Claude Anet Lydia Sergijewna Claude Anet ist das Pseudonym, unter dem Jean Schopfer aus dem schweizer Kanton Waadt seine Werke in französischer Sprache – seiner Muttersprache – erscheinen läßt. Der Autor lebt jetzt ständig in Paris. Die Hauptwerke dieses Autors spielen in Rußland, das ihm auch persönlich zum großen bestimmenden Erlebnis wurde. Dafür aber, wie sehr Claude Anet Rußland und seine Menschen verstanden hat, wie echt und lebendig er sie zu gestalten wußte, spricht am deutlichsten der Umstand, daß die ersten Kritiken über seinen Roman »Ariane« vermuteten, daß Claude Anet das Pseudonym für eine Russin sei. Zu dieser Vermutung mag auch beigetragen haben, daß das Schauspiel Claude Anets »Mlle. Bourrat« zum Repertoir des in Paris heimisch gewordenen russischen Pitoef-Ensembles gehörte. Tatsächlich ist Claude Anet der erste Westeuropäer, dem es gelang, die russische Seele voll zu erfassen, wenn er es auch nicht lassen kann, sie in seinen Romanen oft in französisches Temperament zu transponieren. Anet hat Rußland wirklich erlebt. Als Korrespondent des »Petit Parisien« ging er während des Krieges nach Rußland, es gelang ihm auch in Sowjet-Rußland trotz aller Gefahren und Verfolgungen auszuharren. Gefängnisse und vielfache Lebensgefahren blieben ihm nicht erspart. Mit bewunderungswürdiger Objektivität hat er später in einem vierbändigen Werke (La Révolution Russe) seine Eindrücke über die Umwälzungen in Rußland aufgezeichnet. Wenn Claude Anet in jenem Werke die Tatsachen als objektiver Beobachter niederlegte, so bietet das vorliegende, die Übertragung seines Romanes » Quand la terre trembla «, die künstlerische Gestaltung des ungeheueren Erlebens, dessen Zeuge der Dichter war: des Zusammenbruches des ganzen russischen Reiches, der unbedingten Umkehrung aller gesellschaftlichen Wertungen und damit des Zerfalles dieser Gesellschaft und ihrer Ideale überhaupt. Viel wissender und klarer hat der Dichter in diesem Buche die russische Seele gezeichnet als in »Ariane«, viel tiefer hat er vor allem die russische Frau und das Leben ihrer Liebe erkannt und gestaltet, diese Frauenseele, schwankend zwischen jäher Trauer und jubelnder Freude, verankert im russischen Boden, unergründlich in den Halbschatten der Gefühle. Und nicht nur als Dichter hat Claude Anet Rußland erlebt – er fand dort auch seine Lebensgefährtin. Claude Anet ist einer der ersten Westeuropäer, der Rußland verstanden hat. Grete Urbanitzky. Erster Teil Es war Samstag, den 10. März 1917, als ein junges Mädchen aus einem Haus der Snamenskaja trat. Die breite, schneebedeckte Petersburger Straße, die von der Sonne hell beschienen war, bot an diesem Wintertage einen ungewohnten Anblick. Es fehlten die vielen eiligen Passanten, nur Gruppen von drei oder vier Arbeitern zogen inmitten der Fahrbahn schweren Schrittes gegen den Nikolaibahnhof. Einzelne Weiber, die Köpfe in Tücher aus grober Wolle gehüllt, standen, unbeweglich vor sich hinstarrend, auf dem Fußsteig. Das junge Mädchen bemerkte, daß ein Obsthändler langsam die Läden seines Geschäftes herunterließ. Eine lange Reihe von Straßenbahnwagen hielt in dem oberen Teil der Straße, der schwarz von dichtgedrängten Menschen war. »Was ist los?« frug sich Lydia. »Wieder eine Demonstration auf dem Newski?« Ihr frisches Kindergesicht nahm eine ernste Miene an, die jedoch nicht lange anhielt. Das gewohnte Lächeln erschien bald wieder um den Mund, dessen Unterlippe ein wenig vorstand, zwei Grübchen bildeten sich auf ihren von der Kälte geröteten Wangen, ihre großen blauen, wundervoll klaren Augen leuchteten wieder auf, und sie schritt, ihren Pelzkragen schließend, dem Snamenskajaplatz zu. Je näher sie ihrem Ziele kam, desto stärker wurde das Gedränge, und etwa fünfzig Schritt vor dem Platz konnte sie gar nicht mehr weiter. Ein Militärkordon sperrte die Straße. Es waren Soldaten vom Regiment Litowsky, die hier, Gewehr bei Fuß, standen und vor denen sich die Menge staute. Die aufgepflanzten Bajonette funkelten in der Sonne. Die frierenden Soldaten stampften, von einem Fuß auf den anderen tretend, den hartknirschenden Schnee, und ihre grauen Lammfellmützen schwankten dadurch in sonderbar gleichmäßiger Bewegung hoch über den Köpfen der Menge auf und nieder. So oft die vor ihr Gedrängten sich verschoben, erhaschte Lydia sekundenlang einen Durchblick auf den von Menschen wimmelnden Platz und erblickte vor dem Reiterstandbild des unförmigen Alexander III. mit seinem noch unförmigeren Pferd eine dunkle Linie von Polizisten. Sie bemerkte zwei, drei junge Offiziere hinter ihrer Truppe und war von dem ernsten traurigen Ausdruck ihrer Gesichter betroffen. Rings umher wurde lebhaft debattiert. Es waren in der Menge fast nur Arbeiter und Studenten. Letztere, die Kappen auf dem Kopf, sprachen eifrig zu den Arbeitern. Sie drängte sich in eine dieser Gruppen. Ein ganz junger Hochschüler mit schwarzen Augen, frischem Mund, schlank, zart, kränklich, sprach dort mit erhobener Stimme. Leidenschaft glühte in ihm und gab seinen Worten einen unvergeßlichen Klang. Seine ehrliche Begeisterung gefiel dem jungen Mädchen, rasch schlüpfte sie zwischen zwei Arbeiter, um besser zu hören. Er rief: »Genossen, ihr wißt, daß wir mit euch sind. Ja, gemeinsam werden wir mit dieser Regierung abrechnen! Aber noch ist die Stunde nicht gekommen. Wir haben noch Krieg. Wartet noch ein wenig –« In diesem Augenblick bemerkte er das junge Mädchen; sie stand gegen ihn vorgeneigt und er las in ihrem Blick ihre Zustimmung zu seinen Worten. Aber die ungewöhnliche Schönheit ihres jugendlichen Gesichtes, die Reinheit ihrer Augen, die jene ihrer Seele widerspiegelten, die Begeisterung, die er darin las, ergriffen ihn derart, daß er wie geblendet verstummte. Er zögerte einen Moment und suchte nach Worten. – Noch während er sich mühte, seine Gedanken zu sammeln, entstand eine heftige Bewegung in der Menge. Die Soldaten waren auf ein kurzes Kommando um zwanzig Schritte vorgerückt und in dem Durcheinander der zurückweichenden Menschen zerstreute sich die Gruppe. Das junge Mädchen ging nachdenklich den Weg, den es gekommen, zurück, um in eine der Parallelstraßen des Newskiprospekt einzubiegen. Sie hatte nur einen Gedanken: »Wollen die Arbeiter wirklich die Revolution?« Erinnerungen an gelesene Bücher zogen durch ihren Kopf. – An einem schönen Sommertag hatte das französische Volk die Bastille erstürmt. Ruhmvoller Tag, sagt man, der die französischen Soldaten als Sieger durch ganz Europa und selbst bis nach Moskau führte l – Sie erinnerte sich an die Ereignisse des Jahres 1905, die von den Freunden des Fürsten Sergej Volynski, ihres Vaters, als Unruhen, aber von ihren eigenen Bekannten aus Studentenkreisen als Revolution bezeichnet wurden. Sie wußte nicht viel davon, sie war zu jener Zeit erst fünf Jahre alt gewesen und in ihrem Leben eines einzigen verwöhnten Kindes hatte sich auch damals nichts geändert. Doch, an einem Abend versagte das elektrische Licht und sie wurde bei Kerzenschein zu Bett gebracht. Sie selbst hatte in ihrem Zimmer überall Kerzen angezündet. Es war wie am Weihnachtsabend, und das war auch der ganze Eindruck, den sie von jener Krise behalten hatte: der eines Festes ... Revolution, jetzt während des Krieges? – Das war unmöglich! Niemand konnte das wollen, sicher auch diese biederen Arbeiter nicht, die eben jetzt trotz all ihrer Derbheit, sie so gutmütig und sorgsam in dem Gedränge schützten. Wie verbunden sie sich ihnen fühlte! Sie hatten dieselbe Art zu lächeln, die gleichen weichen Worte, wie sie selbst. »Sie können wütend werden wie Papa,« dachte sie, »aber im Grunde sind es gemütliche Leute, unfähig, etwas Böses zu tun.« Und dann dachte sie an die gewaltige Polizeimacht Petersburgs und an das viele Militär, das die Kasernen der Stadt füllte. Und sogar die Studenten waren für die Aufrechterhaltung der Ordnung; ja, selbst die Studenten, die doch immer von unruhigen Plänen erfüllt waren, wollten während des Krieges keine Revolution! »Es wird einige Unruhen geben,« dachte sie, »und dann wird alles wieder in Ordnung kommen.« Aber trotz alledem war ihr Herz bedrückt und ihr Kopf, den sie sonst mit erhobenem Kinn ein wenig nach hinten geneigt trug, senkte sich jetzt abwärts. Bald aber siegte ein stärkeres Gefühl über ihre Unruhe: die Neugierde. Sie wollte die Helden dieses Schauspieles sehen, wollte selbst diese ungeheuren Kräfte fühlen, die da ringsum die Straßen erregten, wollte die Gesichter betrachten, den Worten lauschen, wollte erforschen, was die Blicke all der Augen enthüllten. Sie beschleunigte ihre Schritte, um durch den Litejnijprospekt wieder den Newskiprospekt zu erreichen, aber Ecke Litejnij wurde sie abermals durch die Menge aufgehalten. Die Arbeiter marschierten langsam ins Wiborger Viertel, auf das andere Flußufer zurück. Sie versuchte gegen den Strom der Arbeiter vorzudringen, aber nach einigen Schritten wurde sie von einem großen Arbeiter in Bluse und gefütterter Lederkappe angehalten, der gemütlich brummte: »Da muß man nicht hingehen, kleines Täubchen, es wird dort bös werden.« Er lächelte und ging weiter. Sie flüchtete in ein Haustor. Vier junge Arbeiter zogen in eifriger Unterhaltung vorbei. Sie folgte ihnen, um zu hören, was sie sagten. »Hast du's gesehen, Vasil,« sprach der Kleinste, dessen Augen vor Freude strahlten, »der Offizier hat ›Vorwärts!‹ kommandiert, aber die Kosaken haben sich nicht gerührt. Wenn schon die Kosaken auf unserer Seite sind, dann steht unsere Sache gut!« Lydia überquerte nachdenklich den Fontankakanal, erreichte durch die Italianskaja die Michaelstraße und versuchte, dem Hotel Europe entlangschlüpfend, nochmals auf den Newskiprospekt zu gelangen. Kosaken galoppierten, ihre kleinen Pferde zurückhaltend, gemütlich auf den Trottoirs. Es waren ganz junge Burschen, blond und lächelnd, die sich große Mühe gaben all den Menschen, denen sie scherzende Worte zuriefen, auszuweichen. Wieder fühlte das junge Mädchen beruhigendes Vertrauen. Alles dies machte eher den Eindruck eines Festzuges. Auf keinem Gesicht sah man Haß oder Erregung. Zwischen diesen fröhlichen Kosaken und den gemütlichen Arbeitern konnte es ja gar keine Zusammenstöße geben! »Ja, Gottlob, alles wird sich beruhigen und im Herbst werden wir den Krieg gewinnen.« Sie war höchst erstaunt, als sie in diesem Augenblick fühlte, daß ihre Augen voll Tränen standen und daß sie bis ins Innerste erschüttert sei. Die Atmosphäre, in der sie sich seit einer Stunde bewegte, mußte sie doch mehr angegriffen haben, als sie gemeint hatte. »Wir müssen den Krieg gewinnen!« wiederholte sie bekräftigend. Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, hörte sie plötzlich einen Schuß fallen, dem nach einer Sekunde atemlos banger Stille eine Salve folgte, deren trockener, kurzer Krach verhängnisvoll die eisige Luft zerriß. Noch ein Moment beklemmendster Erstarrung und dann brauste eine Flut von Menschen, die den Newski herunterflüchteten, um sie. Sie fühlte sich in die Höhe gehoben und durch das Drängen der wahnsinnigen Massen mitgetragen; endlich fand sie wieder Boden unter ihren Füßen und rannte, von rechts, links und rückwärts gepreßt und gestoßen mit zitternden Knien so rasch sie nur konnte gegen den Michaelsplatz. Ihr einziger Gedanke war nur ja nicht hinzufallen! Sie hatte keine Herrschaft mehr über ihr Fühlen und Handeln. Es war ihr unmöglich gegen die besinnungslose Angst anzukämpfen, die sich ihrer, wie aller anderen Menschen rundum bemächtigt hatte. Im Weiterrennen blickte sie ängstlich nach den Häusern, ob sie nicht in einem Geschäft oder in einem Hausflur Zuflucht finden könnte, aber sämtliche Türen waren in einer Sekunde geschlossen worden. Es gab nirgend eine Rettung. Die Istwostschiks auf der Straße hieben auf ihre Pferde ein und ihre Schlitten sausten über den Schnee. Ein dicker Hofkutscher, der einen, mit dem kaiserlichen Wappen geschmückten Landauer lenkte, verlor seinen Hut. An der Ecke des Platzes warf ein Schlitten, der zu kurz gewendet hatte, um. Trotz ihrer überstürzten Flucht behielt Lydia doch noch einiges Bewußtsein; sie verglich sich einem Sandkorn, das der Wind in der Wüste vor sich hertreibt. Immer noch spähte sie nach einer Zuflucht, als ihr ein Mann in einem Pelz mit Otterkragen auffiel, der nicht weit von ihr wie durch ein Wunder als einziger unbeweglich dastand. Er war sehr groß, breitschulterig und es schien, als könne ihn nichts aus seiner Ruhe bringen. Er rührte sich nicht, während die Menge rings um ihn in heftigem Wirbel, wie der Strudel eines Wildbaches um einen Felsen, dahinflutete. So erblickte sie ihn für den Bruchteil einer Sekunde, als sie einen heftigen Stoß in den Rücken bekam. Sie strauchelte, machte noch einige Schritte, ohne das Gleichgewicht wieder zu finden und stürzte schließlich gerade vor seinen Füßen nieder. Sie blieb nur wenige Sekunden betäubt, halb bewußtlos. Als sie wieder zu sich kam, sah sie, daß der Mann im Pelz über sie gebeugt war und einen Arm unter ihren Körper geschoben hatte, um sie aufzuheben. Mit der andern Hand klopfte er den Schnee von ihrem Mantel. Als er fertig war, wandte er ihr den Kopf zu und jetzt konnte sie auch sein Gesicht sehen. Es hatte energische, regelmäßige Züge, mit einem ernsten Mund und einem kleinen kurzgestutzten Schnurrbart. Die Augen waren grau und sinnend, aber als er jetzt das junge Mädchen ansah, leuchteten sie auf. Sie fühlte sich in seinem Arm sehr wohl: die Angst war ganz verflogen. Er schien eine selbstbewußte, sichere Stärke auszuströmen. Und als er sie anblickte, sprach er mit tiefer, wohlklingender Stimme: »Sie haben sich doch nicht verletzt, mein Kind?« »Aber nein!« erwiderte sie mit einem flüchtigen Lächeln. »Ich weiß gar nicht, wie das kam. So eine Dummheit!« »Dumm ist es bloß von so einem kleinen Mädchen, wie Sie es sind, hier ganz allein herumzustrolchen. Meinen Sie nicht?« Er machte ihr noch einige sanfte Vorwürfe und hielt sie weiter an sich gelehnt. Sie richtete sich endlich auf, obgleich es gar nicht angenehm war, die Stütze seines Armes zu verlassen, von dem ihr schien, als könnte er alles Bedrückende von ihr fernhalten und sie in eine Welt voll frohen Entzückens versetzen. Und dann fühlte sie auch, daß sie allein keinen Mut mehr hätte. Aber es mußte doch geschehen. Sie löste sich von ihm und lächelte ihn an; sie hatte all den Zauber und die Anmut eines zwar schon großen Mädchens, das aber doch noch ein Kind ist. »Wie soll ich Ihnen danken? Ohne Sie wäre ich von diesen Wahnsinnigen zerstampft worden.« Erst jetzt bemerkte sie, daß sie allein auf dem Platz standen, der jetzt vollkommen ausgestorben war. All die Menschen waren einfach verschwunden, man wußte nicht wohin. Selbst der umgestürzte Schlitten war fort. In der Verlängerung der Michaelstraße sah man den Newskiprospekt, auch dieser war jetzt ganz leer; nur zwei Reihen Soldaten standen zwischen dem Gostiny-Dwor und dem Hotel Europe. Und eben während sie hinblickte erschien ein Schlitten, der sich im langsamen Trab seines müden Gaules dem Militärkordon näherte. Ein Student lehnte darin, aus dessen Ärmel Blut sickerte, das eine über ihn gebeugte junge Frau mit dem Taschentuch auffing. Der Schlitten fuhr so nahe an den Kordon heran, daß sein Pferd die Reihe der unbeweglich dastehenden Soldaten fast berührte. Da erhob sich die junge Frau, schwenkte das blutgetränkte Tuch über ihrem Kopf und rief mit gellender Stimme: »Was habt Ihr getan, Brüder? Seht, Ihr habt auf Euresgleichen geschossen!« Es entstand eine leichte Bewegung in der Truppe, dann traten die zunächst stehenden Soldaten zur Seite, der Schlitten durchfuhr langsam die Sperre und verschwand. Diese tragische Szene machte auf Lydia einen ergreifenden Eindruck. Sie wandte sich zu ihrem Gefährten; er stand unbeweglich und sie konnte aus seiner Miene, die erstarrt schien, nichts entnehmen. Ihr Blick ruhte fragend in seinen Augen. »Es wird Zeit fortzugehen,« sprach er mit müder, trauriger Stimme. »Kann ich noch etwas für Sie tun? Wo wohnen Sie?« Das war nicht mehr dieselbe Stimme wie vorhin. Sie fühlte es und antwortete eingeschüchtert: »Auf dem Schloßquai; aber ich kann durch die Millionnaja gehen! Es ist dort ein Durchgang. Und« setzte sie mit einem kleinen Zittern in der Stimme hinzu, »ich kann ganz gut allein gehen.« Ohne ein weiteres Wort nahm er ihren Arm und sie gingen die kurze Strecke Wegs bis zur Millionnaja. Die Straßen waren verödet, es herrschte vollkommene Stille. Fast kam es Lydia vor, als wäre alles nur ein Angsttraum gewesen. Ihr linker Fuß schmerzte zwar und sie hinkte ein wenig, aber sie verbarg dies so gut als nur möglich. Sie schwiegen den ganzen Weg. An der Ecke der Millionnaja angelangt, blieb er stehen und neigte sich zu ihr. »Ich verlasse Sie jetzt. Es ist keinerlei Gefahr mehr. Und mein Schlitten erwartet mich beim Hotel Europe. Ich muß in die Duma.« Seine Worte waren knapp, ohne Liebenswürdigkeit, aber seine Stimme hatte wieder jenen zärtlichen Klang, den das junge Mädchen vorhin, als er seine ersten Worte an sie richtete, so dankbar empfunden hatte. Sie wußte nicht, was sie erwidern sollte. Es war sehr schmerzlich, den Freund so zu verlassen. Den Freund? Der Gedanke ließ sie stutzen. Ein Freund von höchstens einer knappen halben Stunde. Aber ist es nicht ein Freund, bei dem man Zuflucht sucht und der einen beschützt? Sie blieb in ihren Gedanken bei diesem Wort und blickte ihn an. »Wir werden uns wiedersehen.« »Das gebe Gott!« Er verneigte sich vor ihr, schüttelte ihr kräftig die Hand und verschwand. Lydia zögerte, allein geblieben, einen Augenblick und entschloß sich dann durch eine der kleinen Quergassen nach Hause zu gelangen. Nach zwei Minuten stand sie auf dem Quai. Eben versank die Sonne. Es war fünf Uhr. Ein mildes Licht ergoß sich aus den vergoldeten Wolken auf die wundervolle Rundsicht, die sich ihr bot: die Newa, deren Eis noch vom Schnee bedeckt war; links, der einzigartige Bogen der Schloßbrücke; rechts, die mächtigen Pfeiler der Troitzkibrücke und gerade vor ihr, wie ein großes, am Ufer lagerndes Tier die schweren, flachen Gebäude der Peter-Pauls-Festung. Nur ein schlanker Turm ragte spitz zum Himmel, so hoch, als wolle er eine Wolke aufspießen, so dünn wie eine Nadel und das Gold, das ihn bedeckte, schien noch die Strahlen der eben versunkenen Sonne zurückzuhalten. Eine Ruhe, wie man sie nur in diesen herrlichen nördlichen Ländern kennt, lag über der Natur. »Ja, alles ist unverändert, alles ist noch am gleichen Platz wie gestern,« sagte sich Lydia und ohne den Grund dafür zu suchen, fühlte sie eine warme Glückswelle in sich aufsteigen. – Das Palais des Fürsten Volynski hatte nur eine bescheidene Fassade. Aber hinter den kleinen, an der Flußseite gelegenen Salons, gab es einen ganz in Weiß und Gold gehaltenen Ballsaal, eine Bildergalerie und eine ganze Reihe wundervoll reicher Gemächer in dem vornehmen Stil der ersten Regierungsjahre Nikolaus I. Hatte man die dreifachen Türen, die die äußere Kälte abhielten, hinter sich geschlossen, so befand man sich in einer trotz des Krieges und des Mangels an Kohle und Öl auch in diesem Jahre noch behaglich warmen Halle. In den Fabriken fehlte zwar das Brennmaterial, aber die alteingesessenen Familien Petersburgs hatten seit langem ihre Vorkehrungen getroffen und ihre mit Kohle angefüllten Keller und das Holz, das in ihren großen Höfen in schönen Scheiten bis zur Höhe des ersten Stockwerkes aufgeschichtet lag, sicherten ihnen einen sorglosen Winter. Sobald Lydia nach Hause kam, selbst wenn es ein oder zwei Uhr nachts war, suchte sie immer gleich ihren Vater auf. Es war ein schon bejahrter Mann, den indes mehr sein Leiden, als sein Alter gebeugt hatte. Seine steifen Beine versagten ihm den Dienst und der Fürst verließ fast niemals sein kleines, mit Büchern gefülltes Zimmer, das die Aussicht auf die Newa hatte und sehr einfach mit Fauteuils und einem Sofa aus grünem Leder ausgestattet war. Stets saß er in seinem großen Lehnstuhl zwischen Tisch und Kamin, hatte die Beine in eine große, schwarzweiß gewürfelte Decke gehüllt und sein Stock mit dem Elfenbeinknopf lehnte in Reichweite. Obgleich das ganze Haus von einer Zentralheizung erwärmt wurde, ließ der Fürst von Oktober bis Mai ein Holzfeuer in seinem Kamin brennen und eine seiner liebsten Zerstreuungen war es, mit einem fast vier Fuß langen Schürhaken in der Glut zu stochern und dabei sprach er zu den Holzklötzen, oft von einem trockenen Husten unterbrochen, der seine riesige Gestalt von ungewöhnlicher Magerkeit und seinen kleinen Kopf mit den runzeligen Zügen, mit der schmalen, charakteristischen Nase, mit den dunklen, tiefliegenden Augen unter den buschigen schwarzen Brauen erbeben ließ, so daß sein schon weißer Spitzbart heftig zitterte. »Auch du wirst dich nicht retten können, mein Lieber,« rief er einem Holzscheit zu, indem er mit dem Schürhaken hineinstieß, »du wirst auch daran glauben müssen!« Und schwerfällig stieß und drehte er ihn so lange bis die Flamme daran leckte. Oder auch sprach er: »Von wo kommst du denn, he? Denkst du wohl noch an die Frühlingstage in den Wäldern Finnlands, als noch der Schnee deine Füße bedeckte, aber die Sonne schon in deinen Zweigen spielte? Erinnerst du dich an den Schauer des neuerwachenden Lebens, der dein schlafendes Herz weckte, und an das fast schmerzende Schwellen der Knospen an den Enden deiner Zweige, die aufzuspringen sich sehnten? – – – Und welche Reise bis hierher! Die schönen bunten Barken, die der Schlepper über den Ladogasee zog! Und nun bist du hier, mein Lieber und erfüllst deine Bestimmung, die alten Knochen des Fürsten Sergius Volynski zu wärmen!« Oft kauerte Lydia ganz in ihre schönen blonden Haare gehüllt, auf dem Sofa und lauschte den Unterhaltungen ihres Vaters. Er verstand es, alles, was er sagte eigenartig zu beleben und sein Kind träumte lange schweigsam mit großen offenen Augen vor sich hin. Wie sie ihn liebte! Es war ein so zartes, tiefes Verständnis zwischen ihnen, daß es jeder Erklärung entrückt, Lydia einfach wie ein Wunder schien. Was immer für Worte sie auch wechseln mochten, sie fühlte an seinem Blick, seinem Schweigen, an dem Klang seiner Stimme, daß sie ihm alles auf der Welt sei und sie wußte, daß sie selbst für niemand anderen jemals die Gefühle haben könne, die sie an diesen kranken Greis mit den feurigen Augen banden. Ganz anders war ihr Verhältnis zu der Mutter. Die Fürstin Helene, die einst sehr schön, sehr umschwärmt gewesen war, blieb lange Zeit kinderlos. Erst als sie schon an die dreißig war, kam ein Mädchen, Lydia, zur Welt. Die Fürstin hatte ihr glänzendes Leben trotzdem bald wieder weiter geführt und war erst langsam, als sie älter wurde, häuslicher geworden. Sie ging seltener aus und schränkte den Kreis ihrer Freunde ein. Schließlich lebte sie fast nur noch zu Hause und man verstand nicht recht, womit sie sich beschäftigte, denn um ihren Haushalt kümmerte sie sich gar nicht. Auch im Sommer begleitete sie ihren Gatten und ihr Kind nicht mehr auf ihren Landsitz Petrowskoje bei Smolensk; sie stand jeden Tag später auf, ertrug nur künstliches Licht, blieb in letzter Zeit die ganzen Nächte wach und ging erst morgens zu Bett. Als der Krieg ausbrach war sie schon fast eine Einsiedlerin. Jetzt benützte sie die Gelegenheit, um sich vollkommen abzuschließen. Nur einen alten Freund, General Vasiljew ließ sie vor, der seit mehr als zwanzig Jahren eine schwärmerische Verehrung für sie bewahrte. Täglich verbrachte er viele Stunden bei ihr und speiste jeden Abend im Palais. Die Fürstin behielt trotz ihrer Einsamkeit ihr entzückendes liebenswürdiges Wesen und war stets gleich in ihrer gelassenen Stimmung. Den Fürsten und ihre Tochter sah sie nur selten, aber es fiel ihr schwer ihre Nähe zu entbehren. Lydia liebte ihre Mutter zärtlich, wie man ein schwaches, hilfsbedürftiges Wesen liebt, aber ohne jene Vertraulichkeit, die sie mit ihrem Vater verband. Dieser neckte sie seit einiger Zeit manchesmal. »Nun, Kleine, du wächst dich heraus! Bald wirst du eine große Dame sein und ein schöner Offizier wird dich entführen! Wehe ihm, wenn er dich nicht gut behandelt!« Und in seiner welken Hand drohte sein Stock. Lydia entgegnete: »Die jungen Leute gefallen mir nicht, Papa. Sie wissen nie etwas zu sagen, das mir nahe geht. Und überhaupt weißt du doch, daß ich immer nur dein kleines Mädchen bleiben will.« Der Fürst räusperte sich, um seine Rührung zu verbergen ... Als sie an diesem Tage das Zimmer ihres Vaters betrat, fand sie ihn beim Lesen des Abendblattes. Kein einziges Wort von all den Ereignissen, die seit dem vorigen Tag die Hauptstadt bewegten, stand darin. Eine Zensur, die geschickter als die Polizei war, hatte alle Unruhen unterdrückt! – Der Zar im Hauptquartier, achtzehn Stunden von Petersburg; – Die Front ruhig, wie in den ganzen sechs Wintermonaten und doch hinderte dies die Berichterstatter nicht, ganze Seiten mit der Schilderung all der unterbliebenen Kämpfe zu füllen. Bloß die Spalte »Zuschübe« konnte den aufmerksamen Leser einigermaßen beunruhigen. Hier stand, daß die Kohlenzufuhren mangelhaft seien, so daß einige Fabriken die Arbeit einstellen mußten; daß die Getreidezüge aus Sibirien immer noch erwartet würden und daß die eisernen Vorräte der Stadt auf den tiefsten Stand zusammengeschmolzen seien. – Lydia pflegte ihrem Vater alles zu berichten, was sie im Laufe des Tages getan und gesehen hatte. Diesmal aber meinte sie, wenn sie erzählen würde, daß die Truppen am Newskiprospekt geschossen hatten, würde sie den Fürst unnötig erregen und man würde ihr vielleicht auch am nächsten Abend den Besuch einer Freundin untersagen, bei der getanzt werden sollte. Übrigens würde bis morgen ja alles wieder ruhig sein. Sie begnügte sich daher zu berichten, daß der Newski von Polizei abgesperrt war und schilderte alle Einzelheiten der Gespräche, die sie angehört hatte, nicht ohne die beruhigende Haltung der Studenten besonders zu betonen. Der Fürst hörte ihr schweigend zu. »Ich hoffe, daß uns diese Schande erspart bleibt,« brummte er, als ihre Schilderung beendet war. Und er rumorte mit heftigen Stößen seines Schürhakens im Kamin.   Am nächsten Tage aber nahm die Erregung nur noch zu. Man kämpfte auf dem Newski und vor dem Nikolausbahnhof, auf dem Suwarowprospekt und an vielen anderen Punkten der Stadt. Das Militär blieb teilnahmslos und die Polizei mußte allein dem ganzen Ansturm widerstehen. Arbeiterumzüge, an denen die Beteiligung allerdings nicht groß war, bildeten sich. Sie trugen rote Fahnen mit der Inschrift: »Nieder mit dem Krieg«, »Es lebe die soziale Revolution!« Manche behaupteten auch, nur Lockspitzel seien am Werk und der Minister des Innern selbst hätte den Aufstand hervorgerufen und organisiert, um die sozialistische Partei, der die lange Kriegsdauer und die immer schlechter werdende Versorgung der Stadt wachsende Macht gab, desto rascher vernichten zu können. Andere meinten, daß die Revolution ins Werk gesetzt sei, um dem Verrat der Minister ein Ende zu machen und besonders die Intriguen Protopopows mit Deutschland und die deutschfreundlichen Umtriebe der Kaiserin und ihrer Umgebung zu hintertreiben. Aber war es denn wirklich die Revolution, die bevorstand? Seit Jahren und Jahren hatte man sie angekündigt! Wenn Russen von der Herrschaft des Zaren sprachen, sagten sie stets: »Das kann sich nicht halten.« Nur aus dem Bedürfnis einen Zustand, in dem sie sich trotz alledem das Leben ganz behaglich und genußreich eingerichtet hatten, zu kritisieren. Die entgegengesetzten sozialen Klassen schienen die Revolution zu wünschen und selbst in der kaiserlichen Familie gab es Anhänger des Umsturzes, die ihre Ansicht kaum verbargen. Und jetzt, da der Augenblick zur Verwirklichung aller dieser Wünsche gekommen schien, trat ein plötzlicher Umschwung der Stimmung ein! Niemand wollte mehr etwas von der Revolution wissen. Es gab nur das eine allgemeine Gefühl der Angst. Wo sollte das alles hinführen? Welchem ungewissen Schicksal trieb man entgegen? Ein eisiger Hauch erfaßte alle Herzen. Selbst die Führer jener Partei, deren Ziel es gewesen war, die Geister zu erregen und die Unzufriedenheit zu schüren, zitterten jetzt. Die Kadetten mit Miljukow an der Spitze, die die Regierung mitten im Krieg in schärfster Weise angegriffen hatten, lehnten jetzt die Revolution, die zum Greifen nahe war, ab. Sogar die Häupter der sozialistischen Parteien der Duma verurteilten die Umsturzbewegung und ein junger Advokat aus ihrer Mitte, dem man große Begabung nachrühmte und der in der Duma oft das Wort ergriff, A. F. Kerensky, versuchte noch Samstag Abend die Arbeiter in einer Versammlung, die er mit ihren Führern abhielt, zurückzuhalten. Die Furcht vor dem Morgen war allgemein. – Durch einen unerklärlichen Umschwung verwandelte sich die Angst zwei Tage später in begeisterten Jubel, an dem unsere kleine Freundin Lydia, wie fast alle Einwohner Petersburgs teilnahmen. Es war Montag, den 12. März, als das Militär zum Volk überging und damit war die Revolution in einem Augenblick zur Tatsache geworden! Auch dies war ein herrlicher, kalter Tag, an dem die klare Sonne leuchtete. Am frühen Nachmittag hatte sich eine ganze Anzahl von Mitgliedern der besten Gesellschaft in einem Hause der Millionaja versammelt, das gerade hinter dem Palais des Fürsten Sergius Volynski gelegen, von diesem durch einen großen Hof getrennt war. Die Parterrewohnung gehörte einem gewissen Ivan Schupow-Karamin, der unter dem letzten kaiserlichen Kabinett einen hohen Posten im Ministerium des Innern bekleidet hatte. Er war eine, wegen ihrer Laster, ihrer Spottlust und ihrer ungewöhnlich reichen Gastlichkeit sehr bekannte Persönlichkeit. Er hatte eine zwanzig Jahre jüngere Frau, von der man nicht recht wußte, woher sie stammte, die es aber mit allen erdenklichen Mittelchen verstanden hatte, ihr Haus zu einem der beliebtesten Treffpunkte der Petersburger Gesellschaft zu machen. Natalie Schupow-Karamin war liebenswürdig und freundlich, aber mehr aus Gewohnheit, als aus Veranlagung und das stereotype Lächeln, das sie stets zur Schau trug, hatte schon jene kleinen Falten um ihren Mund gezeichnet, wie man sie in stärkerem Maße meist bei Diplomaten findet. Sie hatte eine Schwäche, die man in Rußland, wo die Natürlichkeit selbst in den Salons zu Hause ist, selten findet. Durch eine gewisse unterwürfige Liebedienerei vor allen Tagesgrößen, wie verschieden sie auch sein und wie oft sie auch wechseln mochten, hatte sie Anspruch darauf, in das Buch der Snobs verzeichnet zu werden, in dem der russischen Welt nur ein winziger Platz vorbehalten ist. Als diese schöne Dame gegen Mittag den Triumph des Pöbels erkannte, hatte sie an zahlreiche Freunde telephoniert, sie mögen zu ihr kommen, um den »tapferen Soldaten, diesen Helden der größten und friedlichsten aller Revolutionen« zuzujubeln. Etwa zwanzig Personen aus der Nachbarschaft, unter ihnen Lydia, hatten sich eingefunden und sahen dem Vorbeimarsch der »Helden« von den Fenstern der Wohnung aus zu. Sie zogen in ungeordneten Scharen durch die Straße, ein rotes Band an dem Gewehr, eine rote Kokarde an der Brust; ohne Offiziere, in wirrem Durcheinander, strömten sie zum Duma-Palais, das jetzt vom Volk besetzt war. Störend war nur, daß diese Helden, die da auf die Stadt losgelassen waren, ihre Begeisterung darin äußerten, daß sie aus Flinten und Revolvern unausgesetzt in die Luft schossen. Wenn die Schüsse gerade vor den Fenstern der Schupows losgingen, hatten die Zuseher in der Wohnung große Mühe, ihr Zusammenzucken und erschrockenes Zurückweichen halbwegs zu bemänteln. »Das ist nur die erste Freude,« meinte die lächelnde Natalie. »Unsere Soldaten sind ja so gutmütig. Morgen werden sie ruhig in ihre Kasernen zurückkehren, da sie ja alles erreicht haben, was sie wollten und unserem teueren Volk die Freiheit errangen.