Fischereiangelegenheiten zu wirken. Der Bürgermeister ließ vor Überraschung die Unterlippe hangen. Er beugte sich vor, um besser hören zu können. Dies war eine große Überraschung. Sein alter Gegner, der Matador Christensen, hatte nach ihm geschickt! Svend gab ihm nicht viel Zeit zum Grübeln. Er schilderte in großen Zügen, um was es sich handelte. Man meinte, daß man hier in Aaberg als in der am meisten interessierten Hafenstadt den Anfang machen und die ersten Geldbeträge zeichnen lassen wollte. Man hatte sich die Sache nämlich als ein Aktienunternehmen gedacht. Dem Bürgermeister imponierte die Sache gegen seinen Willen. Es war ein schöner Plan. Er erkannte, daß etwas Bedeutendes für die Stadt daraus werden konnte und verstand sofort, daß Christensen die Schiffe bauen sollte. Es würde durch die Zeitungen des ganzen Landes gehen. Nichts weniger als eine nationale Sache. Aber es war ja ganz unmöglich, daß – – So eine Sache mußte von oben ausgehen. Man mußte zur Hauptstadt reisen und mit dem Ministerium konferieren. Bis es so weit war aber – – »Das ist ja ein sehr hübscher Gedanke, den Sie mir da entwickelt haben,« sagte er schließlich, »ich will auch nicht behaupten, daß ich ihn an und für sich für undurchführbar halte. Aber Sie übersehen, mein Lieber, daß diese Sache von oben ausgehen muß, ebenso wie es ganz unmöglich ist, die Subvention – ich meine die Stütze des Staates zu entbehren.« »Es ist auch die Absicht des Komitees, die Hilfe der Regierung in Anspruch zu nehmen. Die Initiative aber muß doch von außen kommen – ich meine von den interessierten Parteien selbst.« »Die Initiative muß von außen kommen –« woher hatte ein ganz gewöhnlicher Provinzhotelwirt solche Worte? Der Bürgermeister wurde gereizt. Das war der Geist der neuen Zeit. Es endigte noch damit, daß alle Beamten ganz überflüssig würden, wenn ein paar gewöhnliche Bürger und drei einfache Fischer derartige Sachen hinter ihrem Rücken ins Leben riefen. Es war gewiß das Beste, abzuwinken. »Ich erkenne den guten Willen, der dem Plan der Herren zugrunde liegt, gern an, aber ich will Ihnen nicht verbergen, Herr – Herr Byge –, daß zwischen den Sachverständigen im – eh – Ministerium kaum Stimmung sein wird, sich dieser Sache auf diesem Wege anzuschließen!« »O doch,« meinte Svend und lächelte, »ich glaube, Sie unterschätzen die Herren.« Der Bürgermeister warf ihm einen konsternierten Blick zu. »Sie – Sie glauben? –« »Ich kenne die Herren ein wenig und –« »Hier handelt es sich nicht um die Abgeordneten!« platzte der Bürgermeister heraus. Es würde ihn nicht wundern, wenn diese Leute sich bereits einige Volksvertreter gesichert hätten. »Nein,« sagte Svend ruhig, »ich meine das Departement für Fischerei und Hafenangelegenheiten.« »Sie kennen die Herren im –?« Der Bürgermeister starrte ihn mit runden Augen an. War es Frechheit oder –? »Ich habe selbst dort gearbeitet.« »Sie –?« »Ich habe vor acht Jahren meinen Abschied als Assessor genommen.« Der Bürgermeister hatte sich unwillkürlich erhoben. »Sie? – Assessor –? Ja, haben Sie denn –?« »Ja, ich habe Jura studiert.« Svend unterdrückte ein Lächeln. Der Bürgermeister war zuerst sprachlos. Dann zog er seine Weste herunter, strich sich seinen grauen Schnurrbart und nestelte an seinem Kragen. Er betrachtete Svend mit ganz anderen Augen und verstand plötzlich, daß er einen akademisch gebildeten Mann, einen Mann aus seiner eigenen Klasse, vor sich hatte. Hier mußte er schleunigst einen Fehltritt gutmachen. Der Bürgermeister streckte ihm die Hand entgegen und lächelte kollegial, fast vertraulich. »Es freut mich sehr, Herr Byge, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.« Dann ging ihm ein neues Licht auf. Er behielt Svends Hand in der seinen und sah zu der Wand hinüber, wo die alten verdienstvollen Politiker hinter Glas und Rahmen hingen und mit ernsten Mienen auf die Nachkommen herabsahen. »›Byge‹ – Sind Sie vielleicht –?« Der Bürgermeister zeigte auf, die bekannten Züge des Konferenzrates. Jetzt mußte Svend offen heraus lachen: »Ja, Herr Bürgermeister, Kasper Byge war mein Onkel.« Der Bürgermeister sah einen Augenblick feierlich aus. Dann drückte er Svend wieder die Hand. »Aber so setzen Sie sich doch, mein lieber Herr Byge! Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten ? – So, Sie rauchen nicht vor Mittag – Sehr vernünftig! – Was ich sagen wollte, ich kann nicht vergessen, daß Sie solange uns allen gegenüber Ihr Inkognito gewahrt haben.« Der Bürgermeister überlegte einen Augenblick, ob er ihn seiner Frau vorstellen sollte. Aber er gab den Gedanken doch wieder auf. Dann erinnerte er sich der bedauernswerten Angelegenheit mit der Volksschule. »Erlauben Sie mir eine Frage rein privater Natur. Eine Sache ist mir vollständig unerklärlich, jetzt, wo ich weiß, wer Sie sind. Warum haben Sie eigentlich Ihre Knaben in die Volksschule geschickt? Der Umgang dort muß sie ja herabziehen – selbst mit dem besten häuslichen Beispiel vor Augen,« beeilte der Bürgermeister sich hinzuzufügen, da ihm im selben Augenblick die Gerüchte, die über das Privatleben des Hotelbesitzers im Umlauf waren, einfielen. »Solange meine Knaben die einzigen aus den sogenannten besseren Klassen sind,« sagte Svend, »werden die anderen, die Arbeiterkinder, natürlich den Ton angeben. Aber sowohl Herr Christensen wie mehrere andere sind ja bereits meinem Beispiel gefolgt. Und Sie werden sicher einräumen, Herr Bürgermeister: wenn alle es täten, so würden schließlich unsere Kinder den Ton angeben und die anderen mit nach oben ziehen.