Alexander Moszkowski Der Venuspark Phantasien über Liebe und Philosophie Die Verlockung Es ist mir nicht unbekannt, daß jede romanhafte Erzählung eine gewisse Bestimmung nach Ort und Zeit voraussetzt. Man will doch vor allem erfahren: wo und wann? Selbstverständliche Fragen, die der Erzähler, sofern er Tatsachen berichtet, mit auskömmlichen Antworten zu bedienen hat. Aber hier sitze ich schon bei der ersten Zeile in einem Ausnahmefall. Denn ich bin wirklich nicht in der Lage, bis auf Stunde und Tag genau anzugeben, wann diese Geschichte beginnt. Sie wird im Verlaufe ziemlich weit in die Vergangenheit schweifen, und hierzu wäre es wohl erforderlich, daß ich erst einmal den Gegenwartspunkt präzisierte, ein Jetzt, ein Heute. Und da möchte ich von vornherein um die Erlaubnis bitten, dieses Heute um ein paar Jahre über das eben giltige Kalenderdatum hinausschieben zu dürfen. Ich werde also in der Neuzeit anfangen und verstehe darunter eine zwar noch nicht erlebte, aber sehr nahe Zukunft; demzufolge in einer Umwelt, die sich von der allgemein bekannten nur in wenigen Einzelheiten unterscheidet. Es wird hier streckenweis ganz real zugehen wie in einem Erlebnis, das mich selbst betroffen hat. Beinahe hätte ich gesagt: betroffen haben könnte . Aber das wäre eine Ausflucht gewesen, eine matte Verklausulierung des Gewissens. Wahr und wahrhaftig ist alles, was einem von der eigenen Anschauung als wahr und lebendig vorgehalten wird. Und in dieser Hinsicht brauche ich mir von der Realität der Geschehnisse nichts abhandeln zu lassen, auch wenn ein erhebliches Maß von Phantasie hineinspielt; zumal ich gar nicht mehr imstande wäre, die beiden Elemente nach irgend einem psycho-chemischen Verfahren zu trennen und auseinanderzuhalten. Wie sie sich aber durchdringen, verflechten und zu einer besonderen Tatsacheneinheit verschmelzen, das kann sich erst am Gang der Erzählung erweisen. Denn sie gehört, als Exemplar des Schrifttums genommen, zu denjenigen Büchern, bei denen der Anfang das Ende fast ebenso voraussetzt, wie das Ende den Anfang. Nur das eine möchte ich schon im ersten Ansatz versprechen: daß sich aus den bunten Handlungsteilen neue Erkenntnisse ergeben werden, vielleicht sogar die Anfänge einer neuen Lehre, die mit der Laterne der Wissenschaft in die Gefühlsgründe der Liebe hineinleuchtet. * * * Ich befand mich eines Tages in einer Kunstausstellung Unter den Linden, in einer jener vielzuvielen Schaustellungen, die der Berliner Kulturmensch besucht, weniger um sie zu sehen, als um sie gesehen zu haben; bisweilen auch, um gesehen zu werden; was sich aber hier nicht sonderlich verlohnte, da sich nur eine geringe Zahl von Schaulustigen eingefunden hatte. Im Publikum war nämlich die Kunde verbreitet, daß auf diesen Leinwandflächen so gut wie gar keine aufsehenerregenden Tollheiten zu sehen wären, daß man sonach nicht auf die Kosten käme, da man ja in anderen Ausstellungen wahre Orgien exzentrischer Neukunst genießen könnte. Tatsächlich, hier war ein akademischer Anstrich unverkennbar, zumal in den Bildern eines lebenden Meisters, der seine Motive aus dem antiken Leben geschöpft hatte. Das waren, soweit ich meinem Urteil trauen darf, recht gediegene Werte, so etwa im Stile des Alma Tadema, den man ja vor einem halben Jahrhundert bewundern durfte, ohne noch in den Verdacht der Trottelei zu verfallen. Und vor einem dieser Gemälde, »Horaz als Deklamator an der Tafel des Maecenas«, hatte ich Posto gefaßt, ohne im mindesten von einem anderen Individuum Notiz zu nehmen, das sich neben mich zur Betrachtung desselben Bildwerks hinpflanzte. Lose Bruchstücke aus Horazischen Oden surrten mir durch den Kopf, und es war wohl ein assoziativer Vorgang, daß sich ein paar Verssplitter auf meine murmelnden Lippen verirrten: » Macenas atavis edite regibus  ...«; der andere lieferte die Fortsetzung indem er mit deutlicher Betonung ergänzte: » o et praesidium et dulce decus meum «. Der Träger der zweiten Stimme in diesem Duett war ein länglicher, ergrauter Herr, um den ein stark verjährter Havelock schlotterte. Für mich war der Nachbar ein Unbekannter, ohne Befugnis in mein monologisches Geflüster einzugreifen, während er selbst, wie sich sogleich herausstellte, das Zitat nur als einen Vorwand benutzte, um eine alte Bekanntschaft aufzuwärmen. Er sprach mich mit meinem richtigen Namen an, nannte den seinen: Xaver Gregory , und schien sehr verwundert, als ich auf seine duzende Anrede nicht augenblicklich mit der nämlichen Vertraulichkeit einsprang. Allein nach wenigen Sekunden dämmerte mir der Sachverhalt: der da und ich hatten in längstverschollenen, glücklichen Zeiten ein paar Wochen wirklich zueinander gehört. Wie hob sich das auf einmal aus dem Dunkel der Vergessenheit! Eine Ferienspritze frohgelaunter Jungburschen von Anno Olim! Jetzt war mir der Sprung über die Jahrzehnte eine Kleinigkeit. Gleich kristallischen Strahlen schossen die Begebenheiten aus dem Unterbewußtsein ins Helle. Wo hatte das doch angefangen? Richtig, auf dem Bahnhof Appenweier. Dort war der aus der badischen Provinz stammende Studio Xaver Gregory zu mir in den Bummelzug gestiegen, und nach fünfzehn Kilometern hatten wir uns, kurz zuvor noch wildfremd, zu wackerer Strapazentour aneinandergeschlossen. Mit knappem Geld und enormer Unternehmungslust wollten wir das Schweizer Erdreich unter unseren Sohlen zerstampfen. Im Kontrast eroberten wir uns die Sensationen. Auf den Pilatus stürmten wir zuerst, ich mit einem Kopfschmerz zum Schädelsprengen, mein Kumpan mit einer frischen Halsentzündung. Aber dieser Begleiterscheinungen achteten wir kaum in dem prasselnden Regen, mit dem uns die Urkantone begrüßten. Wir waren ausdauernder als die pathologischen und atmosphärischen Tücken. Nur weiter hinauf, aus dem Guß mitten hinein in den dicksten Nebel, direkt zum Wolkenthron des Jupiter Pluvius. Die Luft schien sich in eine Mischung von Molke, Dunst und Watte verwandelt zu haben und legte sich schwer und feierlich auf die Atmungsorgane. Da plötzlich, nahe am Tomlishorn, zerriß der Wolkenflor, ein geisterhafter Lichtbalken legte sich, von der verhüllten Sonne ausgehend, quer über die Vorberge; wie die Strahlen eines Scheinwerfers sich fortbewegen, so rückte der Lichtbalken weiter hinaus, bis er in äußerster Ferne die Spitzen der Berner Alpen ergriffen hatte. Finsteraarhorn, Schreckhorn und Jungfrau kamen mit verschwimmenden Umrissen zum Vorschein, wie Wölkchen unter Wolken, das ersehnte, traumhaft vorausgefühlte Panorama wurde lichtübergossene Wirklichkeit. In den Armen lagen sich beide und weinten für Schmerzen und Freude. Es war uns zumute, als hätten wir selbst durch die Fernwirkung des heißen Wunsches in die starre Nebelmauer Bresche geschlagen, wir spürten das ganze Lustgefühl des Bezwingers und Eroberers. Dann begaben wir uns in eine Mansarde der Pilatuswirtschaft, machten Umschläge, ich um den Schädel, er um die Gurgel, und von Zeit zu Zeit fanden sich unsere Hände zu kräftigem Glückwunsch. Vor soviel Jahrzehnten! Und jetzt stand derselbe Kumpan neben mir, ergraut und verkümmert. Die Chronik der Erinnerung beglaubigte ihn als meinen Freund, aber das lebendige Gefühl wußte nichts davon. Man nimmt keine Anhänglichkeit mit über so breite Zeitklüfte. Ich sprach »Du« zu ihm aus Höflichkeit, nicht aus Überzeugung, wie in einem atavistischen Rückfall, der überwunden werden mußte. Und dann erkundigte ich mich, ohne sonderliches Interesse, nach seinen Lebensschicksalen seit jener verklungenen alpinen Offenbarung. Unser gemeinsamer Jugendrausch hatte wirklich die alte Schweizertour nicht überdauert. Unmittelbar darauf waren die Fäden gerissen, und jetzt erfuhr ich, daß der Studio von damals eigentlich zu den gestrandeten Existenzen gehörte. Er hatte sich durchs philologische Studium bis zur Habilitation durchgeackert und war schließlich auf der Göttinger Universität als Privatdozent untergekrochen. Einer von vielen Tantalussen, die den fruchtschweren Zweig der Professur zu Häupten erklicken, ohne ihn je ergreifen zu können. »Worüber haben Sie denn – – – worüber hast du denn gelesen, Gregory?« – Über altklassische Literatur. Exegesen zu Herodot, Thukydides, Plutarch usw. Ich war nämlich auf diesen Gebieten recht gut beschlagen, aber die Hörer wollten auf meine Vorträge nicht recht anbeißen. Ich dozierte vielleicht nicht blühend genug, ein bißchen zu schulmeisterlich, man verlangte damals vom Dozenten eine gewisse Eleganz, die mir versagt blieb, weil ich aufs Gründliche ging. Und da lichtete sich die Schar. Drei Zuhörer im Lehrsaal – tres faciunt colloquium  –, ich las weiter, semesterlang, bis zu zweien, bis zu einem. Und dieser eine war eine Frau – meine eigene! »Ach, Sie sind verheiratet?« – Ich war's. Meine Frau hat das Hungermartyrium mit mir geteilt, bis sie verwelkte und dahinstarb. Sie war die letzte, die einzige Person, die in meinen Kollegien aushielt. Dann empfahl mir die Fakultät, auf die Fortsetzung meiner Lehrtätigkeit zu verzichten. Das waren zwei Leichenbegängnisse kurz nacheinander. Ich begrub meine akademischen Hoffnungen und stand vor dem Vakuum. Ich schrieb ab und zu gelehrte Abhandlungen, aber die hielten mich nicht über Wasser. Viele Jahre vegetierte ich als Korrektor in Druckereien. Aber endlich passierte mir ein Glücksfall: ich wurde Privatsekretär beim Professor Borretius  ... »Und das genügte Ihnen?« – Es genügt mir noch heute. Ich fühle mich ganz glücklich in dieser Stelle; sie ist materiell recht auskömmlich, und was die Hauptsache, sie läßt mir reichlich Zeit zu eigenen fruchtbaren Arbeiten. Das ist nämlich der Kernpunkt: meine neueren Studien bewegen sich in derselben Richtung wie die Untersuchungen meines Chefs, der, wie dir vielleicht bekannt, als eine Leuchte der Altertumsforschung gilt; und da mein Professor über höchst bedeutende Mittel verfügt... »Hört, hört!« schaltete ich ein. »Ein Archäologe mit Glücksgütern – das ist eine Seltenheit!« – Kannst ruhig sagen: ein Unikum. Mein Professor ist wirklich in der Lage, ganz aus dem Vollen zu wirtschaften, er betreibt das Wissenschaftliche mit der Freigebigkeit eines Mäcenas – der Vergleich liegt ja nahe, wir befinden uns ja gerade vor dem Bilde des Mäcen –, aber ganz stimmt es doch nicht, denn der Professor ist nur das sichtbare Organ eines verschleierten Medizeers, der hinter ihm steht... »Bitte, etwas deutlicher. Was treibt eigentlich Ihr Arbeitgeber, und wie hängt ein hiesiger Professor mit einem Mäcenas oder Mediceer zusammen?« – Das war doch nur bildlich gesprochen. Mein Professor ist der nämliche, der seit Monaten die großen Ausgrabungen auf Zypern leitet, und die enormen Geldmittel hierfür werden von einem dort ansässigen Krösus bereitgestellt. »So, so, Zypern! Davon hat man ja neuerdings allerlei gehört.« – Aber noch lange nicht genug. Es ist der leise Anfang, und erst in den nächsten Jahren wird die volle Resonanz für die staunende Welt durchdringen. Und nun stelle dir vor: ich als Sekretär und Adlatus des großen Archäologen sitze sozusagen an der Quelle der antiken Wunder, die dort aufsteigen! Eines ist mir ganz sicher: die berühmten Ausgrabungen von Pergamon, Mykenä, Theben sind ein Kinderspiel dagegen. Die wahre klassische Heilsbotschaft wird uns von Zypern kommen! »Und Sie, Gregory, wollen daran mitgewirkt haben?« – In gewissem Anteil allerdings, das darf ich ohne Ruhmredigkeit bekennen. Der Löwenanteil des Verdienstes gebührt natürlich meinem Professor, der mit unglaublichem Scharfsinn die hauptsächlichsten Fundstätten herausgewittert und bezeichnet hat. Allein da ist auch sehr viel Kleinarbeit zu verrichten, in Mutmaßungen, die sich auf antike Texte stützen, in Entzifferung der Inschriften, und darin habe ich allerhand geleistet. Ja, das darf ich wohl sagen, ich besitze ein Stöbertalent wie wenige. Weißt du, ich möchte den Professor mit einem Fernrohr vergleichen, und mich mit einem Mikroskop. Er hat das Durchdringende in die Weite, und ich das Aufhellende in der Nähe. Vorläufig war ich ja, abgesehen von den Textstudien in alten defekten Klassikern, die ich durch Kombinatorik ergänzt habe, auf Reproduktionen angewiesen, auf Abzeichnungen und photographische Proben freigelegter Steinschriften, aber nächstens komme ich an Ort und Stelle. Der Professor steht vor einer neuen Reise nach Zypern – zum fünften Male fährt er dorthin – und da nimmt er mich mit. Was sagst du dazu! Diese Mitteilungen trafen in mir einen Seelennerv, der lebhaft zu schwingen begann. Es durchzog mich so etwas wie das Präludium zu einer Fuge, von der ich nur die Tonart, nicht aber die Klangstruktur zu ahnen vermochte. Zypern! Ein abseitiges, märchenhaftes Gebilde, in mythologischer Verträumtheit, verschwommen überhaucht vom abgeblaßten Goldglanz aphrodisischer Freuden! Aber das gehörte ja gänzlich einer unvordenklichen Vergangenheit an, in die man nur gelegentlich hinabsteigt, mit einem gedruckten Klassiker vor den Augen, wenn man einmal auf Stunden loskommen will von seiner eigenen fatalen Neuzeitlichkeit. Gab es wirklich außerhalb dieses Phantasielands noch ein gegenständliches, geographisches Gelände dieses Namens? Eine dem Reisenden von heute erreichbare Insel Zypern? Schwer vorstellbar. Die räumliche Entfernung ließ sich ja überbrücken, und wer dort archäologisch zu tun hat, der fährt eben hin; fährt in ein Land verwitterter Ruinen; läßt schaufeln und graben, stößt auf Mauerfragment und Säulenstumpf. Oder doch vielleicht auf mehr als traurige Reste; am Ende gar auf eindrucksvolle Monumente, die den ideellen Zusammenhang wiederherstellen ... »Sage, Xaver, was ist eigentlich der Hauptzweck dieser Unternehmungen? Aber sprich ohne den Überschwang eines Forschers, der mit gieriger Hand nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer findet. Und erzähle mir nichts von Museumsgerümpel, sondern von wirklichen Bauwerken. – Es handelt sich in der Hauptsache um einen Tempel. »Also natürlich um einen Venus-Tempel. Das wäre ja ein ganz lohnendes Objekt. Und wie weit seid ihr mit der Ausgrabung?« – Weit genug, um mich und den Professor in der Taxe auseinanderzubringen. Er ist nämlich tief davon durchdrungen, daß dieses Heiligtum wirklich der Venus gehörte, während ich eine ganz andere Ansicht vertrete. Ich behaupte und glaube es beweisen zu können: es ist ein Minerva-Tempel. »Das müßte sich doch durch den Augenschein feststellen lassen?« – So denkt der Laie, der sich da eine fertige Sache vorstellt, eine völlige Wiederherstellung der alten Baugestalt. Aber die Grabungen sind doch kaum aus dem Rohesten heraus, und der Augenschein entscheidet da garnichts. Hier hat die Deutung mitzusprechen, und die verliert sich in so viele archäologische Knifflichkeiten, daß man dem Nichtfachmann gar keinen Begriff davon geben kann. Ich freue mich aber schon auf den Moment, wo Professor Borretius selber ... »Halt mal einen Augenblick!« Ich unterbrach mit Wort und Handbewegung, indem ich aus meiner Rocktasche einen Brief hervorzog, einen unter mehreren, die ich kurz vor meinem Ausgang erhalten hatte. Ich entfaltete das Schreiben, das in eine ziemlich unleserliche Unterschrift auslief, und zeigte es dem andern: »Du bist doch so stark im Entziffern, ist das am Ende dein Chef?« – Wie seltsam! Eben reden wir lang und breit von ihm, und du weißt nicht einmal, daß er dir geschrieben hat. Darf man lesen? Der Inhalt war nicht sonderlich aufregend. Nur eine kurze Notiz darüber, daß er sich gern mit mir über eine wissenschaftlich-künstlerische Angelegenheit unterhalten möchte, und die Bitte, ihm in diesen Nachmittagen eine Zusammenkunft zu bestimmen, bei ihm oder bei mir. Jetzt, da der Absender festgestellt war, kam mir auch die Unterschrift »Prof. Borretius« ausreichend leserlich vor. – Was mag er bloß von dir wollen? meinte Gregory mit divinatorischen Fragefalten auf der Stirn. Bist du nicht neugierig? »Ganz und gar nicht. Ich bekomme viel derartige Briefe, auch von Gelehrten, und weiß aus Erfahrung, daß bei solchen Unterredungen in der Regel nicht viel herauskommt. Hier nun vollends möchte ich sogar einen sachlichen Irrtum des Absenders vermuten. Wahrscheinlich setzt er bei mir irgendwelche Spezialkenntnisse auf seinem eigenen Gebiete voraus, und die Konversation darüber kann nichts anderes bringen, als eine Enttäuschung für ihn, und eine verlorene Stunde für mich. – Aber ein paar Minuten könntest du schon opfern. Wir befinden uns nur hundert Schritt von seiner Wohnung in der Schadowstraße, und wenn wir ihn jetzt besuchen, wissen wir doch sofort, woran wir sind. Die Redewendung mit dem pluralisierenden »Wir« erschien mir als eine unzulässige Verallgemeinerung. Schließlich ging ihn doch meine Korrespondenz nichts an. Aber ich glitt darüber hinweg, entschloß mich zu dem kurzen Abstecher und wehrte seine Begleitung nicht ab. Nach wenigen Minuten waren wir beim Professor Borretius. Ein Sanktuarium, wie man sich wohl die ehemaligen Arbeitsstätten eines Niebuhr oder Mommsen vorstellt. Von jenem mystischen Bücherduft durchwittert, der an die Studierräume reichdotierter Mönchsklöster gemahnt. Ein Monte-Cassino in vornehmster altberliner Gegend, freilich mit heidnischen Elementen durchsetzt, mit Trümmerstücken hellenischer Skulpturen, die wohl hier nur interimistisch aufgestellt waren, um später in ein Museum hinüberzuwandern. Die Feierlichkeit des Ortes wurde bald verweltlicht durch den Professor selbst, der zwar recht imponierend aussah – er erinnerte als Charakterkopf an Ernst Haeckel –, der es aber keineswegs darauf anlegte, den profunden Entdecker herauszubeißen. Kurzum, die Unterhaltung gestaltete sich bei einer guten Zigarre ganz gemütlich, zumal in ihren Anfängen, während späterhin allerdings aus dem erfreulichen Inhalt seiner Mitteilungen gewisse Bedenklichkeiten für mich aufstiegen. Tatsächlich handelte es sich um Zypern, und ich erfuhr, daß Borretius vorhatte, mich zu einem längeren Aufenthalt auf dieser Insel zu veranlassen. Wie dies zusammenhing, und warum gerade ich in sein Projekt hineingeriet, das kann nur auf Umwegen erklärt werden. Ich gehe gewiß in der Annahme nicht fehl, daß die Mehrzahl der Leser von der Neugestaltung der Insel nicht viel mehr weiß, als mir selbst vor den Erläuterungen des Professors bekannt war. Denn wir befinden uns, wie schon betont, nicht genau im Gegenwartspunkt, sondern um eine gewisse Zeitspanne vorgerückt. Was man allenfalls in den geographischen Handbüchern findet, ist in einigen Punkten überholt. Abgesehen von der auf türkischen Rückständen errichteten englischen Suprematie hat sich die Insel durch politische und gesellschaftliche Einflüsse erheblich internationalisiert; und diese Veränderung kommt besonders in Neu-Limisso zum Ausdruck, einer modernen Kolonie, die sich an der Südküste, von der alten Hafenstadt Limisso ausstrahlend, in rapidem Tempo entwickelt. Es bleibe ununtersucht, wieso sich an diesem Punkte eine Art von autonomem Gemeinwesen entfaltete. Genug, daß sich günstige Bedingungen zusammenfanden, um dem landschaftlich und klimatisch bevorzugten Ort zu einer raschen Blüte zu verhelfen. Man hatte hier eine neue, orientalische Riviera entdeckt, und aus der ursprünglich bescheidenen Siedelung war eine Ortschaft entstanden, die es an Reizen beinahe mit Nizza aufnehmen konnte. Die von Borretius geleiteten Ausgrabungen befinden sich in unmittelbarer Nähe der Kolonie, die den Fortschritt dieser Forscherarbeit mit größter Teilnahme verfolgt. Unbeschadet ihres ganz modernen Kulturbewußtseins pflegen die Bewohner die geistigen Zusammenhänge mit der klassischen Altwelt, die mit so vielen eindrucksvollen Ruinen in ihre Gegenwart hineinragt. Wie denn überhaupt die geistigen Strebungen hier kaum eine geringere Rolle spielen, als die aus Bedürfnis nach weltlichem Genuß erfließenden. Hier versagt die Parallele mit Nizza; man könnte vielmehr feststellen, daß Neu-Limisso, das auch Neu-Amathus genannt wird, Anstalten trifft, um Perikleische Spuren aufzunehmen und sich einem athenischen Vorbild zu nähern. Es sind Ansätze zu einer Akademie vorhanden, deren Begründung auf die Initiative eines reichen Stadtbürgers zurückgeht. Kyprides , aus griechischem Geschlecht, ist heute eigentlich der ungekrönte König der Landschaft. Neben ihm amtiert zwar noch das Stadtparlament von Limisso, über ihm schwebt, ungesehen, ein britischer Resident; allein sein Krösusreichtum und seine Freigebigkeit gibt fast durchweg den Ausschlag, und in der Hauptsache geht es nach seinen Wünschen und Neigungen, von deren Ersprießlichkeit die ganze Kolonie Kunde gibt. Bei seinem letzten Aufenthalt auf Zypern hatte der Professor von seinem intimen Gönner Kyprides den Auftrag entgegengenommen, für die aufkeimende Akademie einige neue Kräfte zu gewinnen; nicht sowohl Männer von professoralem Zuschnitt, als vielmehr Außenseiter von eigenwilligem Denktypus. Und hier ergab sich das Absonderliche, daß Borretius, der einige meiner Bücher kannte, auf den Einfall geraten war, ich könnte neben anderen, die er mir namhaft machte, für den erwähnten Zweck in Betracht kommen. »Herr Professor,« sagte ich, »Ihr Vertrauen berührt mich selbstverständlich sehr sympathisch, allein ich weiß wirklich nicht, wie ich es verdient habe. Ich bin in meinen bescheidenen Hervorbringungen gänzlich von Papier und Tinte abhängig, ich arbeite nur in Klausur, und wenn ich vielleicht einiges aufzuschreiben vermag, was nicht auf begangener Heerstraße gefunden wird, so liegt mir doch die Tätigkeit des Dozierens recht fern; um so ferner, als ich aller Systematik abgewandt bin und in meinen Promenaden auf Grenzgebieten zwischen Wissenschaft und Schöngeisterei höchstens anregende Stoffe gefunden habe, dagegen nichts, was sich für einen zusammenhängenden Kursus eignen könnte.« – Solche Kurse nach üblichem Schulschema wollen wir ja auch gar nicht einrichten. Uns schweben vielmehr dialogische Übungen vor, Extemporalien zur Erweiterung der Horizonte, und was Sie »auf Grenzgebieten« nennen, ist gerade das, worauf es uns ankommt. Mit Fachmagistern sind wir versehen, und es wäre uns ein Leichtes, noch viele andere aus aller Welt nach Limisso-Amathus zu locken. »Das läßt sich denken, da das Geld für Honorare dort allem Anschein nach in Mengen bereit liegt. Ich kombiniere dies aus Ihren eigenen Mitteilungen und aus Andeutungen, die mir Gregory vor einer Stunde gemacht hat, als wir unsere alte Bekanntschaft auffrischten. Übrigens, da wäre doch eine vortreffliche Gelegenheit, um Herrn Gregory selbst auf einem Lehrstuhl in Zypern festzumachen?« Der vormalige Privatdozent wehrte ab; er würde so etwas gar nicht annehmen ... – Er hat leicht verzichten, lachte der Professor, da er sehr gut weiß, daß ich ihn gar nicht freigebe. Er ist mir als Sekretär und Gehilfe in der Bibliothek und auf den Trümmerstätten weit wertvoller als in der Akademie. Aber Sie, wie gesagt, sollten hier zugreifen, und ich möchte den Angelhaken, den ich Ihnen auswerfe, gleich mit einem recht reizvollen Köder bespicken. Nämlich so: Nehmen Sie sich Zeit zur Überlegung und absolvieren Sie die Bedenkzeit auf der Insel selbst. Ich garantiere Ihnen freie Reise, freien Aufenthalt mit allem Komfort, und garantiere Ihnen vor allem herrliche Eindrücke. Das ursprünglich auf Athen, später auf Neapel gemünzte Sprichwort muß heutzutage zyprisch umgeprägt werden. Niemand darf sagen, er habe gelebt, ohne Zypern gesehen zu haben. Betrachten Sie also die Sache als eine höchst lohnende Ferienfahrt, und wenn Sie sich nach zwei Monaten mit Nein entscheiden, gut, dann soll keinerlei Verpflichtung für Sie bestehen. Erklären Sie sich nach zwei Monaten mit Ja, dann verabreden wir die weiteren Bedingungen, und es unterliegt mir keinem Zweifel, daß Sie sich als Dialogführer auf unserer Akademie ganz behaglich fühlen werden. Hätte ich ahnen können, welche Dialoge mir auf dem zytherischen Eiland bevorstanden!! Vorerst gelangten wir noch zu keinem Resultat, nicht einmal zu einem provisorischen. Alles blieb in der Schwebe, und ich bemühte mich, den Blick von dem verlockenden Köder abzuwenden. Ich verabschiedete mich bald mit höflichem Dank für eine mir verheißene Sensation, die sich nach aller Wahrscheinlichkeit nicht realisieren würde. Der Professor antwortete mit einem logischen Quersprung: Also dann auf Wiedersehen in Zypern! Gregory begleitete mich bis an mein Haustor. Er schritt eine Weile stumm dahin, blieb plötzlich stehen und sagte: Du wirst sehen, ich behalte Recht! Es ist ein Minerva-Tempel! »Das wird sich ja herausstellen,« entgegnete ich. »Nur irrst du dich in der Voraussetzung: ich werde es nicht sehen. Man entschließt sich nicht ohne zwingendes Motiv zu einer so großen und umständlichen Reise, und ich bin nicht in der Lage, meine hiesigen Arbeitsverpflichtungen durch improvisierte Ferien entzweizuschneiden. Ich hätte auch das Gefühl der Bedrückung, wenn ich mich zu einer immerhin kostspieligen Tour einladen ließe mit dem Vorgedanken: meine Gegenleistung wird ausbleiben.« – Lieber Alex, meinte der andere, wer so ausführlich verneint, behält sich die Bejahung vor. Ich habe dich vorhin beobachtet, du sahst nicht aus wie einer, der glattweg ablehnt. Überschlafe dir die Sache ein paarmal, dann werden wir ja weitersehen. Er pluralisierte schon wieder. Und um so eigenwilliger nahm ich mir vor, noch am selben Abend dem Professor einen bis ins Einzelne begründeten Verzichtbrief zu schreiben. Ich verschob dies aber zu Hause auf morgen, auf übermorgen, und am dritten Vormittag meldete sich bei mir Gregory, sozusagen mit gezücktem Dolch. Unbildlich gesprochen: er kam als Borretius Beauftragter und schwenkte vor mir einige Objekte, die das Verlockungsmotiv im fortissimo wiederholten: erstens einen Fahrschein, gültig ab Berlin über Brenner, Florenz, Rom nach Brindisi; zweitens Anweisung auf eine Spezialkammer des Prachtschiffes »Velox«, das den Dienst zwischen Brindisi und Zypern vermittelt; dazu einen sehr respektablen Check, also eine Dreiheit von Elementen, die jene mündlich hingeworfene Garantie schon sehr real verkörperten. Und diese Vereinigung wurde mir mit der bündigen Formel vorgehalten: »Entweder – Oder«. Ich stand vor einem Ultimatum mit einer Befristung von fünf Minuten. Und im Augenblick war es mir, als würde eine Menge von Gefühlswiderständen in meinem Inneren zersprengt. Nach mechanischen Grundsätzen wirkt ein Stoß unendlich mal stärker als jeder Druck, und hier stand ich unter der Wirkung eines motivischen Stoßes. Ja, ich spürte sogar, daß alle meine Bedenken und Verneinungen von vorher nur Masken waren, hinter die sich der eigentliche Wunsch verkrochen hatte. Ich vernahm einen Schicksalsruf, aus dem noch ganz anderes tönte als Reise, Losbindung vom Beruf und Sehenswürdigkeit; einen Fernruf wie aus einer anderen Welt, die tief unter der Oberfläche der Zeitlichkeit schwebend mir unwiderstehliche Antennen entgegenstreckte. »Wann fährt dieser Dampfer Velox?« fragte ich den Xaver. – Am dreißigsten März in aller Frühe. Du bist für die Bahnfahrt nicht an einen bestimmten Tag gebunden. Wir haben heut Montag; wenn du, sagen wir am Mittwoch die Fahrt beginnst, so kannst du in Florenz und Rom zusammengenommen eine Woche lang unterbrechen; sehr wenig an sich, sehr reichlich zum Genuß des Wiedersehens für einen, der wie du die Städte kennt. »Und ihr beiden?« – Wir bleiben noch einige Tage länger in Berlin; aber am dreißigsten, wie gesagt, gedenken wir von Brindisi loszusteuern. »Bestelle deinem Auftraggeber meinen Gruß. Ich werde pünktlich zur Stelle sein. Er hat mich gefangen!« Der Lebenskünstler Mit Aufbietung aller Maschinenkräfte hätte das Schiff die Strecke von Brindisi nach Zypern in etwa fünfzig Stunden bewältigen können. Allein zu den besonderen Vorzügen der »Velox« gehörte es, daß sie auf ihren Namen nicht pochte, sich vielmehr Zeit ließ und dadurch ihren Gästen den Genuß einer ausgiebigen Mittelmeerfahrt verschaffte. Es wurden zudem etliche Jonische Häfen angelaufen, eine weitere Rast war in Kanea auf Kreta zu absolvieren, und zum Überfluß ergab sich noch ein kleiner Maschinendefekt auf freier See, dessen Reparatur einen Tag beanspruchte; so daß wir alles in allem eine volle Woche die Herrlichkeiten des Hindämmerns im Farbenspiel zwischen Himmel und Wasser auskosten durften. Es fehlte aber auch nicht an gesellschaftlichen Veranstaltungen, die das internationale Publikum des Dampfers sehr wohl zu schätzen wußte. Hier gab es Typen aus aller Herren Länder, die alle dem nämlichen Ziel zustrebten, und es war ersichtlich, daß dieses zyprische Ziel auf die Westvölker einen weit stärkeren Magnetismus ausstrahlte, als ich vordem vermutet hatte. Der Neustaat Limisso, und was damit zusammenhing, war eben in den amüsierbedürftigen Schichten Europas modern geworden und stand im Begriff, den vormaligen Allerweltszielen Madera, Sizilien, Algier und Ägypten den Rang abzulaufen. Und gerade weil diese Leute fast sämtlich genau wußten, was sie wollten, indem sie der selbstverständlichen Linie der Mode folgten, mußte ich mich oft zweifelnd fragen, welches Fatum mich eigentlich aus meiner heimischen Klausur in diesen mondänen Trupp hineingerissen hatte. War nicht am Ende meine eigene Absicht improvisierter, abseitiger, exzentrischer als die Pläne dieser Menschen, die einfach dorthin fuhren, weil die Saison das verlangte? Meine zwei Bekannten wurden in den ersten Tagen nur selten sichtbar. Sie hausten zumeist in einem geräumigen Verschlage zwischen mächtigen Stapeln von Büchern und Skripturen, die gesichtet und katalogisiert werden sollten, bevor sie der neuen Akademie der Insel zugeführt wurden. Auch in dieser Hinsicht hatte der Krösus Kyprides größte Munifizenz geübt, und es war dem Professor gelungen, im ersten Anlauf eine große Anzahl wertvoller Werke, darunter Unika, zusammenzubringen. Hier hatte Xaver Gregory eine besondere Gelegenheit, sich in Schätze hineinzuhamstern, mit jener gefräßigen Wißbegier, die der Minute mehr abverlangt, als die Stunde zu gewähren vermag. Und oft genug mußte er ermahnt werden, den Hauptzweck, das Ordnen, nicht zu vernachlässigen, da er immer dabei war, in das Innere jedes Buches zu kriechen, das er gerade in seinen lüsternen Händen hielt. Daneben gab es Meinungsdifferenzen auszutragen, denn Gregory fand in diesen Schriften abermals gewisse Hinweise archäologischer Art, in deren Deutung er von den Ansichten seines Magisters eigensinnig abwich. Das waren aber Dinge, die die Herren unter sich abzumachen hatten. Mir lag damals das strittige Stoffgebiet noch zu fern, und meine Aufmerksamkeit wurde zudem durch andere, lohnendere Erscheinungen abgezogen. In meinen Gesichtskreis trat eine neue Persönlichkeit, die sich vom Chor der Fahrgäste deutlich abhob, ohne daß ich anfänglich zu sagen gewußt hätte, worauf sich diese Besonderheit gründete. Aber ich verspürte gewisse Fühlfäden, die von dem Menschen ausgingen und mich mit einem magnetischen Feld umgaben. Wer war dieser Mann? Jedenfalls »Auch Einer«, also Einer, der nicht in das allgemeine Schema »Fabrikware der Natur« hineinpaßte. Dieser Schablone widersprach schon sein Äußeres. Er zeigte das Bild einer männlichen Schönheit, ohne die verdächtige Süßlichkeit, die sonst den Nachfahren des Narziß und Adonis anzuhaften pflegt. Er trug seine Wohlgestalt nicht vor sich her, posierte nicht mit ihr, vermied jede absichtsvolle Wirkung. Er schwamm vielmehr auf seiner ausdrucksvollen und sympathischen Männlichkeit wie auf einem Fluidum, das ihn mit selbstverständlichem Gleichgewicht dahinführte. Da diese Figur in den weiteren Begebenheiten eine erhebliche Rolle spielen wird, so möchte ich einige Merkzeichen vorwegnehmen. Lothar Argelander , Deutschbalte, stammte aus sehr vermögendem Hause, das auf einer Seitenlinie seines weitverästelten Stammbaums den Namen eines berühmten Forschers trägt. Der Glanz des Astronomen Friedrich Argelander hatte den Jüngling Lothar stark beeinflußt und ihm den Wunsch erregt, in die Fußstapfen seines hervorragenden Anverwandten zu treten. Allein schon auf der Universität entsagte er den ehrgeizigen Träumen der Namensberühmtheit, um sich dafür den Realitäten des Daseins zuzuwenden. Er fand heraus, daß ihn die Summe seiner Talente am weitesten führen würde, wenn er sie gleichmäßig pflegte, ohne sich einer bestimmt abgezirkelten Laufbahn zu verschreiben. Tatsächlich ergaben sie in ihrer Vereinigung ein übergeordnetes Talent, die seltenste aller Begabungen, nämlich die Fähigkeit, im eigenen Leben ein Himmelreich zu finden, zugleich diesseits und jenseits aller Sternkataloge. Hier berühren sich Kunst und Wissenschaft, denn das Vermögen, ein Leben zum Kunstwerk zu gestalten, die Harmonie der Sphären in sich zum Ertönen zu bringen, erfließt nur als Resultante künstlerischer und wissenschaftlicher Teilkräfte. Mit der bloßen Lebensklugheit wird keiner ein Lebenskünstler, höchstens ein bloßer Genießer in den Niederungen des Daseins. Von ihnen wimmelt die Welt, und in ihrer Massenhaftigkeit bilden sie nur einen pfützenhaft irisierenden Oberschaum auf dem Pfuhl des Weltelends. Der wahre Lebenskünstler, als welcher mir Lothar Argelander entgegentrat, strahlt von sich auf andere, er erhöht das Niveau der Umgebung, er gibt ihr Möglichkeiten des Genusses zu spüren, die sonst weder im Trott des Alltags noch sogar im Verkehr mit geistig Bevorzugten angetroffen werden; weil auch diese Bevorzugten, Künstler wie Forscher, fast ausnahmslos zwischen Ringen und Vollendung stehen, keinen Abschluß kennen, und als Signal ihrer Anstrengung beständig die Kette ihres eigenen Lebens klirren lassen. * * * Am zweiten Tage der Seereise näherte er sich mir ohne Umstände auf dem Promenadendeck: ob wir uns nicht zur nächsten Mahlzeit zusammensetzen wollten; und zwar nicht bei Tafel, sondern im kleinen Extrasalon, wo man sich außerhalb der Tischzeit ein hübsches Lunch nach der Karte servieren lassen konnte. Dieser Vorschlag kam meinem Wunsch entgegen, da ich hier den Anfang einer Unterhaltung mit ersprießlichen Fortsetzungen voraussah. Im Moment beschlich mich die Ahnung, daß dieses Impromptu einer flüchtigen Berührung den Auftakt eines Erlebnisses bilden würde. – Wenn wir uns von der Horde absondern, sagte Argelander, so ist das zunächst eine Angelegenheit der reinen Zahl. Sie kennen das hübsche Wort des Varro: Eine gute Gesellschaft muß größer sein als die Zahl der Grazien, kleiner als die der Musen ... »Dies Rezept«, korrigierte ich, »könnten wir beide nicht erfüllen. Es begrenzt zwischen vier und acht, und wir sind doch vorläufig nur zwei.« – Ich würde mich darüber mit dem gelehrten Varro verständigt haben, denn ich vermute aus guten Gründen, daß er lediglich gegen die Masse, nicht aber gegen die Auslese protestieren wollte. Als das Ideal eines Konviviums wäre vielleicht ein tafelndes Quartett anzusehen, zwei Herren und zwei Damen, vorausgesetzt, daß die Konversation als leichtes Spiel gelten soll, bei dem die Worte aufgefangen und abgeschwungen werden wie Federbälle. Soll aber die Unterhaltung mehr bezwecken, als eine bloße Ergötzung mit spielerisch fliegenden Worten, so erscheint mir das Minimum des Varro noch zu hoch gegriffen: zwei Personen bei Tisch sind dann die notwendige und hinreichende Bedingung. »Und woraus schließen Sie, daß ich Ihr geeigneter Partner wäre?« – Weil ich Sie gestern beim Diner im großen Schiffssalon beobachtete. Sie zuckten schmerzhaft zusammen, als der erste Ton der Tafelmusik losbrach. Und Sie waren der einzige, bei dem ich dieses Symptom wahrnahm. Ein solches Zeichen feinerer Kultur ist so vielsagend, daß es unmöglich übersehen werden kann. »Das ist in keiner Weise schlüssig. Ich könnte doch überhaupt musikfeindlich organisiert sein?« – Nehmen Sie an, ich sei über Sie informiert. Professor Borretius hat mir zudem einiges erzählt. Sie brauchen also nicht mit mir Versteck zu spielen. Somit bleibt bestehen, daß Sie – außer mir – der einzige Gast sind, dessen Nerven die Tafelmusik als das nehmen, was sie in Wahrheit vorstellt: als eine Barbarei. »Ist das alles?« – Es ist für den Anfang genug. Wenn zwei Seelen in einem Ton übereinstimmen, so darf man auf weitere Konsonanzen schließen. »Sehr kühn gefolgert. Allein ich gebe Ihnen zu, daß Sie sich in Ihrer Voraussetzung nicht geirrt haben. Die Tafelmusik hat sich tatsächlich in aller Zivilisation zu einer Land- und Wasserplage schlimmster Sorte ausgewachsen, und wenn ich dabei zusammenzucke, so unterliege ich einer doppelten Empörung darüber, daß dieser Greuel einem sogenannten Bedürfnis entgegenkommt; und daß er verlangt wird von einer Gesellschaft, die ihre Genüsse zu steigern vermeint, wenn sie Küche mit Tonkunst verkuppelt, während sie tatsächlich nur die Instinkte eines bäurischen Kirmespöbels aufzeigt.« – Nur noch einen Schritt weiter, und wir sind bereits bei einem Problem. Nämlich bei der Frage, ob der Mensch überhaupt imstande ist, Genüsse zu summieren, zur Verstärkung übereinanderzusetzen. Oder ob die Genüsse letzten Endes auf Schwingungen beruhen, die sich wie die optischen Wellen durch Interferenz gegenseitig auslöschen können. »Das wird sich so allgemein wohl niemals beantworten lassen,« sagte ich zweifelnd, während wir sehr materiell begannen, uns mit der Mahlzeit auseinanderzusetzen. Wir waren die beiden einzigen redenden Menschen im kleinen blauen Gemach; der bedienende Ganymed huschte lautlos auf und ab und verwirklichte maschinenmäßig die fast unmerklichen Winke, die mein Gegenüber bei Komposition der Speisen- und Trankfolge gegeben hatte. Ich beabsichtige nicht, mit Aufzählung aller Einzelheiten den verspäteten Neid der Leser zu erwecken, möchte vielmehr den Verdacht einer von uns provozierten Schlemmerei abwehren. Denn der Dampfer »Velox« kam als alleiniger Gastgeber in Betracht, und seine köstlichen Tischleindeckdich waren ein für allemal in den Besitz der Fahrkarte einbegriffen. Mein neuer Kumpan präparierte eine Auster mit zärtlicher Handbewegung und bemerkte dabei: – Wenn Sie auf der Zyprischen Akademie philosophische Themen behandeln wollen, so rate ich Ihnen: beginnen Sie mit solchen vermeintlichen Banalitäten. Sie erreichen dadurch weit sicherer die Höhe der Lebensphilosophie, als wenn sie von metaphysischen Abstraktionen ausgehen. Der Genuß ist die Basis aller Geistigkeit, und im ganzen Umfange der Genüsse gibt es keine Nebensächlichkeit. Es ist meine feste Überzeugung, daß man an der Hand der großen Genußkünstler wie Apicius, Mantegazza, Brillat-Savarin die letzten Dinge weit sicherer und tiefer erschließt, als wenn man sich von Descartes oder Kant beraten läßt. »Man wird aber mit solcher Methode von den Ethikern als Genüßling und Wüstling gerüffelt werden.« – Gönnen wir ihnen den Angriff und verlassen wir uns auf die Durchschlagskraft unserer Abwehrhiebe. Wir sind die Stärkeren, und um gute Bundesgenossen brauchen wir uns keine Sorge zu machen. Wo saßen die großen Moralisten der Vorzeit? Bei den Symposien! Und mit dem einen Aristoteles hebe ich schon das ganze Gelichter der scheinheiligen Abstinenten aus den Angeln. Meine klassischen Freunde betrachteten das Essen und Trinken nicht als die gemeine Notdurft, sondern als Weiheopfer für die Götter, und Aristoteles hat aus sprachkritischen Gründen bewiesen, daß der Schmaus an sich, η θοινη , einen geistigen Kult bedeute, woraus eine erhabene Pflicht herzuleiten, sich gottesdienstlich an der Tafel zu berauschen. Liegt nicht schon im Doppelsinn des Wortes » Spiritus « eine sublime Weisheit? Und ist es ein Zufall, daß die Verwalter der Aristotelischen Erbschaft, die Mönche, auf spirituosem Gebiet soviel erfinderischen Scharfsinn entwickelten? »Sie meinen die Benediktiner und die frommen Ordensbrüder der Chartreuse – nicht üble Eideshelfer für einen Sybariten!« – Wie die beschaulichen Klosterweisen überhaupt. Wir werden uns nachher in eine Suppe à la Carmelite vertiefen ... »Aber das ist doch nur ein Küchenname wie Chateaubriand oder Tournedos a la Rossini? Meines Wissens waren die Carmeliter vegetarische Bettelbrüder mit asketischen Gepflogenheiten, ohne jede Möglichkeit, Pfade der Sinnenlust zu beschreiten.« – So mag es im Brockhaus stehen, aber aus genaueren Dokumenten – ich nenne Bulwer – erfahren wir es anders. Wie einst Poncelet als Eingesperrter in den finsteren Kasematten von Saratow eine neue Mathematik, die projektivische Geometrie aufbaute, so erweiterten die Carmeliter in ihren trüben Zellen eine andere Wissenschaft, die der Gaumenfreude. »Lassen wir dem Orden dieser unvergleichlichen Männer Gerechtigkeit widerfahren, die, von den Sorgen einer sündhaften Welt zurückgezogen, sich mit ungeteiltem Eifer und Nachdenken in Theorie und Praxis der tiefen Wissenschaft der Gastronomie ergaben. Uns ist es aufbehalten, den dankbaren Tribut der Erinnerung diesen geistreichen Klausnern zu zollen, die eine lange Periode der Barbarei und Finsternis hindurch in der Einsamkeit der Klöster retteten, was aus der Großzeit des klassischen Genusses in Trümmern auf uns herabgekommen ist.« Die Geschichte dieser Lüste gäbe für Philosophen und Moralisten ein wichtiges Forschungsziel, denn sie enthält zugleich die Geschichte künstlerischer Illusionen, in denen Leibliches mit Geistigem zusammenfließt. Warum waren in den Gelagen der Alten Nachtigallenzungen so hoch geschätzt? Nicht aus großtuerischer Perversität, sondern weil sie die ganze Musik dieses Vogels in seinen Singorganen schmeckten. Sowie noch heute der Kenner in den Austern den Gesang der Nereiden herausspürt, die mit goldenen Instrumenten die Tiefe des Meeres durchrauschen. Da haben Sie die eine Seite des soeben angeschlagenen Problems: diese Austern mit ihren ozeanisch irisierenden Rändern stehen auf der Grenze zwischen Eßwerk und schönen Künsten. Ihr Nährwert ist Null, ihr Geschmackswert minimal für den schlingenden Banausen, der keine Ahnung hat, wie die Sinne miteinander korrespondieren. Aber im Edelmenschen reagiert das innere Ohr auf den Anschlag der Zunge, und ein Fluidum durchzieht ihn wie aus dem ersten Akt von Wagners Tristan. Fährt man ihm hier mit Tafelmusik dazwischen, so wird er der nackten Brutalität ausgeliefert. »Danach müßte man also überhaupt jeden Genuß vollkommen isolieren.« – Doch nicht. Nur darauf ist zu achten, daß die Erregungen logisch konsonieren; und hierfür lassen sich die Kriterien nur aus der Erfahrung gewinnen. Sie belehrt uns zum Beispiel darüber, daß Austern und Chablis in einen vollen Akkord zusammenklingen, während Austern und Bier oder Tee einen direkt lächerlichen Mißklang liefern. Sie zeigt uns ferner, daß das Gewürz einer geistigen Unterhaltung nicht nur zu jeder Tafelfreude paßt, sondern zur Vollendung des Genusses gar nicht entbehrt werden kann. »Damit stoßen Sie eigentlich auf eine Anomalie. Denn die geistige Unterhaltung umschließt doch einen Wert für sich, dessen Verfolg von der unmittelbaren Sinnenfreude ablenkt.« – Ich glaube, Ihnen fehlt noch allerlei zum Lebensvirtuosen; wie ja nicht anders zu erwarten bei einem Menschen, der neunzehn Zwanzigstel seines Daseins im düsteren Norden vegetiert, in einem Wirkungskreis, der dauernd von der Antinomie Geistig-Leiblich drangsaliert wird. Ich kenne in dieser Hinsicht keinen Kontrast, nur Parallelität, und dieser Gleichlauf ist mir vollends klar geworden, als ich persönlich anfing, in Küche und Keller zu hantieren, wo ich mit derselben Andacht weilte wie in einem Laboratorium oder in einer Bibliothek. Man muß selbst in diesen Dingen komponiert haben, um zu fühlen, daß Tischgenuß und Gedankenentwickelung im Gespräch sich ergänzen wie Gesangstext und Melodie. Wie kann man da von Ablenkung reden, wo nur Durchdringung und Eindruckserhöhung in Betracht kommen! »Sie befanden sich in einem Ausnahmsfall, Herr Argelander. Der Philosoph an sich, selbst der materialistisch gerichtete, sucht das Animalische zu überwinden. Zeigen Sie mir in der ganzen Geschichte der Philosophie eine Größe, die sich praktisch mit kulinarischen Dingen abgegeben hat!« – Sie sind vorhanden; und sie wären leichter zu finden, wenn unsere Gelehrten bei ihren Buchentwürfen vom Schema loskommen könnten. Schreibe einer die Geschichte der großen Sybariten, und man wird staunen über die Menge der philosophischen Spuren, die darin im Abdruck auftreten müssen. Der große Fontenelle , dem wir den erhabenen Gedanken einer Mehrheit bewohnter Welten verdanken, unterhielt sich eindringlich mit Köchen, und die Rezepte zur besten Bereitung der Spargel erschienen ihm nicht unwichtiger als die Geheimnisse des Firmaments. Alexander Pope, seinerzeit Mittelpunkt einer literarischen Epoche, äußerlich verkümmert als ein verwachsener, ewig kränkelnder Knirps von vier Fuß Höhe, fand den Ausgleich zwischen seiner Mißgestalt und der Harmonia Mundi in der lukullischen Tafel. Die erlesensten Leckerbissen waren ihm grade gut genug, und als ein törichter Höfling darüber ironisieren wollte, fuhr er ihm mit dem klassischen Merkwort in die Schnauze ... »Ist mir bekannt. Pope rief: ›Glauben Sie etwa, mein Herr, daß Gott der Allmächtige diese Herrlichkeiten nur für die Narren erschaffen hat?‹ Übrigens warte ich auf stärkere Beweise für Ihre Lehrmeinung.« – Vielleicht genügt Ihnen die Weisheit Salomonis. Betrachten Sie einmal sein Hohelied als eine Synthese von Liebe, Naturfreude und Verzehrungslust. Es strotzt von Allegorien, und beinah in jedem Gleichnis steckt etwas zum Essen oder zum Trinken: des Gaumens Süßigkeiten werden gepriesen nach einem endlosen Vokabular eines Menüs voller Honigscheiben, Milchsaucen, Gewürze, süßer Früchte, zyprischer Weine, Brüste allegorisieren sich zu Trauben, Atemdüfte zu Äpfeln, Augen zu Tauben, und mitten in die verliebten Evokationen erschallt der salomonische Bacchantenruf: »Esset, Genossen, trinket und berauscht euch, meine Freunde!« Das ganze Hohelied ist mit der Zunge gedichtet, Gaumen und Nase haben den Rhythmus beschwingt über Themen, die man sonst nur dem Gefühl und Gesicht zuweist, und so ist es eine Weisheitsdichtung geworden; weil die Weisheit in ihrer Höchstleistung dionysisch wird, zur Verzückung umschlägt. Stoßen wir darauf an, Genosse der Zypernfahrt, es lebe die genußfrohe Weisheit! »Sehr gern, wenn Ihnen daran liegt, diesen vortrefflichen Mousseux noch besonders zu rechtfertigen. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß Sie jetzt nahe daran sind, ins Extrem zu verfallen. Was Sie vertreten, geht schon über allen Epikur hinaus und nähert sich bedenklich dem Polyphem bei Euripides, der den Magen als die einzige Gottheit erklärt.« – Durchaus nicht, obschon ich nicht verhehle, daß die Theologie des gefräßigen Zyklopen immer noch besser an die salomonische Weisheit anschließt, als das andere Extrem der landläufigen Taxe. Denn ebensowenig wie die Sinne, funktionell genommen, dürfen die körperlichen Organe getrennt werden. Es ist in höchstem Grade unphilosophisch und klingt mir wie das Geplärr eines Fastenpredigers, wenn einer das Gehirn als göttlich, den Magen aber als profan und schäbig ausruft, da doch beide gleichwertig als Substrate dessen auftreten, was wir Bewußtsein oder Seele nennen. Jede Wertabstufung in diesem Betracht – und noch Kant watet knietief in diesem Irrtumspfuhl – führt zum Blödsinn. Es ist genau so, als wollte man das Auge vergöttlichen, wenn es durchs Teleskop einen Spiralnebel erforscht, dagegen verteufeln, wenn es auf damastner Decke einen getrüffelten Fasan erblickt. Der Vorgang erinnert an die Preziösenzeit der Literatur, wo man zwischen »edlen« und »unedlen« Ausdrücken unterschied und ganze Register aufstellte von Worten, die in der Poesie verfemt waren. So sind auch hier nach Sprachgebrauch und Philosophentaxe gewisse Glieder edel, andere gemein. Schon in dem Worte Bauch steckt Verachtung, bei Nennung der Gedärme muß man sich entschuldigen, und das Gesäß schleppt sich mit dem Makel der Unanständigkeit. Aber das alles gehört zur neueren Kultur, zu einer Ideenwelt, in der die Venus Kallipygos vollkommener wäre, wenn sie ohne Steiß dastände. Ich gab der Vermutung Ausdruck, daß Argelanders Reise wohl auch den Zweck verfolge, von dieser west- und nordeuropäischen Kultur zeitweilig abzurücken, und er zögerte nicht, mir seine Motive etwas ausführlicher zu erläutern. Er hatte sich vor einem Jahre in Zypern angekauft und nannte dort eine kleine Villa mit hübschem Garten sein eigen, ein recht wohnliches Anwesen, wie ich bald durch eigene Anschauung bestätigen konnte, da er mir mit verbindlichsten Worten seine Gastfreundschaft entgegentrug. Vorläufig hauste er da als Junggeselle, allein nach seinen Andeutungen war es nicht ganz ausgeschlossen, daß in absehbarer Zeit neben ihm eine Dame Argelandera erscheinen würde. Auf dem Kontinent und in England besaß er materielle Verbindungen geschäftlicher Art, die er während der letzten Monate mehr und mehr abgewickelt und bei persönlicher Anwesenheit in nordischen Städten bis auf gewisse Reste gelöst hatte. Eigentlich, so meinte er, könnte man in den geräuschvollen Kulturzentren überhaupt nicht mehr existieren. Sie böten nur noch abgegraste Weideplätze für einen wirklichen Hedoniker, und man stieße überall, ob in London, Paris, Brüssel, Berlin, Stockholm, selbst in Rom auf dieselben Unzuträglichkeiten, namentlich auf die gleichen monotonen Moralwucherungen, deren fade Säuerlichkeit sich überall als der Grundgeschmack des Daseins durchsetze. Im Grunde genommen wäre dort nichts elementar und selbstverständlich, alles vielmehr entweder erlaubt oder verboten, und gerade die Menge der lästerlich aufgeputzten Vergnügungen zeuge dafür, daß man sich überall Ventile gegen drückende und überflüssige Normen schaffen wolle. Neun Zehntel aller Exzesse würden gerade durch solche Verfügungen hervorgerufen, die sie verhüten wollten. Der Staat als Polizeianstalt müsse überwunden werden, und hierfür entfalte sich auf Zypern ein neues Muster von vollendeter Toleranz, sozusagen eine Enklave der Zivilisation mit einem Mindestmaß von Befehlen und Gehorchen. Hat nicht schon Buckle in seiner Geschichte der Zivilisation auf die Möglichkeit solcher Gestaltung hingewiesen? »Die wertvollsten Gesetze sind die Abschaffung früherer Gesetze gewesen, und die besten Gesetze, die je gegeben worden sind, waren die, welche alte Gesetze aufhoben.« Nur einen Schritt weiter, und wir sind beim Idealgesetz, das alle Verfügungen überflüssig macht und die Menschheit endlich von der Paragraphenfuchtel erlöst. Aber dann herrscht ja Anarchie! zetert der Philister, der unentwegt vom ungeschriebenen Sittengesetz fabelt und sich doch den moralischen Imperativ nicht anders vorzustellen vermag, als mit Büttel und Galgen daneben. Dieser Philister (meinte Argelander) soll dort bleiben, wo er mit seinen Artgenossen zu zappeln gewohnt ist, in dem engmaschigen Netz des Dürfens, Sollens und Müssens, das ihm eine Freiheit vortäuscht, während die ganze Konstruktion des Netzes auf quälerischem Sadismus beruht. Wir aber fliegen hier einem Bestimmungsort entgegen, der sich aus eigener Naivität von der Zwangskultur freigehalten hat, einer Kolonie freigeistiger, lebenswilliger Menschen, die ihr Ich pflegen, ohne in jeder Sekunde auf ein Kontra-Ich zu prallen. Fay ce quevouldras! Diese alte Spruchformel der Abbaye de Télème ist hier neu aufgerichtet. Ob sie durchhalten wird, wer kann's wissen; genug, daß das Motto des Rabelais heute in Neu-Amathus gilt, und daß wir uns einem Erdenfleck nähern, wo wir bis auf weiteres abseits der Weltschikane tun können, was wir wollen. Ich durfte vorerst nicht widersprechen, denn aus ihm redete der Ortskundige, während ich die verheißenden Möglichkeiten noch an der kurzen Elle meiner heimischen Erfahrungen maß. Immerhin hatte ich doch auf früheren Erholungsreisen so manche paradiesische Woche verträumt, in erhöhter Gefühlsebene und von zauberischen Natureindrücken berauscht. Und je mehr wir uns dem Ziel näherten, desto lebhafter beschäftigte mich die Frage, was mir wohl die zyprische Natur mit ihren Stimmen aus Fels, Garten, Wald und Gewässer zu sagen haben würde. Ich empfing keine Schilderung, nur einen Vergleich, aus dem hervorging, daß ich meine Erwartungen nicht direkt auf verblüffende Szenerien zu spannen hatte. Das Signalement ging eher auf die Holdseligkeit der Landschaft, auf deren innere, sanfte Magie, als auf ihre sensationelle Wirkung beim ersten Anblick. Sicherlich gäbe es an der Ligurischen Küste, am Lago maggiore, in den Urkantonen, wie im Wallis bevorzugte Punkte, die als Knalleffekte der Natur herausfordernder aufträten. Allein beim Vergleich zeige sich der Unterschied wie bei weiblichen Reizen, die man gern sieht, wenn man sie entdeckt, und die abstoßen können, wenn sie anbietend gezeigt werden. Die seit Jahrzehnten berühmten Fremdenpunkte hätten alle etwas an sich von affischierten Freudenstätten, vor denen der Baedekerstern als Schild und Wappen herausgesteckt würde zum Zeichen, daß da furchtbar viel los sei. Fabelhafte landschaftliche Schönheiten, auf dem Präsentierbrett entgegengetragen, zu allerdings hohen, aber, wie jedem einleuchten müsse, gerechtfertigten Preisen. Dagegen wohne auf Zypern eine landschaftliche Natur, die sich suchen läßt und ihre Schleier erst in der Intimität der Umwerbung abstreift ... Und hier kam ganz beiläufig eine Eigenheit zur Erörterung, der ich im Augenblick keine wesentliche Bedeutung beimaß, die aber von meinem Gefährten mit geflissentlicher Betonung unterstrichen wurde. In dem vegetativen Schmuck des Landes tritt nämlich eine bestimmte hochstämmige Pflanze mit seltsamer Wirkung zutage. Sie gehört zur Klasse der Gewächse mit »hochgewölbten Blätterkronen, Baldachinen von Smaragd«, unter denen sich ein Dichter in Visionen wiegen kann, um vielleicht ins Reich der ewigen Träume einzugehen; denn der Aufenthalt unter der Euphorbia aromatica ist nicht ungefährlich. Sie kann als eine reale Schwester des phantastischen Manzanillo bezeichnet werden, unter dessen Gifthauch Vasco de Gama und Selica opernhaft verdämmern. Unter normalen Verhältnissen verrät sie sich durch ein zartes Gedüft aus eiförmigen spitzen Blättern und grünlichen knäuelförmigen Blütengruppen, durch einen leisen Dunst, der, vom Winde aufgenommen und zerstreut, keine Tücke eines Opiates zu äußern vermag; um so weniger, als hier die Gewöhnung als ausgleichender Faktor auftritt, bis zu dem Grade, daß sogar die Neu-Ansiedler sich dem Rauschduft gegenüber fast durchweg so indifferent verhalten, wie die Urbewohner. Allein man hat Ausnahmen beobachtet bei besonders empfänglichen, nervös reagierenden Personen, denen das längere Verweilen bei den Euphorbien allerlei Haschisch-Zustände mit recht bedenklichen klinischen Folgeerscheinungen eintrug. Zudem verlaufen diese Ausdünstungen dem Grade nach periodisch; die Botaniker haben festgestellt, daß sie einen merkwürdigen Zusammenhang mit gewissen meteorologischen Abläufen aufzeigen, die wiederum von der Häufigkeit der Sonnenflecken abhängen. Auf alle Fälle wäre eine Warnung am Platz, damit der Neuling sich nicht leichtsinnig in die Gefahrzone der mit Phantasmagorien gaukelnden Gewächse begebe. »Und Sie selbst, Herr Argelander, haben Sie jemals von diesen Halluzinationen etwas verspürt?« – Vorübergehend allerdings. Ich bin indes abgehärtet und vertrage sogar einige Opiumpfeifen ohne sonderliche Nachwehen. Nichtsdestoweniger würde ich in der bevorstehenden Saison meine Hängematte nicht gerade zwischen den Manzanillen ausspannen; denn die Sternwarten melden ein Maximum von Sonnenflecken, wie es seit vielen Jahrzehnten nicht beobachtet worden ist. »Verzeihen Sie eine Zwischenfrage. Nach Ihren Andeutungen sind Sie in der Wahl Ihres jeweiligen Wohnorts ganz unbeschränkt, Sie schlagen Ihr Zelt auf, wo es Ihnen beliebt. Das wäre mir nicht weiter auffällig, wenn ich Sie einfach in die Klasse der nichtstuerischen Millionäre rubrizierte, der Gesellschaftsdrohnen, zu denen ich Sie doch nicht rechnen möchte. Denn so eindringlich Sie auch vom Genießen reden – Sie sehen nicht aus wie einer, der in den Tag hineinlebt. Ich gebe zu, in der Frage steckt eine gewisse Peinlichkeit, aber ich möchte sie nicht länger zurückhalten: Haben Sie denn gar keinen Beruf ?« Der andere stutzte einen Moment und biß sich auf die Lippe. Er witterte Methode in meiner Fragestellung und befand sich damit nicht auf falscher Fährte. Denn ich neige allerdings dazu, gewisse Antworten, deren Umriß ich längst erraten habe, meinem Gesprächspartner zur persönlichen Kolorierung zuzuschieben. – Das wird also ein Examen, sagte er, und das Thema sieht so aus, als ob es mich in Verlegenheit bringen könnte. Denn ich habe entweder mehrere Berufe, oder auch gar keinen, wie man's nimmt. Auf einen Meldezettel könnte ich schreiben: Gutsherr, Landwirt, Privatier, Rennstallbesitzer – in Pharanthese: ich habe dabei keine Seide gesponnen, und wenn das heutige Rennen in Epsom keine Wendung bringt, löse ich den Stall auf und jage meine Jockeis zum Teufel – aber das sind, wie gesagt, nur Zettelvermerke, Ausweise neugierigen Behörden gegenüber. Im Grunde genommen bleibt Beruf ein Rest des Kastengeistes, der zünftigen Ordnungskette, die wir doch sprengen wollen. Wo wir uns in der Tragödie des Geistes umsehen, finden wir den Beruf, das Fach, das Schema der Fakultät als die verhängnisvollen Ur- und Quellmotive ... »Ich merke, worauf Sie hinaus wollen. Man könnte allerdings eine Kulturgeschichte aufstellen mit dem Leitmotiv: »Los vom Beruf!« Man könnte zeigen, daß die hervorragendsten Leistungen im Trotz gegen Fach und Beruf zustande gekommen sind. Und das mag Ihnen wohl vorgeschwebt haben bei Ihrer Tendenz, sich möglichst außerhalb eines etikettierten Berufes zu stellen. Aber die Leistung selbst müßte doch vorhanden sein, und nach Ihrer Anlage zu schließen, könnten Sie wohl zu denen gehören, die für die Philosophie um so energischer leben, je weniger sie darauf angewiesen sind, von der Philosophie zu leben.« – Ja, damit wären wir beim Hauptpunkt. Allein, wenn man mich fragt, was hast du geleistet? dann muß ich den gültigen Ausweis schuldig bleiben. Ich habe nichts, was ich auf den Tisch legen könnte, kein Buch aus meiner Feder, kein Diplom, kein Patent – nichts. Und ich befinde mich da etwa in der Lage eines Montaigne in zweiter Potenz: denn der in erster Potenz hat wenigstens noch geschrieben, ich aber habe auch das unterlassen; nach dem Vorbild von Thales, Phythagoras, Sokrates, Diogenes, Pyrrhon, Epiktet, die auch nicht eine Zeile verfaßt haben. Trotzdem berufe ich mich am liebsten auf Montaigne, der sich nur zu einem einzigen Gewerbe bekannte: zum Leben, das heißt zur Erforschung des einzigen Gegenstandes, der darum der wichtigste ist, weil er innerhalb des Universums nur in einem einzigen Exemplar existiert. »Wenn ich über mich selbst urteile, so ist es erwiesen, daß niemals ein Mensch einen Gegenstand behandelte, den er besser kannte und verstand, als ich ihn verstehe, und daß ich hierin der gelehrteste Mensch bin, der auf der Welt lebt«; und wenn ich mich selbst ans Licht bringe ... »Da steckt eben der Haken. Sie mögen in Ihrem Innern die wunderbarsten Geheimnisse entdecken – sobald Sie nichts veröffentlichen wie die Leute vom Beruf, bringen Sie gar nichts ans Licht, und Ihre Funde bleiben in Ihnen verschlossen als Ihr persönliches Mysterium.« – Die Natur sorgt schon für die Veröffentlichung, auch ohne die unmittelbare Bereitschaft von Tinte, Feder und Typendruck. Ich finde in mir die absolute Gewißheit, daß jede Erkenntnis, jedes geahnte oder durchschaute Mysterium meines Selbst, durch unsichtbare Poren hinausströmt und sich früher oder später der Welt mitteilen muß. Was einmal als original empfunden, angeschaut oder durchdacht wurde, das dringt unfehlbar in die Ferne, denn die Gehirne und Herzen aller Intellektuellen sind drahtlos, telepathisch verbunden. »Sie wären also dabei selbstlos genug, den Ruhm an etwaigen Erkenntnissen und Entdeckungen anderen zu überlassen, die Ihnen Ihre Mysterien vierdimensional abfangen werden?« – Mir wäre der Ruhm nur ein lästiger Begleiter. Niemals verdient er den Preis, der dafür gezahlt wird, billiger als für das Opfer an Glückseligkeit ist er nicht zu haben. »Ruhm und Ruhe sind Gäste, die nicht unter einem Dache Herberge finden können,« ja oft genug ist der Ruhm der grimmigste Feind des Denkens selbst, nämlich jeder Denkarbeit, die eine innere Stille voraussetzt. Sobald der Ruhm dazwischenbrüllt, die Sorge um den Ruhm hinausstöhnt, ist es vorbei damit. Sie wissen so gut wie ich, daß bei den sogenannten Großen Männern die Höchstleistung fast durchweg in die frühen Lebensalter fiel. Weil ihr Genie in der Frühe am stärksten war? Das soll mir keiner einreden. Das Genie verbraucht sich nicht in einer Hervorbringung, ebensowenig wie die Muskelkraft in einem athletischen Akt. Aber der aufsteigende Ruhm hat die Produktion gelähmt. Man stellt sich ihn als einen Sporn vor, und er ist ein Hemmschuh. Und dabei ein höchst unsauberer Geselle, mit deutlichem Hang zu posthumer Unzucht. Der bloße Gedanke, daß er mich zwar zu Lebzeiten ungeschoren ließe, aber dereinst mit meiner Leiche nekrophile Buhlschaft treiben könnte, macht mich schaudern ... Und dennoch – setzte Argelander mit plötzlicher Veränderung im Tonfall hinzu – und dennoch – es ist mir so, als spürte ich bereits seine Klaue. Nein, das war falsch ausgedrückt – denn sehen Sie, während ich mit Ihnen rede, verwandelt sich mir das Gespenst des Nachruhms in einen bereits erlebten Vorruhm – wahrhaftig, es ist sehr schwierig, das irgendwie auszudrücken, und ich muß damit rechnen, Ihnen recht grotesk zu erscheinen – – – »Was haben Sie, Herr Argelander? Ist Ihnen unwohl?« – Nein, das nicht – allein mich überkommt bisweilen so etwas wie Gedankenflucht – vielleicht besser zu sagen: Gegenwartsflucht, und soeben hatte ich die blitzartige Vorstellung, als wehrte ich mich vergebens gegen den Ruhm, da ich doch schon vor Jahrhunderten sehr berühmt gewesen bin ... »Ich verstehe Sie nicht.« – Das ist auch nicht zu verstehen; höchstens dämmerhaft zu erahnen. Sagen Sie, Herr, hatten Sie noch nie die Empfindung, daß Sie schon in grauer Vorzeit über die Erde wandelten, als ein Wesensverwandter, der seitdem längst vermoderte, aber in Ihrer Gestaltung wieder auferstand? »Nein, dazu bin ich nicht ideal genug veranlagt. Aber soviel Phantasie bringe ich schon auf, um mich in einen derartigen Wachtraum hineinzudenken. Sie unterliegen offenbar zeitweilig einem Zustand, der, um das Wort für die Tatsache zu setzen, mit der Seelenwanderung zusammenhängt. Was nicht ganz so erstaunlich auf mich wirkt, als Sie vielleicht vermuten; denn Sie waren ja eben dabei, mir einiges von Ihren persönlichen Mysterien anzuvertrauen. Also vervollständigen Sie nur Ihre Andeutung und sagen Sie mir: Welche berühmte Person schwebte Ihnen vor, mit der Sie sich im Augenblick identisch fühlten?« – Es geschah wirklich nur einen Augenblick lang. Schon wieder vorüber. Aber ein Rest von Erinnerung ist noch vorhanden, nicht deutlich genug, um eine bestimmte Persönlichkeit zu bezeichnen. Nur griff es ganz gewiß in die heidnische Vorzeit zurück. Ja, ganz recht: griechische Blüte. Möglicherweise Epikur, oder so einer. Jedenfalls ein sehr Berühmter aus der Epikurischen Epoche, und dazu merkwürdigerweise ein sehr Glücklicher. Ja, das habe ich in dem einen Moment ganz genau gespürt: er war ich, und ich war er! * * * Hier saßen wir auf einem Thema, von dem wir so bald nicht loskamen: Seelenwanderung als eine Form der Unsterblichkeit! Und je skeptischer ich mich anfänglich verhielt, desto dringender verbiß sich Argelander auf die ewige Wiederkehr in verschiedenen menschlichen Gestaltungen. Das große Erlebnis, das uns später auf Zypern in seinen Bann schlagen sollte, warf seine Schatten voraus. Es ergaben sich Betrachtungen, die mir schon hier, nahe dem Gestade von Kreta, ein fernes Abenteuer hätten ankündigen können. Aber auf dieser Lustfahrt im östlichen Teil des Mittelländischen Meeres war die freundliche Gegenwart noch zu überragend; und ich spürte in mir weder das Bedürfnis noch die Möglichkeit, mich in eine Welt mit gänzlich veränderten Zeitbedingungen zu versetzen. Heute weiß ich, daß eine solche Welt nicht nur erreichbar, sondern auch im höchsten Grade erstrebenswert ist. Wer den Weg zu ihr finden will, hat zunächst in sich den alten Glauben an die Einheit und Unteilbarkeit des Individuums auszurotten. Das Ich kann in ein Doppelt-Ich, in ein Vielfach-Ich zerfallen, und es zerfällt wirklich, wenn man sich entschließt, die Tatsachen der Naturkunde so anzusehen, wie sie, kurz gesagt, noch nie zuvor angesehen worden sind. Da sitzt ein Biologe in seinem Untersuchungskabinett und zerschneidet ein niederes Tier, einen Wurm, einen grünlichen Polypen, um das Nachwachsen der Glieder zu beobachten. Oder er verfolgt durchs Mikroskop die unausgesetzte Teilung einer Monere bis in die dreitausendste Generation. Vielleicht befällt ihn dabei der Gedanke an eine Art von Unsterblichkeit in den Tiefen der Geschöpfe. Aber was er nicht ahnt, ist: daß er hier dicht an der Pforte eines Menschen-Mysteriums steht; daß sein Experiment imstande ist, die Wirklichkeit einer Seelenwanderung zu erweisen; ja sogar gegenständlich sichtbar zu machen. Tatsächlich läßt sich der Faden von Bewußtsein zu Bewußtsein knüpfen, nicht bloß redensartlich, sondern, sinnfällig, ganz real, in Form eines gewöhnlichen Nähfadens. Das klingt sehr blasphemisch. Aber hier kommt die Natur der Erkenntnisschwäche zu Hilfe, sie bietet dem Verstande ein banales Hilfsmittel, um ihn am Leitseile der Substanz auf einen idealen Gedankengang zu führen. Nämlich so: Der Forscher durchschneidet einen Regenwurm quer in zwei Stücke, deren selbständiges Fortleben ihn nicht weiter in Verwunderung setzt, denn das gehört zum alten Wissensbestande. Aber nun heftet er das Hinterende in natürlicher Lage mit einem Faden an das Vorderende, und beide Stücke, räumlich getrennt, offenbaren plötzlich Einheit des Bewußtseins: ihre Kriechbewegungen verlaufen völlig koordiniert , wie in Abhängigkeit von einem einzigen dirigierenden Impuls. Eine Erregungsleitung im Bauchmark von Segment zu Segment kann nicht stattfinden, der Beschauer hat wirklich zwei Individuen vor sich, die ihrer organischen Unabhängigkeit zum Trotz in Trieb und Handlung als Einheit auftreten; das Ich des einen ist zugleich das Ich des anderen. Wenn nun der Forscher erklärt, diese Koordination der Bewegung ohne gemeinsame Innervation erfolge nur »durch Zug«, so dient ihm Wort und Begriff des Zuges lediglich als Wortfetisch. Mit besserem Rechte ließe sich sagen: der Faden objektiviert für unsere grobsinnliche Wahrnehmung ein Kraftfeld, das die räumlich gesonderten Wesen kausal und vital verknüpft. Und wir werden von diesem Experimentalbeispiel ausgehend auf andere Kraftfelder zu schließen haben, die über Raum und Zeit hinweg zwei getrennte Bewußtseine in eines zusammenfließen lassen. Die Nahewirkung von Punkt zu Punkt im Kraftfeld verwandelt sich zur Fernwirkung von Seele zu Seele, wie ja auch die Nahewirkung im Gravitationsfelde sich in der Fernwirkung zwischen allen Gestirnen zu erkennen gibt. Die Entfernung nach Millimetern, Meilen, Jahren oder Jahrhunderten spielt in beiden Betrachtungen keine Rolle. Wir können nunmehr die erste Ansage dahin erweitern, daß in jeder Ich-Vorstellung, auch zeitlich genommen, eine Seelenwanderung steckt. Was beim Regenwurm das Messer des Vivisektors bewirkt, das besorgt die Natur mit ihren Prozessen in jedem Menschen weit allgemeiner, gründlicher, ohne die mindeste Pause, indem sie die Verbände der Zellen und Moleküle unausgesetzt zertrennt. Alle sieben Jahre scheidet sie vom alten Menschen einen neuen ab, der vom Komplex seines früheren Selbst kein Atom mehr enthält. Die Seele des ersten Menschen ist also in den zweiten gewandert, welcher der Nämliche zu sein behauptet kraft eines Fadens, dessen er sich bewußt wird und den er seine Erinnerung nennt. Aber dieser Erinnerungsfaden reicht in die Vergangenheit gemessen nur bis in die frühe Kindheit, höchstens bis ins zweite Lebensalter, dann verliert er sich in eine Vorzeit, die wir als persönliche nicht mehr fühlen, obschon er nach dem Gesetz der Stetigkeit zweifellos unabsehbar tief in die Vergangenheit reicht. Die Ahnentafel und der Stammbaum decken die Zusammenhänge nur genealogisch auf, sie verraten aber nichts über die Verästelungen derjenigen Fäden, die zu fein sind, als daß die Geburtsregister von ihnen Notiz nehmen könnten. Und hier öffnet sich ein Mittelreich zwischen Traum und Erkenntnis. Der große John Locke hatte eine Ahnung von solchen, jenseits der praktischen Feststellungen denkbaren Zusammenhängen, als er die Frage aufstellte, ob möglicherweise Seth, Ismael, Sokrates, Pilatus, Sankt Augustin und Cäsar Borgia ein und dieselbe Person sein könnten. In besonderen Fällen kann es sich ereignen, daß ein lebendiger Mensch in plötzlicher Durchzuckung den Zuruf eines andern Ich vernimmt, wie einen Glockenton aus der Vorzeit, der genau so schwingt wie der Klang seiner eigenen Seele. Und es wäre vermessen, diesen Zuruf bestreiten zu wollen, bloß weil er allein ihn hörte, nicht aber die Menge der Augenblicksmenschen, in deren Mitte er lebt. Die Sinne – das hat schon Lukrez gewußt – sind ewig unbeirrbar, nur unsere Deutungen unterliegen der Täuschung, und wie sollten wir es wagen, eine Wahrnehmung zu deuten, die unsere eigenen Sinne überhaupt nicht berührt? In der nächsten Nacht hatte ich einen seltsamen Traum: Ich befand mich mit Argelander in einer mir unbekannten Gegend, und er erörterte noch immer das Problem der Seelenwanderung. Aber er verblieb nicht durchweg in unserer Umgangssprache, sondern ließ mitten in seine deutschen Ausführungen griechische Sätze einfließen, die ich nur teilweis verstand. Immerhin behielt ich einige von ihnen klanglich insoweit, daß ich sie mir in der Minute des Erwachens noch wiederholen konnte, und da ich deren Entschwinden befürchtete, notierte ich sie rasch im Kabinenbett auf meiner stets bereiten Notiztafel. Beim Kaffeefrühstück, das ich allein nahm, überlas ich die aufgeschriebenen Zeilen, deren Sinn nunmehr schon ziemlich deutlich hervortrat, wenngleich einzelne Worte und Wendungen mir noch immer etwas unklar blieben. Ich begab mich in die Koje meiner altertumskundigen Gefährten, die ich bereits in voller Arbeit antraf, und zeigte ihnen das Notizblatt. Beide erklärten übereinstimmend die Schrift für tadelloses, ja klassisches Griechisch und halfen mir bei der Enträtselung der wenigen dunklen Stellen. Aber während Professor Borretius es dabei bewenden ließ, verstieg sich Freund Xaver Gregory zu einer genaueren Feststellung. Er behauptete, daß sich die fraglichen Zeilen fast wörtlich in einer halbverschollenen Schrift des Hegesias befänden, der im dritten Jahrhundert vor Christus zu Alexandrien lebte. Wie war also diese mir gänzlich unbekannte Wortfolge in meinen Traum gekommen?? Das blieb ein Rätsel, ein umso tieferes, als auch Argelander, den ich natürlich bald auf die Fährte zu setzen versuchte, die Spur anfänglich nicht aufzunehmen vermochte. Doch halt! – ihm dämmerte etwas auf – gestern abend nämlich hatte er im Bett einige Seiten Cicero gelesen, und da sei der Name Hegesias vorgekommen. Möglich also, daß er, Argelander selbst, von ihm geträumt habe, und daß in unser beider Träumen ein okkulter Zusammenhang obwalte. Da hatten wir wenigstens den blassen Schatten eines Zusammenhangs. Eine Begriffsleiter – freilich eine äußerst gebrechliche – begann sich aufzubauen: Hegesias, ein Schüler des Aristipp; dieser der Vorläufer des Epikur – und hatte nicht Argelander gestern eine Sekunde lang seine Identität mit einem Glücksmenschen aus Epikurischer Blüte gefühlt? Vielleicht liefen hier Seelenfäden von unerkennbarer Feinheit, ätherische Fäden, mit einem Schaltwerk von Personen, durch die mich ein alter Alexandriner in seiner Sprache anrief? Schnell genug besann ich mich auf meine immer noch recht reale Denkart, und ich verjagte die mediumistisch-seelenwanderischen Gespenster. Besser ein unaufgelöstes Rätsel als eine Erklärung über die Hintertreppen der Magie. Argelander machte übrigens an diesem Vormittag einen etwas abgespannten Eindruck und zeigte jene interessante Gesichtsblässe, welche die Frauen, nach Heine, einer unglücklichen, die Männer einer glücklichen Liebe zuschreiben. Sollte er Zeit und Gelegenheit gefunden haben, im Gehege der Schiffsgesellschaft auf Edelwild zu pirschen? Mir war es nicht entgangen, daß mehrere der mitreisenden Damen ihm Blicke gemacht hatten, die er nur aufzufangen brauchte, wenn ihm an flüchtigen Romanen gelegen war. Ja, ich hatte zu bemerken geglaubt, daß die nämlichen Damen mich selbst unwillig beäugten, weil der schöne Herr mir allzuviel Aufmerksamkeit widmete und ihre Ermunterungen zu wenig beachtete. Immerhin, in solchen Dingen reichen die eigenen Beobachtungen niemals aus, und wenn der deutsch-baltische Adonis etwa zur Gilde der Don Juan und Casanova gehörte, was ich nicht wissen konnte, so hätte seine Lebenskünstlerschaft schon Wege gefunden, um abseits unserer Gesprächsduette zu improvisierten Erfolgen zu gelangen. Die Kabinenanlage auf dem Schiff Velox hätte sich jedenfalls solchen Stegreif-Zitaten aus der Ars amandi nicht widersetzt, sie bot vielmehr lauschige Verstecke aller Art, und die auf den Gängen beschäftigten dienenden Geister besaßen wahrscheinlich das Talent, in geeigneten Minuten blind und taub zu werden oder ganz zu verschwinden. Ich hütete mich selbstverständlich, seine Mitteilsamkeit nach dieser Richtung irgendwie in Bewegung zu setzen, und meine Vermutungen auch nur anzudeuten. Er selbst aber lenkte die Unterhaltung auf einen benachbarten Strang, um mir zu entwickeln, daß die geschlechtliche Liebe im Leben eines echten Hedonikers durchaus nicht die überragende Rolle zu spielen brauche, die ihr die Mehrheit der genußstümpernden Menschheit zuschriebe. Es gehöre sogar zu den ersten Erfordernissen der Epikurischen Lebenskunst, über die Dämonie der Liebe Herr zu werden, nach dem antiken Rezept: » echo, ouk echomai «: »ich habe, aber ich werde nicht gehabt!« – Die ungeheuerliche, hirnzerreißende und vernunfttötende Gewalt der Liebe ist nämlich die direkte Folge der leidigen Tatsache, daß die Überzahl der Menschen ihre Seelenfäden nur eine ganz kurze Strecke nach rückwärts zu verfolgen vermag. Sie erwartet sonach Alles von der unendlichen Verlängerung in die Zukunft, und die Sucht, sich auf dem Wege der Gattungserhaltung in ein ferneres Leben hinauszuprojizieren, nimmt so phantastische Formen an, weil jeder Ausgleich des Mitfühlens in einer selbsterlebten Vergangenheit fehlt. Die fabelhafte und verzweifelte Intensität der Liebe entspricht durchaus dieser Proportionalität, genauer gesagt diesem Mißverhältnis zwischen Früher und Später. Da das Früher nur über eine kurze Spanne reicht, soll das Später im Fortpflanzungseffekt alles nachliefern, was das Vorher dem Menschen schuldig blieb. Dieses Mißverhältnis kann nur von einem überwunden werden, der in Seelenwanderung eingesponnen sich wenigstens teilweis seiner eigenen langen Vorzeit entsinnt; der sonach sein Eigenleben schon als ein sehr ausgedehntes spürt und nicht nötig hat, in die Zukunft hineinzuhasardieren, weil er sich ohnehin im sichern Besitz eines reichen über seine Einzelexistenz hinausragenden Daseins fühlt. Dieses Gefühl ist geeignet, die Sexualleidenschaft zu einem kontrollierbaren Genuß abzutönen, und ermöglicht, in eine wundervolle Arabeske im Leben zu verwandeln, was sonst unter der Maske des Genusses nur ein gehäuftes Elend von Angst, Brunst, Kitzel, Reue, Nervennot und Versklavung darstellt. »Sie würden mit Ihrer Theorie bei der großen Mehrheit der Menschen auf schärfsten Widerspruch stoßen, wenngleich Ihr Hauptmotiv, wie ich willig anerkenne, sehr verführerisch klingt. Sie legen es offenbar darauf an, den Brennpunkt der Leidenschaft aus dem Sexualzentrum in eine geistige Sphäre zu versetzen, indem Sie die Möglichkeit eröffnen, nicht nur in der Gegenwart, sondern zugleich in aller Vergangenheit zu leben, was ja, wenn überhaupt erzielbar, ein Genuß von höchster Dauer, Freiheit und Intensität sein müßte. Aber auch Sie können sich den Forderungen der Sekunde nicht entziehen; und wenn Sie für Ihre Person die blinde Diktatur der Venus verleugnen, so steht neben ihr ein anderer Despot, der Gott Hymen, der Ihnen eines Tages vielleicht Ihre ganze aufsummierte Freiheit in einer einzigen Zahlung abverlangt. Reden wir doch einmal bürgerlich und nüchtern: Haben Sie noch niemals ans Heiraten gedacht, oder richtiger gesagt, waren Sie noch nie in der seelischen Zwangslage, in der man ans Heiraten denken muß?« – Sie fragen sehr diskret, da Sie offenbar absichtlich eine frühere Andeutung von meiner Seite vergessen. Also ganz ehrlich gesagt, diese seelische Zwangslage ist mir nicht fremd, und ebenso ehrlich füge ich hinzu, daß ich inkonsequent verfahre, wenn ich mich über kurz oder lang entschließe, dem Despoten mit der Brautfackel meine Freiheit zu opfern. Wenn ich auch die Diktatur der Venus ablehne, kann ich mir doch eine Existenz ohne die gefälligen und beständigen Dienste der Aphrodite nicht gut vorstellen. Und mit dieser Auffassung, sobald sie aus dem Duett des ehelichen Schlafgemachs in den Plural der Weiblichkeiten übergreift, pflegen Gattinnen nicht einverstanden zu sein. Ich befinde mich somit in einer schwierigen Lage, denn an sich betrachtet ist das Heiraten Talentsache, und von diesem Talent traue ich mir nicht viel zu. Ja, offen gesagt, ist mir diese Begabung überhaupt, so millionenfach sie schon betätigt war, ein Rätsel, denn im Prinzip ist die Ehe ein ästhetischer Unsinn, und man muß ein besonderes Talent zur Unästhetik als Grundbedingung der Ehe voraussetzen. Das Ewig-Weibliche, das uns hinanzieht, kann unmöglich das Einzelfemininum sein, das lokalisierte Femininum, das neben mir vor einem kuppelnden Beamten steht, vor dem Vollzieher eines von Zwang und Strafandrohung starrenden Gesetzes. Ewig ist es nur dann, wenn es aufgefaßt wird als der kosmische Inbegriff der Weiblichkeit, als die große Symphonie des Weibes, die von Anbeginn geklungen hat. Diese zieht hinan und begeistert uns. Aber nun ergeht an mich die Forderung: Entscheide dich für einen einzelnen Takt dieses Kunstwerks, für eine einzelne Note, für eine einzige Klangschwingung. Diese wird deine Frau, und die übrigen Schwingungen und Takte kommen für dich nicht mehr in Betracht. Damit wird die gesamte Ästhetik auf den Kopf gestellt, zugunsten eines vandalischen Aktes; denn der herausgebrochene Takt hat ja mit dem Wert des Ewig-Weiblichen Kunstwerks nicht mehr das Geringste zu schaffen, es verbleibt eine armselige Zufälligkeit, die gerade durch ihre Vereinzelung alle Genialität verloren hat. »Herr Argelander, wie sollte das Genie anders auftreten als vereinzelt!« – Auf diesen Einwand war ich gefaßt, und die tägliche Praxis verfährt ja auch so, als ob er allein Geltung hätte. Denn ob man hier Genie sagt, oder Ideal, das ist gleichbedeutend, wo es sich um Auslese der einen, der Begehrenswerten handelt. Welch ein Trick der Natur! Sie bekommt es in der Tat fertig, den Mann radikal zu täuschen und ihm vorzuschwindeln, sie hätte alle Genialität aufgewendet, um dies eine Ideal für ihn zu erschaffen. Und der Mann läßt sich wirklich betölpeln, er nimmt das Produkt seiner eigenen kärglichen Erfindung für das Meisterwerk der Natur, das als solches im Singular ebensowenig vorhanden ist, wie eine bevorzugte Rose in dem Millionenchor der Rosen. Das ist die alte Legende, die allen Liebes- und Hochzeitsdramen zugrunde liegt: Der Mann arbeitet ein Ideal aus, in Hirn oder Herz, die Idealfigur eines Wesens vom anderen Geschlecht, das dereinst mit ihm vereinigt, seine besten Eigenschaften in wunderbarer Potenzierung der Nachkommenschaft überliefern soll. Findet er dann im Gewimmel der Weiber ein Individuum, das diesem Ideal leidlich entspricht, dann stürzt er sich darauf mit dem verliebten Feldgeschrei: Die oder keine! Er übersieht hierbei vollkommen, erstlich, daß er ein Hasardspiel gegen alle Regeln der Wahrscheinlichkeit betreibt, da zahllose von ihm nie gesehener Weiber sein Ideal weit genauer verwirklicht hätten, zweitens, daß sein Ideal nur eine Ausgeburt seiner von tausend Zufällen gelenkten Einbildung ist, und hauptsächlich, daß Geschlechtstrieb und Verstand polare Gegensätze sind, so daß er im kritischen Augenblick die Niete vom Gewinnst gar nicht zu unterscheiden vermag. Was mich betrifft, so ist es mir in dieser Hinsicht nicht ganz nach dem üblichen Schema ergangen. Meine Männlichkeit war und ist natürlich der allgemeinen Regel unterworfen, das heißt, ich habe mir durch Jahre in meinem Innern so ein Ideal instinktiv hergestellt, entworfen, modelliert, verfeinert, veredelt, so daß ich bisweilen selbst an die Vollendung glaubte und in mein Ideal verliebt war. Aber seltsam: so wunderschön meine idealen Ausarbeitungen auch gediehen, – eine Ehefrau ist dabei niemals herausgekommen; niemals eine Figur mit dem Anspruch oder mit der bloßen Vorstellbarkeit »auf lebenslänglich«. Wissen Sie, was mir immer vorschwebte? »Eine Kokotte, vermute ich.« – Mildern wir den Ausdruck sprachlich, und wir sind ziemlich nahe dabei: Sagen wir »Hetäre« im altgriechischen Sinne. Die Kategorie ist nahezu ausgestorben, und man muß schon viel Zusammenhänge mit der sublimen Vergangenheit haben, um sie sich noch als möglich vorzustellen. Ninon de l'Enclos war vielleicht die letzte, in großem Stil genommen, während alles, was seitdem in diesem Fach hervortrat, meinetwegen in die große Rubrik der Bohème und der Kokotterie geworfen werden mag ... bis auf eine! »Diese Klausel ist ein Signal. Sie werden nicht umhin können, von dieser einen zu reden, die Sie in so romantischen Zusammenhang mit Ihrem Ideal bringen.« – Sie gehört seit zwei Jahren als vielbewunderte Erscheinung zur Kolonie auf Zypern, und Sie selbst werden ja bald beurteilen können, ob sie Bewunderung verdient. Als ich sie in Neu-Amathus zuerst erblickte, hatte ich jedenfalls den Eindruck eines lebendigen Abbildes meiner Phantasien, mit dem Einschlag der Empfindung: diese Person fällt aus der Zeit heraus, durch ihre moderne Eleganz schimmert altklassischer Zauber. So ungefähr, schien mir, müßte die junge Aspasia ausgesehen und gewirkt haben, als sie in Athen Hof hielt und die auserlesensten Geister des Perikleischen Kreises in ihren Bann schlug ... »Worauf Sie natürlich sofort zur Rolle des Perikles übergingen?« – Nein, hier versagt der Vergleich. Ich geriet nämlich an eine psychologische Hemmung von schwer erklärbarer Beschaffenheit. Gewiß, diese Dame Liane y Valla trug mir von Anbeginn ihre Freundschaft entgegen, allein mit so eigentümlicher seelischer und intellektueller Betonung, daß ich von meinem, sonst so erprobtem Konzept gänzlich im Stich gelassen wurde. Grade weil es mir unzweifelhaft war, daß ich sie wann ich wollte haben konnte, wollte ich nicht. Ich wurde gänzlich von dem raffinierten Gefühl beherrscht, bei Liane eine Ausnahmsstellung einzunehmen, von ihr bevorzugt zu werden, durch das Geschenk ihrer Seele, die mir allein gehörte, unabhängig von ihrer Körperlichkeit, über die sie frei verfügen mochte. Ich wollte nicht einer unter mehreren sein, sondern der einzige, dem sie ihr Köstlichstes anvertraute. »Und der Gedanke an Freudennächte, die sie in den Armen anderer verlebte, dieser fatale Gedanke störte Sie nicht?« – Ich kam darüber hinweg, sozusagen in einem Training des Bewußtseins, mit dem Lustgefühl der überwundenen Schwierigkeit. Wer sich noch von der Eifersucht in Wut und Kummer treiben läßt, der taugt nicht zum Hedoniker, ja überhaupt nicht zum Philosophen. Denn sie setzt uns auf die Stufe der Brunfthirsche, der Paviane und der balzenden Auerhähne, die den letzten Rest ihres bißchen Viechverstandes in der geschlechtlichen Blindwütigkeit verlieren. Eifersüchtig sein, das heißt: die Grenzen seiner Macht abschreiten und sie zu klein finden. Aber das führt immer zur Enttäuschung, denn man findet sie stets viel kleiner, als man im Wahne der Omnipotenz begehrte. Auch hier operiert die Natur, wie so oft, mit einem grausamen Mißverhältnis. Sie pflanzt uns den unermeßlichen Wissenstrieb ein und legt ein höchst bescheidenes Erkenntnisvermögen in die andere Wagschale, sie belastet uns dem Weibe gegenüber mit unersättlichem Machthunger und zeigt uns ohne Pause den dürftigen Umfang dieser Macht, sie mißt die Höhepunkte der Liebeslust nach Sekunden und vergällt sie durch Begleitgefühle der tötlichen Beklemmung, die kein Ende nehmen. Als Schopenhauer die Gifte der modernen Zivilisation aufzählte, den Point d'honneur und die Syphilis, vergaß er das Hauptgift: die Eifersucht; denn die Alten hatten wenigstens im Bereich ihres Hetärenwesens einen Venuspark ohne Eifersucht, während der moderne Kulturmensch fast durchweg nur die Wahl hat, sich auf dem Mistbeet des Dirnentums zu degoutieren, oder im Liebesgarten der Frau sich den Skorpionsstichen der Eifersucht auszusetzen. Was er törichterweise verlangt ist folgendes: er drückt das Petschaft seiner Persönlichkeit in fließendes Wasser und erwartet einen unvergänglichen Abdruck; bleibt dieser aus, so fühlt er sich als Machterprober enttäuscht, und mit Ingrimm würgt er an einer Tatsache, die seiner Eitelkeit höchst rätselhaft vorkommt, obschon sie nichts anderes ist als selbstverständlich. Über diese Verdunkelungen des Verstandes muß man hinaus, und wer sich darauf einübt, die Eifersuchtsanwandlungen zu unterdrücken, der wird erst reif für das Glück und für die glückliche Gemeinschaft mit den entschwundenen Großmeistern der Lebenskunst. »Das sind Sentenzen, zu denen Sie selbst die Gegenprobe liefern. Sie legen doch Wert auf den Alleinbesitz und Sie selbst freuen sich, daß Sie ihr das Siegel Ihrer Persönlichkeit aufgeprägt haben. Wo bleibt da das Gleichnis mit dem Petschaft und dem fließenden Wasser?