Paul de Kock Das Kind meiner Frau 1857 Erstes Kapitel. Reise, Unfall, Abenteuer. Wir werden diesen Abend auf keinen Fall mehr nach Straßburg kommen, Müller! ... Sag einmal dem Postillon, er solle auf die verfluchten Mähren lospeitschen. – Seit einer Stunde habe ich ihm das schon mehr als zwanzigmal gesagt, mein Oberst; aber er antwortet, wenn wir nicht alle drei den Hals brechen wollten, könne er nicht schneller fahren. – Heinrich wird nicht mehr in Straßburg sein, bis wir dort eintreffen. – Dann, mein Oberst, reisen wir ihm noch weiter nach. – Und holen ihn vielleicht nicht zeitig genug ein, um dem Unglück, das ich befürchte, zuvorzukommen! ... Wenn auch, so haben Sie sich wenigstens nichts vorzuwerfen, mein Oberst; denn wahrhaftig, seit den sechs Wochen, daß wir Tag und Nacht umherrennen von Framberg nach Straßburg, von Straßburg nach Paris, und von Paris wieder nach Framberg, sind meine Hosen so fest an meine Hinterbacken geklebt, daß ich mich genöthigt sehen werde, mein Oberst, in unserem ersten Absteigequartier mein zweites Gesicht zu zeigen. – Wenn nur wenigstens der Zweck unserer Reise erreicht würde! – Ach! wenn nur eine gute Flasche Wein da wäre, die Erstarrung von meinen Gliedern wegzuwaschen! ... Aber nein! ... Nicht einmal ein schlechtes Glas Landsturm zur Löschung meines brennenden Durstes! Oh! mein Oberst! für einen Andern würde ich eine solche Pein nicht so geduldig ertragen! – Bereust Du's, mir gefolgt zu sein, Müller? – Ich gehe mit Ihnen, mein Oberst, bis ans Ende der Welt; doch wünschte ich, daß man dabei essen und trinken könnte ...« Hier ward das Gespräch durch einen entsetzlichen Stoß unterbrochen, von welchem die Achse des Postwagens entzwei brach; bald lagen der Oberst Framberg und sein Reisegefährte in einem Chausseegraben; die ganze Schuld fiel auf den Postillon, der in seiner Eilfertigkeit den Graben nicht wahrgenommen hatte. Während sich der Fuhrmann mit den Pferden beschäftigte, half Müller seinem Obersten wieder auf die Beine. »Tausend Millionen Patronen! sind Sie verletzt, Oberst? – Es ist nichts, Müller ; nur schmerzt mich mein linkes Bein ein wenig. – Donnerwetter! Sie haben eine starke Quetschung! – Es ist nichts, sag' ich Dir, mach' nur, daß wir einen Ort finden, wo wir diese Nacht bleiben können, denn ich sehe wohl, daß wir die Hoffnung aufgeben müssen, heute noch Straßburg zu erreichen.« Der herzutretende Postknecht berichtete den beiden Herren, etwa fünfzig Schritte von da befinde sich eine Herberge. – »Wie, Schlingel! Du wagst es, den Obersten Framberg in einen Graben zu werfen?« fuhr Müller den Postillon an. Der aber entschuldigte sich so gut es ging, und man schlug den Weg nach dem Wirthshause ein, indem man den Oberst unter beide Arme nahm. Unsere Reisenden waren noch keine Viertelstunde vorwärts geschritten, als sie ein kleines Haus von einfachem, doch gefälligem Aeußern erblickten; es bestand aus einem Parterre, einem Stockwerk und den Dachböden; grüne Jalousien schützten die Bewohner vor der Sonnenhitze, und mehrere buschige Eichen beschatteten den Eingang; kurz, Alles schien anzudeuten, daß der Herr dieser Wohnung, des geräuschvollen Stadtlebens müde, sich in diese Einsamkeit zurückgezogen habe, um seinen Sinnen in stillen Betrachtungen Ruhe zu gönnen. »Das nennst Du eine Herberge!« schnaubte Müller den Postillon an; »dreifaches Donnerwetter, ich glaube, Du willst meinen Oberst noch gar spazieren führen? ... – Laßt uns immerhin klopfen!« antwortete der Schwager; »drinnen werden wir schon sehen, woran wir sind.« Müller pocht mit gewichtigen Schlägen an der Thüre: keine Antwort; neues Klopfen: Alles umsonst. Zu ihrem höchsten Unstern war inzwischen die Nacht eingebrochen und die Verletzung des Obersten, durch das Gehen schlimmer gemacht, verursachte demselben entsetzliche Schmerzen. »Und wenn alle Teufel sich verschworen hätten, mein Oberst, so können Sie in Ihrem jetzigen Zustande doch nicht unter freiem Himmel schlafen. Da die Bewohner dieses Hauses taub sind, so müssen wir sie zu entbehren suchen.« Bei diesen Worten trat Müller mit aller Kraft gegen den der Thüre am nächsten befindlichen Fensterladen der Parterrewohnung, welcher nicht im Stande, dem Sturme trotzen zu können, prasselnd zu seinen Füßen niederfiel. Nun schlug er mit seinem Säbel ein paar Scheiben ein und stieg in das Haus, ohne auf die Befehle seines Obersten zu hören, welcher ihm vorstellte, daß man auf diese Weise das Völkerrecht nicht verletzen dürfe, und man ihn eher für einen Straßenräuber, als einen alten Feldwebel halten müsse. Ohne sich in seiner Expedition aufhalten zu lassen, eilt Müller nach der Hausthüre, findet an der Wand einen großen Schlüssel, öffnet ohne Schwierigkeit und läßt den Oberst Framberg in das leerstehende Haus ein. »Da wir einmal innen sind,« sagt der Oberst, »so wollen wir wenigstens mit Umsicht zu Werke gehen. – Recht, mein Oberst, geben Sie diesem Dummkopf von Postillon, der an unserem Mißgeschick Schuld ist, den Arm, und ich gehe voran, um Sie vor jedem Unfall zu bewahren.« Unsere Reisenden setzten sich, umhertappend, in Marsch, denn die Finsterniß war so groß, daß man keinen Schritt vor- oder rückwärts sehen konnte. Schon waren sie durch mehrere Gemächer gegangen, ohne etwas zu entdecken, und Müller, ungeduldig werdend, fing an, zwischen den Zähnen zu fluchen, als Etwas an ihnen vorüberkam und bei ihrer Annäherung eiligst entfloh. Müller, gereizt, läuft dem Fliehenden nach, aber seine Füße verwickeln sich, er verliert das Gleichgewicht und fällt mit dem Kopf in einen vollen Wassereimer. Wüthend richtet er sich wieder auf, öffnet eine Thüre, glaubt sich auf ebenem Boden und purzelt eine ganze Treppe hinab, indem er eine unglückliche Katze, die Schuld an all diesem Gepolter ist, mit in seinen Fall verwickelt. Obgleich von seiner eiligen Rutschpartie ganz betäubt, steht Müller doch schnell wieder auf, und schreitet diesmal mit mehr Umsicht zur Untersuchung des Orts, an dem er sich befindet. Die Kühle desselben und verschiedene ihm unter die Hände fallende Flaschen geben ihm bald die Ueberzeugung, daß er in den Keller gerathen sei. Durch diese Entdeckung beruhigt, sucht er die Treppe, die er so eilfertig herabkam, und will wieder hinauf, um dem Oberst sein Glück mitzutheilen; aber zum dritten Mal stoßen seine Füße an einen Gegenstand und er fällt mit dem Gesicht einem Individuum auf die Nase, welches ruhig schlief und ein schreckliches Geschrei anhebt, als es sich so plötzlich aufgeweckt fühlte. Zweites Kapitel. Die Grafen von Framberg. Ehe wir Müllern aus der Ueberraschung heraushelfen, die ihm diese neue Begegnung verursachte, ist es nöthig, dem Leser mitzutheilen, wer der Oberst Framberg war, und was ihn zu dieser Reise bewog. Graf Hermann von Framberg, Vater des Obersten, stammte aus einer alten deutschen Familie; von Geschlecht zu Geschlecht hatten alle Framberge in ihrer Jugend dem Vaterlande gedient, und Graf Hermann, nachdem er auf dem Feld der Ehre sich Lorbeern des Ruhmes gesammelt, hatte sich auf das Schloß seiner Ahnen zurückgezogen, und harrte hier mit Ungeduld an der Seite einer geliebten Gattin auf die Geburt des Kindes, das sie unter ihrem Herzen trug, und das seinem Glück die Krone aufsetzen sollte. Dieser Augenblick kam, aber statt eines Tages des Jubels, ward es ein Tag der Trauer und des Leids: die Gräfin, indem sie einem Sohne das Leben gab, verlor das ihrige. Nie tröstete sich der Graf völlig über diesen Verlust; da aber die Zeit auch den herbsten Kummer lindert, erinnerte er sich, daß er einen Sohn habe, und gab sich mit allem Eifer der Sorge für dessen Erziehung hin. Diese glich der seiner Ahnen. Der junge Framberg lernte frühzeitig die militärischen Uebungen; voll Freude sah der Vater seine glücklichen Anlagen und mit fünfzehn Jahren bat der junge Mann um die Erlaubniß, zur Armee abgehen zu dürfen. Obgleich sich der Graf ungern von seinem Sohne trennte, willigte er doch in sein Verlangen; der junge Framberg verließ das Schloß seiner Väter, um das Feld der Ehre zu betreten, wo ihm in sehr kurzer Zeit seine ausgezeichneten Waffenthaten den Rang eines Obersten erwarben. Graf Hermann war stolz auf einen solchen Sohn, und als der Oberst Framberg seine Winterquartiere im Schlosse seines Vaters zuzubringen gedachte, ward er mit allen militärischen Ehrenbezeigungen, welche die väterliche Liebe noch sinnreicher verschönerte, empfangen. Auf dem Schlachtfelde machte der Oberst die Bekanntschaft Müllers. Dieser brave Husar zeichnete sich eben so sehr durch seinen Muth, als seinen wunderlichen Humor aus. Er besaß die volle Freimüthigkeit und Derbheit eines guten Soldaten. Stets bereit, sein Leben für Denjenigen einzusetzen, den er liebte, hätte er auch die ganze Welt durchstreift, um Denjenigen zu strafen, der ihn beleidigte oder beschimpfte. Seinen Obersten verehrte er als seinen Vorgesetzten und liebte ihn als den Tapfersten des Heeres. Bei jeder Schlacht stand Müller demselben zur Seite, focht ihm voraus, deckte ihn oft mit seinem Körper, und nie hätte er es Dem verziehen, welcher ihn der Wonne beraubt hätte, für des Obersten Rettung zu sterben. Der Oberst seinerseits schloß sich immer mehr an Müller an; bald wurden sie unzertrennlich, denn der Oberst, im Feldlager aufgewachsen, kannte keineswegs die Unterschiede, welche Rang und Reichthum in der Welt begründen. Besaß Derjenige, den er liebte, die guten Eigenschaften, die ihm seine Freundschaft werth machen konnten, so war er, wenn auch ohne Titel und Vermögen, darum nicht weniger achtungswerth in seinen Augen; mit einem Wort, der Oberst war über alle Vorurtheile erhaben, und verletzte sogar öfters durch sein Benehmen die Convenienzen der Gesellschaft. Der Verfolg dieser Geschichte wird uns häufige Beispiele davon liefern. Als Graf Hermann alt ward, wünschte er sehnlichst, sein Sohn möchte ihm einen Erben seines Namens schenken, und bei jedem Besuch des Obersten auf dem Schlosse (wohin ihn Müller seit lange begleitete) erneuerte der alte Graf seine Bitten, sich zu vermählen. Geraume Zeit hindurch, wo noch der Sporn des Ruhms auf den Geist des Obersten allein wirkte, entsprach er seines Vaters Wunsche nicht; als er aber sein dreißigstes Jahr erreicht und dieser kriegerische Sinn sich etwas abgekühlt hatte, war er bereit, sich den Wünschen des Vaters zu fügen. Eine halbe Meile vom Schloß des Grafen Hermann lagen die Güter des Barons von Froburg. Der Baron, ein Wittwer, lebte zurückgezogen auf seinem Schlosse, nur mit Erziehung seiner einzigen Tochter beschäftigt; die kleine Clementine war der Abgott ihres Vaters und der Gegenstand seiner schönsten Hoffnungen. Als Nachbarn schlossen der Graf und der Baron bald einen innigen Freundschaftsbund; einen Theil ihrer Zeit brachten sie abwechslungsweise auf dem Schlosse des Einen oder des Andern zu; der Eine erzählte, wenn sie in Winterabenden zusammen saßen, von den glänzenden Waffenthaten und dem Ruhme, mit welchem sein Sohn ihm die alten Tage verschönere, der Andere malte die kindliche Anmuth seiner Tochter, ihre zärtliche Liebe für ihn, ihre Theilnahme für Unglückliche, und seine Hoffnung aus, daß sie einst mit der Schönheit ihrer Mutter auch deren Tugenden in sich vereinigen werde. So verfloß die Zeit: der Graf theilte dem Baron den Wunsch, seinen Sohn vermählt zu sehen, mit; der Baron vertraute jenem die Unruhe, die ihn bei dem Gedanken peinigte, daß er seine Tochter bei seinem Tode, ohne Freund, der sie schütze, ohne Gatten, allein in der Welt zurücklasse. Aus diesen vertraulichen Mittheilungen folgte, was nothwendig daraus folgen mußte; der Graf und der Baron bildeten den Plan, ihre Kinder zu vereinen; dadurch knüpften sich die Freundschaftsbande zwischen ihnen noch fester, und die Unruhe, die unablässig ihr Alter trübte, schwand. Um diese Zeit war es, daß sich der Oberst den Wünschen seines Vaters fügte: da führte ihn dieser aufs Schloß des Barons, damit er die für ihn bestimmte Gattin sehe. Auf seinen häufigen Reisen zu seinem Vater hatte der Oberst Clementinen bereits erblickt; aber welch ein Unterschied! damals war sie noch ein Kind und all ihre Anmuth hatte sich mit den Jahren erst vollends entfaltet. Als der Graf sie seinem Sohne als seine künftige Gemahlin vorstellte, hatte Clementine ihr achtzehntes Jahr erreicht; sie war reizend, ohne schön zu sein, aber jede ihrer Bewegungen athmete Wonne; ihre großen schwarzen Augen drückten das zärtlichste Schmachten aus, und ihr Mund öffnete sich nur, um bezaubernde Töne, welche eine süße Verwirrung in dem Herzen jedes Hörers erregten, vernehmen zu lassen. Clementinens Charakter strafte die Sanftheit ihrer Blicke nicht Lügen: sie war mit allen Tugenden begabt; aber bis zur Uebertreibung gefühlvoll. Diese Empfindsamkeit, wenn sie zu heftig ist, wird häufig das Unglück der Frauen und reißt sie oft weiter fort, als sie selbst eigentlich wollen. Der Oberst fühlte beim Anblick Clementinens jenen geheimen Zauber, den die Gegenwart einer reizenden Frau hervorbringt, und wünschte sehnlichst, sie bald seine Gattin zu nennen, ohne jedoch jene heftige Leidenschaft für sie zu empfinden, welche im Stande ist, Alles für den Besitz des geliebten Gegenstandes aufzuopfern. – Der Oberst Framberg, im Lager erzogen, kannte die Liebe nicht, und seine barsche Freimüthigkeit war mehr geeignet, einen Freund, als einen Liebhaber aus ihm zu machen; aber stolz auf die Wahl seines Vaters, freute er sich, seine Wünsche mit seiner Pflicht in Einklang bringen zu können. Als aber der alte Baron Clementinen sagte, daß sie den Oberst Framberg als ihren künftigen Gemahl zu betrachten habe, erblaßte sie, gerieth in Verwirrung und warf sich ihrem Vater zu Füßen, flehentlich bittend, er möchte sie nicht zwingen, ihn zu verlassen. Der Baron stellte ihr vor, daß sie ihn nicht zu verlassen brauche; daß er fortwährend bei ihr wohnen werde; daß sie überdies eines Beschützers, eines zweiten Vaters bedürfe, der, wenn ihr Vater zu Grabe getragen sein würde, dessen Stelle ersetze, und daß er zu Erfüllung aller dieser Pflichten keinen würdigern Mann finden könne, als den Sohn des Grafen Hermann; kurz, der Baron gab seiner Tochter zu verstehen, auf dieser Ehe beruhe seine schönste Hoffnung, und seine alten Tage verkümmere sie, wenn sie ihm hierin zu gehorchen sich weigere. Clementine schwieg, suchte ihre Thränen zu verbergen und versprach ihrem Vater, seinen Wünschen zu willfahren. Indeß erlangte sie von dem Baron wenigstens einen Aufschub, damit sie, wie sie sagte, Zeit habe, ihren künftigen Gemahl kennen zu lernen; darauf wurde beschlossen, daß die Verbindung erst nach Verlauf von drei Monaten stattfinden solle. Woher mochte der Kummer Clementinens bei der Verkündigung ihrer bevorstehenden Vermählung rühren? Wenn der Oberst nicht den sanften und zärtlichen Ton hatte, welchen man bei einem Liebhaber wünscht, so besaß er wenigstens vortreffliche Eigenschaften, und zu dem hätte sie das Vergnügen, ihrem Vater zu folgen, bewegen sollen, ohne Widerstreben die von diesem vorgeschlagene Ehe einzugehen. Demnach mußte irgend ein geheimer Beweggrund die Ruhe ihrer Seele stören. Dies werden wir ohne Zweifel im folgenden Kapitel erfahren. Drittes Kapitel. Clementine. Unfern dem Schlosse des Barons von Froburg lag auf einem Hügel, von dem aus man die reichen Besitzungen des Vaters unserer Clementine erblickte, eine kleine, mit einem hübschen Gärtchen umgebene Hütte. In diesem bescheidenen Asyle wohnte die Amme der Tochter des Barons. Sie hatte der letzteren stets die Zärtlichkeit einer Mutter bewiesen und ihr alle Sorgfalt und Pflege einer solchen angedeihen lassen. Clementine ihrerseits liebte die gute Mariane zärtlich und ließ keinen Tag vorübergehen, ohne sie zu besuchen. An einem schönen Frühlingsabend begab sich Clementine auf den Weg nach der Hütte. Das Wetter war nie so schön gewesen; eine sanfte, reine Luft berauschte die Sinne, und die untergehende Sonne schien nur mit Widerstreben einen Tag zu beschließen, den sie so schön entfaltet hatte. Von einem unwiderstehlichen Gefühle hingerissen, vertiefte sich Clementine ins Gehölz, das sie, um zu Marianens Hütte zu gelangen, durchschneiden mußte. Bald sich müde fühlend, setzte sie sich am Fuße eines Baumes nieder und überließ sich süßen Träumereien, wozu sie das rings um sie her verbreitete Stillschweigen einlud. So saß sie schon geraume Zeit, als sie ein ziemlich naher Flintenschuß aus ihren Betrachtungen aufschreckte: schnell wandte sie sich um und sah einen jungen Jäger. Beim Anblick Clementinens blieb der Jüngling betroffen stehen, und statt sich wegen der ihr eingejagten Furcht zu entschuldigen, hatte er nur Augen für den reizenden Gegenstand, der sich seinen Blicken darbot. Clementine gewahrte zuerst das Sonderbare ihrer Lage; sie stand auf und wollte sich entfernen, als der junge Mann auf sie zulief und sie sanft am Arm zurückhielt. »Wie! mein Fräulein, sollte ich Ihnen Furcht gemacht haben? – Sie nicht, mein Herr, nur Ihre Flinte... – Wollen Sie meine Entschuldigung genehmigen? ich hatte Sie nicht bemerkt; denn gewiß, wäre das bälder geschehen, so hätte ich unmöglich mehr an die Jagd denken können... – Es würde mir leid thun, mein Herr, wenn ich Ihr Vergnügen störte... – Ach, mein Fräulein, gerne würde ich jedes andere Vergnügen für das hingeben, welches ich in diesem Augenblick empfinde ...« Clementine erröthete; der junge Mann schwieg und sie standen aufs Neue unbeweglich einander gegenüber. Inzwischen brach die Nacht herein; Clementine machte wieder einige Schritte. – »Sie entfernen sich, mein Fräulein? – Ja, mein Herr, die Nacht kommt und es ist Zeit, ins Schloß zurückzukehren. – Sie bewohnen das Schloß Froburg? – Ja, mein Herr. – Wenn das Fräulein mir erlauben wollte, Sie dorthin zu begleiten? – Nicht nöthig, mein Herr, ich kenne die Wege sehr gut.« Damit entschlüpfte Clementine leichten Schrittes und ließ den jungen Mann allein, dessen Augen ihr bis zum Saum des Waldes folgten. Athemlos langte Clementine im Schloß an; zum erstenmale ließ sie einen ganzen Tag verstreichen, ohne ihre gute Amme zu besuchen. Sie vergaß Andere, um nur an die so eben stattgehabte Begegnung zu denken. Umsonst wollte sie diesen unwillkürlichen Gedanken verjagen, unaufhörlich schwebte ihr das Bild des jungen Jägers vor und erfüllte ihre Seele mit noch nie gekannter Unruhe. Am folgenden Tage begab sie sich zur nämlichen Stunde nach Marianens Hütte. Indeß vertiefte sie sich, trotz ihres geheimen Wunsches, mit dem Unbekannten wieder zusammen zu treffen, nicht ins Gehölz, sondern ging gerades Wegs zu ihrer Amme. Nachdem die gute Frau sie über ihr gestriges Ausbleiben gezankt hatte, mußte sie sich zu ihr setzen und ward eingeladen, ihr Mahl, aus Milch und Obst bestehend, zu theilen. Doch war Clementine nicht in ihrem gewöhnlichen Zustande. Eine geheime Unruhe, ein neues Gefühl bewegten sie. Ihre gute Amme, welche die Veränderung in ihrem ganzen Wesen wohl bemerkte, fragte sie um die Ursache, und Clementine, die kein Geheimnis für dieselbe hatte, machte sie mit dem gestrigen Zusammentreffen und dem Gegenstand, der sie beschäftigte, bekannt, was sie ihrem Vater nie zu erzählen gewagt hätte: so wahr ist es, daß Sanftmuth und Vertraulichkeit zum Zutrauen hinreißt, während die Ehrfurcht gegen die Eltern öfters die Quelle einer gegen sie beobachteten Zurückhaltung ist. Mariane, die in diesem Zusammentreffen nur etwas ganz Natürliches fand, ohne die Folgen desselben vorauszusehen, wunderte sich über Clementinens Aufregung. Während sie diesen Gegenstand besprachen, pochte man an der Thüre. Herzklopfen zeigte Clementinen an, daß es ihretwegen geschehe: Mariane öffnete und wirklich trat auch der junge Mann aus dem Wald in die Hütte. Er lächelte, als er die bald erröthende, bald zitternde Clementine gewahrte. Die gute Mariane staunte beide mit offenem Munde an, unschlüssig, ob sie schweigen oder reden solle. Leicht fand der junge Mann einen Vorwand für einen Besuch; er sagte Marianen, daß er gegen Abend, auf der Jagd verirrt, in großer Verlegenheit gewesen sei, worauf er dann die Hütte erblickt habe. Er bat um etwas Milch und Obst, da er seit dem Morgen nichts genossen habe. Sich hierauf an Clementinen wendend, grüßte er sie schüchtern und sagte, er preise sich glücklich, daß der Zufall ihm ein zweites Mal das Vergnügen, ihr zu begegnen, verschaffe. Clementine lächelte ebenfalls, denn ein inneres Gefühl schien sie errathen zu lassen, daß nicht der Zufall es sei, der den jungen Jäger hergeführt. Mariane begriff nun, es sei derjenige, der ihrem Fräulein (wie sie Clementine nannte) gestern Abend begegnet war, und sagte ihm, daß er nicht gelegener hätte kommen können, und Clementine so eben von ihm gesprochen habe. Zärtlich blickte der junge Mann das erröthende Mädchen an, Mariane aber sah noch immer befremdet auf beide. Nach und nach verschwand indeß der Zwang, Vertrauen trat an dessen Stelle, und der Jäger froh, Clementinen nicht mehr unbekannt zu sein, theilte den Frauenzimmern mit, daß er ein Franzose sei, d'Ormeville heiße, frühe seiner Eltern beraubt und bei seinem geringen Vermögen in den Militärdienst getreten sei; nachdem er einige Zeit mit den französischen Heeren im Felde gestanden, habe er mit einem seiner Kameraden einen Ehrenhandel gehabt, sich mit ihm geschlagen und seinen Gegner im Zweikampf getödtet. Die Familie desselben sei reich und mächtig; er, d'Ormeville, arm und ohne Protektion, habe sich genöthigt gesehen, zu entfliehen, um dem peinlichen Gericht auszuweichen, und sei nach Deutschland gekommen, in der Absicht, die Dienste des Kaisers zu nehmen. Auf dieser Reise habe er einige Zeit in einem, dem Schlosse Froburg nahegelegenen Dorfe verweilt und gerade, als er sich mit der Jagd unterhalten, die reizende Clementine getroffen. Die Tochter des Barons fragte mit reger Theilnahme, ob er jetzt in Sicherheit sei. D'Ormeville antwortete, daß er nichts mehr fürchte, seit er sich in Deutschland befinde, und fügte hinzu, sein sehnlichster Wunsch sei jetzt, noch lange in der Gegend zu verweilen, die sie bewohne. Auf solche Weise ward dies unerwartete Zusammentreffen für Clementine die Quelle mannigfacher Leiden. D'Ormeville erlangte anfangs nur schwer die Erlaubniß, Clementine auf einen Theil des Rückwegs zu begleiten; zwar war Mariane stets bei ihnen: ist aber die Gegenwart eines Dritten hinreichend, das Aufkeimen der Liebe zu ersticken? Clementine fehlte keinen Abend in der Hütte; und d'Ormeville seinerseits war eben so pünktlich. Er fand stets irgend einen Vorwand, dort zugelassen zu werden. Die gute Mariane sah nichts Unrechtes darin, daß zwei so liebenswürdige junge Leute öfters beisammen waren; überdies hatte d'Ormeville durch sein sanftmüthiges und zuvorkommendes Wesen ihre Freundschaft gewonnen, und Niemand schickte sich, wie sie sagte, besser mit ihrem Fräulein zusammen. Unsere jungen Leute hatten sich bald verständigt. Die Augensprache genügte ihnen nicht mehr, und während eines Tages Mariane im Garten war, warf sich d'Ormeville Clementinen zu Füßen und gestand ihr seine Liebe. Was hätte sie erwidern können, das er nicht schon wußte? Sie schwuren sich gegenseitig zu, einander anzugehören und ewig zu lieben. Das Geschick indeß, welches nicht immer mit unsern Wünschen übereinstimmt, schien denen der beiden Liebenden entgegen sein zu wollen. Clementine gestand d'Ormeville, daß ihr Vater die Franzosen nicht liebe und nicht leicht seine Einwilligung zu dieser Verbindung geben werde. D'Ormeville hielt ihr entgegen, daß er in deutsche Dienste trete und dieser Umstand ihren Vater vielleicht günstiger für ihn stimmen könne. Clementine glaubte es: was man wünscht, glaubt man so leicht! ... Die Zeit verstrich inzwischen und d'Ormeville, der schon bei der Armee hätte sein sollen, konnte sich nicht zur Trennung von Clementinen entschließen. Jeden Abend genossen unsere Liebenden, mit der guten Mariane, welche voll Freude ihren Reden zuhörte. um einen Tisch sitzend, das süße Vergnügen, welches man im Zusammensein mit dem geliebten Gegenstand empfindet, und gewöhnlich gingen alle drei mit einander bis an die Thüre des Schloßparks, wo Clementine mit dem Versprechen schied, am andern Tage wieder zu kommen. Als sich jedoch Mariane eines Tages unpäßlich fühlte, konnte sie Clementine auf dem Heimwege nicht begleiten. Es war spät: bei traulichem Liebeskosen hatte man die Stunde vergessen und Clementine durfte nicht allein gehen; sie mußte wohl d'Ormeville's Arm annehmen. Der Abend war prächtig und rief unsern Liebenden den ersten Tag ihres Zusammentreffens zurück. Am Walde standen sie still, tausend köstliche Gefühle bemächtigten sich ihrer Herzen. D'Ormeville drückte seine Geliebte in seine Arme; Clementine gab sich ganz seinen Liebkosungen hin, und beide vergaßen die Welt und ihre Convenienzen, um nur noch an die Liebe zu denken. Da unglücklicherweise das höchste Vergnügen die kürzeste Dauer hat, so schwand die Täuschung, die Sinne wurden wieder ruhiger und Clementine sah mit Entsetzen den Abgrund, in welchen sie gestürzt war. Doch d'Ormeville war bei ihr, er stillte ihren Schmerz, trocknete ihre Thränen, etwas Leichtes für einen Liebhaber! Clementine lächelte ... Wenn die Liebe den Genuß überlebt, ist man immer noch glücklich. Man mußte sich indeß trennen, und dies war das Härteste! ... Endlich ging Clementine durch die kleine Pforte des Parks nach Hause; aber wie sehr zitterte sie, als sie durch die Gemächer des Schlosses hinflog! Mit welcher Verwirrung redete sie nicht den Urheber ihrer Tage an! Wenn der Baron erst zwanzig Jahre gezählt hätte, er hätte Alles geahnt. Aber unsere Eltern sind nicht mehr, wie wir, im Alter der Leidenschaften; darum ist es auch leicht, ihnen die in uns tobenden zu verbergen. Je mehr indeß unsere Liebenden der Liebe pflegten, um so weniger dachte d'Ormeville an seine Abreise, bis ein unerwartetes, aber ganz natürliches Ereigniß ihn an seine Pflicht erinnerte; Clementine fühlte sich guter Hoffnung. Diese Nachricht erfüllte d'Ormeville mit Freude, ließ ihn aber doch fühlen, daß es Zeit sei, einen entscheidenden Schritt zu thun. Man kam überein, d'Ormeville solle augenblicklich zur Armee abreisen! eben kam ein Krieg zwischen Rußland und Oesterreich zum Ausbruch; der Augenblick, sich auszuzeichnen, war da. Clementine sollte ihren Geliebten von Allem auf dem Schloß Vorfallenden in Kenntniß setzen. Man hoffte, er werde vor der Geburt des unter ihrem Herzen ruhenden Kindes wieder zurückkommen; und dann wollten sich beide Liebenden dem Baron zu Füßen werfen, ihr Vergehen bekennen und seine Verzeihung erlangen. Nach Feststellung dieses Planes dachte man nur noch an seine Ausführung: d'Ormeville verließ die Geliebte nicht, ohne viele Thränen zu vergießen, und Clementine fühlte ihre Sinne schwinden, als sie Denjenigen abreisen sah, den sie als ihren Gatten betrachtete. Viertes Kapitel. Der Mann, wie es wenige gibt. Zwei Monate nach d'Ormeville's Abreise kündigte der Baron von Froburg seiner Tochter an, daß sie den Obersten Framberg als ihren künftigen Gemahl anzusehen habe. Was konnte Clementine sagen? Sie fürchtete ihren Vater zu sehr, als daß sie es gewagt hätte, ihm ihren Fehltritt zu gestehen. Wir haben gesehen, daß Alles, was sie zu erlangen vermochte, ein Aufschub von drei Monaten war. An dem Busen ihrer guten Amme, in den sie schon lange all ihren Kummer vertrauensvoll niedergelegt hatte, weinte sie sich aus. Die alte Mariane konnte ihr nur zusprechen, Muth zu fassen; aber um das Unglück voll zu machen, empfing Clementinen seit einem Monate von d'Ormeville keine Nachricht mehr. Was mochte ihm begegnet sein?... War er gefangen? war er auf dem Schlachtfelde gefallen? Alle diese entsetzlichen Gedanken machten ihre Lage nur noch schrecklicher. Eines Abends waren Graf Hermann und sein Sohn bei dem Baron, da trat Müller herein, seinem Obersten Nachricht über die letzte Schlacht zu bringen. »Nun! Müller,« sagte der Oberst, »was gibt's Neues? – Ha! die Feinde sind tüchtig geklopft worden!.... – Bist Du dessen gewiß? – Ja, Herr Oberst, denn der alte Frank, der gerade von der Armee herkommt, hat mir's erzählt. Bomben und Granaten! Er sagt, der Kampf sei hitzig gewesen!... Der Feind vertheidigte sich wacker; anfangs richtete er große Verheerungen in unsern Reihen an: von der ganzen ersten Schwadron unseres sechsunddreißigsten Husarenregiments ist nicht ein Einziger davon gekommen... – Was sagen Sie?« rief Clementine. »Wie? nicht einmal die Offiziere ?... – Ach! mein Gott, nicht Einer!... Alles blieb auf dem Platze! ...« Clementine hörte nicht weiter, sie sank ohnmächtig nieder: man sprang ihr bei, während Müller, durch die Beschreibung der Schlacht in Feuereifer gerathen, den Unfall nicht bemerkte, welchen er hervorgerufen hatte. Man trug Clementine in ihr Zimmer, wo sie ihre Sinne nur wieder erlangte, um sich dem heftigsten Schmerze hinzugeben. In der ersten Schwadron des sechsunddreißigsten Husarenregiments diente d'Ormeville, und die eben erhaltene Nachricht in Verbindung mit dem seit lange von ihm beobachteten Stillschweigen überzeugte sie leicht, daß er zu leben aufgehört habe. Wirklich gelangte auch von dieser Zeit an keine Nachricht von d'Ormeville mehr zu Clementinen, welche ihre Tage in Thränen verlebte, in Gedanken an den, den sie verloren. Mittlerweile verstrich die Zeit: der Clementinen gewährte dreimonatliche Aufschub nahte seinem Ende; auch fühlte sie, daß sie bald Mutter sein werde, und jeder Augenblick vermehrte die Angst ihrer Lage. Ein Schritt mußte geschehen: Clementine entschloß sich, das letzte ihr übrige Mittel zu versuchen, um, wenn nicht Glück, worauf sie seit dem Tode des Geliebten verzichtet hatte, doch wenigstens Ruhe und Frieden zu genießen, die sie schon lange entbehren gemußt. Der Charakter des Obersten Framberg, welchen Clementine schätzen gelernt hatte, gab ihr den Gedanken ein, ihm ihren Fehltritt zu bekennen und sich seiner Großmuth anzuvertrauen. Eines Tages, kurz vor dem zu ihrer Vermählung bestimmten Zeitpunkt, bat sie den Obersten um eine kurze Unterredung unter vier Augen; gerne willigte dieser darein. Sie begaben sich an einen abgelegenen Ort des Parks und dort theilte ihm Clementine das Geheimniß ihrer Liebe und ihres Unglücks mit. Der Oberst wurde starr vor Erstaunen, als er von Clementine vernahm, daß sie bald Mutter sein werde. »Wie? Madame,« sagte er zu ihr, »Sie, die ich für die allerunschuldigste unter den Frauen gehalten hätte!...« Er hielt inne: Clementine war purpurroth vor Scham... – »Ach! verzeihen Sie, Madame,« setzte er hinzu, »die Liebe ist mir unbekannt, und ich weiß nicht, zu welchen Fehlern sie uns hinreißt. Doch sprechen, befehlen Sie! was verlangen Sie von mir? Ihr Zutrauen verdient meine ganze Anhänglichkeit und Achtung, es ist ein Beweis, daß Sie mich schätzen: und ich will Ihnen zeigen, daß wenn der Oberst Framberg nicht ihr Geliebter sein kann, er wenigstens Ihrer Freundschaft würdig ist.« Durch diese Rede ermuthigt, sagte Clementine, »sie überlasse sich ganz seiner Großmuth, ihr Schicksal stehe in seinen Händen.« »Nun wohlan! Madame, in diesem Fall wollen wir, wenn es Ihnen genehm ist, nichts an unsern Projekten ändern. Lebte derjenige noch, der Ihre Liebe besaß, so würde ich mich wohl hüten, mich Ihnen als Gatte anzutragen, denn das hieße Sie zu ewiger Reue verdammen wollen; aber er ist nicht mehr, und Sie sind Mutter: Ihr Kind bedarf eines Vaters; ich will diese Stelle bei ihm vertreten, und immer die gleiche Zärtlichkeit für dasselbe haben, als wäre es mein eigenes! – Wie! Oberst, Sie wären bereitwillig, mich zu heirathen? Vergessen Sie, daß Vorurtheile, die Ehre selbst, Ihnen diese Ehe untersagen? – Vorurtheile kenne ich nicht; und meine Ehre, Madame, besteht darin, das Unglück zu unterstützen und der Waise Vater zu sein. Unter diesem Titel will ich Ihr Gemahl werden, und wenn man in der Folge mein Benehmen tadelt, kann man mir wenigstens die Genugthuung nicht versagen, als galanter Mann gehandelt zu haben. – Ach ! Oberst, wer wäre frech genug, die Handlungsweise eines Mannes zu tadeln, der sich nur im Wohlthun gefällt? – Ueberdies, Madame, da die Schicklichkeit es erfordert, so bürge ich Ihnen dafür, daß das tiefste Geheimniß diese Begebenheit umhüllen soll.« So endigte die Unterhaltung und acht Tage darauf ward Clementine des Obersten Gattin. Hätte sie d'Ormeville nicht gekannt, würde sie in dieser Verbindung ihr Glück gefunden haben; aber die Erinnerung an den Angebeteten störte unablässig ihre Ruhe und sie verfiel in düstere Schwermuth, die sie vergebens ihrem Gatten zu verbergen suchte. Einen Monat nach der Hochzeit starb Graf Hermann; der Oberst weihte dem Gedächtniß seines Vaters die Thränen eines zärtlichen Sohnes und lebte einige Zeit mit seiner Gemahlin in gänzlicher Abgeschiedenheit, wo er Niemand als Müller vor sich ließ. In diesem Zeitraum gebar die Gräfin einen Knaben, der insgeheim unter dem Namen Heinrich d'Ormeville getauft ward, den aber der Oberst erzog und für seinen Sohn ausgab. Der alte Baron von Froburg, damals auf seinem Schlosse, hatte keine Kunde von diesem Ereigniß, und starb, nicht lange nachher, ohne die geringste Ahnung von diesem Geheimnisse. Müller war der Einzige, der die Wahrheit durchschaute; aber er behielt seine Betrachtungen für sich und äußerte seine Gedanken gegen den Obersten nicht. Der junge Heinrich wurde der Abgott seiner Mutter; seine Züge vergegenwärtigten ihr die Züge des von ihr so heiß geliebten Mannes. Wäre Clementine so glücklich gewesen, ihren Sohn zu erziehen, so würde unser junger Held wahrscheinlich ihre sanften und zarten Tugenden geerbt haben, aber sie starb, noch ehe er sein viertes Jahr erreicht hatte, begleitet von den Thränen und dem Bedauern aller Derer, die sie kannten. Die Verzweiflung über den Tod seiner Frau nöthigte den Obersten, zur Zerstreuung einige Zeit das Schloß zu verlassen. Er beschloß, wieder zur Armee zu gehen; seine Liebe zu dem kleinen Heinrich bewog ihn indeß, diesen in den Händen eines Mannes zurückzulassen, der mit allem Eifer seine Jugend beaufsichtigen und ihm frühe schon die Grundsätze der Tugend einimpfen könne; hiezu erkor er Müller. Er kannte dessen Biederkeit und Aufrichtigkeit, und in der Ueberzeugung, dieser werde seinen Sohn (wie er Heinrich nannte) keinen Augenblick verlassen, schwankte er nicht, ihn zu dessen Lehrer zu bestellen. Müller wäre wohl ebenso gern seinem Obersten zur Armee gefolgt, als daß er ruhig auf Schloß Framberg verblieb: da aber die Wünsche seines Vorgesetzten Befehle für ihn waren, so schwur er, seine Plane treulich zu erfüllen. Der Oberst reiste daher ab, indem er Müller in seiner Abwesenheit den Befehl über das Schloß übergab und ihm einschärfte, aus Heinrich einen braven und tugendhaften Mann zu bilden. Fünftes Kapitel. Heinrichs Erziehung. Wir wollen nun sehen, wie Mütter die ihm gestellte Aufgabe löste, und welches die Erziehung des kleinen Heinrich war. Müller fing damit an, seine Wohnung neben der seines Zöglings aufzuschlagen; so wie der Tag graute, trat er in Heinrichs Zimmer, zog ihn ungestüm ans dem Bette, kleidete ihn an und nahm ihn zu einem Spaziergang im freien Felde mit, wohl wissend, daß diese Leibesbewegung seinen Zögling stärker und kräftiger mache. Wieder heimgekehrt, nahm man das Frühstück, aus etwas kaltem Fleisch und Wein bestehend, ein; Müller war der Meinung, das tauge mehr, als alle Thees und Kaffees in der Welt; vielleicht hatte er nicht Unrecht; aber ich glaube, es war ihm im Grunde auch nicht unlieb, selbst dieses Frühstück benützen zu können. Hierauf trat Müller seinen Zögling, doch nur auf zwei Stunden, einem alten auf dem Schloß wohnenden Magister ab, der beauftragt war, ihn Schreiben und fremde Sprachen zu lehren. Müller empfahl Heinrich unaufhörlich, sich mit dem Studium der Wissenschaften nicht so sehr den Kopf zu zerbrechen, weil er den Degen gut zu führen für nöthiger hielt, als Latein sprechen zu können: und der junge Mensch, sich auf Müllers Beistimmung stützend, warf Herrn Bethmann (so hieß der Lehrer) zuweilen die Bücher ins Gesicht, weil er ihn langweile, und er lieber fechten lernen wollte. Herr Bethmann schrie; aber Müller war entzückt, und ersterer hatte immer Unrecht. War dieser Unterricht vorüber, so führte Müller den Kleinen in den Hof, setzte ihn auf ein Pferd und ließ das Thier beinahe eine Stunde lang im Hof herumtraben und galoppiren; auch kannte der kleine Heinrich in seinem zehnten Jahre die Pferde besser, als sein Elementarbuch. Nach diesem kleinen Zeitvertreib schritt man zu einem andern wichtigeren; man mußte exerciren und die ehrenvolle Handhabung des Säbels lernen. Darin zeichnete sich Müller besonders aus, und wenn er mit seinem Zögling zufrieden war, so belohnte er ihn durch Freisprechung für morgen von jedem Unterricht bei Herrn Bethmann. Nun setzten sich die Herren zu Tische. Müllers Grundsatz war, hier möglichst lange sitzen zu bleiben, und dies war der einzige, worin er mit Herrn Bethmann übereinstimmte, welcher die Ehre theilte, mit den Herren zu speisen, weil Müller gerne Jemand bei sich hatte, der ihm bei Tische die Stange zu halten vermochte, bis sich sein Zögling selbst mit ihm betrinken könnte. Gewöhnlich waren beide nach Tisch nicht mehr im Stande, irgend etwas zu unternehmen. Herr Bethmann, der mit Müller rivalisiren wollte, lag stets am Ende des Mahls unter dem Tisch, und da Müller nun Niemand mehr zum Disputiren hatte, schlief er am Kamin, seine Pfeife rauchend und ein Kriegslied summend, ein. Während seine beiden Lehrer im Schlafe lagen, machte Heinrich seine Streiche. Von Niemand mehr beaufsichtigt, rannte er durch Schloß und Garten, hielt im Stalle an, band die Pferde los, stieg ohne Sattel auf und verheerte den Garten, indem er kreuz und quer durch die Gänge und Gemüsebeete ritt, ohne auf das Geschrei des Gärtners zu hören, der in Verzweiflung war, daß er nie seine Pflanzungen zur Reife gedeihen sah. Eines Tages indeß entschloß sich der Gärtner, ärgerlich darüber, daß Heinrich jeden Abend seine Arbeit vom Morgen zerstörte, Rache zu nehmen. Nach seinem reiflich überdachten Plane kaufte er einige Schwärmer, brachte sie unten an einem Baume in der großen Allee an, die Heinrich am häufigsten und liebsten verwüstete, und bis zu einem Gebüsch, worin er sich verbarg, Laufpulver streuend, erwartete er ruhig seinen Feind, bereit, im Augenblick seines Vorbeikommens anzuzünden, in der Ueberzeugung, das Pferd werde beim Knall der Explosion seinem Reiter auf irgend eine Weise übel mitspielen. Der Erfolg rechtfertigte alle Erwartungen des Gärtners; sobald Heinrich sah, daß Herr Bethmann unter dem Tische lag und Müller eingeschlafen war, stürzte er die Treppe hinab, lief in den Stall, band das beste Pferd los und bestieg es mit dem Vorsatz, wie früher die Gartenbeete zusammenzureiten. Er galoppirte demzufolge auf die unheilvolle Allee zu; aber o, unvermuthetes Unglück!... die Explosion fand statt: das Pferd bäumt sich und setzt seinen Reiter ab, der ebenfalls durch das plötzliche Knallen zu erschreckt war, als daß er sich hätte fest auf seinem Thiere halten können, und zehn Schritte weit hinausgeschleudert wurde. Die ganze Dienerschaft des Schlosses lief bei dem Geschrei ihres jungen Herrn zusammen, der Gärtner, einer der ersten: auch Müller ward aufgeweckt; erschreckt über das zu seinen Ohren dringende Geschrei, wirft er, um schneller Heinrich zu Hülfe zu eilen, die Tafel über Herrn Bethmann zusammen. Unsern jungen Freund hatte mehr Furcht, als Schaden betroffen, einige Quetschungen abgerechnet, war ihm weiter nichts zugestoßen. Indeß theilte er, über die Ursache seines Falles befragt, Müllern das Geschehene mit; dieser wüthend, daß man es gewagt, seinem Zögling eine Falle zu legen, schwört, daß, wenn er den Schurken von Thäter entdecke, er ihm die Lust zur Wiederholung benehmen wolle. Sämmtliche Diener betheuern ihre Unschuld und man kehrt im Gespräch über diesen Vorfall nach dem Schloß zurück. Dort hatte sich aber eine andere Ueberraschung vorbereitet; unten an der Treppe hört Müller einen sonderbaren Lärm aus dem Speisesaal herausdringen, vier Stufen auf einmal nehmend, läuft er hinauf und findet Herrn Bethmann sich unter dem Tisch zwischen Flaschen und Schüsseln wälzend, und nach Möglichkeit anstrengend, seinen Kopf aus einem Punschnapf herauszuarbeiten. Endlich gelingt es ihm, jedoch nur mit Zurücklassung seiner Perrücke. Als die Stille wieder etwas hergestellt war, ging man auseinander und begab sich zur Ruhe. Durch seinen Sturz vom Pferde gezüchtigt, war Heinrich eine Zeitlang etwas friedlicher und begnügte sich damit, im Hofe zu galoppiren. Der Gärtner freute sich im Stillen über den guten Erfolg seiner Kriegslist und sah mit Entzücken seine Gemüse emporschießen. Nach und nach verwischte sich der Eindruck des Sturzes, und Heinrich fing an, den engen Kreis seiner Reitschule langweilig zu finden. Als er endlich wieder geheilt war, schlug er auch den Weg nach dem Garten wieder ein und machte aufs Neue, daß ihn der Gärtner zu allen Teufeln wünschte. Müller, der den Streich mit den Schwärmern nicht vergessen hatte und vor Verlangen brannte, dessen Urheber zu erforschen, faßte bald dringenden Verdacht gegen den Gärtner, dessen wiederholte Klagen seinen Unmuth nicht verkennen ließen. Er beschloß daher, unserem Mann aufzupassen und die Gewißheit seiner Vermuthungen zu erlangen; die Gelegenheit dazu ließ nicht lange auf sich warten. Der Gärtner, müde, zu sehen, daß seine Vorstellungen zu nichts führten, entschloß sich, sein Experiment zu wiederholen, um dem jungen Heinrich seine Reitkünste im Garten völlig zu entleiden; und damit ihn die Lust nicht anwandle, später aufs Neue zu kommen, dachte er, es werde nicht übel sein, wenn er die Dosis verdreifache und die Sache dadurch wirksamer mache. Wie aber es anstellen? Das wenige Pulver, das er im Schlosse hatte auftreiben können, war bei der ersten Explosion verbraucht worden. Nach einigem Nachsinnen dachte er, Müller müsse eine mehr als zur Ausführung seines Planes hinreichende Quantität besitzen, und er wolle einen Augenblick seiner Abwesenheit benützen, um den Bedarf zu holen. Es stand auch wirklich nicht lange an, bis Müller herabkam, wo er unsern Mann um das Schloß herumschleichen sah. Müller that, als ob er, ohne etwas zu ahnen, weiter ginge; aber nach einigen Schritten kehrte er um und folgte dem Gärtner leise. Dieser, nicht ahnend, daß man ihm folge, trat in das Zimmer, nahm die für nöthig erachtete Quantität Pulver und eilte schnell in den Garten zurück, wobei er über den neuen Streich, den er unserem Husarenzögling zu spielen im Begriff war, in den Bart lachte. Aber Müller hatte Alles gesehen! und da er den überzeugenden Beweis von der Bosheit des Gärtners erlangt hatte, versprach er sich, glänzende Rache zu nehmen. Nach wohl überlegtem Plane ließ er den Gärtner Alles rüsten, was seine Explosion recht geräuschvoll machen konnte, und harrte mit Ungeduld auf den zur Ausführung seines Projekts bestimmten Augenblick. Endlich kam dieser von Müller und dem Gärtner so sehnlichst gewünschte heran. Nachdem Letzterer sein Kunststück gehörig vorbereitet hatte, versteckte er sich im Gebüsch, von wo aus er die Lunte anbrennen wollte. Er wartete nicht lange: der Galopp eines Pferdes ließ sich vernehmen, es kommt näher ... Alsbald legt er Feuer an das Laufpulver ... Aber o Ueberraschung! ... o Verzweiflung! ... er selbst wird durch die Gewalt des Pulvers weit weggeschleudert und fällt unter durchdringendem Geschrei auf den Rasen nieder. Man denkt sich leicht, daß Müller es war, der den Pulverstreifen durch einen andern an den Versteck des Gärtners führenden abgeschnitten und das Gebüsch so mit Pulver unterminirt hatte, daß er ihm die Lust benahm. Andere in die Luft zu sprengen. Auf dem herbeigaloppirenden Pferde saß Niemand: Müller hatte seinen Zögling von der ihm gelegten Falle benachrichtigt und dadurch vom Erscheinen abgehalten. »Aha! ... Schurke, Du also willst Deinen jungen Herrn in die Luft sprengen, weil es ihm gefällt, Deinen Spinat mit den Füßen seines Pferdes zu bearbeiten! ... Dreifache Kanonade! ich weiß nicht, woran es hing, daß ich Dich nicht so hoch wie der Kirchthurm des Dorfes habe springen lassen! ... – Aber, Herr Müller! ... was ich that, geschah zum Besten des Herrn von Framberg! ... Was wird unser Herr sagen, wenn er seinen Garten in diesem Zustande findet! ... Wisse, Schlingel, mein Oberst liebt seinen Sohn mehr, als seine Kohlköpfe, und mag es meinem Zögling gefallen, das ganze Schloß umzukehren, so steht es Dir nicht zu, ein Wort darüber zu sagen.