Georges Ohnet Der Hüttenbesitzer – Zweiter Band Elftes Kapitel Claire war allein in dem großen Schlafzimmer zurückgeblieben und ihre Augen irrten unstät in dem in ernstem Charakter gehaltenen Gemach umher. Die Lampen erhellten mit mildem, gedämpftem Lichte die alten Tapeten, welche die Wände bedeckten und auf denen die wunderbare Liebesgeschichte Rinaldos und der Armida dargestellt war. Unter einem Zelte aus Purpur und Gold, zu den Füßen der Zauberin liegend, lächelte der Ritter, indem er mit schlaffer Hand einen großen ciselierten Becher emporhielt. Weiterhin durchstreiften die zu seiner Befreiung herbeigeeilten Ritter den Wald, mit Hilfe ihres Zauberschildes die Ungeheuer verjagend, die ihnen den Weg zu versperren suchten; und zuletzt Armida, kämpfend in der Schlacht, die unter den Mauern Jerusalems zwischen den Christen und den Truppen des Kalifen stattfand. Weiße Einhorne zogen den zweirädrigen Wagen, in welchem Armida hoch aufgerichtet und zürnend die furchtbaren Geschosse ihres Köchers auf den mit dem Blute der Ungläubigen bedeckten Rinaldo schleuderte. Eine wundervolle Truhe von Ebenholz aus der Renaissance, mit vielfarbigem Marmor eingelegt, stand dem sehr schönen aus Birnbaumholz geschnitzten Himmelbette gegenüber, dessen Vorhänge aus Genueser Samt mit großen Blumenbouquets auf maisgelbem Grunde geschmückt waren. Ein prächtiger Schubladenkasten im Stile Louis XIII. aus schwarzem Holz, mit Kupfer eingelegt, ersetzte die sonst übliche langweilige Kommode. Ein prachtvoller Spiegel, dessen Broncerahmen zierliches Laubwerk bildete, reflektierte die erlöschende Flamme des Feuers, das in dem hohen Sandsteinkamin allmählich verglimmte. Ueber demselben war ein herrliches Gemälde aus der spanischen Schule eingelassen: eine blonde Infantin, in steifem Kostüme, gezierter Haltung, das Kinn von breiten Spitzenkrausen umgeben, mit melancholischem Lächeln den Duft einer Rose einatmend. Wertvolle Broncen an den Wänden und ein vlämischer Lüster, der von der Kassettendecke herabhing, vervollständigten das einfache und reiche Mobiliar. Claire, gleichgültig gegen ihre Umgebung, war in Nachdenken versunken. In fieberhafter Hast hatte sie diese Verbindung eingegangen, einzig von dem glühenden Wunsche beseelt, sich in den Augen der Welt von der Beleidigung zu reinigen, welche ihr der Herzog zugefügt. Ueber ihre Lage nach der Heirat hatte sie sich stets Illusionen hingegeben, und nun befand sie sich mit einemmal der brutalen Wirklichkeit gegenüber. Der Gedanke an das Sinnliche der Ehe überkam sie plötzlich beim Anblick dieses Zimmers, das sie von nun an mit ihrem Manne teilen sollte, der im Grunde doch fast ein Fremder für sie war. Ihr jungfräuliches Gefühl empörte sich bei dieser Erwägung und sie wurde von einem Grauen vor Philipp und vor sich selbst erfaßt. Sie fand, daß es von ihrer Seite unsinnig gewesen, an eine solche Verbindung zu denken, und daß er hinwieder unwürdig gehandelt, indem er sich dazu hergegeben. Verzweifelte Gedanken durchzuckten wild ihr Gehirn. Sie trat ans Fenster und öffnete es und die Frische der Nacht gab ihr wieder etwas Ruhe. Der Mond war hinter den Wolken vorgetreten und beleuchtete die hohen Bäume des Parkes, seine Scheibe spiegelte sich im Teiche wider und alles umher lag ruhig und still da. Claire fragte sich, ob es nicht besser wäre, in dieser reinen und tiefen Ruhe auf immer zu verschwinden, statt gegen die schimpflichen Widerwärtigkeiten des Lebens anzukämpfen, ja einen Moment dachte sie daran, hinabzusteigen an den Rand dieses stillen, glänzenden Wassers und wie die bleiche Verlobte Hamlets in der unbefleckten Jungfräulichkeit ihrer einzigen Liebe, demselben ihr Schicksal anzuvertrauen. Doch die Sorge um die Meinung der Welt, der Gedanke daran, was man darüber sagen würde, der schon einmal einen so traurigen Einfluß auf ihre Entschließungen gehabt, hielt sie von der verzweifelten That zurück. Sie lächelte bitter bei dem Gedanken, daß Athénais verbreiten könnte, sie hätte sich aus Liebe zu dem Herzog getötet und sie fühlte einen tiefen Widerwillen gegen das Aufsehen, den dieses romantische Ende in der Umgebung verursachen müßte. Schließlich wollte sie auch die Ihrigen nicht so tief betrüben und ihnen das Entsetzliche dieses erniedrigenden Selbstmordes aufbürden. Noch einen letzten Freundesblick sendete sie den schlafenden, leuchtenden Gewässern zu, schloß dann das Fenster und kehrte an den Kamin zurück. Es war geschehen, sie begriff es voll und ganz, und sie gehörte sich nicht mehr an. Sie mußte weiter leben, gefesselt an einen Mann, der, mit seinem Rechte bewaffnet, in wenigen Minuten zu ihr kommen und sagen konnte: »ich will«, zu ihr, die bis heute stets frei gewesen, die selbst immer Gehorsam gefunden. Sie empfand Furcht und Zorn zugleich, ihr Stolz empörte sich gegen diese ihr auferlegte Unterwerfung, sie beschloß, sich nicht zu ergeben und sann auf Mittel, wie sie von ihrem Manne die Freiheit wieder erlangen könnte. Sie fing an, sich eine Art Eheverhältnis auszumalen, wobei beide Gatten das Recht hätten, frei über ihr Leben verfügen zu können. Ob Philipp ihr die Treue bewahre, darum wollte sie sich nicht kümmern, wenn er nur ergeben und ehrerbietig bliebe. Er sollte thun dürfen, was ihm beliebe, aber dafür müsse auch er sie frei schalten und walten lassen. Und würde es denn so schwer halten, von dem Hüttenbesitzer, der ohne Zweifel von ehrgeizigen Ideen beseelt war, zu erlangen, daß er etwas nachsichtig gegen eine Frau sei, die ihm ein so bedeutendes Vermögen ins Haus bringe und ihm den mächtigen Einfluß ihrer Familie zur Verfügung stelle. Er liebte sie zwar, das hatte sie wohl herausgefühlt, aber mit dem Despotismus einer Frau, die gewohnt ist, alles unter ihre Laune zu beugen, schob sie diese ihr unbequeme Liebe beiseite und war entschlossen, wenn Philipp sich anspruchsvoll zeigen sollte, ihm kühn die Stirne zu bieten. Mit ihrer Energie und ihrem Stolze fühlte sie sich wohl imstande, für ihren Willen zu kämpfen und denselben durchzusetzen. Sie zweifelte keinen Augenblick, jeden, selbst den ernstesten Widerstand besiegen zu können, und dachte in ihrem unversöhnlichen Egoismus kein einzigesmal an den Schmerz, den sie dem Manne, der sie anbetete, zufügen mußte. Ein Geräusch von Schritten im Nebenzimmer machte sie plötzlich erbeben und alles Blut stieg ihr zu Gesicht. Unfähig, sitzen zu bleiben, stand sie auf, und sich fröstelnd an die hohe Kaminplatte lehnend, murmelte sie: »Er ist's!« Nachdem Philipp sich von seinen Verwandten und Freunden verabschiedet und einer nach dem andern sich entfernt hatte, war er allein zurückgeblieben und fast unwillkürlich schritt er nach seinem Kabinette. Das Zimmer, das er von nun an mit seiner jungen Frau bewohnen sollte, war das ehemalige Schlafgemach seiner Eltern. In wonniger Erregung dachte er, daß in nächster Nähe, bloß durch einige Thüren getrennt, die von ihm vergötterte Frau, in ihrem weißen Brautkleid«, vielleicht noch bewegter als er selbst, sein Kommen erwartete. Gar oft hatte er mit bebendem Entzücken an die himmlische Stunde gedacht, die das schöne junge Mädchen in seine Arme führen sollte, aber zu seinem Erstaunen fand er nun seine Sinne eingeschlafen; kein Begehren bewegte seine Brust. Er war ernst, nachdenklich und tief gerührt. Zu seiner Liebe zu Claire war noch eine Art väterlicher Zärtlichkeit, wie er sie einst für seine kleine, verwaiste Schwester empfunden, hinzugekommen, und er fühlte sich berufen, das schwache, verwundete Herz seiner Neuvermählten zu heilen. Im stillen dankte er der Vorsehung, die ihm den Besitz des heißbegehrten Weibes gewährt hatte, und er gelobte sich, dieser Gunst würdig zu bleiben, indem er das Glück Claires zu seiner Lebensaufgabe machen wollte. So seinen Träumen nachhängend überraschte er sich eine halbe Stunde nach dem Fortgehen der letzten Gäste auf seinem Zimmer, in einem Fauteuil sitzend. Er mußte lachen und kam sich ein wenig einfältig vor. Alsdann erhob er sich rasch und eilte in sein Toilettenkabinett. Als er in dem großen Spiegel seines Schrankes seine hohe Gestalt noch in Hochzeitstoilette erblickte, dachte er, daß es höchst lächerlich sein müßte, sich im schwarzen Frack und weißer Krawatte seiner Neuvermählten vorzustellen, und er kleidete sich rasch in einen dunkelblauen Morgenanzug. Mit hochklopfendem Herzen, von unaussprechlicher Erregung erfaßt, ging er hierauf nach Claires Zimmer, und nachdem er den kleinen Salon durchschritten, klopfte er mit leichtem Finger an die Thür, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. Da er indes glaubte, seine Anwesenheit genügend angekündigt zu haben, trat er ein. Claire, noch in ihrem Hochzeitskleide, stand, den Ellbogen auf den hohen Kamin gestützt, stumm und ernst da, sah den Eintretenden nicht an, sondern neigte bloß leicht den Kopf, und Philipp konnte die dichten Flechten ihres blonden Haares auf ihrem weißen Nacken schimmern sehen. Er schritt langsam vorwärts. »Wollen Sie mir erlauben, mich Ihnen zu nähern?« fragte er beklommen. Claire machte mit der Hand eine Gebärde der Einwilligung. Diese Erlaubnis benützend, ging er bis zur Chaiselongue, ließ sich fast zu den Füßen seiner jungen Frau nieder und blickte sie aufmerksam an. Ihre krampfhaft zusammengezogenen, harten Gesichtszüge überraschten ihn. Er kannte diesen wilden, drohenden Ausdruck, den er in jener entscheidenden Stunde an ihr gesehen hatte, als sie dem Herzog gegenüber gestanden. Es beunruhigte ihn, Claire so in sich selbst zurückgezogen und gleichsam kampfbereit zu finden. Die Absichten der jungen Frau konnte er zwar nicht erraten, aber instinktiv ahnte er einen geheimen Widerstand. Er wollte endlich in dies hartnäckig verschlossene Herz eindringen, den Schlüssel zur Lösung des Rätsels finden, und ebenso aufgeregt als er einen Augenblick zuvor gewesen, so kalt und ruhig wurde er nun. Diese sichtliche Veränderung in Philipps Gemüt beunruhigte Claire in hohem Grade. Einen aufgeregten, widerstrebenden Gemahl hätte sie leicht zu besiegen vermocht, aber indem sie durch ihren abstoßenden Empfang einen leisen Argwohn in Philipp erregt hatte, gab sie ihm zugleich seinen ganzen Scharfsinn, um erraten, und seine volle Energie, um kämpfen zu können, wieder. »Zum erstenmal sind wir allein,« begann Philipp mit leiser Stimme, »und ich habe so unendlich viel auf dem Herzen, das ich Ihnen sagen möchte. Bis heute habe ich nicht zu sprechen gewagt ... Ich hätte meine Gefühle schlecht ausgedrückt ... Fast mein ganzes Leben ist unter Mühe und Arbeit verflossen ... Ich muß Sie deshalb bitten, nachsichtig zu sein ... Das, was ich empfinde, glauben Sie es wohl, ist viel mehr wert, als was ich zu sagen vermag ... Wie oft sahen Sie, daß ich mich Ihnen näherte, einige Worte stammelte und alsbald wieder in Schweigen verfiel. Ich fürchtete, in Ihren Augen zu kühn oder zu schüchtern zu erscheinen, und diese Furcht lähmte mich. Sodann begnügte ich mich, Ihnen zuzuhören, und Ihre Stimme klang meinem Ohr süß wie Musik. Ich verlor mich in Ihren Anblick und vergaß alles, durften meine Augen nur Ihrer Gestalt folgen, wenn Sie an einem sonnigen Tage auf der Terrasse lustwandelten. So sind Sie tief in meine Seele eingedrungen und ich betete Sie an, Sie wurden mein einziger Gedanke, meine Hoffnung, mein Leben. Beurteilen Sie nun meine Glückseligkeit, nun, da ich Sie hier sehe, mir so nahe, so ganz mein! ...« Und Claires Hand in die seine fassend, preßte er dieselbe leidenschaftlich an seine glühend heiße Stirne. Die junge Frau zog ihre Hand rasch zurück. »Um des Himmels willen, mein Herr,« murmelte sie erschreckt. Philipp erhob rasch den Kopf und indem er Claire voll Ueberraschung ansah, fragte er: »Was haben Sie? Sollte ich so unglücklich sein, daß meine Worte Ihnen mißfallen?« »Sagen Sie mir dieselben nicht in diesem Augenblicke,« antwortete Claire sanft ... »Ich bitte Sie darum ... Sie sehen, meine Verwirrung ist zu groß.« Philipp war gerührt von dem schmerzlichen Tone dieser Antwort und, traurig den Kopf schüttelnd, bemerkte er: »Jawohl, Sie sind bleich, zitternd ... Bin ich etwa schuld daran?« Claire wendete sich ab, um zwei Thränen zu verbergen, die langsam über ihre Wangen rollten, und erwiderte mit unsicherer Stimme: »Ja.« »Beruhigen Sie sich, ich beschwöre Sie,« fing Philipp wieder an. »Fühlen Sie denn nicht, daß es mein einziger Wunsch ist, Ihnen nur nicht zu mißfallen? Was soll ich thun? Fordern Sie. Alles wird mir leicht werden. Ich liebe Sie so sehr!« Die junge Frau erbebte vor Freude, denn ein Hoffnungsschimmer leuchtete in der Dunkelheit auf, in der sie sich bewegte. Die leidenschaftliche Liebe ihres Gatten ließ sie erkennen, welch unbeschränkte Gewalt sie über ihn besitze, und ohne Mitleid beschloß sie, dieselbe zu mißbrauchen und Philipp zum erstenmal mit feinem koketten Lächeln anblickend, sagte sie: »Wenn Sie mich lieben so ...« Sie vollendete nicht, machte aber dabei eine so gebietende Gebärde, daß Philipp sie sehr wohl verstand. »Wünschen Sie, daß ich Sie allein lasse?« sagte er ergeben. »Ist dies die Probe, welche meine Liebe bestehen soll? Ich werde mich darein fügen, wenn es Ihr Wille ist.« Claire atmete erleichtert auf. Sie fühlte sich unumschränkte Herrin dieses Mannes, der ihr noch soeben einen so großen Schrecken eingejagt. In einem Augenblicke veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichtes und sie zeigte Philipp eine strahlende Stirn. »Jawohl,« erwiderte sie, »ich werde Ihnen dafür Dank wissen. Die Aufregungen dieses Tages haben mich angegriffen und ich bedarf der Ruhe und Sammlung. Morgen, später einmal, wenn ich meiner Gefühle mehr Herrin, meiner selbst sicherer bin, werde ich Ihnen erklären ...« Philipp schwieg einen Moment. In Claires Antwort schienen ihm einige Worte falsch zu klingen; dieses verlegene Aufschiebenwollen war ihm verdächtig. Es lag hier offenbar noch ein Geheimnis vor, das er ans Licht bringen mußte. »Was könnten Sie mir morgen, was später sagen, das ich nicht auch heute schon hören dürfte?« entgegnete er. »Ist mein Leben und das Ihrige von nun an nicht unzertrennlich? Unser Lebenspfad ist uns bestimmt vorgezeichnet. An Ihnen ist es, vertrauensvoll und aufrichtig, an mir, ergeben und geduldig zu sein. Ich bin dazu bereit, ich schwöre es Ihnen. Hegen Sie die gleichen Gesinnungen?« Philipp hatte, während er seiner Frau voll ins Gesicht blickte, klar und bestimmt gesprochen. Diese fürchtete, zu rasch vorgegangen zu sein und wollte sich zurückziehen. »Lassen Sie mich Ihnen sagen,« erwiderte sie ausweichend, »daß das Vertrauen sich nicht in einem Momente gewinnen läßt. Seit zwei Stunden erst bin ich verheiratet. Mein Leben, ach, ist nicht von gestern. Dieses Leben, wie glücklich machte man es mir! Ich hatte das Recht, zu denken wie ich wollte, konnte nach Belieben schweigen und war nie gezwungen, zu lügen. Meine Leiden, und ich hatte deren genug, Sie wissen es, wurden erraten. Man begriff, daß die Erinnerung nicht augenblicklich erlöschen könne. Ich wurde sehr verwöhnt ... Man forderte nie ein Lächeln von mir, wenn mein Herz traurig war ... Wenn ich an Ihrer Seite mich darein fügen muß, meinen Schmerz zu verhehlen, so lassen Sie mir wenigstens Zeit, mich an diesen Zwang zu gewöhnen.« Claire hatte mit ungemeiner Geschicklichkeit die Frage umgangen, um sich die Antwort zu ersparen. Sie stellte sich als Opfer hin und Philipp konnte, ohne grausam zu erscheinen, nicht weiter in sie dringen, das fühlte er. »Ich bitte Sie, kein Wort weiter,« rief er aus, um diesem Opfer vorzubeugen. »Sie thun mir Unrecht ... Sie werden nie, niemals einen treueren und ergebeneren Freund finden, als mich. Indem ich Sie heiratete, übernahm ich einen Teil Ihres Kummers und damit die Verpflichtung, Sie denselben vergessen zu machen. Vertrauen Sie sich mir an, ich bin verantwortlich für Ihr Glück. Wenn die Vergangenheit Sie getäuscht, so hoffen Sie alles von der Zukunft. Fern ist mir der Gedanke, Ihnen meine Liebe aufnötigen zu wollen; was ich fordere, ist bloß, mich versuchen zu lassen, durch meine Liebe und Sorgfalt, sie mir zu erringen. Dies ist mein ganzer Ehrgeiz. Und da Sie nun Ruhe und Einsamkeit wünschen, bleiben Sie allein, frei und sicher, wie Sie es gestern waren. Ich ziehe mich zurück, denn das ist es doch, was Sie wünschen, nicht wahr? Ihr Wille geschehe!« Die junge Frau wurde bei diesen Worten unruhig. Der Hüttenbesitzer zeigte sich so stolz und so groß, daß ihre im voraus aufgestellten Berechnungen kläglich zu scheitern drohten. Indem Philipp ihren Wünschen mit unerwarteter Güte zuvorkam, wie konnte sie es durchsetzen, von ihm getrennt zu leben? Er betete sie an und wollte sich bemühen, ihre Liebe zu gewinnen. Wie konnte sie, ohne ungerecht und grausam zu sein, einen so edlen und großmütigen Mann für immer zurückweisen? Die Güte und Zärtlichkeit ihres Gatten mußten ihr am nächsten Tage jeden Widerstand unmöglich machen, wenn sie nicht geradezu brutal erscheinen wollte. Sie begriff die ihr drohende Gefahr und gedachte ihr zu entgehen, indem sie entschlossen ein- für allemal jedes Band lösen wollte, das sie an ihren Mann knüpfte. Als dieser sah, daß Claire unerschütterlich und schweigsam blieb, näherte er sich ihr, neigte den Kopf und sein Mund berührte die weiße Stirn der jungen Frau. »Auf morgen,« sagte er. Doch als Philipp den Duft dieses blonden Haares einsog, als seine Lippen das geliebte Wesen berührten, wurde er von plötzlicher Trunkenheit erfaßt. Er verlor die Herrschaft über sein Selbst, und sein Versprechen vergessend, dachte er nicht mehr an die Empfindlichkeit des gekränkten Herzens, das so nahe an dem seinigen schlug. Er sah nur eine heißgeliebte Frau, die ihm angehörte, und in einer unwiderstehlichen Aufwallung preßte er sie in seine Arme, indem er flüsterte: »Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe!« Claire anfangs vor Ueberraschung wehrlos, wurde totenbleich, bog sich zurück, und ihre Hände gegen die Schultern ihres Gatten stemmend, bemühte sie sich, der ihr verhaßten Umarmung zu entfliehen. »Lassen Sie mich los,« schrie sie zornig. Philipps Arme lösten sich, er wich zurück und sah die junge Frau an, die zitternd, mit vor Angst entstelltem Gesichte vor ihm stand. »Wie,« sagte er mit unsicherer Stimme, »Sie wollen mir nicht einmal das Recht gewähren, Ihre Stirn mit meinen Lippen zu berühren? Sie weisen mich mit Heftigkeit, fast mit Widerwillen zurück! Was geht in Ihnen vor? Das ist nicht bloß mädchenhafte Schüchternheit! ... Das ist Widerwillen! ... Sie hassen mich also? ... Und weshalb? Was habe ich Ihnen gethan? ... Doch wie? Ihre Worte von vorhin kommen mir wieder in den Sinn und ich fürchte, Sie jetzt besser zu verstehen. Nach der Enttäuschung, die Sie erlitten, mag wohl mehr als Bitterkeit in Ihrem Herzen zurückgeblieben sein. Vielleicht Bedauern, vielleicht ...« »Mein Herr!« widersprach Claire. Doch Philipp war zu aufgebracht. Der Zorn ließ das Blut in seine Wangen steigen und erregt hin- und hergehend, fuhr er fort: »Madame, die leeren Reden sind uns jetzt vollkommen unnütz. Die Stunde der offenen Erklärung ist gekommen. Sie flößen mir durch Ihr Benehmen einen Verdacht ein, den Sie aufklären müssen. Eine Frau stößt ihren Mann nicht zurück, ohne einen wichtigen Grund dafür zu haben. Um mich zu behandeln, wie Sie es thun, muß man ...« Philipp hielt inne, seine Stimme stockte, er war bleich geworden und seine Hände zitterten nervös. Er atmete schwer, und indem er sich völlig zu seiner Frau wendete, so daß ihm kein Zug ihres Gesichtes entgehen konnte, fragte er: »Diesen Mann, der Sie auf so unwürdige Weise verlassen, lieben Sie ihn etwa noch? ...« Claire begriff, daß die Gelegenheit zu dem so sehr herbeigewünschten Bruche da sei, doch zauderte sie noch, dieselbe zu ergreifen, denn Philipp in seinem gewaltigen und gerechten Zorn flößte ihr Furcht ein. So stand sie vor ihm, mit zusammengezogenen Brauen, unentschlossen, mit hochklopfendem Herzen, wohl wissend, daß ihr Geschick an einem Faden hänge. Ihr Schweigen brachte Philipp vollends außer sich, und jede Rücksicht vergessend, ergriff er heftig ihren Arm und rief ihr mit flammenden Augen zu: »Haben Sie mich verstanden? Antworten Sie mir! Es muß sein! Ich will es!« Die Hand Philipps auf dem Anne Claires brachte dieselbe Wirkung hervor, wie ein Finger auf den Drücker einer Feuerwaffe; der Schuß ging los. Die stolze junge Frau, beleidigt und empört von dieser Keckheit, sah ihrem Gatten starr ins Gesicht: »Nun gut! und wenn es so wäre?« antwortete sie mit trotziger Unerschrockenheit. Kaum hatte sie jedoch diese Worte ausgesprochen, als sie dieselben auch schon bereute. Der Hüttenbesitzer war furchtbar geworden. Seine hohe Gestalt schien gewachsen zu sein, der Ausdruck seines Gesichtes war entsetzlich, die geballte Faust hielt er drohend erhoben, gleich einem seiner schweren Eisenhämmer. »Unglückliche!« schrie er. Claire wich keinen Schritt zurück. Sie neigte die Stirn und ließ ihre Hände ergeben niederfallen wie eine Märtyrerin, die bereit ist den Todesstoß zu empfangen. Philipp sah sie an, stieß einen Seufzer aus und taumelte zurück, indem er wütend seine rechte Faust in die linke preßte, als ob er sie zerbrechen wollte zur Strafe, daß sie sich drohend über dem Haupte der geliebten Frau erhoben. In einigen Augenblicken gewann er seine Fassung wieder und sagte mit trauriger Stimme: »Ermessen Sie wohl die Bedeutung Ihrer Worte! ... Das, was Sie mir eben gesagt haben, kann doch nicht wahr sein! ... Es ist unmöglich! Ich träume, oder Sie wollten mich bloß auf die Probe stellen. So ist es, nicht wahr? O, fürchten Sie nicht, es mir zu gestehen, ich verzeihe Ihnen im voraus, obwohl Sie mir sehr weh gethan. ... Man soll ein Herz, wie das meinige, nicht mißbrauchen, Sie werden es eines Tages erfahren. ... Es ist ein grausames Spiel. ...« Er bemühte sich, zu lächeln, doch seine Lippen waren krampfhaft zusammengepreßt. Claire blieb finster und fühllos, indem sie einen passiven Widerstand leistete gleich einem schweren Steinblock. »So antworten Sie doch!« bat Philipp. »Sagen Sie mir ein Wort! Sie schweigen? ... Es ist also wahr?« Sie erwiderte kein Wort, sich still dem selbstgewollten Geschick überlassend. Zwar hatte sie eine unbestimmte Ahnung, daß sie ein Verbrechen begehe, aber in ihrem unversöhnlichen Stolz war sie fest entschlossen, bis ans Ziel zu gehen. Philipp trat fast betäubt ans Fenster und seine brennende Stirn an die kühle Glasscheibe stützend, suchte er seine Kaltblütigkeit wieder zu gewinnen. Er begriff, daß die Erklärung, die er von seiner Frau verlangte, erst kommen sollte, und er wollte doch sehen, wie weit Claire in ihrem Trotz gehen würde. Er kam zu ihr zurück. »So, also das Herz erfüllt von dem Bilde eines andern haben Sie eingewilligt, mich zu heiraten?« sagte er. »Trotz der Nichtswürdigkeit seines Benehmens, trotz dem Schimpfe, den er Ihnen angethan, lieben Sie ihn noch! Und Sie wagen es, mir dies zu gestehen! Sie versprachen, mir eine treue und ergebene Frau sein zu wollen. So halten Sie nun Ihr Wort! Und ohne zu erröten, legten Sie Ihre Hand in die meine! Bis zu welchem Grade moralischer Verkommenheit müssen Sie gesunken sein!« »Ich verteidige mich nicht,« erwiderte Claire; »ist es großmütig, mich so leiden zu lassen?« »Sie leiden?« rief Philipp. »Und ich, ich leide also nicht? Ich, der ich Sie von ganzer Seele liebe; ich, der um Ihnen zu gefallen, zu allem bereit war und der als Lohn dafür nur ein wenig Hingebung und Zuneigung forderte. Um Ihrem verletzten Stolze Genugthuung zu bieten, damit die Welt die Kränkung nicht ahne, welche Sie erlitten, haben Sie mich kalt geopfert, indem Sie auf mein Vertrauen spekulierten und vielleicht über meine Blindheit lachten. Wissen Sie denn nicht, welch eine entsetzliche Handlung Sie damit begangen haben?« »Oh, haben Sie denn nicht gesehen, daß seit zwei Wochen mein Geist wie aus seinen Fugen gerückt ist,« schrie Claire ihre Zurückhaltung aufgebend. »Begreifen Sie denn nicht, daß ich mich in einem Zirkel bewege, aus dem ich keinen Ausweg finde? Ein unwiderstehliches Verhängnis riß mich zu dem hin, was ich gethan. Ich muß Ihnen als ein verächtliches Geschöpf erscheinen und doch werden Sie mich nie so hart beurteilen, als ich es selbst thue. Ich habe Ihren Zorn und Ihre Verachtung verdient. Aber hören Sie, nehmen Sie alles, was ich besitze, ausgenommen mein Selbst. Mein Vermögen soll Ihnen gehören. ... Möge es das Lösegeld für meine Freiheit sein! ...« »Ihr Vermögen? Das bieten Sie mir? ... Mir ...« rief Philipp bitter lachend aus. Er war auf dem Punkte, zu sprechen und sie von ihrem Ruin in Kenntnis zu setzen, den er ihr mit soviel Zartgefühl und Sorgfalt verheimlicht hatte. Welche Rache konnte er damit an dieser hochfahrenden, stolzen Claire nehmen! Und wie sicher würde sie treffen, wie rasch und wie grausam! Doch sogleich stieß er diesen Gedanken, der ihm seiner unwürdig schien, weit von sich. Und vollständig beruhigt durch die tiefe Befriedigung, die er empfand, sich moralisch um soviel höher zu wissen, als die junge Frau, vermochte er, sie ohne Zorn anzublicken. »Wirklich,« fuhr er kalt fort, »halten Sie mich demnach für einen Mann, der sich verkauft? Indem ich Sie heiratete, machte ich nach Ihrer Ansicht bloß eine Spekulation? Sie irren sich, Madame; Sie glauben noch den Herzog von Bligny vor sich zu haben.« Der Stoß traf Claire unmittelbar und sie zuckte zusammen, als hätte man mit der Beleidigung des Herzogs sie selbst beleidigt. »Mein Herr!« schrie sie, indem sie Philipp einen vernichtenden Blick zuwarf. Doch sogleich besann sie sich und, wie beschämt, schwieg sie. »Nun, wohlan denn! Warum schweigen Sie?« versetzte der Hüttenbesitzer mit Bitterkeit. »Verteidigen Sie ihn doch! Es ist das wenigste, was Sie für ihn thun können. ... Sie sind ja durchaus imstande, ihn würdigen zu können, denn Ihr Betragen gleicht vollständig dem seinigen. ... Berechnung und Arglist, das ist Ihre Richtschnur, nicht wahr? Oh, nun sehe ich mit einemmal ganz klar. Sie wünschten zu Ihrem Gatten einen Mann, der von Ihnen abhängig sein sollte, und darum wählten Sie einen, der sehr verliebt und sehr vertrauensvoll war. Eine Verbindung mit mir war wohl eine Mesalliance, doch meine Fügsamkeit sollte Sie für die Niedrigkeit meiner Geburt entschädigen. Wenn ich zufällig je daran denken sollte, mich zu empören und meine Rechte geltend zu machen, nun – dann hatte man etwas, um mir den Mund zu stopfen ... einen Sack voll Thaler! Und wirklich, was könnte ich auch sagen? Bin ich doch der Gemahl einer so vornehmen und reichen Frau! Ich ein so alltäglicher, geldgieriger Mensch! Das war es, was Sie sich ausgedacht haben. Und wann haben Sie mir dies gestanden? Wie es die Ehre sicherlich verlangt hätte, eine Stunde vor der Trauung? ... Zeitig genug, um meine Freiheit noch bewahren zu können? ... Nein! Sie lassen mich dies alles erst wissen, jetzt, da ich nicht mehr zurück kann, jetzt, wo alles beendigt, besiegelt, unwiderruflich geworden ist, wo ich ganz sicher Ihr Geprellter bin, wo Sie nicht mehr zu befürchten haben, daß ich Ihnen entschlüpfe! Und ich blinder Thor sah die Falle nicht, ahnte nicht diese pikante Intrigue! Ich, der eben noch mit hochklopfendem Herzen, bebend, hierher kam, um meine Liebeserklärung zu machen! War ich nicht mehr als unsinnig, mehr als lächerlich? War ich nicht cynisch und gemein? Denn schließlich, ich habe doch Ihr Vermögen, nicht wahr? Ich bin bezahlt, habe kein Recht, mich zu beklagen.« Und Philipp in ein entsetzliches Lachen ausbrechend, fiel auf das Sofa nieder und verbarg das Gesicht in seine krampfhaft gerungenen Hände. Claire hatte, ohne zu widersprechen, diesen schrecklichen Ausbruch angehört. Sie war mehr beleidigt von den Vorwürfen ihres Gatten, als gerührt von seinem Schmerze. Sie hatte sich außerhalb des Rechtes gestellt und die Wahrheit erzürnte sie, ohne sie zu erleuchten. Sie hörte nicht auf den Schmerzensschrei ihres Mannes, sie vernahm nur die Ironie seiner Worte. »Mein Herr,« sagte sie hoheitsvoll, »machen wir ein Ende, ersparen Sie mir diese unnützen Spöttereien.« Philipp erhob lebhaft das Haupt und zeigte der jungen Frau ein von Thränen benetztes Antlitz. »Ich spotte nicht,« erwiderte er, »ich weine, weine über meine getäuschten Hoffnungen, über mein verlornes Lebensglück. Doch genug der Schwäche. Sie wollten mir noch soeben Ihre Freiheit abkaufen. Nun, ich gebe sie Ihnen umsonst zurück. Seien Sie versichert, daß ich Sie niemals stören werde. Zwischen uns ist jedes Band gelöst und keine Gemeinschaft soll fortan zwischen uns bestehen. Eine öffentliche Trennung würde aber einen Skandal verursachen, den zu erleiden ich nicht verdiene, und ich ersuche Sie, mir denselben zu ersparen. Wir werden nebeneinander, aber ohne einander leben. Da ich jedoch keinerlei Mißverständnis zwischen uns lassen will, so merken Sie wohl, was ich Ihnen sage. Sie werden eines Tages die Wahrheit erfahren und wissen, daß Sie gegen mich noch mehr ungerecht als grausam waren, und dann wird Ihnen vielleicht der Gedanke kommen, Ihre heutige Handlung wieder gut machen zu wollen. Ich erkläre Ihnen jedoch, daß von heute ab dies vollkommen vergeblich sein wird. Ich könnte Sie zu meinen Füßen liegen und um Verzeihung flehen sehen und würde kein Wort des Mitleids für Sie haben. Gegen Ihren Zorn hätte ich nachsichtig sein können, doch Ihren Egoismus und Ihre Herzensarmut zu vergessen, wird mir unmöglich sein. Adieu, Madame, wir werden leben, wie Sie es gewollt. Hier ist Ihr Gemach, dort das meine. Von heute ab hören Sie auf, für mich zu existieren.« Claire neigte, ohne ein Wort zu sprechen, den Kopf als Zeichen des Einverständnisses. Mit gepreßtem Herzen warf Philipp einen letzten Blick auf die junge Frau, irgend einen Zufall, eine Umkehr, eine Ohnmacht erhoffend, welche sie ihm wiedergeben konnte in dem Momente, da er sie für immer zu verlieren glaubte. Doch er sah sie frostig und unbewegt dastehen, ihre Augen hatten keinen Blick, ihre Lippen kein einziges Wort für ihn. Er durchschritt das Zimmer, öffnete langsam die Thür und schloß sie widerstrebend, hielt nochmals an, ob nicht vielleicht ein Schrei, ein Schluchzen, ein Seufzer nur, ihm, dem Gekränkten und Beleidigten zum Vorwand dienen könne, um als erster zurückzukehren und seine Verzeihung anzubieten, so lange es noch Zeit war. Er vernahm nichts. Alsdann sich zur Thür wendend, hinter der die unversöhnliche Frau allein geblieben war, murmelte er: »Hochmütiges Geschöpf, das sich nicht beugen will, ich werde dich brechen!« Und auf demselben Wege, den er eine Stunde früher so hoffnungsvoll durchschritten, kehrte er in sein Junggesellenzimmer zurück. Zwölftes Kapitel Das Licht der Lampe war trüber geworden, das Feuer im Kamin völlig erloschen und das weite Schlafgemach lag im Halbdunkel. Claire, wie festgebannt auf demselben Platze, stand noch immer an den Kamin gelehnt und suchte vergeblich ihre Gedanken zu sammeln. Sie war als Siegerin aus dem Kampfe hervorgegangen und fühlte sich dennoch gebrochen, als wäre sie besiegt worden. Eine niederdrückende Erstarrung überwältigte sie und der Kopf schien ihr so schwer, daß sie ihn mit der Hand stützen mußte. In den Ohren hatte sie ein Brausen, das sie betäubte, und vor ihren Augen schien alles sich mit furchtbarer Geschwindigkeit zu drehen. Kalte Schweißtropfen perlten auf ihrer Stirn und unter entsetzlichen Leiden fühlend, daß sie ohnmächtig werde, besaß sie doch weder die Kraft, sich zu bewegen, noch den Willen, um nach Hilfe zu rufen. Sie sank auf die Chaiselongue nieder, mußte sich jedoch sogleich wieder erheben, denn heftige Schmerzen fingen an, die Muskeln ihrer Beine zusammenzuziehen, und sie vermochte nicht mehr, sich ruhig zu halten. Sie war gezwungen, im Zimmer auf- und abzuschreiten, trotz der Schwere ihres Kopfes, der ihr hohl und wie geschwollen vorkam. Oberhalb ihres linken Auges empfand sie einen stechenden Schmerz, als hätte man einen Nagel in ihre Stirne eingebohrt und ein schreckliches Fieber ließ ihre Pulsadern rascher schlagen. Und mitten in ihren körperlichen Qualen waren es immer die gleichen, unerträglichen, peinigenden Gedanken, welche ihr Hirn marterten, wachend war sie die Beute einer Art von Alpdrücken. Und so ging sie, unzusammenhängende Worte, von schrecklichem Zähnegeklapper unterbrochen, stammelnd und vor Weh laut ächzend, in dem Gemache umher. Während zwei Stunden litt sie in dieser Weise fürchterlich, und in ihrem Eigensinne wollte sie trotzdem noch immer nicht um Hilfe rufen, da sie sich einbildete, wenn sie nur die Thür öffnete, könnte ihr Mann glauben, sie wolle um Verzeihung bitten, worauf er sofort zu ihr zurückkehren würde. Doch im Vertrauen auf seine ehrenhafte Gesinnung hatte sie nicht einmal den Schlüssel umgedreht oder den Riegel vorgeschoben. Es wäre auch eine traurige Eroberung gewesen, die er hier hätte machen können und die ihn mit Entsetzen erfüllt hätte, denn in der kurzen Zeit hatte sie sich unter dem Einflusse des sie verzehrenden Fiebers so sehr verändert, daß das einzige Gefühl, welches sie nun einzuflößen vermochte, das des Mitleids gewesen wäre. Der erste Schimmer der Morgendämmerung fand sie totenblaß, mit erloschenen Augen sich noch immer im Zimmer hin- und herschleppend. Endlich konnte sie nicht weiter. Einen Augenblick sah sie nach dem Himmel, der sich rosig zu färben begann. Sie wollte das Fenster öffnen, hoffend, daß die reine Morgenluft sie erfrischen und beruhigen werde, doch vermochte ihre zitternde Hand nicht, den Riegel wegzuschieben und mit einem halberstickten Schrei fiel sie ohnmächtig auf den Teppich nieder. Gegen neun Uhr morgens, als Brigitte sich mit leisem Schritte der Thür näherte, um zu horchen, ob ihre Herrin noch schlafe, vernahm sie ein leises Stöhnen. Die treue Dienerin zögerte nicht und trat sofort ein. Claire lag, mit unverständlicher Stimme laut sprechend, regungslos auf demselben Platze, wo sie vor mehreren Stunden hingesunken war. Ihr Gesicht war rot und ihre Füße eiskalt. Brigitte, ohne sich erst zu fragen, wie es komme, daß Frau Derblay sich in einer solchen Lage befinde, hatte im Handumdrehen sie wie eine Feder aufgehoben, ausgekleidet und wie ein Kind ins Bett gelegt. Da sie nun ihre Herrin durch die Empfindung des Wohlbehagens, welches ihr die Frische der Betttücher verursachte, ein wenig beruhigt sah, lief sie rasch fort, um Philipp zu benachrichtigen. Dieser war eben im Ankleiden begriffen. Mit einem raschen Blicke gewahrte Brigitte das offene Bett, las Kummer und Betrübnis auf dem Gesichte ihres Herrn, und als sie in der Nähe des Kopfkissens ein von Thränen feuchtes Taschentuch bemerkte, schüttelte sie traurig den Kopf. »Ah, Herr Derblay,« sagte sie, »welches Unglück: Sie haben geweint und sie ...« Philipp zitterte und wurde erdfahl. Der Gedanke überkam ihn plötzlich, daß Claire eine verzweifelte That begangen haben könnte und tot sei. »Nun?