August Hagen Norika das sind Nürnbergische Novellen aus alter Zeit Nach einer Handschrift des sechzehnten Jahrhunderts »Ehe Amsterdam emporkam und Hamburg sein Haupt erhob, war Nürnberg das deutsche Venedig!« sagt mein großer Ohm Gottsched, der aus Furcht, die Voluten seiner Kandidaten-Perücke mit dem Grenadierzopf zu vertauschen, die Vaterstadt floh. Wenn nur Handel und bürgerlicher Wohlstand berücksichtigt wird, so kann das Urteil dieses Mannes nicht angefochten werden, den Pinkerton noch im Jahre 1811 als den größten Kritiker der Deutschen rühmt. Betrachten wir aber die Blüte der Kunst, so verdient Nürnberg das deutsche Florenz genannt zu werden, welchen Namen ein anderer heimischer Dichter von anderem Gehalt einer andern deutschen Stadt zuerkannte. Wenn auch einzelne Strahlen der Kunst in verschiedenen Örtern Italiens früh aufleuchteten, so vereinigten sie sich in Florenz zu einem Lichtquell, aus dem die Stifter verschiedener Malerschulen Erleuchtung schöpften. Florenz war die Pflanzschule aller Künste, das wetteifernd mit unverwelklichen Kränzen den Ruhm seiner hochsinnigen Herrscher schmückte. Auf gleiche Weise gedieh in Nürnberg die deutsche Kunst zu nahmhafter Würde durch rege Wechselwirkung, die daselbst von einem edlen Aufwande gepflegt in einer zunftgemäßen Gesetzlichkeit eigentümlich sich entfaltete. Die Vergleichung des Kunstlebens in Florenz und Nürnberg kann man auch nicht ungeschickt zwischen einzelnen Künstlern dieser Städte durchführen, wie zwischen Lionardo da Vinci und Albrecht Dürer. Beide, von einem unvergleichlich ehrwürdigen Ansehen, lagen nicht einer, sondern mehreren Künsten ob und beide waren Theoretiker. Beide versuchten sich in der Poesie und Plastik. Lionardo schlug kühne architektonische Aufgaben vor und Dürer zeigte seine Kenntnis in der Baukunst, nicht allein dadurch, daß er oft Aufrisse von Häusern fertigte, sondern vornehmlich durch seine Schrift über die Befestigung der Schlösser. Beide suchten die Gesetze der Perspektive zu ermitteln. Von Dürer besitzen wir ein Fecht- und Ringerbuch und Lionardo zeichnete ein Buch voller Gefechte. Dürer arbeitete ein Werk über das Pferdestudium aus und Lionardo über die Anatomie und die Figuren der Pferde. Aber auch die Gemälde beider haben manches Ähnliche. Den schlanken Gestalten, den länglichen Gesichtern, dem starren goldgelben Haar der Heiligen, der altertümlichen Komposition entsprechen die älteren Darstellungen Lionardos. Mengs sagt vom letztern: Seine Manier ist etwas trocken, seine Gemälde sind sehr fein, das Kolorit ist etwas zu braun und rot, die Falten der Gewänder etwas gebrochen. Dasselbe dringt sich uns bei Dürer auf. Auf die Kunstgeschichte Nürnbergs wurde meine Aufmerksamkeit durch eine Handschrift gelenkt, die mir der öffentlichen Mitteilung nicht unwert schien. Sie rührt von einem Kaufmann aus Frankfurt Jacob Heller her, der, nicht ohne gelehrte Bildung, vielleicht mehr Kunstfreund, als Kenner, im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts sich längere Zeit in Nürnberg aufhielt und, was er von den Künstlern und ihren Werken daselbst sah und hörte, umständlich niederschrieb. Die Handschrift befindet sich in der Bibliothek der hiesigen Hochschule. Zu den Büchern, mit denen Markgraf Albrecht von Brandenburg, der Stifter der Hochschule, die Bibliothek beschenkte, gehört ein Foliant mit Dürers Schriften. Albrecht erhielt ihn vielleicht durch den bekannten Lucas Cranach, an den er folgendermaßen schrieb: Es ist an Dich unser gütliches Begehren, Du wollest uns alle neue, gute, lesenswürdige Bücher, so in Kurzem bei Dir oder anderswo ausgegangen wären und bei euch zu bekommen, kaufen und aufs Förderlichste übersenden. In einem Briefe Cranachs, worin er über die noch nach Jahren nicht erfolgte Zahlung des vorgestreckten Geldes klagt, heißt es: Ich habe Ew. fürstl. Gnaden im nächsten Weihnachten geschrieben der Bücher halber, die ich Ew. Gnaden geschickt habe. Der erwähnte Foliant enthält folgende zusammengebundene Schriften: Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheit in Linien, Ebnen und ganzen Körpern durch Albrecht Dürer zusammengetragen und mit zugehörigen Figuren in Druck gebracht im Jahr 1525. Etliche Unterricht zu Befestigung der Städte, Schlösser und Flecken. Gedruckt zu Nürnberg 1527. Hierin sind begriffen vier Bücher von menschlicher Proportion durch Albrecht Dürer von Nürnberg erfunden und beschrieben 1528. Dieses Buch war offenbar einst ein teures Eigentum Jacob Hellers, das nach seinem Tode unbesehen vertrödelt wurde, denn in ihm fand ich die herauszugebende Handschrift. Meinem Wunsche, die Schuld von mehr denn dreihundert Jahren, während sie unbemerkt in dem Buche lag, das nicht durch den Gebrauch, sondern nur durch den Stock gelitten, jetzt durch die Veröffentlichung zu tilgen, stellt sich manches Hindernis entgegen. In der unsaubern, schwer zu entziffernden Handschrift bemerkt man eine Flüchtigkeit und Fahrlässigkeit der Abfassung, die sich nur wenige Leser um des Inhalts willen gefallen lassen. Beinahe kein Satz ist ausgeführt, vieles ist zwei-, dreimal ohne allen Grund wiederholt, nirgend zeigt sich ein Streben nach Einheit, am wenigsten in der Art der Schreibung, da z.B. der Name Pirckheimer, wie oft er vorkommt, immer verschieden buchstabiert ist. Auf diese Weise schien mir die Handschrift überall zuzurufen, was Dürer in einem Briefe sagt: »Lest es nach dem Sinn!« und ich sah mich genötigt, die Pflicht eines rechtgläubigen Herausgebers zu verletzen. Die altertümliche Sprache wurde verbannt, darum aber wollte ich nicht den altertümlichen Charakter abstreifen und einzelne Seiten der Urschrift sind Wort für Wort wiedergegeben. Im ganzen jedoch wurde zusammengezogen und verkürzt, namentlich viele Briefe, die als Belege beigefügt sind, teils übergangen, teils dem Inhalte nach mitgeteilt. Nichts ist schwerer bei dergleichen Verneuungen, als die rechte Grenze zu treffen, wo das Alte beibehalten und wo es zu verändern sei, weshalb der Billige eine kaum zu vermeidende Ungleichheit der Sprache ungerügt lassen wird. Königsberg, im Februar 1829. Nachschrift. An der Übersetzung: Norica: or tales of Nürnberg from the olden time. After a MS. of the sixteenth century. London 1851 liest man in der Vorrede: No such MS. as Hellers Journal exists. How far a fiction of this character is wholly defensible, the literary conscience of the public must be lest to decide. – Was hier eröffnet wird, dringt sich jedem denkenden Leser von selbst auf und wurde daher niemanden verschwiegen, weder dem ersten deutschen Verleger 1829, noch dem englischen Übersetzer 1850. Dieser so wie sein Publikum werden darum hier nicht die Shakespearschen Worte anwenden wollen: he both pleaseth men an angers them. Königsberg, im Juli 1854. Vorbericht des Verfassers Jacob Heller. Es war in der Charwoche, als ich in der Dominikanerkirche in meiner Vaterstadt Frankfurt am Altar kniete und Gott um Vergebung meiner Missetat flehte. Ich kniete auf dem Steine, der die Begräbnisstelle meiner entschlafenen Gattin deckt. Mit Tränen im Blicke schaute ich zu dem Altarbilde empor, dessen Türen, wie dies an Festtagen geschieht, geöffnet waren. Die Türen, von beiden Seiten bemalt, stellen Gestalten von Heiligen dar, so schön, daß das Auge, wenn es nicht auf dem noch schöneren Mittelbilde weilt, nicht von jenem hinwegzuwenden vermag. Nie stimmte mich wehmutsvoller und andächtiger der Anblick der verklärten Jungfrau Maria, wie sie frei von zeitlicher Beschränkung in einem Chor lieblicher Kindesengel zum Himmel emporschwebt. Nicht weniger sehnsüchtig und trauernd blickte ich zu ihr, als unten auf dem Gemälde die Schar der Apostel, die um ihr Grab versammelt sind. Oft hatte ich das Kunstwerk mit Liebe und Bewunderung betrachtet, da ich es selbst in die Kirche gestiftet, aber nach jenem Eindrucke, als ich zuerst desselben ansichtig ward, war ich von seiner Schönheit niemals tiefer bewegt. Da ich so ganz meinen Empfindungen mich hingab, zupfte es mir am Ärmel und ich erblickte meinen lieben Sohn, der mir nach der Kirche nachgeschickt war. Was bringst du mir, lieber Wilibald? fragte ich ihn. Einen Brief aus Nürnberg, war seine Antwort, einen Brief von meinem Paten, auf den Ihr lang gewartet habt! Da ich nach dem Briefe griff, zog er ihn wohlmeinend zurück und zögerte, ihn mir auszuhändigen. Ich nahm ihn und bemerkte ein schwarzes Wachssiegel. Nachdem ich einen kleinen Schauer überwunden, durchflog ich den Brief, tiefgebeugt von seinem Inhalt. Albrecht Dürer, hub ich darauf an, du wandelst nicht mehr unter den Sterblichen, der in dieser Himmelfahrt Mariens so ganz aussprach, was er fühlte, herrlicher, frommer Meister! In der Charwoche betrauerte die Kunst den Tod Raphael Ganzios und in der Charwoche schiedest du auch hin, sein Freund, der noch sterbend seinem Vorbilde folgte. Ich dachte an Albrechts Tod und aller Meister, die vor zehn Jahren bei einem zweimaligen Aufenthalt in Nürnberg mir Beweise rührender Liebe ablegten und die nun nicht mehr waren. Der Tag des Herrn war diesmal mehr, als je, mir eine ernste Feier schöner Erinnerungen. Wie lange wird es währen, dachte ich bei mir, so habe auch ich die Spanne Land durchschritten und bin mit den vorangegangenen Freunden vereinigt! Mein Sinn stehe jetzt dahin, denen, die mir teuer sind, ein würdiges Vermächtnis zu hinterlassen, außer des Wohlstandes ungewissen Besitztümern. Dies Vermächtnis in der verzagten, lieblosen Zeit, die sich schämt, die von Furchen entstellte Stirne der Freude zu entfalten, sei das wahrhafte Geständnis, daß ich glücklich lebte, daß man noch auf der Erde glücklich leben könne. Auf daß zweifelnde Gemüter darin Trost, Kraft und Erhebung finden, bin ich entschlossen, die glücklichsten Tage meines Lebens getreu und umständlich abzuschildern. Im vertraulichen Verkehr mit den ersten Gelehrten und Künstlern, die je lebten, umgeben von den herrlichsten Kunstwerken, die je entstanden, war mir in Nürnberg ein irdisches Paradies aufgetan. Indem ich für meine Angehörigen und Freunde das niederzuschreiben gedenke, was ich oft nach des Tages Müh' an frohen Abenden erzählte, hege ich bei meinem Vornehmen, genau der Wahrheit zu folgen, dennoch die Furcht, hie und da wider Willen von ihr abzuweichen. Denn da ich kein anderes Tagebuch als das der Ausgaben führe, und nur, was von Schriften Merkwürdiges mir vorkam, abschrieb, da ich nach meiner Heimkunft fleißig Briefe von den Künstlern in Nürnberg empfing, die meine Freunde waren, da jeder, der mir einen Gruß von dort brachte, als mein Tischgast genau berichten mußte, was sich im Felde der Kunst begeben, so kann es kommen, daß mein Gedächtnis bisweilen irrt, daß ich nach dem Wert der Künstler den ihrer Werke ermesse, daß ich das früher Geschehene vom später Hinzugekommenen nicht zu scheiden weiß und daß ich das mit eigenen Augen gesehen zu haben glaube, was ich nur durch Hörensagen kenne. Wer mich bis zu Ende, folglich gern erzählen hört, wird mir die Fehler nachsehen, und wer mir nicht sein Ohr leiht, darf mir keinen Vorwurf machen. Erster Aufenthalt in Nürnberg. Einzug in Nürnberg. Der Sebaldustag. Schon lange vor meiner Verheiratung war mir Herr Hans Imhoff in Nürnberg als ein lieber Geschäftsfreund bekannt. Oft lud mich dieser ein, ihn zu besuchen, um die Merkwürdigkeiten der alten Reichsstadt zu bewundern und die berühmten Männer daselbst kennen zu lernen, vor allen Albrecht Dürer, den Fürsten der Künstler, denn er kannte meine Neigung wohl zu den Künsten und Wissenschaften. Manchem Maler hatte ich schon etwas zu verdienen gegeben und mit Dürer selbst pflog ich Unterhandlungen wegen eines Altarblattes. Da mich noch nicht Weib und Kind an die Heimat fesselten, da ich mir von einer Reise nach Nürnberg, Augsburg und Regensburg wichtige Handelsverbindungen versprach, so entschloß ich mich um so lieber der Einladung zu folgen. Ende Juli war es, als ich den Reisewagen bestieg und ohne Aufenthalt meinem Ziele entgegenstrebte. Denn ich halte nichts davon, unterwegs nach Sehenswürdigkeiten rechts und links zu spüren, zum Sehen gehört Ruhe und die Ruhe verträgt sich nicht mit dem Vorwärtskommen. Schon sah ich in Erlangen am Horizont die Türme der Pegnitzstadt schimmern und hoffte um eine Stunde in ihre Tore einzuziehn. Was konnte mir hier verdrießlicher sein, als folgender Vorfall? Der eine von meinen Rappen nämlich, von der Hitze und den Bremsen gepeinigt, schlug aus und traf den Kutscher, gerade da er sich auf den Bock schwingen wollte. Er fiel zu Boden und glaubte nie wieder aufzustehn. So schlimm war es nun nicht, aber schlimm genug, daß ich mir mußte die Lust vergehen lassen, mit ihm weiter zu fahren. Ich ließ den Verwundeten sogleich in die Schenke bringen und machte dem Wirt seine Pflege zur Pflicht. Sodann bat ich ihn, mir einen tüchtigen Fuhrmann zu besorgen, der mich nach Nürnberg führe und der dort gut Bescheid wüßte. Daselbst wollte ich mich so lange aufhalten, bis mein eigner Kutscher wieder seine Dienste versehen könnte. Der Wirt schlug mir sogleich einen zuverlässigen Menschen vor, der aus Nürnberg dahin gekommen wäre und der sich glücklich schätzen würde, den Weg zu fahren, den er sonst zu Fuß hätte zurücklegen müssen. Das war mir recht und ich erkannte, wie gewöhnlich dem, der schnell auf Abhülfe eines Unglücks denkt, als Schmerzensgeld unerwartet ein günstiger Umstand zu gute kommt. Ich fragte den Fuhrmann im blauen Reisehemde, ob er Herrn Hans Imhoff finden würde. Mit verbundenen Augen! gab er mir zu Antwort. Kaum eine Viertelstunde war verflossen, so saß ich wieder im Wagen und merkte mit Vergnügen, daß mein Führer sein Handwerk verstünde und überhaupt ein ganz gescheidter Mensch wäre. Als wenn er mein Wohlgefallen an ihm erriete, machte er mich auf das Genaueste mit seiner Person, seiner Wohnung und seinen Vorfahren bekannt. Ich hörte es geduldig an, da gerade kein anderer Gegenstand zu besprechen war. Die Türme Nürnbergs traten immer deutlicher aus der blauen Ferne vor und zunächst fesselte meinen Blick altes Festungsgemäuer mit Schanzen und Wehrtürmen. Ich fragte ihn nach diesen Gegenständen und er ließ sich so vernehmen: Hochgeehrter Herr, der graueste Kopf in der Stadt ist nicht so grau, als dieses Mauerwerk, und hat es auch nicht entstehen sehen. Das rührt noch aus der höllischen Heidenzeit her. Der dicke Turm da ist vom Kaiser Nero. Das war ein Satan. Nebukadnezar begnügte sich mit Heu, aber dieser sog nichts als eitel Menschenblut. Da saß er auf der Warte und spähte, wie die Krähe auf dem Dachgiebel, nach Beute umher. Weil er solch lästerliches Wesen hier trieb, so ward der Felsen, auf dem der Turm steht, der Neroberg genannt und das ist der rechte Name von Nürnberg. Jetzt wohnt auch der Kaiser da, wenn er zu uns von Wien herüberkommt, ich meine im Schlosse nebenbei, aber der macht es nicht so. Der viereckige Turm mit den vier Erkern, das ist der Luginsland, der mag auch schon manch liebes Jahr ins Land gelugt haben und wird es nicht satt. Indes waren wir ziemlich nahe der Stadt und um so weniger war es mir recht, daß mein Kutscher anhielt; doch mochte ich nichts dagegen äußern. Er ging zu den Pferden, strich ihnen die Mähnen zurecht, band ihnen die Schweife los und säuberte sie so viel, als es sich in dem Augenblicke geschehen ließ. Jetzt kam die Reihe an ihn selbst. Er kämmte sich mit dem großen Kamm, den er trug, die Haare glatt, zog sich dann das blaue Hemde aus und hüllte sich in eine bessere Tracht. Halten alle Nürnberger so auf Zierlichkeit, wenn sie in die Stadt ziehen? fragte ich ihn ein wenig unwillig. Ja, heute geht's nicht anders, erwiderte er, denn was würde sonst unser Herr Sebald sagen? Da er mir anmerkte, daß ich von diesem Herrn nichts wußte, so fuhr er also in der Rede fort: das ist Euch der Oberste in ganz Nürnberg; selbst wenn der Kaiser Maximilian bei uns weilt, so will der nur wenig gegen ihn bedeuten. Des Kaisers Schloß ist groß, aber seines ist noch größer. Seht Ihr die Kirche mit den beiden Türmen dort über dem roten Dach? Da wohnt der heilige Sebaldus. Der Lorenzkirche, die auch zwei Türme hat, die aber weiter entfernt liegt, gibt sie wenig nach. Ja – da könnt Ihr lange reisen, bis Ihr einen Münster wie den St. Lorenz findet. Doch so wahr ich ehrlich bin, heute erscheint die Sebalduskirche höher, als alle, und zwar mit allem Recht, denn heute ist der neunzehnte August und der Ehrentag des heil. Sebaldus. Der Heilige kann es nicht lassen, fortan Wunder zu verrichten. Jetzt stieg der Kutscher wieder auf den Bock und trieb die Pferde. In mein Verlangen, mir die Taten des heil. Sebaldus mitzuteilen, wollte er lange nicht eingehen und wiederholte mir: heute ist sein Ehrentag. Da werdet Ihr einmal ein Leben sehen, ein Jubeln und Jauchzen. Ja, wer sich nie Zeit zur Ruhe nahm, der legt heute die Hände behaglich in den Schoß, und wer vor Alter nicht mehr die Füße rühren kann, der tanzt Euch heute trotz dem Jüngsten, und wer das ganze Jahr von Brot und Salz lebte, bei dem geht's heute ohne Braten nicht ab. Wenn Ihr denn wissen wollt, wer der erste Schutzheilige Nürnbergs ist, so will ich Euch gar schöne Dinge von ihm erzählen. Ihr werdet alles Lüge nennen und meinen, daß es so was vom Badeknecht Die Badestuben, die ehemals in Nürnberg fleißig besucht wurden, waren wegen der dort ausgebrüteten Lügen berüchtigt. »Das ist vom Badeknecht« war ein sprichwörtlicher Ausdruck für Lüge. ist, aber glaubt mir, alles steht so in den Schriften, wie ich es Euch sage. Zur Zeit des Kaisers Constantin, da lebte in Dänemark ein gottesfürchtiger König und die Königin war es auch. Sie flehten um Kinder lange umsonst und taten das Gelübde, daß, wenn ihnen eins zuteil werden sollte, es zum Ausbunde aller Tugenden zu erziehen. Und wirklich sparten sie an ihrem Sohne Sebald, als dieser ihnen geboren wurde, nicht Mühe und Kosten. Von fünfzehn Jahren ward er auf die hohe Schule nach Paris geschickt und hier kannte er bald die Gottesgelahrtheit aus- und inwendig, so daß er alle Doktoren beschämte. Reinen Wandels und voll übermenschlicher Klugheit kehrte er zu den Eltern. Da diese ihm anlagen, sich zu vermählen, so zeigte er, daß er über allem Ruhm, den er sich in der Fremde erworben, doch den Kindesgehorsam nicht vergessen hatte. Gar einfältiglich fragte er, welche Jungfrau er ehelichen sollte, denn ihr Wille wäre seine Wahl. Da die Eltern sich besannen, so traf es sich, daß eine Schwalbe mit einem Frauenhaar im Schnabel vorbeiflog, die, wie es bei diesen Vögeln gewöhnlich ist, oft ihren Flug wiederholte und endlich das Haar vor die Füße des Jünglings legte. Alle meinten, daß dies eine göttliche Bestimmung wäre, und daß die Frau ihm zugeeignet werden müßte, der dieses Haar gehörte. Der junge Herr Sebald war eben so schön und mannhaft, als reich und adlig, und daher kam es, daß alle Jungfrauen fern und nah, deren Locken etwa so braun aussahen, als jenes Haar, steif und fest behaupteten, es gehörte ihnen, und es als unschätzbares Eigentum zurückverlangten. Da war keine, die nicht ein Geschichtchen vorzubringen wußte, wie sie das Haar verloren und wie sie schon um ihrer Vorzüge willen den Rang vor allen Mitbewerberinnen verdiente. Unter ihnen gab es auch manche leichtfertige Dirne, die es mit dem frommen Herrn Sebald versuchen wollte. Wie sahen sich alle Leute in der Stadt, ja in ganz Dänemark an, als er die allerfreiste unter ihnen wählte. Sie war so eine aus Paris. Die Eltern wollten vor Gram vergehn, allein das Haar stimmte und Sebald pries sich glücklich, da er sich so früh erkoren sah, eine Sünderin zu bekehren. Das Bekehrungsgeschäft war sauer, und gelungen wäre es nie, wenn sie nicht bei aller Flatterhaftigkeit eine sonderliche Neigung zu ihm gefaßt hätte. Anstatt zu scherzen, tändeln und tanzen, sah man sie jetzt weinen, beten und sich kasteien. Ein über das andre Mal mußte sie ihm einen hochheiligen Schwur ablegen, keinem Manne, außer ihm, ihre Liebe zuzuwenden. Da nun so aus dem leichtfertigen Weltkinde eine fromme Büßerin geworden war, so ward der Tag der Vermählung festgesetzt. Die Hochzeit aber war Euch ein wahrhaftes Trauermahl. Als alle Gäste von dannen gegangen waren und die beiden Vermählten allein blieben, da vermahnte sie Herr Sebald, wie es in seiner Art war, ließ sie noch etliche Male schwören und stelle ihr dann vor, wie eine Ehe nichts Sträfliches, wie aber eine heilige Ehe das gottgefälligste Vernehmen auf Erden wäre. Das wollte der Braut lange nicht zu Sinne gehn, da er es aber an schönen Reden nicht fehlen ließ, so mußte sie ihm glauben. Noch einmal verlangte er das alte Gelöbnis und, da sie es getan, entfloh er und sah sie nimmer wieder. Herr Sebald gab jetzt sein Geld den Hungrigen, seine schönen Kleider den Nackenden und in einem groben Kittel zog er in einen Wald, bauete sich hier eine Hütte aus Baumzweigen und nährte sich von wilden Früchten. Alle irdische Eitelkeit hatte er abgelegt und daher schwang er sich von der Erde leicht auf der Leiter des Gebets hoch zum Himmel empor. Da er durch Anrufung aller Heiligen einst einen Krüppel heilte, so verbreitete sich der Ruf seiner Heiligkeit weit und breit und das Glück der Einsamkeit, das ihm so wohltuend war, hatte die längste Zeit gewährt. Von allen Orten wallten zu ihm Mühselige und Beladene, und er richtete sie auf von der Bürde ihres Leidens. Andere gotterleuchtete Männer gesellten sich zu ihm, und oft, wenn sie über Hunger klagten, trug er ihnen die Geschichte von den fünf Broten und zwei Fischen vor, und diese fühlten sich um so mehr getröstet, da ein leeres Legel sich alsdann mit Wein füllte und ein Engel ihnen Brot brachte. Als Herr Sebald sein lieb Teil gebetet, entschloß er sich, nach Rom zum heiligen Vater mit seinen Gefährten zu ziehn. Der Papst reichte gar huldselig dem Gottesmann den Pantoffel hin und gab es ihm nach, alle Heiden in Deutschland jenseits der Donau zu lehren und bekehren. Allein Herr Sebald konnte seinen Eifer nicht beherrschen und trieb sein Wesen schon von Stund an, da er Rom verließ. Gar weitläufig wäre es zu erzählen, wie er predigte, um Steine zu erweichen, wie er die Blinden sehend und die Lahmen gehend, die Tauben hörend und die Hungrigen zehrend machte. Viel Lob erwarb er sich, aber mitunter auch Spott. Den letztern nahm er gern für den Willen, weil es alsdann wieder etwas zu bekehren gab. So rief einst einer, da er predigte: Leute glaubt nicht! Sebald ist ein Lügner. So wahr als ich nicht fliegen kann, so wahr ist es auch, daß Herr Sebald keine Wunder verrichtet. Kaum hatte der Ketzer so gesprochen, so wurde ihm das Stehen schwierig, seine Füße konnten nicht recht Grund fassen, die Arme breitete er aus, als wenn er sich an der Luft halten wollte und wie er zappelte, so fühlte er, daß er immer höher stieg und gleich einem Flaum, der vom Winde immer aufs neue in die Höhe getrieben wird, büßte er für seinen Frevel und flennte gewaltiglich. Da betete Sebald, und der Spötter kam wieder zur Ruhe und betete mit ihm. Langsam setzte der Gottesmann seine Reise fort. Die Natur kämpfte eben mit Winter und Frühling und es geschah, daß, als der Heilige das Donauufer erreicht hatte, der Eisgang die Brücke zertrümmerte und mit sich riß. Die Gefährten, der heil. Wilibaldus und der heil. Wunibaldus , sahen ihren Führer zagend an. Er aber zagte nicht, zog sich die Kutte ans, legte sie auf das Wasser, stellte sich darauf und schwamm über die wilden Fluten, die ihm kaum die Füße benetzten. Es war kalt. Er aber wußte sich zu helfen und ließ eine Frau, da sie in ihrer Strohhütte kein Holz hatte, Eisschollen herbeibringen und sie auf den Herd legen. Und die Eisschollen brannten wie das trockenste Holz. Die arme Frau fiel dem Heiligen zu Füßen und trug ihm dann noch ein Anliegen vor. Seit gestern, und das erzählte sie ihm mit Tränen in den Augen, hatte sie all ihr Hab und Gut eingebüßt, nämlich ihre beiden Ochsen, die sich im Walde verlaufen. Sie flehte und ihr Mann jammerte dabei, denn er hatte sie vergebens gesucht, bis es dunkel geworden. Herr Sebald befahl ihm, noch einmal nach dem Walde zu gehn, während des Gehens zu beten und – er würde finden. In der Nacht? grinsete ihm der Bauer entgegen. Allein jener wiederholte, was er gesagt hatte, und der Mann ging. Der meinte, es wäre Nacht, aber um ihn war Tag und seine Hand leuchtete wie die Sonne. Er betete und fand die Tiere. Wie groß war die Freude und das Entzücken, als die Ochsen heimgeführt wurden. Das Ehepaar kniete nieder und küßte dem Wohltäter Hände und Füße. Vor Dankgefühl zerflossen schier alle beide in Tränen und konnten sich nicht zufrieden geben und baten inbrünstig, daß er ein Opfer von ihnen fordern möge. Seid fromm! rief Sebald. Wer weiß, ob ich nicht einst einen Dienst von euch verlange und wer weiß, ob ihr ihn dann tun werdet. Das tat den Armen recht weh, die nun noch lauter beteuerten, wie aufrichtig es von ihnen gemeint sei. Der Heilige setzte seinen Wanderstab weiter und kam in die Gegend von Nürnberg. Hier in dem Lorenzerwalde hauste er und es vereinigten sich wieder seine Gefährten mit ihm, die an der Donau sich von ihm getrennt hatten. Die gottgeistigen Männer taten hier nichts, als Wunder, der Herr Wilibald und Wunibald, vor allen der Herr Sebald. Der letztere war noch nicht alt, als er sein letztes Stündlein schlagen hörte. Da er auf dem Todesbette lag, so fragten ihn weinend die Gefährten, was er noch auf dem Herzen hätte, wo und wie er begraben zu werden wünschte und anderes. Der Sterbende bezeichnete jetzt den Freunden eine Frau, deren Hütte bei Regensburg unweit der Donau läge. Zu ihr sollten sie sich begeben und sie um ihre beiden Ochsen für etliche Tage bitten und die Tiere vor seinen Leichenwagen spannen. Lenken sollte sie niemand und wohin sie von selbst gingen und stille stünden, möchte man ihn beerdigen. Der heil. Sebald verschied. Die Freunde gingen alsobald zu jener Frau, aber diese fragte in verwunderlichem Tone, wer denn der Herr Sebald wäre? Jene baten und sie erinnerte sich, dem Heiligen sich zu einem Dienste erboten zu haben, aber doch nur bei seinen Lebzeiten. Sie schlug es ab, da sie einem Lebenden gern einen Gefallen täte, in Aussicht eines Gegendienstes, aber nicht einem Toten, bei dem auf nichts zu rechnen wäre. Kaum hatte das undankbare Weib so gesprochen, so brachen die wütigen Stiere die Stalltüre auf und rannten davon. Die beiden Heiligen schüttelten den Kopf und dachten, daheim andere Ochsen zu mieten. Aber zurückgekehrt sahen sie die entronnenen Tiere am Leichenwagen, die sich wie Lämmer anspannen ließen. Sich überlassen schweiften sie hin und her und lenkten dann nach Nürnberg ein. Vor der Petrikapelle blieben sie stehn, legten sich dann hin und standen nicht mehr wieder auf. Da ruht nun und rastet der heil. Sebald gar gnädiglich. Wenn er nach dem Tode rastet , wandte ich ein, so verleugnet er ja der Heiligen Art. So war es nicht gemeint, fuhr der Erzähler wieder fort. Sogleich als er beerdigt und ein erbärmliches Häuslein von Holz über seinem Grabe zusammengeschlagen war, konnte er nicht zur Ruhe kommen, bis auf seine Veranstaltung dasselbe nebst der Petrikapelle vom Blitz eingeäschert wurde. Da sah man ein, was für einen mächtigen Gast man aufgenommen hatte, und legte seinen Leichnam in einen übergroßen Sarg von echtem Silber und darüber führte man die allgewaltige Sebaldskirche auf. Jetzt läßt er es sich bei uns wohl gefallen und alle Gute und alle Böse erhalten von ihm ihren Lohn. Die reichen Leute legen in seine Sparbüchse Geld, das er unter die Bettler verteilt, und die Armen opfern ihm Brot, Früchte, Wachs und was sie haben. Und er weiß es ganz gut, wie es jeder Geber meint. Da war ein übermütiger Soldat, der brachte ihm Wein und goß denselben in den Sarg, damit der Heilige ihn tränke, ehe er verdürbe. Als jener das tat, streckte der heil. Sebald die Totenhand aus und zeichnete ihn dermaßen, daß Ihr noch auf seiner Backe die fünf Finger sehen könntet, wenn er noch lebte. Ein Bauerknecht sollte einst für seine Herrschaft einen Käse auf des Heiligen Grab legen. Da er aber sah, daß mehr als ein Käse schon geopfert, aber keiner angerührt war, so meinte er, es klug zu machen, indem er seinen Käse behielt und einen ganz ähnlichen Stein dem heil. Sebald vorsetzte. Der Bauer biß darauf in den Käse, aber brach sich sogleich zwei Zähne aus, denn es war ein Stein. Er verwunderte sich, daß er anstatt einen andern, sich diesmal selbst betrogen hätte, schlich in die Kirche und wechselte heimlich die Gaben. Aber der neue Käse war nicht minder hart und er verlor wieder ein paar Zähne. Er vertauschte ihn von neuem, allein er mußte wieder büßen. Als er keine Zähne mehr hatte, gönnte er dem heil. Sebald den Käse und warf den Stein dahin, woher er ihn genommen. Den Frommen läßt er es aber wohl ergehn. Es war, als mein Urgroßvater lebte, daß eine arme Frau mit ihrem bereits gestorbenen Kinde in die Kirche lief und bat den Schutzpatron, es lebendig zu machen. Und horch! als der Priester das Amt hielt, so erwachte das Kind und sagte ganz laut: Amen! obgleich es erst drei Monate zählte. Er ist ein Freund aller Notleidenden und das solltet Ihr nicht glauben, daß der ehrbar züchtige Herr Sebald den Weibern auch in Kindesnöten beisteht. Lieb war es mir, daß das Gerassel auf dem Steinpflaster des Fuhrmanns Redeschwall hemmte und wir endlich in das Tor, unfern dem Schloßzwinger, einzogen. Ich fragte am Tor, was die Uhr wäre, und vernahm, da es doch noch Vormittag war, daß die Glocke eben zwei geschlagen hätte. Mich wollte bedünken, als wenn ich in eine Narrenstadt käme. Nachmals erfuhr ich, daß hier die italienische Uhr gelte und daß im Augustmond zwei Uhr bei uns neun Uhr des morgens wäre. An Narretei fehlte es indes nicht und mir war es, als wenn die ganze Stadt ein Ballsaal wäre und wenn die Bürgerschaft aus nichts denn ausgelassenen Buben bestünde. Überall wurde gegeigt und getrommelt und überall gab es Schmaus und Tanz. Leute, die schon erwachsen waren, umzingelten in buntscheckigen Anzügen mit Larven In der Handschrift » mit Schönbärten «, d.h. Larven mit Bärten, wahrscheinlich für Scheinbärte meinen Wagen und taten allerlei närrische Fragen. Anfangs war mir die Neckerei ärgerlich, dann aber freute ich mich mit dem Fuhrmann, der die Hände lachend in den Seiten stemmte. Ich wandte mich zu ihm, er möchte den nächsten Weg zum Herrn Hans Imhoff fahren. Das konnte er aber beim besten Willen nicht, denn auf allen freien Plätzen und da, wo größere Straßen sich durchschnitten, waren Lauben errichtet mit bunt bebänderten Tannenkronen, in denen bald gezecht und getafelt, bald zur Schalmei getanzt wurde. Endlich war mit nicht geringer Mühe das bestimmte Haus erreicht. Es ward angeklopft, aber nicht aufgetan. Nach langem Warten erklärte uns eine mitleidige Nachbarin, daß der Herr Imhoff mit all den Seinigen nach Neunhof gefahren wäre und vor Abend nicht zurückkehren würde. Eine wahre Hiobsbotschaft! Der Kutscher kehrte sich ruhig nach mir um mit dem Worte: Das hätte ich Euch vorher sagen können, denn am Sebaldustag ist niemand zu Hause. Die Vornehmen fahren aufs Land und die Armen schlendern auf der Straße umher. Wenn Ihr wollt, hochverehrter Herr, so tränke ich hier ein wenig die Pferde und fahre Euch nach Neunhof. Es liegt nur eine Meile von hier. Dort verlustiert sich der Herr Imhoff bei seinem Schwiegervater, dem alten Herrn Pirckheimer . Nein! rief ich ärgerlich, fahrt mich in die erste beste Schenke! Die erste und beste Schenke, erwiderte der Fuhrmann, ist auf dem Rathausplatz die goldene Rose. Da geht es ganz anständig her. Von neuem trieb er die Pferde an und, obgleich ich manche Ungemächlichkeit erfahren, so riß doch der Jubel, der alle Gesichter rings verklärte, mich mit in den Strudel der Lust und die goldene Rose auf dem Schilde der mir bestimmten Herberge galt mir als ein glückliches Wahrzeichen. Und die Ahnung täuschte mich nicht. Die öffentlichen Kunstmerkwürdigkeiten Nürnbergs. Der Schenkwirt zur goldenen Rose wies mir eine Treppe hoch ein heiteres Eckzimmer an. Hier vor Euch, werter Herr, seht Ihr die Sebalduskirche, in der heute viel Wesens ist, und hier zur Seite das Rathaus, die beiden vornehmsten Gebäude der Stadt. Den feierlichen Umgang, der um eine Stunde vor sich gehen wird, könnt Ihr hier ganz bequem aus diesem Fenster ansehn. So sprach der Wirt, der mit einer behaglichen Wohlbeleibtheit ein ruhiges und gemächliches Wesen verband. Allein ich halte nichts vom heimischen Leben an einem fremden Orte, zumal in den ersten Tagen. Kaum hatte ich einige Erquickungen zu mir genommen und den Staub von meinen Schuhen geschüttelt, so verließ ich schon die Schenke, nicht besorgt wegen des Wiederfindens, da der heil. Sebald mit den beiden Türmen mir von allen Punkten her als ein Pharus winkte, um sicher in den Hafen einzulaufen. Längs dem Rathause ging ich die gerade Straße und gelangte auf den großen Marktplatz, der etwa mitten inne zwischen jener Kirche und der des heil. Lorenz sich befindet. Kaum betrat ich den Markt, so fesselte meinen Blick der schönste Brunnen, den es geben mag. Ein zierliches Türmchen von ansehnlicher Höhe mit tausend Bogen und Giebeln, kunstreich durchbrochen, umringt von vielen Bildsäulen, ragt stattlich über dem Becken empor. Die Bildsäulen schienen lauter Heldengestalten zu sein, von denen manche der Kurfürstenmantel schmückte. Als ich vor dem Brunnen bewundernd stand, gesellte sich ein junger hübsch gekleideter Mann zu mir. Der sagte mir ein altes Gedicht her, worin die Helden alle namhaft gemacht waren. Nur den Anfang habe ich behalten: Am Markt zu Nürnberg steht ein Bronn, So weit, als leuchten mag die Sonn', Find't man desgleichen nicht. Der Jüngling hieß Stephan Paumgärtner und war Dürers Freund. Als ich ihn fragte, wer dieses Kunstwerk verfertiget hätte, so zeigte er mir auf der Rüstung einer Bildsäule, die den Carolus Quartus darstellte, den Namen Schonhofer . Das ist ein alter Meister, sagte er, von dem man sonst nichts weiß. Man weiß genug von ihm, erwiderte ich, wenn man den Brunnen gesehn hat. Geschicklichkeit hat er besessen, nahm jener wieder das Wort, aber den jetzt lebenden Steinmetzen, » Steinmetze « hießen die Bildhauer, die zugleich Baukünstler waren. einem Adam Krafft , kömmt er nicht gleich. Hier an der Frauenkirche, »Frauensaal« Karl IV. ließ die Kirche erbauen und nannte sie Unsrer lieben Frauen Saal . Sie ward auch kaiserliche Kapelle genannt. (er wies nach einem Kirchlein auf dem Markte hin) da könnt Ihr sehn, was der eine und was der andere leistet. Die Kirche ist von Schonhofer , aber die kunstreiche Kapelle über dem Portal ist von unserem Krafft , dem geschicktesten Baukünstler und Bildhauer. Wie angezaubert stand ich noch an dem Brunnen. Da schlug die Uhr der Frauenkirche und Paumgärtner zwang mich nach der Kirche zu gehen, um das Männleinlaufen zu sehn. Darunter verstand man das kunstreiche Uhrwerk über dem Eingang der Kirche, weil jede Stunde bewegliche, bunt bemalte Figuren hier einen Umzug hielten. Das sah gar possierlich aus. Auf dem Thron saß der Kaiser Karl . Ein Herold erschien und ihm folgten vier Posaunenbläser und darauf sieben Kurfürsten mit den Reichskleinodien. Jene, sobald sie vor dem Kaiser waren, setzten die Posaunen an den Mund und diese nahmen fein zierlich die Hermelinmützlein ab. Über dem siegprangenden Kaiser hieß es: »Mensch, bedenke dein Ende!« denn der Knochenmann schlug mit der Sense die Stunden an die Glocke. Wie es mir Paumgärtner erklärte, so waren diese schönen Figuren von Kupfer getrieben und vom Meister Sebastian Lindenast verfertigt, der vom Kaiser Max dafür allerlei Freibriefe erhalten hatte. Jetzt beschaute ich die Kirche, die nur klein war, und bewunderte die schöne Bauart, namentlich die des Eingangs, über dem sich ein Söller befand, von dem herab dem Volke an einzelnen Feiertagen seltene Heiligtümer von einem Priester gezeigt wurden, als da sind: die kaiserliche Krone, das Zepter und der Reichsapfel, Überreste von der Krippe des Heilandes, vom Gedeck des Abendmahlstisches und von der Dornenkrone. Ich nahm mir vor, mir alles Sehenswerte künftighin zeigen zu lassen, aber je länger ich in Nürnberg war, desto weniger schien es mir möglich, denn daselbst gibt es gar vieles zu sehen. Auf den Rat des Herrn Paumgärtner begab ich mich jetzt nach der Lorenzkirche, um daselbst das Sakramentshäuschen von Adam Krafft zu sehen, das er mir als das kunstvollste Werk schilderte. Der gerade Weg dahin führte mich über die Holzbrücke (Königsbrücke), von der das Auge die gelblichen Fluten der Pegnitz sich an den Borden fruchtbarer Inseln brechen sieht. Ich stand jetzt vor dem Lorenzmünster und die Frauenkirche war vergessen. Als ich zwischen den beiden goldgedeckten Türmen den Giebel mit dem runden sternförmigen Fenster, die reichen Bildwerke des Eingangs sah, da meinte ich, daß die Baukunst nichts Höheres erschaffen könnte, doch als ich in die Kirche trat und die himmelanstrebenden Gewölbe erblickte, ward ich zweifelhaft. Erhebend ist ein Blick zwischen die Pfeilerreihen, deren Bogen sich wie zu einem Laubengange vereinigen. Unbegreiflich, wie die Steine ihre Natur verleugneten und emporstiegen auf das Machtgebot der Kunst, als wenn der Stämme Lebenskraft die Zweige aufwärts zöge. Ich ging in den ungemeßnen Räumen umher ungewissen Schrittes, bis ich an einem Pfeiler zunächst dem Hochaltar anstaunend weilte. Hier ragte nämlich das kunstvolle Gebäude schlank und zierlich empor, in dem des Bischofs Hand die Hostie verwahrt. Nicht aus Stein schienen hier die Äste, Ranken und Blätter gehauen, sondern Blätter, Ranken und Aste versteinert. Und in der Tat war das Sakramentshäuschen wohl sechzig Fuß hoch, nicht ein Werk des Meißels, sondern der Gießkunst, Das Geheimnis der Steingießkunst ist längst als ein Märchen erkannt. denn Kraffts übermenschliche Kraft verstand die Steine zu erweichen und in Formen zu gießen. Es war das Bild des Meisters selbst, der mit zween Gesellen kniend die Balustrade trug, die das Gebäude umgab, jener, ein ehrwürdiger Kahlkopf mit langem Barte, blickte so mild hinauf, wie diese so störrisch und bäuerisch grob. Darüber befand sich der heilige Schrank, von jeder der vier Seiten mit Erzgittern verwahrt. Blumen und Zweige in lieblicher Verschlingung umflochten dann das durchsichtige Türmchen, dessen Spitze sich in einem Krummstabe endigt. Zwischen den Stäben und Ästen waren anmutige Bildwerke angebracht, die des Erlösers Leidensgeschichte vom Gebet auf dem Ölberg bis zur Auferstehung zeigten. Der dienstbeflissene Kirchner, der unaufgefordert sich neben mich stellte und der wohl meinen mochte, daß je schwerer er sich das Erklären werden ließ, desto schwerer das Trinkgeld ausfallen würde, quälte mich nicht wenig. Von allen Dingen, die er mir vortrug, war mir nur das eine angenehm zu hören, daß mein Freund Imhoff sich durch dieses Werk hier ein Denkmal gestiftet hätte. Fast mit Gewalt zog er mich von diesem Preise der menschlichen Erfindung und zeigte mir hier ein großes Schnitzwerk, das am Gewölbe hing und die Verkündigung Mariens vorstellte, ein Werk von Veit Stoß , und dort die gemalten Fenster, die mit blendendem Glanz wie Saphire und Rubinen schimmerten, von denen das eine, das Volkamerische, den Stammbaum der Mutter Gottes enthielt, das andere, das Markgrafenfenster, Bildnisse der Burggrafen von Zollern zeigte. Der Stadtmeister Veit Hirschvogel hatte diese Fenster gemalt, der wie Veit Stoß noch lebte, Kunstgenossen des größern Krafft . Ob ich auch nach diesen Herrlichkeiten zu verschiedenen Altarblättern hinblickte, die der Erklärer mir weitläuftig beschrieb, so stand das Sakramentshäuschen doch immer vor meinen Augen. Als ich wieder dahin sehnsüchtig zurückkehrte, lachte jener still für sich und fragte mich, ob ich schon in der Sebalduskirche das Sebaldusgrab von Vischer gesehen hätte. Auf meine Verneinung rief er ein über das andere Mal: was werdet Ihr da erst für Augen machen, denn Peter Vischer ist mein Seel! der erste. Ich sah ihn zweifelnd an, worüber er fast ärgerlich ward. Habt Ihr denn wirklich, hub er wieder an, nichts von dem vornehmsten Rotschmid, Rotschmiede oder Rotgießer wurden die Messingarbeiter genannt. von Peter Vischer , gehört? Überall in Deutschland, was sag' ich Deutschland? in Böhmen, Ungarn und Polen ist mit seinen Werken sein Ruhm hingedrungen. Keiner der Potentaten, so viel ihrer nach Nürnberg kamen, verließ je die Stadt, ohne Vischers Gießhütte besucht zu haben, und mancher Fürst ist bloß seiner Werke und seinethalb hieher gereist, und kein Kunstkenner, wie Ihr einer seid, darf darin den gekrönten Häuptern nachstehen. Was ist Krafft und was ist Vischer ? Ich hielt es für Geschwätz. Während der Kirchner noch sprach, erscholl auf einmal ein Schreien und Jubeln und alle Glocken klangen und ein geistlicher Gesang ertönte bei Posaunen und Pauken. Jetzt kommt, geehrter Herr, den feierlichen Umgang zu sehen, der unsrer Kirche vorbei nach dem St. Sebald zieht. Ich beschaute das Sakramentshäuschen und äußerte meine Gleichgültigkeit, dergleichen zu sehen. Aber der Umgang wird heute gar prächtig ausfallen, sagte der Kirchner, der vor Neugierde brannte und dennoch nicht von mir weichen wollte. Ja, folgt mir, denn ich habe Euch noch außerhalb der Kirche herrliche Bildwerke zu erklären, die alle von Adam Krafft , von dem großen Meister, herrühren. Mir blieb nichts anders übrig, als ihm zu gehorchen. Und ich bereute es nicht, denn die schönsten Jünglinge und Jungfrauen sah ich hier in den geschmackvollsten Trachten. Auch hier zeigte sich, daß in Nürnberg der Kunstsinn zu Hause ist. Als wir aus der Kirche traten, war der Zug der Priester schon vorüber und rechts und links, wie weit das Auge reichte, flatterten Fahnen und dampften Kerzen. Feierlich tönte überall Gesang und Musik. Alle Stände und Zünfte mit den Zeichen ihrer Hantierung folgten in buntem Gewühl. Am meisten gefiel mir ein Zug von schmucken jungen Leuten, die die Propheten und allerlei Heilige vorstellten. Da sah ich im Purpurmantel, feierlich angetan mit goldener Krone, den König David, wie er die Harfe spielte, und hier die heil. Margarete, die in den Händen eine Palme und einen Drachen trug. Am schönsten aber war Ursula, an dem langen Pfeil erkennbar, und ihr Gefolge, eine Zahl der schönsten Jungfrauen, und daneben ihr keuscher Bräutigam mit einem Zuge von Rittern und Knappen. Die waren alle so prachtvoll und schön gekleidet, wie man sie auf alten Gemälden sieht. Wer ist das Mädchen dort und der Jüngling? fragte ich den Kirchner, ob er gleich Gebete vor sich hinmurmelte. Die Ursula, belehrte er mich, ist Afra Tucherin, des Bürgermeisters Tochter, und ihr Bräutigam ist wirklich ihr Bräutigam, Hans Schaufelin, Dürers Schüler. Sein Name war mir bekannt und die geschmackvolle Anordnung rühmte seine Kunst. Unter Ursulas Begleiterinnen war vor allen eine Jungfrau, schön, im roten Kleide mit blauem Überwurf, ein wahrhaftes Madonnenbild. Wie sie ihr blaues Auge so sittsam niedersenkte und das blonde Haar ihr lieblich auf die Schultern floß! Als der Zug etwa in Zeit von einer Stunde vorüber war, zeigte mir mein Führer den Ölberg, den Adam Krafft unter einem Fenster an einem vorspringenden Pfeiler angebracht hatte. Unter einem Dach, das auf dünnen Säulen ruhte, sah man den Heiland, wie er inbrünstig betete, und die drei Jünger mit schlaftrunknen Augen. Hier brannte für beständig ein Lämpchen. Vielleicht kam es, weil ich zerstreut war, daß mir dieses Werk nicht sonderlich gefiel. Ich erwies mich jetzt dem Kirchner für seine Mühe dankbar und ging den Weg zurück, um mit dem Festzuge, der sich langsam vor mir her bewegte, nach dem Sebaldusgrabe zu wallfahrten. Auf dem Wege bedachte ich, wie so wunderbar auf einmal mein Sinn sich verändert hatte, wie ich sonst ein so begeisterter Bewunderer von Gemälden war und gleichgültig bei Bildwerken vorüber ging, wie ich sonst in jeder Kirche aufmerksam von Altar zu Altar mich begab und mich lange noch der gesehenen Bilder freute und wie ich jetzt, da ich kaum dem heil. Lorenz den Rücken gekehrt, mich keines Gemäldes mehr zu erinnern wußte. In der Sebaldskirche setzte ich mir vor, meinen Fehl zu bessern, und sah daher diesmal den schönen Brunnen auf dem Markt nur mit halben Blicken an, ebenso die Eingangsseite der Sebaldskirche, an den ein ungeheures Kruzifix von Bronze hing. Mühsam drang ich in die Kirche, da die ganze Stadt auf dem Kirchenplatz versammelt schien. Auf dem Hochaltar hielt ein Bischof eben die Messe. Flüchtig sah ich nur die gewebten Teppiche an, die heute die Wände der Kirche bekleideten, – bunt genug nahmen sich auf ihnen die Wunder des heil. Sebald aus – flüchtig den Taufstein, der nach Wenzel genannt wird, weil bei der Taufe ihn der Kaiser Wenzel taufte. Mit magnetischer Kraft dagegen zog mich die erzne Kapelle an, die in unvergleichlicher Herrlichkeit mitten in der Kirche des heil. Sebald silbernen Sarg, groß wie ein Hünengrab, umschloß. Am Sockel las ich die Inschrift: »Peter Vischer, Bürger in Nürnberg, machte dieses Werk mit seinen Söhnen. Ist allein Gott dem Allmächtigen zu Lob und St. Sebald dem Himmelsfürsten zu Ehren mit Hülfe andächtiger Leute von Almosen bezahlt.