Laurids Bruun Oanda Die glückliche Insel I. Sie hatte die Hände um die nackten Knie gefaltet und blickte in den Sonnenaufgang, Vom Meer kamen heiße Windstöße, die ihre flaumige Wange liebkosten und das glänzende Haar nach rückwärts strichen. Das Licht wurde so stark, daß sie den Sommerhut vor die Augen ziehen mußte. Er war neu, groß und flach; sie war sehr froh darüber, ihre Mutter hatte ihn aus reinsten Kokosfasern geflochten. Die Lagune war voll flimmernder Lichtstäubchen, die sich jagten und doch nie erreichten, weil die kleinen kristallgrünen Schattentäler dazwischen waren. Sie fühlte ein Stechen an ihren Füßen; an den Strohsandalen waren von dem dichten Gebüsch, durch das sie hindurchgebrochen war, um auf die Spitze des Kalkfelsens zu gelangen, Dornen sitzen geblieben. Sie zupfte sie heraus und setzte sich dann bequem zurecht, um den Horizont gründlich abzusuchen. Es zeigte sich nicht ein einziger dunkler Punkt, der Wilkins Barke vorstellen konnte. Seit einer ganzen Woche wurde das Schiff nun schon erwartet. Jedes Vierteljahr, am ersten im Monat, verließ die »Arizona« den Hafen von Manila, legte in Zamboanga an, wo sie ein oder zwei Tage blieb, und gebrauchte dann acht Tage, um die Reise nach van Zantens Insel zu machen. Hier pflegte sie einige Tage zu liegen, bevor sie nach den Karolinen weiterfuhr. Oanda erinnerte sich nicht, daß das Schiff jemals mehr als fünf Tage Verspätung gehabt hatte; damals war es an der Ostküste von Mindanaos vor Anker gegangen, aus Furcht vor dem Taifun. Die Kopra war gepackt, die Bananenkörbe füllten den Speicher bis unters Dach, und Toko war ärgerlich, daß er seine dreimonatliche Reise durch die Insel nicht antreten konnte, bevor Wilkins mit den Waren da war. Die jungen Mädchen gingen jeden Abend an den Strand und sangen das Zauberlied, um das Schiff herbeizulocken. Es war dasselbe Lied, sagte Pieter, das sie gesungen hatten, um den Fischzug heranzuziehen, als er zuerst zur Insel gekommen war. So hatte sie sich noch nie nach dem Schiff gesehnt. Sie konnte das große Buch kaum erwarten, das Wilkins im Auftrage ihrer Mutter in Manila besorgen sollte – mit Bildern von allen Inseln und Städten der Welt, wo es Häuser gab, höher als die höchsten Kokospalmen, Wagen, die schneller fuhren als ein Schiff unter vollen Segeln, Boote, die auf großen künstlichen Flügeln durch die Luft flogen – und ein Bild vom Präsidenten, der in einem weißen Hause wohnte und über all das Wunderbare, das die Menschen geschaffen hatten, herrschte. Oanda schloß die Augen und fühlte die ganze blendende Welt in ihrem Innern – die Welt, aus der ihre Eltern stammten, bevor sie auf der Insel strandeten, und auch Pieters, der sie freiwillig vor vielen Jahren verlassen hatte, weil er lieber auf seiner eigenen Insel leben wollte. Sie ließ ihren Blick über das Riff schweifen, bis sie die Klippe fand, wo ihr Vater und ihre Mutter sich aus dem zerschmetterten Boot gerettet hatten. Wie eine ungeheure Schildkröte hob sie sich aus dem weißen Schaum. Die Brandung umtobte sie, erreichte aber nie ihre Spitze. Sie war häufig mit Toko draußen gewesen, er pflegte auf der Innenseite der Klippe anzulegen, wenn er auf Schildkrötenfang war. Dann hatte sie auf dem nassen Stein gestanden und zum Meer hinausgeblickt, das raste und schäumte, weil der Korallengrund ihm seine Kraft nahm. Zwischen diesen Klippen hatte ihr Vater mit der Brandung um das Leben ihrer Mutter und um sein eigenes gekämpft, bis er einen Halt an dem rauhen Stein fand und hinaufgelangte. Die Eingeborenen hatten das Boot draußen kentern sehen. Als Pieter und Toko als die ersten die Klippe erreichten, fanden sie eine Frau, die weinend über dem Mann lag, der sein Leben hingegeben hatte, um das ihre zu retten; sein Herz war beim Kampf gebrochen. Oanda schloß die Augen und dachte an ihren Vater. Sie sah ihn auf dem Stein liegen, bleich, mit zusammengepreßten Lippen, die Hand so fest um die ihrer Mutter gepreßt, daß man sie fast nicht hatte loslösen können. Das alles hatte Pieter ihr erzählt, als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie hatte es so lebendig vor sich gesehen, als ob sie es miterlebt hätte. Für gewöhnlich dachte sie nicht daran, daß ihre Mutter blind war und ihr eigenes Kind noch nie gesehen hatte. Wenn sie aber an ihren Vater dachte und ihn vor sich liegen sah, die Hand so fest um die der geliebten Frau geschlossen, als wollte er sie mit sich in das Unbekannte hinüberziehen, dann begriff sie, was es hieß, blind zu sein: Denjenigen, dessen Stimme verstummt war, nicht einmal mehr mit dem Blick erreichen zu können! Wann immer sie daran dachte, mußte sie weinen. Einen Traum hatte sie, der immer wiederkehrte: Sie saß hoch oben auf einem Felsen und blickte übers Meer, als sie plötzlich eines Schiffes ansichtig wurde, dessen Masten in die Sonne ragten. Die Segel leuchteten golden im Licht; langsam glitt es auf das Riff zu, aber es strandete nicht. Es steuerte sicher und geradeswegs durch den engen Kanal zwischen den Schären. Es wurde größer und größer, und indem es still über das hellgrüne Wasser der Lagune glitt, sah sie am Steuer einen jungen Mann stehen. Er war groß und hübsch, und sie dachte bei sich, daß so gewiß ihr Vater ausgesehen hätte. Seine Augen schweiften suchend umher. Und als sie sie gefunden hatten, breitete er die Arme aus und rief nach ihr. Ihr Herz war so voller Freude, daß es einen Augenblick zu schlagen aussetzte. Dann aber rief sie: »Warte, ich komme!« – erhob sich, um sich ins Meer zu stürzen, und beim Fall erwachte sie. Wenn dieser Traum eines Tages Wirklichkeit würde! Wenn es nicht der dicke Wilkins von Manila mit seinen beiden kleinen Mädchen Clare und Elisa wäre, der heute oder morgen käme, sondern große, leuchtende, vollkommene Menschen unter goldenen Segeln! Oanda erhob sich, blickte noch einmal über den ganzen Horizont und kletterte dann den Weg zurück, den sie gekommen war. Sie umging geschickt die Dornen, stemmte Füße und Hände in die runden Löcher, wo es von Ameisen wimmelte, erreichte das Gebüsch, ließ sich rückwärts hinabgleiten, faßte einige Lianen, die im Winde schwankten, und fierte sich an ihnen hinunter, bis sie die Steine des Strandes unter ihren Füßen fühlte. Vor der Landzunge bog sie in eine kleine Bucht ein, die ringsherum mit Yams-Gebüsch bewachsen war. Sie entkleidete sich und lief über den Korallenstein so weit ins Meer hinaus, bis das Wasser ihr an die Hüfte reichte; dort stand sie in dem lauwarmen Wasser und reckte sich zum Licht hinauf, während ihr sonnenverbranntes glänzendes Haar die weißen Schultern frei umwogte. Draußen beim Riff waren einige Fischer im Begriff, Reusen auszulegen. Sie standen achtern auf ihren schmalen Bambusflößen und ruderten, während die großen eiförmigen Reusen paarweise vor ihnen zusammengebunden lagen. Andere folgten in einem Kanu. Wenn die Reuse ausgelegt war, bogen sie sich über das Kanu, rückten die Reuse zurecht und befestigten sie an den Pfählen. Sie stand im Licht und streckte ihre Hände der Sonne entgegen, wie die Eingeborenen es zu tun pflegten; und sie sprach das Gebet, das ihre Mutter sie gelehrt hatte, als sie ganz klein war, daß das Licht, das in allem ist, in ihr siegen möge und über sie und in allen Dingen der Welt. Dann tauchte sie unter und schwamm unter Wasser, bis sie ein gutes Stück draußen war. Sie lachte und atmete laut, schüttelte sich das Wasser von den Haaren und schwamm mit hocherhobenem Kopf und langen, ruhigen Zügen wieder auf den Strand zu. Mit den Händen strich sie sich das Wasser von den schlanken Gliedern, die bis über Knie und Ellbogen braun waren, und drehte sich eine Weile in der Sonne, bis ihre Haut wieder trocken war, kleidete sich darauf singend an und schlenderte weiter. Im Gebüsch fand sie einige herrlichrote Hibiscus, die sie sich ins Haar steckte. Auf der andern Seite der Bucht erstreckte sich der Strand in gerader Linie bis zum Bootshause mit seinem niedrigen Pisangdach, wo Pieter seine Kanus zum Schutz gegen Sonnenbrand und Regen untergebracht hatte. Sie konnte ihr eigenes kleines Boot sehen, das mit Gurkemejed-Wurzel gelb gemalt war. Daneben lag der Speicher, hoch und solide und gelb gekalkt. Eingeborene waren damit beschäftigt, Koprakisten zur Mole hinauszurollen – die Mole war ein Werk von Toko, und bestand aus Korallenblöcken, die er behauen hatte. Dort draußen lagen einige Arbeitskanus wie schwarze Punkte in dem blanken Wasser und die große viereckige Bambusflotte, die die Waren zum Schiff hinausbringen sollte. Sie beschattete die Augen mit der Hand, um zu sehen, ob sie Toko entdecken könnte; aber er war nicht da, Pieter, wußte sie, saß zu Hause und schrieb die Warenlisten, die Wilkins mithaben sollte. Das Haus, in dem sie wohnte, konnte sie von hier aus nicht sehen. Der Kokoshain des Königs, wie er noch immer hieß, obgleich seit vielen Jahren kein König mehr auf der Insel gewesen war – kein anderer als Pieter – lag zwischen dem Strand und ihrem Hause und ging ganz bis zum Wasser hinunter. Die höchsten Blätter der Kokoskronen schwankten träge in dem leisen Wind; die untersten waren bereits gelb und die Nüsse hingen in ihrem Schatten, dicht und grün. Sie kannte alle Bäume und hatte den größten Namen gegeben. Dort war ein alter Bambuszaun, der hier und da aus Altersschwäche zusammengebrochen war; durch ein Loch konnte sie in das kühle Dunkel unter die schlanken Stämme sehen, wo sich hin und wieder ein vereinzelter zitternder Sonnenstrahl Bahn brach. Die herabgefallenen Nüsse waren in Haufen gesammelt und fingen an, blaß und braun zu werden. Ein Eingeborener war damit beschäftigt, sie zu sortieren, doch konnte sie nicht erkennen, wer es war. Als sie noch ein Stück gegangen war, kroch sie durch ein Loch im Zaun, es war der Richtweg, den die Mädchen einschlugen, wenn sie baden wollten. Nun ging sie durch den Hain, der sanft auf dem Strand anstieg, bis sie seinen Saum erreichte, wo die Wärme vom offenen Land ihr entgegenschlug. Der schmale Pfad, den sie verfolgte, führte quer über das Tarofeld, Die großen, dunklen, blanken Taroblätter schlugen über dem Weg zusammen und reichten ihr bis an die Hüfte. Sie blieb stehen und erfreute sich an der strahlenden Fruchtbarkeit, die in der Morgensonne gebadet lag. Die Taroplantagen erstreckten sich von dem Grabhügel ihres Vaters am Ende des Kokoshains, ganz bis zu den Kalkfelsen am Strande. Der Pfad führte zu den Hütten der Eingeborenen, die im Schatten verstreuter Palmen, Pisangs und Bananen lagen. Hier und dort erhob ein Brotfruchtbaum seine dichte dunkle Krone über die niedrigen Bäume. Sie konnte die Hühner drüben gackern hören. Sonst lag alles still. Zu dieser Zeit waren nur die Alten und die kleinen Kinder zu Hause. Aus der Hütte der alten Muwa stieg ein leichter weißer Rauch durch die dünne Luft. Wahrscheinlich kocht sie Wasser, um Umschläge für ihr krankes Bein zu machen, dachte Oanda. Wie Mutter es sie gestern gelehrt hat. Vor den äußersten Hütten spielte eine Schar nackter Kinder im Schatten mächtiger Pisangblätter. Oanda rief ihnen etwas zu, und die Kinder erhoben beim Laut ihrer Stimme die Köpfe. Als sie ihres weißen Kleides ansichtig wurden, erhoben sie ein lautes Geschrei und stürmten auf sie zu. Jedes wollte zuerst bei ihr sein. Sie griffen nach ihren Händen, klammerten sich an ihre Arme und Beine und zerrten an ihrem Kleid, während sie alle durcheinander schwatzten und mit ihren schimmernden weißen Zähnen lachten. Einige von den Kleinsten nahm sie auf den Rücken, und so lief sie mit der ganzen Schar zu den leeren Hütten, so daß der weiße Staub aufgewirbelt wurde und die Hühner erschrocken aus den Löchern, die sie sich in den losen, weißen Sand gemacht hatten, davonstoben. Hütte lag neben Hütte, das niedrige, sonnenverbrannte Blätterdach hing über die geflochtene Wand und das dunkle Türloch. Vor einer Hütte saß eine alte Frau und wärmte sich in der brennenden Sonne, mit nacktem Oberkörper und hochgezogenen Knien. Sie verzog ihr runzliges Gesicht zu einem Lächeln und streckte Oanda ihren mageren Arm grüßend entgegen. Je weiter sie lief, desto größer wurde die Kinderschar. Alle wollten mit, die aber, die zuerst von ihren Händen und ihrem Kleid Besitz ergriffen hatten, wollten nicht gutwillig von ihrem Platz weichen, und es gab Geschrei und Prügelei, bis sie den offenen Platz vor dem großen Versammlungshaus erreicht hatten, dessen Holzwände und hoher Giebel mit bunten Mustern von Ringen und Stäben geschmückt waren. Zur Zeit des alten Königs war dies »Das Haus der jungen Männer« gewesen. Vor einer Hütte stand ein alter, bärtiger Mann und brach Reisigholz über seinem Knie für ein Feuer. Im Vorbeirennen rief Oanda ihm zu, daß noch kein Schiff zu sehen sei. Der Alte hielt in seiner Arbeit inne, um zu antworten. Bevor er aber etwas gesagt hatte, war die wilde Jagd schon vorbei. Eine Schar schwarzer Ferkel mit langen, weißen Ohren riß sich um eine Taroknolle, die fast ebenso groß wie sie selbst war. Sie hatten kaum Zeit aus dem Wege zu gehen, nachdem sie sich aber besonnen hatten, rannten sie hinterher, bis Kinder und Ferkel durcheinander kollerten. Jetzt hielt Oanda im Lauf inne. Die Kinder balgten sich mit den Ferkeln und jagten sie zwischen den Hütten. Ein altes Weib kam aus ihrem Türloch und schimpfte, bis sie Oandas ansichtig wurde; da verwandelte sich ihr Zorn in ein Lächeln. Sie kam auf Oanda zugewackelt und zeigte ihr eine Wunde, die sie am Arm hatte. Oanda hörte ihrem Bericht geduldig zu und erteilte gute Ratschläge, wie ihre Mutter es getan haben würde. Nachdem Oanda bei der alten Muwa gewesen war und ihr mit den Umschlägen geholfen hatte, ging sie durch das Dorf, bis sie das Tarofeld erreichte, wo die Mädchen heute die Knollen ausgruben. Das Licht schimmerte in weißen Flächen auf ihren schweißblanken Rücken, wie sie dort in einer langen beweglichen Reihe zwischen den dunklen Büschen lagen und zur Arbeit sangen. Während sie übers Feld ging, sang Oanda mit: »Ich stand am Strand und winkte, Bis meine Hand ermüdete. Das Segel gen Süden gesetzt, Zog er fort in seinem Boot. O, komm, mein geliebter Mann, Bevor mein Auge dich verliert. O, mein Geliebter, Die Nacht ist lang, Und der Morgen uns beiden verborgen.« Da hörte eines von den Mädchen Oandas Stimme. Sie drehte den Kopf um, und im selben Augenblick hatten alle anderen sie auch erblickt. Sie sprangen auf und liefen ihr entgegen. »Das Schiff? – Das Schiff?« Oanda schüttelte den Kopf und schlug die Augen nieder. Die Mädchen taten wie sie und machten dann ihrer Enttäuschung Luft. Wina sprach von dem Spiegel, den sie haben sollte, Ava von dem roten Band für ihr Haar. Jede hatte etwas auf Pieters Liste, wovon sie träumte. Während sie schwatzten, berechnete Oanda, wie weit sie mit der Arbeit waren, sie brach einige Knollen durch, um zu sehen, ob sie reif und weiß wären. Sonst pflegte sie selbst bei der Arbeit voranzugehen. Die Mädchen lachten und lärmten und stießen sich, um ihr nahe zu sein. Ava entdeckte eine bunte Blume und unterbrach sich mitten in der Rede, um sie zum Schmuck für ihr schwarzes krauses Haar zu pflücken. Zwischen den Büschen wuchsen wilde, rote Hibiscus und Coleos mit brandgelben Blättern. Als Oanda sich zum Gehen wandte, hingen sie sich an sie und maulten. Wina mit der lauten Stimme sagte, daß kleine Schwestern nicht arbeiten könnten, wenn die große Schwester nicht voranginge; wessen Spur sollten sie folgen, wenn sie nicht da wäre? Sie sei es, die die Knollen weiß und reif mache. Oanda lachte. Ihr Lachen war von solch sprudelnder Fülle, daß niemand ihm wiederstehen konnte. Wina lachte auf ihre laute Art, während sie den Kopf in den Nacken warf und mit den Beinen trampelte. Da stimmte Oanda den Arbeitsgesang an, und kurz darauf knieten wieder alle Mädchen zwischen den Büschen und sangen wie vorher. Oanda fuhr fort zu singen, während sie sich entfernte. Sie folgten ihr mit den Augen wie treue Hunde. Oanda blickte zurück und winkte; und es glänzte von blanken, nackten Armen, die sich hinter ihr herstreckten, mit einer Taroknolle in jeder Hand. II. Helen saß auf der Veranda und webte. Das Licht fiel auf den Webrahmen, der zwischen den beiden Kokospfählen, die das Dach trugen, ausgespannt war. Sie selbst saß in ihrem großen Korbstuhl im Schatten. Wenn sie die Hand nach den feinen, gelben Blattfasern, die vom Rahmen herabhingen, ausstreckte, fühlte sie die Sonne auf ihren Fingern. So merkte sie, wie der Tag vorwärts schritt. Sie strammte die glatten Fasern, führte sie mit dem Schiffchen ein und aus, schmale und breite durcheinander. Das Muster entstand unter ihren Fingern, während ihre Gedanken von Erinnerung zur Hoffnung, von der Vergangenheit zur Zukunft schweiften. Aufrecht wie das Schicksal saß sie da, die Lider über die blinden Augen gesenkt, den Kopf lauschend zur Dunkelheit geneigt, in der ihre Finger tätig wirkten. Ihr Ohr fing das leise Gemurmel des Baches auf, der sich zwischen den großen Steinen unter der Brücke, die Toko gebaut hatte, einen Weg suchte. Wenn ein stärkerer Windstoß kam, konnte sie das ferne Brausen aus der Tiefe des Gehölzes hören, wo das Wasser sich von den Kalkfelsen zum Blumental, wie Oanda es getauft hatte, hinabstürzte. Sie konnte den Arbeitsgesang der Frauen auf der andern Seite des Kokoshains hören und das Gackern der Hühner zwischen den Hütten. Der errötende Bougainville über dem runden Tisch, der blanke Hibiscus mit den feuerrot leuchtenden Blumen längs des Bambuszaunes, das Beet mit den hellgrünen Kaneelbüschen, die einsame Kokospalme, die sich mitten auf dem großen Rasen mit ihrem Stamm hoch über die übrigen Büsche und Bäume des Gartens erhob, die Rabatten mit den bunten Crotonblättern, die den Gartenweg einrahmten, das Beet mit den hochstämmigen, spanischen Rosen, die Wilkins von Manila mitgebracht hatte – alles was draußen in der Sonne atmete und was ihre Finger liebkosend hatten wachsen fühlen, entsandte linde Düfte zu ihrer zarten Wange, zu ihrer weißen Stirn – Botschaft, die aus der Welt, die für sie im Dunkel lag, zu dem Licht in ihrem Herzen kam. Die Tür zur Stube hinter ihr stand geöffnet. Sie konnte drinnen eine Fliege summen hören. Jetzt taumelte sie gegen den Schrank, jetzt flog sie summend um die Oellampe unter der Decke. Vom Meere kam ein plötzlicher Luftzug. Er sauste durch die Brotfruchtbäume auf der anderen Seite der Brücke, wurde ein Weilchen von dem dichten Laub des Bougainville aufgehalten, raschelte munter durch die untersten halbwelken Blätter des Pisangs, erreichte die Veranda, erfaßte ihre Fäden, kühlte ihr Gesicht und klapperte hinter ihr mit den halb herabgelassenen Fenstermatten. In Pieters Zimmer, das auch zur Veranda hinausging, riß der Luftzug die Tür auf und bemächtigte sich der Papiere auf seinem Arbeitstisch. Sie hörte Pieter brummend danach greifen. Gleichzeitig erhob er sich, schob den Stuhl zurück und trat mit den Blättern in der Hand zu ihr hinaus. Er ging über die Veranda in den Garten hinaus, wandte sein sonnenverbranntes Gesicht nach rechts und links, indem er mit seinen kleinen, vergnügten Augen ins Licht blinzelte. Das rötliche Haar war dünn, die runde Stirn sehr hoch geworden; im Nacken war das Haar kurz geschnitten und an den Schläfen waren die krausen Haarbüschel, ebenso wie die dichten Brauen, verblichen und weißlich; es sah aus, als wären sie verstaubt. »Du sollst sehen, ein Wind kommt auf.« Sie lächelte. Was Pieter sich wünschte, daran glaubte er auch. »Voriges Jahr kam Wilkins schon am neunten, weißt du noch, wir waren noch gar nicht auf sein Kommen gefaßt.« »Ja, ja. Wir waren noch nicht fertig mit backen.« »Und die Kopra war noch nicht gepackt,« »Wie zeitig der Monsun in diesem Jahr vorbei ist. Wir haben schon seit fast vierzehn Tagen Windstille.« »Darum kann es bei den Philippinen doch noch wehen.« »Er hat ja einen Motor an Bord.« »Allerdings, was er aber an Petroleum spart, das wandert in seine eigene Tasche. Wilkins ist ein Geizkragen.« »Weißt du nicht mehr damals, als er eine ganze Woche zu spät kam, weil er wegen des Taifuns bei Mindanao vor Anker gehen mußte?« »Geduld – Geduld!« sagte Pieter und ging ungeduldig auf der Verandamatte hin und her. »Ich habe seit Tagesgrauen einen Ausguck auf der Königspalme postiert.« »Wen?« »Muwas Jüngsten.« Helen wandte sich zu ihm um, während ihre rastlosen Finger einen Augenblick innehielten. »Hast du an das Verbandzeug für Muwas Bein gedacht? Die arme Alte kann jetzt nicht mal mehr aus ihrer Hütte heraus.« »Vergesse ich je etwas? Sie steht auf der Apothekerliste.« »Du hattest es doch das letzte Mal vergessen,« sagte Helen und lächelte. »Keineswegs. Ich hatte nur noch keine Entscheidung getroffen.« »Hattest du nicht bestimmte Befehle erhalten?« Pieter lachte. »Ja, unsere Kleine versteht's,« sagte er bewundernd, »wo ist sie übrigens?« »Sie ist zur Klippe hinausgegangen, um nach dem Schiff auszuschauen,« sagte Helen und begann wieder zu weben. »Die Papiere sind in Ordnung,« sagte er und blätterte mit Befriedigung darin, »hier ist die Haushaltungsliste, die Wäscheliste.« »Sieh mal nach, ob Oanda an Stecknadeln gedacht hat?« »Hier stehen sie,« »Und an die Gläser zum Einkochen?« »Hier!« »Die Apothekerliste, die Werkzeugliste, die Gartenliste, Ich habe Hyazinthenzwiebeln aufgeschrieben. Das duftende, blühende Haarlemerland ist das einzige, was ich aus meiner Kindheit entbehre.« »Schreibe auch Maiglöckchen auf; das waren meine Lieblingsblumen. Glaubst du nicht, daß sie im Schatten unter den Bananen gedeihen können?« »Vielleicht, wenn man sie in Manila bekommen kann. Ich erinnere mich ihrer noch genau,« er legte den Zettel gegen den Pfahl und schrieb sie auf die Liste, »es sind kleine Glockenblumen, weiß wie Schnee.« Helen senkte den Kopf; ihre Hände glitten in den Schoß. Schnee – sie sah ihn fallen, still und weich im fernen, fernen Lande, vor mehr als zwanzig Jahren. Es zuckte in der feinen Schmerzensfalte um ihren Mund. Sie trauerte nicht um ihre Jugendzeit, nicht um ihre Heimat, sondern um die ganze schöne, bunte Welt, die nur noch in ihrer Erinnerung lebte, seit das Licht in ihren Augen erloschen war. »Er war so weich und leicht und kalt, wenn ich ihn vom Fenstergesims strich, um den Spatzen Brot zu streuen.« Pieter wendete den Kopf und lauschte. »Jetzt kommen die Mädchen von der Arbeit.« Er sah rechts über den Zaun und die sonnigen Felder, die sich von den Kokospalmen und dem Hüttendorf bis zu dem dichten, dunklen Gehölz längs des Baches erstreckten. Jetzt konnte man deutlich die langgezogenen Töne des Gesanges hören. Kurz darauf tauchten die ersten Mädchen an der Waldecke auf. Langsam, im Takt zum Gesang schritten sie über den schmalen Pfad zwischen den Tarobüschen, die ihnen bis an die Schenkel reichten. Wenn ein Blatt einen von den hellen, bunten, geflochtenen Röcken ergriff, kam das nackte Bein zum Vorschein und leuchtete in der Sonne; dann blieb der ganze Schwarm stehen, bis das junge Mädchen ihren Rock befreit hatte. Sie schritten vornübergebeugt, die langen Taroknollen auf dem Rücken, die von einem breiten Bastband zusammengebunden waren. Das Band, das das Bund zusammenhielt, ging ihnen über die Stirn, so daß Kopf, Hände und Rücken die Bürde gleichmäßig trugen. Pieter freute sich beim Anblick der frohen Jugend, die zum Stapelplatz auf der anderen Seite des Zaunes ging. Als sie seiner ansichtig wurden, winkten sie ihm zu und stellten ihren Gesang ein, »Wo ist Oanda?« rief er. »Sie ist in den Wald gegangen, um Blumen für das Schiff zu pflücken!« antwortete Wina. Im selben Augenblick geriet der ganze Zug in Unordnung, sie warfen ihre Bündel auf die Erde und riefen durcheinander. »Ich kann es euch nicht sagen!« rief er zurück, »aber in der Kokospalme sitzt den ganzen Tag ein Ausguckmann; sobald das Schiff in Sicht ist, schlagen wir die Trommel, wie ihr wohl wißt.« Da sie fortfuhren Lärm zu machen, drehte er sich um und zeigte auf Helen, die hochaufgerichtet und blaß dasaß, die Hände über ihre Webearbeit ausgestreckt, als ob sie die Häupter der Menschen segnete. Wina machte denen, die hinter ihr kamen, ein Zeichen zu, und sie wurden, still. Darauf löste jede ihr Tarobündel, warf die Knollen in den Speicher, einen kreisrunden Behälter aus lotrechten Bambusstämmen, die in die Erde eingerammt und durch fingerdicke Lianen zusammengebunden waren. »Das Feld ist noch nie so ergiebig gewesen, wie in diesem Jahr,« sagte Pieter und wandte sich zu Helen um, »heute ist erst der fünfte Erntetag und schon ist der Behälter halb voll.« Nachdem die Arbeit beendet war, richteten die Mädchen sich auf, strichen die Haare von Stirn und Ohren zurück, bürsteten sich Erde und Staub von den Röcken, winkten Pieter zu und setzten den Weg längs des Pfades fort, um zu baden. Der Pfad führte an dem Grabhügel vorbei, von dessen Höhe ein viereckiger Korallenblock weit über Insel und Lagune leuchtete. Der Ort war heilig; denn hier lag derjenige begraben, der sein Leben den bösen Geistern des Meeres gegeben hatte, damit sie die blinde Frau schonten, die die Sonne zur Insel gesandt hatte, um Oanda, der Leuchtenden, das Leben zu geben. Wina ging auf den Hügel hinauf, und die anderen folgten ihr, eine nach der anderen. »Sie legen die Blumen, die sie in Gürtel und Haar tragen, auf das Grab, damit das Schiff bald kommt.« Helen richtete ihre leeren Augen auf das Grab; um ihren Mund zitterte das Lächeln, das Pieter so gut kannte und das ihm immer ins Herz schnitt. »Nun soll man also mal wieder etwas aus dem alten Tollhaus erfahren,« sagte er und trat zu Helen. »Ich bin neugierig, worüber die Leutchen sich seit dem letzten Vierteljahr in den Haaren gelegen haben. Hast du Sehnsucht nach der ›Times weekly?‹« »Nein.« Sie drehte den Kopf zu ihm um, »ich nicht, aber Oanda. Hast du nicht gemerkt, wieviel sie fragte, als sie uns das letzte Mal daraus vorlas?« »Sie kann sich das alles nicht recht zusammenreimen.« »Ihre Fragen waren nicht immer leicht zu beantworten.« »Ich merkte es wohl!« Pieter lachte. Helen wandte ihm ihr Gesicht zu; ihr Mund war bekümmert. »War es auch recht von uns?« »Was?« »Hätten wir ihr die Welt nicht schildern sollen, wie sie wirklich ist?« »Wäre sie dadurch glücklicher geworden?« »Und wenn sie nun selbst in diese Welt käme?« Pieter forschte erstaunt in dem blassen Gesicht und wartete auf eine Erklärung. »Wie sollte das zugehen?« fragte er. Sie beugte ihren Kopf über die Webarbeit; eine schwache Röte breitete sich über ihre Wangen und Schläfen. »Sie ist neunzehn Jahre alt. Soll sie nie heiraten, soll sie nie Mutter werden?« Pieter lachte. Aber während er noch lachte, wurde es ihm klar, daß Helen mit ihren blinden Augen mehr gesehen hatte, als er. Er war ein alter Knabe, der vergessen hatte, welche Anforderungen das Leben stellt, wenn man jung war; sie aber war selbst Mutter. Ja, ja, es mußte kommen und rückte mit jeder Woche näher. Wenn man nicht beizeiten Augen und Ohren offen hielt, würde Oanda eines schönen Tages um ihr halbes Leben betrogen sein. Er fuhr sich durchs Haar, strich sich über die buschigen Brauen, während er überlegte, und darauf sagte er: »Wollen wir Wilkins nicht bitten, daß er sich in Manila nach einem jungen Mann erkundigt? Vielleicht kennt Wilkins selbst einen, er kennt ja so viele Leute. Einer, der versuchsweise zu uns auf die Insel kommen könnte – als mein Hilfsarbeiter, meine ich, mit der Aussicht Kompagnon zu werden – das wäre ein gutes Geschäft für einen jungen Mann, wie Wilkins auch wohl weiß.« Er hielt inne, um zu erforschen, was sie dazu meinte. Helen saß mit gebeugtem Kopf und hörte zu. Da sie nichts sagte, fuhr er fort: »Man könnte sie ja auch eine zeitlang nach Manila schicken. Sie könnte bei Wilkins Frau wohnen und sich zwischen den jungen Leuten umsehen.« Plötzlich aber machte der Gedanke, daß er Oanda entbehren sollte, ihn ganz mutlos, und er fügte mit einem Seufzer hinzu: »Aber das eilt ja noch gar nicht, kommt Zeit, kommt Rat.« Helen merkte seinen Kummer über das Neue, das so unerwartet auf ihn eindrang, die Angst, die zu verlieren, die seine tägliche Freude, der Inhalt seines Lebens geworden war: Sie empfand es selbst, und er tat ihr leid. »Sieh nur,« sagte sie munter und richtete sich auf, »sieh, jetzt fehlt nur noch der Rand!« Sie strich die Matte glatt und fuhr wie liebkosend über das Muster. Ihre Fingerspitzen fühlten die Fasern, während sie gesenkten Hauptes, wie in Betrachtung dasaß. Pieter hatte die Hand auf ihren Stuhlrücken gelegt und betrachtete das Werk. Er hatte es von Anfang an gesehen, jetzt aber wurde es ihm erst klar, wie hübsch und eigenartig es war. »Das ist dein Meisterwerk. Wir wollen es selbst behalten. Ich kaufe es.« »Du hast ja keine Verwendung dafür.« »Was sollen Menschen in Manila, die du gar nicht kennst, damit? Wenn sie dir deine Arbeit wenigstens ordentlich bezahlen würden.« »Nicht aufs Geld kommt es mir an,« – und sie fuhr fort, als ob sie mit sich selbst spräche: »Ich flechte meine Gedanken und Träume in diese Arbeit hinein, alles das, was ich für die Menschen getan hätte, wenn ich zwischen ihnen leben würde und sehen könnte. Wenn ich ein Künstler wäre, würde ich das, was ich sagen möchte, in Tönen oder Farben ausdrücken. Mir aber bleiben nur meine Hände.« Pieter verstand sie nicht recht, aber was sie bewegte, das bewegte auch ihn. So war es seit vielen Jahren gewesen und war weder mehr noch weniger geworden: Eine mitleidsvolle, beschützende Zärtlichkeit, die niemals die Ehrfurcht ganz überwandt. Gern hätte er seine Hand tröstend über ihr feines dunkles Haar, das an den Schläfen ergraut war, gleiten lassen – so daß sie fühlen konnte, was er nicht in Worte zu kleiden vermochte: Wie unentbehrlich sie ihm geworden war – aber er wagte es nicht. Darum sagte er nur, was ihm gerade einfiel, und er sagte es mit Nachdruck und Wärme: »Die Matte ist so schön, daß sie in dem Weißen Hause des Präsidenten hängen müßte!« Pieter sah, daß sie in Gedanken versunken war, und er wollte sie nicht stören. Die Sonnenuhr auf dem Rasen zeigte, daß nur noch anderthalb Stunden bis Mittag waren. Er hatte keine Zeit zu verlieren, wenn er seine Tauben noch rechtzeitig schießen wollte. Pieter glaubte bestimmt, daß das Schiff noch vor Mittag in Sicht kommen würde, und seine Ahnungen täuschten ihn selten. Es war eine hergebrachte Sitte, daß Wilkins gebratene Tauben und Schildkrötensuppe bekam – das waren seine Leibgerichte. Sakala mußte Zeit haben die Tauben zu rupfen und auszunehmen. Nein, er hatte keine Zeit zu verlieren. Pieter ging in sein Zimmer und machte sich zur Jagd bereit, während er die Melodien flötete, die vor einem Menschenalter in Batavia Mode gewesen waren, andere kannte er nicht – und trat darauf mit seinem großen flachen Riesenhut, Büchse und Jagdnetz über der Schulter, auf die Veranda hinaus. »Vergiß nicht, daß wir mehr Tauben als gewöhnlich haben müssen,« sagte Helen, die gehört hatte, wie er seine Büchse nahm – sie kannte jeden Laut. »Wilkins bringt ja seine Frau und seine kleinen Mädchen mit.« »Du sollst ein ganzes Dutzend bekommen.« »Es wäre schön, wenn wir zahme Tauben hätten!« Sie streckte ihre Hände aus, als ob sie sie auf dem Dach gurren hörte und mit Korn locken wollte. »Dadurch würde ich um das Vergnügen kommen, sie zu schießen. Und auch der Wildgeschmack ginge flöten. Auf Wiedersehen!« Er ging durch den Garten, wandte sich unter der Kokospalme noch einmal um und rief ihr zu: »Ich gehe zum Wasserfall im Wäldchen, wo die Tauben zum Trinken kommen. Sobald das Schiff gemeldet wird, schicke mir bitte Bescheid.« III. Oanda kam aus dem Wald gelaufen, die Bambustür schlug hinter ihr zu. Gleich darauf stand sie auf der Veranda, beide Arme voll Blumen. »Fühl' Mutter! Riech' Mutter! Wie sie nach dem Regen heute Nacht duften!« Die Blinde beugte ihr Gesicht über die Blumen und küßte sie. Sie badete Augen und Wangen in der frischen, kühlen Fülle, während sie den Duft einatmete. Darauf blickte sie lächelnd auf: »Was willst du mit all' den Blumen? – Du hast ja beide Arme voll.« »Ich will die Veranda schmücken.« – Oanda sah sich prüfend um und bekam im selben Augenblick eine Idee. »O, ich weiß, was ich tun will – ich will einen Blumenbogen über der Gartentür machen – wie auf dem Bild, weißt du, als der Präsident erwartet wurde. Ich will eine – wie heißt es doch noch?« »Eine Ehrenpforte –« »Ja, ja – eine Ehrenpforte will ich machen.« »Warum freust du dich diesmal so sehr auf Wilkins Kommen?« »Ich freue mich auf seine Frau und auf die kleinen Mädchen, die noch nie hier waren.« »Wenn deine Ehrenpforte nur nicht welk wird, bevor das Schiff da ist.« »Es kommt heute noch, das weiß ich bestimmt.« Pieter hatte unten im Garten die Gartenpforte klappen hören, als er sah, daß es Oanda war, kehrte er noch einmal um. »Guten Morgen, Oanda!« Sie lief ihm entgegen. »Ach, Pieter, ich freu mich so sehr! – Sieh nur!« Sie hielt ihm die Blumen hin. Er merkte kaum die bunte Pracht, spürte kaum den kräutrigen Duft, der ihm entgegenschlug, er sah nur sie, wie sie dort im Licht stand, den Sonnenhut wie einen Rahmen um ihr lachendes Gesicht. Ihr flammendes Haar klebte mit kleinen Schweißperlen an der klaren Stirn und hing ihr in widerspenstigen Locken um Ohren und Wangen; die blauen Augen waren dunkel und funkelten von Lebenslust; und hinter den Lippen, die noch vom hastigen Lauf zitterten, schimmerten die weißen Zähne. Oanda erwachsen – dachte er, und sein Blick schweifte von ihrem runden Halse zu ihrer Brust. Ja, es war die Brust eines jungen Mädchens. Fest und gewölbt hob und senkte sie sich beim atmen, im Takt mit dem Beben der Lippen. Weiß der Kuckuck, auch Hüften hatte sie bekommen. Seltsam, daß ihm das noch nicht aufgefallen war. Aber so war es stets: die Blinde sah mehr als er mit seinen beiden gesunden Augen. Wie sie dort stand und ihn anlachte, wußte er nicht recht, ob er sich über die Verwandlung freuen oder betrübt sein sollte. Das Kind würde nie wiederkehren, das war sicher, und würde das, was an seine Stelle getreten war, ihm das Kind ersetzen? Unsinn, tröstete er sich selbst, sie ist und bleibt Oanda, mag sie auch heiraten und Kinder bekommen. Daß sie aber fortreisen, daß er sie nicht jeden Tag vor Augen sehen und ihr helles Lachen hören sollte, das schnitt ihm so ins Herz, daß er laut aufseufzte, ohne es selbst zu wissen. »Warum siehst du mich so an?« »Habe ich dich angesehen?« Er wurde ganz verwirrt und merkte jetzt selbst, wie ganz anders alles schon geworden war. »Ich dachte nur, was du mit all' den Blumen machen willst, denen du das Leben genommen hast.« Sie zog ihn mit sich zur Gartentür, und da sie keinen Arm frei hatte, mit dem sie zeigen konnte, reckte sie sich auf den Zehen und beschrieb einen Bogen mit dem Kopf, um ihm begreiflich zu machen, was sie beabsichtigte. »Ich will eine Ehrenpforte bauen, zum Empfang für Frau Wilkins und die kleinen Mädchen.« Sie begab sich zu dem kleinen Hof hinter dem Hause, wo eine Scheune mit einem Strohdach lag. Dort hatte Toko zwischen dem Hühner- und Schweinestall seine Werkstatt, und etwas weiter unten, am Bach, der Garten und Wald trennte, war sein Bassin für die Schildkröten. »To–ko!« rief sie. »Er ist mit dem Kanu unterwegs.« »Dann mußt du mir helfen, Pieter! Ich muß zwei Bambusstäbe haben, einen für jede Seite der Gittertür, um die ich Lianen schlingen« – sie machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Kopfe – »und Blumen einflechten will. Du sollst sehen, es wird wunderhübsch!« Jetzt trat Sakala auf die Veranda, wo Helen sich erhoben hatte und im Begriff war, die Matte zusammenzurollen; die Tagesarbeit war beendet. Sakala war eine Waise, die Helen zu sich genommen hatte. Schwarzes krauses Haar umrahmte das runde Gesicht mit den sanften, traurigen Augen. Sie war treu und anhänglich wie ein Hund, und da sie anstellig war, konnte sie Helen und Oanda bei der häuslichen Arbeit helfen. Sakala kam mit dem Teig in einer großen, flachen Holzschüssel. Helen probierte ihn und ging mit ihr in die Küche, um ihr beim Backen zu helfen. Während Pieter die Bambusstangen in der Scheune holte, ging Oanda über den Rasen zu dem runden Tisch unter dem großen Bougainville, der in purpurrotem Flor stand. Dort wollte sie die Blumen binden. Sie stutzte – auf dem Tisch lagen die Papierlaternen, die Wilkins voriges Jahr mitgebracht hatte. Pieter hatte sie für das Fest seiner fünfundzwanzigjährigen Rückkehr zur Insel bestellt. Das Fest war eine Ueberraschung und wurde zu einem großen Gedenktage, so schön war es gewesen. Überall in den Bäumen hatten die Laternen mit kleinen Oelflammen gehangen, und zum erstenmal hatte sie Raketen gesehen. Herrlich, herrlich! – Für alle Bewohner der Insel war es ein wunderbares Erlebnis gewesen. Oanda konnte Pieters Rückkehr nicht mehr erwarten. Sie legte die Blumen auf den Tisch und eilte hinter ihm her. Im selben Augenblick bog er um die Ecke des Hauses, mit den Bambusstangen in der Hand. »Warum hast du die Laternen geholt?« rief sie, »willst du für die kleinen Mädchen ein Fest machen?« »Du mußt deine Nase auch in alles stecken,« sagte er ärgerlich. Oanda lachte und schwenkte ihn herum. »Wenn es eine Ueberraschung sein soll, hättest du die Lampen nicht mitten im Garten hinlegen dürfen!« »Ich suchte sie heute morgen hervor, während du fort warst, und habe sie dann ganz vergessen, weil mir etwas einfiel, was ich noch auf die Listen schreiben wollte.« Er machte sich frei und wurde ernst. »Es handelt sich übrigens gar nicht um die kleinen Mädchen, sondern um etwas viel Wichtigeres.« Er wartete, bis auch sie ernst geworden war, und flüsterte, indem er zur Veranda hinübersah: »Uebermorgen sind es zwanzig Jahre her, seit wir deine Mutter draußen auf dem Riff fanden – Toko und ich. Ich habe eine Ueberraschung für deine Mutter, aber du darfst es ihr nicht sagen.« »Nein, nein!« »Wilkins bringt es mit. Verflucht, daß er gerade diesmal so spät kommt!« »Sag, was es ist!« Sie trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. »Ein großes, weißes Marmorkreuz für das Grab, das übers Meer leuchten soll.« »Ein Kreuz – ?« »Mit goldener Schrift: ›Gelobt sei der, der sein Leben läßt für einen anderen!‹« »O, Pieter!« Ihre Augen wurden dunkel, und das Blut schoß ihr in die Wangen. »Das Kreuz ist für den Toten, die Laternen und das Fest aber sind für die Lebenden. Denn es ist doch ein Freudentag, nicht wahr?« »Ja – ja.« »Und Champagner bringt er mit.« Pieters Augen wurden groß und rund. »Was ist das?« »Das ist Wein, der schäumt und siedet, wenn man ihn einschenkt – wie das Wasser beim Riff.« Oanda sah ihn mit großen Augen erwartungsvoll an. »Man trinkt ihn in der Welt bei großen Festen.« Da fiel ihm ein, daß sie ja erwachsen sei, und er fügte hinzu: »Diese Welt wirst du auch einst zu sehen bekommen.« »Ich?« »Möchtest du sie sehen?« Das kam so nachdenklich, daß auch sie nachdenklich wurde. Sie blickte zu der Klippe hinaus, wo sie heute morgen gesessen und ihren alten Traum von dem Schiff, das kommen würde, geträumt hatte. Nicht Wilkins Schiff, sondern das Schiff mit den vollkommenen Menschen unter goldenen Segeln. »Ich weiß nicht recht,« – ihre Augen wurden träumend – »ich möchte wohl die Menschen sehen, die all' die großen wunderbaren Dinge in der Welt erfunden haben – und die jungen, stolzen Männer, denen die Frauen ihre Herzen schenken, wie in den Büchern steht.« Pieter sah sie an – sah das Kind vor seinen Augen schwinden. Darauf atmete er tief, rückte sich den Büchsenriemen zurecht und sagte: »Ich muß jetzt gehen, Oanda, ich will Tauben schießen.« Er reichte ihr die Bambusstangen und lief durch den Garten, ohne sich noch einmal umzusehen. Oanda sah ihm verwundert nach. Fehlte ihm etwas? – Da fiel ihr ein, wieviel sie noch zu tun hatte, und sie begab sich eilig an die Arbeit. Erst hielt sie die Stangen gegen die Gittertür, dann band sie sie mit den Lianen fest, und während sie so beschäftigt war, dachte sie an all' das, was Pieter in Aussicht gestellt hatte – das Kreuz und das Fest – und die Ehrenpforte – und die Welt – ob sie sie wirklich jemals zu sehen bekommen würde? Sie holte sich einen Stuhl von der Veranda, um die Querstange festzubinden, die den Bogen tragen sollte. Es war eine mühsame Arbeit, in die sie sich ganz vertiefte. Als sie schließlich fertig war, lief sie zu dem runden Gartentisch, um die Blumen zu holen. Im selben Augenblick aber hörte sie Ruder plätschern, und ging statt dessen zum Bach hinunter, der am Garten vorbeifloß, von dunklem Laub beschattet; nur mitten im Lauf spiegelte sich ein blauer Himmelsstreifen. Ja, es war der zurückkehrende Toko. Die Lippen in seinem dichten, dunklen Bart bewegten sich, er sprach mit sich selbst, während seine Augen auf einen halbverfaulten Baumstamm achtgaben, der mit der Strömung auf sein Boot zutrieb; er schien einen guten Fang getan zu haben. Jetzt drehte er das Kanu mit einem kräftigen Ruderschlag herum, so daß der Baumstamm vorbeitrieb und das Boot auf das Ufer zuglitt, wo neben dem Schildkrötenbassin eine Landungsstelle war. Als er aufblickte, sah er Oandas hellen Hut zwischen den Büschen. »Hallo!« Er winkte mit dem Ruder. »Eine große Schildkröte und fünf kleine!« Oanda brach sich durch die Büsche Bahn und eilte längs des Ufers auf ihn zu. Er sprang an Land, wobei das Wasser hoch aufspritzte, und zog das Kanu noch näher ans Bassin heran, während er sang: »Schildkröten – Schildkröten – groß und klein – Toko kriegt sie alle!« Er reichte ihr die kleinen Schildkröten Stück für Stück; sie strich über ihre blanke Schale, bevor sie sie ins Bassin warf. Die große mußte sie mit beiden Händen heben. Sie schlug mit Kopf und Füßen um sich, aber es half ihr nichts, sie plumpste ins Wasser mit lautem Aufklatschen. Oanda schüttelte die Wassertropfen von sich ab, hielt aber plötzlich inne. Stimmen erklangen – rasche Fußtritte – Unruhe auf dem Felde auf der anderen Seite des Hauses. Man rief und sprach, Mädchen und Männer durcheinander. Toko richtete sich auf und sah sie an. Im selben Augenblick wußten sie beide, daß das Schiff gekommen sei. Sie eilten in den Garten. Mädchen und Männer kamen aus dem Kokoshain angelaufen und scharten sich um den Grabhügel. Einige liefen hinauf, reckten sich und blickten übers Meer, während sie sprachen und den anderen Zeichen zumachten, Toko ging voran. Als er merkte, daß Oanda ihm nicht folgte, drehte er sich um: »Kommst du nicht mit?« fragte er erstaunt. »Ich muß erst die Ehrenpforte fertig machen!« rief sie ihm zu. Er sah sie mit offenem Munde an. »Geh' nur. Ich will erst die Blumen festbinden.« Er eilte hinter den anderen her. Als er sie beim Grabhügel erreichte, drängten sich die Eingeborenen um ihn. Er überlegte einen Augenblick, dann rannte er auf den Kokoshain zu, und alle anderen hinter ihm her, so schnell die Beine sie tragen konnten. Hier war kein Irrtum möglich – das Boot mußte bereits am Strande sein. Wie aber ging es zu, daß keiner das Schiff draußen auf der Lagune gesehen hatte? Oanda kam mit den Blumen im Arm angelaufen; ihr Herz klopfte vor Erwartung. Wenn sie nur rechtzeitig fertig würde! Als sie am Hause vorbeikam, aus dem der Duft des frischen Backwerkes drang, rief sie: »Mutter – Mutter! Das Schiff ist da!« Sakala kam auf die Veranda heraus, mit rotem Kopf, die Hände weiß von Mehl; sie sollte von Helen sagen, daß sie noch nicht vom Backherd fortgehen könnte. Oanda hatte sich einen Stuhl neben die Gartentür gerückt und war bereits dabei, die Blumen zu befestigen. Sakala horchte auf den Lärm im Hain und wünschte, daß sie auch mit zum Strand hinunterlaufen könnte. Sie stand eine Weile und sah Oanda mit offenem Munde zu. Da rief Helen nach ihr, und sie eilte wieder in die Küche. Jetzt war es wieder ganz still. Oanda reckte sich auf den Zehen und band voller Eifer. Während sie die Blumen nach Form und Farbe wählte, träumte sie, daß es das Schiff mit den goldenen Segeln sei, die wunderbaren, seltsamen Menschen aus der Welt, die endlich zur Insel gekommen wären. »Seht, man hat uns erwartet!« würden sie zueinander sagen, wenn sie die Ehrenpforte erblickten. »Bist du die Prinzessin von dieser Insel?« – »Ja – und dies ist meine Mutter, und dies ist Pieter, und dies Toko, und alle diese sind meine Geschwister.« Da kehrte sie zur Wirklichkeit zurück und seufzte. IV. Oanda war fertig. Während sie ihr Werk musterte, hörte sie von neuem Stimmen aus dem Kokoshain. Das Blut schoß ihr zu Kopf vor Erwartung. Sie wollte den Ankommenden entgegeneilen, besann sich aber eines besseren. Wenn man ihrer zuerst ansichtig wurde, würde man der Ehrenpforte vielleicht gar keine Beachtung schenken. Sie aber wollte sich die Ueberraschung der anderen nicht entgehen lassen. Die Stimmen kamen näher. Gleich würden sie beim Grabhügel sein, von dort konnten sie die Pforte sehen. Sie eilte über den Rasen. Wenn sie sich hinter den Kokosstamm versteckte, konnte sie die anderen sehen, bevor sie sie erblickten. Sie stand hinter dem Stamm und lauschte. Jetzt konnte sie die Stimmen ganz deutlich hören. Seltsam, wie fremd sie klangen. Wilkins Stimme konnte sie gar nicht unterscheiden, und weder eine Frauenstimme noch Kinderstimmen waren zu hören. Toko war es. Er stand und blickte zurück. Warum war er vorausgelaufen? Und wie sah denn sein Gesicht aus? Nicht froh und lächelnd, obgleich er sich doch stets so sehr über den dicken Wilkins zu amüsieren pflegte. Er stand da, als ob er weder ein noch aus wüßte und Hilfe suchte. Und wo blieben die Mädchen und Männer, die doch sonst mit bis ans Haus zu kommen pflegten? Was hatte das zu bedeuten? Da kam ein langer, magerer Mann auf Toko zu. Er trug einen runden, grauen Hut auf dem Kopf so einen, wie bei Pieter im Schrank lag. Auf der Schulter trug er etwas, das wie eine Matte aussah. Er hatte ein langes, schmales, bartloses Gesicht und eine große Nase. Und da kam noch einer, der kaum mit seinem Kopf über den Zaun reichte. Zwischen den Bambusstangen konnte sie sehen, daß er kurz und dickbeinig war und einen grauen Anzug trug. Er hatte einen Backenbart, große, runde Augen, und trug eine flache, weiche Mütze auf seinem runden Kopf. Er sah blaß und müde aus, aber dennoch vergnügt. Und noch einer. Eine seltsame gelbe Erscheinung mit schmalen Augen, wie zwei dunkle Striche. Etwas Rundes und Blankes saß ihm auf der Nase und funkelte in der Sonne. Ach, das war eine Brille, solch eine hatte sie schon auf Bildern gesehen. Sein Anzug war ebenso weiß wie Pieters und schloß hoch am Halse, doch hatte er große Flecke, als ob er in einer Wasserpfütze gelegen hätte. Der Lange, der voranging, blieb stehen und sah erstaunt auf die Blumenpforte. Dann wandte er sich zu dem Kurzbeinigen um und sagte laut und deutlich in ihrer eigenen Sprache: »Was sagen! Sie dazu, Goodwill? – Ehrenpforte, Blumenguirlande, als ob man uns erwartet hätte!« Er trat an den Zaun heran und blickte hinüber. »Beete – Sonnenuhr – Veranda – die Wohnung von Weißen.« Der Kurzbeinige reckte sich auf den Zehen, um über den Zaun zu blicken. Er war stumm vor Staunen. Der Lange öffnete die Pforte, Toko aber schlüpfte vor ihm hinein, als fürchtete er, daß sie Böses im Sinn hätten. Der Lange, dessen dünne Beine mit Zeug umwickelt waren, ging ohne weiteres auf die Veranda hinauf. Dort blickte er sich um, zupfte an Helens Stuhl und wandte sich darauf an Toko. »Wie sagtest du, daß die Insel hieß?« »Van Zantens Insel,« sagte Toko und blickte von einem zum anderen. »Kenne ich nicht. Kennen Sie die?« Der Kurzbeinige, der ihm mit kleinen Schritten gefolgt war, schüttelte den Kopf, während seine runden Augen vom Haus zum Garten und wieder zurückschweiften. »Wie heißt dein Herr?« »Pieter.« »Und wo ist er?« »Im Wald, um Tauben für Wilkins zu schießen.« »Wer ist Wilkins?« Toko sah ihn erstaunt an. Darauf sagte er erklärend: »Der dicke Wilkins.« Der Lange zog die Oberlippe hoch und zeigte seine Zähne, es sollte wahrscheinlich ein Lächeln bedeuten. Die Zähne waren auch lang und dünn, alles an ihm war lang. »Ruf' den dicken Wilkins!« sagte er. »Sein Schiff ist noch nicht da.« Der Lange sah den Kleinen fragend an, der seinen runden Kopf nur schüttelte. »Ist hier denn niemand im Hause?« »Doch, die Frau.« »Sehr schön! Melden Sie uns bitte bei Frau Pieter und sagen Sie ihr, daß zwei hungrige Gentlemen aus den Staaten und ein Doktor aus Japan – Passagiere von der »Makura« der Yusen Kaischa Linie, die auf hoher See in Brand geraten ist – ihr ihre Aufwartung zu machen wünschen. Wir haben seit zweimal vierundzwanzig Stunden von Kakes und halbverdorbenem Büchsenfleisch gelebt und würden außerordentlich dankbar sein, wenn sie uns etwas zu essen geben könnte.« Toko sah verwundert von einem zum anderen, er begriff keine Silbe. Oanda aber hatte alles verstanden. So hatte sie sich die wunderbaren Menschen aus der Welt allerdings nicht vorgestellt, doch seltsam und neu waren sie. Sie kamen nicht von einem Schiff mit goldenen Segeln, sondern von einem, das mitten auf dem Meere in Brand geraten war; vielleicht hatten sie sich in einem Boot gerettet und waren hungrig und hilfsbedürftig. Da trat sie aus ihrem Versteck hervor. Bevor noch einer der Fremden einen Schimmer von ihr gesehen hatte, stand sie vor ihnen mitten im Garten, streckte ihnen die Hände entgegen und sagte: »Willkommen auf meiner Insel!« Sie drehten sich alle zu ihr um und nahmen den Hut ab, bevor sie etwas sagten. Das sah so komisch aus, daß Oanda lächeln mußte, und gleich lächelten alle drei. Der Lange ging einige Schritte auf sie zu und sagte: »Mein Fräulein, wir danken Ihnen!« Dann griff er sich an den Hals und fügte hinzu: »Könnten Sie uns nicht etwas zu trinken verschaffen? Die Kehle ist uns ganz ausgetrocknet.« Oanda eilte auf die Kokospalme zu, kletterte den schrägstehenden Stamm hinauf, mit gestreckten Armen, indem sie ihre Sandalen gegen die Rinde stemmte, bis sie oben die großen, schweren Blätter erreichte, die träge in der Sonne hingen und die mächtigen Nüsse beschatteten. Sie brach drei ab und warf sie hinunter. Eins, zwei, drei war sie selbst wieder unten und sammelte die Nüsse auf. Toko reichte ihr sein Messer. Mit einem einzigen Schnitt löste sie eine Scheibe der gelbgrünen Schale, so daß der klare Saft ihr über die Finger spritzte, und reichte die Nuß dem Langen, der sie gleich an die Lippen setzte und trank. Die anderen beiden kamen schnell herbei und jeder bekam eine Nuß. »Ah!« sagte der Lange mit einem tiefen Seufzer und sah sie dankbar mit seinen grauen Augen an, »vielen Dank, mein Fräulein, das hat wohlgetan!« »Wunderbar!« sagte der Kurzbeinige und atmete tief auf, während er übers ganze Gesicht strahlte. Der Gelbe sagte nur »danke«; seine schmalen, schwarzen Augenritzen blickten von ihr zur Palme und über den Garten; er blickte durch die kleinen, blanken Augengläser, als ob er die Dinge mit seinem Blick hastig an sich reißen wollte. Seine Augen waren immerwährend in Bewegung, seine schmalen Lippen aber waren so fest zusammengepreßt, daß es schien, als hätte er Mühe, sie beim Sprechen zu öffnen. Der Lange trank wieder, bis kein Tropfen mehr übrig war; darauf trocknete er sich den Mund und sagte: »Tausend Dank, Fräulein Pieter!« Sie lachte mit schimmernden, weißen Zähnen und sagte: »Ich heiße Oanda.« »Wunderschöner Name! Haben Sie gehört, Goodwill: Oanda! Verzeihung, Fräulein Oanda!« fügte er hinzu und nahm seinen Hut wieder ab. »Ich bin Fielding aus Pennsylvania – und das ist Herr Goodwill. Er ist Missionar und auf der Heimreise von Kanton begriffen. Und das da ist Doktor Nomura aus Tokio. Wir haben achtundvierzig Stunden in einem offenen Boot zugebracht. Als wir von Hongkong nach Manila kamen, lag das Schiff eine Woche im Hafen, um zu laden, darauf stachen wir in See, um nach den Staaten zurückzukehren. Eines Nachts aber brach Feuer an Bord aus, und wir mußten alle Mann in die Rettungsboote, nachdem wir den Proviant unter uns verteilt hatten. Wir hatten ein kleines Segel und ruderten abwechselnd. Das Meer war still, und schließlich kamen wir zu dieser Insel. Was aus den andern Booten geworden ist, mögen die Götter wissen. Entschuldigen Sie, mein Fräulein, wenn Sie kein Fräulein Pieter sind, dann sind Sie vielleicht eine Tochter von Herrn Wilkins?« Wieder lachte Oanda. »Wilkins wohnt gar nicht auf unserer Insel. Ich bin die Tochter meiner Mutter.« Der Lange zog die Oberlippe hoch. »Ausgezeichnet! Haben Sie gehört, Goodwill: Die Tochter ihrer Mutter! Wer ist denn aber Herr Pieter?« »Dem gehört die Insel.« »Ah – Herr van Zanten und Pieter sind also ein und dieselbe Person. Sagten Sie aber nicht, Fräulein, daß die Insel Ihnen gehörte?« »Ja, Pieter und Mutter und mir – und all' meinen Geschwistern gehört die Insel.« »Wieviele Geschwister haben Sie denn?« »Das weiß ich nicht so genau. Ich glaube sechs- oder siebenhundert.« »Sechs- oder siebenhundert, Goodwill!« »Ja, aber liebes kleines Fräulein,« – der Kurzbeinige sah mit einem ungewissen Lächeln zu ihr auf – »Sie meinen doch nicht –« »Und dann ihren Eltern und all' den Alten.« »Ah, ich verstehe,« Goodwill wurde so interessiert, daß er auf seinen kurzen Beinen hin und her trippelte. »Es ist ein kommunistischer Staat. Eine ganze Insel von Brüdern und Schwestern im Herrn. Ah, das ist wundervoll! Aber – dann muß hier ja auch ein Geistlicher sein – ein Kollege?« »Ein Geistlicher –?« »Ja, oder ein Gemeindevorsteher oder etwas derartiges?« Oanda verstand ihn nicht. »Sind die Bewohner denn keine Christen? Glauben Sie nicht an Gott?« Komische Frage, er hätte ebensogut fragen können, ob sie an die Sonne und den Mond glaubten. »An unsern christlichen Gott – und seinen Sohn Jesus Christus?« »Meinen Sie den Christus, der das Licht sandte, als die Dunkelheit in der Welt herrschte? Aber das ist lange, lange her.« »Ausgezeichnet, Fräulein!« entschied der Lange, »die Insel gehört also nicht den Staaten, das ist klar, sonst würde mir der Name auch bekannt sein. Ist sie englisch oder deutsch oder französisch?« Oanda blickte von einem zum anderen. Hatte sie es ihnen nicht schon genügend gesagt? »Die Insel gehört van Zanten.« Herr Fielding schlug seinem Reisegefährten auf die Schulter. »Goodwill,« sagte er, »wir haben das Glück gehabt, eine Insel zu entdecken. Schade, daß wir keine Flagge da haben. Na, einerlei. Wir verfassen ein Okkupationsdokument – Sie und Nomura sind Zeugen.« Er zog sein Notizbuch und schrieb: »Ich, Tom Andrew Harris Fielding, Inspektor des Gefängniswesens im Staate Pennsylvania, strandete heute auf einer herrenlosen Insel, von den Bewohnern, van Zantens Insel genannt. Ohne auf Widerstand bei den Eingeborenen zu stoßen – im Gegenteil, sie haben uns mit einer Ehrenpforte und Blumenguirlanden empfangen – nahmen wir die Insel im Namen der Staaten in Besitz und verpflichteten uns, sobald es uns irgend möglich sei, dem Präsidenten von dem Okkupationsakt Mitteilung zu machen. Datum. Unterschrift.