« »Ja,« rief die kleine Fürstin Mirskaja, die den Vorbeiziehenden unausgesetzt applaudierte, »morgen werden sie mit derselben Begeisterung zur Front eilen und den Deutschen zeigen, was die Kraft eines freien Volkes vermag.« »Welch erhebendes Schauspiel,« sagte eine andere Frau. »Das ist doch nur bei uns möglich.« »Wir werden Europa zeigen,« fügte ein würdiger Herr hinzu, »daß nur in Rußland eine große Revolution möglich ist, ohne daß ein Tropfen Blut fließt.« »Ja, es ist schön,« sprach auch Lydia, deren junges Gesicht vor Erregung glühte, »alle fühlen heute ein und dasselbe, alle sind wir Brüder und Schwestern. Ich möchte am liebsten mit in die Duma, dort müssen sich erhebende Szenen abspielen. Immerhin,« fügte sie mit einem reizenden, verwirrten Lächeln hinzu, »finde ich diese tolle Schießerei nicht sehr angenehm.« »Ach, das bedeutet nichts, liebste, kleine Freundin,« beruhigte sie Natalie Schupow, »es ist der erste Rausch. Das bißchen Ausgelassenheit ist wohl zu entschuldigen.« Indessen war der Zug der Soldaten vorüber und die Straße blieb fast leer. Einige Zivilisten nur eilten ihren Wohnungen zu. In diesem Augenblick erblickte Lydia auf dem gegenüberliegenden Trottoir jenen Herrn im Pelz, der ihr zwei Tage vorher auf der Michaelerstraße behilflich gewesen war. Er ging langsam vorbei und seine Haltung und ganze Persönlichkeit strömte wieder jene überlegene Ruhe aus, an der ihn Lydia sofort erkannte. Sie wandte sich an Natalie: »Kennen Sie den Herrn, der dort drüben geht?« »Aber natürlich Liebste, der ist in Petersburg bekannt genug. Sein Leben ist ein ganzer Roman. Als junger Mann führte er ein glänzendes Leben und hatte große Erfolge in der Gesellschaft. Mit dreißig Jahren verliebte er sich in ein junges Mädchen, hat sie geheiratet und seither ist er wie verschollen. Sie haben sich zurückgezogen, sind Einsiedler geworden. Außer um seine Geschäfte, die er großartig versteht, kümmert er sich um nichts, als um seine Familie. Ich glaube, es sind schon vierzehn Jahre, daß das so fort geht. Er ist seiner Frau nicht überdrüssig und sie liebt ihn, wie am ersten Tag. Es ist die beste Ehe in der Stadt. Sie gehen ineinander auf und verkehren kaum mit jemand. – Er sieht noch verschlossener aus, als gewöhnlich. Sicher muß die Revolution unseren Geschäftsleuten große Sorgen bringen. – Gott, sie werden sich rasch hinein finden!« »Sie haben mir seinen Namen noch nicht genannt,« sagte Lydia, dem Vorübergehenden nachdenklich mit den Augen folgend. »Er heißt Nikolaus Wladimir Savinsky und ist Präsident der Nordischen Bank.« »Savinsky,« rief der Hausherr zum Fenster eilend. »Wo ist er?« Es war bisher gar nicht aufgefallen, daß Ivan Schupow-Karamin an der allgemeinen Freude nicht teilgenommen und sich möglichst von den Fenstern entfernt, im Hintergrund des Zimmers aufgehalten hatte. Sein dickes, aufgeschwemmtes Gesicht mit den zitternden Wangen, das an Ludwig XVIII. erinnerte, war heute noch bleicher, als gewöhnlich. Sehr erregt fügte er hinzu: »Ich muß ihn unbedingt sprechen!« Er blickte auf die Straße. »Ich laufe ihm nach. Aber kann man sich schon auf die Straße trauen, wird nicht mehr geschossen?« Und mit aller Geschwindigkeit, deren seine kleinen dicken Beinchen fähig waren, eilte er zur Türe. Plötzlich aber kam er zurückgelaufen, stürzte zu einem Blumenarrangement, das die eine Salonecke zierte und riß das breite rote Band herunter mit dem es umwickelt war, um es als mächtige Kokarde in seinem Knopfloch zu befestigen. »Man muß mit der Mode gehen,« kicherte er. Und so kam es, daß Ivan Schupow-Karamin, gestern noch im Ministerium Sr. Majestät Nikolaus II. am ersten Tage der Revolution mit dem roten Abzeichen im Knopfloch auf die Straße trat. Aber er vermochte Savinsky, der schon einen großen Vorsprung hatte, nicht mehr einzuholen und sah ihn gerade noch an der Ecke des Suwarow-Platzes verschwinden. Schupow blieb atemlos stehen. Der ungewohnte Anblick der fast leeren Straße machte ihm Angst; er kehrte um und ging eiligst nach Hause zurück. Savinsky aber ging mit gleichmäßigen Schritten weiter und suchte, links und rechts ausblickend nach einem Schlitten. Aber an diesem Montag waren die Iswostschiks von Petersburg zu Hause geblieben und dies allein hätte genügt, das ganze Bild der Stadt von Grund auf zu verändern. Bisher schienen sie den Unruhen, die die Hauptstadt bewegten, ziemlich gleichgültig gegenüberzustehen. Noch gestern waren sie in ihrem langsamen Schritt in den Straßen zu sehen gewesen, bald den Truppen, bald den Demonstranten ausweichend, wobei sie die einen ebenso teilnahmslos wie die anderen betrachteten; oder sie standen mit ihren Schlitten wie immer an den Straßenecken, sie selbst auf ihren Sitzen zusammengesunken, die hohe Pelzmütze in die Stirne gedrückt, halb schlafend, mit winzigen Äuglein vor sich hin blinzelnd, in den regungslosen Traum verloren, dem sie ewig nachhängen. An diesem Montag der Revolution aber waren sie zu Hause geblieben, schluckten ihren Tee und knabberten Brotrinden. Savinsky, der auf dem rechten Newaufer wohnte, beschritt die Troitzkibrücke. Dem Leben ringsum schenkte er gar keine Aufmerksamkeit. Die vielen vorbeisausenden Militärautomobile, die links und rechts von Soldaten eskortiert wurden, die auf den vorderen Kotflügeln ausgestreckt, mit dem Gewehr im Anschlag, eine moderne Ausgabe antiker Siegerbilder zu sein schienen, bemerkte er kaum. Nahe bei der Litejnijbrücke gingen Leute zu Fuß über den gefrorenen Fluß. Die Sonne stand schon sehr tief, die Luft war kalt und der Wind eisig. Mit Erstaunen bemerkte Savinsky, daß auf der Peter-Pauls-Festung noch die dreifarbige Reichsflagge wehte. Nach einer halben Stunde Gehens war Savinsky vor dem großen Gebäude auf dem Prospekt Kamenow-Ostrow angelangt, in dem er wohnte. Seine Frau hatte ihn schon ängstlich erwartet und kaum hörte sie ihn die Wohnungstür öffnen, lief sie in das Vorzimmer, um ihn zu umarmen. Sofie Savinskaja war eine schöne dreißigjährige Frau; sie trug die Haare in der Mitte gescheitelt, wodurch die Regelmäßigkeit ihrer klassischen Züge noch besonders hervorgehoben wurde und die schöne Stirn mit dem ruhigen Blick der wundervoll großen schwarzen Augen erst richtig zur Geltung kam. Sie hätte in der Gesellschaft die größten Erfolge haben können, wenn sie nicht, gleich ihrem Manne, den sie so liebte, dies verachtet und fast auf jeden Verkehr verzichtet hätte. Man sah sie nirgends; inmitten der freiesten Sitten Europas gaben sie das seltene Beispiel einer Ehe, bei der weder dem Mann noch der Frau das Geringste nachzusagen war. Zu jener Zeit, in die der Beginn dieser Erzählung fällt, hatten sie drei Kinder, den zwölfjährigen Boris und zwei Mädchen von zehn und vier Jahren. Frau Savinsky erwartete für den Herbst ein viertes Kind. Sie schloß ihren Mann noch zärtlicher als sonst in die Arme und sprach in erregtem Ton: »Was ich für Angst hatte! Wo warst du? Was gibt es Neues?« Nikolaus Savinsky zuckte mit den Schultern. »Nichts Gutes, Liebste! Wie du weißt, ist das Militär zum Volk übergegangen.« »Aber so viel ich hörte, blieb alles ruhig,« sprach sie, ihren Mann in einen kleinen Salon führend. »Gottlob, es ist nirgends Blut geflossen. Wir werden eine neue Regierung bekommen, sicher deinen Freund Lwow, Rodzianko, Miljukow – lauter anständige Männer.« Die Stirne von Savinsky umwölkte sich; man las die Sorgen aus seinen schönen Zügen. Nur mit Mühe vermochte er zu lächeln, als er seiner Frau erwiderte: »Liebste Sonja, wir gehen schweren Zeiten entgegen. Kein Mensch kann voraussehen, was der nächste Tag bringt. Du beurteilst dieses Land nur nach deinem Herzen; ich fürchte, du siehst zu rosig. Auf jeden Fall wird die Petersburger Luft für dich und für die Kinder nicht zuträglich sein. Sobald das Tauwetter eintritt, müßt ihr aufs Land fahren. Aber diesmal ins Ausland. Ich werde schon morgen an einen Agenten in Helsingfors schreiben, daß er uns eine Villa in Finnland, nahe bei Wiborg, findet. Dort kann ich euch leicht besuchen. Und wenn es zu arg wird, gehe auch ich über die Grenze. Ich habe genügend Geld im Ausland, wir können dort in Ruhe das Ende der trüben Tage – oder des Sturmes abwarten.« Jetzt war es an Sofie, die Brauen zu runzeln und eine düstere Miene zu zeigen. Aber sie wußte, daß sie ihrem Mann nicht geradezu widersprechen durfte und begnügte sich mit den Worten: »Du weißt, daß ich keine ruhige Minute hätte, wenn ich allein fort wäre und dich hier wüßte. Ich käme aus der Angst und den Sorgen nicht heraus und wenn die Zeitungen von Unruhen berichteten, weiß ich nicht, was ich täte.« »Aber, aber; nur nicht gleich in den schwärzesten Farben sehen! Bisher verlief alles in größter Ruhe und das Ärgste liegt wohl hinter uns ...« Nikolaus bemühte sich seine Frau zu beruhigen, obgleich sein Herz von düsteren Ahnungen erfüllt war. Die Eindrücke der letzten Zeit waren, obwohl er sich dagegen wehrte, nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Die Ereignisse der drei letzten Tage besonders, die Kämpfe auf den Straßen, die offene Anarchie, die überall bemerkbar war, hatten in ihm die schwersten Befürchtungen für die Zukunft erweckt. Er konnte die Bilder, die er vor seinen Augen gehabt hatte, nicht aus seinem Gedächtnis löschen und besonders zwei der Szenen, die sich vor ihm abgespielt hatten, lebten noch immer mit furchtbarer Klarheit in ihm. Eine davon war das Erlebnis vom vorigen Samstag, als er seinen Schlitten erwartend vor dem Hotel Europe stand und die Salve auf dem Newskiprospekt krachte. Diese ersten Schüsse wird er niemals vergessen können, es waren die Vorboten des furchtbarsten aller Kriege, des Bürgerkrieges. Dann das atemlose Hasten der tödlich erschrockenen Menge, die furchtbare Angst, die aus all den verzerrten Gesichtern sprach, das Bild dieser rücksichtslos einander niedertrampelnden Masse, das grauenvoller als alles andere war und schließlich dieses kleine Mädchen, das vor seine Füße geworfen wurde! Wie lieb und jung war doch dieses Kind! Noch sah er das erschrockene Gesicht vor sich mit den flehenden Augen und der ein wenig starken, in der Mitte gespalteten Unterlippe, die so zitterte. Sie war wie ein armes, kleines, angeschossenes Vöglein, dessen Herz in seiner Hand mit angstvollen Schlägen hämmerte, als er es aufhob. Wie viele zarte Körper werden in diesem Kampf verbluten dachte er damals und dieser Eindruck war so stark gewesen, daß er ihn nicht vergessen konnte. Das zweite Erlebnis, das nicht verblassen wollte, stammte vom heutigen Tage. Vor dem Wirbel der rotgeschmückten Soldaten, die den Newski entlang strömten, war er in einen Hausflur geflüchtet. Unter den Leuten, die dort Zuflucht gesucht hatten, bemerkte er einen Generalstabsoberst mit den schwarzweißen Achselspangen. Der Mann war nicht mehr jung und hatte jene klugen, durchgeistigten Züge, wie man sie bei Generalstabsoffizieren häufig sah. Er war erschreckend blaß und Savinsky beobachtete, wie bei jedem Schuß ein unmerkliches Zittern durch seine sehnige Gestalt ging. Und er hätte geschworen, daß es nicht Furcht war, die der Oberst empfand; es war ein anderes Gefühl, das ihn übermannte, ein Leiden aus seinem tiefsten Innern geboren ... Später kam noch ein Fähnrich zu den Wartenden herein und ging auf den Oberst zu, mit dem er eine lange, leise geführte Unterredung hatte. Savinsky hatte sich genähert und hörte den Fähnrich sprechen: »Es muß sein, es muß unbedingt sein ... Der kommandierende General des Arsenals wurde eben auf der Litejnij niedergeschossen und allen Offizieren, denen sie begegnen, reißen sie die Abzeichen herunter ...« Der Oberst sagte lange nichts, aber seine Miene war erschütternd. Schließlich zuckte er resigniert mit den Schultern. »Was kann man tun?« Und der Fähnrich begann ihm so zart als möglich, die Achselspangen loszutrennen. Als er zu Ende war überreichte er sie dem Oberst, der sie in seine Tasche gleiten ließ. Savinsky glaubte eine Träne, eine einzige Träne in seinen hellen klaren Augen zu sehen. »Vorwärts!« sagte der Oberst und ging auf die Straße. Savinsky folgte ihm und sah, wie müde und schleppend er dahinschritt, als wäre er um zwanzig Jahre gealtert. – Savinsky konnte auch diese Szene nicht vergessen und vor seinem Geiste wechselte das Bild des jungen Mädchens, das er von der Straße aufgelesen, mit dem des Oberst, über dessen Achsel sich der Fähnrich beugte. Auch jetzt, als er in dem kleinen Salon seiner Frau hundert beruhigende Gründe aufzählte, standen diese beiden Erlebnisse klar vor seinen Augen und er wußte ganz gut, wie wenig er an seine eigenen Worte glaubte. Es gelang ihm indes seine Frau zu überzeugen und als das Abendessen aufgetragen wurde, bei dem beide ihren Kindern gegenübersaßen, hatte sie ihre Ruhe wiedergefunden. Der aufgeweckte, für sein Alter große Boris, frug mit lebhaften Augen nach den Einzelheiten des Tages. Die Schule, in die er ging, war seit diesem Montag geschlossen, und sein Vater hatte ihm zu seinem größten Schmerz verboten, das Haus zu verlassen. Er wußte von allen Vorgängen nur so viel als die Dienerschaft berichtet hatte und sein kindliches Gemüt war durch deren dramatische Erzählungen stark erregt. Denn nach ihrer Darstellung überflossen die Straßen von Blut, die Hälfte der Truppen war dem Zaren treu geblieben und die sicheren Regimenter würden, von der nahen Nordfront in Eile herangeführt, die Ordnung in der Hauptstadt kämpfend wieder herstellen. Nikolaus hörte den eifrigen Worten seines Sohnes lächelnd zu und aus der Art, wie er ihn betrachtete, war leicht zu erkennen, wie sehr er dieses Kind liebte und wie stolz er auf seinen Buben war. Ruhig stellte der Vater die übertriebenen Schilderungen richtig und setzte seine zuversichtliche Meinung über die weitere Entwicklung des Umsturzes auseinander. Boris aber war damit gar nicht einverstanden. »Aber Papa, so kann sich das doch nicht abspielen; du glaubst doch selbst nicht daran! Man wird bestimmt kämpfen! Ach, wenn ich groß wäre, würde ich auch ein Gewehr nehmen!« »Für wen?« unterbrach der Vater. »Für die Freiheit!« rief der Kleine begeistert. »Ich glaube, Liebling,« sprach Savinsky, »daß es zu keiner Schlacht kommen wird. Niemand will mehr kämpfen.« Und seine Stimme hatte ohne seinen Willen wieder ihren traurigen, ernsten Ton. – Sonja verbrachte eine unruhige Woche. Die Ereignisse überstürzten sich derart, daß man an allem irre wurde und ihnen kaum zu folgen vermochte. Nach acht Tagen war nichts mehr von all den Einrichtungen übrig geblieben, die das große russische Reich zusammengehalten und die Ordnung von Archangelsk bis zum Kaukasus und von der Beresina bis zur Küste des Ozeans gestützt hatten. Aber Sonja überblickte das kaum; sie dachte bloß an die Folgen dieser Krise für ihr eigenes Heim. Sie sollte gezwungen werden, sich von ihrem Mann zu trennen, ihn allein in dieser vollständig der Anarchie verfallenen Stadt zurückzulassen! Sie, die in diesem engen Kreis der Familie, in dem Mann und Kinder ihr alles waren, ihr ganzes Glück gefunden hatte! Sie kannte keinen andern Ehrgeiz als diesen Schatz, der ihr gehörte, zu hüten; die politischen Fragen kümmerten sie nicht. Sie verlangte die öffentliche Sicherheit und Ruhe nur zur Aufrechterhaltung ihres häuslichen Glücks. Aber die Tage verflossen und die Ruhe kehrte nicht wieder. Ebenso wie alle anderen Einwohner Petersburgs aus ihren Kreisen fühlte auch sie, daß man vor einem dunklen gähnenden Abgrund stand. Und bei ihr, wie bei allen anderen, herrschte am Ende dieser ersten Woche, die den endgültigen Zusammenbruch des Kaiserreiches durch die Abdankung des Zaren brachte, wieder nur ein Gefühl – die Angst. Wohl wurde man nicht direkt an seinem Leben oder an seinem Besitz bedroht. Nach den ersten Tagen des Schreckens war die Hauptstadt wieder ruhig geworden. Die Soldaten waren in ihre Kasernen zurückgekehrt, die Offiziere wieder auf ihren Plätzen; in den Theatern wurde wie gewöhnlich gespielt; die Geschäfte waren geöffnet; niemand hatte die Stadt verlassen. Wenn nicht eine aufgeregte Menschenmenge ständig die Straßen überfüllt hätte und an allen Straßenecken und Plätzen begeisterte Versammlungen stattgefunden hätten, wäre das äußere Bild der Stadt kein anderes als sonst gewesen. Aber im Geheimen war die ganze Stadt von einer grenzenlosen Angst beseelt, einer Angst, über die man nicht sprach, die man zu übersehen vorgab, aber der doch alle verfallen waren und die sich doch, wie sehr man sie auch verbarg, durch die allgemeine ungewöhnliche Erregung, durch die nervöse Unruhe, die jeden ergriffen hatte, durch ein erschrecktes Aufblitzen der Augen oder durch ein überlautes Lachen verriet. Diese Angst hatte weniger ihre Ursache in den während der Straßenkämpfe ausgestandenen Schrecken, als in der Ungewißheit über die Ereignisse jedes nächsten Tages. Es schien, als hätte das große Schiff, das die Schätze Rußlands trug mit einem Male Steuer und Bemannung verloren und treibe allein, mit geblähten Segeln auf das stürmische, mit Riffen besäte Meer hinaus ... D er beste Freund Lydias war ihr zwanzigjähriger Vetter Paul Volynski, mit dem sie schon als Kind gespielt hatte. Für ihn gab es, seitdem sie lange Röcke trug, kein größeres Vergnügen, als sich ihr grenzenlos zu unterordnen. Obwohl noch sehr jung, war Paul schon im ersten Kriegsjahr freiwillig eingerückt, wurde 1916 verwundet in ein Petersburger Spital gebracht und lebte seither in der Schule der Junker (Offiziersanwärter), die im Sommerpalast, in dem der Zar Paul I. ermordet worden war, ganz nahe dem Palais seines Onkels Volynski untergebracht war. Bei diesem verbrachte er auch alle seine freien Stunden ... Er war ein großer, schlanker Jüngling, der trotz des Krieges, trotz seiner Verwundung und trotz seiner zwanzig Jahre ein fast kindliches Gesicht behalten hatte, in dem helle, große Augen saßen, blau wie die seiner Kusine. Mancher zärtliche Frauenblick streifte ihn auf der Straße, dann aber beschleunigte er errötend seine Schritte. An diesem ersten Samstag der Revolution kam er zu Lydia zum Mittagessen. Seit dem Umsturz hatte er sie nur selten und flüchtig gesehen und hatte jetzt von den Ereignissen der letzten Woche und all den erregenden Eindrücken, die ihn beschäftigten, zu erzählen. »Weißt du,« begann er, kaum eingetreten, »der letzte Sonntag war der schrecklichste Tag meines Lebens. Fast hätte ich mich erschossen. Wir hatten Bereitschaft in der Schule; wir wußten genau, was in der Stadt vorging und konnten die Schüsse vom Newski herüber hören und stell dir vor, um ein Uhr verbreitete sich das Gerücht, daß man uns bewaffnet auf die Straße führen werde, um die Polizei zu unterstützen. Ich sah uns schon einen Kordon auf dem Prospekt bilden und vor uns die Arbeiter stehen, die uns zuriefen. Der Offizier forderte sie auf auseinander zu gehen, aber sie kamen immer näher heran. Schon sah ich ihre Augen vor mir, aus denen so gar kein Haß sprach. Es war wie eine unbekannte Gewalt, die sie gegen uns trieb. In diesem Augenblick ertönte das Kommando: ›Setzt an!‹ und da glaubte ich ...« »Aber Paul,« unterbrach Lydia, die beim Zuhören blaß geworden war, »du warst doch gar nicht auf dem Newski.« »Aber nein, natürlich war ich nicht dort und was ich dir eben erzählte, ging mir in dem Moment durch den Kopf, als es hieß, daß wir auf die Straße sollten und da sah ich alles das, was unten geschehen würde, so vor mir ... Meine Aufregung war so groß, daß ich mich lieber getötet hätte, als dem Befehl zu gehorchen.« Er war noch jetzt bei der Erinnerung an den Konflikt, der sich in ihm abgespielt hatte, ganz außer sich. »Gott sei Dank,« fügte er aufseufzend hinzu, »der Befehl ist dann doch nicht gekommen!« – Nach Tisch gingen sie aus und erreichten über den Platz vor dem Winterpalais das große Zentrum der Revolution, den Newskiprospekt. Es war nebelig und feucht. Ein gewaltiger Sturm war Freitag über die Stadt gebraust und Haufen frischen Schnees lagen noch in allen Straßen. Aber der Sturm hatte der Winterperiode, unter der die Bewohner Petersburgs furchtbar gelitten hatten, ein Ende gemacht, und wenn es auch noch fror, fühlte man doch schon an vereinzeltem mildem Wehen aufatmend das nahende Tauwetter. Der Newski bot das gewohnte sonntägliche Bild. Ein doppelter Strom von Spaziergängern, die meistens mit der roten Kokarde geschmückt waren, bewegte sich auf den Fußsteigen. Man sah eine unendliche Menge müßig schlendernder Soldaten; es schien fast, als wüßten sie nicht recht, was sie anderes mit ihrer neuen Freiheit beginnen sollten, als die entgegenkommenden Offiziere, die wieder ihre Achselklappen trugen, nicht mehr zu grüßen. Immerhin zeigten sie eine gewisse kindliche Freude. Lydia machte ihren Vetter darauf aufmerksam, der sogleich erwiderte: »Sie sind zufrieden, weil sie wissen, daß sie nicht mehr in den Krieg müssen.« »Die Armen, ich kann das gut verstehen.« Paul, der einen Augenblick sinnend ins Gedränge geblickt hatte, lächelte und sprach munter: »Du hast Recht, Liebste, in den Schützengräben zu hocken ist kein Vergnügen. – Schau,« fügte er hinzu, indem er auf eine Gruppe Soldaten deutete, von denen jeder einen schweren Sack schleppte, »weißt du, wohin diese Burschen gehen? – Auf den Nikolausbahnhof, um mit dem nächsten Zug in ihre Dörfer zu fahren. Und du kannst sicher sein, daß sie keinen Urlaubsschein verlangt haben. Weißt du, wie man sie schon nennt? Die freiwilligen Urlauber! Ach, wie gerne wäre auch ich so ein freiwilliger Urlauber,« seufzte er. »Wir würden zusammen auf unser Gut fahren, statt daß ich die faden Vorlesungen und Übungen in der Offiziersschule mitmachen müßte. – Wann wird das alles zu Ende sein?« Sein hübsches Gesicht nahm einen verzweifelten Ausdruck an. In diesem Augenblick ertönten hinter ihnen lärmende Trompeten, die einen Militärmarsch bliesen. Einige Kompagnien eines Regimentes bogen, mit der Musik an der Spitze auf den Newski ein. Paul und Lydia blieben stehen, um ihren Vorbeimarsch zu betrachten und erkannten die Uniformen des Preobraschenskischen Regiments. Das Neue an dem Anblick waren die vielen roten Fahnen, die über den Köpfen der Soldaten wehten und die roten Banner mit weißen Aufschriften, die mitgetragen wurden und auf denen man, was das Überraschendste war, lesen konnte: »Krieg bis zum endgültigen Sieg!« »Vaterland und Freiheit!« Die Soldaten marschierten mit jenem gleichmäßig schweren Tritt, mit dem jedes russische Regiment diesen besonderen Eindruck von gewaltiger, unwiderstehlicher Kraft hervorruft. Die Menge jubelte ihnen zu, ein begeisterter Schwung riß alle mit. Wer hatte auch seit einer Woche noch an den Krieg gedacht? Und nun war er allen wieder gegenwärtig. Diesmal würde es die rote Fahne sein, die Rußland zum Sieg über seine Erbfeinde führt. Lydia klatschte in die Hände, und über das begeisterte Gesicht Pauls liefen Freudentränen. Warum mußte Lydia gerade in diesem Augenblick hinter sich die zischenden Worte hören: »Solange es bei großen Worten bleibt, werden wir immer unseren Mann stellen. Ich möchte die Gesichter in dem Regiment sehen, wenn wirklich der Befehl käme, an die Front zu gehen.« Lydia schien es, als hätte eine kalte Schlange sie gestreift. Sie drehte sich rasch nach dem Sprecher um und erblickte einen jungen Offizier der Gardeartillerie mit hagerem, glattrasiertem Gesicht, mit spitzwinkeligen Brauen, breitem und verbissenem Mund. Sein starrer Blick war kalt und stechend. Er mißfiel ihr unsagbar. »Dieser Mann ist gräßlich,« sprach sie, »gehen wir.« Aber sie hatte keine Lust mehr spazieren zu gehen und führte ihren Vetter nach Hause. Sie war verstimmt und einsilbig. Der junge Artillerieoffizier blickte zur Uhr auf dem Rathausturm, sie zeigte halb fünf. Da ging er, rasch ausschreitend, bis zur Karawanenstraße, in der er, fast gegenüber der Garage der Panzerautos, wohnte. In seinem Zimmer erwarteten ihn zwei junge Leute, der eine war in Offiziersuniform, der andere in Zivil. Zwischen den drei Personen begann sofort eine lange, politische Debatte, deren weitschweifige philosophische Betrachtungen einen europäischen Leser bald ermüden würden. Der Hausherr, Leo Semeonow Borissowitsch, der eine wissenschaftliche Bildung genossen hatte, gefiel sich darin, seine Reden in sauber voneinander geschiedene Abschnitte zu gliedern, die er in betonter Pedanterie mit » Primo «, » Secundo «, » Tertio « bezeichnete, und dann auch oft in »Groß A«, »Groß B« usw. weiter zerfallen ließ. Er hatte ein ausgesprochenes Rednertalent, sprach klar, eindrucksvoll und mit Lebhaftigkeit. Sein Kamerad, ein Kosakenoffizier von athletischem Körperbau zeichnete, indem er ihm zuhörte, Arabesken und unterbrach ihn jeden Augenblick, bald um eine Erklärung zu verlangen, bald um einen Einwand zu erheben, der stets von Leo Borissowitsch in trockendstem Tone mit drei Sätzen abgetan wurde. Dann pflegte Leo seinem vernichteten Gegner voll Geringschätzung denselben kaltstechenden Blick zuzuwerfen, der eine Stunde früher Lydia so peinlich berührt hatte. Der dritte Anwesende blieb mehr ein stummer Zuhörer. Sein Name, in der Sozial-Revolutionären Partei sehr bekannt, war Andreas Spaßki. Er war einige Jahre in Sibirien, dann im Ausland gewesen. Bei Kriegsausbruch, als er die Erlaubnis erhielt nach Petersburg zurückzukehren, hatte er sich als feuriger Patriot bemerkbar gemacht, hatte aufsehenerregende Reden gehalten und Aufsätze veröffentlicht, in denen er die Meinung vertrat, daß kein Russe während des Krieges einen anderen, als den äußeren Feind kennen dürfe, und daß jeder innerpolitische Kampf ein Verbrechen sei. Er wurde dafür von den im Exil lebenden revolutionären Parteiführern mit Schimpf und Spott überschüttet. Dann war er eingerückt gewesen, hatte Kämpfe mitgemacht und wurde später aus Gesundheitsgründen entlassen. Spaßki war ein Mensch, der wenig sprach, der nichts Bestechendes an sich hatte, aber in dem Ausdruck seines mächtigen Schädels las man eine ungewöhnliche Energie und seine lebhaften Augen flößten Vertrauen ein. Er drückte sich in ruhigen Worten aus; man fühlte, daß seine Meinung sich erst nach reiflicher Überlegung gebildet hatte, und daß man ihn nicht leicht umstimmen könne. Semeonow beendete seine Ausführungen mit folgenden klaren Worten: »Ich resümiere. – Was haben wir vor uns. Ad A. – Eine ehrliche Regierung, die aus den besten Männern Rußlands zusammengesetzt ist, aus unseren Kadetten, braven Leuten, vorzüglichen Theoretikern, begabten Rednern. Von politischer Erfahrung keine Spur, woher sollten die Armen sie auch haben? In den Semstwos lernt man sie gewiß nicht. Aber auch das würde nichts machen. Ich gebe alles zu, auch daß diese Regierung die besten Eigenschaften der Welt besitzt, aber sie ist – wie die Stute Rolands, die auch das beste Pferd der Welt war – tot! – Wo ist ihre Autorität? – Nirgends! Ihr werdet erwidern, daß sie die moralischen Kräfte des Reiches verkörpert ... In kritischen Zeiten glaube ich aber an keine moralischen Kräfte, nur an die Kraft der Bajonette! Könnt ihr euch Lwow vorstellen, wie er vor dem Winterpalais eine Guillotine errichtet und seine politischen Gegner hinrichtet? Die großen französischen Revolutionäre trafen damit das Richtige. Die Maschine des Dr. Guillotin hat auf der Place de la Concorde nicht gefeiert. Nur so konnte die wilde Kraft der Jakobiner triumphieren und die Trikolore ganz Europa besiegen. – Ad B. – Der Regierung gegenüber stehen die Sowjets, jetzt wohl noch ein Chaos, aber doch erkenne ich schon alle dunklen Kräfte dort, die sich in Rußland jemals regten. In diesen Sowjets findet ihr bei den Sozial-Revolutionären oder bei den Demokraten ebensoviel Talente wie bei den Kadetten. Sicherlich auch hier die gleiche politische Unerfahrenheit, aber ein präziseres Programm, das der großen Masse viel näher liegt als das der Liberalen. Bei gleicher Unerfahrenheit also das bestechendere Programm. Aber was allem den Ausschlag gibt, ist, daß die Sowjets die effektive Gewalt besitzen, da sie die Bajonette der Soldaten beherrschen, die die Revolution gemacht haben. Dagegen gibt es keine Einwände. Ich schließe mich der Macht an. Ich habe mich von meiner Kompagnie als ihr Vertreter in die Sowjets delegieren lassen. Dort allein liegt die Zukunft, dort werde ich arbeiten!« Die Stimme des Sprechers hatte die letzten zwei Sätze mit besonderer Wucht bekräftigt. Dann wurde es still, auf lange still. Spaßki folgte mit seinen Augen Semeonow, der in großer Erregung im Zimmer auf- und abging, denn wahrlich dieser Entschluß, der den ehemaligen Gardeoffizier zu dem Arbeitersowjet Petersburgs führte, war ein sehr ernster Schritt! Nach einigen Minuten brach Spaßki das Schweigen durch drei inhaltsschwere Worte, die das Zimmer wie eine schwere greifbare Masse füllten. »Und der Krieg?« – Er fügte nichts hinzu. Semeonow blieb mit einem Ruck stehen. Er war erbleicht. Er zögerte einen Augenblick und erwiderte dann, zu einem Entschluß gelangt: »Der Krieg ist aus. Dieses Land will nichts mehr von ihm wissen. Die Revolution hat ganz neue und wichtigere Fragen gebracht. Erst müssen diese entschieden sein, dann kann ein neuer Krieg beginnen, aber nach unserem Willen, zu unserer Zeit. Die Zukunft gehört denen, die voraussehen.« Es klang wie eine Herausforderung aus den letzten Worten, als ob er seiner eigenen Ansicht nicht ganz sicher, durch eine kühne Bekräftigung sich selbst zu überzeugen suchte. Von neuem entstand ein langes Schweigen, noch quälender als das vorige. Der Kosakenoffizier empfand dessen Peinlichkeit sogar bis zur Unerträglichkeit. Er erhob sich und ging ans Fenster. Die Nacht war schon hereingebrochen. Auf dem Platz sah man beim Schein der Straßenlampen eine Gruppe Soldaten vor der Garage stehen. Einer der Panzerwagen manövrierte, um in die Garage einzufahren. Der Offizier wandte sich wieder zurück. Im Zimmer wurden nur noch wenige nichtssagende Worte gewechselt, dann verabschiedeten sich Spaßki und der Kosakenoffizier. Auf der Straße frug der Kosak, bevor sie auseinandergingen: »Und Sie, Andreas Ivanowitsch, was wollen Sie tun?« »Ich bleibe noch zehn Tage in Petersburg. Und dann? – Ja, kann ich's denn leugnen? Ich habe mein ganzes Leben lang die Revolution ersehnt und heute, da sie ausgebrochen ist, erschrecke ich, denn sie kommt mitten im Krieg, und diese doppelte Bürde wird Rußland nicht ertragen. Nach meiner Meinung muß vor allem mit dem äußeren Feind abgerechnet werden. Ich reise zur Armee. Wir werden Millionen Deserteure haben. Wie soll man die Soldaten an der Front zurückhalten? Wie ihnen begreiflich machen, daß sie ohne für Rußland zu kämpfen, auch die Revolution nicht verteidigen können? Vielleicht ist es unmöglich. Jedenfalls muß ich's versuchen.