« Kunstreiche Pfeiler trugen an dem Gußwerke des Gewölbes kunstreiche Bogen. An ihnen standen die zwölf Apostel, als die wahrhaften Stützen der heiligen Kirche. Zwischen den Pfeilern standen hochragende Leuchter, wie man diese neben Särge stellt, aber, genau betrachtet, waren die Lichte schlanke Säulen, die das Gewölbe tragen halfen. Drei vielfach durchbrochene Türmchen krönten das Werk. Aber was sage ich von all den kleinen Figuren, von den viel tausenden, die oben und unten auf der Platte sich befanden? Unter ihnen das Bild des werktätigen Meisters mit dem Schurzfell, das den Meister ziert, wie den König der Purpur. Gar selten und lustig waren viele Figuren auf der Platte, die auf kriechenden Schnecken ruhte. Ich dachte an den redseligen Kirchner und beschämt erkannte ich seine Worte als wahr. Unbeweglich würde ich vor dem Kunstwerke geweilt haben, nicht achtend dessen, was um mich in der Kirche geschah, wenn nicht nach geendigter Messe sich der bunte Zug nach dem Sebaldusgrabe begeben hätte, um hier nun seine Andacht zu halten. Ich floh die heilige Stätte, erleuchtet durch ein Wunder der Kunst. Nur im Vorübergehen betrachtete ich die Bildwerke, die die hintere Seite der Kirche von außenher schmückten mit Vorstellungen aus der Leidensgeschichte Christi. Einen Teil von ihnen konnte ich aus meiner Schenke sehen. Sie ließen mich kalt, obgleich sie von Adam Krafft herrührten. Als ich nach meiner Herberge zurückkehrte, empfing mich der Wirt, der sich ein zierliches Kleid angelegt und darüber eine schneeweiße Schürze gebunden hatte, mit den Worten: ich wäre zur rechten Zeit gekommen, denn die Suppe würde eben aufgetragen. Er führte mich in seinen Garten, wo unter duftenden Bäumen gespeist wurde. Eine Anzahl der angesehnsten Bürger waren zum Mahl versammelt und an Zuschauern fehlte es nicht, die sich vom Volke dazu einfanden, denn am Sebaldustage war allen Armen gleichsam ein Freibrief gegeben, die Brocken von der Reichen Tisch zu sammeln. Unter den Gästen befand sich auch Herr Paumgärtner, der mir einen Platz neben sich und dem Ratsherrn Paulus Volkamer, einem etwas steifen Herrn, anwies. Ich überströmte gegen Paumgärtner in Ausdrücken der Bewunderung, womit all die Herrlichkeiten mich erfüllt hatten. Volkamer fragte mich, ob ich das Fenster betrachtet, das er in die Lorenzkirche gestiftet, und ihn schien es zu befremden, daß ich außer demselben noch etwas anderes daselbst bewundert hatte. Viel wurde von Nürnberg erzählt und sie erklärten sich darüber mit so viel Vorliebe, als ich mit Aufmerksamkeit ihnen zuhörte. Die Freude des Mahls wurde noch durch Musik erhöht, die Bergleute aus Böhmen dazu anstimmten. An ihr nahmen immer mehr Teil, je reichlicher den Armen von der reich besetzten Tafel gespendet wurde. Unter den Ungebetenen zog auf einmal meinen Blick jenes Mädchen auf sich mit den blonden Locken voll holdseliger Verschämtheit, das im Gefolge der heil. Ursula mir besser als sie selbst gefiel. Freudig erregt wandte ich mich zu meinem jungen Nachbar und fragte: Wer ist die Jungfrau? obgleich der Frauenzimmer viel umherstanden; und Paumgärtner wußte sogleich, wen ich meinte, und sagte: Maria heißt sie, Maria Rosenthalerin , ein armes Mägdlein. Der Name prägte sich tief mir ein und ich flüsterte vor mich hin: Maria – wie könnte auch die Jungfrau anders heißen! Unterdes ward auf die Gesundheit des mächtigen Kaisers und Königs getrunken – ich trank auf die meiner Königin, sodann auf die des weisen Rates – ich trank auf die des weißen Mädchens, endlich auf die aller Nürnbergischen Bürger – ich trank auf die der schönsten Nürnbergerin. Meinem Freunde entging es nicht, daß ich unverwandt zu ihr blickte, und weil er ein Schalk war, so wußte er es so einzufädeln, daß ich sie ganz in der Nähe sah. Er stand auf und bat ein Wort an die ehrenwerte Versammlung richten zu dürfen; alsdann stellte er es wahrhaft bewegend dar, wie mancher Edle unverdienter Weise an diesem Tage darbte, während sie selbst, vom Glück begünstigt, der Freude ihr Herz öffneten; wie vor allen ein armer, einst arbeitsamer Greis in ihrer Vaterstadt die Teilnahme der Guten verdiente, den Blindheit daran hinderte, Brot zu erwerben, und Stolz, es zu erbetteln. Jeder in der Gesellschaft erklärte sich bereit, dem Greise (der nicht genannt wurde) durch ein Scherflein die Not zu mildern. Der Redner stand jetzt auf, nahm einen Teller und schritt zur schönen Maria hin, damit sie die Gaben einsammelte. Wer war froher als ich? Da nun die Jungfrau mir den Teller hinreichte, so legte ich unter die kleinen Silbermünzen einen Dukaten. Dafür meinte ich aber auch dem Mädchen ins Angesicht sehen zu können, und wahrlich, ich hatte nicht zu viel gegeben. Maria aber wollte das Goldstück nicht nehmen und wollte es mir zurückgeben. Ich zog die Hand hinweg und Paumgärtner warf sich als Vermittler auf, indem er sagte: Nimm, Mädchen, das Geschenk! Du sammelst ja das Geld nicht für Dich, sondern für den alten Vater. Ebenso freudig als beschämt schüttete sie das Geld aus dem Teller in ein Tuch und – fort war sie. Mein Auge folgt ihren Tritten, und mir war ganz wunderlich zumute. Die Bildner Vischer, Krafft und Lindenast. Das Wort jenes Kirchners, daß niemand, der für die Herrlichkeit der Kunst nicht unempfindlich sei, Vischers Gießhütte zu besuchen versäume, klang mir wie ein Evangelium in den Ohren wieder. Ich faßte den Entschluß, mich nach Vischers Wohnung hinzufragen, um den Mann, der mir alle in Nürnberg weit zu überstrahlen schien, von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Auf diese Weise meinte ich den Sebaldustag, dessen rauschende Freuden mich lang genug ergötzt hatten, gut zu beschließen. Freilich kam es mir sonderbar vor, daß ich als ein Fremder ihn, der mir als ein achtbarer Familienvater geschildert war, in seiner Ruhe stören wollte spät am Abend, zumal an einem Heiligentage, an dem die Lieben des Hauses, gewöhnlich zu einem traulichen Mahl versammelt, durch die Dazwischenkunft eines Ungebetenen unangenehm überrascht werden. All diese Rücksichten aber überwand bei mir die Sehnsucht nach der Bekanntschaft des kunstreichen Rotschmieds. Ein Knabe war bald gefunden, der mich zu Vischers kleiner Wohnung führte. Die Türe fand ich offen und trat in eine kleine dunkle Hausflur, in der ich vergeblich horchte, ob es sich nicht irgendwo regte, und wo ich erst, nachdem mein Auge sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, eine eichene Stübentüre mit Messingbeschlägen bemerkte. Ich klopfte an, aber alles war mäuschenstill und nur der Schlüssel, der in der Türe steckte, gab mir die Hoffnung, daß jemand zu Hause wäre. Den Hausherrn selbst zu sprechen, gab ich auf und hegte nur den bescheidenen Wunsch, zu erfahren, wann ich des andern Tags ihn wohl besuchen dürfte. Da auf mein wiederholtes Anklopfen kein Laut sich vernehmen ließ, so öffnete ich leise die Türe und trat in das Zimmer. Drei Leute saßen hier in Hemdärmeln an einem Tisch und zeichneten so eifrig, daß weder mein Pochen, noch meine Tritte gehört wurden. Verlegen stand ich da und scheute mich, die feierliche Stille zu unterbrechen. Endlich faßte ich mir ein Herz und stammelte einen Gruß. Einer von den dreien guckte sich um und schob ein wenig sein schwarzes Käppchen. Es war ein Mann von etwa fünf und fünfzig Jahren mit einer etwas gedrückten Nase und braunen, schön gekräuseltem Bart. Was beliebt? fragte er kurz. Ich trug, nachdem ich meinen Namen und Stand genannt, ihm das Anliegen vor, den Herrn Meister Vischer zu sprechen und seine Gießhütte zusehen, wenn es ohne Störung geschehen könnte. Ihr stört mich immer, denn geschäftslos bin ich nie. An meiner Gießhütte ist nichts zu sehen, da keine Arbeit ist. Wer weiß, wann wieder einmal ein Gußwerk bestellt wird? Das Geld ist knapp und die Kunst wenig geschätzt. So sagte der Alte und ich darauf: Heute fürchte ich Euch noch mehr als sonst zu stören, da Ihr, wie ich sehe, Zeichenunterricht erteilt. Jener lachte und ich erkannte meinen Irrtum, da die beiden andern, die so lange über den Tisch hingebeugt saßen, endlich aufsahen. Der eine von ihnen war nur wenig jünger und der andere mit schneeweißem Bart und einer Glatze wohl zwölf Jahre älter. Arbeitet man in Nürnberg noch so spät und selbst am Heiligentage? fragte ich, um ein Gespräch einzuleiten, und Vischer erzählte, daß es wenigstens seine Sitte wäre und der Meister, die ich vor mir sähe, sich an den Feiertagen Abends im Zeichnen zu üben, denn welcher Meister über die Lehrjungenjahre hinaus zu sein glaubte, der finge an zu verlernen. Das junge Volk, er meinte seine Kinder, die könnten keinen Heiligentag, namentlich das Sebaldusfest, daheim verbringen und daher wäre es nötig, daß er das Haus bewachte. Die Sitteneinfalt, die sich in Vischers Rede kund gab, versöhnte mich sogleich mit ihm, wie barsch er auch meinen Gruß erwiderte. Er stand aus, ein langer, aber stämmiger Mann mit einem waren Herkulesnacken, und drückte mir die Hand, denn da ich mehrere vorgelegte Fragen ihm beantwortete, so nahm es ihn für mich ein, daß ich bei meinem kurzen Aufenthalt in Nürnberg schon so viel gesehen hatte. Mit ungeheuchelter Begeisterung pries ich das Sebaldusgrab, das ich die Krone der edelsten Kunst nannte. Weniger mein Lob, als manche Bemerkung, die ich darüber hinwarf, war für ihn Grund, mich vor der gewöhnlichen Art von Reisenden auszuzeichnen. Er wurde jetzt unruhig, schob unmutig das Käppchen hin und her und brach dann in Klagen darüber aus, daß er mir nichts vorsetzen könnte, daß niemand zu Hause und Speisekammer und Keller verschlossen wäre. Ich beschwichtigte ihn dadurch, daß ich mir eben den Abendimbiß hätte wohl schmecken lassen, und bat ihn nur, mit den andern Meistern mich bekannt machen zu wollen. Der eine von ihnen war der geschickte Sebastian Lindenast , der Meister des herrlichen Uhrwerks auf der Frauenkirche . Dieses war ein ernster, stiller Mann mit langem gelben Haar und glattem Kinn. Ich rühmte sein Werk als unvergleichbar, er aber wies mein Lob zurück mit den Worten: Ich habe, werter Herr, nur die kupfernen Figuren gemacht, nur die Körper vom Kaiser und den Kurfürsten, aber mein Freund Hans Heuß hat ihnen die Seele gegeben. So hieß nämlich der berühmte Schlossermeister, der Kirchenuhren verfertigte, wie keiner sonst. Der dritte Meister, ein Siebzigjähriger, sah mich mit schwarzem Auge, dessen Jugendfeuer gar sehr von dem Silberbart abstach, so freundlich und zutraulich an, als wenn wir uns schon oft begrüßt hätten. Und wirklich hatte ich ihn schon gesehen in der Lorenzkirche am Sakramentshäuschen, nicht ihn selbst, aber ein treues Abbild. Es war Adam Krafft , der erste Steinmetz, nicht in Nürnberg, sondern in der Welt. Der alte Herr stand rüstig auf, setzte mir einen Schemel neben sich zurecht und vernahm es mit Freude, daß ich seine Werke mit Bewunderung schon betrachtet hätte und noch oft betrachten wollte. Auf meine Frage, was sie zeichneten, nahm Meister Lindenast das Wort. Wir zeichnen immer alle ein Ding, jeder nach seiner Erfindung. Heute war an mir die Reihe, aufzugeben, und weil mir schon lange ein Bildwerk am Rathause mit dem heil. Martinus zu Pferde mißfallen, so schlug ich vor, ihn abzubilden, wie er mit einem Bettler seinen Mantel teilt. Dort hält der Heilige in einer Art den Degen, daß man meint, er wolle sich oder den Bettler erstechen, und am wenigsten, er wolle ein Stück des Mantels abschneiden. Da er so sprach, dachte ich darüber nach und äußerte das Bedenkliche, ihn genügend und deutlich darzustellen. Der Bettler fleht und, anstatt ein Almosen vorzuziehen, zieht Martin den Degen. Das Roß muß die streitbare Natur des Reiters zeigen und dennoch, von keinem Zügel gehalten, stille stehen, während er mit beiden Händen den Mantel zerschneidet. Nicht schicklich wäre es, den Bettler nackt darzustellen, und dennoch soll man erkennen, daß ihm des Mantels Hälfte zugedacht sei. Meine Rede fand Beifall und sonderlich bei Vischer , der auf einmal ausrief: sonst ist es unser Brauch, uns freundlich und brüderlich zu besuchen und voneinander zu scheiden, ohne etwas zu essen und zu trinken, heute aber muß eine Ausnahme stattfinden. Unser Gast, der so klug spricht, muß, sei es, wie es sei, bewirtet werden. Drum schlage ich euch, Freunde, vor, daß wir von ihm unsre Zeichnungen beurteilen lassen (er ist uns allen gleich fremde und nimmt daher keinen Part) und daß derjenige von uns, den er den Preis zuerkennt, die Zeche bezahle. Wir gehen daneben in die Schenke, und wer die Ehre hat, der habe die Qual. Deß waren alle zufrieden. Ich betrachtete lange die Zeichnungen, von denen jede, allein betrachtet, unübertrefflich schien. Am saubersten und zartesten war die von Lindenast ausgeführt und die von Vischer am derbsten. Die Dürftigkeit des Mitleid erregenden Bettlers war auf allen drei Blättern gleich schön, der Kopf des Ritters überall gleich edel und das Roß gleich kriegesmutig. Bei Lindenast sah man Martin deutlich den Mantel zerschneiden, indem er darauf hinblickte, um wirklich als Christ zu teilen. Bei Krafft dagegen war der unverwandte Blick des Ritters auf den Armen gerichtet und mit dem Degen durchfuhr er den Mantel, unbekümmert, wieviel ihm selbst noch zur Hülle übrig bliebe. Bei Lindenast schien sich der Ritter doch noch zu bedenken, während er den Bettler bedachte, hier aber war volle Freigebigkeit ausgedrückt. Daß das Roß hier und dort wie gebunden stand, gefiel mir nicht. Bei Vischer war dies nicht der Fall. Das Roß schien sich vielmehr vor dem Anblick des Bettlers am Wege zu entsetzen und blickte zornig seitwärts, aber mit den Zügeln, die er mit dem Ellbogen an die Brust preßte, lehrte der Ritter es stille stehen. Er blickte nicht allein zum Flehenden hin, sondern mit einer Hand schneidend, reichte er ihm schon mit der andern den Mantel dar. Hier war die größte Wahrheit und die größte Entschiedenheit. Ich lobte alle drei Zeichnungen, aber freimütig machte ich auf alle Mängel aufmerksam und wunderbar! erzürnte niemand. Ja, sagte Vater Krafft mit dem Kopf nickend, Meister Vischer hat es heute am besten gemacht. Recht so! rief Vischer , ihr stimmt ihm bei und laßt mich zahlen. Ihr versteht es. Aber dem fremden Herrn danke ich doppelt, denn eine Schande wäre es, wenn sich der Hausherr von den Gästen frei halten ließ. Da ich die Zeichnungen noch immer bewunderte, so fragte mich Krafft , ob er mir mit der seinigen ein Geschenk machen könnte. Ich war hoch vergnügt darüber und hub an: Wie seid ihr Meister alle doch begünstigt vor andern Menschen. Auch ich habe eine rechte Hand, die Hand hat Finger und dennoch könnte ich keinen geraden Strich ziehen. Nicht allein die rechte, sagte Krafft darauf lächelnd, auch meine linke Hand ist zu brauchen. Er ergriff mit ihr den Rötel und verbesserte die Zeichnungen in einer Art, so daß es viele Meister mit der rechten ihm nicht nachgemacht hätten. Krafft arbeitete mit der linken und der rechten Hand gleich geschickt. Auch Lindenast und Vischer schenkten mir ihre Zeichnungen. Ich dankte innigst gerührt für die Gaben und versicherte, es sollten sich ihrer noch Kind und Kindeskind freuen. Ich bat die freundlichen Geber, das Andenken mir noch durch die Unterschrift ihrer Namen zu erhöhen. Da sahen mich alle befremdet an und sagten beinahe einstimmig: Wir sind Werkmeister, aber keine Schreibmeister. Das Schreiben verstehen wir nicht. Sie unterzeichneten sich darauf auf ihre Weise. Der eine zeichnete darunter ein Paar Fischlein, der andere einen Blütenast, den Bienen umschwärmten, und der dritte einen Herkules, der des Atlas Kugel trägt. Wohlgemut begaben wir uns alle darauf in die Weinschenke und plauderten bei einem perlenden Gläschen, als wenn wir von Kindesbeinen an zusammen gelebt hätten. Ich konnte mir fast nicht denken, was ich sah, daß ich, ohne alle Empfehlung, als fremder Kaufherr neben drei der ersten Künstler, von denen der jüngste mein Vater hätte sein können, hier in so traulichem Vereine die heitersten Stunden verlebte. Das ist die ewige Jugend der Kunst. Wie Kinder nach dem ersten Bewillkommnen sogleich miteinander bekannt sind, so lieben sich auch alle, die die Kunst lieben, und voll Kindeseinfalt vergessen sie Alter und Rang. Vater Krafft scherzte viel und sprach allerlei Dinge, und da er hörte, daß Herr Hans Imhoff unser gemeinschaftlicher Freund wäre, so umhalste und küßte er mich. Meister Vischer verglich unsre Zusammenkunft in der Schenke mit einer ähnlichen in Rom, woselbst er länger, als die beiden andern Kunstgenossen, verweilt hatte, und nahm Anlaß, viel von italienischen Sitten und Lustbarkeiten zu erzählen. Eine ernste Wendung gab dem Gespräche Lindenast , der über die Künste, die dort wetteifernd um den Kranz rängen, manches Beachtenswerte vorbrachte und mich endlich aufforderte, da ich verständig zu sprechen wisse, über den Vorzug der einen Kunst vor der andern ein freimütiges Geständnis abzulegen, namentlich ob die Malerei oder Bildhauerei erhabener wäre. Die andern Meister stimmten ihm bei und drangen in mich, über das viel Besprochene zu entscheiden. Ich wich lange dem Antrage aus, denn ich verstünde es nicht. Bevor ich nach Nürnberg gekommen, hatte ich nur an Gemälden meine Freude, hier hatte ich die ersten schönen Bildwerke von Stein und Erz gesehen und der Eindruck, den sie auf mich zurückgelassen, war so mächtig, daß ich ganz so urteilte, als sie die Pfleger der Bildnerei es gern hörten. Vischer, der mir gegenüber saß, stützte sich mit beiden Händen auf und sah gespannt mich an, als ich so begann: Wohl kann das Gedicht täuschen, ihr glaubt es zu sehen, was es schildert, aber nur der Geschichte, die alle Schönmalerei verschmäht, könnt ihr vertrauen. Jenes gibt einen holden Schein, diese dagegen Wahrheit, kalt und ernst, wie sie. Jenes ist voll einschmeichelnden Zaubers, der flüchtigen Jugend Augenweide, diese ist des reiferen Alters nie versagender Trost. Der Vergleich zwischen dem Gedichte und der Geschichte ist der Vergleich zwischen der hold lächelnden Malerei und der ehrwürdigen Bildhauerkunst. Dies sagte ich nicht, um ihnen zu schmeicheln, sondern, weil es mir wirklich so ums Herz war. Ein lebhaftes heiteres Gespräch ließ uns die Stunden der Nacht vergessen, bis das Nachtwächterhorn uns an die Trennung mahnte. Wir brachen zusammen auf. Zuerst wurde Freund Vischer von allen nach Hause begleitet, dann trennte sich Lindenast und nur der Vater Krafft wich nicht eher von mir, als bis ich die heimische Schwelle erreicht hatte, denn er wollte ein verdrießliches Umherirren mir ersparen. Mir tat es um den Alten leid. Er redete mir ein, daneben zu wohnen, dem aber war nicht so, wie ich nachher erfuhr. Von Krafft ward mir der Abschied schwer. Wie bewegend er mir seine Freundschaft versicherte! Wie er als ein feierliches Gelübde mir das Versprechen abnahm, ihn nächstens zu besuchen! Es war schon spät, als ich mich in meinem Zimmer befand, aber was ich am Sebaldustage gesehen und erfahren, hatte mich dermaßen aufgeregt, daß mich lange die Schlaflust miet. Ich breitete vor mir die empfangenen Zeichnungen aus und konnte mein Auge nicht von Vischers Erfindung trennen. Wie müßte sich dieser Ritter von Erz erhaben und prächtig ausnehmen! So überlegte ich und ein Gedanke stieg in mir auf, der später erst zur Reife kommen sollte. Albrecht Dürer, der Maler. Das Gemälde mit Mariens Himmelfahrt. Seit mehr als zehn Jahren hatte ich mit dem Herrn Hans Imhoff im Briefwechsel gestanden. So wortkarg auch Geschäftsbriefe sind, so hatte ich doch aus der Peinlichkeit, mit der er meine Aufträge wahrnahm, aus den feierlichen Ausdrücken, die hie und da vorkamen, selbst aus der steifen Schrift mir ein Bild von ihm entworfen, das aber nicht im geringsten mit der Person übereinkam. Denn in mein Zimmer trat ein Mann von froher Lebendigkeit, Imhoff , den eigens der Meister Krafft aufgesucht hatte, um von meinem Hiersein ihm Kunde zu geben. Er besuchte mich voll zuvorkommender Freundlichkeit, da es noch früh am Tage war. Die Bitte, in seinem Hause zu wohnen, lehnte ich höflich ab, da ich in der goldenen Rose wirklich sehr gut aufgehoben war. Wir schwätzten viel zusammen. Das Kapitel von Geschäften war bald beendigt. Mir ging das Herz in seiner Gesellschaft auf, da ich an ihm einen gleichgesinnten Freund gewonnen hatte, und wie es uns wohl tut, im Alter ein vergeßnes Jugendlied zu hören, so erwachte mir in seiner Liebe die Erinnerung einer glücklichen Zeit. Ich erzählte ihm von all dem Schönen, das ich gesehen, namentlich von den Werken Vischers . Imhoff lächelte, da ich ihn den ersten Künstler Nürnbergs nannte. Ihr kennt noch nicht unsern Dürer ! wiederholte er oft. Was die Natur einzelnen Geistern freigebig gespendet, das seht Ihr in ihm vereint. Er ist der größte Künstler. Er ist der größte Maler, sagte ich. Um der größte Künstler zu sein, dazu gehört viel. Er ist der größte Künstler, der je gelebt hat, fiel er wieder ein. Seine Gold- und Elfenbeinarbeiten, seine Holzschnitte und Kupferstiche, seine Zeichnungen und Gemälde werden ewig unübertroffen bleiben. Meine Mienen drückten Zweifel aus, obgleich ich noch keines von seinen großen Werken gesehen hatte. Beschaut erst Euer Altarblatt, rief Imhoff , und Ihr werdet Dürers Wert erkennen. Ich will es nicht mehr! erwiderte ich, ich will es heute noch abbestellen. Ich habe unsrer Dominikanerkirche als ein frommes Gelübde ein Altarblatt bestimmt, aber darum darf es nicht von Dürer sein. Mit Dürer will ich nichts zu schaffen haben, der sich mir wenig edel gezeigt hat. Es werden wohl in Nürnberg noch andere gute Meister sein, Meister, welche ihr Wort halten. Da Imhoff mir meine Rede zu verargen schien, so zog ich Briefe von Dürer hervor, aus denen ich folgende Stellen vorlas: »Mit dem zugesagten Preis bin ich zufrieden. Wenn Ihr lange warten müßt, so wisset zum Trost, daß, so mir Gott die Kraft verleiht, ich Euch etwas machen will, das nicht viele Leute können. Am Tage Augustin, 1516.« »Ihr verlangt, daß ich Eure Tafel gut machen soll, das habe ich wahrscheinlich im Sinn. Am Hauptbild soll Euch kein andrer Mensch einen Strich malen. Aber für den bedungenen Preis von 130 Gulden kann ich Euch alsdann die Arbeit nicht stellen. Gebt mir darum 200 Gulden und seid versichert, daß, wenn ich selbst 400 Gulden empfinge, ich keinen Gewinn daran hätte. 1517.« »Ihr beklagt Euch gegen mich in Zorn, daß ich unredlich mit Euch verfahre und von meinen Worten abgehe. Ihr schreibt mir, daß ich Euch zugesagt habe, die Tafel mit dem allerhöchsten Fleiß, so ich kann, zu malen. Das getraue ich mir nicht auszuführen, und wenn ich mein ganzes Leben daran setzte. Denn mit dem größten Fleiß kann ich ein Angesicht in einem halben Jahre kaum machen. Eure Tafel hat aber an hundert Gesichter, abgesehen von den Gewändern, der Landschaft Und andern Dingen, die daran sind. Hätte ich Euch das wirklich zugesagt, so dürftet Ihr es dennoch nicht begehren und meinen Schaden verlangen. 15I7.« »Ihr habt mir Euren Unwillen zu erkennen gegeben, daß ich Euch bis jetzt noch nicht die Tafel geschickt habe, jedoch bin ich mir bewußt, eifrig an derselben gearbeitet und keine andere Arbeit unter Händen gehabt zu haben. Ich möchte nicht eilen, weil ich durch meinen Fleiß Euch zu gefallen und mir Ruhm zu erlangen trachtete. Da Ihr bereut, Euch mit mir eingelassen zu haben, so will ich lieber meinen Schaden, als den Verlust Eurer Freundschaft, und die Tafel zurücknehmen. 1518.« Als ich dies gelesen, so erzählte Imhoff, daß vor einer Woche Albrecht Dürer zu ihm gekommen wäre, um die empfangenen hundert Gulden zu entrichten, die er aber ohne meinen Auftrag nicht annehmen konnte. Ihr versteht nicht, rief er, was es mit der Kunst für ein Wesen hat. Und da ich meinte, mich im Felde der Kunst ein wenig umgesehen zu haben, wiederholte er: Ihr versteht es nicht in Eurem Frankfurt. Der Künstler, wenn er auch Apollos Schüler ist, vermag nicht vorauszusehen, wann und zu welchem Preise er dies oder jenes Werk stellen werde. Das ist bei uns Handelsleuten ein anderes. Was uns aufgegeben wird, das muß ausgeführt werden. Wenn Ihr Euch bei unserm Dichter Hans Sachs ein Paar Schuhe bestellt, so liefert er sie Euch zur Stunde, aber bestellt Ihr bei ihm ein Gedicht, so vermag er es nicht. Nein – glaubt mir, das versteht Ihr nicht. Damit beruhigte ich auch den wackern Dürer , der über Euer Benehmen empfindlich war. Ich setzte ihm auseinander, daß Ihr davon keine Vorstellung haben könntet. Da nahm er das Geld zurück. Imhoffs freimütige Rede, die mir nichts weniger als richtig schien, verdroß mich um so mehr, da ich fürchtete, der Maler würde in der Meinung, daß ich nichts verstünde, sich wenig Mühe geben. In seinen Vorschlag, mich zu Dürers Werkstätte zu führen, willigte ich gern, jedoch bat ich ihn, nicht meinen Namen dort zu verraten, da ich vorerst unerkannt seine Gemälde betrachten wollte, um einer Verlegenheit von der einen und von der andern Seite vorzubeugen. Imhoff geleitete mich auf einem Umweg zu Dürers Hause, um mich mit einer Arbeit Peter Vischers bekannt zu machen, dessen Werke ich nicht genug zu erheben wußte. Auf dem Gänsemarkt, einem Teil des großen Marktes, sah ich nämlich am Röhrbrunnen die Bronzegestalt des Gänsemannes, eines Bauern in schlichter, aber geschmackvoller Tracht, der zwei Gänse unter den Armen hält, aus deren Schnäbeln Wasserstrahlen herniederplätschern. Ein preiswürdiges Werk, das wahrlich meine Achtung für den Rotgießermeister noch erhöhte. Dürer , dachte ich, du tust mir leid, da ich deine Arbeiten sogleich nach einer des großen Vischer sehen soll. Gespräche über mancherlei kürzten den Weg bis zu Dürers Hause. Ich erkannte sogleich, daß dasselbe nicht weit von dem Tore liegen müßte, durch welches ich in Nürnberg eingezogen war, denn leicht weiß ich mich in fremden Orten zurecht zu finden. Dürers Haus ist ein ziemlich großes Eckgebäude von Fachwerk mit drei Stockwerken. Ein Erker, der ganz aus Glasfenstern zu bestehen schien und der aus der Ecke des zweiten Stockwerkes vorsprang, fiel mir am meisten auf und wohl mit Recht, denn hier war es, wie mich Imhoff unterrichtete, wo der Maler für beständig arbeitete. Wir waren noch ziemlich weit vom Hause entfernt, als mich mein Begleiter um Erlaubnis bat, vorangehen zu dürfen, um ihn auf den Besuch eines Fremden, den er nicht nennen wollte, vorzubereiten. Denn, fügte er hinzu, Meister Albrecht hält viel auf ein schmuckes Ansehen. Neulich zürnte er wie lange, weil ich mit einem Gaste unerwartet in seine Stube trat und er, da es noch früh am Tage war, sein langes Haar noch nicht sorgfältig gekräuselt hatte. Herr Imhoff lief voran und ich folgte langsam. Da er die Haustüre offen gelassen, so trat ich in die Flur, um hier auf ihn zu warten. Hier hörte ich in der naheliegenden Stube folgendes Gespräch. Es war nämlich Dürers Gattin Agnes , die mit Imhoff sehr eifrig sprach und in kreischenden Tönen oft beinahe keifte. Ja, lieber Herr Imhoff , Ihr bringt immer Fremde zu meinem Mann, die ihn von der Arbeit abhalten und am Ende nichts kaufen. Was will daraus werden? Die ganze vorige Woche war Albrecht krank und hat Euch fast keinen Pinsel angerührt. Jetzt muß er es nachholen und sich nicht stören lassen. Für zwanzig Dukaten hat er neulich Ultramarin gekauft. Ja – wo will das hin, wenn er aus reinem Eigensinn immer die kostbarsten Farben wählt und seine Tafeln Tafel wird wie tavola für ein Gemälde auf Holz gebraucht. nicht einmal, nein zehnmal untermalt. Niemand bezahlt die Arbeit. Ja, die andern Maler hier, die verstehen es, aber deren Frauen leben auch wie Fürstinnen. Da malt Euch Albrecht jetzt eine Tafel, andere hätten in der Zeit zehn Tafeln gefertigt, für einen in Frankfurt, Heller heißt er – wahrlich, er malt die Tafel für Kupfer-Heller, denn nicht Salz zum Brote verdient er dabei. Und Ihr glaubt es nicht, was es heißt, so viele junge Leute zu unterhalten, die alle stark und kräftig sind und die essen wollen, wenn sie arbeiten sollen. Nicht wahr – Ihr gingt über den Milchmarkt? Ist die Butter nicht wieder aufgeschlagen? Es ist entsetzlich! Man wird sich das Essen abgewöhnen müssen. Obgleich Imhoff ungeduldig sie manchmal in der Rede unterbrechen wollte, so war dem Zuge erst jetzt Einhalt zu tun. Sie gewährte seine wiederholte Bitte, mit einem Liebhaber der Kunst wenigstens die Gemälde besehen zu dürfen. Ihr junger Schwager Hans Dürer brachte die Schlüssel und führte uns eine Treppe hoch in einen Saal und an seiner Freundlichkeit erholte ich mich nach und nach von dem Geschrei des bösen Weibes, das mir noch lange in den Ohren gellte. Hans , ein guter Bursche, lebte im Hause seines Bruders und wurde von diesem in der Malerei unterwiesen. Als die Saaltür geöffnet war, kostete es mich wirklich Überwindung, hineinzutreten, da eine ehrfurchtsvolle Scheu sich meiner bemächtigte, indem von allen Seiten her Männer und Frauen in Leben atmenden Bildern mich anblickten. Die Farbenglut blendete, die Wahrheit der Gemälde erschreckte. Nie hatte ich dergleichen gesehen. Zuerst fiel mir ein ehrwürdiges Greisenbildnis mit weißem Haar und vielen Runzeln auf, darunter las ich die Worte: »Dies hat Albrecht Dürer abkonterfeit nach seinem Lehrmeister Michael Wohlgemuth 1516 und er war 32 Jahre.« Hier hing ein wunderbares Madonnenbild, das, wie Imhoff mich bedeutete, Dürer nach einem italienischen Gemälde gemalt, jenes aber weit übertroffen hatte. Wie züchtig sah die Jungfrau nieder und wie lieblich bewegte sich das Kind mit den Kirschen und dem Schmetterling in den Händen. Ich konnte mich von dem Gemälde nicht trennen. Oft sprach ich Dürers Handzeichen A D Ade! aus und kehrte immer wieder zurück. Dies Gemälde gehört nicht mehr dem Meister, sagte Imhoff . Lange hing es hier, und er wollte es schon für 25 Gulden verkaufen, bis ein Bischof von Breslau ihm 72 Gulden dafür zahlte. Ein großes Gemälde stellt das jüngste Gericht dar. Wahrlich, wer die Verdammten ansah, der empfand ihre Martern, und wer zu den Seligen blickte, der teilte ihr Gefühl. In einem Abschnitt befand sich unter diesem Gemälde eine Reihe von Betenden, alles Bildnisse von der Art, daß man nicht an der Ähnlichkeit zweifelte, wenn man auch die Personen nicht kannte. Imhoff sagte mir, daß diese Tafel bestimmt wäre, den Hauptaltar der Sebalduskirche zu schmücken. Sie stiftete dahin der gelehrte Ratsherr Pirckheimer , der ein Freund Dürers war. Daher sah man hier sein Bildnis und das seiner Töchter, der Nonne Charitas und der Felicitas , der Gemahlin Imhoffs . Daneben befand sich der bärtige Kopf Dürers . Das war ein Gesicht von patriarchalischer Ehrwürdigkeit, und doch stand Dürer allein, der keine Söhne, keine Kinder hatte. Anziehend erschien es noch durch den mitleidsvollen Blick, gleichsam als wenn es dem Meister leid tat, sich so schön und seinen wohlgenährten Freund so häßlich malen zu müssen. Aber ich glaubte erst Dürers mitleidsvollen Blick ganz zu verstehen, als Imhoff ein Gemälde auf Leinwand Häufig werden Gemälde auf Tuch genannt, d. i, auf Leinewand. zeigte, das mit der Vorderseite an die Wand gelehnt war. Es enthielt eine Skizze und stellte lebensgroß eine nackte Frau dar, und zwar Frau Agnes . Wie sie mit den schwarzen Augen so streng vor sich hinblickte! Ich wandte von ihr das Auge zu einem kleinen Bilde, auf dem sich Dürer selbst vermittelst des Spiegels gemalt hatte – wahrlich ein Spiegelbild einer großen Seele! Ein solches nebst einer Sammlung von Holzschnitten hatte Dürer neulich dem ersten Maler Italiens Raphael Sanzio gesendet, um ihm seine Verehrung an den Tag zu legen. Wir bewunderten diese und die andern Gemälde, deren so viele waren, daß man von der Stube eigentlich nur die vor Alter schwarze Balkendecke sah und den getäfelten Fußboden. Außerdem sah man in Rahmen unter Glas silberne Schaumünzen, die nach Dürers Angabe geschlagen waren, und zierliche Elfenbeinarbeiten. An der Decke hingen merkwürdige Naturalien, Kokosnüsse, ein Sägefisch, das Horn vom Einhorn, von Gemse und Büffel. Da trat Dürer ehrwürdigen Ansehens und stattlichen Wuchses ins Zimmer. Er hatte eben ein Bad genommen, und das kastanienbraune Haar floß in reichen Wellen wohlgeordnet zu beiden Seiten auf die Schultern herab. So viel Ernst und so viel Milde sah ich noch nie auf einem Gesichte vereinigt. Das blaue Auge war ganz Seele und die Züge des Mundes ganz Sanftmut, aber der Ausdruck der Duldsamkeit verleugnete sich nirgends. Da er mich erblickte, so legte er sein pelzverbrämtes Gewand zurecht, das ihm sehr wohl stand. Dürer bewillkommnete Herrn Imhoff auf das herzlichste und mich nicht minder, der ihm als ein Gönner der schönen Künste vorgestellt wurde. Dürer , dessen Art es war, für gewöhnlich wenig zu sprechen, machte uns mit einzelnen Worten auf manches an den Gemälden aufmerksam und sprach dann mit sichtbarem Wohlgefallen von einem Gemälde, mit dem er jetzt beschäftigt wäre. Imhoff wünschte dasselbe zu sehen, und der Meister war sogleich bereit, nachdem eine Staffelei aufgestellt war, die Tafel herzubringen. Er brachte sie. Es war die Himmelfahrt Mariens, es war das Gemälde, das für mich bestimmt war. Still bewundernd blickte Imhoff zu ihm, wie bezaubert von nie gesehener Schönheit. Ich aber zitterte vor freudigem Erstaunen und offenbarte laut, mich vergessend, die Stimme des Gefühls. Die Jungfrau, wie sie selig emporblickt und zum Himmel hinaufschwebt! Nicht bedurfte sie der Seraphflügel, da ihr eigner Wert, über menschliche Gebrechlichkeit erhaben, sie zum Urquell des Lichtes emporhebt. Diese Jungfrau mit dem blauen Auge voll heiliger Sehnsucht, mit den blonden Locken, die ungekünstelt niederwallen, sie ist es, die uns mit der Erde und dem Himmel versöhnte! All die Gruppen voll der lieblichsten Engelköpfchen, wie sie spielend das Gewand der Jungfrau halten! Ein Blick in den Himmel ist das Anschauen ihrer Kindesunschuld. Wie die Apostel am Grabe der Jungfrau emporblicken und der Wohlgeruch einer reichen Blumenpracht aus der Gruft sie anweht, statt des Moderduftes! Aber was Apostel, was Engel? Ihre Heiligkeit und ihre Reinheit, heiliger und reiner strahlt sie im Antlitz Mariens wieder. Wie schon das rote Gewand und der dunkelblaue Mantel Würde ausdrücken, aber ihr dunkelblaues Auge, ihre blonden Locken sprechen deutlich, daß in ihrer Bildung die Welt der Schöpfungen erschöpft sei. So rief ich und klagte mein Auge an, daß es nicht genugsam die Schönheit des Bildes zu erfassen verstünde. Je mehr ich die Jungfrau betrachtete, um so klarer ward es mir, daß sie das treue Bild jener Jungfrau wäre, deren Züge als eine unverlöschliche Schrift in meinem Herzen standen. Ja, Maria Rosenthalerin grüßte mich in der Tafel, und um diese Tafel, hub ich an, sollte ich feilschen und mäkeln! Ja, zweihundert Gulden scheint mir ein geringer Preis für sie. Da ich dies gesagt, war das Geheimnis verraten. Albrecht freute sich, mich von Ansehen kennen zu lernen, und fügte dann hinzu: Herr Imhoff hat Euch, ich muß es nur gestehen, bei mir angeschwärzt. Er sprach Euch allen Sinn für unsre Kunst ab, und ich war im Begriff, die Tafel, da mir um meine Mühe leid tat, zu veräußern. Jetzt aber gehört sie Euch, und gäbt Ihr mir auch nur die Hälfte des Preises. Er drückte mir wie einem alten Freunde die Hand, und alle seine Züge schien Freude zu beleben. Ich entschuldigte mich, nicht immer höflich genug geschrieben zu haben, und gestand, daß Imhoff nicht ganz unrecht gehabt, denn vor seiner Bekanntschaft hätte ich wirklich noch keine Malerei gekannt. Und Malerei gehe doch über alles. Es wurde noch viel über das Gemälde gesprochen, das beinahe vollendet vor mir stand, als Frau Agnes eintrat, die wohl an der Türe gehorcht und meinen Namen gehört haben mochte. Sie war wirtschaftlich, aber sehr gut gekleidet, und in ihre Mienen, die sonst ihr mißtrauisch habgieriges und zanksüchtiges Gemüt ausdrückten, suchte sie so viel Milde und Freundlichkeit zu legen, als es ihr möglich war. Sie machte einen tiefen Knicks vor mir, und nach allerlei freundschaftlichen Fragen wollte sie hören, wie mir das Gemälde gefiele, an dem ihr Mann schon so lange, beinahe drei Jahre, und mit so vieler Liebe arbeitete. Ich rühmte ihr bald die Farbenglut, bald die Erfindung, bald den Ausdruck einzelner Köpfe, worauf sie sich also fast beteuernd vernehmen ließ. Ja – glaubt, hier seht Ihr das kostbarste Ultramarin mit dem reinsten Nußöl aufgetragen. Für fünfundzwanzig Gulden Ultramarin ist hier verbraucht. Alles ist damit unter- und übermalt und mehr als einmal. Wenn Ihr sie sauber haltet, so wird die Tafel noch nach fünfhundert Jahren frisch aussehen. An diesem Mittelbilde hat Albrecht ganz allein mit eigner Hand gearbeitet, außer dem Zubereiter. Ja, der hat für das Weißen und Vergolden der Tafel ein schönes Stück Geld erhalten, denn für den reichen Herrn Heller , da mußte alles aufs beste gemacht werden. Neulich waren Künstler hier, die haben das Gemälde auf dreihundert Gulden geschätzt, aber es ist mehr wert. So verkümmerte die Frau mir den Genuß. Imhoff sah sie unwillig an, und Dürer klopfte sie leise ans die Schulter mit den Worten: Liebste, störe nicht den Herrn im Sehen. Will man wirklich sehen, so kann man nicht viel sprechen. Allein, sie war lange nicht zum Schweigen zu bringen. Endlich rief sie: Der Herr wird deine Holzschnitte und Kupferstiche zu sehen verlangen. Ich will alles heraufbringen, die große und kleine Passion, Mariä Leben, den heil. Hieronymus in seinem Häuslein, den heil. Anton und Eustachius, die Apokalypse, ja – das ist so etwas für solche Kenner. Vergeblich bat ich sie, sich nicht zu bemühen, da ich heute des Schönen schon genug gesehen zu haben meinte, aber sie ließ sich keine Widerrede gefallen. Es dauerte auch kaum ein Viertelstündchen, so war sie wieder oben mit Mappen, Heften und Büchern, so daß sie kaum alles mit beiden Händen umfassen konnte. Sie zeigte mir unvergleichlich schöne Sachen und verfehlte nicht, bei jedem Blatte mir den Preis zu nennen, und mir blieb nichts anderes übrig, als einen großen Teil der Holzschnitte und Kupferstiche zu kaufen. Doch Freund Imhoff , dem die Sache ärgerlich war, zwang mich endlich zum Aufbruch, Ich empfahl mich, und schwerer noch, als von Dürer , ward es mir, von meinem Bilde zu scheiden, das er mir bald zu vollenden versprach. Auf dem Rückwege vertraute mir Imhoff , daß ich die gekauften Blätter viel billiger hätte erhalten können und daß Frau Agnes mit sich handeln ließe. Doch tat es mir nicht um mein Geld leid, denn die Sachen waren gar zu schön. Albrecht Dürers Erinnerungsbuch. Ein seltenes Vertrauen faßten wir bald gegenseitig zueinander, der erhabene Dürer und ich. Dieses erkannte ich am unzweideutigsten daran, daß er mir ein Buch mit Familiennachrichten anvertraute, ein Buch, worin er aufzuzeichnen pflegte, was ihm Schlimmes und Gutes widerfuhr. Da er keine Kinder hatte, in deren Munde sein Andenken einst fortlebte, so durfte er die Mühe nicht scheuen. Familiennachrichten. Ich, Albrecht Dürer , bin am Prudentientage, der war am Freitag, da man gezählt hat 1471 Jahr, in der freien Reichsstadt Nürnberg geboren. Meine ältesten Vorfahren, von denen ich weiß, lebten im Königreich Ungarn als Landleute von der Vieh- und Pferdezucht. Mein Großvater Anton lernte in dem Städtlein Wardein die Goldschmiedarbeit und es ging ihm wohl. Sein ältester Sohn Albrecht Dürer , der mein lieber Vater war, erlernte dieselbe Kunst, ein sinnreicher und gottesfürchtiger Mann. Frühe begab er sich auf die Wanderschaft und kam nach Deutschland. So geschickt er war, so fand er doch wenig Arbeit und strich unstät umher, indem er mit Not und Mühsal zu kämpfen hatte. Je leichter sein Ranzen war, desto schwerer ward das Wandern, und wenn er oft müde des Abends in eine Herberge einkehrte, so mußte mit seinen Füßen auch sein Magen rasten. Allein Gott verläßt die Seinen nicht, das bewährte sich an ihm. Als er das erstemal die Türme unsrer Stadt sah, seufzte er: Wie du heute hungerst, so wirst du auch hungern müssen, wenn das Ziel deiner Reise erreicht ist! Denn er hatte in Nürnberg keinen Verwandten und Freund, keinen Stüber im Säckel und keine andere Empfehlung, als sein ehrliches Gesicht. Es war im Jahre 1455, da er in die Stadt kam. Aus Unkunde ging er, statt durch das Tiergärtnertor, durch das zunächst gelegene Vestnertor, und da er seinen Irrtum einsah, verdroß ihn der Umweg, denn er war matt und müde. An demselben Tage feierte der reiche Hans Pirckheimer seine Hochzeit, und zwar auf der Veste, weshalb mein Vater ferne schon Pauken und Trompeten hörte. Die Reichen Nürnbergs waren da alle zum Feste geladen und die Armen fanden sich ungeladen ein, um all die Pracht zu sehen und auch etwas vom Hochzeitstisch zu erbeuten. Auf dem Hofe, wo noch jetzt die große Linde steht, trieb die Jugend allerlei Kurzweil