« unterbrach er sie mit einer Gebärde des Entsetzens. Brigitte erriet seine Gedanken. »Nein,« antwortete sie, »aber – – so krank! ...« Philipp hörte kein Wort weiter. Ohne sich Zeit zu nehmen, seine Toilette zu vollenden, lief er wie ein Rasender nach Claires Zimmer. Auf dem Teppich lagen die zerknüllten Unterröcke, das weiße Kleid, die ausgeschnittenen Schuhe und das parfümierte Atlasmieder in bunter Unordnung hingeworfen. Mit purpurrotem Antlitz, halbgeschlossenen Lidern, unter welchen die Augen unheimlich funkelten, ruhte Claire in dem großen Himmelbette und ernst, mit emporgehobenen Lanzen, schienen die Ritter auf den Tapeten Wache um sie zu halten. Philipp durfte sich nun ungehindert nahen, denn Claire erkannte ihn nicht mehr. Sie lächelte mild und ihre entfärbten Lippen ließen ihre weißen Zähne sehen. Er ergriff ihre Hand und fand sie glühend heiß. Eine tiefe Betäubung war der ununterbrochenen Aufregung dieser ruhelosen Nacht gefolgt. Philipp war entsetzt, er schickte sofort einen Wagen nach Besançon, um den besten Arzt von dort zu holen und ließ zu gleicher Zeit die Marquise von dem Unfall benachrichtigen. Hierauf nahm er zu Häupten des Bettes Platz, in trostlose Gedanken versunken. Sollte sie nun sterben und alles für immer zu Ende sein? Sie lag jetzt unbeweglich, die Augen weit offen und schielend. Ein schmerzlicher Krampf schien ihre Blicke zu zwingen, sich zu kreuzen. Sie zog die Augenbrauen zusammen und fuhr ächzend von Zeit zu Zeit mit der Hand nach dem Genick. Sie litt fürchterlich, das konnte man deutlich sehen und das Delirium bemächtigte sich ihrer von Minute zu Minute mehr und mehr. Alle Rachegedanken des gekränkten Gatten schwanden vor diesem traurigen Anblicke in nichts dahin. Zum erstenmal in seinem Leben abergläubisch, vermeinte Philipp in einem glücklichen Ausgange der Krankheit Claires ein Vorzeichen erblicken zu dürfen, daß beide noch glücklich werden würden. Von nun an hatte er nur noch den einen Gedanken: Claires Leben zu retten. Er war noch immer wahnsinnig in sie verliebt, trotz der Qualen, welche sie ihm auferlegte, oder vielleicht gerade deshalb ... So verflossen ihm zwei der schrecklichsten Stunden seines Lebens, welches doch schon von mancherlei Prüfungen heimgesucht worden. Die Ankunft der Marquise und Octaves war eine unaussprechliche Erleichterung für ihn, da er sich dadurch eines Teiles seiner Verantwortlichkeit enthoben fühlte. Die Marquise, obwohl tief betroffen und schmerzlich erregt, verhielt sich glücklicherweise ganz ruhig; sie brach nicht in heftiges Schreien aus, vergoß keine Thränenströme und rief nicht alle Mächte des Himmels an. Sie befragte bloß in höchst diskreter Weise ihren Schwiegersohn, ordnete das Nötigste für die erste Pflege der Kranken an und setzte sich, bleich und ernst, an das Lager ihrer Tochter, die ihre Anwesenheit gar nicht zu ahnen schien. Octave, der seine Ungeduld nicht zu bezähmen vermochte, sprengte im schärfsten Galopp dem Doktor entgegen. Gegen Mittag erschien dieser endlich. Es war ein noch junger Mann, ehemaliger Assistent eines Hospitals, mit den Fortschritten der Therapie sehr wohl vertraut und zu einer richtigen Diagnose vollständig befähigt. Es bedurfte indes keines besonderen Scharfblickes, um die Krankheit zu erkennen. Sie verriet sich selbst durch das Delirium, die Schmerzen im Genick und im Kopfe, sowie durch die bilaterale Muskelsteifheit. Der Puls gab hundertundzwanzig Schläge, und das in der Achselhöhle angelegte Thermometer zeigte vierzig Grad, das Fieber war demnach von außerordentlicher Heftigkeit. Der Arzt schüttelte den Kopf und murmelte: »Sehr bedenklich!« Und als die Mutter, der Bruder und der Gatte ihn mit ängstlich fragenden Blicken ansahen, fügte er hinzu: »Gehirnhaut-Entzündung.« Sodann neigte er sich über die weiße Brust Claires, in der ein keuchender Atem schmerzlich pfiff, lauschte lange und sorgsam, und als er sich endlich erhob, sagte er: »Auch eine Störung in der Herzthätigkeit ist bemerkbar, die Folge eines sehr ernsten, nervösen Zustandes ... man muß sofort Eis und Blutegel holen lassen.« Susanne, die auf der Thürschwelle stand, machte Brigitten ein Zeichen und die treue Dienerin entfernte sich eilends. Das gute Kind wartete schon seit zwei Stunden im Salon mit zitterndem Bangen, ein unerklärliches Ereignis befürchtend, hatte jedoch nicht gewagt einzutreten. Nun schlich sie leise zum Bette heran mit verhaltenem Atem, ohne ein Wort zu sprechen, aus Besorgnis, es könnte jemand auf die Idee kommen, sie wegschicken zu wollen. Mit Entsetzen blickte sie auf das gerötete Gesicht und die weißen Lippen Claires. Dabei schien es ihr, als müßte man in dem großen Zimmer ersticken, und ohne zu fragen, bloß geleitet von jenem Instinkte, der aus allen Frauen so bewunderungswürdige Krankenpflegerinnen macht, eilte sie ans Fenster, um es zu öffnen. Der Arzt beobachtete dies mit einem Seitenblicke, lächelte und sagte: »Sehr gut!« Philipp, der seine Schwester gar nicht bemerkt hatte, da die Vorgänge am Krankenbette sein ganzes Denken in Anspruch nahmen, wendete sich nun seiner Schwester zu, und in Thränen ausbrechend, schloß er sie in seine Arme. Seine Nerven waren seit vierundzwanzig Stunden zu sehr angespannt gewesen. Susanne mischte ihre Thränen mit denen ihres Bruders und flüsterte ihm zu: »Geh, sei ruhig, wenn wir beide sie pflegen, kann ihr nichts Uebles widerfahren. Wir werden sie schon retten.« Doch wenn Claire gerettet werden konnte, so durfte es nicht durch Susannens Pflege geschehen und Philipp bat seine Schwester, ihm das große Opfer zu bringen, in das Kloster, wo sie ihre Erziehung genossen, zurückzukehren. Der Hüttenbesitzer fürchtete die Delirien der jungen Frau, denn diese redete unaufhörlich mit erschreckender Lebhaftigkeit und fortwährend trat der Name des Herzogs von Bligny über ihre Lippen. In rasendem Zorne rief sie ihn herbei, überhäufte ihn mit Vorwürfen und enthüllte damit unbewußt die grausame Wunde, welche die Treulosigkeit ihres Verlobten ihrem Herzen geschlagen. Auch Philipp erschien ihr in ihren Hallucinationen, aber stets in drohender Gestalt. Er kam bewaffnet, um sie zu morden, nachdem er den Herzog getötet hatte. Sie sah ihn mit blutbefleckten Händen vor sich und bat ihn, er möge sie mit ihrem Geliebten vereinigen. Mußte Philipp auch diese wahnwitzigen Worte schweigend und ergeben anhören, so wollte er doch nicht, daß Susanne sie vernehme. Er hoffte, daß die schmerzensreiche Gegenwart einst wie ein böser Traum verschwinden würde, und auch kein Schatten einer peinlichen Erinnerung sollte sich dann zwischen seine Schwester und Claire stellen. Unter der Obhut der treuen Brigitte kehrte Susanne noch am selben Tage, bitterlich weinend, aber dem Wunsche ihres Bruders gehorsam, ins Kloster zurück und Philipp blieb allein in seinem Hause, im völligen Besitze seiner geliebten Kranken; denn die Marquise, die vom ersten Augenblicke an erkannte, mit welcher Umsicht und Energie, mit welcher beständigen Aufmerksamkeit ihr Schwiegersohn die Krankheit bekämpfte, ließ ihm völlige Freiheit des Handelns und begnügte sich, ihm bloß mit ihrer Gegenwart beizustehen. Sie verbrachte den ganzen Tag in dem Zimmer ihrer Tochter, und wenn der Abend kam, setzte sich Philipp in einen Fauteuil an das Bett und wachte in dem Halbdunkel einer beiseite gestellten Lampe. Das Delirium hatte noch nicht aufgehört. Der Wahnsinn, der sich des armen, geschwächten Gehirns bemächtigt hatte, fuhr fort, dasselbe zu peinigen und zu quälen. Tage und Nächte vergingen und das Fieber dauerte fort, immer größere Verheerungen anrichtend. Das Gesicht der jungen Frau war furchtbar abgemagert und die hohlen Wangen ließen die Zahnreihen scharf hervortreten. Ihre Schwäche war so groß, daß nur noch ein Gemurmel unverständlicher Worte sich in dem Dunkel der Bettgardinen vernehmen ließ. Nur ein einziger lichter Gedanke bestand noch in Claires Gehirn. Sie wußte, daß, während sie hier krank liege, Athénaïs sich in Paris verheirate, und an demselben Tage zur gleichen Stunde, als ihre Rivalin die mit Blumen bedeckten Stufen der Magdalenenkirche emporstieg, richtete sich Claire in die Höhe und mit einem flüchtigen Schimmer wiederkehrenden Verstandes in den Augen sagte sie mit klarer Stimme: »In diesem Augenblick findet ihre Trauung statt und ich werde sterben!« Die Marquise näherte sich ihrer Tochter, versuchte zu ihr zu sprechen, sie zu täuschen: sie wollte jedoch nichts hören. Das Delirium hatte sie neuerdings erfaßt. Sie verfiel in einen schrecklichen Zustand, rang verzweifelt die Hände, schrie entsetzlich mit ihren vom Fieber verbrannten Lippen und große Schweißtropfen rieselten die schönen, aufgelösten Haare hinab. Der herbeigerufene Arzt konstatierte eine neue Steigerung der Körperwärme. Noch ein Grad mehr und es war zu Ende. Dieser Tag war der fürchterlichste für Philipp, der in Todesangst den Ausgang der Krise erwartete. Er fühlte, daß sich sein Lebensglück in diesen wenigen, aber endlos langen Stunden entscheiden müßte. In seinem von Kummer und Uebermüdung wie zerschlagenen Kopfe drängte sich unaufhörlich ein Gedanke heran, unabweislich wie ein Schicksalsspruch: »Wenn sie am Leben bleibt, so werden wir beide noch glücklich sein.« Er glaubte fest an diese glückverheißende Ahnung und hätte gerne einen Teil seines Lebens hingeben mögen, um das der Sterbenden zu verlängern. Der Abend war gekommen, doch die teilweise Ruhe, welche die Nacht gewöhnlich der Kranken brachte, hatte sich nicht eingestellt. Mit verzogenen Augenbrauen und zusammengepreßten Kinnladen lag die arme Frau da, mit herzzerreißenden Tönen nach dem Herzog rufend. Philipp hatte sich erhoben und sich über die Kranke gebeugt, in der Meinung, daß sie ihn nicht sehe. Da öffneten sich plötzlich ihre Augen und richteten sich voll Entsetzen auf ihn. Sie machte eine Anstrengung, die Arme zu erheben, und sagte mit matter Stimme: »Sie haben ihn umgebracht; warum zögern Sie, mich auch zu töten?« Philipp, dem es das Herz zerriß, sich so schnöde verkannt zu sehen und der von den vielen Anstrengungen der letzten Wochen erschöpft war, wurde einen Moment schwach wie ein Kind. Er stützte seinen Kopf an das geschnitzte Kopfende des hohen Bettes und fing an, bitterlich zu weinen. Tropfen um Tropfen fielen seine Thränen langsam auf Claires glühende Stirn hinab. Und dies war wie ein wohlthuender Tau; es schien, als seien diese Thränen, die aus Philipps Herzen hervorquollen, ein mächtiges Zaubermittel. Die Züge der jungen Frau wurden weicher und sie seufzte, mühsam den Kopf zur Seite wendend, um zu horchen. Philipp schluchzte rückhaltslos im Dunkeln über diesem bewußtlosen Wesen. Da legte sich eine Hand auf die seine und die schwache Stimme der Kranken murmelte: »Wer weint denn neben mir? Bist du es, Mutter?« Philipp erhob den Kopf und sah die Augen Claires auf sich gerichtet. Er näherte sich und die junge Frau erkannte ihn. Ein schmerzlicher Schatten überflog ihr Gesicht, als ob sie sich erinnere. Eine Thräne glänzte in ihren großen Augen und indem sie dem Manne, der ihretwegen so viel leiden mußte, die Hand reichte, sagte sie: »Oh, Sie sind es! ... Immer Sie ... immer großmütig und ergeben ... Ach! Verzeihung! Philipp, Verzeihung!« Philipp fiel auf die Kniee und küßte leidenschaftlich die Augen, die sich zum erstenmal ohne Zorn auf ihn gerichtet. Die junge Frau lächelte traurig, dann gab ein schmerzlicher Muskelkrampf ihrem Gesichte seine schreckliche Härte wieder, und das Delirium ließ sie abermals unzusammenhängende Worte stammeln. Seit drei Wochen schwebte sie so zwischen Leben und Tod. Diese Krise war die letzte. Von dieser Nacht an trat die Krankheit in ein neues Stadium und die heftige Aufregung machte einer unbezwinglichen Betäubung Platz. »Periode der Schlafsucht,« sagte der Arzt. »Bis jetzt thaten wir alles mögliche, um Frau Derblay einzuschläfern; jetzt müssen wir alles anwenden, um sie wachzuhalten.« Philipp begriff, daß, wenn kein Rückfall eintrete, Claire gerettet sei. Aber mit der Hoffnung, daß sie am Leben bleibe, kam auch die ernste Sorge, sein Verhältnis zu ihr zu ordnen. So lange die junge Frau in Gefahr geschwebt, dachte er nur daran, sie dem Tode streitig zu machen; nun hieß es, sie dem Leben abzuringen. War erst Claire wieder in den Besitz ihrer geistigen Kräfte gelangt, würde sie höchst wahrscheinlich auch ihre frühere Abneigung gegen Philipp wiederfinden. In der Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit der Krankheit konnte sie weich werden, konnte einen Augenblick der Schwäche haben und um Verzeihung bitten; doch würde sie nach wiedergekehrter Gesundheit sich ebenso demütig und unterwürfig zeigen? Philipp hatte den hochfahrenden Charakter seiner Frau hinreichend kennen gelernt. Er fürchtete eine Wiederkehr ihres unbeugsamen Stolzes und zitterte bei dem Gedanken, daß Claire glauben könne, er würde ihre Rekonvalescenz benützen wollen, um den Vertrag zu brechen, den sie in jener schrecklichen Brautnacht eingegangen. Wenn er es an Würde fehlen ließe, indem er sein damals aus eigenem Antriebe gegebenes Versprechen nicht hielt, so konnte er in Claires Achtung sinken und das für immer. Ein ernstes, strenges Benehmen schien ihm daher geboten, und bei der ihm eigenen Charakterfestigkeit war er gewiß, daß er seinen Vorsatz nicht außer acht lassen würde. Er hatte sich geschworen, den Stolz seiner Frau zu brechen und er war bereit, seinen Schwur zu halten. Es war im Januar und der Winter zeigte sich sehr rauh. Das Hüttenwerk, welches während Claires Krankheit seine Arbeit teilweise eingestellt hatte, nahm seine Thätigkeit wieder auf und das Klingen der Hämmer auf den Ambossen erheiterte die junge Frau. Ihre lange Rekonvalescenz war höchst angenehm. Mit wonnigem Behagen freute sie sich des wiedergewonnenen Lebens; und sie empfand einen tiefen Genuß, ihre Augen auf alles, was sie umgab, zu richten. Das große, etwas düstere Zimmer mit den altertümlichen Tapeten und Möbeln gefielen ihr ungemein. Alles war hier still, harmonisch und ruhig. Auf der Tapete, ihrem Bette gegenüber, ließ eine Nymphe mit wallendem Haar aus einer Urne, die sie auf der Schulter trug, Wasser fließen, das in der Ebene einen Strom bildete, und es war ihr, als flöße die reizende Gestalt aus der gefällig geneigten Urne ihr selbst frisches Leben ein. Durch die breiten hohen Fenster sah sie die noch mit Schnee bedeckten Bäume des Parkes im Sonnenglanze schimmern und die Vögel, die mit ihren Flügeln gegen die Fensterscheiben schlugen, als verlangten sie Obdach, betrachtete sie mit Vergnügen und ließ ihnen Brotkrumen zuwerfen, kurz sie interessierte sich für alles. Ihre Kräfte kehrten allmählich zurück und sie empfand eine hohe Freude, sich so, physisch und moralisch wie neugeboren, zu sehen. Sie fühlte sich sehr wohl in ihrem Hause, streckte sich behaglich in ihrem Bette aus und verbrachte ganze Stunden mit dem Anhören des Tiktak des Uhrenpendels, ohne eine Idee im Kopfe zu haben, verloren in köstlicher Gedankenlosigkeit. Die Tage verstrichen in traulichem Zusammensein mit der Marquise. Philipp kam jetzt täglich nur zweimal ins Krankenzimmer, morgens und abends, erkundigte sich dabei auf das Sorgfältigste nach ihrer Gesundheit und fragte sie, ob er ihr etwas verschaffen könne, was ihr Vergnügen mache. Nachdem er eine kurze Weile zu Füßen des Bettes gesessen, entfernte er sich mit ernster Miene und sie lauschte alsdann seinen Schritten, die sich in der Reihe der Gemächer verloren. Sie erwartete seine Besuche und fing an, sich über deren Kürze zu beklagen. Dies gab ihr Anlaß zum Schmollen, und sie benützte denselben mit kindlicher Ungebundenheit. Einst wünschte sie Blumen in ihrem Zimmer zu haben. Die Treibhäuser in Beaulieu waren mit den prächtigsten Gewächsen gefüllt und die Marquise brachte ihr am nächsten Morgen einen großen Strauß herrlicher, weißer Syringen. Inzwischen kam Philipp herein und sah, wie Claire den Duft der wohlriechenden Blüten mit Entzücken einatmete. Er gab in ruhiger, zarter Weise zu bedenken, daß dieser starke Blumenduft der jungen Frau schaden könne, und den Strauß an sich nehmend, schickte er sich an, denselben in den Salon zu tragen. »Seien Sie versichert, daß ich mich sehr wohl fühle!« rief Claire mit großer Lebhaftigkeit aus, »Sie können mir diese Blumen unbesorgt hier lassen ...« »Sie sind wie alle Rekonvalescenten,« erwiderte Philipp lächelnd, »Sie überschätzen Ihre Kräfte und ist es daher an uns, für Sie zu überlegen.« »Ich bin ganz wohl, sonst würden Sie nicht wagen, mich zu ärgern,« entgegnete die junge Frau mit kokett schmollender Stimme. »Als ich noch wirklich krank war, waren Sie ganz anders.« Philipp wurde sehr ernst und ohne zu antworten, heftete er einen traurigen, strengen Blick auf die junge Frau. Diese seufzte und erwiderte mit veränderter Stimme: »Sie haben recht, nehmen Sie die Blumen fort, ich danke Ihnen.« Diesen Tag war Claire sehr nachdenklich. Allmählich kehlten ihre geistigen Kräfte zurück, und in ihrem wiedererstarkten Gehirn erschien die Erinnerung an das Vergangene. Sie fing an, sich zu befragen und war erstaunt, in ihrem Herzen auch nicht die geringste Spur ihrer Liebe zu Gaston wiederzufinden. Wie eine schlechte Frucht war diese Neigung abgefallen. Selbst gegen ihre Rivalin empfand sie keinerlei Haß; vielmehr beklagte sie dieselbe, weil sie erkannte, daß Athénaïs bestimmt sei, ihr Leben lang von unheilbarem Neid gequält zu werden. Sie erkundigte sich nicht nach deren Heirat, die sie als vollzogen voraussetzte. In ihrer Umgebung vermied man sorgfältig, den Namen des Herzogs auszusprechen. Ueberflüssige Vorsicht! Sie hätte ihn ohne jede Erregung anhören können, denn ihr Herz war wie umgewandelt. Die Rekonvalescenz dauerte sehr lange. Als sie zum erstenmal aufzustehen versuchte, wurde sie ohnmächtig und man mußte sie sogleich wieder zu Bette bringen. Im höchsten Grade geängstigt, nahm Philipp wieder seinen Platz an ihrem Krankenlager ein und begann abermals sie mit der gleichen unermüdlichen, schweigsamen Hingebung zu pflegen. Sie litt noch immer an heftigen Kopfschmerzen und es schien, als sei noch eine hartnäckige Störung in den Gehirnhäuten vorhanden, denn wenn sie den Kopf bewegte, sagte sie, daß sie ihr Gehirn sich schmerzlich bewegen fühle, wie den Schwengel einer Glocke. »Ich war schon vor meiner Krankheit ein wenig toll,« fügte sie lächelnd hinzu, »wie soll es nun werden?« Fünf Monate waren seit ihrer Vermählung verstrichen, als sie an einem schönen Apriltage, von ihrer Mutter und der treuen Brigitte begleitet, in den Garten hinabsteigen konnte. Langsam machte sie die Runde um den Teich, von Zeit zu Zeit sich auf eine der von der Sonne erwärmten Steinbänke niederlassend, um neue Kräfte zu sammeln. Wenn man sie so mit kleinen Schritten auf dem Kiessande dahinschleichen sah, hätte man unmöglich in ihr das stolze, kräftige, junge Mädchen wiedererkannt, von dem ihre Mutter stets sagte: »Es ist ein Junge an ihr verloren gegangen!« Ihre Gesichtszüge waren weicher, milder geworden, ihre Augen blickten sanfter; ihr ganzes Wesen war weiblicher geworden, und da sie den Kopf nicht mehr so aufrecht und stolz trug, schien sie sogar etwas kleiner zu sein. Von diesem Tage an veränderte sich Philipps Haltung nicht mehr. In Gegenwart Fremder liebenswürdig, heiter und zuvorkommend gegen Claire, wurde er kalt, höflich und ernst, sobald er mit ihr allein war. Sein Betragen war so geschickt berechnet, daß er in seiner Umgebung als das Muster eines Ehemannes galt und selbst die Marquise nicht den leisesten Argwohn hatte. Sie war an die ruhige, korrekte Galanterie der Ehemänner ihrer Welt gewohnt, und zudem hatte der selige Marquis sie auch nicht durch große Zärtlichkeit verwöhnt. Sie fand daher den Hausstand ihrer Tochter auf das beste geordnet und hielt sich jeder weiteren Aufsicht überhoben. Ueber die Gesundheit Claires vollkommen beruhigt, faßte sie eines schönen Morgens den Entschluß, nach Paris zu reisen, wo ihr Sohn Octave seit dem Monate Januar sich häuslich niedergelassen hatte. Getreu seinen Gleichheitstheorieen, schickte der junge Marquis sich an, sein Wappen in die Rumpelkammer zu werfen und sich als Advokat eine gute Kundschaft zu verschaffen. Claire blieb demnach mit ihrem Manne allein, doch sah sie ihn bloß während der Mahlzeiten. Nach dem Diner führte er sie in den Salon, verweilte dort einige Augenblicke, sich alsdann erhebend, wünschte er ihr guten Abend und zog sich in sein Kabinett zurück. Eines Abends plagte sie die Neugierde, zu erfahren, womit er seine Zeit zubringe, und in einem Mantel wohl verwahrt, schlich sie hinaus, um ihn vom Parke aus zu beobachten. Sie sah auf der Gardine des erleuchteten Fensters seinen riesig vergrößerten Schatten hin- und hergleiten. Er ging langsam, ohne stehen zu bleiben, im Zimmer auf und ab, wie in Gedanken vertieft. Claire trat ins Schloß zurück, begab sich in das dem Arbeitskabinett nächstliegende Gemach und ließ sich im Dunkeln nieder, indem sie den Lichtstreifen, der unter der Thür hervorlugte, betrachtete, und den regelmäßigen Schritten Philipps, die leise auf dem dichten Teppich verhallten, lauschte. Dies dauerte so bis Mitternacht; dann als die letzten Schwingungen des Schlagwerks verklungen waren, hörte sie ihn die Thür seines Schlafzimmers öffnen und der Lichtstreifen verschwand. Woran mochte er wohl während dieses langen fast unbewußten Auf- und Abschreitens denken? Was mochte wohl seinen Geist in diesen einsamen, nächtlichen Stunden beschäftigen? Claire hätte viel darum gegeben, es zu wissen. Uebrigens war sie die Frau nicht, sich lange einen Wunsch zu versagen, und als Philipp eines Abends seiner Gewohnheit gemäß sich verabschiedete, fragte sie ihn: »Was machen Sie denn bis Mitternacht, allein in Ihrem Zimmer eingeschlossen?« »Ich ordne die rückständigen Rechnungen,« antwortete der Hüttenbesitzer langsam, »und ich habe gerade heute Ihnen Geld zu übergeben.« Bei diesen Worten zog er einen Bündel Banknoten aus der Tasche. »Geld?« fragte Claire überrascht, »... mir?« »Es sind die fälligen Zinsen Ihres Vermögens seit sechs Monaten ...« und indem Philipp das Geld auf den Tisch legte, fügte er kalt hinzu: »Wollen Sie sich gefälligst überzeugen, ob die Rechnung stimmt?« Claire trat einen Schritt zurück, eine Blutwelle stieg ihr zu Gesichte und mit beklommenem Herzen rief sie: »Nehmen Sie es zurück, mein Herr ... Nehmen Sie es wieder, ich bitte Sie darum ... ich kann dies Geld nicht annehmen ...« »Sie müssen es jedoch annehmen«, gab der Hüttenbesitzer zur Antwort, indem er mit verächtlicher Gebärde das Geld der jungen Frau zuschob. Diese richtete sich kampfbereit empor. Die Gebärde und der Ton Philipps hatten sie bis ins Innerste getroffen. Ihre Augen funkelten und in einem Momente war sie wieder die hochfahrende, heftige Claire von ehemals. »Ich will nicht,« fing sie an, indem sie kühn ihrem Gatten ins Gesicht sah. »Sie wollen nicht?« wiederholte er mit tiefer Ironie. Ihre Augen begegneten sich. Der Blick Philipps war jedoch so fest, so klar und so gewaltig, daß die junge Frau ihn nicht zu ertragen vermochte. Ihr Widerstand zerfloß plötzlich, die stolz erhobene Hand fiel hinab und sich besiegt sehend, bewahrte sie ein schmerzliches Stillschweigen. Der Hüttenbesitzer verneigte sich kalt und ging hinaus. Zum erstenmal stieß Claires Wille gegen den ihres Gatten und betäubt, gebrochen ging sie aus diesem Zusammenstoße hervor. Sie war gezwungen, die Ueberlegenheit des Charakters ihres Mannes anzuerkennen und empfand darüber einen mit Freude gemischten Unwillen. Sie bekam eine hohe Achtung vor ihrem Manne und, von seiner energischen Natur mächtig angezogen, begann sie ihn aufmerksam zu studieren. In dem Uebermaße der Freude über ihre Genesung hatte sie sich entschlossen, gut zu sein und Philipp eine offenherzige Freundschaft zu widmen. Zu ihrem Verdrusse bemerkte sie jetzt, daß sie geneigt war, viel mehr zu gewähren, als man von ihr forderte, denn ihr Mann zeigte ihr vollständige Gleichgültigkeit. Er grollte nicht, ebensowenig trotzte er. Hätte er es gethan, so würde sie leicht einen Ausweg gefunden haben. Aber nein, er beschäftigte sich gar nicht mit ihr, ließ sie völlig nach ihrem Belieben leben, ganz wie sie es verlangt hatte und benahm sich ihr gegenüber stets mit eisiger Kälte. Claire, durch diese ein wenig verächtliche Unaufmerksamkeit ihres Mannes gedemütigt, sann auf Mittel, dieselbe zu bekämpfen. Ihre in hohem Grad streitbare Natur brauchte stets eine Schwierigkeit um ihre Kraft daran zu messen. Wenn Herr Bachelin in Pont-Avesnes zum Diner erschien, verbrachte Philipp den ganzen Abend im Salon. Die junge Frau lud daher den Notar regelmäßig zweimal in der Woche ein. Sie lernte Whist spielen und machte den Strohmann wie eine alte Schachtel. In Gegenwart des Notars plauderte Philipp sehr angeregt, lachte und spielte: doch sobald der Gast fort war, wurde er wieder ernst und schweigsam. Ungeachtet all ihrer Anstrengungen vermochte die junge Frau nichts über den Willen ihres Mannes. Die Selbstbeherrschung Philipps brachte Claire außer sich und allein in ihrem Zimmer überließ sie sich den heftigsten Zornesausbrüchen. Sie zitterte vor Wut, sich dermaßen bezwungen zu sehen. Dieser Mann war ihr Herr! Er leitete sie, wie es ihm beliebte, und wenn sie sich aufzulehnen versuchte, wußte er ihr mit einem einzigen Blicke Gehorsam aufzuerlegen. Er erschien ihr kalt und hart wie das Eisen, das er hämmerte. Schonungslos bearbeitete er den Charakter seiner jungen Frau, und zweifelsohne war er imstande, ihm die Form zu geben, die er für gut fand. Claire weinte vor Scham, da sie ihre Ohnmacht einsah; doch ein letzter Rest von Stolz gab ihr noch so viel Kraft, ihre Qualen vor Philipp zu verheimlichen. Sie verstellte sich und zeigte sich, wie sie in Wahrheit sein sollte, ergeben ohne Bitterkeit und würdig ohne Stolz. War sie indes auch vollkommen gleichgültig gegen alles, was außerhalb von Pont-Avesnes sich ereignete, so ließen sie doch ihre Freunde in Paris die Vergangenheit nicht vergessen. Sobald die Baronin ihre Freundin genesen wußte, schrieb sie ihr mit wahrer Leidenschaft unausgesetzt Briefe, die alle Details, zwar in buntem Durcheinander, aber in möglichster Vollständigkeit enthielten. Durch sie erhielt Claire Nachrichten über den Herzog, die Herzogin und Moulinet. Athénaïs hatte, wie die Baronin schrieb, mit lärmendem Prunk ihren Einzug in die große Welt gehalten. Sie gefiel im allgemeinen den Herren sehr gut, hatte jedoch infolge ihrer freien burschikosen Manieren alle Frauen gegen sich. Der Herzog schenkte ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit. Kaum drei Monate nach der Hochzeit galt er bereits als von seiner Frau getrennt, wenigstens so weit es der äußere Schein erlaubte. Er brachte seine Huldigungen der schönen Comtesse Canalheilles dar, einer Irländerin mit blauen Augen, berückend und unergründlich wie das Meer. Die Herzogin kokettierte ihrerseits mit einem halben Dutzend junger Elegants mit gekräuselten Haaren und untadelhaften Jabots, ohne welches Gefolge man sie nirgends sah. Sie nannte diese kleine Phalanx »ihr Gespann zu Sechsen«, das sie mit sicherer Hand lenkte, ohne Gefahr, je umzuwerfen, denn die Trockenheit ihres Gemütes und die Kälte ihres Temperaments schützten sie vor jeder Ueberraschung. Ueber Moulinet berichtet sie, daß er, nachdem er sich seiner Tochter entledigt habe, sehr bedeutende Pläne ausbrüte. Er hatte einen Sekretär engagiert und schloß sich täglich mehrere Stunden lang in ein sehr schönes Zimmer ein, das er die Bibliothek getauft, obgleich es auch nicht das kleinste Büchelchen enthielt. Auf einem riesigen Schreibtisch hatte er eine Abhandlung über Nationalökonomie liegen und seine Tochter behauptete, daß er jeden Tag von 3 bis 5 Uhr mit ruhigem Gewissen darauf schlafe. Die Baronin versicherte, daß der ehemalige Handelsrichter irgend eine Kandidatur vorbereiten müsse, denn man habe ihn, wie sie sich ausdrückte, in Gesellschaft von Leuten von sehr zweifelhaftem Aussehen getroffen, die doch nur Journalisten sein könnten. Auch habe er mehrere Reisen nach dem Jura gemacht. Er baue in seinem Wahlbezirke eine konfessionslose Schule und lasse dabei insgeheim die Kirche restaurieren. Mit der linken Hand umarme er die Radikalen, mit der rechten schmeichle er den Konservativen. Der Schokoladefabrikant zeige sich als staatskluger Mann. In Wahrheit fühlte sich Herr Moulinet etwas spät vom Ehrgeize geplagt. Er dachte, wenn er seine eigenen Geschäfte so wohl geleitet, müsse er auch sicherlich die Angelegenheiten anderer ebenso glänzend zu führen verstehen, und er fragte sich, ob ein einziger Mann in der Kammer seine politische Stellung auf ein so bedeutendes Vermögen stützen könne, wie das seinige. Darauf mußte er sich offenherzig gestehen, daß das nicht der Fall sei, und nachdem er seiner Tochter einen Mann, »den besten, der zu haben war,« bezahlt hatte, glaubte er nun, sich selbst auch ein Wahlmandat gönnen zu dürfen. Er schwankte eine Zeitlang zwischen dem Senat und der Kammer. Senator! dieser Titel erschien ihm sehr majestätisch. Er hegte eine Art Kultus für diese Körperschaft, die ehemals aus den vorzüglichsten Männern des Landes bestand. Aber schließlich, von einer anderen Seite betrachtet, klang auch der Titel »Deputierter« gar nicht übel. Und dann schien ihm die Kammer auch viel lebhafter, viel geräuschvoller. Zudem hatte er mit seinem feinen Spürsinne gar bald herausgefunden, daß er dort mittelmäßige Leute genug finden würde und es ihm daher sehr leicht gelingen könne, bald ein bedeutender Mann zu werden. Er begann nun seinen Feldzug, fest entschlossen, vor keinem Opfer zurückzuscheuen, um sich den Erfolg zu sichern. In der Absicht, die ersten Schritte zu thun, war er nach Varenne gereist. Sein Wahlbezirk grenzte an denjenigen von Besançon und von Pont-Avesnes, und da er den großen Einfluß, den Herr Derblay im Lande besaß, kannte, beschloß er, mit ihm gute Beziehungen anzuknüpfen. Er besuchte den Hüttenbesitzer, und als pfiffiger Bursche, der er war, spielte er den treuherzigen, sich einfältig stellenden Fuchs. Er ließ auch nicht ein Wörtchen von seinen Plänen hören, kündigte bloß seine Ankunft für die Sommersaison in Varenne an und es gelang ihm auch, Claire glauben zu machen, daß er mehr naiver als böser Natur sei, und daß er in der Heiratsangelegenheit seiner Tochter nur der unwissende Vollstrecker von Athénaïs Ränken gewesen. Gleichzeitig gründete Moulinet in Besançon ein Lokalblättchen mit dem Titel »Der Jurabote«, welches bestimmt war, seine Kandidatur zu unterstützen. Der von ihm bezahlte Redakteur war eines jener Individuen von etwas zweifelhafter Erscheinung, die man in jüngster Zeit in der Gesellschaft des früheren Handelsrichters erblicken konnte und von denen er das verhältnismäßig Bestaussehende ausgewählt hatte. Dieser hatte ihm eine ganze Reihe der verschiedensten politischen Ueberzeugungen zur Auswahl angeboten und Moulinet legte sich eine unschuldige gemäßigte republikanische Gesinnung bei, so zwischen dem rechten und dem linken Centrum hin und herschwankend, dunkel genug für die Exaltierten, hell genug für die Zaghaften; so ungefähr wie der Text der Marseillaise mit der Melodie einer Königshymne. Im Grunde kümmerte ihn die Farbe seiner Kandidatur sehr wenig, das Hauptgewicht legte er auf seinen Geldsack und darin hatte er nicht unrecht. Die ehrgeizigen Pläne des Herrn Moulinet verdrossen den Herzog von Bligny ungemein. Dieser meinte, daß sein Schwiegervater keine andere Beschäftigung haben solle, als das schöne Vermögen, das er sich zu erringen verstanden, zu genießen. Er stellte ihn darüber zur Rede in dem Tone jener etwas impertinenten Vertraulichkeit, welchen er gewöhnlich in der Unterhaltung mit seinem Schwiegervater anschlug. »Was fällt Ihnen denn ein, sich nun gar in die Politik stürzen zu wollen?« sagte er zu ihm. ... »Finden Sie nicht, daß unsere öffentlichen Angelegenheiten schon ohnehin schlecht genug gehen? Seltsame Leidenschaft, welche ruhige Leute treibt, ihre Nase in diesen Wirrwarr zu stecken! Wissen Sie, daß die Wähler vielleicht dumm genug sein können, Sie zu wählen?« »Aber mein lieber Herzog, darauf rechne ich ja gerade!« »Wir werden ja sehen, was Sie der Spaß kosten wird.« »Was liegt Ihnen daran?« »Oh, mir liegt sehr viel daran! Ich habe eine einzige Tochter geheiratet und nun wollen Sie ihr eine Schwester geben!« »Eine Schwester?« »Jawohl, eine Schwester: die Politik; und eine Schwester, die viele Kinder bekommen wird: alle Ihre Agenten, Gehilfen, Protektoren, Verteidiger, ohne die Wähler zu rechnen, welche Sie um die Wette anpumpen werden, und Gott weiß, wie weit das noch führt ...!« Moulinet machte eine majestätische Gebärde und sich stolz in die Brust werfend, sagte er: »Mein Schwiegersohn! Meine Mittel erlauben mir, alle meine Launen befriedigen zu können. Ich bin erst sechzig Jahre alt, ich könnte mir eine Tänzerin halten.« »Nun, daraus würde ich Ihnen kein Verbrechen machen,« rief der Herzog, »das ist wenigstens eine Thorheit, die ich begreife. Ein kleiner Fuß, ein hübsches Bein, eine rundliche Taille, in ein Balletkostüm gezwängt, schwarze oder blaue Augen, welche uns im Parkett aufsuchen, das lasse ich mir gefallen! Das lohnt doch wenigstens der Mühe! Wenn Sie wünschen, so will ich Sie im Foyer vorstellen. Aber der Dame Politik Liebeserklärungen drechseln, Blumenbouquets offerieren und ihr den Haushalt bestreiten? Nein, Herr Moulinet, damit machen Sie mich ernstlich besorgt! Sehen Sie, lassen Sie sich lieber zu den Tänzerinnen führen!« »Bedaure unendlich, mein lieber Herzog, ich habe moralische Grundsätze! Ich ziehe die Politik vor ...« »Wird reizend werden! Wenn man Sie wählen sollte, gedenken Sie auch zu sprechen?« »Höchst wahrscheinlich ...« »O, das wird lustig werden! Ich komme, um Sie zu hören und will auch meine Freunde mitbringen. Aber um des Himmels willen ... suchen Sie nur nicht Minister zu werden, Sie könnten mich schließlich kompromittieren!