« Der Bürgermeister dachte nach. Von der Seite hatte er die Sache noch nicht betrachtet, möglich, daß Herr Byge recht hatte. »Übrigens hat es noch einen anderen Grund. Ich wollte meine Knaben abhärten und sie daran gewöhnen, von Kind auf mit einfachen Leuten wie Kameraden zu verkehren.« »Abhärten!« Der Bürgermeister verweilte nachdenklich bei dem Wort, »sehr anerkennenswert. Aber dazu haben wir ja Sport und dergleichen – Ihre Knaben sollen doch keine Handwerker werden –« »Nein, aber sie wollen in die Fischereilehre.« Der Bürgermeister schnappte nach Luft. In die Fischereilehre! hatte er richtig gehört? »Ach so – in die Fischereilehre?« wiederholte er unsicher. Svend wurde eifrig. Das Erstaunen des Bürgermeisters wirkte auf ihn wie ein Angriff von derjenigen Schicht der sozialen Gesellschaft, der er selbst durch Geburt angehörte. Er entwickelte jetzt auch den Teil seines Planes, den er bis jetzt verschwiegen hatte: Daß es darauf ankäme, die Fischerei als Erwerb mit der Landwirtschaft, dem Handel und dem Handwerk gleich zu stellen.« »Wir müssen nicht nur Geld, sondern auch junge Leute haben,« schloß er, »wenn die Fischerei ein wirklicher neuer Erwerb, eine neue Einnahmequelle für das Land werden soll.« Der Bürgermeister war unter demselben Geist des Idealismus aufgewachsen, von dem auch Svend seinerzeit getragen worden war und der tief in dem dänischen Gemüt wurzelte. Als darum die persönlichen Schwierigkeiten und Standesvorurteile überwunden waren, so daß der rechtschaffene Wille des Gemütes sich frei zu rühren vermochte, war er gleich für die Sache gewonnen. Um nichts zu übereilen, bat er sich einige Tage Bedenkzeit aus. Svend aber merkte, daß dies nur ein Opfer sei, das er seiner Bürgermeisterwürde brachte. Er würde sicher Vorsitzender des Komitees werden. Jetzt galt es nur dafür zu sorgen, daß er sich auf keine andere Weise betätigte als – das Unternehmen durch seinen Namen zu schmücken, die notwendigen Reden zu halten und zu unterschreiben. 25 Der Bürgermeister besprach die Sache mit seiner Frau, die ganz beschämt war bei dem Gedanken, wie gründlich man sich in Herrn Byge geirrt hatte. Man hatte einen akademisch gebildeten Mann aus guter alter Familie boykottiert, der noch dazu – das wurde bald herausgefunden, als man erst wußte, wo er hingehörte – der Schwiegersohn des angesehenen Departementschefs Kruse gewesen war. Einen Mann, der erhabene patriotische Gefühle und ideale Grundsätze über die Forderungen nährte, die an die Erziehung der heranwachsenden Generation gestellt werden mußten. Der Bürgermeister vertraute sich dem alten Stiftsphysikus an, der sich köstlich über die Geschichte amüsierte. Er war seit langem pensioniert und konnte es sich leisten, die Rolle eines Zuschauers zu spielen. Sowohl er wie der Amtsvorsteher waren sich darin einig, daß man diesem Mann, der ohne kleinlichen Groll zum Bürgermeister gekommen war, um ihm dieses Ehrenamt anzubieten, eine Rehabilitierung schuldig sei. Der Bürgermeister sprach mit dem Apotheker, den er am nächsten Morgen auf dem Marktplatz traf, in den lebendsten Ausdrücken von der Errungenschaft, die Herr Byge mit seinem seltenen Bürgersinn für die Stadt sei. Als der Apotheker kurz darauf Svend begegnete, nahm er den Hut tief vor ihm ab. Es war ein vollständiger Umschwung in weniger als zwei Tagen.   Der Bürgermeister kam offiziell ins Hotel, um Svends Besuch feierlich zu erwidern. Er dankte in zierlichen Redewendungen für das Zutrauen, das Byge ihm erzeigt habe. Er habe sich die Sache überlegt und willige mit Vergnügen ein, Vorsitzender des Komitees zu werden. Im Anschluß daran wolle er den Vorschlag machen, daß das Komitee seine Wirksamkeit damit eröffne, eine öffentliche Versammlung zu veranstalten, damit Herr Byge seine Ideen den Bürgern entwickeln und sie für einen allgemeinen Anschluß erwärmen könne. Von da ging der Bürgermeister behend zu dem kitzligen Punkt über, zu der Entschuldigung, die er im Namen des Vereins von 1888 machen sollte. »Diese öffentliche Versammlung, mein lieber Herr Byge, möchten wir hier im Hotel abhalten, und ich habe den Auftrag, Sie im Namen des Vereins – der aufs tiefste bedauert, sich durch grundlose Gerüchte zu einer äußerst ungeschickten Demonstration haben verleiten lassen – zu bitten, ob Sie und Ihre Frau uns die Ehre antun wollen, sich als Mitglieder des Vereins zu zeichnen. Dem Verein wird es ein Vergnügen sein, durch vollzähliges Erscheinen der von Ihnen angeregten Sache seinen wärmsten Beifall zu erkennen zu geben.« Svend dankte lächelnd. Nachdem die offizielle Seite der Sache glücklich überstanden war, teilte der Bürgermeister ihm mit, daß er auch über die Angelegenheit mit der Volksschule nachgedacht habe. Es sei nämlich eine Schwierigkeit dabei, die Herr Byge übersehen habe, und zwar die Rücksicht auf die beiden Privatschulen, auf deren Rektoren und Lehrerpersonal. Es seien brave, tüchtige Leute, die man nicht so ohne weiteres brotlos machen könne. Aber nun habe er eine Lösung gefunden, die jedoch vorläufig unter ihnen bleiben müsse. Er wolle in einer der ersten Stadtratssitzungen vorschlagen, daß die Stadt diese Schulen übernehmen, sie vereinigen und zu einer Fortbildungsschule machen solle, bei der jedes Volksschulkind ganz ohne Standesunterschied angemeldet werden könne, wenn die nötige Begabung vorhanden sei. Bevor der Bürgermeister ging, äußerte er den Wunsch, der Frau des Hauses vorgestellt zu werden. Lisbeth kam herein und wurde mit ausgesuchter Höflichkeit fünf Minuten lang konversiert. Der Bürgermeister schloß damit, daß er hoffe, Svend und Lisbeth bald als Gäste in seinem Haus zu sehen, worauf er das Hotel verließ, mit sich selbst zufrieden und in dem sicheren Gefühl, daß er wie gewöhnlich Herr der Situation geblieben sei.   