und Essen und Trinken war in unglaublicher Fülle umhergereicht und freigebig unter die Armen verteilt. Auch der fremde Handwerksgesell erhielt sein Teil, und die Kost erquickte ihn dermaßen, daß er darob die Müdigkeit vergaß. Die schön geputzten Jünglinge und Jungfrauen sollten einen großen Tanz um die Linde aufführen dem Brautpaar zu Ehren, und sie übten sich in den verschiedenen Stellungen und Gruppierungen des Reigens. Aber das Ding wollte nicht gehen, denn jeder meinte es zu verstehen und tanzte nach seiner Weise, und es gab nichts, denn Unordnung und Verwirrung. Da faßte sich mein Vater ein Herz, der um solche Festtänze wußte, trat hervor und schlug Anordnungen vor. Sie wurden freudig angenommen. Alle fügten sich ihm, und die Aufführung fiel nicht nur gut aus, sondern machte Aufsehen wegen der vielen schönen Tanzfiguren. Unter den Gästen, die den Reigen bewunderten, befand sich auch Herr Hieronymus Holber . Er erkundigte sich, wer alles angeordnet hätte, und ihm ward der Fremde gezeigt, der ungebeten Herrn Pirckheimers Hochzeit mitfeierte. Da Herr Holber , der der erste Goldschmied in Nürnberg war, vernahm, daß mein Vater sich seiner Kunst befliß, bestellte er ihn andern Tages zu sich, denn er wollte sehen, ob seine Geschicklichkeit von so weit her sei, als er selbst. Wer war froher als er? Und da Herr Pirckheimer , der Bräutigam, ihm noch etliche Gulden zum Geschenk machte, so pries er seinen Schöpfer und rühmte Nürnberg und hörte sein Lebelang nicht auf zu rühmen und preisen. Herr Holber hatte sich in ihm nicht getäuscht. Und Dürer war bald kein Fremdling mehr. Jener nahm ihn alsobald als Gesellen ins Haus und trennte sich von ihm nicht eher, als da er sich auch von seiner Tochter trennte, die er ihm zum Weibe gab. Barbara Holberin , eine hübsche schlanke Jungfrau, war fünfzehn Jahre alt, die meine teure Mutter wurde. Einen Hausstand anzufangen, ist für den, der noch nichts erworben hat, ein schwierig Ding, und daher nahm liebreich sich meines Vaters der Herr Pirckheimer an, dem es Gott noch dorten vergelten mag! Der wohnte in einem großen Hause, der Frauenkirche gegenüber, zunächst dem schönen Brunnen. Er besaß noch ein Hinterhaus, das an der Winklerstraße gelegen war, und dieses räumte er dem jungen Ehepaare ein. Barbara gebar achtzehn Kinder, von denen nur drei die Eltern überlebten, nämlich ich Albrecht, Andreas, der jetztund Maler des Königs von Polen ist und der, wenn ich vor ihm sterbe, mein Erbe sein soll, und endlich Johann , der gleichfalls unsre Kunst erwählt hat. Die lieben Eltern verwandten den höchsten Fleiß darauf, ihre Kinder zur Ehre Gottes zu erziehen, auf daß sie ihm und den Menschen angenehm wären. In dem genannten Hause ward ich also geboren und nur etliche Monate früher Wilibald Pirckheimer , der mein Freund von Kindesbeinen an war und es bis zum Grabe bleiben wird. Stets verträglich spielten wir zusammen als Kinder eines Hauses, und eine gleiche Neigung zu edlen Dingen verband uns mit jedem Tage inniger. Er lehrte mich, was er von seinen vornehmen Hofmeistern, das waren Geistliche, gelernt hatte. Sonderlich war es die Geschichte der Römer, die uns höchlich ergötzte, wie sie durch Tapferkeit alle Völker unterjochten und die Herren des ganzen Erdkreises wurden. Ich verfertige Ballisten und Katapulten, Widder und Feldzeichen und gab den Plan zu Verschanzungen an, die auf dem Hofe angelegt wurden. Wir kriegten, siegten und hielten Triumphzüge mit Sang und Klang. Mein Vater, der an mir ein sonderliches Wohlgefallen hatte, ließ mich in die Schule gehen und wollte, daß ich mich einst wie Willbald mit den Wissenschaften abgeben sollte, da er Anlagen dazu in mir verspürte. Er hielt es für ein gutes Vorzeichen, daß in dem Jahre unsrer Geburt der berühmte Johannes Regiomontanus nach Nürnberg gekommen war, ein Mathematiker , wie keiner vor ihm und wie es keinen nach ihm geben wird. Allein der starb, da ich noch in den Jahren des zarten Kindesalters war. Mein Vater gab da den Vorsatz auf, und da ich nun schreiben und lesen gelernt hatte, lehrte er mich die Goldschmiedekunst . Mir kam es zu statten, daß ich von jeher fleißig gezeichnet und für Wilibald bei unsern Kriegsspielen oft Visierungen »Visierungen« sind Entwürfe, Vorzeichnungen, Kartons. gemacht hatte. Ich lernte sauber arbeiten und einzelne Stücke gelangen mir sehr wohl. So bildete ich für Kaiser Maximilian einen Degenknopf, mit dem er zu siegeln pflegt, und auf dem man, außer dem Herren Christus am Kreuz, Marien und Johannes noch andere Figuren sieht, zierlich und wunderbar klein. Dennoch fand ich größere Lust an der Malerei, als an der Goldschmiedekunst, und ich mochte es meinem Vater nicht verhehlen. Er war damit nicht zufrieden, denn es reute ihn um die verlorne Zeit. Aber weil ich nicht von meinem Verlangen abging, so beschloß er mich zu Martin Schön , einem damals hochberühmten Maler, in die Lehre zu geben, der in Colmar war. Allein wie es mir mit jenem Mathematiker ging, so auch jetzt. Es starb Meister Schön , noch ehe ich seinen Unterricht genossen, im Jahre 1486. Jetzt gab mich mein Vater zu Michael Wohlgemuth auf drei Jahre, dieweil er in Nürnberg die besten Gemälde fertigte. Gott gab meinem Fleiße Gedeihen und meiner kindlichen Verehrung schenkte der Meister sein ganzes Vertrauen. Nie werde ich vergessen, was der ehrwürdige Wohlgemuth an mir Gutes getan. Aber in seinem Hause hatte ich viel von boshaften Gesellen zu leiden, die, weil ich jung war und geduldig alles trug, mich stießen und mißhandelten. Allein sie haben ihren Lohn erhalten und einer holt sich sogar nun Almosen von mir ab, der mich ehedem schlug und sagte, ich würde nie etwas begreifen. Ich gebe und erinnere ihn nicht daran. Als ich zum Gesellen gesprochen war, trat ich meine Wanderschaft an. Meister Wohlgemuth schied wie ein Vater mit Tränen von mir und, um seinen Schmerz zu verhehlen, meinte er lächelnd, es wäre gut, daß ich ginge, sonst würde er aus Ehrfurcht mich weggetrieben haben. Im Jahre 1490 schickte mich mein lieber Vater nach den Niederlanden und dort war ich vier ganze Jahre. Als Geselle verließ ich meine Vaterstadt und als Meister begrüßte ich sie wieder, und der Ruf einer großen Geschicklichkeit ging mir voran. Ein Freund meines Vaters war Hans Frey , der war ein geschickter Harfenschläger und kunstreicher Meister von kleinen Wasserkünsten. Dieser Mann hatte den Glauben, daß es niemandem besser ginge, als den Malern, und daß sie das bequemste Brot äßen. Daher wollte er seine Tochter Agnes an einen Maler verheiraten, und zwar an den geschicktesten, den es gäbe. Da Herr Frey nun von meiner Geschicklichkeit hörte, wie mich die Leute den deutschen Apelles nannten, so handelte er mit meinem Vater wegen seiner Tochter. Jungfer Agnes Freyin ward mir auf solche Art zuteil und mit ihr 200 Gulden, wofür ich das Haus in der Zisselgasse kaufte. Die Hochzeit richtete Hans Frey aus, die war gar herrlich und dies geschah im Jahre 1494. Es war im achten Jahre meiner Ehe, als sich am Himmel ein schrecklicher Komet sehen ließ. Ich hatte dessen kein Arg. Da erkrankte mein Vater plötzlich und ein hitziges Fieber unterbrach ihn in seinem emsigen, kunstreichen Wirken. Kindesliebe trieb mich zu seinem Krankenbette und ich verließ es nicht, zwei Nächte hindurch. Die dritte Nacht überwältige mich der Schlaf und die Mutter wachte; ich aber ging hinauf in die Kammer. Der Kranke war unruhig, da ihn die Glut ergriff, und erschöpft stieg er aus dem Bette. Große Schweißtropfen fielen ihm von der Stirne herab und er klagte über Durst. Meine Mutter gab ihm ein wenig Wein. Aber er kostete ihn kaum und verlangte wieder ins Bette und dankte ihr. Von Stund an griff er krampfhaft in das Deckbette, »hatt er von Stund an in die Zwg gegriffen.« Diese Stelle wurde wohl unrichtig verdolmetscht durch: in die letzten Züge gefallen . In Ostpreußen , vornämlich in Königsberg, sind viele veraltete Nürnbergische Idiotismen noch im Gebrauch, wie »Züche« für Bettüberzug , »Zwele« für Handtuch , »Schaff « für Schrank , » Spannbett « für ein zusammenlegbares Bettgestell, das als »Bettlade« erklärt ist. Die genannten Wörter kommen in unsrer Handschrift vor. und die betrübte Frau zündete die Lampe an und sprach ihm St. Bernhards Verse (ein Sterbelied) vor und, da sie den dritten Vers betete, war er verschieden. Gott sei ihm gnädig! Als die Stubenmagd den Alten stöhnen hörte, lief sie schnell zu meiner Kammer und weckte mich. Aber ich kam zu spät. Mit großem Schmerze sah ich es an, daß ich nicht würdig gewesen, bei seinem Sterben zu sein. O all ihr Freunde, ich bitte euch um Gottes Willen, wollt seiner Seele gedenken mit einem Vaterunser und Ave Maria, um eurer eignen Seele wegen. Wer so wohl gelebt, der kann nicht übel Abschied nehmen von dieser Welt. Als mein Vater zween Tage vorher die heiligen Sakramente empfangen, da befahl er mir meine Mutter an, die eine arme betrübte Witwe war (denn er hatte nicht mehr verdient, als er brauchte) und befahl uns göttlich zu leben. Ich nahm nunmehr die Mutter zu mir und auch Hans , meinen jüngsten Bruder. Mein Bruder Andreas war in der Fremde. Meine Mutter Barbara , als eine fromme Frau, ertrug christlich des Vaters seeliges Absterben. Da sie viele Kinder gehabt und wenig Einnahme, so mußte sie alles selbst tun, waschen und kochen, und war an Schmerz und Entbehrung gewöhnt. Oft war sie krank gewesen und hatte von verläumderischen Nachbarinnen Verachtung, Hohn und Verspottung ertragen und andere Widerwärtigkeit, aber sie ward darum nicht rachsüchtig und trug alles mit Geduld. Als Witwe war sie immer in der Kirche zu finden und sie verwies es mir fleißig, wenn ich mich nicht auch fromm zeigte. Ihre Sorge war es, mich und die Ihrigen vor Sünde zu behüten, und wenn ich aus- und einging, so waren ihre Worte: Im Namen Christi! Ihre heiligen Ermahnungen taten der Seele wohl und ihre guten Werke und Barmherzigkeit, die sie jedermann erzeigte, kann ich nicht genugsam erheben. Wir lebten friedlich zusammen. Das Jahr vor ihrem Tode kränkelte sie viel. Im Jahre 1503, da begab sich ein großes Wunder. Es fielen überall Kreuze vom Himmel herab auf viele Leute, insbesondere auf Kinder. Meiner Mutter, die im Hofe saß, fiel ein solches Kreuzlein in den Schoß und sie weinte und klagte, denn sie fürchtete sterben zu müssen. Das Kreuz hat so ausgesehen. (Hier war ein Kreuz mit der Feder gezeichnet.) Eines Morgens, es war in der Kreuzwoche, kam meine Mutter nicht zum Vorschein. Wir klopften an ihre Schlafkammer, aber niemand antwortete und die Türe war verriegelt. Da brach ich sie mit Gewalt auf und fand meine Mutter tötlich krank. Man gab ihr die Sakramente, denn ihr Ende schien nahe. Aber sie quälte sich noch etliche Zeit, bis am 17. Mai 1504 meine fromme Mutter Barbara Dürerin christlich verschieden ist und kraft päpstlicher Gewalt von Pein und Schuld absolviert. Sie gab mir ihren Segen und wünschte mir göttlichen Frieden. Sie fürchtete den Tod, aber sie sagte, vor Gott zu kommen, fürchtete sie nicht. Und sie hat ein hartes Ende gehabt, da sie oft Weihwasser forderte, um ihrer Angst los zu werden, bis ihr die Augen brachen. Ich betete ihr vor. Davon habe ich so großen Schmerz gehabt, daß ich es nicht aussprechen kann. Sie war dreiundsechzig Jahre alt, und ich habe sie ehrlich nach meinem Vermögen begraben lassen. Gott sei ihr gnädig! Sie hat ihren Lohn gefunden und in ihrem Tode sah sie viel lieblicher aus, denn da sie noch lebte. Gott verleihe auch mir ein seliges Stündlein, und möchte er mit seinen himmlischen Heerscharen mit Vater und Mutter zu meinem Ende kommen und mir das ewige Leben geben. Amen! Im Jahre 1503 unterhandelte mit mir die deutsche Gemeinde in Venedig, daß ich dahin käme und ihre Kirche mit Gemälden schmückte. Es ward viel hin- und hergeschrieben, bis ich mich dazu entschloß, um der Sterbgedanken zu vergessen, die seit der Mutter Tod mich quälten. Ich reiste nach Venedig von wegen der Kunst, nicht des Verdienstes, denn der war klein. Ungern trennte ich mich von meinen Freunden, namentlich von Wilibald Pirckheimer , der immer mein Trost war, und ich versprach fleißig an ihn zu schreiben. 1505 begab ich mich nach Venedig auf ein Jahr. Leider reichten die Familiennachrichten nur bis zum Jahre 1507, die sämtlich kurz vor der Reise nach Venedig aufgesetzt waren. Jetzt folgten einige Briefe aus späterer Zeit, die teils absichtlich, teils zufällig in dem Buche aufgehoben waren, etliche Gedichte und Haushaltungsscheine. Was jetzt folgt, betrifft meine Habe, die ich mir mit saurer Mühe erarbeitet. Nie hat es mir glücken wollen, viel zu gewinnen. Dagegen habe ich großen Schaden gehabt, indem ich Geld verborgte, das ich nicht wieder erhielt, indem Gesellen den Lohn voraus nahmen, die davongingen, indem mir einer zu Rom starb und ich so um das meinige kam. Im dreizehnten Jahre meiner Ehe mußte ich eine große Schuld bezahlen, die ich in Venedig gemacht hatte. Hausrat ist ziemlich gut an Kleidern, Zinngeschirr, Betten, Behältern, Schränken, Werkzeugen und an Farben, die allein 100 rheinische Gulden betragen. Geschrieben am Sonntage Trinitatis im Jahre 1508. Im Jahre 1509 da fing ich an, die ersten Reime zu schreiben, aber ich verstand es noch nicht recht anzufangen, bis mir Wilibald Pirckheimer Unterweisung gab. Ich beschrieb darauf in Reimen viel schöne Lebensregeln. Pirckheimer war damit zufrieden, aber der Ratsschreiber Lazarus Spengler trieb seinen Spott damit und schickte mir folgendes Gedicht. Wiewohl viel Sachen sich begeben, Die der Natur g'rad widerstreben, So will ich eine doch entdecken, Die Spott und Lachen soll erwecken. Wenn Nürnberg euch nur ward genannt, So ist euch auch ein Mann bekannt Mit krausem Haar und langem Bart, Der ist von angeborner Art Ein Maler seit jeher gewesen. Weil er nun schreiben kann und lesen, So meint er Verse auch zu schreiben – Wohl besser wär's, er ließ es bleiben. Ihm möcht es, wie dem Schuster gehn, Der eines Malers Bild gesehn Und rief: der Schuh ist ungestalt! Der Meister, der das Bild gemalt, Half alsobald dem Fehler ab, Den jener zu erkennen gab. Das war dem Altschuhflicker recht. Stolz rief er: auch der Rock ist schlecht! Wie paßt zum Schnitte diese Naht? Da sprach der Künstler: laß den Rat! Nicht über deinen Leisten, Schuster! – Nehmt euch, Herr Maler, dran ein Muster. Drauf erwiderte ich, wie folgt: An jedem was zu modeln hat Ein Schreiber hier in dieser Stadt, Der hat mit mir Gespött getrieben, Weil ich ein klein Gedicht geschrieben. Ein Fastnachtsspiel hat er erdacht, Zum Altschuhflicker mich gemacht, Der des Apelles Bilder sehend, Sich selber schmähte, diese schmähend. Als Maler sollt' ich mich nur zeigen, Meint er. Doch will ich noch nicht schweigen. Zu lernen das, was man nicht kann, Drum strafet mich kein weiser Mann Wer stets bei einem Dinge bleibt, Daneben nie ein andres treibt, Dem geht's wie jenem Schreiber wohl, Der eine Form von Protokoll Nur kannte, des mußt er sich schämen. Einst hatt' er Leute zu vernehmen Und schrieb die Schrift bis auf die Namen. Der erste hieß Götz Rosensamen. Das schien dem Schreiber wunderlich Und sprach: mein Freund, besinne dich! Der Namen ist mir nicht bekannt, Hier wird nur Franz und Fritz genannt. Das mir nichts gleiches widerfahre, Tut's not, daß keinen Fleiß ich spare. Zu lernen wird mir Zeit noch wohl. Früh brennt, was Nessel werden soll. Ich will auch Arzneikunst treiben Und gute Mittel euch verschreiben. Der Schlemmer esse Milch und Brot, Dann tut kein Elixier ihm not, Ist lästig euch das Zipperlein, So trinket Wasser hübsch für Wein. Mein Rat bewährt sich euch als wahr, Wenn ihr schon zählet hundert Jahr. Fortan will ich Gedichte machen, Mag auch der Schreiber immer lachen – So spricht zum Schreiber spöttischer Art Der Maler mit dem langen Bart. » Copia eines kaiserlichen Schreibens an den Rat in Nürnberg. Vom Jahre 1517. Maximilian von Gottes Gnaden, Erwählter Römischer Kaiser. Nachdem unser und des Rats getreuer Albrecht Dürer in den Visierungen, Hierunter sind wahrscheinlich die Zeichnungen von Dürer zu verstehen, die für den Kaiser der berühmte Formschneider Hieronymus Andree Rösch schnitt. Die Zeichnungen stellten den Kaiser auf einem Triumphwagen dar, die aber in keiner Verbindung mit dem Wandgemälde desselben Gegenstandes stehen, das Dürer im Rathause malte. die er auf unsern Wunsch gemacht, den größten Fleiß angewendet hat, so sollt ihr denselben Dürer, der in der Kunst der Malerei vor andern Meister erhaben ist, von allen Steuern befreien in Ansehn unsrer Gnad' und seiner berühmten Kunst, durch die er eure Stadt verherrlicht.« » Copia eines Schreibens an den Rat zu Nürnberg. Vorsichtige, Ehrbare, Weise, Liebe Herren. Dieweil ich vorlängst geneigt war, Eurer Weisheit ein Gemälde von mir zum Gedächtnis zu verehren, so habe ich es so lange unterlassen, aus Furcht, vor E. W. nicht wohl damit zu bestehen. Da ich aber jetzo eine Tafel unter Händen habe, die Adam und Eva vorstellt, und auf die ich mehr Fleiß, als auf andere Gemälde gewendet habe, so frage ich dero halb E. W. mit untertänigem Fleiße an, ob sie dieselbe als ein kleines Geschenk gnädig annehmen und meine günstig liebe Herren, wie bisher sein und bleiben wollen. Das will ich mit aller Untertänigkeit bei E. W. zu verdienen beflissen sein. Am Sonntag nach Andreä 1517, Ew. Weisheit untertäniger Albrecht Dürer. Daneben lag ein schmeichelhaftes Antwortschreiben des Rates. Unter vielen Briefen lautete einer folgendermaßen: Nürnberg im Hornung 1502. Meinen willigen Dienst zuvor, lieber Herr Pirckheimer, und meinen Wunsch, daß es Euch immer auf dem Lande wohl ergehe. Man hat mir gesagt, daß Ihr unwillig darüber seid, daß ich so lang nicht geschrieben. Ich soll mich gegen Euch darum verantworten, aber ich kann Euch keinen andern Grund angeben, als daß ich faul bin, zu schreiben. Ich weiß, Ihr werdet es mir verzeihen, denn ich habe keinen andern Freund auf Erden als Euch. Wie könntet Ihr auf mich zürnen, da ich Euch nicht anders, als meinen Vater achte. Mit Freuden habe ich vernommen, wie der Kaiser Eure Verdienste anerkennt und Euch so viel Huld erweist. Wahrlich, ich weiß nicht, wie ich mit Euch künftig leben soll Eurer großen Weisheit halber. Billig dürftet Ihr nimmer auf der Gasse mit dem armen Vater Dürer reden. Andern Eures Standes wäre es eine große Schande, aber ich bin froh Eurer Tugend und Gütigkeit. Ich male jetzt an einer großen Tafel, einer Dreifaltigkeit für Matthäus Landauer, die wird Euch gar schön. Meine Rechenmeisterin ist aber nicht zufrieden, daß ich damit nicht vorwärts komme. Auch an Euch habe ich gedacht, und schicke Euch das Bildnis mit schwarzer Kreide »Mit dem Kohle conterfet.« gezeichnet. (Hier war eine Rose mit der Feder gezeichnet.) Ähnlich ist es. Ich wünsche, daß es Euch gefalle oder lieber, daß es Euch nicht gefalle. Nehmt es mir nicht übel, aber ich hätte nimmer geglaubt, daß Ihr nach Eurer Frauen Crescentien seligem Absterben ein solches Wesen treiben würdet. Steht davon ab, ehe Euch Spott und Schande daraus fließt. Denkt, daß ihr schon alt und sie so lange unbescholten« – – Am Ende war ein großer Klecks, und dieser war ohne Zweifel schuld daran, daß der Brief zurückbehalten und statt seiner ein anderer abgeschickt wurde. Wie gern hätte ich über das Geheimnis Aufschluß erhalten, denn die leiseste Erinnerung an Liebe rief in meiner Seele das Andenken an die Rosenthalerin wach, um wie viel mehr, da hier die Rose mich anlächelte und Dürer , der die Maria in der Himmelfahrt gemalt, der Unterhändler war. Der Ratsherr Wilibald Pirckheimer in Neunhof. Unter den Empfehlungsbriefen, »Fürderbriefen.« mit denen mich meine Freunde zur Reise ausgerüstet hatten, befand sich auch einer an den Ratsherrn Pirckheimer . Da ich so viel Rühmliches von dieses Mannes Gelehrsamkeit und Geschäftsführungen gehört hatte, so war ich begierig, ihn kennen zu lernen. Der reizende Sommermorgen ließ in mir den Entschluß zur Ausführung reifen, nach dem schönen Gute Neunhof zu fahren, wo sich Pirckheimer einstweilen aufhielt, und einmal zu sehen, wie es vor der Stadt aussähe, nachdem ich so viel in der Stadt wahrgenommen hatte. Mein armer Kutscher hatte sich seit jenem Vorfalle in Erlangen noch nicht gemeldet, und ich wandte mich daher an meinen Wirt mit der Bitte, mir den Fuhrmann ausfindig zu machen, mit dem ich hergekommen wäre. Der muntere Geselle war bald gefunden, und es dauerte nicht lange, so hörte ich schon meine Rappen vor der Haustüre stampfen. Ich stieg in den Wagen, und als uns mit dem Laufertor die Stadt im Rücken blieb, so ließ mein Führer den Pferden, wie seiner Zunge, den Zügel. Der Weg führte großenteils durch einen sehr schönen Laubwald, und da mir mein Führer den Namen Sebalderwald nannte, so knüpfte er daran die Frage, ob ich mir das Sebaldusgrab angesehen hätte, höchst vertraulich, als wenn er jahrelang mir gedient. Sobald wir den Wald verlassen, tauchte aus der Ferne schon der Kirchturm von Neunhof hervor. Ich fragte, ob er von der Kirche auch Wunder zu erzählen wüßte, und jener erklärte kurzweg, in Nürnberg gäbe es nichts als Wunder, und wer nicht daran gewöhnt wäre, der könnte Wochen und Monate hier verweilen, ehe er zur Besinnung käme. Und richtig – er teilte mir sogleich von dieser Kirche, zu deren Bau Engelhände die Kellen gehandhabt hatten, und von einem daneben liegenden Teich viel des Wunderbaren mit. Da jetzt schon das herrschaftliche Haus mir einladend winkte, so war es mir anziehend, mehreres über die Hausgenossen zu vernehmen. Der Besitzer des Gutes war Martin Geuder von Heroldsberg , der eine Schwester des Ratsherrn Pirckheimer zur Gemahlin hatte. Da geht es wie bei Fürsten her, sagte der Fuhrmann. Vornehme Gäste kommen tagtäglich dahin von fern und nahe, und jede Mahlzeit ist da ein Schmaus. Der Beschreibung des geschilderten Aufwandes entsprach rings die Pracht der Gebäude, die eine Residenzstadt geziert haben würden. Der Wagen hielt vor dem großen Hause. Da ich in die Flur trat, geräumig wie ein Saal, so eilten auf einmal, ich weiß noch nicht, woher sie kamen, zwei possierliche Gestalten auf mich zu. Die eine mochte so viel über drei Ellen hoch sein, als die andere unter einer, und beide waren in ganz gleich buntscheckigen Röcken, nur daß der Zwerg einen glatten Kopf hatte, der Riese dagegen mit einem hohen Turban geziert war; der große schien ein Zwanziger zu sein, der kleine aber hatte Runzeln, wie ein Sechzigjähriger. Beide begrüßten mich, und erst als ich mich vom Erstaunen über die seltsame Erscheinung erholt, fragte ich, ob man die Herrschaften sprechen könnte. Der Herr Geuder von Heroldsberg war verreist. Schicklicherweise äußerte ich laut mein Bedauern darüber, freute mich aber im stillen, den Herrn Pirckheimer allein zu sprechen, zu dem man mich zu führen versprach. Die Flügeltüren des Gartensaales öffneten sich in einem Nu, und ich sah den Herrn Pirckheimer, dessen Züge mir durch Gemälde bekannt waren, und eine alte freundliche Frau neben ihm sitzen. Ich grüßte höflichst. Da ließ der Große und Kleine eine helle Lache erschallen, und beider Stimmen vereinigten sich, wie die Querpfeife zum Trommelwirbel. Jetzt sah ich, daß die Personen, vor die ich getreten war, unbeweglich blieben und nur durch die Zauberei des Pinsels ins Leben getreten waren. Pirckheimers Gemahlin Crescentia, die Meister Dürer hier neben seinem gelehrten Freunde gemalt hatte, war schon vor zwanzig Jahren, wie mich der Zwerg belehrte, im letzten Kindbette verstorben. Mehr würde ich mich verwundert haben, gab ich ihm ärgerlich und höhnend zur Antwort, wenn sie im vorletzten Kindbette verstorben wäre. Ich ging in den Garten, denn da sollte ich Herrn Pirckheimer finden. Ringsum war alles geschmackvoll angelegt mit duftigen Blumenstücken, bunt blühenden Sträuchern, beschornen Laubwänden und Bogengängen. In Absätzen, die durch Treppen miteinander verbunden waren, senkte sich der Garten ab, so daß das Haus ganz frei lag mit einem Söller, auf dem ein Fernrohr aufgestellt war. Dies war die Sternwarte des Herrn Pirckheimer , der, in allen Wissenschaften erfahren, auch die Sternenschrift zu lesen verstand und aus dem Lauf der Irrsterne den Lauf der menschlichen Schicksale erkannte. Über dem Söller schwebte an einer Eisenstange ein gewaltiges Hirschgeweih, woran der Alle, sich froh der Zeit erinnernd, da er durch die Beschwerlichkeiten der Jagd sich zum rüstigen Kriegsmarine ausbildete, ein sonderliches Wohlgefallen fand. Ganze Nächte brachte er auf der Sternwarte zu. Des Vormittags aber studierte er in einem an den Garten angrenzenden Schattengrunde, den man die Klause nannte. Dieser sein Lieblingsort verdankte den Namen einer Sage, daß in einer engen, von Efeugehängen umschlungenen Felshöhle, die man daselbst zeigte, ehemals ein frommer Einsiedler gehaust hätte. Schon von fern vernahm man das Plätschern einer Quelle, die neben der genannten Höhle herabsprudelte, und das Rauschen der Tannen und uralter Eichstämme, die eine duftige Kühle in der Klause verbreiteten. Wir stiegen eine Steintreppe hinab. Hier saß Nürnbergs größter Gelehrte an einem Steintisch, der mit vielen Büchern überdeckt war, im lauen Augustmond in einen Pelzüberrock gehüllt. Er unterrichtete gerade in den alten Sprachen zwei wunderschöne Knaben mit blonden, langen Haaren, die den Livius übersetzten. Es waren seine Neffen, Georg und Sebald Geuder. Herrn Pirckheimer ward, da er mir ein Willkommen bot, das Aufstehen schwer, denn er war seit vielen Jahren mit der Fußgicht behaftet. Aber um so leichter war es seinen muntern Schülern, die durch meine Dazwischenkunft höchst erfreut, von den Büchern zu ihrem Spielzeug rannten. Herr Pirckheimer dankte mir für den Brief, den ich ihm von einem gemeinschaftlichen Freunde überbrachte. Wilibald Pirckheimer war ein untersetzter, starker Mann mit einem weichen, feisten Gesicht, glattem Kinn, sonst aber starkem Haarwuchs. Sein Auge verriet Lebhaftigkeit und sein Mund Milde. Fern von Vornehmheit umfaßte er alle mit herzlicher Liebe. Wer hätte in dieser schwer beweglichen Gestalt den schönen Jüngling erkannt, der durch sein bezauberndes Lautenspiel, während er in Pavia und in Padua studierte, alle Frauenherzen bestrickte? Aber siehe, unter den Büchern lag auf seinem Schreibtisch die Laute, wodurch er noch jetzt die Einsamkeit seines Tuskulum belebte. Wer hätte in ihm den rüstigen Feldherrn erkannt, der in den Schweizerkriegen an der Spitze der Nürnbergischen Truppen zwei Schlachten gewann, wofür er sich der Gunst des Kaisers Maximilian bis zu dessen Tode erfreute? Aber noch jetzt, wenn auch statt des Degens mit der Feder in der Hand, ein geborner Cäsar, lebte er ganz in jenem Kriege und die größte seiner Handschriften führte den Titel: Historia belli Helvetici (Geschichte des Helvetischen Krieges). Außerdem arbeitete er in der Muße, die ihm die Staatsgeschäfte vergönnten, außer den lateinischen Übersetzungen aus Plato, Plutarch, Xenophon und Lucian an einem Lobgedicht auf eine Geliebte. Und die hieß? »Fürstin Podagra.« Gefangen in ihren Netzen, so hieß es beim Dichter, seufze er und fühle die Füße verstrickt, die er nicht mehr frei bewegen könne. Sie, die von hoher Geburt, abhold tölpischen Bauern, nur den Vornehmen folge, habe ihn auch zu der Zahl ihrer Lieblinge erkoren und lasse ihn mitleidslos schmachten. Tag und Nacht quäle sie ihn grausam und dennoch ihm getreu bis zum Tode, werde sie ihn ewig an ihre Liebe mahnen. Ehemals führte er das Kriegsschwert und das Jagdgeschoß, aber sie, an Adonis Schicksal denkend, wisse ihn, rührender und nachdrücklicher flehend als Venus, von gefahrvollen Unternehmungen zurückzuhalten. Sie fesselte ihn darum an das Schreibepult und vom Liebespfeile durchbohrt, betraure er ihre Härte und besinge ihr Lob. Nicht weniger, als scherzhafte, gelangen ihm ernste Gesänge. Und als ich äußerte, ihn um den Aufenthalt in dem schönen Neunhof zu beneiden, so entwarf er mir in wahrhaft dichterischer Sprache folgende Schilderung: Seht hier diese Ebene, überall umringt von kühn ragenden Höhen, die nicht schroff und starr, freundlich sonniges Grün bekränzt. Eine Bühne hat hier die Natur errichtet von der schönsten Ansicht und der wunderbarsten Abwechslung. Auf bebauten Fluren prangen hier der Ceres Gaben und nähren nicht mit eitler Hoffnung das Herz des Feldbebauers. Die Saaten unterbrechen grünende Wiesen, umduftet von Frühlingsblüten. Darum ist diese Gegend der Bienen Ernährerin, die lieblich die Blumen umsummen. Wenn auch hier, wo der Honig fließt, der Wein fehlt, so lassen kristallene Quellen den Verlust verschmerzen, die sich zu einem Bache vereinigen und durch des Tales Krümmung mit Schmeichelmurmeln dahinströmen. – Auf solche Weise malte er mir die Schönheit der Gegend aus und gestand, wie gern er immer hier weilen möchte und wie er sich vor der bald bevorstehenden Rückkehr nach der Stadt fürchtete, indem der Kaiser nächstens nach Nürnberg kommen würde. Ich wandte ihm ein, daß er den Umgang ihm treu ergebener Freunde schmerzlich entbehren müßte. Allein er belehrte mich, daß diese ihn fleißig besuchten und daß es seine Sitte wäre, sobald diese ihm fehlten, alle Leute des Dorfs zu einem Gastmahle bei sich einzuladen, um mit ihnen sich traulich über Ackerbau und Dinge der Natur zu besprechen. Er fügte hinzu, wie er auf diese Weise sich die Liebe der Leute gewönne, und wie er aus den Unterredungen mit ihnen tiefe Belehrung schöpfte. Denn der Philosoph, sagte er, darf sich damit nicht begnügen, die Lebenswahrheiten aus Büchern zu entnehmen, sondern ans dem Leben der Menschen selbst, wo es am meisten ungekünstelt sich ihm darbietet, wie der Künstler die Kunst nicht allein aus Vorschriften und Regeln erlernen muß, sondern aus der Natur. Der Name Kunst bahnte mir den Übergang zu dem Lobe Dürers, und die gleiche Teilnahme an den Werken und Schicksalen dieses Mannes gab unserm Gespräch noch mehr Wärme und Innigkeit. Ich rühmte die sprachlos sprechenden Bildnisse, die mich im Gartensaal so angenehm getäuscht hätten, und ich fragte ihn, ob er das für mich bestimmte Gemälde mit Mariens Himmelfahrt gesehen. So seid ihr, mein werter Freund, hub er an, der Besteller dieses ersten Gemäldes, das aus Dürers Werkstatt je hervorging? Ihr müßt es an mich abtreten und ich habe mich schon bereit erklärt, den von euch gesetzten Preis zwiefach an den Maler abzutragen. Für mich hat das Gemälde einen ganz eigentümlichen Wert und ich möchte damit meine Studierstube schmücken. Als aber Pirckheimer erfuhr, wie dieses Gemälde mir über alle Schätzung erhaben wäre, so stand er, wiewohl ungern, von der Bitte ab. Unterdes erschien ein Bedienter und meldete, daß das Essen angerichtet wäre. Eingeladen, mit gewöhnlicher Kost vorlieb zu nehmen, ging ich voran, und der Ratsherr, unterstützt vom Bedienten, klomm mühsam die Steintreppe hinan. Fürstliche Pracht und künstlicher Geschmack strahlte mir überall in den Zimmern des Palastes entgegen, in die ich geführt wurde. In dem Vorgemach fesselte ein in der Mitte befindlicher kleiner Springbrunnen meine Aufmerksamkeit mit den niedlichsten Figuren von Erz, aus deren Mund und deren mit Muscheln versehenen Händen Wasser hervorsprudelte, das in ein Becken voll Goldfischen strömte. Das Wasser, das die Luft angenehm abkühlte, drehte zugleich eine verborgene Orgel, die eine zwar leise, aber liebliche Musik ertönen ließ. Da ich die Künstlichkeit des Werkes bewunderte, so nannte mir der würdige Herr Pirckheimer als den Meister Hans Frey, den Schwiegervater Albrecht Dürers. In dem Speisesaal fielen mir, außer der wohlbesetzten und geschmackvoll angeordneten Tafel mit blinkendem Gerät und den Blumenverzierungen, In der Handschrift, in der die Blumen genannt sind, liest man: »Schmecken mit Feyel«, d.i. Sträuße mit Levkojen. zuerst die bunt gewebten Decken »Rucktücher.« auf, mit denen alle Stuhllehnen behängt waren. Eine Decke mit der Vorstellung eines englischen Grußes war vor dem Eingange ausgebreitet. Mir ward ein Ehrenplatz angewiesen neben dem Herrn Pirckheimer . Nebst den beiden Knaben setzten sich noch vier andere Hausgenossen an den Tisch, die, obgleich sie in Dienst und Solde des Besitzers von Neunhof standen, wie Gäste behandelt wurden. Die Weine waren so köstlich, als ausgewählt die Speisen. Dieses aber, so wie das erheiternde Gespräch, dem der Nachbar durch seine Gelehrsamkeit Gewicht gab, zogen meine Aufmerksamkeit nicht von den kostbaren Pokalen, Mischkannen Hier liest man: »Maygollin« kleine Becher, »Scheuern« große Becher, »Muschkendelin« Mischkannen, »Handfaß« Waschbecken. und anderm Geräte ab. Das meiste desselben prangte mit dem Pirckheimer- und Rieterschen Wappen, denn die verstorbene Crescentia Pirckheimerin war eine geborne Rieterin . Der Pokal des Ratsherrn war von Gold, und auf dem Deckel stand ein Fräulein, wie es aus einem Brunnen schöpft; vielleicht sollte dadurch der Wunsch ausgedrückt werden, die Flut im Pokale möchte unversiegbar sein gleich der im Brunnen. Dies war ein kostbares Werk von Albrecht Dürer , dem Vater des Malers. Auch von der Hand des letztern zierte ein Gefäß die Tafel, das ein Meisterstück war, obgleich es von einem Knaben herrührte. Es war ein silberner, kunstreich durchbrochener Fruchtkorb, den eine weibliche Figur auf dem Kopfe und den Händen trug. Kurz vor Aufhebung der Tafel trug der Koch ein sonderbares Waschbecken umher, über dem sich alle die Hände wuschen, während er aus einer silbernen Kanne Wasser goß. Das Waschbecken, gleichfalls von Silber, stellte einen Hirschkopf dar, an dessen Geweih, das von Korallen glänzte, ein Handtuch hing. Als man mir dasselbe zuerst reichte, knüpfte ich darein eine Gabe für den Koch ein. Jener Fruchtkorb führte das Gespräch wieder auf den Maler Dürer und dessen Werke. Herr Pirckheimer ließ eine Mappe mit Zeichnungen bringen, die er von des Freundes Hand besaß. Mit Rührung, beinahe mit Tränen dachte er an die mit ihm froh und einträchtig verlebte Jugend zurück. Beide, obgleich fortan voll treuer Liebe gegeneinander, konnten es sich nicht verhehlen, daß eine Kluft zwischen ihren ehedem eng verbundenen Herzen geöffnet war. Ich selbst, rief Pirckheimer , gab die unschuldige Ursache zu Albrechts unglücklicher Verheiratung. Indem schlug er die Mappe auf und zeigte einen Bogen, auf dem ein Kreis beschrieben war. Ich sah daran nichts Wunderbares, da er nicht mit freier Hand, sondern, wie man dies aus dem durchstochenen Mittelpunkt erkannte, mit dem Zirkel gezogen war. Darum begriff ich nicht, wie der Kreis die darunter geschriebenen Verse von Pirckheimer verdient hatte. Circulus Alberti, solo carbone notatus, Annulus est digitis Norica virgo tuis. (Albrechts fehlloser Kreis, wenn auch nur mit der Kohle gezeichnet. Norische Jungfrau, glänzt dir an den Fingern als Ring.) Die Jungfrau bezog sich auf das harpyenähnliche Wesen im Nürnbergischen Wappen. Einst befand ich mich, erzählte da Herr Pirckheimer , in einer Gesellschaft von befreundete»Künstlern, die mir zu Ehren nach meiner Rückkunft aus Italien veranstaltet war. Einige waren schon bejahrt, wie der alte Dürer und Hans Frey , dessen schöne Tochter Agnes damals der törichte Wunsch vieler war, andere in meinem Alter und noch jünger, wie die Maler Dürer und Wolf Traut . Beim traulichen Kaminfeuer wurde über die alten, alten Künstlergeschichten, wie den Wettstreit zwischen Zeuris und Parrhasius, zwischen Apelles und Protogenes gar viel hin und her gestritten. Ich berichtete ähnliche von christlichen Malern, die ich in der Fremde gehört hatte. Eine vom alten florentinischen Maler Giotto wiederhole ich hier. – Wo Sinn für die Kunst sich fand, dahin drang der Ruf von Giottos Kunst. Der Papst ging damit um, die Peterskirche mit Wandgemälden zu zieren, und schickte zu dem Ende einen Hofmann weit und breit umher, damit sich derselbe nach den besten Malern erkundigte und ihm von ihnen Probezeichnungen brächte. Nach diesen wollte er die nach Rom zu rufenden Maler bestimmen. Jeder Maler wünschte, dahin eingeladen zu werden, und strengte sich an, etwas gar Kunstreiches dem Hofmann zu übergeben. Nach Florenz gekommen, besuchte er zuerst Giottos Werkstätte und verlautbarte ihm seinen Antrag. Giotto, um des Fremden Bitte zu genügen, nahm ein Blatt, tauchte einen Pinsel in den Farbentopf und beschrieb, ohne abzusetzen, einen durchaus richtigen Kreis. Hier ist die Zeichnung! rief der Maler. Doch jener, der gefoppt zu sein glaubte, bat um eine bessere. Er aber erklärte, diese wäre so gut, daß keiner eine ähnliche fertigen könnte. Der Hofmann verließ ihn, wenig zufrieden gestellt. Der Papst aber als ein Kenner entschied, daß Giotto der geschickteste Maler sein müßte, und Giottos Kreis erhielt eine sprichwörtliche Berühmtheit. – Ich erzählte, was mir erzählt war, und teilte den Zweifel mehrerer Künstler, die kopfschüttelnd meinten, der Kreis möchte als Probezeichnung gut gewesen sein, aber wohl nicht bei einer Nachmessung mit dem Zirkel die Probe gehalten haben. Kaum hatte unser Dürer dies gehört, so nahm er eine Kohle aus dem Kamin und auf einem Bogen zeichnete er in aller Gegenwart diesen Kreis. Alle staunten und prüften die Zeichnung, indem sie sie vielmals umdrehten. Darauf ward ein Zirkel herbeigeholt, der Kreis nachgemessen und untadelhaft befunden. Hans Frey nannte da in aller Gegenwart, trotz dem Papste, Albrecht Dürern den geschicktesten Maler, und, was für ein Lohn! gab ihm seine Tochter Agnes zur Frau, wenn auch nicht ohne Mitgift, So sprach Pirckheimer . Jetzt erst erkannte ich den Wert des Kreises, der gleichsam Albrechts Trauring war oder Trauerring, als Glied einer Sklavenkette. Nicht weniger bewunderswürdig fand ich die übrigen Zeichnungen, die teils mit Rötel, teils mit schwarzer Kreide gemacht waren. Bei einer Kreidezeichnung ergriff mich ein freudiges Erstaunen. Es war ein Jungfrauenbildnis . Schwarz waren die Haare, dennoch erblickte ich Mariens blonde Locken, schwarz war das Auge, und dennoch Mariens blaues Auge, die Züge um den Mund wohl etwas älter und dennoch dieselben. Wen stellt dieses Mädchen dar? rief ich und konnte meine Überraschung nicht bergen. Pirckheimer war betreten und wollte mit einem: Zeigt mir es her! die Zeichnung geschickt meiner Hand entziehen. Ich aber hielt sie wie ein Kleinod fest. Ich weiß nicht, wen es darstellt, sagte er darauf mit scheuer Stimme. Da bemerkte ich auf der Rückseite eine lateinische Elegie auf den Tod einer Aemilia Rosenthalerin. Mein Wunsch, über die Wundererscheinung belehrt zu werden, stieg aufs höchste, doch Pirckheimer stand mir nicht Rede. Er nahm das Blatt und verbarg es unter die gesehenen, während er die übrigen mit zudringlicher Beflissenheit mir vorlegte. Die eine Zeichnung schwebte mir immer vor, als ich von ihm Abschied nahm in Hoffnung, seine Bekanntschaft in Nürnberg zu erneuern, als das Dunkel des Sebalderwaldes mich schon umfing und als ich, auf den Steinen durchrüttelt, vor der goldenen Rose hielt. Dürers Schüler. Holzschnitte zum Gedichte Teuerdank. Es ist Bestimmung, daß ich nach Nürnberg fuhr. Nicht Freunde allein, nicht Genuß, nicht Handelsvorteile sollte ich hier erringen, nein – mein höchstes Glück. Denn kann es ein Zufall sein, daß ich, sobald ich in die Stadt gekommen, die Rosenthalerin sah und ihr holdes Bild nicht vergaß, daß mir dasselbe auf Dürers Tafel, die er für mich malte, wieder erschien, daß es bei Pirckheimer unter seinen Zeichnungen mich abermals begrüßte. Ja, der Anblick ihres Engelantlitzes hat mich beglückt und wird mich immerdar beglücken. Sie ist arm und ich bin wohlhabend, ste ist jung und ich nicht alt, sie ist reich an Schönheit und ich voll von Liebe. Kein passenderes Paar gibt es unter der Sonne! Ein Fest ward bei meinem Einzuge in der Stadt gefeiert, ein Fest bezeichne meinen Abschied, und zwar ein Hochzeitsfest. Dürer , der die Aemilia Rosenthalerin kennt, kennt auch meine Rosenthalerin . Er ist mein Freund, er soll auch mein Freiwerber sein. Unter solchen Gedanken ging ich nach der Zisselstraße, um dem lieben Meister die mir geliehenen Schriften heimzutragen, zugleich aber, um durch meinen Antrag seine Freundschaftstreue zu prüfen. Kaum ward die Türe seines Hauses geöffnet, so lief ich die Treppe hinauf, um ihn in seinem Erker zu überraschen. Vergebens klopfte ich an die Stubentüre. Da kam Hans Dürer und sagte mir, der Bruder wäre nicht zu sprechen, denn er malte eben nach dem Modell. Ich verstand nicht den Ausdruck, wohl aber, daß ich zu meinem größten Verdruß den Gang umsonst gemacht hatte. Ich wollte von dannen gehen und übergab dem freundlichen Hans die Schriften mit der Bitte, dem Bruder Gruß und Dank abzustatten. Wollt Ihr nicht warten, lieber Herr, fragte er, bis mein Bruder kommt, und Euch so lange ein wenig oben in der Werkstatt der Gesellen umsehen? Er wird gewiß bald zu Eurem Dienste stehen. Das ließ ich mir wohl gefallen und ging mit ihm noch eine Treppe höher, wo er mich in einen Saal führte, der von hohen Fenstern erleuchtet wurde. Daneben war ein anderer von gleichem Ansehen. Viel gab es hier zu schauen. Rings umher waren hier bunte Muscheln und dort Korallengewächse, hier Büffelköpfe und dort Elendsgeweihe, hier Porzellangefäße und dort Elfenbeinarbeiten, hier Harnische und dort Standarten, hier Gipsfiguren und dort hölzerne Gliederpuppen, mit Lampen behängt. Sonst aber sahen die Gemächer wenig hübsch aus. Nichts war für Ordnung geschehen, geschweige denn für Zierlichkeit. Namentlich war der Fußboden von Kohlen- und Rötelstaub wie gebeizt. Alles schwieg, obgleich im ersten Saal allein sieben Menschen arbeiteten. An Staffeleien saßen die Gesellen, jeder vor einem Fenster, und in den Ecken waren kleine Jungen mit Farbenreiben beschäftigt. Das Frühstück, das ihnen gereicht wurde, unterbrach sie jetzt in der Arbeit, indem die Magd Susanna mit einer Zinnschüssel umher ging, auf der große Butterbrote lagen, und jeden bediente. Die Arbeiter waren, wie es schien, an häufigen Besuch gewöhnt und ließen sich durch mein Eintreten und Umherschauen nicht im geringsten stören. Hans erklärte mir alles, was ich sah und erzählte, daß Albrecht die Muscheln aus Venedig, die Büffelköpfe aus Antwerpen mitgebracht, daß er die Rüstungen vom Kaiser Max und das Porzellan von vornehmen Reisenden aus Sachsen zum Geschenk erhalten hätte. Ich ließ mir von ihm die Gesellen nennen. Es waren Springinsklee, Burgmaier, Pentz, Binck, Herrauth und Schäufelin , den ich schon früher gesehen hatte. Dreist trat ich zum Ältesten von ihnen, obgleich er ein mürrisches Ansehen halte. Dieses war Hans Burgmaier , von Augsburg gebürtig, ein gar trefflicher Maler und Formschneider. Er verneigte sich, da ich ihn grüßte, und zog den Vorhang vom obern Teile des Gemäldes hinweg, das auf seiner Staffelei stand. Es war ein herrliches Werk auf Leinewand gemalt und stellte Adam und Eva am Apfelbaume dar. Nie sah ich schönere nackte Figuren! rief ich aus. Wahrlich es freut mich, einen so talentvollen Maler kennen gelernt zu haben, als Ihr seid. Ihr meint wohl, erwiderte er lächelnd, daß ich die Figuren gemalt habe? Lieber Herr, wenn dem so wäre, so säße ich nicht hier und äße dies Brot, mit alter Butter bestrichen. Der Meister hat das Gemälde verfertigt und es mir gegeben, damit ich den Boden und allerlei Tiere hier und da malen soll. Könnte ich so etwas zustande bringen, dann lebte ich anders als jetzt und anders als Dürer selbst. Ich weiß, sagte ich darauf, das Gemälde soll im Rathaus aufgehängt werden. Doch vermisse ich Dürers Namenszug. Den bin ich eben zu malen begriffen. Ich sah zu dieser und jener Ecke vergeblich hin. Da zeigte mir Burgmaier , wie künstlich er es angestellt hatte. Nämlich der Auerochs, Dachs und Panther, die hintereinander standen, sollten das: Albertus Durerus bezeichnen. Ich lobte ihn wegen des hübschen Einfalls. Von Burgmaier ging ich zu einem jungen Mann, der Crispin Herranth hieß und der nachmals als Hofmaler des Markgrafen Albrecht von Brandenburg in Königsberg lebte. Er verfertigte Visierungen, wonach Panelwerk oder Wälschtäfelwerk gemalt werden sollte. Von ihm wandte ich mich zum schönen Hans Schäufelin , der mir noch immer als Ursulas Bräutigam im Purpurmantel vorschwebte. Schäufelin war die Liebenswürdigkeit selbst und wie ein alter Bekannter begrüßte er mich. Er saß an einem Tisch mit Georg Glockenton , dem Illuministen, und beide arbeiteten, ohne aufzusehen. Glockenton hatte Söhne und Töchter, die er alle zum Illuminieren und Vriesmalen anhielt, und von ihm wurden in Nürnberg und an vielen Orten schöne Missalien gezeigt. Schäufelin schnitt Formen »Formen«, d. h. Holzschnittformen oder Holzstöcke in Tafeln von Birnbaumholz. Vor ihm lag eine Handschrift von ungeheurer Dicke. Glockenton dagegen illuminierte auf großen gedruckten Bogen überaus künstliche Holzschnitte. Bald sah ich diesem, bald jenem aufmerksam zu, und da ich neugierig war, zu erfahren, was das für Bücher wären und was die Holzschnitte zu bedeuten hätten, so suchte ich mir durch ein freundliches Gespräch Schäufelins Vertrauen zu erwerben. Ein Holzstock war eben fertig und Hans Schäufelin schnitt nun an einer wenig bemerkbaren Stelle ein HS und daneben eine kleine Schaufel als Anspielung auf seinen Namen. Seid ihr aus Nürnberg? fragte ich. Nein, ans Nördlingen. Mein Vater lebt in Nürnberg, meine übrigen Verwandten aber sind in Nördlingen und dahin ziehe ich auch, sobald ich flügge geworden bin. Wirklich? unterbrach ich des Jünglings Rede scherzend, und doch heißt es in dem Liede: Es ist ein alt gesprochen Wort, Wo dein Herze wohnt, da liegt dein Hort. Was sagt die schöne Afra Tucherin zu Eurem Entschluß? Hat Euch der Meister davon gesagt? fragte Schäufelin und verbesserte hie und da den Holzstock. Gottlob! rief er darauf, meine Arbeit ist fertig! Mag sie mir Gedeihen bringen! Meister Dürer hat mir nämlich versprochen, wenn ich die Holzschnitte zur Zufriedenheit fertigen würde, und wenn sie dem Kaiser gefielen, für mich bei ihm ein gutes Wort einzulegen. So kann ich vielleicht endlich mein Schätzchen heimführen. Künftigen Monat kommt der Kaiser her. Mag er gnädig sein! Es ist ein übel Ding um eine lange Brautschaft, um das Hoffen und Harren. Er seufzte, und ich seufzte leise mit. Er klagte mir darauf, daß der Bürgermeister Tucher ihm nicht eher seine geliebte Afra geben wollte, als bis er eine eigene Werkstatt aufgeschlagen hätte, und daß es sich ohne eine Unterstützung nicht tun ließe. Und diese Holzschnitte, die rätselhafte Vorstellungen für mich haben, fragte ich aufs neue, sollen den Kaiser vermögen, Euer Glück zu gründen? Warum sie? Warum nicht lieber ein Ölgemälde, wie jenes, das ich in Nördlingen von Euch sah, mit der schönen Kreuzabnahme? Nein, seht (ich kann plaudern, da der letzte Holzstock vollendet ist) diese Holzschnitte haben eine besondere Bedeutung für den Kaiser, da sie seine Taten darstellen, wie sie unser Propst Melchior Pfinzing besungen hat. Ja, von den Taten eines solchen Kaiserhauses läßt sich viel schreiben und dichten. Ein Poet hat Maximilians Vater als Weiskönig »Weiß Kunig.