«   Es gab Stunden, in denen Lydia es als ein Glück betrachtete, daß die Revolution zu einer Zeit ausgebrochen war, als sie, ein heranwachsendes Mädchen, die tägliche Entwicklung dieses geschichtlichen Dramas schon zu verfolgen vermochte. »Ich hätte in einer ruhigen, gleichgültigen Epoche aufwachsen können,« meinte sie dann, »in der sich nichts ereignet, wie Mama, die nur an ihr Vergnügen und ihre Toiletten zu denken hatte. Wie langweilig wäre das gewesen!« Und das junge Mädchen war gewissermaßen stolz, daß sie die Revolution miterlebte und daß man sie später, als würdige Matrone bestürmen würde, ihre Erinnerungen aus der »großen Zeit« zu erzählen. Niemand fiel es ein, ihren Vater oder ihre Mutter nach Jugenderinnerungen zu fragen! Wenn sie aber versuchte, sich von dieser später wohl berühmten Revolution ein klares Bild zu machen, mußte sie sich gestehen, daß ihr dies nicht gelang. Sie verschlang wohl die Zeitungen, doch fand sie darin nichts als Jammern und Klagen. Man hätte meinen können, daß alle sieben Plagen Ägyptens auf einmal über das unselige Rußland hereingebrochen wären. Auf jeder Seite fand sich dieselbe Redensart: »Rußland ist am Rande des Abgrundes.« Was bedeutete das? Der Satz war ungemein schwer zu verstehen. Oft grübelte sie ganze Abende noch in ihrem Bett nach dessen Sinn. »Man kann sich vorstellen,« sprach sie vor sich hin, »daß ein Mensch, ein Haus, ja sogar ein kleines Dorf, die am Rande eines Abgrundes stehen, eines Tages in die Tiefe rutschen. Aber ein ungeheures Reich, wie das russische, Land und Boden, die Tausende von Quadratmeilen bedecken, auf denen hundertfünfzig Millionen Einwohner leben – wie soll man sich einen Abgrund vorstellen, der alles das verschlingen könnte? Was auch immer kommen mag – die Erde muß doch da bleiben und hundertfünfzig Millionen Menschen können nicht verschwinden. Nein, ich begreife es nicht, vielleicht deshalb, weil ich doch nur ein kleines Mädchen bin, noch zu jung, um aus den Vorfällen des Tages alle die verworrenen, weitreichenden Folgerungen zu ziehen, die andere Menschen so leicht erkennen.« Die enteilenden Tage brachten eine immer neue Fülle vielfältiger überraschender Ereignisse, die Gespräche wurden trauriger, die Zeitungsberichte klagender und Lydia sah sich immer weniger imstande, das verwirrende Gestrüpp, das die Journale ihren Lesern als Tatsachen vorsetzten, zu durchdringen. Eine tödliche Langeweile blieb als einziges Ergebnis der Zeitungslektüre. Jeden Morgen die gleichen trauervollen Leitartikel, dieselben düsteren Ausblicke, die ständigen Wiederholungen der stets mit anderen Worten aufgewärmten gleichen Tatsachen, die einander oft genug widersprachen – all dies konnte wohl auch den willigsten Geist ermüden. Sie verschloß sich schließlich jeder Erklärung, jedem Kommentar, jeder Prophezeiung. Sie nahm die Revolution als Roman –, ohne den Versuch, über die Entwirrung klar zu werden. Und von diesem Standpunkt aus durchlebte sie ihre Tage. Mit ihren Freundinnen, mit ihrem Vetter streifte sie durch die Straßen Petersburgs, sah die Bäume in den Gärten Blüten treiben und aus den ehrwürdigen Mauern der kaiserlichen Palais rote Fahnen sprießen. Auf den Straßen waren schon alle früheren Förmlichkeiten verschwunden; die ungeschriebenen Gesetze, die in den modernen Städten Rechte und Pflichten der Spaziergänger regeln, waren mit der alten Regierung versunken. Eine äußere Brüderlichkeit beherrschte alle, welches auch immer die Gefühle sein mochten, die im Inneren diese aus den verschiedensten sozialen Schichten stammenden Menschen in Wahrheit empfanden. Nichts Unterhaltenderes gab es für Lydia, als den Newski entlang zu schlendern, von Gruppe zu Gruppe zu gehen, den Stegreifrednern zu lauschen und mit Soldaten und Passanten zu plaudern. Besonders die Soldaten waren für Lydia der Gegenstand stets erneuten Staunens. Sie bewahrten die gleiche Gemütlichkeit, die gleiche Einfältigkeit, die ursprüngliche Gutmütigkeit und Offenherzigkeit, die Lydia auch früher immer bei allen Begegnungen mit Bauern und Arbeitern bemerkt hatte. Sich selbst überlassen war eine große Anzahl von ihnen in ihre entfernten Dörfer zurückgekehrt, aber viele andere zogen es vor, das ungebundene Leben in der Hauptstadt mit Muße zu genießen. Sie machten endlose Fahrten in der Straßenbahn, deren kostenlose Benutzung ihnen die Regierung, um die Helden der Märztage zu ehren, eingeräumt hatte. Um ihre freien Stunden nutzbringend zu verwenden, hatten sich auch viele als Straßenverkäufer etabliert. In diesem neuen Beruf zeigten sie eine unerschöpfliche Erfindungsgabe. An den Straßenecken oder in Haustoren boten sie den Vorübergehenden Zigaretten, Mehl, Zucker, Grieß an – zweifellos aus den Depots ihrer Regimenter stammend und Gummischuhe, Selchwaren, Bonbons und Geflügel, die von noch dunklerer Herkunft waren. Lydia kaufte einem von ihnen ein Paar kleine Ballschuhe um siebzig Rubel ab und erzählte abends beim Tanze: »Die Revolution hat mir einen ausgezeichneten und sehr billigen Schuster verschafft: Vasily, Soldat vom Preobraschenskischen Regiment. Er hat an der Ecke der Morskaja seinen Stand.« Sie lachte ihren Vetter Paul aus, dem das Straßenleben nicht das gleiche Vergnügen machte. »Aber das ist doch keine Belustigung, Lydia!« meinte er öfters und sein kindliches Gesicht legte sich in ernste Falten, die seine unehrerbietige Kusine hell auflachen machten. Eine Weile bemühte er sich wohl seinen Ernst zu bewahren, aber da er jung und verliebt war, dauerte es nicht lange und er lachte herzlich mit. Eines Abends ging sie zum Palais der Kscheschinskaja, auf das andere Ufer der Newa. Lenin, mit seinem wunderbaren Instinkt für eine wirkungsvolle Aufmachung, hatte sich sofort nach seiner Ankunft der Wohnung dieser durch ihren kaiserlichen Liebhaber berühmt gewordenen Tänzerin bemächtigt. Dort war jetzt das Mekka der Kommunisten, und die Regierung fand keine Handvoll Soldaten, um ihn zu vertreiben. Vom Balkon aus wiegelte er die Massen auf und versprach ihnen in kurzer Zeit die Vernichtung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, die Errichtung der Proletarierherrschaft und das Paradies auf Erden. Es war in Petersburg Mode geworden hinzugehen, um den gefürchteten Führer der Bolschewiki zu hören, und Lydia war viel zu neugierig, auf eine solche Sensation zu verzichten. Es war ein wundervoller Tag. Ein klarer Himmel von unendlichem Blau wölbte sich über der Stadt und spiegelte sich in den Wassern der Newa, deren Quai die beiden jungen Leute entlang gingen. Paul hielt sich stramm in seiner Junkeruniform. Ihn interessierte nicht Lenin, sondern nur Lydia. Ihr würde er auch bis ans Ende der Welt folgen, wenn nur der Krieg einmal aus wäre. Er war nur ein kleiner, harmloser und jetzt sehr unglücklicher Knabe. Solange der Krieg dauerte, durfte man an nichts anderes als an ihn denken. Er hatte fast mystische Gefühle für den Krieg, der ihm die erste und einzige Pflicht blieb. Aber wer kümmerte sich denn seit dem Umsturz noch um die Armee? Sie schmolz dahin, wie Schnee in der Sonne. Selbst in der Fähnrichsschule war der Glauben, der alle beseelt hatte, geschwunden, und jeder erwartete nach dem allgemeinen Zusammenbruch den unvermeidlichen Frieden, den die Revolution stempelte. Während selbst Offiziere schon die Front verließen, träumte der Junker Paul Volynski noch davon, hinzueilen, um sich mit dem Feind zu schlagen. Er wußte, daß General Brussilow im Südwesten eine Offensive plane und hatte um Versetzung zu einem der Regimenter, die daran teilnehmen sollten, gebeten. Aber würden sich denn überhaupt noch Soldaten finden, die ihren Offizieren folgen wollten? Paul, der viel Phantasie hatte, sah sich ganz allein über aufgewühlte Erde gegen die feindlichen Gräben schreiten, aus denen ihm ein Kugelhagel entgegenbrauste ... Und Lydia müßte er verlassen. Würde er sie in Petersburg wiederfinden? Würde sie warten? Hatte denn das Leben ohne sie einen Zweck? Er war entschlossen, ihr eine Frage, von der sein Leben abhing, zu stellen. Aber von Tag zu Tag schob er es auf. So nahe und doch wieder so fern schien sie ihm; eine sehr liebe Freundin, aber so fern den Wünschen, die sein Herz bewegten. – Auch hatte er ihr noch eine Beichte abzulegen und sich geschworen, daß der Tag nicht zu Ende gehen dürfte, ohne daß er sich seiner Bürde entledige. Indessen hatten sie die Troitzkibrücke überschritten und näherten sich dem Palais der Kscheschinskaja. Vor dem Hause, das den Ausblick aus alle die Gärten hat, die sich bis zur Perspektive Kamenov-Ostrow erstrecken, drängte sich eine zahlreiche Menge. Bunt durcheinandergewürfelt standen Arbeiter und Bürger, Leute aus der Gesellschaft und Soldaten, Anhänger Lenins und Neugierige. Eine rote Fahne flatterte vom Dach, zwei andere schmückten den Balkon, auf dem der Prophet seinem Volk erscheinen sollte. Lydia, die von dem Schauspiel nichts verlieren wollte, schlüpfte nach und nach bis in die vordersten Reihen der Wartenden. Sie hatte eine so behende Art sich durchzuschlängeln und verstand es, die Leute, die sie beiseite drängte, so lieb anzulächeln, daß man sie ohne Murren vorließ. Paul folgte knapp hinter ihr. Zuerst erschien ein krausköpfiger Jude auf dem Balkon und begann die Menge aufzuwiegeln. Jemand in Lydias Nähe nannte seinen Namen: Sinowiew. Es war Lenins vertrautester Jünger und hatte mit seinem Meister unter dem Schutz der kaiserlichen Behörden vor vierzehn Tagen Deutschland durchquert. Sein großer, runder Kopf schien unmittelbar auf seinen Schultern zu sitzen. Seine Worte sprudelten mit einer schwindelerregenden Schnelligkeit hervor, als wäre er genötigt, in zehn Minuten alles das zu sagen, wozu er unter anderen Umständen wohl eine Stunde gebraucht hätte. Lydia starrte ihn mit offenem Mund an, und als er geendet hatte, wandte sie sich fassungslos zu ihrem Vetter. Sie hatte auf den Sinn der Rede gar nicht achten können, so gefesselt war sie von dem rasenden Lauf all der Worte, die einander überstürzten und alle von dem gleichen Haß getragen schienen. Beifallsklatschen ertönte in der Menge, die von einer solchen Kraftleistung hingerissen war. Plötzlich verdoppelte es sich: Lenin war erschienen! – Der Mann, der da auf dem kleinen Balkon stand und seine beiden weißen Hände auf das Gitter stützte, überraschte das Mädchen. Sie hatte einen mächtigen Volksführer erwartet, ein Ungeheuer in der Art eines Danton, dessen Bilder sie gesehen hatte, und nun war es nur ein harmloser Kleinbürger, der da herabblickte, sanft, verbindlich, lächelnd und salbungsvoll. Er war gut gekleidet, seine Wäsche war weiß und seine Krawatte sorgfältig gebunden. Er hatte kleine, ein wenig müde Augen, blonden gutgebürsteten Bart und Schnurrbart, und über seinen kahlen Schädel waren sorgfältig einige Haare gezogen. Auch die Art zu sprechen stimmte ganz zu seinem äußeren Eindruck. Zurückhaltende spärliche Bewegungen, kein Stimmaufwand, keines von all den blendenden Bildern, wie sie bei Volksrednern so beliebt sind und wie die Menge sie erwartet und bejubelt. Nein, in ruhigem Ton entwickelte er eine Reihe von abstrakten Folgerungen, die er durch schwache Handbewegungen oder dadurch unterstrich, daß er mit der geballten rechten Hand in die offene Linke hämmerte. Seine Rede war sehr kurz, aber der Beifall seiner Anhänger um so länger. Als sie auf dem Heimwege die Brücke überschritten, verbarg Lydia nicht ihre Enttäuschung. »Das also ist Lenin,« meinte sie zu ihrem Vetter. »Erscheint er dir so furchtbar? Mir macht er den Eindruck eines Bücherwurms. Ich glaube Danton und Robespierre müssen andere gewesen sein. Vor dem habe ich keine Angst ...« Aber Paul war ganz in seine eigenen Gedanken vertieft und hatte keine Lust, über Politik zu sprechen. Er dachte nur an das, was er Lydia sagen mußte, an die Beichte, die zu machen er entschlossen war. Es gab, wie er meinte, einen dunklen Punkt in seinem Leben, von dem er sich durch sein Geständnis reinigen mußte. Er war noch fast ein Kind, als er zur Armee gegangen war und dachte schon damals ausschließlich an den Krieg. Hinter der Front nahm er nie an den Unterhaltungen seiner Kameraden teil, die ihre erregten Nerven bei Wein und leichten Dämchen zu entspannen suchten. Dann kam er als Verwundeter in das Spital zurück; hier teilte er als Genesender das Zimmer mit einigen Offizieren. Zwei Mädchen aus der Gesellschaft, die Dienste als Rotekreuzschwestern machten, pflegten sie. Die eine hieß Anna Pawlowna. Die Schwesterntracht stand ihr gut, und die weiße Haube, die ihre schwarzen Haare verdeckte, umrahmte ein kleines blasses Gesicht, in dem zwei schöne braune Augen brannten. Paul hatte bemerkt, daß diese Augen seinen Blick suchten und stets lange auf ihm ruhten. Auch seinen Kameraden war es aufgefallen, und sie neckten ihn häufig damit. Diese Neckereien waren ihm gar nicht angenehm, und er antwortete niemals darauf. Der Schwester gegenüber war er ein wenig unsicher, mehr noch befangen und blieb kühl und abweisend. Wenn sie an seinem schon fast geheilten Arm den Verband wechselte, tat sie es mit unendlicher Sorgfalt und so langsam wie möglich; sie entblößte seinen knabenhaften Körper mehr als nötig gewesen wäre, und man wußte schließlich wirklich nicht, ob sie ihn pflegte oder liebkoste, wenn sie so lange über ihn gebeugt blieb. Richtete sie sich dann endlich auf, war sie noch bleicher als gewöhnlich. Einmal nun, an einem sehr, sehr heißen Sommernachmittag waren er und ein in Fieberträumen halb schlummernder Offizier allein im Zimmer. Anna Pawlowna kam, obwohl sie zu dieser Zeit nichts bei ihnen zu tun hatte, herein. Geräuschlos glitt sie durch den Raum und setzte sich an Pauls Bett, der dem einschläfernden Brummen einer großen Fliege lauschte, die gegen das Fenster stieß. Die Schwester flüsterte, aber ohne Zusammenhang, und plötzlich war sie über ihn gelehnt, hatte einen Arm unter seinen Kopf geschoben, während der andere sich unter seine Decke verirrte, und er fühlte zwei heiße Lippen an seinem Mund und eine spitze Zunge an seinen Zähnen. Das schien ihm ein Jahrhundert zu dauern. Endlich, als sich der zweite Kranke in seinem Bett stöhnend umdrehte, ließ sie ihn rasch los. »Wie ich dich liebe!« seufzte sie flüsternd und eilte davon. – Zwei Tage später, immer noch unter dem Eindruck einer unerklärlichen Beklemmung, hatte er das Spital verlassen. Die Erinnerung an jene Stunde lastete schwer auf ihm und quälte ihn besonders, wenn er mit Lydia allein war. Er konnte sich nicht verzeihen, daß er nicht mehr ebenso rein sei wie sie selbst. Schon seit langem war er entschlossen, ihr alles zu beichten und sie um Verzeihung zu bitten. Erst dann, wenn er durch ihre Verzeihung wieder rein geworden, meinte er von seiner Liebe zu ihr sprechen zu können. Sie kamen auf den Kay und hier brach Paul, der bisher geschwiegen hatte, plötzlich los. Er sprach mit ganz besonderer Ungeschicklichkeit und schilderte die Szene mit allzu eingehender Drastik. Es klang fast, als wollte er sich mit diesem Erlebnis rühmen; er fühlte dies selbst, wurde immer verwirrter und gab sich immer mehr Mühe, dies zu verbergen. Er schloß endlich mit den Worten: »Es war meine Pflicht, dir alles dies zu erzählen.« Lydia betrachtete ihn ganz entgeistert. Ihr Gesicht war ernst geworden, sie zögerte keinen Augenblick mit ihrer Antwort. »Ich finde deine Geschichte sehr widerlich und ekelhaft. Außerdem ist sie gar nicht interessant. Wozu erzählst du mir das? Was geht das alles mich an?« Paul vermochte nur ungeschickte Entschuldigungen zu stammeln und kam verzweifelter denn je in seine Schule zurück. Lydia ging zuerst in ihr Zimmer, ehe sie ihren Vater aufsuchte. Die Erzählung Pauls hatte sie verwirrt, sie war ihr ebenso peinlich wie sie ihr kindisch erschien. »Er ist doch noch ein dummer Junge!« dachte sie. Und bei diesen Worten überkam sie plötzlich eine wehe Erkenntnis: daß auch sie selbst nur ein Kind sei und so ganz allein in dieser Welt stehe, in der unheimliche und furchtbare Mächte ihre Fesseln gelöst hatten. Die Revolution erschien ihr mit einem Male als ein böses Ungeheuer, das nach und nach tausend Opfer verschlingen werde. Wo gab es jemand, bei dem sie Schutz finden könnte.? Wird sie diese bangen Zeiten so allein, ohne einen wahren Freund durchschreiten können? Noch nie hatte sie ein ähnliches Gefühl von Schwäche und Einsamkeit empfunden. – Als ihre alte Amme Katja ins Zimmer kam, fand sie Lydia in Tränen. Fürst Volynsky hatte eine besondere Art die Ereignisse zu betrachten und zu beurteilen. Nichts von allem, was in der Stadt geschah, wunderte ihn. Er hatte schon lange über Petersburg, diese »verdammte Stadt«, ein Kreuz gemacht. Auch das Schlimmste konnte ihn nicht mehr überraschen. Petersburg war in seinen Augen eine Schöpfung des Antichrist, eine Stadt ohne Vaterlandsgefühl, voll von Juden und Ausländern, der Sitz eines ungeheuren, durch und durch fauligen Beamtenheers, überdies im Sumpf erbaut, ungesund, fieberdurchseucht, die Hälfte des Jahres in Finsternis getaucht, ein Herd moralischer Verderbnis, der alle reinen Elemente, die ganz Rußland ihm zusandte, infizierte und aus gesunden Menschen in kürzester Zeit Wesen machte, für die es in keiner Sprache einen richtigen Ausdruck gab. Mit einer gewissen verbitterten Befriedigung nahm er deshalb die unheilvolle Kette von Ereignissen, die sich in dieser Stadt abspielten, zur Kenntnis. Mit hämischer Genugtuung hatte er den begeisterten Empfang vermerkt, der Lenin bei seiner Ankunft auf dem Finnländer Bahnhof bereitet worden war, und hatte sich gewaltig darüber amüsiert, daß er sich gerade im Palais der Kscheschinskaja einnistete. Die Neuigkeiten, die man ihm vom Sowjet berichtete, und das Überhandnehmen der Juden dort, bestätigten nur seine Ansicht. »Wie die Schwämme nach einem Regen schießen sie hervor,« meinte er, »diese Fäulnis wird alles bedecken.« Aber es gab auch wieder Augenblicke, in denen er den Zorn des Himmels auf die Hauptstadt herabrief: »Möge doch kein Stein auf dem anderen bleiben, wenn nicht ganz Rußland verloren sein soll!« Für gewöhnlich jedoch verzichtete er auf all diese grämlichen Freuden, denn eigentlich beschäftigte ihn doch nur eine Frage: Was wird auf meinem Gut geschehen? Er hatte einen bedeutenden ererbten Besitz im Smolensker Gouvernement, auf dem er geboren war. Nur ein einziges Mal war er seiner vergötterten Frau, der er sonst ganz ergeben war, mit einem unverrückbaren Willen entgegengetreten. Das war, als sie ihr Kind erwartete und er darauf bestand, daß sie auf dem Gute lebe und dort das Kind zur Welt bringe. Der Gedanke, daß sein Erbe in Petersburg das Licht der Welt erblicken könnte, wäre ihm unfaßbar gewesen ... Die schöne Fürstin Helene nahm diese Verbannung mit größtem Widerwillen hin; es war auch zu hart für sie, auf die Großstadt mit ihren Unterhaltungen verzichten zu müssen. Aber dieses eine Mal blieb der Fürst unbeugsam, und Lydia wurde, wie der Fürst sagte, auf »wahrem russischem Boden« geboren. Seither verbrachte er jeden Sommer dort und unterbrach seinen Aufenthalt nur, um kurze Reisen ins Ausland zu machen, wenn er seine Frau, die an die deutschen Kurorte und die französischen Seebäder gewöhnt war, begleitete. Er hatte den Ertrag seiner Besitzung bedeutend gehoben. Holz, Hafer und Weizen waren ergiebige Einnahmequellen, aber das Hauptgeschäft war seine persönliche Schöpfung, die Milchwirtschaft. Er hatte sie einem Schweizer, namens Schwarz, unterstellt, der aus seiner Heimat und aus Dänemark Kühe bezogen hatte, um sie mit den einheimischen Rindern, deren Vorfahren einem Ahnen des Fürsten von Katharina der Großen selbst geschenkt worden waren, zu kreuzen. Schwarz hatte es schließlich zu einer Herde von vierhundert Rindern gebracht; der größte Teil der Milch wurde täglich nach Moskau gesandt, und der Rest diente zur Herstellung des in Rußland berühmten Gruyère. – Als nun die Bauern von dem Regierungswechsel erfuhren, begannen sie langsam sich zu rühren. Schon seit langem betrachteten sie Grund und Boden im stillen als eigentlich ihnen gehörend. Aber es standen ihren Wünschen bisher zu große Hindernisse entgegen, die sie nicht zu überwinden wußten. Jetzt war aber eine andere Zeit gekommen. Die Berichte von Schwarz wurden immer seltener und beunruhigender und gaben dem Fürsten viel zu denken. »Die Bauern fällen im Wald Bäume,« »sie haben sich Futter angeeignet« und schließlich kam eines Tages die Meldung, daß sie ein Dutzend Kühe fortgetrieben hatten. Beim Lesen dieses Berichtes schäumte der Fürst vor Wut, und die Scheite in seinem Kamin, von seinem Schürhaken grimmig bearbeitet, prasselten und knisterten so heftig, als teilten sie seinen Zorn. Holz, Futter, Getreide, das alles war ihm nicht nahe gegangen, aber seine Kühe anzurühren, diese preisgekrönten, sorgsam ausgewählten und durch weise Zucht in jahrelanger Arbeit verbesserte Rasse, das konnte er nicht verwinden. »Dieser Schwarz, der Idiot, weiß sich auch nicht zu wehren!« rief er. »Meine Kühe in ihren dreckigen Ställen! Das will ich mal sehen! Ich muß sofort hin!« Und es war unmöglich, ihn zur Vernunft zu bringen. Weder die ungeheuren Schwierigkeiten einer Reise auf den von Deserteuren überschwemmten Linien, noch der schlechter gewordene Zustand seiner fast gelähmten Beine, der ihn zwang, sich im Rollwagen zu dem Zug führen zu lassen, konnten ihn zurückhalten. Seine Frau hatte alle möglichen Anstrengungen gemacht, ihn dazu zu bestimmen, den Sommer mit Lydia in Finnland zu verbringen. Sie selbst wollte zwar nicht mitgehen, da, wie sie sagte, ihre Gesundheit selbst eine Reise von wenig Stunden nicht gestattete. Sie war fest entschlossen, die Revolution nicht zu beachten; schon der Gedanke an den von Soldaten wimmelnden Bahnhof war ihr unerträglich. Sie vermochte die unruhigen Zeiten, die hereingebrochen waren, nur in dem unberührten Frieden ihres Hauses zu überstehen. Denn hier herein drang kein Geräusch von draußen, und ihre kranken Nerven fanden nur hier die Ruhe, an die sie gewöhnt waren. Sie las keine einzige Zeitung und hatte ihrem Freund Vasiliew verboten, von den Vorgängen draußen in der Stadt zu erzählen. Wenn ihr Mann und ihre Tochter eine Villa in Finnland bewohnten, könnten sie sie besuchen kommen und so den Kontakt, der ihr teuer war, aufrechterhalten. Sie würden auch die Schupow-Karamin dort treffen, die schon abgereist waren. Aber durchaus nicht deshalb, weil sie an der nahen Zukunft verzweifelten; die schöne Natalie war nach wie vor von der friedlichen Entwicklung der Revolution überzeugt und bewunderte die wechselnden Helden des Tages mit außerordentlicher Schmiegsamkeit – augenblicklich war Kerenski ihr Abgott und Fürst Lwow war reif für den Kehrichthaufen –, aber Finnland bot ihnen die große Annehmlichkeit, mit Petersburg in engstem Kontakt zu sein ... Der Fürst hörte nicht auf seine Frau. Lydia ergriff mit Freude die Gelegenheit, einige Monate auf dem Land zu verbringen; Petersburg war ihr jetzt zuwider geworden. Die Revolution freute sie nicht mehr, sie wollte ihr entfliehen. Sie fühlte sich angegriffen und hoffte auf dem Land, wo sie so viele glückliche Sommer verbracht hatte, ihre Ruhe wieder zu finden. So reisten der Fürst und seine Tochter gegen den 10. Mai, einige Tage nach einem größeren Auflauf auf dem Newski, bei dem man zum ersten Male die wenig vertrauenerweckenden, bis an die Zähne bewaffneten jungen Bolschewiki gesehen hatte, nach Smolensk. General Vasiliew hatte doch noch so viel Einfluß gehabt, daß er ihnen durch allerlei geheimnisvolle Mittel ein Abteil zu reservieren vermochte, in dem sie die Fahrt gut überstanden. Vierundzwanzig Stunden später bestieg Paul Volynski einen Zug nach Czernowitz, wo er sich der Armee Kowilows anzuschließen hatte. Er war zwar noch nicht Offizier, aber seiner Bitte an die Front geschickt zu werden, hatte man entsprochen. Nikolaus Savinsky hatte seine Frau und seine Kinder in einer Villa in Finnland, etwa fünfzig Kilometer weit von Petersburg, untergebracht. Er blieb allein in seiner Wohnung und fuhr jeden Samstag im Automobil hinaus, um seine Familie zu besuchen. Sonja erkundigte sich jedesmal fieberhaft nach allen Ereignissen der Woche und bemühte sich die Sorgen, die er ihr möglicherweise verheimlichte, aus seinen Mienen zu lesen. Sie staunte über seine unveränderte Ruhe. Er kam stets mit derselben lächelnden und ironischen Heiterkeit, die sie allerdings mit vielen Zweifeln belauerte, aus der Stadt. »Ist das eine Komödie?« frug sie sich. »Will er mir wegen meines Zustandes jede Angst ersparen und täuscht er mir deswegen eine Ruhe vor, die nicht wahr sein kann?« Savinsky berichtete die täglichen Vorfälle. Es schien ihm nichts von allem nahe zu gehen. »Meine Teure,« meinte er, »das Alter, in dem man sich ereifert, liegt hinter mir. Ich bin im jetzigen Rußland, wie ein Gesunder unter Tollhäuslern. Ich verzichte schon lange darauf, meine Zeitgenossen ernst zu nehmen. Es sind bloß Kranke. Sobald sie gefährlich werden, verlasse ich sie ohne Bedauern. Wir können in England oder wo sonst es dir gefällt leben. Ich habe Pfunde. Das ist eine gute Valuta, die wird noch steigen. Boris wird schon als Bub die Fahrt nach Europa machen, zu der ja jeder Russe verdammt ist. Und wenn die Krise vorbei ist, werde ich nach Rußland zurückkehren, um zu arbeiten – wenn es dann noch ein Rußland gibt und wenn ich noch Lust an der Arbeit habe.« Sonja bemerkte, daß er nur mit seinem Sohn ernsthafter sprach. »Mein Kleiner«, sagte er eines Tages, »wir leben in einer bedeutsamen Zeit. Glaube nicht, was die Leute erzählen, glaube nicht, daß es sich bloß um eine vorübergehende Episode handelt und daß jenes Rußland, das ich kannte, jemals wiederkehrt. Es kommen neue Zeiten. Es ist ein gewaltiges Emporstreben von unten zum Licht. Die verborgene Seele des russischen Volles bewegt sich unruhig. Doch auch in der Gesellschaft, die neu ersteht, wird es immer wieder eine Aristokratie geben. Aber es wird nicht mehr die gleiche wie früher sein, die ihre Stellung und ihre Pflichten vergessen hatte. Die neue führende Klasse wird von Fleiß und Talent bestimmt werden. Sie wird tausendmal mehr Macht haben als jene, die heute, weil sie unfähig wurde, verschwindet. Jetzt handelt es sich nicht mehr darum, wie groß dein Erbe einst sein wird; vielleicht wird es bald vollständig entwertet; das hat gar keine Bedeutung. Wichtig wird nur deine Persönlichkeit sein, dein Können, die Kraft, die ich dir vererben kann. Wenn du etwas wert bist, kannst du in der Gesellschaft von morgen einen viel höheren Platz einnehmen, als meiner in der von gestern war. Arbeiten muß man, um ein Mann zu sein, Boris, das ist alles.« Der Kleine hörte andächtig, hingegeben zu. Seine Augen glänzten vor Freude darüber, daß man in dieser Weise zu ihm sprach, daß er gewissermaßen über sein Alter hinausgehoben wurde. Er war stolz auf seinen Vater, er wollte so wie er werden. »Schlimmstenfalls«, fuhr Savinsky fort, »wirst du für zwei Jahre in England in die Schule gehen.« »Aber ich mag nicht geprügelt werden!« wandte der Kleine ein. Der einzige Begriff, den er sich von einer englischen Schule machte, war der, daß die Lehrer dort öfters handgreiflich werden. Sein Vater lachte. »Die bedeutendsten Männer sind gehauen worden. Uns erscheint dies sonderbar, aber die Engländer, die vorzügliche Charaktereigenschaften haben, meinen, daß nur der ein richtiger Mann werden kann, der in seiner Jugend auch eine gute Züchtigung hinzunehmen wußte.« »Niemals,« schrie Boris, »ich bin ein Russe, man wird mich nicht anrühren oder ich werde um mich schlagen und lieber sterben.« »Aber, aber«, begütigte Nikolaus, »so wird es eben ein französisches Gymnasium sein. Dort lernt man besser als bei den Engländern und dein wertvoller Körper ist nicht durch schulmeisterliche Hiebe bedroht.«   In Petersburg zeigte Savinsky dieselbe, sich abseits haltende Gleichgültigkeit. Er mengte sich nicht in öffentliche Dinge. Die provisorische Regierung hatte oft seine Ratschläge eingeholt und auch seine Unterstützung erbeten. Er gab seine Meinung ab, obgleich er wußte, daß es zwecklos sei, aber er wollte keinerlei Stellung annehmen, wie hoch sie auch gewesen wäre. Er sah diese Regierung wie einen Korkpropfen auf den Wellen tanzen. Die guten Leute, aus denen sie bestand, waren ohne Einfluß, ohne Macht, und, schlimmer noch als dies alles, sie hatten keinerlei Willen, weder guten, noch schlechten. Sie arbeiteten in die Luft. Was konnte man von diesem Nichts erwarten? Ein einziger Mann ragte hervor, Alexander Feodorowitsch Kerenski. Aber auch bei diesem vermochte Savinsky keine Schaffenskraft zu entdecken; nur die Pose der Energie. Er verglich ihn mit einem schlauen Herkules auf dem Jahrmarkt, der unter dem Beifall der verblüfften Menge mit falschen, hohlen Gewichten jongliert. Überdies schreckte der gesunddenkende Savinsky vor den hysterischen Kundgebungen zurück, die allerorts, an der Front, im Lande und in der Hauptstadt das Erscheinen dieses von seinen eigenen Worten berauschten Schönredners begleiteten. Savinsky erwartete eine Katastrophe, aber er erwartete sie mit einem überlegenen Lächeln, mit jenem lächelnden Fatalismus, von dem kein richtiger Russe sich je zu befreien vermag. Er begriff, daß gewaltige, geheime, schwer faßbare und gewissenlose Kräfte ihr Spiel trieben und daß kein einzelner Mensch sie werde meistern können. Wie allen seinen Landsleuten fehlte auch ihm nicht eine Reihe von ausgeklügelten überfeinen Begründungen, mit denen er seine Ansicht bewies. »Wir machen eine ernste Krankheit durch, deren Ursachen sich im Dunkel der Zeiten verlieren. Wir können nur den Kranken beobachten, aber wir sind nicht imstande, den Prozeß zu beschleunigen, und noch weniger können wir voraussehen, wie er verlaufen wird. Wir können nur abwarten und zusehen.