Georg Weerth Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten 1843–1848 Inhaltsverzeichnis I Von Köln nach London II London III Londoner Leben IV Eine Reise ins Innere des Landes V Weihnachtsfest in den Yorkshire-Bergen VI Die englische Mittelklasse VII Die englischen Arbeiter VIII Das Blumenfest der englischen Arbeiter IX Geschichte der Radical Reformers von 1780 bis 1832 X Geschichte der Chartisten von 1832 bis 1848 XI Das englische Armenwesen XII Geschichte der englischen Handelskrisen von 1810 bis 1848 XIII Reise nach Wales XIV Rückkehr Angabe der historischen und statistischen Quellen         Porter. Progress of the Nation. McCulloch. Statistical Account of the British Empire. Ure. Philosophy of Manufactures. Sir Morton Eden. The State of the Poor. O'Connor. Lancashire Trials. Bamford. Passages in the Life of a Radical. Cooke. The History of Party. Tooke. A History of Prices. Report from the Officers of the Railway Department. 1844–1845. Parliamentary Papers – Factory Bill. Report from the Committee of Secrecy of the House of Commons 1794. Malthus. Essay on the Principle of Population. Marcus. Theory of Painless Extinction. Owen. New Moral World. Random Recollections of the House of Commons. Wade. History of the Middle and Working Classes. Symons. Arts and Artisans. Baines. History of Cotton Manufacture. Cobbett. Registers. Cobbett. History and Mistery of the Bank of England... Report of the Commissionars on the Operation of the Poor Laws 1833–44. I Von Köln nach London Lebe wohl, o Köln! mit deinem Dome, mit deinem Gürzenich, mit deinem Bayenturme und mit deinen tausend und aber tausend Kirchweih- und Fastnachtsspäßen! Dein werd ich immer gedenken. Dran denken werd ich, daß ich einst in der Sternengasse gegenüber dem alten, ehrwürdigen Hause wohnte, von dem mir einst ein dienstfertiger Kommissionär erzählte, daß der Herr Peter Paul Rubens darin geboren und daß die Mediceische Venus darin gestorben sei. Seltsam! Die Maria von Medici mit der Mediceischen Venus zu verwechseln. So etwas kann nur einem guten Kölner passieren. Aber der Mann erzählte mir die Geschichte mit der ernsthaftesten Gebärde; – wahrscheinlich hat er nur aus Instinkt einen kölnischen Witz gerissen. Ach, es sind so viele Leute in Köln auf ihren Witz angewiesen! Lebe wohl, du alte, wunderliche Stadt! Während ich in deinen Mauern wohnte, habe ich mein Meistes und Bestes zu deinem Ruhme beigetragen. Habe ich nicht von deinem kühlen Moselwein mehr genossen, als meinem Magen lieb war? Habe ich nicht in deiner »Ewigen Lampe«, in jener Schenke am Dom, mehr als hundertmal über die große Wahrheit des Spruches nachgedacht, daß keine Kirche auf Erden erbaut wird, ohne daß der Teufel seine Kapelle danebensetzt? Bin ich nicht jeden Sonntag in dein Wallrafsches Museum gewandert, um vor den Bildern deiner unsterblichen Maler, vor jenen lieblichen Engeln und Heiligen mit Schwalbenflügeln und Goldkreuzen, vor jenen erstaunlichen Märtyrern mit noch erstaunlicheren langen Beinen, als ich sie selbst besitze, meine tiefste Andacht zu verrichten und in das frömmste Gelächter auszubrechen? Habe ich nicht deinen Karneval verherrlicht, als ich einst auf dem schlechtesten Gaule der Rheinprovinz als Don Quijote durch deine Gassen ritt und mit dem Panzer vor der Brust, mit dem Barbierbecken auf dem Kopfe von 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens deine holdseligen Jungfrauen zum Tanze führte? Wurdest du nicht von mir besungen in altgriechischem Versmaß, in dem heiteren Rez-de-chaussée deiner DuMontschen Zeitung, Hochstraße № 133? Sieh, ich habe alles für dich getan, was man in seinem einundzwanzigsten Jahre für dich tun kann, in dem Alter, wo man aufgehört hat, seinen werten Namen in jeden Eichenbaum zu schneiden, wo man aber noch nicht aufgehört hat, entre-chien-et-loup eine Laterne einzuwerfen; – wo man aufgehört hat: »Morgenrot, o Morgenrot!« zu singen, wo man aber noch nicht die Marseillaise singt; – wo man den letzten schwarzen Sammetrock verschlissen hat, aber noch immer nicht zu einem Frack kam; – wo man an die Gellertschen Fabeln zwar nicht mehr denkt, wo man aber auch noch nicht bis zu den Aventüren des Chevalier Faublas fortgeschritten ist – genug, in dem Alter, wo man den schönsten Teil der Flegeljahre hinter sich hat und gerade im Begriff ist, aus dem verrückten Monat April des Lebens in den Mai des Daseins hinüberzuvoltigieren, wo man wie ein angehender Student kein Pennal, aber auch noch kein Fuchs ist, wo man eben noch zwischen Esel und Roß schwankt, wo man einstweilen nur ein jugendliches, romantisches Maultier ist. Ach Köln, ich habe viel für dich getan! Ich schwärmte für dich. Von jedem Eckstein deiner Gassen wußte ich etwas Interessantes zu erzählen. Ich kannte jedes Marienbild in deinen Kirchen, jedes Römerglas in deinen Schenken »zum stillen Vergnügen«. Ich wußte deine Sagen, Legenden und Märchen auswendig wie der Dr. Weyden; ich wußte noch viel dümmeres Zeug als das! Und womit hast du mich belohnt? Glaubtest du dich dadurch hinlänglich revanchiert zu haben, daß du mich durch deinen sterblichen Professor Wahlen als korrespondierendes Ehrenmitglied eines jährlichen Bockessens aufnehmen ließest? War das dein Dank, daß alle Fenster und Türen verschlossen, daß all deine Gassen wie ausgestorben, daß all deine Plätze wie verwaist waren, als ich endlich in der heiligen Frühe um 6 Uhr wehmütig in den Omnibus stieg, um mich vielleicht auf immer von dir zu trennen? War das dein Dank, daß du nur hin und wieder einen schlaftrunkenen Pfahlbürger, mit der Schlafmütze auf dem Kopf und mit nicht sehr saubern, umgeklappten Vatermördern, aus den Giebelfenstern gähnen ließest, als ich über den Eigelstein an jenen Häusern vorbeifuhr, wo man die länglichen, sehr mystisch-sagenhaften Brote backt, an deren obern Ende ein Mutter-Gottes-Bild und an deren untern Ende eine Flötepfeife angebracht ist? War das dein Dank, daß du den eisernen preußischen Adler auf deinem Tore wie einen gallischen Hahn zornig erröten ließest, als der treue Sohn eines treuen Vaterlandes endlich die Festungswerke passiert hatte, um froh das Weite zu suchen? O Köln, du große Freudenstadt, die du in deinem Banner die Farben Rot und Weiß führst, gewissermaßen als Sinnbild des vielen roten und weißen Weines, der in deinen Mauern getrunken wird; schöne Stätte, wo jeder Familienvater wie der heilige Petrus seinen Hausschlüssel bei sich führt, wo jeder junge Ehemann den ganzen geschlagenen Abend auf den harten Wirtshausbänken sitzen muß, um den kühlen Krätzer zu trinken, während die lieblichen Ehehälften im weichen Bette liegen dürfen, um sich des warmen Tees zu erfreuen; glorreicher Ort, der du nimmer müde wirst, an deinem kolossalen Dome zu bauen; ruhmwürdige Gegend, in deren Bereich die Zahl der Dombau-Vereine fast geradeso groß ist wie die Zahl der Taler, welche diese Vereine jährlich zusammenbringen; Stadt des Humors und des Enthusiasmus, die ich geliebt, verehrt, besungen und verherrlicht: weshalb ließest du mich so still aus deiner Mitte ziehn? – weshalb öffnete sich nicht noch einmal die Türe des »Freischützen« und das blaue Auge seiner schönen Kellnerin? – weshalb wurde er nicht einmal am frühen Morgen wach, der gewaltige Klütsch, welcher der Große Bär unter den Sternbildern deiner lustigen Bürger ist? – weshalb hörte ich ihn nicht noch einmal knarren, den alten Kranen dort oben auf dem Domturm, an dem sich sicher und gewiß noch ein anderer Baumeister erhängen wird wie an einem Galgen, wenn er wiederum an der Vollendung des gewaltigen Werkes verzweifelt? Alles war still. – Nur da draußen vor den Toren sangen die Lerchen ihr Morgengebet, und die Lokomotive akkompagnierte mit hellem Gepfeif, und Regierungsräte und Kammerfrauen und Polizeidiener und Gemüseweiber und Roßkämme und Orgeldreher und alles, alles drängte sich in die offenen Wagen, nur kein einziges jener Geschöpfe, die ich vor meinem Abschiede noch einmal an die Brust zu drücken wünschte, nur kein einziges jener lieben Kinder mit Rubinlippen, mit nußbraunen Haaren und mit Augen blau wie: »Vergiß-mir-nicht«. Natürlich fuhren wir zuerst nach Aachen – ein unbekannter Ort, der kürzlich erst durch Heinrich Heine entdeckt und in dem unvergleichlichen »Wintermärchen« nach Verdienst besungen wurde. Die Schönheiten Aachens sind erst durch Heine recht ans Licht gekommen, man hatte früher nur eine dunkle Ahnung davon, man wußte nur, daß Karl der Große, seliger, dort verstorben und vergraben sei, daß die Bauern der Umgegend alle sieben Jahre zu der Ausstellung des heiligen Hemdes und die Bonner Studenten jeden Sonntag zu dem grünen Tische der Redoute wallfahrteten; die Bauern – um mit reuigem Herzen, mit verzückten Augen und gebeugten Knien vor dem antiken Leinwandfetzen ihre Andacht zu verrichten und von Not und Fegefeuer erlöst zu werden; die Studenten – um im Schmuck der goldenen Locken lächelnd an den grünen Altar der Croupiers zu treten und – wenn auch nicht den unsterblichen Hekatomben, doch ihrem Visavis die Fülle der Zehngroschenstücke opfernd – erst recht in Not und Fegefeuer hineinzugeraten. Das war eigentlich alles, was jedem Kinde der Provinz von Aachen bekannt war. Aber jetzt? Man kennt jeden Lieutenant auf der Straße, man kennt den Adler über dem Posthause, man weiß genau, womit sich die Hunde, die armen, langweiligen Hunde, in Aachen beschäftigen und amüsieren. Kurz, man kennt die winzigsten Kleinigkeiten, und wenn der ehrwürdigen Stadt jemals etwas Menschliches begegnete, wenn sie einmal unterginge durch Pestilenz, Brand, Hunger oder durch ein ähnliches Unglück, da wird man nur Heines »Wintermärchen« aufzuschlagen haben, um den Feuer- oder Lebensversicherungsgesellschaften die beste Anleitung zu geben, in welcher Weise sie das Zerstörte zu ersetzen haben, sei es an Häusern, Menschen oder Vieh. Aachen ist wirklich eine liebenswürdige Stadt – alle drei Jahre einen Tag lang ist Aachen das Nonplusultra des Schönen und Interessanten. Da kommt irgendein großer Meister von Berlin, von Wien oder sonst woher und dirigiert das Musikfest; da kommt die schwedische Nachtigall und trilliert und flötet viel schöner als alle die kleinen Brüder und Schwestern im Gebüsch des Louis-Berges; da kommt das Kölner Quartett, da kommen die Liedertäfler, die Gesangvereine, die Barden-Gesellschaften, die Arion-Kränzchen, und da kommen all die lustigen Lerchen, Wachteln, Buchfinken, Kanarien- und Paradiesvögel, welche vereinzelt die Welt mit ihrem Gesange erfreuen, so daß bald in dem alten, grauen Aachen ein Trillern und Musizieren beginnt, als hätte sich, ähnlich der Sage des Siebengebirges, wo sich auf das Wort des zornigen Priors alle Nachtigallen der Abtei Heisterbach einst aus ihren Nestern erhoben, um jenseit der Berge in einem einzigen, kleinen Wäldchen zusammenzukommen und vereint ihr Konzert zu beginnen – so auch dann in Aachen die ganze musikalische Welt der Heimat wie auf den Befehl eines Zauberers eingestellt. Und ich bin fest davon überzeugt: wenn es nicht gar zu anstößig wäre, die heilige Cäcilie schwebte an einem solchen Tage gern vom Himmel nieder und setzte sich für drei Taler preußisch Kurant in das Parterre des Aachener Komödienhauses. Denn so etwas hört man nicht alle Tage. Ob Aachen außer diesem einen Tage alle drei Jahre, außer diesem Tag der Musik der Nachtigallenkehlen und der Kontrabässe noch viele Reize aufzuweisen hat, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Ich erkundigte mich oft danach bei einem alten Brüsseler Gelehrten, natürlich einem deutschen, der zweimal jährlich von Brüssel nach Aachen reist, um sich auf dem Büchel drei lange deutsche Pfeifen zu kaufen. Er wußte mir nie etwas zu erzählen; er versicherte mir aber stets, die Aachener Pfeifen seien vortrefflich. Lieber Leser, wenn du einundzwanzig Jahre alt bist, da glaube nur ja nicht, daß es etwas so sehr Leichtes ist, zum ersten Male dem Vaterlande Lebewohl zu sagen und den Fuß in ein fremdes Reich zu setzen. Du erkundigst dich bei den Leuten, welche dir in den Eisenbahnwagen gegenübersitzen, schon lange vor der Zeit, ob man schon auf belgischem Boden sei; schon gleich hinter Aachen schaust du in einem fort rechts und links zu den Fenstern hinaus, um ja nicht den letzten Blick auf deine Heimat zu verfehlen und um auch gleich den ersten ausländischen Tannenbaum zu begrüßen, wie es einem ehrlichen Deutschen zukommt. Seltsame Dinge gehen in deiner Seele vor. Hinter dir liegt nun gleich, so denkst du, das Land deiner Jugend, wo ich als Kind mit goldnen Blumen spielte und wo meine Perlen und Diamanten nur in dem Tau bestanden, den der Morgenwind aus den Rosenknospen schüttelte. Mit Bertha und Adelheid saß ich an langen Winterabenden neben dem knisternden Feuer und lauschte den tollen, wunderlichen Märchen, die uns die Amme mit schauerlicher Stimme vortrug. Da lernte ich zuerst die Geschichte von den Haimonskindern, von Wieland dem Schmied, von Genoveva und den Heinzelmännern; ach, wie haben unsere Herzen geklopft, wenn der Popanz die Brüder des kleinen Däumlings fressen wollte, und wie freuten wir uns, wenn der kleine Kerl den großen Riesen doch immer wieder zu überlisten wußte. Dann ging es in die Schule, auf die harten, glattgerittnen Bänke, wo wir den Herrn Magister mehr als hundertmal zu allen Teufeln wünschten – »Mensa« ist schwer zu deklinieren; wir schnitten dem Rektor Kerbe in seinen Rietstock, ließen Maikäfer unter dem Tische fliegen, banden ihm einen Fuchsschwanz an den hinteren Rockknopf und schnitten den Namen in den Tisch – während der Religionsstunde. Draußen aber, auf dem Spielplatz, da ging es hoch her; da machten wir Welfen und Gibellinen und Cimbern und Teutonen. Ich war Marius, und du: Teutobod. – Groß war unsre Angst, wenn wir einen ganzen Samstagnachmittag im Walde herumgelaufen waren und endlich spätabends mit zerrissener Hose nach Hause zurückkehrten. Da setzte es manche herzliche Ohrfeige ab, und mit bitteren Tränen wurde der Tag beschlossen. Und dann die erste Ferienreise an die Weser, in den Harz, an den Rhein – mit dem Ranzen auf dem Nacken, sieben alte Krontaler im Sack und einen Stock in der Hand; an jedem Wirtshaus wird stillgehalten, man spricht mit den Mädchen, welche die Milch nach der Stadt tragen, man spielt den flotten Reisenden und setzt die Mütze etwas schief auf den Kopf, indem man eine Falkenfeder zwischen Tuch und Lederschirm schiebt. Wie herrlich lag es sich in der Mitte des Waldes, wenn wir aus Laub und Reisig ein helles Feuer gemacht hatten; in malerischen Gruppen kauerte die kleine Reisegesellschaft um die knisternde Flamme, und »Ein freies Leben führen wir« klang es weit durch den düsteren Forst, daß die Hirsche und Rehe erstaunt emporsprangen, die Geweihe in den Nacken legten und mit vorgestreckter Brust ventre à terre durch die Zweige der Tannen setzten. Und kam der Abend, da suchte man irgendeine romantische Schenke unter Erlen und Lindenbäumen, und frecher wie die Landsknechte unter Georg von Frundsberg gebärdeten wir uns, wenn der Wirt die Unvorsichtigkeit beging, uns schon für Studenten zu halten. Kamen wir aber in eine neue Stadt, da interessierten wir uns namentlich für Malerei und Architektur, machten Notizen in das Reisebuch, was mehr weiße Blätter enthielt, als man zur Beschreibung einer Reise in den Orient nötig gehabt hätte. – Damals war es auch gewiß, daß wir zuerst rauchten; unter Gottes freiem Himmel war die Gefahr nicht so groß; der rote Tabaksbeutel, der daheim noch hinter Büchern und Papieren verborgen wurde, er baumelte jetzt frei an der Seite des Ranzens; die Pfeife wurde gestopft, man nahm Stahl und Stein und einen Lappen Zunder, mit dem ein friesischer Bauer sein halbes Leben ausgekommen wäre; und keine Minute dauerte es, da genoß man auch schon mit wahrer Todesverachtung den Rauch des beizenden Knasters, indem man keine Gelegenheit vorübergehen ließ, um hin und wieder bei einem kühlen Quell niederzusitzen, damit man durch einen gewaltigen Trunk das Gleichgewicht der fünf Sinne wiederherstellen könne. – Schrecklich war es indes, wenn man nach einigen kostspieligem Genüssen bemerkte, daß die Reisekasse bald ihrem Ende entgegengehe. Da hielt man an der Seite der Landstraße ein ernstes Konsil, zählte die vorrätige Barschaft und suchte bis auf Heller und Pfennig auszurechnen, wieviel man wohl zur Rückkehr in die Heimat nötig habe. Fand es sich, daß man zu kurz kommen werde, da brach der eine in Verwünschungen über die vielen unnötigen Ausgaben aus, zu denen er nicht seine Zustimmung gegeben hatte, da lärmte der andere über die Not der Menschen im allgemeinen, und da erinnerte sich plötzlich ein dritter, daß auf einem Dorfe in der Umgegend irgendein alter Pastor wohne, der die lieben Eltern daheim von Zeit zu Zeit besuche, und im Nu wurde natürlich beschlossen, daß man den würdigen Mann aufsuchen wolle, um sich zuerst häuslich bei ihm niederzulassen und ruhiger das Weitere zu überlegen oder hintereinander eine kleine Staatsanleihe zu kontrahieren. Hatte man endlich vieler Menschen Städte gesehn und Sitten gelernet, da kehrte man zurück in das Land seiner Väter, freute sich, wenn man zuerst den Rauch aus den heimischen Schornsteinen aufsteigen sah, und fiel seinen Geliebten um den Hals, als hätte man sie in einem halben Menschenleben nicht gesehen. Den Kopf voll von Wundern der Fremde, setzte man sich dann gleich nieder, um noch vor Anfang des Wintersemesters das Erlebte in Form eines phantastischen Aufsatzes zu Papier zu bringen. »Eine Ferienreise zu sechsen« – »Abenteuer im Harz« – »Über das Reisen im allgemeinen« – »Phantasien und Betrachtungen auf den Fluren der Fremde« – und wie alle die schönen Titel lauteten, welche man seiner Arbeit auf einem schneeweißen Blatte Propatria vorhergehen ließ. O herrliche Zeit, wo man zuerst die Märchen »Tausendundeine Nacht« liest, wo man zuerst an seinem Geburtstage ein Nüremberger Ei trägt, wo man zuerst eine Zigarre rauchen kann, ohne eines frühen Todes zu sterben! Der Cäsar und der Cicero lagen aufgeschlagen auf meinem Tische, und gegenüber schauten die Monatsrosen zum Fenster hinaus, und zwei blitzende Augen blickten durch das Grün des Laubes forschend auf den fleißigen Jungen hinab; und ach, es geschah dann nur gar zu oft, daß das Exerzitium nicht zur rechten Zeit fertig wurde und in der Zwischenzeit, stehenden Fußes, von einem barmherzigen Nachbarn abgeschrieben werden mußte. »Homers Odüßee, übersezt von Johann Heinrich Voß, Hamburg, auf Kosten des Verfassers. 1781« hatte ich schon von meinem älteren Bruder geerbt; ich konnte jedoch auch fast den ersten Gesang in der Ursprache auswendig; aber wie schnell wurde alles das vergessen, als ich »Des Knaben Wunderhorn« und den alten Uhland und den »Taugenichts« des lustigen Eichendorff in die Hände bekam. Die Nächte wurden mir da zum Tage, und ich schrieb mehr Verse als Calderon und verdarb mehr gutes, geduldiges Papier, als ich vielleicht vom zwanzigsten bis zum achtzigsten Jahr zu Fidibus verbrauchen werde, mehr Papier, als alle alten Jungfern seit Erfindung des Papyros in ihre spärlichen Haare gewickelt haben. O schönes Land meiner Jugend, dich muß ich jetzt verlassen! – Verlassen die Stätte, wo ich zuerst gespielt, gelesen, geraucht, gereist, gelernt, geliebt und gedichtet habe! Lebe wohl! Lebe wohl! – und, lieber Leser, unwillkürlich dringt eine heiße Träne durch deine Wimpern, und deine jugendliche, romantische Maultierseele flutet über von Wehmut und kindlicher Andacht. Zwischen all den nüchternen Gesellen, welche dir das Schicksal zu Reisegefährten gab, zwischen all den rechnenden Kaufleuten, den spekulierenden Ökonomen, den verständigen Polizeidienern und Grenzjägern, den trostlosen Handlungsreisenden, den alternden Kammerfrauen und gestrengen Regierungsräten sitzest du in deiner Ecke des Eisenbahnwagens »sô lilium undern dornen, sancta Maria«. Da legt ein alter Herr freundlich seine Hand auf deinen Arm und spricht, indem er zurück nach der durchzogenen Gegend winkt: »Sehen Sie, lieber Freund, so sieht Deutschland von hinten aus!« Eben hat man die Grenze passiert. Am Horizonte wehen die letzten deutschen Eichen und Linden, die letzte deutsche Lerche steigt mit langweiligem Getriller in die blaue Luft empor, der letzte deutsche Hase flüchtet, erschreckt von der vorübersausenden Lokomotive, in wilden Sätzen über das letzte deutsche Kohlfeld, und, da es nun einmal nicht anders sein kann, so zerdrückst du die letzte Träne in deinen schönen deutschen Augen und blickst dann verwundert in die neue, fremde Welt, welche eben mit all ihren Wundern vor deinen Blicken emporsteigt. In Verviers merkt man schon, daß man in der süßen Fremde ist. Die Menschen fangen an, Kognak mit Zucker zu trinken und Wasser mit Fleur d'orange. Jeder Gamin will dir das tägliche Brot in Gestalt einer zweiblätterigen Zeitung verkaufen. »L'Émancipation, quinze Centimes!« – »L'Observateur, édition du matin!« – »Le Politique est très interessant ce matin!« – »La Constitution – très beau feuilleton!« – Da blasen die Eisenbahnführer ihr liebliches: »Partez donc!«, und im Nu verschwindet der Zug in dem Tunnel des nächsten Berges. Leider verfinsterte sich bei meiner damaligen Reise bald der Himmel, und aus Regen und Nebelwolken tauchten nur bisweilen die Türme der altehrwürdigen Städte Lüttich, Löwen und Mecheln empor, als wollten sie sagen: »Nun – wir sind auch noch da und freuen uns unsres Lebens ebensogut wie ein paar hundert Jahre vorher!« Mecheln, in der Sprache des Landes Malines, gibt dem guten Deutschen schon gleich Gelegenheit, seine französischen Sprachkenntnisse anzuwenden. Statt »Malihn« spricht er den Namen dieses Ortes »Malän« aus und durchstreicht mit dem Bleistift den Ort auf seiner Karte, zum Zeichen, daß er ihn passiert hat, daß er ihn gesehen, daß er nun nicht weiter für ihn existiert. War bei dem nebligen Wetter draußen wenig zu sehn, so schweifte das Auge im Innern des rasch fortschnurrenden Wagens desto mehr herum und suchte nach einem erbaulichen Gegenstande, nach einer blühenden Flamländerin etwa, mit Brüsseler Spitzen behangen und lächelnd wie ein heiterer Sonntag im Monat Mai. – Aber leider schienen auch die an jenem Tage in stiller Zurückgezogenheit zu leben, denn kein schönes Augenpaar wollte am Horizonte aufsteigen, keine Locke wollte entzückend eine schneeweiße Stirn umflattern; nur Männer rings auf den Bänken, Männer mit Bärten, mit sehr schönen Bärten! Auf späteren Reisen in Holland und Belgien ist es mir oft aufgefallen, wie sehr in letzterem Lande das »schöne Geschlecht« von der Natur vernachlässigt ist und wie man dagegen unter den Männern die ausdrucksvollsten Gesichter und die kräftigsten und schön geformtesten Gestalten findet. In Holland ist dies gerade umgekehrt, wenigstens in dem eigentlichen Holland, dem klassischen Ort des Kaffee- und Zuckerschachers. Die Männer sind dort entweder infolge eines wüsten Lebens der Hafenstädte zu wahren Skeletten, zu windhundartigen Figuren abgemagert oder in reiferem Alter zu so enormen Wänsten aufgeschwemmt, daß man erst einige Zeit suchen muß, ehe man in jenen Fleischkolossen ein menschliches Wesen findet. Die holländischen Frauen sind dagegen fast durchgängig hübsch; sie haben blondes Haar, himmelblaue Augen, sehr weißen Teint, nur leider durch den Gebrauch der unterirdischen Kohlenpfannen und Feuerstübchen bisweilen entsetzlich große Füße – aber eine Holländerin kann sehr schön und liebenswürdig sein, und wenn sie mit ihren roten Lippen jene fürchterliche Sprache lispelt, welche in dem Munde der Männer wie das Grunzen und Brummen einer Walkemühle klingt, da bleibt man verwundert stehen und sieht aufs neue, daß von schönen Lippen alles schön klingt, sei es, was es wolle, sogar Holländisch. Wir kamen nach Antwerpen, einem Orte, von welchem mancher Junggeselle zu erzählen weiß. Und die frommen Kirchtürme spielen so flott Mit den Glockenspielen und preisen Schier viertelstündlich den lieben Gott In Walzer- und Polkaweisen. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Jedesmal, wenn man soweit gekommen ist, um in aller Ruhe sein Nachtgebet zu verrichten, über sein bisheriges Leben ernstlich nachzudenken und die besten Pläne für die Zukunft zu fassen, da fängt auch jenseit der Place Verte der alte Turm der Kathedrale sein voriges Gejubel an. Es ist entsetzlich, es stört jedes friedliche Verhältnis der Nacht, es ist nicht anders, als wäre man unter Orgeldrehern und Dudelsackpfeifern gebettet. Und der alte Turm spielt nicht einmal schön. Durch die Länge der Zeit sind ihm in seinem liederreichen Munde einige Zähne ausgefallen, so daß nicht selten in den verschiedenen Arien sehr beunruhigende Lücken vorkommen. Sehr beunruhigende Lücken, sage ich. Denn wenn man sich durch die ersten fünf, sechs Töne aus dem kaum begonnenen Schlummer wieder aufschrecken ließ und mit einem gewissen heroischen Gleichmut ebenfalls das »O du lieber Augustin« oder »Liebe, Liebe ist mein Leben« angestimmt hat, da bemerkt man plötzlich zu seinem Schreck, daß die obligate Begleitung der heitern Kathedrale soeben mitten im besten Zuge verstummte. Man richtet sich im Bette empor, man lauscht, eine höchst peinliche Minute erfolgt, und wie ein Blitz fährt einem der Gedanke durch den Kopf, daß die kaum begonnene Arie vielleicht die letzte sein möchte, welche der fromme Turm in seinem Leben spielen wird, daß er eben vielleicht nur sein Schwanenlied gesungen und, von Kolik, Rheumatismus und Migräne bis zum Tode verwundet, möglicherweise im Begriff sei, noch am späten Abende das Zeitliche zu segnen. Je länger diese unglückselige Pause dauert, desto wahrscheinlicher wird unsere Vermutung; und schon will man mit gleichen Füßen aus dem Bett auf den Teppich springen, um den erhabenen Anblick einer sinkenden Kirche in seiner ganzen tragischen Wirkung der Seele einzudrücken, da hat der alte Musikant sich wieder ermannt, und als wenn nichts vorgefallen wäre, jubelt er das Ende seiner Melodie mit soviel Gleichmut und mit so verzweifelter Akkuratesse, daß einem die Haare vor Ärger zu Berge stehn und daß man mit mürrischer Seele und eiskalten Füßen aufs neue in sein teueres, innig geliebtes Gasthausbett zurücksinkt. Nein, ich lasse mir vieles gefallen; ich habe mit unverwüstlicher Ruhe dem Gesange meiner sentimentalsten Freunde zuhören können, ich habe das Gebrüll deutscher Universitätskneipen ertragen, und ich ertrug das Säuseln eines Barmer Pietisten, wenn er mich an Seele und Ewigkeit erinnerte; aber daß ich mich von jedem beliebigen Kirchturm ennuyieren lassen soll, daß ich gelassen bleiben soll, wenn man meine teuer erkaufte Nachtruhe durch lückenhafte Arienpfuschereien verhöhnt, wenn man meiner wahrlich großen Höflichkeit jeder ergrauten und verwitterten Kathedrale gegenüber durch die trivialste Bänkelsängerei spottet – nein, das ist zuviel verlangt, das geht über die Berge, das ist beleidigend und verletzend! Übrigens verweilte ich in Antwerpen wider alles Erwarten mehrere Tage. Waren es Rubens' herrliche Schöpfungen, waren es de Keysers und Wappers' reizende Bilder, war es das bunte Treiben auf den Straßen, an der Scheide, an den Bassins, welches mit seiner ganzen Fremdartigkeit »den Sinn gefangenhielt«, oder was sonst? Ich weiß es nicht – genug: ein Tag verstrich nach dem andern, das prächtige Hotel St. Antoine sah mich jeden Abend in seinen roten Saal zurückkehren, und erst als mir eines Morgens mit Schrecken einfiel, daß jenseit des Kanals England liege, daß ich dort London und wer weiß was sonst besuchen sollte, daß ein sonniger Tag zur schönsten Seefahrt einlade – da wurde zum Abschied der Hut geschwenkt, ich sprang auf den Dampfer »Wilberforce«, und hinunter ging es die Schelde, hinein in die dicke, blaue Meerflut! Der »Wilberforce« war das erste Seeschiff, was ich in meinem Leben bestieg, und ich mußte mich natürlich über das schöne Gebäude freuen, wie man sich über alles freuen kann, was schön und vollendet ist. Seitdem fuhr ich auf belgischen, holländischen und französischen Schiffen, aber ich muß gestehen, daß es mir jedesmal ein zehnmal größerer Genuß ist, wenn ich ein großbritannisches wiedersehe. Das Propere, das Solide, das Einfache und in seinem kolossalen Umfange doch so herrlich Abgerundete und Geschlossene eines englischen Seeschiffes machte einen Eindruck auf mich wie ein schönes Goethisches Gedicht. Da ist kein Tau auf dem ganzen Schiffe, keine Luke, keine Planke, die nicht eine wohlberechnete Bestimmung hätte; jede Einrichtung des Inneren und des Verdeckes zeugt von der Energie und dem Verstand der Erbauer, jede kleine Zutat, jeder kleine Luxus, um das Nützliche zu verschönen und das Auge auch bei dem gewöhnlichsten Gegenstande nicht unbefriedigt zu lassen, von dem großartigen Geschmack jenes gewaltigen Volkes. Der englische Luxus in der Einrichtung eines Seeschiffes ist nicht eklatant wie der bei französischen Fahrzeugen; aber eine einfache Verzierung ist ja oft auch tausendmal schöner. Wie das Papier, in welchem der Engländer seine Waren versendet, fester, dauerhafter und glänzender ist als dasjenige aller andern handeltreibenden Nationen; wie die Bindfäden, mit dem seine Ballen genäht sind, jene rot und weißen Fäden der Flotte oder jene blau und weißen des Handels, fester und egaler gedreht sind als alle andern Bindfäden der Welt; wie er den wenigen Dessins seiner Kleiderstoffe, jenen immer wiederkehrenden Carrés oder jenen ewig bestehenden Streifen, stets ein gefälligeres und mehr sauberes Ansehen zu geben weiß als alle übrigen Fabrikanten der Erde – wie er, mit einem Worte, in dem Kleinsten und Gewöhnlichsten, sobald es nur einen Zweck hat, sobald es nur von Nutzen ist, seinen ganzen Verstand, seine meisterhafte Überlegung zu erkennen gibt, ebenso entfaltet er diese seine Tugenden auch in jener großartigen Marine, die ihn herrlich vor allen Völkern machte. Und welche Matrosen findet man auf seinen Schiffen! Männer aus Stahl und Eisen, aus Knochen und Sehnen, aus Energie und Gewandtheit zusammengesetzt! Wenn das Schiff auf der Reise ist und der eine hier und der andere da beschäftigt ist, einige im unteren Raum des Schiffes, andere im Segelwerk, die übrigen auf dem Verdecke, da hat man freilich Gelegenheit, ihre Tätigkeit, ihre Ausdauer im Detail zu bewundern; aber es fehlt der Totalüberblick, du hast nicht das ganze Personal vor dir, du kannst sie nicht betrachten, herab von dem ergrauten Steuermann bis hinunter zu dem blondhaarigen Schiffsjungen; dein Genuß an diesem verwegenen Volke ist unterbrochen, zersplittert. Tritt daher an den Rand des Bassins, in dem ein Seeschiff vor Anker liegt, in einem Augenblick, wo die Mannschaft mit ihren Arbeiten fertig ist, wo sie von den Masten herab- und aus den Luken heraufsteigt, um auf freiem Verdeck in ganzer Gesellschaft den Moment der Ruhe und der Erholung zu genießen. Das ist die Zeit, wo du begreifen lernst, wie das stolze Britannien die Herrscherin der Meere wurde! In malerischen Gruppen sah ich sie manchmal liegen, jene riesigen Gesellen, die so wild wie die Möwen der See sind, unerschrocken wie die Panther der Wüste und rauh und barsch wie Bären des Nordens. Ihr kennt jenes Bild des unglücklichen Robert, jene Gruppe italienischer Fischer, jenes Meisterstück eines poetischen, tief melancholischen Malers, das unwillkürlich den Beschauenden zur Wehmut stimmt, was das Herz zusammenschnürt, wenn man in die düstern Augen jener famosen, schwarzumlockten Köpfe blickt. Ist es nur die Stimmung des Malers, die sich in seinem Bilde widerspiegelt und die so frappant aus jeder Miene, aus jedem Blick, aus jedem Mundwinkel hervordämmert, daß du in einer Sekunde davon getroffen und durchdrungen bist? Oder steigt auch noch der Gedanke an ein edles, unglückliches Volk in deiner Seele auf? Sollte der Maler außer seinem eigenen Schmerz auch noch die geheime Trauer einer ganzen Nation hier auf die Leinwand gebannt haben? Wer weiß es! Genug, wie ich mich bei der wahrhaft großartigen Wehmut, welche über dem ganzen Bilde liegt, nie eines allgemeinern Gedankens erwehren konnte, ebenso glaubte ich auch, in der lebendigen Gruppe jener stolzen englischen Matrosen die ganze riesige Energie, die ganze unermüdliche Tätigkeit des lebendigen Englands wiederzufinden. Und gerade im Augenblick der Ruhe, der Erholung wehte mich dies immer an, wenn ich die ergrauten Seeleute, die von Wind und Wetter gebräunten Gesichter der jüngeren Matrosen und die blonden Köpfe der Schiffsjungen in jenem Momente überraschte, wo sie in stummer Gelassenheit, aber in dem vollen Bewußtsein ihrer Kraft, ja, wenn sie in wahrer antiker Ruhe im Kreise auf dem glatten Verdeck kauerten oder nachlässig auf den Planken lehnten, um die Scharlachjacken und die bunten Halstücher lose im Winde flattern zu lassen. Das sind die Leute, mit denen Nelson, der schönste Held Englands, seine Feinde niederboxte, das waren die Heroen, welche ihm seine Schlachten schlugen – Schlachten, welche er nicht ausführlicher seinem Vaterlande meldete als: »Gott hat uns einen großen Sieg über unsre Feinde gegeben«. Ich habe die englischen Matrosen im fürchterlichsten Sturm auf offener See gesehen; ich sah sie im Hafen, ruhend auf glattem Verdeck; ich schlich ihnen nach, wenn sie am Abend mit einem Boote ans Land ruderten, um sich nach allen Gefahren und Stürmen ihres oft nur zu trostlosen Lebens in den engen Gassen einer Hafenstadt, in düstern Schenken und auf hellerleuchteten Tanzböden für ein paar Stunden der Lust und der Freude in die Arme zu werfen. Mit lautem Juchhei durchbrachen sie die Reihen müßiger Männer, Weiber und Kinder und stürzten durch die offenen Türen hinein in den festlichen Saal. Da erklang die Geige, und im Nu hatte jeder eine Dirne erfaßt, und die grandiosen Schenkel, umflattert von weiter Hose, und die Füße, in schneeweißen Strümpfen und zierlichen, feinen Schuhen, dieselben Beine, von denen man nie erwartet hatte, daß sie eine andere Bewegung als die für ihren Dienst bestimmte machen könnten – diese Schenkel und Füße drehten sich bald in so keckem, gewandtem Tanze, daß man vor Entzücken laut auflachen mußte. »They are good, simple men!« – »Sie sind gute, simple Leute!« raunte mir einst ein armes Frauenzimmer ins Ohr, als einige Matrosen, durch den Wein und den Tanz erhitzt, zuletzt gar keine Umstände mehr machten und den Lohn vieler Wochen und Monate in einem Haufen Gold und Silber auf den Tisch warfen, damit der ganze Tanzboden sich bei dem diebischen Wirt dafür traktieren lasse. Ich kann jene Szene nicht vergessen. Das liederlich Großartige, was darin lag, daß diese armen Teufel ihren ganzen Reichtum auf den Tisch warfen, um sich selbst und hundert andern für eine kurze halbe Stunde Genuß und Freude zu bereiten, zeigte, daß sie wilde, natürliche Seelen waren. »Was nutzt uns das lausige Gold? – Unser ist die unendliche See!« Das leuchtete aus ihren verwegenen Blicken, und jene braven Kerle waren in jenem Augenblicke größer als der ganze Haufen ihrer sittsamen, ehrenwerten Herren. Ach, jene guten, simplen Leute! Es geschieht nur zu häufig, daß ihre niederträchtige Umgebung sie in solchen Augenblicken so exploitiert, daß sie am folgenden Morgen höchstens mit Hose und Hemd auf bloßen Füßen in den Raum des Schiffes zurückgelangen, um sich dann aufs neue ein paar tausend Meilen weit fort durch den Schaum der Wogen schleudern zu lassen. Dieses Unglück auf dem Lande macht aber gewissermaßen das Glück des Matrosen zur See; und wenn man bedenkt, daß erst jetzt in Liverpool eine Anstalt zur Aufnahme heimkehrender Matrosen errichtet wird, so kommt man nur zu leicht auf den Gedanken, daß es bisher sowohl dem Gouvernement als den einzelnen Handelsreedern vielleicht nur recht eigentlich darum zu tun war, ihren Matrosen am Strande freies Spiel zu lassen, um sie durch die üblen Folgen ihrer Unerfahrenheit und eines leicht zu entschuldigenden Ausschreitens desto rascher und williger wieder zurück in die Schiffe zu locken, wo sie, einmal an ihrem Posten, auch gleich wieder die gewohnte Tätigkeit entwickeln. Wenn ich den Eindruck, den ein größeres englisches Seeschiff auf mich machte, mit der Wirkung eines Goethischen Gedichtes zusammenstellte, so hatte ich gewiß nicht ganz unrecht. Es ist das Reinliche, das Harmonische, das Großartige eines Meerkolosses und eines Goethischen Gedichtes, was zur Bewunderung hinreißt. In derselben eisernen Ordnung, mit der sich bei einem Seeschiffe Planke in Planke fügt, und wie in dem Gewirr unzähliger Taue doch jeder Faden seine Bestimmung und seine vorgeschriebene Wirkung verfolgt, ebenso meisterhaft ordentlich fügt sich bei einem Goethischen Gedichte Reim in Reim, und ebenso klar steigt aus den Wogen seiner tönenden Worte der alles beseelende Gedanke. – Die energische Ordnung ist es, welche nach den heutigen Begriffen nicht nur die englische Marine, sondern alles das, womit sich England vor der Welt rühmen kann, aus den winzigsten Keimen bis zu der vollen Pracht des Kolossalen entwickelt hat; die eiserne Ordnung in dieser scheinbaren Verwirrung ist es, die dem Engländer Erfolge sicherte, wo nun die Sonne über seinem Werke aufging. »Grabet euer Feld ins zierlich Reine, Daß die Sonne gern den Fleiß bescheine; Wenn ihr Bäume pflanzt, so sei's in Reihen, Denn sie läßt Geordnetes gedeihen .« Auf dem Verdeck unseres »Wilberforce« bewegte sich ein munteres Völkchen, nur Engländer, Herren und Damen, und von allen Seiten tönten einem ein »yes«, ein »beautiful«, ein »indeed« und andere häufig vorkommende Worte entgegen. Was mich aber sehr wunderte, war, daß sämtliche Leute einen ganz anderen Anstrich hatten als den, an welchem man in Deutschland gewöhnlich schon auf sechzig Schritt weit einen Engländer erkennt; das waren nicht mehr jene steifen, verschlossenen, mißtrauisch blickenden Gesellen, die stundenlang auf einem Rheindampfschiff hin und her laufen, ohne ein Wort zu sprechen, ohne durch irgendein Zeichen Unwillen oder Zufriedenheit, Verdruß oder Entzücken anzudeuten, die höchstens einen Kellner in barschem Tone kommandieren und an allem, was um sie vorgeht, so wenig Anteil nehmen wie möglich; nein, sie waren lebhaft und zuvorkommend wie Franzosen, und aus der Art, wie sie miteinander sprachen, ging deutlich hervor, daß etwas von deutscher Herzlichkeit hinter dieser lebendigen Annäherung lag. Mein Erstaunen wurde aber noch bedeutend dadurch vermehrt, daß ein älterer Gentleman, als wir eben an einem prächtigen Ostindienfahrer vorbeirauschten, ganz vertraulich die Hand auf meinen Arm legte und mich in gebrochenem Deutsch fragte, ob ich nicht ein Deutscher sei und schon ein so herrliches Schiff gesehen habe, worauf er dann, als ich letzteres verneinte, auf der Stelle begann, mir die einzelnen Teile des Schiffes auseinanderzusetzen, und mich darauf seiner Frau und den beiden Töchtern mit der Bemerkung vorstellte, dieser Herr reise zum ersten Male nach England, sie sollten mich auf alles aufmerksam machen und, wenn ich es wünschte, über jeden unbekannten Gegenstand belehren! – Mensch, wie kamst du zu dieser Liebenswürdigkeit? – Ich zögerte nicht und setzte mich zu der blaß interessanten jüngsten Tochter, die einen Blumenstrauß in den Händen hielt, der noch in Deutschland gepflückt war und den sie als Andenken mit ins Vaterland hinübernehmen wollte. Wurde mir auf diese Weise der Beginn meiner Wasserfahrt schon angenehm gemacht, so hatte ich doch noch mehr Ursache, den Fortgang derselben zu loben; denn als sich gegen drei Uhr die ganze Gesellschaft in der großen Kajüte zum Diner zusammenfand, jede Person das vor ihr stehende Gericht zerlegte und den Nachbarn davon mitteilte, als Sherry und Portwein in den geschliffenen Gläsern schimmerten und meine freundliche Engländerin gar nicht aufhörte, mich zum Versuch dieser oder jener mir ungewohnt zubereiteten Speise einzuladen, da mußte ich freilich vergessen, daß ich unter dem kalt und unfreundlich gescholtenen Inselvolke saß, und gestand mir später gern, daß meine Landsleute sich sehr irren, wenn sie dies meinen, und es wohl nur manchem ungeschlachten Wirt und sonstigen prellenden Subjekten zuzuschreiben haben, wenn die reisenden Briten sich wirklich stolz und mißtrauisch benehmen. Was ich auf dem Schiffe an wenigen Personen bemerkte, fand ich nachher in London bestätigt; auf ihrem eigenen Grund und Boden sind die Engländer, namentlich die Londoner, eine ganz andere Nation, als sie auf dem Kontinent erscheinen. Als das Abendlicht durch die Kajütenfenster leuchtete, eilten wir wieder aufs Verdeck. Wir waren schon bis nach Vlissingen gelangt; die Schelde hatte eine enorme Breite, und an den höheren Wellen, welche am Vorderteil des Schiffes aufschäumten, konnte man bemerken, daß wir bei Anbruch der Nacht in See sein würden. Das Schiff begann auch schon mehr zu schwanken, so daß mein Spaziergang mit dem englischen Kinde unterbrochen werden mußte; denn ohne es zu wollen, geschahen gegenseitig so trauliche Annäherungen und berührten sich unsere Arme und Schultern auf so nachdrückliche Weise, wenn der Dampfer plötzlich von der einen zur anderen Seite hinüberneigte, daß die Nachsicht und Liebenswürdigkeit des hinter uns wandelnden oder vielmehr wankenden Vaters gewiß bald ihre Grenzen gefunden hätte. Etwas ungern führte ich daher die junge Dame in den untern Schiffsraum zurück, wo ein mächtiger Teekessel auf dem Tische den Augenblick verkündete, wo der Engländer in der höchsten Gemütlichkeit zu schwelgen pflegt. Aus dem »Landprediger von Wakefield« wußte ich schon, mit welcher Sorgfalt Olivia und Sophia den köstlichen Trank zu bereiten pflegten, und ich hatte bisher auch immer gedacht, daß Uhland ganz recht haben müßte, wenn er in seinem »Teeliede« nur den Frauen die holde Bestimmung zuerkennt, den Tee in mütterlicher Hut zu halten, und daß es den Männern nie gelingen wolle, des Tees tiefe Kraft und seines Zaubers Eigenschaft zu empfinden. Aber wie hatte ich mich geirrt! Hier nahten Mann und Weib in trauter Gemeinschaft dem übersprudelnden Wasserkessel, und ein jeder zapfte in seinen silbernen Topf, soviel das Herz verlangte. Dann spähten sie mit sorgsamem Auge, ob die dampfende Flüssigkeit sich nicht bald mystisch dunkler färbe, und siehe da, hatte sie den Grad der Vollkommenheit erreicht, mit welchem Entzücken ließen sie den duftenden Schwall auf den Zucker hinabrieseln! Alle Gesichter hatten den Ausdruck unbegrenzter Glückseligkeit, die Unterhaltung wurde sparsamer geführt, jeder schien mit sich selbst zufrieden zu sein und zu fürchten, daß ihn eine Frage, nur ein Laut seines Nachbarn in der stillen Teeschwärmerei stören möchte. Nachdem eine geraume Zeit auf diese Weise verstrichen war, zogen sich zuerst die Damen und später auch allmählich sämtliche Herren in die Räume zurück, wo jedesmal zwei Betten übereinander die ermüdete Gesellschaft zur Ruhe einluden. Obgleich die sehr ruhige See alle Furcht vor jener Unpäßlichkeit, welche eine Seereise gewöhnlich mit sich bringt, entfernen mußte, so folgte ich doch dem Rate meiner Freunde und verkroch mich, um alles Unheil zu verhüten, gleichfalls beizeiten in die zwar sehr kleine, aber äußerst saubere Schlafstelle. Von da aus, weil sie zu der obern Reihe gehörte, ließen sich denn freilich manche interessante Beobachtungen anstellen: mit welchen Gefahren z. B. ein ziemlich wohlbeleibter Herr zu kämpfen hatte, ehe er seinen erhabenen Ruheort neben mir eingenommen, wie jener seine Börse vorsichtig unter dem Kopfkissen verbarg und ein anderer in der größesten Verzweiflung zu sein schien, da er seine unerhört langen Beine gar nicht in die rechte Lage zu bringen wußte. Nach und nach machte sich aber alles, es herrschte ringsum tiefe Stille, und von außen herein tönte nur das Brausen der Wellen, die in fast regelmäßigen Zwischenräumen an die Wände des Schiffes schlugen. Lange lauschte ich diesem seltsamen Geräusche, bis auch mich endlich der Schlaf in seine Arme drückte. Mehrere Stunden mochten vorübergegangen sein, da wurde ich plötzlich wach, denn mein dicker Nachbar richtete sich halb in die Höhe und rief mit tiefer Stimme: »Waiter (Kellner), what o'clock is it?« Der Kellner regte sich gleichfalls aus den Federn, sah nach der Uhr und antwortete: »Twelve o'clock, Sir!« Damit war der Dicke aber keineswegs zufrieden, sondern rief aufs neue: »Waiter, what o'clock is it?« Der Kellner sah nochmals auf und erwiderte: »It is twelve o'clock, Sir!« Mochte mein Freund dies verstanden haben oder nicht – genug, er fragte den Kellner zum dritten Male, und der arme Geselle mußte nochmals wiederholen: »It is exactly twelve o'clock, Sir!« Jetzt hoffte ich die Sache abgemacht, aber mein Schlafgenosse fuhr fort: »Waiter, that's midnight (Mitternacht), is it not?« – »Yes Sir, it is!« antwortete der Kellner, und da legten sich beide wieder auf die Seite, als wenn nichts vorgefallen wäre; der dicke Herr wußte, daß »zwölf Uhr« Mitternacht ist und kümmerte sich wenig darum, daß durch seine vielen lauten Fragen ein Dutzend Menschen aus dem Schlaf aufgestört waren, die sich nun fluchend und schimpfend, daß man durch seine einfältigen Unterredungen so inkommodiert werde, wieder in ihre Bettdecken einwickelten und, teilweise wohl vergebens, einzuschlummern suchten. Mir war es wenigstens nicht möglich; ich zog daher meine Kleider an und stieg auf das Verdeck. Da hatte ich denn zum ersten Male das Meer in seiner ganzen Größe vor mir; kein Land mehr zu sehen, nur oben der dunkelblaue Himmel und unten die wogende Flut! Sie erschien mir wie eine unermeßliche grüne Wiese, deren hohe Graswellen sanft vom Nachtwinde gebogen wurden, und als der Mond jetzt langsam aus einem fernen Gewölk hervorwandelte und rings sein bleiches Licht ergoß, den duftigen Horizont erhellte und den Schaum der Wellen mit seinen Strahlen schmückte, da kam es mir vor, als blühten plötzlich tausend schöne Blumen am Saume dieser gewaltigen Wiese auf und schlängen sich selbst zu Kränzen für die Geister der alten ewigen Nacht! Ich werde diese stille Stunde, wo ich zuerst das Meer in seiner ganzen Schönheit, in seinem ergreifenden Ernste sah, nicht vergessen und möchte wünschen, daß bei der Leichtigkeit, mit welcher man jetzt zu diesem Genusse gelangt, keiner meiner Landsleute sich ferner abhalten ließe, einmal für acht Tage der Heimat Lebewohl zu sagen und seine unsterbliche Seele einem Seeschiffe anzuvertrauen. Am Morgen erblickten wir bei aufgehender Sonne zuerst die englische Küste. Der alte Steuermann reckte sich höher empor, seine Augen blitzten, und mit einem stillfeierlichen Gesang begrüßte er die Heimat. Die Matrosen, welche an den Segeln beschäftigt waren, fielen wohl in die Melodie ein, endeten aber mit jenem eigentümlichen Johlen, womit sie alle anstrengenden Beschäftigungen zu begleiten pflegen. Nach und nach fanden sich sämtliche Passagiere auf dem Verdeck ein, und ich hatte nun wieder Gelegenheit, meiner schönen Reisegefährtin zu nahen, die fröhlich über die Wellen schaute und großes Vergnügen daran zu haben schien, als die Ufer sich bald höher erhoben und ihre waldigen Gipfel zeigten. Die immer größer werdende Anzahl von Schiffen ließ es auch merken, daß wir das Meer im Rücken hatten und bereits die Themse hinauffuhren. Eine Stunde vor Ankunft des Schiffes entsteht gewöhnlich eine seltsame Bewegung unter den Passagieren. Die Bekanntschaften, welche während der Reise geschlossen wurden, werden mit jedem Augenblicke loser. Der eine kümmert sich nicht soviel mehr um den andern wie bisher. Jeder scheint mit sich selbst beschäftigt zu sein, der eine durchstöbert seinen Reisesack, der zweite seine Hutschachtel, der dritte macht sich entsetzlich viel mit einer Flasche Eau de Cologne zu schaffen, der vierte sucht mit aller Gewalt ein Paket Zigarren in seine Rocktasche zu stopfen, der fünfte verbirgt eine verdächtige Rolle in seiner Manteltasche, der sechste steckt einige Bücher an einen Ort, wo man sonst gewöhnlich nie Bücher mit sich führt – genug, jeder hat etwas Besonderes zu schaffen und zu besorgen; hin und wieder blicken sich zwei Reisegefährten, die eben noch die besten Freunde schienen, mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie beide etwas Böses getan, als fürchteten sie beide, daß der eine den andern beobachte. Es ist ein verzweifelter Augenblick; das freundlichste Damengesicht wird seriös, das unbefangenste Auge bekommt momentan einen dubiösen Ausdruck. Man weiß nicht, ob man sich über diese plötzliche Verwandlung ärgern soll oder ob sie mehr des Lachens wert ist. So viel ist aber gewiß, daß die erste Freude, die Heimat wiederzusehen, vorüber ist und daß plötzlich die Furcht vor der Douane in den meisten Seelen emporsteigt. Ach Gott, die Douane! Wo alle die kleinen, allerliebsten Geheimnisse einer Damenschatulle ans Licht kommen, wo mit unerbittlicher Strenge das Verborgene hervorgezerrt wird, wo es keine Gnade und kein Mitleid gibt, wo die treusten Kinder des Vaterlandes wie Diebe behandelt werden und wo es sich gewöhnlich auch herausstellt, daß keiner dem süßen Gelüst des Defraudierens widerstehen konnte! Nun, die englischen Freetraders sind ja aber im besten Zuge, ihren lieblichen Töchtern in Zukunft manchen kleinen Reisekummer zu ersparen. Was indes die Furcht vor der Douane schon jetzt reichlich versüßt, ist der Umstand, daß wenigstens in England kein Gendarm am Ufer steht, der sich nach einem Paß erkundigt. Diese barbarische Sitte gehört in England der Vergangenheit an und wurde in Belgien vor kurzem ebenfalls abgeschafft. Die Geheimnisse deines Koffers mußt du erschließen, aber sonst läßt man dich ungeschoren. Sowie du den Fuß auf englischen Boden gesetzt hast, da stehst du unter englischem Gesetz, und das ist die beste Kontrolle. Ich freute mich wie ein Kind, als ich die Themse hinauffuhr und daran dachte, wie manchem schon das Herz im Leibe gelacht hat, wenn er eben diesen Weg zurücklegte und das Land seiner Sehnsucht vor sich sah. Denn hat nicht mancher, dem der Schnee Sibiriens, dem die Bergwerke des Ural, dem die Bleidächer des Südens, dem die Kerker, ach, meiner eigenen Heimat zur Wohnung bestimmt waren, den das Vaterland ausstieß wie einen verlorenen Sohn, der wie ein gehetztes Wild von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt gejagt wurde, dessen Jugend daheim in wenigen Jahren untergraben, dessen Stolz in wenigen Monaten geknickt, dessen Liebe in Haß, dessen Begeisterung in dumpfes Trauern, dessen Energie in Verzweiflung verwandelt werden sollte – hat er nicht hier, hat er nicht an dem Strande jener kalt und unfreundlich gescholtenen Briten eine neue Stätte gefunden, wo er durch Fleiß, durch Ausdauer, durch Kraft und Verstand fast zu jeder Stellung in der Gesellschaft gelangen kann, die dem in diesem Lande Geborenen nur unter gleichen Bedingungen offensteht? Eröffnete England ihm nicht ein Feld, auf dem er alles treiben kann, was die Jugend bewegt, was des Mannes Alter erntet, was den Greis erfreut? Stand ihm nicht dies ganze kolossale Reich mit all seinen unerschöpflichen Quellen alles dessen offen, was man heute noch Ruhm und Glückseligkeit nennt? Gewiß, mit allen den Voraussetzungen, welche in England und in aller Welt dieselben sind, konnte er hier noch zu allem gelangen, was den Schmerz einer verlorenen Heimat zu lindern imstande ist. Wer für politische Vergehen der Strenge seines heimatlichen Gesetzes unterlegen hätte – England gab ihm Raum und Freiheit, um der Überzeugung seines Herzens zu leben. Wen der Leichtsinn ins Verderben zu stürzen drohte – England gab ihm die Zeit, um sich zu bessern. Wer daheim an jedem Orte nur einen Abgrund vor seinen Füßen sah – England gestattete ihm den Einzug in seine Felder und eröffnete ihm eine neue Welt! Sagt, was ihr wollt – der Brite hat euch exploitiert durch seinen Handel, durch seine Industrie – das ist wahr! Aber weshalb habt ihr euch exploitieren lassen? Der Brite hat vollkommenes Recht dazu! Er droht, eure Städte ineinanderschießen zu wollen, wenn ihr ihn auf undiplomatischem Wege in seinen Unternehmungen stört – das ist wahr! Aber der Brite hat ein Recht dazu. Denn wir leben in einem Kampf aller gegen alle; wir leben in dem Jahrhundert der freien Konkurrenz, wo jeder sich so gut hilft, wie er kann, wo jeder nach seiner Façon, wo jeder auf die vorteilhafteste Weise selig zu werden sucht und wo nur Titanen einen anderen Weg zu bahnen suchen als den, welcher heute für den Weg des Rechtes und der Vernunft gilt. Und wenn es den Engländern nun gelungen ist, vor allen Völkern selig zu werden, da zeigt es sich eben, daß sie unsre Zeit am besten begriffen haben, daß sie eben die Matadore des Jahrhunderts sind, daß sie weniger zu verdammen als zu bewundern, daß sie weniger zu bedauern als zu beneiden sind. Es ist daher lächerlich, wenn man den Briten nur einen Krämer, einen Egoisten schilt. Er ist Krämer und Egoist, weil er ein echter Sohn unsres Jahrhunderts ist, er ist es nicht mehr und nicht weniger wie jeder andere auch, nur bisweilen etwas mehr in großbritannischem Stile als andere Leute. Kann man daher aus diesem Grunde auch nicht den geringsten Stein auf ihn werfen, so muß man doppelt anerkennen, daß er neben seinem eisernen, eingefleischten Egoismus noch human und großartig genug geblieben ist, um allen armen Sündern der Welt seine Arme zu öffnen. Um Mittag stiegen wir ans Land. Einem guten Deutschen, der an seine schöne Gemütlichkeit und, wenn er nicht gerade in den größern Städten des Landes gebürtig, meistens an eine ziemlich ruhige Straße vor seinem Hause gewöhnt ist, der Wunders meint, was es ist, wenn jede Stunde ein Dampfschiff über den Rhein fährt, dem wird es wahrhaftig etwas sonderbar zumute, sieht er plötzlich das Städteungeheuer London vor sich liegen, das sich am Ufer des breiten Stromes aus Dampf und Nebel geisterhaft hervorhebt, sieht er immer andere Kirchen und Paläste heraufsteigen, die Schiffe immer dichter geschart und namentlich ganze Haufen von Dampfbooten im bunten Gemisch durcheinanderfahren, sieht er am Strand dies Gewühl von Menschen und fährt nun endlich gar auf einer Eisenbahn weit über die Dächer der Häuser hinweg, mitten in das Gebrause dieses unheimlich großen Chaos, in dem beinahe zwei Millionen glückliche und unglückliche Seelen ihr Wesen treiben. Ich war betäubt genug, um meine Reisegesellschaft bald aus den Augen zu verlieren. Vergebens sah ich mich nach meiner schönen Gefährtin um, verschwunden war sie, verloren! Für mich wenigstens – denn sie mochte ruhig daheim sitzen im Kreise ihrer Lieben, mit dem blassen interessanten Gesichte, mit dem edlen Profil, mit dem kleinen Fuße, der so reizend über das Verdeck tanzte! Ein jüngerer Bruder, der die schöne Schwester so lange nicht gesehen, sprang ihr vielleicht an den Hals und – Gott sei bei mir – küßte sie, und sie lief dann im ganzen Hause herum und nahm ein hohes Kristallglas und setzte die Blumen hinein, die Blumen, die sie auf dem Schiff in der Hand hielt, und sprach: »Lieber Junge, my dear boy, die habe ich gepflückt, wo die Studenten mit langen Pfeifen über die Straße gehen, wo das Siebengebirge am Rhein liegt, in Deutschland, wo die Menschen so schwärmerisch sind und oft so –« dumm, dumm! tönten die Glocken von der St.-Pauls-Kirche herunter, und ein rotnasiger Kerl schob mich in seinen Omnibus, »allright«, rief er, und in wildem Galopp ging es durch die Straßen. II London Wenn ich mich auf den ersten Eindruck besinne, den London auf mich machte, da weiß ich nur noch, daß es mir nicht anders zumute war, als geriete ich plötzlich in eine Stadt, welche an allen vier Ecken am Brennen ist, in eine Festung, welche vom Strome her beschossen, von den nächsten Höhen mit Bomben begrüßt wird, durch deren Tore die Artillerie, die Reiterei, das Fußvolk des Feindes einrückt, wo die Einwohner alles drangeben, wo jeder rennt und flüchtet, wo der Haufen, der sich gegen Westen drängt, von dem, der aus Osten heranflutet, fast zurückgeworfen wird, wo das Gewühl des südlichen Teiles vor dem des nördlichen zurückprallt, wo sich alles überrollt und überpurzelt, wo keiner mehr von dem andern Notiz nimmt, wo jeder nur an sein eigenes Heil denkt, wo das Rasseln der Wagen, das Traben der Reiter, das Rufen und Schreien der Fußgänger sich bald zu einem solchen Getöse steigert, daß zuletzt niemand mehr seinen eignen Spektakel von dem aller anderen unterscheiden kann, daß zuletzt jeder nur wie besessen weiterrast und erst dann zum Stillstand kommt, wenn an einer Krümmung der Straße das ganze Treiben wie in ein Knäuel zusammengerät und Mann und Weib und Greis und Kind und Pferde und Hunde und Wagen und Karren im Aneinanderprallen sich gegenseitig zu zerschmettern drohen. Der erste Anblick dieses Londoner Straßenverkehrs hat etwas Erschreckendes, Betäubendes; man machte sich die größesten Vorstellungen, aber man findet sie übertreffen, man steht wie versteinert, man reißt den Mund auf, man meint, man wäre närrisch geworden, man glaubt nicht anders, als daß jeden Augenblick alle Häuser und Kirchen und Paläste und Säulen und Parks, daß alles und jedes seinen bisherigen Platz verlassen müsse, um sich, von der allgemeinen Flucht fortgerissen, mit hinein in diesen Strudel zu stürzen, mit zu rennen, zu stoßen, zu treten, zu schreien, zu stöhnen, zu zerschmettern, zu zermalmen. Ist der erste Eindruck vorüber, da bemerkt man indes, wie wiederum in dieser scheinbaren Verwirrung nur die herrlichste Ordnung waltet; wie die Wagen, welche die Straße hinabfahren, sich streng an die eine Seite halten, wie die, welche hinaufeilen, sich fortwährend der andern bemächtigen, wie nie ein Rad über das Trottoir rasselt, wo die Fußgänger ebenfalls in zwei Strömen aneinander vorübersausen, um einem jeden Raum zu lassen, seinem Vordermanne zu folgen, und wo nur der über den Haufen gerannt wird, der sich dem Normalschritt widersetzt, der ein anderes Tempo in seinen Beinen entwickelt und sich dagegen sträubt, daß die Bewegung der ganzen Masse über einen Kamm geschoren wird. Gegen 9 oder ½10 Uhr morgens und um 5 oder 6 Uhr nachmittags, wo das Geschäft in der City beginnt und geschlossen wird, erreicht das Treiben in jenem Stadtteil gewöhnlich seinen Gipfel. Ich habe mir erzählen lassen, daß man in den meisten Handlungshäusern den jungen Arbeitern eine Extravergütung gibt, wenn sie sich morgens zu einer festgesetzten Zeit pünktlich einfinden. Diese Leute wohnen nun meistens ziemlich weit von ihren Comptoiren und Magazinen, und es ist wohl nur diese bevorstehende Gratifikation, welche einem oft vor Beginn des Geschäftes eine Schar spindeldürrer Gesellen so schnell über das Trottoir huschen läßt, daß man nicht anders meint, als daß sie sich die Beine eines Derbyrenners am Leibe befestigt hätten – denn wie Gespenster kommen und verschwinden sie; man sieht nicht ihre Hände, ihre Gesichter, man sieht nur, wie ihnen die Hüte auf den Köpfen wackeln, wie ihnen die Haare hinter die Ohren fliegen, wie ihnen die Zipfel des schwarzen Frackrocks, gleich zwei zackigen Schwalbenflügeln, um die winddünnen Lenden flattern. Der ernste Handelsherr, den Paletot auf dem Arm, den Regenschirm in der Faust, der aus seiner Villa hinüber nach der Stadt eilt und unterwegs alles an seiner Seele vorübergehen läßt, was ihn den Tag über beschäftigen soll – der rotwangige Pächter, dem das Herz vor Freude springen will, daß er nach langer Zeit einmal wieder das Pflaster seiner gefeierten Metropole mit den großen Nägelschuhen schlagen darf – der Soldat, der nach dem Hafen stürzt, um sich in alle Welt zu begeben – der Matrose, der aus dem Schiffe kriecht, um auf bloßen Füßen den Ort aller Wunder zu durchwandern – der Omnibustreiber, der dich durch tausendmaliges Winken mit der Peitsche zum Besteigen seines Wagens einladet – der zerlumpte Kerl, der mit einem Annoncenschild vor der Brust und mit einem auf dem Hintern an dir vorübertanzt, um dich wissen zu lassen, wo du die besten Austern und die billigsten Würste kaufen kannst – der Beamte, der wie besessen aus dem Hause rennt, um zur rechten Zeit auf seinem Bureau erscheinen zu können – der Mohrenjunge, der dir ein gedrucktes Gebet verkaufen will und aufs täuschendste nachzuahmen sucht, wie man vor Kälte zittern kann – der Polizeidiener, der einen armen Sünder mit Stößen und Püffen durch die Gassen schleift – der Totengräber, der seine Leichen im gestreckten Galopp nach dem Kirchhof kutschiert – der Fleischerjunge, der hoch zu Roß mit seinem gefüllten Korbe einhersprengt – der Hausknecht, der eine Schildkröte spazierenführt, auf deren Rücken geschrieben steht, wann und in welchem Gasthause sie nächstens geschlachtet wird – Weiber und Kinder, die vor Hunger sterben wollen und dich um ein Almosen bitten – ein Mensch, der dir Brillen und Bleistifte anbietet und dir bei der Gelegenheit das Sacktuch aus der Tasche zieht – Straßenjungen, die deinen Hund fangen und ihn schnell wie der Blitz in die nächste Seitenstraße transportieren – der Lord, der in geschlossener Karosse an dir vorüberdonnert – der Postkutscher, der hoch vom Bock seine vier Rosse so zierlich und sicher lenkt und sie so gewandt durch das Labyrinth seiner Umgebung treibt, als führe er allein auf breitem Wege: alles stürzt und rennt und lacht und weint und brummt und flucht und betet und boxt sich in ein und derselben Minute an dir vorüber und reißt dich fort und stößt dich vorwärts, daß du endlich ganz mit im Zuge bist und mitläufst, als hättest du auch die wichtigsten Sachen zu besorgen, als hinge das Heil der Welt von deinem Laufen ab, und nicht früher merkst du, daß du halb verrückt geworden bist, als wenn dir die Beine den Dienst versagen, als wenn du erschöpft an die Wand eines Hauses sinkst, um dir den Angstschweiß von der Stirne zu trocknen. Noch unheimlicher, noch wunderbarer erscheint indes dieser ganze Spektakel, wenn man ihn auf der Höhe einer Brücke, wenn man ihn namentlich auf der London Bridge erlebt, wo man nicht nur rechts und links und vor und hinter sich von allem jenem Lärm umtost wird, sondern wo auch noch unter den Füßen, unter den Bögen der Brücke, auf den Wellen der Themse ein Schauspiel vor sich geht, was allein schon hinreichend ist, um deine Aufmerksamkeit für ganze Tage zu fesseln. Denn in ganzen Scharen brausen Segel- und Dampfboote dort durcheinander; in dem Augenblick, wo ein Dampfer die Brücke durchfährt, da neigt sich der schwarze Schlot, als würde er am Fuße plötzlich abgehauen, und rasch fährt er wieder empor, sobald das Vorderteil des Bootes an der entgegengesetzten Seite zum Vorschein kommt. Das Musizieren und Schreien der Passagiere dort unten klingt zusammen mit dem Geräusche, was um dich vorgeht, und fast vergißt du, daß du nur die Augen über deine nächste Umgebung hinwegzuheben hast, um dich des großartigsten Anblicks zu erfreuen, den du in ganz London finden kannst, um die riesige Stadt zu sehen, wie sie herauf und hinunter mit ihren Palästen bis in die Fluten des Stromes reicht, wie amphitheatralisch Dächer, Säulen und Kuppeln sich übereinandertürmen, wie die Segel der Schiffe, die Flaggen unzähliger Maste dazwischen durchschimmern und wie sich endlich das ganze grandiose Gemälde im blauen Dufte der Ferne, gleich einer untergehenden Märchenwelt, vor deinen Blicken verliert. Aber wie einsam fühlte sich meine Seele in diesem Gewirr! Als ich am ersten Tage meine Wanderung durch London antrat, als ich mich aufs Geratewohl in das dichteste Gedränge stürzte, als ich, den ersten Heißhunger der Neugierde zu stillen, in einem Stück von der City vorüber an St. Paul durch Temple Bar bis nach der Westminsterabtei rannte, als ich endlich erschöpft, ermüdet an der Bildsäule Cannings niedersank und mich auf den Marmorfuß der Statue setzte, um die Stirn zu reiben, um mich zu fragen, was ich denn eigentlich gesehen und was denn eigentlich dieser ganze Lärm bedeute – und als ich vergebens nach einer Antwort suchte und nur fühlte, daß ich traurig war wie ein alter Jude an den Wassern zu Babylon, da wünschte ich mir Flügel, um rasch wie der Blitz in die entfernteste, stillste Wüste zu fliegen, wo etwa nur eine Palme im Abendwinde wehte und ein großer, schöner Vogel mit prächtigen, ausgebreiteten Schwingen langsam über die Fläche schwebte. Denn entweder mußt du einer jener ernsten Handelsherren sein, der sich in einer glücklichen Operation nicht irremachen ließe, und wenn auch ein Weltteil vor seinen Augen zusammenbräche, oder einer jener Börsenhelden, der dir das schwierigste Exempel im Kopfe ausrechnen würde, wenn man ihm selbst hundert Kanonen vor der Nase losschösse, wenn du als Neuling, als Fremdling in der ersten halben Stunde in dem Lärm einer Londoner Gasse deine fünf Sinne beieinanderbehalten willst, wenn du nicht für die erste Zeit durchaus darauf verzichten sollst, dir auch nur über das Gewöhnlichste deiner neuen Umgebung Rechenschaft abzulegen. Ich weiß nicht, ob es andern auch so ging – genug, ich war verdrießlich, ich war traurig, ich war total niedergeschlagen, als ich meinen ersten Ausflug vollendet hatte, und gern warf ich mich in den ersten Omnibus, der mich nach einer halbstündigen Fahrt zurück in mein Hotel brachte. Es war Abend geworden; der Nebel wogte über die Themse, und unsicher flimmerten die Lichter am andern Ufer des Stromes; noch eine kleine Weile, und es war Nacht. Ich wohnte in einem Hotel in Norfolk Street, einer Seitenstraße am Strand. Das ganze Haus war so still, daß man eine Nadel hätte fallen hören können. Die großen, schweren Vorhänge bedeckten die Fenster des düstern Gemachs. Nur das lustige Feuer im Kamin und die Kerzen eines gewaltigen silbernen Armleuchters warfen ihr zitterndes Licht auf die Blumen des Teppichs, auf die Ölgemälde der Wände und auf die riesigen Sessel, welche im Kreise um den Kamin standen. Ein englisches Gemach, mit seinem Kamin, mit seinem Teppich, mit seinen soliden, bequemen Möbeln, mit seiner düster einfachen, aber geschmackvollen Einrichtung, hat einen eigentümlichen Reiz. Ein uralter Kellner, mit schneeweißem Haar, in sauberer Wäsche, in schwarzem Frack, mit seidenen Beinkleidern, trat so leise herein, daß ich ihn kaum bemerkte, und setzte, ohne ein Wort zu sprechen, das Teegeschirr so vorsichtig auf den runden Tisch, als hätte er gefürchtet, auch nur durch das Zusammenstoßen zweier Tassen oder Teller die tiefe Stille des weiten Zimmers zu stören. Ich sah mich unwillkürlich nach ihm um; aber der alte Mann schien gar nicht daran zu denken, daß ich im Zimmer war; er trippelte lautlos hin und her über den Teppich; Stückchen für Stückchen brachte er seine Geschichten herbei und stellte die Teekanne, die Zuckerdose, die Tasse, die Teller mit Brot und Eiern und Fleisch und Käse, kurz, alles in so symmetrischer Weise auf den Tisch, daß ich fast laut darüber gelacht hätte. Ich hatte mir aber vorgenommen, kein Glied zu rühren, ich ließ den Alten ruhig gewähren und dachte schon, er würde mich ebenso still verlassen, wie er schweigend hereintrat: als er plötzlich mit der feierlichsten Bewegung sein silberhaariges Haupt erhob und, jetzt mit der einen Hand die geöffnete Kanne, dann mit der andern die grüne Teebüchse ergreifend, einen Schritt näher trat und mich mit einer höchst ausdrucksvollen Miene zu fragen schien, ob ich selbst den Tee machen wolle oder nicht. Die unendliche Ruhe, die vollkommene Würde und die hohe Grazie, welche der alte Knabe bei diesem kleinen Actus zum besten gab, entzückte mich mehr als sein vortrefflicher Tee. Wir hatten schon am Morgen versucht, einige Worte miteinander zu sprechen. Das gelang aber sehr schlecht. Mein alter Kellner schien daher hintereinander anzunehmen, daß wir uns am besten durch stumme Zeichen verständigen könnten. Kein Wort kam mehr über seine Lippen, und er behandelte mich hinfort in so komisch väterlicher Manier, als wenn ich ein kleines hilfloses Kind gewesen wäre, und er machte auch wirklich bald durch seine unermüdliche Sorge jedes Fragen und Befehlen überflüssig. Ich habe später die englischen Dienstboten recht häufig beobachtet und mußte mich immer darüber freuen, wie auch bei diesen Leuten, die das Schicksal zu einer der traurigsten Stellungen in der Gesellschaft verurteilt, die am allermeisten der Gefahr ausgesetzt sind, jedes Selbständige zu verlieren, wie auch bei diesen Leuten noch jener Zug großbritannischer Würde vorherrscht, der das ganze Volk bis in die untersten Klassen durchweht und es unwillkürlich freier, bewußter und zu jeder weitern Entwicklung fähiger macht, als man dem ersten Anschein nach denken sollte. An jenem Abende amüsierte mich einstweilen nur die vollkommene Harmonie meiner ganzen Umgebung: die Totenstille des Hauses, das halberleuchtete feierliche Gemach und der uralte Kellner – es paßte alles so prächtig zueinander; es war ein wohltuender Kontrast nach dem stürmischen Tage, den ich auf der Gasse verlebt hatte; und als das Feuer im Kamin immer lustiger aufflammte und die Ruhe den letzten Schwindel überwunden hatte, da fing die Vernunft auch wieder an zu sprechen und Hoffnung wieder an zu blühn, und gern ließ ich jetzt das Erlebte noch einmal an meiner Seele vorübergehen. Es bedarf wirklich nicht vielen Nachdenkens, um aus dem Betäubenden des Londoner Lebens etwas Belehrendes zu machen. Eine Welt umschließt diese zweiunddreißig Meilen im Umfange große Stadt, und du hast nur die Augen zu öffnen, um das Leben unsres Jahrhunderts in seiner ganzen Breite, in seiner vollen Entwicklung, in seinen schrecklichsten Kontrasten vor dir zu sehen. Der Handel, der seine Unternehmungen ausdehnt bis in die fernsten Zonen, bis in das Herz der kolossalsten Kontinente, bis zu den letzten Inseln des Ozeans – hier hat er seine Schätze aufgetürmt! Die Industrie, die mit ihren Riesenarmen in kurzer Zeit tausend neue Verhältnisse geschaffen hat und die in Zukunft noch die ganze Gestalt der Erdoberfläche zu ändern droht – hier hat sie all ihre »Wunder zusammengetragen! Die Schiffahrt, die ihre Fregatten aussendet, um China zu erobern, die ihre Flaggen drohend an den Küsten der argentinischen Republiken flattern läßt und die ihren »Erebus« und ihren »Terror« in das Eis des Poles schickt, um immer aufs neue eine nordwestliche Durchfahrt zu versuchen – hier läßt sie ihre schönsten Flotten rasten! Hier läßt die Politik, sei es in den Räumen des Parlamentgebäudes oder in jener Taverne am Strand, wo der Arbeiter seine Meetings hält, hier läßt das Vaterland seine kühnsten Leute die klügsten Reden halten und die größesten Taten tun. Hier ist der Ort, wo das Talent eines erfinderischen Geistes Raum und Unterstützung findet, um seine Systeme zu verwirklichen, wo ein einfacher Handelsmann so großartig sein kann, daß er ein ganzes Kauffahrteischiff im vollsten Schmuck der Segel und jeder Einrichtung dazu hergibt, damit ein Kapitän Warner der Welt zeigen könne, wie er in Zeit von einer Minute allein imstande ist, das zu zerstören, das in Fetzen und Splitter auseinanderzuschießen, woran Hunderte, ja Tausende von Menschen monatelang arbeiteten. Hier ist es, wo die Liebe zur Wissenschaft in unermeßlichen Bibliotheken alle Schätze des menschlichen Geistes zusammentrug, wo die Liebe zur Kunst in brechend vollen Museen hier die Meisterwerke eines Raffael und Rubens und dort die Porphyrgräber orientalischer Fürsten und die Marmorbilder der Hellenen nebeneinanderstellte, ja, wo man nicht die Angel vergaß eines Fischers im hohen Norden und nicht den Tomahawk des roten Indianers. Hier ist es, wo du vielleicht an demselben Abend den Lablache und die Persiani singen hörst und wo du dich an einem Konzert der feierlichen Bewohner der Inseln des stillen Meeres erfreust, wo du nur zwei Schritte zu gehen hast, um von den Königen afrikanischer Wüsten, von dem stattlichen Leu und dem gelenkigen Panther, zu der Giraffenherde zu gelangen, die in offenem Garten lustwandelt, oder zu dem zottigen Eisbär, der in der Kühle einer Grotte von seiner sibirischen Heimat träumt – und hier ist es endlich, wo dich die grellsten Kontraste unsrer gesellschaftlichen Zustände angrinsen, wo du zur Mittagszeit im Hydepark alle zehn Schritt auf einen Krösus stößt, während sich vielleicht zu derselben Zeit ein Proletarier in das grüne Gras am Fuße der Statue des Achilles niederlegt, um, vom Hunger tagelang gefoltert, endlich still zu verrecken. Und ist es nicht natürlich, daß man an einem solchen Orte, daß man in einem solchen Zentrum alles zivilisierten Lebens und auch in einem Zentrum aller Scheußlichkeiten unsrer Zivilisation – den Kopf verliert, wenn man herüber aus dem stillen, melancholischen Deutschland kommt, wenn man plötzlich in der Mitte dieses Treibens steht und eben in dem Lärm der belebtesten Gassen, in jenem Rennen, Flüchten, Beten, Betteln, Fluchen und Verdammen das treuste Bild von dem Kampf und dem Ringen aller Liebe, alles Hasses, alles Eigennutzes, aller Habsucht, aller Größe und aller Verworfenheit, ja, alles dessen hat, was von Norden nach Süden, von Osten nach Westen durch die Herzen der Nationen zittert? Aber eine Freude ist es, wenn man in der Stille der Nacht, wenn man, wie ich damals in dem ruhigen Hause in Norfolk Street, nur in Gesellschaft des knisternden Feuers und des silberhaarigen, schweigsamen Kellners, einen Augenblick findet, wo das Gewaltige jenes riesigen Schauspiels noch in frischen Farben vor der Seele steht, wo man mit Leichtigkeit jede Erscheinung noch einmal an der Seele vorübergehen lassen kann, wo man Zeit und Fassung hat, den düstern Hintergrund dieser Weltbühne zu entrollen, wo man in raschem Fluge durch die Geschichte der Vergangenheit dieser rastlosen Nation stürmt, bis man, in der Gegenwart angekommen, alles das zusammennimmt, was man von Englands Handel, von seiner Industrie, seiner Schiffahrt, seiner Politik, seiner Kunst, seiner Literatur weiß, und dann plötzlich versteht, was dieser Lärm der Gassen, der Plätze, der Häfen, der Parks, der Brücken zu bedeuten hat, wenn man plötzlich allen den Tausenden, die einem tags im Freien begegneten, bis in ihre Häuser, bis in ihre Herzen folgen zu können glaubt und im Genuß dieses kolossalen Gesamteindrucks zum ersten Male fühlt, daß man etwas erlebt hat, weil man sich wiegen konnte in des Jahrhunderts brausenden Wogen. Ähnlich war es mir zumute, als ich drei Jahre nach meiner ersten Londoner Tour mit dem ersten Eisenbahnzug, der von der belgischen Grenze nach der Seine fuhr, zuerst meinen Einzug in Paris hielt, als ich in aller Frühe mit meinem Plan in der Hand allein von der Rue de Richelieu ausging, über die Boulevards des Italiens und Capucines, durch die Rue de la Paix, an der Vendôme-Säule vorbei in den Jardin des Tuileries wanderte, um mich vor der Statue des Spartacus zu verneigen, als ich dann über den Carrousel-Platz, durch den Louvre, am Hotel de Ville vorüber und über den Pont d'Arcole nach der Notre-Dame und weiter nach dem Panthéon schritt, um durch den Jardin du Luxembourg und durch den Dom der Invaliden, über das Champ de Mars zuletzt, nach der schönsten Wanderung, die ich in meinem Leben machte, gegen Abend unverhofft in die Elysäischen Felder zu geraten! Wie nach meiner ersten Wanderung durch die City und durch Westminster war ich auch damals in Paris todmüde und konnte kaum mehr den Fuß in die Höhe heben; als ich aber auf der Place de la Concorde stand, als die Springbrunnen rings um mich plätscherten, als aus den Vertiefungen der Seiten der Duft von tausend Orangenblüten aufstieg, als die Hieroglyphen des Obelisks von Luxor im Abendgolde brannten und sich der Blick rechts in dem Lindengrün des Tuilerien-Gartens, links in der Weite der Elysäischen Felder und in dem Duft verlor, der geisterhaft über die Höhe des Arc de Triomphe wogte, und als sich dann der Abendwind aufmachte und das Tönen der Musik in entfernten Gärten mit leis verhallenden Klängen zu mir herübertrug, als ich jene reizenden Franzosen und Französinnen in ihrer ganzen Grazie, mit ihrer ganzen Lebendigkeit in buntem Strome an mir vorüberziehen sah und die sinkende Sonne ihren herrlichsten Purpur, ihre flammendsten Rosenlichter auf die »Wipfel der Bäume, auf die Perlen des Springbrunnens, auf das Blau der Wolken und auf die Wangen der lieblichsten Frauen der Welt warf, als die ganze Natur wie im Bewußtsein ihrer Schönheit noch einmal im Rausche der Liebe und der Wollust emporzujauchzen schien – nun, da war die Müdigkeit vorbei, mein Herz klopfte, ich hätte jedem Mädchen, das an mir vorüberging, um den Hals fallen mögen, ich hätte Barrikaden aufwerfen können, ich hätte auch schießen und schlagen mögen, ich hätte mit Freuden mein Blut für eine Revolution hingegeben, ich hätte alles reden und alles tun können – es tat mir leid, daß ich kein Franzose war. An zwei Orten mußt du in deinem Leben gewesen sein; du mußt an Cheapside in London und du mußt auf der Place de la Concorde in Paris gestanden haben, sonst hast du noch wenig gesehen, und wärst du auch von den Türken bis zu den Samojeden gereist. Wie dich auf den Gassen in London jener fürchterliche Ernst des Lebens umtost, der den Briten zu jener kolossalen Größe führte, in der er eisenarmig die ganze Erde umfaßt, ebenso weht dich im Herzen der Seine-Stadt jenes Feuer, jene Begeisterung an, die den Franzosen vielleicht noch größer als den Briten macht, die ihn in jenen Tagen leitete, als er siegend die Welt durchzog, und die ihn noch immer dahin bringt, eine große Idee auszusprechen und zu verwirklichen, wenn die Völker der Erde ihrer bedürfen. Am nächsten Morgen sollte mein erster Gang in die Westminsterabtei sein; ich wollte an die Gräber meiner alten Bekannten, meiner Shakespeareschen Könige treten, lasterhafte und grausame Kerle mitunter und wahrhaftig nicht wert, daß man heute noch an sie denkt. Aber das erste englische Buch, was ich las, das war der Shakespeare, und das erste, was ich von englischer Geschichte erfuhr, das war aus dem Shakespeare, und der King John und King Richard the Second und King Henry the Fourth und the Fifth, sie sind mir lieb geworden, und ich weiß nicht, es wäre mir fast angenehmer gewesen, wenn ich dem lustigen Prinz Heinz auf der Straße begegnet wäre als meinem erlauchten Landsmanne, dem Prinzen Albertus. Leider stieg ich aber an jenem Morgen in den verkehrten Wagen und befand mich nach einer Stunde in einem ganz anderen Stadtteile. – Etwas ängstlich, mich gleich von vornherein zu verlaufen, blickte ich an den Häusern herum und suchte den Namen der Straße. »Eastcheap« las ich an der nächsten Ecke und wäre fast vor Freude in die Höhe gesprungen. Du bist auf romantischem Boden! Du stehst an einem Orte, der nicht weniger berühmt ist als das Marmorpflaster der alten Abtei; und die zehn Akte des vierten Heinrich gingen mir plötzlich so klar an der Seele vorüber, daß nicht viel fehlte und ich hätte den ersten, besten Gentleman gefragt, wo die Frau Hurtig wohne. Jeden Augenblick meinte ich auch, gleich müßte mir Bardolph mit seiner flammenden Nase begegnen oder er, der unvergleichliche Sir Johann Falstaff, an der nächsten Haustür stehn, einen Becher Sekt in der Hand und – alles Täuschung, nichts als Täuschung! Wo das lustige Alt-England seine Späße getrieben hatte, herrschte jetzt der feierlichste Ernst; mit finstern Gesichtern drängten sich die Kaufherren durch die Straßen, im schwarzen Frack, mit weißen Handschuhen und mit sehr prosaischen Hüten auf den Köpfen; drüben stand ein prächtiges Haus, das Dach von Säulen getragen, dort mußte ein reicher Lord wohnen, der Künstler und Dichter in seinem Palast um sich sammelte! Neugierig schlich ich an die Türe und blickte hinein: »Auktionen von Kaffee und Lumpenzucker« war angeschlagen und »Hier sind die Comptoire von – – –«, und dann folgten ein Vierzig Namen von gewiß sehr achtungswerten Handlungshäusern. – So ändert sich alles in der Welt; wo Sodom und Gomorrha stand, da steht jetzt das Tote Meer, und wo sich Dortchen Lakenreißer ihres Lebens freute, da sitzt der Herr Fridolin Bach und spekuliert in Baumwolle und Indigo! Die Sündflut geschäftiger Kommis und Makler, die gar kein Mitleid mit meinen stillen Betrachtungen zu haben schienen, riß mich endlich fort und schleuderte mich einige Straßen weiter, bis ich endlich an einem tiefen Graben stillhielt, an dessen anderer Seite ein Wust von kleinen, arm aussehenden Häusern lag, in deren Mitte sich ein schloßähnliches Gebäude erhob. Es war der Tower. Der Brand im Jahre 1841 hat mehr im Innern gewütet, und was von äußern Gebäuden einstürzte, wurde so gut wieder hergestellt, daß wenig Unterschied zwischen der frühern und der jetzigen Gestalt sein soll. Trotzdem, daß das alte Gemäuer keineswegs jenen ehrwürdigen Anstrich hat, der z. B. unsre rheinischen Altertümer so anziehend macht, und auch die in ihren feuerroten Röcken und hohen Bärenmützen auf den Wällen stehenden Soldaten Ihrer Majestät nur zu deutlich an die jetzige Zeit erinnerten, so ergriff mich doch bei dem Gedanken an die Masse von Begebenheiten, welche ihre blutigen Spuren auf Hof und Zinne zurückließen, eine tiefe Wehmut, ein Gefühl, wie es das Herz beschleicht, wenn man am Grabe eines Unglücklichen steht. Wie manche Träne, wie mancher Seufzer, welche Leiden umschlossen diese verwitterten Steine! Zu einem riesigen Schafott türmten sie sich übereinander, und wenn der dichte Nebel von der nahen Themse herüberweht und sich wie ein dunkler Flor an die Spitzen der kahlen Türme hängt, wem möchte nicht der Gedanke kommen, die gefühllosen Steine trauerten sogar um den Fall so manches Edlen, so vieler Helden! Ein gutes Frühstück mit Beefsteak und Eiern, mit altem Porter und schottischem Ale ist das beste Mittel, wenn man aller nichtsnutzigen Trauer um das Vergangene los sein will. Ich sah dies schon in meinen jüngsten Jahren ein und wandte mich den heiteren Schenken der Gegenwart zu. Wir Deutschen sind aber einmal von Haus aus etwas sentimental; da wir selbst nichts Großes mehr tun, so suchen wir nur die Orte auf, wo früher etwas Großes oder Schreckliches passiert ist; wir sind Kinder; wir lieben Ritter- und Gespenstergeschichten und nisten nur gar zu lange mit unsrer jugendlichen Phantasie in dem Staube unsrer vaterländischen Märchen und Legenden. Der Herr Fridolin Bach war viel gescheiter; er spekulierte schon in seinem zwanzigsten Jahre in Baumwolle und Indigo, und deshalb wohnt er auch jetzt in Eastcheap, und seine Unterschrift ist bekannt in der ganzen City. Glücklicher Fridolin Bach! Wir hatten uns für jenen Morgen in einer nahen Taverne ein Rendezvous gegeben. Der gute Mann pries mich glücklich, als ich ihm meine Brieftasche und die darin enthaltenen Empfehlungsschreiben zeigte. Meine deutschen Freunde hatten mich gewiß mit einem ganzen Dutzend versehen. Fridolin versicherte mir, daß ich nur an gute Häuser empfohlen sei und fest darauf rechnen könne, an jedem Ort eine Einladung zum Mittagessen zu erhalten. Ich sah ihn verwundert an, aber er meinte dies in vollem Ernst: »Der Herr X ist einer der Ersten in Mark Lane und hat den ältesten Sherry im Keller; der Herr Y wohnt in Westminster – Sie bekommen ein feines Diner! Der Herr Z sieht freilich viele Deutsche bei sich, aber er fühlt sich immer geschmeichelt.« Fridolin kannte jeden; er schien sich der Reihe nach bei allen durchgefressen zu haben – es wurde mir traurig zumute. Ich glaube, diese Empfehlungsbriefe »gut für ein Diner« liegen noch heute unter meinen Papieren, und wenn ich dem Herrn von R. einen Gefallen damit erzeigen kann, so stehen sie ihm gern zu Diensten – das Datum der einzelnen Briefe ist ja leicht zu verändern. Außer den zwölf Empfehlungsbriefen meiner deutschen Freunde führte ich indes auch noch ein ganzes Schock der zierlichsten Episteln mit mir, die ich für eine Schar jugendlicher Töchter Albions aus dem Rheinlande mit herüberschleifte. Die guten Kinder hatten von ihren Lehrern und Vorgesetzten den Auftrag erhalten, sämtliche Briefe offen zu lassen, damit ich an der Grenze nicht in allerlei Verwicklungen geriete; und da man mich als einen höchst verschwiegenen und diskreten Menschen geschildert hatte, so waren die kleinen Frauenzimmer auch alle miteinander in die Falle gegangen. Es wird mir noch immer schwül zumute, wenn ich an all die zierlichen Adressen denke; da waren Briefe an Vater und Mutter natürlich und an zahlreiche Freundinnen und an Mr. Charles und Mr. Henry, und die letztern hatten einen so verzweifelten Duft in den Falten des schneeweißen Papiers, als röche man auf eine blasse Teerose. »Herr, führe mich nicht in Versuchung!« – Ich übergab meine Schätze der Post und behielt nur einen einzigen zurück, um ihn persönlich zu überbringen. Er war an einen Direktor der Bank adressiert. Ich hatte mich danach gesehnt, einen alten Londoner Geldfuchs einmal mitten in seinem Tun und Treiben zu überraschen, und verfügte mich daher gerade zur rechten Geschäftszeit in ein prächtiges säulengeschmücktes Lokal, in welchem sich der alte Herr aufhalten sollte. Ich geriet in die Börse, auf die Stock Exchange oder in einen Auktionssaal – ich weiß selbst nicht mehr, was es war, die neue Royal Exchange war damals noch nicht vollendet –, genug, ich traf meinen Direktor, als er gerade von wenigstens zweihundert schreienden und kreischenden Menschen umringt war, diesem etwas ins Ohr raunend, jenem einen bedeutsamen Wink zuwerfend, dem dritten wie eine Katze ins Gesicht sprudelnd usw., je nachdem sich das Geschäft drehte und wendete. Da drängte sich der Portier, dem ich den Brief der freundlichen blondlockigen Tochter zum Überbringen eingehändigt hatte, in die Mitte des Kreises. Er hatte viele Mühe, so weit vorwärts zu dringen, denn einige Beefsteakkolosse waren dergestalt mit Armen und Lenden ineinandergekeilt, daß es nur den Riesenfäusten meines Boten gelingen konnte, sich Platz zu machen. Endlich gelang es ihm, den Brief über drei Köpfe hinweg bis an Ort und Stelle zu befördern. Ich hatte mich auf die Stufen einer Treppe gestellt, um sehen zu können, ob sich der alte Herr in seinem Treiben irremachen lassen würde. Ich muß noch darüber lachen, wenn ich an jenen Augenblick denke. Der kleine eifrige Mann mit grauem Haar und hellen Falkenaugen, der noch eben Blitz und Feuer sprühte, als es sich darum handelte, ein Geschäft zu machen, der noch in diesem Augenblick von einem ganzen Haufen seiner Handelskollegen umringt war, die sich im eigentlichsten Sinne des Wortes um einige Papierfetzen des alten Direktors zu balgen schienen – er wurde plötzlich still wie ein Kind, er lächelte wie ein Engel, als er den Brief seiner Tochter sah; und jetzt wie ein Herkules die Leute rechts und links beiseite werfend, durchdrang er den Kreis, stürzte dem Portier nach und erkundigte sich, wer den Brief überbracht habe. Ich entschuldigte mich, so gut es ging, wegen der unpassenden Zeit, die ich für meine Mission gewählt hatte – aber der Brite verzieh alles; der Eifer des Geschäftes und die Freude an dem Brief seiner Tochter machten ihn gleich zittern; er schien alle seine Aktien und Banknoten vergessen zu haben und nur an sein schönes Kind zu denken, an sein schönes Kind, das ich selbst nie gesprochen hatte, das ich ihm aber als das Muster aller Tugend und Anmut zu schildern wagte. Der Herr Direktor war außer sich vor Wonne; die Papierstreifen waren ihm rechts und links in die Seitentaschen des Rockes geschlüpft, und seine Hände machten bald so herzlich kräftige Bekanntschaft mit den meinigen, daß ich ihm seines besseren Selbst wegen auch bald alle Geschäftsraserei, die sich bei einem alten Manne gar erst traurig genug ausnimmt, vergeben mußte. Seine Einladung zum Mittagessen schlug ich aus; am Abend brachte er mich aber in eine Versammlung der Freetraders in Covent Garden. Ich habe später oft auf das verschiedene Geräusch geachtet, welches auf den einzelnen Börsen der Welt vorgeht. In Antwerpen, wenn die Börse sehr besetzt ist, vernimmt man ein Getöse wie das Summen eines recht geschäftigen Bienenschwarms. In Amsterdam glaubt man eine mürrische Bärenhorde brüllen und brummen zu hören. In London kommt es einem vor, als führe der Orkan in einen Eichenwald, als sausten die Wipfel und als stürzten Riesenstämme in wildem Gepolter übereinander. In Paris ist es manchmal nicht anders, als hörte man sechzigtausend Katzen, Hunde, Panther und Hyänen ihr Konzert anstimmen, man weiß nicht, ist es Schnattern, Brüllen, Heulen, Stöhnen, was da zu den Galerien herauftönt? Erst wenn man hinunterblickt auf die Köpfe jener lärmenden Masse und mit eigenen Augen sieht, daß hier Menschen versammelt sind, die sich wie die wilden Tiere bei ihrem Schacher gebärden, da gibt man den Gedanken auf, daß man wirklich in einer Menagerie ist. Vor der Londoner Börse steht jetzt die Reiterstatue des Herzogs von Wellington, ein schönes Pferd und ein häßlicher Mann. Wenn man letzterem eine Nachtmütze auf den Kopf setzt, so wird jeder gestehen müssen, daß man einen Porterbrauer vor sich hat, der im Begriff ist, sein Pferd in den Mühlenteich zu reiten. Aber die armen Künstler, sie können ja auch nichts Gutes mehr schaffen, wenn ihr an jedes Fenster ein paar Hosenträger oder einen neuen baumwollenen Strumpf hängt. – Die Schiffahrt ist die Poesie des Handels. Wenn du in dem Staub und in dem Gedränge der City unterzugehen glaubst, in der City, diesem lebendigen Herzen des Welthandels, dann eile nach den Docks, setze dich auf den Bugspriet eines Ostindienfahrers, laß die Flaggen über deinem Haupte wehn, die Matrosen um dich singen und aus den Kajüten »fremder Vögel Frühlied schallen«, und ein Hauch wird durch deine Seele gehn, frisch wie das Atmen der See. Ich will gar nicht sagen, daß das Leben und Treiben in den Auktionssälen, auf den Comptoiren und Börsen der City durchaus prosaisch sei – nein, es mag höchst poetisch sein, wenn dir ein Chinese schreibt, daß er geneigt sei, auf die Offerte einer halben Schiffsladung Kalikos einzugehen, oder wenn dir ein unanständiger Bankier in aller Kürze mitteilt: »Da Sie auf mein Letztes nicht geantwortet haben, so sehe ich mich genötigt, den Betrag meiner Forderung mit soundso viel auf Sie zu entnehmen, was Sie sich gehörig notieren wollen, widrigenfalls ich sehr unangenehme Maßregeln gegen Sie ergreifen werde«, oder wenn du ein Geschäft in Aktien gemacht hast, ohne einen Pfennig disponibel zu besitzen, oder wenn es dir gelingt, einen groben Russen übers Ohr zu hauen oder einen Ungläubigen schlimmer zu prellen, als weiland der edle Sancho von den vier Tuchscherern von Segovia, den drei Nadlern vom Potro zu Cordova und von den zwei Nachbarn vom Markte zu Sevilla auf dem Bettuch der Schenke traktiert wurde. Die feinen Nuancen des Luges und des Truges müssen der Phantasie die angenehmste Beschäftigung geben, und ich begreife nicht, daß man in unsern Schulen den armen Kindern das Lügen noch immer als eine so schwarze, böse Sünde schildert; das ist eine ganz falsche Erziehung! Wie sollen die armen Kleinen heute in der Welt fortkommen, wenn man sie nicht von vornherein zu Virtuosen in diesem Laster macht, damit sie sich in reiferen Jahren nicht allein wie tapfere Seeräuber mit ihren Konkurrenten herumhauen können, sondern auch, gleich dem ränkevollen, erfindungsreichen Odysseus, siegreich alle Stürme des Lebens zu überstehen wissen? So hält man noch immer an patriarchalischen Sitten und Gebräuchen fest, an veralteten Lehren und Regeln, welche in dieser Zeit der freien Konkurrenz jeder zeitigen Emanzipation im Wege stehen. Aber ein alter Schulmeister begreift gar nicht, daß man als ehrlicher Mann vielleicht eines schönen Morgens gezwungen ist, sich an sein großes Schreibpult zu setzen, einen großen Bogen Papier zu nehmen und, die hellen Tränen in den Augen, seinen geehrten und geschätzten Geschäftsfreunden folgende Mitteilung zu machen: »Mit dem Gefühl des tiefsten Schmerzes, aber mit dem Bewußtsein, daß Sie, geehrte Freunde, meine traurige Lage aufrichtig bedauern werden, mache ich Ihnen hierdurch die Anzeige, daß es mir nicht länger möglich ist, ein Geschäft fortzusetzen, was ich mir schmeicheln darf, seit 25 Jahren mit seltener Umsicht und Ausdauer betrieben zu haben. Unglücksfälle aller Art haben mich erschüttert, und ich lade Sie daher auf Donnerstag, den 24. dieses, zu einer Versammlung in meinem Geschäftslokale ein, wo ich Ihnen beweisen werde, daß mir zwar die Ehre verbietet, länger in bisheriger Weise tätig zu sein, daß indes die Sachen keineswegs schlecht stehn und daß ich hoffen darf, Sie auf den vollen Betrag Ihrer respektiven Forderungen zu bringen. Genehmigen Sie, meine Herren, die hochachtungsvolle Empfehlung Ihres sehr betrübten, aber in Gott den Allmächtigen höflichst ergebenen Gottfried, Friedrich Jammer sel. Erben Sohn.« Ein alter Schulmeister begreift nicht, daß der gute Gottfried, Friedrich Jammer sel. Erben Sohn, der in seiner Jugend so oft für eine kleine Lüge geprügelt wurde und unwillkürlich zu einem ehrlichen Manne heranwuchs, jetzt endlich in der Fülle des Mannesalters die schlimmen Früchte seiner allen Fortschritt negierenden Erziehung ernten muß, indem er seine werten Geschäftsfreunde nach jener trüben Versammlung mit dem durchbohrenden Gefühle von 40 Prozent in der Masse wieder nach Hause schickt. Gebt euern Kindern den Münchhausen zu lesen, statt Zerrenners »Kinderfreund«, und Bosco, den Taschenspieler, statt Rinters filtrierter Bibel, laßt sie addieren und multiplizieren, statt beten lernen, da wird euer Kapital einst Zinsen tun, da werden eure Pfunde reichliche Groschen bringen, und aus euern Kindern wird selten ein Gottfried, Friedrich Jammer sel. Erben Sohn. In den London Docks, umringt von Ballen und Fässern und Masten und Matrosen und himmlisch hohen Warenhäusern mit Korn und Holz und Rum und funkelndem Portwein, wird es einem ganz ausländisch, spanisch, portugiesisch, amerikanisch zumute. Fünfhundert der gewaltigsten Schiffe kann dieses zwanzig Morgen große Bassin fassen. Ein Handlungshaus, versicherte mir mein Führer, habe in den vorigen Wochen vier Schiffe verloren, expediere aber gerade wieder zehn andere nach China und Brasilien. Bei so märchenhaftem Reichtum glaubt man zuletzt nicht anders, als daß man ebenfalls ein Krösus sei, und läßt sich die Pfund Sperlinge aus der Tasche schlüpfen, als wären es wirklich nur so viele Zeisige und Spatzen. Es ist aber komisch, wie hier in den Docks alles volliegt von dem, was das Herz erfreuen, den Magen stärken, die Füße wärmen und die Seele erbauen kann, und wie zehn Minuten weiter die Geschöpfe Gottes auf dem Straßenpflaster verhungern und den Wandrer wie Wölfe und Katzen anfallen, um sich durch das Geschenk eines Pennys wieder für einige Stunden das Leben fristen zu lassen. – Das kommt aber, weil Gott alles weise und gut geordnet hat und die Erde voll seiner Güte ist. Mein Weg führte mich dann durch den Tunnel unter der Themse her an das andere Ufer des Stromes. Es sah recht freundlich in dem sonderbaren Gange aus, da alles mit Gas erleuchtet war und Harfenmädchen und Geigen eine helltönende Musik machten, auch alte Frauen eine Menge Honigkuchen feilboten und nicht leicht einen Fremden vorübergehen ließen, ohne daß er ein Bild des Baumeister Brunel erstanden hätte. Man ahnte nicht, daß zwölf Fuß über dem Gewölbe des Tunnels die größesten Seeschiffe fahren. Seit Freiligrath kennt man alle wilden Tiere so genau, daß es eigentlich sehr überflüssig ist, noch einen zoologischen Garten zu besuchen. Aus dem »Löwenritt« wissen wir, wie sich der gnädige Herr König der Tierwelt auf seiner Giraffe lustig macht; aus dem »Mohrenfürst«, wie die Elefanten das Laub durchrauschen; aus dem Wecker in der Wüste«, wie sich die Mumien in den Pyramiden emporrichten, wenn der Leu seine Bravourarien singt; aus dem Liede »Unter den Palmen«, wie sich Tiger und Leoparden um einen »Blanken« balgen usw., es ist nichts vergessen. – Ach, als Freiligrath noch der Hofpoet des Königs Löwe war, da ging alles gut; aber jetzt ist er liberal geworden, und wie Heine versichert hat, ist unser Poet sogar nach London ausgewandert, weil der Mohrenfürst keine Konstitution geben wollte – traurig, traurig! Aber ich glaube nicht, daß es wahr ist. In dem Londoner Zoologischen Garten erblickt man aber die Bestien des Jahrhunderts in wohlverschlossenen Käfigen. Unruhig laufen die Tiger und Leoparden auf und ab, und in ihren Blicken kann man deutlich lesen, daß sie mit sich selbst zerfallen und mit Gott und aller Welt unzufrieden sind. Den größten Teil des Tages verbringen sie in dumpfem Trauern; es ist so einem eingeschlossenen Tiger zumute wie einem alten Student, der auf dem Karzer sitzen muß, während schon alle Genossen hinaus in die Ferien gezogen sind. Trübsinnig lehnt er oft an dem Gitter, was ihn von der schönen Außenwelt trennt, und blickt über die Stadtmauer hinweg auf die sonnige Landstraße, wo die guten Bürger so einträchtiglich mit ihren lieben Familien spazierengehen. Mit gleichgültigen Augen folgt er ihren Schritten; wenn sie aber ganz in seine Nähe kommen und das helle Gelächter der guten Leute zu ihm hinaufdringt, da knirscht er doch bisweilen unwillig mit den Zähnen, und »Ihr verdammten Philister!