« Moulinet achtete wenig auf den Spott seines Schwiegersohnes, er verfolgte vielmehr unablässig die Ausführung seiner Pläne. Zum Beginn des Frühlings richtete er sich in Varenne ein und begann seine Wahl zu betreiben. Die Marquise war fast zur selben Zeit nach Beaulieu zurückgekehrt und auch Susanne war von ihrem Bruder aus dem Kloster abgeholt worden. Claire war damit wohl zufrieden, denn das junge Mädchen brachte etwas Leben ins Haus und erleichterte, wenn auch nur scheinbar, die Beziehungen der Gatten zu einander. Philipp mußte vor Susanne die Komödie, die er vor der Welt spielte, fortsetzen und sich gegen Claire zärtlich zeigen, welcher Aufgabe er sich aufs beste entledigte, so daß nicht der mindeste Verdacht in dem unschuldigen Gemüte des jungen Mädchens aufkeimte und Susanne ihren Bruder für vollkommen glücklich hielt. Sie erkannte Claire kaum wieder; aus dem stolzen, ernsten Fräulein von Beaulieu war eine einfache heitere Frau geworden. Susanne liebte ihre Schwägerin leidenschaftlich und fand bei ihr eine treue sorgliche Zuneigung, die zugleich mütterlich und freundschaftlich war. Die Jugend Claires, eine kurze Weile durch Kummer und Krankheit unterdrückt, erblühte siegreich zu neuer Lebensfülle, wie ein Baum im Frühling. Die beiden Schwägerinnen waren stets beisammen. Susanne begann gleich nach ihrer Rücklehr nach Pont-Avesnes wieder ihre gewohnten Besuche bei den Arbeiterfamilien und Claire begleitete sie dabei wie eine gütige Fee. Sie nahm ohne Bedenken von dem Gelde, welches ihr Philipp übergeben hatte und gebrauchte es zur Linderung der Leiden Unglücklicher. Man konnte die beiden in einfacher Kleidung mit großen Sonnenschirmen bewaffneten und von Philipps riesigem Neufundländer begleitet auf allen Wegen von Pont-Avesnes begegnen, wobei sie von Jedermann ehrerbietig gegrüßt wurden und in wenigen Monaten wurde Claire der Abgott der Arbeiterbevölkerung. In den Hütten derselben hatte man sich zur Zeit ihrer Heirat viel mit ihr beschäftigt. Die Arbeiter von Pont-Avesnes kannten sie sehr gut, sie hatten sie gar oft vorüberreiten sehen, kalt und gleichgültig und kaum mit der Reitpeitsche ihren Hut mit dem langen Schleier berührend, wenn man sie grüßte; man hielt sie für sehr stolz. In der etwas malitiösen Umgangssprache der Arbeiter wurde sie stets »die Marquise« genannt gleich ihrer Mutter, und selbst nachdem sie schon lange Madame Derblay geworden, blieb sie bei ihnen doch stets die Marquise. Allen diesen Leuten erschien sie als ein Wesen höherer Art. Sie war so weiß, so fein und selbst in ihrem dunklen Wollkleide so elegant, daß sie in den schmutzigen Straßen von Pont-Avesnes oder auf der Schwelle der ärmlichen Häuser wie eine junge Königin erschien. Auch Octave war im Juli in Beaulieu angekommen und da begannen dann die gemeinschaftlichen Lustfahrten in den herrlichen Waldungen von Pont-Avesnes. Susanne ließ den kleinen Korbwagen anspannen, den Claire mit eigener Hand gewandt zu lenken verstand, während ihnen der Marquis zu Pferd folgte. In dem tiefen Schatten der großen Bäume und der erfrischenden Kühle der Wälder ließen sie die Pferde im Schritt gehen und der Wagen neigte sich in den tiefen Geleisen, die von den Karren der Holzhändler ausgefahren waren, manchmal bedenklich zur Seite, so daß man zeitweise aussteigen mußte, wobei Octave den Wagen stützte, während Susanne das Pferd am Kopf hielt. Das Reitpferd des jungen Marquis folgte Claire wie ein Lamm, indem es sie mit seinen großen feuchten Augen ansah und den Hals nach ihr ausstreckend, das gewohnte Stück Zucker erbettelte. Das waren fröhliche Tage und Claire vergaß fast ihre Traurigkeit; doch abends, wenn sie sich in dem großen Zimmer allein befand, befiel sie oft tiefe Mutlosigkeit. Sie sah ihr Leben hoffnungslos verloren, denn sie kannte Philipp bereits gut genug, um zu begreifen, daß er ihr nie wieder nähertreten werde. Er blieb dem zwischen ihnen geschlossenen Vertrage treu; er hatte versprochen, ihr die Freiheit wiederzugeben und ließ sie ihr nun auch vollständig. Ach, mit welcher Freude hätte sie ihm dieselbe jetzt geopfert! Doch es stand ihr ein Mann gegenüber, der stärker war als sie, der seine Hand auf ihre Schulter gelegt und sie gebeugt hatte. Sie empfand eine mit Bitterkeit gemischte Freude, sich so beherrscht zu sehen; denn sie liebte diesen Mann, vielleicht gerade darum, weil er sie die Gewalt seines Willens fühlen ließ. In den langen Stunden, die sie einsam zubrachte, bereute sie bitter, nicht vor ihrer Heirat das edle Wesen Philipps erkannt zu haben. Zudem überzeugte sie sich von Tag zu Tag mehr, welche hervorragende Stellung er in der Provinz einnahm und entdeckte überrascht stets neue Hilfsquellen der ungeheuren Reichtümer des Hüttenbesitzers. Bevor Susanne zurückgekehrt war, hatte sie keine Ahnung von der Existenz der Werke von Rivernais und indem sie ihre Schwägerin geschickt ausfragte, erfuhr sie mit Erstaunen, daß ihr Mann auf dem Wege sei, ein Fürst der Industrie zu werden, dieser dominierenden Macht unseres Zeitalters. Sie schämte sich vor sich selbst, daß sie einem solchen Manne ihre Mitgift als Entschädigung für sein zerstörtes Glück angeboten. Was war denn ihr Vermögen im Vergleiche mit den großen Kapitalien des Hüttenbesitzers? Ein Tropfen ins Meer. Sie fühlte wie abscheulich und lächerlich ihr Stolz gewesen, und meinte, Philipp müsse sie verachten. Sie wußte indes ihren Kummer zu verbergen, indem sie mit bewunderungswürdiger Seelenstärke dem Beispiele ihres Gatten folgte. Trotzdem verriet sich die Zärtlichkeit, welche sie für Philipp empfand bei jeder Gelegenheit. Sie empfing ihn mit freudigem, strahlendem Gesichte, hatte nur für ihn Blicke und beeilte sich, seinen Wünschen zuvorzukommen. Susanne war ihr für diese Herzensergießungen unbezahlbar. Eines Tages auf der Terrasse, als das junge Mädchen nach dem Frühstück sich damit ergötzte, einen Grashalm über den Hals ihrer Schwägerin zu streichen, ergriff diese sie bei der Schulter und zog sie lebhaft zu sich heran. Philipp schlürfte mit der gleichgültigsten Miene eine Tasse Kaffee, indem er mit den Augen dem Fluge zweier Schwalben folgte, die am blauen Horizonte mit schmetternden Tönen einander verfolgten. Claire hielt den Kopf Susannens zwischen ihren Händen und blickte sie mit gerührten Augen an und mit einem leichten Seufzer berührten ihre Lippen die feinen Löckchen, die sich um die Stirn des jungen Mädchens kräuselten. »Teures Kind,« flüsterte sie, »wie sehr gleichst du deinem Bruder!« Philipp hatte es gehört. Er erbebte. Noch nie war etwas so unmittelbar aus Claires Herzen zu dem seinen geströmt. Er blieb einen Moment unbeweglich und entfernte sich bald darauf, ohne ein Wort zu sagen. Frau Derblay trocknete eine Thräne, die in ihrem Auge perlte und Susanne warf sich ihr lebhaft in die Arme. »Sie weinen!« rief sie aus. »Sie weinen! Was haben Sie? O sprechen Sie! ... Sie wissen, wie sehr ich Sie liebe! ... Hat Philipp Ihnen vielleicht wehe gethan? Dann geschah es gewiß unabsichtlich, und es genügt, ihm nur ein Wort zu sagen. ... Wollen Sie, daß ich es ihm sage? ...« »Nein,« antwortete Claire lebhaft, indem sie zu lächeln sich bemühte, »nein, ich bin nur ein wenig angegriffen. ... Philipp ist sehr gut gegen mich und ich bin sehr glücklich,« fügte sie ernsthaft hinzu, dabei Susannen fest ins Auge sehend, wie um sie desto mehr in dieser Meinung zu bestärken. Hierauf erhob sie sich. »Komm, wir wollen einen Rundgang im Parke machen,« sagte sie heiter. Und beide stiegen zusammen in den Garten hinab, scherzten und lachten, als ob nichts vorgefallen wäre. Das war einer der letzten glücklichen Tage Claires. Am nächsten Morgen kamen der Herzog und die Herzogin von Bligny in Varenne an. Die Nachricht ihrer Anwesenheit verdroß die junge Frau ungemein, denn sie hatte gedacht, die beiden nie wiederzusehen. Sie bemerkte, daß Philipp sie aufmerksam beobachte und bemühte sich daher, vollkommen ruhig zu scheinen. Am selben Abend noch, nachdem Susanne sich zurückgezogen, begann Philipp zuerst darüber zu sprechen, wie man sich den Bewohnern von Varenne gegenüber verhalten solle. »Der Herzog von Bligny ist nach Ihrem Bruder Ihr nächster Verwandter und es hat kein offener Freundschaftsbruch zwischen ihm und Ihrer Familie stattgefunden, ja Sie waren sogar eifrig bemüht, ein gutes Einvernehmen mit ihm bei Gelegenheit unserer Hochzeit zur Schau zu tragen und ich glaube nicht, daß es rätlich wäre, in diesem Verhalten jetzt eine Aenderung eintreten zu lassen. Wenn der Herzog und die Herzogin von Bligny uns besuchen, so meine ich, daß wir sie als Ihre Verwandten, d. h. auf das Allerbeste empfangen müssen. Thun wir es nicht, so setzen wir uns allerlei Deutungen aus, die ich zu vermeiden wünsche; indessen will ich Ihnen meine Ansicht nicht aufdrängen, denn schließlich sind Sie in dieser Angelegenheit die zumeist Beteiligte. Lassen Sie mich nur Ihre Wünsche wissen und ich will mein Benehmen mit denselben in Einklang bringen. Claire schwieg einen Augenblick. Das neue Erscheinen des Herzogs und Athénaïs auf ihrem Lebensweg schien ihr die größten Gefahren anzukündigen, und es beschlich sie eine Vorahnung, als ob mit den beiden das Unglück unwiderruflich ihre Schwelle überschreiten müßte. Sie stand auf dem Punkte, zu sprechen, ihr Herz zu eröffnen, vielleicht um Verzeihung zu bitten, aber sie wagte es nicht und gab blindlings ihre Zustimmung zu allem, was Philipp beschlossen hatte. »Man muß sie gut aufnehmen; ja, Sie haben recht,« sagte sie, »und ich danke Ihnen, daß Sie sich meinetwegen diesen Zwang auferlegen wollen. Die Gegenwart des Herzogs wird mir ebenso peinlich sein wie Ihnen, das dürfen Sie mir glauben.« Philipp machte ein Zeichen mit dem Kopfe, das weder ja noch nein besagen wollte, und damit endigte das Gespräch. Dreizehntes Kapitel Der Herzog begab sich nicht aus eigenem Antrieb nach Varenne, denn er war ein abgesagter Feind des Landlebens. Mit ganzer Seele Pariser, fand er das Grün der Platanen auf den Boulevards und der Kastanienbäume in den Champs-Elysées vollständig hinreichend und der Klub, in welchem er seine Nachmittage und den größten Teil seiner Abende zubrachte, bildete den Hauptanziehungspunkt seines Lebens. Selbst um am Lesen Geschmack zu finden, war er zu oberflächlich. Als sein Schwiegervater ihn mit Stolz in den Gewächshäusern von Varenne umherführte und ihm eine Sammlung der prächtigsten Orchideen zeigte, welche sein Gärtner, ein Mann, von dem Moulinet stets voll Ehrerbietung sprach, mit außerordentlicher Sorgfalt gezogen hatte, warf der Herzog kaum einen zerstreuten Blick auf die symmetrisch geordneten Blumentöpfe und murmelte ein höchst gleichgültiges: Sehr hübsch. Hierauf löste er mit den Spitzen seiner Finger eine der herrlichsten Blüten von ihrem Stengel und steckte sie in das Knopfloch. Der Gärtner erschrack, als er so ohne weiters eine Blume pflücken sah, deren Pflege so viel Opfer an Geld und Mühe gekostet, und vor Schrecken ließ er eine Begonie fallen, welche er eben bewundern lassen wollte. »Wissen Sie, daß die Blume, die Sie eben gepflückt, einen Wert von fünfzehn Louisd'or hat?« sagte lächelnd der ehemalige Handelsrichter. »Wirklich?« erwiderte der Herzog ruhig. »Nun, ich finde sie für mich gar nicht zu teuer.« Moulinet warf einen Seitenblick nach seinem Schwiegersohne, getraute sich indes nicht, eine weitere Bemerkung zu machen. Im Grunde fürchtete er ihn; denn der Herzog besaß eine eigene Art, ihn von oben herab anzublicken, die ihm ungemein imponierte. Er hatte es eines Abends zu Herrn Escande gesagt: Was wir auch immer anfangen mögen, wir werden es doch nie dahin bringen, diesen Leuten ebenbürtig zu sein. Und wie sehr er auch, namentlich seit seinen Wahlmanövern, Gleichheitstendenzen huldigte, fühlte er sich dennoch nicht auf gleichem Fuße mit dem Herzog. Da er mit den Gewächshäusern wenig Beifall geerntet, hoffte er mit den Ställen eine größere Wirkung zu erzielen. Er hatte dort etwa ein Dutzend Reit- und Wagenpferde vereinigt, die ihm sein Kutscher als höchst wertvoll bezeichnete und die er auch demgemäß bezahlt hatte. Die großartigen Wirtschaftsgebäude von Varenne sind in Backstein ausgeführt und in maurischem Stile gehalten, was dem ehemaligen Handelsrichter ungemein gefiel. Wenn er davon sprach, pflegte er mit Vorliebe zu sagen: »Erinnert sehr an die Alhambra und an das neue College Chaptal.« Zu dem zweihundert Meter im Geviert messenden Hof gelangt man durch ein monumentales Thor, welches von zwei mit bronzenen Pferdeköpfen geschmückten Steinpfeilern gebildet wird. Derselbe umschließt ein Viereck, welches rings von Ställen, Remisen, der Sattelkammer und einer großen Scheune umgeben ist. Längs dieser Gebäude ziehen sich Arkaden hin, die eine gepflasterte, drei Meter breite Wandelbahn bilden. Zwischen den Arkaden befinden sich weiß angestrichene Holzbalustraden, auf welche man sich bequem lehnen kann, um dem Vorführen der Pferde zuzusehen. Die Herzogin, in eleganter Foulardrobe, den hübschen braunen Kopf von einem Spitzenkragen umgeben und mit der reich beringten Hand einen großen roten Sonnenschirm schwingend, begleitete ihren Vater und ihren Gatten auf ihrem Rundgange durch die Ställe. Sie zertrat mit ihren kleinen Schuhen die sorgfältig aus Stroh geflochtene Einfassung und betrachtete die Pferde, deren jedes sich frei in seinem Stand befand, über dem eine Platte mit dem Namen des Tieres befestigt war. Die zweckmäßige Anordnung der Stallungen fand den vollen Beifall des Herzogs, allein die Pferde ließen ihn kalt und der erste Kutscher wartete vergeblich auf einen Lobspruch. Der Herzog entdeckte mit einem einzigen Blicke die Fehler jedes Tieres und gab dadurch Herrn Moulinet nicht wenig zu denken. Am Abend fand eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung statt, welche dem Kutscher begreiflich machte, daß der Schwiegersohn des Herrn Moulinet sich viel zu gut auf Pferde verstehe, als daß es ferner anginge, Tiere, die nicht mehr als achtzehnhundert Franken wert waren, sich mit sechstausend Franken bezahlen zu lassen. Der Herzog begründete seine Ansichten in einer Weise, die ihm vollends die Achtung des Rosselenkers eintrug. »Betrügen Sie Ihren Herrn, Verehrtester,« sagte er, »das versteht sich von selbst, aber verschonen Sie ihn mit solchen Mähren.« Nachdem er dem Herzog seine Gewächshäuser und seine Ställe gezeigt hatte, ohne größeren Erfolg bei dem einen wie bei dem andern, war der ehemalige Handelsrichter mit den Zerstreuungen zu Ende, welche er für seinen Schwiegersohn geplant hatte. Dieser, allein auf die Gesellschaft seiner Frau und Herrn Moulinets angewiesen, langweilte sich gründlich und er lernte die Einsamkeit so sehr lieben, daß er sich Tag für Tag nach dem Frühstück in das Rauchzimmer einschloß, wo er auf einem breiten, havanabraunen Lederdivan ausgestreckt, ein mehrstündiges Schläfchen machte. Nach Verlauf einer Woche vermochte er diese Existenz nicht weiter zu ertragen, und da er fühlte, daß sein Mund bald von Impertinenzen überströmen würde, die sich erbittert und unaufhaltsam auf seine Lippen drängten, wollte er eben seiner Frau und seinem Schwiegervater die Nachricht mitteilen, daß eine höchst wichtige Angelegenheit ihn nach Trouville rufe, als Athénais einen Besuch in Pont-Avesnes in Anregung brachte. Dieser Vorschlag überraschte den Herzog und war ihm zuerst unangenehm, denn die Erinnerung an Claire war allmählich verblaßt, während der Hüttenbesitzer seinem Gedächtnisse deutlich eingeprägt blieb. Die Frau war ihm gleichgültig geworden, aber gegen den Mann bewahrte er einen tiefen Groll. Weshalb? Er wäre gewiß selbst um eine Antwort verlegen gewesen. Vielleicht weil Herr Derblay der Mitschuldige der Schmach gewesen, die ihn Claire öffentlich erleiden ließ; vielleicht weil dessen ganzes Wesen seiner eigenen Natur vollständig entgegengesetzt war. Kurz, er fühlte sich instinctmäßig feindselig gesinnt gegen den Mann, den er stets »den Schmied« zu nennen fortfuhr. Er war indes neugierig, zu erfahren, wie diese Ehe ausgefallen sei, die unter so seltsamen Umständen geschlossen worden war und begleitete seine Frau und Herrn Moulinet zu Herrn Derblay, ohne sich viel dazu nötigen zu lassen, indem er sich selbst sagte: Meine Reise wird dadurch nur um einen Tag verzögert werden, und schließlich muß ich der armen Claire doch auch einige Rücksicht beweisen. Es ist wohl das wenigste, was ich ihr schulde. Er bedauerte sie, denn er machte sich von dem Leben, welches die Frau, die er hätte heiraten sollen, führte, höchst seltsame Vorstellungen. Er glaubte sie in engen kleinlichen Verhältnissen lebend und völlig von Geschäftssorgen in Anspruch genommen und es fehlte wenig, so hatte er sich eingebildet, seine stolze Cousine führe selbst die Bücher ihres Mannes mit schwarzen Ueberärmeln aus Perkal. Er hatte Pont-Avesnes bloß in der Dunkelheit am Abend gesehen und war hoch erstaunt, als er nun bei Hellem Tageslichte in einen schönen Schloßhof mit einem eleganten Blumenparterre eintretend, den großartigen und stolzen Anblick des Schlosses gewahr wurde. Die Dienerschaft schien ihm sehr gut geschult und ohne provincialen Beigeschmack. Die Salons zeigten sich ihm in ihrer ganzen luxuriösen Pracht und er mußte sich gestehen, daß der Haushalt des Herrn Derblay ein höchst musterhafter sei. Claires Erscheinen erregte ihn sehr. Das war nicht mehr sie selbst. Die Frau, die er vor sich sah, war nicht schöner als jene, die er gekannt: aber sie war eine andere geworden: einfach, ernst, mit einer Würde im Blicke, die ihn in Verlegenheit setzte. Herr Derblay selbst sah viel zu gut aus, um ihm nicht ungemein zu mißfallen, und zum erstenmal bemerkte er, daß der Hüttenbesitzer dekoriert sei. In plötzliche Betrachtungen versunken, sprach der Herzog sehr wenig und nur dieser Zurückhaltung verdankte er es, daß er nicht gleich am ersten Tage den Verdacht Philipps erweckte. Auch während der Rückfahrt von Pont-Avesnes verhielt sich der Herzog sehr wortkarg und erst beim Diner war er wieder in heiterer, ausgelassener Laune, scherzte mit Herrn Moulinet und benahm sich als der beste Schwiegersohn der Welt. Seine Apathie war plötzlich völlig verschwunden und am nächsten Morgen dachte er nicht mehr daran, von der dringenden Angelegenheit zu sprechen, die ihn nach Trouville rief. Aber er schloß sich länger als je in sein Rauchzimmer ein, nur schlief er dort nicht mehr, sondern lag auf dem Divan und rauchte viele Stunden lang türkische Cigarretten, welche das Träumen so ungemein begünstigen. Er sah die blauen, spiralförmigen Wölkchen langsam zur Decke emporsteigen, die inmitten ihrer leichten, schwebenden Ringe nach flüchtiger Gestaltung zu streben schienen. Im Halbdunkel erblickte er alsdann das Antlitz Claires, so wie er es eben gesehen, und schloß er die Augen, so blieb ihm ihre Gestalt doch stets gegenwärtig. Von dieser Vision verfolgt, wollte er sich ihr durch Bewegung entziehen. Er ließ eines von den Pferden satteln, die Herr Moulinet so teuer bezahlt hatte, und die so wenig wert waren, und fort ging es mit verhängten Zügeln durch den Park. Es war gegen 4 Uhr nachmittags und im Walde fing es schon an, lebendig zu werden. Unter den flüchtigen Sätzen der sich tummelnden Hasen raschelten die Blätter im Holzschlag und von Zeit zu Zeit flog eine erschreckte Elster aus dem Wipfel einer hohen Eiche empor, einen gellenden Schrei ausstoßend und die Luft mit ihren Flügeln schlagend. Der Tag war sehr heiß gewesen und der Abend brachte eine köstliche Frische, herrliche Wohlgerüche entströmten der Erde und die untergehende Sonne durchdrang mit ihren goldenen Strahlen das dichte Laub des Hochwaldes. Seine Betäubung abschüttelnd, gab der Herzog dem Pferde die Sporen, daß es im Galopp fortsprengte. Ohne es zu bemerken, hatte er den Park verlassen und jagte nun mitten durch den Wald dahin. Das reizende Phantom, das seinen Geist gefangen nahm, eilte immer schneller vor ihm her, ihn mit unbezwinglicher Macht nach sich ziehend und bald hatte er den Rand der Ebene erreicht. Eine große Mauer, hinter welcher die schwer beladenen Zweige stattlicher Obstbäume sich zu Boden neigten, erregte seine Aufmerksamkeit. Ein breiter Durchbruch, der durch einen sogenannten Wolfsgraben abgeschlossen war, öffnete sich zwischen den dichtstehenden Bäumen und der Herzog schlug mechanisch die Richtung dahin ein. Ein weiter Rasenteppich entrollte sich vor seinen Blicken und am äußersten Ende desselben erhob sich ein weißes Gebäude. Der Herzog erschrack; er hatte Pont-Avesnes erkannt. So brachte ihn demnach der Zufall in die Nähe derjenigen, der er zu entfliehen vermeinte. Wollte nicht das Geschick die beiden, welche es ehemals getrennt, wieder vereinigen? Der Herzog lächelte, indem er der Worte gedachte, welche er an jenem Hochzeitsabende gesprochen: »Seit Vulkan haben die Schmiede kein Glück mehr,« vergaß aber dabei die Hämmer, mit denen ihm der Baron gedroht. Uebrigens, konnte die Furcht einen Mann wie Bligny hindern, eine seiner Launen zu befriedigen? Er wendete sein Pferd und mit einem feststehenden Plane im Kopfe kehrte er erleichterten Gemütes im Trab nach Varenne zurück. Nichts konnte für die Ruhe des Herrn Derblay bedrohlicher werden als die neuen Absichten des Herzogs. Zwischen dem kalten Ernst Philipps und die schmeichelnde Liebenswürdigkeit Gastons gestellt, mußte die junge Frau eine gefährliche Probe bestehen. Es war offenbar, daß der Hüttenbesitzer, indem er dem Herzog so freundschaftlich entgegenkam, dabei einen Hintergedanken hatte, denn nichts wäre für ihn leichter gewesen, als die Verwandten seiner Frau allmählich zu entfernen und die von ihnen angestrebte Freundschaft auf rein nachbarliche Beziehungen zu beschränken. Philipp war nicht leicht von seinen Vorsätzen abzubringen und was er einmal beschlossen, das führte er auch gewöhnlich völlig durch. Wenn er sich also den überströmenden Freundschaftsbezeugungen des Herzogs und der Herzogin überließ, so mußte es in seinen Plänen liegen, ihnen sein Haus vollständig zu öffnen. Während der langen Stunden, welche Philipp am Bette der todkranken Claire zugebracht, hatte er alle Ereignisse, die seiner Heirat vorhergegangen, gründlich überdacht. Er hatte dem Hasse, mit welchem Athénais ihre Rivalin verfolgte, Rechnung getragen und derselben einen großen Teil an Claires Handlungsweise zugemessen, und je mehr er die Herzogin schuldig fand, desto mehr war er geneigt, Claire zu entschuldigen. Aber trotzdem hielt er es für notwendig, die Strenge, mit welcher er seine Frau behandelte, auch noch ferner beizubehalten. Der Kampf, den er mit ihr begonnen, sollte mit seinem völligen Siege enden. Er mußte der hochfahrenden Claire eine schwere Prüfung auferlegen und sich eine ausreichende Genugthuung für die unverdiente Schmach verschaffen, welche sie ihm angethan, und er ahnte, daß Athénaïs dazu ausersehen sei, eines Tages eine bedeutende Rolle in der gefährlichen Partie zu spielen. Nochmals mußte ein Kampf zwischen der Herzogin und Claire, zwischen dem Herzog und ihm stattfinden und er sah voraus, wie erbittert, wie voll perfider Hinterhalte und entsetzlicher Ueberraschungen derselbe sich gestalten müsse. Es war leicht möglich, daß er mit dem Tode einer dieser Personen endigen konnte. Trotzdem schwankte Philipp keinen Augenblick. Was hatte er noch zu verlieren? Seine Ehre war beschimpft, sein Glück vernichtet und so konnte er bei dem Abenteuer nur gewinnen, nur wollte er, da er ebenso klug als entschlossen war, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln treffen, um sich den Erfolg zu sichern. Da ihm Claire zu isoliert schien, weil er anscheinend ihre Partei nicht ergreifen durfte, wollte er ihr eine getreue Verbündete geben. Er lud daher die Baronin mit ihrem Manne ein, mehrere Wochen in Pont-Avesnes zu verweilen. So waren die Kräfte ins Gleichgewicht gebracht, die Parteien standen sich gegenüber und das Gefecht konnte beginnen. Die Herzogin von Bligny schien den kleinen friedlichen Winkel der Provinz in völligen Aufruhr bringen zu wollen und Varenne wurde der fröhliche Mittelpunkt, der unaufhörlich von dem Lärm der Festlichkeiten erschallte, mit welchem Athénais ihre Anwesenheit im Schlosse verkündete Obwohl erst seit kurzem in der Provinz ansässig, gedachte sie doch durch ihre Verschwendung und ihre Excentricitäten sehr bald die unbestrittene Herrscherin der ganzen Gegend zu werden. Sie ließ aus Paris zwei Herren ihres Gefolges kommen, den großen La Brède und den kleinen Du Tremblays, die beiden brillantesten Traber ihres famosen »Gespannes zu Sechsen«. »La Brède und Du Tremblays,« sagte sie lachend, »werden für den Landaufenthalt genügen. En poste angespannt und mit recht viel Glocken behängt, werden sie hinreichend Effekt machen.« Und in der That, La Brède und Du Tremblays, diese beiden Unzertrennlichen, die einer ohne den andern ziemlich unbedeutend waren, brachten es vereint zu überraschenden Resultaten, diese beiden Nullen kamen zur Geltung, gleich wie zwei Verneinungen eine Bejahung ergeben. Sie führten in ihrem Reisegepäck Cotillonorden, ein Lawn-tennis und ein Polospiel mit, und als sei der leibhaftige Teufel von Paris ihren Koffern entstiegen, hatten sie kaum den Fuß nach Varenne gesetzt, als auch schon daselbst das tolle Leben anfing. Besançon lieferte der Herzogin ein Orchester von zwanzig Musikanten, denn jeden Samstag wurde im Schlosse getanzt, und die Jugend des Jura erfuhr mit Erstaunen, daß Frau v. Bligny die Absicht habe, für die Zerstreuung der ganzen Gegend zu sorgen. Aus allen benachbarten Schlössern zogen Berlines, Briskas, Charabans, kurz alle möglichen Gefährte, wovon einzelne Exemplare aus den Tagen der Restauration stammten, mit dem Gerassel alten Eisengerümpels auf der Straße nach Varenne dahin. Die stämmigen Krautjunker mit ihrer roten, frischen Gesichtsfarbe und ihren Muskeln, so hart wie das Felsgestein ihrer Berge, machten sich nun daran, die Bälle des Lawn-tennis zu schleudern, die Kugeln des Polo im Galopp auf den Rasenplätzen rollen zu lassen, wobei sie ihren Schädeln empfindliche Hiebe versetzten, während sie ganze Nächte hindurch mit unermüdlicher Kraft walzten. »Sehen Sie doch, Herzogin, Ihre Landjunker sind von guter Race,« rief der lange La Brède aus! »sie schwingen ihre Tänzerinnen wie Federn in die Höhe und ruhen niemals aus. Ich hätte beinahe Lust, einige von ihnen für die Wintersaison nach Paris mitzunehmen ... Sie würden unsere Cotillons retten ... und dort die erste Violine spielen«. »Ja, aber was kommt dabei heraus?« sagte der kleine Du Tremblay, »der muskelstarke, vollblütige Provinziale gedeiht bei uns sehr schlecht. Nach sechs Monaten verliert er seine blühende Farbe und wird in der Regel schlaffer und kraftloser, als selbst der Pariser... Schlechte Spezies für die Acclimatisation.« Während die beiden Pariser sich solch tiefsinnigen Betrachtungen über die Zucht der Tänzer aus der Provinz hingaben, wüteten die zwanzig Musiker mit betäubendem Lärm in den Sälen von Varenne und die Jugend von Besançon und Umgebung tanzte, unbekümmert um ihre Wertschätzung und jede Kritik verachtend, mit einer Hingebung, welche das Herz Moulinets entzückte. Der ehemalige Handelsrichter strahlte vor Wonne, als er sah, mit welch' unermüdlichem Eifer seine Tochter die hohe Gesellschaft seines Wahlbezirks durcheinanderrüttelte. Der Kandidat sagte sich: So viel Gäste, so viel Wähler! und trieb die Herzogin auf dieser Bahn weiter, indem er ihr unbegrenzte Summen zur Verfügung stellte. Und während die Töchter und die Frauen tanzten, machte er sich an die Eroberung der Väter und Gatten. Trotzdem quälte Herrn Moulinet eine Sorge: weder der Präfekt, noch der General, der Kommandant von Besançon, erschienen bei den Empfangsabenden in Varenne. Vielleicht war dem Chef der Civilverwaltung die Gesellschaft zu aristokratisch, und was den Chef der Militärverwaltung anbetrifft, so hatte er eben eine Nase bekommen, weil er es geduldet, daß die Garnison bei einer Prozession Waffen getragen. Er vermied es daher klugerweise, seine Sterne in den Salons der Herzogin glänzen zu lassen. »Was kann es dir schaden, wenn der Präfekt auch nicht kommt,« fragte Athénais den beunruhigten Moulinet, »da doch alle seine Beamten für dich sind? Lasse ihn doch im »Juraboten« herunterreißen. Man soll irgend eine dumme Geschichte auf seine Kosten erzählen. Höre, willst du, daß ich den Artikel von La Brède schreiben lasse? Das wird lustig werden! Und was den General anbelangt, so ist er ja ohnedies eine Null; seine Soldaten stimmen doch nicht!« Athénais hatte viel mehr Grund zur Unzufriedenheit als ihr Vater. Frau Derblay ließ sich entschuldigen, daß sie bei den Soireen am Samstag nicht erscheinen könne, weil sie noch zu leidend sei, um so lange aufzubleiben. Die Herzogin, deren einziger Zweck bei all' diesen Festlichkeiten nur der war, Claire zu zwingen, denselben beizuwohnen, bekämpfte nur sehr schwer ihren Ärger über deren Abwesenheit, ja sie hatte Launen, welche die Heiterkeit ihrer Umgebung sehr beeinträchtigte. Die Rivalin mit ihrem Luxus nicht erdrücken zu können, ihr nicht tausend Dolche ins Herz senken zu dürfen, indem sie sich ihr am Arm des Mannes zeigte, den sie hätte heiraten sollen, sie nicht jedesmal zittern zu sehen, wenn man sie selbst »Frau Herzogin« nannte, das hieß sie um jedes Vergnügen bringen, das sie sich versprochen hatte. Der Haß der jungen Frau, der durch den Anblick von Demütigung und Qual vielleicht gedämpft worden wäre, wurde im Gegenteile durch den Widerstand, den Claire ihr entgegensetzte, durch die hoheitsvolle Ruhe, die auf ihrer Stirn strahlte, von neuem aufgestachelt. Claire kam einmal zum Diner nach Varenne und ihr Benehmen war dabei vom feinsten Takt. An der Seite dieser vornehmen, eleganten Frau erschien die anspruchsvolle, ungestüme Herzogin so, wie sie in Wirklichkeit war: eine gewöhnliche, schlecht erzogene Person, die mit der Dreistigkeit einer neugebackenen Millionärin alles that und alles sagte, was ihr eben durch den Kopf zog, und der Vergleich fiel vollständig zu Gunsten Claires aus. Athénaïs fühlte dies und schwor, fürchterliche Rache zu nehmen. Diese junge, brünette Frau mit dem reizenden Gesichte, dem lebhaften Auge und dem anmutigen Lächeln war das bösartigste Geschöpf, das man sich denken konnte. Sie wäre fähig gewesen – würde nur die Gefahr der Verantwortung nicht so groß gewesen sein – Vitriolöl in das schöne Gesicht Claires zu schütten, um dasselbe für immer zu entstellen und die ruhigen, klaren Augen, in denen sie so viel Verachtung las, rettungslos zu blenden. Was Athénaïs zumeist verdroß, war das gute Einvernehmen, das zwischen Herrn und Frau Derblay zu herrschen schien. Der Gemahl war zuvorkommend, zärtlich und aufmerksam, die Frau voll Achtung und Liebe. Man konnte sich über das Lächeln Claires nicht täuschen, wenn Philipp an ihrer Seite weilte; gewiß, sie liebte ihn, und kein Zweifel, sie wurde wieder geliebt. Wie sollte auch der Hüttenbesitzer ein so vollkommenes Wesen nicht lieben, das in glücklicher Harmonie körperliche Anmut und moralische Schönheit in sich vereinigte? Überdies hatte er sie nicht aus Liebe geheiratet? Über alle demütigenden Seltsamkeiten der Situation hinwegsehend, hatte er die Frau genommen, als sie vom Herzog verlassen und ohne Vermögen dastand. Und dies alles nur, weil er sich glücklich fühlte, sie zu besitzen, als wäre sie in der That ein seltener Schatz! So sagte sich Athénaïs, war es das Geschick Claires, immer und überall geliebt zu werden, während das Schicksal bestimmt hatte, daß sie, Athénaïs, die Menschen gleichgültig lasse. Freilich, man huldigte ihr ebenfalls. Aber was waren diese Schmeicheleien, diese Salongalanterieen, diese flüchtigen Launen, welche sie einflößte, verglichen mit der aufrichtigen, tiefen, unerschütterlichen Liebe, welche Claire zu erregen die Gabe besaß. In der Heftigkeit ihrer Eifersucht beschäftigte sie sich besonders mit Herrn Derblay. Sie nahm eine ernste Haltung an, um ihm zu gefallen und überhäufte ihn während des ganzen Abends mit Zuvorkommenheiten. Sie fand den Hüttenbesitzer in Wahrheit sehr liebenswürdig. Mit seinem dunklen Teint, seinen schwarzen, kurz geschnittenen Haaren und seinen großen braunen Augen glich er einem Araber. Athénaïs fühlte sich plötzlich sehr erregt. Nie hatte ein Mann ihr ein ähnliches Gefühl eingeflößt. Sie dachte, daß, wenn sie fähig wäre, sich je in einen Mann zu verlieben, dies nur Philipp sein könnte, und beseelt von dem Gedanken an den Schmerz, den sie Claire dadurch verursachen könnte, überließ sie sich ihrer natürlichen Koketterie mit einem Feuer, welches sie selbst überraschte. Sie empfand sogleich eine diabolische Freude, als sie bemerkte, wie Claires Antlitz sich verdüsterte, wie dieselbe unruhig und ängstlich wurde. Athénais las die Seelenpein auf der Stirne derjenigen, die sie haßte, und erkannte, daß sie die schwache Stelle gefunden, nach welcher sie den tödlichen Streich führen konnte. In Wahrheit war das Benehmen Philipps das eines wohlerzogenen Mannes, dem die Frau vom Hause mit schmeichelhafter Auszeichnung entgegenkommt. Er nahm mit vollendeter Artigkeit die lebhaften Avancen der Herzogin entgegen, reichte ihr den Arm, um sie durch die Salons zu führen und plauderte angelegentlich mit ihr. Er war gerade galant genug, um angenehm zu sein, und kalt genug, um nicht der Vermutung Raum zu geben, daß er mit der Herzogin vertrauter sei, als mit jeder andern Frau der anwesenden Gesellschaft. Indessen, so sehr er sich auch zu bemeistern verstand, ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl bemerken können, daß er von einer lebhaften Aufregung gepeinigt wurde. Während die Herzogin, aufgebläht wie ein junger Pfau, sich seiner bemächtigte und ihn in den Salons und den Gewächshäusern umherführte, sah er, daß der Herzog sich Claire näherte und, über die Lehne ihres Fauteuils gebeugt, sich lächelnd mit ihr unterhielt. Es war das erstemal, daß er Claire und Gaston so nahe nebeneinander und ohne Zeugen ihre Gedanken austauschen sah. Er erzitterte und eine dunkle Röte überflog seine Schläfen, ja einen Augenblick litt er so entsetzlich, daß sein Arm sich krampfhaft zusammenzog und die Hand der Herzogin heftig drückte. Diese blickte mit Erstaunen zu ihm auf. Sie befanden sich gerade in einem kleinen Räume des Gewächshauses, den Moulinet »die Tropen« nannte und in welchem sich in feuchter Wärme die giftigen Pflanzen Indiens und Afrikas in herrlicher Pracht entfalteten. »Was haben Sie denn?« fragte die Herzogin, indem sie den Arm ihres Kavaliers leicht drückte und zu lächeln anfing. »Der starke Duft dieser Pflanzen und die Hitze des Gewächshauses betäuben mich,« antwortete der Hüttenbesitzer, seine Ruhe wiedergewinnend. »Kehren wir in den Salon zurück, wenn es Ihnen beliebt.« Und die Herzogin am Arm, kam Philipp langsamen Schrittes zurück, mit den Augen den Herzog suchend, der sich noch immer mit Claire unterhielt. Seit dem Diner war der Herzog unsichtbar gewesen. Er hatte einen Teil seiner Gäste ins Rauchzimmer geführt und sie hier mit seinen feinen Cigarren und Cigarretten bekannt gemacht. Nach Verlauf einer halben Stunde hatte er seine Pflichten als Hausherr vorgeschützt und die Raucher, von dichten Wolken umhüllt, verlassen. Er wollte sich Claire nähern, da er aber den stolzen Charakter der jungen Frau kannte, wagte er keinen offenen Angriff. So kühn er auch sonst war, fühlte er sich ihr gegenüber dennoch etwas beengt; auch wußte er, daß die ersten Worte, die er ihr unter vier Augen sagen wollte, von größter Wichtigkeit für ihre zukünftige Stellung zu einander sein würden. Vielleicht wäre es besser gewesen, noch zu warten und es der Zeit zu überlassen, das Terrain zu ebnen, ehe er sich darauf versuchte. Aber Bligny war bereits bis zu jenem Grade von cynischem Egoismus gelangt, daß er die Befriedigung einer seiner Launen nicht mehr zu zügeln vermochte. Er rückte also vor, plauderte hier ein wenig mit seinen Freunden, verweilte dort einige Augenblicke bei den Frauen, wie ein Raubvogel immer engere Kreise um Claire ziehend. Nun war er dicht bis zu ihr gelangt, er machte noch einen Schritt und neigte sich über die Lehne des Fauteuils, in welchem die junge Frau saß. »Fühlen Sie sich heute Abend vollständig wohl?