Die öffentliche Versammlung wurde durch die drei Zeitungen der Stadt und durch Plakate an allen Straßenecken bekanntgegeben. Als der Tag kam, war der große Saal des Hotels, gleich nachdem die Türen geöffnet waren, bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Mitglieder des Vereins von 1888 waren versprochenermaßen vollzählig erschienen. Svend hielt seinen Vortrag, ruhig, kurz und klar. Er gab ihnen nicht mehr, als sie vorläufig zu wissen brauchten – sagte, daß Aaberg ein Beispiel geben und dem ganzen Lande vorangehen sollte, appellierte an die Opferwilligkeit, indem er gleichzeitig hervorhob, daß es mit der Zeit eine ausgezeichnete Geldanlage werden würde. Dafür bürgten so ausgezeichnete Namen wie der Bürgermeister und der Schiffsbauer Christensen. »Aaberg, das dem ganzen Lande vorangehen sollte«, zündete gewaltig. Besonders der Verein empfand es als Ehrenpflicht zu applaudieren. Als Svend die Rednertribüne verließ, drückte der Bürgermeister ihm feierlich die Hand. Darauf bestieg er selbst den Rednerstuhl und hielt eine seiner sein ausgearbeiteten und eleganten Reden, in denen er wirklich Meister war. Das hatte selbst Christensen, der für gewöhnlich sein Gegner war, mehrmals einräumen müssen. Er endigte mit einem Hoch auf Svend Byge! Es wurde so laut gerufen, daß die Fensterscheiben klirrten. Wer am schlimmsten über Svend und Lisbeth geklatscht hatte, rief am lautesten. Der Apotheker hörte nicht auf, seinen Hut zu schwingen, bevor er sicher war, daß sowohl der Hotelbesitzer wie seine Frau seine Anerkennung bemerkt hatten. Hinterher war ein gemeinsames Mittagessen. Beim Dessert stand Christensen auf und zeichnete Aktien für zehntausend Kronen und imponierte dem Bürgermeister, indem er ihm als Vorsitzendem den Betrag in einem Scheck überreichte. Aber nicht genug damit. Er wartete, bis die Aufregung sich gelegt hatte. Dann spielte er noch einen Trumpf aus. »Außerdem verspreche ich, daß mein Sohn, Knud Grönvold-Christensen, in die Fischereilehre kommen soll! – Denn wie Byge sagt: ›Wir brauchen nicht nur Geld, sondern auch junge Leute‹!« Die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt. »Geld und junge Leute«, das war gut. Das ging wie ein Refrain von Mund zu Mund. Als Svend schließlich aufstand und 5000 Kronen und zwei Jungen versprach, wollte der Jubel kein Ende nehmen. Keiner wollte zurückstehen. Und mehr als ein ehrsamer Bürger kratzte sich am nächsten Tage bedenklich den Kopf, weil er fürchtete, daß er bei Becherklang nicht nur all sein Erspartes, sondern auch seinen einzigen Jungen versprochen hatte, der einst sein Geschäft übernehmen sollte, wie er selbst es von den Vätern ererbt hatte.   Tags darauf stand in der größten Zeitung der Stadt an hervorragender Stelle ein Artikel mit der Überschrift: »Wahrer Patriotismus«, in der die neue Sache, die die Stadt eingeleitet, und der Plan, den das Komitee vorläufig seinen Arbeiten zugrunde gelegt hatte, geschildert wurden. Der Artikel erinnerte auffallend an die Rede des Bürgermeisters, und Eingeweihte behaupteten, daß er von ihm sei. 26 Zeitig im Frühjahr begann Svend seine große Agitationsreise, während Lisbeth zu Hause blieb und das Hotel leitete. Er fing in Sandöre an, wo er von alt und jung gekannt und geliebt war. Von dort zog er die Küste hinauf, von Fischerdorf zu Fischerdorf. Nachdem das erledigt war, ging er landeinwärts, reiste von Städtchen zu Städtchen und rief die Leute zu öffentlichen Versammlungen zusammen, damit sie hören sollten, was er ihnen zu sagen hatte. Der Artikel des Bürgermeisters »Wahrer Patriotismus« war in den Provinzzeitungen nachgedruckt worden und schließlich in den Zeitungen der Hauptstadt. Die Sache war auf diese Weise Svend vorausgeeilt und hatte die Gemüter dafür empfänglich gemacht. Svend hielt überall denselben Vortrag. Er begann theoretisch und historisch und endigte praktisch und modern. Er forderte jede Stadt, jedes Kirchspiel auf, ein örtliches Komitee zu bilden, bei dem die Leute der Gegend Beiträge zeichnen konnten. Er verwies die Zweifelnden, die nicht wußten, wo sie ihr Geld und ihre Knaben anbringen sollten zu einer Zeit, da alle Geldanlagen unsicher und alle Ernährungswege überfüllt waren – auf diesen neuen Erwerb, der all die jungen Kräfte gebrauchen konnte, die früher auswanderten, ja noch viel mehr, und auf diese Weise würden ihre Kräfte und ihre Erwerbsfähigkeiten dem Lande erhalten bleiben. Er bat sie, ihre Knaben einzuschreiben, solange sie noch klein waren, damit sie zeitig abgehärtet und der Tätigkeit, die sie erwartete, angepaßt werden könnten. »Die beste Wehr für unser Land,« schloß er, »ist ein kräftiges Geschlecht. Was wir für Dänemark tun wollen, das müssen wir durch unsere Kinder tun. Unsere Kinder aber werden das, was wir und unsere Institutionen aus ihnen machen.