« Der Gärtner schwieg und hinkte nach seinem Häuschen zurück, indem er alle jungen Leute, Pferde und Husaren zum Teufel wünschte. Müller aber, stolz über das Gelingen seines Planes, feierte seinen Sieg mit dem Glas in der Hand, und diesmal brachte Herr Bethmann die Nacht unter dem Tische zu. Sechstes Kapitel. Das Pachthaus und der Heuboden. Auf solche Weise verging die Jugend unseres Helden, und dieser erreichte das Alter von fünfzehn Jahren, indem er fortwährend alle Schloßbewohner neckte und ärgerte. Aber er ritt vortrefflich, schlug sich beinahe eben so gut, als sein Lehrer, der bei seinem Schnurrbart schwur, daß ihm sein Zögling Ehre machen werde. Mit fünfzehn Jahren hatte Heinrich das Aussehen eines Mannes, und die Leidenschaften mußten sich bei ihm eben so frühzeitig, als der Körper entwickeln; er war groß, wohlgebaut, von edlen und angenehmen Gesichtszügen, eben so schnell, sich über einen Fehler zu entschuldigen, als leichtsinnig, ihn zu begehen; er war außerdem brav, menschlich, gefühlvoll, aber aufbrausend, jähzornig, ungestüm in seinen Wünschen, barsch in seinen Handlungen und kannte keine Grenze, keine Mäßigung. Mit einem solchen Charakter und von Müller geleitet, konnte es nicht fehlen, daß er zu guten und schlimmen Bemerkungen über sich Veranlassung gab. Der Aufenthalt auf Schloß Framberg fing an, unserem Jüngling sehr langweilig zu werden, da Reiselust und das Verlangen, die Welt kennen zu lernen, in ihm aufloderte. Jeden Tag machte ihm Müller Hoffnung, daß der Oberst eintreffen und sich alsdann seine Lebensweise ändern werde; aber die Zeit verstrich und der Oberst kam nicht. Heinrich, müde, im Schloßraum umherzureiten, dehnte seit einiger Zeit seine Spaziergänge ins Freie aus und kam nicht bälder zurück, als bis Mattigkeit oder Bedürfniß ihn zur Ruhe zwang. Müller, nicht mehr in dem Alter, wo es Vergnügen macht, sich lahm zu rennen, ließ seinen Zögling zuweilen diese fernen Promenaden allein unternehmen, mit dem Beding jedoch, daß er stets vor Einbruch der Nacht wiederkomme. Eines Tages war er wie gewöhnlich aufgebrochen, aber die Stunde seiner Zurückkunft verstrich, ohne daß er wieder im Schlosse erschien. Müller, im Begriff, mit Bethmann eine Flasche alten Rum zu leeren, gewahrte anfangs Heinrichs Abwesenheit nicht; als indeß die Nacht etwas vorgerückt war, fragte er, ob der Herr Graf zurück sei, und man antwortete ihm mit Nein. Nun fing er an, etwas unruhig zu werden, aber er vermuthete, Heinrich werde sich weiter, als er zu thun pflegte, entfernt und nicht vorausgesehen haben, daß ihn die Nacht, ehe er aufs Schloß gelange, überfallen würde. Doch die Zeit verstrich: die Mitternachtsstunde schlug und Heinrich kam nicht wieder. Da Müller seiner Ungeduld und der Furcht, es möchte seinem theuern Zögling irgend ein Unglück zugestoßen sein, nicht mehr Herr werden konnte, ließ er ein Pferd satteln, schwang sich hinauf und befahl den übrigen Dienern, sogleich auf verschiedenen Wegen zur Aufsuchung ihres jungen Herrn abzugehen. Die Nacht war finster: Müller ließ sein Pferd den ersten besten Weg einschlagen, ermangelte jedoch nicht, ihm auf eine Weise zuzusetzen, daß es nicht einschlief. Nachdem er ziemlich lange fortgaloppirt war, ohne auf ein lebendiges Wesen zu stoßen, sah er endlich in der Entfernung einen kleinen Lichtschimmer: alsbald ritt er darauf zu, in der Hoffnung, hier einmal etwas über den Gegenstand seiner Nachforschungen zu erfahren. Das von Müller erblickte Licht kam aus einem inmitten der Felder gelegenen Pachthofe. Müller pochte ungestüm an die Thüre, eine starke Bulldogge läßt sich hören und verbreitet Lärm im ganzen Hause. »Wer klopft so?« fragt eine rauhe Stimme im untern Stocke. – »Nun, mach auf, Lümmel, und man wird's Dir sagen. – Um diese Zeit aufmachen? ... ei doch ! seht einmal den Pfiffikus, der glaubt, man lasse nur so mir nichts Dir nichts die Diebe herein! ... – Wen nennst Du Dieb? Wisse, Hundsfott, daß Dir ein alter Feldwebel, der Lehrer des Sohns des Obersten Framberg, die Ehre eines Besuchs erweist. – Ja! ... geh! ich werde mich durch solche Schnurrpfeifereien anführen lassen! ... – He, willst Du öffnen? oder ich haue mit meinem Säbel das Schloß voneinander. – Ah! er ist bewaffnet! ... Holla, Cäsar! Castor! herbei, zu Hülfe! packt mir diesen Schurken da! ...« Mit diesen Worten öffnet der Pächter die Hofthüre und läßt zwei Bulldoggen los, welche über Müller herfallen; dieser, wüthend darüber, daß der Bauer nicht mehr Respekt vor seinen Titeln und Aemtern hat, sprengt zu Pferd in den Hof, haut dem ersten ihm in den Weg kommenden Hund mit seinem Säbel den Kopf ab, stürzt nach dem Gemach, worin der Pächter war, und sucht Denjenigen auf, an dem er seine Rache nehmen will. Dieser aber, von Furcht ergriffen, wie er sieht, mit welchem Teufel er es zu thun hat, ergreift die Flucht, um seine Hofknechte und das ganze Haus zu wecken. Müllern kann nichts aufhalten, er rennt eine Treppe hinan, dann eine andere und kommt endlich auf den Heuboden. Die Thüre war verriegelt. Vermuthend, daß sich sein Mann hieher geflüchtet habe, sprengt er sie, tritt ein, schließt wieder fest zu und beschäftigt sich durch Umhertasten mit Untersuchung des Orts. Die tiefste Stille herrschte hier; indeß glaubte Müller beim Umdrehen der Heubündel Jemand athmen zu hören; er geht vorwärts, fühlte sachte ringsumher und bleibt ganz erstaunt, als er unter seiner Hand völlig weibliche Formen fühlt. Er fährt in seinem Betasten fort, man rührt sich nicht; was er befühlt, läßt ihn wohl ahnen, was er nicht sieht; und von der Hitze seines Treibens beseelt, beginnt Müller sich an der Frau des Pächters für den Schimpf zu rächen, den dieser ihm zugefügt. Wie aber kam die Pächterin hieher, statt ruhig in ihrem Bett zu schlafen? ... Es wird gut sein, dies dem Leser mitzutheilen. Der Pächter war ein handfester, wohlbeleibter Mann, der seiner Zeit wohl sein Geld werth sein mochte; aber er war nicht mehr jung, und die Pächterin, ein Weib von heiterem Wesen und rüstiger Leibesbeschaffenheit, fand, daß ihr Mann seit einiger Zeit zu nichts mehr gut war, als die Leitung des Pachtguts zu besorgen; deßhalb hatte sie es passend gefunden, ihm seinen Oberknecht zu adjungiren, einen jungen Kerl, der viel versprach und dem Pächter seine eheliche Funktionen erleichterte. Zu diesem Behuf begab sie sich alle Abende auf den Heuboden, während sich ihr Mann unten mit seinen Tagesrechnungen beschäftigte, und der Oberknecht seinerseits fand sich pünktlich ein. Sie waren also beide hier oben, und im Feuer ihres Zwiesprachs hatten sie den zwischen Müller und dem Pächter stattgehabten Streit nicht gehört. Erst im Augenblick, wo dieser seine Hunde losließ, machte der Knecht seiner Gefährtin bemerklich, daß unten etwas vorgehe. Die Pächterin war der Meinung, man solle wegen solcher Kleinigkeit sich nicht stören lassen; aber der junge Mensch hatte keine Lust, von seinem Vorgesetzten überrascht zu werden, ließ seine Schöne allein, um zu sehen, was es gebe. Es scheint, daß Müller sich nachdrücklich rächte, und die Pächterin Vergnügen daran fand, für ihren Mann zu leiden, denn unser Husar war noch weiter im Begriff, seinen Zorn auszulassen, als das Geräusch mehrerer Männertritte von der Treppe her die Aufmerksamkeit der Pächterin, welche mit ihrer Nacht ziemlich zufrieden sein durfte, erregte. »Da ist er,« sagte der Pächter zu seinen Knechten, »ich weiß gewiß! ... Großhanns, halte Deine Heugabel vor; und Du, Peter, packst ihn mitten um den Leib.« Aber Peter, der in Frage stehende Knecht, befürchtete, man möchte die Pächterin auf dem Boden finden; er versicherte daher seinen Herrn, der Dieb sei nicht da, er habe ihn in den Keller springen sehen. »Einerlei,« entgegnete der Pächter, der den Tod seines Hundes auf dem Herzen hatte, »laßt uns immerhin eintreten, und wenn er nicht da ist, können wir nachher noch ebenso gut anderswo suchen.« Damit hob er an, mit Heugabel und Besen an der Thüre zu wettern. Die Pächterin, die Stimme ihres Mannes erkennend, forderte Müller, für welchen sie die zärtlichste Theilnahme hegte, auf, er solle sich unverzüglich retten, wenn er nicht von ihrem Manne erwürgt werden wolle. Müller, dessen Sinne durch die genommene Rache etwas abgekühlt waren, wünschte nichts weiter, als zu entkommen, da er mit Recht dachte, daß er mit all seiner Tapferkeit nichts gegen die zu bekämpfende Ueberzahl vermöge; aber wo hinaus? Der Heuboden hatte keinen andern Ausgang, als die bereits besagte Thüre und ein auf den Hof gehendes Fenster: hinausspringen, hieß einer Gefahr ausweichen, um in eine andere zu fallen; sich unter den Heubündeln verbergen, ebenso; man würde nicht ermangeln, sie zu durchsuchen : was also thun? ... Sich aus dieser Sache zu ziehen, brauchte man Geistesgegenwart: die Pächterin fand das Mittel. »Ei wie! ...« rief sie aus, »Mann, Du bist da! ... – Schaut, beim Teufel! das ist Catharine! Was machst denn Du hier? – Potz Henker, das ist ganz einfach, als ich den Spektakel drunten hörte, hab' ich mich aus Furcht vor den Dieben auf den Heuboden geflüchtet ... – Der Schurke, den wir suchen, ist also nicht da? – Potz Velten, wäre ich so ruhig geblieben, wenn er hier wäre, ja freilich! ... Aber warte, ich will Dir aufmachen, dann siehst Du selbst ...« Hiemit ließ sie Müller sich verstecken und öffnete die Thüre. »Meiner Seel, es ist ganz unnöthig, daß ich herumsehe, weil Du da warst! ... – Wenn ich Euch sage, Herr, daß ich ihn habe nach dem Keller springen sehen,« fiel Peter ein. – »Nun gut! meine Kinder, wir wollen Alle hinab, ich nehme meinen Stutzer und, beim Teufel! er soll eine schlechte Viertelstunde haben!« Nach diesen Worten ging der ganze Troß die Treppe hinab, um den Keller zu durchsuchen; und Müller, der hinter ihnen her schlich, gewann den Hof, fand dort sein Pferd, schwang sich hinauf und sprengte in sausendem Galopp davon. Da der Tag zu grauen begann, dachte Müller, er werde wohl daran thun, wenn er aufs Schloß zurückreite, um nachzusehen, ob Heinrich während seiner Abwesenheit nicht zurückgekehrt sei. Bereits erkannte er in der Entfernung die Thürme des Schlosses Framberg, als er Pferdegetrappel vernahm; er stand still, blickte um sich und sah Heinrich ganz ruhig auf seinen Lehrer zutraben. »Ah: da seid Ihr doch einmal, mein Herr! ... endlich finde ich Euch wieder ... Das ist meiner Treu eine saubere Stunde zum Nachhausekommen! Und Du selbst, lieber Müller, woher kommst denn Du? ... Ha! ha! ha! ... wie Du aussiehst! ... Wohin bist Du gerathen, Freund, daß man Dich in solchen Zustand versetzte?« Müller, der noch keine Zeit gehabt hatte, sich wieder in Ordnung zu bringen, war wirklich vom Kopf bis zu Fuß mit Heu überzogen. »Woher ich komme, mein Herr? Donnerwetter! Ihr seid Schuld, daß ich, Euch nacheilend, in schöne Geschichten gerathen bin; ich brach in ein Haus ein, tödtete die Hunde, prügelte den Pächter und ... kurz einen Augenblick später wäre ich erwürgt worden ohne das Mitleid einer Frau, die mich allem Anschein nach für zu jung zum Sterben hielt und mir die Mittel zum Entkommen verschaffte. – Ach! mein guter Müller! wie leid thut mir's, daß ich daran Schuld bin! ... Aber warum setztest Du Dir auch in den Kopf, mir nachzurennen? Ich bin kein Kind mehr und groß genug zum Alleingehen. – Ho! ho! welch stolzer Mann! ... ich möchte wohl auch wissen, wie Ihr Euch an meiner Stelle aus der Patsche gezogen hättet! ... doch darum handelt's sich jetzt nicht. Hoffentlich werdet Ihr mir jetzt sagen, junger Herr, was Ihr seit gestern gemacht habt? – Ja, mein Freund, Du sollst Alles erfahren und selbst sehen, daß ich nicht Unrecht hatte. – Daran zweifle ich sehr. Doch gleichviel, sprecht! – Du magst also wissen, daß, nachdem ich lange Zeit im Freien umhergestreift war, ich fern vom Schlosse von der Nacht überfallen wurde; ungewiß des einzuschlagenden Weges, wendete ich mich an einen Bauern, durch den ich erfuhr, daß ich nur noch zwei Stunden von Offenburg entfernt sei. Demnach hatte ich mehr als sechs Stunden zurückgelegt. Kehrte ich um, so konnte ich mich verirren, ich hielt es für klüger, die Nacht in der Stadt zuzubringen. Der Bauer zeigte mir den Weg dahin. Aber noch hatte ich keine Viertelstunde gemacht, als ich ein kleines Haus von einfachem, doch angenehmem Aeußern erblickte: ich komme näher; o Ueberraschung! ... melodische Töne schlugen an mein Ohr; eine Göttermusik läßt sich vernehmen, gegen eine Stunde bleibe ich unbeweglich vor dieser Wohnung, einer Stimme lauschend, die bis in mein Herz drang! – Ah ! Teufel! – Durch Neugier, oder vielmehr ein geheimes, mich beherrschendes Gefühl getrieben, beschloß ich endlich, die Person kennen zu lernen, welche so süße Empfindungen in meinem Herzen erregte! ... Ich klopfe, eine alte Dienerin öffnet mir; ich verlange die Herrin des Hauses zu sprechen; sie führt mich in einen kleinen Salon; eine Dame von reifem Alter war mit Lesen beschäftigt und neben ihr ... ach! mein Freund! ... wie vermöchte ich das Vollkommenste zu schildern, was der Erdkreis umschließt! ... das Schönste, was die Natur hervorgebracht, kurz einen Engel! ... – Und dieser Engel musicirte? – Ja, mein Freund; die Person, die ich gehört, war es. Bei meiner Annäherung schwieg sie; die ältliche Dame stand auf und fragte mich, was ihr die Ehre meines Besuchs verschaffe. Ich nannte meinen Namen und erzählte, wie ich unvermerkt vom Wege abgekommen sei. Beim Namen des Grafen von Framberg sah ich ein wohlwollendes Lächeln ihre Züge beleben. – Beim Henker! das glaub ich wohl! – Sie machte mir das Anerbieten, den Anbruch des Tages in ihrem Hause abzuwarten. Ich drückte ihr meine Befürchtung aus, sie zu beunruhigen. – Und doch bliebt Ihr? – Gewiß! ... Ich nahm neben den Damen Platz; bald war das Gespräch im Gang; die junge Person schien schüchtern und zurückhaltend; aber die ältere, etwas geschwätzige Dame theilte mir mit, daß sie seit etwa zwölf Jahren dieses Häuschen bewohnen, Niemand bei sich sähen, weil der Vater Paulinens (der Name des jungen Frauenzimmers) die Gesellschaft nicht liebe; daß derselbe wichtiger Angelegenheiten halber seit einiger Zeit abwesend sei, und sie mit Ungeduld auf seine Rückkehr harrten, welche sie belehren solle, ob der Zweck seiner Reise erfüllt sei. – O! o! welche Geheimnißkrämerei! ... Endlich? – Endlich, mein Freund, verging die Nacht unter solchem Gespräch. So wie ich sah, daß der Tag graute, erhob ich mich, und bat die Damen um Entschuldigung, daß ich sie so lange hingehalten habe ... – Weiter? – Ich bat um die Erlaubniß, sie zuweilen in ihrer Einsamkeit stören zu dürfen; anfangs machte die gute Frau einige Schwierigkeiten ... – Ihr hättet derselben sagen sollen, daß Ihr mein Zögling seid. – Am Ende aber willigte sie ein, mich manchmal zu empfangen, damit ich die Einsamkeit ihrer theuren Pauline etwas erheitere, und weil sie dachte, der Sohn des Obersten Framberg werde dieses Vorzugs würdig sein. Meine Freude war unbeschreiblich! Der jungen Person schien der Entschluß ihrer Pflegemutter nicht unangenehm zu sein, und ich schied mit der Hoffnung, Diejenige bald wieder zu sehen, welche von nun an all meine Gedanken erfüllen wird! ... – Sehr schön, mein Herr; da wäret Ihr also nun verliebt mit sechzehn Jahren! ... – O! für das Leben, Müller! ... – Ihr habt die Weisheitslehren, die ich Euch gab, sauber benützt! ... Glaubt mir, laßt Eure neue Leidenschaft fahren, die Euch vielmehr zu entsetzlichen Dummheiten verleiten wird, wenn ich nicht Acht darauf habe ... – Denke nicht daran, Müller, daß ich dieses anbetungswürdige Fräulein vergesse, für das ich jetzt schon mein Leben hingäbe! ... Du hast also nie geliebt? – Verzeihung, mein Herr; ich liebte den Ruhm, den Wein und die Weiber; die letzteren indeß stets nur mit Mäßigung, und ich war immer bemüht, jenen heftigen Leidenschaften auszuweichen, die uns von unsern Pflichten abziehen, uns das Leben eines Don Quixote führen lassen und das Ansehen eines Dummkopfs geben! ... Glaubt mir, nur auf diese Weise ist man glücklich und nicht, wenn man sich den Kopf mit Trugbildern füllt, die nie zur Wirklichkeit werden! ... – Trotz aller Deiner schönen Reden und Deiner Moral, die mir sonst sehr wichtig ist, werde ich doch nicht von dem Glauben lassen, lieber Müller, daß die wahre Liebe das einzige Glück auf Erden ist, und was liegt mir daran, ob es ein Traumbild? wenn es uns nur glücklich macht! – Nun, ich sehe wohl, ich würde Euch umsonst zurechtweisen und verzichte darauf; doch wünschte ich mindestens, daß der Gegenstand Eures Liebesschwindels desselben würdig wäre und Ihr Euch nicht wie ein Neuling in der Liebe einer Abenteurerin in die Arme würfet! ... – Ha, Müller, hüte Dich, die zu beschimpfen, die ich liebe! – Aber wißt Ihr auch nur den Namen ihres Vaters? – Gewiß; er heißt Christiern. – Christiern! Diesen Namen da hab ich nie auf dem Schlachtfelde gehört! ... – Und doch ist er Soldat. – Soldat! sehr glücklich. – Du siehst also, es sind Damen ... – Ich sehe ... ich sehe, daß wir hier am Schlosse sind und es Zeit ist, sich ins Bett zu legen, wahrlich, mein Herr, Ihr laßt mich da ein hübsches Leben führen! ... Ein Feldwebel sich ins Bett legen, wenn Jedermann aufsteht! ... – Wer hindert Dich, aufzubleiben? – Ich bin kreuzlahm, weil ich die ganze Nacht hindurch umhergaloppirte! – Und vielleicht auch, weil Du so viel auf dem Heu herumgerutscht bist,« setzte Heinrich lächelnd hinzu. Hier biß sich Müller in die Lippen und ging nach seinem Zimmer, aus Furcht, die Reihe, Lehren zu geben, möchte an seinem Zöglinge sein. Siebentes Kapitel. Empfang des Obersten. Wahrend der sechs auf Heinrichs Abenteuer folgenden Monate begab sich dieser täglich nach dem Hause seiner Schönen, die Vorstellungen Müllers und die Anstrengung dieser fortwährenden Ritte nicht achtend. Eines Tags indeß war Müller sehr erstaunt, als er Heinrich bei seinem Aufstehen noch im Schlosse fand. »Ei der Tausend! Ihr seid nicht fort? Nein, Müller, und ich bleibe. – Bah! hat Euch Eure Dulcinea schon einige Streiche nach ihrer Weise gespielt? – Meine Pauline ist unfähig, sich zu ändern! – Sie hat Euch also gesagt, daß sie Euch liebe? – Glaubst Du, daß seit der sechs Monate, die ich sie sehe, unsere Herzen sich nicht verstanden, unsere Augen sich nicht ausgedrückt haben? ... – O! ich sehe wohl, es ist ein Frauenzimmer, das den Dienst versteht! – – Wenn ich diesen Morgen nicht zu ihr gegangen bin, so liegt dies daran, daß die gute Madame Reinhard (der Name derer, die Mutterstelle bei ihr vertritt) mich benachrichtigte, der Vater meiner Pauline könne von einem Augenblicke zum andern eintreffen, und er möchte, ehe er von dem Anfange unserer Bekanntschaft unterrichtet sei, meine Besuche übel aufnehmen. – So wäret Ihr also von Eurer Schönen für lange Zeit getrennt. – Für lange Zeit! ... o! ich hoffe wohl, mich ihrem Vater in einigen Tagen vorstellen zu können; er wird mich sehen, mich lieben und ... – Und wenn er ein vernünftiger Mann ist, Euch zum Hause hinauswerfen. – Wahrhaftig, Müller, Du bringst mich noch zur Verzweiflung mit Deinen Betrachtungen. – Ah! ich bin eben nicht verliebt und sage, was ich denke.« Nach Verfluß von vierzehn Tagen konnte Heinrich seine Ungeduld nicht mehr zügeln und beschloß daher, nach der Wohnung seiner Geliebten zu eilen; diesmal wollte Müller seinen Zögling begleiten, denn es war ihm sehr gelegen, den Vater des Fräuleins zu sehen und zugleich den Gegenstand von Heinrichs Liebe kennen zu lernen. Heinrich wäre lieber allein gegangen. Müller aber hielt ihm entgegen, daß es schicklicher sei, wenn er ihn begleite, und daß, wenn Paulinens Vater ein braver Soldat sei, ihm der Anblick eines alten Feldwebels mehr Vertrauen einflößen würde, als der eines jungen Leichtfußes. Sie ritten daher beide mit einander. Von dem Verlangen, seine Schöne zu sehen, angespornt, sprengte Heinrich im sausenden Galopp; vergebens schrie ihm Müller zu, daß er ihm nicht folgen könne; für unsern jungen Mann war dies ein Grund weiter, nicht anzuhalten. Endlich erblickten sie das so sehnlich herbeigewünschte Haus. Heinrich ist bald vom Pferde; Müller betrachtet die unansehnliche Wohnung genauer und schüttelt unzufrieden den Kopf. Heinrich klopft an. Einige Minuten vergehen, bis eine alte Frau unter der Thüre erscheint, in welcher jedoch Heinrich nicht mehr die Dienerin erkennt, die er sonst zu sehen gewohnt war; zitternd fragt er: »Herr Christiern? – Seit acht Tagen wohnt er nicht mehr hier, mein Herr. – Großer Gott! und seine Tochter? und Madame Reinhard? – Die Tochter folgte ihrem Vater und Madame Reinhard hat sie begleitet.« Wie vom Donner gerührt, steht Heinrich bei dieser Nachricht; Müller bricht in lautes Lachen aus. »Ha! ha! ha! tausend Bomben! es freut mich sehr, daß Ihr Eure schöne Unbekannte los seid ... – Nein, und wäre sie am Ende der Welt, ich müßte sie auffinden!« ruft Heinrich aus, und fängt an, die gute Frau über die Abreise des Herrn Christiern auszufragen; aber er kann nichts weiter von ihr erfahren, als daß die drei früheren Bewohner des Hauses abgezogen seien, ohne Grund oder Ziel ihrer Reise anzugeben, und daß die jetzige Hausbewohnerin ihre Vorgänger gar nicht kenne. Mit diesen Worten schließt die Alte wieder und läßt unsere Wanderer auf der Heerstraße stehen. In seiner Verzweiflung will Heinrich nach Offenburg reiten, die Umgegend durchstreifen, Alles aufbieten, um seine Schöne wieder zu finden; aber Müller versteht sich nicht dazu, sondern zwingt ihn, den Weg nach dem Schlosse wieder mit ihm einzuschlagen. Hier befanden sie sich seit einigen Tagen, Heinrich von nichts als Reisen und Entführungen träumend, Müller sich zur Entwicklung dieses Liebeshandels Glück wünschend, als sie vernahmen, der Oberst Framberg werde in Kurzem wieder auf dem Schlosse zurück sein. Müller kennt sich nicht vor Freude. Er soll seinen Obersten, seinen Wohlthäter wieder sehen! Alles wird in Bewegung gesetzt, damit der Graf auf seinen Besitzungen mit der schuldigen Ehrfurcht empfangen werde. Alle seine Vasallen greifen zu den Waffen, Müller exercirt sie vom Morgen bis zum Abend, ordnet Gefechte, Evolutionen an. Selbst Herr Bethmann, der seit einiger Zeit zu nichts mehr gut war, als sich zu betrinken, Herr Bethmann war genöthigt, die Muskete zu tragen, am Exercitium Theil zu nehmen und zweimal täglich auf den Wällen des Schlosses Wache zu stehen, was ihm übrigens von Anfang an sehr mißfiel; doch Müller dachte, dies sei die beste Weise, etwas aus ihm zu machen. Heinrich vergißt einen Augenblick Diejenige, die ihm im Kopfe spukt, und die Ankunft seines Vaters, den er so lange nicht mehr gesehen, beschäftigte alle seine Geisteskräfte; er theilt Müllers Thätigkeit und harrt voll Ungeduld des Augenblicks, an dem er seinen Vater in die Arme drücken soll. Endlich kommt sie, die ersehnte Stunde. Herr Bethmann, gerade auf der Wache, erblickt den Wagen des Obersten von ferne. Müllers Befehl zufolge feuert er als Signal von dessen Ankunft seine Flinte ab, fällt aber aus Schrecken über den Knall des Schusses zu Boden. Bald ist Alles im Schloß in Bewegung; Müller löst eiligst die Schildwache ab; läßt die Zugbrücke nieder und stellt die Bauern zu beiden Seiten des Thores in Schlachtordnung auf. Er schärft ihnen ein, alle zu gleicher Zeit loszufeuern, so wie sie den Wagen des Obersten ins Schloß einfahren sehen, und Herr Bethmann geht durch und in den Keller, um diesen furchtbaren Knall nicht zu hören, aber Müller, der ihn nicht aus den Augen läßt, läuft ihm nach, und zwingt ihn, wieder in die Reihen einzutreten, indem er ihm ein altes Gewehr gibt, das nach seiner Versicherung weit weniger Lärm macht, als das andere. Endlich hört man Pferdegetrappel, der Wagen fährt über die Zugbrücke, Müller gibt das Signal: alle Bauern schießen zu gleicher Zeit. Bethmann, erschreckt oder elektrisirt durch diese plötzliche Salve, versucht ein Gleiches zu thun; aber die Flinte, die seit langer Zeit nicht gedient hatte, platzt und schlägt Herrn Bethmann ins Gesicht, der sich heulend vor den Pferden auf dem Boden wälzt. Diese, durch das Geschrei des Lehrers scheu gemacht, fangen an, die Kreuz und Quer im Hof herum zu rennen, die Vasallen des Obersten auseinander treibend; Müller schreit aus vollem Halse, seine Truppen wieder zu sammeln, Heinrich läuft hinter den Pferden her, welche durch diesen Lärm aufgeregt, nur um so ärger galoppiren und erst vor einer Pfütze anhalten, in welche sie den Wagen werfen, der im Fallen ein halbes Dutzend Enten erdrückt. Nach vieler Mühe wurden die Pferde zum Stehen gebracht und Heinrich springt seinem Vater bei, der in die Pfütze gerollt war, glücklicherweise aber keinen andern Schaden genommen hatte, als daß seine Staatsuniform mit Koth bedeckt war und sich eine bei ihm Schutz suchende Gans an sein Hintertheil angehängt hatte. Während man sich bemühte, das Thier, welches die Hosen nicht loslassen wollte, wegzunehmen, trat Müller mit bestürzter Miene vor. »Ach, mein Oberst! ... werden Sie mir gütigst verzeihen ... wenn der Empfang, den ich Ihnen bereitete, seine Wirkung verfehlte? ... – Macht nichts, mein lieber Müller, Deine Absicht war gut und das ist mir genug. – Der verfluchte Bethmann ist daran Schuld, Oberst! ... – Ich brauche weiter nichts, als meine Kleider zu wechseln. – Und er hat nichts als ein Auge verloren, mein Oberst. – Wo ist aber mein Sohn? ... Mein Heinrich, komm doch in meine Arme! ... Der junge Mann stürzte sich dem Obersten in die Arme, der ihn mit tiefem, innigem Gefühle anblickt, wobei er ausruft: »Sie ist es! ... meine Clementine!« ... Und er drückte ihn zärtlich an sein Herz. Heinrich seinerseits fühlte in seiner Seele die tiefe Empfindung der Ehrfurcht und Dankbarkeit entstehen, welche er demjenigen schuldig war, den er als seinen Vater betrachtete. Nach einigen der Herzensergießung geschenkten Augenblicken dachte der Oberst, er werde nicht übel daran thun, sich umzukleiden; er forderte Heinrich auf, nachzusehen, ob im Schloß Alles wieder in seine Ordnung zurückgekehrt sei, und gab Müller ein Zeichen, ihm in sein Gemach zu folgen. »Nun denn! lieber Müller,« begann der Oberst, als sie allein waren, »es sind nun beinahe zwölf Jahre her, daß ich Dir meinen theuren Heinrich anvertraute. Wie hast Du diese Zeit zugebracht, Du, dem ich's besonders zur Aufgabe machte, das Herz meines Sohnes zu bilden, während ich sie dazu verwandte, in der Welt umherzuirren, die Feinde zu schlagen, kurz, mich von der nagenden Erinnerung über den Verlust einer Frau zu zerstreuen, welche meine Thränen und mein Leid so sehr verdiente? Du hast mir noch keine Rechenschaft ablegen können über Deine Bemühungen, Deine Sorgfalt und über Deine Weise, aus Heinrich einen Mann zu machen, über den ich nie zu erröthen habe: sag', ist es Dir gelungen? – Ja, mein Oberst, und wacker gelungen, dessen rühme ich mich. Ah! der junge Mann ist ein Teufel, der seine Streiche machen wird! ... – Wie! ... – Das heißt, mein Oberst, er wird von sich sprechen machen: erstlich ist er brav, dafür stehe ich! ... und er schlägt sich! Ich hoffe, Sie werden es selbst sehen, und mir Ihr Compliment darüber machen. – Ferner? – Ferner ist er menschlich, großmüthig, gefühlvoll! O, und im letztern Punkte! ... – Ich sehe, er wird alle Tugenden seiner Mutter besitzen. – O! ja mein Oberst, nur fürchte ich, sein Gefühl möchte ihn zu weit führen! ... – Was willst Du damit sagen? – Ei, das heißt, der junge Mann wird verdammt viel Geschmack am andern Geschlecht finden! ... – Du glaubst? – Zum Henker, ob ich es glaube ...« Hier hielt Müller inne, denn er erinnerte sich an sein gegebenes Versprechen, dem Oberst Heinrichs Abenteuer mit seiner Schönen geheim zu halten. »Du bist also völlig mit meinem Sohne zufrieden, Müller? – Ja, mein Oberst, sehr zufrieden; er ist ein Zögling, der mir eines Tags Ehre machen wird, dessen bin ich gewiß. Nicht, als ob er nicht auch einige kleine Fehler hätte ... Erstlich ist er heftig, ungeduldig, aufbrausend... – Ho! ho! das hattest Du mir nicht gesagt! – Seien Sie jedoch ruhig, mein Oberst, diese Fehler vergehen mit dem Alter, und wenn das Herz gut ist, gibt es stets ein Heilmittel, und das seinige ist so ... ja! dafür stehe ich, so gut als das Ihrige, mein Oberst! ... Er wäre würdig, Ihr Sohn zu sein ... – Was sagst Du, Müller?« rief der Oberst lebhaft. Müller war verwirrt, kratzte sich hinterm Ohr und bemerkte, daß er eine Dummheit gesagt hatte; er faßte sich indeß und antwortete: »Meiner Treu, Oberst, weil das Wort einmal heraus ist, so werde ich nicht suchen, es zurückzunehmen; sehen Sie, ich kann mich überdies nicht verstellen und gestehe, daß es mich hart ankam, etwas Heimliches vor Ihnen zu haben, mein Oberst! – Nun wohlan, Müller! weil Du das Geheimniß von Heinrichs Geburt kennst, will ich mich gegen Dich nicht länger verstellen; überdies werden mich Zufall oder Umstände vielleicht eines Tages zwingen, ihm Alles zu sagen, und wenn ich sterben sollte, ehe ich ihm dieses Dunkel aufgehellt, wäre es mir nicht unlieb, auch einen Andern in dasselbe eingeweiht zu sehen. Bedenke aber wohl, Müller, nie eine Silbe von dem, was ich Dir sage, gegen irgend Jemand verlauten zu lassen, ohne durch die dringendsten Umstände dazu genöthigt zu sein, oder ohne Befehl von meiner Seite! ... – Seien Sie ohne Sorgen, Oberst, ich gebe mein Wort darauf; Sie kennen mich und wissen, Müller ist unfähig, seinen Schwur zu brechen.« Der Oberst Framberg unterrichtete nun Müller von Allem, was Heinrichs Geburt betraf, so wie von dem wahren Namen seines Vaters, wie Clementine ihm angegeben. Mehrere Monate verstrichen. Oberst Framberg liebte Heinrich wie seinen Sohn; aber er gewahrte inzwischen, daß Müllers Zögling gar nicht so vollkommen sei, als dieser ihm gesagt hatte, dessen ungeachtet war Heinrich im Schloß viel gesetzter, seit der Oberst wieder hier residirte. Eines Tages ließ Graf Framberg Heinrich in sein Gemach kommen und redete ihn folgendermaßen an: »Mein lieber Sohn, Du trittst nun in ein Alter, wo der Aufenthalt in einem nur von Deinem Vater bewohnten Schlosse Dir nicht mehr genügend ist. Du zählst indeß nur siebzehn Jahre, hast aber doch das Aussehen eines Mannes, und ich glaube, Dich Dir selbst für einige Zeit ohne Gefahr überlassen zu können. – Wie, mein Vater?« rief Heinrich. – »Ja, mein Freund, das heißt, Du sollst reisen, die Welt kennen lernen. Ich ging im fünfzehnten Jahre zur Armee ab! ... Du siehst daraus, ich war jünger als Du. – Sie schicken mich also zur Armee, Vater? – Nein, lieber Heinrich, da Du, Müllers Erziehung ungeachtet, keinen entschiedenen Hang für die militärische Laufbahn zu haben scheinst, so wollen wir warten, bis Dir selbst der Wunsch dazu kommt. Aber Du sollst Deine Jugend nicht in diesem Schloß zubringen; Du magst reisen, die Welt durchstreifen; das wird Dich vollends ausbilden. – Und Sie, mein Vater? – Ich, mein Freund, ich fange an, in ein Alter zu kommen, wo man die Ruhe allen Vergnügungen vorzieht, ich bleibe daher in diesem Schloß und warte ruhig Deine Heimkehr ab, in der Ueberzeugung, Deine Aufführung in der Ferne werde von der Art sein, daß ich nicht genöthigt bin, Dich zu holen. – Ach! mein Vater! seien Sie versichert, ich werde ihre Lehren nie vergessen. – Dann ist die Sache abgemacht: in acht Tagen kannst Du abreisen. Ich hatte sehr gewünscht, Müller möchte Dich auf Deinen Reisen begleiten, allein dieser gute Husar, von dem ich so lange getrennt war, wird die einzige Person sein, welche unterdessen meine Einsamkeit theilt; überdies wird auch ihm die Ruhe zum Bedürfniß, und er soll daher bei mir bleiben. Du nimmst Frank, des Gärtners Sohn, als Bedienten mit; er kam mir verständig vor: ich glaube, Du wirst mit ihm zufrieden sein.« Erfreut über seines Vaters Entschluß, traf Heinrich alle Zurüstungen zu seiner Reise. Das Andenken an seine theure Pauline hatte sich nie aus seinem Gedächtniß verwischt, und er hoffte, er werde im Lauf seiner Reise erfahren können, was aus ihr geworden sei. Der Tag der Abreise erschien, Heinrich verließ Schloß Framberg in Franks Begleitung und reichlich mit dem nöthigen Gelde versehen. Der Oberst weinte, wie er seinen Heinrich von ihm scheiden sah, und selbst Müller fühlte einige Thränen bei der Trennung von dem, dessen Jugend er gebildet hatte und für den er sein Leben eingesetzt hätte, seine Wangen benetzen. Achtzehn Monate lang gab Heinrich ziemlich regelmäßig Nachricht von sich; nach Verfluß dieser Zeit aber blieben die Briefe aus. Der Oberst und Müller, beide über dieses Stillschweigen gleich sehr beunruhigt, wußten nicht, was sie daraus folgern sollten. Endlich entschloß sich der Oberst, Erkundigungen über die Aufführung seines Sohnes einzuziehen, und er vernahm, daß dieselbe nicht so exemplarisch gewesen sei, als er so gerne geglaubt hatte, und daß sich der junge Mann seinen Leidenschaften schrankenlos überlasse. Anfangs nahm Müller Partei für seinen Zögling und suchte ihn bei dem Obersten dadurch zu entschuldigen, daß er diesem wiederholte, wie die Jugend austoben müsse, und daß er als Jüngling noch ganz andere Streiche gemacht habe. Am Ende des jedesmaligen Streites war der Oberst stets besänftigt; bald aber machte eine wichtigere Nachricht Müllers Reden ein Ende: man theilte dem Obersten mit, sein Sohn befinde sich mit einer jungen, unbekannten Person, die er zu heirathen im Begriff stehe, in Straßburg. Da dachte der Oberst, seine Pflicht erheische, dieser Unbesonnenheit Heinrichs zuvorzukommen, und er entschloß sich, mit Müller nach Straßburg zu eilen. »Ha! dieser junge Mensch hat den Teufel im Leib mit seinen Weibsleuten! ...« rief Müller unterwegs aus. »Ich habe ihm gesagt, das werde ihn zu dummen Streichen verleiten! ... Aber Mohrensapperment: eher hätte ich eine Kanonenkugel gerührt, als ihm Vernunft beigebracht! ...« Der Oberst gab keine Antwort, aber er fing zu glauben an, Müller sei geschickter, sich mit dem Feind zu messen, als die Erziehung eines jungen Menschen zu leiten. Endlich kamen sie nach Straßburg, wo sie erfuhren, daß Heinrich vor Kurzem nach Paris abgereist sei. Unverweilt schlug der Oberst mit Müller den Weg nach der Hauptstadt ein, und in Paris angelangt, erhielten sie die Nachricht, Heinrich sei am Vorabend wieder nach Straßburg zurückgekehrt. »So reisen wir auch wieder nach Straßburg,« sprach der Oberst zu Müller. – »Ha! tausend Citadellen!« fluchte dieser, »ich glaube, der Fant macht sich über uns lustig.« Wir haben gesehen, wie der Postillon, um auf einem Nebenwege schneller ans Ziel zu kommen, Müller und seinen Obersten in einen Graben geworfen hatte; aber wir wissen noch nicht, wie Müller wieder aus dem Keller herauskam, in welchem wir ihn zurückließen; es ist Zeit, daß wir ihm zu Hülfe eilen. Achtes Kapitel. Der Geheimnißvolle. »Erbarmen! ... zu Hülfe! ... « schrie die Person, der Müller auf die Nase gefallen war. – »Wer bist Du? sprich!« sagte der letztere, ihr seinen Säbel auf die Brust setzend. – »Ach! großer Gott! ... ein Räuberhauptmann! ... – Willst Du mir Antwort geben, Hundsfott, statt zu heulen? Sag, wer bist Du? was machst Du hier? – Ich bin Pförtner dieses Hauses; in Abwesenheit meines Herrn war ich in den Keller herab gegangen, wo ich einschlief, indem ich ... – Den darin befindlichen Wein soff. Aha! ich fange an zu verstehen,« fiel ihm Müller in die Rede ... »Gerne würde ich Dir Gesellschaft leisten, guter Freund; aber mein Oberst wartet oben auf den Erfolg meiner Nachforschungen, und ich mag ihn nicht länger im Dunkel darüber lassen; wir wollen ihm also Licht bringen; hernach können wir, wenn Du willst, immer wieder herabkommen, wo ich Dir dann mit Vergnügen einige Flaschen zu leeren behülflich sein werde.« Mit diesen Worten treibt Müller seinen Wirth die Treppe hinauf. Nachdem dieser sein Licht aufgerafft hat, geht er zitternd vor Müller her, noch nicht wissend, was er von diesem Vorfalle denken sollte. Oben in einem Gemache angelangt, zündete Carl (so hieß der Pförtner) sein Licht an, ohne daß er gewagt hätte, die Augen zu der bei ihm befindlichen Person aufzuschlagen. »Vorwärts, geh nur voran,« sagte Müller zu ihm, »damit wir meinen Oberst wieder finden.« Nachdem sie mehrere Zimmer durchstreift hatten, trafen sie endlich auf den Oberst und den Postillon, welche über Müller's Abwesenheit sehr in Unruhe waren. »Seht, Oberst,« sprach der letztere, »hier ist das einzige lebende Wesen dieses Hauses; ich hab's im Keller aufgefunden! – Ach, braver Mann,« sagte der Oberst zu Carl, »werdet Ihr so gütig sein, die Weise zu entschuldigen, mit der wir in dieses Haus gedrungen sind?« – Carl, durch die Furcht wieder nüchtern geworden, hörte den Oberst aufmerksam an. »Ihr seid also keine Räuber? ...« rief er aus, als dieser letztere seine Rede geendigt hatte. – »Wen heißt Du Räuber?« fragte Müller. – »Nein, mein Freund,« versetzte der Oberst, »wir sind Reisende. Ich war mit diesem braven Krieger auf dem Wege nach Straßburg, als unser Reisewagen in einen Graben stürzte; ich war am Bein verletzt, und da wir kein Obdach für die Nacht erblickten, versuchten wir, in der Hoffnung, Hülfe zu finden, in dieses Haus zu gelangen. – Oh! wenn Sie Reisende sind, stehe ich ganz zu Ihren Diensten, mein Herr. Mein Gebieter ist seit einigen Tagen abwesend; bis zu seiner Rückkunft will ich Sie in ein Zimmer führen, wo Sie ein gutes Bett finden werden. – Nun, das laß ich mir gefallen. Alter,« sagte Müller, Carl auf die Achsel klopfend, »das söhnt mich wieder mit Dir aus; ich sehe, Du bist ein guter Kerl und wir werden uns schon vertragen. – Aber,« bemerkte der Oberst, »Ihr sagtet mir, Euer Gebieter sei abwesend, fürchtet Ihr nicht, er möchte Euch bei seiner Zurückkunft Eurer großmüthigen Gastfreundschaft wegen auszanken? – Nein, mein Herr, mein Gebieter ist ein sonderbarer Mann, zuweilen finster und schweigsam, zuweilen lustig und schwatzhaft; im Uebrigen aber habe ich ihn stets ziemlich menschlich gegen Jedermann gesehen, und ich zweifle nicht, daß er mein Benehmen gegen Sie gutheißt. – Ei, zum Henker! wenn er nicht ein wirklicher Bär ist, wollen wir ihn schon kirre machen!« rief Müller aus. Der Oberst, der Ruhe höchst bedürftig, bat den Pförtner, ihn an den für ihn bestimmten Ort führen zu wollen. Carl war eifrig bemüht, ihm zu gehorchen; Müller und der Postillon trugen ihn, denn seine Verletzung hatte sich so sehr verschlimmert, daß er sich nicht mehr aufrecht zu halten vermochte. Sie gelangten in ein angenehm gelegenes Zimmer mit der Aussicht auf den Garten des Hauses. Der Oberst ließ sich zu Bette bringen und forderte Müller auf, sich gleichfalls zur Ruhe zu legen, mit der Versicherung, er werde ihn rufen, sowie er seiner bedürfe. »Ha, Kriegskamerad!« sagte Müller zu Carl, als sie aus dem Zimmer des Obersten gingen, »obgleich wir teufelmäßig müde sind, ich und dieser dicke Lümmel (dabei deutete er auf den Postillon), welcher nichts spricht, darum aber nicht weiter denkt, würden wir nach meiner Meinung doch nicht übel daran thun, uns ein wenig zu restauriren; denn seit beinahe zwölf Stunden habe ich nichts zu mir genommen, und mit leerem Bauch kann ich gar nicht einschlafen. – Nun, das heißt gut gesprochen, Herr Müller,« bemerkte der Postillon, »und ich bin ganz Ihrer Meinung. – In diesem Fall will ich suchen, Euch ein Nachtessen vorzusetzen, doch müßt Ihr vorlieb nehmen mit dem, was da ist! ... – O! wir sind nicht lecker; im Krieg, wie anderswo, esse ich, was man mir gibt; aber ich glaube bemerkt zu haben, daß der Keller gut versehen ist ...« Carl fing an zu lachen, und die Herren beschäftigten sich sogleich mit den Zurüstungen zu ihrem Mahle. Bald war Alles bereit und man setzte sich zu Tische. Müller lobte den Wein, der Postillon sprach kein Wort, aus Furcht, um einen Bissen zu kommen, und der Pförtner, ein tüchtiger Zechbruder und voller Freude, daß er Leute gefunden hatte, die ihm die Stange halten konnten, war bald in bester Laune und äußerst gesprächig. Er fing an, seinen Gästen die Lebensweise seines Herrn zu erzählen. »Der Herr von Monterranville,« sagte er zu ihnen, »ist ein närrischer Kauz; er bringt sein Leben damit zu, im freien Felde umherzurennen, zu reisen, der Teufel weiß wohin, oder sich in diesem Hause einzuschließen, wo er Niemand sieht als mich und einen langen Bengel, den ich nicht kenne. Bald ist er traurig, bald lustig; kurz, seit den zehn Jahren, die ich mit ihm in diesem Hause wohne, habe ich weder seinen Charakter entziffern, noch den Beweggrund seiner häufigen Abwesenheit verstehen können! ... – Du bist halt kein Pfiffikus, dreifache Patrontasche! Mich läßt man nie anlaufen, und wenn ich einen Menschen sehe, errathe ich stets an seinen Augen, was an ihm ist! ... – Ei was!