« Er klappte das Buch zu und steckte es in die Tasche. »So, Fräuleinchen – jetzt ist die Insel im gesetzmäßigen Besitz der Staaten, und ich werde die Ehre haben, Sie im Namen des Präsidenten zu dem zu ernennen, was Sie am liebsten sein wollen, mit allen dazugehörigen Rechten, falls Sie uns so schnell wie möglich etwas zu essen verschaffen.« Oanda sah ihn mit großen Augen an. Die Staaten? Der Präsident? »Ich will meine Mutter holen,« sagte sie und lief ins Haus. »Allerliebste Kleine, nicht wahr, Goodwill?« Der Lange blickte ihr nach. Dann ging er durch den Garten, von den anderen gefolgt, während Toko sie von weitem mit scharfen Augen bewachte. Als Oanda in die Küche kam, war Helen im Begriff, ihre Hände vom Backen zu säubern. »Mutter – Mutter!« Sie schlang die Arme um Helen und sprach so schnell, daß sie kaum Luft bekommen konnte: »Es ist gar nicht Wilkins und seine kleinen Mädchen. Es sind drei Herren aus den Staaten, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie seltsam sie aussehen. Der eine trägt einen Hut wie den, der bei Pieter im Schrank liegt, und eine zusammengerollte Matte auf der Schulter. Er hat eine große Nase und zeigt die Zähne, wenn er spricht. Der andere ist klein und dick und lacht mit den Augen. Er sieht aus, wie der Ziegenbock, den Wilkins Toko mal mitbrachte. Weißt du noch – sein Bart aber ist gestutzt und Hörner hat er nicht. Und der Dritte ist ganz gelb und welk, wie an der Luft getrocknet, er spricht nur mit seinen schwarzen, schmalen Augenritzen, sein Mund ist wie eine schiefe Linie unter der Nase.« Helen und Oanda traten auf die Veranda, und als die Fremden ihrer ansichtig wurden, eilten sie auf sie zu. Schon von weitem nahmen sie die Hüte ab, und der Lange, der voran war, sagte: »Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen, gnädige Frau.« Er streckte ihr die Hand hin. Als sie sie nicht ergriff, blickte er erstaunt in ihre großen, strahlenden Augen, und war sich im selben Augenblick darüber klar, daß sie blind sei. Helen spürte es; sie tastete durch die Luft und faßte seine Hand. »Ich bin blind,« sagte sie erklärend. Fielding murmelte einige bedauernde Worte, während er das weiße Gesicht prüfend betrachtete, das durch die Aufregung sanft gerötet war. Von der natürlichen Hoheit ergriffen, die über ihrer Gestalt lag, wie sie dort still und aufrecht in ihrem einfachen weißen Kleide stand, drückte er ihre Hand noch einmal. Darauf stellte er seine Reisegefährten vor und erzählte von ihrem Geschick. »Ich heiße Sie willkommen!« sagte Helen und streckte ihnen die Hand hin. Goodwill faßte sie hastig mit seinen beiden Händen. »Wie tut es mir leid, gnädige Frau,« sagte er und brach verwirrt ab, während Nomura ihre andere Hand wortlos drückte. Das wird der Japaner sein, dachte Helen; sie sah sie alle vor sich, wie Oanda sie beschrieben hatte. »Bitte, nehmen Sie Platz – Sie werden gleich etwas zu essen bekommen.« Sie deutete mit der Hand auf die Stühle, und Oanda rückte sie zurecht. Darauf rief sie Toko und gab ihm einen Bescheid für Sakala. »Wie gemütlich Sie hier wohnen, mitten im Ozean!« sagte Fielding, nachdem sie alle Platz genommen hatten, »Sie sind aus den Staaten, gnädige Frau?« »Nein, aber mein Mann war Amerikaner.« »Ach, Sie sind Witwe?« »Mein Mann kam ums Leben, als wir vor zwanzig Jahren hier auf der Insel strandeten.« »O, wie traurig!« Goodwill faltete seine kleinen, kurzen Hände. »Stranden und zu gleicher Zeit den Gatten verlieren, das ist doppelter Schiffbruch!« »Welch ein Glück, daß Sie zu einer Insel mit zivilisierten Menschen kamen. Ich nehme an, daß Herr Pieter schon damals hier wohnte.« »Ja. Ihm danke ich mein Leben – und das meiner Tochter.« »Liebe, gnädige Frau,« Goodwill rückte seinen Stuhl näher an den ihren heran, »wieviel mögen Sie hier durchgemacht haben!« »Hier nicht.« Helen richtete ihre Augen auf ihn, mit einem Lächeln, das alle in Erstaunen setzte. »Van Zantens Insel ist eine glückliche Insel.« »Goodwill,« – Fielding schlug jetzt einen heiteren Ton an – »wir haben eine glückliche Insel gefunden.« »Aber die Wilden?« Oanda fing an zu lachen, und Fielding lächelte mit seinen langen Zähnen. »Hier gibt's keine Wilden,« sagte Helen und lächelte ebenfalls. »Verzeihung – ich meine die Eingeborenen.« »Goodwill meint,« sagte Fielding erklärend, »daß Sie es sind, die die Insel glücklich gemacht haben.« Goodwill heftete seine runden Augen mißbilligend auf Fielding. Seine Heiterkeit schien ihm unangebracht. »Es ist Ihnen also geglückt, gnädige Frau – und Herrn van Zanten – dieser schönen Insel den Segen der Zivilisation und des christlichen Glaubens zu bringen?« Oanda beugte sich über Helens Stuhl und sagte: »Er hat mich vorhin gefragt, ob ich an Gott glaube.« »Ausgezeichnet, ausgezeichnet!« Fielding lachte und schlug seinem Kameraden aufs Knie. »Sie sind zu spät gekommen, mein guter Goodwill, hier hat man keine Verwendung mehr für Sie.« »Gnädige Frau,« sagte Goodwill sehr würdevoll, »diese Entdeckung freut mich sehr.« Dann saß er eine Weile und sann, bis ihm ein Licht aufging. »Ah, ich verstehe,« sagte er strahlend, »Herr van Zanten ist Missionar und hat sich auf dieser Insel niedergelassen, um die Einwohner zu bekehren.« »Nein, er war Kaufmann und kam hierher, um mit den Produkten der Insel zu handeln.« »Aber gnädige Frau,« – Goodwill sah bedenklich aus – »wer nimmt denn die kirchlichen Handlungen vor, Taufe und Begräbnis?« »Niemand.« »Aber, mein Gott, dann sind Sie ja keine Christen!« Er blickte in die leeren Augen, die ihn anstrahlten, und zog sich unwillkürlich etwas zurück. »Nein, nicht im eigentlichen Sinne.« »Aber, meine gnädige Frau –« Fielding unterbrach ihn: »Ich will Ihnen nämlich sagen, gnädige Frau, obgleich Goodwill eben erst mit dem nackten Leben aus China entkommen ist – in Kanton, wo Aufruhr war, trachteten die undankbaren Menschen ihrem Seelsorger nach dem Leben – glaubt er doch hartnäckig, daß eine glückliche Insel nicht ohne das Christentum sein kann.« »Ja, wahrlich,« sagte Goodwill würdevoll und richtete sich auf. »Wer aber hat Ihre Tochter getauft, die wie ich annehme, hier auf der Insel geboren ist?« »Sie ist gar nicht getauft –« »Gnädige Frau, das ist eine große Verantwortung.« Goodwill hob den Kopf und versuchte einen Ueberblick über die Insel zu nehmen. Darauf nickte er feierlich und sagte, als ob er eine große Bürde auf sich nähme: »Hier liegt eine große Aufgabe, die ihrer Lösung harrt.« »O nein,« sagte Helen sanft, »hier auf der Insel sind alle gläubig.« Goodwill stützte seine Hände mit Nachdruck auf die Lehne des Korbstuhls. »Aber, gnädige Frau, das ist ja das reine Heidentum, und« – fügte er mit priesterlicher Autorität hinzu – »ich sehe mich gezwungen, hierüber Bericht zu erstatten.« Fielding blickte verstohlen auf Goodwill, dessen Augen vor Eifer rund waren. Er amüsierte sich und sagte mit der unschuldigsten Miene von der Welt: »Auch ich kann mir nicht vorstellen, daß eine Insel ohne Gefängnis glücklich ist, weil ich zufällig Inspektor des Gefängniswesens bin!« Er beugte sich zu Helen und sagte erklärend: »Ich bin besuchsweise auf den Philippinen gewesen, weil in Manila eine Zentralisation für dreitausend Gefangene ist, mit einem so bewunderungswürdigen Kontrollsystem, daß sie ihresgleichen in den Staaten nicht hat.« »Was ist ein Gefängnis?« fragte Oanda. Fielding sah sie interessiert an. »Das ist ein großes Haus mit einer hohen Mauer, wo man Verbrecher einsperrt, um sie zu nützlichen und zufriedenen Bürgern zu machen. Stellen Sie sich vor, eine van Zanten-Insel für Verbrecher.« »Aber wohlgemerkt,« fiel Goodwill ein, »eine Insel, wo selbst der hartgesottenste Sünder Zugang zum Trost der Religion hat. »Nicht wahr, Goodwill, auch die geistliche Aufsicht war in dem dortigen Gefängnis vorzüglich?« »Freilich, freilich, alle Einrichtungen, die Sie mir zeigten, waren so vortrefflich« – Goodwill verweilte mit Behagen bei der Erinnerung – »daß ich mir nichts besseres wünschen kann, als einer Gefangenenorganisation, die so organisiert ist, beizutreten.« »Was sollte aber dann aus Ihren teuren chinesischen Seelen werden?« Goodwill blickte ihn verstohlen an; das lange Gesicht aber war ganz ernst. »Ja, was kann man da machen? Wie soll man in seinem Beruf wirken, wenn man mit Feuer und Schwert vertrieben wird?« Oanda, die von einem zum andern gesehen hatte, fing an zu lachen, sie wußte selbst nicht warum sie Goodwills runde Augen so komisch fand. Fielding sandte ihr einen hastigen Blick hinter Goodwills Rücken und zog die Oberlippe hoch. Im selben Augenblick öffnete Nomura seinen Mundspalt und sagte mit dürrer Stimme, langsam und mit Nachdruck: »Die Chinesen verstehen die Güter der Weißen nicht zu schätzen.« Alle wandten sich dem Japaner zu, der inzwischen wieder so aussah, als ob er seinen Mund gar nicht geöffnet hätte. »Allerdings,« sagte Fielding trocken, »Ihr Japaner habt sie besser auszunutzen verstanden.« »Herr Nomura,« sagte Goodwill erklärend, »hat in den Staaten seinen Doktor der Medizin gemacht und kehrt jetzt dorthin zurück, nachdem er fünf Jahre segensreich an den Krankenhäusern in Manila gewirkt hat.« »Nicht wahr, Doktor?« sagte Fielding, »auch das Aerztewesen war im dortigen Gefängnis erstklassig?« »Ja, erstklassig!« Nomura zögerte einen Augenblick, ob er noch einen Satz hinzufügen sollte. Dann sagte er mit Nachdruck: »Ich meine wie Herr Goodwill, auch ich würde gern in den Dienst solches Gefängniswesens eintreten.« »Ausgezeichnet,« stellte Fielding fest, »alle wollen auf die glückliche Gefängnisinsel.« V. Es gab neugebackenes Tarobrot, das sie noch nie gekostet hatten. Es gab Eier, richtige Hühnereier. Eine Dose Sardinen aus Manila, und Tatloi-Fisch in Gelee, die herrlichsten Bananen, jungen Palmwein und junge Palmenschößlinge, die wie Blumenkohl, nein, noch besser, schmeckten. Fielding sagte »ausgezeichnet!« und Goodwill »wunderbar« und Nomura nur »hm«. Helen hatte Toko zum Wasserfall im Walde geschickt, um Pieter zu holen. Einige Stunden waren vergangen. Die Sonne stand hinter dem Hause, dessen Schatten bereits die Sonnenuhr erreichte. Die Fremden machten es sich auf den Korbstühlen bequem, während sie Pieters Manila-Zigarren rauchten. Fielding erzählte von dem Brand an Bord und von ihrer Bootsfahrt auf dem ölblanken Meer. Da hörte Helen, bevor einer der andern es gewahr wurde, einen Laut von knackenden Zweigen. Sie hob den Kopf und lauschte. Es waren nicht Pieters Schritte allein, die sie am Ende des Gartens hörte, sondern die Schritte von mehreren. Jetzt konnte sie auch Stimmen unterscheiden. Im selben Augenblick hatte auch Oanda den Laut aufgefangen und wandte den Kopf. Sie versuchte sowohl auf die Schritte, wie auf Fieldings Erzählung zu hören, doch das glückte ihr nicht. Da raschelte es im Hibiscusgebüsch, und Toko kam zum Vorschein. Was aber war das? Er kam von rückwärts und trug etwas zusammen mit Pieter. Als sie durch den Garten kamen, sah Oanda zwei Beine über Tokos Arm baumeln. Ganz hinten im Garten steckten die Eingeborenen ihre Köpfe aus dem Gebüsch, die Augen vor Neugierde weit aufgerissen. Sie wagten der Fremden wegen nicht näher zu kommen, Oanda hatte sich erhoben und war ihnen entgegengegangen. Jetzt drehte sie sich um und rief: »O, Mutter – ein Gelber – er schläft, oder ist tot.« Alle standen auf und gingen in den Garten hinunter, während Toko und Pieter den Mann auf den Rasen legten und seinen Rücken gegen den breiten Stamm der Kokospalme lehnten. Pieter richtete sich auf, musterte die Fremden, die auf ihn zukamen, ihn grüßten und sich vorstellten. Er nickte, hieß sie willkommen und deutete auf den Mann, der mit geschlossenen Augen vor ihnen im Gras lag. Seine Haut war gelb und blank, das Gesicht breit, die Nase flach und die Augen fast ohne Brauen. Seine Jacke stand offen, so daß man den dicken groben Hals sah. Sein Anzug war naß und klebte am Körper. »Das ist ja der Kuli,« sagte Fielding und stieß mit seinem Fuß gegen dessen Bein. »Wahrhaftig, das ist Tsing Kai!« Goodwill beugte sich über ihn. »Er sprang aus dem Boot, als wir hinter die Brandung gelangt waren, und schwamm davon, so schnell er konnte.« »Ich habe ihn am Strande bei der Mündung des Baches gefunden,« sagte Pieter und beugte sich herab, um nach einem Lebenszeichen in dem unbeweglichen Gesicht zu spähen. »Armer Kerl,« sagte Fielding. »Untersuchen Sie ihn, Doktor.« Nomura kniete nieder und öffnete die Jacke des Chinesen, so daß seine behaarte Brust zum Vorschein kam. Er legte sein Ohr horchend darauf, während die anderen sich vorbeugten und den Ausdruck in dem leblosen Gesicht beobachteten. »Leben!« sagte der Japaner und begann die Arme des Chinesen auf- und niederzubewegen. Oanda sah mit großen Augen zu. Dann lief sie zur Veranda hinauf und nahm eine Kumme mit Palmwein vom Tisch, um ihm zu trinken zu geben, wenn er wieder zu sich kommen würde. Fielding betrachtete die nackte Brust aufmerksam, auf der eine große weiße Narbe sichtbar war. Da schlug der Schiffbrüchige die Augen auf. Der Blick, der glanzlos war, tastete wie durch Nebel und blieb schließlich auf Oandas Augen haften. Sie kniete neben ihm nieder, ihren Blick in den seinen gesenkt, als wolle sie ihm Leben von ihrem Leben geben. Endlich leuchtete es in seinen Augen auf, er öffnete sie ganz und strammte seine Lippen. Nomura hob seinen Kopf, und Oanda hielt ihm die Schale an die Lippen. Er trank, während er sie ansah, und sie meinte, daß er lächelte. Oanda strich ihm eine Strähne seines schwarzen Haares aus der Stirn. Der Chinese wandte seinen Mund von der Schale ab und schloß die Augen, als ob das Licht ihm wehtäte. Toko holte eine Matte und ein Kissen. Er und Nomura hoben ihn hoch, während Pieter die Matte zurecht rückte und ihm das Kissen unter den Kopf schob. Gleich darauf schlief er ein. »Ueberanstrengung!« sagte Nomura. Oanda betrachtete den Schlafenden eine Weile, dann sagte sie zu ihrer Mutter: »Er hat solch gutes Gesicht, wie ein krankes Kind. Aber er hat keine Augenbrauen, die Augen sitzen schief und seine Nase ist platt, und auf der Brust hat er eine große weiße Narbe.« »Das ist keine Narbe,« sagte Fielding, »es ist ein Merkmal. Ein Buchstabe.« Oanda sah ihn erstaunt an. »Wie ist er dazu gekommen?« »Das Mal ist ihm mit einem Stempeleisen eingebrannt worden.« Sie starrte ihn entsetzt an und griff nach der Hand ihrer Mutter. »Wer hat das getan?« fragte sie. »Das Gefängnis in Manila. Er ist ein entwichener Sträfling.« »Nicht möglich!« Goodwill betrachtete den Chinesen. »Warum haben Sie uns das nicht früher gesagt? Wir hätten doch wissen müssen, wen wir bei uns im Boot hatten.« »Ich habe es selbst eben erst gesehen.« Oanda griff nach seinem Arm. »Mit einem glühenden Eisen?« fragte sie leise. »Ja, damit man die Sträflinge wiedererkennen kann, wenn sie flüchten.« »Bei einem lebendigen Menschen?« »Natürlich nicht bei den Weißen. Nur bei den Chinesen, Malaien und anderen Farbigen.« Oanda blickte von einem zum andern, um zu ergründen, ob das alles nicht nur Scherz sei. Auf den Langen konnte man sich nicht verlassen, das hatte sie schon gemerkt. Er neckte seinen Freund und zog hinter seinem Rücken die Oberlippe hoch. »Pieter – ist das wirklich wahr?« Es war noch nie vorgekommen, daß jemand Oanda wehgetan hätte. Pieter runzelte die Brauen und das Blut stieg ihm zu Kopfe; es war so lange her, seit er zornig gewesen war, daß er es fast vergessen hatte. »Wer sind Sie eigentlich?« platzte er heraus. Fielding begegnete seinem grimmigen Blick, richtete sich höher auf und antwortete höflich: »Ich bin Inspektor des Gefängniswesens in Pensylvania.« »Was Sie sind, das interessiert mich gar nicht,« antwortete Pieter und sah ihn herausfordernd an. »Und wer sind Sie?« fragte Fielding mit unveränderter Höflichkeit. »Ich bin Herr dieser Insel.« »Ich erlaube mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß wir kein privates Eigentumsrecht auf Inseln innerhalb unserer Interessensphäre anerkennen. Ich habe vor kurzem im Namen des Staates von der Insel Besitz ergriffen. Leider habe ich keine Flagge, sonst würde ich sie hissen.« »Und ich würde Sie im selben Augenblick herunterreißen.« Fielding schwieg und maß seinen Gegner. »Sie besitzen im Augenblick die Macht,« sagte er dann. »Und ich habe die Absicht, sie auch zu gebrauchen.« »Auf meiner Seite aber ist das Gesetz.« »Hier gilt kein anderes Gesetz, als Gottes und mein eigenes.« »Sind Sie amerikanischer Bürger?« »Nein. Und hier gibt's weder Gefängnisse noch Sträflinge.« »Aber in den Staaten, Und ich habe die Pflicht, den Mann, der dort im Gras liegt, mitzunehmen, wenn ich von hier fortgehe.« »Keiner hat nach Ihnen geschickt, und Sie mögen je eher je lieber, wieder in Ihrem Boot davonfahren. Dieser Mann aber bleibt hier, solange ich und sie es für gut befinden.« Er deutete mit dem Kopf auf Helen und kehrte Fielding den Rücken. Oanda betrachtete Fielding klopfenden Herzens und mir Augen, die vor Zorn dunkel waren. Pieter nahm ihre Hand und sagte: »Kehre dich nicht daran. Niemand soll ihm etwas zu leide tun.« »Lieber Herr Fielding,« legte Goodwill sich ins Mittel, »Sie dürfen nicht verkennen, daß wir momentan unter dem Gesetz des Gastrechts stehen – auch der arme Sünder dort.« »Ausgezeichnet, Goodwill!« Der Lange hatte seine gute Laune wiedergewonnen, »Ich beantrage, daß wir erst erfahren, was der Mann getan hat, bevor Sie diejenigen verurteilen, kleines Fräulein, die ihn bestraft haben.« »Ja,« sagte Helen, »das ist wahr.« Oanda hatte kaum zugehört. Sie mußte immerzu an das denken, was Fielding von den Weißen und den Farbigen gesagt hatte. Sie bekam ordentlich Herzklopfen vor angestrengtem Denken. Schließlich machte sie ihrem Herzen Luft. »Meine Geschwister sind auch farbig,« sagte sie und wies mit dem ausgestreckten Arm über die Insel, »ist ihr Herz darum anders als meines?« »Oanda,« sagte Helen und legte beruhigend die Hand auf ihren Arm. »Warum hat er gesagt: ›Natürlich nicht bei den Weißen –‹ sind wir besser, weil unsere Haut weiß ist?« »Nein, Oanda, aber dort, wo Herr Fielding zu Hause ist, betrachtet man solche Dinge anders als du und ich.« »Dann ist es ja nicht wahr, daß nur ein einziges Licht in uns allen ist.« »Liebes Kind, das verstehst du nicht. Laß uns erst hören, was der Chinese Böses getan hat, und warum er von dem Gesetz bestraft worden ist.« »Was ist böse? – Was ist Gesetz?« Goodwill entsetzte sich über ihre Worte. Er warf Helen einen strengen Blick zu und vergaß, daß sie ihn nicht sehen konnte. »Gnädige Frau,« sagte er feierlich, »Sie tragen eine große Verantwortung.« Ohne daß die andern es bemerkt hatten, war der Chinese erwacht, er hatte sich aufgerichtet, dem Wortwechsel gelauscht und Oandas Zorn verstanden. »Ich nicht schlecht sein,« sagte er in seinem Kulienglisch. Die andern drehten sich erstaunt zu ihm um, und Pieter fragte: »Warum bist du aus dem Boot gesprungen?« »Ich Furcht hatten, daß Gefängnismann mich festnehmen.« »Wie heißt du?« »Tsing-Kai.« »Woher stammst du?« »Kanton.« »Aus Kanton.« Goodwill beugte sich interessiert zu ihm herab. »Warum hast du das nicht gesagt, als du uns rudertest? – Ich bin auch aus Kanton.« Der Chinese sah ihn an, antwortete aber nicht. »Aus welcher Gegend in Kanton bist du?« »Vom Fluß – Vater auf Fluß – Mutter auf Fluß.« Goodwill legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte freundlich: »Erzähle uns alles, Tsing-Kai!« Der Chinese wandte seine schiefen Augen von ihm zu Fielding und von Fielding zu van Zanten. »Dir soll nichts geschehen,« sagte Pieter, »hier bin ich Herr.« »Erzähl' uns alles,« sagte Oanda und strich dem Chinesen übers Haar. Tsing-Kai sah mit Augen wie ein Hund zu ihr auf. »Wer ist dein Vater?« fragte Goodwill. »Tsing-Loo, arm, sehr arm. Er rauchen Opium, viel Opium, immer Opium.« »Was ist Opium?« fragte Oanda. »Böser Teufel, stehlen Mann von Frau, Mann von Kinder, Mann von Arbeit.« Er atmete tief und fuhr fort: »Opium stehlen Tsing-Loo. Mutter und kleine Kinder leiden Not. Tsing-Kai arbeiten in Goldmühle, wenig Geld, Manila mehr Geld. Ich senden Geld nach Hause. Mein Freund rauchen Opium. Tsing-Kai sagen nein, nein. Teufel sagen ja, ja. Ich rauchen wenig, dann rauchen viel. Geld weg, Arbeit weg. Kein Geld mehr für Mutter und kleine Geschwister. Mutter sterben. Tsing-Kai sehr betrübt, sehr böse auf Opiumteufel. Weiße senden Opium von Indien nach China, verdienen viel Geld. Tsing-Kai sehr arm, kein Geld für kleine Geschwister, zwei Mädchen, zwei Jungen. Tsing-Kai zerschlagen alle Pfeifen. Nach Hause reisen zu kleinen Geschwistern. Aber kein Geld für Reise. Ich betteln in Godowns. Kein Geld. Tsing-Kai böser Mensch, rauchen wieder Opium. Ich gehen nachts zu Goldladen, klettern über Mauer. Ich Dieb, schlechter Kerl, erbrechen Schublade, nehmen Hand voll Gold – Gold vom Flusse aus den Bergen, Bergen der Eingeborenen, Weiße kommen von Manila, nehmen Eingeborenen auch Gold. Wächter mich hören. Großer Hund, Auf ihn! Schlechter Kerl, Dieb! Tsing-Kai beißen. Polizei – schwarzes Loch – ich weinen und bitten. Weißer Gefängnismann aber kein Mitleid mit kleinen Geschwistern, keine Mutter, keinen Vater, nur Tsing-Kai. Ich versprechen zum Gefängnis zurückzukehren. Weißer Mann sagen nein, nein, Tsing-Kai, schlechter Kerl, Dieb. Ich sitzen viele Tage. Ich fliehen, klettern über Mauer wie eine Katze. Weiße schießen nach Tsing-Kai, nicht treffen. Ich rennen zum Hafen, zu großem Dampfer hinausschwimmen. In Schiffslast hinunter, pechdunkel, essen Kopra, viele Ratten, nachts große Wärme – Schiff brennen – Ratten pfeifen, Männer pumpen Wasser ins Schiff. Ich über Bord springen, schwimmen, schwimmen. Boot von Schiff. Hilfe! Hilfe! Weiße Männer nehmen Tsing-Kai an Bord. Tsing-Kai für Weiße rudern Tag und Nacht. Weiße sprechen von Gefängnis, Tsing große Angst, Land in Sicht. Ich rudern, Schaumwasser – weißes Wasser – kleiner See – Strand. Ich springen über Bord, schwimmen fort von weißem Gefängnismann. Tsing-Kai müde. Arme schwimmen nicht mehr, Beine schwimmen nicht mehr, Tsing-Kai weg, fort, tot. Nie mehr kleine Geschwister, müssen verhungern.« VI. Als Tsing-Kai seine Geschichte beendet hatte, wandte er sein Gesicht fort, und zwei große Tränen quollen aus seinen gesenkten Augenlidern hervor. Oanda legte ihre Hand auf seinen Arm. »Wir wollen dafür sorgen, daß du nach Hause kommst. Wir wollen Wilkins bitten, sich deiner anzunehmen. Nicht Pieter?« »Verzeihen Sie,« Fielding wandte sich an Helen, »wer ist dieser Wilkins?« »Ein Schiffer, der Kopra und Bananen abholt und uns statt dessen Waren bringt. Wir erwarten ihn täglich.« »Haben Sie gehört, Goodwill, das nenne ich einen glücklichen Zufall. Ist er Amerikaner?« »Er ist aus San Franzisco.« »Ausgezeichnet!« Goodwill legte seine Hand teilnahmsvoll auf Tsing-Kais Schulter und sagte: »Nenn' mir den Namen deiner Mutter und sage mir, wo ihr am Fluß wohntet. Ich werde meinen Freunden durch Herrn Wilkins einen Brief schicken und sie bitten, sich deiner Geschwister anzunehmen.« »Wozu einen Brief schicken? Er wird ja selbst hinkommen.« »Fräulein Oanda,« Fielding sah sie streng an, »wir ehren ihr gutes Herz. Tsing-Kai kann aber nicht nach Kanton kommen, bevor er seine Strafe abgebüßt hat.« »War es denn schlecht von ihm, daß er zu seinen Geschwistern nach Hause wollte?« »Er hat von dem Gold gestohlen, das ihm anvertraut war.« »Er stahl von dem Gold, das andere aus den Bergen und Flüssen der Eingeborenen gestohlen hatten. Warum werden diese nicht auch bestraft? Mutter, ist es weniger schlimm, wenn viele Menschen, die die Macht haben, aus Begehrlichkeit stehlen, als wenn ein einzelner armer Mensch es aus Not tut?« »Nein, Oanda. Und doch muß es so sein, wie Herr Fielding sagt.« »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, und es freut mich, daß Sie erkennen, daß weder Wilkins noch ich anders handeln können, als unsere Pflicht es verlangt.« »Ich kümmere mich nicht um Pflicht.« »Liebes Fräulein,« Goodwill sah sie betrübt an, »wenn Sie den rechten Glauben hätten, würden Sie so etwas nicht sagen.« »Ihr andern habt nicht den richtigen Glauben. In euren Herzen ist kein Licht.« »Oanda!« Helen streckte die Hand abwehrend nach ihr aus. Oanda aber wollte nicht hören, ihr Gemüt war zu erschüttert. »Warum hast du vor mir verborgen, wie die Welt ist? Warum hast du mir nicht gesagt, daß in den Menschen ein anderer Gott ist, als in uns? – Was kümmert mich Gesetz und Pflicht, wenn Gott, der in meinem Herzen ist, mir sagt, daß ihre Taten böse sind? – Pieter hilf mir doch, warum sagst du gar nichts?« Pieter aber wußte nicht, was er sagen sollte. Er dachte nicht an Tsing-Kai. Er dachte nicht an Gesetz und Pflicht, er dachte nur, daß Oanda so plötzlich eine ganz andere geworden war. Wie sie dort stand mit glühenden Wangen und zornigen Augen, schien sie mit jedem Wort zu wachsen, so daß sie fast nicht wiederzuerkennen war. Oanda faßte ihn am Arm. »Hat er Strafe verdient?« fragte sie ihn. »Hat er schlecht gehandelt, weil er nach Hause reisen und für seine Geschwister sorgen wollte?« »Nein, das nicht, Oanda.« Pieter blickte verstohlen zu Helen herüber, und als er ihren bekümmerten Ausdruck gewahrte, fügte er hinzu: »Das Gold gehörte aber nun einmal nicht ihm.« »Sorgst du nicht dafür, daß alle hier auf der Insel das haben, was sie brauchen? – Wenn die andern Menschen, denen das Gold gehört, auch dafür sorgten, hätte er nicht zu stehlen brauchen.« »So geht es aber nicht in der Welt zu,« Pieter seufzte. »Warum habt ihr mir das verheimlicht?« Sie zögerte einen Augenblick, während sie von einem zum andern sah. Dann rief sie aus: »Ich habe mich danach gesehnt, die Menschen kennen zu lernen, die alle die großen wunderbaren Dinge erfunden haben. Ich glaubte, daß sie Alle herrliche, vollendete Menschen seien.« Pieter griff nach ihrer Hand, sie aber entzog sie ihm. Er betrachtete das Feuer in ihren Augen und die Falte zwischen ihren Brauen, und murmelte, sie solle sich freuen, daß sie auf einer Insel geboren sei, wo alles gut und friedlich wäre. Oanda aber gab sich nicht damit zufrieden. Sie wollte genau Bescheid wissen. »Ich begreife nur nicht,« sagte sie zu ihrer Mutter gewandt, »daß Menschen, die so große und vollkommene Dinge geschaffen haben, so hart und böse handeln können. Wenn er sich nicht um seine Geschwister gekümmert und nur an sich selbst gedacht hätte, dann wäre er böse und hart gewesen; so würden wir hier auf der Insel urteilen. Wenn er aber für seine Geschwister sorgt und das Gold nimmt, dann sagen die andern, daß er schlecht ist und bestraft werden muß. Mutter, wie kannst du, die du besser bist als alle andern Menschen, sagen, daß er nicht schlecht gehandelt hat und dennoch bestraft werden soll?« Helen wandte sich ihr mit schmerzzuckenden Lippen zu. »Ich habe nicht gesagt, daß er bestraft werden muß.« »Warum ist es denn ihre Pflicht, ihn ins Gefängnis zurückzuschicken, wie Herr Fielding sagt?« »Weil die Strafe von einer höheren Macht eingesetzt ist, deren Gebote sie befolgen müssen.« »Warum?« »Weil die Bürger eines Staates sich den Gesetzen des Staates unterordnen müssen.« »Auch wenn das Licht in ihren Herzen ihnen etwas anderes gebietet?« »Wie soll ich dir das erklären, Kind! Die Gesetze des Lichtes und der Welt sind nicht immer eins. Denke an ihn, der die Menschen liebte und zu ihrer Rettung geboren wurde, und den man dennoch ans Kreuz schlug.« »Du hast mir gesagt, daß er vom Licht gesandt wurde, weil die Dunkelheit damals in der Welt gesiegt hatte. Hat die Dunkelheit denn von neuem gesiegt und zwingt sie die Menschen, bösen Gesetzen zu folgen?« Helen dachte an ihre eigene Jugend und fand keine Antwort. »Hoffentlich wird jetzt ein neuer Christus kommen, um über die Dunkelheit zu siegen.« Oanda blickte ins Weite, als sähe sie in eine Welt hinein, die sie nicht kannte, in Träume, die immer mehr verblaßten. Goodwill hatte Mitleid mit der tiefen Enttäuschung in ihren Augen. »Liebes Fräulein,« sagte er, »es gibt so mancherlei, was Sie noch nicht verstehen. Kommen Sie mit uns, und ich werde Ihnen die Welt zeigen, wie sie wirklich ist. Sie ist unvollkommen, das ist wahr. Schlecht aber ist sie nicht. Was den armen Tsing-Kai anbetrifft, so bin ich ganz Ihrer Meinung. Wer mit einer guten Absicht handelt, ist nicht schlecht. Ich würde ihn nie bestraft haben, das können Sie mir glauben. Und ich bin überzeugt, daß auch Fielding es nicht getan hätte, wenn es an ihm liegen würde.« »Doch, Goodwill, die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft dürfen nicht verletzt werden, wenn die Absicht auch eine gute war.« »Sie dürfen mich nicht mißverstehen. Ich meine nur – und das war es, was ich Ihnen sagen wollte, liebes Fräulein – wenn das Gesetz auch verurteilt, weil es verurteilen muß, so gibt es in unserem christlichen Staat etwas, was Barmherzigkeit heißt. Einer hat das Recht und die Macht, zu begnadigen. Und das ist der Präsident. Kommen Sie mit uns nach den Vereinigten Staaten und lernen Sie unsere große, schöne zivilisierte Welt kennen. Es ist die höchste Zeit für Sie, da Sie nicht einmal in dem wahren Glauben erzogen sind. Und Sie sollen sehen, diesen armen Sünder dort werden wir frei bekommen. Ich werde Sie selbst zum Weißen Haus begleiten und dem Präsidenten vorstellen. Ich kenne ihn persönlich, denn ich bin bei einem Mündel von ihm Hauslehrer gewesen.« »Bei wem, Goodwill?« fragte Fielding. »Bei Ralph Cunning.« Helen erbleichte und griff nach Oandas Arm. »Bei dem jungen Stahlfabrikanten?« fragte Fielding interessiert. »Eben demselben. Erinnern Sie sich noch unseres berühmten Ingenieurs desselben Namens?« »Des Erbauers der Himmelsbrücke?« »Mein Schüler ist nach ihm benannt worden und hat sein Vermögen geerbt.« »Richtig, ich entsinne mich. Ich glaube, es waren zirka zwanzig Millionen?« »So ungefähr. Ralph ist der Sohn eines Vetters von ihm und erbte das ganze Vermögen, und der Präsident, der damals Advokat war, wurde sein Vormund.« »Hat man eigentlich jemals erfahren, wie der Ingenieur Cunning seinerzeit ums Leben kam?« »Er reiste plötzlich fort, keiner wußte warum. Man wußte nur, daß er in Indien gesehen worden war. Später erfuhr man, daß er auf der Reise von Singapore nach St. Franzisco Schiffbruch gelitten hat – sein Name stand auf der Passagierliste.« Helen zeigte auf den Hügel und sagte: »Dort ist sein Grab!« Goodwill und Fielding sahen sie an. Sie folgten der Richtung ihres Armes und entdeckten den weißen Korallenblock, der auf der Anhöhe leuchtete. »Ralph Cunning?« Fielding betrachtete die leeren strahlenden Augen und den Mund mit der bebenden Schmerzensfalte, die einem Lächeln glich. »Der Schöpfer der Himmelsbrücke?« »Er war mein Mann. Wir waren an Bord des ›King Georges‹, der auf ein Korallenriff lief und im Südchinesischen Meer strandete.« Pieter legte seine Hand auf Oandas Schulter und sagte: »Und dies ist seine Tochter.« Goodwill blickte von Helen zu Oanda. Darauf glitt ein Schatten über sein gutmütiges Gesicht, und seine runden Augen blickten Fielding fragend an. »Danach scheint er ja einen leiblichen Erben gehabt zu haben?« »Sind Sie im Besitze der Papiere Ihres Mannes, gnädige Frau?« fragte Fielding. »Ich besitze seine Uhr mit Namen und seine Brieftasche, worin seine Dampferkarte liegt.« »Das genügt. Und Ihre eigenen Papiere?« »Sind alle verloren gegangen.« »Das schadet nichts. Wenn Sie nur eine Abschrift Ihres Trauscheines verschaffen können, so gehört das Vermögen rechtmäßig Ihrer Tochter.« »Mein armer Ralph!« Goodwill strich sich über die Stirn. »Er eignet sich schlecht dazu, arm zu werden.« Fielding sah Oanda an und lächelte väterlich: »Da können Sie sehen, kleines Fräulein, wozu das Gesetz gut ist – das Gesetz, das Sie nicht anerkennen wollen. Jetzt verschafft es Ihnen zwanzig Millionen.« »Was bedeutet das?« »Macht!« »So groß wie die des Präsidenten in dem Weißen Haus?« »So groß wohl kaum.« »Wie groß dann?« »So groß, wie das, was man für zwanzig Millionen kaufen kann und noch etwas dazu, wenn Sie sie richtig auszugeben verstehen.« »Kann ich den armen Chinesen dann aus dem Gefängnis freikaufen?« »Nein, so etwas kann man nicht kaufen. Wenn Sie aber den Wunsch äußern, wird man ihn sicher erfüllen.« »Was soll das heißen?« »Daß man einer so vermögenden Dame die Erfüllung eines so bescheidenen Wunsches nicht verweigern wird.« »Ich verstehe Sie nicht. Sagten Sie nicht, daß weder Sie noch Wilkins gegen das Gesetz handeln dürfen?« »Gewiß. Gesetz ist Gesetz und niemand darf es verletzen. Der Präsident aber kann begnadigen.« »Ist das ein anderes Gesetz?« »Das ist auch ein Gesetz.« »Kannst du das verstehen, Pieter?« Pieter zuckte die Achseln und wich ihrem Blick aus. »So ist es nun einmal in der Welt,« sagte er. Fielding wandte sich an Helen: »Wenn Sie in Indien getraut worden sind, Frau Cunning, wird das Konsulat in Manila den Trauschein leicht beschaffen können.« Helen fühlte die Augen der anderen auf sich und errötete bis über die Stirn. Ein wunderbarer Ausdruck trat in ihr Gesicht – von Hoheit, die in Schmerz gereift, von Glück, das entschwunden und zu Verzauberung geworden war. »Gott hat uns getraut.« »Ah – so –« Mehr sagte Fielding nicht, Goodwill errötete wie ein junges Mädchen und blickte hastig zur Seite. Helen fühlte, was in dem Schweigen um sie herum vorging. Ihrer Tochter und des Toten wegen fuhr sie fort: »Ein alter Parsenpriester segnete unsere Ehe, ohne Trauschein und ohne Kirchenbuch. Nur er und Gott waren Zeugen.« Es dauerte eine Weile, bevor das Schweigen unterbrochen wurde. »Es tut mir leid,« sagte Fielding, »aber dieser Akt hat vor dem Gesetz keine Gültigkeit.« »Nicht vor dem Gesetz der Welt, wohl aber vor Gottes.« »Gnädige Frau,« sagte Goodwill, und durch seine Stimme klang die Autorität des Geistlichen. »Gottesgesetze sind die Gesetze der christlichen Gemeinde. Sehen Sie jetzt ein, welch' große Verantwortung Sie auf sich genommen haben? Ihre Tochter hat weder Anrecht auf den Namen noch auf das Vermögen Ihres Vaters.« Helen neigte den Kopf bei seinen Worten; das war die Stimme der Welt. Seit zwanzig Jahren hatte sie nur die Stimme in ihrem eigenen Herzen gehört. »Wir waren unterwegs, um in seinem Land und nach dessen Gesetzen getraut zu werden, als wir Schiffbruch litten.« Oanda hatte mit klopfendem Herzen zugehört. Sie verstand nur wenig von dem, was gesprochen wurde, jetzt ergriff sie die Hand ihrer Mutter und fragte: »Trauen – was heißt das?« »Das heißt, daß die Welt uns erlaubt, Mann und Frau zu sein.« Oanda dachte nach, dann fragte sie: »Pieter, warst du und Ali nicht auch Mann und Frau?« »Ja, darauf kannst du dich verlassen.« »Hier gibt es aber doch kein Gesetz.« »Keines außer Gottes.« Pieter bohrte seine Augen so streng in die des Geistlichen, daß dieser seinen Blick niederschlug. »Mutter, gabt ihr euch nicht alles, was ihr besaßet?« »Alles, was Menschen geben können, gaben wir einander.« »Bin ich denn nicht euer richtiges Kind?« »Doch, Oanda.« »Warum sagt ihr denn, daß ich kein Recht auf den Namen und das Vermögen meines Vaters habe?« »Nach Gottes Gesetz ist es alles dein. Die Welt aber verlangt mehr.« »Gibt es denn mehr als Gottes Gesetz? Ach, Pieter, erkläre es mir, ich verstehe gar nichts mehr.« Pieter suchte nach einer Antwort, durch die er ihr die Sache verständlich machen konnte. Schließlich sagte er: »Es ist ein Gesetz, das Menschen erfunden haben, um sicherzugehen, daß niemandem Unrecht geschieht.« »Ach so, sie fürchteten wohl, daß er in seinem eigenen Lande bereits mit einer anderen Frau verheiratet sei?« »Ganz recht.« »War das denn der Fall?« Oanda sah ihre Mutter ängstlich an. »Nein, o, nein.« »Dann brauche ich dem Präsidenten doch nur zu sagen, daß mein Vater niemanden anderen in der Welt hatte, als dich und mich.« »Das würde nichts nützen. Der Präsident weiß ja nicht, ob ich die Wahrheit rede.« »Aber das tust du doch.« »Ich könnte mich ja auch irren.« »Glaubt er vielleicht, daß Vater dich belogen hat?« »Er kann es nicht wissen, da er ihn nicht gekannt hat.« »Gibt es denn jemanden, der so etwas lügen würde?« »Ja, Oanda, solche Menschen gibt es in der Welt.« »Menschen, wie du und Vater und ich?« »Ja.« »Muß ich hergeben, was mir gehört, weil es Menschen gibt, die lügen?« »Dem Gesetz zufolge,« unterbrach Fielding sie kurz, »war Ihre Mutter nicht mit Ihrem Vater verheiratet. Und die Kinder unverehelichter Frauen haben weder Anrecht auf den Namen noch auf das Vermögen des Vaters, auch wenn dadurch keinem anderen Unrecht geschieht.« Oanda sah ihn verwundert an. »Ist das Gesetz?« »Ja, Fräulein, so ist das Gesetz.« »Dann ist das Gesetz schlecht, und die Menschen, die es gemacht haben, sind auch schlecht. In ihnen lebt kein Gott.« Ihre Wangen glühten und ihre Brust wogte. Sie blickte von einem zum andern, und schließlich blieben ihre Augen auf Tsing-Kai haften, der vor ihr hockte und keinen Blick von ihr verwandte. »Nehmen Sie ihn nur mit,« sagte sie zu Fielding. »Nehmen Sie ihn nur mit in Ihr Gefängnis. Ich aber werde auch mitkommen. Ich werde zum Präsidenten gehen und ihm alles erzählen, sowohl von Tsing-Kai, wie von Vater und Mutter und mir. Und Ihr werdet sehen, daß er nicht gegen den Gott, der in ihm lebt, zu handeln wagt.« Sie wandte sich zu Goodwill. »Haben Sie nicht gesagt, daß Sie mich zum Präsidenten begleiten wollen?« »Ja, wahrlich, das will ich.« Goodwills Augen leuchteten, und er nahm ihre Hand zwischen seine beiden. »Ich werde an Va – an Freundes und Bruders statt für Sie sein, ich werde Ihnen unsere zivilisierte Welt zeigen, und Sie werden sehen, wie groß und schön sie ist – trotz allem. Sie werden in der christlichen Gemeinde, der ihr junges, edles Gemüt sicher große Dienste leisten kann, aufgenommen werden. Aber –« Goodwills Gesicht nahm einen bekümmerten Ausdruck an. Er drückte ihre Hand zwischen seinen beiden und wußte nicht, was er sagen sollte. Fielding kam ihm zu Hilfe: »Goodwill meint, ob Sie Geld haben, denn die Reise ist teuer.« »Und ich bin nur ein armer Pfarrer, den man aus Amt und Würden vertrieben hat.« »Es kostet viel Geld, in den Vereinigten Staaten zu leben,« sagte Fielding. »Es ist dort nicht wie hier, wo Gott Ihnen alles schenkt, was Sie nötig haben.« »Wenn ich das Vermögen meines Vaters bekomme, will ich mit dem jungen Mann, der wie mein Vater heißt, teilen – und dann werde ich Ihnen so viel Geld geben, daß Sie zu Ihren Armen in China, die Sie so sehr in Ihr Herz geschlossen haben, zurückkehren können.« »Sie haben ein ausgezeichnetes Herz, kleines Fräulein,« sagte Fielding und lachte. »Ja, das haben Sie!« Goodwill drückte von neuem ihre Hand, die Besorgnis aber wich nicht aus seinem Gesicht. »Oanda braucht keine fremde Hilfe,« sagte Pieter. »Wenn sie reisen will, kann sie einen Scheck auf die Bank in Hongkong bekommen.« Goodwills Gesicht hellte sich wieder auf. Er ließ Oandas Hand los und ergriff Helens. »Vertrauen Sie mir Ihre Tochter an, liebe, gnädige Frau. Nur für einige Monate. Vielleicht bekommt sie nie wieder Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen.« Pieter machte eine Bewegung, als ob er dem Priester Helens Hand entreißen wollte, doch er faßte sich und sagte: »Warum willst du hinüber, Oanda? Wir, die wir dort geboren sind, deine Mutter, dein Vater und auch ich, sind fortgereist, als wir verständig genug waren, weil –« Helen aber unterbrach ihn. Sie hatte lange geahnt, was jetzt Gewißheit geworden war. Sie hatten das Böse in der Welt vor Oanda verborgen, um ihr Herz nicht zu kränken. Sie hatten die Dunkelheit verschwiegen, um ihren Glauben ans Licht nicht zu stören. Sie hatten ihr die Welt dargestellt, wie sie wünschten, daß sie sein sollte, und nicht, wie sie war. Und es war gekommen, wie es kommen mußte, sie sah es jetzt klar. Die Sehnsucht nach all' dem Schönen, Großen und Vollkommenen war mit Oandas Mädchenträumen gewachsen, bis die harte, unvollkommene, zerrissene Welt, der ihre Eltern in ihrer Jugend entflohen waren, drauf und dran gewesen war, für sie das Land der Verheißung zu werden. Sie sah ein, daß der Frieden und das Glück, worin sie bis jetzt gelebt hatte, das Leben, das war und ihres war – von dem Heimweh nach einer Welt, die es nirgends gab, die nur Betrug war, zerstört werden würde. Darum unterbrach Helen ihn. Sie richtete ihre leeren, strahlenden Augen auf Goodwill und sagte, während es in der feinen Schmerzenslinie, die einem Lächeln glich, bebte: »Ja, ich will Ihnen meine Tochter anvertrauen –« Sie nahm Oandas Hand zwischen ihre beiden und sagte: »Reise hinüber in die Welt, wo dein Vater und ich zu Hause waren. Ueberzeuge dich selbst, wie sie ist. Du wirst enttäuscht werden und du wirst weinen – schließlich aber wirst du sie verstehen. Und du wirst Freunde treffen: gute Menschen sind wie Sterne in der Nacht. Das Licht in deinem Herzen wird dich mit dem Richtigen zusammenführen, so wie dein Vater und ich uns fanden, als wir aus weit verschiedenen Gegenden über das Meer kamen. Und vielleicht wirst du die Arbeit verrichten können, von der dein Vater und deine Mutter träumten, bevor du das Licht der Welt erblicktest. Ich fürchte nicht, dich zu verlieren. Wenn du in Not gerätst, wenn die Welt dir zu bitter wird, dann wirst du vor der Zeit zu uns zurückkehren, und die Insel wird dir glücklicher erscheinen, als vordem. Gelangst du aber zu Reichtum und Macht, dann wirst du der Welt von dem Frieden deiner Insel, einen Widerschein von ihrem Glück, Licht von deinem Licht bringen, Oanda – wie deine Geschwister dich nannten, als Pieter dich ihnen zum ersten Male auf der Höhe, auf dem Grabhügel deines Vaters zeigte. Etwas so Zartes hatten sie noch nie geschaut, und darum nannten sie dich Oanda: Die Leuchtende. Nein, nein – sei nicht traurig, weine nicht! Ich fürchte nichts – bei allem, was du tun wirst, wirst du im Namen des Lichtes handeln, davon bin ich überzeugt. Von klein auf bist du mein Auge gewesen; du sahst alles für mich, was um mich her war, und ich sah es, so wie du es mir beschriebst. Jetzt wird Pieter für mich sehen, alles das, was Augen sehen können. Außerdem aber habe ich die Augen der Seele, die das Licht mir als Ersatz gab, mit denen ich das Licht in deinem Herzen sprießen und wachsen sah; damit werde ich dir übers Meer folgen – sie werden über dir leuchten Tag und Nacht, wie Sterne über dir leuchten, obgleich du sie auch nicht sehen kannst, wenn die Sonne sie verdunkelt. Oanda, meine Tochter, an dem Grabe deines Vaters will ich dir das letzte Lebewohl sagen. Dort wollen wir am letzten Abend beisammensitzen, entschwundener Tage gedenken und denen entgegenlauschen, die kommen sollen. Und wenn die ›Arizona‹ des Morgens über die Lagune hinausgleitet, werde ich an dem Grabe stehen bleiben, damit du mich im Licht sehen kannst, bis die Insel im Meer versinkt.« »O, Mutter – Mutter!« Oanda warf sich schluchzend an ihre Brust. Die Welt drüben I. Hopkins zog seine dünnen, dunklen Brauen, die so seltsam hoch auf der Stirn saßen, noch ein Stück höher, wodurch er einen unsagbar weltmüden Ausdruck bekam, und sagte: »Wünschen die Herrschaften eine Erfrischung? Tee, Zitronenlimonade oder was Sie sonst befehlen?« Goodwill hörte ihn nicht. Er war in der Tür zum Wintergarten stehen geblieben, in den Anblick des Parkes versunken, der so verändert war. Die Buchsbaumhecke dort zur Linken war damals allerdings auch schon gewesen, aber nicht so hoch und kräftig und viereckig wie jetzt – und wie war die Platanenallee dort drüben gewachsen! In dem milden, hellen Septembernachmittag verlor die Perspektive der schlanken, olivengrauen Stämme mit ihren gelben Flecken sich im goldenen Nebel. Die kiesbestreute Terrasse vor dem Wintergarten, mit dem prachtvollen Springbrunnen in der Mitte aber war neu. Das Bassin war von vier halbkreisförmigen Beeten mit hochstämmigen Rosen umgeben, die von derselben gelben Farbe waren, wie die breiten, runden Marmorstufen, die zu ihnen hinabführten. Und in der Mitte hinter den Rosen stand eine Marmorkumme auf einem hohen Fuß, wie eine griechische Vase geformt, aus der ein einzelner, blitzender Wasserstrahl emporsprang und silberklingend herabplätscherte und das Wasser in der Kumme zum Ueberfließen brachte, so daß es in Strahlentropfen in das flache Bassin um den Fuß der Fontäne blitzte. Und dort drüben die Büsten vor der Buchsbaumhecke – und die halbkreisförmigen Nischen im Gebüsch mit den Marmorbecken, das alles war neu. Der Haushofmeister wiederholte seine Frage. Goodwill sah sich nach den anderen um. Oanda stand beim Springbrunnen, und Nomura betrachtete eine Pergola von Glyzinen, die vom Wintergarten längs der Terrasse zu dem tiefer gelegenen Blumengarten führte. Darauf antwortete er für sie alle drei: »Besten Dank, wir möchten Ihnen keine Ungelegenheiten machen, wir haben bereits am Bahnhof Tee getrunken.« Im selben Augenblick drehte Oanda den Kopf um und winkte ihm: »Sehen Sie doch nur, solche Fische habe ich noch nie gesehen! Sie leuchten wie Feuer!« Hopkins wunderte sich über die Dame, die nicht wie andere war. Ihr flacher Strohhut war ganz unmodern, noch dazu hatte sie ihn in den Nacken geschoben – und was waren das für Aermel? Und ihr Gang – und die Haltung! Junges Gemüse aus den westlichen Staaten, dachte er bei sich, Tochter eines Farmers aus Kalifornien, die von ihrer Großmutter gekleidet ist. Er ging mit Goodwill ans Bassin und erklärte mit freundlichem Wohlwollen: »Das sind Goldfische, gnädiges Fräulein.« »Wie hat sich hier alles verändert!« seufzte Goodwill. »Der Herr sind schon früher hier gewesen?« Goodwill wandte ihm sein Gesicht zu. »Erkennen Sie mich denn nicht?« »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« Hopkins zog die Brauen hoch und zwinkerte mit den Augen; schließlich ging ihm ein Licht auf. »Ach, Herr Goodwill, der Hauslehrer!« Er nahm Goodwills dargereichte Hand, und die glattrasierte Maske glich einen Augenblick einem richtigen Menschengesicht. »Sie haben sich in den neun Jahren gar nicht verändert, Hopkins.« »Das kann man nicht von Ihnen sagen, Herr Goodwill. Sie haben einen Vollbart bekommen – und – äh – mehr Farbe.« »Ja, damals war ich ein rechtes Bleichgesicht.« »Herr Cunning wird sich sehr freuen. Er ist, wie gesagt, mit seinen Gästen zu unserm neuen Jagdpavillon in die Berge gefahren, aber in einer halben Stunde wird schon zum essen geläutet. Vielleicht machen die Herrschaften so lange einen Gang durch den Park.« Goodwill drehte sich um und blickte über die Buchsbaumhecke. Auf der andern Seite der Landstraße lag hinter einem hohen, schmiedeeisernen Gitter das Fabrikgebäude mit seinen mächtigen Bogenfenstern, hinter deren Nebel es rot und gelb flammte. Drei rußige Schornsteine ragten über die Dächer. Ein ganz neues Verwaltungsgebäude im Villenstil lag links, mit einem Rasen vor der monumentalen Steintreppe und einer mächtigen, amerikanischen Flagge über dem Portal. Rechts von der Fabrik lag ein großer Platz, wo Haufen von Eisen und Koksschlacken symmetrisch geordnet waren. Dahinter sah man grüne Wiesen, die bis an den Fluß gingen, der sich wie ein blaues Band ganz bis zu der weißen Brücke schlängelte, wo die Stadt begann. Und hinter dem allen stieg ein Bergrücken mit vereinzelten Villen und einem dunklen Wald sanft zu dem hellen Horizont an. »Mich dünkt, daß die Fabrik ganz umgebaut ist.« »Das ist sie auch. Und das dort ist das neue Verwaltungsgebäude.« »Monumental!« Goodwill legte den Kopf bewundernd auf die Seite. »Wenn ich an den alten geschwärzten Kasten denke!« »Das alles ist umgebaut, als Herr Cunning persönlich vor fünf Jahren den Betrieb übernommen hat.« »Ach, ja!« Goodwill seufzte und blickte sich nach Oanda um; sie war von den Fischen in Anspruch genommen und hatte nichts gehört. Nomura hatte sich davon überzeugt, daß die Glyzinen hinter denen seines Heimatlandes nicht zurückstanden. Jetzt trat er zu den anderen, eignete sich die Aussicht mit einem raschen, kurzen Blick an, drehte den Kopf halbwegs zu Hopkins um und sagte: »Krankenhaus?« Verfluchter Japaner, dachte Hopkins, zog die Brauen in die Höhe und fragte höflich: »Belieben?« »Gehört ein Krankenhaus zur Fabrik?« »Selbstverständlich, mein Herr. Unsere Fabrik ist durch und durch eine Musteranstalt. Das graue, zweistöckige Haus dort neben dem Verwaltungsgebäude ist das Krankenhaus.« »Wieviele Arbeiter beschäftigt die Fabrik jetzt?« fragte Goodwill. »Ueber dreitausend in Tag- und Nachtschichten. Das heißt die Fabrik hier; aber wir haben ja noch andere.« »Zu meiner Zeit wurden nicht mehr als siebenhundert Arbeiter beschäftigt, alles in allem.« »Und jetzt wird der Betrieb wieder vergrößert. Wir haben neue Maschinen bekommen. Können Sie das neue, weiße Gebäude dort drüben mit den hohen Schornsteinen sehen? Das ist das neue Maschinenhaus.« Goodwill schüttelte bedenklich den Kopf und sagte feierlich: »Das ist ein großes Pfund zum Verwalten!« Oanda hatte sich am Springbrunnen satt gesehen. Jetzt betrachtete sie die Büsten, die in einer Reihe vor der Hecke auf polierten Granitsockeln standen. »Sind das die Apostel?« fragte sie. »Es sind gerade zwölf.« Goodwill wurde rot und blickte verstohlen zu Hopkins hin, der indessen seine unbewegliche Maske bewahrte. »Nein, aber liebes Fräulein,« sagte er mit mildem Vorwurf, »das sind ja – sind das nicht –?« »Ja, das sind die Bahnbrecher der Stahlindustrie, die Herr Cunning hier in dankbarer Bewunderung verewigt hat. Hier in der Mitte ist Bessemer, Sie wissen wohl.« »Ja, ja, Sir Henry Bessemer – der Erfinder.« Hopkins zeigte weiter: »Brown – Thomas – Krupp –.« Auf mehr konnte er sich nicht besinnen und sagte nur: »Und all' die anderen berühmten Namen.« Nomura wies auf eine hohe Figur, die vom Kopf bis zum Sockel durch ein Stück Sackleinewand zugedeckt war. Sie stand für sich allein, von einem Gebüsch eingefaßt, wo die Platanenallee in die Terrasse mündete. »Und wer ist das da?« »Sieh mal einer an.« Goodwill folgte der Richtung seines Armes. »Ein noch unenthülltes Denkmal – wer ist das?« »Das ist Ralph Cunning, der berühmte Ingenieur, der vor zwanzig Jahren durch Schiffbruch umkam – unser Onkel und Namensvetter,« fügte Hopkins mit Selbstgefühl hinzu. »Oh!« Oanda lief hin und wollte das Tuch herunterreißen, »Um Gottes willen, gnädiges Fräulein!« Hopkins eilte hinter ihr her und hielt sie ehrerbietig, aber bestimmt am Arm zurück. Oanda sah ihn zornig an. »Aber das ist doch –« Goodwill beeilte sich, sie zu unterbrechen: »Ja gewiß, liebes Kind, aber nicht jetzt.« Als sie sah, wie unruhig er war, gab sie nach. »Wann soll die Enthüllung stattfinden?« fragte Goodwill; er hatte seine Hand unter Oandas Arm geschoben und zog sie sachte von dem Platz fort. »Am zwölften Oktober. An dem Tage wird Herr Cunning dreißig Jahre alt, und das neue Maschinenhaus soll eröffnet werden. Und dieser Tag ist dafür ausersehen, die Statue des Mannes zu enthüllen, dessen Vermögen es Herrn Cunning ermöglicht hat, all' dieses Neue zu schaffen.« »Ein hervorragendes Kunstwerk,« fügte er ehrerbietig hinzu, und zog die Brauen in die Höhe. »Dreißigtausend Dollar in dankbarer Erinnerung!« »Sehr schön!« sagte Goodwill und unterdrückte einen Seufzer. Oanda machte Miene, von neuem eine Bemerkung zu machen, als Goodwill glücklicherweise zwei große Pfauen gewahrte, die in der Allee stolzierten. »Sehen Sie nur!« Er faßte Oandas Arm. »Sehen Sie die Pfauen dort!« Oanda hatte noch nie von solchen Vögeln gehört, geschweige sie gesehen. Sie faltete die Hände über der Brust vor Erstaunen und ging nahe zu ihnen heran, während Goodwill die Gelegenheit benutzte, um Hopkins los zu werden. »Wir wollen Sie nicht länger aufhalten, Hopkins. Sie haben vor dem Mittagessen sicher viel zu tun, da Sie das Haus voller Gäste haben.« Hopkins machte eine zustimmende Verbeugung. »Wie war es doch noch – die Allee dort?« »Führt zum Gemüsegarten. Aber auf der anderen Seite des Pfauenhauses, dort drüben, ungefähr in der Mitte der Allee, ist die Pforte, die zur Landstraße führt. Wenn die Herrschaften vielleicht den Wunsch haben, die Fabrik zu besichtigen; der Eingang ist bei dem großen Gittertor.« »Danke schön, Hopkins.« Hopkins machte eine gemessene Verbeugung und verschwand im Wintergarten. Goodwill trat zu Oanda. »Jetzt sind sie in ihr Haus gegangen,« sagte sie. »Wer? Ach so, die Pfauen. Was ich sagen wollte, liebes Kind,« – er faßte ihre Hand und sah sie bittend mit seinen runden, gutmütigen Augen an – »Sie wollen ihm doch kein Leid antun?« »Wem?« »Ralph Cunning, der all' das Große und Schöne, was Sie hier sehen, geschaffen hat.« »Leid antun?« Sie sah ihn erstaunt an. »Sehen Sie nur, wie edel er das Andenken seines Wohltäters feiert! Wollen Sie ihm den großen Tag seines Lebens verbittern?« »Nein, das will ich nicht, aber ich will das Bild meines Vaters sehen.« »Sie werden natürlich dem Fest beiwohnen und später, wenn Sie Ralph näher kennen gelernt haben, können Sie ihm ja alles erzählen.« – Er machte eine Pause und sah sie eindringlich an. – »Wenn Sie es nicht vorziehen, zu schweigen – Ihrer Mutter wegen.« »Meiner Mutter wegen?« Goodwill fürchtete, daß er zu viel gesagt hatte, und brach kurz ab. »Kommt, jetzt wollen wir das große, neue Werk betrachten, zu dem der Herr seinen Segen gegeben hat.« Sie gingen durch die Allee; Nomura, wie gewöhnlich, einige Schritte hinter ihnen. II. Durch die Pergola ging ein Paar. Ein gebeugter, magerer, bartloser Mann, Ende der Zwanziger, mit schlanken Gliedern und sehr schmalen Händen. Er zog die Füße etwas nach, als ob er nicht recht wüßte, ob er sich bewegen wollte. Die eine Schulter ließ er hängen, es sah aus, als ob sein Hals den Kopf nicht recht tragen könnte. Seine braunen Augen waren groß und matt im Blick, und er spitzte seine dünnen Lippen, als ob er über etwas nachdächte, was gleichzeitig komisch und traurig war. Sie war hochgewachsen und elastisch, sehr elegant, in einem phantasievollen Kostüm, halb exotisches Gartenkleid, halb Kimono. Sie trug ihren schönen Rassekopf stolz auf den Schultern, das reiche, bronzefarbene Haar war nachlässig in Locken unter einem prachtvollen Gartenhut mit echten Spitzen aufgesteckt. Die Nase war vornehm gebogen, die dunklen Brauen wölbten sich energisch auf der elfenbeinweißen Stirn, der kleine Mund, mit den dunkelroten Lippen, war leicht zum Spott verzogen, und das Kinn trat keck hervor. Ihr Gang war entschlossen und leicht, als nähme sie mit jedem Schritt ein neues Stück Welt in Besitz. Als sie den Wintergarten erreicht hatten und unter dem großen Pergolabogen vor der Terrasse standen, reichte sie ihm die Hand und sagte: »Es war ein sehr schöner Spaziergang, Herr Schultz!