« – Es bleibt bestehen. Denn ich erwarte gar keinen unverlöschlichen Abdruck, sondern nur einen Reflex. Und ich darf sagen, daß ich bis heut die deutliche Wiederspiegelung meines Selbst in Lianens Charakter gefunden habe. Weil kein anderer außer mir optisch richtig zu ihr steht. Für die anderen ist sie eine glänzende Dame, deren fließende Gunst wie ein Treffer der Lebenslotterie erreichbar erscheint, – einmal und nie wieder. Denn es gibt bei ihr keine Wiederholung, und über den Tag der Eroberung hinaus keinen Besitz. Für mich dagegen ist sie eine zeitlose Kreatur, deren Unterbewußtsein in die nämliche Tiefe hinabtaucht wie das meinige, gleichsam als wenn wir nur fortsetzten und wiederholten, was uns von jeher verband. »Und diesen transzendenten Roman gedenken Sie so ohne bestimmtes Richtungsziel weiterzuspinnen? Oder sollten Sie am Ende gar die waghalsige Idee verfolgen, diese Dame Liane y Valla – – Verzeihung, das fuhr mir nur eben so heraus – –« – Genieren wir uns nicht vor dem Wort. Also: zu heiraten, wollten Sie sagen. Nein, das wäre an meinen Grundsätzen gemessen eine fade Pointe. Nicht als ob ich die hämisch grinsenden Gesichter fürchtete, die in diesem Falle bei den meisten nichts anderes wären, als die ironische Maskerade des Neides. Aber die Floskel der Verehelichung widerstrebt mir wie ihr, und so kommt für uns lediglich die Vereinigung unter einem Dache in Frage, die Kameradschaft in meiner hübschen Villa auf Zypern, ohne amtlichen Segen und Stempel. Wir wurden durch einen Schiffsboy unterbrochen, der meinem Gefährten eine kuvertierte Botschaft aus der Funkspruch-Kabine überreichte. Er entfaltete das Blatt, blickte hinein, und ein Zug des Unmutes huschte auffallend über sein Gesicht. »Eine schlimme Botschaft?« – Keine sonderlich angenehme – entgegnete er mit der Technik des erkünstelten Lächelns, das einem Weltmann in den Zufällen des inneren Gleichgewichts als rasche Hilfe dient; – es betrifft das soeben erörterte Thema – – »Ist Ihrer Freundin etwas zugestoßen?« – Nicht das Geringste. Aber das Projekt unserer freien Toleranz-Ehe ist soeben etwas in Unordnung gekommen. Liane ist an großen Stil des Lebens gewöhnt, und selbst wenn sie sich auf bescheideneren Fuß einrichten wollte, so würde ich mich dem widersetzen. »Darüber brauchen Sie sich doch keine Sorgen zu machen, denn Sie selbst existieren doch offenbar im Überfluß.« – Wenn ich die Bilanz von heute ziehe, müßte ich aus der Luxusklasse ausscheiden und damit meinen Plan fallen lassen. Denn es kann mir nicht in den Sinn kommen, eine Dame von Fürstinnenformat in eine Kleinbürgerin zu verwandeln. Sie entsinnen sich, daß ich Ihnen von meinem Rennstall erzählte. Ich hatte darin mehr investiert als ich bei genauer Berechnung der Zukunft hätte anlegen sollen, und ich war auch schon vor Monaten nahe daran, den Stall zu liquidieren, als mich eine ganz besondere Aussicht veranlaßte, auf den heutigen Tag ein neues Risiko zu häufen. Ich war nämlich felsenfest überzeugt, daß mein in Turfkreisen sehr berühmter Hengst Mithridates das heutige Rennen machen müßte. Ich hatte ihn als Sieger im Grand Prix für eine unsinnige Summe gekauft, und nun sollte er mir im Derby nicht nur den Einstandspreis holen, sondern noch zwei Millionen darüber, die als mein Wettobjekt über dem Ereignis schwebten. »Der Rest ist zu erraten. Das Radiogramm da in Ihrer Hand ist aus Epsom gefunkt worden. Also verloren.« – Ja, der Sieg ist futsch, und die Wette und der Gaul obendrein. Er hat Malheur gehabt und mußte auf der Bahn erschossen werden. Das wirft mich nicht etwa um, nur fürchte ich dabei, ich werde für's erste nicht in der Lage sein, meiner Freundin das bewußte immerhin recht kostspielige Idyll vorzuschlagen. Denn das eine dürfen Sie mir nicht zutrauen: Ich werde mich niemals dazu verstehen, der Nutznießer eines Goldregens zu werden, der sich über eine Danaë ergießt. * * * Er zeigte mir das Medaillonbild der Dame, eine Miniatur, bei deren Anblick mir bald die Erinnerung an ein bedeutendes Vorbild auftauchte. Es war mir, als müßte ich es vor kurzem in Rom an geweihter Stelle gesehen haben. Eine Madonna? Nein, zu so feierlichem Vergleich lag kein Anlaß vor, aber der Frauenkopf, an den ich dachte, hob sich doch aus der Ebene des Profanen in die Sphäre der Erhabenheit. Zweimal hat ihn Raffael gemalt, als Sappho im Parnaß und als Figur der »Transfiguration«, und auf beiden Bildern des Vatikans tritt er als Typus hervor, der lebendiger zu uns spricht, als die große Menge der Kirchen- und Museumsschönheiten mit dem traditionellen Ebenmaß ihrer Züge. Da mir nun die Ähnlichkeit nicht einen Augenblick zweifelhaft war, so lag es nahe, die Urbilder in Beziehung zu setzen, und da ergab sich eine seltsame Übereinstimmung; denn in beiden Fällen hat Raffael aus der Realität geschöpft, und sein Modell war, wie Liane, eine Priesterin der Venus: Imperia , die Geliebte des fürstlichen Mäzens Agostino Chigi. Eine Transfiguration in anderem Sinne, mit dem Begriffspaar Imperia-Liane, aus der sich nicht nur für unsere Erzählung, sondern weit darüber hinaus folgenschwere Betrachtungen ableiten lassen. Ich behaupte kurzweg, daß die ethisch gestimmte Kulturgeschichte von diesen Betrachtungen nichts weiß. Der Gedanke, daß die Kurtisane einen Kulturfaktor darstellt von der Stärke einer Weltanschauung, einer Religion, ist ihr fremd. Daß einzelne Kurtisanen im hellenischen Altertum, in der Spätrenaissance, im Barock, spätestens im Rokoko eine Rolle gespielt haben, gilt ihr als Anekdote, als Kuriosum, und wird anekdotisch dargestellt wie interessante grelle Farbentupfen im Gewebe der Ereignisse; und eigentlich immer mit dem Bewußtsein: wie schön, daß wir uns darüber hinausgeschwungen haben, wir sittlich Geläuterten, die wir zwischen Laster und Tugend so korrekte Trennungsstriche zu ziehen verstehen. Wir rubrizieren nach Ehre und Schande als nach klar definierten Einteilungen, und das Schlagwort Prostitution reicht aus, alles mit endgültigem Makel zuzudecken, was uns aus jenen Zeiten hetärisch entgegentritt. Wie aber, wenn eine Folgezeit jene Begriffe abermals revidierte? Wenn sie untersuchte, ohne sich an die heut gültigen Maßstäbe zu binden? Ebenso wie wir heute das Weltall untersuchen nach den von Punkt und Sekunde wechselnden Maßstäben der Relativität? Um dies für möglich zu halten, muß man zuerst versuchen, sich in den Geist der Zeiten zu versetzen, unbekümmert darum, ob dabei ein »groß Ergötzen« herausspringt, und ob wir auch wirklich zu der brustschwellenden Freude Anlaß haben, zu schauen, »wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht«. Die Tatsachen sollen reden und sie sollen so angeordnet werden, daß sie mit ihrer eigenen Eloquenz wirken. Jene Imperia, die Transfigurierte, die Raffael auf den Gipfel des Parnaß erhob, war nur eine unter vielen Kurtisanen, denen ihr Zeitalter eine an Vergottung grenzende Verehrung darbrachte. Zahlreiche Zeugnisse fließen zusammen, um dies zu bekräftigen. Es war in jedem Betracht ein Kult der Schönheit, der sich um so ungestümer auf die Hetäre entlud, als die Verfeinerung des Lebens in der Renaissance zur Wiedererweckung der alten Idealfiguren, einer Thais, Aspasia, Thargelia, selbst einer Phryne drängte. Den äußeren Ausdruck fand diese Verehrung in einem Glanz der Lebenshaltung, für den die Hetäre befähigter erschien als die ehrbare Frau, und den ihr zu verschaffen den höchsten Ehrgeiz der Reichen bis hinauf zu den Fürsten und Kardinälen bildete. Nach der Schilderung des Bandello galt die Behausung der Imperia als ein Salon, zu dem sich die einflußreichsten, geistreichsten, künstlerisch hervorragendsten Männer drängten. Kostbare Teppiche, Gemälde, Vasen und Nippsachen, auserlesene Bücher, wundervolle Renaissancemöbel, Brokate, von berühmten Künstlern geschnitzte Truhen, verbreiteten in ihren Gemächern einen Glanz, der selbst die luxusgewöhnten Augen auswärtiger Botschafter blendete. Diese betrachteten solche Besuche als Amtspflicht, nicht nur bei der Imperia, sondern allgemein bei ihren Kolleginnen derselben Rangstufe. Die Gesandten gaben Bulletins aus, berichteten über Einzelzüge aus der Haushaltung der Kurtisanen an ihre Souveräne mit einer Ausführlichkeit, als hätten sie Haupt- und Staatsaktionen zu melden. Die diplomatischen Briefe und Aktenstücke der Zeit strotzten von Alkoven-Notizen, von Boudoirneuigkeiten aus den hetärischen Palästen und bewahrten dabei eine gewisse Sachlichkeit, da die Fäden der politischen Intrigen wirklich oft genug durch die Schlafzimmer dieser Damen liefen. Der Zutritt zu den orgiastisch hergerichteten Hofhaltungen der Buhlerinnen galt als eine Bevorzugung, die man sich durch Rang, Bedeutung, unter Umständen sogar durch knechtselige Unterwerfung verdienen mußte; bis zu dem Grade, daß die ursprüngliche Bedeutung des Ausdrucks erlosch, denn in Wahrheit war die Buhlerin die Umbuhlte. Aus den vortrefflichen Gesamtbildern, die uns nach Quellen von Bembo, Sadoleto, Infessura, Grossino, Blosius, Roscoe usw. von den berühmten Forschern Gregorovius, Burckhardt und Chledowsky übermittelt werden, treten nur wenige Züge hervor, die uns die Freudendame als gefällige Werberin zeigen; sehr frappante dagegen, die den bis zu despotischem Übergewicht gesteigerten Stolz verkünden. Man mußte um Protektion buhlen, um überhaupt nur die blumengeschmückte Schwelle überschreiten zu dürfen. Der Zutritt in den Palast der Lucrezia Romana war so schwierig, daß mancher Kavalier erst ein Fegefeuer monatelanger Wartezeit zu überstehen hatte, bevor er in das Paradies einer kurzen Unterhaltung einging; und eine ihrer Freudenschwestern gestattete den Verehrern die Annäherung nur unter einer verschärfenden Zeremonie: auf dem Boden ausgebreitet lagen seidene Kissen, auf denen der zu einer Audienz Begnadete knieend und rutschend wie auf der Skala santa heranglitt. Dutzende von Dichtern überschlugen sich in versifizierten Huldigungen, in hyperbolischen Hymnen; viele mit lateinpoetischem Schwunge, andere mit einer Atemlosigkeit des Tonfalls, der zu erkennen gibt, daß der Versmeister niemals imstande ist, die Höhe der Angebeteten zu erreichen. In allen Variationen kehrt »Imperia« wieder, deren Name für jene Literatur ein Signal, ein Exponent geworden ist. Den leitmotivischen Grundton schlug der Dichter Blosius an, mit dem Epigramm: » Di duo magna duo tribuerunt munera Romae, Imperium Mavors, et Venus Imperiam ...« Zwei Götter haben Rom mit zwei großen Geschenken bedacht, Mars verlieh ihr das Imperium, Venus die Imperia ... Und dieser Wirbel veitstänzerischer Verzückung war nur ein Takt in der Jubelode, deren Rhythmus durch den Taumel heidnischer Lust bestimmt wird. Glorios, wie die Imperia gelebt hatte, schritt sie zu den Schatten ihrer heidnischen Vorgängerinnen. Sie starb im Zenith ihrer Reize, erst sechsundzwanzig Jahre alt und wurde mit Gepränge in der Kapelle der heiligen Gregoria beigesetzt. Als oberste Bekrönung des Grabmals erblickte man die Mutter Gottes mit dem Kinde; an den Seiten zwei in Anbetung versunkene Engel; stilisierte Pflanzen ranken sich an die Säulen, die eine Tafel mit der Inschrift einfassen: » Imperia, Cortisana Romana, quae digna tanto nomine, rarae inter homines formae specimen dedit. « Man gab ihr an geweihter Stelle den vollen Berufstitel einer Cortisana und ließ auch hier einen mystischen Doppelsinn einfließen: denn die letzte heilige Römerin, Francesca, zur Zeit Eugen's IV. trug den Ehrennamen »Romana«, und so war es ein Symptom des Nationalstolzes, daß der Anklang hier attributiv wiederkehrte, zur Bekräftigung der Heiligkeit, mit der das antike Gefühl die Schönheit als etwas Überirdisches verklärte; denn der Text jener Inschrift preist als Titel ihres Ruhmes den hohen Namen einer Römischen Hetäre, dessen sie vermöge einer unter Menschen seltenen Schönheit würdig gewesen sei. * * * Aber Rom bedurfte nicht einmal so feierlichen Anlasses, um in Elegien auszubrechen; schon der irdische Fortgang einer gepriesenen Cortisana genügte zur Auslösung von Klagetönen und dementsprechend zum Aufwallen der Freude in der begünstigten Stadt, die sie zur Residenz erwählte. Vor uns steht eine andere Figur dieser Klasse, die Poetessa Tullia d' Aragona , an Effekt der Imperia vergleichbar, Geist an Geist gemessen ihr überlegen. Als Tullia ihr Königszelt von Rom nach Ferrara verlegte, schrieb Ercole Bentivoglio ein Sonett des Inhalts: »In dem Augenblick, wo die Zauberin den Tiber und die sieben Hügel in Trauer stürzte und den Po durch ihre Gegenwart beglückte, sei in Ferrara jede gemeine Leidenschaft erloschen, und nur noch die göttliche Liebe beherrsche die Herzen.« Unbegreiflich ist den Nachfahren diese Tonart, die zwischen einer Halbweltlerin und einer messianischen Erscheinung kaum noch einen Unterschied macht. Die Welthauptstadt in Trauer wegen des Domizilwechsels einer Nymphe, die fortan den Segen der Liebe über eine andere Stadt ergießt. Es genügte nicht mehr, sie mit Sinnenkult zu umschmeicheln. Man erfand ein neues Wertmaß der Weiblichkeit, welches an die Liebespriesterin angelegt, deren Überschuß an Tugend und Sittlichkeit ergab. Venus vulgivaga verschwand, und aus altklassigen Reminiszenzen stieg ein rektifiziertes Bild der Venus Urania, deren geläuterte Vertreterin mit jungfräulichem Anspruch auftreten durfte. Eine Rittergarde blitzte hervor mit einem » Cartello di sfida « zu Trutz und Wehr gewaffnet gegen jeden, der es wagen würde, die » Ehre « der Tullia d' Aragona zu bezweifeln. Ihre Herausforderung setzt den Grundsatz an die Spitze: edle Menschen müßten sich für eine von der Natur besonders reich begabte Frau zur Partei zusammenschließen. Sechs Jünglinge, Emilio Orsini voran, erklären ihren Vorsatz, Tullias Ehre nach militärischem Gesetz zu verteidigen und zu beweisen, daß die Illustrissima Signora Tullia d' Aragona mit ihren ungewöhnlichen Tugenden und Talenten größere Vorzüge besitze als irgend eine Frau der Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft . Die Garde verpflichtete sich auf die Eidformel, für jedes Wort der Herausforderung mit blanker Waffe einzutreten. Und in einer Hinsicht übertrafen diese Hidalgos den Don Quixote, denn Tullia war keine in den Wolken schwebende Dulcinea, ihr Lebenswandel lag unverhüllt vor aller Augen, und mit vollem Wissen baute sich aus der Kenntnis der Tatsachen das Dogma: die Fülle hetärischer Vorzüglichkeiten bedeutet eine Tugend für sich, die Anbetung fordert. Es bleibe unerörtert, ob Tullia ihren Ruf als Dichterin rechtfertigte, ob nicht vielmehr der Zauber ihrer Persönlichkeit auch die Kritik in Banden hielt. Als Trägerin hoher Bildung, als exzellente Lateinerin, als geniale Tanzsängerin verfügte sie schon über so große Mittel der Magie, daß ihr auch, wenn sie wollte, der literarische Preis sicher war. Man nannte sie die »Alma Sirena«, griff bis auf Kleopatra zurück, um überhaupt einen Vergleich aufzufinden, und feierte sie in einem berauschten Sonett als Königin des Parnaß; neben einer Sappho würde die Zukunft eine Tullia nennen, behauptete der berühmte Paduaner Literat und Universitätsprofessor Speroni in einem verzückten Dialog, worin Tullia und Bernardo Tasso die Stimmen führten. Hier regte sich allerdings vereinzelter Widerspruch, so bei Aretino, dem diese einer Kurtisane zugedachten Verhimmelungen zu weit gingen. Aber der Nachwelt wird sie als Poetessa überliefert, auf dem schönen Gemälde des Bonvicino zu Brescia, das sie als ernste Künstlerfürstin zeigt mit dem Dichterzepter in der Linken. Keine Ähnlichkeit besteht zwischen dem ruhigen Oval ihres Kopfes und den Imperia-Profilen; nichtsdestoweniger gehört auch Tullia zu den Vorläuferinnen der Liane, deren Medaillonbild so auffällig die Raffaelischen Züge wiederholte. Der Ruhm ihrer Geistigkeit wuchs mit den Jahren, und nachdem die fechtende Garde längst abgerüstet hatte, versammelte sich eine Legion von Gelehrten und Akademikern, die nicht müde wurden, mit dithyrambischer Beredsamkeit die alternde Tullia zu verherrlichen. Ein neuer Titel wurde für sie geprägt » Cortegiana degli academici «. Fast wäre man versucht, ein Sprichwort auf sie anzuwenden, dessen zweiter Takt »alte Betschwester« lautet. So kurios es klingt, sie bog als Autorin in die puritanische Linie, mit einem größeren poetischen Werk, in dessen Vorrede sie gegen die »Schmutzliteratur« eifert wie nur ein Staatsanwalt des zwanzigsten Jahrhunderts. Scharf polemisiert sie gegen Boccaccios Dekamerone, indem sie zugleich ihre eigene Dichtung als Probe reiner christlicher Literatur empfiehlt. Allein man darf wohl annehmen, daß sie auch jenseits der vierzig niemals aufgehört hat, zwischen Theorie und Praxis zu unterscheiden und ihrer holden Leiblichkeit die Reservate zu bewahren, denen sie ursprünglich ihre Triumphe verdankte. Rom ist der Pfeiler des Heils, ertränkt in einem Meer von Pestilenz, – so läßt Gobineau den Savonarola rufen, der die Waffen der Zukunft schmiedet. Und das mönchische Rüstzeug hat sich für uns in hundert Paragraphen der Wohlanständigkeit verwandelt, die uns davor behüten, in jene Perversionen zurückzufallen. Aus aller Sittenanschauung der Neuzeit spricht und droht Savonarola. Selbst der Historiker erwähnt den Hetärenkult nur mit schämiger Verlegenheit, er deutet auf ihn wie auf stilwidrige Flitter, die das Kostüm der Renaissance schänden. Und er hält sich weit entfernt von der Frage, ob denn die siebzig Unsterblichen jener Zeit möglich gewesen wären, ohne den Kult mit all seinen Perversionen; was etwa der Frage gleichzusetzen, ob denn Praxiteles auch wirklich Praxiteles geworden wäre, ohne die Phryne, die er liebte und meißelte. Die Intimität der Zusammenhänge wird nicht geprüft, es bleibt beim Einerseits-Anderseits, beim Bewundern und Verfluchen. Die Renaissance hat das Altertum aufgedeckt, aber die Renaissance ist noch nicht aufgegraben. Eine dicke Schicht liegt noch darüber, die uns verhindert, die Dinge als einheitlich zu erkennen und auf ein und dieselbe Mentalität zurückzuführen. Wie schön wäre die Renaissance gewesen ohne ihre moralische Verkommenheit, – das ist genau so viel wert wie die Betrachtung: wie schön wäre die Natur ohne die Bestialität ihrer Kreaturen! Und wie verhält sich die moderne Frau zu der Angelegenheit? Sie drapiert sich mit dem Bewußtsein der Freiheit, fest überzeugt, daß damals Hörigkeit geherrscht hat, mittelalterlicher Zuschnitt, ohne Ansätze sozialer und politischer Gleichberechtigung. Ihr schwebt noch immer das alte Gynaeceum vor, die Frauenwohnung, deren Bewohnerin unter dem Anschein des Komforts versklavt wurde, und selbst der Kurtisanenpalast des sechzehnten Jahrhunderts erscheint ihr als goldener Käfig; bestand doch kein Ausgang zu den Würden der Hierarchie und des Staatsbetriebes. Wie sind seitdem die Barrikaden gesprengt worden! Die Moderne braucht nur zu wollen und sie wird Schöffin, Geschworene, Richterin, Abgeordnete, Gesetzgeberin, Staatssekretärin. Nur eins kann sie nicht werden, was damals der Schönheit von Volkes wegen zugesprochen wurde: Göttin ! * * * Von diesen Betrachtungen, die sich aus profanen Anfängen fast bis ins Priesterliche verloren, wurden wir durch eine Fahrt-Episode von ganz weltlicher Anlage abberufen. Für den letzten Abend auf dem Schiff war eine Tanzfestlichkeit geplant, unter Leitung eines Damenkomitees, das vom Oberpersonal der »Velox« zweckentsprechend unterstützt wurde. Ein rasch arbeitender Mechanismus hatte im Speisesaal den erforderlichen Bewegungsraum geschaffen, mit dekorativem Beisatz, der einen ganz neuen, eben erst in das Fahrzeug hingezauberten Salon vortäuschte. Und während draußen das Meer seine Spiegelglätte furchen ließ, entfalteten sich hier die Erscheinungen der Wellenbewegung in wogender Gesellschaft. Ein Höhepunkt der Kultur, auf den wir stolz sein durften; – denn weder auf den Schiffen des Themistokles, noch auf dem prunkenden Bucentaur der Dogen von Venedig hätte man einen solchen Ball veranstalten können. Ich selbst kam natürlich nur als Zuschauer in Betracht, und ich wäre dabei reichlich auf die Kosten gekommen, wenn sich in meinem Beobachtungsfelde nicht eine bedauerliche Lücke gezeigt hätte. Argelander hielt sich nämlich gleichfalls außer Aktivität, obschon er durch Erscheinung wie durch Elastizität des Schrittes durchaus befähigt gewesen wäre, hier als primus omnium in Szene zu treten. Und nicht nur in meiner Taxe, sondern in der allgemeinen, denn man wußte oder glaubte zu wissen, daß er über eine Technik verfügte, wie nur ein legendärer Meister aus der Schule des Duprez und Vestris. Und da in zwölfter Stunde eine Tour als »Damenwahl« einsetzte, so wurde er Mittelpunkt einer Gruppe, die ihn mit allen weiblichen Unwiderstehlichkeiten bestürmte. Es war wie eine förmliche Bitt-Deputation, und während rings der Betrieb stockte, gab es hier in Blick und Tonfall soviel Ermunterndes, daß ein Felsenherz dazu gehörte, um bei der Weigerung zu verharren. Ein Vergleich mit Odysseus und den Sirenen müßte sich bildlich ganz hübsch ausnehmen, würde aber doch zu Unstimmigkeiten führen, denn diese Sirenen teilten mit ihren Homerischen Schwestern nur die Lieblichkeit und den Verführungstrieb, nicht aber die Arglist. Eine reizende Schwedin trat als Chorführerin auf und verlangte Gründe zu hören. Wann hätte jemals ein Kavalier an eine solche Korona Körbe ausgeteilt? Herr Argelander verwahrte sich mit scherzhaften Beteuerungen gegen jeden Verdacht der Ungalanterie. Aber man dürfte nichts Unmögliches von ihm verlangen. Ihm sei zumute wie einem Geigenvirtuosen, der plötzlich Fagott blasen sollte. »Alle diese Tänze, die Sie heute bevorzugen, sind für mich Formen der Leichtathletik, denen ich ganz ratlos gegenüber stehe. Und wie die Musik in ihnen erstarrt ist, bevor sie noch Bewegung wurde, so erstarre ich selbst beim bloßen Versuch, mich diesen toten Musiken anzupassen. Offen gesagt, meine Damen, ich tanze sehr gern und ich wäre glücklich, wenn ich Sie der Reihe nach engagieren könnte, aber – ich blamiere mich nicht gern.« »Also dann soll die Kapelle etwas anderes spielen, irgend einen Tanz, den Sie lieben!« – Sie beschämen mich durch Ihre Güte. Ich fürchte nur eine neue Schwierigkeit. Immerhin, probieren wir den Ausweg – und zu dem kleinen Orchester gewendet, fragte er: Haben Sie vielleicht eine Gavotte auf der Walze, oder eine Courante? oder eine Sarabande? Nichts dergleichen war vorhanden. Und den Damen leuchtete es auch ein, daß die Spieltruppe sich nicht mit solchem vermoderten Tongerümpel herumschleppte. Selbst wenn es vorhanden wäre, was sollte man denn mit den urgroßväterlichen Langweiligkeiten in einem modernen Ballsaal anfangen? – Zuerst sollte man sich entsinnen, daß sie die unvergänglichen Wurzeln sind, aus denen die wahre Kunstmusik bis zur Suite und Symphonie ihre schönsten Blüten getrieben hat. Ferner sollte man sich vorhalten, daß das Wesen des Tanzes wie der Musik nur aus der Liebe begriffen werden kann, aus den Tiefgründen der Liebe, in denen die Impulse zu jeder rhythmischen Bewegung schlummern. Woraus zu schließen, daß jene alten Formen, die Sarabande, die Gigue, der Passepied, das Rondo und Menuett die wirkliche Tanzidee enthalten, sie allein, da sie ja ihre Befähigung für die höchsten musikalischen Offenbarungen erwiesen haben. Und nun stellen Sie sich einmal die musikalische Kunstblüte vor, die aus Tango, Jazz, Foxtrott, Shimmy und ihren Nachfolgern hervorgehen könnte. Es ist schon lächerlich, daran auch nur zu denken; sie sind und wollen gar nichts anderes sein als Taktschläger, wie Metronome und Castagnetten, ohne die geringste musikalische Potenz, und sind sonach völlig ungeeignet der göttlichen, untrennbaren Dreiheit zu dienen: Liebe – Musik – Tanz. Ich war vielleicht der einzige im Saal, der ihn ausreichend begriff, denn ich kannte ihn ja schon genügend mit seiner Sehnsucht nach dem Einstigen. Plötzlich fluteten Töne einher, wie improvisiert angeschlagen vom Kapelldirigenten, dem ein vorsintflutliches Stück eingefallen war, und der es darauf ankommen ließ, bei schweigendem Orchester mit einem Klaviersolo einzuspringen. Argelander schnellte auf: Aber das ist ja eine Pavane, la bella Padovana, das Musterstück der Gattung! Hören Sie nur, meine Damen, wie frisch trotz seiner vier Jahrhunderte! Mit impulsiver Bewegung näherte er sich dem Klavier, als ob er fürchtete, daß die überraschende Klangerscheinung verschwände. Und unwillkürlich vibrierte alles an ihm in dem vornehmen, geradtaktigen Rhythmus der Melodie, die in jeder Schwingung seiner biegsamen Gestalt ihr körperliches Abbild gefunden zu haben schien. Das währte nur wenige Sekunden, aber diese kurze Zeitspanne genügte, um uns allen ein Tanzbild einzuprägen, das man gern festgehalten hätte. Er selbst hatte offenbar gar keine Ahnung von seinem reizenden Extempore, und er war sehr erstaunt, als ihm, da er am Instrument mit geöffneten Armen stehen blieb, um irgendeine Tanzpartnerin zu erwarten, nichts anderes zuflog, als ein allgemeiner Applaus. Keine wagte es, in einem ungleichen Duett die Andeutung fortzusetzen, jede fühlte, daß man nicht ballmäßig erweitern durfte, was als flüchtige Skizze sich so ganz jenseits aller Schablone stellte. Und das Einverständnis der Damen fand seinen Ausdruck in einem raschen Entschluß. Im Programm war ein Preis vorgesehen für das beste Tanzpaar; jetzt interpretierte das Komitee das Statut dahin, daß die Prämie dem Einzelnen zufallen müsse, der ohne es darauf anzulegen, dem Abend die eindruckvollste Sensation verschafft hatte. Und hier zum erstenmal sah ich meinen neuen Freund in einer Verfassung, die ich beinahe als Verlegenheit oder Ungeschick bezeichnen möchte: tatsächlich, es flog eine leise Röte über sein Gesicht, als ihm die Schwedin den meisterlich ziselierten Silberpokal in die sträubende Hand legte. Bald darauf nahm mich Argelander beiseite und vertraute mir: Jetzt bin ich wieder auf dem Gleise. Beachten Sie die Zeit, es ist eine Minute über Mitternacht, mein kritischer Tag erster Ordnung wäre überwunden. Gestern ein Preis verloren – heute ein Preis gewonnen, das gleicht sich aus, nicht in der Substanz, aber im persönlichen Wert. Das ist Schicksalsspruch. Mit meiner Millionenwette baute ich einen Prospekt in die Zukunft, das versagte; jetzt eben beschwor ich, halb unbewußt, die Vergangenheit, da gewinne ich den Grand Prix. Und der Schlüssel des Geheimnisses? Zeitumkehrung! Es wäre der Gipfel der Lebenskunst, diesen Schlüssel gänzlich in die Hand zu bekommen. Zwölf Stunden später war das Schiff landungsbereit vor Zypern. Und ein Duft der Sinnenfreude, seltsam geschwängert mit einem Hauch, der die Nerven aufregte wie die Witterung heiliger Ruinen, strömte über Deck. Lichter und Schatten Die nächsten Tage wurden der ersten Orientierung gewidmet, die ich mir verschaffte, ohne meine Bekanntschaften in Anspruch zu nehmen. Ich habe keine Veranlassung, das Landschaftliche ausführlich zu schildern und begnüge mich mit dem Hinweis, daß die zuvor empfangenen Andeutungen ungefähr dem tatsächlichen Bilde entsprachen, auch in Hinsicht des Zusammenklingens natürlicher und weltlicher Reize. Zweifellos befand man sich hier auf erhöhter Lebensstufe, den Kolonisten von Limisso-Amathus, wie den Fremden wurde sehr viel geboten, und man merkte die Wirksamkeit einer Verwaltung, die sich anstrengte, das utile cum dulci in reichen Variationen bereitzustellen. Im Zentrum der Vergnügungen stand der große Spielpalast, der zugleich eine der Quellen darstellte, aus denen die künstlerischen und wissenschaftlichen Einrichtungen gespeist wurden. Denn der gewaltige Reingewinn dieses Ultra-Montecarlo fließt fast restlos in das breite Finanzbett der Kulturabteilung, das noch außerdem durch den bereits erwähnten Krösus Kyprides opulent subventioniert wird. Dergestalt werden gewisse Veranstaltungen zu allerdings hohen, aber für die Meisten doch erschwinglichen Eintrittspreisen in Szene gesetzt, während bei andern die Erhebung eines Entgelts überhaupt nicht stattfindet. So durfte ich mir gleich am ersten Abend den Genuß einer Sophokleischen Aufführung gestatten, Oedipus in der Ursprache, gegeben im Kasinotheater, und ich schwelge noch heut in der Erinnerung. Das war allerdings ein Tauchen in klassische Atmosphäre, das die moderne Umwelt völlig vergessen ließ. Nie zuvor hätte ich solche Durchdringung antiker Kunst mit den Darstellungsmitteln heutlebender Schauspieler für möglich gehalten. Eine andere Sehens- und Hörenswürdigkeit mußte ich mir freilich entgehen lassen. Das Unikum einer Experimental-Oper in der dortigen Arena. Man gab »Carmen« mit einer echten Corrida im vierten Akt, zu der die berühmtesten Stierkämpfer aus Madrid engagiert waren, an ihrer Spitze der Torero Escarpuentes, der nicht nur über den furchtbarsten Degen der Welt, sondern über einen phänomenalen Baßbaryton verfügte. Das war allerdings keine zarte Kunstnote, vielmehr ein schriller Fanfarenstoß, aber erst dieser gestaltet Carmen – an sich schon nach Nietzsche die Oper aller Opern – zu der szenischen Sensation, die sie zu sein verdient; mit einem Helden, der aus der Niederung eines renommierenden Buffo aufsteigt zur Höhe eines Espada, der das Meisterwerk mit Stierblut tauft; so sagte mir ein Besucher, der expreß aus Melbourne nach Zypern gekommen war, um dieses Wunder zu erleben; eines unter vielen, die in ihrer Vereinigung für die Großzügigkeit der Vergnügungsdirektion Zeugnis ablegen. In der Akademie war noch manches im Werden, allein schon ein flüchtiger Umblick ließ erkennen, daß sich hier die res severa , – in der Amathusischen Kolonie eng verschwistert mit dem Gaudium – in den besten Händen befand. Die enorme Bibliothek war durch ein sinnreiches System ineinandergreifender Kataloge derart der Übersicht erschlossen, daß in dem abgründigen Wissensschacht alle Schätze offen vor dem Beschauer lagen. Für die Naturkunde standen Experimentiersäle bereit, deren Apparatur in Physik, Chemie und Biologie alles umfaßte, was man sonst auf Universitäten nur vereinzelt antrifft. Die Einrichtung der Sternwarte vermochte den Vergleich mit den neukalifornischen Observatorien auszuhalten. Der Bestand an fest angestellten Forschern war allerdings noch dünn; allein, wo solche Lehr- und Lernmittel gegeben, konnte die Vervollständigung des lebenden Inventars nur eine Frage der Zeit sein. Ich persönlich halte es für wahrscheinlich, daß dieser gesamte Komplex der Wissenschaften in absehbaren Jahrzehnten einen Rang einnehmen wird, wie einst die Platonische Hochschule im Umkreis der damaligen Kulturwelt. Von den jungen Zöglingen war vorläufig für mich nicht viel zu sehen. Sie befanden sich teils auf Ferien in ihren Heimatsorten, teils waren sie von Spezialstudien beschlagnahmt, die mir ganz fernlagen. Nur mit einigen Wenigen konnte ich Fühlung nehmen, probeweise, um mich selbst zu prüfen, ob ich imstande sein würde, irgendwelche fruchtverheißende Dialoge mit ihnen zu führen, dem Programm gemäß, das mir Professor Borretius entwickelt hatte. Die Lokalität behagte mir, denn wir waren nicht auf Hör- oder Konferenzsäle angewiesen, sondern hatten eine Stoa zur Verfügung, in der wir peripatetisch über freigewählte Themen plaudern und disputieren konnten. Allein, ich muß offen gestehen, daß dabei nichts Befriedigendes herauskam. Die Schuld lag wohl in mir und meinem systemlosen Verfahren, das vielleicht imstande war, hier und da einen interessanten Punkt hervorspringen zu lassen, nicht aber, zwischen diesen Punkten die für Lehrzwecke geeignete Linie zu finden. So gelangte ich bald zu dem Ergebnis, den jungen Herren anzuraten, ihre Zeit bei methodisch veranlagten Magistern besser anzuwenden, wenn ich mir auch gestehen mußte, daß damit der eigentliche Zweck meines Aufenthalts im Sinne meiner Auftraggeber verloren ging. Nur bei einem einzigen Zögling schien mir für ganz kurze Zeit eine gewisse Hoffnung aufzudämmern. Das war ein junger sprachgewandter Armenier aus gutem aber unbegüterten Hause, der sich hier trotz des teuren Pflasters zu Studienzwecken angesiedelt hatte. Stephan Akrelian war Kostgänger eines Akademie-Stipendiums, und da ihn auch dies nicht ganz über Wasser hielt, so hatte er Wege gefunden, um sich durch ehrenwörtliche Verbindlichkeit bei Geldverleihern einigen Kredit zu verschaffen. Ich erfuhr dies so nebenbei im Anschluß an eine ganz belanglose Frage nach den Lebensverhältnissen der Studenten, während unser eigentliches Gesprächsthema selbstverständlich auf ganz anderem Gebiete lag. Und hier stieß ich bei Stephan Akrelian auf eine Begabung, die mich sekundenweis mit der Stärke der Genialität berührte. Das war höchst eigentümlich. Seine positiven Vorkenntnisse in Philosophie erwiesen sich als ziemlich gering, um so erstaunlicher zeigte sich seine Fähigkeit des intuitiven Einfühlens, wenn man ihn auf eine gedankliche Fährte setzte. So erläuterte ich ihm in kürzesten Zügen, ganz oberflächlich, die Quantenhypothese, wonach gewisse Energien eine atomistische Struktur besitzen. Blitzartig brach es aus ihm heraus, daß man dann wohl dieses Prinzip verallgemeinern könnte, um zu der Idee zu gelangen, nicht die Stetigkeit, sondern die Unstetigkeit regiere im Universum; er könne sich vorstellen, daß sogar das menschliche Vermögen der Wahrnehmung und Auffassung, der gesamten Perzeption, atomistisch konstruiert sei, gleichsam kinematographisch, und daß sich nur aus lückenhaften Bildern zusammensetzte, was uns im Ablauf der Eindrücke als einheitlich und lückenlos erscheint; so daß man eigentlich zu untersuchen hätte, ob denn überhaupt eine zusammenhängende Wirklichkeit existiere oder ob sie in unendlich viele Wirklichkeiten zerfiele, die uns die Einheitlichkeit des Weltbildes vortäuschten. Er ahnte gar nicht, wie weit er mit diesem plötzlichen Einfall in die allermodernste Erkenntniskritik vorstieß, und daß er damit Ergebnisse vorwegnahm, zu denen er sonst nur in einem langwierigen Kursus hätte gelangen können. Leider merkte ich bald, daß seine eigene Intuition nur stoßweise funktionierte, mit auffälligen Unterbrechungen, in denen sein Denken völlig aussetzte. Es ergaben sich Pausen trübsinniger Zerstreutheit, in denen er keiner Anregung folgte; er glich dann einer Maschine ohne Triebmaterial, und es war nichts mit ihm anzufangen. Schließlich offenbarte mir Stephan Akrelian, daß er an einem Kummer trage, der ab und zu über ihn hereinbräche und gegen den jeder Vorsatz gedanklichen Konzentrierens machtlos wäre. Mitten im philosophischen Gespräch müsse er an ganz andere heillose Dinge denken, und es widerstrebe ihm deshalb, weiterhin Mißbrauch mit meiner Zeit zu treiben; er bäte mich vielmehr, abzubrechen und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Ob er mir nicht vielleicht anvertrauen wollte, was ihn quäle, fragte ich vorsichtig; vielleicht könnte man ihm helfen, oder wenigstens mit Rat beistehen. Nein, das wäre unmöglich. Denn mit der bloßen Angabe, daß da eine Frau im Spiele sei – das wolle er allenfalls zugeben – wäre nichts erklärt. Sein Fall läge verwickelt und hoffnungslos. Vor zwei Monaten habe er versucht, sich seinem Geschick durch die Flucht zu entziehen, nach seiner Heimat Armenien. Das sei mißglückt. Wie mit eisernen Ketten habe es ihn wieder hierher zurückgezogen. Immer wieder strenge er sich an, in Studienarbeit Ablenkung oder Betäubung zu finden. Das gelänge ihm aber nur ruckweise, auf Viertelstunden, dann verfiele er unaufhaltsam dem Banne seiner Leidenschaft, die ihm das zyprische Paradies zur Hölle mache. Mehr war nicht zu erfahren. Er sah bei diesen abgerissenen Eröffnungen ohne begreiflichen Sinn ganz verstört aus, und es verbot sich, weiter in ihn zu dringen. * * * In der Villa des Herrn Lothar Argelander verlebte ich eine hübsche Stunde, die mir besonders dadurch erfreulich wurde, daß ich nun endlich die Dame Liane y Valla leibhaftig kennen lernte. Wäre ich ein richtiger Romanschreiber, so hätte ich hier die beste Gelegenheit, in Verhimmelung zu fallen, und ständen mir die Darstellungsmittel des Expressionismus zu Gebote, so würde ich mir aus der Schwierigkeit der Schilderung durch sinnreich gehäufte Ausrufungszeichen helfen. Da beide Annahmen bei mir nicht zutreffen, muß ich wieder auf die bereits erwähnte Ähnlichkeit mit den zwei Bildern im Vatikan zurückgreifen. Ja, so war sie wirklich, als ob sie dem Raffael zur Sappho und zur Vorderfigur in der Transfiguration Modell gestanden hatte. Sie trug sich ganz einfach, ländlich, ohne die Spur einer städtischen Aufmachung, und als mir der Begriff »Kokotte« durch den Kopf fuhr, hatte ich Mühe, die Erscheinung mit der Kategorie in Einklang zu bringen. Man hätte ihr in jedem Salon den Rang einer vollendeten Dame zugewiesen, und vielleicht an eine Tullia d'Aragona denken dürfen, die sich sogar im akademischen Zirkel mit Würde behauptete. Ich will eine leise Einschränkung des Lobes nicht verhehlen; sie war sehr beflissen, dem Gesprächspartner die geistige Seite zuzukehren und legte es dabei, nach meinem Gefühl ein wenig zu absichtlich, aufs Brillieren an. Aber die intellektuellen Brillanten waren auch wirklich vorhanden. Herr Argelander war bei meinem ersten Besuch nicht ganz in Form, er hielt sich zurück und begnügte sich damit, der Freundin die Stichworte zu liefern, die sie mit ersichtlichem Behagen auffing. Sehr reizvoll waren ihre Gesten während sie sprach, gleichsam klingende Bewegungen, im Spiel der Schultern und der Arme, wie sie in ihren besten Tagen Sarah Bernhardt als melodiösen Kommentar zu den Worten gefügt hatte. Sie hatten zusammen gelesen, als ich eintrat, und die aufgeschlagenen Bücher auf dem Tische luden mich ein, ihrer Beschäftigung der letzten Stunde nachzuspüren. Diese konnte nun allerdings nicht sehr einheitlich gewesen sein, wie der Augenschein zeigte. Da lag aufgeklappt der analytische Traktat von Laplace und daneben das Gedenkbuch in Briefen der Ninon de l'Enclos. Sie stutzen mit Recht, sagte Liane, unsere Lektüre ist ziemlich kunterbunt. Aber wir Beide machen uns nicht viel aus Programmen, wir glauben sogar, daß Studium wie Genuß keinen schlimmeren Feind haben als das einheitliche Programm. »Zugegeben, gnädiges Fräulein, aber immerhin, Laplace und Ninon haben doch überhaupt nicht die geringste Berührung.« – Sie könnten gar nicht weit genug auseinanderliegen. Dann wäre es gerade ein Vergnügen, trotz alledem die Gemeinsamkeiten herauszumerken, etwa in der Vorurteilslosigkeit des Denkens, die beide Persönlichkeiten verbindet. Aber davon abgesehen: jedes Zickzack ist gesund, und ich halte es geradezu für eine Aufgabe der modernen Kultur, die Korrektheiten zu durchbrechen, die so viele Beschäftigungen pedantisch verlangweiligen. »Mit dieser Ansicht würden Sie speziell bei uns in Deutschland auf starken Widerspruch stoßen. Wir lieben es, bei der Stange zu bleiben, oder wie man es gerne ausdrückt, im Rahmen eines Studiums, im Rahmen eines Buches, einer Debatte oder einer Kunstveranstaltung. Es gehört bei uns zum kritischen ABC, Stileinheit zu fordern und jeden Seitensprung scharf zu tadeln.« – Das heißt, Sie unterscheiden nicht zwischen dem Kunstwerk an sich, das allerdings geschlossenen Stil beansprucht, und den Varietäten, aus denen sich ein künstlerisch geformtes Leben zusammensetzt. Mir sind Ihre Programme bekannt, Sie kommen von der Schulmeisterei nicht los. Sie leben unter der Tyrannei des roten Fadens. Ein Leitmotiv für eine Vortragsreihe – sämtliche Werke eines Autors in dem nämlichen Zyklus – sieben Sonaten, zwanzig Fugen hintereinander in einem Konzert – das ist ungefähr Ihr Vorzugsschema. »Sie übertreiben zwar ein wenig, mein Fräulein, aber ihr Einwand trifft tatsächlich einen wunden Punkt. Wir gehen zu weit in dem Trieb nach kausaler Ordnung und übersehen dabei, daß die Kunst selbst auf der Loslösung vom Kausalgesetz beruht. Es wäre ganz gut, wenn wir uns von der Formel befreiten: irgend ein Werk sei an sich schätzbar, aber es paßte nicht ins Programm. Wen oder was soll der Tadel treffen? War das Werk wirklich wertvoll, dann um so schlimmer für das Programm, wenn es nicht paßte. In jener stehenden Redensart steckt die Überordnung des Rahmens über den Inhalt – Sie sehen, mein Fräulein, ich komme Ihnen entgegen.« – Es freut mich, daß wir uns verständigen. Wirklich, ich hätte beinahe Lust, mich mit Ihnen über Laplace und Ninon de l'Enclos gleichzeitig zu unterhalten. – Aber nicht heute! unterbrach Argelander. Räume lieber den Tisch ab und sorge ein bißchen für Erfrischungen, das wäre jetzt mein Programm. – Wie du befiehlst, mein hoher Herr, sagte Liane, indem sie sich anschickte, die Tafelfläche zu verändern. Dabei fiel mein Blick auf einen der aufgeklappten Bände, und zufällig auf eine blauangestrichene Stelle; ich las das Epigramm, das Saint-Evremond der berühmten Sünderin als Votivtafel gestiftet hat: In Ninons Seele hat uns die Natur Ihr größtes Meisterwerk gesandt, Da sie in ihr die Lust des Epikur Mit Catos Tugend eng verband! – Sie haben einen guten Griff, meinte Argelander; diese Stelle ist tatsächlich ein blendendes Unikum, ein Moralkristall des ancien régime , dem in der Neuzeit nichts mehr entspricht. Der Takt verbot mir, diesen Gedanken mündlich weiterzuspinnen. Aus Höflichkeit hätte ich vielleicht ergänzen dürfen, daß wohl auch die Dame Liane eine ähnliche Huldigung in Versen verdiene; denn es erschien mir nicht widersinnig, die Anmut, Bildung und lächelnde Menschengüte zu einem Tugendbegriff zu vereinigen. Aber die Berufung auf Cato war mir doch zu gewagt. Schließlich gehörte sie doch zur bewußten Kategorie, und eine »catonische Kokotte« – nein, diese Denk-Akrobatik war mir noch nicht geläufig. – Übrigens war aus dem Idyll zu zweien, wie es mir Argelander auf dem Schiffe flüchtig angedeutet hatte, nichts geworden. Sie wohnten getrennt, er auf seiner kleinen Landbesitzung, sie in der Stadt, und es verblieb bei der stillen Gewohnheit, wonach sie sich täglich für einige Stunden auf der Villa zusammenfanden; in offenkundiger Seelen-Intimität, aber ohne den Anspruch auf Ausschließlichkeit darüber hinaus. Da er an jedem Morgen in aller Herrgottsfrühe ausritt und auf ausgiebige Nachtruhe hielt, so waren ihr die Abende größtenteils freigegeben, und diese sind lang in einer Kolonie mit Fremdenbetrieb und weitschichtigem Vergnügungsapparat. Die Kompetenzen waren also gut verteilt, und ich habe schon sehr viele Verliebte gesehen, die von allen Treuepanzern umgürtet den Plagen der Eifersucht weit stärker ausgesetzt waren als diese Beiden. – * * * Einige Male befand ich mich mit dem Professor Borretius und seinem Adlatus Xaver Gregory auf den Ausgrabungsfeldern, von denen ich späterhin noch ausführlich zu reden haben werde, im Anschluß an ein folgenschweres Erlebnis, das mich dort erwartete; ich nehme voraus, daß sich aus diesem Abenteuer das Hauptmotiv der vorliegenden Schrift entwickelt hat. Am zweiten Sonntag meines Aufenthalts führte mich Borretius bei Herrn Kyprides ein, dem Inselkrösus, dem ich ohnehin eine Dankvisite schuldig war. Mir war unbehaglich dabei zumute, denn der Finanzherr hatte ja ziemlich tief in seine Tasche gegriffen, um mir, einem ihm gänzlich Unbekannten, die Reise zu ermöglichen, und nun stand ich vor ihm mit dem sauren Bekenntnis, daß nach aller Voraussicht meine Gegenleistung ausbleiben würde. Was hier der Tag selbst bei bescheidenen Ansprüchen verschlang, zuzüglich der Fahrtkosten für Hin und Her, das stellte in meinen Augen eine Unerschwinglichkeit dar; ich erklärte daher, daß ich schon in den allernächsten Tagen heimreisen würde, mit einem peinlichen Debet beladen, aber doch mit dem Vorsatz, meine Schuld später abzutragen, falls ich dazu jemals imstande sein sollte. Kyprides wollte davon gar nichts hören. Ohne im mindesten protzig aufzutreten, aber doch mit dem jovialen Anflug der Mäzenaten-Eitelkeit, meinte er, das wäre eine Bagatelle, nicht der Rede wert: Während ich mich hier mit Ihnen unterhalte, in der einen Viertelstunde, schwankt mein Wertbesitz ohne daß ich davon Notiz nehme, in Plus und Minus um das Zehnfache dessen, was sie da äußersten Falls herausrechnen. Also denken sie nicht weiter daran, bleiben Sie vielmehr solange es Ihnen gefällt, und versäumen Sie nicht etwa die großen Attraktionen der nächsten Wochen, die Regatta, den Blumenkorso und das Monstre-Feuerwerk, bei dem wir einen künstlichen Vulkanausbruch in Vesuvischem Format zeigen werden. Wie? das lockt Sie nicht? dann komme ich mit einer Bitte: am Ersten kommenden Monats gebe ich eine Gesellschaft und rechne auf Ihre Anwesenheit. Das ist doch ein annehmbares Limitum, und schließlich, eine Gefälligkeit ist der anderen wert. Ich sagte nicht ja, nicht nein, wiederholte meinen Dank und empfahl mich. Der Tag war sehr warm, und ich schmeichelte mir mit der Aussicht auf eine Tages-Siesta in meinem Hotelzimmer. Dort warf ich mich halb ausgekleidet aufs Lager, nahm zur Beschleunigung des Vorgangs irgendein Buch vor die Augen, und war eben dabei, meiner Schlafmüdigkeit nachzugeben, als von der Nachbarschaft her kräftige Töne herüber klangen. Jemand spielte Klavier, mit großer Fertigkeit, sogar bravourös, aber das Stück behagte mir nicht, oder vielmehr die Improvisation, denn der Vortrag klang ganz zerfahren und strotzte von Willkür. Ich ergriff verärgert den erstbesten harten Gegenstand und schlug vehement gegen die Wand, erzielte auch damit eine Pause; leider nur für einige Sekunden, dann meldete sich die Störung wieder, und bald war ein Duett im Zuge zwischen meinem Wandgehämmer und den klavieristischen Explosionen des Wüterichs von nebenan. Ich behielt die Oberhand, der Nachbar verstummte, um mich bald desto nachdrücklicher heimzusuchen; in der Tür nach dem Korridor, die ich abzuschließen versäumt hatte, erschien er selbst. Ein südlicher Typ, nicht unschön, tiefbrünett, mit Hakennase, unstet flackernden Augen und mephistophelisch vorstechendem Spitzbart; die ganze Figur Ausdruck einer Persönlichkeit, der ein ätzendes Temperament aus allen Poren spritzte. – Einer von uns beiden wird sich zu entschuldigen haben, sagte er auf italienisch, während er näher trat und dieselbe Phrase auf französisch wiederholte. »Gewiß«, entgegnete ich, indem ich mich aus der Horizontallage aufrichtete: »und da Sie hier ungebeten eindringen, so kann kein Zweifel bestehen, wer dieser Eine sein wird, noch dazu, da Sie mit dem Lärm angefangen haben.« – Dieser Lärm gehört zu meinem Beruf! »Ah so, Sie sind Musiker? dann wäre es sehr menschenfreundlich, wenn Sie sich für Ihre Übungen ein anderes Manöverfeld aussuchten, die Welt ist ja groß.« – Für mich ist sie zu klein. Ich kann es anfangen wie ich will, überall stoße ich auf Widerstände ... »Bevor wir weiterreden, mein Herr, wäre es wohl geeignet, wenn Sie sich wenigstens vorstellten.« – Rapagna; Ettore Rapagna. »Und Sie wollen Musiker sein? Ich las doch Ihren Namen auf mehreren Kunstausstellungen als Signatur zu Bildern und Bildhauereien?« – Ganz recht. Ich habe mehrere Berufe, sogar viele. Eben aber war ich Tonkünstler und wünsche diese Tätigkeit respektiert zu sehen. »Das werde ich ganz bestimmt tun, wenn Sie mich damit in Frieden lassen. In wenigen Tagen verlasse ich überhaupt das Hotel und bis dahin müßte ich Sie ersuchen, Ihren übrigen Berufen zu huldigen.« – Wenn es sich nur um so kurze Zeit handelt, können wir uns vielleicht verständigen. Unter einer Bedingung. Ich möchte mich mit Ihnen aussprechen. »Warum denn gerade mit mir? Ich bin Ihnen doch gänzlich fremd?« – Nur von Person. Aber ich fand Sie in der Fremdenliste des Gasthofs und weiß, daß Sie Kunstkritiker sind. Ich habe Artikel von Ihnen gelesen. Solche Leute, die für die Öffentlichkeit schreiben, sind für mich von größter Wichtigkeit. Also – ganz abgesehen davon, daß ich Ihre Siesta etwas gestört habe – ich meine, ganz objektiv beurteilt – wie finden Sie meine Kompositionen? »Ihr Gedröhne von vorhin? das war keine Komposition, sondern ein Delirium. Und Ihre Bildwerke fallen in dieselbe Rubrik. Aber auch wenn ich an solchen Delirien Gefallen fände, würde ich es mir verbitten, daß Sie irgendwelche Äußerungen von mir zu Reklamezwecken benützten.« – Mir geht es nicht um Reklame, sondern um Ruhm. Ich kenne kein anderes Ziel. Und ich werde es erreichen, so oder so, wenn nicht als Künstler, dann als Techniker, Chemiker oder sonstwie. Ich verstehe mich auf viele Fächer ... »Das ist wahrscheinlich Ihr Verhängnis. Sie sind offenbar Universal-Dilettant und zersplittern sich planlos. Sie sollten sich lieber konzentrieren ...« – Das geschieht schon. Mein Konzentrationspunkt ist wie gesagt der Ruhm. Ohne den kann ich nicht existieren. Nur die Aussicht auf ihn hält mich lebendig. Vorläufig bin ich noch auf der Jagd und muß bekennen, bis jetzt war er schnellfüßiger als ich. Aber ich werde ihn einholen. Ich spüre es mit aller Sicherheit, daß ich ihm auf Spannweite nahe bin, nur der Griff fehlt mir noch, das Zupacken. »Nein, Herr Rapagna, Ihnen fehlt ganz etwas anderes. Ihnen fehlt die Einsicht, daß die Ruhmgier den Verderb der Leistung bedeutet; daß Sie auf dieser Jagd nicht der Jäger sind, sondern das Beutetier, das von Ihrer eigenen Eitelkeit zur Strecke gebracht wird. Ich will einmal annehmen, Sie besäßen Talente. Glauben Sie, daß diese besser funktionieren, wenn Sie sie mit der Hetzpeitsche bearbeiten? Es ist schon so schwer, im kleinsten Bereich etwas Nennenswertes zu schaffen, und sicher unmöglich, wenn man sich durch Erfolgssucht verblendet über die Reichweite seines Talents gar keine Rechenschaft gibt.« – Die alte Predigt gegen den Dilettantismus! Aber die wird doch durch die Tatsachen hundertfach widerlegt. Die bedeutendsten Schöpfungen verdankt die Menschheit den Dilettanten, den Amateuren, den Außenseitern, die sich nicht konzentrierten, sondern erfolgshungrig ins Nebenher übergriffen. Mit Ihrem Rezept wäre Franklin ein tüchtiger Seifensieder und Berthold Schwarz ein wackerer Mönch geblieben. Aber der eine hat nebenher den Blitzableiter und der andere nebenher das Pulver erfunden. Waren Lionardo da Vinci, Bacon, Leibniz, war Goethe konzentriert? Stammt die Erfindung des Fernrohrs von einem Professor der Optik? Sind Jakob Böhme und Hans Sachs bei ihren Schusterleisten geblieben? Bloß Glück muß man haben, und das fehlt mir noch. Wenn ich heut eine neue Geometrie aufstelle, oder gar ein neues Weltbild, so stellt sich morgen heraus, daß gestern ein anderer vor mir das nämliche erfunden oder entdeckt hat. Aber deswegen die Jagd aufgeben wäre feige. Äußersten Falls ließe ich's darauf ankommen, durch ein großes Verbrechen berühmt zu werden! Dafür sind ja die Vorläufer vorhanden. Ja, wissen Sie, Herr, ich spüre so etwas wie Seelenverwandtschaft zu den fürchterlichen Frevlern der Vorzeit. Der Ruhm eines Herostrat brennt in mir fort. Mir flackert fortwährend Feuer vor den Augen, und geht's nicht auf andere Weise, so werden Sie's erleben, daß ich auf Flammen zur Unsterblichkeit aufsteige. »Dann bleiben Sie schon lieber bei Ihren relativ harmlosen Kunstgreueln. Mit blödsinnigen Missetaten wird man heute nicht mehr berühmt, es sind ihrer zu viele, die in demselben Fach arbeiten.« – Sie wollen sagen: nach derselben Schablone. Gut, dann muß man eben etwas Originelles ersinnen. Im allgemeinen hat die Menschheit für den exzentrischen Frevel stets ein vorzügliches Gedächtnis bewiesen. Herostrat, der den Tempel zu Ephesus anzündete, wurde durch magistralen Beschluß zu ewiger Vergessenheit verurteilt, und sein Name lebt fort, tausendmal dauerhafter als der des Architekten, der den Tempel erbaut hat. Ephialtes ist noch heute so berühmt wie Leonidas. Was wissen die Leute von den Denktaten des Empedokles? So gut wie nichts, aber daß er in den glühenden Aetna sprang, das haben sie behalten. Ich berufe mich auf das Wort ihres Goethe »Das Lebend'ge will ich preisen, das den Flammentod ersehnt«! Ob Frevel oder nicht, gleichviel, die Sensation ist das Einzige, was sich einprägt. »Sie stechen einzelne Beispiele ohne Zusammenhang heraus, um mir zu erklären, daß Ihnen die Donquixoterie im Blute steckt. Und Sie umhüllen mit dem Mantel des Ruhms die dürre Tatsache, daß Ihnen die Eitelkeit an den Knochen frißt. Ihre Projekte interessieren mich nicht weiter. Auf welchen Gebieten sie auch liegen mögen, sie werden Flohsprünge bleiben, keine Flüge in die Unsterblichkeit. Sie beklagen sich über Glücksmangel; Ihre Methode scheint mir die sicherste, um dem Glück aus dem Wege zu gehen ...« – Dann habe ich mich vorhin ungenau ausgedrückt. Das, was man so belle fortune nennt, habe ich reichlich gehabt, nur nicht im Entscheidenden, wenn es mir darauf ankam, wenn ich nahe an der grande fortune war. Ich zog im Leben viel kleine und mittlere Gewinnste, aber am vitalen Punkte griff ich immer die Niete ... »Meinen Sie das materiell genommen?« – Absolut nicht. Derlei Sorgen liegen mir fern. Ich besitze in Neapel ein stattliches Haus mit einer Versuchswerkstatt für Erfindungen, die sich sehen lassen kann. Nein, das meinte ich nicht, ich meinte vielmehr – – er stockte. »Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht. Wir sind hier auf Zypern, und Sie wollen offenbar darauf hinaus, daß Sie auch im Zyprischen Garten auf Ruhmgemüse gierig waren.« – Sie erleichtern mir die Beichte, ohne die mein Bekenntnis unvollständig wäre. Ja, im Venuspark lockte mich ein Ruhm, der mich zu Zeiten stärker blendete als alle sonstigen Aussichten. Ich war nahe am »Weltrekord«, und diesen Titel sollte auch ein Memoirenwerk tragen, ein Gedicht in Prosa, zu dem ich alle Kapitel – bis auf eins bereit hatte, und das ich in Amathus vollenden wollte. Damit hätte ich den ganzen Casanova verdunkelt. Und dieses Werk – ich werde es nicht schreiben. Es ist mir am Clou abgebrochen, der Rekord ist nicht zu Stande gekommen. »Und wäre es verwirklicht worden, dann hätten Sie die Stirn besessen, so etwas in die Öffentlichkeit zu setzen? Sie hätten es gewagt, eine große Zahl von Damen auf Druckpapier zu prostituieren?« – Das wäre mein gutes Recht gewesen, denn es handelt sich nicht um Damen, sondern um Halbweltlerinnen, die keine Diskretion beanspruchen. Im Gegenteil, sie wären mir dankbar gewesen, denn der Stand der schönen Sünderinnen hat die Tradition verloren, ist im Verfall und wartet auf belebende Kräfte, die ihn fördern und ihm Licht zuführen. Die Welt wäre hierfür in hohem Grade empfänglich. Ist es Ihnen bekannt, daß Dumas' Kameliendame das einzige Werk ist, das noch heute in sämtlichen Zonen der Erde gespielt wird, China eingeschlossen, bis wohin noch kein Shakespeare und Schiller gedrungen ist? Weit da draußen weiß man von keiner Ophelia und Julia – Thekla und Louise bleiben unbegriffen, aber die Traviata hat man verstanden. Meine Aufgabe wär's gewesen, die Tradition fortzusetzen, dichterisch, historisch, mit dem Bekenntnis zu persönlichen Erlebnissen. Ich hätte die Linie aufgezeigt von Marion Delormes zu Sibylle Neitschütz, zur Helisberg und Coulomb, zu Lola Montez, zur Paiva, zu Cora Pearl und hätte sie zuerst verlängert bis zu den Halbgöttinnen der vorletzten Generation, Liane de Pougy, Otero, Emilienne d'Alencon, Lina Cavalieri, Chapmann, Gaby Delys; um schließlich bengalisches Feuer anzuzünden um sämtliche Kameliendamen der letzten Neuzeit, die in corpore gruppiert und abgemalt auf meiner eigenen Leporelloliste stehen. Ein Welterfolg wäre das gewesen ... »Eine gepfefferte Renommisterei mit der Pikanterie Brantômes oder Crébillons, aber ohne die Größe Casanovas, in dem doch auch ein Eroberer steckte und nicht bloß ein Bummelgenie. Haben Sie denn gar kein Gefühl dafür, wie sehr Sie sich durch die Plakatierung Ihrer galanten Exzesse am Heiligtum der Liebe versündigt hätten?« – Ich rede von Tatsachen, und Sie wollen ethisch simpeln; werfen ein Wort dazwischen, das da gar nicht hineinpaßt: Liebe! Das ist eine Sache für Lyriker und Tenoristen; eine Fopperei der Natur, die wenigstens in den Kreisen, von denen ich rede, nicht verfängt ... »Das heißt, in den Kreisen, in denen das Mätressenfieber grassiert; in jener Lebewelt, die sich durch gehäufte Lüste betäubt, ohne die stille Seligkeit einer liebesbeseelten Innenwelt zu ahnen!« – Noch einen Schritt weiter, und Sie sind bei den Zitaten aus Goldschnittbändchen und bei Pfefferkuchenversen. Denn Ihre Welt, die an der Einheit der Liebe festhält, kommt im Erlebnis über die Knallbonbonpoesie nicht hinaus. Wir variieren das Thema anders, wir setzen die Schablone außer Kurs. Wir halten es mit Wilde contra Goethe. Glücklich allein ist die Seele, die liebt? Ach nein! man kann mit jeder glücklich sein, vorausgesetzt, man liebt sie nicht. Das geht noch weiter: ich bin von Personen geliebt worden, die mich nicht ausstehen konnten, und bei anderen wäre ich wiederum um jedes Liebesglück gekommen, wenn ich sie auch nur eine Sekunde geliebt hätte. Auf den Erfolg kommt es an, auf die überwundene Schwierigkeit, und die ist auch bei den Kameliendamen vorhanden. Leider! Mein Hindernis lag in der letzten Hürde. Die Vollzähligkeit –, der Rekord, blieb aus. Wie stets, scheiterte ich am entscheidenden Punkte. »Soll ich Ihnen deswegen mein Beileid aussprechen?« – Das täten Sie, wenn Ihnen die Dame bekannt wäre. Die einzige Kurtisane, die den Stil der großen Tradition gefunden hat und aufrecht hält; die einzige, bei der ich mir moralische Ohrfeigen holte. Was habe ich ihretwegen aufgeboten! Nachgereist bin ich ihr durch halb Europa, zuletzt hierher nach Zypern – »Dann kenne ich sie, und soweit mein Urteil reicht, möchte ich Ihnen empfehlen, Ihre Bemühungen um Fräulein Liane y Valla nicht fortzusetzen.« – Sie nannten den Namen, wissen daher auch jedenfalls, daß sie momentan die sogenannte Geliebte eines blasierten, halbbankerotten Phlegmatikers ist, der jetzt bloß noch seine Zeit vergeudet, nachdem er zum Verschwenden kein Geld mehr hat ... »und der Sie an praktischer Weisheit hundertmal übertrifft. Herr Argelander lebt ruhig, zufrieden und gefahrlos, während Sie sich in Ihrer Erfolgshetze ganz bestimmt einmal das Genick brechen werden.« – Ich denke mir mein Ende doch anders; romantischer, faustischer, so als eine Course à l'abime mit Musik von Berlioz; mit einer Glorie im Abgrund, in deren Armen ich finden würde, was mir die Welt versagt hat. Und oben am Abhange wird die grausame Kurtisane in Erschütterung stehen und mich bewundern ... Mir glänzt es flammenrot vor den Augen! Fuoco, fuoco! Seine Exaltationen blieben mir unverständlich, und es verlangte mich auch nach keiner Erklärung. Wild gestikulierend schritt er aus dem Zimmer. Zum Glück hatte ich mich hier nur als Tagesgast einquartiert. Ich packte meine Siebensachen, beglich die Rechnung und zog noch am Nachmittag in einen andern Gasthof, wo ich vor den gehämmerten und gesprochenen Attentaten dieses Aufgeregten sicher zu sein glaubte. * * * Abends befand ich mich in den wunderbaren Räumen des Kasinos, die sich in unübersehbarer Saalfolge durch den Palast erstreckten, mit reizenden Durchblicken auf gärtnerische Anlagen, bevölkert von einem internationalen Gewimmel. Die Ähnlichkeit mit Monte-Carlo war unverkennbar, und alte Monegassische Erinnerungen stiegen in mir auf. Ich bemerkte Fräulein Liane an einer Roulettetafel und stellte mich in gemessener Entfernung gegenüber, um sie nicht in der Veine zu stören. An solchen Stätten muß man schon einen gewissen Tribut den abergläubischen Regeln bringen, deren eine besagt: wer selbst mit Spielpech behaftet ist – und davon weiß ich zu singen – stelle sich nie auf die Spielseite einer Person, der man Gutes wünscht. Die Dame spielte mit bescheidenen Beträgen, systemlos, gewann aber ziemlich anhaltend und bewährte damit einen andern Aberglauben; denn nur im bürgerlichen Philisterium gilt der Satz vom Glück in der Liebe und Unglück im Spiel. In den Hasardtempeln der Lebewelt lautet das Sprichwort genau entgegengesetzt. Als sie mich gewahrte, brach sie ab, gab mir ein Zeichen, und wir gingen in einen spielfreien Seitenraum, wo wir uns zu einem Unterhaltungs-Intermezzo bei Sorbet und Granito niederließen. Der Zufall bescherte uns bald noch einen dritten Gefährten, der hier hereinpaßte wie die Faust aufs Auge. – Sehen Sie nur diesen Typ! sagte sie und wies auf einen höchst uneleganten Herrn, der in blödem Staunen umherwandelte, ein Fremdkörper in der mondänen Umwelt. »Ich kenne den Herrn, Fräulein Liane. Er ist der Famulus des berühmten Ausgrabungs-Professors, und sogar, – erschrecken Sie nicht – sogar ein alter Freund von mir, Xaver Gregory, ein verstockter Bücherwurm, der nur durch ein Versehen hierher geraten sein kann.« – Wenn er Ihr Freund ist, sollten Sie ihn begrüßen. »An jeder anderen Stelle, nur nicht hier; die Verlockung, mich von Ihnen zu beurlauben, ist äußerst gering.« – Sie brauchen sich gar nicht zu beurlauben, bringen Sie ihn her an unsern Tisch, er soll mit uns Fruchteis essen. »Aber ich bitte Sie, das ist doch gänzlich ausgeschlossen! Er würde doch gar nicht ...« – »In den Rahmen passen?!« lachte sie. »Da wären wir ja wieder bei dem beliebten Thema, Sie wissen ja, was ich davon halte!« – Mein Widerspruch zerbrach an ihrer Laune. Bald saßen wir zu dreien, und Xaver entschuldigte sich: »Eigentlich wollten mich die Saaldiener gar nicht einlassen, weil mein Anzug nicht ganz salonfähig aussieht. Aber ich habe mich doch hereingeschoben, denn der Mensch muß alles kennen lernen, und außerdem, ich habe einen wissenschaftlichen Grund: Bei meinen antiquarischen Forschungen stieß ich nämlich auf die urältesten Zeitkürzungsspiele bei den Persern, Griechen und Römern, die heißen nämlich Pessos, Schatrangschi, Zatrikion und Ludus latronum, und dabei kam mir die Idee zu einer Schrift, in der diese alten Spiele mit den modernen in Parallele gesetzt werden sollten. Allerdings ahnte ich nicht, wie es in so einem heutigen Sündenpfuhl zugeht, und ich will nur machen, daß ich bald wieder hinauskomme. – Dann wäre aber Ihr Studium sehr flüchtig; worüber entsetzen Sie sich eigentlich, Herr Gregory? »Über alles; und zumeist darüber, daß dagegen nicht polizeilich eingeschritten wird; hier werden ja in jeder Stunde Vermögen verloren!« – Und gewonnen. Die Chancen liegen beinahe gleich, und auf jeden, der sich bei der Bank ruiniert, kommt nahezu einer, den die Bank vom Ruin rettet. Es sind im Grunde dieselben Wagnisse, wie draußen in der großen Welt, nur daß sie sich hier in konzentrierter Form abspielen, wie in einem zeitabkürzenden Film. Die Maschinerie des Schicksals läuft hier rapider und bringt die Quintessenz des Lebens deutlicher zur Anschauung, den Zufall, der sich sonst in einem unübersichtlichen Ungefähr verzettelt, und den wir hier als die regierende Macht des Daseins erkennen. Schon deshalb sind alle Bestrebungen zu verurteilen, die auf die Abschaffung des Hasard hinzielen: sie sind Kennzeichen einer spießigen Moral, der alles zuwider ist, was sich aus dem Einerlei des Geschehens als eine besonders interessante und farbige Note heraushebt. »Nein, nein,« rief Gregory, »da gehe ich nicht mit. Der Mensch soll arbeiten und forschen, aber nicht sich verlumpen und mit seinem Ersparten einen Bankmoloch füttern!« – Dieser Moloch, bemerkte das Fräulein, ermöglicht Ihnen die Arbeit. Sie zum Beispiel sind bei den großen Ausgrabungen tätig, die zahllose Arbeiter in Bewegung setzen und Millionenmittel erfordern; wo sollen diese Summen herkommen? »Aus Staatsmitteln! aus Abgaben!« – Will sagen, aus den erzwungenen Plackereien, in denen sich bei Ihnen zu Haus die Staatsweisheit erschöpft, sehr zum Schaden aller wirklichen Kulturaufgaben. Darüber sind wir in unserer Kolonie hinaus. Wir regulieren den Goldstrom ohne steuerliche Pumpwerke. Pro scientia est, dum ludere videmur , spielend werden die Beträge für die Wissenschaft bereitgestellt, und wenn ich frage, woher kommen Ihnen die Summen für die Ausgrabungen, so finden Sie die Antwort in diesen Sälen: Sie sitzen an der Quelle. »Das mildert die Sache ein wenig, trifft aber nicht den scheußlichen Kernpunkt. Da sitzen die Leute wie angenagelt, hypnotisiert von der Geldgier, mit fiebernden Nerven und verzerrten Gesichtern – – –« – Herr Gregory, der einzige, der hier das Gesicht verzieht, sind Sie. Es mag vorkommen, daß ein Neuling, der sich in den Strudel stürzt, ohne das Schwimmen zu verstehen, die Haltung verliert, und ins Zappeln verfällt. Aber die meisten bewahren Contenance, denn das Spiel, richtig betrieben, erzieht zur Selbstbeherrschung. Die fürchterlichen Symptome der Aufregung, die wütenden Blicke und Geberden sind Erfindungen und Notbehelfe von Romanschreibern, die uns dramatisch kommen wollen, ohne selbst das Wesen des Spieldramas begriffen zu haben. Gewiß, hier entscheiden sich manche. Lebensschicksale, aber der Tumult bleibt unter der Oberfläche und springt dem Betrachter nicht ins Gesicht. Und man muß psychologisch schon sehr geschult sein, um die geheime Spannung dieses Schauspiels herauszufühlen. Was der Laie sich als ein Spektakelstück vorstellt, ist in Wahrheit ein Mysterium. – Wir können noch weiter gehen, ergänzte ich. Das Hasardspiel bietet in konzentrierter Form die Erprobung aller Wahrscheinlichkeitsrechnung und muß heute mit ganz anderen Augen angesehen werden als vordem. Die Erschließung der Wahrscheinlichkeitslehre als einer Pforte der Erkenntnis ist die wichtigste Errungenschaft der philosophischen Naturkunde überhaupt, und ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte: in wenigen Jahren werden diese Spielsäle als für die Wissenschaft unentbehrliche Experimentiersäle betrachtet werden. Was weiß die große Masse von dieser Bestimmung? So viel wie nichts. Ihr gilt eine Roulette, ein Trente et Quarante, ein System, ein Wettvertrag zwischen Bank und Publikum sachlich nicht mehr als das Würfelspiel den Landsknechten, die sich daran in der Besoffenheit austobten; daß da tiefgründige Probleme verborgen liegen, Anomalien, die bis heute aller Erklärung spotten, das ahnt sie nicht, und noch viel weniger ahnt sie die Zusammenhänge, die das Hasard mit der letzten Physik verbinden und mit der zukünftigen Konstruktion des Weltbildes. Xaver machte ein höchst ungläubiges Gesicht. Liane, sehr angeregt, ermunterte mich zur Fortsetzung. Sie besaß wohl auch größeres Verständnis als jener für diesen Gegenstand; hatte ich sie doch kurz vorher in der Villa bei der Lektüre des Laplace betroffen. Und mit diesem Klassiker der Wahrscheinlichkeitstheorie müßte man allerdings beginnen, um das hier angeschlagene Thema richtig zu erörtern. Ich durfte indeß als Teilnehmer einer Plauderei in solcher Umgebung nicht doktrinär werden und begnügte mich deshalb mit einigen leichtfaßlichen Andeutungen: Also, die Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Statistik sind Zwillingsschwestern, und wenn wir im Spielsaal die Wahrscheinlichkeit erproben, so treiben wir auch praktische Statistik. Sehen wir von den Motiven ab und halten wir uns an die Resultate, so erkennen wir unschwer, daß sich Zufallsspiel und Weltgeschehen unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt bringen lassen. Denn »Statistik ist stillstehende Geschichte, Geschichte eine fortlaufende Statistik.« Wenn nun im Spielsaal Ereignisse aufträten, welche die Statistik als Wissenschaft beeinflussen könnten, so müßten die Historiker diese Ereignisse studieren, um sich vor Einseitigkeit und Unvollständigkeit zu bewahren. Solche Spiel-Ereignisse sind aber tatsächlich vorhanden. Zwischen der Berechnungs-Chance und den wirklichen Ergebnissen melden sich Unstimmigkeiten von beinahe okkultem Charakter. Hier wird man zu forschen haben, um die Statistik so auszugestalten, daß sie das Weltgeschehen unverfälscht darstellt. Aber schon in ihrer heutigen Gestalt überflügelt die Statistik alle andern Methoden. Nehmen wir eine flüssige oder gashaltige Kugel, deren Größe gleichgültig ist. Wer imstande wäre, die Geschichte auch nur eines Wassertropfens genau darzustellen, der hätte damit alle Welträtsel aufgedeckt. Die Physik, ursprünglich auf strengmechanische Methoden angewiesen, hat erkennen müssen, daß diese nicht ausreichen. Wer hat sie vorwärts gebracht? die Statistik! Jene winzigen, zitternden Bewegungen in Flüssigkeiten entziehen sich völlig der Verfolgung im Sinne der klassischen Mechanik. Zahllose Lagen- und Richtungsänderungen können nur statistisch erfaßt werden. Diese statistische Betrachtungsweise mit ihren enormen Erfolgen bis hinauf zur Stellarstatistik, die die Weltgründe bis zu den Grenzen des Universums belichtet, drängt ab von den bestimmten, rein deterministischen Behauptungen über den Verlauf eines Einzelvorgangs; sie erwartet vielmehr ihre Rechtfertigung durch die Übereinstimmung der Folgerung mit der Erfahrung. Aber auch die Erfahrungen treten für ihre Sicherheit nur mit einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgrade auf. Ist dieser sehr groß, dann halten wir sie für unumstößlich – bis dann eine vereinzelte Gegenerfahrung auftritt, die sie dennoch, zur allgemeinen Verblüffung, umstößt. Damit geraten wir in das Gebiet der großen Zahlen, und hierfür öffnet sich eine vorzügliche Kontrollstation im Spielsaal. Leistete das Hasard nichts anderes als dieses, so wäre es schon wissenschaftlich gerechtfertigt. Hier lernen wir zuerst: es gibt nichts Unwahrscheinlicheres als die Wahrscheinlichkeitslehre: sie ist als reine Theorie entwickelt mit der Wirklichkeit unvereinbar. Sie leidet an einem inneren Krebsschaden, der schon erkennbar wird, wenn man versucht, sie zu definieren. Alle Welt redet darüber, glaubt zu wissen, was damit gemeint ist, und alle Welt täuscht sich, denn sie enthält einen begriffslosen Kern ...« »Was du uns da erzählst!« unterbrach mein Tischnachbar; »was Wahrscheinlichkeit ist, das wußten schon die Römer zu Ulpians Zeiten: Sie ist das Verhältnis der einer bestimmten Erwartung günstigen Fälle zur Anzahl aller möglichen Fälle, vorausgesetzt, daß alle Fälle gleich möglich sind. So wird sie definiert, und so ist es gültig.« – Aber Herr Gregory, korrigierte Liane, Ihre Definition dreht sich ja im Kreise! Wie dürfen Sie denn die Worte »Erwartung« und »gleich möglich« hineinwerfen, Begriffe, in denen doch die Wahrscheinlichkeit schon drinsteckt! Ebensogut könnten Sie definieren: Ein Hasardeur ist ein Mensch, der sich auf Hasardspiele einläßt. – Und ebenso unmöglich wie die Definition an sich, – fuhr ich fort – ist die Durchführung des Begriffs in der Wirklichkeit. Wenn sich im Spielsaal eine Sensation erhebt, so ist das Staunen sehr oft der Ausdruck einer Empfindung, der wir bis heute wissenschaftlich noch gar nicht beikommen können. Ja, ich behaupte: wir alle sind mit unseren Erwartungen falsch orientiert, und, rätselhafter Weise, falsch gegen die Chance des Augenblicks. Frage den ersten besten Spieler, was häufiger herauskommt, zehnmal Noir in lückenloser Folge, oder bloß neunmal Noir mit Rouge als zehnten Coup. Jeder wird dir antworten: selbstverständlich ist eine Serie von zehn Schwarzen seltener als eine von neun; denn mit jeder erhöhten Serienziffer steigt doch allbekanntlich die Seltenheit. Aber die Wahrscheinlichkeitsrechnung, von der Statistik unterstützt, zeigt ganz deutlich, daß unsere Erwartung auf dem falschen Strange läuft; und es bedarf eigentlich nur einer geringen Überlegung, um zu begreifen, daß beide Möglichkeiten genau dieselbe Chance besitzen. Und hier steckt der wunde Punkt der Angelegenheit, nämlich darin, daß die mathematische Erwartung und die Gefühlserwartung ganz konträre Dinge sind. Ja vielleicht leidet unsere gesamte Psychologie, insofern wir uns von Sekunde zu Sekunde auf Erwartungen einstellen, unter diesem unheilbaren Zwiespalt. Und das ist nur eine Anomalie unter sehr vielen, die sich verstärken, je höher man im Gebiet der großen Zahlen aufsteigt. Da gelangt man geradezu an gespenstische Erscheinungen im Kampfe der Theorie mit der Spielpraxis. Alle errechneten Fälle, die der Theoretiker für beinahe unmöglich erklärt, werden an den Spieltischen in unbegreiflich verdichteten Zeitmaßen möglich und wirklich. Die Natur, wie sie sich hier entschleiert, setzt sich über jeden Kalkül hinweg und kümmert sich nicht im Geringsten um die von Menschen errechneten Zeitschwierigkeiten. Fast durchweg tritt sie mit Überrumpelungen auf, mit grotesker Häufung der Unwahrscheinlichkeit, als ob sie es darauf anlegte, die Menschen zum Hasard zu verlocken. Auch dies bietet eine Aussicht für die Psychologie in Beurteilung der Lebensfälle. Jedenfalls wirst du nun zugeben, Xaver, daß sich aus diesem »Sündenpfuhl« doch noch mehr herausholen läßt, als Amüsement und Aufregung, und daß er als Versuchsstation für erkenntniskritische Betrachtungen einen Wert beansprucht. Der andere zog seine Uhr und blickte darauf mit der Miene eines Menschen, der sich nach Luftveränderung sehnt. Na, dann gute Verrichtung, sagte er; du mußt doch bis jetzt nicht übel abgeschnitten haben bei der Bank, daß du ihr ein so starkes Plaidoyer widmest. – Keine Mißverständnisse, Xaver! betonte ich. Ich bin heut zum ersten Mal hier und habe seit Jahren überhaupt im Spiel keinen Centime riskiert. Er machte sich übrigens einen ganz effektvollen Abgang, indem er uns beim Fortgehen mit bemerkenswerter Ironie zurief: »Die Spielhölle, als eine moralische Anstalt betrachtet!« * * * Kaum war er außer Sicht, als eine andere Person meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm: der junge Akademiezögling tauchte in der flutenden Menge auf, jener zerfahrene Armenier, der mir eine Luke seines Inneren geöffnet hatte. Im ersten Augenblick lag mir die absprechende Deutung nahe: hinc illae lacrymae! du frequentierst das Kasino, du huldigst dem Jeu, sitzt wahrscheinlich im Pech und legst dir als Herzensnot aus, was wahrscheinlich nichts anderes ist, als die ganz ordinäre Beklemmung des ausgemisteten Hasardeurs! Aber diese Vermutung hielt nicht stand. Er grüßte von fern traurig herüber, und sein Blick traf nicht nur mich, sondern auch meine Nachbarin, in deren Gegenblick keine Grußbeantwortung lag, eher ein leiser, mitleidig gefärbter Mißmut. Und im Kreuzungspunkt der Blicke wurde eine neue Andeutung kenntlich, wie eine in die Luft gezeichnete Romanvignette. »Fräulein Liane,« sagte ich, »wollen Sie mir eine etwas indiskrete Frage erlauben? Dieser Jüngling da drüben hat mir bei Gelegenheit einer zufälligen Unterhaltung einen Kummer anvertraut, mit aller Zurückhaltung, ohne Namensnennung, es blieb beim flüchtigen Ansatz einer Beichte. Seit wenigen Augenblicken glaube ich mehr zu wissen. Hier ist eine unglückliche Liebe. Kennen Sie den jungen Mann?« – Ich weiß, wie er heißt, und nehme an, daß er zu den stillen Verehrern gehört, die man sich par distance gefallen läßt, ohne von ihnen Notiz zu nehmen. Er hat es niemals gewagt, sich mir zu nähern, mit keinem Wort, keiner Zeile, keiner Blume. »Aber er leidet schwer, daran ist kein Zweifel. Und da wäre vielleicht die Frage erlaubt, ob es nicht möglich wäre, ihm irgendwelchen Trost zuzuführen; sei es auch nur dadurch, daß Sie ihm zeigen, Sie hätten ihn bemerkt, durch ein unverbindliches Lächeln ...« – Seh mir einer den Kuppler! wirklich, Sie entwickeln sich in der zyprischen Luft. Aber, ernst gesprochen, davon kann gar keine Rede sein. Ich treibe kein Versteckspiel. Ich bekenne mich aufrichtig genug zu einer sehr freien Lebensart, aber ich halte mich an die selbstverständlichen Grenzen und wahre in der Ungebundenheit, um mit Nietzsche zu reden, das Pathos der Distanz. Ich darf manchen erhören, aber keinen ermuntern, am allerwenigsten einen blutjungen Estudiante, der aus allen Himmeln stürzen würde, wenn er in der Fee eine Verführerin wahrnähme. »Sie sprachen ein hartes Wort, aber ich stoße mich nicht daran. Das Kuppeln ist ein sehr ehrenwertes Geschäft, wenn es die Misere des Nebenmenschen lindert. Ich glaube, Sie unterschätzen hier die Gefahr, die ich beseitigen möchte ...« – Auf meine Kosten; dadurch, daß Sie mich veranlassen wollen, mein Niveau aufzugeben. Wenn ich heute einen grünen Studenten animiere, bin ich morgen bei Kellnern und Friseuren. Denn mein Zulächeln wäre nicht viel anders als das anbietende Signal: bitte, bedienen Sie sich! »Doch nicht. Es wäre für ihn nur ein beseeligender Reflex, ein Strahl in der Nacht.« – Sehr philanthropisch gedacht. Aber Ihr Rezept ist nicht anwendbar. Ihnen gilt sein Zustand als gefährlich, und damit mögen Sie recht haben. Seine Seele wogt stürmisch, und nun denken Sie: Öl auf die Brandung. Es wäre aber Öl ins Feuer. Seine Entzündung gehört zu den Kinderkrankheiten, die von selbst ausheilen müssen. Wollen Sie meine Ferndiagnose hören? diesem jungen Herrn Stephan Akrelian ist im gegenwärtigen Stadium überhaupt nicht zu helfen. Ich verstehe mich auf Symptome: er ist in mich verliebt, aber noch viel heftiger in seine hoffnungslose Verliebtheit. Setzen wir einen unmöglichen Vorgang: ich ermuntere ihn, erleichtere ihm den Weg, öffne ihm eine Schäferszene. Wissen Sie, was mir dabei blühen könnte? Ich behielte den Mantel Josephs in der Hand! »Dagegen würde ich hoch wetten.« – Ich noch höher darauf, daß ich mich dem Fall nicht aussetze. Aber verlassen Sie sich darauf, daß Ihr Armenier von Erregungen bestürmt wird, die viel zu haltlos sind, um sich zu klaren Wünschen zu verdichten. Beim gereiften Mann liegt das alles in der Regel ganz einfach: Liebesdrang mit Spannung und Lösung, das Exempel geht entweder glatt auf, oder wenn die Lösung versagt wird, gibt's eine Katastrophe, die an sich noch verständlich bleibt. In der Seele eines Cherubin von heute gibt es nur Katastrophen. Tausend wirre Gefühle kreuzen sich in diffuser Unordnung, eine explodiert an der andern, und wie er selbst nicht weiß, was in ihm los ist, ebensowenig gibt es ein erotisches Mittel, um ihm aus der Tragödie herauszuhelfen. Jede Hilfe zerstört ihm eine Illusion, an der er hängt mit psychopathischen Fäden, mit der Besessenheit, im Schmerz Wollust zu finden. »So kommen wir nicht weiter, wertes Fräulein. Ich möchte Sie wirklich bitten: weniger Metaphysik und etwas mehr Mitleid. Mit der Hälfte der Anstrengung, die Sie aufbieten, um den Fall zu komplizieren, könnten Sie schon ein gutes Werk tun. Nehmen Sie es als eine persönliche Gefälligkeit, um die ich Sie angehe. Ermächtigen Sie mich zu einem Wort an Akrelian. Ich will da nur feststellen, ob es sich mit seinem Kummer nicht viel einfacher verhält als Sie vermuten ...« – Mitleid können Sie bei mir finden, so viel Sie wollen. Wenn Sie sich für einen Menschen einsetzen, dem es schlecht geht, so würde ich fragen: wieviel braucht er? und wenn's meine Börse aushält – – aber davon ist ja hier nicht die Rede; also sagen Sie mir rund heraus, wohin das führen soll. »Ich will nur einen Fühler ausstrecken, – oder noch besser: geben Sie mir Generalvollmacht, ich werde sie nicht mißbrauchen. Das äußerste wäre, daß ich ihm Ihre Erlaubnis überbringe, Sie zu besuchen, und auch das nur, wenn ich mich vergewissere, daß diese Aussicht ihn sehr froh machen würde. Denn damit wäre ja Ihre Diagnose schon als irrig erwiesen. Fürchtet er sich vor der Zusammenkunft, dann ist die Sache erledigt. Andernfalls bürge ich dafür, daß er bei solchem Besuch die Grenzen des gesellschaftlichen Respekts nicht überschreiten wird.« – Also ein Experiment. Schön, sondieren Sie und bringen Sie mir Bescheid. Wenn die Sache so geht, wie Sie sich vorstellen, dann kann ich ja eine Klinik für verstörte Studenten aufmachen. Adieu einstweilen. Sie finden mich, wenn es nicht zu spät wird, im zweiten Trente-et Quarante-Saal. * * * Ich begab mich auf die Suche und ersah mein Objekt im nächstliegenden Spielsaal. Er bemerkte mich nicht, und ich konnte ihn beobachten. Wirklich, mein Stephan spielte Roulette, und zu Beträgen, die mir mit seiner Kasse, wie ich sie taxierte, nicht im richtigen Verhältnis zu stehen schienen. Das war sehr auffällig und hätte mir beinahe meinen Plan entzweigerissen. Es verstimmte mich, daß in seiner von so starken Erschütterungen heimgesuchten Seele noch Platz für diese weltliche Extravaganz vorhanden war. Zunächst verblieb ich im Hintergrunde, um festzustellen, wie er sich in dieser weder akademischen noch erotischen Beschäftigung benahm. Er verfuhr nicht laienhaft, spielte nicht aufs Geratewohl, sondern probierte mehrere Systeme, die im Kreise der Ausgepichten wohlbekannt sind: »la Martingale« und »la Garcia-Marche«; entschied sich für diese letzte, ohne dabei in Plus oder Minus sonderlich vorwärts oder zurück zu kommen. In wachsendem Unmut dachte ich: wir beide, Liane und ich waren auf ganz falscher Fährte; er hat mich durch sein Gerede und sie durch seine Schmachtblicke betrogen, und es wäre verfehlt, sich weiter um einen Menschen zu bekümmern, der nichts anderes war als ein kleiner Abenteurer in Rouge und Noir. Ich wandte mich ab und ging fort, aber jetzt hatte er mich bemerkt, er brach ab, raffte seine Barschaft zusammen und eilte mir nach: Nur auf zwei Worte! ich flehe Sie an, kommen Sie ins Atrium und hören Sie mich! Ich sah Sie vorhin mit der Dame und weiß, Sie sprachen von mir, – was hat sie gesagt? »Ich sollte meinen, Herr Akrelian, der Croupier interessiert Sie stärker als das Fräulein. Sie versäumen Ihr Spiel, junger Mann!« – Und ich schwöre Ihnen, Sie beurteilen mich falsch! Der Anschein zeugt gegen mich. Aber meine Liebe und mein anscheinend so unpassendes Verhalten gehören eng zusammen. Hier in der Roulette liegt mein letzter Hoffnungsanker. An den muß ich mich klammern, oder ich gehe zugrunde, als ein Opfer des Dämons, der mich zerfleischt. »Sie sprechen in Rätseln, und ich bin nicht gewillt, die Unterhaltung auf dieser Basis fortzusetzen. Was wollen Sie eigentlich?« – Ihnen nochmals bekennen, was ich Ihnen schon verriet; daß ich in eine unselige Leidenschaft verstrickt bin; daß ich in ein Verhängnis fiel, wie es vorher noch nie einen Menschen heimgesucht hat ... »Reden Sie keinen Unsinn. Die Verhängnisse sind immer dieselben. Entweder man liebt glücklich, oder – was in Ihrem Falle viel wahrscheinlicher, man liebt erfolglos, dann gehört man eben zu der Millionenschar der unglücklich Verliebten. Dabei ist nichts Besonderes. Übrigens scheinen Sie ja schon den Ausweg gefunden zu haben: Sie betäuben sich im Jeu. Auch das haben schon Tausende getan, ohne dadurch interessante Romanfiguren zu werden.« – Alles falsch! Ich will mich gar nicht betäuben. Um das zu wollen, hätte ich ja vorher unglücklich werben müssen. Aber ich habe überhaupt nicht geworben, und außerdem: das Jeu an sich ist mir höchst gleichgültig; es hilft mir auch nicht eine Sekunde aus meiner Zerrissenheit. Die ist unheilbar. Ich hege weder eine glückliche noch eine unglückliche Liebe, sondern ich kranke an der Person, die mich auch dann nicht glücklich machen könnte, wenn sie mir zu Willen wäre. Was mich umbringt, ist die Tatsache, daß ich mich in eine Kokotte verlieben mußte. Daß sich in mir ein heiliges Gefühl entzündete für ein Wesen, das gar nicht fähig wäre, es zu erwidern. Was gilt da Erhörung oder Abweisung! Will ich denn erhört werden? Nein, ich will mich hingeben an eine Frau, die körperlich Liane wäre, ohne ihre Vergangenheit. Ich will etwas Unmögliches, und in dieser Unmöglichkeit verzehre ich mich. Ich liebe die nämliche, die ich verabscheue, die mir gerade deswegen, weil sie Macht über mich besitzt, entsetzlich ist. Ihre Reize, die ich mit meinen Nerven in voller Stärke empfinde, sind Geißelhiebe für meine Seele. »Sie sind exaltiert, Herr, und treiben sich gewaltsam in eine Gefühlsdimension, in der sich ein denkender Mensch gar nicht aufhalten darf. Was Ihrer Empfindung zugrunde liegt, ist kein seelischer Überschwang, sondern krasse Ungerechtigkeit und kindische Eifersucht. In Ihnen spukt die egoistische und giftige Vorstellung des Alleinbesitzes, die ohnmächtige Wut gegen die Vergangenheit eines Wesens, die nichts anderes ausstrahlt als beglückende Gegenwart, eine Gegenwart, an der auch Sie Ihren bescheidenen Anteil haben könnten. Sie verrennen sich in peinliche Unmöglichkeit wie einer, der behauptet, ein Mensch könne in dieser Welt überhaupt nicht glücklich werden, weil sie die schlechteste aller denkbaren Welten sei. Davon mag ein Philosoph überzeugt sein, und dennoch wirbt er in ihr um sein bescheidenes Glücksteil. Gewiß, Liane kann Ihnen zuliebe keine unberührte Jungfrau werden, allein sie könnte Ihnen vielleicht eine Güte erweisen, die Ihnen wertvoller würde, als die Zuneigung mancher Vestalin. Ich will Ihnen noch mehr sagen. Ich bin überzeugt davon, daß schon der Versuch einer Annäherung Ihre frevelhaften Halluzinationen zu besänftigen geeignet wäre. Sie kämen dabei in eine ganz neue Atmosphäre der Liebenswürdigkeit und des Geistes, und Ihr Gemüt wird sich in solchem Klimawechsel entfiebern. Ja, wir haben von Ihnen gesprochen, und – was sie in ihrem ganzen Leben noch nicht getan hat – sie kommt Ihnen insoweit entgegen ... – Was soll das heißen, Herr! Sie wird mir die Tür öffnen, mir gnädigst erlauben, ihren Luxus zu betrachten? Sie läßt sich herab, mir einen Besuch zu verstatten, bei dem ich eine traurige und lächerliche Figur spielen müßte? Nein, Herr, das schlage ich aus. Selbst auf die Möglichkeit hin, daß mir der Mut ankäme und ich mehr bei ihr erreichte als bloß gesellschaftliche Freundlichkeit. Denn sie bleibt was sie ist, und ich wäre der Bettler, der sich am Almosen ihrer mitleidigen Huld erfreuen soll. Nichts davon. Aber haben will ich sie trotz alledem. Und nicht erst seit dieser Minute. Ich habe viel Krisen durchgemacht, die furchtbarste vorhin, als ich spürte, daß sie von mir sprach. Da kam es in mir zum Durchbruch wie ein Flammensturm: bleibt meine Seele zum Hungern verurteilt, so soll sich der Körper melden dürfen. Mit vollem, restlosem Anspruch. Versuchen Sie nicht, das zu begreifen, das können Sie nicht. Das Unmögliche soll hier Ereignis werden. Nicht als ein Flehender will ich vor sie treten, sondern als einer, der zu bieten hat. In der großen Juwelierauslage der Paphischen Avenue sah ich ein Diadem aus dem früheren russischen Kronschatz. Mit diesem Kleinod in der Hand bin ich Jupiter, der eine Danae überwindet. »Ein sauberer Plan, das muß man sagen. So ein bißchen Einbruch. Aber damit gelangen Sie nicht in das Schlafgemach dieser Dame, sondern ins Zuchthaus.