« raunt er in den Bart; er zieht sich von der Öffnung seines Cachots zurück und wandelt in dem Bewußtsein, daß er doch ein ganz anderer Kerl ist als alle die gewöhnlichen Alltagsmenschen dort unten, stolz und vornehm in seinem Gemache auf und ab. Neben dem Tiger sitzt in einem zweiten Käfige der hochgeborene Leu. Er ist wie der schöne König Enzio in seinem Kerker zu Bologna – träumerisch griff der edle Hohenstaufe bisweilen in die Saiten der Harfe, und hinab auf die Schultern floß das lange goldene Haar. »O Leid, daß ich ein König war!« seufzte er, wenn die Betteljungen singend vorüberzogen – und träumerisch faßt auch der Löwe des Zoologischen Gartens zuweilen in die Eisenstäbe seines Käfigs und schüttelt die gelben Mähnen und gedenkt der Tage der Jugend. Ganz in der Nähe hat man einer wilden Katze vier Fuß Raum zur Erheiterung angewiesen. Das arme Tier war früher eine wilde, ausgelassene Schönheit, vor der manch zärtlicher Kater anbetend niederfiel. Auf nächtlichen Bällen erlebte sie viel des Abenteuerlichen, sie lebte mit den Männern des Jahrhunderts, sie warf mit Bonmots um sich und wandelte lange Zeit ein sehr heiteres, aber fleckenloses Geschöpf. Mit den Katern des Jahrhunderts ist indes nicht zu spaßen; unser Kätzchen ging zuletzt dennoch in die Falle, und aus war es mit aller Reputation. – Die Welt ist hart und unerbittlich. In dem einsamen Boudoir sitzt nun unsre alternde Schöne und ärgert sich darüber, wenn manch junge, unschuldige Miss errötend an ihren Gardinen vorübereilt. Nicht weit von den Zwingern der Katzen erhebt das Kamel sein Haupt, geradeso dumm, wie es einst über Eliesers Schultern sah. Armes Tier, weshalb schloß man dich ein? Ist es demagogischer Umtriebe wegen – oh, so hätte man dich ruhig in deine Heimat entlassen sollen, du würdest ja doch stets ein Kamel geblieben sein. Am traurigsten nehmen sich in den Menagerien stets die Adler aus, die armen Tiere, welche geboren wurden, um auf rauschenden Flügeln der Sonne entgegenzufliegen, und die jetzt an den Boden gefesselt sind, um in Gesellschaft von dummen Straußen, wilden Gänsen und langweiligen Störchen ihre Tage hinzubringen. Oh, schrecklich wird es sein, wenn die Tiere einst aus ihrem Schlummer erwachen, wenn sie ihres Elendes einst bewußt werden und in einer finsteren, stürmischen Nacht plötzlich ihre Gitter durchbrechen, um gemeinsame Sache gegen die Menschen zu machen. Da wird der Zoologische Garten mit einem Male von wildem Geheul und Geschrei widertönen, da werden sich die Gassen und Plätze der Metropole mit Wölfen und Tigern füllen, da werden die Ecken und Winkel der Stadt von einem Getöse widerklingen, als nahte der Jüngste Tag. Da wird der Leu mit seiner Tatze vor die Türe der Paläste schlagen; da wird die Türe aus ihren Angeln fliegen, und der zornige Leu wird eine goldne Krone nehmen und wird sie auf sein zottiges Haupt setzen und wird brüllen: »Jetzt will ich regieren!« Und die Tiger werden herfallen über die stolzen, unbarmherzigen Lords und werden sie aus ihren Betten zerren und mit scharfen Krallen zerreißen, und Haut und Fetzen werden sie durch die Gassen schleifen, und sie werden brüllen: »Jetzt wollen wir regieren!« Und die Wölfe werden in die Häuser der Bankiers dringen und werden ihnen die eigenen Geldsäcke an die Köpfe werfen, bis sie ersticken in ihrem eigenen Golde, und die Wölfe werden heulen: »Jetzt wollen wir regieren!« Und die Hyänen werden in die Kirchen und Kapellen dringen und werden die betenden Pfaffen mit ihren Zähnen ergreifen und werden sie vor den Altären schlachten wie feiste Opfer, daß sie eines elendigen Todes sterben, und die Hyänen werden jauchzen: »Jetzt regieren wir!« Und die geschändeten und geschmähten Katzen werden über die fashionablen Kater herfallen und werden ihnen eine Katzenmusik bringen, daß ihnen alle Katerlust vergehen soll, und die Katzen werden miauen: »Jetzt regieren wir!« Und die dummen Kamele und die friedlichen Giraffen und die langen Störche und die wilden Gänse: sie werden in starker Gemeinschaft über die heilige Hermandad des Landes herfallen, und wie Streu vor dem Sturm wird die heilige Hermandad zerstieben, und die Kamele und die Giraffen und die Störche und Gänse, sie werden singen: »Ein freies Leben führen wir!« Zu derselben Stunde emanzipieren sich aber auch alle zahmen Haustiere des Landes. Da werden die englischen Renner ihre Stränge zerschlagen; da werden die Ochsen aus ihren Ställen brechen; da werden die Ratten und Mäuse aus den Kellern hervorkriechen; da werden Flöhe und Wanzen sich nicht scheuen, einer schönen Sache ihre schwache, aber nicht zu verachtende Kraft zu leihen. Und alles wird drunter und drüber gehen; und hat man das Land in Beschlag genommen, da wird man sich der Schiffe und aller Flotten bemächtigen und die Freiheit in alle Welt tragen, und der Adler, der arme, lang geknechtete Adler, er wird dem Zuge voranschweben, er wird die Flügel schlagen und hinauf in die Sonne fliegen und den Himmeln erzählen die fröhliche Botschaft der befreiten Erde. III Londoner Leben Für den Besuch des Britischen Museums hatte ich einen ganzen Tag bestimmt. Ich wollte dort meine großen Kenntnisse sehr vermehren – aber ach, ich fühlte bald, daß ich ein sterblicher Mensch bin; ich merkte, daß ein Tag eine kurze Zeit ist und daß das Britische Museum etwas länger beschaut sein will. Von allem, was das Meer an Perlen, Muscheln, Korallen und wunderlichen Pflanzen gebiert, was die Berge an Steinen, Metallen und an Überresten verschollener Zeiten besitzen, was sich in den Lüften bewegt, was auf Erden hüpft und kreuchet, und fast von allem, was die dummen und witzigen Menschenkinder mit ihren rastlosen Händen geschaffen haben von den fernsten Jahrhunderten an bis auf den heutigen Tag – fast von allen Dingen hat man hier einige Brocken zusammengetragen. Wenn man von einem Saale in den andern schreitet, da ist es nicht anders, als purzelte man in Zeit von einer Minute von einem Weltteil in den andern, da ist es nicht anders, als ob man bald den Grund der Ozeane als Taucher durchfurchte, bald als roter Indianer mit Affen und Hirschen das Dickicht der düstersten Urwälder durchtanzte. Wenn wir einst mit unsern irdischen Erfindungen so weit gekommen sind, daß wir als Luftschiffer die Wolken durchziehen, daß wir uns aufschwingen bis zu den Monden und Sternen, um mit den Völkern jener entlegenen Kolosse in freundlichen Verkehr zu treten, da wird man vielleicht einst einem irdischen Commis voyageur die große Weltmusterkarte unsrer Schöpfung, das Britische Museum, in die Tasche stecken, um auf diese Weise unsern neuen Bekannten am schnellsten einen Begriff von der großen Güte beizubringen, mit der sich der liebe Gott auf unsrer Erde offenbart hat. Wie werden sich die Leute im Monde freuen, wenn sie zuerst einen Affen, einen Esel, wenn sie zuerst ein Kamel oder einen irdischen Stockfisch sehen! Das Britische Museum könnte ihnen freilich die meisten Wunder der Schöpfung nur ausgestopft oder getrocknet bieten; wenn der Herr Repräsentant der Erde dann aber versicherte, daß diese Affen, diese Esel und Kamele im eigentlichsten Sinne des Wortes sehr lebendig und liebenswürdig bei uns herumspazierten – oh, dann werden sich die Völker des Mondes und die Nationen aller Sterne alsobald aufmachen, sie werden die weiteste und die gefahrvollste Reise nicht scheuen, um sich an Ort und Stelle von der Wahrheit dieser Aussage zu überzeugen. Oh, herrliche Zeiten stehen unsrer Erde noch bevor! Die Gastwirte werden natürlich, wie immer, am meisten dabei profitieren, wenn all diese neuen Fremdlinge zu uns herüberreisen. Da werden sie noch manchen Sonnentaler verdienen, manchen Uranusdreier, manchen Venusgulden, viele große Bärendukaten, Massen von Herkulespfennigen und Säcke voll Scheidemünze aus den Gestirnen der Milchstraße. Da ich schon am vorhergehenden Tage im Zoologischen Garten zahlreiche Bestien im lebendigen Zustande gesehen hatte, so konnten mich die ausgestopften Tiere des Museums natürlich nicht mehr interessieren. Für Steine und trockne Pflanzen bin ich niemals gefühlvoll gewesen, ich war daher schnell mit den meisten Sälen fertig und wandte mich nun mit gebührender Andacht und Aufmerksamkeit dem Höchsten zu, was es in den Räumen des Museums gibt: ich ließ mich nämlich zu den Göttern herab, zu den Götzenbildern, welche der sinnreiche Brite hinter den großen Glasscheiben seiner Raritätenschränke versammelt hat. Es ist wirklich traurig, wie die Menschen mit ihren Vorgesetzten umgehen. Es war allenfalls noch zu ertragen, wenn uns die christlichen Künstler die langen Beine übrigens sehr achtungswerter Märtyrer in die Betstühle oder an die Kommoden schnitzten; und bei etwas schlechtem Geschmacke sah man sogar noch über die blauangelaufenen Leichenbilder hinweg, mit denen man unsre Seelen zu erbauen hoffte – verwerflich ist es aber, in welcher Weise unsre irdischen Mitmenschen jenseit des Atlantischen Ozeans oder unsre Vorfahren des Ostens die Matadore ihres Olymps abkonterfeiten oder nachbildeten. So ein Barbare denkt sich aber nun einmal seine Götter grundhäßlich; er kann nicht anders, und er schlitzt ihnen die Ohren, spaltet ihnen die Nasen, gibt ihnen einen zwei Ellen breiten Mund, bemalt ihnen das Gesicht mit Kienruß und Rötel – kurz, es ist nicht anders, als wenn er recht eigentlich darauf bedacht wäre, die Ruhe und den Ernst des Gebetes vor solchen Heiligen in den Spaß und die Narretei eines Puppenspiels zu verwandeln. Die Bilder machen indes das wenigste bei einem wahrhaften Gottesdienste aus. Man kennt ja die Geschichte jenes frommen Abbés, der einst in religiöser Überschwenglichkeit den Nürnberger Nußknacker seiner Zöglinge, statt des Kruzifixes ergriff und, damit auf den Boden niederkniend, ein ebenso brünstiges Gebet lallte, als wenn er das wirkliche Bild seines gekreuzigten Herrn und Meisters an die Lippen gedrückt hätte. Die gottlosen Zöglinge ließen den würdigen Mann bei seinem Versehen und machten ihn erst nachher darauf aufmerksam, wo es denn freilich viel Büßen und Kasteien absetzte. Mit den Götzenbildern des Britischen Museums hat sich einst eine allerliebste Aventüre zugetragen: man war immer in der Meinung, daß sie Originalien seien, man glaubte, daß sie von denselben Menschen verfertigt wären, welche anbetend davor niedersanken; da kommt einst jemand auf den Gedanken, die Sache näher beim Licht zu besehen; die würdigen Bilder werden aus den Schränken hervorgeholt, man dreht sie rechts und links, man untersucht sie von allen Seiten, und, o Wunder, es findet sich plötzlich in dem Gewirr von Falten und Verzierungen – der Stempel einer Fabrik in Birmingham! Was man als große Seltenheit in fremden Ländern erobert zu haben glaubte, es war in England selbst fabriziert, die sämtlichen Götter waren einheimische Ware; während die frommen Missionare bibellesend und predigend in alle Welt zogen, hatte manchmal dasselbe Schiff eine Ladung großbritannischer Götzen mit hinübergenommen, und gerade wie der Brite überall mit seinen Kalikos die Konkurrenz niederzuschmettern weiß, so hatte sein guter Geschmack auch in der Erfindung neuer Götter gesiegt. In Düsseldorf sah ich einst ein sehr hübsches Bild des sehr talentvollen Malers Lilotte. Man blickte in das Atelier eines alten Bildhauers, der eben damit beschäftigt war, der fast vollendeten Statue unsres lieben Herrn Jesus Christus jene berühmte Seitenwunde beizubringen, welche weiland der Kriegsknechte einer mit seinem Speer dem göttlichen Originale applizierte. So harmlos diese Beschäftigung sein mochte, so große Freude schien sie doch dem alten Bildhauer zu machen. Die Beine fest ineinandergekniffen, den Nacken etwas gekrümmt, den Kopf aber nach oben gerichtet, sitzt der alte Mann auf seinem Dreifuß; er hält in der einen Hand den gefährlichen Meißel, in der andern den geschwungenen Hammer; man sieht, daß die Operation in demselben Momente vor sich gehen muß, und man hat kaum Zeit, darauf zu achten, wie die Gesichtszüge des grauen Künstlers plötzlich einen so komischen Ausdruck annehmen, daß man wirklich nicht weiß, ist es eine satanische Freude oder nur ein menschlicher Witz, der mit einem Male durch den Kopf des pfiffigen Meisters fährt. Genug, das Bild jenes jungen Malers ist vortrefflich; es macht ihm die höchste Ehre, namentlich deswegen, weil er es in einer Umgebung zu malen wagte, die unter der Direktion des frommen Schadow noch so sehr in der Blüte der heruntergekommenen christlichen Kunst steht. Das lächelnde Antlitz des Bildhauers in jenem kleinen Gemälde steht mir noch deutlich vor der Seele, und ich bin fest davon überzeugt, daß der Birminghamer Fabrikant, der dem Auslande eine Sendung Götzen bestimmte, einst gerade eine solche Grimasse gerissen hat, als ihm zuerst die Idee seiner Götterspekulation durch den Kopf fuhr. Wahrscheinlich saß er, mit dem Gesangbuch vor der Nase, umringt von frommen Töchtern und Söhnen, am Sonntagabend auf der Galerie der Pfarrkirche. Da trat ein würdiger Herr auf die Kanzel, der erst eben aus fernen Weltteilen zurückkehrte, wo er sich der Bekehrung der Ungläubigen beflissen hatte. Er schilderte die Mühen seines heiligen Amtes, erzählte die Erfolge seiner Mission und forderte die liebe Gemeinde auf, ihn durch reichliche Geldspenden in der weitern Ausbreitung des Christentums zu unterstützen. Wie immer erklärte der eifrige Mann gewiß auch damals, daß noch viele Völker in Aberglauben und Unwissenheit wandelten, und um seinem Bericht mehr Interesse zu geben, ließ er sich schließlich wohl noch darauf ein, die Götzenbilder der Heiden mit den lebhaftesten Farben, mit der vollsten Ausführlichkeit vor die Phantasie seiner Zuhörer zu bringen. Die Gemeinde schauderte; nur der Fabrikant da oben auf seiner Galerie hat in jenem Augenblick gewiß geradeso gelächelt wie der alte Meister des Düsseldorfer Bildes, und während er mit würdiger Miene seinen Schilling zum Besten der Missionsgesellschaft hergab, rechnete er vielleicht schon aus, wie viele Pfunde ihm ein Geschäft in Götzenbildern einbringen könnte. Ich habe nie mehr über die scheinbare Frömmigkeit der Engländer lachen müssen als bei der Rückkehr des bekannten Dr. Wolff aus dem Orient. Die lieben Gemeinden ließen sich von diesem schlauen, durchtriebenen Manne auf eine sehr ergötzliche Weise an der Nase herumführen. Beiläufig gesagt ist dieser Dr. Wolff ein höchst beachtungswerter Mann; ursprünglich Frankfurter Jude, ging er nach Rom und wurde ein eifriger Katholik. Das dauerte aber nur kurze Zeit; der Katholizismus ist nicht mehr so einträglich wie früher. Wolff begab sich bald nach England und ging zur anglikanischen Kirche über; er machte dadurch sein Glück, heiratete eine Lady mit mehreren Tausend Pfund Rente und verschaffte sich außerdem eine sehr ersprießliche Pfarre. Lange Zeit lebte er sehr komfortabel und glücklich in seinen neuen Verhältnissen, wie sich jeder leicht denken kann. Da sehnte sich plötzlich seine Seele nach einem neuen Spekulatiönchen, und er unternahm jene Reise in den Orient, welche das Aufsuchen jener zwei verlorengegangenen englischen Offiziere zum Zweck hatte, eine Geschichte, worüber seinerzeit das Lange und Breite in allen Journalen mitgeteilt wurde. Wolff hätte sich natürlich mit vollem Recht dieser Reise als eines heroischen und gefährlichen Unternehmens rühmen können, wenn er nur je einmal bewiesen hätte, daß er auch wirklich das durchmachte, was man in so hohen Worten überall ausposaunte. Dies ist aber bis auf den heutigen Tag nicht geschehn, und da es erwiesen ist, daß der erfindungsreiche Doktor der größeste Stümper in orientalischen Sprachen ist, so wird seine vorgegebene Tätigkeit in Bokhara immer unwahrscheinlicher. Es ist sogar die Ansicht sehr einsichtsvoller Leute, daß Wölffchen nur eine sehr heitere und harmlose Reise überstanden hat, bei der das Aufsuchen der verunglückten Offiziere gewiß der letzte Zweck gewesen ist. Wie dem aber auch sei, Wolff kam zurück nach England, den Mund voll von abenteuerlichen Geschichten, und gab sich auf der Stelle ans Werk, seine Märchen gegen gutes englisches Geld zu versilbern. Überall gingen die Engländer in die Falle. Ein Pastor, ein Doktor, der auf einem Esel den Orient durchritt, im wallenden Talar, das Wort des lebendigen Gottes aufgeschlagen in der Hand – das war hinreichend, um jeden respektablen Mann in die Vorlesungen des berühmten Reisenden zu locken. Schon eine Stunde vor Beginn der Affäre sah man alt und jung mit langen christlichen Gesichtern, in frisch geputzten Stiefeln, in schwarzen Frackröcken und weißen Handschuhen über die Straßen rennen und in den Saal der Vorlesung stürmen. Natürlich fiel es den meisten Leuten gar nicht ein, an die Reiseberichte des Doktors zu glauben; aber der Doktor war ein Pastor, und deshalb mußte die Versammlung besucht werden, deshalb mußte man den Glauben heucheln. Der ehemalige Frankfurter schien dies sehr gut zu merken, als er spöttisch lächelnd in den Saal trat. Er begann seinen Vortrag in dem schlechtesten englischen Dialekt, den ich in meinem Leben gehört habe; aber wunderbar waren seine Lügen! In Zeit von einer Stunde hatte er ein solches Gewebe von seltsamen Abenteuern, frommen Historien und christlichen Sentenzen bereitet, daß zuletzt dem ungläubigsten Thomas der Verstand irre wurde, daß zuletzt der heuchlerischste Fabrikant wie festgenagelt auf seiner Bank saß, den Mund aufsperrte und in vollem Ernste dem Berichte Wölffchens glaubte. Dem gescheiten Frankfurter war es im eigentlichsten Sinne des Wortes gelungen, mit der eignen Heuchelei die Heuchelei aller seiner Zuhörer zu überwinden. Es war ihm gelungen, die erlogene Ehrfurcht in eine wirkliche zu verwandeln; er feierte den größesten Triumph, den ein Redner feiern kann. Mit rednerischen Triumphen ist ein Mann wie Wolff aber keineswegs zufrieden; kaum war sein Vortrag beendigt, da stand er auch schon mit einer großen Liste an der Tür, und jeder der Hinausgehenden mußte jetzt für seinen Enthusiasmus bluten, indem er auf ein sehr teueres Exemplar der gedruckten Reise des Doktors subskribierte. Ich kann es mir lebhaft denken, wie der würdige Mann nach solchen Erfolgen, endlich mit Gold und Ruhm beladen, in die Arme seiner Lady zurückkehrte und sich darüber freute, daß er die Dummheiten seines Jahrhunderts begriffen hatte. Ich gebe dem Doktor durchaus recht; ich bin ganz auf seiner Seite. Wolff ist kein gewöhnlicher Kanzelschreier, nein, er ist ein Talent, ein Genie. Wenn er wirklich fromme Leute hinterginge, wenn er wahrhaft gläubige Schafe schöre, da wäre die Sache nur halb zu entschuldigen; sie wäre nur deswegen zu entschuldigen, weil ein Schaf überhaupt nur dazu existiert, um geschoren zu werden. Aber diese englischen Commerçants zu hintergehen, diese Leute, welche sechs Wochentage lang aus Lug und Trug zusammengesetzt sind und es nur am Sonntag für ihre Pflicht halten, die Mäuler in religiöse Falten zu ziehen – nein, das ist verdienstvoll, das ist lobenswert! Die Leute auf der Frankfurter Börse können stolz auf ihren Bruder Pastor in England sein. Es ist schön, daß sich ein gescheiter Jude auf diese Weise an den dummen Christen rächt! Wolff ist übrigens nur interessant, wenn er lügt. Als er einst zur speziellen Erbauung der in England anwesenden Deutschen in einer Kirche in Yorkshire in deutscher Sprache die Heilige Schrift auslegte und sich sehr streng an seinen Text hielt, da sah man die Hälfte der liebenswürdigen Germanen in seligen Schlummer versinken. Neuere englische Reisende haben den Deutschen oft vorgeworfen, daß sie große Heuchler seien. Ich glaube, meine Landsleute in diesem Punkte vollkommen in Schutz nehmen zu können. So vollkommene Beispiele wie der Dr. Wolff sind selten bei uns; die Deutschen heucheln nicht mehr wie alle andern Nationen, und ihre Heuchelei ist wirklich so bescheiden und unbedeutend, daß sie kaum einer Erwähnung verdient. Die Engländer betreiben die Geschichte dagegen, wie die meisten Sachen, ganz en gros. Sie sind wahre Virtuosen in der Heuchelei; ihre Heuchelei hat etwas Kolossales, Weltumfassendes! Dreißig Millionen Pfund Sterling werfen sie fort, um die Sklaven der Kolonien zu emanzipieren. Nicht, um im Sinne des alten, ehrlichen Wilberforce der Menschheit einen wirklichen Dienst zu erzeigen, nein, sondern nur, um die Schwarzen aus Sklaven, die man unterhalten muß, wenn sie nicht mehr arbeiten können, in freie Arbeiter zu verwandeln, die man wieder loswerden kann, wenn sie verschlissen sind oder gerade nicht gebraucht werden. Und wie herrlich wußte man hinter dieser philanthropischen Sklavenkomödie alle jene Brutalität zu verbergen, die man sich an tausend andern Orten zuschulden kommen ließ! Schön ist es, daß der eigentliche Zweck der Emanzipation doch nicht gelang! Der Londoner Charivari hat nie einen bessern Witz gerissen als einst, wo er seinen Lesern unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilte, der Lord Brougham habe sich seine Bibel in die schwarze Haut eines Negers einbinden lassen. Der Londoner Charivari »Punch« ist eine kleine Zeitung, welche wöchentlich einmal erscheint und in kurzen Artikeln, Versen und Karikaturen die politischen und sozialen Zustände des Inlandes und des Auslandes ebenso lustig und humoristisch behandelt, wie sich die große Londoner Zeitung »The Times« in ernster und gewichtiger Weise darüber ausspricht. Ich erwähne hier die »Times«, weil sie bei der Diskussion der wichtigsten Sachen gewissermaßen mit »Punch« Hand in Hand geht. Was man während der Woche in den immensen Kolonnen der »Times« entwickelt fand, dasselbe Urteil, was diese Zeitung in seriösen Artikeln zum besten gibt: das findet man am Samstag in »Punch« zu kurzen, höchst witzigen Aufsätzen zusammengedrängt. Beide Blätter sind liberal, wenn man so sagen darf; sie sind die hervorragendsten Organe der liberalen Bourgeoisie; sie verfechten die Interessen der Mittelklasse, indem sie die Aristokratie als etwas Althergebrachtes noch mit einigem Respekt, mit einiger Höflichkeit behandeln und sich auf der andern Seite der Interessen des Proletariats, soweit es z. B. die Abschaffung des jetzigen englischen Armenwesens oder die zum Besten Irlands zu ergreifenden Maßregeln angeht, in einer solchen Weise annehmen, daß man sie geradezu philanthropisch nennen muß. Diese liberal-philanthropische Richtung, welche sich bei der »Times« in den umfassendsten Nachrichten aus allen Teilen der Welt und in lebendigen, manchmal ausgezeichnet geschriebenen Räsonnements kundgibt und die bei »Punch« in den ergötzlichsten Humoresken und Sarkasmen zum Vorschein kommt, ist auch die Richtung eines großen Teiles der englischen Bourgeoisie. Die »Times« und »Punch« spiegeln die öffentliche Meinung, das heißt die Meinung der Bourgeoisie, am treusten wider und werden deswegen auch am meisten gelesen. Jeder, der sich während der Woche mit der »Times« herumschlug, nimmt auch gewöhnlich am Sonntag den »Punch« in die Hand, um sich von letzterem Blatte das noch einmal kurzweilig, lustig vorkauen zu lassen, was ihm erstere Zeitung durch ihre Riesenartikel oft nur gar zu ernst und zu langweilig machte. Unglücklich der, welcher diese beiden Blätter zu seinen Feinden hat! Während ihn die »Times« mit Kanonenkugeln beschießt, sticht ihn »Punch« mit tausend Nadeln; während ihn die »Times« mit ernsten Argumenten niederschmettert, macht nun »Punch« seine Niederlage erst recht vollständig, indem er ihn noch zu guter Letzt mit Witz und Spott überschüttet. Wie ein riesiger Boxer fällt die »Times« ihren Gegner an; wie ein Wespe nistet sich »Punch« in seine Locken und verwundet ihn ein zweites Mal, wenn er am wenigsten daran denkt. Wie gesagt bewegen sich beide Blätter nur innerhalb der Schranken der Bourgeoisie; sie lassen der Aristokratie alle Ehre, solange es der Bourgeoisie nichts kostet, und sie greifen dieselbe an, sobald dies im Interesse der Bourgeoisie ist; sie sind philanthropisch den Arbeiterklassen gegenüber, wie man gut gegen einen ruhigen, armen Domestiken sein kann, sie werden aber brutal, sobald dieser Domestike etwas verlangt, worauf er zwar ein menschliches Recht hat, was ihm aber die heutige Gesellschaft verweigert. Der Name »Punch« ist dem englischen Volke seit undenklicher Zeit bekannt. Punch ist nämlich in den Straßen und Kneipen der Held des Marionettenspiels, der Mann mit dem Buckel und der großen, roten Nase, der sich gern mit seiner Frau und mit dem Polizeidiener prügelt, der aber gewöhnlich mit seinem Hunde die zärtlichste Freundschaft geschlossen hat. Noch jetzt sieht man ihn bei Jahrmärkten und Volksfesten in seiner Bude oft vorüberziehn. Er ergötzt dann die kleinen Kinder durch Gesang und Spiel. »Punch«, die kleine wöchentliche Zeitung, ergötzt die großen Kinder. Auf dem Titelblatte ist er jedesmal in seiner ganzen Glorie abgebildet. Er scheint eben von einer Reise durchs Land zurückgekehrt zu sein, wo er vieles sah und vieles hörte. Jetzt sitzt er daheim in dem Lehnstuhl, den Zeigefinger der linken Hand an die große Nase legend, in der rechten die Feder, um seine Erlebnisse zu Papier zu bringen. Gegenüber thront der treue Hund in Hut und Hemdkrause auf dem Stoß der bereits vollendeten Bände. Rings um die beiden herum tummeln sich allegorische Figuren im tollsten Gemisch in den verzweifeltsten Positionen. Die tätigsten Mitarbeiter an »Punch« sind Douglas Jerrold und Gilbert A. A. Beckett; die schönsten Illustrationen sind gewöhnlich von Leech. Es würde zu weitläufig sein, auf die verschiedenen Artikel dieses höchst interessanten und in England höchst einflußreichen Blattes einzugehen. »The Story of a Feather« und »Mrs. Caudle's Curtain-Lectures« von Jerrold, »The comic Blackstone« von A. Beckett und ähnliche Sachen, welche nach und nach abgedruckt wurden und später wieder mit Illustrationen von Leech und George Cruikshank gesammelt erschienen, sind in England noch in jedermanns Gedächtnis. Wer dazu verurteilt war, in England längere Zeit zu verweilen, wird an jenen traurigen großbritannischen Sonntagnachmittagen, wo aller Spaß der Welt ein Ende hat, in »Punch« stets einen heiteren Freund gefunden haben, mit dem man an der Seite eines flammenden Kamins manche angenehme Stunde verbrachte. »Punch« ist auch deswegen noch zu empfehlen, weil seine Karikaturen fast durchgängig rein politisch sind, so daß man in spätem Jahren nur die verschiedenen Blätter durchzugehn hat, um sich der Hauptereignisse der Vergangenheit ebenso rasch als angenehm zu erinnern. Der stämmige Sir Robert Peel, der kleine Lord John Russell, der alte Wellington mit seinem geistreichen Antlitz, Sir James Graham, der berüchtigte Mann, Colonel Sibthorb, der komische Eisenfresser, Lord Brougham in karierter Hose, mit großer Kartoffelnase, und Disraeli, der phantastische Jung-Engländer, sie kehren stets in verschiedenen Stellungen wieder, je nachdem sie sich gut oder schlecht herausgebissen haben. Auf den Lord Brougham hat »Punch« einen langjährigen Ingrimm. Der edle Lord war nämlich einst so unvorsichtig, sich über eine Nummer, in der er im höchsten Grade in Wort und Bild verhöhnt wurde, sehr zu erzürnen und den armen »Punch« öffentlich anzugreifen. Natürlich half ihm dies nichts. Se. Lordschaft wurde mit Glanz zurückgeschlagen. Seitdem ist es aber nun auch mit aller Freundschaft vorbei. Bald erscheint der edle Lord als Schuljunge, bald als Esel, bald als Eber, bald als Sau – kurz, wenn jeder schon zu schlecht ist, daß man noch einmal einen Witz über ihn reißen könnte, da ist Henry Lord Brougham noch immer gut genug, um aufs neue lächerlich gemacht zu werden. Ebenso gern wie ich seinerzeit in London den lustigen »Punch« las, ebenso oft besuchte ich auch einen Ort, genannt »Garrick's Head«, ein Wirtshaus, in dem eine Gesellschaft verdorbener Advokaten zusammenkam, um in langen Talaren und gewaltigen Perücken die oft nur zu ernste Jury in der amüsantesten Weise zu imitieren. Mehrere Mitglieder verkleideten sich gewöhnlich in Droschkenkutscher, in Frauenzimmer oder Polizeidiener und erschienen dann vor den gestrengen Richtern im Verhör. Richter, Geschworene und Zuhörer saßen bei diesen Verhandlungen mit einem Glase Grog und mit brennenden Zigarren sehr andächtig auf den Bänken. Zum Gegenstande der Diskussion nahm man gewöhnlich Tagesgeschichten, die natürlich oft nur gar zu zweideutig waren. Aller Londoner Witz schien sich aber damals in diese Versammlung geflüchtet zu haben. Rechts und links sprudelte es von Humor, und die ernsten Briten, von denen man kaum geglaubt hatte, daß sie je einmal in ein schallendes Gelächter ausbrechen könnten, sie rasten dann nicht selten auf ihren Bänken umher, als wären sie leibhaftige Wiener. War das Verhör beschlossen und hatten sich Ankläger und Verteidiger weidlich miteinander herumgezankt, da sprach man den unglückseligen Angeklagten natürlich jedesmal frei, und die Szene änderte sich dann plötzlich aus einem Gerichtshof in den Tanzboden eines »Château Rouge« oder eines »Jardin Mabille«, auf dem sich die schönsten Grisetten und Loretten Londons in großer Menge einstellten. Es gelingt den Engländern aber nie, dergleichen Reunions mit jenem Geschmack und mit jener hohen Grazie zu arrangieren, welche den Leuten an der Seine eigen ist; eine Königin Pomare würde man auch vergebens in ganz London suchen. Statt aller Musik hat man bei solchen Gelegenheiten nur das herzzerreißende Geklimper eines alten Pianos, das gewöhnlich von einem alten Musiklehrer oder von sonst einem herabgekommenen Künstler in der entsetzlichsten Weise gerührt wird. Freundliche Weiber nahen bisweilen dem alten Musikanten mit einem Glase Brandy, um ihn für fernere Kompositionen zu stärken. Trotz vieler Ausgelassenheiten behalten diese Vergnügungen stets etwas Melancholisches. Man knöpft unwillkürlich den Rock zu und fühlt nach seiner Brieftasche. An Orten der Erheiterung fehlt es indes in London durchaus nicht; auch nicht an solchen, die von den unbemittelten Volksklassen besucht werden können. Die kleinen Theater geben für sehr wenig Geld jeden Abend, sonntags ausgenommen, eine Menge Stücke, unter denen man fortwährend die Dramen Shakespeares figurieren sieht. Es macht einen komischen Eindruck, wenn man den »Hamlet« oder »Othello« auf diesen kleinen Bühnen sieht; mögen diese Sachen aber auch noch so schlecht gegeben werden, die Zuhörer lachen und weinen, wenn sie die Worte ihres größesten Geistes hören. Der Dichter verfehlt seine Wirkung fast nie. Ich muß immer an die kleine Anekdote denken, welche man von einem englischen Matrosen erzählt. Der arme Junge war mehrere Jahre lang auf der See gewesen; da geriet er nach London und ging am Abend in ein kleines Theater am Strand, um den »Othello« zu sehen. Er ist sehr aufmerksam und wendet den ganzen Abend keinen Blick von der Bühne. Als Othello aber seine Desdemona ersticht, da dreht er sich erschrocken um und ruft seinen Kameraden zu: »This stupid black devil – to kill such a nice woman!« (Was für ein dummer schwarzer Teufel – ein so nettes Weib totzustechen!) Jedenfalls hatte der gute Junge doch genug Illusionen für seinen Penny gehabt. Mit der Ankunft in England wird jeder Fremde, wenn er es früher noch nicht war, doch gewiß dann, mehr oder weniger ein Politiker. Er sieht, daß die Leute stets an den Straßenecken stehenbleiben, um auf den Plakaten nachzuforschen, wo am Abend ein Meeting gehalten wird, wo man sich einer politischen Demonstration wegen zu versammeln gedenkt. Er sieht zur festgesetzten Stunde jung und alt in aller Eile den Ort dieser Zusammenkünfte aufsuchen und den Worten der Redner mit so großer Aufmerksamkeit zuhören, als handelte es sich stets um die wichtigsten Interessen; und er sieht endlich Tag für Tag die halbe Welt in den Zeitungen vertieft; er sieht, wie man die riesigen Kolonnen einer »Times«, eines »Morning Chronicle« mit wahrhaft bewunderungswürdiger Ausdauer durchstudiert, und unwillkürlich nimmt er zuletzt selbst ein Blatt in die Hand und fängt an zu lesen. Da ist es um ihn geschehen. Er erfährt, daß etwa Sir Robert Peel am Ruder des Staates sitzt, daß der kleine Lord John Russell aber schon alle seine Genossen um sich sammelt, um den Gegner zu verdrängen; er sieht, was die Freetraders in ihren Meetings sagten und die Irländer in Conciliation Hall, und ohne daß er es weiß, wird er bald mit dem Stand der Parteien bekannt; wenige Wochen vergehen, da hat er sich eine Meinung gebildet, und ist ein halbes Jahr herum, da sitzt er auch schon mit befreundeten Bretonen in der Bar eines Hotels, um über Korn- und Zuckerzölle geradeso verwegen mitzusprechen, als wenn er diese Sachen schon in Quarta auf der Schule der Heimat von hinten und von vorne kennengelernt hätte. Mir ging es wenigstens so. Kommt nun gar die Zeit der Parlamentseröffnung heran, beginnen im Hause der Commons jene kolossalen Reden, zu deren aufmerksamem Studium man eigentlich ganze Tage nötig hätte, da wird es einem förmlich unheimlich zumute, wenn man nichts von dem weiß, was in der Welt vorgeht. In Wirtshäusern, in Klubs, in Lesezimmern fallen die Menschen wie Wölfe über die zuletzt erschienenen Blätter her; und gibt es zu wenige Zeitungen für die anwesenden Leute, da liest der eine den andern vor; und ist man mit dem Lesen fertig, da beginnt die Diskussion, und was die edlen Lords und die würdigen Commons am Abend vorher bis auf die Hefe durchdiskurrierten, das läuft jetzt noch einmal durch die Debatte von tausend und aber tausend Familien und Gesellschaftskreisen, und wie ein abgeschiedenes Wesen sitzt man da, wenn man von allem nichts versteht und über nichts mitreden kann. Gerade wie es einem aber in dem Treiben der Straßen ging, wo man eben nichts verloren und nichts zu tun hatte, wo man aber dennoch, vom Strome fortgerissen, zuletzt ganz so rannte und lief wie alle die emsigen Kommis, Makler und Handelsherren, ganz so, als ob man auch in Zeit von zwei Minuten auf der Börse eine halbe Million verdienen könnte, wenn man nur zur rechten Zeit ankäme – in derselben Weise wird man auch zuletzt von dem Treiben der Politiker fortgezogen; man kann schon bald nicht mehr ruhig nach Bett gehen, wenn man nicht vorher das letzterschienene Blatt gelesen hat; man interessiert sich für den Kampf eines fremden Volkes mehr wie für alle die stille Gemütlichkeit der Heimat. Manchen meiner teueren Landsleute habe ich freilich angetroffen, der sich in England ebensowenig um die Politik bekümmerte wie weiland zu Haus in der Heimat; aber das waren auch eben nur schöne deutsche Ausnahmen, große Kerle, die sich in London noch abends auf ihre Stuben verkriechen konnten, um Grimms »Kinder- und Hausmärchen« zu lesen. Man erlernt die Politik in England spielend. Die Namen der Matadore der beiden Häuser sind fortwährend im Munde der Bevölkerung; ihre Porträts findet man jede Woche in den Karikaturen von »Punch« und anderen scherzhaften Blättern. Man ist bald mit allem, was ein Minister getan und getrieben hat, so genau bekannt, daß einem der Mann durchaus familiär vorkommt, da ist keine Geheimniskrämerei im Spiele. Da existiert keine Furcht mehr vor einem erhabenen, allmächtigen Manne – ein jeder weiß, daß die Minister die Sklaven der öffentlichen Meinung sind, daß sie vom Volke für jeden Dienst gut bezahlt werden, daß es ihre große Schuldigkeit ist, wie Pferde zu arbeiten. Machen sie sich angenehm, da liebt man sie; werden sie unanständig, da geht man in Zeitungsartikeln und in den Reden der Meetings nicht gelinder mit ihnen um wie mit jedem anderen Menschen und freut sich darüber, wenn die widerspenstigen Herren nächstens in einer Debatte unterliegen und einer andern Partei das Feld räumen müssen. Diese ganze Manier, über die Minister und Agitatoren des Landes zu urteilen, zeigt sich schon in der humoristischen Weise, in welcher man diskursive mit ihren Namen umspringt. Sir Robert Peel heißt gewöhnlich »Sir Robert« oder »Bobby Peel«. Den Lord John Russell nennt man »Lord John« oder »little John«. Daniel O'Connell nannte man meistens »old Dan«, Busfield Ferrand fast durchgängig »Bill Ferrand«. Den Chartisten Feargus O'Connor titulierte man schlichtweg »the wild Feargus«. In den letzten zwei Jahren war Richard Cobden der Mann, den man bei jeder Gelegenheit nennen hörte; erst als die Anti-Corn-Law-Agitation ihren Gipfel erreicht hatte und Sir Robert, der Stimme der öffentlichen Meinung gehorchend, die Sache zuletzt in seine eigenen Hände nahm, um sie im Hause der Commons der Entscheidung entgegenzuführen, da war »Bobby Peel« wieder der Held des Tages, und alle Augen richteten sich auf ihn. Jeder wußte zwar, daß Peel eigentlich nur das tat, was Cobden ihm seit sieben Jahren vorgebetet hatte; er erklärte ja selbst in seiner ersten Rede bei Beginn der Session von 1846, daß er bisher immer im Dunkeln gesteckt habe, daß ihm aber im letzten November plötzlich ein Licht aufgegangen sei und daß er nun Cobdens Werk vollenden wolle. Es war nun gewissermaßen sehr traurig, daß »dem ersten Mann Englands« dieses Licht erst so spät aufging. Der Brief an die Londoner Wähler, in dem sich Lord John für die Sache der Freetraders erklärte, möchte auch das Seinige dazu beigetragen haben, um den Premier so rasch von seinen bisherigen Meinungen abzubringen; denn jedenfalls wäre es hart für ihn gewesen, wenn ihm der kleine John den Triumph der Abschaffung der Korngesetze vor der Nase weggenommen hätte. Genug, Peel nahm die Sache der Freihandelspartei in seine Hände, und da man weiß, daß er alles bei dem rechten Fleck anzugreifen versteht, so freute man sich darüber und brach sogar in lauten Jubel aus, als er endlich sein großes Schema zum besten gab, seine »allmächtige Maßregel«, welche man lange nicht so umfassend und durchgreifend erwartet hatte, als sie es wirklich war. Ich erinnere mich noch lebhaft des Eindrucks, den die Rede, in welcher Sir Robert seine kommerzielle Maßregel entwickelte, auf die Engländer machte. Ich lebte damals in Yorkshire. Das Gerücht hatte sich in der Stadt verbreitet, die Zeitungen seien früher als gewöhnlich angekommen. Jeder wußte, daß sie heute die große Neuigkeit enthalten würden. Ich eilte auf die Börse, aber da war schon alles besetzt, über jedem Zeitungsblatte hingen vier oder fünf Menschen; ich lief in den Reform Club, wo man nur ein viertelstündiges Recht auf eine Zeitung hat, wenn sie von einem zweiten verlangt wird, aber da hatten sich für jedes Blatt schon drei oder vier Leute gemeldet, die mit der Uhr in der Hand dastanden, um genau die Zeit abzuwarten, wo die Reihe an sie kommen würde; ich trat in drei, vier Zeitungsläden, da war alles vergriffen, und mißmutig verfügte ich mich zuletzt in die Talbot-Bar, in die Trinkstube eines Hotels, wo man gewöhnlich am Abend ein Dutzend der eifrigsten Politiker zusammen sah. Ich stieß die Tür mit dem Fuße offen und trat in das schlecht erleuchtete Zimmer. Ich weiß nicht, ob meinen Lesern die Einrichtung einer englischen Bar bekannt ist – in den besseren Wirtshäusern nimmt man gewöhnlich zu den Trinkstuben die erbärmlichsten Zimmer. Die steinerne Flur ist entweder mit einem alten Teppich überdeckt oder mit weißem Sande bestreut; oben unter der Decke hängt auf einigen Fäden ein matzenartiges Gebäck, was man nach Belieben herunterbrechen kann, wenn man die Lust des Essens verspürt. Von dem Kamin aus gehen rechts und links sehr hohe Bretterwände, so daß sie einen Kreis bilden und den inwendig sitzenden Gast vor der Zugluft der Tür und der Fenster durchaus schützen. Wenn man nun durch die erste Tür in die Bar tritt, so kann man keineswegs bemerken, ob sich innerhalb der Bretterwand Gäste aufhalten oder nicht; erst bei dem Öffnen der zweiten Pforte stößt man auf die schmauchenden und trinkenden Gesellen, die im Kreise um das Feuer sitzen. An jenem Abend in der Talbot-Bar hatte ich, ohne daran zu denken, die erste Tür heftiger aufgestoßen und zugeschlagen als gewöhnlich. Schon wollte ich durch die Öffnung der Bretterbarriere schreiten, da stürzt mir die alte Barjungfer mit einem so seltsamen Gestus entgegen, daß ich unwillkürlich wieder in den vordem Raum zurückfahre und über das Unerwartete dieser Bewillkommnung in ein lautes Lachen ausbreche. Hierüber geriet das gute Mädchen in die entschiedenste Verzweiflung – ich will sie fragen, was die ganze Geschichte bedeutet, da springt sie wie eine Furie auf mich los; ich bitte sie, ihren Zorn zu mäßigen, da sinkt sie mir schon an die Brust, und ehe ich noch an eine Verteidigung denken kann, drückt sie mich in eine Ecke des Zimmers, preßt mir ihre liebenswürdige Hand an den Mund und flüstert mir ins Ohr: »Sir Robert Peels speech!« (Sir R. P.s Rede!) Jetzt wußte ich Bescheid; hinter der Bretterwand saß der alte Maître d'hôtel Billy Wood und las seinen Gästen die Zeitung vor, und ich hatte die Leute durch meinen Lärm in ihrer Andacht gestört. Ich tröstete meine Umarmte mit dem, womit man jedes alte Barmädchen trösten kann, und schlich dann sacht wie eine Maus in das Innere der Bar. An einen Sitz war gar nicht mehr zu denken; wenigstens zwanzig Yorkshire-Männer kauerten im Kreise um den Kamin, die irdenen Pfeifen in der Hand, hinunterstarrend in die Brandygläser, kein Glied rührend, alle im Zuhorchen versunken. Freund Billy war gerade bei der schönen Stelle, wo Sir Robert darauf anträgt, daß die Zölle auf Ochsenfleisch und Schnaps hinuntergesetzt werden sollen. Billy las mit gerührter, wehmütig-dankbarer Stimme; eine Träne drang durch seine grauen Wimpern, die Herzen pochten rings im Kreise, und als der letzte Hauch der Rede in feierlichen Klängen verhallte, da sahen sich die zwanzig Yorkshire-Männer verwundert an, und »that's a famous boy!« (das ist ein famoser Knabe!), »he is a capital fellow!« (er ist ein kapitaler Junge!) drang es aus allen Kehlen, und jeder trank auf Sir Bobby Peels Gesundheit. Man muß sich darüber wundern, daß Peel noch heute der erste Mann des Tages ist, wenn man bedenkt, daß er schon im Jahre 1819 als talentvoller Parlamentsredner bekannt war. Seitdem sind 27 Jahre verflossen! Aber die Engländer haben mitunter auch andere Sehnen und Nerven als sonstige Menschen. In den »Random Recollections of the House of Commons« – ein Werk, in dem übrigens viele Unrichtigkeiten vorkommen sollen – findet man eine sehr interessante Skizze über Sir Robert. »Peel«, heißt es darin, »ist ein außerordentlich gut aussehender Mann, eher übergewöhnlicher Größe und hübsch proportioniert. Seine Gesichtsfarbe ist hell, sein Gesicht voll-rund, sein Haar rot. Sein gewöhnlicher Anzug besteht in einem blauen Überrock, weißer Weste und dunkeln Hosen. Meistens trägt er eine Uhrkette vor der Brust mit einem Bund goldener Siegel von ungewöhnlicher Größe. Man kann ihn kaum einen Dandy nennen; er hält aber sehr viel auf ein feines Äußere. Ich kenne fast keinen öffentlichen Mann, der sich mit mehr Geschmack kleidet; seine ganze Erscheinung verrät Gesundheit. Seine Konstitution ist ausgezeichnet, und ein mäßiger Lebenswandel hat ihm alle von der Natur erhaltenen Fähigkeiten trefflich konserviert. Er ist fähig, große physische Anstrengungen auszuhalten; ich weiß, daß er drei oder vier nacheinanderfolgende Nächte bis ein oder zwei Uhr im Hause (der Commons) blieb und nicht allein den Fortgang wichtiger Debatten mit der größesten Aufmerksamkeit verfolgte, sondern auch tätigen Anteil daran nahm und dennoch am folgenden Morgen um zehn Uhr auf seinem Bureau Sachen von der höchsten Wichtigkeit besorgte. Sir Robert ist ein Geschäftsmann ersten Ranges. Wenn es nötig ist, so steigt er bei großen Fragen zu den kleinsten Details hinunter und behandelt sie so vollständig, als ob er nie mit seinen Gedanken einen Schatten weit über solche Dinge hinausgekommen wäre. Soviel man weiß, hat er nie eine Maßregel aus Unkenntnis mit den Details verstümpert. Sir Robert Peel ist vielleicht der beste und der wirksamste Redner im ganzen Hause; er ist immer beredt, sogar in den extemporiertesten Reden, seine Sprache ist sehr korrekt und deutlich. Es fehlt ihm nie an Worten; diese stehen ihm fortwährend in großer Menge zu Gebote, sogar dann, wenn ihm alles fehlt, was den Anschein eines Argumentes hat. Er ist außerordentlich geschickt in der Debatte. Oft habe ich seine wunderbare Fertigkeit bewundert, mit der er sich aus den Schlingen seiner Feinde herauszuwinden wußte. Seine Selbstbeherrschung, welche ihn fast nie verläßt, ist ihm von enormem Nutzen; sie setzt ihn in den Stand, zusammen mit seinem merkwürdig guten Takt immer das Beste aus einer schlechten Sache zu machen. Nie gab es einen Minister, der etwas besser anschaulich machen konnte als Sir Robert Peel. Dem Anschein nach ist er die Aufrichtigkeit und Freundlichkeit selbst. Er beruft sich fortwährend auf seine Ehre als den besten Beweis, daß seine Worte wahr seien. Er bringt nicht allein die schönsten Argumente herbei, die für eine Sache, welche er verteidigt, angeführt werden können, sondern er weiß auch einen solchen Schein der Ehrlichkeit und des Wohlmeinens um sich zu verbreiten, daß sogar die größesten Feinde seiner Politik sich nur mit Mühe davor in acht nehmen können, von seinen gewinnenden Reden fortgerissen zu werden. Das Auftreten Sir Roberts ist im höchsten Grade würdig; sein Vortrag ist fast durchgängig graziös. In der Regel beginnt er seine bedeutendsten Reden damit, daß seine linke Hand an seiner Seite ruht. Seine Sprache ist bei solchen Gelegenheiten im Anfang langsam und feierlich; wenn er aber in das Herz seines Gegenstandes vorrückt, da wird er lebendig und spricht mit einiger Schnelligkeit; immer aber sehr deutlich. Seine Auseinandersetzungen sind klar, und wenige Redner besitzen eine größere Gewalt über ihre Stimme. Er kann ihre sanften und musikalischen Töne nach Belieben verändern. Manchmal ist er humoristisch, und seine Ausdrucksweise ist dann im höchsten Grade komisch. Seine Späße, wenn er ihnen freien Lauf läßt, sind fast immer gut, obgleich oft zu raffiniert, um auf andere als sehr intelligente Zuhörer wirksam zu sein. Es ist übrigens sehr selten, daß er sich bestrebt, witzig zu sein. Seine Hauptforce liegt namentlich in der feierlichen Art seiner Anrede. Er übertrifft alle Redner, die ich hörte, in tiefem Ernste. Darin ist er ganz zu Hause. Niemand kann sich vorteilhafter als er der Furcht seiner Zuhörer bedienen; er ist zu schlau, um nicht zu wissen, daß bei Leuten, welche Rang und Eigentum zu verlieren haben, viel mehr durch eine Anrede in dieser Weise zu gewinnen ist als durch kalte, argumentierende Phrasen. Der Schluß seiner Hauptreden besteht daher in einer kräftigen und gewandten Auseinandersetzung jener fürchterlichen Folgen, welche unvermeidlich aus der Annahme anderer Maßregeln als der seinigen entspringen würden. Bei solchen Gelegenheiten ist seine Gestikulation und seine ganze Ausdrucksweise so feierlich, als wenn er den Auftrag hätte, seinen Zuhörern zu erklären, daß das Ende der Welt gekommen sei. Und gewöhnlich bringt er durch solche Finten einen entsprechenden Zweck zuwege. Die tiefste Stille herrscht im Hause, wenn er spricht. Sogar in den Galerien, wo gewöhnlich durch das Aus- und Eingehen der Fremden ein großes Geräusch ist, könnte man dann eine Nadel fallen hören. Aller Augen sind auf Sir Robert gerichtet. Die Mitglieder jeder Partei sind für diese Augenblicke wie bezaubert. Ihre Vernunft ist gefangen; das Gefühl erlangt einen momentanen Sieg über ihren Verstand. Die Feier des Redners geht auf die Zuhörer über. Sogar der hartnäckigste und entschiedenste seiner Gegner wagt nicht mehr zu lächeln. Jeder ist so ernst, als ob es sich um die Entscheidung einer ihn persönlich angehenden höchst wichtigen Frage handle. Sir Robert Peel ist ein Redner, den man nie zu hören müde wird. Ich hörte ihn oft zwei oder drei Stunden hintereinander sprechen, ich habe aber nie bemerkt, daß ein Mitglied das Haus verließ, weil ihm Sir Roberts Rede zu langweilig geworden wäre. Im Gegenteil, man bedauert stets, daß er nicht länger fortfährt. Sir Roberts Manieren sind sowohl in als außer dem Parlament sehr leutselig. Er behandelt jede Person, mit der er in Berührung kommt, mit der größesten Achtung. Er hat eine wunderbare Gewalt über seine Stimmung. Ich weiß nicht, daß er je, sogar in der ärgsten Hitze der Debatte, ein einziges beleidigendes Wort gegen irgendeinen seiner Gegner ausgesprochen hätte; und dieselbe Höflichkeit und Achtung, mit der er andere behandelt, wird ihm, wie es recht ist, auch von diesen zuteil. Sir Robert hat nicht allein keine persönlichen Feinde, sondern er wird auch sogar von seinen bittersten Gegnern im höchsten Grade geschätzt. Es ist die Sache, nicht aber der ausgezeichnetste Verteidiger derselben, nicht die Person, welche man angreift. – (Seit der letzten Anti-Corn-Law-Debatte ist dies nicht mehr so; seitdem hat Sir Robert genug persönliche Feinde bekommen, wir erinnern nur an die Reden Disraelis.) Niemand wird mit mehr Applaus begünstigt als Sir Robert; niemand ist unglücklicher als er, wenn ihm der Beifall ausbleibt oder wenn er nicht mit jener Freudigkeit gegeben wurde, wie er ihn durch seine Rede verdient zu haben glaubte. Wenn er hart von seinen Gegnern bedrängt wird, da sitzt der ehrenwerte Baronet gewöhnlich mit seinem linken Knie über dem rechten, die linke Hand in die Brustöffnung der Weste gesteckt, den Hut über der Stirn. In dieser Position hält er sich und starrt seinem Gegner ins Gesicht, indes mehr mit einem gutmütigen Blick als mit dem Ausdruck des Zornes. Sir Robert Peel, zwar ein Mann von großem Talente und vollkommenem Takt, um sich der Stimmung und den Vorurteilen des Hauses anzupassen, kann doch nicht den geringsten Anspruch auf Genie machen. Niemand weiß, daß er je eine große philosophische Wahrheit oder einen erhabenen Gedanken aussprach. Niemals entzückt oder erregt er seine Zuhörer durch etwas von schlagender Originalität. Es gibt keine Stelle in allen seinen Reden, welche der Zuhörer als etwas hervorragend Grandioses in seinem Gedächtnis zu bewahren wünschte. Er steigt nie unter die Mittelmäßigkeit herab; gewöhnlich ist er weit über ihr, oft an der Schwelle des Genialen; aber nie überschreitet er die Linie, welche das Geniale von bloßer Geschicklichkeit, von bloßem Talent trennt. Sir Robert Peel, obgleich er stets leugnet, seines Amtes wegen unbesorgt zu sein, geizt doch sehr nach dieser Ehre. Er fühlt sich ganz unkomfortabel in der Opposition, und im Amte ist er in seinem Element. Als jüngst das Schicksal seines Ministeriums entschieden war, bemerkte ich ihn gleich nach seiner Niederlage auf dem Wege nach Hause, und in meinem Leben sah ich nicht ein vollkommeneres Bild getäuschten Ehrgeizes. Sir Roberts Gemütsbewegung war zu deutlich in seinem ganzen Gesichte ausgeprägt. Keiner im Hause ist empfindlicher im Punkte der Ehre als Sir Robert. Beschenkt man ihn mit Titeln, die mit Tölpel und Narr synonym sind – da gibt er keinen Laut der Klage von sich; brandmarkt man ihn mit dem Namen eines Bigotten, sei es in der Politik oder in der Religion – er murmelt kein empfindliches Wort; beschuldigt man ihn aber einer Sache, sei es aus seinem öffentlichen oder Privatleben, die sich mit dem Charakter eines Ehrenmannes nicht verträgt – da wird er auf der Stelle eine Erklärung fordern und für den Fall, daß sie nicht befriedigend und von einer förmlichen Zurücknahme des Gesagten begleitet ist, seiner Forderung, auch noch ehe er das Haus verläßt, eine Einladung zu einem feindlichen Meeting für den nächsten Morgen folgen lassen. Sir Robert Peel spricht über eine große Frage nur unmittelbar vor dem Schluß der Debatte, mag sie auch noch so oft ajourniert werden. Sein Zweck dabei ist doppelt; erstens, damit er alles hören kann, was auf der Seite der Opposition vorgebracht wird, und damit er zweitens den Vorteil des letzten Wortes hat. Niemand weiß besser als er, welchen Vorteil es einer Sache, die man verteidigt, bringt, wenn man unmittelbar vor der Abstimmung auf die vorzüglichsten Argumente der leitenden Redner der feindlichen Partei eine geschickte Erwiderung geben kann; und sicher zeigte niemand von allen, die je im Parlamente saßen, einen vollkommenern Takt in Benutzung dieses Vorteils. Nie wußte ein Redner die schwachen Seiten seiner Gegner besser zu entdecken, und nie war einer glücklicher, um sie zu enthüllen und in das rechte Licht zu stellen als Sir Robert. Und alles das scheint er mit der größesten Leichtigkeit, ohne die geringste Anstrengung zu tun. Was der Augenblick bei ihm zuwege bringt, ist geradeso gut und wirksam, als ob es das Resultat monatelanger Überlegungen wäre. In seinen Antworten auf Reden, welche nur vor ein paar Stunden gehalten wurden, findet man eine Eigentümlichkeit des Argumentierens, einen Glanz der Ausdrucksweise, eine Kraft und Kürze des Räsonnements, eine Reinheit und Vollkommenheit des Stils, ein Glück im Vortrag und eine Fülle in der Darstellung, die nicht schöner sein könnte, wenn sie ihm auch ganze Wochen der Vorbereitung gekostet hätte. Sir Robert Peel ist ein merkwürdig argwöhnischer Mann; bei öffentlichen Angelegenheiten setzt er sogar in seine intimsten Freunde wenig Vertrauen. Er ist der Mann seiner eignen Ideen. Von niemandem will er Rat annehmen. Sein wahrhaft fürstliches Vermögen setzt ihn in den Stand, mit vollkommener Unabhängigkeit zu handeln, und niemand ist seiner Oberherrschaft, welche ihm dieser Reichtum verbunden mit seinen großen Talenten über seine Partei sichert, mehr bewußt als er. Er weiß sehr gut, daß die Existenz seiner Partei in ihm wurzelt und daß auch der Partei dies bekannt ist. Sir Robert Peels politischer Charakter ist noch nicht durchaus verstanden, selbst nicht von seinen intimsten Freunden usw.« Man muß bedenken, daß dies vor einigen Jahren geschrieben wurde. Seitdem sind so viele Sachen in England vorgegangen, daß es gar nicht mehr so schwierig ist, ein genaueres Urteil über Sir Roberts politischen Charakter abzugeben. Sir Robert Peel war lange Zeit der Leiter der Torys im Hause der Commons, während der Herzog von Wellington der Repräsentant derselben Partei im Hause der Lords war. Peel ist ein praktischer, intelligenter Mann, der sehr gut einsieht, daß von Zeit zu Zeit immer neue Reformen gemacht werden müssen, der aber eine solche Furcht vor allen gewaltsamen Umwälzungen hat, daß er nur dann die Hand zu größeren Neuerungen bietet, wenn er merkt, daß der Sache nicht länger zu widerstehen ist. Einstweilen sucht er daher alles stets im Gleichgewicht zu halten – droht ihm aber die Volksagitation für irgendeine Maßregel über den Kopf zu wachsen, da verläßt er seine bisherige Stellung, schlägt sich zu der Partei des Fortschritts und weiß bei seiner großen Gewandtheit die Sache stets so einzurichten, daß die Reform, welche durchgesetzt werden soll und welche nun einmal nicht zu vermeiden ist, dann nicht nur überhaupt ins Leben tritt, sondern daß dies auch durch seine Vermittlung geschieht, daß ihm zu guter Letzt sogar noch der Ruhm bleibt, eine Umwälzung vollendet zu haben, der er vor kurzem noch am gewaltigsten widerstrebte. Es gehört alle Schlauheit eines Sir Robert zu solchen Manövern; er kommt immer spät, aber er kommt nie zu spät, und prächtig ist es, wie er auch jedesmal den alten Wellington herumzukriegen weiß; denn kaum hat Peel kehrtum gemacht, da schlägt auch der alte Herzog seinen Purzelbaum und verteidigt die Sache des Fortschritts im Hause der Lords. Peel und Wellington gehen immer Hand in Hand, und da sie beide enormen Einfluß auf ihre Partei haben, so gelingt es ihnen auch gewöhnlich, die meisten Kollegen mit fortzureißen, und am Gelingen ihres Unternehmens ist dann nicht mehr zu zweifeln. Peel und Wellington sind wirklich die willigsten und folgsamsten Kinder der Zeit. Sie zeigten dies schon im Jahre 1829, und sie zeigten es im Jahre 1846. Am 6. März 1829 brachte nämlich Peel seine Bill zur Emanzipation der Katholiken mit der Bemerkung ins Haus der Commons, daß er sich zu dieser Motion veranlaßt sehe, »weil dem Verlangen des Volkes nicht länger zu widerstehen sei«, und in demselben Hause, welches früher eine ähnliche Motion mit einer Majorität von 2 Stimmen verworfen hatte, passierte sie jetzt mit einer Majorität von 188 Stimmen und schließlich mit 320 gegen 142. Wellington brachte die Bill dann mit derselben Bemerkung wie Peel vor die Lords und siegte mit einer Majorität von 104 Stimmen. Bei der Abschaffung der Korngesetze ging es ebenso. Peel und Wellington waren von jeher gegen diese Maßregel. Da gewinnt aber die Anti-Corn-Law-League unter Cobdens und Brights Leitung immer mehr an Bedeutung; bald ist das ganze Land für die Sache der Freetraders, und Lord John Russell, das Haupt der Whigs, erklärt sich zuletzt ebenfalls dafür. Jetzt war es wieder Zeit, daß die Torys zu Kreuze krochen, und ehe man sich's versieht, macht sich Sir Robert die famose Kartoffelgeschichte von 1845 zunutze, erklärt, daß er lange Zeit in Irrtum und Unwissenheit gewandelt habe, daß ihm aber endlich ein Licht aufgegangen sei, daß man den Zorn Gottes, der sich in dieser Kartoffelgeschichte offenbare, nicht durch das Aufrechthalten veralteter Institutionen verschlimmern müsse usw.; er bringt dann, freilich mit einiger Mühe, auch den alten Herzog auf seine Seite; der alte Mann erklärt seinen edlen Kollegen in einer höchst naiven, kindlichen Rede, daß die Sache nun einmal nicht anders zu machen sei, daß man der Stimme des Volkes gehorchen müsse usw.; und Peel im Hause der Commons und Wellington im Hause der Lords, gerade die beiden Leute, welche noch einige Monate vorher durchaus gegen die von Cobden und Bright betriebene Agitation gewesen waren, treten jetzt dafür auf und tragen den Sieg davon, indem sie den guten Lord John, der sich doch viel früher frei und offen dafür erklärt hatte, total überflügeln und in den Hintergrund drängen. Die ganze Politik Sir Robert Peels besteht daher in nichts weiter als darin, das Althergebrachte so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, aber nachzugeben, sobald es die Zeitumstände gebieterisch fordern. Mit dem »eisernen Herzog« ist es geradeso. Die »Times« hatte ganz recht, wenn sie sagt: »Er ist ein alter Krieger; wenn er sieht, daß er eine Schanze nicht länger halten kann, da läßt er Retraite blasen.« Einen sonderbaren Eindruck machte es auf die Gemüter, daß Sir Robert Peel unmittelbar nach jenem großen Siege in der Kornfrage gezwungen war, sein Amt niederzulegen. Überall hörte man die Leute sagen: »poor Sir Robert!« (der arme Sir Robert!), und es hatte auch etwas Erschreckendes, diesen Mann gerade in der Fülle seines Glückes, seines Ruhmes zusammenbrechen zu sehen. Das war aber ganz natürlich. Sir Robert Peel hatte seinen Sieg nicht mit Hilfe der eignen Partei, sondern mit den Waffen seiner bisherigen Gegner errungen. Die aristokratischen Grundbesitzer der Tory-Partei, welche durch die Abschaffung der Korngesetze in ihrem Einkommen sehr verlieren müssen, wurden Sir Roberts bitterste Feinde, als sie ihn aus ihrem bisherigen Repräsentanten im Hause der Commons zu einem Verteidiger ganz entgegengesetzter Interessen werden sahen; auf der andern Seite blieben die Whigs, welche zwar bei der Korndebatte der Sache wegen für ihn stimmen mußten, trotzdem nach wie vor seine Gegner in allen andern Punkten, und als daher kaum die Kornbill passiert war, vereinigte sich der frisch entstandene Haß der Torys mit den alten feindseligen Gesinnungen der Whigs, und beide Parteien benutzten mit Freuden die Gelegenheit, den eben noch so gewaltigen Sir Robert bei der unpopulären irischen Zwangsbill durchfallen zu lassen. Tot war der Riese, und der kleine Lord John hüpfte ins Amt. –   Die vielen Paläste Londons, die schönen Parks und die tausend und aber tausend Seltsamkeiten dieser kolossalen Stadt sind so oft in Reisebüchern erwähnt, daß ich keinen Versuch machen will, meine Vorgänger in trefflichen Schilderungen zu überbieten. Aus dem Zeigen des Kirchenplunders macht die englische Geistlichkeit ein einträgliches Geschäft. Es ist wirklich komisch, daß man beim Eintritt in eine Kirche 4 Pence bezahlen muß. In der St.-Pauls-Kathedrale ist es aber so. Als der Franzose Thiers diese Kirche vor kurzem besuchte, um die Marmorstatuen der berühmtesten Krieger Englands zu sehen, da verlangte man ebenfalls die vorgeschriebenen 4 Pfennige. Mit etwas spöttischer Miene soll Thiers dem Dechanten bemerkt haben, daß die Engländer wenig große Männer zu haben schienen, weil man sie noch für Geld besehen lasse. Die Geistlichkeit der Westminsterabtei fordert 6 Pfennige, wenn man an den Gräbern der Könige seine Andacht verrichten will. Die alte Abtei ist jedenfalls das schönste und merkwürdigste Gebäude, was man in England sehen kann. Von außen hat sie freilich dasselbe plumpe Ansehen, was den meisten englischen Kirchen eigen ist. Schreitet man aber durch die westliche Pforte in das Innere, welche Pracht entfaltet sich da vor den erstaunten Augen! Wie schön werden die Spitzbogen, welche das Hauptschiff von den Seitenschiffen trennen, von den 48 graumarmornen Säulen getragen! Und wie zauberisch fällt das Licht durch die bemalten Scheiben herab auf die Marmorstatuen der düstern Kapellen, in denen sie alle begraben sind, an die das Volk mit Schrecken, mit Liebe oder Bewunderung zurückdenkt. Berüchtigte Könige, unvergeßliche Dichter, geniale Künstler und gewaltige Redner – alle haben sie hier ihr Plätzchen gefunden, und es kostet nur 6 Pfennige, wenn man sich von einem geschwätzigen Kaplan an den einzelnen Gräbern vorüberführen lassen will. 6 Pfennige! Wie billig ist das für so viele antiquarische Genüsse! – Es war im November, als ich nach meinem ersten Londoner Aufenthalt den Wanderstab wieder erhob, um in das Innere des Landes weiterzureisen. Wir fuhren nach der Eisenbahn, ich und mein Mantelsack – in einem Einspänner, Nummer 111. Es ging im vollen Galopp: Ich wollte das große Babylon noch einmal besehen und lehnte mich aus dem Wagenfenster. »Wo bist du, London, schöne Stadt von zwei Millionen Einwohnern? Wo bist du?« Aber London war total verschwunden. Goldgelber Nebel durchwogte die Gassen, und der Kutscher konnte kaum mehr den Weg finden. An der St.-Pauls-Kirche mußten wir haltmachen; ich pfiff eine Arie aus dem »Freischütz«, der Kutscher stieß sehr englisch-teuflische Flüche aus, und unser Roß ließ den Kopf hängen, als ob es über sein Pferdeschicksal nachdächte. Um uns herum entwickelte sich aber bald ein nebelhaft schönes Schauspiel. Nachmittags um 4 Uhr, wo in Deutschland die Kinder aus der Schule kommen, wo die alte Tante ihre zehnte Tasse Kaffee trinkt – nachmittags um 4 Uhr ging in London plötzlich die Sonne auf! Der Nebel hatte sich verzogen. Dies kam sehr unerwartet; man dachte gar nicht mehr daran, daß die gute Frau Sonne heute noch erscheinen würde. Ein Schrei der Verwunderung fuhr daher aus allen Kehlen, und erschrocken hob ich mich von meinem Sitz empor, drückte den Wagenschlag hinunter und sah mich nach allen Seiten um. Anfangs bemerkte ich keineswegs den Grund dieses plötzlichen Entzückens. Auf dem Platze vor uns brannten noch zwei große Laternen, zwei trüben Talglichtern ähnlich; und ringsherum lagen die finstern Häuser wie lauter alte Stammgäste, die auf den Schenktischen einschliefen; die Kuppel der Paulskirche leuchtete dazwischen durch wie die kahle Glatze eines verschollenen Spießbürgers. Da teilten sich aber mit einem Male die Wolkenmassen, und herein schaute mit ihrem Flammenauge die schöne, die ewig schöne Sonne. Wie nach der alten Sage von dem Kuß des jungen Ritters plötzlich die Bewohner des verzauberten Schlosses erwachten, wie die grauen Heldengestalten sich in den Nischen emporhoben, die Streitrosse wieherten, die Vögel sangen und der Koch dem Küchenjungen die seit Jahrhunderten zugedachte Ohrfeige endlich im Erwachen mit aller Vehemenz verabreichte – so traten auch jetzt von dem Kuß der Sonne alle Gestalten der ungeheuren Stadt in reißender Schnelligkeit aus dem Dunkel hervor in ein frisches, fröhliches Leben; und waren es auch keine geharnischten Helden, welche rasch die Szene belebten, so sah man doch wenigstens ein paar Hundert spitznasige Engländer in Frackröcken und Filzhüten mit einem Male über die Gasse springen; Kerzen und Gaslichter erloschen, hier und dort öffneten sich die Fenster, blaue Mädchenaugen blickten in die Straße hinunter, Orgeldreher sangen, Mohrenjungen bettelten, und eine zephirleicht wandelnde Lady stahl aus lauter treuer Schwesterliebe einem dicken Lord den indischen Foulard. Über Alt-England war die Sonne aufgegangen; mein Kutscher ließ sich noch ein Glas Brandy reichen und trank auf die Gesundheit des anbrechenden Tages; unsere Rosinante hob sich auf die Hinterbeine, und fort ging es, fort durch die entnebelte Weltstadt. Nach einer halben Stunde waren wir auf dem Birminghamer Bahnhof, wo ich das Vergnügen hatte, die Lokomotive eben mit einem Gefolge von sechzehn Wagen abreisen zu sehen. Mein Kutscher tröstete mich mit der Bemerkung, daß ich ihm zwei halbe Kronen für seinen Einspänner schulde, und überließ mich dann meinem Kummer. Wehmütig blickte ich ihm nach. Die Nummer seines Wagens schimmerte noch einige Male durch die Dämmerung; die Zahl 111 nahm sich aus wie die Gesellschaft von drei Ausrufungszeichen !!!. Mein einziger Trost in jenem schrecklichen Augenblicke war eine alte Dame in grasgrünem Kleide, die mein Schicksal teilte. Sie setzte ihren Nachtsack auf das Steinpflaster, steckte ihre Hände in den Pelzmuff und erklärte mir, daß es heute abend sehr kalt sei. »Ohne Zweifel!« erwiderte ich ihr, »übrigens nur für den, der keinen Muff hat, wie Sie ihn besitzen, oder der kein Mittel gegen die Kälte erfunden hat wie ich.« – »Ein Mittel gegen die Kälte?« fragte die grasgrüne Dame. – »Jawohl, ein Mittel radikal und vollkommen! Sehen Sie, ich bilde mir in diesem Augenblick ein, ich hätte 2000 Stück Pistolen auf der Bank in Wiesbaden verloren und gerate darüber in eine völlige Verzweiflung. Ich denke mir, die Männer mit den langen Stöcken, welche das Geld hin und her schieben, lachten mich höhnisch an, die übrigen Spieler spöttelten, die Aufwärter grinsten, und blaß, mit fliegenden Haaren, verließe ich den Saal. Draußen, denke ich mir, wäre alles heiter, alles froh, die Vögel zwitscherten in den duftigen Zweigen, die Grillen hüpften im Grase herum, die schönen Menschen spazierten die Lindenalleen hinauf, nur ich wäre erschrecklich unglücklich, von der ganzen Welt verlassen und liefe, wie von Furien gepeitscht, in den Taunus hinein – usw. Sehen Sie, verehrte Reisegefährtin, dies alles stelle ich mir so lebhaft vor, daß mein Blut in Wallung gerät, ich zittre vor Wut und Verdruß, und trotzdem, daß ich weder Muff, Pelzstiefel noch Bärenfelle habe, gerate ich bei dieser kühlen Novemberluft dennoch in vollkommene Hitze und befinde mich, wie Sie sehen, in einer höchst angenehmen Temperatur!« Die grasgrüne Engländerin beschaute mich mit ein Paar Augen, welche grenzenloses Mitleid ausdrückten; aber kein Wort kam über ihre Lippen. Sie faßte mit der einen Hand ihren Reisesack, mit der andern den Regenschirm, und fort schwebte die grüne Dame, gleich einem Grashalm, davongetragen vom Nordwind. An der Tür des Bahnhofes stand ein Mann in blauen Kleidern, mit einer Nummer am Halse, in weißen waschledernen Handschuhen – wahrscheinlich ein ehrenwertes Mitglied der heiligen Scharwache, dessen Bildung bereits so große Fortschritte gemacht hatte, daß er die Vagabunden wenigstens in Handschuhen arretierte. »Das ist ein deutscher Gentleman!« sagte er zu der Dame und zeigte mit seinen unsaubern behandschuhten Fingern nach mir. Dann schüttelten beide mit den Köpfen. Bei einem Teller Schildkrötensuppe wartete ich in dem Stationssaale auf die Abfahrt des nächsten Eisenbahnzuges. Kalt wandelten die Menschen an mir vorüber und fragten nicht nach meinem Schmerz – ich auch nicht nach dem ihrigen. Übrigens wäre es sehr hübsch, wenn man auf den Eisenbahnstationen einen großen Folianten mit weißem Papier aufschlüge. Die Reisenden, welche auf die Abfahrt der Lokomotive warten, hätten dann Gelegenheit, ihre Abschiedsempfindungen in Prosa und Versen niederzuschreiben. Welche Blicke in das menschliche Leben würde ein solcher Foliant eröffnen! Da würde man eine rührende Hymne auf ein Wirtshaus finden, wo man niederträchtig geprellt wurde. Da sähe man einen liebenden Nachruf an ein paar Dutzend unbefriedigte Gläubiger. Ein Dritter würde das schöne Fräulein zu schildern suchen, das gern sich seiner angenommen, als er in London fremd spazierenging; und so würde ein jeder etwas zu erzählen haben, was der Welt zu Nutz und Frommen gereichen könnte. Heutzutage ist das Leben auf einer Station gar zu trostlos; hier bekommt jemand durch die Kälte seiner Umgebung einen Schnupfen; dort verbrennt sich ein anderer in der Eile des Abschieds an den Fluten einer Teetasse den Mund, und jauchzt endlich die Lokomotive ihr Abfahrtslied, da wälzt sich die Lawine von Menschen, Koffern, Regenschirmen und Nachtsäcken mit einer solchen Hast in die Wagen, daß ein »Goddam!« und ein Rippenstoß das einzige ist, was man von seinen geliebten Nebenmenschen genossen hat. Aber die herrlichen Zeiten sind vorüber, wo man noch sein Testament machte, wenn man von Köln nach Frankfurt reiste; wo man unterwegs jeden Kieselstein auf der Landstraße, jedes Kalb auf dem Felde und jeden Hahn auf dem Kirchturm mit Muße betrachten und dem Gedächtnis einprägen konnte; wo man nach einer Nacht im schaukelnden Wagen frühmorgens am Busen einer goldlockigen Schönen oder auch mit dem Kopf im Schoße einer alten Matrone erwachte; wo die Nachbarn sich nickend mit den Nasen begrüßten und, mit den Stirnen aneinanderstoßend, plötzlich mit Schrecken erwachten und die werteste Bekanntschaft schlossen; wo man sich beim Füttern der Pferde eine halbe Ewigkeit zu Schnaps und Wurst setzen konnte; wo der Postillion in das melodische Horn stieß, wenn er an dem Fenster einer Viehmagd vorüberfuhr; wo man oft so gemütlich im Kot steckenblieb und nur die Hälse brach, wenn es, wie bei jeder andern Gelegenheit, im Rate der Unsterblichen beschlossen war. Ich phantasierte noch, da warf man meinen Teller Schildkrötensuppe über den Haufen. »All right!« riefen die Zugführer, und hinter uns lag der Themse fabelhafte Stadt. IV Eine Reise ins Innere des Landes »Graus war die Nacht, und um den Giebel der Pächterwohnung heulte Sturm!« Diesen herrlichen Anfang zu einem schauerlichen Roman muß ich in meiner Jugend irgendwo gelesen haben. Seiner hohen Schönheit wegen blieb er mir im Gedächtnis, und nichts war natürlicher, als daß er mir auf der Reise von London nach Birmingham einfiel, wo ich wahrscheinlich 120 Meilen auf der Eisenbahn fuhr, ohne etwas anderes zu sehen als eine abscheuliche rote Nase, die mir gegenüber Platz genommen hatte. Kamen wir an Häusern vorbei, so fielen bisweilen einige Streiflichter in den Wagen hinein, und für einen Moment trat dann die rötliche Naturschönheit meines Nachbars in all ihrem Farbenglanze aus der Dunkelheit hervor. Die Sache machte sich so frappant, daß mir ein anderes menschliches Wesen, das sich zufällig im Wagen aufhielt, jedesmal, wenn wir uns einem neuen Lichte näherten, einen Stoß mit dem Arm versetzte, als wollte es bemerken: »Geben Sie acht, mein Herr! Gleich kommt ein Licht! Geben Sie acht, die rote Nase!« Glückliche Stunde! – Aber alles vergeht; auch der Eigentümer der roten Nase schlief zuletzt ein: sein Kopf sank auf die Brust herab, und die Nase verkroch sich in der Hemdkrause. »Hier in Birmingham bleiben wir vier Stunden liegen!« sagte eine freundliche Stimme, als wir endlich stillhielten, und eine Sekunde nachher entführte man mich bereits samt meinem Mantelsack und schleppte mich der Stadt zu. Zeus Kronion! In Birmingham, wo du keine einzige gute Seele kennst, wo alles aufhört, was nach Deutschen riecht – lieber Junge, du hast noch wenig gereist –, wenn dir dort mal etwas passierte! Und der Gedanke stieg in seiner Schrecklichkeit sehr beunruhigend vor meinem Geiste herauf, als ich meinem Führer durch mehrere dunkle Gassen folgte. Bald lieferte er mich an ein ziemlich schlechtes Wirtshaus ab. Drei Mädchen, eben nicht schön und wunderbar, empfingen mich, und nach einigen flüchtigen Beratungen wurde ich in ein Zimmer des obern Stockwerks transportiert. Wunderlich sah es dort aus. Der rote Teppich war sehr zerrissen, die Tapeten alt und verdorben; auf dem Tische lag eine Gitarre ohne Saiten, in der Ecke standen ein paar Reitstiefel, und oben unter der Wanddecke war ein Bindfaden gezogen, auf dem Apfelschnitzel getrocknet wurden. Die drei Frauenzimmer erschienen nach einiger Zeit wieder und servierten den Tee. Es wurde mir sehr unfreundlich zumute, und unwillkürlich faßte ich in das Sofa hinter mich, um nach irgend etwas zu suchen; ich wußte selbst nicht warum; sieh da, etwas Schweres geriet mir in die Hände, vielleicht, und es lief mir kalt über den Rücken – vielleicht eine Kiste mit Dolchen oder Pistolen... Da entfernten sich die drei Frauenzimmer, blickten mich noch einmal mit sonderbarlichen Augen an, und unten hörte ich eine tiefe, tiefe Baßstimme sprechen und die Frauenzimmer kichern und lachen. Ich brachte meinen Fund aus der Sofaecke hervor: es war ein Kistchen, mit Leder überzogen; erwartungsvoll öffnete ich es und fand darin – fand eine Bibel! Zu meinem nicht geringen Erstaunen eine hübsche, korrekte Londoner Ausgabe, printed: Strand 54, im Jahre 1842. Um ein Abenteuer schien es mir nun in jenem Hause geschehen zu sein; ruhig schlürfte ich den Tee herunter und schlug das hübsche Buch auf, um zu sehen, wie sich das Wort Gottes in englischer Sprache ausnehme. Als ich aber die Stelle fand, wo geschrieben steht: »Und ihre Kamele sollen ihnen geraubt werden, und ich will sie zerstreuen nach allen Winden« – da hörte ich plötzlich ein dumpfes Geräusch im Nebenzimmer, als wenn zwei Menschen in einen heftigen Wortwechsel gerieten, und lauschend näherte ich mich der Tür, welche die zwei Gemächer voneinander trennte. Sie war nicht verschlossen, und leicht gelang es mir zu öffnen, ohne daß von der andern Seite etwas bemerkt wurde. Da hörte ich denn zu meiner großen Belustigung, in Birmingham, in dem Hause, wo ich mir einige Augenblicke vorher noch so verlassen und so unendlich weit von aller Hilfe vorkam, ich hörte deutsche Worte, und, o Wunder, welche Worte! Zierliche Verse: Jamben. Ich hörte genau, wie vom König Philipp die Rede war, der Herzog Alba sprach, und Don Carlos ließ etwas von Ritterstolz fallen und von dem »zwischen Vater und Sohn stellen«, und immer toller und hitziger wurde der Diskurs, man sprach von Blut und Rache, es war kein Zweifel mehr, es zitierte jemand den göttlichen Herrn Schiller! Da konnte ich denn doch nicht unterlassen, den Kopf ins Zimmer hineinzustecken, um mich nach dem nächtlichen Deklamator etwas umzusehen. Es war eine lange, hagere Gestalt in Hemd und Unterhosen, die auf dem Rande des Bettes saß; glatt hingen die blonden Haare an den Schläfen hinunter, und beim Scheine einer tief heruntergebrannten Kerze schimmerten bisweilen ein Paar deutsche blaue Augen. Ziemlich gut wußte der junge Mensch seine Stimme zu ändern; Herzog Alba nahm sich hübsch aus, noch besser aber Carlos, für den der Deklamator eine besondere Vorliebe zu haben schien, denn jedesmal strich er bei seinen Worten recht träumerisch mit den dünnen Fingern über die Stirn herüber. Mit einem Worte, es war ein unglücklicher Deutscher, der in Birmingham, in einer schlechten Wirtschaft, nachts um 12 Uhr den »Don Carlos« auswendig lernte! – »Und ihre Kamele sollen ihnen geraubt werden, und ich will sie zerstreuen nach allen Winden!« Ach Gott! Mein dünner Landsmann sah recht unglücklich aus; hatte er je eine Herde Kamele, so war er selbst jedenfalls das einzige Stück, was davon übrigblieb, und nach allen Winden zerstreut kam er mir auch vor. Oh, es muß schrecklich sein, so als langer, blonder Mensch mit Schillers »Don Carlos« unter dem Arm durch ferne Länder zu streifen! Und weshalb legte sich der Unglückliche nicht lieber ins Bett? Weshalb sich den süßen Schlaf rauben? Er dauerte mich, der Arme. Ich ergriff einen der großen Reitstiefel, welche in meinem Zimmer lagen, und als der blonde Jüngling gerade mit recht ausdrucksvoller Stimme ausrief: »Sieh, Herzog Alba, da stehst du nun in deines Nichts durchbohrendem Gefühle!« – puff, da flog der Reitstiefel mit schrecklichem Geprassel an den Wänden herum! – Ich habe auf meinem ersten wie auf allen späteren Streifzügen durch England das Vergnügen gehabt, die Schönheiten Birminghams nur bei Nacht zu genießen. Die große Dunkelheit verhinderte mich daher stets, über jenen merkwürdigen Ort recht ins klare zu kommen. Viele andere englische Fabrikstädte, deren ich leider genug bei hellem Tage sehen mußte, nehmen sich gewöhnlich in einiger Entfernung wie große Maulwurfhügel aus. Inwendig sind sie gewöhnlich sehr schmutzig. Ein Franzose würde drei Tage in einer englischen Fabrikstadt leben und dann – sterben; ein Italiener hielte es etwa vierzehn Tage aus – und würde sich eine Kugel vor den Kopf schießen; ein polnischer Jude spräche nach drei Wochen: »Es ist genug!« – und hängte sich bei seinem Barte auf; nur ein Deutscher schämt sich nicht, oft länger als ein volles, rundes Jahr darin zu verweilen, ohne nur einmal gründlich verrückt zu werden. Ich nehme den Fall an, daß wir eben mit der königlichen Post in einer solchen schrecklichen Gegend ankämen. Wir steigen vom Wagen; die Nasen sind rot, die Hände wurden kalt, die Füße frieren. Wo ist ein Wirtshaus? Dort! Es heißt »Die Sonne«. Gut, wir wollen uns an dieser Sonne wärmen und treten ein. In der Tür erblicken wir ein blasses Gesicht, dessen Besitzer ein Kellner ist. Der junge Mann trägt Schuhe, weiße baumwollene Strümpfe, eine helle Krawatte, und die dolchspitzen Zipfel des schwarzen Frackrocks hängen ihm bis auf die dünnen Waden hinunter. Er zeigt uns das Schlafzimmer. Wir steigen hinauf, verwickeln uns einige Male mit den Füßen in dem alten Teppich, der die Treppe bedeckt, wir stolpern und kommen endlich an Ort und Stelle. Dort suchen wir uns ein höchst angenehmes Äußeres zu geben; wir streichen den Reif aus den deutschen Locken, waschen unsere Hände in Unschuld und Regenwasser, werfen einen Blick umher, rufen aus: »Freundlich, sehr freundlich! Das Bett ist gut, die Nacht wird schön!« – und steigen wieder in den untern Raum des Hauses hinab. Hier treten wir in ein ziemlich großes Gemach. Auf dem Fußboden Teppiche, von der Decke herunter Kronleuchter. Auf den Tischen bemerkt man Zeitungen und Teetöpfe, auf den Stühlen Engländer. Wir stellen uns einige Augenblicke an den Kamin, um das Ganze überschauen zu können. Wir stehen eine Viertelstunde und fangen an, uns sehr zu langweilen. Niemand spricht ein Wort, wir sehnen uns nach Mitteilung, wir lassen endlich ein Herz, wir nähern uns dem ersten besten und sagen, um nicht gleich von vornherein sehr geistreich zu scheinen: »Nicht wahr, mein Herr, sehr schönes Wetter heute, sehr schönes Wetter gewesen?« Der Engländer sieht uns an, sieht wieder in seine Teetasse, spricht kein Wort. Auch gut, denken wir, und gehen zu dem zweiten. »Nicht wahr, dear Sir«, sagen wir, »Aufruhr in Frankreich, haben Sie schon gelesen?« Der Engländer sieht uns an, sieht wieder in seine Teetasse, spricht kein Wort. Wir wandern zu dem dritten, und wenn wir gerade in Yorkshire sind, sagen wir: »Lieber Herr, wie befindet sich doch der Landprediger zu Wakefield?« Der Engländer sieht uns an, sieht wieder in seine Teetasse, spricht kein Wort. Da steigt eine gelinde Wut in uns auf. »Ihr Briten, ihr Geschöpfe Gottes, seht, an einem frühen Morgen zogen wir von der Heimat aus; auf den belgischen Eisenbahnen bekamen wir Ohrenbrausen, in Antwerpen ennuyierte uns die Kathedrale, auf dem Kanal lebten wir in beständiger Furcht vor der Seekrankheit, in London prellte man uns an zwanzig Orten, auf euern Eisenbahnen sahen wir nichts als eine rote Nase, auf eurer königlichen Post sind uns die Füße erfroren. Hört, ihr Insulaner, ihr Eingeborenen! Wir kommen heute abend in dieser ›Sonne‹ an, in diesem Gasthaus, wir wollen uns nach all den Mühseligkeiten der Reise pflegen und erquicken, wir suchen, was uns lieber ist als Brot und Wein, wir suchen das Labsal des Wortes – und ach, ihr habt es uns versagt! Hört! Ihr Kinder Alt-Englands, ihr seid entweder stolz oder dumm; Gott weiß es; am Ende seid ihr nur klug genug, um viel Geld zu verdienen! Wir verachten euch – sela!« Kaum sind wir indes mit unserm halblaut gemurmelten Monolog fertig, da fällt uns auch plötzlich ein, wo wir sind. Die Londoner Erinnerungen steckten uns noch zu sehr im Kopfe, wir dachten noch an den freundlichen Alten auf dem Verdeck des »Wilberforce«, an den höflichen Direktor auf der Stock Exchange und an so viele andere Leute, die uns in Babylon leutselig entgegenkamen. Wir vergaßen, daß uns die Lokomotive ein paar Hundert Meilen weit ins Land hineinschleuderte, wo alle Kultur ein Ende hat; und erst jetzt sehen wir mit Schrecken ein, daß wir wirklich mitten unter die Barbaren der Industriedistrikte geraten sind und daß von dem ernsten Fabrikanten nicht das zu erwarten ist, was wir bei einem Londoner Flaneur schätzen lernten. Wir suchen uns also, so gut es geht, über die allgemeine Windstille der Konversation zu trösten; wir greifen in die Rocktasche, ziehen unsere Zigarrendose hervor und bemächtigen uns einer echten Bremerin, die wir so glücklich waren, durch die Douanen hindurchzuschleppen; natürlich als rechtschaffene Leute gegen einen enormen Zoll! Wir reißen der »Times« den Kopf ab, falten das glatte Papier und sind eben damit beschäftigt, die braune Bremerin an der äußersten Spitze anzuzünden, da werden wir durch einen Schrei des Entsetzens unterbrochen. In der Ecke des Zimmers richtet sich der Kellner in baumwollenen Strümpfen empor, sein blasses Gesicht ist noch fahler geworden, er hält die Hände über den Kopf ausgestreckt gleich Moses in der Schlacht gegen die Amalekiter. Jetzt macht er einen Schritt vorwärts; ihm folgt die Wirtin, welche den Schrei ausstieß, der Sohn des Hauses macht den Schluß – und ist sprachlos. Alle drei stürzen auf uns los, den andern Gästen entfallen die Teelöffel. »Er raucht! Er raucht!« raunt einer dem andern zu, und bald sind wir von dem erschrockenen Trio umringt. Die Wirtin faltet bittend die Hände, der Kellner erfaßt sanft unsern Arm, der Sohn des Hauses zittert, und ehe wir uns nur besinnen können, sind wir bereits aus dem Gemach entfernt und in ein Rauchzimmer abgeführt. Der Kellner verschließt sorgfältig die Tür. Dort sind wir nun allein mit unserm Grimm und der Zigarre. Wir nähern uns wieder dem Kamin, setzen uns in einen Lehnstuhl, welcher nicht wie gewöhnlich vier Beine hat, sondern wie eine Wiege eingerichtet ist, und schaukeln uns hin und her, unserm Schmerz überlassen! Nach geraumer Zeit fällt es uns ein, daß der Abend noch sehr lang ist; wir wissen bereits, daß es in einer Fabrikstadt weder Theater, Gesellschaften noch irgend etwas Ähnliches gibt, was man besuchen könnte; »den Uhland aus der Reisetasche zu ziehen«, haben wir auch keine Lust; sind wir doch nach England gekommen, um Volk, Sitten und Sprache kennenzulernen; wir beschließen also eine Promenade. – Die Straßen sind ziemlich gut erleuchtet; bald sind wir in dem belebtesten Stadtteil, und vor uns aufgetürmt liegen all seine Wunder. Rechts ein Laden mit neuen Stiefeln, links ein Laden mit Beefsteak, rechts ein Laden mit Hosenträgern, links ein Laden mit gerupften Kapaunen und so fort und so weiter, eine Straße nach der andern, Hunderte, Tausende von Häusern voll. Plötzlich stehen wir am Rande eines tiefen Tales. Unser Auge sucht hinabzudringen, ein dicker, schwarzgrauer Nebel verdeckt alles; unheimlich schimmern Lichter und hellodernde Feuer darin, und ein wirres Getöse schlägt betäubend an unser Ohr. Nur die Reihen der Schornsteine, welche sich schlank wie Minarette über die Dächer der Häuser erheben, zeigen an, daß dies der Ort ist, wo das Rasseln der Räder, das Schnurren von Millionen Spindeln sich mit den Seufzern der geplagten Arbeiter mischt, daß hier die Stelle ist, wo jene Masse von Waren erzeugt wird, die der Brite auf seinen Flotten in alle Welt sendet. Verwundert stieren wir hinab in diesen düstern Grund; es ist, als wenn der leibhaftige Teufel dort unten sein Wesen triebe, als wenn tausend heulende Zwerge und Kobolde nach der Peitsche des Meisters tanzen müßten; das ist ein Sprudeln und Zischen und Rasseln und Dröhnen – und wie wir lauschen, da scheint auch der Angstruf der geplagten Seelen zu uns heraufzudringen; es ist, als hörten wir den Gesang von Galeerensklaven in wehmütigen Tönen durch den Donner der Brandung schallen – sie sind es! Es ist der Gesang jener Unglücklichen, die man schon in frühster Jugend an die Maschinen fesselt – »Skelette von Jungfrau'n und Knaben füll'n Die Höllen des König Dampf.« Entsetzt wenden wir uns fort von diesem geisterhaften Tale und geraten auf einen freien Platz. Es ist heute Markttag gewesen; die Leute aus der Umgegend stehen noch in kleinen Gruppen zusammen und handeln. »Wie ein Nagel in der Wand also steckt die Sünde zwischen Käufer und Verkäufer«, sagte der weise Salomo. Die Welt ist seitdem älter geworden, wohl tausend Jahre und darüber, wer weiß, wie es jetzt aussieht? Ein Engländer hält den Sonntag heilig, vom Morgen an bis nachts um 12 Uhr; 10 Minuten nachher, wie die Sage geht, soll sich der ganze Mensch aber plötzlich ändern, und die Nationen der Welt wissen davon zu erzählen. Lassen wir das. Wir wollen uns lieber über die Gesichter der geschäftigen Handelsleute freuen. Wahrlich, sie sind ziemlich interessant! Die spitzen Nasen, die schlauen Mundwinkel, die kleinen blinzelnden Augen, wie herrlich alles zueinanderpaßt! Und nun der runde Filzhut, der schäbige Frackrock und hin und wieder die braunen Manchesterjacken, wie lustig sie durcheinanderwogen! Die guten Leute gehören nicht zu den Londoner Matadoren, es sind nur die kleinen geschäftigen Ameisen im Innern des Landes. Noch eine halbe Stunde dauert das Treiben fort, da ist der letzte Handel geschlossen, alles schleicht nach Hause; die Straßen werden leer und öde, Nebel und Rauch brechen in finstern Massen in die Stadt ein, es ist gänzlich Nacht geworden. Der todmüde Arbeiter ißt halb im Schlafe sein Abendbrot, der Fabrikherr kauert am Kamine, den Kopf in eine Zeitung begraben, die Läden werden allmählich geschlossen, der Tag ist aus. Zwölf bis vierzehn Stunden hat man gearbeitet und in wilder Hast dem Gelderwerb nachgejagt – was Wunder, daß da die Arme schlaff hinunterhangen, daß die Geister müde und tot sind, daß nicht einmal die Kraft mehr da ist, die Stunde der Erholung zu genießen, daß man nur zusammensinken, nur schlafen kann bis zu einem neuen Morgen, der ebenso traurig beginnt, wie der vorhergehende Abend schloß! Doch kommen Sie; wir sind lange genug auf der Erde gewesen, wir wollen wieder in die »Sonne« steigen! Die Sonnenwirtin, der Sonnenkellner und der Sohn vom Hause haben uns während der Promenade durch die Stadt den Tee bereitet. Auf dem Tische steht schon ein kolossales Stück Beef, gesottene Eier und geröstetes Brot; wir lassen uns nieder, aber, weiß Gott! es will uns gar nicht schmecken. Ein etwas gutmütiger Mensch schämt sich ordentlich, in einer Fabrikstadt, wo es so viele unglückliche Hungerleider gibt, gut zu Tisch zu sitzen! Fast überall läßt es sich gut leben; aber in einer englischen Fabrikstadt – ein Franzose stürbe schon am dritten Tage darin, er würde es sicher! Er fände ja keine Gesellschaft, er könnte ja nicht sprechen! Und der Italiener würde sich erschießen, weil er oft in zwei Monaten keinen blauen Himmel sähe; und der polnische Jude würde sich erhängen – wer weiß, weshalb! Nur den Deutschen, den man überall auf der ganzen Erde findet, trifft man auch hier jahraus, jahrein. Der Deutsche stirbt nie aus. Er gewöhnt sich an alles, und seine stille Gemütlichkeit trägt er mit sich über Land und Meer. Von Birmingham ließ ich mich nach der West Riding der Grafschaft Yorkshire schieben und war entzückt über diese reizende Landschaft. Ich habe zwei Jahre lang in diesem Teile Englands gewohnt und sehne mich immer wieder danach zurück, wenigstens nach dem Landleben in dieser Gegend. Überall die prächtigsten Hügel, die lieblichsten Täler und die lachendsten Felder! Aus allen Schluchten sprudeln kleine Gewässer, rauschen durch die Felsen und verlieren sich unter den Zweigen der Erlen und in dem smaragdenen Grün der Wiesen. Ein Kranz von knorrigen, krausbelaubten Eichen zieht sich gewöhnlich um die Seiten der Berge, die selten sehr hoch sind und sich in den sanftesten Abstufungen der Ebene entgegenschmiegen. Dazu sind Berge und Täler übersät mit Dörfern und Landhäusern, an denen man den Efeu in lustigsten Ranken emporwuchern läßt und die fast immer von den zierlichsten Gärten umgeben sind. Die Bauart der Häuser ist im höchsten Grade einfach; da sie aber sämtlich aus weißem Sandstein aufgeführt sind, ein Material, was man in reicher Menge durch die ganze Gegend findet, so haben sie das nettste und reinlichste Ansehen, was man sich denken kann. Das kleinste und einfachste Haus, wenn es aus diesem Sandstein gebaut ist und noch nicht viele Jahre zählt, nimmt sich namentlich auf dem wunderschönen Grün der Wiesen und Bergesmatten stets wie ein Schlößchen aus. Außerdem weht auf diesen Höhen in Yorkshire die reinste und schönste Luft; sie streut Rosen auf die Wangen aller Landmädchen, und man ist ordentlich verwundert über die vielen blühenden Gesichter, die man bei den Engländern auf dem Kontinent ja gerade am allermeisten vermißt. Die herrliche Ordnung, welche in der Einteilung und Umzäunung der Felder, in der Anlage der Wege und in der Benutzung der Wiesen und Gewässer herrscht, macht, daß man die ganze Gegend nur mit zufriedenem Auge überschauen kann. Die Jahreszeit war schon sehr vorgeschritten, als ich zuerst in Yorkshire ankam; nur einzelne Wiesen schienen sich noch gegen die Hand des herannahenden Winters zu wehren und schimmerten lieblich grün. Die Leute, die neben mir auf der Kutsche saßen, freuten sich nicht weniger über ihr schönes Land wie ich selbst, trotzdem, daß sie es vielleicht schon hundertmal gesehen hatten. Die Röcke bis obenhin zugeknöpft, Hals, Mund und Kinn in einem dicken Tuche verborgen und die Hände in den Hosentaschen, saßen sie so steif auf den Bänken, die oben auf dem Verdeck des Wagens angebracht waren, daß man nicht anders meinte, als Pfähle vor sich zu sehen. Wollte jemand seinen Nachbarn während der Unterhaltung ansehen, da mußte er auch den ganzen Körper herumdrehen, denn die Hälse waren so fest umschnürt, daß eine einfache Kopfbewegung fast unmöglich wurde. Die Unterhaltung drehte sich fast ausschließlich um die Anlage neuer Eisenbahnen, mit denen man alle größern und kleinern Städte verbinden wollte, so daß das Reisen auf einer Kutsche bald der Vergangenheit angehören würde. Da meine Nachbarn fast sämtlich kleine Handelsleute und Fabrikanten waren, die von einem benachbarten Wochenmarkte in ihre Ortschaften zurückkehrten, so kannten sie jede Wiese, jeden Berg und jeden Wald in der ganzen Gegend und machten während der Reise eine über die andere Wette in betreff des Terrains, welches die Eisenbahndirektionen für ihre Bahnen wählen würden. Einer von ihnen fragte mich, ob ich aus dem Zollverein wäre, und da ich dies bejahte, so wurde er gar nicht müde, sich nach allen möglichen Einzelheiten dieser großen Völkergesellschaft zu erkundigen. Eisenbahnen und Dampfschiffe blieben natürlich das Hauptthema, und als ich ihm versicherte, daß Vetter Michel fast gar keine Kutschen und Postwagen mehr kenne und sich fast den ganzen Tag in Kohlen- und Tabaksdampf hülle, da wurde seine Sehnsucht nach diesem gebildeten Lande so groß, daß ich ihm bis auf Heller und Pfennig ausrechnen mußte, wieviel man zu einem Streifzug in die gesegneten Gefilde meiner Heimat brauchen würde. Er geriet dann aber wieder in den hellsten Enthusiasmus, als er seines eigenen Landes gedachte; Alt-England, meinte er, sei doch die Krone von allem, was es auf der Welt gäbe, und so beredt wußte er mir die Schönheiten der verschiedenen Grafschaften zu schildern, daß ich ihm zuletzt in allem recht gab und mit in das Lob Großbritanniens ausbrach, was den guten Mann bis zur Rührung erfreute. Als es endlich Nacht wurde, versicherte er mir, daß er sich von ganzem Herzen darüber ärgere, daß heute der Mond nicht am Himmel stehe, denn jetzt könnte ich die Kanäle nicht mehr sehen und die neuen Kirchtürme und seine Bleicherei – – da sprang er vom Wagen hinunter und eilte seinem Gehöfte zu. Daß der Mond nicht am Himmel stand, tat mir ebenso leid wie meinem guten Reisegefährten. Ich liebe den Mond. Nicht, weil er mich einmal zu einer erbärmlichen Elegie begeisterte; nein, ich liebe den Mond nur seines holden Selbst wegen und habe deswegen eine unauflösliche Freundschaft mit ihm geschlossen; der Mond ist meine Leidenschaft, ich schwärme für ihn, und fast möchte ich glauben, daß er eine ebenso große Zuneigung zu mir gefaßt hat. Ich habe sogar die besten Gründe, um dies zu vermuten. Mache ich ihm Vorwürfe und sage: »Mond, schäme dich, du bist voll!