« begann er mit schmeichelnder Stimme. »Ich komme fast zitternd, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, denn ich fürchte, das Unglück zu haben, daß Sie mich nicht ohne Mißvergnügen in Ihrer Nähe sehen.« Claire wendete sich lebhaft um und dem Herzog scharf ins Auge blickend, antwortete sie kühn: »Und weshalb sollte ich Sie nicht ohne Mißvergnügen sehen? Wäre ich zu Ihnen gekommen, wenn ich Ihnen gegenüber die Gefühle hegte, die Sie mir zuschreiben?« Der Herzog schüttelte melancholisch den Kopf. »Es ist seit Ihrer Vermählung das erste Mal, daß wir Gelegenheit haben, uns allein zu sprechen,« entgegnete er, »doch ich sehe, daß wir uns auch jetzt noch nicht die Wahrheit gestehen werden. Es wäre eine der größten Bitternisse meines Lebens, wenn ich nach meinem undankbaren Benehmen Ihnen gegenüber Ihnen auch heute die Gründe nicht darlegen könnte, die vielleicht zu meiner Entschuldigung dienen können.« »Aber Sie bedürfen ja gar keiner Entschuldigung, glauben Sie es mir,« erwiderte Claire mit Ruhe. »Habe ich Ihnen etwa Vorwürfe gemacht und glauben Sie wirklich, daß Sie solche verdienen? Ich muß Ihnen gestehen, daß dies ein Beweis von seltsamem Dünkel wäre.« »Sie erleichtern mein Gewissen von einer schweren Last,« fing der Herzog wieder an. »Meine Heirat war eine der fatalen Notwendigkeiten des Pariser Lebens. Ich befand mich eines Tages in einer Lage, in der ich zwischen meinem Glücke und meiner Ehre wählen mußte. Ich hatte zwei Schulden zu bezahlen; aber indem ich die eine befriedigte, mußte ich die andere preisgeben. Ich opferte meine Liebe, um meinen Namen zu retten. Sehen Sie, Claire, das ist's, was ich Ihnen sagen mußte.« »Mit anderen Worten, Herr Moulinet hat Sie aus einer mißlichen Lage befreit und Sie haben aus Dankbarkeit seine Tochter geheiratet – mit mehreren Millionen Mitgift. Ja, Herzog, Buße thun ist süß, sagt die Bibel. Und mehr noch, wenn ich Sie recht verstanden, empfinden Sie, um sich in dieser harten Prüfung aufrechtzuhalten, sogar das Bewußtsein erfüllter Pflicht. Sie müssen also recht glücklich sein – und Sie sehen mich darüber entzückt.« Unter dem Stachel dieser ironischen Worte erbebte der Herzog. »Und Sie?« fragte er rasch, »sind Sie glücklich?« »Sie sind der einzige, der nicht das Recht hat, mich danach zu fragen,« versetzte Claire stolz. Im selben Augenblick kehrte Philipp mit der Herzogin zurück und Gaston wies mit einer leichten Kopfbewegung auf den Hüttenbesitzer, der Athénais am Arme führte. Und da er Claire unruhig werden und erbleichen sah, warf er ihr einen höchst spöttischen Blick zu und sagte: »Sie verdienten wohl, mehr geliebt zu werden.« Dabei verbeugte er sich und entfernte sich mit langsamen Schritten. Claire zitterte bei dem Gedanken, daß der Herzog ihr Geheimnis habe erraten können. So zweifelte er also dennoch an ihrem Glücke, welches sie mit so großer Verstellungskunst vor der Welt behaupten wollte. Sie ahnte, welche Gefahr ihr drohe, wenn der Herzog gewissenlos genug wäre, sich mit ihr beschäftigen zu wollen. Wie war es dann möglich, das Werk der Eroberung ihres Gatten fortzusetzen? Wie konnte sie verhindern, daß ihr Mann durch die Nachstellungen des Herzogs erbittert werde? Und wie sollte ihr selbst im Kampfe mit diesem gefährlichen Angreifer die Freiheit bleiben, um die Herzogin zu bekämpfen, von deren frecher Koketterie sie Philipp umgarnt sah? Sie beschloß, zu fliehen, und, ihrem Manne ein Zeichen machend, auf das er sogleich zu ihr eilte, bat sie ihn, den Wagen zu bestellen. Alsdann die schmeichelhaften Nötigungen der Herzogin kurz abschneidend und dem Herzog einen kalten Gruß zuwinkend, zog die junge Frau ihren Gatten so rasch mit sich fort, als ob das Schloß in Flammen stünde. Als sie in ihrem Coupé saßen und in der klaren, milden Nacht auf der Straße dahinrollten, fühlte sich Claire wie erlöst und fürchtete sich nicht, ihren Mann zu fragen: »Wie haben Sie die Herzogin gefunden?« »Reizend,« antwortete Philipp zerstreut. Die junge Frau lehnte sich in die Ecke zurück mit einer Gebärde des Unmutes, welche die Dunkelheit ihrem Manne verbarg. Das einzige Wort »reizend« hatte sie tief getroffen. Sie hatte den Ton vollkommenster Gleichgültigkeit nicht bemerkt, mit dem es ausgesprochen wurde. »Wir werden nicht mehr nach Varenne zurückkehren,« sagte sich Claire. Zu gleicher Zeit zog vor Philipps Geiste die elegante Gestalt des Herzogs vorüber, wie er sich zu Claire neigte, mit perfidem Lächeln ihr zärtliche Worte ins Ohr flüsternd. Und mit bedrücktem Herzen und drohenden Augen ballte der Hüttenbesitzer seine kräftigen Fäuste. Sie kehrten auch wirklich nicht wieder nach Varenne zurück. Zwei Wochen darauf gaben sie Herrn Moulinet, dem Herzog und der Herzogin ebenfalls ein Diner, und von da an setzten sie allen Höflichkeiten und Zuvorkommenheiten eine feste Weigerung entgegen. Athénais fand in ihrer Verzweiflung La Brède ohne Feuer, Du Tremblays ohne jede Phantasie und ohne Vergnügen walzte sie mit den Edelleuten ihrer Nachbarschaft. Vergebens hielt Herr Moulinet bei der Eröffnung der Blumenausstellung, deren Präsident zu werden ihm gelungen war, eine Rede, welche diejenigen Zuhörer in tiefen Schlaf versenkte, die nicht von hochgradiger Heiterkeit befallen wurden. Es gab dabei ein Feuerwerk, Schifferstechen mit Lanzen auf der Avesnes und auch eine Rosenkönigin wurde unter Trompetengeschmetter gekrönt, kurz man führte das lustige, geräuschvolle, ermüdende Leben, welches Athénais so sehr nach ihrem Geschmack fand. Doch nichts vermochte sie zu befriedigen, denn Frau Derblay war nicht da, um ihren Triumphen zur Folie zu dienen. Die alte Marquise, die ihre Tage wie eine einsame Turteltaube auf den Höhen von Beaulieu vertrauerte, hatte ihren Fuß noch nicht nach Varenne gesetzt. Die Abwesenheit des Herrn und der Frau Derblay wurde dort bald bemerkt und man begann allgemein darüber zu zischeln. Nun war auch die Baronin Préfont, diese flinke Zunge, bei Claire zu Besuch, und Athénais sah den Moment voraus, wo alle Welt an ein Zerwürfnis zwischen Varenne und Pont-Avesnes glauben mußte. Sie wollte um jeden Preis versuchen, das Eis zu brechen, das sich zwischen den beiden Familien zu immer drohenderen Massen verdichtete. Nur ein großartiges Fest, zu dem man die ganze gute Gesellschaft des Landes laden konnte, vermochte hiezu den passenden Anlaß zu bieten. La Brède war es, der, ohne arges dabei zu denken, ihr die ersehnte Gelegenheit bot, indem er eine Schnitzeljagd in den Waldungen von Pont-Avesnes und Varenne vorschlug. Alle Civil- und Militärautoritäten, die Offiziere der Garnison sollten dazu geladen werden: zu Pferde oder zu Wagen sollte die ganze Gesellschaft der Jagd folgen. Darauf sollte ein Lunch kommen, der in dem Rondel an den Teichen eingenommen werden sollte. Kurz, es mußte dies ein Sportfest werden, von dem selbst die Pariser Zeitungen sprechen würden. Wenig fehlte, daß Athénais La Brède für diesen genialen Einfall umarmt hätte. Und indem sie ihrem Vater die Sorge um alle anderen Einladungen überließ, fuhr sie selbst nach Pont-Avesnes und kehrte freudestrahlend mit einer günstigen Antwort zurück. Vierzehntes Kapitel Das Rondel an den Teichen liegt an der Grenze der Waldungen von Pont-Avesnes und von Varenne. Mehrere Weiher, bedeckt mit Binsen und breitblätterigen Pflanzen, die ihre blinkenden Stengel wie ruhende Schlangen auf der Oberfläche des Wassers ausbreiten, ziehen sich in einer Ausdehnung von drei- bis vierhundert Meter hin und gaben dem Rondel seinen Namen. Die niedrigen Zweige der Eichen neigen sich, wie nach Erfrischung lechzend, zu denselben hinab und das alljährlich im Herbst abgefallene Laub bildet, in Fäulnis übergehend, längs der Ufer eine dichte Schlammschichte, in welcher sich jeden Morgen die Wildschweine vergnügt umherwälzen. Weißgestrichene Schranken, die sonst die Waldwege abschließen, umgeben heute eine Wegkreuzung von zweihundert Meter im Geviert, die mit dichtem, weichem samtartigem Rasen bedeckt ist. Riesige Buchen mit grauweißlichem Stamme und dichtem Laubwerk verbreiten kühlenden Schatten über das Rondel. Die acht breiten Wege, welche in die Kreuzung münden, verlieren sich, mit rötlichem Heidekraut gesäumt, geradlinig in dem Dickicht des Gehölzes. Es ist dies ein stiller, geheimnisvoller Platz; die Sonne bestrahlt mit schimmerndem Glanze die von einer leichten Briese gekräuselten Gewässer, in denen sich der Azur des Himmels widerspiegelt; für eine Jagd im Walde eignet sich dieser Ort vorzüglich. Die von den Hunden gehetzten Rehe flüchten ermüdet hierher, um in den Weihern die zitternden Beine zu erfrischen und trinkend neue Kraft aus denselben zu schöpfen, so daß ein Schütze, der am Ufer hinter einer der großen Eichen postiert ist, hier leicht die ersehnte Gelegenheit finden kann, zum Schuß zu kommen. Herr Moulinet, als passionierter Liebhaber der schönen Natur, hat, von dem Reiz der Landschaft verführt, den Platz verunstaltet, indem er dort einen chinesischen Kiosk erbauen ließ. In der Mitte des weiten Rondels bot eine im Freien aufgestellte Tafel, von Lakaien in Galalivree bedient, den Gästen der Herzogin alle die Erfrischungen, welche vor Beginn eines langen Rittes erwünscht sind. Seit einer Stunde schon durcheilt La Brède, begleitet von seinem getreuen Du Tremblays, das Gehölz, um kleine Papierschnitzel, welche im voraus die Fährte bezeichnen sollen, umherzustreuen, die Wege zu verrammeln, die Hindernisse zu verdoppeln und zu gleicher Zeit die falsche Spur mit peinlicher Gewissenhaftigkeit zu bezeichnen. Auf allen Wegen, die zum Rondel führen, kamen die Reiter, die Amazonen, die Breaks und die Kutschen herbei. Die hellen Toiletten der Damen, von buntfarbigen Sonnenschirmen beschützt, die blauen Dolmans und die roten Hosen der Husaren bildeten farbige Punkte auf dem düsteren Grün der Bäume; die Pferde, die von Wächtern mit runden Kappen und grünen Röcken am Zügel gehalten wurden, streckten die lüsterne Zunge auf den mit frischen Kräutern bedeckten Boden hinab, die Steigbügel klangen aneinanderstoßend und lautes Wiehern erscholl. Die Pfropfen der Champagnerflaschen knallten lustig und ließen den Schaum in die Gläser strömen. Von ihrer schwarzen Amazone eng umschlossen, in der fein behandschuhten Rechten eine Reitgerte schwingend, deren Knopf ein großes Katzenauge schmückte, machte Athénais mit Heiterkeit, Ungezwungenheit und überraschender Anmut den Ankommenden die Honneurs des Waldes. Auf den Kissen der großen Reisekutsche des Herzogs saßen längs der mit Rasen bekleideten Böschung die Damen. Moulinet in blauem Frack und perlgrauen Handschuhen wich nicht von der Seite des Barons, den er mit seiner aufdringlichen Zuneigung quälte. Der Herzog trug das englische Jagdkostüm: roten Rock, weißlederne Beinkleider, schwarzsamtene Kappe, hinten mit einem grünen Knoten geschmückt: es waren seine Wappenfarben, sein Schild mit grünem Felde. Philipp war wie gewöhnlich schwarz gekleidet, nur trug er Beinkleider aus grauem Samt, die in gleichfarbigen Gamaschen steckten. Claire und die Baronin trugen gleiche Reitkostüme von dunkelblauem Tuche und runde, mit einer schwarzen Feder geschmückte Hüte. Sie sahen beide entzückend aus: Frau v. Préfont, mit ihrer zierlichen Taille elegant, Claire prächtig mit ihrem hohen schlanken Wuchse, den schönen Schultern und den herrlichen Formen, die in dem einfachen schmucklosen Kleid vorzüglich zur Geltung kamen. Susanne, welche von Octave bedient wurde, tauchte ein Biskuit in ein Glas Malaga und ließ dabei Philipp nicht aus den Augen, der sorgfältig den Sattelgurt ihres Ponny fester schnallte und aufmerksam dessen Kinnkette prüfte, während Herr Bachelin, langsam sein Pferd ausspannend, demselben mit Hilfe eines Dieners den Sattel auflegte, den er in seinem Kabriolett mitgebracht. Die Sonne vergoldete das Gehölz und übergoß mit strahlendem Lichte das glänzende Bild. Die Luft war frisch und klar und alles atmete wonnige Lebensfreude. »Herr Derblay!« ... rief plötzlich Athénais und ließ den sehnlichst erwarteten Präfekten stehen, mit dem sie gerade plauderte. Und als Philipp ruhig zu ihr trat, sagte sie: »Halten Sie es nicht für angezeigt, uns auf den Weg zu machen? Es ist mindestens schon eine Stunde verstrichen, seitdem die Herren mit ihren Papierschnitzeln fortgeritten sind und wenn sie nur ein wenig flink waren, werden wir tüchtig galoppieren müssen, um sie einzuholen.« »Mein Gott, Madame,« erwiderte Philipp, »ich muß gestehen, daß ich mit dieser Art des Jagens wenig vertraut bin. Wollen Sie sich nicht lieber an Pontac wenden, der in seiner Eigenschaft als Jägermeister besser Bescheid wissen wird?« Und dabei wies Philipp mit einer Handbewegung auf einen großen jungen Mann in silberbetreßtem Jägerkostüme von reinstem Stil, mit dem dreispitzigen Hute auf dem Kopfe, das Jagdmesser an der Seite und das Hifthorn an der Schulter. Als hätte er bloß auf die Gelegenheit, sich vorzustellen, gewartet, trat der Vicomte v. Pontac in die Mitte des Rondels, und indem er sich mit englischer Steifheit vor Frau v. Bligny verbeugte, sagte er: »Frau Herzogin, ich stehe zu Ihren Diensten. Wenn Sie mir die Führung der Jagd anvertrauen wollen, erbiete ich mich, vor Ablauf von zwei Stunden die Herren La Brède und Du Tremblays erjagt zu haben. Wünschen Sie, daß wir das Signal zum Aufbruch geben? Dort ist mein Piqueur... Ho! Ho! Bistoque!« Ein großer, stämmiger Junge in galoniertem Wams, mit rötlich-gelben Gamaschen und einer roten Nase, die inmitten seines lederartigen Gesichtes funkelte wie eine Erdbeere auf gelber Erde, trat aus der Gruppe der Bedienten heraus, das Bein nachschleppend und einen dürren, schlecht gestriegelten Klepper am Zügel hinter sich herziehend. Einige Schritte von Pontac entfernt blieb er stehen, legte in soldatischer Art die Hand an den Schild seiner Kappe und wartete, daß man ihm seinen Rapport abverlange. »Befehlen Sie, daß ich ihn befrage?« sagte der Vicomte zur Herzogin. »O, gewiß,« antwortete Athènaïs, entzückt von dem Ceremoniel des Vorganges. »Schau sie dir doch gut an, meine Liebe,« flüsterte die Baronin mit halblauter Stimme, »sie gibt sich das Ansehen einer Königin! Und Pontac, wie ernsthaft der seine Rolle nimmt! All dies, um hinter kleinen Papierschnitzeln herzurennen. O, wie lustig!« »Bei la Héronnière beginnt die Jagd,« sagte Bistoque, »denn da ist der Anfang der Fährte. Es liegt nämlich ein Blatt Papier dort, so groß wie meine Hand. Sonst keine Spur, keine geknickten Zweige, nichts weiter! Die Herren fürchteten sicherlich, daß man sie zu leicht finden könnte!... Sie hätten gleich eine ganze Zeitung hinlegen können ... Das Wild,« entschuldigen Sie, »die Herren gaben sich den Anschein, als setzten sie ihren Weg durch den Hochwald fort, sie haben jedoch die Straße übersprungen, sich dann zur Ebene gewendet, sind bei Belle-Empleuse in den Wald zurückgekehrt, und dann zu Fuß an der Hecke weiter gegangen, sind dann auf der Gegenspur nach la Boulottière...« »Halt!« fiel Herr von Pontac lachend ein, »wenn man ihn gehen läßt, wird er uns noch die ganze Jagdroute mitteilen.« »Wohl möglich,« versetzte der Piqueur, mit den Augen zwinkernd. »Man muß nicht glauben, daß ein gewöhnlicher Mensch so leicht den Hirschen nachahmen kann. Dazu gehört mehr als Brotessen,« fügte er mit possierlicher Miene hinzu. Die Herzogin brach in Lachen aus und sich an Pontac wendend: »Wie komisch ist doch dieser Bursche,« rief sie; »Papa, gib doch dem guten Jungen einen Louisdor. Gegen eine solche Spürnase werden La Brède und Du Tremblays sich sehr anstrengen müssen, um nicht bald gefangen zu werden,...« »Ein baldiges Halali!« sagte Pontac, »... Frau Herzogin, soll man zum Aufbruch blasen?« »Blasen Sie, Vicomte.« Pontac stellte sich, seine Trompete mit der linken Hand umwendend, in die Mitte des Plateaus und die Backen weit aufblasend, als ob er alle Bäume des Waldes niederstürzen wollte, sandte er dem Echo die schmetternden Töne einer Fanfare entgegen. »Mein Kompliment, Herr Vicomte,« sagte die Herzogin, »Sie besitzen ein auffallendes Talent!« »Das ist in unserer Familie erblich,« entgegnete Pontac mit träumerischem Ernste. »Vom Vater auf den Sohn blasen wir seit drei Jahrhunderten die Trompete.« Und mit der Miene eines überlegenen Mannes schritt der Vicomte auf sein Reitpferd zu. Im Nu geriet die ganze Gesellschaft in Bewegung; die Reiter setzten den Fuß in den Steigbügel, die Neugierigen, die zu Wagen folgen wollten, nahmen auf den Kissen der Fuhrwerke aller Art Platz und in allgemeiner Begeisterung zog die ganze Masse der Anwesenden in die Alleen, welche an la Héronnière grenzten. Die dumpfen Hufschläge der Pferde, die im Galopp über den bemoosten Weg dahinsprengten, verloren sich in der Ferne, während Bistoque, der die Jäger führte, beim scharfen Trabe seines Kleppers das freudige Signal zum Anfang der Jagd erschallen ließ. »Herr Derblay,« sagte die Herzogin mit süßem Lächeln, »wollen Sie, da Sie das Terrain so gut kennen, nicht die Liebenswürdigkeit haben, mein Führer zu sein? Lassen wir das Gros der Jagd fortreiten. Sie haben ein mutiges Tier, ich ebenfalls, wir wollen quer den Wald durchschneiden und auf diese Weise einen großen Vorsprung gewinnen. »Aber Frau Herzogin, haben Sie nicht Pontac, der Sie besser führen kann als ich?« sagte Philipp. »Nein,« entgegnete lustig die Herzogin, »ich wünsche, daß Sie es thun, wofern Sie es mir nicht abschlagen. Aber ich glaube nicht, daß Sie dessen fähig wären....« Der Hüttenbesitzer verbeugte sich, ohne etwas zu erwidern. Claire, die in der Nähe stand und zornbebend den kühnen Lockruf der Herzogin mit angehört hatte, traten Thränen des Schmerzes in die Augen und ohne es zu wissen, preßte sie konvulsivisch den Arm der bestürzten Baronin. »Du reitest mit uns, nicht wahr?« sagte alsdann die Herzogin, sich an Claire wendend. Die junge Frau senkte das schöne verdüsterte Antlitz und antwortete mit ruhiger Stimme: »Nein, ich habe meinen Kräften zu viel zugemutet als ich dachte, die Jagd zu Pferde begleiten zu können. Ich werde mit dem Wagen folgen.« Dabei warf Claire ihrem Manne einen leidenden Blick zu, der ihn zu bitten schien, sie nicht zu verlassen. »Ist es dir etwa unangenehm, wenn ich dir deinen Mann entführe?« fragte die Herzogin mit falscher Sorglichkeit und fügte lachend hinzu: »Wärest du gar ein wenig eifersüchtig?« »Nein,« antwortete Claire, die ihre Ohnmacht und ihren Schmerz nicht gestehen durfte. »Nun, denn, zu Pferde!« rief Athènaïs fröhlich aus, begierig, den Sieg zu vollenden. Claire sah mit gepreßtem Herzen ihren Mann sich entfernen: einen Augenblick lang dachte sie, ihn zu rufen, ihn zurückzuhalten. Sie rief: »Philipp!« Der Hüttenbesitzer wendete sich rasch um, und zu ihr zurückkehrend, fragte er: »Was haben Sie? Sind Sie vielleicht unwohl? Wünschen Sie etwas?« Hätte Claire nur ein Wort gesprochen, ihr Mann wäre gewiß bei ihr geblieben und vielleicht wäre ihr viel Leid dadurch erspart worden. Doch der Stolz, der noch immer mächtiger war als die Liebe, hielt das bittende Wort auf Claires Lippen zurück. Sie schüttelte verneinend den Kopf und mit kalter Miene und verächtlicher Gebärde sagte sie: »Nein, ich habe nichts, ich will nichts! Gehen Sie nur!« Philipp entfernte sich und einen Augenblick dehnte Claire den stets wachsenden Haß, den sie gegen Athènaïs empfand, auch auf ihn aus. Sie wurde von einem jener Zornanfälle ergriffen, in denen man einen Mord begehen kann. Die Herzogin hatte ihr Kleid etwas in die Höhe gehoben, so daß einer ihrer feinen und eleganten in hirschlederne Stiefelchen gepreßten Füßchen, das sie auf den Rand des Grabens setzte, sichtbar wurde, und zeigte Herrn Derblay den Riemen ihres Sporns, der sich gelöst hatte. Der Hüttenbesitzer bückte sich und befestigte auf der leichten Wölbung des Fußes den ledernen, mit Stahlringen geschmückten Riemen und schloß die an der Ferse befindliche Schnalle. Kühn und herausfordernd berührte die Herzogin mit dem Knopfe ihrer Peitsche die Schulter Philipps, wie um ihre Macht zu beweisen. »Oh, was soll denn das heißen?« murmelte die Baronin. Doch als sie dabei auf ihre Freundin blickte und dieselbe so bleich und zitternd sah, wagte sie nicht, ihre Frage fortzusetzen. Von Philipps starken Armen emporgehoben, hatte sich die Herzogin in den Sattel geschwungen. Sie erfaßte die Zügel, winkte ihrer vernichteten Rivalin mit stolzer Gebärde zu, und ihr Pferd in Galopp setzend, ließ sie es mit einem Sprunge den Graben nehmen, der die Wegkreuzung vom Hochwalde trennte. Philipp folgte und einen Augenblick später verloren sich ihre Schatten im Dickicht des Waldes. »Wünschen Sie, daß ich Ihnen Gesellschaft leiste?« flüsterte eine sanfte Stimme neben Claire, die regungslos, vernichtet den beiden Reitern nachstarrte, als ob diese ihr ganzes Lebensglück mit sich hinwegführten. Die junge Frau drehte sich um. Der Herzog stand neben ihr. Sie erstickte einen Schreckensruf und ihre Handschuhe hastig ausziehend, antwortete sie mit ernster Stirn und gesenktem Blick: »Lassen Sie mich, ich will allein bleiben.« Und den Arm der Baronin nehmend, stieg sie mit ihr zu den Weihern hinauf, während der Herzog zu Pferde die Richtung einschlug, welche die Jagdgesellschaft genommen und die ihm ferner Hörnerschall anzeigte. Octave und Susanne wandelten, unbekümmert um die Jagd, plaudernd auf dem grünen Waldpfade dahin. Ihre beiden Pferde waren an einem Baum festgebunden und rieben liebkosend die Hälse aneinander oder rissen mit ihrem von dem Stahlgebiß versperrten Mäulern heftig an den Schößlingen der Zweige. Der Baron, sich selbst überlassen, zerklopfte mit einem kleinen Hammer Muster von Gestein, das er am Wege aufgelesen hatte. Die beiden Frauen gelangten, ohne zu sprechen, in den Kiosk und ließen sich auf eine der Bänke nieder, welche denselben umgaben. Tiefe Stille, die dem Lärm und der Bewegung gefolgt war, lagerte über dem Walde. Eine leichte Brise bewegte das Schilfrohr, über welchem schimmernd in ihrem schwankenden Fluge Libellen hinstrichen. Die Baronin betrachtete ihre Freundin aufmerksam. Claire hatte ihre Selbstbeherrschung wieder gewonnen, nur ein leichtes Beben ihrer Lippen offenbarte die noch fortdauernde Erregung ihrer Nerven. Sie befürchtete, von der Baronin erraten worden zu sein und wendete die Blicke von ihr weg, mit gleichgültiger Miene den Sand zu ihren Füßen anstarrend. »Mein Gott, was hat dies alles zu bedeuten?« rief die Baronin aus, unfähig länger an sich zu halten. »Ich komme bei euch an in dem Glauben, die Leute in biblischer Ruhe anzutreffen und statt dessen gerate ich mitten in Zerwürfnisse und Wirren hinein. Dein Gemahl galoppiert mit Athénais davon und der Herzog bietet dir demütig seine Gesellschaft an...« »Wie bei einer Quadrille,« sagte Claire nervös lachend; »man wechselt die Damen.« Die Baronin wurde ernst und ergriff die Hand ihrer Cousine. »Warum willst du mich täuschen? Hältst du mich für so einfältig, daß ich nicht begreifen könne, was in Dir vorgeht? Claire, du bist nicht glücklich!« »Ich! Wie sollte ich es nicht sein? Ich lebe inmitten von Luxus und Zerstreuungen, habe eine Familie, die mich liebt, bin von Freunden umgeben, mein Mann läßt mir meine Freiheit... Du siehst, ich besitze alles, was ich einstens wünschte. Wie sollte ich nun nicht glücklich sein?« »Aber, mein armes Kind, das, was du einst gewünscht, bringt dich heute zur Verzweiflung. Dein Gatte läßt dir Freiheit, doch auch er hat die seinige in Anspruch genommen; und wenn du ihn nun neben einer andern siehst, so blutet dir das Herz. Aus Stolz möchtest du es leugnen, doch dein Schmerz verrät dich! Nein, du bist nicht glücklich! Du kannst es nicht sein, denn du bist eifersüchtig!« »Ich!« rief Claire erregt aus. Sie brach in schmerzliches Lachen aus, das mit einem Schluchzen endigte, ihre Augen füllten sich mit Thränen und, mit schamrotem Antlitz ihrer Freundin in die Arme sinkend, begann sie bitterlich zu weinen. Die Baronin ließ schweigend das von Trübsal erfüllte Herz sich erleichtern und erst als sich Claire beruhigt hatte, entriß sie ihr das Geheimnis ihres Bruches mit Philipp. Die junge Frau war tief betroffen. Sie begriff die Qualen, welche Claire erdulden mußte, und ahnte diejenigen, welche der Hüttenbesitzer ertrug. Sie erriet das Entsetzliche des Kontrastes, der zwischen der äußeren Existenz dieser beiden Wesen und ihrem inneren Leben bestand. Aeußerlich der Schein der Heiterkeit und des guten Einvernehmens, im Innern Kälte, Schweigen und Einsamkeit. Vor der Welt spielten die beiden Unglücklichen eine Komödie und sie waren gezwungen, sie gut zu spielen. Von nun an hatte die Baronin nur noch den einen Gedanken: die Versöhnung der beiden Gatten herbeizuführen, die durch eine beklagenswerte Thorheit von einander getrennt waren, und zu diesem Zwecke wollte sie die Gedanken Claires völlig ergründen. »Aber als dein Gatte dich mit soviel Hingebung gepflegt,« begann sie, »kam es dir gar nicht in den Sinn, dich ihm zu nähern und zu versuchen, die gelösten Bande wieder anzuknüpfen?« »Ja,« antwortete Claire errötend. »Ich weiß nicht, was in mir vorging, ich fühlte mich nicht mehr dieselbe. War's Dankbarkeit oder eine gerechtere Würdigung seines Charakters, was mich zu ihm zog, genug, wenn er nicht anwesend war, suchte ich ihn unwillkürlich; sobald er jedoch neben mir weilte, schaute ich ihn gar nicht an und dennoch sah ich ihn. Er war stets so ernst, so traurig, daß ich nicht wagte, mit ihm zu sprechen. Oh, wenn er mich ermutigt hätte!« »Er that es nicht?« »Nein, er ist ebenso stolz als ich und viel entschlossener. Ach, es ist nichts zu hoffen, und wir sind für immer geschieden.« »Uebrigens scheint er mit seinem Los ganz zufrieden und unsere schöne, kleine Herzogin Moulinet...« »Beschuldige Philipp nicht,« fiel ihr Claire lebhaft ins Wort. – »Sie ist es, die sich ihm unverschämterweise an den Hals wirft. – Sie verfolgt mich unablässig. Nach meinem Verlobten meinen Gatten! Welch ein Triumph, nicht wahr? Und wie ihn ihr entreißen? Was thun, um mich zu verteidigen? Habe ich übrigens ein Recht auf ihn? Gehört er denn mir?« »Ei freilich, jedenfalls ein wenig mehr dir, als ihr!« »O! Aber sie soll sich in acht nehmen,« rief Claire heftig werdend aus. »Ich habe durch sie schon zu viel gelitten. Auch die langmütigste Geduld hat ihre Grenzen, und wenn sie mich zwingt, dieselben zu überschreiten, weiß ich nicht, wozu sie mich bringen kann; aber es wird jedenfalls eine Thorheit sein, welche die eine oder die andere ins Verderben stürzen wird.« »Da haben wir's! beruhige dich nur, meine Schöne. Jetzt spiele ich auch mit und ich bürge dir, daß wir mit der reizenden Athénaïs fertig werden. Sie gehört zu den Kipperern, siehst du! Das hat sie von ihrer Familie. Ihr Vater legte einst die Hand auf alle Zuckervorräte. Ihre Specialität sind die Ehemänner. Sie will sie alle haben. Mein Gott! wenn sie es sich nur in den Kopf setzen wollte, den Baron zu verführen. Wie mich das amüsieren würde! Bei diesen Worten wies die Baronin auf den guten Préfont, der sich die Zeit des Wartens damit vertrieb, kleine Kieselsteine zu sammeln, mit denen er sich die Taschen vollstopfte. Claire konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, denn das Bild Philipps erschien vor ihren Augen; er war kein fügsamer, geduldiger Diener, er war ein gebieterischer, strenger Herr. »Die Lage ist sehr ernst, man darf es sich nicht verhehlen,« fing die Baronin wieder an. »Könnte man sich erklären, wäre eine Verständigung äußerst leicht; doch indem man spricht, setzt man sich einer möglichen Zurückweisung aus und dann gute Nacht. Dann ist alles aus ...« Man muß also diplomatisch zu Werke gehen. Nichts wird mich übrigens von dem Gedanken abbringen, daß dein Gatte dich anbetet, es jedoch nicht merken lassen will. Männer, wie er, lieben nur einmal und das fürs ganze Leben. Hast du Herrn Derblay schon genau betrachtet? Er hat einen Kopf, um Mauern damit durchbrechen zu können. Einen solchen Charakter kannst du nur entwaffnen, indem du dich vor ihm demütigst.« »O ich würde nicht zaudern es zu thun. Nichts würde mir zu schwer fallen, ihn mir wieder zu erobern. Aber wird er in diesem Schritte nicht bloß eine neue Laune erblicken?« »Man muß also eine günstige Gelegenheit abwarten, um zu siegen,« erwiderte die Baronin. »Und wenn sie sich nicht selbst darbietet, so wollen wir eine herbeiführen... Aber ums Himmels willen, zeige doch keine so düstere und verzweifelte Miene, du würdest unserer teuren Freundin damit zu viel Freude machen. Erinnere dich, daß du vor der Welt glücklich bist, und gib dir solange den Anschein des Glücks, bis du es in Wahrheit besitzen wirst.« Claire stieß einen Seufzer aus. Sie, die ehemals unbezähmbar alle Hindernisse bewältigen zu können glaubte, zweifelte nun an ihrer Macht und mißtraute ihrer Willenskraft. »Es scheint, daß wir seit einer halben Stunde in gar zu ernsthafter Weise plaudern,« sagte die Baronin, »diese eheliche Psychologie hat mir den Kopf ganz schwer gemacht. Wenn du mitkommen willst, so galoppieren wir ein wenig. Und dann möchte ich auch gerne wissen, was unsere schöne, kleine Herzogin Moulinet mit deinem Manne macht. – Kommst du mit?« »Nein,« erwiderte Claire, »ich bin müde, ich werde hier bleiben. Mein Bruder und Susanne, die auch keine Lust zu haben scheinen, der Jagd zu folgen, werden mir Gesellschaft leisten.« Oktave und Susanne, die langsamen Schrittes zurückkehrten, sprachen nicht mehr miteinander und der Marquis war etwas ernster als gewöhnlich, während Susanne mit gesenktem Kopf lächelte wie über einen glücklichen Gedanken. So gelangten sie zu dem Platze, wo ihre Pferde standen, und der junge Mann machte die Zügel vom Baume los, indem er zu Susanne gewendet, sprach: »Erlauben Sie, daß ich es meiner Schwester sage?« Susanne neigte das schöne Haupt zum Zeichen des Einverständnisses und erwiderte: »Sprechen Sie mit ihr, ich wünsche es. Sie wissen, wie sehr sie uns liebt. Sie wird darüber glücklich sein.« »So reiten Sie denn mit dem Baron und der Baronin fort, während ich bei Claire bleiben und ihr unser Geheimnis anvertrauen will.« Und indem er Susannen seine beiden Hände gekreuzt darbot, in welche sie ihren kleinen Fuß setzte, half er ihr in den Sattel. Das junge Mädchen schlug die Augen auf und sah Octave etwas länger, als vielleicht nötig war, an, wechselte mit ihm einen Händedruck, durch welchen sie alles andeutete, was auszusprechen sie nicht wagte und hierauf, den Hals ihres Pferdes mit der Reitgerte berührend, war sie mit einem Satze mitten im Rondel. Fern im Walde erscholl das Jagdhorn, dem verfolgten La Brède und Du Tremblays Flügel leihend. »Vorwärts, Baron, zu Pferde!« sagte Frau v. Préfont zu ihrem Manne. »Ich stehe zu Ihren Diensten, meine liebe Freundin,« erwiderte der liebenswürdige Mensch, sich der Betrachtung seiner Mineralien entreißend. »Sonderbar, denken Sie nur, daß es mich gar nicht wundernähme, wenn dieses Gestein alaunhaltig wäre. Ich muß mit Herrn Derblay darüber sprechen. Man könnte vielleicht den Alaunhütten Italiens Konkurrenz machen. Das wäre ein gutes Geschäft.« »Ja, mein lieber Baron, ja,« sagte die junge Frau mit plötzlicher Rührung, »Sie sind ein Engel, und was noch mehr ist, ein gelehrter Engel! Da, küssen Sie meine Hand!« »Mit Vergnügen,« sagte der Baron, und ohne etwas von seiner schönen Ruhe zu verlieren, führte er die feine Hand seiner Frau an die Lippen. Die Baronin ließ ihr Pferd steigen, grüßte mit der Hand Claire und Octave und wendete sich an Susanne. »Ah, Sie sind da, Susanne? ... Also vorwärts.« Und von ihrem Manne und dem jungen Mädchen begleitet, sprengte sie im schärfsten Trabe davon. Während Octave und Claire den Reitern nachblickten, verstrich ein Augenblick des Schweigens. Der junge Mann war ernst und gesammelt, etwas bedrückt und aufgeregt durch das Geständnis, das er zu machen beabsichtigte, während die junge Frau noch immer an die Worte der Baronin dachte und mit peinlicher Unruhe alle Chancen ihres schwierigen Unternehmens erwog. Die Stimme ihres Bruders weckte sie aus ihrem Sinnen. »Claire,« fing Octave an, »ich habe dir eine große Neuigkeit mitzuteilen.« Und als seine Schwester ihn überrascht und fragend anblickte, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu: »Susanne und ich lieben einander.« Das melancholische Antlitz Claires erhellte sich, wie wenn plötzlich ein Sonnenstrahl den bewölkten Himmel durchbricht. Sie reichte ihm beide Hände, zog ihn lebhaft an sich und ließ ihn an ihrer Seite niedersitzen, mit köstlicher Erregung, gespanntem Geiste, begierig, alles zu erfahren, und die günstige Gelegenheit nahe fühlend, welche ihr die Annäherung an Philipp erleichtern sollte. Und hier, in der Stille des Waldes, erzählte ihr Octave mit Entzücken den so einfachen und doch schon ziemlich lange währenden Roman dieser beiden jungen Herzen, die sich allmählich eines des andern bemächtigt hatten. Zarte, treuherzige Liebe, voll reiner Begeisterung, still erblüht, ohne Zwang und ohne Kunst, wie schöne Blumen unter einem milden, blauen Himmel! »Du hast so großen Einfluß auf Philipp,« sagte der Marquis zu seiner Schwester, »sprich mit ihm und bestimme ihn, daß er mir Susanne gibt. Er kennt seit langem schon meine Grundsätze, er weiß, daß ich den Vorzug der Geburt für nichts erachte und daß ich mir selbst eine Stellung gründen will. Sei beredt, suche ihn zu überzeugen, denn du hältst mein Glück in deinen Händen.« Claire wurde plötzlich wieder ernst. Dieser Einfluß, den ihr Bruder ihr zuschrieb, sie besaß ihn nicht. Noch niemals seit jener Unglücksnacht, die zum Ausgangspunkt so vieler Leiden geworden, hatte sie mit Philipp ein ernsthaftes Wort gewechselt; sie unterhielten sich stets von gleichgültigen Dingen. Und nun sollte sie ohne jede Vorbereitung, ohne jede Ermutigung mit ihm über einen so wichtigen Gegenstand sprechen. Sie zögerte indessen nicht, denn ihr Vertrauen war wiedergekehrt und mit ihm eine Vorahnung von Glück. Durch Claires Schweigen beunruhigt, war Octave, wie alle Verliebten, gleich dabei, Schwierigkeiten zu wittern und rief: »Du weigerst dich doch etwa nicht, mein Anliegen vorzubringen?