« Als Svend im Herbst zurückkam, war das ganze Land auf sein neues Unternehmen aufmerksam gemacht worden. Die seinen Vortrag nicht gehört hatten, hatten die Referate in den Zeitungen gelesen. Auf Svends Aufforderung hatten die vielen kleinen Komitees in Gemeinschaft größere gewählt, eins für jeden Amtsbezirk. Anfang September traten Ausgesandte aller Komitees zu einer Reichsversammlung in Aaberg zusammen, wobei der Bürgermeister den größten Tag seines Lebens hatte, indem er einer Versammlung angesehener Leute aus allen Gegenden des Landes präsidierte. Die Delegierten wählten aus ihrer eigenen Mitte ein Reichskomitee von fünfzehn Mann. Und als dieses seine erste konstituierende Versammlung abhielt, erwählten sie einstimmig Svend zum Vorsitzenden.   Zum erstenmal seit die Glocken das neue Jahrhundert einläuteten, war Svend wieder in Kopenhagen. Er hatte den Auftrag bekommen, Prinz Adolph, dessen Interesse für das Fischereiwesen allgemein bekannt war, als Protektor für das Komitee zu gewinnen. Jetzt stand er im Palais und bat um eine Audienz. Während der Lakai den jourhabenden Offizier holte – es ging jetzt steifer zu, nachdem der Prinz sich mit einer österreichischen Prinzessin verheiratet hatte –, dachte Svend daran, wie anders sein Leben sich gefügt hatte, seit er zum erstenmal mit dem Prinzen zusammengetroffen war. »Guten Tag!« Es war Flindts kugelrunder Kopf mit dem schneidigen Schnurrbart. Das Haar an seinen Schläfen war etwas ergraut, die launigen Fältchen um die Augen waren zahlreicher geworden; sonst war er ganz der alte geblieben. Er hielt Svends Karte in der Hand und versuchte sich zu orientieren; als Svend ihm aber lächelnd die Hand entgegenstreckte, erkannte er ihn. »Sie sind es wirklich? Es ist lange her, seit' wir uns gesehen haben.« »Aber Sie haben mich doch wiedererkannt, Herr Leutnant.« »Hauptmann, wenn ich bitten darf!« Er war außerordentlich liebenswürdig, klopfte Svend die Schulter, lächelte und sprach, wagte aber Vergangenes nicht zu berühren. Er wußte ja noch, wie Svend plötzlich nach der großen Enttäuschung wegen der Erbschaft aus seinem Kreise verschwand. Als er Svends Auftrag hörte, wurden seine Augen rund vor Erstaunen. »Was sagen Sie da? Sie sind das mit der Fischereiangelegenheit?« Er drückte ihm in aufrichtiger Freude die Hand. »Dann sind Sie ja ein berühmter Mann geworden! Natürlich kenne ich die Angelegenheit, und ich will Ihnen sagen, daß der Prinz – oh, das wird Seine Durchlaucht freuen! Darauf können Sie sich verlassen! – Entschuldigen Sie mich einen Augenblick!« Der Hauptmann eilte hinaus, daß seine Sporen klirrten. Svend konnte die Stimme des Prinzen unterscheiden. Dann kam Flindt wieder herein, ließ die Tür halb hinter sich offen stehen und verbeugte sich lächelnd: »Bitte!« Der Prinz kam Svend mit ausgestreckter Hand entgegen. Auch ihn hatten die Jahre gezeichnet. Der Schleier vor den Augen war dichter geworden, und der Kopf saß loser auf dem schlanken Hals als ehemals. »Guten Tag, guten Tag, mein lieber Byge! Ich gratuliere zu Ihrem großen Unternehmen! Ich habe dasselbe mit allergrößtem Interesse verfolgt, habe auch Ihren Namen in der Zeitung gelesen, ahnte aber nicht, daß es derselbe Byge sei, den ich einst so gut kannte. – Hm! – Man sagte mir, daß Sie sich im Auslande aufhielten.« »Dort bin ich auch fünf Jahre gewesen, Durchlaucht!« Svend fühlte eine kribbelnde Lust, ihm zu erzählen, wo und was er gewesen war. Es hätte ihn belustigt, zu sehen, wie der Prinz es mit Anstand hinnehmen würde. Aber er beherrschte sich. Der Prinz fuhr fort: »Eigentlich hätte ich mir ja denken können, daß Sie es seien. Ich erinnere mich Ihres warmen Interesses für – eh – auf eine Weise bin ich es ja, der Sie über die Taufe gehalten hat, nicht wahr? Ich und Juhl, Bürochef Juhl. – Ach ja, die alten Zeiten, als wir uns mit der voluminösen Fischereivorlage beschäftigten!« Der Prinz strich sich mit seiner flachen, weißen Hand über die Stirn. »Aber setzen Sie sich doch, setzen Sie sich doch, mein lieber Byge!« »Durchlaucht, ich komme zu Ihnen im Auftrage des Reichskomitees, dessen Vorsitzender ich bin. Ich möchte Sie bitten, uns die Ehre zu erweisen, das Protektorat zu übernehmen.« »Ah – das Protektorat! – Ich soll der Protektor des Unternehmens sein!« Die plötzliche Müdigkeit, deren Svend sich so gut erinnerte, legte sich über das Gesicht des Prinzen. »Man meint, daß es die Sache stützen wird, teils dem großen Publikum, teils der Regierung gegenüber.« »Sehr ehrenvoll! – Wollen Sie dem Komitee meinen Gruß und Dank übermitteln!« fügte er entschlossen hinzu. »Wie gesagt, ich interessiere mich lebhaft für das hübsche Unternehmen und bin gern bereit auf die – eh – gewünschte Weise zu tun, was in meiner Macht steht.« Als die Feierlichkeit hiermit überstanden war, sagte der Prinz auf seine alte natürliche Art: »Na, und jetzt wollen wir also die Stütze der Regierung suchen!« Es legte sich ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel. »Ich denke, es wird nicht schwierig sein, sie zu erlangen; wir sind jetzt ja so demokratisch geworden.« »Ja!« sagte Svend und lächelte verständnisvoll. »Kammerherren gibt's nicht mehr im Ministerium,« fuhr der Prinz heiter fort und strich sich übers Gesicht. »Ach ja, ja, erinnern Sie sich unseres alten Freundes Tithoff? Er genießt jetzt eine wohlverdiente Ruhe auf seinem Landgut und züchtet Truthähne. Und darin soll er eine hervorragende Autorität sein.« Svend konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, der Prinz aber bewahrte seinen Ernst. »Sehr verdienstvoll,« sagte er, »aber dann ist da ja Welten – wie? – haben Sie an den nicht gedacht?