« – da schämt er sich und gibt seinen zunehmenden Lebenswandel auf, um nach kurzer Zeit schon wieder als ein vernünftiges längliches Gestirn am Himmel herumzuspazieren. In Deutschland sah ich den Mond zuletzt, als er gerade untergehen wollte. »Halt!« rief ich ihm zu. »Ich reise jetzt nach England, Gott weiß, wie es mir dort ergehen wird; alte Bekannte findet man nicht überall; wie wäre es, teurer Freund, wenn du dich zu einer gleichen Reise entschlössest, wenn wir über einige Wochen bei einer Flasche Burton-Ale wieder zusammenträfen, wenn wir uns plötzlich in einer Grafschaft Alt-Englands wiedersähen? Sprich, was meinst du? Bringe deine Familienverhältnisse in Ordnung, und, lieber Mond, sei kein Narr, streife ebenfalls über den Kanal hinüber. Man reist ja heutzutage so schnell; am Morgen in Köln, am Abend in Antwerpen, den folgenden Tag bist du schon in London und amüsierst dich in der darauffolgenden Nacht im Park zu Windsor! Topp!« Da verschwand der Mond hinter den Bergen. Tage und Wochen vergingen; da wandelte ich eines Abends in einer kleinen Stadt Yorkshires umher und führte keinen andern Gedanken, als eine hübsche Wohnung zu mieten, in der ich während der nächsten Zeit ruhig und ungestört die drei ersten Kapitel des »Tristram Shandy« lesen könnte. Viele schöne Häuser lagen zu beiden Seiten der Straße, hellerleuchtete Läden und dann und wann auf grünen Rasenplätzen eine Kirche, eine Kapelle oder ein Bethaus. Lange wollte sich aber kein Gebäude zeigen, von dem ich vermuten durfte, daß es mich in seinen Räumen aufnehmen würde. Bald war ich am Ende der Straße und blieb unwillkürlich vor dem letzten Hause stehen. »Sollst du, oder sollst du nicht?« Die guten Leute können höchstens ein verächtliches Gesicht schneiden und dich deiner Wege gehen heißen; also frisch die Klingel gerührt! Ich schritt an die Tür: »Woodcock« las ich auf einem Schilde; also »Schnepfe« zu deutsch. »Laßt uns bei dieser Schnepfe einkehren!« – und im Innern des Hauses tönte gleich darauf ein lustiges Klingeln. Noch ein Augenblick, und die Tür wurde geöffnet. Ein junges Mädchen streckte mir den Kopf entgegen und sprach einige Worte, die ich nicht verstand. Ich gab übrigens auch gar nicht darauf acht, denn plötzlich stiegen so viele glückliche Pläne, so herrliche Schlüsse und Folgerungen in mir auf, daß ich genug mit mir selbst zu tun hatte und in Gedanken versunken stehenblieb. Wo ein junges Mädchen im Hause ist, da können ein Paar schöne Augen darin sein; wo schöne Augen sind, wird es auch rote Lippen geben; wo rote Lippen sind, kann ein Kuß nicht fehlen; wo man küßt, da liebt man; wo man liebt, da laß dich ruhig nieder! Ergo, ich miete diese Wohnung! Ergo, ich bleibe hier! Ergo – »Ach, verzeihen Sie, teure Miss«, denn die Miss stand noch immer in der offenen Haustür und wartete mit einiger Ungeduld ab, daß ich meine Wünsche kundgäbe. – »Verzeihen Sie, nicht wahr, hier wohnt die Frau Schnepfe?« – »Yes!« sagte die Miss. – »Very well!« erwiderte ich und wollte eben die zierlichste Redephrase beginnen, da passierte mir ein Zufall, den ich von allen Möglichkeiten der Welt am wenigsten erwartet hatte. In vollem Glanze strich nämlich zu derselben Minute mein sehr geliebter Freund aus Deutschland, der Mond, über die Dächer der Häuser und blickte lächelnd in die Gasse herunter. Man kann sich meine Freude denken. »Also hast du Wort gehalten, treues Geschöpf, bist den vaterländischen Wäldern entlaufen und durch die salzige Flut mir nachgeschwommen? Tausend Dank! Sieh, ich bin eben im besten Zuge, mich in schöner Nähe niederzulassen; gestehe, dieses Mädchen ist wert, die Tochter einer Schnepfe zu sein; sieh diese braunen Haare, diese zaubrischen Augen, diesen schlanken Wuchs!« Und im Anschauen versunken, bemerkte ich gar nicht die steigende Verlegenheit des liebenswürdigen Kindes; endlich stampfte sie zornig mit dem kleinen Fuße, öffnete noch einmal weit die Tür, als wollte sie sagen: »Entweder – oder! Herein oder heraus! Ja oder nein!« Da wurde ich wach und wollte eben mein ganzes Herz ausschütten, als der Mond, der langsam in die Straße hereingetreten war und, mit seinem hellen Lichte über den Weg zitternd, eben seine Strahlen bis in den Hof vor dem Hause ergoß, jetzt auch plötzlich bis zur Türe drang und im Nu die jugendliche Schöne mitten in ihr holdes Gesicht küßte. Während dieses kritischen Augenblickes griff ich unwillkürlich nach dem Türschlüssel, der von einer weichen Hand gehalten wurde, und hatte der Mond einen so raschen Angriff gewagt, weshalb konnte ich es nicht ebenfalls? Was dem einen recht ist, das ist dem andern billig! Hei, du schönes Schnepfenkind! Da hörte man ein seltsames Geräusch, und alles war vorüber. – – Bei der Frau Schnepfe wohnte ich sehr gut. Mein Wohnzimmer ging nach dem Garten hinaus, der sehr reinlich gehalten wurde und also eine angenehme Aussicht darbot. Im Innern war alles sehr komfortabel eingerichtet. Teppich, Sofa, Lehnstuhl, sämtlich in bestem Zustande; auf dem kleinen Tisch an der einen Seite chinesische Krüge und Vasen, an der andern Seite der Kamin, in welchem ich trotz der gelinden Witterung stets ein helles Feuer unterhielt. Eine englische Wohnung ist nichts ohne den hellflammenden Kamin. Bücher, Pfeifen und Fidibus lagen auf den Stühlen umher. Ich wäre fast glücklich in diesem Bereich gewesen, leider hatten aber meine Hausleute erfahren, daß ich ein Deutscher sei, leider bildeten sie sich ein, alle Deutschen seien musikalisch und ganz närrisch fond of music, und nun hörte auch das Singen den ganzen Tag nicht auf! Kaum war ich morgens um 8 Uhr mit andächtiger Seele dem Bette entstiegen und bereitete mir den Tee, froh darüber, an dem jungen Tage noch nichts Böses getan zu haben, da hatte auch schon der älteste Sohn meine Nähe verspürt. Er legte die Zeitung fort und setzte sich an das Piano. Zuerst ein Vorspiel in sanften Tönen und feierlichen Akkorden – es ging vortrefflich vonstatten; es war der Anfang irgendeines Stückes, das er sich schon seit Jahren einzupauken suchte; er spielte sogar rasch und fertig, wenn er glücklich die eigentliche Melodie erreicht hatte; jetzt war er in der Mitte des Notenblattes, zwei-, dreimal gerieten schon die Finger auf die unrechten Tasten, eine gewisse Bangigkeit ergriff ihn – man konnte es deutlich hören; die Töne stolperten durcheinander wie Bauernjungen, welche die Kirchentreppe hinunterpurzeln. Es ging nicht mehr, die Verzweiflung kam; immer wilder und schneller jagten die Hände über das stöhnende Instrument, die Verwirrung wurde mit jedem Augenblick größer, das Piano ächzte, als litte es an der galoppierenden Schwindsucht, die Melodie tat noch einen Sprung, aber es war auch der letzte, denn sie verendete plötzlich mit einem herzzerreißenden Schrei, mit der entsetzlichsten Dissonanz. Der musikalische Brite sah ein, daß er sich noch nicht zur Vollendung durchgerungen hatte – und schwieg. Ich atmete erquickt auf und träumte eben von der Glückseligkeit, jetzt allen Schrecknissen entgangen zu sein, da begann die heilige Musika von neuem. Kann man keinen Walzer trommeln, so kann man doch wenigstens das »God save the Queen!« aufspielen. So dachte der älteste Sohn und ließ seiner Begeisterung freien Lauf. Das Nationallied war die Losung zu einem allgemeinen Jubel. Im untern Räume des Hauses schlug die Küchenmagd nach dem Takt mit den Löffeln zusammen, die Frau Schnepfe gab ihre Morgenbefehle und sang in demselben Tone, die schöne Tochter trillerte wie eine Bachstelze, und der Hausvater, der gerade zu seinen Geschäften aus der Tür ging, murmelte noch auf der Straße: »God save, God save the Queen!« Wehe dem, der dies Konzert anhören mußte! Erhabener Geist, du gabst ihnen alles; du hast ihnen Shakespeare und Milton gegeben, du gabst ihnen die Westminsterabtei, damit sie alle großen und kleinen Menschen komfortabel begraben können, du gabst ihnen Flotten und Meere, du gabst ihnen Indien und China, du hast sie groß gemacht vor allen Völkern. Erhabener Geist, du gabst ihnen alles – nur keine Musik! Die Engländer können weder singen noch spielen. Ein Engländer lernt eher eine Million Pfund Sterling verdienen als eine schöne Melodie behalten. Nur zwei oder drei Lieder, die ihnen schon an der Wiege gesungen wurden, nehmen sie mit ins Leben hinein, das andere bleibt ihnen verschlossen. Daß dies wirklich der Fall ist, beweist das ewige Wiederholen auch nur dieser zwei oder drei Lieder; es beweisen dies die wenigen Ausnahmen, welche als musikalische Talente unter dem Volke, unter dem so zahlreichen Volke auftauchten, und es beweisen dies die ungeheuren Anstrengungen, welche der Engländer macht, um nur ein kleines bißchen musikalisch zu erscheinen. Aber das ist ja auch ganz einerlei. Es muß einem indes in England auffallen, wie die Menschen, bei aller ihrer Unfähigkeit zum Gesange, immer auf die lächerlichste Weise behaupten, auch hierin den Nationen den Rang abgelaufen zu haben. Jeder Engländer wird darauf schwören, sie hätten den größten Komponisten der Welt, weil Carl Maria von Weber bei ihnen begraben gewesen sei. Die Sucht, musikalisch zu sein, scheint sich in England bis auf das Tierreich zu erstrecken. – Unter meinem Fenster weidete auf dem Bleichplatz ein schneeweißer Esel. Dieses ausgezeichnet schöne Tier war mir schon bei meinem Eintritt in das Haus der Frau Schnepfe vorzüglich lieb geworden. Noch mehr bewunderte ich es übrigens, seit ich in »Punch« las, man habe die Entdeckung gemacht, die Esel seien unsterblich. »Freilich«, fügte der Redakteur hinzu, »die Leute denken nicht an eine Ausnahme, welche in der Geschichte vorkommt: sie denken nicht an den toten Esel in ›Yoricks empfindsamer Reise‹!« Wie dem auch sei, genug, mir war es von der höchsten Bedeutung, einen weißen unsterblichen englischen Esel zu meinem Nachbar zu haben; denn möglicherweise konnte dieser doch unsterblich sein. Die Grazie, mit welcher das liebe Vieh durch die Blumen wandelte, die Anmut, mit welcher mein Esel in den Morgenhimmel hinaufblickte, hatten mir gleich in den Kopf gesetzt, es müsse etwas sehr Besonderes hinter ihm verborgen sein. Lange konnte ich mit mir nicht einig darüber werden; da stehe ich eines Tages, als der älteste Sohn eben sein Piano zur Veränderung malträtiert, am Fenster und zähle, wie oft er das »God save the Queen!« wiederholt, und rufe im höchsten Zorne: »Schon hundertundeinmal! Das ist stark! Nein, alles hat seine Grenzen!«, als mich eine kräftige Baritonstimme unterbricht. Erschrocken springe ich auf. »Weiß Gott, ich irrte mich, nein, hundertundzweimal!« Da sehe ich aber, wie schmählich ich mich getäuscht habe. Es war der weiße Esel, der, von musikalischer Wut ergriffen, seinen loyalen Gefühlen im Gesange Luft machte, und es klang auf ein Haar wie das »Gott segne –«, was mir noch in den Ohren fortsummte. Einst kam Miss Woodcock oder, mit andern Worten, Fräulein Schnepfe zu mir herein und erkundigte sich, wo eigentlich Deutschland läge. – Deutschland? Deutschland? Das solltest du kennen! Ich besinne mich einen Augenblick: »Ach, jawohl, es liegt seitwärts, etwas nach der linken Seite hin, wissen Sie.« – »Indeed?« ruft das junge Mädchen aus. »Das muß ein närrisches Land sein!« – Wieso?« frage ich. – »Sehen Sie, lieber Herr, ich habe hier etwas über Deutschland; mein Bruder brachte einige Zeitungen mit, ich sehe nie hinein, aber weil Sie ein Deutscher sind und in unserm Hause wohnen, so suchte ich nach, um etwas über Ihr Vaterland zu erfahren, und ich habe gefunden!« Da legte das freundliche Kind den großen Bogen auf den Tisch, rückte einen Lehnstuhl heran, setzte sich hinein und fuhr bald mit dem Zeigefinger durch die weitläuftigen Spalten. »Deutschland! Hier ist es, sehen Sie!« – »Wolfsjagden in Germany«, lese ich. »Deutschland, von unermeßlichen Wäldern bedeckt, zeichnet sich vor allen andern Gegenden durch seine herrlichen Jagden aus. Manch tüchtiger Nimrod wandelt dort noch unter den grünen Buchen, und nichts gibt es, woran er lieber seinen Mut erprobt als an dem Fang der Wölfe. Diese gefräßigen Tiere rennen in Herden von 40 bis 50 Stück fortwährend durch die Täler, und nicht zufrieden mit dem, was sie den Hirten rauben, wagen sie sich sogar in die Dörfer und erwürgen kleine Kinder. Ist solch ein Anfall geschehen, da läßt der erste Konstabler des Ortes eine Mannschaft zusammentreten. Man bewaffnet sich und setzt den Wölfen nach. Nicht selten ist es, daß man ihrer einige erschlägt; die Ohren werden ihnen dann abgeschnitten und dem Gouvernement ausgeliefert, welches eine Prämie darauf gesetzt hat.« Es fuhr mir ein kalter Schauder durch alle Glieder; ich drehte das Blatt herum und sah nach dem Namen der Zeitung. Es war »Tom Spring's Life in London«. »Und das nennen Sie närrisch, meine liebe Miss?« Das junge Mädchen schaute mich verwundert an. – »Aber ist es denn wirklich wahr?« – »Allerdings ist es wahr; es gibt sehr viele Wölfe in Deutschland!« Sie verbarg ihr kleines Gesicht in beiden Händen. Die schöne Schnepfentochter schwieg einige Augenblicke; da legte sie plötzlich die Hand vertrauensvoll auf meinen Arm, sah mich mit ihren großen Augen recht feierlich an und fragte: »Sagen Sie mir doch, lieber Herr, if you please, kennt man in Deutschland auch schon die Bibel?« »Seit kurzem!« antwortete ich. – »Indeed?! Aber ist es auch dieselbe Bibel?« »Ganz dieselbe, auf ein Haar!« – »Oh, das ist beautiful!« rief meine Hausgenossin und tanzte vor Freude in der Stube herum. »Jetzt habe ich die Deutschen noch einmal so lieb!« Das Geständnis, daß man in Deutschland die Bibel kennt, hatte meine Lage im Hause der Frau Woodcock um ein bedeutendes geändert. Am selben Abend hörte ich die Familie im großen Speisezimmer eine eifrige Unterredung führen; mehrere Male wurde mein Name genannt, und als ich ein wenig horchte, konnte ich deutlich vernehmen, wie der älteste Sohn sagte: »To be sure, er kennt nicht nur die Bibel, nein, er hat sie sogar unter seinen eigenen Büchern, und mit meinen Augen habe ich gesehen, daß er darin herumblätterte.« Die ganze Familie begrüßte diese Nachricht mit dem lautesten Jubel. Vierundzwanzig Stunden waren seitdem verflossen; ich hatte mir den Kopf hin und her zerbrochen, um zu verstehen, was es mit der Geschichte auf sich haben möchte. Endlich erriet ich's, nein, es wurde zur völligen Gewißheit: man wußte zwar, daß ich aus Deutschland kam, wo alles noch wild und voller Wölfe ist, aber man wußte auch, daß ich trotzdem eine gewisse religiöse Grundlage mit nach England brachte; auf dieser wollte man weiter fortbauen, es koste, was es wolle! Es war kein Zweifel mehr, man wollte mich episkopalisch bekehren! Die ersten Anstalten waren bereits gemacht. Mein »Tristram Shandy«, in dessen zweites Kapitel ich eben mit Macht hineinsteuerte, war aufgeschlagen auf dem Tische liegengeblieben. Am nächsten Morgen fand ich ihn sanft beiseite geschoben, und siehe da, eine Pilgrimsgeschichte mit goldenem Schnitt blickte darunter hervor. Kaum hatte ich einige Seiten darin gelesen, da rührte der Sohn der Schnepfe im Nebenzimmer das Piano zu einem Chorale. Merkwürdigerweise ging es besser als je damit; er kam fast bis zum Schluß, und nur die Gewohnheit mochte es tun, daß die Melodie dennoch zuletzt in das »Gott segne die Königin!« überschlug. Als er hierdurch mein Gemüt in die gehörige Stimmung versetzt zu haben glaubte, trat der älteste Sohn mit einem holden Lächeln zu mir herein. Sonntagsfrack und Weste saßen ihm herrlich, und das spitze Kinn bewegte sich graziös über dem Rande der weißen Krawatte. Er drückte mir seine Freude aus, daß ich schon so früh mit der Pilgrimsgeschichte beschäftigt sei, und bemerkte noch, daß ich überhaupt stets gut in England gelitten sein würde; denn gern hätten sie gesehen, daß ich dem bösen Beispiel anderer Fremden nicht gefolgt sei und seit dem Einzug in ihr Haus keine Karten berührt habe. Dann lud er mich ein, seine Familie in die Pfarrkirche zu begleiten. In der Pfarrkirche war alles herrlich. Voran schritt Master Woodcock mit seiner Gattin. Dann kam der älteste Sohn mit dem jüngern Bruder, zuletzt ich mit der schönen Fanny. Die Orgel brauste, die Engländer sangen. Wir standen in dem großen Kirchenstuhl. Master Woodcock schüttelte mir die Hände und rief: »You see, das ist unsre altenglische Kirche.« Der Sohn legte mir sein Gesangbuch vor, Fanny blickte mich mit triumphierenden Augen an; aber voller Entzücken, einen Deutschen aus dem wilden Lande der Wölfe zur Seligkeit episkopalischen Kirchendienstes eingeführt zu haben, riß die Frau Schnepfe ihren eigenen Wollsack vom Sitze und legte ihn mir unter... Zwei Stunden englischen Gottesdienstes gehören zu den schönsten Amüsements neuerer Zeit. Rechts und links stehen die Haupthähne der kleinen Bourgeoisie, die Leute, die während der Woche so gern Sand in den Zucker streuen, die Kalkwasser mit Milch vermischen und den edelsten Wein mit noch viel edlerem Schnaps taufen; sie haben sich für heute einmal gründlich die Hände gewaschen und erscheinen in den Kirchenstühlen feierlich schwarz wie Stare und steif wie Böcke. Ringsum auf den Galerien sammeln sich die höhern Klassen der Gesellschaft; Fabrikanten, welche Götzenbilder exportieren; Bankiers, die das Skalpieren besser verstehen wie die Mohikaner des Westens; Makler, die gewiß in den Himmel kommen, weil sie den Teufel um jede Seele, also auch um die eigene prellen werden, und Advokaten, die so berüchtigt sind, daß man die Kinder mit ihrem Namen bange macht. Zwischendurch setzen sich die lieblichen Gattinnen dieser sauberen Gemahle, duftend nach Rosinen und Korinthen, lächelnd wie faule Orangen und keusch wie Kaninchen. Und immer voller wird die Kirche. Jeden läßt man hereintreten; nur die Bettler, welche keinen Kirchenstuhl bezahlen können, werden vor die Tür geworfen. Da erscheint der Herr Pastor. Es ist ein würdiger Mann, der gern am Abend bei einer Flasche Portwein in Eisenbahnaktien spekuliert; er hat das Alte und das Neue Testament im Kopfe, und räuspernd stellt er sich auf die Hinterbeine und schnarrt seinen Text. Da erhebt sich die ganze fromme Gemeinde; man wackelt mit den Köpfen, man wendet sich rechts und links hin, man verdreht die Augen, und säuselnd beginnen sie ihren Davidschen Psalm. O liebliches Säuseln! – Wie wird mir! Bin ich auf Erden? Sitze ich unter Sterblichen? Sind dies dieselben Leute, welche sechs Wochentage lang so trefflich zu schreien, zu schwatzen, zu lügen, zu betrügen, zu stehlen und zu fluchen wissen? – Nein, es ist nicht möglich! Ich bin im Himmel, ich höre die himmlischen Heerscharen singen; sie jauchzen von Liebe und Glauben und Entsagung und göttlicher Barmherzigkeit – und wenn mich Fannys weiche Hand nicht an die süße Wirklichkeit erinnert hätte, ich glaube, ich hätte mich in jener Episkopalkirche in einen Engel des Himmels aufgelöst und wäre hinaufgeflogen in eine andere, bessere Welt. Mehrere Tage waren seit jener schrecklich schönen Stunde verstrichen, und eben saß ich einsam in meiner Stube und dachte darüber nach, wie alles in der Welt langweilig werden kann, da tritt Herr Woodcock herein. »Ich gebe Ihnen mein Wort darauf«, sagte ich ihm, »der ›Vicar von Wakefield‹ ist ein herrliches Buch!« – »Aber es ist eine Fiction«, erwiderte der älteste Sohn, »und alles, was eine Fiction ist, mag es noch so gut sein, es kann doch wieder schlecht darum stehen.« – »Das sollen Sie mir nicht umsonst gesagt haben!« erwiderte ich ihm, und schnell waren wir im entsetzlichsten Streite. »Sie haben den ›Vicar of Wakefield' geschmäht, und das vergesse ich Ihnen nicht!« Da drehte ich mich zornig auf dem Stuhle herum, und der Herr Woodcock verließ ebenso zornig das Zimmer. Seit jenem Augenblick waren wir geschiedene Leute. Ich sann auf Rache. Die Pilgrimsgeschichte hatte ich bereits in einen großen Bogen blaues Papier gewickelt, einen Bindfaden darum gewunden und beiseite gelegt. Ein abscheulich häßlicher Engel von Holz, den man mir auf den Kamin gesetzt hatte, war ebenfalls entfernt; ein Kartenblatt – Pique Dame – hatte ich an den Spiegel gesteckt und meinen »Tristram Shandy« aufgeschlagen auf den Tisch gelegt. So ausgerüstet, wollte ich allen fernem Bekehrungsversuchen widerstehen; denn darin, daß ich diesen widerstand, sollte eben meine Rache ihren Anfang nehmen. Was es für ein Ende nehmen würde, konnte ich nicht wissen, jedenfalls mußte es aber eine allgemeine Hausrevolution nach sich ziehen. Schon zeigten sich drohende Symptome: Fanny war seit drei Tagen nicht mehr in meinem Zimmer erschienen; Frau Schnepfe präsentierte mir den Tee mit abgewandtem Gesicht; der Hausvater Woodcock lief auf der Straße an mir vorüber und tat, als wenn er mich gar nicht sähe. Der älteste Sohn rührte das Piano nicht mehr. – Was aber allem die Krone aufsetzte, das will ich jetzt erzählen. In dem Leben und den Meinungen des unvergleichlichen Tristram Shandy war ich bis zum Schluß des dritten Kapitels vorgerückt, da überwältigte mich die Macht der Begebenheiten, ich konnte nicht weiter. Stunden-, abendelang brütete ich über den letzten Zeilen, und diese hießen folgendermaßen: »›Aber ach!‹ fuhr er fort und schüttelte seinen Kopf zum zweiten Male, indem er eine Träne fortwischte, welche von seiner Wange herunterrieselte, ›ach, meines Tristrams Mißgeschick begann schon neun Monate vor seiner Geburt!‹ – Meine Mutter, welche in der Nähe saß, blickte auf, aber sie wußte nicht besser als ihre Backside, was mein Vater meinte, aber mein Onkel Mr. Toby Shandy, dem die Geschichte oft erzählt wurde, verstand ihn very well!« Diese Stelle schien mir von solcher Bedeutung zu sein und von so hochtragischer Wirkung, daß ich beschloß, ein eigenes Studium darüber zu beginnen. Um sie mir recht einzuprägen, schrieb ich also die Passage in deutscher, englischer und französischer Sprache sauber und nett an den Gipfel eines Blattes Propatria-Papier. Es war in der Mitte des Monats Dezember, als ich um Mitternacht meiner Schlafstube zueilte. Die Angst beflügelte meine Schritte, denn eben war mir zu meinem Schrecken eingefallen, daß ich am Nachmittag das besagte Blatt auf dem Waschtisch hatte liegenlassen. Ich trat ein. Eine dumpfe Schwüle drang mir entgegen, geisterhaft flackerte das tief heruntergebrannte Talglicht und warf irre Streifflammen in einen zerbrochenen Spiegel, aus dem mir tausend höhnische Gesichter zuzugrinsen schienen. Jetzt stand ich vor dem verhängnisvollen Tische. Still wie ein unschuldiges Lamm ruhte mein Propatria-Bogen neben der Wasserflasche. Schon stieg die Hoffnung in mir auf, niemand habe ihn bemerkt, alles sei glücklich vorübergegangen, da wirbelte die Flamme meiner Kerze höher empor und ließ mich in den Abgrund meines ganzen Unheils schauen. Ein fingerbreiter Strich mit roter Kreide durchschnitt meine Übersetzungen und Notizen von oben bis unten, und bei der Stelle, wo es in dem armen »Tristram Shandy« heißt: »Meine Mutter, welche in der Nähe saß, blickte auf, aber sie wußte nicht besser als...«, da erblickte ich zu meinem Jammer die vernichtenden Donnerworte, ebenfalls in roter Kreide: »O horrible, most horrible!« (O schrecklich, sehr schrecklich!) Es war kein Zweifel mehr, man hatte mein Manuskript entdeckt, man hatte es gelesen; es war aus, es war vorbei, und die üblen Folgen meiner Nachlässigkeit stiegen drohend vor meinem Geiste empor. Morgen mit dem Frührot wird der Master Woodcock kommen, begleitet von seiner ganzen Familie. Da wird der älteste Sohn sprechen: »Vertreibt ihn, den Fremdling, denn er hat über meinen Choral gelacht.« Da wird Fanny sagen, die schöne Fanny, mit Tränen in den Augen: »Hebe dich von dannen, der du im Lande der Wölfe geboren bist!« Da wird die Frau Schnepfe ausrufen: »Entfleuch, der du ein Kartenblatt im Wappen führst!« Und da wird Master Woodcock mit großen Schritten herbeilaufen, er wird den Zeigefinger auf meinen Propatria-Bogen legen und zum Schlusse beginnen: »Ziehe hin! – Sieh, Jüngling aus Deutschland, wir glaubten dich auf einem guten Wege, wir liebten dich und führten dich in die grauen Hallen unserer Episkopalkirche. Wir dachten, es würde Früchte bringen, und freuten uns, als wir vernahmen, du schriebest Betrachtungen über jene Pilgrimsgeschichte. Aber du bist entlarvt, nicht pilgrimsche Betrachtungen, nein, unnütze Gedanken über ... hast du zu Papier gebracht. Wir sind geschieden!« Und ehe ich mich des versehe, werde ich samt meiner Bagage vor der Türe stehen, und der weiße unsterbliche englische Esel wird mir den Abschiedsgruß singen. Aber das soll nimmer geschehen! Und voll Zorn zog ich meinen Mantelsack unter dem Bett hervor, nahm Kleider und Wäsche, packte alles miteinander ein, legte Bücher und Pfeifen darüber, trank den Rest aus einer Flasche Porter, welche unten im Hause stand, näherte mich noch einmal Fannys Zimmer. »Schlaf wohl, liebes Mädchen«, rief ich hinein, »träume von den deutschen Wölfen!«, stellte dann das Talglicht an die hölzerne Engelstatue, so daß der Rauch gerade die Nasenspitze schwärzen konnte, nahm dann meinen Mantelsack unter den einen Arm, den »Tristram« unter den andern, ließ die Miete für den laufenden Monat auf dem Tische zurück, öffnete leise die Tür – »Ade, Frau Schnepfe!« – und wandelte die stille Straße hinunter. An der nächsten Ecke empfing mich mein teurer Freund aus Deutschland, der Mond, den ich mit lautem Jubel begrüßte und der sich sofort bereit erklärte, mich auf meiner fernern Wanderschaft zu begleiten. V Weihnachtsfest in den Yorkshire-Bergen Einige Tage lang hatte ein dichter Nebel auf den Bergen gelegen; beständig tropfte es von den Bäumen herunter, und die Leute an der einen Seite des Tales hatten die Häuser ihrer Nachbarn an der andern gewiß seit acht Tagen nicht gesehen. Da änderte sich am Abend vor Weihnachten plötzlich der Wind; in einer halben Stunde war die ganze Gegend klar, die Sterne stiegen nach und nach am tiefblauen Himmel herauf; der eben noch ganz feuchte Boden wurde hart und fest, so daß die Arbeiter, welche aus der Stadt in das Dorf zurückkehrten, rascher als gewöhnlich darüber wegeilten. Die guten Hausfrauen hatten aber alles wohl besorgt. Kessel und Kannen waren schon vor mehreren Tagen der Reihe nach gescheuert und geputzt. Es blieb nichts mehr zu tun übrig, und still und froh konnten sie der Feierzeit entgegensehen. Die Nacht über blieb es kalt; und am andern Morgen verkündeten die zarten Rosenlichter, welche dem Aufgang der Sonne vorherschwebten, schon früh einen schönen Tag. In all seinem Glanze brach er endlich heran, und erstaunt blickten die Landleute, welche durch das Tönen der Glocken von fern und nah eben vor die Türen gelockt waren, über das Tal hinweg nach den Tannenwäldern, die, in weiß und grünem Schmuck, in den ersten Strahlen der Sonne zu leuchten begannen. Die Gegend war herrlich. Unten im Tale der kleine Fluß, von dem in England fast das ganze Jahr hindurch grünenden Rasen umgeben. Höher hinauf Häuser mit Gärten, hinter denen sich prächtige Eichen erhoben, knorrige Stämme mit einer Krone weit auseinandergreifender Äste; über diesen die Tannen auf den Rücken der Berge, die sich weit hinauszogen und nur in der Entfernung einer Meile mehr nach beiden Seiten liefen, als wollten sie die Aussicht nach einem weißen, zierlichen Schloß besser frei halten, das sich mit zwei schlanken Türmen lustig aus den bereiften, schimmernden Zweigen der dunkelgrünen Tannen erhob. Dort sah man auch durch ein gewaltiges Tor in einen Park hinein, in welchem sich eine Herde Damhirsche herumtummelte. Über dem Ganzen der Strahl der Morgensonne und das Glitzern von tausend und aber tausend bereiften Baumwipfeln. Wir schreiten das Tal entlang dem Schlosse zu, steigen den Hügel hinan bis zu dem Eingang des Parks, wenden uns dann aber rechts. Der Weg geht noch etwas durch eine Waldung; bald haben wir den letzten der alten, ehrwürdigen Eichbäume erreicht, und vor uns liegt auf ebenem Rasenfelde, von kleinen Gebäuden umgeben, ein ziemlich großes, von Steinen aufgeführtes zweistöckiges Haus, dessen Dach nach allen Seiten etwas hinüberhängt und vier gewaltige Schornsteine führt, welche sämtlich ihren hellblauen Rauch schnurgerade in die Luft emporsteigen lassen. Das Schloß mit dem Parke gehört dem reichen Briten, dem Lord; das Haus auf grünem Rasenfelde dem Squire, der auf dem Grund und Boden seiner Väter frei das Haupt erhebt und, nicht weniger begütert als der vornehme Nachbar, von diesem noch zu seinen eigenen Feldern eine Anzahl Wiesen und Wälder übernahm, so daß er in den Tälern eine Herde »schwerwandelnden Hornviehs« unterhält und seine Pferde hinuntertreiben kann bis ans Meer. Lassen wir den Lord, der sich vielleicht auf dem Rhein, auf dem Ganges, auf dem Mittelmeer wiegt, samt seinem Damhirschpark in Ruhe und Frieden. Wir wollen zu dem alten Squire gehen, der in seinem eigenen Reiche zurückblieb und, treu den Sitten und Gebräuchen seiner Vorfahren, eben am Kamin sitzt und darüber nachdenkt, wie er seinen Kindern, seinen Leuten eine fröhliche Weihnachtsfeier bereiten soll. Er ist ein Mann von etwa fünfzig Jahren, groß, mit breiten Schultern; seine Wangen sind etwas von der Luft gerötet und gebräunt; schlicht hangen die schon grauen Haare an den Schläfen herunter; seine Augen sind blau und sehr gutmütig. In grünem Rock mit stählernen Knöpfen, mit Gamaschen von hellbrauner Farbe, die von den großen, etwas plumpen Schuhen bis über die Knie hinaufgehen, und den Filzhut mit sehr kleinem Rande hinten auf dem Kopf, sitzt er in dem ungeheuren Lehnstuhl an der Feuerseite und hat die Hände vor dem rechten Bein ineinandergeschlungen. Vor ihm steht ein schlanker Junge von ungefähr zwanzig Jahren, in blauen Kleidern, die überall knapp anliegen und nur vor der Brust auseinanderfallen, um einen glänzendweißen Hemdkragen sehen zu lassen. Um den Hals ist etwas nachlässig ein schwarz und rot kariertes Tuch gewunden. Die Hände stecken halb in den Taschen. Der Junge hat ein keckes, unternehmendes Profil! Ehe wir weitergehen, werfen wir einen Blick in das große altmodische Gemach, in dem sich der Squire mit seinem Sohne aufhält. Der Fußboden ist fast ganz mit einem dunkelgrünen Teppich bedeckt, vor den Türen und um den Kamin herum liegen Dachsfelle mit roter Einfassung. Die Wände sind mit braunen Eichenbohlen ausgelegt, und einander gegenüberstehend gewahrt man an beiden Seiten zwei riesige Schränke von geschnitzter Arbeit, wohl zweihundert Jahre alt. In den Fensternischen stehen kleine Sofas, in der Mitte des Zimmers aber ein ungemein großer Tisch, der mit Büchern und Papierrollen bedeckt ist. An der Hauptwand hängt ein dunkles Ölgemälde, von der Decke herunter ein Armleuchter. Das Merkwürdigste im ganzen Gemache ist aber sicher der gewaltige Kamin, so groß, daß man fast einen ganzen Eichbaum mit einem Male darin verbrennen könnte. Er ist von einem marmornen Gesims umgeben, auf dem Krüge, Gläser und allerlei sonderbare Figuren stehen. Die Strahlen der Morgensonne wetteifern mit den Flammen des Kaminfeuers. Und nun wieder zu dem Squire! Er nickt einige Male mit dem Kopfe, lacht dann laut auf und sagt zu seinem Sohne: »Bim, lieber Bim, sechs Flaschen Portwein, von dem alten Wein, Junge, wir müssen sie haben! Die gute Mary sagt, sie wären nur für Kranke, aber wer ist krank um Weihnachten? Ganz England ist munter und lustig, und«, fügte er in ernstem Tone hinzu, »sollte etwas vorfallen, da wissen wir doch Rat zu schaffen! Das gute Kind hat eigentlich nichts über den Weinkeller zu sagen; aber sie hat die Flaschen beiseite gebracht und will sie jetzt nicht herausgeben – wahrscheinlich stehen sie in ihrem Küchenkeller –, wir müssen den alten Portwein haben, was soll sonst aus unserer Bowle werden! – Du bist in Manchester auf der Schule gewesen und hast allerlei dumme Streiche gelernt; sieh, wie du es fertigbringst!« Da schwieg der alte Squire, und man sollte denken, daß Bim, als ein Jüngling von zwanzig Jahren, seine größte Freude über diesen Auftrag an den Tag gelegt hätte; aber Bim verzog keine Miene, die Hände blieben in den Taschen, keine Silbe kam über die roten Lippen, und das einzige Zeichen, daß er den alten, fröhlichen Vater verstanden hatte, war das Zudrücken des einen Auges und die Bewegung seiner Nase, wie junge Windhunde wohl tun, wenn sie zum erstenmal mit aufs Feld genommen werden. Dann drehte sich Bim um und verließ das Zimmer. »Very well!« hörte man ihn in der Tür sagen. Der Squire erhob sich aus dem Lehnstuhl und schritt ans Fenster. Er sah zwei seiner Leute auf dem Hofe stehen. Er winkte ihnen, und bald traten die beiden herein. Sie mußten Bericht über ihre Sendung vom verflossenen Abend abstatten und taten es mit der größesten Kürze. Um nach alter Sitte den Armen rings in der Gegend ein fröhliches Fest zu bereiten, hatte der Squire schon einige Tage vorher eine Masse Weißbrot backen und samt vielen Stücken des besten Ochsenfleisches und einigen Fässern Ale verteilen lassen. Heute sollte auch der Ärmste Kummer und Not vergessen und nach einem ganzen Jahre ununterbrochener Arbeiten und Entbehrungen sich mit dem süßen Komfort umgeben können, in dem sich die Bewohner Alt-Englands so glücklich fühlen. Als die beiden Leute des Squire mit ihrem Bericht fertig waren, eilte der eine in die Ställe und zog bald einen blankgeputzten Schimmel am Zaume heraus. Flink saß er ihm auf dem Rücken und trabte dann in das Tal hinunter, um ein paar Meilen weit in der Runde alle Bekannten und Verwandten des Squire daran zu erinnern, daß um 4 Uhr die Festlichkeiten begännen. Während dieses an der einen Seite des Hauses und des Hofes vorging, war die junge Mary in den übrigen Räumen nicht weniger tätig gewesen. Die Tochter des Squire lief schon früh in die Küche hinunter und musterte das Heer der Kessel und Schüsseln, welches rings die Gesimse bedeckte, und wählte aus, was am heutigen Tage gebraucht werden sollte. Dann erteilte sie den Mägden die übrigen Befehle oder wünschte eigentlich nur, was sie wollte, denn nie vergaß das gute Kind, ein wohltönendes »If you please« an die Aufträge zu hangen, welche sie gab. Als alles in gehöriger Ordnung war, huschte sie wieder die Treppe hinauf, und wer unten stand, hätte sich über zwei allerliebste kleine Füße freuen müssen, die in schneeweißen Strümpfen und grünen Morgenschuhen nur im Fluge die einzelnen Stufen berührten. In ihrem stillen Schlafgemach trat die jugendliche Schöne vor den kleinen Spiegel und ließ den braunen Schildpattkamm durch die blonden Haare streichen, so daß bald an den Wangen die aufgelösten Locken in reicher Fülle hinunterfielen. Die helle Schürze mit tiefem Einschnitt, welche in Falten über das dunklere Kleid rauschte, ließ die schlanke Taille noch vorteilhafter erscheinen; und als nun endlich der einfache Anzug fertig und nett die liebe Gestalt umgab, da hätte mancher Junggeselle recht viel darum gegeben, ihr zu guter Letzt noch das samtne Tuch um den weißen Hals werfen zu dürfen, um dann erwartungsvoll in das zartrosige Antlitz zu blicken, ob und mit welch lieblichem Lächeln sie ihm für den kleinen Dienst danke. Wenige Augenblicke nachher versammelten sich die Familie und die ersten Untergebenen des Squire in dem großen Zimmer zum Frühstück. Es wurde totenstill im ganzen Hause, und bald hörte man den Hausvater einen altenglischen Episkopalgesang erheben, feierlich und ernst, wie er ihn seit dreißig Jahren gesungen, und mit helltönenden Stimmen sangen Kinder und Hausgenossen das »Amen«. Der Tag schritt voran. Bald war es 4 Uhr nachmittags; da knarrten die beiden Flügel des großen Hoftores und öffneten sich weit zum Empfang der Gäste, die in mehreren Wagen den Hügel herankamen. Landlords und Landladys im besten Schmuck, bedächtige dicke Pächter, junge Burschen und schüchterne Mädchen stiegen vor der Haustür ab. Dort stand schon der Squire mit seiner Tochter, um einem jeden seiner Freunde mit einem herzlichen »How do you do?« die Hand zu schütteln. Mary küßte die frischen Gesichter der freundlichen Nachbarinnen, und Bim, mit den Händen in der Tasche, blinzelte mit den Augen. Alle stiegen die Treppe hinauf und waren bald im Innern der Wohnung, wo in drei Zimmern gewaltig breite Tische mit etwa dreißig Gedecken aufgepflanzt standen. Den ältern Leuten war ungehinderter Eingang gestattet; alles junge Volk wurde aber nicht so schnell damit fertig, und namentlich zauderten die jungen Mädchen ungemein mit dem Eintreten; mit Kichern und Lachen verbargen sie die kleinen Köpfe in den Händen, eine suchte sich hinter der andern zu verstecken, und die niedlichen Füße wollten gar nicht von der Stelle. Über der Stubentür erblickten sie nämlich zu ihrem süßen Schrecken den verhängnisvollen grünen Weihnachtsstrauß und auf der Schwelle vier bis fünf recht englische Jungen, die mit der Zunge schnalzten, ihnen verwegene Blicke zuwarfen und von Zeit zu Zeit mit den Händen über die roten Lippen fuhren, als machten sie sich zu einem lieblichen Geschäfte bereit. Nach altem Herkommen war es ihnen nämlich gestattet, jedes weibliche Wesen, das sie unter dem grünen Busch ertappten, mit einem nachdrücklichen Kuß zu bewillkommnen. Sie hätten aber heute ein ganzes Jahr warten können, ehe die geschmückten Schönen eingetreten wären. Erst als Bim dem bevorstehenden Glück freiwillig entsagte, die Schwelle verließ und den verschämten Mädchen in den Rücken fiel, um sie sanft vorwärts zu stoßen, da mußte endlich wohl die Vorderste ihrem Schicksal entgegengehen, und mit einem leichten Schrei des Entsetzens sprangen ihr die andern nach. Die Burschen schlossen aber jetzt schnell die Passage, und im Nu hatte ein jeder eine schlanke Taille gefaßt, und piff, paff! brannte die süße Kanonade los, daß die alten Pächter und Squires sich vor Lachen die Seiten hielten. Endlich hatten alle die Schwelle überschritten, nur der schlaue Bim drückte sich in eine Ecke und blickte sehnsüchtig nach der Tür, aus der seine Schwester Mary heraustreten mußte, um die Tücher ihrer Freundinnen in Sicherheit zu bringen. Sie erschien, beide Hände voll, und eilte einem andern Zimmer zu. Fast wäre sie vorbeigesprungen, aber zur rechten Zeit noch umschlang sie der zärtliche Bruder, und während der eine Arm den Kopf der schönen Schwester nach dem seinigen bog, ließ er den andern an ihre Seiten hinabgleiten, und wie ein Blitz fuhr die lange Hand in die Tasche der seidenen Schürze und zog ein Bund Schlüssel daraus hervor. Die arme Mary, bei ihren rosigen Lippen so stürmisch angegriffen, hatte es gar nicht bemerkt, und ehe sie sich von ihrem Schrecken erholen konnte, war der Bruder Bim schon verschwunden, und »Very well!« hörte man ihn über den Hausgang rufen: »Ich habe die Kellerschlüssel! Sechs Flaschen Portwein, von dem alten, die sind sicher! Very well!« Die Gäste erwarteten indes den Weihnachtsbaum; nicht einen Baum mit Lichtern wie in Deutschland, sondern den Stamm einer Eiche von mehreren Fuß Länge. Bald hörte man vom Walde herüber den Klang einiger Instrumente und viele Stimmen, die lustig ineinander jubelten. Jetzt zogen sie in das Gehöfte ein, und aus den Fenstern antworteten schon die jüngern Leute mit jenem eigentümlichen Ruf, in dem das Wort »Yule« («Weihnachten) zu verschiedenen Malen widertönte. Der Zug trat jetzt ins Zimmer ein. Voran ein phantastisch gekleideter Bursch, der das Ganze leitete. Ihm folgten vier Musikanten; einer spielte Klarinette, der andere das Waldhorn, der dritte die Flöte, und ein letzter suchte aus einer alten Bratsche dumpfe Töne zu locken. Dann kamen junge Mädchen mit grünen Taxus- und Tannenzweigen in den Händen und hierauf einige Leute des Squire, welche auf zwei dicken Stöcken einen gewaltigen Eichenklotz, das untere Ende des Stammes, trugen. Dies war der »Yule-clog« (der Weihnachtsbaum). Den Schluß bildeten fünf bis sechs Jungen mit Tannenzweigen an den Hüten, die bald in die Melodie der Musikanten einstimmten, bald ihrer Freude in beliebigem Jubeln Luft machten. Der Weihnachtsklotz wurde nun in den Kamin geschoben, und die ganze Gesellschaft jauchzte laut auf, als die Flammen bald das alte Holz erfaßten und prasselnd darüber emporschlugen. Die Sonne war indes untergegangen. Auf den gedeckten Tischen begannen Krüge und Gläser zu schimmern, merkwürdig hochgehenkelte Gefäße, mit allerlei fratzenhaften Gesichtern geschmückt, weite, große Schüsseln, mit Lorbeerblättern umlegt, verschiedene Brote und Kuchen, in phantastische Formen gebacken, über denen sich freilich kein Wildschweinskopf, wie es eigentlich die Sitte will, sondern in schönster Abwechslung Beef, Gänsebraten und Pudding erhoben. Vor allem strahlten aber drei riesige Bowlen und verbreiteten rings einen süßen Duft. Auf jedem Tisch stand eine. Die zu den beiden Seiten enthielten altes, feines Ale, mit Zimt, Ingwer, Zucker und Rosinen gewürzt, die dritte, auf dem mittleren Tische, war unerschöpflich an altem Wein. Um die beiden ersten sammelten sich die Leute des Squire und einige Pächter, welche die Ale-Mischung allem andern vorzogen; die Weinbowle war für den Hausherrn und die genauern Freunde bestimmt. Die Tafelrunde selbst nahm sich lustig genug aus. Bunt durcheinander sah man wohlbeleibte Pächter mit ihren gesunden, kräftigen Gattinnen, kecke, unternehmende Gesichter der jüngern Leute, verständige Squires-Köpfe und die schlauen Augen der im Roßhandel bewanderten Landlords; den eigentlichen Reiz verliehen aber dem Ganzen jene frischen Gesichter der jugendlichen Landmädchen, welche nicht wie die Londoner Schönen jenen nebelhaften Charakter des Inselreiches auf blau-melancholischen Wangen widerschimmern ließen, sondern nicht anders als eben aufgeküßte Rosen aussahen. Nachdem der alte Squire mit gesenktem Haupte und gefalteten Händen das kurze Tischgebet gesprochen: »For all things, which we are going to receive, o Lord, make our hearts truly thankfull« (Für alles, was wir erhalten werden, o Gott, mache unsere Herzen wahrhaft dankbar) – erhob man die Hände zum lecker bereiteten Mahle. Die vier Musikanten taten indes ihr möglichstes, um das Ohr durch lustige Melodien zu ergötzen. Jetzt schwiegen sie, als wollten sie sich zu einem Hauptstück rüsten, und nicht lange währte es, da brauste das »Rule Britannia« durch die drei Gemächer, und begeistert stimmte jeder Mund in den Gesang ein. Die Pächter an den gewürzten Ale-Bowlen schienen namentlich ganz im rechten Zuge zu sein. Einer glühte schon seit einiger Zeit wie ein Nordlicht, und deutlich konnte man ihm ansehen, daß er etwas ganz Besonderes auf dem Herzen hatte. Bald faßte er das schwere Glas, räusperte sich mit unbändigen Grimassen und suchte vom Stuhle aufzuspringen. Aber gleich darauf war ihm schon alles wieder leid, und schwermütig sank das Haupt auf die Brust hinab. Erst als ihn der Squire mit deutlichem Winken ermunterte, nur alles zu sagen, was er für recht und am Orte hielte, da konnte er es nicht länger in der Seele verschließen, und mit würdigem Tone begann er: »Here's health to inside of a loaf! Outside of a jail; a good beefsteak and a quart of ale!«, was in deutscher Sprache ungefähr so heißen würde, als wenn man jemandem nebst guter Gesundheit wünschte, er möge stets das Innere eines Brotes und stets das Äußere eines Gefängnisses sehen, auf dem Tisch aber ein gutes Beefsteak und ein Quart Ale. Nachdem dies einige Male mit großem Jubel von den übrigen Gästen wiederholt war, entfernten sich die Frauen und Töchter, um beim Schein des hellen Sternhimmels allerlei Tänzen und Spielen zuzuschauen, die auf dem freien Platz vor dem Walde aufgeführt wurden. Leider beschließt man indes das Fest jetzt nicht mehr mit jenen kräftigen Späßen wie vor fünfzig oder hundert Jahren, wo bei solchen Gelegenheiten jedesmal der heilige Georg mit einem Drachen oder Türken zur allgemeinen Belustigung kämpfen mußte; das Ganze beschränkt sich auf einige Tänze und die Abenteuer unter dem grünen Busch vor der Tür. Von der Erlaubnis, die mit diesem zusammenhängt, suchen denn freilich die jungen Burschen in jenen Tagen sehr zu profitieren, und leicht läßt es sich denken, wenn Wein, Gesang und ein schöner Nachthimmel die Seelen in einen süß-romantischen Zauber einwiegen, daß das erste Widerstreben mancher Schönen allmählich verschwindet und zuletzt sich eine Lippe der andern gern zu raschem Kusse entgegenbiegt. Die Bekanntschaft, welche auf solche Weise angeknüpft wurde, spinnt sich dann auch wohl über die Feiertage hinaus fort, und nach Jahren sammelt ein lustiger Squire vielleicht seine jungen Freunde zu eben dem Feste, das ihm selbst seinerzeit den ersten Kuß der Geliebten brachte, die nun als Gattin neben ihm am Kamin thront. Als die Frauen das Zimmer verlassen hatten, rückten die Männer näher mit den Stühlen zusammen, und nicht lange dauerte es, da brachte auch schon der lange Bim die sehnlich erwarteten sechs Flaschen Portwein herbei, und der Squire mußte gestehen, daß er an seinem Sohne doch ein gutes Gewächs habe. Die Gäste wiegten sich jetzt behaglicher in den großen Lehnstühlen, die Gläser wurden aufs neue gefüllt, und hatte man sie halb oder ganz ausgetrunken, da wurden sie auf das Gesims des Kamins gestellt. Manche ernste und heitere Geschichte erzählten sich die alten Squires und Pächter aus den Yorkshire- Bergen. – – So endete die Weihnachtsfeier in jenem altertümlichen Gehöfte, das so reizend zwischen Berg und Wald auf grünem Rasenfelde liegt. Daß der Bewohner desselben seine Freunde und Standesgenossen nach altem Herkommen so trefflich bewirtete, machte ihm alle Ehre; ein noch schöneres Licht muß es aber auf ihn werfen, daß zu derselben Zeit, wo sein Haus von Lust und Jubel widerklang, er auch in den Hütten der Armen Freude bereitete und ihnen von dem Brote und Ale spendete, was ihm in reicher Menge verliehen war. Mit herzlichem Händedruck nahmen die Gäste von ihrem Wirte Abschied. Der alte Squire stand wieder vor der Tür seines Hauses und begleitete einen jeden mit helltönendem »Farewell«. Bim nickte den jungen Freundinnen zu und steckte die Hände in die Taschen. Die schöne Mary ließ ihre blonden Locken im Nachtwinde wehen und war ausnehmend schön! Fort aber rollten die Wagen mit ihren schlaftrunkenen Gästen. Von Zeit zu Zeit jubelte noch mal einer der heimziehenden Burschen, dann reckten sich die Damhirsche in dem nahen Park erschrocken in die Höhe. Bald war alles still. – Leb wohl, du alter Squire in der Grafschaft Yorkshire! VI Die englische Mittelklasse Eine Eisenbahntour durch Yorkshire und Lancashire gehört zu den interessantesten Reisen, die man in England machen kann. Von Leeds nach Manchester, den bedeutendsten Orten der einen und der andern Grafschaft, läuft der Weg fortwährend durch die reizendste Gegend. Waldige Hügel, prächtige Kornfelder, lieblich-grüne Wiesen und schattige Flußtäler wechseln in bunter Reihe miteinander ab. Man hat indes kaum Zeit, sich dieser Naturschönheiten zu erfreuen, denn das Werk der Menschen spielt rechts und links, in den Tälern, auf den Höhen, eine so große Rolle, daß man unwillkürlich das Auge nach den letztern hinüberschweifen läßt. Eine Stadt, eine Ortschaft folgt der andern; überall blicken uns von den Gipfeln der Berge Hütten und Landhäuser an, überall dampfen und rauschen in den Tälern die größesten Fabriken, die es vielleicht in der Welt gibt. Wie der Weg vom Ausfluß der Themse bis hinauf in die London Bridge den Reisenden alle Wunder des Handels und der Schiffahrt sehen läßt, so läßt ihn seine Tour von Leeds nach Manchester das Großartigste der industriellen Tätigkeit Englands beschauen. Wir brauchen nur an die Orte Wakefield, Normanton, Halifax, Stockport, Bolton, die er im Fluge berührt, zu erinnern, um eine Idee von der Mannigfaltigkeit des Eindrucks zu geben, den diese auf der Eisenbahn in 4 Stunden vollendete Reise mit sich bringt. Hat man diese Strecke durchfahren und rechts und links noch die Orte besucht, welche durch Zweigbahnen mit der Hauptstraße verbunden sind, hat man Bradford, Huddersfield, Ashton, Stalybridge usw. besucht, da begreift man, daß England imstande ist, die ganze Welt mit seinen Fabrikaten zu versorgen, daß es bei diesen enormen Produktionskräften gewissermaßen gezwungen ist, immer neue Märkte aufzusuchen, daß es noch ganz Asien über den Haufen werfen muß, wenn nicht schon bald das auf fortwährender Ausdehnung begründete System seiner Industrie ins Stocken geraten soll. Der unendliche Reichtum Großbritanniens an den Hauptbedingnissen jeder industriellen Entwicklung, seine unerschöpflichen Eisen- und Kohlenbergwerke, der erfinderische Geist und die Energie seiner Bewohner und die für den Verkehr so günstige Lage des Landes haben England zu dem gemacht, was es jetzt ist. Außer den produktivsten Zinnbergwerken, die es in ganz Europa gibt, außer den schönsten Blei- und Kupferminen und außer einer Salzmenge, mit der man die ganze Welt auf undenkliche Zeiten versorgen könnte, besitzt Großbritannien namentlich in den westlichen und nördlichen Teilen Englands und im südlichen und mittleren Teile Schottlands die kolossalsten Schätze an Kohlen und Eisen, die man sich denken kann. Die ungeheure Entwicklung der Industrie war nur durch die reichen Kohlenlager möglich. Glasgow, Manchester, Birmingham, Leeds, Sheffield wuchsen dadurch im Norden des Landes zu so großen Plätzen heran, während im Süden, wo die Menschen ebenso industriell und intelligent sind, wo aber die Kohlen seltener und deswegen teurer sind, Städte wie Canterbury, Winchester, Salisbury ihre alte Bedeutung verloren und mehr oder weniger in Verfall gerieten. Mit Recht nannten daher die Bewohner des Nordens ihre Kohlenbergwerke das Schwarze Indien (Black Indies), denn es sind ihnen wahrlich genug Schätze aus diesen düstern Schächten heraufgeblüht. Nach McCulloch war im Jahre 1837 der Totalkonsumo von Kohlen in Großbritannien jährlich 21 350 000 Tons (1 Ton = 2200 Pfund); die Ausfuhr von Kohlen nach Irland, nach den Kolonien und nach fremden Plätzen jährlich 1 350 000 Tons; zusammen also: 22 700 000 Tons jährliche Produktion. Die Kohlenbergwerke von Durham und Northumberland allein würden nach einer Abschätzung Taylors diese Masse noch für die nächsten 1700 Jahre liefern können. Südwales könnte dasselbe Quantum noch 2000 Jahre lang liefern. Die Totalproduktion von Eisen in Großbritannien war nach Porter im Jahre 1840: 1 500 000 Tons. Daß ein so enormer Bodenreichtum jede industrielle Unternehmung begünstigen mußte, läßt sich leicht denken. Wir wollen an der Baumwollen- und an der Wollenindustrie zeigen, mit welchen Riesenschritten diese Entwicklungen vor sich gingen. Manchester, »die Metropole der Arbeit«, ist der Hauptsitz der Baumwollenmanufaktur. Schon im Jahre 1641 zeichnete sich dieser Ort durch seine industrielle Tätigkeit aus; daß diese indes nach den heutigen Begriffen für ein ganzes Jahrhundert lang noch sehr beschränkt blieb, geht daraus hervor, daß im Jahre 1766 in ganz England nur für 600 000 Pfund Sterling Baumwollenwaren fabriziert wurden, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß man in jener Zeit viel Leinengarn bei der Weberei mit untermischte. Da erfand James Hargreaves um 1767 die Spinning-Jenny, eine Maschine, mit der man hinfort 8 Fäden Baumwolle spinnen konnte, wo man früher nur einen spann; nach und nach vervollkommnete man indes diese Maschine so, daß zuletzt ein kleines Mädchen nicht weniger als 80 bis 120 Spindeln zu besorgen imstande war. Die Jenny war nur geeignet, Baumwolle zu Einschlag zu verspinnen, da sie dem Garn nicht die Festigkeit gab, welche zu Kettengarn nötig ist. Diesem wurde durch die Erfindung Richard Arkwrights abgeholfen, der im Jahre 1769 ein Patent auf seine Spinning-Frame nahm. Arkwrights Patent hörte im Jahre 1785 auf, und seitdem ging es in allen Branchen der Industrie rasch vorwärts. Die Verbesserungen, welche durch James Watt an der Dampfmaschine gemacht wurden, trugen dazu bei, um den neuen Erfindungen Hargreaves' und Arkwrights den rechten Schwung zu geben, indem jetzt der Dampf den häufigen Mangel an andern Triebkräften aufhob. Die Mule-Jenny, so genannt von einer Vereinigung der Jenny und der Spinning-Frame, wurde von Samuel Crompton in Bolton im Jahre 1775 erfunden, kam aber erst nach Ablauf des Arkwrightschen Patents in rechten Gebrauch. Das Garn, was durch die Spinning-Frame produziert wurde, obgleich für Kettengarn passend, war doch oft zu hart und zu fest gedreht, um für Einschlag benutzt werden zu können, und meistens spann man dies nach durch Hargreaves' Jenny. Die Erfindung der Mule-Jenny überflügelte diese aber ganz. Alle Sorten Einschlag, von den niedrigsten bis zu den höchsten Nummern, werden jetzt auf dieser Maschine gesponnen, und man ist zu einer solchen Vollkommenheit damit gelangt, daß man in Manchester 350 Hanks Garn, welche einen fortlaufenden Faden von 167 engl. Meilen Länge bilden, aus einem Pfunde Baumwolle spinnt. Anfangs führte die Mule nur 144 Spindeln; nach vielen Verbesserungen innerhalb einer Zeit von 12 Jahren führte sie 300 bis 400 Spindeln. In Manchester sind indes manche Mules in Bewegung, welche die außerordentliche Zahl von 700 bis 800 Spindeln führen; einige wenige sogar 1100 Spindeln. Verschiedene Versuche wurden gemacht, um die Mule bloß durch Maschinerie zu treiben, ohne Hilfe menschlicher Hände; alle schlugen indes fehl, bis zuletzt die Maschinenbauer Sharp, Roberts \& Co. in Manchester die Selfacting-Mule erfanden, eine Maschine, bei der die Hände der Menschen so sehr überflüssig sind, daß man nur einiger Kinder bedarf, um die abgebrochenen Fäden wieder anzuknüpfen. Ebenso gewaltige Verbesserungen, wie durch Hargreaves, Arkwright und Crompton in der Spinnerei gemacht wurden, geschahen durch einen Geistlichen aus Kent, Dr. Cartwright, in der Weberei, indem er die Power-Loom, den mechanischen Webstuhl, erfand. Im Jahre 1787 nahm er ein Patent für seine Erfindung der Looms, daran sämtliche Bewegungen durch Maschinen hervorgebracht wurden. Thomas Johnson machte die Anwendung der Power-Looms dadurch noch wirksamer, daß er eine Maschine erfand, welche das zur Kette bestimmte Garn vorbereitete, so daß bald ein Kind von 12 bis 14 Jahren mit Leichtigkeit 2 Power-Looms besorgen konnte, die in derselben Zeit gerade viermal soviel Zeug weben können wie der beste Handweber. Die Spinning-Frame und die Power-Looms wurden zuerst bei der Baumwollenmanufaktur benutzt, dann aber auch bei der von Wolle und Seide. Wenn man alle Erfindungen, die in der Spinnerei gemacht wurden, zusammennimmt, so findet man nach ihrer Anwendung folgende Resultate. Eine Dampfmaschine von 100 Pferdekräften, welche die Stärke von 880 Menschen hat, setzt 50 000 Spindeln einer Baumwollspinnerei in Bewegung. Jede Spindel spinnt einen separaten Faden, und die ganze Spindelzahl arbeitet zusammen in ein und demselben Gebäude. 750 Menschen sind hinreichend, um alle Operationen einer solchen Baumwollspinnerei zu besorgen, und mit Hilfe der Dampfmaschine können sie so viel Garn spinnen wie 200 000 Menschen ohne Maschinen. Jede Spindel in einer Spinnerei kann zwischen 2½ und 3 Hanks oder 840 Yards täglich produzieren, was mehr als 1¼ engl. Meile Garn in 12 Stunden ist. Die 50 000 Spindeln einer Spinnerei können in 12 Stunden einen Faden spinnen, der lang genug ist, um 2½mal um die ganze Erde zu gehen. Vor dem Jahre 1795 wurde die rohe Baumwolle namentlich von Westindien, Südamerika, Indien und aus der Levante bezogen. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika kamen damals nur mit sehr kleinen Quantitäten in den Markt. Da erfand aber der Amerikaner Eli Whitney eine Maschine, mit der die Baumwolle sehr rasch und leicht von ihren Hülsen getrennt und gereinigt werden konnte. Diese Erfindung änderte augenblicklich die ganze Sache; die Vereinigten Staaten wurden sofort die Hauptbezugsquelle der englischen Industriellen, und so sehr hat sich die Produktion von Baumwolle gesteigert, daß Nordamerika jetzt nicht allein mehr Baumwolle produziert als die ganze übrige Welt zusammengenommen, sondern daß z. B. von den 326 Millionen Pfund Baumwolle, welche im Jahre 1834 nach England importiert wurden, 269 Millionen Pfund aus den Vereinigten Staaten kamen. Wunderbar ist es, wie die verschiedenen Erfindungen in der Spinnerei, in der Weberei, in der Dampfmaschine und in dem Reinigen der Baumwolle ineinandergreifen, und mit Recht bemerkt McCulloch, daß gewissermaßen die eine Entdeckung die andere bedingt. Ohne die Erfindung Whitneys würde die Entdeckung Arkwrights von weniger Bedeutung gewesen sein, da ihm ja bald bei den verbesserten Maschinen die nötige Baumwolle gefehlt haben würde; ohne Arkwright würde auf der andern Seite Whitneys Erfindung von weniger Bedeutung gewesen sein, da ihm ja der Absatz der leichter produzierten Baumwolle gefehlt hätte; und ohne Watts Verbesserungen der Dampfmaschine hätten weder Arkwright noch Whitney viel mit ihren Erfindungen ausrichten können. Das Zusammentreffen aller dieser Erfindungen, der unendliche Bodenreichtum Englands an Kohlen, an Eisen, der es möglich machte, daß diese Erfindungen angewandt und ausgedehnt werden konnten; die Energie und die Tätigkeit einer Bevölkerung, die zu ahnen schien, welche Größe ihr bevorstand, und endlich ein Krieg, der dem Briten die Herrschaft auf allen Meeren sicherte und ihm die Märkte der alten Welt eröffnete – alles dies machte, daß in Zeit von wenigen Jahren die Industrie einen Aufschwung nahm, der alles hinter sich läßt, was in dieser Weise jemals Wunderbares geschehen. Die Angabe der Ausfuhr von Baumwollenwaren in den verschiedenen Jahren zeigt am besten, wie es sich mit der Entwicklung dieser Industrie verhält. Im Jahre 1800 hatte sie einen Wert von 5 406 501 Pfund Sterling. In 1834 34 000 000 Pfund Sterling. Die Einfuhr von roher Baumwolle in Großbritannien stieg von 11 482 083 Pfund im Jahre 1784 auf 326 875 425 Pfund im Jahre 1834. Nach einer mäßigen Berechnung waren in 1836 ein und eine halbe Million Menschen im ganzen Königreich mit dem Baumwollhandel beschäftigt. Von 1070 Baumwollspinnereien mit 182 082 Menschen, welche im Jahre 1834 arbeiteten, waren 683 Spinnereien mit 122 415 Individuen in Lancashire, 122 Spinnereien allein in Manchester. Die Bevölkerung von Manchester und Salford stieg von 98 573 Menschen in 1811 auf 262 636 in 1841. Gerade wie Lancashire der Hauptsitz der Baumwollenmanufaktur ist und in Manchester gewissermaßen sein Zentrum hat, so ist die West Riding der Grafschaft Yorkshire das Herz der Wollenindustrie, wo sich namentlich Bradford durch seine Worsted-Spinnereien und Leeds durch seine Tuchfabriken auszeichnen. Lange Zeit war England in der Fabrikation von Wollenzeugen hinter andern Ländern zurück, und wenn auch immer die grobem Sachen zu Hause gemacht wurden, so brachte man doch bis zum 16. Jahrhundert große Quantitäten englischer Wolle nach Flandern, von wo man die feinen Sorten Tuch sowie die meisten für den englischen Konsumo erforderlichen fremden Produkte mit zurückbrachte. Erst um das Jahr 1668, als sich viele flandrische Emigranten in England niederließen, wurde die Wollenindustrie mit jedem Jahre bedeutender. Die Erfindungen Hargreaves' und Arkwrights in der Spinnerei der Baumwolle änderten natürlich auch das System der Wollen- und Worsted-Manufaktur. Die Totaleinfuhr von Wolle stieg von 8 609 368 Pfund in 1800 auf 22 558 222Pfund in 1824 und im Jahre 1839 auf: aus Deutschland Pf. 27 472 800 Spanien und Kanarische Inseln 2 932 500 Australien, Neuholland 10 949 680 Rußland, Schweden, Norwegen, Portugal, Westindien, Südamerika 17 190 200 Pf. 58 545 180 Die Bevölkerung von Leeds stieg von 53 000 Menschen in 1801 auf 123 000 in 1831. Die von Bradford von 29 000 in 1801 auf 77 000 in 1831 und 132 164 in 1841. Diese wenigen Angaben werden meinen Lesern am besten zeigen, von welcher Bedeutung die Strecke ist, welche sie auf der Eisenbahn von Leeds nach Manchester durchfahren können. Ich führe meine Leser heute nur bis zu einer Eisenbahnstation, welche ungefähr in der Mitte der Bahn von Leeds nach Manchester liegt, zu dem kleinen Orte Brighouse. Dort verlassen wir den Zug und besteigen einen Omnibus, der mit vier hübschen Pferden bespannt bereits unserer wartet. In Zeit von zehn Minuten sind wir auf dem Wege in das Innere des Landes. Rechts und links sehen wir wieder die schönsten Gärten, voller Blumen und Stauden, die aus der Mitte ihrer Blüten gewöhnlich ein hübsches Landhaus blicken lassen; dann Wiesen, so saftig grün wie Alpenmatten, auf denen die stärksten Rosse wandeln, auf denen sich Herden des schönsten Hornviehs ergehen. Erlenbüsche und kleine Buchenwaldungen folgen dann und ziehen sich in malerischen Gruppen einen Hügel hinan, von dessen Gipfel wir in mehrere Täler blicken, aus denen uns prächtige Weizenfelder entgegenwogen. Die Vögel singen überall in den Zweigen; wir wähnen uns in einer Gegend, wo vielleicht meilenweit in die Runde außer ihrem Gesänge nur das Lied der Ackerleute schallt und ein Erntefest das einzige Ereignis ist, was jährlich einmal Abwechslung und Leben in diese stillen Täler bringt – da hat unser Wagen den letzten Abhang umfahren, und plötzlich können wir auch in ein letztes, uns bisher verdecktes Tal hinunterschauen. Wir hofften, neue Wiesen und ebenso schöne Gärten wie vorher zu sehen; es ist unmöglich, daß es jenseits der Berge anders aussieht als auf der Strecke, die wir bereits durchfuhren. Alles, was wir bisher erblickten, hatte so sehr den Charakter eines ackerbautreibenden Landes, daß es uns durchaus unwahrscheinlich ist, die ganze Szenerie könne sich plötzlich ändern – und dennoch ist es so! Der weiße Staub des Weges verwandelt sich mit einem Male in ein schwarzes, hin und wieder blitzendes Pulver; rechts und links liegen Eisen- und Kohlenschlacken auf den Feldern; noch ein paar Schritte weiter, da sehen wir aus vielen Hundert Öffnungen des Bodens Rauch und Funken dringen; jetzt schlagen die Flammen hoch empor, und als ob sie von dieser plötzlichen Änderung der Gegend erschräken, jagen unsere Pferde in wildem Galopp den Berg hinunter. Wir sehen, daß wir uns in allen Erwartungen getäuscht haben; aus einer Landschaft voller Wiesen und Gärten sind wir wieder mitten in das Geräusch der Industrie geraten. Hier stehen Dampfmaschinen über der Öffnung von Eisen- und Kohlengruben und arbeiten wie toll, um die Schätze des Bodens herauf ans Licht zu bringen; dort schauen wir in die Gluten einer Schmelze, die von riesigen Gesellen umringt ist; einige Schritte weiter, da zittert der Boden vom Schlage der Eisenhämmer, und im Fluge schauen wir hinab in Wohnungen der Arbeiter, die sich zu Tausenden um die Sitze der Industrie angesiedelt haben. Während wir uns erstaunt nach allen Seiten umsehen, rollt unser Wagen unaufhaltsam dem Tale zu. Je weiter wir kommen, desto dichter scharen sich die Häuser an den Seiten der Straße, desto schwärzer und unheimlicher dringt uns der Dampf der Kamine entgegen. Manchmal glauben wir, in der Ferne die Umrisse einiger Türme zu sehen; es ist, als läge eine große Stadt vor uns; bisweilen unterscheiden wir schon größere Häusermassen von den zersplitterten und versengten Tannenwipfeln, welche am Horizonte wehen; richten wir uns aber empor, um genauer hinauszuspähen, da brechen neue Rauchwolken aus den Gründen, und fort ist wieder die ganze Aussicht. Ringsum scheinen alle Täler und Schluchten in vollen Flammen zu stehen; wir hören es zischen und kochen und rasseln, wenn wir an den Fenstern der Fabriken vorüberrauschen, die Sonne verfinstert sich wie beim Hereinbrechen eines dichten Höhrauchs; es wird plötzlich Abend am hellen Tage – da schlagen unsere Rosse zuerst mit den Hufen auf das Pflaster einer Straße, und erreicht haben wir den Fuß des Berges; wir halten in den finstern Gassen einer schmutzigen, übelriechenden Stadt; wir sind in Bradford. Ach, ich erinnere mich noch sehr wohl des ersten Eindrucks, den diese schrecklich-wunderbare Stadt auf mich machte; es war mir nicht anders zumute, als führe ich geradeswegs zur Hölle. Jede andere Fabrikstadt Englands ist ein Paradies gegen dieses Nest; die Luft in Manchester liegt einem wie Blei auf dem Kopfe; in Birmingham ist es nicht anders, als säße man mit der Nase in einer Ofenröhre; in Leeds muß man vor Staub und Gestank husten, als hätte man mit einem Male ein Pfund Cayennepfeffer verschluckt – aber alles das läßt sich noch ertragen! In Bradford glaubt man aber nirgendsonstwo als beim leibhaftigen Teufel eingekehrt zu sein. Ich habe früher nie an den Spleen glauben wollen; ich dachte mir immer, diese Krankheit sei nur etwas Scherzhaftes, eine bloße Einbildung, eine Posse, mit der sich hin und wieder ein langweiliger Brite herumschlüge. Aber ach, ich habe den Stachel dieser Pest fühlen müssen! Wenn jemand fühlen will, wie ein armer Sünder vielleicht im Fegefeuer gepeinigt wird, so reise er nach Bradford und schaffe sich einen Spleen an. Man kommt sich vor wie Nebukadnezar, als er Gras fraß; es sticht einen mit tausend Nadeln, und man weiß nicht wo, es foltert einen mit hundert Schrauben, und man weiß doch nicht wie. Man nimmt ein Buch in die Hand, um zu lesen, und bemerkt erst nach einer Stunde, daß es verkehrt liegt; man verschriebe gern seine Seele für vier gute Groschen, man schnitte sich gern den Hals ab, wenn man wüßte, daß dies das Herz in etwa erfreuen und erheitern könnte. Man ist dumm wie ein Ochs, ungeschickt wie ein Esel und mürrisch wie ein alter Kater – ach, der Spleen ist etwas Schreckliches! Wenn ich bisweilen acht volle Tage daran laboriert hatte, da konnte ich zuletzt nichts Besseres tun, als mich auf den Teppich legen und den Hintern mit Fäusten schlagen. Der Spleen ist eine reine Gemütskrankheit, eine gelinde Verrücktheit, ein Wahnsinn in Taschenformat. Körperlich kann man dabei blühen wie ein roter Mandelbaum. Daß man in Bradford häufiger vom Spleen heimgesucht werden kann als in jedem andern Orte Englands, wird meinen Lesern im Laufe der Erzählung nur gar zu deutlich werden. Bradford liegt, wie ich bereits bemerkte, in einem der schönsten Teile der Grafschaft Yorkshire, umringt von Hügeln, kleinen Wäldern, prächtigen Wiesen, in einem engen Tale, das sich nach drei Seiten hin in den Bergen verliert. Bis in die neueste Zeit hin hatte der Ort fast gar keine Bedeutung; nur als Vieh- und Fruchtmarkt war er der nächsten Umgebung bekannt. Da stieg im Jahre 1798 der erste Fabrikschornstein aus dem Boden empor, und die Zukunft dieses früher so stillen Tales war entschieden. Die englische Wollenindustrie, welche bisher in Norwich und York ihren Sitz gehabt hatte, zog sich nach der West Riding von Yorkshire. Wir sahen bereits, wie enorm die Bevölkerung Bradfords stieg – eine Fabrik wurde nach der andern angelegt, von allen Seiten mußte man Arbeiter heranziehen. Die vorhandenen Wohnungen waren schnell gefüllt; neue Häuser entstanden, bald dehnte sich eine Straße neben der anderen; das Tal wurde zu enge, man baute die Hügel hinan, über die Hügel hinaus und so fort bis weit in die Felder hinein. Die ganze Gegend, über der früher eine romantische Stille gelegen, tönte bald von dem Rasseln der Spinnereien, von dem Brausen der Dampfkessel wider. Statt der herrlichen Luft, welche sonst durch das Tal wehte, wälzte sich jetzt der Rauch in dichten Massen über die Berge, statt den Duft der Wiesen verspürte man nur die Miasmen des Kanals, der, das Land von Hull nach Liverpool durchschneidend, die Schiffe an dem neuentstandenen Sitz der Industrie vorüberführte. In wenigen Jahren hatte sich die ganze Landschaft von Grund aus geändert. Noch jetzt kann man die Spuren dieser Entwicklungen genau verfolgen; in der Tiefe des Tales findet man noch mehrere Wohnungen, die ursprünglich weder für den Handel noch für die Industrie eingerichtet waren und doch später zu solchen Zwecken umgeschaffen wurden. Man sieht, die ersten Bewohner dieser Häuser, wahrscheinlich simple Privatleute, die eben kein Geschäft trieben, ließen sich allmählich von der Industrie, die sich mit all ihrem Geräusch und Gestank neben ihnen niederließ, aus ihren Wohnungen verdrängen; die guten Leute flüchteten ein paar Tausend Schritte weiter und bauten sich an den Abhängen der nächsten Hügel an, wo sie dem Dunstkreis der Fabriken enthoben zu sein glaubten. Die Fabrikherren selbst taten ein Gleiches; denn wenn man sich auch den Tag über des lieben Verdienstes wegen viele Unannehmlichkeiten gefallen läßt, so will man doch wenigstens am Abend wieder freie Luft schöpfen. An der Hälfte der Hügelhöhe findet man daher eine zweite Häuserreihe, welche ursprünglich ebenfalls nur zu Privatwohnungen eingerichtet war. Aber auch da war man bald seines Lebens nicht mehr sicher; in wenigen Jahren hatte die Industrie das ganze Tal in Beschlag genommen und rückte den Fliehenden nach, gleichfalls die Hügel hinauf. Es mußte also eine abermalige Retirade vor sich gehen, wenn man nicht in Kohlendampf ersticken wollte; man gab wiederum seine Wohnungen auf und flüchtete auf die Gipfel der Hügel und hinein in die nächsten Felder. Augenblicklich nisten hier noch die »bessern Klassen der Gesellschaft«; es ist aber kein Zweifel, daß ihre Gegend schon in kurzem wieder durchaus unfashionabel wird, denn schon zieht sich die Industrie an den Hügeln hinauf und wird vielleicht in einigen Jahren ebenfalls die Gipfel erreicht haben. Die ganze Stadt ist fortwährend am Wachsen; manchmal erschien sie mir wie ein riesiger Krater, der fortwährend am Arbeiten und Kochen ist und jährlich einmal seine Seitenwände durchbricht, um einen Teil seines Innern in die nächsten Felder zu ergießen. Fabriken, Magazine und Arbeiterwohnungen bilden jetzt fast ausschließlich den untern Stadtteil. Wenn man dies Wachsen einer englischen Fabrikstadt nicht selbst mit angesehen hat, so kann man sich kaum einen Begriff davon machen. Oft, wenn ich mich lange Zeit an dem östlichen Teile der Stadt aufgehalten hatte und vielleicht nach einem halben Jahre einmal wieder den Westen besuchte, da passierte es mir nur gar zu häufig, daß ich mich total verirrte. Ein ganz neuer Stadtteil war aus dem Boden herausgewachsen. Häuser, Kirchen, Fabriken lagen vor mir, die ich früher nie gesehen hatte; ich mußte mich bei den Bewohnern der neuen Kolonien erkundigen, wo der Weg nach Bradford zurückführe, und war doch gar nicht aus Bradford herausgekommen. Ebenso schauderhaft, wie die Wohnungen des Tales sind, ebenso hübsch und reinlich sind die neuangelegten Stadtviertel. Man baut die Häuser stets in ein Square, in ein Viereck; vier Häuserreihen, durch welche vier Straßen gehen, lassen in der Mitte einen freien rechtwinkligen Platz offen, dessen grüne Fläche gewöhnlich den Kindern zum Spielplatz dient und auf dem verschiedene Pumpen und Waschapparate angebracht sind, die den umherwohnenden Familien zur beliebigen Benutzung offenstehen. Eine solche Anlage hat etwas gar Liebliches. Außer dem grünen Platz innerhalb der Häuserreihen, welcher die Einförmigkeit einer Stadt auf die hübscheste Weise unterbricht, hat auch noch jede Familie einen kleinen Garten vor der Tür, in dem man Rosen, Tulpen und Goldlack bis zu den Fenstern hinaufblühen läßt. Die Häuser selbst sind sämtlich aus weißgelbem Sandstein gebaut, den man in reicher Menge auf demselben Ort bricht, wo man die Häuser baut. Die Bewohner scheinen ungemein viel auf ein sauberes Äußeres ihrer Häuser zu halten, wöchentlich einmal waschen sie die ganzen Fronten, und täglich werden mit gelber oder weißer Wasserfarbe die Schwellen der Türen und die etwaigen Treppen angemalt. Der auf dem linken Ufer der Mersey erbaute Ort Birkenhead besteht fast ganz aus solchen Squares, und da er außerdem in dem Arrangement seiner Straßen und Wohnungen alle Verbesserungen enthält, welche man bei der Errichtung neuer Städte anbringen kann, so ist er gewissermaßen ein Musterort für jeden, der die praktischen Erfahrungen der Engländer in diesem Punkte benutzen will. Ich möchte daher jedem Deutschen, der einmal nach Liverpool kommt, raten, eben über den Fluß zu setzen und sich das junge Birkenhead anzusehen. Die neuen Bradforder Squares sind wie fast alle ähnlichen Anlagen in England von Kapitalisten erbaut und werden von der Mittelklasse und von den vom Schicksal etwas begünstigten Arbeitern bewohnt. Fabrikaufseher, Krämer, die ihren Laden in der Stadt haben, kleine Beamte und Comptoiristen, das sind die Leute, welche die Bradforder Squares innehaben. Die gewöhnlichen Arbeiter behielten die Tiefe des Tales zu ihren Schlupfwinkeln. An der Seite des stinkenden Kanals, in den aller Schmutz der Gassen und der Fabriken hinabgeschwemmt wird, ziehen sich ihre niedrigen Wohnungen hin, von Kohlendampf geschwärzt, oft niedriger liegend als das schlechte Pflaster der Straße, mit stinkenden Pfützen vor der Türe, die es nach einigen Regentagen den Bewohnern unmöglich machen, ohne eine Brücke oder einen Damm von Kohlenasche auf die Höhe der Straße zu gelangen. Dazu sind dicht neben diesen niedrigen Hütten sechs Stockwerk hohe Fabriken oder Magazine aufgeführt, die den unten wohnenden Leuten so sehr alles Licht nehmen, daß in ihren Stuben eine ewige Dämmerung herrscht. Jahraus, jahrein haben diese Unglücklichen mit Schmutz, Nässe und Gestank zu kämpfen; sie mögen aber anfangen, was sie wollen, ihr Schicksal bleibt immer dasselbe. Stets fließt der Kanal an ihren Türen vorüber, fortwährend stürzt ihnen der Schlamm und das Wasser der oberen Straßen entgegen, sechs Tage lang in der Woche fallen Rauch und Staub der Fabriken auf sie hinab, und solange, wie ihre Hütten stehen, schien vielleicht weder Sonne noch Mond hinein. Fast der ganze ältere Teil der Stadt besteht aus solchen niederträchtigen Wohnungen; erst wo die Hügel beginnen, bemerkt man, daß die Sache etwas anders wird; aber auch da meint man, eher Viehställe als Wohnungen für Menschen zu sehen, und nur wo sich die Straßen bis auf die Gipfel der Anhöhen hinaufziehen und den größesten Teil des Rauches und des Schmutzes unter sich haben, da wagt man aufzuatmen und freut sich erst wieder seines Lebens, wenn man eben in die neuangelegten Squares kommt, wo aber freilich nur die Leute leben können, die imstande sind, eine doppelt hohe Miete zu erschwingen. Es ist daher, wie ich im Anfang dieser Schilderung bereits bemerkte, durchaus nicht anders, als ob man aus dem Paradiese in die Hölle purzelte, wenn man aus der wirklich reizenden Umgegend Bradfords in die Tiefe der Stadt gelangt. Übrigens fängt diese bisher noch so schöne Umgebung ebenfalls bereits an, all ihren Zauber zu verlieren; die Fabriken vermehren sich mit so rasender Schnelligkeit, daß jede Wohnung, welche man in die Felder hineinbaute, schon in kurzem wieder von ihnen eingeholt sein wird. Der Rauch, der aus der Stadt emporqualmt, scheint auch mit einer solchen Hartnäckigkeit an dem Orte seiner Geburt festzuhangen, daß man überall davon überrascht wird, und hat er endlich in der Tiefe des Tales keinen Raum mehr und wird von einem Windstoß emporgeschleudert, da verteilt er sich liebend über die ganze Gegend, so daß man oft, drei Meilen vor der Stadt, in der Mitte des schönsten Parks plötzlich wie in einem Rauchfange steht. Im Monat Juni, wo ich mir einmal die Zeit nahm, Bradford von allen Seiten zu beschauen, machte ich die Bemerkung, daß man zu gewissen Stunden des Tages, wo die Fabriken bereits einige Zeit gedampft hatten, zehn Minuten von den letzten Häusern entfernt auch nicht ein einziges Dach dieser hundertzweiunddreißigtausend Menschen umfassenden Stadt zu Gesichte bekommen konnte. Es war nicht anders, als wenn der ganze Ort soeben mit Haut und Haaren untergegangen wäre. Im Monat November und Dezember, wo sich gewöhnlich auch mehr Menschen als sonst die Hälse abschneiden, liegt meistens ewiges Dunkel über der Stadt, man lebt wie am Nordpol in wochenlanger Finsternis; in dicken Röcken, Mund und Nase mit Tüchern zugebunden, schleichen die Menschen wie Gespenster durch den Nebel und den Rauch, deren düstere Massen sich in holder Vereinigung auf den Gassen festgesetzt haben. Jene Tage sind denn auch fruchtbar an der niederträchtigsten aller Krankheiten, an dem Spleen, wo man stets das Tintenfaß statt des Sandfasses über dem Papiere umdreht, wo man abends unter das Bett schaut, um zu sehen, ob auch keine Mörder darunter liegen, wo man sich steif und fest einbildet, man habe Arsenik verschluckt, wenn man die schönste Tasse Gunpowder getrunken. Bei meinem letzten Bradforder Aufenthalt war ich so fest davon überzeugt, daß ich an der galoppierenden Schwindsucht litte, daß ich schon mit dem Gedanken umging, mein Testament zu machen, und in dem Glauben, bald sterben zu müssen, meinen Koffer packte, nach Brüssel reiste, dort aber zu meinem nicht geringen Erstaunen als der heiterste Mensch von der Welt anlangte. Die Einwohner Bradfords gefielen mir stets viel besser als ihre Stadt; im gewöhnlichen Leben zeigen sie sich immer als höchst offene und treuherzige Leute; im Handel sollen sie dagegen den Yankees weder an Verschlagenheit noch an Schärfe etwas nachgeben. Die Fabrikherren und die Fabrikaufseher zeichnen sich als ein durchgängig kräftiger Menschenschlag aus, was ganz natürlich ist, da sie gewöhnlich außerhalb der Stadt in gesunden Häusern leben und es an gutem Beef und Porter nie fehlen lassen. Unter den Arbeitern in Bradford, namentlich unter denen, welche die Tiefe des Tales bewohnen, findet man dagegen mehr bleiche und verkrüppelte Gestalten als in irgendeinem andern Orte Englands. Wie alle Yorkshire-Männer haben auch die Bradforder eine seltene Energie, eine fürchterliche Ausdauer. Diese Menschen arbeiten wie die Pferde, vom Morgen bis zum Abend, unverdrossen, ohne sich je einen Augenblick der Ruhe und der Erholung zu gönnen. Es gibt deswegen auch, eben weil vielleicht niemand davon Gebrauch machen würde, in der ganzen Stadt fast keinen einzigen Ort des Vergnügens oder der Erheiterung. Der einzige Spaß der meisten Menschen besteht darin, daß sie nach Beendigung der Geschäfte in eine finstere Kneipe kriechen, um bei einem Glase Gin oder Brandy über Politik zu sprechen. Von Zeit zu Zeit läßt man freilich einige Künstler von London kommen; Ernst, Vieuxtemps und Thalberg spielten auf der Bradforder Börse, und jeder Fabrikant hielt es für seine Pflicht, 10 Schilling Sterling für ein Billett auszugeben, um den Wunderleuten zuzuhören; man fand aber stets, daß sie sich stellenweise sehr gelangweilt hatten; nur wenn die Trommeln und Bässe des Orchesters geradeso rumorten wie die Dampfkessel der Fabriken, da kannte das Entzücken der guten Menschen gar keine Grenzen mehr. Dieser ungehobelte barbarische Geschmack der englischen Bourgeoisie verrät sich in allem, was sie beginnt. So läßt man z. B. bei einem Souper, welches übrigens sehr vortrefflich sein kann, unmittelbar nach dem Champagner – Schnaps folgen, Brandy oder Gin, der mit etwas Wasser vermischt hinuntergeschluckt wird, und zwar von den meisten Leuten mit unendlichem Wohlbehagen. Nichts ist ergötzlicher als ein Ball, der von einem Fabrikanten gegeben wird. Das Bestreben der meisten Leute, bei einer solchen Gelegenheit in Worten und Bewegungen den höchsten Anstand, die wundervollste Feier zu entwickeln, kann so verzweifelt lächerlich werden, daß man aus der Haut zu fahren meint. Man sieht ihnen an, daß ihnen nichts lieber wäre, als wenn sie sich auch schon in diesen Punkten mit der alten Aristokratie des Landes messen könnten. Die Yorkshire-Schönen haben auch mehr Frische auf den Wangen als Grazie in den Beinen. Bei einem solchen Leben, das nur alle halben Jahre einmal durch ein Konzert, durch ein Souper oder durch einen Ball unterbrochen wird und sich sonst durchaus darauf beschränkt, ein gutes Worsted-Garn zu spinnen, läßt es sich denn freilich leicht denken, daß man in kommerzieller Weise stets reüssiert. Diese Bradforder Fabrikanten, welche jahraus, jahrein in dem Dunstkreis ihrer Fabriken am Arbeiten bleiben, können es wohl zu etwas bringen, und wenn man gesehen hat, wie sie leben, da wundert man sich auch nicht mehr darüber, daß ihre Stadt sich mit jedem Tage vergrößert, daß ihr Handel mit jedem Jahre einen neuen Aufschwung nimmt. Was mir immer auffiel, war, daß diese englischen Industriellen bei ihrem einförmigen Worsted-Garn-Leben dennoch nie so verdummten und versauern, wie man wohl denken könnte. Aber sie scheinen an diese Lebensart so sehr gewöhnt zu sein, daß sie nicht im geringsten dadurch gehindert werden, stets an allen Weltbewegungen teilzunehmen. Wie wir sahen, scheitern sie durchaus in ihrem Bestreben, sich die feinern Genüsse des Lebens anzueignen; so ein englischer Fabrikant ist durchaus zu einem Sybariten verdorben; wo es aber auf praktische, hausbackene Sachen ankommt, da ist er bei der Hand, und jeder Versuch, sich darin hervorzutun, gelingt ihm vollkommen. So sind z. B. die Bradforder Fabrikanten die kühnsten und unternehmendsten Spekulanten bei allen Eisenbahnunternehmungen; bei politischen Agitationen sind sie vortrefflich; ihre Pferdekonstitutionen machen es ihnen möglich, die furchtbarsten Anstrengungen dabei auszuhalten; auf offener Straße können sie mehrere Stunden nacheinander vor einer großen Versammlung sprechen, ohne müde zu werden. Außerdem zeigt sich ihre Energie und ihre große Umsicht in allem, was sie zum allgemeinen Besten der Stadt unternehmen; so haben sie z. B. eine Wasserleitung angelegt, welche über drei Hügel hinweg aus einer Entfernung von sieben Meilen das schönste Trinkwasser in die Stadt führt. Das Bradforder Hospital ist eins der schönsten Gebäude Englands. Natürlich lassen sie sich auf derartige Unternehmungen nicht aus philanthropischen Rücksichten ein; das kann aber auch niemand verlangen, da sie ja eben englische Fabrikanten sind, Leute, welche nichts unternehmen, wenn nicht ein »Geschäft dabei zu machen ist«. Die Hauptsache ist aber, daß Dinge wie Wasserleitungen und Hospitäler, wenn sie nötig sind, überhaupt entstehen, und die englische Bourgeoisie geht rascher und gewandter dabei zu Werke, als man nach der Masse ihrer sonstigen Beschäftigungen denken sollte. Ebenso wohl, wie sich die Engländer bei dem schrecklichen Klima ihrer Stadt befinden, ebenso nachteilig wirkt der Aufenthalt in diesem ewigen Rauch und Nebel auf die meisten Ausländer. Es halten sich namentlich Deutsche in Bradford auf, und man hat mir immer versichert, daß sie vortreffliche Kaufleute seien. Als vor einem Jahre ein unbedeutendes deutsches Handlungshaus in Bradford fallierte, da wußten sich die Engländer gar nicht vor Erstaunen zu lassen. Das war etwas Unerhörtes, daß ein Deutscher fallierte. Die unglücklichen jungen Westfalen und Rheinländer, welche ich in Bradford kennenlernte, haben mir oft sehr leid getan. Das einförmige Leben ihrer Umgebung, in der ihnen die Poesie der Politik und der Industrie gar nicht klar werden wollte, hatte sie allmählich so reduziert, daß sie entweder zu reinen Maschinen herabsanken oder sich voller Verzweiflung über ihr erbärmliches Leben der horrendesten Lasterhaftigkeit in die Arme warfen. Ich muß noch darüber lachen, wenn ich an einige dieser verknöcherten Gesellen denke. Einen kannte ich, der mit der größesten Gewissenhaftigkeit von 9 Uhr morgens bis 8 Uhr abends auf seinem Comptoir arbeitete, dann nach Hause schlich, Tee trank, einen Stuhl vor den Kamin rückte, die Füße auf das Gesims legte und zwischen den Beinen durch ins Feuer spuckte. So lag er rauchend, ins Feuer spuckend und stierend etwa vier volle Stunden lang, um dann nach Bett zu gehen, indem er am nächsten Morgen sein Dasein ganz in bisheriger Weise fortsetzte. Er trieb dies schon mehrere Jahre lang. Ein anderer arbeitete nicht weniger treu in seinem Geschäft; gewöhnlich von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Vom Comptoir stieg er dann direkt ins Bett, so daß er eigentlich in sechs Wochentagen von Himmel und Erde nichts zu sehen bekam. Kam aber der Samstag heran, da sah man ihn auch regelmäßig nach Manchester fahren; er trank dort Portwein bis um 7 Uhr Sonntag morgens, besuchte dann eine gute Freundin und schlief in einem Stück bis 7 Uhr Montag morgens, wo man ihn sehr pünktlich wieder auf der Rückreise antreffen konnte. Zur rechten Zeit war er dann wieder auf seinem Posten und begann eine neue Woche. Er trieb dies Leben auch schon mehrere Jahre lang. Man wundere sich nicht darüber. Ich könnte Dutzende solcher Beispiele anführen; alle würden aber nur dasselbe beweisen, daß nämlich ursprünglich sehr gutmütige und liebenswürdige Ausländer in dem heutigen Fabrik- und Handelsleben Englands auf die Dauer geistig total zugrunde gehen müssen, wenn sie nicht entweder ihr Brotgeschäft hin und wieder so interessant zu machen wissen, daß es ihnen einige Abwechslung und Erheiterung verschafft, oder wenn sie sich nicht in einer solchen Weise der politischen und industriellen Entwicklung Englands hingeben, daß ihnen darauf einige Lust am allgemeinen Leben möglich wird. Leider gelingt dies aber den meisten christlich-germanischen Jünglingen durchaus nicht; sie kommen mit einer solchen Dosis Harmlosigkeit vom Kontinent herüber, daß sie das ernst-barbarische Leben Englands hintereinander vor den Kopf stößt; sie ziehen sich dann in sich selbst zurück, fangen an zu vegetieren und werden entweder trocken wie Pflanzen eines Herbariums oder sehr liederliche Pflanzen. Nur die deutschen Juden fallen nie und deswegen auch nicht in England aus ihrer Rolle; sie sind gescheit genug, um stets das Beste aus ihrer Umgebung zu machen; und da der Brite nicht mehr so albern ist, jemandem den Weg zu versperren, wenn er übrigens intelligent und aktiv ist, so ist es selbst den ärmsten Israeliten bereits gelungen, eine belohnende Stellung in der Gesellschaft zu erringen, was den deutschen Juden wie den Engländern gleiche Ehre macht. Den Tag über ist es auf den Gassen der englischen Fabrikstädte sehr öde und still; fast die ganze Bevölkerung ist in den Manufakturen oder auf den Comptoiren; nur wenn auf irgendeinem freien Platz zu einer festgesetzten Stunde ein Meeting stattfinden soll, da sieht man nach und nach die Leute aus ihren Häusern hervorkommen, und wenn es einer populären Sache gilt, da kann man auch jedesmal auf eine ansehnliche Versammlung rechnen. Die Anti-Corn-Law-Bewegung und die enormen Eisenbahnspekulationen gaben in den letzten zwei Jahren genug Gelegenheit zu derartigen Zusammenkünften. Bei solchen Veranlassungen muß man die Engländer sehen; die steifsten und hölzernsten Kerle werden gewandt und gelenkig, sobald sie auf der Rednerbühne stehen. In Bradford waren vor einem Jahre die Eisenbahnmeetings an der Tagesordnung; es handelte sich um eine Bahn, die nach Halifax angelegt werden sollte. Zwei Parteien machten sich die Ehre dieser Unternehmung streitig; die eine wollte eine Straße gerade durch die Berge brechen, um auf dem kürzesten Wege an Ort und Stelle zu gelangen; die andere beabsichtigte einen Umweg durch die Täler zu nehmen. Wie es immer in solchen Fällen geschieht, forderten beide Parteien das Publikum auf, sich an einem bestimmten Tage in einem der größesten öffentlichen Säle zu versammeln, damit jeder seine Gründe auseinandersetzen könne und die Zuhörer nach beendigter Debatte imstande wären, sich für das eine oder andere Projekt auszusprechen, was insofern wichtig ist, als die öffentliche Meinung bei Erteilung der Erlaubnis des Parlaments mehr oder weniger influiert. Bei den letzten Eisenbahnunternehmungen hatte diese Volksentscheidung indes dadurch noch eine doppelte Wichtigkeit, daß man gewöhnlich schon Spekulationen in den Aktien der projektierten Bahnen gemacht hatte, ehe sie noch öffentlich zur Sprache gebracht wurden, so daß nicht selten die eine oder die andere Partei auf der Stelle durch das Sinken ihrer Aktien die größesten Verluste erlitt, wenn sich die Stimme des Volkes gegen sie erklärte. Bei der von Bradford nach Halifax beabsichtigten Bahn verhielt es sich so, daß die Börsen beider Parteien schon bedeutend dabei im Spiele waren, als die Sache öffentlich zur Sprache kam. Man konnte daher auf eine heftige Debatte von beiden Seiten rechnen, und jeder, der sich für einige Stunden von seinem Geschäfte losreißen konnte, verfehlte nicht, sich zur rechten Zeit in dem Lokal der Versammlung einzufinden, um die Redner anzuhören. Schon lange vor dem Beginn der Sitzung war der Saal gedrängt voll; als aber gar der Präsident die Debatte für eröffnet erklärte, da erhob sich unter den Zuhörern ein solcher Kampf um die günstigsten Plätze, daß man nach vielem Hin- und Herschreien darüber einig wurde, der Saal sei viel zu klein für eine so ehrenwerte Versammlung, und einstimmig den Entschluß faßte, das ganze Meeting in den offenen Hofraum des Rathauses zu verlegen. Für manchen mochte diese Resolution eben nicht erwünscht sein, denn draußen wehte die schärfste Dezemberluft, und der Rathaushof lag voller Schnee. Willig verfügte sich indes die Versammlung ins Freie; die Redner stellten sich auf die Rathaustreppe, die Zuhörer unten in den Schnee, und die Sache nahm ihren Anfang. Es war 2 Uhr nachmittags. Mutig wie Panther griff man die Gegner an, kühn wie Tiger schlug man die Attacke zurück; es handelte sich auf beiden Seiten um vieles Geld; Himmel und Hölle wurden in Bewegung gesetzt, um die feindliche Partei niederzuschmettern; die metallenen Stimmen der eifrigen Redner drangen durch das Geräusch der vorüberfahrenden Wagen bis in die benachbarten Straßen hinein; aus allen Fenstern schauten Horchende nieder, man merkte sich jedes Wort, jede Silbe. Der Nachmittag verstrich, es wurde Abend; gegen 8 Uhr war man noch nicht weiter als um 2; die Zuhörer wurden allmählich ungeduldig; keine Partei hatte noch Gründe vorbringen können, die nicht von den Gegnern durchaus widerlegt wurden; der Teufel schien in dieser Debatte zu stecken, und als es 9 Uhr von dem nächsten Kirchturm schlug und der Nachtwind immer wilder um die Ohren sauste, da konnte man deutlich sehen, daß nicht allein die Zuhörer, sondern auch die meisten Redner der linken Seite auf dem Punkt waren, die Geduld zu verlieren. Dies war natürlich für die auf der rechten der Moment des Triumphes. Die Zuhörer drangen darauf, über die Sache abzustimmen, die Redner der linken waren ermüdet; man brauchte sich nur mit einiger Gewandtheit des Vorteils des letzten Wortes zu bemächtigen, und der Sieg war errungen. Eben sollte dies geschehen; ein Redner der rechten trat in den Vordergrund und wiederholte in der Kürze alles, was von seiner Partei vorgebracht war, da forderte auch noch ein Sprecher der linken das Wort. Zufälligerweise verweigerte man dies nicht, obgleich die ganze Versammlung darüber einig zu sein schien, daß nichts Neues mehr vorgebracht werden könne; die meisten Zuhörer gaben auch nicht mehr acht und schickten sich schon an, den Hof zu verlassen – da trat der Held des Abends mit raschem Tritt aus seinen Reihen hervor. Es war ein junger Fabrikant, der schon am Nachmittage einmal gesprochen hatte; mit einer Donnerstimme, die in allen Ecken und Winkeln des Hofes und der Gassen widertönte, beschwor er die Versammlung, noch eine Minute lang auszuhalten. Man stutzte und gehorchte. Wie ein Gewitter brauste und rasselte jetzt die Rede dieses Mannes. Er habe vernommen, erklärte er, daß die rechte Seite das Meeting durch allerlei Spitzfindigkeiten in die Nacht hineinziehen wolle, um die Redner der linken zu ermüden und auf diese Weise zu siegen; aber sie irre sich, wenn sie durch solche Mittel zum Ziel zu gelangen denke; er glaube, daß jeder gern die Kälte der Nacht ertragen würde, wenn er einer heiligen Sache dadurch nützen könne, und was ihn selbst beträfe, da sei er gern bereit, sich als einen Mann zu zeigen, der unverdrossen auf dem Kampfplatz weiterfechte. Hier hielt er inne, und ehe man sich's versah, warf er Uhr und Weste und Hut und Rock in den Hof hinein und stand nun in Hose und Hemd da und begann aufs neue seine Rede, und ringsum jauchzte die ganze Versammlung, und fort fuhr er und schmetterte jeden Grund und jeden Beweis der Gegner mit andern Argumenten nieder, und die Uhr schlug 10, und ob der Dezemberwind wehte und die Schneeflocken in ganzen Schauern niedersanken, niemand wich von der Stelle, und als die Uhr 11 schlug, da war der Sieg der linken auch so gewiß, daß sich keine Seele der Gegenpartei länger zu reden noch zu rühren wagte. Die Sache handelte sich um vieles Geld! Die englischen Eisenbahnspekulationen gehören zu den merkwürdigsten Ereignissen neuerer Zeit. Man kann sich eine Idee von diesen wahnsinnigen Unternehmungen machen, wenn man bedenkt, daß 600 Millionen Pfund Sterling nötig gewesen wären, wenn man alle die Bahnen hätte ausführen wollen, welche man projektierte und in denen man spekulierte. Die Sache ist um so auffallender, da das ganze Eisenbahnwesen überhaupt erst seit dem Jahre 1830 begonnen hat. Sechzehn Jahre sind verflossen, und schon wagt man solche Unternehmungen! Man sieht, wir leben in einer Zeit, wo sich alles rascher entwickelt als sonst. Trotz seines ungeheuren Reichtums, trotz seiner Fortschritte im Handel und in der Industrie und trotz seiner langjährigen Force im Seewesen hat England erst sehr spät angefangen, die Kommunikationsmittel im Innern des Landes zu verbessern. Es sah in diesem Punkte in Großbritannien vor nicht gar zu langer Zeit ebenso schlimm aus wie in den unkultiviertesten Ländern Europas. Bis Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Waren in Schottland noch auf Packpferden transportiert. Im Jahre 1763 gab es nur eine Kutsche zwischen London und Edinburgh, welche nur einmal monatlich von jedem Orte abfuhr und zu ihrer Reise gewöhnlich vierzehn Tage gebrauchte. Mit dem Transport der Güter ging es natürlich noch viel langsamer wie mit dem der Personen. Dazu waren die Frachten enorm hoch; von London nach Leeds kostete die Ton (2200 Pfund) 13 Pfund Sterling; von Liverpool nach Manchester 40 Schilling, was man jetzt reichlich viermal so billig hat. Die schönsten Kohlenbergwerke im Innern des Landes konnten der hohen Transportkosten wegen gar nicht benutzt werden. Umstände dieser Art machten es zuletzt durchaus nötig, irgendeine Reform einzuführen, und man warf sich auf Kanäle, von denen jedoch der große Bridgewater-Kanal erst im Jahre 1767 begonnen wurde. Der günstige Erfolg dieses großartigen Unternehmens regte die Kapitalisten verschiedener Orte zu ähnlichen Spekulationen an; es bildeten sich Kanalkompagnien, und in kurzer Zeit erstreckte sich durch das ganze Land jenes weit verzweigte System inländischer Schiffahrt, welches dem englischen Handel so lange gedient hat. Auf diese Weise war nun zwar fürs erste den meisten Übelständen abgeholfen; da indes die Eigentümer der Kanäle durch die schlechten Straßen des Landes gar keine Konkurrenz in ihrem Gewerbe zu fürchten hatten und das Transportgeschäft durchaus monopolisierten, so entwickelten sich ebenso rasch wieder neue Übel, von denen die enorm hohen Frachtsätze und die schlechte Besorgung der Waren die hervorragendsten waren. Die Industriellen des Landes ließen sich dies lange Zeit gefallen; sie ertrugen es bis zum Jahre 1825. Da riß ihnen die Geduld, und sie setzten eine Petition an das Parlament auf, in welcher nachgewiesen wurde, daß die Baumwolle, welche von New York nach Liverpool zu ihrer 3000 