« gefeiert, ein anderer hat sein Geschlecht aus Noahs Kasten hergeleitet. Pfinzing aber hat es verstanden, so recht Maximilians Adel und Tugend zu erheben. Wenn ich abends von Tuchers Wohnung heimkam, sah ich stets in der Sebalds-Propstei die Lampe des Herrn Propst, der fleißig an seinem Heldengedichte schrieb. Lange war er Sekretär beim Kaiser und kennt auf das Genaueste alle Hochtaten und männliche Tugenden desselben. Der Teuerdank, so heißt das Gedicht, soll in prachtvoller Gestalt dem Kaiser überreicht werden, wenn er unsre Stadt besucht. Ihr seht davon hier schon einzelne Bogen gedruckt mit meinen Holzschnitten, die Freund Georg illuminiert. Da er so sprach, ward ihm von einem Lehrjungen, der an der Druckerpresse arbeitete, ein Probedruck des letztverfertigten Holzstockes gebracht. Er ist makellos, sagte Schäufelin mit prüfendem Blick. Siegprangend seht Ihr hier den Helden Teuerdank stehen, so wird der Kaiser genannt, dieweil er auf Abenteuer denkt. Unverzagt tritt er auf viele kreuzweis gelegte Schwerter, die alle zu seinem Verderben gewetzt waren. Darunter soll man die Worte lesen: Der Tugend schadet Untreu nit, Die Mannheit sie zu Boden tritt. Aber les't hier in der Handschrift der Schluß des Gedichtes. Ich las, wie folgt: Wehr gab und Waffen Gott dem Tier, Den Löwen Mut, das Horn dem Stier. Der Mensch erhielt Vernunft allein, Der unvernünft'gen Tiere Dräun Erschreckt ihn nicht, sie dienen ihm, Durch Ruh besiegt er Ungestüm. Ein Wunder, wie der teure Held, Den Trug und Arglist frech umstellt, Durch Mut und Gottesfurcht bezwang Den Feind und sich erstritt den Dank – Und doch ist er ein Mensch, nicht mehr. Ich glaube, Gott beschützt ihn hehr, Er will durch unsern kühnen Held Viel wirken noch in dieser Welt, Noch viel der Christenheit zu gut, Drum lebt er in der Engel Hut, Sonst wär' er längst gelegen tot In Drangsal, Müh' und Kriegesnot. Gott schirm' hinfort den Herren mein, Denn wir bedürfen alle sein. Laß tun uns, wie der teure Held, Und Gott schenkt uns in dieser Welt Gesundheit, Fried' und Einigkeit Und dort die ew'ge Seligkeit. Als ich gelesen und ihm meinen Beifall bezeigt hatte, langte er nach einem Stoß von Bogen (es war etwa die Hälfte des Gedichtes), die schon gedruckt und deren Holzschnitte sauber ausgemalt waren. Um das Werk zur bestimmten Zeit fertig zu stellen, ward der Fleiß des Druckers, des Formschneiders und des Illuministen zugleich, wie zu einem Wettstreite, aufgeboten. Dennoch war die Arbeit nirgend übereilt und nirgend war aus Mangel an Zeit der Schönheit des Buches Eintrag geschehen. Nie hatte ich etwas so Prachtvolles gesehen, schon der Druck allein war der Bewunderung wert. Der Titel war: »Die Gefährlichkeiten und Geschichte des löblichen streitbaren und hochberühmten Helden und Ritters Teuerdank.« »Die Geverlichkeiten und eins teils der geschichten des loblichen streitbaren und hochberühmten Helds und Ritters her Tewrdanncks.« In dem Gedicht war dargestellt, wie er nach allerlei Abenteuern, Gefahren und Kriegsnöten, die er durch seine Tugend überwunden, die ehrenreiche Prinzessin Maria erwirbt. Sein Begleiter auf der Fahrt des Ruhmes ist ein Herold , auf dessen Mantel Schäufelin ein Glücksrad gezeichnet hatte, weil Teuerdanks Schicksale das Rad des Glückes lenkte. Auf vielen Holzschnitten sah man einen Mann im roten Gewande mit einer Kindermütze. Er führt den Namen Fürwittig (Vorwitz), weil er den Helden zu allerlei Fährlichkeiten verlockt. Auf vielen Holzschnitten dagegen erblickt man, statt dieser Figur, einen geharnischen Mann mit boshafter Geberde, mit gelbem Kleide angetan, wie es die Falschheit trägt. Er heißt Neidhard und bezeichnet die Tücke der Feinde, die den edlen Teuerdank zu vernichten trachtet. Gar sinnreiche Erfindungen! Die Abenteuer, die der Held besteht, sind überaus mannigfaltig, hier wie er eine Gemse erlegt, dort wie er zwei Löwen mit einer Schaufel erschlägt, wie er eine überladene Kanone Büchse. anzündet, wie ihn ein Sturm auf dem Schiffe zu verderben droht, wie er vergiftet werden sollte, wie er mit vierzehn Mann etliche hundert Feinde besiegt. Eben hatte Glockenton ein Blatt vollendet, der schweigsam neben uns bei seinen Muschelschalen saß und dessen Farben rein wie Glockentöne waren, sonderlich das rote und gelbe. Auf diesem Blatte sah man in einer Stube, an deren Wänden Harnische und Waffen hingen, den Helden Teuerdank im Jagdkleid, wie er einen Schalksnarren am Arm ergriff, der mit brennenden Lichten neben zwei Tonnen stand. Der lustige Rat sah gar lustig aus mit seiner langohrigen Gugel im buntgestreiften Rock, aber seine Mienen waren nicht lustig, da er furchtsam und erschrocken fast zu zittern schien. Anmutig war die Beschreibung zu lesen. Wie der edle Teuerdank bald durch einen Narren Der Narr hieß Konrad oder Kunz von der Rosen , der als ein witziger Mann von Maximilian geschätzt wurde und der sich von der gewöhnlichen Art der Spaßmacher sehr vorteilhaft unterschied. in einer Kammer durch Pulver ums Leben gekommen wäre Zeuch nicht nach Brügge, zeug hinfort! Vermeid' Herr Teuerdank den Ort! Dein lauert Trug dort und Verrat. Also der Narr den Herren bat, Nein, Kunz, ich hab ein groß Vertraun, Auf Freunde kann allda ich baun. So sprach der Herr und drauf der Narr: Nun, Herr, mich reizt nicht die Gefahr. Kunz floh davon. Herr Tellerdank Voll unerschrocknen Mutes drang Zur Stadt mit kleinem Heere vor, Und friedlich tat sich auf das Tor. Doch war das Falltor eine Falle, Er sah sich und die Seinen alle Gefangen bald durch Trug und List. Der Narr vernahm nach kurzer Frist, Wie es gegangen seinem Herrn. Befreien möcht' er ihn gar gern. Schwimmgürtel ließ er da sich machen, Die sollten ihn, gleich einem Nachen, Wär' auch der Graben noch so tief, An düst'rer Nacht, wenn alles schlief, Entführen der Verräterstadt. Des Nachts nahm Kunz darum ein Bad Und wollt' hinüber still und sacht. Das Wagstück wäre bald vollbracht. Da kam der Schwäne wildes Heer, Die schlugen mit den Flügeln sehr – Ja, gut französisch waren sie, Die ließen ihn bei aller Müh Nicht vorwärts kommen und zurück Floh er mit Tränen in dem Blick. Der Narr, der hatte klugen Sinn, Er ging zu einem Feldscheer hin, Sah ab die Kunst; Scheermesser führen, Das lernt' er, und geschickt barbieren. Ihr müßt Herr Doktor mir gewähren Und schnell mir eine Platte scheeren. Zum Feldscheer so der Narre sprach Und jener gab der Schalkheit nach. Kunz ging mit kahlem Kopf sofort Zum nächsten Kloster, borgte dort Strick, Sandelschuhn und Kutte sich. Und tat gar fromm und ehrbarlich. Zur Festungsstadt er sich begab Mit Rosenkranz und Pilgerstab. Um Gottes Willen macht mir auf' So rief er zu der Krieger Hauf, Zu dem Gefangnen führt mich hin, Des Helden Beichtiger ich bin, Nach mir verlangt er herzlich krank, Bald kehr ich um und sag euch Dank. Man öffnet ihm, führt ihn hinein Und läßt ihn bei dem Herrn allein. Was – ruft der staunend hocherfreut: Fuchs Reinecke im Münchenkleid! Wo bleibt dein Haar du toller Schalk? Alt ward der Fuchs, drum stäubt der Balg. Still, still, spricht Kunz, setzt schnell Euch her. Daß ich euch eine Platte scheer, Mit diesem Stab im Mönchsgewand Flieht ihr den Ort dann unerkannt. Mein Kaiser flieht, sein Narre bleibt. Da spricht der Herr: nicht Kurzweil treibt Der Feind mit dir, gelingt der Plan. Zeuch hin und sei mein Freund fortan. Der Narre fleht, doch jener spricht: Nein, guter Kunz, das tu' ich nicht. Er fleht vergeblich und zurück Muß er mit Tränen in dem Blick. Entrissen der Gefangenschaft Ward Teuerdank durch Heereskraft. Des edlen Waidwerks trieb er viel Jetzund mit Hund und Federspiel. Hirsch, Eber, Wolf und Bär Erlegt er mit geschickter Wehr. Einstmalen, es war in Tirol, Da tat er auf der Jagd sich wohl. Der Narr ritt neben ihm zur Seit' Und teilte Mühe, Lust und Leid. Zu spät nur, in tief finstrer Nacht Ward an die Rückkehr erst gedacht. Sie irrten nun die Kreuz und Quer Und fanden Weg und Steg nicht mehr Fern ließ in tiefem Waldesgraun Sich da ein helles Lichtlein schaun. Sie folgten ihm und Mann und Roß Fand Eingang in das alte Schloß. Verfallen war's, als Burggeist schier Haust einsamlich ein Ritter hier. Gar kärglich war bestellt sein Tisch, Da gab's nicht Wein, nicht Braten, Fisch. Daß solche Kost dem Herren ward, Das schien dem guten Narren hart, Geschah es doch, so gab's der Schein, Aus Armut nicht, aus Geiz allein. Wohin man richtete den Nick, Sah man die schönsten Waffenstück. Herrn Teuerdank ging auf das Herz, Betrachtend rings der Waffen Erz, Denn wo Geschütze, Büchsen, Speer Und Schwerter waren blank und schwer – Vor Sehnsucht war' er da vergangen, Durft' er nicht dreist nach ihnen langen. Der Wirt führt ihn im Schloß umher Und zeigt ihm noch der Waffen mehr. Hier Jagdgeschosse aller Art, Dort Pulvertonnen wohl verwahrt. Herr Teuerdank ging ein zur Ruh Und schloß erschöpft die Äugen zu. Kunz ruhte nicht. Wie hätt' er gern Beim kargen Mann für seinen Herrn Eine bessre Mahlzeit zugerichtet. So dacht' er, nahm ein brennend Licht, Da alles schlief, und sucht umher, Ob nirgend Wein und Braten war. Da sieht er ein paar Tonnen stehn: Ha, hier ist Wein, laßt einmal sehn! Auf tat sich da mit Ungestüm Die Tür und Teuerdank trat zu ihm. Erweckt von seiner Tritte Schweifen, Vermeint er einen Dieb zu greifen. Kunz war's, er trieb gar argen Spaß. Hinweg das Licht vom Pulverfaß! Rief er und riß ihn fort sogleich. Der Narre bebt erschrocken, bleich, Er fiel aufs Knie und weinte schier: Wie – Pulver in den Tonnen hier? Das gab mir ein die List des Bösen, Bald wär's um Euch geschehn gewesen, Um Teuerdank, den wackern Held, Laßt büßen mich vor aller Welt. Vom hohen Turm werft mich herab, Gebt mir des Galgens luftig Grab, Die Glieder flechtet mir aufs Rad, Und gebt mir da die Ruhestatt! Doch Teuerdank voll Milde spricht: Nein, guter Kunz, das tu ich nicht, Ich weiß, was gutes du getan, Zeuch hin und sei mein Freund fortan. Mittlerweile war Albrecht Dürer hinaufgekommen, der sich bei mir gar höflich entschuldigte wegen meines langen Wartens. Meister Dürer ging darauf mit mir zu den Staffeleien der einzelnen Gesellen und machte an ihren Arbeiten hier diese, dort jene Ausstellung. Zu den Gemälden hatte er die Zeichnung gegeben und auch die Köpfe meist selber gemacht. Die jungen Maler verdroß sein Tadel nicht, vielmehr waren sie desselben froh, denn sie nahmen gute Lehren daraus. Dürer war aber auch nicht hart gegen Maler. Ward ihm die Arbeit eines Stümpers gezeigt, so schalt er nicht, sondern sagte: Nun, der Meister hat sein Bestes getan. Hier aber ist noch etwas zu verbessern. Alsdann nahm er den Pinsel, malte ein neues Bild und hatte seine Freude daran, den Leuten weiß zu machen, daß so ein Jacob Elsner oder ein anderer Maler der Art es gefertigt. Mit rechtem Wohlgefallen sah ich all die schönen Gemälde. Hier Christus am Kreuz, wie Engel sein Blut in Kelchen auffingen, da die Dornenkrönung, hier die heilige Dreieinigkeit, dort die Anbetung der Könige aus dem Morgenlande. Bilder anbeten, sagte ich, ist nicht gut, aber bei Euren Werken ist es dem fühlenden Christen wohl zu verzeihen, denn Ihr stellt die Gottheit dar, wie sie ist. Darauf erwiderte er mir fest: Diejenigen, die jetzt darum die Malerei verachten, daß sie der Abgötterei diene, die tun groß Unrecht. Denn durch Gemälde wird der Andächtige so wenig zum Afterglauben, als ein Mann darum zum Morde verleitet, daß er ein Schwert an seiner Seite trägt. Der Unverständige betet Holz und Stein an, wenn es auch noch so hölzern und steinern ist, dazu ist des Künstlers Geschicklichkeit nicht not. Was den Malern als Schuld angerechnet wird, das ist der Priester Schuld. Als wir alles beschaut in den beiden Sälen, da führte mich Dürer in ein kleines helles Stübchen, darin er selbst viel zu arbeiten pflegte. Hier sah es noch bunter als anderwegen aus. Auf einem Tisch war hier von Thon eine ganze Festung gebildet mit Schanzen und Laufgräben, denn Albrecht dachte über dergleichen Dinge viel nach. In der Mitte der Stube stand ein langer Tisch, auf dem eine seltsame Vorrichtung war. Man sah nämlich auf ihm einen viereckigen Rahmen mit Fäden aufrecht stehen und an dem Rahmen war ein Türlein. Das war die Visierungs-Maschine, »Das war ein geschickter Zeug. die er selbst erfunden hatte. Da ich fragte, was all dies zu bedeuten hätte, so rief er aus dem nächsten Saal einen Gesellen Hans , der nannte sich nach seinem Geburtsort Culmbach, und er war nicht der schlechteste von den jungen Malern. Dürer stellte ihn vor den Rahmen und er selbst nahm eine Laute von der Wand und legte sie auf den Tisch, mit einem Stift an einem langen Faden ward nun auf die Laute hin und her gewiesen, neue Fäden an den Rahmen geklebt, das Türlein auf- und zugeschlagen, Punkte mit Kreide auf das Türlein gesetzt. Es war ein gar künstliches Wesen darum, das ich kaum verstand. Genug, es war nicht ein Viertel-Stündlein vergangen, so sah ich auf dem Türlein die Laute punktiert, von vorn gesehen und ganz natürlich. Auf einem Tischlein in der Ecke sah ich von Holz geschnitzt überaus spaßhafte Dinge. Von fern hielt ich sie für Tafelaufsätze, wie sie von Gold und Silber die Vornehmen haben. Gleich als wenn mich Dürer versuchen wollte, wie ich die Augen aufsperren würde, sagte er mir kurz und ernst: Das sind zwei Modelle zu Denkmälern, das eine zu einem Grabesdenkstein, das andere zu einem Siegeszeichen. Ich erfand dergleichen Pyramiden, denn die ägyptischen sehen mir gar zu plump aus. Ich hob das eine auf und las die Inschrift: Lazaro Spenglero Triumphatori (dem triumphierenden Spengler) und sah eine possierliche Zusammenstellung von allerlei Bestien, darüber Häcksellade und Mistgabel und anderes Ackergerät. Das andere Modell nahm ich, das zum Grabdenkmal für denselben Mann bestimmt war, und erblickte einen Turm, der von Biertonnen, Kannen und Krügen gebildet war. Spengler war mir durch ein Gedicht in Dürers Schriften bekannt geworden als ein scherzhafter Mann. Herr Spengler , hub ich an, das muß wohl ein anderer Bacchus sein, denn Ihr habt ihm übel mitgespielt. Als seine Sinnbilder wähltet Ihr hier den Kellerzubehör und dort Ochs, Schaf, Schwein und Flegel. Da lachte ordentlich Herr Dürer und sagte: Ihr müßt unsern Stadtschreiber Spengler kennen lernen. Gern foppt er jeden und läßt sich gern foppen. Wenn er schmunzelt, so hat man sich vor seiner Zunge in acht zu nehmen, und wenn er ernst ist, so trägt er den Schalk im Nacken. Jeder hat von ihm zu leiden, und jeder ist ihm gut. Er ist ein alter Jungeselle und sein Wahlspruch lautet: Des Weisen Hang und Ziel ist Speise, Trank und Spiel. Habt Ihr ihn selbst hier abgebildet, wie er erbärmlich zusammengekauert auf einer Garbe sitzt? Einem Triumphator sieht er wahrlich wenig ähnlich aus. Nein – das ist er nicht. Da muß ich Euch eine lange Geschichte erzählen, deren Erinnerung in Nürnberg noch länger leben wird als Spenglers Name. Seit grauer Zeit haben die Bauern in den Dörfern des Lorenzerwaldes die Verpflichtung, alle Jahre dem Magistrat Vieh, Getreide und allerlei Lebensmittel zu liefern. Die Bauern sträubten sich oft dagegen, und wollten sich ganz von den lästigen Bedingungen frei machen. Ganz keck schrieben sie an den Magistrat auf dessen wiederholte Forderungen und angedrohte Strafen, die Magistratsherren, wenn sie Würste und Schinken essen wollten, möchten sie bezahlen. Der Bürgermeister beschloß da, von einer Gerichtsperson die Ortschaften bereisen zu lassen, und durch Ansehen und durch Strenge die Bauern zu ihrer Pflicht zurückzubringen. Weil die Sache das Essen betraf, so ward halb aus Scherz zu diesem Geschäft Freund Spengler gewählt. Jeden hätte der Antrag gekränkt, ihn nicht. Aber wie führte er die Sache aus? Der Bauerngehorsam ward mit Erfolg angewendet und die Halsstarrigen lieferten alles, was sie schuldig waren. Als Spengler in Nürnbergs Tore heimzog, sah man in einem langsam feierlichen Zuge zuerst mehrere Bauern hintereinander Ochsen führen. Ihnen folgte ein Wagen mit blökenden Schafen und grunzenden Schweinen, ein andrer mit Speck, Käse, Würsten, und endlich fuhr der Stadtschreiber selbst in einer kleinen Kutsche, mit vier Schimmeln bespannt, an die die aufsässigen Bauern mit gefesselten Händen gebunden waren. Mit einem Weizenkranz um die Schläfe stand er triumphierend auf dem Wagen, und schüttete unter die jubelnden Gassenbuben aus einem Säckel Kupfermünzen aus. Alles schrie und jauchzte. Das war Euch ein Gewühl und ein Auflauf, als wenn die ganze Stadt brennte, und die ganze Stadt war an diesem Tage vor dem Rathause versammelt. Allgemein ward gelacht, als der Zug langsam sich dahin bewegte, nur die Ratsherren, die eben eine Sitzung hielten, waren ergrimmt, und der Bürgermeister schäumte vor Wut. Sofort ward auf Spenglers Absetzung angetragen. Allein der Spaßvogel errang über den Magistrat noch einen größern Triumph, als über die Bauern. Spengler hatte sich durch sein immer heitres Wesen, durch seine gutmütigen Scherze unentbehrlich gemacht, und ohne sein Zutun nahm man die Anklage zurück. Wahrlich, er hatte ein Siegesdenkmal verdient. Jetzt ward mir alles klar. Um den viereckigen Stein mit der Inschrift lagen Ochsen, Lämmer und Eber mit gebundenen Füßen, oben auf den vier Ecken standen vier Körbe mit Würsten, Eiern, Käse und Butter. Über einander gestellt waren auf dem Stein eine Häcksellade, ein Butterfaß, ein zweihenkliger Milchkrug und eine Garbe mit Spaten, Hacke, Gabel und Dreschflegel. Zuoberst aus einem Hahnenkorb saß ein gedemütigter Bauer gar jämmerlich auf einem umgekehrten Topfe, indem hinter ihm das Justizschwert vorragte. So spaßhaft auch der Bau war, so nahm sich doch das Ganze allerliebst aus. Das andere Denkmal, begann ich, erklärt sich leicht. Aber sagt doch, der schalkhafte Ratsschreiber lebt doch noch? Ja, er lebt und erbat sich selbst von mir den Plan zu einem prächtigen Grabmal, denn er meinte, wie der Papst Julius sich bei lebendigem Leibe ein Mausoleum von Michel Angelo errichten ließ, so wollte er es auch halten. Das Modell zeigte eine höchst anmutsvolle Form. Auf einem Untersatz von Stein stand eine Tonne, überdeckt mit einem Brettspiel, darüber zwei Schüsseln, von denen die eine der Deckel der andern war, darüber ein kurzbauchiger Krug, dann ein umgekehrter Kelch und auf dem Fuß desselben ein Fruchtkorb, aber nicht mit Früchten, sondern mit Melonenschalen und Weinblättern. Die Inschrift unten auf dem Stein lautete also: Herr Spengler sah die Tonne leer, Das Brettspiel zugeschlagen, Nicht Wein in Krug und Becher mehr. Im Teller nichts zu nagen, Zu tun, so sprach er, ist nichts mehr! Und ließ zur Ruh sich tragen. Bei dem Anblick all des Schönen hatte ich fast die Absicht meines Kommens vergessen, jetzt aber, da wir aus dem kleinen Stübchen traten, ergriff mich der Gedanke mit Macht, durch ein offnes Wort der Beklommenheit quitt zu werden. Ich bat daher Dürern , mich hinunter zu führen, indem ich Sehnsucht vorgab, meine Tafel zu betrachten. Und dem war auch wirklich so. Ehe wir aber die geräumige Werkstatt verließen, gab ich jedem Gesellen, soviel ihrer waren, denn alle schienen mir sehr geschickte und artige Leute zu sein, zwei bare Gulden zum Trinkgeld. Deß waren sie froh und dankten mir und Dürer dankte mir auch für meine Gütigkeit. Wir gingen also die Treppe hinab und als mir Dürer höflich die Türe öffnete, da fesselte meinen Blick nicht das Bild, nein – die Rosenthalerin selbst . Bescheiden schlug sie die Augen nieder und grüßte mich so ehrbar, daß es mir ganz warm wurde. Dürer zog mich zu meinem Leidwesen seitwärts zur Tafel hin und fragte mich, ob der Kopf und die Stellung der Jungfrau nicht gewonnen hätte, da er heute nach dem Mädchen alles überarbeitet, das ihm zum Modell diene. Modell – das heißt soviel als Muster und jetzt erst verstand ich, was mir der gute Hans vorher als Grund angab, meine Bitte abweisen zu müssen. Sonderbar kam es mir vor, daß die stolzen Maler, die nach lebenden Wesen gleichsam Modelle schaffen, jene selbst Modelle nennen. Aber wie hätte ich im Gemälde das Nachbild bewundern sollen, da das Urbild vor mir stand? Schnell kehrte ich zur holden Jungfrau zurück und dankte ihr, daß sie ihre Schönheit auf meiner Tafel verewigen ließe, und sagte ihr manches Schmeichelhafte, wodurch sie ganz betreten ward. Ich hätte ihr jetzt alles gesagt, was auf meinem Herzen war, und meiner Qual wäre ein Ende gewesen, aber Dürer , der des schweigsamen Kindes sich annehmen zu müssen glaubte, sagte: Werter Herr Heller, macht mir das Mädchen nicht rot. Jetzt, Liebes, gehe nach Hause und grüße mir deinen Alten! Sie küßte Dürern die Hand, verneigte sich und ging. Soll ich sie nicht nach Hause begleiten? rief ich lebhaft. Wie werdet Ihr das? sprach jener mich zurückhaltend. Glaubt mir, es ist ein ehrbares Mädchen. Darum eben, Herr Dürer ! Denn ich liebe die Jungfrau seit dem ersten Tage meines Hierseins, ich liebe sie unaussprechlich. Und ich erzählte ihm alles, wie ich sie kennen gelernt und sogleich lieb gewonnen. Bedenkt doch, Herr Heller! sagte mir kopfschüttelnd der strenge Meister. Ihr, der reiche Heller – das arme Mädchen! Er hatte mir jene Frage verneint, als ob er ihr Vormund wäre. So sagt mir, wo wohnt sie, wo finde ich ihre Eltern? rief ich schier flehend. Ihre Mutter ist unter den Seligen, die war wohl noch schöner als die Tochter. Das erste, was jene ihr gab – das Leben, vergalt sie mit Undank und tötete sie. Lebt denn ihr Vater noch? fragte ich wieder. Höchst unbestimmt erklärte sich nun Dürer . Wie verlegen bejahte er es mir bald und bald nannte er das Mädchen eine Waise. Ich bat, ich beschwor ihn, etwas zur Erfüllung meiner Wünsche zu tun, allein Dürer wiederholte fortwährend das abscheuliche: Bedenkt Euch doch! Endlich riß mir die Geduld, um so mehr, da ich die Pantoffeln der Frau Agnes hörte und fürchtete, daß sie mir wieder kostbare Sachen vorzeigen würde. Unbefriedigt und ärgerlich lief ich die Treppe hinab und rannte mit einem flüchtigen Gruß der eifrigen Kauffrau vorüber. Der Bildhauer Krafft in seiner Werkstatt. Nürnberg ward mir mit jedem Tage lieber, und der Gedanke an die Trennung immer herber. Die Besorgung der Geschäfte, die meine Anwesenheit in Augsburg und Regensburg nötig machten, schob ich so lange als möglich hinaus. Endlich aber mußte ich mich dennoch zur Abfahrt rüsten mit dem festen Vorsatz, auf der Rückreise mich wenigstens acht Tage hier zu verweilen. Von der holden Rosenthalerin zu scheiden, ohne sie zu sehen, ward mir schwer und mich beruhigte nur die Überzeugung, alles in der Sache getan zu haben. Ich hatte nämlich Dürern , der meine Neigung zu dem Mädchen für die vorübergehende Laune eines Unbärtigen zu halten schien, in einem Brief von der Redlichkeit meiner Absichten zu überzeugen gesucht und meinen Wunsch in einer Bitte an ihn eingeschlossen. Es erfolgte darauf keine Antwort. Wenn ich im allgemeinen den Freunden bei der bevorstehenden Abreise den Abschied schuldig blieb, um Zeit zu gewinnen und mir peinliche Gefühle zu ersparen, so drang es sich mir wie eine Kindespflicht auf, den alten Meister Krafft zu besuchen. Vielleicht war es eine Ahnung, die mich trieb, denn wie ich vorher keine Stunde dem Besuche hatte widmen können, so war auch jetzt mir jede Stunde kostbar. Bald hatte ich den Steig, auf dem Meister Krafft wohnen sollte, gefunden und ein Hoftor, an dem ein schön gebildeter, steinerner Lindwurm mir entgegengrinste, aus dessen zahnreichem Rachen Wasser strömte, ließ mir über seine Wohnung keinen Zweifel mehr. Ich trat in den Hof und zu beiden Seiten des Ganges sah ich große Sandsteinblöcke liegen und sagte mir: der Alte verspricht sich ein langes Leben. Aus diesem Hof trat man durch eine Glastüre in das freundliche Haus des Meisters und zunächst in die Werkstätte. Von der Freundlichkeit und dem friedliebenden Wesen Kraffts hatte ich immer viel Rühmens gehört. Um so mehr befremdete es mich, ihn in heftigen Ausdrücken poltern zu hören, indem er mit seinen Leuten zankte. Ich nahte mich der Glastüre und sah in der Werkstatt den kahlköpfigen Meister, dem eine einzelne Locke auf der Stirne schneeweiß wie der lange Bart erglänzte. Daneben standen zwei Leute, die seine Schüler zu sein schienen. Den einen unterwies er in der Steinmetzenkunst und ereiferte sich dermaßen, daß er nicht sah und hörte, obgleich ich die Türe öffnete und hineintrat. Nach einem Pfeiler, der mit allerlei Blättern und Schnörkeln verziert war, wie man dergleichen in alten Kirchen findet, sollte ein anderer gearbeitet werden. Ich bemerkte gleich, daß der eine Bube, der Meißel und Hammer in der Hand führte, nichts mehr als ein roher Bauernknecht wäre, der Äcker zu bauen taugen mochte, aber nicht Kirchen zu bauen. Der machte mit dem aufgesperrten Munde, der krummen Nase und dem straubigen Haar eine erbärmliche Gestalt und schien mit sehenden Augen zu schlafen. Als er eine Randverzierung auszuarbeiten suchte, so hieb er die Ecke des Steinblocks ab und als er, o Einfalt! seinen Fehl verbessern wollte, so schlug er sich auf die Hand, daß sie blutete. Die Alten taten recht daran, sich der Schafsköpfe zum Einrennen der Mauern zu bedienen. Dennoch zeigte, erklärte und schalt Krafft , als wenn er ein tüchtiger Steinmetz einmal werden könnte, und der alte Knabe weinte wie ein Kind, da er von ihm ziemlich unsanft gestoßen und gerüttelt wurde. Ich konnte es nicht fassen, warum der Meister so an ihm Mühe verschwendete, um so weniger, da ein hübscher Jüngling sich daneben befand, an dessen grüner Schürze ich sah, daß er gleichfalls bei ihm in der Lehre stand, und ans dessen Mienen ich erkannte, daß er alles sehr wohl begriff, was jener nie in seinem Leben begriffen hätte. Da mir um den ungeleckten Bären leid tat, der sich bei der Arbeit so kläglich gebürdete, so räusperte ich mich ein wenig und der Meister blickte nach mir hin. Sogleich riß er sich die grüne Schürze von den Schultern und eilte wie ein Zwanzigjähriger auf mich zu und aller Arger war auf einmal aus seinem Gesichte verschwunden und dagegen sprach die herzlichste Freude aus seinen Blicken. Vater Adam ward er von allen genannt, und unwillkürlich begrüßte ich ihn mit diesem Namen. Er freute sich recht inniglich meines Besuches, auf den er lang vergeblich gewartet und schon die Hoffnung auf ihn aufgegeben hatte. Seine gute Frau, erzählte er mir, hätte für mich Wein und Kuchen besorgt gehabt, der aber jetzt leider! schon aufgeschmaust wäre. Dann entschuldigte er sich bei mir wegen des barschen Wesens, das bei aller Geduld im Unterricht nicht zu vermeiden wäre, und erläuterte mir nun das sonderbare Verfahren, das er dabei beobachtete. Wenn er nämlich einen Gesellen ins Haus nahm, so mußte dieser die Kunst von Grund aus neu erlernen, selbst wenn er es sonst schon recht weit gebracht hatte. Adam gab nämlich viel darauf, daß alles, was aus seiner Werkstatt kam, auf seine Weise und nicht anders gearbeitet war. Um dies zuwege zu bringen, nahm er für etliche Zeit einen gemeinen Handlanger zu sich und diesen unterrichtete er, als wenn er ihn zu einem Gehilfen sich erziehen wollte. Allein er tat dies nur, damit der neue Geselle, der immer dabei zu stehen hatte, Gelegenheit fand, ganz genau wahrzunehmen, wie er künftig den Meißel handhaben müßte. Ich nannte die Art den Unterweisung eben so zweckmäßig, als mühsam, aber Krafft meinte, wenn man guten Mut behalten wollte, so dürfte man sich keine Mühe verdrießen lassen, und daß er sein hohes und rüstiges Alter allein der Arbeit zu verdanken hätte. Er bat mich darauf, in die Stube einzutreten, die neben der Werkstatt lag, und wo bei aller Einfachheit sich die größte Sauberkeit kund gab. Der eichene Kleiderschrank glänzte blank gebohnt nicht weniger, als die zinnernen Zierkannen, die auf seinem Sims standen, an dem Bette war jede Falte der Vorhänge wie mit Fleiß gelegt und selbst der Fußboden, der mit Sand bestreut war, hatte durch den bemerkbaren Besenstrich ein zierliches Ansehen gewonnen. Eva! rief jetzt Meister Adam in die Küche hinein und mir fiel der Name auf. Mag in das Paradies, das Adam und Eva bewohnen, sagte ich lächelnd, sich nie die Schlange einschleichen! Über unsere Namen, erwiderte er, haben wir schon manchen Spott erfahren müssen, namentlich von unserm witzigen Stadtschreiber, dem Herrn Spengler , aber ich habe mich an ihm gerächt. Das sollt Ihr nachher erfahren und von neuem rief er Eva ! Da trat in das Zimmer ein rühriges Mütterchen mit einem weißen Häubchen und einem dunkelroten Faltenrock, wenn es möglich wäre, noch freundlicher als der Alte. Frau Eva schien die Nachricht, daß der längst erwartete Gast in mir erschienen wäre, einen Augenblick in Verlegenheit zu setzen. Dann aber trippelte sie hin und her, stellte einen Tisch vor uns hin, den sie zum Überfluß mit der Schürze abrieb, nahm ein Messer vom Schrank, das sie kniend auf der Türschwelle scheuerte, entfernte sich dann aus einen Augenblick und brachte eine Bierkanne, ein großes Brot und Butter herein. Mütterchen, fragte der Alte, gibt es denn heute nichts besseres als das? Schweige, Vater! erwiderte sie scherzend, bringe ich dem fremden Herrn doch ein Stück Brot, dem du Steine vorzusetzen denkest. Bei der Freundlichkeit der Bewirtung erschien mir die Kost ungemein wohlschmeckend und Mutter Eva nahm es nicht mit geringer Freude wahr. Meine Frau, Hub der Alte an, da er sah, daß ich an ihm und allem, was ihm lieb war, aufrichtigen Teil nahm, wurde Magdalena getauft und mir zu Liebe nannte sie sich Eva . Wir sollten uns über keinen Kain grämen und daher versagte uns der Himmel das Glück, Eltern zu sein. Seine Gnade werden wir aber stets anbeten, die sich uns auf eine seltene Weise bewährt hat. Mit liebenswürdiger Redseligkeit erzählte er mir darauf unaufgefordert alles, was er erlebt und erfahren hatte, und ich staunte, wie die göttliche Fügung oft so wunderbar wäre. Die lieben Eheleute hatten sich, da sie noch Kinder waren, versprochen. Als Jüngling verließ Adam seine Vaterstadt Nürnberg, um in der Fremde sein Glück zu versuchen und möglichst bald mit gefülltem Säckel heimzukehren. Magdalenen blieb nichts anderes zum Trost zurück, als des Geliebten Schwur unverbrüchlicher Treue. Zehn Jahre wartete sie auf die Rückkunft ihres Freundes, aber vergeblich. Keine Kunde ward ihr von ihm, und die Verwandten, die sie mit Heiratsvorschlägen belästigten, sagten ihr ein über das andere Mal: Adam würde nie mehr wiederkehren, denn entweder wäre er tot oder längst in fremden Landen ansässig und verheiratet. Wem Magdalena , obgleich sie arm nur von der Güte der Ihrigen abhing, blieb standhaft. Noch andere zehn Jahre verflossen und das Harren auf den Bräutigam erwarb ihr überall Verhöhnung und Spott. Jungfer Braut, wird nicht bald der Bräutigam kommen? so hörte sie auf allen Strafen sich von jedem Buben fragen, und konnte nichts als Geduld den Kränkungen entgegensetzen. Magdalenens Treue wankte nicht, wie die ihres Verlobten. Adam wollte nur im Frankenlande sich umhertun, aber von einem Freister an den andern empfohlen, von der Luft, zu lernen und zu schauen, durchdrungen, kam er immer weiter und verlebte frohe Jahre im schönen Wälschlande. Überall fand er Arbeit die Fülle, und seine Barschaft vermehrte sich mit jeder Woche, namentlich in Neapel. Jetzt dachte er an die Rückreise, und da ein Schiff von Neapel nach Genua ging, so nahm er die Gelegenheit wahr, so schnell als möglich die Heimat zu begrüßen. Wind und Welle schien im Bunde der treuen Liebe zu stehen und beflügelte den Lauf des Schiffes, aber Wind und Welle sind trüglich. Plötzlich erhob sich Sturm und Unwetter, das Schiff ward hin und her geschleudert, die Schiffsleute zagten. Die Masten wurden gekappt und der Gunst des Zufalls das Leben so vieler preisgegeben. Nach langen Tagen trostlosen Umherirrens kam das Schiff an Land, das Leben der Leute war erhalten – aber sollten sie dafür danken? Tunis war der Schreckensort, wo sie landeten, und nach Mühsalen und Entbehrungen aller Art wurden den Unglücklichen Ketten angelegt. Auch Adam schmachtete im Sklavenstande, und viele Jahre bot sich ihm keine Aussicht zur Erlösung dar. Der König von Tunis ließ damals eine Moschee bauen und da Adam zu den Sklaven gehörte, die Steine zur Baustelle schafften, so erklärte er einst in Gegenwart des Königs und des Baumeisters, daß der Bau übel angelegt wäre. Adam ward für die Dreistigkeit mit Ruten gestrichen. Allein es bewährte sich, was er vorher verkündete. Die Heidenkirche stürzte zusammen und der Baumeister nahm sich auf den Trümmern derselben das Leben. Adams Ketten wurden jetzt gelöst und ihm Freiheit zugesagt, sobald er in bestimmter Frist eine neue Moschee aufführen würde. Der König hielt Wort. Ohne Habe ward er auf einem Schiffe der Barbaresken nach Genua gebracht und viel der Mühsale erlebend, bettelte er sich glücklich bis nach Nürnberg hin. Die Braut harrte, aber obgleich der Bräutigam erschien, so war jede Hoffnung zur Verbindung entschwunden. Sie war arm, und er brachte nichts daheim. Doch die Wiederkunft des Langersehnten und seine bewährte Treue erregte gleich einem Wunder Aufsehen. Man betrachtete ihn wie einen Heiligen, der von den Toten erstanden wäre, und wie einem Heiligen opferte ihm jeder, gleichsam aus religiöser Regung. Adam nahm anfangs die Gaben, da er ihrer bedurfte, und später konnte er sie nicht ablehnen, um die Spender nicht durch ein ungleiches Betragen zu beleidigen. Er sammelte soviel, daß er nicht allein heiraten, sondern auch ein freundliches Haus kaufen konnte. Da Meister Krafft die Erzählung geendigt hatte, so bat ich ihn, mir einige seiner Bildhauerarbeiten zu zeigen, da das Sakramentshäuschen in der Lorenzkirche seinen Namen unter den ersten Künstlern Nürnbergs verewigte. Auf meinen Wunsch führte er mich in die vordere Werkstätte, und zeigte mir hier die Bildwerke in Gypsmodellen, die die Sebaldskirche von außenher schmückten. Alles wunderherrliche Arbeiten. Sonderbar, daß ich jetzt erst dieselben in Abgüssen genau betrachtete, wie sie es verdienten, obgleich ich täglich an den Urbildern mehrmals vorbeiging. Krafft machte mich aufmerksam auf eine sehr wohl angeordnete Vorstellung des heil. Abendmahls, auf dem sowohl der Heiland, als sämtliche Apostel Bildnisse lebender Personen, meist Mitglieder des Rates, waren. Ich erkannte, da ich es genau betrachtete, sogleich Herrn Imhoff , Herrn Volkamer , der eine Trinkschale hielt, und den Meister selbst mit der Glatze und dem langen Bart. Ich fragte ihn, wen er als Heiland und als Judas darzustellen gewagt hätte. Dem Heilande, erwiderte Krafft, gab ich die Züge des Mannes, der für den frömmsten in unsrer Stadt gehalten wird, nämlich des Propstes Melchior Pfinzing , als Dichter und Gelehrter vom Kaiser gleich geschätzt. Als Judas konterfeite ich Lazarus Spengler aus Rache, da er den boshaften Scherz vorbrachte, daß ich ans Furcht vor dem Apfelbiß weislich gewartet hätte, bis der Eva die Zähne ausgefallen wären. Allein Herr Spengler zürnte mir nicht und tröstete sich damit, daß Judas den Heiland nur einmal verraten, Petrus ihn dagegen dreimal verleugnet hätte; denn ich habe hier mich selbst als Petrus abgebildet. In einem Gemach daneben sah ich viele lebensgroße Figuren aus Stein, von denen nur erst einige vollendet waren. Sie gehörten, wie ich aus einer Zeichnung ersah, zu einer Gruppe, die aus fünfzehn Figuren bestand und eine Grablegung darstellt, Mit der Empfindung, mit der liebe Kinder den hingeschiedenen Vater zu Ruhe bringen, sah man hier die Treuen den Freund und Lehrer bestatten. So verhüllte sich die Sonne bei des Erlösers Tode, wie hier die Leidensmutter im Nonnenschleier die Hände vor dem Antlitz hielt, ein erschütterndes Bild der Trauer. Wie Magdalena mit frommer Inbrunst den Fuß des Entseelten küßte, den sie einst mit Narden netzte und mit dem langen goldfarbigen Haar abtrocknete! Hier der bärtige Joseph von Arimathia , der mit rührender Sorgfalt den Heiland in das Felsengrab senkte, und der das unverkennbare Bildnis des Künstlers darstellte. Was sage ich von der Hauptfigur, die das unter den übrigen war, was der Heiland ist unter den Aposteln! Dieses unvergleichliche Werk hatte Gabriel Holzschuher , Genannter des Rates, bestellt für seine Kapelle auf dem Johanniskirchhof. Krafft fragte mich, da ich ihm meine Bewunderung ausdrückte, wie ich mit seinen übrigen Bildhauereien auf dem Johanniskirchhofe zufrieden wäre. Mit Beschämung mußte ich ihm gestehen, daß ich bis jetzt den weltberühmten Kirchhof und seine Bildwerke daselbst noch nicht in Augenschein genommen hätte. Sogleich erbot sich mir der rüstige Greis zum Führer dahin, allein ich lehnte seinen Vorschlag ab wegen meiner Reise nach Augsburg. Ich versprach ihm indes, sobald ich nach Nürnberg zurückgekehrt wäre, in seiner Gesellschaft den Johanniskirchhof zu besuchen. An das Versprechen, das er gab und doch nicht erfüllte, habe ich manchmal gedacht. Nicht ohne Rührung konnte ich vom guten Vater Krafft scheiden. Zweiter Aufenthalt in Nürnberg. Der störrische Schuster. Der Herrenkeller. Ich hatte meine Geschäfte in Augsburg und Regensburg zur Zufriedenheit beendigt und kehrte froh nach Nürnberg. Meine Sehnsucht nach der Geliebten war groß, und um so froher und schneller meinte ich in den Hafen des Glückes eilen zu müssen. Törig genug, da mich die Erfahrung hätte belehren sollen, daß ich dem Mädchen in Nürnberg selbst nicht näher wäre, als hundert Meilen davon. Mein diesmaliger Einzug in die Stadt glich wenig dem ersten. Damals schienen alle Freuden sich zu meinem Empfange zu vereinen, jetzt Verdruß und Schmerz. Wohlgemut fuhr ich auf bequemen und ebenen Wegen dem Frauentor entgegen. Ich schaukelte mich in einem kleinen Wäglein und hinter mir zogen vier starke Pferde einen Frachtwagen, auf dem meine erhandelten Stückgüter lagen mit Stricken und Ketten beschnürt. Etwa eine Viertelstunde vor der Stadt, wo die Landstraße schmaler wird, holte ich ein winziges Fuhrwerk ein, das denselben Weg verfolgte. Es war ein kleiner Bauernwagen, ganz voll Leder gepackt, den ein schleichendes Gerippe von Pferd mühsam fortzog, welchem bei noch lebendigem Leibe ein Platz im Wagen zu gebühren schien. Der Fuhrmann, ein Jüngling von etlichen zwanzig Jahren mit krausem Bart und einem selten lebhaften Auge, stach in dem Kutscherhemde und der schlechten Mütze wenig von dem Angespann ab. An den schwarzen Händen erkannte ich bald, wes Glaubens der Mann wäre. Es war, wie ich dies richtig geschlossen hatte, ein Schuster aus Nürnberg, der auf dem Lande umher Leder eingehandelt hatte. Da es mein Wunsch war, möglichst bald Nürnberg zu begrüßen, so erschien mir die Krüppelfuhre um so ärgerlicher, da ich mir voraus sagen konnte, daß die Versteuerung der Felle am Tor einen langen Aufenthalt verursachen würde, während ich für meine Kisten, die nach Frankfurt gingen, nichts zu erlegen hatte. Als ich in der Nähe des Schusters war, so rief ich ihm zu, er möchte ein wenig zur Seite fahren, damit ich vorbei könnte. Dies stieß ich wider meine Absicht etwas gebieterisch aus, wie man oft in der Eile den rechten Ton verfehlt. Er erwiderte mir höhnisch, ich möchte sehen, ihn zu überholen, und damit setzte er seinen Gaul in einen raschen Trott und die Peitsche ersetzte, was dem Tiere an Mut abging. Wohl konnte er mir Trotz bieten, weil meine Pferde schon etwas müde waren und der Frachtwagen sich nicht zum Wettrennen eignete. Da jener sah, daß ich es mit seinem Tiere nicht versuchen wollte, so ließ er es wieder ganz bedächtig gehen und ich mußte dem Leichenwagen langsam folgen, Meine Unterhaltung waren jetzt die lustigen Lieder, die der Schuster, vielleicht um meinen Ärger durch seine Laune noch mehr zu reizen, sehr behaglich und anmutig sang. Ich gab nicht die Hoffnung auf, seinen Eigensinn zu kirren und den Augenblick, da er die Peitsche verlor und rasch vom Wagen sprang, um sie aufzuheben, wußte ich klüglich zu benutzen. Ich stieg vom Wagen, lief zu ihm hin und redete ihn freundlich an. Ich fragte ihn, ob er aus Nürnberg wäre, lobte seine Lieder und reichte ihm meine Weinflasche, nachdem ich ihm zugetrunken hatte, indem ich sagte, daß ein Trunk bei der Hitze wohltäte. Allein er gab mir auf alles kurzen Bescheid und versicherte, daß er in dem Hemde nichts von der Hitze litte und daß er im Weinkeller am Tor einkehren würde, wenn es ihm ums Trinken zu tun wäre. Ich bat ihn, indem ich wichtige Geschäfte vorschützte, mich vorher ins Tor fahren zu lassen. Aber er erwiderte mir, daß er gleichfalls Geschäfte hätte, und daß ich mir nicht einbilden sollte, den Vorrang zu haben, weil er nur ein armer Schuster und ich ein reicher Kaufherr wäre. Er meinte, ich müßte wohl ein Fremder sein. Ich bin ein Fremder, sagte ich, aber nicht fremde in Nürnberg, wo ich von allen stets mit entgegenkommender Freundlichkeit behandelt werde, so daß ich in meiner Vaterstadt nicht genug die edlen Nürnberger werde zu rühmen wissen. Um so mehr aber würde es mir leid tun, wenn es heute anders wäre. Die Nürnberger, sagte er darauf, sind zu berühmt, als daß sie es auf etwas Lob mehr oder weniger anzusehen brauchten. Er hatte es noch nicht ausgesprochen, so saß er schon wieder auf den Fellen und trieb das Pferd. Ich bat ihn, ich schalt, ich fluchte – allein umsonst. Er klatschte mit der Peitsche und fuhr in das dunkle Tor. Hier wartete er auf den Zolleinnehmer und vertauschte indes das Fuhrmannshemd mit einem schlichten Anzug. Ich mußte also gleichfalls anhalten und hatte Zeit, das Tor zu betrachten und die daran angebrachten Verzierungen. Das Tor war wie ein Triumphbogen ausgeputzt. Ein bunt angestrichenes Lattengerüst war davor aufgerichtet und dasselbe überall mit Blumenkränzen und Laubgewinden behängt, Hier heißt es »die Pforten waren gar köstlich geziert mit Kammerspielen«. Kammerspiele sollen allegorische Vorstellungen sein aber die Blätter und Blumen waren schon verwelkt und alles nicht mehr in gehöriger Ordnung. Da erinnerte ich mich der hundert Kanonenschüsse, die ich unterwegs gehört hatte, wodurch, wie mir die Leute sagten, die Ankunft des Kaisers Maximilian in Nürnberg gefeiert würde, und mir wurde alles klar. Ja, guter Kaiser, für dich wölbte sich dieser Blumenbaldachin, den du vielleicht kaum eines Blickes würdigtest und den ich nun bewundern muß, um wider Willen dem Unrecht gut zu machen. So dachte ich, während auf des Schusters Wagen Fell für Fell nachgezählt wurde. Die Sonne brannte, meine Ungeduld kannte keine Grenzen und ich machte noch einen Versuch, ihn freundlich und ernst dazu zu vermögen, daß er den Wagen, was leicht zu bewerkstelligen war, hart an die Mauer rückte, damit der Frachtwagen vorbeifahren konnte. Allein ich hörte nur Grobheiten von ihm, die ich, da alle Aussicht, zu meinem Zwecke zu gelangen, abgeschnitten war, weidlich erwiderte. Der Zolleinnehmer, der sich entfernt hatte, erschien von neuem und berichtete, wieviel für die Leder zu erlegen wäre. Drob stutzte jener und erklärte, so viel nimmer zu bezahlen. Er wüßte, wie die Steuer für die Felle wäre. Der Zolleinnehmer drang auf die Bezahlung der Summe, aber der Schuster blieb dabei, daß er keinen Stüber zuviel geben würde. Der letztere siegte, denn es fand sich, daß der Zolleinnehmer das feine Roßleder für Kalbleder angesehen, der sich endlich von jenem über die eigentliche Beschaffenheit der Ware belehren ließ. Mit vieler Behendigkeit riß der Schuster ein Leder aus dem Vorrat, rieb eine Stelle und machte auf den Geruch aufmerksam, der von dem des Kalbleders ganz verschieden war. Er verglich sich nun mit ihm über die Art der Besteuerung, Ein lederner Geldbeutel, den er herauszog, ward mehr als einmal umgekehrt, aber die nötige Zahl von Stübern wollte nicht herausfallen. Unerträglich lang hatte ich geharrt und es war nicht Großmut, wenn ich jetzt hinzutrat und das fehlende Geld zu erlegen mich bereit erklärte. Nichts von Großmut! rief aber jener. Sieh, da kommt ein anderer, der mich aus der Verlegenheit ziehen wird. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich Herrn Hans Imhoff sah, auf den er hinwies. Dieser, von meiner Rückkehr durch mich unterrichtet, war nach gewohnter Freundlichkeit mir bis zum Tore entgegen gekommen. Der feine Imhoff drückte dem ungeschliffenen Menschen die Hand mit eben der Herzlichkeit, als mir, seinem treuen Freunde. Mein Erstaunen stieg immer höher, als ich hörte, daß der Schuster Hans Sachs , der weltberühmte Meistersänger, wäre. Ich sah ihn mit großen Augen an und vergab ihm in Ansehung seines Ruhms halb seine Schuld, denn:            Pictoribus atque poëtis Quidlibet audendi semper fuit aequa potestas.           (Den Malern war wie den Poeten, Jegliches Ding zu wagen, von jeher gleiche Befugnis.) Imhoff nannte mich ihm und leitete eine Bekanntschaft ein, als Sachs wegen neuer Zufuhr genötigt wurde, das Feld zu räumen, und mit seinem lustigen Pegasus von dannen zog. Imhoff rief ihm nach, sich alsbald im Herrenkeller einzustellen. Das Zusammentreffen mit Hans Sachs , das mich früher bis zur Verzweiflung geärgert hatte, bot jetzt mir und dem Freunde tausend Stoff zum Lachen dar. Er schilderte mir ihn, von dessen Gedichten ich mehreres kannte, namentlich die köstlichen Schwänke und Fastnachtsspiele, als einen vortrefflichen Menschen, der nur ein wenig reizbar wäre. Ich fügte mich dem Wunsche des Herrn Imhoff und, nachdem ich wegen des Frachtwagens die nötigen Bestimmungen getroffen, blieb ich am Tore zurück, um mit ihm das Fest des Wiedersehens bei einer Flasche Wein zu feiern. Denn als eine Gewissenssache stellte er es mir dar, mit dem nah gelegenen Herren- oder großen Ratskeller Bekanntschaft zu machen, der in Nürnberg mit allen Merkwürdigkeiten um den Preis des Ruhmes stritte. Der Eingang dazu lag der alten Wage (Mauth) gegenüber, aber der Kellerraum lief unter der Straße fort und erstreckte sich bis ans Ende des Gebäudes. Das war ein uraltes schwarzes Gewölbe, länger als alle Kirchen der Stadt. Zwischen den kurzen Pfeilern, deren unabsehbare Reihen beim Kerzenschein einen ganz schauerlich stimmten, lagen gewaltige Fässer dicht an dicht, die zum Trost eine unversiegbare Quelle der Freudigkeit enthielten. Tief und dumpf ist der Schacht, aus dem das edle Gold gefördert wird, dachte ich, und tief und dumpf muß daher auch das Flußbett sein, in dem der edle Rebensaft strömt, und so gab ich meinen trüben Empfindungen keinen Raum. Nachdem wir vom Kellner, der mit dem Grubenlicht uns auf die Zahlen und die buntangestrichenen närrischen Bildwerke einzelner Fässer aufmerksam machte, uns die Pfeilerallee hatten führen lassen, kehrten wir nach dem Eingange zurück, wo das Tageslicht uns nach dem Dunkel der Nacht erfreulich anlachte. Neben der Treppe stand schon, wie es mein Freund angeordnet hatte, ein Tisch mit Flaschen und Gläsern besetzt. Es saß sich hier nach dem Wagengerassel ganz gemütlich. Meine Fragen, wie es um all die Lieben in Nürnberg stünde, durchkreuzten sich vielfach bei der Heftigkeit meiner Sehnsucht. Unterdes trat zu uns der störrische Poet ein, wohlgemut und heiter, der, gleichfalls Imhoffs Einladung folgend, seinem Braunen die Zäume abgenommen und etwas Heu vorgeworfen hatte. Voll philosophischen Tiefsinns überhob ihn derselbe aller weitern Sorge. Sachs drückte mir zur Versöhnung die Hand und ich sah es gern. Alsdann ergriff er ein gefülltes Glas und trank es in einem Zuge mit den Worten aus: Auf dessen Gesundheit, auf dessen Rechnung ich trinke. Hätte ich geahnt, hub ich an, daß Ihr der berühmte Dichter Hans Sachs wäret, ich hätte es für eine Ehre angesehen. Euch nachzufahren, denn die den Königen vorhergehen, haben nicht so viel zu bedeuten, als die ihnen zunächst folgen. Und hätte ich geahnt, versetzte Hans Sachs , daß Ihr der Freund Imhoffs wäret, daß Ihr also reich sein könntet, ohne darauf zu pochen, ich würde meines armen schachmatten Pferdes geschont und würde Eure Weinflasche nicht verschmäht haben, da mich gewaltig dürstete. Aber, redete ich wieder, Ihr wäret auch gar zu kurz angebunden und es heißt doch: Ingenuas didicisse fideliter artes, Emollit mores, nec sinit esse feros . (Eifrig gelernt zu haben die edelen Künste, Mildert die Sitten und läßt nicht ungebändigt sie sein.) Die Dichter, erwiderte er, sind Seher. Ich erkannte gleich, was für eilige Geschäfte Ihr hättet, und ließ Euch nicht vorausfahren, damit Ihr mir hier nicht allen Wein vorweg tränket. Daß Euch keine Nachreu draus erwachs', Das wünscht von Herzensgrund Hans Sachs. Darauf stieß er mit mir an und wir wurden die besten Freunde, insonderheit da er hörte, daß ich die Künste sehr liebte und für die Poesie nicht unempfindlich wäre. Sein Gespräch war eben so erheiternd als kernig, und ich konnte mir noch gar nicht vorstellen, wie der plumpe Schuhknecht und der gelehrte Dichter eine Person sein könnte, wie Hans Sachs bei seinem Gewerbe Zeit gewann, so viele Gedichte zu machen, denn ihre Zahl betrug damals schon mehrere tausende, und was noch mehr war, wie er so viele Bücher von alten und neuen Skribenten lesen konnte. Wenn er was behauptete, so führte er oft Stellen aus alten Lateinern an und oft aus solchen, die ich kaum dem Namen nach kannte. Ich äußerte den Wunsch, ihn einmal ein Gedicht vortragen zu hören. Er meinte, daß sich das wohl einmal fügen könnte, nur heute nicht, denn er müßte jetzt nach Hause, wo die ausgelassenen Burschen, wenn der Meister nicht da wäre, den Gesellen nichts gutes tun wollten. Er trank noch ein Paar Gläser, dankte für die Aufnahme, freute sich meiner als eines neuen Bekannten und zog dann pfeifend von dannen. Imhoff erzählte mir jetzt, was seit der Anwesenheit des Kaisers in Nürnberg für ein reges Leben stattfände. Angelegentlich erkundigte ich mich bei ihm nach unsern gemeinschaftlichen Freunden. Wie geht es Dürern ? fragte ich ihn. Ist schon mein Altarblatt vollendet? Was macht Adam Krafft , der Biedergreis? Euer Altarblatt, erwiderte er, ist vollendet und Adam Krafft hat vollendet. Ich blickte ihn zweifelnd und verwundernd an und er wiederholte, daß Meister Krafft , sanft wie er gelebt, sanft sein Leben beschlossen hätte. Sein plötzlicher Tod und seine Verdienste waren Ursache, daß er wie ein geliebter Jüngling betrauert wurde, auf dessen Grab auch die Erwartungen einer zweifelhaften Zukunft Kränze opfern. Imhoff teilte es mir gerührten Herzens mit, und Wehmut trübte meinen Blick. Du hast schlecht Wort gehalten, ehrwürdiger Meister, hub ich an, und dachte an den verabredeten Besuch des Johanniskirchhofs. Jetzt könnt Ihr ihn, entgegnete jener, dort selbst besuchen. Das erschien mir als eine heilige Verpflichtung und ich traf mit dem Freunde die Übereinkunft, nächstens daselbst die Meisterwerke Kraffts in Augenschein zu nehmen und an seinem Grabhügel ein Vaterunser zu beten. Wir verließen jetzt den Weinkeller, Imhoff versprach als Entschädigung für die Ärgernis an der alten Wage mir ein herrliches Bildwerk von Krafft zu zeigen. Dasselbe schmückte die Türe der Frohnwage und drückte, sprechend wahr, die Bestimmung des Gebäudes aus. Es enthielt drei Figuren und stellte das zum Zweck der Versteuerung übliche Wägen der Waren dar. Wie aufmerksam blickte der Wagmeister zur Zunge des Wagbalkens, forschend, ob sie Wahres gesprochen oder ob sie zweifelnd hin und her schwanken würde. Unwillig sah man den Kaufherren in den Geldbeutel greifen, während ein Knecht sich anschickte, noch auf die Wage zu legen. Betrachtet dies, sagte Imhoff , das ist ein Seitenstück zum Gänsemann des von euch vergötterten Vischer und meine überwiegende Bewunderung für Adam Krafft wird Euch nicht ungereimt scheinen. Aber wir wollen nicht die Meister durch einen Vergleich ihrer Arbeiten einander entgegen stellen, die in Friedlichkeit zusammen lebten. Wie sie in Werken der Kunst wetteiferten, wetteiferten sie auch in Werken der Liebe, fern von Neid und Eifersucht, jeder sich seines Wertes bewußt. Als Krafft dieses Bild, einen Gegenstand aus dem gemeinsten Leben, mit eben dem glücklichen Erfolge entworfen hatte, als früher Darstellungen aus der heiligen Geschichte, wollte auch Vischer seine Stärke in ähnlichen Leistungen zeigen und schuf den Gänsemann. Die Neuheit der Erscheinung erregte allgemeine Aufmerksamkeit. Viele Stimmen gaben diesem Werke den Vorzug und viele jenem. Ich veranlaßte darauf einen glänzenden Wettstreit. Oft rühmte Krafft gegen mich die Schönheit des Brunnens an der Frauenkirche. Kein Wunder, daß ihn dieses Werk vor allen anzog, da er Bildhauer und Baukünstler war und da keines in einem lieblicheren Vereine die Bildhauerei und Baukunst zeigt, als die zierliche Brunnenpyramide mit den stattlichen Figuren. Seiner Wünsche heißester war es, einst ein ähnliches Werk zu vollführen. Achthundert Gulden, die ich bei einem Geschäft gewonnen, wandte ich da an, um Krafften zu beglücken und der Lorenzkirche ein würdiges Vermächtnis zu hinterlassen. Nie hatte Vischer vorher seinen Kunstgenossen beneidet, als jetzt, da er an dem bewunderungswürdigen Sakramentshäuschen bildete. Herr Sebald Schreyer , der Kirchenmeister zu St. Sebald war, wirkte dahin, daß durch Almosen und Ablaßgelder eine gleiche Summe zusammengebracht wurde, für die seiner Kirche ein nicht weniger herrliches Denkmal zuteil werden sollte. Peter Vischer ward zum Werkmeister gewählt. So entstanden zwei Werke, Kraffts Sakramentshäuslein und Vischers Sebaldusgrab, von denen eines allein hingereicht hätte, unsrer Stadt ein ewiges Andenken zu sichern. Alle schauten, prüften und bewunderten, aber keiner wagte, ein Werk über das andere zu erheben. Nur zwei Männer gaben eine bestimmte Erklärung. Peter Vischer sagte, daß in Nürnberg kein kunstvolleres Werk vorhanden wäre, als das Sakramentshäuslein, und Adam Krafft entschied, daß nie das Sebaldusgrab übertroffen werden könnte. Mit inniger Teilnahme hörte ich der Erzählung zu, die mich nur schmerzlicher den Tod des alten Meisters betrauern ließ. Es war indes manches Stündchen verflossen, und ich entschloß mich, meinen Weg fortzusetzen, da des Kutschers mitleidsvoller Blick mir nicht entging und der müden Pferde mich jammerte. Ich schied von Herrn Imhoff , indem ich dem Kutscher zurief: Jetzt geschwind nach der goldenen Rose! Allein es war heute mir bestimmt, meine Fahrt auf mancherlei Weise gehemmt und aufgehalten zu sehen. Kaum war ich wieder eine kurze Strecke gefahren, so ließ mich buntes Volksgewühl nicht von der Stelle. Bald vernahm ich, daß der Kaiser vorüberfahren würde, und da ich begierig war, ihn und sein Gefolge zu sehen, so ließ ich, anstatt in eine Nebengasse einzulenken, den Kutscher halten. Zwei buntscheckige Läufer, die ihre Stäbe mit den goldenen Knäufen bald im Kreise umherschwangen, bald sie in die Höhe schleuderten und sie sehr geschickt auffingen, eröffneten den Zug. Darauf kam des Kaisers prächtiger Wagen, den acht glänzend schwarze Rappen zogen. Vom Kaiser selbst konnte ich leider! nur das Federbarett sehen, denn mir verdeckte ihn ein dicker Mann Johannes Stabius , gekrönter Poet und kaiserlicher Geschichtschreiber. Auf dem Rücksitz thronte der lustige Rat Kunz von der Rosen in einer buntwürfligen Jacke und einer Schellenmütze. Er war stets des Kaisers treuer Begleiter. In dem Gefolge fiel mir unter den Reitern einer wegen seiner außerordentlichen Größe auf, ganz in Eisen gehüllt vom Kopfe bis zum Fuß, Johannes von Schwarzenberg. Leute, die neben meinem Wagen standen, fragte ich, wohin der Kaiser führe. Die gaben mir lächelnd die Antwort: Der Kaiser fährt wieder ins Gäßchen zu den Frauen. Ei, ist der Kaiser denn so verliebt? dachte ich. Das Rätsel ward mir später gelöst. Wohl war der Kaiser verliebt, aber in die Kunst. Er fuhr täglich ins Frauengäßchen, daher das Witzwort, zu dem Formschneider Rösch, der sich nach seinem Taufnamen Hieronymus nannte. Der Künstler war lahm und konnte nicht zu dem Kaiser kommen, weshalb dieser zum Künstler kam, da er ein Werk für ihn unter den Händen hatte. Wahrlich ein seltenes Beispiel der Herablassung! Hieronymus war ein unvergleichlicher Meister und schnitt nach Dürers Zeichnung den Triumph des glorreichen Kaisers Marimilians , einen Festzug von mannigfaltigen Gruppen. An solchen Darstellungen fand der Kaiser ein sonderliches Wohlgefallen. Der Rotschmied Peter Vischer und seine Söhne. Noch ehe ich zum Meister Dürer und den übrigen Freunden gegangen war, die ich alle so herzinniglich liebte, begab ich mich zu Peter Vischer , denn ich hatte was Großes in Gedanken, das ich mit ihm besprechen und beraten wollte. Ohne Führer fand ich seine Wohnung. Lange stand ich, wie damals, in der dunklen Hausflur und klopfte an die bekannte eichene Türe, aber auch jetzt öffnete sie keiner. Damals war alles totenstill, jetzt aber hörte ich einen schönen, vollstimmigen Gesang, den mehrere Frauen aufführten. Es war ein geistliches Lied und mir war so heilig zumute, als wenn ich in eine Kapelle eintreten sollte. Bei einer Stelle, da der Gesang leise ertönte, verstärkte ich mein Anpochen und die Türe ward endlich aufgetan. Lieblich war es anzusehen, wie vier noch recht jugendliche Frauenzimmer fleißig am Spinnrocken saßen und, auf daß die Arbeit Gedeihen fände, ein frommes Lied dazu sangen. In der Mitte der Stube spielten zwei wunderliebliche Kinderchen, die mit einem Kätzlein ihren Spaß hatten, dem sie einen Pfropfen an einem Bindfaden zuwarfen, und ihn dann wieder zurückzogen. Vor dem freundlichen Anblick war es mir lange nicht möglich, eine der Frauen anzureden. Alsdann fragte ich die, die mir zunächst saß, nachdem sie mich wieder gegrüßt hatte, ob ich nicht den Herrn Peter Vischer sprechen könnte. Verlangt Ihr meinen Mann oder meinen Schwiegervater zu sprechen? war ihre Antwort. Herrn Peter Vischer , den Rotgießer ! So suchte ich mich deutlicher zu erklären. Auch mein Mann ist Rotgießer , entgegnete sie lächelnd. Ihr seid zu jung, liebe Frau, ließ ich mich darauf vernehmen, als daß Ihr dessen Gattin sein könntet, den ich suche, wohl aber dessen Tochter. Schon vorher hatten die übrigen drei Frauen, von denen eine blühend wie ein junges Mädchen aussah, und denen um meine Verlegenheit leid tat, wie mit einer Stimme gerufen: Gewiß meint der fremde Herr unsern Schwiegervater! Die Erklärung nahm mich, wie vorher die Frage, Wunder, denn wie hoch ich Frauenfleiß achte, so schien es mir doch zu viel, daß so junge Frauen, die ihren Schwiegervater besuchen, anstatt beim Vesperbrot zu plaudern, zu scherzen und zu lachen, so fleißig das Rädchen drehten. Da ich noch unter ihnen stand, kam aus der Nebenstube ein Haufe von Kindern, alle munter und frisch, um den Fremden zu sehen, Mädchen und Buben, deren Furchtsamkeit die Neugierde überwand. Unser Schwiegervater und unsre Männer sind heute in der Gießhütte beschäftigt und daher habt die Güte und setzt Euch, bis der Alte kommt. So sprach eine der Frauen und befahl einem Knaben, Anton hieß er, den Großvater zu rufen. Ich bat um die Erlaubnis, mit dem Knaben mitgehen zu dürfen, da ich gern die Gießhütte und den alten Meister bei der Arbeit sehen möchte. Nachdem sie mich gebeten, mich wohl vorzusehen, damit ich mich nicht stieße, denn der Gang wäre finster und enge, so lief mir der Knabe voran und ich folgte ihm. Kaum hatte ich die Stubentür geschlossen, so begann wieder der herzerhebende Gesang. Durch einen schachtartigen Kellergang brachte mich der kleine Führer auf einen engen, rings verbauten Hof. Da sah man Gänse, Enten und Hühner, die bei unserm Nahen die Flucht ergriffen, während eine Ziege dreist zum Knaben sprang und die Hand leckte, aus der sie oft Brot erhalten. In einer Ecke hinter einem Lattenverschlage grunzte begehrlich ein Schwein. So beschränkt der Hof war, und so wenig die Sonne Zugang hatte, so schien er doch der genügsamen Familie auch als Garten zu dienen, denn unter einer Espe sah man einen Tisch und zwei Bänke. Vornehmlich wurde mein Blick auf ein Gebäude hingelenkt, das ganz aus Feldsteinen bestand und an dem man kein Fenster, sondern nur eine gewölbte Türe wahrnahm, aus welcher bisweilen ein dicker, weißer Qualm sich hervordrängte. Kaum waren wir auf dem Hof, so lief Anton ein über das andere mal: Großvater! Endlich trat aus der Gießhütte ein Mann, etwa ein Dreißiger, und fragte: mein Söhnchen, was willst du? Obgleich ihm Hände und Gesicht schwarz besudelt und die Haare, wie sie bei den Malern die Verdammten der Hölle haben, emporgesträubt waren, so fiel mir doch die sonderbare Ähnlichkeit auf zwischen dem Knaben und ihm und zwischen ihm und dem alten Herrn Vischer . Ich trug ihm mein Verlangen vor und er bat mich, eine kleine Geduld zu haben, bis sein Vater den Gußofen verlassen könnte. Ich vernahm von ihm, er nannte sich Johann , daß er mit seinen vier Brüdern dem Vater, der sonst keine Gesellen hätte, in seinem Geschäft beistünde, und daß die Frauen, die ich zusammen so fleißig hätte spinnen sehen, ihre Weiber wären. Sie bildeten nämlich alle eine Familie und wohnten mit dem Vater eng, aber zufrieden in demselben Hause zusammen. So glückliche Familien gibt es wenige, dachte ich bei mir und die Erzählung tat mir wohl, da Streitigkeiten oft selbst kleine Familien voneinander reißen. Indem kam Meister Vischer , der mich auf dem Hof gesehen hatte, der hohe, starke Mann mit dem krausen Barte, dem ein Schurzfell von den Schultern herabhing. Er grüßte mich auf das herzlichste und sagte, daß ich zur rechten Zeit gekommen wäre, da er eben eine Arbeit unter den Händen hätte. Es war nämlich die bejahrte Schwester des Herrn Bürgermeisters Katharina Tucherin in Regensburg gestorben, der die Erben in dem Dom ein bronzenes Denkmal setzen ließen. Unser Herr Bürgermeister, sagte Vischer , hat von ihr ein artiges Sümmchen geerbt, aber ich gönne es ihm, denn er ist ein wackerer Mann, der viele zu ernähren hat. Seine Erzählung war mir nicht gleichgültig, da ich an des Bürgermeisters Tochter und ihren Liebsten Schäufelin dachte, in dessen Säckel vielleicht auch etwas geflossen sein möchte. Wartet nur hier noch ein wenig, bester Herr Heller, sagte der Alte, bis die größte Glut vorüber ist, denn jetzt würdet Ihr den Qualm nicht ertragen können. Geschäftig lief er wieder ins Haus zurück. Ich nahte der Türe und sogleich biß mir der Rauch in die Augen, so daß ich weinen mußte. Als ich da so in die Werkstatt sah, wie alles in Flammen aufzugehen schien und Vischers Söhne umherliefen und der Meister dies und jenes anordnete, gemahnte es mich an Vulkan und die Cyklopen , obgleich der alte Vischer gut zu Fuße war und seine Söhne alle schöne Männer zu sein schienen. Der Meister kehrte bald wieder zu mir zurück und sagte. daß er jetzt mit mir in Ruhe kosen könnte; daß er mich lieber bei sich sähe, als Könige und Fürsten, die zu bloßem Zeitvertreib ihm die kostbare Zeit stählen. Er bat mich, mich mit ihm auf die Bank zu setzen; und da sie unsauber war, so band er schnell das Schurzfell ab, legte es mit der vorderen Seite nach unten aufs Brett, und bat dann von neuem. Mein ältester Sohn, so erzählte er mir, mein Hermann , ein tüchtiger Arbeiter, ist in diesen Tagen aus Italien gekommen und hat Euch wunderschöne Zeichnungen mitgebracht. Die müßt Ihr alle sehen. Ich war auch in Italien und zehre noch immer an der Erinnerung. Ja, wer in Italien, in diesen Stiefel Europas, die Füße setzt, der zieht sich in der Kunst Meilenstiefel an, um mit Riesenschritten vorwärts zu kommen. Die Italiener, das ist sonst ein falsches Gesindel, namentlich die Schenkwirte, die dem armen Handwerksgesellen für ein Stück Brot den letzten Gulden abzwacken möchten, aber in der Kunst, da stehen sie obenan. Alle meine Söhne, so viele Ihr da seht, sollen nach Italien, und wenn es mein Letztes kosten sollte. – Ich entgegnete ihm darauf, daß, wie hoch ich ihn auch um der Kunst willen samt seinen Söhnen schätzte, mir dennoch das gesellige Leben seiner Familie noch viel mehr zusagte. Ja – sagte Vischer, wir möchten wohl geräumiger leben und nicht so zusammengeklemmt, allein es mag sein Gutes haben, wenn wir so nahe aneinander stehen, so können wir unsere Hände nicht gegeneinander brauchen. Ja, wir leben eingezogen, aber vergnügt und einträchtig. Meine Frau, Gott habe sie selig! die flößte meinen Söhnen Verträglichkeit ein, und guter Eltern Segen zins't Kindern und Kindeskindern. Seht all die Söhne da, die ehren ihren Vater, wie ich meinen Vater ehrte. Unterdes hatte sich Hermann, von dem der Alte sprach, zu uns gesellt. Er sah bleich aus und der müßte wahrlich noch keinen Gram erlitten haben, der nicht in seinen Zügen den herbsten Gram erkannte. Er hörte eine Zeitlang stille uns zu und wandte den Blick hinweg, als der Vater sein Glück rühmte. Fremder Herr, begann er dann, wäret Ihr vor einem Jahre zu uns gekommen, da hättet Ihr in unserm Häuschen fünf glückliche Ehepaare gefunden. Meine Frau hat mich seitdem verlassen. Verlassen? wiederholte ich mit Teilnahme. Heimweh riß sie von meiner Seite, so klagte der Arme und zeigte nach oben. Ich hätte mit ihm weinen mögen, aber der Alte schüttelte den Kopf und sagte: Ja, eine böse Zigeunerin wahrsagte mir, daß ich all die meinen überleben würde. Das ist hart, allein wenn es Gott schickt, so muß es getragen werden. Nicht doch Hermann ! Keine Tränen! Hätten wir dich vergeblich nach Rom reisen lassen, was mir und den Brüdern sauer genug geworden ist? Aber nein – du bist wahrlich nicht vergeblich gereist. Geschwinde bringe die Mappe her mit den Zeichnungen, die du mitgebracht hast, und zeige sie uns vor, denn Herr Heller versteht es. Hermann entfernte sich. Da ich so viel von Kindesliebe hörte (wie kann ein Glück ohne sie bestehen?), machte ich den Meister mit dem eigentlichen Grunde meines Kommens bekannt. Ich brachte die sorgsam zusammengerollte Zeichnung hervor, die ich als ein teures Geschenk von Vischer aufhob, und eröffnete ihm, daß ich willens wäre, ein Bild von Bronze darnach in Lebensgröße gießen zu lassen. Vischer betrachtete die Zeichnung mit dem heil. Martin und gestand dann selbst, daß sie nicht übel geraten wäre, und daß sich ein solches Bronzebild wohl ausnehmen dürfte. Lange ging ich mit dem Plane um, hub ich an, meinem seligen Vater ein Denkmal zu setzen, aber nicht in der Kirche ein Denkmal der Trauer, sondern auf einem schönen öffentlichen Platz ein Bild seiner Tugend. Vitam, non mortem cogita! ! (des Lebens denke, nicht des Todes!) las ich neulich auf einer kleinen Bronze, die aus Eurer Gießhütte gekommen war, und der Spruch sagte ganz meinem Gefühle zu. Warum ich aber den heil. Martin wähle, hat folgenden Grund. Mein Vater selig hieß Martin und in Aschaffenburg wird der Platz, an dem sein Haus lag, noch jetzt der Martinsplatz genannt. Wie er reich war, so war er auch wohltätig und gleich dem heil. Martin teilte er gern mit dem Armen. Drum soll dessen Bild da prangen, umgeben von sinnbildlichen Figuren des Wohltuns, wo jetzt ein unansehnlicher Springbrunnen sich befindet. Ich legte ihm einen Riß des letztern von der Hand eines Baumeisters vor. Vischer zog einen Rötel aus der Tasche und auf dem Tischblatte, das er abstäubte, zeichnete er mir gar schöne Erfindungen. In der Mitte stand der heil. Martin auf hohem Steine. An den vier Ecken des Brunnenbeckens strömten Seepferde Wasserstrahlen aus, indem sich ihre Delphinenschwänze am Stein emporkrümmten. Zwischen ihnen standen vier Figuren, zuerst die Wohltätigkeit, die aus einem Kruge Wasser aus Fischlein schüttete, die auf dem Boden lagen. Die Fischlein sollten an des Werkmeisters Namen erinnern. Dann der Überfluß, ein Weib, das aus Mund und Brüsten Wasser sprudelte. Ferner der Reichtum, der auf dem Schoß viele Münzen trug und vor dem ein Knabe aus einem Füllhorn Wasser ausgoß. Die Münzen sollten den Stifter Heller bezeichnen. Zuletzt die Tugend, die einen Kelch über einen Kohlentopf hinneigt, die nämlich durch das Wasser des Glaubens das Feuer der Sinnlichkeit erstickt. Ich bewunderte seine Geschicklichkeit und seine Erfindungsgabe und alles erschien mir gar trefflich. Vischer meinte, daß es ein schönes Stück Geld kosten und er und Herr Rößner etwas Ansehnliches dabei verdienen würde. Konrad Rößners Gewerbe war Messing darzustellen oder zu brennen und er führte als solcher den Namen Brenner. Zu Vischers Sebaldusgrab brannte er den Messing. Ich bat ihn, mir so bald als möglich einen Anschlag zuzuschicken, und fügte hinzu, daß ich nichts sparen wollte, da es das Andenken meines Vaters beträfe und da der Himmel meine Geschäfte in Augsburg gesegnet hätte. Das Werk kostete wirklich eine große Summe, die ich verschweige, damit nicht einst meine Erben auf mich schelten, wenn sie dieses lesen sollten. Vischer wollte anfangs nicht den heil. Martin, wie er ihn entworfen, gießen und meinte, in der Mappe des Sohnes würde ich etwas finden, was sich noch besser ausnähme. Unterdessen kamen die Söhne samt und sonders aus der Gießhütte, indem sie die Schweißtropfen von den rot erhitzten Gesichtern mit den Hemdärmeln abwischten. Der Söhne waren fünf. Hermann , der junge Witwer, war der älteste. Peter , der Schönste unter allen, mit langem, lichtbraunem Haar und Bart, verstand sich auf die Gelehrsamkeit und war, wie Albrecht Dürer , Genannter des Rats. Sein Gesicht kam mir bekannt vor, doch konnte ich mich lange nicht entsinnen, wo und wann ich ihn gesehen hätte. Hans war das treue Ebenbild des Vaters, nur wo man beim letztern einen waldartigen Bart sah, war bei ihm ein dünner Aufwuchs. Paul hatte etwas Widerwärtiges im Gesichte, und ich hörte, daß er mit gedoppelten Zahnreihen begabt wäre, drum war er auch so bissiger Natur. Fremden begegnete er barsch, weil sie ihn in der Arbeit störten, sonst aber war er im Hause tüchtig und gut. Die treusten Haushunde sind die schlimmsten gegen Fremde. Der jüngste endlich, Jakob , war der Lieblingssohn, der Benjamin unter den Brüdern. Oft findet man, daß die Eltern die jüngsten Kinder am meisten lieben. Er mochte es aber auch verdienen, denn immer war er freundlich und wohlwollend, und jetzt hatte er gut lachen, da er in den Flitterwochen lebte. Alle diese waren gewiegt in ihrer Kunst, und was zur Rotgießerei gehörte, darin hatte sie der Vater auf das gründlichste unterwiesen. Allein wie es nie fehlt, daß selbst unter Meistern sich der eine mehr in diesem, der andere mehr in jenem Stück auszeichnet, so ward dies auch hier gefunden. Wenn sie eine Bestellung erhielten, so war es der Vater, der eine Zeichnung des ganzen vorriß. Peter alsdann, der alle Dichter kannte, alte und neue, und jene sogar im Lateinischen las, durchmusterte alles und gab artige Erfindungen an, sei es in Gegenständen der heidnischen Götterlehre oder der biblischen Geschichte oder den Heiligensagen. Hermann machte alsdann aus Ton ein kleines Modell, das meist so zierlich aussah, daß man es weiß getüncht für eine Elfenbeinarbeit gehalten hätte. War dies fertig, so kam die Reihe an Paul, der darnach ein Tonmodell formte in der angegebenen Größe, um davon Tonformen zu nehmen oder es in Formsand abzudrücken. Der jugendliche Jakob gab den Erzguß, wenn er vollendet war, durch die Feile den höchsten Grad der Sauberkeit. Hans war ein Erzmechanikus, der lange das Schlosser-Handwerk beim Meister Heuß Dem Verfertiger des künstlichen Uhrwerks aus der Frauenkirche. gelernt hatte. Er verfertigte zuerst das Holzgestell, worüber die großen Figuren von Ton gebildet wurden, und wenn die Bronzearbeiten fertig waren, so war er es, der die einzelnen Teile auf das künstlichste verband, so daß wer nicht darum wußte, glauben mochte, das größte Werk bestünde aus einem Stück. Denn von Nieten und Döbeln war nirgends zu sehen. Er pflegte oft zu sagen, wohl nur im Scherz, daß er der vornehmste Arbeiter unter allem wäre, wie der Zimmermann unter den Bauleuten, wenn es auch nicht gleich den Anschein hätte. Was vermöchte aber der Maurer, wenn er ihm nicht zu den Mauern das Gerüst und zu den Gewölben die Bogen schaffte? So wäre auch er der Zimmermann, der zuerst das Fachwerk zimmerte, woran die andern nur Erde anklebten, und wenn es fertig wäre, das Gebäude aufrichtete. Hermann schlug die große Mappe auf und zeigte schöne Zeichnungen von wunderherrlichen Werken, namentlich von florentinischen Meistern, die es in der Bildnerei allen zuvor getan haben von früher Zeit an bis zu Michel Angelo Buonarotti . Vom letztern zeigte er den David mit der Schleuder und den Moses mit den Gesetztafeln. Es war eine Freude, diese Schätze mit den Künstlern zu beschauen, von denen jeder ein prüfender Wardein das echte und falsche herausfand. So viel ich aber auch hier des Lobenswerten fand, so gefiel mir doch Vischers heil. Martin mehr als alles und ich blieb bei ihm. Die Glut in der Gießhütte war jetzt erträglich und Vischer , der von seinen Gästen verlangte, daß sie Feuer, Rauch und Kohlenstaub vertrügen, führte mich jetzt zum Gußofen, von dem er sich, wenn der Guß geschehen war, nie anders als mit einem frommen Gebet trennte. Jungen, die wie Essenkehrer aussahen, schaufelten unablässig Kohlen in die Glut. Da ich an ihnen vorbeiging, hielten sie mir zum Trinkgelde ihre papiernen Mützen auf, wie sie die Chorschüler am Dreikönigsfeste tragen. Diese verhinderten nämlich, daß ihnen die Haare versenkten. Hans Vischer erklärte mir alles, und ich bewunderte, wie der menschliche Scharfsinn so die Elemente zu beherrschen imstande wäre. Aus Erde entstand die Form, das Feuer schmelzte das Metall und Wasser bewegte das Gebläse, das Luft aushauchte. Die Gießhütte war ein hohes Gewölbe, in dessen Mitte ein turmähnlicher Schornstein emporstieg. Daran stieß ein anderes Gewölbe, wo sich außer einem Bronzewerke, nämlich dem Grabmal eines Magdeburgischen Erzbischofs, Modelle teils groß, teils klein, von den meisten seiner Arbeiten befanden, wie die Statue eines Apolls und die Apostel vom Sebaldusgrabe. Erstere schien mir nicht ganz nach antiker Weise gebildet zu sein, und ich sagte meine Meinung. Paul, das war der Schlimme, sah mich da mit großen Augen an und sagte: Getadelt kann alles werden. Da hat uns neulich Hermann ein artiges Geschichtchen erzählt vom großen Michel Angelo , wie er die Davidstatue vollendet hatte und aufrichtete. Ein Ratsherr sah dieselbe und erklärte, die Nase wäre viel zu groß. Der Künstler nahm schnell einen Meißel und stieg aufs Gerüst, um dem Fehler abzuhelfen. Er legte aber das Eisen nur zum Scheine an und streute Marmorstaub herunter. Da rief auf einmal der Ratsherr: Haltet ein! jetzt ist alles recht. Der Ratsherr sah die lange Nase nicht mehr, wohl aber der Künstler. Mich verdroß die Rede, da ich aber Unwillen in allen Gesichtern las, mochte ich nichts darauf antworten und redete schnell den jüngern Peter an. Immerfort hatte ich mich mit der Frage gequält, wo ich ihn wohl gesehen haben könnte, jetzt fiel es mir beim Namen David ein und ich begann: Wäret Ihr nicht der, der am Sebaldusfest den roten Mantel trug, die goldene Krone auf dem Haupte und der die Leier spielte – ja, Ihr stelltet im feierlichen Umgange den König David vor. Der alte Vischer bejahte es und belehrte mich, daß er wohl jenen Sänger hätte machen können, da er in der Meistersingekunst erfahren und schon einmal begabt wäre, d. h. den Preis errungen hätte. Vieles hatte ich schon in der Heimat von der holdseligen Kunst der Meistersinger gehört und von dem berühmten Hans Sachs . Um so erfreulicher war mir die Nachricht, daß in diesen Tagen dem Kaiser zu Ehren eine Singeschule gehalten werden sollte. Der junge Peter , den ich immer lieber gewann, versprach mir, mich dazu abzuholen. In Freude und Frieden schied ich darauf von der Vischerschen Familie und auch von Paul . Der Bildschnitzer Veit Stoß. Während meines Aufenthaltes in Nürnberg mochte wohl kein Heiliger mit meiner Frömmigkeit so zufrieden sein, als der heil. Sebaldus. Neben seinem Grabe hatte ich mich angesiedelt und tagtäglich verrichtete ich an demselben meine Andacht und konnte mich, wenn ich das Ehrenmal betrachtete, ungewiß, ob es mehr ein solches für den Heiligen oder den wackern Peter Vischer wäre, nicht von ihm losreißen. Das Erzgebäude mit den Figuren und Figürchen, mit den Pfeilern und Bogen, mit den Giebeln und Türmchen bewunderte ich mehr und mehr, und welche Achtung ich auch für die Malerei gewonnen hatte, so meinte ich doch, eine christliche Bildnerei von der Art könnte wohl neben ihr sich behaupten. Als ich eines Tages auf meiner Wallfahrt nach der Sebalduskirche begriffen war, fiel mir ein Greis auf, der gleichfalls dahin seine Schritte lenkte. Er war mit einem grauen dürftigen Rocke bekleidet, und an dem unsichern Gange, an der Art, wie er mit dem langen Stocke umhertappte, erkannte ich schon von fern, daß es ein Blinder sein mußte. Obgleich sein Auge geschlossen war, fehlte dem Gesichte nicht ein wohltätiger Ausdruck, und durch das graue, schlichte Haupthaar und den langen Bart schien er den Vorübergehenden Ehrfurcht einzuflößen, die alle vor ihm auswichen. Ich sah, daß der Mann mit mir zu den fleißigen Kirchengängern gehörte, denn ohne umherzusuchen, hatte er die Stufen des Eingangs erreicht, und ohne sich zu stoßen, trat er schnell in die Türe. Bedrängte beten zu sehen, wie diesen Armen, der der köstlichen Gabe des Augenlichts beraubt war, hatte von jeher für mich etwas Anziehendes, weil bei ihnen das Gebet aufrichtige Inbrunst ist und nicht angewöhnte Frömmigkeit. Ich fand um so mehr Beruf, heute die Hallen der Kirche zu besuchen, und sah den Greis geraden Wegs zum Hochaltare gehen. Eben setzte der Kirchner hier wieder alles zurecht, da das Amt gehalten war, und der Greis rief: Matthes , seid Ihr es? Gleich, gleich, Vater! erwiderte dieser und setzte den Tritt, dessen er sich zum Auslöschen der Lichte bedient hatte, vorn vor den Altar hin. Der Blinde stieg ohne Furcht die Stufen in die Höhe. Doch ich empfand Mitleid und sprang hinzu, um ihn zu unterstützen und vor jedem Fall zu bewahren. Allein auch ohne mein Zutun wäre es ihm gelungen, auf den Altar zu steigen. Auf diesem Altar, den nachmals ein Gemälde von Dürer schmückte, stand ein hohes Kruzifix aus Holz geschnitzt, in der Tat ein unvergleichliches Werk. Der nackte Heiland, der mit der Dornenkrone zum Himmel blickend in dem Aufruf: Vater vergib ihnen! seine Seele aushauchte, ward sonderlich wegen der Genauigkeit und Richtigkeit bewundert, mit der alle Sehnen und Adern ausgedrückt waren. Ein ergreifender Anblick war es, wie der Blinde den Kreuzesstamm umfaßte und mit den Fingern leise über die Füße des Gott-Versöhners hinfuhr, die übereinander mit dem Nagel angeheftet waren, Er richtete sich auf den Zehen empor, um die Knie des Bildes zu erreichen und mit zärtlicher Liebe anzutasten. Wen so das Elend drückt, dem ist wohl ein wenig Aberglaube zu verzeihen, dachte ich bei mir, wenn er denkt, daß das Blut Christi, der die Blinden sehend machte, auch bei Berührung des hölzernen Bildes über ihn kommen und ihn heilen werde. Ich glaubte, er würde, wie man dies so oft von Leuten des niedern Volkes sieht, das Bild anbetend küssen, allein er bewegte die Lippe nicht und berührte nur gleichsam prüfend die wohlgebildeten Füße und Knie. Ich wandte mich fragend an den Kirchner, der mir erzählte, daß der Greis, seitdem er vor drei Jahren erblindet wäre, täglich die Kirche besuchte, um sich des Bildes zu freuen. Veit Stoß war der Greis, ehedem Nürnbergs berühmtester Bildschnitzer, und das Kruzifix war seine letzte Arbeit. Nachdem er viel Herrliches verfertigt, da erhielt er die Bestellung zu diesem Werk, dem er sich mit heiligem Eifer unterzog. Bei jedem Morgengebete flehete er zu Gott mit Tränen im Blick, ihm Kraft zu geben, damit dieses Werk der Heiligkeit des Gegenstandes entspräche, alsdann möchte kein anderes ihm gelingen. Das Christusbild gelang ihm und er erblindete. Da das Kruzifix sehr an Ansehen durch den Kerzendampf verloren, so hatte ich auf dasselbe meine Aufmerksamkeit weniger als billig gerichtet. Aber der Name Veit Stoß war mir darum nicht unbekannt, denn an das große Schnitzbild in der Lorenzkirche ward ich sogleich erinnert. Unterdessen war der Alte wohlbehalten vom Altar herabgestiegen und er faßte zu mir gleich ein großes Zutrauen, wie man die Blinden gemeinhin zutätig findet. Ihn erfreute es, daß ich teil an seinem Schicksale nahm, aber noch mehr, daß ich meine Bewunderung über sein Meisterstück aussprach. Ihr werdet es nicht glauben, begann er, aber ich nehme nicht meine Augen zurück um den Preis dieses Werkes, denn so etwas gelingt nur einmal. Die Erinnerung daran erleuchtet freundlich meine ewige Nacht. Nur im Anfange meines Unglücks, da ich meine Hände stark fühlte, meine Einbildungskraft furchtbar, meine Messer scharf, da ergriff mich bisweilen Mißmut und Verzweiflung. Mit den Messern, durch die ich mein Leben ehedem zu verewigen strebte, wollte ich es in manchen Augenblicken zerstören und mir die Kehle abschneiden. Wohl mir, daß ich ein treues Weib und ein teures Pflegekind besitze, die es nicht geschehen ließen, bis sich mein Unmut in Ruhe, meine Ruhe in Freudigkeit verkehrte. Ich gab ihm zu verstehen, daß mir Veit Stoß als Künstler und als Mensch gleich groß erschiene. Wenn mir das Kruzifix gefiele, so meinte er, würde ich auch andern Werken von ihm meine Anerkennung nicht versagen, und da er an meiner Aussprache erkannte, daß ich ein Fremder wäre, so fragte er mich, ob ich in der Lorenzkirche den englischen Gruß gesehen hätte. Ich bejahte es, bemerkte aber, daß ich sogleich nach der Lorenzkirche mich begeben wollte, um die Künstlichkeit der Arbeit von neuem zu bewundern, da die Schnitzwerke dadurch, daß ich ihren Schöpfer kennen gelernt, an Schönheit für mich gewönnen. So führe ich Euch dahin, sagte der gute Greis, so fern Ihr nicht an meinem Almosenmantel Anstand nehmt, denn ich wohne nicht gar weit von jener Kirche. Das nicht! erwiderte ich lächelnd, wohl aber nimmt es mich Wunder, daß Ihr Euch mir, dem Sehenden, zum Führer erbietet. Allein vorerst ist es nötig, daß wir uns zu unserm Gange stärken. Hier sehe ich einen Weinkeller, in dem wir uns Rats erholen wollen. Kommt, Vater, ich will Euch die Stufen herableiten. Da versicherte er mich, daß er