« »Ich glaubte nicht, daß Geheimrat Welten nach dem Systemwechsel – –« »Bewahre, lieber Byge – Geheimrat Welten ist der Mann, der er immer gewesen ist, er ist eine Institution.« »Durchlaucht meinen vielleicht, daß es klug wäre, die ökonomische Seite der Sache in seine Hand zu legen?« »Ja, Sie sollten versuchen, die vereinigten Privatbanken zu gewinnen.« »Als Protektor haben also Durchlaucht nichts dagegen, daß ich mich an Welten wende?« Der Prinz sah schalkhaft zu ihm auf. Svend verstand, woran er dachte. Der Prinz kannte ja die ganze alte Geschichte, die Svend seinerzeit den Hals gebrochen hatte. Svend erwiderte das Lächeln und sagte: »Ich habe ja die Ehre, Geheimrat Welten von früher zu kennen.« »Ah – ja so!« Sie lachten alle beide. Der Prinz erhob sich, drückte ihm die Hand zum Abschied und sagte: »Sie dürfen gern verraten, daß ich das Protektorat übernommen habe.« 27 Als Svend in Weltens halbdunklem, unfreundlichem Wartezimmer stand, mußte er so lebhaft an die furchtbare Wartezeit denken, die er hier an dem kritischsten Tag seines Lebens verbracht hatte, daß sein altes Herzklopfen, von dem die Jahre ihn geheilt hatten, plötzlich zurückkehrte. Er ärgerte sich über sich selbst, nahm sich zusammen und dachte an Weltens Abschiedsworte von damals: Wenn Sie festen Grund unter den Füßen bekommen und das Leben kennen gelernt haben, wird es mir angenehm sein, Sie wiederzusehen – auch als Gegner. Jetzt sollte es sich zeigen. – Svend gab seine Karte ab. Es dauerte nur einen Augenblick, dann kehrte der lautlose, immer flüsternde Diener zurück und öffnete ihm die Tür. Dort hinten unter dem hohen Fenster saß Geheimrat Welten über seine Papiere gebeugt und schrieb. Es war so genau dasselbe Bild, das sich damals in Svends Bewußtsein eingebrannt hatte, daß er sein Herz abermals unruhig klopfen fühlte. Dann faßte er sich schnell und ging mit raschen Schritten auf den Schreibtisch zu, ohne darauf zu warten, daß Welten die Feder aus der Hand legen und ihn bitten würde näherzutreten. Auf dem Wege dorthin sah er, daß der Geheimrat kleiner, vertrockneter, gleichsam eingeschrumpfter geworden war. Das Haar war über dem platten Nacken dünner und farbloser geworben. Welten blickte über die Lorgnette auf. Es war ein strenger Blick in den Metallaugen, als ob er sagen wolle: »Wer sind Sie, der Sie näher zu kommen wagen, bevor ich das Zeichen gegeben habe?« Svends Karte hatte nicht verraten, in welcher Angelegenheit er kam. »Ich sehe, Herr Geheimrat, Sie erkennen mich nicht!« sagte er und nahm ohne weiteres auf dem Stuhl Platz, auf dem er schon einmal gesessen hatte. Weltens Blick umspannte ihn, wie er es damals getan hatte. Dann schienen plötzlich seine Pupillen größer zu werden. Er legte die Feder aus der Hand und richtete sich höher auf. »Byge!« sagte er und betrachtete die Karte, »Sie waren Kruses Schwiegersohn und Assessor in Tithoffs Ministerium?« Es war dieselbe trockene Stimme. Kein Zug in den eingefrorenen Runzeln verriet, daß das Wiedersehen einen Eindruck auf den mächtigen Mann gemacht hatte. Svend aber ließ sich nicht mehr verblüffen. Jetzt war er es, der die Karten in der Hand hielt. »Darf ich fragen, Herr Geheimrat, ob Sie von dem Verein zur Förderung der dänischen Hochseefischerei gehört haben?« Welten nickte. »Ich bin es, der diese Sache gestartet hat, ich bin Vorsitzender des in Aaberg gebildeten Reichskomitees.« »Sind Sie der Byge, der Agitationsreisen durch das ganze Land gemacht hat?« fragte Welten scharf und beugte sich vor. »Derselbe!« Es blitzte in den Metallaugen auf. Dann reichte Welten ihm über den Schreibtisch die Hand und sagte: »Ich bin erfreut Sie wiederzusehen!« »Besten Dank! – Es sind bis heute zwei Millionen im ganzen Lande gezeichnet worden.« »Das weiß ich.« »Das Komitee hat nun die Absicht, mit den vereinigten Privatbanken in Verbindung zu treten.« »Unter welchen Bedingungen?« »Wir übertragen dem Banksyndikat die finanziellen Geschäfte des Unternehmens gegen die Verpflichtung, den gleichen Betrag zu zeichnen – also zwei Millionen Kronen.« Welten sah einen Augenblick zum Fenster hin, als wolle er sehen, ob es von dort her zöge. Dann erhob er sich, ging langsam durchs Zimmer, nahm eine Zigarrenkiste aus einem Schrank an der Wand und kam damit ganz langsam auf Svend zu. »Wollen Sie rauchen, Herr Byge?« »Ich danke, Herr Geheimrat – ich rauche nie vor Tisch.« »Das ist sehr vernünftig. Mein Arzt sagt immer – –« Wie Svend hier saß und den allmächtigen Mann durchschaute, der von gleichgültigen Dingen sprach, um Zeit zu gewinnen, da war ihm, als läse er in alten Briefen und fühlte, wie er seit damals gewachsen war. Welten sollte nicht billig davonkommen. Es war eine Kraftprobe, die Svend vorhatte – ein letztes Examen, das er machen wollte. »Entschuldigen Sie, Herr Geheimrat, meine Zeit ist knapp. Ich würde auf Ihre sofortige Entscheidung Wert legen.« Welten richtete sich auf, als habe Svend ihn berührt. Seine Metallaugen umspannten ihn von neuem; aber Svend gab ihm seinen Blick ruhig zurück. Da verstand Welten plötzlich, daß Svend sich mit ihm messen wollte. Der Schatten eines Lächelns trat auf seine schmalen Lippen. »Zwei Millionen können Sie nicht bekommen. Ich werde dem Aufsichtsrat vorschlagen, eine Million zu Ihrer Disposition zu stellen; doch geschieht dies unter der Voraussetzung, daß der Staat eine entsprechende Unterstützung gewährt. Sind Sie schon bei der Regierung gewesen?« »Noch nicht!