« – Die Phrase klingt drastisch. Aber ich werde nicht einbrechen, sondern ganz reell kaufen, und die Spielbank wird mir die Mittel liefern. Binnen hier und einer Stunde. Dafür gibt's ein untrügliches Vorgefühl. Kommen Sie zurück ans Roulette und überzeugen Sie sich selbst! »Es steht doch mit Ihnen weit schlimmer als ich dachte. Sie reden einfach irre, und Ihr Delirium geht ins Unabsehbare. Wenn Fräulein y Valla vorhatte, den armen Studenten gütig zu empfangen, so wird sie den Protz, der ihr mit plumper Forderung ein Diadem vorhält, glatt hinauswerfen. Und dazu: mit Ihren paar lumpigen Moneten wollen Sie die Bank sprengen? Wahnsinniger, in fünf Minuten stehen Sie vor dem Nichts!« Er antwortete nicht mehr. Taumelte vom Atrium zurück an den grünen Tisch. Ihn zu halten wäre vergeblich gewesen. Aber ich spürte den Zwang, mir sein verzweifeltes Experiment anzusehen. Er setzte zehn Goldstücke auf Rouge, gewann, ließ stehen und doublierte. Wirklich, da entwickelte sich eine Serie in Rot. Er saß zweifellos in guter Progression, und seine Masse schwoll rapid. Aber wie lange konnte das gehen? Im extrem günstigen Fall doch nur bis zur Grenze des Reglements, bis zum Maximum von 12000 Franken. Was geschah? Die Serie hielt an, er doublierte über das Maximum hinaus, und die Bank zahlte weiter! Und da fiel mein Blick auf einen Aushang der Direktion, in Kristallrahmen an der nächsten Saalwand: »Heute Elitetag, mit unbegrenztem Einsatz.« Die Maximalvorschrift, so erfuhr ich, wurde in jedem Jahr einmal außer Kraft gesetzt. Und die Rouge-Serie schien unerschöpflich. Der junge Armenier stand als der einzige an der Tafel, der durchhielt, während die andern sämtlich schon längst auf Noir abgewandert waren. Aus allen Ecken strömte Gewimmel heran, um die Sensation zu bestaunen. Der vierzehnte Schlag. Die Millionengrenze war schon weit überschritten. Und kein Aufhören. Der fünfzehnte, sechzehnte. Stephan Akrelian forcierte das Schicksal. Ich schrie ihm zu, ganz salonwidrig, quer über den Tisch: Mensch! ziehen Sie zurück! Der siebzehnte Coup. Trente et un, Noir, Impaire et Passe! Alles war erledigt. Bis auf den letzten Centime. Die Masse wanderte in den Schlund der Bank. Der Chef de partie verkündete eine kurze Spielpause. Akrelian war verschwunden. Ich begab mich langsam nach dem verabredeten Treffpunkt, um der Dame Bericht zu erstatten. Ich fand den Saal nicht sogleich und gelangte auf verzögerndem Irrweg an ein Glasportal, das zum Park führte. Hier bemerkte ich flüsternde Gruppen, und als ich hinausblickte sah ich Angestellte, die eine gedeckte Tragbahre eiligst davontrugen. Ein genauer Bericht war nicht zu erlangen. Ich hörte, wie einer sagte: Man hat keinen Revolverschuß gehört; es klang da draußen nur wie ein schwacher Peitschenknall. Das Tempelwunder Es ist mit den Ausgrabungen alter Trümmerstätten wie mit der Inszenierung prunkvoller Ausstattungsstücke auf der Bühne. Wer vor fertige Tatsachen gestellt wird, der sitzt vor hellbeleuchteten Szenenbildern im Kulturparkett, und in voller Wirksamkeit entfaltet sich vor ihm das mächtige Schauspiel alter Epochen, in welchem die Zeit als deklamierende Heroine auftritt. Ihre eindrucksvollen Verse erläutern Babylon und Ägypten, Hellas und Rom; Pergamon, Troja und Olympia werden lebendig, in die Seele des Empfängers zieht genießerische Leidenschaft, er berauscht sich an Wiedergeburten, am Zusammenklang der Gegenwart mit der Vorzeit. Wer aber zufällig dabei ist, wenn wirklich ausgegraben wird, wenn Schaufel und Spitzhacke im Erdreich wühlen, dessen Prospekt wird ein ganz anderer. Er sieht nicht vom Parkett auf eine kunstvolle Darstellung, sondern vom Hintergrund der Bühne auf dunkle, unscheinbare Kulissen, auf häßliche Rückseiten von Dekorationen, auf ein Gewirr illusionswidriger Veranstaltungen. Er ist von handwerksmäßiger Geschäftigkeit umgeben, in der es poltert, statt zu klingen, und wenn er den Text des Stückes nicht schon kennt, bleibt es ihm unverständlich, wie sich aus diesem Tohuwabohu ein historisches Drama entwickeln soll. Tatsächlich, man kann mitten drin stehen in solcher Ausgraberei, ohne eine Ahnung von den Geschehnissen zu gewinnen. Das Grobmechanische des Vorgangs erdrückt alle ideale Vorstellung. Ich befand mich vor vielen Jahren in Pompeji und hatte das volle Wunder der aufgedeckten Stadt auf mich einwirken lassen. Dann geriet ich an die örtliche Grenze des Freigelegten, dort, wo der verschüttete Stadtteil im Aschenberg verschwindet, und beobachtete den Fortgang der Arbeiten. Da standen hantierende Gesellen und kratzten mit kleinlichen Instrumenten, die wie Blechlöffel aussahen, an der Berglehne herum. Es kam auch wirklich etwas Verborgenes zum Vorschein, die Ecke eines mosaikartigen Gebildes, dessen Zusammenhang mit einer Hauswand ebenso unkenntlich blieb wie die ganze Szenerie mit ihrem unauflöslichen Konglomerat von zusammengebackenem Schutt, Gestein und verkrochenem Gemäuer. Ich stellte mir vor: in diesem unendlichen, längst von der vesuvischen Landschaft verschlungenen Wüst steckt noch die Hälfte von Pompeji! Und mit solchem Geschabe und Gekratze, Stäubchen auf Bröckchen, soll in Jahrhunderten vollendet werden, was die Phantasie vor uns hinstellt als das Gesamtbild einer aus steinernem Schlafe auferstehenden Stadt! Nein, das war nicht durchzudenken. Die Steine müssen erst freiliegen, wenn sie zu uns reden sollen, und die handwerklichen Gerüste müssen abgeräumt sein, bevor uns aus Hausfronten und Tempeln der Geist der Geschichte anweht. So blieb es auch auf dem weiten Ausgrabungsfelde vor Neu-Amathus zunächst bei der Enttäuschung. Ich war nicht imstande, mir das, was ich sah, mit meiner Erwartung zusammenzureimen. Vor mir lag in Dumpfheit eine ungegliederte Trümmerstätte mit regellosen Pfeilerstümpfen, Ansätzen von Gemäuer, die an erratische Blöcke erinnerten, durchsetzt von ungeheuren Schutthaufen, in deren trostlosem Moränengeschiebe der Blick ohne Halt umherirrte. Dazwischen gab es hölzerne Baubaracken, gekrümmte Schienenstränge für holperndes Lastfuhrwerk, Lattenzäune mit Kreideaufschriften und Dienstplakaten, zur Seite eine Kantine für die Mannschaften, die hier im Auftrage des Archäologen Borretius ihr Tagewerk verrichteten. Man hätte ebensogut vermuten können, das Ganze wäre eine durch Explosion zerstörte Fabrikanlage gewesen, deren Reste beseitigt werden sollten, um einem Neubau Platz zu machen. Nur an der Nordseite widersprach der Augenschein dieser Annahme, da dort, etwa sechs Meter hoch, eine verwitterte Marmorfront emporstieg, mit Fragmenten von Pilastern und Skulpturen, bei denen sich allenfalls der Zusammenhang mit einem antiken Tempel ahnen ließ. Aber diese Einzelheit besagte viel zu wenig im Gesamtbild, dessen Ödigkeit sich mir schwer aufs Herz legte. Mich beschlich der melancholische Gedanke, daß weder die lebende noch die folgende Generation hier eine offenbarende Auferstehung erleben würde. Mochten diese Reste einmal der Venus gehört haben oder der Minerva, was lag daran? Niemals könnte doch aus ihnen eine übersichtliche, den Kunstverstand beglückende Architektonik erstehen, höchstens etliches Quellenmaterial für gelehrte Bücher, deren archäologischer Krimskrams die große Welt nicht weiter interessiert. Nichtsdestoweniger zog es mich immer wieder nach dem Trümmerfelde, und sicher war das bewegende Motiv nicht die Neugier nach dem Fortschritt der Gräberarbeit, der mir doch ganz unmerklich bleiben mußte. Eher das Vorgefühl einer Begebenheit, die mich erwartete, und deren Anruf ich zu vernehmen glaubte. Zwischen dem Felde und der Vorstadt lag das Gehölz mit den Euphorbien, vor deren Duft mich Argelander, wie erinnerlich, gewarnt hatte. Und da ich keinen Anlaß hatte, mit mir zu experimentieren, vermied ich durchweg den direkten Weg, um in beträchtlichem Bogen außerhalb der Pflanzungsgrenze mein Ziel zu erreichen. Eines Tages jedoch, gegen Sonnenuntergang, faßte mich das Verlangen, diesen Spaziergang abzukürzen. Der Wind trug mir ein spürbares Aroma entgegen, und sogleich überfiel es mich wie eine Selbstanklage: es wäre doch eigentlich eine Feigheit, vor einem Wäldchen zu fliehen, das mich mit so lieblichem Gruß einlud. Ich hatte mich ja auch schon ein wenig an die Atmosphäre des Geländes akklimatisiert, und zudem, es war mir nicht bekannt geworden, daß irgend jemand durch die Ausdünstung der Bäume zu Schaden gekommen wäre. Wonach roch es eigentlich? Nach Ambra oder Moschus? Nein, es war etwas anderes, das mich wie eine unmittelbare Beziehung aufmunterte. Richtig, jetzt war ich auf der Spur: so hatte es mich angeweht an jenem Glückstage der Jugend, da ich zum ersten Male die Ligurische Küste berührte, und seitdem hatte ich stets eine sehnsüchtige Erinnerung an diese heliotropische Luftschwingung unter der Bewußtseinsschwelle bewahrt. Jetzt stieg sie nach oben, und ich unterlag ihr gänzlich. Wenige Minuten später war ich in dem kleinen Naturpark und sog mit vollen Lungen, ohne im geringsten Beschwerde oder Gefahr zu spüren. Im Gegenteil, mir wurde immer wohler, und ich empfand das eigene Atmen als ein gesteigertes Lebensgefühl. Im Gehölz war es schon recht dunkel, und man hätte beim Durchwandern Schwierigkeiten gehabt, wenn nicht die Natur mit einer seltsamen Beleuchtung nachgeholfen hätte. Erstlich bemerkte ich eine matte Phosphoreszenz, die von den Baumstämmen ausging, und außerdem flatterte ein glühendes Gewürm in der Luft, eine Art von Leuchtzirpen, die beim Fluge ein intensives hellblaues Licht aussenden. Bei der Illumination der geflügelten Laternenträger fand ich eine Moosbank, auf der ich mich zu längerem Aufenthalt niederließ. Hier ausgiebige Nachtruhe halten, das mußte köstlich sein. Allein ich bezwang mich und hütete mich vor dem Einschlafen, wenigstens der Absicht nach, ohne daß ich nachträglich zu sagen wüßte, ob ich dem Vorsatz restlos treu zu bleiben vermochte. Um die Glühstärke der Zirpen zu erproben, zog ich die Taschenuhr und blickte aufs Zifferblatt. Das trat ganz klar ins Gesichtsfeld. Dabei machte ich die Wahrnehmung, daß die Uhr stand, genauer gesagt, die Zeiger bewegten sich nicht, während das Werk funktionierte; denn ich hörte das Ticken. Also akustisch genommen ging sie, optisch blieb sie im Stillstand, in ihrer Bewegungsmechanik erhob sich ein Widerspruch, der sich bei längerer Betrachtung noch steigerte. Denn jetzt begannen die Zeiger rückwärts zu wirbeln, in immer rapiderer Drehung, so daß sie sich bald gänzlich den Blicken entzogen. Ein launischer Chronometer! Er bekundete offenbar den Willen, die vorwärts laufenden Sekunden in rückwärts fließende Minuten zu verwandeln; benahm sich ähnlich wie Argelander und hatte in seiner Weise rückschrittliche Ideen wie dieser Mensch. Aber wie, wenn beide recht hätten und wenn eine »Zeit-Umkehrung« nicht gänzlich außer der Möglichkeit läge? Seltsam, daß mich diese Vorstellung gerade hier anwandelte, als mich die Magie der Manzanillobäume so wollüstig erregte. Vielleicht bestand hier ein Zusammenhang, ein okkultes Verweben zweier Erfreulichkeiten. Weswegen war ich denn eigentlich nach Zypern gefahren? Um auf einer Moosbank unter Leuchtkäfern zu liegen? Um abwechselnd zwischen Trümmerblöcken und dünstenden Bäumen zu spazieren? Ich konnte mich wirklich nicht recht besinnen. Endlich dämmerte es mir: ich sollte ja mit jungen Zöglingen der Akademie Dialoge halten über freigewählte Themen, die nicht auf der Allerweltstraße liegen. Hier hatte ich gleich so ein Thema, das mußte ich festhalten: Ist ein Zeitablauf in verkehrter Richtung möglich? Kann das Gestern auf das Heute, die Vorzeit auf die Gegenwart folgen? Und wie würde ein Mensch sich hineinzufinden haben, wenn er derartiges erlebte? Ich hörte Stimmen in den Wipfeln, geisternde Zurufe aus den Laubkronen, die mir zu sagen schienen: hier stehst du vor einer neuen Pforte der Erkenntnis. Und große Freude wird dir erblühen, wenn du nicht zurücktaumelst vor der Schwelle, vielmehr vorwärts schreitest – vorwärts in das Reich der Vergangenheit! Und die Stimmen flüsterten weiter: Das, was ihr Menschen die »wirkliche Zeit« nennt, ist eine auf den beschränkten Alltagsverstand zugeschnittene Illusion. Was heißt »wirklich«? Ihr könnt die Zeit nur an den Ereignissen messen, die ihr durchlebt. Aber ihr kommandiert die Ereignisse nicht, sondern sie ergreifen euch. Und niemand vermag vorauszubestimmen, welchen Bewegungssinn ein Ereignis haben wird, das noch mit allen Schleiern des Nie-Erlebten bedeckt ist. Die Uhr in der Hand ist kein Gegenbeweis gegen die Möglichkeit, sondern ein Beweis. Selbst in irdischen Verhältnissen, die ihr nachzudenken imstande seid, könnt ihr euch davon überzeugen. Versetzt euch in Gedanken, mit der richtig gehenden Uhr in der Hand, an den Nordpol oder Südpol der Erde. Schreitet im Kreise um den Pol mit der gewöhnlichen Geschwindigkeit eines lässigen Fußgängers. Da habt ihr schon ein Erlebnis, das in euer Zeitschema absolut nicht mehr hineinpaßt. Denn in wenigen Minuten, ja Sekunden könnt ihr bei diesem Kreisabschreiten ostwärts oder westwärts um einen vollen Tag vorwärts oder rückwärts kommen, um ein Jahr, um viele Jahre. Beim Überfliegen des Pols überfliegt ihr in einem Augenblick zwölf Stunden. Die Zeit hört auf. Der Pol ist ein Unstetigkeitspunkt, bei dem die große Uhr »Sonne« eurer am Chronometer orientierten Zeit fortwährend widerspricht. Diesem unleidlichen Widerspruch wollt ihr Menschen in solcher denkbaren Lage entfliehen, indem ihr den Kalender korrigiert. Da wird nach Willkür ein Tag im Abreißkalender herausgerissen oder hineingeklebt. Ein kümmerlicher Behelf! Großzügig dagegen wird die Operation, wenn man die gesamte Zeitanschauung korrigiert; wenn man sich dazu versteht, anzuerkennen: das Jahr und die Minute sind an keine Wegrichtung gebunden; sie können vorwärts und rückwärts wandeln, und wie sie sich entscheiden, das hängt vom Erlebnis ab. Aber der Pol zeigt den Ausnahmefall nur geometrisch. An jedem andern Punkt der Erde kann sich das Erlebnis wiederholen. Versetzt du dich als bewegte Kreatur in das Tempo der Schallschwingung, so erlebst du das nämliche Zeit-Abenteuer im Breitengrad von London oder Berlin, wiederum steht die Zeit für dich still, verwandelt sich in dauernde Gegenwart, oder sie kehrt sich um und repetiert dir die Vorzeit. Und wenn du noch niemals am heutigen Tag den gestrigen erlebtest, so liegt das nicht an einem ewigen Naturgesetz, sondern an der Gebundenheit deiner persönlichen Erfahrungen, die im engen Zirkel abrollen. Erlebe das Unerhörte, so werden deine Wahrnehmungen das Wunder des Josua über Gibeon und Ajalon erneuern, ja übertreffen. Sonne und Mond werden aufhören, ihrem starrsinnigen Dienstreglement zu gehorchen, und in deiner Seele wird sich ein befreiender Durchbruch vollziehen: die Erlösung vom Zeitbegriff, dessen Tyrannenmacht nur darum so lange gegolten hat, weil noch Keiner sie zu bezweifeln wagte. Ich höre euch, Wipfelstimmen, rief ich, und will euch weiter hören. Euer Zuruf sei mir eine bestimmte Ansage. Ihr versprecht mir das Unerhörte, und ich halte mich vorbereitet. Aber sagt mir, was ich zu beginnen und wie ich mich zu verhalten habe. Alles blieb stumm. Sollte ich zuvor nur die Laute meines fiebernden Blutes gehört haben? Aber ich fieberte ja gar nicht. Mein Puls – darüber vergewisserte ich mich durch Befühlen – ging ganz ruhig. Aber auch das war ja ein Fehlschluß! Da meine Uhr versagte, an welchem Metronom sollte ich wohl das Tempo des Pulses feststellen können? Der prüfende Finger müßte ja als Meßwerkzeug derselben Pulsaktion unterliegen, und das Tempo des Atems hätte sich in dem nämlichen Grade beschleunigt. Da fehlte also jede Kontrolle über das Eigenbefinden. Übrigens fühlte ich nicht die geringste Benommenheit im Kopfe, ich war ganz klar im Denken und sagte mir mit aller Besinnung: Alter Knabe, du bist kein Siegfried, dem das Waldweben bevorstehende Erlebnisse zurauscht; du hast einfach einen Monolog gehalten und dein Selbstgespräch in die säuselnden Blätter projiziert. Also brich den Aufenthalt in diesem Wäldchen ab und mache dich auf den Heimweg. Denn zum Besuch des Gräberterrains war es sicherlich schon zu spät. Ich konnte froh sein, wenn ich hier gut hinausfand nach der Vorstadt von Neu-Limisso, auf dem geraden Wege zu meiner Herberge. Leider waren die Glühkäfer sämtlich verglommen, die Baumrinden starrten in Schwärze, und ich hatte rechte Mühe, um mich zwischen den pflanzlichen Hindernissen hindurchzuwinden. Kein Wunder, daß ich von der richtigen Linie abkam. Als ich aus dem Park heraustrat, lag nicht die Vorstadt-Promenade vor mir, die sonst abendlich im Glanz der Bogenlampen strahlte, sondern das Trümmerfeld, der Tageszeit zum Trotz, lange nach Sonnenuntergang, in unbegreiflicher Helle, wie im Erguß von hundert Vollmondscheiben. Allein der Nachthimmel zeigte keinen Mond, kein Sterngewimmel, nur der Planet Venus, der Stellung nach kenntlich und in Dimensionen nicht größer als sonst, flimmerte hernieder in phantastischer Strahlungsstärke und übergoß die Fläche mit einer märchenhaften Lichtflut. Aber war denn das vor mir wirklich das Trümmerfeld mit dem wirren Durcheinander des Geländes? Nein, das Chaos hatte sich gelöst, die Schutthalden, die Baracken, die Schienensträhnen waren verschwunden, und der Umriß eines weiten Prachtbaus trat deutlich zum Vorschein. Dort im Norden die mir wohlbekannte marmorne Mauer war gewachsen, hatte ihre Pilaster ergänzt, wuchs noch immer, und gleichzeitig mit ihr rangen sich an allen Seiten Quadern über Quadern aus der Tiefe, Säulen mit voller Bekrönung strebten aufwärts, vervollständigten von Minute zu Minute das beinahe zum Abschluß gediehene Bild eines gewaltigen Heiligtums. Da gab es nichts mehr zu erraten, mit Spürsinn zu vermuten, nein, frei und licht, wie sich ein Tempel vor das innere Auge stellt, wenn wir in alten Darstellungen vom Ritualgepränge lesen, unverwittert, mit dem vollen Bestand der edelmetallischen Zierden, erhob sich hier, dem Gesetz der Schwere wie dem Zeitbegriff widersprechend, das monumentale Zeichen einer olympischen Gottheit, aere perennius . Ich schritt die flache Böschung hinab und brauchte nicht erst die offne Vorhalle zu gewinnen, um hineinzuschreiten; denn in der vielgliedrigen Umfassung befanden sich noch Lücken, die den Eintritt ermöglichten. Allein kaum befand ich mich im Innern, als sich der Bau gänzlich abschloß, in senkrechtem Wachstum, in horizontaler Schiebung und Schichtung, über die mächtigen Architrave hinweg, die zu fließen und dann zu erstarren schienen, um das obere Gebälk aufzunehmen. Wie sich das Dach bildete, das war gleichsam ein kristallinischer Vorgang, in Konvergenz massiger Strahlen, die von den Seiten herbeischossen, um sich zu vereinigen und zu festigen. Ein gelernter Architekt hätte hier gestutzt, sogar bei Annahme des Mirakels als einer gegebenen Tatsache. Denn auch das Wunder muß in seiner Art logisch verfahren und darf mit keinem Kunstfehler operieren. Aber hier fehlte ja im Dache das » Opaion «, die Lichtöffnung, das Himmelsfenster, ohne das der Tempel in ewiger Nacht hätte liegen müssen. Nicht die geringste Luke war zu entdecken, und kein Sonnen- oder Sternenstrahl wäre jemals ins Innere gedrungen. Und dennoch wogte ein Licht durch den Raum, eine mystisch verklärende Helligkeit, die alle Flächen und Vorsprünge mit sanftem Geflimmer überspielte. Sie nahm ihren Ausgang von der Apsis an der östlichen Schmalseite, ging von einer persönlichen Quelle aus, denn dort in der Altarnische stand die leuchtende Monumentalfigur einer Göttin. Aber das war keine Athene Polias, keine Pallas Parthenos mit Panzer und Lanze, sondern bei allem Riesenmaß des Körpers eine milde Frau, und es bedurfte keiner angestrengten Einbildung, um sich diesen steinernen Leib als warmblütig, dieses Antlitz als zum Lächeln befähigt vorzustellen. Und sie erstrahlte wie der Abendstern draußen, dem sie, die Venus , ihren Namen geliehen hat. Ich versuchte die Erscheinung mit den mir sonst bekannten Standbildern in künstlerische Beziehung zu setzen; fand auch Anhaltspunkte, um sie mit der Milonischen, Knidischen, Kapitolinischen Venus zu vergleichen. In der Haltung mit der charakteristischen Rechtsbiegung der Lende erinnerte sie wohl am meisten an das Bild von Melos, in der Weichheit des Ausdrucks an die Capuanische Göttin, am wenigsten an die Mediceische mit deren stilisierter Pose des verschämten Jungmädchens. Ich kam nicht ganz darüber ins Reine, ob hier das weltlich Anmutige oder die Würde überwog, ob ich vor einer Vertreterin sinnlichen Begehrens oder huldvollen Gewährens stand. Ganz deutlich spürte ich nur das eine, daß von der Gestalt ein Fluidum ausging wie von keiner anderen Versinnbildlichung der Aphrodite. Und je länger ich sie betrachtete, desto mehr verflüchtigte sich in mir das Mythologische zugunsten einer Wirklichkeit. Es erschien mir gar nicht abenteuerlich, zu denken: diese Venus Lucifera, Urania, mußte gelebt haben, mußte solchen Reiz ausgesandt haben, als sie hier in Zypern am paphischen Gestade als Anadyomene das Land beschritt, und es kann kein Zufall sein, daß sich gerade hier der Tempel wölbt, in dem sie fortlebt. Ich hörte ein Geräusch, und als ich mich umwandte, bemerkte ich eine schlürfende Gestalt, die sich über den Boden bewegte, an einem Säulenfuß hinkauerte und sich mit allerhand Gerät, Wassereimer, Wedel, Wischtuch dort zu schaffen machte, wie um abzustauben und sauber zu fegen. Ich rief den Menschen an: Xaver Gregory! und dachte mir die selbstverständliche Ergänzung: daß diese Fülle der Gesichte der trockne Schleicher stören muß! Xaver erhob sich und war über die Begegnung sehr erfreut: Na, was sagst du dazu? Wie haben wir das geschafft? das ging doch über alle Erwartung! – Wer hat geschafft, und was wollt ihr geschafft haben? Diesen Venusbau? Mach' dich nicht lächerlich! du weißt so gut wie ich, daß euer Geschaufel bloß die Anfangsspuren bloßgelegt hat. Alles übrige kommt auf Rechnung eines unerhörten Erlebnisses, das mir versprochen wurde von jenseitigen Stimmen. Ihr mögt ja jetzt Zuschauer sein, dagegen will ich nichts einwenden, aber streng genommen gehört ihr da gar nicht hinein, du am wenigsten, Gregory, denn du hattest ja nicht die blasse Ahnung von der Sache. Einen Minervatempel wolltest du aus der Erde herausholen, du Antiquar mit deiner geschwollenen Gelehrsamkeit. Und dort steht das corpus probandi . Ist das eine Minerva? »Nein, ich muß meinen Irrtum zugeben, und nachträglich ist mir das sogar ganz angenehm. Denn weißt du, Freund, mir ist inzwischen etwas höchst Eigentümliches zu Bewußtsein gekommen. Ich war nämlich schon vor mehr als zweitausend Jahren hier und habe an derselben Stelle bescheidene Dienste verrichtet, als Kustos, Tempeldiener oder Famulus bei einem Oberpriester der Venus, dessen Name mir entfallen ist. Jetzt eben, als ich an der Säule herumputzte, stieg mir das auf wie ein uraltes Gedenken an ein früheres Leben, als hier noch die Reste der Phönizier hausten und der idalische Wald der Lieblingsaufenthalt dieser Aphrodite wurde. Mein Professor Borretius ist ein Lumen, er hat weiter in die Urzeit geschaut als ich, und als er den Tempel freilegte, hat er mir den Urgrund meiner Seele gleichzeitig aufgedeckt.« – Gregory, du berührst hier ein Problem, das mich seit einiger Zeit aufs lebhafteste beschäftigt. Aber deine Andeutungen genügen mir nicht. Äußere dich genauer: glaubst du in allem Ernst an eine Seelenwanderung? »Muß wohl. Und ich hätte das Thema längst mit dir erörtert, aber du warst ja beständig in den Fängen des Herrn Argelander, dieses Lust-Gentleman mit dem gräzisierenden Anflug und hattest kaum eine Minute für mich übrig. Weißt du, ich trete nicht gern in Konkurrenz mit solch einem Genüßling, der sich als Arbiter Elegantarium aufspielt, als ein Gemisch von Antinous und Lovelace, obschon er nach meinem Geschmack ...« – Lieber Xaver, dein Geschmack reicht wohl nicht aus, um diese Person richtig zu taxieren. Gleichviel; ebenderselbe Argelander hat mir das Problem nahegebracht, und nun kommst du, ein Mensch von ganz anderer, ja, entgegengesetzter Struktur und ziehst dasselbe Register. Das ist doch im höchsten Grade auffällig. Also heraus mit deinen Geheimnissen. Hast du irgendwelche Beweise? dort steht ein Altar, den fasse an mit der Rechten und sprich, daß ich dir glauben kann. »Gott, beschwören läßt sich da nichts. Das alles ist Gefühlssache, Sache eines Gefühls, das sich mit dem Gegenwärtigen nicht beruhigt. Dafür ist man ja eben Historiker, mit der Aufgabe, die Zeiten zu überbrücken. Im Grunde genommen ist es mit der Seelenwanderung wie mit dem Beweise für das Dasein Gottes. In der heißen Sehnsucht nach einem gütigen Allvater liegt die Beweiskraft, da wir uns nicht vorzustellen vermögen, dieses grenzenlose Verlangen könnte bestehen ohne Gottes Existenz als bewirkende Ursache. Und ebenso treibt uns auch der unbesiegliche Wunsch nach Fortdauer zur Überzeugung von der Unsterblichkeit, die ja die Seelenwanderung in sich schließt. Denn wenn die Seele ewig fortdauert, so muß sie doch ewig anfanglos sein, muß sie sich also schon in zahllosen Vorexistenzen objektiviert haben ...« – Das ist möglich, Gregory, wunschweise möglich, – aber wir rennen doch unausgesetzt gegen die harte Wirklichkeit, die uns nur das Gegenwärtige als unbedingt glaublich hinstellt; du und ich, wie wir hier stehen, und der Tempel um uns, das ist die Wirklichkeit! »Nein, Alex, das ist nur ein Anschein, die Außenseite der Wirklichkeit, so wie ein Regenbogen nur optisch, nicht sachlich als Tatsache dasteht. Sachlich ist nur die ewige Sonne und der ewige Kreislauf der Elemente, der diese fallenden Tropfen für diesen Augenblick als Strahlträger bestimmt, um den Reflex sofort den nächsten Tropfen zu überweisen. Du und ich und wir alle sind nur die fallenden Tropfen und wenn ein Weltauge unsere Strahlungen zum Regenbogen verbindet, so sieht es die Reflexe unserer Vorgänger und Nachfolger.« – Wie kommst du bloß auf solche Vergleiche? schöpfst du das alles aus dir selbst? ich denke, du bist Philologe und Historiker? »Ach, glaube mir nur, wer die Sprache und die Geschichte richtig erfaßt, der umspannt alles. Worauf wollen wir denn mit jeder Forschung hinaus? Auf die Universalwissenschaft der Weltweisheit, und Philosophie hat nur Bestand als sprachkritisch betriebene Geschichte der Philosophie. Das wird der Weisheit letzter Schluß; und um auf unsere Seelenwanderung zurückzukommen, so wird uns eben nichts anderes übrig bleiben, als die Zuflucht zur Geschichte der Denkvorgänge seit alters her, mit der Sprachanalyse als Wegweiser. Sie ist das einzige Mittel, um in wachem Bewußtsein die Seelenwanderung zu erleben, die wir sonst nur schattenhaft in Traumdämmerung wahrnehmen; als eine dauerhafte Wirklichkeit, in der sich Milliarden von flüchtigen Sekunden zur ewigen Zeitlosigkeit verdichten.« Ich blieb ihm die Gegenrede schuldig, während er sein Handgerät wieder zusammenpackte und mit Eimer und Schrubberzeug beladen über die Steindiele schurrend in die Vorhalle verschwand. Er hatte mir neue Erregungen zugeführt, zugleich neue Bedenken und darüber hinaus das brennende Verlangen, endlich aus der Zone der Zweifel hinauszukommen. Aber ich befand mich ja im Angesicht einer Autorität, die mit göttlicher Leibhaftigkeit in alle Zeiten hinausragte, und ich spürte den Impuls, sie zu befragen. Wenn die Wahrheit ein Weib ist – so beginnt Nietzsche seine Jenseits-Betrachtung, und niemals gelangen wir zu einer Gewißheit ohne solches präludierende »Wenn«. Wagen wir die Fortsetzung: wenn die Wahrheit dieses Weib ist, diese Aphrodite, – vielleicht war die Annahme gar nicht so exzentrisch. Ich hatte ja auf meiner kurzen Wanderung schon soviel Regelwidriges erlebt, das Herauswachsen des Gebäudes, unerklärliche Lichtstrahlen, Gedankenschwünge eines Bücherwälzers, den ich nur in den Trockenheiten des Schulwissens beheimatet glaubte, – an einem solchen Tage war es auch möglich, daß mir ein Standbild Rede gewährte. Ich erwartete nicht, daß sie den Mund öffnete und sich in hörbarem Schall äußerte; nur daß ein Kontakt einträte, der mir eine wortlose Botschaft vermittelte. Die Schönheit, so fiel mir ein, braucht nicht zu sprechen um verständlich zu werden; als Hyperides die Schönheit vor den Richtern enthüllte, hielt der Busen der Phryne eine Verteidigungsrede, während der Mund schwieg, und es liegt kein Grund vor, der Venus geringere Beredsamkeit zuzutrauen, als ihrer Dienerin. Auf alle Fälle rüstete ich mich zu einer Ansprache, denn mein Gemüt war voll und mußte sich entladen: Göttin! Wenn du sonst die Weihesprüche der Priester vernahmst, so flogen sie dir zu als Laute des Glaubens, der kein Symbol war, keine Verkleidung, sondern unmittelbare Natur. Hier aber steht ein Mensch vor dir, der dir zwar Anbetung entgegenbringt, doch kein Gebet. Er betet dich an, in künstlerischer Entzückung, als Erscheinung, aber er erfleht von dir keine Liebeshilfe. Nichts gewähren sollst du ihm, noch versprechen nach Art der Begünstigungen, wie du sie dem Hirten auf dem Berge Ida gespendet hast, sondern einen Zweifel sollst du ihm lösen und seine Erkenntnis aufrichten. Du bist hierzu befugt, denn du gebietest über dieses Haus, das eine steinerne Brücke darstellt über dem Abgrund zwischen den Zeiten. Diese Pfeiler und Quadern führen hinüber, und ich wäre versucht, mich selbst dem Viadukt anzuvertrauen, wenn ich nicht zittern müßte vor dem Gedanken: drüben, auf dem anderen Zeit-Ufer trete ich ins Leere! Und deshalb frage ich dich, Göttin, werde ich einen Halt finden, wenn ich meine Wanderung fortsetze, die mich in das steinerne Altertum führte? Werde ich Boden unter mir fühlen und Umgebung eines menschlichen Altertums? Nichts regte sich. Sie stand wie zuvor, in unveränderter Haltung, mit der einen Hand ihr fallendes Gewand raffend, mit der andern einen schlanken Blütenzweig haltend, und es war sicher nur eine Augentäuschung, daß ich in ihrem Blick eine kurze Vibration wahrzunehmen glaubte. – Du antwortest nicht, Göttin, und vielleicht soll die Verweigerung eines begreiflichen Zeichens mir zum Signal dienen: daß du mir zwar den Eintritt in den Vorhof gönnen wolltest, nicht aber in das Reich. Und siehe, da überkommt mich der Drang nach einer Bitte. Und was ich vermeiden wollte, wird mir unausweichlich. Sei wie du willst, Diva, eins vermagst du nicht zu sein: gnadenlos. Momus ging zugrunde in Wut darüber, daß er an dir keinen Fehler finden konnte, aber er hätte gewonnen, wenn er jetzt hier stände und entdeckte, daß du den Fehler der Halbheit trägst; daß du eine Gnade nur zur Hälfte austeilst und nicht erfüllst, was du verheißen hast. Aber das ist nicht Art der Venus, die ihr beglückendes Vermächtnis dem Eros des Plato und Euripides überwies. Deutlich genug hast du mir versprochen, was ich nun ausgewirkt zu sehen begehre: das Heraussteigen des Menschentums aus der Zeitverschüttung, so wie ich das Herauswachsen deines Bildes und deines Hauses aus Schutt und Moder erlebt habe. Vollende, was du begonnen hast! Gib Wiedergeburt denen, die da lebten – als man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia!! Und jetzt, – nein, das war keine Sinnestäuschung, das war deutliches Erkennen eines göttlich-menschlichen Vorgangs: aus ihren Augen glitt ein Schimmer der Einwilligung, und langsam neigte sie das Haupt, um es ebenso sanft wieder aufzurichten zu seiner marmornen Hoheit. Sie ergänzte die Geberde durch eine Bewegung ihrer Rechten, indem sie für wenige Augenblicke mit dem Blütenstab auf eine bestimmte Stelle am Grunde der Tempelmauer wies. Dann hörte die Bewegung auf, und sie verharrte in feierlicher Ruhe, deren nochmalige Störung mir tempelschänderisch erschienen wäre. Das Zeichen genügte, es wäre in seiner Eindringlichkeit ausreichend gewesen, um eine stärkere Skepsis als die meine zu entwurzeln. Und ich hatte doch nichts dringender gewünscht, als daß sie vertilgt werden möchte. Jenes Orakel zerfiel, wie so manche andere Prophetien aus Delphi und Dodona, in zwei Teile: einen klaren und einen unklaren. Die Weisung mit dem Blütenstab sollte mir erst viel später erklärlich werden, obschon ich in den nächsten Tagen wiederholt dahin zurückkehrte, um die Stelle abzusuchen. Sie lag nordwärts an der Wandfläche, die schon vor dem Tempelwunder durch Ausgrabung ans Licht getreten war; als die einzige, die Verwitterung aufwies und zudem Reste einer unleserlichen Stein-Inschrift. Da mir hier zuvörderst keine Aufklärung winkte, so begab ich mich in Erwartung der kommenden Dinge nach dem Ausgang. Halbwegs wandte ich mich noch einmal zur Venusfigur, deren stumme Magie auf mich gewirkt hatte wie der Ausdruck des Zeus von Phidias auf die Alten. Damals galt ein Erlösungsdogma: unerlöst und unglücklich stürbe der Mensch, wenn er nie den Mysterien nahegekommen sei und niemals das Bild des Phidias erblickt habe; und ich fing an, das Wesen dieses Glaubens zu begreifen. Ob Zeus, ob Aphrodite, das machte wenig Unterschied: auf das Mysterium kam es an. Draußen am Portal lehnte Gregory. Er stand in antiker Gewandung, die ziemlich salopp umgehängt und im Stoff von etwas ungepflegter Beschaffenheit war. Allein, er trug sie nicht etwa wie Bestandteile einer Maskerade, sondern ganz natürlich, als ob er sich nie in anderem Aufzuge gezeigt hätte. Nichtsdestoweniger war meine Verblüffung wohl erklärlich, und ebenso mein Ausruf: »Mensch, Gregory, wie kommst du in diese Tracht?« Er streckte mir die Hand entgegen und sagte auf gut klassisch: » Chaire! « was im Griechischen einen freundlichen Heilsgruß bedeutet. Dann ergänzte er: Es wird dir wohl lieber sein, wenn ich in deiner Muttersprache fortfahre. Mir macht das bißchen Differenz im Idiom nicht viel aus, während du als verspäteter Fremdling hier hereingeschneit kommst, darauf muß man schon Rücksicht nehmen. Aber einige Korrekturen möchte ich mir doch erlauben: nenne mich nicht Gregory, sondern mit meinem richtigen Namen »Gryllus« und erinnere dich gefälligst, daß ich hier als Tempelwächter angestellt bin, wohlbestallt von meinem Oberpriester Strepsiades, in dessen Dienst ich mich seit der dreiundneunzigsten Olympiade befinde, was ungefähr dem vierten Jahrhundert der alten Zeitrechnung entspricht. »Halt, halt, Gregory, oder Herr Gryllus, wenn Sie das lieber hören, das geht durcheinander und kann im Kalender nicht stimmen. Wenn Sie Altgrieche sind, müßte ich Ihnen persönlich ebenso unbekannt sein wie meine Sprache, während Sie deutlich genug auf unsere neuzeitliche Bekanntschaft anspielen. Diese Vermengung von Vorher und Nachher ist unstatthaft.« – Thaumasta legeis, Alexandre! Erstaunliches sprichst du, Freund! Wolltest du nicht aus der bürgerlichen Datumsrechnung hinaus ins Zeitlose? Und nun, da sich dir der Wunsch erfüllt, klammerst du dich weiter an die kurzatmige kalendarische Regel? Laß diese Vorurteile endlich fallen. Hier ist eine andere Welt, in der das blöde Vorher und Nacher nicht mehr gilt. Ich, Gryllus aus den neunziger Olympiaden, ich weiß sehr wohl, daß meine Seele auch in einer anderen Körperbehausung wohnte, und daß ich mich mit dir auf einem Schiff und anderswo verschiedentlich unterhalten habe; auch ist mir, der Inhalt vieler Bücher bekannt, die der sogenannten »Folgezeit« angehören, sogenannt, weil die Sprache an denselben Engnissen klebt, wie der Mensch, dem das Prinzip vom ewigen Wandel der Zeit und der Seele noch nicht aufgegangen ist. Sie wie er haften an den beschränkten Einteilungen Früher–Später, die in einem höheren Sinne gar keinen Bestand haben. »Aber Gryllus, hier ist doch – mir zwar unbegreiflich, aber doch gegenständlich – Vergangenheit, Perfectum, Praeteritum!« – Einheitlich verschmolzen mit dem Futurum. Den Augustinus mußt du studieren und den Thomas von Aquino mit seiner Lehre vom » Nunc stans « von der stehenden Zeit, die trotzdem dem Leben alle Entfaltung gestattet. Nur von der Unverbrüchlichkeit des Datum-Zeigers muß man loskommen, denn sie ist eine Fiktion des armen Verstandes, die der freie Geist überwindet. Dich werden hier bald außer mir noch andere ansprechen, hellenische Menschen, in denen vorzeitliches Bewußtsein mit nachzeitlichem zusammenfließt. Vielleicht begegnest du dem Aristarch aus Samos, der von dir aus gesehen vor zweiundzwanzig Jahrhunderten gelebt hat. Der kann dir erzählen, daß er schon immer gewußt und gelehrt hat, was angeblich Kopernikus soviel später entdeckte. Wie ging das zu? Seelenwandlerisch, beide waren ein- und dieselbe Person! und man darf ebensogut sagen: Kopernikus besann sich auf Aristarch, als Aristarch auf Kopernikus. Übrigens muß ich dich bitten, mich jetzt zu verlassen, denn ich schreibe grade an einem großen Werke, das mir der Oberpriester zugewiesen hat, ein sehr ehrenvoller Auftrag ... »Wie, Gryllus, du schreibst? in deiner Haltung machst du nicht den Eindruck ...« – Ich meinte das bildlich. Mit der Niederschrift kann ich noch warten, denn es sollen sieben starke Bände werden und die Einleitung brauche ich erst in zweihundert Jahren abzuliefern. Es wird eine Geschichte des Venus-Kultus, und ich entwerfe jetzt den Text in Gedanken. Das Thema liegt mir deswegen sehr gut, weil ich lange zuvor – um mich dieses Hilfsworts zu bedienen – auch in Tempeln der Isis und der Astarte gedient habe, und weil ich beweisen kann, daß diese Gottheiten mit Einschluß dar paphischen Venus Identitäten vorstellen. Ägypten, Syrien, Zypern, das ergibt bloß örtliche Unterschiede, und ich werde natürlich auch die Babylonische Göttin Mylitta in den Kreis meiner Betrachtungen ziehen. »Mylitta, die urälteste Aphrodite von Babel, – warst du bei der auch amtlich beschäftigt?« – Nur vorübergehend; denn ich war mit dem dortigen Kultus nicht ganz einverstanden; kennst du den Herodot? »Zufällig besinne ich mich auf die Stelle: Mylitta verlangte, daß jede Babylonierin sich einmal im Leben irgendeinem Wildfremden zur Umarmung preisgäbe, wenn er sie im Namen der Göttin verlangte.« – Ganz recht, und eben hieran nahm ich Anstoß; denn stelle dir vor, ich hatte doch die Sache zu beaufsichtigen und mußte im Tempelregister den Vollzug des Ritus bescheinigen. Trotzdem werde ich auch diese Barbarei in aller Ausführlichkeit behandeln, schon um darzustellen, wie sehr sich seitdem unsere liebe Frau Cythere abgeklärt hat. »Ich möchte dir prophezeien, Gryllus, daß gerade diese Stellen in deiner Abhandlung beim Lesepublikum beträchtlichen Erfolg haben werden. Man wird sie fleißiger lesen als das meiste vom Herodot! Aber ich will dich wirklich nicht weiter aufhalten, – Chaire! « * * * Vor mir lag unbekanntes Gelände im wolkenlosen Sonnenlicht des Vormittags. Gehörte das zur Vorstadt Neu-Amathus? Erdgeometrisch vielleicht, allein im Anblick war es grundverschieden von dem Bilde, das ich in mich aufgenommen hatte. Eine neue Welt, heraufgekommen aus einer alten, eine anschaulich gewordene Phantasie, in die freie Landschaft geworfen von einem Künstler, der ein attisches Paradies verwirklichen wollte. Ich ließ den Tempelbau im Rücken und schritt in das Neuland. Aus der Luft klang es entgegen: »Und die Sonne Homers, siehe sie leuchtet auch uns!« Auferstehung Das Wort »Kurpromenade« klingt banal, aber ich kann und will es nicht umgehen, weil es im Anfang am ehesten dazu dienen wird, annähernd das zu bezeichnen, was wirklich darzustellen ich mir nicht getrauen darf. Weitgestreckte Wandelgänge, mit korinthischen Säulen besetzt, umgrenzten einen Kunstpark, in dem alle Probleme des Gartenbaus gestellt und erschöpft schienen; unter Beistand einer Natur, der man in der Hergabe ihrer Üppigkeiten das irgend Erdenkliche abverlangen durfte. Wie die Kunst alsdann ihren Überschwang gebändigt, Nah- und Fernprospekte gegliedert, mit welcher Weisheit sie in Pinien und Springbrunnen ihre Vertikalen, in blühenden Girlanden ihre Schwunglinien eingesetzt hatte, das ließe sich nur schildern, wenn die Sprache sich aus dem Notbehelf der Metaphern befreien und mit farbsymphonischen Mitteln arbeiten könnte. Jenseits der Kolonnaden profilierte sich eine Hügellandschaft mit entfernten großartigen Bauten, deren Linien an Akropolis, Parthenon, Erechtheion und Stoa erinnerten, das Oval einer gewaltigen Arena grüßte herüber, und wenn auch das Gesamtbild für eine heroische Landschaft zu kultiviert aussah, so fühlte man sich doch durch die Erhabenheit der Hintergründe heroisch gestimmt. Beschränkte man den Blick indeß auf das Nahe, so konnte man sich vorstellen, daß diese paradiesischen Anlagen zum Lustwandel für glückselige Menschen bestimmt waren. Es mochte an der morgendlichen Tageszeit liegen, daß ich zuerst nur wenig Spaziergänger erblickte, vereinzelte Gruppen, aus denen sich alsbald zwei bestimmte Gestalten ablösten. Sie schritten Hand in Hand, blieben stehen, unterhielten sich lebhaft, machten die Hände zur gestikulierenden Unterstützung frei, kamen in meine Nähe, und – da gab es einen Moment des Wiedersehens, bei dem ich allein der Überraschte war: »Fräulein Liane! Herr Argelander!« Eigentlich hätten ja die beiden zum Stutzen Anlaß gehabt, denn sie paßten mit ihrer antik stilisierten Tracht ins Milieu, während ich mit meinem neueuropäischen, in einem Stehkragen kulminierenden Kostüm erheblich davon abstach. Allein, sie schienen die Auffälligkeit des Unterschiedes kaum zu bemerken, begrüßten mich vielmehr wie einen, der zu ihnen gehörte: – Ich habe diesen Zeitpunkt erwartet, sagte Argelander, und freue mich, daß er sich nunmehr verwirklicht. Wir werden natürlich unsere Verkehrsfäden da weiterspinnen, wo sie vordem abrissen, denn so viele Jahrhunderte bedeuten immerhin einen Riß. Aber wenn Sie denselben guten Willen mitbringen wie wir, so werden Sie der Schwierigkeit schon Herr werden ... »Über einige hat mir Gregory schon hinweggeholfen, und die Göttin im Tempel, die mir ein chronologisches Wunder versprach, wird, wie ich denke, Wort halten; also Herr Argelander ...« – Es wird die Sache vereinfachen, wenn wir diesen Namen fortan ausschalten. Er ist mir nicht unbekannt, spielt aber in meinem Dasein doch nur eine nebensächliche Rolle. Als Argelander war ich eine zufällige Vergänglichkeit, als Aristipp werde ich bleiben, nennen Sie mich daher nach meiner Wesenheit, wie sie vor Ihnen steht: Aristipp. Und sollten Sie im geringsten zweifeln, so bin ich bereit, Ihnen meine Identität unwiderleglich zu beweisen. Die Männer meiner Epoche, Plato, Sokrates, Diogenes und viele andere sind hier alle gegenwärtig, sofort erreichbar, und sie werden Ihnen einstimmig bezeugen, daß ich Aristipp aus Kyrene bin, der Stifter der Empfindungs-Schule, die man in der Welt zumeist die Epikureische nennt. »Es würde mir schlecht anstehen, Aristipp, deine Aussage zu bezweifeln, zumal sie meinen eigenen Wünschen entgegenkommt. Denn daß ich es dir nur gestehe, was mich zu dir hinzog, mich an dich fesselte, war von Anbeginn ein gewisser Zug, der dich mir seelenwandlerisch mit dem Genußweisen von Kyrene verknüpfte. Du siehst, ich habe Fortschritte gemacht, und nun der Augenschein die Lehre bekräftigt –« Die Dame unterbrach: der Augenschein bekräftigt hier namentlich die Tatsache, daß mein Freund Aristipp über die wichtigsten Dinge noch immer so leichtherzig hinweggeht, wie damals, als ich ihn in Korinth kennen lernte. Er ist und bleibt in seiner Weise ein Egoist, sonst hätte er wohl vor jeder Erörterung seine Freundin vorgestellt. Schöne Korintherin! sagte ich, – deinen Freund trifft keine Schuld. Er verließ sich auf meinen Scharfsinn, dem du so wenig zutraust. Die Genossin des Aristipp, die mir zuvor unter dem vergänglichen Namen Liane entgegentrat, kann in Wahrheit keine andere sein als die gefeierte Hetäre Lais . Denn eher wäre es möglich, daß sich in meinem Gedächtnis die Namen der sieben Weisen auslöschten, als der Name der Lais, die zusammen mit ihrem Genossen Aristipp den schönsten Doppelstern der klassischen Vorzeit bildet. Deine galante Freundlichkeit, meinte Aristipp, neigt zu Übertreibungen. Schließlich können sich Zweiheiten wie Odysseus-Penelope, oder, um ein näherliegendes Beispiel zu nehmen, Perikles-Aspasia auch noch neben uns sehen lassen. Lais lehnte beide Vergleiche ab und entwickelte in der Begründung eine dialektische Anmut, um die sie die elegantesten Rhetoren Athens hätten beneiden müssen. Wir ergingen uns noch in einigen ähnlichen Parallelen, um bei dem Schluß zu landen, daß jedenfalls Aristipp den Befähigungsnachweis für die praktische Philosophie durch die Wahl seiner Geliebten vollständig erbracht habe. Du mußt nicht etwa glauben, äußerte jener, daß unser Seelenakkord so rein aufgeht wie Grundton und Oktave. Nein, wir gehen in den Ansichten oft weit auseinander, und wir beide halten solche Dissonanzen für das einzige Mittel, um die Langeweile des verliebten Idylls zu vermeiden. Zwei Linien, die ganz parallel gehen, treffen sich eigentlich nie, aber es steht ihnen frei, auf unendlich verschiedene Art zu divergieren und damit unendlich viele Treffpunkte zu gewinnen. Vor zehn Minuten hatten wir wieder so eine Divergenz: Lais hat zwar schon sehr oft Modell gestanden, allein fast durchweg für den Zweck der Skulptur, während die Maler darüber ein wenig vernachlässigt wurden. Also sie soll sich malen lassen, und insofern waren wir ganz einig. Aber von wem? Ich schlug unseren berühmten Zeuxis vor, während sie – kaum glaublich! – ihr Porträt absolut von Tizian anfertigen lassen will. Nein, nicht absolut, korrigierte Lais, ich sagte: von Tizian oder Leonardo da Vinci. – Gleichviel, ergänzte Aristipp. Wenn wir hier auf Tizian oder Leonardo warten wollen, so begeben wir uns in ein Gebiet der unwahrscheinlichen Zufälle, denn wie sollten diese Meister aus ihrer Epoche hierher nach Amathus finden? Genau so, erklärte sie, wie dieser Herr aus dem zwanzigsten Jahrhundert in unsere Olympiade gefunden hat. Wir haben doch eben erlebt, daß so etwas möglich ist. – Immerhin, das ist doch ein mystischer Ausnahmsfall, und außerdem, wenn auch deine Italiener in der Maltechnik höher stehen mögen, so würde doch unser Landsmann Zeuxis deine hellenische Eigenart besser treffen; unmittelbarer. Also Kind, sei vernünftig, begib dich zu ihm in die Werkstatt, – dort drüben durch den Portikus, und dann das achte Haus rechts – ja, und wenn du mir einen besonderen Gefallen erweisen willst: sogleich. – Du brauchst mir nicht zu sagen, weshalb, lächelte Lais, denn man merkt es dir an: du möchtest mit unserem nordischen Freund Vertrauliches verhandeln, am Ende gar Dinge, die dir leichter von der Lippe gehen, wenn kein weibliches Ohr zuhört. Hab' ich's erraten? das war nicht schwer. Ich kenne ja deine Mitteilsamkeit. Also, Liebster, dein Wunsch ist mir soweit Befehl, als ich euch jetzt allein lasse, und überhaupt so lange du willst; mit der weiteren Vergünstigung, daß ich dir jedes Thema freigebe, ohne auf irgendwelche Verschwiegenheit zu rechnen. Und sie entschwebte über den Rasenteppich an den Agaven vorüber, nach dem Portikus. »Mit andern Worten,« so sagte ich, »ich habe zu hoffen, daß du mir jetzt einiges aus den Verflechtungen deines Lebens mit dem der Lais erzählen wirst. Da wären indeß einige Vorfragen zu erledigen. Soll ich von dir nur die Bestätigung früherer Berichte vernehmen? oder wird etwa deine Darstellung ihre Widerlegung bringen?« – Erwarte kein einfaches Ja oder Nein und mache dich überhaupt darauf gefaßt, daß dir bald genug seltsame Rätsel entgegen treten werden. Sie sind die Folge der veränderten Zeiteinstellung, der wir beide unterliegen, ich vielleicht noch spürbarer als du. Was du durch mich erfahren sollst, stimmt in den äußeren Geschehnissen, romanhaft gesehen, mehrfach mit anderen historischen und dichterischen Berichten überein. Wir werden sie aber innerlich betrachten, und dabei werden sich Bilder entwickeln, wie sie bisher in keiner Geschichte und in keinem Roman möglich waren. Deshalb unmöglich, weil noch nie zuvor ein Erzähler sich in meiner Lage befunden hat, in der Lage eines Menschen, dessen Seele zwischen den Zeiten fluktuiert; dem das Alte und das Neue gleichzeitig gegenwärtig ist, und dem es schon gegenwärtig war zur Zeit der Episoden, die ich dir schildern werde. »Erlaube, Aristipp, – du kannst dich wohl heute deiner eigenen Vorzeit erinnern, aber es ist nicht einzusehen, daß sich schon damals in deinem Denken und in deiner Anschauung Bestandteile der Jetztzeit befunden haben.« – Du übersiehst das Wesentliche, Freund Alexander, nämlich, daß es hier gar nicht darauf ankommt, dir einen neuen Abklatsch alter Ereignisse nach dem Rezept der Geschichtenschreiber zu bringen. Vielmehr will ich die Begebenheiten so darstellen, wie nur ich, der sie einst erlebte, sie zu bieten vermag; ich mit meinem vom Zeitzwange erlösten Sonderbewußtsein. Dieses Bewußtsein arbeitet mit vielfachem Rhythmus, synkopiert, mit Einstellung auf verschiedene geistige Sehwinkel, und so sehe ich heut in der Erinnerung die Dinge in einer so reichen Abtönung, wie sie die nackten Tatsachen an sich gar nicht besitzen; mit Unwirklichkeiten und transzendenten Erhöhungen, denen gegenüber die Philisterfrage »authentisch oder nicht?« gar keine Bedeutung besitzt. Meine Darstellung wird »richtig« sein, so wie in der Mathematik das Imaginäre und in der Weltgeometrie das Vierdimensionale richtig ist. »Ich bin nun wirklich neugierig und bitte dich nur: weiche im Tatsächlichen nicht gar zu sehr vom Wieland ab, dessen dir gewidmetes Werk ich maßlos liebe und verehre.« – In dieser Taxe stimmen wir überein. Sein Werk ist reich an Schönheit und Divination, macht aber meine eigenen Reminiszenzen durchaus nicht überflüssig, ebensowenig wie die Quellen im Lukian, Plutarch, Athenäus, Diogenes Laërtius, Heliodor, Pausanius und Xenophon Wielands Dichtungen entbehrlich machen könnten. Seine Einfühlung in meine Zeit ist erstaunlich, und zu bedauern sind die Vielzuvielen, die von ihm nur das Vielzuwenig kennen; obschon zehn Seiten von ihm ausreichen müßten, um Goethes Wort zu rechtfertigen: das ganze obere Deutschland verdankt ihm seinen Stil ... »Gott, wie modern du auf einmal redest! eben warst du noch bei Lukian und Xenophon, und dein erstes Zitat kommt aus Weimar!« – Du wirst dich an solche Zeitsprünge bei mir schon gewöhnen. Und um dir das zu erleichtern, beginne ich mit einer ganz einfachen Zeitverschiebung nach der geläufigen Formel: »Es war einmal«. * * * Ich befand mich damals zu Korinth, was soviel besagt, als daß mir sehr wohl zumute war. Korinth gilt als eine der üppigsten Städte der Welt, auf Schritt und Tritt wird der Blick durch reizende Luxusgegenstände gefesselt, und wenn man wie ich als Sohn eines vermögenden Hauses aus Kyrene die blanken goldenen Dareiken im Beutel fühlt, so ergibt sich auf alle Fälle eine angenehme Beziehung zur Umwelt. Die bloße Empfindung, das alles kannst du haben, wenn du nur willst, erfüllte mich mit Vergnügen, und ich konnte durchaus nicht finden, daß die Entsager Recht haben, die von der raschen Verflüchtigung des Genusses reden; die Freude am Reichtum, an seiner inneren stets der Betätigung gewärtigen Potenz, hielt sich bei mir auf gleicher Höhe und nützte sich nicht im mindesten ab. Die Glückseligkeitslehre, die mir später zur Methode wurde, steckte mir schon damals als Stimmung im Blute; und wenn ich mich mit irgendeinem der Entsagungsapostel verglich, so wurde mir klar: Jene, die Zyniker, die Abstinenten sind eigentlich die Egoisten, nicht ich. Mit all ihren Abstinenzen gehen sie auf Paradestücke los, die Beifall einheimsen sollen, und es ist insofern ein Glück, daß sie ihre Ideen nicht verwirklichen können, als sie dann in einer Elendswelt leben müßten, umgeben von vertrotteltem Lumpenvolk, das zur Bewunderung des einzelnen Lumpen gar keine Veranlassung hätte. Die Zyniker, die Prediger der Bedürfnislosigkeit, leben nur von ihren Kuriositätserfolgen, sie sonnen sich in ihnen selbstgefällig und selbstsüchtig; während in meinem Genießertum der unegoistische Wunsch steckt, alles um mich her so froh, so bedürfnisreich und zur Sättigung der Bedürfnisse so vermögend zu sehen wie mich selbst. Es würde sich nicht verlohnen, in einer Welt zu leben, in der nicht der Genießer als das Paradigma für alle anerkannt wird. Der Zyniker, vielleicht auch seine veredelte Abart, der Stoiker, mag sogar in seiner Ganz- oder Halbverdrecktheit auf die Lust des täglichen Bades verzichten. Was mich betrifft, so streckt jede Badeanstalt, wenn ich auch nur deren Fassade erblicke, magnetische Fänge nach mir aus, und ich spüre schon in der Kleidung die Wohltat der umhüllenden Wasserflut als Vorfreude. So auch hier in einer lärmenden Straße Korinths vor einem zierlichen Bau, dessen Anlage deutlich genug die Bestimmung verriet. Ich gehe hinein, suche einen Aufwärter, finde im Augenblick keinen, und klinke auf gut Glück an einer der Badekammern. Die Tür gibt nach, und ich trete ein, genau in dem Augenblick, da eine junge weibliche Person, die sich allein darin befand, im Begriff war, aus dem Bade zu steigen. Ich gestehe, daß ich der Situation nicht gewachsen war und wenigstens einige Augenblicke unter dem Zuge widerstrebender Kräfte stand. Die eine trieb mich als wohlerzogenen jungen Mann zum schleunigen Rückzug, die andere zwang mich, den frevelhaften Einbruch in ein unbewachtes Frauengemach zu vollenden; und so wäre ich vielleicht dicht an der Tür im peinlichen Gleichgewicht verblieben, wenn nicht ein helles Lachen der rasch wieder untertauchenden Dame den Bann gelöst hätte. Eigentlich, – rief sie mit einer Stimme, die von Belustigung über den Zwischenfall noch immer vibrierte, – eigentlich hättest du das Schicksal des Aktäon verdient, der die Nacktheit der Diana überraschte und dafür in einen Hirsch verwandelt wurde! Ich hatte bei dieser freundlichen Ironie meine Fassung wiedererlangt und entgegnete: Also bin ich für mein unfreiwilliges Vergehen begnadigt, denn eine Anrede, die mit »eigentlich« beginnt, verkündet keinen Zorn. Übrigens habe ich die Diana schon immer im Verdacht gehabt, daß sie sich am Aktäon rächte, nicht, weil er ihre Schönheit, sondern weil er ihre Schönheitsfehler belauscht hatte. In dieser Hinsicht, schöne Dame, hast du einen Vorzug selbst vor der Göttin: du darfst verzeihen, denn du triumphierst. – Allerdings, sagte sie, die übertriebene Schlankheit der Artemis ist nicht nach jedermanns Geschmack, und ich möchte nicht so gebaut sein wie sie. Aber wer weiß über sich selbst genau Bescheid? Man ist immer auf die Urteile anderer angewiesen. Verschiedene Bildhauer, unter ihnen namentlich Skopas , haben mir gesagt, daß ich der Venus näher käme. Sage mir, Fremdling, findest du das auch? – Wenn du einen solch gewaltigen Namen wie Skopas aussprichst, so wäre es vermessen, meine Ansicht neben die seine zu stellen. Er bedarf meiner Zustimmung nicht, noch viel weniger dürfte ich es mir einfallen lassen, ihm zu widersprechen. – Du willst mir ausweichen, aber das wird dir nicht gelingen. Einer Frau genügt nicht die Meinung der Autorität, sie will wissen, wie sie auf irgendeinen wirkt, der durch ihren Anblick überrascht wird. Du allein bist hier gegenwärtig, und der Gegenwärtige hat Recht. Also sprich, wie findest du mich? – Ich habe selten einen so reizenden Körper gesehen. – Selten?? Nun wahrhaftig, das ist ein Kaltwasserguß in den Thermen. Man wird kühl in Vergleich gestellt mit anderen; das war nicht zu erwarten. Warum äußerst du dich nicht stürmischer? – Weil du mich gefragt hast. Und in dieser Frage lag die vorpräparierte Antwort, lag die Absicht, von mir lediglich ein Echo zu vernehmen, während ich gern mit meiner eigenen Stimme zu Worte komme. Wenn du die hören willst, so wird vielleicht mehr dabei zutage treten als bloß die Verhimmelung deiner Gliedmaßen. – Erstaunlich! Ich war auf Explosion gefaßt, und er will mit mir ein akademisches Kolleg abhalten! Ich komme mir vor wie ein Objekt auf der Anatomie; schaut er nicht aus, als wollte er mich mit den Augen sezieren? – Nur um deine Vollkommenheit zu prüfen, und siehe, schon im ersten Anlauf sehe ich einen Vorzug, der noch einen anderen Maßstab verlangt, als den der bildhaften Schönheit. Du bist geistreich, Frau, und diese Eigenschaft prägt deinem Kopf und Gesicht eine Weihe auf, die wunderbar mit ihren Lieblichkeiten verschmilzt. Sie erriet wohl, was ich meinte. Denn ihr Vergleich mit der Anatomie kündigte an, daß sie befähigt war, sich in eine andere Zeit vorauszufühlen und in einen Begriff, der damals in Korinth durchaus nicht landläufig vorhanden war. Solches Vorwegnehmen wird nur bei seelenwanderischen, hochgeistigen Naturen angetroffen und findet sein sichtbares Zeichen in einem besonderen, wie von Ahnungen durchleuchteten Gesichtsausdruck. Tritt dieser bei einer anmutigen Frau zutage, so empfindet man: sie ist nicht nur hübsch nach der Taxe der Gegenwart, sondern schön, mit dem Anspruch, in allen Zeiten für schön gehalten zu werden. Aber diese Anerkennung genügte ihr nicht. Sie verlangte vielmehr die weitere Begründung meines Lobes, und so gerieten wir unversehens in ein ästhetisches Gespräch, unter Umständen, wie wohl noch niemals dergleichen verhandelt sein mag. Denn sie befand sich noch immer in der Situation einer Quellnymphe, und mir lag daran, sie möglichst lange darin festzuhalten. Und als sie Anstalten traf, ihre Aufwärterinnen zum Ankleiden herbeizurufen, bat ich sie, damit noch zu warten, da meine Auseinandersetzungen zweifellos besser ausfallen würden, wenn ich das volle, unverhüllte Studienobjekt vor Augen behielte. Sie sollte sich vorstellen, sie wäre jetzt ein Künstler-Modell; dann könnte mich vielleicht das sinnlich Sichtbare anregen, aus ihm ein übersinnliches Gedankengemälde zu entwickeln. Es liegt nichts daran, alle Phasen unseres Dialogs einzeln zu wiederholen. Ich gebe nur Proben, und überlasse es dir, zu ergänzen, was dir unvollständig erscheint. Wer philosophisch veranlagt ist und den Anblick einer entkleideten Schönheit genießt, der wird nach dem allerersten Affekt des brutalen Begehrens den Antrieb verspüren, seine Leidenschaft in künstlerischer Betrachtung abzuklären, und er wird dabei Stimmen aus einer übergeordneten, intelligiblen Welt vernehmen. Ist er sehr hellhörig, so vernimmt er dabei die Botschaft, daß alles, was uns bisher unter dem Namen der Schönheitslehre mitgeteilt wurde, nicht standhält vor dem Erlebnis, und daß dieses Geheimnisse umschließt, von denen unsere Ästhetik kaum die ersten Andeutungen verrät. Und sie kann nicht mehr verraten, da sie stets systematisierend, vereinheitlichend vorgeht, während sie von Grund aus zweiteilig ist. Die Ästhetik des Mannes und der Frau sind grundverschiedene Dinge, und es kann vorläufig nicht daran gedacht werden, sie auf einen Generalnenner zu bringen. Es ist so, als hätten wir eine Elektrizitätslehre vor uns, die nur mit einerlei Strom arbeitet, die von getrennter positiver und negativer Ladung gar nichts weiß. Dadurch käme zwar eine scheinbare Einheitlichkeit zustande, allein die physikalische Natur bliebe verborgen. Nichtsdestoweniger werden auch wir die Vereinheitlichung einmal erreichen, wenngleich auf einem Wege, der heut noch völlig ungangbar erscheint. Ich stecke die ersten Lichter auf diesem Wege auf, um zu zeigen, wohin die Reise einmal gehen wird. »Sage doch« – unterbrach ich, Aristipps Zuhörer, – »waren es wirklich derlei Abgründigkeiten, die deine Badedame hören wollte? Sie war doch, wie anzunehmen, die Hetäre Lais, und die hättest du vermutlich besser unterhalten, wenn du die schöngeschwungenen Linien ihrer Beine und Lenden angeschwärmt hättest.« – Glaube das nicht. Ihre Eitelkeit war nach anderer Richtung erregt, und es befriedigte sie, daß ihre Körperschönheit bei mir Betrachtungen auslöste, an die sie bei ihren bisherigen Galanen nicht gewöhnt war. Ich merkte das an dem Temperament, mit dem sie wiederholt, auch mit Widerspruch, in die Debatte eingriff. Sie freute sich, daß ihre Reize als Ausgangspunkt zu einem Bildungsniveau führten, auf dem die Geschlechtlichkeit der Intelligenz zur Folie diente. Das Sexuelle brauchte vorerst nicht zu verschwinden; im Gegenteil, es war in voller Kraft vorhanden, als wir die Frage berührten: Wie kommt es wohl, daß man in allen Sprachen die Frauen als das »schöne Geschlecht« begreift? Ist nicht schon hierin ein Motiv gegeben, die ganze Ästhetik als männlich betont zu erachten, als dirigiert vom Sexualapparat des Mannes? Und wäre es möglich, einen Standpunkt zu gewinnen, der gänzlich darüber hinausführt? – Mit der einfachen Umkehrung der Frage wird nichts erreicht. Die sexuell gestimmte Frau liefert nur das Spiegelbild der Erscheinung, wenn sie den Mann schön findet, verwandelt nur in den Dual, was ebensogut hätte Singular bleiben können. Und wenn der Titel des schönen Geschlechts bis auf diesen Tag beim Weibe verblieb, so liegt der Grund bei der gelehrten Ästhetik, bei den Akademikern, die sie ganz primitiv geschlechtlich verfaßten und die Galanterie der Volksmeinung ohne weitere Prüfung in ihre Wissenschaft hinübernahmen. »Begreifst du darunter auch die Ästhetiker der späteren Zeiten, Kant, Herbart, Vischer, kurz alle die, deren Lehren du selbst in deiner andern Gestalt als Argelander kennen gelernt hast?« – Die besonders; denn in deren Methode hat sich gegen die Urzeit nicht viel geändert. Sie alle drehen sich in dem Fehlerzirkel, daß sie zuerst das vom Weibe ausströmende geschlechtlich Zaubervolle als schön empfinden, und dann das Schöne so definieren, daß der nämliche Zauber sein Bestimmungsgrund wird, so daß von vornherein zwischen Weib und Schön ein tautologisches Verhältnis herauskommt; das zwar im Museum und im Ballsaal widerspruchslos bestehen mag, aber in der wirklichen Wissenschaft vom Schönen gar nichts zu suchen hat. Hier kommen wir damit nicht aus. Ich betrachte die nackte Lais in einer Anschauung, die sich dem Reiz mit höchstem Wohlgefallen hingibt, ohne indeß die Besinnung zu verlieren. Lais nimmt mir das nicht übel, denn sie weiß zwar, daß sie das Prädikat schön unter ihresgleichen verdient, möchte aber erfahren, ob ihr der Titel als eine Naturnotwendigkeit zukommt, oder nur als Begleitung der Begierden, die sie erregt. Meine Besinnung fängt sonach an zu analysieren und findet zunächst die elementaren Tatsachen, daß ihre Gestaltung im Muskulösen feiner, ihre Züge zarter und sanfter, ihr Körper eleganter, ihre Haut glätter und ebenmäßiger ist als beim starken, grobknochigen Mann. Hier stößt die Betrachtung, wenn sie imstande ist, über die schmachtselige Schwärmerei hinauszusteigen, auf einen quantitativen Unterschied. Eine glatte Haut zeigt in allen Vergleichspunkten geringere Differenzen als eine rauhe Haut, deren Rauheit eben auf einer Folge vor Vorsprüngen und Höckern beruht. Unser Auge, wie auch der Tastsinn, vernachlässigt die mikroskopischen Unterschiede, findet die weibliche Haut beinahe eben, und deutet als zart, als angenehm, was ohne diesen adjektivischen Beigeschmack nichts anderes ist als eine Verringerung der geometrischen Differenzen. Man kann also, mathematisch denkend von einem Minimum-Problem reden: in der Weiblichkeit waltet eine Natur, die es darauf anlegt, die Hautfläche und jede darauf mögliche Linie auf ein Minimum zu bringen. Der Vergleich mit der männlichen Struktur macht dies auch der gröberen Wahrnehmung kenntlich, und so gelangen wir dazu, unsere Koseworte zart, lieblich als Umdeutung geometrischer Zustände zu begreifen. Dies ist der erste, wirklich nur allererste Anfang einer Ästhetik, die darauf hinaus will, die Schönheit wissenschaftlich zu erfassen, denn es gibt keine Erfassung außer der, die ihre methodischen Mittel aus der einzig sicheren Quelle, der Größenlehre, schöpft. Wir gehen sofort einen Schritt weiter, um ein Leitseil in die Hand zu bekommen, das sich mit dem ersten zwanglos verknüpft. Indem wir am Weibe das quantitativ Verkleinerte wahrnehmen, das auf unser Gefühl wirkt, gelangen wir instinktiv an ein Diminuendo, an den Begriff des Niedlichen , das heißt an die Vorstellung des Kindlichen, des Kindes, und unser Bewußtsein fügt die beiden Elemente, das Zarte und die Kindesliebe in unmittelbaren Zusammenhang. Jenes geometrische Minimum setzt sich also in direkte Beziehung zum stärksten Triebe der Kreatur, zur Gattungserhaltung. Unser Wohlgefallen am Kinde, unser heißes Verlangen, im Kinde unser eigenes verkleinertes Ebenbild zu liebkosen, gewinnt eine mathematisch-ästhetische Bedeutung, da wir das Verkleinerte bereits am Weibe wahrnehmen, und auf dieses die Entzückungen übertragen, die uns die Vorstellung des Kindes verspricht; (daher auch im ganzen Register der Koseworte – Liebchen, Schätzchen usw. – das Diminutiv vorherrscht; bis in das Gebiet verzückter Andacht, wo sich ein Heiland zu Jesulein verkleinert.). Daß wir im Weibe das Kind lieben, das Symbol unserer Unsterblichkeit, wäre nur eine Binsenweisheit. Wir sind jetzt darüber hinaus. Die Idee der ewigen Dauer wird uns in gegenständlicher Form sichtbar und fühlbar; in der Oberflächengestaltung der Erzeugerin, welche die Niedlichkeiten des Kindes bereits vorwegnimmt, in möglichster Verkleinerung der materiellen Unterschiede, in möglichster Annäherung an die kürzeste Linie und kleinste Fläche. Befragen wir die große Lehrmeisterin Sprache: sie nennt den verkleinernden Maßstab den »verjüngten«, sie holt aus der Jugend, in der wir uns fortsetzen wollen, das Gleichnis der Größenmessung. Und in mancherlei Sprachproben finden wir ähnlichen Anklang. Im Magyarischen heißt die Pistole: »Flintenkind«, die Indianer haben eine Bezeichnung für Schiebkarren als den »Sohn des Lastwagens«; wodurch gezeigt wird, daß die Anschauung stets bereit ist, eine Größenverkleinerung auf den Zeugungsprozeß zu beziehen. Aber die Jugend ist ja nicht nur die Fortsetzung, sondern auch der Ursprung des Alters, sie reicht in die Urewigkeit zurück, und wenn wir in der weiblichen Form die geometrischen Zeichen der »Verjüngung« wahrnehmen, so spüren wir darin den Emporschwung über alle Zeit, einen Erkenntnisgrund, dem der Dichter nahe kommt in dem Gesang ›Ewig war ich, ewig bin ich!‹ »Aristipp,« sagte ich, »in deinen Ausführungen entdecke ich Bedenklichkeiten. Ich gehe soweit mit, als du den Schönheitsbegriff auf bestimmte Maßverhältnisse zurückführen willst. Aber mit deiner Reduzierung in Tilgung der Flächenunterschiede kommst du nicht durch. Du sahst den Busen der Lais, den ich ja auch schon gesehen habe, wenn auch nicht in puris naturalibus . Aber man braucht ja kaum Röntgen-Augen zu besitzen, um durch das Kleid hindurch von seiner Wölbung entzückt zu werden. Hier versagt also dein Minimum. Legte es die Natur darauf an, durchweg die geringste Oberfläche zu gestalten, so besäße das Weib eine Brust wie ein Plättbrett. Und deine ganze Begegnung im Bade wäre eine sehr trübselige Sache gewesen, wenn die Hemisphären deiner Lais sie nicht zu einer höchst erfreulichen gemacht hätten.« – Sicherlich. Nur daß die Grundsätze der Natur sich nicht in einer einzigen Formel aufschreiben lassen, sondern daß hierzu ein ganzes System gehört, für das ich die nötigen Ansätze liefere. Das Minimum-Prinzip bleibt dabei als der oberste Regent bestehen, wie in der Physik überhaupt, verfassungsmäßig geleitet durch andere Regulative. Erstlich ein physiologisches. Der Busen des Weibes hat eine Bestimmung für das Kind als Nahrungsquelle. Hier läge also ein Postulat vor, nach dem Gesichtspunkt: je ergiebiger, desto besser. Sofort meldet sich das oberste Prinzip mit der Forderung: die Brust so zu gestalten, daß sie das Maximum der Ergiebigkeit mit einem Minimum der Fläche vereinigt. Diese Forderung muß restlos erfüllt werden, damit das Ergebnis ästhetisch befriedigend wird, sie ist die Vorbedingung für das Schöne als Möglichkeit. In der ganzen Menge der Möglichkeiten gibt es für eine bestimmte Persönlichkeit nur eine Lösung, nämlich die, welche eine Verträglichkeit herbeiführt zwischen möglichst großen Raum und geringster Fläche. »Da wären wir ja mitten in einem Keplerschen Problem!« – Die Analogie stimmt vollkommen. Was die Natur mit dem Busen vorhat, und wofür die Brust der Lais ein so prachtvolles Exempel bietet, ist im Grunde nichts anderes, als die Aufgabe, die den berühmten Johannes Kepler zur Begründung der Infinitesimalrechnung gebracht hat. Die Nebeneinanderstellung mag prosaisch klingen, ist aber nicht zu vermeiden: Auf der einen Seite die Götterbrust der Hetäre, – auf der anderen ein Weinfaß, denn dies ist für Kepler die Grundlage der Betrachtung. Aber schließlich steckt in beiden das Berauschende, und Bacchus wie Venus geben uns ja dionysische Freuden! Also Kepler sah die Forderung folgendermaßen an: Wie ist ein Weinfaß am zweckmäßigsten zu gestalten, so daß es bei Aufgebot der geringsten Menge von Dauben den größten Inhalt bietet? Und die nämliche Aufgabe stellt sich die Natur als Mathematikerin bei der Gestaltung der Brust; ebenso bei der Bildung der Lende, des Beckens, in deren Räumen die Liebesfrucht ausgetragen werden soll. Nur, daß ihr Daubenholz hier aus Materialien des weiblichen Organismus besteht. Die Natur rechnet also, und sie verrechnet sich nie. In jedem Falle sagt sie uns: diese Lösung ist die vollkommenste unter den Bedingungen des Zwecks und des Materials. Sie müßte dann auch dem betrachtenden Menschen als die künstlerisch vollkommenste erscheinen, wenn der imstande wäre, das Zweckhafte und mathematisch Vollendete künstlerisch zu begreifen. Das kann er aber vorläufig noch nicht, weil er von Idealen bedrängt wird, die er sich selbst zurechtlegt, und deren fortwährender Wechsel von Volk zu Volk, von Epoche zu Epoche schon anzeigt, daß sie im höchsten Grade korrekturbedürftig sind und weit entfernt von der Sicherheit der formenden Natur. Aber der betrachtende Mensch könnte einen Fortschritt verzeichnen, wenn er sich entschlösse, wenigstens der mathematischen Gestaltung künstlerisch nachzuspüren. Die Natur, die ihm ihre letzten Zwecke so hartnäckig verbirgt, ist nicht ganz so störrisch im Geometrischen. Sie hebt da etliche Schleier und gestattet uns, sie weiter zu lüften. Nämlich sie baut im Zuge ihrer physiologischen Zwecke Kurven und Flächen in den Weibeskörper und deutet damit auf Figuren, deren Kunstbedeutung uns nicht mehr ganz undurchdringliches Geheimnis zu sein braucht. Also, um bei der weiblichen Brust zu bleiben: – die Rundung. Wir sprechen – ungenau genug – von den beiden Halbkugeln der Frauenbrust und besingen sie in allen Tonarten. Was liegt dem zugrunde? ein alter Glaube, den wir wiederholen, ohne zu ahnen, daß er lediglich eine mathematische Überzeugung ausdrückt. Denn schon die Pythagoreer sagten: »Unter den körperlichen Gebilden ist die Kugel, unter den ebenen der Kreis am schönsten .« Aristoteles und unzählige nach ihm waren derselben Meinung. Den Schlüssel hierzu liefert die Variationsrechnung, die uns erklärt: unter allen Körpern mit gegebener Oberfläche besitzt die Kugel den größten Inhalt , und bei gegebenem Inhalt die kleinste Oberfläche . Hier haben wir das zuvor erwähnte Natur-Prinzip in reinster Form. In diesem Zusammenwirken von Größt und Kleinst liegt der Keim eines Wohlgefallens, die Wurzel einer Empfindung, die sich uns als die der Schönheit offenbart. Aber damit sind die Bedingungen noch bei weitem nicht erschöpft. Die Natur begnügt sich nicht beim Kugelschema, löst vielmehr ihr Problem bei jeder Person in anderer Weise, da bei jeder andere Faktoren mitwirken, deren Variationsmöglichkeiten uns verborgen bleiben. Und so geschieht es, daß erst unter vielen Tausenden von Formen eine hervortritt, bei der sich unser Entzücken besonders kräftig betont. In ihr wird die Regel der Kreislinie durchbrochen, das Profil einer Frauenbrust, die auf unserer Kulturstufe als ideal schön erscheint, entspricht vielmehr einer anderen Kurve: der Sinuslinie. Die neue Ästhetik hat daher in ihren Anfang den Satz aufzunehmen: Das Pythagoreische Ideal versagt bei der Schönheitsschätzung der Körperlinien, der Kreis wird von anderen Kurven an Schönheit übertroffen. Und hier baut sich plötzlich eine Brücke zwischen den Schönheiten. Jene Sinuslinie, der mathematische Ausdruck des zartesten und eindruckvollsten Frauenreizes, ist zugleich das Kennzeichen des reinen musikalischen Tones. Man schlage eine Stimmgabel an und projiziere ihre Schwingungen auf ein bewegtes Band: die Sinuslinie erscheint, Busen wölbt sich an Busen, und so ahnen wir eine Verkettung des optisch-Schönen mit dem Akustischen: in der Frauenbrust lebt ein Element, das uns wie ein Klang anspricht. Und wenn wir auch nicht jedes Glied dieser Kette bloßzulegen vermögen, so fühlen wir doch die Verwandtschaft der Elemente. Beide, sowohl das körperlich- wie das musikalisch-Schöne, sind geschlechtlich betont; denn der Klang spielt in der Sexualwerbung der Kreaturen keine geringere Rolle als die Kontur und Farbe. Der Klang aber ist bis zu gewissem Grade der mathematischen Behandlung zugänglich. Und so steht zu hoffen, wenn auch in weitferner Möglichkeit, daß auch seine Schwester, die Optik des Körperschönen, einmal wird exakt erforscht werden können. Gelingt dieses, dann hat man zwei Linien, deren Konvergenzpunkt im rein Geschlechtlichen liegt: mit anderen Worten: es ist nicht undenkbar, daß das für uns noch undurchdringliche Geheimnis der Liebe durch analytische Berechnung aufgesprengt wird. »Weißt du, Aristipp,« bemerkte ich mit einem Anflug von Wehleidigkeit, »deine Ästhetik ist eigentlich recht unästhetisch. Sie erinnert mich an die neuerdings mehrfach betriebene Disziplin der »Psychologie ohne Seele«, und ich meine, wenn deine Prognosen auch nur zum kleinsten Teil in Erfüllung gehen, dann kann das reine, unmittelbare Genießen einpacken. Ich lasse es mir gefallen, wenn anatomische Betrachtungen ins Künstlerische hineinspielen. Das ist unvermeidlich und hat auch bei Michelangelo, Benvenuto Cellini und Lionardo gegolten. Aber die völlige Auflösung des Schönen in wesenlose Mathematik, – ich sage ja nicht, daß sie undenkbar erscheint, aber sie erschreckt mich gerade deshalb, weil sie möglich ist. Und der Schritt von der sublimen Wonnevorstellung eines blühenden Busens zum Keplerschen Weinfaß mag theoretisch gerechtfertigt sein, tatsächlich wirft er den, der ihn mitmachen soll, aus allen Himmeln. Es ist mir unfaßbar, wie deine Lais sich das anhören konnte, ohne von ihrem Kammerrecht Gebrauch zu machen und dir die Tür zu weisen.« – Du unterschätzt sie eben noch immer. Und mich gleichfalls. Denn wir beide verfolgten lediglich unser Vergnügen, indem wir versuchten, uns wie Geisterseher über den Bannkreis des gewöhnlichen Denkens hinauszuschwingen; froh darüber, daß aller sinnliche Schönheitsgenuß uns vorbehalten bleibt, und daß jene Prognosen sich erst verwirklichen können, wenn der Mensch einen neuen Empfangsapparat aus mathematisch genießenden Nerven in sich eingebaut haben wird; was selbst nach seelenwanderischem Maß noch sehr lange dauern kann. Übrigens war unsere Unterhaltung weit früher zu Ende als mein Bericht zu erkennen gab. Nur der Anfang dieser seltsamen Ästhetik wurde in der Badekammer gesponnen, die Fortsetzung ergab sich erst nach geraumer Pause; denn ich nahm den geeigneten Moment wahr, um mich zurückzuziehen und den Aufwärterinnen Einlaß zu geben, die nachher, in meiner Abwesenheit, mit ihren Glossen nicht gespart haben mögen. * * * »Soweit mir aus anderer Quelle gegenwärtig, verließest du damals den Schauplatz, ohne genau zu wissen, mit wem du es überhaupt zu tun hattest ...