« »Nein, gewiß nicht,« erwiderte die junge Frau mit tapferem Lächeln, »sei ruhig, ich werde deine Sache führen, als wäre sie die meinige.« »O, wie danke ich dir!« sagte Octave und seine Schwester umfassend, drückte er sie zärtlich an sein Herz. »Ist das mein Honorar?« sagte sie mit einer Heiterkeit, wie man seit langem nicht mehr an ihr bemerkt hatte. »Man sieht, daß du Vertrauen hast, du bezahlst im voraus. Eile nun Susannen nach, da du dein Verbrechen gestanden hast. Du weißt, daß ich die Einsamkeit nicht fürchte, und schließlich muß ich auch über das, was du mir eben gesagt hast, nachdenken.« Der junge Mann eilte zu seinem Pferde und war mit einem Satze im Sattel; er warf seiner Schwester, die ihn lächelnd anblickte, eine Kußhand zu und ritt fort mit dem feurigen Ungestüm eines Mannes, der sicher ist, diejenige auf seinem Wege zu finden, die er liebt. Fünfzehntes Kapitel Als sie allein war, überließ sich Claire ihren Gedanken und vergaß den Ort, wo sie war und was um sie her vorging. Verworrenes Getöse und Hörnerschall drang fern aus dem Walde herüber und auf dem Pflaster der Hauptstraße rollten die Wagen mit hellem Geklingel vorüber. Die junge Frau war jedoch taub und blind gegen alles, was nicht Philipp war. Ihre Erinnerung kehrte zur Vergangenheit zurück, und indem sie sich ihr Leben so vorstellte, wie es hatte sein können, gedachte sie mit Wehmut des Glückes, auf welches sie freiwillig verzichtet hatte. Ferne von jener unheilvollen Zeit, konnte sie nur schwer die Gefühle begreifen, denen sie einst gehorcht hatte. Diese Art von wahnwitzigem Stolz, dessen Beute sie damals geworden, war ihr heute unerklärlich, und das fieberhafte Streben, früher als der Herzog verheiratet zu sein, erschien ihr dermaßen kleinlich, daß sie darüber errötete. Wie konnte sie nur ihr ganzes Leben von so geringen Motiven bestimmen lassen? Zu ihrem Troste sagte sie sich, daß Philipp, so ernsthaft sie ihn auch beleidigt hatte, dennoch nicht für immer unerbittlich bleiben könne. Zwar hatte sie sein strenges, stolzes Antlitz noch vor Augen und der Ton seiner Stimme klang ihr noch in den Ohren, als er sagte: »Sie werden eines Tages die Wahrheit erfahren und werden einsehen, daß Sie noch mehr ungerecht als grausam waren: aber Sie könnten mich dann auf den Knieen um Verzeihung bitten, so würde ich doch kein Wort des Mitleids für Sie haben.« Waren diese furchtbaren Worte nicht bloß vom Zorn diktiert? War er wirklich der Mann, sie ohne Schwanken und ohne Nachsicht aufrechtzuerhalten? Sie sah ihn, wie er an jenem Abend schmerzgebeugt, das Antlitz mit den Händen bedeckt, vor ihr gesessen, wie er sich dann emporgerichtet und sein thränenvolles Auge ihr zugewendet. Gewiß, er hatte sie geliebt und hatte sein Leben hingeben mögen um ein hoffnungspendendes Wort, um einen freundlichen Blick von ihr. Acht Monate waren seitdem verstrichen. War die grausame Wunde, welche die junge Frau dem Herzen Philipps geschlagen, vernarbt, oder war seine Liebe für immer entflohen? Claire zeichnete mit der Spitze ihres Fußes mechanisch einige Linien in den Sand. »Wenn man wahrhaft geliebt hat,« sagte sie mit lauter Stimme, als wolle sie die Frage, welche ihr Inneres bewegte, an den Wald richten, an den Raum, an den Wind, an die ganze Natur, welche sie geheimnisvoll und still umgab, »wenn man geliebt hat, wie er mich liebte, kann man dann vergessen?« »Wenn man wahrhaft geliebt hat,« antwortete eine spöttische Stimme, die sich zu nähern schien, »kann man niemals vergessen.« Claire erhob den Kopf rasch und bemerkte den Herzog, der seit einem Augenblicke in den Kiosk getreten war und, an die Balustrade gelehnt, die junge Frau lächelnd beobachtete. »Gestehen Sie, daß ich gerade recht kam, um Ihnen zu antworten,« sagte er lustig. »Denn an mich haben Sie doch wohl gedacht?« Claire sah ihn an, indem sie die Augen in höchster Verachtung zur Hälfte schloß. »Nein, mein Wort darauf,« antwortete sie. »Desto schlimmer!« »Und Sie,« fragte die junge Frau, »was suchen Sie hier?« Der Herzog stieg die sechs Stufen des Perrons hinab und näherte sich Claire. »Sie suche ich,« sagte er mit einer Verbeugung. »In welcher Absicht?« »In der Absicht, freimütig mit Ihnen zu sprechen. Sie haben mich vor einer Stunde, als ich Ihnen meine Gesellschaft anbot, ziemlich schlecht aufgenommen und ich dachte, daß Sie jetzt vielleicht geselliger wären. Sind Sie geneigt, mir zu antworten?« »Mein Gott, lieber Herzog, ich glaube, daß wir einander nichts zu sagen haben.« »Sind Sie dessen so gewiß? Ich konstatiere mit Bedauern, daß Sie in der Verstellungskunst Meisterin geworden sind. Sie haben Kummer und wollen es nicht eingestehen.« Claire zuckte verächtlich die Achseln. »Und ich,« sagte sie, »ich konstatiere, daß Sie geistig in sehr merklicher Weise abnehmen, denn Sie kommen unablässig auf die gleichen Ideen zurück, mit einer weinerlichen Miene, die anzusehen wahrhaft peinlich ist. Beruhigen Sie Ihr zu feinfühlendes Herz. Ich habe keinen Kummer und auch keine Lust, mir welchen zu machen, um Ihnen damit Vergnügen zu bereiten.« »Gut denn!« erwiderte der Herzog scheinbar arglos. »Ich wünsche ja nichts sehnlicher, als mich geirrt zu haben. Ich hatte mich in dieser Hinsicht Ideen hingegeben, die mir vollkommen richtig schienen; doch man muß eben glauben, wie Sie so schön sagen, daß ich meinen klaren Verstand verloren habe. Diesen Morgen schien es mir, als wären Sie nervös, aufgeregt. Die Jagdpartie war ohne Zweifel zu anstrengend, Sie wollten nicht daran teilnehmen und beschäftigten sich damit, Ihren Gemahl zu beobachten.« »Nun?« fragte Claire, eine zornige Aufwallung unterdrückend. »Nun denn,« fuhr der Herzog fort, »sonderbarer Weise zeigte sich Herr Derblay nicht im mindesten geneigt, sich mit Ihnen abzugeben; er gehörte ganz der Herzogin, die ihn zu ihrem Kavalier erkoren hatte. Und Sie, statt zufrieden zu sein, daß er so galant seine Pflicht erfüllt, schleuderten ihm niederschmetternde Blicke zu.« »Woraus Sie geschlossen haben?« fragte Claire kalt. »Daß das gute Einvernehmen, welches zwischen Ihnen und Ihrem Gemahl zu herrschen scheint, in Wirklichkeit nicht besteht und daß er den Schatz nicht genug würdigt, den der Zufall oder vielmehr mein Mißgeschick ihm überlieferte. Dann, was soll ich Ihnen noch sagen? Tausend kleine Züge, die ich ehemals unbeachtet ließ, kamen mir wieder in den Sinn. Ich erinnerte mich an Ihr seltsames Benehmen bei Ihrer Hochzeit, versuchte, mir Ihre Niedergeschlagenheit und Ihren Zorn zu erklären, und nachdem ich das Für und Wider genau erwogen, kam ich zu dem Schlusse, daß Sie, was Sie auch dagegen sagen mögen, das Glück nicht besitzen, das Sie verdienen.« Der Angriff war rasch und direkt. Der Herzog hatte mit einemmal das Bollwerk, womit sich Claire so geduldig umgab, niedergeworfen. In kühner Weise machte er ihr begreiflich, daß ein Platz, der von außen keine Hilfe zu erwarten hat, früher oder später sich ergeben müsse. Die junge Frau wollte keinen Schritt zurückweichen; sie ging sogar zum Angriff über und sagte mit nicht länger verhehlter Bitterkeit: »Alsdann haben Sie, mitleidiges, großmütiges Herz, gedacht, daß der Augenblick vielleicht günstig sei, um mir einige Tröstungen anzubieten?« Der Herzog mit seiner großen Erfahrung in derlei kleinen Scharmützeln, ließ sich noch nicht hinreißen, Claire auf das Gebiet zu folgen, welches sie ihm in so kühner Weise eröffnete. Ohne seine Sache für immer zu verlieren, durfte er die Berechnung nicht zugestehen, die ihn im voraus geleitet. Er mußte als von einem unwiderstehlichen ernsten Gefühle hingerissen erscheinen und demgemäß den spöttischen Ton, den er bis dahin geführt, wechselnd, antwortete er ernst und traurig: »Sie beurteilen mich falsch, Claire; ich that alles, was von mir abhing, glauben Sie es mir, um Sie zu vergessen. Als ich hieher kam, glaubte ich, Sie nicht mehr zu lieben, und dachte, daß ich Sie ohne Gefahr wiedersehen könnte. Es hieß, daß Sie glücklich wären, und ich freute mich darüber. O, armer Narr, der ich war. Nach soviel Enttäuschungen und Prüfungen hielt ich mein Herz für erstorben, aber mit tiefem Weh habe ich es auferstehen und sich neu beleben gefühlt. Alle meine Erinnerungen kehrten zurück, ich sah Sie wieder und, ach! so kummervoll, trotz der Anstrengungen, die Sie machten, Ihren Kummer und Ihre Traurigkeit zu verheimlichen. Wohl konnten Sie andere damit täuschen – mich nicht – denn sehen Sie, seit langem schon vermag Ihr Antlitz meinen Augen nichts zu verbergen. Wären Sie glücklich gewesen, so hätte ich Sie aus der Ferne angebetet, ohne daß ein einziges Wort von mir Ihre Ruhe gestört hätte.... Aber Sie litten! ... Da war ich nicht mehr Herr meines Willens, ich fühlte mich durch eine unwiderstehliche Gewalt zu Ihnen hingezogen und ich wußte, daß es für mich auf dieser Erde keine andere Frau geben könne als Sie allein!« Claire hörte mit Erstaunen diese leidenschaftlichen Worte an. Keine Fiber ihres Herzens hatte dabei gezuckt. War dieser Mann, der so zärtlich zu ihr sprach, wirklich derselbe, den sie so sehr geliebt, daß sie fast den Verstand darüber verloren hätte? Seine Stimme, deren Klang sie ehemals durchschauerte, ließ sie nun kalt und gleichgültig und sie sah in ihm bloß einen jener geschickten Komödianten, welche nur Geist und Nerven jener Frauen zu erschüttern vermögen, die nicht stark genug sind, das Gleichgewicht ihrer Seele zu behaupten. Keinen Moment dachte sie, daß er aufrichtig sein könne und sie sah in seiner Bewerbung einzig die niedrige Begierde, eine plötzliche Laune zu befriedigen. »Wissen Sie, daß es Ihnen nicht an Unverschämtheit fehlt,« sagte sie mit Bitterkeit. »Als Sie einst zu wählen hatten zwischen einer Frau, die Sie zu lieben vorgaben, und einem Vermögen, das Sie in Versuchung brachte, waren Sie nicht unschlüssig. Sie haben Ihr Herz verschlossen und Ihre Kasse geöffnet. Heute nun, da Sie das Geld haben, wäre es Ihnen nicht unangenehm, auch die Frau zu besitzen! O, mein lieber Herzog, Sie sind zu ehrgeizig. O, nein! das wäre zu viel.« Der Herzog schüttelte melancholisch den Kopf. »In welch harter Weise sprechen Sie mit mir,« sagte er. »Ich wußte, daß Sie mir immer noch zürnen!« Claire machte eine rasche Bewegung, ihre Augen sprühten vor Unwillen und mit schneidiger Stimme entgegnete sie: »Ihnen zürnen! Sie bilden sich zuviel ein, mein Lieber! Wenn ich für Sie irgend ein Gefühl empfände, so wäre es das der Dankbarkeit; denn, wenn ich heute die Frau des Herrn Derblay bin, der ebenso tüchtig ist, wie Sie unfähig sind, ebenso aufopfernd, wie Sie egoistisch, ebenso großmütig, wie sie kleinlich, der mit einem Worte alle Vorzüge besitzt, die Ihnen mangeln, und keinen der Fehler, die Sie haben, so sind Sie es doch, dem ich dies verdanke.« Der Herzog biß sich in die Lippen; jedes Wort dieser heftigen Rede hatte ihn wie ein Schlag voll ins Gesicht getroffen. »Herr Derblay,« entgegnete er, indem er Claire mit seinem Blicke zu bemeistern versuchte, »ist ohne Zweifel ein vollkommener Mensch, aber er besitzt einen Fehler, der seine Vollkommenheit nutzlos macht, für Sie wenigstens: er liebt Sie nicht! Seit wenig Monaten erst ist er Ihr Gatte! Wenn er Ihren Wert zu schätzen wüßte, würde er stets aufmerksam und zärtlich an Ihrer Seite weilen! Wo ist er jedoch? Bei der Herzogin! ...« »Bei Ihrer Frau!« rief Claire mit Heftigkeit aus und, indem sie sich wieder zu beherrschen suchte, fügte sie ruhiger hinzu: »Wohlan! Warum sollte ich mich darüber aufregen, wenn es Sie nicht beunruhigt?« »O, ich, ich bin eben nicht eifersüchtig,« erwiderte der Herzog in leichtfertigem Tone, »Und dann kenne ich die Herzogin. Sie ist eine schöne, mit Spitzen bedeckte und mit Edelsteinen geschmückte Puppe: doch ohne Herz und Kopf. Wo sollte da die Leidenschaft Raum finden? Während Ihr Gemahl...« Bei diesen Worten näherte er sich der jungen Frau, als ob er fürchtete, daß das Gift seiner Worte auf seinem Weg durch die Luft etwas von seiner perfiden Schärfe verlieren könnte. »Sie sahen ihn an ihrer Seite, vor kaum einer Stunde... O, der Undankbare, der so sein Glück verkennt; der Unkluge, der sich der Gefahr aussetzt, es zu verlieren! Gehen Sie doch: lassen Sie ihn bei der Herzogin; sie sind eines des anderen würdig und lassen Sie mich in Ihrer Nähe bleiben, mich, der ich Sie zu schätzen weiß, der ich Sie verstehe, der ich Sie liebe!« Claire trat einen Schritt zurück, als wünschte sie zwischen sich und den Herzog eine größere Entfernung zu legen, und mit gedrücktem Herzen, nicht imstande, ruhig zu scheinen, so sehr sie sich auch dazu zwang, gab sie zur Antwort: »Was Sie mir da sagen, sehen Sie, ich muß darüber lachen!« »Jawohl, wie Figaro sagt, um nicht gezwungen zu sein, darüber zu weinen,« versetzte der Herzog, »denn im Grund ist die Sache schrecklich traurig. Sie sind an einen Mann gefesselt, der moralisch stets ein Fremder für Sie bleiben wird; Alles in ihm und in Ihnen bekämpft sich und stößt sich ab, denn er ist ein Plebejer und Sie sind eine Patrizierin. Ich weiß gewiß, daß er Gleichheitsprincipien huldigt, und Sie – Sie sind Aristokratin bis zu den Fingerspitzen. Er ist roh, wie alles, was vom Volke ausgeht, und das beleidigt Sie. Sie sind stolz, wie alles was zum Adel gehört, und das verdrießt ihn. Die zwei Rassen, denen Sie beide entstammen, sind von Geburt aus eine der andern feindlich. Die Voreltern dieses Herrn haben Ihren erlauchten Ahnen den Kopf abhauen lassen, meine Teure; kurz, alles treibt Sie, ihn zu hassen, und nichts bewegt Sie, ihn zu lieben.« Claire erhob stolz den Kopf und, dem Herzog Trotz bietend, entgegnete sie: »Ich liebe ihn dennoch, Sie wissen es wohl.« »Sie bilden sich nur ein, ihn zu lieben,« fing der Herzog mit Sanftmut wieder an, als ob er einem Kinde etwas begreiflich machen wollte, »weil Sie eifersüchtig sind. Aber es gibt verschiedene Arten von Eifersucht: die eine entsteht aus Liebe, die andere entspringt dem Stolze. Die letztere ist es, ich könnte darauf schwören, unter welcher Sie leiden. Ihr Gemahl vernachlässigt Sie, und so wenig Ihnen an ihm gelegen ist, so verdrießt Sie dies dennoch. Das ist ganz natürlich! Sie hängen an ihm mit dem Geiste des Widerspruchs. Alle Frauen sind so geartet und die Krise, die Sie jetzt durchmachen, o, mein Gott, die kenne ich sehr genau.« Claire schwieg voll Erstaunen und Unwillen und hörte den Herzog seine vermessenen Ansichten entwickeln. Bligny nahm für Neugier, was nur Verblüffung war, und begierig, das Werk der Demoralisation, das er so gut begonnen zu haben glaubte, fortzusetzen, fuhr er lachend fort: »Sehen Sie, ich spiele ein offenes Spiel mit Ihnen und lasse Sie in meine Karten sehen. Die Krise besteht aus vier Phasen, gleich dem Umlauf des Mondes. In diesem Momente sind Sie in der ersten, genannt die des Widerstandes. Ihr Gemahl vernachlässigt Sie und Sie sind bemüht, ihn zurückzuerobern; das ist eine fixe Idee. Er, er widersteht, und bald bemerken Sie, daß Ihre Bemühungen vergeblich sind. Der galante Ehemann geht von der Flatterhaftigkeit ganz bestimmt zur Untreue über und Sie treten in die zweite Phase, genannt die der Enttäuschung. Ihre Ruhe ist hin, Ihre Illusionen sind verflogen, Sie verfallen in eine tiefe Niedergeschlagenheit und wenden sich zu Gott, dem alleinigen Tröster in so großer Verzweiflung. Doch da Ihr Gemahl von Erfolg zu Erfolg unbehindert weiterschreitet, fängt Ihr Glaube an, in die Brüche zu gehen ... Der glückliche Mann ist zu heiter und Sie sind zu traurig. Schließlich sind Sie erst zweiundzwanzig Jahre alt und haben das Recht, zu lieben. Man kann nicht immer allein leben. Eine dumpfe Erbitterung erfaßt Sie und Sie treten in die Phase des Zornes. Ein Schleier ist von Ihren Augen gefallen; Sie sehen Ihren Mann, wie er in Wahrheit ist, d. h. plump, gemein und dumm; nun sind Sie erstaunt, ihn auch nur eine Minute bedauert zu haben und Sie ertappen sich auf gewissen Gelüsten, Vergeltung zu üben, und dann möge er sich wohl hüten, der flatterhafte Gemahl, denn das Ende der Krise ist nahe. Nun stehen Sie da, noch errötend, aber entschlossen, und treten mit Ihrem hübschen Fuß in die Phase der Tröstung. Blicken Sie um sich: alles ist hier rosig, alles blüht, alles ist lustig und man vergißt hier wunderbar schnell! Mutig vorwärts! Noch ein Schritt und Sie haben sie erreicht. Sie zaudern noch? Erlauben Sie Madame, daß ich Ihnen meine Hand anbiete, um Sie in diese Phase einzuführen, bei der ich Sie mit ein klein wenig Hoffnung und mit unendlich viel Liebe erwarte.« Der Herzog wollte die Hand Claires ergreifen, doch die junge Frau stieß dieselbe heftig zurück, und ihm ein düsteres, drohendes Antlitz zeigend, bemerkte sie: »Ihre Berechnungen sind höchst scharfsinnig und bekunden ein langes Studium der Frauen, nur bedauere ich, zu sehen, daß Sie nur die schlechten und verderbten so gewissenhaft beobachtet haben, wahrend Sie versäumten, auch den braven Frauen Ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es gibt, – ich bin stolz, es Sie zu lehren – unglückliche Frauen, die den Verstand nicht verlieren und sich hinreichend getröstet finden, wenn Sie ihre Selbstachtung bewahren und die Achtung anderer zu verdienen wissen. »Sehr gut, sehr gut!« lachte der Herzog. »Sie sind ganz in Ihrer Rolle: Phase des Widerstandes.« »Wenn Sie nun nicht einhalten, so muß ich Sie hassen.« »Ich kann nicht einhalten, weil ich nicht aufhören kann, Sie zu lieben.« »Das, was Sie Liebe nennen, ist nur eine unwürdige Verfolgung. Was sind Sie für ein Mann, sich meinem Hasse auszusetzen, nachdem Sie sich meine Verachtung zugezogen haben?« Der Herzog schwieg einen Augenblick und sah Claire an, die, vor Entrüstung bebend vor ihm stand. Eine Flechte ihres blonden Haares hatte sich gelöst und wallte schimmernd über ihre Schulter hinab, unter der dunklen Amazone wogte ihr Busen stürmisch und ihre Hand umschloß krampfhaft den kleinen, aus Leder geflochtenen Stiel ihrer Reitgerte, als wäre sie eine Waffe. Sie sah in ihrer Aufregung bewundernswürdig schön aus. Eine unsinnige Begier ergriff den Herzog. Er wurde blaß, seine Augen umflorten sich und mit ausgebreiteten Armen auf die junge Frau zuschreitend, stammelte er: »Was es auch koste, Sie müssen die Meine werden.« Er berührte sie und sein heißer Atem strich über ihr Gesicht hin. Sie bog sich zurück und mit düster gefalteter Stirne und gepreßter Stimme rief sie: »Nehmen Sie sich in acht! Wenn Sie noch einen Schritt machen, so werde ich Sie wie einen erbärmlichen Feigling behandeln und Sie ins Gesicht schlagen.« Er sah sie vor sich mit erhobener Rechter, energisch und drohend wie zum Schlage bereit und unwillkürlich wich er einen Schritt zurück. Stolz über ihren Sieg, richtete sie ihre hohe Gestalt empor, und noch zitternd vor Aufregung, sagte sie: »Ist es denn so weit mit mir gekommen, daß Sie es wagen, mich in dieser Weise zu beleidigen? Bin ich denn offenkundig so verlassen, daß man mir ungestraft solchen Schimpf anthun darf? Hätte ich an meiner Seite einen Mann, mich zu verteidigen, so würden Sie es nicht wagen, mich anzugreifen. Ich stehe also allein und man darf sich alles erlauben; wohlan, Sie sehen, daß ich imstande bin, mich selbst zu wehren,« Der Herzog war wieder ruhig geworben und verbeugte sich vor der jungen Frau. »Sie werden Ihre Meinung ändern,« sagte er, »die Zukunft gehört mir; ich werde geduldig sein und warten.« Diese kalte, vermessene Antwort brachte Claire außer sich, sie sah den Herzog mit wildem Blicke an und mit vor Aufregung erstickter Stimme rief sie empört aus: »So wissen sie denn, wäre ich auch die unglücklichste aller Frauen, sollte ich, was unmöglich ist, auch die unwürdigste werden und so tief sinken, wie Sie es sagen, nun denn, hören Sie: Sie flößen mir so viel Abscheu und Widerwillen ein, daß ich wen immer ... einen Vorübergehenden ... einen Unbekannten Ihnen vorziehen würde.« Dieser Wutschrei ließ den Herzog völlig kalt und mit demselben vertrauensvollen Lächeln, welches die Gabe besaß, Claire außer sich zu bringen, sagte er: »Wir werden ja sehen!« Die junge Frau gab sich weiter keine Mühe, zu antworten, sondern sie wendete sich von ihm ab und, zu dem Plateau hinabsteigend, von welchem sie nur durch einen beweglichen Vorhang von Erlen und Espen getrennt war, näherte sie sich dem Platze, wo die Diener des Herrn Moulinet einen appetitlichen Imbiß für die Jäger vorbereiteten. Sie konnte das Gefühl der Angst, das der freche Angriff des Herzogs in ihr erweckt hatte, nicht los werden; seine funkelnden Augen, seine zitternden Hände, die sie erfassen wollten, und sein bleiches Gesicht verfolgten sie und sie fürchtete sich vor einer Erneuerung des Kampfes, dem sie durch ihre Energie das erste Mal entronnen war, und da sie kein Vertrauen mehr in die Ehre des Edelmanns setzte, den sie so lange wie einen Gott verehrt hatte, flüchtete sie sich hieher unter den Schutz der Lakaien. »Aufgepaßt,« sagte der Haushofmeister zu seinen Gehilfen, »unsere Gesellschaft kehrt schon zurück.« Gleich einer tosenden Ueberschwemmung kamen auf dem grünen Rasenteppich mit dumpfem Rollen die Wagen aus allen Wegen des Waldes heran. Die Reiter folgten in den Seitenpfaden und auf fünfhundert Meter Entfernung vernahm man schon deutlich die Jubelrufe und das fröhliche Stimmengewirr der von dem tollen Ritte erhitzten Jugend. Frei von allen Sorgen, völlig dem Genuß der Gegenwart hingegeben, genoß die Gesellschaft in vollen Zügen den schönen, heiteren Tag. Claire stellte zwischen dieser Lustigkeit und ihrer eigenen Melancholie einen schmerzlichen Vergleich an. Sie zürnte der ganzen Natur, festlich gestimmt zu sein, wenn sie in ihrem Innern sich so traurig fühlte, und vergaß leider ganz, daß sie selbst die alleinige Urheberin dieses Schmerzes war. Ein Wagen, der in das Rondel einfuhr, entriß sie ihren trostlosen Gedanken. Die Marquise saß auf dem Rücksitz desselben, bequem zurückgelehnt, wie in ihrer weiten Bergère, mit einem kleinen Spitzenshawl um die Schultern. Claire stürzte freudig auf sie zu. Die Luft schien ihr durch die Anwesenheit der edlen Frau gereinigt und an ihrer Seite fand sie augenblicklich ihre Ruhe wieder. Frau von Beaulieu hatte in ihrem gewohnten Phlegma sich wenig beeilt, in den Wald zu kommen, und hatte nur, um ihre Tochter zu Pferde zu sehen, sich überhaupt ihrer süßen Ruhe entrissen und die große Kutsche anspannen lassen. »Wie?« sagte sie, »Du bist hier und ganz allein? Wo ist denn dein Gemahl und Sophie?« »Die Baronin hat mich erst vor kurzem verlassen,« antwortete Claire ruhig, »und Philipp habe ich selbst aufgefordert, der Jagd zu folgen. Ein Mann darf sich öffentlich nicht zu viel mit seiner Frau beschäftigen, das gäbe Anlaß zu Gerede...« Sie sah heiter und ruhig aus und die Marquise betrachtete sie mit wahrer Befriedigung. Kein Argwohn berührte ihren etwas oberflächlichen Geist. »Ihr seid glücklich genug, um euch den Luxus zu gestatten, euer Glück zu verbergen,« sagte Frau von Beaulieu. »O, dieser Philipp ist die Perle aller Schwiegersöhne!« Durch die Ankunft der Mehrzahl der Reiter, die in schnellstem Trab herankamen, wurde die Aufmerksamkeit der Marquise abgelenkt und Claire konnte die Verlegenheit verbergen, welche ihr das Lob der Mutter verursachte. La Brède und Du Tremblays, auf ihren schaumbedeckten Rossen, der eine mit dunkelrotem Kopf, der andere auf dem Punkte, ohnmächtig zu werden, wurden von der lärmenden, fröhlichen Schar umringt, die sich in begeisterten Lobsprüchen erging über die Kraft und Gewandtheit, womit die beiden jungen Leute die Verfolgung ausgehalten. Der Vicomte von Pontac, die Trompete am Munde, blies aus vollen Lungen das Halali, während sein Piqueur Bistoque zu Fuß, die Arme schlenkernd, mit gebogenem Rücken und verdrießlicher Miene seinen großen, roten Klepper hinter sich herzog und zwischen den Zähnen höchst kritische Bemerkungen murmelte, über die Herren, welche bloß Jagd spielen und die armen guten Pferde müde hetzen, um hinter Papierschnitzeln herzujagen, als ob sie, mit Respekt zu melden, lauter Lumpensammler wären. Mit einem Blicke wurde Claire Philipp gewahr, der mit der Baronin und Susanne zurückkehrte. Sophie eilte voraus, hielt neben ihrer Freundin still und flüsterte ihr rasch einige Worte ins Ohr, welche dunkle Rosen auf die Wangen der jungen Frau zauberten. »Als wir ankamen,« sagte sie, »war er nicht mehr bei Athénaïs. Er hatte sie der Gesellschaft des dummen Vicomte von Pontac überlassen, diesem Einfaltspinsel, der nichts anderes versteht, als auf dem Jagdhorn zu lärmen.« Sie brach in Lachen aus, indem sie mit den Augen zwinkerte und mit der unwillkürlichen Unverschämtheit der Kurzsichtigen Athénaïs anstarrte, die eben angeritten kam und von der Trompete ihres Begleiters halb taub war, ohne eine Bemerkung dagegen zu wagen, aus Furcht, damit gegen den guten Ton zu verstoßen. Als sie indes Claire erblickte, setzte Athénaïs ihr Pferd in Galopp und mit ironischer Gebärde sich an den Herzog wendend, der mit gleichgültiger Miene einige Schritte von der Kutsche der Frau von Beaulieu entfernt stand, rief sie: »Ei, ei, Herzog! Da sind Sie ja wieder? und mit Frau Derblay zusammen? Das ist ja sehr liebenswürdig, daß Sie Ihrer Cousine Gesellschaft leisten!« Athénaïs heftete einen diabolischen Blick auf Philipp, um ihm einen argwöhnischen Gedanken einzuflößen. Sie wollte auf diese Weise für die etwas demütigende Art, mit welcher er sie so rasch verlassen hatte, Rache nehmen. Der Hüttenbesitzer trat fest und fast drohend vor und Claire erblaßte. Sollte der unversöhnliche Haß der Herzogin einen feindseligen Zusammenstoß der beiden Männer zur Folge haben? »Ich war nicht so glücklich, meiner Cousine Gesellschaft leisten zu können, wie Sie anzunehmen belieben,« sagte der Herzog, indem er sich ehrerbietig vor Claire verbeugte: »denn als ich hieher kam, war meine Tante mir schon zuvorgekommen.« »Wirklich! Nun dann müssen Sie ein schlechtes Pferd haben, mein Lieber, und Sie werden ein anderes nehmen müssen,« entgegnete die Herzogin. Vor Zorn, daß ihre Bosheit wirkungslos verpufft war, versetzte Sie ihrer Stute einen so heftigen Peitschenhieb über die Ohren, daß das Pferd zur Seite sprang, sich hoch aufbäumte und wütend das schaumbedeckte Gebiß schüttelte. Der Herzog schritt kaltblütig auf sie zu, ergriff das Pferd beim Zügel und, es zur Ruhe zwingend, half er Athénaïs aus dem Sattel, indem er ihr mit verächtlicher Miene zuflüsterte: »Nichts zeugt von schlechterem Geschmack, als sein Pferd in dieser Weise steigen zu lassen, abgesehen davon, daß Sie eine sehr mittelmäßige Reiterin sind und leicht abgeworfen weiden könnten. Das würde sich denn doch zu schlecht machen. Gewöhnen Sie sich doch solche Manieren ab: sie schmecken zu stark nach dem Kramladen.« Und die Herzogin, die vor Wut zitterte, zurücklassend, entfernte sich Bligny mit seinem langsamen, ruhigen Schritte, um sich zu seinen Freunden zu gesellen und mit ihnen auf den guten Erfolg des heutigen Tages anzustoßen. Claire war düster und verstimmt zu ihrer Mutter in den Wagen gestiegen und bat dieselbe, sie nach Pont-Avesnes zurückzuführen. Sie fühlte eine Centnerlast auf dem Herzen: die Antwort des Herzogs, welche er Athénaïs gegeben und die so rechtzeitig das gefährliche Einschreiten Philipps verhindert hatte, schien sie mit ihm in eine Art von Mitschuld verstrickt zu haben, und sie war auf dem Punkte, ihrem Gemahl die Wahrheit zu sagen und eher seinen Tadel und seinen Zorn zu ertragen, als das verhaßte Einverständnis mit dem Herzog gelten zu lassen. Indessen wagte sie doch nicht, sich zu äußern, und seufzend sah sie sich zu ewiger, ihrem Selbst so heftig widerstrebender Lüge verdammt, gezwungen, immer und überall zu täuschen und ein lächelndes Gesicht zu zeigen, wenn die Verzweiflung ihr im Herzen wühlte. Sie warf schüchterne Blicke auf Philipp, der neben dem Kabriolett des Herrn Bachelin hintrabte. Der Hüttenbesitzer plauderte ruhig mit dem alten Notar und seine Stimme verriet nicht die geringste Aufregung, sodaß Claire dachte, sie habe sich vielleicht getäuscht, indem sie ein zorniges Aufleuchten in seinen Augen zu bemerken geglaubt, als er auf den Herzog zugeschritten. Doch sie kannte seine Selbstbeherrschung und vielleicht zwang er sich in diesem Augenblick, sorglos zu erscheinen. Claire hegte die Hoffnung, daß er eifersüchtig sei und, selbst wenn ihr Leben auf dem Spiel stehen würde, wünschte sie, er möchte sich zu Drohungen gegen sie hinreißen lassen, ja selbst die Hand gegen sie erheben, wie schon einmal in jener Schreckensnacht. Die Ungewißheit wurde ihr unerträglich und sie nahm sich vor, am nächsten Morgen mit ihm wegen ihres Bruders zu sprechen und endlich die geheimnisvollen Absichten ihres Mannes zu durchdringen. Nachdem sie diesen Entschluß gefaßt hatte, wollte sie heiter sein und bemühte sich, die Wolken zu zerstreuen, die ihre Stirne umdüsterten, und wie ein Schauspieler, der die Scene betritt, um seine Rolle vorzutragen, nahm auch sie eine lächelnde Maske an. Fern von den Baumgruppen klang gedämpft das Murmeln der fröhlichen Gesellschaft und, das Echo des Waldes erweckend, erscholl die Trompete Pontacs, die den Tod des Hirsches verkündete, der in doppelter Gestalt durch den großen La Brède und den kleinen Du Tremblays vorgestellt wurde. Sechzehntes Kapitel In seinem großen Arbeitszimmer mit den ernsten Möbeln saß Philipp arbeitend vor dem Schreibtische, der mit Papieren überdeckt war, welche er mit flüchtigem Blicke durchlas, und nachdem er mit einem Federzuge seine Unterschrift auf das geprüfte Stück gesetzt, nahm er eifrig ein anderes zur Hand. Es war 10 Uhr morgens und glühender Sonnenschein fiel senkrecht auf die Fassade des Schlosses. Ein indiskreter Strahl, der die Stirn des Hüttenbesitzers traf, unterbrach seine Arbeit, er erhob sich, und ans Fenster tretend, ließ er einen Moment seine Augen über den Garten schweifen. Am Ufer des Teiches unter dem Schirm eines Zeltes aus gestreifter Leinwand saß Susanne in weißem Kleide und fischte in höchst zerstreuter Weise. Die Leine ruhte in dem Wasserbecken und die Angel, von dem Zappeln eines Fisches, der angebissen hatte, hin- und hergezerrt, ließ das Wasser in glänzenden Kreisen sich kräuseln. Den Blick ins Unbestimmte verloren, saß das junge Mädchen regungslos mit strahlendem Antlitz da, als folge sie einem beglückenden Gedanken. Ein Lächeln glitt über die Lippen des Hüttenbesitzers, er öffnete geräuschlos das Fenster und rief seiner Schwester zu: »Susanne, weißt du, daß ein Fisch angebissen hat?« Das Mädchen fuhr erschreckt in die Höhe und wendete sich mit einem reizenden Schmollgesichte zu ihrem Bruder. »O, Philipp,« seufzte sie, »wie du mich erschreckt hast!« »Ziehe doch die Angel zurück,« sagte der Hüttenbesitzer, »seit zehn Minuten schon zappelt ein Barsch an der Leine. Man darf die Tiere nicht so quälen!« Mechanisch zog das junge Mädchen das dünne Rohr an sich, häkelte den Fisch los, der wie ein Silberstrahl umherschoß und ließ ihn in eine Netztasche fallen, welche nahe am Ufer unter den Stauden vom Wasser bespült wurde. »Ich habe schon zwölf Stück gefangen,« rief Susanne stolz aus, indem sie ihrem Bruder das gefüllte Netz zeigte. »Die werden wir uns heute gebacken schmecken lassen,« rief heiter der Hüttenbesitzer. Er betrachtete noch einen Moment lang seine kleine Schwester, die mit ernster Miene einen roten Wurm an die Angel spießte. Unter dem blauen Himmel und dem Halbschatten des Zeltes sah sie so rosig, so frisch aus, daß eine plötzliche Rührung ihren Bruder überkam. Ein Seufzer schwellte seine Brust; still warf er dem geliebten Kinde einen Kuß zu, und das vor den Sonnenstrahlen schützende Rouleau hinablassend, schloß er das Fenster, so daß das Zimmer in erfrischendes Halbdunkel getaucht wurde. Philipp kehrte an den Schreibtisch zurück und wollte sich eben niederlassen, als ein bescheidenes Klopfen an der Thüre ihn daran hinderte. »Herein!« rief er in gleichgültigem Tone. Die Thüre wurde geöffnet und Claire erschien errötend und tief bewegt, aber fest entschlossen auf der Schwelle derselben. »Störe ich nicht?« fragte sie eintretend, während Philipp, von dem unerwarteten Besuch höchst überrascht, ihr höflich einen Fauteuil zurechtrückte. »Oh, ganz und gar nicht,« antwortete er einfach, und an den Kamin gelehnt, wartete er. Claire saß, den Kopf ein wenig auf die Lehne ihres Sitzes zurückgebogen, und blickte eine Weile schweigend um sich. Niemals betrat sie sonst dieses Privatzimmer, dessen etwas kalter Ernst, in dem sich gewissermaßen der Charakter seines Bewohners abspiegelte, ihr gefiel. Sie betrachtete jeden Gegenstand mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit. In Wirklichkeit war es ihr darum zu thun, den Moment, wo sie sprechen mußte, hinauszuziehen, denn sie hatte heftiges Herzklopfen und ihre Schläfen pochten. Philipp beobachtete sie, und er war es, der endlich das Schweigen brach. »Haben Sie mich um etwas zu ersuchen?« fragte er. Claire wendete ihre Augen ihrem Manne zu, und mit einem Anfluge von Traurigkeit in der Stimme antwortete sie: »Wir leben so entfernt voneinander, daß ich in der That ein Anliegen haben muß, um es zu wagen, Sie zu stören.« Philipp machte eine Gebärde höflichen Widerspruchs, und sich vor seiner Frau verbeugend, wie um sie zu ermutigen, sagte er: »Ich bin bereit, Sie zu hören.« Die junge Frau neigte den Kopf, als wollte sie sich sammeln. Sie zitterte und der Mund war ihr trocken. Nie wurde ein ernsterer Entschluß mit mehr Angst ausgeführt. »Das, wovon ich mit Ihnen zu sprechen habe, ist von größter Wichtigkeit und betrifft Sie ebenso wie mich.« »Wir wollen sehen!« Claire warf ihrem Manne einen so flehenden Blick zu, daß Philipp am liebsten vor ihr auf die Kniee gesunken wäre; er verhielt sich jedoch vorsichtigerweise ganz ruhig und abwartend. »Vor allem,« fing die junge Frau an, »sagen Sie mir, Sie nehmen doch einigen Anteil an dem Geschicke meines Bruders, nicht wahr?« »Ich glaube nicht,« erwiderte etwas erstaunt der Hüttenbesitzer, »daß er bis jetzt Grund hatte, daran zu zweifeln.« Die Antwort war zweideutig. Claire runzelte leicht die Stirn. »Wenn Sie Gelegenheit fänden, diesen Anteil zu bethätigen.« »So ist es wahrscheinlich, daß ich sie ergreifen würde.« Bis zu diesem Punkte wollte Claire ihren Mann haben, um ihn mit seinen eigenen Antworten in die Falle zu bringen. Sie brauchte nun nur noch den Zweck der Unterredung zu bezeichnen und, von der Aufregung des begonnenen Kampfes ermutigt, zauderte die junge Frau nicht länger. »Wohlan, diese Gelegenheit bietet sich nun dar; wünschen Sie dieselbe zu kennen? Ich muß Ihnen sagen, daß sie höchst ernsthafter Art ist und daß es sich in diesem Falle nicht nur um meinen Bruder handelt.« »Welche Umschweife!« unterbrach sie der Hüttenbesitzer. »Erscheint Ihnen das, um was Sie mich bitten wollen, denn gar so schwer zu erlangen?