« fiel der Postillon ein, »es gibt Gesichter, aus welchen man gar nichts herausbringen kann! ... – Es gibt auch sehr trügerische!« fuhr Carl fort. – »Thut Alles nichts, Freunde!« versetzte Müller; »ein Mensch mag verbergen, was in seiner Seele vorgeht, wie er will, ein durchdringender Blick gelangt stets zur Entdeckung der Wahrheit; und ich bin der Meinung, daß aller Verstellungskunst ungeachtet, deren gewisse Leute fähig sind, die Natur dem Schurken und dem Tugendhaften nicht einen und denselben Blick verliehen hat; auch darf ich nur ein einziges Mal Deinen Herrn von Monterranville sehen, und ich will Dir bald sagen, was an ihm ist.« Nachdem Müller seinen physiognomischen Scharfblick noch lang und breit gerühmt hatte, gewahrte er endlich, daß seine beiden Tischgenossen ihn nicht mehr hörten und fest schliefen. Sich hierauf der Länge nach in einem Lehnstuhl ausstreckend, brauchte er nicht mehr lange, bis er ihnen nachahmte, und bald schnarchten sie ein herrliches Trio. Den andern Tag war der Oberst nicht im Stande, aufzustehen; er hatte eine schlimme Nacht gehabt, und seine Verletzung, gereizt durch die seit mehreren Tagen erlittenen Beschwerlichkeiten und die sein Blut erhitzende Ungeduld, nahm einen sehr bedenklichen Charakter an. Der gute Carl, ein wenig in der Heilkunde erfahren, legte ihm einen Verband an, und empfahl ihm die größte Ruhe; darüber fluchte der Oberst freilich am meisten, allein man mußte sich der Notwendigkeit fügen. Der Postillon reiste mit dem Befehl, in Kurzem Pferde herbeizubringen, nach Straßburg ab. Seit acht Tagen befanden sich der Oberst und Müller in dem einzelnstehenden Haus, als der Eigenthümer von seiner Reise zurückkam. Der Oberst war in Verzweiflung, auf solche Weise einer ihm unbekannten Person zur Last zu sein; aber bei Erzählung des in seinem Hause Vorgefallenen lobte Herr von Monterranville Carls Benehmen sehr, und ging nach des Obersten Zimmer, um diesem zu sagen, welches Vergnügen es ihm mache, ihm bei dieser ärgerlichen Veranlassung nützlich sein zu können. Der Oberst lag im Bett, im Gespräch mit Müller über Heinrichs Aufführung, als sein Wirth in das Zimmer trat. Dieser näherte sich dem Bett des Obersten und sagte, obgleich er den ihn betroffenen Unfall sehr bedaure, wünsche er sich doch Glück, daß er in seinem Hause Hülfe gefunden habe. Während der Oberst diese verbindlichen Reden erwiderte, war Müller auf die Seite gegangen und unterhielt sich mit Betrachtung der Züge dieser neuen Person. Herr von Monterranville war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, groß, mager, von gelblicher Gesichtsfarbe, lebhaften und blitzenden Augen, wenn er Jemand ins Gesicht sah, aber gewöhnlich schlug er sie nieder; übrigens von ziemlich hübschem Gesichte und anstandsvoller Haltung. »Diesen Menschen mag ich nicht leiden,« sprach Müller bei sich selbst, nachdem er Herrn von Monterranville betrachtet hatte; »entweder irre ich mich sehr, oder er ist nicht offenherzig in seinen Reden.« Der Oberst dagegen dankte dem Hausbesitzer aufs Wärmste und wünschte sich Glück, in so gute Hände gerathen zu sein. Mit der Bitte, zu thun, als wäre er in seinem Eigenthum, verließ ihn der letztere. Nach seinem Weggehen theilte Müller dem Oberst seine Gedanken hinsichtlich ihres Wirthes mit; aber der Oberst nannte ihn einen Geisterseher und war nicht seiner Meinung. Müller's Schlafzimmer lag dem des Hausherrn gerade gegenüber; nur war das seinige einen Stock höher, er konnte daher durch die Halbvorhänge hindurch unterscheiden, was in dem Gemache desselben vorfiel. Als Müller schlafen ging, stellte er seine Betrachtungen über die Person an, in deren Hause sie sich befanden. Während dieses Nachgrübelns verstrich die Zeit, und er sah an seiner Uhr, daß es nahezu Mitternacht sei. Er stand auf, um sein Licht auszulöschen, und gegen das Fenster tretend, gewahrte er noch Licht im Zimmer des Herrn von Monterranville; Neugierde und der Wunsch, etwas zu entdecken, was seine Gedanken rechtfertigen könnte, bestimmten ihn, einen Augenblick zu seinem Nachbar hinüberzublicken. Er löschte sein Licht, damit man ihn schlafen glaube und stellte sich leise in eine Fenstervertiefung. Geraume Zeit blieb er in dieser Stellung, ohne daß er etwas erblickt hätte; des vergeblichen Harrens müde, wollte er sich eben niederlegen, als er Herrn von Monterranville mit starken Schritten im Zimmer auf- und abgehen sah, wie in tiefes Nachdenken versunken; er bemerkte hierauf, wie derselbe seinen Schreibtisch öffnete, mehrere Geldsäcke herauslangte, genau betrachtete, einige derselben überzählte und endlich Alles stehen ließ, um wieder in seine Träumereien zu verfallen. Aergerlich, daß er nicht mehr sah, legte sich Müller ins Bett, sehr mißgestimmt, nicht enträthseln zu können, was das Alles heißen sollte. Am andern Tage gleiches Verfahren von Seiten Müller's, gleiches Benehmen von Herrn von Monterranville, nur daß er diesmal seinen Sekretär nicht berührte; aber er ging wieder langsam auf und ab, blieb zuweilen stehen, um sich an die Stirne zu schlagen, oder wohl sich wie in der heftigsten Verzweiflung auf einen Sessel zu werfen. Am Ende wünschte Müller seinen Wirth und dessen geheimnißvolle Zimmerspaziergänge zum Teufel und legte sich mit dem Gedanken nieder, Herr von Monterranville sei entweder ein Nachtwandler, oder habe Anfälle von Tollheit. Die Zeit verstrich indeß, die Wunde des Obersten heilte, jedoch nur langsam. Aergerlich, keine Nachrichten von Heinrich zu bekommen, und wohl einsehend, daß er ihm lange nicht nacheilen könne, beschloß er, Müller vorauszuschicken, damit er endlich erfahre, wie die Sachen stünden, und deßhalb ließ er diesen zu sich kommen, um ihm sein Vorhaben mitzutheilen. »Müller,« sagte er zu ihm, als sie allein waren, »ich kann meiner Ungeduld nicht widerstehen, ich muß durchaus wissen, was Heinrich gegenwärtig treibt. – Tausend Bomben, Oberst! glauben Sie, ich wünsche es nicht eben so sehnlich und fluche nicht, daß ich Sie da ans Bett genagelt sehe, wie ein alter Achtundvierzigpfünder?... Aber was kann man machen, Oberst ? Muth gefaßt! ... – Hör einmal, Müller! wenn Du willst, so warte ich meine Herstellung viel geduldiger ab. – Wenn's von mir abhängt, mein Oberst, so dürfen Sie nur sprechen. – Gut, in diesem Fall, lieber Müller, mußt Du nach Straßburg reisen, und Heinrich nachspüren. – Wie, mein Oberst, ich soll Sie in diesem alten, verfallenen Neste allein lassen? ... – Warum nicht? – Wo Sie zum einzigen Gesellschafter einen Menschen haben, der einem Orangutang ziemlich ähnlich sieht? – Bedenk doch, daß ich bald hergestellt sein werde und Dir alsdann folge. – Nur mit Bedauern verlasse ich Sie, Oberst; weil Sie es aber wollen, muß ich gehorchen.– Vergiß nicht, Müller, daß die Augenblicke kostbar sind! Du weißt, was man von Heinrich sagte! ... Ich zittere, er möchte schon verheirathet sein! ... – Ah bah, Oberst! eine solche Dummheit wird er sich nicht ohne Ihre Einwilligung erlauben ... Wenn es überdies der Fall ist... – Wenn es der Fall ist... – Ja, mein Oberst, was soll ich alsdann machen? – Meiner Treu!... thu, was Dir gut dünkt; wenn es aber, wie ich hoffe, nicht der Fall ist, so bemühe Dich, den Gegenstand, der das Herz unseres jungen Mannes fesselt, zu sehen, besonders laß Dich nicht durch den Schein täuschen! ... Unbesorgt, mein Oberst! mich führt man nicht an, namentlich in Betreff der Weiber, und die ausgelernteste, sittsamste Spröde würde mich nicht in ihre Netze bekommen.« Da die Sache einmal abgemacht war, beschäftigte sich Müller mit seiner Abreise: schon längst hatte der Postillon die verlangten Pferde zurückgebracht; Müller bestieg eines derselben, und nachdem er seinen Oberst dem alten Karl, welchen er mehr liebte, als den Herrn des Hauses, aufs Beste empfohlen und ersterem ein Lebewohl gesagt hatte, schlug er im starken Galopp die Straße ein, welche ihn zu seinem Zögling führen sollte. Wir lassen den Oberst bei Herrn von Monterranville und sehen ein wenig, was Müller in Straßburg machte. Neuntes Kapitel. Abermals ein Heuboden. Gegen neun Uhr Abends langte Müller in Straßburg an und stieg im »weißen Pferde«, dem ersten auf seinem Wege befindlichen Gasthofe, ab. »Geschwind ein Nachtessen für mich und mein Pferd,« sagte Müller, in das Gastzimmer tretend, wo mehrere Reisende um einen großen Tisch herum saßen. »Der Herr wird sogleich bedient werden,« erwiderte mit Flötenstimme eine schmucke Dirne, welche allein alle Lasten der Wirthschaft zu tragen schien. Müller trat zum Kamin, in Erwartung, daß man ihm auftrage; aber plötzlich brechen die Reisenden und das Wirthsgesinde beim Anblick des Neuangekommenen in ein schallendes Gelächter aus. Dieser ließ nicht mit sich spaßen und duldete nicht, daß man ihm, ohne zu wissen warum, ins Gesicht lachte; er fing seinen Schnurrbart zu streichen an und fragte mit martialischem Gesicht: »Wollet Ihr mir sagen, meine Herren, welches die Ursache Eures spöttischen Gelächters ist? – Zum Henker! Ihr müßt wohl sehen, daß Ihr es seid,« antwortete ein schnurrbärtiger Kerl, mit einer großen, rostigen Klinge an der Seite, der so ziemlich einem Werber gleich sah oder einem jener Leute, welche gratis in der Welt durchzukommen suchen, indem sie mit Faust und Rippenstößen bezahlen! – »Ha! ich bin's,« entgegnete Müller, ihn von Fuß bis zum Kopf mit den Augen messend. »Ei! was findest Du denn Lächerliches in meiner Physiognomie? – Schau nach dem Hintertheil Deiner Hosen und Du wirst sehen, daß wir nicht über Deine vordere Physiognomie lachen.« Müller blickte sogleich hin und sah, daß die Bewegung des Pferdes und der schnelle, anhaltende Ritt seine Hosen dergestalt zerrissen hatte, daß er sein Hinterquartier allen Blicken bloßstellte, was er freilich hätte fühlen sollen; in der Hitze seines Ritts mochte er es nicht bemerkt haben. »Wie! das macht Dich lachen?« fragte er den Werber. »Beim Teufel! Du mußt noch niemals in Deinem Leben einen Hintern gesehen haben, um beim Anblick des meinigen so zu lachen! – Wahr, es ist nicht der Mühe werth,« versetzte dieser. – »Nicht der Mühe werth!« rief Müller mit einem Seitenblick auf den Werber; »Du dürftest, glaube ich, wohl zufrieden sein, wenn Du einen solchen hättest, und ich rathe Dir nicht, Dich über den meinigen lustig zu machen.« Jungfer Hannchen, welche sich wahrscheinlich besser auf diesen Artikel verstand, und den Müller's ganz nach ihrem Geschmacke fand, beeiferte sich, zwischen den beiden immer mehr sich erhitzenden Parteien Frieden zu stiften, und zog Müller mit fort an einen Tisch, auf welchem sein Abendessen aufgetragen war, wobei sie ihm leise ins Ohr flüsterte, daß sie die Sorge für die Wiederherstellung seiner Hosen auf sich nehme. Müller, wohl verstehend, was das sagen wollte, kneipte sie schäkernd, blickte sie verstohlen an und fiel gierig über ein Stück Rehbraten her, um der Idee zu entsprechen, welche Jungfer Hannchen von ihm gefaßt hatte. Ich weiß nicht, ob der Werber gleichfalls seine Augen auf das Kellermädchen warf, allein während er seine Pfeife rauchte und sein Hammelsrippchen aß, sah er mit vielem Aerger die Aufmerksamkeiten Hannchens für unsern Husaren, und dieser, stolz auf seine Eroberung, drehte sich zuweilen mit einer Miene um, welche sagen wollte: Du siehst, mein Popo macht mehr Eindruck, als Deine verliebten Augen. Um die Stunde des Schlafengehens trat Hannchen zu Müller, und nachdem sie ihm das für ihn bestimmte Zimmer bezeichnet hatte, sagte sie ihm in's Ohr: »Laßt den Schlüssel an Eurer Thüre, bald werde ich bei Euch sein. – Fehlt ja nicht,« antwortete Müller, »sonst bringe ich das ganze Haus in Aufruhr.« Nun ergriff er ein Licht, und den Werber, der bei seiner Flasche eingeschlafen zu sein schien, zurücklassend, stieg er nach dem ihm angewiesenen Zimmer hinauf. Seit mehr als einer Stunde war er hier, mit Ungeduld auf die Erfüllung des von Hannchen gegebenen Versprechens harrend: doch die Zeit verstrich; längst mußte Alles in der Herberge zu Bette sein; pünktlich hatte er den Rath Hannchens befolgt, aber sie erschien nicht. Wer konnte sie zurückhalten? ... Da er seinem Verlangen und seiner Ungeduld nicht mehr zu widerstehen vermochte, erhob er sich, schlüpfte nur in seine Hosen und beschloß, Jungfer Hannchen in allen Theilen des Hauses aufzusuchen. Mit dem Lichte in der Hand durch lange Gange und mehrere leere Zimmer gekommen, geht er einen Stock höher und setzt seine Nachsuchungen fort. Schon fing er an, die Hoffnung aufzugeben, als er, bei der Thüre des Speichers vorübergehend, Laute zu hören glaubt; er bleibt stehen, lauscht und zweifelt bald nicht mehr, daß Hannchen drinnen und im Begriff sei, eine Untreue an ihm zu begehen. Seiner Wuth nicht Herr, stößt er heftig an die Thüre, diese weicht und zum zweiten Male in seinem Leben befindet er sich auf einem Heuboden. Aber welch ein Anblick. Auf die Personen zutretend, an denen er seinen Zorn auslassen will, erkennt er den Werber, wie er sich mit einer alten sechzigjährigen Magd, die schon lange keinen solchen Festtag mehr gehabt hatte, vergnügt. Wie kam der Werber hieher? das wird gut sein, dem Leser mitzutheilen. Dieser Schurke, welchem die Reize Jungfer Hannchens sehr ins Auge stachen, war entschlossen, unserem Husaren seine Eroberung vor der Nase wegzuschnappen. Darum hatte er sich gestellt, als schlafe er über seiner Flasche ein, und nachdem Müller und die übrigen Reisenden fort waren, bemächtigte er sich Hannchens, welche alle nur erdenkliche Mühe aufwandte, um sich loszumachen. Aber Hannchen wollte nichts von dem Werber und brannte vor Verlangen, zu dem Husaren zu kommen; es gelang ihr also, zu entrinnen; ihr aufdringlicher Liebhaber folgt ihr auf den Zehen; um ihn irre zu führen, geht sie mehrere Treppen hinauf, aber er ist stets hinter ihr her, bis ihr bei der Biegung eines Ganges eine alte Magd vom Hause, im Begriff zu Bette zu gehen, aufstößt; Hannchen schiebt diese dem Werber entgegen und entflieht. Der letztere packt die Magd bei ihren Kleidern, in der Meinung, den Gegenstand seiner Wünsche zu halten; die Alte will schreien, er läßt ihr keine Zeit, eine Thüre nebenan wird aufgemacht; es ist die des Heubodens. Der Werber zieht seine Schöne hinein und drängt sie auf das Stroh. »Tausend Donnerwetter,« ruft Müller aus, als er Werbers Süßliebchen betrachtete, »ich traute Dir keinen so barocken Geschmack zu ... Laß Dich nicht stören, Freund! ... O! ich will Dir einen solchen Fund nicht entreißen!...« Beim Anblick der Züge und Reize Derjenigen, die er für Hannchen gehalten, wird der Werber wüthend; Müller schlägt ein helles Gelächter auf, was seinen Aerger noch vermehrt. »Kreuz Millionen Donnerwetter!« rief er aus, »muß der Hundsfott da immer seine Nase in meine Sachen stecken?« Müller, aber ihm seit seiner Hosengeschichte noch gram war, gab ihm bei dem Titel Hundsfott einen tüchtigen Fußtritt, der ihn auf den unglücklichen Gegenstand seiner Verachtung niederwarf. Der Werber rafft sich wieder empor und springt, eine neben ihm liegende Heugabel ergreifend, auf Müller los; Müller läßt sein Licht fallen, um seinen Gegner festen Fußes zu erwarten, und die beiden Herren prügeln einander weidlich ab. Aber, o unerwartetes Unglück! während sie sich im Boxen üben, bemerken sie nicht, daß das Licht im Fallen einen Bund Stroh angezündet hat; dieser Bund ist mit andern in Verbindung, und in einem Nu brennt der ganze Boden lichterloh. Die Alte, von den Streitenden auf dem Stroh liegen gelassen, wird bald von dem Rauche beinahe erstickt und erfüllt den Gasthof mit ihrem Wehegeschrei. Alles springt aus dem Bett; man kommt, geht, rennt hin und her, ohne zu wissen warum; aber bald verkündigen die zum Dache hinausschlagenden Feuersäulen den Zuschauern die ihnen drohende Gefahr. Umsonst sucht der Wirth Hülfe zu schaffen, das Feuer hat schon so um sich gegriffen, daß es nicht zu löschen ist. In diesem Tumult läßt Müller seinen Gegner los, um an seine Flucht zu denken; er eilt hinab in sein Zimmer, aber auch dort ist das Feuer schon: er will sich entfernen, als er Schreien von dorther vernimmt; er kehrt um und erblickt das arme Hannchen, welche ihn aufgesucht, und ihn erwartend, sich in sein Bett gelegt hatte. Unser Husar sieht Hannchen seinetwegen dem Verderben nahe, er stürzt sich daher mitten durch die Flammen, nimmt sie im Hemde halbtodt in seine Arme und eilt mit seiner kostbaren Last aus dem Gasthofe hinweg. Zehntes Kapitel. Hannchens Tante. »Wo sind wir, mein Freund?« fragte Hannchen ihren Retter, als sie wieder zu sich kam.– »Meiner Treu, das weiß ich nicht,« entgegnete Müller, sie auf eine Steinbank niedersetzend. »Alles, was ich weiß, ist, daß ich nur zerrissene Hosen anhabe, Du im bloßen Hemde bist, und daß wir, wenn es Tag wäre, einen Theil von Straßburgs Bewohnern, uns begaffend, vor uns hätten. – Mich gelüstet nicht, sie zu erwarten,« sagte Hannchen. »Doch, wie! hätte das Feuer den ganzen Gasthof verzehrt? – Freilich... Nach der Art, wie es überhand nahm, würde es ohne die größte Vorsicht die ganze Stadt verbrennen. – Was ist zu machen? wir können nicht nackt auf diesem Platze bleiben. – Nein, das hieße zu viel riskirt. – Ha, mir kommt ein Gedanke; ich habe eine Muhme, Feinwäscherin, in diesem Viertel; man muß sie aufsuchen, sie ist eine gute Frau und wird uns gerne aufnehmen. – Wohl, es sei, gehen wir zu Deiner Tante.« Und Müller und Hannchen machen sich im Hemd, Arm in Arm, auf den Weg zu der Feinwäscherin. Nach ziemlich langem Umherirren gelangen sie in eine kleine, enge und schmutzige Gasse und bleiben vor einem Hausgange stehen: hier wohnte Hannchens Tante. Müller klopft viermal nacheinander, was aber die gute Frau in ihrem vierten Stocke nicht hört. »Sie ist etwas harthörig und schläft wie eine Ratze,« sagte Hannchen. – »In diesem Falle,« erwidert Müller, »laufen wir keine Gefahr, wenn wir durch das Fenster einsteigen.« Er klopft noch mehrmals ohne bessern Erfolg. Müller, ungeduldig gemacht, war der Ansicht, Steine nach den Fenstern zu werfen, als ein Bewohner des ersten Stocks, von dem Lärm aufgeweckt, sein Fenster öffnet und fragt, wer mitten in der Nacht auf diese Weise poche. »Ich bin's, Herr Speckkratzer,« antwortet Hannchen, »ich will bei meiner Tante schlafen. Möchten Sie nicht die Gute haben, mir zu öffnen? – Ah! Sie sind es, Jungfer Hannchen; wie, um diese Stunde? – Ja, Herr Speckkratzer; bei Herrn Buttmann, dem Gastwirth, wo ich war, ist Feuer ausgekommen, und ich sah mich genöthigt, mich zu flüchten. – Ach! mein Gott! ist's möglich? Was sagt Ihr mir da? – Aber was machst Du denn am Fenster, Bibi?« rief eine fein grillende Stimme, die aus der Alkove des Nachbars hervortönte (es war Madame Speckkratzer, die, ihren Gatten nicht mehr an ihrer Seite fühlend, höchst unruhig aufstand, um zu wissen, was er treibe). – »Nichts, mein Kätzchen; Jungfer Hannchen will bei ihrer Tante schlafen, und ich öffne ihr das Haus. Aber leg Dich doch wieder ins Bett, mein Mäuschen, Du könntest den Schnupfen bekommen.« Mit diesen Worten schloß Herr Speckkratzer das Fenster und kam herab, Hannchen einzulassen. »Wer ist denn dieses Originalstück?« fragte Müller die letztere. – »Ein alter, in Ruhe lebender Wurstmezger, der mit seiner keuschen Ehehälfte von seinen Renten lebt. – Tausend Granaten! er fürchtet, wie es scheint, den Hals zu brechen, denn er eilt nicht sehr mit dem Herabkommen.« Endlich erschien Herr Speckkratzer im Unterleibchen und Nachtmütze, sein Licht in der Hand. Wie er Hannchen im Hemde erblickt, rückt er an seiner Mütze und schlägt seinen Schlafrock zurück; als er aber Müller wahrnimmt, bleibt er unbeweglich vor ihnen, ohne zu begreifen, was das heißen solle. Mit ein paar Worten unterrichtet ihn Hannchen von der ganzen Geschichte, und als er erfahren hatte, Müller sei ihr Retter, wunderte er sich nicht mehr, daß sie ihm eine Zufluchtsstätte anbot. Sie steigen alle Drei die Treppe hinauf und treffen in der Hausflur des ersten Stocks Madame Speckkratzer, welche sich gerne selbst überzeugt hätte, welcher Person ihr Gatte die Thüre öffne. »Ach, Himmel! ... ein nackter Mann!« rief sie, Müller erblickend. Aber statt zu entfliehen, lief sie vorwärts, um besser zu sehen. »Geh doch ins Bett, mein Täubchen,« sagte Herr Speckkratzer, »ich werde Dir alles Vorgefallene erzählen.« Aber seine Ehehälfte, welche auch Hannchen im Hemde erblickte und fürchtete, deren frische Reize möchten ihren Gatten zu Vergleichungen veranlassen, riß diesen fort nach ihrem Zimmer mit der Bemerkung, daß, da die Thüre geöffnet sei, man seiner nicht mehr bedürfe. Hannchen dankte Herrn Speckkratzer, und die beiden Ehegatten zogen sich in ihre Zimmer zurück. Somit wären nun Müller und Hannchen vor der Thüre der Wäscherin. Sie klopften beide so, daß das ganze Haus erdröhnte; die gute Frau erwacht, kommt zitternd herbei und fragt, wer da sei? »Ich bin's, liebe Tante,« antwortet Hannchen; »öffnen Sie schnell.« Die Alte macht auf: neue Ueberraschung von ihrer Seite, als sie Hannchen im Hemd und einen Mann in demselben Zustande bei ihr sieht. Aber Hannchen hat sie bald über das Vorgefallene belehrt, und Madame Tapin (so hieß die Tante) fällt Müller um den Hals und küßt ihn dreimal für die Rettung ihrer Nichte. Müller hätte ihr die Umarmung gerne erlassen, allein man mußte sich bequemen. Hannchen und Müller bedurften der Ruhe; man war schnell auf Mittel bedacht, Betten herzurichten. Die ganze Wohnung der Madame Tapin bestand nur in einem großen Zimmer, worin sie schlief, und einem kleinen Kabinet nebenan, wo für Hannchen ein Bett zurecht gemacht wurde. Müller sagte, er bequeme sich mit einem Sessel als Nachtlager. Hiebei blickte er Hannchen an, die ihn sehr gut verstand, und Madame Tapin willigte in jedes Begehren. Bald war das Bett bereit. Hannchen legte sich nieder, Madame Tapin desgleichen, und so wie sie eingeschlafen war, theilte Müller das Lager Derjenigen, für die er ein altes Weib bei Nacht überfallen ließ, ein Haus in Brand steckte, einen Menschen prügelte, die Nachbarn aus dem Schlaf weckte und ... In Wahrheit, er hatte sie wohl erworben. Als am andern Morgen Alles wieder auf den Beinen war, dachte Müller, ein gutes Frühstück werde sehr am Platze sein, um sich von den Anstrengungen des vorigen Tages zu erholen; aber Hannchen hatte keinen Heller; Madame Tapin war nicht reich und konnte ihnen nichts weiter als Brod und Milch vorsetzen. Da fiel es Müller wieder bei, daß er eine wohlgespickte Börse in seinen Hosen haben müsse, denn Oberst Framberg befahl ihm, weder Mühe noch Geld zu sparen, um seinen Heinrich wieder zu finden. Nun kehrte Freude in Aller Herzen zurück; Hannchen holte eiligst das zum Frühstück Nöthige, sowie einen Schneider herbei, der Müller aufs Schnellste wieder kleiden sollte; und Madame Tapin setzte Alles zur Bereitung des Mahles in Bewegung. Während dessen sann Müller darüber nach, was er zu thun habe: er dachte, er sei eben so gut bei Madame Tapin als im Gasthof, seine Nachforschungen könne er gleichfalls von hier aus anstellen, und das Resultat seiner Betrachtungen war, daß er während seines ganzen Aufenthaltes in Straßburg bei Hannchen wohne. Fröhlich setzte man sich zu Tische: Hannchen war vor Freude außer sich, daß sie in Müller einen zugleich reichen und verliebten Mann gefunden habe. Im Ganzen war sie ein gutes Mädchen, die nur den Fehler hatte, daß sie die Männer etwas zu sehr liebte. Müller erzählte ihnen kurz, was ihn nach Straßburg führe und gab das Versprechen, bei ihnen zu wohnen, so lang er hier bleibe. Madame Tapin war ganz entzückt darüber; sie sah, daß Müller gern gut aß und trank, und dachte, sie werde, so lange er im Hause bleibe, stets Hochzeitsgerichte bekommen, wie sie es nannte. Nach dem Frühstück ging unser Husar aus, um seine Nachforschungen zu beginnen. Er durchstreifte beinahe die ganze Stadt, ohne irgend eine Nachweisung über Heinrich zu erhalten, und am Abend kam er zu seinem Hannchen zurück, um die Mühseligkeiten des Tages zu vergessen. So verging ein Tag um den andern, und Jedes war zufrieden; nur begriff Madame Tapin nicht, wie ein Mann, wie Müller, der gerne gut lebte, sich jede Nacht mit einem Sessel als Bett begnügen könne. Nach Verlauf von etwa zehn Tagen kam er auf den Glauben, der Gegenstand seiner Streifereien sei nicht mehr in Straßburg; denn obgleich er die ganze Stadt durchwandert, alle öffentlichen Orte besucht hatte, war es ihm doch nicht gelungen, Heinrich zu begegnen. Bereits war er entschlossen, dem Oberst den geringen Erfolg seiner Schritte zu schreiben und ihn zu fragen, was er thun solle, als er eines Abends, beim Eintritt in ein Café, Frank, Heinrichs Diener, bei einer Flasche Bier erkannte. Müller hütete sich sehr, denselben anzureden, wohl erwägend, daß er ihn nur durch eine lügenhafte Erzählung irre führen würde; dagegen verließ er alsbald das Café und harrte unfern der Thüre geduldig, bis Frank herauskomme, um ihm unbemerkt zu folgen. Nicht lange stand er auf der Lauer; nach wenigen Minuten erschien Frank, und Müller folgte ihm auf eine Weise, daß er nicht wahrgenommen werden konnte, denselben aber doch nicht aus dem Gesichte verlor. Frank schlug mehrere abgelegene Straßen ein, und Müller sah ihn zu seinem Erstaunen aus der Stadt hinaus gehen. Er war fortwährend hinter ihm drein. In geringer Entfernung von der Stadt hält Frank vor einem hübschen, von andern Wohnungen abgesonderten Häuschen still. Er klopft an, man öffnet, und er tritt ein. Müller betrachtet das Haus, so gut es ihm die Nacht erlauben kann, und mit dem Gedanken, es sei zu spät, um in Erklärungen einzugehen, zieht er sich zurück, fest entschlossen, am andern Morgen wieder zu kommen. Ehe wir jedoch Müller folgen, wollen wir wieder ein wenig zu unserem Helden zurückkehren, den wir schon so lange verlassen haben. Elftes Kapitel. Florenz. Bei ihrer Abreise vom Schlosse Framberg hatten Heinrich und Frank den Weg nach Offenburg eingeschlagen. Heinrich dachte nur an seine theure Pauline und gab sich der Hoffnung hin, daß er in der Nähe von Offenburg, wo er ihre Bekanntschaft gemacht hatte, irgend etwas über ihr Schicksal werde erfahren können. Da Heinrich ziemlich offenherzig war und überdies vor Verlangen, sich von seiner Schönen zu unterhalten, brannte, war Frank bald sein Vertrauter; außerdem mußte er denselben von der Sache unterrichten, damit er beim Nachforschen bessere Hülfe leisten könne. Frank war ein verständiger, pfiffiger Bursche und geschickter, eine Intrigue durchzuführen, als die Alleen des Schloßparks von Framberg von Unkraut zu säubern. Durch das Vertrauen seines Herrn geschmeichelt, versprach er ihm, sich desselben würdig zu zeigen und Alles zu thun, was zur Wiederauffindung seiner Angebeteten beitragen könnte. In Offenburg angelangt, forschten Herr und Diener auf jede mögliche Weise nach einem gewissen Christiern und seiner Tochter; doch Alles umsonst. Endlich beschloß Heinrich, des vergeblichen Suchens müde, zu seiner Zerstreuung sich unter einen fernen Himmelsstrich zu begeben und dem Zufall die Sorge für das Wiederfinden seiner theuern Pauline anheimzustellen. Er dachte, Italien, dessen Schönheiten er rühmen gehört, könne ihm eher als andere Länder Zerstreuung bieten. Sie begaben sich daher auf den Weg nach Neapel, zu Pferde reisend und sich an allen Orten verweilend, die ihre Aufmerksamkeit zu fesseln verdienten. Bis Florenz, wo Heinrich einige Zeit zu bleiben wünschte, stieß ihnen nichts Besonderes auf. Die reizende Lage dieser Stadt an den bezaubernden Ufern des Arno, die Schönheit ihrer Baudenkmale, die Meisterwerke aller Art, welche sie umschließt, berauschten Heinrichs Sinne, der nur aus Schloß Framberg herausgekommen, um die Umgegend zu durchstreifen, sich nicht träumen ließ, daß es auf der Welt einen so köstlichen Ort gäbe. Als er eines Abends außerhalb der Stadt lustwandelte, hörte er aus einem eleganten Hause am Wasser melodische Töne. »O, mein Freund! ... sie ist's! hier ist sie! ...« sagte Heinrich zu seinem Diener; »es ist dieselbe Musik, die ich bei Offenburg gehört! ... – Sie glauben, Herr? – Ich bin's gewiß! ... Ei! welche Andere als Pauline vermöchte ihrer Laute solche bezaubernde Klänge zu entlocken? ... – Ach, mein Herr! es gibt so viele Frauenzimmer, welche dieses Instrument spielen. – Gleichviel, ich will die Bewohnerin dieses Hauses kennen lernen.« Wenn Heinrich sich etwas in Kopf gesetzt hatte, mußte es ausgeführt werden; darum fing er, um Aufmerksamkeit zu erregen, unter den Fenstern des Hauses zu singen an. Unser Held war nicht musikalisch; aber er besaß eine schöne Stimme, und der Wunsch, zu gefallen, ersetzte bei ihm den Mangel des Wissens: alsbald verstummte die Musik, und man lauschte dem neuen Sänger. »Du siehst wohl, sie ist es,« sagte Heinrich, »sie hat meine Stimme erkannt und schweigt, um mich zu hören ... – Noch nicht so sicher, gnädiger Herr; Sie wissen also nicht, daß Liebes-Intriguen in Italien nur auf diese Weise eingefädelt werden, und darin, daß man Ihnen zuhört, nichts Erstaunliches liegt?« Dieser Ansicht ungeachtet, fuhr Heinrich mit Singen fort, auch zu lauschen ward man nicht müde. Als er geendigt hatte, öffnete man leise einen Laden und warf, an einen Kiesel gebunden, ein Billet herab. »Ein Brief!« rief Heinrich, nach dem Papier greifend, aus; »ich sagte Dir ja, sie sei's! ... – Noch ist's nicht gewiß, gnädiger Herr,« entgegnete Frank mit Kopfschütteln. Heinrich näherte sich dem Fenster und mit Hülfe einiger Lichtstrahlen las er Folgendes: »Liebenswürdiger Fremdling, der Ton Deiner süßen, zärtlichen Stimme ist bis zu meinem Innersten gedrungen; ich vermag der Sehnsucht, Dich kennen zu lernen, nicht zu widerstehen, und ergebe mich Deinen Zaubertönen. Komm daher heute um Mitternacht vor die kleine Gartenthüre am Ufer des Flusses, und man wird Dich zu mir führen.« Heinrich weiß nicht, was er nach Lesung dieses Billets denken soll. »Ich sagte Ihnen ja, gnädiger Herr, man habe irgend ein galantes Abenteuer mit Ihnen vor. – Du bist närrisch, dieses Frauenzimmer kennt mich ohne Zweifel und hat mir etwas mitzutheilen. – Aha! Sie geben jetzt doch zu, daß es nicht Ihr schönes Fräulein ist? – Ja ... es ist wahr ... Uebrigens werde ich die Schreiberin sehen und erfahren, was das heißen soll. – Wie, Herr, Sie wollen sich zu diesem Stelldichein begeben? – Warum nicht ? – Aber, gnädiger Herr! vielleicht legt man Ihnen irgend eine Schlinge: hören Sie, glauben Sie mir, lieber Herr, gehen Sie nicht hin. – Ach, schweig doch! ...« Frank schwieg, da er wohl sah, daß es vergeblich sei, Heinrich von seinem Vorhaben abzubringen, und dieser rüstete sich zu seinem nächtlichen Rendezvous. Zur bestimmten Stunde begab er sich allein an die kleine Gartenpforte. Nach einigen Minuten Harrens sieht er öffnen; eine Frau erscheint, nimmt Heinrich bei der Hand und sagt ihm, er solle sich führen lassen. Mit gewaltigem Herzklopfen folgte er seiner Führerin: Dies ist die gewöhnliche Wirkung eines ersten galanten Abenteuers: aber dieses neue Gefühl, diese unbekannte Verwirrung sind von sehr kurzer Dauer, und mit der Gewohnheit des Vergnügens sieht man dessen Genuß sich mindern. Nachdem Heinrich mehrere Gänge des Gartens durchwandert hat, geleitet man ihn ins Haus; er und seine Führerin gehen eine schmale, verborgene Treppe hinauf, letztere öffnet ein Zimmer, läßt Heinrich eintreten und zieht sich zurück. Einige Minuten bleibt unser Held starr vor Erstaunen und Bewunderung; was er sah, war wohl geeignet, ihn zu überraschen. Er befand sich in einem herrlichen Boudoir, ausgeschmückt mit Allem, was Lurus und guter Geschmack Verführerisches zu ersinnen vermögen, und erleuchtet durch eine Menge von Kronleuchtern, deren blendende Helle das Bezaubernde dieses köstlichen Orts noch vermehrte. Aber welch verführerischer Gegenstand zieht Heinrichs Blicke auf sich? Eine Frauengestalt, jung, schön und geschmückt mit allen Gaben des Reichthums und der Natur, welche, nachlässig auf eine Ottomane hingestreckt, den jungen Mann mit anmuthigem Lächeln empfängt. »Nun, nun! mein Herr, Sie sagen mir nichts? – Wahrlich ... Madame ... ich gestehe, ich wage nicht ... – Gehen Sie, Sie sind ein Kind, und man muß Sie aufmuntern ... – Madame, es ist wahr, die Ueberraschung, Bewunderung ... – Bewunderung ... Sie sind galant, mein Herr! Aber nehmen Sie doch an meiner Seite Platz, statt unbeweglich mich anzublicken.« Heinrich ließ sich das nicht zweimal wiederholen, und bald saß er auf der Ottomane neben der reizenden Italienerin. »Sie also haben gesungen, mein Herr? – Ja, Madame, und Sie habe ich ohne Zweifel gehört? – Ja, und es ist mir schmeichelhaft, daß meine Akkorde Ihnen den Wunsch eingeflößt haben, mich kennen zu lernen. – Ach, Madame! wenn man Sie sieht, verdoppeln sich Ihre Reize noch! ... – Wahrhaftig, Sie sagen das mit einer Miene, daß man's glauben könnte.« Und das schöne Weib überläßt Heinrich eine entzückende Hand, welche er wonnetrunken küßt. Bald erlangt er noch andere Gunstbezeigungen, welche man weder Kraft noch Muth hatte, ihm zu verweigern. »Du bleibst hier, mein Freund,« sagte Felicia (so hieß die schöne Frau) zu Heinrich, als sie ihr Gespräch wiederaufnahmen. – »Aber, beste Freundin, ich habe meinem Diener nichts gesagt und ... – Ei was! sollten wir uns Deines Dieners wegen so bald trennen und ich Dich allein mitten in der Nacht nach Florenz zurückkehren lassen? ... O! nein, Du bleibst hier, nicht wahr, mein Lieber? ...« – Mit diesen Worten schlang Felicia ihre schönen Arme um Heinrich, und dieser hatte nicht die Kraft, zu widerstehen. Felicia klingelte; die Frau, welche Heinrich eingeführt hatte, erschien. »Lesbia,« redete ihre Gebieterin sie an, »trag uns ein Nachtessen auf!« Dann trat sie auf ihre Dienerin zu und flüsterte ihr einige Worte, die Heinrich nicht verstehen konnte, ins Ohr; Lesbia, welcher solche Abenteuer nichts Neues zu sein schienen, that behend, was ihre Gebieterin ihr befahl, und bald ward unsern beiden Liebenden ein Abendessen vorgesetzt. Der Leser erkennt bereits, daß Heinrichs Eroberung eine jener galanten Frauen war, an denen Italien keinen Mangel hat. Felicia war lange Schauspielerin gewesen und hatte sich später in das von ihr bewohnte hübsche Landhaus bei Florenz zurückgezogen. Ihre zahlreichen Eroberungen hatten ihr reichliche Geschenke eingetragen, und klüger als viele ihrer Gefährtinnen, lebte sie mit dem gesammelten glänzenden Vermögen in dem Augenblick, wo der Zufall sie mit Heinrich zusammenführte, beinahe als ehrbare Frau. Seine Schönheit, seine anstandsvolle Haltung verführten sie, und sie beschloß, diesen schönen Fremdling an ihren Triumphwagen zu ketten. Schon längst folgte sie Heinrich überall; auf Bällen und Spaziergängen war sie stets hinter ihm, ohne daß er es vermuthete, und was Anfangs nur eine gewöhnliche Laune gewesen war, wurde bald zur heftigen Leidenschaft. Aber Felicia sah wohl, daß Heinrich noch Neuling in der Liebe und von romanhaftem Charakter sei, also nicht durch gewöhnliche Mittel verführt werden könne; darum suchte sie seine Aufmerksamkeit durch ihre Laute, welche sie meisterhaft spielte, zu fesseln. Wir haben gesehen, wie es ihr gelang, die Einbildungskraft unseres jungen Reisenden zu entflammen; jetzt wollen wir sehen, welches die Folgen dieses Abenteuers waren. Nach einer in den Armen seiner zärtlichen Freundin verbrachten Nacht dachte Heinrich über seine Lage nach; er hätte diese Felicia, die seine Sinne gefesselt, näher kennen mögen. Er machte sich's sogar zum Vorwurf, daß er sich zu leicht habe hinreißen lassen. Aber welcher Andere an seiner Stelle, einen Cato ausgenommen, wäre standhafter gewesen? Diese vernunftgemäßen Betrachtungen machten den süßen Eindrücken des Vergnügens Platz. Heinrich war zudem weder im Alter, sittsam zu bleiben, noch von einem Charakter, es zu wollen. Nachdem er das Frühstück mit seiner Schönen eingenommen, erlaubte ihm diese endlich, für einen Augenblick in seinen Gasthof zurückzukehren, um die Besorgnisse seines Dieners zu beschwichtigen. Heinrich kehrte nach Florenz zurück; aber unterwegs war er nicht mehr der Nämliche: was gestern noch kaum seine Blicke auf sich gezogen, fesselte heute seine Aufmerksamkeit, erschien ihm reizend; er dachte an nichts und athmete nichts als Vergnügen. Seinen Frank fand er sehr wenig bekümmert um ihn; denn da derselbe das Abenteuer seines Gebieters so ziemlich geahnt hatte, machte er sich auch keine Sorgen wegen seiner Abwesenheit. Nun eilte Heinrich wieder zu Felicia zurück, gerade wie sie ihre Toilette beendigte. »Wohin gehen wir, meine liebe Freundin? – Das Weiter ist prächtig; wir wollen auf dem Lande speisen und auf den Abend wieder nach Florenz kommen, wo man ein hübsches neues Stück aufführt, das wir besuchen.« Bald war Felicia bereit, und die jungen Leute begaben sich unter tausend Schäkereien auf den Weg. Felicia hatte nicht gewollt, daß Lesbia sie begleite, und Heinrich Frank befohlen, in Florenz zu bleiben, weil man auf dem Spaziergang mit dem geliebten Gegenstände keiner Dienerschaft bedarf. Sind wir glücklich, so finden wir die Natur reizend; jedes Bosket, jede hübsche Stelle scheint uns zum Vergnügen aufzufordern; des Laubgangs Stille, des Waldes Majestät verbreiten über unser ganzes Wesen eine Rührung, welche unser Gemüth erhebt und unser Herz in süße Wallung bringt. Quält uns im Gegentheil ein tiefer Kummer, dann stillt die Landluft unsern Schmerz nicht; die Stille der Natur vermehrt nur unsere Melancholie; gleichgültig sieht das Auge all die Schönheiten, die an unserem Blick vorübergehen, und das Dunkel der Wälder erzeugt in unserm Gehirn tausend finstere Gedanken, tausend Plane der Zerstörung. An jedem Ort, der ihnen gefiel, hielten die beiden Liebenden an. Kamen sie zu einem dunkeln, buschigen Bosket, so hatte Felicia stets Lust, auszuruhen; Heinrich hütete sich, anderer Meinung zu sein; aber durch fortwährendes Sitzen und Aufstehen waren sie am Ende wirklich der Ruhe bedürftig. »Wahrhaftig, mein Herr, ich kann kaum gehen! ... Es ist wir unmöglich, nach dem zu unserem Mahl bestimmten Orte zu kommen. – Ist's aber meine Schuld, Madame? War ich nicht bereitwillig, zu sitzen, so oft es Ihnen Vergnügen machte? – O, freilich! mein Freund ... Aber sieh, wir wollen nicht mehr sitzen, weil ... – Weil? – Weil Du ... aber so höre doch! ... Du siehst doch ... O! diesmal liegt die Schuld nicht an mir ... Nun, mein Herr, müssen wir aufstehen. – Ja, meine Beste! – Ach Gott! wie weh thun mir die Rippen! – Und mir die Kniee! – Ich werde vor acht Tagen nicht ausgehen können. Ein anderes Mal, mein Theurer! nehme ich Lesbia mit. – Und ich Frank. – Recht so, inzwischen aber wollen wir zu Mittag essen. – O, gerne! denn ich habe einen Wolfshunger! ... – Und ich '.« Die jungen Leute gingen eiligst vorwärts, um ein Haus zu finden, wo man ihnen zu essen gäbe. »Ach, mein Freund! ich glaube, wir haben uns verirrt, denn ich sehe nirgends ein Haus. – Ich fürchte auch, meine Geliebte! – Ach! mein Gott! wenn uns die Nacht an diesem Ort überfiele ... – Was ist zu machen? Das wäre ein Unglück. – Aber, Theuerster! ich bin sehr furchtsam. – Nun, dann würde ich Dich gegen Angriffe vertheidigen. – Sauberer Trost! ...« Nachdem sie lange umhergegangen waren, kamen sie endlich auf eine Straße und erblickten ein einzelnstehendes Haus. Es war Zeit, denn die Nacht brach herein. Sie eilten auf die Wohnung zu und sahen zu ihrer Freude, daß es gerade ein Wirthshaus war, zwar ziemlich unansehnlich, aber für sie das Manna des Volkes Israel. Der Wirth, wie es schien, nicht an Gäste gewöhnt, empfing sie mit ausnehmender Artigkeit, indem er Ihnen zum Voraus Alles, was sie wünschen konnten, anbot und sie versicherte, daß sie mit dem Nachtessen zufrieden sein würden. »Was werden Sie uns aber geben?« fragte Heinrich. – »Macaroni, mein Herr. – Ich mag keine,« sagte Felicia; »in diesem verdammten Lande ißt man nichts Anderes ... – Nun, Madame, dann gebe ich Ihnen Käse und Kuchen, den Sie loben werden. – Wie!« ruft Heinrich aus, »Käse und Kuchen, um sich den Magen einzurichten, wenn man seit dem Morgen nichts gegessen hat? – Und ordentlich Appetit bekommen,« bemerkte Felicia. – »Was ist zu machen, Herr? ich biete Ihnen das Beste an, was ich habe. – Wie! Sie haben nichts Anderes im Hause? ... – Verzeihen Sie, mein Herr, ich habe wohl etwas Geflügel, das ich schon seit vierzehn Tagen für eine Gelegenheit aufsparte. – Teufel, das muß zart sein! ... – Köstlich, mein Herr! köstlich! ... – Alsdann lassen Sie es schnell auftragen. – Ach, Herr! es hat einen kleinen Anstand ... – Welchen? Es ist schon von zwei vor Ihnen angekommenen Offizieren bestellt, welche in Erwartung ihres Nachtessens oben Karten spielen. – Ha! Teufel ...« fluchte Heinrich, »das ist ärgerlich. – Aber, mein Freund,« sagte Felicia, »diese Herren werden gewiß so galant sein, ihr Nachtessen einer Dame abzutreten; denn sicherlich haben sie keinen so entsetzlichen Hunger wie wir ... – Ach! Madame!« entgegnete der Gastwirth, »Sie wissen, die jungen Leute thun sich nicht mehr in der Galanterie hervor ... Gleichviel, Herr Wirth,« nimmt Heinrich wieder das Wort, »haben Sie die Güte, mit den Herren zu sprechen, und machen Sie, daß diese einwilligen. – Ich gehe, mein Herr, und werde mein Möglichstes thun.« Der Wirth ging hinauf; unterdessen ließ Heinrich den Tisch decken; er war nicht minder ungeduldig als Felicia, das Resultat der Sendung ihres Wirthes zu vernehmen. Sie begannen an dem guten Erfolg zu zweifeln, als die Tritte mehrerer Personen die Treppe herab sie benachrichtigten, daß die Herren selbst ihre Bitte beantworten wollen. »Wir wollen einmal die Dame ansehen,« sagte der eine. – »Ist sie hübsch?« der Andere. Heinrich blickte Felicia lächelnd an und gewahrte voll Erstaunen, daß sie die Farbe wechselte. Die beiden Militärs traten lachend in den Saal; zwei junge wohlgebaute Leute, die aber sehr lockeren Zeisigen gleichsahen. »Verzeihung, Madame,« sagte der eine, näher tretend, »wenn wir uns die Freiheit nehmen, selbst Ihnen anzubieten ... Doch was seh' ich! ich täusche mich nicht ... es ist Felicia,« rief er, sich an seinen Kameraden wendend, aus. – »Ja! wahrlich, sie ist's,« versetzte der Andere. Heinrich ward roth vor Zorn, umsonst suchte Felicia den Herren ihre Züge zu verbergen und wußte nicht, welches Benehmen sie beobachten solle. Einer der Militärs trat auf sie zu und umfing sie ganz ungezwungen mit seinen Armen: »Wie, meine Schöne! ... Dich sehe ich wieder!« sagte er und wollte einen Kuß rauben; aber Felicia stößt ihn kräftig zurück. »Was!« rief er aus, »Du machst die Spröde! Doch als Du die Königinnen auf dem großen Theater zu Neapel spieltest, warst Du nicht so strenge. – Was soll das heißen, mein Herr?