« Er behielt ihre Hand in der seinen und betrachtete die Grübchen über den Knöcheln, die blankrosigen Nägel. »Ich habe Ihnen nicht gesagt, was ich eigentlich sagen wollte.« »Hatten Sie etwas Besonderes auf dem Herzen?« »Können Sie sich wirklich nicht denken, weshalb ich hierher gekommen bin?« »Wahrscheinlich, um die neuen Herrlichkeiten Ihres Freundes zu besehen,« neckte sie. Er zögerte einen Augenblick, während er ihre klangvolle Stimme mit dem südländischen Akzent genoß. »Wenn ich mich für Maschinen interessierte, würde ich meine eigenen betrachten, Sie sind älter, aber nicht geringer.« »Sie meinen die Maschinen Ihrer Mutter?« »Ja, die meiner Mutter. Und Sie, die Tochter des großen Alabama-Mannes – des Minenkönigs aus dem Süden – interessieren Sie sich vielleicht für –« »Ich interessiere mich für alle, die etwas wollen und können.« »Finden Sie, daß es sich lohnt, etwas zu wollen und zu können?« Sie betrachtete ihn, wie man einen Kranken ansieht, über dessen Zustand man sich nicht klar ist. »Versuchen Sie es nur.« »Sie wollen mir schmeicheln!« Er lachte kurz und hart auf. In ihren schwarzen Augen blitzte es unwillig. »Glauben Sie, daß man ein Leben, wie Sie es führen, lange aushalten kann?« »Nicht so lange, wie Sie dabeibleiben werden, bezaubernd und begehrenswert zu sein.« Er genoß den Unwillen in ihrem Blick, er wirkte auf ihn wie eine Liebkosung. »Was wollen Sie anfangen, wenn Sie merken, daß es nicht mehr geht?« »Sterben,« antwortete er, indem er seinen Blick in den ihren senkte. Sie wich ihm aus, und er fügte hinzu: »Wer weiß, ob ich nicht in einem früheren Dasein Sklavenarbeit auf dem Baumwollenfeld verrichtet habe, unter der Gnade Ihrer spanischen Augen.« Sie lachte. »Dann haben Sie sicher die Peitsche zu fühlen bekommen.« »Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.« Sie blickte ihn erstaunt an. Mit seinem blassen Gesicht und dem kranken Blick sah er aus, als ob ihn friere. Indem sie an ihm vorbeiging, fragte sie: »War es das, was Sie mir sagen wollten?« »Ja, daß ich Sie liebe.« Sie legte den Kopf in den Nacken und lachte, daß ihre spitzen, weißen Zähne schimmerten. Er beugte den Kopf bei ihrem Lachen, und als sie geendet hatte, fragte er leise: »Erinnern Sie sich noch, als ich Sie zum ersten Male traf?« Sie antwortete nicht, und er fuhr fort: »Sie saßen in der Loge – warm und strahlend – aller Augen waren auf Sie gerichtet. Sie aber sahen nur, was auf der Bühne vorging, und runzelten Ihre schönen Brauen, wenn ich zu Ihnen sprach – wie vorhin. Sie saßen wie eine Königin auf Ihrem Thron, wir anderen waren Luft für Sie, wir, die reichsten Männer der Staaten. Alle Herren unten im Parkett bekamen Nackenschmerzen vom Heraufschauen – Sie waren die neue Eva aus dem Süden. Die Prima Ballerina kochte vor Wut, weil Sie die Gemüter der Milliardäre, die sie mit ihren unvergleichlichen Beinen zu beherrschen pflegt, verzauberten, ohne Ihren Untertanen auch nur einen Blick zu opfern. Seit jenem Abend bin ich Ihr Sklave.« »Der Sklave ist mir treu gefolgt, das ist wahr. Ich glaube, ich bin noch nirgends gewesen, ohne Ihnen zu begegnen. Wie haben Sie das möglich gemacht?« »Ich habe Sie beobachten lassen,« sagte er offen und geradezu. »Und jetzt sind Sie hierher gekommen, um mir zu sagen, daß Sie mich lieben?« »Ja.« Sie zögerte einen Augenblick, während sie in seinem Gesicht forschte. »An jenem ersten Abend beim Souper erzählten Sie mir von Ihren Vollblutpferden, Ihren Automobilen, Ihrer Lustyacht, dem Vermögen Ihrer Mutter, dem Trust, den Sie Kraft Ihres Erbes beherrschen.« »Ich wollte der Prinzessin zeigen, wie groß das Reich ist, das ich ihr bieten kann.« »Alles können Sie ihr bieten, nur nicht den Prinzen!« Sie lächelte höhnisch. »Glauben Sie nicht, daß ich durchschaue, was Sie damals dachten und was Sie jetzt denken?« »Was denke ich denn?« »Hier ist eine Frau, denken Sie, um die alle mich beneiden werden, die ich aber nicht kaufen kann – ich, der ich die edelsten Pferde, die größten Autos, das schönste Schloß besitze. Sehen Sie, das ist das Geheimnis Ihrer Sklaverei. Und dennoch wissen Sie, daß es mit der Verzauberung vorbei wäre, in dem Augenblick, wo Sie sie besäßen. Das Beste von allem zu besitzen, was die Erde bietet, das ist das Gift, an dem Sie sich berauschen, um das Leben zu ertragen. Ihr Ueberfluß ist Ihnen zuwider, und dennoch können Sie den Gedanken nicht ertragen, daß ein fremder Wille diesen Ueberfluß begrenzt, denn was bliebe Ihnen dann noch?« Seine Augen hingen mit einem kranken Ausdruck an den ihren; er wurde so seltsam klein, wie er dort stand, als ob er in die Knie sänke. Er nickte zu ihren Worten und sagte mit nackter Ehrlichkeit, die ihr Mitleid abzwang: »Ja, was bliebe mir dann – ich habe nie etwas anderes gehabt.« »Armer, reicher Mann!« Es sollte ein Scherz sein, klang aber wie Ernst. »Ein Verlangen, daß ich nicht befriedigen kann, wird für mich eine Qual, die mir keine Ruhe läßt.« »Und das nennen Sie Liebe?« Ihr Blick flammte auf. »Und Sie meinen, daß die Prinzessin sich mit solchen Liebesbrocken begnügen wird?« »Habe ich gar keine Hoffnung?« »Nein.« Da erklang eine muntere Automobilhupe auf der Landstraße. »Da sind die anderen,« sagte sie und wandte sich von ihm ab, wieder stolz und strahlend wie vorhin. »Was soll ich Armer tun?« Das Licht fiel durch die Spitzen auf ihr Bronzehaar; sie war so schön, daß er sich bis ins Innerste krank fühlte, und ein Todesgedanke jagte durch sein Herz. »Gehen Sie in den Park und erfreuen Sie sich an den Blumen, bis es zum ersten Male läutet – und dann gehen Sie in Ihr Zimmer und kleiden Sie sich zum Mittagessen um.« Sie nickte ihm heiter zu und ging in den Wintergarten. Er blickte ihr lange nach. Dann wandte er sich mit einem Seufzer ab und ging quer über die Terrasse in den Blumengarten hinunter, wie sie gesagt hatte. Als Eleanor d'Acosta im Wintergarten stand, sah sie Ralphs hohe Gestalt in der Halle auf dem Weg zum Garten. Er war im Sportsanzug mit verstaubten Gamaschen und Stiefeln, hatte sich kaum Zeit gelassen, seinen Automobilmantel und die Handschuhe abzulegen. Als er ihrer hellen Gestalt zwischen den dunklen Palmen, die bis zur Glasdecke hinausragten, gewahr wurde, trat ein Lächeln auf sein glattrasiertes Gesicht, das lang und scharf war, von hartnäckiger Arbeit und einem energischen Willen geprägt. Es leuchtete in seinen braunen, weitgeöffneten Augen auf, während er auf sie zueilte. »Fräulein Eleanor!« sagte er und ergriff ihre Hände. »Wo sind die andern,« fragte sie und warf einen Blick hinter ihn in die Halle. »Ich bin voran gefahren, unter dem Vorwand, daß ich im Kontor zu tun habe,« »Warum?« Sie beugte den Kopf, den Klang seiner dunklen, warmen Stimme im Ohr. »Weil ich mich nach Ihnen sehnte und das leere Geschwätz nicht mehr ertragen konnte.« Sie schritten jetzt Seite an Seite durch den Wintergarten; sie mußten dicht neben einander gehen, weil der Weg zwischen den Palmen schmal war. »Warum sind Sie nicht mit uns gefahren?« »Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich Kopfschmerzen hatte.« Er blickte durch die offene Flügeltür. »Sind Sie allein?« Sie nickte und zog ihre Schulter von der seinen zurück. »Endlich kann ich Ihnen danken, daß Sie gekommen sind.« »Das haben Sie ja schon getan, als Sie mich heute morgen am Bahnhof abholten,« sagte sie neckend. »Damals waren wir nicht allein,« er blieb stehen und blickte sie ernst an. »Warum haben Sie mir nicht geantwortet?« Sie zögerte emen Augenblick und griff nach einem Palmenblatt, das über dem Weg hing. »Ich habe mich erst im letzten Augenblick dazu entschlossen.« »Wußten Sie denn nicht, ob Sie kommen wollten?« »Nein, nicht bevor ich telegraphierte,« »Warum?« »Weil ich nicht wußte, was ich Ihnen antworten sollte.« »Worauf?« Sie sah ihm offen ins Auge. »Auf Ihre Frage.« »Woher wußten Sie, daß ich Sie etwas fragen wollte?« »Als wir uns an jenem Abend in New-York, als Sie mich in Ihrem Auto nach Hause brachten, trennten –« Er griff nach Ihrer Hand und sie ließ sie ihm. »Ich werde es Ihrem Chauffeur nie vergessen, daß er sich in der Zeit irrte und zu spät kam.« »– da sagten Sie zu mir: Nennen Sie mir einen Ort und eine Zeit, denn ich muß Sie sprechen.« »Sie aber nannten mir keine, steckten die Hände nur tief in den Muff und sagten: Gute Nacht und besten Dank für Ihre Begleitung.« Sie beugte sich zu ihm, ihr Blick flammte dunkel: »Sagen Sie es jetzt,« sagte sie hastig, »bevor die andern kommen.« Er ließ ihre Hand los. »Sie sind gewohnt zu herrschen.« Sie näherte ihr Gesicht dem seinen, so daß der heiße Atem ihrer Lippen seinen Hals streifte. Er versuchte, ihren Blick zu fangen. Darauf trat er einen Schritt zurück und versuchte knapp und kalt zu sprechen. »Gut,« begann er, und seine Stimme bekam einen geschäftsmäßigen Ton, ohne daß er es selbst wußte. »Ihr Vater besitzt die reichsten Gruben des Südens, er versteht sie aber nicht auszunutzen. Nun weiß ich, daß der Trust seine Fangarme nach ihm ausgestreckt hat, ich aber will ihm zuvorkommen. Wenn er sich mit mir, der ich die Maschinen habe, zusammen tut, dann kann ich sein und mein Vermögen verdoppeln und verdreifachen. Zusammen sind wir stark genug, um den Trust aus dem Felde zu schlagen.« Sie erblaßte bis in die Lippen und sah auf, um ihn zu unterbrechen; er aber fuhr fort, bevor sie zu Worte kommen konnte. »Sie sind sein einziges Kind, seine einzige Freude, was Sie wollen, das will auch er.« »Ich verstehe.« Sie hob den Kopf und wich seinem Blick aus, um ihre Enttäuschung zu verbergen. »Sie wollen eine Einführung bei meinem Vater haben.« Er zwang sie mit seinem Blick, ihn anzusehen und sagte herrisch: »Nein, ich will Ihre Hand.« Ihre Augen flammten den seinen entgegen; sie legte ihre Hände auf den Rücken, damit er sie nicht greifen konnte. »Sie wollen mich zu einem Geschäft gebrauchen – und bieten mir als Provision die Ehe.« »Sie verstehen mich nicht.« Ihre Augen trafen sich kampfbereit. »Doch.« »Nein.« »Warum haben Sie mir das alles gesagt?« »Weil ich Sie liebe.« Sie wich seinem Blick aus. »Sie haben recht, ich verstehe Sie nicht,« sagte sie und beugte ihren Kopf. »Aber Sie sehen ein, daß ich etwas will – daß ich ein Ziel habe?« Sie sah ihn voll an. »Ich las das erste Mal auf Ihrer Stirn, als ich Sie sah, daß Sie etwas können und wollen.« Er fühlte, daß er gesiegt hatte, und seine Stimme bekam wieder ihren dunklen, warmen Klang. »Sie sind daran gewöhnt, Ihr eigenes Ziel zu sein, – eine herrschende Seele sind Sie. Die Frau aber, die ich zu meiner Gattin mache, muß meinen Zielen dienen, ob ich sie liebe oder nicht. Begreifen Sie jetzt, warum ich Ihnen all' dieses sagen mußte? Damit Sie wissen, worauf Sie sich einlassen, bevor Sie mir Ihr Jawort geben.« Sie hatte ihm mit offenem Munde zugehört, ergriffen und getragen. Als er innehielt, atmete sie tief auf. »Das nenne ich ein ehrliches Spiel.« »Und welche Antwort geben Sie mir?« sagte er und ergriff ihre Hand. So leichten Kaufes aber gewann man Eleanor d'Acosta nicht. Sie richtete sich höher auf und zog ihre Hand zurück. »Das weiß ich noch nicht.« »Sie lieben mich nicht.« Sein Gesicht wurde so dunkel, daß sie innerlich jubelte. »Warum?« sagte sie herausfordernd. »Weil Sie dann die Antwort wüßten,« entschied er und wandte sich ab. »Lassen Sie mir Zeit.« Im selben Augenblick ertönten knirschende Schritte auf dem Kies. Schultz' müde Gestalt zeigte sich in der Tür zum Wintergarten. Als er der beiden ansichtig wurde, die zwischen den Palmen so nah beieinander standen, griff er nach dem Türrahmen und preßte seine schmalen Lippen im Gefühl seiner Ohnmacht zusammen. »Hallo!«, rief er, als er ihre Augen auf sich gerichtet sah, »ich störe doch nicht?« »Mich nicht!« Eleanor befreite ihre Schulter von einem Palmblatt, das sie genierte und das sie erst jetzt bemerkte. »Mich auch nicht!« Schultz kam näher und blickte lächelnd von einem zum andern. »Warum bist du nicht mitgekommen?« sagte Ralph zu ihm, »ich bin den Weg in vierzehn Minuten gefahren – das sind 2,8 Kilometer in der Minute.« »Ich habe Fräulein Eleanors Gesellschaft vorgezogen.« Schultz nahm eine Zigarette aus seinem goldenen Etui, und Ralph ärgerte sich, daß ihm keine Antwort einfiel. »Sind Sie wieder besserer Laune?« neckte Eleanor ihn. »Ja, danke,« sagte er fromm, während er sich die Zigarette anzündete. »Die Blumen waren so schön, und Ihre Kopfschmerzen?« »Sind wie fortgeblasen.« »Ein hübsches Resultat für unser Beisammensein, nicht wahr, Ralph?« Er lächelte Eleanor vertraulich zu, wie in geheimen Einverständnis, »das ist mehr wert, als 2,8 in der Minute.« III. Eine Automobilhupe ertönte, und kurz darauf klangen Stimmen aus der Halle. Ralph ging seinen Gästen entgegen; Eleanor und Schultz folgten ihm langsam. Die kleine untersetzte Frau Jennimore Schultz stand atemlos in der Halle, während der Diener ihr den Schleier und den Automobilmantel abnahm. Sie war wie ein junges Mädchen gekleidet. Die munterblickenden, stahlblauen Augen, die etwas hervortraten, der runde Kopf mit dem beginnenden Doppelkinn und dem kleinen festen Mund zeugten von unersättlichem Lebenshunger. »Es war eine wundervolle Fahrt,« rief sie Ralph zu, »ich glaube, ich habe ein ganzes Kilo verloren.« Und indem sie Schultz und Eleanors ansichtig wurde, fuhr sie fort: »Guten Tag, mein Junge!« Sie winkte ihm mit ihrer kleinen fleischigen Hand, die so dicht mit kostbaren Ringen besetzt war, daß sie die Finger kaum bewegen konnte. »Schade, daß du nicht mitgefahren bist.. Wie geht es mit den Kopfschmerzen, liebe Kleine?« Bevor Eleanor antworten konnte, hatte sie sich schon wieder an Ralph gewandt. Sie faßte ihn vertraulich unterm Arm und trippelte neben ihm durch den Wintergarten. »Diesen Chauffeur müssen Sie mir überlassen,« bat sie und drückte sich kokett gegen seinen Arm. »Welche Haltung, Würde, geradezu Rasse! Woher haben Sie den? – Wir überfuhren einen Hund, die Leute des Dorfes kamen aus den Häusern und drohten und fluchten schrecklich. Ein Mann mit einer Mütze, wahrscheinlich ein Dorfpolizist – machte uns Zeichen zu, daß wir halten sollten. Ihr Chauffeur aber fuhr geradeswegs auf ihn los und man konnte seinem Rücken nicht die geringste Bewegung anmerken, ein Pferd wurde scheu und fuhr den Wagen in den Graben – das alles rührte ihn keine Spur.« »Liebe Frau Schultz,« sagte der Advokat, und schloß sich ihnen an, »da muß ich doch im Namen des Gesetzes ernsthaft protestieren.« Der Advokat war ein hochgewachsener Mann in den Fünfzigern, mit breiten Schultern, zwischen denen ein magerer Hals versank, mit glanzlosen, tiefliegenden Augen und einer schmalen, gebogenen Nase. Sein Gesicht hatte zwei tiefe Backenfurchen, die er nach Belieben zu einer ehrfurchtgebietenden, lebenserfahrenen Linie stramm zog oder zu Lachgrübchen rundete, die muntere Lebensfreude ausdrücken sollten. »Hühner und Hunde überfahren,« setzte er mit einer Maske tiefen Ernstes fort, »mag angehen; das ist eine Zivilangelegenheit, für die Herr Cunning aufkommen muß; aber in voller Fahrt auf den Handlanger des Gerichts, einen Mann des Gesetzes –« »Er ist ja gar nicht zu schaden gekommen, weil er im letzten Augenblick zur Seite sprang. Ich schwitzte Angst, der Chauffeur aber mußte ja weiter, denn Ihre Frau und ich hatten gewettet, in welcher Zeit wir die Fahrt machen könnten.« Sie hielt inne und wandte sich an Frau Tillny, die mit den anderen Gästen nachkam – eine ansehnliche Dame mit graumeliertem Haar, die vor nicht langer Zeit hübsch gewesen war. Sie gebrauchte eine Lorgnette, war geschmackvoll und einfach gekleidet und sprach selbstbewußt in Ton und Gesten. »Ich habe gewonnen, Frau Tillny,« rief sie triumphierend, »er hat die Fahrt in vierzehn und einer halben Minute gemacht – ich habe auf höchstens fünfzehn gewettet.« Dann wandte sie sich wieder ab und trippelte weiter. »Edwin, mein Junge, du mußt mir ebensolche Maschine wie Cunnings verschaffen.« »Warum keine bessere?« Eleanor lächelte spöttisch. »Ihr Sohn muß ja immer das Beste von allem haben.« »Gott, Kindchen, wie sie ihn durchschaut haben,« sie wollte Eleanor auf den Arm patschen, konnte ihn aber nicht erreichen. »Hast du gehört, Edwin: eine bessere! – und wenn es keine gibt, müssen Sie mir Ihre abtreten, Herr Cunning, mit dem Chauffeur als Zugabe, einverstanden?« Als sie durch den Wintergarten auf die Terrasse hinaus gekommen waren, sank sie ganz außer Atem in einen breiten Korbstuhl, der der Tür am nächsten stand. »Was kann es nützen,« stöhnte sie, »ein Kilo zu verlieren, wenn man hinterher erst recht hungrig ist!« Sie griff sich ans Haar und sah sich unwillkürlich nach einem Spiegel um. »Gott, ich sehe gewiß schrecklich aus.« Der Advokat beugte sich galant über den Stuhl, indem er seine Hand auf die Brust legte: »Gnädige Frau, Sie sehen aus wie ein strahlender Maitag! Ich, weiß nicht, ob es die Luft hier in den Bergen ist, aber ich finde, daß Sie mit jedem Tag jünger werden.« »Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihren falschen Schmeicheleien.« Frau Schultz' Stahlaugen leuchteten vor Zufriedenheit, »man sollte überhaupt nicht mit Advokaten verkehren; sie treten für etwas ein, woran sie selbst nicht glauben, davon leben sie.« Sie drohte ihm mit ihrer kleinen, fleischigen Hand, »Ich glaube sicher, daß Sie einer von den Neunen werden.« Frau Tillny trat jetzt hinzu und stellte sich zwischen sie und ihren Mann. »Sie selbst haben ihn dazu verleitet Dummheiten zu sagen, gnädige Frau!« »Adelaide,« die Stimme des Advokaten bekam stets einen eigentümlich gottergebenen Klang, wenn er mit seiner Frau sprach, »ich muß dich wirklich bitten, –« »Du weißt, John, daß ich sage, was ich meine – und ich meine, was ich sage,« – sie stellte sich in Rednerpositur vor Frau Schultz auf – »ich begreife nicht, daß eine Dame wie Sie, Cornelius Schultz' Witwe, über derartige Schmeicheleien von seiten des anderen Geschlechtes nicht erhaben ist.« »Was sagen Sie?« Frau Schultz blickte verblüfft auf. »Was kann es nützen, daß wir Frauenrechtlerinnen dafür kämpfen, daß Frauen dasselbe Anrecht auf öffentliche Aemter haben sollen wie der Mann, wenn diejenigen, denen die Macht gegeben ist, Achtung vor unseren Fähigkeiten und unseren Menschenrechten zu fordern, mit solch schlechtem Beispiel vorangehen.« »Was meint sie, Herr Advokat?« »Ach,« sagte Herr Tillny sanft, »all' die Komitees und Sitzungen, wo Adelaide spricht, haben ihr diese unglückseligen Anschauungen eingegeben.« »Nennst du die Wahrheit sagen, eine unglückselige Anschauung!« Frau Tillny stellte sich zwischen ihn und Frau Schultz. »Mögen die ganz jungen Mädchen sich amüsieren, wenn sie dazu Lust haben; wir Frauen aber, die wir die Realität des Lebens kennen, müssen beweisen, daß wir unseren Menschenwert kennen, auch ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Wir dürfen uns unseres Alters und unserer Runzeln nicht schämen. So lange wir uns jünger machen wollen als wir sind« – sie blickte mißbilligend in die jugendlichen Stahlaugen – »und uns wegen unseres Aussehens Komplimente machen lassen, kann jede untergeordnete Mannsperson sich über uns erheben.« Eleanor brach in ein helles, schallendes Gelächter aus. Frau Schultz sah sie erstaunt an. »Sie lachen?« Der Advokat stimmte mit ein, um über das Peinliche der Situation hinwegzuhelfen. »Sie auch?« Frau Schultz wandte sich an ihn, »Sie untergeordnete Mannsperson.« »Dieses Wort war nicht auf John gemünzt,« Frau Tillny legte beschützend ihre Hand auf seinen Arm. »Sei bedankt, Adelaide!« »Cunning – Sie sind ein vernünftiger Mensch – soll ich hier böse werden oder mitlachen?« »Sie sollen lachen, Frau Jennimore – und verzeihen.« Frau Schultz streckte Frau Tillny, die gegen ihren Willen lächeln mußte, ihre Hand hin. »Ich verzeihe Ihnen! – Untergeordnete Mannsperson ist glänzend!« Sie lachte herzlich, während ihre großen Augen vom Advokaten zu seiner Frau wanderten. Dann erinnerte sie sich der Wette: »Ich aber habe gewonnen, Sie schulden mir fünfhundert Dollar – her damit.« Frau Tillnys graue Wangen röteten sich. Sie legte ihre Hand auf den Arm ihres Mannes: »Ach, John, du hast wohl –« Der Advokat griff feierlich in seine Brusttasche. »Gern,« sagte er, »wenn es nicht deinen Menschenwert, ohne Rücksicht auf das Geschlecht, verletzt.« Alle lachten, auch Frau Tillny. »Der Chauffeur soll ihn haben.« Frau Schultz reichte den Schein ihrem Sohn, der neben ihr in einem Stuhl lag, das eine Bein über das andere geschlagen, »sorge dafür, mein Junge.« Im selben Augenblick ertönte der Gong. »Gott sei Dank,« sagte sie und erhob sich, »jetzt bekommen wir etwas zu essen.« »Untergeordnete Mannsperson!« wiederholte sie lachend, während sie von Frau Tillny und den anderen Damen gefolgt, durch den Wintergarten zur Halle ging, um sich umzukleiden. Ralph wanderte mit Eleanor beim Springbrunnen auf und ab. Schultz folgte ihnen mit den Augen. Er sah wie Eleanor auf dem herrlichen Flor von gelben Rosen zeigte, und wie Ralph die breiten Marmorstufen hinuntersprang, sein Taschenmesser zog und sich reckte, um die Rosen abzuschneiden, während seine Augen prüfend von den Blumen zu ihrem goldenen Haar wanderten, um die passendsten auszuwählen. Schultz erhob sich aus seinem bequemen Stuhl und trat zum Advokaten, der etwas in seinem Taschenbuch notierte. »Auf ein Wort, Tillny.« »Gern.« Der Advokat steckte sein Buch in die Tasche und wandte sich mit ehrerbietiger Bereitwilligkeit zu Schultz, der einen Kopf kleiner war als er. Sein Instinkt sagte ihm, daß es sich hier um Geschäft und nicht um Privatgeschwätz handelte. »Wissen Sie,« Schultz bot ihm eine Zigarette, »daß der Präsident hier zum Festtag erwartet wird?« »Was Sie sagen,« der Advokat überlegte hastig, während er sich höher aufrichtete und seine Backenfalten stramm zog. »Er befindet sich gerade auf einer Wählerreise hier im Staat. Nun will er von Sonnabend auf Sonntag herkommen, um bei der Einweihung von Cunnings neuer Fabrik zugegen zu sein.« »Ja, ja, hier gibts allerhand Stimmen einzufangen – dreitausend Arbeiter auf einem Brett. Und gerade unser Staat wird der ausschlaggebende bei den Wahlen sein.« Schultz blickte sich nach Ralph und Eleanor um. Sie hatten jetzt dicht nebeneinander auf der Marmorstufe Platz genommen; Ralphs sonore Stimme klang herüber, die Worte aber konnte Schultz nicht verstehen. Eleanor hatte ihre weißen Hände um die Knie verschränkt, die Rosen lagen in ihrem Schoß; sie legte den Kopf in den Nacken und lachte laut. Der Advokat merkte, daß Schultz' Augen gleichsam blasser wurden; er tat, als ob ihn das Sonnenlicht störte und drehte sich so, daß auch er die beiden drüben am Brunnen sehen konnte. »Wissen Sie schon,« sagte Schultz und schlug die Augen nieder, »daß der Präsident sich gegen den Trust erklärt hat?« Der Advokat merkte, wo er hinaus wollte. »Nein,« sagte er und entfernte ein Stäubchen von seinem Rockaufschlag, »das hat doch nicht in den Morgenzeitungen gestanden.« »Er hat es gestern abend in Stanford bei einer Rede im Handelsklub gesagt – ich habe heute vormittag die telegraphische Mitteilung bekommen.« »Also wird es heute in den Abendzeitungen stehen.« Schultz faßte mit seinen dünnen Fingern einen Knopf am Rock des Advokats. »Cunning ist auf seiner Seite,« sagte er und senkte seine Stimme, »sein Vater war ja einer der ersten, der vom Stahltrust niedergeschlagen wurde.« »Ja, ja, ich entsinne mich.« »Der Präsident will einen großen Mann aus ihm machen.« »Aus Ihrem Freund?« »Aus Ralph Cunning.« Wissen Sie, daß er an dem Festtag dreißig Jahre alt wird?« »Sieh, sieh, also ein dreifaches Fest!« Der Advokat begann Interesse zu zeigen, »und Sie meinen, daß –« »Der einzige Grund, weshalb der Präsident sein Mündel noch nicht zum Senator gemacht hat, ist der, daß er das gesetzmäßige Alter noch nicht erreicht hatte. Das hat er jetzt.« »Sie meinen also,« – der Advokat war jetzt ganz bei der Sache – »wenn der Präsident wiedergewählt wird, dann –« Schultz ließ den Knopf los und sah dem Advokat zum ersten Male in die Augen. »Nicht wahr, Herr Advokat, die Chancen des Gegenkandidaten sind nicht ohne Interesse für Sie?« Der Advokat versuchte aus Schultz' Blick zu erfahren, was er antworten sollte; die glanzlosen Pupillen aber verrieten nichts weiter, als daß Schultz sein Zögern bemerkte; und um seine schmalen Lippen lag ein Ausdruck, als ob er mit etwas spielte, das er in seiner Hand hielt. »Na, Interesse ist wohl etwas viel gesagt.« Der Advokat hob würdevoll die Achseln. »Sie sind vielleicht gegen den Trust,« sagte Schultz schnell und streng. »Keineswegs,« beeilte Tillny sich zu versichern, »im Gegenteil.« Schultz machte eine kleine Pause, während er auf den goldenen Knauf seines Stockes hauchte. »Ich sprach neulich mit unserem Boß,« sagte er und begann den Knauf mit seinem Taschentuch abzureiben. »Ich wußte nicht, daß Sie sich für Politik interessieren.« »Eigentlich auch nicht. Ich interessiere mich nur für den Trust – und ich kann den Präsidenten nicht gebrauchen –«, er hielt den Knauf gegen das Licht, um zu sehen, ob er blank geworden sei, »wissen Sie, was der Boß zu mir sagte? – Advokat Tillny, sagte er, ist ein sehr einflußreicher Mann hier im Staat; er kennt alle Welt und kann die meisten in die Tasche stecken,« – die Putzarbeit war beendet und Schultz steckte sein Taschentuch in die Tasche, als ob er seine Worte illustrieren wollte. – »Und seine Frau hat die Frauen auf ihrer Seite. Wenn Tillny sich für Smiths Wahl ins Zeug legen will, machen wir ihn an Stelle von Bryce, der vorigen Sommer gestorben ist, wie Sie wissen, zu einem von den ›Neunen‹.« Schultz sah ihm fest in die Augen, wippte mit dem Stock und fragte: »Sind Sie willig?« Der Advokat zog seine Backenfalten stramm – sie verrieten die Neigung sich zu runden, und sagte nach kurzem Bedenken: »Richter am höchsten Gericht zu sein, ist eine Stellung, die ein jeder Jurist sich wünscht; aber auch ohnedem wird es mir ein Vergnügen sein, in Ihrem Interesse und dem des Trust zu wirken.« Schultz sah aus, als ob er noch mehr erwartete. Der Advokat sah ein, daß der Augenblick kostbar war. »Sie wollen also« – er senkte die Stimme und blickte sich um – »den Sturz des Präsidenten.« »Ja.« »Und es ist auch der Wille des Trusts.« »Ja, seit gestern.« Der Advokat erwiderte seinen Blick und fragte langsam und mit Nachdruck: »Und wenn es nun nicht glückt – könnten Sie sich nicht auch mit weniger begnügen? – Sie interessieren sich ja gar nicht für Politik.« Schultz preßte die Lippen aufeinander. »Womit zum Beispiel?« Der Advokat besaß einen gut entwickelten psychologischen Instinkt, dem er jetzt folgte. »Daß Ralph Cunning zum Beispiel nicht Senator würde.« »Ja.« Schultz nickte anerkennend, »ich aber will meine Finger nicht im Spiel haben, daß Sie es wissen. Ralph ist ja mein Freund.« »Selbstverständlich!« sagte der Advokat. Seine Augen schweiften umher und streiften wie zufällig das Paar am Brunnen, dessen Stimmen sie die ganze Zeit hörten, ohne einzelne Worte unterscheiden zu können. »Und wenn auch das schief ginge,« sagte er, »würde dann nicht ein drittes Sie persönlich zufriedenstellen können?« Schultz verstand, worauf er anspielte, wünschte aber nicht, daß es zwischen ihnen in Worten ausgesprochen wurde. »Wir werden sehen!« Er streckte ihm seine schmale Hand hin. – »Wir sind also einig?« »Meine politische Ueberzeugung« – der Advokat drückte die ausgestreckte Hand zur Besiegelung – »ist ganz auf Ihrer Seite.« Sie schritten zusammen zum Wintergarten und blieben auf der breiten Marmorplattform vor der Tür stehen, während der Advokat seine Ansicht über die Chancen des Präsidenten entwickelte, seit nun seine Stellungnahme zu den Trusten entschieden war. Ralph und Eleanor saßen noch immer im vertraulichen Gespräch beisammen. Sie hielt die Rosen in ihrem Schoß und sagte, während sie sie mit ihren weißen Händen liebkoste: »Ich glaube nicht, daß Sie wissen, was Liebe ist.« »Wissen Sie es?« Er blickte auf ihre Hände herab und überlegte, ob er sie nehmen sollte. »Ich glaube, daß die Liebe ein Schicksal ist, gut oder feindlich, immer aber stärker als unser Wille.« Er widerstand ihrer Hand und antwortete: »Es gibt nur eines, das stärker ist als mein Wille.« »Und was ist das?« Sie blickte unter den langen, dunklen Augenwimpern zu ihm auf. »Der Tod. – Wenn ich fühlen würde, daß eine Liebe mich wie ein Schicksal bedrohte –« Er hielt ihren Blick fest und schwieg. »Was dann?« fragte sie und blickte ihm gerade in die Augen. »Dann würde ich sie über die Schwelle zurückdrängen – ihr den Eintritt verwehren.« »Und wenn sie ihr gutes Schicksal wäre, ohne daß Sie es selbst wüßten?« »Ich bin nicht abergläubisch,« – er richtete sich höher auf und kreuzte die Arme. »Und ich will selbst über mein Leben bestimmen.« Tillny und Schultz kamen jetzt auf sie zugeschlendert. Schultz räusperte sich. »Fräulein Eleanor!« rief er und zeigte ihr seine Uhr. »Sie werden nicht zur rechten Zeit fertig; Hopkins wird ärgerlich sein.« »Sie haben recht« – Eleanor sammelte die Rosen in ihrem Schoß und erhob sich – »ich komme.« Zwischen Schultz und Tillny ging sie zum Wintergarten. In der Tür wandte sie sich zu Ralph um, der ihnen nicht gefolgt war. »Kommen Sie nicht mit?« »Ich habe noch im Kontor zu tun.« Er blieb stehen und blickte ihr nach, bis sie zwischen den Palmen verschwunden war. Darauf strich er sich mit der Hand übers Gesicht, als ob da etwas sei, das er fortwischen wollte, und ging mit langen, festen Schritten auf die Platanenallee zu. IV. Als Ralph durch die Allee gehen wollte, sah er, wie zwei Herren und eine Dame in die Pforte einbogen. Er blieb ärgerlich stehen. Was wollten diese Leute hier. Da stand doch: »Unbefugten ist der Zutritt verboten.« Er überlegte, ob er abbiegen, bevor man ihn gesehen hatte, und den Weg über den Hof einschlagen sollte. Daß es keiner von seinen Gästen war, sah er gleich. Bevor er aber noch einen Entschluß gefaßt hatte, sah er, wie der eine Herr seine Arme wie in Wiedersehensfreude ausbreitete und auf ihn zukam. Ralph erwiderte zögernd seinen Gruß und blieb stehen. »Ralph Cunning!« Der Fremde blieb stehen und blickte ihn mit einem komischen Ausdruck von Enttäuschung auf seinem runden Gesicht an, »Erkennen Sie mich wirklich nicht!?« »Goodwill?« Ralph ergriff seine Hand und zog ihn ins Licht auf die Terrasse. »Herzlich willkommen!« »Welche Freude, Sie wiederzusehen!« Goodwill betrachtete ihn mit feuchten Augen. »Ich glaube wahrhaftig, daß Sie noch gewachsen sind.« »Gar nicht unmöglich. Ich war ja erst einundzwanzig Jahre alt, als Sie mich damals verließen.« »Oder – ?« Goodwill trat einen Schritt zurück, um ihn recht zu betrachten. »Ja, das ist's: Der Geist in Ihnen ist gewachsen, die Lebensfreude in Ihrem Blick ist zu Willenskraft geworden, der Mund so energisch, die Stirn voller Verantwortung.« »Und Sie sind derselbe unverbesserliche Optimist,« lachte Ralph, »das sehe ich Ihren Augen an. Warten Sie lieber mit Ihrem Lob, bis Sie sehen, daß es berechtigt ist.« »Ich hab' es gesehen! Cunning!« Goodwills Blick schweifte über den Springbrunnen, den Wintergarten, die Fabrik, und er schien alles mit seinen ausgebreiteten Armen umfassen zu wollen, »Dies alles haben Sie in neun Jahren geschaffen? Das Schloß – und den Park – und die Fabrik! Ja, die Fabrik. Wir haben alles gesehen – alles ist erstklassig, wohin man blickt. Und wie ich höre, wollen Sie sie jetzt von neuem vergrößern?« Er stellte sich wieder vor Ralph auf und musterte ihn, während sein Gesicht strahlte. »Und der Gedanke, daß es mein Schüler ist, dem Gott die Fähigkeit gab, solch großes Werk zu verrichten!« Oanda war in der Allee stehen geblieben. Der Ausdruck ihres Gesichtes war fast feierlich, wie sie dort stumm und steif stand und mit einem unklaren Gefühl der Zusammengehörigkeit das Bild desjenigen in ihre Seele aufnahm, der den Namen ihres Vaters trug. Ralph fühlte ihren Blick, drehte sich um und stutzte. »Das sind Ihre Freunde, Goodwill?« »Ich bitte um Entschuldigung!« Goodwill streckte die Hand aus, um vorzustellen. »Ja, meine Freunde, aber Sie wissen ja noch gar nicht, daß ich auf einer unbekannten Insel strandete, ich und Fielding, sie kennen ihn wohl, den Gefängnisinspektor hier aus Pennsylvania; wir wollten ihn auf dem Wege hierher besuchen, trafen ihn aber nicht zu Hause.« Ralph machte eine ungeduldige Bewegung. Goodwill beeilte sich fortzufahren: »Wir reisten zusammen von Manila, mitten auf dem Meer aber geriet das Schiff in Brand. Wir verließen es in einem geringen Boot, der Herr aber hielt seine Hand über uns – über Fielding und mich und Nomura.« Er wandte sich zu dem Japaner um, der nähertrat, als sein Name genannt wurde. »Das ist Dr. Nomura, ein japanischer Arzt aus Manila.« Nomura streckte seine Hand aus und sagte feierlich: »Es ist mir eine Ehre.« »Gleichfalls.« Ralph schüttelte seine Hand, streifte das magere, gelbliche Gesicht mit einem Blick und wandte sich darauf Oanda zu. »Und das gnädige Fräulein?« »Ja, das ist ein Märchen!« Goodwill rückte seine Brille zurecht und setzte zu einer umständlichen Erklärung an: »Sie müssen nämlich wissen, Cunning, daß sie die Prinzessin der Insel ist –« Weiter kam er nicht. »Willkommen in meinem Reich, Prinzessin!« unterbrach Ralph ihn und streckte Oanda seine Hand hin. Oanda blickte in seine starken, weitgeöffneten Augen; sie lächelten ihr zu, und auch sie lächelte, aber sie trat nicht näher und nahm nicht seine Hand – sie vergaß es. »Ja, wer hätte das gedacht,« fuhr Goodwill fort. »Statt einer wilden und feindlichen Bevölkerung finden wir einen geordneten Staat von einem Holländer und – äh – einer europäischen Dame mit ihrer jungen Tochter geleitet. Diese Insel wurde unsere Rettung.« Ralph verwandte keinen Blick von ihr. Sie war wie eine Dame gekleidet, und dennoch wie ganz anders! In Haltung, Blick, so frei von allem gezierten Wesen, so offen und geradezu, als ob sie einem geradeswegs in die Seele blickte. »Und Sie lohnten Ihren Rettern, indem Sie die Prinzessin entführten?« sagte er munter. »Es geschah mit vollem Einverständnis ihrer Mutter,« protestierte Goodwill feierlich. »Fräulein Oanda wollte die Welt kennen lernen, wie sie ist, und ich sollte ihr Führer sein.« »Eine große Verantwortung, Goodwill!« Ralph lachte und wollte mehr gesagt haben, als aber Oanda im selben Augenblick nähertrat und ihre Augen sich trafen, verstummte er. Sie nahm seine Hand und fragte: »Wie alt sind Sie, Ralph Cunning?« Die feste, warme Hand, die Frage, die Stimme, klar und stark und dennoch weich – das alles ging ihm so seltsam zu Herzen, »Dreißig Jahre.« Er betrachtete ihr flammendes Haar, das ihr über die Ohren fiel. Es war nicht glanzvoll und wohlgepflegt wie Eleanors, aber üppig und von Licht und Luft gesättigt. »Und Sie, gnädiges Fräulein?« »Neunzehn.« Sie ließ seine Hand los, und ihre Wangen, die hell und flaumig waren, färbten sich rot.« »Warum nennen Sie mich gnädiges Fräulein? Ich heiße Oanda.« »Aber liebes Kind,« beeilte Goodwill sich zu sagen, »ich habe Ihnen ja schon erklärt, daß man sich nur beim Namen nennt, wenn man sich sehr nahe steht.« »Oanda – Oanda!« sagte er, den Klang prüfend. »Das bedeutet ›die Leuchtende‹. So nannten die Eingeborenen sie, weil sie helles Haar und blaue Augen hat, das hatten sie noch nie gesehen.« Oanda faltete ihre Hände vor der Brust und sagte: »Ich hatte geglaubt, daß Sie größer seien.« Sie reicht mir kaum bis ans Kinn, dachte er bei sich. Vielleicht aber meinte sie gar nicht seinen Wuchs. »Warum glaubten Sie das?« Sie zögerte einen Augenblick. »Weil Ihr Reich so groß ist.« »Größer als Ihres?« »Ja, Sie aber haben kein Meer.« Ein Schatten glitt über ihr Gesicht, während sie sich umblickte. »Und hier sind auch keine Palmen.« »Sehen Sie dorthin!« Ralph zeigte auf den Wintergarten, hinter dessen offener Flügeltür eine mächtige Königspalme ihre Blätter breitete. »Die sind ja gefangen!« Sie rümpfte die Nase, so daß Ralph lächeln mußte. »Warum ist alles bei euch eingesperrt?« Sie trat ganz nah an ihn heran und erklärte ihm eifrig, als ob er es noch nicht wüßte: »In den großen Häusern dort drüben, die ihr die Fabrik nennt, war es so voll von eingesperrten Menschen, wie Kerne in einer Frucht. Und weshalb laufen alle Menschen?« »Welche Menschen?« »Alle auf der Straße, Sie rennen zwischen den Häusern, als ob jemand hinter ihnen her sei.« Sie überlegte einen Augenblick. »Können sie vielleicht keine Luft bekommen? – Da war mal einer auf der Insel, der ebenso komisch über seine eigenen Beine fiel, und Pieter sagte, es sei, weil er keine Luft bekommen könne.« »Warum sollte man keine Luft bekommen können?« »Hier ist ja keine Luft – und das Licht kann wegen der Häuser nicht durchdringen.« Ralph sah Goodwill fragend an. »Sie meint den Kohlenstaub,« erklärte der Priester. »Ist darum alles so tot?« »Tot?« Im selben Augenblick sandte die Dampfpfeife in der Fabrik einen kreischenden Ton durch die Luft. Oanda fuhr zusammen und griff nach Goodwills Arm. Der Geistliche sah nach seiner Uhr. »Ist es schon Feierabend?« »Heut ist Löhnungstag.« Noch ein kreischendes Pfeifen, und noch eins, etwas weiter fort. »Mich dünkt, hier ist Lärm genug,« sagte Ralph und lächelte. »Ja, hier ist alles voll von totem Lärm.« Goodwill rückte an seiner Brille und sagte nachdenklich: »Nicht der freie Pulsschlag des Lebens, sondern toter Lärm.« Er blickte Ralph an und lächelte anerkennend über Oandas gute Bemerkung. Ralph aber achtete nicht darauf. Der Gedanke, nicht die Worte hatten ihn ergriffen. Wie sie dort stand, so echt und eigenartig, schien die Beleuchtung über ihr gewechselt zu haben. »Sehnen Sie sich schon nach Ihrer Insel zurück?« »Ja.« Sie atmete tief auf und ihr Blick wurde fern. »Seit wann sind Sie hier?« Oanda antwortete nicht, sie war weit fort. »Wir kamen Montag Morgen nach St. Francisco,« berichtete Goodwill, »und fuhren gleich mit dem Overland-Expreß nach New York. Der ungeheure Verkehr aber wirkte so niederdrückend auf sie, daß ich es für ratsam hielt, gleich mit ihr in die Berge zu gehen.« Oanda blickte auf das große, weiße Haus, das sich hinter dem gewölbten Glasdach des Wintergartens erhob, und dessen Kapitale und Säulen in der Sonne leuchteten. Sie dachte an das, was sie in der großen Stadt gesehen hatte, und sagte, als spräche sie zu sich selbst: »Ich hatte geglaubt, daß Menschen, die sich so große Häuser bauen, größer und schöner und glücklicher seien als wir, die wir nur in Hütten wohnen. Die Menschen aber, die zwischen den Häusern liefen, waren so bleich und tot im Gesicht, als ob sie kein Licht in sich hätten.« Sie wandte sich an Ralph und zeigte auf die Fabrik, die sie eben besichtigt hatte. »Dort sang niemand bei der Arbeit, keiner lachte. Ich bin keinem einzigen in Ihrem Reich begegnet, der glücklich aussah.« Ralph runzelte die Brauen. »Das sind Dagos,« sagte er hart. »Abfall aus Italien, Polen und Rumänien. Was hat es für Zweck, daß wir ihnen eine Bibliothek einrichten, wenn sie doch nicht lesen können, daß wir einen Sportplatz haben, wenn sie faul wie Tiere in ihrer freien Zeit sind? Das einzige, was sie lockt, sind Kneipen und Ringkämpfe und Filme, die von Einbruch und Mord handeln.« »Hier wartet unser eine große Arbeit!« sagte Goodwill eifrig, »Wissen Sie, Cunning, mein erster Gedanke war, als ich von meiner Tätigkeit in China, die mir so teuer geworden war, vertrieben wurde, daß ich mich der Missionsarbeit in der Heimat widmen wollte. Wird hier in christlichem Sinne zwischen der Arbeiterbevölkerung gewirkt?« »Die Heilsarmee hat ihr Haus und ihre Versammlungen.« Goodwill schüttelte nachsichtig den Kopf. »Eine Seelsorge von berufenen Kräften gibt es also nicht?« Und da er den Glauben hatte, daß der Augenblick von der Vorsehung bestimmt wurde, so ergriff er die Gelegenheit: »Ralph Cunning,« sagte er, und legte die Hand auf Cunnings Arm, »wollen Sie mir erlauben, eine christliche Pionierarbeit auf Ihrem Grund und Boden zu eröffnen?« »Gern. Die Bibliothek und das Versammlungshaus stehen zu ihrer Verfügung, ich fürchte aber, daß Sie in eine Wüste hineinrufen werden.« Goodwill sah ihn fest und zuversichtlich an. »Der Herr wird seinen Segen dazu geben.« Jetzt näherte sich Nomura, als ob auch er etwas auf dem Herzen habe. Ralph sah es. »Sie sind Arzt?« »Ja, ich war drei Jahre Arzt beim Armenkrankenhaus in Manila.« »Warum verließen Sie Ihre Stellung?« »Um mich an amerikanischen Krankenhäusern weiter auszubilden.« »Zur Fabrik gehört ein Krankenhaus.« »Ich weiß es,« nickte Nomura. »Der Oberarzt hat seine Stellung gekündigt. Wollen Sie sie haben? Ich kann Ihnen viertausend Dollar und freie Wohnung bieten.« »Danke. Ich nehme es an. Wann soll ich die Stellung antreten?« »Sofort.« »Sehr wohl.« Nomura beeilte sich, seine Hand hinzuhalten, damit Cunning sich nicht noch eines Besseren besinnen sollte. Ralph nahm sie. »Damit wäre also sowohl für die seelische, wie für die körperliche Pflege gesorgt,« sagte er und lächelte Oanda zu. »Sie sehen, Fräulein Oanda, daß Sie Segen bringen.« »Warum lieben Sie die Menschen nicht?« fragte Oanda traurig. »Liebes Kind.« Goodwill sandte ihr einen verweisenden Blick. »Herr Cunning hat doch eben bewiesen –« »Ja, Sie hat er gern, weil er Sie schon so lange kennt, und mir wollte er eine Freude machen, nicht?« Ralph nickte. »Warum aber lieben Sie nicht die anderen, die faul wie die Tiere sind?« Goodwill berührte mißbilligend ihren Arm. »Wenn die Leute ihren Vorteil darin sähen, würden sie mich zugrunde richten.« »Die Menschen, die für Sie arbeiten?« »Ja.« »Die Menschen, die so tot und blaß im Gesicht sind und weder singen noch lachen können?« »Ja. Uebrigens, wenn sie getrunken haben, können sie lachen und singen und noch mehr dazu.« »Dann würde ich ihnen viel zu trinken geben.« Goodwill mußte ihr abermals eine Zurechtweisung erteilen. »Es ist ja gerade der Trunk, der sie tot und faul macht. Es ist die Trunksucht, die sie um das häusliche Glück bringt.« Oanda sah ihn betrübt an. »Die Welt ist also doch schlecht.« »Nein, aber die Menschen wollen das Gute nicht.« »Sie müssen trinken, um lachen und singen zu können, und dennoch vernichtet die Trunksucht ihr Glück. Ist denn das nicht schlecht?« Goodwill rückte an seiner Brille, während er nach einer Antwort suchte. »Schlecht kann man es nicht nennen, eher unglücklich.« »Ist es denn nicht eine Schlechtigkeit, daß sie unglücklich sein müssen?« Jetzt verlor Goodwill die Geduld. »Liebes Kind,« sagte er feierlich, »wenn Sie in dem richtigen christlichen Glauben erzogen wären, würden Sie wissen, daß es nicht darauf ankommt, glücklich zu sein, sondern den Willen desjenigen zu tun, der allein gut ist.« »Tun sie denn nicht Ihren Willen, wenn sie für Sie arbeiten?« Sie wandte sich an Ralph: »Wollen Sie denn nicht, daß sie glücklich sein sollen?« Es ist zwecklos, dachte Ralph, dennoch antwortete er ernst: »Nicht mein Wille, sondern der der Gesellschaft bestimmt ihre Lebenslage. Diesem Willen muß auch ich mich beugen.« Sie merkte wohl, Goodwill wünschte, daß sie das Gespräch nicht fortsetzte. Sie sah, daß Ralph ungern antwortete. Sie aber konnte es nicht lassen zu denken, und wenn sie dachte, mußte sie auch fragen. Wie sollte sie sonst die Welt kennen lernen, wie sie wirklich war? Und das wollte sie, sonst wäre sie zu Hause geblieben. »Der Wille der Gesellschaft?« wiederholte sie und blickte prüfend in Ralphs mageres Gesicht, mit der hohen, eckigen Stirn und den scharfen Linien um den festgeschlossenen Mund. Sprach aus all' dem nicht Wille? Froh aber ist er nicht, dachte sie betrübt, das sah sie an den großen, weitgeöffneten Augen, in deren Grau es so hart blitzte, und dennoch, als er vorhin ihren Namen wiederholte, hatten sie so gut geblickt. Merkwürdig, daß ein Gesicht gleichzeitig düster und hell aussehen konnte; so aber war es hier drüben in der Welt. »Ich glaubte, daß Sie selbst einen Willen hätten. Aber das haben Sie auch! Goodwill sagte vorhin, daß die Lebensfreude in Ihrem Blick zum Willen geworden sei.« Sie zögerte einen Augenblick, während sie nachdachte, »Und Sie gaben Goodwill gleich, um was er Sie bat, und Nomura, obgleich er Sie nicht einmal darum gebeten hatte, und mir wollten Sie eine Freude machen, weil sie wollten – Sie wollten! « wiederholte sie strahlend, denn hier hatte sie ja den Beweis. »Ich habe also doch recht, Sie sind gut und haben einen eigenen Willen!« Ralph nickte. Die plötzliche Freude in ihren Augen hatte ihn mehr als ihre Worte ergriffen. »So helfen Sie ihnen doch, glücklich zu werden!« »Das ist ein großes Wort. Wer ist glücklich?« »Sind Sie es nicht?« »Nicht, seitdem ich Kind war.« Oanda sah von ihm zu Goodwill auf. »Und Sie?« Goodwill sagte feierlich: »Glücklich ist der, der ein gutes Gewissen hat.« Sie wandte sich an Nomura: »Und Sie?« »O, ja,« sagte er trocken, »das Leben ist sehr gut, aber kurz.« »Und Sie selbst, Oanda?« Es war Ralph, der gefragt hatte. Sie blickte zu ihm auf und wollte antworten, im selben Augenblick aber glitt ein Schatten über ihr Gesicht, »Ich war es, als ich zu Hause war.« Dann leuchtete es in ihrem Gesicht auf. »Und ich will es wieder werden.« »Lehren Sie mich diese Kunst,« bat Ralph, halb im Ernst, halb im Scherz. Sie hielt seinen Blick fest und nickte ernst: »Ja, falls ich so lange hier bleibe.« V. Von der Fabrik her erklang das Geräusch von Stimmen. Oanda hob den Kopf und lauschte. Darauf ging sie zur Buchsbaumhecke, erhob sich auf den Zehenspitzen und guckte hinüber. »Es sind die Arbeiter,« sagte sie, »sie kommen aus dem kleinen Haus und nicht aus dem großen.« »Sie sind beim Werkführer gewesen und haben ihren Lohn bekommen,« sagte Ralph. Sie stützte die Hände auf die Hecke und hob sich auf den Zehenspitzen, um besser zu sehen. »Einer droht hier herüber,« sagte sie erstaunt und drehte den Kopf zu Ralph um, »drei Männer wenden sich um und sehen hierher.« Die Stoppeln der kürzlich geschnittenen Hecke taten ihren Händen weh. Während Ralph näher kam, sah sie eine Bank zwischen den Statuen und sprang hinauf. »Wie müde sie aussehen!« sagte sie bekümmert. »Jetzt haben sie mich erblickt.« Sie hielt den Atem an vor Spannung. »Ich glaube, sie wollen Sie sprechen.« »Kommt!« rief sie und winkte ihnen. »Kommt nur hierher!« Goodwill eilte auf sie zu und faßte sie am Kleid. »Aber das geht doch nicht! Kommen Sie sofort herunter.« Oanda beachtete ihn nicht. Sie wandte sich an Ralph, der neben der Hecke stand. »Haben die Leute Angst? Sie zögern?« Es schien etwas Außergewöhnliches im Gange zu sein. Die Stimmen klangen zornig, ja drohend. Ralph wollte sich ungern sehen lassen, um sich nicht in etwas zu mischen, das Sache des Werkführers war; er war die letzte und höchste Instanz. Er wollte Oanda gerade bitten, von der Bank herunterzusteigen, als sie winkte und aus voller Kehle über die Hecke rief: »Kommt doch hierher, ihr drei! Ihr braucht euch nicht zu fürchten.« Ralph sprang neben sie auf die Bank und fragte einen Arbeiter, der mit seinem Eßgefäß in der Hand auf dem Heimwege war: »Was ist da los?« »Die drei Arbeiter sind entlassen worden.« »Sie kommen, sie kommen!« rief Oanda und sprang von der Bank. Ralph sah drei zornige Arbeiter aus der Gitterpforte kommen, mit einer Schar hinter sich. »Rufen Sie den Werkführer!« befahl er. »Jawohl.« Der Arbeiter kletterte über das Gitter zum Stapelplatz, um den Richtweg zum Kontor des Werkführers einzuschlagen.« »Einer hat mich ganz böse angesehen.« Oandas Backen röteten sich vor Aufregung. »Warum mischen Sie sich in etwas, was Sie nichts angeht?« sagte Goodwill zornig und blickte verstohlen zu Ralph auf, der mit einem ärgerlichen Ausdruck im Gesicht auf die Allee zuging. »Warum geht es mich nichts an?« Sie blickte erstaunt zu ihm auf. »Sie sind doch nicht ihr Herr.« Ralph erreichte die Pforte gleichzeitig mit den Arbeitern. »Die drei Entlassenen sollen hereinkommen,« sagte er, öffnete die Pforte und wartete, bis sie durchgegangen waren. Die anderen können gehen!« Er schloß die Pforte und ging vor den Männern zur Terrasse hinauf. Der erste war ein Irländer, der den Namen »der schwarze Pat« führte. Er zog den linken Fuß etwas nach und war klein, mit unförmig großen Händen, die jetzt, wo sie unbeschäftigt waren, schwer und linkisch herabhingen. Die niedrige, viereckige Stirn war voller Falten, in denen sich Schweiß und Kohlenstaub festgesetzt hatten. Die kleinen Augen lagen tief unter den schwarzen buschigen Brauen; das Untergesicht war von grauen Bartstoppeln bedeckt. Aus den breiten Kiefern, dem groben Mund und dem schweren Blick sprach versteinertes Leiden. Sein ganzer Körper war in beständig arbeitender Unruhe, so daß er von dem einen Fuß auf den andern trat und stoßweise und krampfartig atmete. Er war in Arbeitertracht. Als er das tiefe Mitleid in Oandas Augen sah, nahm er seine Mütze ab, und sein Blick blieb mit dumpfem Erstaunen an ihr haften. Der andere – Dick Darling genannt – war ein junger Bursche in einem ausgewachsenen, zerlumpten Anzug und einem farbigen Hemd. Es hatte den Anschein, als ob er in seinen Kleidern übernachtete. Er war hochaufgeschossen mit schmalen Hüften und breiten, hängenden Schultern; ein kleiner Kopf auf einem dünnen Hals und schwarzes Haar, das in der Mitte gescheitelt war, mit einer Locke in der Stirn. Die dunklen Augen hatten einen stechenden Blick, entgegenkommend und böse zugleich; die Lippen waren schmal und hatten den Ausdruck eines lasterhaften Kindes. Seine schlappe Gestalt trug ein gewisses Yankeegepräge, so daß Goodwill dachte, er sei gewiß von besserer Herkunft. Er grüßte die Gesellschaft mit ironischer Ehrerbietung und machte eine Extraverbeugung vor Oanda, um ihre Jugend und Schönheit zu ehren. Er hatte sie winken sehen und die anderen überredet, ihrer Aufforderung zu folgen. Der dritte führte den Namen Tonny; er hieß Antonio und war Sizilianer. Er schien in den Dreißigern zu sein, war kräftig gebaut, mit einem hohen Brustkasten und einem starken roten Hals, der aus dem offenen, karierten Baumwollhemd hervorsah. Alles an ihm war in Unruhe; der Kopf mit dem dichten, schwarzen Kraushaar, das bis tief in die Stirn wuchs, das vortretende, gespaltene Kinn, schwarz von Bartstoppeln, die breitausladenden Kiefer, die blitzenden, schwarzen Augen, die blanken, roten Lippen, in die er mit seinen schimmernden, weißen Zähnen biß; sein ganzes brünettes Gepräge und die Ringe in den flachen, halbversteckten Ohren zeigten deutlich, woher er stammte. Er grüßte nicht, blickte nur herausfordernd von einem zum andern. Goodwill zog sich unwillkürlich einige Schritte zurück, Nomura aber richtete Augen und Brille auf sie, als ob er eine Diagnose stellen wollte. »Warum sind Sie entlassen worden?« fragte Ralph den schwarzen Pat, der ihm am nächsten stand. »Er hat gesagt, daß ich zu alt sei.« »Wie alt sind Sie?« »Ich bin diesen Sommer fünfzig geworden.« »Wie lange haben Sie hier gearbeitet?« »Fünf und ein halbes Jahr.« Ein großer, magerer Mann mit einem gestutzten Schnurrbart kam jetzt mit langen Schritten durch die Allee. Es war der Werkführer. Pat zuckte zusammen, als er ihn sah; seine Hände wurden unruhig, seine Augen blutunterlaufen. »Na, Braddon,« sagte Ralph und erwiderte den Gruß des Werkführers. »Was ist hier los?« »Ich habe Befehl, für erstklassige Leute zu den neuen Maschinen zu sorgen.« Er sagte es, wie etwas Auswendiggelerntes, während seine kleinen, wasserklaren Augen voll auf Ralph gerichtet waren. »Schön. Und dieser Mann dort?« »Ist zu alt, um sich den neuen Maschinen anzupassen.« Ralph fühlte Oandas Blick auf sich. Er zögerte eine Sekunde, während er Pat betrachtete, der mit vorgebeugtem Kopf dastand und kämpfte, um sich ruhig zu verhalten. »Dann lassen Sie den Mann bei den alten.« »Das kann nicht angehen, Herr.« »Warum nicht?« »Weil er mir in Gegenwart der anderen gedroht hat.« »Das tat ich nicht, Herr.« – Pats Stimme klang heiser vor Erregung – »ich forderte ihn nur auf, seine Kräfte mit mir zu messen, um ihm zu beweisen, daß ich noch bei Kräften bin,« Ralph sah ihn streng an, »Geben Sie ihm einen Monatslohn extra, da er fünf Jahre bei uns gewesen ist.« »Herr« – Der Schweiß trat in Perlen auf Pats Stirn; er hob seine schweren Hände und sah Ralph mit einem Blick an, wie ein Hund, der Prügel bekommt. – »Wenn man mich hier entläßt, bin ich reif für den Schutthaufen.« Sein Blick schweifte angstvoll von Ralph zu Oanda, als bäte er um sein Leben. Oanda wollte etwas sagen, Goodwill aber, der es sah, faßte sie am Arm. Ralph überlegte einen Augenblick. »Nehmen Sie eine Entschuldigung an, Braddon?« Der Werkführer ließ seinen Blick vom einen zum anderen Arbeiter gleiten und sagte: »Wenn alle drei sich entschuldigen.« Dick Darling lüftete den Hut vor Ralph und sagte: »Mir hat er den Abschied gegeben, weil ich ein paar Tage krank gewesen bin, ich habe ein altes Bronchitis-Leiden, womit ich sehr vorsichtig sein muß, wie der Arzt mir gesagt hat. Als ich heut morgen zur Arbeit kam, sagte der Werkführer, daß ich zum Teufel gehen sollte und zwar sofort. Und ich sagte, daß ich auf ihn warten wolle, denn früher oder später fährt er ja doch zur Hölle.« »Haben Sie ein ärztliches Attest?« fragte Ralph ohne ihn anzusehen. »Es ist ein altes Leiden, das sich hin und wieder einstellt; ein Attest kann ich leicht verschaffen.« Er neigte den Kopf und blickte zu Oanda auf mit einem leidenden Lächeln um seine schmalen Lippen. »Es ist schon das zweite Mal,« sagte Braddon, »das erste Mal drohte ich ihm, daß ich ihn verabschieden würde, wenn es sich wiederholte, diesmal dauerte es fünf Tage; ich schickte einen Mann zu ihm – er wohnt beim schwarzen Pat – dort war er vier Tage nicht gesehen worden und Pats Frau wußte nicht wo er war. Der Arzt sagt, daß er Quartalstrinker ist. So verhält es sich mit seinem alten Leiden.« Dick blickte nachdenklich vor sich hin und sagte still: »Ich weiß nicht, was ein Quartalstrinker ist. Ich weiß aber, was ein Gentleman ist,« – er blickte Braddon an – »und ein Ehrabschneider, und lieber würde ich meine eigenen Stiefelsohlen rein lecken als solchem Herren eine Entschuldigung machen.« Er sah Oanda an, als ob er sie daran erinnern wollte, daß sie es sei, die sie gerufen hatte, und fuhr mit kläglicher Stimme fort: »Ich will Ihnen nämlich sagen, gnädige Frau, wenn sich die Schmerzen in der Brust melden und wie der Teufel an einem zerren, dann ist das einzige Mittel, daß man sich etwas Kräftiges zu Gemüte führt. Zu Bett liegen nützt nichts, nur tüchtig saufen.