« Claire sah ihrem Mann voll ins Gesicht, als wollte sie nicht einen einzigen Zug desselben verlieren, alsdann sagte sie rasch: »Urteilen sie selbst. Octave liebt Ihre Schwester und hat mich beauftragt, Sie an seiner statt um ihre Hand zu bitten.« Philipp stieß einen leisen Ruf der Ueberraschung aus und sein Gesicht verdüsterte sich. Um seine Unruhe zu verbergen, trat er an das Fenster, vor welchem er schweigend stehen blieb, mit der Hand ein wenig das Rouleau lüftend. Am Ufer des Teiches träumte Susanne sorglos weiter, die Angel in den spiegelglatten Teich tauchend. Der Hüttenbesitzer blickte das unschuldige sanfte Kind aufmerksam an, das ihm wie für das Glück geschaffen schien. Claire schritt angstvoll auf ihren Mann zu, und ihn in Gedanken vertieft sehend, rief sie: »Sie geben mir keine Antwort?« Philipp wendete sich um, und langsam sprechend, als sei ihm das, was er zu sagen habe, äußerst peinlich, erwiderte er: »Es ist mir um Ihren Bruder ungemein leid, aber die Heirat ist unmöglich!« »Sie verweigern Ihre Zustimmung?« rief Claire in furchtbarer Aufregung. »Ich verweigere sie,« antwortete der Hüttenbesitzer kalt. »Weshalb?« Philipp sah seiner Frau starr ins Gesicht, als wollte er seine Antwort bis auf den Grund ihres Herzens dringen lassen: »Weil es in meiner Familie durch Verschulden der Ihrigen bereits eine unglückliche Person gibt und ich finde, daß es damit genug ist.« »Hüten Sie sich,« entgegnete Claire lebhaft, »nicht viel sicherer das Unglück Susannens zu verschulden, indem Sie meinem Bruder ihre Hand verweigern.« »Wie so das?« fragte der Hüttenbesitzer mit plötzlicher Besorgnis. »Sie liebt ihn!« Aus dem Garten ließ sich die fröhliche Stimme Susannens vernehmen, welche mit Hilfe Brigittens die Gerätschaften zum Fischfang beiseite schaffte. Philipp hielt einen Moment inne, um zu lauschen. »Sie liebt ihn,« erwiderte er. »Das ist in der That ein großes Unglück, doch ändert es meine Entscheidung keineswegs. Wenn am Vorabende des Tages, wo ich Sie heiraten sollte, Jemand, selbst auf die Gefahr hin, mir das Herz zu brechen, mich daran gehindert hätte, er würde mir einen unermeßlich großen Dienst erwiesen haben. Die grausame Erfahrung, welche ich gemacht, soll wenigstens zu etwas nütze sein. Wenn meine Schwester weinen muß, so soll sie in Freiheit weinen und nicht wie ich eine unwiederbringlich verlorene Zukunft vor sich haben!« Claire fühlte sich in so harter Weise getroffen, daß sie ihre Kaltblütigkeit nicht länger bewahren konnte. »Sie wollen sich rächen?« sagte sie heftig. »Mich rächen?« entgegnete der Hüttenbesitzer hoheitsvoll. »Glauben Sie, daß ich Lust habe Rache zu nehmen? Nein. Es ist bloß eine Vorsichtsmaßregel, die ich gebrauche, und alles rät mir dazu.« Claire ließ sich in den Fauteuil sinken. Sie hörte aus den Worten ihres Gemahls eine so stolze Verachtung und einen so festen Entschluß heraus, daß sie es aufgab, dagegen zu kämpfen. Sie wollte sich nunmehr aufs Bitten verlegen. »Hören Sie,« fing sie wieder an, »ich bitte Sie darum, machen Sie mich nicht verantwortlich für das Unglück dieser Kinder. Ich bin selbst niedergedrückt genug. Was muß ich thun, um Sie zu erweichen? Ich habe Ihnen schweres Unrecht gethan, ich weiß es ...« Philipp fing an, bitter zu lachen. »Sie haben mir schweres Unrecht gethan,« rief er, »wirklich? Und Sie geruhen, es zu gestehen? Nun, das sind, wie mir scheint, große Zugeständnisse, die Sie mir da machen!« Claire nahm von diesen ironischen Worten keine Notiz, denn sie war entschlossen, sich durch nichts entmutigen zu lassen, um ans Ziel zu gelangen. »Ja, ich habe Ihnen viel Leides zugefügt, aber Sie lassen es mich schwer büßen ...« »Ich?« fiel ihr Philipp ins Wort. »Und wodurch denn? Habe ich Ihnen Vorwürfe gemacht? Habe ich Ihnen ein verletzendes Wort gesagt? Habe ich es je an der Ihnen schuldigen Rücksicht fehlen lassen?« »Nein, aber wie sehr hätte ich Ihren Zorn der gleichgültigen Geringschätzung vorgezogen, mit der Sie mich behandeln. Rings um mich her höre ich alle Welt mein Glück preisen und überall, wo ich hinkomme, werde ich beneidet, gefeiert. Aber wenn ich nach Hause komme, wo ist dann mein Glück? Ich suche es und ich finde nur die Einsamkeit, die Verlassenheit, die Traurigkeit!« Philipp richtete seine hohe Gestalt empor und die arme Frau, die sich so vollständig in seiner Gewalt fühlte, mit einem stolzen Blicke messend, versetzte er: »Es hing nicht von mir ab, daß es anders gekommen wäre. Sie haben selbst über Ihr Leben entschieden und es ist heute so, wie Sie es sich selber bereitet haben.« »Das ist wahr,« erwiderte Claire mit tonloser Stimme; »aber ich hätte doch wenigstens das Recht auf Ruhe zu zählen, doch nicht einmal diese konnte ich erlangen ...« Sie erhob sich seufzend und mit krampfhaft geballten Händen und verstörten Blicken fuhr sie fort: »Dieses nichtswürdige Weib, das mich haßt, verfolgt mich bis hieher und Sie bieten die Hand zu ihren Ränken. Sie brüstet sich mit Ihnen, sie kompromittiert Sie und Sie haben nicht einmal so viel Mitleid mit mir, um mir ihre schimpflichen Prahlereien zu ersparen.... Doch ich bin mit meiner Geduld zu Ende, das kann nicht mehr so fort gehen, ich will es nicht!« »Sie wollen es nicht?« erwiderte Philipp. Und als Claire mit wütender Hartnäckigkeit nochmals ausrief: »Nein, nein, ich will es nicht,« sagte der Hüttenbesitzer mit strenger Miene: »Sie vergessen, daß hier nur ich das Recht habe, zu sagen: Ich will.« Alles Blut stieg der stolzen jungen Frau zu Gesicht; sie war empört. Und von Zorn geblendet, von Eifersucht hingerissen, rief sie aus: »Hüten Sie sich, treiben Sie mich nicht zum Aeußersten. Ich kann Ihre Gleichgültigkeit ertragen, aber eine so beleidigende Verachtung, eine öffentliche Vernachlässigung ... dazu werde ich mich nie verstehen....« Philipp blieb vor ihr stehen und sie mit spöttischer Neugier betrachtend, sagte er: »Wie sind Sie es so ganz! Wie sind Sie sich so ganz gleich geblieben! Immer der Stolz! Immer die Besorgnis darum, was Ihre Umgebung denken wird! Die öffentliche Meinung ist es, die Sie zumeist beschäftigt. Um in der Welt eine günstige Rolle zu spielen, haben Sie sich wie toll in das Abenteuer unserer Verbindung gestürzt und heute noch, aufgebracht durch den Gedanken, daß man Sie kritisieren könnte, verhöhnen Sie mich, verlieren Sie jedes Maß und vergessen sich so weit, mir zu drohen!« »O nein, ich drohe nicht,« fiel Claire ein, die ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten vermochte; »ich bitte, haben Sie Mitleid mit mir, Philipp. Seien Sie großmütig, ... Werden Sie denn nie ermüden, mein Herz so zu quälen? Sie sind gerächt genug! ... Sie dürfen nun nachsichtig sein.... Wenn Sie an den Bedingungen unserer Existenz nichts ändern wollen, so sichern Sie mir wenigstens meine Ruhe, befreien Sie mich von der Herzogin, entfernen Sie den Herzog von mir! ...« Sie hatte die letzten Worte mit leiser Stimme ausgesprochen, als schämte sie sich, sie über ihre Lippen zu bringen.... »Worüber beklagen Sie sich?« entgegnete der Hüttenbesitzer. »Ich muß mir doch ebenfalls die Gegenwart dieser beiden gefallen lassen. Es sind Ihre Verwandten! Was würde die Welt sagen, die Welt, deren Meinung Sie doch stets alles unterordnen, wenn ich ohne sichtbaren Grund ihnen unsere Thür verschließen würde? Wir müssen uns in Geduld fügen und die notwendigen Folgen unserer traurigen Lage ertragen. Das Leben fügt sich nicht der Laune eines verzogenen Kindes, alles ist in demselben ernst und wichtig und das Unglück kommt nur zu leicht von selbst, man braucht ihm nicht entgegenzugehen. Sie wissen es jetzt selbst. Ihr Wille hat uns beide außerhalb des gebahnten Weges gestellt und nun ist es unsere Pflicht, vorwärts zu schreiten, weil wir zur Umkehr nicht mehr das Recht haben,« »So habe ich denn,« sagte Claire, »nichts mehr von Ihnen zu erwarten, nichts mehr zu hoffen!« »Nichts,« erwiderte der Hüttenbesitzer kalt. »Und erinnern Sie sich nur, daß Sie selbst es waren, die es so gewollt!« Claire blickte auf ihren Gatten. Seine Züge waren verstört, die Augen lagen tief unter den finstern zusammengezogenen Brauen und er war blaß, doch seine Stimme klang fest. Einen Augenblick dachte sie daran, sich ihm zu Füßen zu werfen, ihm ihr Herz zu eröffnen und zu gestehen, daß sie ihn liebe. Sie schritt auf ihn zu, mit beklommenem Herzen, erstickend fast und schon wollte sie die Arme nach ihm ausbreiten, aber ein letzter Rest von Stolz hielt sie zurück, sie stieß einen schweren Seufzer aus und blieb regungslos. Philipp trat auf sie zu: »Ich muß mich nun entfernen, da eine wichtige Angelegenheit mich ins Hüttenwerk ruft,« sagte er ruhig, als wäre zwischen ihm und dieser Frau, die er vergötterte, nichts vorgefallen. »Was soll ich meinem Bruder antworten?« fragte Claire schüchtern. »Sagen Sie ihm, daß ich auf seine Ehrenhaftigkeit zähle und hoffe, daß er Susannen kein Wort von meiner Weigerung sagt. Ich werde Anstalten treffen, um meine Schwester binnen acht Tagen vorläufig von hier zu entfernen!« Und mit einem gleichgültigen Neigen des Kopfes zog er sich zurück. Die junge Frau blieb während einiger Minuten allein in dem weiten Gemach. Rückhaltslos überließ sie sich hier ihrem Schmerz und ermaß in tiefer Mutlosigkeit die ganze Größe ihres Unglückes. So war es denn unwiderruflich. Vergebens hatte sie ihrem Manne die blutende Wunde ihres Herzens gezeigt, er hatte kaum einen zerstreuten Blick darauf geworfen. Sie existierte nicht mehr für ihn, wie er es ihr einst gesagt, und er hielt nun sein Versprechen. In unerbittlicher Strenge wollte er ihre flüchtige Verirrung nicht vergeben, und stolz wies er sie ab, wenn sie sich ihm zu nähern versuchte. Und nun trug sie auch noch die Schuld an dem Unglück ihres Bruders. Gewiß, nur aus Mißtrauen gegen das Blut der Beaulieu, dessen verhängnisvolle Heftigkeit er empfunden, verweigerte er Octave die Hand Susannens. Auf welche Weise sollte sie nun ihrem Bruder diese unselige Nachricht mitteilen? Die Stimme Susannens, die sich im Nebenzimmer hören ließ, brachte sie rasch auf die Füße, und in der Besorgnis, weinend in dem Kabinette ihres Mannes überrascht zu werden, flüchtete sie mit der Schnelligkeit eines verfolgten Rehes auf ihr Zimmer, in welchem sie sich einschloß. Sie gab Auftrag, man möge sie um die Frühstückszeit entschuldigen und sagen, daß sie unwohl sei. Dann gegen zwei Uhr, als sie vom Fenster aus Susanne in den schattigen Gebüschen des Parks hatte verschwinden sehen, schlich sie sich nach der Treppe und durch eine Hinterthür hinausschlüpfend, machte sie sich zu Fuß auf den Weg nach Beaulieu. Der Marquis, welcher das Resultat der von seiner Schwester angeknüpften Unterhandlung erwartete, durchmaß mit ungeduldigen Schritten die Terrasse, hoffend, daß seine Schwester ihn nicht mehr lange dieser Ungewißheit überlassen werde. In weiter Ferne gewahrte er endlich Claire, die den ziemlich steilen Weg, der zum Schlosse fühlte, emporstieg. Doch wurde er von ihrer Haltung schmerzlich betroffen. Madame Derblay folgte langsam mit gesenktem Kopf der rasenbedeckten Böschung der Straße und schien ganz zu vergessen, sich gegen die Sonne zu schützen, die, von Zeit zu Zeit die Wolken durchbrechend, glühend heiß herniederbrannte. Ihr Gang hatte etwas Müdes, Schlaffes, das ihn eine Niederlage ahnen ließ. Sie kam nicht triumphierend und rasch, wie die Botin einer guten Nachricht. Octave eilte ihr entgegen und erreichte sie in wenig Minuten. Sie wechselten einen Blick; der des Bruders war ängstlich und erregt, derjenige der Schwester düster und verzweifelt. »Mein Gott, was ist vorgefallen?« fragte Octave, indem er seine Schwester krampfhaft am Arme faßte und sie zu einem mit Bänken umgebenen Rondel zog, welches einen herrlichen Ausblick gewährte. Der süße Duft von blühenden Linden, welcher bis zu Claire emporstieg, betäubte sie vollends und bebend, die Augen voll Thränen, stand sie regungslos, ohne ein Wort zu sprechen vor ihrem Bruder. »Um des Himmels willen, Claire, was ist geschehen? Sprich doch, alles lieber, als dein Schweigen!« Frau Derblay hatte Mitleid mit der Qual ihres Bruders und mit peinlicher Anstrengung antwortete sie: »Mein armer Freund, ich überbringe dir eine traurige Antwort auf die Bitte, mit der du mich betraut hast. Eine Heirat zwischen dir und Susanne ist unmöglich.« Octave wich einen Schritt zurück, als hätte er einen Abgrund vor seinen Füßen sich öffnen sehen. Er blickte seine Schwester verstört an, als verstehe er sie nicht recht, und wiederholte: »Ist unmöglich... Und weshalb?« Claire schüttelte niedergeschlagen den Kopf. »Philipp verweigert seine Zustimmung,« sagte sie. »Welchen Grund gab dein Gemahl dafür an?« fragte der Marquis. Claires Verlegenheit wuchs. Was sollte sie ihrem Bruder antworten? Konnte sie ihm ihr schmerzliches Geheimnis anvertrauen? Welchen Vorwand erfinden, um der Weigerung Philipps einen halbwegs annehmbaren Grund zu verleihen? Octave hielt sie unter seinem Blick gebannt, in ihren Gesichtszügen, in jeder ihrer Bewegungen die Wahrheit suchend. »Er gab keinerlei Grund an,« stammelte Claire errötend, »er verweigerte jede Erklärung.« »Ohne Grund?« sagte der Marquis voll Erstaunen, »ohne Erklärung? Er, Philipp, den ich so sehr liebe? Er zögerte nicht, mir einen solch großen Kummer aufzuerlegen?« Mit schmerzlicher Rührung trocknete er hastig seine Augen, und indem sein thätiger Geist nach dem Grunde forschte, den Philipp nicht angeben mochte, setzte er sich schweigend nieder. Plötzlich stieß er einen Schrei aus: ein Lichtstrahl hatte seinen Geist erleuchtet ... Das Geld!... Es konnte nur das Geld sein! ... Er war ohne Vermögen, ohne Stellung; ja, nur das konnte die Ursache sein, weshalb Philipp ihm seine Schwester nicht zur Frau geben wollte. Mit ungestümer Lebhaftigkeit erhob er sich. Claire beobachtete ihn in großer Unruhe. Der Marquis that einige Schritte vorwärts und mit von Zuversicht und Kühnheit strahlender Stirn sagte er, ohne es zu merken, laut zu sich selbst, als antwortete er seinen Gedanken: »Ohne Stellung, das ist wahr, doch ich werde mir eine gründen. ... Ohne Vermögen ... Nun! Philipp weiß, wie man reich wird. ... Ich werde ihm nachahmen ...« Er hielt erschrocken, fast verblüfft inne. Claire hatte sich aufgerichtet und seine Hand mit großer Lebhaftigkeit ergriffen. Zwei Worte waren ihr aufgefallen, zwei nur von all dem, was ihr Bruder gesagt: »Ohne Vermögen...«, aber sie hatten genügt, um sie in unaussprechliche Unruhe zu versetzen und ihre Befangenheit, ihre Besorgnisse, ihre Schmerzen vergessend, verlangte sie mit allen Kräften ihrer Seele nur noch die Erklärung dieser Worte. »Ohne Vermögen? du?« wiederholte sie. Und mit befehlender Gebärde, drohend fast, forderte sie eine Antwort. Octave suchte, verlegen, verwirrt, dieselbe zu umgehen; aber ein Geheimnis ahnend, das sie um jeden Preis durchdringen müsse, faßte ihn Claire mit fürchterlicher Heftigkeit an der Schulter, und ihn mit ihren Augen verschlingend, rief sie: »Was wolltest du sagen?« »Unbedachterweise habe ich Worte ausgesprochen, die du nie hättest hören sollen,« erwiderte Octave. »Du kennst den Verlust unseres Prozesses nicht und hättest stets darüber in Unkenntnis bleiben sollen; und ich Thor habe das Geheimnis verraten, welches zu bewahren ich versprochen habe!« Aber Claire hörte ihn nicht mehr an, sie überlegte. Der Verlust des Prozesses war der Ruin, ihr Bruder war ohne Vermögen, sie ohne Mitgift. Ein banger Zweifel stieg in ihr auf, sie erbebte, ihre Augen schienen größer zu werden, und zu Octave gewendet: »Als ich heiratete?« fragte sie bloß, den Satz mit einer Gebärde vervollständigend. »War das Unheil schon geschehen.« »Und mein Mann... Philipp? Wußte er es?« »Er wußte es und wollte nicht zugeben, daß man es dir mitteile, da er auch nicht den geringsten Schatten auf deiner Stirn sehen mochte. Er bewies bei dieser Gelegenheit eine Großmut und ein bewunderungswürdiges Zartgefühl...« Claire stieß einen Schrei aus und schluchzte: »Das hat er gethan! Und ich... ich! o, ich Unglückliche!« Da erschien plötzlich in ihrer Erinnerung das Zimmer mit den alten Tapeten, auf welchen die Ritter schweigend den Göttinnen zulächelten, so wie es an ihrem Hochzeitsabende gewesen, mit dem Feuer, das in dem Kamin brannte, an welchen sie sich fröstelnd lehnte. Sie sah Philipp blaß und zitternd, fast zu ihren Füßen, und dann stolz den Kopf erhebend, als sie ihm zurief: Nehmen Sie mein Vermögen! – Ihr Vermögen! Wie verächtlich hatte er gelächelt. Sie wußte nun, weshalb. Und in ihrer Verzweiflung trat die drückende, demütigende Wahrheit auf ihre Lippen. Sie mußte sprechen, mußte sich anklagen und außer sich stammelte sie: »O, ich habe gelogen, als ich dir eben gesagt, daß ich nicht wisse, weshalb er dir seine Schwester verweigert. Ich trage daran die Schuld, ich allein!« Und in einem Zuge legte sie ihrem Bruder ihre traurige Beichte ab, nichts verheimlichend, ihr Unrecht beleuchtend und ihre Handlungsweise in ihrer ganzen Unwürdigkeit darstellend. »Und er,« fuhr sie fort, »so stolz, so selbstlos, so gut selbst in seinem Zorne, denn er hat mich geschont! Mit einem Worte hätte er mich vernichten können; er that es nicht. Und ich sah ihn vergeblich bitten und blieb unempfindlich. Ich verstand sie nicht zu würdigen, die treue aufrichtige Liebe seines Herzens!« Von Schmerz entstellt und von Leidenschaft flammend, fuhr sie fort: »Wenn du nicht gesprochen hättest, Unglücklicher, wäre mein Leben auf ewig verloren gewesen! Was wäre aus mir geworden! Und das ist bloß ein Zufall, daß du es mir gesagt! O, sei gesegnet dafür!« Sie umarmte ihren Bruder mit unaussprechlicher Dankbarkeit, und wie ein zu lange eingedämmter Strom flossen die Worte unaufhaltsam von ihren Lippen. »Claire, ich bitte dich, beruhige dich,« sagte Octave erschreckt. »Fürchte nichts, geh'! Nun ist alles gerettet, fing sie voll Begeisterung wieder an. Ich werde mein Unrecht wieder gut machen und dein Glück sichern. Philipp! Ach ich werde mich vor ihm auf die Knie« werfen. Alles soll mir leicht sein, um mein Ziel zu erreichen. Noch heute benahm ich mich ihm gegenüber höchst ungeschickt. Aber ich war nicht Herrin meiner selbst: siehst du, ich liebe ihn so sehr!« Eine Wolke überflog ihre Stirn. Der beunruhigende Gedanke an die Herzogin kam ihr in den Sinn. Sie zog die Augenbrauen zusammen und sagte tonlos: »O, jetzt soll mir ihn niemand mehr entreißen! Er muß zu mir zurückkehren oder ich werde sterben!« »Claire!« rief der Marquis. Aber Claire war mit außerordentlicher Lebendigkeit von der Traurigkeit zur Freude übergegangen, und mit wieder erheitertem Gesicht sagte sie: »Sei ruhig. Morgen ist mein Namenstag ... Alle unsere Freunde und viele Gäste sind geladen ... Ich will schön sein und ihm gefallen. Ich werde siegen, dessen bin ich gewiß. Und ich werde ihn wieder an meiner Seite sehen, vertrauensvoll und zärtlich....« Die Spannung ihrer Nerven, die allein sie bis nun aufrecht gehalten, ließ plötzlich nach; sie wankte und fiel ihrem Bruder in die Arme, der sie zu der Rasenbank trug. Herzzerreißendes Schluchzen hob ihre Brust und eine geraume Zeit hindurch hörte sie, ohne ein Wort zu erwidern, in tiefer Niedergeschlagenheit die zärtlichen Tröstungen ihres Bruders an. Auch nachdem sie ihre Fassung wieder gewonnen hatte, blieb sie an der Seite ihres Bruders ernst und nachdenklich sitzen und blickte in das Thal hinab, das sich grünend vor ihr ausbreitete, von der Avesnes durchschnitten, die gleich einem silbernen Faden die Auen durchzog. Der Park, dessen dichtes Laubwerk von den Spitzdächern des Schlosses überragt wurde, erstreckte sich bis zum Fuße der Hügel. Die hohen Schornsteine des Hüttenwerkes stießen schwere Rauchwolken in die Luft empor und der Turm der alten Kirch stieg in die Höhe, gekrönt von dem Wetterhahn, der, von den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne getroffen, weithin erglänzte. Dieser stille Winkel war es, in dem fortan zu leben Claire träumte. Sie erinnerte sich, daß sie ihn einst von demselben Platze aus mit Verachtung und Zorn betrachtet hatte. Jetzt war er für sie das Paradies, denn hier lebte Philipp. Siebzehntes Kapitel St. Claire fiel in diesem Jahre gerade auf einen Sonntag, St. Susanne in glücklichem Zusammentreffen auf den Tag vorher. Philipp, der seit dem Schiffbruche seines Glückes sein ganzes Leben den Anforderungen seiner Stellung unterordnete, glaubte sich von der Feier dieses doppelten Namenstages nicht dispensieren zu dürfen. Seit seiner Verheiratung hatte er fast noch nie Gäste empfangen. Die Krankheit Claires nahm den ganzen Winter in Anspruch und ihre Rekonvalescenz erstreckte sich bis tief in den Frühling, so daß der Hüttenbesitzer selbst in den Augen der Argwöhnischsten entschuldigt sein konnte, seine Salons in dieser Saison nicht geöffnet zu haben. Die große Erregung Claires, die sich bei verschiedenen Anlässen deutlich verraten hatte, bewog den Hüttenbesitzer gleichfalls, seine eheliche Zärtlichkeit öffentlich zu beweisen, indem er seiner Frau zu Ehren ein Fest gab. Die Einladungen waren schon seit zehn Tagen ergangen, als der von Claire gemachte Annäherungsversuch an ihren Gatten das schmerzliche Verhältnis, welches als chronisches Uebel zwischen beiden bestand, zu einem akuten gemacht hatte. Philipp dachte in seiner Entmutigung daran, das Fest absagen zu lassen; doch man befand sich bereits am Vorabende des bestimmten Tages. Er mußte auf die Energie Claires rechnen; wußte er doch, daß sie in ihrem Stolze wohl fähig war, ihrer Umgebung ein lachendes Antlitz zu zeigen. Mit schwerem Herzen und unzufrieden mit sich und den andern schickte der Hüttenbesitzer sich an, die Rolle des Wirtes in möglichst heiterer Weise zu spielen. Von früh morgens an in ihre Gemächer eingeschlossen, bereitete sich Claire ihrerseits zum Kampfe vor. Sie wollte gefallen und schmückte sich mit größter Sorgfalt wie eine Kokette, welche die Eroberung eines Nabob machen will, keinerlei Toilettenkünste verschmähend, um durch den Reiz ihrer Kleidung ihre unvergleichliche Schönheit zu erhöhen. Sie wählte ein weißes Kleid, mit Valenciennesspitzen garniert und mit natürlichen Rosenbouquets geschmückt. Die Taille, die bis zur Mitte des Rückens reichte, ließ den Beginn der prächtigen Schultern sehen und zeigte, vorne ausgeschnitten, die bewunderungswürdige Büste; deren schimmerndes Weiß durch den leuchtenden Ton einer Rosenguirlande noch gehoben wurde, welche die junge Frau in duftigen Windungen, von der Schulter bis an den Saum des Kleides hinab, umgab. Ihr schönes, blondes Haar, hoch am Kopfe geordnet, entblößte kühn den schneeigen Nacken und trug als einzigen Schmuck eine rote Rose. Sie sah so schön aus, daß Susanne und Brigitte, welche selbst beim Ankleiden behilflich gewesen, vor Bewunderung in die Hände schlugen. Claire warf einen dankbaren Blick in den Spiegel und bebend stieg sie zur anberaumten Stunde in die Empfangsräume hinab. In dem großen Salon im Stile Louis XIV. plauderte Philipp im schwarzen Frack und weißer Kravatte mit dem Baron, der die Aermel seines Jaquets zurückgeschlagen und die Hände völlig mit gelber Farbe überzogen hatte. Die Baronin, die mit Claire eintrat, stieß einen Schrei der Verzweiflung aus: »Aber, mein Freund, woher kommen Sie denn, in einem solchen Zustande und zu dieser Stunde, und wie sehen Ihre Hände aus?« »Entschuldigen Sie, Teuerste,« erwiderte der Baron errötend wie ein Schulknabe, der auf einem Fehler ertappt worden, »ich habe mich ein wenig im Laboratorium verspätet. – Und ein Jodbad, das ich aus Versehen umstieß, hat mir leicht die Nägel gefärbt.« »Leicht gefärbt!« rief die junge Frau, »aber das ist ganz entsetzlich, Sie sind gar nicht präsentabel! Sie sehen ja wie ein Photograph aus!« Der Baron fing zu lachen an. »Ich versichere Sie, daß man dies sehr schnell fortbringt!« Dabei wollte er sich seiner Frau nähern. »Kommen Sie mir nicht zu nahe!« schrie diese, erschrocken zurückweichend. »Ich habe eine neue Toilette. Entfernen Sie sich rasch, Sie haben noch gerade so viel Zeit, sich umzukleiden.« Philipp blickte auf Claire, die in der ganzen Pracht ihrer Schönheit ihm entgegenschritt. Sie sah strahlend aus und auf ihrem heitern Antlitz war keine Spur ihres Kummers bemerkbar. Bei sich bewunderte der Hüttenbesitzer die Seelenstärke und Tapferkeit der jungen Frau und wußte ihr dafür Dank, daß sie in solch glänzender Weise ihre Pflichten als Hausfrau erfüllen wollte. Mit einem Lächeln, das sie vor Freude erblassen ließ, näherte er sich ihr, ein Schmuckkästchen aus schwarzem Leder in der Hand, auf welchem die Initialen C. D. graviert waren. »Ihr Besitz an Juwelen ist nicht sehr groß,« sagte er mit einer Verbeugung. »Zur Zeit unserer Verheiratung konnte ich mir nicht alles, was ich für Sie wünschte, verschaffen. Lassen Sie mich mein Versäumnis heute gutmachen.« Dabei überreichte er ihr das Schmuckkästchen. Claire, sehr betroffen, zauderte, es anzunehmen; die Baronin bemächtigte sich jedoch rasch desselben, öffnete es und entnahm ihm ein herrliches Diamantenhalsband, das sie unter Jubelrufen im Lichte funkeln ließ. »Oh, meine Teure, sieh doch, das ist ein fürstliches Geschenk.« Claires Stirn verdüsterte sich, Es war in der That ein fürstliches Geschenk. Zugleich gedachte die junge Frau der 40 000 Franken, die angeblich als Zinsen ihrer Mitgift in ihrem Ebenholzschranke ruhten. Sie fügte die Summe hinzu, welche das Halsband kosten mußte und fühlte sich aufs Tiefste gedemütigt. Welch neuer Beweis der Großmut Philipps! Das Geld, das ihr höchster Trumpf gewesen, gab Philipp mit königlicher Gleichgültigkeit aus, und ob er es gleich durch angestrengte Arbeit erworben hatte, schien er doch nicht viel Wert darauf zu legen. »Nun denn, Philipp, befestigen Sie selber dies Zeichen der Sklaverei am Halse Ihrer Frau. Es ist ohnehin das Wenigste, was Sie thun können,« sagte die Baronin malitiös. Dann sich zu ihrem Manne wendend, der eben, mit vollendeter Korrektheit gekleidet, wieder eintrat: »Sie, der Sie fortwährend nach Steinen suchen, mein Teurer, trachten Sie doch einmal, welche von dieser Sorte zu finden!« Der Hüttenbesitzer legte mit zitternder Hand das mit Diamanten geschmückte silberne Band um die Schultern seiner Frau. Seine Finger berührten die samtartige Haut, und er sah sie unter seiner Berührung erbeben. »Nun, nun!« fuhr die Baronin fort, »an einem Tage, wie der heutige, ist es Brauch, daß man sich küßt.« Dabei stieß sie Claire in die Arme Philipps, der totenblaß geworden war. Der Hüttenbesitzer berührte mit seinen Lippen die Stirn seiner Frau und mit vor Erregung zusammengeschnürter Kehle, verstörten Augen, sich angstvoll fragend, ob er nicht in Ohnmacht sinken würde, empfing er den kältesten und zugleich heißbegehrtesten Kuß. Hierauf trat er rasch in den angrenzenden Salon, um sich dem fesselnden Reiz dieser Annäherung zu entziehen. Claire hatte bis dahin die ganze Wichtigkeit der Stellung ihres Mannes nicht ermessen können. Wohl sah sie, daß er überall mit Ehrerbietung aufgenommen wurde; doch sie begriff erst, über welch großen Einfluß der Hüttenbesitzer verfüge, als sie alle hervorragenden Persönlichkeiten des Departements bei sich empfing. Das Diner vereinigte Herrn Monicaud, den republikanischen Präfekten, der übrigens seine Gesinnungen zu mildern wußte, wenn er in Gesellschaft ging; den General-Prokurator, einen ernsten, gemessenen Mann; den Trésorier, einen ehemaligen Lebemann, der sich äußerst liebenswürdig benahm, und den General, den Kommandanten der Division; sämtliche Civil- und Militär-Autoritäten. Der Erzbischof von Besançon war gleichfalls erschienen und der lächelnde liebenswürdige Greis hatte zur Rechten Claires Platz genommen. Athénaïs, die vor Neid völlig außer sich war, wohnte dem Triumphe ihrer Rivalin bei. Claire, die zum erstenmal von den freundlichen Blicken ihres Mannes unterstützt wurde, fand ihre Zuversicht wieder; sie unterhielt mit sehr viel Geist ihre Gäste und fand für jeden einzelnen das rechte Wort, seiner Eigenliebe zu schmeicheln, und beseelt von dem Wunsche, ihrem Manne, von dem sie sich bewundert fühlte, zu gefallen, entfaltete sie alle Hilfsquellen ihres bevorzugten Geistes. Auf den Herzog machte ihr gewinnendes Auftreten tiefen Eindruck; die junge Frau, die ihre Willenskraft aufs äußerste anstrengte, war aber auch wirklich blendend und Bligny, der förmlich fasciniert war, ließ sich hinreißen, sie mit unverhehlter Bewunderung zu betrachten. Sie unablässig anstarrend, vergaß er, was um ihn her vorging und seine überreizte Leidenschaft ließ ihn alles Maß verlieren. Er bemerkte nicht, daß Philipp ihn mit drohender Aufmerksamkeit beobachtete. Was lag ihm übrigens auch an dem Gemahl? Er war längst als der Mann bekannt, jemand das Leben zu nehmen, nachdem er ihm die Ehre geraubt. Moulinet, so sehr er bemüht war, den Präfekten zu umgarnen, der sich ungezwungenen Betrachtungen überließ, indem er sich ausführlich über seine an Entbehrungen reiche Vergangenheit und über die Genüsse des Wohllebens erging, wurde ebenfalls auf das Benehmen Blignys aufmerksam. Er hatte schon früher bemerkt, daß der Herzog seit seiner Rückkehr sich viel zu viel mit Claire beschäftige. Im allgemeinen legte er derlei Launen des jungen Mannes keine Wichtigkeit bei, aber in diesem speciellen Falle fühlte er sich höchst beunruhigt. Der Hüttenbesitzer war eine Großmacht, und am Vorabende der Wahlen mußte man auf ihn Rücksicht nehmen. Er nahm sich daher vor, mit seinem Schwiegersohne über diesen wichtigen Gegenstand zu sprechen. Die Herzogin, die neben Philipp saß, bemühte sich durch ihr Geschwätz seine Aufmerksamkeit zu fesseln, fand ihn jedoch kalt und zerstreut. Die Marquise von Beaulieu, die ihren Platz zur Rechten des Hüttenbesitzers hatte, litt sehr unter der Hitze der Kronleuchter und war bemüht, ihre Stirn mit dem Fächer dagegen zu schützen. Philipp, der gezwungen war, sich nach links und rechts zu unterhalten und durch seine Pflichten als Wirt vielseitig in Anspruch genommen, stand Qualen aus, als er den Herzog Claire fixieren sah, und es schien ihm, als ob Bligny, der die nackten Schultern der jungen Frau mit seinen Augen verschlang, sie in Gedanken mit seinen Zärtlichkeiten entweihe. Ein schrecklicher Zorn erfaßte ihn und von allen Qualen der Eifersucht gepeinigt, träumte er von der hohen Befriedigung, den Mann töten zu können, der ihm schon so viel Böses angethan und ihn noch immer so grausam marterte. Die nichtigen Reden der Herzogin ermüdeten ihn und er wünschte lebhaft, von den beiden ihm verhaßten Wesen befreit zu werden. Das Verlangen seiner Frau, den Herzog und die Herzogin zu entfernen, kam ihm in den Sinn und er begriff die Entmutigung Claires im Kampfe mit dem Hasse der Frau und der Liebe des Mannes. Er beschloß, sie von beiden zu befreien. Doch es genügte ihm nicht mehr, den Herzog bloß zu entfernen; dazu haßte er ihn bereits zu sehr. Das Ende des Diners war für Derblay eine Erleichterung. Auf der Terrasse herrschte eine köstliche Frische, und eine reizende Ueberraschung erwartete hier Claire. Alle Gebüsche des Parks waren illuminiert und Blumenguirlanden umrankten die ganze Fassade des Schlosses. Moulinet hatte für dieses Fest seine Gewächshäuser ausgeplündert, und ein drei Meter langer Korb aus geflochtenen und vergoldeten Binsen war mit den wundervollsten Orchideenarten gefüllt worden. »Mein Gärtner raufte sich die Haare aus, als er sie von Varenne fortbringen sah«, sagte der ehemalige Handelsrichter, als man ihm darüber Komplimente machte, halblaut und zerstreut, ohne dabei seinen Schwiegersohn aus dem Auge zu lassen, dem es durch geschicktes Manövrieren geglückt war, Claire von der Gruppe der jungen Frauen zu trennen und sie in einem günstig gelegenen Winkel zu blokieren. Hier tauschten die beiden, die sich ehemals geliebt hatten, mit lächelnder Miene die gefährlichsten Worte aus. Der Herzog, in seiner Leidenschaft bemühte sich, die Gunst der jungen Frau zu gewinnen, pries ihre Schönheit und beteuerte seine Liebe: Claire, in ihrem Zorne, wollte sich von einem tête-á-tête befreien, das sie erbeben machte. Sie erhob ihre Stimme immer lauter, auf die Gefahr hin, die Aufmerksamkeit Philipps zu erregen. Da änderte Bligny seine Taktik und seine Worte wurden sanft und honigsüß; er sprach nur noch von seiner Freundschaft und verlangte, daß ihm Claire wenigstens die Hand reiche, als Zeichen der Verzeihung. Doch indem er so redete, flammten seine Augen, seine Worte Lügen strafend, in glühender Leidenschaft. Er näherte sich ihr allmählich und vom Halbdunkel begünstigt, zog er Claire während eines Momentes so nahe an sich heran, daß sie entrüstet ausrief: »Hüten Sie sich! Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, so rufe ich auf die Gefahr eines Skandals meinen Mann herbei.« Der Herzog hatte die Aufregung der jungen Frau aufs Aeußerste getrieben, doch verhütete Moulinet diesmal noch einen Ausbruch. Er kam lächelnd herbei, indem er das Gespräch mit einem jener Gemeinplätze eröffnete, wofür er ein besonderes Talent besaß und womit er seinen Schwiegersohn stets im höchsten Grade aufbrachte. »Wie klar der Himmel heute abend ist,« begann der ehemalige Handelsrichter in elegischem Tone. »Der Mond ist im ersten Viertel, wir werden die ganze Woche hindurch schönes Wetter haben.« Der Herzog sah Moulinet von der Seite an, und Claire, diese Dazwischenkunft benützend, konnte zu ihrer großen Erleichterung entschlüpfen. Der Herzog that einen Schritt vorwärts, um ihr zu folgen, doch sein Schwiegervater hielt ihn mit feierlicher Gebärde zurück und ihn an den Rand des Teiches führend, sagte er: »Herr Herzog, ich bemerke mit Verdruß, daß Sie in sehr sonderbarer Weise die guten Beziehungen zu trüben suchen, welche ich mit Herrn Derblay zu unterhalten mich bestrebe, um...« »Um?« wiederholte der Herzog, indem er Herrn Moulinet mit seiner gewohnten impertinenten Miene von oben bis unten maß. »Vor allem, mein Schwiegersohn, bitte ich Sie,« rief der ehemalige Handelsrichter, zum erstenmal die Geduld verlierend, aus, »die Güte zu haben, mir gegenüber nicht mehr jenen spöttischen Ton anzunehmen, den ich länger zu ertragen keine Lust habe.« »Herr Moulinet empört sich, er erhebt die Fahne des Handelsgerichtes,« sagte Bligny lachend. »Herr Moulinet findet, daß Sie sich höchst ungebührlich benehmen,« erwiederte der Schwiegervater mit lautem Tone, »sowohl ihm gegenüber als auch gegen Ihren Gastgeber, dessen Frau Sie in skandalöser Weise den Hof machen.« »Erweist mir Ihre Frau Tochter die Gnade, sich darüber zu beklagen?« fragte der Herzog, indem er eine übertriebene Höflichkeit affektierte, die noch beleidigender klang, als sein früherer Spott. »Meiner Treu, nein,« erwiderte Moulinet. »Sie scheint sich sogar höchst wenig um Ihre Treue zu kümmern ... und ich begreife dies.« »Gut. Und weiter?