Meilen weiten Reise durch den Atlantischen Ozean nur 20 Tage gebrauchte, volle 6 Wochen nötig hatte, um von Liverpool bis in die Spinnereien von Manchester zu gelangen. Das war zu stark, und man beschloß die Anlage einer Eisenbahn von Liverpool nach Manchester. Die Kanalmonopolisten, aus ihrem Schlafe aufgerüttelt, machten sich jetzt daran, die Sache wieder zu vermitteln, indem sie schleunige Besserung versprachen und auch wirklich ihre Frachten etwas heruntersetzten. Das kam aber zu spät; alle Versuche scheiterten an der Hartnäckigkeit der Industriellen, und es blieb ihnen zuletzt nichts anderes übrig, als alle Verteidiger der Inland-Schiffahrt im Parlamente zu sammeln, um auf diese Weise gegen das hereinbrechende Unglück einer Eisenbahnanlage aufzutreten. Zwei volle Jahre gelang es ihnen, jeder Neuerung zu widerstehen; da war ihre Kraft erschöpft, und im Jahre 1828 erteilte das Parlament die Erlaubnis zu jener ersten Eisenbahn von Manchester nach Liverpool. Der ursprünglich angegebene Zweck dieser Bahn war der Warentransport zwischen jenen beiden Städten, der dadurch, daß Manchester alle seine Rohartikel über Liverpool bezieht und auch die meisten fertigen Waren wieder durch jenen Hafen exportiert, von sehr großem Belang ist; man versprach sich daher auch eine gute Revenue von dieser Anlage. Die Art, in welcher man die neue Straße exploitieren wollte, beschränkte sich darauf, sämtliche Wagen durch Pferde ziehen zu lassen, indem man unterwegs, wie auf gewöhnlichen Chausseen, von den Vorüberfahrenden Zoll zu erheben beabsichtigte. Während indes die Bahn ihrer Vollendung entgegen schritt, erklärte der darauf beschäftigte Ingenieur George Stephenson, daß man die Pferde zehnmal vorteilhafter durch den Dampf ersetzen könne und daß es zwei Wege gäbe, um eine solche Einrichtung zu treffen. Erstens durch Stationary-Engines, durch Dampfmaschinen, welche an einer und derselben Stelle stehenbleiben und die Wagen der Eisenbahn vermittelst langer um Walzen laufender Seile in Bewegung setzen würden, oder zweitens durch Locomotive-Engines, durch Dampfmaschinen, welche dem Wagenzug voranrollten. Dieser Vorschlag Stephensons leuchtete den Unternehmern der Bahn so sehr ein, daß man sogleich ein Komitee ernannte, was darüber beraten sollte, und es dauerte auch nicht lange, da verwarf man durchaus den Gebrauch der Pferde und erklärte sich entschieden für das System der Locomotive-Engines. Der hübsche Fortgang, den die Sache nahm, machte die Unternehmer unwillkürlich mutiger, so daß man endlich auch noch die Frage aufwarf, ob es nicht auch wohl möglich sei, sogar Personen auf der neuen Bahn fortzuschaffen, wozu Stephenson schon längst die beste Aussicht gemacht hatte, da er mit seiner Lokomotive 10 bis 12 englische Meilen in der Stunde zu fahren hoffte. Als dies im Lande bekannt wurde, da brachen alle Autoritäten in helles Lachen aus; die einen erklärten sämtliche Unternehmer für Schwindler, die andern den George Stephenson für einen Tölpel. Da wurde die Bahn eröffnet, und mehrere Monate nachher legte bereits die Maschine »The Rocket« 29 Meilen in der Stunde zurück. Dies übertraf alle Erwartungen. Die ganze Unternehmung gewann jetzt einen andern Anstrich. Der Personentransport mußte hinfort den Hauptgewinn der Bahn bilden, und der Versand von Waren nahm die zweite Stelle ein. Im Jahre 1830 wurde dem Publikum die Bahn eröffnet, und von 30 Kutschen, welche bisher zwischen Manchester und Liverpool fuhren, stellten 29 sofort ihren Dienst ein. Früher reisten täglich 500 Personen zwischen beiden Städten, jetzt stieg diese Zahl sogleich auf das Dreifache, und schon in den ersten Tagen expedierte man 1600 Passagiere täglich. Die Kanalkompagnien waren durch den Erfolg der Bahn dem Anschein nach total aufs Haupt geschlagen; da sie aber ihre Frachtsätze mit denen der Bahneigentümer gleichstellten, viele Verbesserungen anbrachten, den Versand beschleunigten und namentlich dadurch vor den Unternehmern der Eisenbahn einen großen Vorteil hatten, daß sie mit ihren Schiffen nach einer von vornherein getroffenen Einrichtung stets bis an die Türen der Magazine fuhren, so konnten sie noch so lange Zeit trefflich konkurrieren, bis auch dieser letzte Punkt durch ein billiges Spedieren der Waren zwischen Eisenbahnstationen und Magazinen aufgehoben war. Jedenfalls machte indes der Personentransport von Anfang an den Hauptgewinn der neuen Bahn aus. Schon bald zeigte man eine Dividende von 10 Prozent an, und die Aktien stiegen auf 120 Prozent Prämie. Somit war die Sache im Gange. Das gegebene Beispiel verfehlte seine Wirkung nicht. Zwischen allen größern Orten des Landes entwarf man Eisenbahnen, und vom Jahre 1832 bis 1836 vollendete man 450 Meilen; 350 Meilen waren im Bau. Die Hast, mit der man sich diesen neuen Unternehmungen hingab, machte es indes, daß manche Bahn nicht so vollkommen wurde, wie man wünschte, und daß noch lange Zeit die zuerst angelegte Manchester–Liverpooler das Muster für alle übrigen blieb. Diese Manchester–Liverpooler Bahn, dem Publikum eröffnet im Jahre 1830, hat eine Länge von 30 Meilen. Im Jahre 1840 waren 1300 Meilen Eisenbahnen in voller Operation in England; man beförderte in jenem Jahre darauf 12 Millionen Personen; in 1841: 1550 Meilen vollendet und 20 Millionen Personen transportiert; in 1843: 1800 Meilen vollendet und beinah 27 Millionen Menschen befördert; in 1844: 1900 Meilen in Betrieb und über 30 Millionen Menschen befördert. Das Kapital, welches man in 10 Jahren auf die Unternehmung verwandte, beträgt 60 Millionen Pfund Sterling. Viele Hauptlinien ließen einen guten Profit; die Dividenden waren manchmal 10 Prozent; die Aktien standen bisweilen auf 100 Prozent Prämie. In 1845 eröffnete man 300 Meilen neue Bahnen, und die Parlamentsakten jenes Jahres erlaubten eine weitere Ausdehnung von 1800 Meilen, so daß man per Ende Dezember 1845 ein Total von 5300 Meilen vollendet und projektiert annehmen kann. In der Parlamentssession von 1846 gab man aufs neue der Wut der Spekulanten nach und bewilligte abermals eine Ausdehnung von 4000 Meilen, so daß die ganze Summe für Oktober 1846 auf 9300 Meilen anzuschlagen ist. Die Ausführung aller projektierten Bahnen wird eine Summe von 200 Millionen Pfund Sterling erfordern, so daß also, wenn, wie man verspricht, sämtliche Bahnen in höchstens 5 Jahren vollendet sind, jährlich 40 Millionen Pfund Sterling aus dem Handel genommen werden müssen. Wenn man das Kapital aller bis zum Jahre 1845 in England vollendeten Bahnen zusammennimmt, so kostet die Meile durchschnittlich 35 000 Pfund Sterling. Dagegen war die durchschnittliche Einnahme in 1845 in runder Summe 3000 Pfund p. Meile Brutto, von denen 63 Prozent durch Personen- und 37 Prozent durch Gütertransport aufgebracht wurden. Von den 3000 Pfund p. Meile Bruttoeinnahme gehen 42 Prozent für laufende Ausgaben ab, so daß also 58 Prozent Nettogewinn bleibt, was auf die 35 000 Pfund Sterling p. Meile Kosten nur 5 Prozent jährliche Zinsen ausmacht. Wie wir bereits bemerkten, warfen manche Bahnen 10 Prozent ab, andere dagegen gar nichts. Alles zusammengenommen beläuft sich der ganze Gewinn auf 5 Prozent. Höchst interessant ist es nachzuforschen, wie viele Pferde denselben Dienst tun konnten, den die Lokomotiven in einem Jahre taten. In dem Jahre, welches am 30. Juni 1845 endete, reisten auf den Eisenbahnen in Großbritannien 500 Millionen Menschen eine Meile. Wenn man nun annimmt, daß 100 Pferde im Wagen ziehend 25 Personen in einem Tage 100 Meilen weit fortschaffen, so macht dies, die Personen mit den Tagen multipliziert, in einem Jahre in runder Summe: 10 000 – was soviel ist wie eine Million Menschen eine Meile weit gefahren. Jene 100 Kutschenpferde würden also 500 Jahre nötig haben, um so viele Passagiere zu befördern, wie die Eisenbahnen in dem am 30. Juni 1845 endenden Jahre fortschafften. Die Lokomotiven taten also in jenem Jahre das Werk von 50 000 Kutschenpferden. Diese schönen Berechnungen, welche man jetzt in England anstellt, sind gewiß sehr interessant und erheiternd; wenn man aber bedenkt, daß die englischen Bahnen jetzt nur 5 Prozent durchschnittlich in einem Jahre abwerfen und daß aufs neue 4000 Meilen projektiert sind, welche in 5 Jahren vollendet sein sollen, also dann auch mit den bereits bestehenden Bahnen mehr oder weniger in Konkurrenz treten, so ist es wohl mit einiger Gewißheit anzunehmen, daß die Inhaber von Eisenbahnaktien die Berechnung der Kutschenpferde allmählich drangeben, um ihren Scharfsinn mehr darauf zu beschränken, wie man künftig noch 5 Prozent Zinsen herausbringen will. Und sollte ihnen das wohl gelingen? Wird sich der Güter- und Personentransport in einer solchen Weise ausdehnen können, wie es die erweiterten Bahnen vor allen Dingen wünschen lassen? Aber das macht ja auch gar nichts; man projektiert ja auch manche Bahn nur, um sie nie zu bauen, nur um Gelegenheit zu einem Spekulatiönchen zu haben. Was indes bis heute von industriellen Unternehmungen, sei es nun in Spinnereien, in Webereien oder in Eisenbahnen, vollendet wurde, ist schon großartig genug, um alle Wunder vergangener Jahrhunderte vergessen zu machen. Was sind die hängenden Gärten der Semiramis, die Pyramiden Ägyptens und die kolossalsten Bauten der Römer gegen die industriellen Erfolge eines einzigen Inselvolkes? Wahrlich, die Engländer haben alle Ursache, etwas stolz zu sein! VII. Die englischen Arbeiter Wir sind es bei den Buchhändlern der ganzen Welt gewohnt, daß sie die Rückseiten neu erschienener Werke mit den Annoncen ihrer übrigen Verlagsartikel behängen. So muß z. B. ein nagelneues Gebetbuch die Titel und die Preise von einem Dutzend ähnlicher Erbauungsschriften durch die Welt schleifen; die Rückseite eines Kochbuches macht uns mit den neuesten Abhandlungen über Heringsfang und Käsebereitung bekannt. Eine neue Ausgabe selig verstorbener Klassiker hat einen förmlichen Kometenschweif von noch lebenden unglückseligen Autoren hinter sich. Der »Don Quijote« hat stets den »Gil Blas« und den »Chevalier Faublas« auf dem Nacken; der Shakespeare trägt fast immer den Byron und den Milton huckepack. Der Walther von der Vogelweide hat die »Gudrun« und den »Wieland den Schmied« und den »König Orendel« und »Parzival« und »Titurel« im Schlepptau usw., und das ist ganz recht. Es ist ganz in der Ordnung, daß man ein Kochbuch mit einer Käseschrift anzeigt, daß man das Wort Gottes mit den Worten eines evangelischen Kandidaten ausposaunt, daß man die meisten unserer jüngeren Poeten stets an der Nabelschnur ihrer guten poetischen Großmutter herumlaufen läßt. Unverzeihlich ist es indes, wenn es den industriellen buchhändlerischen Käuzen auch mitunter einfällt, die Gebetbücher unter die Käserubrik zu bringen, die Poesie unter den Heringsfang oder die evangelischen Kandidaten unter den »Chevalier Faublas«. In Deutschland geschieht dies freilich seltener; in England ist es aber an der Tagesordnung; so ein englischer Buchhändler ist nun einmal determiniert, seine Bagagen an den Mann zu bringen; er druckt nicht allein sämtliche ältern Verlagssachen auf die Rückblätter seiner neuern Bücher, sondern er fertigt sich auch separat einige tausend Annoncenbogen an, und du magst bei ihm kaufen, was du willst, er dreht dir einen solchen Bogen um dein erstandenes Werk. Ein englischer Buchhändler gehört immer einer gewissen Farbe, einer bestimmten Partei an; er ist entweder ein Tory oder ein Whig, ein Freetrader oder ein Chartist, ein Anglikaner oder ein Dissenter; nicht daß er deswegen nur Tory-Bücher verkaufte, wenn er ein Tory wäre, oder nur ausschließlich chartistische, wenn er zu der Partei der Chartisten gehörte – nein, keineswegs! Ein englischer Buchhändler ist ebensogut ein Mensch wie jeder andere auch; vor allen Dingen ist er ein Kaufmann, und wie jener Birminghamer Fabrikant sich für Missionsgesellschaften verwandte, zu gleicher Zeit aber doch Götzenbilder fabrizieren konnte, so kann ein englischer Buchhändler ein entsetzlicher Tory sein, ohne es gerade zu verschmähen, unter der Hand auch einige Schillinge an einem chartistischen Buche zu verdienen. Jedenfalls bleibt er indes stets seiner Partei getreu; er wird dir das bestellte chartistische Buch schicken, er dreht aber einen Bogen aristokratischer Bücherannoncen darum; bestelltest du bei einem Teetotaler einen Band Trinklieder, so wird er die Trinklieder in den Prospektus einer Mäßigkeitsgesellschaft binden; forderst du bei einem frommen Buchhändler ein gottloses Buch, so wird er dir zwar das gottlose Buch nicht vorenthalten, er wird dich aber jedesmal auf eine ganze Liste heiliger und erbaulicher Schriften aufmerksam machen, und wirst du umgekehrt bei einem atheistischen Krämer ein gottesfürchtiges Traktätchen erhandeln, so wird er nicht unterlassen, dir das Gift seines Verlags in Gestalt einer zierlich gedruckten Annonce beizufügen. Wenn ich manchmal im Laufe der Woche verschiedene Bücher aus allerlei Läden zusammengetragen hatte, da entdeckte ich plötzlich auf meinem Tische die unheiligsten Spottgedichte, die schlechtesten Liebeslieder und die rührendsten Missionsberichte – Sachen, welche doch alle gar nicht in mein Fach schlagen –, die wie durch ein Wunder in mein Zimmer geflogen zu sein schienen. Mit der Zeit kam ich erst hinter die Geschichte und habe mich später oft über einen sehr eifrigen Shopkeeper gefreut, der sieben Jahre lang um jeden Bleistift und um jedes Stück Siegellack, was er verkaufte, eine Abhandlung über die Notwendigkeit der Abschaffung der Korngesetze wickelte. Eine solche Manier, Propaganda zu machen, ist wirklich gar zu herrlich, und ich bin fest davon überzeugt, daß jener Shopkeeper auch seiner Zeit von der Anti-Corn-Law-League reichlich für seinen Patriotismus belohnt worden ist. Am gewandtesten und eifrigsten sind die kleineren Buch- und Zeitungshändler in dieser Art des Annoncierens; sie haben größtenteils die arbeitende Klasse zu ihrer Kundschaft, und sie verfehlen nicht, jedem armen Teufel, der sich am Samstagabend eine Zeitung kauft, irgendeinen Vers, einen Spruch, ein Bild oder einen Aufruf mit in den Kauf zu geben. Während einer politischen Agitation kann dies Verfahren von unendlichem Nutzen für gewisse Parteien sein. Manchmal enthält der Umschlag einer Zeitung mehr als die ganze Zeitung selbst. Ich habe oft bemerkt, daß ein Holzschnitt, der die Gesichter bekannter Personen getreu wiedergab und auf Dinge Bezug hatte, welche die Arbeiterwelt im höchsten Grade interessierte, mit einem Schlage einen solchen Enthusiasmus unter den Leuten hervorrief, daß sie vor Freude laut aufjauchzten. Durch ein einziges Bildchen, durch wenige Striche, durch die winzigste Zeichnung eines einigermaßen geschickten Künstlers wurde oft eine größere Wirkung hervorgebracht als durch das längste Zeitungsräsonnement. Von den vielen derartigen Bildern will ich nur eins erwähnen, welches mir ein Bradforder Zeitungshändler mehr wie zehnmal um meine Blätter wickelte. Es frappierte mich seinerzeit um so mehr, weil es gerade in einem Augenblick verteilt wurde, wo die Verkehrtheiten unserer heutigen gesellschaftlichen Einrichtungen wieder einmal in ihrer ganzen Scheußlichkeit ans Licht kamen; wo in Bradford, in jenem Orte des blühendsten Handels und der ausgedehntesten Industrie, mit einem Male Tausende von Menschen auf den Straßen standen, welche weder Arbeit noch Brot hatten, welche nach einem Leben voller Not und Mühe nur eine Zukunft voll Verderben und Verzweiflung vor Augen sahen. Ach, wüßte ich es zu zeichnen, dies kleine unbedeutende Bildchen! Es wäre das beste Gegenstück zu dem Gemälde der industriellen Prosperität Englands, zu jenen kolossalen Summen, zu jenen enormen Zahlen, mit denen ich vorher die Glückseligkeit der unternehmenden Briten zu schildern suchte. Man sah einen Baum, eine prächtige Eiche, deren Äste sich nach allen Seiten hin ausbreiteten, deren Krone hinauf in die Wolken reichte. Die Wurzeln des gewaltigen Stammes schlugen tief hinab in den Boden. Unwillkürlich blickte man zuerst hinauf nach dem Gipfel; da sproßte das junge Laub aus den saftigen Reisern, und ein Kranz von grünen Büschen umgab eine schlanke Frauengestalt, die sich leicht auf den Zweigen zu schaukeln schien. Sie trug eine Krone auf ihren Locken und ein Szepter in der Hand, und jede ihrer Mienen schien zu sagen: ich bin Victoria Regina. Neben ihr blitzten Herzogskronen, Bischofsmützen und Hermelinmäntel durch das Grün des Laubes; die Schafsnase des alten Wellington nickte einem vertraulich innig entgegen, und die karierten Hosen des Lord Brougham schimmerten deutlich hinter dem Gewirr der Zweige. Rechts hingen wie Äpfel an einem Christbaume die Minister der Königin, der eine in Akten vergraben, der andere wie in einer Rede begriffen, alle in verschiedenen Stellungen, und auf den ersten Blick erkannte man den wohlbeleibten Sir Robert Peel und den verschmitzten Sir James Graham. Links bemerkte man die Leiter der Opposition, an ihrer Spitze den kleinen Lord John Russell und den alten Dandy Palmerston; alle mehr oder weniger beschäftigt, aber wohlgenährt und lächelnd wie Leute, die ihres Glückes gewiß sind. Unter ihnen trieb sich rechts und links eine Schar Edelleute; der eine auf dem flüchtigen Renner daherspringend; der andere mit vielen Hunden auf der Jagd; der dritte bei einem Diner, das Champagnerglas in der Hand; der vierte in den Armen eines lieblichen Mädchens. Diese Gesellschaft nahm die Krone des Baumes ein. In dem mittleren Teile bemerkte man vornan einen feisten, wohlgenährten Mann, wahrscheinlich einen Bankier, umgeben von Geldsäcken und Schuldverschreibungen; neben und um ihn stattliche Handelsherren auf Ballen gelehnt, Seeleute auf das Anker gestützt und hin und wieder auch einen runden Pächter mit rosenroten Wangen. Doktoren, Advokaten und Pastoren, hübsch gekleidet, aber mit unzufriedenen Gesichtern, schwärmten in großer Menge um die in der Mitte Versammelten und schienen mit gierigen Blicken nach den Geldsäcken der Handelsleute hinüberzublicken. Dann folgten Ackerknechte hinter dem Pfluge, Weber hinter dem Webstuhl, Spinner an der Spinnmaschine und Männer in Bergmannstracht, die eben ihren Schachten entstiegen zu sein schienen. Dann Handwerker mit ihren Gerätschaften in der Hand, der fleißige Schneider, der geschickte Tischler; Holzhacker dann und Mistschieber und Nähterinnen und Lastträger, und je weiter man an den Ästen des Baumes hinuntersah, desto mehr beschäftigte, rastlos arbeitende Menschen fand man. Wo aber der Stamm anfing, da schlang sich ein solches Gewirr von sonderbaren Gestalten durcheinander, daß man nur mit einiger Aufmerksamkeit das eine von dem andern unterscheiden konnte. Hunderte von Menschen, Männer, Weiber und Kinder, die meisten in Lumpen und Fetzen gehüllt, schienen sich mit Fäusten und Bettelstöcken um die letzten Brocken des Verdienstes zu prügeln. Der eine überstürzte den andern, jeder wollte nach oben streben, und unerbittlich trat man die Schädel mit den forteilenden Füßen. Rechts und links sanken die Schwächsten und Unglücklichsten aus den Reihen ihrer Genossen, der eine die Hände faltend, der andere das Haar zerraufend, der dritte die Brust mit Fäusten schlagend, und wie Leichen nach dem Kugelregen einer Schlacht sammelten sich die Kadaver der Gefallenen zu grauenhaften, entsetzlichen Gruppen am Fuße des gewaltigen Baumes. Bleiche, fahle Gesichter, stiere Augen, krampfhaft geballte Fäuste und magere, entfleischte Beine lagen in vollem Gewirr durcheinander, und wie gierige Blutegel und Nattern schlangen sich die Wurzeln des Baumes um die halbverwesten Leiber, ja sie drangen hinab bis in die Herzen dieser Unglücklichen, als ob dort die rechte Nahrung zu saugen sei für den ganzen Baum und für alles, was in seinen Ästen und Zweigen lebe, von dem fleißigen Spinner und Weber an bis zu dem frohen Handelsherrn, bis zu dem faulenzenden Edelmann, ja hinauf bis zu den glückseligen Lords und bis zu der lächelnden Königin. Das war der Baum der englischen Glückseligkeit; und wenn ein Arbeiter nach sechs Leidenstagen vielleicht am Samstagabend zu jenem Buchhändler in den Laden trat, um sich für seine letzten Pfennige eine Zeitung zu kaufen, damit er sehen könne, ob sich denn niemand in der ganzen Welt seiner Leiden annehme, ob niemand den Mut habe, für ihn und seine Kinder aufzutreten, ach, da mochte er auf dem kleinen Bilde, was man um seine Zeitung drehte, da mochte er in jenen zerschmetterten Kadavern nur gar zu bald die Gestalten seiner früheren Freunde wiederfinden, da mochte es ihm mit Schrecken einfallen, daß ihm wahrscheinlich nur eine ähnliche Zukunft bevorstehe, weil die lustigen Handelsherren und die seligen Lords noch so unbekümmert und so zufrieden lächelnd dort oben auf den Zweigen des schönen Baumes sitzen konnten, jenes schönen Baumes, dem das Herzblut, dem der Schweiß eines untergehenden Geschlechtes als Dünger diente. Es ist ein leichtes Ding, sich des Großen und Schönen in der Welt zu erfreuen, aber man frage nicht nach den Seufzern und Tränen, mit denen es geschaffen wurde! Bei meinem Aufenthalt in Bradford hatte ich die beste Gelegenheit, die Opfer aufzuzählen, mit denen der reiche Brite seine industrielle Größe erkauft. Manches hatte ich gelesen, was mir eine Idee hierüber geben konnte, aber ich wollte alles mit eigenen Augen sehen, ich wollte noch mehr sehen, als was man auf einem flüchtigen Gange durch die schlechtesten Gassen einer Fabrikstadt zu bemerken pflegt. Ich schloß mich daher einem schottischen Doktor an, der vom Morgen bis zum Abend in allen Arbeiterhütten herumkriechen mußte. Das war das beste Mittel, um hinter die Kulissen jenes grandiosen Schauspieles zu kommen, dessen kolossale Fülle an Pracht und Reichtum uns nur gar zu oft vergessen läßt, welche Not und welche Verzweiflung den Hintergrund der Bühne ausfüllen. Eines Abends hatten wir länger als gewöhnlich in einem Wirtshause des untern Stadtteils gesessen, da trat der Wirt zu uns herein und meldete dem Doktor, daß im »Weißen Hause« eine junge Frau eben im Begriff stehe, die Welt mit einem überflüssigen Menschen zu bereichern, der Herr Doktor also aufbrechen und helfen müsse. Ich begleitete Mac. Die Straßen waren schon leer, nur die Nachtwächter irrten an den Häusern vorüber und untersuchten, ob Türen und Fensterläden auch verschlossen seien. »Allright!« riefen sie und eilten weiter. Am Ende der Gasse blieben sie aber aufmerksam stehen; wir ebenfalls, denn in einer Schnapskneipe schien heftiger Streit unter den Trinkern ausgebrochen zu sein. Flüche, Prügel und Gepolter folgten rasch nacheinander, und ehe wir uns versahen, stürzten ein halbes Dutzend Kerle aus der Haustür. Fünf Mann kehrten laut lachend zurück – der sechste lag vor uns auf dem Straßenpflaster und rührte kein Glied. Mit Hilfe der Nachtwächter brachten wir den Unglücklichen in das Haus des Doktors, welches gegenüber lag. Der arme Zerschlagene kam bald wieder zur Besinnung und versicherte uns, daß er ganz verteufelte Hiebe davongetragen habe. Dies bezeugte auch eine große Quantität irländisches Blut – unser Patient war nämlich ein Irländer –, welches aus drei Löchern vom Kopf herunter auf die zerrissenen Kleider floß. Während ihm der Doktor die Haare abschnitt, bemerkte Paddy mit wehmütiger Stimme, daß er eigentlich gar nicht wisse, weshalb er so rechtschaffen durchgeprügelt sei. »Das hat seine guten Gründe, daß Ihr das nicht wißt!« erwiderte ihm Mac. »Ihr habt heute abend eine gute Portion Whisky aus der Welt geschafft.« »Und das hat seine guten Gründe, daß ich dies tat!« antwortete der Irländer. »Und welche?« fuhr der Doktor fort. »Gar keine Gründe hat es«, seufzte Paddy, »und gar keine Gründe sind ebensogut wie die allerbesten! Aber Tom Holmes sagte, ich wäre ein liederlicher Strick; ich machte 20 Schillinge die Woche und hätte doch nie einen Penny; und meine Frau säße in Leeds, und ich kümmerte mich gar nicht um meine Frau; und das tue ich auch nicht; denn meine Frau verkauft alte Flaschen, und ich kämme Wolle; und wenn sie alte Flaschen verkaufen will, very well. Jeder hat seine Liebhaberei, jeder hat sein eignes Geschäft, jeder tue, was er will, ich kämme Wolle! Nun ist zwar die Frau der größte Komfort für den Mann, und der Mann ist der größte Komfort für die Frau; da es aber von hier bis nach Leeds sieben dicke Meilen sind, so wären sie, Frau, und ich, Mann, eigentlich nicht sehr komfortabel zusammen, wenigstens nur komfortabel in der Entfernung von sieben Meilen; aber wenn sich meine Frau komfortabel fühlt, indem sie alte Flaschen verkauft, und ich mich komfortabel im Wollkämmen fühle, sind wir dann nicht beide komfortabel? Very well, Doktor, das sagte ich auch zu Tom Holmes. ›Tom‹, sagte ich, ›laß meine Frau aus dem Spiele, und was noch viel schlimmer ist, laß das Geld beiseite. Geld sparen kann ich nicht, denn ich habe alle Taschen voll – nämlich voll Löcher; und wer wert ist, Geld zu verdienen, der ist auch wert, Geld auszugeben, und sieh, Tom, ich bin der Meinung, daß das Ausgeben viel erfreulicher ist als das Verdienen, und ich habe mich die ganze Woche mit dem Verdienen geplagt, da stärke ich mich eine Stunde lang mit dem Ausgeben.‹ – O dear me!« schrie der Irländer da plötzlich, denn eben legte ihm der Doktor einige Pflaster auf die Wunden, die dem redseligen Paddy, der mit der Zeit nüchtern wurde, plötzlich sehr weh zu tun schienen. »Aber Tom«, fuhr er bald fort, »wollte mich gar nicht begreifen; er sagte, wir Irländer wären alle vom gemeinsten Gesindel, wir kämen nur nach England, um wie die Schurken zu leben. Why, Doktor, als wenn das anders möglich wäre. Da komme ich von Tipperary hierher nach England und habe unterwegs zehnmal das Betteln gelernt und finde, daß es mit dem Betteln gar nicht so übel ist; denn geben euch die Leute etwas, da ist es gut; geben sie euch nichts, da lacht ihr sie aus; Spaß auf beiden Seiten, Doktor! Aber ein Mensch kann auch stolz sein, und deshalb kämme ich Wolle. Entweder muß gebettelt werden oder Wolle gekämmt. Wenn ich aber wie ein Schurke lebte, als ich bettelte, lebe ich nicht ebensogut wie ein Schurke, seit ich arbeite? Gewiß! Es ist nur der Unterschied darin, daß ich als Bettler ein Schurke gegen andere bin und als Arbeiter ein Schurke gegen mich selbst. Wenn ich bettle, so ziehe ich durch Faulenzen den Leuten das Geld aus der Tasche, und das ist nicht recht; ich bleibe aber gesund und lustig dabei, und das ist recht. Wenn ich aber arbeite, da verdiene ich mein Brot durch Arbeit, und das ist recht – werde aber ein Krüppel dabei, und das ist nicht recht. Denn sie lassen einen armen Teufel heutzutage arbeiten, daß ihm Hören und Sehen vergeht; und kommt der Samstag heran, da zahlen sie den Lohn; aber man wird nie glücklich davon, weiß nicht, wie es kommt, und ist man alt – aber man wird nicht mehr alt.« Da schwieg der Irländer und sah uns mit seinen schwarzen Augen recht ernst und feierlich an. »Aber halt!« rief er dann plötzlich, »Tom sagte, wir Irländer kämen nur nach England, um wie die Schurken zu leben. Never mind it, Tom! laß sehen.« Da griff Paddy in seine Tasche und dann auf den Kopf: »Löcher, nichts als Löcher!« – »Aber der Doktor braucht etwas für die Pflaster!« bemerkte einer der Nachtwächter. »Doktor«, fuhr der Irländer fort, »Tom sagte, alle Irländer in England wären Schurken, und das konnte ich nicht vertragen; und da nahm ich alles Geld, was ich hatte; ›Tom‹, sagte ich, ›stolz bin ich, stolz bin ich dreimal auf Tipperary, und hier sind 4 Schillinge und 6 Pence, und das wollen wir vertrinken, Tom, und ich bin kein Schurke!‹ Seht, Doktor, und nun habe ich nichts für die Pflaster, ich wollte, ich hätte mehr!« Da packten die beiden Nachtwächter den Verwundeten auf und brachten ihn in die Schenke zurück. – Mac machte sich auf den Weg nach dem »Weißen Hause«. Seit jenem Abend traf ich manchen Irländer, dem der Kopf entzweigeschlagen wurde, ohne daß er wußte weshalb. Paddy ist der sorgloseste Mann von der Welt. Mit Weib und Kind kommt er oft herüber nach England – in Bradford arbeiten z. B. in den Fabriken mehrere Tausend Irländer –, er denkt, in England Brot und Glück zu finden, und täuscht sich oft nur zu sehr. Ist er unverheiratet, da geht die Sache schon; hat er Familie, da gerät er fast immer, wenigstens im Anfang, in die größte Not. Denn leider weiß ein Irländer nie Haus zu halten, er lebt nur dem Augenblick, und ein folgender Tag ist ihm durchaus gleichgültig. Er tut, was das Herz ihm eingibt. In einer Zeit von zehn Minuten kann er rasen wie ein Löwe und fromm sein wie ein Lamm. Hat er kein Geld, da ist er der zufriedenste Mann bei Kartoffeln und Brot und tröstet sich über sein Schicksal mit den köstlichsten Witzen; ist sein Beutel voll, da wirft er fort, was er hat, und ist nicht lustiger und übermütiger als zur Zeit der schrecklichsten Not. Genial ist er unter allen Verhältnissen. Dunkel scheint ihm vorzuschweben, daß das Mißgeschick des Individuums in dem großen Elend seines Volkes aufgehen müsse. Deshalb keine Klage mehr! Der Humor reißt seine Seele hinweg, er lacht, er weint und weiß nicht weshalb, er stirbt und weiß nicht warum. Die große Sorglosigkeit des Irländers in England macht ihn natürlich doppelt arm. Die englischen Arbeiter sorgen wenigstens insoweit für die Zukunft, als sie in guten Handelszeiten Kleider und Möbel anschaffen. Aber auch das ist dem Irländer einerlei; er ist damit zufrieden, daß er heute gelebt hat. In Lumpen geht er einher, schmutzig, unheimlich, nur seine Augen strahlen in ewiger Schönheit, und unwillkürlich schrickt man zusammen, wenn sie bald wehmütig-ernst, bald froh und verliebt in die Welt hinausschweifen. Das »Weiße Haus«, welches ich mit dem Doktor besuchte, liegt in dem älteren Stadtteil, in der Nähe des Kanals, der das Land von Hull nach Liverpool durchschneidet. Es dient allen Unglücklichen als Zufluchtsort, da man für 2 Pence dort sechs Stunden schlafen kann. Es verhält sich damit so: Um 12 Uhr nachts werden aus der Bar, dem zum Rauchen und Trinken eingerichteten Zimmer, alle Stühle und Bänke entfernt. Im Kamine macht man ein tüchtiges Feuer an, fegt die steinerne Flur und legt rings an den Wänden herum Decken und Strohsäcke. Die Gäste, welche nur gekommen sind, um zu trinken und zu rauchen, müssen aufbrechen, und die sich nach Schlaf sehnen, haben für 2 Pence das Recht, sich niederzulegen. Das geschieht sans ceremonie. Männer, Weiber und Kinder ziehen ihre Kleider aus, hängen diese über die Bretterwand der Bar und geben sich gewöhnlich alle Mühe, um die verhängnisvollen sechs Stunden so gut wie möglich zu benutzen. Der Wirt ist nämlich sehr exakt in der Zeit und versäumt nicht, gegen Morgen ein allgemeines Poltern zu veranstalten. Jeder, der nicht gutwillig das Lager verläßt oder noch für weitere drei Stunden einen Penny mehr bezahlt, wird dann mit Gewalt beseitigt. Gewöhnlich stellen sich gegen Morgen neue Gäste, namentlich Betrunkene, die sonstwo übriggeblieben sind, zum Schlafen ein und nehmen das noch warme Lager der eben Erstandenen in Beschlag. In jener Nacht war die Bar fast ganz besetzt. Bei dem Schein des hellen Feuers konnte ich achtzehn Personen zählen; auch mußten noch einige kleine Kinder unter den Decken verborgen sein, denn bisweilen hörte man ein leises Weinen und Wimmern von feinen, zarten Stimmen. Die meisten Gesichter konnte man deutlich unterscheiden; hin und wieder tauchte auch nur ein Kopf voller Haare aus den Decken. Viel Kummer und Not lag da begraben. Gleich vornan bemerkte ich zwei Mulatten, mit denen ich schon am Tage vorher Bekanntschaft gemacht hatte. Kräftige Kerle. Sie verkauften Gebete und Bilder, wie viele Hunderte ihresgleichen, die jährlich als Matrosen oder Schiffsjungen nach England herübersegeln, einige Zeit bettelnd das Land durchirren und dann wieder verschwinden. Neben ihnen lag ein langes, hageres Gesicht, auf dem in tiefen Furchen eine lange Leidensgeschichte geschrieben stand. Es gehörte einem Manne, der ungefähr fünfzig Jahre alt war, vielleicht auch erst dreißig. Wer weiß es? Jedenfalls schien er ein Greis an Not und ein Kind an Glückseligkeit zu sein. Sein Arm lag unter dem Nacken eines Weibes, das mit weit offenen Augen unverwandt ins Feuer blickte. Ein kleines Mädchen kauerte zu den Füßen der Mutter in tiefem Schlafe. Weiter dem Kamine zu hatte sich eine trotzige Gestalt gebettet. Der arme Teufel schien keine Lust zu haben, sich des einzigen, was ihm im Leben treu geblieben, zu entäußern. Im vollen Schmuck seiner Lumpen lag er nämlich auf dem Strohsack, die Hände über dem Kopf gefaltet, in den Mundwinkeln Spott und Hohn, an seiner Seite einen riesigen Stock. Einige gesunde Köpfe, in denen Gin und Ale fortglühten, lagen auf den Säcken der anderen Seite, auch eine kolossale Schönheit, schwarze Haare über einem roten Gesicht. Sie sang noch halb im Schlafe den Refrain eines Gassenhauers, der Bettler am Kamin lachte, der Wirt fluchte – alles war wieder still. Während ich die Schlafenden besah, hatte sich der Doktor in ein Nebenzimmer verfügt, um einem armen Geschöpfe in der höchsten Not beizustehen. Der Wirt war untröstlich, daß die Geschichte in seinem Hause vorging. Die Frau hatte sich aber standhaft geweigert, das Zimmer zu verlassen, da sie die gräßlichste Angst vor dem Armen- oder Krankenhause hatte. Ich näherte mich der Tür, da kam mir Mac schon lachend entgegen und versicherte, es sei längst alles glücklich vorüber. Die junge Frau war mit ihrem Manne, einem Fabrikarbeiter, sechs Wochen lang umhergewandert, ohne Arbeit finden zu können. Da kamen sie nach Yorkshire, um sich weiter nach Manchester durchzuschlagen. Das Geld war ihnen schon früh ausgegangen, und nachts suchten sie gewöhnlich in einer Scheuer oder, wenn sie etwas zusammengebettelt hatten, in einer Schenke letzten Ranges Schutz. Eine Nacht, wie mir der Mann versicherte, brachten sie sogar unter der Brücke einer Eisenbahn zu. Beide hatten diese Lebensweise aber dem Aufenthalt im Arbeitshause vorgezogen, vor dem sie sich so sehr fürchteten, daß sie schon der Gedanke daran mit Abscheu erfüllte. Wir werden später sehen weshalb. Die Leute, welche in Schenken wie in der »Zum Weißen Hause« vegetieren, betteln entweder oder beschäftigen sich mit dem Verkauf kleiner Artikel, die sie von Haus zu Haus tragen. Sie waren genötigt, ihre Wohnungen aufzugeben; bei Tage stehen sie in den Straßen und lauern auf einen Pfennigverdienst. Frau und Kinder suchen sich selbst etwas, und abends sammelt sich die Familie an einem Orte, der zur Schlafstelle vorher auserkoren ist. Die Bettler sind am besten dran. Die Bettelei wird bald ihr Geschäft, sie kennen dann ihre Häuser, ihre Menschen. Die Schotten verstehen sich am besten auf Bettelei, da sie verschlagen und ökonomisch sind; sehr viele von ihnen sollen nach einem mehrjährigen Aufenthalt in England mit einem kleinen Vermögen ins Vaterland zurückkehren und es dort gewöhnlich sehr gut anwenden. Die Irländer vertrinken, was sie in die Hände bekommen; arm, wie sie kamen, gehen sie zurück. Man hat daher auch in Liverpool die Einrichtung getroffen, daß jeder Sohn der Emerald Isle frei zurück in seine Heimat spediert wird. Die Schotten betteln mit untertäniger Miene, die Irländer mit lachendem Gesicht, die Engländer mit einem Ernst, der durch Mark und Bein geht. Die Hausierer sind größtenteils Schotten; mit einem Sack auf dem Rücken ziehen sie von Ort zu Ort. Engländer tun dies selten. Irländer fast gar nicht. Paddy ist ein schlechter Krämer; höchstens läßt er seine schwarzäugigen Töchter mit Orangen handeln, und die Augen sind meistens schöner als die Orangen. Einmal kam mir auch der Fall vor, daß ein irländischer Junge, etwa acht Jahre alt, zu mir hereintrat und den Vorschlag machte, ich sollte ihm 6 Pence geben, sein Vater sei sehr krank, er wolle mir auch drei schöne Geschichten erzählen. Die Geschichtenerzähler scheinen sich also nicht allein im Orient aufzuhalten. Der Irländer verstand sich prächtig darauf. Der zurückgekommene Arbeiter befindet sich stets in der allerschlimmsten Lage. Er ist zu stolz, um zu betteln, zu rechtschaffen, um zu stehlen. In vielen Fällen erlaubt es seine Ehre nicht, sich in ein Arbeitshaus einschließen zu lassen; er verkauft, was er hat; hier und da leiht ihm ein Freund eine Kleinigkeit – das hilft nicht mehr; da verläßt er seine Hütte; Frau und Kinder suchen so gut zu leben, wie sie können; er selbst wandert durch die Gassen und wartet, ob ihm der Zufall nicht etwas in die Hände spielt, und am Abend finden wir ihn auf dem Strohsack einer Schenke zwischen Kranken und Trunkenen, zwischen Dieben und Dirnen schlafend sechs Stunden lang für 2 Pence, bis ihn der Wirt aus dem Hause jagt. Und alles das, weil etwa der Handel schlecht geht. Ich hatte immer gewünscht, die Arbeiter einmal in ihren Wohnungen beobachten zu können. Das wollte aber lange Zeit nicht gelingen. Die Leute sind zu argwöhnisch, namentlich gegen Fremde, und nichts scheuen sie mehr, als wenn man sich um ihre häuslichen Angelegenheiten kümmert. Ein Glas Ale und eine Pfeife tuen indes Wunderdinge, und wenn man beides mit ihnen genossen hat, so werden sie sehr zutraulich. – Der Doktor Mac mußte damals wieder behilflich sein; er brachte mir eine sehr feierliche Miene bei und brauchte mich bei einer Runde durch wenigstens dreißig Arbeiterwohnungen als Gehilfen. Ich muß indes bemerken, daß die Zeit, in der wir diese Besuche machten, eine sehr günstige war. Die Arbeiter der Worsted-Manufakturen waren zwei Jahre lang vollauf beschäftigt gewesen und erfreuten sich eines hohen Lohnes. Da wir an einem Sonntagmorgen ausgingen, so fanden wir fast alle Familien zu Hause; Männer, Weiber und Kinder; einige noch in den Betten, andere beim Frühstück, viele mit der Zubereitung des Mittagessens beschäftigt und die letzten endlich am Schmause. Die meisten Familien haben eine besondere Wohnung, ein Hausvater, der 18 Schilling die Woche verdient, wohnt nicht leicht mit anderen Familien zusammen. An der Einrichtung der Wohnung kann man fast immer sehen, wieviel Lohn der Arbeiter wöchentlich erhält. Bei 15 Schillingen, was ein sehr mäßiger Lohn ist, bedeckt selten ein Teppich den steinernen Fußboden – nur vor dem Kamine liegt gewöhnlich ein schmaler Lappen –, die Wände sind schmucklos, das ganze Möblement besteht nur aus Tisch, Stuhl und Bett. Bei 20 Schillingen sieht es schon besser aus; auf den Stühlen liegen Kissen, der Teppich, eine in England des Klimas wegen durchaus nötige Sache, ist größer, auf dem Schrank stehen Gläser und Tassen, und an der Stubendecke hängt vielleicht ein Schinken oder eine Speckseite. Bei Leuten, die 30 Schillinge einnehmen, gewahrt man schon einen geregelten Komfort, der sich bis auf kleine Figuren, Tassen und Gläser erstreckt, die das Gesims des Kamines zieren. Hat ein Vater bereits Kinder, die ebenfalls in Fabriken arbeiten und noch bei ihm wohnen, so ist die Summe des wöchentlichen Lohnes natürlich größer; für Essen und Trinken wird dann besser gesorgt und namentlich am Sonntagmittag etwas Besonderes auf den Tisch gebracht. Bei meinem Besuche fand ich fast überall schönes Weizenbrot zum Frühstück aufgetragen; für den Mittag Beef, Mutton oder Kalbfleisch und einen Krug Ale. Die Kleider der in den Worsted Mills beschäftigten Mädchen waren damals bei weitem besser als die der deutschen Fabrikarbeiterinnen. Aber ach, all diese kleine Herrlichkeit dauert ja nur, solange der Handel gut geht. Ist es damit zu Ende oder brechen gar Krankheiten oder sonst Unglücksfälle über den Arbeiter herein, da verschwindet bald der Teppich von dem Boden, das Kissen vom Stuhl, der Stuhl selbst und das Bett, und auf dem Tische sucht man vergebens nach Fleisch und Ale. Tausende wandern ins Armenhaus, und die, welche zu stolz sind, sich einschließen zu lassen, und Weib und Kinder nicht aufgeben wollen, stehen in Lumpen an den Straßenecken, damit – der Reiche über sie spotte. Jawohl, über sie spotte! Denn mehr wie hundertmal hörte ich die sogenannten »respektablen Herren« erklären, die Arbeiter verdienten, geprügelt zu werden, daß es ihnen während einer Handelskrise nicht besser ginge. Die meisten englischen Fabrikanten, welche nach derbem Profit alle schlechten Zeiten glücklich überstehen, verlangen nämlich auch von ihren Arbeitern, daß sie von 20 oder 30 Schillingen ein Erkleckliches zurücklegen, um damit den geringen Lohn einer bösen Handelskonjunktur weniger fühlbar zu machen. Der Arbeiter soll nie Fleisch, Brot oder Ale genießen – er soll wie ein Hund leben, um Handelskonjunkturen zu bestehen! Aber so sind die meisten englischen Handelsaristokraten. Von offenbarer Schinderei kann natürlich nicht die Rede sein; aber die gesetzlich sanktionierte Scheußlichkeit, jeden Arbeiter als Maschine gebrauchen zu dürfen, ist an der Tagesordnung. Der Durst nach Geld läßt keine menschliche Regung mehr aufkommen; man sucht, die Fäuste des Arbeiters so billig als möglich zu kaufen, und jagt den Kerl zum Tempel hinaus, wenn er nicht länger konveniert. »Wir haben ja keine Verpflichtungen gegen ihn!« – so lautet die ewige Entschuldigung. Übrigens sind es nicht allein die schlechten Geschäftszeiten, welche den Arbeiter ruinieren, nein, er leidet ebensosehr durch die Willkür seiner Herren und durch die Konkurrenz innerhalb seiner eigenen Klasse sowie namentlich durch jede neue Erfindung, die man macht, um die Hände des Arbeiters durch Maschinen zu ersetzen. Schlechte Geschäftszeiten bleiben natürlich stets die Hauptursache seines Elends, denn sobald der Warenabsatz stockt und es üble Aussichten für die Zukunft unmöglich machen, eine vielleicht schon zu große Produktion noch weiter auszudehnen, fängt man an, täglich einige Stunden weniger zu arbeiten, was eine Verringerung des Lohnes mit sich bringt, und hört endlich ganz zu arbeiten auf, was dann eben keine andere Folge hat, als daß aller und jeder Lohn aufhört und der Arbeiter geradezu auf die Straße geworfen wird, wo man es seinem Scharfsinn überläßt, sich bis zu Beginn einer günstigern Zeit durchzuschlagen. Durch reine Willkür leidet der Arbeiter insofern, als es dem Fabrikherrn ja ganz freisteht, in seinem Etablissement die lästigsten und infamsten Reglements zu erlassen oder die Löhne selbst in den flottsten Handelszeiten herabzudrücken, sobald er weiß, daß seine Leute aus Mangel an anderweitiger Beschäftigung sich auch unter den billigsten Bedingungen verdingen müssen. Die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst ist der dritte Grund ihres ewigen Unglücks. Es ist schrecklich, wenn man bedenkt, daß Menschen, welche schon von allen Seiten her gedrückt werden, endlich durch die Not gezwungen auch noch übereinander herfallen müssen, um sich die letzten Brocken aus den Fäusten zu winden. Man hat von dieser Konkurrenz unter den Arbeitern selbst keinen Begriff, wenn man sie nicht mit eigenen Augen sah. Ich erinnere mich noch sehr wohl, daß einst ein Leinengarnspinner seine Preise plötzlich heruntersetzte und dadurch größere Geschäfte zuwege brachte als alle seine Kollegen. Ich konnte nicht begreifen, wie es diesem Menschen möglich war, sein Garn billiger zu verkaufen als jeder andere. Aus Geldnot tat er es nicht, da er ein sehr reicher Mann war. Da ging ich gegen Abend hinaus in die Felder, und siehe da, es begegneten mir mehrere Hundert Irländer mit Sensen und Hacken auf den Schultern, um nach beendigter Ernte in den Agrikulturdistrikten jetzt in die Fabrikgegenden zu laufen, wo sie sich zu billigeren Löhnen als die bisherigen Arbeiter anboten und natürlich akzeptiert wurden, wenn die alten Arbeiter nicht zu demselben Preise tätig sein wollten. Es war nur zu deutlich, daß jener Leinengarnspinner den ersten Strom dieser unbeschäftigten Leute erhalten hatte, die Löhne verringern, dadurch billiger fabrizieren und mehr verkaufen konnte als jeder andere. Welchen Einfluß die Erfindung einer neuen Maschine auf die Arbeiterwelt hat, kann man sich daraus begreiflich machen, daß z. B. in der West Riding von Yorkshire 30 000 Menschen allein damit beschäftigt sind, mit der Hand Wolle zu kämmen, die also durch Erfindung einer Maschine, welche diesen Dienst versehen könnte, auf der Stelle außer Brot kommen müssen. Ich führe gerade dies Beispiel an, weil man eben damit umgeht, ein in Sachsen erfundenes System, Wolle durch Maschinen zu kämmen, durch Engländer vervollkommnen zu lassen, so daß fast kein Zweifel mehr ist, daß jene 30 000 Menschen schon in kurzem dasselbe Schicksal haben werden, was seinerzeit den Arbeitern in Manchester durch die Erfindung der Selfactors über den Hals kam. Die Arbeiter mögen sich daher drehen und wenden, wie sie wollen – nach einer kurzen Zeit der Prosperität geraten sie stets wieder in ihr Elend hinein, in ein Elend, welches, wie es nach jeder Handelskrise z. B. der Fall ist, durch häufigere und gefährlichere Krankheiten Tausende in der Blüte des Lebens hinwegrafft. Dieses Leiden der englischen Arbeiter ist so fortdauernd, daß man in jeder Zeitung, die sich überhaupt um solche Sachen kümmert, fast jeden Tag auf ein Drama stößt, was sich in dieser oder jener Grafschaft zugetragen hat. Wenn man nämlich eben glaubt, alles Elend müsse sich durch eine allgemeine Besserung des Wollengeschäftes z. B. verlieren, da geht plötzlich in den Baumwolldistrikten, die vielleicht bisher florierten, derselbe Tanz wieder los, der eben in den Wollbezirken endete, und so umgekehrt; und so geht es in allen Branchen, und so geht es von Jahr zu Jahr, und Geschlechter auf Geschlechter gehen zugrunde, um die Wurzeln jenes gewaltigen Baumes zu nähren, auf denen jetzt die Glückseligkeit, vielleicht aber einst auch das Verderben der Reichen wächst. Es ist rührend, wenn man sieht, wie jene den Arbeiterinteressen gewidmeten Zeitungen nie müde werden, die Leiden jeder Stadt, jedes Dorfes ans Licht zu bringen, wie sie nicht verschmähen, die kleinsten Details jener Ereignisse aufzunehmen, welche doch endlich den Arbeiter zum Bewußtsein und den Besitzenden zur Verzweiflung bringen müssen.   Sunderland, 14.Septbr. Gestern vergiftete sich hier der Schmied James Pemberton, 32 Jahre alt. Er hatte eine Frau und vier Kinder und konnte seit verflossenem Januar keine Beschäftigung finden. Um während dieser langen Zeit mit seiner Familie leben zu können, verkaufte er zuerst seine Mobilien, dann seine Kleider, so daß bald nichts mehr übrigblieb, woraus ein Pfennig Geld gelöst werden konnte. Seit mehreren Tagen hatten die Leute nichts mehr zu essen, als was sie von den Nachbarn erhielten, die selbst arme Leute waren und nicht viel geben konnten. Der Hunger brachte Pemberton zur Verzweiflung; er ging und verschaffte sich Gift, um seinem Dasein ein Ende zu machen. Nachdem er eine große Quantität Laudanum zu sich genommen, erzählte er seinem Weibe, was er getan, und versicherte, nur das Elend habe ihn dazu gezwungen. Die Frau lief zugleich zu den Nachbarn, die einen Arzt und die Behörde herbeiriefen. Mr. Taylor, Relieving-Officer für den Sunderland-Distrikt, fand die Familie Pemberton im schrecklichsten Zustande. Der Mann lag im Todeskampfe auf dem Strohlager in der Ecke des Zimmers ohne irgendeine Bedeckung. Ein alter Stuhl und ein Tisch waren das ganze Möblement. Seine Frau saß neben ihm, halbtot vor Schreck und Hunger. Die Kinder waren am frühen Morgen davongelaufen. Die ärztliche Hilfe kam zu spät. Pemberton starb im Beisein des Relieving-Officer. (Northern Star)   Im Januar v. J. wurde Thomas Stew, 20 Jahre alt, des Mordes überwiesen und in Liverpool hingerichtet. Dem Kaplan machte er folgendes Geständnis: »Ich liebte Alice Nolan seit ungefähr vier Monaten. Sie war ein sehr liebenswürdiges Mädchen, und ich dachte, wir würden einst glücklich miteinander leben. Einen Monat vor ihrem Tode versprach ich ihr, sie in Zeit von fünf Wochen zu heiraten; ich konnte aber mein Versprechen nicht halten, da ich in schlechte Gesellschaft geriet und all mein Geld ausgab (6 Schillinge). Da wir also auf Erden nicht leben konnten, so dachte ich, wir würden im Himmel glücklich miteinander sein. Ich lieh ein Messer, um ihr und mir das Leben zu nehmen. Mit diesem Messer in der Tasche ging ich ihr entgegen, wie ich stets zu tun pflegte, wenn Alice von der Arbeit nach Hause zurückkehrte. Als ich sie angetroffen, setzten wir uns auf eine Bank und sprachen miteinander wie manchen Abend vorher. Sie fragte unter anderm: ›Sollen wir uns am Montag bei Sallys treffen?‹ – Ich drückte sie fester an mich. ›Nein!‹ sagte ich, ›zunächst werden wir uns im Himmel wiedersehen‹ – und durchfuhr mit dem Messer ihren Hals. – ›O mein geliebter Tom!‹ rief sie und stürzte zusammen. Ich ging meines Weges. Vor dem Hause meines Bruders kniete ich nieder und sagte: ›Ich hoffe, daß sie jetzt im Himmel sein wird und daß wir uns dort treffen.‹ Da durchschnitt ich mit dem Messer meinen eigenen Hals. Ich fiel mit dem Kopf gegen die Tür. Die Tür öffnete sich; ich fiel auf die Hausflur. Dort hob mich jemand empor, ich weiß nicht wer. Ich verlor die Sinne. Als ich im Spital erwachte, standen meine beiden Brüder neben mir.« (Manchester Guardian)   Thomas weinte bitterlich, als man ihn aufs Schafott brachte, denn es hatte ihm jemand versichert, er würde seine Alice sehr wahrscheinlich nicht im Himmel wiedersehen.   Im April 1844 wurde in London eine Frau Mary Furley des Kindesmordes angeklagt. Sie erzählte vor Gericht: »Als ich in das Bethnal-Green-Arbeitshaus ging, litt mein ältestes Kind an einer bösen Kopfkrankheit. Es wurde ins Spital gebracht und mir nach einiger Zeit zurückgegeben. Da sich das Übel aber aufs neue zeigte, so befahl man, dem Kinde die Haare abzuscheren. Der Barbier, der diese Operation vornahm, war betrunken und schnitt ganze Fetzen Fleisch vom Kopfe des Kindes. Die Wunden wurden sehr schlimm und blieben so für einige Zeit; als sie endlich geheilt waren, bekam das Kind triefende Augen. Auch bedeckte seinen Leib bald von oben bis unten ein häßlicher Ausschlag, welcher gewiß nur dadurch entstand, daß man dem Kinde im Arbeitshause nur hartes Rindfleisch zu essen gab. Ich bat, man solle ihm Hammelfleisch geben, was aber verweigert wurde. Da entschloß ich mich, das Haus zu verlassen, und nachdem ich von den Wächtern ein Darlehen von 6 Schillingen erlangt hatte, ging ich bei meinen Bekannten umher und sammelte noch einige Schillinge dazu. Ich fand dann Beschäftigung bei einem Hemdenfabrikant; da man aber nur 1¾ Pence für die Anfertigung eines Hemdes bezahlte und ich bei angestrengtem Fleiße nur drei Stück an einem Tage fertigbrachte, so war ich bald gezwungen, diese Arbeit dranzugeben und mich nach etwas Besserem umzusehen. Ich beschloß daher, für mein weniges Geld Bänder zu kaufen, hieraus Mützen zu nähen, sie wieder zu verkaufen und dadurch einigen Unterhalt für mein Kind zu erwerben. Ich ging aus, um dies zu tun. Als ich aber in einen Kaufladen kam, fand ich, daß mein Geld fort war. Ich habe es entweder verloren, oder es ist mir aus der Tasche gestohlen worden. Dies versetzte mich natürlich in die schrecklichste Betrübnis, denn ich hatte jetzt keinen Freund in der Welt mehr, und es blieb mir nichts anderes übrig, als wieder in das Arbeitshaus zurückzukehren. Vor dem Arbeitshaus hatte ich aber einen solchen Abscheu, daß ich es vorzog, mich lieber samt meinem Kinde ums Leben zu bringen.« Die Gefangene hielt inne bei diesen Worten und sprach so leise, daß man nur noch die Worte hörte: »und ich fiel von den Planken der Werft hinab.« (The Times)   Das arme Weib stürzte sich nämlich mit ihrem Kinde in eine mit Schlamm und Wasser gefüllte Kloake. Das Kind ertrank, die Mutter wurde gerettet, zum Tode verurteilt, begnadigt und nach Van-Diemens-Land transportiert. Fälle wie die angeführten, wo es ein Mensch vorzieht, durch Gift statt durch den Hunger zu sterben, wo sich ein junger Mann samt seiner Geliebten umbringt, weil ihm 6 Schillinge (2 Taler) zur Hochzeit fehlen, wo sich eine Mutter mit ihrem Kinde in eine Kloake stürzt, um nicht der »öffentlichen Mildtätigkeit« in die Hände zu fallen – solche Sachen passieren so häufig, daß etwa nur die den Volksinteressen gewidmeten Zeitungen, wie der »Northern Star« z. B., aus wirklichem Anteil davon Notiz nehmen oder Blätter wie der »Manchester Guardian« oder die »Times« nur dann darauf zurückkommen, wenn es ihnen entweder darum zu tun ist, irgendeine leere Spalte ihres großen Formats mit einer Mordgeschichte auszufüllen, oder der Vorfall gerade der Art ist, daß er wie die Geschichte der Mary Furley als Argument gegen das neue Armengesetz gebraucht werden kann. Bei einer Handelskrisis wäre es indes auch unmöglich, alle Unglücksfälle zur Sprache zu bringen; die Berichterstatter der verschiedenen Grafschaften beschränken sich dann darauf, nur die Totalsumme der Menschen aufzuführen, die infolge des größeren Elendes über die durchschnittliche Totenzahl hinaus in diesem oder jenem Monat umgekommen sind. Dieses Hinsterben und Verschwinden vieler Menschen infolge einer Geschäftsstockung hat etwas Entsetzliches, etwas Grauenhaftes. Ich erinnere mich noch eines Vorfalls, der in Bradford vor meinen eigenen Augen passierte und den ich deswegen jedenfalls erwähnen will, weil er zeigt, wie der Ruin der Kinder in solchen Zeiten am häufigsten vorkommen muß und gewiß am allerwenigsten bemerkt wird. Ein junger Arbeiter war infolge des Stillsetzens einer Spinnerei außer Brot gekommen. Fünf Monate lang suchte er vergebens nach Beschäftigung. Alle Mobilien mußten verkauft werden, und zuletzt blieben ihm nur zwei sehr schöne Kinder, zwei Knaben, der eine von 2, der andere von 4 Jahren, und eine Frau, die alles Geld, was sie hin und wieder durch Waschen verdiente, in Schnaps versoff und, wie sich der Mann selbst darüber aussprach, »glücklicherweise« auch endlich gar nicht mehr nach Hause kam. Der Vater saß daher gewöhnlich mit seinen zwei Söhnen allein am kalten Herde. Endlich findet er Arbeit, aber leider 3 Meilen von der Stadt entfernt. Er konnte seine Wohnung nicht gleich dorthin verlegen, weil er mit der Miete des bisherigen Hauses noch im Rückstand war. Am Morgen um 5 Uhr verließ er daher gewöhnlich seine Kinder und kehrte erst gegen Abend zurück. Die beiden Knaben spielten dann den Tag über auf der Straße vor dem Hause. Eine Woche lang ging dies recht gut. Da erkrankten beide Kinder, und wie mir der Doktor versicherte, infolge der vielen Entbehrungen der letzten Zeit. Es fragte sich nun, ob der junge Mann die kaum erhaltene Arbeit wieder aufgeben sollte, um zu Hause zu bleiben und seine Kinder zu pflegen, oder ob er wie bisher am Morgen hinausgehen sollte, um die beiden Kranken volle vierzehn Stunden ihrem Schicksal zu überlassen. Da doch jedenfalls etwas verdient werden mußte, so zog er das letztere vor, indem er sich auf einige Nachbarn verließ, welche versprochen hatten, sich von Zeit zu Zeit nach den Kindern umzusehen. Dieser Zustand dauerte acht oder zehn Tage lang; die Kinder wurden mit jeder Stunde kränker. Da ging ich mit Mac eines Abends in diese Gegend hinaus; er erzählte mir unterwegs von der Geschichte. Seit dem Beginn der Krankheit, sagte er mir, sei er zweimal täglich hinausgegangen, um den armen Würmern Medizin einzugeben. Das Haus sei immer offen, aber niemand warte den Kindern auf; die Nachbarn schienen sich wenig darum zu kümmern, und alles Kurieren könne nichts helfen; bei dieser Vernachlässigung müßten beide sterben, und es solle ihn sehr wundern, wenn wir das jüngste Kind nicht bereits tot anträfen. Da waren wir an Ort und Stelle. Durch die halboffene Haustür treten wir gleich ins Zimmer. Es war kalt und unfreundlich im Innern. Mac zog seine Schwefelhölzchen hervor und zündete ein Licht an; wir schritten in die Ecke des Raumes, Mac schlug die Bettdecke zurück, und wie er erwartet hatte, war das jüngste der beiden Kinder bereits kalt; das ältere eben im Begriff, seinem Brüderchen in den Tod nachzufolgen. Mac versicherte mir später, daß solche Ereignisse in seiner Praxis zu den allergewöhnlichsten gehörten. Man kann sich solche Sachen aber sehr gut erklären, wenn man bedenkt, daß in den Fabrikstädten Englands der Wert der Menschen im eigentlichsten Sinne des Wortes mit dem Werte der Kalikos im gleichen Maße steigt und fällt. Stehen die Waren aus Mangel an Vorräten hoch im Preise, da zieht man die Arbeiter heran, um mehr zu produzieren; die Arbeiter bekommen also einen Wert, sie steigen im Preise wie jeder Artikel, den man sucht und nötig hat. Gehen dagegen die Warenpreise niedriger, weil genug Vorräte da sind, da schränkt man die Produktion ein, man entläßt die Arbeiter – die Arbeiter hören auf, ein wertvoller Artikel zu sein, sie fallen ebenfalls im Preise; und hält dies Wertlossein der Arbeiter längere Zeit an, sind sie, mit andern Worten, durch das Aufhören der Löhne längere Zeit, als dies ein Mensch aushalten kann, auf das Hungern angewiesen, da fangen sie eben samt ihren Kindern an zu kränkeln, und wenn sie dann auch gerade nicht Hungers sterben, so verrecken sie doch wenigstens an den Folgen dieser langen Entbehrungen, was im Grunde ein und dasselbe ist. Daß es weiter gar keine Sensation macht, wenn die Kinder eines Arbeiters sterben wie die Fliegen, das brauche ich wohl nicht zu versichern. Auf der einen Seite sind die Eltern manchmal nur gar zu sehr mit dem Tode ihrer Kinder zufrieden, weil sie dieselben in üblen Zeiten doch nicht zu ernähren wissen, und auf der anderen Seite beruhigen sich die Behörden gern genug bei diesen Sterbefällen, weil ja, um mit dem gelehrten, angebeteten Malthus zu sprechen, die überflüssige Bevölkerung dadurch auf gute Manier aus dem Wege geräumt wird. Übrigens gilt meine Bemerkung, daß die Arbeiter ihre Kinder manchmal gar nicht sehr beweinen, nur für den Fall, daß die Kinder eben noch sehr klein sind. Haben sie schon ein solches Alter erreicht, um in den Spinnereien gebraucht werden zu können, da ist die Sache bei weitem anders. Sie werden dann ein wahrer Segen der Eltern, indem sie zur Erhaltung der letztern beizutragen gezwungen sind. Diese verkehrte Welt, daß die Kinder arbeiten müssen, während die Eltern zu Hause sitzen, ist eine natürliche Folge der allmählich verbesserten Maschinen, die besser durch die gelenken Finger der Jugend als durch die schon steiferen Fäuste des Alters besorgt werden können. Es kommt daher nur gar zu häufig vor, daß man den Hausvater die kleinen Kinder verwahren sieht, während die Mutter mit den schon etwas herangewachsenen Söhnen und Töchtern in der nächsten Spinnerei den Unterhalt der ganzen Familie erwirbt. Das Verhältnis eines Fabrikanten zu seinem Arbeiter ist in den meisten Fällen so barbarisch, daß es von dem Verhältnis eines Bauers zu seinem Ochsen wenig verschieden ist. In der Tat, die letztern stehen eigentlich in einem innigem Verhältnis wie die erstem. Außer dem Interesse, was der Besitzer eines Ochsen an der augenblicklichen Arbeit dieses Tieres nimmt, muß ihm auch noch an dem körperlichen Wohlsein seines Zugstieres gelegen sein; er muß ihn konservieren, um ihn desto länger ins Joch spannen zu können. Der Fabrikant sieht dagegen in seinem Arbeiter nur eine Maschine, an deren augenblicklicher Benutzung ihm nur gelegen ist und deren Verschleiß ihm deswegen durchaus gleichgültig sein kann, da sie ja jeden Tag anderweitig, und zwar ohne weitere Kosten, zu ersetzen ist. Wenn der Fabrikant von seinen Arbeitern spricht, da redet er auch niemals von Menschen: er tituliert seine Arbeiter schlechtweg »hands«, Hände. Die Art und Weise, wie mir einst ein Fabrikant von seiner Reise nach Schottland erzählte, wo er sich ein paar Dutzend starke Menschen geholt hatte, war gar nicht von einem Bericht verschieden, den etwa ein Viehhändler von einer gelungenen Expedition nach Friesland geben würde. Daß die Fabrikanten bisweilen auch noch ganz mittelalterlich in ihrer Umgebung verfahren, mag daraus hervorgehen, daß z. B. ein Worsted-Spinner fast sein ganzes, sehr bedeutendes Etablissement mit eigenen Kindern treiben soll. Der würdige Mann ist Junggeselle und feierte vergangenes Jahr seinen siebzigsten Geburtstag. Ich kann indes diese Geschichte nicht verbürgen; da aber jeder delikate Handel im schlimmsten Falle durch eine wöchentliche Rente von 2 Schilling und 6 Pence an die Mutter eines unehelichen Kindes auf gerichtlichem Wege zu schlichten ist, so ist der Moralität eines reichen, unverheirateten Fabrikanten eben keine sehr strenge Grenze gezogen. Es gehen in England wirklich oft so schauderhafte Geschichten vor, daß man nicht anders meint, als in der Türkei oder in China zu sein. Das Schrecklichste, was mir indes zu Ohren kam, fiel im November 1845 in Bradford vor. Ich will dies Ereignis erzählen, weil es mehr als alles andere die Schattenseiten englischer Zustände charakterisiert und weil ich die geringsten Details dieser Affäre als wahr verbürgen kann. In einem Arbeiterviertel in Bradford starb ein sechs Wochen altes Kind und wurde auf dem Kirchhofe innerhalb der Stadt begraben. Die Mutter dieses Kindes war sehr arm, sie begrub ihr Kind, wie es gewöhnlich die armen Leute in England zu tun pflegen. Sie kaufte nämlich für weniges Geld eine kleine Kiste, legte die Leiche hinein und erkundigte sich bei dem Totengräber, ob nicht sonst jemand in der Stadt gestorben sei, der in den nächsten Tagen begraben werde. Da dies der Fall war, so stellte sie sich mit ihrem kleinen Sarge zur bestimmten Zeit ein, und während man die Leiche eines Erwachsenen hinabsenkte, steckte der Totengräber den Sarg mit dem Kinde zu gleicher Zeit in dieselbe Grube. Dies ist eine alte Sitte in England, von der gewöhnlich die ärmsten Leute Gebrauch machen. Ein eigenes Begräbnis kostet nämlich wenigstens 5 Pfund Sterling; die meisten Leute haben dies natürlich nicht aufzuwenden, und die Leichen der Kinder werden dann bei Gelegenheit mitverscharrt, wofür der Totengräber nur 2 Schillinge in Anspruch nimmt. Das Kind jener armen Frau wurde auf dieselbe Weise zu Grabe gebracht. Eine Woche verfloß, und niemand dachte vielleicht daran, daß von dem begrabenen Kinde je wieder die Rede sein würde. Da verbreitet sich plötzlich das Gerücht, man habe das kleine Geschöpf vergiftet; man erzählt noch allerlei sonderbare Nebenumstände; die Geschichte wird in einigen Tagen das allgemeine Gespräch des ganzen Arbeiterviertels, und die Behörde sieht sich zuletzt veranlaßt, die Sache näher zu untersuchen. Mein Freund Mac erhielt den Auftrag, das Kind wieder ausgraben zu lassen und es zu öffnen. Dies geschieht. Während er damit beschäftigt ist, erklärt eine alte Frau, die neben der Mutter des toten Kindes wohnte, der Doktor, der das Kind behandelt habe, sei an seinem Tode schuld. Er habe ihm ein solches Brechmittel eingegeben, daß das Kind im eigentlichsten Sinne des Wortes seine ganze Inside von sich gegeben habe und augenblicklich darauf gestorben sei. Man erkundigt sich, wer dieser Doktor ist, und läßt ihn kommen. Er erscheint, und es findet sich, daß er nicht ein privilegierter Doktor, sondern ein Schreiner ist. Nach einem kurzen Verhör ergibt sich, daß er gewöhnlich Särge macht und nebenbei die Leute seiner Nachbarschaft als Arzt behandelt. Der Richter bemerkt ihm, daß dies sehr verdächtig sei, das Kurieren vertrage sich nicht gut mit dem »Särgemachen«. Der gute Mann fühlt sich sehr beleidigt; er versichert, diese beiden Handwerke schon seit fünfzehn Jahren mit großem Erfolge betrieben zu haben. Man gibt ihm recht, daß es sehr einträglich sein müsse, zuerst die Leute gegen eine hübsche Gratifikation tot zu kurieren und ihnen dann noch die Särge zu machen. Der Schreiner-Doktor wehrt sich mit Händen und Füßen gegen jeden Verdacht. Da ist Mac mit seiner Untersuchung fertig. Es stellt sich heraus, daß man das Kind zwar nicht vergiftet hat, daß die Quantität des auf einmal eingegebenen Brechpulvers aber so groß gewesen ist, um fast einen erwachsenen Menschen in Gefahr zu bringen, geschweige ein krankes, sechs Wochen altes Kind am Leben zu halten. Ein ungebrauchtes, noch im Originalpapier befindliches sehr starkes Pulver macht dies noch gewisser. Man wirft also die Frage auf, in welcher Weise gegen diesen Schreiner auf gerichtlichem Wege zu verfahren sei; wie in allen Fällen hatte er auch in diesem, nach Anwendung seiner Brechmittel, den Sarg fabriziert. Der Verdacht eines absichtlichen Verbrechens lag also nur zu nahe. Man debattiert lange Zeit und wird zuletzt darüber einig, daß nicht genug Beweise vorhanden seien, um die Sache zu einer Kriminaluntersuchung bringen zu können. Das einzige, was man tun könne, sei eine Verfolgung des Schreiners, weil er ohne Erlaubnis die Funktionen eines Arztes versehen habe; da aber ein solcher Prozeß wenigstens 300 Pfund Sterling kosten werde und niemand gegenwärtig sei, der die Rolle eines Verfolgers übernehmen wolle, so sei auch kein Angeklagter da, und man müsse sich darauf beschränken, dem questionierten Schreiner streng ins Gewissen zu reden und ihn vor weiterer Ausübung ähnlicher Kuren unter Androhung der härtesten Strafen zu warnen. Dies geschieht, und die Sache ist beendigt. Der Instruktionsrichter entfernt sich, der Schreiner geht ebenfalls nach Hause, und Mac packt die Leiche wieder in den Sarg ein. Ich frage meine Leser, ob man bei einer solchen Geschichte nicht glauben muß, eher in der Türkei als in England zu sein? Aber ich bin noch lange nicht fertig. Bei seiner Untersuchung findet Mac, daß das Kind so sehr an der Syphilis gelitten hat, daß es dennoch schon in kurzem hätte sterben müssen, wenn es auch nie mit den Brechmitteln des Schreiners in Berührung gekommen wäre. Er untersucht deswegen auch die Mutter des Kindes und findet, daß sie schon seit zwei Jahren an derselben Krankheit leidet. Er erkundigt sich nach ihrem Manne – sie ist unverheiratet, hat aber längere Zeit mit einem Eisenbahnarbeiter gelebt – – dieser Eisenbahnarbeiter wird aufgesucht – er ist vor kurzem an demselben Übel, das er Mutter und Kind mitgeteilt, im Spitale gestorben. Was soll man zu einem Lande sagen, wo solche Dinge möglich sind, wo sie an der Tagesordnung sind? Jawohl, an der Tagesordnung! Denn in England wundert sich niemand mehr darüber. Daß Mac mir das ganze Ereignis mit der größesten Gleichgültigkeit erzählte, als ich ihn unmittelbar nach Beendigung seiner Aventüre beim Händewaschen in seinem Zimmer antraf – das verstand sich von selbst. Mac ist ein Doktor. Aber daß die Presse diesen Vorfall kaum mit fünf oder sechs Zeilen erwähnte, das beweist, daß auch noch andere Leute als Doktoren mehr oder weniger zu Barbaren herabgesunken sind. Übrigens lasse ich meinem schottischen Freunde gern Gerechtigkeit widerfahren; ich glaube nicht, daß ich je wieder einen Menschen antreffen werde, der sich mit einem solchen Heroismus und mit einer solchen Ruhe wie Mac unter dem unglücklichsten und verworfensten Volke der Welt herumschlagen wird. Als ich einst mit ihm in das Bradforder Krankenhaus trat, da richteten sich alle alten Weiber in den Betten empor, um ihren Freund zu begrüßen. Die Mysterien Bradfords kamen wohl nie besser ans Licht als infolge einer Arbeiterversammlung, in der man den Gesundheitszustand der Bewohner zur Sprache brachte. Man wählte einen Ausschuß, der genaue Nachforschungen über diesen Gegenstand anstellen, die gesammelten Tatsachen dem Publikum im allgemeinen, namentlich aber den einflußreichsten Fabrikbesitzern und Kaufleuten mitteilen und endlich Vorschläge machen sollte, wie man einem Übel abhelfen könne, das inmitten einer der lebendigsten und am meisten prosperierenden Industriestädte des Königreichs zu einem solchen Umfang angewachsen ist, daß die gelindeste Schilderung fast übertrieben erscheint. Der Ausschuß jener Versammlung ging sofort ans Werk. Man teilte die Stadt in gewisse Distrikte und ließ die Einwohner derselben von einer Deputation von jedesmal drei oder vier Personen besuchen, damit man sich genau davon überzeuge, einen wie großen Teil an Annehmlichkeiten des Lebens die heutige hochzivilisierte Welt dem Arbeiter zuerkennt. Wir finden, daß der Ausschuß seinen Auftrag gut vollzogen hat. Er gab einen Bericht über das Resultat seiner Untersuchungen, aus dem wir einige wenige Fälle anführen, um dem Kontinent eine Idee zu geben, wie es mit den Bradforder Arbeitern bestellt ist. Der Bericht beginnt mit einer »Adresse der Gesundheitskommission, gewählt in einer zahlreichen Versammlung von Wollkämmern, am Montag, 5. Mai 1845«, in der man zuerst seine Freude darüber ausdrückt, daß das Gouvernement beabsichtige, den beklagenswerten Zustand großer Städte vor das Publikum zu bringen, und daß die Arbeiter in Bradford sich verpflichtet fühlten, das Ihrige zu diesem Zwecke beizutragen. Es heißt dann wörtlich weiter: Wir haben hier in der Stadt und in der nächsten Umgebung über 10 000 Wollkämmer, die größtenteils gezwungen sind, Werkstatt und Schlafzimmer an einem und demselben Orte zu haben. Die Art ihrer Beschäftigung nötigt sie, über einem Kohlenfeuer zu arbeiten, welches bei Tage fortwährend in ihrem Zimmer brennt und das man auch häufig die Nacht fortglimmen läßt, um die Arbeit am folgenden Morgen desto mehr zu beschleunigen. Die gefährlichsten und tödlichsten Dämpfe verbreiten sich dadurch in dem geschlossenen, schlecht ventilierten Zimmer und werden fortwährend von den Bewohnern eingeatmet, welche unglücklicherweise kein anderes Eigentum haben als ihre Gesundheit und kein Mittel, um ihre Familie zu unterhalten, wenn die Kraft ihres Körpers bald und rasch schwindet und sie endlich den verheerendsten Krankheiten unterliegen. Ein hinreichender Beweis dieser Tatsachen zeigt sich in dem ausgemergelten Aussehen aller Opfer dieser traurigen Zustände, die stets einen frühzeitigen Tod herbeiführen. Sehr groß ist die Zahl der Witwen und Waisen, die von hier in die Welt hinausgestoßen werden.« Es folgt dann im allgemeinen eine Schilderung der Plätze und Straßen, in denen die Wohnungen der Arbeiter liegen, sowie ein Aufruf an Prediger, Ärzte und andere einflußreiche Leute, dem Bericht einige Aufmerksamkeit zu widmen und die später zu machenden Vorschläge der Arbeiter zu unterstützen. In der Aufstellung der Details finden wir Straße und Hausnummer eines jeden berichteten Falles verzeichnet; ferner die Zahl der Familienglieder, die Zahl der Zimmer jeder Wohnung, die Zahl der beschäftigten Personen, die Zahl der Frauen und Mädchen sowie die Dimensionen jedes Zimmers und die Art der Stoffe, welche bei der Arbeit benutzt werden. Aufs Geratewohl nehmen wir das Folgende aus dem Bericht: Fall Nr. 6. Kanonenstraße. Familie von 11 Personen. 5 weiblichen Geschlechts. 7 arbeiten im Hause, das aus 3 Zimmern besteht. 6 Personen arbeiten im Schlafzimmer. Schlechte Ventilation. Kein Wasserabfluß. Schweinestall: Schmutz. Fall Nr. 7. Handelsstraße. Außerordentlich ungesund. Unerträgliche Hitze. 3 Männer und 1 Frau arbeiten in einem Schlafzimmer. 2 Personen, Vater und Sohn, wurden vor einiger Zeit infolge des fortglimmenden Kohlenfeuers am Morgen tot gefunden. Fall Nr. 13. Daselbst. Dies ist ein Keller mit zwei Abteilungen, 3 Fuß niedriger als das Straßenpflaster. Kein Wasserabfluß. Fortwährender Gestank. Asche und Schmutz vor der Türe aufgehäuft. Ein erwachsener Mann erstickte vor kurzem in diesem Keller. Fall Nr. 15. Daselbst. Eine Frau liegt todkrank im Bett – in demselben Zimmer arbeiten 4 Personen. Das Zimmer ist 3 Fuß unter der Erde. Fall Nr. 1–5. Mill-Bank, liegt im untern Teile der Stadt, neben einer Kloake, die sich durch das schmutzige Wasser und den Kot, der aus den nahen Fabriken dorthin geschwemmt wird, allmählich bildete. In der ganzen Gegend herrscht durch das stehende Wasser der fürchterlichste Gestank, die verdorbenste Luft. Hier wird in allen Wohnungen über Kohlenfeuern gearbeitet, und die Menschen sind so zusammengedrängt, daß es für 33 Personen nur 7 Betten gibt. Fall Nr. 16–18. Die Straße wird hier sehr eng, und außer den gefährlichen Dünsten, die aus der Kloake aufsteigen, leiden die Bewohner auch noch dadurch, daß ihre Häuser von beiden Seiten durch sehr hohe Magazine und Fabriken überragt werden, die fast alles Licht fortnehmen. Fast alle Menschen sind hier krank. In diesen 12 Wohnungen halten sich 95 Personen auf. Sie besitzen 23 Zimmer und nur 24 Betten. 4 Personen also für jedes Bett. In Nr. 6 arbeiteten und schliefen Bruder und Schwester, nur ein Zimmer und ein Bett. Die Schwester ist aber neulich ausgezogen – sie ist schwanger. Fall Nr. 21–25. Dieselben Übelstände wie vorher. 55 Personen in 5 Wohnungen. 9 Betten; also nicht weniger als 6 Personen für ein Bett. Fall Nr. 28. Ein Kohlenloch. 4 Personen einschließlich einer Frau schlafen dort. Dieses Loch, genau gemessen, ist 3 Fuß breit, liegt 5 Fuß unter der Erde. Dieses Kohlenloch gehört eigentlich noch zur Victoria-Straße. Fall Nr. 40. White-Abbey. Ein Zimmer, 4 Fuß unter der Erde. In diesem Loch schlafen in einem Bett, das aus Abfall gemacht ist, 1 Mann, 1 Frau und 4 Kinder – alle krank. Fall Nr. 83. Daselbst. Ein Zimmer, 5 Fuß unter der Erde. Eine Masse Dreck. Ein Mann mit seiner Mutter, seiner Frau und 4 Kindern schlafen in diesem erbärmlichen Loch in einem Bett. Fall Nr. 109. Wir fanden 4 Personen in einem Zimmer an der Arbeit. Eine kranke Frau lag im Bett – und ein totes Kind. Alles in einem Zimmer. Fall Nr. 119. Westgate. Dies ist eine schauderhafte Wohnung. 13 Personen liegen zusammen auf zwei Bündeln Stroh, auf einer feuchten Steinflur. 4 unter diesen 13 Personen sind Frauen. Der Schmutz, das Elend und die Unsittlichkeit an diesem Orte sind fürchterlich. Fall Nr. 121 und 122 gelten für die ungesundesten Wohnungen in Bradford. In ihnen wohnen die ärmsten und verlassensten Arbeiter. Man gibt eine fürchterliche Beschreibung dieses Ortes. Die Unsittlichkeit ist hier an der Tagesordnung. Männer, Frauen, Knaben und Mädchen liegen halbnackt durcheinander. Diese wenigen Beispiele aus den hunderten, durchaus ähnlichen, welche der Bericht des Ausschusses mitteilt, mögen zeigen, wie es einesteils mit den häuslichen Verhältnissen der Arbeiter aussieht, und zweitens, in welcher Weise, in welcher Form sich der Gesundheitsausschuß seines Auftrages entledigte. Zu besserem Verständnis des Obigen ist nur noch zu bemerken, daß das Wort »Zimmer« nicht durchgängig einen wohnlichen Raum bedeutet, sondern daß man auch Keller und ähnliche mit Steinen gepflasterte Löcher darunter versteht. Ebenso versteht man unter Betten sehr häufig auch einen alten Teppich, der von einer Wand zur andern gespannt ist und gleich einer Hängematte zum Lager dient, ferner Strohsäcke mit einer Decke darüber usw. Wenn man die Zahl aller in dem Bericht angegebenen Personen und Betten zusammenfaßt, so kommt im Durchschnitt stets auf 4½ Personen ein Bett. Der Bericht der Wollkämmer machte einige Sensation, namentlich da die einzelnen Personen des Ausschusses als wahrheitsliebende Männer bekannt waren und außerdem die Angabe der Häuser usw. jeden in den Stand setzte, sich von der Richtigkeit der ganzen Darstellung zu überzeugen. Nachträgliche Forschungen wurden auch vorgenommen und bestätigten nur zu sehr die Richtigkeit des Berichtes. Gleich nach Veröffentlichung desselben luden die Arbeiter das Publikum Bradfords zu einer Versammlung auf dem Börsensaale ein, um dort in Gemeinschaft mit den Herren Fabrikanten usw. Beschlüsse zu fassen, wie dem vorhandenen Elend abzuhelfen sei. Es hatten sich etwa 70 bis 80 Personen eingefunden. Die Hälfte derselben bestand aus Arbeitern, namentlich aus Wollkämmern, die den Zustand der Wohnungen untersucht hatten. Sie nahmen die eine Seite des Saales ein. Auf der andern bemerkte man Fabrikanten, Händler, Prediger, Doktoren usw. Zum Präsidenten erwählte man den Dr. Divinitatis Scoresby, zum Sekretär den Chartisten George White. Eine sonderbare Zusammenstellung! – Von dem vornehmen Geistlichen, dem Herrn Scoresby, ist wenig in der Welt bekannt. Von dem Wollkämmer George White weiß man, daß er schon seit zwanzig Jahren ein unermüdlicher Agitator ist. Er hat die Stimme eines Löwen; sein linker Arm ist steif, mit dem rechten gestikuliert er desto besser. Dr. Scoresby berührte in seiner Rede noch einmal den Inhalt des mehrerwähnten Berichts und erklärte sich damit einverstanden, daß es unangenehm sei, den ganzen Tag über einem Kohlenfeuer arbeiten zu müssen, das die vordere Seite des Körpers in hohem Grade erhitzt, während die durch das geöffnete Fenster hereindringende Luft, namentlich zu rauher Jahreszeit, den Rücken des Arbeiters eiskalt erhält. Er fand es ferner schrecklich, daß der Arbeiter auch meistens die Nacht im Kohlendampfe liegen muß, und hielt es für wünschenswert, daß seine schlechten engen Wohnungen besser und geräumiger gemacht würden, und da es den Doktor Divinitatis sehr unangenehm berührt hatte, daß die Sterblichkeit in Bradford seit einiger Zeit um 5 Prozent größer war als sonst im ganzen Königreich, so wünschte er auch schließlich den Arbeitern für alle ihre Unternehmungen viel Glück und Segen, nahm dann die Zipfel des Frackrocks in die Hände, setzte sich und lächelte. Die Arbeiter schwiegen – die andere Seite rief ihrem feinen, frohen Geistlichen den lautesten Beifall zu. Es erhob sich dann ein anderer Gentleman, der nach verschiedenen zarten Redensarten, in denen er sich mit den Ansichten des hochwürdigen Dr. Scoresby einverstanden erklärte, sich dahin aussprach, daß es doch wünschenswert sei zu erfahren, aus welchem Grunde die Arbeiter sich mit der fraglichen Gesundheitsangelegenheit befaßt hätten. Keiner der Anwesenden verstand augenblicklich, was der Herr meinte, und man ersuchte ihn von mehreren Seiten, sich etwas deutlicher auszudrücken. Der Redner wiederholte daher nochmals, daß er zu wissen wünsche, wie man auf den Gedanken gekommen sei, sich für eigene und fremde Leiden so sehr zu interessieren, daß man Berichte abfasse, Versammlungen anberaume usw. Da der Redner als ein sehr geistreicher und gelehrter Mann bekannt war, so mußte sich den Arbeitern und einigen anderen Leuten bei dieser zweimaligen Schamlosigkeit doch der Gedanke aufdrängen, daß der Wunsch des Redners eben nur aus vollendeter Schamlosigkeit entsprungen sei, daß er zu den Gesellen gehörte, die es gar nicht begreifen können, wie ein Arbeiter so frech sein kann, seine Leiden aufzudecken, sich zu beschweren, ja zu murren! Es verbreitete sich daher über der Stirn mancher Anwesenden eine kleine Wolke der Verlegenheit, die bald dadurch verscheucht wurde, daß der ehrliche George White seinen wachsenden Zorn unterdrückte und den vornehmen Pinsel in einigen kräftigen, aber höflichen Worten zurechtsetzte. Die Niederträchtigkeit dieses Menschen war indes doch zu eklatant. An der linken Seite des Saales saßen 40 Arbeiter – zur Hälfte bleich und ausgemergelt, Gram in den Zügen, die Verzweiflung in den Augen –, die vielleicht noch die letzte Nacht auf faulem Stroh geschlafen, in dem Kohlenloch der Victoria-Straße – und dieser Pinsel, der ihnen vor der Nase stand, der in jeder Fratze ein Buch Hiob aufgeschlagen sah, konnte noch fragen, wie man auf den Gedanken gekommen sei, die Not von zehn-, vierzig-, fünfzigtausend Menschen in einer Stadt ans Licht heraufzuziehen! Einige junge Leute wollten sich daher mit den Auseinandersetzungen des Sekretärs auch nicht zufrieden geben, und einer wagte es sogar zu behaupten, daß man hier nichts anderes zu tun habe, als Mittel zur Abhilfe des Elends vorzuschlagen, und da jedenfalls alle zu erwartenden Leistungen der besitzenden Klasse wie alle Erleichterungen des Gouvernements nicht hinreichen würden, die Kloaken auszutrocknen, den Kohlendampf abzuschaffen, die Wohnungen der Arbeiter umzubauen und diese auf Rosen statt auf faules Stroh zu betten, so schlage er vor, den untern, von den arbeitenden Klassen bewohnten Stadtbettel in Brand zu stecken – – – Man hat mir später erzählt, daß ich selbst diesen Vorschlag machte. – Die Lage der Wollkämmer in Bradford ist noch immer dieselbe. VIII Das Blumenfest der englischen Arbeiter Die alte Turmglocke rief eben mit vernehmlicher Stimme, daß es 8 Uhr sei, und die sinkende Sonne setzte hinzu: »8 Uhr abends« – da klopfte es recht tüchtig an meine Tür, und herein trat Freund Jackson. Ein stattlicher Mann, etwa vierzig oder fünfundvierzig Jahre alt. Er trug ungeheuer große Schuhe, mit Nägeln beschlagen, die Sohle einen Zoll dick. Ferner weiße baumwollene Strümpfe, die bis ans Knie reichten und sich dort in einer braunen Manchesterhose verliefen. Die grüne Weste stand ihm vortrefflich, noch besser aber der schon etwas abgetragene schwarze Frack, mit einer roten Tulpe im Knopfloch. Jackson behielt den Hut auf dem Kopf und die Hände in den Hosentaschen. »Trinkt Ihr gerne Punsch?« fragte er mich und »Liebt Ihr die Blumen?« und »Wollt Ihr mit in die ›Alte Hammelsschulter‹ gehen?« – Die »Alte Hammelsschulter« ist aber eine Schenke am Abhänge des nächsten Hügels. Zu allem war ich bereit, und rasch eilten wir die Gasse hinunter. Um 8 Uhr abends auf den Gassen – in einer Fabrikstadt! Da kann man vielerlei sehen. Rechts und links öffnen sich die großen Türen der Magazine, der Werkstätten, der Fabriken, und in einem Augenblick sind die sonst so stillen Straßen voll von heimkehrenden Arbeitern. Man denke sich aber keine lustige Menge, die nach geschehener Arbeit jubelnd ins Freie stürzt, gleich einer Bande ausgelassener Jungen, die, der Schule und dem Stock des Magisters entlaufen, hurtig der Freude den Zügel schießen läßt – nein, die Knaben und Mädchen der Fabriken schleichen stumm und traurig ihrer Freiheit entgegen, denn ein Tag der angestrengtesten Arbeit hat ihre Füße gelähmt, ihre Arme zerschlagen, ihren Sinn verwirrt, und wie ein Alp reitet die Müdigkeit auf ihren armen Seelen. – Und nun die Männer und Frauen! Tiefer Ernst liegt auf ihren Gesichtern; und die Gesichter sind dunkel, schmutzig; nur hin und wieder hat ein voller, schwerer Schweißtropfen, der über Stirn und Wangen rieselte, eine weiße Straße in das staubige Antlitz gefurcht. Die Männer sprechen miteinander – keiner sieht den andern dabei an –, die Köpfe sind gesenkt, und die Augen starren auf das Pflaster der Gassen. So wandern sie vorwärts. Vielleicht werfen sie einen Blick auf die Pracht der Kaufläden, in denen eben beim Glanz von tausend Lichtern alle Wunder der Industrie zu schimmern anfangen. O die prächtigen Tücher, die feinen Spitzen, die schweren Atlasstoffe! Wie das flimmert und blitzt! Und dort die goldenen Uhren, die silbernen Schüsseln und die weichen Sessel, und drei Schritte weiter: wie es dort dampft und duftet! Da nicken die gebratenen Tauben zum Fenster hinaus, und rechts und links freundliche Rinderkeulen und Enten und ander verstorbenes Federvieh bescheiden im Hintergrund, in reizenden Gruppen. O schmackhafte Welt! O du zerlumpter, hungriger Arbeiter! – Rasch schreitest du vorüber. Die seidenen Tücher wehen – nur nicht für dich. Die Schüsseln blitzen – nur nicht für dich! Und Tücher und Schüsseln hast du doch selbst geschaffen – und einer gebratenen Ente ist es einerlei, ob sie im Magen eines Schurken oder eines ehrlichen Mannes begraben wird. Dort an der Straßenecke stockt plötzlich der Zug der Vorübergehenden. Die Vordern bleiben stehen; die Folgenden müssen ebenfalls halten, und bald stehen Männer, Weiber und Kinder in einem dichten Haufen zusammen. Aller Augen richten sich nach einem Anschlagzettel, der von der Wand des nächsten Gebäudes herunterhängt. Es wird sehr still in dem ganzen Kreise. Da, mit einem Male entsteht ein Murmeln. Der größte Teil der Arbeiter kann nicht lesen – die Gelehrteren teilen ihren Kameraden daher den Inhalt des Plakats mit. Das Murmeln wird immer lauter; Männer und Kinder sprechen durcheinander, die Weiber flüstern und machen bedenkliche Gesichter. Manche der Lauschenden setzen ihre Töpfe oder Körbe, in denen sie das Mittagessen, den Tee oder Kaffee mit sich führten, zur Erde; und hin und wieder ballt sich eine kräftige Hand zur drohenden Faust; auch die Augen werden lebendiger – sie blitzen, sie leuchten –, man sieht, die Leidenschaft zieht plötzlich in jede Brust ein – spät am Abend setzt sie die Geister jener Müden noch einmal in Flammen. Wehe, wenn diese Geister erst zu vollem Bewußtsein erwachen! Es rollt ein düstrer Fluch von Mund zu Mund – dann ein Lachen – Zorn und Spott zuckt durch die bleichsten, die ältesten Gesichter – der Haufe stiebt auseinander. Wovon sprach wohl jener Anschlagzettel? – Jackson machte ganz gewaltige Schritte. In Zeit von zehn Minuten hatten wir schon die dumpfige Stadt hinter uns. Die dumpfige Stadt! Ewig eingehüllt in den dichtesten Kohlendampf, so daß man eine halbe Meile von den ersten Häusern auch kein Dach bemerkt. Nur am Sonntag wird es plötzlich hell, oben über der Stadt; aber nicht in den hunderttausend Köpfen da unten! An jenem Abend aber, der kein Sonntagabend war, spien ein paar Hundert schlanke Fabrikschornsteine ihren letzten Rauch gen Himmel. Wir konnten daher schon von der Hälfte des Hügels aus fast kein Haus unten im Tale unterscheiden. Unten totale Finsternis, oben auf den Hügeln aber der herrlichste Abend! Das Grün der Felder leuchtete in den letzten Strahlen der Sonne, in den Büschen wurden die Vögel noch einmal lebendig, dazu stürzten sich die Bäche rauschend in die Tiefe hinab und blitzten und funkelten, daß meinem Freund Jackson vor lauter Lust und Vergnügen die Augen schier übergingen – ach, und der große Yorkshire-Mann fing an zu singen, plötzlich, und brüllte – o Jackson! Da standen wir vor der Schenke »Zur alten Hammelsschulter«. In dieser Schenke hielten die Arbeiter eines gewissen Bezirkes der Grafschaft York ihr erstes diesjähriges Blumenfest. Mit diesen Blumenfesten verhält es sich aber folgendermaßen. Jeder Arbeiter, der aus dem Schmutz der Städte, aus dem Rauch der Fabriken, aus dem Dunst der Branntweinstuben – aber auch aus den Wogen einer Volksversammlung, aus der Wut einer Emeute den zarten Sinn, die Liebe zu einer Blume rettete, sucht entweder neben seiner Wohnung oder in dem Garten irgendeines Freundes einen kleinen Platz, den er sorgfältig mit Hacke und Spaten bearbeitet, den er noch sorgfältiger düngt, den er mit Latten und Stöcken gegen alles Ungemach zu schützen sucht und dem er seinen teuer erkauften Blumensamen, seine Tulpen- oder Hyazinthenzwiebeln anvertraut. Kommt dann der Frühling heran, so verständigen sich diese blumenliebenden Arbeiter über einen Tag, an dem sie sich gegenseitig mit dem Resultat ihrer Gartenkunst bekannt machen wollen. Für die erste Zusammenkunft wird gewöhnlich die Tulpe bestimmt, für die zweite die Ranunkel, für die dritte und letzte die Aster und Georgine. Außerdem zahlt jeder einen Schilling in eine gemeinschaftliche Kasse, aus der die vorkommenden Kosten wie Miete des Saales, worin die Blumen ausgestellt werden, Honorar für die Blumenrichter und andere Sachen bestritten werden. Den Rest des Geldes verwendet man zum Ankauf eines Geschenkes für denjenigen, der die schönste Blume aufzuweisen hat. Diese Blumenausstellungen oder Blumenfeste werden in vielen Teilen Englands, namentlich aber in den nördlichen Provinzen jährlich dreimal von den Arbeitern gehalten. Sie stehen unter keiner höheren Protektion. Diese Blumenliebhaberei hat sich rein aus dem Volke entwickelt. Die Bourgeoisie weiß wie von so vielen andern Dingen nichts, so auch nichts von dieser poetischen Leidenschaft der Arbeiter. Wie könnte es auch einem respektablen Mann einfallen, sich in die »Alte Hammelsschulter« zu verirren! In dieser Schenke hatte man einen Saal oben im Hause für den Tag gemietet. Das Zimmer war voller Menschen. Aber welche Menschen! Prächtige Kerle, in Schmutz, Staub und Lumpen gewickelt, und dann ein gewaschenes Gesicht und jetzt ein neuer Hut auf einem unternehmenden Kopfe und weiter ein paar Lenden und ein paar Fäuste und eine Brust, ein Schädel – ein Bursche, der dreißig Mann hintereinander niederboxen würde; aber auch recht verkommene Gesellen reckten sich in die Höhe; Leute, an denen die Not schon lange Zeit still genagt hatte, die vielleicht eben erst gesenkten Hauptes aus den Fabriken schlichen, wo sie zwölf Stunden gearbeitet, wo ihnen zwölf Stunden lang eine rasselnde Maschine das Jubellied der Industrie gesungen – und den eigenen Grabgesang. Mochte der Staub ihrer Kleider, mochte die Furche auf mancher Stirn verraten, daß die ganze Gesellschaft dieser Blumengenossen eben nur Sklaven, arme Teufel, Gassenbuben und Lumpen waren – in dem Benehmen eines jeden, in der Art, wie sie miteinander sprachen, wie sie mir, dem Fremden, entgegentraten und mich bald freundlich, bald keck und herausfordernd anschauten, lag doch der Ausdruck jenes Bewußtseins, das einen Mann inmitten des gräßlichsten, aber unverschuldeten Elends, inmitten der tiefsten Verworfenheit trotz Staub und Fetzen zu einem Helden stempelt, jenes Bewußtsein der guten Fäuste, des guten Rechts und des unerschütterlichen Willens! – Und sind das nicht Helden, die vierzig, fünfzig, sechzig Jahre leben wie englische Arbeiter! Oh, wer beschreibt die Langmut des Volkes! Unsere Blumengenossen lagen aber wie die lieben Heiden auf den Bänken herum; wer einen Rock besaß, hatte ihn ausgezogen und an die Wand gehängt. Jeder hielt eine irdene Pfeife im Munde und trug das Seinige dazu bei, den erschrecklichsten Kellergestank, der durch den Saal wogte, noch mehr zu befördern und zu verdichten. In der Mitte des Zimmers stand ein großer Tisch, auf dem in vielen kleinen Gläsern die herrlichsten Tulpen prangten, denn die Tulpe war es, welche man an jenem Tage in die Schranken führte. Es waren schöne Blumen, die in den Gläsern standen. Zuerst die einfarbigen, dann die gesprenkelten, hierauf die gestreiften und endlich einige Exemplare, die von der Natur mit ausnahmsweise sonderbaren Reizen ausgestattet waren. Ich hatte mich kaum mit all diesen Herrlichkeiten bekannt gemacht, als sich sämtliche Zuschauer von dem Tische entfernten und ebenfalls ihren Platz auf den Bänken im Hintergrunde des Zimmers einnahmen. Der größere Teil der Gesellschaft schien dort den weitern Verlauf des Festes schon seit längerer Zeit ängstlich abzuwarten. Der Augenblick der Entscheidung rückte heran; dann, als alles niedersaß und bald um den Tisch herum ein freier breiter Raum war, öffnete man rechts und links die Türen des Saales, und herein spazierten würdig und freundlich die zwei höchsten Blumenautoritäten, die zwei berühmtesten Blumenkenner und -richter der Grafschaft York. Ein Scharren, Murmeln, ein »Oh« und ein »Ah« der Gesellschaft, kurz, ein Getöse, das, zu dem sonderbarlichsten Wohllaut anschwellend, sich nur langsam in melodischen Kadenzen wieder verlor, zeigte hinreichend, wie sehr man die Gegenwart jener zwei ausgezeichneten Männer zu würdigen wisse. – Die Blumenrichter näherten sich dem Tulpentische. Ich meine, ich sähe die beiden Herren noch jetzt vor mir stehen. Der eine erfreute sich einer unendlich langen, dünnen Figur; ein kompletter Spazierstock, oben mit einem dicken Kopf darauf! Seine rote Nase leuchtete im Abendlichte, das durch die Fenster schaute; seine Hände saßen wie festgewachsen in den Hosentaschen, und die Beine schlenkerten durch den Saal, als ob sie die größeste Lust verspürten, sich jeden Augenblick von ihrem Eigentümer zu entfernen. Er stolperte den Tulpen entgegen, die alle seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schienen, denn kein Gruß klang von seinen Lippen, als er ins Zimmer trat; er schien die ganze Versammlung gar nicht einmal zu bemerken; auch hielt er die Augen fest geschlossen, und nur ein lustiges Blinzeln und Blitzen, das durch die buschigen Wimpern brach, zeigte deutlich, daß ein enthusiastischer Kerl herantaumelte. Soll ich nun die Kleidung des Mannes schildern, so muß ich gestehen, daß sein Rock erschrecklich zerrissen war, daß seine Hose in früheren Jahren einmal ganz, seine Schuhe einmal erträglich gewesen, jetzt aber den Weg alles Irdischen zu wandern schienen; daß ferner das liebe Tageslicht sich in aller Glorie durch die Löcher des Hutrandes drängte, daß aber das Hemd des großen Blumenrichters blendend weiß war und aus den Brustfalten einen frischen Blumenstrauß hervorschauen ließ. Die ganze Erscheinung hatte etwas Lumpig-Geniales, etwas Rührend-Lächerliches, was den Griffel eines Hogarth, eines Cruikshank, eines Hasenclever sofort in Bewegung gesetzt haben würde. »Seht Ihr«, sagte Jackson und klopfte auf meine Schulter, »das ist so ein Erzblumennarr. Ich habe freilich auch einen kleinen Hieb von dieser Liebhaberei und hänge im Frühjahr, wenn das Gras wieder aus dem Boden schaut, gewöhnlich mein eigentliches Geschäft an den Nagel, um Botanik zu treiben, das heißt: ich höre auf, Wolle zu kämmen, und werde ein Gärtner – aber so weit wie dieser Herr Richter habe ich es nie gebracht. Meine Blumenliebhaberei bringt mir auch noch Geld ein; denn verdiene ich auch nicht soviel damit wie mit dem Wollkämmen, so habe ich doch wenigstens meinen Tagelohn, und der Aufenthalt im Grünen und die große Freude, welche mir die kleinste Pflanze macht, entschädigen mich so reichlich, daß ich gern mit allem zufrieden bin. Dieser Herr Richter, das versichere ich Euch, treibt aber den Blumenspektakel aus den uneigennützigsten Absichten. Diesem Manne ist es nicht um Geld zu tun, nein, es ist reine Liebe zu den kleinen, lieblichen Dingern, die man Blumen nennt; es ist das Entzücken über die erste junge Blüte, was ihm mit unwiderstehlicher Gewalt das Werkzeug aus den Händen zieht und ihn hinaustreibt in die Felder, wo er oft tagelang umherirrt, bis ihn der Hunger wieder nach Hause zwingt. Oft verläßt er schon im Anfang April seine Wohnung und läuft auf die nächsten Dörfer. Gott weiß, wie er sich durchschlägt, denn Geld hat er nie bei sich. Aber die Bauern kennen ihn und lassen ihn die Nacht in irgendeiner Ecke schlafen; manchmal können sie auch seine Blumenkenntnisse benutzen und geben ihm dann zu essen und zu trinken. So taumelt er weiter von Feld zu Feld, von Garten zu Garten. Einer von unsern Leuten fand ihn vorgestern bei Halifax hinter einer Hecke und brachte ihn natürlich hierher, denn auf sein Urteil kann man sich verlassen; er ist ein weiser, angesehener Mann, und wir geben ihm viel zu essen und 18 Pence per Tag extra.