« Nomura beobachtete ihn mit Interesse. Dick bemerkte die blitzenden Brillengläser, die auf ihn gerichtet waren und wandte sich an ihn: »Das ist ein gutes altes Rezept von einem gelehrten Arzt in St. Louis. Es mag ja sein, daß es einem etwas zu Kopf steigt, aber was schadet das?« Er richtete sich in seiner Menschenwürde auf und sah Ralph offen ins Gesicht. »Tue ich jemandem dadurch etwas zuleide? – Hab' ich den Werkführer dadurch belästigt?« Sein Blick schweifte wieder zu Oanda; jetzt bat er nicht mehr um Barmherzigkeit, jetzt appellierte er an ihre Gerechtigkeit. »Er lebt das Leben auf seine Weise, ich auf meine. Haben wir nicht alle die gleichen Rechte?« Er fand, daß er seine Sache gut geführt habe, wandte sich an Braddon und machte eine Bewegung mit dem Arm: »Wir beide sind fertig miteinander.« »Sehr richtig,« sagte Ralph trocken, »wir sind fertig miteinander.« Goodwill konnte nicht länger an sich halten. »Wahrlich,« murmelte er, »hier harrt meiner eine große Aufgabe!« Nomura räusperte sich und fragte: »Wie lange haben Sie das Leiden?« »Welches Leiden?« Dick blickte den kleinen Japaner vorsichtig von der Seite an. »Die Bronchitis?« »Es ist ein sehr altes Leiden.« »Und dieser Mann da?« Ralph zeigte auf Tonny, der sich bisher damit begnügt hatte, seinen Beifall durch Blick und Mienen kund zu geben. »Er forderte mich auf, die Kündigung zurückzunehmen, und als ich ihm sagte, daß er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern möge, hetzte er die Arbeiter gegen mich auf und drohte mit Gewalt.« »Haben Sie etwas dazu zu bemerken?« Ralph streifte die schwarzen, funkelnden Augen. »Ich wohne beim schwarzen Pat,« begann Tonny mit hoher Stimme, »seine Frau ist krank und sie haben drei Kinder, zwei große, und ein kleines. Wovon sollen sie leben, wenn Pat entlassen wird?« »Was fehlt Ihrer Frau?« »Sie hat es auf der Brust,« antwortete Pat. »Sind Sie nicht in der Krankenkasse?« »Doch, aber der Arzt will, daß sie ins Krankenhaus soll.« »Warum bleibt sie dann zu Hause?« »Weil sie Angst hat, daß sie nie wieder herauskommt. Sie hat Tuberkeln. Sie muß kochen und außerdem mich, die Kinder und unsere Einlogierer versorgen.« »Wieviel Einlogierer haben Sie?« »Dick und Tonny und ein Mädchen von der Heilsarmee, das arbeitslos ist.« »Wie kann sie ihre Arbeit versorgen, wenn sie krank ist?« »Sie steht auf und macht ihre Arbeit und legt sich wieder hin.« »Wieviel Stuben haben Sie?« »Eine.« »Eine?« Goodwill schüttelte den Kopf und blickte ängstlich auf Oanda. Sie sah es nicht, sie stand mit offenem Mund da und starrte den schwarzen Pat an. »Und Sie haben drei Einlogierer?« Ralph versuchte die Wahrheit in den tiefliegenden Augen zu erforschen. Pat nickte und Tonny sagte: »Um die Miete zu decken und etwas zur Kost zuzuverdienen; Pat hat Schulden. Und jetzt wird er auf den Kehrichthaufen geworfen, weil die Fabrik neue Maschinen bekommen hat.« »Was ist ein Kehrichthaufen?« fragte Oanda. Tonny betrachtete sie mit seinen schwarzen, funkelnden Augen und sagte: »Dort wirft man das Werkzeug hin, das abgenutzt ist.« Ralph wandte sich an Nomura. »Gehen Sie mit ihm nach Hause, Doktor, untersuchen Sie die Frau und sorgen Sie dafür, daß sie sofort ins Krankenhaus kommt. Das Kleinste können Sie ins Säuglingsheim schicken, und geben Sie mir später einen Bericht über die Verhältnisse.« »Sehr wohl.« Pat blickte von Ralph zu Nomura, sagte aber nichts. Tonny sah ein, daß man den Augenblick ausnutzen mußte, während die Dame zugegen war, er sah, daß sie Tränen in den Augen hatte. »Wird die Kündigung zurückgezogen?« fragte er. VI. Schultz und Tillny kamen aus dem Wintergarten, sie waren im Frack. Die Arbeiter warteten noch auf eine Antwort, Ralph aber schien sie vergessen zu haben. Er ging den Herren entgegen und stellte Goodwill vor, der gleich von seiner Reise und seiner wunderbaren Rettung zu erzählen begann. Als er die Prinzessin nannte, wurde er von Ralph unterbrochen. »Fräulein Oanda,« rief er. Oanda drehte sich um, machte aber keine Miene, näherzukommen. »Ich möchte Sie einigen Freunden vorstellen.« Schultz und Tillny folgten Ralph und wurden vorgestellt. Oanda betrachtete ihre schwarzen Fracks und weißen Westen erstaunt. Sie fand, daß Schultz Aehnlichkeit mit dem einen Arbeiter hatte – er war sauberer und gepflegter, sah aber ebenso schwach und müde aus wie Dick. Tillny fragte, und Goodwill erzählte ausführlich von der herrlichen Insel. »Ein Holländer hat ihr seinen Namen gegeben. Er fand sie vor vielen Jahren und wurde dort König.« »Was für ein Glückspilz!« Goodwill drehte sich um. Wahrhaftig der lange Lümmel von einem Quartalstrinker hatte sich diese Bemerkung erlaubt. Dick war es einerlei; er war fertig mit der Fabrik und die Fabrik mit ihm. Er hatte Lust, seinen Senf dazu zu geben und darum tat er es. Er hatte stets getan, was ihm einfiel, und dafür bezahlt, was es kostete. Als Schultz sich umdrehte und ihn ansah, lüftete er galant seinen runden Hut. »Dick Darling, Herr – verabschiedeter Arbeiter bei Herrn Cunnings Fabrik! – Ich sagte: Was für'n Glückspilz, sagte ich. Auf einer Insel zu wohnen, und eine ganze Bevölkerung zur Verfügung zu haben, die einem das Beste verschafft, was die Natur vermag, ohne einen Finger zu rühren. Nicht?« Schultz amüsierte sich nicht weniger über die Frechheit des Burschen, als über Goodwills Entrüstung. »Das würde Ihnen gefallen?« sagte er. »Ihnen nicht?« Schultz betrachtete die schlappe Gestalt mit den hängenden Schultern, das bleiche Gesicht mit den stechenden Augen und dem kränklichen Lächeln. Dick erwiderte seinen Blick und sagte höflich: »Entschuldigen Sie – sind Sie nicht der Sohn von dem großen Cornelius Schultz?« Schultz nickte. »Dann wissen Sie ja, wie es ist.« Dick genoß das Aufsehen, das er machte. Jetzt galt es so viel wie möglich zu sagen, bevor er hinausgeworfen wurde. Er fühlte instinktiv, daß er es nur der Prinzessin zu verdanken hatte, daß es nicht bereits geschehen war. Oanda blickte von Schultz zu Dick. »Ihr seht Euch so ähnlich! – Seid Ihr verwandt?« Nomura lachte kurz auf, es klang wie ein Husten. Goodwill starrte Ralph entsetzt an, der Oanda mit großen Augen betrachtete. Schultz verzog keine Miene. »Ich glaube nicht, daß ich die Ehre habe,« sagte er trocken. Dick legte den Kopf auf die Seite und sagte nachdenklich: »Das ist schwer zu sagen, Fräulein. Wenn man wie ich seinen Vater nicht kennt, weiß man nie, wessen Stiefbruder man sein kann.« Goodwill sah aus, als ob er die Sprache verloren habe. Der Werkführer blickte Ralph von der Seite an, ob er wünschte, daß er Dick zu Boden schlagen sollte, und Pat rückte einen Schritt zur Seite, um nicht im Wege zu stehen. Schultz aber amüsierte sich. So etwas hatte er noch nicht erlebt. »Das ist wahr,« sagte er und lachte. »Trinken Sie eins auf die Verwandtschaft.« Er griff in die Tasche und warf Dick ein Goldstück zu, der es in der Luft auffing und zum Dank galant grüßte. Braddon wandte sich wieder zu Ralph um. Pat und Tonny würden nicht gehen, bevor eine Entscheidung getroffen war, das sah er wohl ein – jedenfalls nicht solange er, Braddon, da war; und ohne Befehl von Ralph wagte er nicht, sie an die Luft zu setzen. Diese Prinzessin, wie die andern sie nannten, war an dem ganzen Skandal schuld. Warum blieb sie neben den Arbeitern stehen, anstatt zu den ihren zu gehen? Braddon räusperte sich und versuchte Ralphs Blick aufzufangen, als im selben Augenblick muntere Stimmen aus dem Wintergarten erklangen. Es waren Frau Schultz, Frau Tillny und einige andere Damen, die sich zum Diner umgekleidet hatten. Oanda blickte sie erstaunt an. So sahen sie also in Wirklichkeit aus, die vornehmen, festlich gekleideten Damen, von denen sie gelesen und in »Illustrated London News«-Abbildungen gesehen hatte. Die kleine Dame, die voranging, hatte ihr Haar in einem Helm über der Stirn aufgesteckt; jedesmal, wenn sie den Kopf bewegte, blitzte und funkelte ein Kamm, der wie eine Krone aussah. Ihr fetter Hals schwoll über dem Kleiderrand; die Haut war blendend weiß, und auf der Rundung der Brust lag eine Doppelkette von großen schweren Perlen. Die Dame, die an ihrer Seite ging, war nicht annähernd so entblößt, und es funkelte auch nicht in ihrem Haar oder auf ihrem Hals; aber sie trug ein paar Glasaugen an einer Goldschnur um den Hals, mit einem Perlmutterschaft, den sie immerwährend an die Augen führte. Es waren noch einige andere Damen da, keine aber strahlte so, wie die kleine dicke, die voranging. Während Oanda noch in ihren Anblick versunken war, ging jemand mit langen Schritten an ihr vorbei, den sie zu kennen meinte. Es war Fielding. Auf der Terrasse blieb er stehen und zog grüßend seinen Hut. Ralph ging ihm mit einer fragenden Miene entgegen. »Tom Fielding!« stellte Fielding sich vor, »entschuldigen Sie, daß ich unangemeldet zu Ihnen komme; aber es war niemand da, der mich melden konnte und die Gittertür stand offen.« »Ralph Cunning.« Tillny hatte sich umgedreht, Fielding nickte, »Guten Tag, Herr Advokat,« und fuhr zu Ralph gewendet fort: »Ich hatte Besuch« – im selben Augenblick wurde er Goodwills gewahr – »da ist er ja! – Guten Tag, Goodwill, besten Dank für Ihren Besuch!« »Wie freue ich mich. Sie wieder zu sehen!« rief Goodwill und drückte ihm herzlich die Hand. Fielding erblickte jetzt auch Oanda und eilte auf sie zu, um ihr die Hand zu geben. »Hocherfreut, Sie wiederzusehen, Prinzessin! – Guten Tag, Doktor Nomura.« In diesem Augenblick erschien Eleanor in der Tür zum Wintergarten, strahlend, blendend. In ihrem bronzefarbenen Haar trug sie ein Smaragd-Diadem, und auf ihrem schlanken, elfenbeinweißen Hals hing an einer feinen Goldkette ein orientalischer Smaragd, so groß wie ein Taubenei und vom reinsten Grün. Die Farbe des Kleides war in einer wunderbaren Nuance mit dem Bronzeton des Haares zusammengestimmt, und der Besatz, eine Kante aus einfachen, golddurchwebten Spitzenrosetten, stimmte wundervoll mit dem Elfenbeinton der Haut überein. Ihre Augen suchten Ralph. Er kehrte ihr den Rücken zu. Sie stutzte über die fremden Gesichter, die ihn umgaben. Sie sah, daß auch eine Frau dazwischen war, und machte ein Paar Schritte, bis sie Oandas Gesicht frei vor sich hatte. Jetzt ertönte der Gong. Frau Schultz erhob sich aus dem Korbstuhl neben der Tür mit einem feierlichen »Gottseidank«. Ralph sah erstaunt auf seine Uhr; war es schon so spät? Er wollte seine neuen Gäste einladen mit zu essen und wandte sich zu Fielding, als dieser im selben Augenblick sagte: »Na, Prinzessin, sind Sie schon beim Präsidenten gewesen?« Er hatte den Gong überhört, und als Ralph sich jetzt an ihn wandte, zog er ihn ins Gespräch: »Wissen Sie schon, daß Goodwill Ihrer Cousine versprochen hat, sie zum Präsidenten zu führen? – Fräulein will einen armen Chinesen aus den Klauen des Gesetzes befreien.« Goodwill erblaßte. Er versuchte Fielding einen Wink zu geben, aber es war zu spät. »Cousine?« sagte Ralph erstaunt. »Ist nicht der Ingenieur Ralph Cunning Ihr Onkel? Ich las heute morgen in der Zeitung eine Notiz über die Statue – und als ich zu Hause Goodwills Karte fand, worauf er geschrieben hatte, daß ich ihn und die Prinzessin hier aufsuchen sollte, war es mir gleich klar, daß Fräulein Oanda hierhergekommen sei, um die Statue ihres Vaters zu sehen.« Fielding blickte von der einen Büste zur andern, bis er die verhüllte Statue sah. »Ah, die dort!« Ralphs Augen suchten Oandas. »War Ralph Cunning Ihr Vater?« »Ja,« sagte sie und erwiderte seinen Blick. Jetzt trat Goodwill vor und legte seine Hand auf ihren Arm; als sie seine hilflose Verwirrung bemerkte, mußte sie lächeln. Advokat Tillny war der erste von den Gästen, der die Situation erfaßte. Er trat näher an die Gruppe heran, damit ihm kein Wort entginge. Schultz folgte ihm, während alle gespannt darauf warteten, was weiter erfolgen würde. Ralph starrte Oanda an, als ob er die Verwandtschaft aus ihren Augen herauslesen wollte. »Und er ist drüben auf Ihrer Insel gestorben?« »Ja, bevor ich geboren wurde.« Jetzt sah Fielding ein, welche Dummheit er begangen hatte. Verflucht, daß er gerade über die Statue gelesen hatte, als er Goodwills Karte bekam – wie konnte er ahnen –? Na, das Unglück war ja geschehen und Cunning würde bald erfahren, wie wenig er von dieser Verwandtschaft zu fürchten hatte. Ralph wandte sich an Goodwill. »Ein Holländer, sagten Sie?« Goodwill holte tief Atem. »Van Zanten, ja. Er ist ihr Pflegevater.« »Und Ihre Mutter?« Ralph bedachte nicht das Peinliche der Situation. Er wollte Klarheit haben. »Nach Gottes Gesetz waren sie getraut,« antwortete Oanda. Ihre Gedanken waren bei ihrer Mutter; sie erinnerte sich des Tages, als die Fremden kamen und in ihr Leben eingriffen; an jedes Wort, an jede Einzelheit erinnerte sie sich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen als sie daran dachte, wie bewegt ihre Mutter gewesen war, und sie wiederholte unwillkürlich ihre Worte: »Alles was Menschen sich geben können, gaben sie einander.« Die feuchte Dunkelheit in den blauen Augen, der plötzliche Schmerz um den weichen Mund, der im Takt mit dem Atemzug zitterte, drangen so heftig auf ihn ein, daß er das unklare Verlangen hatte, sich von ihr fern zu halten. Er sah Goodwill an und fragte: »Nach Gottes Gesetz?« »Sie waren von einem indischen Priester getraut worden und litten auf der Reise nach Amerika Schiffbruch.« »Sie waren also nicht nach dem Gesetz verheiratet,« sagte Fielding bedeutungsvoll. Schultz stand jetzt dicht neben ihnen. Er hatte den Kopf auf die Seite gelegt und folgte den Worten und dem Mienenspiel genau. Seine großen, matten Augen blitzten vor Schadenfreude, als er sich vorbeugte und mit seiner trocknen, knarrenden Stimme so laut, daß alle es hören konnten, sagte: »Dann gehört die ganze Herrlichkeit ja eigentlich Ihnen, Fräulein Oanda.« Dick war Schultz mit den Augen gefolgt und hatte die große Aehnlichkeit zwischen sich und Schultz festgestellt. Natürlich waren sie Brüder, und es wunderte ihn gar nicht, denn Dick hatte immer geglaubt, daß sein unbekannter Vater ein vornehmer Mann gewesen sei; das fühlte er an sich selbst. Er sah mit instinktivem Verständnis, als ob sie wirklich Brüder gewesen wären, was sich in Schultz rührte, wie er dort stand und vom einen zum andern sah. Indem er Schultz unbewußt in Haltung und Stimme kopierte, sagte er: »Und vielleicht gehört die Hälfte von Herrn Schultz Trust eigentlich mir.« »Allmächtiger Gott – was sagt dieser Mensch?« Es war Frau Schultz. Während der letzten Minuten hatte sie Dinge gehört, eines immer verblüffender als das andere – und inzwischen wartete das Essen, und sie war hungrig wie ein Wolf. Jetzt verlor sie die Geduld. Sie blickte zu der Gruppe hinüber, die Ralph umgab – die einzelnen konnte sie nicht unterscheiden, weil sie zu kurzsichtig war, und rief: »Cunning, kommen Sie her und erklären Sie mir, was all die fremden Menschen hier zu tun haben, in dem Augenblick, wo wir zu Tisch gehen wollen?« Ralph hörte sie nicht, sein Gemüt war zu sehr in Anspruch genommen. Schultz drohte Dick mit dem Stock wegen seines frechen Scherzes. Goodwill wußte nicht aus noch ein. Es war, als ob die ganze Gesellschaft aus den Fugen geraten sei; die, die beschämt schweigen sollten, redeten, und die, die dazu da waren, um zu führen und zu strafen, schwiegen und ließen sich beleidigen. Es schwebte ihm so etwas vor, als ob das alles in der verkehrten Lebensanschauung, die Oanda mit sich brachte, seinen Grund hatte. Sie war ja eine Wilde in zivilisierten Kleidern; vielleicht steckte sie an, sie war ja so schön und gut. Ihm ahnte, daß er eine schwere Aufgabe übernommen hatte und seufzte tief. Braddon, der von einfacher Herkunft war, konnte nicht begreifen, daß Cunning nicht schon lange die ganze Bande hinausgeworfen hatte, sowohl die Arbeiter als auch das fremde Frauenzimmer mit ihrem Japaner und dem Pfarrer und diesem Fielding, der gerade in dem Augenblick angelaufen kam, als gegessen werden sollte. Das sah dem Fabrikherrn gar nicht ähnlich. Er fand, daß die halbnackte Vogelscheuche, die alte Schultz, die einzige Vernünftige sei. Advokat Tillny, der nie eine Chance unbenutzt vorübergehen ließ, näherte sich Oanda: »Mein Freund Fielding,« sagte er mit seiner sanftesten Stimme und verbeugte sich ehrerbietig, »sprach davon, daß Sie hergekommen seien, um einen Chinesen aus den Klauen des Gesetzes zu befreien. Es sollte mich freuen, wenn ich Ihnen als Advokat nützlich sein könnte.« Oanda sah in sein mageres Gesicht mit den würdigen Backenfalten und sagte: »Ich will für Tsing-Kai bitten, den man ins Gefängnis geworfen hat, obgleich er nichts Böses getan hat.« Fielding flüsterte dem Advokaten zu: »Frauenzimmergeschwätz! – Ich kenne die Sache – eine ganz gewöhnliche Kuliaffäre, bei der nichts zu machen ist.« Eleanor hatte sich genähert, um besser zu hören, doch hielt sie sich von einem weiblichen Instinkt geleitet, hinter den andern, so daß weder Oanda noch Ralph sie sehen konnten. Fieldings Enthüllung hatte solch starken Eindruck auf sie gemacht, daß sie gar nicht auf Dicks Bemerkung geachtet oder Zeit gefunden hatte, sich darüber zu wundern, daß Ralph diese Leute nicht schon längst entfernt hatte. Beim ersten Blick hatte sie Widerwillen gegen die fremde Frau empfunden, sie wußte selbst nicht warum. Alles – ihre unmoderne Kleidung, ihre Haltung, so frei und unbewußt, ihre klare weiße Stirn, ihr Haar, ihre Augen, selbst das Gute, Frische, Reine, das – das fühlte sie wohl – sie wie eine Atmosphäre umgab, ja, das, vielleicht mehr als alles andere, war ihr zuwider. Sie nahm den Eindruck mit Intensität in sich auf; als sie sah, wie Tillny sich Oanda näherte und sich trotz ihrer unglaublichen Anmaßung lächelnd und ehrerbietig vor ihr verneigte, kam sie zur Besinnung. Sie trat rasch auf Ralph zu, der ihr den Rücken zugekehrt hatte, berührte seinen Arm und sagte: »Machen Sie mich bitte bekannt.« Ralph fuhr auf, er begegnete ihrem Blick und wunderte sich über den Ausdruck in den schwarzen Augen. Er schob Tillny beiseite und stellte vor: »Fräulein Oanda, Fräulein Eleanor d'Acosta.« Eleanor warf den Kopf zurück und musterte Oanda von Kopf bis Fuß. Oanda faltete die Hände über der Brust und blickte mit großen Augen in das schöne, weiße Gesicht mit den dunkel flammenden Augen und den stolz geschürzten, blutroten Lippen. »Wie sind Sie schön,« sagte sie und atmete tief vor Bewunderung. Eleanor tat, als hörte sie es nicht. »Können Sie beweisen, daß Ralph Cunning ihr Vater war?« fragte sie. Dick aber ließ sich nicht so ohne weiteres verdrängen. Er hatte sich die allgemeine Aufmerksamkeit erzwungen und wollte sie auch behalten, bis man ihn hinauswarf. Er streckte den Kopf vor, betrachtete Eleanor von oben bis unten, ganz so wie sie Oanda gemustert hatte und sagte in einem freundlich belehrenden Ton: »Den Vater kann man nie beweisen, hochverehrte Dame.« Das Blut schoß Eleanor in die Wangen, und sie wandte sich an Ralph. »Bitte, befreien Sie mich von dieser Gesellschaft.« Das wirkte auf Ralph wie ein Schlag. Es war, als ob es ihm erst jetzt zum Bewußtsein kam, daß der Werkführer und die Arbeiter noch immer zugegen waren – was hatte Dick alles gewagt und wie unfaßbar, daß er es erlaubt hatte. Er kannte sich selbst nicht mehr; mit dunkelrotem Kopf wandte er sich an Braddon: »Worauf warten Sie noch – schaffen Sie die Leute hinaus.« Er sagte es so heftig, daß nicht nur Braddon, sondern auch die Arbeiter die Köpfe zurückzogen, als ob sie eine Ohrfeige bekommen hätten. Auch Oanda war erschrocken zusammengefahren. Da zeigte Hopkins sich in seiner ganzen Würde. Ohne daß jemand ihn kommen gehört hatte, stand er plötzlich vor Ralph, verbeugte sich feierlich und sagte, indem sein langes Gesicht mit den hochgezogenen Brauen eine unverkennbare Miene von Gram zur Schau trug: »Ich gestatte mir zu melden, daß der Gong schon lange zum zweitenmal geläutet wurde.« »Danke, Hopkins!« Es war Frau Jennimore, die es sagte und sich mit ihren kleinen energischen Schritten Ralph näherte. »Was fehlt Ihnen denn, Cunning, ich bin hungrig wie ein Wolf.« Frau Tillny folgte ihr auf den Fersen, hoch aufgerichtet und gekränkt: »Ja, es ist wirklich sehr spät geworden.« Der Werkführer hatte sich sofort zum Gehen gewandt, die Arbeiter aber zögerten noch, und er wußte nicht, wie er sie hinausbringen sollte, ohne Krach zu machen. Der schwarze Pat stand noch einen Augenblick und suchte Ralphs Blick, als ob er einen letzten, verzweifelten Versuch überlegte. Schließlich gab er es auf, atmete schwer und begegnete Oandas Augen, die mit dem Ausdruck innigsten Mitleids auf ihm ruhten. »Hilf uns!« bat er, indem er seinen Blick in den ihren senkte und wunderte sich, daß er es wirklich gesagt hatte. Oanda streckte ihre Hand aus, als ob sie Ralph etwas sagen wollte. Er aber sah es nicht, er hatte sich mit Hopkins beraten und wandte sich jetzt an sie, Goodwill, Nomura und Fielding. »Sie essen doch mit uns? – Also vier Gedecke.« »Vier Gedecke,« wiederholte Hopkins und eilte ins Haus. Tillny bot Frau Jennimore den Arm, Schultz Fräulein Eleanor und Fielding eilte auf Frau Tillny zu. Ralph wandte sich zu Oanda. Der tiefe Kummer in ihren Augen ergriff ihn so stark, daß er wieder das unbewußte Verlangen fühlte, sich von ihr fernzuhalten. Er bot ihr den Arm, um sie zu Tisch zu führen, sie aber verstand nicht, was es bedeutete. »Wir sollen essen,« sagte er. Sie wandte den Kopf zu den Arbeitern um, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte: »Sollen die Leute nicht mit essen – sie sind doch gewiß hungrig.« Dick hatte sich in den Weg gestellt, als Braddon sie aus der Allee hinausdrängen wollte. Er fand, daß er die Situation beherrschte und hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß er nicht freiwillig gehen wollte. Bei Oandas Worten trat er vor, als ob Ralph ihn eingeladen hätte und sagte mit Gefühl: »Besten Dank! Ja, wir sind sehr hungrig.« Schultz drehte sich um, blickte vom einen zum andern und löste die allgemeine Verlegenheit, indem er kurz auflachte. Eleanor riß ihren Arm an sich, ihr Blick flammte und sie biß sich vor Zorn in die Lippe. Tillny begriff sofort den Grund zu Schultzs guter Laune; er erfaßte die Lage und sagte pathetisch, indem er den Geistlichen ansah, auf dessen rundem Gesicht die unseligste Verwirrung stand: »Ja, warum nicht – einer, der größer war als wir, hat mit Zöllnern und Sündern zu Tisch gesessen.« »Um Gottes Willen!« Frau Jennimore rief es, jetzt wurde ihr die Sache zu bunt; sie zog ihren Arm aus Tillnys und begab sich entschlossen auf den Weg, ohne Kavalier von Frau Tillny gefolgt, die ihrem Mann im Vorübergehen einen strengen Blick zuwarf. Eleanor konnte sich kaum beherrschen. Dick sah, wie der Zorn in ihr arbeitete. Sie hatte ihm gleich mißfallen wegen ihrer stolzen Haltung und ihrem hochmütigen Blick; jetzt lüftete er seinen runden Hut und sagte: »Entschuldigen Sie, meine Dame, daß wir nicht unsern Hochzeitsanzug anhaben.« Sie drehte sich zu Ralph um, der mit Oandas Hand auf seinem Arm dastand, unbeweglich, als sei er an sie gefesselt. »Ralph Cunning.« Er fuhr zusammen und sah, wie sehr er sich vergessen hatte. Er ließ Oandas Arm los, stellte sich vor Pat auf und rief: »Heraus aus dem Garten.« Fielding hatte gleich begriffen, daß Dick hinausgeworfen werden sollte; er kannte diesen Typ aus seiner Praxis und näherte sich mit langen Schritten. Dick sah seine Armbewegungen und zog sich eiligst hinter Braddon zurück. Oanda sah ein, daß die Aermsten weder Arbeit in der Fabrik noch etwas zu essen bekommen würden, obgleich sie sicher viel hungriger waren als die andern. Es schnitt ihr ins Herz, daß Ralph so hart sein konnte. Sie faßte Pats schwere, grobe Hand und sagte: »Ich gehe mit Euch!« Sie blickte sich nach Nomura um, der der Szene aufmerksam gefolgt war, als ob sie ein Film wäre. »Kommen Sie, Doktor, wir wollen zu seiner kranken Frau gehen.« »Gut!« Nomura war bereit. Endlich fand Goodwill die Sprache wieder. »Fräulein Oanda,« sagte er feierlich mahnend, »Sie wissen nicht, was Sie tun.« Eleanor lachte laut und höhnisch, drehte sich um und folgte hocherhobenen Hauptes den anderen Damen, die den Wintergarten bereits erreicht hatten. Oanda ging mit Pat zur Allee, von Dick und Tonny gefolgt. Ralph stand wie versteinert und blickte ihr nach, während Goodwill sich verlegen die Hände rieb und auf seinen kurzen Beinen hin und her trippelte, als ob er nicht wüßte, ob er ihr folgen oder bleiben sollte. Als Dick die Allee erreicht hatte, drehte er sich um und winkte vertraulich; er fühlte sich bis zum letzten Augenblick als Herrn der Situation. Fielding wandte sich an Goodwill: »Ich habe es ja gleich gesagt, Goodwill, daß sie sich in den Staaten blamieren würde.« Goodwill schüttelte seinen runden Kopf und seufzte tief. Schultz' matte Augen hatten Glanz bekommen. In einem Anfall von Offenherzigkeit flüsterte er dem Advokaten zu: »Das verzeiht Eleanor ihm nie.« »Ein hübscher, kleiner Skandal!« »Nutzen Sie ihn richtig aus, Herr Advokat – und ich werde Sie vergolden.« Darauf wandte er sich an Ralph: »Komm, Ralph – die Damen warten!« Ralph blickte geistesabwesend auf und folgte. Goodwill war der Letzte; er drehte sich mehrmals zur Allee um, wo indessen nichts mehr zu sehen war. Als er Ralph erreicht hatte, legte er seine Hand auf dessen Arm und sagte: »Mein Lieber, was können wir machen?« Ralph blieb stehen; er hatte an nichts anderes gedacht. »Folgen Sie ihr und helfen Sie ihr!« sagte er nach kurzem Bedenken. »Ich?« »Sagen Sie, daß Sie als Pfarrer sich um die Frau kümmern wollen – oder was Ihnen sonst einfällt.« Goodwill rieb verlegen seine Hände. Was vermochte seine schwache Stimme in solcher Gesellschaft – zwingen konnte er sie doch nicht. »Nomura ist ja bei ihr,« sagte er bedenklich, »geschehen kann ihr sicher nichts.« »Tun Sie, wie ich Ihnen gesagt habe,« sagte Ralph heftig, kehrte ihm den Rücken und ging ins Haus. Goodwill eilte hinter den andern her. Er seufzte tief über die schwere Bürde, die er auf sich genommen hatte, und außerdem war er so hungrig. Brüder und Schwestern I. Nelly kniete vor dem Ofen; sie wollte Wasser kochen, denn sie konnte Pat jeden Augenblick erwarten. Heute war Löhnungstag, und dann pflegte er etwas Gutes mit nach Haus zu bringen, und hinterher gab's Kaffee. An solchem Abend pflegten sie und Pat und die Kinder abends allein zu sein; die andern kamen erst spät in der Nacht nach Hause. Der Ofen zog nicht, das Papier verkohlte nur, anstatt aufzuflammen und die Holzstücke anzuzünden. Sie blies mit der ganzen Kraft ihrer kranken Lungen, bis die Augen ihr vor Anstrengung aus dem Kopf traten; schließlich bekam sie Rauch in den Hals und krümmte sich unter einem Hustenanfall auf der Erde, während der Schweiß ihr auf die Stirn trat. Als der Anfall überstanden war, zog sie ihren zerlumpten Mantel fester um sich und begann von neuem. Sie fror, obgleich es ein milder Septemberabend war. Kein Sonnenstrahl gelangte in ihre Stube; die beiden kleinen Fenster, die hoch in der Wand saßen, gingen zu einem viereckigen Hof hinaus, der eng und dunkel war wie ein Schacht. Pats Nelly, wie sie in der großen Kaserne genannt wurde, war Mitte der Dreißiger, klein und von Krankheit gebeugt, aber rasch in ihren Bewegungen, voll nervöser Energie. Die großen Augen, die tief unter der breiten gewölbten Stirn lagen, waren bald dunkel und fieberheiß, bald hell und durchsichtig, wie von innen heraus verklärt. Die Backenknochen traten in dem mageren braunen Gesicht unheimlich hervor. Der Mund war schmal, blaß wie eine Narbe und in beständiger Bewegung. Das dünne schwarze Haar hing ihr in Strähnen in Stirn und Schläfe, ungekämmt und wirr. Aus der Ecke neben dem Fenster klang ein leises, kurzatmiges Wimmern; das Kleinste war erwacht. Das Kind lag in einem alten Champagnerkorb neben ihrem und Pats Bett. Die Decke bewegte sich, und eine winzigkleine graue Hand kam zum Vorschein und fuchtelte durch die Luft. Nelly sang, und das Kind hörte auf zu schreien; die Hand verschwand; man hörte ein Lutschen und Saugen und ein hilfloses Jammern. Endlich brannte das Feuer; Nelly machte die Ofentür zu und eilte zum Bett. Es war, als ob ein toter Körper von einem übermächtigen Willen, von dem er besessen war, vorwärts gezwungen wurde, und wie ein lebloses Bündel zusammenfallen würde, wenn der Wille versagte. Leise singend nahm sie das Kind aus dem Korb, setzte sich auf die Bettkante und legte es an ihre magere Brust. Das Kind strampelte mit Armen und Beinen, bis es sich schließlich beruhigte und trank. Sie saß über den Säugling gebeugt und gab ihm von ihrem eigenen kärglichen Leben. In ihrer Freude darüber vergaß sie, wie grau und schwach das Kind war, wie düster und jämmerlich ihr eigenes Dasein. Der halbdunkle Raum mit den kahlen, schmutzigen Wänden umfaßte ihre ganze Welt. Die Tür führte zu dem engen Gang hinaus, der ein Gemeinschaftsraum für sämtliche Bewohner des Stockwerks war und in den Treppenschacht mündete. An jedem Ende des Ganges war ein Wasserhahn mit einem Becken; hier füllten die Bewohner ihre Kessel und Töpfe; hier wuschen sie sich; hier warfen sie ihren Abfall hin, so daß der Abfluß verstopft wurde und das Becken überfloß. Die Fußbretter darunter waren von Feuchtigkeit verfault; ein unleidlicher Gestank breitete sich über den ganzen Gang und drang von dort durch die undichten Türen. In Nellys und Pats Stube sah es nicht besser aus als bei den andern Bewohnern. Am Fußende des breiten niedrigen Ehebettes, das von der Wand ins Zimmer ragte, hatte Pat ein Bett für seine beiden großen Kinder aus erster Ehe, Jim und Eddie, gezimmert; tagsüber diente es als Bank, indem das armselige Bettzeug darunter gestopft wurde. Pat hatte versucht, seinen eigenen Wohnraum von dem der Einlogierer zu trennen, indem er zwei Drittel von der Breite des Zimmers durch Bretter abgeteilt, an die er mit Nägel altes Sackleinen geschlagen hatte. Hinter dieser Wand war es noch dunkler als in Pats Abteilung, denn dort kam nur das Licht hin, das durch die beiden kleinen Fenster über die Bretterwand gelangte, die einen Meter von der Decke entfernt war. Dort stand ein Bett, das Dick sich gemietet hatte und längs der Wand zum Gang hatte Tonny eine Chaiselongue stehen, von dem der Bezug abgerissen war; darunter war eine Schublade, die die Quelle zu ewigem Zank war, denn Nelly wollte, daß das Bettzeug dort verwahrt wurde, Tonny aber meinte, daß das Federbett, das ihm gehörte, ebenso gut oben drauf liegen könnte; es machte nur Mühe, das Federbett in die Schublade zu stopfen und außerdem wurde es nicht besser davon. Jeden Morgen, wenn Tonny zur Arbeit gegangen war und Nelly reinmachte, wie sie es mit einem Ausdruck aus besseren Tagen nannte, stopfte sie das Bettzeug in die Schublade, ebenso wie sie es mit dem der Kinder tat. Und jeden Abend, wenn Tonny nach Hause kam, fluchte er, wenn er die Chaiselongue leer fand und riß das Bettzeug aus der Schublade, bevor er sich zum Essen setzte. Längs der spanischen Wand hatte die Heilsarmee-Annie ihre Schlafstelle. Es war eine alte Tangmatratze, die tagsüber an der Wand hochgestellt wurde, damit sie keinen Platz wegnahm. In dem Teil des Zimmers, wo die Bretterwand nicht hinreichte, stand in der Nähe des Ofens und der Tür ein langer viereckiger Tisch mit Küchengeschirr und Tellern am einen Ende; von den geräumigen Tischschubladen diente die eine als Speisekammer, die andere als Abfalleimer, und sie war meistens so voll, daß sie nicht zugeschoben werden konnte. Auch das war eine Quelle zum Unfrieden; denn Nelly wollte, daß Jim und Eddie sie leeren und reinigen sollten, wenn sie müde und hungrig nach Hause kamen. In der Ecke beim Fenster wurde alles gesammelt, was zur Heizung verwendet werden konnte, alte Zeitungen, Bretterreste und die Koksstücke, die Jim auf den Stapelplätzen klauben konnte. Zwischen den Fenstern stand eine altmodische Kommode mit Messingbeschlägen; das war das einzige Stück aus Pats besseren Tagen, als seine erste Frau noch lebte. Auf der Kommode lag eine gestickte Decke – ein Stück, das Nelly wie ein Heiligtum hochhielt. Es wurde regelmäßig gewaschen, mochte sie auch noch so krank sein: Es war ja ein kleiner reiner Fleck, das einzig Weiße in all dem Grauen und Schmutzigen um sie herum. Wenn alle gegangen waren, die Stube gesäubert war und das Kind schlief, lag sie mit ihren Schmerzen in der Brust und hörte auf das Geschwätz und den Lärm draußen auf dem Gang, bis ihre Augen auf das weiße Viereck fielen, das über den Rand der Kommode hing, und Ruhe fanden; stundenlang konnte sie darauf starren, denn durch dieses Weiß kam das Licht und die grünen Wiesen ihrer Kindheit und alles, was gut und heiter in der Welt war, zu ihr. Auf der Decke lag ein Psalmbuch, das Pats Mutter gehört hatte; dort stand ein Nähkasten mit einem kolorierten Madonnenbild im Deckel, den Nelly einst von Pat bekommen hatte, ein alter Leuchter, und eine Photographie von Pats erster Frau in einem Muschelrahmen. Jedes Ding hatte seinen bestimmten Platz in symmetrischer Ordnung um den Leuchter. Es war ein Altar, und weder Pat noch Nelly duldeten, daß ein anderer als sie daran rührten. Zwischen der Kommode und dem Ehebett war kaum so viel Platz, daß Nelly durchschlüpfen konnte, wenn sie nach dem Säugling am Fenster sehen wollte. Am Fensterkreuz hing ein viereckiger Spiegel, vor dem sich Pat Sonntags barbierte, und Dick, wenn er zufällig zu Hause war. Vor diesem Spiegel lockte Tonny sein schwarzes Haar, wenn er jemanden hatte, für den es sich verlohnte. In diesem Spiegel suchte die Heilsarmee-Annie, wenn sie nüchtern war und Selbstpeinigung das einzige war, was sie befriedigte, die Spuren ehemaliger Schönheit und Reinheit. Jim musterte seinen spärlich sprießenden Schnurrbart und Eddie frisierte unter Jims beißender Kritik ihr spärliches Haar, beobachtete ihre Pickel, die ihr Kummer waren, und versuchte ihrem armseligen Hut einen Schwung nach der neuesten Mode zu geben. Nur Nelly sah sich nie in dem Spiegel; sie wagte es nicht; das Leben war auch ohnedem schwer genug. Krankheit hatte sie in Not gebracht, die Not hatte sie in Schulden geführt, die Schulden hatten abermals die Not vergrößert, und jetzt saßen sie im größten Elend. Nein, Nelly empfand keine Lust sich zu spiegeln. Die Tür ging auf, und die Heilsarmee-Annie kam herein. Sie trug einen langen Ulster, eine ehemalige Heilsarmeeuniform von unbestimmbarer Farbe; auf dem Kopf trug sie eine Kapuze, wovon das Uniformband abgetrennt war. Die Heilsarmee-Annie war erst siebenundzwanzig Jahre alt. Sie war einst frisch und rundlich, klein und rotbackig gewesen; jetzt war sie verludert, hochbusig und schlapp. Ihr Gesicht war rot und geschwollen, ihre Hände aber, die niemals grobe Arbeit getan hatten, waren klein und fein. Die großen blauen, ehemals so treu blickenden Augen waren jetzt leer und verschwommen. Der Mund hatte seinen gutmütigen Ausdruck noch bewahrt. Die gesprungenen Lippen sahen aus, als ob sie nicht wüßten, ob sie lachen oder weinen sollten. Ein allzu weiches Herz, ein allzu williges Gemüt hatten das kleine üppige Mädchen aus Kalifornien zu dem gemacht, was sie jetzt war. Bei einer Versammlung der Heilsarmee im Golden Gate Park in St. Francisco hatte sie sich in ein Mitglied der Heilsarmee, der sein Herz auf der Zunge trug und einen Tenor wie ein Held hatte, verliebt. Sie wollte dort sein, wo er war, und da ihr die, die im Schatten lebten, leid taten und sie eine schöne und kräftige Stimme hatte, war es ihr ein leichtes gewesen, in die Heilsarmee aufgenommen zu werden. Der Mann fühlte sich geschmeichelt und nahm willig, was sie ihm bot; da sie ihre Gefühle aber nicht zu verbergen verstand, wurde man bald auf das Paar aufmerksam. Seiner Stellung wegen versuchte er sie zu meiden und da es ihm nicht gelang, ließ er sich versetzen. Sie aber folgte ihm, und er nahm sie wieder zu Gnaden an. Ein halbes Jahr lang war sie der glücklichste Mensch auf Erden. Da wurde das Verhältnis entdeckt, bei einer Versammlung kam es zu einem Skandal. Der Mann ließ sie im Stich, indem er behauptete, daß er sein möglichstes getan habe, um ihr aus dem Wege zu gehen und nur ein Opfer ihrer Nachstellungen geworden wäre, weil er für ihre Seele fürchtete. Sie wurde aus dem Heer ausgestoßen und bekam ihren Freund nie wieder zu sehen. Ohne Beschäftigung, ohne Heim, ohne Freunde, mit einem tiefverwundeten Herzen streifte sie umher, gleichgültig gegen alles, bis sie sich eines Abends von einigen Burschen verlocken ließ, die sie einst, als sie noch in der Heilsarmee war, bekehrt hatte. In ihrer Stammkneipe machten sie sie total betrunken; und das Trinken rettete sie insofern, als es ihr half, ihr gekränktes Mädchenherz zu betäuben. Sie konnte das Alleinsein nicht ertragen; sie trank, um Gesellschaft zu suchen und suchte Gesellschaft, um zu trinken. Ihre hübsche Stimme diente ihr zum Lebensunterhalt; sie zog von Salon zu Salon und sang, wofür man ihr zu essen und trinken gab. Wenn sie betrunken war, sang sie die alten Heilsarmee-Psalme, die sie mit ihm zusammen gesungen hatte; sie sang bis ihr die Tränen über die Backen rollten, dann jubelten die Zuhörer und nannten sie die Heilsarmee-Annie. So streifte sie umher, bis sie eines Nachts in einer verkommenen Kneipe Dick-Darling traf, der von besserer Herkunft war. Ihm glückte es, ihren Heilsarmeehelden in den Schatten zu stellen. Da sie noch immer nicht gelernt hatte, ihre Gefühle zu verbergen, ließ sie ihn gleich bis auf den Grund ihres Herzens blicken, und er ließ sich nicht lange bitten, sondern nahm, was er dort fand. Sie betete ihn an und er nutzte ihre Stimme aus, trank mit ihr, prügelte sie, verließ sie, wenn er eine Weile etwas Besseres gefunden hatte und suchte sie wieder auf. Sie war ihrem armen Herzen hilflos preisgegeben, das nun einmal so eingerichtet war, alles was es besaß an den zu verschenken, der es beherrschte – ohne Rücksicht darauf, ob sie etwas dafür bekam. Diese entsetzliche Bereitwilligkeit, die niemals etwas für sich verlangte, machte sie Dick unerträglich. Wenn sie ihm untreu gewesen, ihn verhöhnt, ihn mit derselben Münze bezahlt hätte, würde er sie nicht von sich gelassen haben, solange er Vorteil davon hatte. So aber verlor er die Geduld und ging mit einer Varietésängerin, die sich etwas Geld verdient hatte, auf und davon, nur um sie los zu werden. Wieder war sie am Rande des Selbstmordes, und wieder rettete sie der Alkohol, aber er tat es nicht umsonst. Lange sah und hörte sie nichts von Dick; bis sie zufällig erfuhr, daß er wieder arbeitete und eine Beschäftigung in seinem alten Fach in Cunnings Fabrik gefunden hatte. Da reiste sie für ihr letztes Geld in die Stadt, wo er wohnte und suchte ihn bei Pats auf. Es kam eine Art Versöhnung zustande, das heißt, Dick war jetzt, wo er etwas zu tun hatte, der Frauen überhaupt überdrüssig; er nahm sie auf, wie man einen herrenlosen Hund zu sich nimmt, nachdem man vergeblich versucht hat, ihn mit Fußtritten fortzujagen. Sie bekam eine Unterkunft bei Pats; Nelly erbarmte sich ihrer und gab ihr einen Platz auf dem Fußboden, dicht neben Dick, so daß sie seinem Leben folgen und seinem Schnarchen lauschen konnte. Da bekam Dick einen seiner Anfälle. Annie wußte nicht, daß es eine Krankheit sei, sie glaubte, daß er ebenso wie sie durch Verzweiflung zum Trinken getrieben wurde, nur daß sie gleichmäßiger und darum weniger heftig trank. Drei Tage lang war er verschwunden, sie wurde nüchtern vor Angst und Herzenskummer und rührte keinen Alkohol an, bevor sie ihn gefunden – im entgegengesetzten Ende der Stadt – und ihn mit nach Hause geschleppt hatte. Sie verdoppelte ihre Zärtlichkeit, damit er nicht wieder in Verzweiflung geraten sollte, erntete aber nur Undank. Er mißhandelte sie mehr als je, Nelly mußte sich häufig dazwischen legen. Nun war Dick abermals vier Tage nicht zu Hause gewesen. Annie war verzweifelt. Von morgens bis abends rannte sie von Kneipe zu Kneipe, um ihn zu suchen. Seine Kameraden, die besser Bescheid wußten, machten sich einen Spaß daraus, sie auf falsche Spur zu bringen. Todmüde schleppte sie sich nach Hause voll Sorge über ihn, den sie in Verzweiflung wähnte, von dem Verdacht gequält, daß diesmal ein Frauenzimmer mit im Spiel sei. Annie warf einen Blick auf Dicks Bett und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Was für ein Leben!« seufzte sie. Nelly fuhr zusammen, sie war mit dem Kind im Arm eingeschlafen. »Was fällt dir ein, wie ein Gespenst angeschlichen zu kommen!« »Ich sag nur, was für'n Leben, sag ich.« »Kannst ja von ihm bleiben.« Annie erhob sich, schwankte zur Schlafbank der Kinder und sank darauf nieder. »Wie kannst du so was sagen,« brachte sie mit Tränen in der Stimme heraus. »In der Schublade liegt Brot und Käse,« sagte Nelly. »Ich kann weder essen noch trinken, bevor ich ihn wieder habe.« Nelly legte das schlafende Kind aufs Bett und ging zu Annie; die längelang dalag, den Kopf in ihren Händen vergraben. »Hör' mal,«. Nelly faßte sie an den Schultern und rüttelte sie bis sie aufsah, »geh' hin und melde dich bei der Heilsarmee, sag, daß du heimatlos bist und laß dich nach Hause schicken.« »Wollt ihr mich hinauswerfen?« Annie sah sie an mit Augen, die vor Trunkenheit und Rührung überflossen. Nelly schüttelte sie, bis sie sich aufrichtete. »Du sollst dich von dem Halunken nicht tottreten lassen. Mach, daß du fortkommst, bevor er mit seinem Quartalsrausch hier angetorkelt kommt. Das wär das beste für dich.« Annie klammerte sich an sie. »Hast du ihn gesehen?« Sie richtete sich ganz auf und blickte sich in der Stube um. »Ist er zurückgekommen?« Nelly war durch ihre gebückte Stellung ins Husten gekommen; sie krümmte sich auf der Bank, und Annie hielt sie um die Schultern gefaßt, bis der Anfall überstanden war. Nelly umfaßte Annies Arm mit beiden Händen und versuchte sie mit ihrem fieberglänzenden Blick zu zwingen. »Sieh zu, daß du aus dem Schmutz herauskommst, Annie.« Annie fing plötzlich an zu weinen und brach über Nelly zusammen, die sie zu halten versuchte. »Wenn du mich von dir stößt, gehe ich in den Fluß.« »Was kann man da machen,« sagte Nelly vor sich hin. Sie schob Annie von sich, erhob sich und sagte: »Iß das bißchen Brot, das da ist. – Ich lege mich hin, bis Pat kommt.« Nelly legte sich aufs Bett; Annie ging an den Tisch, nahm Brot und Käse aus der Schublade und begann zu essen. Ihre Gemütsstimmung schlug plötzlich um – Nelly kannte es aus Erfahrung – und sie schwatzte drauf los: »Ich traf das Nashorn im ›Stern‹; er sagte, daß die Nigger-Cate sich über Dick hergemacht habe und mit ihm in Greenwood hause. Er glaubte, daß er mir das aufbinden könnte. Ich aber kenne Dick besser, er kümmert sich nicht um Frauenzimmer, wenn er trinkt. – Nicht wahr, Nelly – Und ein Negermädchen, pfui Teufel! – Ich sag also zu ihm: John Nashorn, sag ich, ich weiß wohl, daß ihr mich zum besten habt, und mich vom einen Ende der Stadt zum andern schickt, während Dick in einer von euern Spelunken sitzt und säuft. Aber du kannst Dick von mir grüßen – sag ich – denn du weißt ja ganz genau, wo er is – kannst ihn von mir grüßen – sag ich – wenn er nich so besoffen is, daß er nichts mehr versteht. Sag ihm von mir, daß ich nach Hause geh' und mich nicht vom Fleck rühre, bevor er wieder kommt. Wenn ich auch verhungern und verdursten sollte. Und wenn er auch ganz verludert nach Haus kommt, meinetwegen ohne 'nen Faden am Leibe, die Heilsarmee-Annie wird ihn immer mit offnen Armen empfangen« – sie schluchzte vor Rührung – »und wird ihn mit zärtlichen Händen pflegen wie'n neugeborenes Kind – sagte ich –.« Die Rührung übermannte sie. Sie legte den Kopf auf den Tisch und weinte. Nelly antwortete nicht. Sie war eingeschlafen. Einen Augenblick später schlief auch die Heilsarmee-Annie. II. Pat ließ Oanda und Nomura zuerst eintreten. Am liebsten hätte er gesehen, daß Dick und Tonny draußen geblieben wären, besonders Dick; man wußte nie, worauf der verfallen konnte. Pat hatte das Gefühl, daß es besser gewesen wäre, wenn Oanda nicht mitgekommen wäre. Da sie aber nun einmal da war, fühlte er sich verantwortlich dafür, daß nichts Unangenehmes eintrat. Oanda rang nach Luft, während sie darauf wartete, daß Pat die Gasflamme über dem Tisch anzündete. Die drückende, unreine Luft benahm ihr den Atem, und sie blickte erstaunt auf Annie, die mit dem Kopf auf der Tischplatte und ausgestreckten Armen dalag, im Schlaf stöhnend. Nomura sah sich nach den Fenstern um und ging hin, um sie zu öffnen. »Sie sind zugenagelt,« sagte Pat, »Warum?« »Des Gestankes wegen, der von draußen hereinkommt. Alle werfen ihren Abfall aus den Fenstern, so daß der Schmutz unten im Hof einen Meter hoch liegt und wie die schlimmste Kloake stinkt.« »Die Gesundheitspolizei?« »Was die wohl hier soll?« Pat grunzte. »Soll etwas geschehen, muß der ganze Kasten niedergerissen werden.« Oanda blickte sich in der Stube um. Nicht die Armut war es, die sie entsetzte, denn es fehlte ihr die Voraussetzung, um sie zu beurteilen; auf ihrer Insel war alles einfach und zweckmäßig gewesen, dort kannte man weder Not noch Ueberfluß. Es war der Schmutz, der jahrealte, verhärtete Schmutz an Decke und Wänden und die giftige Luft, die ihr fast Uebelkeit verursachten, die sie so entsetzten. Da fiel ihr Blick auf die schlafende Frau in dem niedrigen Bett. Das ist Pats kranke Frau, dachte sie und trat näher. Nelly atmete pfeifend, und ihre Stirn zuckte nervös. Der nackte, magere Arm, der auf der Decke lag, war nach dem Korb des Kindes ausgestreckt. Aus dem verzerrten Gesicht sprach ein Gemisch von seelischer Stärke und körperlicher Schwäche, das Oanda gleich zu Herzen ging. Wie können wir ihr nur helfen, fragte sie, als ob ihre Mutter neben ihr stünde. Sie ging zwischen Kommode und Bett und beugte sich über das Kind im Korb. Vorsichtig hob sie die Decke, erblickte den grauen, geschwollenen Kopf auf dem mageren Hals, die winzig kleinen, welken Hände, die sich vorm Mund ballten, und ein Schauder durchfuhr sie. »Ach, nein,« rief sie, als wehrte sie sich, das zu glauben, was sie sah; und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Nelly schlug die Augen auf, starrte sie an, als ob sie einen Geist sähe, fuhr mit einem Satz in die Höhe und beugte sich über den Korb, als ob jemand ihr Kind bedrohte. Sie blickte Oanda zornig an, während das Blut ihr flammengleich ins Gesicht schlug. »Machen Sie, daß Sie wegkommen,« rief sie befehlend und bohrte ihre fieberdunklen Augen in Oandas Blick. »Ich habe nicht nach Ihnen geschickt, weder meinetwegen noch wegen des Kindes!« Sie atmete krampfhaft. Als sie Pat am Fußende des Bettes mit einem fremden Herrn erblickte, drohte sie ihm mit ihrer geballten Faust und sagte mit Zorn und Kummer in ihrer gellenden Stimme: »Wie konntest du mir das antun?« Pats kleine Augen ließen die ihren nicht los, bevor er sie davon überzeugt hatte, daß er ohne Schuld sei. Sie wischte sich mit dem Rücken ihrer Hand den Schweiß von der Stirn und legte sich erschöpft in das schmutzige Kissen zurück. »Nelly,« sagte er tonlos, »ich bin entlassen worden.« Sie starrte ihn an, ihre Augen wurden groß und klar. »Warum?« fragte sie schließlich. »Ich bin zu alt geworden,« wollte er entgegnen, aber er brachte es nicht über die Lippen, denn wenn es wirklich der Fall war, würde ja alles aus sein. »Der neuen Maschinen wegen,« seufzte er. Nelly blickte von ihm zu Oanda und von ihr zu Nomura, dessen scharfe Augen im Begriff waren, die Diagnose zu stellen. Sie versuchte einen Zusammenhang zwischen Pats Worten und der Anwesenheit der Fremden zu finden. Plötzlich wurden ihre Augen blank und schimmernd. Sie richtete sich auf dem Ellenbogen auf und lachte hysterisch: »Und dann wird solch alte Maschine wie du zum Teufel gejagt! Mögen auch Frau und Kinder verhungern, was kümmert's die andern?« Oanda konnte den Blick nicht ertragen, der sie aus den leidenden Augen traf, sie wandte den Kopf fort. »Ja, sehen sie sich nur um, meine Dame – so sieht es bei denen aus, die schuften, damit ihr gut und vornehm leben könnt, ohne euch die Finger zu beschmutzen! – so grau und elend sind unsere Kinder, damit eure fett und rosig wie Ferkel sein können.« Sie drehte sich mit einer heftigen Bewegung zum Korb um, riß das Kind heraus und drückte den Säugling an ihre magere Brust, während sie Oanda mit funkelnden Augen ansah. »Solange ich noch einen Tropfen Milch habe, soll keiner ihn mir nehmen!« Der Husten überfiel sie wieder. Ihr Körper wand sich im Krampf, und sie preßte den Säugling so fest an sich, daß er anfing zu schreien. Pat schob Oanda beiseite, sprang herzu und legte seinen breiten Arm schützend um ihren Rücken, während er das Kind aus ihren Armen zu lösen versuchte. »Nelly – Nelly,« murmelte er zärtlich, »laß das Kind los!« Er entrang ihr den Säugling und blickte auf, als ob er sagen wollte: Ist da keiner, der ihn mir abnimmt? Oanda streckte die Arme nach ihm aus und nahm ihn vorsichtig an sich; Nellys Blick wich nicht von ihr, während sie sich beim Hustenanfall krümmte; Oanda verstand sie und beeilte sich, das Kind wieder in die Wiege zu legen. »So – so!« Pat klopfte sie vorsichtig auf den Rücken, »sie ist hier, um dir zu helfen, Nelly, und der Arzt auch.« Nomura drängte sich an Oanda vorbei. »Lassen Sie mich heran!« Er schob Pat beiseite und hielt Nelly so, daß sie endlich Linderung bekam. Einige Augenblicke hing sie nach Atem ringend über seinen Arm. Darauf hob sie die Hand und trocknete sich seufzend Stirn, Augen und Mund. Nomura legte sie zurück und deckte sie zu. Oanda beugte sich über sie, nahm ihre heißen Hände in die ihren und sah mit Augen, die voll Tränen standen, in den Blick, der jetzt matt und schwach war. »Warum darf ich dir und deinem Kind nicht helfen?« Nelly lauschte diesen Worten, die ihr wie aus einer andern Welt zu kommen schienen; sie sah die Tränen in Oandas Augen, sie sah den weich bewegten Mund so nah dem ihren, und ihr bleiches Gesicht erschlaffte in maßlosem Erstaunen. Die Heilsarmee-Annie war bei Nellys Husten erwacht. Sie hob den Kopf und blickte sich trüben Auges um. Dick hatte sich in eine Ecke zurückgezogen, als er sie entdeckte; er wollte keine Szene, während die Dame zugegen war. Annie sah, daß die Stube voller Menschen war; sie hörte eine fremde Frauenstimme und es gelang ihr, sich aufzurichten. Sie erblickte Pat – und Tonny, her rittlings auf seiner Chaiselongue saß; im selben Augenblick entdeckte sie auch Dick, der sich längelang auf sein Bett gestreckt hatte. »Dick!« schrie sie auf und taumelte auf ihn zu. Dick fluchte ärgerlich und kehrte ihr den Rücken zu. »Oh, Dick, ich bin so unglücklich gewesen – es hat so lange gedauert.« Er schüttelte ihre Hand, die auf seinem Rücken lag, von sich ab. »Was gehts dich an? Ich trinke solange es mir gefällt.« »Natürlich,« sagte sie nachgiebig, »wenn ich nur weiß, daß dir nichts geschieht. Ach, Dick, ich bin Tag und Nacht durch die Straßen geirrt, um dich zu suchen.« »Kannst dich meinetwegen auf der Straße herumtreiben bis man dich wegfegt! – Wenn ich es nicht will, findet mich keiner.« »Natürlich, Dick, so'n forscher Kerl wie du. Ich wollte dir nur sagen, daß ich für die Marine-Marie singen soll, die ist vorgestern eingesteckt worden.« Dick drehte sich halb um. »Wenn ich das gestern gewußt hätte,« er stieß ärgerlich mit dem Fuß nach der Bettdecke – »aber so geht's immer: wenn man euch Frauenzimmer braucht, seid ihr nicht da – und wenn man euch zum Teufel wünscht, hängt ihr an einem wie Kletten.« Annie suchte in ihrer Tasche, fand einige Geldstücke und reichte sie ihm. Er zählte sie, steckte sie ein und wandte sich ihr gnädig ganz zu. Er erzählte, daß man ihn im »Stern« hinausgeschmissen habe, als er kein Geld mehr gehabt hätte; er habe unter einem alten Prahm am Fluß geschlafen und weil er kein Geld mehr hatte, wäre er morgens zur Arbeit gegangen. Er erzählte, was sich bei Cunning zugetragen hatte. Annie wollte nicht glauben, daß die Dame Pat bei der Hand genommen und gesagt hätte, daß er und seine Kameraden mitessen sollten; als sie hörte, daß die fremde Dame neben Nellys Bett keine Dame vom Wohlfahrtsausschuß sei, die der Arzt ihnen auf den Hals geschickt hätte, sondern ein Gast von Fabrikant Cunning, wurde sie fast nüchtern vor Verwunderung. Sie ging ans Ende der Bretterwand, um sie genauer zu betrachten. Nomura kniete neben dem Bett, das Ohr auf Nellys entblößtem Rücken, während Oanda neben Pat stand und erstaunt zusah. Annie kehrte zu Dick zurück und flüsterte: »Was 'ne schöne Dame!« Dick erzählte, warum Oanda mitgekommen sei; als er aber von Ralphs Vermögen erzählen wollte, das eigentlich ihr gehörte, machte Tonny ihm ein Zeichen und murmelte zwischen den Zähnen: »Laß sein! – Sonst verdirbt sie uns noch das Ganze.« Annie hatte sich auf die Erde gesetzt und blickte Dick mit großen, feuchten Augen an, beseligt, daß er zu ihr sprach; sie nickte oder schüttelte den Kopf, wie es sich gerade traf; sie hatte eine unklare Vorstellung von seinen Worten, sie fühlte ihn nur. III. Es wurde an die Tür geklopft. Dick schwieg und horchte. Es klopfte wieder, Tonny erhob sich, öffnete die Tür einen Spalt breit und guckte hinaus, während Dick für alle Fälle hinter ihn trat, auch Annie erhob sich mühsam und suchte in ihrem benebelten Gedächtnis, ob sie oder einer von den andern etwas auf dem Kerbholz hätten. Tonny öffnete die Tür nur so weit, daß der Lichtschein von der Gasflamme auf das Gesicht des Draußenstehenden fiel. Es war Goodwill. Tonny erkannte ihn und ließ ihn eintreten. Goodwill hielt unwillkürlich den Atem an und blickte sich vorsichtig um. »Guten Abend!« sagte er. »Was wollen Sie?« fragte Tonny und runzelte die Brauen. »Ich bin Pastor Goodwill, mein Freund,« sagte er sanft. Darauf wandte er sich an Pat, der nähergetreten war, »Guten Abend!« Goodwill reichte ihm die Hand und drückte sie herzlich. »Ich wollte mich nach Ihrer Frau umsehen.