« sagte Heinrich, voll Wuth auf den Militär zugehend. – »Zum Henker! mein Herr, das sehen Sie wohl.– Der also ist Dein neuer Liebhaber, Felicia?« fährt der zweite Offizier höhnisch lächelnd fort; »ich wünsche Dir Glück; er ist noch jung, Du wirst ihn bilden. – Unverschämter!« schrie Heinrich, den jungen Mann mit zornfunkelnden Augen betrachtend; »ich will Dich lehren, daß ich keiner Lektion bedarf, um Leute Deiner Art zu züchtigen.« Damit versetzte er dem Zunächststehenden eine tüchtige Ohrfeige. Dieser zieht wüthend seinen Säbel und will damit über Heinrich herfallen, aber er parirt den Hieb mit einem Tisch, dessen er sich wie eines Schildes bedient. Der andere Offizier läßt augenblicklich Felicia los, um sich mit seinem Kameraden zu verbinden. Unterdessen entflieht die Dame aus dem Zimmer. Die beiden Militärs sind gleich ein paar Löwen wider Heinrich; allein dieser thut Wunder, und während er die ihm zugedachten Hiebe mit seinem Tische parirt, schickt er ihnen noch zu, was ihm unter die Hände fällt: Schüsseln, Flaschen, Sessel, Krüge, Alles wird im Zimmer umher gegen einander geschleudert. Der Wirth sucht den Frieden wieder herzustellen und die Kämpfenden zu trennen; aber wie er sich unter sie mischt, empfängt er einen für Heinrich bestimmten Säbelhieb und rollt unter Bänke und Tische, schreiend, er sei todt. Unser Held hat das Glück, einen der Offiziere mit einer Flasche an den Kopf zu treffen; der Wurf betäubte ihn so völlig, daß er bewußtlos neben dem Wirthe niedersank. Sein Kamerad ward dadurch noch erbitterter gegen Heinrich, welcher seine Kräfte zu verlieren begann und vielleicht unterlegen wäre, wäre nicht eine Menge Bauern, von der Wirthin herbeigerufen, zu sehr gelegener Zeit eingetreten und hätte dem Scharmützel ein Ende gemacht. Heinrich benützte die Verwirrung, um die Thüre zu gewinnen; zwei Pferde waren im Hofe; er bestieg eines und langte im größten Galopp in Florenz an. »Wie, Herr, Sie sind's? Ich glaubte, Sie würden heute Nacht nicht hier schlafen. – Nein, Frank, wir schlafen auch nicht mehr hier. – Was soll das heißen, Herr? – Zahle augenblicklich den Wirth, sattle die Pferde und laß uns auf der Stelle abreisen. – Wie! Herr! mitten in der Nacht? ... – Vorwärts! keine Bemerkungen, thu, was ich Dir sage!« Frank eilt zu gehorchen, denn er sieht, daß sein Gebieter nicht in der Laune ist, seine Vorstellungen anzuhören. Wie die Pferde bereit sind, steigen Heinrich und Frank auf und verlassen Florenz mitten in der Nacht. Zwölftes Kapitel. . Rom. »Man muß gestehen, Herr, es ist ein närrisches Ding um das Verhängniß! ... Oftmals scheitert man in seinen Planen gerade in dem Augenblick, wo man glaubt, sie gelingen zu sehen ... Ein glücklicher Zufall kommt, wenn man jede Hoffnung verloren hat; und im Begriff, auf den Ball zu gehen, krak! bricht man Arm oder Bein und bleibt sechs Monate in das Bett gebannt ... In Wahrheit, Herr, wenn man vernünftig wäre, würde man nie Plane für die Zukunft schmieden, sondern ruhig abwarten, bis das Buch des Verhängnisses vor uns aufgeschlagen liegt.« Frank, neben seinem Herrn reitend, vertrieb sich damit die Zeit, daß er diesem seine Betrachtungen mittheilte. Obgleich nur ein gewöhnlicher Diener, hatte er beobachtet, nachgedacht und theilte seine Betrachtungen Heinrich mit. Die Vernunftschlüsse mancher Philosophen beruhen häufig auf nichts weiter als dem Geschehenen. »Wozu all dieser Galimathias?« fragte Heinrich, aus seinen Träumereien erwachend. – »Weil wir uns hier auf der Straße nach Rom befinden, in dem Augenblick, wo ich am wenigsten daran dachte ... und Sie vielleicht auch nicht, gnädiger Herr? – Er hat Recht,« dachte Heinrich bei sich selbst; aber er mochte Frank ein Abenteuer nicht erzählen, das seine Eigenliebe verletzte und das er völlig aus seinem Gedächtniß verwischen wollte. – »Fühlen Sie den Regen nicht, Herr?« sagte Frank nach einstündigem Schweigen. – »Ja, aber was ist da zu machen? – Meiner Treu, ich sehe nicht ein, was uns hindern sollte, lieber unter ein Obdach zu gehen, als uns die Haut durchnetzen zu lassen, denn ich glaube, es zieht ein Gewitter heran. – Du hast Recht, nun so laß uns denn einen Zufluchtsort suchen, bis der Sturm vorüber ist.«– »Wohlgesprochen, Herr, aber ich sehe keinen. – So reiten wir fort!« Nach langem Suchen erblickte Heinrich ein altes, halbverfallenes Gebäude, das völlig verlassen schien. »Siehst Du diese alten Mauern, Frank? Dort werden wir Zuflucht finden.–Ich zweifle sehr, denn dieses Bauwesen hat ein ziemlich schlechtes Aussehen, und dient vielleicht schon lange nur noch Räubern zum Schlupfwinkel. – Hättest Du Furcht davor? – Ach! mein Gott! nein, Herr, denn wenn mein Verhängniß will, daß ich dort ermordet werde, so ist Alles umsonst, was ich thue, ich kann ihm nicht ausweichen. – Nun, ich sehe. Deine Philosophie ist zu etwas gut; doch wir wollen unsere Pferde antreiben und uns beeilen, denn der Sturm wird heftiger.« Endlich kamen sie vor das alte Gebäude, das ein ehemaliges Kloster zu sein schien: sie schritten über einen mit Schutt gefüllten Hof und traten unter einen geräumigen Kreuzgang, welchen die Zeit etwas mehr verschont hatte. »Weißt Du wohl, Frank, daß dieser Ort etwas Romantisches hat, und es mich nicht wunderte, wenn uns hier irgend ein außergewöhnliches Abenteuer aufstieße? – Mich ebenfalls nicht, gnädiger Herr! man sagt überdies, sie seien in diesem Lande nicht sehr selten.« Kaum hatten sie zu sprechen aufgehört, als sich hinten in dem Kreuzgang ein dumpfer Laut vernehmen ließ. »Hast Du gehört, Frank ? – Ja, gnädiger Herr, es belauscht uns Jemand. – Gehen wir darauf zu,« sagte Heinrich; »ich bin begierig, zu wissen, wer es ist.« Frank und sein Gebieter setzten sich alsbald in Marsch; je weiter sie aber kamen, um so weiter schien sich Jemand vor Ihnen davon zu machen. Am Ende der Galerie fanden sie eine Treppe und stiegen, im Finstern tappend, hinauf; die fliehende Person machte in der Eile einen Fehltritt, fiel herab, und Heinrich packte sie am Kragen. »Ach! Gnade! bringt mich nicht um, Herr Räuber!« rief der Festgehaltene, vor Heinrich auf die Kniee sinkend. – »Wer bist Du?« fragte ihn dieser. – »Ein armer Bedienter, der keinen Heller hat. – Bist Du allein hier? – Nein, Herr Räuber, ich bin mit meiner Herrschaft, die mich auf Kundschaft ausschickte. – Führe mich zu ihr! – Ja, Herr Räuber, gerne.« Heinrich hielt den Unbekannten, dessen Wahrhaftigkeit er bezweifelte, noch immer fest; dieser führte sie in ein oberhalb dem Kreuzgang befindliches Gemach und rief unter der Thüre: »hier ist der Räuberhauptmann!« Heinrich war sehr erstaunt, sich in einem Zimmer zu befinden, wo man ein gutes Feuer angemacht und mehrere Fackeln angezündet hatte, und in welchem eine Dame von etwa dreißig Jahren mit einem andern viel jüngern Frauenzimmer und vier Männern in Livree, die aufrecht hinter ihr standen, einquartirt war. Auf den Ausruf von Heinrichs Führer beim Eintritt machte die Dame eine Bewegung des Entsetzens, und die vier Männer sprangen nach ihren Feuergewehren. »Ohne Furcht, meine Herren!« sagte Heinrich lachend; »ich bin kein Räuber, sondern ein Reisender, und der hier ist mein Diener. Es war mir sehr lieb, zu sehen, wohin mich dieser Mensch führen würde, und endlich zu erfahren, mit wem ich es zu thun habe.« Hierauf trat Heinrich zu der Dame, indem er sie um Entschuldigung wegen des verursachten Schreckens bat und ihr gestand, daß er keine so große Gesellschaft an einem verlassen scheinenden Orts zu finden glaubte. Die Dame belehrte ihn, daß sie die Marquise von Belloni sei, eine Reise nach einem ihrer Güter bei Florenz gemacht habe und nach Rom zurückkehre; vor dem alten Gebäude von dem Gewitter überrascht, sei sie lieber hier eingetreten, um das Leben ihrer Dienerschaft nicht aufs Spiel zu setzen. »Ich habe diesen Menschen,« fügte sie, auf Heinrichs Führer deutend, hinzu, »auf Kundschaft ausgesandt, und da ich seine Feigheit kenne, durfte ich mich wohl auf einige Mißgriffe gefaßt machen; doch ich bin entzückt, mein Herr, daß er unser Zusammentreffen veranlaßt hat.« Heinrich erwiderte dieses Compliment auf die galanteste Weise und unterrichtete die Marquisin gleichfalls von seinem Namen und dem Zweck seiner Reise. Als sie Heinrichs Namen und Stand hörte, schien sie noch mehr zufrieden mit diesem Vorfall, und es entspann sich ein sehr eifriges Gespräch. Frank seinerseits suchte mit der jungen Person, wie es schien die Kammerfrau der Marquisin, Bekanntschaft anzuknüpfen, aber Julie (so hieß sie) hörte nicht sehr auf denselben, sondern faßte Heinrich scharf ins Auge. Die Marquisin und Heinrich vergaßen im Gespräch, daß die Nacht vorübergehe; allein die Dienerschaft, welche sich wahrscheinlich nicht so gut unterhielt als die Gebieterin, machte ihr bemerklich, daß der Tag zu grauen beginne. Die Marquisin erkundigte sich nach dem Wetter; man sagte ihr, der Sturm sei vorüber, aber der Regen falle immer noch in Strömen; nun bat sie Heinrich, einen Platz in ihrem Wagen anzunehmen, da er sich gleich ihr nach Rom begebe. Heinrich, dem Juliens Seitenblicke nicht unbemerkt geblieben, und der die Marquisin sehr schön fand, hütete sich wohl, es auszuschlagen, und man machte sich wieder auf den Weg. »Aha!« sprach Frank bei sich selbst, »ich sehe wohl, dieses Abenteuer, das einen so romantischen Anstrich hatte, wird ein eben so prosaisches Ende nehmen wie andere.« Heinrich war mit den beiden Damen im Wagen. Die Marquisin wünschte, er solle an ihrer Seite Platz nehmen; Julie setzte sich Heinrich gegenüber, mit schmollender Miene, die ihr indeß zum Entzücken gut stand. Diese Julie war ein ganz hübsches Mädchen: ihre Augen hatten einen wunderlieblichen Ausdruck, und gewöhnlich ruhten sie auf Heinrich, wenn sich Julie von ihrer Gebieterin nicht beobachtet sah. Die Marquisin war ein vollendet schönes Weib: ihr edler, eleganter Wuchs wurde durch ein Gesicht von regelmäßiger Schönheit noch mehr gehoben; ihre Haare waren von glänzendem Schwarz; und ihre Augen, voll Feuer und Lebhaftigkeit, verkündeten ein heißes Gemüth und einen ungestümen Charakter. Ohne weitern Unfall langten die Reisenden in Rom an; und beim Abschied lud die Marquisin unsern Helden ein, ihr öfters Gesellschaft zu leisten. Heinrich versprach's mit einem Blick auf Julie, welche es nicht weniger sehnlich zu wünschen schien. »Mindestens,« sprach Heinrich bei sich selbst, als er zur Auffindung einer Wohnung die Straßen Roms durchstreifte, »ist diese Frau wirklich eine Marquisin und hat auf keinem Theater die Prinzessinnen gespielt.« Nachdem Heinrich den elegantesten Gasthof der Stadt gewählt, ließ er Schneider und Kaufleute kommen, um sich nach dem neuesten Geschmack und aufs Reichste zu kleiden. »Gnädiger Herr,« sagte Frank, »wissen Sie, daß diese Marquisin da Sie zu Grunde richten wird, wenn's so fortgeht? – Dummkopf! glaubst Du, mein Vater werde sich weigern, mir so oft und so viel Geld zu schicken, als ich brauche? – Ei, gnädiger Herr! er dürfte nur Ihrer Reisen müde werden und Ihnen befehlen, nach Hause zurückzukommen! – Nun, alsdann wird's immer noch Zeit sein, uns einzuschränken.« Gleich am Abend seiner Ankunft begab sich Heinrich zur Marquisin von Belloni. Sie wohnte im schönsten Theile der Stadt; ihr Hotel war äußerst prachtvoll, und Alles bei ihr athmete Luxus und Eleganz. Eine glänzende und zahlreiche Gesellschaft war bei ihr versammelt. Die Marquisin empfing Heinrich auf die graziöseste Weise und stellte ihn den ausgezeichnetsten Personen vor, welche ihn, auf diese Empfehlung hin, mit Artigkeiten überhäuften und ihm alle Aufmerksamkeit erwiesen. In einem so glänzenden Cirkel war unser Held noch nie gewesen. Von reizenden Frauen umgeben, welche sich um seine Eroberung zu streiten schienen, und durch die Zuvorkommenheit der Marquisin geschmeichelt, glaubte er sich auf der höchsten Stufe der Ehre. Da er sich inmitten so vieler Leute nicht häufig mit der Marquisin unterhalten konnte, setzte er sich, um die Zeit zu tödten, an einen Spieltisch. Bald steigerte das vor ihm schimmernde Gold seine Einbildungskraft; und da er überdies den Mitspielenden gleichthun wollte, verlor er in einem Nu Alles, was er bei sich hatte. Hierauf ging er ruhig im Salon umher, die verschiedenen Personen der Versammlung genauer betrachtend, als er am Eingang zu bemerken glaubte, daß ihm Jemand winkte. Der Gedanke an Julie, die er noch nicht gesehen, trat augenblicklich vor seinen Geist, und mit der Absicht, sich von der Wahrheit zu überzeugen, verabschiedete er sich von der Marquisin. Diese sagte, sie erwarte ihn den andern Morgen beim Frühstück: er versprach zu kommen und verließ langsamen Schrittes den Salon. Kaum lag die Thürschwelle hinter ihm, als ihn eine Frau bei der Hand nahm und ihr zu folgen bat. Heinrich erkannte Julie nicht, doch ließ er sich führen. Man wanderte mit ihm durch eine lange Reihe nicht erleuchteter Zimmer, sagte ihm hierauf in einem kleineren Gemache, wo man anhielt, er möchte einen Augenblick warten, und ließ ihn in der Dunkelheit allein. »Was will das heißen?« dachte Heinrich, als er sich selbst überlassen war. »Dieses Abenteuer nimmt eine ganz pikante Wendung. Doch vergessen wir nicht, daß wir in Italien sind, und Italien das Land der Wunder ist.« Auf alle Fälle gerüstet, setzte er sich auf ein Sopha und schlief in Erwartung der Fortsetzung dieser Begebenheit ein. »Wie, Sie schlafen?« sprach ein sanftes Stimmchen, »wobei man Heinrich leicht rüttelte. – Du bist's, reizende Julie!« antwortete Heinrich erwachend. »Es scheint mir. Du ließest mich ziemlich lange schlafen.« Julie (denn sie war es) bekannte, er sei schon länger als eine Stunde da, und sie hätte sogar gefürchtet, er möchte sich entfernt haben. – Ei! und wohin sollte ich gegangen sein, da ich die Kreuz- und Quergänge dieses Hotels nicht kenne? Warum aber hast Du mich so lange allein gelassen? – Weil die Frau Marquisin mich rufen ließ, und ich nicht bälder abkommen konnte ... Aber lassen Sie mich doch, mein Herr ... ich bitte Sie; ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges zu sagen. – Das sagst Du mir ein ander Mal. – Nein, mein Herr ... Aber so hören Sie doch auf ... Wenn die Frau Marquisin käme ...« Der großen Anstrengungen Juliens ungeachtet, benutzte Heinrich die Dunkelheit, um seine Kühnheit zu verdoppeln, und man überließ ihm einen Sieg, den man nie die Absicht hatte, streitig zu machen. »Jetzt werden Sie mich hoffentlich anhören, mein Herr! – O ja, theure Julie; ich bin ganz Ohr. – So wissen Sie denn, mein Herr, daß ... Ach, großer Gott! ich glaube, da kommt die Frau Marquisin ... – In der That, ich höre etwas. – O Himmel! muß sie gerade diesen Weg nehmen, um in ihr Schlafzimmer zu gelangen. – Nun, was läge denn daran, wenn sie mich sähe? – Ach, mein Herr! ich wäre unwiderbringlich verloren. – Ich sage, ich hätte mich im Weggehen im Hotel verirrt. – O, Sie kennen den mißtrauischen Charakter der Marquisin nicht; sie würde Vermuthungen anstellen; ich weiß gewiß, sie liebt Sie, und wir beide wären verloren. – Was ist nun zu machen ? – Sie kommt näher ... Ich höre ihre Stimme; Sie müssen sich verbergen. – Aber wo? – Hier, in diesem Schrank wird Raum genug für Sie sein. – Da drinnen werde ich aber ersticken. – O nein, nein! ... Rühren Sie sich nicht, und ich befreie Sie, sobald Madame zu Bette ist.« Es war Zeit, daß Heinrich sich verbarg, denn bald trat die Marquisin, eine Kerze in der Hand, in das Kabinet. – »Ah, da bist Du, Julie! Wohin warst Du denn gegangen? Seit zwei Stunden suche ich Dich überall. – Aber Madame ... ich war in Ihren Gemächern, zu sehen, ob nichts fehlte.– Wie? Du warst also ohne Licht? – Gnädige Frau, das meinige verlöschte ... – Schon recht; komm, kleide mich aus! – Madame geht schon zu Bette! – Warum schon? es ist ja bald drei Uhr. – Ach, Sie haben Recht, gnädige Frau.« Julie folgte der Marquisin, das Schicksal verwünschend, das sie von dem Geliebten trennte, und in einem Augenblicke, wo er ihrer so sehr bedurfte. Heinrich war in der That nicht im behaglichsten Zustande in einem Schranke, der zwar zum Aufhängen der Kleider der Frau Marquisin paßte, wo er aber seine Stellung nicht verändern konnte, und der Mangel an frischer Luft seine Qual noch erhöhte. Umsonst wollte er versuchen, die Thüre seines Käfigs zu öffnen; Julie hatte zu größerer Sicherheit den Schlüssel mitgenommen und von innen ging das Schloß nicht auf. »Ach!« sprach Heinrich bei sich selbst, »Müller, mein Lehrer, hatte mir richtig gesagt, die Weiber werden mich zu dummen Streichen verleiten! ...« Nach einer qualvollen halben Stunde beschloß Heinrich endlich, sich um jeden Preis aus einer Lage zu befreien, die ihm unerträglich ward. Ueberdies hätte er vergeblich auf Juliens Hülfe gewartet; die Marquisin, die etwas zu argwöhnen schien, führte Julie aus dem an ihr Schlafzimmer stoßenden Kabinet und zog die Thüre hinter sich zu, so daß sich das arme Kind genöthigt sah, ihren Geliebten der Gnade eines andern Weibes preiszugeben; doch hoffte sie, Heinrich werde, von der Abendgesellschaft ermüdet, ruhig in seinem Verstecke einschlafen. »Meiner Treu, entstehe daraus, was dem Himmel gefällt,« sagte Heinrich, »allein hier muß ich auf jeden Fall heraus.« Damit fing er an der Thüre des Schrank zu rütteln an; zu seiner Freude bemerkte er, daß sie durch das Aufheben ein wenig aus ihren Angeln trat; er benützte diese Entdeckung und war bald befreit; aber das war noch nicht genug; man mußte aus dem Hotel herauskommen, und darin lag die Hauptschwierigkeit. Heinrich befand sich, seinen Schlupfwinkel verlassend, in derselben Finsterniß, wie früher. Wie sollte er den Weg wieder finden? ... Wie nicht irgend einen Mißgriff begehen? ... »Gehen wir nur gerade aus,« sprach er, »das muß mich jedenfalls an einen Ort führen.« Nach einigem Umhertappen auf den Zehen, fand er eine offene Thüre und trat in ein anderes Gemach. »Suchen wir hier ein wenig nach einer Treppe,« fuhr er jetzt in seinem Selbstgespräch fort. Und an der Wand fortschleichend, fühlte er statt einer Treppe ein Bett vor sich. »Teufel,« dachte er, »vielleicht das Bett der Marquisin! ...« Ein leichter Seufzer benachrichtigte ihn, daß es besetzt sei; da er keine Lust hatte, die Person zu beunruhigen, entfernte er sich eilends, als beim Vorübergehen an einem Gueridon sein Frack an einem Porcellanservice hängen blieb, das beim Fallen auf den Stubenboden zerbrach. »Wer ist da?« rief eine bestürzte Stimme, welche Heinrich für die der Marquisin erkannte. »Was war zu thun? ... Wahrlich,« dachte Heinrich, »besser, für einen Liebhaber zu gelten, als für einen Dieb; überdies noch das einzige Mittel, das mir bleibt, und ich will mich aus der Sache ziehen, so gut ich kann.« Mit diesem Entschluß trat Heinrich zu der Marquisin und sagte: »Werden Sie meine Kühnheit entschuldigen, Madame? Nur eine Liebe, wie die meinige, kann Sie vermögen, meinen Schritt zu verzeihen.« »Wie, Herr von Framberg, Sie sind's! ... um diese Stunde!... in meinem Zimmer! – Ja, Madame, es gelang mir, Ihre Dienerin Julie zu gewinnen; von meiner flammenden Liebe für ihre Gebieterin gerührt, verbarg sie mich in Ihrem Gemach ... – Wär's möglich? ach, jetzt wundere ich mich nicht mehr über ihre Verlegenheit! ... Aber das ist abscheulich! ... etwas Entsetzliches! ... Die Verwegenheit zu haben, zu ... – Wie! Sie sind gefühllos für die zärtlichste Liebe? ... Nun wohlan, dann entferne ich mich, gnädige Frau, ich fliehe Sie für immer ... – Halten Sie ein! ... Und wohin wollen Sie jetzt gehen? Sieht man Sie aus meinen Gemächern kommen, so bin ich verloren! ... – Gut denn, gnädige Frau! was befehlen Sie? – Bleiben Sie also! es muß wohl sein, als einziges Mittel, meinen Ruf zu retten! ...« Heinrich blieb und that so wohl daran, daß ihn die Marquisin am andern Morgen aufforderte, sie noch nicht zu verlassen. Dreizehntes Kapitel. Fortsetzung des Vorhergehenden. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, erlangte Heinrich die Erlaubniß der Marquisin, sich nach Hause zu begeben. Nachdem er auf's Zärtlichste Abschied genommen, öffnete er leise die Thüre des Kabinets und ging die Treppe hinab; kaum hatte er einige Schritte gemacht, als Julie dicht vor ihm stand. »Wie! Sie sind's, mein Herr? – Ja, Julie, ich selbst. – Und wie sind Sie aus Ihrem Schranke herausgekommen? – Ich that, so gut ich konnte; aber in Wahrheit, liebe Julie, ich bin jetzt zu müde, um Dir's erzählen zu können ... – Wenn Sie jetzt, wo die Frau Marquisin schläft, in mein Zimmer heraufkommen möchten ... – Nein, Theuerste, es ist Zeit, nach meinem Gasthofe zurückzukehren; diesen Abend will ich Dir sagen, was Du wissen willst.« Mit diesen Worten ging Heinrich die Treppe hinab und verließ eilends das Hôtel der Marquisin. »Wahrhaftig, ich begreife gar nicht,« sprach Julie bei sich selbst; und voll Ungeduld erwartete sie den Augenblick, wo sie sich zu ihrer Gebieterin begeben mußte. Gegen die Mittagsstunde klingelte die Marquisin. Julie ging in größter Eile hinab, nicht wissend, ob sie fürchten oder hoffen sollte; aber wie angenehm ward sie überrascht, als sie ihre Gebieterin in der herrlichsten Laune sah, und diese sie nur ihre liebe, gute Julie nannte. Da Julie nicht wußte, was sie aus einem so schmeichelhaften Empfang abnehmen sollte, glaubte sie am Ende, die Marquisin sei mit Allem unbekannt, und letztere blieb bei ihren Liebkosungen und ihrer Freundlichkeit, ohne ihr ein Mehreres über das sagen zu wollen, was sie von Julien schon errathen wähnte. In Hause schrieb Heinrich an den Oberst, ihn um Geld zu bitten, und schickte Frank mit dem Brief nach der Post. Nachdem Frank die Adresse gelesen, blickte er seinen Herrn lächelnd und mit einer Miene an, welche sagen wollte: »Da sind ja meine Vorhersagungen schon in Erfüllung gegangen.« Aber Heinrich warf sich auf sein Bett, ohne ein Wort zu sprechen, und Frank sagte bei sich selbst: »Wenn sein Verhängnis will, daß er sein Geld verlieren soll, so ist's nicht möglich, ihn davon abzubringen.« Mehrere Monate verflossen auf gleiche Weise. Heinrich theilte seine Zeit zwischen der Marquisin, Julien und dem Spiel. Der Oberst hatte ihm das erbetene Geld geschickt, und Heinrich sah sich im Stande, diese Lebensweise fortzusetzen; überdies war ihm das Spielglück, das ihn anfangs mißhandelte, günstig geworden, und er ergab sich mit Eifer einer Leidenschaft, welche ihn zuweilen die Marquisin und Julien vernachlässigen ließ. So standen die Sachen, als eine junge neapolitanische Gräfin in den Cirkeln der Marquisin erschien. Heinrich konnte sie nicht sehen, ohne jene Liebe für sie zu fühlen, die er schon für die letztere empfunden hatte. Die junge Gräfin ihrerseits sah unsern Helden nicht mit Gleichgültigkeit; aber die Marquisin, bis zum Uebermaß eifersüchtig, las in Heinrichs Augen dessen neue Leidenschaft und beschloß, sich an dem Treulosen zu rächen. Die Gelegenheit dazu blieb nicht lange aus. Heinrich empfing ein Billet, worin man ihn einlud, sich vor das Haus der Gräfin zu begeben, und ihm sagte, er werde zu seiner Geliebten geführt werden. Nicht zweifelnd, dieses Billet komme von der Gräfin selbst, rüstete sich Heinrich, im Hochgefühl erhörter Wünsche, zu seinem Rendezvous und ließ der Marquisin, welche ihn diesen Abend erwartete, sagen, er sei unwohl und könne sich nicht bei ihr einfinden. Als die Stunde des Stelldicheins herankam und sich Heinrich zum Gehen anschickte, klopfte man mehrmals an seiner Thüre. »Vielleicht die Marquisin,« sagte Heinrich zu Frank; »man muß ihr nicht öffnen.« Doch die Worte: »Oeffnen Sie, öffnen Sie unbesorgt,« mit ängstlicher Stimme ausgesprochen, bestimmten ihn, zu sehen, wer es sein könne; er schloß auf und sah Julien in sein Gemach treten. »Sie sind verwundert über meinen Besuch, gnädiger Herr,« redete Julie ihn an, »wenn Sie aber den Beweggrund desselben kennen, werden Sie mir, hoffe ich, Dank dafür wissen. – Was soll das heißen, Julie? – Das soll heißen, mein Herr, daß die Frau Marquisin Ihre neue Leidenschaft für die junge neapolitanische Gräfin, welche seit Kurzem in ihr Haus kommt, kennt ... – Wie, Julie! ... Du kannst denken? ... – Ach! ... mein Herr, mich können Sie nicht täuschen, ich weiß in Ihrem Herzen zu lesen; aber ich liebe Sie zu sehr, als daß ich mich rächen möchte, selbst wenn ich es könnte! ... Ich will Sie im Gegentheil aus der Schlinge retten, in die Sie zu fallen im Begriff stehen. – Was willst Du damit sagen, Julie? – Sie haben diesen Morgen ein Billet erhalten. – Es ist wahr. – Man gibt Ihnen darin ein Rendezvous für die heutige Mitternachtsstunde vor dem Hause, das die Gräfin bewohnt. – Wer hat Dich aber von dem Allem unterrichtet? – Ei! wie sollte ich's nicht wissen, da die Frau Marquisin Ihnen dieses Billet schreiben ließ? – Die Marquisin? – Sie selbst. – Und in welcher Absicht? – Zu sehen, ob Sie treulos an ihr werden, indem Sie an den Ort des Stelldicheins gehen. – Und wenn ich hingehe? Sie ist eine Italienerin; damit basta! – Wie? Du hältst sie für fähig, zu ...? – Die Eifersucht macht sie wüthend gegen Sie, und wenn Sie mir glauben, so gehen Sie nicht zu diesem Rendezvous. – Sei ruhig, liebe Julie, wenn ich hingehe, werde ich meine Vorsichtsmaßregeln ergreifen. – Uebrigens habe ich Sie gewarnt, jetzt lasse ich Sie allein: Ihr Schicksal liegt in Ihren eigenen Händen. – Leb wohl, theure Julie, glaube mir, ich werde mein Lebenlang nicht vergessen, was Du für mich gethan.« Mit diesen Worten drückte sie Heinrich zärtlich an sein Herz, und sie entfernte sich schnell. »Ein gutes Mädchen, diese Julie,« sagte Frank zu seinem Herrn, als sie fort war; »ich habe nicht gehört, was sie Ihnen sagte, und doch bin ich sicher, daß es zu Ihrem Besten ist ... – Frank! – Gnädiger Herr!– Halte zwei Pferde bereit und packe unsere Mantelsäcke ... – Wie? gnädiger Herr! ... reisen wir ab ? – Thu, was ich Dir sage und erwarte mich; in einem Augenblicke bin ich zurück. – Ganz recht, gnädiger Herr!« Damit hüllte sich Heinrich in seinen Mantel und eilte an den zum Stelldichein bezeichneten Ort. Er wollte sich selbst überzeugen, wie weit die Marquisin ihre Rache treibe; doch gebrauchte er die Vorsicht, einen Degen und ein Paar Pistolen unter den Mantel zu nehmen. Mitternacht hatte so eben geschlagen, als Heinrich vor dem Haus der Gräfin anlangte. »Ich komme vielleicht zu spät,« sagte er bei sich selbst, »und der ausgesonnene Streich wird unterbleiben.« Er ging inzwischen vor dem Hause auf und ab, welches die Ecke einer kleinen dunkeln Straße bildete und durch seine vereinzelte Lage sich für die Absichten der Marquisin eignete. Er wartete seit einigen Minuten, als ein Mann, in einen Mantel gehüllt, mit einer Blendlaterne in der Hand, aus der kleinen Straße hervorkam und gerade auf Heinrich zuging. »Ihr seid pünktlich,« sagte er zu dem letztern, »so ist's gut: folgt mir, ich führe Euch zur Gräfin. – Und warum treten wir nicht durch diese Thüre ein?« fragte Heinrich den Unbekannten. – »Weil Ihr von Jedermann gesehen würdet, und da eine geheime Pforte auf die Straße hier führt, hat mir die Frau Gräfin aufgetragen. Euch durch diese einzuführen. – Voran also, ich folge Euch.« Heinrich stellte sich, als folge er seinem Führer ohne Mißtrauen! aber er zog sachte seine Pistole unter seinem Mantel hervor und hielt sich auf Alles gefaßt. Kaum waren sie um die Straßenecke herum, als zwei andere Männer aus einem Hinterhalt hervorbrachen und unversehens auf Heinrich losstürzten. Unser Held empfing sie mit der Pistole in der Hand, und unverweilt auf sie abfeuernd, streckte er beide leblos zu Boden. Wie der Mann mit der Laterne seine Kameraden fallen sah, dachte er nur noch an seine Flucht. Heinrich lief hinter ihm her, aber sein Meuchelmörder kannte die Schleichwege der Stadt besser und entschwand seinen Blicken schnell. Sich besinnend, daß, wenn er diesen verfolgen wolle, er auf eine noch größere Zahl stoßen könne, hielt es Heinrich für klüger, in seinen Gasthof zurückzukehren, und nach vielen Umwegen fand er ihn endlich wieder. »Oh! oh! es scheint, der Abend war hitzig,« sagte Frank, als er Heinrich die entladenen Pistolen auf einen Tisch legen sah. – »Ja, lieber Frank: da lade sie wieder. – Will der gnädige Herr wieder von vorne anfangen? – Nein, aber wir reisen. – Ah! es scheint, Sie haben genug ... Und wohin gehen wir, gnädiger Herr? nach Neapel? – Nein, ich habe Italien satt. – Desto besser, wahrlich, dies Land langweilte mich auch, ich ... – Wir gehen nach Frankreich, nach Paris, vielleicht bin ich dort glücklicher als bisher ... und finde Diejenige wieder, für welche ich mein Leben hingäbe! – Wie? Herr, Sie denken ihrer noch? – Ob ich an sie denke! ... ach! ... Frank, glaubst Du, diese rauschenden Vergnügungen, diese Leidenschaften eines Augenblicks, welche seit meiner Abreise meinen Geist in Anspruch nahmen, hätten das Andenken an meine theure Pauline aus meiner Seele verwischen können? ... Nein; diese so verführerischen Frauen haben meinen Kopf eingenommen, meine Sinne verwirrt, aber keine ist bis zu meinem Herzen gedrungen. – Das sehe ich wohl, daß Ihr Gefühl für Ihre Unbekannte die wahre Liebe ist ... – O ja! ... die zärtlichste, aufrichtigste Liebe! – Aber die Pferde stehen bereit, gnädiger Herr! – Warum sagtest Du denn nichts? ...« »Sonderbar,« sprach Frank, als er Rom mit seinem Herrn verließ, »daß wir uns immer mitten in der Nacht auf die Reise begeben: das ist das Verhängniß! ...« Vierzehntes Kapitel. Paris. Heinrich und sein Diener trafen nach kurzem Aufenthalt in Turin und Lyon zu Paris ein, ohne daß ihnen etwas Bemerkenswerthes begegnet wäre. »Wahrlich, gnädiger Herr,« sprach Frank zu seinem Gebieter beim Eintritt in die Hauptstadt des Vergnügens und der Heiterkeit, auf den ersten Anblick gefällt mir diese Stadt besser als alle, durch die wir bis jetzt gekommen sind. Da sehen Sie einmal all diese hin- und herrennenden Leute; eine immerwährende Bewegung! ... Bei jedem Schritte finde ich Gegenstände, die die Neugierde erregen, wollte man hier auch traurig sein, könnte man's doch nicht. Und die Frauen, Herr! ... die sind reizend ... Sagen Sie offen, haben Sie irgendwo welche gesehen, die solche Haltung, solche Anmuth, solche Eleganz hätten ... welche die Männer mit einem so schmeichelhaften, ausdrucksvollen Lächeln anblicken? ... Ach, gnädiger Herr! ich bin ganz entzückt! ... – Zum Teufel! ... Frank, Du wirst beredt! – Der Anblick begeistert mich, Herr ... – Laß Deinen Anblick und beschäftigen wir uns mit Aufsuchung eines Hôtels, wo ich anständig wohnen kann.« Heinrich quartirte sich im Viertel der Chaussée d'Antin ein, und noch denselben Abend durchstreifte er die besuchtesten Schauspiel- und Caféhäuser der Stadt. Von Mattigkeit erschöpft, kam er um zwei Uhr Morgens in sein Hôtel zurück und fand Frank, seiner wartend, mit etwas minder heiterer Miene als am Morgen. »Was hast Du denn, Frank?« fragte Heinrich; »langweilst Du Dich schon in Paris? – O nein! Herr, das nicht. – Nun! warum hast Du denn diesen Abend eine ganz andere Miene als diesen Morgen? – Ach, Herr! es ist mir ein kleines Abenteuer aufgestoßen ... – Ein Abenteuer! ... laß hören, was es ist; erzähl' mir's. – Gerne, gnädiger Herr, wenn es Ihnen Vergnügen macht. – Wissen Sie also, daß ich mich, nachdem Sie fort waren, ins Palais-Royal begab, weil man mir diesen Ort als den merkwürdigsten der Stadt geschildert hatte. Seit einer Stunde war ich hier in Bewunderung begriffen, über jeden neuen Gegenstand, der sich mir zeigte, in Extase gerathend, als ein sehr gut gekleideter und sehr ehrbar aussehender Mann auf mich zutrat und nach dem Weg nach der Straße von ... von ... kurz, einer Straße fragte. Wahrlich, mein Herr,« antwortete ich ihm, »ich kenne sie eben so wenig als Sie, denn ich komme so eben in hiesiger Stadt an und bin völlig fremd. – Ihr seid fremd?« sagte er zu mir, »ei! ich auch; und da der Zufall uns zusammenführt, so wollen wir den Abend mit einander zubringen. Ich nahm es an, erfreut, Jemand zu finden, mit dem ich plaudern konnte, in einer Stadt, wo ich Niemand kannte. Wir gingen daher noch etwas spazieren und schwatzten, als der Teufel oder vielmehr das Geschick wollte, daß er vom Billardspielen sprach ... Sie wissen, das ist mein Lieblingsspiel, und ich bin sogar darin etwas stark! ... – Ja! Du sagtest mir's schon ... Nun gut! Du wolltest gewiß spielen? – Richtig, Herr; das heißt, mein Mann schlug mir eine Partie vor und ich verfehlte nicht, sie anzunehmen. Wir traten demnach in ein Caféhaus und gingen ans Billard: es war besetzt, da aber die Partie ihrem Ende nahte, blieben wir und sahen zu. Einer der beiden Spieler war viel schwächer als der andere, und mein Fremder bespöttelte ihn über sein Spiel. Ich wette zwei Louis, sagte er zu ihm, Ihr macht diesen Ball nicht auf einen Stoß (und der Ball war ziemlich schwer); die Person wettete und gewann. Mein Mann schien ärgerlich, daß er verloren hatte und sagte, er werde seine Revanche nehmen; die Gelegenheit zeigte sich bald; an der Person, welche die zwei Louis gewonnen, war die Reihe zu spielen. Sie durfte durchaus nur stoßen, um einen Ball, der schon halb im Loch war, hineinzubringen: gut! mein Mann war so frech, zu sagen, der Andere werde den Ball nicht machen! ... Ich entgegnete ihm, er werde ihn machen. Werden Sie mir glauben, gnädiger Herr, daß er es wagte, zwanzig Louis für das Gegentheil mit mir zu wetten? ... Ich nahm es auf der Stelle an. Unglücklicherweise hatte ich all mein Geld bei mir! – Und Du gewannst? – Im Gegentheil, gnädiger Herr! Der Ungeschickte, der schon einen hundertmal schwierigeren Stoß gewonnen, nahm seinen Ball so auf der entgegengesetzten Seite, daß er, statt ihn zu machen, selbst verlief! ... Da gab ich, Verzweiflung im Herzen, Alles hin, was ich besaß; es bestand in zwanzig Louisd'or, weniger sechs Franken. Mein Gegner hatte die Güte, mir das Fehlende zu erlassen, und ich ging aus dem Café, das Verhängniß verfluchend, das mich mit diesem Fremden zusammengeführt.« Heinrich konnte nicht umhin, über das Abenteuer des armen Frank zu lachen; er entschädigte ihn indeß für seinen Verlust und forderte ihn auf, ein anderes Mal klüger zu sein, und sich besonders vor jenen vorgeblichen Fremden zu hüten, welche sich nur für solche ausgeben, um die wirklichen besser zu betrügen. Heinrich war schon einige Tage in Paris, als er eines Abends im Theater hinter eine Dame zu sitzen kam, welche seine Aufmerksamkeit zu verdienen schien; sie war in der That schlank, wohlgestaltet, von angenehmer Haltung und schien die Blicke, welche ihr Nachbar ihr zuwarf, nicht mit Gleichgültigkeit zu sehen. Heinrich, entzückt über seine neue Eroberung, hätte gerne mit ihr sprechen mögen: aber sie hatte einen dicken, mit Kostbarkeiten und Diamanten überladenen Mann bei sich, der so ziemlich einem in Ruhe lebenden Ochsenhändler gleichsah, ebenso verlegen über seine zwei Uhren wie über seinen dicken Bauch schien, und für sich allein drei Viertheile der Loge einnahm. Da er wohl einsah, daß er ihr seine Gefühle nicht erklären könne, so lange sie diesen Menschen bei sich habe, beschränkte er sich darauf, beim Weggehen aus dem Theater Frank ihrem Wagen nachzuschicken und ihm aufzugeben, einige Nachrichten über diese Dame einzuziehen. Heinrich wartete voll Ungeduld auf die Rückkunft seines Dieners, und wie er diesen von Weitem ansichtig ward, rief er ihm entgegen: »Nun, Frank, bringst Du mir gute Nachrichten? – Ja, gnädiger Herr, vortreffliche. – Weißt Du die Wohnung der fraglichen Dame? – Ja, Herr, ein prächtiges Haus auf dem Boulevard des Italiens . – Gut! und hast Du etwas Weiteres erfahren? – Ja, gnädiger Herr! der Pförtner des Hauses ist just ein großer Schwätzer und machte keine Umstände, mit mir zu plaudern. – Bravo Frank! Nun wohlan! diese Dame? – Ist eine Operntänzerin. – Eine Tänzerin von der großen Oper!« sprach Heinrich bei sich selbst, »Teufel! mit solchen Frauenzimmern ist viel zu gewinnen und viel zu verlieren!– Ich weiß noch mehr,« fuhr Frank fort, »der dicke Mann, der bei ihr war, ist ein ehemaliger Lieferant, der sie wie eine Prinzessin unterhält, weil, wie Sie wissen, gnädiger Herr, es zum guten Ton gehört, eine Operntänzerin zu unterhalten. – Ah! es gehört zum guten Ton, Frank? – Ja, Herr, auch hat die Ihrige als Liebhaber schon zwei russische Fürsten, vier Finanzmänner, sechs Engländer, zehn Generalpächter, drei Banquiers gehabt und ist jetzt eben an ihrem neunten Lieferanten. – Du spaßest, Frank. – Nein, gnädiger Herr, ich sage die Wahrheit: sie macht Aufsehen, sie ist die Dame der Mode, die Schönheit des Tages; so lauten die eigenen Worte des Pförtners. – Ah! sie ist die Dame der Mode! Dann werde ich, da ich der Mode folgen will, der Tänzerin auf den Zahn fühlen. – Sie haben Recht, gnädiger Herr, es ist das beste Mittel, von Ihnen sprechen zu machen. Ich rathe Ihnen indeß, sie nicht lange zu behalten, denn so wie sie's treibt, würden wir uns bald auf der Liste der Abgedankten befinden. – Sei ruhig, Frank; wenn diese Frau mich liebt, wird sie mich nicht zu Grunde richten. – Ach! gnädiger Herr ... Liebe suchen bei einer Operntänzerin; das heißt zu viel verlangen.« Am folgenden Morgen schrieb Heinrich einen Liebesbrief an seine Schöne und ließ ihn durch Frank bestellen. Dieser kam bald mit einer Antwort der Dame zurück, welche Heinrich für den andern Morgen zum Café einlud. »Nun wohlan, Frank!« sagte Heinrich, »Du siehst, ich habe ihr Herz gerührt. – Möglich, gnädiger Herr. – Sag mir aber, hat sie Dich etwas gefragt? – Gewiß, gnädiger Herr! sie fragte nach Ihrem Namen und Stand. Graf von Framber g!« wiederholte sie, als ich Sie genannt hatte, und augenblicklich schrieb sie das Ihnen eingehändigte Billet. – Eine Frau, die nicht jeden Hergelaufenen empfängt! ... – Eine Frau vom feinsten Geschmack! ...« Um die Zeit bis zum andern Tage zu tödten, fing Heinrich seine Wanderungen vom vorigen Abend wieder an und besuchte alle öffentlichen Orte. An ein Spielhaus kommend, trieb ihn der Wunsch, sein Geld zu vermehren, um in Paris glänzend auftreten zu können, hinauf. Zitternd setzt er einige Louis, in der sichern Erwartung, zu verlieren, auf das Rothe; aber er gewinnt; er setzt sein Spiel fort, das Glück bleibt ihm günstig, er sieht, daß er im Zug ist, spielt höher und geht endlich nach Verlauf einer Stunde mit dreißigtausend Franken mehr in der Tasche weg. Auf dieses hin will er ganz nach der Mode sein und alle Zierbengel des Tages überstrahlen. Wie ein Rasender laufend, kehrt er in sein Hotel zurück. Frank erhält den Befehl, das schönste Cabriolet zu miethen, ihm augenblicklich einen Juwelier, einen Pferdehändler und einen Tanzmeister zu schicken. Voll Verwunderung lauft Frank da und dorthin, ohne zu wissen, was er thun soll, aber das Verhängniß segnend, das seinen Herrn zum Millionär gemacht. In Paris kommt man jedoch mit dreißigtausend Franken nicht weit; der Juwelier und der Pferdehändler hatten ihm bald für mehr als das Doppelte verkauft; Heinrich sah wohl, daß er nicht so reich sei, als er glaubte; allein er dachte, auf die Roulette zurückkehrend, könne er noch mehr gewinnen. Mittlerweile begnügte er sich mit einem Pferd für sein Cabriolet und einer Brillantnadel für sich; dann entließ er seine Kaufleute mit dem Versprechen, sie bald wieder zu sehen. Endlich erschien der andere Tag: Heinrich erwartete ihn voll Ungeduld, denn Reichthum schützt nicht vor Langeweile. Nach Vollendung seiner ausgesuchten Toilette stieg er in sein Cabriolet und schlug den Weg nach dem Boulevard des Italiens ein. Es war nicht weit von zwölf Uhr; um diese Stunde sind die Straßen von Paris mit Menschen angefüllt, namentlich in einem so besuchten Quartier wie das, wohin er sich begab. Brennend vor Begierde, bei seiner Schönen einzutreffen, trieb unser junger Mann sein Pferd wie ein Tollhäusler an; schon mehrmals war er nahe daran, Jemand zu überfahren, und nur seiner Geschicklichkeit verdankte er die Vermeidung von Unglücksfällen; als er aber um eine Ecke bog, erblickte er den Wagen eines Kärrners nicht, der auf ihn zukam; der Fuhrmann, nach dem Gebrauch dieser Leute, weicht einem Cabriolet nicht aus; Heinrich stößt gewaltsam an die Räder des Karrens; sein leichtes Fuhrwerk war nicht stark genug, gegen einen solchen Wagen in den Kampf zu treten; es stürzt um und wirft im Fall ein altes Weib nieder, das gerade aus einem Laden trat, wo es Lunge für ihre Katze gekauft hatte. Die Rufe: »Zu Hülfe! ... ich bin todt! ...« und das umgestürzte Cabriolet zogen bald eine ungeheure Menge jener Pflastertreter herbei, von denen Paris wimmelt. »Ein Weib von einem Cabriolet niedergerennt, welches ein junger Mann führt,« sagte der Eine. »Diese Laffen richten lauter Unheil an ... doch ist das Cabriolet zusammengebrochen. – Erstaunlich,« rief ein Anderer, »daß diese Frau die Kraft hatte, einen Wagen umzuwerfen ...« Und während man so disputirte, hatte der Kärrner für klug gehalten, sich mit seinem Wagen aus dem Staube zu machen, damit er die Sache nicht ausbaden durfte. Heinrich stieg aus seinem Cabriolet, alle Fuhrleute und Maulaffen zum Teufel wünschend. Frank, der hinten aufsaß, hätte beinahe das Leben verloren: doch kam er noch mit einem geschwollenen Auge und einigen Beulen an der Stirne davon. Das alte Weib, die mehr Furcht als Schaden genommen hatte, aber doch Nutzen aus der Sache ziehen wollte, erfüllte die Luft mit Zetergeschrei und Gewinsel. Heinrich glaubte, ruhig wieder nach Hause zurückfahren zu dürfen, und hatte Frank aufgegeben, sein Cabriolet wieder aufzurichten, als die sie umstehende Menge der Alten rieth, ihn zu dem Commissär zu führen. »Zu dem Commissär!« rief Heinrich, »und was soll ich dort thun? – Ah, so! schöner Herr: Ihr glaubt, man renne die armen Leute nieder und dann sei von nichts mehr die Rede? – Aber, Dummkopf! ich bin ja selbst das Opfer von dem Allem, da mein Cabriolet zerbrochen wurde. – O ja; und die arme Frau, die Ihr zusammengeführt habt, meint Ihr, man dürfe ihr nichts geben, sich verbinden zu lassen? – Wenn sie todt ist, was Teufels soll ich dann machen? – Gleichviel, sie braucht einen Trost.« Heinrich sah wohl, daß, um aus der Sache zu kommen, Geld nöthig sei. Er ging daher auf die Alte zu, drückte ihr ungefähr fünfzehn Goldstücke in die Hand, und auf diese Weise gelang es ihm, dem Commissär zu entschlüpfen. »Schaut! wie glücklich die alte Schreierin ist!« sagte ein Weib zu ihrer Nachbarin. »Für die Hälfte der Summe ließe ich mir alle Tage ein Gleiches widerfahren. – Es gibt Leute mit unvernünftigem Glück,« antwortete die Zweite. »Diese hat's ihrer Katze zu verdanken. – Darum wird sie nicht reicher,« bemerkte eine Dritte! »sie ist eine alte Spielerin, die all dies Geld wieder in die Lotterie trägt.