« Dann machte mich Jackson auf den zweiten Blumenrichter aufmerksam. Er war von dem ersten, länglichen sehr verschieden, denn er war ein Grobschmied, groß und breit, wie fast alle Leute seines Zeichens. Auch in seiner Kleidung übertraf er den Herrn Kollegen bei weitem, denn er war von oben bis unten fein schwarz wie ein Pastor angezogen, er trug sehr reine Wäsche und weiße baumwollene Handschuhe, dazu war sein Gesicht sorgfältig von Staub und Ruß gesäubert, und auf dem glattgestrichenen stahlgrauen Haar saß in schiefer Richtung ein kleiner Hut mit sehr schmalem Rande. Wenn man den Mann zuerst sah und hörte, daß er ein Grobschmied sei, so mußte man unwillkürlich voraussetzen, daß er sich in seinem feinen Gewände nicht wohlfühlen könne und daß namentlich die riesigen Arme und die großen Hände wohl besser mit Hammer und Amboß umzugehen wüßten als mit zarten Tulpen, Rosen und Aurikeln. Wie erstaunte ich aber, als die gewaltige Figur des sinnigen Grobschmieds plötzlich in die lebendigste und artigste Bewegung geriet, als er in den gewähltesten Ausdrücken und mit einer bald lispelnden, bald volltönenden Stimme der Versammlung erklärte, daß jene rote Tulpe »Diana« sich dieses Jahr ausnehmend schön entwickelt habe, daß die gesprenkelte »Amsterdam« beinah die gestreifte Schwester »Antwerpen« an Lieblichkeit übertreffe und die blaßgelbe »Desdemona« mit der rotpunktierten »Hochland Mary« dieses Jahr kühn in die Schranken treten könne. Dazu gestikulierte er mit einer Anmut und bewegte das feiste Unterkinn, indem er es bald tief in das Halstuch zurückzog, bald graziös darüber hin agierte, mit so vielem Ausdruck, daß Freund Jackson mir ein über das andere Mal versicherte, dieser Grobschmied sei ein ganz verdammt netter Kerl. Beide Blumenrichter waren indes damit beschäftigt, sämtliche Tulpen noch einmal zu überschauen. Schon am Nachmittage hatten sie einzeln die Ausstellung prüfen müssen, und es kam jetzt nur noch darauf an, daß sie sich über die schönste Tulpe miteinander verständigten. Dies mußte in Gegenwart der ganzen Gesellschaft geschehen. Nachdem die beiden Richter sich daher voreinander verneigt und sich feierlich begrüßt hatten, nahm der erste, längliche das Wort. Gerne führte ich jene wunderbare Blumenrede hier wörtlich an; aber wie soll ich damit zustande kommen? Wie soll ich jenen breiten, höchst komischen Yorkshire-Dialekt im Deutschen wiedergeben, und wie könnte es mir vor allen Dingen einfallen, jenen Zauber nachahmen zu wollen, der wie ein rätselhafter Blütenstaub auf jedem Worte des phantastischsten aller Blumennarren lag? Genug, der große Richter, steif dastehend, mit geschlossenen Augen und nur bisweilen verstohlen blinzelnd, sprach eine Viertelstunde lang, sprach von dem Herannahen des Frühlings, von rauschenden Linden, von duftenden Rosen, bis man zuletzt nicht anders meinte, als mitten in einer prächtigen Laube zu sitzen, auf dem Gipfel der lustigsten Terrassen, die von Wein und Efeu umrankt hoch über lachenden Gärten schwebten, als raunten einem sämtliche Büsche und Bäume ganz verzweifelt komische Geschichten ins Ohr und als müßte man zuletzt laut aufjauchzen vor lauter Spaß, und – laut jauchzte auch die ganze Gesellschaft auf, als der Richter endlich mit einigen mystisch gemurmelten Worten seine Rede schloß und die blaßgelbe »Desdemona« für die schönste Tulpe des Jahrhunderts erklärte. Überwältigt von dem Glanz seiner eigenen Rede sank der dünne Blumenrichter erschöpft auf die nächste Bank, die Arme schlüpften wieder in die Hosentaschen, die kleinen blitzenden Augen schauten aber unverwandt nach der blaßgelben »Desdemona«, der schönsten Tulpe des Jahrhunderts. Jetzt trat auch der zweite Richter, der Grobschmied, in den Vordergrund des Saales. Er räusperte sich dreimal, zog das feiste Unterkinn dreimal hinter das Halstuch und machte dann noch drei Bewegungen mit dem gewaltigen Haupte, als folge er dem Takt einer in der Ferne verklingenden Melodie. Als dies geschehen, zog er das Antlitz in sehr ernste Falten und sprach im Baß: »Well!« – »Wohl!« »Geliebten Freunde! Schmerzlich berührt es mich, daß mein teurer Herr Kollege, dessen meisterhafte Rede uns noch soeben mit dem höchsten Entzücken erfüllte, mit seiner Wahl auf die zwar sehr vollkommene, aber doch nicht untadlige blaßgelbe ›Desdemona‹ gefallen ist. Ich beuge mich vor den großen Kenntnissen meines Gegners, vor seiner tiefen Einsicht in das stille, wunderbare Leben der Pflanzenwelt und muß gestehen, daß es wohl niemand in ganz Alt-England gibt, der mit einer gleich innigen Liebe die holdesten Töchter der Natur umfaßt und besser mit all ihren Reizen vertraut ist als mein geehrter Herr Kollege.« – (Allgemeine Sensation und »hört! hört!«) – »Ich kann es daher auch nur seiner stürmischen Begeisterung, die ihn hingerissen und ihn, den sonst so Urteilfesten, aus dem Sattel geworfen hat – ich kann es nur seiner zu großen Liebe zuschreiben, daß er gleich einem Blinden an dem wahrhaft wahrhaftigen ersten und einzigen Tulpenjuwel vorübergegangen ist, ohne erschrocken stehenzubleiben und auszurufen: O ›Trafalgar‹, Sieg und aber Sieg! ›Trafalgar‹, du bist die erhabenste unter den Tulpen!« – (Allgemeine Aufregung, »hört! hört!«) – »Freunde, meine Freunde!« – und da griff der Grobschmied in die Mitte des Tulpentisches und zog eine braune, sehr stattliche Tulpe mit roten Flammen hervor. – »Seht hier, ›Trafalgar‹! Die lieblichste Blume, so je die Sonne Englands gezeitigt!« Der Grobschmied hob sein Tulpenjuwel hoch empor. Die ganze Gesellschaft sprang von ihren Sitzen, und alles drängte sich herzu, um das Wunder zu beschauen. – Sonderbarerweise schien die Wahl des Richters aber gar keinen Anklang zu finden. Eine braune Tulpe mit roten Flammen, das war ja etwas sehr Gewöhnliches. Viele Gesichter der Umherstehenden wurden lang und länger und mürrisch, und man murrte wirklich, und einige lachten, und andere spotteten, und das Antlitz des ersten, dünnen Richters, der die »Desdemona« auf den Schild erhoben, bekam plötzlich einen sehr todesverächtlichen, grinsenden Ausdruck, auf dem man deutlich lesen konnte, daß es dem Herrn Richter vielleicht nicht unangenehm sein würde, wenn der Grobschmied plötzlich eine sehr entschiedene Niederlage in der öffentlichen Meinung erlitte. Der Grobschmied, seines Sieges gewiß, ließ sich aber von alledem nicht irremachen, sondern fuhr fort: »Das Schöne blüht manchmal im Verborgenen. Töricht wäre es, sich stets an die äußere Erscheinung der Dinge zu halten. Man forsche nach – da werden sich erst die rechten Wunder den Sinnen erschließen! Und so, mein geehrter Herr Kollege« – da wandte sich der Grobschmied an den langen Richter –, »werdet Ihr freilich äußerlich nichts Vortreffliches an dieser Tulpe entdecken; habt aber jetzt einmal die Güte, Eure ehrenwerte Nase mit meiner ›Trafalgar‹ in Berührung zu bringen und mir aufrichtig zu gestehen, ob nicht ein gewisses Etwas Euch sofort die süßeste Empfindung verursacht. Tretet näher!« Der lange Blumenrichter folgte der Einladung des Grobschmieds. Ein ungläubiger Thomas, schwankte er aber nur sehr langsam heran, und erst, als man ihn noch mehrere Male ersucht hatte, bog er den langen Oberkörper weit vornüber, so daß seine Figur einen vollkommenen rechten Winkel bildete und endlich seine rote Nase mit der rotgeflammten Tulpe Bekanntschaft machte. Die umherstehenden Blumenfreunde, welche recht gut wußten, daß die Tulpe zwar ein Schmaus für das Auge, keineswegs aber für die Nase ist, konnten den ganzen Vorfall nicht recht begreifen; sie stellten sich in einen dichten Kreis um die zwei Blumenrichter und warteten ängstlich auf den Ausgang der Geschichte. Einige Sekunden lang herrschte rings im Saale die tiefste Stille. Da hob sich der lange Blumenrichter endlich feierlich empor, drehte sich rings im Kreise herum – eine Träne rollte durch die halbgeschlossenen Augenwimpern –, und mit zitternder Stimme lispelte er: »Veilchenduft!« Jawohl, Veilchenduft. – Die Tulpe »Trafalgar«, unscheinbar von außen, beherbergte den süßen Duft eines Veilchens in ihrem Kelche. Dieses Ereignis, dieser Zufall setzte die Blumengesellschaft in nicht geringes Erstaunen. »Veilchenduft! Veilchenduft!« tönte es von allen Seiten, und in demselben Augenblicke war man darüber einig, daß der Tulpe »Trafalgar« der Preis gebühre. Alle Anwesenden, welche sich während der letzten halben Stunde sehr ruhig verhalten hatten, ließen nun ihrer Lustigkeit freien Lauf. Der Grobschmied freute sich, daß er die duftende Tulpe aus einer so großen Menge herausgefunden hatte; die Blumenfreunde waren sehr damit zufrieden, daß endlich die Debatten vorüber und daß man sich jetzt dem mehr substantiellen Teil des Festes näherte; der lange Blumenrichter aber geriet über das seltsame Tulpenereignis in eine solche Gemütsstimmung, daß er wie von Taranteln gestochen im Zimmer umhertanzte. Der Glücklichste von allen blieb indes mein Freund Jackson, da er der Aussteller der Tulpe »Trafalgar« war und somit den diesjährigen Preis für die schönste Blume erhielt. Dieser Preis war aber ein großer kupferner Kessel! Die Sonne hatte sich inzwischen davongemacht, ein zartblauer Nebel flutete über die Berge. Da kam die Nacht, und im Saale der Blumenfreunde mußte man die Kerzen auf zwei alten Kronleuchtern anzünden. Als dann auch die Tulpen an die Frauen und Töchter der Anwesenden verschenkt und die Tische näher zusammengerückt waren, eröffnete der Kassaführer der Gesellschaft, daß nach Abzug aller gehabten Kosten noch soundso viel Münze vorrätig sei, die nach seiner bescheidenen Meinung nicht besser verwandt werden könne, als wenn man dafür einen kleinen Punsch bereiten lasse und diesen in dem neuen Kessel des allgemeinen Freundes und Siegers Jackson auf den Tisch bringe. Diese Proposition wurde natürlich mit großer Stimmenmehrheit angenommen. Man setzte sechs Gläser auf den Tisch, die stets aufs neue mit dem dampfenden Getränk gefüllt wurden und gleich der Reihe nach ausgetrunken werden mußten. Als die Reihe etwa zum zehnten Male an mich kam, flüsterte mir Jackson ins Ohr, es sei jetzt wohl Zeit, daß er mich an die frische Luft setze; und da ich nichts dagegen hatte, so war ich bald auf dem Heimweg. In der Schenke »Zur alten Hammelsschulter« öffnete man aber die Fenster, denn die Nacht war gar zu köstlich. Die Sterne funkelten so lustig, als freuten sie sich über die armen kleinen Menschen da unten auf der Erde, über die Arbeiter in Yorkshire, die trotz aller Tyrannei dennoch so herrliche poetische Feste feiern. Jawohl, poetische Feste! – Denn ist ein Blumenfest englischer Arbeiter auch nicht der Feier ähnlich, die jährlich die französische Jugend zum Andenken an Clémence Isaure veranstaltet, wo es silberne Lorbeerkränze, Becher und andere Kostbarkeiten regnet und wo mancher Poet seine klingendsten Sonette singt, so ist das viel einfachere Blumenfest doch von um so viel größerer Bedeutung, weil es ohne allen äußern Anlaß aus dem Volke entsprungen ist. Darin liegt denn auch ein Beweis, daß der Arbeiter neben seiner politischen Entwicklung noch einen Schatz von warmer Liebe für die Natur in seinem Herzen bewahrt hat, eine Liebe, welche die Quelle aller Poesie ist und die ihn einst in den Stand setzen wird, eine frische Literatur, eine neue, gewaltige Kunst durch die Welt zu führen. IX Geschichte der Radical Reformers von 1780 bis 1832 Es war im Herbst, und die Abende wurden länger und länger. Ich hatte an Jackson geschrieben und ihm meinen Besuch angekündigt. »Kommen Sie ja!« erwiderte er. »Meine Frau soll Ihnen einen guten Tee machen.« Gegen 5 Uhr nachmittags machte ich mich auf den Weg. Ich führte eine Flasche Portwein mit mir, ein Dutzend Zigarren und ein Paket chinesischen Tabak. So ausgerüstet, mußte ich willkommen sein. Der englische Arbeiter liebt nichts mehr als eine starke Zigarre. Das ist ihm eine Seltenheit. Er zündet sie mit einer gewissen Ehrfurcht an und gewöhnlich – an dem unrechten Ende. Als ich einst nach einem längeren Ritt tief in das Innere des Landes geriet und in einem abgelegenen Wirtshause einige Kohlenarbeiter am Feuer antraf, da passierte es mir, daß mich diese treuherzigen Leute zu einem Glase Ale einluden. Ich nahm den Vorschlag natürlich an und setzte mich zu ihnen. Man mußte mich für einen Engländer halten, denn man erzählte mir von diesen und jenen Sachen und setzte dabei voraus, daß ich die ganze Umgegend aus dem Grunde kenne. Da hatte ich mein Glas Ale ausgetrunken und stand vom Stuhle auf. Ich wollte mich bei den freundlichen Kohlenmännern revanchieren und zog meine Zigarrenbüchse aus der Tasche, indem ich den drei Zunächstsitzenden ein Exemplar meines Vorrats überreichte. Mit erstaunten Augen sah mich die Versammlung an. Das war noch nicht vorgekommen, daß jemand drei Zigarren auf einmal verschenkt hatte. Es wurde den ehrlichen Kerls plötzlich ganz unheimlich in meiner Gesellschaft – die Konversation stockte. Entweder mußte ich ein sehr reicher Brite sein – und dann war es ein Wunder, daß ich mich sofort mit den ersten besten Arbeitern abgegeben und ihre Einladung so artig erwidert hatte; oder ich mußte ein Ausländer sein, und dann war es ein noch größeres Wunder, daß ich so unbefangen auf ihre Unterredung eingegangen war. Man schien noch zu überlegen, welcher Fall der richtigste sein könne, da hatte ich zum Gruß an den Hut gefaßt und wandte mich der Tür zu. Ich weiß nicht, was die Leute über mich gesagt haben mögen; ich hörte nur noch im Davongehen, wie der Älteste der Gesellschaft einem jüngeren Kameraden ins Ohr flüsterte: »That must be a very good man!« (Das muß ein sehr guter Mann sein!) Der treuherzig feierliche Ton, mit dem der Alte dies sprach, zeigte mir nur zu deutlich, wie aufrichtig er von meiner Liebenswürdigkeit überzeugt war. Ich glaube, er hätte sich gern für mich geboxt und meinen Feinden einige Reihen Zähne eingeschlagen – that must be a very good man. Doch um von dem Zigarrenabenteuer auf unsern Jackson zurückzukommen – Jackson empfing mich mit offenen Armen. Er wohnte in einem Cottage, etwa zwei Meilen vor der Stadt. »Ich möchte nirgends lieber wohnen«, sagte er mir. »Sehen Sie, unter dem Fenster blühen im Sommer meine Blumen; weiter hinaus ruht das Auge auf dem Grün der Wiesen, und seitwärts an dem Abhang des Hügels stehen die großen Bäume, die gewaltigen Erlen, welche ich am meisten verehre von allem, was meine Wohnung umgibt. Denn wenn ich um Mitternacht zu Bette gehe und draußen der Wind durch die Zweige fährt, daß die riesigen Wipfel zu schauern beginnen und ein düsteres Murmeln und Rauschen vernehmlich zu mir hinübertönt, da denke ich immer an die nordamerikanischen Wälder und horche und lausche, bis ich einschlafe und träume von dem Lande der Freiheit, jenseit der unendlichen See.« Die Wohnung Jacksons bestand aus drei Räumen. Der untere, steingepflasterte, diente zur Küche, zum Speisesaal und zum Wohnzimmer; der zweite, zu dem man auf einer schmalen Treppe emporstieg, war als Schlafzimmer eingerichtet; ein dritter, hart unter dem Dache, enthielt die Werkzeuge Jacksons, seine Bibliothek und eine Sammlung Zeitungen. Unter seiner Bibliothek verstand Jackson eine Kollektion von etwa zwanzig sehr zerlumpten und zerlesenen Bänden, unter denen man Cobbett, Paine und Robert Burns natürlich nicht vermißte. Die Sammlung Zeitungen hatte jedenfalls größern Wert, da sie die verschiedensten englischen und amerikanischen Blätter, vom Anfang dieses Jahrhunderts bis auf die jetzige Zeit, enthielt. Ich bin später durch einen Zufall in den Besitz eines Teiles dieser Sammlung gekommen und bilde mir nicht wenig darauf ein, daß ich ein vollständiges Exemplar des »Northern Star« in Händen habe. Für die Geschichte der englischen Arbeiterbewegungen ist dies die einzige Quelle, und außer meiner Sammlung wird es wohl nur noch eine in London geben. Jacksons Frau, ein gutes, ehrliches Weib, das wenig sprach und viel arbeitete, hatte zwei alte Sessel an den Kamin geschoben. Dreimal füllte sie uns die Tassen mit duftendem Tee, und dreimal warf sie frische Kohlen auf das knisternde Feuer. Da winkte der ernste Gemahl bedeutungsvoll mit der großen Rechten, und still setzte sich die geschäftige Hausfrau ebenfalls an die Feuerseite, die Hände in den Schoß legend und aufmerksam nach dem Ehemann hinüberschauend, der jetzt folgendermaßen zu reden begann: »Sie haben mich ersucht, Ihnen die Geschichte der englischen Volkspartei zu erzählen – wohlan! Ich will Ihnen mitteilen, was ich davon weiß. Ich tue es um so lieber, da dieser Gegenstand leider nur zu wenig und meistens nur zu einseitig geschildert wurde. Die Leiden der englischen Arbeiter hatten Sie schon zu beobachten genug Gelegenheit, ihre Freuden teilten Sie an jenem Abend, als wir miteinander das Blumenfest feierten, ihre industriellen Erfolge haben Sie in jenen unzähligen Fabriken, Schmieden, Bergwerken usw. vor sich – hören Sie nun, wie wir englischen Arbeiter uns bei allen Leiden und Freuden unseres tätigen industriellen Lebens auch noch zu einer politischen Partei formierten, deren unaufhaltsam fortschreitende Entwicklung nicht allein jetzt schon unser Haupttrost in allen schlechten Zeiten ist, sondern uns auch hoffen läßt, daß wir durch zukünftige Siege einst zu dem Momente gelangen werden, wo wir den richtigen Lohn unseres Fleißes entgegennehmen. Ich muß etwas weit ausholen, um Ihnen den Zusammenhang der ganzen Bewegung klarzumachen. Werden Sie nicht ungeduldig. Sie wissen, es gab in England seit sehr langer Zeit zwei politische Parteien. Die Partei der Torys und die Partei der Whigs. Erst in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entstand noch eine dritte, und diese nannte man die Partei der Radikalen oder der Demokraten. Die große Masse des Volkes hatte es früher einzig und allein den aristokratischen Whigs und Torys überlassen, die Geschäfte des Staates zu besorgen, und erlaubte sich nur hin und wieder ein leises Murren und Brummen, wenn die vornehmen Lenker der allgemeinen Glückseligkeit sich oft mehr mit ihren Privatstreitigkeiten als mit den Interessen der ganzen Nation beschäftigten. Um das Jahr 1770 verwandelten sich diese unverständlichen Murr- und Brummlaute zuerst in sehr verständliche Oppositionsworte; man kam an öffentlichen Orten, auf öffentlichen Plätzen zusammen, man teilte sich seine Meinungen und Gesinnungen öffentlich mit, man hielt, was früher nie geschehen war, zahlreiche Versammlungen oder Meetings, und wie die Reden herüber- und hinüberschallten, da fand man endlich, that there was something rotten in the State of England, und die Partei der Unzufriedenen, die Partei der Demokraten war fertig. Glauben Sie indes nicht, daß diese neue Partei so in einem Jahr plötzlich unvorhergesehen aus dem Boden gewachsen sei: – nein, die politischen Ereignisse in der Entwicklung eines Volkes stehen in genauem Zusammenhang mit der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse eines Landes; das erstere wird nur zu oft durch das zweite bedingt, und was uns als unerwartet und urplötzlich erscheint, ist meistens nur eine langsam herbeigeführte Notwendigkeit, die eine lange Reihe ereignisvoller Jahre zu ihrer Basis hat. Die Gestaltung des modernen Städtewesens hat z. B. nicht wenig zum Entstehen der demokratischen Partei beigetragen. Zusammengedrängt in engen, schmutzigen Stadtvierteln, nebeneinanderwohnend in kleinen, niedrigen Häusern, hatten die gedrückteren Klassen des Volkes die beste Gelegenheit, ihre Ideen auszutauschen. Sie würden sich wahrscheinlich nie gegenseitig Hilfe geleistet und die Hände zu gemeinschaftlichem Kampfe gereicht haben, wenn ihre Wohnungen in weiten Zwischenräumen über einer größern Landstrecke zerstreut gewesen wären. Der Verfall der alten Gilden war ein weiterer Grund, daß namentlich die arbeitende Klasse der Bevölkerung aus ihrem Schlaf aufgerüttelt wurde. Wie Sie aus der Geschichte Ihres eigenen Landes wissen, bezweckten die Gilden durch eine Vereinigung der Meister und Gesellen ein und derselben Gewerbsbranche außer manchen andern Dingen vorzugsweise das Aufrechterhalten eines Monopols zu ihrem eignen Nutzen und zum Schaden der ganzen übrigen Gesellschaft. In England war dies ebenso, und wie überall stürzten auch bei uns diese Vereinigungen durch das die ganze übrige Gesellschaft beeinträchtigende Prinzip ihrer Assoziation. Die Gilden lösten sich. Meister und Gesellen, bisher gemeinschaftlich der Kommune gegenübertretend, bildeten jetzt zwei strenger geschiedene Klassen, und wie die erstern fortfahren mußten, sich wegen ihres Wohlergehens an die ganze Gesellschaft zu halten, so hielten sich jetzt die letztern allein an die Meister. Daher denn das Entstehen der sogenannten Trade Unions, jener Handwerkervereine, die durch ihr Bestreben, die Löhne aufrechtzuerhalten und gelegentlich zu erhöhen, nun fortwährend mit ihren bisherigen Alliierten in Konflikt kommen und durch den Einzelkampf gegen ihre Meister nach und nach zu einer allgemeinen Opposition geführt werden. Mehr als alles andere wurde indes die plötzlich sich entfaltende industrielle Tätigkeit Großbritanniens eine Haupttriebfeder der beginnenden Volksbewegung. Die Erfindung neuer Maschinen, die Benutzung des Dampfes und die Konzentration der Industrie auf einzelnen, von der Natur gewissermaßen dazu bestimmten Orten hatten tausend Verhältnisse über den Haufen geworfen. Der Arbeiter, der bisher in ziemlicher Entfernung von größern Städten Ackerbau und Handindustrie nebeneinander getrieben hatte, sah sich plötzlich in der letztern Beschäftigung aufs empfindlichste durch die Entwicklung der Maschinenindustrie gestört. Täglich wurde es ihm schwerer, mit der neuen Art des Fabrizierens gleichen Schritt zu halten. Bald sah er sich total überflügelt, er verarmte, und wie der Kriegsgefangene des Altertums der Sklave des Eroberers wurde, damit er außer der Schmach des Überwundenseins auch noch die Pein einer ewigen Knechtschaft, einer erniedrigenden Arbeit fühle, so wurde auch jetzt der besiegte Handarbeiter der Leibeigene des modernen Industriellen. Die Not jagte ihn auf aus seinem ländlichen Wohnsitz; mit Weib und Kind stürzte er in die dampfumhüllten Städte der neuentstandenen Industrien, um ein Knecht der Maschine zu werden, die ihn im Kampf der Konkurrenz vernichtet hatte. Gram und Haß führte er in seiner Brust mit sich; erstaunt blickte er umher in dem Kreis seiner neuen Umgebung. In den Augen seiner Mitarbeiter meinte er deutlich zu lesen, daß in ihren Herzen dasselbe vorgehe, was das seinige durchwühlte. Ein Seufzer, ein Schrei des Entsetzens entfuhr seiner Brust; grell tönte er in den Seelen seiner Kameraden wider – und sie reichten sich die Hände, sie schwuren sich Treue, sie schlossen Partei. Die demokratischen Ideen, so zu gleicher Zeit ins Leben gerufen und gefördert durch eine lang vorbereitete und endlich unaufhaltsam sich vollendende Umwälzung vieler sozialer Zustände, fanden indes nicht nur in den zu Fabrikproletariern geborenen oder durch die Not dazu hinabgedrückten Individuen die aufrichtigsten Anhänger und die eifrigsten Propagandisten, nein, auch die Herren der neuentstandenen Industrien, die industriellen Parvenüs, die durch das Knorrig-Ungeschliffene und durch das Naiv-Rohe ihres ganzen Auftretens nur zu sehr an ihre plebejische Herkunft erinnerten, ließen sich fast durchgängig davon hinreißen, denn mit der Ahnung ihrer zukünftigen Größe durchzuckte sie zu gleicher Zeit schon der Haß gegen die noch allmächtige Aristokratie, und gegen diese schien man fürs erste nur mit Hilfe der ganzen Volkspartei wirksam kämpfen zu können. Die Torys schauten von vornherein voll Verachtung auf die neue Partei nieder. Die Whigs näherten sich ihr anfangs, da sie in dem aufstrebenden Volke ein Mittel sahen, was man prächtig gegen die Torys benutzen könne. Als es sich aber nur zu bald herausstellte, daß die Whigs bloße Reformers en detail, die Demokraten aber Reformers en gros waren, daß erstere nur dann Mißbräuche anzugreifen wagten, wenn sie unerträglich wurden und ohne große Störungen abgeschafft werden konnten, daß die letztern aber allen veralteten Zuständen miteinander den Krieg erklärten und nicht davor zurückschraken, durch eine Umgestaltung alles Bestehenden ihre Prinzipien durchzusetzen, da zogen sich die Whigs immer mehr zurück; viele Begüterte der Mittelklasse, die bei einer Änderung der Dinge etwas verlieren konnten, folgten ihnen, und zurück blieb als Hauptmasse der Partei nur das Volk, welches nichts zu verlieren hatte und welches nichts besaß als ein Herz auf dem rechten Fleck. Außer den öffentlichen Meetings, in denen sich die demokratische Partei über ihre Angelegenheiten besprach, entstanden in dieser Zeit auch jene einflußreichen, weitverzweigten Gesellschaften, welche das Gouvernement mehr als alles andere in Schrecken setzten. Eine der bedeutendsten dieser Assoziationen wurde im Jahre 1780 durch den Major Cartwright gegründet. Sie hieß die ›Society for Constitutional Information‹. Eine andere nicht weniger bemerkenswerte war die ›London Corresponding Society‹. Die Mitglieder dieser Gesellschaften versammelten sich in mehreren Abteilungen an verschiedenen Orten der Metropole und schickten jedesmal eine Person aus ihrer Mitte zu einem General Committee, das sich mit den Zweiggesellschaften im Innern des Landes unterhielt und so einen ununterbrochenen Verkehr unter den sämtlichen Mitgliedern der Gesellschaft herstellte. Der Wunsch einer bessern Volksrepräsentation, welche man durch jährliche Parlamente und durch freie Wahl der Parlamentsmitglieder herbeizuführen dachte, war schon stark genug, als im Jahre 1789 jene große Umwälzung in Frankreich ihren Anfang nahm und die Gemüter vollends in Feuer und Flammen setzte, so daß man bald nur geradezu von dem Umsturz der ganzen Konstitution sprach. Das Buch Burkes: ›Reflections on the Revolution in France‹, welches seine Wirkung auf die Torys nicht verfehlt hatte und sie schließlich zu einem Kriege mit der jungen französischen Republik entflammte, hatte schon früh eine Antwort in Paines ›Rights of Man‹ gefunden. Zu Hunderttausenden ließ die ›Society for Constitutional Information‹ die Exemplare dieses Werkes unter das Volk verteilen, indem sie ihm begreiflich machte, daß man alle Ursachen habe, das kühne Auftreten der französischen Nation gegen seine Despoten zu bewundern, und daß man alle Mittel anwenden müsse, um das Gouvernement an einem Kriege mit Frankreich zu verhindern. Im Mai 1792 beschloß die Gesellschaft eine Adresse an die Jakobiner und an den Nationalkonvent von Frankreich, in der sie ihre herzlichen Wünsche für den guten Fortgang der Revolution aussprach und zwei Deputierte des Konvents, Barère und Roland, zu Ehrenmitgliedern der Gesellschaft ernannte. Nicht weniger tätig war die ›London Corresponding Society‹, welche in jener Zeit eine Adresse an das englische Volk erließ, in der sie entschieden gegen einen Krieg mit Frankreich auftrat und ferner erklärte, daß von den Freiheiten, welche die Magna Charta und die Bill of Rights in der Revolution von 1688 dem Volke gegeben hätten, keine Spur zurückgeblieben sei, daß es die schlechte Ausübung eines verwickelten Gesetzes und die ungeheuern Gerichtskosten den meisten Menschen unmöglich machten, zu ihrem Recht zu gelangen, und daß man Abgeordnete zu einem allgemeinen großen Nationalkonvent nach London schicken möge, damit man überlege, was im Interesse des Volkes zu tun sei, und als neues Volksparlament dem alten aristokratischen Parlament gegenübertrete. Diese Aufforderungen fanden überall Anklang unter dem Volke. Viele Klubs im Innern des Landes beschäftigten sich schon seit einiger Zeit mit dem Ankauf von Gewehren und mit der Anfertigung von Piken, die namentlich von Sheffield aus zu 1 Schilling p. Stück versandt wurden. – Andere Gesellschaften übten ihre Mitglieder wöchentlich mehrere Male im Schießen, und wohin man blickte, sah man nur Leute, die ihre Pläne mit den Waffen in der Hand durchzusetzen entschlossen waren. Während dies unter dem Volke vorging, saß der junge William Pitt, der Sohn des Earl of Chatham, am Ruder des Staates. Anfangs selbst ein eifriger Demokrat, dem sogar die entschiedensten Führer der neuen Partei trauen zu können glaubten, später ein solcher Stock-Tory, daß sogar Georg III. keinen Fehler an ihm zu finden wußte. Im Parlamente sah man ihm gegenüber das Triumvirat der Whigs, den ehrlichen Fox, Sheridan und Burke; lange Zeit untereinander verbunden, aber plötzlich für immer getrennt, als Burke, vor der furchtbaren Entwicklung der Französischen Revolution erschreckend, seine schon erwähnten ›Reflections‹ publizierte und sich von seiner bisherigen Partei entschieden lossagte. Der Mann, der das göttliche Recht der Könige verteidigte, führte das Wort in so fanatischer Weise, daß viele Whigs, welche noch bis vor einem Augenblick mit der neuen demokratischen Partei darin übereingestimmt hatten, daß ein Kampf mit Frankreich in jeder Weise zu verwerfen sei, plötzlich ihre Sinnesart änderten und zu den Torys übergingen. Die Nachricht von der Hinrichtung des französischen Königs, welche die Whigs ganz daniederschlug und sogar Spaltungen unter den Demokraten verursachte, spornte die Torys noch mehr an. Viele der Besitzenden unter dem Volke begannen außerdem für ihr Eigentum zu zittern, wenn sie daran dachten, daß die Greuelszenen, welche eben jenseit des Kanals vorfielen, sich auch in England wiederholen könnten. Die Stimmung gegen Frankreich wurde immer feindlicher, und es bedurfte schließlich nur einer fulminanten Rede Burkes, um das Parlament mit 270 gegen 44 Stimmen den Krieg gegen Frankreich beschließen zu lassen. Pitt stand in jenem Augenblick auf dem Gipfel seiner Macht. Der König, das Parlament und das erschreckte Volk waren für ihn. Die Whigs waren vernichtet. Nur eines mußte ihn noch beunruhigen, und dies war die Tätigkeit der demokratischen Partei, welche in demselben Grade ihre revolutionäre Bewegung steigerte, in dem die Furcht und der Abscheu der Torys vor einem Erheben der Massen im Wachsen war. Umsturz des Bestehenden auf friedlichem Wege oder mit den Waffen in der Hand war der Plan aller Demokraten, und freie Wahl der Parlamentsmitglieder und jährliche Parlamente waren die Mittel, welche man vorschlug, um die Interessen des Volkes in Zukunft zu wahren. – Solange ein Teil des Volkes mit solchen Dingen umging und die Meetings auf Straßen und Plätzen oder innerhalb der Räume verschiedener Klubs den Demokraten Gelegenheit gaben, immer neue Anhänger zu sammeln und ihre Partei zu verstärken, konnte Pitt bei seinen Unternehmungen natürlich nie sicher zu Werke gehen. Ehe er daher den Krieg mit dem Auslande in größerem Stile begann, mußte zu Hause mit den Demokraten tabula rasa gemacht werden, und zu seinem Glück gab ihm das Jahr 1794 auch endlich alles, was er wollte. Die Freiheiten des Volkes hatten ein Ende. Die Habeaskorpusakte wurde aufgehoben, und mit einer Kühnheit und Energie, welche dem größten Tyrannen Ehre gemacht hätte, ergriff er die Leiter der demokratischen Klubs, schloß ihre debattierenden Gesellschaften, vernichtete ihre Papiere und brachte einen Teil derselben, durch den man den wichtigsten der geheimen Verbindungen auf die Spur kommen konnte, unter großem Alarm ins Parlament. Ein geheimes Komitee von 21 der ergebensten Anhänger Pitts untersuchte diese Papiere, und man fand denn auch bald genug hochverräterische Sachen darin, um namentlich in Schottland, wo das Gesetz besser als in England zu handhaben war, die grausamsten Verfolgungen zu beginnen. Hunderte von Unglücklichen wurden auf offener Straße aufgegriffen; die Gefängnisse füllten sich mit politischen Delinquenten, und manches Schiff schwankte der fernen Botany-Bay zu, welches eine Ladung Verurteilter an Bord hatte, die ihre Heimat niemals wiedersahen. Pitt, nachdem er die Demokraten so zur Ruhe gebracht hatte, konnte jetzt ungeniert jenen gigantischen Kampf gegen Frankreich beginnen, der mit kurzen Unterbrechungen im Jahre 1801 und 1814 von 1793 bis 1815 in so acharnierter Weise geführt wurde, daß man nur zu sehr geneigt ist, über den gewaltigen Ereignissen, die das Glück der britischen Waffen nach außen hin mit sich brachte, die Entwicklung zu vergessen, welche indes die innern Verhältnisse Englands nahmen. In einem so grandiosen Kriege, wie Pitt ihn vorbereitete, war vor allen Dingen Geld nötig. In gewöhnlichen Zeiten würde es schwergehalten haben, zu einer Staatsschuld, welche am 5. Januar 1793, gerade vor dem Ausbruch des Krieges, schon 260 Millionen betrug und mit 9½ Millionen jährlicher Zinsen auf dem Lande lastete, noch weitere Summen bewilligt zu erhalten. Die Zeiten waren aber nichts weniger als gewöhnlich geworden; die Gefahr war vor der Tür; die Leute, welche im Ober- und Unterhause saßen und über neue Anleihen, neue Taxen usw. zu entscheiden hatten, waren nur zu einig darüber, daß dem herannahenden Sturm mit Aufwand aller Kräfte und jeder Kosten begegnet werden müsse, und fast niemand wagte es daher, den enormen Forderungen des Ministers entgegenzutreten. Die alte Grundaristokratie war für den Krieg, da sie ja in der fernem Entwicklung der Französischen Revolution eine weitere Rückwirkung auf ihre eigene Umgebung und daraus schließlich den eigenen Sturz fürchten mußte. Die Repräsentanten der Geldaristokratie versöhnten sich mit jener Maßregel, weil sie einerseits für ihr Eigentum zitterten und weil sie andernteils eben dies ihr Geldeigentum durch die stets steigenden Kriegsbedürfnisse der Finanzverwaltung gegen gute, durch die Abgaben des Volkes garantierte Zinsen aufs sicherste beim Staate zu plazieren Gelegenheit fanden. Die übrigen Fraktionen der sogenannten Volksrepräsentation ließen sich mit wenigen Ausnahmen durch die allgemeine Furcht dazu bestimmen, mit den Grund- und Geldaristokraten Hand in Hand zu gehen, und wenn sie auch noch nicht einsahen, wie das Volk so gewaltige Anstrengungen auszuhalten vermöge, so glaubten sie doch, daß die industriellen Erfolge der Fabrikdistrikte wohl ein übriges zu leisten erlauben würden. Keck streckte Pitt daher jetzt die Hand nach den Schätzen aus, welche ihm das Land in reicher Fülle darbot. Anleihen folgten auf Anleihen, Taxen auf Taxen, und als es der Bank von England, jenem großen Etablissement, welches alle Ausgaben und Einnahmen für den Staat besorgt, länger nicht möglich war, das bare Geld herbeizuschaffen, welches man für den Krieg bedurfte und welches mancher ängstliche Privatmann plötzlich gegen seine Banknoten einforderte, da wußte es der kühne Minister im Parlamente dahin zu bringen, daß man eine Einstellung der Barzahlungen der Bank sanktionierte und ihr wie allen andern Privatbanken erlaubte, hinfort ad libitum nur in Papiergeld Kreditoren zu befriedigen und Vorschüsse zu machen – eine Maßregel, welche die Exploitation der vielen industriellen Erfindungen erleichterte und zugleich der energischen Fortsetzung des Krieges alle Hindernisse aus dem Wege räumte. Von dem Umfange, in welchem Pitt die dargebotenen Ressourcen des Landes benutzte, kann man sich eine Idee machen, wenn man bedenkt, daß in den ersten neun Kriegsjahren allein 280 Millionen Taxen vom Volke erhoben wurden. Trotz dieser ungeheuern Anstrengungen schien indes das Land mehr als je zu prosperieren, und wirklich gab es auch einzelne Klassen in der Gesellschaft, die sich bei der Fortdauer des Krieges ziemlich gut standen. So z. B. die Lieferanten, welche mit dem Gouvernement Geschäfte machten; ferner die Fabrikanten und Händler aller jener Artikel, welche zu den großen Rüstungen nötig waren, und wiederum die Gewerbetreibenden, welche durch einen vergrößerten Konsumo fremder oder einheimischer Luxusartikel eben dieser prosperierenden Klassen vermehrte Beschäftigung und größern Verdienst erhielten. Außer diesen profitierten alle Ackerbautreibenden durch den Krieg, denn solange dieser dauerte und die mangelnden Ernten nicht durch Zufuhren von außen ersetzt werden konnten, ließen sich die Preise aller Agrikulturprodukte zu einer enormen Höhe emporschrauben. Manche Kapitalisten verwandten ihre Fonds deswegen auch einzig zur Verbesserung des Landes, wodurch vielen Menschen Beschäftigung gegeben wurde. Auch stiegen die Renten in einem solchen Maße, daß die Grundbesitzer hierdurch ihren durch größere Taxen entstandenen Verlust doppelt und dreifach wieder ausgeglichen sahen. Die neuen Industriellen endlich fingen jetzt an, die günstigen Folgen der Erfindungen Hargreaves' und Arkwrights zu spüren und prosperierten insoweit auch noch vorzugsweise durch den Krieg, als die Engländer Herren aller Meere wurden und so ihren Fabrikanten ein vollständiges Monopol auf allen amerikanischen und asiatischen Märkten sicherten. Alle diese Vorteile gingen indes nur auf den einen und zwar auf den kleinsten Teil der Gesellschaft über. Die Masse des Volkes geriet durch die außerordentlichen Ereignisse der Kriegsjahre in die unbehaglichste Lage. Zu den großen Gouvernementsausgaben, welche durch Taxen gedeckt werden mußten und ein allgemeines Steigen der Preise zur Folge hatten, gesellte sich eine entschiedene Entwertung des immer häufiger werdenden Papiergeldes, was natürlich für alle diejenigen, welche nicht in einer außerordentlichen Weise bei den Kriegsvorfällen profitierten, sondern von Löhnen und Salären lebten, welche in frühern Zeiten nach dem gewöhnlichen Geldwerte bestimmt worden waren, von dem nachteiligsten Einfluß sein mußte. Die schnell nacheinander folgenden schlechten Ernten, von denen man in den zwanzig Jahren von 1793 bis 1820 nicht weniger als elf zählt und welche die Preise, zum Vorteil freilich der Landbesitzer, aber zum Nachteil der ganzen übrigen Gesellschaft, von 56 Schilling in 1796 auf 180 Schilling p. Quarter in 1801 steigerten, trugen natürlich das Ihrige dazu bei, um die Lage des Volkes sehr bald unerträglich zu machen. In manchen Fällen hatte zwar eine Lohnerhöhung statt; selten hielt sie indes mit der Preissteigerung der Lebensmittel gleichen Schritt, und nur zu oft wurde die größere Nachfrage nach Arbeitern, welche man für einen neuen, an Ausdehnung gewinnenden Industriezweig benutzen wollte, durch die alle Industrieentwicklung begleitenden Momente, nämlich durch Einführung neuer Maschinen und durch ein unverhältnismäßiges Wachsen der Bevölkerung egalisiert, so daß dann die Arbeiter nicht nur auf eine Erhöhung des Lohnes verzichten mußten, sondern auch noch gezwungen waren, zu einer Konkurrenz untereinander ihre Zuflucht zu nehmen und sich gegenseitig zu unterbieten. Die Richtigkeit dieser Angaben findet man durchaus bewiesen, wenn man nur die Wochenlöhne der zwei Perioden von 1790 und 1800 miteinander vergleicht und sie nach der Quantität Weizen mißt, welche der Ackerbauarbeiter und der geschickte Handwerker sich dafür verschaffen konnten. Es stellt sich nämlich dann heraus, daß ersterer in 1790 82 Pinten Weizen, in 1800 aber nur 53 Pinten, letzterer in 1790 169 Pinten, in 1800 aber nur 83 Pinten Weizen kaufen konnte. Die Zahl der in jedem dieser Jahre geschlossenen Heiraten gibt nicht weniger den besten Maßstab für die Entbehrungen des Volkes. Die Zahl der Ehen steht nämlich in umgekehrtem Verhältnis zu dem Preis des Weizens, und die Zahl der Heiraten, welche am 1. Januar 1798 bei einem Weizenpreis von 51 Schilling p. Quarter 79 477 betrug, fällt in 1801, wo der Weizen am 1. Januar 139 Schilling und später sogar 180 Schilling kostete, auf 67 288 Paare. Bei einem solchen Jammer konnte es natürlich nicht fehlen, daß die große Masse des Volkes mehr als je eine Änderung der Dinge herbeiwünschte. Die Zeiten sollten indes noch schlimmer werden; der Krieg gegen Frankreich begann aufs neue, und wenn die Taxen bisher drückend gewesen waren, so wurden sie jetzt wahrhaft vernichtend, indem die laufenden Ausgaben einiger Jahre bis auf 100 Millionen stiegen – Ausgaben, welche die Staatsschuld schließlich bis zu der Summe von fast tausend Millionen hinaufwälzten. Alles dieses würde indes noch zu ertragen gewesen sein, wenn die immer größer werdende industrielle Tätigkeit Englands fortwährend Absatz für ihre Fabrikate gefunden hätte. Leider stockte dieser aber endlich, und es entwickelte sich im Jahre 1810 eine solche Handelskrise, daß nicht allein alle unglücklichen Ereignisse des Jahres 1793 wie ein Kinderspiel dagegen erscheinen, sondern daß man auch jene Zeiten als die jammervollsten der neuern englischen Geschichte betrachten kann. Wie schon erwähnt, hatten die englischen Fabrikanten durch den Krieg die Oberhand auf allen amerikanischen und asiatischen Märkten erlangt; da sie aber durch ihr Abgeschlossensein vom europäischen Kontinent sich nun auch einzig und allein auf diese fernen Gegenden beschränken mußten, so konnte es nicht fehlen, daß sie dieselben allmählich wahrhaft mit Fabrikaten überschwemmten und daß ferner nur mit enormen Verlusten einige Verkäufe zu erzwingen waren. Das Kapital, welches auf diese Weise in Manufakturwaren müßig lag und fürs erste nicht wieder in den Handel zurückfloß, wurde fast noch von den Summen überboten, die zu Hause in den Vorräten von Kolonialprodukten feststeckten. Die meisten Exporteure hatten nämlich für ihre wirklich verkauften Manufakturwaren kein bares Geld, sondern nur Kolonialartikel als Retouren erhalten. Für diese fehlte nun ebenfalls der Absatz, da ja der Krieg alle Versendungen nach dem europäischen Kontinente unmöglich machte, und so geschah es denn, daß der größere Teil der Exporteure und der Fabrikanten, daheim und im Auslande mit unverkäuflichen Waren überladen, aber aller flüssigen Fonds beraubt, endlich mit ihren Etablissements zum Stillstande kamen. Bankrotte folgten auf Bankrotte. Das Vertrauen in der Handelswelt hatte ein Ende. In Lancashire standen die Baumwollmanufakturen fast sämtlich still. In Manchester fallierten nicht nur täglich, sondern stündlich Häuser. In Birmingham und Sheffield stockte die Fabrikation durchaus, und wohin man blickte, sah man nur ruinierte Industrielle und Jammer und Verzweiflung. Einen seltsamen Anblick bot England daher nach dem definitiven Friedensschluß dar. Die Aristokratie jauchzte, als endlich der kaiserliche Riese Frankreichs überwunden war und ihre fernere Gewalt in Großbritannien gesichert schien. Die Kapitalisten freuten sich nicht weniger, denn sie hatten ja bei der Not der Zeiten ihr Schäfchen geschoren; ihre Fonds waren herrlich beim Staate plaziert, und die Taxen des Volkes garantierten ihnen reichliche Zinsen. Die Industriellen, trotz ihres augenblicklichen Elends, konnten ebenfalls noch ziemlich zufrieden sein, denn sie hatten die halbe Welt ihren Fabrikaten tributär gemacht, und die fallenden Barrieren des Kontinents verhießen ihnen ja außerdem eine glorreiche Zukunft. Nur das Volk, die Arbeiter, welche aus der Hand in den Mund leben, die Unglücklichen, die sich stets an den gegenwärtigen Tag festklammern, die nicht an gestern denken und nicht an morgen, weil sie im voraus wissen, daß ihnen das eine nicht mehr bringen wird, als das andere brachte – nur sie verfluchten den wiederkehrenden Frieden geradeso sehr, wie sie den eben beendigten Krieg vermaledeit hatten. Abwechselnd gepeinigt durch hohe Taxen und durch niedrige Löhne, durch eine Preissteigerung der Subsistenzmittel und durch eine Entwertung des Geldes, in dem man sie bezahlte, hatten sie nicht selten jenen Grad von Elend erreicht, der nur noch einen Schritt bis zum Hungertode übrig läßt. Die Krisis von 1810, die sich mit ihren Folgen auch noch durch die nächsten Jahre hinzog, hatte ihren Jammer vollendet. Um diese Zeit war es, daß die demokratische Partei nach langer Unterbrechung zuerst wieder drohend ihr Haupt erhob. Die Gewalt der Aristokratie hatte sie momentan vernichten können, die Not des Volkes brachte sie dauernd wieder ins Leben. Der Krieg nach außen war kaum beendigt, da begann auch der Krieg im Innern – es begann der Kampf der Parteien. Wie dem Ausbruch eines Vulkanes ein donnerähnliches Getöse, so ging auch ihm ein dumpfes Kochen und Brausen vorher. Tausendstimmig, aber verworren und kaum verständlich, klingt es aus allen Dörfern und Städten. Auf den Gassen und Plätzen sammeln sich Hunderte, Tausende von seltsam zerlumpt aussehenden Menschen. Sie raunen einander in die Ohren, sie ringen die Hände, sie drängen sich um einen Redner, der plötzlich in ihrer Mitte aufgestanden. ›Hilfe, Rache!‹ tönt es von seinen bleichen Lippen, und die Masse jubelt ihm Beifall und entfernt sich wieder unter Weinen und Schluchzen, unter Flüchen und Verwünschungen. Die Umgebung der Fabriken bietet ein noch unheimlicheres Schauspiel dar. Das Rasseln der Maschinen ist verstummt, kein Rauch steigt aus den hohen Kaminen empor, die Arbeit ruht, und rings herrscht Totenstille. Nur einige Weiber und Kinder stehen etwa auf dem freien Platz, welcher eine Faktorei von der andern trennt. Sie scheinen sich eifrig zu unterhalten, sie schauen bisweilen nach einem bestimmten Orte, sie zeigen zuletzt mit dem Finger nach einer abseits liegenden Arbeiterwohnung, deren Fenster verschlossen sind, die seit mehreren Tagen nicht geöffnet wurde. Andere Leute, junge und alte Frauen, Knaben und Männer, gesellen sich allmählich zu ihnen, der Haufe wächst, er ist fast hundert Menschen stark – er setzt sich nach dem geheimnisvollen Hause in Bewegung. Vor der Tür angekommen, ruft man den Namen der Bewohner – keine Antwort. Man ruft zweimal, dreimal – alles still. Da erbricht man die Tür, man dringt hinein, und man findet die Leichen verhungerter Kinder, einer verhungerten Frau und den Vater, wie er sich über dem Lager seiner Familie erhängt hat. Weinen und Klagen geht durch die ganze Versammlung; man zerrt die Kadaver ans Licht – man erkennt die Züge der Freunde, der Verwandten, und man schwört Vernichtung den Unterdrückern und Tod den Tyrannen. Auch die Reform Clubs gewinnen wieder ihre frühere Bedeutung. Durch die vielen ruinierten Arbeiter und durch die immer zahlreicher werdenden verarmten Handelsleute gewaltig verstärkt, bilden sie bald imposantere Massen als je, und mutig springen dieselben Redner, welche schon in den letzten Dezennien des verflossenen Jahrhunderts ihre Stimme zum Umsturz des Bestehenden ertönen ließen, aufs neue auf die Tribüne und verlangen aufs neue Reform, radikale Reform eines Gouvernements, das imstande ist, durch seine Unvorsichtigkeiten und durch seine Korruption das Land zu einem solchen Zustand des Jammers und der Verzweiflung hinabzuführen. Aufstände und Tumulte waren in jener Zeit bald an der Tagesordnung. Das Passieren der Kornbill im Jahre 1815 veranlaßte zunächst Tumulte in allen Teilen Londons; in Bridport entstand eine ernstliche Revolte durch den hohen Preis der Subsistenzmittel; in Bury versuchten unbeschäftigte Arbeiter die Maschinen zu zerstören; ein Aufstand auf der Insel Ely wurde nicht ohne Blutvergießen unterdrückt. In New Castle upon Tyne erhoben sich die Kohlenarbeiter; in Glasgow fielen mehrere blutige Straßengefechte vor. In Preston rebellierten die unbeschäftigten Weber. In Nottingham fielen die sogenannten Luddites über die Maschinen her und zerbrachen deren eine große Anzahl, da sie in ihnen die Urheber aller Arbeiterleiden sahen. In Merthyr Tydfil fielen ernstliche Unruhen infolge einer Herabsetzung der Löhne vor. In Birmingham dadurch, daß man gar nicht mehr arbeitete und die Leute aus den Fabriken auf die Straße jagte. In Walsall rotteten sich Massen von Bettlern zusammen, und in Dundee plünderte man infolge der hohen Brotpreise fast die sämtlichen Bäckerläden der Stadt. Es ist nicht abzusehen, zu welchen Exzessen der große Haufe noch übergegangen wäre, wenn sich nicht die Leiter der radikalen Partei der Volksbewegung bemächtigt und die in vereinzelten, wirkungslos vorübergehenden Tumulten vergeudete Volkskraft zu einer kompakten Opposition zusammengeschmiedet hätten. Vor allen andern glänzen hinfort drei Männer als Führer dieser demokratischen Opposition. Der alte Major Cartwright , William Cobbett und Henry Hunt . Der erstere, schon im Jahre 1780 als Stifter der ›Society for Constitutional Information‹ bekannt, hatte seinen ganzen Einfluß auf das Volk zu behaupten gewußt. Fast vergessen und übersehen während dem Geräusch der Kriegsjahre, setzte er die Agitation gegen das Gouvernement ruhig fort, bald in den Räumen eines Klubs an die Gelübde der alten Demokraten erinnernd, bald Broschüren austeilend, in denen alle Mißbräuche der Regierung beleuchtet wurden, bald auf offener Straße auftretend, um seine Meinungen unter das Volk zu bringen, und immer Respekt und Liebe gebietend durch die ruhevolle Würde seines ganzen Auftretens. Noch bedeutender als der alte Cartwright zeigte sich bald William Cobbett. Als Redner und Schriftsteller im höchsten Grade scharf und treffend in seiner Argumentation, humoristisch lebendig in seiner ganzen Darstellungsweise und zutraulich freundlich in allem, was an das Volk gerichtet war, verschaffte er sich bald einen ungemein großen Anhang. Fast in jeder Hütte der Manufakturdistrikte von Lancashire, Leicester, Derby, Nottingham und aller schottischen Fabrikstädte fand man Cobbetts Schriften. Billige Ausgaben machten sie allen zugänglich, und da die eigentlichen Schattenseiten der Staatsverwaltung und die Mittel zu einer radikalen Reform anschaulicher als je darin gemacht wurden, so entsagten die meisten Tumultuanten ihrem bisherigen ungewissen Treiben und schlossen sich den schon bestehenden Klubs an, in denen die Meinungen Cobbetts bereits praktische Vertreter und Verbreiter fanden. Der dritte hervorragende Repräsentant der Demokraten war Henry Hunt. Weniger würdevoll in seinem Auftreten wie Cartwright und weniger geistreich und humoristisch als Cobbett, erlangte er nichtsdestoweniger bald durch das derb Plebejische seiner Erscheinung den entschiedensten Einfluß auf die Masse des Volkes. Hunt redete das Volk in seiner eignen Sprache an; er kannte die Stichworte des Pöbels – wie alte geliebte Töne durchklangen sie seine Reden, und es bedurfte oft wohl nur der halben feurigen Beredsamkeit, deren er fähig war, um sämtliche Zuhörer zur Bewunderung, zum Enthusiasmus fortzureißen, um die Menge zum Tanzen, um die Masse zum Erheben zu bringen. Der Einfluß solcher Männer brachte bald die ganze Bewegung auf einen andern Fuß; man merkte, daß die gewöhnlichen Arbeiter, die sich ihr hingaben, unwillkürlich geschickter und systematischer in allem wurden, was sie unternahmen. Auch fehlte es nicht an Leuten aus ihrer eignen Mitte, um die Neubekehrten zu leiten und anzuspornen. Die Sonntagsschulen der vorhergehenden dreißig Jahre hatten manche Arbeiter so weit gebracht, daß sie als Vorleser, Redner oder Sekretäre bei den Dorfmeetings nützlich sein konnten; bei einigen entwickelte sich auch eine entschiedene poetische Anlage, die zu populären Ergüssen Gelegenheit gab und die Zusammenkünfte verschönte. Durch so verschiedene Mittel wurden denn die Leute zuerst aufmerksame Zuhörer und dann eifrige Proselyten; sie kamen aus ihren Hütten in ruhigen Tälern und Winkeln zu den wöchentlichen Meetings, lauschten dem, was vorging, und stifteten nicht selten neue Gemeinschaften und neue Klubs. Einer der ersten sogenannten ›Hampden Clubs‹ bildete sich im Jahre 1816 in der kleinen Stadt Middleton bei Manchester, wo man die Meetings in einer Kapelle der Kilhamite-Methodisten hielt. Von dort aus wurden Abgeordnete nach Yorkshire geschickt, welche die Bewohner der großen Städte bald für die Sache der Reformers gewannen. Am 1. Januar 1817 hielt man in derselben Kapelle ein Meeting von Abgeordneten vierundzwanzig verschiedener Distrikte, bei dem man die gewöhnlichen Resolutionen der gemäßigtem Reformers – daß nämlich jeder Wähler ist, der Taxen bezahlt, daß jeder mit 18 Jahren wählen darf, daß immer 20 000 Menschen ein Mitglied zu einem jährlichen Parlamente senden, daß keine Pensionäre im Parlament sitzen dürfen und daß Talent und Unbescholtenheit die einzigen erforderlichen Qualitäten eines Vertreters sind – den weitern Bestrebungen zugrunde legte. Eine weit größere Zusammenkunft hielt man bald darauf an dem klassischen Ort der englischen Volksmeetings, in der ›Crown and Anchor Tavern‹ in London, bei der nicht nur die Repräsentanten sämtlicher Klubs der Metropole, sondern auch der des ganzen Landes und namentlich die drei berühmten Leiter der Partei zugegen waren. Der Major Cartwright, der dem Meeting präsidierte, war damals ungefähr siebzig Jahre alt. Er war von mehr als gewöhnlicher Größe, gerade für sein Alter, und sein ganzes Erscheinen verkündete Würde und Festigkeit. Als er sich niedersetzte, überflog sein Gesicht ein mildes, gutmütiges Lächeln, und das Meeting brach in einen unendlichen Jubel aus. Zur Rechten Cartwrights stand Cobbett. Lustig und guter Dinge, wohl mehr als sechs Fuß hoch, sein Äußeres war im höchsten Grade ansehnlich. Seine Wangen waren rot, und seine kleinen grauen Augen schimmerten recht launig. Er trug einen blauen Rock, eine gelbe Weste und hohe Stiefel. Cobbetts Haar war grau. Seine Wäsche, Krawatte usw. waren vom feinsten Linnen und sehr weiß. Kurz, er repräsentierte vollkommen, was er immer zu sein wünschte, an English Gentleman-Farmer. Hunt, eine kräftige, gedrungene Figur mit einem unternehmenden Kopfe darauf, nahm die linke Seite Cartwrights ein. Die Resolutionen dieses Meetings lauteten einstimmig für allgemeine Wahl und jährliche Parlamente und veranlaßten eine Deputation Hunts an Lord Cochrane und Sir Francis Burdett, welche sich auch beide verpflichteten, die Sache der Reformers im Hause der Commons verteidigen zu wollen. Während die Abgeordneten der Klubs und die Koryphäen der Partei auf diese Weise in London kaum ihre Mission vollendet hatten, bereitete ein Haufen Unglücklicher im Innern des Landes ein anderes Unternehmen vor, dessen klägliches Scheitern wohl mehr Entsetzen bereitete und ein deutlicheres Bild von der grenzenlos unseligen Lage der arbeitenden Bevölkerung lieferte, als wenn die Sache wirklich zu dem beabsichtigten Resultate gekommen wäre. Auf einem freien Platz in Manchester sammelten sich nämlich etwa 4000 bis 5000 Menschen in der Absicht, von dort zu Fuß nach London zu wandern, um dem Regenten in Person ihre Not auseinanderzusetzen. Viele der Anwesenden trugen Bettücher, Bettdecken oder große Röcke, aufgerollt und festgebunden, wie Knappsäcke auf dem Rücken. Andere bemerkte man mit Bündeln unter dem Arm; einige mit Papierrollen in den Händen, wahrscheinlich Petitionen oder dergleichen, und fast alle trugen dicke Stöcke. Ehe man die Reise antrat, wollten sich noch verschiedene Redner vernehmen lassen, und schon schickte man sich an, dem ersten zuzuhören, als der Magistrat auf dem Platz erschien und nach Vorlesung des Riot Act die Versammlung durch Militär und Konstabler auseinanderjagen ließ. Nur etwa 300 Personen schienen trotzdem entschlossen zu sein, ihren Plan auszuführen, und zogen von dem Ort des Meetings, dem später zu so trauriger Berühmtheit gelangten Petersfield, durch Mosley Street Piccadilly hinauf, indem sie von Zeit zu Zeit noch einige aus den Nebenstraßen Herbeieilende in ihre ungeordneten Reihen aufnahmen. Bei Ardwick Green sammelte sich zuletzt der ganze Haufen. Der Anblick dieser Leute war bejammernswert. Einige schienen noch Kraft in den Gliedern zu haben und sahen ziemlich fröhlich aus; bei andern zeigte sich dagegen schon Zweifel in den Mienen, und sie folgten mit zögerndem Schritt. Nur sehr wenige waren erträglich angekleidet und gut für die Reise ausgerüstet; die meisten gingen in Lumpen, durch die der kalte Wind strich und die ein feiner, unaufhörlich niedertropfender Regen schon total durchnäßt hatte. Der jüngere Teil der Reisenden schien alle Sorgen abgeschüttelt zu haben und hoffnungsvoll der Zukunft entgegenzuschauen; die Gedanken anderer schweiften wohl schon zurück nach den kaum verlassenen Hütten, wo Weiber und Kinder ihre Rückkehr abwarten wollten. Manche nahmen auch erst unterwegs von ihren Familien Abschied. Ein Trupp Yeomanry folgte den Unglücklichen und nahm Beschlag von der Brücke zu Stockport, um ihnen den Weg zu versperren. Viele kehrten da zu ihren Wohnungen zurück, und nur der kleinere Haufen setzte unterhalb der Stadt über den Fluß und drang in Cheshire ein. Durch die Yeomanry bald wieder eingeholt und mit Gewalt auseinandergetrieben, erhielten manche der Armen Säbelhiebe, und einer wurde sogar auf Lancashire Hill erschossen. Von denen, die den Marsch fortsetzen konnten, erreichten ungefähr 200 Mann gegen 9 Uhr abends den Marktplatz zu Macclesfield. Manche blieben die Nacht über unter freiem Himmel und kehrten am frühen Morgen nach Hause zurück. Einige wurden von Freunden gastlich aufgenommen; andere zahlten für ein Quartier, und die, welche man gerade auffangen konnte, wurden von den Konstablern ins Gefängnis geführt. Wenige setzten am Morgen ihre Reise fort. Ungefähr zwanzig kamen in Leek an, und nur von sechsen weiß man, daß sie Ashbourne-Brücke passierten. So endete, was man spöttischerweise die Blanket (Bettuch) Expedition nannte. Ebenso unglücklich, wie sie endete, ebenso großes Aufsehen machte sie aber auch. 4000 bis 5000 Menschen vereinigen sich, um zu Fuß nach London zu reisen, ohne Geld, ohne Kleider, im Monat März, wo die Wege noch schlecht, wo die Witterung noch keineswegs einladend war – sie wollen 200 Meilen weit wandern, um dem Regenten in Person ihr Leid zu klagen – – die Unglücklichen mußten in einer sehr ratlosen Lage sein, um auf solche Pläne zu kommen. Das Gouvernement sah, wie immer in solchen Demonstrationen, nur den angeblichen verderblichen Einfluß der demokratischen Partei. Schon seit einiger Zeit hatte man mit Schrecken bemerkt, daß die Meetings der Reformers immer zahlreicher wurden und daß sich Leute aller Klassen dazu einfanden. Ein Insult, den der Regent auf seinem Wege zur Eröffnung des Parlamentes von einem Pöbelhaufen zu erdulden hatte, setzte endlich allem die Krone auf, und mit vielem Lärm brachte man die Agitation der Reformers vor das Parlament. Ein geheimes Komitee, welches die darauf bezüglichen Dokumente zu prüfen hatte, drückte bald im Oberhause wie im Unterhause seine Meinung dahin aus, daß in der Metropole und in andern Teilen des Reiches gefährliche Konspirationen entstanden seien, welche den Umsturz des Gouvernements beabsichtigten und einen Angriff auf das Eigentum von Privatpersonen damit zu vereinigen suchten, öffentliche und geheime Meetings, das Erlassen von Adressen, Einkäufe von Waffen, Bannern und Kokarden, Bestechung von Soldaten, häufiges Korrespondieren der Londoner Verschworenen mit denen des Inlands sowie feierliche Eide zu gegenseitiger strenger Verschwiegenheit schienen einen allgemeinen und gleichzeitigen Aufstand der Massen zu ihrem Zweck zu haben. Man machte auch namentlich auf die unter den Namen ›Hampden Clubs‹ und ›Spencean Philantropists‹ bestehenden Gesellschaften aufmerksam, von denen namentlich letztere durch ihre irreligiösen Versammlungen gefährlich erschienen, und schloß damit, daß die gewöhnlichen Gesetze nicht hinreichend seien, um solche Vorgänge wirksam unterdrücken zu können. Lord Sidmouth beantragte dann im Oberhause die Suspension der Habeaskorpusakte, eine Motion, die nach kurzem Widerstände einiger liberaler Mitglieder angenommen wurde und bald darauf die königliche Sanktion erhielt. Einige andere strenge Maßregeln in betreff aufrührerischer Meetings, korrespondierender Gesellschaften usw. erließ man ebenfalls. Diese Schritte des Gouvernements trafen die Hoffnungen der Reformers mit einem unerwarteten Schlage, denn ohne vorher einer Untersuchung unterworfen zu werden, konnte jetzt wieder jeder Verdächtige auf offener Straße ergriffen und ins Gefängnis geschleppt werden. Sir Frances Burdett und Lord Cochrane, die Verteidiger der Reform im Parlamente, hatten genug zu tun, sich selbst sicherzustellen. Cobbett, der nur in zu unzweideutigen Worten den Arbeitern auseinandergesetzt hatte, daß eine Besserung ihrer Lage in ihren eignen Händen ruhe, hielt es für gut, sich einstweilen nach Amerika zurückzuziehen und von dort aus seine ›Weekly Registers‹ weiter erscheinen zu lassen. Hunt blieb noch immer etwas ungestüm; da aber Cobbett nicht mehr an seiner Seite stand, so brach auch er endlich machtlos zusammen. Nur der alte Major Cartwright blieb auf seinem Posten, tapfer wie ein Löwe und heiter wie ein Kind; es war, als wenn er gewußt hätte, daß es niemand wagen würde, sich an ihm, dem würdigen, ergrauten Revolutionär, zu vergreifen. Die Reformers im Innern des Landes verschwanden fast ganz und jagten wie scheues Wild von einem Ort zum andern. Mit dem Meetinghalten wurde es auch etwas schwieriger; Hunderte von Arbeitern, die sich sonst regelmäßig eingestellt hatten, blieben jetzt zu Hause. Nur wenn es Abend wurde, schlichen sie von einer Tür zur andern, um die Neuigkeiten des Tages zu erfragen. Leute, die schon verdächtig waren, verbargen sich bei guten Freunden und Verwandten und eilten nur bisweilen bei Nacht und Nebel zu ihren Familien zurück, bei welchen Gelegenheiten sie dann aber auch gewöhnlich ergriffen und eingesteckt wurden. Die Demokraten befanden sich jetzt in derselben Lage wie einst unter Pitt im Jahre 1794. Zu ihrem Glück kam aber diesmal nicht ein Krieg dazwischen, der es fast allen Parteien wünschenswert machte, das Volk im Innern mit aller Gewalt ruhig zu halten, um desto stärker nach außen sein zu können; außerdem hatte auch die Entwicklung der Industrie ein so massenhaftes und energisches Proletariat mit sich gebracht, daß die Maßregeln des Gouvernements zwar für den Augenblick wirksam, auf die Dauer aber dem wiederholten Ausbruch der allgemeinen Unzufriedenheit nicht vorzubeugen imstande waren. Das willkürliche Antasten der Volksfreiheiten fing schon an, mit seinen üblen Folgen von denen, die darunter leiden sollten, auf die zurückzuprallen, welche die Urheber so arbiträrer Maßregeln waren. Zu der Not, aus der die demokratische Partei hervorgegangen war, gesellte sich der Haß gegen diejenigen, welche dieser Not nur mit roher Gewalt zu begegnen wußten. Selbst die althergebrachte Furcht, die gewohnte Achtung vor allem, was das Parlament beschloß und was das Gouvernement in Ausführung brachte, schwand total aus dem Volke, da durch die Brutalität der Werkzeuge des Gouvernements, durch die Gewissenlosigkeit seiner Beamten und durch die Schurkereien einer wahrhaft organisierten Spionenbande das willkürlichste Verfahren im Gerichtswesen einriß, so daß fast durchgängig ein vermeintlicher Verbrecher ebenso leicht wieder entlassen wurde, als er kurz vorher noch ohne Grund eingesteckt war. Vor allen Dingen hielt indes mit der wachsenden Strenge des Gouvernements, welche das Aufbrausen des Volkes verhindern sollte, die Not gleichen Schritt, welche nur zu sehr geeignet war, dieses Aufbrausen zu vergrößern und in fortwährende Revolten zu verwandeln. Zu den schlechten Ernten von 1816 und 17, welche unendliches Unheil über das Land verbreiteten, kam nämlich der Umstand, daß der kaum überwundenen Manufakturwarenkrisis eine Kolonialwarenkrise auf dem Fuße folgte. Wie früher schon erwähnt, hatte der britische Handel gegen die in so großer Masse nach allen südamerikanischen und asiatischen Märkten versandten Industrieprodukte einen ungemein großen Vorrat von Kolonialartikeln zurückgeführt. Solange der Krieg währte, hatte der Absatz für diese Vorräte total gestockt. Es konnte daher nicht fehlen, daß nach dem definitiven Friedensschluß alle Exporteure mit einer wahren Wut über den Kontinent herfielen, um sich endlich von dem Reichtum ihrer Magazine zu debarrassieren und die tot daliegenden Fonds dem lebendigen Verkehr zurückzugeben. Dieses lawinenartige Hinüberwälzen nach dem Kontinent geschah mit um so größerm Vertrauen, da man allgemein dachte, daß die Bewohner jener Länder nach der langen Dauer der Kontinentalsperre jeder Zufuhr mit einer entsprechenden Nachfrage begegnen und für den lange entbehrten Zucker, Kaffee, Tee, Reis, Tabak usw. gern einen belohnenden Preis zahlen würden. Im ersten Augenblick war dies freilich nun auch der Fall; es zeigte sich indes bald genug, daß man sich dennoch in den meisten Erwartungen bitter getäuscht hatte. Nicht allein England, nein, auch der Kontinent war durch den Krieg erschöpft. Gern nahm zwar die ganze Welt den Segen der englischen Kolonialwaren entgegen, leider fehlte ihr aber der gewünschte bare Ersatz, der Nerv aller Dinge, das Geld, um den unternehmenden Briten auch nur auf den halben Betrag seines Importes zu bringen. Dieselben Waren, welche noch eben die englischen Magazine zu zerbrechen drohten, sammelten sich daher jetzt wieder auf dem Kontinent zu beunruhigenden Massen, und gerade wie man im Jahre 1810 und 1812 auf den amerikanischen Märkten die Industrieprodukte zu ruinösen Preisen verschleudern mußte, so sah man sich auch jetzt auf dem europäischen Kontinent in betreff der Kolonialprodukte zu ähnlichen Manipulationen veranlaßt. Falliten folgten auf Falliten, und wenn das Unheil auch zunächst nur die Exporteure traf, so ging doch, da im Handel alle Verhältnisse zu sehr ineinander verkettet sind, das durch solche Vorfälle entstehende Mißtrauen, die notwendigerweise herbeigeführte Geschäftsunbehaglichkeit auch schnell wieder auf andere Gewerbs- und Industriezweige und somit auch ein neues Unglück auf die unruhigen Parias des Jahrhunderts, auf die arbeitenden Klassen über. Alle Schrecken, welche die strengen Maßregeln des Gouvernements mit sich brachten, konnten daher den Geist der Unzufriedenheit nicht im Zaume halten. Die Not zwang das Volk, jede Schranke zu durchbrechen; vergebens war es, daß man die Suspension der Habeaskorpusakte, welche ursprünglich nur bis zum Juni 1817 dauern sollte, aufs neue bis zum 1. März 1818 verlängerte – die Agitation der Reformers hatte das Volk bereits zu sehr über seine Lage aufgeklärt, als daß man lange Zeit vor solchen Maßregeln zitterte. Überall brachen neue Tumulte aus, überall zeigten sich neue Kombinationen. In Schottland entdeckte man z. B. eine Verbindung von Kohlenarbeitern, die außer ihrem politischen Zusammenwirken mit den Reformers auch noch eine wohlorganisierte League gegen die Bergwerksbesitzer unterhielten und durch einen Eid der Treue und Verschwiegenheit, auf dessen Bruch die Strafe eines grausamen Todes stand, untereinander verbunden waren. Auch in Lancashire blieben die Arbeiter in einer regelrechten Opposition gegen ihre Herren, woraus namentlich in Burnley und Stockport sehr ernstliche Auftritte hervorgingen, die stets nur durch die schnell herbeieilende Yeomanry wieder unterdrückt werden konnten. In Manchester, der sogenannten Metropole der Arbeit, zeigte sich indes damals die Haupttätigkeit der demokratischen Partei. Geheime Meetings hatten die öffentlichen bald ersetzt, und da man sich auf diese Weise sichrer als je unterhalten konnte, so fing man jetzt auch an, die praktischen Maßregeln zur Sprache zu bringen, welche das Volk bei einem allgemeinen Aufstande zu ergreifen haben würde. Aus den wenigen Diskussionen, welche nach außen hin bekannt wurden, geht hervor, daß man vor allen Dingen beabsichtigte, sich der Stadt selbst zu bemächtigen, um sie zum Hauptlager der Partei und zum Zentrum der ganzen Bewegung zu machen. Die in jener Zeit in großer Menge entstehenden Friendly Societies oder Benefit Clubs boten den Radikalen auch hin und wieder Gelegenheit, das demokratische Feuer am Glimmen zu halten. Schon seit langen Jahren gab es solcherlei Assoziationen in England, und man hatte sie stets geduldet, da sie bisher nur darauf ausgegangen waren, aus einem durch kleine wöchentliche Einzahlungen gebildeten Fonds diejenigen Mitglieder zu unterstützen, welche durch Krankheiten oder sonstige Unglücksfälle außer Arbeit und Verdienst geworfen wurden. Es ist nicht zu entscheiden, ob das Bedürfnis solcher Gesellschaften durch die Entwicklung der Industrie damals größer als bisher wurde oder ob die vielen neu entstehenden Assoziationen nur ein politisches Motiv hatten. Genug, soviel ist gewiß, daß für jeden zertrümmerten demokratischen Klub wenigstens eine Benefit Society entstand und daß man sich ihrer aufs eifrigste bediente, um unter der Maske der Friedlichkeit und der Philanthropie desto sicherer und unbemerkter den Brand der Empörung zu schüren. Ob dem Gouvernement solche Vorgänge nicht bekannt waren oder ob man sich durch eine Verlängerung der Suspension der Habeaskorpusakte zu viele neue Feinde zu machen fürchtete, ist schwer zu entscheiden. Das letztere bleibt indes das wahrscheinlichste, und man wunderte sich nicht darüber, als man endlich am 28. Januar 1818 eine Bill ins Parlament brachte, um die Habeaskorpusakte wiederherzustellen, worauf denn auch am 10. März eine Indemnity Bill passierte. So war die größte Gefahr wieder vorüber, und die bald darauf erfolgende Verwerfung der durch Sir Francis Burdett im Hause der Commons gemachten Reform Motion war das Signal zu einem neuen und allgemeinen Erheben der Radikalen. Zahlreiche Meetings erfolgten in verschiedenen Teilen des Landes. Bei einem derselben in Lydgate bestand Samuel Bamford in allem Ernste darauf, daß die bei den Meetings gegenwärtigen Frauen das Recht hätten, durch ein Aufheben der Hand geradeso gut wie die Männer für oder gegen eine Resolution zu stimmen. Das war eine neue Idee. Die anwesenden Weiber waren sehr damit zufrieden, die Männer dem Vorschlag nicht abgeneigt; als die Frage daher zur Abstimmung kam, erhoben die Frauen ihre Hände unter großem Gelächter, und von der Zeit an stimmten sie denn auch immer bei den Radical Meetings mit. Auch bildeten sich bald weibliche politische Unions, die von Frauen präsidiert und geleitet wurden und nicht selten die revolutionärsten Beschlüsse zustande brachten. In Birmingham, wo das Elend der arbeitenden Klasse die Agitation der Reformers mehr als irgendwo befördert hatte, machten die Radikalen im Anfang des Jahres 1819 eins der kühnsten Experimente. Sie betrieben nämlich die Wahl eines Legislatorial Attorney, der die große bevölkerte Stadt Birmingham im Parlament vertreten sollte, und veranstalteten zu diesem Zweck am 12. Juli ein Meeting, bei dem der Major Cartwright und Sir Charles Wolseley, der früher erklärt hatte, daß er seinen Sitz in Anspruch nehmen würde, vorgeschlagen und von einer Versammlung von 15 000 Personen einstimmig erwählt wurden. Die Minister und ihre Partei betrachteten diesen Vorfall eine Zeitlang als Spaß und schienen nicht einzusehen, daß eine wahrhaft gigantische Opposition damit begann, daß eine so volkreiche und bisher nie im Parlament vertretene Stadt wie Birmingham endlich einmal das Recht ihrer Wahl in Anspruch nahm. Man kehrte sich auch nicht daran, als Leeds bald darauf dem Beispiele Birminghams folgte, und ließ erst den Magistrat hindernd einschreiten, als auch endlich für den 9. August in Manchester ein Meeting zur Wahl eines Repräsentanten angekündigt wurde. Die Manchester Reformers wurden in jenem Augenblick namentlich durch Hunt geleitet; sie mußten dem Verbot des Magistrats Folge leisten, kündigten aber für den 16. August eine abermalige Versammlung an, indem sie den gesetzlichen Zweck vorgaben, eine Petition zugunsten der Parlamentsreform beraten zu wollen. Die Vorbereitungen zu diesem Meeting waren sorgfältiger als je geschehen; man hatte beschlossen, das möglichste daraus zu machen. Die Presse hatte sich oft über die lumpige und schmutzige Erscheinung der Reformers lustig gemacht und namentlich auf die Konfusion hingewiesen, welche ihre bisherigen Meetings begleitete. Man wollte diesen Eindruck nun ein für allemal verwischen, indem man sich der größesten Ordnung und Sauberkeit bei der bevorstehenden Zusammenkunft zu befleißigen suchte. Reinlichkeit, Nüchternheit und Ordnung befahl daher das Komitee vor allem andern an. Auf Verlangen Hunts setzte man später noch das Wort Ruhe (peace) hinzu. Die Erfüllung der zwei ersten Bedingungen überließ man dem guten Takt der Leute, für die zwei andern sorgte man durch allgemeine Reglements. Ordnung in allen Bewegungen suchte man durch Einexerzieren zu erlangen und Ruhe dadurch, daß man alle Waffen verbot und jeden verpflichtete, sich an die Vorschriften des Komitees zu halten. Alte, in Ruhestand versetzte Soldaten nahmen sich der Sache sehr an, indem sie den jungen Leuten ein regelrechtes Marschieren beibrachten. Sowie es dunkel wurde, sah man alle Arbeiter ihre Werkstätten verlassen und in die Felder hinauslaufen, um die Übungen mitzumachen, und niemals gab es größern Jubel um Manchester, als wenn zu solchen Stunden oder am Sonntagmorgen in aller Frühe jeder sich freiwillig an seinem Platze einfand. Waffen brachte man nie mit. Man wollte sich nur an regelrechte Bewegungen gewöhnen. So sah man denn oft Trupps von 600 bis 700 Mann zusammen exerzieren. Ein beliebig gewählter Anführer kommandierte, und wenn er mitunter wohl einmal ›Feuer‹ rief, da nahm man ganz die Stellung von Schießenden an und erhob ein lautes Geschrei oder klopfte in die Hände. Hunt erließ für das am Montag, dem 16. August, auf dem in der Mitte von Manchester gelegenen sogenannten Petersfield anberaumte Meeting eine durch Plakate verbreitete Adresse an die Arbeiter, in der er sie aufforderte, sich zur rechten Zeit an Ort und Stelle einzufinden, armed only with a selfapproving conscience. Er war nämlich der Meinung, daß man keine Verteidigungswaffen brauche, da man unter dem Schutz der Gesetze stehe, die gewiß von denen aufrechterhalten würden, welche geschworen hätten, dieselben treulich zu verwalten. Wenn man eine ruhige Versammlung halte, also nichts gegen das Gesetz tue, so sei man ganz sicher – tue man etwas dagegen, so müsse man den Riot Act lesen, und dann könne man ja noch immer auseinandergehen. Am Tage vor dem Meeting, am Sonntag, wurden zwei Leute, die mit einigen gerade zu den gewöhnlichen Übungen hinauswandernden Arbeitern in Wortwechsel gerieten, schwer insultiert und mißhandelt. Dieser Vorfall war wohl Veranlassung, daß die Polizei beschloß, am folgenden Tage alle möglichen Ausschweifungen mit ungewöhnlicher Strenge zu überwachen. Um 8 Uhr am Montagmorgen, dem 16. August 1819, war die ganze Umgegend von Manchester in Bewegung; viele wollten dem Meeting beiwohnen, andere nur die Prozessionen sehen, welche aus den verschiedenen Distrikten heranrücken mußten. Sam Bamford gibt in seinen ›Passages in the Life of a Radical‹ eine genaue Beschreibung des Zuges, der aus dem kleinen Orte Middleton nach Manchester zog. Voran, erzählt er, schritten zwölf der schönsten Jungen in zwei Reihen, jeder mit einem Lorbeerzweig in der Hand, zum Zeichen des Friedens und der Freundschaft, ihnen folgten je zu fünfen die Männer verschiedener Distrikte. Dann kam ein Trupp Musikanten, hinter ihnen her wehten die Fahnen. Eine blauseidene mit der Goldinschrift ›Unity and Strength‹ und ›Liberty and Fraternity‹ und eine grünseidene mit der Goldinschrift ›Parliaments annual‹ und ›Suffrage universal‹. Zwischen ihnen ragte auf einem Stock eine hübsche rote Sammetmütze, von einem Lorbeerkranz umgeben und vorn mit dem Worte ›Libertas‹ geschmückt. Alle Reformers aus Middleton und der Umgegend folgten dann in Abteilungen von je hundert Mann, die jedesmal einen Anführer hatten, den man an dem Lorbeerkranz seines Hutes erkannte. Über diesen einzelnen Führern standen wieder die Kommandanten größerer Abteilungen, und das Ganze führte ein Mann, der an der Spitze der Kolonne stand und seine Befehle durch einen Trompeter kundtun ließ. Alle Stöcke warf man fort, und nur Alte und Greise durften sie zur Stütze behalten. Der Zug von Middleton vereinigte sich bald mit dem von Rochdale, so daß die gesamte Masse wohl 6000 Mann ausmachen mochte. Weiber und Kinder folgten hinten nach. So ging es nach Manchester. Als man durch Newtown kam, eilten die armen irischen Weber aus ihren Hütten und bewillkommneten die Heranziehenden, indem einige tanzten, andere weinten und sich ganz ihrer augenblicklichen Stimmung hingaben. Doktor Healey (ein besonderer Freund Bamfords) brachte einen Zug von Leeds und Saddleworth Union, mit einer schwarzen Fahne voran, auf der in weißen Buchstaben ›Equal Representation or Death‹ stand. Auch zwei Klubs weiblicher Reformers mit einer weißen seidenen Fahne an ihrer Spitze rückten jetzt in die Stadt ein. Die Middleton-Leute zogen durch Oldham und Mosley Street auf das St. Petersfield, auf dem wohl schon 80 000 Menschen versammelt waren. Hunt ließ nicht lange auf sich warten; von einigen Freunden begleitet, bahnte er sich unter lautem Jubel einen Weg durch die Masse und bestieg die Hustings, auf denen die Fahnen emporgerichtet waren und die Musikbanden der verschiedenen Distrikte ihre lustigsten Lieder spielten. Man schlug Hunt zum Präsidenten des Meetings vor, was von den Zunächststehenden unterstützt und von der Menge mit großem Beifall aufgenommen wurde. Hunt trat daher in den Vordergrund, nahm seinen weißen Hut ab und redete das Volk an. Er hatte kaum einige Worte gesprochen, als ein Trupp Kavallerie in blau und weißer Uniform heransprengte und sich mit gezogenem Säbel vor einigen neuen Häusern in Reihe und Glied aufstellte. Man meinte nicht anders, als daß dies nur geschehe, um Unordnungen zu verhüten, und empfing die Heranrückenden zwar mit einem vernehmlichen Geschrei, in welchem indes nichts Feindliches und Beleidigendes lag. Die Reiterkolonne erwiderte diesen Ruf auf der Stelle, und die Säbel über dem Kopf hin und her schwingend und die Zügel schießen lassend, drückte jeder den Sporn in des Rosses Seiten, und vorwärts sprengten sie, hinein in die dichtesten Massen, indem sie rechts und links das Volk niederhieben. ›Steht fest!‹ rief man von allen Seiten, ›dann kommen sie in Verwirrung.‹ Offenbar konnte auch die ganze Gewalt der Rosse und der Reiter die kompakte Masse menschlicher Wesen nicht ohne ungewöhnliche Anstrengungen durchdringen. Man schien dies einzusehen, und um sich Bahn zu machen, ließen die Reiter ihre Säbel sofort doppelt eifrig einhauen; so daß man bald nur abgeschlagene Hände, blutige Köpfe, gespaltene Schultern und andere verstümmelte Glieder sah und Stöhnen, Weinen und Fluchen durch die ganze Versammlung drang. ›Gebt nach! gebt nach!‹ schreit man da plötzlich. ›Sie schlagen vorne alles nieder, und die Unglücklichen können nicht weichen.‹ – ›Zurück! zurück!‹ wiederholt der erschreckte Haufen, und ein gräßliches Drängen, Rennen und Überstürzen beginnt jetzt. Die, welche nicht fliehen können oder im Davonlaufen niedergerissen werden, erschlägt der Säbel der Reiter oder zerstampft der Huf der Pferde. Eine Reihe Konstabler, welche sich gleich beim Beginn des Meetings so gestellt hatten, daß eine Verbindung zwischen einem benachbarten Hause, worin der Magistrat verweilte, und den Hustings, welche die Reformers einnahmen, hergestellt wurde, drangen gleich nach dem Angriff der Yeomanry auf Hunt und seine Kollegen los und machten sie zu Gefangenen. Die Yeomanry selbst hatte schon nach dem ersten Weichen der Masse gewonnenes Spiel; die Reiter drangen in jede Öffnung, die sich bildete, fortwährend aufs unbarmherzigste mit den Säbeln um sich schlagend, weder Frauen, Mädchen noch Kinder schonend und alles vor sich niederwerfend, bis der Strom des Volkes sich in der wildesten Flucht nach allen Seiten hin zerstreute. Zehn Minuten nach dem Beginn des Gemetzels war das Feld ein offner und fast verlassener Raum. Die Sonne blickte trüb von dem neblig dumpfigen Himmel herab. Die Vorhänge und Läden an allen Fenstern der umherliegenden Häuser waren geschlossen, hier und da schaute nur jemand ängstlich über die nächsten Mauern herüber oder nahte mit furchtsamem Schritt, um den Verwundeten emporzuhelfen oder die Toten fortzutragen. Die Hustings standen noch an der frühern Stätte. Zerbrochene Fahnenstöcke ragten daran empor, hin und wieder mit dem zerrissenen Lappen eines Banners daran. Das ganze Feld bedeckten Kappen, Hüte, Mützen, Tücher, Schuhe und andere Kleidungsstücke, zertreten, beschmutzt und blutig. Die Yeomanry war abgestiegen; einige schnallten die Sättel der Pferde loser; andere brachten ihre Waffen in Ordnung und trockneten das Blut von den Säbeln ab. Mehrere Haufen menschlicher Wesen blieben, wo sie gefallen waren, zusammengedrückt und erstickt liegen. Einige stöhnten noch; andere mit stieren Augen schnappten nach Luft, und manche atmeten nie mehr auf. Die Pferde wieherten und schnoben bisweilen – sonst war alles still. Der Manchester Yeomanry waren allmählich die Husaren des 15. Regiments und die Cheshire Yeomanry nachgerückt. Die letztere, gewissermaßen ärgerlich darüber, daß sie zu spät gekommen war, und eifersüchtig auf das Manchester-Korps, fing die fliehenden Massen in den Straßen auf und teilte noch manche Wunde aus. Die Husaren hielten sich dagegen durchaus ruhig. Ein Bataillon Infanterie, vier Geschütze und mehrere Hundert Special Constablers besetzten die Hauptpunkte der Stadt. So endete jenes unglückselige Meeting vom 16. August 1819 auf dem St. Petersfield in Manchester. Den ganzen Vorfall nannte man später mit Hinweisung auf die eben geschlagene Schlacht von Waterloo das ›Massacre von Peterloo‹. Es scheint unbegreiflich, wie eine solch elendige Geschichte passieren konnte. 80 000 Menschen, Männer, Weiber und Kinder, unbewaffnet und in der größten Ordnung, sammeln sich auf einem freien Platz, mitten in Manchester, um einigen Rednern zuzuhören, die eine Petition an den Regenten vorzuschlagen beabsichtigen, in der man den erbärmlichen Zustand des Landes auseinandersetzen will. Ohne daß man vorher, wie es das englische Gesetz gebietet, den Riot Act vorgelesen hat, erlaubt der Magistrat dem aus Freiwilligen bestehenden Korps der Yeomanry, welches in seinen Reihen die ersten Bürgersöhne der Stadt zählt, mit gezogenen Säbeln über die Versammelten herzufallen; und diese Versammelten, 80 000 an der Zahl, geben auch sofort nach und machen, wenn auch nicht imstande, der Yeomanry mit gleichen Waffen begegnen zu können, selbst nicht einmal den Versuch, sie bloß durch ihre Masse zu erdrücken, sie vom Sattel zu reißen, sie zu steinigen, sondern stieben auseinander, fliehen, lassen sich Köpfe und Schultern spalten, lassen ihre Frauen und Kinder von den Hufen der Pferde zerstampfen und wälzen sich in ebenso großer Unordnung aus der Stadt, wie sie eben noch in geregelten Zügen hineinrückten. Man begreift im ersten Augenblicke weder die Brutalität des Magistrats und der Yeomanry noch die Feigheit der Menschen, die sich zu dem Meeting einfanden. Erst dem aufmerksamen Beschauer muß es einleuchten, daß ein solcher Vorfall überhaupt nicht bloß möglich, sondern daß er durch die damaligen Zustände Englands gewissermaßen bedingt war. Die Mittelklasse Englands, ein im vorherigen Jahrhundert noch politisch unbedeutender und obskurer Haufen, hatte sich durch die Entwicklung der Industrie und durch die immer größer werdende Ausdehnung des Handels schnell zu einer mächtigen Geld und Intelligenz besitzenden Partei emporgeschwungen. Der alten Grundaristokratie gegenüber anfangs noch ziemlich furchtsam und demütig, hatte sie lange darauf verzichtet, einen andern Einfluß im Staate auszuüben als den, welchen das Resultat ihrer zufälligen Beschäftigung mit sich brachte, und wagte sie es wirklich einmal, in dem allmählich erwachenden Bewußtsein ihrer sozialen Rechte, auf die Gesetzgebung direkt einwirken zu wollen, da fühlte sie gewöhnlich noch ihre kaum begonnene Selbständigkeit, ihre wenige Gewandtheit, diesem Drange auf geeignetem Wege Luft zu machen, in so hohem Grade, daß sie sich unwillkürlich auf die Masse des Volkes, auf die Arbeiterwelt stützte, um durch diesen massenhaften Hintergrund ihre unvollendete Kraft doch in etwa furchtbar erscheinen zu lassen. Befangen in einer gewissen Naivität, welche darin ihren Ursprung hatte, daß die aus der plebejischen Arbeiterwelt kaum hervorgegangene Mittelklasse der erstern noch nicht mit zu großen Prätensionen entgegentrat, gingen daher Fabrikherren und Fabrikarbeiter in ihrer Opposition gegen das Gouvernement viele Jahre lang treulich Hand in Hand, indem sie sich trotz aller Privatstreitigkeiten gewissermaßen als Freunde betrachteten. Erst als jene große und entsetzliche ökonomische Wahrheit, daß nämlich unter den jetzt bestehenden Weltverhältnissen der Arbeiter gleich einem leblosen Artikel rein von der Nachfrage und Zufuhr abhängt, sich immer schärfer in den Leiden des Proletariats ausprägte, als es in jeder Katastrophe der Entwicklung des Handels immer deutlicher ans Licht trat, daß die Konkurrenz den Industriellen zwingt, in fast allen Fällen ein dem Arbeiter durchaus nachteiliges Ziel zu verfolgen, und als die Arbeiter endlich in einem immer häufiger werdenden Auflehnen gegen ihre Herren zeigten, daß sie über diese Wahrheiten auch vollkommen zum Bewußtsein gelangt waren, da löste sich mit der bisherigen Freundschaft auch die brüderliche Opposition gegen das Gouvernement, – es gestalteten sich allmählich zwei bestimmtere Parteien, die Partei der Mittelklasse und die Partei der Arbeiter, von denen die erstere nur die Aristokratie, die zweite die Aristokratie samt der Bourgeoisie zu überwinden strebt; von denen die erstere den Namen ›Reformers‹, die zweite den Namen ›Radical Reformers‹ annimmt; die zwar von Zeit zu Zeit ihre Kräfte wieder für einen Augenblick vereinigen, wenn es gilt, den gemeinsamen Feind, die Aristokratie, niederzuschmettern – die sich aber sofort wieder feindlich gegenüberstehen, sobald diese Kampagne beendigt ist. Das Gemetzel von Peterloo ist gleichsam der Moment, wo diese Trennung förmlich und feierlich vor sich geht. Die Säbel der Manchester Yeomanry zerhauen das letzte Band, was mit der alten Unbefangenheit und Gewohnheit die beiden Parteien bisher umschlungen hielt. In Manchester ist es, wo dies vor sich geht; gerade in der Wiege alles industriellen Lebens, gerade in dem Zentrum der englischen Fabriktätigkeit, gerade in der Metropole der neuentstandenen industriellen Aristokratie. Nicht die Husaren, nicht die Söldner des Gouvernements sind es, welche in das Volk einhauen, nein, die Yeomanry, dies aus der industriellen Aristokratie gebildete, wohlbewaffnete und wohleinexerzierte Korps ist es, welches die Sporen einsetzt, die Zügel verhängt und Weiber und Kinder niedersäbelt. Nicht ein General der königlichen Truppen, nein, ein von der Bourgeoisie der Stadt erwählter Magistrat nimmt alle Verantwortlichkeit auf sich und gibt das Signal zu dem infamsten Schlachten, welches die neuere englische Geschichte aufzuweisen hat. Diese Umstände sind bezeichnend. Sie erklären nicht allein die Vorfälle des Augenblicks – sie erklären die ganze fernere Entwicklung der beiden Parteien. Die Bourgeoisie überlief ein kalter Schauder, wenn sie sah, mit welchem Eifer sich die Arbeiter der Parlamentsreform annahmen; sie schaute in die Zukunft, und sie zitterte, wenn sie daran dachte, daß diese Massen vielleicht einst zu legislativer Gewalt kommen möchten. Man stand sich am Ende noch besser bei einer Allianz mit der alten Aristokratie als bei einer engen Gemeinschaft mit dem Proletariate – die Flut des Volkes mußte erst in seine Dämme zurückgetrieben werden, die Radical Reformers mußten vernichtet werden, damit die Reformers zu ihrem Zwecke gelangten – und die Yeomanry zog ihre Säbel. Sie erstaunte vor ihrer eignen Kühnheit, als sie vierhundert Tote und Verwundete am Boden vor sich liegen sah. Das war resolut, das war tapfer gewesen! ›Die Schlacht von Peterloo‹ nannte man den heißen Tag. Wellington hatte sich unterstanden, den Adler Frankreichs in den Staub zu treten, die Manchester Yeomanry fiel über wehrlose Menschen her – das war noch größer, noch gewaltiger! Die guten Fabrikanten und Comptoiristen wurden bange vor ihrer eignen Courage; sie freuten sich, als die Husaren, die Artillerie und das Fußvolk des Gouvernements auf die Walstatt rückten und ihre Stelle einnahmen; sie ritten nach Hause, stellten die Pferde in den Stall, zogen die Uniform aus und freuten sich, daß sie mit heiler Haut davongekommen waren. Auf der Börse, heißt es in den Zeitungsberichten jener Tage, läßt sich kein Mensch sehen. Die Comptoirs sind geschlossen, Fenster und Türen der Häuser bleiben verriegelt, und nur wenige Kramläden sind geöffnet. Was nun die Untätigkeit der Arbeiter bei dem ganzen Vorfalle angeht, so kann man sich dieselbe, außer der Schwierigkeit, in der sich eine von Weibern und Kindern beengte, auf einem umschlossenen Räume eingepferchte Menschenmasse befand, den Angriff der Yeomanry sofort zurückzuschlagen, nur daraus erklären, daß den englischen Arbeitern einesteils jene den Franzosen so eigentümliche Fertigkeit des Volkswiderstandes durchaus abgeht und daß andernteils das Unverhoffte des ganzen Vorfalls einen so entsetzlichen Eindruck auf die Gemüter machte, daß man eben im eigentlichsten Sinne des Wortes den Kopf darüber verlor und deswegen nur in der schmählichsten Flucht sein Heil suchte. Das letztere ist wohl als der Hauptgrund anzunehmen. Einem Mangel an Mut und Energie kann man die Sache gewiß am wenigsten zuschreiben. Die englischen Arbeiter haben es in ihren tausend und aber tausend Kriegen mit den Industrieherren, bei denen sie sich aller Mühseligkeiten und Entbehrungen unterzogen, nur zu sehr bewiesen, was sie zu leisten imstande sind. Nur das Unerhörte, daß in einem Lande, wo seit Jahrhunderten kein mit den Waffen in der Hand geführter Parteikampf vorfiel, daß in Manchester, wo Fabrikherren und Fabrikarbeiter, zwar in einige Privatstreitigkeiten verwickelt, doch bis zur Stunde noch gemeinsame Sache gegen das Gouvernement gemacht hatten, daß gerade in dem Augenblick einer friedlichen Beratung der Wohlgerüstete über den durchaus Wehrlosen herfiel – das allein schien jene Unglücklichen gewissermaßen momentan zu versteinern, das machte sie für den Augenblick zu total Besiegten. Man wußte, daß die reformierende Bourgeoisie mit den radikal-reformierenden Arbeitern in manchen Punkten nicht übereinstimmte, man ahnte selbst, daß sie im entscheidenden Augenblicke die Arbeiter vielleicht im Stich lassen würde, aber man hatte nicht daran gedacht, daß sie sich mit einer solchen Brutalität, mit einer solchen Bestialität so plötzlich zwischen Volk und Aristokratie drängen würde. Daher jener allgemeine Schreck, jenes Entsetzen, jene wilde Flucht nach den entferntesten Stadtvierteln, nach den umherliegenden Dörfern, wo man freilich zuletzt aus seinem Erstaunen erwachte, wo man freilich zuletzt nach Sensen, Äxten, Piken usw. griff, wo man aber auch mit der Zeit der Bewaffnung die Gelegenheit verpaßte, um das inzwischen von den königlichen Truppen besetzte Manchester noch nachträglich wirksam angreifen zu können. Es war geschehen – das Blut der Arbeiter war geflossen. Wer weiß es, ob die englische Bourgeoisie nicht einst versuchen wird, diesen entsetzlichen roten Fleck mit allen ihren Tränen aus dem Buch der Geschichte wieder fortzuwaschen? Das Gouvernement, weit davon entfernt, den eigentlichen Zusammenhang des Vorgefallenen auch nur im geringsten zu untersuchen, ging sogar soweit, nach einem vorher gehaltenen Cabinet Council ein offizielles Danksagungsschreiben an den Magistrat in Manchester auszufertigen, in welchem man die so schnell und energisch geleistete Hilfe rühmend anerkannte. Man wäre vielleicht noch weiter gegangen, wenn die Demonstrationen der Radikalen nicht bald eine so drohende Gestalt angenommen hätten, daß man unwillkürlich vor jedem kühnern Auftreten zurückschrecken mußte. Aus diesem Grunde verwandelte man auch wohl die gegen Hunt und seine Kollegen erhobene Anklage wegen Hochverrat in die einer Konspiration, was die Sache sehr zugunsten der Gefangenen stellte. Nach einem zehntägigen Verhör verurteilte man sie indes dennoch zu einer Gefängnisstrafe von ein bis zwei Jahren. Von dem tiefen Haß, den das Ereignis des 16. August in den Herzen des Volkes zurückgelassen hatte, zeigte sich bald ein eklatantes Beispiel in der Verschwörung Arthur Thistlewoods. Dieser kühne und unternehmende Mann war in seiner Jugend Soldat der britischen Armee in Indien, von wo er indes bald nach den Vereinigten Staaten hinüberreiste, um gerade zur wildesten Zeit der Revolution in Frankreich einzutreffen. Von dorther brachte er das ganze Feuer der republikanischen Ideen mit in sein Vaterland zurück. Die Tumulte vom Jahre 1815, denen er sich mit aller Leidenschaftlichkeit hingab, zogen ihm eine Gefängnisstrafe von mehreren Jahren zu. Sein Zorn gegen das Bestehende schien sich während dieser Zeit nur noch krasser in seiner Seele ausgebildet zu haben, denn kaum dem Cachot entsprungen, setzte er die früher begonnene Agitation fort, indem er sich vorzugsweise unter die Hefe des Volkes mischte und sich an die Spitze eines Haufens stellte, der, von Not und Elend gefoltert, zu dem Äußersten entschlossen war. Nach vielen Meetings kamen diese Leute darin überein, daß es am besten sei, eine allgemeine Revolte in London zu versuchen. Den 23. Februar 1820 bestimmte man zur Ausführung dieses Planes, da an jenem Tage ein Diner im Hause Lord Harrowbys gegeben wurde, bei dem das ganze Ministerium zugegen sein sollte. Ein Teil der Verschworenen hatte sich verbindlich gemacht, das Hotel Lord Harrowbys zu umringen, den Speisesaal zu stürmen und alle Anwesenden zu erdolchen. Die Köpfe Lord Castlereaghs und Lord Sidmouths wollte man als Trophäen mit sich nehmen und überhaupt den ganzen Streich, sobald er ausgeführt war, als Signal zu allem Fernern dienen lassen. Während man die Stadt an verschiedenen Ecken in Brand steckte und sich der Geschütze der Artilleriekasernen bemächtigte, sollte dann eine Attacke auf die Bank und auf das Mansion-Haus gemacht werden. Letzteres Gebäude bestimmte man zu dem Palast des provisorischen Gouvernements. Durch einen Mitverschworenen, der als Spion im Solde der Regierung stand, hatte indes die Behörde von sämtlichen Anschlägen Kunde erhalten, und während Thistlewood den Angriff organisierte, nahm auch die Polizei schon die geeigneten Maßregeln, um dem beabsichtigten Sturme zuvorzukommen. In einem abgelegenen Hause in Cato Street überfiel man die Häupter der Konspiration in dem Augenblick, wo sie sich eben an ihre verschiedenen Posten begeben wollten, und machte den größesten Teil nach einem mörderischen Gefechte zu Gefangenen. Somit wäre die Sache ohne weitere Störung vorübergegangen, wenn nicht Thistlewood nebst vier seiner Genossen zum Tode verurteilt worden wäre und unter ganz ungewöhnlichen Umständen seinen Tod gefunden hätte. Die Unglücklichen starben nämlich mit der größten Standhaftigkeit und erklärten sich vom Schafott herunter für Märtyrer der entwürdigten Freiheit, indem sie einzig und allein bedauerten, daß ihr Vorhaben nicht gelungen sei. Das Manchester Massacre, versicherten sie, sei die einzige Ursache ihres Komplotts; dies zu rächen, hätten sie gern alles gewagt – und ruhig boten sie dann dem Henker ihre Häupter. Die Sensation, welche durch eine solche Erklärung auf die in ungeheuern Massen umherstehenden Menschen hervorgebracht wurde, steigerte sich noch, als man mit wahrhaft barbarischer Grausamkeit die Körper der Gerichteten zerfetzte und verstümmelte. Ein Schrei des Mitleids und des Entsetzens entfuhr jeder Brust, und wie mit Blut stand es in jedem Gedächtnis eingeschrieben, daß auf dem Manchester Petersfield eine Tat geschehn, welche dem englischen Namen für ewige Zeiten Schande mache. Nicht allein die Masse des Volkes war jetzt vom Ältesten bis zum Jüngsten gegen das Gouvernement, nein, auch die Whigs, die offizielle Opposition, verstärkten, freilich nur aus Parteigründen, ihre Bewegung, und so kam es denn, daß die Radikalen endlich im Jahre 1824, sei es nun durch die Malice der Torys gegen eben diese Whigs oder durch das Gewicht der öffentlichen Meinung, einen Sieg errangen, den man zwar dem ersten Anschein nach nur für unbedeutend halten sollte, der aber in seinen Folgen zu einem Ereignis von der höchsten Wichtigkeit wird. Das Parlament, die Nutzlosigkeit aller Verfolgungen einsehend, löste nämlich sämtliche gegen die Verbindungen des Volkes erlassenen Gesetze auf und gestattete das Recht der freien Assoziation. Man sollte denken, daß nach diesem Schritt die Volksbewegung einen solchen Umfang hätte nehmen müssen, daß schon in den nächsten Monaten ein weiteres Nachgeben des Gouvernements unausbleiblich gewesen wäre. Leider mußte man aber noch volle sechs Jahre warten, ehe die alten Torys zerschmettert zu Boden stürzten. Im Jahre 1825/26 sollte erst noch eine Handelskrise kommen, welche das Land bis in seine letzten Winkel erschütterte und unsägliches Elend über die arbeitende Klasse verbreitete, und jenseit des Kanals sollte erst noch jenes großartige Schauspiel der Julitage beginnen, ehe der Korruption der Torys ein Ende zu machen war. Diese merkwürdige Zeit brach endlich heran. Wie ein Märchen klang die Nachricht von dem Siege des französischen Volkes nach England herüber; man fragte sich erstaunt, wie es möglich sei, daß man in Paris in Zeit von drei Tagen damit ein Ende mache, woran man in England schon fast ein halbes Jahrhundert arbeite. Wie aus brennendem Unwillen über die viele vergebliche Mühe zuckte daher die demokratische Partei zusammen, und während sich in London, Manchester, Birmingham, Leeds, Liverpool, Glasgow und an anderen Orten alle Reform Clubs plötzlich mit wildern Rednern als je vorher füllten, verbreitete eine von der äußersten Spitze Kents bis zu den schottischen Hochlanden beginnende und von Brand und Raub begleitete Revolte der ausgehungerten Massen einen solchen Schreck durch alle Teile Großbritanniens, daß dem bisherigen Gouvernement endlich machtlos das Ruder des Staates entsank und dem Ministerium Wellington-Peel das Ministerium Grey mit der Bedingung folgte, daß es die Sache der Reform in seine eignen Hände nehme. Bei der gleich darauf erfolgenden Wahl des neuen Parlamentes erfocht die demokratische Partei insoweit einen bedeutenden Sieg, als Henry Hunt, der Repräsentant der Radical Reformers, in Preston gewählt wurde und Stanley, der Erbe des Hauses Derby und der Repräsentant der moderierten Reformers, eine vollständige Schlappe davontrug. Lord John Russell, der schon seit einer Reihe von Jahren die Sache der Parlamentsreform im Sinne der Whigs betrieben hatte und der jetzt ein Mitglied des neuen Ministeriums geworden war, übertrug man die Ehre, dem Parlamente die Reform Bill vorzulegen. Dies geschah am 1. März 1831. In seiner einleitenden Rede erklärte Lord John, das Ministerium wünsche seinen Stand zwischen den feindlichen Parteien zu nehmen. Das Recht glaube man übrigens auf der Seite der Reformers; denn nach der alten Konstitution des Landes solle niemand zur Unterhaltung des Staates besteuert werden, der nicht selbst oder durch seine Repräsentanten zur Aushebung der Taxen seine Zustimmung gegeben habe. Der Plan des Ministeriums, mit dem man das rechtmäßige Verlangen des Volkes nach Reform zu befriedigen glaube, schließe Maßregeln gegen die drei Hauptklagen des Volkes in sich. Diese Klagen seien gerichtet: erstens gegen die Wahl von Parlamentsmitgliedern durch einzelne Individuen, zweitens gegen Wahl durch Korporationen und drittens gegen die bei den Wahlen vorfallenden Ausgaben. Rücksichtlich der zwei ersten Klaggründe bestehe der ministerielle Plan erstens darin, daß man Plätzen, welche bisher Mitglieder zum Parlament gesandt hätten, ganz oder teilweise das Wahlrecht nehme, zweitens, daß man Plätzen, welche bisher nicht im Parlament vertreten gewesen wären, das Wahlrecht gebe, sowie drittens, daß man eine Ausdehnung des Wahlrechts eintreten lasse, um die Zahl der Wähler zu vergrößern. Hieran schlossen sich dann noch verschiedene Maßregeln in betreff der bei den Wahlen vorfallenden Bestechungen usw. sowie eine separate Bill Lord Johns in betreff der Abkürzung der Dauer der Parlamente und des Votierens durch Ballotage. Von dem Augenblicke an, wo man die allgemeinen Umrisse des Plans im Parlamente diskutierte, nahm die Aufregung draußen mit jedem Tage zu, und obgleich von den Änderungen, welche die Radical Reformers herbeigewünscht hatten, nur wenige vorgeschlagen wurden, so verzichtete man doch sofort auf die bisherige Agitation und tat, als wenn man die Bill mit Freuden entgegennähme, denn es leuchtete allen nur zu sehr ein, daß es zu nichts führen würde, wenn man die durch die Minister nun einmal gebotene Reform, sei sie auch noch so mangelhaft, durch eine fernere Opposition aufhalte und sie vielleicht dadurch ganz vereitele. – Die Radikalen beschlossen daher, wegen der allgemeinen Wahl und jährlicher Parlamente einstweilen ein Auge zuzudrücken, die Proposition Lord Johns auf jede Weise zu unterstützen und die Bill, die ganze Bill und nichts als die Bill zur Losung der Partei zu machen. Verschiedener Ursachen wegen wurde dann das Parlament bis auf den 10. Mai ajourniert, am nächsten Tage aber aufgelöst und ein neues Parlament für den 14. Juni bestimmt. Hierdurch stieg die Aufregung nur noch mehr. In London machte sich der Pöbel an die Häuser von Individuen, welche der Bill abgeneigt waren, und ließ namentlich seine Wut an dem Palais des Herzogs von Wellington aus. Erst am 24. Juni brachte Lord John aufs neue seine Bill in das neue Parlament, und nach einer sechstägigen Debatte, welche sich bis um 5 Uhr morgens hinzog, passierte die Bill mit einer Majorität von 136 Stimmen die zweite Lesung. Bei einer am 12. Juli gehaltenen Sitzung, die bis ½8 Uhr morgens dauerte, erfochten die Minister einen neuen Sieg, und die Bill ging dann in ein Komitee. Man diskutierte nun die Maßregel Punkt für Punkt vom 12. Juli bis Ende September, wo endlich die dritte Lesung geschah und die Bill schließlich mit 345 gegen 236, also mit einer Majorität von 109 Stimmen passierte. Am nächsten Tage erschien Lord John Russell, begleitet von vielen Mitgliedern, vor der Bar des Oberhauses und überreichte die Bill dem Lordkanzler. Wie man erwartet hatte, fand sie hier den entschiedensten Widerstand, indem sich namentlich Lord Harrowby und der Herzog von Wellington als Opponenten auszeichneten. Earl Grey und Viscount Melbourne brachten es indes dahin, daß schon nach mehreren Tagen, nachdem sich die Debatte zuletzt bis ¼ nach 6 Samstag morgens hingezogen hatte, zur Abstimmung geschritten wurde, bei der ein Amendement, ›daß die Bill über sechs Monate gelesen werde‹, mit einer Majorität von 41 Stimmen gegen die Minister durchging. Als dies im Publikum bekannt wurde, machte sich eine nie vorher gekannte Aufregung im Lande kund. In London ging der Lord Mayor samt seiner Korporation nach St.