« – Weder genau, noch ungenau, sondern ganz und gar nicht. Unsere Vorwegnahme ihres Namens und Standes war also eine kleine Lizenz, die mit dem Erlebnis nicht im Einklang stand. Ich hatte sie danach nicht gefragt, vielleicht, weil mir die Laune des Zufalls noch um einen Grad reizvoller erschien, wenn unsere Begegnung sich im Schatten der Anonymität abspielte. Allein, bald meldete sich bei Aristipp, (wie aus der Fortsetzung seiner Rede hervorging), ein Anfall von Reue, und es wurde ihm klar, daß sein inneres Gleichgewicht eine leise Erschütterung erfahren hatte. Er kam sich vor wie in einer seelischen Kraftprobe, bei der es darauf ankam, nach Belieben vergessen zu können und sich gegen empfangene Eindrücke unabhängig zu halten. Schließlich war es doch eine Episode, die umsoweniger Macht über ihn gewinnen konnte, da sie unpersönlich verlaufen war, als ein Exempel mit unbekannten Größen. Und wenn er schon nach seinem Naturell entschlossen war, seinen Verstand und seine Freiheit überhaupt an keine schöne Frau zu verlieren, um wieviel weniger an eine, die im rasch verfliegenden Abenteuer gar keine Zeit gefunden hatte, sein Herz zu binden, und deren Momentwirkung sich bei Verlängerung der Bekanntschaft vermutlich wieder abschwächen würde. Er versuchte die Angelegenheit auf die Formel zu bringen: »eine unter vielen«, und hierzu bot ja die rauschende Stadt Veranlassung genug. In den Wandelalleen der öffentlichen Lustgärten wimmelte es von Damen, die sich von ihren Verehrern umschwärmen ließen; unter den Huldinnen befanden sich nicht wenige, denen nur eine beschränkte Voreingenommenheit den Titel schön hätte verweigern können. In der goldenen Jugend der Männerwelt ragten etliche eindrucksvolle Gestalten hervor, das Mittelmaß überwog, während eine gewisse Minderzahl zur Klasse der Hanswurste gehörte, die ihr tägliches Flirt-Pensum nach automatischer Regel abschnurrte. Aristipp spürte das Verlangen, sich mit einer Dame einzulassen, gleichsam experimentell, um zu erproben, ob er sich durch den Kontakt mit einer neuen Erscheinung von seiner Unruhe befreien könnte. Er verlangte in seiner Spannung nach einen Blitzableiter. Dann wäre es ja erwiesen gewesen »eine unter vielen«, und er hätte nicht mehr nötig gehabt, einer Erinnerung nachzuhängen, die ihm unbequem zu werden anfing. Diese wunderhübsche Person hieß Galliope. Sie zählte zur Kategorie der Leichtesten und Gefälligsten, die gar keinen Ehrgeiz daran setzen, sich erst umständlich erobern zu lassen. Sie ging aber noch einen Schritt weiter, indem sie mit ungeheuchelter Verliebtheit zu verstehen gab, daß sie sich durch Aristipps Nähe sehr beglückt fühle und daß sie an sich halten müsse, um ihn nicht auf offener Promenade zu umarmen. Sie müsse auch sogleich feststellen, daß sie irgendwelches Geschenk von ihm in keinem Fall annehmen würde, um sich nicht in dem Gefühle einer blitzartig aufflammenden Zuneigung beleidigt zu fühlen. Mit dieser Galliope verbrachte Aristipp eine Rausch-Nacht, um die ein persischer Herrscher leicht eine halbe Provinz hergegeben hätte. Das einzige, was er an unmittelbarer Besinnung übrigbehielt, war das animalische Bewußtsein, das Süßeste vom Süßen durchzukosten. Aber schon am frühen Morgen, noch in den weichen Armen des zärtlichen Mädchens, ertappte er sich bei dem Gedanken an seine Unbekannte im Bade. Und dieser Gedanke verstärkte sich in ihm von Minute zu Minute, so daß Galliope zu weinen anfing, als der schöne Herr sich nachdenklich und ziemlich frostig von ihr verabschiedete, mit dem vergeblichen Versuch, ihr einen kostbaren Fingerring als Zeichen seiner Anwesenheit zu hinterlassen. Es hatte im Plan seiner Lustreise gelegen, den Festen in Olympia beizuwohnen, ja, die Teilnahme daran bildete ursprünglich den Hauptpunkt seines Programms, in dem Korinth nur als vorläufige Haltestelle gedacht war. Da wäre Eile geboten gewesen, denn die Olympischen Kampfspiele waren bereits im Gange, und noch vor wenigen Tagen wäre es ihm unsinnig erschienen, auch nur deren Anfang zu versäumen. Denn er hatte dieses Fest, das sich nur alle vier Jahre erneuert, noch niemals gesehen, und Leben bedeutete für einen Kulturmenschen: Olympische Wettbewerbe erleben. Jetzt fiel ihm der Plan wieder ein, so nebenher, und er vermochte sich nicht mehr zur Abreise aufzuraffen. Was war ihm Olympia? ein ferner Tummelplatz mit Kämpfern, die ihn nichts angingen. Mochten sie sich besiegen und sich die Hälse brechen! Im Vordergrund stand einzig Korinth und die Möglichkeit einer Entdeckung, das Wiederfinden eines Weibes, das ihn erst so recht umwitterte, nachdem er seine Spur so unbedacht preisgegeben hatte. Wirklich, das war Witterung! Der Duft, der sich von der Haut und dem Blondhaar der Nymphe gelöst hatte, verfolgte ihn, peitschte seine Sehnsucht, und er war sicher, daß er diese Emanation bei keinem anderen Wesen wieder antreffen würde. Diese Galliope etwa, – ja, sie hatte sehr lieblich geduftet, und es mochte hier wie in Athen und Aegina wohl manche leben, die sich noch balsamischer zu parfümieren wußte. Aber das war doch nicht dasselbe und reichte an die erste nicht heran. Und bei näherer Ergründung stieg ihm ein Zweifel auf: Man sagt Duft, um etwas zu bezeichnen, wofür die Sprache noch gar keinen Namen hat; wofür sie den Ausdruck erst bilden kann, wenn der Mensch von dem engen Aberglauben seiner wenigen Sinne loskommen wird. Wir sagen ja auch so oft Licht, wenn wir Elektrizität meinen. Unsere Sinnes-Armut zwingt uns, dem Auge zuzuweisen, was dem elektrischen Organ zugehört, das wir leider nicht besitzen. Und so projizieren wir auf die Nase, was zwar in der Quelle mit dem Geruch verwandt sein mag, aber außerdem noch eine ganz transzendente Bedeutung besitzt; als ein geschlechtliches Fluidum, als die tiefste und höchste Ausstrahlung der Geschlechtlichkeit überhaupt. Es sind Schwingungen wie die optischen, wie die elektromagnetischen, die im letzten Grunde mit den musikalischen zusammenhängen. Aus ihnen formen sich Gebilde, die der unbekannte, im Geruchsorgan schlummernde Sinn als melodiös, harmonisch abgetönt, kontrapunktisch verflochten, wenn auch nicht unmittelbar wahrnimmt, aber erahnt. Unser auf spärliche Erfahrung eingestellter Verstand sagt ihm: »du riechst etwas«. Ein Insekt, wenn es gebildet sprechen könnte, würde korrigieren: das sind kümmerliche anthropomorphe, echt menschenwürdige Vokabeln. Der Duft ist nur das Signal für die mysteriöse Symphonie des zeugenden Lebens. Die Nase spielt dabei die Rolle des Tasters, der die Zeichen der Botschaft auffängt, ohne sie zu verstehen. Diese sind substanzlos, und wer sie auf Drüsen, Poren, Haarfäden zurückführt, der verfährt wie einer, der das Wesen einer Melodie in den Darmsaiten des Streichinstruments vermutet. Der materielle Ursprung wie der scheinbare Weg durch die Nase wird bedeutungslos für verfeinerte Naturen, welche nicht nur die Aussendungen des Dunstes und des Atems, sondern auch der Seele duftartig empfinden. Und wenn der Träger solcher Natur sich nach dem bestimmten Duft einer Frau sehnt, so unterliegt er einem künstlerischen Zwange: in ihm sind Saiten zum Erklingen gekommen, die nur wiederklingen werden, wenn sie durch dieselbe Duftmelodie der nämlichen Frau in Schwingung geraten. – Ach wie ärmlich erschien mir in dieser Verfassung all das, was ich seither über die Natur des Schönen gedacht und gehört hatte, einschließlich dessen, was ich schon damals als spätere Kathederlehre voraussah. Die Nase ein untergeordnetes, künstlerisch unbefähigtes Organ! Warum nicht auch das Auge, da dieses von den Klangfiguren doch nur einige Umrisse zu sehen vermag, ohne ihren glühenden Sinn zu erraten. Vielleicht ist die Nase der Sphärenmusik näher als das Auge. Und vor allem die grandios tuende Definition »schön ist, was ohne Interesse gefällt«. Beim Zeus und Apollon! Hier schwebte mir etwas ungemein Schönes vor, gleichzeitig mit dem allerstärksten Interesse. Und wenn ich in meiner Stimmung aufgelegt gewesen wäre, neue Definitionen aufzustellen, so hätte ich gesagt: Schön ist diejenige Erscheinung, an deren Wiederfindung ich ein Interesse habe, das alle anderen Interessen überragt! Natürlich hatte Aristipp seine Nachforschungen auch auf die Badeanstalt ausgedehnt. Allein hier führte die Nachfrage lediglich zu einem unangenehmen Disput mit den aufsichtführenden Eunuchen, die einen schweren Verstoß gegen die Hausordnung feststellten und die weitere Verfolgung des Missetäters dem Stadtvogt übergeben wollten. Nur ein Lichtblick zeigte sich, merkwürdigerweise im Wohnhaus bei dem Gastfreunde, der Aristipp beherrbergte. Eines Abends fand er auf dem Tisch ein winziges, zierlich gearbeitetes Drahtgeflecht, das nichts anderes enthielt, als eine blonde Locke. Kein Name dabei, kein Wortgruß, nichts. Es war auch nicht zu ermitteln, wie dieses Zeichen ins Haus gedrungen war. Niemand hatte einen Überbringer oder eine Botin bemerkt, aber nunmehr war doch ersichtlich, daß auch auf der anderen Seite ein Interesse bestand, und daß dort der Spürsinn weit erfolgreicher gewesen war als bei Aristipp. Über die Herkunft konnte natürlich nicht der geringste Zweifel obwalten. Blondlocken mochte es unzählbar in Korinth geben, aber diese eine trug ihr untrügliches Erkennungszeichen, das duftende Effluvium, das noch in äußerster Verdünnung ausreichte, um die Herkunft aufs Genaueste zu bezeugen. Das war für den Augenblick eine hohe Sensation. Aber sie enthielt keinen Anhalt für die Verfolgung der Fährte und gab der Sehnsucht nur einen neuen peinigenden Stachel. Ein Geschöpf auf der Organisationsstufe der Biene oder Ameise hätte weiter gefunden. Der vermeintlich so viel höher gestufte Mensch bleibt ratlos im Gewirr der Stadt-Dünste, er schickt seine Blicke auf Erkundigung, er fragt umher, liegt auf der Lauer, rechnet auf Zufälle, die nicht eintreffen, bewegt sich direktionslos. So erschöpfte sich Aristipp in Nachforschungen, die schon darum ohne Ergebnis blieben, weil unter seinen Fähigkeiten das Spioniertalent die schwächste Ausbildung aufwies. Seine Anadyomene war im Strudel der Stadt untergetaucht, war und blieb verschwunden. Entdeckung Die Olympischen Kampfspiele waren längst zu Ende gegangen, und für Aristipp, der sich seines Versäumnisses allmählich mit wachsender Stärke erinnerte, blieb der magere Trost: also beim nächsten Mal! in vier Jahren! Er schwankte, ob er nach seiner Heimat Kyrene zurückkehren, oder seine Reise ins Unbestimmte fortsetzen sollte, und entschied sich für einstweiliges Wanderleben, hauptsächlich zu Studienzwecken. Längere Zeit verweilte er zu Athen im Sokratischen Kreise , empfing Anregungen widerstreitender Art, knüpfte Freundschaftsbeziehungen, von deren Haltbarkeit er selbst nicht allzusehr überzeugt war, und versenkte sich in Schriften, die ihn streckenweis ziemlich weitab von den in Athen begünstigten Lehrmethoden fortführten. Vor allem fesselten ihn die Werke des berühmten Demokrit , und je mehr er sich mit ihnen beschäftigte, desto energischer meldete sich in ihm der Wunsch, den Schöpfer dieser abseitigen Gedankendinge kennen zu lernen. Im Verlauf seiner Studien war er gedrängt worden, die wichtigsten Offenbarungen Demokrits in einer Schrift zu vermuten, die vorläufig nur in einem einzigen Exemplar existierte, und dieses sollte sich, wie er erfuhr, in den Händen eines Wissenschaftsfreundes befinden, der in Ägina begütert war. Dorthin machte sich Aristipp auf den Weg, mit Empfehlungen ausgerüstet, die ihm bei Agenor (so hieß der Äginete) den besten Empfang sicherten. Schon bei der ersten Begrüßung brachte der Ankömmling seine Anfrage vor, ob er auch wirklich die bewußte Schrift des Demokrit, den »Diakosmos«, unter den Schätzen Agenors antreffen würde. Ihm läge unendlich viel daran, und er müßte sonst die Erde bis zu den Säulen des Herkules absuchen, um irgendwo eine Abschrift des Werkes zu ermitteln. Agenor setzte ein verschmitztes Lächeln auf und entgegnete: Schade! Ich habe das Original allerdings besessen, allein Demokritos hat es vor Monaten von mir zurückverlangt, um noch einige Veränderungen daran vorzunehmen. Die Mitteilung war geeignet, Aristipp schwer zu bedrücken. Denn man kannte ja die unstete Lebensart des Demokrit, der in der Regel für unauffindbar galt und der jetzt vielleicht durch Ägypten oder Indien streifen mochte. Wir werden ihn zu finden versuchen, meinte Agenor. Auf meinem Grundstück lebt ein alter Gärtner, der sich auf das Orakel der Vogelflüge versteht, und der uns vielleicht einen Hinweis aufspüren kann. Aristipp folgte bekümmert dem Gastfreund durch die Parkwege bis zu einem großen Pavillon an der Grenze des Landguts. In einem Innenraum saß, den Rücken gegen die Eintretenden gekehrt, ein alter Mann, in Büchern vergraben. Der wandte sich um, und in dieser Sekunde wußte Aristipp, freudig erschauernd: er stand vor dem großen Forscher, vor dem »lachenden Philosophen«. Und es ergab sich, daß Agenor seinen verehrten Freund und Verwandten Demokrit schon ziemlich lange dort beherbergte, in einem bis dahin gut gewahrten Inkognito. Denn der Forscher wollte von seinen ausgedehnten Wanderfahrten einmal gründlich ausruhen und dabei an einige seiner Hauptwerke die letzte Feile anlegen. Obschon Menschenscheu nicht seine Art war, hielt er doch darauf, sich zeitweilig zu vergittern, denn er wußte, daß jeder Besuch zehn andere nach sich zog, und daß er, um in einem Zuge arbeiten zu können, die Luken möglichst dicht zu verschließen hatte. So ahnte man nicht einmal in der Ortschaft Ägina, welch hervorragende Persönlichkeit sich in dem Schlößchen vor ihren Toren aufhielt. Wenn jetzt Aristipp in seine Klausur einbrach, so ließ er dies in Anbetracht des Motivs gern gelten, und es machte ihm sogar Spaß, den Grund einer ungeheuren Überraschung zu bilden für einen, den nicht die profane Neugier, eine Berühmtheit zu begucken, sondern ehrlicher Wissenstrieb hierher geführt hatte. Bald eröffnete sich eine angeregte Unterhaltung, und man stand eben im Begriff, auf die gedanklichen Grundlagen in dem Werk »Diakosmos« einzugehen, als Demokrit mit der Bemerkung ablenkte: – Schließlich ist es ein Buch wie andere mehr, und ich denke mir, daß der junge Herr Aristipp sehr bald Veranlassung haben wird, sein Interesse nach anderer Richtung zu lenken: Weißt du denn, Agenor, daß du als Gutsherr seit gestern eine neue Nachbarschaft bekommen hast? und daß diese Nachbarschaft wahrscheinlich mit stärkerem Magnetismus wirken wird als meine vorhandenen und noch ungeschriebenen Werke? Agenor bestätigte die Tatsache, ohne auf die Folgerung einzugehen. Ja, der Gärtner habe ihm mitgeteilt, daß sich auf dem Nebengrundstück eine Dame mit einem stattlichen Gefolge von Dienerinnen angesiedelt habe. Er wisse nicht, woher sie stamme und überhaupt nichts Bestimmtes über die Persönlichkeit. Vermutlich die Geliebte eines Patriziers von Athen, die ihren Aushälter zur Abwechslung mit den Schürzenjägern von Ägina betrügen wolle. – Da weiß ich doch schon etwas mehr, ergänzte Demokrit mit jovialem Ton. Heut Vormittag, als ich zwischen dem Buschwerk herumspazierte, und mir eben über ein Problem meiner Atomlehre den Kopf zerbrach, bemerkte ich die neue Figur drüben, und da das Gartengitter unverschlossen war, so ging ich aufs Nachbarland hinüber und sprach sie einfach an. Demokrit, sagte Agenor mit nicht ganz ernst gemeintem Vorwurf, Demokrit, das klingt bedenklich! in deinen Jahren und bei deiner Autorität! – Eines kompensiert sich mit dem andern, und ich wüßte nicht, wozu mir die Autorität besser dienen könnte als zu einem Vorsprung des Alters über die Jugend. Also ich genierte mich nicht, sie ebensowenig, und sie hat mir ganz ungezwungen eine Menge Dinge erzählt, die mich im Moment stärker fesselten als alle Verborgenheiten der Molekulartheorie. Alter Sünder! drohte der Gastfreund. – Sie heißt nämlich Lais und hat trotz ihrer Jugend, – knapp zweiundzwanzig Jahre – schon so etwas wie eine Vergangenheit hinter sich. Und das muß sie wohl haben, sonst würde sie irgendwo in Familienverschluß versauern, anstatt hier als unabhängige offenbar vermögende und verwöhnte Gutsherrin zu paradieren. Eine Zwischenfrage – rief Aristipp, den es eigentümlich zu durchrieseln begann – stammt diese Dame etwa aus Korinth? – Nein, sie ist eine gebürtige Sizilianerin, aus Hykkara, und wurde nach der Eroberung ihrer Vaterstadt durch den Athenischen Feldherrn Nikias als siebenjähriges Mädchen auf den Sklavenmarkt geworfen. Diese Katastrophe der Kindheit wurde das Glück ihrer jungfräulichen Jahre. Ihr Käufer, der steinreiche Strobylos aus Megara, besaß den feinschmeckenden Scharfblick, um in der unerschlossenen Knospe den Reiz der künftigen Blüte zu ahnen, und beschloß daher, die kleine Laidion zu einem Lebensschmuck für seine späteren Jahre heranzubilden. Die Sklavin wurde unter Herbeiziehung der vorzüglichsten Magister wie eine Prinzessin erzogen und entfaltete sich so glänzend, daß bald alle Fäden im Hause an ihrem Willen hingen; und wenn überhaupt noch von Sklaverei die Rede war, so kam als Untergebener wesentlich Strobylos in Betracht, während sie alle Vorrechte einer Gebieterin innehatte. Strobylos starb, ohne das Ziel erreicht zu haben, das seine vorsorgliche Männlichkeit ihm so lockend vorgehalten hatte; er nahm dafür ins Elysium die schöne Gewißheit, daß seine vormalige Sklavin als Haupterbin seiner Güter niemals die Not des Lebens kennen lernen würde. Lais, die sozusagen jungfräuliche Witwe, verstand es auch wirklich, sich das Dasein angenehm zu machen, – sich und Andern. Sie haftete nicht eigensinnig an der Scholle, residierte vielmehr bald da, bald dort, und wo sie erschien huldigte ihr die feinste Auslese der Jünglinge und Männer. Sie galt als schwer zu erobern, allein schon die Anstrengung an sich, ihr zu gefallen, galt als befeuernder Anreiz, und ihre geringste Gunstbezeigung wurde höher bewertet, als die volle Umarmung jeder anderen. Dabei spielte die Frage, ob sie wirklich die Schönste von allen wäre, nur eine nebensächliche Rolle. Es gab sogar vereinzelte Stimmen, die eine Thais, Phryne, Theodota, rein als körperliche Modelle angesehen, noch lauter priesen. Aber Einstimmigkeit herrschte darüber, daß neben ihr als geistige Anregerin höchstens noch Aspasia in Betracht kam; und da diese wiederum mit ihren körperlichen Reizen der Zeit bereits einen gewissen Tribut entrichtet hatte, so blieb und bleibt es dabei, daß diese Lais als einzig und unübertrefflich angesprochen werden muß. Alles sehr schön, – bemerkte Agenor, der schon wiederholt nervös hin- und hergerückt war, – aber ich vermisse in alledem das Ethische, das in höherem Sinne Platonische. Da mag einer verklausulieren wieviel er will, es bleibt doch eine sinnliche Angelegenheit, und alle diese Damen spekulieren auf die polygamen Lüsternheiten einer Männerwelt, die sie nur allzu erfolgreich ihren Pflichten in Haus und Familie abspenstig machen. Ich halte mich für keinen strohköpfigen Philister und bin gern bereit, dem Erotischen gegenüber ein Auge zuzudrücken. Aber beim Erotischen will ich das Herz beteiligt sehen, nicht bloß die Organe, die Reize aussenden und durch Reize gestachelt werden. Diese Damen wollen triumphieren, über Scharen knechtseliger Anbeter hinwegschreiten, aber nicht lieben; ja, es ist mir sogar sehr zweifelhaft, ob sie in ihrem Höhenrausch überhaupt imstande sind, diesem Gefühl ihr Herz zu öffnen. Es berührt mich deshalb peinlich, daß ein so hervorragender Mensch wie unser Demokrit von ihnen in Ausdrücken redet, als ob sie im Ernst unser Ideal der weiblichen Vollkommenheit verwirklichten. – Liebster Agenor, versetzte Demokrit, wer in der Schätzung der Dinge von Idealen ausgeht, der bringt Maßstäbe mit, die auf den einzelnen Fall nicht passen. So eine Lais ist vielleicht ein Einzelphänomen, das für die Kultur und für die feinste Erotik mehr bedeutet als hundert ehrbare Hausmütter, die einmal aus Liebe geheiratet sein mögen, ohne die Befähigung, die unendlichen Möglichkeiten dieses Gefühl auszugestalten. Die allermeisten nähren die heilige Flamme mit dem dürren Brennholz der Pflicht, während die Glühstoffe der Leidenschaft nötig sind, um sie strahlend zu machen. – Demokrit, wo soll denn aber bei diesen Damen die Leidenschaft herkommen? – Aus dem Bewußtsein, daß sie auf heißumstrittenen Stellungen einen Beruf haben, und daß dieser darin aufgeht, unausgesetzt Flammen zu entzünden. Gewiß, manche bleiben persönlich dabei salamandrisch kühl; und sie verschieben den Schwerpunkt des Glücks in den Kopf und in die Nerven, weil das Herz gar nicht imstande wäre, alle Stürme ihres erotischen Daseins auszuhalten. Allein es fehlt auch nicht an zarten, echten Neigungen, und speziell deiner neuen Nachbarin traue ich dergleichen zu. Ich habe sie selbst auch danach befragt, und sie zögerte nicht mit dem Bekenntnis, daß ihr Herz noch heute die Nachwirkungen eines längst vergangenen Erlebnisses verspüre. Ich fragte weiter, ob sie mir vertrauen wolle, wer der Glückliche gewesen sei. Ob glücklich? sagte sie, ich weiß es nicht; vielleicht nur in der Betrachtung, in die er damals allen Genuß verdichtete. Und ich selbst, ergänzte sie, entzog mich geflissentlich aller weiteren Begegnung, um einem Abenteuer nichts von seiner Schönheit zu rauben, die vielleicht nur in seiner Kürze und Plötzlichkeit begründet war. Aristipp war aufgesprungen und stürmte hinaus, geradewegs auf die Grenzhecke, über die er sich an nächster Stelle mit dem Rufe » Echo ten Thean! «: »Ich habe die Göttliche« mächtig anspringend hinüberschwang. Drüben stand sie an einem Spalier und schnitt Rosen. Von dem Anruf überrascht wendete sie sich um, ließ das Gartengerät fallen, breitete die Arme aus, und ein leises Zittern durchwogte ihren Körper, als sie aneinandersanken. Jede Liebe ist ein Unikum, von zahllosen Unwiederholbarkeiten durchsetzt, für die Betrachtung ein Unvollendbar. Die Unendlichkeit in den Beschaffenheiten beider Menschen kumuliert sich in der Berührung zu einem Unendlich höherer Ordnung, dem gegenüber die Sprachanalyse mit ihren dürftigen, auf sinnlich, lyrisch, seelisch bezogenen Ausdrucksmitteln gänzlich verstummt. Hier vollends, bei so besonders organisierten Naturen, wird sie der Phantasie allen Spielraum gewähren und sich auf lose Andeutungen beschränken müssen, zumal Aristipps eigene Beichte eher dazu angetan war, erraten zu lassen, als zu beschreiben. Sein Verhältnis zu Lais, wie es sich nach dieser zweiten Begegnung entwickelte, besaß zwar einen stürmischen Auftakt, aber keine orgiastisch betonte Fortsetzung. Es war wie ein Berggewässer, das wildschäumend den Felsriegel durchbricht, um nach gesprengtem Hindernis als klarer, allen Reflexen des Himmellichtes geöffneter Wiesenbach dahinzufluten. Ohne Verabredung empfanden beide, daß ihre Glückseligkeit nicht von der Menge und Hitze ihrer Umarmungen abhängen durfte, sondern von dem ebenmäßigen Fluß ihrer gleichgestimmten, sich stetig berührenden Neigung. Sie wollten weder Modelle für eine heroische, noch für eine lyrische Oper werden, weder in Schmachtseligkeit girren, noch durch Argwohn und Machtwillen dramatische Akzente schaffen. Er wußte, daß er keine Vestalin vor sich hatte, und vermied es, sie auf Wege zu drängen, auf denen sie entweder hätte bekennen oder heucheln müssen. Ja, vielleicht lag für ihn ein geheimer Anreiz in der Voraussicht, daß die Tage des körperlichen Alleinbesitzes für ihn gezählt wären, und daß sich dann ihre seelische Zusammengehörigkeit um so stärker zu erproben haben würde. Ihm war es, als verfügte Lais über zwei Virginitäten in verschiedener Gleichgewichtslage; die eine, die ihrer Gliedmaßen, erneuerte sich stets im Jungbrunnen ihrer lieblichen Grundnatur und konnte wohl auch einem anderen zufliegen; die zweite indeß, die herber getönte Jungfrauschaft ihres Charakters, dessen war er gewiß, würde ihm unberührt und unverlierbar als eigen verbleiben. Man hätte von einer reinen Seelenverwandtschaft sprechen können, von einer bedingungslosen Freundschaft zwischen Mann und Mädchen, wenn nicht die Sinnlichkeit einzelne unbewachte Momente erlauerte, um gleichsam mit List zu stehlen, was man ihr ohnehin nicht verweigert hätte. Aber die nämliche Sinnlichkeit machte sich stets wieder mit ihrer Beute davon, ohne ahnen zu lassen, ob sie je wiederkehren würde. Es blieb beim Impromptu, ohne den fatalen Beigeschmack, den jede sichere Wiederholung erzeugt. In den vereinigten Akkorden ihres Lebens vernahmen sie die Freundschaft als die moralische Dominante, und mochten auch die Worte nicht ihrer Zeit angehören, so empfanden sie doch den Sinn des Satzes: das Moralische versteht sich immer von selbst. Sinnliches und Übersinnliches In diesem Gefühlsfrühling hatte Lais ihren neuen Park noch nicht für die Menge derer geöffnet, die Einlaß begehrten. Draußen tobten die Ägineten vor den Mauern, Jünglinge und Männer von Rang und Ansehen, und begriffen es nicht, daß man entgegen allen Traditionen die Tore verschlossen hielt. Sollte die Herrin im Banne klösterlicher Anwandlungen stehen? Oder sollte sich gar ein Begünstigter angefunden haben, der hier eine Odysseische Parodie mit der Spitze gegen die Freier aufzuführen beabsichtigte? Dem würde man das Handwerk schon legen kraft des Rechtes der Majorität. Die Besonneneren mahnten zur Geduld. Lais besäße keine Anlage, weder zu einer vermählten noch zu einer ledigen Penelope. Unterläge sie selbst zeitweiligen Hemmnissen, so hätte sie doch mit vielzuvielen Reizen der Freiheit ihre Jugend vergoldet, als daß sie imstande wäre, das Grau in Grau der einsiedlerischen oder zweisiedlerischen Abgeschiedenheit auf die Dauer zu ertragen. Ehe diese Vertröster Recht oder Unrecht behielten, sorgte Lais auf ihre Weise für Zerstreuung. Sie lud schon in der ersten Woche ihres Aufenthalts die drei Herren zu einer frugalen Gartenpartie, und so finden wir sie mit Aristipp, Demokrit und Agenor an einem blumenbekränzten Tisch, an dem leichtfüßige Dienerinnen Früchte reichten und Wein krendenzten. Agenor hatte anfänglich in sich selbst etliche Bedenklichkeit verspürt. Er gab sich indeß einen weltmännischen Ruck und nahm sich vor, der Dame mit all der Freundlichkeit zu begegnen, die sie als Gutsnachbarin beanspruchen durfte. Lais begann mit einer Entschuldigung. Die Tafel wäre doch wohl etwas zu ländlich ausgefallen; allein sie sei mit der Hauseinrichtung noch im Rückstand und könne an reichere Bewirtung erst denken, wenn ihr neuer aus Thurioi stammender Koch hier eintreffen würde. Demokrit, der sich über eine enorme sizilische Ananas hergemacht hatte, meinte, dies hieße für die Zukunft Vortreffliches erhoffen. Zwar sei auch die Gegenwart appetitlich genug bedacht, allein von einem Koch aus Thurioi, dem vormaligen Sybaris, dürfe man mit Recht kulinarische Wunderdinge erwarten. Nach meinem Geschmack, Dame Lais, – äußerte Agenor – zeigt schon dieses Gastmahl, das du frugal zu nennen beliebst, einen Anflug von Verschwendung. Und was deinen sybaritischen Koch anbetrifft, so gestehe ich, daß meine Sehnsucht nach ihm äußerst gering ist. Meines Erachtens müßte eine tüchtige Magd am Küchenherd, unter sorglicher Aufsicht der Hausherrin, völlig ausreichen, um alles Erforderliche zu leisten. Ach Agenor, lachte Lais, da traust du mir Fähigkeiten zu, die ich ganz und gar nicht besitze. Sorgliche Aufsicht der Hausfrau – wie käme ich dazu, da ich ein Tier ebenso wenig schlachten, als auf der Pfanne braten sehen kann. Seit fünfzehn Jahren habe ich keine Küche betreten; und ich wüßte dir eher ein Rezept zur Bereitung einer Sapphischen Ode zu nennen als zur Herstellung einer Suppe. – Es liegt aber im Beruf der Frau, sich darum zu kümmern. Schließlich, Lais, kann dich auch einmal das Verlangen anwandeln, aus dem Lärm des Tages zu den Penaten zu flüchten, in einen stillen Hausfrieden, vielleicht sogar an der Seite eines braven Mannes, falls der vorurteilslos genug ist, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Es soll ja solche geben, obschon ich mich – ganz persönlich gesprochen – in dessen Rolle nicht hineinzudenken vermag. Spare die Argumente, Agenor, rief Aristipp; man glaubt dir ohne weiteres, daß du dich nie entschließen könntest, eine Lais zu ehelichen, und du magst ihr glauben, daß sie sich mit dem Verzicht abfindet. Denn sie wandelt auf des Lebens Höhen wie eine Fürstin, und hat gar keine Veranlassung, sich an die Kette legen zu lassen. Das betrifft natürlich nicht deinen persönlichen Wert, den sie zweifellos so hoch einschätzt wie wir Männer. Aber nimm an, daß der oberste der Archonten von Athen sich um ihre Hand bewürbe, so stünden seine Aussichten nicht um ein Haar besser. Ja selbst ein Perikles dürfte sich keine Hoffnung machen. Aspasia ließ sich von dem Glanz des Gewaltigen blenden und heiratete ihn, nachdem er seine erste Gattin verstoßen hatte. Lais würde auch der Verlockung des Perikles widerstehen. Nimm die Beispiele woher du willst, sie ragt darüber hinweg. Die Hetäre Thargelia hat gewiß eine schöne Karriere gemacht: sie wurde durch Heirat Königin von Thessalien. Aber nicht einmal um den Preis eines königlichen Diadems wäre unsere freundliche Wirtin in das Schlafgemach eines Gebieters zu zwingen, auf dessen Thron sie nicht erhöhter stehen würde als in ihrer selbstherrlichen Unabhängigkeit. Hier widersprach Lais: Es handle sich wohl nicht darum, absonderliche Fälle zu konstruieren, sondern die näherliegenden Möglichkeiten zu betrachten. Sie wolle gar nicht leugnen, daß der Gedanke einer dauernden Bindung ihr keineswegs völlig absurd erschien, und sie schon wiederholt, wenn auch nur in flüchtigem Vorübergleiten beschäftigt habe. Schließlich bliebe man doch nicht in alle Ewigkeit begehrenswert, und es zieme sich, auch die Tage ins Auge zu fassen, da sich die Zahl der Bewunderer lichten könnte. Demokrit wiegte in scheinbarem Erstaunen das Haupt: Nur noch einen Schritt weiter, dann könnte ja der Kochmeister aus Sybaris kommen, um ein Hochzeitsmahl anzurichten. Nur würde meine Festrede, falls ich sie etwa als Alterspräsident halten sollte, etwas elegisch ausfallen. Ich stünde vor einer Tatsache, die es mir unmöglich machte, die Heiterkeit meiner Weltauffassung aufrecht zu erhalten. Höre, Demokrit, man könnte zweifeln, ob dies ein Kompliment vorstellt oder eine Geringschätzung. Schließlich gibt es glückliche Ehen wie unglückliche, und ich möchte wissen, warum ich nicht imstande sein sollte, mit festem Willen einen einzelnen Mann, dem ich mich angelobte, glücklich zu machen. – Liebe Lais, in dir regt sich der Wille, die Gesichtspunkte zu verschieben. Nicht darauf kommt es an, was der einzelne von dir zu erwarten hätte und du von ihm, denn das wäre eine ganz nebensächliche Angelegenheit gegen die weitaus größere, ob du dich als Bekennerin des freien Umgangs deinem Stande erhalten sollst. Das Hetärentum, wie du es vor uns verkörperst, wird nur sehr schwach, sehr unzureichend taxiert, wenn man es lediglich als eine vergnügliche, laxe Sittenform betrachtet. Es ist vielmehr eine Kulturerscheinung, die nach ihrem vollen Wert erst von der Zukunft erkannt werden wird. Du selbst, Lais, bist im Sinne der Kultur nur Trägerin eines Unbewußten. Das Bewußte wird die Erkenntnis sein, daß unsere Kunst, unsere Wissenschaft, unser Hellenentum in seinen feinsten Ausstrahlungen dich und deinesgleichen zur Voraussetzung hatten. Denn von der Geschlechtlichkeit hängt das Leben ab, und ohne die Besonderheit des Hetärenkultes hätten sich zahllose geistige Keime dieses Zeitalters gar nicht entwickeln können. Gibt man aber zu, daß die Hetäre eine Mission zu erfüllen hat, so gelangt man unvermutet an den Begriff einer Pflicht, an die Obliegenheit, nicht verkümmern zu lassen, was aus Besonderheiten des Reizes befruchtend für Geistigkeiten geworden ist. Eine Hetäre wie du, Lais, deren Person schon die Klasse symbolisiert, wird fahnenflüchtig, wenn sie ihren Stand verläßt. Sie begeht Verrat an einer Kultur, die auf Freiheit und Schönheit gegründet ist, die freie und schöne Standespriesterinnen verlangt, um die Möglichkeiten zu schaffen zur Geisteshöhe eines Protagoras, zur Kunsthöhe eines Praxiteles. Taucht sie in der Massengilde der Matronen unter, so gewinnt sie allerdings an Ehrbarkeit im Blicke der Stadtbüttel und der Verordner papierner Gesetze, nicht aber im Blicke der Erleuchteten, die den Zusammenhang der Erscheinungen überschauen und die wissen, daß mit der letzten Hetäre großen Stils auch der letzte Geistesglanz dieses Volkes dahingehen wird. Du wirst einräumen, daß solche Betrachtungen nicht geeignet wären, das Gerüst zu einer freudigen Festrede aus Anlaß deiner Hochzeit zu liefern. Ein Glück, daß ich sie nicht zu halten brauche, und daß du selbst, Lais, als Hohepriesterin deines Standes von der Unmöglichkeit dieses Anlasses genau so durchdrungen bist, wie ich. Agenor geriet über diesen Erguß außer sich. Er wurde ganz irre an den elementarsten Dingen der Sitte und des Anstandes, und seine Stimme überkugelte sich im Ansturm der Widersprüche, die ihm massenweise über die Zunge sprudelten. Als das schlimmste empfand er, daß diesen Frauen so etwas wie besondere Würde, Ehre und Tugend zugewiesen wurde, gleichsam im Gegensatz zu den Matronen, die in dieser Abschätzung mit einer geringeren Stufe vorlieb nehmen sollten. Er wandte sich an Aristipp, wie er denn darüber prinzipiell dächte. Ich vermute, sagte Aristipp, daß uns Demokrit über das Prinzip noch einige Lichter aufstecken wird, und ich möchte seiner Weisheit nicht vorgreifen; denn man könnte auf Rechnung meiner genußgierigen Jugend setzen, mir also schief auslegen, was in seinem Munde solcher Mißdeutung entrückt sein wird. Unser Anfangsthema, ob die Ehe für Lais überhaupt in Betracht kommt, halte ich für eine Frage ohne Substanz. Ich könnte dazu auch keine richtige Stellung nehmen, denn ich bin als ihr augenblicklich bevorzugter Freund Partei, und es wäre leeres Getue, wollte ich vor euch verbergen, was sie selbst nicht im geringsten verheimlicht. Sollte aber die Frage den Nebensinn haben, wie ich angesichts der Ungebundenheit ihres Standes mit meinem Herzen fertig werde, so kann ich nur wiederholen, was ich stets denke, wenn ich sie ansehe: Sei was du willst, nur bleibe wie du bist. Sei wie der Zephyr, an den ich nie das Ansinnen stelle, er solle für mich allein wehen. Wie freudlos wäre die Welt, wenn die Natur dem Einen vorbehielte, was als natürliche Wohltat für so Viele ausreicht! Auf den Lippen einer schönen Frau blühen Myriaden Küsse, eine Ernte von Küssen, die ein Reich versorgen könnten ... Nur daß der Kuß entwertet wird, wenn die Spenderin ihn verallgemeinert, – schaltete Agenor ein; und gegen diese Entwertung gibt es nur eine Hilfe: das Sittengesetz, das den Mund der Frau ausschließlich dem berechtigten Gatten öffnet und für jeden andern versiegelt. Ich zweifle sehr, sagte Demokrit, ob dieses Gesetz von der Natur verordnet worden ist. Denn die Natur ist eine Poetin, sie dichtet in Reizesfülle und wehrt sich gegen die Prosa der Reizverkümmerung. Für ihre poetischen Zwecke braucht sie den Wettbewerb, zeichnet sie im Großen das Prinzip vor, das Homer und Sophokles im Kleinen nachschaffen, braucht sie den Eroberungsdrang von Sekunde zu Sekunde, – und wie sollte man erobern, was man schon besitzt, was man als der legitime Herr eingesperrt hält? Was der Praktiker Staat verordnet ist allemal unpoetisch, hart wie der Stein, in den er seine Statuten eingräbt, und das Poetische kann sich erst entfalten, wo die starre Satzung durchbrochen wird. Diese will Oberherrschaft des Mannes und verstößt damit gegen die Grundnorm der Schönheit, gegen die Symmetrie, denn die Kategorien Mann und Frau sind im Plan der Schöpfung nicht nach Oben und Unten, nicht als Last und Stütze vorgesehen, sondern als symmetrische Teile des Bauwerks Anthropos gedacht. Aber nachdem wir einmal aus Staatsräson den Schwerpunkt verschoben haben, hilft sich die dichtende Natur, indem sie einen zweiten Schwerpunkt hinzuerfindet, um die zerstörte Symmetrie wiederherzustellen. Sie entwirft neben dem Männerstaat ein Zauberreich mit der Suprematie der Frau, mit einer illusionären Verfassung, in der die Frau vergöttlicht wird. Hier finden wir lebendig dargestellt, was uns sonst nur die Phantasie erleben läßt. Es ist keine grammatische Laune, kein bildnerisches Ungefähr, daß uns die Schönheit, die Freiheit, die Glückseligkeit, die Gerechtigkeit, ja sogar die Tugend und die Tapferkeit als Frauenfiguren vorschweben. Im Femininum selbst steckt das vergöttlichende Symbol, und so gewährt es uns eine Lust ohne Gleichen, in dieses magische Reich zu blicken, uns darin zu betätigen und in ihm unsere Wettkämpfe zu bestehen, um von Frauenhuld gekrönt zu werden. Es ist ein Reich olympischer Spiele, ohne Anfang und Ende, ohne vorgezeichnetes Programm, und jeder olympische Sieg, den der Mann hier erstreitet, ist zugleich ein Sieg über das Vorurteil der staatlichen Satzung; denn er empfängt den Preis aus der Hand einer Frau, die außerhalb der Ehe steht. Eng ist das Gebiet dieses Reiches, aber inhaltsvoll, und der Mann, der es betritt, muß dauernd sein Vorzüglichstes aufbieten, um auch nur seine Aufenthaltsberechtigung nachzuweisen. Der Vorsatz » Aien aristeuein «, »Immer der Beste sein und den Vorrang zu haben vor anderen« gewährt ihm die Möglichkeit, noch lange nicht die Gewißheit des Verweilens. Im Grunde genommen geht es hier strenger zu als in der ordnungstüchtigen auf Sittenstrenge errichteten Republik, ja in gewissem Betracht überragt die kraft ihrer Schönheit regierende Frau sogar den Despoten. Denn der herrschende Mann braucht immer noch eine sichtbare Macht hinter sich, er stützt sich auf Waffen in den Händen anderer. Bei der herrschenden Frau erfließt die Macht aus ihr selber, sie ist Trägerin einer Naturgewalt, gegen die es keine Berufung und keinen Widerspruch gibt. Ich sagte eben »außerhalb der Ehe« und bezeichne damit ein Gebiet, daß nicht wie das Ehegemach von wohlbehüteten, undurchsichtigen Mauern umgrenzt wird, sondern in freier Sonne liegt, zugänglich allen Buntstrahlungen aus prismatischen Wünschen und Begierden. Die Bewohnerin des Gynäceums, die Matrone, lebt im Besitz gesicherter Privilegien, empfängt in spärlicher Berührung mit der Außenwelt nur Zeichen der Achtung, ist staatserhaltendes Element und muß diese Vorzüge mit schwerem Tribut an das andere Gebiet bezahlen. Sie ist die Hüterin einer unverbrüchlichen Statik, drüben waltet im freien Spiel der Kräfte die Dynamik. In ihrem Raum wird ein von Natur auf Sekunden gestellter Trieb pedantisch zu Schlafnächten verlängert, und es ereignet sich nicht selten, daß dabei das Fluidum Liebe käsig gerinnt. Drüben bleibt es in stetem beweglichen Fluß, und allen Staatsmoralisten zum Trotz bevorzugen sogar die klassischen Dichter das bedenklich romantische Gelände. Homer rühmt Andromache als Frau, als Mutter, als Trägerin eines Staatsgedankens, allein seine Farben geraten üppiger, wenn er Kalypso malt. Es bleibt immer der Abstand wie von Stube zu Grotte, wie von Bürgerlichkeit zur Naturpoesie. Und bei aller Sehnsucht nach der sinnigen Penelopeia weiß doch Odysseus das Transzendente in der Umarmung der göttlichen Nymphe vollauf zu würdigen. Ja selbst die Sehnsucht nach der Legitimen betäubt sich in den Freudennächten bei der Circe bis zu dem Grade, daß ihn erst die Gefährten nach einem Lustjahr mahnen müssen, sich doch endlich des Vaterlandes zu erinnern ... Da sind wir beim Kernpunkt, bemerkte Agenor bitter; schon die Fabel liefert da das kritische Stichwort, denn Circe verwandelte eben die Menschen in Schweine, und so unterlag auch Odysseus einem viehischen Zauber. – Es bleibt dir unbenommen, das Sinnliche so zu bezeichnen. Nur besteht die Tatsache, daß bei den Nachfolgerinnen der Circe das Sinnliche sich immer mehr vergeistigte, und daß ihre Verführung mit Kunstmitteln operieren lernte, die geradezu eine Abkehr vom rein Animalischen darstellen. Wie mag es wohl kommen, daß wir gerade die geistreichsten Philosophen und Künstler in ihrem Gehege finden? Wollen wir im Ernst annehmen, daß bei ihnen der materielle Lustdrang alle anderen Triebe überwucherte? Das liefe auf einen verhängnisvollen Sprachschnitzer hinaus, denn es hieße den Hedoniker einfach dem Lüstling gleichsetzen. Die Hedone aber, die freudige Stimmung, ist an sich sehr verschieden von der voluptas und libido , und wer das nicht auseinanderzuhalten vermag, der entbehrt des Urteils sowohl über den Hedoniker wie über die Frau, der er seine hedonischen Anregungen verdankt. Erst damit gelangen wir an den Kernpunkt der Sache. Unsere neuen Circen, die großen Zauberinnen und Verführerinnen, haben nämlich eine Sendung, die sie weit heraushebt über die feile Zunft der Venuspriesterin. Es sind da mehrere Schichten übereinander gewachsen, und man könnte annehmen, daß jede den Humusboden bereitet für das Aufsprießen einer veredelten Klasse. Das Element der untersten Schicht, die in Scharen umherschweifende Dirne, die Porne, macht auf künstlerische Wertung keinen Anspruch. Sie ist einfach eine soziale Notwendigkeit, den Kausalitäten des Lebens unterworfen, und ihre zuständigen Gottheiten sind Äskulap und Hygiea, während der Hofstaat der Venus kaum für sie in Betracht kommt. Hier wird nicht gezaubert, sondern gehandelt nach den Grundsätzen von Nachfrage und Angebot, und keinem Vernünftigen wird es einfallen, an einen Liebesgarten zu denken, wo sich nichts anderes öffnet, als ein Markt. Aber selbst die Porne, sofern sie gesund ist und das Verlangte leistet, kann sich noch auf einen Charaktervorzug berufen, denn sie handelt ehrlich, nach einfacher Arithmetik, während die ehrbare Geschlechtsschwester, die geheiratet sein will, oft genug nach einer höheren Algebra verfährt, die den Spekulationsvorteil künstlich verschleiert. Gerade weil der Zauber, die Illusion bei der Porne keine Rolle spielt, tritt bei ihr ein Zug wie von Zunft-Anständigkeit hervor, sie operiert nicht mit den Giften der Liebe, mit Hinterhalt, List, Vorspiegelung, Betrug, und erspart dem Partner fast durchweg die Enttäuschung, die Reue, kurz die Seelenbeklemmungen, die sonst vom Erotischen unabtrennbar auftreten. Jedenfalls schließt ihre Rechnung bei der Ethik mit einem Guthaben. Denn so tief man sie auch klassifizieren mag, bestehen bleibt, daß die Masse der Unreinen einen Schutzdamm bildet gegen animalische Brandung, die sonst manche Reine überspülen und umreißen würde. Eine Schicht darüber beginnt der Anschein des Zaubers: das Dirnentum beginnt Blüten anzusetzen, wächst in die Klasse des niederen Hetärentums. Hier regen sich Ansprüche, mit dem ehelichen Haus in Wettbewerb zu treten und dieses an Reizungen zu überflügeln. Allein obschon hier an die Stelle des Marktpreises der Affektionswert tritt, erscheint es doch fraglich, ob der Ausdruck »Hetäre« hier schon an richtiger Stelle steht. Der Sprachgebrauch verfährt da ungenau, und man sollte noch einige Zwischentitel einschalten, etwa Phile, Eromene, Helix, Sympaistria – Geliebte, Gespielin –, um das große Prädikat auch wirklich für die Großmeisterinnen des Faches aufzusparen. Denn diese werden in der vorbereitenden Schicht noch nicht angetroffen, wohl aber Individuen, die sich über das Handwerksmäßige erheben und auf dem Wege zur Kunst wenigstens das Kunsthandwerk erreichen. Sie sagen sich von der wahllosen Nächstenliebe los, sie wählen selbst, sie individualisieren und schaffen sich eine Bühne, auf der sie Eigenrollen zu verkörpern haben. Hier werden sie Fachmänninnen der Erotik, die mit heiterer Maske ernsthaft ergründen, was zur Sache gehört, und die aus den Variationsmöglichkeiten des Faches ein Studium machen. Die zahllosen Fehler und Stümpereien, wie sie im matrimonialen Verkehr an der Tages- und Nachtordnung sind, kommen bei ihnen nicht mehr vor. Sie verfügen über ein großes Register negativer Eigenschaften, deren positive Gegenbilder sie den ehrbaren Dilettantinnen überlassen. Die Helix oder Sympaistria läßt sich nicht gehen, wird nicht salopp, sie gähnt und schnarcht nicht, sie übermüdet den Gefährten nicht, und hütet sich ängstlich vor der Grenzlinie, jenseits deren der vertrauliche Reiz degoutant wird. Im positiven Sinne betreibt sie eine Inszenierungstechnik ihrer Persönlichkeit, die nur unter Mitwirkung besonderer, von den Grazien eingegebener Instinkte möglich wird. In Haltung und Gang, in Kopfbewegung, Augenspiel, Atem, im ganzen Muskelmechanismus zeigen sich melodiöse Züge, die sich zwar von der Natürlichkeit ein wenig entfernen – wie ein Virtuosenvortrag von Amselschlag und Quellenrauschen – die aber doch eine reichere Skala von Lockungen umfassen, als die des Naturkindes; zumal sie auch die Note der Naivität auf dem Wege verfeinerter Kunst zu treffen wissen. Die Pflege des Körpers und der Kleidung, die Absicht und Absichtslosigkeit im Tragen des Zierats, der Eifer, in Äußerlichkeiten immer die gegenwärtige Sekunde des Lebensfestes zu betonen und dabei doch den Anschein des Geflissentlichen zu vermeiden, diese ganze Disziplin im Großen und noch mehr im Kleinen läßt darauf schließen, daß ihnen die Kenntnis von den Differentialwirkungen im Blute sitzt; von den unfaßbaren Kleinwirkungen, deren Summe ein mächtiges und wirkliche Leidenschaft erregendes Liebesintegral liefern kann. In ihrer Kunst vollends, zwischen Verhüllen und Entschleiern alle Lichter spielen zu lassen, mit einem Minimum anscheinend zufälliger Entblößung ein Maximum der Begierden zu entzünden, zeigen sie sich als Hellseherinnen, die Hesiods Lehre begriffen haben: »die Hälfte ist mehr als das Ganze«; ja sie verstehen es, schon ein Hundertstel zum übervollen Wirkungsbetrag zu steigern, eine Fähigkeit, die in den Pflanzstätten der keuschen Tugend niemals erworben werden kann. »Weil es die keusche Tugend verschmäht, mit derlei Lupanar-Künsten zu arbeiten,« rief Agenor dazwischen, »und weil ein Zug der keuschen Tugend wertvoller ist als alle Zweideutigkeiten in Gebärden und Worten, mit denen diese raffinierte Gilde ihre Erfolge bewerkstelligt.« – Du hättest recht, lieber Freund, wenn in deiner Äußerung ebensoviel Wahrheit steckte als Pathos. Allein pathetisch vorgetragene Sentenzen treffen nur selten das Richtige. Zu einer richtigen Abwägung gelangen wir vielmehr nur dann, wenn wir uns ganz unparteiisch die Frage vorlegen, ob denn das Bildungsniveau durchschnittlich hüben oder drüben höher liegt. Und da muß ich zu meinem Leidwesen bekennen, daß mir die Geschlechtstugend als Nährboden für Bildung recht unzulänglich erscheint. Dies ist vielleicht eine Folge des Energiesatzes im Naturganzen. Der Tugend wird ein so überlastendes Gewicht von Würde und Ansehen zugemessen, daß sie zur Erhaltung des Gleichgewichts mit einer entsprechenden Abgabe herangezogen werden muß. Und je höher wir sie ins Niveau der Verehrung rücken, desto stärker offenbart sie ihre eigene Unbeweglichkeit, die Oberstufen der Bildung zu erklimmen. Jene Abgabe wird vom Geist und vom Interesse eingezogen, mit der Folge, daß das geistig Interessante fast ausschließlich auf der Gegenseite der Tugend angetroffen wird. Im gesellschaftlichen Verkehr hat die Unschuld eine schwere Zunge, und ihr würden auch geläufigere Sprechorgane nicht viel helfen, da ihr nichts Interessantes einfällt. Die Probe auf das Exempel liefern schon die Platonischen Dialoge, in denen es von Tugendbetrachtungen wimmelt und die immer da am langweiligsten werden, wo sich die blanke Tugend ohne Nebenklang vernehmen läßt; weil nämlich ihr reiner Klang ohne die gefälligen Schwebungen und Obertöne des Lasters ganz monoton und farblos ausfällt. Man könnte einwenden, daß ja bei Plato nur die Männer reden, daß nur gelegentlich wie aus weiter Ferne die Stimme einer Diotima dazwischenklingt, und daß die Sache bei einer bunten Reihe der Redenden interessanter werden könnte. Weit gefehlt! Man denke sich disputierende Weiber hineingesetzt, dann würde die Debatte noch weit trostloser verlaufen, ja gänzlich versanden, weil unsere griechischen Frauen von der ehrbaren Kaste nicht einmal imstande wären, zu verstehen, wovon dort überhaupt die Rede ist. Ihre Erziehung ist so ausschließlich auf den Ehezweck gestellt, so einseitig auf das Kindererzeugen, Mägdebeaufsichtigen, Webstuhl- und Spinnrockenbesorgen, daß dieses Höchstmaß der Hausfrauengüte deren Inhaberin notwendig auf dem Nullpunkt der Geistigkeit festhält. Wie hat sich nun diesem Mißstand gegenüber der junge Mann zu verhalten, der strebende, in dessen Gehirn fortwährend organische Substanz zu Intellekt verbrennt? der mit jedem geistigen Atemzuge das Bedürfnis verspürt, einen Austausch von männlicher und weiblicher Denkseele herbeizuführen? Im Kreise der Ehrbaren kann er dies nicht einmal versuchen, denn diese schleppen ihr Gemach wie die Schnecke ihr Haus auf dem Rücken herum und verschwinden im Gynäceum bei der bloßen Annäherung. Zum Glück für den Strebenden, denn wäre es diesem vergönnt, miteinzutreten, so würde er darin vor langer Weile ersticken. Also: Flucht in die Öffentlichkeit, Flucht in den Garten, wo die reizende, im Männerumgang geschulte und in erweiterte Horizonte blickende Genossin seiner wartet; wo hundert Themen angeschlagen werden können, die ins Funkeln geraten, wenn sie im Doppelschliff zwischen Mann und Weib leuchtende Fassetten gewinnen. Und hier steigen wir in die Oberschicht der auserwählten Freundinnen, der Edelhetären, die noch mehr verstehen, als nur anmutig zu plaudern. Sie stellen eine Klasse für sich dar, äußerst schwach an Kopfzahl, an den Fingern einer Hand herzuzählen, aber jede einzelne eine Potenz in unserem Geistesleben, ein Kristallisationspunkt, dessen Wichtigkeit man nicht überschätzt, wenn man ihn als Kulturwert erster Ordnung ausruft. »Höre, Demokrit, ich möchte mich doch mit dir verständigen. Denn jetzt sprichst du ja von Angelegenheiten der Bildung, und ich habe gar nichts dagegen, daß eine Dame, die sich in Ungebundenheit bewegt, einen Teil ihres Schlaraffenlebens auf die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft verwendet, anstatt es ausschließlich mit Frivolitäten auszufüllen. Also zugegeben, sie soll sich soweit entwickeln können, daß sie einer anständigen Unterhaltung zu folgen vermag. Soweit komme ich dir entgegen, ich verlange aber dafür, daß du von der schwindelhaften Höhe deiner Taxe herabsteigst.« – Nein, Agenor, du mußt ganz zu mir heraufkommen. Ich beabsichtige nämlich auszuführen, daß eine solche Dame im geistreichen Gespräch nicht nur als gleichwertige Partnerin auftritt, sondern als die eigentliche Betrachterin sublimer Gedanken; so zu verstehen, daß viele der besten Eingebungen ohne sie gar nicht ans Licht treten würden ... »Du redest von ihnen wie von Präsidentinnen einer Akademie.'' – Das wäre mir zu wenig. Denn der akademische Magister kann nur überfließen lassen, was in ihm bereits vorhanden. Die Edelhetäre aber besitzt die wunderbare Eigenschaft, den Besitzstand des Kreises zu mehren. Sie weckt latente Kräfte, ohne sich in lehrhaften Vorträgen zu verausgaben, die man ja auch vernünftigerweise garnicht von ihr erwartet. Ihr Genre ist von besonderer Art: sie erfindet nicht, entdeckt nicht, produziert nicht aus Eigenem, aber ihre Anwesenheit holt aus der Umwelt das Sublime hervor; sie wirkt – wie ein »Katalysator«.. »Weißt du, Argelander,« – unterbrach ich – »beinahe hätte ich Lust, dem Gesprächsgegner Agenor Hilfe zu bringen, denn dein Demokrit kommt ihm mit Argumenten, deren Inhalt ihm ganz fremd sein müssen. »Katalysator!« das ist doch ein Begriff der neuzeitlichen Chemie, und ich vermute, daß du dem Philosophen etwas in den Mund legst, woran er selber im Garten der Lais noch gar nicht gedacht haben kann.« – Bist du wieder einmal bei der kalendarischen Einstellung? sagte Aristipp; muß ich wiederholen, daß die Erleuchteten in der Zeit vorausfühlen? und daß Kenntnisse, die du späteren Epochen zuweist, schon in der Urzeit vorhanden waren? In den geistigen Errungenschaften herrscht ein ewiger Turnus, für dessen Aufdeckung uns Demokrit in mancher Hinsicht das Beispiel bietet. Nicht vergebens hatte er in Ägypten geforscht, und dort, in Memphis bei den weisen Priestern des Ptah, hatte er bereits den Anstoß empfangen, der ihn zum Begriff der Katalyse führte. Er nannte ihn freilich anders, er gebrauchte den Ausdruck »Synapsis«, aber er meinte in der Sache dasselbe, und seine Erläuterung ließ darüber keinen Zweifel. Vergegenwärtigen wir uns den Vorgang: Wir verstehen unter »Katalyse« die wunderbare Tatsache, daß ein Körper lediglich durch seine Gegenwart in seiner Umgebung auffällige chemische Aktionen hervorbringt. Verbindungen, aufflammende Gluten, Explosionen, ohne sich sozusagen persönlich daran zu beteiligen. Die Vorbedingungen hierzu sind in andern Substanzen vorhanden, als ob sie in heimlicher Liebe zu einander strebten; aber die Verbindung, der chemische Effekt, kann nur erfolgen, wenn der Katalysator als Überbringer eines stummen Segens auftritt. So etwa wirkt poröses Platina auf die Entzündung eines Gases, das den Zündwillen schon in sich trägt, ihn aber nicht betätigen könnte ohne die Hilfe des Platins, dessen bloße Gegenwart die flammende Möglichkeit zur flammenden Wirklichkeit verdichtet. Der Katalysator braucht nicht einmal eine Substanz zu sein, nur ein Etwas mit auslösender Wirkung. Der Finger, der eine Abziehvorrichtung leise berührt, ist Katalysator für einen Schuß, dessen Kraftwirkung den Anfangsdruck unendlich übertrifft. In Stahl und Stein steckt Feuer; aber es bleibt darin tot und verborgen, bis ein Schlag es lebendig macht. Die Analogie liegt nahe und läßt sich vom Physikalischen zum Psychologischen leicht vollziehen: jede gedankliche Anregung, die sich im Effekt weit über das vorauszusehende Maß auswirkt, ist ein Katalysator. Es kommt nicht darauf an, ob die Anregung an sich gewaltige Züge trägt und aus einem ungewöhnlichen Gehirn ausströmt; nur darauf, daß sie auf Ideen trifft, die ringsum dämmern und auf Erregung warten. Alles gedanklich Bedeutsame kann hierdurch heraufgeholt werden, denn das Sublime ergibt sich immer aus mehreren Ideen, die zuerst isoliert lagen und ihrer Affinität nicht bewußt waren. Da weckt plötzlich der Anstoß die Verwandtschaft, und in glühender Reaktion wandelt sich das dämmernde Nebeneinander zum offenbarenden Funkenspiel. Fast alle Geisteserrungenschaften, mathematische, physikalische, philosophische Erkenntnisse, selbst künstlerische Neuschöpfungen sind durch solche Akte überspringender Ideen entstanden, und eine genaue Analyse würde dies in jedem Fall erweisen, selbst bei denkerischen Großtaten, wie Atomlehre, Sphärenharmonie und Himmelsmechanik ... »Immer mit dem Vorbehalt,« – ergänzte ich, – »daß das eigene Denken dabei die Hauptrolle spielt, daß also der Forscher oder Künstler den auslösenden Katalysator schon in sich selbst trägt.« – Gewiß, bestätigte Aristipp. Allein, was unser Demokrit damals ausführte, gründete sich auf die Wahrnehmung, daß eine Menge schöner Gedankenerzeugnisse nur im Wechselstrom zustande kommen, bei denen der Mann die Energien bereitstellt, die sich in Gegenwart der Frau entladen. Das Auge der Frau muß den Vorgang sonnenhaft bestrahlen, damit sich die Ideenkelche öffnen. Auch dieses Gleichnis läßt sich verfolgen: die Sonne selbst geht garnicht mit organischen Ideen schwanger, allein ihr Blick ist nötig, damit aus vorgebildeter Substanz eine Zeder, Palme oder Rose hervorkeime. Nur daß sich zu dieser Befruchtung die tugendsame Frau aus Attika, Böotien und Elea ganz und gar nicht eignet. Diese vermag nur ihre eigene Brut aus persönlichem Schoß hervorzubringen, aber nichts, was an männlichen Gebäraktus erinnert, an eine Pallas, die aus dem Manneskopf hervorsteigt. Aber die Hetäre höchster Klasse ist hierzu befähigt, vermöge der Spannung, die ihre Gegenwart dem Verkehrkreise erteilt; und je weniger sie darauf bedacht ist, ihre Körperlichkeit fortzupflanzen, desto zahlreicher wird ihre Nachkommenschaft an Intellektwerten. »Merkwürdige Wochenstuben sind das, mit trächtigen Männern und mit jungferschlanken Kurtisanen als Hebeammen und Gevatterinnen! Vielleicht haben eure geistreichen Huldinnen die Technik von Sokrates gelernt, der doch mit seiner sogenannten »Maieutik« auch den Geburtshelfer spielte.« – Spielen wollte, wäre richtiger. Denn was Sokrates mit seiner »Hebeammenkunst« vorhatte, das Herausholen richtiger Begriffe aus der Seele seiner Schüler, das ist ihm nicht gelungen; konnte ihm nicht gelingen, da die Schüler, die er mit peinlichen Frage-Zangen bearbeitete, gar nicht entbindungsreif waren. Seine Methode beschränkte sich also darauf, taube Nüsse und Nullitäten aus den Zöglingen hervorzuziehen, falls er nicht in die Wochenbetten allerlei holzige Knollen praktizierte, die auf seinem eigenen Beete gewachsen waren und ihm als saftige Früchte erschienen. Nein wirklich, in allen Unterhaltungen um Lais habe ich niemals etwas vernommen, was auch nur einen Anklang an die pedantische Quälerei des Sokrates aufwies. Dagegen bewährte sie sich als Meisterin in der Kunst, Probleme zu stellen, wie absichtslos, durch diskrete Wendungen in der Konversation, denen man zuerst garnicht anmerkte, daß sie in problematische Gebiete führten. Ja, ich bin sogar davon durchdrungen, daß sie selbst nur durch ihr instinktiv-geniales Gefühl für Takt, für den Rhythmus der Unterhaltung an solche Wendungen gelangte, und daß sie ebenso überrascht war wie wir Männer, wenn sich im kürzesten Anschluß plötzlich ein Problem erhob. Dann verstand sie zu schweigen, während unter uns die Debatte züngelte, in Lösungsversuchen, die ganz abgesehen von ihren Ergebnissen immer wieder neue Prospekte erschlossen. Wir bewegten uns dann auf einem Felde, auf dem man allenfalls einen Fehlschluß wagen durfte, aber ganz gewiß keine Dummheit, keine wortschwülstig aufgedonnerte Tautologie nach Sokratischem Rezept. Und mancher Intellektuelle mag später in stiller Beschaulichkeit weiter ausgearbeitet, in Schriften vervollständigt haben, was er im Anfang dem katalysatorischen Anstoß der Hetäre verdankte. »Wenn du mir nur ein Beispiel nennen könntest, wo die freie Dame über die bloße, halb unbewußte Anregung hinausging, eine Probe besonderen Scharfsinnes, aus dem zu entnehmen wäre: sie witterte nicht nur die Denkaufgabe, sie vermochte sie auch zu bewältigen?« – Damit kann ich dir dienen, – belehrte mich Aristipp – und hier schaltete er eine Erinnerung ein, um mir klarzumachen, daß sogar vom Lorbeer des Perikles ein stattlicher Zweig zugunsten der Hetäre abgetrennt werden müßte. Die Aufgabe war keine geringere als: die Begründung der Rhetorik als Kunst der Argumentation, die großartige und elegante Architektur der Rede, welche zugleich in die Tiefe der Wissenschaft und zur Höhe freier Kunst strebt. Was erfährt man darüber aus den Lehrbüchern der Kulturgeschichte? Man hört die Männernamen Lysias, Gorgias, Isokrates, Perikles, Demosthenes. Ich aber sage dir: eine Frau hat diese Herrlichkeit begründet, die Hetäre Aspasia aus Milet; und so genial ausgebaut, daß sie als die klassische Lehrmeisterin des Faches aufzutreten vermochte. Daß sie eine Akademie der Liebe hielt, tritt zurück gegen die Tatsache, daß sie eine Schule der Beredsamkeit eröffnete mit ihren eigenen Vorlesungen, bei denen wir Sokrates und Perikles als ihre Schüler erblicken. Ja, es hat nicht an Stimmen gefehlt, die behaupteten, Perikles habe seine berühmtesten Reden, so das peloponnesische Meisterwerk, das Thukydides der Nachwelt überliefert, direkt von der Aspasia empfangen. »Verzeih, Aristipp, wenn ich dagegen einen Zweifel äußere. Du wirst dich vermutlich auf einen Dialog des Plato berufen, der allen rhetorischen Ruhm von Perikles abstreift, um ihn auf jene Dame zu häufen, wobei denn grotesker Weise herauskommt, daß diese ganze hellenische Blütezeit eigentlich die Aspasische genannt werden müßte. Die Buhlerin würde dadurch nicht nur gereinigt, sondern direkt an die Spitze der intelligenten Menschheit gestellt werden. Aber vielleicht hat Plato nur einen intriganten Zweck verfolgt. Die von ihm mitgeteilte Rede der Aspasia könnte eigentlich eine Rede des Plato sein, schmugglerisch erfunden, um der Welt hinterlistig zu beweisen, daß er, Plato, es besser zu machen verstehe als Jupiter Perikles; und dann wäre es erklärlich, daß er die Juno Aspasia zu einem literarischen Kunststück mißbrauchte. Außerdem entsinne ich mich, daß dieser ganze, an sich wunderschöne Platonische Dialog von Schleiermacher als unecht erklärt worden ist.« – Dieses Zeugnis kommt reichlich verspätet und schlägt nicht durch. Wenn nicht Plato, sondern ein namenloser Irgendwer jene Rede entworfen hätte, so ist gar nicht abzusehen, warum er seine Genialität hinter den Deckmantel der Anonymität versteckte. Durchschlagend ist vielmehr, daß Autoritäten wie Athenäus und Plutarch, die doch den Dingen etwas näher standen, an die geistige Überlegenheit der Aspasia geglaubt haben; und daß wir selbst, ihre unmittelbaren Zeitgenossen, aus allen Wahrnehmungen die Überzeugung gewannen: Aspasia war das große Lumen, an dem sich die Athenischen Lichter entzündeten. »Aristipp, das sind Gedankengänge, bei denen schließlich deine Lais etwas verdunkelt werden könnte.« – Sie ist unparteiisch genug, um sich dagegen nicht zu wehren, denn niemand anerkennt williger als sie selbst die Hegemonie der einzigen Aspasia. Übrigens gibt es da auch eine Gegenrechnung, denn wenn die Diva von Milet wie die Sonne leuchtet, so zeigt sie auch Flecken wie die Sonne. Sie ist nicht nur Philosophin und Rednerin, sondern auch hochgradig Politikerin, als solche vom Machthunger besessen, und sie läßt sich von allen Mitteln, sogar der Intrige und des Lasters bedienen, um ihre Macht zu befestigen und zu erweitern. Es war bei uns offenes Geheimnis, daß sie zu dem Zwecke, ihren Magnetismus zu verstärken, junge, reizende Dirnen unterhielt und anlernte, zur Lust für einflußreiche Männer, welche die gefällige Sünde als eine schätzbare Ergänzung zur Weisheit der Hausdame erachteten. »Das kann Verleumdung sein, Aristipp!« – Genug, daß man ihr solche Kanaillerie zutraute, im strickten Gegensatz zu der Tatsache, daß die vornehmsten Athener kein Bedenken trugen, ihre eigenen Gemahlinnen zur Aspasia zu führen, damit sie von den Gesprächen dieser außerordentlichen Frau profitieren möchten. Ich gebe zu, daß hier unauflösliche Punkte vorliegen. Jedenfalls hätte ich selbst mich nie entschließen können, meine Bewunderung für Aspasia zur Liebe umschlagen zu lassen. Ich war froh, daß mir das Schicksal die etwas minder glänzende Lais zugewiesen hatte, die mir als Anregerin genau so viel bot, wie ich vertragen konnte, und in deren heiterer Durchsonntheit ich wohl alle hedonischen Freuden des leichten Lebens, aber keinen Anflug des Lasters erblickte. Und hierfür zeigte auch Demokrit in jenem Gartengespräch das rechte Verständnis. Denn während er noch eben dabei war, seine Meinung über Aspasia vorzutragen und sie als Ausnahmeerscheinung zu feiern, hob er den Pokal, um uns zuzutrinken mit dem stillen aber beredten Ausdruck: Trotz alledem! hier in euch beiden hat Freundschaft, Geistigkeit und Hetärentum ihre schönste menschliche Blüte gewonnen! Ich begriff den ungesprochenen Kommentar seines Zutrunks, und durch mein Blut zog eine Welle des Glücks mit dem Vorgefühl: dieses Glück steht außerhalb der Gefahr; es kann niemals durch Untreue gefährdet werden, denn es gründet sich nicht auf Eidestreue, es erfließt der Seelenkunst, die Ewigkeit in der Sekunde zu erschöpfen und mit der freudigen Sekunde der Ewigkeit zuvorzukommen! Orgien im Geiste Lais, so vernahm ich weiter, ging allmählich dazu über, ihren Kreis zu erweitern. Sie verfuhr dabei mit sorgfältiger Auslese, und auch die wenigen Auserwählten durften sich vorerst nur als Statisterie eines beginnenden Hofstaates betrachten. Bis auf einen, der auch als Einzelfigur nicht übersehen werden konnte, und nach wenigen Tagen als schätzbarer Gast unseres engeren Zirkels begrüßt wurde. Das war der jugendliche Bildhauer Skopas , dessen Name eben anfing, mit dem Ruhm des Praxiteles in Wettbewerb zu treten. Er besaß dazu Einsichten in das Wesen der Kunst, die durch die Schulung des Auges und der Hand allein nicht erworben werden können; ein Vorwegnehmen künftiger Erkenntnisse, die sich auf die Verbundenheit künstlerischer und wissenschaftlicher Elemente richten. Ewig unzufrieden mit seinen eigenen hervorragenden Leistungen, die ihm nur als unvollendete Ansätze erschienen; zu etwas Höherem, vielleicht so Hohem, daß es ewig unvollendbar bleiben mußte, weil nicht einmal die allergetreueste Nachbildung der Natürlichkeit die restlose Erfüllung des bildhauerischen Problems bringen könnte. Je getreuer wir bildnern, sagte er, desto mehr werden wir Kopisten. Unsere Aufgabe ist, etwas hinzustellen, was das primäre Schöpfungswerk übertrifft; so wie es aussehen müßte, wenn der Former außer seinem Gestaltungswillen noch das Wissen des Pythagoras, die Poesie des Anakreon und die Technik des Prometheus in sich getragen hätte. Und das nachher trotzdem den Betrachter als etwas Natürliches anspricht. Wären wir dazu imstande, so würden wir Gestalten schaffen, in denen die Metaphysik der Schönheit und der Liebe sinnfälligen Ausdruck gewänne. Dieses Problem zu bewältigen geht wahrscheinlich über Menschenkräfte; allein Skopas behauptete, daß er sich der Lösung näher fühle in der Betrachtung der Lais, wenn er ihr ohne jegliches Gerät gegenüberstände, ganz loskäme von der Vorstellung eines Modells, und ihre Erscheinung wie etwas fließend Traumhaftes auf sich wirken ließe. Freilich nur auf Minuten spüre er das wie eine Erlösung, da er sogleich in geometrische Betrachtungen verstrickt würde und zwischen Traum und Realität keinen Halt zu fassen vermöchte. Ist das eine Pein, so sei es doch eine wollüstige; ihm, dem Skopas, sei kein Wesen bekannt, dessen bloße Gegenwart solche Qualschwelgerei zu erzeugen fähig wäre, wie diese Lais; und er wäre überzeugt, daß sie nicht einmal ahnte, welchen Tumult im Künstlergeist sie anstifte. »Da hätten wir wieder einen Beleg zu deiner Lehre,« bemerkte Aristipp, zu Demokrit gewendet. »Lais wirkt katalytisch auf den Meister Skopas, in dessen Hirn zwei kontradiktorische Ideen toben, eine rein künstlerische und eine wissenschaftliche. Es bleibt abzuwarten, ob die Katalyse ausreicht, um die Verschmelzung beider hervorzurufen.« Könnten wir nicht die Sache auf eine einfachere Form bringen? fragte Lais ganz harmlos. Zugestanden, ich gefalle ihm recht gut, aber dann reicht mein Ehrgeiz nur bis zu dem Wunsche, er möge mich abformen, und mir sein Werk überlassen. Ihr müßt nämlich wissen, daß er mich bisher ein einziges Mal gemeißelt hat und, – wollt ihr's glauben, was er mit dem Steinbild gemacht hat? Verkauft hat er's, der Bösewicht! um blankes Gold verschachert nach Asien – der ideale Künstler! Bekäme ich's nur fertig, ihm zu zürnen, wie er es verdient! Deine schalkhafte Miene, Lais, beweist, daß dein kleiner Zorn nur die Maske ist, hinter der du die Würdigung meiner Motive verbirgst. Denn du weißt sehr gut, wie das zusammenhing, und daß du allenfalls Ursache hättest, mein Mißgeschick, nicht aber meine Willfährigkeit anzuklagen. Und nun gab er der Runde die Erläuterung. Ja, er hatte sie geformt, und im üblichen Ateliersinne war das Werk keineswegs mißraten. Im Gegenteil, es konnte als ein Muster von Ähnlichkeit gelten und enthielt darüber hinaus die klare Andeutung, daß der Meister beflissen war, in dem Bilde eine Synthese von Frau und Göttin, von Lais und Venus zu liefern. Allein, da hatte sich ein materielles Hindernis eingeschlichen: im Innern des Steins stieß er auf einen winzigen blasigen Streifen, der ihn zwang, eine gewisse Linie in der Lendengegend um ein Unmerkliches anders zu gestalten, als sie ihm vorgeschwebt hatte. Kein Beschauer hätte das jemals entdeckt, nur er selbst, der Meister, stand mißmutig vor seiner Arbeit mit dem grollenden Bewußtsein: wenn solchem Bildwerk das Geringste fehlt, dann fehlt ihm alles! und beinah-vollendet heißt gänzlich verpfuscht! Stundenlang stand er davor mit dem schweren Hammer in der Hand, um sich den entscheidenden Impuls abzuringen. Er wartete auf den vandalischen Moment, auf den furchtbaren Schlag, der aus ihm hervorbrechen sollte, um sein Werk zu zertrümmern. Jetzt hob er wieder das Zerstörungswerkzeug, wieder versagte der Entschluß, – und fast zur selben Zeit erschien in seiner Werkstatt das Fatum in Gestalt zweier Menschen, die seinem Willen eine gänzlich veränderte Richtung gaben. Der eine war ein Steinhändler aus den Penthelischen Bergen, der mit einem Lastwagen vorgefahren kam. Darauf lag ein großer Marmorblock. Ob Skopas Lust hätte, den zu kaufen. Ein Prachtstück, wie es dem Bildhauer kaum je zuvor vor Augen gekommen war. Mit einem feinen, hellbläulichen, wie von Cirruswolken herabgeholten Pigment und einer offensichtlichen molekularen Struktur, die das Künstlerauge zu allen Hoffnungen entflammen mußte. Skopas schwankte keinen Augenblick, denn schon hatte er in dem Marmor die Umrisse einer Laidischen Venus hineingeträumt, die alles bis dahin Vorstellbare übertrafen. Aber der Händler nannte einen so exorbitanten Preis, daß Skopas verzagte. Sein Besitz an geprägten Werten reichte nicht aus, um diese Forderung zu erfüllen. Gerade als der Mann sich anschickte, mit der kostbaren Last davonzufahren, meldete sich ein zweiter Händler, ein Agent aus Smyrna mit dem Verlangen, in der Werkstatt Umschau zu halten. Er käme im Auftrag eines vermögenden Kunden in Kleinasien, dem daran läge, einen echten Skopas zu besitzen. Diese weibliche Statue – was die wohl kosten würde? Fünf Minuten zuvor hätte der Meister vielleicht geantwortet: Räume sie mir bloß aus dem Gesicht, möglichst weit fort, und sie ist dein. Jetzt besann er sich. Er nannte genau die Summe, die der Marmorhändler verlangt hatte und fügte hinzu: Eine Bedingung! Kein Geld in meine Hand! Verständige dich mit dem Mann am Fuhrwerk da draußen, schaffe mir den Block ins Haus, dann ziehe ab mit dieser verstümperten Venus! Verlade sie auf ein Schiff, und ich werde Äolus um einen Sturm bitten, der das Fahrzeug samt der Venus auf den tiefsten Meeresgrund, versenkt! Der Agent aus Smyrna vermeinte, mit einem Wahnsinnigen zu verhandeln. Aber die Gelegenheit war doch zu verlockend, um sie entschlüpfen zu lassen, denn was am rohen Marmor wie eine verschwenderische Übertreibung aussah, stellte doch nur einen Spottpreis vor, am fertigen Meisterwerk gemessen. Im Augenblick wurde der Handel perfekt, und noch in der nämlichen Stunde hielt der neue Block seinen Einzug in die Werkstatt, aus der die steinerne Lais verschwand. Wir werden später erfahren, welch seltsamem Schicksal sie auf asiatischem Boden entgegenging. Um eines vorwegzunehmen: sie unterlag keinem Sturm, sie selbst entfesselte einen Orkan und eine Brandung, die bis an den Ursprung ihrer Entstehung zurückschäumte. * * * »Da hätten wir nun den Marmor,« sagte Lais, »dazu den Künstler und schließlich auch mich mit meiner steten Bereitschaft, ihm solange er will, Modell zu stehen, – und nur eines hätten wir nicht: den Anfang der Arbeit; denn seit einigen Wochen tut er überhaupt nichts.« – Du irrst, Lais. Ich arbeite unausgesetzt mit dem inneren Auge, und es käme mir nicht darauf an, in dieser Beschäftigung noch ein Jahr fortzufahren, wenn ich nur sicher wäre, mit den geometrischen Fragen fertig zu werden, die mich dabei bestürmen. Ja, ich würde deswegen bis ins Unabsehbare pausieren, auf die Gefahr hin, daß man nicht mehr von dem Bildhauer, sondern nur von dem Faulpelz Skopas spräche. – Das wäre noch kein Vorwurf, versetzte Demokrit. Ein echter Künstler soll nichts anderes als ein Stück Natur sein, und die Natur ist von Grund aus faul. Ihr innerstes universales Gesetz ist das Beharrungsvermögen, die Trägheit, und in all ihrer scheinbaren Geschäftigkeit versteckt sich das Hauptprinzip, Arbeit sparen, mit äußersten Kraftgeiz zu operieren und durchweg auf den Nullpunkt der Anstrengung hinzusteuern. Nichtsdestoweniger leistet sie allerhand, die Natur, und wir erleben dauernd die Effekte ihrer Betriebsamkeit, die sich physikalisch genommen als eine Summe von unendlich vielen Faulheiten darstellt. Ich nehme an, Skopas, daß sich in dir ein ähnliches Wunder vollzieht. Denn magst du auch im Sonderfall einen einzelnen Menschen zum Vorbild wählen, dein Hauptmodell bleibt doch die Natur selbst; von ihr siehst du die Knauserei ab, um plötzlich etwas vor uns hinzustellen, das uns wie ein Produkt der Freigebigkeit überraschen wird. – Aber er schont sich ja garnicht! warf Aristipp ein. Er verdichtet vielmehr alle Anstrengung auf Probleme, die sich nicht mit Schlägel und Meißel, sondern nur mit dem Verstand lösen lassen. Schon zweimal sprachst du, Skopas, von geometrischen Betrachtungen, und ich möchte dich bitten, uns in deine Gedankengänge zu führen, da ich selbst schon nahe daran war, ähnliche Pfade aufzusuchen. Besinnst du dich, Lais? die körperlichen Minima und Maxima als mögliche Grundlagen einer neuen Ästhetik? Aber schließlich bin ich nur ein aufmerksamer Beschauer, du hingegen als schaffender Künstler vermagst in dieser Hinsicht Einsichten zu erreichen, die unsereinem versagt bleiben. – Das ist mir noch sehr zweifelhaft, sagte Skopas. Sicher ist mir nur das eine, daß die Zeiten der reinen Kontemplation und des naiven Nachbildens vorüber sind. Ob die Kunst an sich dabei gewinnen wird, das steht dahin. Aber wir stehen unter einem Zwange und haben danach ebensowenig zu fragen, als wir uns Sorge machen dürfen, ob wir den Olymp von Gottheiten entvölkern, wenn wir die Mechanik des Naturganzen ergründen. Beim Apoll! – es gibt gar keinen Apoll, es gibt nur den Rhythmus der Poesie und die Saitenschwingungen auf einer apollinischen Leyer. Warum beten wir also die Götter an, die wir Menschen erst erschufen? Weil wir unsere eigene Phantasie anbeten, die uns Dinge vorgaukelt jenseits der Wirklichkeit. Und hier entsteht die große Frage: sind wir Künstler berechtigt, solche Halluzinationen als Bestimmungsgründe der Kunst anzurufen? Versündigen wir uns nicht an der Wahrheit, wenn wir auch nur versuchen, unsere gesetzlosen Träume in Substanz nachzuformen? Wir stellen bewußte Lügen hin in Farbe, in Erz und Marmor und wollen dabei doch den Anspruch auf natürliche Wahrheit aufrecht erhalten. Man vergegenwärtige sich, ein Äschylos unternähme es, seine Träume auf die Bühne zu setzen, so wie er sie geträumt hat, also außerhalb der Kausalität, mit der ganzen Anarchie der Motive, die das Träumen charakterisiert. Wer ließe sich das gefallen, wendete sich nicht entrüstet ab von solcher Gauklerbühne, die aller Logik der Tragödie, ja selbst noch eines begreiflichen Puppenspiels Hohn spräche? Wie muß der Dichter erst seinen Traum nach strengsten Verstandesgrenzen durchkorrigieren, damit er überhaupt nur szenenmöglich wird! Aber ich, der bildende Künstler, soll es wagen dürfen, eine transzendente Traumfigur mit ihren organischen Unmöglichkeiten in Plastik zu übersetzen ... »Ja gewiß, Skopas, das darfst du wagen, und wenn dir zum Beispiel eine fischschwänzige Seenixe oder ein Zentaur gelingt, so brauchst du dir nicht die geringste Sorge zu machen, weil dergleichen in der Natur nicht vorkommt.« – Sehr sinnreich, liebe Lais, und zugleich sehr falsch. Denn du übersiehst, daß die Nereide wie der Zentaur nur additiv aus naturwahren Elementen zusammengesetzt sind. Wenn ich dich aber in Marmor als Venus vergöttliche, so treibe ich entweder einen blanken Wortunfug, oder ich fälsche deine Linien zugunsten einer Traumgestalt, die nur anders, aber ganz bestimmt nicht besser ausfallen kann, weil im Punkt der Schönheit, wo sie von Natur aus vorhanden, alles Höher-Nieder, Besser-Schlechter seinen Sinn verliert. Sinnvoll bleibt nur, daß jede deiner Linien ein bestimmtes, wiewohl im Raum variables Gebilde darstellt, das mathematisch ergründet werden müßte, bevor man sich vermessen dürfte, das Wesen des Schönen zu erforschen. Und hier sind wir leider erst in den ersten unbeholfensten Anfängen. Die Zahl, als das Bestimmende aller Kurvenlehre, haben wir kaum in ihren rohesten Elementen abgetastet, und von der unendlichen Meisterschaft, mit der die Natur die Zahl zur Schönheit umbildet, wissen wir nicht mehr als ein Schiffsknecht im Piräus von der Astronomie. Wie sollten wir auch? Mit aller vorgespiegelten Ästhetik reden wir immer um die Sache herum, ohne uns je die Frage vorzulegen, ob es denn hier überhaupt einen zuverlässigen Maßstab gäbe. »Aber Skopas, wie käme eine Messung an Gefühle heran? Den einzigen Maßstab, den wir brauchen, liefert uns die Erfahrung im Bereich der Gefühle. In unseren Landschaften leben bekanntlich die schönsten Menschen der Welt, und daß wir uns in diesem Betracht keiner Illusion hingeben, das läßt sich beweisen: denn aus der Fülle der Schönheit ist ja unsere bildende Kunst entstanden, die auf der Erde nicht ihresgleichen findet. – Und merkst du nicht, Lais, daß du eben in einem logischen Fehlerzirkel um den Kern der Sache herumläufst? Es ist ja hart, es einer anerkannten, auch von mir genugsam gepriesenen Schönheit ins Gesicht zu sagen, aber es muß heraus: dein Erfahrungsmaßstab ist nicht brauchbar, denn er stützt sich auf ein doppeltes Bekanntlich, das zusammen nichts liefert als zwei Unbekannte. Wenn es wahr ist, daß es hierzulande von Schönheiten wimmelt, warum entfaltet man vor dir, vor der Phryne, vor Alcibiades, Phädrus und noch höchstens fünf oder sechs Lebewesen solch Ruhmesgepränge? Die Prämisse stimmt schon nicht, und noch viel weniger dein Gefühlsmaßstab, denn der schwankt nicht nur von Person zu Person, sondern er wechselt sogar in einunddemselben Betrachter. Einer meiner weitgereisten Freunde erklärte mir, man brauche nur nach Smyrna zu fahren, um sein Schönheitsideal gründlich zu modifizieren. Lande man dann auf Tenedos bei Troja, so versänke wieder alles Erlebte vor dem Glanz der Tenedierin, bis dann, – falls man sich so weit wagte – die über alle Begriffe schönen Perserinnen jede Vorerinnerung verdunkelten. Und das Seltsamste: weder auf Tenedos noch in Smyrna hat jemals eine Künstlerschule bestanden. Sollte vielleicht von einer gewissen Schönheitsstufe im Volke angefangen der Künstler als solcher entbehrlich werden? Da hätten wir ja zu deiner Gefühlsthese ein recht scharfes Gegenargument: die Menge unserer heimischen Künstler würde beweisen, daß dem Schönheitssinn künstlich aufgeholfen werden muß, weil unsere Natur nicht genügend vorgesorgt hat. – Du sprichst jetzt ironisch, Skopas, versetzte Aristipp, und du darfst dir das gestatten angesichts einer Dame, von der du selbst überzeugt bist, daß keine Erscheinung in Persien oder in Tenedos ihr gegenüber standhalten würde. Du darfst dir die Selbstironie um so eher gestatten, als wir ja wissen, daß dein eigenes Bewußtsein beim Formen der Laidischen Aphrodite alle nur denkbaren Rauschzustände durchmachte. – Mit allen leidigen Folgen des Rausches bis zum Bersten des Schädels. Weil mir aus der Seelentiefe immer wieder die furchtbare aber unausweichliche Mahnung aufstieg: Ernüchtere dich in der Wahrheit, deren Quellen nicht auf dem hohen Olymp sprudeln, sondern in einem Abgrund! Ich fange jetzt an, dem Plato recht zu geben mit seiner Fehde gegen Homer und Hesiod, die in Wirklichkeit ein Kampf ist gegen das Göttergesindel. Wäre auch nur ein tausendstel der Olympischen Laster, wie die Dichter sie darstellen, auf der Erde heimisch, so lebten wir in einer Verbrecherwelt, mit der verglichen der Aufenthalt bei den Kannibalen ein Idyll zu heißen verdiente. Und ich werde den Verdacht nicht mehr los, daß dieses Verbrechertum auch irgendwie in unseren Versinnbildlichungen der göttlichen Körperlichkeit auftreten müßte. Diese zeushaften, appollinischen, aphrodisischen Züge und Linien sind bemakelt durch den Anhauch der Sünde. Sollte ich mich je dazu aufraffen, unsere Lais neu zu bildnern, so soll es Lais werden, nicht die Kuppelmutter Venus. Und ohne Berauschtheit, mit klarem Kopf will ich dabei versuchen, dem großen Rätsel auf die Spur zu kommen, das zwischen Schönheit und Erkenntnis nistet. – Ein gewaltiger Vorsatz, – äußerte Demokritos, – der ein gepanzertes Herz voraussetzt. Denn zunächst wirst du damit nichts anderes erreichen, als eine Sturmflut der Entrüstung in der gesamten Künstlerschaft. Aber vielleicht bin ich imstande, dich mit einigen Stärkungen zu versehen. Waffen müssen wir uns holen aus der Rüstkammer, Herztropfen aus der Gedankenapotheke der Pythagoreer und der orientalischen Weisen, die bereits die Zahl als das Wesen aller Dinge erkannt haben. Diese Lehre wird wörtlich zu nehmen sein, ohne Ausflucht und Hinterpförtchen, durch die man die im Vordergrund anerkannte Zahl wieder hinten herauswirft. Also sie ist nicht das Wesen »gewisser Dinge«, »einiger Dinge«, sondern restlos aller, mit Einschluß der seelischen, der Künste, der Schönheit und der Liebe. Denn die Erscheinungen der Welt, zumal die künstlerischen, sind nicht anders zu begreifen als in der Liebe; und wenn wir dahin gelangen, die Zahl als Norm für jedes Verständnis aufzustellen, so werden wir schließlich auch die Liebe als abhängig von der Zahl anzuerkennen haben. »Wozu dieser Umweg?« stichelte Agenor, der von den Zusammenhängen nicht allzuviel begriff; »wenn die Liebe auf den Markt gebracht werden kann, so läßt sie sich ja ohne Weiteres in Zahlen umrechnen.« Demokrit ließ diesen sarkastischen Seitensprung unbeachtet und fuhr fort: – Es ist bezeichnend, daß gerade die substanzloseste aller Künste uns den deutlichsten Fingerzeig für die Wertung der Zahl liefert; und daß Ton wie Klangverbindung, die doch in Lusterregung und Liebeswerbung eine so ausgezeichnete Rolle spielen, eine nachweisbar enge Beziehung zum Zahlenreich offenbaren. Die Musik ist der Genuß der Seele, welche zählt, ohne es zu wissen. Dieser pythagoreisch gefärbte Satz klingt widerspruchsvoll, denn wenn sie es nicht weiß, was berechtigt uns zu erklären, daß sie zählt ? Nun wohlan! die intuitive Sicherheit, mit der wir dies behaupten, zeigt an, daß in der Seele etwas vorgeht, das sich der Schullogik gänzlich entzieht: sie tritt gleichzeitig als Erkennerin und Fühlerin auf, die erkennende ist fähig, die fühlende zu beobachten und ihr gewisse Dinge begrifflich zu erläutern, die dem reinen Gefühl schlechthin unfaßbar bleiben müssen. Die Seele findet also in sich selbst eine Instanz, an die sie appellieren muß, wenn sie über die vage Empfindungsdämmerung zum Licht empor will, und diese übergeordnete Instanz spricht mit den Zeichen der Größenlehre. Lais erinnerte daran, daß Aristipp ihr bereits in Korinth ähnliches vorgetragen habe in gewissen Andeutungen, die sich mit denen Demokrits ergänzten. Allein nimmermehr hätte sie es für möglich gehalten, daß auch in der Seele eines Künstlers Vorstellungen platzgreifen könnten, die irgendwie mit solchen Anschauungen verträglich wären. Und sie leugne nicht, daß sie einen herzlichen Widerstand verspüre gegen eine Gedankenrevolution, die früher oder später das reine Gefühl entwurzeln müßte. Wenn sie dazu imstande ist, rief Skopas, dann bleibt dem Künstler eben nichts übrig, als sein Gefühl auf den Altar der Erkenntnis zu legen. Vielleicht entwickelt sich aus dem Opferbrand eine neue, eine wissende Empfindung, eine neue Kunst, die schreiten lernt, anstatt zu taumeln ... ... und die dabei, – ergänzte Lais, – das Sirenenhafte aufgibt, den Reiz des Jenseitigen, Außerweltlichen. Wir alle sehnen uns doch nach einem Reich, in dem sich die Seele nur darum glücklich fühlt, weil sie dort der Tyrannei des Verstandes entrückt ist. – Die Anspielung auf die Sirenen können wir getrost aufnehmen, erklärte Demokrit. Weshalb wohl? Weil es gerade diese fabelhaften Künstlerinnen waren, die zu allererst die Überlegenheit des Wissens verkündeten. Und dem Homer war dies sehr wohl bewußt, da er von den Sirenen dichtete, die zauberische Gewalt ihres Gesanges hätte nicht sowohl in der honigsüßen Annehmlichkeit ihrer Stimmen bestanden, nicht in der außerordentlichen Lieblichkeit ihrer Melodie, als vielmehr in der Versicherung, » daß sie alles wüßten «, was auf dem ganzen Erdboden geschähe, und in dem Versprechen, ihre Zuhörer gelehrter zu entlassen, als sie gekommen seien. Kein geringerer Reiz, glaubt Homer, hätte einen so großen Mann wie Ulysses so mächtig dahinreißen können, daß selbst die Gewißheit eines unvermeidlichen Untergangs nicht vermögend gewesen wäre, ihn von den fatalen Klippen der Zauberinnen zurückzuhalten. So ist es bestätigt im zwölften Gesang der Odyssee, der zuerst von allen menschlichen Zeugnissen die unbegrenzte Suprematie des Wissens ausruft. Hier im Kreise der Lais wurde der Sirenenvergleich verlängert. Ja, selbst auf die Gefahr des Untergangs hin müsse man versuchen, bei den bösen Klippen Anker zu werfen, da kein Gefühlsschwung die dämonische Kraft des Wissenwollens zu brechen vermöge. Aristipp, der wie erinnerlich schon damals einen Teil der Schwingungstheorie ahnte, wurde darin noch weit übertroffen durch Demokrit, der garnicht mehr daran zweifelte, daß sich alle Kunst- Schönheits- und Liebesempfindung auf bestimmte, wissenschaftlich erfaßbare Erregungszustände zurückführen lassen müßte. Er bezeichnete sie als » Formen der mathematischen Lust « und begründete dies in einzelnen Motiven, die sich dereinst einmal im Ausbau zu einem großen Lehrgebäude zusammenschließen werden. Die zählbare Tonschwingung, die Tonfolgen und Klangverbindungen mit ihren zwar höchst verwickelten aber sicher vorhandenen numerischen Abhängigkeiten bildeten nur den Anfang für die Orientierung. Einige Gedankenexperimente führten bald weiter. Es ist sehr wohl denkbar, meinte der Philosoph, aus dem Klang zum Bild zu gelangen, vom Akustischen zum Optischen vorzustoßen. Mir ist die Idee nicht abenteuerlich, eine Metalltafel durch Gesang in Schwingung zu versetzen und das Ergebnis dieser Vibration in Linien sichtbar zu machen. Ähnliche Linien sind sicher auch in der durchtönten Luft, in den Membranen des Ohrs und in den feinsten Fasern des Gehirns vorhanden. Zugleich öffnet sich hier die Perspektive, Tonfolgen und Akkorde in Figuren zu verwandeln, die aus Linienelementen zusammengesetzt sind, mithin irgendwie den geometrischen Sinn ansprechen müssen. Sonach hat sich die Hoffnung darauf zu richten, in der Gestalt und in dem Wechsel dieser einzelnen Figuren, in ihrer geometrischen Analyse den wahren Grund der Entzückung zu entdecken, der uns mit der Qualität der »Schönheit« überfällt, wenn ihre Vereinigung im Bildwerk oder im lebenden Körper auf uns wirkt. Man kann es also mit Erweiterung unseres früheren Satzes aussprechen: »Die bildhafte Schönheit ist eine geheime Übung der Seele, welche analytische Geometrie treibt, ohne es zu wissen.« – Gestehe, Aristipp, – unterbrach ich den Bericht, – hier schmückst du deine Erinnerung. Sollte nicht Argelander dazwischenreden, während du den Demokrit sprechen läßt? Seine Anspielungen bezogen sich doch auf Chladnische Klangfiguren und auf eine Optophonie, die den elektrischen Induktionsstrom voraussetzt. Bei aller Bewunderung für den Scharfsinn des Mannes, – das kann er noch nicht gewußt haben! – Du verfällst in den nämlichen Fehler, Freund, wie die tausende von Menschen, welche die zuvor erwähnte Stelle im Homer überlesen haben, ohne ihren tiefen Sinn zu verstehen. Denn der unbesiegliche Drang nach Erkenntnis war dem urklassischen Zeitalter versagt, und dennoch erscheint Odysseus mit ihm begabt. Erinnere dich, daß Demokrit den Begriff der Atomkomplexe um viele Jahrhunderte früher gefaßt hatte, als die moderne Physik, und daß diese ihn erst neu bilden mußte, um in seinen Spuren fortzufahren. Ich berichte also, wenn nicht wörtlich, so doch sinngetreu und überlasse ihm wieder das Wort, dessen Hintergrund du dir als einen gedankenexperimentellen vorzustellen hast. * * * Vielleicht wird das Leben der ganzen Menschheit nicht ausreichen, um das Studium der Linie bis auf den Punkt zu treiben, wo die sachliche Erforschung mit dem Schönheitsgefühl zusammenklingt. Indem wir tastend versuchen, zu ermitteln, wie weit wir noch davon entfernt sind, offenbart sich zuerst die leidige Tatsache, daß die Größenlehre selbst noch im Rohzustand steckt, und daß sie als Führerin knapp erst anfängt zu begreifen, wohin sie uns überhaupt führen soll. Die Seele als intuitive Mathematikerin ist dem Lehrmeister vorläufig unabsehbar voraus, ja sie steht eigentlich schon am Ziele, ohne zu wissen, wie sie dahin kam; dort wartet sie auf den Magister, der ihr erklären soll, was dieses Ziel bedeutet. Der Mathematiker legt die Gesetze der Kurven fest nach Gattungen, er vernachlässigt die einzelne, individuelle Kurve, sie wird schon in eine der bestimmten Gattungen passen. Aber das Gesetz erreicht die einzelne, wirkliche Kurve nur näherungsweise, und unter den Millionen von Kurven, welche die Natur auf der Oberfläche des schönen Weibes oder Mannes konstruiert, befinden sich nur einige wenige, die dem allgemeinen Gesetz ganz exakt entsprechen. Es machen sich winzige Unterschiede geltend, und in der Fülle dieser Unterschiede liegt der Schönheitsreiz. In jedem Punkte ist jede Linie, auf gewisse Grundachsen bezogen, nach Distanz und Winkel in Zahlenwerten bestimmbar, aber nur das Schönheitsauge vermag sich in dieser unermeßlichen Zahlenwelt vollkommen zurechtzufinden, während der rechnende Verstand über alles hinweggleitet, was nicht glatt in die Gesetzesformel aufgeht. Das empfindende Auge treibt also eine viel gründlichere Geometrie als der Größenforscher, es umfaßt alle Zahlenkomplexe und erschöpft sie, während sich die theoretische Mathematik einstweilen mit den losen Annäherungen begnügt, die gerade hinreichen, um die Formeln für einige Dutzend Liniengattungen hinzuschreiben, für Kreis, Ellipsenbogen, Hyperbel-Ast, Spirale, Cissoide und so weiter. Von diesen Linien kommt kaum eine in der wirklichen Schönheitswelt vor; dagegen Myriaden von Arten, deren Biegung minimale Besonderheiten aufzeigt. In diesen minimalen Abweichungen vom Grundtypus liegt alles beschlossen, was für uns das Schöne vom Unschönen trennt, und alle Grade vom Abscheu über die Gleichgültigkeit hinweg bis zur höchsten Entzückung sind in ihnen enthalten. Hier erhebt sich als ein Hauptprinzip die Wichtigkeit der kleinsten Differenzen, das in den meisten Erscheinungen die ausschlaggebende Rolle spielt. Zwei Endeffekte können in ungeheuerlichem Abstand von einander auftreten, während die bewirkenden Ursachen eng beieinander liegen. Die Verrückung eines Tones in einer langen Melodie reicht aus, um sie aus der Erhabenheit in die Niederung der Gemeinheit herabzudrücken, wie auch die Gehirnschwingungen beim Genie, beim Wahnsinnigen, ja beim Idioten fast identisch verlaufen. In den optischen Schönheitslinien vollends ist unsere Wertung gänzlich abhängig von den kleinsten Differenzen, die wir mit dem Zahlensinn nicht mehr als abgrenzbar erfassen, die aber der Intellekt unweigerlich in das Gebiet der Zahl verweist. Die Seele entwirft – ohne es zu wissen – ihre Achsenkreuze, Bezugssysteme, legt ihre Tangenten an die Biegungen, mißt die Winkel, zählt die Abstände mit unendlich verfeinertem Maßstab und vereinigt die Ergebnisse in Gefühlen, die nichts anderes sind, als höchste Betonungen mathematischer Lust. »Wenn du solche Lust als existierend annimmst, so müßte sie doch schon unabhängig vom künstlerisch-erotischen beim reinen Mathematiker vorhanden sein.« – Er besitzt sie in hohem Grade. Thales hat sie gehabt, und Pythagoras befand sich offenbar im höchsten Lustrausch, als ihm die Entdeckung seines Lehrsatzes zur Opferung der Hekatombe anfeuerte. Ich selbst habe als Mathematiker diese Zustände durchgemacht und bekenne noch heute, daß sie mich mit der Kraft einer hitzigen Schwelgerei ergriffen haben. »Aus dieser Beichte zeigt sich,« sagte Lais, »wie sehr sich die Welt irrt, wenn sie sich die Arbeit eines Gelehrten ausschließlich wie die sanfte Ampel auf einem Altar vorstellt ...« – Ihr Licht kann zur wilden Flamme emporschlagen, und unterscheidet sich dann nicht mehr von den Ausbrüchen der Emotionen, als deren alleinigen Herd man sonst das Gefühl betrachtet. Wie das zugeht? Es erklärt sich, wenn man sich die Größenlehre als das vorstellt, was sie wirklich ist: »die Wissenschaft von dem, was sich von selbst versteht.« Die Forschung entschleiert eine Selbstverständlichkeit nach der anderen und befreit damit von einer schweren geistigen Not, von einer Bedrängnis, die nicht minder heftig auftritt, wie im Körperlichen der Hunger und die Liebe. Die unmittelbare Vorstufe ist allemal eine Art von Verzweiflung, denn es ist nicht auszuhalten, dicht vor dem Selbstverständlichen zu stehen und dabei doch die fürchterlichen Riegel zu spüren, die uns den Zugang verwehren. Der Denkakt bedeutet also eine Sprengung, die blitzhafte Entladung unseres Selbst, die der Tortur des Nichtbegreifens entrinnt, um in den beseligenden Schoß der Evidenz zu sinken. Und in solchen Momenten befällt uns die Ahnung, daß diese Wissenschaft noch eine höhere Aufgabe vor sich hat als Rechnen und Zirkeln in eigener Theorie und Praxis; daß sie noch anderes leisten wird, als Sätze aufstellen, Sternenbahnen in Formeln zu zwingen, Seefahrer zurechtweisen und die Mittel liefern zum Bau von Brücken und Aquädukten. Die Helligkeit ihrer Evidenz muß sie überfließen lassen in das Gebiet, wo sich die Sinne tummeln, freudvoll, aber unwissend. »Du entwarfst ein zwiefaches Bild, Demokrit. Zuvor maltest du das Gefühl als im Vorsprung und nun als im Rückstand befindlich.« – Im bildlichen Vergleich mag das wohl so herauskommen, allein das liegt im Wesen jeder Analogie, deren Sinn und Vorzeichen sich nach dem Standpunkt des Betrachters ändert. Ich möchte daher ergänzen: Das Gefühl umspannt eine dunkle Unendlichkeit, die Wissenschaft auf ihrem gegenwärtigen Stand eine hell beleuchtete Endlichkeit. Beiden gemeinsam ist die erforschbare Zahl, die sich im Dunkeln verliert, im Hellen so klar hervortritt, daß wir die engen Erforschungsgrenzen erkennen. Nehmen wir zum Beispiel etwas ganz Elementares: die Primzahlen. Wir kennen ihr Gesetz nicht, und vermögen nicht einmal anzugeben, ob sie überhaupt einem Gesetz unterliegen. Sollte es in vielen Jahrhunderten gefunden werden, so wird es vielleicht in jenes Dunkel hineinragen, das heute noch dem Gefühl allein gehört, und ein kleiner Abschnitt dieses Gebietes könnte von ihm bestrahlt werden. Ich persönlich halte dies für möglich, nach meiner Überzeugung, daß alle von uns angenommenen, anscheinend unüberbrückbaren Dualismen nur Vorläufigkeiten sind. Man nennt mich, den Demokritos von Abdera, als den Entdecker des physikalischen Massenbegriffs, von welchem gesondert der Begriff der Kraft existieren muß. Wieder ein Dualismus, eine Vorläufigkeit! Kommt es einmal dazu, den Kraftbegriff allein gelten zu lassen, dann verschwindet die Masse, und das Denkvermögen von Jahrtausenden kann aufgezehrt werden, bevor sich das Menschenhirn zu dieser lebensgefährlichen aber wahrscheinlich unabwendbaren Vereinheitlichung entschließt. Im Geschmack und Geruch finden wir wieder den Dualismus. Wir denken – wenn wir schon sehr weit vorgeschritten sind – an chemische Beziehungen zwischen Substanz und Organ, aber der Schritt vom Quantitativen zum Qualitativen der Sinnesempfindung erscheint uns unmöglich. Und wie nun, wenn dieser Chemismus sich einmal als ein System von Bewegungen in meinen Atomkomplexen kundgibt? Dann gerät dieser Dualismus ins Wanken, denn diese winzigen Bewegungen müßten in Raum und Zeit erfolgen, einer Messung in Zahl zugänglich sein, und damit wären wir dann auf dem besten Wege zu einer Algebra des Geschmacks und des Duftes, die freilich sehr viel schwieriger ausfallen wird, als die der Klänge und Gesichtseindrücke. Alle diese Erkenntnisse können in einem Treffpunkt zusammenlaufen, in dem die Dualitäten: Stoff und Kraft, Körper und Geist, Verstand und Gefühl, Denken und Empfinden untergehen. Sogar die Liebe kann dort von dem Schicksal der schwesterlichen Schwingungen ereilt werden, als eine Gefühlsfestung, die mit einem Hagel atomistisch-mathematischer Geschosse bestürmt wird. »Diese Burg, die Akropolis der Liebe wird nicht kapitulieren!