« Pat zeigte auf das Bett. »Der Arzt,« sagte er und legte den Finger auf den Mund. Nomura hatte den Rücken abgehorcht, jetzt drehte er die Kranke um und legte sein Ohr auf ihren Hals und ihre Brust. Ein leises Wimmern erklang. Goodwill sah, wie Oanda sich niederbeugte, den Säugling aufnahm und beruhigte, Nelly blickte mit großen Augen auf das Kind in den Armen der fremden Frau. Sie sah, wie Oanda ihr Gesicht über das Kind beugte, ihm zulachte und seine Backen tätschelte, um es zum Lachen zu bringen. Das Kleine ließ sich beruhigen – und sieh', es griff sogar nach ihrem Finger! Nelly betrachtete das junge, lächelnde Gesicht; sie ist kaum zwanzig Jahre alt, dachte sie. Wie gut sie aussah – und wie sie das Kind anfaßte, ohne Furcht, ihr Kleid zu beschmutzen – nicht so vorsichtig und mit Handschuhen, wie die Dame des Wohlfahrtsausschusses, die ihnen der vorige Arzt auf den Hals geschickt hatte – sondern so liebevoll und selbstverständlich, als ob sie eine Schwester sei. Nellys Augen wurden feucht, aber sie kämpfte dagegen an. Sie ließ sich nicht ohne weiteres von einem glatten Gesicht narren. Vielleicht war es nur eine Komödie, die der Arzt in Szene gesetzt hatte, um ihr das Kind im Guten zu nehmen, da es im Bösen nicht geglückt war. Die Untersuchung war beendet. Nomura deckte Nelly zu und erhob sich. Er ließ sich das Kind geben, wog es in seinen Armen, gab es Oanda zurück, befühlte seinen Hinterkopf und betrachtete die Hände und Füße mit den geschwollenen Gelenken. Darauf überlegte er einen Augenblick, während seine Augen hastig von Mutter zu Kind eilten. Pat betrachtete ihn ängstlich fragend. »Beide Lungen angegriffen!« sagte Nomura vor sich hin, »das Kind sehr schwach, sie darf es nicht säugen.« Nelly hatte sich am Bettrand festgeklammert, kampfbereit. Die Augen brannten in dem weißen Gesicht. »Das bestimme ich selbst!« sagte sie. Nomura sah an ihr vorbei. »Bedeutet den Tod für beide!« sagte er. Und die Brillengläser trafen Pat von der Seite, so daß dieser die Augen niederschlug. Nelly richtete sich heftig auf ihren Knien auf und streckte die Arme nach dem Kind aus, als fürchtete sie, daß man es ihr gleich nehmen würde. »So laßt mich mit meinem Kind sterben!« rief sie und blickte Oanda wild an, die das Kind schnell in ihre Arme legte. »Nelly!« sagte Pat zärtlich und reckte sich, um ihr den Arm zu streicheln. Sie saß in der Hucke, das Kind fest an ihre Brust gepreßt. »Nelly – Nelly!« äffte sie ihm nach. »Nelly hat nur Schlimmes von diesem verfluchten Leben gehabt.« Sie sah Pat an, ihr Blick wurde starr und gläsern. »Das Beste für uns alle wäre, wenn's bald ein Ende hätte.« Wieder strich er ihr mit einer linkischen Bewegung liebkosend über den Arm. Sie lächelte ihm zu und sagte ruhig: »Pat, sterben ist nicht so schlimm wie leben. Wo sollen wir auch was zu essen herbekommen, wenn sie dich auf den Kehrichthaufen geworfen haben? – ich kann ja nicht mehr arbeiten – und Eddie und Jim haben genug damit zu tun, sich selbst durchzubringen.« Sie legte sich wieder nieder, kroch unter die Decke, den Kopf des Kindes an ihrer hohlen Wange. »Es wird gut tun, wenn man endlich Ruhe bekommt,« sagte sie und schloß die Augen. Goodwill hatte alles gesehen und gehört, jetzt kam die Reihe an ihn. Er legte die Hand auf Nomuras Schulter. »Lassen Sie mich, Doktor!« sagte er, ging an ihm vorbei und setzte sich auf den Bettrand, während Oanda ihn erstaunt ansah; sie hatte ihn gar nicht kommen hören, so sehr hatte der Vorgang sie beschäftigt. »Guten Abend, Frau Nelly,« sagte Goodwill und berührte die Hand, die um den Nacken des Kindes lag. Nelly öffnete die Augen und blickte in sein rundes Gesicht. Sie sah, daß seine Augen gutmütig waren, um den Mund aber hatte er einen Zug, der zurückzunehmen schien, was die Augen gaben. »Wer sind Sie,« fragte sie. »Ich bin Pastor Goodwill und bin hergekommen, um Ihnen Trost und Stütze zu sein.« Nelly richtete sich auf dem Ellenbogen auf und sah ihn mißtrauisch an. »Also ein Pfarrer sind Sie?« Goodwill versuchte ihre Hand zu nehmen, aber es glückte ihm nicht; sie hielt mit beiden Händen ihr Kind fest umfaßt. »Ich kann Ihrem Gesicht ansehen, daß Sie eine gute Frau sind.« »So, das meinen Sie?« Goodwill fühlte sich von ihrem Anstarren unangenehm berührt; der Spott aber, den er in ihren fieberbrennenden Augen zu lesen meinte, spornte ihn nur dazu an, seines Amtes zu walten. »Sie sind unglücklich,« sagte er mit freundlicher Würde. »Sie sagen, daß Sie am liebsten sterben möchten und Sie wünschen, daß Ihr Kind, das Sie so über alles lieben, mit Ihnen davongehen soll; bedenken Sie denn aber gar nicht, daß Gott vielleicht durch die Taufe die Seele des Kindes zu einem guten und glücklichen Lebenswerk geweiht hat, das Ihnen Ersatz für alles das geben kann, was Sie selbst erleiden mußten?« »Er ist ja gar nicht getauft«, sagte Nelly ohne einen Blick von dem Geistlichen zu verwenden. »Wie alt ist das Kind?« fragte er, und betrachtete den armen unförmigen Kopf, das einzige, was er von dem Kind sehen konnte. »Fünf Monate.« »Es ist nicht recht von Ihnen, so lange mit der Taufe zu zögern,« sagte er mit mildem Vorwurf. Da erinnerte er sich ihrer großen Armut und fügte hinzu: »Wir können ihn hier bei Ihnen im Bett taufen – ich werde es schon morgen tun – und es soll Sie nichts kosten, gute Frau.« »Sie brauchen sich nicht zu bemühen, Herr Pastor.« Goodwill blickte sie etwas unsicher an; vielleicht hatte er sie verletzt. »Wie Sie wollen, gute Frau,« sagte er freundlich. »Sie können die Taufe bezahlen, wann Sie wollen.« »Er soll nicht getauft werden!« sagte sie hart. »Nicht getauft werden?« »Denn es ist ja nur eine Lüge, daß es einen Gott gibt.« »Sie wissen nicht, was Sie sagen!« Goodwill sah sie entsetzt an und zog sich unwillkürlich zurück, während er überlegte, ob sie ganz bei Sinnen sei. Nelly hielt ihren Blick noch immer fest auf ihn gerichtet, als wollte sie erproben, ob er ihr Bekenntnis auch wert sei. Dann begann sie zu reden; ruhig und langsam offenbarte sie, was sie gedacht hatte, und zu welchem Resultat sie gekommen sei, während der langen Stunden, die sie hier allein mit dem Kind zugebracht hatte. »Ich glaubte einst, was meine Mutter mich gelehrt hatte. Ich habe auf meinen Knien gelegen und gebetet und gefleht; ich habe getan, was ich sollte und niemals jemanden Leid zugefügt; ich hab Ihm meine Not gezeigt und Er hat alles geschehen lassen. Und jetzt wo ich krank und elend bin und mein armes Kind um sein elendes Leben schreit, läßt Er es geschehen, daß man Pat an die Luft setzt, während mein Kind den Tod aus meiner kranken Brust saugt – glaubt mir, ich weiß es – es ist Lüge, es gibt keinen Gott, Priester! Es ist Lüge – es ist Lüge, daß es einen Himmel für die Guten und eine Hölle für die Bösen gibt, es gibt keine schlimmere Hölle als hier auf Erden. Hier – in dieser Stadt – in diesem Haus. Es ist eine niederträchtige Lüge, daß es einen Himmel geben soll, die Menschen haben sie nur erfunden, um sich zu trösten, wenn sie das Leben nicht mehr ertragen können.« »Unglückselige Frau! – Wissen Sie –« »Ja – ich weiß, daß es besser ist, daß es keinen Gott gibt; denn wenn es wirklich einen gäbe, dann wäre er schlecht. Das Leben ist schlecht – schlecht! – Sehen Sie sich doch um! – Sehen Sie Pat, der wie ein anständiger Kerl geschuftet hat und jetzt auf den Kehrichthaufen geworfen wird, sehen Sie Dick, der fünf Tage lang trinkt, wie ein Tier trinkt, weil er es nicht lassen kann, wenn der Anfall über ihn kommt. Sehen Sie die Heilsarmee-Annie, ihr einziger Fehler besteht darin, daß sie zu gut ist – sie kann jemanden, den sie lieb hat, nicht leiden sehen, ohne daß sie mit leiden muß – darum ging sie zur Heilsarmee, darum gab sie ihren letzten Schilling denen, die keinen hatten. Und was ist jetzt aus ihr geworden – sehen Sie sie doch an!« Sie hatte ganz ruhig begonnen, aber während sie sprach war der Zorn in ihr aufgestiegen; jetzt saß sie hochaufgerichtet da, ihre flammenden Augen brannten in die des Pfarrers, sie hatte Schaum in den Mundwinkeln und ihre kranke Brust arbeitete wie im Krampf. Annie, Dick und Tonny hatten sich dem Bett genähert; es waren ja ihre unklaren Gedanken, denen sie da Ausdruck gab. Tränen rannen über Annies aufgedunsene Backen. Sie trocknete sich das Gesicht mit dem Rücken ihrer Hand, sah an sich hinab und sagte: »Ja, was ist jetzt aus mir geworden!« Tonny hatte ihre Worte durch Nicken begleitet. Als sie innehielt, schlug er auf das Fußende des Bettes und rief: »Bravo, Nelly! – Das ist ein wahres Wort.« Pat sah aus, als ob er in der Kirche sei, während er jedem ihrer Worte andächtig lauschte; als sie geendet hatte, beugte er den Kopf und sagte: »Ja, so ist's!« Es klang, als hätte er »Amen« gesagt. Nomura sah, wie das Sprechen sie anstrengte; mehrere Male hatte er sie unterbrechen wollen, aber auch er wurde von ihren Worten gefesselt. »Sie machen sich nur noch kränker,« sagte er. Er umfaßte ihre Schultern, während sie nach der Anstrengung hustete, trocknete ihr den Schweiß von der Stirn und fragte wie zufällig: »Wollen Sie nicht ins Krankenhaus?« »Nein, nein, ich will bei Pat und meinem Kind sterben.« »Sie sollen nicht sterben – Sie sollen leben.« Pat packte ihn so heftig am Arm, daß der kleine Japaner vor Schmerz zusammenzuckte. »Doktor,« fragte er so eindringlich, daß es wie eine Drohung klang, »kann sie leben?« »Ja, wenn sie selbst will!« »Und das Kind?« »Wenn die Mutter will!« Pat nahm Nellys Hand, die schlaff herabhing und beugte sich übers Bett. »Nelly – hast du gehört?« Nelly richtete ihr Gesicht auf Nomura, hielt seinen hastig hin- und hereilenden Blick hinter den Brillengläsern fest und sagte feierlich: »Gott sei Ihnen gnädig, wenn Sie mich belügen!« Goodwill, der während Nellys Rede aufgestanden war und sich neben Oanda gestellt hatte, konnte es sich nicht versagen, zu bemerken: »Ich dachte, es gibt keinen Gott!« Nelly achtete seiner nicht. Sie berührte Nomuras Arm: »Halten Sie mich nicht zum besten!« sagte sie. Nomura sagte, als spräche er zu einem Auditorium: »Ich sage, was meine Wissenschaft mir sagt. Die Bedingung aber ist vor allem: Bessere Ernährung für Mutter und Kind, und fremde Pflege fürs Kind.« Wieder blitzte es in den Brillengläsern. »Warum nicht ins Krankenhaus?« fragte er wieder. »Ich will mich nicht von meinem Kind trennen.« Goodwill näherte sich. »Vielleicht kann ich Ihnen dennoch helfen,« sagte er und betrachtete Nelly, deren Blick jetzt matt und erloschen war, teilnahmsvoll: »Die frommen Schwestern haben ein Haus hier in der Stadt, wo sie arme Mütter mit ihren Kindern in Pflege nehmen.« Er wandte sich an Pat und fügte erklärend hinzu: »Sie müssen Ihren Trauschein vorzeigen und Ihren sittlichen Lebenswandel von einem Geistlichen oder einem andern glaubwürdigen Mann bezeugen lassen.« Nelly sah ihn fest an. »Pat und ich haben keinen Trauschein,« sagte sie. »Sind Sie nicht verheiratet?« »Wir sind nicht getraut.« »Was soll das heißen?« Nelly sah ihn wie vorhin prüfend an, ob er ihres Vertrauens auch wert sei. Darauf sagte sie: »Ich war drei Jahre mit Joe verheiratet, da verließ er mich, um in Klondyke Gold zu graben. Er versprach, jeden Monat Geld nach Hause zu schicken, aber ich sah weder Geld noch ihn wieder, obgleich wir zwei kleine Kinder hatten. Ich mußte von morgens bis abends schuften, um sie zu unterhalten und dennoch starben sie mir alle beide. Da lernte ich Pat kennen, der gerade Witwer geworden war.« Pat sagte erklärend zu Nomura: »Der Arzt sagte, es sei eine inwendige Verblutung gewesen.« »Pat und ich trösteten uns miteinander, denn ich wußte, daß er ein guter Mann sei. Der Pfarrer aber wollte uns nicht trauen, weil ich nicht beweisen konnte, daß Joe tot sei; und geschieden konnte ich nicht werden, weil ich kein Geld für einen Advokaten hatte.« Goodwill rückte an seiner Brille und betrachtete sie streng: »Und dann versündigten Sie sich gegen das Gesetz, gegen das bürgerliche und gegen das christliche, und wohnten als Mann und Frau zusammen.« »Wir heirateten ohne Pfarrer und teilten Gutes und Böses miteinander.« Oanda hatte mit steigender Spannung zugehört; ihre Augen zogen Nellys Blick an sich, so daß die Kranke schließlich nur sie sah und zu ihr allein sprach. »Nach Gottes Gesetz!« sagte Oanda. Nellys Gesicht leuchtete auf; sie machte eine Bewegung, als ob sie ihr danken wollte. Goodwill aber erhob sich und sagte feierlich: »Sie leben in einem unstatthaften Verhältnis und Ihr Kind ist in Sünde geboren. Es tut mir herzlich leid, ich aber kann hier nicht helfen. Ich muß Sie dem Arzt allein überlassen.« »Es hat Sie ja auch kein Mensch gebeten,« murmelte Pat. Goodwill nahm Oandas Hand. »Meine Liebe,« sagte er, »es ist meine Pflicht als Ihr Freund und Geleiter, Sie inständig zu bitten, diesen Ort mit mir zu verlassen. Ich schulde es Ihrer Mutter, die Sie meiner Fürsorge anvertraute. Dies ist kein passender Aufenthalt für Sie.« Oanda zog ihre Hand zurück. »Warum nicht,« fragte sie, »meine Mutter war ja auch nicht getraut, also bin auch ich in Sünde geboren.« Goodwill nickte betrübt. »Ihr Gott ist ein anderer als Mutters und meiner,« sagte sie und wandte sich von ihm ab. Nelly hatte sich aufgerichtet; jetzt beugte sie sich zu Oanda und starrte sie an, als ob sie sagen wollte: »Wer bist du – was willst du hier?« Die Heilsarmee-Annie berührte Oandas Kleid ehrerbietig und sagte, während sie ihre Augen trocknete: »Gott segne Sie, Fräulein!« Tonny rückte Goodwill auf den Leib, so daß dieser sich schleunigst zurückzog. »'Raus Priester,« sagte er und drängte ihn zur Tür. Goodwill fühlte sich in seiner priesterlichen Würde gekränkt, sein Gesicht glühte vor Eifer. Er hatte einen heftigen Protest auf den Lippen, als seine Augen Pats festem, schwerem Blick begegneten. Er schluckte seine Entrüstung hinunter und ging zur Tür; dabei mußte er um Dick herumgehen, der mit den Händen in den Taschen dastand und ihn herablassend betrachtete. »Grüßen Sie ›die frommen Schwestern‹ von mir,« sagte Dick freundlich und winkte mit der Hand. Goodwill drehte sich in der offenen Tür um, sein Blick suchte Oanda. »Fräulein Oanda!« rief er mit Angst und Sorge in der Stimme, »noch einmal bitte ich Sie –« Die Tür fiel ihm vor der Nase zu, Dick hatte sie mit dem Fuß zugeworfen. IV. Nomura trat zu Pat, der neben der Kommode stand. »Ihre Frau darf nicht aufstehen, um Essen zu kochen oder aufzuräumen.« Pat warf einen verstohlenen Blick zu Nelly hin, ob sie sie hören konnte. »Wer soll es sonst tun?« fragte er leise. »Sie darf das Kind nicht warten.« Nelly warf sich im Bett hin und her; Pat hörte es. »Wer soll es sonst tun,« fragte er nochmals. Oanda nahm Nellys Hände, die sich unruhig auf der Decke bewegten. »Darf ich es!« bat sie. Nelly blickte in die jungen Augen, die dunkel vor Mitgefühl waren, bis der harte Ausdruck um ihren blassen, verzerrten Mund sich zu zitternder Rührung löste. »Sie mit Ihren reinen Händen,« entschlüpfte es ihr. Sie seufzte tief, zog ihre Hände zurück und wendete sich ab. »Gott segne Sie, Fräulein,« sagte Pat, »aber nicht nur sie und das Kind sind zu versorgen, sondern auch Eddie und Jim und ich, und die alle dort – wir sind sieben, die was zu essen haben wollen, und unsere ganze Küche ist der Ofen dort.« Bei dem Wort »Essen« fiel es Nelly ein, daß weder Pat noch die andern etwas zu essen bekommen hatten. Sie hatte keine Zeit gehabt, etwas einzukaufen und zu kochen. Bald würden Eddie und Jim ausgehungert nach Hause kommen. »Pat,« sagte sie, ohne sich umzudrehen, »geh hinunter und kaufe etwas ein. Ich hatte keine Zeit.« »Mach dir darum keine Sorgen, Nelly!« Dick rasselte mit einigen Geldstücken in seiner Hosentasche, »ich traktiere,« fügte er hinzu, mit einer galanten Verbeugung vor Oanda, »zu Ehren der Prinzessin mit den reinen Händen.« Nelly blickte Dick von der Seite an, der Schatten eines Lächelns lag auf ihrem Gesicht. »Nimm mich mit,« bat Annie und folgte ihm zur Tür. »Finger weg!« Dick ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Annie seufzte. Sie stand eine Weile, dann wurde sie von Müdigkeit nach dem Kummer der letzten Tage überwältigt, warf sich auf Dicks Bett und schlief gleich ein. Nelly hatte mit abgewandtem Gesicht dagelegen und über das Wunderliche nachgedacht. Jetzt drehte sie sich wieder um und sah Oanda mit leuchtenden, fast verklärten Augen an. »Wie heißen Sie,« fragte sie. »Oanda. Ich bin von einer Insel, wo alle Menschen Brüder und Schwestern sind.« »Wo liegt diese Insel?« »In dem großen stillen Meer.« Nelly betrachtete ihre klare, unbeschriebene Stirn, ihre starken, warmen Augen, die so offen zeigten, was sich in ihrem Herzen rührte, ihren weichen Mund, der so rein und ungeprüft war, wie der eines Kindes und dennoch fest und klug und charaktervoll. Darauf atmete sie tief und sagte: »Der Priester hat recht, hier ist kein passender Aufenthaltsort für Sie.« Oanda nahm ihre Hand und beugte sich über sie. »Schicken Sie mich nicht fort,« bat sie. Nelly warf ihren Kopf zurück, als wehrte sie sich gegen etwas, das sie zu überwältigen drohte. »Sie werden krank in dieser Höhle, wo weder Luft noch Licht hinkommt.« »Ja, die Luft ist das Schlimmste.« Oanda griff sich an die Brust und blickte sich besorgt um. Wie in plötzlicher Angst, sie zu verlieren, klammerte Nelly sich an ihren Arm. »Schwester!« rief sie leidenschaftlich. Ihre Augen flammten, das Blut stieg ihr zu Kopfe – »Pat!« rief sie und ein furchtbarer Anfall schüttelte ihren mageren Körper. Pat stürzte herbei, Nomura aber hielt sie bereits umfaßt und stützte sie, während der Husten sie verhehrte, so daß die Augen ihr aus dem Kopf traten. Oanda mußte weinen. Als der Anfall endlich überstanden war, und Nomura sie niedergelegt, zugedeckt und den Schweiß vom Gesicht gewischt hatte, lag sie mit geschlossenen Augen und einem matten Lächeln da, blaß wie eine Tote. Nomura betrachtete sie eine Weile. »Ich will ein Mittel für die Nacht holen,« sagte er. »Kann ich es nicht holen?« fragte Pat. »Sie bleiben hier.« Nomura war gegangen. Nelly schlief, Oanda trocknete ihre Augen und ließ gedankenvoll ihren Blick von Wand zu Wand schweifen. »Ja, hier sind nur kahle Wände,« sagte Pat bitter. Es dauerte eine Weile, bevor sie erfaßte, was er meinte. Sie atmete tief und sagte: »Warum geht es euch so schlecht?« Pat zögerte eine Weile, dann begann er schwerfällig: »Ja, jetzt sind wir reif für den Kehrichthaufen. In meinen jungen Tagen aber, da hätten Sie sehen sollen, da hatten wir keine kahlen Wände, sondern Malereien und eine Uhr und Gardinen und einen Kanarienvogel; das war zur Zeit meiner ersten Frau –« »Ist er nie hier gewesen?« »Wer?« »Ralph Cunning.« Pat sah auf und verzog die Lippen: »Man kann merken, daß Sie von weit her sind, Fräulein.« »Würdet Ihr ihn verderben, wenn es euer Vorteil wäre?« »Ja,« warf Tonny ein, der aufmerksam zugehört hatte. »Das wäre nur gerechte Wiedervergeltung.« »Wofür?« »Sehen Sie, Fräulein, die Dagos müssen sich mit dem Lohn begnügen, den er ihnen bietet, er hat seine Agenten in New York, die bei der Ankunft der Dampfer zum Hafen kommen. Die Dagos haben kein Geld und können die Sprache nicht, darum müssen sie nehmen, was sie kriegen. Die Agenten sorgen dafür, daß sie auseinandergerissen werden, und die, die für sie eintreten sollen, ihre Führer, werden bestochen.« Pat nickte bestätigend: »Tonny ist selbst Dago, er weiß Bescheid.« Tonny brüstete sich. »Ich bin in Polen und in Galizien gewesen,« sagte er. »Ich kann auch andere Sprachen. Aber er soll sich hüten,« er drohte mit seiner geballten Faust durch die Luft. »Ich werde die Dagos zusammentrommeln, und dann wird es sich zeigen, wer der Stärkere ist!« »Aber Pat ist doch Amerikaner, nicht – und Dick?« »Ja.« »Es arbeiten also auch andere als Dagos bei ihm.« »Wracks,« sagte Pat, »die nirgends anders ankommen können und sich mit dem Lohn eines Dago begnügen müssen. Ich bin vor einigen Jahren von der Eisenbahn gefallen und habe meine Hüfte verletzt; darum hinke ich. Und wie es mit Dick bestellt ist, das haben Sie ja gehört.« Oanda überlegte. »Und wenn ihr euch vereinigt habt, was dann?« »Dann,« sagte Tonny, »sollen die Dagos auch ein menschenwürdiges Leben bekommen. Wohnungen mit Luft und Licht, damit ihre Kinder rund und rot werden können – und nicht grau und elend wie der jämmerliche Wurm da.« – »Wüßte er, wie schlecht Ihr es habt, würde er euch aus eigenem Antrieb helfen.« »Wer?« »Ralph Cunning. Ich will es ihm morgen sagen und ihn bitten, mit hierher zu kommen.« »Verraten Sie uns nicht, Fräulein.« Pat sah sie flehend an. »Wenn er erfährt, was Tonny vorhat, dann werfen seine Werkführer alle, die sich der Bewegung angeschlossen haben, hinaus.« Tonny ergriff ihre Hand in einer plötzlichen Eingebung. »Sie haben gesagt, Sie seien von einer Insel, wo alle Geschwister sind,« – er sah sie eindringlich mit seinen festen schwarzen Augen an – »bleiben Sie bei uns, Schwester! – Sie können viel für uns tun, und Sie werden es nicht bereuen.« »Ja,« antwortete Oanda ohne sich zu bedenken, »ich will bei ihr und ihrem Kind bleiben.« »Dank!« Er faßte sie in aufbrausender Freude um die Schulter. »Sie können auf meiner Chaiselongue schlafen. Ich kann anderswo ein Unterkommen finden; und jetzt gibt's mancherlei für mich zu tun, das können Sie mir glauben. Er soll es fühlen, daß er mich an die Luft gesetzt hat.« Darauf sagte er etwas zu Pat, was Oanda nicht verstand – sie hörte nur das Wort »Kameraden«. »Ich gehe jetzt! Auf Wiedersehen, Schwester!« Er preßte ihre Hand so heftig, daß es ihr weh tat. In der Tür stieß er mit Jim und Eddie zusammen. Eddie strich kokett an ihm vorbei und sagte einschmeichelnd: »Guten Abend.« Tonny machte ihr ein Zeichen zu, daß Fremde zugegen seien. Sie drehte sich um und gewahrte zu ihrem Erstaunen Oanda. Eddie war achtzehn Jahre alt, mager und geschmeidig, das schmale Gesicht und die spitzbübischen Augen besaßen eine gewisse freche Anmut. Sie war aus ihrem Jackett herausgewachsen, so daß die groben roten Handgelenke über dem Handschuh sichtbar wurden. Der Rock war so kurz, daß ihre hübschen Beine bis zur Mitte der Wade zu sehen waren. Im Knopfloch hatte sie eine Rose, die sie in dem Blumengeschäft, wo sie arbeitete, stibitzt hatte; und der armselige Hut war mit etwas grünem Band aus derselben Quelle aufgeputzt. Ihre hochaufgeschossene Gestalt hatte etwas Elastisches, Frühlingshaftes, und in jeder Bewegung schien sich der bewußte Vorsatz auszusprechen, daß sie sich nicht wie ihre Eltern um das Leben betrügen lassen wollte. »Platz da, Mädchen!« sagte Jim und schubste sie ins Zimmer; er sah wohl, daß da eine fremde Dame stand – aber was kümmerte das ihn. Er war hochaufgeschossen wie seine Schwester, mit ausgeblichenem Haar, blaß wie ein Sellerie und mit krummem Rücken. Er trug eine Sportmütze und ein Halstuch und sah ganz verfroren aus. Sein mageres, hartes Gesicht, die grauen Augen, Haltung und Bewegung gaben deutlich zu erkennen, daß er um jeden Preis seine fünfzehn Jahre verbergen wollte: war er nicht ein ganzer Kerl, der seinen Unterhalt selbst verdiente und niemand was schuldete? Ohne die Fremde zu beachten, warf er etwas Kleingeld auf den Tisch und sagte zu Pat: »War heute abend nicht viel zu machen, Alter.« »Gab's keine Präsidentenrede?« fragte Pat. »Nicht mal einen schäbigen Negermord. Hier – das ist alles.« Während Pat das Geld zählte, zog Jim ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche, zündete sich eine an und reichte Pat, als ob er ein Altersgenosse wäre. Pat sah mißbilligend, daß er rauchte, der Fremden wegen, sagte aber nichts, sondern nahm einige Zigaretten und steckte sie zu sich. Eddie nickte der Dame artig und erwachsen zu, trat vor den Spiegel, nahm den Hut ab und glättete ihr Haar, während sie Oandas Toilette verstohlen musterte. »Rück' mit dem Lohn 'raus,« sagte Jim, der sich über ihr damenhaftes Getue ärgerte. »Löhnungstag, Eddie?« Pat sah sie an. Eddie beendete ihre Toilette und kam an den Tisch geschlendert. »Ich hab nur drei und einen halben Dollar gekriegt,« Eddie warf das Geld auf den Tisch. »Sie hat mir anderthalb Dollar als Lehrgeld abgezogen; sie sagte, sie müßte das haben, um mich binden zu lehren.« »Das lügst du, Mädchen!« sagte Jim. »Was sagst du da, Bengel?« Eddie beherrschte sich und sah den Bruder herausfordernd an. Sie will sich vor der Fremden großtun, dachte Jim ärgerlich. Er kniff die Augen zusammen und sah sie von der Seite an, während die Zigarette ihm zwischen den Lippen hing. »Kamst du vielleicht nicht aus dem Kino, als ich dich an der Ecke traf?« Pat wurde böse und packte Eddie am Arm. »Au!« schrie sie und riß ihren Arm an sich, »kneifst du eine Frau?« Jim lachte, Oanda sah erstaunt von Vater zu Tochter. »Warum hast du das getan?« fragte sie. »Sie betrügt uns bei jeder Gelegenheit um den Lohn,« sagte Pat ärgerlich. »Gehört er denn nicht ihr?« Eddie ergriff die günstige Gelegenheit. Sie wandte sich an Oanda und sagte mit Tränen in der Stimme: »Sie sollten nur wissen, gnädige Frau, wie ich für diesen Sklavenlohn schuften muß, und dann schlagen sie mich, wenn auch nur ein einziger Cent fehlt – nie krieg' ich etwas für mein Zeug, sehen Sie nur!« sie hob ihr Kleid, »nichts als Fetzen – und die Finger gucken mir aus den Handschuhen und die Zehen aus den Strümpfen.« Sie zeigte ihre Handschuhe und drehte ihre Beine, so daß Oanda die Löcher sehen konnte. »Wir andern sollen sie satt machen,« sagte Jim trocken, »damit sie die Dame spielen kann. Sie will nicht für Kost und Logis bezahlen.« »Kümmere dich um deine eigenen Sachen, dummer Bengel!« schrie Eddie heftig. »Glaubst du nicht, daß ich weiß, was heimlich in deine Taschen wandert?« Jim blies den Rauch durch die Nase und lächelte überlegen. »Warum seid ihr so hart gegeneinander?« fragte Oanda und sah sie betrübt an. Durch den Wortwechsel war Nelly erwacht. »Sie sind nur hungrig und müde,« sagte sie. »Jim und Eddie, in der Schublade ist Brot und Käse.« Die Kinder stürzten sich auf die Schublade. »Da sind ja nichts als Rinden,« sagte Jim enttäuscht. »Und ein trocknes Stück Käse!« Eddie biß ärgerlich hinein. Jim blickte zu Dicks Bett hinüber, wo Annie mit regelmäßigen Nasenlauten schlief. »Das alte Aas hat alles gefressen,« sagte er, »der Teufel soll sie holen.« Pat sah Oanda an und seufzte. »Sie hätten sie sehen sollen, als sie klein waren,« sagte er entschuldigend. »Ja, ja!« Oanda klopfte seinen Arm. »Die Not hat sie so gemacht.« »Wie ist die Welt schlecht!« sagte sie traurig, Nelly richtete sich im Bett auf und sah sie an. »Sie müssen auf Ihrer Insel sehr glücklich gewesen sein, wenn Sie das nicht gewußt haben.« Jim warf sich so lang er war auf die Schlafbank, Eddie lief hin und versuchte ihn wieder in die Höhe zu ziehen. »Ich will auch meinen Platz haben.« »Du kannst dich auf Annies Matratze legen, bis Dick kommt.« »Er steht schon vor fünf Uhr auf,« sagte Pat entschuldigend, »und ist den ganzen Tag auf den Beinen.« »Hat er einen schlimmen Hals?« fragte Oanda. Pat sah sie verständnislos an. »Das kommt vom Zeitungsausrufen,« sagte Nelly. »Warum wohnt Ihr nicht draußen auf dem Land?« »Dort können wir keine Arbeit bekommen.« »Ich habe mitten in der Stadt Gärten mit großen Rasenplätzen gesehen. Warum lagert Ihr euch nicht dort, anstatt hier?« Eddie, die das Bettzeug unter der Bank hervorgezogen und sich darauf gelegt hatte, schlug ein lautes Gelächter an. »Im Park schlafen, hast du gehört Jim? Die Dame muß von weit her sein.« »Das ist verboten, Fräulein,« sagte Pat. »Man würde uns in die Kaserne der Obdachlosen bringen – und dort ist es noch schlimmer als hier.« »Und was sollten wir im Winter machen?« sagte Nelly, »wenn es kalt ist und schneit?« »Wird es denn kalt?« »Wissen Sie das denn nicht mal?« »Doch, ich habe davon gehört, hatte es aber vergessen, meine Mutter hat mir von Winter und Kälte und weißen Flocken, die Schnee heißen, erzählt; ich habe sie aber nie gesehen. Auf meiner Insel ist immer Sommer.« »Wie schön muß es dort sein,« seufzte Pat. »Ich weiß nicht,« sagte Nelly, »der Sommer ist auch nicht besser, wenn die Häuser glühen und man vor Gestank nicht atmen kann.« »Dort gibt es wohl keine hohen Häuser?« »Nein, ach nein.« »Dort ist wohl alles nur wie ein großer Garten.« »Ja,« Oandas Augen leuchteten. »Es ist wie eine einzige, strahlende Wiese in dem blauen Wasser, wo die Palmen mit der Luft spielen, und die Sonne glitzert zwischen den Blättern und macht alles lebendig. Dort ist kein toter Lärm – keine toten Gesichter – keine Menschen im Käfig – keine erstickende Luft. Ach, wenn ich doch erst wieder zu Hause bei meiner Mutter wäre!« »Warum haben Sie sie verlassen?« fragte Nelly. »Um die Welt kennen zu lernen, aus der sie und mein Vater stammen.« »Wenn ich Ihre Mutter gewesen wäre, hätte ich Ihnen das ausgeredet. Sie und Ihr Vater scheinen sich ja auch nicht wohl hier gefühlt zu haben, da sie so weit fortgereist sind.« »Du, Nelly, das Fräulein ist eine Tochter von dem Ingenieur, der an einer öden Insel Schiffbruch gelitten hat – du weißt, der, für den eine Statue gebaut worden ist. Sie hätte sein ganzes Geld gekriegt, wenn er richtig getraut gewesen wäre.« »Darüber grämen Sie sich nur nicht,« tröstete Nelly, »Geld ist Dreck. Man wird ein schlechter Mensch, wenn man zu wenig, und auch wenn man zuviel davon hat. Sehen Sie nur die großen Herren und Damen an, die auf der Straße an einem vorbeifahren, was die für Gesichter machen.« Oanda nickte, sie mußte an Ralph denken. Hatte er nicht auch gesagt, daß er seit seiner Kindheit nicht glücklich gewesen sei? V. Vom Gang ertönte Lärm. Jemand sang. Die Tür ging auf und Dick-Darling taumelte herein. »Bitte, Cate,« lallte er, »immer rein ins Vergnügen.« Er zog sie an der Hand herein und schloß die Tür hinter sich. Er war in übermütiger Laune. Sein schlaffes, weißes Gesicht verzog sich wie im St. Veitstanz. Er nahm seinen runden Filzhut ab und grüßte ins Zimmer: »Schönen guten Abend, Pat. Schön guten Abend, Nelly.« Oanda hatte er vergessen und er sah sie nicht. »Dies ist Cate!« sagte er und faßte das Mädchen um die Taille. »Sie ist beim ›Trommelschläger‹ in Stellung,« »Hello,« sang er, » how are you – how are you? « Er machte einige Tanzschritte und Cate folgte ihm willig. Nigger-Cate trug ein geblümtes, baumwollenes Kleid mit einem blauen Matrosenkragen, der mit einem roten Schifferknoten zusammengebunden war. Sie war vor zwei Jahren aus einem Internat für mißratene Negerkinder ausgerückt; sie war erst siebzehn Jahre alt, der dunkle Busen aber war vollentwickelt und schob sich über den tiefen Ausschnitt des Matrosenkragens; das war das Verführerische an ihr. Das kurze Kleid ließ die plumpen Fußgelenke und die schwellenden Waden in hellen, durchsichtigen Strümpfen zur Hälfte sehen. Ein flacher Matrosenhut saß schief auf dem krausen, schwarzen Haar, das ihren Kopf mit einem wirren Kranz umgab. Auf dem Mützenband stand mit goldenen Buchstaben: Terrible Blues . Aus ihren weißen baumwollenen Handschuhen guckten die schwarzen Finger heraus. Nigger-Cates rundes Gesicht war nichts als ein Lächeln, ein einziges merkwürdig unanständiges Lächeln; sie lächelte mit ihren schläfrigen Augen, mit den schwellenden roten Lippen, mit den spitzen gelben Zähnen, die ein Stück auseinander standen, und mit den blanken braunen Posaunenbacken. Sie watschelte etwas, in all ihren Bewegungen lag eine Mischung von einschmeichelnder Verderbnis, die ihren Kundenkreis in der Bar unwiderstehlich reizte. Sie brachte ihn mit ihrer krähenden, fetten Kinderstimme dazu, den Refrain mitzusingen, wenn sie ihre sentimentalen oder liederlichen Niggerlieder mit dem Wackeltanz zum besten gab. Sie war wie geschaffen für das Begehren ihrer Kunden, eine Nanna vom Negertyp und für den Rinnstein. Sie war im ganzen Viertel als ein prachtvolles Mädchen bekannt, wenn man betrunken und ganz heruntergekommen war. Kein anständiger Arbeiter aber kannte sie, wenn er nüchtern war. Dick war ihr in seiner Trunkenheit begegnet. Sie hatte sich in sein Yankeewesen verliebt und Geld für ihn ausgegeben, als er keines mehr hatte; dafür hatte er ihr versprechen müssen, daß er sie mit sich nehmen würde. Cate hatte keinen festen Aufenthaltsort. Als Dick nüchtern geworden war, war er ihr durchgebrannt, sie aber hatte erfahren, wo er wohnte; und als er heute abend mit Annies Geld in der Tasche ausgegangen war, um Nahrungsmittel zu kaufen, hatte sie ihm aufgelauert. »Wo ist das, was du eingekauft hast?« fragte Pat. »Eingekauft?« Dick ließ Cate los und dachte nach; schließlich dämmerte es ihm. »Hast du das Paket?« »Was für ein Paket?« »Das, was ich beim Höker eingekauft hab.« »Ach, du!« grinste Cate und stieß ihn in die Seite. »Dann haben wir es beim ›Trommelschläger‹ liegen lassen.« Er wandte sich erklärend an Pat. »Cate und ich haben uns nämlich unterwegs ein Gläschen zu Gemüte geführt. Ist das gelogen, Cate?« Nelly hatte schweigend zugesehen; jetzt verlor sie die Geduld. »Was will die Negerdirne hier?« Dick näherte sich dem Bett und im selben Augenblick fiel sein Auge auf Oanda. Einen Augenblick riß er in schlaffem Erstaunen den Mund auf; plötzlich aber kehrte ihm die Erinnerung zurück. »'n Abend,« sagte er und lüftete den Hut; er zeigte auf Cate und fügte mit einem vertraulichen Grinsen hinzu: »Das ist so'n kleines schwarzes Mädchen wie von Ihrer eignen Insel. Cate, komm her und mach einen Knicks vor der Prinzessin.« Cate kam näher, legte den Kopf kokett in den Nacken und knickste mit einem breiten Grinsen. »Die kann singen, na, ich sag Ihnen!« fuhr Dick fort, »Cate, gib uns 'ne Nummer zum besten, – Hello, how are you, how are you? let us go to hono-lu-u-lu! « »Laß Dick!« Nelly richtete sich auf; Annie lag ja auf Dicks Bett und schlief. »Pat,« sagte sie, »wirf sie 'raus, sonst gibts 'nen Krach.« Dick versuchte, sich höher aufzurichten und sagte gekränkt: »Cate logiert bei mir.« Nelly wurde weiß vor Zorn. »Setz sie an die Luft, Pat,« kommandierte sie. Dick sagte zu Nelly, erklärend und eindringlich: »Brauchst keine Angst zu haben, sie hat Moneten; sie ist beim Trommelschläger in Stellung.« Jetzt näherte Pat sich ihm mit schweren, bedächtigen Schritten. »Du findest vielleicht, daß wir noch nicht genug hier drinnen sind?« »Sie kann bei mir schlafen,« sagte Dick, »das Bett gehört mir, ich hab es bezahlt. Meinst du nicht, daß es groß genug für zwei ist, Cate?« Cate kicherte und stieß ihn in die Seite. »Dafür bedanke ich mich,« sagte Nelly. »Sag nur, wieviel du haben willst,« lockte Dick, »Geld ist in Haufen da.« »Wir nehmen keine farbigen Leute auf!« sagte Pat und schubste ihn fort. »Was schadet es, daß sie farbig ist,« fragte Oanda, Pat sah sie erstaunt an, »Was das schadet? – Eine Negerin?« »Meine Schwestern haben auch eine andere Haut als ich – aber sie haben dasselbe Herz.« Dick richtete sich auf. »Da hörst du, mein Kind,« sagte er und zeigte auf das Bett, »mach' es dir nur auf meinem Bett bequem, ich hab' dafür bezahlt.« Cate sah zum Bett hin und entdeckte, daß eine Frau darauf lag. »Was soll das heißen, Dick – da liegt ja ein Frauenzimmer!« »Wirf sie hinaus,« rief Nelly und stampfte mit dem Fuß gegen das Bettende. Dick sah ein, daß es jetzt ernst wurde. Er ging Pat aus dem Weg und sagte: »Niemand soll Dicks Mädchen hinauswerfen, komm Cate, geh aus freien Stücken!« Jetzt aber fing Cate an zu zetern. »Ich hab dir zwei Dollar fürs Logis bezahlt! – Das Frauenzimmer dort soll hinausgeworfen werden und nicht ich!« Dick sah zum Bett und entdeckte Annie. Cate hatte sie geweckt, jetzt richtete sie sich auf und rieb sich die Augen. Dick duckte sich grinsend. Jetzt wurde die Sache kritisch. Cate hatte die Beine gespreizt, die Hände in die Seiten gestemmt und betrachtete Annie herausfordernd. »Reg dich nur nicht auf, Cate,« sagte Dick und versuchte, sie mit der Hand zu erreichen, »reg dich nur nicht auf.« Annie hatte die Nigger-Cate wiedererkannt und plötzlich wurde es ihr klar, was geschehen war. Sie griff sich an den Kopf, als ob das Denken ihr wehtäte. Darauf stand sie auf und sah Dick an. »Wie kannst du's nur übers Herz bringen,« sagte sie mit Tränen in der Stimme, »ich geb dir jeden Schilling, den ich verdiene!« »Scher dich zum Teufel,« sagte Dick und lachte besänftigend. Cate betrachtete Annie von oben bis unten. »Ist diese verfaulte Gurke vielleicht deine Braut?« Annie begann zu zittern; plötzlich aber nahm sie sich zusammen und stürzte sich mit erhobenen Armen auf Cate. Cate hatte jede ihrer Bewegungen bewacht. Jetzt packte sie Annies Arme und klemmte sie wie in einem Schraubstock, während sie ihr eine Welle von Gemeinheiten ins Gesicht zischte. Dick genoß den Auftritt. Er drehte den Kopf zu Oanda um und sagte vertraulich: »Zwei nette Pflanzen, nicht, Prinzessin?« Nelly geriet außer sich, als sie Annie in Cates Gewalt sah. »Pat,« schrie sie und machte Miene, aus dem Bett zu springen, »werft sie hinaus.« Darauf sank sie vor Gemütsbewegung zusammen und warf sich schluchzend ins Bett zurück. Oanda beugte sich über sie und umfaßte ihren Kopf mit beiden Händen. Bei dem Lärm war Jim erwacht und stand auf. Indessen hatte Pat die Tür aufgerissen und stieß Dick zurück, so daß er gegen die Bretterwand taumelte, die fast umgefallen wäre. Darauf faßte er Cate von hinten, preßte ihre Arme, bis sie Annie losließ und trug sie zur Tür, als ob sie ein kläffender junger Hund wäre. »Ich will mein Geld wieder haben,« schrie Cate und stieß mit den Füßen nach Pat. – »Dick, er schlägt mich tot!« Dick war aufgesprungen; sein Gesicht war weiß, und das Lächeln war verschwunden. »Du bist zu alt, um mein Mädchen hinauszuwerfen!« Er wollte Pat einen Boxerstoß von hinten geben, während dieser die Hände voll hatte; Pat drehte den Kopf zu ihm um und sah ihn an. »Du kommst nachher dran!« Darauf drehte er sich mit Cate so um, daß Dick Cate statt ihn treffen mußte, wenn er zuschlug, Jim war aufgesprungen, er sah wie Dick mit der einen Hand nach der Tasche faßte; im selben Augenblick sprang er herzu und stellte ihm ein Bein, so daß er über den Tisch fiel. Pat stieg über Dicks Beine und warf Cate auf den dunklen Gang hinaus. Jim hatte sich über Dick geworfen und hielt ihn fest. Pat kehrte zurück, hob Dick bedächtig mit seinen Bärentatzen hoch, setzte auch ihn an die Luft und schloß die Tür. Annie warf sich auf Tonnys Sofa und jammerte, indem sie ihr Gesicht in die Hände vergrub: »Dick – Dick –« VI. Pat und Jim blieben an der Tür stehen, für den Fall, daß Dick und Cate zurückkommen würden. Draußen schimpfte Cate, und einige Bewohner waren hinzugekommen, die Grobheiten sagten; Dicks Stimme war nicht zu hören. Kurz darauf aber erklangen draußen von neuem Schritte; jemand tastete über den Gang, und eine hohe befehlende Stimme ließ sich hören, die Pat zu kennen meinte. Jetzt wurde an die Tür geklopft, eine Hand tastete am Drücker und die Tür ging auf. Fielding trat in die Stube, von Advokat Tillny gefolgt. Pat vergaß zu grüßen, so erstaunt war er. »Was ist hier vorgegangen,« fragte Fielding und blickte ihn scharf an. »Dick und sein Negermädchen wurden an die Luft gesetzt. Wir dulden hier keine Farbigen.« »Ausgezeichnet!« Fielding nickte Oanda zu; sein scharfer Blick schweifte von der Kranken im Bett zu den Kindern und zu Annie, die auf dem Sofa lag, ohne etwas von ihrer Umgebung zu merken. Darauf wandte er sich an Tillny und sagte: »Ich verstehe recht gut, daß Goodwill hier nichts ausrichten konnte.« Der Advokat nickte und schnappte nach Luft. »Wieviel seit Ihr hier in der Stube?« fragte Fielding. »Jetzt nur noch Nelly und ich und die Kinder und Annie – und Tonny.« »Ist die Gesundheitspolizei hier gewesen?« »Nicht seitdem wir hier wohnen.« »Das ist gegen jedes Gesetz!« Tillny schüttelte feierlich den Kopf. Darauf begrüßte er Oanda, die auf dem Bettrand saß, mit Nellys Hand in der ihren, und sagte: »Was müssen Sie von einer Gesellschaftsordnung denken, gnädiges Fräulein, die solche Verhältnisse duldet?« Oanda sah ihn mit betrübten Augen an. »Wir müssen versuchen zu helfen,« sagte sie leise. Der Advokat nickte feierlich. »Darum sind wir hergekommen. Herr Cunning hat uns geschickt.« Fielding wandte sich von den Fenstern ab, die er in Augenschein genommen hatte, und sagte halb väterlich, halb verweisend: »Die Lage wird dadurch nicht besser, daß Sie das Gift auch mit einatmen.« Oanda hörte ihn nicht; sie war in Gedanken versunken und streichelte Nellys magere Hand. »Nur gut, daß ich es gesehen habe,« sagte sie, als spräche sie mit sich selbst. »Gewiß, gnädiges Fräulein,« Tillny versuchte, ihren Blick zu fangen, »aber Fielding hat recht: was kann es nützen, daß Sie das Gift mit einatmen.« »Ist dies die einzige Wohnung dieser Art?« fragte sie und blickte auf. Der kindlich weiche Mund bebte vor Schmerz. »Ach, nein,« seufzte er, »von dieser Sorte gibt es hunderte.« Da beugte sie den Kopf wie unter einer Bürde, die zu schwer war. »Was soll ich nur tun? – Was soll ich nur machen?« Fielding sah sie an und dachte: »Je eher man sie aus der Illusion reißt, um so besser.« »Sie, gnädiges Fräulein,« sagte er kalt und scharf, »können überhaupt nichts tun.« Darauf wandte er sich an Tillny: »Die Frau muß ins Krankenhaus, das Kind ins Säuglingsheim, und die Erwachsenen müssen dem Armenpfleger übergeben werden.« »Nein!« sagte Pat, der neben dem Tisch stand. »Nein!« zischte Eddie und suchte Fieldings Blick, um ihm ihre Verachtung zu zeigen. »Reden Sie sich doch keine Schwachheiten ein,« sagte Jim außerordentlich erwachsen und bohrte die Hände in die Taschen. Fielding drehte sich um, für ihn war die Sache erledigt. Oanda aber richtete sich auf und sah ihn mit dunklen Augen an. »Wollen Sie die, die zusammenhalten, trennen? – Dann nehmen Sie ihnen ja das einzige, was sie noch besitzen.« Fielding antwortete nicht. »Sie hören doch, daß sie nicht wollen.« »Das wird die Polizei schon regeln!« sagte er kurz. »Die Polizei – hat die etwas mit Nächstenliebe zu tun?« »Ich verstehe Sie, Fräulein Oanda,« sagte Tillny, »Sie, die eines armen Gefangenen wegen solch weite Reise gemacht hat – Frauen Ihres Schlages hat die menschliche Gesellschaft nötig, und keine Polizei.« Oanda seufzte tief. »Was ist Tsing-Kais Sache gegen das, was ich jetzt gesehen habe.« Die Backenfalten des Advokaten erschlafften zu milder, warmer Menschlichkeit. »Sie haben auf Ihrer teuren, einsamen Insel gesessen und davon geträumt, den Präsidenten aufzusuchen.« Oanda nickte. »Sie meinten, daß der, der über alle herrscht, helfen kann, weil er die größte Verantwortung trägt?« Verantwortung – nein, daran hatte sie nicht gedacht. Sie sah ihn an und sagte eindringlich: »Er muß das wärmste Herz und den stärksten Willen haben – sonst kann er doch nicht Präsident sein?« »Sonst kann er nicht Präsident sein,« lachte Fielding und versuchte zu ergründen, wo Tillny mit seinem Geschwätz hinaus wollte. »Gerade so muß die Welt sich in der Betrachtung einer edlen Frau spiegeln,« sagte der Advokat mit Wärme. »Ach ja,« seufzte er, »wenn sie so wäre, würden wir alle wie auf Ihrer fernen, glücklichen Insel leben.« Tillny beobachtete die Wirkung seiner Worte und fand den Augenblick günstig. »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen – einen Vorschlag, der von vornherein Goodwills Billigung hat, der ja Ihrer Mutter versprach, sich Ihrer in der Fremde anzunehmen.« Oanda blickte fragend auf. »Sehen Sie, kleines Fräulein – bei Goodwill können Sie ja nicht wohnen.« »Warum nicht?« »Weil er unverheiratet ist.« »Was schadet das?« Der Advokat suchte nach Worten. »Die Menschen würden Sie im Verdacht haben –« sagte er diskret. »Daß ich ihn heiraten wollte?« »Ja eben.« »Aber das will ich ja gar nicht.« »Man würde es trotzdem glauben.« »Das ist nicht meine Schuld.« »Man würde es Sie aber entgelten lassen.« Oanda sah ihn verständnislos an. »Was wäre denn dabei? Er ist doch weder so häßlich noch so schlecht.« Während Tillny nach einer Antwort suchte, fuhr Oanda fort: »Ich möchte übrigens auch gar nicht bei ihm wohnen, sein Gott ist nicht mein Gott.« »Um so besser! – Also, gnädiges Fräulein, wollen Sie meiner Frau und mir das Vergnügen machen, unser Gast zu sein, solange Sie in den Staaten bleiben? Ich werde mich mit Leib und Seele für Ihre Sache interessieren und verspreche Ihnen, daß Sie beim Präsidenten vorgelassen werden.« Aha, dachte Fielding. Oanda wandte sich zu Nelly um und nahm ihre Hand. »Ich will meiner kranken Schwester helfen.« »Das sollen Sie auch,« beeilte der Advokat sich zu versichern. »Ich verspreche Ihnen, daß Pat und seine Familie eine neue und bessere Wohnung bekommen, daß sie nicht voneinander getrennt werden, daß das Kind bei der Mutter bleibt, in gesunder Umgebung. Wenn Sie bei uns wohnen, können Sie Ihre kranke Schwester besuchen, so oft wie Sie wollen.« Nelly versuchte den Blick des Rechtsanwalts festzuhalten, der zwischen ihr, Oanda und Pat hin und her wanderte, während er sprach; ihre großen klaren Augen forschten nach dem Preis. Wollte er ihrer Freiheit zu Leibe? »Wir nehmen keine Almosen,« sagte sie unsicher. Pat verstand sie und fühlte wie sie; er blickte verstohlen in das Gesicht des Advokaten, beobachtete die Backenfalten, die sich vor Wohlwollen rundeten. Konnte man sich auf ihn verlassen? »Nein, wir nehmen kein Almosen,« sagte er. »Von Almosen ist hier auch gar nicht die Rede,« versicherte der Advokat in etwas gekränktem Ton. »Ihr Mann soll Arbeit bekommen und Ihre Kinder feste Anstellungen.« »Ist das ein Wort?« Pats Augen fingen an zu leuchten. Tillny machte eine würdige Handbewegung und sagte: »Hier sind Zeugen.« Eddie konnte nicht länger an sich halten; sie sprang an die Seite des Advokaten und sah ihn mit ihrem verführerischsten Blick an: »Ach, Herr, ich möchte so gern singen lernen, so daß ich eine Stellung im Chor des Edentheaters bekommen könnte, dort kriegt man fünfundzwanzig Dollar im Monat und Kleidung.« Jim blickte sie verächtlich an. »Ich bleibe bei der Zeitung,« sagte er mürrisch. »Alles wird aufs Beste geordnet werden,« versicherte der Advokat. Oanda dachte an die Heilsarmee-Annie, die auf der Chaiselongue lag, ohne ihre Umgebung zu beachten; vielleicht schlief sie. »Und Annie dort, die ihren Freund verloren hat, was können wir für sie tun?« »Wir müssen ihr einen neuen verschaffen,« sagte Fielding ironisch. »Annie bleibt bei mir,« sagte Nelly. Jetzt ging die Tür auf, und Nomura kam mit der Medizin. Ohne etwas zu sagen, trat er ans Bett, goß Tropfen auf ein Stück Zucker und reichte es Nelly. »Sie müssen jetzt ruhen!« sagte er, deckte sie zu und sah die andern an. »Gut,« sagte Tillny, »wir gehen,« – er nahm Oandas Hand – »und Sie kommen mit mir, nicht wahr?« Oanda beugte sich über Nelly. »Liebe Schwester, soll ich noch etwas für dich tun, ehe du einschläfst?« Nelly warf einen bekümmerten Blick auf Pat und die Kinder. »Sie haben nichts zu essen bekommen,« sagte sie. »Sorge dich darum nicht, Nelly,« sagte Pat, »das werde ich besorgen.« »Kommen Sie mit, Doktor?« fragte Fielding. »Ich bleibe hier, bis sie schläft.« Oanda strich der Kranken sanft übers Haar. »Gute Nacht,« sagte sie, »ich komme morgen früh wieder zu Ihnen.« Nelly drehte den Kopf zu ihr um und sah sie an, bis ihr plötzlich Tränen in die großen, klaren Augen traten. »Dank!« flüsterte sie, wandte sich ab und bohrte ihren Kopf ins Kissen. Pat leuchtete den anderen mit einem Lichtstummel. Als Oanda die Tür erreicht hatte, berührte jemand ihren Arm. Sie drehte sich um. Es war Jim. »Sie müssen morgen kommen,« flüsterte er, ohne sie anzusehen, »sonst glaubt sie Ihnen nie mehr; so ist sie.« »Ich komme bestimmt! – Gute Nacht, Jim!« Sie reichte ihm die Hand, Jim sah zu ihr auf, alle Großtuerei war wie weggeblasen. Er wußte nicht, was er mit ihrer Hand machen sollte und ließ sie fallen. Das Licht I. Am nächsten Morgen nahm der Advokat Oanda in seinem Auto mit. Beim Gericht stieg er aus und sagte dem Chauffeur, daß er Oanda bis zu Nellys Haus fahren und sie bis an die Tür hinaufbegleiten solle; er solle mit dem Auto unten warten, und falls sie nach einer halben Stunde nicht zurückgekommen sei, hinaufgehen und melden, daß es Zeit sei zu fahren, weil Frau Tillny auf das Auto warte. Das Automobil erregte großes Aufsehen in der Straße. Der Chauffeur, der sie die Treppen hinaufbegleitete, mußte sich durch eine doppelte Reihe von zerlumpten, unterernährten Kindern einen Weg bahnen; Oanda wollte stehen bleiben und sich mit ihnen unterhalten, der Chauffeur aber ging so schnell und bestimmt weiter, daß sie ihm folgen mußte. Oanda klopfte an die Tür. Als niemand antwortete, öffnete sie leise und ging hinein. Nelly schlief und atmete stöhnend durch die Nase. Das Kind lag in ihrem Arm, den Kopf an ihrer mageren Brust geborgen; ihre Finger zitterten auf seinem mageren Rücken. Oanda wollte sie nicht wecken. Sie betrachtete das verheerte Gesicht mit den großen, schweren Lidern, unter denen die Augäpfel im Schmerz bebten; bei jedem Atemzug ging ein nervöses Zittern über die leidenden Züge. Sie stand und dachte an alles das, was sie von diesem armen Wesen wußte, das ohne Schuld litt und in der Dunkelheit treu die Liebe bewahrte. Trotz des Schmerzes lag über ihrer Stirn ein Schimmer von Verklärung. Nelly seufzte tief. Es zuckte in ihren Brauen. Sie befeuchtete ihre Lippen, und ihre linke Hand griff tastend zur Seite. »Pat,« flüsterte sie. Als sie keine Antwort erhielt, schlug sie die Augen auf, die schwer und umnebelt waren von dem Schlafmittel, das Nomura ihr gegeben hatte. Sie blickte Oanda mit einem Blick an, der fern und suchend war. Darauf dämmerte es ihr langsam auf, daß sie das junge Gesicht dort kannte, mit dem hellen Haar, das Stirn und Ohren umbrauste, und dem blauen, aufrichtigen Blick. Sie sah vor sich eine grüne Wiese, wo sie als Kind gespielt hatte, und einen Himmel von treibenden Wolken, als die Welt noch voller Licht für sie war, und ein barmherziger Gott ihr Bestes wollte. Oanda setzte sich auf die Kante ihres Bettes und nahm ihre Hand. »Geht es dir jetzt besser?« fragte sie. Nelly rang nach Luft und strich sich über die Stirn. »Ich habe die ganze Nacht geschlafen,« antwortete sie. »Und ich hab' wach gelegen.« »Warum?« Sie war jetzt bei klarem Bewußtsein und sah Oanda mit einem fragenden Blick an. »Ich mußte immer daran denken, wie es möglich ist, daß du so unglücklich geworden bist – du, mit deinem guten Gesicht. Zu Hause auf meiner Insel geht es nur dem schlecht, der selbst schlecht ist. Hast du etwas Böses getan?« Nelly dachte nach; eine leise Röte stieg ihr vom Ohr über die Wange, während sie in ihrem Gedächtnis suchte. »Ich habe oft mit Joe gescholten,« sagte sie, »wenn er nach Hause kam und den halben Taglohn vertrunken hatte. Ich habe immer gut für ihn gesorgt, und meine Schuld war es nicht, daß er nach Klondyke reiste. Pat habe ich nie etwas Böses getan, und gegen seine Kinder bin ich gewesen, als ob es meine eigenen wären.« »Du sagtest gestern, daß es in der Hölle nicht schlimmer sein könnte, als hier auf Erden. Was ist Hölle?« »Dort kommen die Bösen hin, wenn sie tot sind. Das sagen die Priester, aber es ist Lüge. Denn wenn ich sterbe, bekomme ich Ruhe, dann hat Not und Schmerz ein Ende, dann ist es mit allem Elend vorbei.« »Hölle – das heißt also dort, wo das Licht nicht hinreicht?« »Ja, wie dort unten im Hof. Weshalb aber sollen wir, die nichts Böses getan haben, in die Hölle kommen, wenn die, für die wir schuften, im Ueberfluß leben?« »Meinst du Ralph Cunning?« »Ja, er ebenso wie die andern.« Oandas Lippen öffneten sich schmerzvoll; Nelly aber sah es nicht; sie zog die Schultern hoch und fuhr mit einer Stimme fort, die leise und unsicher war, während sie so ungewohnte Worte formte: »Wenn es einen guten und edlen und mächtigen Gott gäbe, würde er sich in all dieses nicht finden. Warum leuchtet er nicht in die Herzen derjenigen, die die Macht haben, so daß sie sehen können wie schlecht das Leben ist.« Oanda beugte sich zu ihr und ihre Stimme bekam denselben leisen, vertraulichen Klang: »Darüber habe ich ja die ganze Nacht nachdenken müssen; darum konnte ich nicht schlafen.« Sie nahm Nellys Hand in ihre beiden und sagte innig: »Aber du darfst nicht zweifeln. Glaube mir, eines Tages wird alles anders werden.« Und flüsternd fügte sie hinzu: »Mutter sagt, wenn die Dunkelheit auf Erden überhand genommen hat, dann wählt das Licht sich einen Menschen aus und füllt ihn mit Licht von seinem Licht und sendet ihn zur Errettung der Menschheit.« Nelly zog ihren Kopf zurück und fragte mit einem großen und nachdenklichen Blick: »Woher sollte dieser Mensch kommen?« »Er wird geboren, wie du und ich,« – Oanda sah mit einem Blick voller Feierlichkeit vor sich hin, »das Licht in ihm aber ist so stark, daß die Dunkelheit weicht, wohin er immer kommt. Und das Licht wird von neuem im Herzen der Menschen aufglühen und eine neue Zeit beginnen.« Sie schwieg und atmete tief auf. Nelly sah sie an, ohne sich zu rühren und Oanda fuhr fort. »Ich habe mich noch nie so gefürchtet wie heute nacht,« – sie faltete die Hände vor der Brust, und es bebte um ihren Mund. – »Es war, als ob der Taifun in der Luft ist, und das Unwetter jeden Augenblick kommen kann.« Nelly empfand die Angst mit ihr und blickte sich unwillkürlich um. Oanda beugte sich näher zu ihr und flüsterte: »Du sagtest gestern, wenn es einen Gott gäbe, dann wäre er schlecht. Diese Worte haben mich so geängstigt.« Sie hielt inne, blickte Nelly tief in die Augen und sagte, während ihre Seelen sich trafen: »Ich kann das Licht in deinem Herzen sehen; und dennoch zweifelst du, daß es da ist. Ich habe die ganze Nacht mit deinem Zweifel gekämpft und jetzt weiß ich, daß ich keine Ruhe bekomme, bevor ich gesehen habe, daß das Licht in dir siegt, so daß du nicht mehr zweifelst, – und in Ralph Cunning und in eurer ganzen Welt hier drüben, wo es so dunkel ist, daß ich fast ersticke.« Nelly betrachtete sie lange. Darauf berührte sie ihre Hand und fragte: »Was willst du tun?« Oanda saß in tiefen Gedanken; es dauerte eine Weile, bevor die Frage ihr ins Bewußtsein drang, dann antwortete sie mit ihrer gewohnten Stimme: »Ich will zu dem gehen, der über alle herrscht. Zum Präsidenten.« »Was kann das nützen?« »Er steht so hoch, daß die Dunkelheit ihn nicht erreicht.« Nelly lachte höhnisch. »Er ist wie die Reichen, die nur immer mehr und mehr an sich raffen wollen.« Oanda ereiferte sich: »Wenn die Reichen das Licht sehen könnten, dann würden sie ihm folgen, wie alle Menschen dem Licht folgen, das ihnen in der Dunkelheit leuchtet.« »Nein, sie würden es auslöschen, wenn sie es könnten. Denn in der Dunkelheit können sie besser an sich raffen.« Oanda blickte sie traurig an. »Schwester,« sagte sie, »ich glaube nicht, daß ein Mensch schlecht ist. Wie kann er schlecht sein, wenn er mit dem Licht im Herzen geboren wird?« Nelly schloß die Augen. »Wie bist du glücklich,« sagte sie müde, »daß du daran glauben kannst!« Oanda ergriff ihre Hand und sagte: »Ich gebe mich nicht zufrieden, bevor du wie ich glaubst.« Nelly wandte den Kopf ab. »Ich glaube nur, was ich selbst sehe und fühle.« Oanda aber ließ sich nicht beirren; sie nahm Nellys Kopf zwischen ihre Hände und wandte ihr Gesicht zu sich um. »Du sollst es selbst sehen und fühlen,« sagte sie, »alle sollen es fühlen!« sagte sie mit tiefer Ueberzeugung. »Und haben die Reichen erst das Licht in ihrem eigenen Herzen gefühlt, dann ist die Dunkelheit überwunden und sie tun nur das Gute.