-James-Palast, um eine Protestation gegen den Beschluß der Lords am Throne niederzulegen; unterwegs schlossen sich ihm mehrere Gesellschaften mit Petitionen und Adressen an, so daß der ganze Zug, ehe er den Palast erreichte, wohl 50 000 Menschen zählen mochte. Das Volk fiel indes über die Wohnungen des Marquis von Bristol und des Herzogs von Wellington her und zertrümmerte sämtliche Fenster. Im Park, wo man auf die Abfahrt verschiedener Pairs wartete, die der Reform Bill abgeneigt waren, begrüßte man den Marquis von Londonderry mit einem Steinhagel, von welchem er schwer litt. Den Herzog von Cumberland riß man vom Pferde und würde ihn getötet haben, wenn sich die Polizei nicht noch zu rechter Zeit seiner erbarmt hätte. Im Innern des Landes ging man zu noch viel ernstlichern Exzessen über und verbrannte unter anderem in Nottingham das Schloß des Herzogs von Newcastle, den man am meisten von allen Torys haßte. Während die Bill vor den Lords war, gingen indes auch sonst noch viele wunderliche Dinge vor. In Birmingham hielt man ein Meeting, bei dem ungefähr 150 000 Menschen zugegen waren, und votierte eine Adresse an den König, in der man ihn ersuchte, soviel neue liberale Pairs zu ernennen, als nötig seien, um die alten, hartnäckigen zu überstimmen und die Bill durchzubringen. In Croydon wurde der Erzbischof von Canterbury grob beleidigt; ähnliche Angriffe geschahen auf den Bischof von Somersetshire. Die Bilder mehrerer verrufener Prälaten verbrannte man auf offenem Markte. Alles dies waren indes nur Kleinigkeiten gegen das, was in Bristol passierte, als der Vertreter dieser Stadt, einer der eifrigsten Opponenten der Reform Bill, von London zurückkehrte. Ein Haufe Unzufriedener griff nämlich Sir Charles Wetherell sofort an, und als er sich über die Dächer der Häuser hinweg vor ihrer Wut rettete, machte man sich gewissermaßen zur Entschädigung für den Entwischten an die Paläste des Bischofs und anderer Torys, indem man die Wohnung des erstern nebst den Gefängnissen und dem Zollhause in Brand steckte und das arme Bristol bald aus einer schönen, blühenden Stadt in einen Ort des Schreckens und der Verwüstung verwandelte. In Bath, Coventry und Worcester wurden ähnliche Vorfälle kaum durch das Militär unterdrückt. Vor allen Städten zeichneten sich aber stets London, Birmingham und Manchester durch die energische Weise aus, in der die dortigen Assoziationen für die Reform Bill tätig waren. Das Parlament kam indes nicht wieder vor dem 6. Dezember zusammen. An jenem Tage hielt aber der König eine sehr ernste Rede an die Lords und ersuchte sie, die Frage der Reform schnell zu erledigen. Hierzu war indes, da man den ersten Vorschlag verworfen hatte, eine neue Bill nötig, welche Lord John Russell denn auch schon am 12. desselben Monats ins Haus der Commons brachte, indem er den ursprünglichen Antrag durch einige Zusätze noch günstiger für die Reformers machte. Diese neue Bill ging nun abermals durch sämtliche Stadien der Unterhausdebatte. Alle früheren Gegner, namentlich aber Peel, zeichneten sich aufs neue durch ihre Hartnäckigkeit aus. Ihre Opposition war indes machtlos gegen einen Vorschlag, der so sehr von der öffentlichen Meinung gebilligt wurde, und die große Maßregel passierte deswegen auch schon am 19. März 1832 die dritte Lesung mit einer Majorität von 116 Stimmen. Von Russell und Althorp zu den Lords gebracht, hatte die Bill nun auch hier ihre zweite Feuerprobe zu bestehen. Lord Harrowby und Lord Warncliffe, welche die Opposition bisher geleitet hatten, stimmten diesmal für die zweite Lesung und überließen es dem Herzog von Wellington und dem Marquis von Londonderry, die hervorragendsten Gegner zu spielen. Die Freunde der Bill brachten noch einmal die ganze Geschichte der Reformagitation vor das Haus, indem sie zeigten, wie dieselbe seit der berühmten Yorkshire Petition von 1782 mit einigen Unterbrechungen unaufhaltsam ihren Weg fortgegangen sei, wie die Liederlichkeit in der Finanzverwaltung dem Lande während der Kriegsjahre eine Schuld von nicht viel weniger als tausend Millionen aufgebürdet habe und wie es durch die schlechte Vertretung der verschiedenen Klassen im Parlamente unmöglich geworden sei, das Erheben der Taxen und die zu machenden Anleihen durch diejenigen zu kontrollieren, welche die Schuld doch zu guter Letzt tragen; wie es falsch und widersinnig sei, heruntergekommenen Orten wie Grampound, Penryn, East Retford und Sarum noch immer das Wahlrecht für ein oder gar zwei Parlamentsmitglieder zu lassen, während Orte wie Birmingham, Leeds und Manchester mit einer durch die Entwicklung der Industrie reich und mächtig gewordenen großen Bevölkerung keinen Vertreter wählen dürften, und zu welchen Maßregeln es endlich führen könne, wenn ungefähr 200 Pairs noch länger einer Bill zu widerstehen wagten, welche den König, das Volk und die Majorität der Commons für sich habe. Zur Abstimmung schreitend, fand man hierauf für die Minister nur eine absolute Majorität von 9 Stimmen. Die Bill wurde da zum zweiten Male gelesen, um nach den Ostertagen ins Komitee zu gehen, und das Parlament blieb ajourniert bis zum 7. Mai. Diesen Zwischenraum benutzten die Reformers zu einigen Meetings, die an Großartigkeit alles Bisherige übertrafen. Die Birminghamer veranlaßten eins der gewaltigsten, indem sie alle Gesellschaften der umliegenden Grafschaften dazu einluden. Die Zahl der von der Norddivision anwesenden Leute wird allein auf 100 000 geschätzt – sie erstreckten sich über 4 Meilen und hatten 150 Banner und 11 Musikchöre. Über 200 Chöre waren gegenwärtig, und etwa 700 Banner wehten über der versammelten Menge. Gegen Mittag wurde der Beginn der Verhandlung durch den Lärm der Trompeten verkündigt, und viele energische Redner erhoben sich dann, um eine Adresse an das Haus der Lords vorzuschlagen, in der man zum letzten Male vor fernerem Widerstände warnte und mit den revolutionärsten Maßregeln, mit der Ernennung einer Menge neuer Pairs, vor allem aber mit der Verweigerung der Steuern drohte. Ähnliche Meetings hielt man in Liverpool, Manchester, Sheffield, Edinbourgh, Glasgow sowie im ganzen Süden Englands, bei denen man zugleich dem Ministerium Grey Dank votierte und ihm das volle Vertrauen des Volkes zu erkennen gab. So war die Lage des Landes, als sich das Parlament am 7. Mai wieder versammelte und das Oberhaus wegen der Reform Bill in ein Komitee ging. Nach einigen Debatten zeigte es sich, daß die Majorität der Lords der Bill zu widerstehen wagte. Earl Grey und der Lordkanzler eilten daher nach Windsor und baten um die Ernennung einer Anzahl neuer Pairs oder, im Fall der Verweigerung, um ihre Entlassung. Der König nahm ihre Demission an! Diese Nachricht erreichte Birmingham morgens am 10. Mai, und schon gegen Mittag sah man an allen Fenstern gedruckte Plakate mit den Worten: ›Hier werden keine Taxen bezahlt, ehe die Reform Bill passiert ist.‹ Um 4 Uhr nachmittags versammelten sich die Einwohner der Stadt und die Bewohner der Nachbarschaft in großen Massen bei Newhall Hill und entwarfen eine Adresse an das Haus der Lords, in welcher sie erklärten, daß die Petitionierenden laut der dem englischen Volke durch die Bill of Rights gegebenen Erlaubnis zu den Waffen greifen würden, damit man für alle Dinge, die da kommen würden, vorbereitet sei. Eine Deputation wurde dann sofort ernannt, welche die Adresse nach London trug. Manchester, Leeds, Sheffield und alle Städte Schottlands gerieten in dieselbe Aufregung und faßten ähnliche Beschlüsse. Wohl nie gab es in England eine aufgeregtere Periode als die vom 9. bis zum 16. Mai. An ersterem Tage hatte nämlich Earl Grey seine Entlassung eingereicht, und an letzterem wurde er aufs neue ins Amt zurückgerufen, da es dem Könige unmöglich wurde, ein anderes Ministerium zu bilden. Am 18. übernahm er die Führung der Geschäfte. Den Lords blieb jetzt weiter nichts anderes übrig als nachzugeben. Ein ferneres Widerstehen würde nur eine Menge neuer Pairs und ihre schließliche Niederlage herbeigeführt haben. Als daher die Debatte im Oberhause wieder losging, erhoben sich ungefähr 100 Pairs mit dem Herzog von Wellington von ihren Sitzen, und die Bill ging mit 106 gegen 22 Stimmen durch. Am 7. August 1832 wurde sie Gesetz des Landes. So endete diese ewig denkwürdige Periode. Die Reformers hatten erreicht, was sie wollten; die Mittelklasse fand jetzt ihre richtigen Vertreter im Parlamente, und nichts stand ihrer fernern Entwicklung mehr im Wege. Die Radical Reformers hatten dagegen nur zur Hälfte gesiegt, und kaum war die Agitation der Reform Bill vorüber, da gingen sie auch wieder auf ihre ursprünglichen Maßregeln zurück, die Sache der allgemeinen Wahl betreibend und Krieg beginnend wie vorher gegen das ganze Gebäude der Staatsverwaltung. Hierüber ein anderes Mal.« Da hörte mein alter Freund Jackson auf zu erzählen. Es war längst Mitternacht. Die Kerzen waren tief herabgebrannt und das Feuer des Kamines beinah erloschen. In unsern Gläsern blitzte aber noch der dunkle, rosenrote Wein, und lustig tranken wir auf das Wohl aller patriotischen Demokraten. Durch Nacht und Wind brachte mich mein alter Freund zurück nach der Stadt, und auf den Yorkshire-Hügeln rauschten die düstern Erlen. X Geschichte der Chartisten von 1832 bis 1848 Feargus O'Connor Im vorigen Kapitel erzählte uns der alte Jackson die Bewegung der britischen Volkspartei von dem Ende des vorigen Jahrhunderts an bis zum Passieren der Reform Bill. Der Name, welcher diesen Abschnitt schmückt, wird meinen Lesern sofort zeigen, daß ich in ihm die aus der Bewegung der alten Radical Reformers hervorgegangene Partei der Chartisten zu schildern gedenke. Wenn ich dem Irländer Feargus O'Connor dieses Kapitel widme, so geschieht es nicht, weil ich mit allen seinen Ansichten einverstanden bin, sondern nur deswegen, weil ich in ihm einen Mann verehre, der sich durch seine Rechtlichkeit, durch seine Unerschrockenheit und durch seinen eisernen Fleiß verdienter um die Sache des Volkes als tausend andere gemacht hat. Rechtlichkeit, Unerschrockenheit und Fleiß, das ist, was ihn zum Abgott des englischen Volkes erhob, was ihm seine Stellung als Parteichef sicherte und ihm vielleicht noch lange erhalten wird. Manche seiner Kollegen überragen ihn an Verstand, an Witz, an glänzender Beredsamkeit – keiner kommt ihm gleich an jenen schönsten und wichtigsten Eigenschaften eines Agitators. Man kann ihn angreifen, man kann ihn treten, man kann ihn mißhandeln, man kann es klar und deutlich machen, daß er manchmal ein Dummkopf war, daß er tausend und aber tausend Trivialitäten und Lächerlichkeiten beging, daß er oft mehr schadete als nutzte, daß es zu Zeiten besser gewesen wäre, wenn ihn der Teufel geholt hätte mit Haut und Haar, man könnte, wenn man alles dieses nachwiese, wirklich für einen Augenblick seinen Ruf untergraben, ihn in der Liebe des Volkes zum Wanken bringen und seinen Sturz fast bis zur Gewißheit machen – aber auch nur für einen Moment, nur scheinbar würde dies gelingen, denn gleich darauf würde er auch wieder siegreich erstehen, gleich darauf wieder lustiger als je auf die Beine springen, das Banner der Partei über den Köpfen seiner Feinde entrollend, aufs neue reich an Einfluß, an Gewalt und bewundert von Millionen. Leicht ist es, das Rätsel der Existenz dieses Mannes zu lösen, wenn man ihn gesehen, wenn man ihn gehört hat, wenn man nur ein einziges Jahr lang seinen Schritten und Tritten folgte. Unwiderstehlich drängt sich dann die Überzeugung auf, daß er nicht nur durch seine Rechtlichkeit, durch seine Unerschrockenheit und durch seinen Fleiß emporkommen und imponieren konnte, sondern daß er auch gerade durch seine weniger guten Eigenschaften, durch seine häufige Borniertheit, durch seinen blinden Enthusiasmus, durch seinen heinebüchenen und nur zu oft trivial werdenden Humor, trotz aller Anfechtungen einen dauernden Platz in den Herzen des Volkes erobern mußte. Denn sind es nicht eben diese weniger guten Eigenschaften, welche auch die Masse, welche auch das Volk, dieser gewaltige, ungeschliffene Riese, besitzt? Gewiß! In seinem O'Connor sieht das englische Volk sich selbst. O'Connor ist das Volk in einer Person, ausgestattet mit all seinen Tugenden und behaftet mit all seinen Lastern. Abwechselnd himmlisch weise und niederträchtig dumm; tragisch ernst und bis zum Entzücken ergötzlich; naiv und sentimental in einem Atem; manchmal fein und gewandt wie ein Franzose und plötzlich wieder grob und plump gleich einem Shakespeareschen Stallknecht; zutraulich schmeichelnd wie ein kleines Mädchen und wiederum stolz und despotisch wie ein römischer Imperator; von Liebe lispelnd wie Heine und Hafis und in barbarischen Zoten sich ergehend trotz Meister Franz Rabelais! Großmütig wie ein Leu, aber auch grausam wie ein Tiger; ebenso aufopfernd für seine Freunde als mißtrauisch gegen seine Feinde; ebenso enthusiastisch für das einmal Begriffene als widerspenstig gegen das Unverstandene; launig-poetisch und leichtsinnig in der Liebe und dem Wein wie der rechte Irländer; ökonomisch und wirtschaftlich besorgt gleich dem filzigsten Schotten; stolz, energisch und adlerkühn wie ein Engländer – alles das ist O'Connor! Ein tolles Gemisch aller Volksleidenschaften, mit einem Charakter, in dem sich die Grundzüge des Volkes der Rose, der Distel wie des Klees widerspiegeln, ein Mensch, von dem man nicht weiß, ob man ihn mehr bewundern als achten soll, den man aber voll und feierlich anerkennen muß, da er alle Flammen seiner Seele, durch Rechtlichkeit, Unerschrockenheit und Fleiß geregelt, doch am Ende nur zum Wohle des Volkes zu benutzen strebt. Doch noch andere Umstände sind es, welche die Aufmerksamkeit des Volkes an diesen außerordentlichen Mann heften. Außer dem Renommee, das er sich selbst schuf, liegt noch ein eigentümlicher Reiz über O'Connors Namen. Denn seinen Stammbaum leitet er zurück bis zu den fernsten, halbverschollenen Königen des grünen Erin, verwachsen ist der Name seines Hauses mit allen blutigen Ereignissen jener unglücklichen Insel, durch das Tosen einer jeden Revolte klingt der Ruf eines O'Connor; Vergangenheit und Gegenwart berühren sich in diesem Menschen; er ist ein vom Throne gestürzter König, der als kecker Proletarier wieder auferstand, ohne Leid um das Geschehene, mit allen Fasern seines Lebens wurzelnd in der Gegenwart und mit der Riesenfaust donnernd vor die Pforte der Zukunft, daß sie weit dem Volk sich erschließe, dem Volke und nur dem Volke. Einem starken, wilden Geiste baute die Natur eine imposante und robuste Wohnung. O'Connor ist ein stattlicher Mann. Auf wohlgebildeten und gewandten Schenkeln und Lenden erhebt sich ein breitschultriger, brustgewölbter Oberkörper, der einen mehr interessanten als schönen Kopf von breiter, nach vorn stehender Stirn trägt. O'Connors Haare sind rot, seine Augen liegen tief, seine Nase ist aufgestülpt. In O'Connors Auftreten liegt Würde und Festigkeit; seine Gestikulation ist lebendig und bezeichnend, der Ton seiner Stimme kräftig, metallen. Man sieht sofort, daß er nicht in die Reihen der Gewöhnlichen gehört, man ahnt, daß etwas Wildes, Unbändiges in diesem Manne steckt, man ist davon überzeugt, daß man eine außerordentliche Rede hören wird, wenn er freudestrahlenden Auges auf die Tribüne steigt. Dort ist er recht an seinem Platze! Ich werde nie den Augenblick vergessen, als ich ihm zuerst bei einem Meeting begegnete. Die Versammlung hatte lange gewartet, der Saal war gedrängt voll. Viele der Anwesenden hatten sich schon in die Fensternischen geflüchtet, um nicht erdrückt zu werden; Frauen und Mädchen wurden auf die Stufen der Tribüne gebracht. Über dem Ganzen lag eine schwere, dumpfige Atmosphäre. Die Lichter der Ampeln warfen einen trüben Schein auf die Gesichter von etwa anderthalbtausend Arbeitern. Rings herrschte eine unheimliche Stille. Wie einem Gewitter sah man dem Erscheinen O'Connors ernst und bang entgegen. Da entstand plötzlich vor der Tür ein wildes Spektakel; im Vordergrunde des Saales wogte es toll durcheinander; die Leute drehten sich rechts und links, man bekam Rippenstöße in Menge, und unwillkürlich wurde man nach der Richtung fortgezogen, von der der Lärm ausging. O'Connor hatte die Schwelle des Saales betreten. Von mehreren Freunden begleitet, brach er sich Bahn durch die Menge, vielen die Hände schüttelnd, manche bei Namen rufend, alle herzlich grüßend, wie ein heimkehrender Vater seine Kinder bewillkommt, und lachend und scherzend immer vorwärtsdringend bis zum Fuß der Tribüne. »There he is, there he is!« (Da ist er, da ist er!) klang es von allen Lippen, und wie im Triumphe hoben ihn die Arme seiner Getreuen auf die Höhe der Plattform. Mit einer Stimme, die im Laufe der Rede mehr oder weniger ihren ersten Ton behielt und durch ihre Einförmigkeit gewissermaßen jedes Wort in das Gedächtnis der Zuhörer graben zu wollen schien, begann O'Connor seine Rede. Ich weiß nicht recht mehr alle Details derselben; ich war damals kaum des Englischen mächtig. Nur so viel ist mir erinnerlich, daß einem halbstündigen, aufmerksamen Zuhören allmählich eine sichtbare Bewegung der ganzen Masse folgte. O'Connor hatte über dieses und jenes Bericht abgestattet, und dann folgte seine Argumentation, jetzt rückte er in das Herz seines Gegenstandes vor. Schon mehrere Male hatte er hörbarer das Brett der Tribüne mit der Rechten geschlagen, schon mehrere Male zorniger mit dem Fuße gestampft und wilder das Haupt geschüttelt. Er schickte sich an, den Angriff auf seine Feinde zu machen – die Versammlung merkte dies und ermunterte ihn durch lauteren Beifall –, es war, als hätte man einen Stier mit rotem Tuche gehetzt. Da hatte der Riese sein Opfer gepackt! Die Stimme bekam einen volleren Klang, die Sätze wurden kürzer, stoßweise drangen sie aus der kochenden Brust, die Faust trommelte wilder auf den Rand der Tribüne, das Gesicht des Redners wurde blaß, seine Glieder zitterten, der Katarakt seines Zornes hatte das letzte Wehr überflutet, und hin donnerte nun die Woge der Beredsamkeit, alles vor sich niederwerfend, alles zerkrachend, zersplitternd – und ich glaube, der Mann hätte sich totgesprochen, wenn er nicht durch einen Applaus unterbrochen worden wäre, der das ganze Haus für eine Minute lang wie in eine schwingende Bewegung setzte. Dem stürmischen Niederwerfen seines Feindes folgte das Gemetzel der Bataille. Durch einen umfassenden Bericht des früher Geschehenen hatte der Redner den Kampfplatz vorbereitet. Durch seine Argumentation organisierte er den Angriff. Die Phalanx der Beredsamkeit rannte ihren großen Sturm – jetzt lag das Opfer, und nun sollte ihm noch jedes Glied abgerissen und jedes Gelenk abgedreht werden, damit auch nicht die Spur seiner frühem Gestalt übrigbleibe. Der Witz, der Humor, die Satire des Redners übernahmen diese Arbeit. Es war, als wenn man einen Kadaver zerrieben und zermalmt hätte. Schlag auf Schlag folgte eine Wendung, welche den sterbenden Gegner noch bis in die tiefste Seele hinein verwunden mußte; Schlag auf Schlag eine Sentenz, die ihn mit Hohn und Verdammnis bis in den Tod begleitete. Der Kopf des Redners hatte sich zwischen die Schultern zurückgezogen, seine Hände faßten krampfhaft den Rand der Tribüne, regungslos stand er so da, und nur seine Augen blitzten, nur seine Zunge zischte Gift und Galle – da war das Opfer verblutet. Der Sieger erhob sich in seiner ganzen Größe, das Lied des Triumphes anstimmend, voll jubilierenden Hohnes. Der Argumentation, dem Feuer der Beredsamkeit und dem vernichtenden Teile des Vortrags folgte der Pomp und das Pathos der Rhetorik. Wie unter klingendem Spiele hielt dann der Redner seinen Einzug in die Herzen des Volkes, indem er, den Alten gleich, die ihre überwundenen Feinde beim Triumphzuge mit durch die Straßen der Städte schleiften, noch einmal alle beseitigten Schwierigkeiten seiner Rede samt der eignen Überlegenheit an dem Gedächtnis der Zuhörer vorüberführte, sie des fernern Gelingens ihrer Anstrengungen versichernd und der Lust einer glorreichen Zukunft. O'Connor sprach etwa drei Stunden lang an jenem Abend. Sein Eindruck auf die Versammlung war unbeschreiblich. Mehr als einmal trockneten die Weiber, welche den Redner auf der Tribüne umringten, ihre heißen Tränen von den Wangen, mehr als einmal brachen sie in den unendlichsten Jubel aus. Auf den Gesichtern der Männer las man, was in ihren Herzen vorging, die Stimmung des Redners spiegelte sich in ihnen wider. Die Irländer, welche bei dem Meeting zugegen waren, kannten für ihren Enthusiasmus, wie gewöhnlich, keine Grenzen. Sie drängten sich mehrere Male durch die dichtesten Haufen, sprangen an der Tribüne hinauf und drückten O'Connors Hände. Einen Menschen, den man für einen Spion oder für einen Unruhstifter hielt, ergriff man und warf ihn über die Köpfe der Versammlung von einer Hand zur andern durch die ganze Länge des Saales, absichtliche Stöße den unwillkürlichen hinzufügend und an der Tür des Saales durch einige Fußtritte seine schnelle Abreise höchst befördernd. Das Amt eines Agitators gehört indes nicht zu den erfreulichsten und leichtesten. Man muß eine Konstitution wie O'Connor haben, um nicht allein drei volle Stunden in einem dumpfigen Raume mit gleicher Kraft sprechen, sondern um auch solche Meetings wochenlang hintereinander fortsetzen zu können. O'Connor tut das eine wie das andere mit derselben Leichtigkeit. Von London aus, wo er seinen Sitz hat, unternimmt er bisweilen Streifzüge in die Fabrikdistrikte Englands und Schottlands. Die Nacht verstreicht dann nicht selten auf der Eisenbahn oder im Wagen. Am frühen Morgen hat er den Ort seiner Tätigkeit erreicht; er besucht seine Anhänger, läßt sich alles Wichtige und Unwichtige von ihnen erzählen, setzt sich dann hin und schreibt Artikel darüber für sein Journal, den »Northern Star«; der Nachmittag kommt, er wird zu Ausflügen in die Umgegend verwandt; endlich wird es Abend, die Stunde des Meetings hat geschlagen, von allen Seiten nahen Zuhörer, und bald steht O'Connor auf der Tribüne. Er spricht drei oder vier Stunden lang, die Sitzung zieht sich bis tief in die Nacht hinein und wird nicht selten nach geschlossenen Debatten bei einem kleinen Mahle noch bis 3 oder 4 Uhr morgens fortgesetzt. Da springt der Unermüdliche auf; er geht zu Bett oder wirft sich wohl noch gar in einen Wagen, fährt nach dem nächsten Orte und beginnt bei Sonnenaufgang seinen neuen Tag, gerade wie er den kaum vergangenen schloß. Und so treibt er es oft vierzehn Tage lang. In der Nummer des »Northern Star« vom 6. November 1847 gibt O'Connor die Beschreibung einer solchen Reise. Es heißt darin wörtlich: »Vor allem, meine Kinder«, so redet er häufig die Chartisten an, »laßt euch erzählen, was ich in der letzten Woche tat, damit ihr euch davon überzeugt, daß euer Vater seine Energie noch nicht verloren hat. Am Montag war ich bei dem Meeting in der ›Kran- und Ankertaverne‹ in London; die Nacht verstrich, und ich saß mit unserm Freunde Roberts auf bis um 3 Uhr morgens. Am Dienstag reiste ich nach Manchester und verteidigte mich in einem Ofen und nahm Gelder in Empfang zwischen Tür und Fenster im Zuge – genug, um jeden andern zu töten. Es dauerte bis ½2 Uhr morgens, und um 4 war ich erst im Bette. Am Mittwoch fuhr ich nach Nottingham, verteidigte mich in einem warmen Bade, nahm Gelder in Empfang bis ½12 nachts und ging erst zu Bette um ½3 Uhr morgens. Am Donnerstag ging ich wieder nach London und legte dem Direktor unsrer Bank Rechnung über alle empfangenen Gelder ab, ordnete auch alles unserm Finanzsekretär und schrieb meinen Brief an euch in der letzten Nummer des ›Star‹. Am Freitag eilte ich nach Herringsgate und verteilte die Prämien an unsre Leute und inspizierte ihre Ländereien, fuhr auch noch am Abend zurück nach London und ging am Samstag nach Minster, um unsern dortigen Freunden 25 Säcke Weizen zur Aussaat zu bringen – ein nettes Geschäft für ein englisches Parlamentsmitglied. Dies ist nun auch vorüber, und jetzt will ich euch allerlei Wichtiges mitteilen.« – So schließt er, und dann folgt ein Artikel von neun eng gedruckten Spalten, in dem er sich gegen die Angriffe der Whigs verteidigt, mit einer solchen Gewandtheit und Genauigkeit, als hätte er vier Wochen Zeit gehabt, um sich vorzubereiten. – Ich frage meine Leser, ob ein Mensch auf der weiten Welt tätiger sein kann als dieser Feargus O'Connor? Ergötzlich ist es, die Titel zu lesen, unter denen O'Connor seine Adressen an das Volk erläßt. Da heißt es: »Meine teuern Freunde«; oder: »An meine Kinder und teuern Freunde in England«; oder: »An die alte Garde«; oder: »An die, welche in Faulheit ohne Arbeit leben, und an die, welche gern arbeiten möchten, aber hungern müssen«; oder: »An die alte Garde, die Barchent-Jacken, die schwieligen Hände und die ungeschorenen Kinnladen« (To the old Guards, the Fustian Jackets, the blistered hands, and unshorn chins). Die Zärtlichkeit der Chartisten gegen ihren Chef ist aber nicht weniger groß. Mehr als einmal geschah es schon, daß man den Namen desselben vollständig bei der Taufe benutzte und einen Knaben William Feargus O'Connor Thompson oder Richard Feargus O'Connor Jackson nannte, zum großen Ärger freilich der Geistlichkeit, die lieber jeden Namen des Kalenders als den des wilden Irländers gebraucht hätte. Wie schon bemerkt, stammt O'Connor aus einer der ältesten irischen Familien. Seine Besitzungen waren nicht unbedeutend und würden ihn wie so manchen andern sorgenfrei haben leben lassen, wenn nicht die mit der höchsten Uneigennützigkeit geführte Volksagitation manche Kosten mit sich gebracht hätte, welche den Betrag seiner Revenue überstiegen. Die Güter, welche O'Connor in Irland besaß, mußten daher teilweise verkauft werden. Die Besitzungen, welche ihm blieben, verschuldeten sehr. Als Barrister-Advokat hätte er natürlich das Fehlende ersetzen können, denn er verstand sich nur zu gut auf das verwickelte englische Rechtswesen, alle übrige Beschäftigung absorbierte aber bald die den Volksinteressen gewidmete Tätigkeit, so daß endlich die Anlage eines Journals das einzige Mittel schien, um den unermüdlichen Agitator vor dem Ruin zu schützen. Dieses Volksorgan, wie man es im eigentlichsten Sinne des Wortes nennen kann, entstand im Jahre 1837 unter dem Namen »The Northern Star« und erfüllte einen doppelten Zweck, indem es nicht allein den Redakteur und den Chef der Chartistenpartei durch seine große Verbreitung pekuniär sicherstellte, sondern auch alle Angelegenheiten des Volkes in geeigneter Darstellung zusammenfaßte. Das Verschulden der Güter O'Connors und eine Existenz, die auf täglicher Arbeit begründet waren, trugen außer der unermüdlichen Agitation dieses Mannes nicht wenig dazu bei, um ihm dauernden Einfluß bei dem Volke zu sichern; denn wenn man es auch in England gewohnt ist, daß jeder sich für jeden Dienst in barem Gelde bezahlen läßt, so gibt es doch nur zu oft zu allerlei Mißtrauen Veranlassung, wenn ein Agitator, des lieben Lebens wegen, manchmal aus seiner politischen Stellung eine Domäne machen muß. Glücklicherweise hat sich O'Connor vor dieser schiefen Position zu bewahren gewußt. Neben seinem Fleiße und seiner festen Rechtlichkeit brachte der Irländer indes noch eine dritte Eigenschaft mit nach England herüber. Es war dies die Unerschrockenheit eines Löwen. Wenn er durch das eine seiner Stellung die eigentliche Grundlage gab, durch das andere Freunden und Feinden Achtung einflößte, so imponierte er durch diesen dritten Hauptzug seines Charakters und machte dadurch die Fülle seiner Erscheinung vollständig. Ein breitschultriger Riese, der die Keule ebensogut schwang, als er behend mit dem Dolche spielte, fiel er seine Feinde an; jede Rücksicht beiseiteschiebend und nur sein Ziel vor Augen; mit der Feder die tausend und aber tausend Angriffe der Presse erwidernd und mit der Kraft seiner Lunge jeden Feind niederdonnernd, der ihm auf offenem Markte oder in den Räumen des Parlaments begegnete; ebenso unumwunden in der Wahl der Menschen, die er für die Sache des Volkes benutzen wollte, als rücksichtslos in der Weise, wie er sie desavouierte, sobald sie ihren Bestimmungen nicht ferner entsprachen; den ersten Lord der Pairskammer und den reichsten Fabrikanten Manchesters nicht mehr schonend als den letzten Arbeiter, der seinen Plänen zu widerstehen wagte; allen Spionen des Gouvernements, allen Bestechungsversuchen seiner Feinde und allen Verlockungen seiner falschen Freunde mit gleicher Kälte trotzend; seiner Sache getreu in dem einen Jahre wie in dem andern, auf dem Dreifuß des Redaktionsbüros, auf der Höhe der Tribüne, vor den Schranken des Gerichts oder in der Nacht des Gefängnisses. Wie Börne von Goethe, so kann man noch viel mehr von O'Connor sagen: »Wie eine Mauer stand dieser Mensch im Leben da.« Gehen wir indes nach dieser Schilderung unseres Helden auf den Verlauf der politischen Ereignisse zurück. Im vorigen Kapitel berührten wir die Volksbewegung bis zum Passieren der Reform Bill. Wie wir sahen, nahm diese große Maßregel alle Geister in Anspruch. Reformers und Radical Reformers, die sich seit dem Manchester Massacre mehr wie je als zwei geschiedene Klassen herausstellten, hatten sich für einen Augenblick wieder bei dieser Gelegenheit die Hände gereicht; die Reformers sahen in der Reform Bill das Ziel ihrer Wünsche, die Radical Reformers betrachteten sie wenigstens als einen Fortschritt. Den vereinten Anstrengungen hatte natürlich denn auch das erwartete Resultat folgen müssen – die Reform Bill wurde Gesetz des Landes; sie war die Niederlage der Aristokratie, ein vollkommener Sieg der Bourgeoisie und ein Fortschritt in der Bewegung der Volksmasse. Aus diesem Grunde, weil sie nämlich nur ein Fortschritt für die Volkspartei war, löste sich daher auch die Vereinigung der beiden Reformparteien in demselben Augenblick wieder, wo der einstweilige Zweck ihrer Allianz erfüllt war. Die Reformers wurden konservativ in der Reform des Parlamentes, die Radical Reformers blieben revolutionär. Sie hatten sich gegenseitig benutzt; zwei ehrliche, offene Feinde, drehten sie sich wieder den Rücken. Aufs neue begann die alte, eingewurzelte Antipathie. Beschäftigen wir uns mit den daraus entstehenden Konflikten. Es ist ein gewagter Stoff, den wir uns geben. Zu kolossal, als daß er auf so beschränktem Raume von unserer Feder auch nur flüchtig berührt, geschweige erschöpft werden könnte. Machte nicht schon der leider zu früh geschiedene Buret in seinem trefflichen Werke darauf aufmerksam, daß man die gigantischen Anstrengungen des englischen Volkes, namentlich was die letzten zehn oder fünfzehn Jahre angeht, einzeln schildern müsse, um nur eine entfernte Idee davon zu geben? Er hatte recht. Eine Menschenmasse vieler Millionen hat man vor sich, die zwar alle ihre Tätigkeit zu einem einzigen Zweck vereinigen, die sich aber zugleich in so vielen partiellen Kämpfen und Bewegungen Luft machen, daß das eine unwillkürlich mit dem andern zusammenfließt und die Aufstände der Kohlenarbeiter, die Revolten der Bevölkerung Lancashires und Yorkshires oder die Vorfälle in Birmingham und Sheffield einzeln geschildert werden müßten, wenn man ein richtiges Bild der großen politischen Gesamtbewegung entwerfen wollte. Die alten Helden der Reformbewegung waren allmählich vom Schauplatz verschwunden. Cartwright, Cobbett und Hunt, sie sanken hinab, ohne das Ziel ihrer Wünsche erreicht zu haben. Eine Nation energischer Männer feierte aber ihr Angedenken, und an die Stelle der Geschiedenen traten jüngere und nicht weniger rastlose Kämpfer »der alten guten Sache«. Robert Owen und Feargus O'Connor . Ehe wir den Anstrengungen des letztern bis in die jüngste Zeit folgen, wollen wir die Laufbahn des erstern mit einigen Worten berühren. Das Auftreten Owens brachte seit der Reform Bill eine gewisse Spaltung unter der Volkspartei hervor, die sich erst vor etwa zwei Jahren wieder ausgeglichen hat. Owen sammelte nämlich die Leute um sich, welche alle ferneren Reformen nur durch moralische Gewalt durchsetzen wollten, anders wie O'Connor, der auch der physischen Gewalt das Wort redete. Robert Owen wurde im Mai 1771 geboren und wanderte aus seiner Vaterstadt Newtown in Montgomeryshire früh nach London, wo er als Gehilfe eines Handlungshauses Beschäftigung fand. Wenig schien ihm diese Tätigkeit indes zu behagen, denn schon im sechzehnten Jahre wandte er sich nach Manchester und begann dort für eigne Rechnung ein kleines Spinngeschäft. Merkwürdig ist es, daß er zu dieser Zeit den ersten Ballen Baumwolle verarbeitete, der je von Nordamerika nach England verschifft wurde. Im zwanzigsten Jahre übernahm er die Leitung einer neuerrichteten, sehr bedeutenden Spinnerei für feine Garne, der ersten, die in der Welt erbaut wurde, und prosperierte dadurch so sehr, daß er sich schon nach mehreren Jahren bei einem andern nicht weniger großen Etablissement als Associé beteiligen konnte. Während der junge intelligente Mann auf diese Weise industriell tätig war, hatte er indes nicht versäumt, auch andere Sachen durchzustudieren. Naturwissenschaften, Theologie und Philosophie zogen ihn wechselweise an; seine Kenntnisse vermehrten sich, und seine Urteile geschahen von einem höhern Standpunkte aus. Es konnte daher nicht fehlen, daß er sehr bald des Widerspruches inne wurde, der in seiner praktischen Lebensstellung und in der innern Stimme seines besseren Selbst lag. Als praktischer Mann begriff er natürlich alle Vorteile und Segnungen, welche aus einer fernern Entwicklung der Industrie für alle Welt entstehen mußten; der Geist der Humanität, der ihn durch das Studium der Wissenschaft anwehte, machte ihn aber auch darauf aufmerksam, wie nur dann diese Segnungen dauernd sein könnten, wenn Vernunft und Menschlichkeit jene kolossale Entfaltung materieller Verhältnisse zu leiten begännen. Es drängte daher den jungen eifrigen Mann, diese Widersprüche sofort zu versöhnen, indem er die zwei großen Klassen der Gesellschaft, die Besitzenden und die Nichtbesitzenden, über ihre Stellung klar machte und ihnen zu zeigen suchte, wie nicht durch die bisherige barbarische Exploitation der beiden Klassen, sondern nur durch gegenseitige Liebe und Hilfeleistung der eigentliche Nutzen, das wahre Glück aus jenen großen industriellen Erfindungen gezogen werden könne, welche das Schicksal nicht zugunsten einzelner, sondern zum Besten aller verliehen habe. Die Umrisse des neuen Systems der Gesellschaft, mit dem sich Owen herumtrug, glaubte er ihrer Richtigkeit nach dadurch am besten erproben zu können, daß er sie selbst praktisch in Anwendung brachte. Sie gründeten sich vor allem auf einer andern als der bisherigen Volkserziehung, und er kam deswegen mit seinen Geschäfts-Associés dahin überein, daß man die großen Spinnereien und Fabriken von New Lanark, welche ungefähr 2500 Menschen beschäftigten, an sich brachte. Mit diesen nebeneinander wohnenden, nützlich beschäftigten Leuten wollte Owen seinen Versuch beginnen, indem er sich bestrebte, dieselben zu glücklichen Menschen zu erziehen. Es ist nicht zu leugnen, daß dieser edle Vorsatz von vielem Erfolge gekrönt wurde. Treffliche Schulen für das heranwachsende Geschlecht, Sorge für reinliche, wohlgebaute Wohnungen, Herbeischaffung von gesunden, wohlfeilen Nahrungsmitteln, Unterhaltung und Belehrung für Erwachsene – alles dies machte die Arbeiter von New Lanark zu den glücklichsten und zufriedensten, die es vielleicht je in England gab. Owen hatte einen Teil seines Zweckes erreicht; er hatte Segen über eine ganze Landschaft verbreitet, und sein Name war weit und breit gefeiert. Damit hatten aber auch alle Erfolge ein Ende; vor allen Dingen regten sie zu wenig Nachahmung an, denn leider zeigte es sich, daß Owen, nachdem er vom Jahre 1799 bis 1829 dem Etablissement von New Lanark vorgestanden, nicht nur wenig für sich verdient hatte, sondern daß auch sein früheres Vermögen durch die so herrlich gelungenen philanthropischen Experimente verlorengegangen war. Manche industriellen Kollegen des Herrn Owen mögen laut aufgelacht haben, als sie dies erfuhren. Es zeigte sich, daß man durch persönliches Aufopfern zwar andere Menschen glücklich machen kann, daß aber solche edlen Beispiele selten andere Leute veranlassen, aus der Starrheit der noch zur Stunde bestehenden Eigentumsverhältnisse ebenso liebreich und philanthropisch herauszutreten. Es ist nicht zu ermessen, inwieweit Owen über die Natur seiner Bestrebungen in New Lanark mit sich im reinen war – genug, er setzte die Agitation für seine Ideen ruhig fort, abwechselnd England, Frankreich, Deutschland, die Vereinigten Staaten und Mexiko durchreisend und alle Gouvernements mit Vorschlägen besserer gesellschaftlicher Einrichtungen bombardierend. In seinem Werke »The Book of the New Moral World«, London 1842, in dem der Verfasser seine sämtlichen Ideen niederzulegen suchte, finden wir als Basis des »Rational System of Society« folgende fünf »Fundamental Facts« hingestellt. Daß der Mensch ein zusammengesetztes Wesen ist (a compound being), dessen Charakter aus seiner Konstitution oder Organisation bei der Geburt und aus den von der Geburt bis zum Tode darauf einwirkenden äußern Umständen gebildet wird, indem die ursprüngliche Organisation und die äußern Einflüsse fortwährend das eine auf das andere wirken und zurückwirken – daß der Mensch durch seine ursprüngliche Konstitution gezwungen wird, seine Gefühle und Überzeugungen unabhängig von seinem Willen zu empfangen – daß seine Gefühle und Überzeugungen den Willen hervorbringen, der ihn zum Handeln treibt und sein Handeln entscheidet – daß die Organisation von zwei menschlichen Wesen niemals ganz dieselbe ist, noch von der Kindheit bis zum Erwachsensein zwei Individuen auf künstliche Weise ganz gleich geformt werden können – daß nichtsdestoweniger die Konstitution eines jeden Kindes, ausgenommen bei organischen Fehlern, fähig ist, zu einer viel schlechtern oder einer viel bessern gebildet zu werden, je nachdem die Natur der äußern Umstände auf diese Konstitution von der Geburt an einwirkt. In den Meetings der Anhänger Owens, der sogenannten englischen Sozialisten, werden diese fünf »Fundamental Facts« jedesmal vor dem Beginn der Verhandlungen wie ein Abschnitt aus dem Katechismus vorgelesen, so daß man also großen Wert darauf zu legen scheint. Ich muß es meinen Lesern überlassen, in dem Buch von der neuen moralischen Welt nachzulesen, wie Owen auf diesen »Fundamental Facts« sein ganzes System erbaut. Mit wahrhaft bewunderungswürdiger Weitschweifigkeit hat er darin nachgewiesen, wie die Menschen nicht sind und wie sie wohl sein könnten und wie erst dann etwas mit ihnen anzufangen sei, wenn sie ganz und gar umerzogen wären. Wir gehören nicht zu den Bewunderern solcher Systeme und halten es jedenfalls für das beste, die Menschen einstweilen so zu nehmen, wie sie sind. Owen scheint es selbst für geraten gehalten zu haben, hierauf überzugehen, indem er, nach einem von den Herzögen von Kent und Sussex geleiteten, aber schon im Entstehen gescheiterten Versuche, aufs neue mit seinen Anhängern in England ein auf Aktien basiertes Unternehmen begann. Dies war die unter dem Namen »Harmony Hall« im Süden von England errichtete Anstalt, welche, von teilweise sehr fruchtbaren Feldern umgeben, ihren Bewohnern neben einer Beschäftigung als Handwerker sogleich eine landwirtschaftliche Tätigkeit verstattete. Das ganze Etablissement war unter Owens eigenen Augen nach seinem eigenen Plane errichtet; die Ökonomie des Zusammenwohnens, Essens und Trinkens, ohne für die einzelnen Individuen unangenehm und beengend zu sein, sollte den Bewohnern einen höhern Grad der Lebensgenüsse erlauben, indem die Produktionskosten ihrer Arbeiten dennoch ein Konkurrieren mit der übrigen Gesellschaft möglich machten. Während die erwachsenen Personen auf diese Weise, ähnlich den Arbeitern von New Lanark, einer bessern materiellen Lage sich erfreuen und durch geselligen, musikalisch, theatralisch und wissenschaftlich verschönerten Umgang noch jene Bildung erhalten würden, welche ihrer Jugend fehlte, wollte man in dem neuen Etablissement zugleich eine Knaben- und Mädchenschule auf großartigem Fuße errichten, um nicht nur die Kinder von Harmony Hall, sondern auch die von den Aktionären und sonstigen Freunden des Owenschen Systems zur Pflege übergebenen Zöglinge von vornherein zu jener Mustergeneration heranzubilden, von der Owen das vollkommene Gelingen seines Systems abhängig machte. Ein durch Aktien unter der Arbeiterwelt und der kleinen Mittelklasse Großbritanniens aufgebrachter Fonds von fast 40 000 Pfund Sterling (etwa ¼ Million Taler) machte die Ausführung aller dieser Pläne möglich. Die Werkstätten füllten sich mit Handwerkern, die Felder mit Ackerbauern und die Schulen mit Kindern, und im Jahre 1838 war die Anstalt im besten Zuge. Als ich einige Jahre später nach England kam und in dem von den Schülern Owens in Harmony Hall selbst herausgegebenen Journal »The New Moral World« die genauesten Berichte über diese Anstalt las und auch sonst von meinen Freunden viel Lobenswertes darüber hörte, fühlte ich das Bedürfnis, mich mit eigenen Augen von dem Gelingen des Unternehmens zu überzeugen, und machte mich deswegen von London nach Harmony Hall auf den Weg. Nach zwei Tagen war ich an Ort und Stelle und wurde aufs freundlichste von den Bewohnern empfangen. Wider Erwarten fand ich alles ausnehmend schön. Die Bauart der großen Halle sowie die der sämtlichen Nebengebäude war höchst elegant. Breite, bequeme Treppen führten zu den verschiedenen Etagen, und in den Zimmern herrschte überall Ordnung und Reinlichkeit, ja manche schienen mir zu gut und zu luxuriös für die Beschäftigung der Bewohner eingerichtet zu sein. Fast alle Leute der Anstalt sahen sehr wohl und munter aus; mit vielem Anstand ließen sie sich zu ihrem Diner nieder, und ich muß gestehen, daß ich oft in meinem Leben schlechter als in Harmony Hall gegessen habe. Die Kinder waren nicht weniger vergnügt als ihre Eltern und Freunde; nach beendigtem Unterricht tummelten sie sich lustig auf dem großen Hofraum umher, der von blühenden Gärten und lachenden Feldern eingefaßt war. Die ganze Bevölkerung von Harmony Hall kam mir wie eine große glückliche Familie vor, bei der sich Wohlstand und gute Sitte bis in die kleinsten Details hinunter zeigte. Mit den besten Wünschen für ihr ferneres Wohlergehen verließ ich meine Wirte und würde mich gern der reinsten Freude über so frohe, zufriedene Menschen hingegeben haben, wenn sich mir nicht noch immer der Gedanke aufgedrängt hätte, daß all diese Glückseligkeit doch am Ende nur auf dem Ruin der armen Aktionäre begründet sein könne. Leider verwirklichten sich diese Befürchtungen nur gar zu bald. Einigen vorläufigen Bemerkungen folgte ein dringendes Mahnen um fernere Geldbeiträge von Seiten der Gesellschaft. Es zeigte sich, daß man mit dem ursprünglichen Kapital nicht ferner mehr auskam; die Aktionäre wurden unruhig, man verlangte eine genaue Rechnungsablage und erschrak nicht wenig, als man nach den Tabellen des Sozialistenorgans, der »New Moral World«, schließlich fand, daß der eingeschossene Fonds schon zur Hälfte aufgezehrt war. Die Geschichte kam nun ins Stocken, einige unwillige Gläubiger meldeten sich, und man mußte liquidieren; die Gesellschaft löste sich auf. So endete der zweite, ziemlich großartige Versuch, das System Owens praktisch zu verwirklichen. Bei dem ersten in New Lanark hatte Owen selbst die Kosten bezahlt, bei dem zweiten in Harmony Hall zahlten die Aktionäre die Zeche. Wiederum hatte es sich gezeigt, daß trotz aller Ökonomie in der Einrichtung großer, gemeinschaftlicher Gebäude dennoch ein Konkurrieren mit der übrigen Gesellschaft, deren Prosperität auf dem Elende der Arbeiter begründet ist, unmöglich wird, wenn die Arbeiter der gemeinschaftlichen Anlagen viel besser leben wollen als ihre Kollegen da draußen. Sehr wahrscheinlich werden ähnliche Unternehmungen, falls man daran noch wagen sollte, nur zu ähnlichen Resultaten führen. Abgeschnitten und unberührt vom ganzen übrigen Weltverkehr mögen sie im fernen Westen von Amerika oder sonst in einem Winkel der Welt wohl gelingen – solange sich aber eine Gemeinschaft noch den ökonomischen Gesetzen unterwirft, welche die übrige Welt rings um sie herum regieren, so lange wird sie auch die Konsequenzen dieser Gesetze tragen müssen. Der Zukunft und einer noch gewaltigern Entwicklung des Proletariats wird es überlassen bleiben, etwas dauernd Großes und Umfassendes an die Stelle unsrer heutigen Verhältnisse zu setzen. Die Philanthropie eines Owen ist nichts im Vergleich zu den Ereignissen, welche die eherne Notwendigkeit mit sich bringen wird. Kurz nach dem Scheitern der Unternehmung von Harmony Hall wurde ich mit dem alten Owen bekannt gemacht. Ich sah einen alten, ehrwürdigen Mann vor mir, auf dessen Gesicht ein feierlich friedlicher Ernst lag. Seine kleinen klugen Augen schimmerten freundlich durch die ergrauten Wimpern. Er sprach wenig und spielte mit zwei Kindern, die er auf den Knien wiegte. Als er hörte, daß ich ein Deutscher sei, erzählte er von seinen Reisen in meiner Heimat, erwähnte seine Unterredungen mit Humboldt und Raumer und schien sich namentlich über die Gunstbezeugungen des früheren Königs von Preußen und Ludwigs von Bayern nachträglich zu freuen. Ich vermied es, auf die philanthropischen Bestrebungen und auf das System des alten Mannes einzugehen. Einer der Anwesenden begann aber aufs neue über den Fall von Harmony Hall zu jammern, und mit dem ruhigsten Tone bemerkte der Greis, daß er dies vorhergesehen habe, daß aber die Zukunft seines Systems gedenken werde. Am folgenden Morgen begleiteten wir den alten Herrn nach der Eisenbahnstation. Er begab sich nach Liverpool, um von da seine siebte Reise nach den Vereinigten Staaten zu machen. Bei seinem früheren Aufenthalt in Amerika war er schon entschlossen gewesen, nicht mehr nach England zurückzukehren; als aber Harmony Hall am Wanken war, kam er noch einmal herüber, um bei dem englischen Gouvernement eine Summe von 6000 Pfund Sterling zu reklamieren, die er einst der Gemahlin Georgs IV. vorgeschossen hatte und die jetzt seinen Schülern aus der Klemme helfen sollte. Vergebens hatte er sich um dieses Geld bemüht; es war nicht zu erhalten, und Harmony Hall mußte fallen. Jetzt nahm der gute Mann auf ewig von seinen Jüngern in England Abschied. Ich fürchte mich vor rührenden Szenen – ich machte mich aus dem Staube, als wir in die Station traten. Einige Minuten nachher kehrten die weinenden Schüler stumm und traurig zu mir zurück. Der Alte war fort. Wie ich höre, soll er jetzt abwechselnd den Mississippi und den Ohio befahren, auf den Dampfschiffen während der Reise Vorträge haltend, und dann wieder zu seinem Sohn Robert Dale Owen nach New Harmony in Indiana zurückreisen, wo das System des großen Philanthropen wirksamer als in England ausgeführt zu sein scheint. Einen eigentümlichen Reiz hatte es, diesen merkwürdigen Mann gerade in dem Augenblicke zu sehen, wo er auf immer von einem Lande Abschied nahm, dessen großartige industrielle Entwicklung er mehr als viele andere in ihren ersten Keimen beobachtet hatte, eine Entwicklung, die ihn selbst einst mit Reichtum überschüttete, die ihn aber auch nicht die Schattenseiten übersehen ließ, welche sie an sich hatte, und ihn zu jenen Forschungen gesellschaftlicher Zustände führte, denen wir viel Wahrheit und Belehrung entnehmen können. Das Gold, das ihm die Industrie gegeben, er gab es wieder hin, um die Leiden zu heilen, welche die Industrie mit sich brachte. Daß seine philanthropischen Versuche im größern Maße an der Barbarei unsrer heutigen Zustände scheitern mußten, es war natürlich. Aber ein Vorläufer jener großen Reformer wird er bleiben, die uns die Welt in ihrer Entwicklung bringen muß. Als solchen wird man ihn immer nennen und verehren. Der Dank vieler Tausende, die er glücklich machte und die noch heute leben, er fehlt ihm nicht. Gehen wir nach diesen wenigen Mitteilungen über die durch Owen repräsentierte sozialistische Fraktion der englischen Volkspartei wieder auf die weit bedeutendere durch Feargus O'Connor vertretene politische Bewegung über. Sie beschäftigte sich nach dem Passieren der Reform Bill zunächst mit dem anscheinend unwichtigen, aber im Grunde höchst bedeutsamen Gegenstande des Herabsetzens der Stempel-Taxen für Zeitungen. Vor und während der Agitation für die Reform Bill hatte sich unter dem Volke die Lust des Zeitungslesens ungemein vergrößert. Dies war natürlich. Jeder wollte sich über das, was im Lande vorging, unterrichten, und gierig fiel man über alle Blätter her. Leider kostete aber jede Nummer allein an Stempel 4 d (etwa 3½ Sgr.), so daß es unbemittelten Leuten fast unmöglich war, ihre Neugierde immer zu befriedigen. Ein Umgehen des Stempels war daher bald an der Tagesordnung, und zahllose Journale erschienen, die der Strafe des Ohne-Stempel-Publizierens zu trotzen wagten. Während der Aufregung der Reform-Agitation würde es umsonst gewesen sein, wenn man die Herausgeber der verschiedenen Blätter jedesmal hätte belangen wollen, denn für jeden Ruinierten würde sich schnell ein neuer eingestellt haben; auch mochte dem Gouvernement hin und wieder wohl daran gelegen sein, daß alle Neuigkeiten soviel als möglich unter das Volk drangen, so daß man dann ein Auge über das Vorfallende zudrückte. Als indes die große Bewegung zu Ende war, da brach man nur zu schleunig über die plötzlich allerorts erschienenen Journale her, Konfiskationen erfolgten in Masse, und das Volk, das sich noch eben der billigen Lektüre erfreut hatte, sah sich zu seinem großen Ärger wieder in der traurigen Lage, alle Nachrichten entbehren zu müssen. Ein allgemeiner Schrei des Unwillens tönte daher von einem Ende Englands bis zum andern; eine regelrechte Agitation begann gegen den verrufenen Stempel, und das Gouvernement sah sich denn auch zuletzt genötigt nachzugeben, indem es den Stempel von 4 auf 1 d ermäßigte. Diese Maßregel passierte das Haus der Commons im August 1836. Während man die Agitation gegen die Stempel-Taxe führte, hatte indes noch eine andere Sache die Gemüter des Volkes und namentlich der industriell beschäftigten Arbeiter in Anspruch genommen. Dies war der Umstand, daß man sich endlich im Unterhause mit etwas Ernst den Untersuchungen über den Einfluß des Fabriksystems auf die arbeitende Klasse hingab. Infolge vieler Klagen war schon im Jahre 1818 eine Bill Sir Robert Peels zur Regulierung der Arbeitsstunden in den Fabriken passiert; in 1825 und 1831 passierte eine zweite und eine dritte Bill, »da aber«, wie der Dr. Wade in seiner »Geschichte der Middle and Working Classes« sagt, »die scheußliche Barbarei in den Manufakturdistrikten fortfuhr, so wurde ein neuer Akt nötig. Es zeigte sich durch den Bericht eines parlamentarischen Komitees, welches die wahrhaft entsetzlichen Grausamkeiten der Fabrikbesitzer aufdeckte, daß alle bisherigen Maßregeln die niedrigen Leidenschaften jener Leute nicht im Zaume zu halten vermochten und daß sie in ihrem Drang nach Gewinn kaum von den Spaniern an Barbarei übertroffen wurden, als letztere einst voll Goldgier über das neuentdeckte Amerika herfielen.« Der Bericht des Parlament-Komitees, wovon Wade spricht, behandelt namentlich die in den Baumwollspinnereien gegen die Arbeiter verübten Grausamkeiten und füllt nicht weniger als 600 Folioseiten. Es geht daraus hervor, daß es nichts Ungewöhnliches war, wenn man fünfzehn- oder sechzehnjährige Knaben von 4 Uhr morgens bis ½12 Uhr nachts in einem fort arbeiten ließ, daß manche Kinder sich gewöhnlich nachts in den Wollmagazinen verbargen, um dort zu schlafen, weil sie zu müde waren, um nach Hause zu gehen, und daß kleine Mädchen, stehend bei ihren Maschinen eingeschlafen, gar nicht bemerkt hatten, daß diese stillgesetzt waren, und noch immer die Bewegungen machten, mit denen sie wachend den Lauf der Spindeln begleiteten. Im Juli 1833 brachte dann Lord Ashley seine 10-Stunden-Bill vor das Parlament, die aber verworfen wurde, indem man ein Amendement Lord Althorps annahm, wonach einstweilen nur die Arbeiter beschützt werden sollten, welche zu jung seien, um sich selbst helfen zu können. In dem dann votierten Fabrik-Regulations-Akt stellte man fest, daß kein Kind vor dem neunten Jahre beschäftigt werden und daß kein Kind unter 11 Jahren mehr als 48 Stunden in einer Woche arbeiten solle, auch nicht mehr als 9 Stunden in einem Tage. Nach dem 1. März 1835 erstreckte sich diese Maßregel auf Kinder unter 12 Jahren, nach derselben Zeit in 1836 auf alle unter 13. Personen unter 18 Jahren sollten nicht mehr als 69 Stunden in der Woche arbeiten. Es läßt sich leicht denken, daß diese Versammlungen aufs eifrigste von der Volkspartei überwacht wurden; der durch das Passieren der Reform Bill immer größer gewordene Haß zwischen der industrietreibenden Mittelklasse und den alten Torys war Schuld daran, daß auch letztere namentlich im Parlamente dafür stimmten. Außer dem Hause hatte der Tory Richard Oastler vor allen andern das Wort geführt und sich so populär gemacht, daß ihn die Arbeiter nicht anders mehr als »King Dick« (König Dick) nannten und ihn nicht selten bei einem Meeting durch ihre Kinder mit Blumen bekränzen und nach dem Schluß der Sitzung wie im Triumphe wieder nach Haus führen ließen. Noch bis zur Stunde weiß der jetzt ziemlich alt gewordene Mann seinen Namen mit alledem, was die Fabrikkinder angeht, zu verbinden, und ob er auch nach vielen Widerwärtigkeiten seines Lebens endlich als Wechselmakler unter der Firma Wellbeloved u. Oastler in Leeds seine Tage zu beschließen gezwungen ist und dadurch also augenblicklich noch selbst in den Reihen der Mittelklasse steht, so scheut er sich doch nicht, noch fortwährend seine Kollegen anzugreifen und sich so in das Gedächtnis seiner politischen Freunde zurückzurufen. Mehr als Zeitungsstempel und Fabriksystem setzten aber die Folgen des im Jahre 1834 gewissermaßen als Nachtrag zu der Reform Bill passierten neuen Armengesetzes die sämtlichen Volksagitatoren in Bewegung. Da wir in einem der nächsten Kapitel das englische Armenwesen ausführlich beleuchten werden, so bemerken wir hier nur, daß die geschehene Änderung darin bestand, daß man nicht mehr wie früher hilfsbedürftige Arme in barem Gelde abfand, sondern sie hinfort in Arbeitshäuser steckte, wo sie durch allerlei strenge Maßregeln dermaßen gepeinigt wurden, daß im eigentlichsten Sinne des Wortes aus der Mildtätigkeit eine Strafe wurde. Der Grund dieser sonderbaren Änderung war das unerhörte Steigen der Armentaxe, die einen solchen Betrag erreichte, daß man unwillkürlich vor der weiteren Verfolgung des bisherigen Systems zurückschauderte. Der Poor-Law-Amendment-Act mit seinen barbarischen Workhouses sollte nun die Armen gewissermaßen davon zurückhalten, die Mildtätigkeit der Gesellschaft in Anspruch zu nehmen. Dies schien das einzige Mittel zu sein, wie man sich vor der steigenden Taxe bewahren könne. Daß ein solches Gesetz die fürchterlichste Entrüstung unter dem Volke hervorbrachte, läßt sich leicht denken. Arbeiter, die sich ihr ganzes Leben lang ehrlich für ihre Herren geplagt hatten und durch den Verlust ihrer Kräfte, durch Handelskrisen oder sonstige Unglücksfälle plötzlich außer Brot kamen, sollten jetzt nur in Häusern, die das Volk mit Recht »Armen-Bastillen« nannte, ein Asyl finden, wo sie bei schlechter Kost, von Weib und Kind getrennt einer entwürdigenden Beschäftigung wie dem Gehen-in-der-Tretmühle usw. unterworfen wurden – das war zu stark! Augenblicklich standen die Führer der Volkspartei dagegen auf. Unter ihnen zeichnete sich ein Methodistenprediger aus, Joseph Rayner Stephens aus Stalybridge, ein wilder Fanatiker, der naiv genug war, den Kindern seiner Gemeinde aus der Bibel zu beweisen, daß Gott ganz damit einverstanden sei, wenn sie einmal recht gründlich über die Priester Baals, über die reichen Fabrikanten, herfielen, daß ein Schwefelhölzchen hinreiche, um eine tüchtige Verwüstung unter ihren Palästen anzurichten, und daß überhaupt alle politischen Bewegungen nur Messer-und-Gabel-Fragen seien, indem sich alles zuletzt auf Essen und Trinken reduziere. Stephens, »der hochwürdige Feuerbrand«, wie ihn Lord Brougham einst im Parlamente titulierte, hatte sich, wie gesagt, das neue Armengesetz vor allem andern zum Thema genommen. Er erklärte dem Volke geradezu, daß es die richtige Konsequenz der Bevölkerungstheorie von Malthus sei, »dieses eingeborenen Teufels«, der das ganze Gouvernement verrückt gemacht habe. In seinem »Essay on the Principle of Population«, ein Werk, welches zuerst im Jahre 1798 erschien, nahm Malthus an, daß die Bevölkerung der Erde sich bei vollkommen freier Entwicklung jedesmal in 25 Jahren wenigstens verdoppeln, also in einer geometrischen Proportion wachsen würde, daß dagegen die Subsistenzmittel in Betracht des jetzigen Zustandes der Erde und unter den günstigsten Umständen nur in einer arithmetischen Proportion gesteigert werden könnten. Die Bevölkerung würde sich also vermehren: 1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256 – die Subsistenzmittel: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9. In zwei Jahrhunderten würde sich die Population zu den Subsistenzmitteln verhalten wie 256 zu 9, in drei Jahrhunderten wie 4096 zu 13, und in zweitausend Jahren würde der Unterschied beinah unberechenbar sein – genug, es würde schon bald das Bestehen der Menschheit unmöglich werden, wenn Krieg, Pest, Not und Tod die Bevölkerung nicht stets wieder mit den Subsistenzmitteln ins Gleichgewicht brächten. Hierauf gestützt, erklärt Malthus das Laster wie das Elend für ganz herrliche Sachen, da sie die Bevölkerung, welche stets die Neigung hat, sich über ihre Subsistenzmittel hinaus zu entwickeln, wieder in die gehörigen Schranken zurückdrängen. Er erklärt jeden Versuch, die Not der Menschen durch Almosen zu erleichtern, für eine Torheit und für sehr gefährlich, da dies dem ärmern Teil der Bevölkerung erlaube, sich auszudehnen, wodurch über kurz oder lang doch nur abermaliges, größeres Elend herbeigeführt werde. Er erlaubt auch die Heirat nur einigen vom Schicksal Begünstigten und sagt wörtlich: »Ein Mensch, der in einer Welt geboren wird, die schon besetzt, hat, falls ihn seine Familie nicht ernähren kann und die Gesellschaft seiner Arbeit nicht bedarf, nicht das geringste Recht auf irgendeinen Teil von Nahrung; er ist zuviel auf der Erde. Bei dem großen Bankett der Natur hat man kein Kuvert für ihn gelegt. Die Natur befiehlt ihm, sich zu entfernen, und zögert nicht, diesen Befehl selbst in Ausführung zu bringen.« Ebenso heißt es am Schlusse des ersten Bandes wörtlich: »Die stille, aber sichere Untergrabung des Lebens in großen Städten und Manufakturen, die engen Wohnungen und die unzureichende Nahrung vieler Armen lassen die Population die Summe der Subsistenzmittel nicht überschreiten und, wenn ich einen Ausspruch wagen darf, der gewiß anfangs sonderbar erscheinen wird, überheben uns der Notwendigkeit großer, verheerender Seuchen, um das Überflüssige zu zerstören.« Der Geist des neuen Armengesetzes, das aus der Mildtätigkeit eine Strafe machte, hatte wirklich genug Ähnlichkeit mit den Ideen eines Malthus, und es bedurfte wohl kaum der feurigen Beredsamkeit eines Stephens, um dies dem Volke klarzumachen. Die Erbitterung der Masse wurde aber noch gesteigert, als plötzlich unter dem Titel »On the Possibility of Limiting Populousness – an Essay on Populousness, to which is added the Theory of Painless Extinction« ein kleines Werk erschien, in welchem der Verfasser Marcus, ein übrigens unbekannter Mann, auf die Malthusianischen Ideen gestützt, geradezu den Kindermord predigte. Die vierte Auflage, erschienen bei W. Dugdale, Holywell Street, Strand, London 1840, wurde uns mit dem Bemerken übersandt, daß der Verfasser in seinem Buche die Theorie Malthus' dadurch habe lächerlich machen wollen, daß er die Sache auf die Spitze stellte. Wir wollen dies gern so annehmen oder die ganze Geschichte auch nur als einen schlechten buchhändlerischen Spaß betrachten. Befremden muß indes jedenfalls der mysteriöse Ton des ganzen Buches und namentlich der Umstand, daß es zuerst bei einem Verleger erschien, der sich vorzugsweise mit der Verbreitung moralischer und religiöser Schriften beschäftigte. Wie dem auch sei, das Volk nahm in seiner fieberhaften Aufregung jene »Theorie der schmerzlosen Vertilgung« als ernst entgegen. Geben wir in wenigen Worten den Inhalt des Buches an. In dem ersten Kapitel wird erwähnt, daß Malthus zuerst die Theorie der Übervölkerung aufgebracht habe und daß von Gottes und Rechts wegen Laster und Elend in der Welt existieren müssen, um der schnellen Vermehrung menschlicher Wesen zu steuern. Im zweiten Kapitel setzt der Autor auseinander, daß in alten Zeiten Sklaverei und Kindermord dem Übel der Übervölkerung so sehr vorbeugten, daß man diese damals nicht schwer fühlte und ihr deshalb keine Aufmerksamkeit schenkte. Im dritten Kapitel legt der Verfasser die Basis seiner Theorie nieder, welche darin besteht, daß alle Kinder, welche über drei in einer Familie geboren werden, zur Verminderung der Population ermordet werden sollen; sogar alle dritten Kinder soll man sammeln und über jedesmal drei aus vieren das Los werfen, damit man sie zerstöre. Im vierten Kapitel wird der Vorschlag gemacht, daß man unter gesetzlicher Sanktion eine Assoziation bilde, welche den Plan in Ausführung bringe; im fünften, daß die ärmeren Klassen, überhaupt alle die, welche nicht eine gewisse Summe des Eigentumes besitzen, ihre Kinder ausliefern sollen, damit man sie erdroßle. In Irland soll jede arme Familie nur ein Kind auferziehen dürfen, damit man die Population dort vermindere. Der Verfasser schlägt ebenfalls vor, daß Eltern durch ein geringes Gehalt veranlaßt werden sollen, sich bei der Vertilgung ihrer Kinder zu beruhigen; namentlich sollen diejenigen unterstützt werden, welche versprechen, ganz kinderlos bleiben zu wollen. Am Schluß des Buches heißt es, daß Eltern nicht das Recht hätten, mehr Kinder aufzuerziehen, als die Gesellschaft verlange; ferner, daß kein Kind ein Recht auf sein Leben habe und nur die Gesellschaft zu entscheiden brauche, ob es sein Leben fortsetzen dürfe oder nicht. Des Kindes Anspruch auf Existenz wird ein imaginäres Recht genannt. Man ladet dazu ein, die Mütter durch hübsche und lustige Bilder über den Mord ihrer Kinder zu beruhigen; sie sollen mit dem Gedanken befreundet werden, daß es zum Wohle der Welt sei, daß sie ihre neugeborenen Kleinen opferten. Vor allem sollen aber die toten Kinder in hübschen Reihen begraben werden, die man mit Blumen und schönem Gesträuch auszuschmücken hat; und diese Gräberreihen sollen dann das »Paradies der Kinder« heißen, und der Ort soll ein Erholungsort und eine Promenade der armen arbeitenden Klasse sein. Der Autor setzt hierauf seine Mordmethode auseinander, welche er die »Theorie der schmerzlosen Vertilgung« nennt, das heißt: die Kunst zu morden, ohne Schmerz zu verursachen. Diese Kunst besteht darin, die Luft, welche die Kinder während ihres ersten Schlafes einatmen, nach und nach mit einer hinreichenden Quantität tödlichen Gases zu vermischen und dadurch den Schlummer in einen Todesschlaf zu verwandeln. Es bedarf weiter keiner Bemerkung über diese Ausgeburt einer verpesteten Phantasie. Der Pfarrer Stephens brachte aber das Marcussche Buch in dieselbe Linie mit dem Poor-Law-Amendment-Act und erklärte sie für Zwillingskinder der Malthusianischen Muse. In dem Munde des fanatischen Methodisten wurden solche Sachen natürlich zu Mitteln, welche die Masse des Volkes mehr als je in Bewegung setzte: »Für Weib und für Kind Mit Messern zum Kampfe geschwind!« So sang er auf der »Kanzel seiner Kapelle. Da kannte die Neugier und der Enthusiasmus keine Grenzen mehr. Aus Liverpool, Manchester, Bury, Middleton, Oldham, Leeds usw. wanderten die Arbeiter in Scharen zu dem ehrenwerten Feuerbrand hinüber, und wenn dann am Sonntage die Kapelle zu eng war, um alle fassen zu können, da ajournierte man den Gottesdienst auf den offnen Marktplatz. Stephens stellte sich auf ein Faß oder auf eine Karre, und seine Zuhörer standen bis in die entferntesten Straßen hinein. Die Zusammenkünfte nahmen bald einen so drohenden Charakter an, daß es vom Gouvernement für das beste gehalten wurde, einen Trupp Artillerie nach Stalybridge zu schicken, so daß nicht selten im Bereich der Kanonen die Tribüne des feurigen Geistlichen errichtet wurde. Ein Bändchen Stephensscher Predigten, das ich als einen Schatz hochkomischer Kanzelberedsamkeit aufbewahre, gibt den schönsten Beweis, wie selbst die wahnsinnigsten Tiraden auf das Volk einwirken können, wenn nur die rechten Stichwörter der verschiedenen Parteien darin vorkommen. Stephens warf damit nach Herzenslust um sich, und deshalb machte er Effekt. Ein lustiger Feuerwerker, ließ er Funken und Flammen um seine Kanzel sprühen, und wenn er die Leute auch über nichts belehrte, so setzte er sie doch in Bewegung, und das war damals durchaus nötig. Man hatte sich zuviel von den Folgen der Reform Bill versprochen. Es war im Interesse der Volkspartei, daß Männer wie Stephens die Masse des Volkes selbst durch Übertreibungen davon zurückbrachten. Stephens hatte das Verdienst, dies zu unternehmen und teilweise durchzuführen. Er machte das meiste aus der Anti-Poor-Law-Amendment-Act-Agitation. »He made the most of it«, wie die Engländer sagen. . Ein feuriger, wilder Prophet, bahnte er den Weg für den Irländer Feargus O'Connor. Nach einer kurzen Tätigkeit brachte man indes den eifrigen Methodisten in den »Court of Queen's Bench« und beschuldigte ihn der Absicht, den öffentlichen Frieden auf eine sehr gefährliche Weise haben stören zu wollen. Er habe eine große Menge der Untertanen der Königin zum Tumult, zur Insurrektion und zum Ungehorsam vor dem Gesetz aufgereizt und sie zu überreden gesucht, die Person und das Eigentum verschiedener friedlicher Untertanen Ihrer Majestät zu beschädigen. Am 17. August 1839 machte man ihm dann in Chester den Prozeß. Die Sitzung begann um 9 Uhr morgens und dauerte ohne Unterbrechung, ausgenommen ungefähr 10 Minuten, bis 8 Uhr abends. Stephens verteidigte sich in einer Rede, welche 5 Stunden weniger 5 Minuten dauerte, weswegen er von den Richtern im höchsten Grade bekomplimentiert wurde. Der Generaladvokat war aber ohn' Maßen wütend. Die Jury, nachdem sie fast eine halbe Minute deliberiert hatte, gab das Verdikt: »Schuldig«, und der Richter eröffnete dem ehrenwerten Agitator, daß er sich auf 18 Monate nach dem Korrektionshause von Knutsford zu verfügen habe. So bestrafte man den würdigen Mann, der die Kühnheit hatte, dem Volke zu sagen, daß das neue Armengesetz und das Kindermordbuch des Marcus aus derselben Quelle stammten. Die Gefangenschaft des Methodisten wurde dadurch versüßt, daß die englischen Arbeiter eine Subskription für Stephens eröffneten, wodurch über 3000 Pfund Sterling in seine Taschen geflossen sein sollen. Mit diesem Sümmchen hat der gute Mann sich aus dem Leben und Treiben der Politik wieder nach Stalybridge zurückgezogen, wo er noch heutigen Tages sehr vergnügt seines Daseins pflegt. Während, wie wir erzählten, die Sozialisten ihren Versuch machten, das System Owens praktisch auszuführen, während die Agitation gegen die Stempeltaxe, gegen das Fabriksystem und gegen das neue Armengesetz im besten Zuge war, hatte der Irländer Feargus O'Connor seinen Fuß auf britischen Boden gesetzt und den ersten Anlauf genommen, um die Bewegung des englischen Volkes in seine Hände zu nehmen. Sein Unternehmen war nicht das leichteste. Schon als Irländer, der stets von den Briten mit etwas zweideutigen Augen betrachtet wird, hatte er mit mehr Vorurteilen als mancher andere zu kämpfen. Die meisten Schwierigkeiten machten ihm indes die Führer der alten Radical Reformers, welche nach und nach konservativ in ihren Ideen geworden waren und sich durch den ersten besten sprudelfrischen Geist nicht aus ihrem Schlendrian herausreißen lassen wollten. Durch die teilweisen Erfolge der letzten Jahre hatte sich eine gewisse Aristokratie unter den revolutionären Leuten gebildet, die größtenteils aus abgenutzten und verschlissenen Individuen oder aus solchen bestand, die, in gewissen Lieblingspunkten disappointiert, den Mut zu weitern Anstrengungen verloren und sich mürrisch in sich zurückzogen, indem sie die jüngeren Agitatoren neidisch anbellten. In gewisser Beziehung gehörte auch der alte Jackson, der uns im vorigen Kapitel die Entwicklung der Radical Reformers schilderte, zu diesen Leuten; je mehr O'Connor an Einfluß gewann, desto inniger neigte sich mein alter Freund der letzten, äußersten Spitze der Partei der Radical Reformers zu, die sich in dem in Birmingham lebenden bekannten Sturge personifizierte. Seine Abneigung vor den Chartisten ging sogar schließlich so weit, daß er entschieden mit ihnen brach und ihren Chef O'Connor in einer sehr ausgearbeiteten Broschüre von unten bis oben angriff. Wir müssen gestehen, daß es ihm gelungen ist, O'Connor manche Inkonsequenzen nachzuweisen; nichtsdestoweniger scheitert aber all sein Scharfsinn an den vielen guten Eigenschaften jenes merkwürdigen Mannes, und wir glauben, unbeschadet unseres Helden, den Beginn der Jacksonschen Broschüre erwähnen zu dürfen, da sie uns in sehr lustiger Weise das erste Auftreten unseres O'Connors schildert. »Gern«, beginnt Jackson, »machen wir mit Feargus O'Connor den englischen Radikalen ein Geschenk. So drückte sich Daniel O'Connell einst aus, und daß er überhaupt dies Geschenk machte, daß er es so gern und zu damaliger Zeit gab, das zeigt nur zu deutlich, daß Daniel viel früher als die englischen Radikalen wußte, wie es wirklich mit diesem Geschenke aussah. O'Connor hatte seine Anlage zu einem politischen Agitator und seine Ausdauer in allem, was er unternahm, genügsam in Irland bewiesen. O'Connell griff ihn daher auf und hoffte, aus seiner wilden Hast allmählich einen nützlichen Eifer zur Erringung gleicher Rechte und Gesetze Irlands mit Alt-England zu machen. Die Hoffnungen O'Connells schlugen aber fehl; denn nachdem er Feargus zu einer Stellung erhoben hatte, in welcher er etwas leisten konnte, zeigte es sich nur zu bald, daß seine Indiskretion mehr schadete als sein Mitarbeiten nützte. O'Connors Rücksichtslosigkeit und seine Wut, in allen Dingen das Kommando übernehmen zu wollen, zwangen O'Connell, ihn entweder als unbrauchbar laufen zu lassen oder sich der Gefahr auszusetzen, stets die Sache seines Landes durch ihn kompromittiert zu sehen. Daher die Bereitwilligkeit Daniels, sich O'Connor vom Halse zu schaffen... Die englischen Radikalen nahmen indes das Geschenk an; sie waren damals in einer sonderbaren Lage; mit jedem Tage wurde es ihnen klarer, wie die Reform Bill doch nur von sehr geringfügigen Folgen für die Masse des Volkes sein könne, mehr als je fühlten sie sich in ihren Hoffnungen getäuscht, und von allen Seiten drängten sie sich zu einem neuen Sturm zusammen. Da trat ›Feargus O'Connor, Esq., früher M. P. für Cork, Barrister at law, der Sprosse altirischer Aristokratie‹, mitten unter sie, imponierend durch sein Äußeres, gewinnend durch seine Versprechungen, sowohl auf die Whigs losschlagend, weil sie nicht genug reformiert hatten, als auch auf die Torys, weil sie sich gegen jede Reform gesträubt hatten, und nur die Demokratie erhebend bis in den Himmel. Seine Beredsamkeit, seine Energie und seine pekuniären Mittel waren so bedeutend, daß bald die Kunde seines Erscheinens durch das ganze Land drang und namentlich in den Fabrikdistrikten schnell ein Haufe Bewundrer seinen Schritten folgte, die sich gern von ihm wiederholen ließen, daß er ihr devouiertester, determiniertester und unbestechlichster Freund und Anwalt sei. Dieser Erfolg machte ihn so üppig, daß er schon gleich von vornherein alle übrigen Leiter der Volkspartei zu verdächtigen suchte und überhaupt jeden angriff, der nicht ganz seiner Meinung war. Die Versicherung, daß sich die ganze Presse gegen ihn verschworen habe und nichts von seinen Reden erwähnen wolle, weil sie nur zu gut die Wichtigkeit derselben spüre, setzte mehrere Skribenten in Bewegung; andere bestach er durch Geld; man fing an, sich für ihn zu interessieren, sein Anhang wuchs zusehends, und es dauerte gar nicht lange, da stand der große Demagoge schon in seiner vollen Glorie da.« Soweit Jackson. O'Connor hatte erreicht, was er wollte; seine Gestalt hatte hinfort ein paarmal hunderttausend Menschen zum Hintergrunde; bei jedem Meeting konnte er auf einige hundert gute Fäuste rechnen, die ihm auf jeden Wink durch den rasendsten Applaus antworteten. Die Sache war im Gange, sie brauchte nur poussiert zu werden. Hierzu war vor allen Dingen ein großer Schlachtruf nötig, irgendein Wort, ein Schrei, wie man ihn gern zur Losung der Partei macht. O'Connor erfand das Richtige, indem er das »Hurra für die Volks-Charte« anstimmte. Die Volks-Charte, von einigen Radical Reformers entworfen, enthielt fast dieselben Punkte, für welche man schon bis zur Reform Bill agitiert hatte. Jährliche Parlamente, allgemeine Wahl, Votieren durch Ballotage, gleiche Repräsentation, keine Eigentumsqualifikation und Bezahlung der Parlamentsmitglieder. Das sind die sechs Punkte, welche die Chartisten bis auf den heutigen Tag als Ziel ihrer politischen Bestrebungen verfolgen. O'Connor machte sich verbindlich, für dieselben in die Schranken zu treten, und da sich die Masse des Volkes immer dichter um ihn scharte, so verschwand allmählich die Benennung »Radical Reformers«, und die revolutionäre Partei nahm von der Charte den Namen »Chartisten« an, indem sie O'Connor als Chartist Leader auf den Schild erhob. Wie wir sahen, hatte die Agitation gegen den Zeitungsstempel, gegen das Fabriksystem und gegen das Armengesetz sowie die allgemeine Unzufriedenheit mit den geringfügigen Folgen der Reform Bill dem neuen Koryphäus ein hübsches Feld der Eroberungen zurechtgemacht. Es kam jetzt darauf an, daß er sich mit seinem jungen Ruhme praktisch darauf herumtummelte. O'Connor tat dies dadurch, daß er einen Aufruf an die Bewohner sämtlicher Grafschaften erließ, in welchem er sie ersuchte, Abgeordnete zu einer Volksversammlung nach London zu senden, damit man sich darüber berate, wie nach den Erfordernissen der Zeit zu Werke zu gehen sei. Der von O'Connor gewählte Augenblick war der günstigste. Die Handelskrise von 1836–39 war gerade in ihrer Blüte. In den Fabrikdistrikten herrschte das schrecklichste Elend, und gern befreundete man sich daher mit der Idee jenes Konventes, der wenigstens die Lage der Arbeiter in energischer Weise zur Sprache bringen würde. An demselben Tage, an dem sich die junge Königin Victoria nach hergebrachter Sitte in großer Prozession zur Eröffnung des Parlamentes verfügte, hielt der Konvent seine erste Sitzung im »Britischen Kaffeehause« in London. Es war am 4. Februar 1839. Die Zahl der Abgeordneten war zweiundfünfzig. Die erste Woche verstrich mit Vorarbeiten. Man beschloß dann, eine Petition an die Königin abzuschicken, in der man die Einführung der Volks-Charte beantragte. Ferner sandte man Mitglieder des Konvents durch ganz England, um das Volk überall mit den Prinzipien der Charte bekannt zu machen, Beiträge für die Nationalrente und Unterschriften für die Petition zu sammeln. Als sich bald darauf die Nachricht verbreitete, daß das Gouvernement beabsichtige, den Konvent mit Gewalt auseinanderzutreiben, erklärte man, daß sich in diesem Falle alle Abgeordneten in ihre Grafschaften zurückverfügen würden, um den Zorn und die Indignation des Volkes das vollenden zu lassen, was man in diesem Augenblicke auf friedlichem Wege durchzusetzen suche. Die weitern Verhandlungen, welche wir übergehen, nahmen bald die Aufmerksamkeit der ganzen Arbeiterwelt in Anspruch. Es zeichnet sich unter ihnen namentlich die Debatte über das Recht der Volksbewaffnung aus, welche deutlich zeigt, wie große Einsicht das Volk in die Mittel zu seinem Zwecke hatte. Ebenso prächtig beleuchtete man schon damals das Treiben der Freetraders, die sich gern der Volksbewegung bemächtigt hätten, um ihre eignen Absichten durchzusetzen. Schnell war man hierüber im reinen, da jeder Arbeiter einsah, daß trotz des größern Handels, der bei freiem Verkehr entstehen würde, dennoch bald aller Vorteil durch Herabsetzung der Arbeitslöhne aufgehoben sein werde. Fünfzehn Mitglieder des Konvents gingen indes in die verschiedenen Grafschaften ab, um zu agitieren. Sie wurden überall mit lautem Jubel empfangen; Meetings von 10 000 bis 20 000 Menschen waren bald an der Tagesordnung. Auch Frauen und Mädchen hielten überall aufrührerische Zusammenkünfte und beschlossen, ihre Ehemänner und Geliebten im Kampfe für die Charte ehrlich zu unterstützen, sie noch mehr aufzureizen, damit die »schuftigen Whigs und namentlich die kleine Schlange Lord John Russell« bald zur Hölle fahren möchten. Der eifrigste unter den Abgeordneten des Konvents war Feargus O'Connor, indem er kein Dorf und keinen Flecken auf seinem politischen Streifzuge unberührt ließ. Sein »Northern Star« wurde schnell eins der gelesensten Blätter Englands, und nicht selten geschah es, daß man in den Hauptfabrikstädten einen ganzen Ballen davon auf einem Karren durch die Straßen führte, um allen Nachfragen sofort zu genügen. Unter den Volksversammlungen, welche die Agitation der Abgeordneten hervorrief, ist ein Meeting auf Kersal Moor bei Manchester vor allen andern merkwürdig. Es geschah am 1. Juni 1839, und man versicherte damals, daß nicht weniger als 300 000 Menschen dabei zugegen gewesen seien. Die Beschlüsse dieser Versammlung waren, daß sich erstens jeder Arbeiter bewaffne, daß zweitens alle ihr Geld aus den Sparkassen zurückfordern sollten, um eine Finanzkrise herbeizuführen, und daß man drittens »einen heiligen Monat« feire, d. h. einen ganzen Monat lang in ganz England, Schottland und Wales nicht arbeite, um dadurch dem Handel und der Industrie den gefährlichsten Schlag zu versetzen. Durch solche Mittel wollte man die politische Reform erzwingen, und half das alles noch nicht, so wollte man eben von den Waffen Gebrauch machen. Nachdem diese Beschlüsse gefaßt worden waren, kehrten die Abgeordneten des Konvents aus den Grafschaften nach London zurück, um die Überreichung der Petition vorzubereiten. Die Zahl der Konventsmitglieder war indes bis zu 200 angewachsen. An dem dazu bestimmten Tage versammelten sich alle in ihrem Saale und verfügten sich dann zu Herrn Attwood, M. P. für Birmingham, der die Petition beim Hause der Commons einreichen sollte. Nach dem Bericht der »Times« hatte diese Petition eine Länge von 3 Meilen weniger 250 Yards. Sie wog beinahe 6 Zentner und trug 1 250 000 Unterschriften. An beiden Seiten war sie mit Zinn beschlagen und war befestigt an einer Rolle von großer Dimension. Sie lag auf einem Karren, an dessen vorderer Seite ein Schild angebracht war mit den Worten »National-Petition«. Zu beiden Seiten der Karre waren Flaggen und Banner befestigt. Am 20. Juni wurde dieses wunderliche Aktenstück, die Petition von einer Million zweimal hundertfünfundzwanzigtausend Engländern, die Petition des gedrücktesten und zertretensten Teiles der englischen Bevölkerung in das Haus der Commons hineingefahren und – mit schallendem Gelächter empfangen. Es wäre jetzt der Augenblick gewesen, um von den Waffen Gebrauch zu machen und überhaupt die Pläne auszuführen, welche man auf dem Meeting zu Kersal Moor gefaßt hatte. Es zeigte sich aber bald, daß unter den Arbeitern trotz ihrer großen Aufregung nicht das Einverständnis herrschte, welches zu einem Aufstande nötig war. Zur Zurückziehung des Geldes aus den Banken kam es gar nicht; zur Feier des »heiligen Monats« ebenso nicht, da man nur für drei Tage im ganzen Lande die Arbeit einstellte, und mit der Bewaffnung sah es noch schlechter aus. Eine vereinzelte und sehr unglückliche Revolte war daher das nächste Resultat der Bewegung. Gleich nachdem man die National-Petition im Hause der Commons überreicht hatte, verlegte nämlich der Konvent seine Sitzungen von London nach Birmingham. In London wurde es unsicher; in Birmingham, wo die größere Anzahl Arbeiter mehr Schutz versprach, schien es ratsamer, in Zukunft zu verweilen. Infolge einiger Reden fielen aber dort Emeuten vor, die mit Brandstiftungen endeten. Da sah sich das Gouvernement veranlaßt, mit Gewalt einzuschreiten. Die besten Redner, die tüchtigsten Mitglieder des Konvents wurden verhaftet. Die Zurückgebliebenen gaben aber doch die Hoffnung nicht auf, noch einen Aufstand zuwege zu bringen. Frost, früher Magistratsperson in Newport, sollte in Wales beginnen. Man würde dann die meisten Truppen dorthin senden. Frost sollte sich gegen diese in den Bergen von Wales halten; währenddessen wollten die übrigen in Yorkshire losbrechen und sich aller größern Städte bemächtigen. Auf diese Weise wäre der Anschlag vielleicht noch gelungen. Da wurde Frost von seinen Leuten gezwungen, früher, als man verabredet hatte, ins Feld zu rücken. Die Kugeln des Militärs sprengten die Chartisten auseinander. Frost wurde gefangen, und da man in Yorkshire mit der Bewaffnung noch nicht weit genug vorgeschritten war, so mußten die übrigen Mitglieder des Konvents teils nach Amerika und Frankreich flüchten, teils vor der Polizei das Gewehr strecken. Viele Arbeiter teilten das Schicksal ihrer Abgeordneten. Wiederum war also, nach unsäglichen Anstrengungen, der Versuch einer politischen Umwälzung für die englischen Arbeiter mißlungen. Das Ungewohnte des Waffenführens, die eingewurzelte Liebe des Engländers zu einem gesetzlich begründeten Kampfe und vielleicht auch in etwa der Schreck vor einem Bürgerkriege, alles dies hatte jene große Masse des Volkes wieder im Momente des Losschlagens gelähmt und eine totale Niederlage für sie herbeigeführt. Man hat das deutsche Volk mit einem Elefanten verglichen, der lange mit sich spaßen lasse, ehe er wild werde – von den englischen Arbeitern läßt sich dies noch viel eher sagen! Die Periode, welche zwischen dem verunglückten Aufstande von 1839 und der Insurrektion von 1842 liegt, ist durch nichts merkwürdig als durch den Einfluß, welchen inzwischen der O'Connorsche »Northern Star« auf die Arbeiterwelt ausübte. Besiegt und auseinandergejagt, fand die Chartistenpartei in diesem Blatte das einzige Organ, welches sich ihrer Prinzipien annahm und namentlich die Berichte über die mit der Entwicklung der Industrie immer zahlreicher werdenden Einzelkämpfe der Arbeiter und ihrer Herren in voller Ausdehnung vor die Augen des Volkes brachte. Wie wir früher bereits bemerkten, besteht außer der allgemein-politisch sich bewegenden Masse der Chartisten noch jene Vereinigung der verschiedenen Gewerbe in England, die unter dem Namen der Trade Unions bekannt ist. Diese große Union, welche durch Gesellschaften in fast allen Orten Englands vertreten ist, setzte während und nach der politischen eben erzählten Agitation ihre alten Kämpfe mit den Fabrikherren und Meistern des Landes ruhig fort. Das Signal zu einem solchen Kampfe ist gewöhnlich das Herabdrücken der Löhne von Seiten der Arbeitgebenden. Die Wollkämmer eines Ortes erhalten z. B. von ihren Herren heute die Anzeige, daß diese von dem und dem Tage an nur soundso viel Lohn für das Kämmen eines Pfundes Wolle bezahlen werden, indem sie als Grund der Verkürzung die Not der Zeiten, den schlechten Geschäftsgang, andre Ursachen oder oft auch gar nichts angeben. Die Arbeiter nehmen diese Erklärung ruhig entgegen, versammeln sich aber sofort und überlegen, wie man dieser Maßregel widerstehen könne. Nach beendigten Debatten wird dann in den meisten Fällen eine Deputation aus ihrer Mitte gewählt, um sich sofort mit den Meistern oder Fabrikherren in Verbindung zu setzen, ihnen das Grausame ihres Verfahrens usw. auseinanderzusetzen und sie zur Zurücknahme der Erklärung zu bewegen. Diese Deputation hat sich ihrer Mission sofort zu entledigen. Gelingt es ihr, durch Unterredung oder durch Drohungen die Sache wieder ins gleiche zu bringen, so bleibt die Sache natürlich beim alten; weigern sich dagegen die Herren, den Vorstellungen der Arbeiter Gehör zu geben, so kehrt die Deputation nach dreimal wiederholten Demonstrationen zu der Versammlung zurück, und einer schlägt dann vor, ob man nun nicht, da alles freundschaftliche Unterhandeln nutzlos sei, zu energischen Mitteln übergehen und einen »Strike« organisieren solle. Dieser Strike besteht darin, daß die Arbeiter sich verbindlich machen, sofort die Hände in den Schoß zu legen und zu feiern, damit der Arbeitgebende, in seinem Geschäfte aufgehalten, zur Rückkehr zu den bisherigen Arbeitsbedingungen gezwungen werde. Ist dieser Vorschlag gemacht und von der Majorität angenommen, so geht man von Stund an zur Ausübung des Vorgebrachten über. Arbeitet man in den eigenen Wohnungen für die widerspenstigen Herren, so legt man einfach die Arbeit nieder. War man in dem Etablissement des Herrn beschäftigt, so hält man in aller Feier, manchmal Fahnen und Musik voran, seinen »Turn-out«, seinen Auszug aus dem Hause des Herrn. Feindlich stehen sich nun beide Parteien gegenüber. Das Bestreben des Arbeitgebenden ist es, sich neue Arbeiter zu verschaffen; das Bestreben der Arbeiter ist, dies zu verhindern, und nicht selten geht man zu Drohungen und tätlichen Angriffen auf diejenigen über, welche es wagen, den Platz ihrer Kameraden einzunehmen. Ein »Knobstick«, wie man die dem Arbeiterinteresse Abtrünnigen nennt, ist in den Augen seiner Kameraden das verächtlichste und elendigste Wesen. Wochen- und monatelang sucht der eine des andern Willen so zu brechen, und kaum glaublich ist es, welchen Aufopfrungen sich der Arbeiter bei solchen Fehden unterwirft. Die Gelder der Sparkasse werden zuerst zurückgezogen; ihnen folgt der Verkauf der am wenigsten nötigen Haushaltungsgegenstände und Kleidungsstücke. Je länger die Zeit des Kampfes dauert, desto mehr schränkt sich der unerschrockene Arbeiter ein, immer hoffend, daß er endlich seinen Herrn durch diesen passiven Widerstand zum Nachgeben bringen werde. Eine Zeit des Hungerns und Darbens beginnt – er achtet's nicht. Er verkauft den Rock vom Leibe, er bringt sein Bett aufs Pfandhaus – er ist entschlossen, seinen Willen durchzusetzen! Noch immer bleiben seine Anstrengungen fruchtlos. Da hält man eine neue Versammlung; man sendet eine abermalige Deputation an den hartherzigen Herrn und wendet sich zugleich an andere Unionen, indem man nach Aufopfrung aller eignen Güter ihre Hilfe in Anspruch nimmt. Ist der vorliegende Fall so bedeutend, daß man ein allgemeines Interesse daran zu nehmen für gut hält, so erfolgt natürlich die erbetene Unterstützung, und der Herr muß sich dann nicht selten dem Willen seiner Arbeiter fügen. Im andern Falle bricht dann aber endlich der mutige Paria unter der Wucht seines Schicksales zusammen. Weiber und Kinder hungerten schon seit Wochen; der Herd der Hütte erlosch, das Bett ist verschwunden; gebeugt und ermüdet bis zum Tod, schleicht er endlich mit seinen Kameraden vor die Türe des Herrn – es ist aus, und man erklärt sich für besiegt. Dies ist die Art und Weise des Kampfes, den Arbeiter und Herrn seit den letzten fünfzig Jahren mit einer Ausdauer und Erbitterung geführt haben, die kaum ihresgleichen kennen. Jahraus, jahrein, selbst in den Zeiten der höchsten Prosperität, fallen diese Streitigkeiten an einem oder andern Orte Englands vor. Welche Energie, welche Ausdauer und welcher Mut wird in ihnen verschwendet! In frühern Jahren nahm die englische Presse kaum von solchen stets sich wiederholenden Vorfällen Notiz. Dem »Northern Star« und seinem unermüdlichen O'Connor gehört das Verdienst, sie durch seine treuen Schilderungen der Nachwelt aufbewahrt zu haben. In den Jahren, welche zwischen der Insurrektion von 1839 und 1842 verstrichen, füllte er mit der Darstellung dieser Einzelfehden nicht selten die Hälfte seines Blattes und brachte dadurch jenes große Resultat zuwege, daß sich das englische Volk gerade in seiner schönsten und herrlichsten Eigenschaft, in seinem Mut und in seiner Ausdauer gegenseitig kennenlernte. Die Frucht dieses Bekanntwerdens wird sich in der Zukunft zeigen. Dem Aufstand von 1839, den die Arbeiterwelt auf ihre eigne Faust unternahm, folgte im Jahre 1842 wieder ein Feldzug, in dem wir die Leiter der Mittelklasse mit den Chartisten Hand in Hand gehen sehen. Gerade wie man sich im Jahre 1829 zur Durchsetzung der katholischen Emanzipations-Bill und im Jahre 1831 für die Reform Bill vereinigt hatte, so schloß man jetzt aufs neue eine Allianz in der Bewegung der Abschaffung der Korngesetze. Ein wunderlicher Anblick; dieselben Menschen, die sich fortwährend durch ihre Privatstreitigkeiten in die Haare geraten, sie werden plötzlich wieder sozusagen gute Freunde, wenn es einer politischen Maßregel gilt, welche für beide Seiten von Interesse ist! Das Band, welches die Säbel der Manchester Yeomanry so infam zerhauen, es knüpft sich von neuem, wenn es gilt, der Aristokratie des Landes einen Stoß zu versetzen, der vereint besser als einzeln auszuführen ist. Schnell, ehe man sich's versieht, ist diese Vereinigung fertig, um natürlich nur so lange zu dauern, als bis der Zweck des Unternehmens erfüllt ist. Bei einem Diner, wie wir kurz erzählen müssen, welches man am 1. September 1838 dem Dr. Bowring gab, wurde von einigen Fabrikanten in Manchester beschlossen, eine League zu bilden, welche die Agitation gegen die zugunsten der Landaristokratie passierten Korngesetze zu ihrem Gegenstande hatte. Dieser Verein nannte sich die National Anti-Corn-Law-League. Die wirklichen Folgen einer Abschaffung der Korngesetze waren, man kann es wohl sagen, den drei großen Klassen der englischen Gesellschaft, der Aristokratie, der Mittelklasse und der Arbeiterwelt, von vornherein ziemlich klar. Die alte grundbesitzende Aristokratie stemmte sich nicht nur gegen eine solche Maßregel, weil ein pekuniärer Verlust für sie dadurch entstehen, sondern namentlich, weil der Sieg der diese Sache unternehmenden Mittelklasse auch ihrem, dem politischen Einflüsse der Aristokratie einen Stoß versetzen mußte. Aus diesem sowie aus kommerziellen Gründen war natürlich die ganze Mittelklasse für die Maßregel, und die Arbeiter schlossen sich der Agitation ebenfalls an, weil es ja nur in ihrem Interesse war, daß Aristokratie und Mittelklasse sich untereinander aufrieben. Von zwei gefährlichen Feinden blieb dann schließlich nur einer übrig. Die Anti-Corn-Law-League hatte damit angefangen, ein Journal zu gründen und drei Lecturers (Agitatoren) zu mieten, welche ihre Lehren unter dem Volke verbreiten sollten. Broschüren, fliegende Blätter und ähnliche Sachen wurden außerdem so zahlreich im Lande verteilt, daß die League sich schon im Jahre 1840 rühmen konnte, 150 000 Exemplare solcher Pamphlets gegen die Korngesetze verbreitet zu haben; etwa 160 000 Exemplare wurden von ihrer Zeitung abgesetzt. Außerdem hatte man 400 Vorträge gehalten und daher wohl 800 000 Menschen für die Sache bearbeitet. Die Ausgaben für alles dies betrugen damals kaum 5000 Pfund Sterling. Weit mehr als die Reden der gemieteten Lecturers halfen indes die Vorträge der eigentlichen Mitglieder der League, unter denen sich bald Richard Cobden, ein Fabrikant aus Manchester, John Bright, Wilson und andere als die Hauptleute hervortaten. Ein Bäcker in Carlisle zeigte seine edlen und unermüdlichen Anstrengungen für die gute Sache dadurch, daß er eine Anzahl Brote backte, von denen der eine Teil »taxed« und der andere »untaxed« war. Beide Sorten Brot verkaufte er zu 6 Pence; das untaxierte Brot hatte aber wenigstens den Wert von 2½ Pence mehr an Brot als das taxierte. Diese handgreifliche Demonstration machte um so mehr Effekt, da sie gerade an einem Tage geschah, wo man eine Petition für die Abschaffung der Korntaxe zur Unterschrift umhertrug. Die Anhänger der League, die Freunde des freien Handels, welche man Freetraders nannte, trugen auch wohl solche taxierten und untaxierten Brote auf Stöcken durch die Straßen der Städte – ein Manöver, das viele Leute zum Unterschreiben der Petitionen herbeilockte. Namentlich interessierten sich die Weiber für die größern Brote und versprachen stets, ihre Männer zum Unterzeichnen herbeizubringen. Auch von den Kanzeln herunter wußte die League Propaganda zu machen, indem sie den größten Teil der Dissenter-Prediger für die Kornagitation gewann. Je größer die begonnene Bewegung wurde, desto größer wurden natürlich auch die damit zusammenhängenden Kosten. Aber auch dafür wußte die League zu sorgen, indem sie einen National Anti-Corn-Law-Bazar errichtete, eine Sammlung aller möglichen zum Geschenk gemachten Gegenstände, welche dann zum Besten der Sache verkauft wurden. Dies Experiment brachte nicht weniger als 10 000 Pfund Sterling auf, welche mit den durch Geldbeiträge gebildeten Fonds von 80 000 Pfund allein vom Herbst 1841 bis zur selben Zeit 1842 für die Agitation ausgegeben wurden. Alle diese Anstrengungen würden aber dennoch wenig geholfen haben, wenn es den Freetraders nicht gelungen wäre, auch die Masse des Volkes in Bewegung zu bringen. Durch die heuchlerischsten Schmeicheleien hatten sie dies gleich von vornherein versucht, indem sie den Arbeitern vordemonstrierten, daß die freie Einfuhr des Kornes den Brotpreis erniedrigen, also ganz zu ihrem Vorteil sein würde. »High wages, low prices and plenty to do!