« Beschmutzt, ermattet und besonders darüber in Verzweiflung; daß er sein Rendezvous verfehlt hatte, kam Heinrich nach Hause zurück. Er kleidete sich indeß wieder um, bestellte einen Wagen und wagte es, sich bei seiner Schönen anmelden zu lassen. Angenehm ward er durch die Nachricht überrascht, daß sie noch zu Hause sei; er wußte nicht, daß es zum guten Tone gehöre, überall zwei Stunden auf sich warten zu lassen. Wie Jemand, den man seit lange kennt, ward er empfangen. Er sah, daß Frank ihn nicht getäuscht hatte, als er die Eleganz und Pracht der Wohnung der schönen Tänzerin rühmte. Nie hatte er in Italien etwas gesehen, das sich mit dem Boudoir einer Dame von der großen Oper vergleichen ließe. Heinrichs Abenteuer war Gegenstand der Unterhaltung während des Frühstücks. Die Dame lachte viel darüber und versprach ihm, es solle die Tagesneuigkeit werden. Heinrich war erstaunt, ebenso viel Weltton als Geist an einer Theaterprinzessin zu finden; was ihn aber am meisten überraschte, war ihr zurückhaltendes Wesen und die Hindernisse, welche man seinen Liebesausbrüchen entgegensetzte. Heinrich wußte nicht, daß eine Frau, die sich verkauft, schwerer zu besiegen ist, als eine Frau, die sich hingibt: die eine folgt der Neigung ihres Herzens, wahrend die andere ihre Gunstbezeigungen hinauszielt, um sie theurer bezahlt zu machen. Heinrich und seine Schöne waren im Gespräche begriffen, als man der Dame meldete, es wünsche sie Jemand zu sprechen. »Ich habe schon gesagt, ich sei für Niemand zu Hause,« rief sie voll Ungeduld aus. Man erwidert ihr, es sei Jemand, der durchaus eintreten wolle. Da bat sie Heinrich, er möchte für einen Augenblick in ihren Salon gehen, mit dem Vorgeben, es sei ihre Putzmacherin, und sie wolle dieselbe schnell abfertigen. Heinrich schien bereitwillig, sich zu entfernen; da er aber, um in den Salon zu gelangen, durch ein Kabinet mit Glasthüre gehen mußte, das ans Boudoir der Dame stieß, kam er, sowie er allein war, leise zurück, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, was im Boudoir vorgehe. Statt der Putzmacherin sah er einen jungen Offizier eintreten, der sich, unbekümmert um die Herrin des Hauses, in einen Lehnstuhl warf. »Wie! Ihr seid's Floricourt?« sagte sie mit halb freundlicher, halb verlegener Miene zu ihm. – »Ja, ich bin's, und ich finde es höchst wunderbar, daß Du mich so in Deinem Vorzimmer warten lässest. – Konnte ich vermuthen, daß Ihr es seid, den ich seit acht Tagen nicht gesehen habe? – Du glaubtest ohne Zweifel, es sei Dein dicker Mondor und er werde ruhig abtrollen, so wie man Deine Abwesenheit melde? ... Aber ich bin nicht von solchem Taig und schere mich den Teufel um Deine Befehle und Deine Geldspender! – Was soll aber dieser Ton bedeuten, mein Herr? ... Es steht Euch recht gut an, so mit mir zu reden, Ihr, den ich mit Wohlthaten überhäuft, den ich von Kopf bis zu Fuß neu gekleidet habe! Damals schertet Ihr Euch nicht den Teufel um meine Eroberungen ... Warum war ich gut genug, Alles für den Herrn aufzuopfern? Wahrhaftig, die Frauen sind sehr einfältig, wenn sie zuweilen Schwachheiten haben! Man verbindet stets nur Undankbare! – In der That, es handelt sich um Ihre Geschenke, Madame! Sie haben mir eins gemacht, das mir gar nicht gefällt. – Mein Herr, wenn man von einer Frau etwas empfängt, muß man das Gute, wie das Böse annehmen. – Wahrhaftig! ... nun wohlan! so will ich Dich lehren, mir keine solche Streiche mehr zu spielen, und Den, der mit Dir frühstückte, meinen Arzt bezahlen lassen. – Du bist närrisch, Floricourt, ich war allein, ich versichere Dich. – Ich gehe nicht auf solche Mährchen ... Da er sich versteckte, ist er kein Zahler, und ich will ihm die Lust des Wiederkommens benehmen!« Damit beginnt der junge Mann überall umher zu blicken, mit dem Fuß unter alle Tische zu stoßen. Endlich erblickt er Heinrich, der hinter der Glasthüre unbeweglich geblieben war; er öffnet diese schnell und gibt unserem Helden eine Ohrfeige, ehe er Zeit gehabt hatte, auszuweichen. Heinrich wollte gerade über seinen Gegner herfallen, als sich die Dame zwischen beide warf, um sie auseinander zu bringen. »Mein Herr,« sagte Heinrich zu dem Offizier, »wenn Sie ein Mann von Herz sind, werden Sie mir Genugthuung für diesen Schimpf geben. – Ah! der Herr ist nicht zufrieden!« antwortete dieser, höhnisch lachend; »nun wohlan! so soll er noch eine derbere Lektion haben. – Keine Schmähreden, mein Herr, ich liebe solche nicht; Morgen früh um vier Uhr erwarte ich Sie in meinem Hause!« Mit diesen Worten verließ Heinrich das Zimmer, ohne die neben ihm stehende Dame mehr eines Blickes zu würdigen. »Auch meine Schuld,« sagte er bei sich selbst auf dem Rückweg nach seinem Hotel, »ich hätte nicht zu diesem Weibe gehen sollen ... Aber seit ich reise, mache ich nichts als dumme Streiche! ... Ach, mein Vater! welchen Kummer würde Ihnen die Aufführung Ihres Sohnes machen, wenn Sie dieselbe kennten! Und du, guter Müller, hätte ich deinen Rath besser befolgt, wäre ich nicht so weit, wie ich jetzt bin ... Da mir aber das Schicksal immer entgegen ist und ich Diejenige nicht finde, welche das Glück meines Lebens gemacht hätte, so schwöre ich, bald nach Framberg zurückzukehren.« Der Offizier war pünktlich beim Stelldichein, Heinrich griff zu seinen Waffen, und, ohne ein Wort zu verlieren, begaben sie sich nach dem Gehölz von Boulogne. Dort zog Jeder seinen Rock aus und griff den Andern ungestüm an. Heinrich war nicht so fertig im Fechten wie sein Gegner; aber er war kaltblütig und wußte alle seine Stöße geschickt zu pariren. In Kurzem rannte der Offizier, indem er Heinrich Eins versetzen wollte, in dessen Degen und sank leblos zu Boden. Mit schnellen Schritten ging Heinrich in sein Hotel zurück; ihm schien, es sei der Schatten seines unglücklichen Opfers, ihm auf den Fersen. Es ist wirklich etwas Entsetzliches, einen Nebenmenschen wegen einer Frau zu tödten, die man verachtet! ... Heinrich machte sich tausend Gedanken, und seine Seele erlag unter der Last des von ihm vergossenen Blutes. Frank erschrak, wie er seinen Herrn in dem Zustand ungewöhnlicher Niedergeschlagenheit sah. »Was haben Sie denn, gnädiger Herr?« fragte er ihn; »sollte Ihnen ein Unglück begegnet sein? – Ach ja, Frank! ... ein Unglück, das ich mir nie verzeihen werde! ... – Was soll das heißen, gnädiger Herr? schreiben Sie es dem Verhängniß zu ! – Rüste Alles zu unserer Abreise, noch diesen Morgen verlassen wir Paris. – Darf ich wissen, wohin wir gehen, gnädiger Herr? – Nach Framberg zurück: es treibt mich, meinen Vater und den guten Müller, der mich so sehr liebte, wieder zu sehen. – Meiner Treu, gnädiger Herr! ich freue mich gleichfalls darauf, denn nichts auf der Welt kommt dem Vaterhaufe gleich.« Fünfzehntes Kapitel. Ein Abenteuer anderer Art. Heinrich und Frank ritten gemächlich auf dem Wege nach Deutschland fürbaß; der erstere in Gedanken über das traurige Ergebniß seiner Reisen. In der That, was gewinnt man auch mit Umherstreichen in der Welt? Die Ueberzeugung der geringen Aehnlichkeit zwischen dem wahren Glück und dem von unserer Einbildungskraft geschaffenen. Frank, obgleich minder trübsinnig in seinen Betrachtungen als sein Herr, fand, daß ein stilles, ruhiges Leben wohl das Vergnügen aufwiege, in der Welt umherzuschwärmen, und er pries Diejenigen glücklich, welche ihr Geschick friedlich an den Orten ihrer Geburt leben läßt. Einige Meilen von Straßburg hielt Heinrich in dem nämlichen Walde an, wo einige Monate später der Oberst Framberg und Müller eine Zufluchtsstätte fanden. Da er eine Weile im Schatten zu ruhen wünschte, schickte er Frank mit dem Befehl voraus, ihn im ersten Gasthof zu Straßburg zu erwarten. Die Stille des Orts schien den Reisenden zur Ruhe einzuladen; Heinrich, der seit einigen Tagen ununterbrochen auf dem Wege war, fühlte das Bedürfniß, einen Augenblick der ihn niederdrückenden Mattigkeit nachzugeben. Er setzte sich unter dichtes, von einer majestätischen Eiche beschattetes Strauchwerk und bald schloß der Schlaf seine Augenlider. Als er wieder erwachte, begann der Tag sich zu neigen; er wollte aufstehen, um seinen Weg fortzusetzen, als er von der andern Seite des Gebüsches Stimmen vernahm; er streckte leise den Kopf vorwärts und erblickte, nur einige Schritte entfernt, zwei Männer. Ihre feindseligen Gesichter bestimmten ihn, sich nicht gleich zu zeigen; und da sich beide völlig allein glaubten, konnte er leicht folgendes Gespräch vernehmen: »Du bist also ganz sicher, daß er es ist? – Ja, Herr, ich bin's gewiß; und obgleich ich ihn teufelmäßig lang nicht gesehen, ist mir sein Gesicht doch zu gut im Gedächtniß, als daß ich ihn nicht erkannt hätte! Ueberdies habe ich in dem Wirthshaus, wo er war, Erkundigungen über ihn eingezogen, und weiß gewiß, daß ich mich nicht irrte. – Und Du sagst, er werde durch diesen Wald kommen? – Ja, Herr, er kann keinen andern Weg nehmen, und ich suchte Sie eiligst auf, damit wir eine so schöne Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen ... – Was meinst Du denn, Stoffar, daß wir thun sollen? – Beim Teufel! es gibt nur einen Ausweg, nämlich sich seiner zu entledigen, damit er uns nicht mehr beunruhigt.« Hier fühlte Heinrich, wie ihm das Blut in den Adern kochte, und er wollte auf die beiden Schurken losstürzen; aber er bedachte, es möchte dies vielleicht nicht das rechte Mittel sein, ihr Schlachtopfer zu retten, und bemühte sich daher, seinen Unwillen zu mäßigen. »Aber,« nahm Derjenige das Wort, welcher der Herr zu sein schien, »wenn wir uns darauf beschränkten, uns seiner Person zu versichern und ihn eingesperrt zu halten, so könnten wir ihn zu dem Bekenntniß zwingen, was er mit ... – Nein, Herr,« fiel der Andere ein; »das wäre zu nichts nütze! ... Zudem, wo wollen Sie ihn einsperren? ... In Ihrem Hause? ... Von einem Augenblick zum andern könnte man ihn dort entdecken, oder er dürfte nur entkommen! ... Das würde uns einen säubern Handel auf den Hals ziehen! ... Glauben Sie mir, unter solchen Umständen darf man keine halben Maßregeln ergreifen. Ist er einmal todt, so sind Sie ruhig, denn ihn allein haben Sie zu fürchten ... Du hast Recht, Stoffar, und ich bin entschlossen, zu ...« Der Hufschlag eines Pferdes unterbrach das Gespräch. »Er ist's, Herr,« sagte einer der Männer aufstehend; »er kommt näher ... Halten wir uns bereit, ihn gut zu empfangen!« Beide stellten sich hinter Bäumen auf. Auch Heinrich lud seine Pistolen, und dem Himmel dankend, daß er ihn zum Vertheidiger eines Unglücklichen erkoren hatte, war er auf jeden Fall gerüstet. Nach einigen Minuten sah er einen Mann auf einem Pferde sich nahen. Noch war es nicht so dunkel, daß er die Züge des Reisenden nicht hätte unterscheiden können. Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren und edlem Wuchse, dessen sanftes, aber melancholisches Gesicht eine unter der Last tiefen Kummers seufzende Seele verrieth. Je näher der Unbekannte kam, desto gewaltiger schlug Heinrichs Herz, und er vergaß über der Betrachtung seiner Züge die sein Leben bedrohende Gefahr. Bald war er jedoch aus diesem Zustand gerissen. Die beiden Männer brachen plötzlich mit gezücktem Säbel auf den Reisenden los, der durch einen so unerwarteten Angriff betäubt, nicht Zeit gehabt hatte, nach seinen Waffen zu greifen; er wäre unfehlbar unterlegen, hätte sich nicht Heinrich mit der Schnelle des Blitzes den Mördern entgegengestellt. Diese plötzliche Erscheinung erschreckte sie so sehr, daß sie ihre Beute los ließen und nur an ihre Flucht dachten. Heinrich feuerte seine Pistolen auf sie ab; einer der beiden Schurken fiel todt nieder, der andere war nicht getroffen und entfloh durch das Dickicht des Waldes. Heinrich hielt Verfolgung für unklug und kehrte sich zu dem Geretteten. Der Reisende wußte nicht, wie er seinem Befreier seine ganze Erkenntlichkeit bezeigen sollte. »Sie sind mir keinen Dank schuldig, mein Herr,« antwortete ihm Heinrich; »indem ich Ihnen zu Hülfe kam, erfüllte ich nur die Pflicht eines Ehrenmannes, und ich bin überzeugt, Sie hätten an meiner Stelle das Nämliche gethan. Wollen Sie aber meinem Rathe folgen, so sputen wir uns, aus diesem Walde herauszukommen und eine besuchte Straße zu gewinnen: denn die Nacht wird finster, und vielleicht wären wir nicht immer gleich glücklich. – »Ich bin Ihrer Ansicht,« erwiderte der Unbekannte, »aber, wie es scheint, sind Sie zu Fuß? – Wahr, ich habe meinen Diener mit meinem Pferde vorausgeschickt, denn ich gedachte, noch diesen Abend in Straßburg einzutreffen. – Nun denn! steigen Sie hinten auf, so werden wir schneller aus dem Walde kommen.« Heinrich nahm den Vorschlag an, und im Galopp flogen sie davon. Unterwegs sprachen sie von den auf diesen Vorfall bezüglichen Einzelnheiten. »Ich glaubte nicht,« sagte der Reisende, »daß Räuber diesen Wald unsicher machen. – Sie irren sich, mein Herr, wenn Sie die Leute, die Sie anfielen, für Räuber hielten; ich bin gewiß, daß es keine waren.« Nun erzählte Heinrich, wie er Alles gehört habe. Während der Erzählung betrachtete er seinen Gefährten genau und bemerkte, daß er seinen Worten die größte Aufmerksamkeit schenkte. »Wäre es möglich?« rief der Reisende aus, als Heinrich geendet hatte. »Aber haben Sie sonst nichts gehört, mein Herr? – Nichts weiter; doch vermuthe ich, das werde hinreichend sein, Sie auf die Fährte zu bringen. – Nun denn! Sie irren sich, mein Herr! denn ich versichere Sie, daß ich nichts von dem eben Gesagten begreife; ich wüßte nicht, daß ich Feinde hätte, die einer solchen Schlechtigkeit fähig wären. – Beim Henker, das ist wunderbar! ... – Ich habe nie Jemanden geschadet und so viel Gutes gethan, als ich konnte! ... – Durch Gutesthun zieht man sich häufig den Haß der Schlechten zu! ... – Ha! Sie haben Recht, mein Herr, und öffnen mir die Augen! ...« Hier versank Heinrichs Begleiter in tiefe Träumerei, und ersterer erlaubte sich keine weiteren Fragen. Nicht lange, so betraten unsere beiden Reisenden einen besuchten Weg, und da die Nacht finster war, dachte Heinrich, er werde wohl daran thun, den andern Tag zu seiner Weiterreise nach Straßburg abzuwarten. Vor der ersten Herberge machten sie Halt. »Sie gehen nach Straßburg und ich komme dort her; weil wir demnach beide eine entgegengesetzte Richtung zu nehmen haben, will ich Ihnen Lebewohl sagen. – Wie? Sie kehren hier nicht ein?« entgegnete Heinrich. – »Nein, denn ich habe Eile, nach Paris zu kommen, wo ich eine wichtige Angelegenheit beendigen muß; da ich bald wieder nach Straßburg zurückzukehren gedenke, werde ich hoffentlich das Vergnügen haben, Sie dort zu sehen und nähere Bekanntschaft mit dem Erhalter meines Daseins zu machen.« Heinrich erwiderte ihm, sein dortiger Aufenthalt werde nicht von langer Dauer sein: »Aber,« fügte er hinzu, »da ich eben so sehr wünsche, daß wir uns eines Tages wieder zusammenfinden, lade ich Sie ein, wenn Sie der Zufall in die Nähe meines Wohnortes führt, nicht zu vergessen, daß Sie in Heinrich von Framberg einen Freund haben, der sich glücklich schätzen würde, Ihnen noch einmal nützlich sein zu können. – Heinrich von Framberg! ...« rief der Unbekannte aus; »wie? Sie wären der Sohn des Obersten Framberg? – Gewiß! Warum diese Ueberraschung? Sollten Sie etwa meinen Vater kennen? – Ich habe viel von ihm gehört; der Ruf seiner Tapferkeit und seiner Thaten ist zu mir gedrungen. – Nun gut! ein Grund mehr, auf das Schloß zu kommen, ich bürge Ihnen für gute Aufnahme.« Der Fremdling dankte Heinrich; der Name Framberg hatte eine Aufregung in ihm hervorgebracht, welche den Blicken unseres Helden nicht entging, aber er wagte nicht, ihn um die Ursache zu fragen, und sie schieden von einander mit wiederholten Versicherungen der aufrichtigsten Freundschaft. Heinrich trat in die Herberge, wo er sich ein Zimmer anweisen ließ; hier dachte er über sein sonderbares Abenteuer und seine neue Bekanntschaft nach. Der Altersungleichheit zwischen Heinrich und dem Fremden ungeachtet, fühlte sich jener doch mit Bruderliebe zu ihm hingezogen, und er bedauerte sehr, daß er vergessen hatte, ihn um seinen Namen zu befragen. Unter solchen Betrachtungen schlief er ein und reiste am frühesten Morgen mit der Post nach Straßburg. Sechzehntes Kapitel. Wiederfinden. In dem bezeichneten Gasthof fand Heinrich den vorausgeschickten Diener, seiner harrend. Frank war in Unruhe über das Ausbleiben seines Herrn am gestrigen Abend, und dieser erzählte ihm sein gehabtes Abenteuer. »Sie werden zugeben, gnädiger Herr, daß Sie auf einen solchen Vorfall nicht gefaßt waren! ... Ich bin überzeugt, der , den Sie gerettet, hegt reges Dankgefühl für Sie ... Aber gleichviel, will sein Verhängniß, daß er ermordet werde, so wird er ihm früher oder später nicht entgehen.« Heinrich verließ Frank und sein Verhängniß, um in der Stadt umherzustreifen. Seit dem gestrigen Abenteuer waren seine düstern Gedanken völlig verflogen, und es blieb ihm von der Erinnerung an seine Reisen und tollen Streiche nur noch der feste Entschluß übrig, sich in Zukunft besser aufzuführen. Während er so seine Tugendplane schmiedete, war er, anfangs ohne es zu gewahren, aus der Stadt gekommen; im Begriff aber, den Rückweg einzuschlagen, hört er hinter sich um Hülfe rufen; er dreht sich um und erblickt ein junges Frauenzimmer, sich gegen einen Soldaten sträubend, der sie wider ihren Willen mit fortziehen wollte. Er springt auf den Kriegsknecht zu, der in seiner Trunkenheit, beim Anrücken von Hülfe, seine Beute los läßt; Heinrich will nun der jungen Dame seine Dienste anbieten: aber wie soll ich seine Ueberraschung, sein Entzücken malen, als er in der Befreiten seine geliebte Pauline erkennt! »Wie? Sie sind's mein Fräulein? ... – Sie, mein Herr? ...« war Alles, was sie sagen konnten, so sehr waren beide ergriffen. Heinrich bewunderte die Reize der Geliebten, welche sich seit ihrer Trennung noch mehr entfaltet hatten; auch Paulinen konnte nicht umhin, Heinrichs Freude und Verwirrung zu theilen. »Ach, mein Herr,« sagte sie endlich, »wie sehr danke ich dem Himmel, daß er Sie zu so gelegener Zeit hersandte, um mich von der drohenden Gefahr zu befreien!« – » Mein Herr, mein Herr! « wiederholte Heinrich seufzend ... »ich bin also nicht mehr Heinrich für Sie? ... Sonst nannten Sie mich so; die Zeit hat Sie jene glücklichen Tage vergessen lassen, die ich an Ihrer Seite verlebte! Ach, Pauline! ... ach, mein Fräulein! ich habe also allein über eine so lange Trennung geseufzt, und somit hätte ich wohl Sie, nicht aber das Glück wiedergefunden? ... – Wie ungerecht sind Sie, Heinrich! ... Aber man hatte mir so oft wiederholt, daß Sie mich nicht liebten, mich vergessen hätten! ... Ihre lange Abwesenheit ... Ihr geringer Eifer, meinen Aufenthalt zu erfahren ... – Was sagen Sie, Pauline? Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich seit unserer Trennung alles Ersinnliche that, Ihren Wohnort zu erforschen! – Ist's wirklich wahr, Heinrich? ... Ach! dieser Glaube ist mir Bedürfniß! Ihre Worte machen mir zu viel Freude, als daß ich daran zweifeln möchte.« Unsere beiden Liebenden vergaßen über dem Wiedersehen, daß es noch etwas Anderes auf der Welt gebe als ihre Liebe. Pauline gewahrte zuerst, daß man sich trennen müsse. »Jetzt müssen wir uns trennen, Heinrich: bei Ihnen vergesse ich, daß die gute Madame Reinhard meiner wartet und vielleicht besorgt ist wegen meiner langen Abwesenheit. – Wo wohnen Sie, Pauline? – In dem Hause dort unten am Stadtthore. Ich war allein ausgegangen, einige Einkäufe zu machen, denn Madame Reinhard ist krank, und unsere alte Dienerin konnte nicht von ihr weichen. – Und Ihr Vater? – Ist in diesem Augenblicke nicht in Straßburg; doch wird seine Abwesenheit nicht von langer Dauer sein. – Nun, wohlan! was steht im Wege, mich in Ihrem Hause vorzustellen? – Diesen Abend nicht, mein Freund; es ist zu spät, meine gute Mutter zu sehen: kommen Sie morgen, da haben wir Zeit, mit ihr zu reden.« Nur mit Mühe willigte Heinrich in die Trennung von seiner theuern Pauline; aber die Hoffnung auf den andern Tag flößte ihm wieder Muth ein. Er begleitete seine Angebetete bis vor die Thüre ihrer Wohnung und schied nur mit dem Versprechen baldigen Wiedersehens. Glück im Herzen, kehrte Heinrich nach seinem Gasthof zurück. Von der Rückkehr zum Vater war keine Rede mehr; seine Pauline beschäftigte all seine Gedanken, seine Liebe. Bei der Nachricht, sein Gebieter habe die Geliebte wiedergefunden, rief Frank: »Nun, da war's wohl der Mühe werth, gnädiger Herr, daß wir so weit herumreisten wegen einem Fräulein, das so nahe bei uns war! Aber es stand da oben geschrieben!« Kaum graute der folgende Morgen, als Heinrich schon unter den Fenstern seiner Geliebten wartete. Man war im Monat November, wo es kalt zu werden anfing. Er ging vor dem Hause auf und ab, bis seine Schöne wach wäre; bald öffnete Pauline, die wahrscheinlich nicht viel geschlafen hatte, ihre Jalousien. – »Wie! Sie sind's, mein Freund, so früh! ... – Ach, theure Pauline! konnte ich fern von Ihnen schlafen? – Auch ich schlief nicht, wie Sie wohl sehen; doch gleichviel, es ist zu früh, Sie müssen gehen.– Ach, Pauline! Sie lieben mich also nicht? – Aber, lieber Freund, Madame Reinhard schlummert noch. – Und ich sterbe beinahe vor Kälte. – Sie können doch nicht eintreten. – Sie lassen mich lieber unter Ihrem Fenster erfrieren? ... – Böser! ... Wohlan denn! warten Sie, ich komme herab.« Nicht lange, so öffnete Pauline. Wie reizend erschien sie in Heinrichs Augen! Ein einfaches Morgenkleid bedeckte ihren eleganten Wuchs; ihre nachlässig zurückgeschlagenen Haare beschatteten eine Stirne, den Sitz der Schamhaftigkeit; ihre süßschmachtenden Augen waren zu schüchtern, um auf denen ihres Geliebten zu ruhen: Alles an ihr flößte Liebe ein! Wie hätte Heinrich so viele Reize nicht verehren sollen? Unbeweglich blieb er vor dem Gegenstand seiner Bewunderung stehen; Pauline, die Ursache von Heinrichs Verwirrung wohl ahnend, erröthete vor Vergnügen. Wo ist das Mädchen, dem es entginge, welches Gefühl sie einflößt? Sie führte ihren Geliebten in ein kleines Gesellschaftszimmer mit der Aussicht auf den Garten; dort erwarteten sie das Erwachen der Madame Reinhard. Die Zeit ward ihnen nicht lange; Liebende haben sich so vieles zu sagen! Heinrich erzählte Paulinen seine Reisen und die ihm aufgestoßenen Abenteuer, wobei er indeß über das hinwegschlüpfte, was für das Ohr seiner Geliebten nicht paßte. Gerne hätte Heinrich wissen mögen, wie es Paulinen während seiner Abwesenheit ergangen ... wo ihr Vater und welches der Grund seiner Reise wäre, so wie tausend andere Dinge, die ihn mit der Geburt seiner Geliebten und ihrer gegenwärtigen Lage bekannt gemacht hätten; aber er wagte nicht, zu fragen, und harrte lieber, bis die Zeit ihm ihr Vertrauen erwerben würde, als daß er neugierig oder mißtrauisch in ihren Augen hätte erscheinen mögen. Endlich bemerkte Pauline, daß die Stunde gekommen sei, wo Diejenige, die Mutterstelle bei ihr vertrat, zum Frühstück aufzustehen pflegte. Sie flog zu Madame Reinhard, mit dem Versprechen, Heinrich bald zu holen. Während ihrer Abwesenheit beschäftigte sich dieser mit genauer Betrachtung der Wohnung seiner Freundin; Alles war so einfach als möglich ausgestattet und zeigte mehr guten Geschmack, als Reichthum an. »Ha! sie ist nicht glücklich,« sprach Heinrich bei sich selbst, »dessen bin ich gewiß, und sie hat nicht genug Vertrauen zu mir, um mir ihren Kummer mitzutheilen! ... Aber ich werde sie zum Vertrauen zu nöthigen wissen, ihre Leiden versüßen, und ohne ihren Stolz zu verletzen, das Mittel finden, den Reichthum mit ihr zu theilen, der nur darum einigen Werth in meinen Augen bat, weil er mir zur Bereitung einer sorgenfreieren Lage für sie förderlich sein kann!« Was Heinrich seinen Reichthum nannte, war nichts Anderes, als das in Paris im Spiel gewonnene Geld, welches er, wie man sich erinnert, durchzubringen keine Zeit mehr gehabt hatte, weil er den zweitfolgenden Tag abgereist war. Pauline zog ihn aus seinen Betrachtungen durch die Anzeige, daß ihn Madame Reinhard zum Frühstück erwarte. Er folgte seiner Freundin und fand die gute Dame beim Feuer sitzen. Heinrich ward durch die Veränderung, welche die Krankheit bei ihr hervorgebracht, sehr betroffen; die Blässe ihres Gesichts und ihre beinahe erloschene Stimme ließen ihn fürchten, sie möchte nicht mehr lange zu leben haben; allein er hütete sich wohl, seiner Pauline Gedanken mitzutheilen, welche ihren Kummer nur verdoppeln konnten. Madame Reinhard empfing Heinrich aufs Schmeichelhafteste und voll Freude, ihn wiederzusehen. Das Frühstück war ziemlich heiter; Heinrich war bei seiner Pauline; was bedurfte er weiter zu seinem Glück? Wenn zufällig sein Fuß den ihrigen berührte, seine Hand auf der ihrigen ruhte, und er in ihren Augen die Verwirrung lesen konnte, die sie empfand, o! dann hätte er gegen alle Schätze der Welt die Wonne, bei seiner Geliebten zu sein, nicht vertauscht! Leicht erlangte er von Madame Reinhard die Erlaubniß, zuweilen ihre Einsamkeit zu theilen; zuweilen! das hieß täglich, unsere Liebenden wenigstens verstanden es so. Pauline gestand Heinrich, daß sie seit seiner Abwesenheit die Musik sehr vernachlässigt habe, er versprach ihr, noch am Abend eine Sammlung der neuesten und schönsten Stücke zu überbringen; Pauline drückte ihm sanft die Hand; Madame Reinhard dankte ihm zum Voraus für die Freude, die er ihrer geliebten Tochter bereiten wollte, und Heinrich ging, um sein Versprechen zu erfüllen. Ein Monat verfloß, wahrend dessen unser Held jeden Morgen und jeden Abend bei seiner Geliebten zubrachte. Man hatte sich so sehr daran gewöhnt, daß, wenn er zu seiner gewöhnlichen Stunde bei Madame Reinhard nicht erschien, er seine Pauline in Unruhe fand, wie sie, traurig durch das Fenster blickend, seiner harrte. Heinrich schwamm in Seligkeit; von seiner Freundin war er geliebt, Pauline versuchte nicht mehr, ihm ihre Liebe zu verbergen, und wenn sie es auch gewollt hätte, würde nicht jedes Wort, jede Bewegung verrathen haben, was in ihrem Herzen vorging? Madame Reinhard selbst behandelte Heinrich wie ihren Sohn und fühlte die zärtlichste Freundschaft für ihn. Aber auch er war nicht mehr jener ungestüme, aufbrausende Jüngling, jener Leichtsinn, Spieler und Sausewind; seine Liebe für Pauline hatte alle seine Gefühle verändert, denn eine tugendhafte Leidenschaft allein vermag alle anderen Leidenschaften zu bezähmen. Doch nicht lange, so gewahrte er, daß seine Pauline an irgend einem geheimen Grame leide; Madame Reinhard selbst schien oft traurig und nachdenklich. Heinrich sah mit Schmerz, wie die Gesundheit dieser guten Dame von Tag zu Tag mehr dahinschwand. Er erblickte für seine Pauline tausend Gefahren, tausend Verlegenheiten, wenn ihre Pflegemutter starb. Vergebens drang er in seine Geliebte, ihm ihren Kummer zu gestehen, ihre Sorgen und Unruhe anzuvertrauen; stets vermied sie es, eine Frage zu berühren, welche ihren Schmerz zu vermehren schien. Als sich Heinrich eines Tages, nach seiner Gewohnheit zu der Geliebten begab, erschrak er, wie er beim Oeffnen sie alte Dienerin bitterlich weinen sah. »Was ist denn geschehen?« rief er alsbald aus. – »Ach, Herr! meine gute Gebieterin ist sehr übel auf und hat, wie ich glaube, nur noch wenige Augenblicke zu leben.« Heinrich fliegt ungesäumt nach dem Krankenzimmer, wo er seine theure Pauline am Bette der Madame Reinhard, in Thränen gebadet, fand. Diese letztere, obgleich schwach und am Rande des Grabes, empfängt Heinrich mit sanftem Lächeln und richtet mit beinahe erloschener Stimme folgende Worte an ihn: »Ich erwartete Sie mit Ungeduld, mein lieber Heinrich; Ihnen übergebe ich meine geliebte Tochter, Ihnen trage ich auf, ihr Trost zu sein. Ich las in Ihrer Seele, welches Gefühl Sie für dieselbe hegen; Pauline erwidert es: seiet daher vereint und verlasset einander nie!« Heinrich drückte Pauline in seine Arme, gelobend, sich nie von ihr zu trennen; seine Freundin hatte keine Kraft, zu antworten, so sehr war sie vom Schmerz niedergebeugt. Madame Reinhard überwand ihre Schwäche und fuhr folgendermaßen fort: »Sie waren gewiß über das geheimnißvolle Wesen verwundert, lieber Heinrich, welches alle Handlungen von Paulinens Vater zu umhüllen scheint; Sie kennen diesen tugendhaften Mann nicht! ... Wenn Sie seine Unglücksfälle vernehmen, werden Sie sein Betragen nicht mehr verdammen. Ich habe meine Pauline beauftragt, Sie von Allem zu unterrichten: die Zeit ist nicht mehr, Ihnen irgend etwas zu verbergen, und in Sie allein soll sie ihre ganze Hoffnung setzen.« Hier verfiel Madame Reinhard nach solcher Anstrengung in eine Schwäche, den Vorboten ihres nahen Todes. Heinrich und Pauline umfingen sie mit ihren Armen; sie schlug die Augen noch einmal auf, ergriff die Hand ihrer Pflegetochter, legte sie in die Heinrichs und entschlief zum ewigen Frieden. Heinrich beeilte sich, seine Freundin dieser Schmerzenscene zu entreißen; in seinen Armen trug er sie nach ihrem Zimmer. Dort suchte er nicht, ihren Schmerz zu mäßigen, sondern er beweinte mit ihr die achtungswerthe Verblichene – der beste Trost, den er ihr bieten konnte. Als nach einigen Tagen Paulinens Schmerz in etwas gestillt war, wagte Heinrich die Bitte um die versprochene Mittheilung. Pauline kam seinen Wünschen nach: sie unterrichtete ihn von der Ursache der Abwesenheit ihres Vaters und den Beweggründen seiner häufigen Reisen. Da Heinrich hieraus entnahm, daß das lange Ausbleiben desselben an ihrer Unruhe Schuld sei, entschloß er sich, nach Paris zu reisen, um Denjenigen dort auszukundschaften, für den er sich so lebhaft interessirte. Er reiste daher ab, mit Zurücklassung Frank's, als Wächter für die Sicherheit seiner Freundin, und begleitet von den heißesten Wünschen Paulinens für den glücklichen Erfolg seiner Reise. Wir wissen, daß um diese, Zeit der Oberst Framberg und Müller mit der Hoffnung in Straßburg eintrafen, Heinrich dort aufzufinden; dieser war eben nach Paris abgereist, wohin sie ihm folgten. Aber unser junger Mann war nicht glücklich in seinen Nachforschungen; er durchstreifte die Hauptstadt nach allen Richtungen, ohne eine Spur von dem Gesuchten entdecken zu können. Des vielen vergeblichen Umherrennens endlich müde und von dem Wunsche getrieben, seine Pauline wiederzusehen, kehrte er nach Straßburg zurück, stets verfolgt vom Oberst und Müller, welche ihn, ohne den ihnen im Walde zugestoßenen Unfall unfehlbar eingeholt hätten. Heinrich fand seine Pauline mit der lebhaftesten Ungeduld seiner harrend. Sie eilte ihm entgegen, so wie sie ihn erblickte, »Nun denn, mein Freund! welche Nachricht? – Gar keine, Theuerste! ... – Wie? mein Vater ... – Ich konnte nichts über sein Schicksal erfahren. – Wie unglücklich bin ich! ... Es ist also aus! ich soll ihn nicht wiedersehen! ... Ich habe Niemand mehr auf Erden, der sich einer unglücklichen Waise erbarmte! ... – Was sagst Du?« rief Heinrich mit Heftigkeit; »Du hast Niemand mehr auf Erden? Ha! bin ich nicht Dein Geliebter ... Dein Gatte? ... – Ach, Heinrich! seit Du fort warst, habe ich nachgedacht und gefunden, daß ich auf dieses Glück keinen Anspruch machen darf! ... Ich! ... eine Waise, ohne Namen, ohne Vermögen, sollte die Gemahlin des Grafen von Framberg werden! ... Ach! ich sehe nur zu gut, welche Kluft uns trennt! ... – Bist wirklich Du es, Pauline, die ich so sprechen höre? ... Mit einem einzigen Wort kann ich Dich Deines Irrthums überführen. Sage mir, wenn der Zufall Dich reicher gemacht hätte als mich, würdest Du mich darum verlassen haben? ... – Mein Freund, das ist ein großer Unterschied! ...– Nein, Pauline! ich werde nicht so übermüthig sein, Reichthümer der Tugend und Schönheit vorzuziehen. Du wirst meine Gattin; die gute Madame Reinhard hat unser Gelübde gesegnet, und Du hast kein Recht mehr, Dich meinem Glück zu widersetzen.« Was konnte Pauline antworten? Sie betete Heinrich an; sie unterließ es, seinen Bitten zu widerstehen und willigte endlich ein, seine Gattin zu werden. Sobald Heinrich diese Einwilligung erlangt hatte, dachte er auf Beschleunigung seiner Hochzeit. Er brannte vor Verlangen, seine Pauline dem Oberst vorzustellen. »So wie Dich mein Vater sieht,« sprach er zu ihr, »wird er meine Wahl nur billigen können. – Wenn es aber nicht der Fall wäre, mein Freund! Wenn er unsere Bande bräche! ... – Nein, liebe Pauline! ... Du kennst meinen Vater nicht! er ist rauh, aber gut und gefühlvoll. Ueberdies braucht er Dich nur zu sehen, um Dich zu lieben ...« Pauline lächelte und fing an zu hoffen. Heinrich machte alsbald die Vorbereitungen zu seiner Vermählung. Frank ward aufgegeben, einen Notar und einen Priester zu bestellen, und Heinrich erlangte von Paulinen die Erlaubniß, sie bis dahin nicht mehr verlassen zu dürfen. Er ließ daher sein Gepäcke aus seinem Gasthof abholen und bezog die Gemächer der Madame Reinhard. Frank vollzog pünktlich die Befehle seines Herrn, und als dieser eines Abends neben seiner Pauline saß, meldete er ihnen, daß der Notar am andern Morgen den Heirathscontract bringen werde. Heinrich hüpfte vor Freude bei dieser Nachricht, Pauline theilte sein Entzücken und Frank war glücklich in dem Glück seines Herrn. »Wahrlich, gnädiger Herr!« sprach er zu ihm, »ich war so vergnügt, meine Aufgabe gelöst zu haben, daß ich in ein Caféhaus trat, um eine Flasche zur Feier Ihrer bevorstehenden Vermählung zu leeren.« Heinrich umarmte Frank und die alte Dienerin; er hätte im Ausbruch seines Entzückens die ganze Welt umarmt. Pauline theilte seine Glückseligkeit, und mit Gedanken an den andern Tag trennte man sich. Arme Kinder! ... Ihr überlasset Euch dem Schlafe, indem Ihr Euch tausend Trugbilder für die Zukunft schafft! und Ihr bedenket nicht mit Frank, wie bizarr das Verhängniß ist, und daß es uns im Augenblick, wo wir es am wenigsten vermuthen, die härtesten Schläge versetzt. Siebzehntes Kapitel. Wer hätte das gedacht?. Mit dem Tage war Heinrich schon munter: Freude läßt nicht schlafen; da indeß seine Pauline noch schlief, ging er bis zu ihrem Erwachen in den Garten hinab. Mit welcher Ungeduld zählte er die Viertelstunden und Minuten! ... Es schien ihm, als müsse die Zeit ihren Lauf verdoppeln, um seinen Wünschen zu Hülfe zu kommen. Endlich erschien Pauline, welche wahrscheinlich eben so wenig geschlafen hatte, als er, mit der Einladung zum Frühstück, in Erwartung des Notars. Heinrich folgte ihr; traulich neben einander sitzend, schmiedeten sie Plane für die Zukunft; Heinrich gibt ihr schon den Namen seiner Gattin ... Man pocht stark an die Thüre. »Er ist's!« ruft Heinrich, »Frank, mach ihm auf!« Frank eilt nach der Thüre, Heinrich hört die Treppe heraufkommen, das Herz schlägt ihm vor Freude. Die Thüre geht auf; er blickt hin ... O Wunder! statt des Notars sieht er Müller in das Gemach treten. »Ah! ah! finde ich Sie endlich, mein Herr,« sagte Müller, ohne auf Paulinen Acht zu geben. »Tausend Bombensakerment! ... Sie lassen sich teufelmäßig nachlaufen ... – Wie? Du bist's, Müller?« erwidert Heinrich, indem er sich zu fassen sucht. – »Ja, mein Herr, ich bin's; o! mich erwartete man gewiß nicht! ...« »Wer ist dieser Mensch, lieber Freund?« fragte Pauline, Heinrich beiseite nehmend.– »Ein braver Soldat, der mich sehr liebt.– Ah! ah!« sagte Müller, als er sich umwandte und Pauline erblickte, »das ist sie also? ... Sie ist meiner Treu hübsch! das muß ich gestehen ...« Pauline ward roth bis in's Weiße des Auges, und Heinrich, der diesem Auftritt ein Ende zu machen wünschte, bat sie, einen Augenblick in ihr Zimmer zu gehen und ihn mit Müller allein zu lassen. Pauline willigte ein und entfernte sich, noch ganz erstaunt über die Manieren des Mannes, den sie zum erstenmale sah. »Jetzt, wo wir allein sind, mein Herr,« sagte Müller, »werden Sie mir hoffentlich Ihre neumodische Aufführung erklären! – Wie befindet sich mein Vater? das vor Allem! – Sehr gut, sehr gut, nur hätte er beinahe den Hals gebrochen, als er hinter Ihnen drein fuhr ... – Wie so denn? – Davon ist jetzt nicht die Rede. Sagen Sie mir, mein Herr, was machen Sie in diesem Hause? Wer ist das Frauenzimmer, das ich so eben bei Ihnen sah? – Diese Frau? ist die meinige. – Die Ihrige? ... – Oder wenigstens beinahe, denn sie wird es bald sein. – Gut! ich sehe, sie ist es noch nicht! – Hättest Du im Sinn, Hindernisse in den Weg zu legen, Müller? – Möglich, mein Herr! –Dann bemerke ich Dir, daß Du Dich vergeblich bemühst; nichts in der Welt vermag mich von ihr zu trennen. – Das ist eine saubere Aufführung, mein Herr? Sagen Sie mir, darf man sich in Ihrem Alter verheirathen, ohne daß man's der Mühe werth hält, seine Eltern um Rath zu fragen? – Aber sprich selbst, ist meine Pauline nicht reizend? – Ah! was Schönheit betrifft, das ist wahr, da gebe ich zu: sie ist sehr hübsch, aber es gibt schöne Weiber, die darum nicht besser sind. – Hüte Dich, Müller, meine Geliebte zu beschimpfen! sie ist eben so tugendhaft als schön! – Nun wohl! wenn sie tugendhaft wäre, was zweifelhaft, aber nicht unmöglich ist: soll das ein Grund sein, daß Sie die nächste beste Dahergelaufene heirathen! ... ein Mädchen, dessen Herkunft Sie nicht einmal kennen? – Du irrst Dich, Müller, ich kenne sie, sie theilte mir Alles mit. Ich kenne ihren Vater, seine Unglücksfälle! ... – Potz Henker, lauter Larifari, Herr! – Nein, Müller, meine Pauline kennt keine Lüge; sie hat mir die Wahrheit gesagt. – Nun gut! lassen Sie doch diese wunderbare Erzählung hören. – Ich will Dir Alles mittheilen, was sie mir sagte. Der Vater meiner Pauline ist ein Franzose. – Ein Franzose? ... Der Name Christiern ist also nicht der seinige? – Nein, mein Freund, das ist ein angenommener, welchen die Umstände ihm aufgedrungen hatten. – Und wie heißt er denn eigentlich? – D'Ormeville. – D'Ormeville?« rief Müller vor Erstaunen. – »Was hast Du denn?« fragte Heinrich. – »Nichts! fahren Sie nur fort, ich höre!« Heinrich nahm seine Erzählung mit folgenden Worten wieder auf: »Du magst also wissen, daß der Vater meiner Geliebten in Militärdienste getreten, schon im Alter von zwanzig Jahren Streit mit einem andern Offizier seines Regiments bekam; er schlug sich im Zweikampf und hatte das Unglück, seinen Gegner zu tödten; das war die erste Ursache all seines ferneren Ungemachs. Die Familie des jungen Gebliebenen war reich und mächtig: d'Ormeville sah sich gezwungen, sein Vaterland zu fliehen, um dem gegen ihn gefällten Todesurtheil zu entgehen. Er kam nach Deutschland, in der Absicht, dort Dienste zu nehmen, nachdem er sich einige Zeit auf den Besitzungen des Barons von Froburg aufgehalten hatte ... – Des Barons von Froburg?... – Ja, mein Freund! er hat, wie man sagt, meine Mutter gekannt ... – Ah! ah! – Er begab sich nach Wien und trat unter die kaiserlichen Truppen. Die Armee war im Begriff, einen Feldzug zu unternehmen; d'Ormeville kämpfte wider die Russen; aber beim ersten Treffen erhielt er einen Schuß in den Unterleib und ward für todt auf dem Schlachtfeld gelassen. Indeß gewährte ein Mann, menschlicher als die übrigen, daß er noch athmete. Es war ein armer Bauer, welchen der Zufall hieher geführt hatte. Er richtete d'Ormeville auf und trug ihn in seine Hütte, wo er ihn mit vieler Mühe in's Leben zurückrief. Länger als ein Jahr blieb er bei dem guten Bauer; erst nach Verlauf dieser Zeit erlaubten ihm seine nun völlig vernarbten Wunden, sein früheres Corps wieder aufzusuchen; aber während seiner langen Krankheit war das Kriegsglück den Oesterreichern ungünstig gewesen; und im Augenblick, wo er zur Armee stoßen wollte, waren die Russen Meister des kleinen Dorfs, in welchem er sich verborgen hatte, so daß er an kein Fortgehen denken durfte, aus Furcht, als Feind erkannt und von den Russen, die keine Gefangene machten, niedergemetzelt zu werden. D'Ormeville beschloß, günstigere Umstände abzuwarten: er trug die Kleidung eines gewöhnlichen Bauers und sah sich genöthigt, zur Fristung seines traurigen Daseins auf dem Feld zu arbeiten. Um diese Zeit machte er die Bekanntschaft der Mutter meiner theuern Pauline. D'Ormeville hat seiner Tochter weder mitgetheilt, wer sie war, noch wie er sie kennen lernte; Alles, was er sagte, war, daß seine Gemahlin starb, als sie Paulinen das Leben gab. D'Ormeville erzog seine Tochter so gut es ging, mit Ungeduld des Augenblicks harrend, wo er nach Oesterreich zurückkehren konnte; endlich war ihm das Schicksal holder, die Russen wurden geschlagen. D'Ormeville stieß wieder zum Heere; doch war seine Tochter der Gegenstand seiner ganzen Sorgfalt: er wußte nicht, wem er dies kostbare Kleinod anvertrauen sollte, als ihn der Zufall mit Madame Reinhard bekannt machte. Diese gute Dame hatte eben erst ihren Sohn bei der Armee verloren und war von Schmerz niedergebeugt. D'Ormeville machte ihr den Antrag, Mutterstelle bei seiner damals vier Jahre alten Pauline zu vertreten. Mit Freuden willigte Madame Reinhard ein, und da der Kriegsschauplatz sie unaufhörlich an ihren Verlust erinnerte, reiste sie mit dem Kinde ab, um ein ihr zugehöriges Häuschen bei Offenburg zu bewohnen, und d'Ormeville versprach, daß er dort sich mit ihnen vereinigen wolle, so wie seine Pflicht es ihm erlaube. Dort, lieber Müller, in jenem hübschen Hause, wohin ich Dich einmal geführt, verbrachte Pauline ihre Jugend unter den Augen der Madame Reinhard, welche sie wie ihre Tochter liebte. D'Ormeville kam hie und da, die ihm vom Dienste freigelassene Zeit bei ihr zu verleben. Seine Tapferkeit hatte ihm den Grad eines Hauptmanns verschafft, und da er ohne Ehrgeiz war, verlangte er nichts weiter. Du weißt, lieber Müller, auf welche Art ich Paulinens Bekanntschaft machte ... – Ja, ja! ich weiß es, und wünschte, der Teufel hätte mich an dem Tage geholt, wo ich so dumm war, Sie allein gehen zu lassen! ... Doch weiter! – Um diese Zeit nun faßte d'Ormeville, von dem Verlangen gequält, sein Vaterland wiederzusehen, den Plan, nach Frankreich zurückzukehren; Pauline wollte ihren Vater nicht verlassen und Madame Reinhard verstand sich zur Begleitung. Sie reisten daher alle Drei nach Straßburg und quartirten sich in diesem Hause ein: hier lebten sie anderthalb Jahre ziemlich ruhig; nach Ablauf dieser Zeit aber entschloß sich d'Ormeville, der seinen wahrhaften Namen wieder annehmen wollte, damit er seine Pauline aus ihrer Einsamkeit ziehen könnte, zur Reise nach Paris, in der Hoffnung, das ungerecht gegen ihn verhängte Todesurtheil ungültig zu machen. Seit seiner Abwesenheit nun hat mich der Zufall oder mein guter Stern... – Sagen Sie lieber: die Hölle! ... – Meine Pauline auffinden lassen; unsere Trennung hatte unsere Liebe vermehrt ... – Da hat sie etwas Sauberes gemacht! – Die gute Madame Reinhard hat unsere Verbindung gesegnet! – Alte Weiber machen immer dummes Zeug! – Und wir gaben uns ohne Rückhalt der uns zu einander hinziehenden Neigung hin! ... Der Himmel nahm indeß diese gute Dame, welche Mutterstelle bei Paulinen vertrat, zu sich; schon lange empfing diese keine Nachricht mehr von ihrem Vater und war in größter Unruhe über sein Schicksal. In der Hoffnung, ihn wiederzufinden, eilte ich nach Paris; aber alle von mir angestellten nur erdenklichen Nachforschungen führten zu nichts! Und weil das Schicksal ihr diese letzte Stütze raubt, ist es an mir, lieber Müller, diese Sorge zu übernehmen: ich werde ihr Gatte werden; meine Pauline gab mir ihr Wort: sie empfing meine Schwüre, und ich kann nicht glauben, daß mein so gütiger, gefühlvoller Vater diese Wahl tadeln könnte.