« Sie zwang Nellys Blick zu sich und entzündete ihren Willen darin. »Was werden sie dann tun?« fragte Nelly. »Euch aus der Hölle erlösen und einen Platz in der Sonne geben, draußen auf den grünen Wiesen, wo ich heute morgen vorbeifuhr.« Der Blick in Nellys Augen veränderte sich, er wurde klar und sehnsuchtsvoll. »Auf grünen Wiesen,« flüsterte sie und gedachte ihres Traumes. »Ja, und sie werden euch von ihrem Ueberfluß geben, Nahrung und Kleidung.« »Auch Wärme,« sagte Nelly mit Sehnsucht in den Augen, »denn Kälte ist doch das Schlimmste.« »Auch Wärme. Und es wird keine bösen Menschen mehr geben, weil das Licht gesiegt hat, und die ganze Erde wird glücklich sein, wie van Zantens Insel.« Nelly wagte nicht mehr zuzuhören, denn das alles war ja nur Einbildung! – Sie warf sich auf die Seite und sagte zornig: »Warum füllst du mich mit schönen Worten, während ich hier liege und es mir so schlecht ergeht? Wenn ich dir glaubte, würde ich nur enttäuscht werden, und dann wäre die Dunkelheit noch schwerer zu ertragen als vorher. Und dann wärst auch du böse, und ich würde die Stunde verfluchen, in der du kamst.« Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen. Darauf sagte sie klagend: »Was kann es nützen, daß du es gut meinst, wenn niemand nach deiner Meinung fragt?« Sie richtete sich auf dem Ellenbogen auf und ihr Blick wurde fieberdunkel. »Ich will nicht glauben,« sagte sie zornig, »ich will nicht hoffen, hörst du? Da es mir im Leben nun einmal so schlecht geht, will ich wenigstens Frieden in meinem Gemüt haben.« Sie sank müde zurück und die Lider senkten sich über ihre brennenden Augen. Oanda hatte sie erstaunt angesehen, als ihre Stimmung umschlug. Ihr Staunen aber verwandelte sich in Mitgefühl, Sie empfand ihre Ohnmacht wie eine Wunde im Herzen; und als Nelly schwieg, sah sie sie lange an, wie sie dort mit den geschlossenen Lidern lag, im Innern mit sich kämpfend. »Gibt es dir Frieden, wenn du zweifelst?« fragte sie sanft. »Ja.« Nellys Stimme klang wie gebrochen vor Müdigkeit. »Nichts glauben, ist ebenso als wenn man tot ist. Der Tod ist Frieden für Leute unseresgleichen.« »Warum lebst du denn?« fragte Oanda nach einer Weile. Nelly öffnete die Augen einen Spalt breit und sah sie fragend an. »Warum stürzt du dich nicht von einem eurer hohen Häuser herab?« Nelly blickte sie erstaunt an, als ob sie ihr einen Ausweg gewiesen habe; sie prüfte ihn in Gedanken und sagte darauf zögernd: »Was sollte dann aus ihm werden?« Sie drückte das Kind fester an sich und blickte auf die geballten Fäustchen und den großen Kopf herab. »Er hat ja keinen andern in der ganzen Welt als seine Mutter.« »So nimm ihn mit dir!« Nelly blickte ihr forschend in die Augen, in denen ein Ausdruck war, der sie ängstigte. »Das sagst du?« fragte sie leise. »Ja – wenn der Tod besser ist als das Leben.« Nelly zögerte mit der Antwort. »Ich weiß ja nicht, was das Leben meinem Kind noch bringen kann.« »So hoffst du also doch noch!« sagte Oanda. »Darf ich die Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen?« Aus ihrer Stimme klang eine ängstliche Bitte. Oanda aber wollte ihr nicht zu Hilfe kommen. »Warum nicht – wenn du dein Kind dadurch retten kannst?« Nelly zögerte wieder, bevor sie antwortete. »Wenn es aber einen Sinn hat, daß er in die Welt gesetzt worden ist, kann seine eigene Mutter seinem Leben doch kein Ende machen?« »Du glaubst also doch!« »Man kann nie wissen,« murmelte Nelly und sah zur Seite. »Du zweifelst an deinem eigenen Zweifel,« Oanda beugte sich über sie und lächelte. »Siehst du, Schwester, gestern warst du verzweifelt, weil alles Not und Dunkelheit war und man Pat entlassen hatte. Mitten in der Not aber kam die Hilfe, und schon heute geht es dir besser. Du sollst sehen, bald wird alles hell und gut.« »Ich will es erst sehen, bevor ich es glaube.« »Hat man dir nicht eine bessere Wohnung versprochen! Pflege für dich und das Kleine und Arbeit für Pat und die Kinder?« »Ich glaube nicht an Versprechungen.« »Wenn du es aber siehst,« Oanda nahm ihre Hand und zwang sie, sie anzusehen, »wirst du dann glauben, daß das Licht in der Dunkelheit zu dir kam?« Nellys Augen wurden groß und klar, dann flüsterte sie: »Ich will glauben, daß du gekommen bist und meine Not gesehen hast.« Sie führte Oandas Hand an ihre Lippen, ließ sie dann los und wandte sich hastig ab, um ihre Augen zu verbergen. II. Als Oanda durch den Park zurückfuhr, war das Wetter schön und klar geworden. Durch die herbstgoldenen Baumkronen fiel das Licht in zitternden Sonnenflächen über die breiten Alleen, wo üppige Ammen mit geputzten Kindern gingen, und elegant gekleidete Leute mit den Händen auf dem Rücken auf und ab spazierten, als gäbe es keine Not in hohen, düsteren Häusern und keinen Kampf gegen die Dunkelheit in ihrem eigenen Gemüt. Plötzlich hielt das Auto. Advokat Tillny stand in der Allee, die Backenfalten zu lächelndem Wohlwollen gerundet und winkte ihr zu. Er war auf dem Nachhauseweg und stieg zu ihr in den Wagen. »Wie ging es der armen Frau heute,« fragte er. »Sie hat die ganze Nacht geschlafen,« sagte Oanda. »Ich kann Sie durch die Nachricht erfreuen, daß für ihre Zukunft bereits gesorgt ist. Ich habe eben angeordnet, daß die Familie in das neue Viertel vor der Stadt, wo es Licht und Luft genug gibt, hinausziehen kann. Eine Schwester vom weißen Kreuz wird sie und das Kind pflegen, und eine Frau aus dem Nachbarhaus soll die Wohnung versorgen und Essen kochen. Was sagen Sie nun?« »Tausend Dank!« jubelte sie und lachte ihm zu. Der Advokat genoß ihre Freude und fügte hinzu: »Ihr Mann bekommt in den nächsten Tagen Arbeit.« »Und die Kinder?« »Sind eben bei mir gewesen. Er ist ein aufgeweckter Junge, ich werde ihn in meinem Empfangszimmer verwenden; das Mädchen ist ein frisches Ding mit munteren Augen. Ich telefonierte beim Edentheater an, wo mehrere hundert junge Mädchen für die neue große Pantomime ›Das glückliche Land‹ gebraucht werden – darin soll sie ein Blumengeist sein und bekommt fünfundzwanzig Dollar im Monat. Na, sind Sie zufrieden mit mir?« »Sehen Sie nur!« Oanda beugte sich aus dem Wagenfenster; einige Kinder spielten mit großen elastischen Metallreifen, die in der Sonne blitzten. »Das möchte ich auch.« »Möchten Sie mit so einem Reifen hier in dem Park laufen?« »Ja,« nickte sie eifrig, »Sie nicht?« »Das schickt sich nicht,« lachte der Advokat, »das ist nur für Kinder.« Darauf zog er seine Gesichtsfalten stramm und sagte würdig: »Erwachsene Menschen haben an ernsthaftere Dinge zu denken.« Oanda zog den Kopf zurück und seufzte, sie konnte die Kinder nicht mehr sehen. Sie saß einen Augenblick nachdenklich mit ernsten Augen, dann fragte sie: »Fielding sagte gestern, daß ich nichts erreichen könnte. Was meinte er damit?« Der Advokat überlegte einen Augenblick, bevor er antwortete. »Er meinte, daß Sie keine Stellung, keinen Namen haben. Nur die Führenden können etwas erreichen; aber er hat Unrecht, denn was haben Sie nicht schon alles erreicht? – Wären Sie gestern nicht bei Cunning gewesen, dann hätte man die Entlassung der drei Arbeiter mit einem Achselzucken abgetan, und der Teufel hätte sich um die kranke Frau geschert.« Oanda sah traurig zu ihm auf. In der Sonne ging so viel Glanz von ihrem flammenden Haar, von der warmen Färbung ihrer Wangen, von ihren tiefen, meerblauen Augen aus, daß ihm einfiel, ihr Name bedeute »Die Leuchtende«, wie Goodwill gesagt hatte. »Ach, nein,« sagte sie, »ich glaube nicht, daß er so ist.« »Wer?« »Er, der den Namen meines Vaters trägt.« »Warum glauben Sie es nicht?« »Ich glaube, daß er ein gutes Herz hat.« Der Advokat dachte sich sein Teil dabei und betrachtete sie verstohlen, während sie das Getriebe draußen auf der Straße beobachtete. Dann berührte er ihren Arm und sagte: »Ich habe Ihnen versprochen, Prinzessin, mich Ihres Chinesen anzunehmen. Wie hieß er doch noch?« »Tsing-Kai,« sagte sie und wandte sich ihm dankbar zu. »Richtig, Tsing-Kai. Wollen Sie mir auch erlauben, mich Ihrer eigenen Sache anzunehmen, die so viel wichtiger ist?« »Welcher Sache?« »Ihrer Mutter die Rechte einer gesetzlich getrauten Gattin zu verschaffen,« sagte er langsam und mit Nachdruck, »und Ihnen Ihre Rechte als Kind und Erbin.« Oandas Gesicht leuchtete auf. »Bekomme ich dann den Namen meines Vaters?« »Ja – und den Namen eines großen Mannes – wenn es glückt.« »Und Nelly – wollen Sie sich auch ihrer Sache annehmen?« »Nelly?« Der Advokat suchte in seinem Gedächtnis, »wer ist Nelly?« Oanda sah ihn erstaunt an. »Das ist doch Pats kranke Frau, die auch nicht mit ihrem Mann getraut ist.« »Ach so,« – er überlegte einen Augenblick, »ich werde mit ihrem Mann darüber sprechen.« Darauf nahm er ihre Hand und sagte väterlich: »Sind Sie jetzt froh? – Sie sind so hübsch, wenn Ihr Gesicht strahlt.« Oanda aber wurde plötzlich ernst. Sie zog ihre Hand zurück und sagte: »Nein, ich bin nicht froh.« »Was fehlt Ihnen denn?« »Ach, ich habe noch so viele Wünsche.« Sie faltete die Hände über der Brust, während sie überlegte, und fragte dann: »Das, was Ihr Gesetz nennt, entsteht das in dem Herzen des Präsidenten, der über alle herrscht?« »Das nun gerade nicht« – Tillny lächelte vor sich hin, »der Senat und die Volksvertretung haben auch etwas zu sagen.« »Aber er ist doch der Oberste – und Sie haben versprochen, mich zu ihm zu führen.« »Ja, freilich.« »Wie soll ich ihm nur alles sagen?« »Ist es denn so viel?« »Ich weiß selbst noch nicht, wie viel es ist. Es wird mit jedem Tag mehr.« »Was wollen Sie ihm eigentlich sagen?« Oanda zögerte einen Augenblick, während sie ihn prüfend ansah. Darauf sagte sie, und ihre Stimme bekam einen tief vertraulichen Klang: »Ich will ihm erzählen, daß zu Hause auf meiner Insel das Licht überall ist; es scheint in den Herzen aller; hier drüben in der Welt aber kann man es vor der toten Dunkelheit nicht erkennen.« Tillny schwieg; er war nicht sicher, ob er sie recht verstanden hatte, und wußte nicht, was er antworten sollte. Oanda fuhr fort: »Ich soll ihm auch einen Gruß von meiner Mutter bringen.« »Kennt Ihre Mutter den Präsidenten?« fragte er erstaunt. »Nein, aber meine Mutter webt die feinsten Matten, die es gibt. Und sie hat eine gewebt, die ich dem Präsidenten mit einem Gruß übergeben soll, und ich soll ihm etwas sagen, was ich keinem andern sagen darf.« Er blickte sie von der Seite an, wie sie dort saß und an ihre Mutter dachte; ihre halbgeöffneten Lippen bebten, und ihre Augen waren dunkel vor Sehnsucht. »Dieses Licht, von dem Sie so viel sprechen,« begann er vorsichtig, »was ist das eigentlich für ein Licht?« Sie drehte den Kopf und sah ihn erstaunt an. »Das Licht in unserm Herzen, das ist ja Gott.« Er nickte, sagte aber nichts; sie meinte ein Lächeln in seinen Augen zu sehen. »Daß Nelly nicht daran glaubt,« sagte sie eifrig, »kann ich verstehen, denn sie sieht ja nichts anderes als Dunkelheit. Aber Sie, der Sie alle guten Dinge besitzen –« »Woher wissen Sie das?« sagte er bitter und halb gegen seinen Willen. – »Sie sehen nur, womit ich wirke.« Was fehlt mir nur, dachte er erstaunt bei sich, daß ich diesen Unsinn ernst nehme. Da bekam er einen guten Einfall. »Der Präsident ist ein sehr beschäftigter Mann,« sagte er, »und ich kann Ihnen nicht versprechen, daß er Sie mehr als einige Minuten empfängt. Wenn Sie so viel auf dem Herzen haben, würde ich es an Ihrer Stelle niederschreiben.« »Ja, Prinzessin,« fügte er hinzu und nickte ermunternd, »das sollten Sie tun. Dann können Sie sich alles recht genau überlegen und vergessen nichts. Schreiben Sie nieder, was Sie vom Licht und der Dunkelheit wissen.« Oanda dachte über seine Worte nach. »Wie soll ich es schreiben?« fragte sie. »Als ob Sie mit ihm sprächen – so wie Sie mit mir sprechen.« Oanda nickte vor sich hin und sagte ernst: »Ich will es versuchen.« III. Als der Advokat in sein Privatkontor kam, standen Pat und Jim, die er bestellt hatte, und warteten im Vorzimmer. Er sagte Jim mit wenigen Worten Bescheid, was er zu tun hatte: die Tür öffnen, nach den Namen fragen, Visitenkarten entgegennehmen, Besucher melden, ihnen beim Ablegen behilflich sein, ihnen die Tür öffnen und hinter ihnen schließen, das Haustelephon bedienen und im übrigen den Mund halten. Er zeigte ihm den Schrank, wo die Livree hing, und da sein Vorgänger tags zuvor an die Luft gesetzt worden war, konnte er gleich antreten. Als das besorgt war, ging der Advokat mit Pat in sein Kontor. Es war ein großes helles Zimmer im ersten Stock mit einem runden Erker, von wo man einen herrlichen Blick über den Park auf der andern Seite der vornehmen Avenue hatte. Mitten im Zimmer stand ein riesiger Arbeitstisch mit Akten, Papieren, Büchern und Kontorgegenständen bedeckt. Der Advokat nahm in einem tiefen Klubsessel Platz und wies Pat einen Stuhl daneben an. »Na,« sagte er, als Pat Platz genommen hatte, »wie viele von euch sind denn zu alt geworden?« »Ich und Tonny und Dick – aber es werden wohl noch mehr werden.« Plötzlich beugte Tillny sich vor, sah ihm streng in die Augen und sagte: »Wollen wir den Kampf mit diesem Mann aufnehmen?« Pat blickte ihn erstaunt mit seinen schweren Augen an. »Wollen wir ihm zeigen, wie alt wir sind?« sagte er herausfordernd. Pat versuchte zu ergründen, was der Advokat bezweckte. »Wie sollte das zugehen, Herr Advokat?« fragte er, »die Fabrik gehört doch ihm.« »Wenn wir einander helfen.« »Wollen Sie, Herr Advokat –?« Pat hielt inne und sah ihn erstaunt an. »Ich will, daß Recht vor Recht geht,« entschied Tillny und erhob sich. Er ging durchs Zimmer, bis zum Erker und wieder zurück. »Sagen Sie mal,« sagte er und stellte sich vor Pat auf, »was meinen Sie, daß geschehen wird, wenn alle Cunnings-Arbeiter gegen den Präsidenten stimmen?« Pat überlegte. »Dann stimmen die anderen wie wir,« sagte er bestimmt, »denn wir von unserer Fabrik sind immer die Führenden gewesen.« »Das meine ich auch,« sagte Tillny anerkennend, »und dann wird er nicht gewählt, denn die Stimmenzahl der Fabriken hier in der Gegend ist ausschlaggebend. Das wissen Sie wohl.« »Ja, Herr Advokat,« – Pat sann einen Augenblick, während der Advokat ihn im Auge behielt. – »Aber dann bekommt der Trust ja Oberwasser,« sagte er bedenklich. »Glauben Sie nicht, daß er Sie dafür bezahlen wird?« »Das wohl« – sagte Pat gedehnt – »aber sehen Sie, die Arbeiter sind ja immer gegen den Trust gewesen.« Tillny ging ganz nah an ihn heran, hielt seinen Blick fest und sah ihn streng an. »Hat der Trust je seine alten treuen Arbeiter verabschiedet? – Weil man neue Maschinen brauchte?« »Nee,« sagte Pat zäh, »weil er keine bekommen hat. Sehen Sie, der Trust – der –« »Und wenn der Präsident nicht wiedergewählt wird,« unterbrach der Advokat, »was soll dann aus Cunnings neuer Fabrik werden?« Pat sah ihn unsicher an. »Tja, was soll dann daraus werden?« »Dann geht sie zum Teufel!« entschied Tillny und schlug Pat auf die Schulter, »und dann bekommt Ihr eure Rache, mein Lieber! Dann ist da kein Werkführer mehr, der verdienstvolle Arbeiter an die Luft setzt.« Pat bewegte seine schweren Fäuste wie zum Kampf. »Ja, ja,« sagte er, »dann bekommen wir unsere Rache!« Der Advokat musterte ihn, fand den Augenblick günstig und schlug einen anderen Ton an: »Sie haben wohl von dem neuen Viertel im Norden der Stadt gehört?« »Jawohl.« »Dieses Viertel verwalte ich. Hübsche, geräumige, helle Wohnungen.« »Und mit Gärten, wie ich gehört habe?« »Mit Gärten und Lauben. Sehen Sie, Pat,« – er faßte ihn am Rockknopf – »solch ein Haus hatte ich Ihnen zugedacht. Sie sollen freie Wohnung haben und dafür die Oberaufsicht über die anderen Häuser übernehmen. Inspektor, verstehen Sie! – Sie sollen Wohnungen anweisen und mit den Mietern verhandeln. Es sind ja alles Arbeiter, verstehen Sie.« »Jawohl, Herr Advokat, es sind Arbeiterwohnungen.« »Und vollen Taglohn sollen Sie haben,« fuhr Tillny fort, »Sie wissen ja, daß ich Ihnen gestern Arbeit versprochen habe – dort gibt's Arbeit genug,« – der Advokat drehte wieder an Pats Knopf, so daß dieser schließlich darauf herabsah, ob etwas daran nicht in Ordnung sei – »und dann sprechen Sie mit Ihren Kameraden – verstehen Sie – über die Wahl des Präsidenten und dergleichen. Und wenn da irgendeiner ist, der die Miete nicht bezahlen kann oder sonst in Not ist – Sie kennen ja alle, nicht? – dann kommen Sie zu mir und wir überlegen, wie dem Mann am besten zu helfen ist.« Der Advokat schwieg einen Augenblick; darauf fügte er mit Nachdruck hinzu: »Es ist eine hübsche Aufgabe, seinen Kameraden zu helfen.« »Das ist es, Herr Advokat.« Pat nickte wiederholt, sein Gesicht aber hatte trotzdem einen bedenklichen Ausdruck, und die kleinen schweren Augen irrten hin und her. »Was ich sagen wollte,« – begann er schließlich, und er schluckte ein paarmal, denn es war nicht leicht, so viel zu sagen – »wenn wir Arbeiter nun für den andern, den Mann des Trustes stimmen – und wenn unsere Fabrik dann zum Teufel geht – ich meine, wenn der Trust sie verschlingt – welche Sicherheit haben wir dann, daß der Trust uns Arbeit gibt – auch denen, die bereits entlassen waren?« Der Advokat wartete einen Augenblick, um die Wirkung zu verstärken. Dann heftete er seine scharfen Augen fest auf Pats und sagte mit Nachdruck: »Dafür garantiere ich! « Pat begriff und sagte mit dem Schatten eines Lächelns um seinen groben Mund: »Hm, so – jawohl!« »Ich garantiere für euch alle,« sagte Tillny und warf den Kopf in den Nacken, »nur nicht für den Werkführer, der euch für zu alt gehalten hat; für den hat, wie ich fürchte, der Trust keine Verwendung.« Tillny sah ihn an und lächelte. Pat lächelte ebenfalls. »Ja,« sagte er rachlustig, »er soll es nur versuchen.« Der Advokat nickte und reichte ihm die Hand. »Dann sind wir also einig.« »Jawohl, Herr Advokat!« Pat beeilte sich, seine Hand zu nehmen. »Ein Mann, ein Wort. Wann kann ich hinausziehen?« »Morgen schon.« Pats Gesicht verzog sich vor Freude. Seine kleinen Augen leuchteten. »Vielen Dank auch,« sagte er und hob seine Hand. Der Advokat tat, als ob er es nicht sähe; die Sache war ja in Ordnung, jetzt galt es, sich zu decken, er hatte sich etwas reichlich weit hinaus gewagt. Er bekam einen glänzenden Einfall und sagte feierlich: »Der Prinzessin müssen Sie danken. Ihr gebührt die Ehre.« »Gott segne sie!« sagte Pat feierlich. »Guten Tag, Pat!« Der Advokat gab ihm die Hand und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Guten Tag, Herr Advokat!« sagte Pat und ging zur Tür. Als er sie erreicht hatte, blickte der Advokat von seinem Schreibtisch auf und sagte geschäftsmäßig: »Was ich Ihnen hier anvertraut habe, braucht vorläufig niemand zu wissen, verstehen Sie?« Pat stutzte, als ob er nicht recht klar darüber sei, was der Advokat meinte. Als er diesen aber bereits wieder in seine Papiere vertieft sah, sagte er nur: »Jawohl, Herr Advokat!« – und ging hinaus. Auf der Treppe begegnete ihm Herr Edwin Schultz in eigener Person, und als er auf die Straße kam, sah er sein Auto vor der Tür halten, eine ganz neue Maschine. Pat konnte es sich nicht versagen, sie ganz genau zu betrachten, wie sehr er sich auch danach sehnte, nach Hause zu kommen, um Nelly die große Neuigkeit zu verkünden. IV. Eine halbe Stunde später begleitete der Advokat Schultz ganz bis an die Haustür. »Ein neues Auto?« sagte er und betrachtete bewundernd das schimmernde Wesen mit dem leise klopfenden Puls. »Limousine – sechzig Pferdekräfte!« sagte Schultz. »Wundervoll! – Es scheint lautlos wie eine Gondel zu sein, denn ich habe es gar nicht kommen hören, obgleich die Fenster offen stehen.« »Ich habe mir die Maschine heute morgen gesichert. Meine Mutter telephonierte mir, sie habe gehört, daß eine Rekordmaschine bei Johnstone \& Fields stehen solle. Sie wissen, Cunnings neuer Racer ließ ihr keine Ruhe.« Der Advokat seufzte. »Man könnte seine Seele für so ein Ding verschreiben!« sagte er. »Hüten Sie sich, daß ich Sie nicht beim Wort nehme.« »Ich schlage ein!« sagte Tillny und lachte. »Guten Morgen!« Schultz reichte ihm seine schmale, schlappe, sammetweiche Hand. »Guten Morgen, Herr Schultz.« Als Tillny in sein Zimmer kam, wartete seine Frau auf ihn. Sie stand am Erkerfenster und blickte Schultz' Auto sehnsuchtsvoll nach. Ohne sich umzudrehen, sagte sie bissig: »Wenn man sich vorstellt, daß dieser degenerierte Mensch die ganze Herrlichkeit erben soll!« »Ja, ja, Adelaide,« neckte Tillny, »wer noch jung und hübsch wäre!« »Ich würde es mir nicht einen Augenblick überlegen,« sagte sie, »und wenn er einen Buckel hätte.« Der Advokat zündete sich eine Zigarette an. »Du würdest einen jämmerlichen Pantoffelhelden aus ihm machen,« sagte er trocken, »man behauptet, daß er Wachs in der Hand derjenigen Frau ist, die nicht vor seinen Eigenarten zurückschreckt.« »Eigenarten,« sagte sie verächtlich, »wenn man so reich ist.« – »Für uns andere Sterbliche gilt das nicht,« lachte der Advokat. Frau Tillny wandte sich vom Fenster ab und sagte gereizt, indem sie an ihm vorbeiging: »Als ich dich nahm, mein Lieber, machte ich kein gutes Geschäft.« »Darum bin ich auch so tugendhaft.« »Wenn ich daran denke, daß ich Stock \& Co. hätte bekommen können, wenn ich nicht so dumm gewesen wäre, mich von dir beschwatzen zu lassen.« »Ja, es ist ärgerlich,« räumte Tillny höflich ein, »was aber kann man Besseres von einem Advokaten erwarten? Na, aber wir wollen versuchen, gute Miene zu bösem Spiel zu machen, meine Liebe. Du suchst Trost darin, andere Frauen selbständiger zu machen, als du selbst gewesen bist, und ich –« »Spare deine Witze, mein Freund – ich versuche mir eine Position zu verschaffen, die besser ist als die, die du mir bieten kannst. In einigen Jahren bin ich vielleicht Vorsitzende der Union für Frauenrechte in den Staaten,« – sie kreuzte die Arme und warf den Kopf in den Nacken, »während du nur ein Advokat bist, wie hundert andere. Vielleicht glückt es mir dann sogar, dich durch meine Beziehungen zu ›einem von den Neunen‹ zu machen, da wir ja nun einmal Kompagnons sind.« »Reizend von dir,« sagte er mit einer Freundlichkeit, durch die Gereiztheit klang, »im übrigen hast du mich nicht ausreden lassen, ich wollte noch hinzufügen: während ich Unwürdiger mich bemühe, zu einem von den Neunen erhöht zu werden, denen die höchste Rechtsprechung der Union anvertraut ist.« Frau Adelaide sah ihn geringschätzig an und sagte spöttisch: »Seit wann hast du damit begonnen?« »Seit heute – oder richtiger, seit gestern.« Sie trat näher auf ihn zu. »Was wollte er von dir?« fragte sie interessiert. »Ich weiß, daß ich mich auf deine Diskretion verlassen kann, wenn es sich um deine eigenen Interessen handelt; denn ich nehme an, daß du nichts dagegen hast, die Frau ›eines von den Neunen‹ zu werden, solange du noch nicht Vorsitzende der Union für Frauenrechte bist.« »Spann mich nicht auf die Folter, John!« sie legte ihre Hand versöhnlich auf seine Schulter, »du weißt, vor dem Frühstück bin ich immer schlecht aufgelegt.« »Du hattest ja ganz recht,« sagte er mit höflichem Spott. »Was wollte er also von dir?« Einen Augenblick zögerte Tillny noch; dann erbarmte er sich ihrer und sagte trocken: »Er will den Präsidenten stürzen.« »Und wie willst du ihm dabei helfen?« fragte sie mißtrauisch. »Ich habe ihm vorgeschlagen, daß er die Prinzessin politisch ausnutzen soll – ihre interessante Geschichte – und dann ihr Verhältnis zu den Arbeitern. Wenn sie nicht schon ihre Heilige ist, dann wird sie es in den nächsten Tagen.« »Dachte ich mir's doch, daß etwas dahinter steckte, als du sie so edelmütig in mein Haus schlepptest.« »Nein, meine Liebe, du dachtest nur, ich wollte vorbeugen, daß sie in die Krallen eines Kollegen geriete.« »Du hast recht, mein Freund, so viel Scharfsinn traute ich dir nicht zu.« »Da siehst du!« Er drehte sich zu ihr um und sagte geschäftsmäßig: »Die Prinzessin soll mir und dir als Sprungbrett dienen. Schultz hat mir im Namen des Trusts den ledigen Platz unter den Neunen versprochen – wenn wir siegen.« »Aber ich begreife nicht –« »Das habe ich auch nicht erwartet,« sagte er mit unerschütterlicher Freundlichkeit – »gelegentlich werde ich dich einweihen, heute aber habe ich keine Zeit. Nur glaube ich, daß du gut daran tun würdest, sie für deine Frauensache zu gewinnen. Mach Reklame mit ihr! Zeige sie bei deinen Versammlungen! Je mehr über sie gesprochen wird, desto nützlicher ist es für uns. Studiere sie, meine Liebe, und mach deine Sache gut.« Er machte eine freundlich verabschiedende Bewegung und beugte sich über die Papiere auf seinem Schreibtisch. »Das brauchst du mir nicht erst zu sagen, mein Freund.« »Um so besser, meine Liebe: dann wären wir uns ja mal wieder einig.« Sie kehrte ihm gereizt den Rücken und ging hinaus. V. Draußen in der Halle begegnete Frau Tillny Oanda, die von ihrem Zimmer herunterkam. »Liebste, Sie sind es? Guten Morgen!« Sie küßte ihr mütterlich die Wange und zog sie mit sich ins Wohnzimmer. »Ich dachte, daß ein Naturkind, wie Sie, frühzeitig aufstehen würde.« Oanda sah sie erstaunt an. »Ich bin schon den ganzen Morgen unterwegs gewesen.« »So ist's recht. Und wo sind Sie denn gewesen, Prinzessin?« Sie zog sie an den Händen neben sich ins Sofa. »Ich bin bei Nelly gewesen.« »Wer ist Nelly?« »Das ist ja Pats kranke Frau!« sagte Oanda und wunderte sich, wie kurz von Gedächtnis alle Menschen hier waren. – »Ach, Sie sollten Sie auch besuchen!« »Ich?« »Es ist dort ja schrecklich schmutzig, und es riecht häßlich, aber man vergißt es, wenn man mit ihr spricht. Und nun ist ja ihr Sohn Jim hier bei uns,« sie fing plötzlich an zu lachen. »Er sieht so komisch aus in einer Jacke, die ihm viel zu kurz ist.« »Wer?« »Jim, natürlich.« Frau Adelaide sah verständnislos auf. »Wer ist jetzt hier?« »Jim!« Oanda blickte sie an; vielleicht sieht sie nicht gut, dachte sie – »er steht doch draußen und macht die Tür auf und zu.« »Ach so, der Kleine! Ich habe gar nicht bemerkt, daß es ein neuer ist, die wechseln immerwährend.« »Was sehen Sie eigentlich?« fragte Oanda erstaunt, »wenn Sie die Menschen nicht sehen?« Frau Adelaide warf ihr einen strengen Blick zu; dann aber besann sie sich und sagte: »Gewiß, das ist ein Fehler, solch kleiner Bursche ist ja auch ein Mensch.« Sie nahm eine Feder von Oandas Kleid; sie war von Nellys Bettdecke. »Aber Liebste, wo sind Sie denn gewesen,« fragte sie mißbilligend. »Wo ist eigentlich Ihr Gepäck?« »Im Hotel.« »Wir wollen danach telephonieren.« Sie musterte Oandas Kleid und strich die Falten glatt. »Wo ist das gearbeitet?« »Ich hab' es in St. Franzisko gekauft. Goodwill hat es mit mir besorgt.« »Der Missionar?« Frau Adelaide lachte herzlich. »Ja, so sieht es aus. Damit können Sie hier nicht gehen. Führte er Sie zu einem großen Magazin und sorgte für Ihre Bekleidung?« »Ja, es war ein ungeheuer großes Haus mit vielen Fenstern und Spiegeln. Eine ältere Dame führte mich umher, während Goodwill unten wartete.« Frau Adelaide lachte wieder. »Wie man sich dort im Magazin wohl amüsiert hat!« »Warum?« »Man glaubte natürlich, daß Goodwill Sie entführt habe.« »Meinen Sie, daß er mich heiraten will?« »Ja« »Aber das will ich nicht,« sagte Oanda sehr bestimmt, »ich will Goodwill nicht heiraten.« »Wartet jemand auf der Insel auf die Prinzessin?« neckte Frau Tillny. »Alle warten auf mich.« Frau Adelaide lachte und klopfte ihr die Wange. »Ich meine ein Liebster, ein Freund!« Oanda überlegte, »Nein, es ist keiner da, den ich heiraten möchte.« »Aber wie sitzt ihr Haar wieder, Kleine.« Sie hob es von den Ohren und strich es aus der Stirn. »Hat Goodwill das vielleicht auch arrangiert?« »Ja. Er führte mich zu einer Dame, die sich nur mit Frisieren beschäftigt. Stellen Sie sich vor, da saß eine ganze Reihe von Damen in großen weißen Mänteln, die sich das Haar waschen und bürsten ließ; einige konnten es ganz abnehmen. Wie das zuging, weiß ich nicht. Sie wollte auch mit einem großen, blanken, glühenden Gegenstand etwas an meinem Haar machen – aber das wollte ich nicht.« »Ach, seufzte Frau Adelaide, »es gibt noch sehr, sehr viel, liebe Kleine, was Sie lernen müssen, bevor ein zivilisierter Mensch aus Ihnen wird; aber geben Sie mir nur freie Hand, und Sie werden sehen, nach einer Woche gucken alle jungen Herren auf der Straße sich die Augen nach Ihnen aus.« »Warum tun sie das?« »Weil sie Sie so hübsch finden und gern mit Ihnen flirten wollen.« »Was ist flirten?« »Das ist Lächeln und Locken –« Frau Adelaide ließ ihre Hände in den Schoß sinken. In ihre Augen kam ein eigener Glanz, der strenge Mund wurde weich, und das Lächeln, das zuerst bitter war, wurde wehmutsvoll, indem Erinnerungen in ihr aufstiegen und sie gesprächig machten: »Flirten ist, Dinge sagen, die nichts bedeuten, und doch so viel bedeuten können, daß Sie dabei erröten. Flirten ist, wenn man in den Herzen ein- und ausschlüpft wie Sperlinge in einer Rosenhecke – wenn man Fesseln schlingt, leicht und fein wie von Morgentau gesponnen – plötzlich aber, wenn man meint, daß man gefangen ist, durchbricht man sie mit einem Wort und ist wieder frei – Flirten ist, als ob man Seifenblasen macht, die wie Glück aussehen, aber die ebenso zerbrechlich sind wie das Glück, – als ob man mit Funken auf einem Heuboden spielt, die sich im nächsten Augenblick entzünden können, so daß das ganze Haus in Flammen steht.« Oanda hatte sie betrachtet, während sie sprach. Sie gefiel ihr besser jetzt als vorhin. »Warum flirtet man,« fragte sie. Frau Adelaide seufzte tief, strich sich über die Stirn und war wieder die Alte. »Beim Spielen sucht man den Richtigen,« sagte sie. »Ach, das ist wie beim Blumentanz auf unserer Insel, wenn die Jungen sich einen Gefährten suchen.« »Ja, das ist gewiß etwas Aehnliches.« Oanda wunderte sich, daß Frau Tillny sich wieder ganz verändert hatte. »Wie alt sind Sie?« fragte sie. Frau Tillny lachte nachsichtig und sagte mit einem Seufzer: »So alt, daß ich an diesem Spiel nicht mehr teilnehme.« »Jetzt sorgen Sie für Ihr Haus, nicht wahr?« fragte Oanda. »Nein, das besorgt Fräulein Smith – die Dame, die Sie gestern in Ihr Zimmer führte und Ihnen heute morgen die Honneures machte.« »Was heißt Honneurs machen?« »Das heißt, an Stelle der Wirtin empfangen.« »Warum tun Sie das nicht selbst?« Oanda rückte vertraulich näher, »das würde ich an Ihrer Stelle tun. Dann könnte Fräulein Smith ihre Zeit zu etwas Besserem verwenden.« – Sie ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen, während sie überlegte. »Ich finde, hier drüben tun so viele die Arbeit von andern, anstatt ihre eigene. Was tun Sie denn?« »Ich arbeite für die Selbständigkeit der Frau!« sagte. Frau Adelaide streng und richtete sich auf. »Ach, erzählen Sie mir davon,« bat Oanda interessiert. »Ist die Frau nicht selbständig?« »Wie man's nimmt – sie kann kommen und gehen, wie es ihr paßt, sich kleiden und essen –« »Sie sagten doch vorhin,« unterbrach Oanda, »daß ich nicht mit diesem Kleid gehen könnte.« »Das ist etwas anderes – das ist etwas, was die Sitte betrifft.« Damit aber ließ Oanda sich nicht abspeisen. »Ach,« sagte sie ärgerlich, »es gibt so viele Dinge, die man nicht darf.« »Zum Beispiel, Prinzessin?« Frau Adelaide sah sie lächelnd an. »Man darf im Park nicht mit einem runden Reifen spielen. Das sagt Ihr Mann.« Frau Adelaide brach in ein Gelächter aus. »Nein, das ist wahr.« »Und man darf eine kranke Frau nicht besuchen, wenn sie in einem schmutzigen Haus wohnt und nicht mit ihrem Mann getraut ist.« »Was ist das für Unsinn?« »Das hat Goodwill gesagt, als ich bei Nelly war. Und es gibt so viele Dinge, die einen nichts angehen und in die man sich nicht mischen darf, das sagt Goodwill auch.« »Ja, das ist wahr!« Frau Adelaide machte wieder ein strenges Gesicht. »Die Männer haben eine Menge Regeln aufgesetzt, die wir befolgen müssen, wie sie verlangen. Sie sind Gesetzgeber und Richter und Polizeibeamte. Das wollen wir Frauen ja gerade ändern. Dafür arbeite ich, darum halte ich Versammlungen, auf denen ich rede, und dafür schreibe ich. Wir wollen gleiches Recht für die Männer, nicht nur für unsere eigene Person, sondern auch im Staat. Wir wollen weibliche Gesetzgeber und Richter und Polizeibeamte – ja, es soll auch ein weiblicher Präsident gewählt werden können. Warum sollte ich nicht ebenso gut Präsident sein können wie ein Mann?« Sie warf den Kopf in den Nacken und sandte Oanda einen fragenden Seitenblick. Oanda betrachtete sie aufmerksam. »Ich weiß nicht recht,« – sagte sie zögernd. Frau Adelaide zog ihren Blick zurück und sagte höhnisch: »Es kommt gar nicht auf die Klugheit, sondern aufs Geld an.« Oanda beugte sich vor und fragte ängstlich: »Ist der Präsident denn nicht der klügste und der beste Mann in den Staaten.« »Ach, Sie wissen ja gar nichts,« sagte Frau Adelaide ärgerlich und schüttelte den Kopf. »Es ist wirklich zu beschwerlich, Ihnen alles zu erklären. Der Präsident ist derjenige, der es versteht, die verschiedenen Geldinteressen bestens zu vereinigen.« »Ist das wirklich wahr?« fragte Oanda und sah sie tief enttäuscht an. »Der Präsident ist natürlich auch klug und gut,« räumte Frau Adelaide ein, »sonst würden die Kapitalisten ja auch nicht mit ihm zufrieden sein.« Was fehlt mir nur, dachte sie, daß ich hier sitze und all den Unsinn ernst nehme. »Darauf kommt es aber auch gar nicht an,« fuhr sie fort, »für Frauen gilt es nur, daß sie gleiches Recht mit den Männern bei der Gesetzgebung und in der Regierung bekommen.« »Dafür bin ich auch,« sagte Oanda und nickte nachdenklich. »So ist's recht,« – Frau Tillny klopfte ihr die Wange, »Sie sind ein kluger und guter Mensch, das hab ich Ihnen gleich an den Augen angesehen. Sie sollen mich zu meinen Versammlungen begleiten. Und wenn Sie mich reden gehört haben und etwas von den Dingen verstehen – und erst einmal ordentlich gekleidet sind – ich werde die Prinzessin so herausputzen, daß sie unwiderstehlich wird –« »Was dann?« »Dann sollen Sie selbst eine Rede halten und dürfen in meiner Zeitschrift schreiben, das ist eine große Ehre.« »Vielen Dank. Darum bin ich auch hergekommen.« Frau Adelaide sah sie erstaunt an. »Deshalb find Sie hergekommen?« »Herr Tillny hat mir geraten, alles aufzuschreiben, was ich dem Präsidenten sagen will, damit ich nichts vergesse.« »Sieh mal einer an – Herr Tillny ist gar nicht so töricht – obgleich er ein Mann ist.« »Sind die Männer hier drüben in Amerika weniger wert als die Frauen?« »Was meinen Sie selbst?« Oanda sah sie an und verglich sie mit dem Advokaten. Sie dachte an Ralph und die schöne Eleanor; aber da war ja auch noch Pat und Nelly. »Das weiß ich noch nicht recht,« sagte sie zögernd, »aber oben auf meinem Zimmer habe ich nichts zum Schreiben, darum kam ich herunter.« Frau Adelaide ging zu ihrem Schreibtisch und zog eine Schublade heraus. »Hier, meine Kleine,« sagte sie, »ist ein ganzes Buch und Löschpapier und eine Feder. Ich werde den Jungen damit zu Ihnen hinaufschicken.« »Jim?« »Heißt er Jim?« Sie ging an den Tisch, um zu klingeln. »Aber warum?« sagte Oanda erstaunt, »ich kann es doch selbst mitnehmen.« »Dazu sind die Dienstboten da,« sagte Frau Tillny belehrend. »Was sollten die sonst tun?« »Darüber habe ich auch schon nachgedacht.« Oanda erhob sich interessiert. »Was tun sie eigentlich alle?« Sie betrachtete Frau Adelaidens feinen weißen Hände. »Kochen Sie auch nicht selbst?« fragte sie. »Ich?« Frau Adelaide schüttelte den Kopf und blickte zur Decke, »Kind, Sie haben noch viel zu lernen!« Jetzt schlug eine Uhr halb, Frau Tillny sah auf ihre Armbanduhr und verglich. »Ich muß mich beeilen,« sagte sie, »ich habe um zwölf eine Sitzung und muß mich erst umkleiden. Schreiben Sie indessen oben auf Ihrem Zimmer; wenn Sie den Gong hören, kommen Sie zum Frühstück herunter, und wenn wir gegessen haben, fahre ich wieder aus. Dann werde ich eine Dame aus einem Modemagazin mitbringen, die Maß von Ihnen nehmen und Sie wegen Ihrer Aussteuer beraten kann. Auf Wiedersehen.« Sie klopfte Oandas Wange, nickte ihr mit einem mütterlichen Lächeln zu und ging hinaus. Oanda blieb in Gedanken versunken stehen. Dann trat sie ans Fenster und blickte über den Park, bis ihre Augen sich mit Tränen füllten. Hinter den herbstlich bunten Baumkronen sah sie ihre heimatliche Insel, den Garten mit dem schrägstehenden Kokosstamm und dem errötenden Bougainville über dem runden Tisch, und ihre Mutter, die ihre Hände über den Webstuhl streckte, während sie mit ihren blinden Augen in die Welt blickte. Da wurde an die Tür geklopft. Oanda trocknete ihre Augen und sah sich um. Es klopfte wieder, Oanda sagte: »Herein« – und Jim stand in der Tür. »Ach Sie sind es,« rief er erleichtert, trat näher und schloß die Tür hinter sich. »Hören Sie mal,« sagte er vertraulich. »Können Sie mir nicht sagen, was ich machen soll?« Oanda sah ihn erstaunt an. »Was ist denn los?« Jim trat ganz dicht an sie heran und flüsterte: »Herr Cunning ist draußen und hat nach dem Advokaten gefragt. Hier ist seine Karte. Herr Tillny aber hat mir gesagt, daß ich ihn nicht stören soll.« Oanda wurde ganz rot vor Bewegung. »Lassen Sie mich,« sagte sie. Ging schnell an ihm vorbei und öffnete die Tür zur Halle. VI. »Wie bin ich froh, daß Sie da sind,« sagte sie, streckte ihre Hand nach Ralph aus und zog ihn mit sich durch die offene Tür. »Einen Augenblick.« Er lächelte, zog seinen Mantel aus und gab ihn mitsamt Hut und Stock an Jim, der in der Tür stand mit einem verdutzten Gesicht und der Karte in der Hand. »Denken Sie sich!« Oanda hatte die Tür geschlossen und sich wieder aufs Sofa gesetzt, »Advokat Tillny hat schon für Pat und Nelly gesorgt.« »Ich dachte, ich hätte es getan.« Ralph setzte sich so, daß er sie vor sich im vollen Licht hatte, »ich habe doch gestern Nomura hingeschickt.« Oanda betrachtete seinen steifen Kragen, seinen hübschen dunkelgrünen Schlips und den langen Rock; er sah ganz anders aus als in dem Sportanzug gestern; das dichte, hochgestrichene dunkle Haar, die hohe, eckige Stirn, die von den ernsten Brauen herabgezogen wurde, die grauen weitgeöffneten Augen, energisch und gleichzeitig etwas melancholisch, der glattrasierte Mund, der so scharf geschnitten und fest war und doch erzittern konnte, als ob eine ganze Reihe winzig kleiner Lächeln an einer Schnur gezogen würden – das alles fand sie nach und nach wieder. »Aber Sie sind nicht selbst dagewesen,« sagte sie ernst. »Der Advokat aber war da und hat ihnen ein eigenes Haus verschafft.« »Sieh mal einer an!« Der Ausdruck in seinem Gesicht verursachte ihr Kummer. »Ach,« sagte sie und beugte sich näher zu ihm. »Wenn Sie ein einziges Mal in diesem dunklen, stinkenden Haus gewesen wären, hätten Sie ihnen schon längst geholfen, denn im Grunde Ihres Herzens sind Sie doch gut, nicht wahr?« »Warum glauben Sie das?« »Das fühle ich.« »Ich habe doch Pat entlassen, obgleich er mir so viele Jahre gedient und eine kranke Frau hat.« »Das war ja wegen der neuen Maschinen.« »Und was wollte ich damit?« fuhr er scherzend fort. »Ich hätte mich ja mit den alten begnügen können.« Sie begriff, daß er scherzte, in seinem Gesicht aber war kein Lächeln. Darauf fragte sie: »Sie wollen den andern nur voran sein, nicht wahr?« Ihre Hände lagen offen vor ihm in ihrem Schoß. Er spürte ein heftiges Verlangen, sie zu ergreifen und gegen seine Lippen zu pressen. Es kam so plötzlich über ihn, daß das Blut ihm in die Wangen stieg. »Ja,« sagte er, »und lasse die Arbeiter die Kosten tragen – die Arbeiter, die trinken müssen, damit sie lachen und singen können, obgleich die Trunksucht sie noch unglücklicher macht.« Oanda verstand, auf was er anspielte und sagte ernst: »Tonny sagt, daß Sie am liebsten lauter Dagos nehmen, weil sie mit ihnen schalten und walten können, wie Sie wollen.« Er sah, daß sie einen Widerspruch von ihm erwartete, daß sie danach verlangte, um ihn freizusprechen. Ihre Worte aber hatten ihn verletzt; mag sie glauben, was sie will, dachte er und fragte: »Finden Sie, daß das auf ein gutes Herz schließen läßt?« Oanda ließ sich in ihrem Glauben nicht beirren. Sie beugte sich vor und sagte eifrig: »Sie haben selbst noch nicht gearbeitet, Sie sind nur in Ihrem großen Haus herumgegangen und haben auf die andern achtgegeben. Warum haben Sie es selbst nie versucht?« »Meinen Sie, daß ich selbst nie gearbeitet habe?« fragte er und dachte bei sich: wie kommt es, daß ich auf diesen Unsinn antworte? »Doch,« sagte sie, »aber nicht mit Ihren Händen und nicht für Lohn, wie die andern. Darum können Sie auch nicht wissen, wie es für die andern ist.« Und mit plötzlicher Heftigkeit fügte sie hinzu: »Ach, wenn Sie gesehen hätten, wie Nellys große Augen durch all den dunklen Schmutz leuchteten, würden Sie es nie übers Herz gebracht haben, die andern leiden zu lassen, um selbst zu siegen.« Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sagte mit schneidendem Ernst: »Sie vergessen, daß ich die Menschen nicht liebe.« »Ach nein,« sagte sie bittend, »so sind Sie ja gar nicht. Sie, der Sie den Namen meines Vaters tragen, sind im Grunde Ihres Herzens gar nicht so. Sagen Sie mir, was Sie vorhaben.« Er betrachtete sie lange schweigend, als ob er sich nicht entschließen könnte, zu antworten. Schließlich sagte er: »Es gibt so vieles, was Sie nicht verstehen, weil Sie nicht Bescheid wissen; aber es gibt auch etwas« – er suchte nach Worten, während er ihr tief in die Augen sah – »etwas, was Sie verstehen, etwas, was Sie sehen – was wir andern nicht sehen, weil es von der Welt, in der wir leben, beschattet wird. Und dennoch tun Sie uns unrecht.« Er hielt inne und überlegte, während sein Blick noch immer in dem ihren ruhte. »Kommt es drüben auf Ihrer Insel nicht auch vor,« begann er von neuem, »daß der, der die Verantwortung trägt, den Eingeborenen eine verhaßte Arbeit gibt, weil dadurch etwas gewonnen wird, das für die ganze Insel wichtig, ja, notwendig ist?« »Ich verstehe Sie nicht.« »Ich will versuchen, es Ihnen durch ein Beispiel zu erklären: Gibt es keine tiefliegenden Felder, die gegen die Brandung geschützt werden müssen?« Sie überlegte. »Es war einmal eine Meerflut, die die halbe Insel überschwemmte und großes Unglück anrichtete – damals war ich noch ganz klein.« »Schön, und mußten hinterher die Eingeborenen nicht einen Deich bauen, um die Insel gegen das Meer zu schützen?« »Nein. Pieter veranlaßte sie, ihre Hütten an einen höheren Ort zu bauen und ließ sie Kanäle graben, damit das Wasser wieder ablaufen konnte.« »Gut. Wenn er sie nun aber gezwungen hätte, mühsam Steine zu hauen und zu einem Damm herbeizuschleppen, damit das Meer ihre Wohnungen nicht vernichten konnte, – wäre das eine schlechte Handlung von ihm gewesen?« »Nein – aber es hätte auch nichts genützt.« »Gut – Sie fragten, was ich vorhätte. Ich will gegen eine Macht kämpfen, die wie eine Meerflut ihre Fangarme nach den Wohnungen und Hütten hier im Lande ausstreckt, eine Macht, die nicht duldet, daß ein geringer Mann sein eigener Herr ist – eine Macht, die uns alle in ihren Dienst nehmen will, damit wir zu ihrem Wachstum und Fortschritt beitragen und nicht zu unserm eigenen.« »Was ist das für eine Macht?« »Das sind die Trusts. Ich habe den Stahltrust gegen mich. Er vernichtete den Betrieb meines Vaters; als ich mündig geworden war, nahm ich den Kampf auf. Um in diesem Kampf zu bestehen, muß ich meine ganze Kraft und alle meine Hilfsquellen gebrauchen.« Er sah sie eindringlich an, damit sie die Bedeutung seiner Worte richtig erfasse. »Ralph Cunnings Vermögen hat mir geholfen; ohnedem wäre der Kampf hoffnungslos gewesen. Der Präsident, ein Freund meines Vaters, ist mein Kampfgenosse, früher im geheimen, jetzt öffentlich, und dennoch – um in diesem Kampf zu siegen, muß ich mit jedem Vorteil rechnen und jeden Verlust vermeiden. Sehen Sie, darum muß ich ohne Barmherzigkeit jeden verabschieden, der seinen Platz nicht voll und ganz ausfüllt, ja, mehr als das, ich muß mich beständig nach Leuten umsehen, die dieselbe Arbeit gegen noch billigeren Lohn verrichten. Darum gebrauche ich Dagos, und darum unterbiete ich sie, wo ich nur kann, weil davon der Sieg vielleicht abhängt.« »Ich will Ihnen noch eins sagen,« fuhr er fort und dachte im selben Augenblick: Warum vertraue ich ihr, die kaum etwas davon versteht, dies alles an? – »Wenn der Präsident wiedergewählt wird, gibt er mir einen Platz im Senat, und dann wollen wir zusammen nicht nur gegen den Stahltrust, sondern gegen alle Truste vorgehen, dann wollen wir ein für alle Mal die niederschlagen, die den Versorgern ihre Selbständigkeit und Freiheit rauben.« Er richtete sich höher auf und atmete tief. »Sehen Sie, das habe ich vor.« Als er es aber sagte, war es ihm, als ob die tiefe Aufrichtigkeit in ihrem Blick, ihn Aug in Aug einer Frage in seinem Innern gegenüber stellte: verhält es sich auch wirklich so? Und wenn es so ist, wird es dann zum Guten ausfallen? Der Eindruck war so stark und lebendig, daß er wie ein Ruck durch sein Gehirn ging, der ihm alles Blut in die Schläfen jagte und die Dinge in einem neuen Licht zeigte. »Das meinte ich jedenfalls vorzuhaben,« verbesserte er sich und fügte unwillkürlich hinzu: »Doch fürchte ich, daß die Aufgabe geringer ist, als ich geglaubt hatte.« »Warum?« fragte sie, von dem ergriffen, was in ihm vorging, ohne daß sie ahnte, was es war. »Ich liebe die Menschen ja nicht,« sagte er mit einem Lächeln, das so tief von innen heraus kam, daß es ihr ins Herz schnitt. Kurz darauf fuhr er fort: »Wenn ich die Menschen liebte, würde ich dann die Arbeiter leiden lassen, nur um selbst zu siegen?« Sie überlegte. »Ist es nicht auch zum Vorteil der Arbeiter?« fragte sie. Jetzt versucht sie mich zu verteidigen, dachte er. Der Frager in seinem Innern aber ließ ihm keine Ruhe. »Wer nur seine Arbeitskraft zu verkaufen hat, wird niemals selbständig. Sein Lohn reicht nur für seine leiblichen Bedürfnisse aus. Das einzige, was er erreichen kann, sind bessere Lebensbedingungen.« Sie ergriff diesen Gedanken mit Freuden. »Sie haben doch eine Bibliothek eingerichtet,« beeilte sie sich zu sagen, »und einen Sportplatz und ein Krankenhaus.« Ihre Freude machte auch ihn froh; der Frager in ihm aber wollte sie nicht gelten lassen. »Das ist nur ein Manöver gegen den Trust, der für seine Arbeiter gar nichts tut, nur ein Glied in meiner Rache.« »Rache?« fragte sie ängstlich. Und der Frager antwortete für ihn: »Sie glaubten, daß ich glücklich sein müsse, weil mein Reich so groß ist. Wenn ich es nicht bin, so liegt es daran, weil ich nicht weiß, ob die Sache für die ich wirke, an sich und für alle gut ist, oder ob sie nur meiner Rache dient, weil ich das Unrecht nicht vergessen kann, das man meinem Vater tat, und auch nicht vergessen will, wenn auch andere darunter leiden müssen.« Der Frager zögerte einen Augenblick, doch nur so lange, bis Ralph sich ihr Gespräch von gestern ins Gedächtnis zurückgerufen hatte. »Vielleicht aber kann man überhaupt nicht glücklich werden, wenn man die Menschen nicht liebt.« Oanda hatte sich vorgebeugt, ganz ergriffen von dem Geheimnis, das er ihr offenbarte, während sein Gemüt es ihm selbst erst im selben Augenblick enthüllte. Jetzt wollte sie alles wissen, sie wollte bis auf den Grund seines Herzens sehen und flüsterte: »Was haben Sie mit Eleanor vor?« »Mit Eleanor?« Er sah sie erstaunt an und war wieder ganz er selbst. »Die Hübsche und Strahlende,« sagte sie so leise, daß ihre Stimme bebte, »was haben Sie mit ihr vor?« Er wich ihrem Blick aus und sagte lächelnd: »Wenn Goodwill Sie jetzt hörte, würde er sagen: Mischen Sie sich nicht in etwas, was Sie nichts angeht.« »Sagen Sie das auch?« Die Angst in ihrem Blick, die Innigkeit in ihrer Stimme rührten ihn. »Nein,« sagte er, »ich sage es nicht.« Sie atmete erleichtert. »Wollen Sie sie glücklich machen?« fragte sie, »oder wollen Sie sie nur gebrauchen – wie Sie Ihre Arbeiter gebrauchen?« Er blickte erstaunt auf, er hatte das Gefühl, als ob er in einen Hinterhalt gelockt sei. Darauf erhob er sich und sagte gereizt: »Ich verstehe, wo Sie hinaus wollen! Sie sind klug, Prinzessin, aber es wird Ihnen nicht glücken!« »Was wird mir nicht glücken?« fragte sie erstaunt. »Ich setze den Weg fort, den ich begonnen habe!« Im selben Augenblick dachte er bei sich: Vielleicht ist sie wirklich hergekommen, um den Versuch zu machen, mir mein Vermögen zu entreißen. Und er fuhr fort: »Ich bediene mich der Mittel, die mir das Schicksal bietet. Ich gebe nicht her, was ich einmal bekommen habe, ob es zu Recht oder zu Unrecht geschah. Vergessen Sie nicht, Prinzessin, daß ich rücksichtslos bin und alles niedertrete, was mir in den Weg kommt.« Sie verstand nicht, worauf er anspielte. Dann sagte sie ernst: »Vielleicht liegt ihr auch gar nicht so viel daran.« »Wem?« »Eleanor.« »Woran liegt ihr nichts?« »Daß Sie sie glücklich machen.« »Hab' ich das gesagt?« Er sah sie unsicher an. Sie meinte bestimmt, es aus seinen Worten herausgehört zu haben; darum setzte sie ihren Gedankengang fort: »Uebrigens glaube ich auch nicht, daß Herr Schultz Sie glücklich machen kann.« »Wer hat Ihnen erzählt –?« fragte er verdutzt. »Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Prinzessin.« Sie lächelte. »Ich habe Augen für zwei. Denn ich habe ja auch Augen für Mutter gehabt, solange ich zurückdenken kann.« Sie strich sich das Haar von der Stirn und lehnte sich zurück. »Ich bin müde,« sagte sie mutlos, »ich habe gestern und heute so viel gesehen, wie in meinem ganzen Leben nicht. Und es drückt hier drinnen.« Sie preßte ihre Hände gegen die Schläfen, während sie ihn mit einem müden Lächeln ansah und die Lider über ihre Augen senkte, die nicht mehr dunkel und leuchtend waren, sondern nur sanft und blau. »Es arbeitet und arbeitet hier drinnen.« »Arme Prinzessin,« sagte er und setzte sich wieder. »Was wollen Sie in dieser verworrenen, verdüsterten Welt?« »Ja, verdüstert,« sagte sie hitzig und war von neuem angeregt. Sie beugte sich ihm zu. »Wissen Sie, was mich am meisten wundert? Darüber habe ich den ganzen Vormittag nachdenken müssen.« »Nun, Prinzessin?« »Daß die arme kranke Nelly, die wir allesamt bedauern, die einzige ist in eurer Welt, die glückliche Augen hat. Wenn sie ihr kleines, welkes Kind an ihre magere Brust drückt und ihm zulächelt, dann hat sie glückliche Augen, wie die Frauen auf meiner Insel, wenn sie mit ihren Kindern spielen.« Er faßte ihre Hand und sagte mit einem tiefernsten Blick: »Sie wollten mich ja die Kunst, glücklich zu sein, lehren.« Sie sah ihn an und lächelte, halb nachsichtig, wie eine Mutter ihrem Knaben zulächelt, wenn er ihr mit bekümmerten Augen eine Schwierigkeit anvertraut, deren Lösung doch so nahe liegt. »Sie können nur das Licht in Ihrem eigenen Herzen nicht sehen.« »Und wenn ich es sehen könnte, was dann?« »Dann würden Sie ihm folgen.« Er ließ ihre Hand fallen und richtete sich auf. »Was würde ich dann tun?« »Dann würden Sie die elenden, stinkenden Häuser niederreißen. Sie würden Ihren herrlichen Garten und Ihre grünen Wiesen allen öffnen, zu allererst würden Sie zu Pat gehen und sagen: Ich habe mich geirrt, komm wieder zu mir, du und die anderen. Ich habe mich entschlossen, daß ich mit euch zusammen arbeiten und nicht nur zwischen den großen Häusern hin und her gehen will. Ihr sollt nicht unter meinem Kampf mit dem Trust leiden, der vielleicht nur eine Rache ist.« Das alles sagte sie ganz ruhig und geradezu, und dennoch fühlte er es wie einen Schlag, ja, als ob er aus einem Hinterhalt in seinem eigenen Innern gegen ihn geführt worden sei. Er erhob sich, knöpfte seinen Rock zu und sagte kalt: »Ich muß jetzt gehen, leben Sie wohl!« Er neigte den Kopf, drehte sich um und ging zur Tür. Sie erhob sich und blickte ihm überrumpelt und betrübt nach. Sie wollte ihn zurückhalten, wußte aber nicht, was sie sagen sollte. Als er schon bei der Tür war, ging sie ihm nach und sagte, nur um seine Stimme noch einmal zu hören und seine Augen noch einmal zu sehen: »Wollten Sie nicht mit dem Advokaten sprechen?« »Das hat Zeit,« sagte er, machte eine Verbeugung und wandte sich zur Tür, ohne sie anzusehen. »Ralph Cunning,« sagte sie schnell, »Sie sind mir doch nicht böse?« Sie streckte ihm die Hand hin. Er drehte sich zögernd zu ihr um und sah, daß sie Tränen in den Augen hätte; gegen seinen Willen wurde er bewegt. »Nein,« sagte er, und nach kurzem Bedenken fügte er hinzu: »Bei Ihrer Ausnahmestellung kann man Sie für Ihre Worte nicht verantwortlich machen. Leben Sie wohl.« Er nahm ihre Hand. Und gleich darauf war er gegangen. Der Tag der Enthüllung I. Es war ein schöner Tag, still und warm. Die Platanen standen mit ihren Kronen von Gold da, als ob sie der Stille lauschten; hin und wieder löste sich eines der großen, gezackten Blätter mit einem leisen Seufzer und schwirrte träumend zur Erde, woher es gekommen war. Aus den großen Schornsteinen wirbelte kein Rauch in die Höhe, kein dumpfes Stöhnen klang aus der Fabrik; festlich geschmückt mit Fahnen und Ehrenpforten lag sie in der Sonne, mit zurückgehaltenem Atem wie eine Braut, die ihren Bräutigam erwartet, während ferne Hammerschläge die letzten Nägel in das festliche Werk schlugen. Die hochstämmigen Rosen um den runden Platz vor dem Hause hingen mit den Köpfen, vom Herbst überwältigt, von einer Fülle niedergedrückt, die sie nicht mehr tragen konnten. Zwischen den Statuen vor der Buchsbaumhecke waren Guirlanden von Lorbeer und Rosen gezogen; über dem Eingang zum Wintergarten prangte eine ungeheure Blumenkrone, von der eine Fülle von Rosen zu beiden Seiten der Tür in goldenen Ketten herabhingen. als ob Blumenarme sich den Eintretenden öffneten. Hinter Ralphs Statue mit der unschönen grauen Verhüllung war vor dem Gebüsch eine Wand errichtet, die mit einer einzigen, mächtigen, amerikanischen Flagge bekleidet war; und darüber erhob sich ein Portal von dunklem, schwerem Lorbeer, das durch ein großes verschlungenes Blumenmonogramm, R. C., H. J., Ralph Cunnings und des Präsidenten Henry Jacksons Anfangsbuchstaben, gekrönt war. Links vor der Statue stand eine Rednertribüne, mit Tuja bedeckt und von gelben Rosen bekränzt. In den Gebüschen, zwischen den Bäumen und der Buchsbaumhecke, hingen unzählige kleine, farbige elektrische Lampen, die bei Dunkelheit angezündet werden sollten. Als Eleanor nach dem Frühstück aus dem Wintergarten kam, begann drüben bei der Fabrik ein Orchester Yankee-doodle zu spielen. Sie blieb erstaunt stehen und wandte sich fragend zu Ralph um. »Das Arbeiterorchester hält Generalprobe,« sagte er mit einem beruhigenden Lächeln und ging zur Buchsbaumhecke, um eine Guirlande aufzuhängen, die heruntergefallen war. »Lorbeer und Blumen – Blumen und Lorbeer,« sagte Fielding, der zuletzt kam; er blieb stehen und blickte sich mit anerkennendem und bewunderndem Kopfnicken um. Darauf blickte er zum Himmel hinauf und fügte zu Eleanor: »Man sollte nicht glauben, daß wir bereits im Oktober sind.