« Im Juli dachte er schon, daß die Krise gekommen sei. Die Extremisten erschienen auf der Straße und waren für achtundvierzig Stunden Herren der Stadt. Dann siegte unbegreiflicherweise, fast ohne Kampf, die Regierung, und das Leben nahm wieder seinen ruhigen gesetzlosen Lauf. Savinsky fühlte als Folge dieser Zufallsentscheidung eine große Verachtung für Lenin, der mit der Gewalt in der Hand (tausend Maschinengewehre!) sich unfähig erwiesen hatte, eine Entscheidung zu erzwingen, und der versäumt hatte, rechtzeitig eine brauchbare Organisation zu schaffen, – und eine noch größere Verachtung für Kerenski, der durch einen unverhofften Sieg Herr der Situation geworden war und es nicht verstand, in diesem Augenblick seine Gegner zu vernichten, Lenin und Trotzki verschwinden zu lassen, um damit die ganze bolschewistische Partei zu erledigen und Rußland endlich in dieser so leicht aufgerichteten Ordnung eine kurze Atempause zu geben. Es fiel ihm nicht schwer, seiner Frau bei seinem nächsten Besuch zu beweisen, wie recht er mit seiner Gleichgültigkeit habe und wie wahrscheinlich es sei, daß die gegenwärtige Anarchie sich endlos lange ohne ernstere Zwischenfälle halten werde. Aber im Grunde genommen interessierte Savinsky sich trotz aller seiner Worte und vielleicht ohne es sich selbst zu bekennen, ungemein für alles, was um ihn vorging, und er versuchte den ungewissen Lauf der Dinge wenigstens zu erraten. Es schienen zwei Seelen in seiner Brust zu wohnen, die des neugierigen Zusehers, der die Revolution, die dieses gewaltige Reich erbeben ließ, wie von einem anderen Planeten aus beobachtete und die des Mitwirkenden an all den Ereignissen, der er doch, wenn auch unfreiwillig war. Er war sich dieser Zwiespältigkeit seiner Ansichten bewußt, erkannte auch, daß sie unvereinbar seien, aber er litt nicht darunter. Niemals hatte er so eifrig, wie zu dieser Zeit, in seiner Bank gearbeitet. Er sorgte für die Zukunft, nützte alle seine hervorragenden Fähigkeiten aus, um aus den kleinsten Möglichkeiten Nutzen zu ziehen, spielte unter diesen schwierigsten Umständen mit gewagtem Einsatz ein kühnes Spiel und begann unauffällig, unter dem Schutz des allgemeinen Wirbels eine Reihe neuer Unternehmungen, die ihm, sobald die Ordnung wiederkehren würde, eine zehnfache Kraft geben und ihn zu der führenden Macht der russischen Finanzwelt machen sollten. Doch in alledem war eine unbekannte Größe, das Gelingen blieb letzten Endes immer dem glücklichen Zufall überlassen, alles war doch nur ein gewaltiges Hasardieren und – eben darum so verlockend, so reizvoll! Die angespannte Tätigkeit schien ihm, statt ihn zu ermüden, nur neue Kräfte zu geben. Er war frisch und voll Energie, und wenn er sein Bureau verließ, schritt er kraftvoll dahin von einer gewissen Freudigkeit erfüllt, die seine hohe Gestalt noch strammer aufrichtete und seine breite Brust noch stärker wölbte. Noch war er jung! Die Frauen bemerkten ihn noch, und im Vorbeigehen fühlte er manch schönes Auge lachend oder träumend auf sich ruhen. Er war dafür nicht unempfindlich, und obwohl er keinen Nutzen daraus zog, war ihm doch das Bewußtsein angenehm, seine alte Macht, der er einst viele angenehme Stunden verdankte, noch nicht verloren zu haben. So ertrug er anfangs eigentlich besser, als er gedacht hätte, die Trennung von seiner Frau, die doch seit vierzehn Jahren stets um ihn gewesen war. Er ging jetzt abends öfter ins Restaurant oder zu Freunden und kam so auch wieder unter Leute. Die Petersburger Gesellschaft war zwar wie alljährlich um diese Zeit schon zerstreut, aber die großen Unannehmlichkeiten, die in diesen Tagen jede Reise mit sich brachte, hatten doch mehr Leute als sonst in der Hauptstadt zurückgehalten. Manche waren wohl durch die ersten Schüsse erschreckt über die Grenze geeilt und hatten sich in Finnland niedergelassen; andere auch hatten in ihrer Aufregung erst in Schweden Halt gemacht und alles was ihnen an Effekten, Schmuck und Geld erreichbar war, mitgenommen. Sie verkauften ein Stück ihres Besitzes nach dem anderen, um während der wenigen Monate, die ihrer Meinung nach der Aufenthalt im Ausland dauern werde, in Stockholm ein üppiges Leben zu führen. In der Hauptstadt blieb aber doch noch der größte Teil des alten Adels und der Geschäftsleute, die sich noch bemühten, dem Sturm die Reste ihres Vermögens zu entreißen. Es lag wie ein heiterer, unbekümmerter Rausch über dieser Gesellschaft, ein Verlangen danach – wenigstens vor den anderen – sich fröhlich den Schicksalsschlägen, die wie Hagel niederprasselten, darzubieten. So erfuhr man während des Essens vom Besitzer selbst, der es plaudernd berichtete, daß die Bauern sein historisches Schloß in X geplündert und aus den wertvollen Büchern des achtzehnten Jahrhunderts, die seine Bibliothek zierten, ein Freudenfeuer angezündet hatten. »Und da beschuldigt man sie stumpf und ungebildet zu sein,« schloß er seine Erzählung, »sie, denen doch die größten Geister, Rousseau und Voltaire, als Quelle von Licht und Wärme gerade gut genug sind!« In dieser sonderbaren Geistesverfassung, die alle Dinge von einem neuen ungewohnten Standpunkt aus betrachtete, fanden sich auch die Frauen mit der ihnen angeborenen Schmiegsamkeit in die neuen Lebensbedingungen der Revolution. Sie waren immer sorglos gewesen und gleichgültiger als überall gegen die Gesetze einer Gesellschaft, die ja in allen ihren Feinheiten doch nur dem Westen nachgeahmt waren. Sie waren gewohnt, ohne viel Bedenken, ganz ihren Launen oder Leidenschaften zu folgen. Der Zwang, dem sie sich fügten, war nie ein drückender gewesen. Nun erhofften sie von der allgemeinen Umwälzung eine neue Aera, in der sie noch freier sein würden. Die Furcht, die sie anfangs gefühlt hatten und die noch nicht ganz von ihnen gewichen war, ließ sie die Freuden einer Existenz, die sie bedroht und schwanken fühlten, nur noch eifriger auskosten. Man spielte mit einer nie vorher gekannten Leidenschaft Karten, man tanzte unermüdlicher denn je und man verbrachte sogar, mit Mut gewappnet, manche Nächte auf den Inseln bei den Zigeunern. Die Gefahren eines solchen Abenteuers, die mögliche Begegnung marodierender Soldaten, Flintenschüsse, die man gewärtigen mußte – alles dies gab diesen einst alltäglichen Festen jene Würze, die die erregten Nerven jetzt verlangten. Savinsky nahm wohl an diesem Leben teil, aber mehr beobachtend, als selbst mitgerissen. Er nahm nur die äußerlichen Eindrücke von diesen Szenen in sich auf; er ging wohl mit, aber ging nicht auf darin. Mit einem leichten Scherz entzog er sich zu lebhaftem Treiben und ging heim, wo ihn allerdings die Leere seiner großen Wohnung zu bedrücken begann. In klarblickenden Stunden sagte er sich wohl, daß es in diesen unruhigen Zeiten nicht klug sei, zu viel grübelnd mit sich allein zu bleiben und daß Zerstreuung, selbst für Menschen seiner Art, nötig sei. Er kam mit Politikern zusammen, und sein unverbrauchter Trieb nach Klarheit suchte den Verkehr mit Männern aller Parteien. Programm und Aushängeschild bedeuteten ihm nicht viel, er hoffte und glaubte wahre Männer zu finden und suchte unermüdlich. Meist begegnete er neben allerdings oft ungewöhnlicher Intelligenz nur Unsicherheit, Schwanken und Verwirrung. In dieser Zeit brachte ein Freund Andreas Spaßki zu ihm. Er stand, eben von der Front zurückgekehrt, noch ganz unter dem niederschmetternden Eindruck der Erfolge, die die unerhörteste bolschewistische Propaganda dort hatte; eine Propaganda, die den Soldaten einfach sagte: »Ihr wollt den Frieden? Hört auf zu kämpfen! Ihr wollt Grundbesitz? Geht mit euren Waffen in eure Dörfer und nehmt ihn euch!« Es war ein Wunder, daß überhaupt noch einige Millionen unter den Fahnen blieben. Kornilow, der Oberkommandierende, hoffte trotzdem noch, falls man ihm die Vollmacht dazu gäbe, eine neue, zwar kleinere, aber verläßliche Armee zu bilden, mit der er den Krieg fortzuführen vermöchte. Spaßki sollte in Petersburg durch eine kräftige Agitation die Bemühungen Kornilows unterstützen und trug sich mit dem Gedanken, eine große Zeitung »Das neue Rußland« zu gründen, die sowohl die bolschewistische Partei wie auch Kerenski, den sozial-revolutionären Romantiker, bekämpfen sollte. Savinsky behielt aus der langen Unterhaltung, die er mit Spaßki führte, einen ungemein günstigen Eindruck. Besonders die zuversichtliche, zielbewußte Tatfreudigkeit dieses Realpolitikers, die ihn ebenso sehr von den unklaren Schwärmern, wie von den bestürzten Führern unterschied, hatten seine Zuneigung gewonnen. Seine leidenschaftliche und doch auch verachtende Neugier führte Savinsky auch mit Männern zusammen, die im Sowjet tätig waren. So lernte er Semeonow kennen, den ehemaligen Gardeoffizier und früheren Freund Spaßkis, der schon in den ersten Revolutionstagen zur bolschewistischen Partei übergeschwenkt war. Dieser Semeonow schien ihm von all den Leuten, die er ringsum sah, eine der bemerkenswertesten Personen zu sein. Zunächst war es schon überraschend, bei diesem Agitator Lenins die besten Umgangsformen und die Gewohnheiten der guten Gesellschaft zu finden; überdies war er sehr gebildet und auf zahlreichen Gebieten ungemein belesen. Er imponierte durch die eisige Kälte seiner Schlußfolgerungen, durch das mathematisch genaue Ineinandergreifen seiner Gedanken, durch die Gewandtheit seiner Rede und durch die Mannigfaltigkeit der Gesichtspunkte, von denen aus er die Situation Rußlands betrachtete. Die treffenden Vergleiche, die er mit ähnlichen Krisen der alten und neuen Geschichte anstellte, der völlige Mangel jeden Gefühls in seinen Worten und endlich die Schamlosigkeit, mit der er behauptete, keine menschliche Frage, sondern nur politische Zweckmäßigkeit anzuerkennen, verblüfften. Damit Hand in Hand ging eine nie versagende geistige Schöpfungskraft und ein gewisser spöttischer Einschlag, der seinen Reden eine seltsame Würze gab. Zu Nikolaus Savinsky, dessen Vertrauen ihm wichtig war, sagte er: »Seien Sie versichert, Nikolaus Wladimirowitsch, daß wir den Bolschewismus nicht vermeiden werden. Sie kennen doch die russische Seele; sie ist von dem bei unserm Freunden, den Franzosen, so beliebten Weg der goldenen Mitte weit entfernt; sie hat die Tugend, Extreme zu bevorzugen, sie fühlt sich durch jede Gewalt angezogen und überläßt sich ihr gerne. Sie schreckt vor nichts zurück. Der Kommunismus aber ist die Reinkultur des Absolutismus. Darin liegt eine Möglichkeit des Erfolges ... Vielleicht ist er eine Utopie, eine nicht verwertbare Theorie? Glauben Sie nur nicht, daß dies einen Russen abschrecken könnte. Im Gegenteil, unsere Russen lieben es zu beweisen, daß ihnen nichts unmöglich ist. Es ist eine wundervolle Kraft in diesem Volk: es hat den Glauben an sich. Es will gerade das versuchen, was noch niemals versucht wurde. Und wie religiös ist es! Es umarmt die ganze Welt. Wer war es, der einst sagte, ein Russe könne nicht glücklich sein, wenn er nicht sieht, daß die ganze Welt seine Freude teilt? So wird er auch dem Weltkommunismus entgegenstreben und in der Wüste wird er Lichtsignale einrichten, um sein Glück den anderen Planeten mitzuteilen; erst dann wird er ruhig atmen. Und in Lenin erkennt er einen Mann von gleichem Blut. Lenin bleibt nicht auf halbem Wege stehen, er geht bis ans Ende. Nichts kann der russischen Seele besser gefallen ... Was aber habt Ihr als Ersatz zu bieten? ... Als die Revolution ausbrach, begriff der Bauer zwei Dinge: daß sie ihm Frieden und Landbesitz bringen müsse. Ihr aber versteht weder Krieg zu führen, noch Frieden zu schließen, und Grund und Boden – gehören heute niemand! Wie wollt Ihr, daß unser russischer Iwan Euch folgen soll? ... Uns aber, uns versteht er bei dem ersten Wort. Wir werden mit ihm siegen.« »Aber halten Sie den vollständigen Kommunismus, wie ihn die Sozialdemokraten lehren, gegenwärtig in Rußland für möglich?« warf Savinsky ein. »Es scheint mir, soweit ich die Schriften von Marx im Gedächtnis habe, daß ein Kommunismus nur in einer bis zur höchsten Blüte entwickelten und industrialisierten Gesellschaft durchführbar ist. Wir in Rußland sind weit davon entfernt. Hier haben Sie eine gewaltige Überzahl unwissender Bauern und kaum einen Arbeiter auf dreißig von ihnen! Die Industrie steckt in den Kinderschuhen. Schließlich hat der Krieg uns jetzt ganz zugrunde gerichtet. Wo bleibt da der Zustand der Überproduktion, der Ihrem Propheten nach die vollständige Sozialisierung einleiten soll?« »Damit befasse ich mich nicht. Ich betrachte die Situation nur vom politischen Standpunkt. Die einzige Partei, die heute Erfolg haben kann, ist jene, die Land und Frieden verspricht. Warum habt Ihr uns dieses herrliche Programm überlassen? ... Ich halte mich an die, welche Erfolg haben und deswegen bin ich Bolschewik. Wenn der Kommunismus undurchführbar ist – nun schön, dann werden wir keine Kommunisten mehr sein, sobald wir an der Macht sind. Aber die Macht werden wir haben, die Macht über Rußland, eine ganze Welt wird damit uns gehören! Begreifen Sie auch recht, was das bedeutet? Einmal an der Herrschaft werden wir schon zu steuern verstehen. Aber wenn Sie ein Schiff lenken wollen, müssen Sie erst drinstehen und das Steuer in der Faust halten. Und darauf bereite ich mich vor. Alle geistigen Kräfte werden wir nötig haben, Sie nicht ausgenommen, mein verehrter Nikolaus Wladimirowitsch. In wenigen Monaten wird es zu wählen gelten: auswandern oder mit uns arbeiten. – Ein Emigrant ist gewiß das Schrecklichste auf der Welt; aber ein Russe in der Fremde verliert jede Existenzberechtigung. Der Russe ist wie Antheus; er hat nur Kräfte, wenn sein großer Fuß in heimatlicher Erde wurzelt. Sie sind viel zu sehr Russe, um unser ›reiches und großes Land‹ verlassen zu können. Ich sage es Ihnen, Nikolaus Wladimirowitsch, so und nicht anders wird es sein: wenn Sie vor der Wahl stehen, dann werden Sie lieber zu uns kommen, als nach London oder Paris zu gehen!« Savinsky lächelte. Als Semeonow ihn verlassen hatte, sann er noch lange über diesen aus Ehrgeiz zum Bolschewismus Belehrten ... »Dieser Mann,« sagte er sich, »wird durch keine sentimentalen Skrupel aufgehalten werden. Wenn er zur Macht kommt, wird er nicht zögern, die Guillotine vor dem Winterpalais zu errichten. Wenn es viele junge Leute seiner Art gibt, werden wir vielleicht wirklich Lenin als roten Zaren Rußlands erleben.« Indes überstürzten sich die Ereignisse in gewaltsamem Lauf in dem von Semeonow prophezeiten Sinne. Die Verhaftung des Generals Kornilow hatte der Bolschewikenpartei neue Kräfte gegeben. Sie besaß jetzt schon die Majorität im Petersburger Sowjet, und ihre Zeitungen kündigten unverhüllt den bald bevorstehenden Staatsstreich an. Die Stadt selbst aber blieb trotz der hochgehenden Wogen politischer Agitation ruhig. Sie lebte mechanisch weiter, ein jeder bekümmerte sich nur noch um seine persönlichen Geschäfte, um sein eigenes Vergnügen und wartete, – worauf wußte keiner, aber auf etwas, das unaufhaltsam kommen mußte ... Aber dieses Warten war furchtbar. Der Boden schien unter den Füßen zu entschwinden. Was würde dieses schreckliche Morgen bringen? Jeder Tag war voll neuer Überraschungen und Schrecken. Savinsky, der seine kühle Überlegung nicht leicht verlor, beobachtete auch an sich, daß seine Nerven nachgaben. Es war ein sonderbarer Wechsel von Augenblicken vollster Erschlaffung und solchen überreizter Tätigkeit; und dieses Auf und Nieder brachte eine seltsame Bewegtheit in sein Leben, aus dem zumindest die Langeweile verbannt war. – Die Schupow-Karamin waren nach Petersburg zurückgekehrt. Die schöne Natalie hätte Kerenski, den sie noch vor kurzem verehrt hatte, jetzt am liebsten auf dem Scheiterhaufen gesehen. Ihrer Meinung nach war nichts als Eitelkeit an ihm und er hätte die Revolution nur gemacht, um im Winterpalais im eigenen Bett des Zaren schlafen zu können. Um diese kindische Sehnsucht zu befriedigen, hatte er nicht gezögert, Rußland in einen Abgrund zu stürzen. Nur dem Gedanken lebend, den Diktator von dem Thron zu verjagen, auf den er geklettert war, schrie sie laut nach den Bolschewiki. »Lenin wird diesen kleinen Narren, wie er es verdient, bestrafen,« sagte sie. Sie vertrat die kühnsten Gedanken. Rußland könne nur durch eine neue Revolution aus dieser Krise befreit werden; nur ein Übermaß an Leiden könne ihm die Gesundheit wiedergeben. Ein Monat unter Lenin wäre das Heil. Solange der Kommunismus das ersehnte Ideal bleibe, fasziniere er das ganze Volk; einmal in die Tat umgesetzt, würde jeder einsehen, daß er zu nichts führe, und von dem mißlungenen Versuch der Sozialisierung würde man endlich und mit einem einzigen Ruck zu dem früheren monarchistischen Zustand zurückkehren, zu jener Autokratie, die allein Rußland groß gemacht hatte. Sicherlich würde die Herrschaft der Bolschewiki furchtbar zu ertragen sein, aber es sei eine notwendige Übergangszeit ... Viele Freunde Natalies waren der gleichen Meinung. Indessen traf sie schon ihre Vorsichtsmaßregeln, um sich während der unvermeidlichen und peinlichen Regierung Lenins ein erträgliches Leben zu sichern. Sie führte einen politischen Salon. Was hätte sie nicht darum gegeben, Trotzki bei sich zu empfangen! Aber dieser wilde, jähzornige, schlecht erzogene Mann, übrigens ein Jude, blieb unnahbar. Als Ersatz nahm sie, was sie gerade fand, und Savinsky war nur wenig überrascht, Semeonow, von dem man eben viel zu sprechen begann, eines Tags bei ihr zu treffen. In der luxuriösen Wohnung der Schupows fühlte sich der Gardeoffizier bald vollkommen zu Hause. Er gab sich hier ganz als Staatsmann. In einem großen Klubfauteuil sitzend, ein Bein über das andere geschlagen, weit nach rückwärts gelehnt, zitierte er, mit seinem kühlen Blick die Gesichter prüfend und mit einem halben Lächeln auf seinen schmalen Lippen, Machiawell, Talleyrand und Robespierre, Hegel und Karl Marx und würzte mit kleinen Scherzworten die extremsten Theorien, die er seinen Zuhörern vorsetzte. Er schien sich, nach seinen Worten zu urteilen, rein theoretischen Gedankenübungen zu überlassen, und auf dieses Gebiet folgte man ihm mit Interesse in einer Art Ideenrausch, der nichts von der Möglichkeit einer Verwirklichung ahnen wollte. Eines Tags unterbrach Spaßki, denn auch ihn hatte die schöne Hausfrau heranzuziehen verstanden, den Lauf dieser Vorträge durch den bescheidenen Einwurf: »Ihre Revolution wird viel Blut kosten.« »Zweifellos,« erwiderte Semeonow kalt. »Aber die erste Revolution, jene von Kerenski, scheiterte gerade daran, daß sie die Todesstrafe kassierte. Großes schafft man eben nur durch Gewalt, und Blut ist das notwendige Baumaterial der neuen Gesellschaft.« Obgleich man an die Verwegenheiten in der Redeweise Semeonows schon gewöhnt war, durchlief doch bei diesen Worten ein Frösteln die alten Vertrauten der Schupows. Natalie sprach mit einem reizenden Lächeln und einem Aufblitzen ihrer auf den bolschewistischen Theoretiker gerichteten Augen: »Es ist wirklich ein Glück, Leo Borissowitsch, daß wir zu Ihren Freunden zählen. Sie werden uns leiten. Gewiß werden Sie auch für so eine arme unnütze Biene, wie ich es bin, eine Zelle finden, in der sie für das Glück aller arbeiten kann. Das Bewußtsein, ein tätiger Teil eines gewaltigen und gut geleiteten Ganzen zu sein, einem Ideal zu dienen, muß wundervoll sein. – Aber was werden Sie mit mir anfangen? Wozu kann ich wohl taugen? – Ich möchte nicht gerne Wäsche waschen, ich würde es auch sehr schlecht machen, auch nicht Kleider nähen...« Sie zupfte geziert verlegen an ihrem Rock. »Sie werden meine Sekretärin, Natalie Iwanowna,« unterbrach sie Semeonow. »Ich rate Ihnen, schon von morgen an Schreibmaschine und Stenographie zu lernen.« Wäre dies in einem leichten Plauderton gesagt worden, dann hätte man darüber hinweggleiten können, aber diese Worte fielen so trocken, mit so kalter befehlender Stimme, daß der kleine Zwischenfall bei seinen Zeugen den peinlichsten Eindruck hinterließ und eine bestürzte Stille entstand. Als Spaßki und Savinsky gemeinsam das Haus verließen, sagte Savinsky nach einem langen Schweigen, als beende er damit eine lebhafte Reihe ungesprochener Gedanken: »Na, Ihr Freund Semeonow ist aber ein nettes Ungeheuer!« Spaßki lächelte. »Wenn Sie es so ausdrücken wollen. – Er ist ein besessener Streber! – Im übrigen sehr klug. Er ist ein ebenso überzeugter Kommunist wie Zarist und würde Ihnen mit der gleichen zwingenden Logik beweisen, daß dies nur scheinbar zwei gegensätzliche, eigentlich aber gleichbedeutende Begriffe sind und daß man letzten Endes beide sehr gut vereinigen könne. Vorläufig ist seine ganze Haltung bloß eine Spielerei, aber wenn er im Kommunismus seinen Wunsch erfüllen kann, die Kraft, die er in sich fühlt, auszunützen, wenn er dort den Weg sieht, der – ich weiß zwar nicht wie – zu irgendeiner Größe führt, dann wird er sich ganz hineinstürzen, ohne weiter nach rechts oder links zu sehen. Dann wird er furchtbar sein und wenn es ihm nötig erscheint, Sie und mich und uns alle hängen ... Er ist um so gefährlicher, weil er anständig ist und man ihn nicht kaufen kann, weder durch Geld, noch durch Weiber, noch durch Wein. Er hat kein Verhältnis, keinen Freund, er lebt wie ein Asket. Ich glaube er hat noch nie eine Frau berührt... Hüten Sie sich vor Menschen ohne Leidenschaften, Nikolaus Wladimirowitsch!«   Mitte Oktober brachte Sonja Savinskaja einen Sohn zur Welt, der den Namen Basil erhielt. Es war diesmal eine schwere Niederkunft, und der Arzt fürchtete Komplikationen. Nikolaus verbrachte zehn Tage an dem Krankenlager seiner Frau, um das Ende der kritischen Zeit abzuwarten. Als es ihr besser ging, machte er mit seinen Kindern lange Ausflüge in die Wälder. Die Luft war schon rauh, man fühlte den nahen Winter. Zuerst hatte Savinsky mit Freude die Ruhe geatmet, die er in der finnischen Landschaft fand. Er meinte, tausend Meilen weit von dem doch so nahen Petersburg zu sein; kein einziger Widerhall von all dessen Unruhe drang in diese stillen Wälder. Bald aber fühlte er Langeweile. »Trotzdem ich friedlich bei meiner Frau und meinen Kindern lebe, die ich liebe?« fragte er sich und stutzte bei diesem letzten Wort. »Liebe ich Sonja so, wie ich meine Kinder liebe?« frug er sich. »Ein schönes Thema zum Grübeln. – Sicherlich habe ich sie geliebt. Die Frauen, die ich vor ihr kannte, waren mir bloß ein reizender Zeitvertreib, die angenehmste Art der Zerstreuung. Sonja war mir etwas anderes, sie hat mein Herz erfüllt. Sie erfüllt es noch immer, aber nicht mehr in der gleichen Weise. Gewiß ist dies die Folge der Gewohnheit und auch – warum es leugnen – ein Zeichen des Alters. Es sind doch schon fünfundvierzig Jahre, die vorbei sind; ein großer Teil meines Lebens ist zu Ende, und doch kann ich mich nicht beklagen, ich habe nur die Freuden der Liebe gekannt, ohne ihre Leiden. Jetzt kann ich mit einer teuren Gefährtin und heranwachsenden Kindern langsam dem Alter zuschreiten ...« Er liebte es nicht, an die Vergangenheit zu denken, und dies war, ohne daß er sich darüber klar wurde, der beste Beweis seiner vollen Kraft und Gesundheit. Aber heute stimmte ihn der Gedanke, daß der schönste Teil seines Lebens vorbei sei, plötzlich traurig. Er sah auf die schwarzen Fichten, die ihn umgaben und deren Zweige vom kalten Nordwind zu zittern schienen. Die Landschaft selbst lenkte die Gedanken auf den Tod, wird doch das ganze Leben ringsum während des langen nordischen Winters verlöschen. »Aber diese Wälder werden wiedererstehen,« dachte Savinsky schmerzlich, »die kahlen Birken werden wieder junge, zarte Blätter tragen; wilde Gräser werden diese nackte Erde wieder bedecken, Blumen werden sich im lauen Maiwind wiegen. Der Frühling kommt für die ganze Natur, nur für mich nicht mehr ...« Und plötzlich sehnte er sich nach Petersburg zurück. Wohl war dort das Leben erbärmlich, unruhig und es zerrte an den Nerven; aber es war doch Leben, Leben voll Bewegung und Macht; Leben, das einen oft so kraftvoll mitriß, daß der Atem stockte! Er schauderte bei dem Gedanken an ein langes Exil im Ausland. Ein Nichtstun voll Luxus in den großen internationalen Hotels erschien ihm unerträglich. Die Erinnerung an die Voraussage Semeonows kam ihm. »Sollte er recht haben,« frug er sich, »werde ich am Tage der Entscheidung Rußland, selbst unter Lenin, vorziehen?« Er lächelte. Diese Gedanken waren romantisch, zwecklos. Nein, er würde, falls es nötig wäre, ins Ausland reisen. Aber zuerst mußte er seine Angelegenheiten in Ordnung bringen. Noch an diesem Abend kündigte er Sonja seine Rückkehr nach Petersburg für den nächsten Tag an. Um sie zu beruhigen, sagte er, daß er die Wohnung instandsetzen wolle und daß sie, wenn die Dinge wie bisher verlaufen, sobald sie genesen sei, etwa Mitte November mit den Kindern werde heimkehren können. Bei seiner Rückkehr nach Petersburg in den letzten Oktobertagen empfand Savinsky eine grimmige Freude, als er den fieberhaften Pulsschlag der Stadt wieder fühlte. Der Herbst sah eine täglich verschlimmerte Lage. Nebel verdüsterten den Himmel, und die Hoffnung in den Herzen wurde matter. Nur eine Partei entfaltete eine unheilverkündende Tätigkeit: die Bolschewiki. Der Inhalt ihrer Zeitungen wurde unerhört aufreizend; sie kündeten unverblümt einen baldigen Gewaltstreich an. Ihre roten Garden exerzierten öffentlich mit Waffen, während das Oberhaupt der Regierung, A. F. Kerenski, auch weiter seine wohlklingenden Reden hielt. Auch von monarchistischen Verschwörungen hörte Savinsky; in den Salons summte es davon. Aber, wenn er den Andeutungen nachforschte, fand er nur unklare Vermutungen dahinter und einen neuen Beweis der allgemeinen Unruhe. Und er begann selbst zu fürchten, daß die Herrschaft der Kommunisten nicht zu verhindern sein werde. War es übrigens wünschenswert, daß die Bolschewiki die vorteilhafte Rolle einer Oppositionspartei behielten? Wie lange würden sie sich halten können, wenn sie selbst an der Macht wären? Die Szenen des Revolutionsdramas wechselten immer schneller; nichts blieb bestehen, auch die Kommunisten würden diesem allgemeinen Los nicht entgehen und ihre Zeit würde rasch um sein. Mit diesen Betrachtungen kam Savinsky der These Natalie Schupows sehr nahe. Aber dies war ja doch nichts anderes, als eine rein theoretische Folgerung. Die Bolschewiki, einmal an der Macht, würden eine rücksichtslose Gewaltherrschaft führen. Auf allen Seiten hörte man schon jetzt das furchtbare Wort: Terror. Und hinter diesem Wort sah man Bilder aufsteigen, die alle Herzen mit Entsetzen füllten. Die Ankündigung des bevorstehenden Staatsstreiches lastete furchtbar auf den Menschen und hemmte alles Leben; man kam so weit, daß man schließlich die Ausführung und das Gelingen herbeiwünschte, nur um von diesem gräßlichen, entnervenden Warten befreit zu sein. Savinsky blieb von dieser schwarzen Stimmung, die die Stadt beherrschte und gleich einer Seuche von einem auf den anderen übertragen wurde, nicht verschont. Trotz der vermehrten Unruhe, die jedes Zusammenkommen mit den verstörten Menschen mit sich brachte, konnte er sich jetzt immer schwerer dazu entschließen, allein zu bleiben. So verbrachte er viel unnütze Zeit mit zwecklosen Unterhaltungen, – nach denen er gegen die anderen und gegen sich selbst nur noch gereizter wurde. Und oft legte er sich die Frage vor, wozu er eigentlich noch in Petersburg bleibe, wo ihn, soweit er dies beurteilen konnte, nichts zurückhielt. – Der Herbst, der traurige, nordische Herbst, machte Fortschritte; Schneegestöber wechselten mit Regenschauern und Nikolaus Savinskys Gedanken glichen dem Wetter und waren ebenso trübe. Eines Spätnachmittags, als er müde und entnervt sein Bureau verließ und ihm vor der unerträglichen Öde seiner leeren Wohnung graute, beschloß er eine Stunde bei Natalie Schupow-Karamin zu verbringen, die er seit seiner Rückkehr nach Petersburg nicht gesehen hatte. Er ging die Newski-Perspektive entlang. Die großen Bogenlampen, von denen nur jede zweite brannte, warfen ein bleiches Licht auf die Fußsteige und die Menge, die dort unausgesetzt auf und nieder ging. An der Ecke des Hotel Europe schrien die Zeitungsjungen ihre Blätter aus; die Straßenbahnen waren bis zu den Trittbrettern überfüllt. Ein ungewohntes Leben, eine fühlbare Rastlosigkeit zeigte das Straßenbild und doch lag es wie eine bange Scheu über dem lärmlosen Gewimmel. Alle Vorbeigehenden schienen gleich schlechter Laune; die Luft war schneidend und nebelig. Zerfließender Schnee machte das Pflaster glitschig. Savinsky dachte an die finnische Villa, die seine Frau und seine Kinder behütete... Und in Europa gab es Länder, weit weg vom Krieg, wo noch heiße Sonne schien. Er sah Granada vor sich mit seinen duftenden, trockenen Hügeln. Aber sogleich sagte er sich auch: »Ich würde dort vor Langeweile sterben!« – Bei Natalie Iwanowna war zahlreiche Gesellschaft. Savinsky wurde zuerst vom Hausherrn mit Beschlag belegt, der, ihn in einem kleinen Salon zurückhaltend, wegen verschiedener Geschäfte, die ihm Sorgen machten, um seinen Rat bat. Eine schwedische Finanzgruppe wollte seine Eisenwerke im Ural erwerben. »Verkaufen Sie,« riet Savinsky, »aber lassen Sie sich den Betrag in Stockholm erlegen. Sie werden eines Tages froh sein, schwedische Kronen zu haben.« Aber Schupow glaubte an ein Steigen des Rubels. Er wollte Petersburg aus sehr dunklen Gründen nicht verlassen, besonders ein halbverhungertes und von der Revolution halb zugrunde gerichtetes Petersburg nicht, in welchem er sicher sein konnte, zu Schleuderpreisen und mit einer durch die allgemeine Unordnung gesicherten Straflosigkeit seine Laster befriedigen zu können. Tatsache war, daß man ihm wiederholt in den armen Vierteln weit draußen in der Vorstadt begegnet war, wo er, schlecht gekleidet, unter den spielenden Kindern Opfer für seine widerlichen Begierden suchte. – Savinsky verließ ihn und trat in den Empfangsraum, in dem Natalie herrschte. Sie war an diesem Tage stark umlagert und kaum eingetreten, frug Savinsky sich, verstimmt wie jedesmal, wenn er dieses Haus betrat, welche unselige Idee ihn wieder zu dieser Frau, für die er doch gar keine Sympathie fühlte, geführt hatte. Er begrüßte sie und wollte sich gleich wieder zurückziehen, aber Natalie war keineswegs gesonnen auf die Gesellschaft eines so angesehenen Mannes so rasch zu verzichten und bat ihn, ein Fauteuil heranrückend, bei ihr Platz zu nehmen. Dann rief sie fröhlich einem jungen Mädchen, das, Savinsky den Rücken kehrend, beim Büfett hantierte, zu: »Lydia Sergijewna, seien Sie so lieb, einen Tee für Nikolaus Wladimirowitsch.« Eine Minute später kam Lydia, ein Glas Tee in der Hand, zu Savinsky. Er sah sie und erkannte sie sofort. Er hatte sie nicht vergessen, weder ihre Anmut, noch ihre Angst, noch das kindliche Herz, das gegen seine Hand geklopft hatte, als er sie an jenem ersten Revolutionstage auf dem Michaelsplatze aufrichtete. Er nahm den Tee, reichte ihr die Hand und sprach, sich verbeugend: »Wir kennen uns, Lydia Sergijewna. Nur Ihr Name war mir bisher fremd. Sie erinnern sich doch noch an mich? Jetzt, da ich Sie wiedergefunden habe, lasse ich Sie nicht so bald wieder fort. Kommen Sie, wir wollen in einem stillen Winkel plaudern.« Und ohne die Hand des jungen Mädchens freizugeben, zog er Lydia, die sich nicht sträubte, in ein anstoßendes Boudoir, das leer war; hier herrschte eine Ruhe, die durch das Stimmengewirr, das aus den Nebenräumen drang, nur noch verstärkt wirkte. Ein gedämpftes Licht erhellte den behaglichen Raum und Savinsky fühlte zum erstenmal an diesem Tage ein Aufatmen, ein Loslösen seiner Nerven von der Umgebung, als hätte ihn der Zauberteppich eines Magiers plötzlich hundert Meilen weit von Petersburg und der Revolution entführt. Er erkundigte sich bei Lydia, was sie seit jenem Tage, als sie in den Wirbel der Menge geraten war, gemacht hätte. Ob die damaligen Erfahrungen sie von ihrer Neugier geheilt hätten? Ob sie eingesehen habe, daß sich ein junges Mädchen ihrer Art nicht in die Gefahren der Straßentumulte wagen dürfe? Er sprach halb scherzhaft, halb in ernstem Ton. »Immer werde ich nicht zur Stelle sein, um Sie aufzulesen,« sagte er, »außer Sie nehmen mich als Ihre Leibwache in Dienst und verlassen ohne mich nicht das Haus.