noch niemals Wein getrunken, und lehnte meinen wohlmeinenden Vorschlag ab. Ich lernte an dem Greise eine rührende Kindeseinfalt und Sittenunschuld kennen. Seit jeher hatte er ein einsam geräuschloses Leben geliebt, nur die Rücksicht, daß die Andachtsübungen ihn zu lange von den künstlerischen Arbeiten abgezogen hätten, hielt ihn zurück, sich in eine Klosterzelle einschließen zu lassen. Er hatte nie eine Gesellschaft besucht, selten einen Freund. Seine Freunde nannte er alle Künstler und den Wert der Freundschaft bestimmte er nach dem Wert ihrer Arbeiten. Eine Frau hatte er geheiratet, nur um der häuslichen Geschäfte überhoben sich ganz der Kunst widmen zu können. Ehemals war er wortkarg gewesen, jetzt plauderte er viel und arbeitete mit dem Munde, da es mit den Händen nicht ginge. Der Greis erregte meine Teilnahme in immer höherm Grade und ich ließ es an Fragen nicht fehlen, die mit gefälliger Redseligkeit beantwortet wurden. Auf die Frage, von wem er die Kunst erlernt hätte, teilte er mir einen Abriß seines Lebens mit. Mein Meister war ein Bildhauer in Krakau, zugleich mein Vater und mein Wohltäter. Eine gewisse Heiligkeit verhindert mich zu bezweifeln, daß er in der Kunst weniger ausgezeichnet war, als in der Wohltätigkeit. Einst kam er durch ein Gehölz bei Krakau, wo ein armer Hirtenknabe die Schafe werdete und mit Geschicklichkeit Flöten schnitt. Seine Aufmerksamkeit wurde auf ihn hingezogen. Er nahm mich mit sich und erzog mich wie seinen eignen Sohn. Mein Erhalter starb, noch ehe er die Hoffnungen erfüllt sah, die er von meinem Fleiß und meinen Anlagen hegte. Ich schnitzte fleißig Heiligenbilder, strich sie farbig an und erhöhte durch Goldverzierung ihren Reiz. Sie wurden weit und breit in den Kirchen von Polen und Ungarn aufgestellt. Mein Ruf war so groß, daß selbst der König von Portugal zwei Bilder bei mir bestellte, nämlich Adam und Eva. Als diese aus den Kisten, in die sie eingepackt waren, herausgehoben wurden, so hatte der König alle Künstler seiner Hauptstadt versammelt, die ein Urteil darüber abgeben sollten. Die Bilder waren lebensgroß und die Naturwahrheit in einem solchen Grade erreicht, daß die Künstler, durch die Überraschung gleichsam erschreckt, starr zu ihnen hinblickten und schwiegen. Da sagte der König lächelnd: Wer macht es dem Meister Veit Stoß nach, der das Holz in Menschen und die Menschen in Bildsäulen verwandelt? Güter hätte ich häufen können, aber ich kannte damals den Wert des Geldes noch nicht. Ich behielt so viel, als zu meiner einfachen Lebensweise gehörte, und schenkte das andere den Armen. Nicht Geld, aber Ruhm erstrebte ich zu erringen und entschloß mich daher, auf die Wanderschaft zu gehen. Bevor ich Krakau verließ, verteilte ich meine letzte Habe unter Notleidende und mit einem Rock, nicht besser als dieser, und mit diesem Stock trat ich voll Vertrauens meine Reise an. Überall fand ich Arbeit und kam, neunzehn Jahre sind es her, wohlbehalten in Nürnberg an. Meine Achtung für die hiesigen Künstler, mit Beschämung gestehe ich mein Unrecht, war sehr gemäßigt, wieviel ich auch schon im Auslande von ihnen vernommen. Sie sagten mir Rühmliches über meine Schnitzbilder, allein ich fühlte mich dadurch eben so wenig geehrt, als durch manchen Tadel gekränkt. Hart mußte ich meinen Dünkel büßen, als ich im Rathause einst die vier Apostel Dürers erblickte, wahrhaft göttliche Gemälde. Niederwerfen hätte ich mich vor ihnen mögen, mir an die Brust schlagen: Gott sei mir Sünder gnädig! Alles, was ich gearbeitet, erschien mir als eitel und fratzenhaft. Mehr als zehnmal hatte ich die Gestalten von Paul und Petrus geschnitzt, diesen mit den Schlüsseln, jenen mit dem Schwert, aber erst in Dürers lebensvollen Bildern sah ich ihr ganzes Wesen ausgesprochen. Ja, so war der Schoßjünger, so war der fürchterliche Saulus. Meine Demut stieg immer höher, da mir sich jetzt auch in den andern Gemälden Dürers , die ich lange hochmütig übersehen, unerreichbare Schönheiten aufdrangen, da ich in Kraffts und Vischers Werken eine rührende Naturwahrheit erkannte und an meinen Schnitzwerken Schnitzer aller Art und weder Anmut, noch Erhabenheit, Die Figur, an der ich eben arbeitete, es war ein heil. Lorenz, warf ich höhnisch in den Ofen, wohin er gehörte, und erwärmte mich an seinem Märtertode in den Flammen, wenn auch nicht auf dem Feuerrost. Meine Werkzeuge ließ ich jetzt rosten und ergriff Pinsel und Grabstichel, denn Dürer sollte mit mir seinen Ruhm teilen. Ohne Anweisung, nicht abgeschreckt durch tausend mißglückte Versuche, gelang meinem Eifer das Schwierigste. Dürer selbst, dessen Freundschaft ich nun suchte, konnte meinen Arbeiten Bewunderung nicht vorenthalten, wie oft er auch dazu den Kopf schüttelte, daß ich der Bildnerei zu entsagen gedachte. Da erschöpfte sich die Stadt in Lobeserhebungen über Kraffts Sakramentshäuslein, bald daraus über Vischers Sebaldusgrab und ich mußte mit die Werke laut preisen und weinte still heiße Tränen. Herr Hans Tucher , ein frommer Mann, der Vater unseres Bürgermeisters, bestellte bei mir um diese Zeit ein Schnitzbild, das in der Lorenzkirche würdig neben Kraffts Kunstdenkmal prangen sollte. Albrecht Dürer hatte es so eingeleitet. Da erleuchtete mich nach einem Gebet die Gnadenmutter und ich schärfte meine Messer und schnitzte Tag und Nacht den himmlischen Gruß groß und erhaben. Ja, ich feierte, wie der Phönix, meine Wiedergeburt, Weit erscholl der Ruf und über Adam Krafft und Peter Vischer vergaß man nicht Veit Stoß . Der Glanz meines letzten Werkes, des Gottessohnes, war zu groß, so daß meiner Augen Licht verlosch. Ich klage nicht. Nach vieler Tage Freude kann man wohl eine Schmerzensnacht ertragen, denn die Zeit meiner Blindheit ist nur eine Nacht. Aber wovon lebt Ihr, beneidenswerter Alter, daß Ihr so froh leben könnt? Ich brauche wenig, erwiderte jener, und damals, da ich mit unermüdlichem Eifer noch schaffte und über der Arbeit oft das Essen vergaß, habe ich mich daran gewöhnt, manchmal zu hungern. Meinen Unterhalt verdanke ich jetzt einer Pflegetochter, für die ein reicher Herr ein gutes Kostgeld zahlt. Meine Wohnung kostet mich nichts, da ich im Spital wohne. So bin ich ohne Sorgen und kann wohl hundert Jahre alt werden. Unter solchen Gesprächen waren wir zur Lorenzkirche gekommen und ich konnte nicht genug bewundern, wie gut sich der Blinde überall zu finden wußte. Wir gingen an dem Sakramentshäuslein vorüber, wodurch sich Imhoff ein ewiges Denkmal setzte, und blieben in der Mitte eine Zeitlang stehen, über der an der Decke das herrliche Schnitzbild hing, und schritten dann hin und her, um das Meisterstück recht genau zu betrachten. Das Ganze war wohl zehn Fuß hoch. Unter einer Krone sitzt der ewige Vater mit Krone und Zepter in göttlicher Majestät und seine Strahlen senkten sich nieder auf die betende Jungfrau, die die Botschaft des Engels mit Freude und Schrecken erfüllt. Ein Kranz umschlingt die Figuren in liebender Vereinigung, der allein eine Strahlenkrone für des Künstlers Haupt genannt werden könnte. Keine durchbrochene Goldarbeit kann zierlicher und kunstreicher sein. Undeutlich war mir die Schlange, die ich unten am Kranze sich winden sah, mit dem Apfel im Rachen, und da ich nach der Bedeutung fragte, so ließ sich Veit also vernehmen. Von jeher hatten die Lieder von den Meistern der Singekunst für mich eine bezaubernde Kraft. Wenn ich umsonst dieses oder jenes Wunder mir vorzustellen suchte um es im Bilde wieder vorzustellen, so schlug ich mein Liederbuch auf, das ich mir mühsam an Feierabenden zusammen geschrieben hatte, und ich fand Rat. In den geistlichen Lobgesängen lesen wir Gleichnisse des tiefsten Sinnes, durch die das Widersprechende in Einklang verhallt und die unsre Zweifel beschwichtigen, wie unruhige Kinder durch Lieder in Schlummer gewiegt werden. Da heißt es, die Dreieinigkeit sei der Harfe zu vergleichen, bei der Holz, Saite und Finger einen Ton gibt, oder der Muskatennuß, bei der Schale, Faser und Kern gleich köstlich ist. Christus wird das seltene Einhorn genannt, das durch keine Mühe gefangen werden kann, das aber freiwillig einer reinen Jungfrau naht und auf ihrem Schoße entschläft. Durch den Ruf am Kreuze machte der Erlöser uns lebendig, wie der Leu die Jungen lebendig schreit. Die Jungfräulichkeit Mariens wird unter dem Glase gedacht, durch das die Sonne scheint, ohne es zu trüben, ihre Empfängnis unter dem Feuer, in welchem sich der Herr zu Moses herniederließ, ohne den Busch zu versehren. Viele solche schöne Bilder erfanden die wackern Sänger, namentlich Conrad von Würzburg . Durch das Ave, sagte er, ward Eva besiegt. Wie durch Ungehorsam im alten Bunde Eva die Welt verdarb, so hat umgekehrt das Ave im neuen Bunde den Fluch gelöst. Drum seht Ihr, werter Herr, an meinem Werke unter den Füßen Mariens besiegt sich die Schlange winden, da das: Gegrüßt seist du, fromme Magd! ertönt. Ich wußte nicht, ob ich die Erfindung oder die Ausführung mehr an dem Kunstwerke rühmen sollte, und dem Alten schien mein Beifall nicht gleichgültig zu sein. Er bat mich, ihn nach Hause zu begleiten, um dort noch ein anderes mühsames Schnitzwerk zu betrachten. Ich ging darauf ein. Jetzt sah ich, daß es mit seinem Vorgeben, neben der Lorenzkirche zu wohnen, nicht Ernst gewesen, denn wir kehrten zu der Holzbrücke zurück, über die wir gekommen waren. Da seht Ihr, rief er, das Spital zum heil. Geist. Das Gebäude war wegen seiner Bauart und seiner freundlichen Umgebung mir schon früher aufgefallen. Dasselbe ruhte nämlich auf zwei hohen Schwibbogen, die einen Arm der Pegnitz bis zur großen Insel überspannten, und seinen Vordergiebel umgrünten die Bäume eines freundlichen Gartens. Wir hatten bald Veits Herberge erreicht und über zwei unbequeme Treppen kamen wir nach seinem Stübchen. Der Blinde unterstützte mich mit liebender Sorgfalt, um mich vor jedem Fehltritt zu schützen. Ich sah, daß jemand die Stubentüre ein wenig öffnete und dann schnell entschlüpfte. Auch ihm war es nicht entgangen und er murmelte: Was mag dem Mädchen sein? Sonst pflegt sie mir doch immer entgegen zu hüpfen. Ein viereckiges Schnitzbild, das ich an eine Wand befestigt sah, war kein kleiner Schatz des ärmlichen Stübchens. Ich ahnte nicht, daß die Kammer noch einen größeren Schatz verbarg. Das Schnitzbild stellte die Krönung Mariens dar. Wie die Jungfrau so demutsvoll mit gefalteten Händen kniete, der Gott der Vater und Gott der Sohn mit dem Zeichen irdischer Majestät eine Krone aufsetzten! Wer sie sah, der mußte anbeten, wie die Engel, die über ihr gebildet waren. Wie hoch wäre der Preis für dieses Werk? fragte ich als ein geborener Handelsmann. Allein er erwiderte mir, daß er sich von dieser Arbeit nicht trennen könnte, die seine Freude wäre, wie dem blinden Musikanten seine Geige, und deren Berührung ihn wie Harfenton erbaute. Liebes Kind! rief der Alte, so komme doch. Du hörst ja, ich habe Besuch, und setze dem Herrn einen Schemel zurecht. Verschämt trat da zögernden Schrittes im schlechten Hauskleide das holde Mädchen ein mit den blonden Locken und den Engelmienen, die Rosenthalerin und mit ihr meine höchste Lust. Sie setzte dienstfertig einen Strohstuhl neben den weißgescheuerten Lindentisch. Das ist der Herr, lieber Vater, flüsterte sie dem Alten zu, der Euch den Dukaten am Sebaldusfest verehrte. Gerührt dankte mir Meister Veit und meine Zunge war jetzt gelöst und ohne Hehl entdeckte ich ihm, was so lange schon mein Herz erfüllte. Maria entwich, vielleicht, daß sie sich nur verbarg, um die Röte ihres Gesichtes zu verbergen, die die Scharlachfarbe ihres Kleides am Sebaldustag beschämte. Der Alte war bewegt, da ich ihn mit meiner Person und meinem Glücksstande bekannt machte, so wie mit der Redlichkeit meiner Gesinnung. Weiß Freund Dürer darum? fragte er mich, durch ihn erhielt ich das Mädchen, das, so alt es ist, sechzehn Jahre bei mir lebt. Ein gutes frommes Kind. Schwer würde die Trennung sein, wenn nicht ihr Glück das meinige wäre. O daß ich ihre Liebe vergelten könnte! Ja – dieses Schnitzbild, wenn Ihr wirklich das Mädchen nehmt, müßt Ihr mitnehmen. Das sei mein Brautgeschenk. Er trocknete sich die Tränen vom verloschenen Auge – aber es waren Freudentränen. Ruft, bitte ich, Marien her, lag ich darauf dem Greise mit Inbrunst an, daß sie mir erkläre, ob ihr Gefühl meinem Gefühle entspreche. Dieser Tag sei der schönste meines Lebens! Sogleich bat sie Veit hereinzukommen, aber sie, anstatt zu erscheinen, eilte aus der Kammer die Treppe hinab und entrann. Zum erstenmal, sagte da mit strenger Miene der Alte, ist sie ungehorsam. Ich aber zürnte nicht dem Mädchen, denn ich war ihm zu gut. Der Kaiser Maximilian I. Albrecht Dürer mußte die Zeit, die er sonst der Freundschaft widmete, jetzt dem Dienste des Kaisers widmen, auf dessen Schlosse er täglich war. Eines Tages kam zu mir der junge Hans Dürer und bestellte einen Gruß von seinem Bruder, der mich bitten ließ, Donnerstags Pfinztag. im Rathause nachmittags mich einzustellen, wenn ich die Gemälde daselbst und zugleich den Kaiser sehen wollte, weil Ihre Majestät um diese Zeit sich dorthin zu begeben gedächte. Ich nahm die Einladung gern an, weil ich begierig war, die dortigen Ölgemälde, vornehmlich aber das Wandgemälde des großen Saals zu betrachten, von dem ich schon in Frankfurt viel Rühmens gehört hatte, obgleich es noch nicht einmal vollendet war. Albrecht Dürer hatte hier nämlich den Triumphzug Maximilians, des hochherzigen Herrschers, gemalt. Diesen Mann, die Blume der Ritterschaft, den Stern des Jahrhunderts, so in der Nähe zu sehen, hatte auch keinen geringen Reiz für mich. Als der Tag erschien und ich aus meinem Fenster schon einige Ratsherren die Treppe des Rathauses langsam hinaufsteigen sah, kleidete ich mich auf das sauberste an und gedachte hinüber zu gehen. Nichts ist mir verdrießlicher als das Putzen, und so kam es, daß ich etwas ernst gestimmt aus der Haustüre trat. Schon standen viele Menschen umher in bunten Gruppen, die alle den Kaiser zu sehen begierig waren, wenn seine Kutsche vor dem Rathause halten würde. Ich wand mich mühsam durch die Masse der Zuschauer hindurch, als ein freudiger Gruß mich freudig überraschte. Es war der schöne Jüngling Hans Schäufelin und an seinem Arm die schöne Afra Tucherin . Der Jungfrau stand es sehr wohl, als sie mich wie einen alten Bekannten begrüßte, sobald der Bräutigam ihr meinen Namen genannt hatte. Ratet einmal, geehrter Herr Heller , fragte er mit verklärtem Blick, wohin uns unser Weg führt? Zu Glück und Segen, so wünsche ich innigst, war meine Antwort. Jawohl, fuhr er fort, dort in die Priesterwohnung, um unsre Verlobung zu bestellen. Recht so! rief ich von ganzem Herzen. So ist es Eurer Kunst gelungen? Gelungen! wiederholte er, was ich schon in des Mädchens Auge hätte lesen können. Der Kaiser hat mich so beglückt, wie er die ganze Welt beglücken möchte. Aber in die Freude mischt sich Trauer, sagte Afra , denn in Regensburg starb vor kurzem meine Muhme, die gute Katharina . Davon hatte ich schon bei Peter Vischer gehört und zugleich, daß sie es mit der Tucherschen Familie gut gemeint. Und daher blieb ich der Klagenden das Beileid schuldig. Der immer größere Zudrang von Neugierigen trennte uns voneinander, und ich flüsterte nicht ohne Neid vor mich hin: Guter Kaiser, wenn du mich auch so glücklich machen wolltest! Ich stand vor dem Rathause, doch würde es mir nicht gestattet gewesen sein, die Treppe hinanzusteigen, wenn ich nicht einen der Gerichtsdiener durch einen großmütigen Händedruck für mich gewonnen hätte. An der Türe wartete schon auf mich der wackere Dürer , was mir um so lieber war, da ich von den Herren des Rats nur wenige kannte. Er war unter den Versammelten heute die Hauptperson, da der Kaiser mit ihm wegen der Ausführung des Triumphzuges Rücksprache zu nehmen beabsichtigte. Dürer führte mich ins Versammlungszimmer, in dessen Mitte ein langer, grün behängter Tisch stand mit einer Menge ungeheurer Tintenfässer, zu deren jedem Klingelzüge von der Decke herabhingen. Es hatte den Anschein, als sollte man sich ihrer pinselähnlichen Quasten hier zum Schreiben bedienen. Dürer nannte mich zuerst dem Herrn Bürgermeister Martin Tucher . Es war ein alter, wohlbeleibter Mann, der sich in dem schweren Staatskleide langsam, aber mit vielem Anstand bewegte. Herr Paul Volkamer war mir nicht fremd, denn ich hatte ihn am Sebaldusfeste kennen gelernt, und Herrn Sebald Schreyer , Kirchenmeister von St. Sebald, erkannte ich sogleich nach dem Bilde in Kraffts Abendmahl wieder. Ein stiller, würdiger Mann war dieser Schreyer. Die Magistratsherren waren in einem lebhaften Gespräch begriffen, das die vielfachen Gnadenbezeigungen des Kaisers zum Gegenstande hatte, deren sich wieder das gute Nürnberg zu erfreuen gehabt. Da der Bürgermeister erfuhr, daß ich ein Freund Dürers und der Kunst wäre, so ließ er von einem Ratsdiener ein großes Buch herbeibringen, das von einem geschickten Mönch in roten Samt gebunden war mit reicher Goldstickerei, die auf dem Deckel das Habsburgische Wappen darstellte. Es war Pfinzings Heldengedicht Teuerdank und war dasselbe Buch, das als Geschenk dem Kaiser überreicht war. Der Bürgermeister hatte sich dasselbe zu verschaffen gewußt, um es seinen Kollegen vorzuzeigen, die es bereits bewundert und nun von neuem bewundern mußten. Alle Künste hatten sich hier wetteifernd die Hände geboten, um dem Fürsten eine fürstliche Gabe darzubringen. Das wohlgefällige Wesen des Bürgermeisters war ihm nicht zu verargen, mit dem er die Holzschnitte zeigte, die sein künftiger Eidam verfertigt hatte, und mit dem er die Freude und Teilnahme schilderte, die der Kaiser beim Anblick des Buches geäußert. Maximilian hatte sich sogleich nach dem tüchtigen Formschneider erkundigt, und da er erfahren, daß der Jüngling Schäufelin der Unterstützung bedürftig wäre, bei ihm ein großes Gemälde bestellt und den Preis voraus auszahlen lassen. Eine Aufmunterung, wie sie wenig jungen Künstlern zuteil wird. Während ich durch das eifrige Blättern in dem Prachtwerke mir das Wohlwollen des alten Herrn in hohem Grade erwarb, trat Herr Imhoff ins Zimmer. In gleichem Maße, wie Tucher die Teilnahme der Anwesenden auf seinen Schwiegersohn, suchte er dieselbe auf seinen Schwiegervater hinzulenken. Pirckheimers lateinisches Gedicht auf Maximilian, das im Namen des Magistrats gedichtet war, pries er laut und bewunderte, wie es der Kaiser gepriesen und bewundert hatte. Als er mich erblickte, so zog er einen Abdruck des Gedichtes aus der Tasche und beschenkte mich damit. Der hohe Gast ließ noch immer auf sich warten, und Dürer machte mir den Vorschlag, einstweilen mit ihm die Gemälde des kleinen Saales in Augenschein zu nehmen. Ich war sogleich bereit und meinte, Gelegenheit zu finden, ihm vertrauen zu können, was mir mit der Rosenthalerin begegnet wäre. Allein Herr Sebald Schreyer begleitete uns. Der kleine Saal befand sich im obern Stockwerk. Auf vielen Tafeln sah ich hier lebensgroße Bildnisse von edlen Männern, die, wie mir dieses Herr Schreyer erklärte, sich um die Stadt durch Stiftungen ein hohes Verdienst erworben hatten, wie Hans Rieter , ein Ahne der Pirckheimerschen Familie, wie Conrad Groß , der Erbauer des Spitals zum heil. Geist. Mehr sprachen mich die Dürerschen Gemälde an. Die herrliche Vorstellung von Adam und Eva hatte bereits hier eine Stelle eingenommen, durch welches Geschenk sich der Meister ein Andenken beim Rat und bei der Stadt gestiftet hatte. Doch vielleicht das Preiswürdigste, das jemals Dürers Erfindungsgabe schuf, waren die vier Apostel auf zwei langen schmalen Tafeln, die zusammen gehörten, und die ursprünglich zu Türflügeln eines großen Altarblattes bestimmt waren. Sie erschienen ihm selbst, da er sie vollendet vor sich sah, von so hoher Vollendung, daß er zweifelte, ihre Schönheit im Mittelbilde zu übertreffen oder nur erreichen zu können. Als selbständige Kunstwerke verkaufte er sie für einen geringen Preis an den Magistrat, damit sie seiner Vaterstadt blieben. Auf jeder Tafel erblickt man zwei Verkündiger des Christentums in Lebensgröße. In ihnen stellte Dürer die vier Temperamente dar. Wie die Dichtkunst mit der Schwermut verschwistert ist, so stellte er hier, in der zarten Jünglingsgestalt des Johannes, des Dichters unter den Evangelisten, die Melancholie dar. Wie bedächtig neben ihm der greise Petrus mit den Schlüsseln sich zum Buche herniederbeugt, das Johannes hält! Er drückt das Phlegma aus. Seht dort den kräftigen Greis, wie er furchtbar seitwärts blickt! Paulus' Auge flößt mehr Schrecken ein, als sein Schwert. Markus dagegen hinter ihm öffnet lächelnd den Mund, so daß blendend weiße Zähne vorschimmern. Dieses ist der Sanguinikus, jenes der Cholerikus. Des Eindrucks, den die vier Apostel auf Veit Stoß gemacht hatten, ward ich mir immer klarer bewußt. Wir verließen darauf den Saal und kehrten zu dem Ratszimmer zurück. Hier hatte sich die Zahl der Anwesenden vergrößert. Mit dem Bürgermeister, der gar böse aussah, war eben ein Mann im Streit, dessen Lebendigkeit und wunderliche Geberden mir nicht wenig auffielen. Obgleich er einen kahlen Kopf hatte, so schien er noch den Jüngling zu spielen, und so spitz, wie seine Nase war, zog er seinen Mund, der immer lachte. Es war Herr Lazarus Spengler , der Stadtschreiber. Ob er auch, dem Bürgermeister ein Lächeln abzugewinnen, es sich sauer werden ließ, so sah dieser ihn immer saurer an, wie der schmiegsame Bogen sich umsonst bestreben würde, dem Brummbaß muntre Töne zu entlocken. Hier sind die Würfel! rief der Ratsschreiber und ließ sie aus einer Hand in die andere fallen, wozu die köstliche Zeit mit Nichtstun verbringen? Freund Imhoff rasch zur Tat, noch ehe der Kaiser kommt! Aber, entgegnete der Bürgermeister mit steifer Amtsmiene: Bedenkt doch Euern Stand, diesen Ort, den Zweck unsres Hierseins! Könnt Ihr denn noch immer nicht, sagte Spengler , der frommen Gesinnungen Herr werden, die Euer Vater seliger aus dem gelobten Lande brachte? Schön! da ist ja Dürer und in dem Kasten hier liegt sein ganzes Malerzeug. Auf und zeichnet uns ein – –! Hier nannte er vor der ganzen Versammlung das Spiel, dessen Namen ich nicht einmal zu schreiben wage. Zu einer Tafel, um das Spiel mit den vier und zwanzig entgegen gekehrten Zungen darauf zu zeichnen, war bald Rat geschafft, indem er von der Wand ein Bild herunterriß. Das Bild stellte eine Kreuzigung vor und war vom alten Meister Jacob Walch wohl gut, aber etwas altväterisch gemalt. Er kehrte das Bild um und reichte Dürern ein Stück Kreide. Seht dies ehrwürdige Gemälde, hub Herr Tucher wieder an, dessen Ärger aufs Höchste stieg, seht unsern Herrn Christus am Kreuze! Das paßt sich ja prächtig mit dem Würfelspiel, rief jener. Wißt Ihr nicht, daß um des Gekreuzigten Kleider gewürfelt wurde? So würfelt, Herr Spengler , um Eure Seele! Kaum hatte der Bürgermeister erbost diese Worte hervorgebracht, so meldete der Ratsdiener die Ankunft des Kaisers. Das trieb die bunten Gruppen wie ein Wetterschlag auseinander. Das Bild ward wieder aufgehängt und der ganze Rat verließ das Zimmer und stellte sich zu beiden Seiten der Treppe, um den hohen Gast feierlichst zu empfangen. Es dauerte nicht lange, so erschien der Kaiser Maximilian glorreichen Ansehens mit Vornehmen und Gefolge. Er trug ein einfaches Federbarett, einen Purpurmantel, an dem nicht Gold, nicht Edelsteine schimmerten, denn seine Gestalt verbreitete genug der Würde und sein Antlitz genug des Glanzes. Ritterlichkeit und Kunstliebe enthoben ihn oft niederbeugenden Regierungsgeschäften. Freigebigkeit war der Ausdruck seiner Milde, und in seinen Zügen las man noch jene Worte, wodurch er sich gegen den Vater wegen der ihm vorgehaltenen Verschwendung rechtfertigte: Warum soll ich Reichtümer häufen, da der König seinen Feind mit Waffen, und nicht mit Geld bekriegen muß. Ihm zunächst stand mit eiserner Rüstung angetan, denn diese nannte er seine bequemste Tracht, der Freiherr Johannes von Schwarzenberg von hochahnlichem Geschlechte, dessen ungewöhnliche Größe mir schon vordem aufgefallen war. Seiner Größe entsprach seine Kraft. Manches edle Roß erlag unter ihm, sobald er sich auf seinen Rücken schwang. In Tournieren war er stets der Sieger und er hob seinen Gegner aus dem Sattel, wie er im Trinken das Heben verstand und den größten Humpen in einem Zuge leerte. Doch war er auch ein Held in der Tugend und in der Wissenschaft. Er wußte um die Rechtsgelehrsamkeit und war mit den lateinischen Schriftstellern bekannt. Diese übersetzte er und jene bereicherte er durch Gesetzvorschläge. Zwei andere Schriftsteller standen gleichfalls neben dem Kaiser. Dies war der Propst und Dichter Pfinzing und der Ratsherr und Dichter Pirckheimer . Der erstere war ein dürres Männchen von schüchternem Wesen mit einem schwarzen Käppchen auf dem Scheitel. Ihm bekam das Studieren nicht so gut, als dem Ratsherrn, dessen Kopf sich in das Unterkinn, wie in ein Polster, eindrückte. Es war erhebend, wie so gar leutselig sich der Kaiser gegen alle benahm. Das schien den Edelleuten, die hinter ihm waren, nicht recht zu sein und sie taten um so vornehmer, gleichsam als wenn ihnen obläge, das eigentliche Verhältnis wieder herzustellen, das Maxens herablassendes Wesen verletzte. Der Kaiser wünschte sich in den großen Saal zu verfügen, und sofort nahm Dürer , gegen den er sich sonderlich gnädig bezeigte, Zeichengerät und Visierungsbogen, die er mitgebracht, und ihm ward die Ehre, Se. Majestät zu führen. Über der kleinen Türe, durch die wir gingen, las ich die Worte: Eines Mannes Red' ist halbe Rede, Vernehmt drum der Parteien jede! denn der große Saal war der eigentliche Gerichtssaal. Der war gewaltig, wie ich keinen gesehen, und die Leute, die unten so enge zusammen standen, die verloren sich hier, daß man es nicht glauben kann. Der Saal war 80 F. hoch und 30 F. breit und hatte ein hohes rundes Gewölbe. Der Saal, wie mehrere Teile des Rathauses, waren vom berühmten Hans Behaim angelegt, der noch lebte und von dem auch der Herrenkeller herrührte. Das Rathaus, das männiglich heutiges Tages für einen schönen Bau geachtet wird, nannte er Flickwerk, weil nicht alles nach einem Plan gebaut war. Drei hohe Kirchenfenster erhellten den großen Saal vollständig und die waren mit den schönsten Glasgemälden, Wappen und andern Vorstellungen vom geschickten Meister Hirschvogel geschmückt. Wie strahlten die Farben und verbreiteten einen Glanz, als wenn es Mittagszeit wäre! Aber das Vornehmste im Saal waren Dürers Wandgemälde Obgleich eines noch nicht ganz fertig war, so war dennoch das Gerüst abgenommen, damit man sich daran ergötzen könnte. Herr Pirckheimer hatte die Ideen dazu dem Maler angegeben, und das Werk machte beiden Ehre. An der nördlichen Wand sah man den berühmten Triumphwagen des Kaisers Maximilian. Im Reichsornat saß er mit Zepter und Palme auf einem ganz goldenen Wagen, vor dem paarweis zwölf mutige Rosse angespannt waren. An den vier Rädern las man die lateinischen Beischriften mit goldenen Buchstaben: Herrlichkeit, Ehre, Würde und Ruhm. Neben jedem Paar der Rosse gingen zwei jugendliche Weiber einher, an deren Kränzen man Eigenschaften las wie: Erfahrung, Geschicklichkeit, Hochherzigkeit, Kühnheit. An dem Thronhimmel prangten die Worte: Was im Himmel die Sonne, ist auf Erden Cäsar. Hinter dem Kaiser kniet in flatterndem Gewande die Siegesgöttin, die einen Lorbeerkranz dem Sieger aufs Haupt setzt. Auf ihren Flügel steht: Gallien, Ungarn, Helvetien, Böhmen, Deutschland, Lombardei. Jungfrauen, alles Tugenden, schritten neben dem Wagen und Jungfrauen umtanzten den Kaiser mit Kränzen, selbst zu einem Kranz verschlungen. Sie stellten dar die Sanftmut, Milde, Freigebigkeit, Billigkeit, Beständigkeit, Gerechtigkeit u. s. w. Vor dem Kaiser sitzt als Wagenlenker die Vernunft, die die Rosse an den Leitseilen Adel und Macht regiert. Wie so gar natürlich ist in der Ecke nicht das Musikkorps gemalt, wo man Alte und Junge mit aufgedunsenen Backen sieht in die Posaunen und Klarinetten stoßen! Wie da der Bursche, der die Pfeife bläst, auf dem Balkon sitzt und mit den Beinen schlenkert! Dahinter der Paukenschläger, der aufmerksam horcht, wann an ihn die Reihe kommt. Nicht minder schön ist die Darstellung auf der andern Wand, wo man zur Warnung ein Gericht abgebildet sah, wie, Gott sei's geklagt! deren so viel im Leben gehalten werden. Der deutsche Apelles darf sich wahrlich nicht vor dem berühmten Apelles schämen, von dem die Erfindung sich eigentlich herschreibt. Da sitzt auf seinem Stuhl der Richter, dessen hohe Weisheit in den Midasohren sitzt, und in dieselben flüstern nur allzu tätig der Verdacht und die Unwissenheit. Vergeblich liest man davor die Worte: Niemand fälle ein Urteil, bevor er nicht alles nach dem Richtscheit erwogen. Der unschuldig Angeklagte kniet vor dem Thron und hebt flehend die Hände empor, indem die Verleumdung ihn an den Haaren zum Richter hinzerrt. Seht dahinter die Teufelsgesichter des Betruges, des Neides und der Bosheit, die den Unglücklichen verfolgen. Im Fluge hinter ihnen eilen zu seinem Verderb herbei die Übereilung, das Versehen und die Strafe. Zu spät ist es, daß die Reue im Trauergewande sich zur Wahrheit Die lateinischen Beischriften der Wandgemälde sind: Magnificentia, Honor, Dignitas, Gloria, Experientia, Solertia, Magnanimitas, Andacia. Quod in coelis sol hoch in terra Caesar est.Victoria: Venetis, Germanis, Bohemis, Elvetiis, Ungaris, Gallis, Ratio. Nobilitas, Potentia. – Suspicio, Ignorantia. Nemo unquam sentantiam ferat, priusquam cuncta ad amussim perpenderit. Insons. Calumnia, Insidiae, Fraus, Festinatio, Error, Poena, Poenitentia. Veritas. hinwendet, denn über der Szene verbergen die Blumengewinde nicht Beil und Schwert, die fürchterlich hernieder dräuen. Ich konnte mich nicht satt sehen an all dem Herrlichen und der Kaiser Maximilian beachtete gleichfalls alles mit prüfendem Blick. Viel Rühmliches sagte er Dürern über die Ausführung der Entwürfe, die ihm früher vorgelegt waren. Am Triumphwagen war eine Gruppe, wie er sich gegen den Meister äußerte, nicht nach seinem Sinn. Und dieser breitete sogleich einen Bogen aus und zeichnete mit unglaublicher Schnelligkeit zwei Figuren, indem er ihn fragte, ob er sie so verändert wünschte. Der Kaiser verneinte es, und er griff da selbst nach der Reißkohle, aber wie er einen Strich machen wollte, so zerbrach sie, und es wollte ihm nicht gelingen. Da wunderte sich Max und fragte, wie es zuginge, daß er mit der nämlichen Reißkohle habe zeichnen können. Das ist mein Reich , erwiderte Dürer lächelnd, aliud est sceptrum, aliud est plectrum , d. i. ein andres ist die Leute, eine andres die Laute regieren. Dürer aber hatte genugsam seinen Willen erraten und stellte jetzt zwei Figuren in Umrissen dar, die jenem ganz genügten. Gern wüßte ich, hub der Kaiser an, wie sich diese Gruppe im großen Gemälde ausnähme. Kaum hatte es der Maler gehört, so ließ er eine Leiter bringen, damit er mit der Kohle dieselben lebensgroß an der Wand andeutete. Dürer setzte die Leiter sich zum Zeichnen zurecht. Da winkte Max einem nahe stehenden Edelmann, daß er die Leiter halten möchte. Dieser mochte aber glauben, daß, wenn er einen Bürgersmann bediente, ihm etwas an den Händen kleben bliebe, und sah daher hinweg, als wenn er des Kaisers Meinung nicht verstanden. Der aber merkte es wohl, zürnte darob und sprach, wie ich es selbst gehört habe: Aus jedem Bauern kann ich einen Edelmann machen, aber aus keinem Edelmann einen solchen Maler. Dieses war Ursache, daß der Kaiser, damit Meister Dürer nicht mehr eine solche Demütigung erführe, ihm von Wien aus einen Adelsbrief zusandte und ihn zum kaiserlichen Hofmaler ernannte. Dürer, mit Anspielung teils auf seinen Namen, der oft Thürer geschrieben wird, teils auf seine Kunst, hatte sich zum Siegel folgendes Sinnbild gewählt, eine Staffelei, auf der ein Wappenschild mit einem Tor und offenen Türen . Jetzt erhielt Dürer ein Wappen mit drei silbernen Schildern im blauen Felde. Der Johanniskirchhof mit den Bildwerken Adam Kraffts. Der Nürnbergische Chronist Johann Müllner erzählt: 1475 »Gegen das Ende dieses Jahres am St. Andreastage griff die Pestseuche und ein schreckliches Sterben um sich. Wer gestern Freunde hatte, hatte sie morgen nicht mehr, und wer morgens wohl auf war, lag abends auf der Bahre. Da standen viel Häuser offen und preisgegeben, denn niemand war, der sie verschließen sollte, da waren die Straßen öde, wenn nicht ein Trauerzug die Ruhe unterbrach. Die Glocken wurden nicht gezogen, denn sonst wäre deß kein Ende gewesen, aber für beständig hörte man das Meßglöcklein, da hin und her mit der Hostie der Priester ging, um Sterbende zu berichten, und jeder sagte sich: heute gilt es dem Nachbarn, morgen mir. Was sonst Segen brachte, brachte dir jetzt Fluch. Wenn du den Kranken wartetest, so war dein Schicksal, mit ihm begraben zu werden, wenn du dem darbenden Bettler einen Almosen gabst, so gab er dir Pestbeulen wieder, wenn du in die Kirche gingst, um Trost zu suchen, so stieg dir aus den Gewölben verpestender Leichenduft entgegen. 1476 Das Sterben dauerte fort und vermehrte sich noch im Herbste. Da verfügte der Rat, alle Kranke ohne Ansehen der Person aus der Stadt in die Lazarette bringen und niemand, so er an der Seuche gestorben, in der Stadt begraben zu lassen. Es ward außerhalb der Stadt ein weiter Raum bei der Johanniskirche abgesteckt und eingeweiht, woselbst alle beerdigt werden sollten. Aber die Leute waren nicht damit zufrieden und verlangten in den Kirchen neben den Ihrigen eine Ruhestatt. Es hat dieses Sterben gewährt bis zum April des nachfolgenden Jahres.« Soweit der Chronist. Nürnberg ist die erste deutsche Stadt, die außerhalb der Ringmauern der Stadt ihren Kirchhof anlegte. Dies ist der Johanniskirchhof, unweit dem Tiergärtnertor, nicht weniger berühmt wegen des Andenkens ausgezeichneter Männer, die hier ruhen, als wegen der Werke der Kunst, die hier prangen und dem Tode den Sieg abgewinnen. Der Chronist bemerkt, daß die Leute der löblichen Einrichtung des Rates widerstrebten, wie alles neue ans Liebe zur Gewohnheit bei der Menge Widerspruch findet, wenn es nicht Vergnügen und eitlen Tand bezweckt. Allen Edlen, denen das Wohl der Stadt am Herzen lag, war jetzt die Aufgabe gestellt, dem neuen Kirchhof den Ruf der Heiligkeit zu geben, um auf dem Wege der Andacht die Sache durchzusetzen. Martin Ketzel und Adam Krafft streiten um die Ehre, ein tief eingewurzeltes Vorurteil siegreich überwunden zu haben. Georg Ketzel , Bürger in Nürnberg, war ein gottseliger Mann, der lange Vorsteher des heil. Geistspitals war. In einer Kapelle ordnete er hier zur Erbauung seiner selbst und gleichgesinnter Freunde die Vorstellung des heil. Grabes in Jerusalem an, nach Zeichnungen und Berichten andächtiger Pilger, die von daher gekommen waren. Die Wände der Kapelle ließ er braun tünchen und mit Moos und Muscheln verzieren, damit sie das Ansehen eines Felsens gewönnen. Seine Kinder waren ihm dabei behilflich, namentlich sein Erstgeborner, Martin. Daher kam es, daß Martin schon als Knabe gern sich mit dem Gedanken beschäftigte, selbst zum heiligen Grabe zu wallfahrten, um ein genaues Abbild davon zu erhalten. Und es war kein Knabentraum. Als 1477 der Herzog Albrecht von Sachsen, von heiligem Gefühl durchdrungen, nach dem gelobten Lande zog, schloß Martin sich an das Gefolge desselben an und begrüßte glücklich die Erde, wo der Heiland verblutete und beerdigt ward. Nicht rastete er hier, sich Geist abtötenden Empfindungen hingebend, sondern von früh bis spät ging er damit um, alle heiligen Stätten genau zu vermessen und auszuzeichnen. Mehr als einmal maß er mit Schritten ab die Länge des Weges von Pilatus' Hause bis zur Schädelstätte und die Entfernung der sieben Fälle voneinander. Mit einem Schatz glaubte er heimzukehren. Wie groß aber war sein Schrecken, als er in die Vaterstadt angelangt, seine Schriften durchsah und die Vermessung des Wegs vermißte, auf dem der Heiland vom Blutverhör zum Kreuze geführt wurde. Unglücklich über den Verlust, sah er seine Reise nach Jerusalem für halb verfehlt an. Aber ein rechter Eifer wird nie erkalten und gölt' es, Felsen zu sprengen und Meere auszuschöpfen. Nach neun Jahren trat Martin Ketzel die Reise von neuem an in dem Zuge des Herzogs Otto von Bayern . Alle Mühseligkeit des Weges überwand er froh, und zum zweitenmal am Grabe des Erlösers knieend, vergaß er alles, was ihn betrübt und bekümmert hatte. Noch genauer vermaß er jetzt die der Andacht geweihten Örter und ihre Entfernung voneinander und ergriff dann den Pilgerstab zur Heimkehr. Tag und Nacht wahrte er das Verzeichnis mit den Vermessungen wie eine hochheilige Reliquie und freute sich ihrer in Nürnbergs Mauern. Von seinem Hause am Tiergärtnertor bis zum Johanniskirchhof ließ er jetzt darnach die Entfernung der sieben Fälle Christi durch Pfeiler bemerken. Sein Freund Adam Krafft mußte diese Pfeiler durch erhabene Bildwerke verzieren und einen Kalvarienberg mit lebensgroßen Figuren anlegen. Ein Werk großer Mühen und großer Kosten. Seitdem galt der Kirchhof für einen heiligen Wohnsitz der Entschlafenen, und wer ihn noch jetzt betritt, erneuert voll dankbarer Rührung das Andenken des Stifters und des Künstlers. Diese Nachrichten, den Johanniskirchhof betreffend, hatte ich aus den Büchern und der Erzählung des Schenkwirtes entnommen. Das war ein dicker, beredter Herr, der von allem wußte, was in Nürnberg im Altertum und in der Gegenwart geschah. Mit ihm verplauderte ich manches Stündchen, wenn er in der Gaststube wohlbehaglich im Lehnstuhle saß. Kaum hatte er heute die Erzählung vom Johanniskirchhof geendigt, so lief ich in meine Stube hinauf. Hier erwartete ich den teuern Herrn Imhoff , der mit mir Krafft's frische Begräbnisstelle besuchen wollte. Wo konnte man des Meisters Erinnerungsfeier würdiger begehen, als hier an seinem Grabe, wo nicht eine Leichenrede zweifelhaftes Lob verschüttete, sondern wo seine Werke predigten, wie fleißig und fromm er war? Am Arm des Freundes ist die Erweckung des Andenkens Heimgegangener Lieben tröstlich und wohltuend, wie der Hauch des Nachsommers, der der Natur erstorbenes Grün von neuem zum Leben erwärmt. Der pünktliche Freund kam zur Stunde, und unter traulichen Gesprächen die Stimme des Gefühls von jedem Zwang entbindend, begaben wir uns an Dürers Wohnung vorbei nach dem Tiergärtnertore. Hier zeigte mir Imhoff Ketzels Wohnung. Das Haus gehörte ehemals dem Nürnbergischen Patrizier Hans Rieter , einem Vorfahren Pirckheimers , und das Steinbild eines Ritters erinnerte an seinen Namen. Nach Ketzels Bestimmung bezeichnete es die Stelle, wo Pilatus seine Hände mit Wasser wusch, aber sein Herz in Blut badete. Von hier ab sieht man an sieben Stellen die sieben Fälle Christi in viereckigen Steinbildern. Wen Christi Leidensgeschichte noch niemals rührte, er sehe hieher und durch Tränen wird er seinen Hartsinn büßen. Was bewundere ich mehr, den Schmerz der Jünger und Frauen, oder die Wut der Peiniger oder die Langmut des Kreuzträgers? Wie er hier mit der blutigen Dornenkrone, unter der Last erliegend, den Frauen zuruft: Ihr Töchter von Jerusalem, nicht weinet über mich, sondern über Euch und Eure Kinder! Wie die Trauernden die Hände falten und wehklagen im Nonnenschleier mit verbundenem Kinn! Wie die Kriegsknechte in der Schalksnarrentracht unmenschlich den Gottmenschen verhöhnen und ihn an den Haaren fortzerren wollen! Unter jeder Steintafel befinden sich Unterschriften, die also lauten: 1. »Hie begegnet Christus seiner würdigen Mutter, die vor großem Herzeleid unmächtig wird. 200 Schritte von Pilatus' Hause. 2. Hie hilft Simon Christo sein Kreuz tragen. 295 Schritte. 3. Hie tröstet Christus die Frauen. 380 Schritte 4. Hie hat Christus sein Angesicht in der heil. Veronica Schleier abgedruckt. 500 Schritte. 5. Hie wird Christus von den Juden geschlagen. 780 Schritte. 6. Hie fällt Christus erschöpft zur Erden, 1100 Schritte.« Hinter dem sechsten Wandpfeiler erhebt sich der schöne Kalvarienberg mit den Gekreuzigten. Auf diese Werke hat Meister Krafft den größten Fleiß verwendet, so daß man deutlich jede Sehne und Ader erkennt. Ruhig verscheidet der Heiland, denn seine Bitte um Vergebung ist erhört. Bei den Schächern siehst du hier Reue, dort Verstocktheit, hier Tränen, dort Zähnefletschen. Nicht war es not, wie wir dies auf alten Gemälden sehen, daß hier ein Engel dem Bekehrten naht, während dort ein Teufel dem Bösen die Seele aus dem Munde zerrt. Unfern dem Kreuze erblickt man eine Gruppe des Jammers, Johannes neben den Frauen, die die Leidensmutter in den Armen halten. Hinter dem Kalvarienberg steht der letzte Wandpfeiler. »7. Hie liegt Christus tot vor seiner gebenedeiten Mutter.« Nur mit Mühe zog ich mein Auge von den lieben Bildern zurück. Allein die Holzschuhersche Grabkapelle und ein Kruzifix, die die Kirchhofsmauer überragend uns winkten, versprachen uns neue Genüsse auf dem Gefilde, wo der Tod die Garben sammelt. Wir traten durch das Kirchhofstor und sahen hier von grauem und rötlichem Granit Leichenstein an Leichenstein, die mit Wappen und Inschriften versehen waren. Zwischen ihnen wucherten ungepflegt Blumen und Gesträuch. Nur das Grab des künstlichen Werkmeisters Adam Kraffts überdeckte noch kein Stein. Blumen brach ich ringsumher und streute sie mit stiller Wehmut auf den frisch geschütteten Hügel. Nachdem mir Imhoff manches Schöne aus dem Leben des frommen Meisters mitgeteilt hatte, entfernte er sich, um den Kirchner zu rufen, der uns die Holzschuhersche Kapelle öffnen sollte. Langsam schritt ich zwischen den Gräbern, teils mit den Inschriften, teils mit eignen Gedanken beschäftigt. An einem Grabe in der Ferne sah ich eine Jungfrau weilen, die emsig einen Blumenkranz flocht, um ein schwarzes Totenkreuz damit zu schmücken. Ungesehen nahte ich mich der Trauernden und erkannte an dem schönen Wuchs und den blonden Locken meines Herzens Erkorne. Leise schlich ich jetzt zu ihr und im Überschwang des Gefühls faßte ich sie an, damit sie mir nicht wieder entrinnen konnte, vergessend die Heiligkeit des Ortes und die Sprödigkeit Mariens . Bei der teuern Asche, die du hier betrauerst, beschwöre ich dich, entscheide über mein Glück und meine Zukunft. Sie bat mich, sie ungestört am Grabe ihrer Mutter beten zu lassen. Auf dem Kreuz las ich: » Aemilie Rosenthalerin .