« sagte Svend und erhob sich, »Prinz Adolph aber hat heute eingewilligt, das Protektorat zu übernehmen, darum nehme ich an – – ja, dann bedaure ich, Herr Geheimrat!« Svend erinnerte sich so lebhaft seiner ersten Unterredung mit Welten, Wort für Wort stand sie vor ihm, daß er der Versuchung nicht widerstehen konnte. »Guten Morgen!« sagte er, und merkte selbst, daß es ebenso trocken und kalt klang wie damals, als Welten ihn mit denselben Worten verabschiedet hatte. Welten hatte sich auch erhoben. Jetzt erst durchschaute er die Situation vollkommen. Er hatte diesen Mann unterschätzt, der sich den Prinzen gesichert hatte, bevor er zu ihm gekommen war. Er saß hier vielleicht nur, weil er dazu delegiert war, erinnerte sich der alten Geschichte mit Kruses Papieren und war im Herzen froh darüber, daß er ihn, Geheimrat Welten, umgehen konnte. Die Zeiten waren andere geworden; seit dem Systemwechsel hatte er mit ganz neuen Leuten zu tun. Hier war eine Chance für ihn. Entschlossen und schnell machte er eine Schwenkung. »Es freut mich, Herr Byge,« sagte er mit väterlicher Liebenswürdigkeit, »zu sehen, welch vortrefflicher Geschäftsmann Sie geworden sind. Ich schätze schnelle Handlungen; aber wird dem Komitee auch mit einer so eiligen Erledigung, wo es um Millionen geht, gedient sein?« »Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, Herr Geheimrat, daß es noch nicht endgültig beschlossen ist, ob wir überhaupt fremde Bankhilfe in Anspruch nehmen oder es vorziehen wollen, unser eigener Bankier zu sein. Das hängt natürlich davon ab, welche Angebote wir erhalten. Wir haben ja erstklassige Kräfte, darunter auch bankkundige Leute im Komitee selbst. Meine Anfrage ist darum so aufzufassen, daß wir es den Privatbanken anheimstellen, uns ein annehmbares Angebot zu machen, zu dem wir später Stellung nehmen werden.« Der Geheimrat antwortete nicht gleich. Er ging durchs Zimmer, um zu untersuchen, ob das Fenster auch wirklich ganz geschlossen sei. Dann rückte er an einem Haufen Akten, der etwas schief lag, legte ein Papiermesser von einer Stelle auf die andere und kam dann ganz langsam auf Svend zu. »Sind Sie denn auch sicher, daß Sie so leichtes Spiel mit der Regierung haben werden,« fragte er, »wieviel wollen Sie von derselben haben?« Svend zögerte. »Soweit ich mich erinnere – also mit Vorbehalt – eine halbe Million!« Welten wandte sich erstaunt zu ihm um. »Das ist zu wenig!« sagte er entschieden. Dann ging er wieder durchs Zimmer, suchte sich eine Zigarre aus, schnitt sorgfältig die Spitze ab, zündete sie langsam an, sehr langsam, und kam wieder zurück. »Ich will Ihnen einen Vorschlag machen!« sagte er und verfolgte aufmerksam den blauen Rauchstreifen, »Sie wollen zwei Millionen von uns haben und eine halbe Million vom Staat. Wenn Sie die Verhandlungen mit der Regierung den vereinigten Privatbanken überlassen wollen, so werden wir es übernehmen, Ihnen anderthalb Millionen vom Staat zu verschaffen, und selbst den gleichen Betrag zeichnen. Auf diese Weise erhalten Sie eine halbe Million mehr als Sie gerechnet haben.« Svend war von dem Komitee bevollmächtigt worden, nach eigenem Gutdünken in der Hauptstadt zu wirken. Er war sich sofort klar darüber, daß er dieses Angebot annehmen müsse; denn es war ersichtlich, daß der Geheimrat weit gegangen war. Es stieg eine unfreiwillige Heiterkeit in ihm auf, als er daran dachte, wie ihm vor acht Jahren eine außeretatsmäßige Referendarstellung von diesem Mann angeboten war, dem er jetzt eine Chance bot, die sich um Millionen drehte. Er dachte daran, welch reiche Erfahrung der Geheimrat besaß, wenn es galt, mit der Staatskasse zu verhandeln. Welten selbst hatte es sicher nicht vergessen, welche geheime Kenntnis sein ehemaliger Gegner von der Methode hatte, die sich einst so fruchtbringend für das Interesse der Bank erwiesen hatte. Als Svend schließlich antwortete, begleitete er seine Worte mit einem Lächeln, das eine besondere Bedeutung in seine harmlosen Worte legte: »Gut, Herr Geheimrat, ich akzeptiere. Eigentlich sind ja Staatsanleihen Ihre Spezialität, aber ich nehme an, daß Sie auch eine Subvention wie die fragliche ordnen können.« Welten nahm die Bemerkung ohne ein Zucken entgegen. »Wir wollen es hoffen!« sagte er und begleitete Svend zur Tür, wo er ihm die Hand drückte und wiederholte: »Es hat mich gefreut, auf Wiedersehen, Herr Byge!« 28 Als Svend aus der Bank herauskam, schien die Sonne. Die Luft war mild, der Himmel hoch und klar. Er blieb stehen und freute sich, wie das Leben sich während der acht Jahre, die er fort gewesen war, in Kopenhagen entwickelt hatte. Elektrische Straßenbahnen klingelten und Automobile kreuzten hin und her. Er ging an dem Ministerium vorbei und blickte zu dem roten Gebäude hinauf, wobei die Erinnerungen auf ihn einstürmten. Und ohne recht zu wissen, was er tat, befand er sich auf dem Schmerzensweg, den er damals nach der Enttäuschung wegen der Erbschaft gegangen war. Er suchte das Haus des Rechtsanwalts Fratz. Ja, richtig, da stand »Dr. Fratz, Rechtsanwalt« auf dem Porzellanschild. Doktor Fratz würde große Augen machen, wenn er plötzlich Besuch von Svend Byge bekäme. Das Geld, das er ihm schuldete, hatte er ihm schon vor langer Zeit aus London geschickt. Dann lenkte Svend seine Schritte wie unbewußt auf den Stadtwall zu. Er ging längs der Zickzacklinie des Pfades und durchlebte alles in Gedanken noch einmal. Als er die Brücken, die nach Amager führten, erreichte, blieb er stehen, und blickte die lange, schmutzige Straße