« »Das möchte ich ganz gern,« erwiderte Lydia. »Ich dachte seit damals oft an Sie und ich bin sicher, daß ich in Ihrer Gesellschaft niemals und vor nichts Furcht hätte ... Obwohl ich ganz schrecklich feige bin!« fügte sie lächelnd hinzu, indem sie ihn aus ihren großen Augen mit ein wenig zurückgelehntem Kopf voll ansah. Wieder fühlte sie in seiner Nähe jenes Gefühl der Sicherheit, das sie damals in der Michaelstraße in seinen Armen plötzlich empfunden hatte. Seine bloße Gegenwart schien zu genügen, um alle Angst und Unruhe zu vertreiben, als lebte er allein fern von allen Sorgen und als könnte er durch die von ihm ausstrahlende Kraft seine heitere Ruhe auf die wenigen Auserwählten, die in seiner Nähe leben durften, übertragen. Schon fühlte sie, ohne sich klar zu sein warum, vielleicht an der Art seines Blickes oder an dem Ton, mit dem er zu ihr sprach, daß er ihr ein Freund sein werde, daß sie eine Stütze, einen Halt an ihm haben werde ... Paul? Paul war ja sehr lieb, sie hatte ihn so gern, aber er war noch so jung, so kindlich; da war sie es, die ihn führen mußte ... Während sie von hunderterlei Dingen plauderten, wobei Lydia ihren Gedanken nachhing, ließ Nikolaus prüfend seine Augen auf ihren frischen Zügen ruhen und stellte auch seine Betrachtungen an. »Das ist ein echtes Mädchen der russischen Erde, eine reine Blüte, die von nichts beschmutzt wurde; die ›Tajana aus dem Dorf‹. Glücklich der Jüngling, der sie einst lieben wird und noch glücklicher, der von ihr geliebt werden wird! Gibt es in irgendeinem Lande Mädchen, die einem offener in die Augen blicken, als die russischen?« Indessen frug er sie, wo sie den Sommer verbracht habe. »Bei uns daheim, auf dem Lande in der Nähe von Smolensk. Ich wollte unsere Bauern während der Revolution sehen. Oh, Nikolaus Wladimirowitsch, welch' interessante Beobachtungen machte ich da! Ich muß Ihnen einmal davon erzählen, wenn Sie wollen. Ich kenne sie genau, unsere Bauern. Aber ...« In diesem Augenblick trat Natalie Schupow-Karamin, gefolgt von Leo Semeonow in das Boudoir. »Ja, wo verstecken Sie sich denn? Ich dachte schon, Sie wären fort. Hier ist Leo Borissowitsch, der mit unserer kleinen Prinzessin bekannt werden möchte.« Sie stellte ihn Lydia vor, die beim Anblick seines bleichen Gesichtes mit Mühe eine abwehrende Bewegung unterdrückte, denn sie hatte jenen eisigen Blick wiedererkannt, der sie schon auf dem Newski erschauern gemacht. Semeonow verneigte sich zeremoniell. Savinsky zog sie rasch beiseite, um sich zu verabschieden. »Ihren Bericht über die Bauern sind Sie mir noch schuldig. Über die Vorgänge auf dem Lande bin ich fast gar nicht unterrichtet und doch sind sie sehr wichtig. Nur Sie können mich aufklären. Wann kann ich Sie wiedersehen?« »Kommen Sie morgen abend zu uns. Ich werde Ihnen von meinem Sommer erzählen.« Savinsky ging und ließ sie mit Semeneow zurück. Am folgenden Tage begab Savinsky sich nach anstrengender Arbeit von seiner Bank zu dem Fürsten Volynski, den er wohl kannte, doch nur selten sah. Der Fürst fühlte sich nicht wohl und empfing ihn nicht, denn es war eben der Arzt bei ihm. Man führte Savinsky zu der Fürstin, die mit ihrer Tochter und General Vasiljew beim Tee saß. Die Fürstin hatte unter der Einsamkeit des Sommers sehr gelitten. Dann hatte man ihren Gatten in einem traurigen Zustand zurückgebracht: beim Verlassen des Wagens nach einer Ausfahrt hatten seine schwachen Beine versagt, er war gestürzt und hatte sich den Schenkel verrenkt oder sogar gebrochen. Nun war er vollständig hilflos gewesen, man mußte ihn nach Petersburg zurückbringen, um einen Chirurgen zu konsultieren. Die Rückreise war wie ein Fiebertraum. Zwanzig Stunden im Kupee ohne Möglichkeit seinen Platz zu verlassen, zehn Personen in einem Abteil und mitten unter den Soldaten seine Tochter! Lydia lächelte zu den aufgeregten Worten ihrer Mutter. Ihrer unbekümmerten Jugend hatten diese Abenteuer nichts anhaben können und sie hatte alle Beschwerden heiter ertragen. Kaum war sie mit ihrem Tee fertig, zog sie Savinsky in eine Ecke des Salons, in der sie sich behaglich niederließen und begann den Bericht von ihren Sommererlebnissen. Es bereitete ihr eine wahre Freude, sprechen zu können und ihre sprudelnde Lebhaftigkeit gab ihren Erzählungen eine ungewöhnliche Frische. »Ich war froh, wieder einmal auf unser Gut zurückzukehren, denn wissen Sie, bei uns, da ist das wahre Land; Wälder und Wiesen, soweit das Auge reicht. Von einer kleinen Station bei Smolensk haben wir zwei Stunden Wagenfahrt, dann sind wir bei unserem Haus. Das ist so groß und ganz aus Holz und alt, uralt, denn es wurde noch unter Katharina gebaut. Unweit davon, einige hundert Schritte bloß, ist die Wohnung des Verwalters und daneben sind einige Wirtschaftsgebäude, in denen Papa seine schönsten Kühe hält. Die übrigen sind auf die umliegenden Gehöfte verteilt. Zehn Minuten geht man in das Dorf. Ein kleines Dorf von dreihundert Familien, genau so, wie alle russischen Dörfchen: schmutzig und elend, obwohl es unseren Bauern ganz gut geht und manche sogar reich sind. Papa hat eine Schule bauen lassen und hält auch einen Arzt, einen weiblichen Arzt. Eine Jüdin aus Odessa, mit kurzen Haaren und Brille, ein Original, halb wie ein Mann gekleidet. Mit Papa streitet sie manchmal, mit mir aber nicht, denn wir verstehen uns sehr gut. Trotz ihrer Barschheit ist sie gut und gibt sich mit unseren Bauern viel Mühe. Und das wird ihr nicht leicht gemacht. Sie können sich nicht denken, wie unglaublich mißtrauisch und verschlossen die Leute sind. Wenn man ihnen eine Medizin verschreibt, ist ihr erster Gedanke, daß man sie vergiften will. Aber Rachel Papp zankt sie dann schrecklich aus und schließlich gehorchen sie ihr. Und so faßten sie langsam Vertrauen zu ihr. – Schon während des Krieges, besonders 1916 wurde im Dorf vieles anders. Alle jungen Burschen und die Männer bis zu vierzig waren fort. Man wußte, daß zwei gefallen und zehn in deutscher Gefangenschaft waren. Dann hat man uns einige österreichische Gefangene gegeben. Riesig liebe Leute; sie lebten ganz frei bei uns und unsere Weiber hatten sie sehr gern. Sie behaupteten, daß sie viel besser wären, als ihre eigenen Männer. Und es ist wahr, sie arbeiteten mehr, betranken sich nicht und prügelten niemals die Frauen. Ihr Anführer hieß Fritz. Er war aus Kärnten. Ganz abgemagert war er zu uns gekommen, doch dann hat er sich schnell erholt. Und denken Sie nur, Nikolaus Wladimirowitsch, einen süßen kleinen Muff aus Maulwurfsfell hatte er. Erst sprach er nur deutsch mit Rachel Papp, aber im Handumdrehen lernte er so viel russisch, daß er sich mit den Frauen verständigen konnte. Er war Hirte. Er hütete und pflegte die Tiere wundervoll, bald waren ihm alle Tiere des Dorfes überlassen. In achtzehn Monaten hat er kein einziges Tier verloren, das hatte man früher niemals erlebt. So ging im Dorf, trotzdem die Männer fort waren, alles ruhig und in Ordnung während des ganzen Krieges weiter. – Dieses Jahr aber fand ich vieles anders. Zuerst sind etwa zwanzig Eingerückte zurückgekommen; sie waren einfach aus den Schützengräben davongelaufen und mit ihren Gewehren nach Hause gekommen. Sie wollten nicht arbeiten, aber hatten den ganzen Tag, abends und die halbe Nacht zu schwätzen und Geschichten zu erzählen. Immer stand ein Haufen von Bauern bei ihnen um zuzuhören. Selbstverständlich wußte bald das ganze Dorf, daß unser Gut aufgeteilt würde. Für sie war die ganze Revolution nichts anderes, als der Landbesitz von Papa. Aber wie sie ihn nehmen, wie sie ihn aufteilen und bearbeiten sollten, alles das war recht schwierig zu entscheiden. Und über diese heiklen Punkte begann täglich von neuem die Unterhaltung. Mit uns waren sie noch immer sehr höflich, sehr ehrerbietig, man muß aber auch wissen, daß Papa stets sehr gut zu ihnen gewesen ist, und außerdem fürchten sie ihn auch. Also immer noch devotes Grüßen und tiefes Verneigen des ganzen Körpers. Ihre Unabhängigkeit aber zeigten sie in ganz sonderbarer Art ... Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das erklären soll ... Es ist sehr schwierig.« Lydia zog die Stirn in Falten und überlegte. Plötzlich frug sie lebhaft: »Wissen Sie, wie man in den Pyrenäen die Geier jagt?« Savinsky begann zu lachen. »Natürlich nicht. Übrigens, welcher Zusammenhang besteht zwischen der Geierjagd und den Bauern, die das Gut wollen?« »Nur Geduld, Sie werden es gleich sehen. – In dem Jahr vor Kriegsausbruch waren wir im Sommer mit einem Onkel von mir, der ein großer Jäger ist, in den Pyrenäen. Man empfahl ihm in den Bergen die Geier zu jagen. Der Mann, der ihn führen sollte, schilderte diese Jagd so leidenschaftlich und erregt, daß ich meinen Onkel bestürmte, mich mitzunehmen; wie Sie sich denken können, vermochte er mir das nicht abzuschlagen.« »Ich begreife es sehr gut, Lydia Sergijewna, baß man Ihnen keinen Wunsch versagen kann.« »Also um Mitternacht zogen wir los und vor Tagesanbruch waren wir bei einer Hütte in der Wildnis oben. Unser Führer nahm ein kleines totes Schaf und legte es auf einen Felsbrocken etwa zweihundert Schritte von der Hütte, der, die anderen überragend, von allen Seiten gut sichtbar war. Dann warteten wir in der Hütte versteckt. Es wurde Tag. Ich hätte gar zu gern geschlafen, aber jetzt hieß es aufpassen. Kaum war die Sonne aufgegangen, sah man ganz hoch am Himmel einen winzigen schwarzen Punkt, der langsam große Kreise zog. Es war ein Geier, der das Schaf entdeckt hatte. Wenige Minuten später gesellte sich ein zweiter hinzu, der ebenso in der Luft zu kreisen begann. Dann kamen immer mehr. Bald war es ein Dutzend. Und nach und nach wurden ihre Kreise enger und sie kamen tiefer und tiefer, um schließlich auf einem Felsen, dreihundert Schritte von dem Köder, zu landen. Also dann wurde es ganz spannend. Zwei oder drei Geier hüpften wackelnd gegen das Schaf hin, blieben stehen, um es von weitem zu betrachten, schienen sich zu beraten und eilten schließlich – warum weiß ich nicht – zu ihrem Felsen zurück. Und einige Augenblicke später begann dasselbe Spiel. Und so ging es immer wieder, nur kamen sie immer ein winziges Stück näher an ihre Beute. Es dauerte gewiß eine Stunde, bevor sie ganz nahe heran waren. Welche Geduld! Welche Bedächtigkeit! Und endlich wagte es ein Riesengeier, nach einer Zeit, die mir unendlich lange erschien, dem toten Schaf mit seinem Schnabel einen Hieb in den Bauch zu geben. Ich sah von meinem Platz genau, wie der kleine Körper einen Ruck erhielt. Der Geier flog rasch wieder fort, aber kurz danach waren alle Geier da und fielen wütend über den Kadaver her. Jetzt erst schossen mein Onkel und der Führer in den Haufen. Mit heftigem Rauschen ihrer großen Flügel erhoben sich die Geier in die Höhe und waren bald unsichtbar geworden. Aber drei von ihnen blieben tot auf dem Platz. – Und sehen Sie, Nikolaus Wladimirowitsch, an diese Geier erinnerten mich heuer im Sommer unsere Bauern. So wie jene kreisten sie immer näher um die Gehöfte und unser Haus. Sie standen in kleinen Gruppen bei den Gebäuden herum, sprachen miteinander und blickten forschend auf die Häuser. Wenn man sie anredete, waren sie ebenso höflich wie immer. Fragte ich sie, was sie da täten, so erwiderten sie: Wir gehen spazieren, Barin, wir gehen bloß spazieren. Aber sie kamen wieder, schauten weiter, debattierten weiter mit leiser Stimme und kamen von Tag zu Tag näher an das Haus heran. All dies verursachte schließlich ein Angstgefühl, dem man sich nicht entziehen konnte. Einmal traf mein Vater einen sogar schon im Vorzimmer. Er hielt ihn an und frug: »Was willst du Foma Fomitsch?« Der Bauer verbeugte sich bis zur Erde. »Nur ansehen, Barin, ansehen,« war seine unterwürfige Antwort. Mein Vater bekam einen rasenden Wutanfall. Sie wissen, das kommt manchmal bei ihm vor. ›Marsch hinaus, du Unseliger‹ brüllte er, ›aber rasch, sonst wirst du unter meinem Stock liegen bleiben.‹ Der Bauer ging, aber ganz langsam und fast schmunzelnd. Und Tags darauf stand er wieder ein paar Schritte vor den Fenstern des Salons, in den er, mit anderen Bauern flüsternd, hereinspähte. Es wurde einfach unerträglich. Sehen Sie, das war es, das mich an die Geier denken ließ, die das tote Schaf immer enger umkreisen, um es endlich zu verschlingen. Dann kam auch der Unfall von Papa und da sind wir abgereist. Papa hat noch die wertvollsten Bücher und einige alte Bilder nach Smolensk bringen lassen und kaum waren wir weg, sind die Bauern in das Haus eingedrungen. Sie wohnen nicht darin, haben aber die ganze Einrichtung herausgetragen und in ihre Hütten aufgeteilt. – Wie gerne wüßte ich, wer jetzt in meinem Bett schläft!« schloß sie mit einem verzagten Lächeln. – Es war eine reizende Stunde, die Savinsky mit dem jungen Mädchen verplauderte. »Ich weiß nicht, wie Sie es anstellen,« sagte ihr Nikolaus, »Sie erzählen mir Geschichten, die nicht betrüblicher sein können, doch wenn ich sie aus Ihrem Mund höre, kann ich nicht traurig darüber werden. Ich glaube, Sie sind eine kleine Fee, die alle Dinge mit ihrem Zauberstab verwandelt. Ihre Bauern werden mir jetzt nie mehr anders vorkommen, als wie jene mißtrauischen Geier aus den Pyrenäen.« Es blieb ein Schweigen bis Lydia sprach. »Können Sie erraten, was mir Semeonow gestern vorgeschlagen hat? Er will mich als Sekretärin nehmen, wenn die Bolschewiki zur Macht kommen. Er versichert, daß er eine große Rolle spielen werde. Er schwankt noch, ob er das Kriegsministerium oder das des Äußeren übernehmen soll. Besonders im Außenministerium sagt er, könnte er unmöglich ohne mich auskommen, da ich doch deutsch, französisch und englisch kann. Nur will er, daß ich Maschinenschreiben lerne. – Ich kann diesen Semeonow nicht leiden, diese Art eisiger Vernunftmenschen stößt mich schrecklich ab. Niemals könnte ich bei ihm arbeiten. – Aber Schreibmaschine will ich trotzdem lernen. Ich habe sogar schon heute früh begonnen. Ganz nahe von Ihrer Bank, Ecke Newski und Litejnij nehme ich Stunden.« »Wenn es so weit kommt, daß alle Leute arbeiten müssen und Sie dann eine Stellung brauchen,« erwiderte Savinsky, »wird es meine Sache sein, Sie unterzubringen, so lange die Banken arbeiten. Aber glauben Sie mir, wenn die Zustände sich so entwickeln, wie es den Anschein hat, werden Sie ins Ausland müssen. Rußland wird für ein junges Mädchen aus Ihren Kreisen nicht bewohnbar sein. Wir werden zusammen nach Europa gehen. Bis dahin aber, wenn es Ihnen nicht langweilig ist und wenn Ihnen die Gesellschaft eines Mannes, der Ihr Vater sein könnte, nicht lästig ist, könnten wir uns öfter sehen.« Als er Lydia verließ, kam eben Paul Volynski. Er war wieder in seiner alten Junkeruniform. An der Front hatte er nur bittere Enttäuschungen erlebt. Das Regiment, dem er zugeteilt war, hatte an der Offensive nicht teilgenommen; die Soldaten waren in so großer Zahl desertiert, daß ihn der Oberst nach Petersburg zurückgeschickt hatte. Hier war er, da er nicht wußte, wo er sich nützlich machen könne und da er von dem Gedanken, als Soldat zu dienen, noch immer erfüllt war, wieder in die Junkerschule eingetreten und hoffte nach Rückkehr geregelter Zustände als Offizier ausgemustert zu werden. Er kam zum Abendessen zu seiner Kusine. Lydia hatte ihm, wie immer, so auch an diesem Abend tausenderlei zu erzählen. »Wo nur wäre es noch möglich, daß sich so unerhörte Dinge ereignen, wie bei uns?« begann sie. »Wie langweilig muß es doch überall sonst sein! – Es scheint, daß wir bald alle werden arbeiten müssen. Das wird sehr lustig sein. Ich lerne schon Schreibmaschine. Ja, lieber Paul, ich werde von meinem Gehalt leben! Ich werde eine bedeutende Stellung im Ministerium des Äußern haben, das ist schon abgemacht.« Paul blickte seine Kusine an und sprach mit feierlichem Ernst, der sie laut auflachen machte: »Du bist ein Kind, Lydia. Alles erscheint Dir als Spielerei. Aber Gott weiß, was uns die Zukunft noch bringt.« »Mag sein, ich habe aber keine Angst,« entgegnete sie, als sie ihrer Fröhlichkeit Herr geworden war. »Man wird auf die ›Kopfarbeiter‹, wie jene es nennen, so angewiesen sein, daß wir sicher sein können, du und ich, uns aus der Affäre zu ziehen. Siehst du, mir hat man schon zwei Posten angeboten, einer fabelhafter als der andere. Und wenn du nichts finden solltest, nehme ich dich in meine Dienste. Du wirst der Sekretär der Sekretärin sein.« Diese Aussicht beruhigte den jungen Paul, seine Mienen zeigten wieder den gewohnten Ausdruck von Heiterkeit und Sorglosigkeit und den ganzen Abend spielten Lydia und er »Bolschewismus«, kosteten im voraus dessen fröhliche Möglichkeiten und vergaßen seine Schrecken. »Alles ist gut, wenn ich dich nur niemals verlassen muß,« meinte Paul beim Fortgehen. Lydia küßte ihn nach altem Brauch auf beide Wangen und sagte: »Aber natürlich nicht, man trennt doch keinen Bruder von seiner Schwester.« Diese Antwort hörte Paul nicht gerne. Zweiter Teil An diesem Abend, es war der 6. November, ging Nikolaus Savinsky schon vor Mitternacht nach Hause. Er hatte einige Stunden bei Natalie Schupow-Karamin verbracht. Eine besondere Unruhe hatte sich dort der Gesellschaft bemächtigt. Einige Male während des Abends hatte man alarmierende Neuigkeiten telephoniert: die Bolschewiki wären im Begriffe, einen Gewaltstreich zu unternehmen, ihre Truppen seien in Bereitschaft, sie hätten sich schon des Haupttelegraphenamtes bemächtigt, zur Verteidigung des Winterpalais habe man niemand, außer einem Frauen-Bataillon gefunden! Diese Gerüchte, deren Überprüfung nicht möglich war, machten die Leute ganz irre und Savinsky hielt sich bei den Schupows nicht länger auf. Er machte sich sogar Vorwürfe überhaupt hingegangen zu sein. Aber der Grund war, daß er abends nicht mehr allein zu sein vermochte. Die Einsamkeit seiner Wohnung vertrieb ihn; Bücher vermochten ihn nicht mehr abzulenken, seine Gedanken schweiften ab, um immer wieder in den gleichen einförmig trüben Kreislauf zu verfallen. Der Zustand Rußlands war der Gegenstand seiner bitteren Betrachtungen; er überdachte ihn jetzt nicht mehr objektiv. »Was tue ich hier?« frug er sich unaufhörlich. »Wozu bleibe ich noch? Die Atmosphäre der Revolution ist wirklich unerträglich. Ich muß mich aufraffen und Rußland verlassen.« Und doch wußte er im Innersten, daß er dies nie tun würde. Was aber war es nur, das ihn in dieser sterbenden Stadt zurückhielt? Seine Geschäfte? Sie waren so gut geordnet, als es unter diesen beklagenswerten Umständen nur irgend möglich war. »Ich habe genug, um auch im Ausland leben zu können,« sagte er sich, »und da ich doch auch meinen Kopf mitnehme, kann ich nötigenfalls immer noch Geld verdienen, denn zu etwas anderem tauge ich doch nicht mehr. Das wäre klug und vernünftig! Und ich? Ich bleibe trotzdem hier. Ist es Neugier, die mich hier festhält, hier, wo ich schließlich noch mein Leben gefährde? Das hieße das Verlangen, die Dummheiten meiner Mitbürger mit eigenen Augen ansehen zu wollen, recht teuer bezahlen!« Wenn er es recht überlegte, sah er nur Gründe, die für die eheste Abreise sprachen. Aber obwohl sich diese immer mehr häuften und trotzdem er sie nicht zu widerlegen vermochte, fühlte er doch tief in sich einen geheimnisvollen, unbegreiflichen, aber unüberwindlichen Trieb, der ihn an dieses jämmerliche Leben in Petersburg kettete. Müde von seinen Kämpfen, seinem Grübeln, hatte er es schließlich aufgegeben, sich diese unlösbaren Fragen vorzulegen. Nach langem Widerstreben hatte er sich entschlossen der Rückkehr seiner Frau und Kinder zuzustimmen. Die Briefe Sonjas ließen eine so tiefe Traurigkeit erkennen, daß sie ihn bestimmten, ihr zu schreiben, sie möge zwischen dem zehnten und fünfzehnten November heimkehren. »Es ist gewiß ein Unsinn,« sagte er sich, »aber ich kann nicht anders. Bei dem kleinsten Alarmzeichen werden wir über die Grenze gehen. Vielleicht wird die Anwesenheit meiner Frau und meiner Kinder dazu beitragen, das gestörte Gleichgewicht meiner Nerven wieder herzustellen. In dieser großen Wohnung allein zu leben ist unerträglich.« Die Abende verbrachte Savinsky im Klub oder bei Freunden. Oft war er bei Natalie Schupow. Dort traf er Politiker, Geschäftsleute und die elegantesten Frauen der Stadt. Doch der Kreis wurde langsam kleiner; täglich hörte man von diesem oder jenem, der plötzlich und ganz im geheimen Rußland verlassen hatte. Und noch gestern war er hier unter ihnen gewesen, hatte mit den anderen gescherzt und gelacht! Wer hätte es ahnen können, daß seine Nerven schon so weit erschöpft seien, daß er dieses Leben der Erwartung und Angst keinen einzigen Tag mehr zu ertragen vermochte? Dann pflegten die Zurückgebliebenen, trotz des Lächelns und der sorglosen Miene, die sie stets zur Schau trugen, einer den anderen prüfend zu mustern, und jeder stellte sich selbst die Frage: Wer von uns wird wohl morgen fehlen? So waren alle Beziehungen der Menschen, die in Gesellschaft zusammenkamen, bewußt und durchschaut unaufrichtig. Die einzige Person, die ihm ehrlich und aufrichtig schien, war seine kleine Freundin Lydia, die er jeden Abend bei den Schupows traf. Eine eigenartige Freundschaft, in die sich viel Zärtlichkeit mengte, verband ihn mit ihr. Es war ein ganz neues, unbekanntes Gefühl, das einen unerklärlichen Reiz hatte. Er merkte, daß Lydia in ihm den starken, selbstbewußten Mann sah, der von jener Unentschlossenheit, in die alle anderen, die sie kannte, verfielen, frei war. Sie glaubte ihn stolz und sicher, als einen, der stets den Ereignissen überlegen sein müsse. »Auch das ist unwahr, wie alles übrige,« dachte er, »aber es ist doch angenehm, daß ein so reizendes Köpfchen so ein schmeichelhaftes Bild von mir birgt. Wenn dieses entzückende Kind aber alle die Zweifel kennen würde, die mich quälen, meine wahre Schwäche und die Unfähigkeit, allein zu sein, dann würde sie vielleicht sehr schnell ihre Meinung ändern ... Sie glaubt, daß ich keine Furcht kenne. Welcher Irrtum! In Wirklichkeit gibt es nichts in der Zukunft, vor dem ich keine Angst hätte; ich habe die Phantasie eines richtigen Feiglings. Wenn ich jetzt noch eine anscheinend gute Haltung bewahre, so danke ich dies nur meiner kräftigen Gesundheit. Vielleicht ist es auch ein Gebrechen in mir selbst, daß ich die unmittelbare Gefahr noch nicht zu erkennen vermag ... Ja, ich werde ihr das alles bei unserer nächsten Begegnung erklären müssen. Sie ist so klug und verständig, daß sie mich gewiß begreifen wird. – Was wird wohl aus ihr werden? Sie wird natürlich heiraten. Einen Idioten heiraten, das ist nicht zu vermeiden. Und in einigen Jahren wird sie jenes Leben führen, das schließlich all den schönen, jungen, verführerischen Frauen, die ihren Mann verachten, übrig bleibt ... Wen wird sie wohl wählen? Paul, ihren Vetter? Der ist ein Kind. Spaßki, der ihr den Hof macht? Das wäre eine richtige Revolutionsehe. Der alte Fürst würde das nie überleben. Oder einen jener jungen Attachés, die so korrekt und vornehm sind und durch ihr Leben im Ausland jede Spur einer eigenen Persönlichkeit verloren haben? Sie wird sehr reich sein, wenn nicht in dem Sturm, der über uns kommt, alles zerschellt.« In solchen Selbstgesprächen war Savinsky über die Troitzkibrücke geschritten. Von weitem hörte er einige Gewehrschüsse. Es war nichts mehr Ungewohntes, solche Schüsse in dem nächtlichen Petersburg zu hören. Die Straßen waren nichts weniger als sicher und die Überfälle des Nachts mehrten sich. Man schenkte dem allen fast keine Aufmerksamkeit mehr. Immerhin entspannte seine rechte Hand doch den Revolver in der Tasche. »So wären wir glücklich in jene von Stendhal so gepriesenen Zeiten der italienischen Renaissancerepubliken zurückgeworfen, als das Leben von jedem, der abends ausging, gefährdet war und man nur bis an die Zähne bewaffnet das Haus verließ. Stendhal behauptet, daß vor allem diese ununterbrochene Lebensgefahr jene starken Persönlichkeiten des damaligen Italiens erstehen ließ. Wird dies vielleicht auch für meine Zeitgenossen eine nützliche Schule sein? Bis jetzt sehe ich allerdings noch nicht, daß es wohltätig auf sie gewirkt hätte. Sie scheinen mir eher noch neurasthenischer und furchtsamer als je zuvor.« In diesem Augenblick bemerkte Savinsky nicht weit vor sich auf der Straße einen Trupp Menschen herankommen. Als sie sich genähert hatten, erkannte er, daß es etwa sechzig marschierende Soldaten seien. Sie zogen in guter Ordnung, ohne zu sprechen, vorbei und ihre Lautlosigkeit mit dem dumpfen Klirren der Waffen hatte etwas Drohendes an sich. Fünf Minuten später begegnete Savinsky einer zweiten größeren Truppe, die ebenso schweigsam in dunkler Nacht den inneren Bezirken zumarschierte. Ihr Anblick hatte etwas Ungewohntes. Die Soldaten hielten sich stramm, sie defilierten gut ausgerichtet und ihr gleichmäßiger Tritt klang rhythmisch in der stillen Nacht. Seit dem Umsturz hatte Savinsky noch niemals so militärisch aussehende und so diszipliniert wirkende Soldaten gesehen. »Was mag das sein?« frug er sich. »Sollte die Regierung im geheimen verläßliche Truppen von der Front berufen haben und will sie heute Nacht die Bolschewiki überrumpeln? Das würde unserem teuren Alexander Feodorowitsch Kerenski gar nicht ähnlich sehen! Oder ist das Lenins Staatsstreich?« Indessen war er bei seinem Hause angelangt, sein Geist war wohl noch von diesen rätselhaften Nachtmärschen angeregt, er suchte aber nach keiner Erklärung, legte sich nieder und schlief ein. Das letzte Bild, das vor seinen Augen stand, war Lydia, wie sie in Schupows Salon saß, zu ihren Seiten Spaßki, der mit besonderem Ernst sprach und der Hausherr, der Witze erzählte. Die Anwesenheit Schupows so nahe bei dem jungen Mädchen, empfand er besonders unangenehm. – Als er am nächsten Morgen in sein Bureau ging, begegneten ihm wieder zahlreiche Abteilungen Soldaten und Matrosen mit geschulterten Gewehren, die in ganz kriegerischer Weise vorbeizogen. Kaum in der Bank angelangt, erfuhr er die überraschende Neuigkeit, daß die Bolschewiki während der Nacht, ohne dem geringsten Widerstand zu begegnen, die Telegraphenzentrale und andere wichtige Objekte besetzt hatten, daß die Regierung im Winterpalais belagert werde und daß Kerenski, der geschickter als seine Ministerkollegen gewesen war, geflohen sei. Also gehörte die Stadt tatsächlich den Bolschewiki. Das Telephon auf Savinskys Tisch blieb nicht eine Minute ruhig, und er hatte den ganzen Vormittag keinen Augenblick Muße, um alles zu überdenken. Die Mitteilungen, die ihm zukamen, wurden immer erregender. Die Bolschewiki hatten sich wirklich Petersburgs, ohne einen einzigen Schuß abzufeuern, vollkommen bemächtigt. Die Nullen der Regierung hatten auch nicht einmal die bloße Geste eines Widerstandes versucht. Soldaten und Matrosen waren zu den Bolschewiki übergegangen. Bloß die Regimenter Preobraschenski und Semeonowski zögerten noch und blieben in ihren Kasernen. Man fügte hinzu, daß sie nicht sonderlich erregt seien und ihre Zeit mit Kartenspiel zubrächten. Lenin, der vor einigen Tagen im geheimen nach Petersburg zurückgekehrt sei, werde gemeinsam mit Trotzki noch an diesem Abend dem zweiten allrussischen Sowjetkongreß präsidieren und dabei den Regierungswechsel verkünden. Das Smolnyinstitut, eine Gründung von Katharina der Großen, die dort die Töchter des Adels erziehen ließ, sei der Sitz der neuen Machthaber. Gegen Mittag schon berichtete man – woher wollte man es wissen? – daß Kerenski die Kosaken des Generals Krasnow erreicht habe und an deren Spitze gegen die Hauptstadt marschiere. Savinsky hatte zehn Besucher. Alle, die zu ihm kamen, waren fassungslos vor Angst. Diesmal waren es keine bloßen Scherze mehr, jeder war davon überzeugt, daß die Herrschaft Lenins, wie kurz sie auch sei, eine fürchterlich blutige sein werde. Schupow-Karamin kam herbeigestürzt, um Geld zu beheben; sein bleiches Gesicht zeigte dunkle Flecken, als wenn der Blutlauf in seinem schweren Körper stocken würde. »Wissen Sie schon, daß die finnische Grenze gesperrt ist?« rief er. »Wir stecken in einer Mausefalle! Es bleibt uns nichts übrig, als hinzugehen und uns vor den Smolnyleuten ehrfürchtig zu verneigen. Ich will versuchen, mein Geschäft mit der schwedischen Gruppe abzuschließen und schauen, bei der ersten Möglichkeit nach Stockholm zu entkommen.« Er ging zu Fuß, vermied den Newski-Prospekt, indem er seinen Weg durch Seitengassen nahm und lief mit aller Geschwindigkeit, deren seine kurzen, dicken Beine fähig waren, nach Hause, um sich in seiner Wohnung einzuschließen. Der Anblick so vieler furchtverzerrter Gesichter löste bei Savinsky eine entgegengesetzte Wirkung aus. Statt sich durch die allgemeine Panik mitreißen zu lassen, wurde er ganz ruhig und betrachtete die Situation kühl überlegend. »Es war nicht zu vermeiden!« sagte er sich. »Jetzt heißt es bloß darüber nachdenken, wie man sein Leben einrichtet, bis man einen Paß fürs Ausland erhält. Es ist wirklich nicht wahrscheinlich, daß jetzt sofort eine Ära der unbestechlichen Tugend beginnen wird. Die Macht des Rubels wird vorläufig noch in den Ämtern wirksam sein.« Er dachte mit einer wahren Erleichterung daran, daß seine Frau in Finnland in Sicherheit sei. Aber welche Angst und Sorgen wird sie bei der Nachricht von den Petersburger Ereignissen fühlen! Er mußte ihr unbedingt Nachrichten zukommen lassen. Und plötzlich fuhr er auf. Was war aus seiner kleinen Freundin Lydia geworden? Sicherlich lief sie in der Stadt herum. Er eilte ans Telephon und verlangte ihre Nummer. Man sagte ihm, sie sei ausgegangen. Kaum hatte er abgeläutet, als ein Diener ihm meldete, daß eine Dame ihn zu sprechen wünsche. Sie heiße Lydia Sergijewna Wolynskaja. Savinsky eilte zur Türe. Ein wenig zögernd, das von Kälte und Befangenheit gerötete Gesicht in ihren Pelz vergraben, trat Lydia ein. Ihre großen, blauen, so klaren Augen verrieten keine Angst, nur schüchterne Verlegenheit, und doch schien es Savinsky, als ob ihre Unterlippe, die in der Mitte so reizend gespaltete Unterlippe, ein wenig bebe. Von einer unbewußten Regung geleitet, die er nicht zu unterdrücken dachte, umschlang er mit seinem linken Arm ihre zarte Gestalt und zog sie an sich. Er brummte gutmütig mit ihr, wie ein Vater, der seinem liebsten Kind zärtliche Vorwürfe macht. »Aber, kleines Mädchen, was suchen Sie heute in der Stadt? Welcher Teufel treibt sie wieder neugierig herum? Jetzt werden Sie aber schnell nach Hause gehen und nicht eher wieder die Straße betreten, bevor ich es Ihnen erlaube.« Lydia lächelte. Beim Eintreten hatte sie kaum zu denken gewagt, jetzt aber wußte sie, daß Savinsky ihr sowohl ihr Ausgehen, wie auch ihr ungebetenes Eindringen in sein Bureau verzieh. Stolz auf ihren Erfolg, sprach sie mit einem kleinen Unterton von Prahlerei. »Aber, Nikolaus Wladimirowitsch, die Stadt war doch nie so ruhig wie heute. Es herrscht die allergrößte Ordnung, keine Zusammenrottungen, keine Versammlungen, Militärpatrouillen – ganz wie zur Zeit des Zaren... Übrigens,« fügte sie scherzend hinzu ... wollte ich ja nur hören, was Sie über all die Neuigkeiten denken. Ich selbst verstehe ja nichts davon.