« Allein die Heftigkeit meiner Empfindung verhöhnte alle Nachgiebigkeit, und ich wich nicht, sondern nur heftiger bestürmte ich sie mit Bitten. Wie es mir immer wider Willen ging, so auch jetzt. Der Kirchhof füllte sich plötzlich mit Menschen und aus Furcht, daß meine Absicht verkannt, daß die Sittsamkeit des Mädchens verkannt werden möchte, trat ich scheu zurück. Maria nahm diesen Zeitpunkt wahr und verschwand. Von mehreren Trägern ward ein Grabstein auf den Kirchhof gebracht, und neben ihnen ging ein Mann in blauem Wamse, den ich erst nach längerm Ansehen als den alten Vischer erkannte. Vor Eifer und Geschäftigkeit schien er gar ärgerlich und zankte mit den Trägern, die es ihm nicht recht machten, so daß ich ihn nicht anzureden wagte. Unterdes fand sich Hans Imhoff zu mir, der mich schon eine Zeitlang gesucht hatte. Er erzählte mir, wie der alte Vischer auf rührende Weise seine Liebe zum verewigten Krafft noch über die Lebensgrenze hinaus ausdehnte. Obgleich schon ein Greis, hätte er es sich nicht nehmen lassen, den Sarg seines alten Kunstgenossen mitzutragen, so viele jüngere Künstler auch dazu erbötig waren, und jetzt käme er her, einen Leichenstein, durch mühsam gesammelte Beiträge dazu instand gesetzt, auf des Freundes Grab zu setzen. Mich ergriff die Erzählung und innig drückte ich Imhoffs Hand mit dem Worte: Es ist doch ein köstlich Ding um die Freundschaft! Imhoff ging mit mir nun in die geöffnete Holzschuhersche Kapelle, wo sich das letzte Werk von Adam Krafft befand, das der Tod ihn nicht ganz vollenden ließ. Dies war die Grablegung, von der mir einzelne Figuren der selige Meister selbst in seiner Werkstatt gezeigt hatte. Durch die Bemalung und durch Goldverzierungen hatten sie außerordentlich an Schönheit gewonnen. Die Gruppe war in der Kapelle in einer tiefen Bogenblende, die wohl zehn Fuß in der Höhe und Länge maß, aufgestellt. Fünfzehn Figuren von unvergleichlicher Schönheit stellten ein Bild der tiefsten Trauer und des heiligsten Schmerzes dar. Wie du, Herr Jesus Christ, mit Wunden und Striemen bedeckt, in das Felsengrab versenkt wurdest und in Herrlichkeit erstandest, so hat auch Krafft die Asche der Zeitlichkeit abgeschüttelt und strahlt nun im Glanze der Verklärung. Wir verließen den heiligen Friedhof, und auf dem Rückwege labten wir uns noch einmal an den genannten Meisterwerken. Ein Streit der verschiedensten Gefühle raubte mir, als ich mich wieder allein in meinem Zimmer befand, alle Ruhe und Lust. Da ward mir ein Brief gebracht, von einer mir unbekannten Hand geschrieben. Er lautete: »Geehrter Herr Heller! Wenn ich Euch etwa gefiel, so war es nur darum, daß ich Euch unbekannt war, daß Ihr nicht wußtet, wie ich von niedriger Herkunft und ganz arm bin. Ich schreibe dies, während Vater Veit an seinem Kerbstock mit Tränen abzählt, wie viele Jahre, Monate und Wochen ich bei ihm im Hause gewesen bin. Nie wird es meine Dankbarkeit zulassen, mich von ihm zu trennen. Ich bitte, verändert nicht Eure Gesinnungen gegen den armen blinden Vater. Maria Rosenthalerin.« Also ein förmlicher Absagebrief, der alle meine Hoffnungen auf einmal zu vernichten schien. Allein, ich weiß es nicht, wie es zuging, als ich den Brief ein über das andre Mal las, fühlte ich mich wunderbar beruhigt. Die Singschule der Meistersinger Hans Sachs in der Schenke. Ich ging in meiner Stube auf und ab, indem ich auf das Frühstück wartete. Ich sah durch das Fenster und erblickte ein Seil, das von St. Sebald nach dem Rathause gezogen war und woran mitten ein gemaltes Schild hing. Alle Mühe, die ich mir gab, die Figuren darauf zu erkennen, war vergeblich, und ich war im Begriff, zum Schenkwirt hinunterzugehen und mir Bescheid zu holen. In demselben Augenblick trat in mein Zimmer Peter Vischer , der Jüngere, der zu den Genannten des Rates gehörte und ebenso liebenswürdig als unterrichtet war. Er begrüßte mich, und indem er sich darauf berief, was zwischen uns verabredet wäre, meldete er mir, daß heute dem Kaiser zu Ehren eine Festschule gehalten würde. Ich sah ihn stutzig an, dann aber erinnerte ich mich, daß Peter Vischer der holdseligen Meistersingekunst beflissen wäre, und ich wußte mir seine Worte zu erklären und zugleich, was es mit dem Aufhängen der Tafel für ein Bewenden hätte. Peter erzählte mir, daß durch das Schild alle, die an erbaulichen Festen Teil nähmen, zu der Singeschule eingeladen würden. Unterdes ward das Frühstück hereingetragen und Vischer ließ es sich gefallen, dasselbe mit mir zu teilen. Er erzählte mir über die Entstehung und das Wesen der Meistersingekunst gar vieles, dem ich gern ein aufmerksames Ohr lieh. Die unschickliche Frage, die mir entschlüpfte, ob die Meister an anderen Orten auch dergleichen Kurzweil trieben, erzürnte ihn nicht, vielmehr hielt er sich dadurch bewogen, mich über die hohe Bedeutung ihres Strebens zu belehren. Die löbliche Musik und die liebliche Singekunst, fing er etwas feierlich an, dient nicht allein zur Freude und Ergötzung der Menschen, sondern sie ist das edelste Erregungsmittel zur Erinnerung göttlicher Wohltaten und zur Andacht des Herzens. Wie denn auch der heil. Apostel Paulus zur Übung guter Gesänge gar treulich vermahnt. Ich unterbrach ihn absichtlich in der Rede und er fuhr also fort: Der Meistersinger hohe Schule ist Mainz und die Töchterschulen sind Nürnberg und Strasburg. Aber in Nürnberg ward seit lange die holdselige Kunst besser gepflegt als irgendwo. Wie vor fünfzig Jahren der Briefmaler Hans Rosenplüt und der Barbier Hans Folz berühmt war, so jetzt der Leineweber Leonhard Nunnenbeck und vor allen dessen Schüler Hans Sachs , der Schuster. Was haben jene Figuren auf der Tafel zu bedeuten? fragte ich ihn. Auf der Tafel, erwiderte er, seht Ihr oben ein Wappen mit einer Krone, das ist der Meistersinger Wappen und darunter zwölf Männer, die einen Garten bestellen, deren Mühe aber ein wildes Tier zunichte macht. Die zwölf Männer sind die zwölf berühmten Sänger, die die erste Singeschule einrichteten, und das wilde Tier ist der Neid, der von außenher, und die Zwietracht, die von innenher ihrem Gedeihen schadet. Von heiligem Beruf durchdrungen, sangen die zwölf Männer Lieder, die Gott wohlgefällig waren und den Menschen frommten. Der Kaiser Otto der Große, erlauchten Andenkens, bestätigte ihren Bund und schenkte ihnen ein Wappen mit der Krone. Aber die Mönche, die sonst allein in der Kirche ihr Wesen trieben, waren neidisch, daß auch sie daselbst öffentlich Gottes Gnade verkündigten. Beim Papste verschrieen sie sie als Ketzer, und dieser forderte sie insgesamt nach Pavia, daß sie Rechenschaft von ihrem Treiben gäben. Freimütig erklärten sie hier, daß Gott ihnen die Lieder einflößte, und daß dieselben daher nicht allein unsträflich, sondern auch heilig wären. Drob verwunderte sich Se. Heiligkeit, und um sie als Lügner zu beschämen, legte er allen ein Thema ans der Bibel vor, worüber sie ein Gedicht machen sollten, und ließ jeden besonders in einem Gemach verschließen. Doch wer beschämt wurde, war der Papst, denn da er Aller Gedichte miteinander verglich, so stimmten diese Wort für Wort überein. Mit reichen Geschenken verabschiedete er sie und nannte sie echte Christen, obgleich einer diesen Namen nicht verdiente. Weiß man die Namen dieser Wundermänner? Freilich weiß man sie. Sie waren teils Gelehrte, teils Ritter, teils Bürger. Einer war Schmied, einer Seiler, einer Glasbrenner. Von ihnen ist nicht viel zu erzählen, aber desto mehr vom Ritter Wolfram Rohn (von Eschenbach ), von Heinrich Frauenlob , der heil. Schrift Doktor zu Mainz, von Nicolaus Klingsor , der freien Künste Magister. Klingsor war ein gewaltiger Sterngucker und Schwarzkünstler im Ungarlande, der zu der nämlichen Zeit lebte, als am Hofe des Landgrafen Hermann auf der Wartburg sich sechs Meister der Singekunst befanden, edel von Geburt und von Sinnen. Fünf von ihnen, zum Schild geboren, waren Ritter, wie Walther von der Vogelweide und Wolfram Rohn , einer aber war ein Bürgersmann von Eisenach, Heinrich von Ofterdingen . Die feierten in Liedern des Landgrafen Ruhm und der Landgräfin Sophia Züchtigkeit. Einstmals beschlossen sie, einen Wettgesang anzustimmen. Sie nannten ihn den Wartburgskrieg, und wie im Kriege es um Tod und Leben sich handelt, so machten sie untereinander aus, daß der gehenkt werden sollte, so den kürzeren zöge. Sie kämpften mit Gesang, und Heinrich von Ofterdingen ward besiegt. Der floh, da die andern ihm ans Leben wollten, unter der Frau Sophia Mantel, und sie schirmte ihn und brachte es dahin, daß der Überwundene sich konnte einen Meister des Gesanges zuhilfe nehmen, um in Jahresfrist sich wieder zum Kampfe zu stellen. Er reiste nun umher und kam auch nach dem Ungarlande, wo er den berühmten Klingsor nach den Sternen schauen sah. Ihm trug er die Sache vor, und der Schwarzkünstler versprach, um ein Jahr zu kommen, sofern er bis dahin alle Sterne beobachtet hätte, denn eher rührte er sich nicht von seinem Platze. Heinrich hatte darob des Leides und der Sorgen viel. Er wartete einen Monat nach dem andern. Das Jahr war fast verflossen und er vernahm, daß Klingsor noch daheim die Sterne zählte. Aber am Tage, da im Ritterhause der Sängerkrieg vor sich gehen sollte, ließ sich Klingsor von seinen Geistern nach Thüringen tragen und zog wie ein Bischof gen Wartburg. Der Wettgesang ward begonnen. Zuerst fing Wolfram an, dann sang Klingsor von der Natur der himmlischen Sphären, von der Sterne Lauf und der Planeten Bewegung gar behendiglich. Wolfram wußte nichts davon und mußte schweigen. Da pries dieser die Herrlichkeit Gottes und verkündigte, wie das Wort Fleisch geworden wäre und wie unser Herr Jesus Christus der Christenheit sein Blut gegeben hätte als Pfand und Handfeste ewiger Seligkeit. Klingsor wußte nichts davon und mußte schweigen. Klingsor rief jetzt seinen Diener herbei, den Teufel Nasian , der mit vier Büchern erschien in hellem Feuerglanz. Wolfram , da er seinen Gegner kleinlaut sah, fuhr siegprangend fort: Gott ist das höchste Wesen und Gott ist der Herr aller Welten. Kennst du alle Welten? fragte Nasian und Wolfram sah ihn verlegen an. Schnipp, schnapp ! rief da Nasian, du bist ein Laie! Wie weißt du, daß Gott der Herr aller Welten sei, wenn du nicht weißt, wie viele ihrer sind. Und er schrieb mit dem Finger wie mit einer glühenden Kohle an die Wand: Wolfram ist besiegt! Der Landgraf entschied da, daß keiner dem andern überlegen wäre, und entließ Klingsor mit Kleinodien beschenkt vom Hofe. So war Wolframs Ehre und Ofterdingens Leben gerettet. Das ist die Geschichte vom Wartburgskriege. Ein anderer berühmter Meistersinger ist Doktor Frauenlob aus Meißen. In unsterblichen Gesängen erhob er der Frauen Schönheit und Sittigkeit, und zum Dank trugen ihn die Frauen in Mainz zu Grabe, denn nicht dem Lebenden allein, sondern auch dem Toten sollte ihre Tugend offenbar werden. Im Dom ist sein Leichenstein, den die Frauen mit Tränen und mit Wein benetzten. Die Singekunst, deren ihr euch jetzt befleißigt, leitet ihr also von den zwölf Meistern her? Jawohl. Sie unterrichteten Jünglinge und die Schüler wurden wieder Meister und so bis auf unsere Zeit. Wer die Kunst erlernen will, der geht zu einem Meister, der wenigstens einmal in der Singeschule den Preis gewonnen hat, und dieser unterweist ihn unentgeltlich. Er lehrt, was es heißt, zur Ehre der Religion singen, und weiht ihn ein in die Geheimnisse der Tabulatur, so nennen wir die Gesetze der Dichtkunst. Hat der Lehrling diese begriffen, so bittet er die Gesellschaft um seine Aufnahme, da er von löblichen Sitten sei und guten Willen zeige. Der Aufgenommene muß alsdann den Singestuhl in der Kirche besteigen und eine Probe seiner Kunst ablegen. Gelingt sie ihm, so wird sein Wunsch gewährt. Feierlichst gelobt er, der Kunst stets treu zu sein, die Ehre der Gesellschaft wahrzunehmen, sich stets friedlich zu betragen und kein Meisterlied durch Absingen auf der Gasse zu entweihen. Dann zahlt er das Einschreibegeld und gibt zwei Maß Wein zum Besten. Bei den gewöhnlichen Versammlungen der Meistersinger und wenn sie sich in der Schenke zusammenfinden, sind weltliche Lieder wohl erlaubt, nie aber in den Festschulen. Die Festschulen finden dreimal im Jahre statt, zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten in der Katharinenkirche. Hier werden nur Gedichte vorgetragen, deren Inhalt aus der Bibel oder den heiligen Sagen geschöpft ist. Wer am fehlerfreisten singt, wird hier mit einer goldenen Kette geschmückt, und mit einem Kranze, wer nach ihm am besten besteht. Wem grobe Fehler dagegen nachgewiesen werden, der muß es durch Strafgeld büßen. So fließt das Leben der Meistersinger unter erbaulichen Gesängen hin und wenn einer ans dem frohen Kreise abgerufen wird, so versammeln sich seine Genossen um sein Grab und singen ihm das letzte Lied. Da jetzt die Ratsuhr schlug, so brach Vischer auf. Ich hatte gemeint, er würde mich zur Katharinenkirche führen. Allein Vischer versprach mir, um eine Stunde zurückzukehren, da er erst andere Tracht anlegen müßte. Er hielt Wort und erschien jetzt ganz in schwarze Seide gehüllt mit einem geschmackvollen Barett. Um das Fehlgehen hatte es keine Not, da man nur dem Zuge der Menschen zu folgen brauchte, die alle nach der Festschule strömten. Am Eingange des kleinen Kirchleins hielt der Kirchner zu einem Trinkgelde die Mütze auf. Dies geschah darum, daß nicht alles Gesindel sich hinzudrängte und ehrliche Leute um die Erbauung brächte. Die Kirche war im Innern schön aufgeputzt, und vom Chor, den der Kaiser einnehmen sollte, hing eine kostbare Purpurdecke herab. Gar feierlich nahm sich der Verein der edlen Meistersinger ans, so umher auf den Bänken saßen, teils langbärtige Greise, die aber noch alle rüstig schienen, teils glatte Jünglinge, die aber alle so still und ernst waren, als wenn sie zu den sieben Weisen Griechenlands gehörten. Alle prangten in Seidegewändern grün, blau und schwarz mit zierlich gefalteten Spitzenkragen. Unter den stattlich gekleideten Meistern befand sich auch Hans Sachs und sein Lehrer Nunnenbeck . Größere Ruhe herrscht nicht beim Hochamte. Nur ich und Vischer sprachen, der mir alles erklären mußte. Neben der Kanzel befand sich der Singestuhl. Nur kleiner war er, sonst wie eine Kanzel, den die Meistersinger auf ihre Kosten hatten bauen lassen und der heute mit einem bunten Teppich geschmückt war. Vorne im Chor sah man ein niedriges Gerüst aufgeschlagen, worauf ein Tisch und ein Pult stand. Dies war das Gemerke, denn hier halten diejenigen einen Platz, die die Fehler anmerken mußten, die die Sänger in der Form, gegen die Gesetze der Tabulatur, und im Inhalt, gegen die Erzählung der Bibel und der Heiligengeschichten begingen. Diese Leute hießen Merker und ihrer gab es drei. Obgleich das Gemerk mit schwarzen Vorhängen umzogen war, so konnte ich doch von meinem Sitze aus alles beobachten, was hier vorging, und ich sah an der einen Seite des Gerüstes die goldene Kette mit vielen Schaustücken hangen, die der Davidsgewinner hieß, und den Kranz, der ans seidenen Blumen bestand. Jetzt rasselte es vor dem Eingänge und der Kaiser Maximilian mit dem ganzen Gefolge erschien und zeigte sich gar gnädig, indem er milde vom Chor herniedersah. Aber er verweilte nicht lange, denn ihm schien die holdselige Singekunst nicht sonderlich zu behagen. Als der Kaiser sich zeigte, so geriet alles in lebhafte Bewegung. Ein greiser Meister betrat den Singestuhl und vom Gemerke erscholl das Wort: Fanget an! Es war Conrad Nachtigall , ein Schlosser, der so sehnsüchtig und klagend sang, daß er seinen Namen wohl mit Recht führte. Vom himmlischen Jerusalem und von der Gründung des neuen sagte er viel Schönes in gar künstlichen Reimen und Redensarten. Auf dem Gemerke sah ich, wie einer der Meister in der Bibel nachlas, der andere an den Fingern die Silben abzählte und der dritte aufschrieb, was diese beiden ihm von Zeit zu Zeit zuflüsterten. Aber auch die Meister unten waren aufmerksam und in stiller Tätigkeit. Alle trieben mit den Fingern ein närrisches Spiel, um genau die Versmaße wahrzunehmen. An ihrem Kopfschütteln erkannte ich, daß der Sprecher hie und da ein Versehen begangen. Nach dem Meister Nachtigall kam die Reihe an einen Jüngling Fritz Kothner , einen Glockengießer, der hatte die Schöpfungsgeschichte zum Gegenstand seines Gedichtes gewählt. Aber hier hieß es nicht: Und Gott sahe, daß es gut war. Denn der Arme war verlegen, es wollte nicht gehen und ein Merker hieß ihm, den Singestuhl zu verlassen, Der Meister hat versungen, raunte mir der Vischer zu, und da ich ihn fragte, warum man ihn nicht hätte sein Stück zu Ende bringen lassen, so erklärte er mir, daß er ein Laster begangen. Mit diesem Namen belegten nämlich die Kenner der Tabulatur einen Verstoß gegen die Reime. Dergleichen wunderliche Benennungen für Fehler gab es viele, als blinde Meinung, Klebsilbe, Stütze, Milbe, falsche Blumen. Die Bezeichnung der verschiedenen Tonweisen waren gar absonderlich, als die Schwarz Tintenweise, die abgeschiedene Vielfraßweise, die Cupidinis Handbogen-Weise. In der Hageblüt-Weise ließ sich jetzt vom Singestuhl herab Leonhard Nunnenbeck vernehmen; ein ehrwürdiger Greis im schwarzen Gewande. Sein Kopf war glatt, wie meine innere Hand, und nur das Kinn schmückte ein schneeweißer Bart. Alles bewunderte ihn, wie er, gemäß der Apokalypse, den Herrn beschrieb, an dessen Stuhl der Löwe, der Stier, der Adler und der Engel ihm Preis und Ehre und Dank gaben, der da thronet und lebet von Ewigkeit zu Ewigkeit, wie die vierundzwanzig Ältesten ihre Krone vor den Stuhl niederlegten und Preis und Ehre und Dank ihm gaben, durch dessen Willen alle Dinge ihr Wesen haben und geschaffen sind und wie sie ihre Kleider hell gemacht haben im Blute des Lammes, wie die Engel, die um den Stuhl, um die Ältesten und um die vier Tiere standen, auf ihr Angesicht niederfielen und Gott anbeteten. Als Nunnenbeck endigte, da waren alle voller Entzücken, und namentlich leuchtete aus Hans Sachsens Gesicht hell die Freude hervor, der sein dankbarer Schüler war. Er rühmte sich des Lehrers, wie der Lehrer sein. Mir gefiel auch das Gedicht, das aber wohl mehr erhaben als schön war. Da trat als der vierte und letzte Sänger wieder ein Jüngling aus. Was der sagte, war so recht nach meinem Sinn. Er gehörte auch zur Weberzunft und hieß Michael Behaim , der mancherlei Länder gesehen. Sein Vater hatte sich Behaim ( Böhme ) genannt, da er aus Böhmen nach Franken gezogen war. Mit rastloser Anstrengung übte sich unser Behaim in der Singekunst und verglich sich mit Recht mit einem Bergmaune, der mühsam gräbt und sucht, um edles Gold zu fördern. Nie war er früher in einer Festschule aufgetreten, da er nicht anders als mit Ruhm den Singestuhl besteigen wollte. Sonder Zweifel hätte Michael Behaim den ersten Preis errungen, wenn nicht Nunnenbeck vorher gesungen. Sein Gedicht, gar sinnreich mit künstlichen Reimen, lautete so: Gekrönte Weise. Von zwo Junfrauen. Einst herrscht ein Kaiser lobesam, Des Volkes Vater war sein Nam'. Im Reiche war ein Wald, da nahm Man Tiere wahr, wie Stamm an Stamm, Und nimmer müde, nimmer lahm Ein Einhorn lief dazwischen. Da nun der Kaiser dies vernahm, Fragt' er die Meister all zusamm, Nie man das Tier wohl machte zahm, Das stets trotz Graben, Jaun und Damm, Trotz Jägerlisten schlau entkam, Nie man es möcht' erwischen. Die Meister sprachen all zusamm: Das Tier ist nicht dem Frieden gram. Der Frauen Reiz ist Netz und Ham, Der macht das« flinke Einhorn zahm. Und sanfter wie ein frommes Lamm, Der Kaiser zwo der Frauen nahm. Der schönsten, die er nur bekam, Wild war die eine sonder Scham, Die andre keusch und tugendsam. Die sollte durch der Reize Ham Das schöne Einhorn fischen. Man führte sie den Wald entlang, Wo ungestüm umher es sprang. Nackt war die eine, zierlich schlank, Nie andre Schlei'r und Kleid umschlang, Die eine trug ein Schwert so blank, Die andre hielt ein Becken. Sie traten mit des Ruhmes Drang Nun in die Schranken, ihr Gedank Stand nach dem Tier, das keiner zwang. Die keusche Frau gar lieblich sang, Daß laut der ganze Wald erklang, Das Einhorn ließ sich necken. Nicht fürder mehr das Einhorn sprang Und ihrem Liebreiz es gelang, Daß, horchend auf der Frauen Sang, Es näher kam, nicht scheu, nicht bang. Vor ihrem Sitze ruht' es lang. Und legt' auf ihren Schoß zum Dank Das Haupt bis es in Schlummer sank. Doch für sein Freundlichtun errang Das Tier den herben Untergang. Das Schwert die nackte Jungfrau schwang Und schlug es tot mit Schrecken. Die keusche Frau weint' ob dem Tod Und fing sein Blut so rosenrot Im Becken auf, Verderben droht Ihr selbst des Schicksals hart Gebot. Der Kaiser ließ damit sich rot Den Herrschermantel färben Ihr Christen merkt! (Es ist nicht Spott) Der Kaiser ist Herr Zebaoth. Das Einhorn, das ist unser Gott, Der Heiland starb für uns in Not. Marie ist's, die Lieb' ihm bot, Und Eva ließ ihn sterben. Tod hat uns eine Frau gedroht Die andre Frau löst' uns vom Tod, Da sich das Lamm zum Opfer bot, Sein Fleisch und Blut uns beut im Brot. Ihr Christen, die ihr Christum floht, Ihr führt der Eva Schwert gen Gott Laßt Ehr' und Gold als Rauch und Kot, Und betet an des Todes Tod, Das ew'ge Reich zu erben. Da Michael Behaim das Gedicht vorgetragen hatte, so verließen die Merker ihren Sitz. Der Erste trat zu Nunnenbeck , und mit einem langen Glückwunsch hing er ihm den Davidsgewinner um, und der zweite Merker zierte Behaims Haupt mit dem Kranze, der ihm ganz wohl stand. Diese Gaben waren aber nicht Geschenke, sondern nur Auszeichnungen für die Feier des Tages. Das Fest in der Kirche war beendigt; und Alle drängten sich jetzt' mit aufrichtiger Teilnahme zu den Begabten, um ihnen freudig die Hände zu drücken. Auch ich konnte mir nicht das Vergnügen versagen, meinen Dank dem wackern Behaim laut darzubringen. In der Nähe stand Hans Sachs , der mich freundlich anredete und den vor kurzem geschlossenen Freundschaftsbund erneuerte. Ich bedauerte, daß mir nicht das Glück geworden wäre, ihn zu hören, und daß ich Nürnberg verlassen müßte, ohne andere Lieder aus seinem Munde vernommen zu haben, als die er mir aus der Landstraße zum besten gegeben, damals als ich nicht gerade zum Hören aufgelegt gewesen. Liebster Herr Heller , kommt mit in die Schenke, und es soll Euch ein Genüge werden, erwiderte er und ging mit mir Arm in Arm aus der allmählich leer gewordenen Kirche. Es war Brauch, daß die Meistersinger, insonderheit die jüngern, sich nach der Festschule in eine nahe gelegene Schenke begaben. Wie in der Kirche heiliger Ernst, so herrschte hier frohe Ungebundenheit. Hier wurde der Wein getrunken, den der eine zur Buße, wie der Meister Kothner , der andere zur Ehre hergeben mußte, wie Meister Behaim , weil er zum erstenmal begabt war. Fünf Maße Wein gab es heute zum Nachschmause. Die Meistersinger, etwa sechzehn an der Zahl, gingen über die Gasse paarweis hintereinander von der Kirche bis zur Schenke. Der bekränzte Behaim eröffnete den Zug. Dieser hatte die Verpflichtung, hier für die Aufrechthaltung der Ordnung zu sorgen, und wie einem Merker mußten sich ihm alle untergeben. Wenn die Meister ein Gesellschaftslied anstimmten, so verwaltete er das Geschäft eines solchen. Die geputzten Gäste stachen sonderbar genug von der Schenke ab, die von außen und innen gleich beräuchert und verfallen aussah. Nichts mehr als Tische und Bänke gab es in dem langen Zimmer, und diese waren von der Art, wie man sie sonst in Bauerngärten findet. Allein heiterer Mut und ein gutes Glas Wein ließen all die Mängel übersehen. So weit es nur der Raum gestattete, war Tisch an Tisch in einer Reihe nebeneinander gestellt und zu beiden Seiten setzten sich die Sänger. Obenan befand sich Behaim . Sein Thron war ein Lehnstuhl und ein hölzerner Hammer Zepter. Ich saß neben Hans Sachs . Als ich von den Nachbaren gedrängt, hart an ihr, rückte, so merkte ich, daß seine Ärmel mit Fischbeinstäben gesteift waren und dies gab mir Veranlassung, die sonderbare Tracht recht genau anzusehen. Die Jacke war von meergrünem Auge mit mehreren Schlitzen auf der Brust, durch die das Hemde vorschimmerte, dessen faltiger Kragen den Hals scheibenförmig umschloß. Die Ärmel waren von schwarzem Atlas, in den zackige Einschnitte in bestimmten Linien künstlich eingehakt waren, so daß überall das helle Unterzeug hindurchblickte. Ein Weinfäßchen ward auf die Tafel mitten hingesetzt, und einer der Meister hatte die Mühe des Zapfens, indem ihm unaufhörlich die leeren Becher gereicht wurden. Als mancherlei besprochen und belacht war, mahnte ich Nürnbergs berühmtesten Sänger an das gegebene Versprechen. Er war bereit. Behaim klopfte mit dem Hammer und fragte alsdann die Versammelten, ob sie nicht ein Kampfgespräch versuchen wollten. Niemand wandte etwas dawider ein. Er fragte wieder, wer singen wollte, und drei Meister hoben die Hände auf, es waren Behaim selbst, Hans Sachs und Peter Vischer. Hans Sachs sollte eine Streitfrage auswerfen und wohl meinethalb, da ich ihm erzählt hatte, wie ich soviel mich in den Werkstätten der Künstler umhergetan und mich an ihren Werken ergötzt, wählte er einen dahinzielenden Gegenstand. Hans Sachs Ihr Freunde, sagt mir, wenn ihr wißt, Wer der künstlichste Werkmann ist? Peter Vischer. Das ist fürwahr der Zimmermann. Wer hat's ihm jemals gleich getan? Durch Schnur und Richtscheit wird ihm kund Die höchste Zinn' und der tiefste Grund, Ihn loben stattliche Lustgemächer, Hoch strebt sein Ruhm, so wie seine Dächer. Reich an Erfindungen ist sein Geist, Mühlwerk und Wasserbau ihn preist, Er schützt durch Bollwerk dich und Schanz: Die heilge Schrift weiht ihm den Kranz, Er zimmerte die starke Arch, Drin Noah war der Patriarch: Wie rings auch brausete die Flut, Er ruht' in ihr in sichrer Hut. Gerettet mit all den Seinen er war?, Mit allen Tieren aller Art, Er zimmerte nach weisem Rat Jerusalem, die Gottesstadt, Des Weisen Salomo Königshaus, Das führt' er gar mächtig und prächtig aus. Denkt an das Labyrinth zum Schluß, Wer ist geschickt wie Dädalus? Michael Behaim. Das Holz verfault, der Stein bleibt Stein, Der Steinmetz muß drum der erste sein, Ringmauern bauet er, kühne Türme, Basteien auch zu Schutz und Schirme, Gewölbe pflanzt er, die sich kühn Aufrankend in die Lüfte ziehn, Schwindlige Gänge, durchsichtig und fest Mit Säulen und Bildwerk, geschmückt aufs Best', Den schiefen Turm von Visa schaut, Den Wilhelm von Nürnberg hat aufgebaut, Zu Jerusalem der hohe Tempel, Der trug der höchsten Vollendung Stempel. Der himmelhohe Turm zu Babel, Das Grab des Mausolus ist keine Fabel. Die Pyramiden, die künstlichen Berg', Sie überragen weit alle Werk'. Hans Sachs. Vermag auch Beil und Meißel viel, Schwach sind sie gegen den Pinselkiel, Er bringt nicht nur Häuser und Städt' hervor, Türmt Schlösser und schwindlige Warten empor – Nein, was im Anfange Gott erschuf Durch seines göttlichen Wortes Ruf, Das schafft der Maler zu aller Zeit, Gras, Laubwerk, Blumen auf Feld und Haid', Den Vogel, wie in der Luft er schwebt, Des Menschen Antlitz, als ob er lebt, Die Elemente beherrscht er all, Des Feuers Wut und des Meeres Schwall, Den Teufel malt er, die Höll und den Tod, Das Paradies, die Engel und Gott. Das macht er durch Farben dunkel und klar Mit geheimen Künsten euch offenbar. Das hebt sich mächtig durch die Schattierung, Nach einer schön entworfnen Visierung, Er kann euch alles vor Augen stellen, Nicht deutlicher könnt ihr es je erzählen, Drauf brütet er sinnig Tag und Nacht, In Traumgebilden sein Geist stets wacht. Er ist an Phantasien reich Und fast dem kühnen Dichter gleich, Um alle Dinge weiß er wohl, Weil er sie alle bilden soll. Wer zu allen Dingen hat Schöpferkraft, Den rühmt die höchste Meisterschaft. Michael Behaim Du lobst den Maler mir zu hoch, Nützlicher bleibt der Steinmetz doch. Des Malers können wir entraten, Er schafft von jedem Ding nur den Schatten, Sein gemaltes Feuer wärmt uns nicht, Seine Sonne spendet nicht Schein und Licht, Sein Obst hat weder Schmack, noch Saft, Seine Kräuter nicht Duft und Heilungskraft, Seine Tiere haben nicht Fleisch und Blut, Sein Wein verleihet nicht Freud' und Mut. Hans Sachs Das Sprichwort immerdar noch gilt, Daß, wer die Kunst nicht hat, sie schilt. Wie nützlich auch ist die Malerei, So nenn' ich euch jetzt nur der Dinge drei. Was uns die Geschicht' als teu'r Vermächtnis Bewahrt, das prägt sie uns ins Gedächtnis, Wie der Nürnberger Herr, unter Schweppermann focht, Den Kranz Kaiser Friedrich dem Dichter flocht. Denn wer sich auch nicht auf Schriften versteht, Des Malers Schrift ihm nicht entgeht. Sie lehrt, wie Bosheit uns Mißgeschick, Wie Frömmigkeit bringet Ehr' und Glück. Zum andern verscheuchet die Malerei Das schwarze Gespenst der Melancholei, Durch bunte Farben verweht sie die Nacht, Sie jauchzet in Klarheit, sie schwelget in Pracht, Das Ohr erfreut sich nur flücht'gen Spiels, Nur kurz ist die Weide des Wonnegefühls, Doch das Auge haftet an dem, was gefällt, Und der Pinsel erschafft ihm die schönste Welt. Zum Dritten jegliche Kunst erkennt In des Malers Kunst ihr Fundament. Der Steinmetz, Goldschmied und der Schreiner, Formschneider, Weber, der Werkmeister keiner Entbehrt sie je, warum auch die Alten Sie für die herrlichste Kunst gehalten. Wie strahlet der Griechen Namen hell Zeuris, Protogenes, Apell. Gott gab zum Heil dem deutschen Land Der Künstler manchen mit hohem Verstand Doch Albrecht Dürer vor allen glänzt, Der mit echten Künsten das Leben kränzt. Was er mit Fleiß gesät, erwachs Ihm zu reichem Segen, fleht Hans Sachs. So sang der Poet und die Gegner schwiegen. Voll innern Wohlgefallens klopfte ich ihm auf die Schulter und gab ihm zu verstehen, daß er mir wie aus der Seele gesprochen. Alle zollten ihm Beifallsbezeigungen und Michael Behaim war nicht der Letzte. Er nahm sich den Kranz ab und setzte ihn Hans Sachsen aufs Haupt, Nürnbergs kunstreichem Schuster. Dürer erhält einen Besuch von Thomas von Bologna, einem Schüler Raphaels Es ließ mir keine Ruhe und es trieb mich aus dem Hause, das ich kaum, müde von vielen Geschäftsgängen, betreten hatte. Ist sie eine Waise, fragte ich mich, warum sie mir alsdann vorenthalten, der sie hegen und pflegen will? Und hat sie Eltern, was haben sie an mir auszusetzen? Ich will ja keine Mitgift. Selbst wenn ich ihr Brauthemde bezahlen sollte, ich bin's zufrieden, Unter solchen Betrachtungen ging ich die Treppe hinab und lief schnell durch die Hausflur, damit die Mägde unten in der Küche nicht mein unstätes Wesen gewahr würden. Am Rathause sah ich Leute vor der schwarzen Tafel stehen, an die von Zeit zu Zeit Magistratsbefehle angeheftet wurden. Neugierig, wie ich bin, trat ich hinzu und las an der Tafel unter dem Drahtgitter, wie folgt: »Ein fremder Mann, so hier Kunstbriefe feil bietet und unter denselben etliche, die Dürers Handzeichen haben, ihm aber betrüglich nachgedruckt sind, ist bei Strafe verwarnet worden, solche zu verkaufen, welches hierdurch zur öffentlichen Kenntnis gebracht wird.« Schändlich ist es, rief ich, daß man dir, wackrer Freund, so den rechtmäßigen Verdienst verkümmert, daß man deinen Künstlerruhm verunziert, indem man räudige Schafe in deine edle Herde einschwärzt. Gewinnsucht ist der Grund, warum man Dürern Kränkungen zufügt. Ich aber sehe keinen Grund, warum ich leide. Mich kränket Eigensinn, nur um mich zu kränken. Doch bin ich satt des zweifelvollen Harrens. Heute muß Dürer mit der Sprache heraus und mich heute noch des Besitzes der holden Rosenthalerin versichern. So dachte ich und befand mich schon vor Dürers Hause und pochte an. Und heute wird wieder nichts daraus, sagte ich zu mir, da ich einen Augenblick gewartet hatte, denn Herr Dürer ist nicht daheim und mit ihm bleibt mir mein Trost aus. Allein die Türe ward aufgeriegelt und von ihm selbst. Selig vor Freude, wie ich ihn nie gesehen, küßte und herzte er mich. Willkommen, Freund, rief er mir entgegen, durch Euch wird das Maß der Seligkeit mir voll, das heut in meine Hütte eingekehrt ist. Von Rom erhielt ich, vom göttlichen Raphael Sanzio Brief und Kupferstiche. Feiert mit mir den Feiertag. Ich reise selbst nach der wunderbaren Tiberstadt! Von neuem umarmte er mich mit überwallender Inbrunst, indem ich ihn, wenig geneigt, den Empfang zu erwidern, mich zu hören bat. Vorerst zwei Worte nur. – Nein, tausend, werter Herr, und abermals tausend! Mit diesem Wort stieß er die Türe der unteren Stube auf und mich hinein. Zu meinem größten Verdrusse fand ich hier einen fremden Jüngling, der, wie ich sogleich richtig erkannte, aus dem Alpenlande hinüber gekommen war und dem die italienische Tracht sehr gut ließ. Auf dem Tische vor ihm lag alles voll von Zeichnungen und Kupferstichen und zur Seite stand auf zwei Stühlen das Gemälde – mein Gemälde mit der Jungfrau. Die Rosenthalerin zu sehen und nicht von ihr zu sprechen, war ein Höllenzwang. Jeder andere hätte in des Italieners brennenden Augen Eifersucht geargwohnt, da er unverwandten Blickes zu dem holden Engelbilde schaute. Ich stand ruhig da. Als ich über die Türschwelle trat, meinte ich der Frau Agnes wider Willen einen Besuch abzustatten, jetzt merkte ich wohl (wie es auch wirklich war), daß sie ausgegangen sein müßte, denn auf einem Schenktisch sah ich einen großen Weinkrug nebst Gebäck. Herr Thomas von Bologna , »Thomas Polonius,« Ebenso wie für Bologna »Polonia« geschrieben ist. Raphaels Schüler, von dem wir ein Porträt Dürers besitzen, war Thomas Vincitore aus Bologna. sagte der Wirt, Raphaels würdiger Schüler, und hier Herr Jacob Heller aus Frankfurt, ein Freund der Künste und Besitzer dieser Tafel. Zutraulich reichte Thomas mir die Hand und sagte: Da habt Ihr einen schönen Kauf getan. Es ist herrlich, überherrlich! Ich wollte in das Lob mit einstimmen, allein Dürer fuhr mit einer Hast, bei der die herabwallenden, zierlich gekräuselten Locken nicht in geringe Unordnung kamen, mir mit einem Brief über die Hand und rief mit freudig zitternder Stimme: Da lest! Diesen Brief brachte mir Herr Thomas aus Rom vom Fürsten aller Maler, vom göttlichen Raphael . Unlängst schickte ich ihm mein Bildnis samt der großen Passion , weiß Gott! nur um ihm meine Verehrung durch ein paar Zeilen zu bezeugen, nur um ihm zu jagen, daß von seinem Ruhm auch unsere Reichsstadt erfüllt sei und seht! er schickt mir diesen Brief und unschätzbare Gegengeschenke. Schaut, aber lest vorher, ich bitte Euch. Auch ich hatte vom Urbinaten Raphael gehört, wie er mit dem Florentiner Michel Angelo durch Wunder der Kunst den Sitz der heiligen Väter Julius und Leo verherrlichte, und es war mir anziehend, seine Handschrift zu sehen: Zu deutsch lautete der Brief also: »Die Freude, die Ihr durch Eure lieben Sendungen mir bereitet habt, mag Euch mein Freund Thomas schildern und ergänzen, was diese Zeilen, wodurch ich Euch meinen Dank zolle, nicht auszusprechen vermögen. Euer Name war lange Gegenstand meiner Verehrung, und fortan ist es Euer Bild voll patriarchalischer Würde. Ihr wißt die Farben so kunstreich zu handhaben, daß ich das Tempera-Gemälde für ein Ölgemälde zu halten geneigt war, bis meine jungen Freunde mich meines Irrtums überführten. So viel Lebensglut, als hier die Farben zeigen, habt Ihr den Erfindungen auf den Holzschnitten einzuhauchen gewußt. Den Reichtum der Darstellungsgabe betrachtet, fürchte ich, daß die Zeichnungen und Kupferstiche, die ich Euch hierdurch verehre, bei ihrer Einfachheit von Euren Blättern nicht vorteilhaft abstechen werden. Auch mir selbst, wiewohl sie allen genügt haben, wenn nicht alle meine Schmeichler sind, genügen sie nicht. Ihr empfangt hier unter andern den Kopf einer Madonna, den ich zu einem Altarblatt für die Sirtuskirche in Piacenza benutzt habe. Da gute Anweisungen und schöne Frauen gleich selten sind, so folge ich einer gewisse Idee, die meinen Geist durchdringt. Ob diese in etwas der Hoheit der Kunst entspricht, weiß ich nicht. Hört nicht auf mich zu lieben, wie ich Euch von ganzem Herzen liebe. Euer zu Euren Diensten stets bereitwilligster Raphael Sanzio.« Die Zeichnungen waren wahrhaft göttlich, vor allen das Bildnis des Malers mit dem schmucklosen Barett. Dem Engel Raphael könnte kein Meister eine höhere Unschuld verleihen. Die Kupferstiche waren sämtlich nach Werken Raphaels von seinem Schüler Mark Anton aus Bologna . Wir setzten uns jetzt auf die Ermunterung Dürers , der ein so aufmerksamer Wirt war, daß im Weinkruge keine Nagelprobe übrig blieb. Von dem Lande, das ewig des Künstlers Sehnsucht sein wird, ward viel gesprochen, und ich hörte aufmerksam zu, um so mehr, da durch Dürers Lehnstuhl mir jeder Blick zur Rosenthalerin verwehrt war. Auf meine Frage, warum sich Herr Thomas zu der Reise aus dem Blütenlande nach unsern Eisgefilden entschlossen habe, belehrte mich dieser, daß er seinen ehemaligen Mitschüler Bernhard von Orlay , anjetzt Hofmaler der Statthalterin der Niederlande, da er das Verlangen nach ihm nicht länger beherrschen könnte, in Brüssel besuchen wollte, und daß Meister Albrecht , wenn er heimkehrte, ihn nach Rom begleiten würde. Dieser Plan kam nicht zur Ausführung, da Raphael am Charfreitage 1520 starb. Statt der beabsichtigten Reise machte Dürer in Begleitung seiner Frau und der Magd Susanna im genannten Jahre eine Kunstreise nach den Niederlanden . Der Zweck derselben, durch Bildnismalerei und den Verkauf seiner Kupfer- und Holzschnitte etwas zu gewinnen, wurde verfehlt. Ja – das will ich, rief Dürer begeistert. Raphaelen muß ich von Angesicht zu Angesichte sehen, und meine Freunde in Venedig, in Padua und in Bologna muß ich wieder begrüßen. Ihr waret schon einmal in unserm Lande? fragte Thomas . Ja, damals war ich dreizehn Jahre jünger, als die deutsche Gemeinde in Venedig mich einlud, die Bartholomäuskirche, die ihr zuständig ist, gemäß der Heiligkeit ihrer Bestimmung und dem Ansehen, das die Deutschen dort behaupten, zu verzieren. Drob waren die wälschen Maler neidisch und taten mir manches zum Ärger an, was ich aber gutwillig trug. All das Schöne, das ich täglich sah, sonderlich auf dem Markusplatz, gab mir hinlänglichen Ersatz, und ich vermißte dort nicht meine Vaterstadt, nicht meine Freunde und meine Frau. Ja, Venedig ist gewiß nächst Rom die wunderbarste Stadt und sie scheint fast einem Feenreich anzugehören. Niemand würde es bereuen, dahin gereist zu sein, der auch nur die Markuskirche sähe, die ganz mit vergoldetem Glase bekleidet, von Edelsteinen zusammengesetzt scheint, mit den prächtigen Eingängen, mit den Bronzepferden und den Goldkuppeln. Was Ihr von Venedig berichtet, höre ich um so lieber, da ich wöchentlich Geschäftsbriefe von der Stadt des heil. Markus erhalte. Aber erklärt mir, was sollen die Pferde an der Hauptkirche, da dem Evangelisten Markus ja der Löwe geheiligt ist? Herr Fugger aus Augsburg, der der Oberälteste der deutschen Gemeinde ist und der sich meiner väterlich annahm, erwiderte Dürer , deutete mir das Rätsel. Der Kaiser Rothbart, der mit dem ganzen Oberitalien in Hader lebte, schwur, sobald er das ihm feindliche Venedig unterjochen würde, die Hauptkirche daselbst in einen Pferdestall zu verwandeln. Venedig mußte sich der Macht des Kaisers beugen und dieser hielt sich verpflichtet, seinem Gelübde nachzukommen. Er ließ wirklich Pferde in das Gotteshaus führen, aber Pferde von Bronze, Meisterstücke des Lysippus . Herrlich prangt das Viergespann über dem reich verzierten Eingangsbogen. Nach der Markuskirche , unterbrach ich seine Rede, ist das Merkwürdigste wohl die Rialtobrücke, auf der sich der Tuchladen Fuggers , meines Geschäftsfreundes, befindet. Alles mehr oder minder, fuhr jener fort, ist merkwürdig in der Lagunenstadt. Wie bei uns vornehme Wagen halten, so dort schaukelnde Gondeln, wie man bei uns Bären und Affen für Geld zeigt, so dort Pferd und Esel. Jeder Tag erscheint dort als ein Fest, überall hört man Pfeifer und Lautenschläger, die so lieblich spielen, daß einem die Augen naß werden. Aber was soll ich von den Malern sagen, deren es nirgend so viele und so ausgezeichnete gibt? Es gelang mir nur mit Mühe, die Freundschaft dieser Männer zu gewinnen, die mir gram waren, noch ehe sie mich gesehen. In des Herrn Fuggers Hause war meine Werkstatt und ich entwarf allerlei Visierungen, wonach die Bartholomäuskirche geschmückt werden sollte. Dies und jenes ward ausgeführt, aber die wälschen Maler wollten es nicht leiden und heimlich verdarben sie meine Bilder und taten mir Schimpf an. Sie nannten mich Duro (Hart) und meinten, daß alles, was ich machte, hart und grob sein müßte. Sie hielten mich selbst für grob und gar für einen Wilden, der aus Deutschland, aus dem tiefsten Norden gekommen wäre, wo die Menschen von den Bären Manieren und von den Wölfen die Sprache erlernten; wo in die Häuser Licht nur durch klare Eisschollen fiele, sobald sie nicht bis an die Dächer in Schnee steckten; wo man auf Flüssen spazieren ginge u. s. f. Mich kränkte solches und ich nahm mir vor, die feine wälsche Weise mir anzueignen. Fleißig lernte ich ihre gar liebliche Sprache und, schrieb an meinen Freund Pirckheimer italienische Briefe, die ihn wundernahmen. Ich tat meine Tracht üb und vertauschte sie mit der dortigen Kleidung, ich gab einem Tanzmeister einen Dukaten, um den rechten Anstand zu erlernen. Aber nur zweimal ging ich in die Tanzschule, da hatte ich das Ding satt. Ich sah ein, das wäre nicht die rechte Art, mir Ansehen zu erwerben, und kehrte zur Staffelei zurück. Auf ihr stand jetzo ein angefangenes Gemälde, das den Hauptaltar der genannten Kirche schmücken sollte und das die Martern des heiligen Bartholomäus darstellte. Mögen die Wälschen lachen, dachte ich bei mir, wenn diese Tafel fertig ist, so sollen auch selbst die Gegner den Deutschen ehren. Daneben malte ich noch kleine Bilder und stach allerlei in Kupfer und alles gelang mir wohl. Früher haßten mich die Maler darum, daß ich ihnen Arbeit entzog, jetzt, da sie sahen, daß ich es besser machte als sie, verfolgten sie mich aus Neid. Bösewichte, wie dort, glaube ich, leben nicht auf dem ganzen Erdreich, die Ihr aber dennoch, wenn Ihr sie nicht kennt, für die artigsten Leute halten würdet. Ein tüchtiger Meister, Pordenone , der nachmals mein Freund wurde, malte nie anders, als mit einem gezogenen Schwert zur Seite, weil ihm ein Nebenbuhler nach dem Leben stellte. So warnten mich viele, die ich unter den Venetianern mir zu Freunden gewonnen hatte, in der Herberge mit ihren Malern zu essen und zu trinken. Sie urteilten jetzt von meinen Arbeiten, wie mir dies meine Landsleute steckten, daß ich im Stechen wohl etwas leistete, mit Farben aber nicht umzugehen wüßte und nichts von der Antike verstünde. Jetzt, Herr Albrecht , rief der Fremde, würden sie beschämt ihr Urteil zurücknehmen. Welche Farbenglut in dieser Auffahrt Mariens und welche erhabene Einfalt, der Stempel der Antike ist dieser Madonna aufgeprägt. Unvergleichbar schön! Wohl male ich jetzt, sagte Dürer , in einem andern, bessern Stil als ehedem, aber ich genüge mir nicht mehr, wie sonst. Jetzt mißfallen mir jene Jugendgemälde mit Recht, die mir einst Ehre brachten, und die, wenn ich es nicht wüßte, ich kaum für meine eigenen Werke anerkennen würde. Allein mit der bessern Einsicht ist auch die Freude des Schaffens dahin. Ihr seid noch jung, Herr Thomas , denkt an mich, auch Ihr werdet noch diese bittere Erfahrung machen. Ehemals liebte ich das Bunte, ich möchte sagen buntscheckige, und war ein Bewunderer meiner Werke. Da ich älter ward, verstand ich die Schönheit der Statuen zu würdigen und fand, daß Einfachheit die höchste Zierde der Kunst wäre. Jetzt seufze ich, daß ich sie nicht