hinunter. Die alten Bäume und der tiefe Graben waren noch da; aber es waren neue hohe Mietshäuser gebaut, wo früher altmodische Gartenhäuschen gelegen hatten. Er sah sich nach dem Eckcafé um, wo er Lisbeth an dem Neujahrsabend getroffen hatte; aber es war nicht mehr da. Dann ging er denselben Weg zurück. Er blieb an der Ecke stehen, wo der Kanal still und vornehm dalag, an dessen Ufer das Haus stand, wo der Departementschef gewohnt hatte. Als er die hohen Fenster in der zweiten Etage wiedersah, stürmte all das Alte wieder auf ihn ein – bis zu der Nacht, als er allein an Kruses Schreibtisch gesessen und dessen heimliche Papiere durchstöbert hatte. Er dachte an Ellen. Die Bitterkeit, die er gegen sie empfunden hatte, war schon längst aus seinem Gemüt entschwunden. Es war gekommen, wie es kommen mußte. – Zu ihrem und seinem Besten; dennoch fand er, daß sie als Mutter seiner Knaben mit seinem Leben verbunden blieb, wie sehr sie sich auch voneinander getrennt hatten.   Als Svend in sein Hotel zurückkam, teilte der Portier ihm mit, daß eine Dame nach ihm gefragt habe. Sie hätte ihren Namen nicht sagen wollen, würde aber später am Tage wiederkommen. Svend zerbrach sich vergeblich den Kopf. Wer von seinen wenigen Bekannten wußte überhaupt, daß er zurzeit in Kopenhagen war? Er war mitten in einem Brief an Lisbeth, als der Liftboy nach oben kam und ihm eine Karte gab. Es war Ellens. »Ich lasse die Dame bitten!« sagte er und sprang auf. Es dauerte einige Minuten, dann stand sie in der Tür. Ein halb bewegtes, halb verlegenes Lächeln spielte um ihre spitzen Lippen; ihre zarten Wangen waren etwas gerötet, und das güldene Seidengespinst ihres blonden Haares glänzte unter dem weichen Olivengrün eines prachtvollen Herbsthutes. Sie zog die Schultern etwas in die Höhe, wie sie dort mit den Händen in dem Muff dastand, während sie ihn, den Vater ihrer Kinder, betrachtete und vergeblich den alten Svend hinter dem neuen zu finden suchte. »Ellen!« sagte er und ging ihr mit ausgestreckter Hand entgegen. Da erkannte sie ihn an seinem Lächeln, und damit war das Schlimmste überstanden. »Svend!« sagte sie und reichte ihm ihre schmale Hand, die er einen Augenblick in der seinen behielt. Jetzt kam Leben in ihre sanften, blauen Augen und ihre ausdrucksvolle Stimme zwitscherte drauflos. Nicht mehr so verhätschelt wie früher, und ihre Rede erschien ihm nicht mehr so zierlich. Die Augen aber waren noch dieselben. »Ich traf Flindt gestern auf der Straße, er sagte, daß, daß Sie –« »Daß du,« verbesserte Svend, indem er ihr Muff und Pelzkragen abnahm. »Daß du,« lachte sie nervös, »hier in der Stadt seiest. Da dachte ich, daß ich zu dir gehen und dir gratulieren wollte. Er sagte, daß du es seiest, der – aber du bist ja ein ganz berühmter Mann geworden!« Svend lächelte. »Das hast du wohl nicht erwartet!« »Ehrlich gesagt, nein! Aber es freut mich aufrichtig.« Sie zögerte einen Augenblick und sah zur Seite. Dann fügte sie hinzu, indem ihr Gesicht plötzlich ernst wurde: »Ich wollte dir sagen, ob wir nicht Freunde sein wollen. Hennings und Jörgens wegen.« Sie ließ ihm keine Zeit, sie zu unterbrechen. »Ich bin dir nicht mehr böse, weil du so hart gegen Papa warst. Wenn er gelebt hätte, würde er der erste sein, der sich über dich gefreut hätte.« Zwei klare Tränen blitzten in ihren Augen, aber sie lächelte sie schnell fort und fügte hinzu: »Ich höre, daß du die Knaben zur See schicken willst. Das hat Flindt gesagt. Im ersten Augenblick fand ich, daß es furchtbar von dir sei. Aber sowohl Gunnar – das ist mein Mann – und alle, mit denen ich darüber gesprochen habe, sagen, daß es großartig ist. – Wenn sie es nur vertragen können.« Sie spitzte die Lippen und sah bedenklich vor sich hin. »Jörgen war solch zartes Kind.« »Du müßtest ihn jetzt sehen, dann würdest du deine helle Freude an ihm haben. – Ich danke dir, daß du gekommen bist! – Ich habe gerade heute an dich gedacht, als ich an den alten Fenstern am Kanal vorbeiging.« Er sah fort und fügte ernst hinzu: »Es ist möglich, daß ich deinen Vater zu hart beurteilt habe, aber ich konnte nicht anders handeln. Und war es nicht vielleicht gut für uns beide, daß es so gekommen ist, wie es kam?« Er betrachtete sie mit dem Lächeln, das sie so gut von früher her kannte. »Denn du bist doch glücklich mit deinem Kammersänger?« »Ja, das bin ich!« bekräftigte Ellen mit glänzenden Augen. Dann erklärte sie wie zur Entschuldigung: »Denn siehst du, er paßt auch besser zu mir als du. Du bist immer so tüchtig und so gewesen – weißt du nicht mehr?« »Der Kammersänger ist doch auch tüchtig,« wandte Svend lächelnd ein. »Ja, aber anders, auf eine liebenswürdigere Weise.« Sie lachten beide. Sie kniff die Augen schelmisch zusammen und sagte: »Und du – du hast dich wieder verheiratet, wie ich höre. Mit einer Jugendfreundin?« »Wie gut du unterrichtet bist! Sie heißt Lisbeth.« Sie wollte ihn etwas fragen, betrachtete ihn mit dem neugierigen Schimmer in ihren Augen, dessen er sich noch so gut erinnerte. Aber sie brachte es nicht über die Lippen. »Nein, wir haben keine Kinder,« sagte er mit einem Lächeln. Aber glücklich sind wir doch.« »Und Gunnar und ich haben auch keine,« sagte sie und machte ein ernstes Gesicht. Sie war etwas rot geworden, während sie das sagte und stand schnell auf. »Mir kommt eine Idee!« sagte Svend und prüfte dieselbe, während er sie aussprach. Ellen sah ihn vorsichtig fragend an. »Komm nächstes Jahr zu uns, wenn wir die erste Schiffstaufe abhalten.