« (Hohe Löhne, niedrige Preise und viel zu tun!) Das war das Motto aller an das Volk gerichteten Demonstrationen. Wie wir bereits erwähnten, wußten die meisten Arbeiter und namentlich die Chartisten aber sehr gut, wie es mit diesen schönen Versprechungen aussah, und nur aus politischen Gründen war es, daß sie sich den Freihandelsmännern anschlossen. Am 15. Februar 1842 geschah diese Einigung in aller Form, indem die Leiter der Chartistenpartei und die Koryphäen der League bei einem Meeting in Manchester zusammentrafen, um den Plan zu entwerfen, nach welchem man die Agitation in Zukunft gemeinschaftlich betreiben wollte. Dieser Plan und die zugleich gefaßten Beschlüsse enthielten die Hauptpunkte der Bewegung beider Parteien, nämlich allgemeine Parlamentswahl für die Chartisten und totale Abschaffung der Korngesetze für die Freetraders. Ähnliche Meetings der Chartisten und der League erfolgten in Bolton, Stockport usw. Drohend stand nun die Mittelklasse mit der Arbeiterwelt vereinigt dem torystischen, von Sir Robert Peel vertretenen Gouvernement gegenüber. Von den Mitteln, durch welche man dasselbe zum Bewilligen aller Forderungen zwingen wollte, war das erste der Beschluß, daß sich jeder verpflichtete, nie eine Note der Bank von England vierundzwanzig Stunden im Hause zu behalten, sondern sie gleich gegen Gold umzuwechseln, was natürlich, wenn es streng in Ausführung gebracht wurde, sofort den entsetzlichsten Wirrwarr für die Finanzverwaltung herbeiführen mußte. Die zweite, übrigens mehr von den Mitgliedern der League adoptierte Maßregel bestand darin, daß man bei dem angeblich aus dem Bestehen der Korngesetze hervorgegangenen schlechten Geschäftsgang alle unbeschäftigten Arbeiter aus den Fabrikdistrikten in die Agrikulturgegenden jagen wollte, um sie den Grundbesitzern zur Last fallen zu lassen, so daß diese durch die Unterhaltungskosten der Fremdlinge bald ihren ganzen Profit an der protegierten Produktion ihrer Ländereien ausgeglichen sehen und nicht länger an dem Bestehen der Kornzölle halten würden. Sowohl das Einwechseln der Banknoten als das Verabschieden der Arbeiter würde seinen erwarteten Effekt gemacht haben. Gerade wie die Chartisten aber im Jahre 1839 mit dem Feiern eines »heiligen Monats« und mit dem Zurückziehen des Geldes aus den Stadtkassen nicht reüssiert hatten, ebenso fielen auch jetzt die Freetraders mit ihren zwei Hauptmaßregeln durch. Denn außer daß die Chartisten sahen, daß es trotz der scheinbaren Allianz den Mitgliedern der League nur darum zu tun war, die Resolutionen in betreff der Charte bei jedem Meeting zu eskamotieren und nur die Interessen der League durchzusetzen, so schien es ihnen doch auch ein wenig zuviel Aufopferung, plötzlich ihre Wohnungen zu verlassen, um ohne die geringste Garantie eines günstigen Erfolges so ohne weiteres in die Agrikulturdistrikte hineinzustürzen. Je mehr daher die League auf Ausführung des Beschlossenen drang, desto kühler und vorsichtiger wurden die Chartisten. Doch noch ein anderer fataler Umstand stellte sich für die Freetraders ein. Das Geschäft besserte sich nämlich plötzlich ganz zur unrechten Zeit, so daß der League nicht nur das Hauptargument gegen die Korngesetze aus der Hand gewunden wurde, sondern daß auch Massen von Arbeitern, die sich nur aus Mangel an Beschäftigung bisher in die politische Bewegung hineinbegeben hatten, plötzlich aus den Meetings verschwanden, um bei ähnlich gesinnten Fabrikanten ruhig ihre Arbeit fortzusetzen. Dies war rein zum Verzweifeln. Die League stand ratlos da, aufgehalten in ihrem besten Laufe. Da beschlossen drei Mitglieder der League, die Herren Reyner Brothers in Ashton, Georg Cheetham \& Sons und William Bayley \& Brothers in Stalybridge, das durch Gewalt zuwege zu bringen, was sich gutwillig nicht machen wollte. Sie setzten nämlich die Löhne ihrer Arbeiter so sehr herunter, daß sie dieselben zu einem Strike und zu einem allgemeinen Turn-out zwangen. Man mußte unbeschäftigte Arbeiter auf den Straßen haben, um das Gouvernement zu erschrecken, – jene drei großen Fabrikanten opferten sich auf, indem sie den Anfang machten, hoffend, daß andere ihrem Beispiele folgen würden. Ebenso kühn, wie das Manöver war, ebenso gut wurde es aber auch in seinem Beweggrund von der Arbeiterpartei begriffen. Es war jetzt allen klar, daß die League nur damit umging, die Arbeiter aufs neue zu ihren Zwecken zu benutzen, ohne sich weiter daran zu kehren, ob auch die .Interessen der Chartisten in der Bewegung berücksichtigt wurden. Die spöttischen Worte des Herrn Bayley: »You had, perhaps, better go and play for a few days«, mit denen er seine Arbeiter davonjagte und welche hinfort das Stichwort der Bewegung wurden, reizten den Zorn der Verabschiedeten noch mehr, und man beschloß sofort, den durch das Stillsetzen jener drei Fabriken hervorgerufenen Tumult nicht zum Besten der League, sondern zu einem allgemeinen, dem Interesse des Volkes geltenden Aufstand zu benutzen. Nachdem die Arbeiter die Bayleysche Fabrik verlassen hatten, zogen sie daher in Prozession nach Mottram Moor, wo man eine Rednertribüne errichtete und die von allen Seiten herbeieilenden Leute, so gut es ging, über den Zweck der Bewegung aufklärte. Man war bald einig und fiel nun sofort über sämtliche Fabriken von Stalybridge her, indem man alle Arbeiter zwang, ihre Beschäftigung einzustellen und sich dem Zuge anzuschließen, der sich nach Manchester in Bewegung setzen sollte, um dort eine Abrechnung mit der Mittelklasse und eine politische Umwälzung herbeizuführen. Auf dem Banner, welches der Masse voranwehte, las man die Worte: »They that perish by the sword are better than they that perish by hunger.« (Die, welche durchs Schwert sterben, sind besser dran als die, welche verhungern.) Je weiter man zog und je mehr Fabriken man berührte, desto größer wurde der Zug. Überall, in allen kleinern Industrieorten, wurden die Arbeiter gezwungen, dem Beispiele ihrer Kameraden zu folgen, und einer Lawine gleich wälzte sich die Masse auf Manchester zu. Hin und wieder versuchten es die Anhänger der League noch, den Sturm aufzuhalten, indem sie sich mitten unter die dichtesten Haufen begaben und die Nächststehenden im Sinne der Freetraders anredeten. Es war aber zu spät; den Geist, den man heraufbeschworen – man wußte ihn nicht zu bändigen, und ehe man sich's versah, rückten Tausende von Arbeitern in Manchester ein. Ein Trupp Kavallerie und eine Abteilung Fußvolk empfing sie in einer der ersten Straßen. Die Zahl der Heranrückenden war aber so groß, daß es tollkühn gewesen wäre, wenn man sie durch eine so geringe Anzahl Bewaffneter hätte aufhalten wollen, und der Magistrat ersuchte daher den kommandierenden Kolonel, seine Truppen zurückzuziehen, indem er sich selbst an die Spitze der Arbeiter stellte. Dieses kluge Verfahren ist vielleicht schuld daran, daß Manchester noch heute so aussieht wie damals. Die Arbeiter, welche nicht anders gemeint hatten, als daß es einen ehrlichen Kampf absetzen würde, ehe sie sich der Stadt bemächtigen könnten, waren sogar konsterniert, als sie sahen, daß man ihnen nicht das geringste Hindernis in den Weg legte. Ohne ihre Stöcke, Äxte und Piken zu gebrauchen, ja, ohne nur einmal ihrem Zorn durch einen Ruf, durch einen Schrei Luft gemacht zu haben, war die zweitgrößeste Stadt des Königreichs in ihre Hände gelangt. War es ein Wunder, daß sie erstaunt in ihrem Marsche innehielten? Zum Glück für die Bewohner von Manchester geschah dies. Die Einigkeit, welche für einen Kampf dagewesen war, hörte auf, sobald alle Aussicht zu demselben verschwand; der Enthusiasmus, die Wut der Einrückenden legte sich mit dem Verschwinden jedes Widerstandes, und während die einen darüber deliberierten, wie man von seinem Siege Gebrauch machen sollte, und die andern auch die Arbeiter der Fabriken innerhalb Manchesters zur Arbeitseinstellung veranlaßten, fiel der größere Haufe in toller Freude über die Bäcker- und Fleischerläden her, so daß bald von der frühern kompakten Masse nichts mehr zu sehen war und nur vereinzelte Haufen die Stadt durchzogen. Diesen Umstand benutzten natürlich die Bewohner der Stadt, indem sie von allen Seiten Truppen durch die Eisenbahnen herbeischaffen und schnell alle Hauptpunkte Manchesters von Bewaffneten und Konstablern besetzen ließen. Den Aufstand, den man im Interesse der League hervorgebracht hatte, suchte man zu unterdrücken, da er nicht nach dem Willen der Freetraders ausfiel. Vergebens strengten sich indes die Leiter der Chartisten an, ihre Partei zusammenzuhalten, damit man zu einigen praktischen und wirksamen Maßregeln übergehen könne – es war zu spät. Die Führer der Mittelklasse hatten sich von ihrem Schreck erholt, ehe sie damit zustande kamen; vierundzwanzig Stunden der kostbarsten Zeit, in denen man die Charte mit allen ihren sechs Punkten und wer weiß was sonst noch hätte durchsetzen können – sie waren nutzlos verstrichen, und wie man im Jahre 1819 den Säbeln der Yeomanry und im Jahre 1839 den Kugeln des Militärs hatte weichen müssen, so mußte man sich jetzt vor den Konstablern Manchesters zerstreuen und den kaum errungenen Sieg wieder fahren lassen. So endete das dritte gewaltsame Zusammenstoßen der englischen Bourgeoisie mit der Arbeiterwelt. In den sechs Jahren, welche seitdem verflossen sind, hat die Partei der Chartisten eine sehr ruhige Entwicklung genommen; die unerhörte Prosperität, deren sich England unter Peel vom Jahre 1842 bis 1845 zu erfreuen hatte, war nicht geeignet, den politischen Geist des Volkes in Bewegung zu setzen. Der unermüdliche O'Connor, indem er zwar keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, um den Arbeitern die Charte ins Gedächtnis zurückzurufen, unternahm daher nebenbei noch eine andere Agitation, welche die unmittelbare Besserung der sozialen Lage eines Teiles der Arbeiter zum Zweck hat. Es war dies der Vorschlag seines »Landplans«, den wir indes nur flüchtig berühren wollen, da er uns zwar wie alle ähnlichen philanthropischen Experimente von Nutzen, aber nicht von allgemeiner Wichtigkeit erscheint. Der Hauptpunkt des O'Connorschen Landplanes besteht darin, daß jeder Arbeiter durch das Einzahlen eines sehr geringfügigen Betrages Aktionär einer Compagnie wird, welche sich damit beschäftigt, von dem zusammengeschossenen Gelde Ländereien im großen anzukaufen und sie in Parzellen an die Aktionäre zum Gebrauch (nicht zum Besitz) zu verlosen. Jeder, dem eine Parzelle zur Bebauung zufällt, erhält ein Haus darauf, Gerätschaften und eine Summe Geldes, um damit seine Arbeiten beginnen zu können. Die Vorteile des Landplanes, sowohl für die Arbeiter selbst als für die Partei der Chartisten, sind nicht zu leugnen. Fürs erste bleiben viele Arbeiter, welche bisher rein von den Chancen des Handels abhingen, durch ihre ackerbautreibende Lebensweise vor manchen Unfällen bewahrt. Zweitens fließen die ersparten Gelder der Arbeiterwelt nicht mehr in jene Kassen, aus welchen Bankiers und Spekulanten manchmal ihre Fonds schöpfen, um damit zum Nachteil derselben Leute zu operieren, welche ihnen die Mittel ihrer Manipulationen lieferten, sondern die Ersparnisse der Armen werden von diesen Armen selbst zu ihrem eigenen Nutzen verwandt. Drittens glaubt namentlich O'Connor als Anhänger des »Kleinen Ackersystems«, daß die sorgfältige, mit dem Spaten vor sich gehende Bearbeitung des Landes ein viel günstigeres Resultat als gemeinschaftliche, im großen vor sich gehende Besorgung des Ackerbaus liefere; und viertens, und dies ist einer der Hauptpunkte, hofft man durch die wenigstens für den Augenblick zu besitzenden Leuten gemachten Arbeiter nach und nach eine Menge Stimmen zu den Wahlen zu bekommen, so daß dann die Chartistenpartei mehr Gelegenheit bekäme, ihre hervorragendsten Leute ins Parlament zu schicken. Dies sind so ziemlich die Hauptvorteile, welche sich O'Connor von seinem Landplan verspricht, und sie scheinen den Arbeitern so sehr einzuleuchten, daß schon seit mehreren Jahren jede Woche von 1500 bis zu 2000 Pfund Sterling aus allen Teilen des Landes durch die ersparten Pfennige der Arbeiter in die gemeinsame Landkasse nach London gingen, womit man bereits sehr bedeutende Ländereien ankaufte und die Pläne O'Connors in Ausführung bringen konnte. Die Zukunft muß es lehren, inwieweit den Arbeitern ein allgemeiner Nutzen aus diesen wirtschaftlichen Bestrebungen hervorgehen wird. Jedenfalls erlangte O'Connor mit seinem Landplan in der Weise etwas sehr Bedeutendes, als er die Aufmerksamkeit der Arbeiter dadurch fesselte und seine Partei in Zeiten großer politischer Niedergeschlagenheit damit zusammenhielt. Daß ihm dies gelang, zeigten die Ereignisse des Jahres 1845. Die Anti-Corn-Law-League hatte sich nämlich von ihrer Schlappe im Jahre 1842 etwas erholt und doppelt gewaltige Anstrengungen gemacht, um ihre Agitation wieder in Schwung zu bringen. Gemietete Redner lärmten auf allen Gassen und Märkten; ehrenwerte Mitglieder erstürmten die Tribünen aller Säle; die Manchester-Helden Cobden, Thompson, Wilson usw. durchzogen das Land und agitierten vom Palast hinab bis zur letzten Hütte, indem sie rechts und links mit Broschüren, Pamphlets, fliegenden Blättern, Zeitungen usw. um sich warfen, die in kurzen, manchmal sogar witzigen Artikeln die Quintessenz ihrer Weisheit enthielten. Bezahlte Säufer tranken auf das Wohl des freien Handels; bezahlte Boxer boxten sich für die Abschaffung der Korngesetze; bezahlte Poeten machten die schlechtesten Verse gegen die Brottaxe, und bezahlte Krämer wickelten um jedes Pfund Butter eine Abhandlung über die Notwendigkeit des Freetrades. Preise wurden ausgesetzt für alle, welche nicht allein die ganze hohe ökonomische Wissenschaft, nein, auch die Religion, die Philosophie, kurz alles, was es auf der Welt gibt, am besten zugunsten der League verdrehen konnten. Selbst die zarten, süßen Frauen mischten sich in den Spektakel – die Damen von Manchester traten mehr als einmal für die Sache in die Schranken! Oh, es war eine schlimme Zeit! Wollte man im Theater den Othello oder den Hamlet sehen, so sah man den dicken Quäker Bright, wie er gerade die Bühne innehatte, um einen Korngesetzsermon loszulassen. Wollte man sich im Hause Gottes an den Lehren des Heilands erquicken, so fing ein schnarrender Dissenter plötzlich an, den Ricardo und den Adam Smith zu zitieren! »Abschaffung der Korngesetze!« – so war der Schrei des Tages, so war der Schrei der Nacht. Die Wut des Agitierens durchraste alle Sphären der Mittelklasse; eine an Wahnsinn grenzende Sucht der Propaganda bemächtigte sich des ersten wie des letzten britischen Bourgeois, und die enorme Summe von einer viertel Million Pfund Sterling, welche man in einem Jahre aus der Erde stampfte und für die Bewegung hinwarf, machte vielen die Lehren der League natürlich nur um so begreiflicher. Immer wollte die Sache aber noch nicht glücken – da kam der League plötzlich die schlechte Kartoffelernte von 1845 zu Hilfe, und ihr Sieg war entschieden. Zu einem System, was man nach dem Rat der Majorität der Mittelklasse gutwillig nicht hatte annehmen wollen, wurde man jetzt durch die Notwendigkeit der Umstände gezwungen. Lord John Russell schrieb seinen bekannten Brief an die Londoner Wähler und hätte fast nach dem augenblicklichen Sturz des Kabinett Peel ein Whig-Ministerium zusammengebracht, wenn nicht seine Bemühungen an der Hartnäckigkeit einiger Kollegen gescheitert wären. Sir Robert, nachdem er den alten Wellington auf seine Seite gebracht und als der einzig mögliche Premier die Führung der Geschäfte wieder übernommen hatte, bekam daher jetzt Zeit, dem Beispiele Russells zu folgen, indem er sich ebenfalls für eine Änderung der Korngesetze aussprach. Die League hatte jetzt gewonnenes Spiel, und um den stärksten Widerstand zu besiegen, der sich allenfalls im Parlamente noch zeigen konnte, kam es nur noch darauf an, die letzten Feldzüge der Agitation zu tun und auch die seit dem Jahre 1842 untreu gewordenen Chartisten wieder für die Sache zu gewinnen. Die Häupter der League unterzogen sich dieser Arbeit sofort mit einer Emsigkeit, welche alles bisher Geleistete hinter sich ließ. Es war wirklich komisch anzuschauen, mit welcher Liebenswürdigkeit die gleisnerischen Herren vor ihren zerlumpten Arbeitern erschienen. »Hohe Löhne, niedrige Preise und viel zu tun!« – das waren wieder die schönen Worte, welche sie mit gekrümmten Rücken von den Tribünen hinunterlispelten. Aber auch die Aristokraten stürzten sich jetzt unter das Volk; denn im Augenblick der Gefahr wurde der Pöbel wieder nötig. Auf den unfashionablen, aus wenigen Brettern zusammengeschlagenen Tribünen der Chartisten, auf den engen, dumpfigen Sammelplätzen des Volkes erschienen jene stolzen alten Lords, um den gewaltigen Bau ihrer Institutionen vor dem Fall zu retten. Ein seltsamer Anblick! Die öffentliche Meinung, die Meinung des Volkes wurde im Augenblick der Gefahr als die entscheidende Richterin anerkannt, und das Volk richtete recht! Von der Bourgeoisie zertreten und zerdrückt, hatte es Selbstbeherrschung und Verstand genug, sich dennoch für dieselbe zu erklären, damit der Aristokratie, damit einer Klasse ein Ende gemacht werde, welche wahrlich weniger als jede andere berufen ist, noch zu unsern Zeiten die Geschicke der Welt zu lenken. Der Zufall wollte es, daß ich so glücklich war, bei dem letzten, eklatantesten Akte dieser politischen Gerechtigkeit des Volkes zugegen zu sein; nie werde ich diesen Augenblick vergessen. Ein Stock-Tory, Busfield Ferrand, M. P. für einen Ort der West Riding von Yorkshire, versuchte es vor Toresschluß, nachdem schon alle andern Aristokraten jede Hoffnung aufgegeben hatten, zum letzten Male, die Arbeiterwelt für die Sache der Protektionisten zu gewinnen. In einem Saale, den ungefähr 5000 Menschen innehatten, erhob der unerschrockene Aristokrat seine metallene Stimme, zuerst ausführlich seine Argumente gegen den Umsturz der alten Gesetze des Landes geltend machend, dann an die glücklichen Zeiten erinnernd, welche England unter der ausschließlichen Herrschaft seiner Klasse erlebte, und hierauf zu dem neuesten Abschnitt der englischen Geschichte übergehend, die er bis in die kleinsten Details hinunter mit allen der Industrie und der Entwicklung der Mittelklasse entsprungenen Leiden zu schildern suchte. Tiefe Stille lag über der ganzen Versammlung; da ging der Redner zu dem zweiten Teile seines Vortrags über, durch den er seine Zuhörer zur Rückkehr in den alten Zustand und zum Festhalten an das noch Bestehende bewegen wollte – und seine Stunde hatte geschlagen. Die Schilderung der Wahrheit ließ man sich gefallen; aber der lockenden Stimme eines Aristokraten zu folgen – nimmermehr! Und ein Sturm des Unwillens erhob sich. Auch der letzte, der unwissendste Arbeiter war darüber klar, daß man nicht zurück, sondern vorwärts müsse. Die Stimme eines einzigen entschlossenen Mannes, der seine Überzeugung, seine Existenz, den Ruhm seines ganzen Geschlechtes zu verteidigen entschlossen war, und der tausendstimmige Lärm einer tobenden Volksmenge erhoben jetzt das wunderlichste Duett, was ich je in meinem Leben gehört habe, ein Duett, welches bald dem Brausen eines Orkans, bald dem höhnischen Gelächter der Hölle und bald dem Jubel eines Haufens fröhlicher Kinder glich. Je mehr der Redner sich anstrengte, seine Worte bis zu den Ohren der Versammlung gelangen zu lassen, desto beleidigender suchte die Masse jede Silbe zu übertönen. Für ganze Minuten lang vernahm man auch nicht einen Laut des Sprechenden; nur an seinen wilden Gestikulationen sah man, daß er ununterbrochen in seiner Rede fortfuhr. Stunden waren schon verstrichen, und immer noch hatten Tausende den einen nicht ermüden können; es war, als wenn sich alle Beredsamkeit der Welt in diesen einen, letzten Aristokraten geflüchtet hätte. Die Sonne war untergegangen, immer dunkler wurde es über der tobenden Menge, und eine entsetzliche Schwüle schien selbst die Zunge des Lebendigsten zu lähmen – nur dem unglücklichen Ferrand wollte die Stimme nicht versagen. Da machte man den Versuch, ihn mit Gewalt von der Tribüne zu vertreiben; ein entsetzliches Drängen begann; dem Redner entschlüpften einige den Chartisten geltende ziemlich unhöfliche Worte – jetzt sollte und mußte er das Schlachtfeld räumen. Die Freunde, welche Herrn Ferrand auf der Tribüne umgaben, hielten den ersten Sturm aus, während der Redner selbst unbekümmert auf die Plattform donnerte und in seinem Zornergusse fortfuhr. Da folgte die zweite Attacke und ein solcher Lärm aller Lungen, aller Hände und Füße, daß ich nicht anders meinte, als daß Boden und Wände sofort ineinanderbrechen müßten. Die Wut des Redners und der Unwille der Versammlung hatten ihren Gipfel erreicht, ich fürchtete das Schlimmste – da versagte dem Sprechenden glücklicherweise endlich die Kraft; triefend von Schweiß, bleich wie der Tod, gelähmt an allen Gliedern stürzte der Arme zusammen – es war aus; einige der Nächststehenden schoben ihn durch das Fenster hinaus ins Freie. Dies war das letzte Meeting, welches vor der Abschaffung der Korngesetze außerhalb des Parlamentes gegen die verhaßtesten aller englischen Institutionen gehalten wurde. Die Protektionisten gaben sich verloren. Das Volk wollte den Untergang der Aristokratie, damit es hinfort einzig und allein mit der Mittelklasse zu tun habe. Wahrhaft dramatisch war der Schluß dieser größesten aller modernen Agitationen. Den Chartisten wurde dadurch Gelegenheit gegeben, ihren politischen Takt zu zeigen und den Beweis zu liefern, daß die Bemühungen eines O'Connor nicht an ihnen verloren waren. Der Moment der Abschaffung der Korngesetze geht schon so sehr in unsere Tage hinein, daß wir dieser flüchtigen Skizze wenig mehr hinzuzufügen haben. Erzählen wir indes noch zum Schluß das Resultat der letzten allgemeinen Parlamentswahl. Um so weniger dürfen wir dies vergessen, da wir die Chartisten bei diesem Ereignis sich in ihrer ganzen Reinheit erheben und mit einem glänzenden Siege ihre gewonnene Macht dokumentieren sahen. Vorher muß ich indes sowohl aus persönlichen Gründen als auch, wenn ich so sagen darf, der historischen Gerechtigkeit wegen meine Leser noch auf einige Männer aufmerksam machen, welche seit einer Reihe von Jahren mit seltner Aufopferung und mit wahrhaft gigantischem Fleiße den wilden O'Connor in seiner Arbeit, der Emanzipation des englischen Volkes, unterstützt haben. Es sind dies die Mitglieder des Chartisten-Komitees und außer den Herren Clark und Doyle namentlich die unermüdlichen: George Julian Harney, Ernest Jones und Philip McGrath. Harney, die Seele des »Northern Star«, Ernest Jones, der Demosthenes seiner Partei, und McGrath, der den Arbeitern teuerste Agitator. Ich halte es für meine Pflicht, diesen Männern vor allen andern den Zoll meines Dankes und meiner Bewunderung darzubringen, da sie, nicht geschmückt mit den Lorbeeren eines O'Connor, dennoch voll Uneigennützigkeit und ohne eine Spur jenes falschen, Zerwürfnisse stiftenden Ehrgeizes einer Sache dienten, deren Wichtigkeit sich im Laufe der Zeit unaufhaltsam allen Völkern Europas aufdrängen wird. Harney, der glänzende Redner, der ausgezeichnete Schriftsteller, war es, der dem unter Leitung dreier Deutscher, Schapper, Bauer und Moll, in London bestehenden deutschen Arbeiter-Klub zuerst als Engländer die Hand bot und dadurch unter britischen und deutschen Arbeitern jene feste Verbrüderung herbeiführte, die in der Gesellschaft der »Fraternal Democrats« ihr Zentrum gefunden. Jones, der ehemalige Göttinger Student, war es, der an deutscher Beredsamkeit vielleicht seinesgleichen in unserm Vaterlande sucht und der als englischer Redner neben Fox, Burke oder Brougham einen würdigen Platz einnehmen wird. Jones war es, der als der Beherrscher der zwei gewaltigsten Sprachen der Jetztzeit die tiefe deutsche Wissenschaft und die Fülle britischer Tatkraft redend zu vermitteln wußte und jenen großen Versammlungen der verbrüderten Demokraten vielleicht den höchsten Reiz verlieh. Mutig sehen wir alle diese Leute, ihren Führer O'Connor an der Spitze, in die Arena sprengen, als kaum vor einem Jahre, nach siebenjährigem Zwischenraume, sich alle Wähler Britanniens zu jenem großen Akte rüsteten, der dem Lande ein neues, volkstümlicheres Parlament geben sollte. Auf dem Markte zu Tiverton war es, wo Harney als Antagonist Lord Palmerstons sich erhob. Wahrlich nicht der unbedeutendste Gegner! Auf der einen Seite stand der einfache Chartist, dem Volke entsprossen und nur für das Volk wirkend. Auf der andern der berühmte Staatsmann, der gefeierte Aristokrat, der wahre Repräsentant der egoistischen, grausamen Politik Alt-Englands, vor der die Völker der halben Erde zittern. Ein Kampf entspann sich zwischen diesen beiden Rednern, welcher vom Morgen bis in die Nacht dauerte, und wenn es dem Chartisten auch nicht gelang, die Mehrzahl der Wahlstimmen zu erhalten, so hatte er wenigstens die Genugtuung, den edlen Lord nach einer vierstündigen Verteidigung nur mit einer höchst geringen Majorität siegen zu sehen und dadurch die Gewißheit zu erlangen, daß der große Staatsmann einem wiederkehrenden Sturme nicht mehr widerstehen können wird. Dasselbe Schauspiel entwickelte sich auf dem Markte zu Halifax zwischen dem Kanzler des Exchequer Sir Charles Wood und dem Demosthenes Ernest Jones. Wiederum kam die alte Politik nur mit einigen Stimmen in die Majorität, ein Sieg, der von einer Niederlage nicht viel verschieden war und einen solchen Schrecken durch das Land verbreitete, daß der alte Held O'Connor fast ohne Widerstand in Nottingham gewählt wurde und sich bald auf die erste Bank des Unterhauses setzen konnte. Dieser letzte Umstand setzte dem Erfolge der Chartisten die Krone auf, und mit kaum verhaltener Wut beeilten sich sämtliche Organe der Aristokratie wie der Mittelklasse, jedes in seiner Weise, dieses Ereignis zu betrauern. »Feargus«, sagte die »Daily News« am 9. Dezember 1847, »der sich wieder in das Haus der Commons gedrängt hat: Like a reappearing star, Like a glory from afar, sitzt nun auf der ersten Oppositionsbank. Rechts neben ihm Sir Robert Peel mit seinem zweideutigen Lächeln, links Sir James Graham mit seinem grimmigen Blick. An der einen Seite Lord George Bentinck mit seiner Anführermiene und an der andern Disraeli mit niedergeschlagenen Augen – da sitzt er, und er sieht aus wie der alte römische Gott Terminus, um zu zeigen, wo die eine Partei beginnt und wo die andere endet, oder wie ein Wächter, den man zwischen die Capulets und Montagues stellte, um den Frieden zu halten.« Oh, es war traurig für alle die hohen Aristokraten, den Führer der Demokratie in ihrer Mitte zu sehen; daß der Chartist Thomas Duncombe unter ihnen saß – nun, das machte nichts, man war leider daran gewöhnt! Aber O'Connor – Goddam! Der wilde Irländer saß und sitzt aber nun einmal in ihrer Mitte, um bald mit wahrhaft entsetzlicher Genauigkeit, mit wirklich beleidigender Schärfe die Interessen der Chartisten zu verteidigen und, bald alle Leiden des grünen Erins vor den Augen des entsetzten Parlamentes heraufzerrend, die Versammelten mehr zu plagen als weiland der selige O'Connell. Wird man seiner mahnenden Stimme gehorchen? Vielleicht ist es nötig, daß auch erst durch die Londoner Gassen der schreckliche Ruf »aux armes!« erklingt, um seinen Forderungen den richtigsten Nachdruck zu geben. XI Das englische Armenwesen Mit dem Aufhören der Leibeigenschaft und dem Beginn der sogenannten freien Arbeit entsteht in England jener Teil der Gesellschaft, welchen man heute gewöhnlich die arme Klasse nennt. Die Entwicklung des Handels und der Industrie hatte eine Menge Arbeiter aus den Ackerbaudistrikten in die immer mehr emporkommenden Städte gelockt, wo sich ihnen neben größerer Unabhängigkeit eine viel günstigere Gelegenheit des Erwerbes zu eröffnen schien. Viele prosperierten natürlich durch dieses Übersiedeln; andere indes, welche sich einer bisher ungewohnten Beschäftigung nicht gleich mit Erfolg hingeben konnten und auch nicht die Mittel besaßen, um unvorhergesehene Ereignisse wie Krankheiten, schlechte Geschäftskonjunkturen und die bald entstehende Konkurrenz unter den Arbeitern selbst siegreich überstehen zu können, gerieten schnell in den Zustand der gräßlichsten Hilflosigkeit. Bisher hatte der Herr willkürlich über seinen Sklaven verfügt – er hatte ihn dagegen auch unterhalten, wenn er krank und arbeitsunfähig wurde; jetzt, da der Leibeigene selbständig geworden, blieb er seiner eignen Energie und seinem guten Glücke überlassen, und wehe ihm, wenn dann seine Kraft im Kampfe versiegte! Es zeigte sich, daß dies nur gar zu häufig der Fall war; der Übergang von der Leibeigenschaft zur freien Arbeit, zur freien Konkurrenz forderte bald seine Opfer, und bei den Opfern des Überganges ist es denn auch nicht geblieben. Das erste eigentliche Ringen der englischen Arbeiterwelt fand ein weniger günstiges Terrain vor als das der Arbeiter in andern Ländern. Heinrich VIII., unter dessen Regierung sich dieser Kampf in England zuerst deutlicher zeigte, konfiszierte nämlich bei Einführung der Reformation sämtliche Klostergüter des Landes, so daß nicht allein etwa 50 000 Mönche, sondern auch noch ganze Scharen von Bettlern, die bisher von den Almosen der Geistlichkeit gelebt hatten, plötzlich in die Welt hinausgejagt wurden und dadurch wenigstens teilweise mit den kaum emanzipierten Arbeitern in Konkurrenz traten, die Arbeitslosen drückten und den Schwächern vor dem Stärkern im Kampfe der Konkurrenz weichen machten. Diese durch die Launen des Schicksals unverschuldet brotlos Gewordenen bildeten hinfort den einen Teil der englischen Armen. Der andere Teil entwickelte sich auf dem Wege, daß eine große Menge jener mit einem Male hinausgestoßenen Menschen entweder aus wirklicher Unfähigkeit oder aus Trägheit gerade das Gegenteil der ersten Hälfte tat, nämlich nichts weniger als Arbeit suchte, sondern ein herumschweifendes, vagabundierendes Leben einer industriellen Beschäftigung vorzog und dadurch in kurzer Zeit zu demselben Elende hinabsank, das bereits das Los der meisten Arbeitsamen geworden war. Genug, die arme Klasse war da. Das Aufhören der Leibeigenschaft, die Entwicklung des Handels und der Industrie, das Aufkommen der Mittelklasse, die Reformation – es folgte mit unwiderstehlicher Gewalt das eine dem andern, und im Taumel der freien Konkurrenz raste eine neue Gesellschaft der Zukunft entgegen, einer Zukunft, in der es bald zur Tagesordnung gehörte, daß Menschen zu Laster und Elend heruntersanken, mochten sie gearbeitet haben oder nicht. Heinrich VIII., der mit genialer Liederlichkeit alle Springfedern seines Reiches in Bewegung gesetzt hatte, beschäftigte sich auch schon früh damit, dem der freien Konkurrenz und der Einführung der Reformation gefolgten Unheile in kräftiger Weise zu steuern, und verfolgte Bettler und Vagabunden, welche in Haufen von 300 bis 400 Mann plündernd die Ortschaften des Landes durchzogen, mit unerbittlicher Strenge, so daß unter seiner Regierung nicht weniger als 72 000 große und kleine Diebe durch Henkershand ihren Tod fanden. Vor allen Dingen wollte man die Menschen zur Arbeit zwingen, weil man hierin das einzige Rettungsmittel erblickte. Jeder, der sich zu arbeiten weigerte, sollte mit einem glühenden Eisen das Zeichen ▼ auf die Brust gebrannt erhalten und für zwei Jahre der Leibeigene desjenigen sein, der den Müßiggänger anzeigte. Natürlich halfen solche Maßregeln nur sehr wenig; denn sobald sich durch die zur Arbeit gezwungenen Individuen die Anzahl der armen Vagabunden auf der einen Seite verringerte, so vergrößerte sich auf der andern zur selben Zeit die Zahl jener unglücklichen Arbeiter, welche durch die Konkurrenz eben jener plötzlich in den Markt der Arbeit geworfenen Menschenklasse entweder um die Hälfte oder um den ganzen Betrag des Erwerbes kamen. Die Armut eines großen Teiles der Bevölkerung blieb daher, auf verschiedene Weise entstanden, ihrer eigentlichen Bedeutung nach stets dieselbe. Zur Zeit der Königin Elisabeth, wo indes auch fast kein Jahr verging, in dem nicht wenigstens ein paar Hundert Vagabunden an diesem oder jenem Orte am Galgen starben, schien man endlich einzusehen, daß dem wachsenden Unheile auf dem Wege der Gewalt doch wohl nicht allein abzuhelfen sei, und da man einstweilen noch keine bessern Mittel wußte, so entschloß man sich, die einmal existierende, unbeschäftigte, unbemittelte, überflüssige Menschenklasse als solche anzuerkennen und sie auf Kosten der ganzen Gesellschaft zu unterhalten. Dies geschah durch den 43. Akt der Elisabeth, nach welchem der Gemeindeausschuß die nötige Taxe zur Unterstützung der Armen eines jeden Bezirkes zu erheben hatte, indem man dabei zum Grundsatze machte, daß nur die Arbeitsunfähigen ein direktes Almosen, die Arbeitsfähigen dagegen Beschäftigung erhalten sollten. Aus den bereits angeführten Gründen konnte diese letzte Klausel indes nie zur eigentlichen Ausführung kommen, und das Resultat dieses Aktes, wie aller spätern Zusätze, kam doch zuletzt wieder darauf hinaus, daß man an die Armen der Gemeinde wöchentlich eine Unterstützung in barem Gelde auszahlte. Hiermit schien dann endlich alle Not beseitigt zu sein, und heiter sangen die englischen Armen: »Hang sorrow! and cast away care! The parish is bound to find us.« Sir Morton Eden »State of the poor« vol. II. fo 448. – [G. W.] Und redlich hat die liebe Gemeinde denn auch ihre Armen unterhalten müssen, so daß es zuletzt gar Mode wurde, die schlechten Löhne aus der Armenkasse voll zu bezahlen, und daß nach einer im Jahre 1803 angestellten Untersuchung von 8 870 000 Einwohnern in England und Wales nicht weniger als 1 234 000 Personen Gemeindeunterstützung erhielten, also beinahe der siebente Teil von den Almosen der übrigen Bevölkerung mehr oder weniger lebte. Wenn man indes die Statistik des englischen Armenwesens durchgeht, so findet man, daß die Anzahl der Personen, welche unterstützt wurden, sich in den letzten 140 Jahren vor Abschaffung des alten Armengesetzes im Verhältnisse zu der wachsenden Einwohnerzahl eben nicht vergrößerte und daß ein Verhältnis von 1 zu 9 durchschnittlich das vorherrschende blieb. Man könnte hiernach denken, daß die Armut im Lande dieselbe geblieben und das ewige Geschrei, als habe das Elend in Großbritannien stets eine riesigere Gestalt angenommen, ein wenig übertrieben sei. Ein Blick auf die Tabelle der jährlich für Armenunterstützung ausgegebenen Summen zeigt aber auf der Stelle, daß letzteres dennoch der Fall war. Denn wie sich bis zum Jahre 1834 in einem gewissen Zeitraume die Summe der Bevölkerung und die Zahl der Personen, welche unterstützt wurden, nur gleichmäßig verdoppelte, so hat sich der Geldbetrag der zur Unterstützung der Armen erhobenen Taxe in derselben Zeit verachtfacht. Es liegt also auf der Hand, daß das Elend in England sich zwar nicht, wenn wir so sagen dürfen, in quantitativer, wohl aber in qualitativer Weise vergrößerte, daß zwar nicht die Zahl der leidenden Personen, wohl aber das Leid der Personen mit jedem Jahre stieg, und daß es stieg in einer Art, daß die nur um das Doppelte größer gewordene Zahl der Notleidenden wie gesagt einen achtmal größern Unterstützungsfonds erforderte. Es ist hier nicht der Ort, allen Ursachen dieses wachsenden Jammers nachzuspüren; vielleicht ist auch hin und wieder nur eine übertriebene Mildtätigkeit des unterstützenden Gemeindeausschusses oder die Kostspieligkeit eines häufigen Experimentierens mit dem System der Unterstützung oder der Fluch eines langen Krieges schuld an der stets größer werdenden Taxe gewesen. Unwillkürlich springt aber jedem in die Augen, daß der gewiß einzige Hauptgrund jener Erscheinung wiederum nur in der Entwicklung der Industrie zu suchen ist. Wie die Entwicklung der Industrie den ersten Anstoß zum Entstehen der »armen Klasse« gab, so ist sie auch die Ursache gewesen, daß sich das Elend dieser Klasse stets entschiedener und schärfer gestaltete. Rasch nacheinander folgten in den Jahren von 1764 bis 1784 jene großen Erfindungen eines James Watt, eines Hargreaves, eines Arkwright, eines Cartwright und eines Crompton; alle Ecken und Winkel des Königreiches füllten sich mit Werkstätten und Fabriken; die Bevölkerung der Städte reichte bald nicht mehr hin, um das Schafott der Industrie mit Opfern zu versehen; die Ackerbaudistrikte lieferten aufs neue ihre Menschen, und wie der Fabrikant sich der Aussicht auf unendlichen Gewinn hingab und mit jedem Tage seine Etablissements vergrößerte, so überließ sich auch der Arbeiter der süßen Hoffnung, daß er stets Brot für eine junge Familie finden werde, und trug das Seinige zur Vergrößerung der immer mehr wachsenden Population bei. Beide konnten dies noch in gutem Vertrauen tun, da ja noch die ganze Welt als Markt vor ihnen lag, auf dem niemand mit der Energie und dem Talente der englischen Industriellen zu konkurrieren vermochte. Doch wie die Produktion, bis zum Kolossalsten gesteigert, endlich alle Magazine daheim und da draußen mit Waren aller Art gefüllt hatte, für die der Absatz plötzlich stockte, als es so weit gekommen war, daß die Produktion den Verbrauch im eigentlichsten Sinne des Wortes überflügelte, als die Fabriken zum Stillstand kamen und nicht allein dadurch die Arbeiter außer Beschäftigung und Brot geworfen wurden, sondern auch auf der einmal betretenen Bahn der Erfindungen immer neue Maschinen die Arbeit vereinfachten und die Hände der Menschen immer unnötiger machten, da brach das Elend wilder als je vorher über die Hütten der arbeitenden Klasse herein, und Tausende von Unglücklichen, durch übertriebene Arbeit an Geist und Körper entnervt und zerrüttet, waren gezwungen, die Hände in den Schoß zu legen, preisgegeben dem Elende, dem Hunger, der Verzweiflung. Es ist daher nicht zu verwundern, daß die mit dem Armenwesen beauftragten Gemeindevorstände nach und nach eine stets größere Armentaxe ausheben mußten, wenn man nicht fürchten wollte, das Eigentum der Besitzenden in offene Gefahr zu bringen. Die folgende Tabelle zeigt, in welcher Weise dies geschah, und da es jedenfalls interessant ist, sich davon zu überzeugen, daß diese Taxe in demselben Maße hinaufgeschraubt werden mußte, je mehr sich die englische Industrie entwickelte, so haben wir neben der Summe der englischen Armentaxe die stets wachsende Einfuhr der rohen Baumwolle angeführt, weil dieser Artikel vor allen andern eine Rolle in England spielt und am besten zeigt, welchen Aufschwung die Industrie in den verschiedenen Jahren nahm. Wegen der Richtigkeit unsrer Zahlenangaben verweisen wir auf Porters »Progress of the Nation«, Capt. VII, fo 356, »Poor Rates« und »Statistical Account of the British Empire – Export and Import of Cotton« von J. R. McCulloch. Jahre Summe der Armentaxe Pfund Sterling Jahre Summe der Einfuhr von Baumwolle Pfund     1697 1 976 359     1776 1 694 458   1784 11 482 083     1784 2 1671 48   1793 19 040 929     1803 5 302 070   1800 56 010 732     1812 8 865 838   1810 132 488 935     1821 8 334 813   1820 151 672 655     1831 8 339 087   1830 263 961 452     1834 8 289 348   1834 326 875 425     Die Verminderung der Taxe von 1812 bis 1821 usw. ist nur scheinbar, wenn man in Anschlag bringt, daß seit 1816 die Friedenszeit eintrat. Diese über acht Millionen Pfund Sterling große jährliche Armentaxe erschreckte die besitzenden Klassen in England zuletzt aufs heftigste; man fragte sich allgemein, was daraus werden solle, und kam endlich zu dem Entschlusse, die Sache auf irgendeine Weise zu ändern, damit man nicht auf die Dauer im eigentlichsten Sinne des Wortes von den Armen aufgefressen werde. Im Jahre 1834 brachte man daher den Poor-Law-Amendment-Act in das Haus der Commons, dessen Hauptpunkte die sind, daß in Zukunft keine Unterstützung in barem Gelde an die Armen verabreicht werden dürfe, sondern daß dies in Naturalien geschehen solle, und daß zweitens, solange es die dazu getroffenen Einrichtungen erlauben, sich die der Unterstützung Bedürftigen in Arbeitshäuser zu begeben haben, wo sie unter gewissen Regeln und Gesetzen eine gewisse Zeit verweilen und auf Kosten der übrigen Gesellschaft leben dürfen. Diese Bill passierte am 1. Juli 1834 mit 187 gegen 52 Stimmen, und es ist seitdem wohl mehr dafür und dagegen geschrieben und gesprochen worden als für oder gegen irgendein anderes Gesetz – die Corn Laws ausgenommen. Was man dem neuen Gesetze namentlich vorwirft, ist, daß es aus der Mildtätigkeit eine Strafe macht, indem die Einrichtung der Arbeitshäuser der Art ist, daß jeder Unglückliche durch dieselbe abgeschreckt wird, die Schwelle jener Häuser überhaupt zu betreten. Vollständiges Gefangensein, Trennung von Weib und Kind, Beschäftigung durch die Tretmühle, schmale und oft sehr schlechte Kost usw., alles dies ist keineswegs lockend; und wenn man bedenkt, daß die meisten der englischen Armen unglückliche Arbeiter sind, die sich vielleicht ihr ganzes Leben hindurch vom Morgen bis zum Abend redlich plagten und etwa nur durch schlechte Geschäftszeiten, durch ein Stillstehen der Fabriken außer Arbeit und Brot kamen, so muß man gestehen, daß eine große Lieblosigkeit dazu gehört, wenn dann eines solchen Unglücklichen durch Arbeitshäuser beschriebener Art gespottet wird. Aber darum handelte es sich ja auch bei der Durchsetzung der Amendment Bill nicht; die Hauptsache war, daß die Armentaxe in Zukunft kleiner werde, und dies gelang auch gleich von vornherein; denn wenn man die »Poor Rates« von 1834 mit denen von 1837 vergleicht, so stellt sich heraus, daß sich in diesen drei Jahren die Abgabe zugunsten der Taxenzahler um 26¾ Prozent besserte, ein Resultat, was sich indes seitdem wieder etwas verschlechtert hat. Das Streben gegen das Gesetz hat indes seitdem nicht nachgelassen, und mit unerbittlicher Strenge wird bis auf den heutigen Tag jede Tatsache ans Licht gebracht, welche die Urheber der Amendment Bill von der Grausamkeit der neuen Einrichtung überzeugen kann. Es ist zu weitläuftig, um hier auf diesen ganzen Kampf einzugehen; vor allem hat sich die Londoner Zeitung, die »Times«, darin ausgezeichnet, welche seit einer Reihe von Jahren keinen Augenblick vorübergehen läßt, um eine Änderung des ganzen jetzigen Armenwesens in Vorschlag zu bringen, und welche namentlich in den Ereignissen im Andover Armenhause aufs neue eine Gelegenheit fand, das jetzige System von Grund aus zu verdammen. Ein Artikel in der »Times« vom 6. März 1846 gab eine kurze Schilderung dieser Ereignisse und zeigt zu gleicher Zeit, in welcher Weise die Gegner der Amendment Bill ihre Sache zu führen wissen. Wir geben ihn hier übersetzt: »In der Mitte großer, allgemeiner Prosperität, gerade in einem Augenblick, wo zufälligerweise alle Parteien zufrieden sind und wo das Land von Reichtum und Unternehmungsgeist übersprudelt, enthüllt sich uns plötzlich eine Szene des Schreckens ohnegleichen in unserm wie in allen andern Ländern, und hinreichend, um einen Schatten über alles zu werfen, was wir genießen, und noch mehr über alles, was wir hoffen. Ein Arbeitshaus wird entdeckt, dessen Bewohner, während sie die mühsamsten aller Arbeiten verrichten müssen, so spärlich und jämmerlich gefüttert werden, daß viele unter ihnen es sich zur täglichen Gewohnheit gemacht haben, das faule Mark aus den Knochen zu saugen, die man ihnen zum Zermahlen gab, und gierig die schwarzen eiternden Fasern abzunagen. Ein peinigender, unnatürlicher Hunger macht Halbverfaultes schmackhaft und läßt die armen Kreaturen sich schlagen und bestehlen um eine abscheuliche Speise, welche selbst Hunde nicht anrühren würden, nein, und welche Hunde wirklich bereits liegen ließen. Fuder von Pferdeknochen aus den benachbarten Schindergruben, welche die Hunde bereits abgenagt hatten, bis sie nicht länger nagen wollten, die dann monatelang aufgehäuft lagen, bis sie eine Masse der Verwesung waren, diese wurden in das Vereins-Arbeitshaus transportiert, die Luft mit Gestank erfüllend, so daß, wie uns versichert wird, die an der Straßenseite wohnenden Leute ihre Türen verschließen mußten, wenn der scheußliche Transport vorüberkam. Diese Pferdeknochen wurden dann mit ganzen Ladungen menschlicher Gebeine aus dem nahen Kirchhof zusammengeworfen, dessen enge und gedrängte Stätte noch mehr zusammengeschoben werden mußte, um den Grund zu einer neuen Kirche legen zu können. Die Unglücklichen, welche eine solche schauderhafte Masse, die Reste der Beinhäuser und Schindergruben, bearbeiten sollen, sind so vom Hunger gepeinigt, so von ihrer Lage verwildert, daß sie, anstatt bei dem Material ihrer Arbeit krank zu werden, darüber herfallen, um sich daran zu sättigen, daß sie die Knochen aussuchen, wählerisch und kundig darin werden, einen Knochen mit viel von dem, was früher Mark war, unterscheiden, ihn ergreifen, sich darum prügeln, ihn verbergen, heimlich genießen und kaum zu dem allgemeinen Haufen zurückbringen. Und dies sind keine Verbrecher, nicht einmal eines Verbrechens Verdächtige; es sind bloß Unglückliche. Es sind Leute, welche bessere Tage gesehen haben, von denen manche einst begütert waren. Das Haus, worin diese Dinge vor sich gehen, ist ein neuerbautes, errichtet unter einem neuen Gesetze, unter einem energischen, schwungkräftigen Systeme. Die Hauptvorsteher desselben sind Beamte, in naher Verbindung mit den Räten der Königin und namentlich mit dem Minister des Innern. Die mehr unmittelbaren Verwalter bestehen aus einem Verwaltungsrate von Gentlemen, von Geistlichen und reichen Pächtern. Auch ist dies nicht die einzige ans Licht gekommene Scheußlichkeit jenes Arbeitshauses; die von der öffentlichen Mildtätigkeit Begünstigten sind zu gleicher Zeit ausgehungert und verderbt, und wenn man nur den zehnten Teil von der Zeugenaussage glauben will, so hält der Verwalter des Arbeitshauses abwechselnd die Lebensmittel zurück, um einen eignen guten Gewinn zu machen, und verschwendet sie wiederum an die Bewohner des Armenhauses, um einer niedrigen Lust zu frönen usw.« Wir brechen ab; wir glauben, daß die Probe aus einem der ersten Blätter der Welt, aus der »Times«, hinreichen wird, um eine Illustration der englischen Arbeitshäuser zu geben und den Zorn zu rechtfertigen, mit dem der Arbeiter auf die Workhouses sieht, auf die von ihm sogenannten »Armen-Bastillen« und auf die Leiter des Systems, »die drei Teufelskönige von Somersethouse«. XII Geschichte der englischen Handelskrisen von 1810 bis 1848 Als in den letzten Monaten des vorigen Jahres, zu einer für die Eröffnung des Parlamentes ganz ungewohnten Zeit, die Redner des Unterhauses zusammentrafen, um über die Lage des Landes und jene schreckliche Krise zu debattieren, die vom Monat August bis zum November und Dezember nicht allein die ersten Handlungshäuser der Welt zum Fallen brachte, sondern auch Elend und Entsetzen bis in die letzten Hütten hinunter verbreiteten – da erhob sich der gewaltige Sir Robert Peel von seinem Sitze und schloß einen Vortrag, in dem er die Unabwendbarkeit solcher Ereignisse nachwies, mit den Worten: »So in 1784, in 1793, in 1810, in 1826, in 1836 und in 1839 findet ihr dieselbe Ursache solcher Krisen: Prosperität, bei einem niedrigen Zinsfuße zu Spekulationen und immensen Unternehmungen führend, die, wenn sie die Probe eines metallischen Standard aushalten sollten, zusammenstürzten und Geschäftsstockung und Elend unvermeidlich machten. Dieselbe Ursache wirkte auch bei der jetzigen Krise.« Die kurze, trockene Weise, wie Sir Robert die Sache erklärt, und die nur gar zu sehr an jene witzige Bemerkung eines Engländers erinnert, daß das ehrenwerte Mitglied für Tamworth alles und jedes, den Großmogul wie Karl den Großen und den Hannibal auf Pfund, Schilling und Pence reduzieren möchte – hat nichtsdestoweniger manches für sich. Es geht den großen Kaufleuten wie den kleinen Kindern; wenn Kinder einige Groschen zum Geschenk erhalten, da möchten sie gern die halbe Welt dafür kaufen, und wenn Kaufleute bei niedrigem Zinsfuße und flottem Kredit größere Summen als sonst zu erhalten wissen, da sticht sie auch nur zu häufig der Hafer, und sie ruhen nicht eher, als bis sie irgendein Unfall wieder zu ruhigem Besinnen zurückgebracht hat. Halten wir indes außer der von Sir Robert angegebenen, allen Handelskrisen zugrunde liegenden Wahrheit auch noch die Ursachen fest, welche nicht weniger als diese zum Entstehen von Erscheinungen beitragen, wie wir sie in diesem Abschnitte zu schildern suchen werden. Die Krisen von 1784 und 1793, welche Sir Robert Peel erwähnt, liegen uns zu fern, und alle Weltverhältnisse haben sich seitdem zu sehr geändert, als daß es interessant wäre, noch einmal darauf zurückzukommen. Gehen wir gleich zu den Ereignissen von 1810 über. Die englische Industrie hatte zu jener Epoche die ersten Stadien ihrer Entwicklung durchlaufen und stand in der ganzen Blüte ihrer Entfaltung vor den Augen der erstaunten Welt da. Der Krieg mit Frankreich, den die englische Aristokratie aus politischen Gründen aufs hartnäckigste verfolgte, war für die Bourgeoisie nicht weniger wünschenswert gewesen, da die Engländer dadurch die Herren aller Meere wurden und für ihre Fabrikate ein unbedingtes Monopol auf allen asiatischen und amerikanischen Märkten erhielten. Mochte die Zerrüttung der Geldverhältnisse infolge der enormen Kriegsausgaben noch so groß sein, die energische Hand eines Pitt hatte durch die Bankerleichterungen von 1793 dem Handel neue Mittel zum Betrieb aller Produktionskräfte zu verschaffen gewußt, und mit jedem Jahre konnte der Unternehmungsgeist kräftiger seine Schwingen rühren. Lange ging dies gut. Im Jahre 1810 geriet der so hastig betriebene Verkehr zuerst in Verwirrung. Alle Märkte der Welt waren zum ersten Male mit Waren überfüllt, von denen nur mit Schaden und in geringen Quantitäten zu verkaufen war. Je mehr die Industriellen ihre Etablissements in Schwung gebracht hatten, desto mehr mußte ihnen daran gelegen sein, ihre Fonds rasch zu neuen Unternehmungen zurückfließen zu sehen. Dies wurde bei der Überfüllung aller Märkte aber zur Unmöglichkeit und brachte namentlich deswegen sofort die entsetzlichsten Störungen hervor, da auch für die gegen Manufakturwaren als Bezahlung erhaltenen Retouren von Kolonialartikeln, durch den infolge der Kontinentalsperre unterbrochenen Verkehr nach dem europäischen Festlande, der Absatz fehlte. Von unverkäuflichen Manufakturartikeln in den Kolonien und von Kolonialwaren daheim überladen, geriet daher der Handel ins Stocken. Dem Kredit, den man zu niedrigen Zinsen bedeutend in Anspruch genommen, wußte man nur spärlich bei Verfall der verschiedenen Posten mit barem Gelde zu begegnen. Mißtrauen entstand unter den Eignern von Fonds. Mit jedem Augenblicke zogen sich die Bankiers schüchterner aus dem Markte zurück, der nötigsten Summen wegen wurden Verkäufe von Waren zu den niedrigsten Preisen erzwungen, Verluste reihten sich an Verluste, und der Sturz einiger großer Häuser zog sofort eine Masse kleinerer mit sich – das Geschäft hatte ein Ende, die erste große Krise des 19. Jahrhunderts war gekommen! Der aus der Leichtigkeit der Kreditbenutzung hervorgegangene Unternehmungsgeist fand seine Grenze an der eignen Extravaganz. Lange Zeit dauerte es, ehe man sich von diesem Stoß erholte; erst im Jahre 1824/25 schien man alle Verluste verschmerzt und vergessen zu haben. Wiederum waren die Mittel der Spekulation fast einem jeden zugänglich geworden, und schnell profitierte man davon, um nach allen Richtungen hin und in allen möglichen Artikeln Unternehmungen zu machen. Spekulationen in Kolonialprodukten und in allen rohen Materialien für Manufakturen wechselten mit Errichtungen von Compagnien für alle erdenklichen Zwecke, von Dampfwäschereien und Viehzucht an bis zum Versuchen, um aus Irland ein Seide produzierendes Land zu machen und die See mit Dampfbooten zu bedecken. Der kühnste Flug der Spekulation geschah aber über den Atlantischen Ozean hinüber, indem man enorme Fonds in mittel- und südamerikanischen Bergwerken anlegte. Es ist unmöglich nachzurechnen, wie groß die Summe des in dieser Richtung verschleuderten Kapitals ist. Huskisson, damaliger Premier von England, hielt einen sehr ausführlichen Vortrag über diesen Gegenstand und schätzte den reinen Verlust bei diesen Unternehmungen auf 4 bis 5 Millionen Pfund. Der Engländer, der, wie man einst sehr richtig bemerkte, nie unglücklicher ist, als wenn er nicht weiß, was er mit seinem Gelde anfangen soll, hatte sich wieder einmal verleiten lassen, über die Schnur zu hauen. Wie er sich in 1810 zu übermäßigen Spekulationen in dem Produkt seiner Fabriken hinreißen ließ, so hatte er jetzt ein verkehrtes Spiel in Bergwerksunternehmungen getrieben und wurde dafür in derselben Weise bestraft wie damals. Das Jahr 1825 mit einer ebenso entsetzlichen Krise wurde ein zweites 1810. Die dann folgende kommerzielle Schreckenszeit war in 1836. Diese Krise glich der von 1825 fast in allen Punkten und unterschied sich nur durch den Umstand, daß diesmal die Hauptspekulation nicht nach Süd-, sondern nach Nordamerika geschah, wo sie nicht nur in dem Absatz von Fabrikaten, sondern namentlich in der Anlage von Kanälen und Eisenbahnen ein den Engländern wahrhaft ruinöses Feld fand. Zu Hause machte sich in jener Epoche der Unternehmungsgeist in der Errichtung von Joint-Stock-Banks, in der Anlage neuer Stadtviertel, Parks usw. Luft, und die ganze Spekulation, nachdem sie den Gipfel des Unerhörten erreicht hatte, brach dann auch, wie Sir Robert Peel sagt, zusammen, als die immensen engagements came to be tried by the test of a metallic Standard. Nach dem Jahre 1836 kam die unglückliche Epoche von 1839 oder besser von 1841 an die Reihe, welche so sehr die Folge von übertriebenen Manufakturspekulationen war, daß dem in den vorhergehenden Jahren stets gesteigerten Export plötzlich im Jahre 1842 ein Ausfall von ungefähr vier Millionen im Werte der Ausfuhr von Manufakturwaren folgte, was mehr als alles andere die Leiden jener Zeit erklärt. So hatten im Jahre 1810, 1825, 1836 und 1842 dieselben Ursachen dasselbe Resultat herbeigeführt. Große Prosperität und allgemeines Vertrauen ließen die Eigner von Fonds im Darlehen ihrer Kapitalien an Industrielle und Spekulanten miteinander konkurrieren, woraus ein Fallen des Diskontos entstand, was zu Unternehmungen Veranlassung gab, die bald die Straße des gewöhnlichen Geschäftes verließen, um zuletzt in solche Extravaganzen auszuarten, daß eine Reaktion des Vertrauens und des Kredits eintrat und schließlich eine Katastrophe herbeigeführt wurde, welche groß und klein zu Boden riß. »Macht eure Gesetze in betreff des Handel- und Geldwesens«, rief Lord John Russell vor kurzem aus, »wie ihr wollt, – wenn der dem Kapital gegebene Umschwung eine Epoche der Prosperität herbeigeführt hat, so wird auf dieser Prosperität auch sofort ein solches Gebäude trügerischen Kredits aufgeführt, daß es zuletzt nur des geringsten Ereignisses bedarf, um dies Gebäude zu erschüttern und es im Nu zusammenstürzen zu lassen.« Eine Krise, größer und verwickelter als alle, die wir eben skizzierten, fällt in unsere Tage. Das Jahr 1847 brachte sie uns, und mancher wird sich ihrer noch in der Zukunft erinnern. Mit einer wahren Liebe haben wir sie in ihrer Entstehung, in ihrer Entwicklung und ihrer Katastrophe an Ort und Stelle beobachtet. Es sollte uns freuen, wenn es gelänge, ein treues Bild davon zu entwerfen. Stellen wir vor allen Dingen die Hauptpunkte ihrer Natur fest. Es sind deren fünf. Die Krise von 1847 entstand durch: Eisenbahnspekulationen, schlechte Ernten, Freihandelsmaßregeln, Bankrestriktionen und – irisches Elend. Nehmen wir sie der Reihe nach durch. England sandte seine Schiffe nach China. »Kauft unser Opium, kauft unsere Kalikos, oder ihr seid des Todes!« Mit diesen Worten klopfte man an die Pforten des himmlischen Reiches; die Broadsides der Fregatten brummten vernehmlich mit, und die Riegel des Eldorado sprangen. Der englischen Industrie und dem englischen Handel war ein neuer Markt eröffnet. Getrieben durch den eigenen Durst nach Gold und durch die Notwendigkeit, ihren Arbeitern Beschäftigung geben zu müssen, warf sich die Schar der Fabrikanten mit gewöhnlicher Wut auf diese neue Gegend des Absatzes. Schiffe auf Schiffe stechen von Liverpool in See, Flotten auf Flotten schwanken um das Kap, und alles wälzt sich hinüber nach Kanton, dem Ort aller Wünsche, aller Hoffnungen. Die ersten Sendungen werden mit enormem Nutzen verkauft; jeder will von dem glücklichen Erfolge der britischen Waffen profitieren; wer noch keine Fabrik hat, er läßt eine bauen, und die Dampfkraft in England vergrößert sich in vier Jahren um 25 Prozent. Die Industriellen Manchesters wälzen sich im Golde – da ist es vorbei. Die Zufuhr hat endlich die Nachfrage überflügelt, der Absatz stockt – was ist zu tun? »Was sollen wir mit unsern Kapitalien anfangen?« schreien die Kapitalisten. »Was sollen wir mit dem verdienten Gelde anfangen?« schreien die Industriellen. »Laßt uns Eisenbahnen bauen!« Es geschieht. Die Kapitalien, die noch eben nach China und Indien hinüberspielten, sie werfen sich plötzlich auf den Boden der Heimat. Lustig hatte hier bereits der inländische Spekulant gewirtschaftet. Im Jahre 1840 1300 Meilen Eisenbahnen in Betrieb; im Jahre 1841 1500 Meilen; im Jahre 1843 steigert sich die Summe auf 1800 Meilen, und im Jahre 1845 kommen 300 neue Meilen hinzu. Da treten die Matadore des chinesischen Handels in den Markt, und das Parlament bewilligt den Bau von weitern 1800 Meilen, so daß bis Ende Dezember 1845 ein Total von 5300 Meilen vollendet, im Bau begriffen und projektiert anzunehmen war. Die Masse staunt über solche Unternehmungen. Jeder glaubt, daß man ungemein dabei profitieren könne, denn sonst begreift ja niemand, wie sich die reichsten und ersten Häuser darauf einlassen mögen. Jeder will sich an diesen Spekulationen beteiligen; die Lust an den neuen Unternehmungen wird allgemein. Zu Spekulationen in Waren, in Fabrikaten und ähnlichen Dingen gehören Kenntnisse, die mancher nicht besitzt. Ein Eisenbahngeschäft ist jedem zugänglich: ein Fetzen Papier, eine Unterschrift und ein wenig Kredit, das reicht hin, um Geschäfte in die Tausende hinein zu machen, und gerade wie weiland bei den Tulpenschwindeleien in Holland, wie bei den Spekulationen Laws und bei den Ereignissen von 1825 stürzen sich bald Fabrikanten, Kapitalisten, Geistliche, Advokaten, Doktoren, Bürger und Bauern, kurz, es stürzt sich fast die ganze Bevölkerung Alt-Englands blindlings hinein in diesen Taumel der Spekulation, in diesen Sturm nach Gewinn, nach Verdienst, nach unendlichem Reichtum. In der Parlamentssession von 1846 gibt man der allgemeinen Wut nach und bewilligt zu den bereits bestehenden und projektierten Bahnen noch fernere 4000 Meilen, so daß sich bald die Totalsumme auf 9300 Meilen beläuft. Hiermit ist man indes keineswegs zufrieden; während die Hälfte, ja vielleicht nur ein Drittel der projektierten Bahnen im Parlamente diskutiert werden kann, haben die erfinderischen Köpfe der Spekulanten Hunderte von neuen Linien entworfen; man unternimmt fünf Bahnen auf einmal nach demselben Orte; es handelt sich ja nicht mehr darum, daß sie einst wirklich gebaut werden, nein, bis zu dem Augenblicke, wo sie geradeswegs vom Parlamente zurückgewiesen werden, sollen sie nur Gelegenheit zu Käufen und Verkäufen bieten. Jeder meint, bis dahin noch daran verdienen zu können; niemand glaubt, daß er vielleicht an seinen Aktien hängenbleibe. Unaufhaltsam wälzt sich daher der ganze Schwindel seiner Katastrophe entgegen. In London sitzen hundert Zeugen für eine Bahn und hundert Zeugen dagegen in einem und demselben Wirtshause; sie ziehen die Sache in die Länge, verdienen 5 Pfund Sterling jeden Tag dafür und freuen sich ihres Lebens. In Manchester debattiert man im Dezember bei dem größten Schneegestöber auf offner Straße bis 11 Uhr nachts über eine Bahn, deren Bau ein wirklicher Wahnsinn gewesen wäre. In Leeds muß der Platz vor der Börse durch die Polizei im eigentlichsten Sinne des Wortes von Spekulanten gereinigt werden, damit die Post passieren kann. So geht es an fast allen großen und kleinen Orten. Man weiß zuletzt gar nicht mehr, wie groß die Summe aller Unternehmungen ist. Ein Mensch, der früher Direktor einer einzigen Bahn war, er ist plötzlich Direktor von sechs, acht und noch mehreren. Niemand kann oder will zuletzt mehr Rechenschaft über das Vorgefallene ablegen. Da unternimmt die »Times« diese Herkulesarbeit – man zählt die Summe sämtlicher Spekulationen zusammen, und es findet sich, daß man bis zu dem fast unglaublichen Betrage von 600 Millionen Pfund Sterling fortgeschritten ist. Die Sache hatte ihren Gipfel erreicht; sie sollte bald zusammenbrechen. In London hatten die Direktoren der Bank von England schon am 16. Oktober 1845 der Handelswelt eröffnet, daß das Minimum des Diskontos in Zukunft 3 Prozent sein würde. Für den Augenblick hatte dies einen wahren Schrecken in der City verbreitet; denn an seiner Bank hängt der Engländer mit einem wirklichen Aberglauben. »Die Direktoren haben kein Vertrauen mehr in die Geschichte«, hieß es, »sie wollen der Spekulation den Zügel anhängen, bald wird alles vorbei sein – sauve qui peut!« Viele Spekulanten waren indessen anderer Meinung. »Was macht es, wenn das Geld auch ½ Prozent teurer wird?« sagten sie. »Verdienen wir nicht bei jeder Spekulation unsere 30 bis 40 Prozent?« Sie hatten nicht ganz unrecht. Die besonnenen Kaufleute blieben aber bei ihrer Meinung, und wunderbar schön entwickelte sich jetzt bald jene entsetzliche Krisis, die wir gegen den Oktober 1847 endlich in ihrer ganzen Blüte zu bewundern hatten. Das Erhöhen des Diskontos der Bank von England als Wendepunkt der Spekulation festhaltend, fingen nämlich die übrigen Kapitalisten an, dem gegebenen Beispiel zu folgen. Kam jemand, der bares Geld verlangte, sei es für den Betrieb seines regulären Geschäftes, für Einzahlungen im Bau begriffener Bahnen oder für die in manchen Fällen bis zu 20 000 Pfund sich belaufenden Kosten eines vor das Parlament gebrachten Eisenbahnplanes, so schnürten sie unwillkürlich ihre Beutel etwas fester zu. Die Unbehaglichkeit, welche die Maßregel vom 16. Oktober mit sich gebracht hatte, verwandelte sich durch diese Hartnäckigkeit der Privatbanken allmählich in Mißtrauen; das Mißtrauen verwandelte sich in Furcht; der Schrecken des 16. Oktober wiederholt sich plötzlich; nach kurzer Unterbrechung entsteht derselbe Lärm, dieselbe Angst; es ist mit einem Male, als ob alles Vertrauen aus dem Handel verschwunden wäre, und hinunter purzelt der Kurs aller Aktien mit einer solchen Schnelligkeit, so unerwartet, so unvorhergesehen, daß Tausende von Menschen, die noch eben im Gefühle des Reichtums und der Wohlbehäbigkeit auf die Börse stolzierten, als Bettler wieder nach Hause zurückkehren. – Übergehen wir den Jammer, den diese plötzliche Wendung der Dinge für einen großen Teil der Bevölkerung mit sich brachte; er hat auf die fernere Gestaltung der englischen Verhältnisse auch nur momentanen Einfluß; einzelne Individuen sind hart getroffen, dem Ganzen schadet es wenig, das Geld hat nur seine Besitzer gewechselt. Auch die Summen, welche man für die im Bau begriffenen Bahnen in die Erde steckt, machen das Land nicht unglücklich; der Lohn wird dem Arbeiter ausbezahlt; der Arbeiter trägt sein Geld zum Krämer, der Krämer übermacht es dem Händler, der Händler dem Fabrikanten, der Fabrikant dem Bankier, und so fließt es zu jener Quelle zurück, aus der es ursprünglich heraussprudelte. Aber, so fragt man sich mit vollem Recht, wo bleiben denn eigentlich die schlimmen Folgen der ganzen Spekulation? Nichts ist leichter zu beantworten. Es bleibt das Mißtrauen, jawohl, das Mißtrauen. Der Kredit bleibt erschüttert, das Vertrauen ist untergraben, der Handel ist gelähmt. Nur mit Entsetzen streckt ein Bankier Geld an jemanden vor, von dem er weiß, daß er einst in Eisenbahnen spekulierte; nur mit Schrecken und Grausen diskontiert er einen Wechsel desjenigen, der in der unseligen Schwindelei verwickelt war. Je mehr man auf die Börsen der Geldaristokratie losstürzt, desto fester verschließen sie sich. Mit dem steigenden Diskonto, dem Barometer aller Handelsglückseligkeit, steigt die Not, steigt die Verzweiflung; sie erreicht ihren Gipfel, als die ersten Handlungshäuser Londons 20 Prozent Zinsen bezahlen müssen. – Soweit die Eisenbahnspekulation. Besprechen wir jetzt die zwei fernern Hauptmomente der neuern englischen Geschichte: die schlechte Ernte und die Freihandelsmaßregeln. Sie sind zu sehr ineinander verkettet, als daß wir sie einzeln behandeln möchten. Wie wir die Entwicklung des Eisenbahnwesens an dem chinesischen Krieg anzuknüpfen wagten, so glauben wir mit noch viel größerm Recht, die schlechten Ernten von 1845 und 1846 mit der Anti-Corn-Law-League in Verbindung bringen zu können. Diese merkwürdigste aller modernen Assoziationen entstand, wie wir bereits früher erzählten, im September 1838. Sie zählte damals 15 bis 20 Mitglieder – nach Verlauf von 7 Jahren mehrere Millionen. Ihre Organisation, ihre Pläne, ihre wahrhaft gigantischen Anstrengungen sind der Welt noch in zu lebhaftem Gedächtnisse, als daß wir weiter darauf zurückzukommen brauchten. Mit jedem Tage hatte die League Terrain erobert, ein Parlamentsmitglied nach dem andern wurde für die Sache gewonnen. Da kam der Herbst 1845. Ein beunruhigendes Gerücht verbreitete sich plötzlich im Lande; es hieß, die Kartoffelernte sei in Irland mißraten; man stutzte, man untersuchte die eignen Felder, man fand, daß es in England nicht besser aussah, und man erschrak fast, als auch vom Kontinent sehr ungünstige Nachrichten herüberklangen. Gewandt und keck packte die League diesen Umstand auf. »Was soll jetzt aus dem Volke, aus den Arbeitern werden, wenn man die Getreidezölle nicht abschafft?« – so rief man von allen Seiten. Mr. Bright dozierte in Manchester; Cobden durchreiste Yorkshire; Wilson agitierte in Birmingham; der Colonel Thompson in London; alle Freihandelsmänner waren auf den Beinen. Die herannahende Not unterstützte ihre Argumente; Siege folgten auf Siege. Bald war das ganze Land in Alarm; die Hartnäckigkeit einiger Aristokraten verschlechterte ihre Sache noch mehr, als sie schon heruntergekommen war; wie vor dem Passieren der Reform Bill war bald nur eine Stimme darüber, daß die Aristokratie sich beugen müsse. »Nieder mit den Getreidezöllen!« – so war der allgemeine Schrei des Tages. Lord John Russell saß damals in Edinburgh; er hatte sich nie direkt gegen die Freetraders ausgesprochen; er war aber noch nicht auf ihre Seite getreten. Da setzt er sich eines Morgens hin und schreibt seinen Brief an die Londoner Wähler, indem er geradezu erklärt, daß er seine bisherigen Ansichten geändert habe und daß er entschieden für die Abschaffung der Kornzölle auftreten werde. Dies war ein Ereignis. Das Haupt der Whigs auf der Seite der Freetraders – es war eine gewonnene Schlacht, ein Sieg, ein Triumph. Das Ergötzlichste dabei blieb indes noch der Umstand, daß der damalige Premier Sir Robert durch das Manöver seines Gegners in eine sehr delikate Stellung geriet. Wie sollte er jetzt als Protektionist noch länger widerstehen können, da die Whigs sich mit einer Partei vereinigten, welche mehr als je die ganze öffentliche Meinung für sich hatte? Es war unmöglich; sein baldiger Sturz lag auf der Hand, wenn er seinen alten Tory-Gesinnungen treu bleiben wollte. Armer Sir Robert Peel! Es half kein langes Besinnen; er hatte die Wahl, entweder seinem Gegner Lord John den Ruhm der Abschaffung der Korngesetze zu überlassen oder sie selbst zu vernichten. Es mußte gehandelt sein, und Sir Robert tat es. Im Ministerium Peel saß damals The Right Hon. George H......, einer der liebenswürdigsten englischen Aristokraten. Man erzählt, daß ihn eines Abends gegen das Ende des Jahres 1845 eine hübsche junge Frau besuchte, die in dem Hause des galanten Mannes gerade nicht unbekannt war. Sie verfügt sich, wie sie es vielleicht schon oft getan, ohne weiteres in das Studierzimmer des Ministers. Leider findet sie das Zimmer leer. Sie wartet; sie langweilt sich zuletzt; sie spaziert auf und ab, und zufällig tritt sie auch an den Schreibtisch des Abwesenden. Ein offener Brief liegt darauf, und die junge Dame erkennt die Handschrift Sir Robert Peels. Neugierig, wie schöne Frauen sind, nimmt sie das verhängnisvolle Blatt in die Hand und fängt an zu lesen. Rings ist alles ruhig – sie stutzt, ein verwegener, glücklicher Gedanke fährt plötzlich durch das hübsche Köpfchen, sie sieht sich schüchtern um, sie setzt sich an den Tisch, sie nimmt Feder, Tinte und Papier und – kopiert den Brief Sir Roberts. Nachts gegen 11 Uhr rollt ein Wagen von dem Hotel des Ministers nach Blackfriarsbridge. Er hält vor dem »Times Office«; aus steigt unsre junge Dame. Sie läßt den (kürzlich verstorbenen) alten Herrn Walter, den Eigentümer der »Times«, aufs dringendste bitten, ihr Audienz zu geben. Der alte Walter ist etwas verwundert über den späten Besuch eines so liebenswürdigen Wesens; er empfängt aber die junge Dame mit gewohnter Höflichkeit. »300 Pfund für diesen Brief!« ruft ihm die Schöne entgegen, als sie allein sind. Herr Walter erschrickt in etwa. Er kennt die hübsche Frau, er weiß, mit wem er es zu tun hat – ein Eigentümer der »Times« weiß vieles. – »300 Pfund ist mir zu hoch«, erwidert er, »ich gebe 100!« Eine lebhafte Konversation entsteht zwischen dem sonderbaren Paare. Nach vielem Handeln, Streiten und Schwatzen werden sie endlich eins; sie teilen den Streit. Herr Walter zahlt seiner artigen Freundin 150 Pfund Sterling in Bank of England Notes auf den Tisch, und alles ist in Ordnung. Fort rollt die Kutsche. Am nächsten Morgen erscheint in der ersten Ausgabe der »Times«, gedruckt in großen Lettern, die Anzeige, daß Sir Robert Peel entschlossen sei, für die Abschaffung der Korngesetze aufzutreten. Ein Ministerrat werde in den nächsten Tagen gehalten, in dem Sir Robert sich mit seinen Kollegen über diesen Gegenstand zu unterhalten gedenke. Der Eindruck, den diese Nachricht auf die verschiedenen Parteien machte, ist kaum zu beschreiben. Die Freetraders jubelten von einem Ende Englands bis zum andern; die Protektionisten schäumten vor Wut, und ihr Hauptorgan, der »Standard«, erklärte geradezu, daß die »Times« wahnsinnig geworden sei. Die »Times« beharrte aber bei ihrem Ausspruch, und da es trotz ihrer häufigen Extravaganz in manchen Ansichten und Urteilen nicht anzunehmen war, daß sie in einer so wichtigen Sache dauernd bei einer Nachricht bleiben würde, wenn nicht die besten Beweise für die Richtigkeit derselben da waren, so befreundete man sich allmählich mit den im voraus angekündigten Absichten Sir Roberts. Man dachte an die katholische Emanzipations-Bill, wo der Repräsentant der Torys, nachdem er jahrelang gegen diese Maßregel gewesen war, endlich auch vor Toresschluß seine Meinung änderte und der Sache, sie in seine eigenen Hände nehmend, am 30. März 1829 den vollständigsten Sieg erfocht. Der Handel, der nach der Stockung des chinesischen Geschäftes und durch die Störung der Eisenbahnspekulationen lange darnieder gelegen hatte, nahm daher unwillkürlich einen Aufschwung. Seit geraumer Zeit hatte man schon in der Einführung des freien Handels eine Abhilfe aller Geschäftsleiden gesehen. Dieser glückliche Moment schien nun endlich herangekommen zu sein. Die League selbst war riesenstark geworden. Durch den Übertritt Lord John Russells erhielt sie eine neue Stütze; jetzt sogar noch Robert Peel auf ihrer Seite – es war kein Zweifel mehr, die Korngesetze mußten fallen, der Einfuhr ausländischen Getreides war Tür und Tor geöffnet und dem Austausche gegen englische Fabrikate eine neue Gelegenheit bereitet. Der englische Industrielle, halb und halb noch durch die Vorräte gefesselt, welche in China lagen, und nicht minder geniert durch Verbindlichkeiten in betreff dieser oder jener Eisenbahn, ließ sich daher trotzdem nicht abhalten, seine Produktionskräfte wieder in Bewegung zu setzen. Zwei andere Umstände trugen zu dieser erwachenden Tätigkeit noch bedeutend bei. Die Nummer der »Times« nämlich, welche durch die Gefälligkeit einer schönen Frau den Übertritt Sir Robert Peels hatte anzeigen können, war in jener verhängnisvollen Nacht, sowie die Presse den ersten Abdruck vollendet hatte, durch einen Spezialzug der Eisenbahn nach Liverpool befördert worden, wo gerade ein Steamer bereit lag, der am nächsten Morgen nach New York abfahren sollte. Der Kurier, der das Paket überbrachte, erreichte Liverpool in dem Augenblicke, wo dieses Dampfboot, wenn wir uns nicht sehr irren, die »Cambria«, gerade die Anker gelichtet hatte und die Mersey hinunterfuhr. Ein Kurier der »Times« ist nicht auf den Kopf gefallen. Der Mann läßt sich sofort einen Renner satteln; man bringt ihn samt seinem Rosse über den Fluß nach Birkenhead; er springt in die Bügel, setzt die Sporen ein, und nach sprengt er dem davonfahrenden Schiffe, so rasch, wie das Pferd zu laufen vermag. An der Mündung der Mersey holt er den Steamer ein. Er winkt, er ruft, man hält still; ein Boot rudert ans Land, und das Paket Zeitungen ist einige Augenblicke nachher auf dem Wege nach Amerika. Man kann kaum berechnen, von welchen Folgen dieser Zufall gewesen ist. Die infolge der Oregon-Differenzen entstandene Erbitterung zwischen England und den Vereinigten Staaten hatte nämlich damals ihren Gipfel erreicht; es waren nur zu viele Anzeichen eines Krieges da, und der Verkehr zwischen beiden Ländern fing bereits an, höchst furchtsam und gemäßigt zu werden. Es hätte vielleicht damals nur noch einiger Reden der radikalsten Yankees bedurft, und der Tanz der zwei mächtigsten Völker der Welt hätte begonnen. Da trifft die Nummer der »Times« in New York ein, aus der man ersieht, daß das englische Kabinett zur Abschaffung der Kornzölle bereit ist, und die ganze Geschichte nimmt sofort eine andere Wendung. Die 10 bis 14 Tage später ankommenden andern englischen Blätter zeigen freilich, daß die Nachricht der »Times« namentlich vom »Standard« und von der »Morning Post« noch sehr in Zweifel gezogen wird und daß Sir Robert Peel selbst noch immer das strengste Stillschweigen beobachtet; die Aussicht auf die Abschaffung der Kornzölle und die daraus sich unendlich vergrößernde Einfuhr von amerikanischem Getreide nach England hat aber einmal ihren Eindruck auf die Gemüter gemacht; die Hoffnung eines tüchtigen Gewinstes besänftigt den Amerikaner, und vorüber ist auch die größte Gefahr der Oregon-Differenz. Während dies auf der westlichen Hemisphäre der Welt in Nordamerika vorging, hatte sich auf der östlichen, auf den Hochebenen Asiens, ein anderes Ereignis zugetragen, welches nicht weniger günstig als die Beilegung der Oregon-Differenz auf die englischen Verhältnisse zurückwirkte. Die britische Armee erfocht nämlich in drei mörderischen Schlachten einen vollständigen Sieg über die den Sutlej überschreitenden Sikhs, indem sie den Feind nicht allein über den Fluß zurückwarf und den englischen Besitzungen in Indien ein neues Stück hinzufügte, sondern auch den Frieden in ganz Hindostan dauernd wiederherstellte und dem Handel dadurch die sicherste Gewähr eines blühenden Geschäftes gab. Wiederum war es die »Times«, dieses unermüdlichste und reichhaltigste aller englischen Blätter, welche sich mit einem Kostenaufwande von 800 Pfund Sterling durch die Vermittlung des so ehrenvoll bekannten Waghorn 8 bis 10 Tage früher in Besitz der ersten Siegesnachricht brachte als jeder andere, das englische Gouvernement nicht ausgeschlossen. Diese günstigen Ereignisse, die allmähliche Schlichtung der Oregon-Frage und die indischen Siege, verbanden sich mit den blitzschnellen Eroberungen der Anti-Corn-Law-League und hatten, wie schon erwähnt, den entschiedensten Einfluß auf die industrielle Tätigkeit Englands. Wir brauchen nicht zu versichern, daß sich dieselbe noch vergrößerte, als Sir Robert Peel endlich den gehegten Erwartungen entsprach und, seine Bill in das Parlament bringend, bald darauf jenem Gesetze den Todesstoß gab, an dessen Abschaffung die Freetraders so lange Jahre rastlos gearbeitet hatten. Es war wirklich jetzt nicht anders, als wenn sich die Göttin des Glückes recht eigentlich auf Großbritannien niedergelassen hätte. Die Industriellen schienen dies wenigstens zu glauben; denn trotz der Fonds, welche noch immer im chinesischen Handel steckten, trotz der Vergeudungen, welche die Eisenbahnspekulationen mit sich brachten, wagten sie es dennoch, ihre Etablissements plötzlich in so unaufhörlichen Gang zu bringen, als wenn der Nerv aller Bewegung, das Geld, so häufig gewesen wäre wie zu den gewöhnlichen Zeiten und der Absatz so gewiß wie je zuvor. Es ist nicht zu ermessen, welchen Schwung die Produktion genommen haben würde, wenn nicht die Londoner Bankiers durch den fortwährend hohen Diskonto der industriellen Tätigkeit einen Hemmschuh angelegt hätten und wenn nicht bald durch die Konsequenzen der schlechten Ernte der Wut und dem Schwindel der Fabrikanten dasselbe Ziel gesteckt worden wäre, das sich durch einen plötzlichen Schreck erst kurz vorher bei den Eisenbahnspekulanten zeigte. Es stellte sich nämlich erstens heraus, daß der Ersatz für die infolge der Abschaffung der Korngesetze im Werte von etwa 40 Millionen Pfund vom Auslande bezogene Getreidemenge nicht in Manufakturwaren, sondern in Gold gemacht werden mußte, und daß zweitens infolge der an manchen Stellen des Kontinents mißratenen Ernte und der daraus entstehenden Verarmung nicht das gewöhnliche Quantum Manufakturwaren von England bezogen wurde, so daß man also weder durch die gehoffte außerordentliche Nachfrage noch durch die gewohnte der vergrößerten Produktion eine Erleichterung entgegenkommen sah. Die erste den Freihandelsideen durchaus widersprechende Erscheinung ist daraus zu erklären, daß der freie Handel überhaupt nur auf vollständiger Gegenseitigkeit wirksam betrieben werden kann und daß vielleicht Rußland und Amerika, welche ja vorzugsweise die Korneinfuhr nach England besorgten, noch so mit britischen Fabrikaten überfüllt waren, daß man eben keine neuen Bestellungen geben konnte und sich den Wert des Kornes in barem Gelde ausbezahlen lassen mußte. Die zweite Erscheinung erklärt sich nicht allein schon hinreichend aus der schlechten Kontinentalernte, sondern auch daraus, daß das Mißraten der Baumwolle und die dadurch entstehende Preissteigerung dieses Artikels, welche schon in gewöhnlichen Zeiten einen verringerten Konsumo herbeigeführt haben würde, nun bei den außerordentlichen Verhältnissen eine doppelt nachteilige Wirkung hervorbrachte. Ebenso rasch, wie sich diese Umstände entwickelten, ebenso leichtsinnig waren sie von den Industriellen übersehen worden. Die Dampfmaschinen brausten noch, die Spindeln rasselten und die Essen glühten, die fertigen Waren rollten noch in unzähligen Ballen den Depots der Häfen zu, da fand es sich plötzlich, daß kein Markt alle diese Herrlichkeiten verlange, und wie gelähmt vor Schrecken und Verzweiflung ließ der Fabrikant seine Arme sinken, und wie noch eben die Spekulation an dem Sinken des Vertrauens gescheitert, so scheiterte jetzt die industrielle Tätigkeit an dem Unmöglichwerden jeglichen Absatzes. Eine Idee von diesem plötzlichen Stocken der Fabrikation kann man sich machen, wenn man bedenkt, daß laut einer Aufstellung des »Standard« vom 11. November in Manchester vom 2. des Monats an von 175 Baumwollspinnereien nur 78 die volle Zeit, 63 kurze Zeit und 34 gar nicht in Bewegung waren und daß in der Gemeinde Manchesters 10 954 Arbeiter unbeschäftigt auf den Straßen standen. Halten wir einen Augenblick inne, um die einzelnen Momente dieser, einer unheilvollen Katastrophe entgegenrollenden Entwicklung dem Gedächtnisse besser einzuprägen. Das erste Absorbieren flüssiger Fonds geschah durch eine Warenüberfüllung des chinesischen Marktes; die zweite auf ungewöhnlichem Wege geschehene Verwendung des Kapitals finden wir in der Eisenbahnspekulation, bei der zwar die zum Bau gebrauchten Summen nicht gerade aus der Geldzirkulation verschwinden, aber doch momentan ihre gewohnten Kanäle verlassen und für die reine Spekulation, für den bloßen Schwindel, eine Fixierung des gesellschaftlichen Kredits in nie gekanntem Maße nach sich ziehen; die dritte Verminderung des laufenden Kapitals geschieht durch den Export von etwa 40 Millionen für den Ankauf von Korn; die vierte durch den höhern Preis, den man für den Hauptartikel des Handels, für die Baumwolle, anlegen muß; und die fünfte endlich durch jene infolge der Freihandelsmaßregeln entstandene Überproduktion, die zu guter Letzt noch, aus einer wahren Ironie des Schicksals, jede flüssige Summe in tot daliegende Waren verwandelt. War es da ein Wunder, wenn endlich eine Geldkrisis über England hereinbrach, wie wir sie nie, eben da sie so unendlich verwickelt ist, je vorher gekannt haben? War es da anders zu erwarten, als daß England, dieser Koloß, dieser Atlas, unter der Wucht seiner Welt momentan zerknirscht und zerschmettert zu Boden stürzte? Doch zwei andere Punkte haben wir noch zu berücksichtigen, zwei Punkte, welche von manchen Parteien in England als die Hauptursache, als der Hauptgrund alles Elendes hervorgehoben wurden; wir haben noch Peels Bank-Akt vom Jahre 1844 und das irische Elend zu besprechen. »Wenn 117 Millionen Pfund durch Taxen und Anleihen ohne Schwierigkeit für unreproduktive Sachen in den letzten Jahren des Krieges gegen Frankreich von einer Bevölkerung von 18 Millionen Menschen erhoben wurden, so würde es absurd sein, die jetzige Krisis dem zuschreiben zu wollen, daß 36 Millionen Pfund jährlich für reproduktive Werke, für Eisenbahnen, von 28 Millionen Menschen erhoben worden sind.« So sagte E. S. Cayley Esq. M. P. am 20. Oktober in seinem Briefe an den Premierminister Lord John Russell. Es folgte dann eine sehr lebendige Schilderung der Ereignisse von 1793 bis 1815, in welcher gezeigt werden sollte, wie durch die Maßregel Pitts, daß nämlich die Bank von England sowie alle übrigen Banken die Erlaubnis erhielten, ad libitum Papiergeld auszugeben, dem Lande die Möglichkeit verschafft wurde, jede Anstrengung auszuhalten, und daß ähnliche Anstrengungen auch heute zu ertragen gewesen sein würden, wenn eben Peel nicht durch seine Bill vom Jahre 1819 und namentlich durch seinen neuen Akt vom Jahre 1844 die Freiheiten im Kreditsystem der Banken wieder vernichtet hätte. Mr. Cayley gehört zu den Leuten, welche sich eben weder an Eisenbahnen, an schlechten Ernten noch an Überproduktion störten und darin den Grund alles Übels sahen, daß es der Bank von England durch Peels Bill von 1844 untersagt ist, über eine durch Staatsgarantien repräsentierte Summe von 14 Millionen Pfund hinaus Papiergeld auszugeben, wenn solches nicht durch bares Gold in den Kellern der Bank vertreten wird. Infolge der vielen in dem Sinn der Cayleyschen Protestation geschehenen Angriffe hat sich Sir Robert Peel dann auch im vorigen Dezember weitläuftig darüber ausgesprochen, indem er bei dem eingeschlagenen Wege beharrte, zu dem auch Russell sich bekannte, da er erklärte, daß doch immer Handelskrisen vorfallen würden, mache man auch die Handels- und Finanzgesetze, wie man wolle. Mag dem sein, wie will, jedenfalls ist es irrig, daß der Bank-Akt der ausschließliche Grund alles Übels war. Einen Fehler, eine Inkonsequenz beging Sir Robert freilich, wenn er als Freetrader, den freien Austausch der Waren zulassend, das beliebige Kreditgeben, den freien Austausch des Geldes zu untersagen wagte, und mochte er als Mann, der das Bestehende zu erhalten strebt, die Bankrestriktion auch wohl nur deswegen eintreten lassen, um die Neigung der Handelswelt, in ihren Unternehmungen zu extravagieren, nicht durch eine noch größere als die existierende Freiheit des Kredits einer schlimmern Katastrophe als der bereits eingetretenen entgegenzuführen. Daß der Akt von 1844 freilich Hemmung genug hervorbrachte, beweist die trotz aller Gegengründe durch die Notwendigkeit des Augenblicks hervorgerufene, dennoch geschehene momentane Suspension desselben. Man hatte gewissermaßen nicht die Erlaubnis, sich durch seine eigenen Anstrengungen aus der üblen Lage herauszureißen, welche die eigene Unvorsichtigkeit und zufällige unglückselige Ereignisse mit sich gebracht hatten. Daher denn eine immer steigende Angst, eine immer wachsende Aufregung, die sich selbst dann noch nicht legte, als der Stein allen Anstoßes, der Bank-Akt von 1844, nun endlich wirklich aus dem Wege geräumt wurde. »Das Gouvernement erkennt also an, daß man früher einen entsetzlichen Fehler in der Gesetzgebung gemacht hat, und man muß die Not für sehr groß halten, daß man das Parlament so früh deswegen zusammenruft!« So hieß es auf den Börsen Englands, und zu der Reue über eigne Unvorsichtigkeit gesellte sich noch der Schauder vor einem Gouvernement, das durch solche Maßregeln, wie man sich ausdrückte, die Welt an einen solchen Rand des Verderbens bringen konnte. Was hilft es uns auch«, hieß es weiter, »ob der Bank-Akt aufgehoben ist, wenn der offizielle Diskonto 8 Prozent bleibt!« Wie bekannt, hatte man das Minimum des Zinsfußes auf diesen Satz gestellt, um sowohl die Spekulanten abzuhalten, sich bei der gerade verfallenden französischen Anleihe zu beteiligen, als auch um die Kapitalisten des Kontinents zu veranlassen, fernere Sendungen von barem Gelde zu machen. Flau und gedrückt blieb daher die Stimmung der ganzen Handelswelt. Allgemeines Mißtrauen, Verbergen des baren Geldes von Seiten vieler Privatpersonen, Falliten über Falliten, es dauerte vom September bis in den Dezember hinein. Nicht allein die Arbeiter standen, wie in Manchester, zu Zehntausenden unbeschäftigt auf der Straße, nein, auch die ersten und ältesten Handlungshäuser brachen zusammen; und zählt man die Verbindlichkeiten von nur 20 Firmen auf, die vom 10. August bis zum 15. Oktober ihre Bilanz veröffentlichten, so findet man ein Passivum von fast 5 Millionen Pfund und nur eine Dividende von 13½ Schilling an 1 Pfund Sterling. Vernichtet wurden eine Menge jener Häuser, die noch vor einigen Jahren den kolossalsten Handel nach China trieben; vernichtet zu Tausenden die Spekulanten, die in dem Eisenbahnschwindel momentan zu Millionären geworden; vernichtet die Fabrikanten und Exporteure, die von der Masse unverkäuflicher Waren erdrückt wurden; und vernichtet jene unternehmenden Briten, die, den Handel der Kolonien von Westindien, von Mauritius herübertreibend, die Konsequenz der zur Hälfte ausgeführten Freihandelsideen mehr als alle andern in der Konkurrenz der Sklavenarbeit mit dem emanzipierten Neger zu erdulden hatten. In diese trüben Zustände ragte indes noch mit drohender Gestalt vielleicht das entsetzlichste von allem Übel, es ragte noch das irische Elend hinein. Vergebens warf man im Jahre 1846 8 Millionen unter die verhungernden Bewohner dieses unseligen Landes; sie wurden verzehrt bis auf den letzten Pfennig, und aufs neue richteten sich die bleichen Massen aller Städte und Dörfer empor, bettelnd, plündernd, raubend, mordend und ihre Kinder hinüberjagend nach dem stolzen, hartherzigen England, dessen Ortschaften sie vagabundierend durchstreiften, Schmutz und Pest mit sich bringend, wohin sie den Fuß setzten, und Fluch und Verdammnis, wo sie, vom Elend gefoltert, zu Boden stürzten und verreckten. Was sollte und was soll man noch heute mit einem Lande tun, wo der vierte Mensch ein Blutarmer ist? Was sollte man in einem Augenblick damit anfangen, wo man selbst unter der Last des Unglücks zu vergehen meinte? Die »Times« hatte daher gewissermaßen damals nicht unrecht, wenn sie ausrief: »Oh, wir sind arm! England ist sehr arm geworden!« Wir geben ihr zwar insoweit nicht Recht, als sie aus Parteirücksichten meinte, daß nur in den zu großen Eisenbahnspekulationen der Grund alles Unheils stecke, aber wir sind der Meinung, daß man selbst als ein so mächtiges Land wie England plötzlich arm und ratlos dastehen kann, wenn zu große Eisenbahnspekulationen sich auch noch mit andern Dingen wie mißratenen Ernten, fehlerhaften Gesetzen, Überproduktion und irischem Elende vereinigen und, miteinander wirkend, jenen Zustand des Jammers und des Elends herbeiführen, den wir in der letzten englischen Krise vor Augen haben. Einen wehmütigen Eindruck mußte es auf die Engländer machen, als ein im Dezember mit der amerikanischen Post von New York eingetroffenes Journal in einem meisterhaften Artikel jene Stimmung zusammenfaßte, welche die Nordamerikaner, die gefährlichsten und fürchterlichsten Feinde Britanniens, durchgängig bei der damaligen Erniedrigung Englands zu empfinden schienen. »Ihr seid«, so hieß es, »jetzt in derselben Lage, in der wir uns im Jahre 1837 befanden. Damals brach auch das Unglück in so reichem Maße über uns herein, daß es nicht anders aussah, als ob wir unserm vollständigen Ruine entgegengingen. Statt uns zu helfen, statt uns nur einmal zu bedauern, nanntet ihr uns damals mit Namen, die wir heute zu erwidern erröten würden. Erwartet nicht, daß es geschieht. Groß und herrlich stehen wir da, indes ihr zerknirscht zu unsern Füßen liegt; aber nicht spotten wir euer, nicht wollen wir Gleiches mit Gleichem vergelten. Nein, wir bemitleiden euch. Wir sind nicht neidisch, weil wir wissen, daß uns eine Zukunft bevorsteht, vor der die Geschichte eures Landes wie ein wüster Traum erscheinen wird.« Nun, wir müssen es abwarten, ob das Volk, welches nicht vor der spanischen Armada erzitterte und welches der kaiserliche Riese Frankreichs nicht in den Staub zu treten vermochte, auch der Konkurrenz einer Nation widerstehen wird, die mit englischer Energie und mit wahrhaft französischer Lebendigkeit an den Ufern des Mississippi jenes rastlose Treiben begonnen hat, das sie fast schon jetzt zu Herren der westlichen Hemisphäre macht. In dem Augenblicke, wo wir dies schreiben, hat sich England nun freilich von seinem Unglück etwas wieder erholt, und andere, größere Ereignisse sind an die Stelle jener Katastrophe getreten und lassen uns fast die der Entwicklung der modernen Industrie entsprungene Bewegung vergessen, welche wir bisher für das Wesentlichste unseres Jahrhunderts hielten. Wie sich aber auch die neuesten Ereignisse in dem Leben der Völker weiter gestalten mögen, vergessen werden wir nicht die Lehren, welche uns das vergangene Jahr brachte. »So in 1784«, sagte Sir Robert Peel, »so in 1793, in 1810, in 1826, in 1836, in 1842« – und in 1848, fügen wir hinzu – »findet ihr dieselbe Ursache solcher Krisen: Prosperität, bei einem niedrigen Zinsfuße zu Spekulationen und immensen Unternehmungen führend, die, wenn sie die Probe eines metallischen Standard aushalten sollten, zusammenstürzten und Geschäftsstockung und Elend unvermeidlich machten.