« Eleanor hörte ihn nicht. Sie war Ralph gefolgt, reckte sich in der Sonne, legte die Hände siegesfroh auf seine Schultern und sagte, von Lächeln und Erwarten erglühend: »Wie schön, Sie auf dem Gipfel zu sehen!« »Ich bin ja erst beim Start,« sagte Ralph und beschäftigte sich mit der Guirlande. Der Diener kam mit einem Servierbrett heraus, ordnete den Kaffee auf dem Tisch beim Wintergarten, schob die Stühle zurecht und meldete, daß der Kaffee serviert sei. Als Eleanor und Ralph zusammen zum Tisch gingen, fragte sie wie zufällig: »Was ist eigentlich aus der Prinzessin geworden?« Ralph zuckte die Achseln, ohne zu antworten. Fielding aber drehte sich interessiert zu ihnen um. »Haben Sie noch nicht gehört?« sagte er, »Senator Smith erzählte mir neulich, daß er sie in Frau Tillnys Salon getroffen habe. Sie erweckte allgemeine Begeisterung. Der alte Pastor Brown schwärmte von der Insel der Glückseligkeit, von der er sicher noch nie gehört hat. Und Doktor Janßen prophezeite eine große Kulturerneuerung aus Westen, er wollte einen Artikel über ›Van-Zantenismus‹ für sein Magazin schreiben.« »Und was sagte Smith selbst?« fragte Ralph. »Er weissagte ihr eine große Zukunft.« »Als was?« fragte Eleanor mit einem spöttischen Lächeln. »Als Schriftstellerin, Sie schreibt an einem Werk für den Präsidenten, das hatte Frau Tillny ihm anvertraut.« Eleanor schüttelte den Kopf und blickte von Ralph zu Fielding. »Was meinen Sie, Fielding? – Ist sie verrückt?« »Keineswegs,« entschied er, »sie ist nur aus einer anderen Welt.« Ralph erhob sich und ging zur Platanenallee. »Wohin gehen Sie,« fragte Eleanor. »Ich muß mich umsehen, ob alles in Ordnung ist.« Als Ralph in der Allee verschwunden war, beugte Eleanor sich zu Fielding und blickte ihm fest in die Augen. »Sagen Sie mal, Fielding, was ist los?« »In welcher Beziehung?« »Es ist etwas mit den Arbeitern im Wege.« »Fragen Sie doch Cunning.« »Er wollte nicht mit der Sprache heraus; aber es gährt etwas.« »Warum glauben Sie das?« »Ich habe doch Augen zum sehen. – Und das ist auch der Grund, weshalb Sie so häufig herkommen.« »Ich?« Fielding blickte mit unschuldiger Miene auf. »Ja, Sie!« nickte Eleanor; sie hatte ihn mit ihren dunklen Augen gefangen und ließ ihn nicht los, bevor er gestanden hatte. »Sie machen gemeinsame Sache mit Ralph – und dem Präsidenten.« »Ausgezeichnet.« Fielding konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, »und was weiter?« »Sie stehen ihm mit Rat und Tat zur Seite und halten ihn auf dem Laufenden.« »Den Präsidenten?« fragte er harmlos. »Nein, Ralph. Leugnen Sie?« »Ich bekenne!« – Er ergab sich mit einem Lächeln. »Sagen Sie mir also, was macht den starken Mann so nervös? Warum freut er sich nicht – warum strahlt er nicht, an diesem dreifachen Festtag?« Auf dem Kies erklangen Schritte. Ralph kam zurück, von dem Werkführer gefolgt. Hinter ihnen, zwischen den Bäumen der Allee zögerten einige Arbeiter; es waren Pat und Tonny und drei andere, alle im Sonntagsstaat. Eleanor und Fielding sahen gleichzeitig auf; und Fielding sagte, indem er sich erhob: »Vielleicht werden Sie es jetzt erfahren.« Darauf schlenderte er wie aufs Geratewohl auf Ralph und Braddon zu. »Was wollen die Leute?« fragte Ralph halblaut. »Sie wollen einen Vergleich anbieten,« antwortete der Werkführer. »Dazu haben sie eine merkwürdige Zeit gewählt.« Ralph drehte den Kopf zu der Gruppe um. »Das Fest!« bemerkte der Werkführer bedeutungsvoll. »Ich würde sie an Ihrer Stelle anhören,« bemerkte Fielding halblaut. Ralph wandte sich den Arbeitern zu. »Kommen Sie näher,« sagte er kurz. Die Gruppe setzte sich entschlossen in Bewegung, mit Tonny an der Spitze; man sah den Männern gleich an, daß sie nicht als Bittsteller kamen. »Was wünschen Sie?« Ralph hob den Kopf und sah Tonny gerade in die Augen. Tonny sah ihn düster an mit seinen schwarzen, blitzenden Augen. »Wir kommen im Auftrag unserer Kameraden,« sagte er, »um Ihnen an Ihrem Festtag einen Vergleich anzubieten, Herr Cunning.« »Ich höre.« Ralph stand unbeweglich mit gespreizten Beinen, abwartend, während Tonny von Kopf bis Fuß bebte, die anderen hinter ihm atmeten schwer und traten von einem Fuß auf den andern, von seiner Unruhe elektrisiert. »Wie Sie wissen, Herr Cunning,« begann er, »habe ich nach meiner Entlassung aus der Fabrik für eine Vereinigung der Dagos, die bei Ihnen arbeiten, gewirkt.« Ralph nickte. »Ich weiß, daß Sie meine Arbeiter aufgewiegelt haben.« »Ja, wir entlassenen Arbeiter,« Tonny beugte sich gereizt vor. »Sie haben durch einen Anschlag auf dem Arbeitsplatz den Arbeitern verboten, unserem Verein beizutreten.« »Da die Statuten Ihres Vereins nicht mit der Arbeitsordnung in meiner Fabrik vereinbar sind, habe ich den Arbeitern klargemacht, daß sie zu wählen haben, das stimmt.« »Fünf Arbeiter,« fuhr Tonny hitzig fort, »die sich laut den Gesetzen des Vereins vorige Woche weigerten, den Krankenkassenbeitrag zu bezahlen, sind von dem Werkführer entlassen worden.« »Ja,« antwortete Ralph ruhig, »sie hatten ihre Wahl getroffen und mußten die Folgen tragen.« Tonny trat ihm herausfordernd einen Schritt näher, Ralph aber rührte sich nicht. »Jetzt kommen wir Arbeiter zu Ihnen, Herr Cunning, um Ihnen an Ihrem Festtag ein Vergleichsangebot zu machen. Wollen Sie uns anhören?« »Ich habe ja schon einmal gesagt, daß ich höre.« »Es ist unser erstes und letztes Angebot,« sagte Tonny durch Ralphs Ueberlegenheit gereizt, während er in seiner Brusttasche suchte, »verhandelt wird nicht. Unser Angebot muß verworfen oder angenommen werden.« »Gut!« sagte Ralph, ohne eine Miene zu verändern. Tonny hatte das Papier gefunden, entfaltete es und las: »Wenn die Fabrik die verabschiedeten Arbeiter wieder annehmen und von Entlassungen wegen der neuen Maschinen Abstand nehmen, ferner die fünf Leute, die vorige Woche verabschiedet wurden, weil sie sich weigerten, den Krankenkassenbeitrag zu bezahlen, wieder anstellen, wenn die Fabrikleitung ferner das freie Vereinsrecht der Dagos unter denselben Bedingungen, die für eingeborene Arbeiter gelten, anerkennen will, dann wird der von uns gegründete Verein seinerseits das Verbot gegen den Beitrag zur Krankenkasse aufheben, insofern, als es freier Entschluß der Mitglieder sein soll, ob sie bezahlen wollen oder nicht. – Das ist unser Angebot.« »Und wenn ich es ablehne,« fragte Ralph ruhig, »was dann?« »Darüber wünschen wir uns nicht zu äußern.« Tonny versuchte Ralphs überlegenen, höflichen Ton nachzuahmen, »wir möchten Ihnen nur mitteilen, daß wir uns den Beistand der Gewerkschaften zum Kampf für unser Recht gesichert haben.« Ralph wandte sich zum Werkführer um, der zurückgetreten war, als Tonny begann. »Verhält es sich so, Braddon?« Braddon trat neben Tonny und antwortete: »Die Gewerkschaften haben den neuen Verein anerkannt. Das ist alles.« »Wieviel Mitglieder hat Ihr Verein?« fragte Ralph und wandte sich wieder an Tonny. Der Arbeiter warf den Kopf in den Nacken und antwortete großspurig: »Darüber wünschen wir nichts näheres mitzuteilen.« »Wieviele sind es, Braddon?« Der Werkführer zog ein Papier aus seiner Brusttasche. »Hier sind alle Namen und Adressen verzeichnet. Es sind alles in allem elfhundert und sechszehn.« Tonny drehte sich verdutzt um; die anderen wurden unruhig, und Pat versuchte hinter Braddons Rücken einen Blick in die Liste zu werfen. Tonny warf sich in die Brust und fragte in herausforderndem Ton: »Wo haben Sie diese Liste her?« »Das geht Sie nichts an!« antwortete Braddon ruhig, ohne einen Blick von Ralph zu verwenden. Tonny fuhr ihn an: »Die Liste ist gestohlen!« Braddon beachtete ihn nicht; für ihn war außer dem Chef niemand zugegen. »Ich habe Befehl gegeben,« berichtete er geschäftsmäßig, »mit allen, die auf diesem Papier stehen und sich weigern, das Krankenkassengeld zu bezahlen, abzurechnen.« »Gut!« Ralph nickte Beifall. Tonny faltete sein Papier zusammen, steckte es demonstrativ ein und schlug sich auf die Tasche. »Also abgelehnt!« sagte er mit Nachdruck und nickte seinen Genossen zu, die ebenfalls düster nickten. »Sie kennen unsere Arbeitsordnung,« sagte Ralph mit unveränderter Ruhe, »daran wird nichts geändert.« »Ist das Ihr letztes Wort?« fragte Tonny ordnungshalber, bevor sie gingen. »Ja.« »Dann können Sie Ihre Fabrik schließen!« sagte er, indem er seinen Trumpf ausspielte, »denn von morgen an werden sämtliche Dagos die Arbeit niederlegen.« Ralph wandte sich zum Werkführer und fragte: »Haben Sie Ihre Verhaltungsmaßregeln getroffen, Braddon?« »Ja. Harrison hat zwölfhundert Arbeiter bereit, die innerhalb eines halben Tages hier sein und die Arbeit aufnehmen können.« Tonny zuckte zusammen. Seine Augen blitzten, es sah aus, als ob er sich auf Braddon stürzen wollte. Im selben Augenblick trat Ralph einen Schritt näher heran, und Tonny begegnete einem grauen Blick mit kleinen Pupillen, kalt und scharf wie ein Messer – und er wich zurück. »Dann haben wir uns wohl nichts mehr zu sagen?« Er unterdrückte seine Erregung. »Nein.« Einer der Arbeiter wandte sich halb fragend, halb drohend an Braddon und sagte: »Dann können wir unsere Sachen wohl gleich holen?« »Ja,« sagte Ralph, »noch heute, während die Fabrik stillsteht, denn in der Arbeitszeit werden nur die eingelassen, die arbeiten wollen.« »Kommt, Kameraden!« Tonny breitete seine Arme um sie, wie zum Schutz. Ohne zu grüßen, machten sie kehrt und gingen in einem Haufen über die Terasse. Als sie die Platanenallee erreicht hatten, drehte Tonny sich um, nahm den Hut tief ab und rief zurück: »Meinen besten Glückwunsch zum Festtag, Herr Cunning.« »Vielen Dank!« rief Ralph zurück, er stand noch auf demselben Fleck. »Hoffentlich werden Sie nicht bereuen, daß Sie unser Angebot abgelehnt haben.« »Hoffentlich!« gab Ralph zurück und behielt den Klang von Tonnys Worten in seinem Ohr; Drohung und Triumph hatten gleichzeitig herausgeklungen. Fielding, der der Szene beigewohnt hatte, entfernte sich, während Ralph mit Braddon beriet; er ging durch den Wintergarten, ohne auf Eleanor zu achten, die noch am Kaffeetisch saß und aufsah, um ihn zu fragen, als er vorbeiging. »Sonst alles in Ordnung?« fragte Ralph Braddon. »Jawohl, Herr Cunning!« antwortete Braddon, »unter den Kesseln ist geheizt, die Vorführung kann innerhalb fünf Minuten beginnen.« »Schön! – Von heute ab sind Sie Inspektor und bekommen das doppelte Gehalt.« »Vielen Dank, Herr Cunning, ich werde mein Bestes' tun.« »Es ist gut, Braddon.« Er nickte freundlich, zum Zeichen, daß Braddon sich entfernen könne, als ihm noch etwas einfiel. »Sorgen Sie dafür, daß der Präsident im Gedränge nicht belästigt wird.« »Ein Polizeikordon wird vor der Einfahrt Aufstellung nehmen.« »Es ist gut!« Braddon grüßte und ging durch die Allee. Ralph trat zu Eleanor. »Wo ist Fielding geblieben?« fragte er erstaunt. »Er ist ins Haus gegangen,« sagte sie und erhob sich. Als er neben ihr stand, legte sie die Hände auf seine Schultern, sah ihm liebevoll in die Augen und sagte: »Lieber Freund, warum haben Sie es vor mir verborgen?« Ralphs Augen wurden unruhig. »Was?« »Das mit den Arbeitern.« »Ach so, das!« sagte er mit nachlässigem Ton und blickte über den Park. »Gibt es denn sonst noch etwas?« Er starrte ins Weite, ohne zu antworten. »Sehen Sie doch, wie alles um Sie herum strahlt! – Nur Sie sind voller Wolken.« Er nahm sich zusammen, hob ihre Hände von seinen Schultern und hielt sie von sich ab. »Bedenken Sie, welche Verantwortung ich trage!« sagte er und versuchte ihr zu erklären, um was es sich handelte, »der Präsident will mir und meiner Fabrik eine Ehre erweisen, und wenn die Vorführung mißlingt, fällt das Ganze in sich zusammen, die Rede wird lächerlich und meine Feinde, von denen ich viele habe, werden jubeln.« »Sie meinen die Arbeiter?« »Sie – und die andern!« sagte er düster und blickte wieder fort. Sie schwieg, während sie über den Ausdruck um seinen Mund nachdachte; in der letzten Zeit hatte er etwas Gequältes, ja, fast Verzweifeltes gehabt; sobald er die Augen anderer auf sich fühlte, verschwand es sofort, Eleanor aber hatte es doch bemerkt. Sie löste ihre Hände aus den seinen und fragte: »Warum haben Sie dem großen Publikum den Zugang gestattet?« »Sie dürfen die Enthüllung nicht vergessen,« er blickte zur Statue hin, »der dort drüben, mein großer Namensvetter, dem ich alles verdanke, ist ja ein Kind dieser Stadt, das Eigentum der Bürger, das ich geliehen habe.« Eleanor sah ihn fest an. Ralph verstand sofort, was sie meinte und wich ihrem Blick aus. »Kommt sie?« »Sie ist nicht eingeladen,« antwortete er und bemerkte wieder eine Guirlande, die sich von ihrem Platz gelöst hatte. II. Aus dem Wintergarten ertönten Stimmen. Kurz darauf traten Advokat Tillny und seine Frau und Goodwill mit Fielding auf die Terasse. »Die ersten Gäste,« rief Fielding Ralph zu, der bei der Buchsbaumhecke stand. Ralph ließ die Guirlande im Stich und ging ihnen entgegen. »Guten Tag, guten Tag!« Frau Tillny bemächtigte sich wie gewöhnlich des Wortes. »Entschuldigen Sie,« sagte sie und reichte ihm die Hand, »wenn wir zu zeitig kommen. Wir trafen Goodwill auf dem Bahnhof in Stanford und er winkte uns zu einem Zug, der früher abfuhr.« »Der Pastor trägt die Verantwortung,« schob Tillny lächelnd ein. »Ich übernehme sie,« Goodwill strahlte vor Feststimmung. Er nahm Ralphs Hände in seine beiden und sagte: »Mein lieber Ralph Cunning! Als einer Ihrer ältesten Freunde, als Ihr alter Lehrer, wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück zu dem heutigen großen Tage. Ich danke Ihnen für alles Gute, möge Gottes Segen mit Ihnen sein, jetzt und alle Zeit!« »Danke, Goodwill, danke!« Frau Tillny, die inzwischen Eleanor begrüßt hatte, wandte sich wieder an Ralph, richtete sich höher auf, schob die Brust vor, wie sie zu tun pflegte, wenn sie auf der Rednertribüne stand und sagte: »Und dürfen nun auch John und ich Ihnen von Herzen Glück wünschen! – Nur dreißig Jahre alt und bereits so weit auf dem Weg des Ruhmes! – Eine große Frau hat einst gesagt –« »Entschuldige, liebe Adelaide,« unterbrach der Advokat sie mit sanfter Stimme und wandte sich an Ralph, »darf auch ich Ihnen meinen tiefgefühlten Glückwunsch in Anbetracht des heutigen Tages aussprechen.« »Danke,« sagte Ralph zurückhaltend. »Wir haben Blumen mitgebracht,« begann Frau Tillny von neuem, »das Beste, was unser Haus vermag. Gott, John, du hast sie doch nicht im Zug vergessen?« »Der Diener hat sie mir im Wintergarten abgenommen,« beruhigte ihr Mann sie. »Im Verhältnis zu dem, was Ihr eigener Gärtner hervorzaubert,« sie deutete mit einer schwungvollen Armbewegung auf den Blumengarten, »ist es ja ungefähr, als ob man Eulen nach Athen bringt.« »Sehr gut,« applaudierte Goodwill. »Aber Sie werden sicher die gute Absicht für die Tat nehmen,« fuhr Frau Tillny fort, froh, sich reden zu hören, »nicht wahr?« »Gewiß, gewiß,« beeilte Ralph sich zu versichern, »ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.« »Man sieht Ihnen an, gnädige Frau,« sagte Fielding, »daß Sie bei sich denken, wenn Sie nicht das Glück hätten Frau Tillny zu sein, würden Sie sich wünschen, daß Sie Ralph Cunning wären.« »Wenn John mich nicht, wie gewöhnlich, unterbrochen hätte –« sagte sie gereizt, »Liebe Adelaide,« sagte Tillny mit unverwüstlicher Sanftheit, »ich fand, es war schade, daß nicht die versammelten Gäste hören sollten, was die große Frau sagt.« »Ausgezeichnet!« Fielding unterdrückte energisch ein Lächeln, »wir haben es also noch zugute.« Darauf wandte er sich an Tillny: »Nun, Herr Advokat, wo haben Sie Ihren Schützling gelassen?« »Wen meinen Sie?« Tillny blickte mit unschuldiger Miene auf. »Die Prinzessin. Wir haben eben von ihr gesprochen. Wohnt sie nicht bei Ihnen?« »Nicht mehr.« Tillny zog bedauernd die Achseln hoch und zog seine Backenfalten stramm; »sie befand sich nicht wohl bei uns.« »Nicht wohl bei Ihnen, gnädige Frau?« »Unser Haus war ihr zu reich,« warf Frau Tillny hin. »Ja, stellen Sie sich vor –« Goodwill sah mit seinen runden Augen von einem zum andern und schüttelte den Kopf, »das hat sie wirklich gesagt.« »Und dann ist sie zu der Armut hinausgezogen,« fügte der Advokat ernst hinzu. Goodwill bestätigte mit tiefer Bekümmernis, ja, fast schmerzvoll: »Ja, zum Elend – sowohl dem geistigen, wie dem körperlichen!« »Sie ist zu einem armen Arbeiter gezogen,« sagte Frau Tillny, mit offenbarem Unwillen, »den man den schwarzen Pat nennt, und zu dessen kranker Frau.« »Nelly und das skrofulöse Kind,« bemerkte Fielding trocken und wandte sich an Tillny: »Und was ist aus dem Besuch beim Präsidenten geworden?« »Den schulde ich ihr noch.« »Und Tsing-Kais Begnadigung?« »Ist besorgt. Nachdem ich mich mit den zuständigen Behörden in ihrem Namen in Verbindung gesetzt habe, ist das Begnadigungsgesuch eingereicht worden.« »Tausend Dank, Herr Advokat!« Goodwill drückte ihm feierlichst die Hand, »es hat schwer auf meinem Gewissen gelastet, denn ich hatte ihr ja das Versprechen gegeben. Erinnern Sie sich noch, Fielding?« »Und ob ich mich dessen erinnere!« »Deshalb ist sie ja nach Amerika gekommen.« »Ja, und weil Sie ihr unsere schöne, zivilisierte Welt zeigen wollten. – Sie hat bei Pat und Nelly einen hübschen Eindruck davon bekommen.« »Entsetzlich!« klagte Goodwill. »Dieser Heidenmensch, dieser schwarze Pat, wie man ihn nennt, hat mir geradezu die Tür gewiesen.« »Und Sie haben der Mutter gegenüber die Verantwortung übernommen.« »Gott ist mein Zeuge, daß ich mein Möglichstes getan habe. Ich schrieb ihr, daß ich sie wieder nach Hause bringen wollte – ich bin überzeugt, daß Cunning mir das Reisegeld leihen würde, denn ich selbst besitze ja nichts. Aber sie hat mir nicht geantwortet – Gott weiß, ob sie meine Briefe überhaupt bekommt. Ich wollte schon ihrer Mutter telegraphieren und jegliche Verantwortung ablehnen, aber es besteht ja keine telegraphische Verbindung.« »Und wenn Sie sie mit Gewalt entführten, das könnte mißverstanden werden. Dazu sind Sie noch zu jung.« Fielding setzte eine sehr ernste Miene auf. Goodwill errötete wie ein junges Mädchen und beeilte sich zu sagen: »Ich bitte Sie, als Geistlicher! Wenn ich Gewalt gebrauchte, würde ich mich um meine ganze Stellung bringen.« »Und sie um ihren guten Ruf.« »Ja, sie um ihren guten Ruf.« »Obgleich,« schob Fielding ein, »keiner kennt sie.« »Nein, sie kennt keiner,« ereiferte sich Goodwill, »aber mein Name ist zwischen gläubigen Menschen doch recht bekannt.« »Ich kann mir denken,« Fielding betrachtete ihn mitfühlend, »wie schwer es Ihnen fällt, zuzusehen wie die Sache ihren schiefen Gang geht.« »Ja, es ist zum verzweifeln,« Goodwill legte gerührt seine Hand auf Fieldings Arm, »so an Händen und Füßen gebunden zu sein!« Fielding nickte teilnahmsvoll. »Und das unschuldige Kind Gottes Hut anzuvertrauen.« »Ja, entsetzlich!« klagte Goodwill; im selben Augenblick merkte er, daß er eine Dummheit gesagt hatte und blickte unsicher in Fieldings unbewegliches Gesicht: »das heißt – ich meine –« »Gottes Hut allein anvertrauen,« kam Fielding ihm mit Herzlichkeit zu Hilfe. Eleanor wandte sich ab und lachte. »Sie lachen, gnädiges Fräulein?« Goodwill sah sie erschüttert an. Ralph klopfte ihm beruhigend den Rücken und sagte: »Seien Sie nur ruhig, sie wird schon für sich selbst sorgen!« Goodwill ergriff seine Hand. »Meinen Sie wirklich, Cunning?« fragte er und starrte mit seinen runden Augen vor sich hin. Fielding wandte sich an Tillny und sagte auf seine muntere Art: »Wie ich höre, sind Sie der Vertraute der Arbeiter geworden, Herr Advokat?« Tillny ließ sich Zeit, ein Stäubchen von seinem Rockaufschlag zu entfernen; darauf erklärte er bescheiden: »Als Verwalter des neuen Arbeiterviertels habe ich häufig mit den Arbeitern zu tun – insofern bin ich ihr Vertrauter.« Darauf wandte er sich an Goodwill, indem er gewandt ein anderes Thema anschlug. »Ich kann Sie übrigens über das zeitliche Wohl der Prinzessin beruhigen, Herr Pastor. Der schwarze Pat hat eine gute Stellung als Inspektor draußen in dem Arbeiterviertel bekommen. Er wohnt in seinem eigenen Hause, das sowohl geräumig wie sauber ist – von irgendwelchem Elend kann darum nicht die Rede sein. Sonst hätte ich auch nicht erlaubt, daß sie ihren Willen bekam, da sie mit den Verhältnissen in dieser Welt so wenig vertraut ist.« »Gott sei Dank!« Goodwill drückte ihm warm die Hand, »das ist eine große Beruhigung für mich, Herr Advokat.« Ralph hatte den Advokaten heimlich beobachtet; jetzt hielt er seinen Blick fest, sah ihm scharf und ernst in die Augen und sagte: »Die Arbeiter, die ich entlassen habe, haben alle Unterkunft in Ihrem neuen Arbeiterviertel erhalten, Herr Advokat.« »Das ist wohl möglich,« sagte Tillny gleichsam erstaunt. »Die Vermietung der Wohnungen geht nach ganz bestimmten Regeln vor sich, die von dem Vorstand angenommen worden sind. Sie werden begreifen, Herr Cunning, daß es nicht Sache des Vorsitzenden ist, sich für jeden einzelnen Fall zu interessieren.« Damit ließ Ralph sich nicht abfertigen. »Es heißt, daß die entlassenen Arbeiter in einer Deputation bei Ihnen gewesen sind.« Tillny zog seine Backenfalten straff und sagte feierlich: »Neulich waren allerdings einige Arbeiter in einer Angelegenheit bei mir, die verschiedene Sachen betraf. Als guter Demokrat ging ich darauf ein, ihnen zu helfen. Warum auch nicht?« »Vollkommen richtig,« schob Fielding ein, »besonders wenn es in Ihrem eigenen Interesse war.« Tillny drehte langsam den Kopf zu ihm um, blickte vor sich hin, als versuche er vergeblich, den Sinn dieser Worte zu ergründen und sagte: »Ich verstehe nicht, was Sie meinen?« »Ich meine, daß es in Ihrem geschäftlichen Interesse war, Herr Advokat,« sagte Fielding natürlich, »was sollte ich sonst meinen.« Aus dem Wintergarten ertönten jetzt laute Stimmen von neuen Gästen. Sie waren mit dem Zug gekommen, den Tillny und seine Frau in Stanford verlassen hatten. Frau Fennimore Schultz zeigte sich auf der Terrasse, von ihrem Sohn geleitet, und von einem vornehm livrierten Diener gefolgt, der einen Blumenkorb mit den seltensten Orchideen aus Frau Schultz' berühmtem Orchideenhaus auf den kleinen Gartentisch stellte. Nachdem die Begrüßung und die Beglückwünschung überstanden, die Blumengaben bewundert waren, nahm Edwin Schultz ein Paket, das sein Diener ihm reichte, »Meine Damen und Herren,« begann er mit seiner etwas knarrenden Stimme, »hier will ich Ihnen mal etwas zeigen!« Er packte einen Haufen noch feuchter Exemplare der Sensationszeitung »Evening News« aus. Er entfaltete ein Exemplar und hielt es der Gesellschaft hin; es war ein riesengroßes Porträt mit Ueberschrift. »Wissen Sie, wer das ist?« fragte er. Während die Gäste ihn neugierig umdrängten, begann er die Ueberschrift vorzulesen: »Einzig dastehender Besuch in den Staaten« – »Prinzessin Oanda von Van Zantens Insel.« – »Oanda bedeutet die Strahlende« – »Die größte Schönheit der Welt« – »Von der glücklichen Insel gekommen, um Not und Sorgen zu lindern« – »Lebt verborgen zwischen Zöllnern und Sündern« – »Unser Mitarbeiter auf der Spur« – »Wir bieten 18000 Dollar für die Armen der Prinzessin, wenn sie uns eine Audienz von einer halben Stunde gewährt, 10 Dollar die Sekunde« – »Das ist ein Rekord« – »Morgen weiteres über den Van-Zantenismus« – »Die Umkehr der Kultur – die Lebenserneuerung aus Westen.« Schultz hielt inne, um Luft zu schöpfen, während die Gäste durcheinander sprachen, sich um ihn scharten und die Hände nach Exemplaren ausstreckten, die er verteilte, bis er keine mehr hatte. »Als ich vom Bahnhof kam,« erklärte er, »hörte ich die Zeitungsjungen »Oanda« und »Van Zantens Insel« rufen, ich ließ den Chauffeur halten und den ganzen Haufen kaufen; ich wußte ja, daß es die Gesellschaft interessieren würde.« Während er sprach, ging sein Blick forschend von Eleanor zu Ralph, die beide schweigend lasen. »Wie ist es nur möglich,« sagte Goodwill und ließ seine Zeitung sinken, »daß nicht einmal ich, ihr Freund und Beschützer sie sprechen konnte.« »Dachte ichs mir doch,« rief Eleanor und warf die Zeitung unwillig fort. »Was?« sagte Ralph, der neben ihr stand und sah geistesabwesend auf. »Daß sie gebraucht werden würde.« »Von wem?« »Wenn Sie das nicht wissen!« sagte sie gereizt. »Wie amüsant!« Frau Schultz gab ihrem Sohn die Zeitung zurück, »weißt du noch, Edwin, das war die Kleine, die die schrecklichen Menschen damals bei Cunning mit zu Tisch bat.« »Ja,« sagte Schultz scherzend, »und die glaubte, daß ich mit dem einen Arbeiter nahe verwandt sei.« »Pfui, Edwin!« Frau Fennimore schlug nach ihm mit ihrer kleinen, fetten Hand; darauf wandte sie sich an Frau Tillny, die ihr am nächsten stand, und sagte: »Und sie war eine Prinzessin! So sah sie gar nicht aus, nicht?« »Nein, sie war schrecklich gekleidet. Wer aber kann diesen Artikel in die Zeitung gebracht haben?« Fielding drehte sich um, blickte sie scharf an und sagte so laut, daß es alle hören mußten: »Können Sie sich das nicht denken, gnädige Frau?« »Clark natürlich!« »Er, der die großen Sänger startet?« fragte Frau Fennimore. »David Clark in höchsteigener Person.« »Dann ist sie Millionen wert,« bemerkte Schultz trocken. »Ja, wenn sie noch nicht Prinzessin gewesen ist,« bekräftigte Tillny, »so wird sie es sicher jetzt.« Eleanor hatte auf den Ton in Fieldings Worten geachtet und den Advokaten und seine Frau genau im Auge behalten. Jetzt berührte sie Frau Tillnys Arm, um ihre Augen auf sich zu lenken. »Wie merkwürdig, daß Sie sich nicht denken konnten, daß sie in die Zeitung kommen würde.« »Wie konnte ich das wissen?« Frau Tillny blickte mit harmlosem Gesicht zu ihr auf. »Sie haben sie doch in Ihrem Salon vorgestellt, wo sie so viel Aufsehen erregte.« »Das ist allerdings wahr.« Frau Tillny legte nun ihrerseits die Hand auf Eleanors Arm und ließ ein liebenswürdiges, halb vertrauliches Lächeln von ihr zu Ralph gleiten. »Und wir bedauerten sehr, daß weder Sie noch Herr Cunning uns mit Ihrer Gegenwart beehrten.« »Und war es nicht bei derselben Gelegenheit,« – Fielding streifte Eleanor mit einem verständnisvollen Blick – »daß Doktor Janßen zugegen war und sich so sehr für die Prinzessin begeisterte, daß er vom Van-Zantenismus schreiben wollte?« »Freilich.« Frau Tillny suchte in ihrem Gedächtnis. »Und nun meinen Sie –?« Fielding hielt ihren Blick fest und sagte: »Dr. Janßen ist, wie jedermann weiß, David Clarks Vertrauensmann in literarischen Sachen.« »Ja, das ist wahr.« Frau Tillny drehte sich interessiert zu ihrem Mann um, »Hast du gehört, John?« »Ich höre!« Der Advokat nickte bestätigend. »Es schmeichelt mir, lieber Fielding,« sagte sie mit ihrem süßesten Lächeln, »daß Sie mit so großem Interesse verfolgen, was in unserem bescheidenen Kreis vorgeht. Das nächste Mal hoffe ich, Sie persönlich bei uns zu sehen.« »Ausgezeichnet, gnädige Frau!« Fielding strahlte. »Auch ich bedaure, daß ich nicht zugegen war, aber da ich nicht eingeladen war, bin ich wirklich entschuldigt.« »Hätte ich nur geahnt, daß Sie sich für unsere besondere Art der Geselligkeit interessierten!« Ein Schimmer von Röte war in Frau Tillnys gepuderte Wangen gestiegen. Fielding beugte den Kopf und sagte sehr höflich: »Ihre und Ihres Mannes besondere Art interessiert mich ganz außerordentlich.« »O, ich danke.« »Ich bitte.« III. Aus der Ferne ertönte eine Automobilhupe. Ralph horchte und ging zur Fuchsbaumhecke, um besser zu hören. Jetzt erklang sie wieder, näher als vorher, und kurz darauf mehrmals hintereinander. »Jetzt fährt er durch die Arbeiterstadt!« sagte Fielding, und trat neben Ralph. Das Gespräch stockte. Mehrere Herren waren Ralph und Fielding neugierig gefolgt, um besser zu sehen. »Von hier können Sie das Auto nicht sehen,« sagte Ralph etwas gereizt, »ich warte nur darauf, daß die Flagge hochgehen soll.« »Da ist sie!« sagte Fielding. Die mächtige Stars und Stripes ging auf dem Hauptgebäude der Fabrik in die Höhe. Es war die einzige Flaggenstange, die bisher leer gestanden hatte, und im nächsten Augenblick stimmte ein Blasorchester die Nationalhymne an. Ohne ein Wort zu sagen, begaben Ralph und Fielding sich zum Wintergarten. Als sie an dem Pfarrer vorbeigingen, der an der Tür stand, sah dieser fragend auf. Ralph nickte kurz, und Goodwill schloß sich ihnen strahlend an. Die Gesellschaft verstreute sich über die Terrasse. Einige reckten die Hälse, andere nestelten diskret an ihrer Toilette und legten ihr Gesicht in verbindliche Falten. Auch Eleanor hatte sich erhoben; ihre Augen fielen auf die Zeitung mit Oandas Porträt, und ohne es sich selbst klar zu machen, sammelte sie die Exemplare zusammen, die überall herumlagen, und legte sie im Wintergarten hinter einen großen der Pflanzenkübel, wo sie niemand sehen konnte. Gleich darauf ertönten taktfeste Hochrufe von der Einfahrt, wo die Arbeiter versammelt standen, um den Präsidenten zu empfangen. Eleanor konnte durch die offenstehenden Glastüren sehen, wie das große Automobil vor der Flügeltür hielt, wo Ralph zum Empfang stand, hinter ihm Fielding und Goodwill. Sie kehrte zur Terrasse zurück und sagte: »Er kommt!« Alles erhob sich erwartungsvoll. Jetzt hörte man aus dem Wintergarten eine laute, redegewandte Stimme mit kräftigem Metallklang, ein kurzes harmonisches Auflachen, und gleich darauf stand eine mittelgroße, elastische Gestalt mit breiten Schultern, einem hochgetragenen Kopf, einem Lächeln, das zwei solide Zahnreihen entblößte, und einem kalt musternden Blick in den blauen Augen, in der Tür. Es war Präsident Jackson. Der Präsident begrüßte Frau Fennimore wie einen guten, alten Bekannten, ihren Sohn etwas zurückhaltender, und darauf von der übrigen Gesellschaft, wen er persönlich kannte. Inzwischen strömten Arbeiter und Leute aus der Stadt vor der Buchsbaumhecke zusammen. Die Tribüne auf dem Lagerplatz wurde gestürmt. Alle möglichen Leute waren hergekommen, um der Enthüllung des berühmten Sohnes der Stadt beizuwohnen, doch waren die Arbeiter der Fabrik, mit ihren sonntäglich gekleideten Frauen und Kindern, in der Mehrzahl und hatten die vordersten und besten Plätze besetzt. Hopkins kam aus dem Wintergarten mit einem Haufen Pressevertretern und Photographen, die vom Bahnhof gekommen waren. Er führte sie längs der Buchsbaumhecke zu einigen kleinen Tischen, die ihnen rechts von Ralphs Statue reserviert waren. Nachdem der Präsident seine persönlichen Bekannten begrüßt hatte, nahm Ralph Eleanor bei der Hand und führte sie ihm zu. »Herr Präsident,« sagte er, »darf ich Ihnen Fräulein Eleanor d'Acosta aus Alabama vorstellen?« Der Präsident sah mit einem munter verständnisvollen Blick von ihr zu Ralph, drückte ihr herzlich die Hand und sagte: »Ich habe so viel Gutes von Ihnen gehört, gnädiges Fräulein, daß ich schon von vornherein Ihr Freund bin.« »Und ich der Ihre,« lachte Eleanor. »Wie geht es dem Minenkönig?« »Danke, meinem Vater geht es gut.« »Das freut mich. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war er auf der Ausstellung in St. Louis.« »Sie waren zusammen in der Jury,« nickte Eleanor, »Ganz recht! Ach ja, das ist jetzt schon manches Jahr her. Grüßen Sie ihn von mir, wenn Sie schreiben.« Der Advokat und seine Frau hatten sich genähert. Der Präsident bemerkte, daß sie vorgestellt zu werden wünschten, und sah Ralph auffordernd an, »Advokat Tillny und Frau!« sagte Ralph kurz und formell, »Frau Tillny ist Vorsitzende des Frauenstimmrechtsvereins hier in der Stadt.« Der Präsident gab ihr die Hand und sagte verbindlich: »Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, gnädige Frau. Ich habe Ihre Tätigkeit mit Interesse verfolgt.« Frau Adelaide errötete und sagte geehrt: »Vielen Dank, Herr Präsident! Ja, ich darf wohl sagen, daß hier in der Stadt für die große Wohlfahrtssache der Frauen ehrliche und bedeutende Arbeit geleistet wird, sowohl in Rede wie in Schrift.« »Gestatten Sie mir,« unterbrach Tillny sie sanft, »Ihnen meine große Bewunderung auszusprechen, die ich für den ersten Redner des Staates hege.« »Zu viel Ehre!« Der Präsident neigte den Kopf und fragte nach einem hastig forschenden Blick: »Selbst Politiker?« »Nicht aktiv, Herr Präsident.« Fielding, der herangetreten war, als Tillny vorgestellt wurde, sagte munter: »Politisch interessiert ist das richtige Wort, nicht wahr, Herr Advokat?« »Soweit mein Beruf es erlaubt und mit sich bringt,« antwortete Tillny mit einem zurückweisenden Lächeln. Ralph erwartete mit Ungeduld, daß er seinen Vormund unter vier Augen sprechen konnte. Der Präsident verstand ihn, zeigte auf die Springbrunnenanlage und sagte: »Das alles ist neu, seit ich das letzte Mal hier war.« Er ging auf den runden Platz zu, Ralph an seiner Seite, »Prachtvoll! Wenn ich an die alte Rinne denke, wo Ihr Vater und ich als Knaben spielten.« »Ja, das alles ist neu. Und die Statuen dort,« – Ralph drehte sich um und zeigte auf die Hecke – »die Apostel der Stahlindustrie mit Bessemer in der Mitte.« Der Präsident blickte dorthin. »Ich habe bereits in den Zeitungen darüber gelesen.« Er benutzte die Gelegenheit, um das Publikum zu mustern. »Die Leute sehen etwas mißmutig aus,« sagte er vertraulich, »wie ist die Stimmung?« Ralph antwortete nach kurzer Ueberlegung: »Es ist keine Empfehlung für Sie, daß Sie mein Freund sind.« »Warum nicht?« »Meine Dagos sind aufgehetzt worden. Sie haben einen Fachverein gebildet und wollen morgen die Arbeit niederlegen.« Der Präsident blickte hastig auf. »Das jetzt vor dem Fest?« Ralph nickte ernst. »Sie benutzten die Gelegenheit und stellten mir vor einer halben Stunde ihre Bedingungen.« »Sie wissen doch,« sagte der Präsident scharf, »daß die Fabrikstädte in diesem Staat für die Wahl entscheidend sein werden?« »Ja.« Der Präsident wandte seinen Blick von den vielen neugierigen Gesichtern ab und ging weiter, indem er über den Park sah, als ob von dem die Rede sei. »Sie schrieben,« sagte er schnell und geschäftsmäßig, »daß die Arbeiter politisch interesselos seien; hätten Sie nicht mit ihnen verhandeln können?« »Das war auch meine Absicht, aber jemand ist mir zuvorgekommen, um Sie durch mich zu treffen, oder umgekehrt, das weiß ich nicht. Jedenfalls konnte ich nichts anderes tun, als Gewalt gebrauchen.« »Gegen wen?« »Gegen einige entlassene Arbeiter.« »Und wer steht hinter ihnen?« »Ich glaube, daß Advokat Tillny einen Finger mit im Spiel hat.« »Im Interesse des Trusts?« »Ich habe die Spur bisher noch nicht finden können. Offenkundige politische Verbindungen hat er nicht, und die Frauenstimmrecht-Interessen seiner Frau fordern, daß er sich neutral verhält. Irgend etwas aber ist im Gange, und ich denke, daß wir es noch vor Abend erfahren werden.« Der Präsident runzelte die Brauen. »Es wird eine schwierige Festrede werden!« sagte er. »Ja,« sagte Ralph ernst, »Sie dürfen nicht zuviel über meine Verdienste sagen.« Sie waren um den Springbrunnen herumgegangen. Indem sie sich der Gesellschaft von der anderen Seite näherten, drückte das Gesicht des Präsidenten wieder eitel Wohlwollen aus. Weder Ralph noch der Präsident hatten bemerkt, daß mehrere Arbeiter sich durch die Platanenallee herangedrängt hatten. Niemand schien sie überhaupt bemerkt zu haben, außer Advokat Tillny, der jetzt auf sie zueilte. Nachdem er einige Worte mit ihnen gewechselt hatte, knöpfte er seinen Rock, hob die Schultern und ging mit festen, fast feierlichen Schritten auf den Präsidenten zu, der gerade überlegte, ob er irgendeinen aus der Gesellschaft, mit Rücksicht auf die Wahl, durch eine Anrede beehren sollte. Ralph blickte auf, und sofort war es ihm klar, daß etwas Ernstes im Anzuge sei. Er sah jetzt die Arbeiter, die bei der Rednertribüne stehen geblieben waren; es waren Pat und Tonny und noch einige, die früher nicht dabei gewesen waren. »Herr Präsident,« begann der Advokat, »der Vertrauensmann der Arbeiter hat mich gebeten, in einer Sache ihr Fürsprecher zu sein, die den Arbeitern sehr am Herzen liegt. Wollen Sie mich anhören, Herr Präsident?« Das Lächeln auf dem Gesicht des Präsidenten erstarrte. Er zögerte einen Augenblick und warf einen prüfenden Blick auf die Arbeiter, die die Augen auf ihn gerichtet hielten, ernst, fast drohend, wie ihm schien. »Eine öffentliche Angelegenheit?« fragte er. »Ja.« Darauf wandte er sich an Ralph und fragte höflich: »Wenn unser Wirt es gestattet?« Ralph versuchte seinen Unwillen zu verbergen; er sah Tillny fest in die Augen und sagte: »Das steht nicht auf dem Programm, Herr Advokat.« »Ich weiß es, Herr Cunning,« antwortete Tillny mit Würde. »Aber die Zeit des Präsidenten ist kostbar.« Er sah auf seine Uhr und fügte hinzu: »Das Fest soll um vier Uhr beginnen, und es fehlen noch zwanzig Minuten.« Ralph verglich die Zeit mit seiner Uhr und sagte nach kurzem Zögern: »Wenn der Präsident es wünscht?« »Gut!« Der Präsident machte eine zustimmende Handbewegung. »Nutzen wir die Zeit aus. Ich bin bereit, Sie zu hören.« Letzteres sagte er so laut, daß alle es hören konnten. Es war an die Wähler gerichtet, und die Wähler quittierten dadurch, daß sie zusammenrückten und die Hälse reckten, während die Vertrauensmänner an der Rednertribüne in gespannter Erwartung nähertraten, damit ihnen kein Wort entginge. Der Reisesekretär des Präsidenten, ein junger, magerer Mann mit einer goldenen Brille, hatte sich bescheiden im Hintergrund gehalten, abwartend, daß man ihn brauchte. Jetzt machte der Präsident ihm ein Zeichen, er eilte an seine Seite und zog Blockbuch und Tintenstift aus der Tasche, um zu stenographieren, was der Advokat sagen würde. Tillny sah es und sagte mit einem beruhigenden Lächeln zum Präsidenten und zum Sekretär: »Ich werde mich so kurz wie möglich fassen.« Die Journalisten, die leise zusammen gesprochen hatten, wandten sich jetzt ihren Tischen zu und hielten sich bereit. Der Advokat drehte sich halb um, damit auch das Publikum auf der anderen Seite der Hecke seine Rede hören konnte, und begann mit lauter, deutlicher Stimme, als ob er vor der Schranke stände: »Herr Präsident! In dem Kreise von ehrenwerten und tüchtigen Arbeitern, die Sie hier vor sich sehen, sowie auch zwischen den Millionen von Arbeitern in den Vereinigten Staaten, gibt es Menschen, denen der Segen des Familienlebens nicht vergönnt ist, weil die Grundlage fehlt. Ich meine, daß die Bedingungen, die die Gesetze an die Gültigkeit der Ehe stellen, nicht mehr der Zeit entsprechen. Mancher gesetzestreue Bürger sieht sich vor die Wahl gestellt, entweder auf das häusliche Glück zu verzichten, worauf doch der moderne Staat beruht, oder sich auf ein Zusammenleben einzulassen, das vom Gesetz nicht anerkannt wird, ein Zusammenleben, ohne gesetzmäßige Trauung und dadurch ohne Recht für die Kinder, ohne Recht auf Unterstützung in Not und Krankheit, Ich meine die Fälle, und davon gibt es tausende, wo die Frau von ihrem Mann verlassen worden ist und einem anderen nicht angetraut werden kann, weil es ihr nicht möglich ist zu beweisen, daß ihr angetrauter Mann nicht mehr am Leben ist. Tausende von Männern ziehen jährlich nach Westen, Norden und Süden, um als Minenarbeiter, Goldgräber bessere Lebensbedingungen zu suchen. Es ist ihre Absicht, ihrer Familie Geld zu schicken und sie später nachkommen zu lassen. Die Zeit vergeht, Geld und Briefe werden seltener und seltener, schließlich bleiben sie ganz aus. Und die Frau, die außerstande ist, selbst Nachforschungen anzustellen, geschweige denn ihren Mann aufzusuchen, versöhnt sich schließlich mit dem Gedanken, daß er wie ein Held auf dem Felde der Pioniere gefallen ist. Da lernt sie einen anderen kennen, sie möchte ihren Kindern einen Vater geben, doch kann sie nicht die nötigen Beweise schaffen, sie kann also nicht getraut werden. Und der Mann, der sie liebt, kann ihr nicht das Heim geben, das sie beide erstreben. Nicht, ohne daß sie die Gesetze umgehen – und das Gesetz wird umgangen. Herr Präsident! Die Arbeiter dieser Stadt haben beschlossen, für ihre Genossen im ganzen Lande zu handeln. Sie wollen Sie bitten, Herr Präsident, diesem Zustand abzuhelfen, sofern Sie durch die Wahl der hohen Stellung, die Sie jetzt so würdig ausfüllen, erhalten bleiben. Sie bitten Sie, einen Gesetzentwurf anzunehmen, wodurch ihr Recht, eine Familie zu stiften, ihr Menschenrecht auf ein ruhiges, häusliches Glück, gesichert wird. Ein Gesetz, das festlegt, daß jedes Zusammenleben mit ehelichem Charakter rechtlich als vollgültige Ehe anerkannt werden soll, sofern nachgewiesen werden kann, daß nur Gründe formaler Natur die Trauung unmöglich gemacht haben, mit anderen Worten, daß auch in diesem Fall höhere Gewalt entbindet, laut der alten römischen Rechtsregel, daß über sein Vermögen hinaus kein Mensch verpflichtet werden kann.« Der Advokat machte dem Präsidenten eine Verbeugung, als Zeichen, daß er fertig sei. Darauf wandte er sich zu den Arbeitern um. Eine tiefe Baßstimme rief von der Tribüne: »Gut gesprochen, alter Knabe!«, und der Beifall brach los, Tillny grüßte und nickte. Der Präsident sah ein, daß man ihn in eine schwierige Lage gebracht habe; doch bewahrte er sein Lächeln, hob die Hand, als Zeichen, daß er sprechen wolle, und sagte: »Herr Advokat, meine Mitbürger und Freunde! Sie alle werden begreifen, daß ich nicht stehenden Fußes zu dieser Frage Stellung nehmen kann –« Während er sprach, bewachten die scharfen Augen in seinem lächelnden Gesicht den Ausdruck der vielköpfigen Menge, die ihn anstarrte. Er fühlte, daß seine Worte tot zu Boden fielen und schlug gleich einen anderen Weg ein. »Sie wissen, meine Freunde,« sagte er eindringlich, »daß es nicht in der Macht des Präsidenten liegt –« Da rief ein Wähler mit tiefer Baßstimme: »Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?« »– etwas zu versprechen,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »dessen Erfüllung von der gesetzgebenden Versammlung abhängt ...« »Keine Ausflüchte!« erklang es vom anderen Ende der Tribüne, und die erste Stimme wiederholte: »Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?« Der Präsident suchte den Schreier, um ihn durch seinen Blick zu lähmen, der Mann aber hatte sich gleich nach seinen Worten geduckt. »Das aber kann ich Ihnen versichern,« rief der Präsident und schlug nachdrücklich mit seiner Hand aus, »daß ich mit denen fühle, denen durch die Verhältnisse das Familienglück versagt ist, nach dem wir alle streben, weil es das schönste ist, was das Leben zu bieten hat.« »Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?« ließ der Baß sich wieder hören. Der Präsident merkte jetzt, daß er einem planmäßigen Angriff ausgesetzt war und faßte sofort einen Entschluß. Er kehrte sich dem Publikum ganz zu und schleuderte mit verdoppelter Kraft heraus, als ob er auf einer Wahltribüne stehe: »Und das kann ich Ihnen versichern, daß ich so innig wie Sie wünsche, daß dieses Gesetz geändert wird.« Aus Rücksicht auf die Presse, die dasaß und jedes seiner Worte festnagelte, um sie am nächsten Morgen der gesamten Presse in den Vereinigten Staaten auszuliefern, versuchte er einen Vorbehalt einzuschmuggeln. Zuerst fügte er mit bewegter Stimme hinzu: »Wie jeder gerecht denkende Mensch empfinden muß.« Und darauf in einem gottergebenen Ton – er kannte ja die Unbarmherzigkeit des Lebens: »Soweit es in meiner Macht steht!« Sofort aber ertönte wieder der Baß: »Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?« Diesmal wurde der Ruf auch von anderen aufgenommen, bis die Worte dem Präsidenten wie Steinwürfe entgegenkam: »Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?« Es gab keinen Ausweg für ihn. Also gut: mit vollem Dampf voran, das Risiko laufen und sehen, was man dabei gewinnen konnte! Er machte einen Schritt vorwärts und rief mit Wärme in seiner klangvollen Stimme: »Also, Mitbürger und Freunde! Ich verspreche euch, daß ich den Antrag, den der Advokat in eurem Namen ausgesprochen hat, dem Hause vorlegen und meine beste Stütze angedeihen lassen will, falls ich als Präsident wiedergewählt werde! « »Hört! – Hört!« Der Beifall strömte ihm entgegen. Bevor er sich noch ganz gelegt hatte, wandte der Präsident sich an seinen Sekretär und sagte so laut, daß alle es hören konnten: »Herr Sekretär, wollen Sie dafür sorgen, daß an rechter Stelle und zur rechten Zeit für diese wichtige Sache getan wird, was getan werden kann!« Wieder brach der Beifall los! Jetzt aber wandte der Advokat sich ans Volk und rief mit Nachdruck: »Arbeiter, laßt uns alsdann für dieses Versprechen dem Präsidenten bezeugen, daß wir seine Wahl mit besten Wünschen begleiten, Präsident Henry Jackson lebe hoch!« »Hoch! – hoch! – hoch!« Es wurde mit Hüten und Mützen geschwenkt, und auf die mahnenden Blicke des Advokaten schloß sich auch die Gesellschaft auf der Terrasse der Huldigung an. Der Präsident nickte und lächelte: »Ich danke Ihnen, Herr Advokat,« sagte er, drückte ihm die Hand und rief zum Volke hinaus: »Dank – herzlichen Dank!« Der Präsident meinte, daß es das Beste sei, die günstige Stimmung gleich auszunutzen. Er schlug Ralph auf die Schulter und sagte: »Und jetzt zur Tagesordnung! Es ist gewiß Zeit.« Sie sahen beide auf ihre Uhr, und im selben Augenblick schlug die große Turmuhr der Fabrik vier. »Auf den Glockenschlag!« sagte der Präsident und klappte seinen Uhrdeckel mit einem Knall zu. Das Publikum setzte sich von neuem erwartungsvoll zurecht. Der Sekretär, der nach der Rede des Präsidenten an die Mitglieder der Arbeiterdeputation herangetreten war, um ihre Namen und Adressen zu notieren, drückte jedem einzelnen die Hand und zog sich darauf zurück. Hopkins kam mit hocherhobenen Brauen vom Wintergarten; zwei Diener folgten ihm auf den Fersen. Er wollte nachsehen, ob die Rednertribüne und sonst alles in Ordnung sei. Auf dem Wege drängte er die Arbeiterdeputation höflich, aber bestimmt wieder in die Allee zurück. Er untersuchte, ob der Enthüllungsapparat funktionierte, forderte einige Journalisten auf, ihren Tisch etwas weiter zurückzurücken, damit das Sackleinen, wenn es zurückglitt, sie nicht träfe; er beauftragte seine Diener, den Photographen bei der Aufstellung der Apparate zu helfen, und zog sich darauf mit einem letzten Feldherrnblick ebenso feierlich zurück, wie er gekommen war. Indessen hatte Ralphs Gesellschaft sich zwischen dem Wintergarten und dem Springbrunnen gruppiert, wo die Diener für die Damen Stühle in einem Halbkreis bereitgestellt hatten. Nachdem alle Platz genommen hatten, führte Ralph den Präsidenten zur Rednertribüne. Der Präsident stieg die Stufen hinauf, zog sein Taschentuch heraus und legte es zugleich mit einem kleinen Zettel, den niemand sah, vor sich hin. Er wartete, bis Ralph zu den Zuhörern zurückgekehrt war, wo er sich hinter Frau Jennimores und Eleanors Stühle stellte. In dem Augenblick, als der Präsident begann, erblickte Ralph hinter der Rednertribüne Nomura, der sich von der Allee durch das Kontorpersonal einen Weg bahnte. Hinter ihm sah er Oandas Kopf. Ralph hatte die ganze Zeit erwartet, daß sie kommen würde. Oftmals hatte sein Blick die Zuschauer auf der Tribüne gestreift. Seit jenem Vormittag bei Tillny hatte er sie nicht wieder gesehen; aber jedes Wort ihrer ernsten Unterhaltung lebte in seiner Erinnerung, und sein Herz kam in so heftige Bewegung, daß es ihn quälte und demütigte. Er fühlte ihre Augen auf sich gerichtet und blickte hastig zum Präsidenten hin. Ob Eleanor sie gesehen hatte, dachte er bei sich. An ihrem Kopf oder Rücken, die er gerade vor sich hatte, konnte er keine Anzeichen von Erregung sehen. IV. »Den Mann,« begann der Präsident, »dessen Andenken wir heute feiern wollen, habe ich nicht persönlich gekannt. Als ich als junger Advokat in diese Stadt kam, war er gerade nach New York gereist, um seine Stellung als jüngster Ingenieur bei der großen Firma, deren Chef er später wurde, anzutreten. Der Besitzer des Grund und Bodens aber, wo ich heute nach so vielen Jahren wieder stehe – der Vater unseres jungen Wirts – war sein Vetter und mein guter Freund. Er erzählte mir oft von seinem Verwandten in der großen Stadt des Ostens. Er hatte ihn seit ihren gemeinsamen Schuljahren bewundert und erwartete, daß er einer der größten in seinem Fach werden würde. Die Zeit verging, und den Namen des jungen, schweigsamen Ingenieurs, den niemand kannte, lernten nach und nach alle kennen. Eine riesenhafte Arbeit nach der anderen wurde ihm anvertraut. Bald durchbohrte er die trotzigen Felsen Alleghanys, und zwang sie, das Dampfroß auf ihren Schultern zu tragen; bald leitete er Flüsse aus ihren Betten oder spannte Brücken über den Mississippi, eine Arbeit, die an Kühnheit allem trotzte, was man bisher für möglich gehalten hat. Obgleich aber alle Zeitungen der Vereinigten Staaten seinen Namen mit Ehre nannten, blieb er stets derselbe schweigsame, unzugängliche Arbeiter. Niemand konnte von sich sagen, daß er ihm nahestand. Ja, selbst die mächtigen Leiter, für deren Interesse er arbeitete, standen nur so weit mit ihm in Verbindung, als die Geschäfte es notwendig erforderten. Man nannte ihn einen Sonderling. In Wahrheit aber hatte der Genius der Arbeit ihn verzaubert, so daß er keine lieblichere Musik kannte, als das Geräusch ihres ewigen Hammerschlages, kein anderes Glück, als der treue Diener der Arbeit zu sein. Alle hier in der Stadt waren stolz, ihn Mitbürger nennen zu dürfen. Und als mein Freund einen Sohn bekam, bat er seinen berühmten Verwandten, ob er dem Knaben seinen Namen geben dürfe. Er willigte ein, schrieb aber, daß er nicht zur Taufe kommen könne, weil er gerade im Begriff stehe, die größte Aufgabe, die er sich bisher gestellt habe, zu lösen. Wir bedauerten alle, daß er nicht kam, ja, dieser oder jener war vielleicht etwas gekränkt. Als wir aber kurz darauf durch die Zeitungen erfuhren, welche Aufgabe es war, die seine Gedanken beschäftigte, da erinnere ich mich, daß wir uns in Ehrerbietung seinen Gründen beugten und begriffen, daß vor solchem Ziel alle Ereignisse des Privatlebens klein und nebensächlich werden mußten. Es war die berühmte ›Himmelsbrücke‹, von der wir alle gehört haben, und die die meisten von uns unzählige Male auf ihren starken Armen getragen hat, indem sie uns in gerader Linie über schwindelnde Abgründe, ganz bis zu den Wolken hinauf getragen und uns abermals auf die ebene Erde jenseits der Berge geführt hat. Neun Jahre hat er dieses Riesenwerk in seinem Gehirn getragen, neun Jahre kämpfte er mit der Natur, mit dem Kapital, mit menschlichem Unverstand, ja, mit den Tausenden von Arbeitern, denen er den Unterhalt gab, und die, von Neidern verleitet, in der zwölften Stunde die ganze Arbeit vernichtet hätten, wenn er nicht durch die Wucht seiner Persönlichkeit bis zum letzten durchgehalten hätte. Als das Werk aber endlich vollbracht war, als alle wetteiferten, ihn zu ehren, als die Goldfürsten, die ihre Mittel zur Verfügung gestellt hatten und die jetzt die reiche Frucht seiner Arbeit ernteten, als sie ihn zum Ehrenmitglied ihres Klubs, in dem sonst nur Milliardäre aufgenommen wurden, gemacht hatten, als die Wissenschaft ihn feierte und die Zeitungen seinen Ruhm ausposaunten – da ging in seinem Gemüt etwas vor. Was es war, hat man nie erfahren. Die Welt sah nur, daß Ralph Cunning kurz nach dem Eröffnungsfest seine Kontore und Zeichenstuben schloß, seine Ingenieure verabschiedete und fortreiste. Alles wurde versucht, um ihn zu bewegen, den Grund zu sagen – die Presse verfolgte ihn über den Atlantischen Ozean, fand seine Spur in Paris, und der einzige, dem es gelang, ihn in seinem Hotel zu sprechen, bekam von ihm den Bescheid, daß er nach einundzwanzigjähriger, rastloser Arbeit Ruhe haben wolle, und dabei blieb es. Er verbarg seine Wege mit Absicht, und man ließ ihn in Ruhe, nachdem er in seinem fünfunddreißigsten Jahre der Welt den Rücken gekehrt, der er von Geburt an angehört hatte. In Kairo wurde er wiedererkannt. Ein Arzt aus Boston meinte ihn in Bombay gesehen zu haben. Das war alles; und die Welt erfuhr nichts von ihm, bis man ein Jahr später in den Staaten hörte, daß ein Dampfer auf dem Wege von Singapore nach St. Franzisco untergegangen sei. Es wurde mitgeteilt, daß ein Name gleichlautend mit dem des berühmten Ingenieurs auf der Passagierliste gestanden habe. Alle Nachforschungen blieben vergebens. Der Dampfer war verschwunden, und man hat seither nichts von seinem Schicksal erfahren. Das Gehirn, das in solch kurzer Zeit so strahlende Werke hervorgebracht, hatte aufgehört zu wirken. Das Licht war erloschen. Der aber, dessen Werk lebt, dessen Geist ist nicht tot. Die Himmelsbrücke zeugt noch heutigentags von dem Mann, der vor zwanzig Jahren von seinem Heimatort aufbrach und ein Jahr später sein Leben auf Erden lassen mußte. Sein junger Verwandter, der in der Taufe seinen Namen erhielt und uns heute hierher gerufen hat, um sein Andenken zu feiern, erbte auch das große Vermögen. Durch das umfassende Werk, das er mit diesen Mitteln geschaffen hat, lebt Ralph Cunnings Geist weiter an diesem Ort. Indem ich mich nun an unsern jungen Freund, den zweiten Ralph Cunning wende, den ich von seiner Kindheit an kenne, drängt es mich ihm zu sagen, wie stolz ich bin, daß es mir beschert worden ist, seine Schritte zu leiten, bis er selbst die Verantwortung für sich übernehmen konnte.« Der Präsident machte eine Pause und tat eine Wendung, so daß die Arbeiterdeputation hinter ihm sein Gesicht sehen konnte. »Ich weiß, welchem Widerstand er begegnet ist,« fuhr er fort und lauschte auf die Stimmung auf der Tribüne, wo jetzt zwischen den Arbeitern Bewegung entstand, »wie er gegen die Macht ankämpfen mußte, die seinen Vater in die Knie zwang und seinen frühzeitigen Tod verschuldete.« »Vielleicht,« fuhr er mit erhobener Stimme fort und drehte sich in einem Halbkreis von links nach rechts, »ist dieser oder jener zwischen euch, der ihn verurteilt; zu dem aber will ich sagen, daß er so steht, weil es seine Pflicht ist; und wenn er hart erscheint, so ist es, weil es keinen anderen Weg gibt, das hohe Ziel, das ihn beseelt, zu erreichen. Ich kenne den Adel und die Güte seines Herzens und weiß, daß niemand wärmere Gefühle für die, die als Arbeiter oder auf andere Weise ihr Schicksal mit dem seinen verbunden haben, nähren kann als er. Und ich möchte hierdurch aussprechen, daß mein Zutrauen zu ihm so groß ist, daß ich tun will, was in meiner Macht steht, um ihn an einen Platz zu stellen, der seinen reichen Fähigkeiten ein noch größeres Wirkungsfeld bietet. Er hat heute die Altersgrenze erreicht, die unsere Verfassung als Eintritt für das weltumfassende Amt eines Senators vorschreibt. Wenn es mir glückt, die hohe Stellung zu bewahren, die das Zutrauen der Nation mir gewährt hat, so soll er einer der ersten sein, auf dessen Mitarbeit ich baue.