« rief Lais; »eine grauenhafte Vorstellung! Und ich als Frau möchte nicht dabei sein, wenn sie auch nur dem ersten Ansturm ausgesetzt würde. Einstweilen nehme ich das Recht des Zweifels so gut wie du in Anspruch: du stellst jeden Dualismus in Frage, und ich bezweifle deine Prognosen.« – Es sind keine Prognosen, sondern Ausblicke auf Möglichkeiten, noch richtiger gesagt: auf Denkbarkeiten ... »Die ich anerkenne, ohne dir durchaus zu folgen,« äußerte Aristipp mit einem mitleidigen Blick auf Agenor, der längst abgefallen war und nur noch stumme Hilflosigkeit markierte; »ich fürchte mich nicht vor dem Unbegreiflichen, allein ich finde doch in deinen Ausführungen so manches, was selbst für mich zu weit ins Orphische, Mystische hineingeht.« – Werde so alt wie ich, und du wirst alle Scheu abstreifen. Ich war schon ziemlich betagt, als ich das dir bekannte Prinzip der »Irrationalitäten« in der Größenlehre entdeckte, die ich » Alogai « nannte, weil sie als geborene Paradoxien auftreten, gleichsam außerhalb der Logik. Und dabei befand ich mich in exakter Bearbeitung der strengsten Wissenschaft. Diese Irrationalitäten, heute noch kaum faßbar, werden einmal alle Denkkreise durchsetzen, und schon damals, als ich sie fand, erwuchs mir die Vorstellung: Jeder Zweig der höheren Einsicht ist dazu bestimmt, in Paradoxie auszulaufen. Das liegt im Kreislauf des Weltganzen: Mystik am Anfang und Mystik am Schluß; Tragödie des Denkens, das unwiderleglich anerkennen muß, was ihr mit allen Anzeichen des Unverständlichen entgegentritt und durch keine Erfahrung gerechtfertigt werden kann. Das Sicherste, was wir im Erkennen besitzen, ist der Gegenwartspunkt, die Tatsache, daß wir gerade diesen Punkt, diese Sekunde erleben. Aber dagegen erhebt sich die Wahrscheinlichkeitsrechnung mit der Frage: kann diese verschwindende Winzigkeit deines gefühlten Lebens die zeitliche und sachliche Achse des Weltalls sein? Aus der vielfachen Unendlichkeit aller Zustände, Lagerungen, Impulse, Beschleunigungen wird ein ganz vereinzelter, ganz bestimmter Zustand herausgegriffen mit der Anforderung, gerade dieser solle wirklich sein in dem einzigen Zeitlichen, dessen Evidenz wir spüren? Genau das Gegenteil ist der Fall: die Wirklichkeit hat die Wahrscheinlichkeit Null, das heißt, sie ist unmöglich. Also schon die anscheinend untrügliche Sicherheit dieser Sekunde wirft uns in eine Paradoxie, der wir nur entfliehen können, wenn wir die ganze Wahrscheinlichkeitslehre ablehnen. Aber damit fallen wir in eine andere Paradoxie, die genau so unerträglich ist wie die erste; denn die Wahrscheinlichkeitsdisziplin ist die letzte Zuflucht des Verstandes, der einzige Halt, den er ergreifen muß, wenn er sich mit allen mechanischen Erklärungen als mit vergeblichen Versuchen erschöpft haben wird. Auch wir, meine Freunde, wir haben uns heute in allen Erörterungen auf den Pfaden der Wahrscheinlichkeit bewegt; um etwas als möglich zu erspähen, was dem Alltagsverstand schlechthin als unmöglich erscheint. Daß wir unterwegs durch mehrfache Paradoxien hindurchmußten, darf uns nicht schrecken, und ebensowenig darf es uns entmutigen, daß wir nur den losen Ansatz zu einer Denkbarkeit fanden; daß nämlich zwischen der Lust der künstlerisch-erotischen Empfindung und der geometrischen Lust Fäden laufen, wenngleich zu feine, als daß sie sichtbar zu machen wären. Wir befinden uns da in der Lage wie ein Forscher, der aus gewissen Erscheinungen folgert: auf der Sonne müssen die und die Substanzen vorhanden sein. Derartiges läßt sich erschließen, aber nicht beweisen, ganz abgesehen davon, daß auch ein Beweis nichts anderes bedeutet, als eine mit sehr vielen Stützen versehene Vermutung. Ich habe also nichts bewiesen, nichts prognostiziert, sondern nur Vermutungswege vorgeschlagen. Und unserem Bildhauer zum Trost füge ich hinzu, daß die hier aufgestellten Möglichkeiten keinen Bestimmungsgrund für sein gegenwärtiges Schaffen enthalten; denn sie erstrecken sich über Myriaden von Jahren, nach deren Ablauf – wahrscheinlich – weder Kunst, noch Liebe, noch Leben überhaupt vorhanden sein wird. Die Geschlechter galoppieren übereinander hinweg, jede folgende Generation kann der Aufdeckung der Fäden näher kommen, aber keine wird das Erkenntnisziel erreichen, denn dies liegt dort, wo sich der Zirkel der Zeiten schließt: in jener Ferne, wo die Welt in den Urnebel zurücksinkt, aus dem sie vor Äonen entstand. * * * Skopas gab sich einen Ruck, wie einer, der eine schwere Beklemmung abschüttelt. Ich bin fest überzeugt, sagte er, daß der Tartarus des Zweifels an das Elysium des geometrischen Rausches grenzt. Einen Schritt hinüber, und ich bin im Paradiese. Willst du mir dabei helfen, Lais? Die frohlockte: Wann du willst, Meister. Ich werde in deiner Werkstatt erscheinen, sobald du rufst, und solange verweilen, als du dich inspiriert fühlst. – Und ich, schloß Skopas, werde mich solange inspiriert fühlen, als du verweilst. Auch ich wage es hier mit einem Paradoxon: Mein neuer Marmor umschließt unendlich viele Figuren, die seit Ewigkeit in ihm schlummern. Eine einzige will ich herausholen, die beste von allen, und dieses eine soll Wirklichkeit werden! An der Quelle der Weisheit In der Folgezeit äußerte Lais den Wunsch, einmal nach Athen zu fahren, um mit dem Sokratischen Kreise Fühlung zu nehmen. Ihr Freund fand das sehr erklärlich, denn wenn er sich auch selbst des Umgangs mit dieser Gemeinde entwöhnt hatte, so schwang doch noch ein lebhafter Nachklang in ihm, und er meinte, daß dort Anregungen zu holen wären, die zu gewinnen oder wieder aufzufrischen ersprießlich wäre. Nicht etwa, daß man zu ihnen wie zu Leuchtfeuern aufzuschauen hätte; aber einige Persönlichkeiten besäßen doch ein unvergleichliches Prestige, und dieser Namenszauber allein wäre hinreichend, um die kleine Mühe eines Besuches in der Hauptstadt zu vergelten. Hierbei sprach in Aristipp auch die Eitelkeit ein wenig mit. Es sonnte sich schon im voraus in den Erfolgen, die seine Geliebte in Athen erringen würde, und ihm lag daran, ihren Triumph so stark als möglich zu sichern. Man sollte sich nicht nur von ihrer reizenden Erscheinung blenden lassen, sondern in ihr die Trägerin einer besonderen Bildung erblicken. Und soviel auch schon im Sinne dieses Anspruchs geschehen war, so meinte Aristipp doch, daß noch einige weitere Vorbereitungen erforderlich wären. Denn die Athener, so erläuterte er, sind Meister der Dialektik, sie verstehen sich auf das Überrumpeln und Verblüffen mit einer Redekunst, auf die man sich speziell einschulen muß, wenn man nicht bei jeder Unterhaltung in Grund und Boden gerannt werden will. Er und Lais vereinigten sich daher für etliche Wochen zu Studien unter vier Augen, deren Hauptzweck in einer geistigen Gymnastik lag; in einer Stählung der Geistesgegenwart auf Grund von Übungen, in denen die sophistischen Quergänge keineswegs vermieden wurden. Das Leitmotiv lautete: man muß die Argumente nicht nur in geradliniger Logik aneinanderreihen, sondern mit ihnen jonglieren können; man muß die Fechtertricks des Gegners im Voraus kombinieren können, um ihnen mit überlegenen Intellektschwüngen zuvorzukommen. Andernfalls ist es nicht rätlich, sich auf einen Boden zu begeben, wo jede Konversation zu einem Turnier wird, in dem die Technik der Rede entscheidet. Sie übten mit verteilten Rollen, nach willkürlichen Gesichtspunkten. In einem bestimmten Gespräch zum Beispiel übernahm Lais die Partie des Göttergläubigen, während Aristipp mit atheistischen Motiven gegen sie operierte. Mittendrin, auf ein verabredetes Zeichen, wurden dann die Rollen vertauscht, sodaß Aristipp die Gläubigkeit, Lais deren Gegenteil zu begründen hatte, und zwar dergestalt, daß jeder Partner die zuvor erprobten Gründe neu zu schleifen, zu verfeinern und zu überbieten versuchte. Als sehr ergiebig erwies sich diese Methode auf dem Felde der Ethik, wo beide abwechselnd sich in das Wesen eines idealstarren Moralisten, und dann wieder eines materialistischen Glückseligkeitslehrers vom Schlage des Hippias hineindachten und hineinsprachen. Diese Debatten waren mehr als nur spielerische Plänkeleien; sie lieferten Befruchtungen für Aristipps eigene Hedonik und die von ihm ausgehenden Kyrenaiker, sie bleiben als solche bis zu Epikur kenntlich. Allein die Hauptsache waren doch die Übungen selbst, die dem beweglichen Geist der Lais die höchste Elastizität verleihen sollten. Je mehr sie darin fortschritten, desto entschiedener traten zwei Elemente in den Vordergrund, auf die alle anderen Gedankenlinien bezogen werden konnten: das Absolute und das Relative. Und aus ihnen ergaben sich Fragen, in deren kontradiktorischer Beantwortung sich beide wie in einer Arena tummelten: Waltet in der Welt eine vorbestimmte Ordnung, ein festgelegtes Gesetz der Gestaltung und Sittlichkeit? Antwort: Ja! denn sonst könnte man auch glauben, ein Gedicht wie die Ilias hätte durch eine zufällige Bewegung der Buchstaben entstehen können. Da diese Annahme unsinnig ist, so muß man auch anerkennen, daß der Welt, als einem noch viel vollendeteren Gedicht, ein vorbedachter Plan zugrunde liegt. Antwort: Nein! denn die Ilias geht auf eine einzelne, klar übersehbare Ursache zurück, während bei Entstehung der Welt sämtliche Ursachen gewirkt haben, mit Einschluß aller, deren Kausalität unserer Fassungskraft verborgen bleibt und die wir wegen ihrer Kompliziertheit »Zufälle« nennen. Also ist auch die Ursache der Ilias aus einem System von Aufeinanderfolgen entstanden, in denen das Ursächliche für uns verschwindet. Unsere Ursächlichkeit wird von der Wahrscheinlichkeit beherrscht, einem Begriff, der aus der Erfahrung stammt, der also nicht existiert, wo die Erfahrung aufhört, nämlich in der unendlichen Ferne der Grundursache. Deren Wesen liegt jenseits aller Vergleichsmöglichkeit, und wenn der Verstand in der Welt ein Baugesetz vermutet, ähnlich wie in der Ilias, so könnte er sich auch das Universum als hexametrisch geplant vorstellen. In Wahrheit gibt es keine Grundursache, weil hinter ihr wieder eine überletzte stehen müßte, also auch keine vorbedachte Ordnung, kein ursprüngliches Sachgesetz, und am wenigsten ein ewiges Sittengesetz. – Wäre es nicht trotzdem möglich, daß ein solches existierte, wenn man nämlich nicht auf die Stimme des Verstandes, sondern auf die der Gefühlsseele hörte? Antwort: Ja! Es kann nicht nur, es muß sogar bestehen, weil es sich der Gefühlsseele mit einer jeden Zweifel niederschlagenden Gewißheit ankündigt. Wie man sich auch die schöpferische Ursache vorstellt, als göttlich, als Fatum, selbst als einen Komplex von Zufällen, – eines bleibt als Annahme unmöglich: daß sie in einem bösartigen Dämon niste, dessen Bosheit ausgereicht hätte, um die Seele mit Blindheit zu schlagen. Verleugnet man aber diese entsetzliche Annahme, dann ist die Seele sehend, und die Stärke ihrer Wahrnehmung eines ewigen Sittengeseztes ist dann zugleich der Beweis für dessen Existenz. Antwort: Nein! Die Seele ist dauernd unfähig, einen absoluten Standpunkt zu gewinnen und urteilt ausschließlich in Relativitäten, die sie ohne Aufhör zu Absolutheiten umfälscht. Das Gefühl erklärt mit aller Sicherheit: die Nachtigall singt besser als der Rabe, und verweilt nicht einen Augenblick bei der sehr notwendigen Frage, ob nicht der Rabe besser krächzt als die Nachtigall. Wie in diesem Einzelfalle, so ist sein Besser-Schlechter durchweg nur Zwangsvorstellung, erzwungen von einem Phantom, das ihm ein Gut-Böse vortäuscht und dessen Identität mit Angenehm-Unangenehm, Willkommen-Lästig, Nützlich-Schädlich verschleiert. Gibt es aber absolut genommen kein Gut und Böse, sondern nur die Beziehung auf ein sinnlich wahrgenommenes Wohl und Übel, so entfällt auch die Berufung auf übersinnliche Gesetze, und die Seele muß sich vom kalten Verstand zurechtweisen lassen, der den transszendenten Zauberspuk durchschaut. – Ist die Tugend lehrbar? Antwort: Ja! Die Seltenheit der Tugend und die Tatsache, daß wir von ihr so viel Aufhebens machen, zeigt untrüglich, daß sie nicht zu den selbstverständlichen Dingen gehört. Sie ist vielmehr in Elementen des Verstandes verankert und hängt von Einsichten ab, ohne deren Vertiefung sie selbst gar nicht vorhanden sein kann. Der Mensch muß erst die groben und feineren Unterschiede zwischen Gesetzespflicht, Aussicht auf Vorteil, Furcht vor Strafe, Stimme des Gewissens, Wohl und Güte, Willenszwang und Willensbeherrschung begriffen haben, bevor er auch nur die Möglichkeit gewinnt, eine sittliche Persönlichkeit zu werden und Tugend zu äußern. Wenn ihm nicht hunderte von Erfahrungsbeispielen richtunggebend zur Seite stehen, bleibt er ohne die geringste Anwartschaft darauf, die Wege der Tugend zu erkennen, und ohne das mindeste Vermögen, sich in ihnen zurechtzufinden. Es gibt also eine Tugendweisheit, und diese muß mitteilbar sein in Sätzen, die sich, wie die jeder anderen Wissenschaft, auf Gedankenentwicklung gründen. Die Tugend ist nicht erzwingbar, wohl aber lehrbar, von einem, der die Theorie der Vollendung seelischer Fähigkeiten beherrscht, lernbar von jedem, in dessen Seele überhaupt Entwicklungskeime vorhanden sind. Antwort: Nein! Denn wenn sich die Tugend nur im mindesten auf das Mitteilbare, das heißt auf das Vernunftmäßige gründet, so ist es völlig absurd, zu erwarten, jemand solle Vernunft annehmen. Da nur derjenige imstande ist, sie anzunehmen, der sie schon vorher besitzt, weil ihm sonst das Organ der Empfangnahme fehlt. Eine Lehre, die darauf ausgeht »Nimm Moral an« arbeitet also von Anfang an mit einem logischen Fehler, da sie beim Empfänger bereits das als vorhanden voraussetzt, was sie ihm beizubringen unternimmt. Existiert die Vorbedingung, so wirkt sie sich mit derselben Sicherheit aus, wie das Talent eines Fisches zum Schwimmen, wofür er einer Anweisung nicht bedarf; existiert sie nicht, so gerät der Lehrer in die Lage eines Präzeptors, der einen Stummen zum Sänger oder einen Blindgeborenen zum Maler erziehen will. Das Vorhaben ist somit entweder überflüssig oder unmöglich, und hieraus ergibt sich unweigerlich: die Tugend ist nicht lehrbar. * * * Diese spielerischen Konflikte erstreckten sich über weite Felder, fanden indeß ihren praktischen Halt bei der Frage, wie denn die Reise der Lais in Szene gesetzt werden sollte. Ursprünglich hatte Aristipp wie natürlich einen Ausflug zu zweien angenommen, allein jetzt trat bei der Freundin eine unvermutete Laune zutage: sie wollte allein nach Attika pilgern, unbetreut von einem männlichen Genossen, dessen Anwesenheit ihr in diesem Betracht wie eine Empfehlung, Einführung und Aufsicht vorgekommen wäre. In ihr regte sich die Romantikerin, die das Unvorhergesehene mit Reizen ausschmückte. Aristipp war von ihrem Verlangen zuerst ein wenig überrascht, und er empfand sogar eine leise Enttäuschung, da er sich von der gemeinsamen Reise ein erhebliches Vergnügen versprochen hatte. Allein es widerstrebte ihm doch, einen langen Disput aufzubieten, der wahrscheinlich zu keinem anderen Ergebnis geführt hätte, als eine kurze Einwilligung. Er fügte sich daher ihrer Laune ohne merkliche Verstimmung, und ohne besonders abzuwägen, ob er durch seine rasche Nachgiebigkeit ein Opfer brächte. Lais besaß in Athen eine gute Bekannte, – Freundin wäre zuviel gesagt, – und man verständigte sich mit dieser brieflich wegen der Beherbergung für etliche Tage oder Wochen. Die hübsche Polyxena, eine Hetäre zweiten Ranges, war ganz beglückt durch die Aussicht, die strahlende Persönlichkeit Lais in ihrer Behausung aufnehmen zu dürfen, und sie schätzte diesen Besuch fast ebenso hoch ein, wie den des Alcibiades, der ihr einmal zu flüchtiger Plauderstunde seine Anwesenheit gegönnt hatte. Am liebsten hätte sie die ganze Zunft der Genossinnen zum feierlichen Empfang mobil gemacht. Das verbot sich aber durch den Plan der Ausflüglerin, welche diesmal wie eine arkadische Hirtin dahinzustreifen vorhatte. Ihr wenig umfangreiches, in Einzelheiten aber auserlesenes Reisegut wurde vorher in die Wohnung der Polyxena geschafft; sie selbst ließ sich, nur von einigen Fährleuten bedient, von der Insel Ägina nach Phaleron, nahe am Piräus-Hafen übersetzen, schickte dort die Bootsmannschaft zurück und begann allein zu wandern, in einem Aufzug, in dem man sie eher für ein Mädchen vom Lande, als für eine Dame der großen Welt gehalten hätte. Der Weg war ja kurz, der ließ sich in wenigen Stunden Spaziergangs bewältigen, und für ihre Sicherheit trug sie keine Sorge. Man lebte ja nicht zu Kodrus' Zeiten, da die Straßen noch den Wegelagerern gehören mochten; und für den äußersten Fall hatte sie sich auf Aristipps Drängen eine wirksame Stoßwaffe in den Gürtel gesteckt. Die Landschaft wirkte herrlich, und der Lais war es, als ob Himmel, strömendes Gewässer, Berglinien, Pflanzenwuchs und menschliches Bauwerk sich vereinigt hätten, um sie freundlich zu begrüßen. Was man in jener Zeit nur selten findet, die touristische Beglücktheit, die Wandervogellust, das ging ihr plötzlich auf in einer Seelenstimmung, von der sie zuvor nur dunkle Ansätze gespürt hatte. Man mußte einsam sein, losgelöst vom Gewohnten, in einer Bewegung, in der schon jeder Schritt zum Ziele führte, und jedes fernere Ziel nicht mehr an die Befolgung der kürzesten Linie gebunden war. Gewiß, das dort drüben, das war Athen, und dorthin wollte sie, aber ebenso begehrte sie den Umweg, denn jede Verlängerung versprach ihr eine neue Köstlichkeit. Ihr war es, als verstünde sie das Rauschen der Blätter und die Stimmen der gefiederten Sänger im Laub, und es fuhr ihr durch den Kopf, ob denn die grundgelehrten Gespräche, denen sie entgegenging, mehr Weisheit enthalten könnten, als die Elementarlaute der Landschaft. Am Ufer des sanftfließenden Ilissos träumte sie entlang. Hin und wieder blieb sie stehen, zum Anschauen erwachend, und es drang ihr ins Bewußtsein, wie wunderbar sich die näheren und ferneren Bauwerke dem Bilde einfügten; gleichsam als Kleinodien, die der Mensch auf den Nacken der Erde gesetzt hatte, um sie wie eine Geliebte zu schmücken. Sie fand ein einladendes Ruheplätzchen an einem grasbewachsenen sanften Flußabhang, nahe einer Platane. Hier dehnte sich eine natürliche Bank, doppelt ausladend, geteilt durch eine dichte Strauchwand, deren üppige Blüten ringsum den Raum durchdufteten. Hier rastete sie kurze Weile und lauschte den Zikaden, deren Gezirp ihr als eine harmonische Ergänzung der andern Naturmelodien entgegenschwirrte. Irgendwo im Gelände blies ein unsichtbarer Hirt, der auf seiner Rohrpfeife nur über zwei dünne Töne verfügte; der stand in der künstlerischen Entwicklung noch tief unter der Musikstufe einer Drossel; aber seine Kunstlosigkeit paßte trotzdem ganz gut in diese zart vibrierende Klangwelt. In der Ferne, von der Stadt her schreitend, wurden zwei Gestalten erkennbar, zwei Männer, die in eifrigem Gespräch offenbar sehr Wichtiges verhandelten. Der ältere trug einen kahlen Dickschädel mit einem Silensantlitz und gab sich schon auf mehrere hundert Schritt in Haltung und Gebärde als die mit keinem anderen Erdenbürger verwechselbare Figur des Sokrates zu erkennen. Sein Begleiter war ein Ephebe, auf der Grenzscheide zwischen Knabe und Jüngling, dessen Schönheit an Haupt und Gliedern den vollendeten Gegenpart zur Erscheinung des großen Philosophen bildete. Selbst mit einem Aristipp verglichen hätte diese schlanke Gestalt, rein nach Form aufgefaßt, noch einen Vorsprung in der ästhetischen Beurteilung behauptet, wäre ihm als geistiger Persönlichkeit der gleiche Blick der Intelligenz zu eigen gewesen wie dem Mann aus Kyrene. Allein da bestand allerdings ein Abstand, selbst über den Altersunterschied hinaus. Der Jüngling auf der Landstraße machte zwar nicht den Eindruck eines Einfältigen oder Gecken, aber noch weniger den eines besonderen Talentes. Sein Auge war Reflektor, nicht Selbstleuchter. Desto lebhafter feuerwerkte es in den Augen des Alten, den das über alle Welt hallende Orakel von Delphi als den Weisesten aller Menschen proklamiert hatte. Lais war unschlüssig, sollte sie ihm entgegengehen zur Reverenz? sollte sie ihm zu erkennen geben, daß hier ein Geschöpf von der Größe des Moments überwältigt war, vom ersten Anblick einer unvergleichlichen Berühmtheit? Eine eigentümliche Scheu hielt sie gebannt. Und schon waren die beiden Gestalten ganz nahe heran, sie nahmen Platz auf der anderen Seite der Ruhebank, von der Pilgerin abgetrennt durch das dichtbeblümte Gesträuch, vollkommen vertieft in ihre Auseinandersetzung, die keinen Augenblick pausierte. Und hier wurde Lais unfreiwillige Zeugin eines Gesprächs, bei dem ihr das Blut in den Adern erstarrte. In diese fingierte Episode sind einzelne Elemente aus dem Phaidros und anderen Platonischen Dialogen frei verwebt. In dem Jüngling Phädrus wird der Vertreter einer Klasse von Zöglingen vorgestellt, die auf die Worte des Meisters schwören. Die Beiden unterhielten sich nämlich ungeniert, und lange Zeit ausschließlich von der Päderastie, mit der denkbar größten Sachgründigkeit und einem unüberbietbaren Wohlgefallen. Es war, als schlürften sie in den tiefsten Geheimnissen der Liebe, um deren feinste Blüte im homosexuellen Verkehr zu entdecken. Ja, sie schienen diesen Verkehr für den einzig möglichen unter Liebebedürftigen zu halten, sodaß lediglich dieses Stuprum gefeiert wurde, während die erotische Beziehung von Jüngling zu Mädchen, von Mann zu Frau überhaupt kaum erwähnt wurde. Der Erfahrungskreis zumal des Alten erwies sich als überaus weitgedehnt, und wenn er auch nicht andeutete, daß er gerade diesen jungen Herrn, den er Phädrus nannte, zu seinen Lagergenossen zählte, so zwang sich doch der Hörenden ein derartiges abscheuliches Bild unwillkürlich auf; ein Bild, das an Perversität und grauenhafter Lüsternheit alles überbot, was man sonst nur in den Orgiasmen bocksfüßiger und schweinsohriger Faune und Satyrn für möglich hält. Nein! die Unholde der Wälder ließen doch ihre Bestialität besonders an Nymphen aus, und sie besoffen sich zuvor, sie hatten für ihr ekelhaftes Treiben wenigstens einen natürlichen Erklärungsgrund. Hier aber wurde akademisch verhandelt, in nüchterner Betrachtung, mit verzerrter Satyriasis, und dazu mit dem aufgedonnerten Anspruch auf feingeistige Problemlösung. Man wühlte im Pfuhl und gab sich den Anschein der Erhabenheit. Und in solcher Morastbesudelung geschah es, daß die Figur des großen Tugendmeisters Sokrates zu allererst für Lais leibhaftig wurde! Jede Bewegung, jedes Geräusch wäre verhängnisvoll gewesen. Sie hätte vor Scham in die Erde sinken müssen, wenn man sie als Zeugin solchen Disputs entdeckt hätte. Sie fühlte sich auf den Platz festgeklammert, und stierte verloren auf die Hoffnung, dieses Gespräch müsse doch einmal eine Wendung nehmen, einen Schimmer von Anständigkeit gewinnen, um ihr das Hervortreten aus dem Versteck zu verstatten. Aber die Herren verfuhren so konsequent, als ob es außer ihrem Thema kein anderes auf der Welt gäbe. Schaudernd erfuhr Lais die verborgensten Subtilitäten des Faches. Ihre Welterfahrenheit reichte ja weit genug, und die Existenz der Knabenliebe in allen Formen war ihr nicht unbekannt. Aber wenn je vordem in der Intimität gewisser Frauengespräche davon die Rede gewesen war, so blieb es doch für sie ein kurioses Abstraktum, unvorstellbar wie Menschenfresserei, Sodomie und Vampyrismus, und abgesehen von aller Verächtlichkeit ein Gegenstand irrsinniger Komik, bei dessen bloßer Erwähnung eine Frau sich herabwürdigte. Und hier traktierten ihn die beiden Sitznachbarn als eine philosophisch zu zergliedernde Disziplin, mit moralisierender Gediegenheit, und wenn man nur auf den Tonfall achtete, nicht auf den Sinn, so hätte man streckenweis kaum erraten, ob hier Pädogogia verhandelt wurde oder Päderastia. Bis dann ein grelles Schlagwort die Situation beleuchtete und keinen Zweifel darüber ließ, daß sich die ganze Disputation um blanke Obszönität drehte. Sokrates: ... Wir werden also nunmehr, schöner Phädrus, zu untersuchen haben, wer im Bereiche der Liebe den Vorzug verdiene, ob der stürmische Liebhaber, der heftig und nachdrücklich Verliebte, oder der leidenschaftslose Verehrer, welcher gleichwohl gewisse Rechte sinnlicher Art an dem lieblichen Knaben geltend macht. Und ich möchte von dir hören, wie du, mein entzückender junger Freund, dir wohl den Gang einer solchen Untersuchung vorstellst. Phädrus: Es ist dir wohl bekannt, wunderbarer Mann, daß ich auf diesem Gebiete bereits von dem anderen Lehrer, dem vortrefflichen Lysias, einige ausgezeichnete Anweisungen empfangen habe. Und ich halte dessen Meinung für richtig und absolut unwiderleglich, es sei denn, daß du sie widerlegst und mir die Reden des Lysias als unsinnig nachweist. Und ich hege sogar die feste Vermutung, daß dir dies gelingen wird, denn du würdest ja nicht deinen großen Namen verdienen, Hochgelobter, wenn du dieselbe Ansicht hegen solltest wie ein anderer, der vor dir gesprochen hat. Allein zuvor, denke ich, wäre vielleicht das Wesen der Liebe überhaupt zu betrachten und die Frage zu erörtern, ob denn die Liebe, von der wir eben reden, als eine Notwendigkeit, eine Pflicht, eine Lust, eine Tugend oder als was sonst bezeichnet zu werden verdient. Sokrates: Wohl gesprochen, mein goldener Phädrus, nur ein wenig zu lang. Du kennst mich genügend, um zu wissen, daß ich schon aus eigenem Antrieb alle Fragen aufspüre, entwickele und deren Beantwortung einleuchtend mache, was sich – mit aller Bescheidenheit sei es gesagt – schon darin kundgibt, daß am Schluß meiner Ausführungen ein Widerspruch selten oder niemals vernehmlich wird. Was nun die Liebe zwischen männlichen Personen betrifft, so können wir uns die Sache sinnig vereinfachen, indem wir uns direkt auf das göttliche Vorbild berufen. Oder meinst du nicht, daß ein Muster der Gottheit für menschliche Wertmessung entscheidend sein muß? Phädrus : Gewiß, o Sokrates, meine ich das. Sokrates : Nun denn, wir wissen, daß Gottvater Zeus in Liebe zu dem herrlich gebauten Ganymedes entbrannte und ihn mit Adlerfängen in den Himmel entführte, wo er zu ewigem Leben als der Geliebte des Olympischen Herrschers verweilt. Wäre es wohl statthaft, anzunehmen, daß Zeus ein solches Beispiel aufgestellt hätte, wenn es nicht als Muster auch für die Menschheit dienen sollte? Phädrus : Freilich wäre das unstatthaft und vermessen. Sokrates : Jetzt bist du im Bilde, himmlischer Phädrus. Denn wie anders sollte der Mensch dem göttlichen Muster nachstreben, als mit der Begierde, seine irdische Lust zur Götterlust zu erhöhen, aus innerer Notwendigkeit, also aus Pflicht, deren Erfüllung eine erhabene Tugend bedeutet? Und dürftest du daran zweifeln, schöner Phädrus, daß du berufen bist, als ein irdischer Ganymed denjenigen beizuliegen, die sich kraft ihrer sittlichen Vollkommenheit am meisten dem göttlichen Vorbild genähert haben? Phädrus : Nein, Sokrates, daran zu zweifeln wäre Frevel. Sokrates : Wir haben sonach ermittelt, daß der wahre Sinn der Erotik in der gleichgeschlechtlichen Männerliebe beschlossen liegt, und können nunmehr dazu übergehen ... Phädrus : Mit Verlaub, sollten wir das wirklich schon ermittelt haben? Wäre es nicht denkbar, auch dem Verhältnis zu einem Mädchen, einer Jungfrau oder Hetäre einen gewissen erotischen Sinn zuzuweisen? Sokrates : Ich sehe dich auf Abwegen, Freund! du machst plötzlich Einwürfe wie ein Sophist aus Abdera, dem es nicht um Ergründung der Wahrheit, sondern um das Funkeln eines spitzfindigen Arguments zu tun ist ... Phädrus : Das lag mir fern, du Herrlicher; mir ging es nur eben durch den Kopf, daß ja Zeus auch nach der femininen Seite gewisse Muster aufgestellt hat, so zum Exempel, da er die Leda als Schwan und die Europa als Stier beschlich. Sokrates : Gerade an solchen Beispielen kannst du die Haltlosigkeit deiner Zwischenfrage ermessen. Wähle die Beispiele wie du willst, und du erkennst den Abstand wie von einer flüchtigen Liebelei zu einer auf Dauer angelegten Liebe. Niemals hat Zeus daran gedacht, sich einer Leda oder Europa auf ewig zu verbinden, er überließ die letzte vielmehr dem König von Kreta und kümmerte sich nicht weiter um sie, während er seinem Liebling Ganymed mit der Weihe der Unsterblichkeit die überragende Sonderstellung erteilte. Wiederhole nun deine Frage, Phädrus. Phädrus : Wie dürfte ich das wagen, nachdem du ihre Voraussetzung mit so staunenswerter Geisteskraft zu Boden geschlagen hast. Sokrates : Was also haben wir ermittelt? Phädrus : Ganz genau die Richtigkeit deiner Ansage: daß nämlich der wahre Sinn der Erotik ausschließlich in der geschlechtlichen Männerliebe beschlossen liegt. Sokrates : Und im Anschluß hieran haben wir zu untersuchen, ob der geliebte Knabe oder Jüngling sich mit gleichem Feuer der Umarmung der stürmischen wie der kühlen Verehrer hinzugeben hat. In dieser Hinsicht nun, wenn man es vorurteilslos und mit unbefangener Weisheit betrachtet, kann ein Zweifel gar nicht platzgreifen. Denn wenn der Liebhaber seinen Hang bis zur Leidenschaft aufschwellen läßt, so wird er ein Wahnsinniger, ist von einem Rasenden nicht zu unterscheiden, und wenn er mit solchem Ungestüm, von unablässiger Begierde gestachelt, bei Tag und Nacht den Geliebten sieht, hört, berührt und mit allen Sinnen genießt, so läßt er dem stets umschlungenen Knaben weder Zeit noch Möglichkeit zu anderweitiger geistiger und seelischer Entwicklung. Er drängt ihn von der Familie ab, sähe ihm gern Vater, Mutter, Verwandte und Freunde, ja sogar sein jetziges und künftiges Eigentum entrissen, und er freut sich, wenn der Geliebte jede andere Beziehung und allen Besitz einbüßt, weil dann er allein, der Umschlinger, über ihn unumschränkt regiert. Gleichwie Wölfe das Lamm, so lieben den Knaben die vom Leidenschaftssturm Gepeitschten. Und daraus folgt, daß der Knabe den ruhiger gestimmten Liebhaber zu bevorzugen hat. Phädrus : Wider Vermuten habe ich Anlaß zu einer ganz besonderen unerwarteten Freude: denn fast genau so wie du, hat mein erster Lehrer Lysias diese Angelegenheit entwickelt. Welch' überraschende Übereinstimmung der Gedankenfolgen! Und wie sicher steht jetzt die Ansicht des ersten, da sie durch dich, den Weisesten aller, die Bestätigung erfahren hat! Sokrates : Wir müssen da jedes Mißverständnis ausschließen, damit auch nicht der leiseste Bodensatz zu einer möglichen Verstimmung zurückbleibt ... Phädrus : Wieso Verstimmung, prächtiger Meister? Sokrates : Weil der Gleichlauf zweier Denkfolgen immer dem Verdacht Raum gibt, es könne da etwas nicht in völliger Ordnung sein. Bist du wirklich ganz sicher, holder Phädrus, daß dein Lysias so ähnlich argumentiert hat? Phädrus : Zum Verwechseln ähnlich. Sokrates : Das ändert die Sachlage insofern, als meine Sätze danach noch eine Ergänzung erheischen. In unserem Ideenkreis kam vorhin der Begriff » Wahnsinn « vor, entsinnst du dich wohl? Phädrus : Ja freilich; und vorzüglich angewandt, haarscharf erfaßt, wie alle Begriffe, deren du dich bedienst. Sokrates : Nun gewährt aber jeder Begriff, von einer anderen Seite angesehen, eine andere Deutung; und nun denke einmal nach: ist der Philosoph nicht verpflichtet, die Begriffe möglichst vielseitig zu betrachten, sie gleichsam rotierend ins Blickfeld zu rücken, um ihnen möglichst viel Deutungen abzugewinnen? Phädrus : Allerdings ist er hierzu verpflichtet. Sokrates : Wie steht es sonach um den »Wahnsinn«? Wir werden uns zu erinnern haben, daß dem Menschen die größten Güter durch einen Wahnsinn zuteil werden, den ihnen eine Götterkunst verleiht, und der mit Recht als » Theia Mania «, als »göttlicher Wahnsinn« gepriesen wird. Ist es nicht erwiesen, daß die Prophetinnen der Orakel von Delphi und Dodona ihre herrlichsten Aussprüche zum Segen für Hellas im Zustand des Wahnsinns geleistet haben, bei kühler Vernunft aber nur Kümmerliches oder gar nichts? Phädrus : Ja gewiß, das ist längst erwiesen. Sokrates : Und ebenso, wie das begeisterte Wahrsagen nicht aus der platten Verständigkeit quillt, sondern aus dem Delirium, so ist auch die ganze Dichtkunst in ihren herrlichsten Offenbarungen nichts anderes als ein Ausfluß der Besessenheit! Wer sich ohne die irrsinnige Verzückung der Musen in den Vorhallen der Poesie einfindet, vermeinend, er könne durch nüchterne Vernunft allein ein wahrer Dichter werden, der bleibt ungeweiht, und stets wird der Verständigen Dichtwerk von den Erzeugnissen der Ekstase in den Schatten gestellt. Sobald wir dies aber einräumen, müssen wir uns auch entschließen, einen stürmischen Freund, der bis zur Besinnungslosigkeit verliebt ist, und der mit der ganzen Vehemenz eines Rasenden den Geliebten umfängt, höher zu stellen als einen phlegmatischen Liebhaber; und du erkennst nun, mein Himmlischer, wiewohl auf einem Umweg, daß du dich vorhin, als ich dir das Gegenteil bewies, in einem verhängnisvollen Irrtum befunden hast. Phädrus : Sonnenklar erkenne ich das, du Erhabener, der du es verstehst, zuerst den Taumel der Verirrung zu erregen, um nachher desto nachdrücklicher alle Pforten unwiderleglicher Wahrheit aufspringen zu lassen. – – – Kaum noch vermochte Lais, sich zu halten. Sie war nahe daran, emporzufahren, aus ihrem Versteck hervorzubrechen und ihre Empörung über solche perverse Beweisführung hinauszurufen. Aber noch immer fühlte sie sich von Schamhaftigkeit bemeistert, – als das belauschte Gespräch eine unvermutete Wendung nahm, die ihr den Entschluß, ihre Anwesenheit zu offenbaren, merklich erleichterte. Sokrates hielt es nämlich für angezeigt, da er eben das Thema der seelischen Raserei angeschlagen hatte, sein stets parates Steckenpferd von der Seele überhaupt in hoher Schule zu reiten; und da er nun von der »Unsterblichkeit« zu philosopheln anfing, gewann Lais tatsächlich die ersehnte Möglichkeit, hervorzutreten, ohne sich als Zuhörerin der vorangehenden Päderastosophie zu kompromittieren. Wie und mit welch überraschendem Erfolg sie dies in Szene setzte, das wäre eigentlich in unmittelbarem Anschluß zu erzählen; allein Aristipp verschob mir diese Sensation noch auf einige Minuten, da er der Notwendigkeit einer persönlichen Erläuterung zum Vorhergehenden nicht auszuweichen vermochte. – Ich muß dir darüber, so betonte er mir gegenüber, reinen Wein einschänken, und ich bin dessen bewußt, daß ich hier zu dir als dem Bürger eines späteren Jahrtausends spreche. Denn ich darf die Mißdeutung nicht aufkommen lassen, als hätte mich meine Zugehörigkeit zu jenen Kreisen auch auf deren intrasexuelle Anschauungen verpflichtet. Das wäre ein schmählicher Verdacht, den ich ein für allemal abriegeln möchte, mit der nämlichen Entschiedenheit, mit der ich mich im Verkehr von Mann zu Weib als Apostel der freien Liebe bekenne. Meine Überzeugung, daß in unserem Hetärentum ein mächtiger hellenischer Kulturwert enthalten ist, findet sein Gegengewicht in der andern, daß jene aktiv und passiv betriebene, von Rhetoren und Dichtern verherrlichte Knabenliebe einen nie zu übertünchenden Schandfleck der Epoche darstellt. Ins Feuer mit den Dialogen und Oden, die jemals aus diesem Sumpf zu geiler, mißduftiger Blüte aufschossen! Mir selbst, – ergänzte er – hatte man schon in sehr frühen Jahren beigebracht, ich wäre ein recht hübscher Bursche, und ich hegte diese Überzeugung als eine Selbstverständlichkeit, da ich das Verhalten meiner Umgebung mit ihren Worten in Einklang sah. Willig ging ich auf alle Bevorzugungen und Zärtlichkeiten ein, aus dem Gehege der gleichaltrigen und etwas reiferen Mädchen wehte es mir wie ein traumhaftes Glück entgegen, nicht ganz verstanden, aber schon ziemlich richtig erahnt, und schon als Knabe hatte ich eine kleine Vergangenheit; von gewissen Süßigkeiten des Daseins hätte ich mehr erzählen können als mancher von den Poeten, die aus nie gepflückten Küssen elegische Verse flechten. Dabei blieb mir die Verweichlichung fremd, eifrig gepflegte Lehrdisziplinen und Leibesübungen hielten mich straff, aber selbst in den ernstesten Beschäftigungen blieb es mir gegenwärtig, daß alles Klare und Gegenständliche doch nur den Vordergrund bilde zu den dionysischen Tiefen, in deren Zauber ich bereits lustvoll erschauernd geblickt hatte. Wie fiel ich da aus allen Himmeln, als eines Tages ein erwachsener Mann – noch dazu ein mit Mentorbefugnis ausgerüsteter – mit süßlichem Lächeln mir zu verstehen gab, daß mein erotischer Horizont einer Erweiterung fähig und bedürftig wäre! als er mit einem Anflug von zärtlich gemeinten Handgreiflichkeiten einen Kursus beginnen wollte, dem ich allerdings, zuerst von Staunen, dann von Grauen ergriffen, schnell genug ein jähes Ende bereitete, – » pyx kai lax « – fäustlings und mit der Ferse ausschlagend, wohin es treffen wollte! Nie zuvor und nie nachher hat mich so brennende Wut übermannt, wie damals, als ich dem verliebten Präzeptor disziplinlos in die Gedärme stampfte, mit einem plötzlichen Kraftüberschuß, der mir in der Palästra einen hohen Kampfpreis gesichert hätte. Noch lange nicht war ich durchaus wissend geworden, denn man muß wohl systematisch-phädrisch erzogen sein, um die richtige Übersicht über die Rasereien und Finessen der Männerliebe zu erlangen. Mir genügte der allererste Anfang der homosexuellen Lehre, um mir für alle Folgezeit den tiefsten Ekel gegen alles einzupflanzen, was in Wort und Berührung auch nur im Entferntesten an diese Verschmelzung von geistigen und körperlichen Unflat erinnert. Denn diese angebliche Geistigkeit ist nur die Maske, hinter der sich die widerlichste Erscheinung des Zeitalters verbirgt. Erst später gelangte ich dazu, den ganzen Umfang der Epidemie zu erkennen. Bis auf wenige Ausnahmen waren sie alle davon angefressen, denen ich im Verfolg meiner akademischen Studien begegnete. Und zu meinem Leidwesen muß ich bekennen: das, was ich einen Freund nennen möchte, was mir vorschwebt, wenn ich an Orest und Pylades, an Theseus und Peirithoos denke, das ist mir im Leben versagt geblieben. Strengstens hatte ich hinfort allen Genossen angesagt, daß in meiner Gegenwart das bewußte Thema niemals mit einer Silbe gestreift werden durfte. Sie fügten sich wohl meinem scharfbetonten Wunsch, verhehlten indessen kaum, daß sie mich als einen Pedanten mit nur halbentwickelter Erotik eigentlich zu bedauern Ursache hätten. »Aristipp, der Lebenskünstler als philiströser Pedant! das gäbe ein besonderes Kapitel in einem künftigen Buch, das du selbst freilich besser hättest verfassen können, als einer der heutigen; ich vermute,« – so ergänzte ich – »daß wir uns in Anbetracht dieser scheußlichen Erotik bei den Alten mit sehr viel lückenhaftem und falschem literarischem Trödel umherschleppen. Übrigens ist es noch nicht zu spät, um da einmal gründlich mit dem Kehrbesen dreinzufahren; du wandelst hier leibhaftig, du bist mit deinem Wissen auf verschiedene Epochen eingestellt, also wie wär's, wenn du dich jetzt noch zu einer solchen Schrift aufrafftest?« – Sie wird ungeschrieben bleiben; aber einige Zeilen aus den nichtexistierenden Kapiteln will ich dir mitteilen. Daß du meinen Horror vor der Sache selbst teilst, versteht sich ja von selbst. Aber mit der einfach schematisierenden Abfertigung »das ist ein Laster!« kommen wir da in keiner Beziehung aus. Es blieben zuviele unerklärte Rückstände, und wenn es uns auch nur gelingt, einige zu lichten, so verlohnt sich schon die Spürarbeit. Denn über die Liebe im Allgemeinen gibt es ganze Bibliotheken, über das dunkle Land der Liebe indeß nur spärliche brauchbare Seiten. Zuerst also grundsätzlich: Woher unser Horror? »Ich glaube, Aristipp, darüber braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen; er ist der einfache Widerwille gegen das Unnatürliche, von der Natur selbst Verabscheute.« – Das ist eine Umschreibung in Worten, aber keine Erklärung. Denn erstlich wissen wir viel zu wenig von den Absichten und Neigungen der Natur, als daß wir genau ansagen könnten, was sie duldet und was sie verwirft. Und zweitens verfahren wir unehrlich, wenn wir so allgemein behaupten: alles Unnatürliche ist uns verhaßt. Im Gegenteil ließe es sich vertreten, daß zahlreiche Ausstrahlungen der Kultur uns wesentlich deswegen als fein und begehrenswert erscheinen, weil sie der Natur konträr sind. Das Kind und das Tier stehen der Natur näher als ich und du, und man kann als sicher annehmen, daß im Empfindungsfelde eines milchschlürfenden Kindes oder eines kirschenpickenden Vogels der Nikotinbrand, an dem du dich erquickst, als Greuel contra naturam erscheint. Aber auch im Bereich der von aller Welt verfehmten Laster, sofern sie die Ethik betreffen, gibt es kaum ein einziges, das in jeder Form und in allen Zusammenhängen den Abscheu herausfordert; und wir besäßen kein Epos und keine Dramatik ohne die Fähigkeit des Lasters, im Bunde mit dem Geschmack als gefällig, im Bunde mit der Leidenschaft als imposant aufzutreten. Ja man brauchte sich gar nicht in Spitzfindigkeiten zu verlaufen, um Fälle zu konstruieren, in denen ganz ordinäre, niedere Laster wie Undank, Bestechlichkeit, Geiz, leidlich gute Figur machen können ... »Zugestanden, das könnte ein schlauer Komödienschreiber erkünsteln. Aber im Geschlechtlichen liegt das alles doch ganz anders, da tritt doch die Absicht der Natur klar zutage, und was sich dagegen auflehnt, das wird mit Recht von uns gebrandmarkt.« – Das heißt, wir bringen alles auf einen durchsichtigen Generalnenner, auf die Fortpflanzung, auf die Arterhaltung. Was nicht hindert, daß zahllose Mittel aufgeboten werden, um diesen Naturplan unwirksam zu machen und um frevelhafte Geschlechtsgenüsse zu erschleichen, die ganz extra naturam liegen. Wie groß ist das Gebiet der Psychopathia sexualis , selbst wenn wir die Homosexualität und die sehr seltene, ebenso verwerfliche Nekrophilie gänzlich ausschalten. Aber der Kulturmensch betrachtet die meisten voluptuösen Verirrungen, sobald sie nur im leisesten bisexuell gefärbt sind, mit leidlicher Toleranz. Er lehnt sie als unschön ab, nimmt aber vielfach an ihnen ein pikantes Interesse und gerät nicht in die Weißglut des Hasses. Es genügt also nicht, daß wir einen Akt als der Arterhaltung zuwider erkennen, um uns in jenen äußersten Horror hineinzutreiben, wie ihn die Vorstellung eines Urnings erregt. Wir unterscheiden also auf diesem Felde Laster in Rangstufen und weisen dem erörterten einen gänzlich isolierten Platz an, sozusagen im Brennpunkt des Ekels, der also noch einen anderen Grund haben muß, als die physiologische Verleugnung der gattungerhaltenden Naturabsicht. »Du stellst das Problem sehr knifflich, und ich glaube nicht, daß es möglich sein wird, seine Lösung zu finden. Imponderabilien sind eben unergründlich.« – Solange man sich nicht entschließt, den streng logischen Weg zu verlassen. Auf diesem können wir verbleiben, wenn wir den Ekel im allgemeinen – bis auf diesen besonderen – als nützlichen Wink für den Organismus begreifen. Der Ekel ist ein Warnungssignal, das sich vor dem Schädlichen aufpflanzt. Er steigt auf in Übelduft und Mißgeschmack, um anzuzeigen, hier lauern Verwesungskeime und Gifte. Aber alsbald versagt der logische Fortgang; denn wäre das Ekelgefühl des gesunden Menschen gegen diese Verirrung lediglich eine hygienische und gattungsfördernde Warnung, so müßte es in gleicher Stärke auch bei jeder mannweiblichen Perversion auftreten, was ersichtlich nicht der Fall ist. Nein, hier zeigt uns die Natur ein ganz anderes Gesicht: es ist das einzige Mal, daß sie selbst die Fahne der Moral heraussteckt, mit einem ethischen Befehl a priori , ohne Nebenabsicht, indem sie kategorisch verkündet: »das darfst du nicht!« Ein großer Forscher hat gesagt: Die Natur macht sich nichts aus unseren analytischen Schwierigkeiten, und man hat hinzuzufügen: sie macht sich auch nichts aus den ethischen Schwierigkeiten, mit denen der Mensch sich herumschlägt. Hinsichtlich aller anderen Laster kennt sie kein Bedenken, und wehe wenn wir uns ihrer Führung überlassen, denn sie ist die Großmeisterin der Unmoral. In ihrem eigenen Walten stellt sie für jeden erdenklichen Frevel das kolossale Paradigma auf in allen Formen grausamer und unsinniger Verderbtheit, und ihre biologischen Gesetze mit dem Kampf Aller gegen Alle an der Spitze sind nur physikalische Ausdrücke für die Scheußlichkeiten, vor denen die weltweise Moral menschlicher Sittenlehre sich entsetzt. Nur in dem einzigen Punkt besinnt sich die Natur auf etwas Göttliches, Transzendentes, und gerade im Höhepunkt der von ihr verordneten Sinnlichkeit läßt sie das Übersinnliche durchbrechen. Sie bezeichnet das Maximum der Wonne als den Brennpunkt der Moral und konstruiert dazu im schärfsten Kontrast den Gegenpol, den sie mit Ekel umgibt zum Zeichen, daß sie selbst, die mit allen Lastern Befreundete, mit allen Greueln Gewaschene, hier zurückschaudert. Hier haben wir nicht nach Warum und Weil zu fragen, sondern die unmittelbare Gegebenheit anzunehmen, den durchdringenden Zuruf der Natur: das darfst du nicht, es ist die einzige Beziehung, die selbst noch in der Brutstätte aller Greuel als unmöglich perhorresziert wird! Und für diesen scharf präzisierten Zorn der Natur haben wir auch die direkten Beweise. Vor allem in der Tierwelt. Alle menschlichen Laster finden wir in ihr vorgebildet, und die gesamte Tierfabel von Äsop, Babrius bis zu Lafontaine lebt davon; wenn man auch einräumen muß, daß im Animalischen die Bestialität niemals die Hochstufe erreicht wie im Menschlichen. Sicherlich gibt es auch bei den niederen Lebewesen geschlechtliche Perversionen aller Art, aber das Singulare ist deutlich genug hervorgehoben: der von der Naturmoral einzig verpönte homosexuelle Trieb scheint beim Vieh als unterviehisch nicht vorzukommen. Man darf das sogar mit ziemlicher Bestimmtheit hinstellen. Die Beobachtungen seit Cuvier bis in die neueste Zeit liefern dafür ausreichende Belege. Gewisse groteske Versuche von Hunden, Affen, auch von Insekten, widerstreiten dem nur scheinbar: niemals geht das Tier sexuell an Seinesgleichen aus elementarem Drang, sondern höchstens aus strotzender Not der Säfte, wenn ihm ein Weibchen nicht verfügbar: In der »Société de Biologie« erklärte ein kenntnisreicher Zoologe (1898): »Man hat eine gewisse Zahl von Beobachtungen über homosexuelle Beziehungen zwischen Tieren angeführt; aber diese Beziehungen, übrigens häufig sehr unvollständig, kommen zwischen Männchen ausschließlich bei Abwesenheit vom Weibchen vor.« Ferner haben die Experimente von R. Dubois deutlich gezeigt, daß z. B. Käfer außerhalb der sexuellen Isolierung nur dann »päderastisch« verkehren (der Zoologe gebraucht den Ausdruck trotz des naheliegenden philologischen Widerspruchs), wenn sie durch bestimmte Duft-Imprägnierung in einen Irrtum versetzt werden. woraus also folgt, daß wir dem Vieh bitter Unrecht tun, wenn wir diese Aberration eine Schweinerei nennen. Jedem Eber würden sich die Borsten sträuben bei dem Verdachte, er wäre fähig, an einem maskulinen Frischling seine Zärtlichkeiten auszulassen. Die Schweinerei ist vielmehr ein Reservat der Menschen – eine Menscherei – und besonders widerlich, wenn sie in der Diktion eines Sokrates mit dem lyrischen Aufputz »du Himmlischer!«, »du Goldener!« überschminkt wird. Man erzählt uns kulturgeschichtlich, die Männerbuhlschaft wäre in roher Gestalt aus Lydien herübergekommen, um dann auf thebanischem Boden sublime Form anzunehmen; bis zur politischen Apotheose der heiligen Dreihundert-Schar auf dem Schlachtfeld von Chäronäa. Aber das sind Motive für Romanzen, Modelle für Skulpturen, deren heroische Geste nicht über den wahren Charakter dieser Freundschaften täuschen kann. Was im Stolz des Waffenschmuckes noch ein erträgliches Ansehen zeigen mag, verfällt abseits des heldenhaften Blutrausches in platte Wollüstelei, und mir selbst ist es nicht zweifelhaft, daß sich die Entwicklung in umgekehrter Richtung vollzogen hat. Sie begann in Sparta und auf Kreta aus geistigen Keimen, glitt dann ins Schwärmerische und degenerierte schließlich libidinös und abstoßend, wie jede Ergötzlichkeit, die nicht durch Selbstzucht in Ordnung gehalten wird. Eine Pädagogik, die ihr Raum gewährt, ist von vornherein zu übeln Resultaten verurteilt, schon wegen ihrer offenbaren Ungerechtigkeit, wegen der flagranten Bevorzugung des schönen Knaben gegenüber dem unschönen, der es mit allem Talent zu keinem Liebhaber bringt und sich während seiner Lernzeit als Zurückgesetzter bemakelt fühlen muß. Der junge Endymion triumphiert, er saugt sich mit » Kalokagathia « voll, das heißt, er wird ein Lotterbube, und hat sich beim Übergang vom passiven Knaben zum aktiven Mann auf das Kunststück einer quasi zwitterhaften Geschlechtlichkeit einzurichten; heute mit süßelnder Philosophie als der Liebhaber eines Jünglings, morgen mit lüsternem Tremolo als der Galan eines Weibes. Ich kann den Beweis nicht führen, aber ich werde den dringenden Verdacht nicht los, daß von all diesen Knabenschändern nicht ein einziger wirklich begriffen hat, was Frauenliebe bedeutet; daß er seine Bipolarität mit einer Einbuße an Wonne am Hauptpol bezahlt. Denn diese ist ein unteilbares Höchstgut, und wer zwiegenüßlich von ihr etwas abzweigt, der betrügt sich gerade im wesentlichen Punkte. Wenn seine Geliebte nur feinnervig genug ist, so wird sie es schon hindurchspüren, daß sie in seiner Umarmung nicht Göttin wird, sondern bestenfalls ein Ganymed mit weiblichen Konturen. Unreinlichkeit auf der ganzen Linie, peinliche Variationen über Androgynie und Hermaphroditismus, die sich auch plastisch ausgewirkt haben bis zur Darstellung eines »Aphroditos«, einer bärtigen Venus. Was den Leuten als Problem vorschwebte, war die Verschmelzung männlicher und weiblicher Form, allein diese Synthese ist weder etwas Künstlerisches, noch überhaupt etwas mit gesunden Sinnen Erfaßbares, sondern schlechthin eine Barbarei. »Nach deiner Tonart zu schließen, Aristipp, stehst du beinahe auf dem Standpunkt jener Gerichtsordnung Carolina, nach der die Päderasten mit dem Feuertode bedroht wurden. Und bestraft werden sie ja auch heute noch nach einem vielzitierten Paragraphen des Strafrechts, der seltsamerweise den Frauen gestattet, was er den Männern bei Gefängnis und Verlust der bürgerlichen Rechte verbietet.« – In dieser Unterscheidung erblicke ich keine strafrechtliche Schrulle, eher die Verbeugung des Gesetzgebers vor der Ästhetik. Denn diese ist, wie schon erörtert, männlich betont, sie operiert mit dem galanten Begriff des Femininen als des schönen Geschlechts, und so wird der Tribade bei aller Verwerflichkeit der Schönheitskult noch als mildernd angerechnet. Übrigens tust du mir Unrecht, wenn du mir das Gelüst nach Strafrache zutraust. Ich finde es im Gegenteil ganz erstrebenswert, jenen Paragraphen aus der Welt zu setzen; nicht etwa aus Weichseligkeit, sondern aus Reinlichkeitsbedürfnis: mir wäre ein Kriminalkodex ein viel zu sauberes Instrument, als daß ich damit offenbaren Unflat anfassen möchte. Genug davon! Wir unterbrachen das Abenteuer meiner Lais auf der Bank am Ilissos, gerade als das Gespräch der beiden Männer ihr ermöglichte, aus ihrem Versteck aufzutauchen. Hier ergab sich eine höchst merkwürdige Fortsetzung, auf die man weder bei Plato noch bei Xenophon einen Hinweis findet. Laß dir also erzählen: * * * – Sokrates und sein Begleiter hatten, wie erwähnt, endlich von dem vermaledeiten Thema abgeschwenkt, um sich mit der »Unsterblichkeit der Seele« zu beschäftigen. Es ist dir sicher bekannt, nach welchem Schema die Athenische Weisheit diese Frage zu behandeln pflegte. »Ich glaube, das könnte ich auswendig hersagen: Zwei Begriffspaare mit konträrem Inhalt werden hingestellt, gleichsam als Gedankenvieh, das nach einer feststehenden Methode in denselben Trog abgemolken werden soll: Schlafen – Erwachen: linkes Paar, Leben – Gestorbensein: rechtes Paar. Nun wird deduziert: das Schlafen und das Erwachen sind entgegengesetzte Dinge, sie folgen aber aufeinander und auseinander; somit ist jedes Gegebene die Folge aus dem ihm Entgegengesetzten. Schluß: da auch das Leben und das Gestorbensein entgegengesetzt sind, und da der Tod aus dem Leben entsteht, so muß man mit aller Bestimmtheit erklären: das Leben entsteht auch aus dem Tode, womit das Wiederaufleben der Seele und ihre Unsterblichkeit bewiesen ist.« – Nicht zu vergessen, daß der Meister gewohnt war, diesen kurzen Ideenfaden bis aufs äußerste zu strecken, um seine Zuhörer zu beipflichtenden Zurufen zu veranlassen. Diese Echos »Ja freilich«, »ganz gewiß«, »allerdings«, »wie könnte es anders sein« setzten automatisch, kontrapunktisch ein, und es machte keinen Unterschied, ob der Jünger Kebes oder Simmias oder Phädrus hieß. Hier nun raffte sich Lais auf, sie schritt um die Bank herum, verneigte sich vor dem Alten und bat um Entschuldigung für ihr Wagnis, das man ihr nicht als eine beabsichtigte Störung auslegen möchte. Sie wäre eben erst, vor wenigen Minuten, als Spaziergängerin hier vorübergekommen, hätte zufällig die letzten Worte erlauscht, und bäte um die Vergünstigung, sich an dem Diskurs zu beteiligen. An einem Sokrates dürfe man ebensowenig vorübergehen wie an einem geöffneten Tempel, und sie könne ihre Reverenz nicht besser erweisen als durch ihre Bitte, deren Erfüllung ihr das flüchtige Glück dieser Begegnung zu einem großen Erlebnis erhöhen würde. Im Grunde verfuhr Lais mit Arglist, denn ihre Distanzverehrung für Sokrates hatte ja schon einen mächtigen Stoß erlitten, und in der Teilnahme am Dialog wollte sie sich keineswegs mit der Rolle einer Jasagerin begnügen. Sokrates blickte überrascht auf: Von wo kommst du hergewandert, schöne Jungfrau, und wie nennt man dich? – Ich komme vom Hymettos, an dessen Lehne meine Eltern ein kleines Anwesen besitzen, und ich heiße Myrrha. »Und du glaubst, obschon vom Lande und derartigen Gesprächen fremd, du glaubst, Myrrha, verstanden zu haben, was du hier zufällig erhorchtest?« – Jawohl, Ehrwürdiger, du sprachst von der Unsterblichkeit der Seele, und mein Gemüt erregte sich freudig, als ich aus deinem Munde bestätigt vernahm, was ich inbrünstig für mich selbst stets erhoffte: die Unvergänglichkeit meiner eigenen Seele! Sokrates wurde unruhig: Jungfrau, du redest nicht eigentlich wie sonst ein Landkind vom Hymettos; aber gleichviel; was dir deine innere Stimme zuflüsterte, ergänzt sich mit dem Beweise, den ich soeben diesem Jüngling gab... »...und der an sich unwiderleglich ist, so wahr ich Phädrus heiße!« bekräftigte der andere. – Offen gestanden, Sokrates, sagte Lais, mir genügt er doch nicht gänzlich; oder vielmehr, er scheint mir einen Fehler zu tragen, einen ganz kleinen, fast unmerklichen Fehler, – womit ich natürlich nicht das mindeste gegen das Beweisthema selbst einwenden will. Aber vielleicht wäre es möglich, – in aller Bescheidenheit sei es gewagt, wenn auch wohl mit unbeholfenen Worten, – vielleicht wäre es möglich, den Beweis noch etwas abzurunden, oder zu verschönen, durch Entfernung dieses kleinen Fehlers? Phädrus horchte hoch empor. Er stand ersichtlich unter dem Reiz der neuen Erscheinung, aber noch stärker unter dem erstaunlichen Eindruck, daß sich hier so etwas wie eine Polemik hervorwagte. Aber das war ja ganz undenkbar, vollends aus dem Munde eines Frauenzimmers, das nicht im mindesten legitimiert war, der allerersten Autorität entgegenzutreten! – Sage doch, Sokrates, fuhr Lais ganz unbefangen fort, wie würdest du es aufnehmen, wenn ich plötzlich behauptete, ich hieße gar nicht Myrrha, sondern Hekuba, und wäre die Gattin des vor acht Jahrhunderten verstorbenen Troerkönigs Priamos? du dürftest meine Aussage als höchst unwahrscheinlich bezweifeln, hättest aber kein Recht, das Auftreten einer Hekuba neben dir als unmöglich zu erklären. Denn nach deiner eigenen Lehre entspringt ja das Leben aus dem Tode, und es ist kein Grund ausfindig zu machen, warum dein Beweis nur für die Seelen gelten sollte und nicht auch für die Körper. Oder was meinst du, Phädrus, habt ihr nicht soeben ohne irgendwelche Einschränkung festgestellt, daß aus jedem Gestorbenen ein Wiederauflebendes hervorgeht? Phädrus : Ja freilich, Myrrha, das haben wir. Sokrates : Halt! Gewisse Einschränkungen verstehen sich doch stillschweigend, und du tust Unrecht, Phädrus, wenn du diesem Mädchen mit einem »Ja freilich« leichthin nach dem Munde redest. Setzen wir selbst den äußersten Fall, daß Hekuba wiederzuerstehen vermöchte, so wissen wir doch, sie war eine runzlige Alte, während du, Myrrha, mit deiner schimmernden glatten Haut eher eine Briseis vorstellen könntest, als eine verwitterte Greisin. – Aber Sokrates, jetzt stürmst du ja mit jedem Wort gegen deine Theorie! denn Alter und Jugend sind doch entgegengesetzt, das erste folgt auf die zweite, mithin fällst du doch vollkommen aus deiner Lehre, wenn du nicht folgerst: ebenso muß auch die entrunzelte Jugend aus dem runzligen Alter entspringen! Allerdings wäre hinzuzufügen: mit deinem Kettensatz, Sokrates, ließe sich jeder beliebige Widersinn beweisen, etwa der darbende Tantalus müßte satt werden, wenn er auch keine Frucht erhaschen kann, weil doch die Sättigung auf den Hunger ebenso notwendig folgt wie das Erwachen auf den Schlaf; und wenn ich selbst mich als wissenshungrig fühle, so brauchte ich wohl gar nicht auf Geistesnahrung zu warten, um Sättigung zu erlangen. Allein, ich fürchte, Sokrates, auf diesem Verzichtwege könnte ich verschmachten, und ich hege vorläufig gar keine Aussicht, durch deine Belehrung aus meiner Wissensqual herauszukommen. Sokrates kämpfte seine Verstimmung nieder, räusperte sich und entgegnete: Du besitzt offenbar gewisse Geistesgaben, Dame, dazu eine auffallende Bildung, und dir fehlt vielleicht nur ein Unterrichtsjahr bei mir, damit du die Fehlgänge deines Denkens erkennst. Ich sage jetzt »Dame« und nicht Jungfrau oder Mädchen, weil ich dein Versteckspiel beenden möchte. Du bist kein Landmädchen vom Hymettos, sondern gehörst zu jenen Kreisen, die mit der Philosophie tändeln. Wärest du aus Athen, so wärst du mir von Angesicht nicht unbekannt, und wenn ich die Negativspur weiter verfolge, so gelange ich an eine ganz geringe Auswahl von Möglichkeiten. Alles zusammengehalten könntest du Lais sein. – Ich bin Lais. »Nun!« rief Phädrus, »ist er nicht ein Wunder an Hellblick? das macht ihm kein Gorgias und kein Prodikos nach! Auf der andern Seite ist nicht zu leugnen, daß die Argumente der Lais sich hören lassen können, obschon sie dem Meister widersprechen. Am Ende der Dinge wird ja Sokrates Recht behalten, es wäre aber herrlich, wenn wir einen Ausweg fänden dergestalt, daß alle beide Recht behielten.« »Mit andern Worten, Phädrus,« sprach der Alte, »du fängst an, mich zu verleugnen, denn hier geht es um Ja und Nein, um Alles oder Nichts. Meine große Bejahung galt der Unsterblichkeit der Seele, und wer meinen Beweis anficht, der erschüttert auch die Unsterblichkeit selbst.« »So sollte man meinen«, echote Phädrus mit merklicher Unsicherheit in der Stimme. – Nein, Phädrus, genau das Gegenteil sollte man meinen! betonte Lais, die längst Ursache hatte, sich als Siegerin im Turnier zu fühlen. Hast du noch nie von unbewiesenen und unbeweisbaren Sätzen gehört, von Sätzen, die in sich selbst gesichert so fest dastehen, daß jeder Versuch, sie auf Beweis zu stützen, mißlingen muß? Alle Grundgefühle des Glaubens sind wie die geometrischen Axiome unbeweisbar; und man verläuft sich ins Absurde, wenn man sie mit Denkgebilden befestigen will, die viel schwächer sind, als die Sätze selbst. Es ist so, als möchtest du am Berge Helikon ein hölzernes Gerüst außen anbringen, damit er nicht umfällt. Ferner aber: auch im Beweisbaren soll man sich vor Schlüssen hüten, die nichts anderes sind als Analogien, und soll sich in jedem Fall darüber klar werden, wie weit die Analogie reicht und wo sie brüchig wird. Die vom Magister Sokrates für die Unsterblichkeit erdachte Analogie versagte schon beim ersten Ansatz und zerbrach beim zweiten. »Fast scheint es so,« meinte Phädrus. »Spare dir den dritten Ansatz, Lais,« resignierte der Alte, indem er einen wehleidigen Versuch unternahm, die Situation durch Lächeln zu mildern, »denn wir reden offenbar aneinander vorbei und verstricken uns nur in Mißverständnisse. Ich gebe trotzdem die Hoffnung nicht auf, zu einer Verständigung zu gelangen, sei es auch um den Preis einer kleinen Nachgiebigkeit meinerseits in Nebenpunkten. Für alle weiteren Erörterungen stehe ich dir in Athen jederzeit zur Verfügung, bitte indeß für heute abzubrechen; denn es tut nicht gut, in der Erregung Themata zu verhandeln, die sich nur bei ruhiger Abwägung aller Motive zu gedeihlichem Ergebnis führen lassen. Möge es dir wohl ergehen, Dame Lais, auf unserem geheiligten Boden. Komm', Phädrus!« Er erhob sich und schritt mit gesenktem Kopf stadtwärts. Phädrus ging zu seiner Linken, mit einem Schritt Abstand, und mit schüchternem Versuch bisweilen umzublicken, wie in der leisen Hoffnung auf irgendwelche Fortsetzung des Gesprächs mit der schönen Fremden. Aber die wartete geduldig auf ihrem Platz, bis die Männer außer Sehweite waren. Sie konnte noch beobachten, daß die Männer keine Anstalten trafen, die verlorene Rede wiederaufzunehmen, und es durchzuckte sie kurz wie ein Gewissensbiß. Hätte sie nicht etwas mehr Rücksicht nehmen sollen auf die Selbstgefälligkeit des Mannes, dem doch die Güte aus den Augen strahlte? Aber schnell genug überwand sie diese Regung als eine Schwäche, die sich nicht vereinbaren ließ mit der Stellung, die ein Demokrit ihr zugewiesen hatte. Jetzt wie nie zuvor fühlte sie sich als das Edelweib, dessen Gegenwart aufklärend wirken sollte. Und da war ja bereits ein Jünger, dieser Phädrus, dessen eingelullter Intellekt sich unter ihrer Katalyse zu regen anfing. Hier kam es nicht mehr darauf an, ob im dialektischen Geplänkel ein Er oder eine Sie die Oberhand behielt, sondern daß etwas für die umnebelte Wahrheit geschah. Und sie hob sich in dem Bewußtsein, daß es ihr schon beim ersten Versuch gelungen war, aus dem dünstenden Gewölk einen Schwaden fortzublasen. Zwei Stunden darauf befand sie sich in der Behausung ihrer Freundin Polyxena , die den Vorraum zum Empfange des Gastes in einen Blumenhain verwandelt hatte, und nicht müde wurde, ihre Freude über dessen Ankunft mit ehrlichem Wortschwall zu beteuern. * * * Am nächsten Vormittag unternahmen sie ihren ersten Rundgang in der Stadt. Viel neugierige Blicke folgten ihnen, und wenn es Lais nur im geringsten darauf angelegt hätte, so wäre sie bald von einem Schwarm neuer Verehrer umgeben gewesen. Aber das lag durchaus nicht in ihrer Absicht. Hier wollte sie nicht wirken, sondern andächtig auf sich wirken lassen durch die Herrlichkeiten, die sie umfingen. Sie waren kaum hundert Schritt weit gegangen, als sie auf einen Bekannten stießen, der ihrem Besichtigungsprogramm eine Wendung gab. Es war Skopas , in dessen Miene neben dem Ausdruck herzlicher Begrüßung ein merklicher Vorwurf erkennbar wurde: Wie, Lais, du glaubst doch nicht im Ernst, daß du hier als Touristin ein Inkognito durchführen wirst? die Spatzen pfeifen deine Anwesenheit von den Dächern, und ich empfinde es als ein Unrecht, daß unsere Sperlinge eher in Kenntnis gesetzt wurden, als ich. Hier fordere ich schleunige Wiedergutmachung. Erst einige Arbeitssitzungen in meiner Werkstatt, und dann, wenn du brav stillhältst, magst du mich sogar als Fremdenführer benützen, der dir Athen erklärt. »Beide Aussichten sind sehr verlockend, Skopas. Nur einen kleinen Aufschub wirst du noch gewähren ...« – Keinen größeren, als nötig ist, um mein Atelier zu erreichen. Wir kommen unterwegs an den Hauptpunkten vorüber, und das wird zur raschen Orientierung genügen. Polyxena darf in unserer Gesellschaft bleiben, aber ihr allein diesen ersten Rundgang gönnen, – nein, das verlange nicht von mir. Lais mußte nachgeben. Der Weg zog sich in die Länge, denn in dem Bildhauer erwachte doch von Schritt zu Schritt die Lust, den Eindruck zu beobachten, den die Anlagen der unvergleichlichen Stadt auf die Ortsfremde hervorbrächten. Das gehört zu den Elementen künstlerischer Empfindung und künstlerischen Stolzes: Erhabenheiten sehen ist ein großer Genuß, – ein größerer: sie zeigen . Der Begriff der Alltäglichkeit verflüchtigt sich, das längst Gewohnte wird zur Neuheit, und die Überraschung überfließt vom Geführten auf den Führer. Aber mit aller Gründlichkeit wurde an der Hauptaufgabe festgehalten, und diese lag in der Werkstatt, wo sich in diesen Tagen ein neues Bild der Göttlichen zu entwickeln begann. Diesmal, so glaubte er, würde er es bis zur unbedingten Vollendung führen; und nachdem sich erst diese Überzeugung im Fortgang der Arbeit befestigt hatte, bewilligte er seinem Modell auch längere Erholungspausen, nach Belieben auszufüllen. Aber inzwischen hatten sich Dinge ereignet, die für den Aufenthalt der Lais eine seltsame Bedeutung erlangten, und nicht nur dafür: in der geistigen Atmosphäre der Stadt ging etwas vor, mit Erregung in Wellenkreisen, die immer sichtlicher wurden, je mehr sie sich verbreiterten. Wieder wandelten die Freundinnen auf den Straßen am Areshügel vorüber in der Richtung nach dem Stadtteil Kerameikos, sie ließen die Blicke in die Weite auf Akropolis und Museion schweifen, in der Nähe auf die Bildnisse des Hermes Agoraios und all den plastischen reichen Schmuck nahe den Demeter- und Heraklestempeln. Hier merkte man so gar nichts von spintisierender Philosophie, diese Bauten und Statuen redeten ihre eigene Sprache in reiner Form, ihre Urheber hatten nichts beweisen wollen, als das Leben selbst, wie es sich in klarer Gestaltung auslebt, wie es sich aus tiefer Empfindung zu steinerner Offenbarung und ewiger Geltung entwickelt; mit vieler Kunst aber ohne Künstlichkeit, ohne vorgedrechseltes Schema, in Konsonanz ohne Verabredung, jedes Werk für sich selbstsicher wie ein Axiom, und doch nicht lösbar vom Gesamtbild, in dem sich Ausdrücke der Macht und der Demut, des Heldischen und Lieblichen zu einheitlicher Wirkung verbanden. Auf dem Marktplatz, der Agora, war Gewühl. Dort drüben, nahe der bunten Stoa, erkannten sie den Sokrates, umgeben von disputiersüchtigen Gestalten, ein Anblick, welcher der Polyxena nicht neu war, da er zu den gewöhnlichen Erscheinungen des Lebens gehörte. Allein, dieser Ausschnitt des Marktbildes an der Wandelhalle der Stoa Poikile schien ihr heute doch merklich verändert. Sokrates machte den Eindruck der Gedrücktheit, die Beweissicherheit war aus seinem Antlitz verschwunden, und die anderen gelangten in größerer Ausführlichkeit zu Worte als er selbst. Das war neu. Der Magister beherrschte offenbar nicht die Situation. Dabei war keiner von den prominenten Sophisten, die doch manchmal aufzutrumpfen verstanden, in der Nähe. Nur die Zahmen waren vorhanden, aber bei weitem nicht so gezähmt wie sonst. Sie wollten offenbar aus der Statisterie heraus. Und man konnte bemerken, das manche der bekannten »Ja freilich«-Jünglinge Selbständigkeit markierten. Einer der jungen Herren, Kebes, trennte sich von dem redelustigen Knäuel. Er schritt quer über den Platz, wie suchend, und fand bald den Standort der beiden Damen; verbeugte sich sehr artig vor ihnen und fragte, ob er das Wort an Lais richten dürfte. Polyxena hatte beim Gruß seinen Namen genannt, und da Lais sich der Anrede nicht entzog, so begann er: – Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges, das deine Anwesenheit, schöne Fremde, in unserer Gruppe an der Wandelhalle erforderlich macht. Nimm an, daß wir von deiner Begegnung mit dem Meister genaue Kenntnis besitzen. Phädrus hat erzählt, Sokrates bestätigt, wenngleich ohne sonderliches Vergnügen, und wir haben uns erlaubt, den Faden da aufzunehmen, wo er vor wenigen Tagen auf der Landstraße am Ilissos abgeschnitten wurde. Damals handelte es sich, wie du dich entsinnst, um die Unsterblichkeit der Seele, allein, nunmehr sind neue Fragen aufgetaucht, bei deren Erörterung wir nicht mehr mit derselben Leichtigkeit auf Sokrates' Beweise einzugehen vermögen wie ehedem. Zumal wir erkennen mußten, daß er selbst jetzt beflissen ist, mehrere seiner früheren Argumente abzuschwächen, umzubiegen und ihnen einen veränderten Sinn unterzulegen. Das hat uns doch sehr stutzig gemacht! Du, Lais, bist durch so hohe Verstandesgaben ausgezeichnet, daß du die Gegenmotive gewiß auch jetzt rascher und sicherer auffindest, als einer aus unserem Kreise ... – Gegenmotive? unterbrach Lais; und wenn solche nun gar nicht am Platze wären? wenn Sokrates heute Unwiderlegliches vortrüge? – Nein, Lais; wir sind mißtrauisch geworden und stehen heut auf dem Standpunkt: es gibt nur einen Weg der Wahrheit. Wer ihn nicht allzeit innehält, der findet ihn auch nicht gelegentlich. Wir bitten dich also, nähere dich unserer Gruppe dort und beteilige dich an der Unterredung. Wir sind sicher, in deiner Gegenwart werden sich abermals Lichtpunkte entzünden, an kritischen Stellen der Debatte, die uns sonst verdunkelt bleiben; wo wir zwar spüren, hier ist etwas nicht in Ordnung, ohne völlig zu erraten, wo in der Deduktion oder Induktion die schadhafte Lücke verborgen liegt. Willst du uns beistehen? Lais lehnte ganz entschieden ab. Nein, dort in der Männerversammlung wäre nicht ihr Ort. Und was bei jener zufälligen Begegnung sich wie eine Improvisation ergeben hatte, würde auf der Agora peinlich werden, wenn es wie ein beabsichtigtes Theater herauskäme. Sie möchte es daher durchaus vermeiden, in ecclesia aufzutreten, in Behandlung eines ihr unbekannten Themas, dessen Verfolg den berühmten Mann abermals in die Rolle des Angegriffenen drängen könnte. Kebes lenkte ein: Du besitzt ein meisterliches Geschick, in eine Taktfrage umzuwandeln, was als eine Angelegenheit reiner Philosophie gedacht war. Zudem merke ich dir an, daß dich noch ein anderes Bedenken zu deiner Weigerung bestimmt: du befindest dich in Gesellschaft und willst Polyxena ebensowenig zur Debatte mitführen, wie sie allein lassen. Aber wenn ich dir meine Bitte in abgeschwächter Form vortrage, wirst du sie gewiß erfüllen. Nur in wenigen Worten will ich dir mitteilen, welches Problem wir soeben besprachen, und du sollst mir, mir allein, in ebenso kurzen Worten erklären, was du davon hältst. Stelle dir vor, du wärst Aspasia, und ich bäte dich um eine Audienz; sie schlägt sie keinem ab, den die ehrliche Wißbegier zu ihr treibt. Polyxena unterstützte dies Gesuch; sie selbst verstünde zwar von solchen Dingen sehr wenig, allein die Freundin hätte doch nun ihren Standpunkt gewahrt und könnte mindestens anhören, was der junge Herr auf dem Herzen hatte. Und während sie langsam unter dem Säulengang des Apollotempels auf und ab wandelten, brachte Kebes das strittige Thema zum Vorschein: Wiederum handelte sich um eine Probe der bei Sokrates so beliebten Kontrast-Beweise. Der Meister hatte als ein philosophisches Fundament die These hingestellt: Wenn sich zu einem Begriffe zwei entgegengesetzte auffinden lassen, so sind diese zwei Kontrastbegriffe identisch. Exempel: die Besonnenheit ist der Unsinnigkeit entgegengesetzt; aber auch die Weisheit ist der Unsinnigkeit entgegengesetzt; folglich – wer kann sie zählen, diese wimmelnden » ergo «s – folglich ist Besonnenheit und Weisheit einunddasselbe. So kurz, wie ich es dir andeute, Lais, hat es Sokrates allerdings nicht gemacht; er brauchte Stundenumwege, um dies zu entwickeln. Allein, das »folglich« stand doch unverrückbar, und wir mußten die identische Gleichung hinunterschlucken, weil sich doch beide Glieder der Gleichung als entgegengesetzt zu einem bestimmten Dritten darstellen. – Und ihr habt das wirklich glatt hinuntergeschluckt? »Zuerst unbedenklich; nämlich bis zur vorigen Woche. Allein, seitdem Freund Phädrus mit einem Anhauch von Skepsis heimkehrte, haben wir das Kapitel revidiert, und jetzt unterliegen wir dem Zweifel, ohne recht zu wissen, wie wir ihn begründen sollen. Es stimmt uns da etwas nicht, und wir zerbrechen uns den Kopf, wo dieses Etwas sitzt, und warum es nicht stimmen will.« »Darf ich vielleicht meine ganz bescheidene Meinung äußern?« meldete sich Polyxena; »sieh einmal, Kebes, neben mir wohnt der Schankwirt Thlaps, bei dem ich manchmal Wein kaufe; der Mann hält auf Ordnung in seinem Geschäft, verrechnet sich nie, führt richtiges Maß, vermeidet jeden Zank und gilt darum in der ganzen Straße für besonnen. Allein, er stammt aus Böotien, ist auch so dumm wie nur irgendein Böotier, man kann kaum ein Gespräch mit ihm führen, und es wäre ganz abgeschmackt, ihn als weise zu bezeichnen. Ich meine also, zwischen Besonnenheit und Weisheit muß doch noch ein Unterschied obwalten.« »Ja aber warum, warum?« rief Kebes, »da ja doch die Logik, auf den Kontrastbeweis gestützt, für ihre völlige Gleichheit spricht!« – Nein, Kebes, sagte Lais, die Logik spricht dagegen , und ich finde es erstaunlich, daß ihr überhaupt ein solch fadenscheiniges Gedankengewebe in Gebrauch nehmt. Weil nämlich das Wort »entgegengesetzt« nicht das geringste besagt, wenn nicht hinzugefügt wird, unter welchem Gesichtspunkt der Kontrast verstanden wird. Zum Beispiel: der Feige ist dem Tapfern entgegengesetzt, begrifflich, nach sittlicher Qualität genommen. Der Trojaner Hektor war tapfer, und ihm war Achilles entgegengesetzt, aber in anderem Betracht, nämlich politisch und kämpferisch. Nach Sokratischem Schema müßte sich der Unsinn ergeben: Achill war feige, denn er bildete den Gegensatz zur Tapferkeit des Hektor. Welch brüchige Logik! Der Löwe ist nach Größenmaß der winzigen Fliege, nach Mut gewertet dem furchtsamen Hasen entgegengesetzt; jenes »folglich« verlangt die Fortsetzung: Fliege gleich Hase, und man könnte ergänzen: der nach Fliegen lüsterne Frosch schnappt Hasen. Und mit solchen Querköpfigkeiten vertrödelt ihr Athener eure Lehrzeit? Darauf gründet ihr eure Systeme? Blickt um euch Leute, schaut empor zu eurer Akropolis und überlegt, wie ein Baumeister fundamentieren muß, damit ein ragendes Werk Bestand habe! Ich fange an zu glauben, daß nur eure Künstler nicht aber eure Philosophen logisch zu schaffen vermögen, ja ich vermute ... Die letzten Worte sprach sie schon in den Wind. Kebes hatte sich losgemacht, um zur Gruppe an der Bunten Stoa zurückzustürmen. Er war mit Motiven vollgeladen, er barst vor polemischem Drang. Und von ihm aus strahlten Effluvien auf seine Genossen, unter denen ein neues Replikwort aufstieg, »Allerdings nicht! « Das gab eine Erregung, wie man sie in dieser Art noch niemals im philosophierenden Kreise auf dem Marktplatz verspürt hatte. Aber die Aufmerksamkeit der Freundinnen wurde abgelenkt durch das Auftreten eines Magistratsboten, der sich einer Weisung entledigen wollte. Diese da, die größere, wäre doch wohl Lais? Nun, diese Dame solle sich baldtunlichst zu einer Vernehmung auf dem Stadthaus einfinden, vor dem Archonten Korax . – Ich soll vernommen werden? weshalb denn? was wirft man mir vor? »Darüber wird sich die Behörde persönlich mit der Dame auseinandersetzen. Mein Auftrag ist beendet.« Sie nahm sich die Ladung nicht sonderlich zu Herzen, denn hier mußte wohl ein Irrtum vorliegen, der sich bald aufklären würde. Aber Befehl war Befehl, und so verfügten sich die beiden nach dem Archeion, wo ihnen bedeutet wurde, der Anwesenheit der Polyxena stünde nichts im Wege, vorausgesetzt, daß sie sich als stumme Zuhörerin verhielte. Der Archont Korax empfing sie mit leidlicher Höflichkeit: Du bist nach amtlicher Ermittlung Lais aus Korinth, wohnhaft bei Ägina auf eigenem Grundstück, zur Zeit vorübergehend aufenthaltlich bei der Hetäre Polyxena, – mithin nach Stand und Beruf vermutlich ebenfalls Hetäre? »Ich sehe keinen Grund, diesen Stand zu verleugnen, zumal er sich im Lande allen Ansehens erfreut. Was mich persönlich betrifft, so verkehren in meinem Hause hervorragende Persönlichkeiten, und dieser Umgang allein sollte mich wohl genügend vor allem Verdacht schützen. – Dein Umgang in Ägina steht hier nicht zur Verhandlung. Wir befinden uns hier in Athen und üben unsere eigenen Gesetze. Gynäkomenos! – damit wandte er sich an einen nachgeordneten Beamten; der eine Rolle zur Verlesung bereit hielt – erläutere dieser Dame die einschlägigen Vorschriften! Der Gynäkomenos oder Frauenvogt, Stilpon benamst, hielt sachlichen Vortrag: es herrsche hier im Allgemeinen die größte Toleranz, und diese Damen hätten in ihren Behausungen die Befugnis, zu treiben, was sie wollten. Soweit sie in der Stadt beheimatet wären, dürften sie sich auch auf Straßen und Märkten nach Belieben ergehen. Dies erleide indeß eine Einschränkung in Anbetracht der Ortsfremden. Und obschon die Behörde auch in dieser Hinsicht oft sehr nachsichtig verfahre, so sei doch neuerdings eine ältere Vorschrift in Erinnerung gebracht worden, wonach den fremden Hetären untersagt wäre, sich öffentlich zu zeigen. Der Archont ergänzte: Wir haben mit unserer Nachsicht vielfach unliebsame Erfahrung gemacht, es erscheint mithin angezeigt, uns wieder formell auf den Boden der Bestimmung zu stellen. Sage Lais, was bezwecken deine Spaziergänge? »Seltsame Frage! Ich will Athen sehen.« – Und gesehen werden. In leicht errätlicher Absicht, der entgegenzutreten unseres Amtes ist. Ich verordne daher, daß du für die fernere Zeit deines Aufenthaltes die Behausung deiner Herbergsfreundin nicht mehr verläßt. »Du verhängst Gefangenschaft über mich, Archont! Und ich kündige dir an, daß ich nicht gewillt bin, mich solcher Haft zu fügen. Ich werde vielmehr ausgehen, wann und so oft es mir beliebt, und wenn es dich interessiert, so kannst du mich noch heut im Theater erblicken, da ich Lust habe, mir die Komödie des Aristophanes anzuschauen. – Ich würde dir davon abraten, damit du nicht in die Lage verfällst, unsere Überredungsmittel kennen zu lernen. Deine Widersetzlichkeit würde üble Folgen haben, nämlich einen Strafbefehl mit dem Inhalt, das Gebiet der Stadt Athen binnen sechs Stunden zu verlassen. Also Ausweisung. Woher diese gänzlich unerwartete Strenge, die ihr einen offenen Schimpf androhte? Eine Denunziation? Sie überlegte. Wem in aller Welt wäre die Bemühung zuzutrauen, sie fortzujagen? Sie hatte bestimmt keinen Feind. Dem Sokrates war sie ja ein wenig unbequem geworden, aber der stand weltenweit jenseits jedes Verdachts; der konnte denkerisch danebengreifen, aber sittlich, bis zur Ausübung einer hämischen Vergeltung – nimmermehr! Vielleicht steckte eine Frau dahinter, etwa eine Athenische Hetäre, die sich eine unliebsame Konkurrenz vom Halse schaffen wollte? Auch nicht anzunehmen, denn Lais hatte es bis aufs äußerste vermieden, in Blick oder Bewegung irgend ein Fangnetz auszuwerfen. Immerhin, jetzt war sie dem wahren Sachverhalt schon etwas näher. Denn der Archont – was sie nicht wissen konnte – besaß eine grundgarstige Ehehälfte, die einen instinktiven Haß gegen alle Weiberschönheit hegte. Hundertfach ohnmächtig gekränkt durch den Anblick reizender Stadtbürgerinnen, die ihrer Wut unerreichbar blieben, hatte sie hier die Gelegenheit ersehen, als Scharfmacherin gegen eine Fremde aufzutreten. Und da der Archont nur nach außen hin Herrscher war, innerhalb seiner vier Pfähle aber der Beherrschte, so war es ihrem brennenden Neide gelungen, den Gatten zur Wiederaufnahme der strengen Hetärenordnung zu veranlassen. Man mußte es ihm nachsagen, daß er die gültige Vorschrift auf das genaueste innehielt. Dame Lais, ergänzte er, ich habe dich pflichtmäßig noch auf Wichtiges hinzuweisen. Du erhältst laut Gesetz deine volle Bewegungsfreiheit zurück, falls eine angesehene Stimme unseres Gemeinwesens zu deinen Gunsten Einspruch gegen jene Freiheitsbeschränkung erhebt. »O, daran wird es nicht fehlen, Archont! Rufe euren großen Mitbürger, den Künstler Skopas, hierher! Er bildnert mich eben, er legt höchsten Wert auf dieses Werk nach meinem Modell, und du wirst hören, wie laut sein Protest hallen wird!« – Wie ich gar nicht bezweifle. Allein, das Gesetz ist sehr engmaschig und bestimmt ausdrücklich, daß der Einspruch, sofern er dir nützen soll, von einer Frau erhoben werden muß ... Ja, ich! ich! rief Polyxena naiv dazwischen. – Von einer ehrbaren, verheirateten Frau, deren Leben offen vor der Behörde liegt, die auch nicht etwa vor ihrer Verehelichung Hetäre gewesen sein darf. Tritt eine solche Matrone in diesem Ratsaale auf, unaufgefordert, und verlangt sie aus eigenem Antrieb alle Freiheitsrechte für dich, – dann wird das Ergebnis der heutigen Vernehmung vernichtet, und kein Vogt darf es mehr wagen, dich auch nur mit seinem Blick zu belästigen. – Komm, Polyxena, entrüstete sich Lais, mir klingt es wie Hohn, wenn ich auf solch unmögliche Klausel vertröstet werde. Und du, Archont, sollst fortan keine Schwierigkeiten mit mir haben. In wenigen Stunden werde ich frei sein auf eigenem Grund, zu Ägina. Sie verließ den Raum, fest entschlossen, der Sache ein Ende zu machen. Freilich, an diesem Tage ließ sich die Fahrt über Wasser nicht mehr bewerkstelligen; aber die Mägde konnten anfangen, das Reisegerät zu packen; und sie waren eben dabei, als sich der nämliche Magistratsbote blicken ließ, der sie zuvor am Apollo-Tempel gestellt hatte: »Die Dame Lais wird ersucht, ihre Abreise aufzuschieben und sich sogleich noch einmal zum Archonten zu begeben, der ihr eine bedeutsame Eröffnung zu machen hat.« – Nein, mein Lieber, das wird nicht geschehen. Ich spüre kein Verlangen, durch gaffendes Volk am Archeion zum zweitenmal Spießruten zu laufen. »Halte das, wie du magst. Mein Auftrag ist beendet.« Allein eine der Mägde, eine hellhörige Sklavin, die die mindesten Geräusche von Markt und Gasse aufzufangen verstand, meinte beim Hantieren, die Gastin täte Unrecht, wenn sie sich dieser Aufforderung entzöge. Im Stadthause ginge etwas vor, was die Anwesenheit der Lais nötig machte. Jetzt versuchte auch Polyxena, die Freundin umzustimmen. Der Archont würde über die Weigerung erbittert sein und wenn ihm die eine entginge, seinen Ärger später irgendwie auf die andere ausspritzen; darauf durfte man es nicht ankommen lassen; die Aussicht auf behördliche Schikane wäre allerdings für soviel Gastfreundlichkeit eine üble Vergeltung gewesen. So erschien Lais abermals vor dem Archonten. Im Amtssaal befand sich noch eine weibliche Person mit energischem, aber keineswegs unsympathischem Gesichtsausdruck. Leise Spuren längst abgeblühten Jugendreizes blieben noch an dieser bejahrten Frau erkennbar, die sich bemühte, der Lais bei deren Eintreten sanft zuzulächeln. Lais! begann der Archont, du hast nicht etwa eine Fortsetzung deines Verhörs zu befürchten. Hier ist im Gegenteil eine ehrbare Matrone erschienen, die für dich einzutreten beabsichtigt; und die Wert darauf legt, daß du selbst ihre Aussage vernimmst, Ist dir diese ehrwürdige Bürgerin bekannt? Die Hetäre verneinte. – Sie heißt Xanthippe und ist die Gemahlin des genugsam bekannten Volksredners Sokrates. Ein sanfter Schreck durchfuhr die Vorgeladene. Wie? Xanthippe, die berühmte Keiferin, deren Zanksucht in ganz Hellas längst sprichwörtlich war? Hier mußte ein Irrtum obwalten, oder eine undurchsichtige Intrige, die auf eine neue Demütigung für sie hinauslief. Ich wüßte nicht, sagte sie, welche Fürsprache ich gerade von dieser Frau zu erwarten hätte. – Wir werden das sogleich erfahren. Also, Frau Xanthippe, erkläre uns deinen Einspruch. Welche Beweggründe haben dich veranlaßt? – Nur ein einziger, sagte Xanthippe: die Dankbarkeit. In den wenigen Tagen, da Lais auf unserem Boden verweilt, ist mein Mann ein anderer Mensch geworden, und die häuslichen Zerwürfnisse, unter denen ich litt, lichten sich von Stunde zu Stunde. – Das ist schwer zu begreifen, werte Frau, äußerte der Archont. Soweit meine Erfahrung reicht, hat sich noch nie der Fall ereignet, daß häusliche Zwistigkeiten durch eine auffallend schöne Hetäre beigelegt worden sind; eher steht zu vermuten, daß das Auftauchen einer solchen Dame den Unfrieden, wo er etwa schon besteht, noch empfindlich verschärft. Zudem geht die allgemeine Volksansicht dahin, daß deine ehelichen Zerwürfnisse wesentlich auf deinen Widerspruchsgeist zurückzuführen sind, und dieser kann sich unmöglich dadurch gelegt haben, daß diese Lais, mit der du noch nie eine Silbe gewechselt hast, hier sichtbar geworden ist. – Herr Archont, ich bin hierhergekommen, nicht um mich zu verteidigen, sondern um einer guten Sache zu dienen. Ich habe das Unglück, Frau Sokrates zu sein, und mein Widerspruchsgeist erklärt sich lediglich daraus, daß ich mit ihm verheiratet bin. Auch eine Antigone, eine Iphigenie hätte sich an meiner Stelle durch Schimpfen erleichtert, denn selbst mit einer Taubenseele im Busen muß man bei diesem unerträglichen Geschwätz rebellisch werden. Weil er im Marktgerede und bei seinen Gelagen unaufhörlich recht behielt, weil ihm die Rechthaberei und Rechtbehalterei als natürliche Verordnung erschien, vermeinte er, das dürfe nie und nirgends aussetzen, er überschwemmte auch das Haus mit seinen philosophischen Salbadereien, um noch bis zum nachtschlafenden Geschnarch Recht zu behalten. Ich bin keine studierte Person, ich weiß nichts von Platonischen Ideen, ich verstand nicht den Sinn der Worte, nur ihren Schwall und ihre Unleidlichkeit, und hatte, um mich ihrer zu erwehren, keine andere Waffe, als den hausbackenen Widerspruch, dessen Schärfe ihn wiederum reizte, zwanzigmal zu wiederholen, was mir schon einmal zuviel war. Da, vor wenigen Tagen, kam er heim, auffallend verändert, sparsam mit Worten, und durchaus nicht in der Laune des Redetriumphes. Er machte Schweigepausen, sprach von alltäglichen Dingen, lobte die Fischbrühe auf der Tafel und traf nicht die geringsten Anstalten, von der Suppe und dem Fisch auf irgendein sogenanntes Thema überzugleiten. Meine Freude hierüber wuchs noch in den nächsten Tagen, als ich wahrnahm, daß nicht eine zufällige Stimmung, sondern eine Art von Erlebnis ihm den Schwatzdämon ausgetrieben hatte. Auf der ganzen Agora erzählt man davon, und die Marktweiber wissen es schon, was da vorgegangen war: er hatte endlich seinen Meister gefunden, nein, seine Meisterin in dieser Lais, deren Sätze jetzt seinen eigenen Schülern zum Trutz dienen. Grund genug für ihn, daß er sich nach der Stille der Familie sehnt, wo keine Begriffspalterei getrieben wird, und wo man nicht Gefahr läuft, besiegt zu werden, wenn man es nur unterläßt, beständig siegen zu wollen. Dieser Dame da verdanke ich meinen Hausfrieden, und hier erhebe ich nach dem Gesetz meinen Anspruch: sie freizumachen von jeder Beschränkung. Das Schlußurteil lautete wie zu erwarten, und Lais drückte der wackeren Sachwalterin die Hand. Polyxena strahlte; sie sah schon eine Reihe von Festtagen vor sich und sonnte sich in den Ovationen, die man der Genossin bringen würde. Allein, diese beharrte auf ihrem Vorsatz, und erteilte im Haus die letzten Anweisungen zum Fortschaffen ihrer Habe. »Aber warum denn, Lais, jetzt wo du ganz frei bist?