« Allerdings haben der große Peel und der kleine Russell sehr recht: Handelskrisen wird es immer geben, solange die sozialen Einrichtungen der Welt bleiben, wie sie heute sind. Aber wie das Volk an den politischen Zuständen der Welt mit Riesenfäusten rüttelt, so wird es auch dem sozialen Jammer ein Ende machen und den ehrenwerten Handelsherren die Mühe ersparen, »auf ihrer liederlichen Prosperität ein solches Gebäude trügerischen Kredits zu errichten, daß es zuletzt nur des winzigsten Ereignisses bedarf, um die Geschichte zusammenbrechen zu lassen und für ganze Völker Not und Elend herbeizuführen«. XIII Reise nach Wales Zwei der schönsten Jahre meines Lebens hatte ich in dem Rauch der Fabriken, in dem Dunst der Arbeiter-Meetings und in der Grabesstille meiner einsamen Wohnung verbracht, da erfaßte mich die süße, unwiderstehliche Lust des Davonlaufens, des Reisens. Es war mir zumute wie einst in London, wenn ich den ganzen Tag die City durchwandert hatte; aus dem Rasseln der Wagen, aus dem Gedränge der Fußgänger, aus dem Staub der Straßen sprang ich dann in die erste beste Kutsche und ließ mich hinausfahren nach meinem smaragdenen Camberwell Green, legte mich unter eine Föhre und wartete, bis die friedliche Nacht kam und der Donner der fernen Stadt gleich dem Rauschen der Brandung nur in dumpfen, verhallenden Tönen zu mir herüberdrang. Es war im Mai, als ich Yorkshire verließ. Der Frühling lachte auf allen Hügeln. Wie konnte ich so töricht sein, zwei volle Jahre in einem so häßlichen Ort wie Bradford zu leben? Nun, aber er lag endlich hinter mir, mit all seinem Reichtum und mit all seinem Gestank. Wehmütig nahm ich von meiner alten Wohnung Abschied. Als ich sie einst betrat, hatte ich meiner Wirtin drei Gelübde tun müssen. Das erste war: niemals Karten zu spielen; das zweite: am Sonntag nichts anderes als Choräle zu singen; das dritte: den Gipsabguß einer Mediceischen Venus in tausend Stücke zu schlagen. Arme Mediceische Venus, ich mußte dich einer dicken Matrone der Grafschaft Yorkshire opfern! Aber dafür liebte mich auch diese Matrone, und kein Morgen unseres zweijährigen Zusammenseins verging, ohne daß sie Punkt 9 Uhr, einen Psalm Davids singend, zu mir ins Zimmer trat, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Hatte ich ihr auf Zerevis versichert, daß mich der allmächtige Gott gesund und froh zu einem neuen Tage habe erwachen lassen, so hörte sie auf zu singen, stemmte die ambrosischen Fäuste in die Seiten und verlangte zu wissen, was ich am kommenden Mittag essen wolle. Nichts ist nun entsetzlicher, als sich gleich in der goldnen Frühe des lieben Fressens wegen bekümmern zu müssen, und mehr als einmal erklärte ich der guten Frau, daß sie mir ein gebratenes Kamel, einen gestooften Affen, einen Papagei oder irgend etwas besorgen möge – es sei mir alles einerlei – – »Well!« erwiderte sie dann, und mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt, aufs neue einen Davidschen Psalm beginnend, stieg sie wieder in ihre Küche hinab. Soviel ich mich zu erinnern weiß, habe ich bei der Frau Thompson zwei Jahre lang jeden Mittag Beef, drei Kartoffeln, einen Yorkshire-Pudding zusamt einem Stück Chesterkäse genossen. Daß ich bei dieser Lebensart mehr als einmal in den bedenklichsten Spleen verfiel – das war natürlich. Meine gute Wirtin sah mir das stets an der Nase an, und ihre Liebenswürdigkeit kannte dann keine Grenzen. Sie schenkte mir eine Apfelsine, sie machte mir ein Holzfeuer, sie lieh mir ihre Bibel – alles wollte nicht helfen! Da kam sie plötzlich auf einen herrlichen Gedanken: es fiel ihr ein, daß es schon im Worte Gottes heißt, es sei nie gut, wenn der Mann alleine sei – – ehe ich mich's versehe, bringt mir die Frau Thompson ein bildschönes, dummes Mädchen ins Zimmer. – Wie gesagt, mit einer wahren Wehmut nahm ich von meiner alten Wohnung Abschied. Noch einmal drückte ich den alten Jackson an meine Brust; noch einmal leerte ich eine Flasche schottischen Ales mit Mac, dem Doktor; noch einmal fluchte ich auf die 300 Kamine, die mich umraucht hatten – da entführte mich die Lokomotive, und am Abend stand ich in Liverpool. Liverpool ist ein ebenso liederlicher als langweiliger Ort; im Keller des Adelphi-Hotels findet man aber vorzügliche Austern. Prangend in schneeigen Muscheln, gleich flüssigen Perlen, ruhen die zierlichen Bestien, des Meergotts zarteste Kinder, in der Tiefe der bläulichen Schüssel. Die Zitronen Italiens und den Wein deiner Heimat läßt du abwechselnd auf sie hinabträufen, und mit freudiger Stimme beginnst du zu singen: »Gelobt sei Gott, ja dreimal gelobt, Dieweil er die Austern erschaffen im Meer Und den Rheinwein auf der Erde.« Im Adelphi-Hotel war an jenem Abend die geschäftigste Bewegung. Ein amerikanischer Steamer hatte fünfzig Yankees ans Land gesetzt. Lärmend nahmen sie von den Zimmern des Hotels Beschlag. Es war das erste Mal, daß ich so viele Leute aus jener Welt beieinander sah. Seltsam nehmen sie sich neben den Briten aus. Der Engländer steif, ernst und feierlich in jeder Bewegung; einfach, aber sauber gekleidet; mit glattgeschorenem Kinn; in sehr weißer Wäsche. Ruhig und in sich gekehrt dasitzend; nie jemanden anredend, der ihn nicht zuvor schon gegrüßt; abgeschlossen wie eine verriegelte Tür; der Karikatur Gavarnis gleichend, dem Menschen, qui s'est déguisé en quelqu'un qui s'embête à mort – so wenigstens sind die Liverpool Gentlemen. Anders die Yankees! Lebendig, munter und aufgeräumt; schwatzend, pfeifend und singend in einem Atem; ziemlich schlecht gekleidet – nachlässig wenigstens jedenfalls; die eine Spitze des Vatermörders hinaufstehend, die andre herabhängend; die Hose nicht selten über der Öffnung des Stiefels. Den Hut vorn auf dem Kopf, die Hände in der Hose, eine Zigarre im Munde und die Beine, der Verdauung wegen, auf dem Tisch – so redet er dich an, als ob er mit dir in die Schule gegangen, als ob er tausend Meilen mit dir gereist sei. Ehe man sich's versieht, ist man mit ihm bekannt; ehe man's weiß, hat er einen zehnmal belogen und betrogen. Charakteristisch ist, was mir einst von einem Amerikaner erzählt wurde. Es war im »Jardin Mabille«, in der herrlichsten Sommernacht, die Bäume voller Blüten, die Beete voller Blumen – alles feenhaft erleuchtet und ein halbes Tausend der schönsten Menschen der Welt gerade cancanierend nach dem Jubel der Musik, daß es »– – Stein' erweichen – Menschen rasend machen könnt«. Da tritt dieser Yankee an einen meiner Bekannten heran, legt ihm die Hand auf die Schulter und – offeriert ihm eine Ladung Häute. Geschäfte vor allem! Mißtrauisch beschauen sich Briten und Amerikaner, wenn sie nebeneinander sitzen. Je schweigsamer der erste wird, desto renommistischer räsoniert der andre. Zwei furchtbaren Kampfhähnen gleichen sie, welche wissen, daß sie sich einst die Kämme zerzausen werden. »Hie Welf, hie Waiblingen!« – »Hie Polk, hie Peel!« »Wenn die übrige Welt entscheiden soll«, sagte vor kurzem ein englisches Blatt, »so ist indes nichtsdestoweniger eine große Familienähnlichkeit zwischen Bruder Jonathan und John Bull. Beide lieben wir Geld und Gewalt; beide nehmen wir die höchsten Attribute in Anspruch, ohne uns viel darum zu kümmern, ob dies der übrigen Welt genehm ist oder nicht. Beide halten wir uns berechtigt, die Ellenbogen einzusetzen und uns einen Weg durch den großen Haufen der Nationen zu bahnen, wo nur immer eine Lücke zwischen den verschiedenen Rippen zu erspähen ist. Beide moralisieren wir sehr abstrakt, ausgenommen, wo ein ganz besonderes Interesse die Notwendigkeit einer praktischen Ansicht erheischt. Beide ziehen wir der Prosperität die Segel auf, als ob wir wüßten, daß es immer so bleiben würde. Beide machen wir wenigstens einmal im Jahre halt, um einen befriedigenden Bericht unserer Nationalaffären zu entwerfen. Beide lassen wir uns durch den geringsten Erfolg verleiten, einen Sprung in die Zukunft hinaus zu tun, ohne recht zu sehen, ehe wir springen, oder ohne zu berechnen, was es uns kosten kann. Die Yankees und Briten gleichen sich durchaus in alle diesem. Wir lachen über sie, und sie lachen über uns. Diese große innere Ähnlichkeit bei dem äußeren Verschiedensein macht aber gerade Briten und Amerikaner zu den schrecklichsten Rivalen. Nicht ohne Grund spottet der Amerikaner der britischen Macht und läßt jedes Kauffahrteischiff in dem Stile bauen, daß es in der kürzesten Frist zu einem Kriegsfahrzeuge umgewandelt werden kann – und nicht ohne Grund spottet der Brite wiederum der amerikanischen Gewalt, indem er sie durch alle Künste der Diplomatie zu hintertreiben und zu untergraben sucht. Zweifelhaft wäre freilich in diesem Augenblick das Resultat eines feindlichen Zusammentreffens, denn allmächtig herrscht noch die britische Marine auf allen Meeren, und in wenigen Wochen würde sie alle amerikanischen Küstenstädte ineinanderschießen können, dem Handel ihrer Bewohner ein Ende machend und den Unternehmungsgeist des ganzen Volkes zurückdrängend in seine eigenen Grenzen. Doch nur weniger Jahre würde es bedürfen, um den Amerikaner völlig wieder erstarken zu lassen und eine Wendung der Dinge herbeizuführen; denn außer daß England in allen Teilen der Welt seine Besitzungen beschützen muß, daß es in dem Schicksale Irlands und in der Lage seiner eigenen Arbeiter eine ewige Quelle der Unruhen und der Gefahren hat, ist es dem Amerikaner auch noch in allen den Artikeln tributär, welche gerade die Macht und die jetzige Weltstellung Englands begründen. Reich an Gold, an Korn, an Baumwolle, an Wolle, an Kohlen, Eisen, Holz und mit einer Lage, die durch die Kraft des Dampfes über den Atlantischen wie den Stillen Ozean hinüber die Vermittlung zwischen dem asiatischen und europäischen Kontinente bildet, steht der Norden Amerikas in seiner enormen Ausdehnung, mit seinen unerschöpflichen Produktionskräften schon in dem ersten Jahrhundert seiner Kultur als ein Koloß da, vor dem nicht allein England schon in diesem Augenblicke zittert, nein, dem auch das ganze alte Europa vielleicht einst das Knie biegen muß, wenn nicht die Völker des Ostens dem Freiheitsrufe aus fernem Westen mit Herz und Hand antworten und jene Bruderliebe und Harmonie der Nationen herbeiführen, welche das grausame Gesetz der Konkurrenz in ein friedliches und menschliches Zusammenwirken der Völker verwandeln werden. Aber verzeihen Sie diese Phantasien, verehrtester Leser! Unwillkürlich überkamen sie mich, so zwischen John Bull und Bruder Jonathan sitzend, in den Räumen des Adelphi-Hotels bei Austern und Rheinwein. Ja, gelobet sei Gott, schier dreimal gelobet: Dieweil er die Austern erschaffen im Meer Und den Rheinwein auf der Erde! Es war längst Nacht geworden. Viele der Gäste waren allmählich davongeschlichen; schon war ich im Begriff, ihrem Beispiele zu folgen, da bemerkte ich plötzlich dem Kamine zu das Schönste, was man außer Augen, Lippen, Locken et cetera et cetera an einem Weibe sehen kann, nämlich den zierlichsten Fuß, den je ein Frauenzimmer flink und flott auf die weite Welt Gottes setzte. Schöner Fuß! Von wannen kommst du, und wohin gehst du? Ist er nicht vor lauter Freude verrückt geworden, der glückliche Schuster, als er deinen blauen Schuh machte? Hat nicht das Straßenpflaster vor Liebe gejauchzt, als du es zuerst betreten? Weinte nicht jeder Pudel Dankestränen, wenn er auch nur den leisesten Tritt von dir besah? Oh, lebte der alte Goethe noch! Wie würde ihm das Herz schlagen, wenn er dich in roten Pantoffeln, mit hohem Absatz, klipp, klapp einen hallenden Korridor hinunterwandeln sähe! Oh, stände der greise Hafis aus seinem Grabe auf! Taumelnd vor Wonne würde er dich mit den Rosen all seiner Lieder umwinden! Fuß in blauem Schuh! So du zur Rechten gehst, so gehe ich zur Rechten, und gehst du zur Linken, so wirst du mich dir zur Linken folgen sehn! Mein Entschluß war gefaßt. Ohne Plan, ohne Absicht war ich nach Liverpool gekommen – fest stand es jetzt in meiner Seele, daß ich diesem Fuße folgen wolle, und wandelte er vor mir her bis zu den Samojeden.   Auf stieg der Morgen. »Maria, schöne Freundin, kommen Sie; ich werde die lieblichsten Märchen in Ihr Ohr säuseln!« – Da reichte sie mir fünf zarte Finger, welche eine Hand ausmachten, so reizend...! »Ich bitte, Maria, würdigen Sie mich eines Backenstreiches mit dieser sammetweichen Rechten!« Sie lachte. »O halten Sie fest! ja, recht fest! so!« Und da machte sie sich rasch von mir los, denn ihr Fuß hatte eben das Verdeck des »John Mac Adam« berührt; der Sprung vom Lande ans Schiff war geschehen, und lustig tanzte sie über den glatten Boden der Kajüte. Heiliger Gott, da war wieder der kleine Fuß! Pfeilschnell flog der Dampfer die Mersey hinunter. Ein paar Minuten lang ergötzte uns noch das bunte Treiben der Liverpooler Docks, das Singen der Matrosen, das Flattern von tausend Wimpeln und die Stadt selbst, mit den greulich hohen Warenhäusern, die so voll sind von süßem Zucker, von langweiligem Tee und ambrosischem Rum, daß ich nicht begreife, weshalb ein solches Haus nicht gelegentlich den Verstand verliert, zu taumeln beginnt und weit hinaus ins Meer purzelt – einen Hering zu fangen! Denn ein Hering schmeckt vorzüglich, wenn man Tee mit unermeßlichem Rum genossen. Froh war ich, daß wir Liverpool im Rücken hatten. Es ist eine ermüdende Stadt mit hohen Häusern, kleinen Menschen und großen Kaufleuten, außerdem etwas Welthandel – sonst wußte ich nicht viel zu notieren. Jedenfalls sind mir aber zwei junge Hamburger unvergeßlich, die ich am ersten Abend meines Aufenthaltes gegen 11 Uhr in den Gassen fand. Die Hamburger sind gewöhnlich nicht dumm, und diesen Vorzug hatten auch die beiden braven Leute, welche mich damals in gebrechlichem Englisch anredeten und mir treuherzig mitteilten, sie hätten sich fest vorgenommen, unter allen Umständen, à tout prix, sich den Rest der Nacht ganz ungeheuer gut zu amüsieren, und ich, als Eingeborener, sollte ihnen dabei behilflich sein. Natürlich eröffnete ich ihnen zuerst, daß ich nicht die Ehre hätte, ein Eingeborener zu sein, sondern weit hinten im Lande der Phäaken zu Hause wäre, und daß ich zweitens, bei ja und nein, der Ihrige sein wolle, Affenteuer aufzusuchen, zu finden und zu bestehen. Wir machten darauf gemeinschaftliche Sache, jagten lange vergebens unserem Glücke nach und wären vielleicht ruhmlos in die Heimat zurückgekehrt, hätte sich nicht die – Polizei unser angenommen! Ach, die Polizei! Wir nahmen Unterricht bei ihr und waren bald mit allem Teufelszeug besser bekannt als der rechtschaffenste Mann Großbritanniens. Unser Schiff schwankte mit knarrenden Masten in die Irische See. Wo blieb meine schöne Berlinerin? Marie war nichts weniger und nichts mehr als das – nie ist ein erfreulicheres Geschöpf Unter den Linden zur Welt gekommen. »Holde Männin, teure Landsmännin, was fällt Ihnen ein?« Sogar der graue Kapitän wurde von schauerlichem Entzücken erfaßt, denn die verwegene Schöne hatte eben ihre verzweifelt kleinen Füße auf das purpurne Kissen einer Schiffsbank gesetzt und bog sich weit über den Rand des Verdeckes hinaus. »Liebes Kind, Sie fahren nicht auf unserm gemütlichen Rheine, zwischen Bonn und Bingen, wo sich gleich tausend Poeten in die Wellen stürzen würden, wenn Ihnen etwas Menschliches begegnete. Sehen Sie die Irische See, wie sie tobt, wie sie schäumt! Jene Felsen sind das Grab mancher stolzen Fregatte – und Sie achtzehnjährige Blume...?« Keine Antwort. Ihre braunen Augen schweiften sehnsüchtig über die tanzenden Wogen; und der Morgenwind, wie galant machte er sich auf und riß den grünen Schleier von ihrem weißen Angesicht! »Halt an, du Geselle!« Er riß das seidene Tuch von ihrem Nacken und die Locken von ihrer Stirn; und wie die rote Korallenkette an ihrem Halse zu rasseln begann und wie die Falten des langen Gewandes immer toller um die leichte Gestalt wogten und wie sie weit schöner war auf der donnernden See als einst in den heimischen Gärten, da wollte es auch dem alten Ozean nicht länger auf kaltem Grunde behagen; er hob sich murmelnd über die Planken des Fahrzeugs und küßte den Saum ihres Kleides – der alte Kerl! »Deutsche Donna, ich bin des Spaßes müde. Schämen Sie sich gütigst. Lassen Sie sich doch nicht von diesem irländischen Ozean verführen! Seien Sie patriotischer! Und jetzt steigen Sie von der Bank herunter...« Maria sah mich mit ihren liebenswürdigen Augen so sträflich an. »Ach, ich vergaß ganz, Sie meinen Reisegefährten vorzustellen!« rief sie. »Sehen Sie, hier Mr. John und Miss Clara!« Ein kleiner Mann und eine große Dame standen vor mir. Mr. John aus Manchester – ein Baumwollen-Lord, wie man gewöhnlich die Leute nennt, welche durch den Handel mit Baumwolle oder durch Verarbeitung derselben zu unanständigen Reichtümern gelangten – küßte vor dreißig Jahren zuerst das Töchterchen Clara auf die beiden Lippen. Er war damals ein schlichter Mann, vierschrötig und steif wie fast alle Lancashire-Leute, und Clara war nicht höher, versteht sich, als eine Wachskerze damals. Als aber aus dem trüben Manchester immer mehr Fabriken aufstiegen, immer schlankere Kamine emporwuchsen, immer mehr Mühlen und Maschinen in den Tag hinein rasselten, als die Arbeiter stets bleicher und stiller wurden und die Herren stets lustiger auf die Börse stolzierten: da war auch aus dem gewöhnlichen, steifen Lancashire-Mann ein reicher, geschliffener Gentleman und aus dem wachskerzenhohen Töchterlein eine fast sechs Fuß lange Miss geworden, die ihre großen Füße so stämmig auf den Boden setzte wie ein Dragoner, trotzdem daß der Tanzmeister ihr ein über das andere Mal geraten, leicht zu wandeln wie eine Elfe und melodisch wie eine Göttin. Clara, Marie und Mr. John schritten der Vorkajüte zu, wo einige Matrosen am Boden kauerten. »Goddam, Jack, hier ist Geld genug!« schrie ein kerngesunder Bursche und warf eine Handvoll Schillinge und halbe Kronen in den Hut seines Nachbarn. »Jetzt Rum her!« – und an dem Donner seiner Stimme konnte man deutlich bemerken, daß schon am frühen Morgen ein treffliches Wetterleuchten durch die breite Stirn zuckte. »Seit gestern«, fuhr er fort, »no, what a devil, seit sieben Tagen bin ich schon am Lande und erst einmal betrunken gewesen. I say, Jack, sieben Tage voll!« – »Ist eine ganze Woche betrunken!« antwortete Jack und langte nach einigen irdenen Töpfen, in denen sie den goldgelben Rum zu Munde führten. »In Kalkutta«, rief der erste weiter, »kaufte ich diese Jacke.« Und da riß er das flanellene Wams von den Armen und warf es über Bord. »Diese Jacke – sieben Schilling und sechs Pence, schöne Jacke! I say, Jack, ich kenne eigentlich nur zwei Plätze auf dem festen Lande, das ist der ›Anker‹ in Liverpool und der ›Stern‹ in Kalkutta! O ›Anker‹ und ›Stern‹! Sechs Pfennig das Glas Brandy! Und hat mich die alte Liese in Liverpool aus dem ›Anker‹ geworfen, da reise ich wieder nach Kalkutta; und wirft mich der schiefe Mulatte aus dem ›Stern‹ in Kalkutta, da kehre ich zurück zu der alten Liese nach Liverpool. O Liese!« Dieser Geständnisse der Matrosen wegen gab die lange Miss Clara sich alle mögliche Mühe zu erröten und bemerkte der aufmerksam lauschenden Freundin, daß der Anstand sehr erfordere, sich etwas von dem rohen Volke zu entfernen. Die heitere Marie, welche freilich wenig genug von den kräftigen Seeredensarten verstand, erwiderte darauf, daß jener Matrose im Grunde doch ein wunderschöner Mann sei. »Aber sehr gemein!« sagte Clara. – »Aber schön!« sagte Marie. Da entfernten sich die Mädchen, und die lange Clara verdrehte noch einmal ihre blauen englischen Augen und sah nach dem dunkelbraunen Backenbarte des jungen Mannes. Es mußte so sein, denn »dunkelbraun« murmelte sie im Davongehen. »Sehen Sie, teurer Herr«, sagte der Cotton-Lord zu mir, »so leben diese unglücklichen Matrosen. In frühester Jugend schon auf dem Wasser, hassen sie bald das Land. Es sind liederliche Gesellen, diese Matrosen! Kommen sie nach langer Reise in den Hafen, da bezahlt man ihnen den Lohn, und dieser macht gewöhnlich eine kleine Summe aus, denn unterwegs können sie ja nichts verzehren. Statt aber mit dem Erworbenen weise umzugehen und die Tage der Ruhe heiter zu genießen, stürzen sie vom Schiff gleich in die erste Schenke, schreien, tanzen und singen wie unsinnig, und sind sie betrunken, dann nehmen sich die schmutzigsten Geschöpfe ihrer an, bestehlen sie und werfen sie auf die Straße, wo sie am Morgen, ohne Geld, mit zerrissenen Kleidern, erwachen. Was sollen die armen Menschen anders tun, als wieder auf das erste beste Schiff gehen und neue Reisen machen? Dies geschieht, und im nächsten Hafen sind sie geradeso toll wie im letzten; die Jahre verstreichen, bald sind sie an Herz und Gemüt verwildert – o traurig, daß es solche Menschen gibt! Wie glücklich könnten sie sein, wenn sie mit dem Ihrigen zu Rate gingen! Ich kenne das, mein Freund!« Während der alte Herr so mit Wärme sprach und eine sanftmütige Träne improvisierte, waren die Matrosen vom Boden aufgesprungen und rannten mit wildem Geschrei durcheinander. Der von Kalkutta Gekommene wollte von seinem Freunde Jack das Geld herausholen, was dieser verweigerte, um ihn, wie er sich ausdrückte, nicht in Zeit von zehn Minuten zu einem armen Teufel werden zu lassen. Der Betrunkene wollte aber von »brüderlicher Vorsicht« nichts wissen, streifte die Hemdärmel empor und versetzte seinem Jack ein paar regelrechte Stöße, die das Signal zu einer tüchtigen Boxerei waren. Man steckte die beiden Kämpfer in die Matrosenkajüte, wo sie ihren Streit schlichten konnten, und Passagiere wie ein Teil der Schiffsmannschaft lehnten sich über die Luken, um mit der größesten Ruhe und Kaltblütigkeit zuzuschauen. »Mit den Matrosen«, fuhr der alte Herr aus Manchester fort, »ist es gerade wie mit den Fabrikarbeitern. Das sind auch niedrige Menschen. Ich versichere Ihnen, ein solcher Arbeiter denkt nie an den folgenden Tag, und daher kommt es auch, daß er so oft unglücklich wird. Gebe ich einem Arbeiter dreißig Schilling die Woche, da erübrigt er keinen Pfennig – gebe ich ihm fünfzehn Schilling, da wird er auch fertig, nur mit dem Unterschied, daß er bei dreißig Schilling zehnmal betrunken war und bei fünfzehn Schilling nur fünfmal. Nichts aber wirkt verderblicher auf Geist und Körper als Trunkenheit! Ergo: man gebe den Arbeitern geringen Lohn, da sorgt man am besten für sie, man gebe ihnen fünfzehn Schilling statt dreißig – da haben sie genug zu leben und zu wenig, um ausschweifen zu können. Der hohe Lohn in England, das ist der Grund der schrecklichen Demoralisation der arbeitenden Klassen! Seien Sie versichert, teurer Herr, ich verstehe mich auf diese Sachen. Seit dreißig Jahren halte ich mich an diese Prinzipien.« – »Und sind ein reicher Mann dabei geworden!« – »Nun ja, man sagt so, aber... sehen Sie dort! Was ist das?« Wir blickten beide nach der Vorkajüte. Die Passagiere, welche dem Kampf der beiden Matrosen zugeschaut hatten, entfernten sich von den Luken, einige ziemlich bestürzt, andere mit den gleichgültigsten Gesichtern. »Dort haben sich wieder zwei die Köpfe zerschlagen!« rief der Cotton-Lord. »Armes, ungebildetes Volk! Diese Menschen wissen das hohe Gut der Gesundheit nicht zu würdigen. Sieh, wie der eine blutet!« Da brachte man den Burschen von Kalkutta aufs Verdeck. »Es geschieht ihm recht, lieber Vater!« erwiderte die lange Clara, welche mit gemächlichen Schritten näher kam. »Gerade dieser mit dem dunkelbraunen Barte gebärdete sich vorhin so übermütig! – Aber, liebe Marie, was zittern Sie? Das ist ja etwas ganz Gewöhnliches! Das gemeine Volk in England ist immer so.« Und da setzte sie ihre Brille auf die dreißigjährige Nase, denn der unglückliche Vorfall gab eine schickliche Veranlassung, um den schönen Matrosen näher zu betrachten. Dieser hatte eine gehörige Wunde an der Stirn davongetragen, und das Blut rieselte in großen Tropfen über die Wange in sein blaugestreiftes Hemd. Man legte ihn an die eine Seite des Verdeckes, und Jack, der seinen teuern Freund so schlimm getroffen hatte, zog mit eigener Hand einen Eimer Wasser aus dem grünen Behälter, kniete dann nieder und wusch die Schläfe des Halbohnmächtigen. »Dam, old boy, how are ye?« rief Jack mit wehmütigem Tone. Er zitterte noch am ganzen Körper, und der Zorn murrte wie ein davonziehendes Gewitter durch die breite, kräftige Brust. »Ich wollte dir dein Geld verwahren, und dafür schlägst du mir zwei Zähne aus!« Jack erhielt keine Antwort. Sein getroffener Freund wurde immer bleicher, und als das kühle Wasser das Blut hinweggespült hatte und die Stirn von Staub reingewaschen war, da lag er im Schmuck seiner langen Haare und des vollen krausen Bartes so Ehrfurcht gebietend da wie die schönste Heldenleiche. Unser Dampfer hatte indes einen großen Bogen durch die See zurückgelegt und arbeitete mit aller Gewalt auf die nördlichste Spitze von Wales zu. Wir kamen dem Lande immer näher; ein Zug Möwen hob sich flatternd von den Felsen empor und jubilierte über unsre Masten hinweg. Fast den ganzen Morgen sahen wir das Ufer nur in dämmriger Ferne, und an Stellen, wo die Dünen sehr niedrig waren, schien nur die See den Horizont zu bilden. Wir waren daher nicht wenig erstaunt, als plötzlich die wildesten Klippen aus den Wellen emporsprangen – die Passagiere drängten sich an den Rand des Verdecks. »Great Ormes Head!« rief der Kapitän, und in grasgrüner Flut lag eine rosarote Felsmasse vor uns. Der Lord stieß seine längliche Tochter an den Ellbogen, als hätte er sagen wollen: »Nun, mein Kind, entzücke dich!« Und die Tochter war auch schon bereit, eine Herzensergießung von sich zu geben, da bemerkte Marie, daß der liebe Gott doch wohl in sehr kurioser Stimmung gewesen sein müsse, als er dergleichen Seltsamkeiten erschaffen – ob welcher vermeintlichen Lästerung die lange Clara ihr linkes Auge wie eine Roulettescheibe im Gesicht herumdrehte. Die Matrosen des Schiffes waren indes nicht weniger aufmerksam, da der Wind plötzlich mit ungewöhnlicher Heftigkeit durch die Felsenreihen pfiff. Der Paß, den wir durchfuhren, war äußerst schmal; die Wellen gingen hoch, und der Dampfer wurde tüchtig hin und her geworfen. Es entstand dadurch eine allgemeine Verwirrung an Bord. Die Passagiere hielten sich der schönen Aussicht wegen alle auf dem Verdeck und klammerten sich an den Bänken fest. Da der Leute aber sehr viele waren, so konnte es nicht anders geschehen, als daß bald einige von ihren Sitzen herunterrutschten und wie bei einem zusammenstürzenden Kartenhause, wo ein Blatt das andere niederschlägt, sank bald eine Person auf die andere, und im Nu hatte sich die größeste fallende Sucht über alles Publikum verbreitet. Clara verlor zuerst das Gleichgewicht und neigte sich zu der Brust des vorüberlaufenden Schiffsjungen. Dieser, ein schlanker Geselle, konnte natürlich der Wucht so vieler Reize nicht widerstehen und unterlag der bacchantischen Umarmung, indem er stolpernd zwischen das Gebein des ehrwürdigen Lords geriet und diesen so erschütterte, daß der gute Mann noch in seinen alten Tagen den jugendlichsten Sprung riskierte und niederfallend sein zürnendes Haupt bis über die Nase in den Filzhut begrub. Auf der andern Hälfte des Schiffes ging es noch viel bunter zu. Eine Herde Ochsen, welche man von England nach Wales entführte, benutzte nämlich den stets zunehmenden Skandal und arrangierte den lieblichsten Nationaltanz, zu dem einige der kühnsten, freundlich brüllend, die schönste Kuh einluden, welche bisher hinter dem Takelwerk einsam ihr Leben vertrauert hatte. Dies war natürlich den Treibern ein höchster Greuel. Mensch und Ochs gerieten daher in den heftigsten Konflikt; von beiden Seiten geschahen Wunder der Tapferkeit; bald gab man keinen Pardon mehr, und also schwankte das Glück des Kampfes, daß ich mehrere Male, von einem höhern Standpunkte aus, nicht mehr unterscheiden konnte, wem der Lorbeer gebühre. Die ganze Revolution im Tier- und Menschenreiche wurde von vielfältigem, herzinnigem Fluchen begleitet, wozu sich noch der tiefe Fagott-Ton jener Unglücklichen gesellte, die bei dem zunehmenden Schwanken des Schiffes endlich dem Meere ihre Leiden zu klagen gezwungen wurden. Die prächtigen Felskolosse, der plötzliche Sturm und die dann folgende Aufregung hatten meine Aufmerksamkeit so gefesselt, daß ich den verwundeten Matrosen ganz aus den Augen verlor. Als ich mich daher nach ihm umsah, fand ich, daß er von der Vorkajüte bis an den Dampfkessel gerollt war, und eben wollte ich hinabsteigen, um ihm weitere Rotationen unmöglich zu machen, da huschten zwei allerliebste Hände hinter dem Treppengeländer hervor und drückten ein schneeweißes Tuch auf die Wunde des armen Burschen. Sie zitterten recht, als sie dann das Haar von der bleichen Stirn streichelten. Ich sah es genau: es hob jemand den Kopf sacht empor und legte ihn auf die Schleppe eines seidenen Kleides. Wer konnte es sein? Ich eilte die Treppe hinunter. Da rannte mir der Kapitän entgegen; er sprang auf einen Balken, der die beiden Radkasten der Maschine verbindet – ein paar Fuß über mir und den zarten Händen, die unten den Matrosen pflegten. Wir mußten an einer gefährlichen Stelle sein. Spitze, höhnische Felsennasen ragten weit hinaus in das Fahrwasser. Einige Leute drehten am Steuerruder nach Leibeskräften; aber ein fatales Segel blähte sich noch an der Spitze des mittleren Mastes und machte den Lauf des Schiffes unregelmäßig. Die flinksten Matrosen mußten hinan; ich lief die Treppe hinab, sie kamen herauf und versperrten mir den Weg. Da setzte der Kapitän sein großes Sprachrohr an den Mund, und von dem Donner seines Rufes tönten rings die Felsen wider. Es war ein ernster Befehl; die Matrosen boten ihre ganze Gewandtheit auf, und sieh, auf vom Boden richtete sich der verwundete Bursche von Kalkutta, wie ein Toter beim Blasen der himmlischen Posaune, plötzlich empor. Die zarten Hände, welche seinen Kopf gehalten, glitten zur Seite; eine schlanke Gestalt kam zum Vorschein – es war die lustige Marie, welche den armen Teufel beschützt hatte. Rasch eilte sie hinunter in die Kajüte. Der Matrose aber fuhr mit der Hand über die Augen, taumelte noch einige Male, blickte dann in das Segelwerk hinauf, und wie eine Katze kletterte er über die Strickleiter. Seine Faust erreichte den einen Zipfel des Segels; drei, vier Griffe in die Taue, und das Linnen war gerafft. Der Dampfer zog seine rechte Straße und war bald im besten Wasser. Ein letzter Blick auf die Felsen – und aller Augen schweiften entzückt über die tiefblaue Bay von Bangor. Zur Rechten die Insel Anglesea mit den waldigen Ufern und links die Berge von Wales, übersät von Landhäusern, Schlössern und grauen Ruinen. Vom Hafen herüber Lärm und Geschrei! Ein prächtiger Dreimaster schwankte der Küste zu – laut begrüßte ihn der Ruf der Matrosen, und hoch oben aus dem Segelwerk schaute ein sechsjähriger Mohr verwundert in europäisches Leben.   Auf der Küste von Nordwales steht ein Wirtshaus. Das nennt man das »Hotel des heiligen Ritters Georg«. Lieber Leser, gehst du vor die Tür dieses Hauses, da siehst du links die gewaltige Kettenbrücke, welche von Wales über die Menaistraße schnurgerade nach der Insel Anglesea hinüberreicht, rechts erblickst du die alten Städte Beaumaris und Bangor; vor dir die Insel und hinter dir steht die alte Frau Roberts und sagt: »Es ist heute sehr schönes Wetter!« In diesem Georgs-Hotel bei der Frau Roberts ruhten wir aus von den Stürmen des Meeres. Als wir den Tee genossen und das geröstete Brot, versank der Lord in die Falten einer Zeitung. Maria aber und die lange Clara rückten näher an den Kamin, in dem mehr des Spaßes als der Kälte wegen ein lustiges Feuer loderte. »Meine teuern Frauenzimmer, Sie kennen doch das Land Madagaskar?« Beide sahen mich verwundert an. »Das Land Madagaskar grenzt nördlich an den Ozean, südlich an das Meer, westlich an die See und östlich an das Wasser.« »Ist also eine Insel?« sagte Clara. – »Geraten, meine Teure! Von der Insel Madagaskar will ich Ihnen aber gar nichts erzählen; sondern von der Insel Anglesea.« »Nun, dann erzählen Sie doch!« rief Marie und stampfte ungeduldig mit ihrem himmlischen Füßchen. »Fräulein, warten Sie! Das Warten ist eine Hauptsache. Das ganze Leben ist nur ein Warten, ein Erwarten! Sehen Sie hin, wohin Sie wollen, überall ein Warten! Denken Sie an Abraham! Er mußte lange warten, ehe ihm seine Frau ein Kind schenkte. Odysseus mußte lange warten, ehe er in die Arme der lilienarmigen Penelopeia zurückkehrte. Methusalem mußte lange warten, ehe er starb. Das war freilich vor vielen Jahren. Aber ist es nicht heute noch geradeso? Wie lange muß nicht ein Doktor warten, ehe er Professor wird! Wie lange muß man nicht vor der Tür warten, wenn man den Hausschlüssel vergessen hat! Wie lange muß nicht ein Kreditor warten, ehe er sein bares Geld zurückerhält! Oft drei Monate und dann noch zwei Respekttage!« »Verzeihen Sie, drei Respekttage in London!« unterbrach mich hier der Lord und versank wieder in seine Zeitung. »Aber das ist ja alles nur bei den Männern so«, versetzte Maria unwillig, »junge Mädchen läßt man nie warten! Und jetzt erzählen Sie uns von Anglesea! Junge Mädchen wollen nie warten!« Die dreißigjährige Miss blickte grimmig zur Seite – Ich fuhr fort: »Die Insel Anglesea war früher von den Druiden bevölkert. Aber man schlug die Druiden tot, und seitdem sind sie ausgestorben. Die Druiden waren langweilige Kerle, nährten sich von Wurzeln und Kräutern, sprachen schlecht französisch und ließen sich totschlagen. Später kam die Insel, welche jetzt eben im herrlichsten Mondenglanze vor uns liegt, unter britische Hoheit, und wenn Sie heute einen Brief in London schreiben, sich für einen Penny einen Stempel kaufen, worauf das Bild der Königin steht, und diesen Stempel auf das Kuvert des Briefes kleben, ihn dann auf die Post geben und sagen ›Lebe wohl, mein Brief!‹, so kommt der Brief, wo Sie wollen, richtig in Anglesea an. Nur müssen Sie den Stempel richtig aufdrücken, den Kopf der Königin oben!« »Of course, natürlich!« sagte Clara. »Aber das gehört wieder nicht zur Insel Anglesea!« bemerkte Marie. »Verzeihen Sie, Fräulein – aber nichts wird uns jetzt mehr unterbrechen. – Dafydd ab Gwilym ist nämlich der unaussprechlich schöne Name eines Barden, der im Anfang des 14. Jahrhunderts auf der Insel Anglesea, in Wales oder sonstwo geboren wurde. Denn man weiß nicht recht, wes Landes er ist. Er machte recht hübsche Verse, die uns aber gar nichts angehen, denn wie kann der gute Mann verlangen, daß wir sie noch ein halbes Jahrtausend nach seinem Tode lesen? Wir schwärmen jetzt für ganz andere Leute, mein lieber Dafydd ab Gwilym, und ich würde es sehr sonderbar finden, wenn du irgendeine Aufmerksamkeit von uns erwartetest. Nein, bei der ewigen Sonne, wir nehmen nicht die mindeste Notiz von dir. Du bist längst verfallen – abgemacht; aber Dafydd, du warst einst ein sehr schöner Mann! Goldgelbe Locken flossen von deiner prächtigen Stirn hinab – deine Augen waren blau, dein Wuchs war schlank und dein Herz ein loderndes Feuer! Dafydd ab Gwilym machte noch in seinem sechzigsten Jahre viel tollere Streiche als unser guter Nettelbeck seligen Andenkens von Kolberg in seinem vierzehnten. Es ist dies wieder ein Beweis, daß wir es doch unter keinerlei Umständen mit dem Auslande aufnehmen können. Sogar in tollen Streichen ziehen wir Deutsche den Kürzern! Welcher deutsche Poet hätte je in seinem Leben vierundzwanzig Geliebte auf einmal zu gleicher Zeit unterhalten? Das aber tat Dafydd! Freilich war er auch einst zweiundzwanzig Jahre alt, und gerade damals. ›Was soll ich mit vierundzwanzig Geliebten tun?‹ sprach Dafydd. ›Wenn ich eine küsse, wollen dreiundzwanzig vor Sehnsucht vergehn; das ist nicht wohlgetan.‹ Da setzte er sich eines Morgens an sein großes Schreibpult, nahm vierundzwanzig Pergamentrollen und schrieb an vierundzwanzig der schönsten Mädchen, Frauen und Witwen der benachbarten Inseln und Königreiche also: ›Übermorgen abends um 8 Uhr, bei der großen Eiche auf dem Wolfsfelde im Lilientale!‹ Ein anderer Mensch hätte vielleicht mehr geschrieben, noch etwas Verbindliches hinzu. Aber Dafydd sah ein, daß es nicht möglich ist, vierundzwanzigmal hintereinander geistreich und liebenswürdig zu sein. Er schrieb daher in Ermangelung einer Druckerei, die wir heutzutage bei ähnlicher Gelegenheit jedenfalls anwenden würden, er schrieb alle Briefe so kurz und bündig und schrieb den einen wie den andern. Die Zeit verging; der dritte Tag kam heran. Dafydd schlich schon um 7 Uhr zu der bewußten Eiche und kletterte oben in die dichtesten Zweige des schattigen Baumes. Es war ein herrlicher Abend. Die sinkende Sonne hatte das Meer ringsum purpurrot gefärbt; bald schaute der Mond über die Berge von Wales, und alle Blumen der Insel Anglesea fingen an zu duften nach Herzenslust. Da rauschte es leis in den Büschen und Zweigen, als kämen von allen Seiten kleine Rehfüße und trampelten dem Lilientale zu. Und nicht lange währte es, da flüsterten hin und wieder silberne Stimmen, und schwarze und blonde Locken flatterten um weiße Nacken. Lüsterne Herzoginnen stiegen von den leichtfüßigen Zeltern, und gräfliche Augen schimmerten verliebt im Mondschein. Auch rosige Bauernmädchen schauten durch die Tannenzweige – arme Kinder in knappen, kurzen Kleidern, mit einem Gürtel von Efeuranken um das feste Mieder. Dazu blitzten goldene Ketten, nickten lustige Straußenfedern und fächerten schwermütige Augenlider – es war nicht anders, als zöge ein Heer von Elfenköniginnen zu dem Lilientale, um den nächtlichen Reigen zu tanzen. Die Nachtigallen hörten auf zu schlagen, denn sie erschraken vor all der Pracht – auch schlossen die schönsten Blumen ihre Kelche, denn nimmer sahen sie lieblichere Menschenkinder. Gegen die war all ihr Glanz nichts. Dem Herrn Dafydd oben auf der Eiche inmitten des Wolfsfeldes wurde es plötzlich sehr sonderbar zumute. Eine einzige von den schönen Damen könnte einen andern ehrlichen Mann zeitlebens glücklich machen, und ihn liebten sie doch alle miteinander, alle vierundzwanzig, Herzoginnen, Gräfinnen, Edelmannstöchter und Bauernkinder. Sein Herz schlug ganz unbändig, und fast bereute er, die Pergamentrollen in die Welt geschickt zu haben, woraus denn zu schließen ist, daß man sich auch in der Liebe mit etwas Schriftlichem sehr in acht zu nehmen hat – unter allen Umständen. Derweile war der Mond ganz leise von Wales herüberspaziert, es mußte schon längst 8 Uhr sein. ›Soll ich oder soll ich nicht?‹ sagte die Gräfin. ›Kommt er oder kommt er nicht?‹ flüsterte ein Edelmannskind, und andere dachten dasselbe. Als es aber mit all dem Flüstern endlich ganz unheimlich im Walde wurde, da wagte sich die erste auf den freien Platz hinaus – und von der andern Seite kam eine zweite und dann eine dritte und vierte schöne Dame, bis zuletzt alle vierundzwanzig unter der Eiche auf dem Wolfsfelde erschrocken einander gegenüberstanden. Da hätte man sonderbarliche Blicke sehen können. ›Wie, so spät an diesem Ort?‹ sagte eine Herzogin zu einer Gräfin. Und: ›Wie, meine Liebe, zu dieser Stunde?‹ erwiderte die Gräfin der Herzogin. Und: ›Gretchen, was treibst du hier?‹ flüsterte ein Bauernkind. Und: ›Ach, Mary!‹ tönte es zurück. Und ›O weh‹ und ›Mein Himmel!‹ und ›Heiliger Georg!‹, so ging es um die Wette von Mund zu Mund; und die stolzen adligen Augen fingen an zu funkeln, und manche wollten weinen, und andre wußten nicht, was sie tun sollten. – Ein böser Dämon schien aber mit allen sein Spiel zu treiben, denn keine der Damen vermochte den Fuß vom Boden zu heben und sich zu entfernen. Da rief plötzlich eines der armen Kinder den Namen ›Dafydd‹ aus. O Herzeleid, welches Unheil richtete dies an! Nun wußten sie gleich alle, wie es mit der Sache beschaffen war. Die Herzoginnen rissen die Straußenfedern von ihren holden Häuptern, die Gräfinnen zerdrückten ihre Perlen, die Edelmannskinder zerrauften ihre lieblichen Locken, und die Bauernkinder warfen ihre Veilchen und Vergißmeinnicht nach allen Winden. Mitten in den Kreis der Unglücklichen trat aber eine schwarzhaarige, prächtige Gräfin. Sie hob ihre rechte Hand feierlich empor und sprach: ›Er sterbe‹, und alle stimmten ein: ›Wir wollen ihn töten! Dafydd tot! Töten! Tot!‹ Ringsum wurde es still. ›In der Tat?‹ klang es da plötzlich aus der Krone des Eichbaums herunter. – Erschrocken blickten die Damen empor. Es haspelte sich jemand aus den Zweigen los – jetzt kam es: zwei lange Poetenbeine – und dann eine Hand und ein Arm – eine Brust, ein Kopf, ein ganzer Mann – Dafydd ab Gwilym! Er lachte laut auf, schüttelte sich hin und her, und die goldgelben Locken tanzten wie toll um seine Stirn. ›Also, ihr wollt mich töten?‹ rief er spöttisch. ›Oh, das ist herrlich, hier bin ich!‹ In diesem Augenblicke wünschten sich alle Damen ein Paar Flügel, um den Eichenbaum oben in der Spitze erreichen zu können; denn jede verspürte die größeste Lust, dem verräterischen Dafydd die bläulichen Augen auszuhacken. Dieser merkte ihre Gedanken, und galant, wie er war, stieg er bis auf den untersten Ast der Eiche hinab, so daß er von den vierundzwanzig Schönheiten nur eine Elle weit entfernt war. Sie konnten ihn deutlich sehen, und trotz Haß und Kummer wären sie fast wahnsinnig geworden, denn so schön war der liederliche Mensch. Dafydd setzte sich aber gemächlich nieder und sprach folgendermaßen: ›Teure Herzogin, süße Gräfin, holdes Edelmannskind, und du, Gretchen, und Mary und ihr andern vom zarten, erfreulichen Pöbel, höret mich alle an! Daß ich euch liebe, das wißt ihr schon; ich hab es euch häufig gesagt! Aber, welche von euch liebe ich am meisten?‹ Die Frauen und Mädchen schauten auf Dafydd und blickten sich untereinander an. Eine jede dachte: Ich habe gewiß die schönsten Augen! Ich habe gewiß den kleinsten Fuß! Ich habe die reinste Stimme! Ich habe die kußlichsten Lippen! – Es war ein sehr peinlicher Augenblick. Dafydd fuhr fort: ›Welche ich von euch am meisten liebe, das werdet ihr schwerlich erraten! Frau Herzogin, Ihr würdet unübertrefflich sein, wenn Ihr Gretchens schlanke Taille hättet; und Gretchen, du würdest noch viel schöner sein, wenn du so geschmückt wärest wie die schwarze Gräfin. Aber, Frau Gräfin, weshalb habt Ihr auch nicht so lustige Augen wie Mary? Und Mary, wie kommt's, daß du nicht singen kannst wie mein Edelmannskind?‹ Und so nannte er sie alle bei Namen und verglich sie untereinander und lobte die eine noch mehr als die andere. Dies hatte eine erschreckliche Wirkung. In nicht mehr als zehn Minuten entspann sich eine unvergleichliche Eifersüchtelei zwischen den vierundzwanzig weiblichen Herzen. Bald schaute niemand mehr auf Dafydd; eine Nachbarin blickte die andre mit zornigen Augen an. ›Du hast auch gewöhnliche Kleider an‹, sagte die Gräfin zu Gretchen. – ›Und du singst auch wie eine Bachstelze‹, sagte Gretchen zu Mary. Und so warfen sie sich gegenseitig ihre Fehler vor, und immer toller wurde der Wortwechsel, und bald verloren die Bauerndirnen alle Geduld und fingen an, sich die Röcke zu zupfen und dann die Ohrläppchen und die zierlichen Nasen. Herzoginnen und Gräfinnen mischten sich in den Streit. Es war ein Schreien, ein Schelten, ein Weinen, ein Schluchzen und Verwünschen, daß der Wald rings davon widertönte und die Hirsche sich erschrocken im Traume emporrichteten. Weithin über das Wolfsfeld im Lilientale flogen zerzauste Locken, zerrissene Bänder und Schürzen. Hier ein zerstörter Herzogsschmuck, dort ein gräflicher Schuh und die Korallenkette eines Bauernkindes. Da war jeder Rang und jede Würde vergessen, mit Kneifen und Püffen drehte sich die ganze Gesellschaft unter der Eiche herum, und wollte eine entfliehen, da setzte man ihr nach, und wollte eine davonlaufen, da wurde sie eingeholt, so daß sich bald der Kampf weit über das Wolfsfeld hinaus bis tief in den Wald erstreckte. Derweile saß Herr Dafydd ab Gwilym ruhig in den Eichenzweigen und mußte sich schier ohnmächtig lachen. Als er aber bemerkte, daß seine vierundzwanzig Geliebten genug mit sich selbst zu schaffen und ihn durchaus vergessen hatten, da ließ er seine Beine schnell den Eichbaum hinunterbaumeln, – jetzt ein Sprung, da stand er auf dem Boden, und husch, verschwand er in dem Gebüsch. Am Ufer der Menaistraße lag ein Kahn, schnell ruderte er nach Wales hinüber und reiste dieselbe Nacht noch manche Meile durch das Gebirge, bis er in den Süden kam. Dort blieb er und hat sich viele Jahre lang nicht wieder auf der Insel Anglesea sehen lassen.« »Pfui über diesen treulosen Dafydd ab Gwilym!« rief Maria und ballte ihre lieblichen kleinen Fäuste. Da entfernten sich die Mädchen, denn es war schon sehr spät. Ich blieb allein mit dem Lord zurück. Der gute Mann war selig entschlafen. Er hielt die Hände über der »Times« gefaltet, sein Kopf war rückwärts auf die Lehne des großen Stuhles gesunken, und die Beine, kurz und kräftig, wie sie einem Lancashire-Mann zukommen, ruhten weit voneinander auf dem dunkelroten Teppich. Seliger Mann, glücklicher Handelslord, wie sanft ist dein Schlummer! Welch reizende Träume mögen deiner ewigen Seele jetzt vorüberschweben! Du denkst vielleicht zurück an die Tage deiner Kindheit, deiner stürmischen Jugend – wo du zuerst auf deiner Bleiche ein Stückchen Garn begossest. Die goldgelben Butterblumen nickten dir weissagend aus dem Grase entgegen. Es wurde dir ganz goldgelb vor den Augen, und kühn entwarf dein rastloser Geist die verwegensten Pläne. »Ich will der Industrie einen Tempel bauen!« So klang es von deinen kirschroten Lippen; du gingst in die nächste Taverne, trankst ein Glas Brandy mit Wasser und wurdest deiner Sache noch viel gewisser und wurdest deiner Sache so gewiß, daß, als wieder die goldgelben Butterblumen im folgenden Jahre auf der Wiese blühten, schon eine milchweiß angestrichene Fabrik ins Land hinausschaute und der gewaltige Schornstein gleich einem einsamen Zeigefinger dem Vorübergehenden zu gebieten schien: »Wanderer, wer du auch seist, stehe still! Hier wohne ich!« Gutmütige Ochsen bewegten anfangs deine Maschinen. Aber du schlachtetest deine Ochsen und spanntest den Dampf vor die schnurrenden Räder, und die Räder schnurrten und die Maschinen stöhnten, während deine Seele jauchzte über die stets wachsende Zahlenkolonne deines riesigen Hauptbuches. Ein wahres Weltbewußtsein bemeisterte sich deiner; mit dem Glanz deiner Stoffe schmücktest du den alten Erbfeind, den Türken – Mitleid ist eine schöne Tugend! – und den langen Irokesen und den Buschmann, und in hundert Meetings schwärmtest du für Befreiung der Sklaven und vergaßest schier aus Sorge für die entlegensten Völker, daß deine eignen Arbeiter, die Gründer deines Glücks, lumpiger einhergingen als Türk, Irokese und Buschmann und geknechteter waren als die geknechteten Schwarzen. – Wie sanft ist dein Schlummer! Blankgemünzte, goldgelbe Butterblumen, freundliche Baumwollballen und zärtliche Dampfmaschinen nicken erheiternd in deine Träume hinein – o gewaltiger Lord! Aber da erwachte der Lord und fragte mich mit schlaftrunkener, lallender Stimme: »Sagen Sie mir doch, haben Sie in Wales Geschäfte?« Ich hatte wenigstens erwartet, der gute Mann würde mich, wie Hunderte seinesgleichen, fragen, ob ich nicht seinen speziellen Freund, den Herrn William Shakespeare kennte. Aber nun gar Geschäfte! »Ich reise einige Meilen weiter«, erwiderte ich ihm, »um einen Herrn Merlin aufzusuchen; ein sonderbarer Gesell, Zauberer!« »So? Merlin, Zauberer? Don't know him! Also nicht in Geschäften?« – »Nein!« – »Sehr sonderbar! Die Deutschen kommen doch gewöhnlich in Geschäften nach England. Ich weiß das aus Erfahrung und habe es noch neulich in einem Buch des Herrn Howitt über Deutschland gelesen! Die Deutschen haben noch nie Geld in unser Land hereingebracht – sie wollen nur immer etwas hinausnehmen.« »Was jedenfalls sehr schlau von den Deutschen ist!« »Nun ja! Wir Engländer treiben es aber doch ganz anders. Wir verdienen daheim und verzehren auswärts, und, nehmen Sie mir's nicht übel, das ist eigentlich viel ehrenvoller, viel höflicher!« »Ohne Zweifel, aber freuen Sie sich doch, daß es noch ein Land in der Welt gibt, wo mitleidige Gastwirte die fahrenden Fräuleins, die zerrütteten Bankiers und die zweifelhaften Geldheroen Alt-Englands für ein Billiges an ihr Herz drücken! Ich kann Ihnen versichern, daß mich einst ein reisender Brite in das Estaminet eines rheinischen Dampfschiffes zog und mich mit flüsternder Stimme fragte, ob es denn wirklich nötig sei, daß man in Mainz zu Mittag speise!« »Eine Ausnahme, mein Herr!« rief der Lord etwas zornig. – »Aber eine edle!« erwiderte ich ihm. »Senden Sie uns nur viele arme Engländer! Wir lieben die Armen in Deutschland – und sie finden Gesellschaft! Ach, die Armen! Sie säen nicht, sie ernten nicht, und unser himmlischer Vater...« »Wie, Sie sind religiös?« fragte der Lord verwundert. »Das ist seltsam! Herr Howitt sagt, man kenne das Christentum in Deutschland fast nicht mehr. Und die Universitäten – das muß ja erschrecklich sein! Unter zwölf Studenten sollen immer zehn sein, welche Deisten sind. Schrecklich!« »Das ist Verleumdung! Wenn Herr Howitt das gesagt hat, so ist es Verleumdung! Aber vielleicht weiß Herr Howitt nicht, daß die Studenten, seit er Umgang mit ihnen hatte, schon wieder viel gescheiter geworden sind. Übrigens will ich Ihnen nur gestehen, ich habe das Buch des Herrn Howitt ebenfalls gelesen – es ist ein vortreffliches Werkchen, ganz gut für einen religiösen Engländer, und jedenfalls kann noch etwas aus ihm werden, wenn er bei dem ersten besten Sozialisten Schneider in England Privatunterricht nimmt!« Bei diesen Worten drehte sich der erschrockene Lord dreimal auf seinem Stuhle herum. »Wie, Herr Howitt bei einem Sozialisten Unterricht nehmen? Bei einem Menschen, wie ich sie dutzendweise aus meiner Fabrik gejagt habe? Bei einem Sozialisten, der schlimmer ist als ein deutscher Student?« – Der Lord stand auf und schlich zu Bette. Draußen entfaltete indes die Nacht ihre lieblichsten Reize. Ich ging die Meerenge entlang und spazierte über die ungeheure Brücke nach Anglesea. Von dort aus sieht man am besten die wilden Berge von Nordwales. Ihre schroffen, zackigen Umrisse stachen prächtig gegen den mondhellen Himmel ab. Alles war still, nur die Wellen schlugen leise rauschend an die felsigen Ufer. Weshalb reisen die Engländer lieber in der ganzen Welt umher, um kolossale Berge, blaue Seen und alte Wälder zu schauen? In Wales haben sie alles und besuchen es nur wenig, wie man mir versicherte. Ist es ihnen um die historischen Erinnerungen so sehr zu tun? Die haben sie in Wales auch – rings auf den Hügeln zerstörte Schlösser – ein tröstlicher Anblick! – Aber in andern Ländern ist ja alles billiger! O über die Engländer! Es ist einerlei, was für Berge sie sehen, nur billig, billig! – so schreit der größeste Haufen! Wenn John Bull eine Reise machen will, da geht er bei guten Freunden herum und fragt, ob es wohl 10 Pfund weniger koste, wenn er nach Algier reise statt nach Petersburg, und ist dies der Fall, da pilgert er nach Algier, so sicher wie zwei mal zwei vier ist. Am folgenden Morgen wiegten wir uns in einem Kahne nach dem alten Carnarvon hinunter. Maria schöpfte mit den kleinen Händen etwas Seewasser und schnitt die lieblichsten Grimassen, als ihre rosigen Lippen mit der salzigen Brühe Bekanntschaft machten. Der Lord schlürfte Politik aus einem Tory-Blatt, während die erhabene Tochter Clara sittsam in den Morgen hinausstierte. »Carnarvon, meine verehrten Freundinnen, ist eine Stadt wie andre mehr; alt, engpässig und finster. Am westlichen Ende des Ortes steht die grandiose Ruine des Schlosses, welches Eduard I. für Geld und gute Worte weiland aufführen ließ. Sehen Sie dort die fürchterlichen Trümmer! Wünschen Sie einen Quaderstein als Andenken? Ich hole ihn gern herunter. – Die Chronik von Carnarvon ist sehr interessant und hat namentlich eine rührende Geschichte aufzuweisen, die den Beweis liefert, daß unser deutsches Weinsberg nicht die einzige Stadt ist, welche sich der Weibertreue rühmen kann. Ein Fürst von Nordwales zog nämlich einst von Schottland in den Krieg und hatte in seinem Heere viele Arvon-Männer. Man wollte nur ein halbes Jahr ausbleiben; die Unternehmung zog sich aber sehr in die Länge, und weil damals die Postverbindungen noch nicht recht geregelt waren (denn der Feldzug geschah in einer Zeit, wo man noch keine Zeitungen las und auch kein Piano spielte), so konnte niemand von allen Helden nach Hause schreiben, ob er gesund geblieben. Dies verdroß die zurückgebliebenen Ehefrauen, und als wiederum das dritte Frühjahr ins Land kam, da hielten sie eine feierliche Ratsversammlung, fingen an zu weinen und erklärten vor allem Volke, ihre teuern Ehemänner müßten wohl sämtlich erschlagen sein, und das sei höchst traurig! ›Aber weshalb sollen wir den süßen Rest unseres Lebens ehelos vertrauern?‹ riefen sie, trockneten ihre Tränen und heirateten, ihrer dreihundert liebenswürdige Frauen an der Zahl, die dreihundert liebenswürdigsten Diener ihrer geschiedenen Herren – worunter sehr stattliche Burschen gewesen sein sollen. Man kann sich den Jubel in Carnarvon denken. Dreihundert Hochzeiten auf einmal! Es waren nicht genug Eier aufzutreiben, um alle die hübschen Festkuchen zu backen. Aber ein altes Sprichwort sagt: ›Heute Küssen und Lecken, Morgen Prügel und Stecken!‹ Und so geschah es auch in Carnarvon, denn plötzlich zogen am Abend die dreihundert Arvon-Männer gesund und wohl wieder in ihre Vaterstadt ein. O großes Herzeleid! Die alten Ehemänner liebte man, denn alte Liebe rostet nicht; aber die jungen hatten sich auch bewährt – was sollte man tun? Manche der sittsamsten und versöhnlichsten Frauen schlugen vor, man solle beide Männer behalten, denn was dem einen recht sei, das dem andern billig. Damit waren aber weder die alten noch die jungen Gesellen einverstanden, indem sie den Frauen begreiflich machten, daß keine von ihnen zween Herren dienen könne. Sehr verwickelt war dieser Streit. Da legte sich der großmütige Fürst von Nordwales, der sich als treuer Landesvater auf Liebeshändel vorzüglich verstand, ins Mittel; er wußte seine Krieger so zu beschwatzen, daß sie ihren frühern Ehehälften entsagten und mit einem Schlage dreihundert freundliche Bauerndirnen unter die Haube brachten. Er entschädigte sie außerdem noch durch vierzehn Privilegien, welche teilweise bis auf den heutigen Tag bestehen. Unter den vierzehn Privilegien ist aber das nicht mit einbegriffen, daß die dreihundert Krieger ihre jungen Weiber nach Herzenslust küssen konnten. Die Chronik bemerkt dies ausdrücklich und versichert, solches verstehe sich von selbst. Und so geschah's.« »So scheint denn in diesem Lande nie Treue existiert zuhaben!« rief Maria. »Der goldlockige Dafydd ab Gwilym verläßt seine vierundzwanzig Geliebten, und die dreihundert Frauen in Carnarvon geben ihre Ehemänner auf! Aber die Geschichte des Barden Dafydd ist jedenfalls am abscheulichsten.« »Ich bitte Sie, Fräulein, erzürnen Sie sich nicht. Die welschen Barden sind mitunter auch sehr treu gewesen. Da hat es einen gegeben, der kam in seinen jungen Jahren einst an einer Hütte vorüber und sah vor der Tür auf einem bemoosten Steine das lieblichste Mädchen sitzen. Er küßte es dreimal auf den roten Mund, und das gefiel beiden so sehr, daß sie sich ewige Treue schwuren. Der junge Mann mußte aber in den Krieg, wurde vom Feinde gefangen und weit in der Welt umhergeschleudert. Erst als sein braunes Haar silberweiß geworden, kehrte er in die Heimat zurück. Da hatte sich alles verändert; er konnte schier sein väterliches Dorf nicht wiederfinden, und wenn er die Leute danach fragte, da verstanden sie ihn nicht, denn er redete beinahe in fremden Zungen. Nur die Berge standen noch an der alten Stelle; sie zeigten ihm den Weg, und glücklich erreichte er das Tal und die verfallene Hütte, wo er vor fünfzig Jahren zuerst geliebt und geküßt hatte. Die Sonne funkelte eben in den schwarzen Eichenwald hinunter. Der alte Mann schlich um die Hütte herum, durch den kleinen Garten, und siehe, als er vor die Tür kam, da saß gerade wie vor fünfzig Jahren ein weibliches Wesen auf dem bemoosten Steine. Es war eine alte, alte Frau; sie hatte die Hände gefaltet und die Augen geschlossen, denn sie schlief. Der Greis hätte sie gern angeredet und nach seiner Geliebten gefragt, denn er dachte nicht anders, als daß sie noch geradeso jung und schön wie früher wäre. Als er aber sprechen wollte, da konnte er die Worte gar nicht zusammenfinden; es wurde ihm so traurig ums Herz; er näherte sich der alten Frau, und es war ihm nicht anders, als müsse er sie dreimal auf die Lippen küssen. Das tat er denn auch, und die Frau erwachte. Die guten Leute schauten sich lange Zeit mit ihren alten Augen recht ernsthaft an. Als sie aber inne wurden, daß eins das andere vor fünfzig Jahren recht herzlich umschlungen hatte und daß sie sich noch liebten wie ehedem, da flossen ihnen die hellen Tränen die Wangen hinunter. ›Ach, könnte ich dir doch sagen, daß ich es wirklich bin!‹ dachte der Greis und besann sich hin und her, ob er denn gar kein Wort mehr von dem wüßte, was er einst in der Geliebten Ohr geflüstert. Da tauchte eine alte Melodie in seiner Seele auf: ›O gib mir Milch und gib mir Brot!‹ Er sang es mit zitternder Stimme. Die alte Frau setzte sich auf den bemoosten Stein und summte den Refrain: ›Ja, süße Milch und Weizenbrot!‹ Und da schlummerte sie ein und ist nie wieder erwacht. Der Greis aber stieg auf den Felsen, der über der Hütte hing, und seine schneeweißen Haare flatterten im Abendwinde. Lange Jahre hat er dort noch unverständliche Lieder gesungen, bis ihn die Bauern in Wales begruben. Um den Felsen und die alte Hütte sind aber so viele Rosen gewachsen, daß man nichts mehr davon sieht. –« »Das ist wieder etwas von dem fatalen Unsinn!« rief der Lord und faltete seine Zeitung. Unser Kahn stieß eben ans Land; die beiden Mädchen sprangen in die Blumen; der Lord rollte hinter ihnen her. Auf der Gasse in Carnarvon hielten uns aber einige Kinder an: »O gib mir Milch und gib mir Brot! Ja, süße Milch und Weizenbrot!« Eine kleine zerlumpte Schönheit flehte so heiß mit ihren düstern Augen.   Von der Küste fuhren wir ins Land hinein. »Liebe Maria! Das ist manchem deutschen Poeten schon so gegangen, daß er den Shakespeare zwei- und dreimal las und endlich zu der Überzeugung kam, er werde nie ein Shakespeare.« – »Aber das ist auch gar nicht nötig, mein Freund, mache er Frühlingslieder und hänge sich auf – da ist er mit Ehren aus der Welt! Wollen Sie indes ein Drama aufführen lassen – wohlan, mein Herr, es sei Ihnen vergönnt! Nur seien Sie versichert, die Geister der Unweisen werden auf der Galerie sitzen und über Sie lachen!« »Ach, daß doch nichts auf Erden vergänglich ist! Alles ist ewig – sogar die Narretei! Nicht so dachte jüngst ein rheinischer Gelehrter, als er den gräßlichen Plan faßte, die schlechtesten Gedichte des Jahrhunderts zu sammeln und durch einen Folianten des Unflats der Welt zu beweisen, daß sie nichts Besseres tun könne, als ihre Poeten samt und sonders zu verbrennen. Der treffliche Mann ging rüstig ans Werk. Ein Jahr und drei Monate wühlte er mit unverwüstlicher Ausdauer im poetischen Schmutz umher; Nacht und Tag tanzte seine Feder über das Papier, und groß und klein erwartete etwas Ungeheures, denn niemand wußte, was der Gelehrte schaffe. Und siehe, eines Morgens trat er freudestrahlend aus seinem Gemache, Meister und Jünger sammelten sich um den Würdigen – er war blaß und mager geworden durch die große Anstrengung. ›So habe ich vollbracht die herkulische Arbeit!‹ rief er und legte ein riesiges Manuskript auf den Tisch. Auf dem Umschlage des Manuskripts aber las man: ›Saubohnen deutscher Dichter!‹ Unendlicher Jubel erfüllte die Hallen. Man sandte den Pedell in das nächste Wirtshaus und forderte des rötlichen Weines, denn die Geburt des Folianten mußte und sollte gefeiert werden. ›Wird er nicht Schätze erobern durch dieses Werk?‹ raunte man sich in die Ohren. ›Nicht per Bogen, nein, per Pfund Gedicht wird man ihn honorieren.‹ Da schwand der Tag – die schwärzliche Nacht kam. Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern emporstieg, wandelte der Gelehrte aufs neue die Gassen hinunter. ›Perser nennen's Bidamagbuden, Deutsche sagen Katzenjammer.‹ So klang es durch seine träumerische Seele! Nur schwankend trat er in das Comptoir eines Verlegers. ›Sind Ihnen Saubohnen deutscher Dichter gefällig?‹ fragte der Gelehrte den Buchhändler. Der Buchhändler schnitt ein Gesicht, als würde er gekreuzigt. – Das Wort ›Gedichte‹ ist allein schon hinreichend, um einen Verleger ohnmächtig zu machen; aber nun gar noch ›Saubohnen‹! – ›Auf Ehre und Seligkeit, nein, Herr, ich verlege alles, nur gerade diese Saubohnen nicht!‹ ›O der Tor!‹ murmelte der Gelehrte und verfügte sich in den zweiten Buchladen. Die Sage meldet, daß es ihm dort nicht besser erging, und die Chronik fügt hinzu, daß er beim dritten Verleger nicht mehr Glück gehabt, und das Wochenblatt versichert, im vierten Buchladen hätte sich auf Till Eulenspiegels Porträt, das an der Wand hing, bei dem Antrage des Gelehrten das Haar steif emporgerichtet. Wie dem auch sei – die Saubohnen wanderten vom Herrn Habicht zum Herrn Sperber, wanderten von Marcus zu Matthäus, und niemand wollte sie verlegen. Da sollen dem Gelehrten die hellen Tränen im Auge gestanden haben. Er hat die Saubohnen in den Rhein versenkt – dort liegt nun der Foliant und wartet der Auferstehung.« Maria sah mich ernsthaft an. »Also war der Gelehrte, der die schlechten Gedichte sammelte, eigentlich ein größerer Narr als all die Poeten, welche...« – »Sie sind scharfsinnig, liebe Maria. O unsterbliche Narrheit! Es ist nur gut, daß sich jeder Narr mit großer Gesellschaft trösten kann. Herr Dafydd ab Gwilym, den Sie so sehr liebgewonnen, war auch bei weitem gescheiter, als er, noch jugendlich, vierundzwanzig Geliebte küßte, denn später, wo er mit einem andern Barden in einen zehnjährigen poetischen Streit geriet. Die alten Knaben stachen sich mit den spitzesten Reimen und prickelten sich dermaßen, daß ihren Freunden die Geschichte endlich zu toll wurde. Der ganze Streit war ohnehin nicht wichtiger, als wenn zwei Affen sich um einen Zwieback balgen. Man beschloß also, die Unglücklichen zu versöhnen, es koste, was es wolle. Der eine Barde wohnte in Nordwales, der andere in Südwales. Da reiste ein lustiger Gesell, der beide Dichter kannte, zuerst in den Norden und verbreitete dort die Nachricht, Herr Dafydd im Süden sei plötzlich gestorben. Dies betrübte den nördlichen Barden so sehr, daß er sich gleich hinsetzte, allen Haß überwand und seinem toten Feinde das rührendste Leichencarmen dichtete. Als dies in vielen Abschriften verbreitet war, eilte der Vermittler schnell vom Norden in den Süden und log dem Barden Dafydd vor, soeben sei der alte Feind im Norden mit Tode abgegangen. Herr Dafydd schüttelte sein greises Haupt. ›Wir haben uns zehn Jahre lang befehdet‹, sprach er, ›es tut mir aber doch leid, daß der Mann tot ist!‹ Und wunderbarerweise dichtete auch er dem totgeglaubten Feinde den herrlichsten Grabgesang. Da hatten die Freunde der beiden Barden genug – sie lasen dem einen des andern Gedicht vor, und als man ihnen dann den Betrug entdeckte, da wurden sie ganz wehmütig, kamen auf der Grenze von Nord- und Südwales zusammen, machten Frieden, umarmten sich, und ihre wallenden schneeweißen Haare flossen ineinander. Aber der Henker hole alte und neue Barden! Schweigen wir davon. Sehen Sie, teure Maria, wie dort die zackigen Felsen so wild übereinandergeworfen sind. Wie ein Haufen Fastnachtsnasen. Es ist der Paß von Llanberis, der sie in schmächtigen, schwindsüchtigen Windungen durchschneidet.« Unser Pony, ein wahrer Tom Thumb unter den Gäulen, trabte lustig vorwärts. Bald über die Brücke eines schäumenden Waldbachs, bald über Hügel und Steingeröll, – durch Moor und Wiesen ging die Fahrt, bis wir, plötzlich stillhaltend, uns in der tiefblauen Flut eines Sees spiegelten. Die Natur, die größeste Künstlerin unsrer Zeit, malt hier mit drei Farben das grandioseste Gemälde. In der Tiefe das blaue Wasser, ringsum schwarze Felsen und in langen Streifen, in dem Schacht der Gesteine, das zarte Rot blühenden Heidekrautes. Wir machten halt und warteten eben nicht sehnsüchtig auf den Lord und Clara, die in einem andern kleinen Wagen den Weg von Carnarvon bis ins Gebirge nicht so schnell zurückgelegt hatten. Als die kleine Gesellschaft zu unserm Leidwesen wieder beieinander war, trieben wir die Pferde am Ufer des Sees entlang und erreichten bald das Dorf Llanberis. Hier versahen wir uns gehörig mit menschenstärkenden Flüssigkeiten; eine Schaffnerin tischte das Brot auf und der Gerichte einige aus dem erträglichen Haushalt; wir packten alles zusammen, bestiegen jetzt ein jeder einen Pony und setzten die Tour unverzüglich fort. Von der See aus gesehen nehmen sich die Berge von Nordwales nur wie mäßige Hügel aus. Mehrere Male war es mir, als führen wir auf dem Rheine, von Andernach hinunter, und die Höhen des Siebengebirges, wo unser Simrock sein unvergleichliches Eschenblut keltert, stiegen aus der Flut empor. Die vordere Kette der Berge in Wales hat wirklich viele Ähnlichkeit mit den rheinischen Gebirgsformen. Alles nahm aber eine andre Gestalt an, als wir das Land selbst durcheilten; da gab es keine sanftmütigen Täler, voll von blühenden Obstbäumen und betrunkenen Studenten, wie zu Honnef und Heisterbach, – nur rechts und links finstere Schluchten, Karzern ähnlich, mit einem See in der Tiefe, und emporsteigend immer gewaltigere Massen, kahl, dunkel und unheimlich, die sich hin und wieder schroff zerteilen, um stets neue, phantastische Felsengruppen erscheinen zu lassen. Kein Baum, kein Strauch schmückt bald die Gegend mehr; nur silberhelle Bäche springen überall keck aus den Steinen, rieseln erst einzeln und brausen dann vereinigt in prächtigen Kaskaden der Tiefe entgegen. Diese Bäche sind eine sehr nützliche Erfindung, denn Mensch und Tier, welche die Berge hinankeuchen, können sich alle zehn Minuten einmal erfrischen; auch wir benutzten sie häufig, indem wir das klare, eiskalte Wasser mit Brandy und Zitronensaft vermischten und auf diese Weise den erfreulichsten Grog americain bereiteten. An jedem Quell machten wir halt und beschauten, was ringsumher von neuen Landschaften sichtbar wurde. Zuerst das Dorf Llanberis mit dem See, dann auf mehreren Hügeln die Trümmer zerstörter Kastelle, die Menaistraße dann und die Insel Anglesea, welche bald in ihrem ganzen Umfange vor uns lag. Die Aussicht nach der offenen See versperrte uns noch ein kolossaler, unhöflicher Bergrücken. Während unsere Pferde munter vorwärts kletterten, zog plötzlich ein sehr beunruhigender Nebel aus den Schluchten empor, die Gipfel waren bald schwarz verhängt, die Gegend unten zwar noch sichtbar, oben aber totale Finsternis. Wir hatten dies nicht zu bereuen; denn wie der junge Held im »Titan« sich selbst die Binde vor die Augen band, um sie erst auf dem höchsten Punkte der Insel im Lago Maggiore zu zerreißen und die Alpen und die Seen mit einem Male zu überschauen, so wand uns die Natur ihre Wolkenschleier um die Köpfe, damit wir nur von dem Gipfel des ehrwürdigen Snowdon plötzlich das Wundervollste erblicken möchten. Das war wieder sehr liebenswürdig von der Natur! – Der Snowdon ist der höchste Punkt der Gebirge in Wales. Wir erreichten ihn, ohne es zu wissen, und wunderten uns, als wir mit einem Male vor dem kleinen, hölzernen Hause des bekannten William Williams standen. Dieser gute Mann hielt es für seine Bestimmung, auf dem erhabensten Orte Großbritanniens, der, nebenbei gesagt, nur etwa zehn Fuß breit und fünfzehn Fuß lang ist, jahraus, jahrein den vorzüglichsten Mokka zu brauen. William war früher ein Gärtner und sehr glücklich unter seinen Rosen und Veilchen. Eine zornige Ehefrau verbitterte ihm aber endlich das Leben. Da hing William eines Morgens ein Schaffell um die lieben Glieder, stieg den Berg hinan, zimmerte aus Tannenbrettern eine Hütte und weilt nun dort, bibellesend, kaffeekochend und schlafend – ein einsamer Mann, der höchste Mann Englands. Erschöpft war Lord John in Williams Arme gesunken. »Seit der Geldkrisis von 1825 habe ich nicht ein solches Zittern in den Beinen gehabt!« stöhnte der wohlhabende Mann. Clara, die gleich einem Leuchtturm die Spitze des Snowdon überragte, tröstete ihren Vater mit der Bemerkung, daß nur der Brandy schuld daran sei. »Heiliger Gott, wie kann man in Gegenwart der unendlichen herrlichen Natur eine so triviale Äußerung machen!« fuhr der Alte fort. »Nicht der Brandy, nein, die Freude ist es, die mich zittern und wanken läßt; die Freude, daß ich, Mosen gleich, von der Spitze dieses Berges endlich mein Kanaan, mein teures England überschauen und begrüßen kann!« Die Aussicht nach dem Lande Kanaan verhinderte indes, wie gesagt, einstweilen noch ein sehr beunruhigender Nebel. Wir traten deswegen in Williams Hütte und ließen uns auf einigen schlechten Schemeln nieder, die im Kreise um den Herd standen. »Fürsten und Könige haben schon auf diesen Stühlen gesessen!« versicherte William. Der Cotton-Lord faltete andächtig die Hände, Clara hätte fast vor Freuden geweint. »Hamlet, der Dänen König, hat noch neulich mit mir gefrühstückt«, fuhr William fort. »Heiliger Gott, wie interessant!« bemerkte der Cotton-Lord. »Ist das derselbe Hamlet –«, begann Clara. »Der uns das Theaterstück gemacht hat«, versicherte William. Wilder kochte der Teekessel, es wurde mir ganz teekesselig zumute. »Ferner besuchte mich der Prinz von Preußen«, fuhr William fort. »Er hatte lange blonde Haare, er ging in Reitstiefeln und rauchte aus einer Meerschaumpfeife.« »Entsetzlich!« seufzte Clara. »›Schwerenot, Donnerwetter‹, sagte Se. Königl. Hoheit, als sie mich verließ, ›Kerl, hier hast du zwanzig Schilling Sterling!‹« »Aber was heißt das: Schwerenot, Donnerwetter«, erkundigte sich Clara. »Pomeranzen, Lilien und Zitronenblüten!« erwiderte ich ihr. »Oh, wie freundlich sich doch ein Prinz auszudrücken weiß –«, bemerkte der Cotton-Lord. »Auch der König von Sachsen hat einmal bei mir logiert«, erzählte William weiter. »Er trank Kaffee mit mir –« »Kaffee?« rief die lange Clara verwundert. »Allerdings! Aus dieser zerbrochenen Tasse –«, versetzte William. »Schwerenot, Donnerwetter«, jubelte der Cotton-Lord, »die Tasse ist mein! Die Tasse behalte ich als Andenken –«, und schmunzelnd schob er zwei Kronen in die Hände des lächelnden William. Während die guten Leute sich auf diese Weise von allen möglichen und unmöglichen Potentaten der Welt unterhielten, schaukelte sich Marie auf dem einzigen Sessel, den die Hütte aufzuweisen hatte, indem sie das Köpfchen senkte, die Arme übereinanderschlug und die kleinen Füße der Glut des Feuers entgegenstreckte – die kleinen, himmlischen Füße! »Ach! aber ach! das Mädchen kam Und nicht in acht das Veilchen nahm, Ertrat das arme Veilchen. Es sank und starb und freut' sich noch: Und sterb ich denn, so sterb ich doch Durch sie, durch sie, Zu ihren Füßen doch.« »Goddam!« klang es da draußen vor der Tür. Es war unser Führer, der aus Herzensgrunde so rief. Der Mann hatte recht, daß er so freudig andächtig fluchte, denn eben blies der Wind von Irland herüber – noch zwei, drei Stöße, und zusammen stürzten die verräterischen Wolkenmassen. In wildem Strudel wälzte sich der Nebel vom Haupt des Gebirges, und in den Schluchten, wo kein Entrinnen war, zerstob er an den Zacken der Felsen, und höhnisch pfiff der Sturm hinter ihm her und pfiff so lange, bis aus dem Pfeifen ein Heulen und Donnern wurde und die ganze Natur aufzuschreien schien in einem einzigen, in einem zerschmetternden »Goddam!« Prächtig aber wandelte die ewige Sonne durch den reinen, heitern Himmel, und die Wogen des Meeres leuchteten in ihren Strahlen! Rechts in blauer Ferne die Spitzen der schottischen Berge, links England und Wales, und vor uns die See, die unendliche – mit dem Lande des unendlich verachteten, geknechteten Volkes – einen Gruß dir, Irland! Es war schon Abend, als wir den Rückweg antraten. Der Lord und Clara reisten in die Bäder von Beaumaris. Ich begleitete Marie bis an die Menaistraße – lustig rollte unser Wagen das Ufer des Sees entlang, und zwei Mädchenhände ruhten in den meinigen. XIV Rückkehr »Nimm mich auf, uralter Ozean!« – und da bezahlte ich 30 Schilling Sterling und verfügte mich an Bord des »Glen Albyn«, eines Dampfbootes von vielen Pferdekräften. – Es war in der heiligen Frühe, und die Sonne ging eben auf über England. »Lebe wohl, England! Ich kehre zurück in die billigen Gasthöfe des Kontinents, wo ich hinfort Schnepfen und Ulmer Spargel essen werde zu meinem stillen, speziellen Vergnügen! Lebe wohl!« – und da trocknete ich keine einzige Träne aus meinen schönen Augen, sondern setzte mich sehr vergnügt auf das Hinterteil des »Glen Albyn«, hinüberschauend, bis die Küste verschwunden, die liebliche Küste, auf der ich zwar viel des stärkenden Portweins, aber noch mehr der zerschmetternden Trübsal gekostet – jawohl! in drei langen Jahren, in dreimal dreihundertfünfundsechzig Tagen. Und weiter fuhren wir über das Wasser, Nur Wasser sahen wir ganz und gar. Die See ward immer nasser und nasser, Bis rings nur unendliche Nässe war. Und ich wurde sehr ernst, und eine Stimme in meinem Innern hub plötzlich an zu sprechen und fragte mich: »Nun, mein lieber Freund, was haben Sie denn eigentlich angefangen in diesen dreimal dreihundertfünfundsechzig Tagen?« Ich muß gestehen, diese Frage kam mir etwas unbescheiden und zudringlich vor; da ich aber aus Instinkt gegen jedermann verbindlich und höflich bin, so zögerte ich mit einer Antwort gar nicht lange und erwiderte mit der größten Freundlichkeit: »Süßes Gewissen, beruhige dich! Angefangen habe ich vieles, doch vollendet nur wenig; außerdem las ich im Shakespeare und im ›Tristram Shandy‹, und die Mädchen in York, sie wissen das andere.« Mein Gewissen war ruhig, und wir verfügten uns zum Frühstück! Ein treffliches Frühstück! Tee und Kaffee, Beefsteak und Fische und was sonst das Meer gebiert an kleinen wohlschmeckenden Bestien, an Krebsen und Austern – ich fand es aufgetragen in reichlicher Menge, prangend in symmetrischer Ordnung und lächelnd zu süßer Verlockung. Doch, o Wunder! An den Seiten des Tisches, wo gewiß ein Dutzend Menschen Platz gehabt hätten, standen nur zwei Sessel, und in dem einen Sessel saß bereits mein roter Kapitän, und den andern schob mir der Kellner hin, ärgerlich brummend, und ach, es war kein Zweifel mehr, der Kapitän und ich, das war die ganze Gesellschaft, und ich war der einzige Passagier auf dem ganzen ungeheuren Steamer. Traurig, o traurig! Ich hatte gehofft, wenigstens fünf oder sechs von euch zu treffen, wie ich euch oft getroffen, ihr blauäugigen Töchter und Tanten Britanniens, wenn ihr Porter und Sherry trinkt wie die Männer und wenig sprecht und euch still verklärt einander anseht, lieblich langweilig, daß man hätte einschlafen mögen in eurer Nähe und schlummern ein halbes Jahrtausend in Frieden und süßer Verzückung! – Wen soll ich jetzt unterhalten, wenn ich in der Kajüte sitze, die lange, schaukelnde Seenacht, ein einsamer Mann? Wem soll ich nun auf den kleinen Fuß treten? Wem soll ich jetzt die zarte, lilienweiße Hand fassen? Zu wem soll ich mich, ach, traulich hinüberwiegen, wenn mir das Herz voll wird, wenn meine Seele anfängt zu blühen und meine Lippen sich sehnen nach leisem Geschwätz und verrücktem Gemurmel? Ach, ich sehe es kommen: dies wird eine traurige Nacht – in der Heimat blieben sie zurück, die mich trösten könnten –, und keine Rettung gibt es, denn nicht mehr in unsern Tagen entsteigen der Flut die erquicklichen Nymphen von ehemals, und ein dummes Gespräch werd ich führen mit dem tobenden Meergott nur, wenn ich wandeln werde im Mondschein, heut nacht, auf dem glatten Verdeck, keusch und verdrießlich. »Doch essen Sie Ihr Beefsteak, mein Freund, es wird Ihnen kalt, und trinken Sie Tee, oder wollen Sie Kaffee? Und nehmen Sie Eier?« Der Kapitän hatte recht, und ich trank Kaffee und Tee und aß Beefsteak und Eier, und meine Seele ward ruhig... Da sprang der Kapitän auf; unser Frühstück war beendigt. Bald standen wir auf dem Verdeck. Rechts und links gingen die Schiffe an uns vorüber, und mein Freund setzte natürlich jedesmal sein Fernrohr an den Kopf, um die Fremdlinge von oben bis unten zu beschauen. »Dreihundert Tonnen!« rief er, wenn ein etwas größeres Fahrzeug dahinglitt. »Sitzt gut in den Planken... nur etwas alte Segel... aber nicht übel gebaut«, und ähnliche Bemerkungen entfuhren dem alten Gesellen. Ich dachte unwillkürlich an die Zwischenakte des Theaters am Strand. Da setzen die Heroen des Abends auch ihre Teleskope an die holden Gesichter und blicken hinauf zu den Logen. »Dreihundert Pfund Rente!« flüstert der eine dem andern zu. – »Sitzt gut in den Hüften – nur schade, etwas ältlich – doch nicht übel gebaut!« – und wie der Kapitän vor einer alten Fregatte, verneigen sich die Söhne Merkurs vor der blondlockigen Tochter des Brotherrn. Es war indessen Mittag geworden, und die Sonne schien steif hinab aufs Verdeck. Es wurde mir so träumerisch schläfrig zumute, ich legte mich auf eine Bank, und die Wellen, mit tollem Gemurmel, sangen mich bald ein in seliges Vergessen. Das Meer, das ich wachend vor mir gehabt hatte, blieb indes auch im Traume vor meinen Blicken – ich sah fortwährend die große grüne Flut vor mir, und jede Welle, die schäumend zusammenrollte, schien mich freundlich anzunicken und mich zu grüßen. Freundliche, liebenswürdige Wellen! Allmählich wurde die Geschichte aber doch etwas langweilig, und ich freute mich gar nicht wenig, als plötzlich ein sehr hübscher und wohlgewachsener Delphin mit dem Kopf aus dem Wasser sah und mich mit seinen grünen Augen zu fragen schien, ob er vielleicht zu meiner Unterhaltung etwas beitragen könne. Ich ließ diese Gelegenheit natürlich nicht vorübergehen und winkte ihm, näher heranzukommen, was der holde Delphin auch sogleich tat und bald so nahe an der Seite des Dampfers dahinglitt, daß wir ohne Schwierigkeit unsere Konversation beginnen konnten. »Guten Tag, Delphin! 's freut mich, daß ich dich sehe! Wie geht's? Wie sieht es im Meere aus, unten auf dem perlengestickten Grunde, was hast du Neues?« Der Delphin ließ mich nicht lange auf Antwort warten – die Wellen hörten auf zu rauschen, und mit silberner Stimme klang es und sang es: »Des Neuen hab ich dir viel zu erzählen, Viel Golfe und Buchten ich jüngst durchschwamm, Du kannst nur die Länder und Völker dir wählen, Vom grünenden Kap ja bis Amsterdam!« Der Delphin schwieg, und ich erwiderte ihm eiligst: »Lieber Delphin, du hast mich nicht verstanden; von den langweiligen Völkern und Ländern will ich nichts wissen. Vom Meere erführe ich gerne etwas. Das interessiert mich! Gar zu gerne wüßt ich, ob es denn wirklich wahr ist, daß es da unten kein einziges von jenen göttlichen Wesen mehr gibt, die ich bei meinen klassischen Studien in Quarta und Tertia auf dem Gymnasium meiner Heimat einst so unbeschreiblich liebgewann. Sprich, was fangen die Tritonen an und die lieblich nackten Nereiden? Das erzähle mir!« Da ließ der Delphin mich nicht lange auf Antwort warten, die Wellen hörten auf zu rauschen, und mit silberner Stimme klang es und sang es: »O Freund, im Meer ist's nicht wie vor Zeiten; Der antike Wasserpöbel verschwand! Wir Fische sind's, die die Wellen durchgleiten Mit dem offnen Maul, im schupp'gen Gewand.« Der Delphin schwieg; und ich seufzte tief auf. Ach, wie sind die Zeiten so schlecht geworden. Also alles tot? Da hub der Delphin aufs neue zu singen an, und mit silberner Stimme klang es und sang es: »Neptun nur thront an früherer Stätte; Das ist der ganze göttliche Rest! Traurig sitzt er auf blauem Bette, Ewig bis auf die Haut durchnäßt!« »O lieber Gott! Der arme Mann, was muß der sich ennuyieren! Allein mit seinem Schmerz! Nur von kalten Fischen umringt. – Verzeih, verehrter Delphin, ich will dich nicht beleidigen, du bist auch ein Fisch – ich dachte nicht daran –, aber du weißt, es gibt Ausnahmen, und es versteht sich von selbst, daß du die edle Ausnahme bist; ich weiß: Götter und Poeten, was eigentlich dasselbe ist, die haben dich von jeher geliebt und verehrt. Drum lasse dich in deiner Erzählung auch nicht stören und fahre fort.« Und der Delphin fuhr fort, die Wellen hörten auf zu rauschen, und von Neptun klang es und sang es mit silberner Stimme: »Er weiß, daß die Menschen ihn nicht mehr ehren; Die bösen Christen, die brachten ihn schon Vor Jahren, ach, er konnt es nicht wehren, Um alle Ehre und Reputation.« »Ach ja! Das ist leider wahr. Ich habe eigentlich auch nie daran gezweifelt, daß es so sei, denn ich erinnere mich sehr wohl jenes Augenblickes, als ich einst in der goldnen Frühe zu meinem alten Rektor trat und ihn im Zimmer auf und ab gehen sah, weinend und wehklagend um das untergegangene Heidentum. Er sagte mir, es sei eine wahre Schande, daß man nicht mehr an den Olympos glaube, aber den Christen solle es auch noch einmal schlimm ergehen, und dies sei sein einziger Trost. Er ging dann auf den Bleichplatz hinter das Schulhaus, zog seinen Schafpelz aus und wälzte sich einigemal, nackt wie er war, in dem grünen, betauten Grase herum, kam dann wieder zu mir, versicherte, daß jetzt sein brennender Schmerz etwas gelindert sei, und ließ mich dann deklinieren. Aber lieber Delphin, verzeihe, daß ich dich unterbrach! Fahre fort!« Und vom alten Neptun begann er zu singen und sang, daß es klang wie von silberner Stimme: »Manchmal, wenn ihn Gedanken foltern, Den herabgekommenen, bankrotten Mann, Da fängt er noch heftig an zu poltern Und braust wie ein junger Sausewind dann.« »Also doch? Ach, das freut mich! Ich habe es immer gesagt, die Götter konservieren sich lange – und namentlich der Neptun! Es war gewiß ein Mann von gutem Schrot und Korn.« »Voll Ärger umtobt er die Felsenriffe Und hüllt in Wolken der Sonne Schein, Zerbricht ein halb Dutzend Linienschiffe Und schläft wieder mürrisch und brummend ein.« »Nun, damit schadet er den Menschen auch nicht gar zuviel; so etwas hat nie großen Erfolg; ein paar Linienschiffe mehr oder weniger, darauf kommt es nicht an – und es ist ja alles versichert, verassekuriert bei Llyods in London – schadet wenig. Aber macht er sich sonst nicht noch zuweilen ein stilles Vergnügen?« Da hob der Delphin zum letzten Male sein weißes Haupt aus dem Schaum der Fluten, die Wellen hörten auf zu rauschen, und mit silberner Stimme klang es und sang es: »Sein höchster Spaß ist, wenn am Abend Die Fische kommen aus aller Welt Und sich im Mondenscheine labend Betend um seinen Thron gestellt: Da schäkert er wohl mit den jungen Forellen Und kneift den Karpfen in den Schwanz Und denkt an das schöne Junggesellen- Leben, an Liebe, Gesang und Tanz.« So sang der Delphin und tauchte hinab. Ich aber fuhr entrüstet von meiner Bank empor. Also mit den Karpfen gibst du dich ab, Neptun, o gesunkener Gott! Fahre hin – es ist aus! Mein Kapitän empfing mich aber mit offnen Armen und zog mich hinunter in die große Kajüte, wo bereits ein treffliches Diner unserer wartete. Der unglückliche Schiffskoch schien auf eine Gesellschaft von wenigstens dreißig Personen gerechnet zu haben, denn er hatte ein so immenses Stück Beef gerostet und jetzt zwischen mich und den Kapitän auf den Tisch gesetzt, daß es mir, etwas lügenhaft zu erzählen, beinahe nicht möglich war, meinen Tischgenossen an der anderen Seite zu bemerken. »Tun wir unser möglichstes!« rief mir der Kapitän zu und goß eine Flasche Portwein und eine dito Sherry in die großen geschliffenen Dekanter. Das Tischgebet wurde gesprochen. Und wir erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle. Jetzo war die Begier des Tranks und der Speise gestillet. Und es erhob sich vom Sessel mein göttlicher Freund Kapitän und sprach die geflügelten Worte: »Werter Freund, entschuldigen Sie meine Frage, welcher Nation gehören Sie eigentlich an?« Ich besann mich einen Augenblick und erwiderte dann mit dem höchstmöglichen Pathos: »Teurer Freund, ich bin ein Yankee.« »Wie, ein Yankee? Ein Nordamerikaner?« Der Kapitän erblaßte und goß ein halbes Glas Portwein über das Tischtuch. »Jawohl, ein Nordamerikaner, der stolz ist auf seine große Nation und auf sein großes Vaterland!« Der Kapitän erwiderte keine Silbe, ergriff ein großes Tischmesser, rannte wie wütend in einen Chesterkäse, grüßte mich dann höflich kalt und stieg hinauf aufs Verdeck. Unglücklicher, was hatte ich getan! Mich für einen Amerikaner auszugeben, auf einem englischen Schiff – der einzige Passagier – einem alten Kapitän gegenüber –! An eine Aussöhnung mit dem alten Manne war nicht zu denken; von der Minute an, wo die verhängnisvollen Worte meinen Lippen entflohen, waren wir die bittersten Feinde. Es tat mir leid, meinen Schiffsgenossen so aufgebracht und verstimmt zu haben – in seinen Augen war ich jetzt ein Lump, ein Vagabund – ich war ja ein Nordamerikaner, ich gehörte einem Volke an, das sich einst trotzig vom Mutterlande trennte und das schon so oft dem stolzen Albion drohend zu begegnen wagte. Ich ergab mich in mein Schicksal, ich verzieh aber dem alten Kapitän, den die Sitten und der Charakter seiner Heimat nicht anders gelehrt hatten, als den Amerikaner mit Wut und Argwohn zu betrachten. Ein kurioses Volk! Sprich dem Engländer von einem Schotten, da ist es ihm nicht anders, als würde er um eine Summe Geldes betrogen. Sprich von einem Irländer, da zuckt er höhnisch und verächtlich mit den Lippen. Sprich von einem Franzosen, da lacht er und trinkt auf die Gesundheit des Herzogs von Wellington. Sprich von einem Holländer, da fordert er vom Wirt eine irdene Pfeife. Sprich von einem Deutschen, da sagt er kein Wort, und sage ihm, du seist ein Amerikaner – da wird er wütend und rennt mit dem Messer in den Chesterkäse. Und der eine ist wie der andere, und unter tausend Mann denken und tun neunhundertneunundneunzig ganz dasselbe. Nach und nach wurde es Abend. Blutrot ging die Sonne unter, und unheimlich rollten die Wogen am Schiffe vorüber. Lange und unverwandt blickte ich hinaus... Ich mußte lange geschlafen haben, denn als ich erwachte, war ich durch und durch kalt von der Nachtluft, und mein Kopf war wüst, und halb im Traum kroch ich hinab in die Kajüte. Da standen dreißig bis vierzig Betten rechts und links; ich hatte also die Wahl und zögerte nicht lange, meine Kleider abzuwerfen und das erste beste zu besteigen. Es war dunkel in der Kajüte; nur eine alte Laterne baumelte im Hintergrunde des Raumes vom Balken herunter, das Licht fast erloschen. In der Gegend der Bettreihen war es völlig Nacht. Da ich aber die Lokalitäten des Schiffes ziemlich gut kannte, so fand ich mich schnell zurecht, setzte den linken Fuß auf das untere Bett und schwang mich mit dem rechten Beine flott in dasjenige der oberen Schichte. Mein Manöver gelang so vortrefflich, daß ich unwillkürlich einige Selbstzufriedenheit über meine Geschicklichkeit empfand und mich höchst behaglich und mit einer gewissen Dreistigkeit in die Kissen niederfallen ließ. Ein herzzerreißender Schrei, der in allen Ecken des Schiffes widertönte, folgte wie Blitz und Schlag meinem Niedersinken. Statt in weiche Decken und sanfte Kissen zu fallen, fiel ich auf etwas Hartes, Zweibeiniges, Zuckendes und Zappelndes – es war kein Zweifel mehr, ich war auf einen Menschen gefallen. Obgleich ein solches Renkontre nun zuweilen gar nicht unerfreulich sein kann, so belehrte mich doch bald ein fürchterlicher Faustschlag, der meine Brust traf, daß ich nichts des Süßen zu erwarten hatte, daß diese Nacht mir nimmer selig sein würde. Ein zweiter Faustschlag folgte dem ersten in der größten Geschwindigkeit, und schon ahnte ich das Herannahen eines dritten, da zögerte ich keinen Augenblick, zog meine Beine zusammen und versuchte mit einem kühnen Satz dem unheimlichen Orte zu entspringen. Aber ach, das Schicksal wollte es, daß mein feiges Entrinnen nicht gelang. Meine Füße verwickelten sich in dem Bettuche, mein Kopf stieß unter die Decke des Schiffsraums, und niedersank ich aufs neue, an das Schlachtfeld gefesselt, wie zum Kampfe gezwungen. – Ihr kennt aus den Romanen Coopers den Streit des Renard subtil und des alten Mohikaners, wie sie, die Messer in den Fäusten, wild übereinander herstürzten und bald in der schrecklichsten Hitze des Kampfes gleich einem blutigen Knäuel durch den Wald rollten, daß Staub und Blätter in düstern Wolken ihren Spuren folgten und nicht mehr zu erkennen war, wer oben und wer unten lag – nun, jener Streit, jenes Gefecht war freilich etwas großartiger und gefährlicher als die lustige Boxerei, welche sich jetzt in der Kajüte des »Glen Albyn« entwickelte – aber, soviel ist gewiß, wir lagen uns schwer in den Haaren. Schon bei dem ersten Stoß hatte ich gefühlt, daß mein Gegner in der Kunst des Boxens nicht unerfahren war, ich suchte also, ihm mit denselben Waffen zu begegnen, und gebrauchte meine Fäuste in so trefflicher Weise, daß ich ihn schon nach den ersten vier oder fünf Gängen hors de combat setzte. Während des Gefechtes hatten wir unsere Lage etwas verändert; zuerst nebeneinander liegend, hatten wir uns allmählich in eine aufrechte Stellung gebracht, so daß mein Gegner am Kopfende des Bettes und ich am Fußende kniete. Wie gesagt, unser Kampf stockte für einen Augenblick, da mein Feind erschöpft zu sein schien. Als großmütiger Sieger wollte ich also diesen Moment nicht unbenutzt vorübergehen lassen und umfing meinen Gegner mit beiden Armen, nicht um ihm etwa den Kuß der Versöhnung aufzudrücken, nein, sondern um ihm überhaupt alle weiteren Feindseligkeiten unmöglich zu machen und damit die Sache zu beendigen. Meine gute Absicht schien aber ganz verkannt zu werden. In der plötzlichen Umarmung erblickte mein Gegner nur ein neues, höchst frevelhaftes Attentat und gebrauchte seine keineswegs schwachen Schenkel mit einem Male in so entschiedener Gewalt, daß ich im Nu das Gleichgewicht verlor und ohne weiteres zum Bett hinausgeworfen wurde. Da ich indes den Oberkörper meines Antagonisten fest umschlossen hielt, so konnte es nicht fehlen, daß ich ihn mit in meinen Sturz hinunterzog, und wie ich früher auf ihn gefallen war, so donnerte er jetzt auf mich hinunter, und die Kajüte zitterte von unserm Falle. Unwillkürlich ließ ich hier die Schultern meines Gegners fahren, und rasch emporspringend, retirierte ich mich in die Mitte des Schiffsraumes, wo die alte Laterne wenigstens etwas Licht verbreitete und ein weiteres Boxen weniger gefährlich werden konnte. Mein Gegner war mir auf dem Fuße gefolgt; jetzt standen wir gegeneinander über, gerade unter dem halberloschenen Laternenlichte, und ich erkannte zu meinem nicht geringen Schrecken in meinem Gegner den alten Kapitän. »Verdammter Amerikaner!« »Verfluchter Brite!« Das war das erste, was wir uns mit halb von Wut erstickten Stimmen zurufen konnten, und beide ballten wir aufs neue die Fäuste, jetzt sie emporhebend zum Schutz, jetzt sie senkend, um einen gewissem Stoß zu berechnen; und wie zwei Kater in der Märznacht schlichen wir sacht im Kreise herum, der eine den andern visierend mit feurigen Blicken und jeder des andern ersten Stoß abwartend. Es würde sicher zu einem abermaligen Gefechte gekommen sein, wenn nicht der Steward und einige jüngere Kellner, welche sich aus Mangel an Beschäftigung früher als gewöhnlich und alle miteinander zu Bett begeben hatten, plötzlich durch unsern Lärm wach geworden und mit einigen Lichtern in der Hand in die Kajüte getreten wären. Sie hüteten sich natürlich wohl, uns von unserem Beginnen abzuhalten; nach englischer Sitte stellten sie sich gleich um uns herum, nicht wenig erfreut, zu so ungewohnter Stunde noch einen Zweikampf zu erleben. Als sie aber den Kapitän erblickten, halb nackt, in zerrissenem Hemde, die Haare hinabhängend bis auf die rote Nase, und mich, in nicht weniger fabelhaftem Kostüm, da konnten die armen Jungen nicht anders und brachen in ein unmenschliches Gelächter aus. Diese unerwartete Heiterkeit unserer Zuschauer verfehlte auch ihren Eindruck auf die beiden Boxer nicht. Wir stutzten, die geballten Fäuste sanken, und ein Augenblick der Ruhe war hinreichend, um uns davon zu überzeugen, daß jeder weitere Streit lächerlich sein würde. »Verfluchter Yankee!« – »Verdammter Brite!« klang es noch einmal von der einen und der andern Seite herüber, und jeder befahl einem Kellner, die Kleider herbeizubringen. »Aber gibt es denn nicht genug Betten hier, und weshalb gerade in das meine springen?« rief der Kapitän. »Und weshalb keine Lichter angezündet, daß man sehen kann?« erwiderte ich ihm. Der Kapitän schwieg. Wahrscheinlich fiel ihm ein, daß er bei der ganzen Sache eigentlich im Unrecht war. Er hatte eine Kajüte für sich, ein eigenes Bett – weshalb legte er sich in den großen Raum, welcher für die Passagiere bestimmt ist? Ich hatte Lust, ihn noch hierauf aufmerksam zu machen, hielt aber den Mund, um die Sache ein für allemal schlummern zu lassen. Eine Karaffe mit Brandy, Wasser, Zucker und Zigarren wurden auf den Tisch gebracht, und beide Parteien ließen sich nieder, um bei einem Glase Grog etwas zu verschnaufen. Zum Schlafen schien keiner mehr große Lust zu haben. Nach einer halben Stunde sehen wir uns zuerst wieder an – dann einige abgebrochene Worte – hierauf eine kleine Konversation, und als der duftige Grog unsre Herzen immer mehr erwärmte und ich meinem alten Freunde zuletzt erklärte und heilig versicherte, daß ich weder von väterlicher noch mütterlicher Seite ein Yankee sei, Amerika nie gesehen und ihn am vorigen Tage nur des Spaßes wegen ein wenig belogen hätte, da reichten wir uns zuletzt die Hände der Versöhnung und sprangen zusammen aufs Verdeck, hinausblickend in das flammende Morgenrot, das schön wie immer den Fluten des Meeres entstieg. Wir waren dem Lande ziemlich nahe – noch eine Stunde, da sahen wir die Küste in blauer, duftiger Ferne, und jubelnd erhoben sich die Möwen von dem Spiegel der Wellen, und weithin blitzte ihr weißes Gefieder in den ersten Strahlen der Sonne. Smaragdengrün wälzte sich uns die Scheide entgegen; wir grüßten Vlissingen mit seinem grauen Turm und den kleinen roten Dächern, die lieblich aus dem jungen Grün der Linden zu uns hinüberschauten. Bald sind wir auf belgischem Boden. Bald wieder in Deutschland, denn »Die Welt ist rund. Was nützt es am End', Zu schaukeln auf müßiger Welle! Der Weltumsegler kommt zuletzt Zurück auf dieselbe Stelle.«