« »Was ich denke, ist, daß Sie jetzt zu Hause sein sollten. Oder glauben Sie, daß man Revolutionen nur veranstaltet, um den neugierigen, kleinen Mädchen von Petersburg eine Abwechslung zu bieten? Ich werde Sie zu Ihrem Vater zurückbringen. Vielleicht finden wir einen Wagen. Mein Auto haben die Bolschewik! leider aus der Garage weggenommen. Wahrscheinlich sitzt jetzt Semeonow an meiner Stelle darin.« Er wurde durch ein Klopfen unterbrochen und ein Diener brachte ihm einen verschlossenen Brief. Savinsky erbrach ihn, las und überlegte einen Augenblick. »Treten Sie indessen hier ein,« wandte er sich dann an Lydia und öffnete die Türe zu einem Nebenraum. »In zwei Minuten bin ich wieder frei.« Lydia ging langsam durch die von Savinsky gehaltene Türe und dieser ließ, kaum war sie verschwunden, seinen neuen Besuch, der niemand anders als Andreas Spaßki war, eintreten. Savinsky konnte sofort bemerken, daß Spaßki seine gewohnte Kaltblütigkeit nicht im geringsten verloren hatte. Er war ebenso ruhig, wie immer und seine Mienen verrieten keine Spur von Nervosität. »Ich bin rechtzeitig telephonisch gewarnt worden,« erzählte er, »und habe, ohne mich eine Minute aufzuhalten, meine Wohnung verlassen. Es scheint, daß die Bolschewik! mir die Ehre erweisen, auf meinen Kopf einen Preis auszusetzen. Jetzt eben sind sie bei mir zu Hause. Aber leicht werden sie mich nicht bekommen.« »Was wollen Sie tun?« »Zunächst mich verstecken. Gottlob stehen mir mehrere sichere Freunde zur Verfügung und außerdem habe ich einen vorzüglichen Paß.« Er zog ein öfter gefaltetes Blatt aus seiner Tasche und zeigte Savinsky einen mit vielen Stempeln bedeckten Paß, der auf Ingenieur Paul Pawlowitsch Muschin, achtunddreißig Jahre alt, lautete. »Ich werde zu Krasnow gehen. Das dürfte nicht zu schwierig sein. Krasnow wird zu mir mehr Vertrauen haben als zu Kerenski, den er verachtet. Vielleicht werden wir Petersburg zurücknehmen; kämpfen tun diese Schelme ja nicht gern.« Spaßki lächelte sorglos während er sprach. »Aber haben Sie denn Geld?« frug Savinsky. »Ich habe genug. – Ich gehe jetzt. Meine Anwesenheit ist kompromittierend, man darf mich nicht bei Ihnen finden. Ich werde Ihnen durch einen meiner Leute Nachrichten zukommen lassen. Er wird im Auftrage des Ingenieur Muschin kommen. Sie selbst haben, glaube ich, augenblicklich nichts zu fürchten. Semeonow fühlt, daß er Sie brauchen wird. Auch im schlimmsten Fall haben Sie immer noch einige Wochen Schonzeit. Auf Wiedersehen, Nikolaus Wladimirowitsch, denn wir werden uns wiedersehen!« »Gott schütze Sie!« erwiderte Savinsky, ihn zur Türe geleitend. Alleingeblieben wartete Savinsky noch einige Minuten. Er blickte durch das Fenster. Spaßki ging gemächlich, ohne sich zu eilen, den Newski hinunter, er hatte die Hände in die Taschen vergraben und hielt eine Zigarette im Mund. Lydia war von der guten Laune überrascht, in der Savinsky sie zurücklief. Sie hatte sich also doch nicht in ihm getäuscht; er bebte nicht in kritischer Stunde, er raufte sich nicht jammernd die Haare! Und wieder fühlte sie jenes Geborgensein in seiner Nähe, wie sie es auch vor sechs Monaten, in seinen Arm gelehnt, empfunden hatte. Auch diesmal führte Savinsky sie nach Hause. Sie nahmen einen Iswostschik, der den Newski entlang trottete. Das Wetter war schön und klar, auf den Fußsteigen war das gewöhnliche Gedränge. Niemand schien sich dessen bewußt zu sein, daß ein Gewaltstreich in der Nacht gelungen war und daß die Macht den Bolschewiki gehörte, jener Partei, die Bürgerkrieg und Kommunismus auf ihr Programm gesetzt hatte! Petersburg brauchte Schüsse in den Straßen und Pulvergeruch, um sich nach sechsmonatlicher Revolution noch erregen zu können. Indessen aber war alles ruhig. Militärpatrouillen durchzogen in bester Ordnung die Stadt. Um die Tragweite der Ereignisse der letzten Stunden richtig einzuschätzen, hätte es eines großen Aufwandes an kühler Überlegung und Voraussicht bedurft, wer aber von all diesen müden und entnervten Menschen war wohl eines solchen Aufwandes noch fähig? Der Wagen führte sie den Newskiprospekt hinunter. Bei der Morskaja angelangt, sahen Lydia und Savinsky, daß die Straße links bei der Telephonzentrale von Truppen gesperrt sei. Der Kutscher bog nach rechts ab, um durch den mächtigen Torbogen den Schloßplatz zu erreichen. Aber als sie herangekommen waren, wurden sie hier von Junkern aufgehalten. »Kein Durchgang!« Als Lydia die Uniform der Junker erkannte, ward sie bleich vor Schrecken. »Gott sei Dank, daß mein Vetter seit gestern krank ist und nicht ausgehen kann. Wie hätte ich es ertragen können, wenn ich gewußt hätte, daß er hier dabei ist?« Savinsky suchte sie zu beruhigen. »Man wird nicht kämpfen. Man kämpft ja niemals. Man wird verhandeln und alles wird friedlich enden. Sie wissen doch ganz gut, wie man solche Sachen bei uns austrägt.« Sie konnten nur durch den Kordon einen Blick auf den großen Platz vor dem Winterpalais werfen, den sie jetzt ganz verlassen sahen und waren gezwungen, wieder umzukehren und den Moikakanal entlang zu fahren. Hier begegneten sie einer Abteilung ganz junger Soldaten, kaum erwachsen, mit der Schützengrabenkappe auf dem Kopf, die eben von der Front angelangt schienen. Als der Wagen hielt, um sie vorüberziehen zu lassen, frug Savinsky einen Unteroffizier, wohin sie gingen. Der Mann antwortete in gleichgültigem Ton: »Wir haben Befehl, das Winterpalais, in das die Regierung geflüchtet ist, zu verteidigen.« Er hatte mit müder, tonloser Stimme gesprochen und ging dann achselzuckend weiter. Savinsky beobachtete mit höchstem Erstaunen, daß die Truppen des revolutionären Komitees, die die kleine Brücke besetzt hielten, die Frontsoldaten ohne weiteres vorbeiließen und daß diese, ohne auch nur angehalten zu werden, über den leeren Platz zogen und schließlich im Hauptportal des Winterpalais verschwanden. Er wandte sich wieder zu Lydia, die jetzt lächelte. »Sie haben recht,« sagte sie, »würde man nicht meinen, daß es sich hier nur um einen Umzug, eine Zirkusparade handelt? ... Man kann dies alles wirklich nicht ernst nehmen. Hier, diese Buben, mit ihren Kappen, schlampig und ohne Disziplin, dort die Matrosen, die sie vorbeiziehen lassen, als wäre alles im voraus abgemacht, alles das ist so ohne jede Würde, Nikolaus Wladimirowitsch ... Oder bin ich vielleicht doch noch zu jung, um es zu verstehen?« fügte sie mit jenem aufrichtigen und ungekünstelten Ton hinzu, der so tief in ihr Wesen blicken ließ. »O nein, mein erwachsenes Fräulein, denn das sind Sie, es ist doch keine Spielerei, wie Sie glauben. Es braucht sehr wenig, ja ein Nichts, um diese lächerliche Szene in eine tragische zu verwandeln. – Aber unter allen Umständen müssen Sie mir versprechen, was immer auch geschehen mag, heute schön vernünftig zu Hause zu bleiben. Vor dem Abendessen werde ich einen Augenblick vorbeikommen, um Ihnen zu berichten, was vorgeht, aber bis dahin müssen Sie brav sein. Suchen Sie Ihre Puppen heraus, sie werden ja nicht sehr weit sein und spielen Sie mit ihnen. Das ist heute viel gescheiter, als in den Straßen herumzulaufen.« Lydia wurde ernst. »Nun gut,« erwiderte sie, »aber auch Sie müssen mir versprechen, nicht unvorsichtig zu sein und sich nicht unnötig Gefahren auszusetzen. Über Paul, der krank zu Hause liegt, bin ich beruhigt. Ich möchte jetzt nicht Ihretwegen unruhig sein. Sie müssen in Ihrer Bank bleiben und sofort, wenn Unruhen sind, durch die kleinen Seitenstraßen nach Hause eilen und mich anrufen ... Ach, ich vergesse ganz, daß Sie ja über diese schreckliche Troitzkibrücke müssen. Das ist ja die allergefährlichste Stelle. Also, wenn Straßenkämpfe sind, müssen Sie eben bei uns schlafen. Sie wissen ja, durch die Millionaja können Sie herein.« Es war etwas Ernstes, Drängendes in ihrer klaren Stimme, das Savinsky tief berührte. Er wehrte sich gegen die Ergriffenheit, die ihn übermannen wollte und zwang sich zu scherzender Antwort: »Sie sprechen, wie eine Großmama zu ihrem Enkelkind. Das verjüngt mich geradezu, Lydia Sergijewna. Aber seien Sie nur ganz unbesorgt, ich bin ein großer Feigling und wünsche mir gar keine Abenteuer. Bei dem geringsten Lärm lasse ich mich in eines unserer Safes einsperren und warte dort so lange, bis alles wieder ruhig ist.« Er verließ sie vor ihrer Türe auf dem menschenleeren Schloßquai. – Das Mittagessen bei Volynskis verlief gegen alle Erwartungen äußerst fröhlich. Der Fürst fühlte sich wohler, als an den vorhergegangenen Tagen und der Staatsstreich, von dem er vormittag Kenntnis erhalten hatte, bereitete ihm sogar eine besondere Freude. Der Gedanke, daß jene Verbrecher, die den Kaiser gestürzt hatten, nun ihrerseits vertrieben und im Winterpalais eingesperrt seien, erfüllte ihn mit lebhafter Genugtuung. »Es gibt eben doch noch eine Gerechtigkeit, meine Teure,« sagte er zu seiner Frau, als er sich zu Tisch setzte. »Ich bedaure nur eines: daß Kerenski fliehen konnte. Man muß zugeben, daß er schlau ist. Jedesmal, wenn es brenzlig wird, verschwindet er, wie ein Geist in der Versenkung. Hat er's denn im Juli anders gemacht? – Die übrigen aber sitzen schön in der Falle! Man wird sie in die Newa werfen und wie Ratten ersäufen. Das ist der Anfang vom Ende! Das nächste Mal kommt die Reihe an Lenin und Trotzki. Dann wird die Sühne vollendet sein. Indessen aber wollen wir zur Feier dieses großen Ereignisses eine gute Flasche leeren.« Er ließ Champagner auftragen und bestand darauf, daß Lydia ein ganzes Glas leere. Dann trank er General Wasiliew zu. Seine tiefliegenden Augen blitzten unter den hochgewölbten Brauen. Oft schüttelte ihn ein heftiger Hustenanfall, dann fühlte er in seinem kranken Beine heftige Schmerzen und fluchte einigemal, aber die freudige Erregung hielt an und er setzte seine Reden fort. »Siehst du wohl,« wandte er sich jetzt an seine Tochter, »man soll an unserem Rußland niemals verzweifeln. Es ist ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl in der russischen Seele. Sie kann Unsittlichkeiten nie lange ertragen. Wie hätte sie zugeben können, daß diese Schufte, die das Kaiserreich zerstört haben, an der Herrschaft bleiben? Das schrie nach Rache! Kerenski im Bett des Zaren! Der Himmel mit seinen Blitzen soll ihn zerschmettern! Ich achte Lenin, er ist das Werkzeug göttlicher Rache.« Der General benutzte einen Hustenreiz des Fürsten, um einzuwerfen: »Aber, Sergius Borissowitsch, auch uns wird man strafen, auch wir werden büßen müssen!« »Ganz recht, mein Lieber,« setzte der Fürst mit einem sonderbar triumphierenden Ton fort. »Und wenn wir büßen müssen, so haben wir es auch nicht anders verdient. Was taten wir denn, um dem Kaiser zu helfen? – Nichts! – Wer von uns hat sein Leben für ihn geopfert? – Niemand! – Mit Recht werden wir für unsere Sünden büßen. Und Rußland wird größer und reiner denn je aus diesen Prüfungen hervorgehen ... Trinken wir auf die Zukunft Rußlands!« Und er leerte abermals sein Glas. Lydia hörte nur zerstreut zu. Die Aufregungen des Vormittags, der Besuch bei Savinsky, die Fahrt im Schlitten, der getrunkene Champagner – sie fühlte sich förmlich von sich losgelöst. Sie schwebte in einem dämmerigen Traum. Mutter und Vater, General und Bediente schienen ihr wie nebelhafte Gestalten; die Revolution sah sie wieder, wie vorhin beim Winterpalais, als einen Jahrmarktszug oder noch mehr als ein Zauberspiel. Man erhob sich vom Tisch. Sie fühlte mit einem Male eine furchtbare Müdigkeit, ging in ihr Zimmer, streckte sich auf den Divan und schlief augenblicklich ein. – Eine Stunde später wurde sie durch Pochen an der Türe geweckt. Katja, ihre alte Kinderfrau, brachte ihr einen Brief. In der mit Bleistift geschriebenen Adresse erkannte sie die Schrift ihres Vetters. Ihr Herz begann stürmisch zu pochen. Dieser Brief, sie fühlte es, barg eine schreckliche Nachricht. Sie öffnete ihn zögernd. Er enthielt nur drei Sätze: »Ich bin mit meinen Kameraden im Winterpalais. Wenn ich Dich nie mehr sehen sollte, sage ich Dir jetzt Adieu. Ich liebe Dich, ich habe Dich immer geliebt. Paul.« Sie erbleichte. »Furchtbar,« dachte sie. »Er wird sterben.« In Eile kleidete sie sich an, um auszugehen. Wohin? Was tun? Sie wußte es nicht, wußte nur, daß sie unmöglich ruhig hier bleiben konnte, ohne den Versuch, etwas zu unternehmen. Die Stille ihres Zimmers war unerträglich und vertrieb sie. Katja gab sich alle Mühe, sie zurückzuhalten und sagte schließlich: »Aber Lydotschka, Du kannst unmöglich ausgehen! Die Leute sind ja heute rein verrückt.« Als Lydia auch jetzt nicht hinhörte, machte sie ein großes Kreuzeszeichen über ihr und küßte sie demütig auf die linke Schulter. Auf der Treppe traf Lydia eine ihrer Freundinnen, die eben zu Besuch kam. Es war Helene Iwanowna, die auf der anderen Seite des Marsfeldes, in der Mokowaja, eine Viertelstunde entfernt, wohnte. Helene war ein großes, kräftiges Mädchen, das ohne Nerven und immer ohne Eile ihren Weg ging. Sie machte den Eindruck, als würde ihr nichts nahegehen. Sie war phlegmatisch, wortkarg und bedächtig. Lydia fühlte sich sehr zu ihr hingezogen. »Gott schickt dich zur rechten Stunde!« rief Lydia ihr zu. »Ich brauche dich, wir gehen zusammen aus, willst du?« »Warum nicht?« erwiderte Helene sanftmütig. Die beiden Mädchen schritten den Schloßquai entlang, der wie früher ganz leer war. Lydia hatte ein schnelles Tempo angeschlagen und ihre Freundin bemühte sich, Schritt zu halten. Sie waren in die Millionnaja eingebogen und kamen gerade vor der Eremitage heraus. Aber die kleine Brücke über den Kanal, die das Museum mit dem Winterpalais verbindet, war durch bewaffnete Arbeiter besetzt. Drüben auf dem anderen Ufer lag die dunkle, rote Masse des Palais. Der Platz davor war ebenso leer, wie vormittags. Die Arbeiter verweigerten den Mädchen entschieden den Übergang und alle Bitten Lydias blieben erfolglos. So kehrten sie um, gingen den Moikakanal entlang und versuchten den Kordon zu durchschreiten, den die Truppen zwischen dem Gebäude des Militärgouverneurs und dem Ministerium des Äußeren bildeten. Auch hier hatten sie den gleichen Mißerfolg. Lydia ließ sich aber nicht entmutigen. »Versuchen wir bei der Admiralität unser Glück,« sagte sie ihrer Freundin. Diese stellte keinerlei Fragen. Sie folgte Lydia bei dieser abenteuerlichen Wanderung ebenso, wie wenn es sich um einen Rundgang durch die Geschäfte der Stadt gehandelt hätte. In der Nähe des Gebäudes der Admiralität war die Menge etwas dichter und die Sperre durch die revolutionären Soldaten etwas lockerer. Die übrigens freundschaftliche Unterredung eines Unteroffiziers mit den Umstehenden ausnützend, schlüpften die beiden Freundinnen zwischen den Posten durch, ohne daß man sie anhielt. Rasch gingen sie auf das Palais zu. Doch plötzlich blieb Lydia stehen und blickte umher. Obgleich sie noch immer unter dem erregenden Schrecken stand, der sie vom Hause fortgetrieben hatte und gegen alles andere vollkommen gleichgültig war, mußte der Anblick, der sich hier bot, sie vor Staunen erstarren lassen. Alle Zugänge zu dem großen Platz waren von revolutionären Truppen besetzt. Aber auf dem Platze selbst bewegten sich die Junker vollkommen ungehindert und ohne die Revolutionäre zu beachten, unter deren Augen sie unbekümmert ihre Vorbereitungen zur Verteidigung des Palais trafen. An vielen Stellen trennten sie nur wenige Schritte von ihren Gegnern. Vor dem Haupteingang waren große Holzstämme von über sechs Fuß Länge, einer über den anderen in einer Breite von dreißig Schritt aufgeschichtet. Es war dies ein Teil der für den Winter aufgestapelten Holzvorräte. Die Junker waren damit beschäftigt, zwischen den Holzklötzen Lücken zu schaffen, in die sie Maschinengewehre stellten. Wie konnten die Bolschewiki zugeben, daß sich die Junker derartig verschanzten? Wieder drängte sich Lydia der Gedanke auf, daß all dies nur eine Spielerei sei. In diesem Augenblick marschierte aus dem Hauptportal eine Abteilung Junker heraus. Sie defilierten wie bei einer Parade; ihre langen, braunen Mäntel schlugen im Takt gegen ihre Waden. Sie hielten in zwei Gliedern vor dem Holzstoß. Ein General schritt ihre Reihen ab und hielt dann eine Ansprache. Die beiden Mädchen waren näher herangetreten. Lydia hörte kein Wort von der aufmunternden Rede des Generals, sie suchte nur Paul unter diesen zweihundert jungen Offizieren. Mit einem Male rief sie: »Dort ist er!« Und wirklich, in der ersten Reihe, beiläufig im ersten Drittel, stand Paul Bolynski. Er hielt sich sehr stramm, den Kopf gereckt, die Brust vorgewölbt und hatte wie alle den starren Blick auf den General gerichtet. Er sah seine Kusine nicht. Sie bemerkte, daß er sehr blaß sei. »Er ist krank, der arme Bub,« dachte sie und Tränen stiegen ihr in die Augen. Nie hätte sie gedacht, daß sie so viel Zärtlichkeit für diesen großen Jungen fühle. Jetzt vernahm sie auch die Worte des Generals. Er schloß eben die Rede und rief mit seiner tiefen Stimme: »Rußland zählt auf Euch, meine Kinder!« – »Wieso kann Rußland Paul nötig haben?« frug sich Lydia, vollkommen verwirrt. »Wo ist Rußland? Dort drinnen? Ist Kerenski Rußland? Soll Paul sich für Kerenski, der geflohen ist, töten lassen? Und wer ist denn drin in diesem Palais? Sozialistische und bürgerliche Minister, die kaum jemand kennt.« Ein Offizier rief ein Kommando, die Junker schwenkten ein und defilierten im Paradeschritt, um in das Palais zurückzukehren. Lydia ging ganz nahe an die Abteilung heran. Paul mußte hart an ihr vorbeikommen. Jetzt sah auch er sie und lächelte freudig. Sein bleiches Gesicht strahlte. Lydia ging noch einen Schritt auf ihn zu, als wollte sie ihn ansprechen. Nun wurde es Helene klar, was hier vorging und sie faßte Lydia beim Arm. Lydia erzitterte bei dieser Berührung. Paul streifte sie fast während des Vorbeimarsches und ließ seinen Blick nicht von ihren Augen. Sie rührte sich nicht. Als die Junker unter dem blutroten Gewölbe verschwunden waren, blickte sie ihnen noch lange nach und sprach endlich nur ein Wort: »Komm.« Sie durchschritten ohne Schwierigkeit die Linie der roten Soldaten, die ihnen derbe Scherzworte nachriefen und kamen einige Minuten später, ohne daß Lydia den Mund geöffnet hätte, zum Hause des Fürsten Volynski. Lydia ging allein hinein und verschloß sich in ihrem Zimmer. Gegen sieben Uhr ließ Nikolaus Savinsky sich bei ihr melden. Sie antwortete, daß sie Migräne habe und nicht fähig sei, ihn zu empfangen. Sie hätte es nicht ertragen, ihn jetzt zu sehen. Wütend wiederholte sie sich ihre eigenen Worte von vormittag: »Eine Zirkusparade!« Sie sah sich an der Seite ihres Freundes lächelnd im Schlitten sitzen und verachtete sich ... Es war Nacht geworden. Sie aß ein paar Bissen in ihrem Zimmer. Sie wollte niemand sehen. Sie war über die Ihren empört. »Und mein Vater anerkennt noch diesen Lenin! Ich glaube, er hat den Verstand verloren. Katja hat recht: Die Leute sind wirklich verrückt! Warum nur bringen sie einander um? Was hat Paul diesen Soldaten getan? Warum wollen sie aufeinander schießen? Russen sind sie doch, einer wie der andere. Es ist alles unverständlich. Indessen gingen die Stunden dahin. Sie trat ans Fenster. Unten strömte langsam das dunkle, hochgehende Wasser der Newa. Kein Geräusch drang durch die gutschließenden Doppelfenster. Keine Seele zeigte sich auf dem Quai. Grabesstille herrschte. Es war, als lebe sie in einer toten Stadt. Der Frieden der schlafenden Häuser beruhigte sie. »Man kämpft nicht bei uns,« sagte sie sich, »Nikolaus Wladimirowitsch hatte recht.« Ein Hoffnungsstrahl erwachte in ihr und das Blut kam wieder in ihre bleichen Wangen. »Er hat immer recht,« fuhr sie fort, »aber natürlich, es ist sicher so, die Revolutionäre haben mit den Truppen im Palais verhandelt. Man verhandelt und verhandelt ohne Ende, wie immer bei uns. Niemand hat Lust sich töten zu lassen; man wird bis morgen früh verhandeln und dann werden alle ruhig wieder nach Hause gehen.« Schon begann sie sich über ihre frühere Aufregung zu ärgern und darüber, daß sie grundlos so eine Angst gehabt. Sogar über Paul war sie ärgerlich, der die Ursache einer so sinnlosen Qual gewesen. »Wie ich mich morgen an ihm rächen werde, wenn er zu uns kommt!« dachte sie und lächelte wieder zum ersten Male. Eben in diesem Augenblick krachte in unmittelbarer Nähe eine betäubende Schießerei los. Der Angriff auf das Winterpalais hatte begonnen! Bald hörte sie auch das anhaltende Tak-tak der Maschinengewehre. Und plötzlich erschütterte ein dumpfer, heftiger Knall die geschlossenen Fenster. Ein heller Schein beleuchtete eine Sekunde den schwarzen Himmel und ließ auf dem anderen Ufer die Peter-Pauls-Festung gespenstig aus dem Wasser aufsteigen. »Kanonen!« flüsterte sie zitternd und meinte, ihr Herz setze aus. »Was können die armen Kleinen dagegen machen?« Das Gewehrfeuer hielt an; öfters vernahm sie auch das dumpfe Krachen von Handgranaten und von Zeit zu Zeit das schwere Grollen der Kanonenschüsse, die alles übertönten. Sie hatte das Bild vor Augen, das sie nachmittag erblickt hatte, sie sah die Junker hinter den Holzstößen versteckt ... Sie konnte keine Gedanken mehr fassen. In langen Zwischenräumen wurde es immer auf Minuten still. Dann wieder fiel ein einzelner Gewehrschuß und danach begann von neuem, stärker als zuvor, das unregelmäßige Krachen. Das dauerte endlos. Sie hatte jeden Begriff von Zeit verloren. Erschöpft warf sie sich schließlich auf ihr Bett und vergrub den Kopf in die Polster, um nichts mehr zu hören. Und wie sie so dalag, siegte die Erschöpfung über ihre Nerven und sie versank in einen tiefen Schlaf. Als sie erwachte, war nichts mehr zu hören. Sie sah auf ihre Uhr. Es war drei Uhr früh, sie erschauerte. »Ich habe geträumt,« sagte sie sich, »welch furchtbarer Angsttraum!« Sie hatte noch die Kraft das Licht abzudrehen und schlief wie ein Kind sofort wieder ein. Früh brachte ihr Katja wie gewöhnlich das Frühstück. Sofort erinnerte sie sich an die Aufregungen der Nacht. Sie bebte. »Was ist geschehen?« frug sie. »Hast du's gehört, heute Nacht ...?« Die alte Amme lächelte. »Es ist Nachricht von deinem Vetter Paul gekommen. Er ist in Sicherheit in seiner Schule.« Lydia fiel in ihre Kissen zurück. »Was für ein schrecklicher Fiebertraum!« murmelte sie und zwei dicke Tränen rollten über ihre Wangen.   Jene drei Tage, die der Machtergreifung der Bolschewiki folgten, bildeten für die Nerven der Petersburger vielleicht die härteste Belastungsprobe. Die widersprechendsten Nachrichten flogen von Mund zu Mund und ließen auf freudigste Zuversicht immer bald wieder tiefste Verzweiflung folgen. Sobald nur ein leiser Hauch die erloschenen Hoffnungen traf und zu winziger Flamme belebte, war auch schon der Regenguß da, der sie wieder verlöschte. Die Bolschewiki hatten in feierlicher Versammlung, Mittwoch, den 7. November, der Freude über ihren Triumph lauten Ausdruck gegeben. Seit den ersten Tagen der Revolution hatte man noch niemals so einen Taumel erlebt. Bisher hatten die jeweiligen Machthaber nur immer die gleichen Klagelieder von dem Ruin Rußlands angestimmt. Jetzt aber sah man Männer, die sich zu ihrem Sieg beglückwünschten und mit lauter Stimme eine Epoche restlosen, allgemeinen Glücks ankündigten. Diese Männer zweifelten nicht eine Sekunde an sich, und die erste Sitzung des zweiten allrussischen Sowjetkongresses, von Lenin selbst geleitet, überraschte allgemein durch die wilde, stolze Freude, die in ihr Ausdruck fand und durch die Selbstsicherheit, die alle Teilnehmer zeigten. Aber leider stimmten die Tatsachen nicht so ganz mit den Zusicherungen der neuen Staatslenker überein. In Wahrheit standen sie ziemlich allein mit ihren paar tausend Soldaten, Matrosen und roten Garden, die ihnen zur Macht verholfen hatten. Der ganze Regierungsapparat aber war mit einem einzigen Schlage stehen geblieben. Das ganze ungeheure Heer der Beamten hatte seine Arbeit verlassen. Kein einziger Funktionär, kein Angestellter irgendeines Ministeriums wollte für die Volkskommissare tätig sein. Die Bolschewiki hatten sich wohl der Telegraphenzentrale bemächtigt, sie sandten ihre Botschaften in das weite russische Reich, aber Antwort erhielten sie keine. Das Reich lehnte eine Unterhaltung mit ihnen ab und hüllte sich in beunruhigendes Schweigen. Die wenigen Nachrichten, die man aus dem Lande erhielt, waren den Roten nicht günstig. Reisende, die aus Moskau kamen, berichteten, daß diese Stadt ein Meer von Feuer und Blut sei, daß die Junker sich gegen die revolutionären Truppen schlügen. Selbst in Petersburg waren die Sieger vorerst so schwach und sie fühlten sich so bedroht, daß sie schweigend duldeten, daß ihre Gegner, die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, sich in einem Palais der Fontanka versammelten und offen den Kampf gegen sie predigten. Ebensowenig trauten sie sich an die Stadtverwaltung heran, die gleichfalls rührig den Widerstand gegen den Staatsstreich organisierte. Auch über die Kosaken Krasnows kamen beunruhigende Meldungen. Sie waren von Gatschina bis Zarskoje-Selo vorgerückt und standen fast in den Vorstädten Petersburgs. Und die Einwohner der Hauptstadt sahen den kleinen Kreuzer Aurora, dessen Kanonen bei der Einnahme des Winterpalais mitgewirkt hatten, bei der Schloßbrücke verankert; er stand Tag und Nacht unter Dampf und man wußte, daß er dazu bestimmt sei, den Führern der Bolschewiki die Flucht zu ermöglichen, wenn ein wechselndes Geschick sie zwingen sollte, Petersburg zu verlassen. Würde man wohl eines Morgens erwachen, um zu vernehmen, daß Lenin, Trotzki und alle ihre Anhänger mit Volldampf einem fernen Land zusteuerten? Alles in allem schien nichts so ungewiß wie die Macht dieser Männer, die eine solche Sicherheit zur Schau trugen. Und anderseits gab es doch keinen einzigen Gewaltakt, ja nicht einmal Unordnung. Die Stadt war ruhiger, als in den letzten sechs Monaten. Überall sah man Militärpatrouillen, aber nirgends mußten sie die Waffe gebrauchen. Diebe und Einbrecher wurden verhaftet. Die Geschäfte waren alle offen. Strenge und beruhigende Weisungen hatte jedes Haus erhalten, jeder Einwohner wußte die Telephonnummer, die er im Falle von Unruhen, Diebstahl oder nächtlichen Überfällen anzurufen hatte. Man fühlte sich plötzlich gegen alle Gefahren behütet. Man atmete fast auf ... Aber sogleich, wenn man seine Gedanken weiterschweifen ließ, als in die unmittelbare Gegenwart, die so beruhigend schien, lichtete sich die beklemmende Angst wieder als riesengroßes Gespenst auf. Die Angst bei dem Gedanken, daß man in Zukunft mit Leben und Besitz Männern ausgeliefert sei, die, keine Bedenken und keine Schwäche kennend, das Evangelium des Bürgerkrieges, des Kommunismus und der gewaltsamen Ausrottung der bisher führenden Gesellschaftsklassen verkündeten. So standen Gegenwart und Zukunft in offenkundigem Widerspruch, allen fühlbar und allen dieselben Gedanken aufdrängend, so daß man beklemmt dem Lauf der Tage folgte. Iwan Schupow-Karamin meinte seufzend: »Nichts ist unerträglicher, als dieses Warten, diese Ungewißheit!« Natalies Salon war abends leer, da die Leute es nicht mehr wagten, nachts über die Straße zu gehen. Ihre Empfangszeit war jetzt nachmittags, und eine sonderbare Folge der allgemeinen Angst war es, daß mehr Leute denn je zu ihr kamen. Man konnte einfach nicht zu Hause bleiben, denn allein, vereinzelt kam jedem seine Hilflosigkeit erst recht zu Bewußtsein; so lief einer zum andern und beisammensitzend vermeinte man eine Macht zu bilden. Man vergaß seine eigene Einsamkeit und suchte sich in einem Schwall endloser Worte zu betäuben. Schließlich aber endete man noch verzweifelter, denn nichts Trübseligeres gab es in jenen Tagen, als die Gespräche. Gegen acht Uhr ging alles nach Hause und Iwan Schupow sah verzweifelt einen einsamen Abend heranbrechen. Denn dieser geschwätzige Mann konnte mit allen Leuten sprechen – nur nicht mit seiner eigenen Frau. Natalie hatte während der letzten drei Tage nichts anderes getan als versucht, mit Semeonow in Verbindung zu treten. Aber seit dem Staatsstreich war dieser nicht in seiner Wohnung gewesen und er hatte auch keine neue Adresse hinterlassen. Zweifellos war er im Smolny. Aber wie sollte man dies erfahren? Die Zukunft der neuen Herren war noch keineswegs so gesichert, daß Natalie es gewagt hätte, sich so geradeswegs im Hauptquartier der Bolschewiki zu zeigen. Lydia war nach jener verhängnisvollen Nacht leidend und lag zu Bett. Sie hatte Paul nicht wiedergesehen, denn die Junker blieben in ihrer Schule bewacht und konnten sich in Uniform nicht in die Stadt wagen, ohne ihr Leben zu gefährden. Erst Samstag waren zwei, die in einem abgeblendeten Auto fuhren, in der Gorokhovaja getötet worden. Das Auto war stecken geblieben, man hatte sie bemerkt und niedergeschlagen, ehe sie überhaupt an Verteidigung hätten denken können. Katja verließ an jenem Tage in der Dämmerung mit einem großen Bündel am Arm das Palais Volynski. Sie ging zu dem ehemaligen Palais Michael, in dem Paul jetzt kaserniert war, eintreten durfte sie aber nicht und so mußte sie das Paket und einen Brief beim Eingangstor abgeben. Dann versuchte Lydia auch noch telephonisch mit ihrem Vetter in Verbindung zu treten, aber die Leitung war unterbrochen. Da rief sie Nikolaus Savinsky zu sich. Er zögerte nicht, alles liegen und stehen zu lassen, und eilte sofort zu ihr. Er fand sie blaß und verändert. Ein gewisser Ernst lag in ihrem Blick, den er bisher noch nie an ihr gesehen hatte, und sie sprach in einem Ton, in dem er jenen kindlichen Klang vergeblich suchte, den ihre Stimme doch stets gehabt hatte. Sie dankte ihm, daß er trotz seiner Arbeit so rasch gekommen war, und sprach dann weiter: »Ich wollte wissen, was Sie von der Situation halten.« Savinsky betrachtete dieses so junge und doch schon so leidvolle Gesicht. Er zögerte einen Augenblick und zuckte dann die Achseln. »Eigentlich gar nichts, Lydia Sergijewna.« Und da die ernsten Augen des Mädchens weiter fragend auf ihm ruhten, fuhr er mit dumpfer Stimme fort: »Man muß abwarten. Vorläufig sieht man noch nicht klar. Wer mag wissen, was morgen geschieht?« Und er leierte alle jene Gerüchte herunter, die durch die Stadt schwirrten; die Unsicherheit der bolschewistischen Macht, die Möglichkeit des Vormarsches der Kosaken, die fahrbereite Aurora ... Lydia unterbrach ihn, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte und sprach, ihm forschend ins Auge blickend: »Alles dies ist mir bekannt, Nikolaus Wladimirowitsch, unbekannt ist mir aber, was Sie selbst denken. Bitte, sagen Sie es mir. Ich habe viel in diesen drei Tagen nachgedacht, und ich glaube, daß ich nicht mehr jenes kleine Mädchen bin, das sie kannten. Sie sind doch mein Freund, nicht wahr? Also seien Sie aufrichtig, ich habe ja außer Ihnen keine Seele, mit der ich reden kann.