« – Nicht so frei, wie du annimmst. Xanthippe hat mich losgemacht, allein Sokrates treibt mich fort. Besser gesagt, mein Reuegefühl aus Anlaß des Sokrates. Sein Hausfrieden ist nicht so wichtig, als seine Stellung im Gemeinwesen, und diese wird sich befestigen, sobald ich verschwinde. Du wirst mir darüber schreiben, Polyxena, und ich bin sicher, in etlichen Monaten wird er wieder genau so recht haben und behalten wie vordem. Seine Natur braucht das, und er würde als ethisches Muster entwurzelt werden, wenn ihm der Halt an dem Gefädel seiner Beweise dauernd entglitte. Lassen wir diese Episode verklingen! Am nächsten Frühmorgen an der Landungstelle im Piräus näherte sich ein Mann dem Fahrzeug, das die Gefährtin Aristipps entführen sollte: – Auf ein Wort, bewunderte Lais, – weißt du, wer ich bin? »Ich habe dich früher bewundert, als du mich; ich sah dich schon zu Olympia, da du umschwärmt warst von Verehrerinnen, unter denen ich keine Rolle spielen durfte: Du bist der Komödiendichter Aristophanes !« – Ich kann dir deine Höflichkeit nicht voll zurückgeben. Denn kurz gesagt, ich wollte dir nur mitteilen, daß ich Ursache habe, Schadenersatz von dir zu verlangen. »Du scherzest, Aristophanes.« – Dazu bin ich auf der Welt. Allein, was du mir angerichtet hast, das ist bitterer Ernst: du hast mir für die ganze nächste Spielzeit das Geschäft in Grund und Boden ruiniert. Eben hatte ich ein Lustspiel fertig gestellt, das den Sokrates verhöhnen sollte; und nun? du begreifst, daß ich dies Stück gar nicht aufführen lassen darf. Denn es hat keinen Sinn, auf der Bühne einen Mann zu verspotten, dem in Wirklichkeit groß Leid widerfuhr. Und brächte ich es selbst zur Darstellung, was würden die Leute sagen? Schwächliches Zeug! Aristophanes hat nur nachgedichtet, was ihm Lais weit besser vorgemacht hat. Also: Buße verlange ich! »Wie hoch?« – Einen Kuß, Lais, vorbehaltlich weiterer Ansprüche. »Höre, Aristophanes, ich mißtraue dir. Ein Dichter, der ein Theaterwerk schrieb, will es gespielt sehen, allen Bedenken zum Trotz. Aber wir wollen eine Bewährungsfrist verabreden. Unterdrückst du deine Komödie tatsächlich, machst du sie tot für die Dauer einer Olympiade, so darfst du dich nach vier Jahren zur Einziehung der Buße bei mir melden!« Die Romane der Herrin I. Die Liebe in Marmor Auch in den nächsten Monaten gab es Reisepläne, allein die Rollen waren vertauscht. Lais verblieb auf dem Landgut, während ihr Freund sich zu einer räumlich nicht sehr weiten, aber in der Zeit ziemlich ausgedehnten Expedition rüstete. Als Urheber dieser Veränderung war Demokrit zu betrachten, der im Verlauf seiner Arbeiten an gewisse noch ungeklärte Naturerscheinungen gelangte und besonders die vulkanischen Phänomene näher erforschen wollte. Hierfür boten sich ihm die zykladischen Inseln im Ägäischen Meer als Forschungsboden, zumal Santorin, Kimolos und Melos, die gerade zurzeit lebhafte Zeichen vulkanischer Tätigkeit aufwiesen. Weiterhin sollte die Fahrt bis Sizilien ausgedehnt werden. Nach menschlichem Ermessen war dies die letzte Forscherfahrt, die der greise Gelehrte überhaupt noch in Aussicht nehmen durfte. Er hatte sehr zurückhaltend angedeutet, daß ihm dabei die Begleitung eines jüngeren, mit seinen Eigenheiten vertrauten Menschen erwünscht sein würde, und es bedurfte nur dieses Winkes, um in Aristipp eine Absicht anzuregen, die sich, kaum erwacht, zum festen Vorsatz verdichtete. Von dieser Minute an fühlte er es unerschütterlich, daß kein anderer in Betracht kommen dürfte als er selbst, und es war ihm eine freudige Genugtuung, als Demokrit ihm gestand, er selbst habe an gar keinen anderen Begleiter gedacht als an Aristipp. Hier also handelte es sich um eine längere Trennung von Lais, die sich mit leidlicher Gelassenheit in den Umschwung ergab, ohne die schmachtselige Betonung, die etwa eine für moderne Lyrik vorbildliche Geliebte geliefert oder beansprucht hätte. Treueschwüre wurden nicht gewechselt. Was Aristipp anbetraf, so war ja kaum anzunehmen, daß er auf den unwirtlichen Zykladen besonderen Verführungen ausgesetzt werden würde. Und auch für ihn selbst war die Beunruhigung nicht grade überwältigend. Wir wissen schon zur Genüge, daß wir an ihm nicht den Maßstab eines Troubadours anzulegen haben, oder eines jener Kreuzritter, die ihre Dame für die Zeit ihrer problematischen Einsamkeit mit einem Kunstschloß verriegelten. Lais eignete sich nicht für die Praxis des Keuschheitsgürtels, und es bestand auch für sie durchaus nicht die Absicht einer Klausur. Im Gegenteil. Die Pflege der Geselligkeit stand im Programm, und für manche Distanzverehrer eröffneten sich Möglichkeiten. Schließlich galt es ja schon damals, was viel später von Hamlet zu einer Sentenz umgeprägt wurde, daß die Tugend sich bei der Schönheit nicht im sichersten Gewahrsam befindet. Und die Toleranz der freien Liebe gebot sogar, anzuerkennen, daß eine Persönlichkeit wie Aristipp, wenn überhaupt, gewiß nicht durch einen einzelnen Stellvertreter ersetzt werden könnte. Selbst im Plural genommen, hätten sie kaum mehr vermocht, als die Sehnsucht nach dem fernen Geliebten verstärken, der nur wiederzukehren brauchte, um bei der Freundin dieselbe wundervolle Hingebung anzutreffen, wie beim ersten Ansturm im Parke. In dieser Zeit machte das Bildwerk des Skopas ansehnliche Fortschritte, obschon sich Lais nicht bewegen ließ, ihren Besuch in Athen wiederaufzunehmen. Sie fehlte in der Werkstatt, allein der Bildhauer erschien wiederholt auf Ägina, ganz ohne Gerät, nur mit seinen Sehwerkzeugen bewaffnet, und er behauptete, daß ihm jetzt das gelegentliche reine Anschauen den gedeihlichen Fortgang der Arbeit verbürge. Diesmal handelte es sich um eine hüllenlose Darstellung, während er ihr beim erstenmal die zarte Andeutung eines Gewandes gelassen hatte. Für einen Betrachter, der den Hochflug seiner Ansprüche nicht mitzumachen vermochte, hätte vielleicht das erste Werk den Vorzug verdient: es war ähnlicher, nicht so ganz Venus oder Charitin, aber sinnfälliger in persönlicher Hinsicht, mehr wirkliche Lais. Dem Skopas selbst hatte es, wie erinnerlich, nicht genügt; es war von ihm verbannt worden, gelangte durch Mitwirkung eines Händlers nach Kleinasien und landete schließlich auf Umwegen im Pamphylischen Aspendus, wo es in der Halle des reichen Erwerbers Theombrotos Aufstellung fand. Hier war es dem schönen Marmorwerk beschieden, ein gewaltiges Unheil auszulösen. Theombrotos besaß einen achtzehnjährigen Sohn, einen Jüngling, dessen Geistesgaben zu Hoffnungen berechtigten, wenn sie sich frei hätten entwickeln können. Allein in dem jungen Palmyas machte sich ein schwärmerischer Zug geltend, der sein Wesen mehr und mehr durchdrang, ihn von stetiger Arbeit abdrängte und gänzlich ins Transzendentale umzuschlagen drohte. Nebelhafte, mysteriöse, phantasmagorische Dinge umschwebten ihn beunruhigend, wie Anzeichen eines Fatums, das sich mit schmerzlichen Wonnen seiner bemächtigte. Als die Bildsäule in der Halle des prächtigen Hauses aufgestellt war, konzentrierte sich die Schwärmerei des jungen Mannes auf diese Figur, von der man in ganz Aspendus nichts weiter wußte, als daß sie von dem berühmten Skopas stammte. Ob sie irgend ein Götterwesen, eine Hebe, eine sonstige Olympierin oder eine lebende Persönlichkeit darstellen sollte, das war völlig unbekannt, begreiflicherweise, da nicht einmal der Händler, dem sie ursprünglich in die Hände gefallen war, eine Ahnung davon hatte. Aber Palmyas ließ es nicht bei der Bewunderung im ästhetischen Genuß bewenden. Seine vagen, flatternden Triebe umhüllten vielmehr das Werk wie mit seelischen Fühlfäden, die endlich einen Halt gewannen, um das sinnlich gewordene Übersinnliche völlig aufzunehmen und einzusaugen; mit der nämlichen Inbrunst, mit der sonst ein Jüngling die erste Offenbarung lebendiger Weiblichkeit erschauernd in sich einströmen läßt. Palmyas war von der Statue nicht mehr fortzubringen. Seine Leidenschaft wuchs von Tag zu Tag, wurde immer ununterscheidbarer von einer Liebe, die sich nach Gegenliebe sehnt, und er erschöpfte sich in fruchtlosen Umarmungen des kalten Marmors, von der Manie getrieben, ihm Wärme und Bewegung einzuhauchen; das Wunder des Pygmalion erhoffend, das sich einmal begeben hat, nie wieder. Und als er erkannte, daß sein Anflehen der Gottheit unerhört verhallte, versank seine Seele in Dämmerzustände, die zwischen allen Leidensstationen von elegischer Schwermut bis zu offenem Wahnsinn umherirrten. Man fand Mittel und Wege, um das Bildnis heimlich zu entfernen und vor ihm zu verbergen, da ein Stadtarzt den medizinischen Gemeinplatz vorgetragen hatte: cessante causa cessat effectus ; eine sehr kurzsichtige Maßnahme, denn hier, da die Ursache verschwand, verzehnfachte sich die Wirkung bis zur hellen Raserei. Und es bestand kein Zweifel mehr, daß der einzige, heißgeliebte Sohn des Theombrotos diese Qual nicht mehr lange würde aushalten können. Auch seine körperlichen Kräfte waren aus Mangel an Nahrungsaufnahme aufgezehrt, und so mußte der Vater mit dem unabänderlichen Verhängnis rechnen, daß sein Palmyas in naher Zeit dem Untergang verfiel. Es fügte sich, daß um diese Zeit der große Arzt Hippokrates Pamphylien bereiste und in Aspendus Halt machte. Durch die Bitten des Alten veranlaßt, begab sich der berühmte Asklepiade aus Kos in das Haus, wo die Parzen bereits Anstalten zum letzten Scherenschnitt trafen. Der Fall interessierte ihn ungemein, und er erklärte, die Aussicht auf Heilung nicht absolut aufgeben zu wollen, obschon man natürlich die Hoffnung auf den niedersten Grad herabstimmen müßte. Palmyas lag in Lethargie, und hier setzte die Kunst des Medikus wenigstens insofern erfolgreich ein, als er den starrkrampfartigen Zustand benutzte, um dem Leidenden auf künstlichem Wege etwas Nahrung einzuflößen. In den kurzen Zwischenpausen, da dieser zum Bewußtsein erwachte, wäre dies bei dem Abscheu des Jünglings gegen jede Nährzufuhr unmöglich gewesen. Nunmehr war doch die Möglichkeit gegeben, den Lebensfaden so weit hinzuspinnen, bis man die Anwendung irgendwelcher seelischer Arzenei ins Auge fassen konnte; falls hierzu ein Weg überhaupt aufspürbar war. Hippokrates vereinigte in der Beurteilung des Falles psychopathologische Sachkunde mit strenger Logik. Seine Diagnose lautete: Ist die Bildsäule eine reine Phantasiefigur, die Darstellung einer nicht auf Erden heimischen Göttin, dann müssen wir alle Hoffnung einsargen. Anders läge die Sache, wenn sie nach einer wirklichen und lebend existierenden Frau abgeformt wäre. Denn ich halte es für denkbar, daß die Seele des Irrenden durch das magische Band einer geheimen Sympathie an ein Wesen gekettet wäre, durch ein Band, das über Länder und Meere hinwegreicht und das sich so verhängnisvoll erst zu äußern beginnen konnte, als ein Teil dieser Wesenheit, nämlich der Eindruck aufs Auge, in dem jungen Mann wirksam wurde. Nehmen wir dies, mit sehr kühner Annahme, als den Tatsachen entsprechend, so hätten wir zuerst zu versuchen, diese Persönlichkeit und deren Aufenthalt zu ermitteln. »Meister Hippokrates,« sagte der bekümmerte Alte, »dein Trost bewegt sich in vielen Einschränkungen und klingt sehr matt. Denn nehme ich selbst alles für verwirklicht, was du nur als allenfalls denkbar bezeichnest, so bleibt es doch höchst zweifelhaft, ob diese Person, das Urbild der Statue, zu unserer Hilfe existiert. Sie kann eine Ehefrau sein, oder eine lockere Dirne, oder eine Königin, und dann wäre es unmöglich, sie als Gattin meinem Sohne beizugesellen.« – In diesem Punkte, meinte der Asklepiade, denke ich nicht ganz so verzagt wie du. Es liegt nämlich in der Natur solcher Psychosen, daß sie, wie sie plötzlich auftreten, auch in Plötzlichkeit zum Stillstand kommen können; durch die Gewalt einer einzigen Umarmung, die das Sehnen so mächtig überflutet, daß zum mindesten dessen akutes Brennen nachläßt. Damit ist dann schon unendlich viel gewonnen. Erreicht der gänzlich hoffnungslos Leidende wie durch ein Wunder auch nur ein Zeichen der Erhörung, der Gegenliebe, so erfährt er damit einen Seelensturm, der unter Umständen ausreicht, den ursprünglichen Krankheitssturm zu überwinden. Er gerät auf etliche Zeit in eine Zone der Kalmen, in denen seine innere Entzündung abzuklingen vermag. Ja, es ist gar nicht ausgeschlossen, daß er dann zu dem Bildwerk mit dem Gefühl der gesättigten Leidenschaft zurückkehrt und daß er gerade durch das Erlebnis befähigt wird, sein unnatürliches Wünschen zu einer geläuterten Anschauung vor dem Marmor umzubilden. Übrigens wäre es Zeit, daß du mir das Bildnis selbst einmal zeigtest. Theombrotos führte ihn in das Versteck, Hippokrates nahm das Werk in Augenschein, und ließ das reiche Register seiner Erinnerungen spielen. Er war zufällig vor einigen Monaten im Hause des Kallikles mit Skopas zusammengetroffen und besann sich auf dessen Mitteilungen. Richtig, jetzt war er auf der Spur. Skopas hatte mit äußerst flüchtigen Worten eines seiner Werke erwähnt, das nach Asien gewandert sei, des Bildes einer in Hykkara gebürtigen, jetzt auf Ägina ansässigen Hetäre großen Stiles. Da hatte man den Faden, und damit auch sehr bald das Resultat. Ein findiger Aufwärter wurde mobilisiert mit dem Auftrag, in der goldenen Jugend zu Aspendus herumzuhorchen, in jener Lebewelt, die stets und überall internationale Fachkenntnisse verrät. Auf die Frage: welche vornehme Hetäre stammt aus Hykkara und residiert auf Ägina? ergab sich die eindeutige Antwort: Lais! In den nächsten Tagen wurde ein ansehnliches Fahrzeug gerüstet, das Vater und Sohn nebst einer Anzahl von Wärtern und Pflegerinnen an Bord nehmen sollte. Es bedurfte keiner großen Überredung, um Hippokrates zur Mitfahrt zu veranlassen, denn neben seinem ärztlichen Interesse war auch die menschliche Sympathie in ihm rege geworden, und vielleicht konnte in den Verhandlungen mit der Dame das Gewicht seiner Autorität ausschlaggebend werden. Palmyas hatte kurz vor der Abfahrt einen Tobsuchtsanfall überstanden und befand sich jetzt so entkräftet, daß er auf das Schiff getragen werden mußte, wo er, sorgsam gebettet, in lange Apathie verfiel. Die Aussichten waren die denkbar trübsten, es erschien sehr ungewiß, ob er das Äginetische Gestade noch lebend erreichen würde. Die bloße Nennung des Namens Hippokrates genügte, um den Männern bei Lais den wohlwollendsten Empfang zu sichern. Eine weltbekannte Leuchte der Wissenschaft und zudem, wie sie wußte, mit Demokrit befreundet! Als sie nun gar erfuhr, daß ihr irgend welche Bitte vorgetragen werden sollte, war sie sogleich entschlossen, alles aufzubieten, um den Wünschen der Beiden entgegenzukommen. Wahrscheinlich handelte es sich, so dachte sie, um die Begründung eines großen humanitären Werkes, etwa eines Krankenhauses, und es war nicht das erstemal, daß man ihren Reichtum für solche Zwecke in Anspruch nahm. Als indes der Asklepiade dazu überging, die Sachlage zu erläutern, verdüsterte sie sich merklich. Sie sah hier die Peripetie des Dramas, in dem sie, ohne es zu ahnen, eine tragende Rolle innehatte, und es war ihr keineswegs erfreulich, sich die Fortsetzung dieser Rolle auszumalen. Irgend eine Regung der Eitelkeit, gegründet auf die Empfindung eines sensationellen mystischen Erfolges ihrer Schönheit, lag ihr fern. Ihr trat nur die Tragödie ins Bewußtsein, und so sehr sie auch zu allen Graden des Mitleids bereit war, so widerstrebte es ihr doch aufs äußerste, sich in eine Lage hineinzudenken, die ihr – das war mit Recht zu befürchten – bald angesonnen werden sollte. Dort draußen auf dem Schiff lag ein Siecher, Wahnsinniger, im letzten Stadium körperlichen Verfalls, und ein Roman mit diesem wildfremden Irren – – nein, das war nicht zu fassen, auch dann nicht, wenn sie sich selbst als die Ursache seines Leidens vorstellte. Theombrotos warf sich ihr kniefällig zu Füßen: Erhabene! Hier fleht ein Vater für den letzten Stab seines Alters, für sein einziges Kind, das ihm entrissen wird, wenn deine Güte es ihm nicht erhält! Ist mein Jammer unfähig, den Marmor zu rühren, der dir gleicht, so wird doch dein Gemüt unter meinem Schmerz dahinschmelzen. Göttliche Lais! Im Staube vor dir blicke ich auf zu deinem Antlitz, dem die Olympier selbst die Weihe aufgeprägt haben der Schönheit und der Milde. Du wirst mich nicht ungetröstet von dannen ziehen lassen. Erhöre mich, rette meinen Sohn, und Aphrodite möge dir eine Tat vergelten, die unter allen Liebeswerken nicht ihresgleichen hat! Lais beugte sich gerührt herab, half ihm empor, und nachdem sie sich einigermaßen gefaßt hatte, bat sie um die Vergünstigung, den Fall in minder stürmischer Weise besprechen zu dürfen. Man möge es ihrer Überraschtheit zugute halten, wenn sie erst Klarheit gewinnen wolle, ehe sie dazu überginge, mit den Besuchern das Weitere zu überlegen. Was verlange, was erwarte man eigentlich von ihr? Schon bei dieser einfachen Frage stocke die Antwort. Sollte sie hingehen zu dem jungen unbekannten Manne und ihm vorreden, sie liebe ihn?? Er würde sie entweder gar nicht verstehen oder müßte, wenn noch ein Funken von Bewußtsein in ihm glömme, sie selbst für eine Irrsinnige halten; denn anders könne er eine Frau unmöglich beurteilen, die ohne den Schimmer einer Bekanntschaft sich ihm urplötzlich an den Hals würfe. – Die Aufgabe ist tatsächlich überaus schwierig, erklärte Hippokrates; mit einer frommen Lüge dieser Art kämen wir allerdings nicht weit, und wir würden dadurch wahrscheinlich nur verschlimmern, was ohnehin trübe genug liegt. Ein derartiges improvisiertes Geständnis müßte sogar, weil erlogen, auf einer Bühne fehlschlagen, vollends in der Tragik dieses Lebens, die eine ganz besondere, mit aller Vorsicht geplante Behandlung erheischt. Trotzdem, Dame Lais, werden wir um einen kritischen Punkt nicht herumkommen, wenn anders überhaupt an eine Heilung gedacht werden darf. Es wird nötig sein, daß ihr einander nahekommt und – – verstehe mich recht, Lais, die mythologische Fiktion des Jünglings bleibt für mich als Seelenarzt maßgebend –, ich will also sagen, er muß den Glauben erhalten, daß sein mythologisches Sehnen sich wie durch ein Wunder erfülle. – Verzeihe, Hippokrates, ich vermag deinen Ausführungen nicht zu folgen und, ehrlich gesagt, ich will es auch nicht. Dagegen sträubt sich meine Selbstachtung, so sehr mich auch dieses Unglück ergreift und erschüttert. Ich würde einen Finger meiner Hand als Opfer dahingehen, wenn ich damit helfen könnte, aber es scheint mir doch ungehörig, eine ärztliche Verordnung aufzustellen, in der meine ganze Persönlichkeit die Rolle eines Medikamentes spielt. Mir wird hier zugedacht, als ein schmerzstillendes Opiat zu wirken, der Arzt verschreibt es, und ich habe mich meines Selbst zu entäußern, um Inhalt eines Rezeptes zu werden. Deute mir's nicht übel, du bist der irdische Asklepios, du willst um jeden Preis heilen, und dein Wunsch ist verehrungswürdig. Aber in ihm steckt doch zugleich die leise Annahme, mich träfe so etwas wie eine Verantwortung, als hätte ich in Marmor verkleidet irgend einen Willen bekundet, das Gemüt des Beklagenswerten zu verwirren; wonach ich dann freilich das Äußerste aufzubieten hätte, um solches Verhängnis ungeschehen zu machen. – Dame Lais, laß dir sagen, daß es in meinen Augen überhaupt keine Verantwortung gibt, geschweige denn in einer so absonderlichen Begebenheit, wo wir zwischen Ursache und Wirkung nicht die mindeste gegenständliche Brücke wahrnehmen. Was sich hier begab, war ein Ausfluß der Fernwirkung, so rätselhaft wie die Fernwirkungen, die von der Sonne und den Gestirnen auf die Erde strahlen. Wenn sich eine Flutwelle erhebt, mit den Schrecknissen einer Sturmflut, so können wir wohl überirdische Einflüsse vermuten, aber niemand wird sich dazu versteigen, dem Mond hierfür eine moralische Verantwortung zuzuschieben. Und im Grunde unterliegen wir alle dem großen Menschenwahn, eine Idee, eine Erscheinung zu vergöttlichen. Wir verpflanzen in das Meer einen Poseidon mit Tritonen, wir wittern im Baum die Dryade, die in ihm nistet, im Echoschall die rufende Nymphe. So hat auch der arme Palmyas im toten Stein eine Lebendige erfühlt, und man muß einräumen, er war der Wahrheit näher als wir andern, die wir nur haltlos symbolisieren, während er doch eine wirklich vorhandene Beziehung ahnte. Das Körperliche allein hätte es ihm nicht antun können, es war die Seele des Urbilds, die zu ihm sprach, und wenn du auch persönlich außer Verantwortlichkeit bleibst, so wäre es doch sehr edel, wenn du auch für den abgelösten Teil deiner Psyche einträtest, den der Künstler im Stein mit einfing, als er dich formte. Bis zu derartigen Motiven vermochte Theombrotos nicht vorzudringen. Seine Beredsamkeit hatte sich im ersten Anruf erschöpft und er rang nur noch bittend die Hände. Lais hatte eifrig nachgedacht und kam nun mit einer Idee zum Vorschein: man solle ihr nicht nachsagen, daß sie sich einer, wenn auch noch so lose konstruierten Menschenpflicht entzöge. Sie glaube ein Mittel gefunden zu haben, das zum Ziele führen würde, ohne daß eine Unmöglichkeit aufzustellen wäre, an der sie scheitern müßte: Ich besitze unter meinen Sklavinnen ein Mädchen aus Paphlagonien, das mir in Figur und Gesichtsausdruck überaus ähnlich sieht. Diese Sklavin, sie heißt Agapeia , ist mir sehr ergeben, und ich werde ihre Willfährigkeit noch dadurch steigern, daß ich ihr die Freilassung und eine stattliche Aussteuer verspreche, wenn sie den Plan geschickt durchführt, zu dem ich sie einstudieren will. Sie soll in dem nämlichen wie aus Blumenduft gewebten Gewande, worin ich damals dem Skopas stand, in diesem Pavillon Aufstellung nehmen, ganz genau wie das Bildwerk gehalten, und durch künstliche Beleuchtung ebenso gefärbt. Die Technikerkräfte, die eine derartige Salonmagie leisten, stehen mir zur Hand. So weit können wir inszenieren, das Übrige muß dem Moment anheimgegeben werden. Der junge Palmyas wird jedenfalls zuerst vermeinen, die geliebte Statue vor sich zu haben, er wird sie vermutlich wiederum umfangen, von ihrer Warmblütigkeit entzückt sein, und – insoweit übernehme ich die Bürgschaft für meine Agapeia – keinen Widerstand bei ihr finden, wenn er seine Umarmung nachdrücklicher geltend zu machen versucht. Allerdings, so muß ich hinzufügen ... – Du stellst noch eine Bedingung, Lais? – Eine unerläßliche. Ich wünsche den Jüngling zuvor zu sehen. Selbst meiner Sklavin würde ich nicht zumuten, in solcher Art meine Stellvertreterin zu spielen, wenn der junge Mann mir einen gänzlich unsympathischen Eindruck machen sollte. In den Augen des alten Theombrotos flammte Hoffnung, trotz der einschränkenden Bedingung. Er sah doch den Schimmer einer erlösenden Möglichkeit. Der große Arzt verhielt sich bis zu gewissem Grade skeptisch. Im ersten Sekundenanlauf konnte das Experiment glücken, aber wie, wenn der mystische Wahn, anstatt in Beglücktheit zu zerflattern, in dunkle Wut umschlüge? Wenn der Jüngling mit plötzlicher Hellsichtigkeit den Betrug durchspürte, der ihm für das ersehnte Original ein Surrogat vortäuschte? Das konnte schlimm ausgehen. Allein, man mußte schon zufrieden sein, wenn überhaupt etwas geschah, und mehr als dieses Etwas war ja billigerweise von der Herrin nicht zu verlangen. Als sie gegen Mittag das Schiff betrat, lag Palmyas in tiefem Schlummer, mit starrgespannten Muskeln, aber erkennbarer Atmung. Nach dem Befund des Arztes war zu erwarten, daß er um Mitternacht erwachen und dann vermutlich für einige Stunden auf äußere Anregungen reagieren würde. Sein Antlitz enthielt den ganzen Bericht seiner Leidensgeschichte. Es war verfallen, an den Wangen zusammengestürzt, zeigte aber in gewissen Einzelheiten, so an den Schläfen, der edelgeformten Stirn und in den feinprofilierten Linien der Lippen Spuren von Liebreiz. Einmal öffnete er die Augen, um verständnislos in die Luft zu blicken und sie sofort wieder zu schließen. Diese Zehntelsekunde hatte genügt, um der Betrachterin ein Momentbild zu verschaffen, dessen Eindruck zur Kürze der Dauer in keinem Verhältnis stand. Sie selbst verlängerte ihn in ihrem Bewußtsein, ihr war es, als blicke sie dem Schläfer durch die Lider hindurch bis ins Auge. Sie nahm sich zusammen, um eine Träne zu unterdrücken, ergriff sehr bewegt die Hand des Vaters und flüsterte: Es bleibt bei der Verabredung. Um Mitternacht wird alles bereit sein. Palmyas wurde auf einer Bahre in den Pavillon gebracht, wo er nach der Herrin Anweisung allein im dunklen Raum verblieb. Er war wach und nahm wahr, daß ein Vorhang aufgezogen wurde, daß ein magisches Licht herabfiel und die ihm so teure Statue erglänzen ließ. Und hier bewahrheitete sich eine Voraussicht des Arztes, der bei aller Skepsis angesagt hatte, dieser allererste Effekt würde seine Lebensgeister mächtig beschwingen, vorausgesetzt, daß es der Sklavin Agapeia gelänge, die statuarische Bewegungslosigkeit für kurze Zeit festzuhalten. Palmyas vermochte sich zu erheben, er wankte dem Bildwerk entgegen, breitete seine Arme, schrie auf, als er das Lebendige umfaßte, und erlebte in höchster Ekstase das Wunder des Pygmalion, mit allen Affekten des Rausches, die ein solches Mirakel zu erzeugen vermag. Als man in erster Morgenröte nach ihm forschte, fand man ihn wieder regungslos auf der Lagerstatt. Er wurde auf das Boot zurückgebracht, und Hippokrates stellte fest, wiederum seiner Voraussicht entsprechend, daß sich die klinischen Symptome nicht wesentlich verändert hatten. Bald darauf fiel Palmyas in Agonie und hauchte in den Armen des schmerzbebenden Vaters sein junges Dasein aus. Aber im letzten Augenblick ging es wie eine Verklärung über sein Gesicht, und als der Todesengel sich eben anschickte, seine Fackel zu verlöschen, war seine Stimme zu dem Ruf erwacht: Dank, Aphrodite, ich bin glücklich gewesen! Der gebrochene Greis, von Hippokrates gestützt, verabschiedete sich von Lais: Dir, Herrin, gebührt der letzte Laut meines Kindes. Ihm war es bestimmt, zu sterben, aber nicht in Verzweiflung, sondern in Seligkeit, die ihm deine Güte einträufelte. Gestatte mir nur noch, deiner holden Helferin meinen Dank abzutragen und hierfür deine Mitwirkung in Anspruch zu nehmen. Du versprachst ihr die Freilassung. Sage ihr, sie möge nach Aspendus kommen zum Theombrotos, der sie halten will wie seine eigene Tochter und Erbin. – Du meinst es gut, Theombrotos, und ich würdige deinen edlen Beweggrund. Aber deinen Auftrag kann ich nicht übernehmen. »O, daran erkenne ich von neuem deine Huld. Du willst sie selbst so reich versorgen, deine Sklavin Agapeia – –« – Ich besitze keine Sklavin dieses Namens. »Gleichviel, wie sie heißt. Sage ihr – – –« Plötzlich wurde es ihm licht – »Lais! Lais, du selbst ? – – –« Und abermals warf er sich vor sie hin, um den Saum ihres Gewandes zu küssen. II. Die Liebe in Lumpen Hätte ein Beobachter aus späteren Zeiten in den Hofstaat der Lais sehen können, so würde er in Einzelheiten des geselligen Treibens ein Vorbild der Cours d'Amour erblickt haben, wie sie nach vielen Jahrhunderten in der Provence tagten. Freilich wären auch verschiedentliche Einschränkungen des Vergleichs nicht außer Acht zu lassen; vor allem der Unterschied des Zweckes, der bei den Liebesspielen der Troubadourzeit auf die affektierte Nachahmung eines obersten Gerichtshofes hinauslief. Tiefgründige Fragen aus der Philosophie und Jurisprudenz der Liebe wurden hier mit ungeheurer Gründlichkeit behandelt, spitzfindig erörtert mit dem pompösen Apparat eines Reichstribunals, das Lösungen zu finden hatte, und sie auch wirklich in Arrets d'Amour als rechtsverbindlich niederlegte. Aber das war doch nur Scheinzweck, während die graziöse Unterhaltung über alle erdenklichen Probleme und Einzelfälle der Liebeswelt die Hauptsache blieb. Und in diesem Betracht waren die Cours d'Amour wesentlich nur Wiederauflebungen der Geselligkeit, die in den Gärten der Lais unter dem Szepter der Herrin blühten. War hier die Weiblichkeit, abgesehen von minderwertigem Gefolge, nur in einer Hauptperson vertreten, so schwebte deren Figur über dem Ganzen nicht nur als Veranstalterin, sondern auch als Preis. Für die Männer galt es schon als eine Gunst, zu diesen Festen geladen zu werden und damit in die engere Konkurrenz zu gelangen; aber von dieser Bevorzugung bis zur Gewinnung des Preises war ein weiter, mühseliger Weg. In den meisten Fällen wurde das große Los überhaupt nicht gezogen, und die vorzüglichsten Gäste mußten sich mit gesellschaftlichen, rhetorischen, dichterischen Erfolgen begnügen, da der erotische Erfolg nicht zu haben war. Allein die Möglichkeit blieb offen, und von Zeit zu Zeit ereigneten sich wundervolle Ausnahmen; wenn sich der Schwarm verlaufen hatte, kehrte einer auf heimlichem Wege nach dem Pavillon zurück, um die Gnade zu empfangen, die ihm zuvor ein nicht mißzuverstehender Blick der Herrin verheißen hatte. An einem sonnendurchglühten Juni-Nachmittag schienen die allgemeinen Aussichten besonders günstig zu liegen, denn die Herrin befand sich in ersichtlich gehobener Laune; und wer die Zeichen zu lesen verstand, die der Genius loci aufsteckte, der mußte es für wahrscheinlich halten, daß der Sieger im heutigen Wettbewerb mehr zu erwarten hatte als den platonischen Trostpreis freundlicher Anerkennung. Die Becher kreisten, und Lais ging mit gutem Beispiel voran, um einem auserlesenen Gewächs vom Berge Pramnos auf Ikaria alle Ehre zu erweisen. Dem Getränk von Samos in der Lage verwandt, zeigte dieser Pramnische Wein auch Qualitäten höherer Ordnung, er erhob sich zur Rangstufe des Nektars. In den Augen der Lais entzündeten sich Funken des Übermuts, und in manchem Gast wagte sich die Deutung hervor, daß sie die nächste Nacht nicht in vestalischer Einsamkeit verträumen würde. Da hieß es für jeden einzelnen, alle Glanzlichter seiner Persönlichkeit spielen zu lassen, um das Primat zu erringen. Aber bei aller Stimmungshöhe blieb sie einstweilen Herrin ihres Urteils, und dieses neigte keineswegs zum Enthusiasmus, als einige der Geladenen, dem Programm entsprechend, ihres Geistes Erzeugnisse auszubreiten begannen. Mehrere Dichter hatten das Wort. Sie trugen aus ihren neuesten noch unveröffentlichen Werken vor und fanden in der männlichen Corona lebhaften Beifall. Denn es galt ein für allemal als stillschweigende Verabredung, daß jeder jeden lobte, weil bei Befolgung des entgegengesetzten Prinzips jeder jeden getadelt hätte. Und das wäre zur Erreichung des Endzweckes für alle unvorteilhaft gewesen. Die Solidarität der Trefflichkeit mußte sie verbinden, damit die Herrin nicht unter Geringen einen Erträglichen, sondern unter Heroen den allervorzüglichsten auswählte. So empfing auch der junge Dichter Melampides von den Herren das Zeichen der Anerkennung, während Lais wider Vermuten mit Kritik einsetzte. Sie fand seine kleinen Gedichte blutlos im Inhalt, übertrieben und schwülstig im Ausdruck und fügte sarkastisch hinzu: in der Lyrik gibt es kein Markten in der Taxe zwischen Gut und Mindergut; eine Lyrik, die nicht ersten Ranges ist, muß als Null bewertet werden. »Du tust mir weh, Lais!« – Weil ich dir sage, was du dir selbst sagen müßtest? was hättest du davon, Freund, wenn ich deine Lieder mit milderem Ausdruck als zweiten Ranges bezeichnete? Du würdest dann fortfahren, Lyrik zu treiben, um vielleicht noch die Vollendung zu erreichen. Aber eben dies liegt nicht im Felde der Möglichkeit, weil sich die Lyrik nicht erarbeiten, nicht verbessern und verfeinern läßt. Sie ist vorhanden oder sie ist es nicht; und die kleinste Probe genügt, um ihr Dasein oder ihr Fehlen aufzuzeigen. Versuche dich auf anderen Gebieten, Freund, vielleicht steckt ein großer Staatsmann, ein großer Feldherr in dir, und es wäre schade, wenn du ein erreichbares Ziel versäumtest, um dem einzigen nachzujagen, das niemals erzwungen werden kann. Und du Proleus, was hast du mitgebracht? »Eine Ode auf dich selbst, herrliche Lais: Der Anmut Zauber, die Alles den Sterblichen Süßer macht und mit Würde bekleidet,     Verlockt zum Glauben     An das Unglaubliche,     Unbestechliche Zeugen aber     Bleiben die kommenden Tage. Dem Menschen geziemt, von den Göttern nur Schönes Zu sagen: leichter ist dann seine Schuld. Dein Haupt, Göttin Lais, meine Dichtung bekrön' es, Nimm sie auf mit göttlicher Huld! Ob ich als Göttin dich grüße, erwog ich, oder als Menschen; Aber, du bist wohl eher vom Göttergeschlecht, o Lais!« – Bist du zu Ende? sagte Lais; dann muß ich dir die Eröffnung machen, daß ich an dem Unglück trage, ein sehr starkes Gedächtnis zu besitzen. Wie froh wäre ich, wenn es mich jetzt im Stich ließe! aber es sagt mir, daß deine Ode aus mehreren Teilen zusammengeschweißt ist, und daß der eine von Pindar herstammt, der andere vom Delphischen Orakel. Wie merkwürdig! Pindar besang den König von Syrakus, der Delphische Spruch feierte den Spartanischen Lykurg, und du hast es ermöglicht, diese zwei Männer zu einer Frau zu verschmelzen! Zurufe wurden laut: Aber das ist doch auch eine Kunst, die Anerkennung verdient! – Nein, das ist Künstlichkeit, Erkünstelung, aber keine Kunst. Ich rede nicht vom Thema, das mich bestechen sollte, und somit auch meinen Anbeter bestach. Wer mich in Versen als Göttin preisen will, dem bleibt das unbenommen; denn das Göttliche ist ein Superlativ wie ein anderer, und der Superlativ bleibt immer die Zuflucht für einen Poeten, dem das Positive nicht einfällt. Aber eine Dichtung, die auf mich passen soll, muß mich umhüllen wie ein mir zugedachtes Kleid und darf nicht zurechtgeschnitten und zusammengeheftet sein aus Stücken von Männergewandung, am allerwenigsten von einer, die dem schneidernden Urheber gar nicht gehört. Selbst mit einer Freigestaltung nach Pindar oder irgendwem wäre mir nicht gedient, denn jede Poesie die nicht einen neuen Gedanken anschlägt, eine neue Empfindung erklingen läßt, bleibt Plagiat. In diesem Betracht sind neun Zehntel aller Dichter, die den Parnaß bevölkern, Plagiatoren. Ich höre so oft sagen: dieser oder jener besitzt in seinen Strophen die Anakreontische Süßigkeit, er ist ein neuer Anakreon. Ganz falsch! um ein neuer Anakreon zu sein, müßte er zu allererst ganz anders dichten wie der alte Anakreon, und wenn er das nicht vermag, so wird er nicht sein Fortsetzer und Erbe, sondern nur sein Kopist. »Herrin Lais,« meinte ein Gast, »du bist heute sehr ungnädig aufgelegt, und wir täuschten uns, als wir noch vor kurzem eine rosige Stimmung an dir wahrzunehmen glaubten. Du schienst so angeregt von diesem köstlichen Pramner ...« – Daß du eine leise Berauschtheit bei mir vermutetest. Kann schon sein, mit Recht. Aber jeder Rausch hat seine besonderen Empfindlichkeiten, und wenn hier die Dichter zu Worte kommen, so wünsche ich, daß mir auch aus ihren Gaben ein Rausch entgegenweht; nämlich jene Ekstase, die unmittelbar und naiv aus dem Ingenium quillt und nicht aus dem Vorsatz »jetzt will ich einmal mein Talent leuchten lassen!« Übrigens scheinst du ja auch nicht mit leeren Händen erschienen zu sein, also laß hören, Demetrios! »Fast fehlt mir der Mut, und ich bin jetzt ungewiß, ob hier die rechte Gelegenheit für meinen Vortrag gegeben ist, denn meine Dichtung behandelt nicht eigentlich die Liebe, sondern besitzt vielmehr einen sozusagen lehrhaften Inhalt.« – Umso besser. Ein Poet, der etwas lehrhaft Geistiges behandelt, entgeht manchen Gefahren, schon deshalb, weil er ein viel freieres Feld vor sich hat, als die Lyriker, die immer nur neue Fäden vom alten Rocken der Verliebtheit abspinnen. Was ist es denn? »Eine dialogische Szenenfolge: der Held am Scheidewege. Als sprechende Personen erscheinen: der jugendliche Herkules, Arete die Tugendgöttin und die Fee der lasterhaften Verführung, die ich Diaphthora nenne.« »Ein schönes und ergiebiges Thema, das der Entfaltung von Kontrasten reichen Spielraum gewährt.« »Ja, das war es, was mich lockte: der Kampf des guten und des bösen Prinzips, der von Urbeginn in des Menschen Brust tobt und bis in Ewigkeit nicht ausgekämpft sein wird. Keinem bleibt der schwere sittliche Entschluß erspart, jeder wird zum Herkules, und wenn es mir gelang, den Alciden als Typus herauszuarbeiten, so darf ich sagen, daß ich damit aller Mannheit den Spiegel vorhalte.« – Gewiß, gewiß, meinte Lais; es kommt nur darauf an, wie du das gestaltet hast, und mit welcher Überzeugungskraft deine Poesie die Wirksamkeit der beiden Prinzipe herausstellt. Demetrios las sein kleines Versdrama vor, dessen Wortinhalt sich leicht ergänzt, wenn man mit dem szenischen Gang bekannt gemacht wird. Herkules erscheint in waldiger Einöde, innerlich zerrissen, denn er spürt in seinen jungen Adern das Wallen des Götterbluts, das ihn zu hoher Tugend ruft, und spürt dabei in seiner Liebe zu Dejanira eine Triebkraft, die ihn vom erhabenen Ziele abdrängt. Um ihn verwandelt sich die Szene in einen schwellenden Zaubergarten, dessen Herrin, die Wollustkönigin Diaphthora, ihm mit allen Reizen und der einschmeichelndsten Beredsamkeit entgegentritt. Sie, die Schöpferin der Freuden im Olymp und auf der Erde, von Amoretten, Grazien und leichten Musen umgaukelt, verheißt ihm unvergängliche Wonne, wenn er sich ganz ihrem Dienst hingibt; wenn er nur noch auf die Stimme seiner Sinne hörte, um jeder strengen Arbeit abgewandt von Genuß zu Genuß zu fliegen. Abermals verwandelt sich die Szene, derart, daß der Hintergrund des Lustgartens den Blick auf eine steinige Wildnis freigibt, mit Steilpfaden eines rauhen, von einem leuchtenden Tempel bekrönten Gebirges. Der Hochsopran der Verführerin verflicht sich mit den sonoren Tönen der Tugendgöttin Arete zu einem Streit-Duett, das den Helden von beiden Seiten bestürmt. Fast scheint er der Verlockung zu erliegen, in der er den süßen Anruf der geliebten Dejanira zu vernehmen glaubt. Allein, bald zeigt sich in aller Hoheit das Sittengesetz, das, wiewohl zuerst von den sinnlichen Regungen übertönt, schließlich das Gewissen des Mannes mit Elementargewalt emporreißt. Aus dem Chaos seiner Seele gebiert sich das Licht, aus dem Tumult seiner Gefühle der edle, gottwürdige Vorsatz. Er beschreitet den steilen, dornigen Weg, dem Tempel entgegen, der sich vor ihm, dem in Tugend Geläuterten, öffnen soll, um ihn in die schwer zu verdienende Unsterblichkeit aufzunehmen. Die Zuhörer genossen dieses Drama nicht in gedrängtem szenischen Abriß, sondern mit dem ganzen strophischen Wohllaut einer in wechselnden Versmaßen skandierten Poesie. Lebhafter Beifall entlud sich auf den Vortragenden, der eine stets bereite Saite des Menschentums angeschlagen und mit unleugbar vornehmen Kunstmitteln zum Erklingen gebracht hatte. Lais sagte: Ich bin auf den zweiten Teil deines Stückes gespannt. Lies weiter! »Aber Herrin,« versetzte Demetrios, »es ist doch zu Ende. Ich konnte doch nicht ein neues Versgerüst um die Taten des Herkules bauen, nachdem wir bereits erfahren haben, daß er sich auf Lebenszeit der Tugend verschrieben hat.« – Das ist bedauerlich, da du uns doch ein Lehrgedicht versprochen hast. Was du verfaßtest, ist ein Vorspiel, wonach der Dichterphilosoph erst eigentlich zu beginnen hätte. Er müßte entwickeln, daß die Wirksamkeit des Helden wirklich eine tugendhafte gewesen ist. »Das gehört doch zum Grundbestand des Mythos und ist aller Welt bekannt.« – Ich weiß nichts davon, Demetrios. Ich weiß nur, daß Herkules nach seiner Prüfung am Scheidewege ein ganz übler Bursche geworden ist, ein wilder Strolch und Wegelagerer, der alles totschlug, was ihm über den Weg lief. Seinen Lehrmeister Linos, den musengeweihten Sänger, der ihn im Saitenspiel unterwies, erschlug er mit der Leier. Als er einer Gesandtschaft aus Orchomenos begegnete, die in Theben nur einen amtlichen Auftrag auszurichten hatte, schnitt er den Gesandten Nasen und Ohren ab. Kurz bevor er sich in die Knechtschaft des Eurystheus begab, ermordete er fünf unschuldige Kinder seiner nächsten Familie, seine eigenen Kinder warf er lebendig ins Feuer ... »Im Wahnsinn, Lais! er litt an einem Tobsuchtsanfall.« – Sein ganzes Dasein war eine fortgesetzte Tobsucht, und die Legende betont diese Anfälle, um nur überhaupt einen mildernden Umstand für den Bösewicht herauszubringen. »Aber er hat doch auch Räuber erschlagen und wilde Tiere, in seinen unsterblichen zwölf Arbeiten!« – Nicht aus eigenem Willen, sondern auf Befehl des Trottels Eurystheus, als Sklave eines feigen, verblödeten Despoten. Nicht als Mensch betätigte er sich, sondern als zweibeiniger Kraftspeicher, und er bedurfte sogar noch des Kommandos, um seine bestialischen Instinkte gegen andere Bestien loszulassen. Also er erwürgte dabei den Nemeischen Löwen im Dienste der Menschheit, nämlich genau so, wie der Löwe im Dienste der Löwenheit handelt, wenn er Menschen erwürgt, die für ihn die Schädlinge sind. Dann wieder reinigte er die Ställe des Augias durch einen künstlichen Wassersturz. Eine schöne Sittentat! um einen Haufen Rindermist fortzuwaschen, muß einer den Stempel der Tugend tragen! Weiterhin seine selbständigen Abenteuer, die nichts anderes sind, als ein Kette von Schurkereien. Brauche ich dir die Geschichte des Eurytus, des Iphitus, der Iole zu erzählen? da dampft es von Brand, Mord, Plünderung, Betrug, unschuldige Menschen werden in einen Knäuel der Gemeinheit verstrickt und man könnte ebensogut von der Moral einer Giftschlange reden, wie vom Sittenbewußtsein des Herakles ... »Aber der Dichter hat doch die Freiheit, die Vorgänge zu deuten, wie es sein Programm erheischt?« – Hättest du das nur getan, Demetrios! Der poetischen Lizenz gewähre ich jeden erdenklichen Spielraum. Gestalte einen ganz neuen Herkules, verändere die Mythologie, mache unsere Anschauung deiner Originalidee dienstbar, und du sollst mir im Range gelten wie Homer und Hesiod. Aber du berührst ja gar nicht den mythischen Grundbestand. Du setzt in deinem Vorspiel den späteren Tugendhelden als ganz selbstverständlich voraus, und gibst ihm sonach einen Auftakt, der gar nicht anders ausfallen kann, als sinnlos. Ist dein Herkules der nämliche, an den wir alle denken und denken müssen, dann widerstreitet es aller Vernunft, ihn als Figur an den Scheideweg zu stellen und die Tugend als siegreiche Fee zu allegorisieren. Und sofern deine wohlklingende Poesie eine Lehre enthält, lehrt sie absurd und verbrecherisch; sie mahnt: überantwortet euch der Tugend, um Kraftklötze zu werden, die sich in Dummheit, Tollheit und viehischer Brutalität austoben. Gelinder ausgedrückt: deine ganze Dichtung ist ein elementarer logischer Schnitzer, und wenn die Legende vom Helden am Scheidewege sich verewigt, – wie ich beinah vermute, – so wird dadurch nur bewiesen werden, daß die logischen Schnitzer unausrottbar sind. Du kannst dich also schließlich mit andern Dichtern und Philosophen trösten, die Schönheit und Wahrheit zu finden hoffen in den Höhlengängen eines undurchdringlichen Labyrinths. »Ich kann deiner Ansicht nicht folgen«, opponierte ein Teilnehmer, der prachtvoll gebaute und leidlich intelligente Sarpedon aus Elis. »In dem, was du als Labyrinth bezeichnest, befinden sich doch Merkzeichen, die bei aufmerksamer Betrachtung einen Sinn ergeben, und du wirst es mir nicht verdenken, Lais, wenn ich mich diesem Sinn anschließe.« Sarpedon, aus vornehmem Geschlecht entsprossen und ansehnlich begütert, war aus Neigung und Beruf Vertreter aller Leibesübungen und hatte sich nicht nur in der Palästra, sondern auch bei den ernsthaften Kampfspielen in Nemea und Korinth als Wettläufer, Ringer, Faustkämpfer und Speerwerfer ausgezeichnet. Er gehörte zu den Anwärtern auf die Gunst der Lais und war fest überzeugt, daß sie ihm eines Tages zufallen müßte nach dem unverbrüchlichen Gesetz der Polarität, das die zarte Schönheit des Weibes so willig macht, sich der Gewalt eines Heros auszuliefern. Heute schienen ihm die Aussichten besonders günstig zu liegen, da die feinfühligen Geistesarbeiter, die Dichter, durchweg mit so übler Zensur abgeschnitten hatten. Aber er war schlau genug, um sich einen weiteren Vorsprung nicht etwa dadurch zu sichern, daß er der Dame einfach nach dem Munde redete. Dadurch hätte er sein Spiel nur verdorben, denn Lais, das wußte er genau, machte sich nicht viel aus den Echomenschen, schätzte vielmehr nur die Selbstsicheren, die im Redeturnier ihren Mann standen. Daraus ergab sich das Programm dieses Sprechers: Er ergriff den Anlaß, um seine persönliche Eigenart zu verfechten, und zwar im Anschluß an dies Thema Herkules, gegen den sich Lais so scharf ereifert hatte. – Ich meine, so sagte er, – wir täten gut, die Begriffe von Tugend und Laster ganz beiseite zu stellen, wenn wir über Leistungen gewaltiger Körperlichkeit disputieren; mit dem Vorbehalt, unser Urteil zu erweitern, sobald wir von der Einzeltat zur Summe der Taten übergehen. Jede für sich besitzt freilich nur einen dynamischen oder Geschicklichkeitswert und erlaubt keinen Rückschluß auf Edelmut oder Schurkerei ... – Wie kannst du das sagen, Sarpedon – rief Lais; – gelten denn die Motive gar nichts? – Ihre bürgerliche Geltung verschwindet im heroischen Verstande, wo alle Taten nur ein einziges Motiv voraussetzen: den Siegeswillen. Es handelt sich gar nicht um den Nemeischen Löwen, um den Erymanthischen Eber, um Kerberos, um Antäos, sondern darum, daß ein Mann existierte, der das Höchstmaß an Kraft leistete, und dem wir Kräftigen nachzueifern haben in Athletik und Gymnastik, weil ohne dies Gegengewicht alle Triebe von der Geistigkeit aufgesogen würden und die Welt in ihr verdunsten müßte. – Mit andern Worten, Sarpedon, du polemisierst gegen das Geistige, in dem wir unsere Ideale erblicken ... – Nein, Lais, nur gegen diejenigen, die eine Welt der Geistigkeit für existenzmöglich halten, ohne daß ein Riese Atlas sie trägt. Du bist schön und geistreich, aber glaubst du, daß du es wärst wenn nicht in Adern deiner Vorfahren das Blut der Titaniden pulsiert hätte? oder daß in Äonen noch schöne und geistreiche Menschen leben werden, ohne die Vorsorge derer, welche die Überlieferung der Stärke, der Behendigkeit, des Mutes lebendig halten? Da hast du das Bild der Tugend, die wir in einem Herkules symbolisieren. Ob der einen Unhold überwältigte, ob ich in der Arena einen Gegner mit der Faust niederschlage, das ist für sich belanglos, mag im Einzelfall sogar lasterhaft erscheinen, denn ich zermalme die Knochen eines Menschen, den ich nie zuvor sah, der mich niemals beleidigte. Und dennoch! Aus tausenden von Akten in der Folge der Geschlechter, aus Akten ohne oder gegen Moral, setzt sich eine Wirksamkeit zusammen, die den Titel der Sittlichkeit verdient; denn sie bewahrt die Menschheit davor, ein Gewimmel garstiger Schatten zu werden; sie erst ermöglicht ihr, die Geistigkeit zu pflegen, ohne die Gefahr, vor lauter Geist sich zu entkörpern. Diese Argumente wären nicht ganz eindruckslos geblieben, wenn nicht jetzt, zum Unglück für den Sprecher, Demetrios sich erhoben hätte mit dem Verlangen, Lais sollte nunmehr ihr hartes Urteil gegen sein Scheidewegstück widerrufen; denn die Gründe des Kraftmenschen wären unwiderleglich und sprächen zugleich für seine eigene dichterische Gestaltung. – Lieber Demetrios, versetzte Lais, du kämpfst um eine verlorene Sache, die darum nicht gewonnen wird, weil ich mich augenblicklich in der Minorität befinde; denn die Minderheit ist in der Regel das Zeichen des Rechtes. Ein mäßiges Werk wird nicht dadurch vorzüglich, daß es sich mit einem großen Namen und durch eine Allerweltstaxe deckt. Trage es in Olympia vor während der Spiele, die dein Herkules gestiftet hat, und Apoll behüte dich, daß die Hörerschar dir gestattet, es bis zu Ende zu lesen. Was aber dich betrifft, Sarpedon, so scheint mir, daß du es darauf anlegst, auch mich durch einen Gewaltsieg zu überwältigen. »Sagen wir besser: dich zu erobern; ich käme mir selbst verächtlich vor, wenn ich bei der Vergünstigung, in diesem Haus zu verkehren, jemals einen andern Vorsatz gehegt hätte.« – Aber du bedienst dich dabei eines Fechtertricks, den ich durchschaue. Du verallgemeinerst den Sonderfall für eine ferne, undurchsichtige Zukunft, während die Einsicht nur gewonnen wird, wenn man die Gegenwart an der Vergangenheit abmißt. Wenn wir ein Kulturvolk geworden sind, so geschah es nicht, weil die brutalen Triebe der Titanen und Titaniden weiterwirkten, sondern weil sie überwunden wurden. Wir stünden noch heute auf der Stufe der Urmenschen, wenn die Muskeln regierten und nicht die Gehirne. Griffe deine Methode durch, so würden wir zurückgeworfen in die Vorzeit, wie ja auch tatsächlich im Stadion Kampfspiele geübt werden, die besser in die Zeit der Argonauten und der kalydonischen Jagd hineinpassen als in unsere. Die Zuschauer sind – leider! – von diesen Roheiten entzückt, sie berauschen sich an Bildern des Mutes und der Wehrhaftigkeit, und sie übersehen dabei, daß in unserer Kriegstechnik und Strategie der Diskuswerfer, der Ringer und Boxer überflüssige, ja lächerliche Figuren geworden sind. Wer heute als Pädagoge nur Kampfspiele wiederholt, wie sie um Patroklus' Grab ganz sinngemäß waren, der könnte ebensogut nach Trojanischem Muster mit einem hölzernen Pferd eine Festung erobern wollen. Du sprichst von der Gefahr der Entkörperung, während uns das Gespenst der Entgeistigung weit näher bedroht. Schon heute erleben wir es, daß zu Olympia der Geistesmensch in den Schatten gedrängt wird und sich mit den Resten der Lorbeern begnügen muß, die von den Triumphen der Athleten abfallen. Hüten wir uns davor, zur alleinherrschenden Religion einen Kraftkultus auszurufen, der die Glieder geschmeidig macht und die Seelenfasern erstarren läßt. Ich bin genügend gegen den Verdacht geschützt, als wollte ich die gymnastischen Künste abschaffen; ich weiß sie zu schätzen und pflege sie persönlich. Aber sie sollen unsere Dienerinnen bleiben, nicht wir ihre Leibeigene werden, nicht wir als Knechte der Körpermechanik der Verödung anheimfallen. * * * Wenige Minuten später lieferte die Herrin in einem Anflug von Übermut eine launige Ergänzung zu ihrer Ansage, wie, um der Gesellschaft einen Beweis ihrer eigenen Gliederdressur zu bieten. Man erging sich plaudernd in den Parkwegen und plötzlich rief Lais: Sarpedon, du Schnellfüßiger, jetzt fange mich! Wie eilte sie dahin über den Rasen, geradeaus, unvermutete Haken schlagend, mit raschen Voltigen über niedriges Gesträuch! Trotzdem hätte sie der Meisterläufer natürlich in wenigen Augenblicken eingeholt, aber schon saß sie hoch im Geäst einer jungen Weißbirke, mit einem Vorsprung, den sie ihrer Schlankheit und Leichtigkeit verdankte, während der ungleich, massivere Verfolger hier an ein Hindernis geriet. Der erste Zweig, den er prachtvoll anspringend erfaßte, brach ab, er fiel mit Wucht zu Boden, während ein helles Gelächter von oben her ihm seine Niederlage bestätigte. Dann schwang sie sich herab und verzuckerte ihm das Erlebnis mit Worten, die ironisch klangen aber tröstend gemeint waren: Du siehst, Sarpedon, ich bin schon dabei, mir deine gymnastischen Lehren anzueigenen; habe ich dich heute besiegt, so findet sich wohl einmal die Gelegenheit, mich von dir besiegen zu lassen. Diese entfernte Aussicht war nicht imstande, den Fachmann, der soeben vor einer schwachen Dilettantin kapitulieren mußte, sonderlich zu begeistern. Wer würde heute der Glückliche sein? Überhaupt einer? Er jedenfalls nicht, und diese Einsicht war ihm schmerzhafter, als die lahme Lende, die ihm bei jedem Schritt an den Absturz erinnerte. Ziemlich verdrossen überließ er den Platz an der Seite der Dame einem andern aus dem Troß der Bewerber, einem Manne, der sich bis dahin mit keiner Silbe an den Unterhaltungen beteiligt hatte, aber entschlossen war, das Versäumte nachdrücklich wiedereinzubringen. Es gelang ihm auch, die Herrin in einen Seitenweg des Parkes hineinzumanövrieren, und hier, nur von ihr gehört, entfaltete er sich zu besonderer Beredsamkeit. Praxaspes war Asiat, bekleidete in Persien einen satrapenartigen Posten, und hatte auf seinen Reisen längst erfahren, daß die Gewalt schwermaterieller Gründe an keine Landesgrenzen gebunden ist. Der Zutritt zu dieser Gesellschaft war ihm zunächst auf Grund seines hohen Ranges zuteil geworden; man erzählte von ihm, daß er im Orient Liegenschaften besaß, größer als der ganze Peloponnes, man fand daher seine fürstliche Haltung ganz natürlich und ihn selbst als Zimmerschmuck ausreichend geeignet. »Wie lange gedenkst du dich noch in Griechenland aufzuhalten?« fragte Lais. – Das wird lediglich von dir abhängen, entgegnete Praxaspes. Die Landschaften und Bauten fesseln mich nicht, sie sind überall dieselben. Du aber bist anders als die andern, und ich gehre nach deinem Besitz. Fällst du mir zu, dann bestimme du selbst, wie lange du mich haben willst. Verwirfst du mich, so sage es mir mit einem Wort, und mein Verbleib in Europa ist beendet. »Du redest sehr deutlich, Satrap, und wir Griechinnen sind ein solches Geradezu nicht gewöhnt, wenn uns vertrauliche Wünsche vorgetragen werden. Aber man muß deinem Asiatentum schon ein weniges nachsehen, hinsichtlich der Tonart. Ich beabsichtige auch nicht, deine Sprechweise zu zarten Umschreibungen zu erziehen, will vielmehr ganz gelassen zuhören, was du mir etwa noch in deiner Angelegenheit mitzuteilen hast.« – Ich halte dafür, meine Absicht genügt, denn das Weitere sind Selbstverständlichkeiten. Jeder wirbt mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Der eine sucht dich mit Versen zu gewinnen, der andere mit Philosophie, der dritte mit Kraftkünsten, und alle zusammen verstehen sich auf Überredung mit weitschweifigen Worten. Mögen sie sehen, wie weit sie kommen, das ist ihre Sache. Ich gehe einfacher zu Werke. Ich begehre etwas Einziges und setze etwas Einziges dagegen; nämlich ein Vermögen, mit dem du ganz Ägina und Argolis auskaufen kannst. Und da du ebenso klug bist, wie schön und anmutig, so wirst du solches Angebot nicht in den Wind schlagen. »Du täuschst dich in der Voraussetzung, Praxaspes. Ich bin nicht klug, oder vielmehr, ich unterliege launischen Anwandlungen, und meine Laune gebietet mir gerade jetzt, unklug zu sein. Hättest du von deinem Einsatz gar nicht gesprochen, sondern mir überlassen, ihn als Morgengabe nur zu ahnen, so wäre deiner Überrumpelung vielleicht gelungen, was deiner kalten Rechnung mißglückt. Ich bin nicht unempfindlich gegen Reichtum, aber ich lehne ihn ab, wenn er mir auf der Wagschale hingehalten wird, mit der herrischen Forderung, mich als Marktware auf die andere Schale zu legen.« – Lais, deine schöne Bildersprache ist nur eine Verkleidung der Tatsache, daß du deinen Vorteil verleugnest. Deine berühmte Berufsschwester Phryne, in deren Armen ich froh geworden bin, hat ihr Interesse weiser wahrgenommen. Und ich mache dir kein Geheimnis daraus, daß sie mir zufiel für den zehnten Teil dessen, was ich dir soeben anbot. »Schade um deinen Goldschatz, den du so leichtsinnig vergeudest. Denn schon der hundertste Teil hätte ausgereicht bei der Phryne, die sich nach einem allbekannten Tarif verhandelt. Lerne also den Unterschied kennen zwischen Hetäre und Hetäre, von denen die eine jeden Begüterten annimmt, während vor der andern ein Krösus vergeblich bettelt.« – Du gebrauchst starke Ausdrücke. Aber selbst wenn ich bettelte, würde ich meinem Range noch nichts vergeben, denn vor einer Gottheit darf auch der Größte flehen ... »Ich bin Lais, und keine Gottheit.« – Du sollst eine werden. Zeige dich mir geneigt, und ich erbaue dir in meinem Lande, bei Ekbatana, einen Tempel, der durch seine Pracht alle Heiligtümer von Hellas verdunkeln soll. Dort soll dein Bild in Elfenbein und Gold aufgerichtet werden als Lais Chariessa, und Aphrodite wie Artemis werden dich beneiden. Hundert Tauben und zwanzig Pfauen lasse ich täglich auf deinem Altar opfern ... »Warum nicht gar lebendige Menschen! Sage Satrap, hast du gar keine bessere Verwendung für deine Reichtümer als zu solcher blasphemischen Torheit?« – Wenn nicht bessere, so doch auch andere: an der Grenze von Medien herrscht seit Monaten Hungersnot, und ein weiter Distrikt ist der Verzweiflung ausgeliefert. Ich mache mich anheischig, helfend einzugreifen durch Kornversorgung, mit dem Aufgebot vieler Millionen von Drachmen, um das Hungergespenst zu verscheuchen. »Entsetzlich, Satrap! wie, – du machst dich erst anheischig, du hast nicht schon längst getan, was du vermochtest, du wartest auf einen Anlaß?!« – Auf ein Signal von dir! Laß doch sehen, Lais, ob du berechtigt bist, mir Hartherzigkeit vorzuwerfen, wenn du selbst vor die Wahl gestellt wirst, hart zu sein oder milde! Opfere mir diese nächste, diese eine Nacht, und den Hungernden ist geholfen. Und wenn du verneinst, wenn du auch nur zauderst, so mache mich nicht verantwortlich für die Gewissensqual, der du anheimfallen wirst. »Praxaspes, du verübst an mir eine unerhörte Erpressung! Abscheulicher als jemals eine körperliche Vergewaltigung über eine Frau erging! Und ich muß all meine Seelenkraft zusammennehmen, um mich dieser Tyrannei zu erwehren. Du kamst hierher, mich mit Schätzen zu erzwingen, – nun biete ich sie dir; da! nimm ! – sie riß sich ein kostbares Schmuckstück vom Gewand – und verwandle den Erlös in Brot für die Hungernden. Es ist mein bestes Kleinod, nicht wertvoll genug, um eine ganze Provinz zu retten, aber ausreichend, um viele Familien zu sättigen. Warte, Tyrann, ich hole noch mehr aus meiner Truhe – –« – Nicht nötig, Lais, behalte deine Edelsteine. Es stand in deinem Belieben, mir eine Freude zu versagen, nicht aber, mich zu demütigen. Hier endet die Herrschaft deines Stolzes. Der notleidenden Landschaft wird geholfen werden ohne dein Almosen. – Er wandte sich zum Fortgehen. Lais streckte ihm die Hand zum Abschied entgegen, aus dem Gefühl heraus: eine entsetzliche Werbung mit wohltätiger Frucht. Der Asiat nahm ihre Hand nicht. Sein erhitzter Satrapenhochmut fand eine Kühlung: die Hetäre bot ihm eine Freundlichkeit, und jetzt behielt er die Oberhand: indem er die Gunst ausschlug und der Dame den Rücken kehrte. * * * Schon während des Spaziergangs im Garten hatte Lais beim Blick durch die Grenzhecke eine ziemlich unschöne Gestalt wahrgenommen, die sich da draußen im Gelände wegelagernd umhertrieb. Sie kannte den Menschen von Athen her, wo er ihr in den Straßen als ein strolchendes Kuriosum aufgefallen war, ohne daß sie Veranlassung genommen hätte, sich um seine Bekanntschaft zu bemühen; was ja nicht weiter verwunderlich, denn der Glanz sehnt sich nicht nach der Berührung mit der Dürftigkeit. Nachträglich hatte sie sich freilich wegen dieser Unterlassung Vorwürfe gemacht, denn sie wußte wohl, daß in dem unscheinbaren Gesellen eine Persönlichkeit steckte. Jetzt, da sie ihn auf der benachbarten Wiese wiedererblickte, fuhr ihr eine Idee durch den Kopf, der sie sofort nachgegeben hätte, wenn sie nicht durch das Intermezzo mit Praxaspes abgedrängt worden wäre. War der Kerl noch draußen? dann konnte man ihn ja hereinrufen lassen. Aber nein, so schroff wollte sie sich doch an der gesellschaftlichen Form nicht vergehen. Indeß auf eine kleine Exzentrizität konnte man es schon ankommen lassen, zur Erholung von Debatte und Aufregung, auf ein Impromptu abseits, von dem die Gäste zunächst gar nichts zu erfahren brauchten. Einer Dienerin gab sie die Weisung, den Eingeladenen mitzuteilen, die Herrin fühle sich etwas ermüdet, und hätte sich für kurze Zeit in die inneren Gemächer zurückgezogen; sie hoffe, die kleine Unpäßlichkeit bald zu überwinden und würde sich freuen, bei ihrem Wiedererscheinen die Corona noch vollzählig zu finden. Rasch entschlüpfte sie aus der Parkumfriedung und hielt Umschau im freien Terrain. Der Mensch war nicht zu sehen, doch verriet ein hingeworfenes Bündel schäbigen Gewandes, daß er nicht weit sein konnte. Und richtig, da kam er schon angeprustet, quer über den Acker, triefend, vom Teich her, wo er ein erquickliches Bad genommen hatte. Lais verbarg sich hinter einer Platane, um dem Anblick der Nacktheit auszuweichen, die übrigens nichts Schreckliches bot, denn der Mann war gut gebaut und hätte sich im Gymnasion sehen lassen können. Jetzt rannte er noch ein paarmal auf und ab, um der Verdunstung in Sonnenluft den Prozess zu überlassen, den der Kulturmensch sonst vom Badelaken erwartet; dann warf sich der Primitive sein Mantelzeug über und rief: Lais, wozu das Versteckspiel? Meine Toilette ist beendet, du kannst ruhig hervorkommen. Sage mir bloß, was willst du überhaupt hier draußen, bei dir ist doch in der Villa Gesellschaft? »Du hast wirklich viel freie Zeit zum Herumspähen, Diogenes: ich suchte einen Philosophen und finde einen Spion.« – Das könnte einunddasselbe sein, denn alle Philosophie betreibt Spionage und will das Versteckte aufspüren. Viel Staat ist mit der ganzen Beschäftigung nicht zu machen; sie bleibt Danaiden-Arbeit, man schöpft in löchrige Fässer, oder noch schlimmer, man melkt den Bock und will die Milch mit einem Sieb abfangen. Du, Lais, scheinst mit deinen Hausphilosophen auch nicht recht zufrieden, sonst würdest du nicht auf die Landstraße wandern, um einen vagierenden Zyniker aufzusuchen. »Mein Drang wäre gerechtfertigt, wenn ich bei dem Zyniker Gedankendinge anträfe, die sich von denen der Schöngeister und Metaphysiker ebenso gründlich unterschieden, wie sein Kostüm von den gepflegten Trachten meiner Umgebung. Ich habe mich, offen gestanden, am parnassischen Quell etwas übernommen und trage Verlangen nach einem ordinären Haustrunk.« – Es wäre die Frage, ob der bei mir vorhanden und ob er dir schmeckt, wenn ich ihn verzapfe. Es könnte Schlammwasser beigemengt sein. Aber möglich wäre ja alles. Man kann sich auch mit einer Pfütze befreunden, sintemal sie im Wiederschein ein hübscheres Farbenspiel gewährt als ein klares Gewässer. Du bist vielleicht in der Lage eines Tafelgastes, der zuviel Hausmannskost bekommen hat und in dem ein Schlemmergelüst nach Fäulnisgeschmack aufsteigt. So oder so, du könntest bei mir eine Enttäuschung erleben, wenn du bei mir Erkenntnisse erwartest, die dir irgendwie zusagen. Denn mein Denken vagabundiert wie ich selber, und es liegt mir nichts daran, feste Ergebnisse zu gewinnen. Wenn ich für eine Ansicht einen Beweis habe, freue ich mich schon auf den Gegenbeweis der nächsten Minute. »Du scheinst wenigstens aufrichtig zu sein.« – Auch das nicht. Höchstens insoweit, als ich dir aufrichtig einräume, daß ich auch dem Schwindel nicht abgeneigt bin. Man nennt mich den »Kyon«, den »Hund«, weil ich eine hündische Lehre vertrete. Dabei läuft Ehrlichkeit und Betrug durcheinander. Du wirst es ja nicht weiterplaudern, wenn ich dir vertraue, daß mein Benehmen und meine Tracht nur Verkleidungen sind zu gewissen Zwecken. »Das mußt du mir näher erklären, Diogenes.« – Wozu? Du lebst weit entfernt von meiner Welt, befindest dich wohl dabei, stehst gänzlich jenseits meiner Experimente. Wo es mir gut dünkt, sie auszuüben, verfolgen sie doch eine Werbung. Aber um dich will ich nicht werben. »In keiner Hinsicht?« fragte sie, und sie konnte es sich nicht versagen, in Tonfall und Blick einen leisen Zug der Gefallsucht einfließen zu lassen; wie, um zu erproben, ob ein Wilder unter allen Umständen wild bleiben könnte. – In gar keiner Hinsicht, Lais. Dein schrulliger Momentimpuls macht mich nicht irre. Ich vertrage Gespött, ja ich locke es sogar oft genug absichtlich hervor; nämlich das Gespött der Verächtlichen, deren Hohn von mir abläuft wie Wasser von einem Entenrücken. Aber ich mache mich nicht gerne in einem Ernstfalle lächerlich. Wer den Satyr spielt, eignet sich darum noch nicht zum Hansnarren. Stellen wir uns gleich auf gleich: ich erlasse dir meine Versuche, und will auch nicht zur Kurzweil in deine Experimente verwickelt werden. »Aber Diogenes! wie kommst du nur darauf, mir dergleichen zuzutrauen. Bleiben wir also im Ernstfalle: könnte ich nicht die ehrliche Absicht haben, dich meinem Kreise anzugliedern? Du bist nicht der Erstbeste, du besitzt einen Namen und eine Gefolgschaft. Stelle mich auf die Probe: ich wäre augenblicklich bereit, dich ungeachtet deiner Struppigkeit in meine Gesellschaft einzuführen und dich dort mit der nämlichen Freundlichkeit zu behandeln, wie den Elegantesten meiner Herren. Darin läge doch eine Reverenz für deine Person; und du fändest Gelegenheit, mit Respekt angehört zu werden von Leuten, die dir sonst auf der Straße nur den Schimpftitel »Kyon« nachwerfen.« – Mit andern Worten, du beharrst auf deinem Vorhaben, eine lächerliche Szene herbeizuführen. Nein, Lais. Wer mich hören will, der muß zu mir kommen. Er wird mich schon finden, auf dem Felde oder in meiner Tonne. Übrigens, meine Tonne ist auch nur eine Verkleidung, eine Fopperei, die ich mir für etliche Wochen erfunden habe, um dem Pöbel ein Stichwort zu geben. Ich besitze auch eine ganz manierliche Lehmhütte, und ich lade dich ein, mich dort zu besuchen, aber ohne Anhang, denn mehr als zwei Menschen haben nicht Platz. »Schließlich werde ich noch erfahren, daß dein berühmter Wassertrunk aus hohler Hand auch nur ein Schaustück für die Gasse gewesen ist, und daß du in deiner halkyonischen Villa einen guten Tropfen verwahrst.« – Da bist du auf der rechten Vermutung, Lais. Es lebt kein Mensch, wie er zu leben vorgibt, und wenn ich mir zu Zeiten eine behagliche Pause verstatte, so suche ich mir hierfür keine Zeugen unter den Gaffern. Also wirklich: meine versteckte Hütte hat eine Lichtluke, zu meinem Hausrat gehört ein Spiegelscherben, ein Kamm, ein zweiter ungeflickter Mantel, ein Büchschen mit wohlriechender Salbe, und es kommt vor, daß ich mich zu eigenem Spaß fein mache. Wenn ich mir den Bart gestriegelt habe, sehe ich ganz erträglich aus, und jedenfalls viel gefälliger als der Sokrates. Aber vor der Menge muß ich den Wildverwahrlosten spielen, um nicht in eigener Figur meine Lehre Lügen zu strafen. Die Menge versteht nur, was ihr dick aufgetragen vorgesetzt wird. »Und du selbst glaubst an deine Lehre vom Segen der absoluten Bedürfnislosigkeit?« – Ich halte sie für die bequemste unter den Anweisungen der praktischen Philosophie und für die kürzeste Linie zwischen Wunsch und Erfüllung. Sie erfordert keine Vorbereitung, keine Berechnung und verbürgt namentlich die Unabhängigkeit, die sich sonst die Tausende in der Republik zwar einreden, aber nicht besitzen. Nur der Zyniker ist frei, während die andern sich von der Knechtschaft ihrer Sorgen um den Genuß nicht losreißen können. Die Armut kann nicht enttäuscht werden, und Schulden werden niemals einen drücken, dem kein Mensch Kredit gewährt. Wohl aber fällt der Reichtum in Enttäuschungen, denn es liegt in seiner Natur, Schlösser öffnen zu wollen, zu denen er als Schlüssel gar nicht paßt. Vor einer Stunde sah ich einen Mann aus deiner Tür schreiten, den Perser, dem man unermeßliche Schätze nachsagt. Auf seinem Gesicht stand ein Drama mit eindeutigem Text. Denn wenn ein Geldfürst dich besucht, so will er dich, und wenn er mit verkniffenen Zähnen davon geht, so hast du ihn abfallen lassen. Sein Schlüssel hat nicht gepaßt, und der Ärger darüber erdrosselt auf Wochen seine Freude am Reichtum. Morgen wird er vielleicht zur Phryne wandern, und da wird sein Schlüssel passen. Mit welchem Effekt? er wird ihm zugleich mit dem Leibe der Gekauften den Grund für eine verstärkte Wut aufschließen, denn in den Armen der Phryne wird ihm erst zehnfach fühlbar, was du ihm verschlossen hast. Von den Männern, die dich belagern, kommen einzelne ans Freudenziel, die Mehrheit erschöpft sich in Anstrengungen und verzehrendem Neide. Nun gälte es ein Problem: Ist die Lust größer, wenn man es erlangt, sich an dir zu ergötzen, oder der Schmerz, wenn man alle seine Nerven bis zum vergeblichen Ausgang aufgepeitscht hat? Jedenfalls verfährt der Bedürfnislose weiser, der dich erst gar nicht begehrt. Der Zyniker erachtet deine Schönheit wie die des Regenbogens; der Anblick kann ihm nicht entgehen, aber er wird sich nicht die Beine lahm rennen, um der Schönheit ganz nahe zu kommen. »Lieber Diogenes, in deiner Betrachtung steckt doch ein Fehler, du erklärst dich bedürfnislos in allen Dingen, von denen du weißt oder zu wissen glaubst, daß sie nicht für dich geschaffen sind. Aber du empfindest doch das Bedürfnis, mit solcher Erklärung auf mich Eindruck zu machen, und du befriedigst es. Es gewährt dir Genugtuung, deine Sonderstellung zu betonen, als die eines Mannes, der sich gegen Einflüsse von unbestreitbarer Stärke behauptet. Und das erinnert mich an die billige Äsopische Weisheit vom Fuchs und den sauren Trauben. Es lag dem Fabeldichter fern, seinen Schlaufuchs als ein Muster seelischer Erhabenheit vorzustellen, im Gegenteil, der arme Wicht mußte sich selbst eine Lüge vorflunkern, sein Verzicht war erzwungen, und die Trauben wären ihm wundervoll süß erschienen, wenn er nur an sie herangekonnt hätte. Stelle dir nun, Diogenes, einen unmöglichen Fall vor: die Trauben kämen zum Fuchs herab, würde er sie verschmähen? oder ins Persönliche übersetzt: ich legte es darauf an, dich zu erobern?« – So würde ich erwidern: der Zyniker scheut die Anstrengung und hat gar keinen Anlaß, sich über Unmöglichkeiten den Kopf zu zerbrechen. »Wie inkonsequent! Denn das, was du zu vermeiden vorgibst, besorgst du doch fortwährend. Nach deiner eigenen Angabe ist doch die Philosophie eine unmögliche Angelegenheit, eine Danaiden-Arbeit, und du hörst nicht auf zu philosophieren. Ob Philosoph in Flittern, oder Philosoph in Lumpen, das bleibt nebensächlich. Genug, daß du dir am Unmöglichen den Kopf zerbrichst. Und ich sehe nicht ein, inwiefern da die eine Unmöglichkeit vor der andern bevorzugt werden soll.« – Da hast du mich also gleich bei zwei Fehlern betroffen: ich habe Bedürfnisse, und ich strenge mich an. Gehe noch einen Schritt weiter und stelle fest: ich habe das Bedürfnis nach Inkonsequenz. Einverstanden. Denn da ich mich gegen jede Gewalt auflehne, so muß ich wohl auch gegen die Tyrannei der Folgerichtigkeit ankämpfen. Es gibt keinen schlimmeren Sklavenhalter und Fronvogt als die Konsequenz, und wer dieses Joch willig erträgt, begeht eine Infamie. Alles Elend der Welt rührt davon her, daß der Mensch die Fuchtel der Idee auf sich nimmt und nicht davon abläßt, sich von ihr wundprügeln zu lassen. Zeige mir einer die Idee, die sich konsequent durchführen ließe, deren Durchführung jemand erlebt hat, zeige mir einer die Gesegneten, die in irgend einem Verhältnis stehen zu den Unzählbaren, die von der Idee unterwegs zu Krüppeln geschlagen wurden! Konsequenz, das heißt: mit dem Kopf durch die Wand, und die Wände sind allemal härter als die Köpfe. Gewöhnlich ist es für den Kopf ratsamer, Löcher in die Logik zu stoßen, denn oft genug befreit ein »Widerspruch in sich selbst« aus einer unleidlichen Zwangslage. Wenn ich meine elende Hütte aufgebe und herumvagiere, habe ich gar keine Wohnung und bin obdachlos, das ist korrekt gedacht. Da denke ich lieber inkorrekt: jetzt habe ich eine größere und bequemere Wohnung als der Prasser Alcibiades, der ganze Himmel ist mein Dach. Die Einstellung des Gemütes auf die Lebensstufe wäre korrekt; wer bescheiden lebt, hat auch bescheiden zu empfinden, und die Logik bestätigt das mit der Sprache, die für beide Schlichtheiten ein und dasselbe Wort festsetzt. Aber ich lebe wie ein Hund und bin stolz wie ein Monarch. Plato hat diese Inkonsequenz ganz richtig herausgefunden, als ich mit schmutzigen Schuhen auf seine kostbaren Teppiche kam: Du willst meinen Hochmut zusammentreten, – sagte er – aber womit? mit deinem Hochmut! Ich wurde einmal von Seeräubern ergriffen und auf den Sklavenmarkt geworfen. Als ich von den Bietern gefragt wurde, was ich verstünde, rief ich ihnen zu: Ich verstehe das Befehlen, wer von euch Sklaven hat Lust, einen Herrn zu kaufen? Jeder Mensch hat eine bestimmte Größe, über die er nicht hinauskann, und der Konsequente erkennt dies an. Der Inkonsequente macht sich hundertmal größer, als er ist, und zeigt dabei, daß der logische Begriff der Grenze gar nicht existiert, wenn man nur den Mut hat, sich unlogisch einzuschätzen. Wovon gingen wir denn aus? Ja, recht, du verlangst, ich sollte mir den Kopf über ein Problem zerbrechen: was ich wohl tun würde, wenn du deinen Stolz verleugnetest, um dich mir darzubieten. Vorhin entgegnete ich, daß ich keine Lust hätte, mir darüber einen Gedanken zu machen, jetzt spreche ich wieder anders. Vorhin taxierte ich die Voraussicht für unmöglich, jetzt befreie ich mich von der Konsequenz und taxiere: sie könnte möglich sein. Also verlohnt es sich, darüber nachzudenken. »Und mit welchem Ergebnis?« – Du verlangst schon wieder Eindeutigkeit, also einen Entschluß, von dem ich nicht mehr zurückkönnte; nachdem ich dir eben auseinandergesetzt habe, daß es mir aufs äußerste widerstrebt, mich auf irgend etwas festzulegen. Vielleicht geht mein Lumpenstolz so weit, daß ich nicht nur ein Almosen ausschlage, sondern sogar das Königreich deiner Gunst? Ich würde dann noch tausendmal größer sein, als ich mich auf dem Sklavenmarkt machte. Denke, Lais, welch ein Nachruhm! Die Geschichte spräche gar nicht mehr von dem Mann in der Tonne, nein, es hieße: Diogenes, das war der Heros, der Einzige, der einer Lais widerstand! »Das anhören zu müssen! Ich hätte Lust, dich einfach stehen zu lassen, um nicht weiter ein Problem zu erörtern, das mir so unerwartete Beleidigung einträgt!« – Wieso, Lais? Weil ich mir vorbehalte, dir zu widerstehen? Aber damit würdest du doch schon recht unverhüllt zugeben, daß du es darauf anlegst, mich zu verführen? Und wenn du das zugibst, wie darfst du dich der Peinlichkeit aussetzen, deine Absicht nicht zu erzwingen? Es sähe deiner Energie nicht ähnlich, durch Flucht ein Gefecht abzubrechen, bevor du alles aufbietest, um es zu gewinnen. Immerhin, es könnte ja auch möglich sein, daß ich mich irrte. Sogar wahrscheinlich. Es machte mir Vergnügen, die Unterhaltung bis auf diesen Punkt zu bringen, aber der Weg war falsch. Du hattest gar keine Absichten auf mich, nicht im allerentferntesten. Du wolltest mich nur auf die Probe stellen, rein zum Spaß, nichts weiter. Lais war froh, auf so gute Art aus dem Manöver zu kommen und reichte ihm die Hand: »Also dann auf gute Freundschaft. Lasse dich bald wieder in meiner Nähe sehen, es plaudert sich so gut mit dir. Sage doch, Diogenes, du bist hier doch fern von deiner Hütte, wo gedenkst du die Nacht zu verbringen?« – Ich schwanke noch zwischen deiner Schlafkammer und einer Ackerfurche; wunschweise genommen, natürlich. »Du Schalk mit deinen losen Redensarten! Man kann dir nichts übel nehmen. Gott Morpheus segne dir deine Ackerfurche.« – Das wird er bestimmt tun. Ich stehe sehr gut mit Morpheus, ich kann träumen, wovon ich will. Für meine Furche ist gesorgt. Er wird mir die Lais über Nacht in meine Arme legen, und gut geträumt ist halb genossen. Träume du denselben Vorgang, dann fehlt nichts mehr zum ganzen Genuß. Sie entfernte sich langsam. Wandte sich wiederholt um und winkte ihm zu. Die Schar der Gäste hatte sich stark gelichtet, es waren nur noch drei oder vier gegenwärtig und auch diese entfernten sich bald, denn die Herrin verhielt sich zerstreut, markierte verletzende Einsilbigkeit und traf nicht die geringsten Anstalten, um sie zu längerem Bleiben zu nötigen. Von den Herren war es natürlich längst herausgebracht, auf welches Stegreifspiel sich die Herrin inzwischen eingelassen hatte, und sie waren so ziemlich einer Meinung: dieses Intermezzo war höchst überflüssig; beinahe geschmacklos: auf dem Felde mit dem wüsten Landstreicher Diogenes! Nun wenigstens, im Hauptpunkt war von dem nichts zu befürchten, eine Gefahr für die Nacht war nicht vorhanden. So ein Lumpenkerl konnte ihnen allenfalls in der Unterhaltung Konkurrenz machen, aber nicht darüber hinaus. Das Terrain war gesichert, man konnte getrost den Heimweg antreten. – Still lag die Villa im Dunkel der späten Abendstunde, das von der wolkenverhüllten Mondsichel nur auf Augenblicke ein dürftiges Licht empfing. Die Dienerschaft hatte sich auf Geheiß der Gebieterin längst zur Ruhe begeben. Lais wandelte durch die Parkwege, geriet an die Grenzlinie und blickte hinaus, vom tiefen Schatten einer Ulme bedeckt. Da stand der Mann aus Sinope, mit verschränkten Armen, unbeweglich. Wie! er lag nicht in der Furche? Er wird schon hineinfinden, lasse er sich nur die Zeit nicht lang werden! Sie begab sich in ihr Schlafgemach und begann sich langsam zu entkleiden. Löschte das Licht und streckte sich aufs Lager, ohne irgendwelche Anwandlung von Schlafmüdigkeit. Sie erhob sich wieder, entzündete die Lampe abermals und nahm eine Schrift vor, die ihr Skopas als äußerst belehrend und unterhaltend empfohlen hatte. Eine halbe Stunde strengte sie sich mit Lesen an. So etwas Langweiliges, kam ihr vor, hätte sie überhaupt noch nie in Händen gehabt. In die Ecke mit der dummen Scharteke! Wenn sie wenigstens zum Schlaf machen taugte; aber auch das nicht; man ärgerte sich nur über die Zeitverschwendung bei solcher Lektüre. Sie nahm einen Überwurf um und schritt abermals in den Garten, fest entschlossen, die Grenzhecke und das Gitter zu meiden. Nur nicht wieder an die Ulme! oder höchstens auf einen Augenblick. Sollte man das für denkbar halten? Da steht er noch immer, festgewurzelt, mitten in der Nacht. Sie rief ihn an. »Diogenes! worauf wartest du da?« – Auf deinen Ruf. »Ich rufe dich nicht.« – Du hast es soeben getan. Und aus deiner Stimme ruft mein Freund Morpheus, der die beiden Schlafhälften vereinigen will. »Die Tür ist offen. Komm herein. Diogenes!« Verschwimmende Epochen Das erste Symposion Weißt du noch, wie das war? Aristipp-Argelander hatte mir erzählt, und ich bin hier im Wesentlichen seiner Darstellung gefolgt. Dies ist indes mit Einschränkung zu verstehen; denn die Seitenromane der Herrin wurden darin nur gestreift, und ich fand bald Gelegenheit, sie selbst unter vier Augen zu befragen. Viele Einzelheiten der »Liebe in Marmor« und der »Liebe in Lumpen« sind auf die offenherzigen Berichte aus ihrem Munde zurückzuführen. Wir verließen die neuerstandene Lais in dem Augenblicke, da sie sich zu einem Maler begeben wollte und noch in der Wahl des Meisters schwankte. Aber der Wunsch Aristipps gab den Ausschlag, und Zeuxis behielt den Vorrang. Der wollte sich nicht mit einem einfachen Porträt begnügen, sondern entwarf einen bildlich-dramatischen Vorgang mit ihrer Figur im Mittelpunkt. Die alte, weiterhin von Plutarch aufgegriffene Legende besagt: »Diese berühmte und vielgeliebte Hetäre, die ganz Hellas mit Verlangen entzündete, verließ einst das von grünlichen Wellen bespülte Akrokorinthos und gelangte in das Thessalische Land. Aber dort in Thessalien lockten sie die Weiber, aus Neid und Eifersucht über ihre Schönheit, in den Tempel der Venus und steinigten sie dort. Daher empfing und behielt dieses Bauwerk den Namen: der Tempel der mörderischen Aphrodite. Das Land aber wurde für die Freveltat der Weiber durch den Ausbruch einer Pest gestraft.« Griff der Maler anachronistisch vor, indem er diesen legendären Vorgang darstellte? Das hatte ich nicht zu prüfen, denn für mich lag ja Plutarch, Zeuxis, die gesteinigte und die lebende Lais in derselben Zeit-Ebene. Ich hatte Gelegenheit, das Gemälde zu sehen und festzustellen, daß dem Künstler seine Absicht vortrefflich gelungen war. Hier wurde der Neid der Thessalischen Weiber vollkommen begreiflich, und der mörderische Akt enthielt eine Huldigung für die Gestalt der Hetäre. Zeuxis erläuterte dabei: Ich vertrat früher die Ansicht, man müsse die Schönheit einer Siebenheit lebender Frauen verschmelzen, um eine einzige künstlerische Schönheit herauszubekommen. Aber bei der Lais ist das anders; ihre Schönheit reicht aus, um siebenundsiebzig andere Vorbilder zu ersetzen. Tage und Nächte flossen mir ineinander, und nur noch in vereinzelten Momenten überfiel mich das Staunen darüber, daß ich hier gegen den Zeitenstrom schwamm. Von der Tempelseite traten zwei Männer heran, Gryllus-Gregory und ein Unbekannter mit einem prachtvollen bärtigen Gelehrtenkopf. Dies ist Aristarch aus Samos, erklärte mein Freund, und bei ihm hast du den schönsten Anlaß, deine kalendarischen Verschrobenheiten zu korrigieren. Herr Aristarch, sagte ich, es wird mir schwer, das vertrauliche Du einer solchen Autorität gegenüber anzuwenden. Wollen Sie mir gestatten, bei der mir geläufigen Ausdrucksform zu verbleiben? – Wie es dir, oder wie es Ihnen beliebt. Habe ich selbst doch hier so manches Neue mir angeeignet, seitdem ich mit den Lebenden von Neu-Amathus in Beziehung kam. Es handelt sich fast durchweg nur um eine Erweiterung der Formen und Begriffe, selten um eine völlige Neueinstellung. Ich hätte schon auf Samos sagen können: » Eppur si muove! « »Aber nicht mit diesen italienischen Worten des Galilei. Wo haben Sie die gelernt?« – Drüben in der Staatsbücherei dieser vortrefflichen Kolonie. Es ist ja kaum eine Wegstunde von diesem Attischen Gelände, in dem wir stehen, bis zu den Modernitäten Ihres zwanzigsten Jahrhunderts. Und Unsereiner findet sich schnell in erweiterte Anschauungen. Ich leugne nicht, daß mich da manches überraschte, Ihre Apparate auf der Sternwarte und in den Experimentiersälen, Ihre neuen Methoden in allem Naturkundlichen. Denn schließlich, von meiner eigenen astronomischen Grundlehre, bis zur parallaktischen und spektroskopischen Erforschung der Spiralnebel und bis zu Einsteins Gravitationstheorie ist ein nicht unbeträchtlicher Schritt. »Und den haben Sie wirklich sozusagen von Gestern auf Heute zurückgelegt?« »Du mußt schon entschuldigen, Aristarch,« unterbrach Gryllus-Gregory; »dieser Herr leidet noch immer an Rückfällen, und obschon er die Zeit-Relativität kennt, ist sie ihm noch nicht eine Bewußtseinsform geworden. Seine Vorstellung von Gestern und Heute ist anders metronomisiert als die unsrige.