« fuhr Bligny spöttisch fort. Herr Moulinet machte eine Dreiviertelswendung und seinen Schwiegersohn mit dem Blicke förmlich niederschmetternd, rief er: »Und die Moral, mein Herr?« »Oh, die Moral der Rue des Lombards!« versetzte der Herzog mit leichtfertiger Miene. Moulinet nahm eine wichtige Haltung an. »Die Rue des Lombards hat auch ihren Wert,« entgegnete er langsam. »Sie wüßten wohl einiges davon zu erzählen!« »O pfui, Herr Moulinet,« rief der Herzog. »Rumoren Sie nicht so stark mit Ihren schweren Geldstücken. Man weiß ja, daß Sie reich sind.« Und den ehemaligen Handelsrichter verächtlich von oben bis unten messend: »Das ist Ihr einziges Verdienst, mißbrauchen Sie es nicht!« »Mein Verdienst in diesem Falle,« entgegnete Moulinet, seine Ruhe vollständig verlierend, »hat den Vorteil vor dem Ihrigen, daß es täglich zunimmt. Uebrigens bin ich sehr einfältig, mich Ihrer anzunehmen. Setzen Sie Ihr sündhaftes Unternehmen fort. Das einzige Resultat, das Sie erreichen werden, dürfte ein ganz ernsthafter Kampf mit dem Gemahl sein, und ich erkläre Ihnen im voraus, daß alle meine Sympathieen auf seiner Seite sein werden.« »Vortrefflich!« rief der Herzog. »Wenn er Sie tötet,« fuhr Moulinet immer erregter fort, »wird Ihnen nur das werden, was Sie verdienen.« »Ein Gottesurteil!« spottete Bligny. »Meine Tochter und ich, wir werden Ihnen eine Leichenfeier veranstalten, wie es unserem Vermögen zukommt, und dann werden wir, um Sie zu beweinen, während der üblichen Trauerzeit nach Monaco oder in ein Seebad gehen.« »Kurz, eine lustige Trauer!« »Beschimpft von Ihren zügellosen Ausschweifungen. ...« »Herr Moulinet! machen wir ein Ende,« unterbrach ihn der Herzog stolz. »Ich verlange keine Ratschläge und nehme keine an. Während einiger Minuten konnte mich Ihre spießbürgerliche Beschränktheit belustigen, aber jetzt ist es genug damit!« »Sehr wohl, Herr Herzog,« sagte Moulinet, von der Frechheit Blignys eingeschüchtert, »handeln Sie nach Ihrem Belieben. Ich wasche meine Hände in Unschuld.« Und den Kopf würdevoll schüttelnd, zog der Schwiegervater sich in den Salon zurück. Auf der Terrasse war eine große Bewegung entstanden. Susanne war herbeigeeilt und hatte ihrem Bruder, der mit dem Generalprokurator und dem Präfekten plauderte, ein wenig außer Atem und aufgeregt die Mitteilung gemacht, daß eine Arbeiterdeputation vorgelassen zu werden wünsche. »Was sagen Sie?« rief der Präfekt, in welchem bei dem Worte »Arbeiterdeputation« der Demokrat erwachte, »eine kleine Volksdemonstration. Das ist prächtig!« »Er wird am Ende wollen, daß man die Marseillaise spiele,« murmelte der Trésorier lächelnd. Philipp war den Arbeitern entgegengeschritten. »Ah! Ihr seid es, Gobert!« sagte er, als er seinen ältesten Werkmeister erkannte, der in seinen Festkleidern, den Hut und ein riesiges Bouquet in der Hand, mit verlegenem Lächeln dastand. »Tretet näher, mein Guter, und Ihr auch, meine Freunde!« Gobert, ein hochgewachsener Greis mit weißem Haar, blieb jedoch wie am Boden festgewurzelt stehen, verblüfft von dem Anblick der vornehmen Gesellschaft, die, auf der Terrasse gruppiert, ihn mit neugierigen Blicken betrachtete. »So geh doch,« flüsterte hinter seinem Rücken einer seiner Kameraden, »so geh doch! Du mußt ja die Ansprache halten.« Doch der gute Alte war von unbezwinglicher Erregung wie gelähmt und blickte mit verwirrten Augen umher, regungslos, wie zu Stein verwandelt. Susanne brach den Bann, indem sie den alten Mann, den sie seit ihrer Kindheit kannte, bei der Hand nahm und ihn zu Claire führte. Der Werkmeister verbeugte sich tief vor der jungen Frau und sehr gerührt, nach Worten suchend, wiewohl er seine kleine Rede sehr gut auswendig gelernt hatte, begann er stotternd: »Mit Erlaubnis unseres verehrten Prinzipals geruhen Sie dieses Bouquet anzunehmen, welches ich beauftragt bin, Ihnen im Namen aller unserer Kameraden anzubieten, indem ich Ihnen dabei zum Namenstage gratuliere. Sie wissen, daß wir in Pont-Avesnes achtzehnhundert Seelen sind, welche ihr ganzes Besitztum Ihrem Herrn Gemahl verdanken, der uns Häuser und Schulen bauen ließ und uns wie seine Kinder behandelt... Und nun, sehen Sie, wollten wir Ihnen für das Glück dankbar sein, daß Sie ihm bereiten.« Das Wort blieb dem gerührten Gobert in der Kehle stecken. Laute Beifallsrufe ertönten. Der Präfekt hatte das Zeichen dazu gegeben, indem er sich mit wohlwollendem Lächeln zu dem jungen Paare wendete. Als Claire den Werkmeister von dem Glücke sprechen hörte, welches sie ihrem Gatten bereitete, zuckte sie schmerzlich zusammen. So wurde sie von allen Seiten immer und überall mit ironischen Lobsprüchen überhäuft. Der Tumult legte sich. Gobert war jetzt seines Bouquets entledigt, er blieb aber noch immer vor Herrn Derblay und seiner Gemahlin aufgepflanzt. »Aber,« fing er von neuem an, »ich habe noch etwas zu sagen. Die Provinz wird nächstens einen Deputierten zu wählen haben.« Bei diesen Worten that Moulinet einen Schritt vorwärts, als ginge nun die Sache direkt ihn an und der Präfekt richtete sich empor, mit einem Blick voll selbstbewußter Würde um sich schauend. »Und wir kommen nun,« fuhr Gobert fort, »Herrn Derblay zu bitten, er möge sich im Bezirk von Pont-Avesnes als Kandidat aufstellen lassen.« Moulinet stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Ah, das ist der an Varenne grenzende Wahlkreis!« rief er aus. »Bravo!« ... Ein stürmisches Hurra erscholl von dem Gitter des Schloßhofes her als das Echo auf die Anrede des Werkmeisters. Die Arbeiter des Hüttenwerkes, sämtlich im Sonntagsstaat, drängten sich mit ihren Frauen und Töchtern auf dem Platze vor dem Schlosse, indem sie so der Kundgebung, die sie veranstaltet, von ferne anwohnten. Philipp gab Befehl, das Thor zu öffnen, damit alle eintreten könnten. In einem Nu verbreitete sich der fröhliche Schwarm in den Alleen des Parkes, zwischen den Blumenbeeten des Parterres, unter dem Scheine der venezianischen Laternen, welche die dunklen Wege und die geheimnisvollen, mit Statuen geschmückten Rundplätze mit buntem Lichte erhellten. »Die guten Leute hatten da einen vortrefflichen Gedanken,« sagte der Präfekt in zuvorkommender Weise; »Herr Derblay zählt zu den Unsrigen, er ist liberal in der schönsten Bedeutung des Wortes. Kurz, um alles zu sagen, sein Name bedeutet: Wissenschaft, Redlichkeit, Arbeit und Freiheit.« »Das ist eine Kandidatur, die ich unterstütze,« rief Moulinet. »Wir beide, wir werden dem Arrondissement Ehre machen. Ich werde meine Pächter gehörig bearbeiten.« »Hören Sie, Herr Präfekt, wie mir scheint, treiben wir ein wenig offizielle Wahlpolitik,« ließ sich die martialische Stimme des Generals hinter dem Rücken des Präfekten vernehmen. Dieser wendete sich hastig um, als wäre ihm jemand auf den Fuß getreten und sah sich dem General gegenüber, der ihn schmunzelnd anblickte. Der Chef der Civilverwaltung richtete hierauf ein Lächeln an den Chef der Militärverwaltung. »Mein lieber Herr General, wenn man bei den Leuten so ausgezeichnet gespeist hat, kann man sie doch beim Dessert nicht bekämpfen. Verdauungshöflichkeit!« Und sich auf den Hacken umwendend, murmelte er zwischen den Zähnen: »Prätorianer!« »Meine lieben Freunde,« antwortete Philipp, »ich nehme die Ehre, die ihr mir erweiset, an. Nicht in ehrgeizigen Absichten – ihr wisset, daß ich nicht danach strebe, in die Oeffentlichkeit zu treten – sondern weil ich hoffe, eurer Sache dadurch nützen zu können.« Ein großer Tumult entstand, laute Vivatrufe ertönten aus der Menge und während einiger Minuten sah man nur emporgestreckte Arme, welche wie rasend Hüte und Mützen in die Höhe schwenkten. Allmählich legte sich das Getöse und Claire trat nun vor: »Auch ich, meine Freunde,« sagte sie, »danke euch aus dem Grunde meines Herzens für eure gute Meinung. Und Ihr, Gobert, als Aeltester des Hüttenwerkes, kommt her und küsset mich.« Und graziös lächelnd bot sie ihre Wange dem alten Werkmeister dar, der sich in seinem schwarzen Rock sehr unbehaglich fühlte und unter seinen weißen Haaren ganz rot geworden war. Gobert näherte sich und mit ungemeiner Vorsicht, als wäre das sanfte Gesicht Claires glühend wie das Eisen, das er zu hämmern gewohnt war, küßte er die junge Frau. »O, Madame,« sagte der wackere Mann, der eine Thräne nicht zurückzuhalten vermochte, »die Derblays waren immer ausgezeichnete Leute und Sie sind würdig, in die Familie eingetreten zu sein.« Claire warf ihrem Manne einen triumphierenden Blick zu. Es schien ihr, als hätten die Worte des Arbeiters die Bande befestigt, welche sie an Philipp knüpften. Athénaïs flüsterte kichernd den Herren La Brède und Du Tremblays zu: »O, das ist wirklich zu reizend! Wir schwimmen ja mitten im Socialismus.« Allgemeines Jauchzen schnitt der Herzogin das Wort ab. Philipp hatte Befehl erteilt, mehrere Fässer Wein auf eine Lichtung des Parkes zu rollen und die Dorfmusik zu bestellen. Sofort wurde eine Estrade aus Brettern improvisiert, und nachdem sich die Musiker auf das Gerüste hinaufgeschwungen hatten, ließen sie die kreischenden Töne ihrer Instrumente erschallen. Die benachbarten Winzer, von dem Lärm herbeigelockt, mischten sich gleichfalls unter die Hüttenarbeiter, und die alte Feindseligkeit, die den Ort in zwei Lager teilte, war auf gutem Wege, zu verschwinden. Wie ein schwarzer Ameisenschwarm wimmelte die bewegte und lärmende Menge beim Schein der bunten Lampen, die wie phantastische Blumen in dem dunklen Grün der Bäume glühten, in den großen Alleen. Plötzlich durchfuhr ein flammender Lichtschein das Dunkel und die erste Bombe eines Feuerwerks, das ganz im geheimen von dem Baron vorbereitet worden war, zerplatzte krachend in den Lüften, auf die erstaunt gaffende Menge einen flimmernden Sternenregen niederregnend. Hierauf durchzogen Raketen mit ihren Feuerstreifen den Himmelsraum und das Gehölz des Parkes erstrahlte in grünem und rotem Schimmer bengalischer Flammen. Die Musiker hatten mit dem Spielen aufgehört und folgten, die Instrumente auf den Knieen, dem launenhaften Fluge der Schwärmer und dem prächtigen Sprühen der romanischen Lichter. Der Präfekt rief, zu Moulinet gewendet, enthusiastisch aus: »Sehen Sie doch, wie schön das Rot in dem Feuerwerk aussieht. Welch herrliche Farbe!« »Mir gefällt auch das Grün,« erwiderte Moulinet, welcher die Anspielung nicht verstanden hatte. »Das ist die Farbe der Hoffnung,« sagte der Trésorier in verbindlichem Tone, indem er Moulinet zuwinkte. Nun fing der ehemalige Handelsrichter zu verstehen an; denn, wo sein Interesse ins Spiel kam, war er stets höchst scharfsinnig. Er sah den ehemaligen Lebemann wohlwollend an und fand, daß er ein Mann comme il faut sei; hatte er doch auch das schönste Paar Pferde weit und breit. »Nun, Herr Moulinet,« sagte der Baron, der sich ihm genähert hatte, »die Sache läßt sich gut an. Sie scheinen entzückt zu sein?« »Ja, Herr Baron,« antwortete der Vater der Herzogin in überschwänglichem Tone, »dieser Luxus, diese Feststimmung, diese Lebhaftigkeit bezaubern mich. Ich bin für das große Leben geboren. Meine Geschmacksrichtung protestiert gegen die Ungerechtigkeit meiner Abstammung.« »Ihr Geist genügt, um sie vergessen zu machen,« bemerkte der Baron mit bewunderungswürdigem Gleichmut. Eine glühende Röte erleuchtete plötzlich den Himmel. Die Effektstücke wurden abgebrannt und unter einem flammenden Triumphbogen krönte ein aus rosigem Feuerlicht gebildetes Kind eine große Frau, die in weißem Lichte strahlte. »Die Liebe, die Industrie krönend,« sagte der Baron, der die Allegorie erklären zu müssen glaubte. »Bekannt!« flüsterte der Präfekt dem General ins Ohr. »In Neufchatel, wo ich Unterpräfekt war, präsentierte man uns im vergangenen Jahre am Abend des Nationalfestes das rosenfarbene Kind und die weiße Frau unter dem Titel ›die Zukunft, Frankreich krönend‹«. »Und ich,« sagte heiter der Trésorier, »ich sah sie einst in Ville d'Avray beim Namensfeste des berühmten Accoucheurs Doktor Thomson unter der Bezeichnung glänzen: ›Die Kindheit, die Medicin krönend.‹« Ein schreckliches Getöse und eine blendende Helle unterbrach die Unterhaltung der Gäste und eine leuchtende Feuergarbe stieg zum Himmel empor, welche sich über den Köpfen der Zuschauer wie ein Gewölbe ausbreitete. Zugleich fiel ein Hagel von geschwärzten Spänen unter allgemeinem Geschrei und Gelächter auf die Häupter derjenigen herab, die sich zu weit vorgewagt. Hierauf wurde der Himmel wieder dunkel, und der Park, von dem milden Lichte der buntfarbigen Laternen erhellt, nahm sein früheres Aussehen an. Als hätte eine unsichtbare Hand das Zeichen gegeben, begannen jetzt alle Blasinstrumente auf einmal die ersten Takte einer Quadrille in den Abendwind hinauszuschmettern. Dann wurde es still und mit lustiger Stimme rief ein kleiner Schlingel: »Antreten zum Contretanz!« Athénaïs, die plötzlich von einer Grisettenlaune angewandelt wurde, bekam eine tolle Lust, inmitten der Bauerngesellschaft zu tanzen, und dies Verlangen war so unbezwinglich, daß sie mit glänzenden Augen und geröteten Wangen sich zu Philipp wendete: »O, Herr Derblay, eröffnen wir diesen bal champêtre ! ... Das wird reizend ... Kommen Sie, tanzen Sie mit mir! ...« Philipp rührte sich nicht, noch schwankend zwischen dem Wunsche, das Anerbieten abzuweisen, und der Besorgnis, unhöflich zu werden. Er tauschte einen Blick mit Claire. Die junge Frau war bei diesem neuen herausfordernden Ansinnen der Herzogin tief erblaßt. Nun hielt sie das Maß für voll. Hatte sie es sich doch zugeschworen, es nicht mehr zu dulden, daß Athénaïs sich Philipps bemächtige. Sie zauderte indessen noch, aus Furcht, ihrem Manne zu mißfallen. Da vernahm sie die spöttische Stimme des Herzogs, der ihr zuflüsterte: »Sehen Sie?« Mit einer Handbewegung wies er auf Athénaïs, die, zu Philipp gewendet, ihn mit dem schmeichelnden Blicke ihrer Augen zu bannen schien. Claire erbebte vor Schmerz und Scham. Ihr Weh wurde durch das unbedachte Dazwischentreten des Herzogs verzehnfacht. In demselben Moment, als sollte ihr Schicksal sich endlich entscheiden, begegneten die Augen Philipps denen seiner Frau, und diese las in den Blicken ihres Mannes so deutlich lästigen Zwang und Verdruß, daß sie sich von unwiderstehlicher Gewalt hingezogen fühlte. Sie that einige Schritte vorwärts und berührte leicht den Arm der Herzogin, die eben wiederholte: »Wir eröffnen doch den Ball zusammen. Nicht wahr?« »Verzeihe, wenn ich dich störe,« redete sie dieselbe an, »aber ich habe einige Minuten mit dir zu sprechen!« »Mit mir zu sprechen?« sagte die Herzogin mit verdrießlichem Erstaunen. »Muß es denn jetzt gleich sein?« »Jawohl, augenblicklich,« bekräftigte Madame Derblay. »Es ist demnach etwas Wichtiges?« »Etwas äußerst Wichtiges!« Athénaïs sah ihrer Freundin forschend ins Gesicht, doch Claire ertrug diesen Blick mit einer Festigkeit, daß die Herzogin, einen ernstlichen Zwischenfall befürchtend, beunruhigt die Augen niederschlug. »Was gibt es denn, meine Teure?« fragte sie in süßlichem Tone, indem sie versuchte, Claires Hand zu ergreifen. »Folge mir und du wirst es erfahren,« antwortete Claire kalt. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, ohne sich nach Philipp umzusehen, zog Claire mit hochklopfendem Herzen, aber festem Entschlusse Athénaïs mit sich fort nach dem kleinen Salon. Einen Augenblick standen die beiden Gegnerinnen kampfbereit einander gegenüber. In der Ferne unter dem Laub der Baume spielte das improvisierte Orchester und der Lärm der fröhlichen, erregten Menge klang gedampft in unregelmäßigen Zwischenräumen bis zum Schlosse hinüber. Alle Gäste waren in den Park hinabgestiegen und Athénaïs und Claire sahen sich auf ihre eigenen Kräfte angewiesen. »Setzen wir uns, willst du?« sagte Frau Derblay kurz. »Es wird also lange dauern?« fragte die Herzogin, ein beleidigendes Gähnen halb unterdrückend. »Hoffentlich nicht,« antwortete Claire. Athénaïs lehnte sich in einen Fauteuil zurück, streckte ein Bein aus, heftete ihre Augen auf die mit Jais geschmückte Spitze ihres Schuhs und ließ ihn im Lichte der Kronleuchter funkeln, dem Anliegen Claires, wie es schien, wenig Wichtigkeit beimessend. »Ich habe eine Bitte an dich,« fuhr Claire fort. »Werde ich das Glück haben, dir gefällig sein zu können?« fragte Athénaïs gleichgültig. »Jawohl! Letzthin, während der Jagd im Walde, als du meinen Mann mit dir fortnahmst, fragtest du mich, ob mir dies nicht mißfalle und ob ich nicht ein wenig eifersüchtig sei ...« Die Herzogin schlug ungeduldig mit dem Absatze auf das Parkett und sagte: »Das war bloß ein Scherz!« »Ein schlechter Scherz, denn du trafst damit die Wahrheit,« erklärte Frau Derblay. Athénaïs, über diese Bemerkung aufs höchste erstaunt, gab ihre nachlässige Haltung auf und begann auf ihrer Hut zu sein. »Du eifersüchtig?« rief sie. »Ja!« »Auf mich?« fragte die Herzogin weiter. »Auf dich,« bestätigte Claire, und mit gezwungenem Lächeln fügte sie hinzu: »Du siehst, daß ich offen bin. Es scheint mir, als beschäftige sich mein Mann mit dir etwas mehr als nötig wäre, und ich wende mich deshalb direkt an dich, damit du einer Galanterie ein Ende machst, die für dich sichtlich keinerlei Wert hat und die mir peinlich ist.« »Mein liebes Kind,« rief Athénaïs aus, indem sie sich voll lebhafter und zärtlicher Teilnahme Claire zuwendete: »Wie, du hast gelitten und sagtest nichts davon? Aber übertreibst du nicht ein wenig? Ich erinnere mich wahrhaftig an nichts, was deinen Argwohn bestätigen könnte. Herr Derblay ist sehr zuvorkommend gegen mich und scheint an meiner Unterhaltung Gefallen zu finden, aber eine derartige Sympathie ist zwischen Verwandten nicht überraschend oder unerlaubt.« »Ich leide aber darunter!« beharrte Claire. Die kleine Herzogin richtete sich in die Höhe und versetzte mit nadelspitzem Tone: »Meine liebe Freundin, an deinem Manne ist es, dein Leid zu stillen, du mußt dich daher an ihn wenden, ich vermag in dieser Hinsicht nichts...« »Doch! Du kannst auf sehr leichte Weise diese Vertraulichkeit abbrechen.« Athénaïs ließ sich ermüdet in den Fauteuil zurückfallen. Sie wußte nun, wo Claire hinauswollte, und daß sie eine Entwaffnung fordere. Die Herzogin milderte den herben Ton und mit einer Artigkeit, die viel beleidigender klang, als ihre frühere Schroffheit, entgegnete sie: »Und auf welche Weise könnte ich dies erreichen? Indem ich deinem Manne unfreundlich entgegenkomme? Erstens hieße das, mir eine höchst widerwärtige Rolle aufbürden, und dann, hältst du denn in der That dieses Mittel für wirksam?« Sie lächelte bei diesen Worten mit dem prahlerischen Trotze einer Frau, die sich ihrer ganzen Macht bewußt ist. »Das ist es auch nicht, was ich dir vorschlagen will,« erwiderte Claire mit heiterer Ruhe. »Was also denn?« Madame Derblay zauderte einen Moment, dann sagte sie rasch: »Ich wünsche, daß du dich eine Zeitlang von unserem Hause fern hältst.« Athénaïs fuhr auf und ohne sich länger zu beherrschen, schrie sie: »Das sagst du mir?« »Ja,« erwiderte Claire mit ebensoviel Sanftmut, als ihre Rivalin Heftigkeit zeigte. »Und in bittendem Tone verlange ich es von dir. Halte mich für wahnsinnig, aber erfülle meinen Wunsch, es handelt sich um mein Lebensglück.« »Und welchen Vorwand soll ich für diese Entfernung gebrauchen?« entgegnete Athénaïs. »Was wird man von einer plötzlichen Trennung sagen, die so ganz einem Bruche gleicht?« »Wir werden uns bemühen, sie auf die beste Art zu erklären.« Die Beharrlichkeit ihrer Gegnerin brachte Athénaïs in große Verlegenheit. Sie sah, daß Claire stärker sei, als sie geglaubt, und daß, wenn sie sich zu dem geringsten Zugeständnisse bewegen ließe, alles verloren wäre, und sie beschloß, dem Uebel an die Wurzel zu gehen. »Das wird uns nicht gelingen,« sagte sie, »und fiele in jedem Falle für mich höchst unglücklich aus. Du warst offen, ich werde es gleichfalls sein. Ich bin neu in der Welt, in welche der Herzog von Bligny mich eingeführt; es gefällt mir dort und ich bin bestrebt, mir den Platz zu wahren, den ich mir schon zu erringen wußte. Aber man ist in jener Welt von größtem Rigorismus und es ist klar, daß, wenn die Familie meines Mannes mir kalt begegnet, dies einen willkommenen Anlaß bietet, um mir diesen Platz streitig zu machen. O, ich werde sehr beneidet ... Du hast deine Liebe, ich habe meinen Ehrgeiz. Ich begreife, daß du das eine schützen willst: gestatte mir, daß ich das andere verteidige!« Claire, die zu beben anfing und nur noch mit Mühe an sich hielt, hatte Lust, dies elende Geschöpf zu vernichten. »Du lehnst demnach meine Bitte ab?« fragte sie mit halb erstickter Stimme. »Sehr wider meinen Willen! Aber, offen gestanden, setze dich an meine Stelle! ...« Der Spott dieser Worte war so treffend, daß Athénaïs ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. Claire that einen Schritt vor, und ohne sich länger beherrschen zu wollen, rief sie: »Ich soll mich an deine Stelle setzen? Du bist es, die sich an die meinige gesetzt und die es heute nochmals thun will. Seitdem ich dich kenne, verfolgst du mich mit deinem Neid und deinem Hasse. Als Mädchen nahmst du mir meinen Verlobten, als Frau trachtest du, mir meinen Gatten zu entführen. Ich habe es nicht verstanden, mir den einen zu bewahren, aber ich werde dir den andern zu entreißen wissen.« »Ah, ist es so weit gekommen!« rief Athénaïs zitternd vor Wut aus. Gut denn, sei es. Nehmen wir die Maske ab. Die Verstellung drückt mich in der That schon zu schwer. Ja, seit meiner Kindheit gebe ich dir an Haß zurück, was du und deinesgleichen an Verachtung an mir verschwendet habt. Du hast mich seit zehn Jahren mit deinem Namen, deinem Reichtum, deinem Geist erdrückt. Wohlan! Sieh nun! Heute besitze ich Millionen, ich bin Herzogin und du mußt dich bittend an mich wenden!« »Hüte dich,« sagte Claire, »ich entstamme nicht einem Blute, das sich lange ungestraft beleidigen läßt.« »Und ich,« entgegnete die Herzogin, »ich trage einen Namen, der mich hoch über deinen Zorn stellt.« »Ich werde über dein Benehmen mir gegenüber entscheiden lassen!« »Wen?« fragte Athénaïs spottend. »Die Welt.« »Welche? Die deine, zu der ich mich erhoben, oder meine, zu der du hinabgestiegen bist?« »Welche immer, in der es ehrenhafte Menschen gibt, denen es Pflicht ist, andere zu achten und die es als Recht erkennen, daß man sich selber Achtung verschafft. Vor denen, hörst du, werde ich laut wiederholen, was ich dir eben gesagt; ich werde dich öffentlich so kennzeichnen, wie du in Wahrheit bist, und wir werden sehen, ob der Name, den du trägst, so groß er auch sein mag, genügen wird, um deine Falschheit und die Niedrigkeit deiner Gesinnung zu verbergen.« Die Herzogin wollte antworten, doch vergeblich suchte sie in ihrem wutgeschwellten Herzen nach Worten und ihren Lippen entfuhr nur ein dumpfes Pfeifen. Da sie nicht reden konnte, versuchte sie wenigstens durch eine beleidigende Gebärde ihren Zorn zu äußern. Doch sie sah sich Claire mit so mutigen Augen und in solch' drohender Haltung gegenüberstehen, daß sie Furcht bekam. Sie wich zurück und, ihre Stimme mäßigend, rief sie: »Du suchst einen Skandal herbeizuführen?« »Es ist ein Strafgericht, das ich vollführen will. Zum letztenmal, willst du mein Verlangen erfüllen?« »Nein, hundertmal nein!« wiederholte Athénaïs, mit den Zahnen knirschend. »Nun, so sollst du sehen!« Von der Terrasse her vernahm man näherkommende Schritte und fröhliches Stimmengewirr drang durch die geöffneten Fenster in den Salon. Auf dem Perron erschien Philipp mit der Baronin am Arm; der Herzog, mit La Brède scherzend, folgte, und den Schluß bildete Herr Moulinet, der sich an den Baron gehängt hatte. Als sie eintraten, sahen sie Athénaïs und Claire blaß und bebend einander gegenüber stehen. Die Haltung der beiden Frauen war so unverkennbar feindlich, daß alle höchst betroffen stehen blieben. Da trat Claire mit erhobener Stirne im Bewußtsein ihres guten Gewissens und stark durch den erlittenen Schmerz in die Mitte des Salons und, mit vernichtender Gebärde auf Athénaïs deutend, rief sie: »Herzog, führen Sie Ihre Frau hinweg, wenn Sie nicht wollen, daß ich sie vor der ganzen Gesellschaft hinausjage!« Bligny blieb ruhig und nur ein mattes Lächeln glitt über seine Lippen. Aber Moulinet, der seinen Ohren nicht traute, stürzte mit verstörtem Blick, mit gen Himmel erhobenen Armen vor: »Hinausjagen, meine Tochter! Die Herzogin, meine Tochter!« wiederholte er mit Nachdruck, als hätte man in ihr den gesamten Adel Frankreichs beleidigt. Athénaïs rief, sich an den Herzog wendend, mit durchdringender Stimme: »Mein Herr, lassen Sie mich in dieser Weise beschimpfen, ohne mich zu verteidigen?« Bligny trat zwei Schritte gegen Philipp hin und sagte mit unerschütterter Ruhe: »Mein Herr, billigen Sie die Worte, welche Madame Derblay soeben an die Herzogin gerichtet, und sind Sie geneigt, dieselben zu entschuldigen, oder bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen?« Das war höflich, bestimmt und schneidig wie ein Schwert. Claire heftete einen angstvollen Blick auf ihren Gatten. Würde Philipp ihr Vorgehen mißbilligen oder laut ihre Partei ergreifen? Der bange Zweifel, der sie beschlich, verursachte ihr einen Augenblick lang mehr Schmerz als alles, was sie schon erduldet hatte. Bei diesen Worten des Herzogs war der Hüttenbesitzer näher getreten, seine Gestalt richtete sich in ihrer ganzen männlichen Kraft in die Höhe, und er antwortete mit einem Ernst und einer Energie, welche alle Anwesenden erbeben machten: »Herr Herzog, was auch Madame Derblay thun möge, welche Ursache sie auch dafür haben mag, ich halte alles, was sie thut, für recht gethan!« Der Herzog grüßte mit unvergleichlicher Eleganz, wendete sich an La Brède, dem er einen Wink gab, und sagte: »Abgemacht!« Sodann der fassungslosen Athénaïs den Arm bietend, schritt er, von dem bestürzten Moulinet und dem getreuen La Brède begleitet, hinaus. Der letztere murmelte vor sich hin: »Teufelsgeschichte! Zwei Cousins! Bligny ist der Beleidigte: er wird Pistolen wählen... der Hüttenbesitzer ist ein toter Mann!...« Als Claire ihre Rivalin gedemütigt und besiegt abziehen sah, dachte sie nicht an die schrecklichen Folgen, die ihre kühne That nach sich ziehen sollte, sondern stieß einen triumphierenden Schrei aus, und mit leidenschaftlicher Dankbarkeit auf ihren Mann zuschreitend, sagte sie: »O, meinen Dank, Philipp!« und sie wollte ihm die Hände reichen. Doch augenblicklich sank ihr der Mut, als sie ihren Mann anblickte, der wieder ganz ruhig und kalt geworden war. »Sie schulden mir keinen Dank,« sagte er; »indem ich Sie schützte, verteidigte ich meine Ehre.« Und als Claire stumm und düster dastand, fuhr er fort: »Vergessen Sie nicht, daß Sie Gäste haben und daß niemand ahnen darf, was hier vorgefallen. Er reichte seinen Arm der Baronin, deren Nerven so erschüttert waren, daß sie Lust hatte, zu gleicher Zeit zu weinen und zu lachen. Claire trocknete eine Thräne, die über ihre Wange rollte; dann sagte sie mit traurigem Lächeln zu dem Baron, der an ihrer Seite geblieben war: »Kommen Sie, es muß ja doch sein. Tanzen wir.« Achtzehntes Kapitel Die Stunden der Nacht schienen Claire in grausamer Langsamkeit zu verstreichen. Als sie sich auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte, kam sie erst zum vollen Verständnis der Situation, welche sich ihr nun erschreckend ernst darstellte. Gewiß hatte sie im Vollgefühle ihres guten Rechts gehandelt, indem sie in höchster Entrüstung eine herzlose Feindin von sich stieß, welche sie in ihrem eigenen Heim gekränkt, bedroht und beschimpft hatte. Aber der Zwist war ein allgemeiner geworden und ihr Mann, der gezwungen war, ihre Partei zu ergreifen, stand nun feindlich dem Herzog gegenüber. Sie dachte an das rätselhafte Lächeln des Herzogs, mit dem er sagte: »Abgemacht!« Dieses Lächeln ließ sie zusammenschauern: denn sie wußte, welch gefährlicher Gegner Bligny war. Wenn es zu einem Duell kam, schwebte Philipp nicht in der furchtbarsten Gefahr? Sie hatte bemerkt, daß gegen das Ende der Gesellschaft Octave und der Baron mit La Brède und Moulinet sich eifrig besprachen; und da sie ihren Bruder und den Baron befragte, hatten sie ihr ausweichend mit befangener Miene geantwortet, daß die Unterhandlungen ein Arrangement bezwecken. Claire fragte sich, was für ein Arrangement zwischen zwei Männern, die einander tödlich hassen, möglich sei. Der Herzog hatte die Frage in bestimmtester Weise gestellt: entweder Entschuldigung oder Verantwortlichkeit, das heißt Satisfaction. Daß ihr Gatte Abbitte thun sollte, daran dachte die junge Frau keinen Moment. Es konnte und mußte daher nur ein Duell sein. Claire entstammte einem tapferen Geschlechte, dessen Frauen niemals vor der Gefahr eines Kampfes gebebt. Ihre Großmutter, eine Bligny, war mit Stofflets Scharen durch die Hohlwege der Vendée gezogen, wobei sie wohl auch selbst einmal einen Karabiner gegen die Blauen abfeuerte; ihr Vater, der Marquis von Beaulieu, war schon mit sechzehn Jahren in la Penissière eingeschlossen gewesen und wurde nach drei Tagen mit zerschossenem Arm unter den Trümmern gefunden, und so fehlte es ihr nicht an tapferen Vorbildern. Aber wenn sie auch selbst den Tod nicht scheute, so fürchtete sie ihn doch für Philipp; auch der Aberglaube spielte dabei mit. Sie betrachtete ihre Verbindung mit dem Hüttenbesitzer als unter einem ungünstigen Stern geschlossen; sie hatte das Vorgefühl, daß ihr Mann getötet würde, wenn es wirklich zu einem Duelle käme, und bald erschienen entsetzliche Bilder vor ihren Augen. Sie sah Philipp auf dem blutigen Rasen leblos hingestreckt und den Herzog mit seinem bösen Lachen und der noch rauchenden Pistole in der Faust. Warum die Pistole? Weshalb diese gefährliche Waffe? Vergebens suchte sie sich zu bereden, daß man vielleicht Degen wählen würde; immer sah sie die beiden Männer mit der Pistole in der Hand; sie hörte den doppelten Knall, ein leichter, feiner Rauch stieg in die Luft und Philipp, zu Tode getroffen, stürzte schwer zu Boden. Sie wollte dies Traumgebilde, das sie bei vollem Bewußtsein verfolgte, verjagen und trat ans Fenster. Die Luft war rein und am Himmel funkelten die Steine in wundervoller Klarheit. In den dichten Baumgruppen des Parkes begannen die venezianischen Laternen zu verlöschen, hie und da von einem Windhauche neu belebt und wie rote Punkte schimmernd, in denen Claire große Blutflecken zu sehen vermeinte. Entsetzt schloß sie das Fenster und ließ die Rouleaux herab, um den düstern Schein nicht mehr zu sehen. Unaufhörlich von der entsetzlichen Befürchtung gepeinigt, daß der Tod ihres Mannes nahe bevorstehe, ging sie ruhelos im Zimmer auf und nieder. Sie ertappte sich in lautem Selbstgespräche bei den Worten: »Ich bringe jedem Unglück, der sich mir nähert.