« Müller blieb eine Weile in tiefe Gedanken versunken. Verwundert über sein langes Schweigen, wollte ihn Heinrich um die Ursache befragen, als Müller begann: »Es thut mir leid, bester Heinrich, ich muß Sie betrüben! aber es ist unmöglich, zu capituliren, Sie müssen auf diese Heirath verzichten! – Was sagst Du, Müller? ... auf diese Heirath verzichten! ... – Ja, wie ich sage, und Sie verlassen mit mir im Augenblick dieses Haus! ... – Und Du glaubst, Müller, ich werde Dir gehorchen? – Ja, ich hoffe es! – Nun, so enttäusche Dich. Was mich an Paulinen fesselt, ist kein vergängliches Feuer, es ist die wahrhafte leidenschaftliche Liebe, und keine Macht der Erde wäre im Stande, mich von ihr zu trennen. – Wohlan denn,« sprach Müller her sich selbst, »ich sehe, daß das schwere Wort heraus muß!« Er tritt näher, und seine Hand ergreifend, sagt er zu ihm: »Mein lieber Heinrich, waffnen Sie sich mit Muth, ich sehe wohl, daß ich Ihnen ein Geheimniß enthüllen muß, das ich gerne für immer verborgen hätte! ... – Was soll das? – Pauline ist Ihre Schwester! – Großer Gott! wäre es möglich? ... Ach nein, Du irrst Dich, Müller, willst mich täuschen! ...« »Nein, Heinrich, ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, die Sie lieben, ist Ihre Schwester; denn nicht der Oberst Framberg ist Ihr Vater, nein, d'Ormeville verdanken Sie das Leben!« Heinrich sinkt vernichtet auf einen Stuhl und Müller erzählt ihm ausführlich, was er über seine Geburt und das edle und großmüthige Benehmen des Obersten Framberg weiß. Schweigend hört Heinrich zu; ein stummer Schmerz, völlige Erschöpfung folgten auf seine heftigen Gemüthsbewegungen und Ausbrüche. Müller leidet beinahe eben so sehr, daß er ihn in solchem Zustande sieht. »Ermannen Sie sich, lieber Heinrich,« sprach er, »lassen Sie sich durch das Schicksal nicht darnieder beugen und zeigen Sie Gefühle, die dessen würdiger sind, der Sie erzog. Thränen dienen zu nichts unter solchen Umständen; hier bedarf es eines männlichen Charakters. Jetzt müssen Sie mir folgen und diesen Ort verlassen ... – Das werd' ich, Müller; doch sprich, was soll aus ihr werden? – Seien Sie unbesorgt! ... ich kenne meine Pflicht. Glauben Sie denn, der Oberst Framberg werde, nachdem er an Ihnen neunzehn Jahre lang Vaterstelle versah, Ihre Schwester allein stehen lassen in der Welt, als einen Spielball der Zufälle? ... Nein, mein Herr, seien Sie gerechter gegen ihn; er liebt Sie zu sehr, als daß er nicht auch Paulinen lieben sollte! ... – Ach, Müller! Du belebst meinen Muth wieder! ... Wer wird es aber über sich nehmen, meine theure Pauline zu belehren, welche Bande uns umschlingen? ... – Wer? nun zum Henker! ich, und zwar auf der Stelle, denn je mehr man in der Art Krisen zögert, um so giftiger macht man die Wunde. Doch, vor Allem, mein Herr, müssen Sie aus diesem Hause ... – Ohne sie zu sehen? ... – Potz Henker! Zu was möchte das gut sein? Ihre Verzweiflung zu vermehren, und das ist unnöthig. – Und wohin soll ich gehen, Müller? – Gleichviel, überall werden Sie besser sein als hier. Ich will Sie begleiten, in diesem Zustande mag ich Sie nicht allein lassen; alsdann komme ich hieher zurück, und, tausend Donnerwetter! in zwei Stunden, hoffe ich, soll Alles abgethan sein.« Müller zieht Heinrich mehr fort, als daß er ihn führt. Noch einmal erhebt dieser die Augen nach der Wohnung, die sein Theuerstes in der Welt umschließt, und bei jedem Schritte, der ihn von der Theuren entfernt, blutet ihm das Herz. Der gute Husar geleitet ihn zu Hannchens Tante und empfiehlt ihn der Sorgfalt dieser Frau; aber Heinrich bemerkte nichts von dem, was um ihn vorging. Nun schlug Müller wieder den Weg nach Paulinens Wohnung ein, indem er mit Gewalt die sein Herz bewegenden Gefühle niederkämpfte. Voll Unruhe erwartete Pauline Heinrichs Zurückkunft, welchen sie mit Müller immer noch im Hause glaubte. Ein geheimes Vorgefühl schien sie von der Lage der Dinge zu benachrichtigen, und als sie Müller allein in ihr Zimmer treten sah, beugten sich ihre Kniee, und Todtenblässe bedeckte ihr Gesicht. Langsam schritt Müller vorwärts, ohne zu wissen, wie er ihr die Abreise des Geliebten kund thun sollte. »Ich komme,« begann er, »Ihnen Heinrichs Lebewohl zu bringen ... – Was, mein Herr! er wäre fort? ... – Ja, mein Fräulein! – Für lange? – Ich glaube. – Und ohne mich zu sehen? – Es mußte sein. – Großer Gott! ... Er liebt mich also nicht mehr! ...« Und Pauline fällt bewußtlos in Müller's Arme. Der gute Husar legt sie sanft auf eine Ottomane nieder. Nachdem sie wieder zu sich gekommen, flossen ihre Thränen reichlich, und mit dem Gefühl des lebendigsten Schmerzes rief sie aus: »Er liebt mich nicht mehr! ... – Alle Wetter! freilich liebt er Sie, mein Fräulein! ... Und gerade darum habe ich ihn zur Abreise gezwungen. – Wie, mein Herr, Sie sind's? ... – Ja, mein Fräulein! Sie verabscheuen mich, nicht wahr? Wohlan, Sie haben Unrecht; ich that nur meine Schuldigkeit. Ihre Heirath durfte nicht stattfinden! ... – Warum nicht, mein Herr? – Weil es nicht üblich ist, daß ein Bruder seine Schwester heirathet. – Was sagen Sie? Heinrich wäre mein Bruder? – Ja, mein Fräulein ! Heinrich ist nicht der Sohn des Obersten Framberg, wie er bis jetzt glaubte, sondern der des Hauptmanns d'Ormeville.« Nun wiederholt Müller Paulinen, was er Heinrich schon erzählt hatte. Diese hört ihn schweigend; nur ihr Schluchzen unterbrach seine Worte. Nachdem Müller geendigt, ging er mit starken Schritten im Zimmer auf und ab, wobei er zwischen den Zähnen fluchte und sich Thränen aus dem Auge wischte. Der Anblick von Paulinens Schmerz zerschnitt ihm das Herz. »Ha! tausend Bomben!« sprach er in abgerissenen Worten, »wäre ich Pabst! wie schnell wollte ich ihnen Dispensation zum Heirathen geben! ... Aber ich bin's nicht, mein Oberst auch nicht, zum Henker also, nicht mehr geflennt, haben wir kein Herz wie Apfelmuß, und suchen wir die Sache bestmöglichst zu verändern!« Mein Fräulein,« sprach er, auf Paulinen zutretend. Sie müssen sich fassen; ich weiß wohl, das ist nicht so leicht; worin läge aber das Verdienst, seine Leidenschaften zu besiegen, wenn es nichts kostete? ... – Aber werde ich ihn nicht mehr sehen? – O ja, mein Fräulein, Sie werden ihn wieder sehen, doch erst, wenn die Zeit in euren Herzen eine strafbare Leidenschaft getilgt hat und Freundschaft an die Stelle einer hoffnungslosen Liebe getreten sein wird. – Sie haben Recht, mein Herr; wir mußten uns trennen! ... Aber ach! ... was soll ich ohne ihn werden? ... Ich habe keinen Freund ... keinen Beschützer mehr! ... – Sie irren sich, mein Fräulein! Sie haben Jemand, der Ihnen beides sein wird. – Wer denn? Derjenige, der Ihren Bruder erzog, der ihn wie seinen Sohn liebt. Glauben Sie, der Oberst Framberg werde Sie verlassen? ... – Nie, mein Herr, werde ich die Hülfe eines Menschen erbetteln ... – Das heiße ich einmal einen sehr übel angebrachten Stolz; ich sage, Sie reisen sogleich nach Schloß Framberg ab. – Ich, mein Herr? – Ja, Sie, mein Fräulein! – Und auf welchen Titel? – Haben Sie's schon vergessen? als Schwester Heinrichs. Glauben Sie, mein Fräulein, wir werden Sie allein lassen in der Welt, während Ihr Bruder Titel und Reichthümer genießt, die er mit Ihnen theilen sollte? ... Nein; das ist eine ausgemachte Sache, Sie reisen nach dem Schloß; außerdem wird's auch Ihrem Bruder die Ruhe wieder geben. – Aber, mein Herr! – Was, mein Fräulein? – Wenn der Oberst Framberg ... mich nicht liebt? – O! er wird Sie lieben, das weiß ich gewiß. – Aber wenn ... ich nicht ... – Aha! ich verstehe; wenn Sie ihn nicht liebten! ... Teufel, da wären Sie sehr kitzlich! ... Ein Mann, der zwanzig Feldzüge ehrenvoll durchgemacht! ein Mann, vor dessen Namen schon die Feinde zittern ... ein Mann endlich, der Ihren Bruder erzogen, an Kindesstatt angenommen, wie einen Sohn geliebt hat ... – Ach! ich werde ihn lieben, mein Herr! ... Ja, trotz alle Welt! Sie werden ihn lieben, und Alles wird gut gehen, dafür stehe ich Ihnen!« Hatte Müller einmal einen Entschluß gefaßt, so mußte derselbe schleunig ausgeführt werden; er forderte daher Paulinen auf, augenblicklich ihre nöthigsten Sachen zusammenzupacken und sich in einer Stunde zur Abreise bereit zu halten. – »Aber, mein Herr,« entgegnete Pauline, »meine alte Dienerin? ... – Die nehmen Sie mit. – Ich kenne den Weg nach dem Schlosse nicht. – Ei! zum Teufel! halten Sie mich für ein Kind, Fräulein ?... Glauben Sie, ich werde Sie allein hinschicken? ... Frank wird Sie geleiten. – Frank, der Diener meines ... meines Bruders? – Ja, der Diener Ihres Bruders. Nun wären also alle Schwierigkeiten beseitigt. Ich will für den Reiswagen sorgen, und diesen Abend werden Sie fern von Straßburg sein.« – Und fern von Heinrich, dachte Pauline, dem abgehenden Müller nachblickend. Sie fand indeß einen geheimen Reiz darin, daß sie den Ort bewohnen sollte, an dem ihr Geliebter erzogen worden war. Schloß Framberg wäre ihr als ein himmlischer Aufenthalt erschienen, wenn sie mit ihm dort gewesen wäre. Von Paulinen ging Müller zu Frank und sagte ihm, was er zu thun habe. Frank, der vor Müller wie ein Schüler vor seinem Lehrer stand versprach seinen Vorschriften treulich nachzukommen. Nachdem [??dieser??] einen Reisewagen bestellt hatte, dachte er, es werde am [??Ort??] sein, dem Oberst zu schreiben und ihm alles Vorgefallene zu erzählen. Bis jetzt hatte er keine Zeit dazu gefunden; er ergriff also die Feder und schrieb folgenden Brief: »Mein Oberst! »Endlich habe ich unsern jungen Mann ausfindig gemacht, und ich darf mich rühmen, nicht ohne Mühe!... Aber es war dringend nöthig, daß ich kam. Tausend Granaten! – eine Stunde später war's nicht mehr Zeit und die Kleine wurde... Aber ich war auf dem Platz, Oberst, hab's auf's Beste von der Welt eingerichtet. Heinrich weiß Alles, Oberst – er weiß Alles, ich mußte es ihm wohl sagen, denn die Kleine ist seine Schwester; und hätte ich ihm nicht Alles erzählt, ich versichere Sie, Oberst, ein Regiment Husaren hätte sie nicht auseinander gebracht. Ich schicke die Kleine nach Schloß Framberg, und Heinrich führe ich Ihnen zu; beide sind in Verzweiflung und heulen, daß es einen Achtundvierzigpfünder erbarmen möchte! ... Sie sehen Oberst, daß Alles gut geht, und ich hoffe, Sie werden mit meinem Verfahren zufrieden sein. Ich bin, mein Oberst, Ihr treuer Soldat und Diener Müller .« Müller versiegelte die kurze, aber energische Epistel und sandte sie dem Oberst zu, indem er dem Boten größte Eile befahl und aufgab, den Oberst von seiner baldigen Ankunft in Kenntniß zu setzen. Als diese Sache abgemacht war, kehrte er zu Paulinen zurück, um ihre Abreise zu beschleunigen. Mit schwerem Herzen erwartete Pauline den Augenblick, wo Müller sie von dem Theuersten, das sie besaß, entfernen sollte; aber unser Husar hatte bereits so viel Gewalt über sie, daß sie bei seiner Ankunft schnell aufstand und sich zur Abreise anschickte. Müller führte sie mit ihrer alten Dienerin in den Reisewagen, drückte ihr kräftig die Hand und sagte: »Muth! wer im Unglück so viel Ergebung zeigt, wird früher oder später dafür belohnt.« Sich hierauf an Frank wendend, befahl er diesem, die Pferde tüchtig anzutreiben, und eilends rollte der Wagen davon. Achtzehntes Kapitel. Ein Romanleser hat es schon errathen. »O weh! ...« rief Müller, Paulinens Reisewagen nachblickend, »müßte ich oft solche Intriguen durchführen, da möchte ich mich lieber dem Musketenfeuer meines Regiments bloßstellen! ... Doch hoffe ich, mich ehrenvoll aus dieser Sache zu ziehen. Das Schwerste ist geschehen! ... Ich hatte geglaubt, Heinrichs Kummer werde mir am meisten zu schaffen machen! ... Aber beim Teufel! jetzt sehe ich wohl, Weiberthränen wissen den Weg zu unserem Herzen am besten zu finden! Ich hätte mich nicht für so weich gehalten! ...« Unter solchen Betrachtungen schlug Müller den Weg nach Hannchens Wohnung ein. Er begegnete ihr auf der Treppe und redete sie an: »Nun, Hannchen, was macht der junge Mensch? – Er ist immer in dem nämlichen Zustande, wie Du ihn gebracht hast. – O! ... verfluchte Liebe! ... – Sag mir doch, Müller, warum er sich so abhärmt? – Ei nun, eines Weibes Willen ... – Liebt sie ihn nicht? Die wäre sehr wählig! – Potz tausend! freilich liebt sie ihn! aber sie können einander nicht heirathen. – Das thut mir leid, denn der junge Mensch interessirt mich ... er scheint so gefühlvoll! ... – Ich habe ihn gebildet, er ist mein Zögling. – Da mache ich Dir mein Compliment.« Müller ging schnell zu Heinrich hinauf. Der junge Mann schien ganz seinem Schmerze hingegeben; sowie er aber den Ankommenden erblickte, stand er mit Lebhaftigkeit auf und warf sich in seine Arme, einen Strom von Thränen vergießend. »Wie kindisch sind Sie!« sagte Müller. »Auf! Stand gehalten, beim Teufel! – Wo ist sie? Sag, was hast Du aus ihr gemacht? – Sie ist fort, mein Herr, und hat bei dieser Gelegenheit einen Muth bewiesen, der über ihrem Geschlechte ist. Ahmen Sie ihr nach, mein lieber Heinrich, bleiben Sie nicht hinter einem solchen Vorbild zurück. Denken Sie an den Kummer, den Sie Demjenigen, der Ihnen Vater ist, verursachen würden, wenn Sie sich einem unnützen Schmerze überließen! ... Ich spreche nicht von dem alten Husaren, der Sie großzog, Sie wie seinen Sohn liebt, und den Ihre Verzweiflung ins Grab stürzen würde. Ach! Ihre unglückselige Leidenschaft erstickt alle übrigen Gefühle in Ihrem Herzen; denn seit wir nach einer so langen Trennung wieder beisammen sind, haben Sie mir nicht einmal die Hand gedrückt! ... mich nicht des unbedeutendsten Freundschaftsamtes gewürdigt ...« Hier konnte Müller seine Thränen nicht zurückhalten; Heinrich bemerkte es; er flog ihm an den Hals, küßte ihn, bat ihn um Verzeihung und versprach, vernünftiger zu werden. Mehr verlangte Müller nicht, und bald war der Friede geschlossen. »Wohlan, lieber Heinrich, jetzt wollen wir meinen Oberst wieder aufsuchen, er erwartet uns gewiß mit Ungeduld. – Warum ist er aber nicht mit Dir nach Straßburg gekommen? – Weil ein täppischer Postillon uns sechs Stunden von hier im Walde umgeworfen hat und der Oberst so unglücklich war, sich am Bein zu verletzen. – Und wo ist er gegenwärtig? – In einem kleinen, mitten im Walde vereinzelt gelegenen Hause, bei einem Manne, dessen Gesicht mir gar nicht hinunter will; aber man mußte doch irgendwo unterkommen! ...« Heinrich erinnerte sich an das im selben Walde ihm aufgestoßene Abenteuer und erzählte es Müllern. »O! o! wäre ich dabei gewesen,« sagte dieser, »so sollte der andere Schurke auch nicht entkommen sein! Aber Sie haben sich brav gehalten! ... und ich bin mit Ihnen zufrieden.« Müller und Heinrich waren zur Abreise gerüstet, sie verließen daher das Haus der Madame Tapin. Ersterer hatte noch Hannchens Thränen zu trocknen; allein er drückte ihr einen Doppellouisd'or in die Hand mit dem Versprechen, wieder zu kommen, sobald die Umstände es erlaubten. Der Oberst Framberg, den wir schon so lange im Hause des Herrn von Monterranville verlassen haben, war beinahe von seiner Verwundung geheilt und schickte sich an, wieder in Straßburg mit Müller zusammenzutreffen, als er von ihm den Brief empfing, welchen der Leser bereits kennt. Leicht kann man sich eine Vorstellung von seiner Ueberraschung und Unruhe machen, als er die ihm unbegreiflich vorkommenden Begebenheiten erfuhr. Aber Müllers Briefstyl war so verwirrt, daß er nicht wußte, was er zu denken hatte; und in größter Aufregung erwartete er die Ankunft der Beiden, welche seiner Ungewißheit ein Ende machen sollte. Diese trafen noch am nämlichen Tage im Hause des Herrn von Monterranville ein. Carl öffnete ihnen die Thüre. Freundschaftlich klopfte ihm Müller auf die Achsel und fragte, ob sein Herr bei dem Oberst sei. »In diesem Augenblicke nicht,« erwiderte Carl, »mein Gebieter ist ausgegangen. – Um so besser,« sagte Müller zu Heinrich, »so wollen wir diesen Umstand benützen.« Eilfertig stiegen sie die Treppe hinan und fanden den Oberst in großer Bewegung im Zimmer auf und ab gehen. So wie er Heinrich erblickte, breitete er seine Arme aus, und dieser stürzte an seine Brust. »Ich will Dir keine Vorwürfe machen, lieber Sohn,« sagte er, ihn küssend, »wiewohl Deine leichtsinnige Aufführung und Dein geringes Vertrauen in mich mir das Recht dazu geben; aber nach dem, was Müller mir gesagt, bist Du unglücklich, und ich will Deine Leiden nicht vermehren.– Und tadeln Sie, Oberst,« sprach Müller vortretend, »mein Verfahren? – Nein, mein Freund, wiewohl mich Dein Brief nur wenig von dem Vorgefallenen unterrichtete; aber ihr werdet mir hoffentlich jetzt Ausführlicheres mittheilen.« Um die Neugierde des Obersten zu befriedigen, erzählte ihm Heinrich in gehöriger Reihenfolge alle seine Abenteuer seit seiner Abreise aus dem Schlosse, sowie die Geschichte seiner Pauline und die Art, wie er erfahren, daß er nicht sein Sohn sei. »Der Zufall hat Dich zum Herrn meines Geheimnisses gemacht, das ich Dir Dein ganzes Leben hindurch verborgen hatte,« sagte der Oberst; »Du darfst daher überzeugt sein, daß ich nie aufhören werde, Vaterstelle bei Dir zu vertreten. Was Deine Schwester betrifft, so wird auch sie meine Tochter; von dem Augenblicke, wo ich sie an Kindesstatt annehme, soll sie mich nicht mehr verlassen. Hat die Zeit aus Deinem und ihrem Herzen eine Leidenschaft verwischt, welche nie entstanden wäre, wenn ihr die euch umschlingenden Bande gekannt hättet, so kommst Du, Theil an unserem Glücke zu nehmen und es durch Deine Gegenwart zu vermehren. Bis dahin aber muß ich mich aufs Neue von Dir trennen, mein Sohn, um Dich der Jungfrau nicht nahe zu bringen, welche Du fliehen mußt! ... Du wirst Dich abermals von Schloß Framberg für einige Zeit entfernen; diesmal aber wird Müller Dich begleiten; nur ihm mag ich die Sorge für ein mir so theures Wesen anvertrauen! ... Während Deiner Abwesenheit werde ich die Thränen einer Tochter trocknen, die ich schon liebe und die mich über diese neue Trennung trösten wird.« Heinrich küßte den Oberst tausendmal und drückte ihm die ganze Dankbarkeit aus, welche ihm sein edles und großmüthiges Benehmen einflößte. Müller war mit den Anordnungen seines Obersten ganz zufrieden, und sein Plan wurde von Jedem gut aufgenommen. Die Nacht rückte vor, und da der Oberst, durch die verschiedenen aufregenden Gefühle angegriffen, der Ruhe bedurfte, dachten sie an die Trennung; man setzte fest, am andern Morgen mit einander das Haus im Walde zu verlassen. Das Schlafzimmer des Obersten enthielt nur ein Bett, Müller forderte daher Heinrich auf, die Nacht in dem seinigen zuzubringen. Dieser willigte ein, und nachdem sie den Oberst umarmt hatten, ließen sie ihn allein, um der Ruhe zu pflegen. Als sie durch einen langen, zur Treppe führenden Gang dahinschritten, erblickten sie in der Ferne einen Mann mit einem Licht in der Hand. »Herr von Monterranville,« sagte Müller zu Heinrich; »vorüber, vorüber, ich liebe diesen Menschen nicht.« Aber Heinrich dachte, die Höflichkeit erlaube ihm nicht, die Nacht in seinem Hause zuzubringen, ohne ihn vorher begrüßt zu haben; auch sei er ihm außerdem Danksagungen schuldig für die dem Oberst gewährte großmüthige Gastfreundschaft. Dem zufolge ging er auf denselben zu, und Müller folgte ihm mit etwas saurer Miene unter Flüchen auf die Höflichkeitsformeln. Herr von Monterranville blieb stehen, wie er Heinrich herankommen sah: dieser redete ihn unter Verbeugungen an, sagte ihm die schuldigen Worte des Dankes; aber die Augen zu seinem Wirthe erhebend, erkannte er in ihm einen der beiden Meuchelmörder im Walde. Die Zunge erstarrte unserem Helden, plötzliche Blässe überzog sein Gesicht, kaum vermochte er einige unzusammenhängende Worte hervorzustammeln, er zog dann Müller, der die Ursache dieser heftigen Verwirrung nicht begriff, mit sich hinweg. Herr von Monterranville konnte Heinrich nicht wiedererkennen, weil er auf den ersten Waffenlaut entflohen war; wie aber Bösewichte immer Verrath befürchten, so beschloß auch Herr von Monterranville, über des jungen Mannes Verwirrung bei seinem Anblick höchlich erstaunt, die Ursache derselben zu erforschen, damit er gegen alle Vorfälle auf seiner Hut sein könnte. Erst in Müllers Zimmer stand Heinrich still, um freier zu athmen; hierauf ergriff er Müllers Hand und sprach mit halb erstickter Stimme: »Laß uns forteilen, mein Freund, meinen Vater schnell aufwecken, ich kann die Nacht nicht unter diesem Dache zubringen. – Ha, das noch! beim Teufel! Sie müssen mir erklären, was das heißen soll. Woher diese Verwirrung ... dies Entsetzen? – Ach! Müller! dies Entsetzen ist sehr natürlich. – Sollten Sie etwas befürchten? – Für mich fürchte ich nicht; aber mich schaudert vor Abscheu, wenn ich bedenke, daß wir im Hause eines Mörders sind! ... – Eines Mörders? – Ja, Müller, in Herrn von Monterranville habe ich einen der beiden Männer des Waldes erkannt! – Wär's möglich? tausend Granaten! Wie? dieser Schurke wäre ... – Einer von Denen, welche den Unbekannten, den ich aus ihren Händen gerettet, um's Leben bringen wollten! – Ha! dreifache Kanonade,« rief Müller, indem er die Hand an seinen Säbelgriff legte, »fallen wir über diesen Schurken her, alle Wetter! und üben wir Gerechtigkeit für sein Verbrechen !« Bei diesen Worten machte sich Müller zur Ausführung seiner Absicht bereit; doch Heinrich hielt ihn beim Arme zurück. »Halt an, Müller, was willst Du beginnen? – Ei, zum Henker! die Erde von einem Bösewicht befreien, sie behält deren noch genug übrig! – Bedenke doch, daß wir keinen Beweis seines Verbrechens liefern können und selbst für eigenmächtige Justiz bestraft werden würden! – Ha! beim Teufel! Sie haben Recht! Was ist aber nun zu machen? – Höre, ich hab's jetzt überlegt und denke, es wäre unklug, ein Geschrei zu erregen, das zu nichts führte; laß uns bis morgen warten: mein Vater mag unser Benehmen lenken; wir haben von diesem Menschen nichts zu befürchten; denn er kann mich nicht erkennen, und an uns will er nicht. – So sei's denn ... potz Henker, weil es so sein muß, aber ich gestehe, nur ungern gebe ich nach; denn es hätte mir Freude gemacht, den Rost meines Säbels an dem Körper dieses Banditen abzuwetzen!« Nach diesem Entschlüsse warfen sich beide völlig angekleidet auf ihr Bett; aber sie genossen keinen Augenblick des Schlafes; der Gedanke, im Hause eines Meuchelmörders zu sein, empörte ihr offenes, biederes Gemüth. Am frühesten Morgen dachten sie den Oberst schon wecken zu können, ohne daß sie Verdacht erregten; aber diese Vorsichtsmaßregeln waren überflüssig, denn Monterranville wußte Alles. Man erinnert sich, daß Heinrichs Verwirrung ihm Schrecken verursachte, daher begab er sich, sobald sich Müller und sein Schlafkamerad in ihr Zimmer eingeschlossen hatten, in ein anstoßendes Gemach, öffnete einen Schrank, stellte sich dicht an die Scheidewand und hörte da ihr ganzes Gespräch. Man kann sich seinen Schrecken vorstellen, als er sich erkannt wußte; aber das Ende ihrer Unterredung beruhigte ihn ein wenig. Da er sah, daß sie zu Fassung eines Entschlusses den andern Morgen abwarteten, hielt er es für klug, sich eiligst aus dem Staube zu machen, und mitten in der Nacht verließ er das Haus. Verwundert, so früh aufgeweckt zu werden, ließ Oberst Framberg seine Reisegefährten ein; aber noch mehr war er erstaunt, als er sah, mit welcher Vorsicht Müller die Zimmerthüre wieder hinter sich zuschloß und welches geheimnißvolle Wesen über ihre Züge ausgegossen war. Abscheu und Entrüstung folgten bald auf das Staunen, wie er erfuhr, in wessen Hause er so lange sich aufgehalten. Er befahl indeß den Beiden, sich zu bezwingen und nichts von ihrer Aufregung bemerken zu lassen. »Wie? mein Oberst,« sagte Müller, »wir sollen diesen Schurken da nicht erwürgen? – Nein, Müller, unsere Pflicht steht entgegen; bedenke, daß ich fast einen Monat Gastfreundschaft in diesem Hause genieße: der Besitzer ist ein Ungeheuer; aber nicht an uns ist es, die Gerechtigkeit gegen ihn zu waffnen; sei überdies ruhig, Müller, und glaube sicher, daß, wenn er auch einen Augenblick der ihm gebührenden Strafe entgeht, es nur geschieht, damit das Schwert des Gesetzes etwas später über ihn richte. – Sie wollen es, Oberst, ich gehorche. – Es muß sein, denn unter allen anderen Umständen wäre ich der Erste gewesen, der euch aufgefordert hätte, meine Freunde, die Erde von diesem Bösewicht zu säubern; doch wir wollen nicht länger in der Höhle des Verbrechens bleiben; mich drängt es, anderswo eine Luft zu athmen, die nicht durch Banditenhauch verpestet ist.« Mit diesen Worten ging Oberst Framberg aus seinem Zimmer; Heinrich und Müller folgten ihm. Im Hofe trafen sie auf Karl und vernahmen, daß sein Herr schon vor Tagesanbruch aus dem Hause gewandert sei. »Daran that er wohl ...« murmelte Müller zwischen den Zähnen; »denn beim Teufel ! hätte ich ihn gesehen, würde ich meine Entrüstung nicht haben bemeistern können.« Unsere drei Reisenden stiegen zu Pferde und trabten eiligst davon, um sich schneller von einem Hause zu entfernen, welches Entsetzen in ihnen erregte. Neunzehntes Kapitel. Noch ein Augenblick der Freude. Im besten Gasthofe zu Straßburg stiegen die drei Reisenden ab, um einen Augenblick der Ruhe zu genießen, ehe sie sich aufs Neue trennten. »Mein lieber Heinrich,« sagte der Oberst Framberg zu unserem Helden, als sie allein waren, »ich habe Dir keine Vorschrift für Dein künftiges Betragen zu geben, ich überlasse Müller gänzlich die Sorge für Dein Wohlergehen. Wenn Du indeß das Waffenhandwerk, als bestes Mittel, den Kummer rasch zu zerstreuen, ergreifen willst, so werde ich Deiner Neigung nicht hinderlich sein, im Gegentheil; doch bitte ich Dich, mich von Deinem jedesmaligen Vorhaben zuvor in Kenntniß zu setzen.« Heinrich versprach, nichts zu thun, ohne den Oberst vorher befragt zu haben. Der geheime Kummer, den er in seinem Innersten barg und seinen Freunden zu verhehlen bemüht war, machte ihn unfähig, irgend einen Plan für seine Zukunft zu bilden ... Nur ein Gegenstand nahm seine ganze Denkfähigkeit in Anspruch, trotz all seinen Anstrengungen, ihn aus dem Gedächtniß zu verbannen. Müller wünschte sehnsüchtig, sein geliebter Zögling möchte sich dem Waffenhandwerk zuwenden. »Ha!« sprach er zu Heinrich, »nach zwanzigjähriger Ruhe würde ich immer noch mit Freuden das Schlachtfeld und die alten Gefährten meines Ruhms widersehen.« Heinrich antwortete nicht, allein Müller hoffte, die kriegerischen Gemälde, die er häufig an ihm vorübergehen ließ, werden am Ende seine Seele bewegen, daß er sich seinen Wünschen füge. In dieser Hoffnung forderte er ihn auf, den Weg nach Wien einzuschlagen, und Heinrich willigte ein. Der Oberst verabschiedete sich von seinem Sohne, und auf die Frage des letztern, warum er sie nicht nach Offenburg begleite, entschuldigte er sich unter dem Vorwand, daß ihn noch Geschäfte in Frankreich zurückhalten. Doch lag darin nicht der wahre Grund; aber er mochte Heinrich sein gefaßtes Vorhaben nicht mittheilen, aus Furcht, sein Werk könnte ohne Erfolg bleiben. Müller vertraute er indeß seine Absicht, ihm das strengste Geheimniß anbefehlend. Des Obersten Beginnen im Stillen bewundernd, versprach er dieses. Nach dem Abschied von seinem Vater reiste Heinrich, mit dem Wunsche baldigen Wiedersehens, in Begleitung Müllers, auf der Straße nach Deutschland ab. Wir lassen den Oberst Framberg sich in Ausführung seines edlen Vorhabens nach Paris begeben und machen uns mit unsern beiden Reisenden auf den Weg, damit wir sehen, wie Müller es anstellte, Heinrich von dem ihn verzehrenden Kummer zu heilen. Unser Husar und sein Zögling reisten zu Pferde: »Dies ist die beste Art, Zerstreuung zu finden,« sprach er; »sehen Sie einmal, werfen Sie einen Blick auf diese herrliche, sich nun vor unsern Augen ausbreitende Landschaft! ... sehen Sie die ungeheuern Einöden des Schwarzwaldes, der sich fernhin über Freudenstadt erstreckt; hier das hübsche Städtchen Offenburg, das wir hinter uns lassen, um uns in diese grünen Wiesenthäler zu vertiefen! sehen Sie die Vögel, welche die Wiederkehr des Frühlings singen! die Landleute, welche sich wieder an ihre Feldarbeiten machen! ... Das Alles erhebt das Gemüth und stattet mich mit einer Beredsamkeit aus, deren ich mich nie fähig gehalten hätte! ...« Heinrich lächelte, und Müller, erfreut, daß er denselben für einen Augenblick seinem düstern Sinnen entrissen hatte, spann seine Rede über die Schönheiten der Natur weiter aus. Während Heinrich diesen Vorstellungen lauschte, gewahrte er, daß sie, ohne darauf Acht zu haben, auf die Straße nach Schloß Framberg geriethen. Er hütete sich wohl, es seinem Begleiter bemerklich zu machen; doch nicht lange, so nahm dieser es ebenfalls wahr. »Ho! Ho!« rief er, plötzlich sein Pferd anhaltend, »ich sehe, daß ich Sie mit meinen Reden nicht den rechten Weg führe! Donnerwetter! Wir müssen wiederumkehren ... – Warum denn, lieber Müller? – Weil meine Absicht nicht ist, Sie nach dem Schloß meines Obersten zu geleiten. – Ach, Müller! es wiederzusehen hätte mir indeß große Freude gemacht! – Möglich, mein Herr; später, jetzt kann's nicht sein. – Und Du willst mich von meinem Kummer zerstreuen! Glaubst Du denn, es gebe angenehmere Zerstreuungen, als das Vergnügen des Wiedersehens der geliebten Stätte, wo ich meine Kindheit verlebt! ... der Stätte, wo Du mich lehrtest, ein Mann zu werden! ... der Stätte endlich, die ich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen! ...« Durch die Worte seines Heinrich erweicht, wußte Müller nicht, wie er ihm das mit so vieler Herzlichkeit Verlangte abschlagen sollte. »Aber zum Teufel! mein Herr!« sagte er endlich mit barschem, strengem Tone, um Heinrich zu imponiren, »wissen Sie nicht, daß Ihre Schwester jetzt auf dem Schlosse ist, und daß es Thorheit wäre, wenn Sie dieselbe sehen wollten? – Ei! so glaubst Du denn, Müller, das sei meine Absicht ... Nein, nur dem Schlosse nahe sein will ich, die Gegend durchstreifen, jenen Park, jene Gärten, die Zeugen meiner ersten Freuden, wiedersehen, und mich dann entfernen, um in einer glücklicheren Zeit wiederzukehren ...« »Aber Sie könnten Ihrer Schwester begegnen ... – Nein, mein Freund; der Zufall müßte sie mir denn gerade in den Weg führen, und das ist nicht wahrscheinlich ... Ich will ihr ausweichen, sag' ich Dir, zudem bleibst Du bei mir. – Wohlan, Sie wollen es ... ich willige ein ... Aber, beim Teufel! ich sage Ihnen, sowie sich ein Weib uns nähert, führe ich Sie mit verhängtem Zügel davon ... – Ich thue, was Du begehrst. – Wahrhaftig, ich bin zu gefällig ... Doch die Nacht rückt heran; Sie werden zugeben, daß jetzt nicht Zeit zum Besuche des Parks und der Gartenanlagen ist, besonders da wir noch bei zwei Stunden zum Schloß haben. – Nun gut, Müller, so wollen wir die Nacht in der Umgegend zubringen ... sieh, in diesem Pachthof da unten; man wird uns sicherlich ein Nachtlager nicht verweigern, und morgen früh, so wie der Tag graut, machen wir uns auf den Weg nach dem Schloß ... – Wohlan, es sei, laß uns im Pachthof übernachten.« Unsere Reisenden ritten darauf zu, und Müller glaubte das Haus zu erkennen, wo ihm, als er einst bei Nacht seinen Zögling suchte, ein so spaßhaftes Abenteuer begegnet war; er beschloß, sich zu überzeugen, ob seine Vermuthungen gegründet seien. Die Nacht war noch nicht lange hereingebrochen; die Thüre des Gehöftes stand offen; Müller trat zuerst ein. Jeder Gegenstand, auf den seine Blicke fielen, bestätigte seine Vermuthung; bald trafen sie den Pächter im Stalle beschäftigt; sowie er sie aber erblickte, verließ er sein Geschäft und kam ihnen unter tiefen Bücklingen entgegen. »Was wünschen die Herren? – Ein Nachtlager, mein Freund, wenn's möglich ist,« sagte Heinrich zum Pächter. – »Ihr sehet hier, nahm Müller, näher tretend, das Wort, den Sohn des Grafen von Framberg, Burgherrn des Schlosses gleichen Namens, und den Feldwebel Müller, früher unter den kaiserlichen Husaren dienend und jetzt Hofmeister des Grafen ...« Der Pächter machte große Augen bei Anhörung aller dieser Titel, wiewohl er nicht viel davon verstand; mit großem Gelärme rief er seine Knechte herbei, damit man Alles für die Herren in Stand setze. »Holla, he! Großhans! ... Peter! herbei! wo steckt ihr denn, ihr Schlingel!« Großhans kam sogleich. »Wo ist denn Peter? – Wahrlich, Herr! das weiß ich nicht! ... Vielleicht hilft er der Frau!« Müller erinnerte sich wirklich, daß Peter der mit den außerordentlichen Arbeiten beauftragte Knecht sei, und aus den Reden des Großhans, daß die Hausfrau noch ihren alten Gewohnheiten nachhänge. Indeß kamen auf des Pächters Geschrei Frau Catharine und Peter von verschiedenen Seiten und beide roth wie gesottene Krebse herbei. »Vorwärts, liebes Weib, rühre Dich und bereite diesen Herren ein gutes Nachtessen, während Peter die Betten rüstet.« Die Pächterin war behend und hatte bald ihr Nachtessen aufgetragen. Neugierig betrachtete Müller Diejenige genauer, deren Bekanntschaft er nur im Finstern gemacht; mit Vergnügen sah er, daß sie wohl ihr Verdienst habe und, obgleich nicht mehr so jung wie Hannchen, doch noch einen Gang auf den Heuboden werth sei. Catharine führte die Reisenden in die Wohnstube, und während sie den Tisch deckte und das Essen auftrug, bemerkte sie Müllers verstohlene Blicke wohl. Ein Husar von fünfzig Jahren kommt einem Bauernknecht von zwanzig nicht gleich; hat man aber den Bauernknecht alle Tage bei der Hand, so versucht man's gerne einmal im Vorbeigehen mit dem Husaren, ohne Nachtheil für das Alltägliche. Heinrich, der nur in der Hoffnung des andern Tags lebte, aß wenig und zog sich in seine Schlafkammer zurück, um sich bälder der Ruhe zu überlassen, aber Müller, begierig zusehen, was das werden sollte, blieb am Tische und forderte den Pächter auf, Eins mit ihm zu trinken und einen Augenblick zu plaudern. Müller war, wie man weiß, kein übler Zecher. Der Pächter wollte es ihm gleichthun und bald ward das Gespräch hitziger. »Wißt Ihr, Herr Husar, daß Euer Titel als Feldwebel des Grafen von Framberg mich an eine vor drei Jahren vorgefallene Begebenheit erinnert ... Sag' einmal, Weib, denkst Du noch an den Schurken, der sich auch für einen Husaren ausgeben wollte? ... – Ach! ja, ja, ich erinnere mich,« antwortete die Pächterin lächelnd ... – »Was ist denn das für eine Begebenheit?« fragt Müller seinen Wirth. – »Ja, mein Seel'! das will ich Euch erzählen ... Stellt Euch vor, da kommt mitten in der Nacht ein Dieb und klopft an unsere Thüre. Mein Weib lag im Bett, meine Knechte schliefen, nur ich war noch in dieser Stube an meiner Tagesrechnung. Ich frage: wer klopft? Ja seht, da hat der Kerl die Frechheit und antwortet mir, er sei Feldwebel und Zögling des Grafen von Framberg, kurz, er gab sich für das aus, was Ihr seid! – Wie?« fragte die Pächterin ihren Mann, »der Herr führt die nämlichen Titel wie der Dieb ? – Ja, Catharine; schau, wie er log, der Lumpenhund!« Die Pächterin ahnte das wahre Verhältniß, und ein leichter Stoß Müllers mit dem Fuße zeigte ihr, daß sie errathen hatte. Als der Bauer sah, wie sehr die Geschichte seinen Gast ergötze, gefiel er sich, sie mit allen Einzelheiten zu würzen. Müller hütete sich, ihn zu unterbrechen, und begnügte sich damit, ihm jeden Augenblick einzuschenken! und die Wirthin warf in der Voraussicht, wo das hinauswollte, ihrem Manne vor, daß er mäßiger als gewöhnlich sei und ihrem Gast mit seiner Zurückhaltung keine Ehre anthue. Nun wollte der Pächter dem Husaren die Stange halten, konnte aber bald nicht mehr sehen, was um ihn her vorging; er schnarchte, daß man glauben durfte, er werde nicht so schnell wieder aufwachen. Müller benützte den günstigen Augenblick, Frau Catharinen einen militärischen Kuß zu geben, und ich weiß nicht, ob die Gegenwart des Ehemanns seine Unternehmungen gehemmt hätte. Aber indem die Pächterin sich stellte, als wehre sie sich, entschlüpfte sie ohne Licht, aus Furcht, Peter möchte ihr begegnen, in ihr Schlafkämmerlein, und der Husar folgte ihr dahin, ohne daß sie um Hülfe rief. Mit Tagesanbruch ging Müller von seiner Schönen und setzte sich neben den immer noch schnarchenden Pächter. Nicht lange, so schloß die Müdigkeit auch ihm die Augen und er leistete seinem Wirth Gesellschaft. Heinrich, mit Ungeduld des Augenblicks harrend, wo er Schloß Framberg wieder sehen sollte, stand mit der Morgenröthe auf. »Wo ist Müller?« fragte er einen Knecht, den er im Hofe traf. – »O, Herr! der schnarcht, was das Zeug hält! ... neben unserem Meister. – Wie? er schläft noch? –Ja, Herr ... Potztausend: es scheint, sie haben gestern nicht übel zu Nacht getrunken. –Ich mag ihn nicht aufwecken. Sagt ihm, mein Freund, er solle im Schloß wieder mit mir zusammenkommen. – Ganz recht, mein Herr!« Erfreut, daß ihm der Zufall erlaubte, nach seinen Wünschen und Eingebungen umherzustreifen, stieg er sogleich zu Pferde und schlug eiligst den Weg zum Schlosse ein. Je näher er den Orten kam, wo er die glücklichsten Augenblicke seines Lebens genossen, um so freudiger wurden die Schläge seines Herzens; ein neues Gefühl durchdrang sein Inneres, und sein Araber, der die Gefühle seines Herrn zu errathen schien, trabte langsamer vorwärts, damit er diesen Augenblick des Glücks länger genießen könne. Beim Eingang in den Park band Heinrich sein Pferd an einen Baum und betrat den Schauplatz seiner ersten Freuden. Mit welcher Wonne sah er nicht jedes Gebüsch, jeden Baumgang wieder, der ihm eine Zeit zurückrief, wo sein Glück darin bestand, die Beete zu verheeren und des Gärtners Setzlinge auszureißen! ... Wie süß sind die Erinnerungen an unsere Kindheit! ... Aber warum führen sie eine geheime Melancholie mit sich? ... Weil man weiß, daß jene schöne Zeit nimmer wiederkehrt. An der Einbiegung in eine Allee stieß er auf den Gärtner. Der gute Mann erkannte seinen jungen Herrn und brach in ein Freudengeschrei aus. »Stille!« sagte Heinrich zu ihm, »ich will nicht, daß die Bewohner von meiner Ankunft unterrichtet werden. – Ah! das ist was anders, gnädiger Herr; dann schweige ich. – Wo ist Dein Sohn? – Frank, gnädiger Herr, ist vermuthlich im Schlosse. – Gut, such' ihn auf und sage, daß ich ihn hier erwarte. – Ja, gnädiger Herr, ich gehe. – Aber sei verschwiegen gegen die übrige Dienerschaft! ... – Seien Sie unbesorgt, verlassen Sie sich auf mich!« Eilends geht der Gärtner an die Besorgung seines Auftrags, und Heinrich sieht sehnlichst Frank's Erscheinen entgegen. Er hat ihn so Vieles zu fragen, so Manches aus seinem Munde zu vernehmen! seine einzige Furcht ist, Müller möchte kommen und durch seine Gegenwart alle seine Plane durchkreuzen; doch endlich sieht er Frank und fliegt ihm entgegen. »Ach! da bist Du ja, lieber Frank! ... wie freut mich's, Dich wieder zu sehen! – Und mich auch, gnädiger Herr! ich gestehe, ich war nicht darauf gefaßt; aber das Verhängniß ist so seltsam! Seit unserer Trennung ist so Vieles geschehen! – Du hast Recht, Frank, und ich erwarte von Dir Erzählung alles Vorgefallenen. – Gerne, gnädiger Herr,« sagte Frank mit einem Seufzer. Heinrich hörte diesen Seufzer und sah Franks traurige, gezwungene Miene. »Großer Gott!« rief er, »was hast Du mir denn zu verkündigen? Sollte meiner Pauline ... meiner Schwester etwas zugestoßen sein? – Es ist ihr gerade nichts zugestoßen, gnädiger Herr, und doch ... – Nun! und doch ... – In diesem Augenblicke ... – In diesem Augenblicke ... – Ist ... ist ... sie ... – Sie ... aber so sprich doch, zum Henker! Du läßt mich vor Ungeduld sterben. – Wahrlich, gnädiger Herr, ich wage nicht, Ihnen zu sagen ... – Sprich, verhehle mir nichts; ich befehl es Dir. – Nun wohl, gnädiger Herr! Fräulein Pauline ist sehr krank und in diesem Augenblicke fürchtet man sogar für ihr Leben. – Großer Gott!« rief Heinrich mit den Tönen der Verzweiflung: »ha ! ... ich eile ... ich fliege ... – Halten Sie an, gnädiger Herr,« sagte Frank, ihn an seinem Kleide zurückhaltend, »wenn Sie sie nicht augenblicklich tödten wollen, denn in ihrem Zustande würde die Gemüthsbewegung über Ihre unverhoffte Gegenwart nicht verfehlen, sie ins Grab zu stürzen. – Ach, Frank! ich soll sie also nicht sehen? – Doch, gnädiger Herr, Sie sollen sie sehen: aber erst, wenn sie Ihre Gegenwart ertragen kann und ich sie auf Ihre Rückkunft vorbereitet habe. – Doch erzähle mir, warum ich sie in diesem Zustand wieder finde. – Gerne, gnädiger Herr, das ist bald geschehen. Als wir Straßburg verließen, legte Fräulein Pauline eine Festigkeit, eine Ergebung an den Tag, die mich selbst in Erstaunen setzte; denn ich dachte mir wohl, was sie in ihrem Innern leide; aber die Gegenwart und die Reden Müllers hatten ihr damals einen Muth gegeben, der nicht immer dauern konnte; unsere Reise war, wie Sie wohl glauben werden, sehr traurig. Umsonst suchte ich sie durch meine Unterhaltung zu zerstreuen; sie beobachtete das tiefste Schweigen. Wie wir indeß nahe bei Schloß Framberg waren, schien sie von einem neuen Gefühle bewegt; sie fragte mich, ob Sie da geboren wären, ob das Schloß viele Bewohner habe, und ob sich der Herr Oberst in demselben befinde. Als sie wußte, daß er nicht hier sei, schien sie gefaßter und trat mit ziemlich ruhiger Miene in das Schloß. Müllers Befehlen zufolge ließ ich ihr eines der angenehmsten Gemächer anweisen: ich führte sie in den Park, in die Gärten, kurz, ich zeigte ihr alle Schönheiten des Schlosses. Sie dankte mir für das, was sie meine Gefälligkeit nannte, mit jenem sanften Lächeln, das Sie an ihr kennen; aber alle diese Aufmerksamkeiten konnten nicht verhindern, daß sie den Tag nach ihrer Ankunft in eine Krankheit verfiel. Von da an ging es täglich schlimmer, und besonders seit gestern liegt sie in erschreckendem Fieberwahnsinn. – Im Fieberwahnsinn! ... Großer Gott! ... gib mir die Kraft, so viele Leiden zu ertragen! Aber sage mir, Frank, spricht sie dabei einige Worte aus? – Potz Element! das glaub' ich wohl! ... Bald ruft sie laut nach Ihnen, indem sie Sie ihren Gatten oder auch ihren Bruder nennt; bald ist ihr Vater der Gegenstand ihrer Besorgnisse und ihrer Wünsche; aber am häufigsten sind Sie es, gnädiger Herr, nach dem sie inbrünstig verlangt, und auf eine so wehmüthige Weise, daß Einem ganz schwer um's Herz wird.