« Savinsky war tief erschüttert. Er hatte die Empfindung, als suche sie bei ihm Zuflucht, Zuflucht vor ihrer Angst und ihren Sorgen, deren Ursachen er nicht ganz kannte. Was konnte er ihr sagen, der er doch selbst in völliger Ungewißheit war? Er entschloß sich schließlich, ihr die Dinge genau so zu schildern, wie er selbst sie sah, aber in einem Ton, der alles Düstere, ja Tragische, das durch ihre Worte geklungen hatte, beiseite schob. »Lydia Sergijewna,« sprach er, »ich bin kein Prophet; wenn ich nicht recht behalte, dürfen Sie mir nicht böse sein. – Ich gestehe Ihnen, daß ich von Krasnows Kosaken nicht das geringste erwarte. Wenn sie die Stadt einnehmen wollten, dann hätten sie es schon gestern getan. Wir kennen zwar ihre Stimmung nicht, aber ich möchte wetten, daß sie unentschlossen und uneinig sind, daß man bei ihnen debattiert, statt zu handeln, und daß man endlos berät. Das ist die russische Krankheit. Bloß die Bolschewiki scheinen Ausnahmen zu bilden. Die Art und Weise, in der sie Mittwoch ihren Streich durchführten, ist wirklich bemerkenswert. Welcher Fortschritt gegen Juli! Sie haben viel zugelernt. Bisher haben wir noch niemals Männer gesehen, die aus ihren Erfahrungen gelernt hätten. Und wenn Sie daraus einen Schluß ziehen wollen ...« Er unterbrach sich für einen Augenblick, nahm die Hände des jungen Mädchens in die seinen und lächelte. »Wollen Sie wirklich die Folgerungen, Lydia Sergijewna? Sie wissen doch, es gibt nichts Schwierigeres für einen Russen, als Konsequenzen zu ziehen, als zu einer entschiedenen Meinung zu gelangen. Unsere Landsleute lieben es, tausend geistvolle Gründe für und wider eine These auszusinnen. Dann aber, wenn es ihnen gelungen ist, sie durch die Üppigkeit ihrer Gedanken und die unerschöpflichen Mittel ihrer Mundfertigkeit zu verblüffen – dann empfehlen sie sich.« Das Mädchen blieb nachdenklich und frug bloß: »Nun, und?« »Nun, ich glaube an den Erfolg Lenins. Aber wenn Sie mich fragen, was er mit seinem Erfolg beginnen wird, dann weiß ich darauf keine Antwort, und vermutlich weiß er selbst gegenwärtig auch noch keine ... Ich halte ihn aber nicht bloß für einen großen Fanatiker, sondern für einen ebenso großen Politiker. Politik aber ist List, Geist und Anpassung an die Möglichkeiten. In einem Tage läßt sich eine ganz neue soziale Ordnung nicht schaffen; er wird sich zu Konzessionen, zu Übergängen bequemen müssen ... Aber teuerste Freundin, da sind wir ja mitten in eine allzu ernste und wohl auch zwecklose Betrachtung geraten. Ehe der Kommunismus in Rußland siegt, kann Lenin ja lange wieder vertrieben sein, oder wir alle, Sie und ich, sind vielleicht schon lange in England, die Deutschen sitzen vielleicht bis dahin schon in Petersburg und heben einen schönen, funkelnagelneuen Zaren auf den Thron ...« Lydia erhob sich und begann im Zimmer auf- und abzuwandern. Sie hielt die Hände auf der Brust verschränkt, ihr Schritt war ruhig und entschlossen, ihr Gesicht zeigte einen ernsten, sinnenden Ausdruck. Plötzlich blieb sie vor Savinsky stehen. »Und es ist doch keine Zirkusparade, Nikolaus Wladimirowitsch, das habe ich seither begriffen. Alles, alles wird zusammenbrechen und viel Blut wird es kosten ...« Sie war so ergriffen, daß sie verstummte. Dann sprach sie, ganz nahe bei Savinsky, mit flüsternder Stimme: »Oh, wie entsetzlich!« Ihr gesenkter Kopf, ihre hilflose Geste, der verzweifelte Ton ihrer Stimme ließen Savinsky erzittern. Er wollte sprechen, doch fand er nicht die rechten Worte. Lange schwiegen beide. Lydia fand zuerst ihre Beherrschung wieder. Sie machte noch ein paar Schritte durchs Zimmer und sprach dann in ruhigem Ton: »Nikolaus Wladimirowitsch, ich will Sie fragen, ob Sie mir einen Paß für einen jungen Mann besorgen könnten?« Bei dem ruhigen Klang ihrer Stimme fühlte Savinsky den schmerzlichen Druck, der eben auf ihm gelastet hatte, weichen. »Einen Paß?«, meinte er, »für einen Jüngling? ... Es wird jetzt nicht leicht sein, aber trotzdem glaube ich, daß ich Ihnen das in einigen Tagen besorgen kann, Lydia Sergijewna. Ich habe glücklicherweise Verbindungen ...« Das Gesicht des jungen Mädchens erhellte sich zum ersten Male wieder. »Ich will Ihnen alles sagen. – Es handelt sich um Paul, meinen Vetter. Ich liebe ihn, wie einen Bruder. Er ist noch ein Kind, wissen Sie, ein richtiges Kind. Damals, nachts, im Winterpalais, da war er dabei. – Bedenken Sie nur, Paul, der kleine Paul, der soll Gefahr laufen, von Russen getötet zu werden? Und wozu, für wen denn? Das ist doch sinnlos! – Jetzt ist er in seiner Schule eingesperrt. Sicher wird man ihn aber auch dort – Denn es ist ja keine Zirkusparade ... Ich sehe jetzt, Nikolaus Wladimirowitsch, daß Sie ebenso denken. Da habe ich einen ganzen Plan ausgedacht, damit er fliehen kann. Ich glaube, man nennt es Desertieren, doch das ist mir gleich. Wenn die Bolschewiki die Herren sind, hat Paul das Recht zu desertieren. Ich sandte ihm durch Katja Zivilkleider. Er muß eine Möglichkeit finden, zu meiner Freundin zu gelangen. Sie kennen sie ja, Helene Iwanowna, sie wohnt in der Mokhovaja. Sie ist unbedingt verläßlich und wird ihn ein paar Tage verstecken. Niemand wird ihn dort suchen ... Dann aber brauche ich Ihren Paß. Ich werde nicht eher ruhig sein, bevor ich nicht weiß, daß Paul in Finnland ist.« »Aber wird er denn abreisen wollen?« »Er wird mir blindlings gehorchen!« »Schön. Ich bringe Ihnen Dienstag oder Mittwoch den Paß. Und dann glaube ich,« fügte er lächelnd hinzu, »werde ich bald trachten müssen, auch für Sie einen zu versorgen.« »Ach, für mich? Was fällt Ihnen ein, Nikolaus Wladimirowitsch! Was könnte mir wohl geschehen?« Ihre Stimme war jetzt wieder lebhaft geworden und hatte den gewohnten hellen Klang. »Wenn nur Paul einmal in Sicherheit ist, mache ich mir gar keine Sorgen mehr ... Dann bleibe ich schon noch ein gutes Weilchen hier, denn, Sie wissen ja, wie neugierig ich bin!« Savinsky erkannte jetzt seine kindliche, heitere Lydia wieder. Jetzt sprudelte auch ihr Mund wieder lebhaft und ihre Lippen waren jeden Augenblick bereit zu lächeln. »Ich weiß gar nicht, was unlängst in mir vorging, als ich erfuhr, daß Paul mit den andern im Winterpalais sei. Paul war doch im Krieg, aber das erschien mir damals so selbstverständlich ... Vielleicht begriff ich es nicht so recht, der Krieg war ja so weit entfernt ... Natürlich ist es dumm, was ich sage, aber ich glaube, Sie verstehen mich ... Ich wußte auch, daß seit der Revolution sogar in der Stadt Leute getötet worden waren, aber es berührte mich nicht, ich kannte sie ja nicht. – So wie alle, sagte auch ich jene gedankenlosen Phrasen, die man gern gebraucht: ›Revolutionen fordern ihre Opfer‹, oder: ›Für eine große Sache wird Blut vergossen.‹ – Was bedeutete mir dieses ›vergossene Blut‹? Worte, weiter nichts als Worte! Hundertmal ging ich am Marsfeld, an dem Grab der Revolutionsopfer, vorbei; niemals aber war ich bewegt, nicht mehr bewegt, als Sie es sind, wenn Sie auf einen Friedhof kommen. – Jetzt aber, vor drei Tagen, verstand ich auf einmal, was ›vergossenes Blut‹ bedeutet! Warum, warum? Weil ich mit eigenen Augen jene Barrikade gesehen habe, die die Junker vorbereiteten? Um die gekämpft wurde? Weil Paul mir so nahe stand? Weil er gegen jene Soldaten kämpfte, mit denen ich so oft gesprochen habe und von denen ich stets meinte, daß auch sie mir so nahe ständen? Oder weil all dies nur zwei Schritte von hier sich abspielte, weil ich die Kanonade hörte und auf dem dunklen Himmel jede Granate aufblitzen sah? – Ich weiß nicht warum, Nikolaus Wladimirowitsch, aber ich konnte es nicht mehr ertragen ... Sie werden es vielleicht lächerlich finden, daß ich mich Stimmungen so hingebe ... Aber es hilft alles nichts, zuerst muß Paul fort, weit fort, und dann werden Sie sehen, was für eine vernünftige, erwachsene Person aus mir wird! Dann werde ich, so wie die anderen, in ruhigem, sicherem Ton von den ›Opfern der Revolution‹ und vom ›vergossenen Blut‹ sprechen!« Lange blieb Savinsky bei dem jungen Mädchen. Als er endlich auf dem Heimweg war, ging ihm ein Vers von Puschkin durch den Sinn: »Wie ein hüpfendes Bächlein entquillt ihren Lippen der Rede Strom ...«   Am nächsten Tag, Sonntag, mußte Savinsky nach Finnland reisen. Er fuhr mit der Bahn. Er hatte zwar kein Visum auf seinem alten Paß, aber niemand frug danach, und er konnte ohne Schwierigkeit die Grenze passieren. Seine Frau fand er sehr unruhig und bekümmert. Sie besprachen gemeinsam die nächste Zukunft. Von einer Rückkehr Sonjas und der Kinder nach Petersburg konnte natürlich jetzt keine Rede mehr sein. Nikolaus erklärte seiner Frau, wie seine Angelegenheiten stünden, und daß er etwa einen Monat benötige, um alles zu regeln und seinem Stellvertreter in der Bank die Geschäfte zu übergeben, daß ihm aber bis dahin keinerlei Gefahr drohe, denn ehe die Bolschewiki ernstlich an die Durchführung ihres Programms schreiten könnten, müßte ihre Macht erst wirklich gesichert sein. Im übrigen habe er auch gewisse Beziehungen und schließlich sei Petersburg so vollkommen ruhig wie seit langem nicht. Er würde also gegen Ende Dezember endgültig frei sein und dann könnten sie nach England reisen. Indessen würde er gewiß einen Paß bekommen, der ihm die Fahrt nach Finnland öfter ermöglichte. – Während sie diese vernünftigen Pläne besprachen, konnte Savinsky aber die merkwürdige Empfindung nicht aus seinem Geiste bannen, daß ja alles dies nur unwirklich sei, daß er wohl Worte sprach, wie sie unter den gegebenen Verhältnissen kaum anders gesprochen werden konnten, aber dabei sagte er sich selbst, daß das Leben in Wahrheit wohl ganz anders bestimmen werde ... Seiner Frau verbarg er diese Gedanken. Dienstag früh, als er nach Petersburg zurückkam, richtete ihm sein Dienstmädchen aus, daß man ihn bitten lasse, der Seelenmesse beizuwohnen, die am gleichen Tage zu Ehren des Fähnrichs Paul Volynski gelesen werde, der Sonntag, den 11. November, im Alter von einundzwanzig Jahren getötet worden war ... Savinsky hatte gerade noch Zeit zur Kirche zu eilen. Dort erfuhr er die schrecklichen Umstände, unter denen der junge Mann sein Leben gelassen hatte. Sonntag, als Savinsky in Finnland weilte, hatten die Bolschewiki Befehl gegeben, mit den Junkern Schluß zu machen, und es wurden Truppen mit Artillerie gegen ihre Kasernen geschickt. Was sich im ehemaligen Michaelspalais, in dem Paul war, eigentlich abgespielt hatte, wußte niemand genau. Erwiesen war bloß, daß man Montag früh drei oder vier Leichen von Junkern aus der Moika gezogen hatte, die offenbar dort versenkt worden waren. Der Zufall führte einen Diener des Fürsten Volynski gerade zu dieser Zeit vorüber; durch die versammelte Menge angelockt, blieb er stehen und erkannte in einer der Leichen den jungen Prinzen Paul ... Eine Kugel saß in der Stirne und eine zweite in der Brust. Der Schuß in den Kopf war von solcher Nähe abgegeben, daß das Gesicht furchtbar entstellt war ...   Die Zeit verging. Lydia hatte sich in ihr Zimmer verschlossen und Savinsky gelang es nicht, sie zu sehen. Wohl hatte er öfter angerufen, um nach ihrem Befinden zu fragen, doch nur einmal kam sie selbst an den Apparat. Sie sei gesund, nur müde und habe vorläufig das Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein. Sie würde ihn verständigen, wenn sie wieder ganz hergestellt sei. Zum Schluß sprach sie in wärmerem Tone: »Seien Sie mir nicht böse, wir werden uns bald wieder sehen. Aber bleiben Sie bis dahin vorsichtig, mir zuliebe! Gott behüte Sie!« Savinsky hatte ganz erfüllt von dem Unglück seiner kleinen Freundin die Beziehungen zu dem alten Fürsten wieder angeknüpft. Oft war er jetzt in dem kleinen Palais und herzliche Freundschaft verband ihn mit dem würdevollen Greis. Niemals aber begegnete er Lydia. Weder bei ihrem Vater, noch auf der Treppe, noch im Vorzimmer vermochte er sie zu treffen. Fürst Sergius war immer noch an sein Fauteuil gefesselt und verließ sein Zimmer nur zu den Mahlzeiten. Dann trugen ihn zwei Diener in den Speisesaal und unterwegs überhäufte ihr Herr sie mit Ermahnungen und Flüchen, denn die kleinste Erschütterung weckte die Schmerzen seines kranken Schenkels. Täglich kam sein Arzt, und ein Masseur bemühte sich alle Vormittage das Leben in seinen erstarrenden Beinen aufrechtzuerhalten. Er war jetzt noch hagerer geworden, doch seine tief eingesunkenen Augen glühten immer noch in lebhaftem Feuer unter den hochgewölbten Brauen. Seine Stimmung pendelte von einem Extrem ins andere; bald hoffte er freudig auf eine rosige Zukunft, bald war er vollkommen mutlos und verzweifelt. Eines Tages fand Savinsky ihn mit hundert Reiseplänen beschäftigt. Er wollte nach Finnland, nach Europa und den Winter in Ägypten verbringen. »Ich bin noch kräftig,« sagte er, »ich brauche nur Sonne, mein Lieber, nichts als Sonne. Die Sonne von Assuan und den heißen Sand der Wüste, wissen Sie, jenen Sand, von dem man fühlt, daß er bis drei Fuß Tiefe noch glühend ist – aber hier in dieser düsteren Stadt, ich bitte Sie, wie soll man hier gesund werden?« Und er deutete mit klagenden Worten durch das Fenster auf die dichten Nebel, die über den schmutzigen, trägen Fluten der Newa lagen, auf die dunstigen Fensterscheiben, den trüben Novemberhimmel, die naßglänzenden Mauern und Straßen, auf die ganze sichtbare Feuchtigkeit, die über allem lag und die Luft erfüllte. »Esel sind meine Ärzte, ich hab' gar keinen Schenkelbruch, kaum eine Sehnenzerrung. Ich bin nur lahm vor Schmerz darüber, daß ich so dumm war, in diese blödsinnige Stadt zu ziehen, die nur ein wahrer Narr hat gründen können. Aber jetzt werde ich reisen und dazu, liebster Nikolaus Wladimirowitsch, brauche ich Ihren Rat ...« Und er vertiefte sich in tausend finanzielle Einzelheiten seiner bevorstehenden Reise. Savinsky hörte ihm geduldig zu. Er meinte es dem Fürsten, allerdings nur unter großen Schwierigkeiten ermöglichen zu können, eine immerhin bedeutende Summe aus der Bank abzuheben und empfahl einen Teil des Schmuckes der Fürstin in einem Diplomatenkoffer nach Schweden zu versenden. Andere Male wieder fand er Volynski vollkommen verzweifelt. Als Savinsky ihn eines Tages umzustimmen versuchte, erwiderte der Fürst, sich in seinem Fauteuil aufrichtend: »Mit mir ist's zu Ende, Verehrtester. Ich komme hier nicht mehr lebend heraus. Eines nur tut mir leid, daß ich nicht schon vor sechs Monaten, noch unter dem Kaiser gestorben bin. Der Anblick dieser Greuel der Revolution wäre mir dann erspart geblieben. Ist es nötig zu leben, nur um einen solchen Untergang Rußlands mit anzusehen? Es gibt schon erhabene Zusammenbrüche, so großartige, daß man sich bekreuzen mag, wir aber, mein Lieber, wir enden in der Fäulnis, sie breitet sich weiter und weiter aus. Es stinkt... Lange, lange schon war alles angefault; man sah es nur nicht, denn die Oberfläche glänzte und verdeckte die tiefen Wunden. Wissen Sie, was dieses Rußland in Wirklichkeit war? Dieses Rußland, von dem unsere großen Männer in so wohlklingenden Worten sprechen? Wissen Sie's? Ein Topf, mit Dreck gefüllt! Den Topf hat die Revolution zerschlagen.« Er fuchtelte mit dem langen Schürhaken durch die Luft, dann ließ sein müder Arm ihn zurücksinken. »Glauben Sie nur nicht, daß ich etwa um mein Gerippe zittere. Was könnten mir die Bolschewiki auch tun? Ich bin ja schon halb tot. Sie werden mich nicht zum Schneeschaufeln auf die Straße holen. Wie einen Hund werden sie mich schön in meiner Ecke krepieren lassen ... Vielleicht bin ich der einzige Mann in ganz Petersburg, der ihnen entschlüpft ... Sie aber, Sie sind jung und gesund, passen Sie nur auf! Flüchten Sie! Denn Sie haben etwas zu retten und zu verteidigen; doch ich ... ich bin entschlossen, mich nicht wegzurühren!« Und einige Tage später fand Savinsky den Fürsten wieder vor einer Landkarte sitzen und rings um ihn waren Reisebücher aufgeschlagen. Nikolaus versuchte das Gespräch auf Lydia zu lenken und frug nach ihr. Aber dies schien dem Fürsten nicht zu behagen, er antwortete nur abweisend: »Meiner Tochter geht's gut, sehr gut,« und beeilte sich von anderem zu sprechen. Savinsky kam aber immer wieder auf Lydia zurück. Endlich entschloß sich der Fürst auf dieses Thema einzugehen: »Ja, Lydia!« seufzte er. »Sie ist meine einzige Sorge, Nikolaus Wladimirowitsch! Was soll hier aus ihr werden, aus diesem Kind? ... Ich denke an nichts anderes. Ich kann an nichts anderes denken! Sie müßte fort. Vorige Woche schon hatte ich alles geordnet, um sie mit den Saltykows abreisen zu lassen.« – Savinsky konnte eine Bewegung der Überraschung nicht zurückhalten. – »Alles war vorbereitet, sie stand auf dem Paß Frau Saltykows ... und im letzten Augenblick weigerte sie sich zu fahren. Sie besteht darauf, nur mit mir zusammen die Stadt zu verlassen! Das ist doch zu dumm ... Ich war wütend; wir haben ernstlich gestritten, ich war erregt, sie auch, und dann hab' ich sie mit einemmal umarmt und vor Rührung geweint. Sie hat ein großes, reines Herz, meine Tochter ...« Tränen blinkten in den Augen des alten Mannes. »Ich will Ihnen etwas sagen, Nikolaus Wladimirowitsch, glauben Sie nicht, daß Lydia aus Mitleid bei mir bleibt – nicht, weil ich krank und dem Tode nahe bin. Es ist ein viel tieferer Grund: sie liebt mich. Das ist es. Und wenn ich so gesund wäre, wie Sie es sind, sie würde mich doch nicht verlassen ... Man hält sie immer nur für ein fröhliches, oberflächliches Kind; ja, sie ist es, aber nur in einem Teil von ihr, in jenem Teil, den alle sehen. Nur ich allein weiß, wie tief sie zu lieben vermag! Sie fühlen doch, was ich meine? Mit Worten läßt sich das nicht ausdrücken ... Das sind Dinge, die man plötzlich im tiefsten Innern erkennt, aus einem Nichts erkennt, einem Blick, der einen durchdringt, einer Bewegung, die fast unmerklich ist ... Und das füllt einem das Herz mit wundervoller Wärme! – Jetzt sprechen wir wenig, fast gar nicht miteinander; seit dem Tode ihres Vetters durchlebt sie eine böse Krise, die arme Kleine. Zwei, dreimal täglich kommt sie zu mir, aber niemals haben wir ein Wort von Paul gesprochen. Sie ist sehr stolz, sie will nicht bedauert sein. Und dann weiß ich ja gar nicht wie sie miteinander standen, als er getötet wurde. – Die Herzen der Frauen sind unerforschlich, und auch Lydia ist schon eine Frau ... Sie geht nicht aus, sie empfängt niemand, es steckt ein Geheimnis dahinter, mein Freund, ich kenne es nicht...« Er verstummte, vor sich hinbrütend und sprach dann, Savinsky anblickend, weiter: »Lydia liebt Sie sehr, Nikolaus Wladimirowitsch! Vielleicht wird sie Ihnen mehr darüber sagen. Vielleicht wird sie Ihnen auch gar nichts sagen ... Sie macht mir den Eindruck, als hätte sie schwere innere Kämpfe ... Eines Tages wird der Kampf beendet sein, dann werden wir klarer sehen. – Wie aber wird sie in dieser verfluchten Stadt leben können? Wollen Sie ihr Schutz sein, wenn ich nicht mehr bin? Meine Frau ist ja ein trefflicher Mensch, aber sie hat keine zwei klaren Gedanken im Kopf. Sie wird nie Entschlüsse fassen können, immer zwischen hundert Möglichkeiten schwanken und zum Schluß sich niemals aufraffen, wirklich etwas zu tun. Ihnen vertraue ich sie an, solange Sie hier bleiben, werden Sie sie behüten und wenn Sie zu Ihrer Familie ins Ausland gehen, soll sie mit Ihnen reisen.« Er war erregt und seine Stimme bebte, mühsam nur gewann er seine Fassung wieder. »Wir sprechen noch darüber,« meinte er, »wir besprechen das nochmals genau ... Wollen Sie so gut sein, Holz nachzulegen? Das Feuer geht aus, ich friere.« Eine Viertelstunde später war seine Stimmung wieder besser. Er hatte ein Gläschen Kognak getrunken und fühlte sich bei dem neu aufgeflackerten Feuer wieder behaglich. Als Savinsky Abschied nahm, sprach der Fürst, seine Hand drückend: »Ich glaube, Sie kennen den spanischen Gesandten, den müssen Sie einmal zu mir bringen. – Ja, ich muß über gewisse Absichten, die ich habe, mit ihm sprechen. – Bevor ich verheiratet war, bin ich in Spanien gewesen, oh, was für herrliche Frauen gibt es in Andalusien! Ja, wie ich noch jung war! Die engen Straßen in Sevilla und der Geruch des glühenden Pflasters, wenn es bespritzt wurde! – Sie wissen gar nicht, wie oft ich an Spanien denke! Sie bringen mir den Sennor, nicht wahr?« – Die wenigen Worte des Fürsten hatten in Savinsky eine leidenschaftliche Neugierde geweckt. Welches verborgene Drama mochte sich wohl zwischen den beiden jungen Menschen abgespielt haben, ehe Paul den Tod fand? Als wäre dieses Gebiet allen seinen forschenden Blicken verhüllt, so tappte er vollkommen im Dunkel und gestand sich die Unmöglichkeit ein, diesen Schleier, der sein Eindringen verwehrte, beiseite zu schieben. Und doch versuchte er immer wieder, ihn wenigstens zu lüften. Aber das einzige Ergebnis all seiner Bemühungen war, daß Lydias Bild seine Gedanken mehr und mehr erfüllte. In einem Augenblick der Selbsterkenntnis fiel ihm dies auf. »Wie,« sagte er sich, »ich stehe mitten in dem unerhörtesten Chaos, in dem Wirbel einer Revolution, die die ganze bisherige Welt umstürzen will. Täglich bin ich in Gefahr; ich kann, wie so viele andere, jeden Augenblick verhaftet werden, oder an der nächsten Straßenecke eine Kugel in den Kopf bekommen. Die Banken stehen vor der Beschlagnahme. Ich bin von Frau und Kindern getrennt. Tausend geschäftliche und tausend eigene Sorgen bedrücken mich. Es wäre nur selbstverständlich, daß ich von düsteren Gedanken über all dies viele, das mich betrifft, vollkommen erfüllt wäre. Und siehe da, ich vergeude die Hälfte meiner Zeit damit, über ein Mädchen nachzudenken, das meine Tochter sein könnte. – Ich vergeude meine Zeit? Welcher Irrtum! Ich nütze die Zeit! Es war eine gütige Vorsehung, die mir Lydia gerade in dieser trostlosen Zeit zusandte. Ich denke an sie, ich sehe ihr liebliches Gesicht vor mir, ihre herrlichen, blonden Haare, die wie Wellen glänzen, ihre reinen, blauen Augen, ihren Kindermund ... Köstliche Bilder, die mich inmitten aller Sorgen, aufatmen lassen, die mich in eine Welt der Ruhe und des Friedens versetzen, fern von allen Schrecken. – Ohne sie wäre meine einzige Beschäftigung, den politischen Möglichkeiten nachzugrübeln, ich wäre aufgeregt, wie alle meine Freunde, meine Stimmung wäre verzweifelt, meine Nerven würden versagen und ich würde so neurasthenisch wie alle anderen. Nur Lydia rettet mich davor, selbst wenn ich bloß an sie denken kann.« So war Savinsky weit entfernt davon, Lydia aus seinen Gedanken zu verbannen und räumte ihr einen immer größeren Platz in seinem Leben ein. Wohl war er ein Mann der Tat, aber er war auch ein Träumer. Und vielleicht steckt in jedem Tatmenschen ein Stück von einem Dichter, das ihn antreibt. Übrigens war dies ein beliebter Ausspruch von Savinsky, den er oft wiederholte: ›Ein richtiger Geschäftsmann ist immer auch ein Dichter. Ohne Phantasie und hohen Gedankenflug klebt man am Boden. Man braucht Flügel, um sich aufzuschwingen. Napoleon, das größte praktische Genie seiner Zeit war auch deren größter Träumer. Und wer kann es wissen, ob er seine wunderbaren Erfolge nicht gerade seinen Träumen, seiner Phantasie verdankte? Sehen wir es nicht auch heute wieder, daß gerade die Partei der Weltfremden triumphiert. Auf einen Semeonow, der nur Zweckmäßigkeitsgründen lebt, kommen doch hundert Denker, die mit ihren blendenden Träumen in den Wolken leben.‹ Wenn er an Lydia dachte, frug er sich immer das Eine, ob sie Paul wohl geliebt habe? Er glaubte es nicht. Warum dann aber diese lange Weltflucht? Es blieb doch ein geheimnisvolles Dunkel über diesem tragischen Vorfall. Die Zeit würde es ihm gewiß erhellen, aber er brannte darauf, seine kleine Freundin wiederzusehen, um zu versuchen, in ihren Augen die Lösung jenes Rätsels zu finden, das ihr Vater gefühlt hatte, ohne es erraten zu können. Ende November besuchte er wieder einmal Natalie Schupow-Karamin. Die Stadt war seit kurzem mit einem Male unsicher geworden und an Stelle der Gefühle des Beschütztseins, die man zu Beginn gehabt hatte, war eine richtige Panikstimmung getreten. Ein Befehl des Stadtkommandanten hatte angeordnet, daß die Portale der Häuser um sechs Uhr abends zu schließen seien und daß bei den Dienerschaftseingängen alle Hausbewohner abwechselnd zu zweit bis früh eine Wache zu stellen hätten. Ein Gong in jedem Hofe sollte die Parteien bei einer Gefahr alarmieren. Sobald er ertönte, hatten alle die Verpflichtung, einen versuchten Angriff bewaffnet abzuwehren. So war jedes friedliche Haus Petersburgs nachts in eine Festung verwandelt, bereit, Überfälle zurückzuschlagen. Die Verkündigung dieses Ediktes trug noch dazu bei, die Furcht der Bevölkerung in eine Angstpanik ausarten zu lassen, denn die Bolschewiki erklärten sich damit außerstande, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und gaben zu, daß nach Sonnenuntergang nicht sie die Herren der Stadt seien, sondern die Marodeure, die gefürchteten Kronstädter Matrosen und noch all die anderen Einbrecherbanden, die keine Uniform trugen. Und wirklich häuften sich die Überfälle in beängstigender Weise, Leute, die kühn oder leichtsinnig genug waren, ihre Häuser abends zu verlassen, hörten bald nah, bald fern Gewehrschüsse, die die Stille der Nacht unterbrachen. Oft erklangen auch die angstvollen Hilferufe Überfallener. An den Mündungen großer, leerer Plätze warteten Passanten bis ein Trupp von fünf oder sechs beisammen war, ehe sie sich trauten weiterzugehen. Es gab kein größeres Wagnis, als in den düsteren Straßen Petersburgs nach Einbruch der Nacht längere Wege zu machen. Savinsky war sich dessen bewußt, und er empfand es bald als große Unannehmlichkeit, auf dem anderen Newaufer zu wohnen und täglich die lange Troitzkibrücke zu Fuß oder im Schlitten passieren zu müssen, um nach Hause zu gelangen. Sein Automobil war beschlagnahmt und alle Schritte, es zurückzuerhalten, die er im Smolny unternommen hatte, waren bisher erfolglos. Seine Wohnung am Kamenij-Ostrov-Prospekt war vom Stadtzentrum eine halbe Stunde entfernt, und er konnte sich doch nicht entschließen, die Abende einsam in seinen öden Zimmern zu verbringen. So verließ er sie lieber ganz und übernahm die möblierte Wohnung eines Freundes, dem es gelungen war, ins Ausland zu entkommen. Diese neue Wohnung – wohl klein, aber für einen einzelnen Mann reichlich geräumig – war in der Apotheker-Passage, die die Millionaja mit der Moika verbindet, also in unmittelbarer Nähe sowohl der Schupows wie auch der Volynskis. Sie war ebenerdig, nicht übel eingerichtet, und ihr Eingang befand sich unmittelbar in der Hauseinfahrt, die auf den Hof mündete. Savinsky bewohnte bloß zwei Zimmer, die nach der Straße zu lagen, und das Speisezimmer, von dem man den großen Hof sah, der dieses Haus mit einem anstoßenden ausgedehnten Gebäude verband, dessen Front auf dem Marsfeld war. Dieser doppelte Zugang schien Savinsky in den unruhigen Zeiten, in denen man lebte, ein besonderer Vorteil. Er stellte sich Natalie Schupow als neuen Nachbar vor. Sie war entzückt, denn man sah jetzt wirklich nur noch Leute bei sich, die ganz in der Nähe wohnten. Und gerade in diesen gefährlichen Tagen sei es doch nötig, sich zusammenzuschließen, feste, kleine Zirkel zu bilden. Vielleicht könnte man es sogar einrichten, die Abende gemeinsam zu verbringen. Denn für Natalie bedeutete die Einsamkeit, zu der sie jetzt gezwungen war, von allen Widerwärtigkeiten, die der Bolschewismus gebracht hatte, die schrecklichste. »Recht haben Sie,« erwiderte Savinsky, »da unsere Tage in Rußland nun doch einmal gezählt sind, wollen wir sie in Glanz verleben. Ich habe meinem Koch einen unbeschränkten Kredit eröffnet. Auch besitze ich schon ein ganzes Lager von Brennholz und kaufe noch um ewige Tausend Rubel. Nach und nach werde ich auch meinen Weinkeller übersiedeln, ein paar Körbe Champagner sind mir geblieben, Rheinweine, die ich für die Hochzeit meiner Tochter aufgehoben habe, und ein Chateau Latour, wie man ihn hier nicht mehr findet. Meine Diners werde ich um sechs Uhr abends geben und für Sie wird der Heimweg nur ein Katzensprung sein. Wenn nötig, dingen wir ein paar Leute vom Preobrajenski zu unserem Schutz. Denn, wissen Sie,« fügte er halb ernsthaft, mit geheimnisvoller Miene hinzu, »die Preobrajenski hier in dieser Gasse, zwei Schritte weit von Ihnen, die sind die Hoffnung der Gegenrevolution! Diese Burschen haben die Teilnahme am Staatsstreich vom 7. November verweigert. Ihretwegen findet man im Smolny keinen Schlaf – ja, sie bleiben hübsch artig in ihrer Kaserne und blicken mit Verachtung auf ihre Nachbarn vom Regiment Paul, die ihrerseits wieder die Hauptstütze der Bolschewiki sind ... Zum Glück nimmt die Zahl der Paulisten täglich ab. Ich sehe sie früh und abends in ganzen Scharen zur Bahn ziehen, tief gebeugt unter der Last all der Dinge, die ihre Säcke füllen. Geld müssen sie auch haben, denn oft nehmen sie einen Iswostschik. Wenn das noch eine Weile so fort geht, wird bald kein einziger mehr hier sein! Glückliche Reise ...« Eine lange Unterhaltung über die Situation kam in Gang. Natalie war zuversichtlich. Die Bolschewiki würden rasch abwirtschaften. Sie seien zu schwach, um ihr Programm durchzusetzen. Auch die Gesandtschaften, mit denen Natalie immer noch in engster Fühlung stand, wären voll Vertrauen. – Und wirklich, es gab keine Schreckensherrschaft und nur einige Dutzend ehemalige hohe Beamte leisteten den Ministern der provisorischen Regierung in ihren Gefängnissen Gesellschaft. Also man konnte sich für die wenigen Wochen der Herrschaft Lenins und Trotzkis schließlich das Leben einrichten. Auch die Deutschen würden übrigens eine Befestigung der Bolschewikenmacht nicht zulassen. In dem Zustand der Auflösung, in dem Armee und Regierung waren, würden sie in Petersburg und Moskau, ohne einen Schuß abzugeben, einziehen. Indessen habe sie sich auch in anderer Weise gesichert und einem Attaché der englischen Botschaft, Lord Douglas, Gastfreundschaft gewährt, denn dessen Anwesenheit bot einen sicheren Schutz gegen nächtliche Hausdurchsuchungen und gegen die Scherereien tagsüber, die von den maximalistischen Kommissionen zu gewärtigen waren. – Savinsky unterdrückte ein Schmunzeln. Lord Douglas war nämlich ein Jüngling von ungewöhnlicher, klassischer Schönheit, der in dem einen Jahr, seitdem er in Petersburg war, gewaltige Erfolge gehabt hatte und der – – als der Liebhaber der bezaubernden Natalie galt! »Das nenne ich einen geschickten Schachzug,« dachte er, »wenn diese Frau es nicht versteht, sich immer aus der Affäre zu ziehen ...!« Er hatte guten Grund, so zu denken, denn aus sicherer Quelle wußte er, daß Natalie Schupow-Karamin auch mit Semeonow wieder in Verbindung stehe. Sie sah ihn im Geheimen, da Semeonow es nicht für klug hielt, sich in ihrem Salon zu zeigen. Was wurde wohl zwischen ihr und dem ehemaligen Gardeoffizier, der jetzt unmittelbar neben Trotzki im Ministerium des Äußeren arbeitete, ausgesponnen? – Tatsache blieb, daß Iwan Schupow-Karamin, obgleich durch sein Zusammenarbeiten mit Protopopow nicht wenig kompromittiert, nicht die mindeste Unruhe zeigte, ja sogar sehr fröhlicher Laune war. Als Savinsky sich von der Schupow verabschiedete, lud sie ihn für den zweitnächsten Tag zum Diner. »Ein paar Leute kommen am Abend,« sagte sie, »alle aus der Nachbarschaft. Meine kleine Lydia hat mir auch zugesagt. Sahen Sie sie seither? – Seit dem Tod ihres Vetters ist dies ihr erster Ausgang.