« Sie lächelte vor sich hin, wahrend sie überlegte. Svend begriff, daß sie an Lisbeth dachte. »Darf ich meinen Kammersänger mitbringen?« fragte sie. »Unter einer Bedingung: daß er uns etwas vorsingt.« Sie begann von einem Fuß auf den anderen zu treten. Wie gut er das an ihr kannte! Dann hatte sie etwas auf dem Herzen, was ihr nicht recht über die Lippen wollte. »Na, was ist denn?« fragte er lächelnd. »Ich habe Gunnar gesagt, daß er mich hier im Hotel abholen könne. Du hast doch nichts dagegen?« Svend wurde ernst, aber er faßte sich schnell. »Es wird mir ein Vergnügen sein,« sagte er. Und sie gingen zusammen in den Salon hinunter. Dort stand der Kammersänger – jung und schön wie immer – und sagte mit seiner klaren, klangvollen Stimme: »Es freut mich, unsere alte Bekanntschaft zu erneuern.« Svend lud sie ein, mit ihm im Hotel zu Mittag zu speisen. Beim Dessert sprachen er und Ellen vorsichtig von alten Erinnerungen. »Sag mal,« fragte er, »kannst du mir nicht Falks Adresse geben? Ich möchte ihn gern besuchen und habe ihn vergebens im Adreßbuch gesucht.« »Weißt du denn nicht? – Falk ist ja tot.« »Er ist tot?« Svend blickte betrübt auf die verflossenen Jahre zurück, »ich hatte so gern mancherlei mit ihm besprochen.« »Er ist in Kairo gestorben. Es ist schon lange her. Die arme Kamma wohnt auf Lindersbo und hat es noch nicht verwunden.« Die Lungen hatten Schaden genommen, wie der Arzt gefürchtet, jetzt im Januar waren es sechs Jahre her. Damals war Svend im »Old Swan« angestellt und bekam nie eine dänische Zeitung zu Gesicht.   Als Svend einige Tage darauf seinen Koffer packte, bekam er einen Brief von Ellen. »Lieber Svend,« schrieb sie, »vielen Dank für den behaglichen Abend, den wir neulich mit Dir verbracht haben. Aber je mehr ich an all das Vergangene und all das Neue denke, desto fester wird der Entschluß in mir, daß ich nicht zur Schiffstaufe zu Euch kommen will. Denn da ich unseren Knaben jetzt so entfremdet bin, würde es nur schwer für mich sein und für uns alle drei. Aber ich bitte Dich, mir die Knaben einige Wochen zu schicken, wenn sie Ferien haben. Ich verspreche Dir, daß ich sie nicht sehr verhätscheln will. Diese Freude wirst Du mir machen, nicht wahr? – ich danke Dir!! – – Aber da ist noch etwas anderes, was ich auf dem Herzen habe. Ich möchte auch gern etwas zu der großen Sache, die Du ins Leben gerufen hast und von der alles spricht, beitragen. Aber es soll etwas sein, was verschlagen kann; und wenn Du hörst, was ich vorhabe, so wirst Du auch verstehen, weshalb ich gerade das will. Es handelt sich um Wildpark. Ich habe Didrichsen Auftrag gegeben, die ganze Herrlichkeit zu verkaufen. Ich und Gunnar kommen doch niemals dorthin, denn entweder singt er, und dann muß er hier in der Stadt sein, oder wir sind auf Reisen. Und das Geld, das einkommt, will ich in Fischereiaktien anlegen. Ich bitte Dich, dafür zu sorgen, daß dann ausdrücklich bekannt gemacht wird, daß es Departementschefs Kruses Geld ist – das Geld, das Henning und Jörgen einmal von mir erben sollen und was weder Du noch ich verhindern können, wie Didrichsen gesagt hat. Wenn aber Papas Geld auf diese Weise einem nationalen Unternehmen zugute kommt, dann hast Du wohl auch nichts dagegen, daß es seinen Namen trägt –« »Jörgen-Kruse-Stiftung« – oder etwas Derartiges. Denn Du warst dennoch zu hart in Deinem Urteil. Frage die Knaben, ob sie sich ihrer richtigen Mutter erinnern; und ich möchte gern einen großen Geburtstagswunsch wissen, den ihnen sonst niemand erfüllen würde. Einen freundlichen Gruß von Ellen.« Svend antwortete sofort. »Ich danke Dir, liebe Ellen,« schrieb er, »Du hast mich mehr erfreut, als ich dir zu sagen vermag. Das Geld nehme ich hiermit im Namen des Komitees entgegen. Es soll den Namen Deines Vaters tragen. Willst Du die Zinsen erheben, wenn welche eingehen, oder sollen sie für die Knaben stehenbleiben? Ich werde Dir Henning und Jörgen in den Ferien schicken. Ich weiß, daß sie sich ihrer richtigen Mutter sehr gut erinnern. Ich weiß auch, daß jedenfalls Henning einen großen, großen Geburtstagswunsch hat, den kein anderer ihm erfüllen kann; aber es ist ein Geheimnis und er muß ihn dir lieber selbst anvertrauen. Einen freundlichen Gruß von Svend.« Er blieb lange mit der Hand unterm Kinn sitzen und starrte aus dem Fenster. Er versuchte sich den Tag vorzustellen, an dem die ersten Schiffe über die Taufe gehalten werden sollten. Die Namen waren bereits gewählt. »Kasper Byge« und »Jörgen Byge« sollten sie heißen, denn das Komitee hatte ihm die Wahl überlassen. Er sah alles vor sich – die beflaggte Stadt, das städtische Orchester auf dem Kai, die Honoratioren mit dem Bürgermeister an der Spitze, und die kleinen Rekruten, die zum erstenmal aufs Meer hinaus sollten. Er sah Henning vorn auf dem Deck, mit der Bygeschen Kopfhaltung und die Lippen fest aufeinander gepreßt, um die Tränen herunterzuschlucken, die ihm im Halse saßen. Da tauchte eine alte Erinnerung in ihm auf. Er war es selbst in Hennings Alter. Er saß mit baumelnden Beinen auf dem Dünenabhang an diesem selben Meer und bevölkerte es mit großen Schiffen, mit schwellenden Segeln und weißen Galionsfiguren, während er an die Schiffe dachte, die sein Urgroßvater dem Lande geschenkt hatte, als es in Not war. Der alte Traum war auf diese Weise in Erfüllung gegangen. »Ich habe meine Schiffe verbrannt,« sagte er vor sich hin, »aber ich habe mir neue gebaut.« Ende