« Durch Franks Erzählung niedergebeugt, bleibt Heinrich einen Augenblick unfähig, nur ein Wort hervorzubringen; aber nach einer Weile steht er hastig von seiner Rasenbank auf und läuft aus vollen Kräften auf das Schloß zu. »Ums Himmels willen, halten Sie an!« rief Frank, indem er ihm nacheilte und ihn am Kleide zurückhielt. – »Laß mich, Frank, laß mich, sag' ich Dir, ich muß sie sehen, ich will's. – Ha, tausend Donnerwetter! Sie werden sie nicht sehen,« rief eine rauhe Stimme, die Heinrich veranlaßte, sich umzuwenden; er erblickte Müller, der ihm den Weg versperrte und nicht in nachgiebiger Laune zu sein schien. Zwanzigstes Kapitel. Die Liebe führt nicht immer zum Guten. Beim Erwachen war der Pächter gar nicht verwundert, daß er Müller an seiner Seite eingeschlafen sah, als aber dieser die Augen aufschlug und vernahm, Heinrich sei schon fort, da fluchte er derb vor sich hin, daß in seinem Alter ihn die Weiber noch dumme Streiche begehen und seine Pflicht vergessen ließen; dann schickte er sich an, seinem Zögling auf den Fersen zu folgen. »Wahrlich!« sagte der Pächter, »es ist nicht zu verwundern, daß Ihr so lange geschlafen habt; gestern Abend haben wir Alles sauber ausgetrunken. – Wahr,« antwortete Müller; »aber Ihr habt auch einen Wein, der teufelmäßig in den Kopf steigt.« Die Pächterin kam herab, und Müller beeilte sich, aufs Pferd zu steigen, aus Furcht, ihr Anblick möchte ihm wieder den Teufel in den Leib jagen. Der Ehemann lud ihn ein, öfters mit ihm zu schmausen und zu trinken, und die Pächterin vereinigte ihre Bitten mit denen ihres Mannes. Kurz nach Heinrich langte Müller im Bereich des Schlosses an und wollte denselben bereits in der Gegend aufsuchen, als er ihn auf sich zukommen sah. Wie er seine letzten Worte hörte, wußte er schon, um was es sich handle, ohne indeß die Ursache seiner Verzweiflung zu kennen. »Wohin wollen Sie, mein Herr?« fragte er, Heinrich aufhaltend. – »Ins Schloß, Müller! – Weßhalb? – Sie zu sehen. – Sie werden nicht hingehen, sage ich. – Ach, mein Freund, sie liegt in den letzten Zügen! – In den letzten Zügen? das ist etwas stark. Ist's wahr, Frank? – Ja, Herr Müller, die reine Wahrheit. – Ich will mich selbst davon überzeugen; es ist aber unnöthig, daß Sie mitgehen. Ist's, wie Sie mir sagen, so können Sie das Fräulein nicht ins Leben zurückrufen: ist sie im Gegentheil weniger übel auf, so wird Ihr Anblick ihren Schmerz erneuern, ohne demselben Linderung zu schaffen. – Ach, Müller! laß mich mit Dir gehen! – Sie vergessen, Herr, daß es sich um Ihre Schwester handelt und Ihr Benehmen nicht so ist, wie es sein sollte! – All' Deiner Vorstellungen und Widersprüche ungeachtet, werde ich mich von diesem Schlosse nicht eher entfernen, bis ich über ihr Schicksal Gewißheit habe. – Hum !« sprach Müller bei sich selbst, »diese Liebe muß ich um jeden Preis mit der Wurzel ausrotten. Gehen Sie, erwarten Sie mich bei dem Gärtner am Ende des Parks,« sagte er dann zu Heinrich; »ich werde Sie dort treffen und Ihnen mittheilen, was Sie durchaus wissen wollen.« Heinrich wagte keinen Widerstand und ließ sich von Frank zum Häuschen seines Vaters führen, das am entgegengesetzten äußersten Ende der Gartenanlagen, in ziemlicher Entfernung vom Schlosse, lag. Müller blickte Heinrich nach, die Schwäche bereuend, womit er denselben nach Schloß Framberg gelassen hatte, und auf ein Mittel sinnend, wie er ihn wieder wegbringen konnte. Mit unbeschreiblicher Angst harrte Heinrich der Rückkunft Müllers; doch Stunden verflossen, der Husar kam nicht. Als Heinrich die Nacht hereinbrechen sah, konnte er seiner Unruhe nicht mehr gebieten; er schickte Frank nach dem Schlosse, um die Ursache dieser Verzögerung zu erfahren. Kaum war dieser fort, als er Jemand auf das Häuschen zukommen sah. Trotz der Dunkelheit glaubte er Müller'n zu erkennen und flog ihm entgegen. Er täuschte sich nicht. »Nun, Müller,« redete Heinrich ihn an, »was hast Du denn so lange im Schlosse gethan? – Nichts!« antwortete dieser mit düsterer Stimme, wobei er seinen Gang gegen das Gärtnerhaus nicht unterbrach. – Ums Himmelswillen, unterrichte mich von Allem! In welchem Zustande hast Du Pauline gelassen? – Sie hat nichts mehr zu fürchten. – Was willst Du damit sagen? Sprich! Dein Schweigen macht mich starr vor Entsetzen! – Sie wollen es ... Nun denn! So waffnen Sie sich mit Muth, Ihre Schwester, Ihre Schwester ... ist nicht mehr!« Heinrich hörte nicht weiter: leblos fiel er zu Boden. »Nun, die Krisis ist stark,« sprach Müller; »doch um so bälder wird sie vorüber sein!« Er versuchte, Heinrich ins Leben zurückzurufen; mit Hülfe des auf sein Schreien herbeigelaufenen Gärtners trug er ihn in das Häuschen des letztern und brachte ihn zu Bette. Hier schlug der junge Mann die Augen nur auf, um in einen noch beunruhigenderen Zustand zu verfallen: ein hitziges Fieber hatte sich seiner Sinne bemächtigt; grauenvoller Wahnsinn war an die Stelle der Vernunft getreten, er sah und erkannte Niemand mehr. Ueber Heinrichs Zustand erschreckt, zerschlug sich Müller den Kopf, raufte sich die Haare aus und schien nur sich allein die Schuld von seines Zöglings Leiden beizumessen. Fünf Tage lang blieb unser Held in solchem Zustande, und Müller brachte diese ganze Zeit an seinem Bette zu. Endlich rief ihn die Natur, welche stärker war als die Krankheit, wieder ins Leben zurück, und am sechsten Tage erlangte er seine Vernunft und mit ihr etwas Ruhe wieder. »Ach! ... nun ist die Krisis vorbei! ...« sprach Müller, als er Heinrich etwas ruhiger sah. »Meiner Treu! sie war hart, und wären Sie unterlegen, so wäre mir nichts übrig geblieben, als den Fröschen im Schloßgraben Gesellschaft zu leisten! Aber Sie genesen wieder, und ich fühle mich um einen Sechsunddreißigpfünder leichter, den ich da auf der Brust liegen hatte. – Armer Müller,« sprach Heinrich lächelnd, »wie vielen Kummer verursache ich Dir! ... – Erlangen Sie Gesundheit und Muth wieder, und ich bin für meine Sorgen hinlänglich belohnt.« Heinrich versprach Alles und Müller küßte ihn, vor Freude weinend. Erst nach vierzehn Tagen konnte Heinrich das Bett verlassen. Müller verlor seinen Zögling nicht aus den Augen; allein dieser fragte zuweilen, wo Frank sei und warum er ihn nicht bei sich sehe. Ich habe Frank aufgetragen, uns einen guten Wagen anzuschaffen, damit wir reisen können, sobald Sie so weit hergestellt sind: darum sehen Sie ihn nicht hier. Sind Sie etwa mit meiner Pflege nicht zufrieden, daß Sie nach Ihrem Diener fragen? – Wie ungerecht Du bist, lieber Müller! Wenn ich nach Frank frage, geschieht es nur, damit Du ebenfalls der Dir so sehr nöthigen Ruhe pflegen könnest. – Seien Sie unbesorgt, meine Ruhe ist Ihre Gesundheit, und wenn Sie sich wohl befinden, bin ich nicht mehr krank. – Guter Müller! ...« Wie Heinrich im Stande war, ein wenig auszugehen, führte ihn Müller durch eine kleine Pforte, nur einige Schritte vom Gärtnerhause entfernt, ins Freie. »Warum verlassen wir den Umfang des Schlosses?« fragte Heinrich. – »Weil ein Blick ins Freie Sie mehr zerstreuen wird, als ein Park, den Sie hundertmal nach allen Richtungen durchstreift haben. – Aber, Müller, ich hätte ihn so gerne wieder gesehen! ... – Nein, mein Herr, das würde Sie angreifen und Sie werden nicht gehen!« Heinrich wagte keinen Widerspruch; doch fühlte er im tiefsten Herzensgrunde ein sehnliches Verlangen, die Orte wiederzusehen, die er aufs Neue und vielleicht für lange Zeit verlassen sollte. Als Müller glaubte, Heinrich sei stark genug zur Reise, zeigte er ihm an, daß sie in zwei Tagen sich auf den Weg begeben würden. »Frank ist also zurück? – Ja, und der Reisewagen wird uns vor der kleinen Pforte hier neben, welche auf die Hauptstraße führt, erwarten. – Wie? wir nehmen den Weg nicht durch das Schloß? – Sie sehen, es ist unnöthig.« Heinrich wagte keine weiteren Einwendungen: aber er nahm sich vor, gewiß nicht abzureisen, ohne das Asyl seiner Kindheit ein letztes Mal gesehen zu haben. Am Abend vor dem zur Abreise bestimmten Tage forderte Müller, der vor Müdigkeit niedergedrückt war, Heinrich auf, sich bald niederzulegen, damit er am andern Morgen früher auf den Beinen sei. Heinrich, mit seinem Plane bereits fertig, stellte sich, als komme er Müllers Begehren nach. Unser Husar ging zu Bette und lag bald im tiefsten Schlafe. Als Heinrich gewiß war, daß er nicht mehr an ihn denke, stand er vorsichtig auf, trat leise aus der Hütte und schlug den Weg nach dem Schlosse ein. Der Abend war prächtig, herrlicher Mondschein verbreitete über die ganze Natur einen bläulichen Schimmer, und wenn das Auge auf einem Busche oder Strauche ruhte, glaubte es einen unbeweglichen Schatten, eine seltsame Gestalt zu erkennen. Tausend Gegenstände bieten sich dann unserem Blicke dar, verwirren unsere Einbildungskraft und doch danken sie ihr Entstehen nur dem Widerschein des Nachtgestirns. Unsicheren Trittes wandelte Heinrich weiter; in seinem durch die Krankheit geschwächten Gehirn spukten tausend Gestalten, es erschuf sich tausend Visionen; bei jedem Gegenstand, der ihm aufstieß, pochte sein Herz gewaltig; eine geheime Ahnung schien ihm anzudeuten, daß etwas Außerordentliches sich ihm zeigen werde. Endlich gelangte er in den dem Schlosse naher liegenden Theil der Gartenanlagen. Seiner Bewegung nicht mehr Herr, tritt er in eine Laube, sich einen Augenblick zu setzen ... aber hier fällt ihm etwas in die Augen; auf der Bank, die er sich auserkor, bemerkt er eine weiße Schattengestalt, welche regungslos ist und seine Gegenwart nicht zu gewahren scheint. Heinrich fühlt sich einer Ohnmacht nahe und ist genöthigt, sich an einen Baum zu lehnen; er sucht seine Schwäche zu überwinden ... aber der Schatten erhebt sich und kommt langsam auf ihn zu; ein Strahl des Mondes beleuchtet sein Gesicht; er erkennt es. »Schatten meiner Pauline! ...« rief er, auf die Kniee sinkend, »hast Du den himmlischen Aufenthalt verlassen, um Denjenigen heimzusuchen, der nicht mehr glücklich sein kann auf einer Erde, die Du nicht mehr mit ihm bewohnst? ...« »Heinrich,« sprach eine schwache Stimme, und Pauline (denn sie war es) fiel bewußtlos vor ihrem Geliebten nieder. »Großer Gott! ...« rief Heinrich, »ist's keine Täuschung? ... Doch nein, sie ist es wirklich ... meine Pauline! ... Gerührt von meiner Verzweiflung hat der Himmel mir sie zurückgegeben, um mich nicht mehr von ihr zu trennen.« Schnell springt er seiner Geliebten bei; Pauline schlägt die Augen wieder auf, erkennt Heinrich, lächelt ihm zärtlich zu und liegt Demjenigen in den Armen, von dem sie sich für immer getrennt wähnte; Heinrich drückt sie in höchster Freude an sein Herz, bedeckt sie mit Küssen, und sie, weit entfernt, ihn zurückzustoßen, gibt sich seiner Zärtlichkeit gänzlich hin, und beide vergessen die Bande, die sie umschlingen, um nur noch an die Liebe zu denken, welche sie von der rechten Bahn ablenkt und in den Abgrund zieht, den zu vermeiden sie nicht stark genug waren. Die Reue folgte dem Vergehen auf dem Fuße nach; aber dieses Vergehen war keines von denen, welche ein Liebhaber durch neue Liebkosungen vergessen macht! ... Entsetzt über die Größe seines Verbrechens, wagt Heinrich nicht mehr, die Augen zu seinem Opfer aufzuschlagen. Pauline weint, schluchzt und bleibt bewußtlos auf dem Rasen, dem Zeugen ihrer Schuld, liegen. Und er, der sie in diesen Zustand gebracht, denkt nicht daran, ihr Hülfe zu leisten; eilfertig flieht er die unheilvolle Laube, vertieft sich in den Park, gewinnt das Weite und verschwindet, ehe die Sonne seine Frevelthat bescheint. Arme Pauline! wer aber wird jetzt Deine Thränen trocknen ... Deiner Verzweiflung Einhalt thun?... Der verläßt Dich, der allein Deine Leiden lindern konnte! er verläßt Dich mit dem Schwure, nie Dich wiederzusehen!... Doch der Himmel wird sich Deiner erbarmen, ... wird Dir einen Freund, einen Tröster schicken, in dem Augenblicke, wo Du gegen die Vorsehung und die Härte Deines Geschickes murrst. Vor Allem möchte es gut sein, dem Leser zu erklären, wie Pauline, die für todt galt, mit Heinrich in der Laube zusammentraf. Wir haben gesehen, wie ärgerlich Müller war, daß sich Heinrich während der Krankheit seiner Schwester nicht vom Schloß entfernen wollte. Der gute Husar sah wohl ein, daß der junge Mann im Innersten seines Herzens stets eine Liebe bewahren werde, welche das Unglück seines übrigen Lebens ausmachen müßte, darum beschloß er, sie durch irgend ein gewaltsames Mittel zu ersticken. Wie er von Paulinens Krankheit hörte, stieg sogleich der Gedanke in ihm auf, sie für todt auszugeben. Deßhalb begab er sich zu der jungen Kranken, sich von ihrem Befinden selbst zu überzeugen; er fand sie sehr übel auf, und meinte, was er als eine Lüge ersonnen, könne Wohl zur Wahrheit werden. Nichts desto weniger wollte er den Lauf der Begebenheiten nicht abwarten, und noch denselben Abend kam er wieder zu Heinrich. Wir wissen, wie er sein Vorhaben ausführte. Obgleich er sich aber auf Ausbrüche des Schmerzes gefaßt machte, glaubte er doch nicht, daß seine List eine so heftige Wirkung hervorbringen werde, und als er seinen geliebten Heinrich am Rande des Grabes sah, da gereute ihn das Mittel, das er angewendet, ihn von seiner Liebe zu heilen. Endlich erlangte Heinrich die Gesundheit wieder und Müller athmete neu auf. Während dessen Krankheit hatte er durch Frank erfahren, daß Pauline beinahe völlig hergestellt sei: da aber die Krisis vorüber war, wollte er Heinrich nichts davon mittheilen, sondern ihn in einem Irrthum belassen, der ihm die Ruhe wieder geben sollte. Darum trug er Sorge, Frank von seinem Herrn entfernt zu halten und diesen am Spazierengehen im Schlosse zu verhindern. Müllers Plan war gut ausgedacht, aber das Verhängniß ließ dessen Vollführung nicht zu. Pauline, welche seit einigen Tagen in dem Garten die frische Luft genoß, hatte sich, durch die Schönheit des Abends angezogen, unter eine schattige Laube gesetzt und über ihrem Sinnen vergessen, daß die Stunde des Schlafengehens längst vorüber sei. Wir haben gesehen, wie der Teufel es anfing, daß er die beiden Liebenden zusammenbrachte und so in einem Nu alle Plane unseres Husaren über den Haufen warf. Aber Müller konnte nicht immerwährend schlafen; der Gedanke an die vorgehabte Reise weckt ihn mit Anbruch des Tages auf; er springt aus dem Bette, kleidet sich an und eilt zu Heinrichs Schlafstätte, um zu hören, ob er eine gute Nacht gehabt. Wie groß ist sein Erstaunen, seine Unruhe... als er denselben nicht mehr in der Hütte sieht!... »Ho, ho!« sprach er, »mein junger Mensch hat abermals seine Streiche gemacht! Wir wollen keine Zeit verlieren und schnell hinter ihm her sein!...« Und damit ist Müller bereits im Park, den er nach allen Richtungen durchstreift; endlich führt ihn der Zufall in das unheilvolle Bosket; er glaubt von Ferne etwas zu unterscheiden, näher getreten sieht er Pauline leblos am Boden liegen. Unser Husar gibt sich nicht lange Vermuthungen hin. »Der Teufel mischt sich ins Spiel,« sagte er, »sie haben einander gesehen, gesprochen und es ging hitzig her, wie es scheint. Wo ist denn aber mein Zögling?« Müller lud Pauline auf seine Schultern und schlug den Weg nach dem Schlosse ein. Dort lag man noch in tiefem Schlafe; aber auf sein Gepolter und Geschrei ist bald Alles auf den Beinen; die Diener springen im Hemde herbei, um zu erfahren, was es gibt: »Vorwärts, meine Freunde, Bomben und Granaten! Ihr müßt Alle die Umgegend durchstreifen, und zwar auf der Stelle. Euer junger Herr hat den Teufel im Leib; ich sehe wohl, es ist unnöthig, daß ich's Euch länger verhehle; macht Euch hinter ihm her, Jeder setze sich in Marsch, und man muß ihn zurückbringen, wäre er auch am Ende der Welt. Ich selbst werde Euch bald folgen.« Bei diesen Worten schiebt sie Müller fort ins Freie. Einige wollten sich widerspenstig zeigen und machten die Bemerkung, daß sie doch nicht im Hemde fortgehen können; Müller aber wirft sie zur Thüre hinaus, indem er ihnen einen Tritt vor den St... gibt, welchem Argumente Keiner widersteht. Nachdem Müller seine Gesandten ausgeschickt hatte, kehrte er eiligst zu Pauline zurück und leistete ihr alle Hülfe, welche ihre Lage erheischte. Nach vielen Bemühungen von seiner Seite schlug sie endlich die Augen wieder auf. Der Name Heinrich war ihr erstes Wort; alsdann erblickte sie zu ihrer Verwunderung unsern Husaren an ihrer Seite. »Ja, ich sehe wohl. Sie sind erstaunt über meine Gegenwart,« sprach dieser, »und ich kann Sie ebenfalls versichern, ich wäre lieber hundert Meilen von Ihnen weg! ... Ja, wahrhaftig! ... Frank hatte wohl recht, als er von einem Verhängniß sprach! ...« Pauline begriff nicht viel von dieser Rede: doch Müller erklärte ihr, was das heißen wolle und auf welche Art er sie im Bosket gefunden habe. – »Und was ist aus Heinrich geworden?« fragte Pauline. – »Er wird meine Vorwürfe gefürchtet haben und hat sich daher aus dem Staube gemacht!... doch sollte er wissen, daß ich trotz meiner strengen Miene kein Felsenherz habe! ...« Aber Müller machte sich noch keine Vorstellung von der Größe des Vergehens. Er versuchte noch, Pauline zu trösten, und verließ ihr Gemach, um dem Flüchtigen nachzuspüren. Als Pauline allein war, ließ sie ihren Thränen freien Lauf; sie fürchtete und wünschte zu gleicher Zeit, es möchte Müller gelingen, Heinrich wieder zurückzuführen; zuweilen machten Vernunft und Pflicht sie vor seiner Wiederkunft erbeben; allein die Liebe, stärker als alle Vernunftgründe, gewann stets wieder die Oberhand und trug am Ende den Sieg davon. Indeß waren Müller und sämmtliche Diener im Schlosse zurück, ohne irgend eine Spur von Heinrich aufgefunden zu haben. Den folgenden Tag dieselben Nachforschungen, ohne bessern Erfolg. Tage und Wochen vergingen, aber Heinrich erschien nicht wieder. Müller ließ den Muth nicht sinken und war öfters acht Tage abwesend, in der Hoffnung, glücklicher zu sein: nach zwei Monaten ging ihm die Geduld aus und er wünschte Denjenigen laut zum Teufel, welchen wiederzufinden er im Grunde seines Herzens so sehnliches Verlangen trug. »Warum aber eigentlich diese Flucht?« sagte Müller, als er sich einst mit Pauline allein befand; »ich hatte ihm zwar verboten, Sie zu sehen, nicht aber ein Narr zu werden.« Pauline schlug die Augen nieder und antwortete nichts. Wie Müller sah, daß seine Fragen ihren Kummer nur vermehrten, sprach er von etwas Anderem und bemühte sich, sie zu zerstreuen. Das arme Kind schien in der That der Zerstreuung sehr zu bedürfen. Es war nicht mehr dieselbe Pauline, wie ein Jahr früher, so frisch und lieblich, aus deren Augen Freude und Gesundheit leuchtete. Ihre Thränen hatten deren Glanz gebrochen, ihr bleiches welkes Gesicht verrieth die Leiden ihrer Seele, und Alles in ihr verkündigte ein Opfer der Liebe. Je mehr die Zeit verfloß, um so größer schien Paulinens Kummer zu werden. Ganze Tage schloß sie sich in ihr Gemach ein, oder weinte sie in einer einsamen Laube. Müller dachte, es sei der Gram über Heinrichs Flucht. Unser guter Husar war nicht viel heiterer als sie und sehr wenig geeignet, sie zu trösten. Eines Abends war er aus dem Schlosse gegangen, um die frische Landluft zu genießen, als er von Ferne ein Frauenzimmer gewahrte, deren eilfertiger Gang irgend ein besonderes Vorhaben verkündete. »Ho! ho!« dachte Müller, »wer ist diese Frau?« Die Dunkelheit hinderte ihn, sie zu erkennen; doch beschloß er, zu Befriedigung seiner Neugierde, ihr zu folgen. Flüchtigen Fußes schritt die Unbekannte durch ein kleines Gehölz, welches zu einem in geringer Entfernung vom Dorfe befindlichen Teiche führte; sie nahm die ungangbarsten Pfade, schien sich zu fürchten, daß man sie sähe, und stand von Zeit zu Zeit still, wie um zu lauschen, ob man ihr nicht nachschleiche. Dann versteckte sich Müller hinter einen Baum, hielt den Athem an und machte nicht die geringste Bewegung. So gelangten beide zum Ufer. Auf einer kleinen Anhöhe, welche den Teich beherrschte, hielt die Unbekannte inne und ließ sich auf die Kniee nieder. Müller seinerseits blieb gleichfalls stehen; ein unbestimmtes Grausen hatte sich seiner Sinne bemächtigt. Bald ließ eine jammervolle Stimme folgende Worte erschallen: »O, mein Gott! vergib mir die Handlung, die ich zu vollführen im Begriffe stehe! Hab' Erbarmen mit meiner Verzweiflung, drücke Den nicht mit Deinem ganzen Zorne nieder, der mein Verbrechen theilte, und für den ich ein Dasein zum Opfer bringe, das ich nicht mehr zu ertragen vermag!« Weiter hörte Müller nicht. Da er die Stimme kannte, lief er auf Die zu, die er retten wollte, aber es war nicht mehr Zeit. Pauline, denn diese war's, hatte sich ins Wasser gestürzt. Unser Husar wirft, ohne einen Augenblick zu verlieren, Mütze, Wamms und was ihm hätte hinderlich sein können, bei Seite, springt der Unglücklichen nach, erreicht sie schwimmend, faßt sie mit kräftiger Faust, bringt sie ans Ufer und dankt dem Himmel für seinen Beistand in diesem Unternehmen. Er hatte Pauline auf den Boden niedergelegt, aber sie war leblos und ihr Zustand erheischte schleunige Hülfe. Wie sollte er's indeß machen? Es war spät, alle Dorfbewohner lagen in der Ruhe. Nur ein Ausweg blieb übrig, nämlich ins Schloß zurückzukehren; sie waren weit von demselben entfernt, und der gute Husar fühlte sich durch alle auf ihn eingedrungenen Stöße erschöpft; aber der Wunsch, eine gute Handlung zu vollbringen, gab ihm seine Kräfte wieder: er lud Pauline auf die Schultern und schlug mit dieser kostbaren Last muthvoll den Weg nach dem Schlosse ein. Nach einer Stunde mühseligen Marsches sah Müller endlich das Ziel seiner Wanderungen vor sich. Jedermann war schon zu Bette; allein er hatte immer den Schlüssel zur kleinen Pforte des Parkes; hier legte er Pauline auf die Erde und schloß das Pförtchen auf. Wie er das Mädchen wieder aufnahm, fühlte er, daß ihr Herz schlug und sie leicht athmete. »Gottlob,« sprach er, »sie ist nicht todt und ich bin für meine Mühe belohnt.« Die Erschütterung des Marsches hatte ihre Sinne wirklich auf's Neue belebt, und als Müller sie auf ihr Bett niederlegte, schlug sie die Augen wieder auf, ohne daß er fremder Hülfe bedurfte. »Wo bin ich?« sagte sie, ihre Blicke, worin sich Verwunderung und Schmerz malten, umherwerfend. – »An einem Orte, den sie künftig nicht mehr ohne meine Erlaubniß verlassen werden,« entgegnete Müller mit strengem Tone. – »Wie! Ihr seid's, Müller? wie kommt es? – Wie es kommt ... ich ging Ihnen nach, Fräulein, und der Himmel gab zu, daß ich noch zeitlich anlangte, um Ihre Missethat zu verhindern! Wollen Sie mir aber gleichfalls sagen, wie es kommt, daß Sie in solch übermäßigen Wahnsinn verfallen? Welche Trostlosigkeit wirkte denn auf Sie ein? Was verwirrte Ihren Verstand? ... Sie schweigen? ... Sprechen Sie, mein Fräulein, nicht durch Schweigen wascht man sich von solch einem Verbrechen rein: ja von einem Verbrechen, ich wiederhole es; und was auch der Beweggrund sein möge, es ist immer ein Verbrechen, wenn man sich das Leben nimmt; ich achte die Unglücklichen, welche ihre Leiden muthvoll ertragen, aber ich verachte die, welche sich durch eine Feigheit von denselben befreien.« Aufmerksam hörte Pauline Müllern zu, seine energische Rede brachte die erwartete Wirkung auf sie hervor: dieselbe erweichte ihr Gemüth, und die Unglückliche vergoß einen Strom von Thränen. Sobald Müller sie weinen sah, wich seine Strenge und er näherte sich ihr, um sie zu trösten. »Nun, ich verzeihe Ihnen,« sprach er, sie bei der Hand fassend; »aber unter einer Bedingung. – Unter welcher? – Daß Sie mir die Ursache Ihrer Verzweiflung sagen; denn eine solche muß doch da sein. – Ach, zwingt mich nicht, durch Erzählung meiner Schande vor Euch zu erröthen. – Es muß sein, sage ich Ihnen! nun, Donnerwetter! Muth gefaßt! – Ihr befehlt es? ... O, mein Gott! wie schwer wird mir's ... Wohlan denn! ... – Vorwärts! – Ich bin ... – Sie sind? ... – Ich bin schwanger!« Müller ist vernichtet. Pauline birgt das Gesicht in ihren Händen. »Sie sind schwanger! ...« sagte Müller, endlich aus seiner Betäubung zurückkommend, »und Sie wollen sich den Tod geben! Unglückselige! Sie wollen also auch das unschuldige Opfer, das Sie unter Ihrem Herzen tragen, ermorden? Ha! Sie sind strafbarer als ich ahnte! – Ich fühle mein Verbrechen nur zu sehr! aber ach! ist nicht das unglückliche Geschöpf, das ich des Lichts beraubt hätte, schon vor seiner Geburt der Schande und Verachtung geweiht? Ein Kind des Verbrechens und des Unglücks, wird es je wagen, die Urheber seiner Tage zu nennen? ... – Was wollen Sie damit sagen? – Muß ich Euch noch belehren, wer sein Vater ist? – Wie! Heinrich? mein Zögling? Ha! dreifaches Donnerwetter! das bringt mich unter den Boden! Jetzt bleibt mir nichts mehr übrig, als mir von einem Achtundvierzigpfünder den Kopf wegnehmen zu lassen.« Paulinens Geständniß hatte den Rest ihrer Kräfte vollends aufgerieben, und bewußtlos fiel sie auf ihr Bett zurück. Müllers ganzes Geistesvermögen war durch das eben Gehörte zu sehr betroffen, als daß er im Stande gewesen wäre, das um ihn her Vorgehende wahrzunehmen. Regungslos vor dem Kamin, starrte er, ohne zu sehen, träumte, ohne zu denken, litt, ohne zu fühlen, und die Nacht ging ihm vorüber, ohne daß er von seiner Regungslosigkeit sich erholt hatte. Mehrfache Schläge an das Thor des Schlosses riefen ihn wieder zu sich; er rieb sich die Augen wie Einer, der aus einem schweren Traume erwacht, schaute verwundert umher und sah Pauline noch in dem gleichen Zustande. Dieser Anblick ruft ihm alles Vorgefallene ins Gedächtniß zurück; zwei große Thränen rollen aus seinen Augen; seufzend wischt er sie ab, schüttelt den Kopf, streicht seinen Schnurrbart und stürzt die Treppe hinab. Man fuhr fort, gewaltig zu klopfen; der Pförtner kleidete sich gemächlich an; Müller, ungeduldig, öffnet selbst. Ein Eilbote händigt ihm ein Schreiben ein und entfernt sich schnell wieder mit dem Bemerken, daß es keiner Antwort bedürfe. Müller hielt den Brief in der Hand, dachte an andere Dinge, als ihn zu lesen, bis er, zufällig auf die Adresse sehend, die Handschrift seines Obersten erkannte. »Ho! ho!« sprach er, sich die Augen reibend, um sich zu überzeugen, daß er nicht träume; »es ist wirklich von meinem Oberst und an mich gerichtet! Durch welchen Zufall weiß er, daß ich im Schlosse bin? ... Und das Thier von einem Boten flog wieder davon wie eine Bombe! Ich hätte ihn ausfragen sollen: nun laß uns lesen ... Ich glaube, ich zittere zum ersten Mal in meinem Leben! Weiß mein Oberst alles Vorgefallene, so ist dieser Brief meine Verdammung! Gleichviel, ich habe Strafe verdient und hätte den Muth, mich selbst abzuthun, wenn mein Oberst es beföhle!« Mit diesen Worten reißt Müller den Brief ungestüm auf und durchfliegt dessen Inhalt; bald geht eine merkliche Aenderung auf seinem Gesichte vor, je weiter er liest; Thränen entströmen den Augen des wackern Husaren, aber es sind Thränen der Freude, der Lust, der Rührung. Kaum hat er ausgelesen, als er wie wahnsinnig nach der Treppe stürzt, die zu Paulinens Gemächern hinaufführt. »Vivat! Sieg!« schrie Müller unter mächtigen Sätzen die Treppe hinauf. Endlich gelangt er in das Zimmer Paulinens, welche ihre Kammerfrau wieder zu sich gebracht hatte. Erstaunt blickt sie Müller'n an; sie faßt nichts von dieser außerordentlichen Freude. »Da lesen Sie, lesen Sie selbst,« sagte Müller, ihr den eben erhaltenen Brief darreichend, »und Sie mögen sehen, ob ich Unrecht habe, vor Jubel außer mir zu sein.« Ehe wir jedoch dem Leser den Grund von Müllers plötzlicher Freude erklären, müssen wir wieder den Oberst Framberg aufsuchen, den wir, im Begriff nach Paris abzureisen, verlassen haben. Einundzwanzigstes Kapitel. Glück. Der Oberst hatte Heinrichs Erzählung von d'Ormeville's Abenteuern aufmerksam mit angehört. Seine edle und großmüthige Seele faßte sogleich den Entschluß, nach Paris zu gehen und dort alle nöthigen Schritte zu thun, wodurch er erfahren könnte, was aus dem Vater seines theuern Heinrichs geworden sei. Zwar hatte der letztere bereits umsonst solche Nachforschungen angestellt; allein Heinrich kannte in Paris Niemanden; seine Jugend konnte überdies wenig Vertrauen einflößen: der Oberst hingegen war von einem Alter und einem Rang, die Achtung und Ehrfurcht geboten. Er ließ sich Empfehlungsbriefe an die hohen Staatsbeamten geben und hoffte auf glücklichern Erfolg in seinem Unternehmen. Oberst Framberg beeilte sich, und bei seiner Ankunft in Paris begann er augenblicklich seine Nachforschungen. Seine Schritte wurden schnell vom besten Erfolge gekrönt; der Minister benachrichtigte den Oberst, daß der Gesuchte in der Force, einem der bedeutendsten Gefängnisse der Hauptstadt, hinter Schloß und Riegel sitze. D'Ormeville war bei seiner Ankunft in Paris festgenommen und die über ihn ausgesprochene Todesstrafe in zehnjähriges Gefängniß verwandelt worden, was er schon eine große Gunst nennen konnte, und da seine Feinde nicht mehr am Leben waren, so hoffte er bald seine Freiheit zu erlangen. Dazu aber war es nothwendig, daß sich Jemand in Frankreich für den Gefangenen interessirte. Unglücklicherweise kannte er Niemanden hier und hätte wahrscheinlich die festgesetzte Zeit im Kerker verlebt, wenn nicht der Zufall ihm einen mächtigen Beschützer in der Person des Obersten zugeführt hätte. Dieser machte sich sogleich daran, die Freilassung d'Ormeville's zu erwirken, dessen Vergehen nicht so groß war, daß er so besondere Strenge verdiente, und der durch eine Verbannung von zwanzig Jahren genug gelitten hatte. Die Schritte, welche der Oberst zu thun genöthigt war, zogen sich mehr in die Länge, als er geglaubt. Man hatte ihm bereits die Erlaubniß ertheilt, d'Ormeville zu besuchen; aber er mochte sich nur als Ueberbringer seiner Begnadigung bei ihm vorstellen. Welch ein großmüthiges Benehmen gegen einen Mann, der sein Nebenbuhler gewesen war ... der ihn der Liebe einer angebeteten Frau beraubt hatte, und von dem er fürchten mußte, daß er ihm auch Denjenigen werde entreißen wollen, den er als seinen Sohn liebte! ... Es gibt wenige Männer wie der Oberst. Endlich, nach mehr als drei in Umhergehen und Sollicitiren zugebrachten Monaten wirkte derselbe die Freilassung von Heinrichs Vater aus. Welcher Augenblick für sein edles Gemüth! Mit welch' trunkener Freude begab er sich in das Gefängniß! Das Bewußtsein einer guten That belohnte ihn reichlich für die angewandte Mühe! D'Ormeville hoffte nicht mehr auf Begnadigung: der Unglückliche saß in einem Winkel seines Kerkers, dachte an seine Pauline, und der Kummer, den sie empfinden mußte, vermehrte nur noch seine Traurigkeit. Da gehen plötzlich die Thüren seines Gefängnisses auf: ein ihm unbekannter Mann, dessen Gesicht jedoch Güte verkündet, zeigt sich vor seinen Blicken (der Leser hat schon heraus, daß es der Oberst ist) und wirft sich ohne Weiteres an seine Brust ; ganz erstaunt, weiß d'Ormeville gar nicht, was er davon denken soll. »Zuerst laßt uns einander umarmen,« sprach der Oberst zu ihm, »Bekanntschaft machen wir hernach; hier ist inzwischen Ihr Freibrief; ich bin der Oberst Framberg und ich habe ihn ausgewirkt.« D'Ormeville ist ungewiß, ob er wacht oder träumt; der Name des Obersten, das Wort Freiheit machen ihn so sehr betroffen, daß er ganz erstarrt; doch der Oberst, auf dieses Staunen gefaßt, zieht ihn fort aus dem Kerker, drängt ihn in seinen Wagen und läßt sich nach seinem Hotel führen. Unterwegs kommt d'Ormeville wieder zu sich: »Es ist kein Traum!« sprach er; »ich bin in Freiheit und Ihnen, Herr Oberst, habe ich sie zu danken! ... – Ich begreife Ihre Verwunderung, lieber d'Ormeville, und ich will ihr ein Ende machen; da aber meine Erzählung etwas lang wird, wollen wir warten, bis wir in meinem Hotel sind; dort können wir reden, ohne Unterbrechung zu fürchten.« D'Ormeville willigt ein, und man langt an; der Oberst verbietet jede Störung und erzählt dem Befreiten, was dem Leser schon bekannt ist. Wer vermöchte d'Ormeville's Erstaunen bei der Nachricht zu schildern, daß sein Sohn lebe und er ihn bald in seine Arme schließen werde! Seine Freude grenzt an Wahnsinn; er wirft sich an die Brust des Obersten und nennt diesen seinen Schutzengel. Plötzlich hält er inne und verfällt in tiefes Sinnen. »Was haben Sie denn?« fragte der Oberst. »Woher dieses Nachdenken? – Sollten Sie noch einen andern Sohn haben?« fragt er nach einer Weile, statt einer Erwiderung. – »Nein, ich hatte nie einen andern ; nur Heinrich galt mir als solcher. – Heinrich ! ... Kein Zweifel mehr! er ist's. – Was soll das heißen? – Ich kenne diesen theuern Sohn! ... und der Himmel hat ihn zum Retter meines Lebens auserkoren! – Wär's möglich? ... Heinrich hat Ihnen das Leben gerettet? – In einem Walde, sechs Stunden von Straßburg, wäre ich das Opfer zweier Meuchelmörder geworden, da sandte mir die Vorsehung meinen Sohn zur Rettung.« D'Ormeville war in der That jener Reisende, den Heinrich gerettet. Oberst Framberg bewunderte die Rathschlüsse der göttlichen Vorsehung, welche den Sohn seinem Vater zu Hülfe gesandt hatte; alsdann fuhr er in seiner Erzählung fort, welche durch d'Ormeville's Ausrufe unterbrochen worden war. Als dieser letztere von der Liebe Paulinens und Heinrichs, und dem Kummer, welche dem Oberst diese unheilvolle Leidenschaft verursachte, hörte, unterbrach er diesen mit den Worten: »Trocknen Sie Ihre Thränen, mein Freund; unsere Kinder sollen dem Glücke und der Liebe wiedergegeben werden; vernehmen Sie endlich, daß Pauline nicht meine Tochter ist. – Sie ist nicht Ihre Tochter? ...« rief der Oberst freudetrunken; »o ! darüber verliere ich noch den Kopf! die theuren Kinder! ... sie hatten so vielen Kummer! Noch wage ich nicht, an dieses Glück zu glauben! ... – Es ist die reine Wahrheit; aber ich sehe ein, daß sie Erläuterungen bedarf. Hören Sie mich an, und auch ich will Ihnen alle Begebenheiten erzählen, die mir von dem Augenblicke an aufstießen, wo ich mich von Derjenigen trennte, die ich meine Gattin zu nennen hoffte. D'Ormeville's Geschichte. »Als ich meine theure Clementine verließ, begab ich mich nach Wien, dem Kaiser meine Dienste anzubieten. Zwischen Rußland und Oesterreich war der Krieg erklärt. Leicht ward ich aufgenommen und in Betracht meiner Eigenschaft als Freiwilliger und meiner Geburt, wurde ich bald Lieutenant in einem Husarenregiment, das zu Feld zog. Bei einem Dorfs zwischen Nowogrodek und Wilna trafen wir auf den Feind. Das Treffen war blutig, und die Russen erlitten, wie ich in der Folge erfuhr, eine Niederlage; denn da ich gleich im Anfang des Handgemenges einen Schuß erhielt, fiel ich vom Pferd und wurde für todt auf dem Schlachtfeld gelassen. »Ein Bauer, welcher, lange nachdem die beiden Heere entfernt waren, bei mir vorüber kam, bemerkte, daß ich noch athmete; er war so menschenfreundlich, mich auf seinen Rücken zu laden und nach seiner Hütte zu tragen, um mir dort die meiner Lage angemessene Hülfe zu leisten. »Gegen ein Jahr blieb ich bei dem guten Landmann, denn erst nach Verlauf dieser Zeit erlaubten mir meine nun wieder völlig geheilten Wunden, an Rückkehr zu meiner Fahne zu denken. Aber während meiner langen Krankheit hatte das wandelbare Kriegsglück die Russen zu Meistern des Ortes gemacht, in dem ich verborgen war; sie hatten auf dem ganzen Wege nach Oesterreich Posten aufgestellt, und ich sah, daß ich das Dorf nicht verlassen könne, ohne mich beinahe unausweichlichen Gefahren bloßzustellen. »Was konnte ich thun? ... Meine Lage war entsetzlich, ich besaß nicht die geringste Summe Geldes, und mochte dem wackern Manne, der mir das Leben gefristet, nicht länger zur Last sein. »Nur ein Ausweg blieb mir, nämlich zu arbeiten, um zu leben: und schnell war mein Entschluß gefaßt. Der gute Bauer, der mich unterstützt hatte, verschaffte mir Arbeit bei einem Pächter in der Gegend. Ich zog die Kleidung an, die für meinen neuen Stand paßte, und begann die Mutter Erde zu bearbeiten, welche niemals undankbar gegen Diejenigen ist, die sie mit ihrem Schweiße tränken. »Ich lebte ziemlich ruhig; schon lange hatte ich mich an mein neues Verhältniß gewöhnt; überdies ließ mich die Erinnerung an meine Clementine und die Hoffnung, sie eines Tages wiederzusehen, die lange Dauer meines Exils muthvoll ertragen. Sie wissen, ich gab auf deutschem Boden meinen Namen d'Ormeville auf, um den Namen Christiern zu führen, und diesen behielt ich auch in meinem nunmehrigen Aufenthaltsorte bei. »Eine halbe Stunde von dem Pachthofe lag ein kleines Schloß, das einem gewissen Drogluski gehörte. Dieser Drogluski war in der Umgegend nicht sehr beliebt, und es liefen sogar verschiedene Gerüchte über ihn um, denen ich wenig Aufmerksamkeit schenkte. Da sein Schloß auf einer Anhöhe lag, von wo aus man eine weite Aussicht genoß, lenkte ich, wenn die Arbeiten es gestatteten, meine Schritte nach dieser Seite und wandte meine Blicke nach der Gegend, die meine geliebte Clementine verschönerte, und bat den Himmel, er möchte mir bald erlauben, die Angebetete wiederzusehen. »Auf meinen einsamen Spaziergängen hatte ich einen Menschen bemerkt, der mir häufig in den Weg trat und mich aufmerksam zu betrachten schien. Anfangs gab ich nicht viel darauf Acht; aber ärgerlich geworden, daß ich ihn immer hinter mir her sehe, fragte ich den Pächter, ob er ihn kenne. Auf meine Beschreibung desselben, sagte er mir, es könne Niemand anders als der Vertraute und Diener des Herrn Drogluski sein, und er erinnere sich sogar, daß derselbe in den Pachthof gekommen sei und verschiedene Fragen über mich angestellt habe. Begierig, zu wissen, was er von mir wolle, beschloß ich, ihn anzureden, sowie ich ihn wieder träfe. »Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten: kaum ein paar Tage waren verstrichen, als ich eines Abends in der Nähe des Schlosses meinen Mann nur wenige Schritte vor mir sah. Ich redete ihn an und sagte, ich wundere mich sehr, daß ich ihn immer mir auf den Fersen sehe, und bat ihn, mir den Beweggrund anzugeben. – »›Ihr sollt ihn erfahren,‹« antwortete er mit düsterer Stimme; »›da es aber sehr wichtig ist, was ich Euch zu sagen habe, so findet Euch heute um Mitternacht auf dieser Stelle ein, wir haben dann keinen Ueberfall zu fürchten und Ihr werdet vernehmen, was Euch interessirt.‹« – »›Warum nicht augenblicklich?‹« sagte ich, überrascht durch seinen Ton gegen mich. – »›Nein,‹« erwiderte er; »›um Mitternacht sollt Ihr Alles erfahren; fehlt aber nicht! Euer Leben steht auf dem Spiel ...‹« Mit diesen Worten entfernte er sich und ließ mich in unbeschreiblichem Erstaunen zurück. »Sollte ich entdeckt sein?« sprach ich bei mir selbst, wie ich allein war; »soll ich mich einfinden? ...« Lange war ich unschlüssig; doch endlich bedachte ich, daß er mir gesagt, es handle sich um mein Leben, und vermuthete, er wolle mich verrathen, wenn ich nicht Wort halte, daher beschloß ich, zur bezeichneten Stunde pünktlich einzutreffen. »Um Mitternacht war ich am bemerkten Orte, etwa hundert Schritte vom Schloß; bald sah ich meinen Mann auf mich zukommen. Er führte mich auf eine Bank am Fuße eines Baumes und hielt folgende Rede an mich: »›Ihr seid ein Oesterreicher und demnach im Krieg mit den Russen, Ihr habt keinen Heller und wartet nur auf eine günstige Gelegenheit zur Rückkehr in Euer Vaterland. Wenn Ihr erkannt würdet, müßtet Ihr auf der Stelle sterben; ich kann Euch Euren Feinden überliefern und zur Schlachtbank führen; dies werde ich auch thun, wenn Ihr nicht in meinen Vorschlag einwilligt.‹« »Ich sah, daß ich's mit einem Bösewicht zu thun hatte; aber mein Leben war in seinen Händen, ich mußte mich daher verstellen. »›Was fordert Ihr von mir?‹« sagte ich. – »›Hört,‹« antwortete er; »›hier in diesem Schlosse lebt ein Kind von drei bis vier Jahren; sein Dasein ist verschiedenen Personen im Wege: wir hätten es selbst umbringen können; aber ich habe die Augen auf Euch geworfen, weil dieser Mord, im Schlosse vollbracht, vielleicht hätte Verdacht erregen können.‹« »Ich schauderte bei dieser Rede, verbarg jedoch meinen Unwillen, und der Bösewicht fuhr fort: »›Ihr braucht die Beweggründe dieses Racheschritts nicht zu kennen; ich rathe Euch sogar, Euch nie darnach zu erkundigen; denn diese Neugierde würde Euch das Leben kosten, und wenn Ihr in einigen Jahren in Versuchung geriethet, wieder in diese Gegend zu kommen (denn ich vermuthe, daß Ihr gleich nach dem Friedensschluß nach Oesterreich zurückkehren werdet), so würdet Ihr, das sage ich Euch vorher, einen vergeblichen Schritt thun: denn dieses Schloß wird verlassen sein, und Ihr werdet Niemand mehr finden. Entschließt Euch also und seht zu, ob Ihr thun wollt, was ich von Euch begehre, Ihr sollt dann reichlich belohnt werden; weigert Ihr Euch hingegen, so gebe ich Euch den Russen an, und der Tod ist Euch dann gewiß‹« – »›Ich kann nicht schwanken‹« sagte ich zu ihm; »›ich willige ein‹« – »›Sehr gut; so folgt mir, ich will Euch das Kind ausliefern.‹« – »›Wie! auf der Stelle?‹« – »›Gewiß! je bälder, um so besser.‹« »Schaudernd folgte ich dem Niederträchtigen, der mich der Theilnahme an einer solchen Schandthat fähig hielt. Er führte mich in das Innere des Schlosses: tiefe Stille herrschte rings umher. In einem Gemach zu ebener Erde hieß er mich seine Rückkunft erwarten und ging. Einige Minuten blieb ich allein, lauschte sorgfältig, ob ich nichts hörte, aber eine tiefe und ganz außergewöhnliche Stille führte mich auf den Gedanken, mein Führer wohne allein hier, und ich gestehe, ich faßte damals den Entschluß, die Erde von diesem Ungeheuer zu befreien und sein unschuldiges Schlachtopfer zu retten; doch ich ward in meiner Erwartung getäuscht; mein Mann kam mit einem Kind auf den Armen zurück; ihm folgte eine andere Person, die maskirt war, und mich sprachlos anstarrte. »›Sieh, da ist das Kind und eine volle Goldbörse,‹« sprach der erstere. »›Du weißt, was Du zu thun hast; geh, verlaß dieses Schloß und bedenke wohl, daß, wenn Du unsere Befehle nicht vollziehst, der Tod Deinem Verrathe auf dem Fuße folgen wird.‹« »Ich erwiderte nichts; ich nahm das Kind und die Börse, und mein Mann begleitete mich bis an das Thor; nachdem er mir dort seine Drohungen noch einmal wiederholt hatte, verließ er mich, und ich befand mich mit dem Kinde allein. »Arme Kleine!« rief ich, sie genau betrachtend, denn ich sah, daß es ein Mädchen von höchstens vier Jahren war; »sollte ich auch das Leben darüber verlieren, will ich Dich doch von der Wuth Deiner Feinde erretten!