« Der Ton ihrer eigenen Stimme erschreckte sie inmitten der Stille ringsum und sie legte sich auf die Chaiselongue nieder und versuchte zu lesen. Aber Glockenton klang ihr in den Ohren wie Trauergeläute. Da beschloß Claire, nach Philipps Zimmer zu gehen und ihn zu belauschen. Auf den Fußspitzen schlich sie durch den Salon und gelangte so bis zur Thür seines Gemaches. Es lag finster und still; weder ein Geräusch, noch Licht war zu entdecken. Sie glaubte, daß Philipp schlafe, und von diesem Gedanken etwas beruhigt, kehrte sie in ihr Zimmer zurück, und verbrachte die Nacht halb wachend, in einer Aufregung, die sich nicht beschwichtigen ließ. Philipp war nicht in seinem Zimmer und schlief auch nicht. Er hatte sich in sein Arbeitskabinett eingeschlossen, das im Erdgeschoß unterhalb Claires Zimmer lag. Er erkannte vollkommen den Ernst des Zweikampfes, der zwischen ihm und dem Herzog stattfinden sollte, denn die Unterhandlungen zwischen den vier Zeugen waren noch am selben Abend geführt worden, und da der Vorfall trotz seines Ernstes von seltener Einfachheit war, wurde sehr rasch ein Uebereinkommen erzielt. Trotz der flehentlichsten Bitten und Beschwörungen Moulinets, der um jeden Preis das Duell verhindern wollte, wurde das Rendezvous für acht Uhr morgens anberaumt. Man sollte sich an der Grenze der Waldungen von Pont-Avesnes und Varenne treffen, in gleicher Entfernung von den beiden Wohnsitzen, bei demselben Rondell an den Teichen, welches einige Tage früher von dem fröhlichen Lachen der Jagdgesellschaft erklungen war, die sich hier bei dem reich besetzten Lunch versammelt hatte. Die von dem Herzog gewählte Waffe war die Pistole, die Distanz dreißig Schritte, Feuer nach Belieben. Philipp nahm diese Bedingungen ohne Widerwillen an. Gebrauchte er zwar die Pistole äußerst selten, so handhabte er doch die Flinte mit Meisterschaft, und seines Blickes sicher, dachte er mit wilder Freude, daß, wenn er sich auch selbst dem Tode aussetzte, es doch fast eben so gewiß sei, daß er ihn gleichfalls geben könne. Zwischen diesen beiden Männern, die mit gleich großem Mute und erprobter Kaltblütigkeit begabt waren, den Sieger im voraus zu erkennen, war unmöglich; aber ebensowenig war es zweifelhaft, daß einer von beiden zum Bleiben verdammt war. Allein mit sich selbst, vielleicht nur noch eine kurze Spanne Lebens vor sich, überließ sich Philipp tiefgehenden Betrachtungen. Er prüfte möglichst unparteiisch seine bisherige Handlungsweise und er konnte den Gedanken nicht los werden, daß er gegen Claire zu hart gewesen. In dieser schweren Stunde fühlte er tiefes Mitleid mit dem gequälten Herzen seiner Frau; er sah, wie all ihr Sehnen nur nach ihm ging, wie die hochfahrende, trotzige Frau, die er so heftig von sich gestoßen, demütig, zärtlich und ergeben geworden war. Sie hatte die harte Prüfung, die er ihr auferlegt hatte, bestanden, und er hielt sich zu dem Glauben berechtigt, daß er, falls er am Leben bleiben würde, ihre Liebe ganz besitzen und, wenn er fallen sollte, für immer in ihrem Andenken fortleben würde. Das war das Ziel, das er sich gesteckt. Es war erreicht, aber nicht überschritten und er konnte zufrieden sein. In dem Grunde seines Gewissens bereute er es nicht, diesen harten, eisernen Charakter ohne Erbarmen so lange behämmert zu haben, bis er ihm die gewünschte Form gegeben hatte. Er erblickte in dem erreichten Resultat eine Garantie für Claires Glück, wenn das Geschick ihm günstig war und er lebend zurückkehrte. Wäre sie in der Regellosigkeit ihrer moralischen Anschauungen sich selbst überlassen geblieben, so hätte sie unfehlbar unglücklich werden müssen; denn zu intelligent, um ihr verfehltes Leben nicht zu begreifen, zu stolz, um ihren Fehler einzugestehen, hätte sie ihr Leben in bitterem Grolle und unfruchtbarer Reue hingebracht. Die Prüfung, die er ihr auferlegt hatte, war zu ihrem Heile geworden. Sie hatte sich gesammelt, gekämpft und sich wiedergefunden. Und nun war sie zum Glücke reif. Doch ach! Sollte in dem Augenblick, als das Werk ihrer Umgestaltung vollendet war, wo eine lachende Zukunft sich für sie aufthat, ein feindliches Geschick sie vielleicht für immer in Verzweiflung stürzen? Ein Geräusch, das über seinem Haupte hörbar wurde, machte ihn erbeben. Er lauschte. Es war das regelmäßige, ununterbrochene Auf- und Niederschreiten der jungen Frau in ihrer qualvollen Angst, welche bloß durch den dünnen Fußboden von ihm getrennt, durch seinen unversöhnlichen Willen jedoch unendlich weit von ihm entfernt war. Aus jedem Erzittern des Plafonds, das Claires Schritte hervorbrachten, erriet Philipp die furchtbare Aufregung der armen Frau. Er sah sie im Geiste ruhelos umhergehen, mit entstellten Zügen und zitternden Händen, mit jenem verstörten Blick, der ihr eigen war, wenn sie in schmerzliche oder zornige Aufwallung geriet. Er fühlte sein Herz weich werden und zum erstenmal machte ihn seine Liebe schwach. Mit zusammengeschnürter Kehle und pochenden Schläfen kämpfte er gegen ein heftiges Verlangen, hinaufzugehen zu der Frau, die er anbetete und die ihm nicht gehörte. Gleich einem Kinde gab er sich selbst die Gründe an, um sein Vorhaben zu rechtfertigen. Wäre er nicht ein Narr, sein Leben aufs Spiel zu setzen, bevor er seine Lippen auf die duftenden Flechten ihrer blonden Haare gedrückt? Er brauchte nur ein Wort zu sagen und sie eilte an sein Herz. Der Tag war noch fern und er konnte noch eine Nacht glücklich sein, der vielleicht für ihn kein morgen folgte.... Ein Schwindel erfaßte ihn, er that einige Schritte vorwärts und schon berührte seine Hand die Thür, als eine Wiederkehr seiner Willenskraft ihn aufhielt. War er der Mann, um sich von solch niedriger Schwäche hinreißen zu lassen? Sollte es ihm nach so viel erduldeten Qualen im letzten Momente an Mut fehlen? Sollte er sich so weit vergessen, um von der Frau, die er bezähmt und besiegt hatte, einige Stunden erniedrigender Wonne zu erbetteln? Er stand vor der Stunde, die in moralischer und materieller Hinsicht über sein ganzes Leben entscheiden mußte. Kam er davon, so war Claire sein, zweifellos für die Gegenwart und ohne Besorgnis für die Zukunft; mußte er sterben, so blieb er in ihren Augen für immer groß, stolz und unbezwinglich. Er wollte das Spiel vollständig wagen. Alles oder nichts. Ein Leben des höchsten Glückes oder der kalte, starre Tod. Und fest entschlossen ließ er sich an seinen Schreibtisch nieder. Ueber seinem Haupte setzte Claire ihr fieberhaftes Umhergehen fort. Er hörte sie die Thür öffnen, mit flüchtigem Schritt den Salon durcheilen und bei seinem Zimmer anhalten. Ein Lächeln glitt über seine Lippen und er horchte aufmerksam. Nach Verlauf einiger Minuten kehrte sie auf ihr Zimmer zurück. So hatte sie also, gleich ihm, an eine Annäherung gedacht und war, wie er, davon zurückgekommen. Daraus ersah er, wie tief er von seiner Höhe herabgestiegen wäre, hätte er sich ihr genähert: er würde aufgehört haben, der höherstehende Mensch zu sein, der durch seine Willenskraft alles beherrscht, um ein alltägliches, von seinen Sinnen abhängiges Geschöpf zu werden. Ein schwacher Lichtschein, der den Tag ankündigte, erinnerte ihn an die materiellen Sorgen, die seine letzten Augenblicke beschäftigen mußten. Seiner Schwester wollte er für den Fall, daß er nicht mehr sein sollte, eine feste Stütze zurücklassen. Er hatte die trefflichen Eigenschaften des Marquis von Beaulieu gar wohl schätzen gelernt und ließ dem hervorragenden Geiste und dem edlen Herzen des jungen Mannes Gerechtigkeit widerfahren; wenn er trotzdem auf dessen Bewerbung mit Nein geantwortet, so geschah dies bloß, um seiner ehelichen Taktik treu zu bleiben und um noch einen härteren Schlag, als alle vorhergehenden, gegen das Herz seiner Frau zu führen. Nun nahte die Krise ihrem Ende und er wollte das Unrecht, welches er an Octave begangen, gut machen. Außerdem liebte Susanne den Marquis, und bei dem Gedanken, diesem Kinde, das die einzige Freude seines Lebens gewesen, Kummer zu bereiten, fühlte er sein Herz weich werden. Er beschloß, die jungen Leute miteinander zu verheiraten, und um seiner Einwilligung mehr Feierlichkeit zu geben, verlieh er ihr die Form eines Testamentes. Ruhig und gesammelt traf er alle weiteren Verfügungen, vermachte die eine Hälfte seines Vermögens Susannen, die andere überließ er Claire, mit der Bemerkung, »seine teure Frau möge es freundlich annehmen als Erinnerung an die zärtliche Liebe, die er ihr stets gewidmet.« Alsdann wählte er unter seinen Ingenieuren einen Direktor aus, der fähig war, an seine Stelle zu treten, und nachdem er auf diese Weise alles sorglich geordnet hatte, gedachte er eine kurze Weile zu schlafen, denn er bedurfte heute einer festen Hand und eines sicheren Blickes. Er streckte sich auf den breiten Lederdiwan aus und schloß mit einem Seufzer die Augen. Auf Schloß Varenne herrschte große Aufregung. Athénaïs war in einem Zustande unaussprechlicher Erbitterung aus Pont-Avesnes heimgekehrt. In dem Augenblick, wo sie die gehaßte Rivalin ganz in ihrer Gewalt geglaubt, hatte ein mächtiger Ruck sie triumphierend und stolz in die Höhe gebracht. Und sie selber, die Herzogin von Bligny, war es, die sich gedemütigt, hinausgejagt, besiegt sah, denn sie konnte es sich nicht verhehlen, daß dieser aufsehenerregende Bruch ihr unheilbaren Schaden zufügen mußte. Die ganze Familie des Herzogs würde Claires Partei ergreifen, die Ursache des Duells würde bekannt werden und die schmähliche Art, in der sie Pont-Avesnes verlassen mußte, erzählt, erläutert und von der gehässigen Welt vergrößert werden. Bei diesem Gedanken knirschte Athénaïs mit den Zähnen und blutdürstige Triebe erhoben sich in ihrem Herzen. Sie hätte selber an der Stelle des Herzogs sein mögen, damit das blutige Werk besser und sicherer vollbracht würde. Sie stellte sich Claire als Wittwe vor, und sah sie schon im Geiste, schwarzgekleidet, blaß und vernichtet die Stunde verfluchen, in der sie ihre Rivalin beschimpft hatte. Und konnte sie Claire in dem geliebten Gatten treffen, so drang sie damit bis an die Quelle ihres Lebens selbst vor. Mit entsetzlichem Lachen schleuderte sie Handschuhe und Fächer mit Heftigkeit auf den Tisch des Salons, in welchen sie eben eingetreten war, und sich zu ihrem Vater und zu ihrem Gatten wendend, welche sie schweigend ansahen, rief sie im höchsten Zorn: »Dieser Mann, der diejenige verteidigt, die mich beschimpft hat, muß getötet werden.« Ein Augenblick der Bestürzung folgte. Moulinet war von dem tragischen Ausrufe seiner Tochter völlig niedergedonnert; der Herzog war überrascht in Athénais einen Haß zu finden, der dem seinen an Stärke gleich kam. Er zürnte indes der Herzogin dafür, einen Skandal herbeigeführt zu haben, der für sie und für ihn mit einer demütigenden Flucht geendigt hatte, und er tadelte sie, daß sie sich nicht zu beherrschen vermocht hatte. Gewohnt an die perfiden Vertuschungen des guten Tones und an einen Haß, der sich unter einem Lächeln zu verbergen weiß, fand er Athénais schrecklich gemein und ungeschickt und schließlich verdroß ihn auch die Haltung à la, Borgia, welche die junge Frau annahm. Er sah ihr ruhig ins Gesicht und erwiderte in leichtem Tone: »Diesen Mann töten! Sie sprechen darüber eben in Ihrer Weise, meine Liebe. Diese Phrasen passen sehr gut in ein Melodrama, im gewöhnlichen Leben sind sie höchst lächerlich. Gewöhnen Sie sich doch diese übertriebenen Ausdrücke und theatralischen Gebärden ab!« Dann fügte er mit kaltem Lächeln hinzu: »Seien Sie übrigens versichert, daß ich mein möglichstes thun werde, um Ihnen Genugthuung zu verschaffen.« »Erlauben Sie, Herr Herzog,« begann Moulinet, sich einem anstrengenden Nachdenken entreißend, »ich sehe Sie bereit, die Dinge aufs Aeußerste zu treiben.« »Haben Sie nicht eben Ihre Tochter gehört, mein lieber Herr?« fragte Bligny kalt. »Glauben Sie, daß ich meine Pflichten so wenig kenne, um meine Frau nicht zu verteidigen?« »Es handelt sich nicht darum,« erwiderte Moulinet. »Ihr Benehmen, ich muß es anerkennen, war höchst korrekt. Aber es ist eine Tollheit, daß meine Tochter Sie zur Gewalt treibt, sie sollte Sie vielmehr zu einer Versöhnung zu bestimmen suchen. Alles kann noch gut werden. Ein flüchtiges Mißverständnis zwischen zwei Freundinnen, ein leichter Streit zwischen zwei Cousinen! Man umarmt sich und alles ist zu Ende! Aber ein Duell, ein Skandal, ein Bruch? Denken Sie denn nicht an die Folgen dieses Falles? Für Sie sind dieselben schrecklich! Und für mich? ... Für mich sind sie beispiellos unheilvoll! ... sie töten meine Kandidatur!« Trotz des Ernstes der Lage konnte der Herzog ein Lächeln nicht unterdrücken. Athénais, die zusammengekrümmt wie eine Schlange in einem Fauteuil kauerte, ließ ein verächtliches Zischen hören. »Pardon, Herr Herzog!« fuhr Moulinet mit hoheitsvoller Miene fort, »ich habe, wie ich glaube, genug für Sie gethan, um nun auch meinerseits einige Forderungen stellen zu dürfen. Diese beklagenswerte Affaire muß gütlich beigelegt werden. Täglich ereignen sich ähnliche Fälle, die alle mit einer schließlichen Aussöhnung enden. »Das geht ganz leicht. Man setzt ein kleines Protokoll auf, in welchem Madame Derblay sich bereit erklärt, alles zurückzunehmen, was sie gesagt hat, meine Tochter muß zurücknehmen, was sie antwortete, Sie, mein Schwiegersohn, werden Ihre Herausforderung zurückziehen, und wenn so jedermann etwas zurückzieht, wird nichts mehr übrigbleiben ...« »Als uns selbst zurückzuziehen!« fiel der Herzog ein. »Was sehr oft vorkommt.« »Nicht doch, wenn es sich um Leute handelt wie Herrn Derblay und mich. Legen Sie Ihrem ausgezeichneten Herzen Schweigen auf, Herr Moulinet, ersticken Sie die Klagen des bedrohten Kandidaten und lassen Sie den Dingen ungehindert ihren Lauf... Ich wünsche Ihnen einen guten Abend; ich habe mich noch mit La Brède zu besprechen, bevor ich zu Bett gehe.« Und seine Frau und seinen Schwiegervater leichthin grüßend, schritt der Herzog hinaus. Moulinet machte einige Schritte nach seiner Tochter hin. »Sieh doch, mein liebes Kind!« stammelte er. Doch die Herzogin erhob sich blaß und kalt, und ohne ihn nur eines Blickes zu würdigen, öffnete sie mit erregter Hand die Thüre ihres Zimmers und verschwand in demselben. Moulinet schüttelte melancholisch den Kopf und zum erstenmal mußte er sich gestehen, daß es Schwierigkeiten im Leben gebe, die man mit Hilfe des Geldes nicht überwinden könne. »Guter Rat kommt über Nacht!« sagte er zu sich selbst; »morgen am Tage werden wir klarer sehen.« Und indem er sich an diese schwache Hoffnung anklammerte, ging er auf sein Zimmer, um in dem Bette Kaiser Karls V. auszuruhen.– – Zwei Stunden waren ungefähr verstrichen, seitdem d« Hüttenbesitzer in ruhigem Schlummer lag, als ein leichter Druck auf die Schulter ihn erweckte. Er öffnete die Augen, und als er den Marquis von Beaulieu vor sich stehen sah, sprang er rasch auf die Füße. Es war bereits heller Tag und die Uhr zeigte eine halbe Stunde nach sechs. »Wir haben noch Zeit,« murmelte Philipp. Niemals hatte er seinen Geist freier und seinen Körper kräftiger gefühlt und er empfand darüber etwas wie Stolz. Diesem willensstarken Manne verursachte jede Bestätigung seiner moralischen Kraft eine geheime Freude. Er trat ans Fenster und öffnete es. Eine milde, von Wohlgerüchen der taufeuchten Blumen erfüllte Luft umfing ihn mit köstlicher Frische und er ließ seine Blicke über die dunklen Baumgruppen des Parkes schweifen. Ein feiner, blauer Nebel lagerte über den Bäumen, und die Sonne, die schon hoch am Himmel stand, spielte in glänzenden Lichtern auf der stillen Oberfläche des Teiches. Die Natur hatte sich geschmückt, um ihm ein Fest zu bereiten. »Ein schöner Tag!« rief Philipp heiter aus, als wäre er im Begriff, sich auf die Jagd zu begeben. Sein Blick begegnete dem des Marquis und er las in dessen traurigen Augen einen stillen Vorwurf. Er schritt auf seinen Schwager zu und sagte, ihm liebevoll die Hand drückend: »Wundern Sie sich nicht darüber, mich heute morgen so sorglos und fast fröhlich zu finden. Ich habe das Vorgefühl, daß alles für mich gut endigen wird. Er wurde ernsthaft. »Indes, da man auch ein Unglück ins Auge fassen muß, habe ich meine Verfügungen getroffen. Sie werden dieselben in jenem Briefe niedergelegt finden. Dabei wies er nach seinem Schreibtische, auf dem ein großes Couvert lag, welches den Namen des Notars Bachelin trug. »Mein alter Freund und Sie werden meine Testamentsvollstrecker sein. Ihnen, mein lieber Octave, vermache ich mein Teuerstes...« Ein Strahl der Freude erhellte das Gesicht des Marquis. Der junge Mann wollte sprechen, aber die Stimme erstickte in seiner Kehle und Philipp mit seinen Armen umschlingend, den Kopf an dessen Schulter gelehnt, fing er zu weinen an. »Beruhigen Sie sich, Octave, ein wenig mehr Festigkeit!« fuhr der Hüttenbesitzer fort. »Ich hoffe, daß Sie meine Schwester aus meiner Hand empfangen werden. Doch wenn ich nicht mehr sein sollte, mein Freund, seien Sie zärtlich und liebevoll gegen sie, sie verdient es. Sie hat ein zartes Herz, das der geringste Kummer brechen würde ...« Seine Stimme war unendlich mild und weich geworden, als er von dem Kinde sprach, dem er ein wirklicher Vater gewesen. Er strich mit der Hand über die Stirne und ruhig lächelnd sagte er: »Ich muß mich ankleiden. Wollen Sie mit mir hinaufgehen und mir Gesellschaft leisten? Nachher suchen wir den Baron auf. Ich wünsche mich unbemerkt zu entfernen.« Octave neigte den Kopf, ohne zu antworten; dann, nach einer kurzen Pause, begann er mit Mühe: »Philipp ... bevor ich heute morgen zu Ihnen kam, habe ich meine Schwester gesehen ... Versprechen Sie mir, nicht fortzugehen, ohne zuvor bei ihr eingetreten zu sein.« Philipp heftete einen fragenden Blick auf den Marquis. »Es ist nicht denkbar, daß Sie Claire verlassen wollen, ohne ihr Gelegenheit zu bieten, sich vor Ihnen zu rechtfertigen, wenn dies möglich ist...« Und als der Hüttenbesitzer eine Gebärde der Ueberraschung machte, fuhr Octave ernst fort: »Seit drei Tagen weiß ich, was zwischen Ihnen und Claire vorgefallen. Sie hat mir alles gestanden, ich weiß, wie sehr meine Schwester schuldig ist, und beklage Sie, glauben Sie es mir, Philipp, daß Sie so peinliches Weh erdulden mußten, ebensosehr, als ich Sie bewundere, dasselbe so vollständig verborgen zu haben. Aber ich bitte Sie, seien Sie nun nachsichtig, seien Sie gut ... Es wird Ihrer würdig sein, die arme verzweifelte Frau nicht völlig niederzudrücken. Sie sind ein energischer und tapferer Mann, man darf mit Ihnen offen sprechen ... Nun denn ... denken Sie daran, daß Sie Ihre Frau vielleicht nicht mehr wiedersehen werden. Wollen Sie dieselbe von dem doppelten Vorwurf vernichtet zurücklassen, Ihr Leben zerstört und Sie vielleicht in den Tod getrieben zu haben...« Der Hüttenbesitzer wendete sein erbleichendes Antlitz ab. Nach kurzem Bedenken sagte er dann: »Ich werde thun, was Sie von mir verlangen. Aber diese Unterredung wird für Ihre Schwester und für mich furchtbar peinlich werden. Trachten Sie, dieselbe abzukürzen, und erleichtern Sie mir den Abschied, indem Sie kommen, um mich abzuholen...« Der Marquis machte ein Zeichen der Einwilligung, und nachdem er Philipp herzlich die Hand geschüttelt, entfernte er sich mit ihm. Neunzehntes Kapitel Schon am frühesten Morgen war die Baronin zu ihrer Freundin geeilt. Sie fand dieselbe nach der furchtbaren Aufregung der Nacht in einem Zustande unbezwinglicher Abspannung. Frau von Préfont bemühte sich vergebens, ihr Mut zuzusprechen; sie erhielt keine Antwort. Mit starrem Auge, zusammengepreßtem Munde und abgeschlagenen Gliedern lag die junge Frau regungslos auf einer Chaiselongue. Alles Leben schien sich in ihrem düsteren Blick konzentriert zu haben, der, wie es schien, durch irgend eine entsetzensvolle Vision gefesselt war. Eine lange Zeit verstrich in dieser Weise. Das Schlagen der Uhr, den Lauf der Stunden verkündend, machte Claire jedesmal erbeben. Ohne diese Bewegung und den wilden Glanz ihrer Augen hätte man glauben können, sie schlafe. Die Ankunft ihres Bruders riß sie aus ihrer Apathie. Mit Leidenschaft hing sie sich an die Hoffnung, Philipp vor seiner Wegfahrt zu sehen, und mit tonloser, fast gebrochener Stimme beauftragte sie Octave, von ihrem Manne diese Gunst zu erbitten. Und von nun an wartete sie in einem neuen Anfalle von fieberhafter Erregung, eilte abwechselnd vom Fenster, dessen Laden sie öffnete, um hinabzusehen, ob man sie nicht täusche und ob Philipp etwa schon wegfahre, zur Thüre, an der sie stehen blieb, und horchte, ob er nicht käme. In ihrer großen Angst und Aufregung erschien sie der Baronin vom Wahnsinn erfaßt. Plötzlich ließen sich herannahende Schritte vernehmen; sie fuhr bebend zurück, als fürchte sie, dem gegenüberzutreten, den sie mit der ganzen Kraft ihrer Seele herbeisehnte. Sie erblaßte, und ein schwarzer Ring legte sich um ihre Augen. Mit einer Handbewegung bedeutete sie der Baronin, sich zu entfernen, und blieb zitternd, sprachlos stehen. Philipp war eingetreten. So standen sie eine Weile stumm einander gegenüber und er gewahrte mit Schmerz die Spuren, welche die schreckliche Angst dieser Nacht auf dem Gesichte der jungen Frau zurückgelassen; sie, die noch vor einem Augenblick vieles zu sagen gewußt hätte, suchte nun vergebens ihre Gedanken zu sammeln und fand in ihrem schmerzenden Gehirn nichts als erschreckende Leere. Claire vermochte dies drückende Schweigen nicht länger zu ertragen. Sie schritt auf Philipp zu, nahm seine Hand in die ihrigen, und in heftiges Schluchzen ausbrechend, bedeckte sie dieselbe mit Thränen und Küssen. Der Hüttenbesitzer erwartete eine Auseinandersetzung; er war auf Bitten und Beschwörungen gefaßt, aber diese völlig physische Aeußerung eines Schmerzes, den er als aufrichtig kannte, brachte ihn vollständig aus der Fassung. Er wollte die Hand zurückziehen, auf der er die heißen Thränen der geliebten Frau fühlte, aber er vermochte es nicht, mit tiefer Rührung fühlte er sich solch großer Schwäche gegenüber selbst machtlos werden. »Claire,« sagte er mit tonloser Stimme, »um des Himmels willen!... Sie erschüttern mich auf das tiefste. Ich bedarf heute meiner ganzen Kaltblütigkeit... Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich ... Seien Sie etwas stärker, schonen Sie mich, wenn Ihnen etwas an meinem Leben liegt...« Bei diesen Worten erhob Claire den Kopf. Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht mehr derselbe. Sie schien einen plötzlichen Entschluß gefaßt zu haben. »Ihr Leben!« sagte sie. »Ach, lieber wollte ich zehnfach das meinige darum geben! O, ich Elende, ich bin es, die durch meine Heftigkeit Sie in diese Gefahr gebracht! Hätte ich nicht alles ertragen sollen? Durch meine Leiden hätte ich ja meine Schuld sühnen können ... In einem Augenblick zorniger Uebereilung vergaß ich dies alles! Aber dieses Duell ist ein Unsinn ... Es wird nicht stattfinden, ich werde es zu verhindern wissen ...« »Und auf welche Weise?« fragte Philipp, die Stirne runzelnd. »Indem ich meinen Stolz Ihrer Sicherheit opfere,« erwiderte Claire. »O, nichts schreckt mich zurück, da es sich um Ihr Leben handelt ... Ich werde mich vor der Herzogin demütigen... Es ist noch Zeit ...« Die Züge des Hüttenbesitzers verdüsterten sich. »Ich verbiete es Ihnen!« sagte er mit Nachdruck. »Sie tragen meinen Namen, vergessen Sie das nicht! Jede Demütigung, die Sie erleiden, trifft mich selber. Und dann, begreifen Sie denn nicht, daß ich ihn hasse, diesen Mann, der alle Schuld an meinem Unglücke trägt? Seit einem Jahre schon sehne ich mich danach, ihm gegenüberzustehen ... Glauben Sie mir, dieser Tag ist mir hochwillkommen!« Claire neigte den Kopf. Sie hatte sich gewöhnt, zu gehorchen, wenn Philipp befahl. Er fühlte sich durch diesen lebhaften Ausbruch beruhigt und fuhr in mildem Tone fort: »Ich weiß Ihre guten Absichten zu würdigen und bin Ihnen dankbar dafür. Zu Beginn unseres gemeinschaftlichen Lebens hat zwischen uns ein Mißverständnis stattgefunden, das uns beiden sehr viel Weh verursacht hat. Ich mache nicht Sie allein dafür verantwortlich. Auch ich trage Schuld daran... Ich konnte Ihre Handlungsweise nicht begreifen... und verstand es nicht, mich selbst zu opfern... Ich habe Sie zu sehr geliebt! Aber ich will nicht fortgehen und Sie in dem Glauben lassen, daß ich gegen Sie einen Groll im Herzen bewahre... Darüber dürfen Sie vollkommen beruhigt sein, Claire. – Verzeihen Sie mir nun auch das Leid, das ich Ihnen zugefügt, und sagen Sie mir Lebewohl...« Bei diesen Worten strahlte das Gesicht Claires, und die Hände in leidenschaftlicher Dankbarkeit zum Himmel erhebend, rief sie: »Ihnen verzeihen! Ich! Aber sehen Sie denn nicht, daß ich Sie liebe? Hat denn die Erregung meiner Stimme, die Verwirrung meiner Augen es Ihnen nicht schon längst verraten?« Claire hatte sich Philipp genähert und ihre schönen Arme um seinen Hals schlingend, lehnte sie ihren blonden Kopf an seine Schulter, ihn mit ihrem Dufte berauschend, und mit ihrem Blick berückend. Sie sprach jetzt wie im Traume: »Oh! geh nicht fort! Wenn du wüßtest, wie ich dich liebe! Bleibe da, bei mir, ganz mein! Wir sind noch jung, wir haben noch so viel Zeit vor uns, um glücklich zu sein! Was liegt dir an dem Manne und der Frau, die uns beide hassen! Wir werden sie vergessen... Wir wollen fortreisen, weit fort, nicht wahr? weit von ihnen weg ... Dort werden wir das Glück, das Leben und die Liebe finden.« Philipp löste sanft die Arme, die ihn umschlossen hielten, und Claire von sich entfernend, sagte er einfach: »Hier, hier ist die Pflicht und die Ehre...« Claire stieß einen schweren Seufzer aus. Die furchtbare Wirklichkeit stand drohend vor ihr, sie sah den Herzog wieder mit seiner bösen Miene, lachend, die Pistole in der Faust und sie wollte eine letzte Anstrengung machen und Philipp gegen seinen Willen zurückhalten. »Nein! ... Nein! ...« rief sie aus. Im selben Momente wurde die Thür geöffnet und Octave erschien in derselben. Er machte Philipp ein Zeichen mit dem Kopfe und zog sich wieder zurück. Claire begriff, daß der Augenblick zur Abfahrt gekommen sei, und es war, als ob ein Schleier vor ihrem Geiste zerrisse. Sie wußte, daß alles zu Ende sei, und an die Brust ihres Mannes sinkend, klammerte sie sich nochmals mit konvulsivischer Kraft an ihn. »Adieu,« murmelte der Hüttenbesitzer. »Oh, verlassen Sie mich nicht in dieser Weise! Nicht mit diesem eisigen Worte auf den Lippen! ... Sagen Sie, daß Sie mich lieben! Gehen Sie nicht fort, ohne es mir gesagt zu haben!« Philipp blieb unerschütterlich. Er hatte verziehen, aber er wollte noch nicht gestehen, daß er liebe. Er entfernte Claire von sich, schritt zur Thür und im Begriffe, hinauszutreten, sprach er: »Bitten Sie Gott, daß ich lebend wiederkehre,« ihr in diesen Worten die höchste Hoffnung gebend. Das war alles. Die junge Frau stieß einen Schrei aus, der die Baronin herbeirief. Der Wagen, der den Hüttenbesitzer entführte, rollte dumpf in der Allee dahin. Claire ließ sich, ohne die Gegenwart der Baronin zu beachten, seufzend auf die Chaiselongue fallen und den Kopf in den Kissen vergrabend, wollte sie nichts sehen und hören, und wünschte während der schrecklichen Stunde, die ihr bevorstand, den Lauf ihres Lebens hemmen zu können. So verblieb sie einige Minuten. Eine sanfte Stimme ließ sie plötzlich in die Höhe fahren. Susanne klopfte an die Thür und rief: »Darf man eintreten?« Claire wechselte einen schmerzlichen Blick mit der Baronin. Man mußte sich verstellen und das Kind über die Wahrheit, die sie nicht kannte, hinwegtäuschen. Durch die halbgeöffnete Thür blickte das rosige heitere Gesicht Susannens. »Komm herein, mein Kind,« sagte Claire. Und mit erstaunlicher Willenskraft nahm sie eine lächelnde Miene an. »Wie! Sie sind noch nicht angekleidet?« rief das junge Mädchen, als sie ihre Schwägerin im Morgengewande sah. »Ich habe bereits mit dem kleinen Wagen eine Fahrt durch den Park gemacht.« Susanne lief mit der Lebhaftigkeit eines jungen Kätzchens, alles durchstöbernd, im Zimmer umher. »Höre,« rief sie, »soeben begegnete ich Philipp mit dem Baron und Octave. Sie saßen in einem verschlossenen Wagen... und machten ganz merkwürdige, seltsame Gesichter ... Wohin mögen nur die drei gefahren sein?« Claire errötete und erblaßte abwechselnd und Angstschweiß perlte auf ihrer Stirn, Jedes Wort ihrer Schwägerin war ihr peinlich. »Oh, wenn mein Mann dabei ist, sagte die Baronin, so handelt es sich gewiß um einen wissenschaftlichen Versuch ... wohl eine Fahrt nach den Steinbrüchen. ...« »Welche Richtung nahmen sie?« fragte Claire mit bebender Stimme. »Die Richtung nach den Teichen,« antwortete das junge Mädchen. »Vielleicht fahren sie nach Varenne.« »O nein,« versetzte die Baronin, »der Herzog von Bligny steht nicht vor zehn Uhr auf...« Claire hörte nicht mehr zu. Die Richtung nach den Teichen, hatte Susanne gesagt. Sofort zog die Lichtung im Walde, mit ihrem Rasenteppich und den weißgestrichenen Pfählen, im Hintergrunde die stillen Wasser unter den niederhängenden Zweigen der Bäume, vor ihrem innern Auge vorüber. Dieser einsam gelegene Platz eignete sich vorzüglich für ein Rencontre. Er hatte ein düsteres Aussehen, das ihn zum Schauplatz einer tragischen Scene im voraus zu bestimmen schien. Dort war es, wo der Herzog und Philipp sich duellieren sollten. Sie wußte es gewiß, sie sah die beiden vor sich. Von neuem von heftiger Aufregung erfaßt und hingerissen von dem Verlangen, alles zu erfahren, vermochte sie nicht mehr ruhig auf ihrem Platze zu bleiben; sie griff nach einem Kleide und schlüpfte hastig hinein. Ein Plan, so rasch ausgeführt, als er entstanden war, verlieh ihrem Willen die höchste Spannkraft.... »Du fuhrst im kleinen Wagen?« fragte sie Susanne. »Wo hast du ihn gelassen?« »Bei den Stallungen,« antwortete das junge Mädchen. »Man wird ihn gerade ausspannen.« »Ich will ihn benützen, ich habe diesen Morgen eine Fahrt in die Umgegend zu machen,« sagte Claire lebhaft. Und ohne einen Moment zu zögern, nur einen Spitzenshawl um den Kopf werfend, stürzte sie hinaus. Mit mutiger Hand ihren Wagen allein lenkend, fuhr sie in schnellem Trab davon. Die rasche Bewegung, weit entfernt, ihr Fieber zu dämpfen, erregte sie immer mehr, und sie trieb ihr Pferd zu immer rascherem Lauf an, so daß es mit rasender Schnelligkeit über die Unebenheiten und Sümpfe des Waldweges dahinflog und sie jeden Moment der Gefahr aussetzte, umzuwerfen. Sie ließ sich jedoch durch nichts aufhalten und mit überreizten Nerven, krampfhaft in die Lippen beißend, vermehrte sie noch stets die Geschwindigkeit der Fahrt, den Flug der Vögel beneidend und mit hochklopfendem Herzen und angehaltenem Atem lauschend, ob sie nicht im Schweigen des Gehölzes ein dumpfes Knallen vernehme. Der Wald blieb stumm. Der Moosteppich, welcher sich unter den Hufen des Pferdes ausbreitete, dämpfte ihren Schlag und das Rollen des Gefährtes. Ein dichter Dampf, der den Flanken des Tieres entströmte, hüllte es wie in eine Wolke und mit übergroßer Heftigkeit angetrieben, strauchelte es endlich und stürzte zusammen. Claire sprang vom Wagen hinab und lief quer durch den Wald fort. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie ihrem Ziele nahe sei; sie horchte und vernahm menschliche Stimmen. Rasch warf sie einen Blick um sich. Kaum zwanzig Schritte vor ihr erhob sich am Ufer des Weihers der chinesische Kiosk, dessen Porzellanplatten sich im Wasser abspiegelten. Von dort aus konnte Claire alles übersehen, ohne selbst gesehen zu werden. Mit der Behendigkeit eines verfolgten Rehes schlüpfte sie zwischen den Zweigen hindurch, und nachdem sie die Stufen, die zur Rundgalerie führten, erstiegen hatte, blieb sie angstvoll bebend stehen. In der Mitte des Rondells zählte der Baron die Schritte ab, um die Distanz zu markieren. La Brède, unterstützt von Moulinet, der totenblaß und verwirrt dreinschaute, lud die Waffen, während Philipp am jenseitigen Ende der Lichtung im Gespräch mit Octave und dem Doktor langsam auf und nieder schritt. Der Herzog, wenige Schritte vom Kiosk entfernt, kaute an einer Cigarre, indem er mechanisch mit einem Stäbchen, das er in der Hand hielt, die hohen Stengel des Fingerhutkrautes abschlug. Mit fürchterlicher Herzbeklemmung dachte sich Claire das Rondell mit fröhlichen Kavalieren erfüllt, mit Gruppen elegant geschmückter Frauen und dem Buffett, mit den feierlichen Lakaien von Varenne. Wie war an jenem Morgen alles so heiter, so glänzend und glücklich! Sie war damals eifersüchtig gewesen; doch was war jene Eifersucht im Vergleiche zu der Qual, die sie in diesem Momente erduldete! Da hatte sie vor ihren Augen die beiden Männer, die einander das Leben zu nehmen suchten. In wenig Minuten würde einer von ihnen im Grase niedergestreckt liegen. Eine Wolke umzog ihre Blicke und sie mußte sich an der Balustrade festhalten, um nicht umzusinken. Ihre Schwäche war indes nur von kurzer Dauer. Schweratmend, mit entsetzlicher Neugier, blickte sie nochmals hinüber. Die beiden Gegner standen schon auf ihrem Platze, einander gegenüber; Moulinet stürzte nochmals vor und schrie mit flehender Stimme: »Meine Herren, um Gottes willen, meine Herren! ...« Er wurde von La Brède fortgezogen, der ihn dann in einer Ecke gehörig abkanzelte. Octave reichte Philipp die Waffe und trat eilig zurück. La Brède fragte mit fester Stimme: »Meine Herren, sind Sie bereit?« Der Herzog und Philipp antworteten zu gleicher Zeit: »Ja!« Der junge Mann fuhr fort, indem er langsam zählte: »Eins – zwei – drei – Feuer!« Claire sah die beiden Pistolen sich drohend senken. In dieser letzten Sekunde verlor sie die Besinnung, eine unbezwingliche Bewegung trieb sie vorwärts. Sie übersprang mit einem Satze die Stufen des Kiosk, und sich vor den Schuß werfend, welcher Philipp bedrohte, verschloß sie mit ihrer weißen Hand den Lauf der Pistole Blignys. Ein Schuß krachte. Claire wurde blaß wie eine Tote, und die verletzte blutende Hand lebhaft schüttelnd, bespritzte sie das Gesicht des Herzogs mit großen roten Flecken. Dann sank sie mit einem tiefen Seufzer besinnungslos zu Boden. Ein Moment unbeschreiblicher Verwirrung folgte. Der Herzog war erschreckt zurückgewichen, als er den warmen Blutregen auf seinem Antlitz verspürte. Philipp eilte zu Claire hin, hob sie wie ein Kind empor und trug sie zu dem Wagen, der an einer Wendung des Weges wartete. Die Augen der jungen Frau waren geschlossen und mit peinlicher Bangigkeit hielt der Hüttenbesitzer, von dem Arzte unterstützt, die arme zerschossene Hand empor. Inbrünstig küßte er das geliebte Wesen, das für ihn litt. Sehr besorgt entblößte der Arzt mit der Geschicklichkeit einer Frau den Arm Claires. »Nichts gebrochen,« sagte er endlich erleichtert, »wir kommen auf die beste Art davon, die man hoffen könnte. Die Hand wird freilich für immer entstellt bleiben. Aber Madame Derblay kann sich aus der Verlegenheit helfen, indem sie ihre Handschuhe nicht ablegen wird.« Er fing an zu lachen, die Kaltblütigkeit des Operateurs wieder findend. Alsdann ordnete er die Kissen des Wagens, damit die junge Frau bequem liegen könne. Philipp, der noch völlig außer Fassung war, ließ kein Auge von Claire. Ihre lange Ohnmacht beunruhigte ihn. Der Baron, der ihn beim Namen rief, brachte ihn zum Bewußtsein der Situation zurück; in seiner Begleitung befand sich La Brède, der sehr aufgeregt war. »Mein Herr, ich bin von dem Herzog von Bligny beauftragt, Ihnen sein tiefes Bedauern über das Unglück auszudrücken, dessen unfreiwillige Ursache er geworden ist. Der Unfall, der Madame Derblay getroffen, betrübt ihn auf das tiefste und ändert seine Ansichten wesentlich. Es scheint ihm nun unmöglich, die begonnene Affaire fortzusetzen. Der Mut meines Freundes steht hoch über jedem Verdacht. Der Ihrige gleichfalls, mein Herr. Wir sind alle Ehrenmänner ... Das Geheimnis dessen, was hier vorging, wird treu bewahrt bleiben...« Der Hüttenbesitzer richtete seine Blicke auf den Herzog. Dieser lehnte totenblaß und zitternd an einem Baumstamm und trocknete mit einem Taschentuche mechanisch das Gesicht ab. Und jedesmal zog er mit schmerzlichem Erbeben den feinen Battist mit einem roten Fleck darauf zurück. Er dachte daran, daß seine Kugel Claire tödlich treffen, ihre schöne Stirn zerschmettern und ihre weiße Brust durchbohren konnte, und in diesem Augenblicke verurteilte er seine ganze Handlungsweise auf das strengste; seine schmählichen Vorsätze flößten ihm Entsetzen ein und er beschloß, sich für immer von dem Wege derjenigen zu entfernen, die seinetwegen so viel gelitten hatte. La Brède fuhr fort mit einer Rührung zu sprechen, die bei ihm höchst selten vorkam. Der Hüttenbesitzer hörte zerstreut den Ausdruck persönlichen Bedauerns des jungen Mannes an und ließ sich von ihm die Hand in kräftigster Weise schütteln. Und als er sah, daß der Herzog, von Moulinet fortgezogen, sich entfernte, drängte er den Arzt in den Wagen, bestieg selber den Bock, ergriff die Zügel und fuhr rasch davon. In dem weiten Schlafgemach mit den alten Tapeten, auf welchen die Göttinnen den Kriegern die Becher füllten, saß Philipp, wie während der langen Krankheit Claires schweigend am Fuße des Bettes. Die junge Frau, welche seit einer vollen Stunde nicht zum Bewußtsein gekommen war, bewegte sich, von Fieber geschüttelt, unruhig auf ihrem Kissen hin und her. Plötzlich öffnete sie die Augen. Der Hüttenbesitzer erhob sich lebhaft und beugte sich zu ihr nieder. Ein Lächeln glitt über die Lippen Claires, sie schlang den Arm um Philipps Nacken und zog ihn zärtlich an sich. In ihrem gestörten Gehirne war die Erkenntnis der Wirklichkeit noch nicht wiedergekehrt und es schien ihr, als schwebe sie körperlos in himmlischen Räumen. Sie litt nicht. Eine köstliche Mattigkeit hatte sich ihrer bemächtigt und mit so leiser Stimme, daß Philipp sie kaum vernahm, murmelte sie: »Ich bin gestorben, nicht wahr, mein Geliebter, und gestorben für dich? Oh, wie glücklich fühle ich mich! Du lächelst, Du liebst mich! Du hältst mich in deinen Armen! Wie süß ist der Tod! Und wie anbetungswürdig die Ewigkeit!« Der Klang ihrer eigenen Stimme erweckte sie. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihre Hand und sie erinnerte sich mit einemmal an alles: an ihre Verzweiflung, an ihre Angst und ihr Opfer... »Nein, ich lebe!« rief sie aus. Sie stieß Philipp zurück und ihm angstvoll fragend ins Auge blickend, als hinge Tod und Leben an seinen Lippen, sagte sie: »Ein einziges Wort, antworte! Liebst du mich?« Philipp wendete ihr sein von Begeisterung strahlendes Gesicht zu. »Ja, ich liebe dich!« antwortete er. »Es wohnten in dir zwei Frauen. Die eine, die mich so viel leiden ließ, ist nicht mehr... Du bist die andere, die anzubeten ich niemals aufgehört habe.« Claire stieß einen Schrei aus, ihre Augen füllten sich mit Thränen, glühend preßte sie Philipp an sich, ihre Lippen berührten sich und in unaussprechlichem Entzücken wechselten sie ihren ersten Liebeskuß. (Ende.)