« Zwischen den Arbeitern entstand Unruhe. Der Präsident machte abermals eine kleine Wendung auf sie zu und sagte: »Ich bin überzeugt, daß die Sache, die ihr Arbeiter mir durch euren Vertrauensmann vor kurzem vorgelegt habt, ebenfalls seine Unterstützung finden wird.« »Hört! Hört!« rief eine einzelne Stimme und zögernd folgten einige nach. »Ich kann euch und eurer Sache keinen besseren Vertreter wünschen!« Der Präsident machte eine Pause, um noch einmal die Stimmung zu prüfen, aber er fand keine Zustimmung. »Ich kehre jetzt zu der Veranlassung dieses Festes zurück, die Enthüllung der Statue des Mannes, der die ökonomische Grundlage für den ganzen großartigen Betrieb geschaffen hat, dessen Einzelheiten wir in Kürze unter Führung unseres Wirtes kennen lernen sollen, und bei dessen Gedeihen jeder Arbeiter, jung oder alt, sein Teil beigetragen hat. Lassen Sie uns darum das Andenken des großen Toten feiern, wie sein junger Namensvetter es sich in der Dankbarkeit seines Herzens zum heutigen Tag ausgedacht hat, indem er ihn Seite an Seite mit den Großen der Technik stellte, die vor ihm waren, und in deren Schuld wir alle stehen – besonders ihr, die ihr an diesem Ort schafft. Man kann sein Andenken auf keine schönere Weise ehren, als indem man das Werk ehrt, in dem sein Geist zwischen uns weiterlebt, und ich spreche den Wunsch aus, daß es beständig wachsen möge, bis das große Ziel voll erreicht ist.« Der Präsident entblößte sein Haupt, alle folgten seinem Beispiel und erhoben sich; darauf wandte er sich der Statue zu und sagte feierlich: »Ralph Cunning, der das Werk schuf, dem eine bewundernde Welt den Namen die ›Himmelsbrücke‹ gab, den ein zu früher Tod daran hinderte, uns noch größere Wunder seines mächtigen Genies zu schenken – jetzt ziehe ich die Verhüllung von deinem Angesicht, das ein Künstler wiedererschaffen hat, so daß es von neuem über uns leuchtet, und bitte dich, aus der ewigen Ferne einen Blick auf das Werk zu werfen, das hier durch deine Mittel, in deinem Namen und von deinem Namensträger geschaffen worden ist.« Hopkins trat heran und reichte dem Präsidenten die Schnur, während die Photographen ihre Apparate einstellten. Der Präsident zog an der Schnur, die Leinwand löste sich und glitt von dem Sockel herab. Und dort stand in dunkler Bronze die Statue von Ralph Cunning, wie der Bildhauer sie nach den wenigen Porträts geformt hatte, die noch von ihm existierten. Der junge Ralph Cunning hatte dem Künstler für die Gestalt Modell gestanden; der berühmte Ingenieur stand dort in der Haltung, die der junge Ralph einzunehmen pflegte, mit leicht gespreizten Beinen, aufrecht und elastisch, den energischen, nachdenklichen Kopf in den Nacken geworfen, als ob er weithin über die Himmelsbrücke blickte, die er zu bauen im Begriff war. Der Präsident schwang seinen Hut und rief: »Möge Ralph Cunnings Andenken ewig unter uns leben! – Hoch!« Die Gesellschaft, die sich der Rednertribüne genähert hatte, um besser zu sehen, rief hoch, und die Zuschauer auf der anderen Seite der Buchsbaumhecke, sogar die Arbeiterdeputation, gab ihren Beifall zu erkennen. Als der Präsident von der Rednertribüne herabstieg, applaudierten die Gäste, die sich um ihn drängten. Ralph drückte ihm schweigend die Hand. Eleanor drängte sich neben ihn und sagte mit munteren Augen: »Das war eine geschickte Rede, Herr Präsident.« Der Präsident begab sich lächelnd und nickend zum Springbrunnen, und die Gäste vergaßen die Statue zu betrachten, indem sie sich um ihn scharten, um ihm die Hand zu drücken und Komplimente zu sagen. Oanda trat vor die Statue und betrachtete in tiefen Gedanken das Bild ihres Vaters. Sie hatte noch nie ein Bild von ihm gesehen, und die Aehnlichkeit mit ihm, der seinen Namen trug, bewegte sie tief. Hinter der Hecke blickten die Arbeiter und die Leute aus der Stadt neugierig nach ihr; man flüsterte von ihr, dieser und jener hielt eine »Evening News« in der Hand und verglich sie mit dem Bild in der Zeitung. Da rief eine kräftige Stimme: »Die Prinzessin lebe hoch!« Tonny schwang seinen Hut und rief: »Hurra!« Mehrere fielen ein und schließlich erklangen die Hochrufe von beiden Seiten der Hecke. Der Präsident sah sich erstaunt um. Er begegnete Oandas Blick, wie sie dort stand, halb verlegen, halb froh bewegt, mit Tränen in den Augen und der Sonne auf ihrem flammenden Haar, das unter dem flachen Strohhut in Stirn und Schläfen flutete. Sie vergaß ganz den Mann zu grüßen, mit dem ihre Gedanken sich so lange beschäftigt hatten, und den sie endlich mit eigenen Augen zu sehen bekam. Sie fand, daß er freundlich und stark und klug aussah, und dennoch konnte sie gar nicht begreifen, daß er wirklich der Präsident sei. Die Photographen benutzten die Gelegenheit, um eine Aufnahme von ihr zu machen, die Journalisten starrten sie interessiert an, sie aber schien nichts von dem zu bemerken, was um sie herum vorging. Advokat Tillny näherte sich jetzt dem Präsidenten und sagte: »Erlauben Sie, Herr Präsident, das junge Mädchen dort, das man die Prinzessin nennt, ist diejenige, die von Van Zantens Insel gekommen ist, um die Begnadigung des armen Kulis aus Manila zu erbitten.« »Aha!« Der Präsident blickte zu seinem Sekretär hinüber, der sich eilfertig näherte. »Ich habe in ihrem Namen ein Gesuch eingereicht,« fügte Tillny hinzu. Der Sekretär beugte sich vor und sagte: »Ich habe die Sache weitergegeben, Herr Advokat.« Der Präsident blickte unverwandt auf die Augen mit dem merkwürdig leuchtenden Blick, deren Farbe er von weitem nicht erkennen konnte. »Erlauben Sie, daß ich sie Ihnen vorstelle?« Der Präsident nickte, ohne seinen Blick von ihr zu verwenden. Tillny eilte auf Oanda zu, faßte ihre Hand und zog sie mit sich. V. Oanda war blutrot geworden und ihr Herz klopfte stark. Der Präsident reichte ihr die Hand und sagte mit seinem freundlichsten Lächeln: »Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Prinzessin!« Oanda konnte vor Erregung nichts sagen. Sie behielt seine Hand in der ihren, während sie ihn mit einem tief bewundernden Blick in ihren dunklen Pupillen ansah. Der Präsident drückte ihre feste warme Hand noch einmal leicht und machte sich dann frei. »Und Sie haben die weite Reise gemacht,« sagte er herzlich ermunternd, »um den Präsidenten aufzusuchen?« Oanda hatte sich selbst wiedergefunden und nickte bejahend. Der Präsident fühlte sich erleichtert und fuhr im selben Ton fort: »Das ist hübsch von Ihnen. Ich werde für Sie tun, was ich kann.« Darauf fügte er anscheinend stark interessiert hinzu: »Erzählen Sie mir also, liebes Kind, was es mit dem Kuli auf sich hat?« »Er heißt Tsing-Kai,« sagte Oanda und strich sich das Haar aus der Stirn, »und hat fünf kleine Geschwister, die in Kanton am Fluß wohnen.« »Er selbst aber war in Manila?« »Ja, um den Unterhalt für sie zu verdienen. Er hämmerte Gold in einer Werkstatt, denn die Amerikaner sammeln Gold im Fluß oben in den Bergen der Eingeborenen. Dann aber lernte er Opiumrauchen, wie sein Vater es getan hatte, bis er daran gestorben war; das ist ein Gift, das die Weißen den Chinesen verkaufen, und da konnte er nicht mehr arbeiten und konnte kein Geld mehr nach Hause schicken. Seine Mutter starb und die fünf kleinen Kinder blieben allein zurück. Sollte er sie zu Hause hungern lassen? Er hatte kein Geld, um zu ihnen zu reisen; darum schlich er sich nachts in die Werkstatt und nahm von dem Gold, das er hämmerte, denn keiner wollte ihm freiwillig etwas geben. Da aber hetzte man die Hunde auf ihn und fing ihn und wollte ihn nicht reisen lassen, obgleich er fest versprach, daß er zurückkommen und die Strafe sühnen wollte, wenn er nur erst zu Hause gewesen wäre, um für die Kleinen zu sorgen. Im Gefängnis aber brannten sie ihm, einem lebenden Menschen, ein Zeichen ein! Er entkam ihnen aber, obgleich sie auf ihn schossen, und schwamm nach einem Schiff hinaus, das nach China fahren sollte. Er versteckte sich im Lastraum, aber es entstand eine große Feuersbrunst und alle mußten das Schiff verlassen. Ein Boot nahm ihn auf, dasselbe, in dem Goodwill, Fielding und Nomura waren. In diesem Boot kamen sie nach Van Zantens Insel. Tsing-Kai sprang an Land und versteckte sich; als man ihn aber fand, und Fielding das eingebrannte Zeichen sah, sagte er, daß er ins Gefängnis zurückgebracht werden müßte, obgleich er nichts Böses getan hatte. Und als der dicke Wilkins mit seinem Schiff kam, nahmen sie Tsing-Kai mit an Bord und ließen ihn binden.« Ralph hatte sich zurückgezogen, als Tillny Oanda vorstellte; er trat zu Eleanor, die neben dem Springbrunnen stand; sie aber war in den Vorgang so vertieft, daß sie, ohne ihn zu bemerken, näher an die anderen heranging, um zu hören, was sie sagten. Während Oanda sprach, konnte Ralph sie unbemerkt beobachten. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den konzentriert, mit dem sie sprach und auf das, wovon sie sprach. Ralph betrachtete ihre Augen und er mußte daran denken, wie sie damals in Tillnys Salon vor ihm saß und ihn gegen seine eigenen innersten Anklagen verteidigte. In den drei Wochen, die seitdem vergangen waren, hatte er sich wieder und wieder gefragt: Wie kam es, daß ich meine innersten Gedanken vor diesem unzivilisierten Kind bloßlegte, daß ich ihr erlaubte, in einer Gewissenssache zu richten, die ich nie einem anderen Menschen anvertraut, ja, von der ich kaum selbst gewußt hatte, bevor ich vor ihr saß und ihre wundersamen Augen mir forschend in die Seele blickten? Er hatte sich gründlich darüber geärgert und beschlossen, sie aus seiner Erinnerung auszulöschen. Die große Arbeit vor der Eröffnung der neuen Fabrik, die neuen Vorbereitungen zum Fest, der Kampf gegen die heimliche Untergrabung der Arbeiter gegen alles, was er aufzubauen versuchte, hatten die Begegnung aus seinem Gemüt verdrängt, so daß nur ein leiser Stachel zurückgeblieben war. Als er sie jetzt wieder sah, bemächtigte der Eindruck sich seiner von neuem; er wunderte sich nicht mehr, was an jenem Tage mit ihm geschehen war, er fühlte dasselbe unbeschreibliche Verlangen, ihre Hände zu ergreifen und ihr jeden Winkel seines Herzens zu offenbaren. Unwillkürlich schweifte sein Blick zu Eleanor, der Schönen und Strahlenden, wie Oanda sie genannt hatte; er hörte Oanda wieder mit ihrer tiefernsten, flüsternden Stimme fragen: »Was haben Sie mit ihr vor?« Und obgleich er in der dazwischenliegenden Zeit seine Pläne mit Eleanor fortgesetzt, wie er sie begonnen hatte, weil er nicht duldete, daß irgend etwas störend in sein Leben eingriff, obgleich sie nur noch auszusprechen brauchte, was sie täglich durch Blick und Händedruck versprach, das endgültige Ja, wozu sie sich an jenem Nachmittag im Wintergarten Bedenkzeit ausgebeten hatte – so stand Eleanor plötzlich wie eine schöne und fremde Blume vor ihm; seine Augen musterten sie prüfend, wie sie vorhin die seltene und prachtvolle Orchidee, die Frau Jennimore ihm zu seinem Geburtstag brachte, gemustert hatte, und mit Oandas Stimme und Worten klang es in seinem Herzen: »Wollen Sie sie glücklich machen oder wollen Sie sie nur gebrauchen? –« Als hätte er laut gesprochen, sah Eleanor im selben Augenblick hastig zu ihm auf; er fand kaum Zeit, den Ausdruck in seinen Augen zu verbergen. Als Oanda geendet hatte, sagte der Präsident: »Und da entschlossen Sie sich zu mir zu reisen?« Ihre Augen wurden schwer; sie antwortete, ohne ihn anzusehen. »Da begriff ich, daß die Welt anders sei, als ich gedacht hatte, und da beschloß ich hinüber zu reisen und sie mir selbst anzusehen.« Eine Sekunde ruhten die Augen des Präsidenten scharf forschend auf ihr. Plötzlich aber wurde sein Lächeln lebendig und er fragte: »Und was meinen Sie, nachdem Sie sie nun gesehen haben?« Oanda beugte den Kopf und sagte betrübt. »Was ist Tsing-Kais Unglück im Vergleich zu dem Schmerz, den Ihr euch gegenseitig zufügt, in einer Welt, wo alles so seltsam tot ist? An einem einzigen Tage habe ich mehr Kummer und Unglück gesehen als früher in meinem ganzen Leben.« Sie hob den Kopf und sah ihm von neuem in die Augen. »Meine Mutter sagt, daß es nur einen Gott, ein Licht in uns allen gibt, und dennoch verfolgt Ihr die, die nicht euren Willen tun. Ihr quält euch gegenseitig, bis Ihr wie gejagte Tiere werdet und Euch gegenseitig den Tod wünscht. Alle, ob sie arm oder reich sind, sehen aus, als ob sie kein Licht in ihrem Herzen haben. Doch, eine hatte glückliche Augen, die arme Nelly, die nichts weiter als ein krankes Kind besitzt.« Ist sie geistesgestört? dachte der Präsident und blickte sie verstohlen an. Darauf fragte er: »Wie kamen Sie darauf mich aufzusuchen?« »Goodwill sagte, daß es nur einen gäbe, der Tsing-Kai retten könnte, der Präsident in dem weißen Hause.« Er wandte sich an Fielding, der dicht dabei stand und interessiert zuhörte. »Sie und Herr Goodwill also ließen den Kuli aufs Schiff bringen?« »Ich nicht, Herr Präsident,« ereiferte sich Goodwill, »ich gab nur nach, weil Herr Fielding sagte, daß das Gesetz es vorschreibe.« Fielding wandte sich an den Präsidenten und gab im amtlichen Ton eine Erklärung: »Der Kuli ist ein entlaufener Sträfling, ich bin Inspektor beim Gefängniswesen; und der Schiffer Wilkins, ein Bürger aus den Vereinigten Staaten, konnte sich nicht weigern, den Burschen an Bord zu nehmen, da ich es ihm befahl, wie es meine Pflicht war.« »Erlauben Sie, Herr Präsident,« Advokat Tillny straffte seine Backenfalten aufs Feierlichste, »die Insel gehört nicht den Vereinigten Staaten, und da kein Auslieferungstraktat mit derselben abgeschlossen ist, lag kein gesetzmäßiger Zwang für Herrn Fielding oder den Schiffer vor, den Befehl auszuführen. Alles dies habe ich mit den übrigen Punkten der Angelegenheit in dem Begnadigungsgesuch dargestellt.« »Ich hatte kurz vorher,« sagte Fielding, »auf gesetzmäßige Weise die Insel für die Vereinigten Staaten in Besitz genommen.« Er erhob die Stimme und zeigte auf Nomura, der neben der Rednertribüne stehen geblieben war, »wobei ich Herrn Nomura, der dort steht, und Herrn Goodwill zu Zeugen nahm.« »Ja, das heißt,« wandte Goodwill ein, »eigentlich war es ein Scherz – doch Fielding – und als Van Zanten später kam und protestierte, da machte ich geltend, wie Sie sich wohl erinnern, daß wir unter dem Gesetz des Gastrechtes ständen.« »Ja, das ist wahr,« sagte Nomura, der sich genähert hatte, als Fielding seinen Namen nannte, »das hat Herr Goodwill gesagt.« »Wer ist van Zanten?« fragte der Präsident, indem er sich an Tillny wandte. »Der rechtmäßige Besitzer der Insel, Herr Präsident, Ein Holländer, der in seiner Jugend als Handelsagent zur Insel kam, sich ganz der Bevölkerung anschloß, die Tochter des eingeborenen Königs heiratete und später als das Königshaus ausstarb, auf einstimmigen Wunsch der Bevölkerung zum Herrscher der Insel ernannt wurde und seine Stellung unangefochten über zwanzig Jahre behauptete. Ich als Jurist stelle fest, daß die Frage von der Auslieferung des Kulis nach den auf der Insel herrschenden Gesetzen und nach den mit anderen Ländern abgeschlossenen Traktaten erst hätte gelöst werden müssen, und daß sowohl Herr Fielding wie der Schiffer jeglicher Rechtsgrundlage entbehrten, um den Flüchtling innerhalb des Gebietes der Insel festzunehmen.« Fielding zog die Oberlippe hoch. »Ausgezeichnet! – Die zwischen dem Herrn Van Zanten und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten abgeschlossenen Traktate! Eigentlich sind wohl Schiffer Wilkins und ich hier die Strafbaren?« »Zweifellos,« erklärte der Advokat, ohne sein Gesicht zu einem Lächeln zu verziehen, »hier liegt ein zweifacher Rechtsbruch vor. Der eine ist auf der Insel geschehen und gehört unter die Gesetze derselben. Der andere besteht darin, daß Sie und der Schiffer sich einer Handlungsweise schuldig gemacht haben, die unser gutes staatliches Verhältnis zum Ausland kränkt.« »Ausgezeichnet!« lachte Fielding höhnisch, »die mit den Vereinigten Staaten freundschaftlich verbundene Van Zanten-Insel!« »Erzählen Sie mir etwas von diesem meinem neuen Kollegen,« sagte der Präsident lächelnd zu Oanda, »der mir ebenso unbekannt ist wie sein Staat, mein Fräulein. Ach, fast hätte ich es vergessen, Sie sind ja eine Prinzessin. Ihr Vater ist also Herr Van Zanten?« Er beugte sich vor und legte seinen Kopf auf die Seite, »Sie bringen mir vielleicht sogar einen Gruß von ihm?« »Nein – aber von meiner Mutter.« Der Präsident sagte, ohne sein Erstaunen zu verbergen: »Ah – von Ihrer Mutter?« Oanda nahm das Paket, das Nomura für sie getragen hatte, und entfaltete die Matte, die ihre Mutter ihr mitgegeben hatte; sie betrachtete sie, bis ihr Tränen in die Augen kamen, und darauf hielt sie sie in ihrer ganzen Länge dem Präsidenten entgegen. »Meine Mutter trug mir auf, Ihnen diese Matte zu geben.« Ihre Stimme bebte vor Bewegung. »Und Ihnen zu sagen, daß sie sie für denjenigen gewebt habe, der über das Schicksal der Menschen gebietet.« Sie hielt inne und sammelte sich, um sich an jedes Wort zu erinnern, das ihre Mutter ihr eingeprägt hatte. Darauf sagte sie langsam und feierlich, während sie über den Park ins Weite blickte: »So wie meine Finger im Blinden, Faden in Faden geflochten haben, indem sie sich zu dem Muster durchtasteten, so sitzt auch er am Webstuhl und knüpft im Blinden Schicksalsfaden an Schicksalsfaden, nach einem Muster, das er in seinem Herzen fühlt. Wenn er aber keine Liebe zu allem Lebenden hat, dann kann sein Herz nicht sehen und das Muster wird nicht deutlich werden.« Der Präsident nahm die Matte und hielt sie vor sich ausgespannt. Sein Gesicht war ernst geworden; er betrachtete das kunstfertige Flechtwerk lange, das wundersam verschlungene Blattmuster, und suchte vergeblich in seinem Gedächtnis nach einer Stilart, einem Vorbild, das er mit dieser eigenartigen Arbeit vergleichen konnte. »Sehr hübsch,« sagte er schließlich und gab die Matte seinem Sekretär. Darauf drückte er Oandas Hand: »Ich werde Ihnen einen Dankbrief für Ihre Mutter mitgeben.« Ihre Augen ruhten auf ihm mit dem Ausdruck tiefster Erwartung, der ihn fast verwirrte. Er ertappte sich selbst darauf und sagte mit einer plötzlichen Eingebung: »Für Sie, Prinzessin, habe ich eine Barmherzigkeitsgabe: Ihre Worte haben den armen Kuli freigesprochen. Er ist begnadigt!« Darauf nickte er seinem Sekretär zu und sagte: »Sorgen Sie dafür.« »Dank!« Oandas Augen funkelten ihm in überströmender Freude entgegen. »ich wußte es ja.« »Habe ich recht verstanden?« fragte der Präsident, »Ihre Mutter ist blind.« »Sie hat ihr eigenes Kind niemals gesehen.« »Und Sie Prinzessin, sind also ein Sproß des alten Königsstammes der Insel?« »Ich weiß nicht, was Sie meinen? –« Oanda blickte von ihm zu Goodwill, der vor dem Unvermeidlichen, das jetzt kommen mußte, zitterte. »Erlauben Sie, Herr Präsident,« sagte er, »Fräulein Oandas Mutter ist eine Weiße.« Der Präsident blickte verständnislos von ihm zu Tillny: »Sagten Sie nicht, daß Herr Van Zanten eine Tochter des eingeborenen Königs geheiratet habe?« »Allerdings,« nickte der Advokat, »diese Königstochter aber ist schon lange tot, und van Zanten ist nicht Fräulein Oandas Vater.« Der Präsident betrachtete Oanda, er fand, daß ihre Augen plötzlich so bleich geworden waren; ein betrübtes Lächeln war in ihnen. »Mein Vater starb, bevor ich zur Welt kam,« sagte sie. »ich sehe ihn heute zum ersten Male –«, sie zeigte auf Ralphs Statue: »Dort steht er!« Während sie sprach, hatte Ralph sich genähert, er war sehr blaß, sein Gesicht war verschlossen, und der Blick seiner braunen Augen fest und streng. Der Präsident folgte der Richtung von Oandas Blick, streifte darauf Goodwills nervös bewegtes Gesicht und wandte sich dann an Ralph. »Fräulein Oanda,« sagte Ralph, »ist die Tochter von Ralph Cunning und einer Dame dänischer Herkunft. Sie fuhren zusammen mit einem Dampfer von Indien nach den Vereinigten Staaten, strandeten aber an Van Zantens Insel, wo der Vater nach ihrer Rettung starb.« Darauf wandte er sich an Oanda, ihre Blicke begegneten sich zum ersten Male seit jenem Morgen, als er sie verlassen hatte, ohne ihre Hand zu nehmen. Ihr Blick war dunkel und schwer, und sie beugte den Kopf, als ob sein Blick sie niederdrückte. »Kann das durch Beweise erhärtet werden,« fragte der Präsident und blickte forschend zu Ralph und Oanda. »Ja,« sagte der Advokat, »die Uhr und die Brieftasche des Verstorbenen wurden gerettet und sind im Besitz der Mutter.« Der Präsident überlegte einen Augenblick; darauf sagte er: »Demnach hätte Ralph Cunning also einen Leibeserben.« Darauf hatte Fielding gewartet und stand mit der Antwort bereit. »Nein, Herr Präsident,« sagte er, »das Kind war illegitim.« Dem Präsidenten entschlüpfte ein Seufzer der Erleichterung, der Advokat bemerkte es und beeilte sich hinzuzufügen: »Ein parsischer Priester segnete ihre Verbindung auf Ceylon. Sie waren auf der Reise nach Amerika, um nach dem Gesetz getraut zu werden, als das Schiff strandete.« Goodwill sandte dem Advokaten einen vorwurfsvollen Blick, das waren ja die Aufklärungen, die er ihm selbst gegeben hatte, als der Advokat neulich so hübsch von der Prinzessin sprach; jetzt benutzte er seine Worte zum Nachteil für Ralph, seinem Wohltäter und alten Schüler.« »Nach dem auf van Zantens Insel herrschenden Naturrecht,« fuhr der Advokat fort, »besaß ihre Ehe volle Gültigkeit; und da es ihnen unmöglich gemacht war, nach dem in den Staaten geltenden Gesetz getraut zu werden, unterblieben die vorgeschriebenen Trauungsformalitäten unter dem Zwang einer höheren Gewalt.« Der Präsident sah ihm scharf in die Augen und fragte geschäftsmäßig: »Gibt es einen Präzedenzfall für diese Auslegung?« »Nein, Herr Präsident,« sagte Fielding schnell, bevor der Advokat sich noch besonnen hatte. Tillny blickte auf, als ob er sagen wollte: Wartet nur! – Darauf begann er im Rednerton mit erhobener Stimme, damit nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Arbeiter ihn hören konnten. »Da Sie, Herr Präsident, vor einer halben Stunde zugesagt haben, den von mir im Namen der Arbeiter vorgebrachten Gesetzesvorschlag zu unterstützen, so darf ich wohl annehmen, daß Fräulein Oandas Recht von Gesetzes wegen anerkannt werden wird, falls Sie nicht schon vorher diese Ehe durch Bewilligung anerkennen wollen.« »Aha!« Der Präsident sandte ihm einen vielsagenden Blick. Darauf wandte er sich an Oanda und sagte kühl: »Ich sehe, gnädiges Fräulein, daß Sie noch andere und wichtigere Aufgaben hier drüben haben, als die Begnadigung des Kulis.« Oanda war so mit dem beschäftigt, was in ihr selbst vorging, daß sie sein verändertes Wesen nicht bemerkte. Sie mußte sich seine Worte noch einmal zurückrufen, bevor sie sie ganz verstanden hatte. Darauf atmete sie tief auf und sagte: »O, ich habe noch sehr viel anderes auszurichten. Ich habe alles niedergeschrieben, weil der Advokat mir sagte, daß ich nicht Zeit haben würde, Ihnen alles zu sagen. Meine Niederschrift aber ist noch nicht fertig.« »Sie wünschen den Namen Ihres Vaters?« fragte der Präsident prüfend. »Ach, ja!« Ihre Augen blitzten ihm entgegen, »Ich wußte ja, daß der Präsident niemals gegen Gottes Gesetz handeln würde.« Er wandte den Kopf zur Seite und fuhr fort, ohne ihrer Freude zu achten: »Und Sie fordern den Erbteil Ihres Vaters?« »Ja, die ganze Welt soll wissen, daß ich seine Tochter bin.« Er trat einige Schritte von ihr zurück und sagte mit einer Andeutung von Vorwurf in seiner Stimme: »Sie wollen das Vermögen haben, das achtzehn Jahre lang mit Recht einem andern gehört hat, dem Verwandten und Namensvetter Ihres Vaters?« »Ja.« Der Präsident versuchte ihren Blick zu ergründen, der so offen und fragend in dem seinen ruhte: »Sie wollen den Mann ruinieren, der dieses ganze große und segensreiche Werk geschaffen hat?« »Ruinieren – was ist das?« »Sie wollen ihn arm und gering machen.« Oanda fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg; sie beugte den Kopf und flüsterte: »Ich will ihn glücklich machen.« Der Präsident beugte sich vor und sagte eindringlich: »Indem Sie ihm sein Vermögen nehmen?« Zu Ralph, der ihr so nahe stand, konnte sie es nicht sagen; denn er war ihr ja böse, hatte ihre Hand nicht genommen und sie nicht zu dem Fest ihres Vaters eingeladen. Dem Präsidenten aber, der über alle herrschte und Ralphs Freund war, ihm wollte sie es sagen; er sollte erfahren, was sie für den, der ihres Vaters Namen trug, tun wollte. »Können Sie denn nicht sehen,« sagte sie erregt, »wie er, der in seinem Herzen so gut ist, leidet? Er hat es selbst gesagt: er liebt die Menschen nicht. So hart ist er durch den Besitz des Geldes geworden. Ach, ich will ihn glücklich machen, denn ich habe ihm versprochen, ihn diese Kunst zu lehren. Ich will sehen, wie er frei wird und wieder lächeln kann, und auch die anderen, die er leiden gemacht hat, so daß sie ihn mit bösen Gedanken und Taten verfolgen; auch sie will ich glücklich und frei machen.« Der Präsident hatte mit wachsendem Erstaunen zugehört. Einen Augenblick hatte er die Absicht, sie zu unterbrechen. War es nicht unter seiner Würde, dies alles mit anzuhören? Etwas in ihrem Blick aber zwang ihn, ihre Worte ernst zu nehmen. »Was würden Sie denn mit dem Geld tun, wenn Sie es bekämen?« Oanda errötete vor Eifer. »Ich will alles Unrecht wieder gut machen. Erst will ich die Arbeiter wieder anstellen, die er der Maschinen wegen verabschiedet hat, den schwarzen Pat und Dick und Tonny – und viele, viele andere. Alle die blasse, tote Gesichter haben und weder singen noch lachen können, will ich frei und glücklich machen, bis sie alles Böse, was ihnen geschehen ist, vergessen haben. Und wenn sie ihm, der ihr Herr ist, zulächeln, dann wird er die Menschen wieder lieben und glücklich sein, wie er als Knabe war.« Ralph stand mit dem Rücken zu Eleanor und der Gesellschaft, unbeweglich, hocherhobenen Hauptes, den Blick über den Park gerichtet, als ob das Ganze ihn nichts anginge; trotzdem entging kein Wort seiner Aufmerksamkeit. »Und wer soll die Maschinen versorgen?« fragte der Präsident lächelnd, während seine Hand nach der Uhrtasche griff. »Was sollen wir mit den Maschinen? Was sollen wir mit ihrem toten Lärm? Sehen Sie, wie sie die Luft mit ihrem schlechten Atem verpesten! Er steigt in die Höhe und fällt dann auf die Häuser, so daß alles dunkel wird, ganz bis in ihre Herzen hinein wird es dunkel, das habe ich gesehen. Was sollen wir mit den hohen, stinkenden Häusern, wo der Schmutz an Hand und Fuß kleben bleibt? Ganz bis in die Seele dringt er. Ich habe gesehen, daß vor der Stadt große, grüne Wiesen sind. Laßt uns die Häuser niederreißen! Laßt uns ihnen das Licht zurückgeben, damit ihre kleinen Kinder rund und rosig werden können, wie auf der Insel meiner Mutter. Ich hätte nie geglaubt, daß soviel Dunkelheit in der Welt und in den Herzen der Menschen gedeihen könnte.« Sie machte eine kurze Pause; darauf beugte sie sich vor und flüsterte, damit nur er es hören konnte: »Glauben Sie nicht auch, daß die Stunde gekommen ist?« Er sah sie an, gegen seinen Willen von ihrem seltsam bewegten Blick ergriffen. »Die Stunde?« fragte er, flüsternd wie sie. »Meine Mutter sagt, daß das Licht sich einen Menschen aussucht und zur Errettung der Menschheit sendet, wenn die Dunkelheit in der Welt überhand genommen hat.« Sie schwieg und blickte tief prüfend in die scharfen, blaugrauen Augen. VI. Zwischen den Zuschauern auf der anderen Seite der Hecke wurde es plötzlich unruhig. »Laßt sie laufen!« rief einer. »Schlagt sie nieder, die Spürhunde!« schrie eine erbitterte Frauenstimme. »Die Polizei!« warnte die tiefe Baßstimme von vorhin. Es wurde gerufen, gepfiffen und gejohlt. Die Tribüne wurde gestürmt, während die Polizei den Weg vor dem Eingang zur Allee räumte. Ralph und Fielding traten zur Hecke, um zu sehen, was los sei. Ralph fragte den obersten Polizeibeamten. Bevor er aber eine Antwort erhalten hatte, kamen drei große Männer in Zivil aus der Platanenallee, mit einigen Arbeitern zwischen sich. Ralph erkannte sie sofort. Sie waren in Pats und Tonnys Begleitung gewesen, als sie ihm den Vergleich anboten. Fielding beobachtete alles scharf, was vorging. Er sah, wie Tonny die Farbe wechselte; seine schwarzen Augen irrten hin und her, als lauere er auf eine Gelegenheit, fortzukommen. Auch Pat und die anderen, die hinter der Rednertribüne standen, waren wie vom Blitz getroffen. Fielding machte dem obersten Polizeibeamten ein Zeichen. Einen Augenblick später war der Eingang zur Allee besetzt, während zwei Männer zur Terrasse eilten, um der Deputation jeden Fluchtversuch abzuschneiden. Die beiden zivilgekleideten Detektive führten ihre Gefangenen vor Fielding, während der eine in ruhig erklärendem Ton sagte: »Sie hatten Bomben bei sich.« Der Präsident blickte von den gefangenen Arbeitern zu ihren Kameraden hinter der Rednertribüne, und von dort über die johlende Menge auf der Tribüne. Darauf trat er vor, wandte sich an Fielding und die Detektive und sagte gebieterisch: »Ich bitte um eine Erklärung!« »Dies sind die entlassenen Arbeiter,« sagte Fielding, »die vor einer Stunde die Erlaubnis bekamen, ihr Arbeitszeug in der Fabrik zu holen. Ich fand ihr Auftreten verdächtig und veranlaßte, daß man ihnen folgte.« Der eine Detektiv trat vor und meldete: »Wir sahen sie in die Fabrik hineingehen, folgten ihnen und untersuchten sie.« Ralph erinnerte sich, daß er Fielding gleich nach dem Abgehen der Arbeiter vermißt hatte. Warum hatte Fielding ihm nichts gesagt, wenn er ahnte, daß die Sache so ernst sei, sondern hatte auf eigene Faust Veranstaltungen getroffen? Es war, als ob Fielding seine Gedanken gelesen hätte. »Ich wollte Ihnen das Fest nicht verderben,« sagte er, »bevor es dringend notwendig war.« Darauf fragte er den Detektiv: »Welche Art Bomben?« »Sprengbomben, die auf Zeit eingestellt werden.« Der Präsident wandte sich an den vordersten der Arbeiter: »Warum haben Sie es getan?« Der Arbeiter blickte mit braunen, stumpfen Augen in seinem seltsam gefühllosen Gesicht zu ihm auf. »Wir haben die Nummer gezogen,« sagte er. »Ich frage, was Sie durch das Verbrechen erreichen wollten?« »Den Mann zugrunde richten, der uns alle zugrunde gerichtet hat.« Er sagte es, ohne sich zu bedenken, als ob es eine seltsam überflüssige Frage sei. »Entsetzlich!« sagte Goodwill unfreiwillig. Die Gesellschaft, mit Frau Schultz und ihrem Sohn an der Spitze, hatte sich zurückgezogen, als die Unruhen begannen. Bei dem Wort »Bombe« wäre Frau Schultz beinah in Ohnmacht gefallen. Mehrere Damen, die im Wintergarten standen, suchten zwischen den Palmen Schutz, ängstlich und zugleich neugierig. Eleanor war die einzige, die standhielt. Oanda wandte sich an Goodwill. »Was sind Bomben?« fragte sie. »Höllenmaschinen; die Männer wollten die Fabrik in die Luft sprengen, all' die neuen Maschinen, die kostbaren Häuser. Und das an diesem Festtag!« »Wer ist Ihr Anführer?« fragte der Präsident nach kurzer Ueberlegung. Der Arbeiter schwieg, Ralph aber deutete auf Tonny: »Dort steht der Wortführer.« Fielding wandte sich an den Advokaten und sagte so laut, daß alle es hören mußten: »Und dort sein juristischer Ratgeber.« »Ich weise jede Verantwortung von mir ab!« rief Tillny. »Ich habe immerfort zur Versöhnlichkeit ermahnt. Herr Nomura und Pat, die dort stehen, können bezeugen, daß ich es war, der zu dem Vergleichsangebot geraten hat, das Herrn Cunning vor einer Stunde gemacht wurde, das er aber zurückgewiesen hat.« Nomura nickte feierlich und sagte: »Das ist wahr.« »Ja, das ist wahr,« sagte Pat und trat vor seine Kameraden. Aus der Zuhörerschaft erklang jetzt derselbe tiefe Baß, der vorhin den Präsidenten unterbrochen hatte: »Wir wollen keinen Vergleich mit dem Mann, der uns auf die Straße gesetzt hat!« »Nein,« ertönte es ringsum, »keinen Vergleich! Nieder mit ihm!« »Er hat elfhundert Mann entlassen!« schnitt eine gellende Stimme durch den Lärm. Der Präsident sah Ralph an und wiederholte fragend: »Elfhundert Mann?« Ralph wurde blaß vor Zorn. »Das Vergleichsangebot war ein Bluff,« rief er, »es war darauf berechnet, mich in den Augen der Oeffentlichkeit an meinem Festtag zu demütigen, oder mich zu einer Massenentlassung zu zwingen, die als Angriff gegen einen anderen gebraucht werden sollte.« »Gegen wen?« »Gegen Sie, Herr Präsident!« sagte Fielding. Weder wurde aus dem Haufen der Zuhörer gerufen und geschrien. Einige protestierten und versuchten ein Hoch auf den Präsidenten durchzusetzen; andere riefen: »Hört, hört!« und »Nieder mit ihm!« Ralph wartete, bis der Lärm abgenommen hatte. Dann rief er: »Der Angriff aber ist vorausgesehen worden. Der Werkführer ist der Arbeitsniederlegung mit zwölfhundert neuangestellten Arbeitern entgegengetreten.« »Pfui!« – »Streikbrecher!« – »Sie sollen es nur wagen!« – »Keiner soll lebendig von hier fortkommen!« Als der Lärm sich gelegt hatte, sagte Fielding: »Das sogenannte Vergleichsangebot stammt also von Ihnen, Herr Advokat?« »Ich protestiere!« Tillny wandte sich an die Zuhörer: »Es ist eine schändliche Auslegung einer loyalen Handlung. Pat kann bezeugen, daß ich jederzeit zu Versöhnlichkeit geraten habe.« Pat wischte sich den Schweiß von der Stirn und bezeugte: »Ja! Keine Gewalttätigkeiten, das hat Herr Advokat immer gesagt!« »Sonst kann ich euch nicht zu eurem Recht verhelfen,« fügte der Advokat hinzu, »das habe ich gesagt.« »Zu welchem Recht?« fügte Fielding herausfordernd. Tillny würdigte ihn keines Blickes. Er sah den Präsidenten an, als ob dieser ihn gefragt habe, und sagte: »Das Recht auf gute Lebensbedingungen für die streng arbeitende Bevölkerung. Meine Arbeit als Geschäftsführer in dem neuen Arbeiterviertel spricht für meine Absichten.« »Der Zeuge des Advokaten,« rief Fielding, »der schwarze Pat genannt, ist Inspektor in seinem Arbeiterviertel und vermietet die Wohnungen.« »Und seltsam genug,« schob Ralph ein, »haben alle meine entlassenen Arbeiter bei Tillny Obdach gefunden.« »Und Rat und Stütze!« fügte Fielding hinzu. »Beweise!« rief Tillny erregt. »Haben Sie nicht im Namen der Arbeiter vor einer halben Stunde den Präsidenten aufgefordert, ihren Ehegesetzvorschlag zu unterstützen?« »Das ist eine ganz andere Sache.« »Aha! Und in wessen Diensten, wenn man fragen darf?« »In wessen? Keine Beleidigung, wenn ich bitten darf.« »Im Dienst der Prinzessin! Sie hat ja in Ihrem Hause gewohnt und Sie haben Ihr Interesse für sie offen bekannt.« Der Advokat war wieder ruhig geworden. Er strammte seine Backenfalten aufs Feierlichste und hob die Arme beschwörend gegen den Präsidenten. »Den Schutz, den ich einer fremden, wehrlosen Frau, die in ihren tiefsten sozialen und persönlichsten Interessen getroffen ist, gewährt habe, will man als Waffe gegen mich anwenden!« »Keineswegs,« sagte Fielding trocken, »ich stelle nur eine Tatsache fest.« Tillny fand es ratsam, der Spur, die Fielding verfolgen wollte, auszuweichen. Er kehrte sich ihm voll zu und sagte, indem seine ganze stattliche Gestalt gekränkte Würde ausdrückte: »Ich fordere Rechenschaft von Ihnen in meinem eigenen Namen und in dem der Arbeiter; wie kommen Sie dazu, zu behaupten, daß das Vergleichsangebot als Angriff auf den Präsidenten verwendet werden sollte?« Fielding trat einen Schritt näher an ihn heran und fragte höflich: »Soll ich offen sein?« »Ja.« Fielding hielt seinen Blick fest und sagte langsam, laut und mit herausfordernder Ruhe: »Sie haben die Prinzessin gebraucht, um Ralph Cunning zu treffen, zu diesem Zweck haben Sie sie der Zeitungsreklame ausgeliefert. Und Sie wollten den Angriff der Arbeiter gegen Ralph Cunning dazu benutzen, um Stimmung gegen den Präsidenten, seinen Freund und Vormund, zu machen.« Tillny versuchte sich mit Aufbietung seiner ganzen Kraft zu fassen, und es glückte ihm, denselben ruhigen, sachlichen Ton anzuschlagen, wie sein Gegner. »Was sollte mich dazu bewegen, Ralph Cunning, mit dem ich in bestem Einvernehmen stehe und dessen Gast ich bin, anzugreifen? Oder den Präsidenten, für den ich die tiefste Achtung und Bewunderung hege?« Fielding wandte sich zur Gesellschaft. Der, den er suchte, stand ein Stück entfernt. »Vielleicht kann Herr Edwin Schultz,« sagte er, »uns eine Erklärung über den Grund geben, da Herr Advokat Tillny sich weigert.« »Ich?« Schultz richtete seinen kühlen, stechenden Blick auf ihn. »Mein Sohn,« rief Frau Fennimore zornig, »Ralphs bester Freund?« »Ja, Sie! Der Chef des Stahltrustes!« Ralph drehte sich um, blickte von Schultz zu Tillny, und ein großes Licht ging ihm auf. »Ich protestiere!« rief Schultz beleidigt mit seiner knarrenden Stimme. »Wogegen?« fragte Fielding. »Gegen – gegen die Beleidigung, daß –« Der Advokat kam ihm schleunigst zu Hilfe: »Wenn ich Sie recht verstehe, erdreisten Sie sich zu behaupten, daß ich von dem Trust bestochen worden bin, um Herrn Cunning niederzuschlagen und die Wiederwahl des Präsidenten zu verhindern.« »Bestochen habe ich nicht gesagt, das ist ein häßliches Wort. Ich stelle nur fest, daß Sie die Sache nicht besser eingefädelt und geschickter an den Fäden gezogen haben könnten, wenn der Trust Sie zu aktivem Handeln engagiert hätte.« Fielding wandte sich an den Präsidenten und fügte bedeutungsvoll hinzu: »Ich nehme an, daß Sie verstehen, was ich meine, Herr Präsident.« »Vollkommen!« nickte der Präsident. Oanda hatte mit großen Augen zugehört und sich Mühe gegeben, zu verstehen, was um sie herum vorging. Ralph drehte sich um und wurde von dem Ausdruck in ihrem Gesicht ergriffen. Er sah den dämmernden Schmerz in ihrem bewegten Gemüt. Ein unbegreifliches Mitleidsgefühl führte seine Seele noch näher der ihren zu. Ohne es selbst zu wollen, sprach er zu ihr und wußte selbst nicht, was er sagte, bevor er seine Worte hörte: »So sieht die schöne zivilisierte Welt aus, aus der Sie mich verdrängen wollen, um meinen Platz einzunehmen. Ja, wenn Sie mir Ihre Insel statt dessen geben würden!« Oanda verstand ihn nicht gleich, als er aber ihrem Blick auswich, überrascht über die Worte, die ihm entschlüpft waren, da ging etwas in ihrem Inneren vor. Eine Ahnung wurde in ihrem Herzen geboren, und ihre Augen bekamen einen wunderbaren Glanz. Eleanor sah es und erblaßte; gleich darauf aber schoß das Blut ihr heftig in die Wangen. Sie suchte eine Waffe, um einen Schlag zu führen, und sie fand eine. Sie trat neben Ralph, als ob sie ihn durch ihre Nähe stärken wollte, und sagte: »In der Zeitung steht, daß die Prinzessin zwischen Arbeitern verborgen gelebt hat. Darum wußte sie wohl auch von den Bomben Bescheid!« Oanda verstand nicht, worauf sie anspielte; doch sah sie den Zorn in dem schönen Gesicht, den Haß, der ihr aus den schwarzen Augen entgegenfunkelte, und es schmerzte sie, weil sie nicht wußte, wodurch sie diesen Haß verdient hatte. »Fräulein Oanda,« fragte der Präsident, und sah sie scharf an, »kennen Sie diese Leute?« Oanda sah die Männer an, auf die er zeigte. »Pat? Tonny? Das sind ja meine Freunde, meine Brüder.« Ihre Worte erbosten Eleanor noch mehr, sie wußte selbst nicht, warum. Blaß vor Zorn, trat sie dicht an sie heran: »Haben Sie nicht gesagt: Was sollen wir mit den toten Maschinen, was sollen wir mit den dunklen, stinkenden Häusern? Laßt sie uns niederreißen, haben Sie das nicht gesagt?« »Ja.« Ralph sah Oanda an, und er sah Eleanor an. Er betrachtete die, die alles vernichten wollte, was er geschaffen hatte, wenn es in ihrer Macht stand, und die, die flammend vor Zorn das verteidigte, was seines war und was auch das ihre werden sollte. Er fühlte, daß der Kampf in seinem eigenen Herzen vorging und daß es fast davon gesprengt wurde. Nomuras scharfe Augen hatten den Präsidenten beobachtet, um zu deuten, was hinter dem klaren, blaugrauen Blick vorging. Er fühlte, daß der Augenblick kritisch sei, trat vor und sagte: »Die Prinzessin hat nichts gewußt.« »Haben Sie denn etwas gewußt?« fragte der Präsident schlagfertig. Nomura zögerte einen Augenblick. »Gewußt und nicht gewußt,« sagte er, »ich bin Arbeiterarzt.« Ralph wandte sich an Tonny, der sich zwischen seinen Kameraden zu ducken versuchte: »Sie waren es, der mir drohte: ›Wenn Sie es nur nicht bereuen.‹ Sie wußten also Bescheid?« Tonny schwieg und wich seinem Blick aus. Eleanor hatte nicht die Absicht, die Uebermacht, die sie über ihre Feindin besaß, preiszugeben. Sie wandte sich an Pat und fragte: »Wie lange hat sie bei Ihnen gewohnt?« Pat blickte zum Advokaten, vom Advokaten zum Präsidenten, bevor er antwortete. »Zwei Wochen,« sagte er mürrisch. »Sie zog vom Advokaten Tillny zu uns.« Eleanor wandte sich an Oanda und fragte höhnisch: »Und Sie wußten nicht, was in dem Hause Ihrer ›Brüder‹ und ›Freunde‹ verhandelt wurde?« Oanda antwortete nicht. Pat hatte den Gesichtsausdruck des Präsidenten beobachtet und beeilte sich, ihr zu Hilfe zu kommen. »Herr Präsident,« sagte er eindringlich, »sie hat nichts gewußt. Ich verhinderte, daß sie etwas erfuhr.« »Warum?« fragte Eleanor. »Weil sie nichts damit zu tun haben sollte.« »Haben die anderen ihr nichts gesagt?« »Niemand hat ihr etwas gesagt.« »Können Sie für die anderen bürgen?« »Wir fürchteten, daß sie uns hindern würde, wenn sie etwas erführe.« »Hier haben wir das Geständnis!« stellte Fielding fest. Ralph stand neben Oanda. Ob sie ihn gesucht hatte, oder ob er unbewußt zu ihr gekommen war, keiner von beiden wußte es. Er stand neben ihr und sagte in tiefem Schmerz: »Können Sie sehen, wozu Sie mißbraucht worden sind?« Sie sah ihn an, als sei sie plötzlich weit, weit fortgerückt. Darauf wurde ihr Blick schwer von zurückgedrängten Tränen. Sie streckte die Hand aus, um ihn um Verzeihung zu bitten. Sie berührte seinen Arm und flüsterte mit einem ersterbenden Lächeln um die Lippen: »Ich will dir meine Insel als Ersatz geben.« Sie wußte nicht, was sie gesagt, nicht einmal, daß sie gesprochen hatte. Sie schloß die Augen im Schmerz, und Tränen quollen unter den Lidern hervor. Einen Augenblick öffnete sie sie wieder, Kälte durchschauerte sie, sie faltete die Hände vor der Brust, und plötzlich warf sie sich vor dem Präsidenten auf die Knie. »Sie, der Sie über alle herrschen,« sagte sie flehend, und nahm seine Hand in ihre beiden Hände, »ich bitte Sie im Namen meiner Mutter und meines Vaters –« Sie wandte ihren Kopf zu Ralphs Statue um, als ob jemand sie gerufen habe. Der Präsident neigte sich über sie und versuchte seine Hand freizumachen. »Entzünden Sie das Licht in seinem Herzen!« bat sie. »Sie, der Sie ihn von Kind an kannten und immer sein Freund gewesen sind. Entzünden Sie das Licht, damit er die Menschen wieder liebt wie damals, als er noch ein Knabe war.« »Stehen Sie auf!« Das Lächeln wich von dem Gesicht des Präsidenten; an seine Stelle trat ein unbeholfener Ausdruck. »Sie kennen die Welt nicht!« Er hob sie auf, um sie zur Wirklichkeit zurückzuführen, Oanda aber ließ sich nicht mehr führen, sie strich sich über die Stirn, als ob sie sich einen Schleier von den Augen riß. »Nein, nicht die tote Welt,« – ihr Blick war in die Ferne gerichtet – »aber die leuchtende, lebendige Welt! Ach, wenn ihr sie kennen würdet, wie ich!« Darauf atmete sie tief auf, ihr Blick kehrte zurück, und sie sah wieder den Präsidenten an, »Ihr gönnt einander das Leben nicht, darum ist es so dunkel in euren Herzen. Der eine will den anderen ausschließen und stirbt selbst daran.« Sie wandte sich an Ralph und sah ihn mit blitzenden Augen an. »Wüßtest du, wie schön es im Licht ist, dann würdest du die Menschen nicht zu deinen Feinden machen, dann würdest du lieber Unrecht leiden, als mit ihnen kämpfen. Denn jedesmal, wenn Ihr anderen Unrecht tut, dann kehrt das Unrecht sich gegen euch selbst und löscht das Licht in euren Herzen.« Sie blickte über die Hecke hinüber, an der Tribüne vorbei, wo die Menschen sie mit großen Augen anstarrten und gespannt jedem ihrer Worte lauschten. Sie sah zu dem freien Land hinüber, das sanft zu den waldbekleideten Bergen am Horizont anstieg. »Seht!« rief sie. »Seht die Berge dort drüben! Seht den Wald, die grünen Wiesen! Ist dort nicht Platz für uns alle? Seht das blaue Band, das sich dort schlängelt, das ist der Fluß. Ach, jetzt sehe ich ihn nicht mehr, eure dunklen Häuser verschließen mir den Blick.« Sie erschauerte und faltete die Arme über der Brust. »Spürt Ihr nicht die Kälte von all den toten Dingen, die euer Leben drücken? Eure Gedanken und Wünsche sind ebenso grau und verkommen, wie die armen, elenden Kinder, die sich auf euren Straßen herumtreiben.« Die Menge drüben drängte sich über die Landstraße. Einige kletterten auf die Hecke, um besser zu hören und zu sehen; andere drängten sich durch die Allee ganz bis zur Terrasse. Die Polizei wollte eingreifen, Fielding aber verhinderte es, um die Stimmung nicht noch gereizter zu machen, solange der Präsident Gast war. Indem Oandas Blick über die Menge glitt, sah sie Nelly, die ganz bis dorthin gelangt war, wo Pat und die Arbeiter standen. Erst vor wenigen Tagen hatte der Arzt ihr erlaubt, auszugehen. Pat hatte sie nicht mit zum Fest nehmen wollen, weil er fürchtete, daß es zu viel für sie sein würde. Sie aber hatte Eddie überredet, sie zu begleiten. Jetzt stand sie da, und ihre großen Augen leuchteten Oanda aus dem totblassen Gesicht entgegen. »Nelly,« rief Oanda, »bist du da, Mütterchen?« Darauf wandte sie sich an Ralph. »Kannst du dich erinnern, daß ich dir sagte, daß sie glückliche Augen hätte? Jetzt kannst du es selbst sehen! Alles würde ich hingeben, alles würde ich hinnehmen, damit du so glücklich werden kannst, wie sie.« Sie sah ihn an mit dem ersterbenden Lächeln, das ihm so weh tat. »Ich gebe dir meine Insel als Ersatz! Sieh – dort liegt sie vor deinen Augen!« Sie zeigte auf die Berge, die gegen den klaren, kühlen Himmel in der Abendsonne erröteten. »Dort drüben jenseits der Stadt und der Fabrik, fern von allem, was ihr Gesetz nennt, liegt sie in dem Licht dessen, der sich eine Menschenseele auserwählt, die gegen die Dunkelheit kämpfen soll.« Sie wandte sich an den Präsidenten, faßte seine Hand und bat mit bebender Stimme: »Sie, der Sie über alle herrschen – führen Sie uns zum Licht hinauf!« »Was wollen Sie?« Der Präsident versuchte vergeblich, ihre Worte mit einem Lächeln abzutun. »Haben Sie Tsing-Kai nicht auf meine Bitte freigegeben? Sie sind es, der auserwählt ist!« »Nicht er!« erklang Nellys durchdringende Stimme, » Du bist aus einer anderen Welt gekommen und hast unsere Not gesehen, du sollst uns führen.« VII. Aller Blicke wandten sich auf Nelly. Sie hatte sich mit der linken Hand an den Sockel von Ralphs Statue geklammert, mit der Rechten fuchtelte sie durch die Luft; sie stand dort in ihrem langen grauen Mantelkragen, mit entblößtem Kopf, das dünne, schwarze Haar hing ihr in Stirn und Schläfen, ihr schmächtiger Körper war wie eine Feder gespannt, die dunklen Augen traten unter der weißen Stirn aus ihren Höhlen und hefteten sich auf Oandas, als ob sie die Macht hätte, sie zu sich heranzuziehen. Alle Arbeiter kannten sie. Sie strömten herbei von der Hecke und aus den Alleen. »Ja, ja,« schrien sie, »die Prinzessin soll uns führen!« Ralph stand an Oandas Seite, seine ganze Seele war wie verzaubert von dem Licht in ihren Augen. Eleanor sah es. »Ralph!« rief sie und griff in Todesangst nach seinem Arm. »Komm! – Sie ist ja besessen.« Er schüttelte sie von sich ab und nahm Oandas Hand. »Was willst du?« Oanda beugte den Kopf vor ihm, als sei sie eine Blume, die gepflückt würde. »O, Ralph!« sagte sie aus der Tiefe ihres Herzens. Die Arbeiter aber ließen nicht ab. Die Prinzessin, die sie liebten, hatte gerufen. Nelly, die sie alle kannten, hatte für sie geantwortet. Man wartete – man war zu allem bereit. Tonny vergaß seine Schuld und drängte sich zu Oanda durch. »Was wollen Sie?« fragte er mit blanken Angen. »Wo wollen Sie uns hinführen?« sagte Pat und berührte ihr Kleid. Sie stand da, als ob sie träumte; ihre Augen waren bis an den Rand von dem gefüllt, was aus ihrem Herzen emporstieg. Und sie lächelte dazu, als ob sie über ein Glück weinen müßte, das zu schwer zu tragen war. Langsam drangen Rufe und Fragen ihr ins Bewußtsein. Sie sah sich, um, als ob sie aus einem wunderbaren Traum erwachte, von dem sie sich nicht trennen konnte. Ein lauschender Ausdruck trat in ihre Züge. Sie drehte sich zu den Arbeitern um und fragte: »Die Bomben? Wo sind die Bomben geblieben?« »Die Polizei hat sie!« wurde zurückgerufen. Sie wandte sich an den Präsidenten und sagte bittend: »Sie, der Sie auserwählt sind, sagen Sie den Leuten, daß sie die Bomben wieder an die Stelle legen, wo sie sie gefunden haben. Sagen Sie, daß man sie anzünden soll, damit all die toten Maschinen in die Luft gesprengt werden.« Es wurde still – Hunderte hielten den Atem an, in einer Ahnung dessen, was sie nicht gleich erfassen konnten. Darauf brach ein Rasen und Toben los, als ob ein Fluß einen Damm, der von monatelangem Unwetter mürbe geworden ist, durchbricht. »Ja, ja, laßt uns die Maschinen in die Luft sprengen!« Die Menge schwenkte mit den Hüten, sie war außer sich, brach über die Hecke; die Polizei wich zurück, wie Pfähle in einem baufälligen Zaun. Der Präsident breitete die Arme mahnend gegen die Brandung aus. »Sie weiß nicht, was sie sagt,« rief er. Oanda aber hörte ihn nicht. Ihr Gesicht und das flammende Haar strahlten von dem Licht in ihren Augen. »Was sollen wir mit den toten Maschinen?« rief sie. »Irgendwo müßt ihr anfangen, das zu töten, was euch drückt und verbittert.« Sie wandte sich an die Menge und breitete ihre Arme aus, als wolle sie sie alle an sich ziehen. Ihre Augen waren wie die eines Menschen, der vor unermeßlichem Glück der Erde entrückt ist. »Laßt uns alle Freunde werden, wir wollen nichts anderes als leben und glücklich sein.« Fielding sprang vor und versuchte, sie zu überschreien. »Hört nicht auf sie! Der Wahnsinn leuchtet ihr aus den Augen!« Die Arbeiter aber hörten ihn nicht. Sie waren wie ein Bienenschwarm zur Frühjahrszeit, der der Sonne entgegenjubelt und summend darauf wartet, daß die Königin ihn führen wird. »Wir wollen glücklich sein!« riefen einige – »Fort mit den toten Maschinen!« riefen andere. Oanda legte ihren Kopf gegen Ralphs Schulter, als ob sie das, was aus ihrem Herzen heraufflutete, nicht mehr allein tragen könne. »Ralph,« bat sie, »komm mit mir zu meiner Insel.« Da aber stand Nelly neben ihnen. Sie hatte auf jedes Wort, auf jeden Blick von ihr, dem leuchtenden Engel, achtgegeben. »Nein, nicht ihn sollst du lieben!« sagte sie und zog Oanda an sich, »uns alle sollst du lieben! – Laß ihn, Oanda! – zu uns gehörst du!« Und der Schwarm durchbrach Hecke und Zaun. Er verlangte seine Königin und summte aus Angst, daß er sie verlieren könnte. »Uns gehörst du!« wurde geschrien; einige Frauen mit wahnwitzigen Augen zerrten an ihr, um sie mitzuziehen. »Herr Präsident!« rief Fielding, »machen Sie Gebrauch von Ihrer Autorität!« Der Präsident riß sich aus dem tiefen Erstaunen, das auch ihn gelähmt hatte. »Freunde!« rief er, »Brüder und Schwestern – das ist Tollheit! – Es ist etwas Schlimmeres, Verbrechen ist es!« Er schleuderte die Worte mit der ganzen Kraft seiner Lungen heraus: »Es wird Dunkelheit über euch bringen, schlimmer als vorher.« »Gebt die Bomben her!« gellte eine Stimme durch den Lärm, »fort mit den toten Maschinen!« Der Schwarm summte und jubelte und scharte sich um Oanda. »Hinaus zu den grünen Wiesen!« schrie Nelly und zog sie am Kleide, »komm, komm!« »Haltet ein, Leute!« rief der Präsident, »das ist Aufruhr. Die Polizei muß ihre Pflicht tun.« »Die Polizei!« wurde höhnisch geantwortet, »sie soll es nur versuchen!« und ein Sturm von Gelächter und Zorn brach los. Fielding war zum Wintergarten gegangen, hatte Verbindung mit der Dienerschaft bekommen und seine Befehle gegeben. Und jetzt kamen die Schutzleute im Eilmarsch über die Landstraße von dem Fabrikviertel. »Absperren!« wurde kommandiert. Es wurde gepfiffen und Antwort gegeben. Die Polizei jagte die Menge vor sich her. Der Schwarm aber ließ sich nicht zersplittern. Er hatte die alten Verhältnisse gesprengt, weil ein Lichtstrahl die Dunkelheit im Bienenkorb gespalten und ihn gerufen hatte. Jetzt scharte er sich um seine Königin und verlangte von ihr zur Sonne geführt zu werden. Während Ralphs Gesellschaft zum Wintergarten flüchtete, ergriff der Schwarm Oanda, hob sie auf seine Schultern und trug sie zwischen sich, um sie aus der Dunkelheit zu erretten, die die Flucht der Königin bedrohte. Oanda streckte die Arme nach Ralph aus. »Komm mit zu meiner Insel!« Der Präsident hatte die Rednertribüne erreicht. »Hütet euch vor Aufruhr!« rief er mit der voller Kraft seiner Lungen. »Laßt nicht die Frau, die Ihr liebt, durch das Gesetz getroffen werden.« Sein Blick begegnete Pats. Und Pat begriff, daß die Frau, die er anbetete, in Gefahr sei. Er sah einen Schimmer von Fieldings Kopf, der über der Menge ragte. Er sah, daß er auf seinem Posten war und wußte, daß ein Blick seiner kalten Augen genügen würde. Er eilte hinzu; bevor aber seine mächtigen Arme diejenigen erreicht hatten, die sie trugen – wurde er durch einen Ruf zurückgehalten. Einer war ihm zuvorgekommen, und der Schwarm öffnete sich vor ihm, weil sein Gesichtsausdruck ihn dazu zwang. Es war Ralph. »Arbeiter – Freunde! – Ihr Wille geschehe! – Alles gehört ihr!« Es wurde still. Die Männer, die sie getragen hatten, ließen sie los. Oanda stand wieder auf der Erde. Sie sah ihn an, der mit ganzer Seele nach ihr verlangte. Und siehe, seine Augen leuchteten. Sie konnte nicht sprechen, sie konnte nichts fühlen; sie sah ein Wunder, das ihr Herz selig erbeben machte, sie sah, daß das Licht in ihm entzündet war. Er stand bei ihr, seine Augen in den ihren; sie fühlte seine Hände auf den ihren brennen und hörte seine Stimme. »Geliebte,« bat er aus tiefster Seele, »laß mich an deinem Werk teilhaftig werden!« Da brachen ihr die Tränen aus den Augen; sie faltete die Hände vor der Brust; jetzt aber waren sie nicht mehr allein, sie umschlossen die seinen. Und der Schwarm fand die Sprache wieder. Das Ziel war erreicht, bevor er noch eigentlich geflogen war. Statt ihn zur Sonne hinaufzuführen, hatte die Königin das Licht zu ihm herabgebracht. Der Schwarm summte in seliger Erwartung. Und mit dem Licht wurde im Herzen der Bienen die Hoffnung auf neuen Honig entzündet. Die Sonne war im Begriff unterzugehen. Das Licht fiel auf Ralph Cunnings Statue, wie sie dort in ihrem dunklen Schmuck stand und suchend ins Weite blickte. Die Strahlen trafen sein Gesicht, so daß es zu lächeln schien. Auf einer fernen Insel aber – dort, wo die Sonne unterging – war eine Frau, die das Lächeln in ihrem Herzen fühlte, während sie am Webstuhl saß, die blinden Augen dem Licht zugewandt.