« Mein Entschluß war bald gefaßt: wenn ich im Dorfe blieb, mußte ich gewärtig sein, festgenommen zu werden; ich beschloß daher, ein anderes Asyl aufzusuchen; zwar konnte ich auch auf der Flucht ergriffen werden; aber ich dachte, der Himmel werde mein Beginnen segnen, und diese Hoffnung gab mir Muth. Wirklich machte ich mehrere Meilen ohne die mindeste Gefahr und gelangte endlich in einen ungeheuern Wald, wo ich wohl zu thun meinte, wenn ich einige Zeit verborgen blieb. »Das arme, mir vom Himmel anvertraute Pfand war der Gegenstand meiner zärtlichsten Sorgfalt. Ach! an Allem Mangel leidend, war ich genöthigt, ihr jeden Abend aus Baumzweigen eine Wiege zu machen, und Morgens, ehe sie erwachte, ging ich zitternd in eine Bauernhütte und kaufte dort die zur Fristung unseres Daseins notwendigen Lebensmittel. Durch ihre unschuldigen Liebkosungen machte mich die Kleine meine Leiden vergessen; sie nannte mich Vater, und ich beschloß, diese Stelle bei ihr zu vertreten. Ich nannte sie Pauline, und wünschte, es möchte ihr mit einem französischen Namen auch die Heiterkeit und Anmuth der Frauen meines Vaterlandes zu Theil werden. »Die Belohnung, welche stets jeder guten That folgt, ward auch mir endlich: kaum waren vierzehn Tage seit unserem Aufenthalt im Walde verstrichen, als ich erfuhr, daß die Oesterreicher in Eilmärschen gegen meinen Zufluchtsort anrückten; die Russen flohen vor ihren Siegern her, und bald sah ich mich mitten unter meinen Waffenbrüdern. »Nun nahm ich in ihren Reihen meinen frühern Grad wieder ein; aber ich war sehr in Verlegenheit wegen meiner kleinen Pauline, als mich der Zufall mit Madame Reinhard bekannt machte: sie war ihrem Sohn zum Heere gefolgt: er war gefallen und sie in der finstersten Verzweiflung. Ich machte ihr den Vorschlag, Paulinen, die ich für meine Tochter ausgab, als Mutter zu dienen; mit Freude willigte sie ein und reiste nach Offenburg, da sie ihren Sitz in der Gegend nehmen sollte. Ich hoffte, in kurzer Zeit zu ihr zu treffen, und auch meine Clementine wiederzusehen! Aber ach! ein Offizier, der beim Schloß Framberg vorübergekommen war, belehrte mich, daß meine Angebetete mich, wie Jedermann, für todt gehalten, den Grafen von Framberg geheirathet, einen Sohn von ihm gehabt hätte und nach kurzer Ehe gestorben sei. »Diese Nachricht schlug alle meine Plane künftigen Erdenglücks zu Boden. Ich dachte nur daran, mich durch den Tod wieder mit meiner Clementine zu vereinigen. Mehrere Schlachten wurden geliefert; ich suchte den Tod in den feindlichen Reihen, aber er blieb taub für meine Sehnsucht, und ich fand nur Ruhm. Ich wurde zum Kapitän gemacht, und die Zeit, sowie das Andenken an meine kleine Pauline vermochten endlich, meinen verzweiflungsvollen Schmerz zu stillen. Meine Winterquartiere brachte ich stets bei Derjenigen zu, die mich für ihren Vater hielt, und ich hütete mich wohl, sie vom Gegentheil zu belehren, damit ich ihr einen Kummer ersparte, der nur einen düstern Schimmer über die schönen Tage ihrer Jugend verbreitet hätte.« »Ich war so glücklich, als ich's sein konnte; Pauline betrachtete ich als meine Tochter und nie kam mir der Gedanke, jener Heinrich von Framberg, den Jeder Ihren Sohn nannte, könnte die Frucht meiner Liebe zu Clementinen sein. »Sehnsucht nach meinem Vaterlande trübte endlich meine Ruhe. Sie wissen das Weitere, Herr Oberst, und ich vermag nicht. Ihnen meine ganze Dankbarkeit auszudrücken.« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Wenig interessant, aber nothwendig. Wer vermöchte die Freude des Obersten Framberg zu schildern, wie er vernahm, Pauline sei nicht Heinrichs Schwester. »Sie können sich also ohne Gewissensbisse ihrer Zärtlichkeit hingeben? ...« sprach er zu d'Ormeville; »denn ich zweifle nicht, daß Sie ihre Liebe billigen. – Ach, Herr Oberst!« erwiderte der letztere, »glauben Sie, ich möchte meinen Sohn wiederfinden, um ihn unglücklich zu machen? Und haben Sie nicht überdies fortwährend die Rechte eines Vaters über ihn, da Sie ihm so lange Vater waren? Sie behalten diese ehrwürdigen Rechte, und ich würde Heinrich meiner Zärtlichkeit nicht würdig erachten, wenn er für Sie nicht stets die gleiche Liebe hegte.« Die beiden Freunde umarmten sich herzlich, indem sie einander zuschworen, für Heinrich und Pauline immer die Zärtlichkeit eines Vaters zu hegen. »Aber,« sagte der Oberst, »haben Sie nie einen Versuch gemacht, zu entdecken, wer die Eltern der armen Kleinen waren und woher die Ungeheuer kamen, welche ihren Tod wollten? – Ich gestehe, ich habe es nie zu entdecken gesucht. Erstlich dachte ich, ich würde mir vergebliche Mühe geben; ich hätte in ein Land zurückkehren müssen, wo ich Niemand kannte, um Leute aufzusuchen, die sicherlich meine Rückkunft bis zu ihrer Flucht nicht abgewartet haben werden, wie sie mir's auch vorher gesagt hatten. Dann dachte ich über die Lage meiner theuern Pauline nach; bei mir war sie glücklich, ruhig, und vielleicht störte ich ihre Ruhe, erweckte Feinde gegen sie durch Nachforschung nach ihren Eltern, welche sich ohne Zweifel wenig um sie bekümmerten, da sie nichts für ihre Wiederauffindung thaten. – Hinsichtlich des ersten Punkts haben Sie Recht, lieber d'Ormeville, in Betreff des zweiten bin ich jedoch nicht Ihrer Meinung; denn jetzt, wo Pauline Beschützer, Freunde an uns hat, die sie vor den Nachstellungen ihrer nichtswürdigen Feinde zu bewahren wissen, was sollte sie fürchten, wenn wir ihre Herkunft zu Wiedererlangung ihres Vermögens zu entdecken suchen? Denn Vermögen muß sie haben, daran zweifeln Sie nicht, mein Freund! es gibt stets Leute, die um Gold der größten Verbrechen fähig sind. – Ich denke wie Sie; wie es aber angreifen? welche Mittel in Anwendung bringen? – Darüber wollen wir uns besinnen. Mir fällt ein ... ja, die wir suchen, sind mir vielleicht nicht unbekannt. – Was wollen Sie damit sagen? – Denken Sie noch an Ihr Abenteuer im Walde bei Straßburg, wo Heinrich Ihnen das Leben rettete? – Ha! das werde ich nie vergessen! – Haben Sie sich nicht besonnen, daß diese beiden Männer, welche keine gewöhnlichen Mörder waren, Abgesandte Derer sein konnten, die Ihnen das Kind übergaben, und Sie für Nichtbefolgung Ihrer Befehle bestrafen wollten? – Einen Augenblick habe ich es gedacht; wie soll ich aber annehmen, daß ich Leute in Frankreich und in meiner Nähe wiederfinde, welche so vieles Interesse hatten, mich zu fliehen? – Gewiß wurden Sie hier nicht gesucht; allein wenn Sie dennoch erkannt worden wären ... Erinnern Sie sich, daß man Sie für einen Oesterreicher von Geburt hielt, nicht denkend, Sie in Frankreich zu finden, und es für einen Grund mehr ansah, sich hier anzusiedeln. – Sie öffnen mir die Augen, bester Oberst, und ich zweifle jetzt nicht mehr, daß die Schurken, die an mein Leben wollten, die nämlichen sind, welche meiner Pauline den Tod geschworen hatten. – So vernehmen Sie denn, wie ich sie zu entdecken hoffe: Als Heinrich das Gespräch der beiden Elenden hörte, hatte er Zeit genug, ihr Gesicht genauer zu betrachten; stellen Sie sich seine Ueberraschung vor, als er in dem Herrn des kleinen Hauses im Walde, wo ich gastfreundliche Aufnahme gefunden hatte, denjenigen Ihrer Mörder erkannte, der bei Heinrichs Annäherung der ihm gebührenden Strafe sich durch die Flucht entzogen hatte. – Wär's möglich? ... Und dieser Mensch? ... – Konnte Heinrich nicht wiedererkennen, weil die Zeit zu genauer Betrachtung zu kurz gewesen war; allein es mag sein, daß er Verdacht schöpfte: in der Nacht vor unserer Abreise hatte er sein Haus verlassen. – Ich bin überzeugt, er könnte uns von dem, was wir gerne wissen möchten, unterrichten; wo ihn aber jetzt finden? – Das wird uns gelingen, daran zweifeln Sie nicht. Im ersten Augenblick, wo Heinrich mich damit bekannt machte, weigerte ich mich, einen Menschen zu bestrafen, der gastfreundlich gegen mich gewesen war; aber jetzt, wo ich von all seinen Verbrechen unterrichtet bin, will ich ihn entdecken, und sollte ich ihn am Ende der Welt suchen müssen. – Ich werde Ihnen beistehen, Oberst, und es wird uns gelingen, dem Gottlosen die Maske abzureißen.« Ueber diesen Punkt einig, dachten die beiden Freunde, das Dringendste sei, mit ihren Kindern zusammenzutreffen, und der Oberst, der in Erfahrung gebracht hatte, daß Müller und Heinrich auf dem Schlosse seien, schrieb an den ersten und setzte ihm das Vorgefallene auseinander. Er trug ihm auf, seinen Kindern das Vergnügen einer so glücklichen Nachricht zu bereiten, und damit Alle bälder vereinigt werden, sollte Müller ihm und d'Ormeville mit Heinrich und Pauline entgegenkommen. Nachdem dieser Brief einmal fort war, schickten sich der Oberst und sein Freund zur Reise nach Schloß Framberg an. Lassen wir sie reisen und kehren wir ins Schloß zurück. Als Pauline den Brief des Obersten zu Ende gelesen hatte, stimmte sie in Müllers Freudenausbrüche ein, und ihre Gemüthsbewegung war so stark, daß sie ihr beinahe unheilbringend geworden wäre, und sie aufs Neue den Gebrauch ihrer Sinne verloren hätte. »Alle Wetter! ...« sagte Müller, Alles in Allarm setzend, »da habe ich mit meinem Teufelskopfe abermals dummes Zeug gemacht, und dafür, daß ich ihr zu viel Freude machen wollte, werde ich sie ohne Laufpaß in die andere Welt befördern! ... Seiner Befürchtungen ungeachtet, kam Pauline wieder zu sich und befand sich besser als je. »Ha! Bomben und Granaten!« sprach unser Husar zu ihr, »bleiben Sie mir mit Ihren Ohnmächten vom Leibe, sonst verliere ich am Ende noch den Kopf darüber.« Pauline wollte sich sogleich ankleiden, um ihren Wohlthätern entgegenzugehen. »Einen Augenblick!« sagte Müller, »ich habe keine Lust, Sie unterwegs wieder in Ohnmacht zu sehen, und da dies leicht vorkommen könnte, reisen wir erst übermorgen, denn Sie sind noch zu schwach.« Trotz Allem, was Pauline über ihre Gesundheit sagen mochte, war Müller unerbittlich. »Es thut mir eben so leid als Ihnen,« sagte er, »denn ich brenne, meinen Oberst wieder zu sehen, aber ich bin durch Schaden klug geworden und Sie müssen sich gedulden.« Nachdem der erste Freudentaumel vorüber war, seufzte Pauline und sah traurig nach dem Himmel; Müller seinerseits ward nachdenklich und legte die Faust ans Ohr, wie er zu thun pflegte, wenn etwas mit ihm umging. Nach halbstündigem Schweigen blickten beide einander an. »Ich errathe, was Sie mir sagen wollen ...« sprach Müller zu Pauline; »im ersten Augenblick unserer Freude hatten wir ihn vergessen; aber das konnte nicht lange dauern. – Ach! ... wo er jetzt sein mag? – Er beweint sein Vergehen wie ein Büßender! ... O! hätte er den Muth gehabt, festen Fußes die Begebenheiten zu erwarten, so würde er uns nicht in diese Verlegenheit gebracht haben! ... Denn was werden wir ohne ihn vor den uns Erwartenden thun? ... Was wird mein Oberst sagen? ... – Was wird sein Vater sagen, der ihn bald in seine Arme zu drücken wähnt? ... – Was werden wir sagen, wenn man uns um die Ursache seiner Flucht fragt? ... Ha! tausend Schwadronen! ich glaube, ich fürchte mich jetzt eben so sehr vor dem Anblick meines Obersten, als ich vor einer Weile ungeduldig war, mich an seinen Hals zu werfen.« Endlich bedachte er, daß er mit Hülfe des Obersten und d'Ormeville's Heinrich leichter entdecken könne, und sie alsdann Alle vollkommen glücklich wären. Durch diese Betrachtungen beruhigt, versuchte er auch Pauline zu trösten, was ihm ohne Mühe gelang. Der Glaube an seine Gründe machte ihr zu viel Vergnügen, als daß sie ihn hätte bekämpfen wollen. Die zwei Tage verstrichen, und Frank, von Müller mit den Zurüstungen zur Reise beauftragt, meldete, daß der Reisewagen vorgefahren sei. »Nun, so reisen wir,« sprach Müller und schickte nach Pauline. Mittlerweile studirte er eine Rede für seinen Oberst ein, denn er fürchtete den ersten Augenblick des Zusammentreffens. Er ging im Hofe auf und ab, trat unter das Thor, schaute hinaus ins Freie und sprach bei sich selbst: »Wo ist jetzt dieser böse Geist? ... was treibt er jetzt? Ha! wenn er sein Glück kennte! ... Aber nein, er läuft lieber ins Weite und läßt mich fluchen, als daß er zu mir zurückkommt ... Dieser Zögling hat mir schon manchen Knoten aufzulösen gegeben.« Bald kam Pauline herab; sie warf wehmüthige Blicke auf das Schloß, wo ihr in so kurzer Zeit so Manches aufgestoßen war. Müller half ihr in den Wagen, wobei er sagte: »Sehen Sie, ich habe eine geheime Ahnung, daß wir bald und fröhlicher hieher zurückkommen werden, als wir ausgegangen sind. – Möchtest Du wahr sprechen! ...« erwiderte sie seufzend. Müller setzte sich neben sie, Frank stieg als Postillon auf den Bock, und so fuhren sie ab. Nur einmal hielt der Reisewagen zum Pferdewechsel bis Blamont an: dort stiegen unsere Reisenden im Posthause ab, um die Nacht daselbst zuzubringen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Frevelthat, Schicksalslaune. Der Gasthof war mit Reisenden angefüllt; die Leute rannten hin und her, ohne zu wissen, wem sie Rede stehen sollten. Müller und seine Begleiter kostete es alle Mühe, bis zum Wirthe durchzudringen: endlich trafen sie ihn. »Herr Wirth,« redete Müller ihn an, »gebt uns schnell Zimmer mit Betten und ein Nachtessen. – He ... Herr ... Hu ... Hus ... Husar ... es ge ... ge ... es ge ... geschähe mit vie ... mit viel ... Ver ... Vergnü ... gnü ... gen, aber es ... – Nun was denn? bemüht Euch, deutlicher zu sprechen. – I ... ich, ich habe nur ei ... ein sehr schö ... schönes mit einem Be ... Bett. – Nun, das soll ja der Teufel holen! ...« sagte Müller, »was machen wir da?« Pauline war indeß zu ermüdet, um weiter zu reisen; Müller bat sie daher, das noch übrige Zimmer zu nehmen, in der Hoffnung, er und Frank würden schon irgendwo eine Schlafstelle finden, und wäre es auch auf einem Dachboden. Er gab dem Wirth ein Zeichen, sie in das fragliche Zimmer zu führen, denn er wollte es vermeiden, mit ihm zu sprechen, so sehr ärgerte ihn sein Stottern. Pauline ward in ein hübsches Gemach geführt, dessen Fenster auf die Straße gingen, und da sie nichts genießen mochte, wünschte sie Müller'n gute Nacht, mit dem Bedeuten, er solle morgen früh kommen und sie zur Reise abholen. Müller und Frank hatten keine Lust, ohne Nachtessen sich niederzulegen, deßhalb fragten sie den Wirth, wo sie am schnellsten bedient sein würden. »We ... wenn ... die Herren a ... a ... an ... die ... die ... – Bomben und Granaten! werdet Ihr's einmal herausbringen? ... – A ... A ... An ... die ... die Ta ... – Zum Teufel mit dem verdammten Stotterer mit seinen A, A, A, Die, Die, Die, Ta, Ta, Ta, und We, We, We; potz Schwerenoth! ich glaube, er belustigt sich damit, uns die Psalmen des Königs David vorzuabecediren! ... – Je ungeduldiger Ihr werdet, Herr, um so weniger bringt er heraus,« sagte Frank. – »Das ist sehr erfreulich! so nimm Du ihm eine Erklärung ab, denn mich wandelt die Lust an, ihm die Zunge mit Säbelhieben zu lösen.« Frank war geschickter als Müller, der Wirth führte sie zur Table d'hôte , wo man zu Nacht speiste. »Nun zu Nacht an die Table d'hôte gesessen, nachher wollen wir an die Betten denken.« Das Zimmer der Abendtafel war stark besetzt; beim Eintreten bemerkte Müller indeß, daß ein Mann eiligst von der Tafel aufstand, sein Schnupftuch vor's Gesicht hielt und aus dem Zimmer ging; unser Husar gab wenig darauf Acht und setzte sich an dessen Stelle. Müller und Frank saßen eine Weile ruhig bei ihrem Essen, kümmerten sich wenig um die übrigen Reisenden, die zusammen schwatzten, als zwei wie Fuhrleute gekleidete Männer ins Gemach traten und Müller und seinem Gefährten gegenüber Platz nahmen. Nicht lange, so entspann sich ein Gespräch zwischen ihnen und den Neuangekommenen; diese schienen Lebemänner zu sein, tranken tüchtig und schwatzten viel. Sie brachten Müller auf das Kapitel von seinen Schlachten, und wenn derselbe einmal im Zuge war, hörte er nicht so bald wieder auf; sein Kopf erhitzte sich und er glaubte sich noch mitten im Tumult des Gefechtes. Die beiden Reisenden schienen seiner Erzählung viel Aufmerksamkeit zu schenken und munterten ihn auf, fortzufahren; während des Redens ward wacker gezecht und das Gespräch zog sich dergestalt in die Länge, daß Müller die Nacht vielleicht unter dem Tische zugebracht hätte, wenn er nicht Frank schon schnarchend neben sich gefunden hätte. »Jetzt zu Bette,« rief er, vom Tische aufstehend. Er wankte ein wenig, doch konnte er sich noch aufrecht erhalten. Die beiden Wanderer riefen den Wirth und gaben sich viele Mühe, für Müller und seinen Gefährten ein Zimmer zu finden. Zum Dank klopfte ihnen unser Husar freundschaftlich auf die Schultern und schwur, sie seien gute Kerls. Durch die Sorgfalt der beiden Unbekannten ward ihnen wirklich ein Zimmerchen zu Theil, freilich nur in den Mansarden, aber sie hätten auf der Bühne geschlafen ... Man geleitete sie hinauf und bald schnarchten sie in harmonischem Verein. Eben schlug es zehn Uhr, als Müller am andern Tage erwachte. »Donnerwetter!« rief er, »das ist eine saubere Aufführung! ... Aber mir fällt auch ein, daß wir gestern Nacht mit zwei Teufelskerls tranken, wie die Tempelritter. Tausend Bomben! die verlorene Zeit muß eingebracht werden!« Damit rüttelte er Frank, der noch immer schlief, und beide kleideten sich eiligst an. »Ich bin gewiß,« sprach Müller, »Fräulein Pauline wartet schon mehr als zwei Stunden auf uns! Wir wollen uns sputen, damit sie nicht länger in Ungeduld ist.« In großen Sätzen war er die Treppe hinab und vor dem Zimmer, wo Pauline geschlafen. Er klopft mehrmals, keine Antwort. »Sie war des Wartens überdrüssig und geht ohne Zweifel im Garten spazieren,« dachte Müller; schnell begibt er sich durch den Hof nach dem Garten. Auf dem Wege trifft er den Wirth, der ihn anhält: »Wo .. wo .. geht, geht der Herr hin? – Zum Henker, ich suche die junge Dame, die in diesem Flügel da schlief, und nicht mehr in ihrem Zimmer ist; wahrscheinlich ging sie in den Garten. – Du.. Durch.. Durchaus nicht; der Herr weiß wohl, daß .. daß sie abgereist ist. – Was, abgereist! ... nein, dreifaches Donnerwetter! das weiß ich nicht; aber das kann nicht sein, sagt, wann? wie? mit wem? – So .. so .. so eben! – Ist's möglich? – Mit einem Mann, we ... we ... we ... we ... – Geht zum Teufel mit Eurem We, We, We,« schrie Müller, außer sich vor Wuth, und stößt den Wirth unsanft von sich, der mit dem Hintertheil auf einen großen Hofhund fällt, welcher, durch diesen unverhofften Angriff erschreckt, den Ruhestörer in sein Sitzleder beißt. Müller zweifelt nicht, daß dahinter etwas Besonderes stecken müsse, und entschließt sich, schnell Paulinen nachzusetzen. »Welchen Weg hat sie eingeschlagen?« fragte er ein junges, vor der Thüre sitzendes Dienstmädchen. – »Die Straße nach Lüneville, Herr.« Unser Husar springt unverweilt auf das erste ihm unter die Hand fallende Pferd und jagt spornstreichs auf der Straße nach Lüneville davon. »Sie ist so eben erst abgereist, hat man mich versichert,« sprach Müller bei sich selbst, »also kann sie noch nicht sehr weit sein: ich hätte auf Frank warten, ihn unterrichten sollen! ... aber der vermaledeite Wirth hat mich auch so sehr geärgert!« Während dieser Betrachtungen kam es ihm vor, als höre er Geschrei in einiger Entfernung; er eilt auf den Ort zu, woher es kam, und erblickt einen stillstehenden Reisewagen: »Wir wollen einmal sehen, ob es ist, was ich suche.« Alsbald spornt er sein Pferd zu höchster Eile; er kommt näher und erkennt eine Frau, die aus dem Wagen springen will, aber durch einen Mann daran verhindert wird. Diese Frau ist Pauline, und in dem Mann erkennt Müller einen von Denen, welche ihm am vorigen Abend mit so vielem Vergnügen zuhörten. »Ha! zweifacher Verräther! Du sollst mir's bezahlen,« rief unser Husar und sprengte auf denselben los. Aber wie kommt's, daß der Wagen hält? das muß seinen Grund haben.« Degengeklirr lenkt Müllers Blicke auf eine andere Seite, und er sieht zwei Männer in hitzigem Kampfe mit einander. »Gut,« spricht er, »einer davon ist der Vertheidiger Paulinens!« Aber unser Husar ist in Verlegenheit, er weiß nicht, wohin er sich wenden soll; endlich denkt er, er müsse zuerst Denjenigen retten, der sein Leben zu Paulinens Schutz einsetzte. Er eilt daher auf die Fechtenden zu... Aber, o neue Ueberraschung! der Eine ist Herr von Monterranville, dem er schon lange gern den Garaus gemacht hätte, und der Andere, o unverhofftes Glück! sein theurer Heinrich, nach dem er schon so lange seufzte! Durch welchen Zufall befand er sich da und zu so gelegener Zeit, um die Entführung seiner Pauline durch einen Bösewicht zu verhindern, der sie verderben wollte? das wollen wir dem Leser im folgenden Kapitel mittheilen; dazu aber müssen wir zu dem Augenblick zurückgehen, wo sich unser Held so plötzlich vom Schloß entfernte. Vierundzwanzigstes Kapitel. Kurz und traurig. Man wird sich erinnern, daß Heinrich sich mitten in der Nacht von dem Schlosse in einem Zustand von Geistesverwirrung entfernte, der ihm weder erlaubte, sich zu besinnen, wohin er gehen, noch zu bedenken, was aus ihm werden sollte. Die Erinnerung an sein Verbrechen trübte seine Vernunft und lastete schwer auf seiner Seele. »O, mein Gott!« jammerte er, »der du mir ein gefühlvoll Herz gegeben, um mit Leidenschaft zu lieben, und eine Seele, die zu schwach ist, um eine verbrecherische Zärtlichkeit zu überwinden, nimm mir das Leben oder entferne aus meinem Gedächtniß das Bild Derjenigen, die meine Marter und meine Seligkeit ist, und die mein Vergehen vielleicht ins Grab stürzt!« Nachdem Heinrich einen ganzen Tag über Stock und Stein gelaufen war, vermochte er der Müdigkeit nicht mehr zu widerstehen und sprach in einer Köhlerhütte ein. Er befand sich nun mitten im Schwarzwald, in der Nähe von Freudenstadt. Der arme Heinrich, erst von einer langen Krankheit erstanden, war außer Stands, so herben Schmerz zu ertragen, und kaum war er bei dem guten Landmann, als er zum zweitenmal krank darniederfiel. Er hatte indeß beim Eintritt seinem Wirth tiefes Schweigen über seinen Aufenthalt bei ihm auferlegt, und dieser das Geheimniß gewissenhaft bewahrt. Der wackere Husar ließ es sich gewiß nicht einfallen, daß sein geliebter Zögling so nahe bei ihm sei, daß ein hitziges Fieber ihn verzehre und daß er, von Kummer und Leiden niedergedrückt, als einzigen Beistand nur einen armen Köhler habe, der selbst an Allem Mangel litt. Müller wäre zu ihm geflogen, um über seine Tage zu wachen, aber das Schicksal hatte es anders verordnet. Nach sechs Wochen war er endlich so weit genesen, daß er den Schwarzwald verlassen konnte. Er sagte seinem Wirthe Lebewohl und ging weg, ohne zu wissen wohin. Da er sich indeß vom Schloß Framberg entfernen wollte, schlug er die Straße nach Frankreich ein und verweilte einige Zeit in Straßburg. Er quartirte sich in dem Hause ein, wo er seine theure Pauline wiedergefunden, in jenem Hause, wo er die glücklichsten Augenblicke seines Lebens an der Seite Derjenigen genossen hatte, die er damals seine Gattin nannte. Zwei Monate blieb er hier, dann beschloß er, zu seiner Zerstreuung nach Paris zu gehen. Auch war seine Absicht dabei, hier die Nachforschungen nach seinem Vater, den er so sehnlich zu kennen und zu umarmen wünschte, wieder aufzunehmen. Es war ihm unbekannt, daß sein edler Wohlthäter die Sache bereits über sich genommen und zu einem glücklichen Ende geführt hatte. Der Zufall wollte, daß Heinrich in demselben Gasthofe in Blamont rastete, wo Müller und sein Begleiter abgestiegen waren. Er saß an der Table d'hôte , als diese in den Saal traten. Heinrich erkannte sie auf der Stelle, und da er von Müller nicht gesehen werden wollte, ging er, das Sacktuch vor's Gesicht haltend, schnell hinaus. Er begab sich in sein Zimmer und hier fiel es ihm ein, Pauline werde vielleicht Müller begleiten. Seiner Neugierde nicht Meister, stieg er hinab in den Hof, befragte eine Magd vom Hause, die ihn wirklich von der Ankunft einer jungen Dame, so wie er sie beschrieb, in Gesellschaft des Husaren, unterrichtete und ihm sagte, dieselbe habe in einem Zimmer des ersten Stocks ihr Nachtlager genommen. In der Ueberzeugung, daß Pauline, Müller und Frank mit einander reisten, suchte er den Beweggrund ihrer Reise zu ergründen und konnte keinen andern auffinden, als daß sie noch in seiner Verfolgung begriffen seien. Mit dem festen Entschluß, sich nicht zu zeigen, ging er wieder in sein Zimmer, unter Betrachtungen über dieses Zusammentreffen; aber der Gedanke, seine Pauline ruhe unter einem Dache mit ihm, gönnte ihm keinen Augenblick Ruhe. So wie der Tag graute, war Heinrich auf den Beinen. Das Verlangen, Pauline wieder zu sehen, trieb ihn fort und er stellte sich vor dem Thore des Gasthofs auf die Lauer, ungeduldig auf ihre Erscheinung harrend. Nach ziemlich langem Warten fing sein Muth zu sinken an, und er wollte gerade den Platz räumen, als er die so sehnlich Herbeigewünschte, an sich vorüberkommen sah; aber Müller und Frank waren nicht dabei: ein einziger Mann, ein Mann, den Heinrich nicht kannte, schien sie zu geleiten. Erstaunt hierüber folgte ihnen unser Held in ziemlicher Entfernung. Am Saume des Waldes fielen zwei Männer über Pauline her und trugen sie ein paar Schritte weit in einen Reisewagen; vergebens sträubt sich Pauline und schreit nach Hülfe, sie ist bald im Wagen, und ihr Führer steigt auf den Bock und peitscht auf die Pferde los, die in raschem Trabe davonfliegen. Heinrich war Paulinen zu Hülfe geeilt; aber er war zu sehr entfernt, als daß er hoffen durfte, sie ihrem Entführer abjagen zu können. Doch Liebe und Wuth geben ihm Flügel, er läuft mit solcher Geschwindigkeit, daß es ihm bald gelingt, den Wagen einzuholen. Nun schreit er dem Postillon zu, er solle anhalten: da dieser nicht auf ihn hört, sondern seinen Weg fortsetzt, greift Heinrich zu dem einzigen noch übrigen Mittel, seine Freundin zu retten: er feuert eine Pistole auf den Kutscher ab, und dieser stürzt todt nieder auf den Weg. Da hielt der Wagen sogleich still; ein Mann steigt wie rasend heraus und springt mit dem Degen in der Hand auf Heinrich los; dieser erkennt ihn, es ist Herr von Monterranville, der Mörder im Walde. »Komm her, Elender!« rief er ihm zu; »komm her und empfange den Lohn Deiner Schandthaten.« Festen Fußes erwartet er seinen Gegner und beide fallen einander mit gleicher Wuth an; in diesem Augenblick fand sich unser Husar auf dem Kampfplatze ein. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Glückliches Zusammentreffen. »Ha! ha! ... Galgenschwengel!« schrie Müller, auf die Kämpfenden zueilend, »Du wagst, Dich mit meinem Zöglinge zu messen! Warte, warte, wir wollen Dir zeigen, ob unsere Klingen scharf sind.« Aber er kam zu spät, um noch das Vergnügen zu haben, selbst drein zu schlagen, denn während er sprach, erhielt Herr von Monterranville von Heinrich einen Degenstich, der ihn zu den Füßen unseres Husaren niederstreckte. »Bravo! bravo! lieber Heinrich,« sagte Müller, seinem Zöglinge um den Hals fallend; »nun sind Sie meiner ganz würdig, denn der Schurke focht wie ein Rasender. Aber da sehe ich noch Einen das Hasenpanier ergreifen. Ah! der ist für mich.« Mit diesen Worten galoppirt Müller dem Fliehenden nach, demselben, der Pauline während des Kampfes bewacht hatte, aber durchgegangen war, sobald er seinen Herrn niedergestreckt sah. Da er einen starken Vorsprung hatte, wäre er ihm entkommen, hätte nicht unser Husar in der Ferne eine Postchaise von der Seite heranrollen sehen, auf welche der Fliehende zusprang. »Versperret ihm den Weg! Haltet den Schurken fest! ...« schrie Müller sogleich. Sei es, daß man ihn verstand oder daß man errieth, was er sagen wollte, der Wagen hielt, zwei Männer steigen aus und versperren dem Flüchtling den Weg. Er ist bald gepackt: Müller geht auf die Reisenden zu, ihnen seinen Dank abzustatten und wirft sich dem Oberst Framberg und seinem Freunde, denn diese waren es, an die Brust. Der Oberst und d'Ormeville, überrascht durch dieses seltsame Zusammentreffen, richten tausend Fragen an ihn. »Kommt,« sprach er, »folget mir, Ihr werdet sie sehen und saubere Geschichten über den Schurken von Monterranville hören! ... doch wollen wir den da nicht entkommen lassen! ... Von ihm wollen wir alle Umstände der Entführung vernehmen.« Die beiden Freunde verstehen nichts von dem Allem, folgen aber Müller'n nichtsdestoweniger auf den Kampfplatz, wo Heinrich den Schrecken seiner geliebten Pauline stillte. Der arme Heinrich war außer sich vor Freude; ein Wort von ihr war hinreichend gewesen, ihn glücklich zu machen; sich ihm in die Arme werfend, hatte sie gesagt: »Du bist nicht mein Bruder!« »Sieh, da ist Dein Vater,« sprach sie, als sie d'Ormeville erkannte. – »War's möglich? großer Gott! ... Sie sind's ...« Und schon lag Heinrich in den Armen des Urhebers seiner Tage. Die allgemeine Freude grenzt bis an den Wahnsinn; der Oberst, d'Ormeville, Heinrich, Pauline, Müller herzen einander: nun sind sie vereinigt! Sie dürfen sich also lieben, es ist kein Verbrechen mehr, nach so vielem Kummer, so vielen Widerwärtigkeiten! Ihr gebeugtes Gemüth vermag dieses Uebermaß von Glück kaum zu ertragen, und Thränen der Rührung füllen ihre Augen. »Ah! ... tausend Millionen Patronen, wir sind Sieger!« rief Müller, indem er seinen Tschako hoch in die Lüfte warf, aber nicht ohne Mühe, denn der Platz hat sich lange gehalten.« Als sich die ersten Ausbrüche der Freude etwas gelegt hatten, dachte man an die Weiterreise nach Schloß Framberg; doch ein klägliches Stöhnen erregte ihre Aufmerksamkeit: sie erblickten den Herrn von Monterranville, der noch athmete und durch Zeichen bedeutete, man möchte ihm zu Hülfe kommen. »Man darf diesen Menschen nicht liegen lassen,« sagte der Oberst; »seine Geständnisse können uns von großem Nutzen sein und uns endlich über das Herkommen unserer geliebten Pauline in's Klare setzen.« Alles stimmte dem Oberst bei, und man verfügte sich zu dem Verwundeten. »Ich fühle,« sprach er, »daß ich nur noch wenige Augenblicke zu leben habe; da aber meine Erklärungen die Vermögensverhältnisse dieses jungen, vielfältig von mir verfolgten Frauenzimmers begründen werden, so führet mich an den nächsten Ort, und dort will ich Euch vor dem Notar die Geschichte meines jämmerlichen Lebens erzählen, wenn mir noch die Kraft dazu bleibt.« Man that, was der Sterbende begehrte; Müller und Frank fertigten eine Tragbahre, auf welche man ihn legte. Der Postillon war todt und wurde auf dem Platz gelassen, bis die Gerechtigkeit selbst an Ort und Stelle Untersuchung anstellte; den andern Spießgesellen des Verwundeten führte man mit sich nach Blamont, von wo man nicht sehr entfernt war. In der Herberge angelangt, ließ der Oberst einen Arzt, einen Notar und Zeugen kommen. Der Arzt erklärte nach Besichtigung der Wunde des Herrn von Monterranville, daß derselbe nur noch wenige Augenblicke zu leben habe, und daß man diese benützen müsse, wenn man seiner Aussagen bedürfe. Alles versammelte sich sogleich im Zimmer des Kranken, der nicht ohne Mühe folgende Erzählung lieferte: Geschichte des Herrn von Monterranville. »Jetzt, wo der Tod über meinem Haupte schwebt, wo mein Wesen seiner Auflösung nahe ist, schaudere ich zurück, wenn ich mir all die Verbrechen wieder vorführe, zu welchen Neid und Habgier mich antrieben! ... Die Binde vor meinen Augen ist gefallen! ... Gewissensbisse zerfleischen mein Inneres! ... und ich vermag mir keine Täuschung mehr zu machen! ... Ach! ... wie schrecklich sind sie, die letzten Augenblicke des Verbrechers! ... kein Trost bleibt ihm mehr! ... Die Welt, von der er scheidet, blickt ihm mit Abscheu nach! ... und kein Andenken an eine gute That mildert seine Qual. »O Du interessantes Weib, das ich seit seiner Kindheit verfolge! ... wie sehr wirst Du erröthen, wenn Du in dem Elenden, den Du vor Dir hast, Deinen Oheim erkennst! ...« »Meinen Oheim! ...« rief Pauline überrascht. – »Ihr Oheim!« wiederholen alle Anwesenden. Der Verwundete winkte, man möchte auf ihn hören, und fuhr folgendermaßen fort: »Mein wahrer Name ist Drogluski; ich bin in Smolensk geboren; der Palatin, mein Vater, war unermeßlich reich und hatte keine andern Kinder, als mich und meine Schwester, die zwei Jahre jünger war. »Von meiner zartesten Kindheit an nährte ich den tätlichsten Haß gegen diese Schwester, weil ich voraussah, daß ich das reiche Erbe unseres Vaters, dessen alleinigen Besitz mich meine Habgierde wünschen ließ, mit ihr werde theilen müssen. »Das Unglück wollte, daß ich einen gewissen Stoffar in meine Dienste nahm, den niederträchtigsten Bösewicht, den je die Erde getragen. Da er meinen Haß gegen meine Schwester gewahrte, schmeichelte er meinen Leidenschaften, wußte mein Zutrauen zu gewinnen und ward bald mein innigster Vertrauter. »Belliska, meine Schwester, war täglich der Gegenstand meines Neides und meiner Bosheit; ohne Klage ertrug sie alle meine Quälereien und Plagen. Allein sei es, daß mein Vater darum wußte, sei es, daß er meinen heimtückischen Charakter durchschaute, er schrieb mir ein Drittel seiner Güter zu, gab das Uebrige meiner Schwester und befahl mir, die Gegend zu verlassen, die er bewohnte. »Wuth im Herzen, Rache brütend entfernte ich mich und kaufte unfern Wilna ein kleines, einsam stehendes Schloß, wohin ich mich mit Stoffar zurückzog, um ungehindert über die Mittel nachzusinnen, wie ich die Verabscheute verderben könne. »Ungefähr ein Jahr war ich in diesem Schloß, als ich den Tod meines Vaters vernahm. Weit entfernt, mich über diese Nachricht zu betrüben, vermehrte solche nur meinen Haß für Belliska und bestärkte mich in meinen Racheplanen. Sie war damals eine der reichsten Erbinnen Rußlands und ihr Vermögen der Gegenstand all meiner Hoffnungen, denn das mir Zugefallene hatte ich schon größtenteils verpraßt. »Während ich mit Stoffar über die Maßregeln berieth, die wir ergreifen sollten, vermählte sich meine Schwester mit einem jungen, russischen Offizier, den sie liebte. Diese Nachricht verdoppelte meine Verzweiflung. »»Wir haben zu lange gezögert, gnädiger Herr,«« sprach Stoffar, »»jetzt müssen Sie handeln und meinem Rathe folgen. Begeben Sie sich zuerst zu Ihrer Schwester, stellen Sie sich, als hätten Sie die obgewalteten Zwistigkeiten vergessen und bezeigen Sie ihr die zarteste Freundschaft.« »Ich befolgte diesen Rath, ohne gerade zu wissen, welches sein Plan war. Meine stets gütige Schwester empfing mich mit offenen Armen und stellte mir ihren Gatten vor, der mich gleichfalls aufs Schmeichelhafteste aufnahm. Sie luden mich ein, einige Zeit bei ihnen zu bleiben; ich sagte zu. »Bald wurden indeß unsere Plane noch weiter durchkreuzt durch die Geburt eines Töchterchens, welchem meine Schwester das Leben gab und den Namen Gliska beilegte. Du warst es, unglückliche Pauline! ... und mit Deinem Eintritt in die Welt schwur ich Dir unerbittlichen Haß. »Der Zufall, der meine Plane zu begünstigen schien, wollte, daß der Graf Benjowski, Dein Vater, zur Armee berufen wurde, um an der Spitze seines Regiments gegen die Schweden zu kämpfen. Mit bitteren Thränen schied meine Schwester von ihrem Gemahl, der mich aufforderte, sie während seiner Abwesenheit nicht zu verlassen und ihr Beschützer zu sein. Ich versprach's ... Ach! er wußte nicht, welchem Ungeheuer er sein Theuerstes vertraute! »Der Unstern, der über Belliska waltete, ließ ihren Gatten im ersten Treffen getödtet werden. Die Nachricht hievon erfüllte mich mit Freude; ich sah mich dadurch eines Hindernisses zu meinem Glück entledigt; ich war es müde, eine Freundschaft für meine Schwester zu heucheln, die meinem Herzen so ferne lag; überdies wollte ich ihrer Reichthümer genießen, und Stoffard sagte, es sei nun Zeit zu handeln. »Jetzt werdet ihr vor Abscheu zurückschaudern! ... Doch ich kann das Bekenntniß einer fürchterlichen Schandthat nicht langer verschieben. Vernehmet also, daß ein vergifteter Trank mich für immer von der Verhaßten befreite ... Ihr schaudert? ... Hört mich zu Ende! »Um jedem Verdacht auszuweichen, trug ich Sorge, nur ein langsam wirkendes Gift zu nehmen. Mein Opfer schleppte sich daher gegen sechs Monate herum, ehe es starb. Während dieser Zeit verdoppelte ich meine Aufmerksamkeiten gegen sie, um ihr Vertrauen desto besser zu gewinnen. »Als meine Schwester ihr Ende herannahen fühlte, hegte sie die Ueberzeugung, daß der Gram über den Tod ihres Gatten sie ins Grab führe. Sie beschied mich an ihr Sterbebett, empfahl mit ihre Tochter, ernannte mich zu deren Vormund und starb, ohne geahnt zu haben, daß ihr Bruder ihr Mörder sei. »Nun hinderte mich also nur noch das Dasein der kleinen Eliska, die Reichthümer meiner Schwester zu erben. Ich nahm sie mit mir in mein einsames Schloß, um dort über ihr Schicksal zu beschließen. Stoffar rieth mir, sie umzubringen; aber durch ein Uebermaß von Vorsicht, das mir unheilbringend ward, wollte ich irgend einen unglücklichen Fremdling, dessen Schwatzhaftigkeit wir nicht leicht zu fürchten hätten, mit diesem neuen Verbrechen belasten. »Sie erinnern sich, mein Herr,« sagte Drogluski, sich an d'Ormeville wendend, »wie Stoffar Sie entdeckte und Sie für passend zur Ausführung unseres Vorhabens erachtete. Wir wußten, daß Sie in österreichischen Diensten standen, wir hielten Sie für einen Oesterreicher. Bei meiner Absicht, nach Frankreich auszuwandern, fürchtete ich nicht, Sie je wieder zu treffen; zudem sahen Sie mich bei Ueberlieferung des Kindes nur maskirt. »Nachdem die Sache einmal abgemacht war, gab ich meine Nichte für todt aus und nahm die ganze Erbschaft meiner Schwester in Besitz. Mein sehnlichster Wunsch war, ein Land zu verlassen, das mir all meine Missethaten ins Gedächtniß zurückrief: ich veräußerte daher schnell meine Güter und ging mit Stoffar nach Frankreich. »Unweit Straßburg kaufte ich das kleine Häuschen, das ihr kennt; seine vereinzelte Lage sagte mir zu, und ich zog mich auf einige Zeit dahin zurück, wenn ich mich an den Vergnügungen und Ausschweifungen übersättigt hatte, denen ich mich in Paris mit meinem würdigen Vertrauten unaufhörlich hingab. »Jetzt habe ich euch nur noch die Begebenheiten zu erzählen, an denen ihr Theil nahmet. Eines Tages erkannte Stoffar zu Straßburg in Herrn d'Ormeville Denjenigen, dem wir das Kind meiner Schwester anvertraut hatten. »»Den müssen wir uns vom Halse schaffen,«« sagte er alsbald zu mir; »»denn er könnte mich früher oder später treffen und erkennen, dann wäre ich verloren.«« Vor dieser neuen Schandthat bebte ich zurück; aber ich fürchtete Stoffar zu sehr, um ihm zu widerstehen, und Ihr Tod ward beschlossen. »Der Himmel ließ indeß die Vollstreckung dieses Verbrechens nicht zu; Sie wurden durch den jungen Mann, den Sie Sohn nennen, gerettet, und Stoffar blieb auf dem Platze. Ich aber flüchtete mich in meine Wohnung, ziemlich vergnügt, ich gestehe es, meinen Spießgesellen los geworden zu sein. »Mehrere Monate nach dieser Begebenheit kamen Sie, mein Herr,« sprach er zu Heinrich, »in mein Haus, um den Herrn Oberst abzuholen. Ihre Verwirrung, Ihre Aufregung bei meinem Anblick entgingen mir nicht; ich stellte mir vor, Sie werden mich kennen, und ich lauschte Ihrem Gespräch mit jenem tapfern Husaren zu, um meine Vermuthungen zu bestätigen. Kaum hatte ich euch gehört, als ich den Kopf verlor und mitten in der Nacht die Flucht ergriff. »Als ich von meinem Schrecken wieder etwas zu mir gekommen war, beschloß ich zu erforschen, was Sie thun und ob Sie mir zu schaden suchen. Demzufolge verkleidete ich mich als Bauer und folgte Ihnen auf Ihrer Reise mit Ihrem Freunde Müller. »Sie begaben sich ins Schloß Framberg und ich hielt mich in der Umgegend auf; bald erfuhr ich Ihre Liebe zu Derjenigen, die Sie für Ihre Schwester hielten, und als ich hörte, daß der Vater der jungen Person den Namen Christiern geführt, Offizier sei und sie aus Rußland mitgebracht habe, da zweifelte ich nicht mehr, es sei meine Nichte. »Von nun an wurdest Du, Pauline, der Gegenstand meiner ganzen Aufmerksamkeit, und ich schwur. Dich in meine Gewalt zu bekommen, da ich zu sehr fürchtete, daß, wenn Du Deinen Beschützer wieder fändest, es ihm gelingen möchte, mich zu verderben. »Durch vieles Gold hatte ich zwei Elende für meine Absichten gewonnen, aber es war nicht leicht, Dich vom Schlosse zu entführen; ich war indeß auf dem Punkte, als Du mit Müller und Frank abreistest. »Ich folgte euch auf dem Fuße, aber erst in diesem Gasthof fand ich Gelegenheit zu Ausführung meines Planes. Meine beiden Vertrauten übernahmen es, Deine Gefährten, welche unser Unternehmen vereiteln konnten, betrunken zu machen.« »Ha! die Schurken!« fiel Müller ein. »Wer hätte das gedacht? ...« »Am andern Morgen klopfte der eine von ihnen an Deiner Thüre; es war schon spät und Du wartetest schon lange auf Deine Reisegefährten: er sagte Dir, sie hätten den etwas beschädigten Wagen repariren lassen und erwarten Dich einige Schritte von da. Du glaubtest es und ließest Dich in die gelegte Falle führen, wodurch Alles gelungen wäre, wenn Dir der Himmel nicht, meiner Verbrechen müde, Befreier zugesandt hätte!« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Schluß. Hier schloß Herr von Monterranville, oder vielmehr Drogluski, seine Erzählung, welche die Zuhörer lebhaft ergriffen hatte. Der Notar hatte sie Wort für Wort niedergeschrieben, der Verwundete unterzeichnete, indem er noch beisetzen ließ, daß seine Nichte seine einzige Erbin sei und den Rest seines ungeheuern Vermögens, von dem er erst drei Viertel verschwendet habe, in dem Häuschen im Walde finde. Nachdem diese Angelegenheit zu Ende gebracht war, verließen unsere Freunde einen Menschen, dessen Anblick ihnen nur peinlich sein konnte, besonders Paulinen, die er so nahe anging. Kaum waren sie jedoch weg, als sie erfuhren, er habe seinen letzten Seufzer ausgestoßen. »Wünsche gute Nacht,« sprach Müller, »ich hoffe, wir werden einander nicht mehr begegnen.« Pauline weihte seinem Gedächtniß einige Seufzer, nicht daß sie die geringste Zuneigung für ihn haben konnte, aber es war der einzige Verwandte, den sie je gekannt. Nun hielt unsere Freunde nichts mehr in Blamont zurück, sie machten sich daher nach Schloß Framberg auf den Weg, wo sie den andern Tag eintrafen. Mit welch' trunkener Freude sahen sie die Orte wieder, wo Jedes von ihnen so viele Erinnerungen fand! Der Oberst und d'Ormeville vereinten die beiden Liebenden. Hymen bedeckte die Fehltritte Amors. Heinrich und Pauline, endlich zum Glücke gelangt, verließen ihren Vater und ihren Wohlthäter nie; der gute Müller brachte sein Leben an ihrer Seite zu, betrank sich öfters und fluchte viel; aber man muß Dem wohl einige Fehler vergeben, dessen Seele so schöne Tugenden beherbergt.