ganz erreichen kann. Jedes meiner Werke ist meiner Schwäche Denkmal. Überlaßt den Venetianischen Malern, fiel ich ein, ein solches Urteil, die, weil Ihr ihnen das Brot entzogt, sich ereifern. Es ist eigentlich ihr bellender Magen, der Euch angreift. Erzählt, wie Ihr sie stilltet. Ich malte, fuhr der Erzähler fort, emsig an meinem Bartholomäus, und mit jedem Tage entsprach mir sein Wesen mehr dem Gedanken, der mir vorschwebte. Allein die Blume will gepflegt und getränkt werden, damit sie sich entfalte und durch Duft und Blüte zugleich sich aus ihrer Unscheinbarkeit erhebe, so entbehrte jetzt mein stiller Fleiß schmerzlich des fördernden Rates und Zuspruchs verständiger Freunde. Da nahm ich mir vor, auf irgend eine Weise einzelnen von den Malern, die so unfreundlich mir begegneten, sonst aber ehrenwerte Leute waren, Achtung für mich einzuflößen. Der beste Maler damals war Johann Bellini , ein Greis, der schon längst gestorben sein mag, dessen Geist aber in seinem Schüler, dem gewaltigen Tizian, fortlebt. Johann Bellini ist zwiefach unsterblich, sagte Thomas . Neulich feierte er seinen dreiundneunzigsten Geburtstag. Vor wenig Jahren hat er nur noch in Gemeinschaft mit Tizian ein herrliches Gemälde für den Herzog von Ferrara gemalt, das in scherzhaften Gruppierungen ein Bacchanal darstellt. Als ich ihn zuletzt besuchte und ihm den Entschluß mitteilte, nach Deutschland und nach Nürnberg zu reisen, erinnerte er sich Eurer mit rührender Teilnahme und meinte, wenn er zehn Jahre jünger wäre, so würde er es gewagt haben, teil an der Fahrt zu nehmen, um Euch durch einen Besuch zu überraschen. Er wies mir ein Gemälde von Euch und bat mich ein über das andere Mal: Grüßt den deutschen Apelles! Diesen Gruß, rief Dürer, bis zu Tränen gerührt, diesen Gruß zähle ich zu den Geschenken, die Ihr mir brachtet, und bleibe Euer Schuldner lebenslang. Also der alte Herr lebt und denkt noch mein? Sein ehrwürdiges Ansehen ließ in mir beim ersten Anblick einen unverlöschlichen Eindruck zurück und der Wunsch, ihm zu gefallen, stieg in mir um so lebhafter auf, da ich ein Bewunderer seiner Gemälde ward. Meister Bellini empfing kalt meine Liebesäußerungen, und ich erfuhr mit bitterm Ingrimm, daß mich mehrere junge Maler, ich mag sie nicht nennen, bei ihm angeschwärzt und mein künstlerisches Bestreben ihm nur als eine Geldschneiderei dargestellt hatten. Ich zagte so lange seine Werkstatt zu betreten. Jetzt wuchsen meinem Mute die Flügel und ich eilte zu ihm. Zufällig war die Werkstatt offen und niemand in ihr. Auf der Staffelei stand ein angefangenes Bildnis des Dogen Loredano, das schon im Entstehen Vollendung zeigte. Vergeblich wartete ich auf den Meister und Langeweile bewog mich, da ich nicht stillsitzen kann, zumal wenn ich vor mir Pinsel und Palette sehe, zum Scherz auf die Stirne des Kopfes eine Fliege zu malen. Wie ein Dieb schlich ich mich darauf, Verrat fürchtend, von dannen und jetzt war ich ebenso erfreut, niemand anzutreffen, als es mich früher verdrossen hatte. Als Johann Bellini zur Staffelei zurückkehrte, so scheuchte er, wie ich mir nachher erzählen ließ, die Fliege hinweg; er blickte empor und sah sie wieder an derselben Stelle und scheuchte abermals vergeblich – die Fliege wollte und konnte nicht weichen, denn sie war gemalt. Indem trat Tizian in das Zimmer. Kaum betrachtete er das Bildnis, so bließ er und rief: mit den Fliegen ist im Sommer nicht zu geraten, die für ihren Vorwitz oft die Füße zurücklassen müssen. Meister Johann lachte laut auf, als dieser sie abzunehmen versuchte, und erzählte ihm nun, wie er selbst getäuscht worden wäre. Tizian, der von seinen landsmännischen Kunstverwandten meist sehr verächtlich dachte, erklärte etwas keck, daß kein venetianischer Maler imstande wäre, eine solche Fliege zu malen, und daß der Scherz ohne Zweifel von dem Fremden herrührte, von dem er ein göttliches Bild in der Bartholomäuskirche gesehen hätte. Der Fremde wäre ein Deutscher, aber das Sinngrün unter den Haidekräutern, Albrecht Dürer. Johann fragte ihn, wo Albrecht wohnte, und Tizian bot sich ihm zum Führer an. Einsam und mit mir selbst zufrieden malte ich an dem Kopfe des heil. Bartholomäus und pfiff dazu ein Lieblingsstückchen. Ich merkte es nicht, daß hinter mir die Tür geöffnet ward, daß Fremde eintraten, und erst als sie eine Weile hinter meinem Stuhle gestanden, hörte ich den einen sich räuspern. Schnell drehte ich mich um und sehe Tizian , auf der andern Seite tritt einer vor, es ist Johann Bellini , die beiden gefeiertsten Meister der ruhmvollen Venetia. Schnell springe ich auf, reiße die Kappe vom Kopfe und suche nach einem Stuhl umher; da fand sich aber keiner, als den ich eben verlassen hatte. Ich rücke denselben zum alten Herrn, der dem unbekannten Fremdling zu Liebe die hohe Treppe bis zu meiner unordentlichen Kammer hinaufgestiegen war. Meine Verlegenheit steigt aber aufs Höchste, da ich den Stuhl ganz besudelt sehe, denn bei der Überraschung hatte ich die Palette auf die Lehne fallen lassen. Während ich den Sitz für den greisen Meister säuberte, hatte Tizian sich schon eine Lade zum Thron erkoren und bat mich, keine Umstände machen zu wollen. Geliebte Herren, begann ich, Ihr erweist wohl auf Bitte des Herren Fugger (denn Tizian war ihm sehr befreundet) mir die Ehre des Besuches, gegen den ich äußerte, daß ich dieses Altarblatt vor seiner gänzlichen Ausführung und Aufstellung gern dem Urteil gewiegter Meister unterworfen sähe, denn ich bin noch jung und unerfahren. Ich bin noch jünger, sprach Tizian , und möchte mich wahrlich nicht zu Eurem Lehrmeister aufwerfen. Auch ich, fiel Johann ihm in die Rede, bin keineswegs gekommen, wie Ihr meint, um Euer Lobredner zu sein, vielmehr um Euch wegen des Schimpfes zur Rede zu stellen, den Ihr mir angetan habt. Man hat Euch heute gesehen aus meiner Werkstatt entschlüpfen, und leugnet nicht, Ihr seid es, der mir das Bildnis verdorben. Wie sollte ich das, sagte ich darauf, da ich hier genugsam des Neides Schadenfreude erfahren, indem die wälschen Maler, bevor für strenge Aufsicht gesorgt war, in der Bartholomäuskirche meine Malerei zerstörten, meinen Engelköpfen mit den Nägeln die Augen auskratzten, wie sie es mir gern getan hätten. Um so weniger werdet Ihr es unbillig finden, nahm Johann wieder das Wort, wenn ich dergleichen Übeltäter bestraft wünsche, und Euch wird es nicht befremden, wenn ich Euch sofort bei der Signoria anklage, teils wegen Verletzung des Hausrechtes, teils wegen mutwilliger Zerstörung meiner Arbeit. Aber bedenkt, flehte ich beinahe, daß der Kopf nur untermalt war. Also Ihr wäret es wirklich, rief der gute Greis mit wohlwollendem Lächeln, der die Fliege malte? Glück auf! Es wird was Großes aus Euch werden. Die Kralle verrät den Löwen schon. Aber dieses Prachtgemälde bietet mir den Ruhm eines unfehlbaren Sehers um gar zu wohlfeilen Kauf. Ihr seid schon groß, Ihr seid schon dahin gekommen, wo ich aufhöre. – Ich senkte verlegen das Haupt, da sowohl Johann , als Tizian mich mit Lobeserhebungen überströmten, mir die Hände drückten und mir ermutigend auf die Schultern klopften. Junger Deutscher, hieß es, Ihr seid zu uns gekommen, um uns zu lehren, da Eure Landsleute sonst von uns nur lernen. Mit innigem Wohlgefallen betrachteten beide das Märtyrertum des heil. Bartholomäus und machten nur geringe Ausstellungen, denen ich sogleich zu begegnen versprach. Johann lobte über die Maßen den Kopf des Heiligen, dessen Auge lebhaft ausdrückte, daß ihm für all die Martern der Lohn nicht ausbliebe, und vornehmlich die zarte Behandlung der Haare und fragte mich, mit was für Pinsel es mir möglich wäre, dergleichen Haare so sein und locker darzustellen. Da reichte ich ihm einen ganzen Bund von Pinseln der verschiedensten Art und legte ihm eine Probe ab, selbst mit den gröbsten Pinseln die feinsten Haare zu malen. Nicht wenig waren darob die wälschen Maler erstaunt. Sie schieden jetzt von mir mit den aufrichtigsten Freundschaftsversicherungen und Johann bat mich, da ich bald Venedig zu verlassen willens wäre, ihm für jeden Preis ein Gemälde zum Andenken zu malen, und ich versprach es ihm. Wer war seliger als ich? Wohl hatte Johann Bellini recht, sprach Thomas , wenn er meinte, daß die Wälschen bei Euch in die Schule gehen würden. Die Erfindungen Eurer Holzschnitte, die vielleicht nirgend mehr, als in Italien geschätzt werden, haben viele Nachahmer gefunden. Ich nenne nur Joachim Pontormo , der einen landschaftlichen Hintergrund von Euch entlehnte, und dessen Meister Andrea del Sarto, der viele Figuren Euch nachzeichnete. Und jetzt fällt mir ein, daß, als ich in Ferrara das genannte Bacchanal von Bellini und Tizian beaugenscheinigte, mir eine gewisse fremdartige Eigentümlichkeit auffiel, und daß ich dieselbe am Altarblatt der Venetianischen Bartholomäuskirche wieder wahrnahm. Die Ähnlichkeit, die mir zufällig schien, war es also nicht. Euer Ideenreichtum überraschte sogar, wie die Sage geht, den gewaltigen Michel Angelo und aus Arger und Eifersucht verbrannte er Eure Kupferstiche. Wenn jener sie vertilgte, brach ich mein langes Schweigen, so sorgt, Herr Dürer, ein anderer wieder für Vervielfältigung Euer Blätter. Auf dem Wege Hieher erfuhr ich, daß ein Fremder es wagt, Holzschnitte mit Eurem Handzeichen zu verkaufen die unecht sind. Ich weiß darum, sagte Dürer. Zu der Vaterschaft hat mir der böse Schalk Mark Anton verholfen, der Euer Landsmann und Mitschüler ist und dem ich diese Kupferstiche nach Raphael verdanke. Nicht genug, daß er die große Passion mir nachgestochen hat, läßt er jetzt sogar Nachstiche von den zwanzig Blättern das Leben Maria verschachern, denn ohne Zweifel sind auch sie von ihm, und da er die Urbilder aus übergroßer Genauigkeit sogar bis auf mein A D wiedergegeben hat, so fehlt es ihm nicht an Gewinn. Ohne einen Vergleich anzustellen, mag wohl ein ungeübtes Auge seinen dürren Kupferstich für meinen markigen Holzschnitt halten. Schändlich ist es, daß man die unechte Brut in Deutschland vertrödelt und sogar in meiner Vaterstadt bei meinem Leben, und daß der Magistrat nicht die Unverschämtheit des Bilderhändlers durch Beschlagnahme der Bastardblätter bestraft! – Allein in Venedig nimmt der Staat nicht besser Künstlereigentum in acht. Als ein neunzehnjähriger Jüngling kam Mark Anton nach Venedig, der aus Dankbarkeit seinen Geschlechtsnamen mit dem Namen seines ersten Lehrers Franria vertauschte. Er hatte sich durch mehrere Versuche in der Kupferstecherkunst rühmlich empfohlen und schloß sich mit Herzlichkeit an mich, da er hörte, daß ich ein Meister derselben wäre. Ich lieh ihm zum Studium Vorzeichnungen, Kupferstiche und Holzschnitte und bat ihn mehrmals, mir eine Probe seines Fleißes zeigen zu wollen. Einst gab er mir zur Antwort, daß sich in meinen Händen bereits Kupferstiche von ihm befänden. Rasch durchblätterte ich die Sammlung, die er von mir geliehen und dann zurückgebracht hatte, aber ich fand nichts. Wie groß war da sein Triumph, als er mir zeigte, daß einzelne Holzschnitte Nachbildungen in Kupfer wären, von ihm nur der Übung wegen gefertigt. Wenn ich auch viele Fehler jetzt bei genauerer Ansicht bemerkte, so lobte ich ihn wegen des rühmlichen Eifers. Aber wir zerfielen, da wir die besten Freunde waren. Mit kleiner Barschaft kam Mark Anton von Bologna nach Venedig, dennoch war ihm kein Preis zu hoch für gute Abdrücke von meinen Holzschnitten, die ich dort feil bieten ließ. Er besaß bald eine hübsche Sammlung, aber keinen Pfennig im Säckel, um seinen mahnenden Magen zu befriedigen. Um mit ihm Ruhe zu erhalten, meinte er, es wäre erlaubt, an meinem Brot zu nagen, und mit wenigen Strichen setzte er auf die eben vollendeten Kupferplatten H, D und rief: Gehet hin und lehret alle Heiden! Er verstand darunter die Verräter meiner Kunst. Ich kann nicht leugnen, daß ich die Verbreitung meines Ruhms in Italien vornehmlich den Trüglichkeiten Mark Antons zu verdanken habe, da er die Blätter für einen Spottpreis verkaufte. Ich war aber dennoch wenig damit zufrieden und verklagte ihn bei der Signoria, konnte aber ein Verbot gegen den Verkauf der Blätter nicht bewirken, sondern nur soviel, daß man dem Mark Anton aufgab, mein Handzeichen von den Platten zu tilgen. Wie alle halbe Maßregeln zur Abstellung eines Übels unwirksam sind, so auch diese. Ohne mir ein Lebewohl zu sagen, ging Mark Anton nach Rom und ward Raphaels Freund. Nur um diese Freundschaft beneide ich ihn, nicht um das erworbene Geld. Es ist einmal der Lauf der Welt, sagte ich, daß der Arme vom Reichen lebt, und Eure Nürnbergischen Kunstgenossen treiben es nicht anders mit Euch. Ich habe bei meiner Anwesenheit hier schon mehrere Holzstöcke gesehen, auf denen das Handzeichen des Verfertigers hinweggeschnitten und das Eure in die Stelle gesetzt war. Doch Ihr habt uns noch von Venedig, von Johann Bellini und vielem andern zu erzählen. Täglich aß ich jetzt mit Bellini, Tizian und Giorgione zusammen. Einzelne Gemälde von diesem wurden, rücksichtlich der Farbenklarheit, denen seines Meisters Bellini vorgezogen. Fuggers Tuchladen, den die Venetianer den Deutschen hatten aufbauen lassen, da er im Kriege mit Max eingeäschert war, war von Tizian und Giorgione zusammen von außenher gemalt. Da sah man biblische, sinnbildliche und landschaftliche Vorstellungen und herrliche Verzierungen. Die Landschaften waren Tizian sehr wohl gelungen, der sich des Rates deutscher Maler dazu bediente. Aber Giorgiones Gemälde, wenn ich gleich den Sinn nicht verstand, waren ohne Zweifel die vorzüglichsten. Diese Maler, sodann Palma und Pordenone , waren mir gewogen und, obgleich sie früher gesagt, daß ich die Farben nicht zu behandeln wußte, so gestanden sie jetzt, nie schönere Farben gesehen zu haben. Oft nötigten sie mich zu Schmausereien und nahmen mich in ihre Malerschule auf, wohin ich manchen Gulden geben mußte. Mein Ruf ward mit jedem Tage größer, und die Großen und Vornehmen machten mir häufig ihre Aufwartung, und ich mußte mich zuletzt verbergen und verleugnen lassen, denn sonst wäre vor Besuchen wenig aus dem Arbeiten geworden. Meine heimischen Freunde drangen jetzt in mich, nach Nürnberg zurückzukehren, und um so fleißiger malte ich am Bartholomäus und an einem Madonnenbilde, das ich als Liebesgabe für Johann Bellini bestimmt hatte. Vom Tische stand ich jetzt früher auf und brach mir manche Stunde vom Schlaf ab. Endlich war das Altarblatt fertig und ward mit vielem Gepränge in die Kirche getragen und aufgestellt. Ich erntete großes Lob, aber wenig Nutzen, denn ich erhielt fünfundachtzig Dukaten und hätte wohl zweihundert in der Zeit verdienen können, so viel Bestellungen erhielt ich, die ich glatt ausschlug. Aber wahrlich, mich reut es nicht, und noch eine große Ehre stand mir bevor. Se. herzoglichen Gnaden der Doge ließ mir sagen, daß er an einem bestimmten Tage das Gemälde sehen wollte, von dem so viel Rühmens wäre. Ich ging dahin und stehe, an der Brücke standen die herrlichsten Gondeln, und in der Kirche war ein Haufe Volkes und darunter viele Maler. Man empfing mich mit vieler Ehrerbietung und führte mich zu dem Altar, wo ich den Dogen Loredano und den Großkanzler fand, diesen in einem schwarzen, jenen in einem goldenen Talar mit den lang herabhängenden Ärmeln, außerdem den ehrwürdigen Patriarchen . Der Doge, ein Kenner, erklärte öffentlich, daß in keiner Kirche Venedigs ein schöneres Gemälde wäre, und überreichte mir diesen kostbaren Ring, den er sich vom Finger zog. Ich wußte nicht, wie mir geschah, und sprach kein Wort. Als ich die Kirche verlassen, sagte ich mir, die Ehre ist zu groß und es ist hohe Zeit, daß du die Markusstadt verlässest, denn sonst müßte auch ich neben dem Pinsel den Degen führen. In zwei Tagen hatte ich eingepackt und fuhr nach Padua, von dort aber nicht den geraden Weg nach Mantua, sondern vorerst nach Bologna, wohin der wackere Francia mich einlud, der sich von Raphael überflügelt weiß und ihn ehrt, denn derselbe wollte mich in die Geheimnisse der Perspektive einweihen, die er ganz ergründet zu haben meinte. Er nahm mich mit väterlicher Liebe auf, aber ich lernte nichts Neues. Das Ansehen, das ich mir in Venedig erworben, kam mir auf der ganzen Reise zu nutz, und ich kehrte nach Nürnberg, wie das Kind, das von seinen Spielsachen losgerissen und in die Schule geschickt wird. Wie war ich so schwermütig! Wie fror mich daheim nach der Sonne . Dort war ich mein Herr und hier – – Mich dauerte der wackere Künstler, und der Fremde teilte mein Gefühl. Drum kommt nach Rom, rief er, wenn es Euch hier nicht gefallt, und bleibt dort Euer Lebelang. Das sei fern, entgegnete Dürer . Ein Nürnberger verlaßt nicht seine Vaterstadt. In Antwerpen war es, wo man mir dreihundert Philippsgulden als Jahrgehalt und ein schönes Haus anbot mit dem Versprechen, alle Arbeiten gut zu bezahlen, aber voll der Liebe zu der Reichsstadt lehnte ich es ab. Ja, gönnt Deutschland den deutschen Apell ! fiel ich ein. Aber erzählt uns, Herr Thomas , von Rom und dem berühmten Urbinaten. Auf diese Weise gelang es mir, die trübe Laune zu zerstreuen, die Dürern zu beschleichen schien. Ja, von dem Maler aller Maler stimmte er mir mit verklärtem Antlitz bei, erzählte mir Neues oder wiederholt mir, wie er denkt, wie er lebt, wie er geehrt wird. Ihr nennt Raphael Maler, begann Thomas ; nennt ihn Künstler, oder besser sterblichen Gott. Ohne mich zu wiederholen, könnte ich Tag und Nacht erzählen und käme nicht zu Ende. Welche Größe und welche Bescheidenheit! Ihr, Herr Albrecht , ehrtet Euren Lehrmeister, wie Ihr mir gesagt, wie Euren Vater. Nicht weniger der göttliche Raphael . Von Florenz als Jüngling vom heil. Vater nach Rom berufen, sollte er in den Zimmern des Vatikans mit malen, in denen viele florentinische Meister beschäftigt waren. Nur die Gemälde, die er, der Anspruchsloseste unter allen, dargestellt, fanden Beifall und Bewunderung. Raphael soll alle Zimmer neu malen! so lautete das Geheiß des schnell entscheidenden Papstes Julius . Als nun Raphael einst in die prächtigen Zimmer tritt, so sieht er ein ganzes Heer von Maurern mit fühllosem Eifer den Fleiß wackerer Maler zerstören. Mit Wehmut wendet er die Blicke hinweg und da er erfahren, was geschehen sollte, so eilt er zum Papste, küßt ihm den Fuß Und steht mit Tränen: Heiliger Vater, laßt der Zerstörung Einhalt tun! Noch ist die Decke, die mein Lehrer Perugin mit frommem Fleiße malte, nicht geschändet von den rohen Händen. Erhaltet sie noch einer spätern Zeit und mir ein Denkmal dankbarer Erinnerung. Es sei , erwidert jener huldreich, doch glaube, ich war für den Ruhm deines Lehrers mehr besorgt, da ich sie vernichtet wünschte, als du, der du auf ihre Erhaltung dringst, denn künftig wird man die Arbeiten des Schülers mit denen des Meisters vergleichen. Dies erzählte Thomas und vieles andere von Raphael und seinem störrischen Kunstgenossen Michel Angelo . Ich war aufmerksam und doch nicht mit ganzer Seele bei den Künstlern. Das merkte mir Dürer an und hielt mich nicht zurück, als ich aufstand, um mit herzlichem Händedruck mich von beiden Männern zu entfernen. Um so weniger gefiel es mir zu bleiben, als mir Dürer sagte, ich würde daheim einen Brief finden, den seine Magd, kurz bevor ich gekommen, zu mir getragen hätte. Ich schrieb , fügte er hinzu, denn manches ist leichter zu schreiben als zu sagen. Was ist der Inhalt des Briefes? fragte ich mich. Was kann, dachte ich, Dürer mir für Geheimnisse mitteilen, wenn sie nicht die Rosenthalerin betreffen. Eher ich noch nachts von ihr träume, empfange ich heut den Schlüssel, meines Schicksals geheimnisvolle Schrift zu entziffern. In der goldenen Rose angelangt, konnte ich nicht früh genug den Brief und ein Licht erhalten. Ich las folgendes: »Meinen willigen Dienst zuvor, lieber Herr Heller. Mit Dank habe ich die letzten 100 Gulden für das Gemälde erhalten und ich glaube, sie wirklich verdient zu haben. Einer in Nürnberg hat mir für dasselbe 300 Gulden geboten und Herr Sebald Schreyer will mir 400 Gulden geben, wenn ich ihm ein Marienbild in derselben Weise male. Das habe ich ihm aber glatt abgeschlagen, denn ich müßte darüber zum Bettler werden. Doch seid versichert, daß ich es für einen hohen Lohn erachte, mir Eure Freundschaft erworben zu haben, die Ihr mir und den Meinigen hinfüro erhalten möget. Meine Hausfrau läßt Euch um ein Trinkgeld bitten, das Ihr ganz nach Eurem Belieben zu bestimmen habt. Albrecht Dürer .« Wie sah ich mich in meiner Erwartung getäuscht! Kein Wort von der Rosenthalerin , aber von Frau Agnes . Indes in Ansehung des herrlichen Bildes nahm ich gern auch auf sie Rücksicht. In einem andern Brief Dürers ist folgende Stelle enthalten: »Der köstliche Wein, den Ihr mir geschickt habt, soll als ein Labetrunk mich nach der Arbeit lange stärken und mich an Eure Liebe erinnern. Meine Hausfrau dankt Euch für Eure Verehrung, auch mein junger Bruder für die zwei Gulden, so Ihr ihm zum Trinkgeld geschenkt habt.« Pirckheimers Dichterkrönung (Unvollendet) Meister Dürer hatte mir durch ein paar Zeilen vertraut, daß Dienstags »am Erchtage« eine Feierlichkeit im Schlosse stattfinden würde, der ich ja beiwohnen möchte. Es wollte nämlich der Kaiser mit eignen Händen dem Herrn Pirckheimer die Dichterkrone aufsetzen. Schon früher erzählte ich von dem lateinischen Gedichte dieses gelehrten Mannes, das dem Kaiser bei seiner Ankunft vom Magistrat überreicht ward. Das Gedicht war über die Maßen kunstreich und alle Vorurteilsfreie erklärten, daß ein ähnliches nicht früher gemacht wäre und auch nicht wieder gemacht werden könnte. Denn es enthielt die erhabensten Gedanken und das Bewunderungswürdigste war, daß, wenn man die Anfangsbuchstaben der Verse herunter las, die Worte fand: Maximilianus. Imperator. Semper. Augustus. Archidax. Austriae. Plurimarumque. Europae. Provinciarum. Rex. Et. Princeps. Potentissimus. und wenn man die End-Buchstaben der Verse in Obacht nahm, abermals dieselben Titel erhielt. Der Anfang des heroischen Gedichtes ließe sich etwa in folgende deutsche Verse zwingen. In der Handschrift sind die lateinischen Hexameter in deutsche Reime übertragen. Mächtiger Herrscher, es schmückt dich noch mehr, als Zepter- und KriegesruhM, Aller Tugenden Kron und des Friedens beglückende PalmA: Xenephon schriebe fürwahr, hielt ihn nicht im Schattengebiet StyX, Inn'rer Begeisterung voll dein Lob, statt der Rüstungen CyrL; Mutig auf Flügeln des Schwans erhob' in den obersten LichtrauM In dithyrambischem Flug dich Pindar, jeglichen Zwangs freI: Längst beseelte den Stein durch dein Bildnis Phidias' MeißeL, Jupiter's donnernde Macht wich ihm, wie der Hornung dem LustmaL – Aber was trauern wir heut um Vergangnes? Herrlich erblüht jA Neuere Kunst, wo die Sonn' aufstrahlt, ist ein lustiges PrangeN. Manche mögen wohl lächeln wegen der zu großen Mühe. Ich aber nenne sie wohl angewendet. Denn wie machen es sonst die Poeten? Anstatt einen Helden zu feiern, rufen sie die Muse an, singen vom Apoll und allen Göttern ohne Ende. Einer wurde daher für sein Lobgedicht nur mit der Hälfte des bedungenen Lohns abgefunden und an Castor und Pollux gewiesen, die billigerweise die andere Hälfte bezahlen müßten, da er sie noch mehr als ihn erhoben hätte. Zwischen zwei bestimmten Buchstabenreihen, wie in Pirrkheimers Gedicht, gleichsam zwischen zwei Schranken, muß das wilde Musenpferd auf der Bahn bleiben, denn links und rechts wird der Dichter erinnert, wen er zu feiern habe. Dürers Briefchen hatte ich erhalten. Aber da ich spät nach Hause kam, so meinte ich, es lohnte nicht mehr, aufs Schloß zu gehen. In Erwägung aber, daß Vornehme nicht genau die Stunde einhalten, wie ich dies neulich auf dem Rathause erfahren, hüllte ich mich in mein Staatskleid und ging nach dem Vestnertor. Schon winkte mir freundlich der Turm Lug ins Land entgegen, dessen Name mir bei meiner Ankunft in Nürnberg als ein glückliches Wahrzeichen freundlich in den Ohren tönte. Lug – ins – Land! diesem ermunternden Rufe war ich gefolgt und bereute es nicht. Vor dem Himmelstore stand viel Volks und ich hörte bald, daß der Kaiser diesmal nicht auf sich warten ließ, und daß er auf dem Schloßhof umherwandelte. Ich drängte mich durch das Tor, entblößte meinen Kopf und stellte mich unbemerkt neben diejenigen hin, die hier der Ehrerbietung wegen sich eingefunden hatten. Ich war unmutig, da ich glaubte, nach dem Fest gekommen zu sein, allein der Ratsherr Volckamer, der mich freundlich begrüßte, belehrte mich, daß Herr Pirckheimer noch nicht erschienen und daher nichts versäumt wäre. Nach dem Gebot des Kaisers hatte man ihn nämlich nicht anders als die übrigen Mitglieder des Magistrats wissen lassen, daß Se. Majestät den ganzen Rat auf dem Schlosse im Hörzimmer zur bestimmten Zeit versammelt wünschte. Pirckheimer sollte nämlich nicht merken, daß es auf eine Überraschung für ihn abgesehen wäre. Und der feiste Herr, dem überdies das Gehen sauer wurde, ließ sich Zeit, da er in seiner Bescheidenheit meinte, unter so Vielen nicht vermißt zu werden. Das war unserm Dürer höchst verdrießlich, der mir nicht einmal einen freundlichen Blick gönnte, sondern immer nach dem Tore sah, ob er sich noch nicht zeigte. Der Kaiser Max indes ließ sich die Zeit nicht lang werden, dem zur Seite der riesige Ritter Johannes von Schwarzenberg ging, ebenso gelehrt, als männlich tapfer. Beide hörten aufmerksam dem Propst Pfinzing zu, der bald auf dieses, bald auf jenes Gemäuer hindeutend, ihnen erklärte, wie alles in der Vorzeit ausgesehen, denn der sah es jedem Steine an, zu welcher Burg er ehemals gehört hatte. Viel wußte er von dem viereckigen Turm auf dem Kalksteinfelsen und von dem Lug – ins – Land zu erzählen. Zwischen den beiden Türmen erbauten die edlen Burggrafen von Zollern ihre Wohnung nach der Sitte der Adler, welche hoch horsten. Aber einst wurden sie in der Nacht von Feinden überfallen und ihr Schloß in Brand gesteckt. In unscheinbare Trümmer sank es zusammen, aber die Türme, als wenn sie von Eisen erbaut, durch die Flammen nur zu Stahl erhärtet wären, blieben unversehrt, und die spätesten Geschlechter werden ihre Spitzen in den Himmel ragen sehen. Die Kaiserstallung bezeichnet die Stelle des Zollernschlosses. Bei seiner Erzählung gedachte Max der ruhmreichen Vorzeit, da der Ritter Lage unter Abenteuern und Hochtaten verflossen, da die Christen mit Begeisterung und Andacht das heil. Grab von den Ungläubigen befreiten. Des Kaisers Sinnen war nämlich schon vom zarten Kindesalter an auf die Besiegung der Ungläubigen hingerichtet, und wenn er dachte, daß bei seinen Lebzeiten Ungläubige in Europa eingedrungen waren, so zitterte er vor Ingrimm und Herzensweh. Das wußte Herr Pfinzing wohl und beschrieb daher im Teuerdank , wie der männliche Held, gemäß einer himmlischen Botschaft, gegen die Heiden zieht und den Ruhm eines wahrhaft christlichen Herrschers sich erficht. Schon hatte Max das sechzigste Jahr erreicht, aber noch immer war er mit Gedanken beschäftigt, wie der freche Türke bestraft werden müßte, und hatte deshalb sogar an den Papst geschrieben. Ja, hätte der Kaiser länger gelebt, der Halbmond wäre längst zur Ehre der Christenheit untergegangen. Unterdes hatte Pfinzing den Kaiser zu der nahen Freiung, einer festen Bastei, geführt und der ganze Zug folgte ihm. In einer Umzäunung befand sich hier ein wütiger Stier, der der größeren Sicherheit wegen noch an einen Pfahl gebunden war. Nicht ohne Angst schlüpfte hier der furchtsame Propst vorbei und ging zu der Mauer, von der man eine steile Felsenwand hinab zum tiefsten Abgrund schaute. Vor der Mauer machte Pfinzing auf einige Vertiefungen in einem Steine aufmerksam und erzählte, daß dieses Spuren von einem Rosse, seien. Denn der Ritter Eppo von Gailingen war es, der, als er hier vom Schloß in der Gefangenschaft der Nürnberger schmachtete, in der Nacht das Gitter seines Kerkers erbrach, ein kühnes Roß aus dem Marstall entführte und dann von der Freiung hinab den verzweifelten Sprung in das Tal wagte und glücklich entrann. Das war eine andere Zeit als die jetzige, hub der Kaiser an, in der unser Propst vor einem angebundenen Stiere sich entsetzt, dessen Strang nicht zwei solche Tiere zerrissen. Pfinzing lächelte, aber Schwarzenberg fühlte sich gekränkt und sagte dagegen: wieso soll nicht gegenwärtig einem Beherzten eben so gut ein solches Wagestück gelingen, als damals? Noch mancher Ritter kann sich jetzt des Mutes und der Kraft rühmen, als zur Zeit der Hohenstaufen, wie auch lange vor ihnen männliche Tugenden bekannt waren. Versetzt Euch in die Fabelzeit zurück und denkt an Theseus und Herkules und laßt es auch nicht unerwägt, daß Schwarzenberg schon zwanzig mal im Turnier den Dank davontrug. Hat eine Zeit vor der andern den Vorzug, so ist es die unsere, da Friedrichs hochherziger Sohn das Zepter führt. Wer hörte nicht von Arbeiten des Herkules? Er sprach's und pfeilschnell war er über die Umzäunung gesprungen und reizte die Wut des wild um sich stoßenden Stieres. Wie einen morschen Faden riß er den Strang entzwei, ergriff das mächtige Tier bei den Hörnern, drückte es nieder, daß es stöhnte, und wie ich es mit eigenen Augen gesehen, hob es auf und schleuderte es dann wieder zu Boden. Maxens Lob blieb nicht aus. Vor jeder Gefahr schützte uns die Umzäunung und die Erschöpfung des Stieres, der nun matt vor sich hinsah. Der Ritter Schwarzenberg aber war wohlauf, ihm hatte die Anstrengung nicht geschadet. Wir verließen die sonnige Freiung und kehrten nach dem Schloßhof zurück, wo eine uralte Linde, vielleicht die größte in der Welt, erquicklichen Schatten verbreitete. Der Kaiser Maximilian begab sich darauf in seine Gemächer und versprach, zur Zeit im Hörzimmer zu erscheinen. Hier verweilten bereits alle Ratsherren und die sich an sie anschlossen, während Dürer vor Ungeduld vergehend, die Treppe zehnmal auf und nieder rannte. Denn er hatte, wie ich nachher erfuhr, auf des Kaisers Befehl alles zur Dichterkrönung angeordnet, so schön und überraschend, nicht allein für den Herrn Pirckheimer , sondern für den Kaiser selbst und mich. Alle seine Mühe sah er jetzt verschwendet. Schon wollte er, wenn es gleich Auffallen erregt haben würde, den säumigen Ratsherrn noch besonders einladen lassen, da endlich erschien er langsam und bedächtig. Ihm ahnte nichts vom bevorstehenden Glück, denn er trat fast mit einem mürrischen Gesicht in den Saal. Der Ratschreiber Spengler , der die Langeweile des Wartens durch manchen Scherz gekürzt hatte, trat zu ihm mit den Worten: »Nun, wie geht es Eurer Weisheit? Meine Weisheit ist auf den Strand gelaufen und alles ist zertrümmert, was ich mühsam gebaut habe, erwiderte Pirckheimer ernst. Ihr wißt, wie ich mich eifrig mit der Astrologie beschäftigte und aus den Irrsternen die Schicksale des ganzen Menschengeschlechtes und der einzelnen Freunde zu erfahren strebte. Ich glaubte durch mein Forschen mir den Schlüssel verschafft zu haben, um die Sternenschrift zu lesen. Alles waren Träume! Man bat Pirckheimern , sich näher zu erklären, wie er zu der Überzeugung einer Selbsttäuschung gekommen, da ja so vieles genau nach seiner Vorherbestimmung eingetroffen wäre. Es ist mein Vergnügen, fuhr er fort, die Nativität derjenigen zu stellen, die meinem Herzen wert sind. Die Sterne fragte ich heut, wie das Schicksal über meine jüngste Tochter beschlossen hätte. Ihr wißt, daß meine Tochter Charitas längst den Nonnenschleier sich erwählte. Da ward mir zur Antwort: sie würde heut das Band der Ehe knüpfen. So lebte ich lange meiner Einbildungen Narr und da ich am Rand des Grabes stehe, weiß ich, daß ich nichts weiß. Ja – rief Herr Spengler , warum soll Eure Tochter, die Nonne, nicht heiraten? Lebte sie nicht an der Donau, noch heute entführte ich sie aus dem Kloster. Aber Herr Pirckheimer , Herr Pirckheimer , Ihr wolltet das Schicksal Eurer jüngsten Tochter erfahren, und Eure jüngsten Kinder sind die , die Ihr nach Eurer Frauen Tod erzieltet. Es ward gelächelt, aber Pirckheimer schwieg. Da auf einmal erscholl Pauken- und Trompetenschall, die Flügeltüren wurden geöffnet und Kaiser Maximilian mit rotem Mantel, auf dem eine goldene Kette blinkte, trat freundlichen Blickes mit dem prächtig gekleideten Gefolge ein. Sogleich bildeten die Versammelten um den Kaiser einen dichten Halbkreis. Der überraschte Pirckheimer wollte unter sie treten, aber hier war es Albrecht Dürer , der ihn zurück in die Mitte schob, dort Herr Imhoff , der ihm lächelnd den Eintritt verwehrte, und hier wieder Herr Volckamer , der ihn bedeutete, daß kein Platz mehr wäre. Mir tat wirklich leid um den Armen, wie er verlegen und ärgerlich hin und her ging. Unterdes öffnete sich eine Seitentüre. Das Paukengeschmetter verstummte und unter einer schmelzenden Flöten- und Harfenmusik trat eine Jungfrau ein; ihr folgten die Söhne der vornehmsten Familien, die wie die Englein musizierten. Sie waren schön gekleidet, was aber sage ich von der Jungfrau? Verschämt schlug sie das Auge nieder und die blonden Locken flossen ihr von der Scheitel auf die Schultern herab, die über der Stirne ein Rosenkranz verband. War es die heil. Rosalia ? nein – es war die Rosenthalerin , die meinen Blicken heut schöner noch als schön erschien. Weiß war sie gekleidet, und eine rosenrote Schärpe hob ihre blendende Gesichtsfarbe. Sittiglich trug sie in beiden Händen ein weißes Kissen, auf dem ein Lorbeerkranz ruhte. Pirckheimer sah sie mit inniger Rührung, denn der Kranz nahm ihm über ihre Erscheinung jeden Zweifel. Der Kaiser konnte das Auge nicht losreißen von der jungfräulichen Wohlgestalt, und ich stand und sah, ganz aufgelöst in Sehnsucht. Sie neigte sich jetzt vor dem Kaiser, und dieser nahm den Kranz. Alsdann legte sie das Kissen vor Pirckheimer nieder, und dieser kniete mit Tränen in den Augen hin. Wer ihm freund war, der weinte mit ihm. Da sprach der Kaiser einige schöne Worte, nämlich, daß er Wilibald Pirckheimern an der Stelle mit dem Lorbeer schmückte, wo sein Vater zuerst dem berühmten Celtes diese Ehre erwiesen. Pirckheimer , obgleich von Rührung ergriffen, hielt eine lateinische Gegenrede in gebundener Sprache, die bei jedem, der nicht das Festgedicht kannte, schon die Krönung genugsam hätte rechtfertigen müssen. Die Feier war noch nicht zu Ende. Denn jetzt wandte sich der Kaiser huldreich zu der Rosenthalerin und küßte sie auf die Stirne und stellte es ihr frei, sich eine Gnade zu erbitten. Sieh, da lag das Mädchen zu den Fußen des Kaisers und bat mit ergreifender Beredtsamkeit für ihren Pflegevater um eine Unterstützung. Durch seine Kunst, flehte sie, hätte er die Stadt Nürnberg, die der glänzendste Edelstein in der Kaiserkrone wäre, verherrlicht und jetzt, durch zu großen Eifer nach Ruhm erblindet, litte er Not. Wer ist dein Pflegevater, holdes Kind, und wer ist dein Vater? fragte teilnehmend der Kaiser. Da trat Herr Pirckheimer frei und edelmütig hervor und sprach: ihr Pflegevater ist Meister Veit Stoß , der Bildschnitzer, ihr Vater steht vor Ew. Majestät. So lange ward die Jungfrau Rosenthalerin nach ihrer Mutter genannt, heute erkläre ich sie für meine rechtmäßige Tochter und sie führe den Namen Maria Pirckheimerin . Sie erbe von mir mit meinen Kindern zu gleichen Teilen. Da nahm Dürer , der vornean stand, das Wort und ... Hier fehlen leider einige Blätter der Handschrift, und es sind nicht einmal Andeutungen vorhanden, was sie enthielten, damit der Herausgeber, wie weiland Freinsheim , in das dürre Zellengewebe Honig tragen könnte. Aus Mutmaßungen und begründeten Folgerungen scheint hervorzugehen, daß im Folgenden erzählt wurde, wie der Kaiser Max den alten Veit Stoß beschenkte und ehrte, wie vor seinen Augen durch Dürers Verwendung die Jungfrau einen Bräutigam in Jacob Heller fand, wie die Hochzeit in Nürnberg vollzogen wurde, und das junge Ehepaar nach Frankfurt zog. Hier war vor Abfassung der Handschrift Maria Hellerin schon gestorben, die einen Sohn Wilibald hinterließ. In der Handschrift folgt auf die Lücke Pirckheimers Brief mit einer Nachschrift des Verfassers. Schluß. Brief von Pirckheimer und Nachschrift des Verfassers. Meinen freundlichen willigen Dienst Euch zuvor, lieber Herr Heller . Vergebt mir, wenn ich Euch erst jetzo danke für Euer Schreiben, das ich vorigen Monat empfing, und in dem Ihr meiner nicht allein in Gutem gedenkt, sondern mir auch mehr Lob und Ehre erweiset, als dessen ich mich würdig erkenne. Eure gute Meinung von mir verdanke ich ohne Zweifel unserem beiderseitigen Freunde Albrecht Dürer , den Ihr um seiner Kunst und Tugend willen dermaßen liebtet, daß auch die, so um ihn waren, Euch teuer sind. Um so trauriger ist es mir, Euch zu melden, wie unser Freund in der Karwoche am 6. April Am 18. April nach unserm Kalender. dieses Jahres, seines Alters im 57sten Jahre selig verschieden ist. Am folgenden Tage abends bei dem bleichen Scheine des Mondes ward er auf dem Johanniskirchhofe von einigen Künstlern zur Ruhe bestattet in feierlicher Stille, die nur das Wehklagen seiner Liebenden unterbrach. Die Künstler verloren ihr Vorbild, die Freunde ihren Stolz, die Stadt ihren Glanz. Künstler, die es in einer Kunst ihm gleich taten, mögen einzelne gefunden werden, aber nie solche, die seine mannigfaltigen Gaben besitzen. Ein Gesichtsabdruck von Wachs bewahrt die Züge des Entseelten, die so mild sind, als die des Lebenden. Ich habe wahrlich an Albrecht einen der besten Freunde, so ich auf dem Erdkreis hatte, verloren, und nichts bekümmert mich mehr, als daß er eines so mühseligen Todes starb. Nächst dem Verhängnisse Gottes kann ich ihn niemanden, denn seiner Hausfrauen zurechnen, deren Unfreundlichkeit ihm am Herzen nagte zu so großer Pein, so daß sein Hintritt dadurch gewaltsam beschleunigt wurde. Wie die Trauernden im Altertum, schnitt er sich vorlängst seine langen Haare ab, denn alle Freude war dahin, er ward bleich und dorrte aus zu einem Schemen. Niemals durfte er darauf denken, wieder guten Mut zu fassen, nie zu den Freunden gehen, so hatte sein böses Weib Sorge, daß er es sich nicht sauer genug werden ließe. Tag und Nacht trieb sie ihn härtiglich zur Arbeit, damit er ihr Geld verdiente, und immer tat sie, als wenn sie verderben müßte, und tut es noch, obgleich ihr Albrecht an sechstausend Gulden an Wert hinterließ. Aber da ist kein Genüge und kurz, sie ist seines frühen Todes Ursach. Oft habe ich ihr selbst ihr sträflich argwöhnisches Wesen vorgehalten und ihr warnend vorhergesagt, was es für ein Ende nehmen würde, aber ich habe mir bei ihr nur Undank erworben. Wer diesem Mann wohlwollte und um ihn wahr, zu dem blickte sie scheel und die tiefste Bekümmernis quälte Albrecht, bis sie ihn unter die Erde brachte. Da ist keine Spur von Vertrauen, und wer ihr nicht in allem Recht gibt, der ist ihr verdächtig. Lieber ein anrüchig Weib besitzen, als ein solches, das im Ruf der Ehrbarkeit steht, und bei dem der Mann vor Keifen und nagendem Argwohn weder Tag, noch Nacht Ruhe und Frieden haben kann. Er schied dahin und uns bleibt nichts anders übrig, als die Sache Gott zu befehlen. Er wolle dem frommen Albrecht barmherzig sein, der wie ein echter Biedermann gelebt hat und wie ein Christ selig verstorben ist. Auch mir verleihe er seine Gnade, daß ich bald dem Freunde nachfolge. Wilibald Pirckheimer starb zwei Jahre später 1530 und in demselben Jahre segnete auch der alte Peter Vischer das Zeitliche. Vischers Söhne starben in den besten Jahren, zuerst der älteste Hermann , der an der Seite seines brüderlichen Freundes, des Malers Wolf Traut , von einem Schlitten übergefahren und tötlich verwundet wurde. Der Kupferschmied Sebastian Lindenast war schon 1520 verschieden. Der blinde Veit Stoß lebte bis zum Jahre 1542. Von den grausamen Taten des Türken wird hier viel gesprochen und von dem Elende, daß unsere Fürsten und Herren nicht einträchtig sind. Wehe denen, die helfen können und untätig zu der Sache sehen. Aber das sind Strafen von Gott darum, daß die Christen so feindlich gegeneinander gesinnt sind. Wie unsere evangelischen Glaubenshelden gegeneinander im Felde liegen, ist gar schrecklich, und wie weit lutherische Worte und Werke voneinander abstehen. Ich war anfänglich gut lutherisch gesinnt, wie auch unser Albrecht , denn wir meinten, daß der römischen Büberei ein Ende gemacht werden sollte und der Mönche und Pfaffen Schalkheit. Aber die evangelischen Buben treiben es noch ärger. Die Papisten sind doch zum wenigsten unter sich selber eins, aber die, so sich evangelisch nennen, sind auf das Höchste untereinander uneins. Wir alle hielten Lutherum für den vom heiligen Geist erleuchteten Mann, der den wahren christlichen Glauben aufrichten sollte. O Gott, ist Luther tot, so schrieb einst Albrecht Dürer, da ihm vor etlichen Jahren die Kunde kam, daß jener ermordet wäre, wer wird uns hinfort das heilige Evangeliums so deutlich vortragen, der klärer schrieb, als, alle vor ihm. O ihr frommen Christen, helft mir fleißig den gottgeistigen Mann beweinen und flehen, daß er andere wie ihn erleuchte. O Erasmus von Rotterdam, wo bleibst du? Nachmals erkannte Freund Albrecht mit innigem Schmerz, sich in Erasmus gar sehr getäuscht zu haben. Euch wird mein Schreiben befremden, die Ihr bei Euch nichts von bösen Religionshändeln wißt, die alles verändern, aber nichts verbessern. Aller Glaube wird mit Füßen getreten, und niemand ist seines Leibes und Gutes sicher. Mit Predigen und Worten sind wir überaus geschickt, aber mit den Werken hält es schwer. Doch ich will Euch nicht vorklagen, sondern mit dem tröstlichen Worte schließen, das einst Luther sagte, daß im Himmel ganz anders, als in Nürnberg über die Sache beschlossen ist. Nürnberg, im Monat April 1528. Wilibald Pirckheimer. Eine Beilage enthält eine lateinische Elegie Pirckheimers auf den Tod seines Freundes und die Inschrift, die er ihm setzte, als Dürer in das Grab seines Schwiegervaters Hans Frey versenkt wurde. Sie lautet also: Me (moriae) Al (berti) Du (reri). Quicquid Alberti Dureri mortale fuit sub hoc conditur tumulo emigravit VIII Idus Aprilis MDXXVIII. (Dem Andenken Albrecht Dürers. Was an Albrecht Dürer sterblich war, ruht unter diesem Grabhügel, er selbst ist heimgegangen am 6ten April 1528.) Ich las den Brief, aber es währte lange, ehe ich ihn gelesen hatte, denn häufige Tränen hinderten mich daran. So ist er denn dahin und die Segnungen des Friedens mit ihm, die Nürnberg dereinst vor allen Städten verherrlichten. Soll wirklich die alte Sage sich bewähren, daß einst ein Fuhrmann vorüberfahren werde, mit der Peitsche klatschen und sagen: Hier stand Nürnberg! Nein – das mag der barmherzige Himmel verhüten! Die Glaubensfehden, so die Künste zerstören, wie Stürme zarte Blüten, sie werden verrauschen und nicht alles in ihren Strudel hinabziehen. Wenn auch erst späte Jahrhunderte die Schuld der Gegenwart sühnen, so wird doch dereinst das Andenken an die frühere Herrlichkeit neu erwachen und an seine verklärten Künstler, die wie ein Sternenkranz die Stadt schmücken, deren größter Stolz Albrecht Dürer war, der deutsche Apelles.