« – Das wird sich schon ausgleichen, sagte Aristarch, namentlich wenn er gewahren wird, wie unsere Philosophen und Künstler im Kontakt mit der neuzyprischen Kolonie eine erhöhte Vorstellungsstufe gewonnen haben; wie in ihrem raumzeitlichen Denken, Wissen und Fühlen die Verschmelzung der Epochen perfekt geworden ist. Stellen Sie sich eine osmotische Erscheinung vor, – sprach er, zu mir gewendet, – eine Diffusion der Zeiten durch die Membranen der Einzelwesen. Altes und Neues sind Bestandteile unseres Erlebens geworden; unser Äschylos kennt die neue Dramatik, unser Parmenides weiß in Kantischer und nachkantischer Philosophie Bescheid, unser Aristoteles im Darwinismus. ... – Und die Probe darauf wollen wir baldmöglichst anstellen! rief fröhlich erregt Lais, die herangetreten war und die letzten Äußerungen vernommen hatte. Wie wäre es mit einer Erneuerung der Symposien nach Platonischem Muster? Ich denke mir das sehr interessant. Wir müßten von den nämlichen Voraussetzungen ausgehen wie die Genossen von damals, um zu ganz anderen Folgerungen zu gelangen, da uns ja nunmehr ein weit ausgedehnteres Sachwissen zu Gebote steht. Ein Gelehrter des zwanzigsten Jahrhunderts überschaut das Altwissen von seinem erhöhten Standpunkt und glaubt uns weit voraus zu sein. Kehren wir einmal die Perspektive um. Nehmen wir ihn, mit seinen uns jetzt bekannten Kenntnissen zum Objekt und beurteilen wir ihn von unserem Standpunkt aus. Ich habe schon etliche eingeladen und erwarte auch euch in meiner Behausung. Ihr wißt, es ist da ganz behaglich. Also keine Widerrede – in einer Stunde bei mir! – – Es wurde bei ihr ein frugales Mahl gereicht, dazu als Getränk kein hitziger Pramner, sondern ein blaßroter Landwein, den wir uns obendrein mit Wasser verdünnten. Denn es war natürlich durchaus nicht darauf abgesehen, in den antiken Saufkomment zu verfallen, wie er mit seinen riesigen Trinkkübeln das Platonische Gastmahl beim Agathon durchfeuchtet und dort mehrere Teilnehmer in stark angekatertem Zustand erscheinen läßt. Wir hatten vielmehr in der Hausdame eine Vorsitzende, die sich zwar keine präsidialen Rechte anmaßte, deren Gegenwart indes genügte, um jeden Exzeß auszuschließen. Daß die Freiheit des Gesprächs dabei durch keine Prüderie eingeengt wurde, versteht sich von selbst. Lais wäre die letzte gewesen, die etwa die Beachtung einer zimperlichen Regel beansprucht hätte. Liebe Gäste, so begann sie begrüßend, unser Anfangsthema ist sehr einfach, und wir werden in seiner Durchführung auf geringere Schwierigkeiten stoßen, als die ersten Herrschaften, die es behandelten. Weil wir ja Behandlungsmittel in Händen haben, von denen jene noch nichts wußten. Damals bewegten sich die Teilnehmer des Dialogs in der nämlichen Zeitebene, während ihr, meine Gäste, historische Verschiedenheiten aufrechnen könnt und dazu über viel weitere, vormals ungeahnte Betrachtungsmethoden verfügt. » Über das Wesen der Liebe «, – so hieß einst das Motiv des Gastmahls, und eben dasselbe wollen auch wir uns zur Behandlung vorlegen. Nur den Auftakt des ehemaligen Dialogs wiederhole ich hier, um der Vermutung Raum zu geben, daß jene Platonischen Leute von Anfang an in Besinnungslosigkeit disputierten. Dort heißt es nämlich, es wäre doch sonderbar und ärgerlich, daß noch kein einziger Dichter den großen, schöpferischen Gott Eros angerufen und verherrlicht habe; noch kein Mensch habe es bis zum Tage jenes Gastmahls gewagt, den Gott der Liebe würdig zu preisen, wonach es sich endlich gezieme, das so sträflich Versäumte nachzuholen! Und diesen Unsinn hat sich die gebildete Corona um Agathon und Sokrates bieten lassen, ohne aufzuspringen und zu rufen: Schweig, Blödling! Kein Dichter, faselst du, hat den Eros gepriesen? Weißt du nichts von Euripides und Sophokles, von deren Hymnen auf Eros? Aber nein, die Corona blieb stumm und bekundete durch ihr stillschweigendes Einverständnis nur, daß sie in diesem Punkte ebenso ignorant war wie der Sprecher, – – ich bemerke zu meiner Freude, daß unser verehrter Demokritos das Wort zu ergreifen wünscht. Demokritos : Liebe Lais und werte Genossen, ich glaube wir kommen rascher vorwärts, wenn wir anstatt herb zu kritisieren, das Erotische Thema selbständig aufgreifen. Über den Eros als schöpferische Kraft, als Regenten im Liebesleben der Natur, ist schon viel Treffliches gedacht und gesagt worden, und es bleibt uns unbenommen, die vorhandenen Linien späterhin auf unsere Weise zu verlängern. Beginnen wir indes damit, die Liebe mit dem Denkprozeß selbst in Verbindung zu setzen. Jeder Denkvorgang nämlich ist meines Erachtens ein Liebesakt , oder um es auf die deutlichste Formel zu bringen, ein Begattungsakt, und wenn es bei Personifikationen verbleiben soll, so haben wir uns bei Eros und Aphrodite dafür zu bedanken, daß unser Denken überhaupt von irgend einem Punkt zum nächstfolgenden vorrückt. Alles Denken vollzieht sich in Assoziationen, in dem paarweisen Auftreten zweier gedanklicher mann-weiblicher Individuen, die im Gehirn aufsteigen und sofort geschlechtlich aufeinander angewiesen sind. Erweisen sie sich als zeugungsfähig, so entspringt aus der Befruchtung das Kind, der neue Gedanke, der gleichviel, ob bedeutend oder unbedeutend, die Ideengeneration fortsetzt. In der Regel liegen die erzeugenden Gedanken sehr nahe beieinander und das Zeugungsprodukt ist infolgedessen nicht viel wert, wie auch die aus Familien-Inzucht hervorgehenden Sprößlinge gewöhnlich nicht viel taugen. Die Ideen müssen Distanz haben, wenn sich aus ihrer Kopulation bedeutsame Frucht entwickeln soll. Aber ein Gehirn zerfällt in viele Provinzen, und oft wohnen die Gedanken so weit auseinander, daß sie sich nicht finden können. Sie bleiben getrennt, zum Zölibat verurteilt. Inzwischen sinnt Eros auf Mittel, um die Assoziation herbeizuführen; er präpariert Romane, und es verschlägt ihm nichts, daß sie in tausend Gehirnen nicht zur Durchführung kommen: im tausendundeinten erreicht er sein Ziel. Prüfen wir das an Beispielen. Ein primitiver Denker beobachtet den winzigen Funken an einer geriebenen Harzmasse. Eine Vorstellung steigt in ihm auf: »die Elektrizität«. Bei anderer Gelegenheit bemerkt er einen aus Wolken züngelnden Blitz. Auch dafür hat er Wort und Begriff, die Idee »Blitz« ist in ihm vorhanden. Beide Ideen sind zeugungsfähig, aber sie können seit Thales Zeit nicht zu einander. Obschon in Millionen von Hirnen eingelagert, blieben sie in diesen raumzeitlich geschieden, und niemals war die eine dort und dann zur Stelle, wo und wann die andre sich regte, niemals durch viele Jahrhunderte. Bis Eros ihnen einen Weg fand und sie zusammentrieb wie Dido und Äneas in die nämliche Höhle. Hier spürten sie ihre Nähe, entflammten für einander, umarmten sich, zeugten im selben Augenblick. Das Kind ihrer Liebe ist die neue Idee: Gewitter – ein elektrischer Vorgang . Ein anderer Primitiver hat die Verdunstung einer Wassermenge beobachtet und dazu die Tatsache, daß sich ein Dunst zu Tröpfchen verdichtet. Das ergibt in ihm eine Idee, die vielleicht nicht über den Bezirk seines Kochtopfes hinausreicht. Abseits davon entsteht ein neuer Gedanke, der einer Kreislinie, in der jeder Punkt einen Anfang und zugleich ein Ende vorstellt. Der Gedanke wandelt diese Linie ab und spürt die gleichmäßige Unendlichkeit der Bewegung. Endlich stürzen beide Gedanken aufeinander, und ein Ideenkind blüht hervor, das die Züge beider trägt, des Vaters: Kreis, – der Mutter: Verdunstung. Die neue Idee, »Kreislauf des Wassers«, beschränkt sich nicht mehr auf den engen Erfahrungsbezirk einer häuslichen Hantierung, sondern umspannt die Erde, die Atmosphäre und alle Ozeane. Könnte sich daraus durch abermalige Verkuppelung als gedanklicher Enkel der Kreislauf des gesamten Weltgeschehens entwickeln? Ja, das ward erlebt, und ein Moderner könnte sich auf einen neuen Philosophen berufen, auf Friedrich Nietzsche, der selbst das Entstehen dieses Gedankens ganz erotisch feiert, als eine offenbarende Entbindung. Wir Alten, die wir jetzt das Vorher und Nachher umfassen, wir dürfen dazu lächeln. Denn was der Neue als das Neueste pries, »die Ewige Wiederkunft«, ist ja selbst nur in solchem Kreislauf zustande gekommen, und unsere alte »Apokatastasis«, verkündet vor Pythagoras und Heraklit, hat sich in dem neuen Manne nur wiedergeboren als »Wiederkehr des Gleichen«. Da wären wir im Umsehen beim Anfang des Weltalls und dürfen fragen: Hat auch dort Eros mitgewirkt in Gedankenbildung und Körpergestaltung, ist am Ende die Liebe das formende und regulierende Prinzip des Universums? Lais, du Schriftkennerin, was meinst du dazu? Lais : Ich meine mehreres. Erstens braucht man sich auch heute kaum einen Zwang anzutun, um sich unserem uralten Hesiod anzuschließen, der die Liebe als den Kern der Welt ansah. Seine Theogonie ist eine Kosmogonie, sie beginnt mit dem formlosen Urstoff, dem Chaos, aus dem Erde, Unterwelt und Eros hervorgingen. Dieser wird die einigende und bindende Macht, die alle Wesen der Welt entstehen läßt und in harmonischer Ordnung erhält. Ich meine aber ferner, daß diese durch Liebe bedingte Ordnung wirklich durchweg einen Kreisverlauf aufzeigt und daß wir heute zum erstenmal befähigt sind, dies am lebendigen Beispiel zu beweisen. An unserer Tafel befinden sich die Persönlichkeiten, die ich aufrufe, Männer des Denkens, deren Liebe zur Wissenschaft gewirkt hat wie die Liebe von Mann zu Weib: fortzeugend in Hervorbringung des Gleichen; oft freilich mit Überspringung vieler Geschlechter, aber in zyklischer Wiederkehr. Mit wem wollen wir den Anfang machen? Aristipp : Ich schlage vor, mit dem Ältesten der Runde. Eben sprachst du vom Chaos, und weiter werden wir kaum zurückgreifen können. Hören wir also eine Autorität in chaotischen Dingen. Deinem Gaste Thales gebührt der Vorrang. Thales : Es würde mir übel anstehen, Genossen, wollte ich mich vor euch in Szene setzen als den Urvater der Erkenntnis. Nein, ich selbst bin nur ein Glied in dem Kreislauf, und wenn der Volksspruch mich obenan auf die Tafel der sieben Weisen gestellt hat, so verdiene ich diesen Rang wesentlich durch mein Bekenntnis: Ich wiederhole, was vor mir war und was nach mir in unabsehbaren Zyklen wiederholt werden muß. Wie begann das? Mit der Idee eines Liebesaktes, einer Zeugung aus Vater Apsu und Mutter Thiamat, die beide als Urwasser im Weltanfang vorgestellt werden. So lehrte es die Babylonische Legende, so die indische Rig-Veda, so die Altweisheit der Ägypter. Das habe ich nur wiederholt und fortgebildet, indem ich diese Zeugung aus dem Bereich des rein Dichterischen, des von Göttern und Dämonen Beherrschten heraushob in die Stellung eines wissenschaftlichen Prinzips. Bei mir zuerst wird im Wasser der Begriff des Elements kenntlich. Nun, und heute? Steht die Wissenschaft nicht wieder am Anfang? Da sind, wie ich erfuhr, Männer aufgetreten, welche die Element-Lehre, die Chemie der Welt, vollendeten; durch ein gewaltiges, alle Erscheinungen in sich begreifendes Schema, das sie benennen: »Das periodische System der Elemente«. Seht es euch doch an, dieses wunderbare System! Wiederum steht ganz zu oberst, auf besonderem Platz am Anfang in der ersten Reihe das Wasser, der Wasserstoff mit dem Atomgewicht eins. Und sie blicken hinein in die Struktur der Atome und erkennen abermals mit Hilfe der neuesten Disziplin, der Quantentheorie, das Wasser-Element als das Primäre. Sie erbauen ein Atom-Modell wie ein Abbild des Sonnensystems, worin Kleinkörperchen, Elektronen, den Kern in Liebe kreisend umwerben. Und nochmals behauptet unter all diesen Konstruktionen das Modell des Wasserstoffs den Vorrang. Somit: was die Neuzeitler als ihre Entdeckungen hinstellen, sind im Hauptsinne genommen Bestätigungen. Und mit aller Bescheidenheit sei es gesagt: im Kreislauf des Erkennens wird man mich als persönlichen Vorläufer nicht übersehen dürfen. Aristipp : Ganz gewiß nicht. Doch sei die Einschränkung erlaubt, daß die Entwicklung zwar kreisartig verläuft, aber doch nicht streng kreisförmig. Das Bild einer Spirale oder Schraubenlinie wäre wohl noch geeigneter. Denn wir gelangen bei jeder folgenden Umdrehung an Erweiterung oder Erhöhung des Wissens. Anaximander : Das wollen wir gern zugeben. Wenn nur die gelehrten Nachfahren sich mit demselben Eifer der Ursprünge erinnerten, wie wir nunmehr ihre Fortschritte verfolgen. Aber in dieser Hinsicht haben wir Grund zur Klage. Man nennt uns nur so im Allgemeinen, gelegentlich und nebenbei, aber man verschweigt unsere Namen an wichtiger Stelle. Seit Jahrzehnten spricht alle Welt, wenn von der Entstehung des Weltsystems die Rede ist, von der Kant-Laplaceschen Theorie. Da verlange ich, als der nächste bei Meister Thales, meinen Platz. Wäre das historische Bewußtsein in der Menschheit heut so lebendig wie einst bei uns, so müßte es unzweideutig heißen: »die Anaximandrische Theorie!« Kant hatte sie vierzig Jahre vor Laplace, aber ich beinah dritthalb Jahrtausende vor Kant! Die ganzen mechanischen Prozesse bei Entstehung des Sonnensystems, die Verdichtung der Festkörper aus dem Flüssigen, der berstende Feuerkreis, die durch Zentrifugalkraft abgespaltenen mondförmigen Ringe, kurzum, das Wesentliche stammt doch aus meiner Intuition. Und hiermit hängt noch ein Anderes, ebenso Bedeutsames zusammen: der Darwinismus . Da glauben sie schon recht gewissenhaft zu verfahren, wenn sie sich der Vorläufer Lamarck, Geoffroy Saint-Hilaire, Oken und Goethe erinnern. Anstatt klar hinzustellen: der Darwinismus ist von mir und hat den Namen »Anaximandrismus« zu führen. Der biologische Hauptsatz » Omne vivum ex aqua «, Dogma der vorgeschrittenen Paläontologie, ist in meiner Lehre verankert, wonach aus dem Meeresschlamm alle Lebewesen hervorgingen, einschließlich des Menschen, der seine Linie auf fischartige Organismen zurückleiten muß. Steckt nicht die gesamte Morphologie in meiner These: »aus Tieren anderer Art ist der Mensch hervorgegangen«? Und was war wohl durchgreifender, dieser magistrale Satz, oder die Einzelheit einer Stufe vom Menschen zum anthropoiden Affen? Übrigens bin ich gern bereit, meinen Prioritätsruhm noch zu teilen und nahezu die Hälfte davon meinem Nachbar an dieser Tafel zu überlassen. Empedokles : Ich bin mit weniger zufrieden, werde allerdings einen gewissen Anspruch verteidigen. Denn man nehme den Bestand meiner Forschung aus dem Darwinismus heraus, und sehe dann, was übrig bleibt: das Ideelle ginge dabei verloren. Ich rede von der moralischen Substanz in dieser Lehre, also daß wir im Wandel der Arten nicht nur eine Metamorphose zu erblicken haben, sondern eine Emporzüchtung vom niederen Typus zum höheren. Heut mag es einem Akademiker leicht von der Zunge gehen: »da trat Darwin auf – da kam Herbert Spencer – da erschien das Prinzip vom Kampf ums Dasein, vom Überleben, des Passendsten, des Zweckmäßigsten« – nur daß dieses Prinzip von mir herrührt, das vergißt er zu erwähnen, falls er es überhaupt gewußt hat. Aber ich selbst teile den Ruhm nochmals, und wenn ich mir von den Lorbeern nehme, was mir gebührt, so lasse ich noch genug übrig, um daraus einen Kranz für diesen dort zu winden. Willst du sprechen, Heraklit ? – Nein, er schweigt, er will sich nicht einmal der knappen Rätselsprache bedienen, die ihm einst die geistige Signatur gab, – er versenkt sich ganz in den Trinkbecher, um seinem Kernspruch »Alles fließt« die erfreulichste Seite abzugewinnen. Recht so! Aber du sollst deinem Kranz nicht entgehen, Genosse, denn du gehörst zu uns beiden als dritter im Bunde der Alt-Darwinisten, die wir nicht diesen Titel tragen, aber die Sache selbst. Du, großer Monist, bist der Anfangsdenker der evolutionistischen Weltanschauung, und die späteren Evolutionisten sind deine Fortdenker ... Aristipp : Das könnte man aber auch seelenwandlerisch auffassen: Ihr drei habt vielleicht aus euren Seelen Bestandteile abgespalten, und diese haben sich in neuen Leibern Behausungen gesucht. Darwin mit Anaximandrischer Seele, Spencer mit Heraklitischer oder Empedokleischer, das wäre für mich keine unmögliche Vorstellung. Und das gäbe, weiter ausgeführt, eine ansehnliche Galerie. Da müßten auch die Gegner der Selektionslehre, die Fanatiker des Beharrens, ihren Platz finden: vielleicht war Cuvier nichts anderes als Parmenides in zweiter Körperausgabe. Alles schon dagewesen, pflegen die Neueren zu zitieren, was sie nicht abhält, das Wort fortwährend zu verleugnen und sich beständig auf das neueste zu stürzen, mit dem Vorurteil: dieses wäre denn doch noch nicht dagewesen! Gryllus : Wie sollten sie auch anders? Das Zitat selbst ist ja auch schon dagewesen, ist älter, als wir alle hier; steht im Koheleth des Salomo, ganz zu Anfang: »Was gewesen ist, dasselbe wird sein, und was geschehen ist, dasselbe wird geschehen, und es gibt nichts Neues unter der Sonne; ist ein Ding, von dem man spricht: Schau, das ist neu! – längst war es in den Zeiten, die vor uns gewesen!« Freilich, Lais, den Salomo konntest du zu diesem attischen Dialog nicht gut einladen, aber wir haben ja den eben genannten Parmenides als Ersatzmann ... Parmenides : ... der sich nur darüber verwundert, daß ihr alle die Worte Altzeit und Neuzeit noch so oft im Munde führt. Ich mache euch daraus keinen Vorwurf, denn auf euch lastet der Sprachzwang, und der Ausdruck gehorcht nicht immer der Einsicht, für die ich selbst die Fassung fand: Es gibt nur Bestehendes, kein Stoff erleidet in Quantität oder in Qualität Veränderungen. Das Sein ist zeitlos, – ein ewiges Jetzt – es ruht in sich selbst standhaft verharrend. Und ich meine: eure persönlichen Beweise vom Kreislauf aller Erkenntnisse liefern allesamt schöne Beiträge für das Ineinanderschwimmen aller vermeintlichen Epochen mit ihren scheinbaren Grenzen. Thales : Man müßte doch vielleicht Ausnahmen zulassen; wenn man zum Beispiel eine besonders hervorragende Sentenz vornimmt, die einem bestimmten Manne angehört. Da fällt mir Spinoza ein, der ja nach Parmenides genau so in unsere zeitlose Gegenwart fällt, wie wir alle. Von ihm rührt das messerscharfe Wort her: Wenn die Dreiecke denken könnten, würden sie sich ihren Gott dreieckig vorstellen. Diese Sentenz war doch einmal neu und ganz originell! – – – Aber nein! im Moment, wo ich den Satz ausspreche, merke ich schon meinen Irrtum, und die Parallelstelle geht mir durch den Kopf ... Xenophanes : Hier steht der Zeuge dafür, daß selbst ein so wurzelecht klingendes Wort wie das von Spinoza nichts anderes war, als Aufguß über altem Kraut. Und dieses Kraut wuchs in meinem Garten. Ich verzichte auf die Wiederholung des Wortlauts ... Aristipp : Aber ich nicht, denn das gehört zum Programm! Xenophanes hat gesagt: Wenn die Ochsen, die Rosse, die Löwen malen könnten, so würden sie ochsenartige, roßähnliche und löwenhafte Göttergestalten malen. War das also später die Wiedergeburt des gleichen Gedankens oder nicht? und hat die Welt das Recht, den Spinoza als Überwinder des Mythologismus, des Anthropomorphismus zu nennen? da doch schon Xenophanes genau mit der gleichen Denkwaffe dasselbe leistete, nämlich die Aufstellung des Pantheismus! Das Programm schien unerschöpflich. Wo man die Fragestellung mit modernem Inhalt ansetzte, erscholl das gleiche Echo aus der Vorzeit. Demokrit hätte bei Erörterung der Atomtheorie allen Anlaß gehabt, seine Lichter flammen zu lassen, allein er zog es vor, dem Tafelgenossen Leukippos die Beleuchtung der Zusammenhänge anzuvertrauen. Es war staunenswert zu vernehmen, wie dieser sich schon in die letzten Ergebnisse der Atomistik vorgearbeitet hatte, bis zu den Raumgittern der Atome in Kristallen, die durch unsere Spektroskopie erforscht werden, und deren Lagerung in Diagrammen anschauliche Darstellung findet; und wie er dann rückblickend die Linie nachwies, die von den heutigen Röntgen-Spezialisten, bis zu Lukrez, Demokrit und zu ihm, Leukippos selbst, führt. Mit Nachdruck verweilte er bei dem zuerst von ihm geprägten Wort: »Nichts geschieht grundlos, alles mit innerem Grund und durch Notwendigkeit«; um auch in der atomistischen Entwicklung die Notwendigkeit aufzuspüren und deren Grund in uralten Denkprozessen aufzudecken. Fernwirkung! bei deren Erörterung macht sich das Bestreben geltend, vom Antlitz der Physik die erotischen Züge abzulesen, die planetarischen Tänze als ein zärtliches Umschweben aufzufassen und in »der Magnete Hassen und Lieben« mehr zu erkennen, als nur eine dichterische Floskel. Hier öffnete sich zugleich in der Debatte eine neue Arena, und das Schulpferd »Priorität« wurde in allen Gangarten geritten. Es ging um den Entdeckerruhm der Kopernikus, Kepler und Newton, und da zeigte sich eine ganze Kohorte von Vorgängern: die Vertreter der pythagoreischen Astrophysik, Hippasos aus Metapont, Ekphantos aus Syrakus, Seleukus aus Erythrea, natürlich auch der hier anwesende Aristarch, lauter Kopernikanische Menschen, denen die Kugelgestalt der Erde, die Beleuchtung des Mondes durch die Sonne, sogar die Rotation der Erde und die fernwirkenden Kräfte im Universum geläufig waren. Aber wie denn? Auch die Fernwirkungen sind in der neueren Physik abgelöst worden, und die » actio in distans « erfuhr eine radikale Umgestaltung durch die beiden Gewaltigen Faraday und Maxwell. Waren deren Geistestaten nicht die Begründung einer ganz neuen Epoche, ganz original , vorläuferlos? Hat irgendeinem Alten schon etwas geahnt von »Kraft-Feldern«, »Kraftlinien«, »Feldgleichungen«, von der Überwindung der Fernwirkung durch die Nahewirkung, mit der sich die Felder von Punkt zu Punkt, ohne Sprung durch den Raum übertragen? Hier stieß man auf eine kritische Stelle, an der die zyklische Wiederkehr versagte. Nein, von diesen hochmodernen Theorien konnten die klassischen Urväter, soviel sie auch schon vorweggenommen hatten, nichts gewußt haben. Bis Leukippos aufstand und sachlich erklärte: Ich hab's gewußt, gesagt und geschrieben. Nur mit einem einzigen Satze, aber an dem läßt sich nicht deuteln und rütteln, und er soll bestehen bleiben zum gültigen Beweise. Eine Wirkung in die Ferne so erklärte ich, Leukippos der Lehrer unseres Demokrit, ist nur denkbar durch Ausflüsse in unmittelbarer Berührung von Punkt zu Punkt, durch mechanische Nahewirkung in Druck und Stoß. Also verkündet rund vierundzwanzig Jahrhunderte vor Faraday und Maxwell. Und über das reinphysikalische hinweg bewegte sich das Gespräch nach anderen Gebieten der Naturkunde, der Psychologie bis ins Politische und Soziale. Festgestellt wurde, daß die geologischen Weisheiten des Engländers Charles Lyell schon im Xenophanes von Elea vorgebildet waren. Dem Philosophen Fechner, der uns die Pflanzenseele begreiflich machte, wurde der alte Metaphysiker Anaxagoras zugeordnet mit seinem Ausspruch: Die Pflanzen sind nicht nur belebt und beseelt, sie haben sogar: » Noun kai Gnosin «, Verstand und Einsicht. Ja, bei einem gelegentlichen Absprung vom Theoretischen ins Staatspraktische kam unvermutet eine sozusagen fossile Erscheinung auf den Plan, Phaleas von Chalcedon, ein Pythagoreer, der schon Anno Olim die Forderung aufgestellt hatte, die gesamte Industrie müsse verstaatlicht werden. Habe ich schon erwähnt, daß auch Lukian bei diesem Symposion zugegen war? Wenn nicht, dann wird es Zeit, das Versäumte nachzuholen. Mir vor allen, sagte er, kommt es zu, diese Betrachtungen zusammenzufassen, und mir am wenigsten wird man es verübeln, wenn ich aus der Nachzeit zitiere, da ja eben diese Nachzeit nicht müde wird, aus mir zu schöpfen. Das beruht also auf Gegenseitigkeit. Mir schwebt da eine Stelle vor aus den Merksprüchen des mir sonst sehr sympathischen Mephisto: wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, das nicht die Vorwelt schon gedacht? ein Wort, das ja durch unsere eigenen Betrachtungen anscheinend voll bewahrheitet worden ist. Lais : Bloß anscheinend? Ich dächte, durch so vieler Zungen Mund wäre diese Wahrheit durchaus sichergestellt! Lukian : Nein, Lais, nur zur Hälfte! Klugheit und Weisheit bleiben allerdings im Repetierwerk eingeschlossen, aber die Dummheit ragt an allen Ecken weltenweit darüber hinaus. Denn die Zeit wie die Weisheit erstreckt sich eindimensional ins Unendliche, alle Wahrheit kann auf einer unendlichen Linie aufgereiht werden. Simplex sigillum veri , eine Wahrheit erfließt folgerecht aus der anderen, jede findet somit im Zeitverlauf ihre Vorgängerin auf derselben Linie, die zwar grenzenlos ist, aber nur einfach ausgedehnt. Die Dummheit aber, wie alles Falsche und Fehlerhafte, repräsentiert eine vieldimensionale Unendlichkeit, und ihre Möglichkeiten sind so ungeheuerlich, daß sie sich am Zeitfaden gar nicht aufreihen lassen. Sonach hat Mephisto unrecht: die Nachwelt kann tatsächlich sehr viel Dummes ausdenken, das die Vorwelt nicht gedacht hat, und von diesem Vorrecht macht sie dauernd den ausgiebigsten Gebrauch. Unter hundert Dummheiten führen neunundneunzig ein ganz selbständiges Dasein, elternlos, es hat keinen Zweck, ihrer Herkunft nachzuspüren, da sie keine besitzen. Und es sind ihrer so viele, daß sie mit dem Übergewicht der Majorität die Wahrheit erdrücken. Dazwischen gibt es freilich auch vereinzelte Torheiten mit Fortpflanzungsorganen, Elite-Dummheiten mit langer Vergangenheit und Zukunft, und zu diesen gehören merkwürdigerweise einige Hauptsätze der Logik, die von der Menschheit als wahr angenommen werden, ohne Rücksicht darauf, daß keine Wahrheit mehr vorstellt, als eine vielfach gestützte Vermutung. Aristarch : Leider hat der Vorredner recht, und wir hätten uns die Frage vorzulegen: gibt es überhaupt eine Philosophie? Nein, es gibt nur die Liebe zu ihr, und unser Großmeister Pythagoras, der das Wort erfand, hat es sehr treffend aus den zwei Teilen Philo Sophia zusammengesetzt. Ja er selbst, Pythagoras von Samos, lehnte für sich den Titel des Weisen ab, wollte nicht Sophos genannt werden, sondern nur Philo-Sophos. Lais : Aber wir haben doch heute eine ganze Reihe wirklicher feststehender Erkenntnisse der Naturphilosophie besprochen, um nur an einen Fall zu erinnern: die Weltentstehung nach der Lehre unseres Genossen Anaximander. Anaximander : Verzeih', Lais, ich vertrat allerdings meine Urheberschaft, aber wenn mir in peinlichem Verhör Daumenschrauben angesetzt werden, so müßte ich bekennen: es handelt sich hier wie durchweg nur um die Priorität einer Hypothese. Mir ist es natürlich sehr erwünscht, daß sie durch Kant und Laplace so mächtig gestützt wurde, aber sie bleibt hypothetisch, ja gerade das Beispiel des Laplace zeigt uns, daß niemand imstande ist, Wahres und Widerlegbares auseinanderzuhalten. Nichts auf der Welt hat mich so stutzig gemacht, als folgende Begebenheit, die ich erst unlängst erfuhr. Als Laplace forschte, waren 43 Umläufer der Sonne bekannt, Planeten und sonstige Satelliten, und diese 43 gehorchten sämtlich einunddemselben Bewegungsgesetz, ihre Umläufe erfolgten ausnahmslos in der Richtung der Sonnenrotation, fast genau in der Ebene des Sonnenäquators, sie waren also, wie man es bezeichnet, » rechtläufig «. Hieraus schloß Laplace – ich bringe sinngetreu seine eigenen Worte –: Eine so merkwürdige Erscheinung kann nicht Wirkung des Zufalls sein, sie zeigt vielmehr eine gemeinsame Ursache an, die alle diese Bewegungen bestimmt hat; und zwar nach der Analyse der Wahrscheinlichkeiten so sicher, daß man mehr als vier Billionen gegen eins wetten kann, hier herrscht kein Zufall, sondern ein regulierendes Weltprinzip. Diese Wahrscheinlichkeit ist weit größer, als die der Richtigkeit aller geschichtlichen Begebenheiten, über die sich kein geistesgesunder Mensch den geringsten Zweifel erlaubt. Steht aber die Grundursache so unerschütterlich fest, dann muß man logisch fortschließen: Niemals wird ein Planet, ein Mond, ein Komet am Himmel wahrgenommen werden, der seine Bahn anders ausführt als rechtläufig. Klingt das unumstößlich? Lais : Unbedingt: und du widerlegst dich selbst, indem du hier eine Wahrheit aufstellst, deren Erschütterung unmöglich ist. Anaximander : So höre weiter! Sie wurde nicht nur erschüttert, sondern umgeworfen. Denn seit Laplace hat sich die Zahl der beobachteten Umläufer über jene 43 erhöht, und einige der neuentdeckten waren nicht rechtläufig, sondern – man staune! – sie sind rückläufig! Die Billionenrechnung wurde ein müßiges Zahlenspiel gegenüber der Wirklichkeit, und vor ihr hat Laplace seine Wette verloren. Auf welche Wahrheit soll man sich also noch verlassen? Auf den Satz irgendwelcher Logik, etwa auf einen mathematischen Lehrsatz, der doch nur logisches Produkt ist und uns, wie der Nachfahr Leibniz sagt, als verité éternelle zu gelten hat? Nein, seitdem man auch mathematische Irrlehren aufgedeckt hat, steht nichts mehr fest, nicht einmal der Glaube an den Bestand einer historischen Tatsache. Denn die Sicherheit dafür, daß irgendein geglaubtes Ereignis, der trojanische Krieg, der peloponnesische, die Schlacht bei Marathon, oder was immer wirklich stattgefunden hat, bleibt weit unter dem Billionenmaß. Und in der Regel begnügen wir uns ja auch mit weit bescheideneren Beträgen. Unsere Voraussicht, auf Tag müsse Nacht folgen, dann wieder Tag, gründet sich auf Erfahrungen, die insgesamt lange nicht so hoch hinaufreichen, vielmehr in engen Millionengrenzen stecken. Trotzdem sind wir überzeugt, und wohl uns, daß wir so überzeugungstreu organisiert sind, denn sonst würden wir nicht einmal Philo-Sophoi sein, nur betrogene Betrüger, taumelnde Figuren im Irrgarten der Pseudosophie. Lais : Dann wollen wir aber diesen Vorzug unserer Organisation kräftig ausnützen. Existieren keine unbedingten Wahrheiten, so gibt es doch Annäherungen, und diesen nachzuspüren ist doch wohl ein echt philosophisches Beginnen. Demokrit : Gewiß. Und dieses Prinzip der Annäherung spielt ja auch in den neuen Forschungen eine so große Rolle. Wenn nur nicht dahinter ein neuer Fallstrick ausgespannt liegt. Da sich unsere Debatte einmal auf den Seitenweg der Skepsis begeben hat, so erscheint es mir angezeigt, auch vor dem allzugroßen Vertrauen für die allmählige Erschließung der Wahrheit durch Näherungswerte zu warnen. Vielleicht ist alle Erforschung eine Lotterie, in der das große Wahrheits-Los auf eine bestimmte Nummer fällt. Sind wir ihr näher, wenn unsere Nummer sich sehr nahe bei dieser bevorzugten Nummer befindet? Nein, wenn sie sich von ihr auch nur durch eine Ziffer unterscheidet, dann ist sie eine Niete. Man findet ein Naturgesetz und hält es für gültig. Die Erprobung zeigt durchweg: ganz gültig war es denn doch nicht, aber annähernd. Dann bleiben zwei Urteile gleichberechtigt: entweder zu sagen: es ist ziemlich richtig , oder es ist ganz falsch . Denn zweimal zwei ist unbedingt vier, und der Näherungswert 3 plus 99 Hundertstel kann zwar für praktische Zwecke genügen, ist aber theoretisch genau so falsch wie jene Planetenregel von Laplace, die für das Momentbewußtsein dieses Forschers vollkommen ausreichte und dennoch nicht stand hielt. Und wir selbst, die wir uns verbanden, um mit unseren erweiterten Kenntnissen das alte Symposion fortzusetzen, was sehen wir vor uns? die Annäherung an ein Vakuum! haben wir nicht Ursache, einen disputierenden Sokrates zu beneiden, der mit seinem Nichtwissen prahlte und dabei frisch-fröhlich mit seiner Ignoranz allen Geheimnissen entgegengaloppierte? der weit entfernt von nihilistischer Anwandlung vermeinte, man könnte sich durch viel Gerede zu allen Erkenntnissen emporschwatzen? Uns wird jetzt anders zumute. Uns erscheint, um an eine Sentenz Pascals anzuknüpfen, das Wissen als eine Kugel, die sich beständig vergrößert, sich selbst zum Unheil: weil ja jede Vergrößerung ihrer Oberfläche nur die Zahl ihrer Berührungspunkte mit dem Unbekannten vermehrt! sodaß sie unfehlbar dem grenzenlosen Nichtwissen entgegenschwillt. Ja, vielleicht enthält diese Kugel nur einen Kern, nur eine zentrale, primäre Urweisheit, von der wir uns immer weiter entfernen, je mehr wir nachdenken, und forschen, verlockt von dem Reiz des unbekannten Jenseits! Lais : Lieber Demokritos, du bist der Mann der Kontraste, du kannst so, und kannst auch anders, aber offen gesagt gefielst du mir besser, als du uns Aussichten öffnetest, anstatt sie sämtlich zu versperren. Noch vor einer Stunde warst du beim Gott Eros, den du so hübsch als Kuppler vorstelltest, als Gelegenheitsmacher für Gedankenbegattung und als Erzeuger fruchtbarer Tochter-Ideen. Möchtest du nicht versuchen, wieder dahin zurückzufinden? das wäre doch sehr verdienstlich. Mich friert in diesem Vakuum, und ich fühle mich sehr unbehaglich in der Eiskruste, die du um die Debatte gelegt hast. Demokrit : Ich weiß nicht, ob sie sonderlich abschmelzen wird, wenn wir auf das Liebes-Thema zurückgreifen. Denn wir wollen doch hier nicht lyrisch tändeln, sondern den Dingen auf den Grund gehen ... Lais : ... und auf dem Grunde finden wir doch die Liebe, das erwärmende Lebensprinzip, und du selbst hast ja wiederholt ausgeführt, daß sich die Grundmotive der Natur, die der Forscher Anziehung, Affinität, Wahlverwandtschaft benennt, als Erscheinungen der Liebe begreifen lassen. Demokrit : Das ist der eine Standpunkt. Aber der andere, diametral entgegengesetzt, läßt sich ebensogut behaupten. Weil nämlich alles Geschehen bipolar eingerichtet ist. Und um nicht in Einseitigkeit zu verfallen, wird man sich vorhalten müssen, daß Liebe und Haß vollkommene Äquivalenzen sind, einfach vertauschbar, wie die Dimensionen in der Geometrie. Die Liebe, Mutter aller Dinge? sehr gut. Der Haß, Vater aller Dinge? ebensogut. Der schweigsame Heraklit hob seinen Becher zum zecherischen Gruß, und sein Zutrunk war nicht schwer zu deuten. Er enthielt den stummen Ausdruck des heraklitischen »Der Krieg ist der Vater aller Dinge, aller Dinge König; alles kommt durch Streit und Notwendigkeit zum Leben.« Wir verstehen uns, ergänzte der Sprecher. Und wer überhaupt das Wort Notwendigkeit im Munde führt, steht schon auf deinem Standpunkt; denn die Notwendigkeit, die Kausalität, ist ein reiner Kriegsbegriff . Das läßt sich sogar experimentell beweisen. Alles Weltgeschehen beruht auf den Bewegungen der Atome, und deren Wirken ist nichts anderes als ein unausgesetztes, gnadenloses, ungeheures Bombardement. Sie kennen gar kein Tätigkeitsgebiet außer dem Schlachtfeld. Vergegenwärtigen wir uns die Vorgänge, die heutzutage jeder meiner Zöglinge, jeder atomistische Physiker zu verifizieren vermag. Diese Vorgänge sind schrecklich genug, und alles, was in erotischer Betrachtung wie ein Idyll aussieht, wird durch sie in Metzelei verwandelt. Nehmen wir ein Liebespaar, das unter einem Blütenbaum Zärtlichkeiten austauscht. Der Jüngling berauscht sich am Hauch seines Mädchens, saugt ihr die Küsse von den Lippen, – wie reizend! Jeder Kuß ist ein pneumatischer Vorgang, eine Leistung ihres Atems. In diesem Atem tobt der Geschoßhagel der darin wütenden kleinsten Gaskörper, mit einer Kraftleistung von 16000 Meterkilogrammen, auf den Tag berechnet. Der Kriegstechniker weiß, daß schon zehn Meterkilogramm imstande sind, einen Krieger außer Gefecht zu setzen. Nehmen wir an, daß jene Verliebten sich im Verlauf ihres Verhältnisses alles in allem fünf Tage lang schnäbeln, – ist das zu viel, Lais? Nein? gut, dann spielt sich in ihren Lungen ein Gasprozeß ab, dessen lebendige Kraft ausreicht, um eine Legion von Soldaten, gleich zehn kriegsstarken Kohorten zu vernichten. Und kein anderes Bild paßt hierher als ein kriegerisches, denn die Organe der Kosenden sind, real genommen, Schlachtzonen für das Artilleriefeuer der Atome, die mit unendlichem Waffenvorrat gerüstet eine unendliche Munitionsvergeudung betreiben. Jedes Gasmolekül rast, wird geschleudert, prallt, äußert gewaltsame Energien. Die Möglichkeit eines Waffenstillstandes ist ihm fremd; selbst wenn es sich zersplittert, sind seine Splitter noch prallwütige Allerkleinstkörper, deren Sturmlust und Bombardierdrang alle Abenteuer überdauert. Und mit der Wucht der Trillionen, der Quatrillionen, stürzen sie einher in diesem Kampf, auf dessen Grund die lyrische Betrachtung nichts anderes wahrnimmt, als das Walten süßer Liebe in zärtlichem Sommernachtstraum. Aber nicht nur die Körperlichkeiten zeigen atomistische Struktur, sondern auch die Kräfte, und von den Kräften bis zu den Gedanken und Empfindungen ist nur ein Schritt. Da zeichnet sich, schon fast erkennbar, ein grauenvolles Spiegelbild. Was zusammengefaßt unserer Wahrnehmung heute als Güte, Zuneigung, freundliches Zusammenfließen der Seelen erscheint, löst sich atomistisch zu einem Gewirr unendlich kleiner Denk- und Gefühlpartikel, die im Geistigen das immense Bombardement der Kleinkörper wiederholen. Und dann, wenn wir bis zu dieser Auffassung vorgedrungen sind, werden wir dein Wort, Heraklit, dadurch bestätigen, daß wir es erweitern: der Krieg ist nicht nur der Vater aller Dinge, sondern die Dinge selbst sind der anschaulich gewordene, objektivierte Krieg . Alles Geschehen ist kriegerisches Geschehen, der Kampf ist die einzig mögliche Form des Seins. Und auch das findest du vorgebildet, im mythologischen Bewußtsein der Altvorderen, die den Streit und die Liebe, Eris und Eros, nur durch einen Laut abtönten; die den Lyriker Apollo mit den fernhintreffenden Pfeilen rüsteten, und der Venus den Mars gesellten. Lais : Aber trotzdem, die freundliche Empfindung ist doch nicht aus der Welt zu schaffen, es gibt doch zärtliches Sehnen und Liebesakte, denen alle Lebewesen in unstillbarer Lustbegier nachjagen? Demokrit : Was diese wahrnehmen ist die Projektion der Welt auf eine Empfindungsplatte, die nicht das Wesen des Geschehens festhält, sondern eine spiegelnde Illusion. Der Liebesakt an sich vollzieht sich wiederum, atomistisch in Belagerung und Bombardement, mit vehementen Wurfgeschossen aus Samenfäden, die in das Bollwerk der Eizelle Bresche legen. Und die Lust der Seele rührt daher, daß sie diesen kämpferischen Vorgang unmittelbar als so zweckvoll empfindet wie keinen andern. Sie weiß: aus diesem Sturmvorgang wird ein neuer Kämpfer geboren, eine Generation von Kämpfern, und dieser Ewigkeitskrieg in Konzentration gespürt bedeutet: geschlechtliche Freude. Ich lese die Mißbilligung auf deinem Gesichte, und wirklich, du hörtest mich schon ganz anders sprechen. Aber das andere ist nicht richtiger als das eine, denn die Richtigkeit ist ein Phantom, und ein denkender Mensch hat vor jeder theoretischen Frage nur die Wahl: entweder in bedeutungslosen Tautologien zu reden, oder kontradiktorische Lösungen als gleichberechtigt anzuerkennen. Empedokles : Ich bin nicht ganz deiner Meinung, Demokrit, es erscheint mir vielmehr möglich, das Kontradiktorische durch Zwischenglieder zu überbrücken. Was die Liebe und den Haß betrifft, so habe ich dies zu meiner Zeit durch eine Lehre versucht, die wohl imstande ist, alles Verhalten von Mensch zu Mensch klarzustellen, also zur Basis einer durchgreifenden Soziologie zu dienen. Diese Zwischenglieder sind von rhythmischer Natur. Die Liebe, so sagte ich, Philia, Harmonia, und der Haß, Neikos, lösen einander in zyklischem Rhythmus ab, und hieraus ergibt sich in weitem Rahmen der periodische Wechsel von Weltbildung und Weltzerstörung; in engerem Rahmen die Attraktion der Menschen im Gefühl der Gleichheit, und die Repulsion im Gefühl der Freiheit. Das sind für mich die auf Liebe und Haß begründeten Kontradiktionen, und wenn sie, wie ich annehme, periodisch verlaufen, so folgt daraus, das in alle Ewigkeit der Sozialismus und der Antisozialismus einander ablösen müssen. Hierin liegt für mich nach meiner gegenwärtigen Auffassung das Aufsteigen des erotischen Problems zur höheren Stufe des Weltproblems, denn als geschlechtlich klebt es an der engen Beziehung von Mann zu Frau, während es universal gedacht weltgeschichtliche Bedeutung beansprucht. Es genügt also nicht zu erklären, daß jeder einzelne durch Liebe bezwungen sich seiner Sonderexistenz zu entäußern hat, um in den brausenden Strom der Gattung einzumünden, denn hieraus würde sich noch kein Rhythmus ergeben. Vielmehr muß in ihm als periodisches Gegenstück der Haß auftreten, der ihn antreibt, sich der Gattung zu entziehen. Er pendelt also zwischen Extremen, schwingt sich zum Pol der Kollektivgestaltung, zur Gattung, und schnellt zurück zum Pol der Persönlichkeit, die auf das Gleichheitsbewußtsein der Masse mit Haß reagiert. Mythologisch gesprochen: Venus und Amor, die Hüter der Gattung, sind zugleich die Gottheiten des kollektiv gearteten, gleichmachenden Sozialismus, und wenn sie allmächtig wären, gäbe es außer ihm keine Weltgestaltung. Aber neben ihnen erhebt sich Discordia, Eris, die nach Homer auf der Erde wandelt und das Haupt bis zum Himmel streckt, stark genug, um sich mit jenen auf einen periodischen Wechsel einzulassen. Sie ist es, welche Individualitäten erzieht, eigenwillige Persönlichkeiten, denen in der Geschichte die Führerrollen zufallen, die Herrscher werden durch Macht, Reichtum und geistige Überlegenheit. Es hat also keinen Sinn, von einer Idealgestaltung zu reden, der die Menschheit entgegenzufahren wäre. Denn das Ideal des Weltgeistes ist der Rhythmus in Masse und Persönlichkeit, und dieses ist längst verwirklicht. Lais : Ich bin nun schon froh, daß in unserer Runde überhaupt noch einer die Liebe etwas gelten läßt, wenigstens als periodische Teilnehmerin in rhythmischer Gestaltung. Dieses Halb zu Halb und die Mitwirkung der Liebe bei der Ideenpaarung war so ziemlich das einzige, was wir zum Lobe der aphrodisischen Kräfte gehört haben. Die Advokaten des Eros sind hier entweder spärlich vertreten, oder sie wechseln mitten in der Verhandlung die Rolle und schlagen sich zur Opposition. Ich hätte statt der Forscher die Dichter einladen sollen, da wäre ein ander Lied herausgekommen. Demokritos : Nämlich das Allerweltslied, das wir gerne den Barden und sangesfrohen Chortafeln überlassen. Deren Texte gehen nicht viel über das Anfangspensum einer Lateinschule hinaus: amo, amavi, amatum, amare . Unser Programm ging doch weiter, und es ist nicht unsere Schuld, wenn wir auf der Kehrseite der Liebe Punkte herausfanden, die uns stärker beschäftigten als die ewigen Gestrigkeiten, mit denen sich die Erotiker von Fach die Zeit vertreiben. Lais : Solche betrachtenswerte Punkte wären doch auch noch auf der Schauseite der Liebe zu entdecken. Wie steht es denn mit dem Bestreben der Menschen, Weltbilder zu entwerfen? Ist hier nur die freie, parteilose Erkenntnis am Werke, oder tragen wir Züge der Liebe hinein? Ich sollte meinen, das täten wir. Schon das Wort »Kosmos« scheint mir für diese Vermutung zu sprechen; denn Kosmos ist »Schmuck«, und in jedem Weltbilde sind Schmuckstücke vorhanden, mit denen wir die Natur behängen wie ein Mann seine Geliebte. Demokritos : Ja, so verfahren wir allerdings, und du bist auf richtiger Spur, wenn du jede Formung eines Weltbildes als liebesbetont annimmst. Weil wir, vor die Wahl gestellt, irgendein Weltbild gefällig oder garstig zu gestalten, uns lieber für das Schöne entscheiden und dabei übersehen, daß wir es überhaupt nicht gestalten können. Denn uns fehlt hierzu eine Kleinigkeit: das Aufnahmeorgan. Wir lichtbildnern die Welt mit einer staarblinden Camera, und ihre Klänge treffen auf Taubheit. Daß wir Augen und Ohren besitzen, ändert nichts daran, ja unser bißchen Organbesitz reicht gerade aus, um uns erkennen zu lassen, daß uns das wirkliche Organ abgeht. Stelle ein ganz ungeübtes, amusisches Ohr einer Symphonie gegenüber. Es vernimmt Geräusche, bestenfalls Klänge, die es nicht künstlerisch zu erfassen vermag; ebensowenig wie das Auge einer Ameise, die auf dem Zeus des Phidias herumkrabbelt, zur Kenntnis der Bildnisfigur gelangt. Wie nun, wenn es eine Universalsymphonie gäbe und eine Universalfigur, die tönende und sichtbare Welt, die ihre Botschaften in Tonbündeln und Strahlenbündeln aussendet? Haben wir das mindeste Recht, anzunehmen, daß unser Ohr und Auge ausreicht, diese ungeheure Klangbild-Symphonie zu verstehen? Wir erleben einen mörderischen Krieg und werden schmerzlich davon betroffen. Aber dieser ganze Krieg ist vielleicht nur eine Fortissimo-Note in einem Scherzo-Teil der Universalsymphonie. Wir erleben eine Menge von Eindrücken, die wir als freudig und liebesbetont empfinden, so stark betont, daß wir als leitendes Thema dieses Geschehens ein Liebesmotiv voraussetzen. Aber die Summe dieser Eindrücke braucht nichts anderes zu sein als ein Walzertakt in einer Danse macabre. Denn in universalem Hörsinn können wir nicht unterscheiden, ob ein schmachtseliger Musikant fiedelt oder der Tod. Und hier operieren wir noch mit zwei Sinnen, die überhaupt in die Ferne dringen, während Geruch, Geschmack und Getast auf Distanz schon versagen, wogegen wir noch tausend unbekannte Sinne nötig hätten, um auch nur eindrucksweise die Vibrationen der Welt zu erfahren. Ein neuzeitlicher Forscher hat gesagt: in der Merkwelt der Muschel befinden sich nur Muscheldinge, in der Merkwelt der Wespe nur Wespendinge; woraus zu schließen: in unserer nur Menschendinge, in einem vergrößerten aber gegen das Universum doch verschwindend kleinen Horizont. Und damit entwerfen wir Weltbilder, mit unseren winzigen Menschendingen bevölkern wir den Kosmos! Abbilder dieser beschränkten Dinge werfen wir nach außen, und wir glauben zu konzipieren, während wir nur aus geringem Innenbestand etwas extrahieren. Unsere Helferin ist die Selbsttäuschung, eine Macht, die zur Liebe die innigsten Beziehungen pflegt. Was schon daraus, erhellt, daß wir mit dem Entwurf fast aller Weltbilder beim Zweckvollen landen. Denn der Zweck ist ein Etwas, das wohltut, das aus dem Bezirk des liebend-gütigen herzukommen scheint, das auf Erhaltung abzielt, und sei es auch nur auf die Erhaltung der Energie. Alles in allem: jedes Weltbild ist ein Gebilde, bei dessen Konstruktion die Liebe mithelfen darf; es dient zur Befriedigung einer inneren Begierde und besitzt objektiv den Wert einer Phantasmagorie. Lais: Fände sich wenigstens in irgendwelchem Weltbild ein Platz für die allgemeine Menschenliebe? Demokrit zögerte mit der Antwort und sein Nachbar benutzte die Pause: Lukian: Du mußt es ihm schon hoch anrechnen, daß er nicht rundweg verneint. Darin zeigt sich seine Güte, die eine Möglichkeit offenläßt, um keinem philanthropisch Gestimmten den Weg zum Heil zu versperren. Ja, man könnte sagen, daß er selbst einst diesen Weg gewiesen hat, denn Demokrit war doch der erste bewußte Vollbürger der Welt, der erste Kosmopolit, und Kosmopolitismus ist im Völkerleben der klarste Ausdruck der allgemeinen Menschenliebe, – – so etwa würde Seneca sprechen, wenn er hier zugegen wäre. Lais: Lukian, Lukian! ich glaube, du stellst uns eine Falle! So würde Seneca sprechen? würde? Und wie sprichst du denn? Lukian: Ziemlich genau entgegengesetzt; denn ich stehe auf dem Standpunkt, man muß die Menschen sehr schlecht kennen, um sie zu lieben. Und man wird hauptsächlich deshalb Kosmopolit, weil sich in nationaler Engnis die Unausstehlichkeit der Nebenmenschen noch weit lästiger bemerklich macht, als in internationaler Weite. Mit Eros und Anti-Eros hat das im Grunde nur wenig zu tun. Die Geschichtsschreibung mag den Kosmopoliten auffassen als einen Exponenten der Liebe, als Träger der Weltfriedens-Idee, als den Verkünder des tausendjährigen Reiches, in dem die Schwerter zu Sicheln und die Spieße zu Winzermessern umgeschmiedet werden. Aber im lebendigen Bewußtsein des Kosmopoliten ist von dieser Sendung nicht viel vorhanden. Er liebt die andern nicht, er will ihnen nur möglichst aus dem Wege gehn. Wenn er weit umherschweift in der Welt, sich bald da, bald dort niederläßt, so sagt man von ihm fälschlich, daß er sich überall wie zu Hause fühlt. Nein, ihm wird wohl im Ortswechsel, weil er sich nirgends wie zu Hause fühlt, und weil er gerade die Nachteile jeder Seßhaftigkeit zu vermeiden wünscht. Er sucht nicht viele Menschenbrüder, sondern er verringert nach Kräften den Kontakt mit möglichst vielen Menschenbrüdern, er verspürt dauerndes Heimweh nach dem Ausland. Schließlich überwindet das Weltbürgertum nicht den Nationalismus, sondern es züchtet nur einen Nationalismus in großen Maßen. Der Voll-Europäer wird bewußter Anti-Asiat, und selbst wenn es möglich wäre, alle Menschenbrüder unter einen Hut zu bringen, so würde der Nationalkrieg der Menschheit bestehen bleiben gegen alle Gottesgeschöpfe, die zufällig nicht Menschenform besitzen. Aber soweit sind wir ja noch lange nicht. Vorläufig führt der Fortschritt der Weltbürgerei nur zu der Einsicht, daß jedes Land um einen Grad lieblicher wirkt von außen gesehen, als von innen. Ihr berühmten Kosmopoliten unseres Kreises, Demokrit und Aristipp, ihr lächelt mir zu, und ich nehme das für eine Bestätigung der Ansicht, daß euer Weltbürgertum viel weniger mit der allgemeinen Menschenliebe verflochten ist, als mit der Hedonik, mit der persönlichen Glückseligkeit. Und gewiß stimmt ihr mir auch bei, wenn ich behaupte: euer Kosmopolitismus ist ganz und gar nicht darauf angelegt, Propaganda zu üben, zur Nacheiferung anzuspornen; er will isoliert bleiben; und in einer Welt voller Kosmopoliten würde es sich nicht mehr verlohnen, ein Kosmopolit zu sein! – * * * Hier erfolgte eine Unterbrechung. Es wurde dunkel im Saal, dann wieder hell, und im Wechsel der Beleuchtungen zerflossen für meine Wahrnehmung die Wände des Raumes. Das war ein transitorischer Vorgang, an dessem Ende ich mich in die freie Landschaft versetzt fühlte. Unwillkürlich folgte ich dem Zuge der Menschen, die sich nach einem anderen Gebäude hinbewegten. Ich kannte es nicht, allein die Bauform ließ keinen Zweifel über seine Bestimmung aufkommen. Das riesige Oval verriet unzweideutig eine Arena . Sollte hier etwa die Debatte über Dinge der Liebe und zyklische Ereignisse fortgesetzt werden? Das war kaum anzunehmen. Alle Zeichen wiesen vielmehr darauf hin, daß hier in der Arena eine Begebenheit bevorstand, die bedeutend genug sein mußte, um die rasche Vertagung jenes Symposions zu rechtfertigen. Im Gewühl erhaschte ich den letzten Sprecher und befragte ihn: Sagen Sie, Herr Lukian, was gibt es da? vielleicht eine Erneuerung der Olympischen Spiele? – Ich weiß es selbst nicht genau, entgegnete er, aber ich vermute allerdings so eine olympische Episode; möglicherweise sogar eine, die ich selbst einmal bearbeitet habe. Keinesfalls dürfen wir das versäumen. Die Arena hat dreißigtausend Sitzplätze und wer will, kann hinein. Komm nur mit, Fremdling! Der Weg zum Ruhm Diese Arena hatte vierundzwanzig Eingänge. Kurz vor einem der Portale stellte mich ein Mann mit der Frage: Sie, Herr, Sie kennen mich wohl nicht mehr? – O ja, aber ich müßte lügen, wenn ich Ihnen über die Wiederbegegnung ein besonderes Entzücken aussprechen wollte. Sie sind doch der Herr Ettore Rapagna , der mir unlängst einen Nachmittag so rücksichtslos verdorben hat. Damals im Zimmer konnte ich Ihnen nicht entweichen, wohl aber hier im Freien. Geben Sie gefälligst den Weg frei. »In zwei Minuten, die zu einer kurzen Mitteilung genügen werden ...« – Nein, auch noch nicht in einer halben Minute, sondern sofort. Ich muß in die Arena zu einer Schaustellung, die ich nicht versäumen will. »Sie sind schon dabei, denn der Gegenstand dieser Schaustellung steht vor Ihnen. Ich bin es selbst.« – Sie, Herr Rapagna? wollen Sie hier eine Vorstellung als Turner geben, oder als Voltigeur? oder was noch ärger wäre, Ihre Kompositionen vortragen? »Keineswegs. Ich werde mich vielmehr an ein altolympisches Programm halten. Ich biete heute die Neuauflage einer Leistung, die ich bereits in der zweihundertsechsunddreißigsten Olympiade zur Sensation der Hellenen geboten habe. Es bleibt Ihnen dabei anheimgestellt, in mir den Herrn Rapagna zu erblicken, oder den alten Zyniker Peregrinus Proteus .« Ich wußte nicht, wie mir geschah. Eben noch war dieser Mensch neuzeitlich gekleidet, und im Moment darauf wollte es mir scheinen, als trüge er eine ziemlich verschlissene Tunika. Auch den zynischen Mantel glaubte ich wahrzunehmen, einen Tornister auf dem Rücken und einen klobigen Knüttel in seiner Hand. Im nächsten Augenblick war er wieder ganz neu und elegant, und so flackerte es vor mir wie in kinematographischem Wirbel. Aber die Person selbst mit ihrer charakteristischen Haltung und ihren scharfmarkierten Gesichtszügen blieb erhalten als eine Invariante in allen Veränderungen, die mir die Zeit fluktuierend machten. Meine Wahrnehmung unterlag einem synkopierten Rhythmus und zeigte Intermittenzen. Aber ich hatte ja schon so viele Zeitverschiebungen durchgemacht, daß ich mich auch mit diesen schwankenden Eindrücken abfand. Und ich wunderte mich nicht sonderlich darüber, daß ich rings in der strömenden Menge alte Gewänder und Neutrachten durcheinanderfluten sah. Ich sah bauliche Zurüstungen, die nicht zur Architektur paßten, und glaubte sogar auf Augenblicke das Aufzucken einiger Bogenlampen wahrzunehmen. Als ich später Lais wiedererblickte, hätte ich sie beinahe als Fräulein Liane y Valla angesprochen, bis sich die richtige Orientierung wieder einstellte. Das waren Anomalien, zu deren Kennzeichnung man am besten ein mathematisches Bild heranzieht: es gibt Kurven, die vollkommen stetig verlaufen, aber trotzdem in keinem Punkte eine Tangente besitzen. Auch hier war ein stetiger Ablauf der Erscheinung mit überwiegend antiker Gestaltung, aber dennoch mit beständigem Oszillieren, sodaß es nicht gelang, die zitternden Punkte durch die Tangente der Wahrnehmung zu verbinden. Ich hatte mich von Rapagna, alias Peregrinus Proteus losgemacht und fand mich in einer ungedeckten Loge der Arena neben Lukian und Gryllus. In der Nebenloge saßen Lais und eine stolze Dame, deren Schönheit faszinierend wirkte, obschon sich durch ihr Haar bereits die Silberfäden des reiferen Alters flochten. Meine Vermutung, dies könnte wohl Aspasia sein, wurde bestätigt. Beide unterhielten sich freundschaftlich, allein es war unverkennbar, daß Lais der anderen den Vorrang einräumte, etwa im Abstand einer Prinzessin zur Königin. Es stellte sich heraus, daß wir alle zur Hauptnummer der Schaustellung viel zu früh gekommen waren, da zu dieser die technischen Vorbereitungen noch nicht beendet waren. Somit fand ich Gelegenheit, meine Nachbarn betreffs einiger Punkte zu interpellieren, für die ich bei ihnen ausreichende Sachkenntnis voraussetzen durfte. Und ich erfuhr, daß Herr Rapagna allerdings ein gewisses Anrecht darauf besäße, sich heute als den alten Zyniker Peregrinus vorzustellen. Es bliebe jedem unbenommen, die körperlichen Existenzen auseinanderzuhalten, die geistige Identität wäre zweifellos vorhanden, und er selbst sei jedenfalls fest davon überzeugt, daß er hier vor dem Publikum als der wiedererstandene Peregrinus aufträte. So wenigstens äußerte sich Lukian, während Gryllus ein gewisses Mißtrauen nicht verhehlte. Schließlich, so meinte er, können sich auch in den Vorgang der Seelenwanderung schwindelhafte Elemente einschleichen, und für mich steht es fest, daß beide Figuren, sowohl der neumodische Abenteurer Rapagna, wie der alte Philosoph Peregrinus Schwindler sind und waren. Ich halte es deshalb für möglich, daß diese ganze Vorstellung auf einen kolossalen Schwindel hinauslaufen wird. Lukian : Warten wir das ab. Auf alle Fälle interessiert mich die Produktion, und ich bin neugierig, ob sie sich ähnlich abwickeln wird, wie in jenen Urzeiten, da ich sie selbst als Zuschauer in Olympia erlebte. Damals war die Sache allerdings schauerlich genug. Ich : Erzählen Sie doch, Herr Lukian, wie ist das zugegangen? Lukian : Als ich zum viertenmal in meinem Leben den Festtagen von Olympia anwohnte, hörte ich gleich am ersten Tage einen Gesinnungsgenossen dieses Mannes das Lob des Zynikers durch die Straßen brüllen. Wie! so rief dieser Schreier – er hieß Theagenes – man darf sich erfrechen, einen Heros wie diesen eitler Ruhmsucht zu beschuldigen? diesen Proteus , dessen Bedeutung unverkennbarer ist als die Sonne, man wagt es, ihm Eitelkeit vorzurücken, weil er durchs Feuer aus dem Leben gehen will? Tat etwa Herkules nicht dasselbe? Starb Äskulap nicht durch einen Wetterstrahl? und stürzte sich nicht Empedokles in den Flammenschlund des Ätna? – Halt! unterbrach Gryllus, – das alles stimmt schon nicht, und besonders die Berufung auf Äskulap möchte ich mir verbitten! denn dem ist ja nicht im Traum eingefallen, sich selbstzumorden, ganz im Gegenteil, er hatte überhaupt nichts im Sinn, als Verlängerung des Lebens, und er war ganz gewiß nicht damit einverstanden, daß ihm Zeus sein Wirken so übel mit einem Blitzstrahl vergalt! Lukian : Natürlich machte ich damals dem Schreier denselben Einwand, und noch mehrere dazu, denn mir kam die Reklame doch gar zu albern vor. Aber der genannte Theagenes posaunte weiter ins Publikum hinein, um dessen Affekte für das fabelhafte Ereignis zu erhitzen. Es blieb mir nichts übrig, als die erstaunlichen Hyperbeln auszukosten, die er zum Lobe des Proteus in einer Kaskade von Phrasen ausgoß. Er forderte endlich Jupiter selbst zum Konkurrenzkampf mit seinem Helden heraus und verstieg sich bis zu der wahnwitzigen Blasphemie: »Mit einem Wort, die zwei größten Wunder der Welt sind Jupiter Olympius und Proteus; jenen bildete die Kunst des Phidias, diesen aber die Natur selbst, und nun wird dieses herrliche Götterbild auf einem Feuerwagen zu den Göttern zurückkehren!« Ich muß bei diesen Exaltationen verweilen, um es überhaupt verständlich zu machen, was sich damals ereignete. Denn wie ich die Sache heute auffasse, gab es hier ein psychologisches Unikum: Der an sich durch seine maßlose Eitelkeit schon halb verblödete Zyniker Proteus wurde durch seine Freunde vollends verrückt gemacht. Er hatte zuvor mit seinem Plan nur renommiert, wie mit so vielen andern Projekten, die in seinem Hirn irrlichtelierten. Jetzt sah er sich durch seine Anhänger beim Wort genommen, und in ihm tobte der Kampf der Angst und der Suggestion, welche die Korybanten auf ihn ausübten. Es war gar nicht mehr sein eigener Taumel, der ihn in die Flammen warf, sondern der Orgiasmus der anderen. Er flog bewußtlos ins Feuer, wie die Motte ins Licht. Nur dem Anschein nach war er Selbstmörder, nicht in der Tatsache. Zum ersten und einzigen Male begab es sich, daß ein Mensch durch andere Menschen geselbstmordet wurde. »Und diesen grausigen Akt will er heut wiederholen?« – Seine Vorbereitungen lassen darauf schließen. Es kann aber auch eine Tragikomödie dabei herauskommen, vielleicht sogar ein reines Possenspiel. Denn wenn sich auch in diesem Herrn der alte Peregrinus verleiblicht, so folgt daraus keineswegs, daß beider Schicksale identisch verlaufen müssen. Die Seelenwanderung überhaupt unterliegt allen erdenklichen Zufällen und Variationen; sie läßt sich in keiner Weise vereinheitlichen, und man geht fehl, wenn man annimmt, daß eine bestimmte Seele, die den Inhaber wechselt, immer an ein bestimmtes, begrenztes Obdach gebunden wird. Denn die Primärseele kann sich auch spalten, und dann leben einzelne Teile von ihr in verschiedenen Nachfolgern fort. Das läßt sich natürlich nicht im einzelnen nachweisen, wohl aber an Beispielen als Möglichkeit erörtern. Nehmen wir etwa die Seele eines Lucullus, so können deren Fragmente ebensogut in die Körper des Schlemmer-Kardinals Cornaro wie des gastronomischen Schriftstellers Brillat-Savarin gefahren sein, ohne daß diese jemals den Trieb gespürt hätten, sich in Lucullische Kriegshändel verwickeln zu lassen. Von der Seele des Krösus steckt vielleicht eine Flocke in einem Finanzmagnaten von heute, und eine andere Flocke in einem verkrachten Bankerotteur, der vom Krösus nur die Erwerbsgier übernommen hat, nicht aber das Talent, Reichtümer aufzuhäufen. Der größte Schauspieler des Altertums, Roscius Gallus, hat Splitter seines Genies auf Garrik, Kean, Iffland und Talma vererbt, aber wahrscheinlich auch auf Napoleon, in dessen Leib Platz war für cäsarische und für komödiantische Seele. Der listige und erfindungsreiche Odysseus kann sich später in einem gerissenen Diplomaten objektiviert haben, und nebenbei in einem Rabelais, Edgar Poe oder Jules Verne, der in seiner Erfindung Odysseen bis zum Monde erlebte, ohne daß er sich von seinem Schreibtisch fortrührte. Auf unseren Fall bezogen bedeutet dies, daß der Held der heutigen Veranstaltung von seinem Urbild jedenfalls die Charlatanerie, die Projektenwut und die Marktschreierei geerbt hat. Aber eine Ansage darüber, ob er mit dem Charakter des Peregrinus Proteus auch dessen ganzes Programm übernommen hat, läßt sich noch nicht aufstellen. »Ich würde hoch dagegen halten, meinte Gryllus, und ich möchte den Herren mitteilen, daß sich in einem Nebenraum der Arena bereits ein Wettbureau aufgetan hat, mit der Parole Sein oder Nichtsein. Die Mehrzahl der Kenner wittert einen Bluff oder eine mit scheinbarer Lebensgefahr verknüpfte Reklame. Es hat sich herumgesprochen, daß der neue Proteus sich auch mit Erfindungen abgibt, wofür er sogar in Neapel eine Versuchswerkstatt unterhält. Da liegt der Zusammenhang nahe: Er wird hier Feuerwerk spielen, um dem Publikum das Wunder einer verblüffenden Löschmaschine anzupreisen; äußersten Falls einer feuersicheren mit Asbest durchwirkten Bekleidung, die den Kontakt mit der Flamme ein paar Sekunden lang aushält. Und immer noch verschob sich der Beginn der Vorstellung aus unbekannten Gründen. Die Vermutung war nicht abzuweisen, daß dem plakatierten Schausteller in letzter Stunde der Mut versagte. In ihm mochte, wenn er es ernst meinte, ein Lebensdrang stoßweise hervorgebrochen sein; und dann war es erklärlich, daß er auf alle Fälle Zeit gewinnen wollte, um seinem Dasein selbst für die äußerste Eventualität eine kurze Zeitspanne zuzusetzen. Wer könnte die letzten Wallungen in der Seele eines Selbstmörders analysieren? Der einzige, der es vermöchte, er selbst, gibt uns keine Rechenschaft. Er hinterläßt keine Kunde darüber, ob in dem Tumult seiner Seele neben der Verzweiflung auch für das Diktat der Vernunft Raum vorhanden war. Nur das eine dürfen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, daß kein Zeitmaß des allerlängsten Lebens zur Abmessung der letzten Viertelstunde ausreicht. Eine einzige Minute, dem unverbrüchlichen Vorsatz noch abgetrotzt, mag es an Länge und Inhalt mit einem ganzen Menschenleben aufnehmen. Inzwischen gab es auf dem Boden der Arena einige kleinere Schaustücke als hinhaltende Präludien und Füller der Erwartungspause. So wie man vor dem größten englischen Rennen den Derby-dog über die Bahn laufen läßt. Aber wenn es hier auch Zirkus-Bagatellen waren im Verhältnis zur angezeigten Hauptsache, so blieben sie doch als Einzelleistungen der Geschicklichkeit und Stärke recht bemerkenswert. Der Sportsmann Sarpedon trat auf den Plan, der nämliche, der bei jener Cour d'amour im Pavillon der Lais im Wettbewerb mit den Geistigen sich so nachdrücklich auf seine Muskeltugenden berief. Die erste Produktion an diesem Tage diente nur zur Veranschaulichung einer besonderen Wurftechnik, entsprechend einem Verfahren, das die Geschichte dem Kaiser Commodus zuweist. In Sarpedons Arm befanden sich zwölf Speere, die vorn in mondsichelförmige Schneiden mündeten. Nun wurden die Gitter aufgetan, und aus ihnen wirbelten zwölf Strauße, die in angstvollem Durcheinander kreuz und quer durch die Arena fegten. Und mit zwölfmaligem Schleudern, ohne einen Fehlwurf, trennte Sarpedon die Köpfe von den Straußenleibern. Hierauf leistete er einen Ringkampf mit einem ansehnlichen Bären, der keineswegs den Eindruck machte, als stünde er unter dem Befehl irgendwelcher Dressur. Es ging vielmehr stark an stark, und der dröhnende Beifall der Galerie beglaubigte hinlänglich die athletische Meisterschaft, mit der Sarpedon die Bestie niederzwang. Er fesselte ihr mit starkem Strick die Pranken und legte die Trophäe huldigend vor die Loge der Lais, mit der nämlichen heroischen Geste, mit der einst Herakles seine spolia opima zu imposanter Wirkung brachte. Die Damen applaudierten ohne Kraftaufwand, und Lais war sorgsam darauf bedacht, ihren Beifall genau in dem nämlichen temperierten Grade herablassenden Wohlwollens zu halten wie ihre Nachbarin Aspasia. Bald nach der Ursomachie öffnete sich in der weiten Ebene des Amphitheaters eine umfangreiche Versenkung, und aus der Tiefe stiegen, von unsichtbaren Maschinen gehoben, zwei mächtige eng zusammenhängende Gerüste: erstlich ein Scheiterhaufen aus Kienholz und dürren Reisern, dessen hochgetürmter Brennstoff ausgereicht hätte, um eine ganze Hekatombe darauf zu zelebrieren. Er zeigte Pyramidenform mit abgestumpfter Spitze und verriet im Aufbau eine gewisse Kunstabsicht; denn die Hölzer waren nicht roh geschichtet, sondern man merkte die erklügelte Konstruktion eines expressionistisch gestimmten Baumeisters. Unmittelbar daneben, noch um einige Meter erhöht, ragte eine Kanzel, deren Plattform durch eine senkrechte Leiter zu erreichen war. Außerdem zeigten sich rings um den Bau fünf niedrige Maschinen, vorläufig außer Betrieb. Es waren Schraubenventilatoren, denen später die Aufgabe zufiel, die Luft aufwärts zu pressen in den freien Raum über der Arena; weil sonst trotz des weiten Abstands den Zuschauern die Gefahr der Brandhitze gedroht hätte. Jetzt ertönten drei Fanfarenstöße. In der weiten Bauwölbung verstummten die surrenden Stimmen der Menge. Aller Aufmerksamkeit flog zu dem Strebewerk der hohen Kanzel. Dort stand bereits Proteus-Rapagna in theatralischer Haltung, wie einer, der die Rolle eines fanatischen Mönchs zu sprechen hätte. Ich mußte an Savonarola denken. Er musterte die Scharen, und sein Blick blieb zuerst mit zuckendem Verlangen an Lais haften, die das Augensignal nicht im geringsten beachtete und gar nicht zu ahnen schien, daß zwischen ihrer Wesenheit und dem Manne dort oben die Fäden eines Verhängnisses woben. Mit dem zweiten Blick traf er auf meinen Logennachbar Lukian, und seine Hand krampfte sich zur Faust, die er wie ein Haßprojektil vor sich warf. Aber das waren blitzhafte Erscheinungen, nach wenigen Sekunden straffte sich der Mann zur Rednerpose, und weithin fluteten seine Ergüsse. Zahlreich, ihr Menschen – so begann der Sprecher – zahlreich seid ihr meinem Anruf gefolgt, und ich hätte schon Grund zur Zufriedenheit, auch wenn ich nichts anderes beabsichtigte, als einen Vortrag vor gespannter Hörerschaft. Mein Anspruch geht weiter. Jenseits der Dreißigtausend, die mich hier sehen und hören, stehen die Unzählbaren, zu denen ich dringen will und werde. Gegen sie seid ihr die Wenigen, und ihr bildet nur die Organe einer fortpflanzenden Resonanz. Hier schlage ich an, und draußen in der Welt wird es tönen, in der Fernwelt und Nachwelt; tönen von der Kunde eines Menschen, der es verstand, die Todespforte mit eigenem Schlüssel aufzuschließen und sich im Sterben das Privileg der Unsterblichkeit zu sichern. Die großen Rhetoren haben darüber gestritten, ob man in der Rede die besten Argumente an den Anfang oder an den Schluß zu stellen hätte. Ein sinnloser Streit. Alle Argumente müssen die besten sein, gleichviel wo sie stehen. Und mein ganzes Beginnen wäre zwecklos, wenn meine ultima oratio dieser strengen Forderung nicht entspräche. Widerlegen will ich vor allem die schamlosen Verleumdungen, die dieser Mensch dort, der Hallunke Lukian, über mich ausgesprengt hat. Er war Zeuge der Hauptprobe zur heutigen Vorstellung, und er hat sich nicht entblödet, mich, den Peregrinus Proteus, als einen betrügerischen Prahlhans, als einen ordinären Spektakelmacher auszurufen. Weil es in seinen Querkopf nicht hineinwill, ein anderer außer ihm dürfe nach der Apotheose trachten, dürfe sie erzwingen durch eine Leistung, die dem Ruhm alles zum Opfer bringt bis zum letzten Staubkorn der Persönlichkeit, und nichts von ihm übrig läßt, als den Namen, der in Vergeistigung hinaushallt, ruhmeswürdig durch die Größe des Opfers. Denn gewiß, es gibt eine Göttin des Ruhmes, welche den erhört, der sich gänzlich ihr weiht; sie wägt die Taten und findet alle andern gering im Gewicht, gegen solche Großtat. Aber – so werfen die Leute vom Lukianischen Gelichter ein – du bist doch nicht der erste und einzige, der das unternahm? Wieviele entleiben sich und sinken unbemerkt zum Orkus! Und du selbst, Proteus, warum suchtest du nicht die Einsamkeit wie Herakles und Empedokles vor ihrem Freitod? Worauf ich erwidere: weil ich mich nicht nur als Opfer, sondern als Priester des Freitods empfinde, und weit mehr noch als Pontifex im Amte des Ruhms, denn als bloßes Objekt der Opferung. Meine Obliegenheit ist es, den Triumph des Ruhms dadurch zu symbolisieren, daß ich den Akt mit größtem Gepränge in Szene setze, mit saturnalischem Pomp. Schlecht versteht einer die pontifikale Würde der Handlung, der den Herakles als Muster empfiehlt. Denn dieser Halbgott hat gar keinen Freitod erlitten. Ihm brannte das Nessusgewand auf dem Leibe, und er wollte nur den unerträglichen Schmerzen entfliehen, die ihn ohnedies bald zerfressen hätten. Sein Scheiterhaufen war kein Fanal des Ruhms, sondern besinnungsloser Verzweiflung. Auch den Empedokles lehne ich als Vorläufer oder Seitenstück rundweg ab. Wenn man ihn unter die Selbstmörder großen Stils rubriziert, so treibt man groben Unfug mit den Motiven. In den Falten seines Philosophenmantels hielt er längst den Ruhm geborgen, und nichts anderes trieb ihn zum Sprung in den glühenden Schlund des Ätna, als die Mißlaune, weil er die physikalische Natur der Vulkanausbrüche nicht zu ergründen vermochte. Außerdem ist auch das nur Legende. Ich habe erst kürzlich, um mir diesen Konkurrenten vom Halse zu schaffen, die Stelle genau angesehen und dort festgestellt, daß bei der Neigung der Kraterwände ein Sprung in die Tiefenglut vollkommen unmöglich ist. Was also bleibt übrig von dem aufgetakelten Drama des Mannes aus Agrigent? ein heroisches Märchen zur Verkleidung eines Absturzes, eines ganz gewöhnlichen Touristenunfalls ... Aus dem Publikum wurden Zurufe laut: »Hannibal!« – »Varus!« – »Seneca!« – Bravissimo! rief Proteus entgegen. Ich danke euch, Menschen, daß ihr für mein Pronunciamento so treffliche Stichwörter liefert. Ja, prüfen wir nur die Liste der historisch berühmten Selbstmörder, um mit ihnen allesamt auf einmal abzurechnen! Dem Hannibal und dem Varus saß das Messer an der Kehle, als sie sich entleibten, und sie wurden Scharfrichter an sich selbst, als das Fallbeil des Geschickes schon über ihnen schwebte. Sie gehören mit König Saul und Kaiser Otho zu der großen Reihe derer, die nur ein gedankenloser Schulpauker als Männer des Freitodes ausrufen kann, während sie in Wahrheit gar nichts anderes erlitten, als den Zwangstod. Daraus kann man historische Dramen machen, aber keine Apologie für den erhabenen Entschluß, freiwillig ein höheres Dasein zu gewinnen; herauszutreten aus der Engnis der Lebens in das universale Vakuum, das der Strahl des Ruhms mit Lichtgeschwindigkeit durcheilt! Ja, nicht einmal der Philosoph Seneca verdient in diesem Betracht eine Sonderstellung: er war als Verschwörer zum Tode verurteilt, und da man ihm die Todesart freiließ, so wählte er die Verblutung und öffnete sich die Adern. Aber seine Zwangstat macht mich nicht blind gegen seine sonstigen Verdienste, und obschon er praktisch nur einen Henkerspruch an sich vollstreckte, gilt er mir als der große Theoretiker des Selbstmords, in dessen Worte ich mich vertiefte, um in ihnen die Substanz für meine eigene, einzig in mir selbst verkörperte Lehre zu entdecken. Hier öffnet sich eine Galerie der hohen Nekromanten, Seneca voran, in seinem Gefolge Epiktet, Marc Aurel, Baco, Hume, Swift, Rousseau, Schopenhauer; und wie sonst ein Grabredner Bibelsprüche heranholt, so schlage ich hier Thesen an diesen Holzstoß, der die Verkündigung in Flammen vollenden soll. »Der Tod ist es, dem wir es verdanken, daß es keine Strafe ist, geboren zu sein! Niemand nähme freiwillig das Menschenleben, man bekommt es unbewußt und ungefragt. Das größte Glück ist, gar nicht geboren zu werden, das nächstgrößte, bald sterben zu dürfen und wieder in den Zustand vor der Geburt zurückzukehren. Exitus patet , die Tür ist offen. Wer nicht länger bleiben will, der kann gehen. Siehst du jenen Steilabhang? Dort hinab geht es in die Freiheit! Siehst du jenes Meer, jenen Fluß, jenen Brunnen? Auf ihrem Grunde wohnt die Freiheit! Siehst du jenen kleinen verkrüppelten Baum? An ihm hängt die Freiheit! Fragst du nach dem leichtesten Weg zur Freiheit: – Jede Ader deines Körpers ist ein solcher Weg! Und nicht die Freiheitsdurstigen haben sich zu rechtfertigen, sondern die Sklavenseelen, die an der Galeere des Daseins festkleben und ihr Lob aufsparen für Sklavenbrüder, die wohlgefällig mit der Kette klirren, anstatt sie zu zerbrechen. Durch alle Zonen und Zeiten dröhnt das Lob dieser Heloten, das nie etwas anderes war, als »eine Hure, prostituiert und besudelt durch tausend Unwürdige« und auf deren Gunst nur die dem Leben verhafteten knechtischen Feiglinge stolz sein mögen. »Hingegen ist der Ruhm bei der Nachwelt eine stolze, spröde Schöne, die sich nur dem Würdigen hingibt, dem Sieger,« dem Helden voran, der die größte aller Schlachten gewinnt im ruhmvollen Kampf gegen die eigene lebendige Persönlichkeit. Schön klingt es, das Exitus patet , aber mir genügt es noch nicht. Denn wichtiger als der Exitus ist mir der Introitus , der Eingang in das mysteriöse Jenseits, und nicht durch ein schmales Türchen will ich hinaus, sondern durch eine weite Pforte, die ich beim Aufklaffen mit feurigen Girlanden bekränze. Musik soll mir entgegenschlagen aus der knisternden Flamme, wie eine Gloria-Melodie der Hohen Messe – – – »Laß dich doch selbst in Musik setzen, tragischer Bajazzo!« warf Lukian zur Kanzel hinauf. Und wenig fehlte, so hätte er seinen Anwurf auf das Publikum ausgedehnt wie damals in der verjährten Olympiade: »Lohnt es denn wirklich, einen alten Narren braten zu sehen und sich die Nase mit seinem Brandgestank vollzustopfen?« Proteus strafte den Unterbrecher mit Verachtung. Er saß schon viel zu tief in der Berauschtheit, und nachdem er sich erst das Bild der lobsingenden Flamme vorgegaukelt hatte, exaltierte er sich noch höher bis in die Harmonie der Sphären. Er verglich sich mit einem Kometen, der in die Feierklänge der Sternsymphonie verwoben sich in die Sonne stürzt, um selbst Teil der ewig tönenden Sonne zu werden. Er ergriff eine Fackel, entzündete sie und schwang sie in rednerischer Kunstpause mit der Rechten, während sein Blick abermals brünstig nach meiner Nachbarloge züngelte. Und hier gewahrte ich eine kurze Episode. Aspasia, ahnungsvoll dunkle Zusammenhänge erratend, beugte sich zur Lais und schien sie zu irgendetwas animieren zu wollen. Mir selbst war es kaum zweifelhaft: Lais hätte nur ein Zeichen zu geben brauchen, um in diesem Proteus sein zweites Bewußtsein als Rapagna hervorbrechen zu lassen, mit allen Stürmen der zyprischen Hetze nach der einen Hetäre, die sich ihm versagt hatte. Und ein Zeichen, ein hinaufgerufenes Wort würde vielleicht hingereicht haben, um die ganze Szene von Grund aus umzugestalten. Aus den verschwimmenden Epochen hätte sich die lebendige Neuzeit abgelöst mit der vagen Aussicht auf ein Ziel, das dem Zyniker doch noch stärkere Sensation verhieß, als ein Salto mortale. Aber Lais-Liane blieb unerschüttert. Mit kühlem Geflüster antwortete sie der Nachbarin, offenbar um ihr anzudeuten, daß sie keine Veranlassung zum Eingriff in die Speichen des rollenden Rades verspüre. Sie mochte auch glauben, daß der Fanatiker noch in letzter Sekunde zur Besinnung kommen würde, während Aspasia sicher mit dem Gegenteil rechnete und nur darauf bedacht war, dem Drama eine gänzlich unerwartete Wendung zu verschaffen. Proteus schloß ab, wie ein Gladiator, dem von der Kaiserloge her das ominöse Fingersignal entgegendroht. Nein, diese Frau dort hatte kein Gefühl für die Bravour. Sie würde Zuschauerin bleiben, wo das Schicksal sie aufrief, Heroine zu werden. Und jetzt handelte es sich um den Sekundenkampf, um das letzte Einsetzen der Worte gegenüber der fieberhaften Erwartung, die wie eine Sturmflut auf ihn losbrandete. – Ruhm, komme herbei! rief er; umfasse den einzigen, der stark genug war, sich die eigene Leichenrede zu halten! der dies Amt keinem bezahlten Pfaffen überläßt, auch keinem Berufskollegen, der mit verlogenen Tränen sein bißchen Rührung fortschwemmt. Im Protest gegen die Gilde der flachen Lebenskünstler steht hier vor euch der Todeskünstler, der einzige Virtuose des Sterbens, der sich nicht bloß mit dem Ende abfindet, sondern es mit Psalmen begrüßt. Meinem Leben war der Genuß nicht fremd, es war voll davon, und ich lasse es zerspringen im Übermaß des Genusses. Hört ihr sie sausen, die Flammenklänge? das ist Götterdämmerung! Zur Glorie lockt mich die lachende Lohe! Helles Feuer das Herz mir erfaßt, sie zu umschlingen, umschlossen von ihr in mächtigster Minne vermählt ihr zu sein – Er hatte die Fackel hinabgeworfen, dem hohen Scheiterhaufen entgegen, wo ihre Zündung sofort anfaßte und rapid hinaufleckte. Der Brand wogte. Jetzt war es deutlich zu erkennen, daß der Mann zurücktaumelte. Da gellten verhöhnende Pfiffe durch den Raum und vereinzelte Rufe: Scharlatan! Feigling! Und da war es, als ob der Dämon der Eitelkeit ihn hinten am Genick griffe und vorwärts stieße in die lodernde Hölle. Mit dem Kopf voran flog er in sein Krematorium. * * * Kurz vor dem Ausgang geriet ich wieder in die Nähe der Lais. Ich kaute an einer Ansprache herum und sagte schließlich: Ohne die geringste Sympathie für den Selbstmörder möchte ich doch bekennen: Der Tod entsühnt, und nachträglich tut er mir leid. Hatten Sie gar keine Regung, ihn zu retten? – Nein; ich wäre jetzt untröstlich, wenn ich einem so ausgezeichneten Schauspieler den brillanten Abgang verdorben hätte. Ich denke, er wird noch im Tartarus vor Pluto und Proserpina Komödie spielen ... Übrigens, so fügte sie ausbiegend hinzu, in einer halben Stunde erwarten wir Sie zur Fortsetzung des Platonischen »Gesprächs über die Liebe«, aber nicht bei mir, sondern bei meiner Freundin. Aspasia legt Wert auf diese Zusammenkunft in ihrer Behausung. Und stärker noch als zuvor verwirbelten sich mir die Zeitfelder mit unerkennbaren Grenzlinien. Denn als ich die Dame nach der Lage des Hauses befragte, glaubte ich den Bescheid zu vernehmen: Sie können gar nicht fehlen, Aspasia wohnt neben dem Diana-Tempel, dreißig Stadien von hier, höchstens sieben Minuten mit dem Auto. Erotische Seitensprünge Das zweite Symposion Man könnte die Frage aufwerfen, ob »die Liebe« ein geeignetes Thema für Liebende sei; und dann zu der Antwort gelangen, daß diese weder befähigt noch aufgelegt sind, über Liebe zu sprechen. Ebensowenig, wie ein betrunkener Alkoholiker imstande wäre, über die molekulare Struktur und die Chemie des Alkohols nachzudenken und Aufschluß zu geben. Der Liebende ist in so hohem Grade Objekt seiner Leidenschaft, so vollkommen darin eingesponnen, daß seinem Verstande keine Möglichkeit bleibt, sich aus dem Gefühl herauszuwickeln und nun seinerseits die Leidenschaft zum Objekt der Betrachtung zu nehmen. Der Dichter, der den Vers zuwege brachte: »und laß uns wieder von der Liebe reden «, war sicher ein Gefühlsfremdling, und aus seiner Strophe weht uns nicht die Mailuft duftender Reseden an, sondern der Schreibtischdunst einer papiernen Lyrik; denn wenn sein Sprecher das Bedürfnis spürt, ein Gerede von der Liebe, über die Liebe anzufangen, so ist er längst ernüchtert und gehört gar nicht mehr zu seinem früheren Selbst; ja, er hat schon vergessen, wie ihm damals zumute war, einst im Mai, als er in Liebe lebte, aber nicht in Redebeziehung zur Liebe. Woraus denn zu folgen scheint, daß ein Mensch, der die Liebe zu erörtern versteht, der wohl gar über erotische Motive zu neuen Aufschlüssen gelangt, nicht im Kreise der mailich Verliebten gesucht werden darf. So war auch schon unser erstes Symposion kein lyrisches Geschwärm; und wenn die jugendliche Gastgeberin noch allenfalls aufgelegt gewesen wäre, einen Exkurs in den Empfindungsäther mitzumachen, so fanden wir jetzt in der gereiften Aspasia eine Gesprächsleiterin, in deren Gegenwart ein Gefühlsüberschwang kaum noch aufkommen durfte. Die Gesellschaft hatte sich wesentlich verändert; einige der früheren Koryphäen waren verschwunden, andere tauchten auf, und auch die neuen sahen nicht aus wie Teilnehmer eines lyrischen Kränzchens. Aspasia betonte in begrüßender Ansprache, daß das Thema »Eros« sehr wohl fortbestehen könnte. Denn man habe sich ja gesellig vereinigt, um die Platonischen Anfänge mit erweiterten Methoden in Behandlung zu nehmen. Ich möchte nunmehr vorschlagen, sagte sie, gewisse Erscheinungen der Liebe in ihren natürlichen Gründen aufzusuchen, um da irgendwelche noch verschleierte Zusammenhänge menschlicher und tierischer Liebe aufzudecken. Ich will damit nur die allgemeine Anregung geben, ohne bestimmtes Programm, denn wir sind keine Akademie und beabsichtigen keinen Lehrkursus. Und da wir schon an dieser Tafel wegen der Überzahl der Herren keine bunte Reihe herstellen können, so wollen wir wenigstens unseren Gesprächsmotiven die bunte Reihe verstatten. Daß es uns an Stoff nicht fehlen wird, dafür bürgen die Namen meiner berühmten Gäste. Euch beide vor allen, Aristoteles und Plinius Sekundus , euch bitte ich meinem Wunsche Gehör zu schenken, in aller Willkür der Themenwahl, ich meine, nicht in vorbedachter Anordnung, sondern in der reizvollen Unordnung eines zwanglosen Gespräches. Viri doctissimi wart ihr ja schon von jeher, und man müßte diesen Superlativ noch überbieten, um eurer Gelehrsamkeit von heute gerecht zu werden, da ihr eure alten Wissensschätze noch durch die Zutaten aus letzter Forschung bereichert habt. Eure Studien begannen in entlegener Vorzeit und reichen bis zu Huxley, Wallace, Haeckel und Bölsche. Ich möchte es aussprechen, daß sich euer Altwissen mit dem Neuwissen in eurem Geiste nicht nur addiert, sondern multipliziert hat zu einer höheren Einheit, derengleichen bei einem Modernen gar nicht angetroffen werden dürfte. Und ich bin stolz darauf, heute Männer bei mir zu bewirten, die sogar auch ein Erotiker, sofern er sein Fach in der Tiefe erfaßt, als Vertreter einer universalen Wissenschaft anerkennen wird. Aristoteles : Dein Lob, Herrin, hat für mich einen elegischen Beigeschmack. Zwei Jahrtausende lang hätte es selbstverständlich geklungen, heut verhallt es als Nachklang überwundener Zeiten und wird vom Widerspruch der Neunmalweisen erstickt, denen meine vormalige Weltherrschaft nur noch als ein grandioser Welt-Irrtum gilt. Als ich unlängst in die Bücherstapel der benachbarten Kolonie eindrang, als Redivivus , da fand ich zu meinem Schrecken eine ganze Literatur, die auf jeder Seite das Zeichen trägt: Fort mit Aristoteles! Herunter mit ihm von dem ungeheuren Piedestal, das ihm die mittelalterliche Scholastik getürmt hat! Bis auf die Spur soll es ausgetilgt werden, daß man mich vordem als Vorläufer Jesu Christi ausrief, meine Denkweise als die logica ipsius dei , Gottes selbst. Und woher dieser krasse Umschwung? Weil die Schnüffler herausbrachten, ich hätte als Naturforscher falsch beobachtet, als Logiker falsch gedacht. Zugegeben, mir sind mehrfach Irrtümer untergelaufen. Ich habe bei flüchtigem Zählen festgestellt, daß die Fliege vier Beine besitze, und habe verbreitet, daß das Rebhuhnweibchen nicht durch Substanz befruchtet werde, sondern durch den Wind und die Stimme des Männchens. Noch schlimmer wurden mir meine sogenannten Anthropomorphismen verdacht, wonach ich durchweg den menschlichen Nutzen voranstellte und die ganze Wissenschaft vermenschte. Das tat ich freilich damals, als Mensch meiner Zeit, als Zeitgenosse Alexanders. Heute aber in erweitertem Horizont sehe ich die Dinge anders an und behaupte: Ihr seid stecken geblieben im alten Wust der Vermenschung, ihr Modernen, und wenn euch einer aus der anthropomorphen Misere heraushelfen kann, so bin ich es, weil ich vielseitiger bin, als ihr alle zusammengenommen. Ihr habt eure neuen eigenen Disziplinen nicht verdaut, während ich sie bloß zu berühren brauchte, um zu erkennen, daß ihr vor lauter Tatsachen zu keiner Erklärung gelangt. Plinius : Du drückst das noch sehr zahm aus. Unsere vormalige Denkweise war entschuldbar, weil wir die logischen Fallstricke der Natur noch nicht bemerken konnten, während die Heutigen ganz genau wissen, wo sie liegen, und wie absichtlich in die Schlingen treten. Der Anthropomorphismus wuchert stärker denn je, und wir werden wohl bei Erörterung der erotischen Motive Gelegenheit haben, uns mit diesem Unkraut zu beschäftigen. Aristoteles : Einstweilen möchte ich an einem vorläufigen Beispiele aufzeigen, wie die mit Tatsachen vollgepfropfte Neuzeit mit ihrer vorgeschrittenen Logik umspringt. Also der moderne Zoologe, der sich für die Sexualität der Tiere interessiert, beobachtet Hunderte von nistenden, brütenden Vögeln und sammelt unzählige Beobachtungsdaten, um daraus Schlüsse zu ziehen. Der Hauptschluß lautet: Vögel sind dumm . Und das beweist man im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert mit der nämlichen Sicherheit, wie einen mathematischen Satz. Man argumentiert etwa: »es ist eine Eigentümlichkeit der meisten Vögel, daß sie sich nicht weiter um ihr Nest bekümmern, wenn sie sich nicht darauf befinden; das ist also jedenfalls ein Zeichen recht geringer Intelligenz« – denn der Mensch, das sapiente Tier, so ergänzt das logische Zwischenglied, gibt doch Haus und Wohnung nicht preis, auch wenn er spazieren geht oder verreist. Der Zoologe redet weiter: »Offenbrüter werden durch gelegentliche Störungen, durch Fremdkörper im Nest, wie hereingefallene Taxusblätter oder Tannennadeln dauernd daraus vertrieben. Die Vögel kommen dann nicht auf den doch so nahe liegenden Gedanken, derartige fremde Gegenstände aus dem Nest zu entfernen – ein deutliches Zeichen, wie gering ihre geistigen Fähigkeiten sind.« Glänzend beobachtet! Aber jetzt kommt der Vogel, der kehrt die Betrachtungen um und erlaubt sich, genau so ornithomorph den Menschen zu beurteilen, wie dieser anthropomorph den Vogel. Er sieht die Leute auf einem Schiff im Ozean untergehen und ertrinken, ohne daß nur einer den Versuch macht, fortzufliegen; wie dumm! Ein Storch schließt: Der Mensch ist doch Äronaut wie wir, aber er fliegt nicht im Winter nach Süden, sondern klebt an der nordischen Scholle und trägt alle Unbilden des Frostes, – wie dumm! Nun ist der Mensch wieder an der Reihe. Er besitzt seit Humboldt, Dove und Helmholtz eine Wissenschaft, die er Meteorologie benamst, Witterungskunde, und von deren Unzuverlässigkeit ihm jeder Tag traurige Proben liefert. Dagegen stellt er zuverlässig fest: Zugvögel fühlen das Wetter sicher voraus; findet trotz klarer Witterung des Morgens kein Vogelzug statt, so erfolgt bestimmt im Laufe des Tages ein Wettersturz; und er ergänzt: da muß wohl beim Zugvogel die unbewußte erdkundliche Erfahrung vieler tausend Generationen mitspielen. Aber er vermag sich nicht zu dem Hauptschluß aufzuschwingen: Folglich verstehen die Vögel mehr von der Meteorologie als wir Forscher. Denn vermöchte er es, so müßte er weiter schließen: der von mir als dumm erklärte Vogel überragt mich in einer Wissenschaft, folglich bin ich noch dümmer als er; und das kommt dabei heraus, wenn man die ganz anthropozentrischen Begriffe Höher–Nieder in irgendwelche biologische Betrachtung hineinträgt. Lukian : Verehrter Aristoteles, du warst einer der ersten, der das getan! Aristoteles : Und nun will ich der erste sein, der sich davon losringt. Muß man gerade ein Saulus sein, um seinen Tag von Damaskus zu erreichen? und muß man am Dogma festkleben, bloß deswegen, weil man es selbst einmal aufgestellt hat? Ich halte mich nicht an einem Gerüst fest, zu dem ich das Bauholz geliefert habe, wenn ich erkenne, daß es baufällig und sturzreif ist. Heute sehe ich alle Tierkunde im Dogma erstarrt, und ich bin sicher, auch in der Geschlechtskunde werden wir genug Dogmatisches aufspüren. Aspasia : Also darauf willst du hinaus. Du möchtest unserem Programm zufolge die menschliche Sexualität in Beziehung setzen zur tierischen, und hast vorläufig mit deinem Exkurs auf Klug und Dumm nur die Richtlinie bezeichnet. Gleichviel, wenn nur schließlich für das Erotische etwas Belehrsames herauskommt. Aristoteles : Richtig erkennst du das Ziel, und indem du mich ermunterst, die Richtlinie fortzusetzen, verheißt du mir auch Nachsicht. Denn es wird hier nicht so einfach und harmlos zugehen, wie in den alten Phrygischen Tierlegenden, die unsere Jugend erheiterten ... Eine Stimme aus dem Hintergrund meldete sich zu dem Zwischenruf: Gut, dann wird man eben neue Tierfabeln erfinden! Öffne nur den neuen Weg, entdecke uns neue Beziehungen von Tier zu Mensch, und dann wollen wir zusehn, ob wir nicht auch in die Tiersprache einen neuen lustigen Sinn hineinlegen können. Der Zuruf ging von einem schiefgewachsenen Greise aus, sicher dem ältesten Mitgliede dieser Runde; aus seinen Augen blitzte der Schalk, und man brauchte seine Divination nicht anzustrengen, um die Person nach Namen und Herkunft zu erraten. Lieber Äsop , sagte Aristoteles, du würdest heute als neuer Fabulist einen schweren Stand haben, denn mit deinen niedlichen Vorstellungen von Tugend und Ehre im Tierreich ist hier nicht durchzukommen. Wenn die Fabel ein Spiegel sein soll, worin der Mensch sich selbst erkennt, so müsste er heut ganz anders geschliffen werden, als vormals. Denn die Optik des Planspiegels wird unzulänglich für alle geschlechtlichen Reflexe, und diese lagen dir ja ganz fern. Für dich war die Kreatur ein Verzehrer, Räuber, Opfer, Held, Narr, oder was immer, aber kein Samenträger, und deine Kreatur lebte eine persönliche Existenz außerhalb der Art und Begattung. Deine Bestie war zum Beispiel eifersüchtig auf eine andere, die ihm einen Freßknochen oder Käse abjagte, aber nicht auf den Rivalen, der ihm zum Verdruß ein Weibchen bespringen will. Diese Eifersucht interessiert uns augenblicklich mehr, und wir hätten also den Spiegel so umzuschleifen, daß er uns die menschliche Eifersucht, sexuell genommen, im Reflex der tierischen zeigt. Äsop : Wozu erst die Umstände? das liegt doch ganz einfach. Das Tier haßt seinen Liebesgegner, tötet ihn, verstümmelt ihn, und der Mensch tut ganz dasselbe, möchte es wenigstens ebenso machen. Ich sehe da kaum einen Unterschied. Plinius : Ich sehe einen, oder vorsichtiger gesagt, ich fühle ihn. Beim Übergang vom Tier zum Menschen, wo sich soviel verändert hat, müßte sich doch auch in der Eifersucht eine Wandlung vollzogen haben. Aristoteles : Das sollte man annehmen. Und da nach der Meinung sämtlicher Entwickelungslehrer vom Typus Darwin die bestialischen Überlieferungen immer mehr verschwinden, um dem geistig-moralischen Platz zu machen, so könnte vielleicht auch die Eifersucht, als ein bestialischer Grundtrieb der Evolution unterliegen. Sie hat entweder ihre Metamorphose schon durchgemacht, oder sie erwartet sie noch. Äsop : Beides höchst unwahrscheinlich. Denn die Liebe hat vor dem Hunger keinen Vorsprung, und ich kann mir eine eifersuchtslose Menschenwelt ebensowenig vorstellen, wie eine, die nicht frißt. Aristoteles : Der Vergleich hinkt. Denn die Eifersucht ist nicht äquivalent dem Nahrungstrieb, sondern der Raubgier, mit der Wolf und Affe dem Nachbarn den Knochen oder Käse vom Munde reißen. Nun zeigt aber die Entwickelungsgeschichte, daß diese raubwütige Freßgier zwar als eine sehr verbreitete, aber nicht als die alleinige Form des Nahrungswillens auftritt, und daß sie durch friedliche Übereinkunft auf sozialem Wege ausgeschaltet werden kann. Es wäre mithin auch denkbar, daß ihr Gegenstück, die sexuelle Eifersucht, nicht unbedingt mit der Gewalt eines Naturgesetzes aufzutreten braucht. Wir gelangen hier an parallele Erscheinungen, die ein Grenzgebiet zwischen Morphologie und Psychologie bezeichnen. Der Mensch will die Distanz zwischen sich und dem Tier vergrößern, will den Vorgang durch eigenen Eingriff beschleunigen, über die Maßnahmen der Natur hinaus. Die Eingeborenen am oberen Nil wissen nichts von Oken und Darwin, aber sie wünschen Evolution; sie schlagen sich alle Schneidezähne aus mit dem alleinigen Motiv, daß sie sich vom gezahnten Tier möglichst auffällig unterscheiden wollen. Auf dem malayischen Archipel glaubt man sich schämen zu müssen, wenn man weiße Zähne »wie ein Hund« hat, und tüncht sie deshalb mit allen Farben. Ich vermute, daß du, Plinius, aus deinen jüngsten Studien ähnliche Beispiele zur Hand hast ... Plinius : Soviel du willst: gewisse Indianerstämme reißen sich die Gesichtshaare, Augenbrauen und Augenwimpern aus, indem sie sagen, sie wünschen nicht »wie Pferde« auszusehen. Das Streben, sich dem Tier zu verunähnlichen, ist sicher allgemein, und ich denke, der größte Teil aller Modenarreteien wird darauf zurückgeführt werden können. Aristoteles : Nun, Äsop, fabuliere! wie müßte ein Tier, das von diesen Dingen Kenntnis erhält, zum Menschen sprechen? Äsop : Das ließe sich ausmalen, wohlverstanden in deinem Gedankengange, der mir immer noch nicht ganz einleuchtet. Aber ich bin ja hier, um mich und meine Fabeltiere auf aristotelisch umzuschulen. Also dann nehme ich etwa einen Pavian und lasse ihn reden: Mensch, was treibst du für Torheit! Du willst anders aussehn als wir, bleibst aber im Wesen unseresgleichen. Deine Arbeit ist Pfuscherei. Willst du von uns abstechen, so wirf die Eigenschaften der Tierseele von dir. Reiße dir nicht die Haare und Zähne aus, sondern die Eifersucht, dann wirst du anders sein , nicht bloß scheinen . Aristoteles: Das läßt sich hören. Und dein gescheiter Pavian liefert zugleich einen wirkungsvollen Grund gegen die ganze Evolutionslehre, die nichts anderes ist, als ein unverbundenes Gemenge von Beobachtungen, die nur Tatsachen beschreibt, ohne sie zu erklären. Denn wenn die Eifersuchtslosigkeit der höhere Zustand sein soll ... Aristipp: Sie ist es! und die praktische Vernunft wird es allmählig begreifen, daß eine wahre Glückseligkeit gar nicht zusammenbestehen kann mit der Eifersucht, welche die Liebe vergiftet. Aristoteles: Das heißt doch, die Natur hätte ihre ganze geschlechtliche Zuchtwahl, den ganzen Sexualkampf nur provisorisch eingesetzt, und behielte sich vor, ihn später wieder abzuschaffen. Aber damit fällt doch die Evolutionstheorie überhaupt. Denn wie wollte die Natur ein »Höher« erzielen, ohne die Sexualmethode, die nur die Besten, die Kampflustigsten und Eifervollsten zur Fortpflanzung ausliest und übrigläßt? Aristipp: Das ist eben ein unbewiesenes, haltloses Dogma, und du selbst hast doch erklärt, daß man sich vom Dogmatischen befreien muß. Gäbe es in den Effekten der Liebesauslese ein »Höher«, so hätte der Höchststand doch schon längst erreicht sein müssen in den Jahrmillionen der Emporzüchtung, und wo ist er anzutreffen? Beim Brunfthirsch, beim Othello, der seine Frau erwürgt, oder beim Werther, der lieber auf alle Fortpflanzung verzichtet und sich meuchelt, weil er es nicht ertragen kann, daß seine Lotte zu einem andern ins Brautbett steigt? Nein, es gibt kein Höher und Nieder, die ganze Emporzüchtung ist ein Schwindel, jede Kreatur ist niederst und höchst zugleich, jeder Mensch ein Wurm, jeder Wurm ein Gott, je nachdem man den Betrachtungsapparat so oder so einstellt. Keine natürliche, keine sexuelle Auslese verbessert etwas, sie variiert nur immerfort kaleidoskopisch, und sie kann gar nichts verbessern, da die Qualitäten Gut und Ungut gar nicht in ihr vorkommen. Und wenn ich selbst vor einer Minute eine höhere Glückseligkeit in Anspruch nahm, so unterlag ich einem der tausend Sprachschnitzer, die man durchschaut, ohne ihnen entfliehen zu können; ich wollte damit nur sagen: unter den Geistesvariationen der Zukunft wird sich eine befinden, welche die wutfreie Liebe als angenehmer empfinden wird, als die von allen Affekten der Eifersucht gepeitschte. Und ich füge hinzu: auch das braucht nur ein Übergang zu sein, und wieder ein paar tausend Jahre später kann sich vielleicht aus einer Vereinigung von Liebe und Kannibalismus eine neue Freude ergeben. Denn wir alle leben in unabsehbaren Atavismen, die Evolution ist nichts als ein Drehzirkel, und es liegt nur an der Beschränktheit des Alltagsverstandes, wenn er den jeweils erreichten Zirkelpunkt als den obersten betrachtet. Aristoteles: Da hätten wir also etwas sehr Unplatonisches angerichtet. Uns wurde aufgegeben, ein erotisches Thema anzuschlagen, und beim ersten Exkurs stehen wir an den Trümmern einer Wissenschaft, vor den Ruinen wissenschaftlicher Deutung ... Aspasia: Du sagst das beinah mit elegischer Betonung, und das scheint mir übertrieben, denn für die pietätvolle Trauer ist diese Disziplin doch wohl zu jung; ich meine damit die Theorie der geschlechtlichen Zuchtwahl, deren Folgen als Hinaufzüchtung ihr bestreitet. Wenn ihr Recht habt, so liegt doch nur eine Episode modernen Denkens vor, die auf Ehrwürdigkeit noch keinen Anspruch zu machen hätte. Aristoteles: Nicht richtig, Dame Aspasia. Der Begriff dieser Zuchtwahl ist uralt, er stammt von unserem Dichter Theognis , der fünfhundert Jahre vor der jetzigen Zeitrechnung lebte, lange bevor die berühmte Tafelrunde über den Eros philosophierte. Aspasia: Ich verdiente den Verweis, aber mein Einwand sproß aus keiner Bildungslücke. In dem Augenblick, da du den Namen des Mannes nanntest, fiel mir auch schon seine Dichtung ein, und ich glaube, ich könnte sie hersagen. Wirklich, Theognis trat auf, um in schwungvollen Distichen die Bedeutung einer sorgsam geleiteten Zuchtwahl zu preisen. Aber zugegeben, die Vorstellung der Zuchtwahlwirkung im Geschäft der Paarung ist sehr alt, und die damit versippten Denkfehler blicken auf eine lange Geschichte zurück. Bist du noch weiteren auf der Spur? Aristoteles: Prüfen wir doch mit vereinten Kräften. Das Wort Denkfehler greift nicht überall durch, wo wir in der Liebeswelt zu neuen Erkenntnissen vorstoßen wollen; denn wir geraten da an so dichte Wirrnisse, daß wir schon froh sein müssen, wenn wir nur überhaupt aus dem Allerweltsdenken hin und wieder herauskommen; wenn es uns gelingt, die Auffälligkeiten von irgendeinem neuen Standort anzusehen. Nehmen wir etwa das Rezept der Monogamie . Die Bürger unserer Kulturwelt mögen sie verschieden beurteilen, der eine betrachtet sie als eine staatliche Verordnung, der zweite als eine sittliche Notwendigkeit, der dritte als eine Fiktion, die dem polygam veranlagten Manne viele Auswege läßt; aber die große Mehrzahl wird sich doch in der Beurteilung zusammenfinden, daß die Einehe die beste Garantie für die Veredelung, zum mindesten für die Bewahrung der organischen Güte in den Folgegenerationen gewährt. Die Einehe wird also zweifellos als die wertvollste, weil nützlichste Form der Ehe angesprochen. Äsop : Wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Oder hältst du schon wieder eine Finte im Hinterhalt? Nein, hier könntest du mich nicht verlocken. Gegen jeden Widersacher der Einehe ließe ich meine berühmte Tugendlöwin los, die ihr Kind herausstreicht, »nur eines, aber ein Löwe!« monogam gezeugt mit einem legitim verbundenen Löwenvater. Plinius : Leider stimmt dies ganz und gar nicht. Denn der Wirklichkeitslöwe weiß nichts von der Tugend des Fabellöwens, er hält vielmehr als Pascha einen Harem bis zu fünf Weibchen, und vielleicht verdankt er die Pracht seines Nachwuchses nur seinen polygamen Instinkten. Aristoteles : Nicht nur vielleicht, sondern bestimmt. Denn hier spricht die Selektionslehre ausnahmsweise ganz klar und einleuchtend: wenn das Männchen sich mehrere Weibchen verschafft, so werden viele männliche Individuen nicht imstande sein, zur Paarung zu gelangen, nämlich diejenigen, die an Kraft und Glanz der Erscheinung den Bevorzugten nicht erreichen. Sonach muß die Polygamie sich als besonders günstig für die geschlechtliche Zuchtwahl erweisen, durch Hervorbringung vorzüglicher Sexualcharaktere, die im Sinne der Entwickelung den Wert des Typus steigern. Der Löwe beweist dies zur Genüge. Er ist nach Darwins Zeugnis der einzige Polygamist in der ganzen Gruppe der landbewohnenden Carnivoren, und er allein bietet wohlausgesprochene Sexualcharaktere, in deren Summe wir die Leonitas , die Schönheit, Stärke und Majestät erblicken. Die künstlerische Phantasie des Menschen könnte ohne den Löwen gar nicht auskommen, und indem der Poet und Bildner ihn immer wieder als Sinnbild der Trefflichkeit hinstellt, singt die Kunst zugleich seit Urzeiten das Loblied der Polygamie. Stellen wir einen Zoologen vor eine Spezies von noch unbekannter Lebensweise. Sobald er daran glänzende Eigenschaften wahrnimmt, wird er zunächst schließen: dieses Tier lebt polygam; und er wird sich damit selten irren. Die Züchter durchbrechen mit dieser Einsicht sogar die natürliche Verordnung und sie erzielen damit vortreffliche Ergebnisse. Das Perlhuhn lebt von Natur aus in strenger Monogamie. Zwingt man es aber zur polygamen Paarung, so fördert man sein Gedeihen. Und man braucht das Tier oft gar nicht zu zwingen, es nimmt – wie zum Beispiel die wilde Ente – in der Berührung mit der Hauskultur von selbst den polygamen Instinkt an, zum Vorteil der Brut. Liegt in alledem keine Belehrung? Müßte nicht ein Zarathustra, der die Hinaufpflanzung fordert bis zum Übermenschen, zuerst beim Zoologen in die Schule gehen und dann erklären: Auf dem monogamen Strang ist das Ziel nicht zu erreichen; der höhere Typ kann, wenn überhaupt, nur in der Vielehe hergestellt werden, der »lachende Löwe« in Menschenfigur ist polygames Erzeugnis! Aspasia: Und das würdest du befürworten? Aristoteles: Verehrte Gastgeberin, verschiebe mir nicht das Programm. Du hast mir aufgegeben, Erotisches zu behandeln, um Prospekte aufzufinden, nicht aber um Propaganda zu treiben. Ich stelle Vergleiche an und sehe zu, was wohl dabei vergleichsweise eben herauskommen mag. Und wenn es dir beliebt, so wollen wir damit fortfahren, ohne uns bestimmte Vorsätze aufzubürden und besonders auch, ohne vor Seltsamkeiten zurückzuschrecken, die uns möglicherweise in Widersprüche verwickeln. Denn das kontradiktatorisch Unauflösliche ist das Wesen der erotischen Materie. Wir werden nicht umhin können, den Oberbegriff der Liebe an sich zu modifizieren, denn die anscheinend so sichere Formel »der Mann liebt das Weib – das Weib liebt den Mann« wird im Tierreich brüchig; und in manchen Fällen wird die Polarität der Geschlechter zu einer Polarität der Gefühle. Daß das Weibchen im allgemeinen spröde ist und Werbung verlangt, ja sogar vielfach dem liebenden Angreifer zu entrinnen versucht, das erkennt ja schon die oberflächlichste Betrachtung. Dabei bleibt indes die Annahme bestehen, daß es seine Liebe aufspart für dasjenige Maskulinum, das ihm am besten gefallen und seinen Paarungstrieb am kräftigsten aufregen wird. Genügt diese Voraussetzung? Mir genügt sie nicht, und ich erwähne, daß sie auch von neueren Forschern sehr skeptisch aufgenommen wird. In vielen Fällen muß nämlich die Ansage lauten: das Weibchen wählt zur Begattung nicht dasjenige Männchen, das ihm am meisten gefällt, sondern dasjenige, das ihm am wenigsten zuwider ist. Abgestoßen wird es von allen! Es liebt keinen einzigen, steckt jedesmal in der Zwangslage und entscheidet sich für das geringste Übel, für dasjenige Individuum, das es weniger abstößt als die übrigen. Der Grund hierfür liegt, wie ich glaube, in der urlangen Gattungserfahrung. Dem Weibchen sind durch instinktives Wissen die Folgen der Befruchtung bekannt, die ihm Mühsal bringen, während das Männchen nur mit sinnlichen Freuden daran beteiligt ist. Und dieses Vorauswissen organisiert sich im Weibchen zu einem Abscheu vor dem Akt und vor dessen Vollstrecker. Schließlich zerreißt die Natur die Schranke des Abscheus und zwingt das Weibchen sogar nicht selten in eine gewisse Anhänglichkeit. Aber diese ist kein Ausdruck der Liebe, wie wir sie verstehen, sondern eine peinliche Umschreibung, mit der das Weibchen bekennt: diesem einen Gräßlichen bleibe ich treu, denn er behütet mich davor, in die Liebesfänge eines noch Gräßlicheren zu fallen! Aspasia: Das alles ließe sich zu hübschen Albumblättern für menschliche Freite und Heirat verarbeiten. Aristoteles: Und noch mehr. Denn hier zerbricht die Hauptformel, und wir merken, es muß auf dem Liebesregister der Kreaturen noch etwas geben, wofür wir gar kein Wort besitzen; weil wir in unserer sprachlichen Sudelküche viel zu unsauber arbeiten. Auf unserer Kategorientafel finden wir: Liebe, Haß, Lust, Unlust, Begierde, Widerwillen, und ich selbst sprach soeben von Abscheu, obschon ich es hindurchfühle, daß auch dieser Ausdruck nicht genau paßt. Denn das Weibchen bleibt doch immer Geschlechtstier, und wenn es sich unter irgendwelcher Bedingung ergibt, so geht in seinen Organzellen Erotisches vor. Wie sollen wir nun den Trieb benennen, der sich hartnäckig der Definition entzieht? in dem das Spröde und die Repulsion vorwaltet, ohne daß die Willfährigkeit und Attraktion gänzlich verschwinden? diese Empfindungsqualität, die ersichtlich auch beim Menschen eine große Rolle spielt mit Ekelgefühlen mitten in der Lust? Ich schlage als Wort ein Surrogat vor: die Liebe mit entgegengesetztem Vorzeichen ... Aspasia : Das wäre doch gleichbedeutend mit Haß. Aristoteles : Keineswegs. Denn zum Haß gehört ein gesondertes Motiv außerhalb der Liebesfunktionen. Man haßt einen Feind, der nach dem Leben, aber nicht einen Bewerber, der nach der Gunst trachtet. Wir müssen also eine Negativ-Liebe annehmen, die sich in Sprödigkeit zu erkennen gibt, aber sozusagen rechnerisch für Begattung und Fortpflanzung verwendbar bleibt. Und ich habe Ursache zu der Annahme, daß diese Liebe mit entgegengesetztem Vorzeichen in der belebten Natur eine ungeheure Rolle spielt; vielleicht eine so große wie die negative Elektrizität gegenüber der positiven in allen mechanischen Vorgängen. In der gesamten Welt-Erotik gibt es nach Quantum genau so viel positive wie negative Liebe, sie gleichen einander aus, und ergeben in Plus und Minus vereinigt das Fazit Null; das heißt, ein positiver Effekt der gesamten Liebestätigkeit auf Erden wird niemals nachzuweisen sein. Aspasia : Ein reizendes Resultat! Ich fürchte, Aristoteles, du wirst damit deine Weltstellung, deren Erschütterung du selbst beklagtest, nicht sonderlich befestigen. Du forderst nicht mehr und nicht weniger als die Verwirklichung des Paradoxon: Eros hat aus der Erotik zu verschwinden. Plinius : Mit Verlaub, Dame, das hat er nicht gesagt. Er behauptet nur, daß Eros, soviel er auch im Einzelnen schafft, nicht das geringste zuwege bringt, wenn man sämtliche erotische Erscheinungen zusammenzieht und gegeneinander aufrechnet. Das klingt ja auch noch recht paradox, steht aber in guter Übereinstimmung mit dem Naturgesetz von der Erhaltung der Kraft, wonach sich trotz aller Varietät der Kraftbetätigungen im Gesamtbestand nichts ändert. Gewiß, Eros schaltet, wirtschaftet und hat alle Hände voll zu tun. Wenn er aber am Ende seine Bilanz zieht, so wird er kein Saldo an Verbesserung antreffen, und die gesamte Entwickelung in Art und Individuum wird sich lediglich als eine Verschiebung herausrechnen; wie sich die Tropfen im Ozean verschieben, ohne daß eine andere Meeresform aufgezüchtet wird. Aristoteles: Und wenn wir mit den alten auch die neuen Vorurteile verbrennen, so brauchen wir nicht zu klagen, daß auch die Moral zum Schlot hinausfliegt. Die ist das fadenscheinige Mäntelchen, mit dem sich die sexuale Evolutionistik umhüllt, um ihre klappernden Gelenke zu verbergen; ja vielleicht wird sie ohne den Moralmantel eher aufgelegt sein, diese Glieder in Behandlung zu nehmen um sie von ihrer Klapprigkeit zu kurieren. Ich halte meine »Liebe mit entgegengesetztem Vorzeichen« für ein ganz brauchbares Medikament; natürlich nur in Hinsicht einzelner Fälle. So wird berichtet, daß viele männliche Hechte von den weiblichen verschlungen werden »infolge ihrer geringeren Größe«. »Infolge« ist eine klapprige Vokabel. Sie verwechselt die mechanische Möglichkeit mit dem Motiv, das durchaus nicht bloß Freßgier zu sein braucht. Der weibliche Hecht kann vielmehr auch ein Paradigma sein für die Identität von Liebe und Fressen, der wir im Tierreich so oft begegnen, und die auch der Mensch in Resten aufbewahrt; denn der Beiß-Kuß und derlei verliebte Blutrünstigkeiten, selbst bis zum verfeinerten sanftesten Lippen-Kuß sind die letzten Spuren dieser Identität »Lieben gleich Fressen«. Nur daß sie beim Hecht als Liebe mit negativem Vorzeichen deutlicher herauskommt. Der Hecht-Mann kann sich übrigens mit dem Schicksal vieler Geschlechtsgenossen trösten; sie feiern auch in anderen Spezies fleischfressender Fische oft genug ihre Hochzeit im Magen der Gattin. Wie beurteilt nun der moderne Forscher solche Vorgänge? Er regt sich auf und fällt Moral-Urteile, weil ihn die Wissenschaft zur Anthropozentrie erzieht. So einer sieht ein Spinnenmännchen, das mitten in seinen vorbereitenden Liebkosungen von dem Gegenstand seiner Aufmerksamkeit ergriffen, in das Gewebe eingewickelt und dann verzehrt wird; ein Anblick, der den Beobachter, wie er ausdrücklich hinzufügt, mit Schrecken und Indignation erfüllt. Sehr moralisch empfunden und ebenso töricht; aber wie soll er anders empfinden, da er selbst als armer Spinnerich im Moralgewebe der Entwickelungslehre festsitzt? Nicht einmal das fällt ihm ein, daß die Beobachtung bei den Spinnen überhaupt zwischen Nahrungsfresserei und Liebesfresserei nur schwer unterscheidet; und daß unter der Decke des fettgedeckten Nahrungstisches sich etwas ganz anderes verbergen kann, eine negative Liebe, die mit Beißen und Schlingen ein erotisches Fest begeht. Der Mann wird dabei je nachdem Zuträger der Speise, oder die Mahlzeit selbst. Im Normalfall verabreicht er der künftigen Spinnenmutter ein Nahrungsklystier, indem er die samenbeladenen Tastspitzen seines eigenen Freßkiefers in die Scheide des Weibchens stößt. Im Sonderfall verwandelt die Spinne den Hochzeiter in einen Braten, unbekümmert um den moralischen Weheruf des betrachtenden Forschers. Eine Seiten-Illustration zu vielen menschlichen Begebenheiten, in denen die Dichtersentenz variiert wird: Es stirbt der Mann am Weibe! * * * Plinius : Deine Methode, Kollege, verspricht insofern Erfolg, als sie auf neue Begriffe lossteuert. Wonach zuerst die Philosophie große Arbeit zu leisten hätte, um der notleidenden Biologie auf die Beine zu helfen. Ich will dir nun Beispiele vorlegen, an denen du solche Hilfe versuchsweise gedankenexperimentell erproben magst. Beispiele, deren Tatsächlichkeit verbürgt ist, und von denen ich einige sogar in eigener Beobachtungspraxis bewahrheitet fand: obschon ich gestehen muß, daß sie in meinem Verstandeshorizont absolut nicht unterzubringen sind. So ist die Begattung des Tintenfisches für mich schlechterdings unverständlich, und mit menschlichen Augen angesehen, bleibt das Faktum selbst eine Unmöglichkeit. Man möchte es leugnen, selbst wenn man es sieht. Äsop : Heraus damit! Wenn's was Fabelhaftes ist, schlägt es ja in mein Fach. Plinius : Nein, Äsop, mache dir keine Hoffnung. Denn, keine menschliche Fabulierkunst reicht an dieses Mirakel heran. Um eine Hauptsache vorwegzunehmen: der Tintenfisch, der verliebte Kraken, kastriert sich, wenn er befruchten will! er entmannt sich, um seine Mannesfunktion auszuüben. Äsop : Aber das ist doch ein Widerspruch in sich selbst! Genau so, als wenn man sich einen Adler vorstellt, der sich seine Flügel ausreißt, um besser fliegen zu können. Besinne dich, Plinius, und erzähle uns keine Dinge, die allen Menschenverstand auf den Kopf stellen! Plinius : Ich bleibe streng bei der Wahrheit. Zuerst besitzt der Tintenfisch sehr merkwürdige Leibesglieder, Arme von ungleichem Wert, denn ein Arm dient ihm zugleich als Liebesorgan und ist mit seiner Sexualsubstanz gefüllt. Und jetzt, im Moment der höchsten Brunsttollheit, begibt sich etwas Katastrophales: Dieser Arm, das Geschlechtsglied, wird wie ein Speer abgeschleudert, mit jähem Ruck vom Kraken losgerissen und begeht am Weibchen den Begattungsakt, ohne daß sein Besitzer, der Tintenkerl, überhaupt dabei ist . Er wirtschaftet unabhängig vom Gesamtkörper im Innern der Tintenfrau mit explodierenden Streukegeln von Samen, so selbstständig, so zusammenhangslos, daß er von einigen Beobachtern als ein ganz besonderes Tier beschrieben worden ist; als ein Eingeweidewurm, während er in Wirklichkeit nichts anderes ist, als ein losgesprengter Phallus; ein abgeschlossenes Genitalwesen, das für sich einen wild erotischen Roman erlebt. Und hier erhebt sich die abenteuerliche Frage: wer begattet eigentlich? wer genießt die Wollust? in wessen Empfindung kombiniert sich der Liebesdrang mit der Triebstillung? Ich weiß keine Antwort. Aristoteles: Sicher ist das eine: hier liegt der Kern des ganzen Liebesproblems. Die Natur hat uns den Kraken, den Kopffüßer hingestellt, als ein lebendes Modell, dessen Konstruktion das tiefste Geheimnis der Erotik andeutet. Denn hier sehen wir, daß die Frage der Liebe aufs innigste zusammenhängt mit einem weit allgemeineren Problem. Wie weit reicht das »Ich« einer Kreatur? ist es da zu Ende, wo der Körper in räumlicher Begrenzung aufhört? Dann bliebe dieser Begattungsakt völlig rätselhaft und unsinnig. Entschließt man sich aber zu der verwegenen Annahme: das »Ich« reicht weiter, zwischen dem brünstigen Kraken und seinem abgerissenen Tentakel bleibt die Einheit des Ich-Bewußtseins bestehen, so gewahrt man einen Lichtschimmer. Und dieser Schimmer kann heller werden, kann über alle Kreatur bis in die Menschenseele hineinleuchten und ihr zu einer Offenbarung verhelfen. Ich behaupte jetzt allen Ernstes: die geometrische Trennung zwischen Kraken und Krakenglied zerreißt den Ich-Zusammenhang der Teile keineswegs. Es ist dieselbe scheinbare Zerreißung wie zwischen dem liebenden Menschenmann und seinem Samenfaden, der sich von ihm fortsprengt, um in die Eizelle des Weibes zu dringen. Wenn die Nerven des Mannes dabei Wollust empfinden und in seinem Hirn Glücksgefühl tobt, so ist dies nur das Rückbild einer Lust, die örtlich, sogar zeitlich von ihm getrennt in einem ganz anderen Raume aufflammt. Danach würde jedes Tier und jeder Mensch den Kraken-Vorgang wiederholen; und wenn sich unser Denken gegen diese Vorstellung aufbäumt, so liegt dies daran, daß wir über unser eigenes Ich, über die Grenzen unserer Persönlichkeit in einem Wahn leben. Gelingt es uns aber, jene Vorstellung denkerisch zu bemeistern, so gelangen wir von einem erotischen Ausgangspunkt an ein Hauptziel der Weltweisheit, an eine Erweiterung der Grunderkenntnis. Denn das Problem des Seins und Werdens hängt aufs engste zusammen mit der Frage: Ist das »Ich«, das abgegrenzte Individuum, eine Wirklichkeit oder vielleicht nur eine Fiktion? Zunächst erscheint es fürchterlich, wenn es ausgesprochen wird: das »Ich« ist nicht zu retten, es ist eine Täuschung, die uns mit ungeheurer Überredung und Gewalt durchs Leben begleitet. Es hat sich in uns gebildet als Reflex einer uns gänzlich unbekannten kosmischen Einheit, aus dem mystischen Gefühl heraus, dieser erträumten Einheit müsse eine subjektive, persönliche Einheit gegenüberstehen; Reflex irgendwelcher Tatsachen da draußen, die an sich nur Bewegungen sind, Schwingungen, quantitative Strukturdinge, die von den Sinnen aufgenommen zu qualitativen Empfindungen umgetäuscht werden. Hierauf baut die Identitätsphilosophie ihr Doppelspiel: Einheit der Welt – Einheit des logischen Bewußtseins, zwei Imaginärgrößen, aus deren Vereinigung wiederum etwas Imaginäres entspringt: Einheit des Subjekts. So arbeitet jeder Mensch als Identitätsphilosoph, und nur der denkkräftigste vermag zu erahnen, daß das »Ich«, die begrenzte Persönlichkeit, in der Welt der Realitäten gar keine Stätte findet. Leise Spuren dieser Gedankenwege lassen sich tatsächlich bis zum ursprünglichen Aristoteles zurückverfolgen. Wie er hier vorgestellt wird, verarbeitet er auch Ergebnisse der Neuzeit und gelangt damit an die hier dargelegten Folgerungen. Diese dringen in biologische Gründe, wären aber kaum möglich gewesen ohne die Vorarbeiten der Denker Fechner, Avenarius, Mach, Mauthner, Vaihinger u. a., die nicht von der Zoologie herkamen, sondern von der Philosophie. Ist aber das Bewußtsein keine Einheit, sondern mannigfaltig wie die Welt da draußen, so ist zu denken, daß das Selbst hinübergreift in die Nachbarschaft, dergestalt, daß ein ganzer Komplex von Organismen, eine Art, Gattung, die Tierheit, die Menschheit, ein stärkeres Recht hätten, von ihrem Ich zu reden als das Einzelwesen. Und hieraus ergäbe sich eine schöne und trostvolle Gefühlsproportion. Was lehrte uns der liebende Kraken? – die Distanz wird bedeutungslos vor dem Gefühl; das abgelöste Genital hat das Tier über sich, dieses die Spezies bis zur Klasse und weiter hinauf, und so verschwindet das enge Ich nur, um einem erhöhten Über-Ich Platz zu machen. Also ist auch das einzelne erotische Menschentier nur eine Vorstufe zur Gesamtheit, die sämtliche Liebesakte zugleich mit einem unvorstellbaren, aber sicher vorhandenen Liebesbewußtsein aufnimmt. Wie sich das Atmen des Meeres in Flut und Ebbe zu einer einzigen Atmung einer Lunge verhält, so dieses erotische Bewußtsein der Gesamt-Ichs zu den kleinlichen Wollüsten des Einzelwesens. Wir sind damit noch sehr weit entfernt von einem Begreifen, aber dem Erkenntnistheoretiker muß es genügen, die Vorurteile abzuschütteln, die den Suchenden mit Sicherheit in eine falsche Richtung drängen. Solch ein Vorurteil ist der Wahn, ein Geschöpf müsse unbedingt den Liebesakt mit den unserer Vorstellung geläufigen Mitteln einer Injektion ausführen, mit einem besonderen, fest an ihm haftenden Instrument. Es geht eben auch anders, und je größeren Spielraum wir dem Begriff »Individuum« gewähren, desto leichter gewinnen wir allgemeine Gesichtspunkte, wo der schulmeisterliche Beobachter am Kuriosum und an der Schrulle der Natur hängen bleibt, ratlos staunt, sich entrüstet, oder zum Gelächter Veranlassung findet. Und so auch umgekehrt: je mehr wir uns im Felde erotischer Seltsamkeiten tummeln, desto deutlicher wird uns die Einsicht, daß mit dem blanken Individual-Begriff der Natur gegenüber nicht auszukommen ist. Plinius : Vielleicht wäre es förderlich, ihn überhaupt dehnbar zu machen. Nehmen wir ein Kleinwesen, das Wassertierchen Amöbe, das sich durch einfache Teilung fortpflanzt. Die Amöbe besitzt keine differenzierten Organe, sie frißt, atmet, sondert ab und zeugt, mit dem ganzen bißchen Substanz ihres Körperchens. Man könnte sagen, so groß oder so klein sie besteht, ist sie ganz Mund, ganz Magen, ganz After, ganz Geschlechtsorgan. Psychisch mit uns verglichen ist ihr Bewußtsein gewiß minimal, aber wenn sie sich spaltet, wenn sie zeugt – und das tut sie unaufhörlich – ist ihr ganzes kleines Ich ein Stückchen verkörperte Liebe, auf der Stufe schwacher Bewußtheit restlos etwas Erotisches. Ohne Begrenzung fließen Vater-Mutter-Kindschaft ineinander, und jedes dämmernde Einzel-Ich der Amöbe mag schon von den erotischen Süßigkeiten aller Folgegeschlechter erfüllt sein, denn ihre stetige Teilung zu lebendiger unabsehbarer Progression umschließt die Unsterblichkeits-Idee, die den metaphysischen Grund aller Liebe bildet. Wie stellt sich nun hier die Persönlichkeit des einzelnen Tierchens dar? als unendlich klein, wenn man es herausfischt oder seinen Wassertropfen verdampfen läßt; als unermeßlich, wenn man ihm die Bedingungen seines Gedeihens nicht verkümmert. Anderer Fall: Bei der Arachnidensorte Nephila sind die Männchen so klein, daß sie wie Parasiten, wie Läuse auf ihren Gattinnen leben. Nichts läge im Wege, das Nephilapärchen als ein einziges Individuum von überwiegender Weiblichkeit aufzufassen, da Er räumlich und dynamisch gegen Sie gar nicht in Betracht kommt. Man könnte aber auch sagen, dieses Individuum sei überwiegend männlich, da Er sich trotz seiner Kleinheit in seinen Mannesrechten behauptet, und Sie trotz ihrer Größe gegen seine Gelüste wehrlos ist. Noch dehnbarer und zugleich verschrumpfter wird der Individualbegriff bei der Wurmsorte Bonellia , bei der man eigentlich sagen müßte: ihr Ich-tum hat das seinige moralisch aufgefressen, nicht physisch; sie hat ihn erotisch verschlungen, und er lebt in seiner männlichen Erbärmlichkeit in ihr fort, mit einer Existenz, gegen die ein Parasitendasein noch erhaben wirkt. Den Herrn Nephilus hätte man noch mit einem würdelosen Menschenmann vergleichen können, der nichts ist, nichts hat und auf dem Reichtum seiner Eheliebsten schmarotzt. Das fällt hier fort. Die Wurmfrau Bonellia viridis , im Adriatischen Meer beheimatet, übertrifft ihren Gemahl in der Länge um das Siebzigfache, mithin an Körperlichkeit und Gewicht um mehr als das dreihunderttausendfache, und Bonellius, der sich teils in ihrer Speiseröhre, teils in ihrer Geschlechtsöffnung aufhält, verschwindet vollkommen in ihr. Damit erlischt aber auch die Möglichkeit einer Orientierung, alle Maßstäbe versagen, dieses Verhältnis von männlicher zu weiblicher Individualität bleibt – für mich wenigstens – gänzlich unfaßbar. Aristoteles : Versuchen wir trotzdem, eine Lichtluke zu öffnen, und zwar dadurch, daß wir abermals einen Fehlbegriff von der Kategorientafel fortwischen. Wir sagen: Männchen–Weibchen und kleben an dieser unverbrüchlichen Zweiteilung fest, während die Natur weit darüber hinausgeht. Denn ihr ist das Individuum gleichgiltig und nur die Gattung wichtig. Nichts zwingt mich, jenen winzigen Wurm als ein geschlossenes Mannessystem anzuerkennen; ich erinnere mich des Krakenproblems und sage: dieser Wurm ist ein abgesprengtes Tentakel, ein Samensplitter, das die Gattung zum Zweck der Befruchtung ausschleudert und das seine Sendung erfüllt wie ein Spermafaden im Weibeskörper. Ihr wollt dieses Fädchen ein »Tier« nennen? damit befriedigt ihr nur ein Sprachbedürfnis, denn das »Tier« ist undefinierbar. Man braucht sich bloß von der Worttyrannei loszumachen, und die Monstrosität verwandelt sich in eine anschauliche Analogie. Jenes Wurmweib ist gar keine Riesin, sie ist so wenig mit dem eingesperrten Zwerg verheiratet, wie eine Frau mit dem Zoosperm, das sie herumträgt und dessen Selbst in ihrem Eigenwesen aufgeht. Wiederum ein Modell, das uns aufzeigt: wir setzen Definitionen hin und geraten an den Punkt, wo sie nicht passen; woraus folgt, daß sie von Anfang an falsch waren; denn sobald wir sie nur im leisesten korrigieren wollen, passen sie wieder nicht an den andern Modellen. Jedes Problem, so auch jedes erotische, ist im Grunde ein Definitions-Problem. Und da wir mit Ausnahme rein mathematischer Dinge überhaupt nichts definieren können, so lehrt unsere erotische Erörterung: die Lichtluken, die wir allenfalls öffnen können, geben den Blick nicht frei auf Begreiflichkeiten, sondern auf funktionale Zusammenhänge. Der Wissenschaft fällt letzten Endes die Aufgabe zu, diese Zusammenhänge so herauszuarbeiten, daß möglich viele Beziehungspunkte zwischen Weltlogik und Menschenlogik kenntlich werden. Das ist das Ziel einer Philosophie, welche Einsichten zu lehren und Verzichte zu lernen haben wird. Aus keiner Quelle aber fließen ihr die Tatsachen, die ihrer Arbeit den Rohstoff liefern, so reichlich zu, wie aus dem Born der animalischen Liebe. * * * Und das Künstlerische? Es ist doch vom Erotischen gar nicht abzutrennen, wir alle sind davon durchdrungen, daß Schönheit und Künstlertraum als Derivate aus Liebesprozessen fließen. Aber vorläufig führten die Naturforscher das Thema am metaphysischen Zügel, und es bedurfte des Eingriffs der Aspasia, um im Gelände der Untersuchung einen freundlicheren Weg freizumachen. Sie widersprach nicht direkt, aber gab zu erkennen, daß ihr nach soviel Verzichts-Philosophie freudigere Ausdeutungen der erotischen Dinge willkommen wären. Es kam von ihr wie der Mahnruf in der Chorsymphonie: O Freunde, nicht diese Töne, sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudenvollere! Und sie selbst machte sich anheischig, den andern Ton anzuschlagen, wenn man ihr eine kleine Vorbereitungsfrist gestatte. Es entstand eine Pause, die von ihr zweckdienlich verwertet wurde. Wie mir schien, ließ sie sich in einem Seitengespräch von den Forschern einige Positivitäten mitteilen oder bestätigen, die sie brauchte, um von der Sexualität zur Kunst überzuleiten. Da ich der Zeit entrückt war, so kann ich nicht angeben, ob sich diese Pause über Minuten Stunden oder Tage erstreckte. – Werte Genossen, begann die Rednerin, unser Symposion geht zu Ende, und ich habe Anstalten getroffen, um es mit einer kleinen Schaustellung künstlerischer Art zu beschließen. Denn ich glaube, daß sich hier Gedankenbrücken spannen, die zuvor noch nie betreten wurden. Von diesen wollen wir einige wenige aufsuchen, mit dem Vorsatz, stetig zurückzublicken auf die Tiefen der Tierwelt und uns dabei fragen, ob nicht die Niederungen bisweilen Gipfel darstellen. Unsere Ästhetik, sofern sie sich mit derlei Dingen beschäftigt, verfährt immer noch sehr herablassend. Sie erklärt gnädig den singenden Vogel für den Vater der Musik, den bunten Pfau oder Schmetterling, der im Sexualbewerb seine Hochzeitsfarben gewann, für die ersten Andeuter des künstlerisch gestalteten Gemäldekolorits; immer mit dem Vorbehalt: dort liegen nur die Uranfänge, die sich zur eigentlichen Kunst verhalten wie ein Windgeflüster in Baumblättern zu einer sechzehnstimmigen Messe. Wir haben indeß Ursache, die Wertdistanz zu verkleinern, und wenn die Schulästhetik bei ihrem Hochmut verharrt, so ist unsere antike Korona mit modernem Einschlag berufen, das wesentlich andere Urteil der Zukunft vorwegzunehmen. Wir machen eine flüchtige Koloritstudie am Argusfasan. Die Augenflecke auf den Schwungfedern sind so schattiert, daß sie wie lose in Aushöhlungen liegende Ornamente erscheinen, sehr hübsch, aber flach oder konkav; die geometrische Anordnung verdient Lob, der Farbeffekt läßt zu wünschen übrig. Jetzt aber streckt der Vogel die Federn aufrecht in die natürliche durch die Brautwahl bedingte Stellung. Sobald nun das Tageslicht von oben auf sie fällt, begibt sich eine Verwandlung. Jeder Augenfleck wird konvex und gleicht dann sofort jenem ornamentalen Motiv, das man Kugel- oder Sockelverzierung nennt. Zeigt man die Verwandlung einem Künstler, so gerät er in Ekstase über den unvergleichlichen Effekt, und er hat auch alle Ursache dazu, denn in dieser Hinsicht verfährt die Natur erfindungsreicher als alle Künstler zusammengenommen; aber er nimmt die Pracht als etwas Gegebenes, als einen Schmuck, der dem Tier so anwuchs, anstatt zu erklären: dieser Vogel ist ein großer Künstler! denn wie sollte ein abgezogener Begriff, das Abstraktum Zuchtwahl, derartiges zuwege bringen, wenn nicht in dem Fasan die geniale Tendenz obwaltete, solche Herrlichkeit aus sich herauszubilden? Gar nicht zu reden von der unglaublichen Kunststruktur jedes opalisierenden Federstrahls, die um so glänzender wird, je stärker man vergrößert, und die doch im Ingenium des Vogels als Vorstellung gelebt haben muß, bevor er sie als Erscheinung an die Oberfläche warf. Skopas : Immer noch nicht genug, Aspasia: dieser Fasan gefällt nicht nur seiner Geliebten, sondern auch uns, während der Mensch nicht das Geringste von Natur aus trägt, wovon er mit einiger Sicherheit annehmen könnte, es gefiele irgendwem außerhalb des in parteilicher Selbstgefälligkeit befangenen Menschenkreises. Das beweist er sich ja selbst andauernd, indem er sich mit lauter Tiersubstanzen schmückt, mit Federn, Pelz und Seide, ohne inne zu werden, daß er damit dem Tier-Ingenium ein Kunstvermögen zuweist, das dem menschlichen Organismus versagt bleibt. Nur daß der Ästhetiker sich wieder auf den Biologen stützt, der ihm zuraunt: Ja, beim Tier ist das alles bloß zweckvoll, lediglich Nutzeffekt, nicht wie bei uns von künstlerischer Absicht betont ... Aspasia : Bis sich auch hier das menschliche Eitelkeits-Dogma herausstellt. Sage, Plinius: gibt es beim Tier die Kunst um der Kunst willen? Plinius : Das ist klar aufzuzeigen. Denn eine Menge von Schönheitswirkungen sind dem Tier gar nicht nützlich. Vielfach opfert sich das Tier für seine Farben und hervorragenden Zeichnungen, da es durch diese seinen Feinden verraten wird und diesen zur Beute fällt. Ein glanzloser Vogel, Fisch, Schmetterling hätte im Kampf ums Dasein oft weit bessere Aussichten der Lebenserhaltung als ein prächtiger, der sich selbst durch seine Buntheit allen Räubern denunziert. Er leidet an seiner Brillanz, aber er nimmt die Gefahr der Zerstörung auf sich, um das Motiv der Schönheit durchzusetzen. Welche optische Herrlichkeiten gewahren wir bei den Polypen und Medusenglocken, die mit wehenden Schleiern einherziehen, und deren prismatische Färbungen von der Natur gewiß nicht als Schutzmittel erdacht sind. Da sind Stickereibehänge wie aus dem Toilettenschatz einer Märchenprinzessin, Bezauberungen zweckloser Art, wenn man nicht als einzigen Zweck den Schönheitszauber selbst betrachtet. Und wirklich! man muß in die Regionen hinabsteigen, die der Zoologe die niedersten nennt, um in den Anfängen zugleich Höhepunkte zweckfreier Kunst zu entdecken. Aspasia : Wenn wir sonach auch daran festhalten, daß Eros die Grundwurzeln der Kunst einpflanzt, so befreien wir uns doch von dem Wahn, sie bliebe brünstig, bis der Mensch sie zum Übersinnlichen erlöst. Das ist ästhetische Schulweisheit. Der Laubenvogel zum Beispiel betreibt eine Kunst, die gar nicht mehr an der werbenden Person haftet. Er verfährt wie ein Künstler, der eine Idee mit fremdem Material verwirklicht; er entwirft, baut, malt, dekoriert, zimmert eine Arena voller Schmuck für reizende Pantomimen, die den Begattungsakt nur noch szenisch umschreiben. Er dramatisiert seine Zärtlichkeiten. Seine Requisiten sind Muschelschalen, Federn, Knochen, Blätter, und er bietet die größte Anstrengung auf, um in seinem Theater das Gerät einer richtigen Feerie hinzustellen. Die besten Sänger wiederum sind fast nie farbig geschmückt, und in ihrer bescheidenen Federtracht scheinen sie uns anzusagen: der reine Musiker soll nie über die Wirkungssphäre der akustischen hinauswollen; er fühle nicht koloristisch, nicht pomphaft theatralisch, sondern lasse alle Empfindung in Klängen ausströmen. Wir aber, Freunde, wollen uns jetzt den Gegenständlichkeiten der Menschenkunst zuwenden, von denen wir nun nicht mehr behaupten werden, sie seien uns durch eine besondere Gnade des Himmels zugefallen. Einige symbolische Darstellungen mögen uns zeigen, daß die alten Kräfte noch immer fortwirken, und daß wir in aller Kunst nur umformen und vervielfältigen können, was schon in ihrer erotischen Urstufe beschlossen lag. – Plötzlich tat sich zur Seite eine weite Bühne auf, und auf ihr entwickelte sich in rascher Folge eine Reihe von Festspielen, denen man auch an anderem Ort der Aufführung die Aspasische Autorschaft angemerkt hätte. Ihr rhetorischer, geflissentlich dozierender Grundton war nicht zu verkennen, und von Gryllus wurde mir zugeflüstert, daß Aspasia schon in ihrem Alt-Athener Haus, da sie als Lehrmeisterin der Rhetorik auftrat, ähnliche Spiele inszeniert habe. Als szenisches Vorspiel erblickten wir ein Schönheitsfest im alten Syrakus. Ein Ballett ohne Balletteusen. Denn die weiblichen Figuren, deren Wogen die Bühne erfüllte, waren vollkommen frei von zünftiger Dressur. Lose Züge von jungen Mädchen in transparenten Gewändern verschlangen sich wie aus eigenem improvisierten Antrieb zu reizenden Gebilden, die von Sekunde zu Sekunde wechselnd ein inneres rhythmisches Erleben entfalteten. Diese Reigen hätten getönt, auch wenn sie nicht von instrumentaler Musik umspielt gewesen wären; klingende Figuren, die sich nicht aus dem abgemessenen Befehl eines Spielleiters entwickelten, sondern aus dem Bewegungswunsch der Darstellenden. Zeigte sich die erste Phase beziehungslos, in freier Willkür, so gewann die zweite eine symbolische Bedeutung. Die städtische Dekoration verschwand, und auf blauem Hintergrunde entwickelte sich eine Pythagorische Phantasie: der Planetentanz, der das Kreisen der Gestirne durch menschlichen Gliederreigen nachahmt. Die Verse eines unsichtbaren Chorgesangs boten eine Umschreibung des Lukianischen Dialogs über die Tanzkunst, wo erklärt wird: der Tanz habe mit dem Weltall einerlei Ursprung und sei mit dem uralten Amor des Orpheus zugleich zum Vorschein gekommen; denn was sei die regelmäßige Verflechtung der Gestirne, ihre gemeinschaftliche Mensur und Harmonie anderes als Proben jenes uranfänglichen Tanzes? Die Szene veränderte sich und zeigte das Paphische Gestade, den uns allen so wohlbekannten Zyprischen Strand als Örtlichkeit eines mimischen Vorgangs. Die Schaumgeborene stieg aus den Fluten, und die verzückten Ureinwohner sanken anbetend in die Knie. Aber die Göttin verschwand in die Lüfte und hinterließ den Menschen die Sehnsucht als die erste Form eines künstlerischen Wunsches. Würde es je gelingen, diese Vision wiederzubeschwören, festzuhalten, in bildnerischer Gestaltung zu verewigen? Die ersten Versuche bleiben vergeblich, der Wille und die Vorstellung reichen nicht aus, und die primitiven Kunstanfänge verraten unbeholfene, barbarische Züge. Da unternimmt es ein Menschenweib, Phryne, den göttlichen Vorgang zum Neptunsfeste zu wiederholen, als die zweite Anadyomene und als das erste Modell, vor dem die nachschaffende Kunst ihre Technik zu erhöhen vermag. Apelles der Maler und Praxiteles lösen an diesem Modell die Aufgabe, aus Formen einer irdischen Schönen das Übersinnliche zu entwickeln. Kein Zweifel mischt sich ein, ob denn eine käufliche Dirne solcher Ehre würdig sein mag. Nur die reine Anschauung, losgetrennt von Sprödigkeiten der Ethik, bestimmt den Kunstwillen, gibt ihm das Motiv. Zweimal wird die Hetäre zur Venus unter den Händen der Meister. Und in feierlichem Zuge bewegt sich das Volk zum Tempel, in dem auf Geheiß des Praxiteles die Bildsäule der Phryne aufgestellt und priesterlich geweiht wird. Ein Zwischenspiel zeigte mythologische Episoden, in deren Gestaltung eine gewisse Ironie merklich wurde. Wir sahen Romane der Minerva und Vesta, der vermeintlich ganz Unnahbaren, die ihrer umpanzerten Keuschheit zum Trotz schwache Stunden hatten und die erotische Gewalt kennen lernten. Als dritte in dieser Gesellschaft erschien Diana in ihrer Variante als Luna, die mit dem Jäger Endymion ihr silberbeglänztes, mit fünfzigfacher Mutterschaft gekröntes Abenteuer erlebt. Sie war mit einem flatternden Wolkenmantel umhüllt, aus dessen Wallungen sich nach und nach die Töchter lösten; zum lebendigen Zeugnis dafür, daß auch die in stillen Mondnächten keimende platonische Lyrik sich dem Weltgesetz der Zeugung unterordnet. Den letzten Spielen war es vorbehalten, den Einfluß aphrodisischer Mächte auf die Wissenschaft darzustellen. Sie begannen mit einer Atelierszene, wo man Sokrates nicht als ehrwürdigen Philosophen, sondern als jugendlichen Bildhauer erblickte; und es entsprach der historischen Überlieferung, wenn er als Former einer Gruppe gezeigt wurde, welche die Begleiterinnen der Venus, die drei Grazien, zum Gegenstand hatte. Offenbar war Sokrates hier nicht als Vertreter einer Richtung vorgestellt, eher als ein Berühmter, der von der Kunst ausging, um bei der Denkübung zu landen. Die Beispiele sind selten, um so beredtsamer wirkt das eine mit seiner Mahnung: Denker, ladet die Grazien an die Wiege eurer Geisteskinder. Auch die strengste Wissenschaft wird sich diesem Ruf nicht entziehen, und es kann dereinst ein Wechselspiel stattfinden zwischen dem auf mathematische Begriffe zurückführbaren Schönheitskult und der Wissenschaft, die sich mit Schönheit durchtränken will. Verheißungen zeigen sich überall: man rühmt den künstlerischen Schwung abstrakter Darstellungen, und die »Eleganz« algebraisch-geometrischer Beweise. Auf Bereichen, die sonst im Frost erstarrten, keimen liebliche Blüten, die dem Betrachter anzeigen: neben den schönen Künsten ist Platz für die schönen Wissenschaften. Die gemeißelten Grazien auf der Bühne waren lebendig geworden und führten in elysischer Landschaft den letzten Chor-Reigen, worin Frauen und Männer die Zweige und Prinzipien der Forschung allegorisierten. Man sah in geschmeidigen Figuren, die durch Attribute kenntlich gemacht waren, die personifizierten Begriffe des Experiments, des Magnetismus, der Strahlenbrechung, der Astrophysik und viele andere, die gemeinsam eine gebietende Gestalt umschwebten. Es entging mir nicht, daß die Veranstalterin der Festspiele für diesen Reigen auch einige Personen aus der Runde des Symposien herangezogen hatte, und ich glaubte, in einer Hauptgruppe Lais und Aristipp bestimmt herauszufinden. Das Standbild aber in der Mitte bedeutete das Gegenstück der erdwärts gewandten Aphrodite: Venus Urania, die bis zur Vollkommenheit idealisierte Göttin, die nur noch Seele zu Seele paart und die Geister zeugungsfähig macht. – * * * Möglich, daß ich hier etwas ungenau berichte; ja ich darf nicht verhehlen, daß ich für das Finale der Aspasischen Spiele mit meiner Deutung der Vorgänge nicht mehr vollgiltig in Betracht komme. Ich spürte Beklemmungen, Wirrnisse, und jetzt zum erstenmal bedrängte mich das Bewußtsein der verschobenen Zeiten bis zur Entfachung des Wunsches, wieder in einem positiven Gegenwartspunkt Halt zu gewinnen. Aber diesen Wunsch vermochte ich nicht zu realisieren. Im Gegenteil, ich verlor jetzt auch im Räumlichen die Orientierung, der Boden unter meinen Füßen schien mir flüssig oder gasig zu werden, und vor meinen Augen gerieten die Gegenstände ins Gleiten. Noch einige Sekunden später waren die Bühne, die Zuschauer, aller Inhalt der gastlichen Räume verblasen und verdampft. Nur eine Krone von Ampeln pendelte noch leise in der Luft, ohne erkennbaren Aufhängungspunkt. Jetzt stob auch die Beleuchtung auseinander in Funken, die sich durch die Finsternis zerteilten. Wo hatte ich dergleichen schon gesehen? ja, in dem duftbeladenen Naturpark nahe dem Ausgrabungsfelde, als mich die Glühzirpen umgaukelten, bevor ich das Tempelwunder erlebte und die Auferstehung der hellenischen Welt. Nun stand ich urplötzlich wieder vor dem Gehölz mit seinen Haschischdünsten und besann mich auf den Heimweg. Wollte mich besinnen, aber ich fand die Richtung nicht, und es war mir überhaupt unklar, wohin ich eigentlich wollte. Dazu kam, daß mir die Füße den Dienst zu versagen anfingen. Mühsam schleppte ich mich bis zu der Moosbank, die mir damals zur Rast gedient hatte, dort glitt ich nieder. Nur ausruhen nach soviel Anstrengung! Vor mir stand ein Mensch, der mich in meiner Sprache anredete: Kommen Sie heim, ich werde Sie stützen, hier ist kein Aufenthalt für Sie. – Sehr freundlich entgegnete ich, aber nehmen Sie Rücksicht auf meine Müdigkeit und lassen Sie mich erst ein paar Stunden schlafen. – Das eben will ich verhüten – meinte der andere – aus ärztlichem Pflichtgefühl; ich bin Hippokrates und habe dafür zu sorgen, daß ein unvorsichtiger Wanderer in diesem gefährlichen Wald nicht zugrunde geht. – Ja, wohin wollen Sie mich denn bringen, Herr Hippokrates, ich besitze meines Wissens gar kein Obdach. – Ganz gleich wohin, nur hier heraus; Sie sind ja wohl mit Aristipp gut bekannt, dessen Haus liegt ganz nahe, und er gibt Ihnen gewiß Unterkunft bis sich eine andere Herberge für Sie findet. Er hob mich auf und geleitete mich, halb stützend, halb tragend, während sich meine Sinne mehr und mehr verflüchtigten. Nur ein leises Brausen von abgerissenen Worten wirbelte vor meinem inneren Ohr: Aphrodite – Korinth – Olympia – Ägina – Symposion – – – dann holte auch das auf, und die Welt versank in meiner Bewußtlosigkeit. Ausklang Das verlorene Paradies War der Traum zu Ende? oder spannen sich noch Fäden seines Gewebes in das Frührot der Wirklichkeit? Als ich zur Besinnung kam, als die unüberwindliche Täuschung des Ich-Gefühls mich wieder ergriff, erschien mir die Lage noch recht verwirrt, und ich war außer Stande, eine begreifliche Beziehung zur Umwelt herzustellen. Denn ich fühlte mich von den nämlichen Personen betreut, die mir noch kürzlich das Geleite gegeben hatten, und die ich gar nicht anders unterzubringen vermochte, als in der Vorzeit. Ich befand mich ausgestreckt auf einem Sofa, und um mich bemühten sich Aristipp und Lais , in Aussehen und Tracht nicht im geringsten unterschieden von den Figuren, die mir am Venustempel im auferstandenen Attika begegnet waren. Kein Zweifel, dieser war der Hedoniker aus Kyrene, jene die Hetäre aus Korinth, deren Romane in Ägina mich so stark beschäftigt hatten. Aber wie kamen die beiden in diese modern ausgestattete Räumlichkeit, die mir doch aus ganz anderem Zusammenhange bekannt war? Das war doch die Villa des Herrn Argelander , und dort auf dem Tisch lagen noch die Bücher, in denen wir, der Balte, seine Freundin Liane y Valla und ich an jenem Nachmittag zusammen geblättert hatten. Ja, sie waren es wirklich, die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, mir zeitlich zugehörig und nur durch einen Zufall im Äußern verändert. In der soeben verflossenen Nacht – so erfuhr ich – hatte im Kasino der neuzyprischen Kolonie ein Kostümfest stattgefunden, eine stileinheitlich durchgeführte Belustigung, deren Teilnehmer programmgemäß zum Anlegen antiker Gewandung verpflichtet waren. Erst vor einer halben Stunde hatten die beiden als Aristipp und Lais Verkleideten das Kostümfest verlassen, abgerufen durch eine Meldung aus der Villa, wonach in dieser ein erschöpfter Mensch, angeblich ein Freund des Hausherrn, eingeliefert worden war. – Nun werden Sie den Zusammenhang bald begreifen, erklärte Herr Argelander; – Sie sind wirklich in dem Euphorbien-Wäldchen gewesen, vor dessen Betreten ich Sie schon auf dem Dampfer Velox warnte. Ich sagte Ihnen damals, wer sich nicht an die örtlichen Luftbedingungen akklimatisiert hat, kann dort mit seinen Nerven argen Schaden erleiden. Und für Sie wäre die Sache sehr schlimm ausgegangen, wenn nicht ein mir befreundeter Stadtarzt, der Doktor Anthes, heut in aller Herrgottsfrühe einen Spaziergang quer durchs Gehölz unternommen hätte. Der fand Sie im Moose liegend, diagnostizierte augenblicklich Ihren Zustand, holte eiligst Traghilfe herbei und veranlaßte das Weitere ... »Aber weshalb schaffte er mich gerade hierher zu Ihnen?« – Sehr erklärlich. Er besitzt ein gutes Physiognomiengedächtnis, und besann sich darauf, daß er uns beide auf der Promenade vor der Akademie in freundschaftlichem Gespräch gesehen hat. Vorhin im Dunstpark erkannte er Sie wieder, und da Sie im Rock keinerlei Ausweis bei sich führten, so beschloß er ganz zweckmäßig, Sie vorläufig bei mir abzuladen. Andernfalls nämlich hätte er Sie im städtischen Hospital einliefern müssen, wo Sie es, wie er richtig taxierte, nicht entfernt so behaglich gehabt hätten. »Er hielt mich natürlich für ernsthaft erkrankt?« – Keineswegs. Als er uns vor einer halben Stunde verließ, erklärte er sogar jede ärztliche Behandlung für ganz überflüssig; Sie würden noch heute vormittag frisch und wohlauf sein und das ganze nächtliche Abenteuer vergessen haben. »Nächtliche Abenteuer? das ist doch wohl nicht der richtige Ausdruck. Nach alledem, was ich erlebt habe – – ich wage kaum, mich zu erkundigen, wie lange ich fort war. Sicherlich doch Wochen oder Monate.« Liane lächelte: Aber was fällt Ihnen ein! Glauben Sie denn, man hätte Sie so lange vermißt, ohne nach Ihnen zu forschen? Gestern mittag spazierten Sie doch noch mit Lothar vor der Akademie, wo Sie beide dem Doktor Anthes begegneten! »Ich werde Sie sofort widerlegen, Fräulein Liane; ich besinne mich jetzt nämlich auf diese Promenade und weiß, daß wir vom Herbstanfang sprachen, der auf diesen Tag fiel. Das war also am zweiundzwanzigsten September ...« Argelander ergänzte: stimmt vollkommen, und heute schreiben wir den dreiundzwanzigsten, was Sie mir aufs Wort glauben mögen – sonst, wenn Sie wollen, können Sie auch an jede beliebige Behörde telephonieren, die Ihnen das bestätigen wird. Nur noch eine Frage: um welche Tageszeit wohl gingen Sie in den Wald? »Soweit mir erinnerlich, kurz vor Sonnenuntergang.« – Dann haben wir also klare Rechnung: Ihre Abwesenheit hat alles in allem knapp zwölf Stunden gewährt. Aber ich vermute, Sie haben in der fatalen Atmosphäre des Parkes intensiv geträumt und unterliegen nachträglich einer Täuschung, wenn Sie nach der eingebildeten Länge des Traumes die wirkliche Zeit abschätzen. Die Hauptsache ist, daß Sie bereits den Eindruck eines ganz Erholten machen, deshalb beantrage ich, die Vollendung Ihrer Rekonvaleszenz nunmehr an unsern Frühstückstisch zu verlegen; und wenn es Sie nicht ermüdet, erzählen Sie uns dabei ein bißchen von Ihrer Träumerei, vorausgesetzt, daß Sie wirklich derlei Visionen hatten und daß Ihnen einiges in der Erinnerung verblieben ist. Und ich begann zu erzählen, zuerst sehr fragmentarisch, allmählich zusammenhängender, und aus einzelnen Zügen wob sich das Bild, das freilich an diesem Tag des ersten Berichtes noch nicht bis zum zwanzigsten Teil des Erlebten reichte. Welche Situation! da saßen Menschen, in Figur, Haltung und Gewand wie lebende Illustrationen zu Athenäus und Plutarch, zwei Personen, die den Begebenheiten Form, Inhalt, Farbe, ja den Wortklang gegeben hatten, und ließen sich von mir erzählen, was sie doch eigentlich zum großen Teile mir mitgeteilt hatten! und waren trotzdem aufmerksame Zuhörer, mit gewissen Anzeichen gespannten Interesses, wenn auch nicht eigentlicher Überraschung. Und wenn ich eine Pause machte, war mir zumute, als könnten Liane und Argelander aus eigener Sachkunde die von mir vorgetragenen Ereignisse ergänzen. Der bürgerliche Kalender war richtig wiederhergestellt, aber Zeitflocken der Vorzeit wirbelten immer noch in die Gegenwart, und in unseren Seelen wirkte eine Gemeinsamkeit, die tief zurücktauchte in eine längst verflossene Existenz. * * * Als ich des Tempelwunders gedachte, griff die Täuschung noch einmal mit ganzer Kraft in mein Vorstellungsfeld. Wird da draußen in wüstem Schutt und Geröll immer noch geschaufelt und gegraben? Nein, das war nicht möglich. Zu klar stand der vollendete Prachtbau vor mir, als daß ich von dem Glauben an seine Wirklichkeit losgekonnt hatte. Und es bedurfte des Augenscheins, um meine hartnäckige Halluzination endgültig aus der Welt zu schaffen. Wir wanderten auf die weite Arbeitsstätte und sahen nun allerdings die Mannschaften des Professors Borretius in unverminderter Tätigkeit. Nichts hatte sich geändert. Da streckten sich die unschönen Moränengebilde wie zuvor, die kleinen Schuttwagen wurden noch immer geschoben in einer wirren Trümmerwelt. Wo hatte die Göttin gestanden, die in Marmor Lebendige, deren Gnadenwink mir ein Reich erschloß? Der Ort nach geometrischer Lage war festzustellen – hier mußte ich die Apsis gesehen haben, hier den Altar, hier den Sockel, auf dem mir die steinerne Aphrodite mit dem Blütenstab das Zeichen gegeben hatte. Und ich wußte genau die Stelle herauszufinden, auf die sie damals deutete, die Stelle an der tatsächlich freigelegten Ostmauer, die als sechs Meter hohe Ruine aus dem zerwühlten Erdreich herauswitterte. Ich wandte mich an Borretius und bat ihn um Auskunft: ob denn dieser Punkt des Gemäuers auch wirklich schon ganz genau erforscht sei, ob daran nicht etwas Besonderes, Auffälliges zum Vorschein gekommen wäre. Ich setzte ihm den Grund meiner Vermutung auseinander, berief mich auf mein Phantom, das zwar objektiv eine Beweiskraft nicht beanspruchen könne, aber für mich persönlich in Gültigkeit bliebe. Der Professor nahm meinen Eifer nicht ernst. Es hätte gar keinen Sinn, da etwas Besonderes aufspüren zu wollen. Denn daß man da etwa einige verwitterte Buchstaben herauslesen könnte, das hätte nicht die geringste Bedeutung. Nicht einmal der Ansatz zu einer entzifferbaren Inschrift träte zutage. »Aber immerhin doch Buchstaben,« opponierte ich. »Sie müssen mir schon erlauben, mich daran zu klammern. Über den Mauerpunkt selbst besteht für mich gar kein Zweifel, den habe ich mir nach dem Hinweis meiner Traumgestalt ganz bestimmt gemerkt. Also hier. Zwei Buchstaben sind doch ohne weiteres zu erkennen, ein Epsilon und ein Iota ...« – Wenn Sie in der Epigraphik Bescheid wüßten – was ja nicht zu verlangen – so würden Sie sich darüber nicht den Kopf zerbrechen. Diese zwei Buchstaben » Ει ,« sind auf griechischen Tempelwänden keine Seltenheit, schon Plutarch erwähnt sie; sie sind irgend eine priesterliche Abbreviatur, deren Sinn verloren gegangen ist, und an deren Aufklärung auch nichts liegt. Es wäre die pure Zeitverschwendung, sich bei dieser Bagatelle aufzuhalten. Aber ich ließ nicht locker. Da ich beim Professor nichts ausrichtete, fing ich an, seinen Famulus, meinen alten Xaver Gregory zu bearbeiten. Und bei dem kam ich ein ganz klein wenig weiter. – Es wäre möglich, sagte Xaver, daß hier vormals noch ein dritter Buchstabe gemeißelt war. Er ist fast gänzlich verloschen, unkenntlich, allein wenn er jemals vorhanden war, so könnte er, nach dieser fast unmerklichen Spur zu urteilen, ein Sigma gewesen sein. Aber wozu uns das verhelfen soll? nicht abzusehen! »Nehmen wir an, Gregory, dieser dritte Buchstabe wäre erwiesen. Dann hätten wir nicht mehr die unauflösliche Silbe Ει , sondern das etwas aussichtsreichere Εισ , das doch vielleicht irgendeine Deutung zuläßt. Denn diese Silbe ist doch als Praefix denkbar zu einem längeren Wort, will mal sagen zu Εισοδος , was doch soviel als »Eingang« bedeutet. Gregory stutzte: Weißt du noch genau, Alex, welche Bewegung deine Traumvenus mit ihrem Stab gemacht hat? ganz genau? Zeige mir das doch einmal mit deinem Spazierstock! Konzentriere deine Erinnerung, wie du nur kannst, und male das Zeichen in die Luft. Ich war meiner Sache ganz sicher und gab ihm das Luftzeichen, wie es mir gegenwärtig war. Und in diesem Moment, als ich selbst nachahmend den Schwung ausführte, riefen wir beide unisono: »ein griechisches Theta!« Also sie hatte damals ein » θ « mit dem Blütenstab gemalt. Damit fangen freilich tausende von Wörtern an, und wir hatten eine Auswahl von verwirrender Fülle. Das konnte θεα bedeuten, die Göttin, oder θαυμα , das Wunder, oder – – – und wieder vereinigte sich unser Ausruf auf die nämliche Sekunde: Thesauros – der Schatz!! Jetzt zeigte das Buchstabenrätsel ein anderes Gesicht. Ein Schleier hob sich. Und soviel andere es noch verhüllten, die bloße, flatternde Vermutung, hier könnte eine Wortverbindung von »Eingang« – »Schatz« im Bereich der Denkbarkeit liegen, zwang uns in die Linie einer Hoffnung. Ein begreiflicher Optimismus flog den Tatsachen vorauf. Warum sollte nicht ein Tempelschatz vorhanden sein? Und wenn, warum sollte er nicht gerade an dieser Stelle verborgen liegen? In der Vermutung kristallisierte schon die Gewißheit. So innig verflocht sich das Traumhafte mit der vor Augen liegenden inschriftlichen Wirklichkeit, daß der Zweifel zum Einschlupf keine Masche mehr offen fand. Aber Borretius blieb unbewegt. Was man denn eigentlich von ihm verlange! Auf ein ganz haltloses Indizium hin solle er diese Tempelmauer aufbrechen lassen? er wäre froh, daß er dieses Baufragment glücklich freigelegt habe, so eine Schändung wäre ihm nicht zuzumuten, nicht einen Schlag einer Spitzhacke würde er da gestatten oder gar anordnen. Wir beide, Gregory und ich, von Argelander und Liane unterstützt, erschöpften unsere Beredsamkeit gegen den Gelehrten, der sich so fest erwies, wie die Mauer in ihrer ungeheuerlichen Dicke. Zufällig war sein oberster Auftraggeber Kyprides in der Nähe, der sich Gründe und Gegengründe vortragen ließ und schließlich den Weg zu einem Kompromiß bahnte. Es wurde beschlossen, das Gemäuer von außen her akustisch zu untersuchen. Mit dem einfachen Abklopfen war natürlich nichts getan. Diese Schälle wären dumpf und ergebnislos geblieben. Aber man besitzt heute resonatorische Apparate von ungeheurer Feinheit, mit denen man tatsächlich ins versteckteste Gefüge hineinhorchen kann. Ein Physiker der Akademie übernahm die Auskultation mit derartigen Instrumenten und gelangte schon beim ersten Versuch zu der Ansage, daß hier genau an der fraglichen Stelle eine akustische Auffälligkeit hervortrat. Hier mußte sich im Innern der immensen Quadern eine Höhlung befinden. Gregory genoß bereits die Vorfreude eines Triumphes. Ihm ging es nicht um das Auffinden alter Reichtümer, von denen ihm doch keine Drachme, keine Obole zufallen konnte; nein, er wollte jetzt einmal Recht behalten gegen seinen Chef, nachdem er mit seiner anfänglichen Behauptung, hier müsse ein Minerva-Tempel zum Vorschein kommen, ins Unrecht geraten war. Denn in diesem Moment stand für ihn nichts so fest, als der Glaube, daß man sich zwischen den Trümmern eines Venustempels befände. Schweren Herzens verstand sich Borretius zur Öffnung der kritischen Stelle an der Mauerfläche. Mit unsäglicher Vorsicht wurde hier von den geschicktesten Handwerkern angebohrt, hineingemeißelt, gelockert, und bald hatte Freund Gregory Anlaß an Herodot zu erinnern, der von dem beweglichen Stein der Schatzkammer des Ägypterkönigs Rhampsinit erzählt. Es gelang, eine Steinplatte abzuheben, und hinter dieser stieß man auf einen drehbaren Quader, dessen metallne Achse allem Jahrhundert-Rost zum Trotz wieder in Funktion gesetzt werden konnte. Nach vollzogener Drehung zeigte sich ein Hohlraum, der in ganzer Ausdehnung einen dünnen Kupferbeschlag aufwies und bis zu einem Viertel seiner Höhe mit Gold und Juwelen gefüllt war. Der Tempelschatz der Aphrodite, der ohne jene gewagte Epigraphik niemals entdeckt worden wäre. Der Stadtkämmerer der Gemeinde Neu-Limisso nahm die Kostbarkeiten in vorläufige Verwahrung, äußerte indes sofort, daß es gar nicht so einfach sein würde, die Eigentumsbefugnisse korrekt abzugrenzen. Auf ersten juristischen Anhieb wäre allerdings zu erklären, der Schatz gehöre dem Fiskus als dem Eigentümer des Bodens. Es gäbe indes auch Paragraphen, die von einem Recht des ersten Entdeckers sprächen, und schließlich kämen noch die ortsgültigen Satzungen über Finderlohn in Betracht. Ich durchschnitt diese Erwägungen mit der bestimmten Gegenerklärung, daß von Finderrechten gar keine Rede sein könnte, wenigstens soweit ich dabei etwa in Frage käme. Man dürfe keinen Findungsanspruch erheben, wo niemand etwas verloren hat, und mir genüge das Bewußtsein, eine wertvolle Spur geahnt zu haben; es genüge mir um so mehr, als ich mich noch unlängst in der Schuld fühlte, und ich wolle äußersten Falles mich von dieser Schuld nunmehr entlastet erachten. Kyprides als eine der maßgebenden Persönlichkeiten trat auf mich zu und sagte: »Sehr schön, aber höchst unpraktisch. Sie sind imstande, Spuren zu ahnen und zu verfolgen, aber von der Verfolgung Ihres Vorteils haben Sie nicht die leiseste Ahnung.« Der Abschied von Argelander und seiner Freundin fiel mir nicht leicht. Ich möchte mich von der banalen Redensart freihalten, ich hätte sie liebgewonnen. Wenn man über das Alter der raschen und unbedenklichen Freundschaftsschließung hinaus ist, findet man in sich nicht mehr die seelische Substanz, die nötig wäre, um solches Wort zu rechtfertigen. Unsere Beziehung, das spürte ich wohl, hielt sich in der angenehm lauwarmen Temperierung, die ihrem Charakter und ihrer Lebensart zukam. Aber wenn wir auch gegenseitig die Ausbrüche der Herzlichkeit weder erwarteten noch leisteten, so hatten sich doch geistige Fäden zwischen uns gesponnen, die über den Tag hinausreichten in ein Dämmerland zeitlicher Ferne. Und als ich, zur Abreise bereit, ihnen am Schiffskai die Hand drückte, waren sie mir die Vertreter eines Reiches, das sich mir phantastisch mit jenseitigen Menschen bevölkert hatte; mit Figuren, die man sonst nur als blasse Schatten in verstaubten Büchern antrifft, die ich aber leibhaftig und eindrucksvoll in lebendiger Gegenwart erfühlen konnte. * * * Es gehört zur Eigentümlichkeit abseitiger Erlebnisse, daß sie sich mit ihren inneren Eindrücken erst auswirken müssen. Sie scheinen sich in erster Folgezeit leicht verdrängen zu lassen und geben das Wahrnehmungsfeld frei für das augenblicklich Nächstliegende. Aber sie warten ihre Zeit ab und erspähen jede Lücke, um aus ihr aufzutauchen und das Bewußtsein wiederum vollkommen auszufüllen. Während der Schiffsfahrt gab es keine derartige Lücke. Ich machte eine Menge neuer flüchtiger Bekanntschaften mit gleichgiltigen Personen, die mir nichts zu sagen hatten und deshalb außerordentlich gesprächig waren; und ich habe dem Plauderzwang gegenüber niemals viel Widerstandskraft besessen. Hier weniger denn je, denn ich empfand das inhaltslose Gerede wie eine Erholung nach manchen anstrengenden Denkprozessen. Der sogenannte Gedankenaustausch mit Herrn und Frau Jedermann gewährt immer eine gewisse Beruhigung, denn man stellt sich schnell genug auf die Geisteshöhe des anderen und braucht nicht zu besorgen, bei diesem Austausch ein schlechtes Geschäft zu machen. Schließlich war ja das Ganze für mich ursprünglich als Feriensache gedacht, und zur Wohltat der Ferien gehört das Gefühl einer leise beginnenden Verblödung. Man spürt im Gehirn den erfreulichen Übergang von der Dynamik zum statischen Gleichgewicht, zu einem Ideal der Ideenlosigkeit. Und dieses auf glattem Seespiegel hinstreichende Schiff mit seiner prätendierten Wichtigkeit törichter Zerstreuungen, mit seinen zwecklos gedehnten Tafelgenüssen, um die eine leere Konversation kreiste, war allerdings geeignet, jenen Inselstumpfsinn zu erzeugen, dessen hygienischer Wert von vielen Ärzten gerühmt wird. Der Herbst hatte frostig, fast mit winterlichen Anflügen eingesetzt. In den kurzen Unterbrechungen meiner Bahnfahrt ab Brindisi wurde mir der Kontrast sehr fühlbar. Immer lichter, freundlicher spiegelte meine Erinnerung das entschwundene Bild von Neu-Amathus. Rom und Florenz erschien mir schon nordisch, der Südabhang der Alpen beinahe sibirisch. Und auf Minuten überschlich mich die beklemmende Frage: warum so schnell zurück? Freilich, es waren berufliche Arbeiten und Verpflichtungen, die mich heimwärts riefen, und ich versuchte mir auch ein gewisses Heimweh einzureden. Aber es mehrten sich die Augenblicke, in denen das Heimweh genau nach der entgegengesetzten Richtung wies, als Sehnsucht nach dem attischen Venuspark, der ein Phantom war, aber doch irgendwie mit der Gegenständlichkeit der zyprischen Landschaft zusammenhing. Während der nächtlichen Gotthardfahrt war ich allein in einem Zugabteil; im Halbkupee, seit jeher für mich der einladendste Platz für das schöne Gefühl des Schlummerns in wahrgenommener Bewegung. Auf der Skala dieser Gelegenheiten steht mir zu unterst der bahnamtlich so bezeichnete Schlafwagen, der nach meiner Taxe nichts anderes ist als ein kategorisches Schlafverbot auf Rädern. Denn hier liegt das Bett transversal zur Fahrtrichtung, und diese Querstellung bewirkt im natürlichen Koordinatensystem des Menschen eine Zwangsdrehung, die den meisten nur deshalb nicht zum Bewußtsein kommt, weil ihnen das Organ für die Komponenten im Raume fehlt. Dagegen bietet die geschweifte Ecklehne bei Vorwärtsfahrt eine Möglichkeit höherer Ordnung, die sich sonst überhaupt nirgends wiederholt: und nur der ersessene Schlaf hat Wert, als der einzige, bei dem man weiß, daß man schläft und jede Schlafminute als eine besondere Köstlichkeit wahrnimmt. In ihm kommt der Eisenbahnrhythmus zur Geltung, die von Stahlinstrumenten vorgetragene Berceuse, das klingende Perpetuum mobile, dessen Magie die Aufmerksamkeit fesselt, ohne daß die Trägheit in ihren Rechten verkürzt wird. Solch ein Schlaf ist ein Organismus für sich, er besitzt Fühlfäden und Poren. Er verkriecht sich nicht dumpf abgeschlossen in sich selbst, verschnarcht sich nicht zu stupider Bewußtlosigkeit, nimmt vielmehr den Raum in sich auf und die vorbeifliegende Landschaft, die Grüße weißer Bergzinnen, die wallenden Nebelfäden über morgenduftenden Wiesen. Ein Zwischenzustand, der von der Derbheit des Wachens ablöst, die somnolente Entspannung bringt, dabei aber das Denken über der Schwelle der Verwirrung erhält. Ich saß behaglich in meiner Ecke gelehnt und ließ die Kilometer durch mich hindurchströmen. Wußte trotz leiser Traumbewölkung: da draußen ist jetzt Como. Ein physikalischer Ort. Hier ist doch Galvani geboren – nein, nicht der Galvani, ein viel größerer, aber doch ein galvanischer – der Alexander Volta, der hat ja am Comer See sein Standbild. Mitbegründer der Elektrizitätslehre. Funken, Licht, Lichtstrahl als Zeitmesser. Was war mir denn kürzlich mit der Zeit passiert? Richtig, die hatte sich umgekehrt. Nur subjektiv, natürlich, objektiv ist das nicht möglich. Aber wie kann man eine Unmöglichkeit erleben? Und ich hatte sie doch erlebt, ja, mit welcher Deutlichkeit! Alles wogte wieder herauf, in den Wellenkämmen der Erinnerung begrenzten sich klare Umrisse, da waren die Symposien wieder mit Lais, Aristarch, Demokrit, Lukian, Aristoteles, Aspasia – da war ich doch dabei gewesen, und wenn mir einer mit dem Schlagwort Traumlüge dazwischen fährt, so will ich ihm sagen: Relativiere dich erst, Freund, und untersuche, ob du nicht in einer Welt der Wachlüge lebst. Absolute Zeit – absoluter Raum – das waren doch noch unlängst äquivalente Begriffe. Aber der Raum hat sich doch schon umgekehrt, und die Zeit wird ihm folgen, wenn's auch ein bißchen schwer zu begreifen ist. Wie ist denn das mit dem gebogenen Raum? Schade, daß Euklid nicht in der Gesellschaft bei der Lais war, der hätte sich vielleicht verwundert vor den neumodischen Anschauungen. Aber die neue Physik ist stärker als die durch Jahrtausende geübte Logik, und die Welt, die solange Euklidisch war, hat sich in eine Nicht-Euklidische verwandelt. Der Raum des Universums besitzt keine gerade Erstreckung, sondern ist gekrümmt; und die Zeit wird es auch werden. Dann braucht man ein Zurücktauchen wie das meinige in eine verstorbene Vorzeit nicht mehr als Mirakel aufzufassen. Da draußen auf der Gotthard-Linie liegt jetzt Lugano, und nachher wird wohl Bellinzona fällig. Warum verfährt die Eisenbahn mit ihrem Geleise zwischen beiden Punkten nicht geradlinig? warum beschreibt sie Kurven? Weil die Gerade bahntechnisch unmöglich wäre. Aber der Weltraum besitzt auch eine Technik und vereinfacht sich den Betrieb zwischen gewissen Punkten durch Kurven. Er ist inhaltlich wie der Gotthard in Fläche, die gerade Linie will nicht in seine Struktur. Das würde man merken, wenn man direkt ins Universum hinausreisen könnte, vom Sonnensystem fort ins Blaue hinein, auf ganz gerader Strecke, nach Ingenieur-Taxe. Da müßte man sich doch immer mehr von der Sonne entfernen, und um so weiter, je stärker das Fahrttempo. Aber das Betriebsreglement im Universum bestimmt es anders. Nach hundert Millionen Jahren – bei Reise mit Lichtgeschwindigkeit – kommt einem die Gegend wieder ganz bekannt vor. Man landet bei irgendeinem wohnlichen Punkt im Sonnensystem, man ist zum Ausgang zurückgekehrt, obschon man sich vermeintlich dauernd davon entfernte. Wie nun, wenn die Zeit ähnlich organisiert wäre? gekrümmt? das ist doch noch eher vorstellbar, da die Zeit nur eine einzige Dimension besitzt, in linearer Erstreckung, die sich einer Biegung vielleicht besser anpaßt, als die komplizierten drei Dimensionen des Raumes. Dann aber fiele der weiteste Zukunftspunkt mit dem entlegensten Vergangenheitspunkt zusammen, der Zeitring schlösse sich, und die ewige Wiederkunft aller Geschehnisse wäre eine natürliche Tatsache. Und nicht bloß ein Zufallsreisender wie ich einer war, nein, die ganze Welt würde wiedererleben, was ihr schon vor Äonen beschieden war. Nur daß sich doch im Traum so ein Abenteuer weit rascher und bequemer abwickelt. Und wer vermöchte zu sagen, ob nicht im Doppelleben des Menschen der Traum die wichtigere Phase darstellt? denn er gehört als Lebensanteil ganz dem Einzelnen, ist sein volles, unbegrenztes Eigentum, während ihm im wachen Dasein nur der winzige Bruchteil zukommt, den ihm die Millionenhorde der Menschheit übrig läßt. Zwischen Bellinzona und Göschenen redete mich Einer an. Er war vom Korridor her in mein Kupee gekommen und fragte, ob er sich hier ein wenig ausruhen dürfe, da er vom vielen Umherfliegen ermüdet sei. Eine merkwürdige Erscheinung, äußerst elastisch in Bewegungen, mit dem Teint und den blitzenden Augen eines Jünglings, aber mit wehendem eisgrauen Bart, so wie in Marmorwerken Chronos abgebildet wird. Ja, er trug auch weiße Flügel, die er zusammenklappte, als er sich niedersetzte. Ihre Müdigkeit, sagte ich, ist mir erklärlich. Sie sind doch der Herr Lumen, der geborene Flammarion, der sonst mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Weltraum fliegt. Aber Sie wissen doch, daß Sie gar keine reale Existenz besitzen, seit Ihnen die neueste Physik den Garaus gemacht hat. Die Lichtgeschwindigkeit ist bekanntlich das Maximum, und eine Steigerung darüber hinaus mathematisch unmöglich. – Und das glauben Sie? wo Sie doch selbst und jeder Sterbliche die Fähigkeit besitzen, Lumen oder Über-Lumen zu werden? Meine Flüge zeigen mir die Geschehnisse in umgekehrter Zeitfolge, durch einfache Überwindung der landläufigen Optik, und wenn irgendwer träumt, wachträumt, dichtet, sich über die Starre des bürgerlichen Daseins aufschwingt, so wiederholt er nur meinen Prozeß des Betrachtens und Erlebens. »Aber die Physik, Herr Lumen ...« – ... ist eben dabei, umzulernen und mir alle Daseinsrechte wiederzugeben. Heute schon rüttelt sie an den Grundpfeilern der Kausalität! Heute schon gelten wuchtige physikalische Stimmen, die über dem Kausalgesetz das gesetzlose Etwas verkünden, worin Ursache und Wirkung, Grund und Folge aufhören, die letzten Bestimmungen zu sein. Und diese Stimmen stehen in bestem Einklang zu den Wundern der Einsicht, die sich im Unterbewußtsein des Menschen aufhalten, bis wohin die Sklaverei der Kausalität überhaupt noch nie gedrungen ist. Sehen Sie doch einmal hinaus, Herr. Eben sind wir im Kanton Uri und fahren durch Altdorf, wo einstmals Wilhelm Tell den Apfel vom Haupte des Knaben schoß. Jedes Kind lernt in der Schule, daß dieser Schuß nichts anderes ist, als das phantastische Überbleibsel einer Wandersage, die über Dänemark, Island, Norwegen streifte, um sich hier poetisch zu verstärken und im Bronzestandbild Gestalt zu gewinnen. Aber dieser Bronze-Tell ist viel lebendiger und wirklicher, als der ganze Marktflecken Altdorf mit seinen umherwimmelnden Bewohnern. Der müßte schon eine ganz vertrocknete Seele haben, der sich beim Anschauen der Figur nicht gänzlich außerhalb der Kausalität stellt; denn diese führt von dem Grunde der Fabel, der Unwirklichkeit, zu der logischen Folge, daß dieses Bild lügt. Es spricht aber zu jedem sinnigen Beschauer mit einer Wahrheit, die stärker auftritt, als die verschwommenen Realitäten der Umwelt. »Es wäre doch möglich, daß diese Legende eine sachliche Begründung hätte. Vielleicht wird das durch spätere Forschung einmal ermittelt. Könnte man hier um sechshundert Jahre zurückfliegen, so würde man vielleicht einem wirklichen Tell mit wirklichem Apfelschuß begegnen.« – Ich werde das sofort konstatieren, sagte Herr Lumen. Ich brauche bloß in dieser Richtung – er wies nach dem Sternbild der Kassiopeia – mit zehnmilliardenfacher Lichtgeschwindigkeit davonzufliegen, so sehe ich in einer Minute und zwanzig Sekunden die Erde, wie sie vor sechshundert Jahren war. Und wenn der Tell damals wirklich geschossen hat, so kann er mir nicht entgehen. Finde ich ihn durch optischen Wahrheitsbeweis, so melde ich mich bald zurück und erstatte Ihnen Bericht. Bleibe ich fort, so dürfen Sie getrost annehmen, ich habe nichts gefunden, und dann bleibt es wieder bei der Legende, die keine historische Substanz zu haben braucht, um als Wahrheit zu wirken. Und er stand auf; klappte seine riesigen Fittiche auseinander, flog durchs Wagenfenster und blieb verschwunden. – – – Hat man Luzern im Rücken, dann beginnt eine philosophische Bahnstrecke: Basel – Freiburg – Heidelberg – Frankfurt – Weimar, in jeder dieser Städte waren bedeutende Denker beheimatet. Der Wagen machte einen seltsamen, fahrplanwidrigen Umweg, hielt nicht im Bahnhof von Basel, sondern an einer Kirchhofsmauer, die den Totentanz zeigte. Befand sich nicht Erasmus unter diesen Figuren? das konnte ich in meinem Dämmerzustand nicht genau feststellen. Aber eine andere löste sich los und kam auf kurze Zeit in mein Kupee. Der Baseler Professor Friedrich Nietzsche. Wie ich eben merke, sagte er, bin ich hier falsch eingestiegen; wie man immer falsch einsteigt, wenn man in ein Fahrzeug gerät, das nach Norden will. Die Nordrichtung ist der Tod mit ihrer infamen Wirklichkeit. »An dieser Fatalität, Herr Nietzsche, können Sie vorläufig nichts ändern. Also fahren Sie schon mit bis Frankfurt und besuchen Sie dort Ihren Halbbruder Schopenhauer. Mit dem werden Sie sich vortrefflich unterhalten. – Mit dem Nordländer? Nein; auf der nächsten Station kehre ich um, und dann nach dem Süden, nach meiner Landschaft, so fern vom vulgären Leben, so metaphysisch! »Ach Herr Professor Zarathustra, da komme ich ja eben her, aus Zypern, und ich schlürfe noch die letzten Tropfen solchen metaphysischen Aufenthalts. Aber der Nektarkelch wird einem fortgezogen, und man muß sich wieder an den Maßkrug mit solidem Heimatsbräu gewöhnen.« – Sie werden das nicht lange aushalten, und Ihr Vorsatz wird vor der Empfindung kapitulieren. Ob Amathus oder Portofino, das macht kaum einen Unterschied. Wissen Sie, wie mir dort zumute war? »Ich glaube es zu wissen, höre es aber gerne in Wiederholung.« – Und ich benütze ebensogern jeden Anlaß, um jene Seelensituation wieder heraufzubeschwören: »Wie wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühlte ich mich dort zum gesamten Dasein gestellt! Ich entdeckte für mich, daß die alte Mensch- und Tierheit, ja die gesamte Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet, fortliebt, forthaßt, fortschließt – ich bin plötzlich mitten in diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewußtsein, daß ich eben träume und daß ich weiterträumen muß, um nicht zugrunde zu gehen; wie der Nachtwandler weiterträumen muß, um nicht hinabzustürzen ...« »Das entspricht so ziemlich meiner eigenen Lage; nur daß ich für die Deutung des Mysteriums einige andere Behelfe habe, als Sie, Mann der fröhlichen Wissenschaft. Denn ganz ohne physikalischen Vergleich kommt man da nicht aus, und die Physik hat Ihnen ja stets ferngelegen. Der Traum ist nämlich die einzige Vorstellungsform, welche die Endlichkeit der Welt überwindet. Träumend lebt jeder in seiner eigenen Welt, während der Wachzustand alle Menschen in ein und dieselbe Welt einsperrt, die zwar sehr groß ist, aber doch, wie wir heute aus der Allgemeinen Relativitätstheorie wissen, ein geschlossenes Raumkontinuum vorstellt. Und trotz aller Geräumigkeit des Aufenthalts lastet auf uns der fatale Gedanke: aus dieser Begrenztheit können wir niemals hinaus, nicht körperlich, nicht einmal geistig. Aber die Eigenwelt des Traumes verändert sich von Fall zu Fall, sie wechselt Raum- und Zeitbedingungen, jeder Traum setzt uns in ein neues Universum mit neuer Logik, neuer Kausalität. Messen wir diese unendlich variierenden Bedingungen mit dem Maßstab des Wachverstandes, so begehen wir einen ungeheuerlichen Fehler; denn nicht der Traum kann ad absurdum geführt werden, nur die Enge des Wachdenkens, das mit dem Zollstock der Endlichkeit am Unendlichen herumprobiert. Und hieraus erfließt auch, wie töricht alle Untersuchungen über die moralische Verfassung der Welt sind. Gar nicht zu reden von dem Leibnizischen Trugbild der »besten aller Welten«. Denn die eine, die Gemeinsamkeitswelt, bietet doch nur eine einzige Möglichkeit der Gestaltung, nur ein Los in der universalen Riesenlotterie mit unzähligen Nummern; alle anderen Lose liegen in den Traumwelten, und wenn überhaupt Preise der Güte, der Schönheit, der Wonne existieren, so müssen sie auf diese andern Lose entfallen. Deshalb sind Träume allein vermögend, uns die Herrlichkeiten der Schrankendurchbrechung zu gewähren, das Fliegenkönnen, die Wiederauferstehung der Toten, die Unsterblichkeit in Form der Seelenwanderung, die Freuden des Paradieses, das dem Wachenden verrammelt bleibt. Die Gesellschaften, mit denen mich diese Fahrt nach Norden beglückte, zeigten das gemeinsame Merkmal des plötzlichen Verschwindens. Nietzsche verhielt sich in dieser Hinsicht nicht viel anders, als kurz zuvor Herr Lumen; er flog zwar nicht davon, aber er war fort, gerade, als ich ihn zum Andenken an unsere Begegnung um ein Autogramm bitten wollte. Er mußte indes meinen Wunsch vorahnend erraten haben, denn auf seinem Platz lag ein Blatt mit der eigenhändigen Aufschrift: »Götzendämmerung, Kapitel vier«. Ich nahm das kostbare Schriftstück und legte es mit aller Sorgfalt in meine Brieftasche. Als ich es nach zwölf Stunden wiedersuchte, war es nicht mehr zu finden. Aber ich hatte mir die Aufschrift des Blattes gemerkt, und später konnte ich aus einem Druckexemplar der Götzendämmerung den Originalsatz feststellen: »Die wahre Welt « – eine Idee, die zu nichts mehr nütz ist, nicht einmal mehr verpflichtend – eine unnütz, eine überflüssig gewordene Idee, folglich eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!« Dieser »wahren Welt« sauste ich jetzt entgegen. Die letzten Traumreste verdichteten sich mir im Bahngeratter bei Weimar zu dem Rhythmus: »das Land der Griechen mit der Seele suchend«. Dann umfing mich die blendende Tageshelle des völligen Wachtums. Auf dem Bahnhof in Berlin erwartete mich ein Angehöriger meiner Familie mit einem Telegramm in der Hand. Vor einer Stunde eingetroffen. Die von Kyprides, Argelander und Liane unterzeichnete Drahtnachricht teilte mir einen Beschluß der Amathusischen Gemeinde mit: Nach Gutachten der Sachverständigen entfiele ein genau ausgerechneter Teil des Sachwertes aus dem Tempelschatz unweigerlich auf mich als den Spurfinder, und man würde es dort als Beleidigung erachten, wenn ich die telegraphisch an Bahnpost angewiesene Sendung refüsieren sollte. Sie können – so schloß die Drahtung – den Betrag gar nicht zweckentsprechender verwenden, als zu einer baldigen Wiederholung Ihrer Reise nach unserer gesegneten Kolonie. Mein erster Gedanke war ein leises Nein, mein zweiter und dritter ein sehr scharf akzentuiertes Ja. Ich konnte doch beim zweiten Mal dem verhängnisvoll-phantastischen, Visionen erzeugenden Naturpark aus dem Wege gehen. Dazu gehörte nur ein energischer Entschluß. Ich faßte den entgegengesetzten. Und als ich mich am nächsten Tage im Südexpreß befand, hörte ich durch den Bahnlärm hindurch das Singen fernrauschender Wipfel, und es war mir, als vernähme ich in den Stimmen den Anruf des weisen Heraklit: Introite, nam et hic dii sunt  – Tretet ein, denn auch hier sind Götter! Ende.