« – An dem vereinbarten Tage ging Nikolaus mit einer Freude zu Natalie Schupow-Karamin, wie er sie niemals bei dem Gedanken in diesem Hause zu verkehren gefühlt hatte. Es wurde um sieben gespeist, um allen Eingeladenen zu ermöglichen, noch zeitig nach Hause zu kommen. Zwölf Gäste waren geladen, die alle in unmittelbarer Nähe wohnten. Lydia war schon da, als er kam. Er schaute sie besorgt an und war überrascht, sie heiter, von Jugend und Schönheit strahlend, zu finden. Nur in ihren Augen glaubte er die Spuren der durchlebten furchtbaren Tage zu entdecken, ihr Blau schien dunkler, grundloser als zuvor. »Suche ich nicht vielleicht Spuren einer Empfindung in ihr, die sie in Wahrheit niemals fühlte?« dachte er. – Sie trug zum erstenmal eine Reihe Perlen und ein dekolletiertes Abendkleid. Sie saß mitten im Kreise und so konnte er zunächst nicht allein mit ihr sprechen. Bei Tisch war der schöne Lord ihr Nachbar, an dessen linker Seite die von Savinsky geführte Hausfrau saß. Nikolaus bemerkte, daß Lord Douglas sich mit seiner jungen Tischdame viel mehr befaßte, als mit der Hausfrau. Lydia nahm die Huldigungen des englischen Antinous mit Vergnügen entgegen. Nach Tisch gesellte sich Iwan Schupow zu den beiden. Erst gegen zehn Uhr, als man aufzubrechen begann, verließ Lydia – übrigens ziemlich unvermittelt – ihre beiden Gesellschafter und kam zu Savinsky. »Sind Sie in den nächsten Tagen sehr beschäftigt, Nikolaus Wladimirowitsch? Sie ahnen nicht, wie gerne ich mit Ihnen plaudern möchte.« Nikolaus blickte sie mit einem versteckten Lächeln an. Er zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sprach er fröhlich: »Ich mache, wie jeder, tausend dringende Sachen, die alle unnötig sind. Ich werde sie Ihnen gerne opfern. War es doch eine allzulange Zeit, in der mir meine kleine Freundin entzogen blieb.« »Möchten Sie vielleicht morgen nachmittag mit mir spazieren gehen? Ich hätte Lust ein wenig Bewegung zu machen. Holen Sie mich nach Tisch ab, wenn es Ihnen paßt und gegen vier Uhr gebe ich Sie wieder frei.« Savinsky erinnerte sich im gleichen Augenblick, daß er um zwei Uhr eine wichtige Besprechung mit einem Bankdirektor habe. Es war ein langweiliger, geschwätziger, alter Herr. In der gleichen Sekunde verzichtete er auch schon auf diese Begegnung und nahm die Aufforderung Lydias an. Sie verließ ihn kurz danach, um heim zu gehen. Lord Douglas beeilte sich, ihr seine Begleitung anzubieten und führte sie über den großen Hof, der dem Palais Volynski und dem Hause der Schupow gemeinsam war. Einige Dworniks hatten dort in kalter Novembernacht die Wache bezogen. – Als Savinsty seiner Wohnung zuschritt; die kaum zweihundert Schritte weit war und eben in die einsame und finstere Gasse einbog, in der sie lag, krachte ein scharfer Schuß in die nächtliche Stille. Eine Kugel pfiff ganz nahe an ihm vorbei und zersplitterte mit dumpfem Krach in der Mauer eines Hauses. Er fuhr heftig zusammen, dann zuckte er die Achsel. »Auch daran muß man sich gewöhnen,« dachte er. Zuhause rauchte er in seinem Arbeitszimmer noch ein paar Zigaretten. Es war dort angenehm warm, man hörte jetzt von der Straße keinerlei Geräusch mehr, es schien, als wenn er als einzig Lebender eine tote Stadt bewohnte. Behaglich lehnte er in seinem Lederfauteuil. Sein Blick fiel auf das Bild seiner Frau und seiner Kinder, das auf dem Schreibtisch vor ihm stand. Er dachte an die Ruhe der Finnländer Villa. »Nächste Woche werde ich sie wieder besuchen,« überlegte er, »und Pässe für England muß ich besorgen. – Welches Glück, daß Sonja jetzt ihr Baby hat! Das wird sie doch ein wenig ablenken und ihre Sorge um mich vergessen lassen.« Gegen Mitternacht, als er sich eben niederlegen wollte, läutete das Telephon. Er nahm den Hörer und war überrascht, eine trockene, scharfe Männerstimme zu hören. »Hier Semeonow, Institut Smolny. Sind Sie's, Nikolaus Wladimirowitsch?« Eine lange Unterhaltung begann. Semeonow sprach wie immer, als hätte er Nikolaus am Tage vorher gesehen, als wäre seit ihrer letzten Begegnung gar nichts besonderes geschehen. Kein Wort von Politik; nur ein ironischer Hauch war in seinen gleichgültigen Worten fühlbar. Er endete damit, daß er Savinsky sagte, er habe mit ihm zu sprechen, eine Zusammenkunft werde für beide Teile vorteilhaft sein und Savinsky möge sich vielleicht morgen um sieben Uhr für ihn ein wenig frei machen. Er werde ihm im Laufe des Tages durch ein paar Zeilen den Ort der Begegnung angeben. Trotz der scheinbaren Gleichgültigkeit, mit der diese Einladung erfolgte, hatte sie doch etwas ziemlich Dringendes. Savinsky, der rasch die Situation überdacht hatte, nahm, als wäre es eine ganz natürliche und alltägliche Sache, an. »Was kann er mir mitzuteilen haben?« überlegte er. »Da wäre ich ganz so wie ein beliebiger Schupow mit den Bolschewiken in Verkehr! Aber was riskiere ich eigentlich? Ich nehme bloß eine Rückversicherung, sonst nichts.« Und er dachte daran, daß Sonja entzückt sein werde, ihn für die restlichen Tage seines Petersburger Aufenthaltes unter dem geheimen Schutz der Sowjets zu wissen. Und neben diesen Gedanken zuckte es auch durch seinen Kopf, daß er nun ohne viel Gefahr seinen Aufenthalt in dieser abenteuerlichen Stadt noch verlängern könne. Dies gefiel ihm besonders. Warum, wußte er nicht genau.   Sie gingen zusammen die Newaquais entlang. Vor dem Sommergarten lag ein totes Pferd im Schnee. Seine Beine waren steif gefroren. So lag es schon seit einigen Tagen, ohne daß sich jemand die Mühe genommen hätte, es fortzuschaffen. Savinsky bemerkte, daß der obere Teil des Rückens fehlte. Sicher hatten Leute, die am Verhungern waren, hier ihr bescheidenes Mahl gehalten. – Sie durchquerten den schönen Park, dessen schnurgerade Wege verlassen zwischen den Bäumen lagen. Der gefrorene Sand knirschte unter ihren Schritten. Die bleiche Dezembersonne ließ die Fontanka, deren Ufer sie folgten, glitzern. Trotz des Winters war der Tag milde und langsam schlenderten sie den Kanal entlang, in dem viele große, holzbeladene Barken bis zum Frühling im Eis gefangen lagen. Sie sprachen wenig. Aber aus den wenigen Worten, die sie gewechselt hatten, war es Savinsky bewußt geworden, daß die Vertrautheit zwischen Lydia und ihm seit jenem schon so weit zurückliegenden Tage, da er sie aus der Bank nach Hause geleitet hatte, nur noch inniger geworden war. Sie sprach in einem Ton zu ihm, der auch die alltäglichen Sätze, die sie gebrauchte, für Nikolaus mit einem ganz neuen Sinn erfüllte. Sicherlich hatten sich in der langen Einsamkeit nach dem Tode ihres Vetters die Gefühle der Freundschaft und des Vertrauens, die sie zu Savinsky zogen, gefestigt und eine tiefere Schichte ihres Wesens erreicht. Schon aus ihrer Art, ihn anzublicken, wußte Savinsky, daß sie beide in eine reinere und höhere Sphäre gelangt seien, in der nichts mehr von all den Äußerlichkeiten gesellschaftlicher Beziehungen bestehen konnte. Er neckte sie mit den eifrigen Aufmerksamkeiten, die Lord Douglas ihr erwies. »Er ist reizend,« meinte sie, »aber, Nikolaus Wladimirowitsch, so fern von uns ... Sind Sie auch ganz sicher, daß England zu der gleichen Welt gehört, wie das Land, das wir Russen bewohnen? Das Leben ist so einfach für ihn, so leicht, so durchsichtig! Alles ist dort so geordnet, so festgelegt! Jede Frage findet ihre Antwort bereit, niemals braucht man danach zu suchen, niemals zu grübeln, um eine Lösung zu finden; sie ist immer schon da, schon vorgeschrieben im dicken Buch von Anstand und Sitte ... Hier, bei uns, begreift man doch nichts, gar nichts. Bei ihnen aber weiß man schon alles im voraus. Das ist mühelos, aber wie öde erscheint es mir! – Ich glaube, ich würde bald vor Langeweile sterben, wenn ich in England leben müßte.« »Sagen Sie das nicht,« unterbrach Savinsky, »wer weiß, ob es Ihnen nicht bestimmt ist und auch mir, in wenigen Monaten schon die Nebel der Themse zu atmen ...« Das Mädchen wurde noch ernster. »Ich werde aus Rußland nicht fortgehen und Sie ebensowenig,« erwiderte sie, ohne Nikolaus anzusehen, als spräche sie zu sich selbst. »Wo Sie sind, werde auch ich sein, denn Sie begreifen doch wohl, daß man eine Freundin wie Sie, wenn man einmal das Glück hatte, sie zu finden, nicht verläßt. – Sie wollen also wirklich nicht fort?« Lydia schüttelte den Kopf. »Ich kann mein Gefühl kaum erklären ... Ich verabscheue die schrecklichen Leute, die jetzt an der Macht sind, ich weiß, wir gehen hier einer furchtbaren Zeit entgegen und doch will ich hier bleiben. Rußland blutet aus tausend Todeswunden. Ist das die Stunde, es zu verlassen? Ich fühle, ich liebe mein Land in seiner Not täglich mehr. Der Gedanke, sorgenlos in der Fremde zu leben, wäre mir unfaßbar. Ich wußte gar nicht, wie sehr ich Russin bin. Jetzt habe ich es erfahren. Es ist ein starkes, sehr starkes Gefühl; ein Gefühl, das Leiden mit sich bringt und doch ein Gefühl, das ich nicht mehr missen könnte.« – »Ich empfand wohl das Gleiche, Lydia Sergijewna,« auch Savinskys Worte fielen ernst und schwer, »aber ich begriff es nicht so recht, bevor Sie es nicht aussprachen. Wie schön, daß gerade Sie mich's verstehen lehrten.« Sie verstummten, in ihre Gedanken versinkend. Die Newskiperspektive überquerend, folgten sie weiter dem Ufer der Fontanka. Sie wechselten nur wenige Worte über gleichgültige Dinge und schwiegen meist. An manchen Stellen, an denen der schlecht gekehrte Schnee zu glatt war, stützte sich Lydia auf seinen Arm. Die große Ruhe, die in der Stimmung dieses hellen Wintertages lag, senkte sich auch in beider Gemüt. Als sie aber zur Eisenbrücke kamen, hörten sie plötzlich Schreie, die aus einem Menschenhaufen tönten, der auf dem anderen Ufer etwas weiter stromabwärts vor dem Ministerium des Innern zusammengerottet war. Sie sahen Leute, die auf dem Quai durcheinanderliefen und zehn oder zwölf Männer, die auf dem Eis des Kanals eine von heftigen Gesten bewegte Gruppe bildeten. Die erste Bewegung Savinskys war, stehen zu bleiben. In diesen Tagen konnte man bei jeder Art Unruhe eines schlimmen Endes sicher sein und man mußte damit rechnen, daß die ihren Instinkten überlassene Menge bis zum äußersten ging. »Kehren wir um,« meinte er zu Lydia. »Nein, nein, warum denn?« Und sie beschleunigte ihre Schritte, um deutlicher zu erkennen, was vorging. Geschrei drang aus der Menge auf dem Ufer. Man verstand nur selten ein paar lautere Rufe: »Gebt ihm einen Schluck«, »Tötet ihn!« Die Gruppe, die auf das Eis niedergestiegen war, schwankte bald nach rechts, bald nach links und weder Lydia, noch Savinsky unterschieden genau, was sie barg. Die Männer dort bewegten sich langsam gegen ein Loch, das neben einem Schiff ins Eis gehackt war. Jetzt erkannte man für einen Augenblick in der Mitte der Gruppe einen Mann, der sich, aus vollen Kräften mit Händen und Füßen um sich schlagend, zu wehren schien. Aber die derben Fäuste, die ihn am Kragen und um den Körper gepackt hielten, schleppten ihn unerbittlich zu dem schwarzen Loch im blinkenden Eis ... Schreckerfüllt vermochten Lydia und Savinsky sich nicht von der Stelle zu rühren. Gellende und verzweifelte Schreie stiegen in die Luft und übertönten den übrigen Lärm. Diese Hilferufe waren in ihrer gequälten Angst herzzerreißend und hatten kaum noch etwas Menschliches an sich. Und dann war die düstere Gruppe angelangt; man sah die um sich schlagende Gestalt plötzlich zusammenbrechen, mit schweren Fußtritten auf den Kopf und in die Seiten wurde sie zu dem Loch gestoßen. Sie verschwand und wurde unter dem Eis fortgeschwemmt. Savinsky erwachte, wie aus einem peinigenden Traum. Er wandte sich zu seiner jungen Gefährtin. Sie war so bleich, daß er eine Ohnmacht befürchtete. Sie taumelte, als sie einen Schritt zu machen begann. Er legte einen Arm um ihre Gestalt und drückte sie an sich. Das Gewicht ihres Körpers ruhte auf ihm, sie war fast bewußtlos. »Lydia Sergijewna,« sprach er eindringlich, »kommen Sie zu sich! ... Ich bitte Sie ... Nehmen Sie sich zusammen! ... Armes Kind, wie Sie mir leid tun. – Ich bin verzweifelt, Lydia Sergijewna. – Ich hatte doch recht, wir können nicht hier bleiben.« Schon richtete sich das Mädchen auf. »Verzeihen Sie. – Welche Schwäche! Gehen wir. Aber reichen Sie mir ihren Arm.« Sie gingen den gleichen Weg zurück. Ein Iswostschik kam vorbei. Savinsky hob Lydia hinein und behielt den Arm um sie gelegt. Lydia befragte den Kutscher. »Was ist dort geschehen?« Der Alte drehte den Kopf herum, blinzelte und zuckte mit den Achseln! »Man hat einen Dieb erwischt. – Er hat Mehl gestohlen ... Da haben sie ihn ertränkt ...« Er schwieg eine Weile und fügte dann hinzu: »So sind halt die Leute jetzt ...« Und er trieb sein Pferd zu leichtem Trab. »So sind halt die Leute!« wiederholte Lydia. »Was bedeutet heutzutage ein Menschenleben, Nikolaus Wladimirowitsch? Ich habe viel darüber nachgedacht und meinte es schon so gut zu verstehen. Ja, ich glaubte, daß mich nichts mehr zu erregen vermöchte, ich dachte gegen alles gewappnet zu sein ... Und jetzt hat dieser gemeine Auftritt mich ganz überrumpelt ... Das war furchtbar!« Nach einer Weile wandte sie sich mit ganz zaghafter, leiser Stimme an ihren Begleiter: »Sie werden nicht mehr mit mir ausgehen wollen, Nikolaus Wladimirowitsch! Mit einem Mädchen, das auf offener Straße fast in Ohnmacht fällt ... Wenn Sie nur wüßten, wie sehr ich Sie brauche. Sie scheinen mir der einzig lebende, wahre Mann in Petersburg und der einzig Würdevolle. Verlassen Sie mich nicht ...!« Savinsky war tief erschüttert. Sein Arm drückte sie zart an sich. »Ich sagte Ihnen schon, kleines Mädchen, niemals werde ich Sie verlassen. Sie können mir vertrauen ...« Dann setzte er in geändertem Ton hinzu: »Aber glauben Sie nur nicht, daß ich stark bin. Ich bin auch nur ein Mensch, wie alle anderen. Auch durch mein Gemüt strömen alle Wogen, gute und böse ... Sie werden mir Stärke geben müssen ... Indessen aber genießen wir wenigstens die Vorteile der Revolution und lassen Sie uns täglich zusammenkommen!« Die Dämmerung umfing sie schon; die frühe Dämmerung der Dezembertage, die schon von vier Uhr ab die Stadt ins Dunkel taucht. Der Schlitten versank in Löcher und hüpfte über Haufen zusammengewehten Schnees, den keine Straßenpflege mehr entfernte. Die Stöße des Wagens warfen das Paar hin und her und Savinsky meinte in Augenblicken, in denen Lydia gegen ihn sank, ihr junges, starkes Herz an seinem alten, verbrauchten pochen zu fühlen.   Auf dem Heimweg hatte Savinsky alles vergessen, was nicht Lydia war; nur an sie dachte er noch. Weder die Revolution, noch seine Geschäfte, noch seine Familie existierten mehr für ihn. Alles war zerflattert, wie der Morgennebel, den ein frischer Wind verweht. Er schritt unter einem blauen Himmel dahin, er sah ihn tiefblau, wie die Augen des jungen Mädchens, ein frohes Leuchten, das zum erstenmal auf der Welt zu sein schien, erfüllte alle Dinge und gab ihnen einen neuen Glanz. Das war das strahlende Morgenrot, dem noch schöner der Tag folgen mußte, den sie beide gemeinsam durchleben würden. Er versuchte sich an jedes einzelne, auch an das geringfügigste ihrer Worte zu erinnern, an alles, was sie während ihres langsamen Weges gesagt. Es hatte der Erschütterung jener tragischen Szene bedurft, deren Zeugen sie gewesen, um sie die Worte finden zu lassen, deren flehender Klang noch in ihm nachzitterte. »Verlassen Sie mich nicht!« – Nein, nein, er wird sie nicht verlassen, er wird ihr täglicher Freund sein, der Freund, auf den man rechnen kann. Könnte denn ein Mann mit Gemüt ein so reizendes und so gebrechliches Wesen allein dem Sturm überlassen? Wen hatte sie denn um sich? Einen leidenden Vater, der seinen Krankenstuhl nicht mehr verlassen würde; eine Mutter, die nur dem beschränkten Kreis ihrer nichtigen Gedanken und ewig wechselnden Pläne lebte, die ebensowenig, wie ihr beharrlicher Freund Wasiljew das mindeste von den Umwälzungen begriff, in denen sie lebte und die, da sie niemals zu handeln vermochte, ahnungslos die ihren in die schlimmsten Abenteuer verketten würde. »Nur ich bin da,« sagte er sich, »Lydia während der wenigen Monate durch die Gefahren des Kommunismus zu lenken. Nur Zeit muß man gewinnen. Und schließlich werde ich doch bei der ersten ernsthaften Bedrohung über die Grenze gehen ...« Bei diesen Betrachtungen angelangt, betrat er seine Wohnung. Sofort wurde er in die Gegenwart zurückgerufen. Vanja, sein alter Kammerdiener, der seit zehn Jahren bei ihm war, brachte ihm einen Brief. Aber noch ehe er ihn überreichte, sagte er zögernd, daß er schlechte Nachrichten von seiner Familie aus dem Gouvernement Nishnij-Nowgorod habe und daß er gezwungen sei, dorthin zu reisen. Er habe übrigens, als Ersatz, seinem Herrn, der ja gewiß auch nicht lange mehr in Petersburg bleiben werde, eine sehr verläßliche Frau gefunden, deren Herrschaft eben die Stadt verlassen habe. »Und wann fährst du?« frug Savinsky, der sofort begriffen hatte, daß nichts Vanja zurückzuhalten vermöchte. »Morgen früh, Barin,« murmelte der Diener. »Es ist gut. Du hast recht, Petersburg zu verlassen ... Und der Koch, bleibt er bei mir?« »Er bleibt, er kann nirgends hingehen. Er ist von hier.« Savinsky nahm den Brief. »Er hat Angst,« sagte er sich, »Angst, wie alle, wie übrigens auch ich ... Und er bringt sich in Sicherheit. Ich aber, ich will noch nicht fort ...« Und die besonnte Fontanka, ihre buntbemalten Häuser, die Barken in dem vereisten Kanal, die abgestorbenen Bäume im Sommergarten zogen an seinem Geist vorbei. – Der Brief enthielt nur zwei Zeilen. »Sieben Uhr im Restaurant Donon. Verlangen Sie das für Radionow reservierte Zimmer.« Unterzeichnet war ein »S.« – – Savinsky fand Semeonow in strahlender Laune. Der zweite Kommissar für die äußeren Angelegenheiten hatte ein Diner bestellt, mit dessen Üppigkeit und raffinierter Auswahl er auch im alten Petersburg Ehre eingelegt hätte. Trotz des ausdrücklichen Alkoholverbotes wurde zur Feier seines Gastes Wutki und eine Flasche Bordeaux serviert. Savinsky dachte bei sich, daß das Bewußtsein der Macht auch auf die Bolschewiki nicht anders wirke, als auf die Herren des entschwundenen Regimes; dieser erste Eindruck versetzte ihn in gute Laune und er meinte, wenigstens eine schwache Seite entdeckt zu haben, an der der stahlharte Semeonow zu packen wäre. Aber im Verlaufe des Abends bemerkte er, daß Semeonow den Wutki nicht berührte und sich damit begnügte, seine Lippen in einem kaum rosa mit Wein gefärbten Glas Wasser anzufeuchten. Also nur für ihn, Savinsky, waren Schnaps und Wein bestellt worden! Er sah darin eine bestimmte Absicht und blieb auf seiner Hut. Die Unterhaltung drehte sich anfangs um persönliche Fragen. Semeonow erkundigte sich nach dem Befinden der gemeinsamen Beamten. Savinsky, der jede Einzelheit aufmerksam beobachtete, bemerkte, daß keine Frage über die Schupows fiel und sah darin eine Bestätigung jener ihm zugetragenen Gerüchte über die geheimen Beziehungen der schönen Natalie zu dem streithaften Bolschewiken. Sehr erstaunt war er dagegen, daß Semeonow sich eifrig nach Lydia Sergijewna erkundigte. Er erzählte ihm, daß sie einige Zeit leidend gewesen sei, als Folge des Ablebens ihres Vetters, der »unter höchst beklagenswerten Umständen getötet wurde«, – so fügte er wörtlich hinzu, wobei er sein Gegenüber scharf beobachtete. Semeonow machte jene abwehrende Handbewegung, mit der man eine ärgerliche, aber unwichtige Sache abtut und sprach mit seiner eindringlichen Stimme, die Savinsky schon nervös machte: »Lassen Sie sie wissen, daß ich eine Stellung, die ihrer und ihrer seltenen Fähigkeiten würdig ist, im Außendienst für sie bereithalte; sobald sie entschlossen sein wird, dem Staat zu dienen, kann sie eintreten. Wir sind mit Arbeit überhäuft. – Im neuen Rußland wird übrigens niemand in Müßiggang leben können.« Er machte eine kleine Pause und setzte dann fort: »Auch Sie nicht, verehrter Nikolaus Wladimirowitsch! – Und das ist eigentlich der Grund, warum ich Sie bat, hierher zu kommen.« Er lehnte sich im Sofa, auf dem er saß, bequem zurück, kreuzte, wie es seine Gewohnheit war, die Arme über der Brust und begann, Savinsky voll anblickend, ihm die allgemeine Lage, so wie er sie beurteilte, darzulegen. Savinsky sah mit Vergnügen, daß Semeonow alle demagogischen Schlagworte vermied und zu ihm, als einem gebildeten Menschen, in anderer Weise sprach, als er es in seinen Volksversammlungen gewöhnt war. Es fiel keine jener bekannten Phrasen von der »gemeinen Gewaltherrschaft des Zaren«, oder von der »verderbten Autokratie«, ebensowenig war von den »Leiden des Volkes«, von dem »abscheulichen Krieg« die Rede, oder von dem »unbestreitbaren Triumph des Proletariats«, aus dem sich Semeonow, wenigstens so weit das Proletariat in Frage kam, nicht allzuviel zu machen schien. Denn das war gewiß, daß das Proletariat für ihn nur als das notwendige Sprungbrett Interesse hatte, als der bequemste Steigbügel, um sich in den Sattel zu schwingen und die Zügel in die Hand zu bekommen, daß aber die Besitzergreifung der Macht für ihn, ebenso wie für Lenin und Trotzki das Wesentliche war. Es schien Savinsky, als Eindruck dieser ersten Unterhaltung, daß es nur eine andere, neue Autokratie sei, die den alten Zarenthron bestiegen habe und dies berührte ihn angenehm; denn wie unmöglich es auch ist, mit einer rohen, aufgepeitschten und mißgünstigen Menge zu debattieren, mit einigen klugen, allmächtigen Männern läßt sich immer verhandeln, wie weit ihre Ansichten auch von unseren abweichen mögen. Für Semeonow war es unzweifelhaft, daß die Bolschewiki dauernd an der Macht blieben. Sie würden den Frieden mit Deutschland unterzeichnen. »Täuschen Sie sich nicht,« sagte er, »der Friede wird von uns geschlossen! Er wird schlecht sein, das gebe ich zu, – aber ein schlechter Friede ist mir immer noch lieber, als der beste Krieg! Und im Frieden werden wir unsere Vergeltung üben! – Aber, Nikolaus Wladimirowitsch, wir sind jung und in Geschäften unerfahren. Über die Grundfragen gibt es in der Regierung keine Zweifel, das Prinzip steht fest und ist gut. Aber in der Technik des Verhandelns fehlen uns Spezialisten ... Wir werden mit den deutschen Experten wirtschaftliche und finanzielle Fragen zu besprechen haben, die Regierung zählt darauf, daß Sie das Amt eines finanziellen Beirates in Brest-Litowsk übernehmen, womit übrigens durchaus nicht gesagt ist, daß Sie unsere politischen oder sozialen Ansichten teilen.« So entschlossen auch Savinsky gewesen war, sich über nichts zu wundern, er konnte sich doch nicht zurückhalten, aufzufahren. Diese Handvoll Männer, die mit Gewalt die Macht an sich gerissen, dieser kleine Haufen von Ausgewiesenen und Juden schien ihm während des langen Lebens in der Fremde jede Spur von Taktgefühl verloren zu haben. Wie, diese Leute, deren offenkundiges Programm es war, die alte Gesellschaft mit Stumpf und Stiel auszurotten, ja, selbst deren Grundlagen zu vernichten, die wagten es, sich bei der ersten Schwierigkeit an ihn zu wenden, an ihn, Savinsky, der doch gerade ein typischer Vertreter jener Klasse war, die sie blutgierig bekämpften! – Aber es war nötig, mit Semeonow und den Smolny-Herren in Fühlung zu bleiben und Savinsky ergötzte sich daran, auf diesen bündigen Vorschlag die gewundenste, verschleiertste und zweideutigste Antwort zu geben. Es war daraus unter zahllosen Vorbehalten zu entnehmen, daß Savinsky, wenn er sich auch nicht geeignet fühle, bei den Konferenzen in Brest-Litowsk im Namen der Volksregierung und der Diktatur des Proletariats zu sprechen, als russischer Bürger nicht berechtigt zu sein glaube, jenen Männern, die mit den Deutschen die schwierigen wirtschaftlichen Verhandlungen zu führen haben werden, sachliche Ratschläge, die sie erbitten sollten, zu verweigern. Er stand daher zu ihrer Verfügung, wenn sie ihn besuchen wollten, denn ihm wäre es lieber, wenn diese Unterhaltungen in der Nordischen Bank stattfänden. Besuche Savinskys im Smolny-Institut würden unfehlbar Neugier erwecken und zu Deutungen Anlaß geben, die weder der Regierung noch ihm, Savinsky, angenehm wären. Semeonow scheine ja übrigens das gleiche Gefühl zu haben, da er für diese erste Unterhaltung die verschwiegenen vier Wände eines Chambre separée gewählt habe. – Semeonow schien von dieser Antwort zwar nicht befriedigt, aber die Entschlossenheit Savinskys ließ es ihm rätlich erscheinen, auf diesem Gegenstand nicht weiter zu beharren und das Gespräch drehte sich weiterhin nur um sachliche Erörterungen. Aber im Aufbrechen konnte Savinsky sich nicht enthalten, ohne alle Umschweife zu fragen: »Und welche Chancen haben Sie für den Bestand, Leo Borissowitsch?« Semeonow erwiderte: »Sie können sicher sein, Nikolaus Wladimirowitsch, daß wir bei dieser Wahrscheinlichkeitsrechnung alle Chancen auf unsere Seite bringen. Sie wissen doch, was Lenin in einer seiner letzten Reden sagte: ›Genossen, arbeiten wir für unsere Grundsätze, aber vergessen wir die Bajonette nicht!‹ Vergessen auch Sie nicht,« sprach er mit leiser Drohung, »daß der Terror auf unserem Programm steht! Noch haben wir ihn nicht angewendet. Aber lassen Sie uns nur Zeit und bald wird jeder in Rußland begreifen, daß ihm keine Wahl bleibt und daß er sich unterwerfen muß!« Die harten Augen Semeonows flimmerten in hellerem Glanz. Savinsky hatte die sichere Überzeugung, wenn Semeonow Kommissar zur Unterdrückung der Gegenrevolution wäre, fände niemand den Weg zum Herzen dieses ehemaligen Offiziers und jeder Appell an sein Mitleid ließe ihn unberührt. Ein unversöhnlich harter Wille stände im Dienste des schärfsten, klarsten und dabei verbohrtesten Verstandes der Welt. – »Und Sie werden der unbestechliche Robespierre sein!« entgegnete Savinsky mit einem Lächeln. Semeonow zuckte mit den Achseln. »Wenn's nötig ist ...« sprach er kalt. Zum Abschied reichte Semeonow Nikolaus die Hand und meinte noch nebenbei: »Sie werden ein Financier im Ruhestand sein. Ich glaube morgen werden wir die Banken beschlagnahmen.« Er machte eine Pause, um seinem Gast Zeit zu lassen, die ganze Schwere dieser im leichtesten Ton gemachten Mitteilung erfassen zu können. Dann fügte er nachlässig hinzu: »Sie persönlich haben nichts zu fürchten. Wir brauchen Ihre Fähigkeiten.« »Sehr verbunden«, sprach Savinsky, der die Zwecklosigkeit jedes Protestes erkannte, »zunächst wäre ich aber schon zufrieden, wenn Sie mir eine heile Rückkehr bis zur Apotheker-Passage zusichern könnten! Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, aber Eure Straßenbeleuchtung ist miserabel und die Moika ist eine wahre Mördergrube geworden«. »Ich habe ein Auto«, antwortete Semeonow, jetzt wieder gut gelaunt. »Ich setze Sie ab. – In diesen Zeiten, Verehrtester, hängt auch mein Leben so wie das Ihre an einem Haar... Was liegt daran! Jedenfalls sollen Sie vorläufig von allen Hausdurchsuchungen verschont bleiben. Wenn man nachts bei Ihnen eindringen will, öffnen Sie nicht und rufen Sie die Nummer 4–15 an. Dann wird unverzüglich eine Patrouille zu Ihnen kommen.« – Der Wagen Semeonows war von einem Soldaten in Uniform gelenkt. Er fuhr durch die Millionaja. Als sie an dem Hause der Schupow-Karamin vorbeikamen, sah Savinsky noch Licht in der Wohnung, und ließ halten. »Bitte, der schönen Natalie meine Empfehlungen zu bestellen«, sagte Semeonow mit einer Verbeugung. Die Neuigkeit, die Savinsky eben gehört, erregte ihn nicht sehr. Er war über die Vorgänge im Smolny ziemlich genau unterrichtet und wußte schon seit einigen Tagen, daß die Beschlagnahme der Banken bevorstehe. So hatte er auch seine Vorkehrungen treffen können. Als er bei den Schupows die beleuchteten Fenster sah, hatte er sofort daran gedacht, daß Lydia vielleicht oben sei, daß er sie sehen und bitten werde, ihn gleich zu ihrem Vater zu bringen, dem er die Aufregung ersparen wollte, die böse Nachricht unvorbereitet am nächsten Morgen zu erfahren. Und wirklich, Lydia war da. Sie erhob sich beim Eintreten Savinskys und eilte ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. »Ich ahnte nicht, daß ich die Freude haben würde, Sie heute noch zu sehen, mein Freund!« »Nur Ihretwegen kam ich hierher«, sprach Savinsky zärtlich und behielt ihre Hand in seinen beiden. »Sie müssen mich gleich zu ihrem Vater führen. Ich habe ihm Wichtiges mitzuteilen.« Natalie und Lord Douglas beobachteten sie. Savinsky trat zu den übrigen. Die Aufregungen des Tages, der Spaziergang an der Fontanka, das unerwartete und merkwürdige Diner bei Donon, gleich einem Duell mit Semeonow, bei dem er manchmal den Eindruck hatte, es würde mit unmaskierten Floretts gefochten und schließlich der herzliche Empfang durch Lydia, – alles dies hatte ihn in einen Zustand angenehmster Überreizung versetzt. Das Leben schien ihm wie ein Zauberspiel mit wechselnden Szenen, die einen düster und traurig, die anderen aber mit reizenden Ausblicken auf eine in sinkendem Abendschatten hindämmernde Landschaft mit blühenden Obstbäumen, hinter denen verborgen eine klagende Flöte sehnsüchtig die Liebe besingt. – »Was haben Sie nur heut abend, Nikolaus Wladimirowitsch«, rief Natalie, »Sie sind ja um zehn Jahre verjüngt? Bringen Sie uns eine gute Nachricht?« »Jedenfalls eine wichtige«, erwiderte Savinsky. »Ob gut, das hängt von der Auffassung ab. Die Nachricht von einer Maßnahme, die dazu beitragen kann, den Sturz der Sowjets zu beschleunigen, würden Sie die eine gute nennen?« »Aber natürlich!« sprach Natalie als Wortführerin der stumm aufmerkenden Gesellschaft. »Dann also freuen Sie sich: alle Banken Petersburgs werden morgen von den Bolschewiki in Besitz genommen!« »Aber was bedeutet denn das?« frug eine ältere, beleibte Dame. »Was ändert sich dadurch im Geschäftsleben?« »Oh, nicht sehr viel, wenn man es vom Standpunkt der Unendlichkeit betrachtet, wie die Philosophen sagen. – Sie werden von Ihrem Konto kein Geld mehr beheben können und ihre Safes werden beschlagnahmt.« In diesem Augenblick trippelte Iwan Schupow auf seinen kurzen Beinen zu Savinsky heran. »Genug gescherzt, Verehrtester!« rief er mit schriller Stimme. »Ist die Nachricht verbürgt? – Ja, wissen Sie denn, daß dies für uns alle den Ruin bedeutet? – Unser Guthaben in der Bank ...! Das ist doch offenkundiger, gemeiner Raub!« »Es ist eine politische Maßnahme, die mit dem Programm der Sowjetregierung vollständig im Einklang steht«, sprach Savinsky. »Sicher sind wir zugrunde gerichtet ... Aber ich schätze, daß unser Ruin den des Staates nach sich ziehen wird und daß auf diese Weise die Beschlagnahme der Banken den Sturz der Bolschewik! beschleunigt.« »Wann aber?« warf Natalie, die ihre ganze Ruhe verloren zu haben schien, ein. »Wann ...? Und die Safes auch? Quälen Sie uns nicht! Bedenken Sie doch ... Sie sind gräßlich mit Ihrer Ironie«. Sie fügte nichts hinzu, aber ihrem Ton hörte man an, daß ihr der Inhalt ihres Safes wichtiger war, als alles andere. – Eine ungeheure Aufregung herrschte im Salon. Jeder begriff, daß mit der Sperrung der Banken die ganze bisherige Gesellschaft, die bis jetzt trotz des Zugrundegehens Einzelner, in ihren wesentlichen Einrichtungen noch fortbestanden hatte, mit einem Schlag zusammenbrach. Nur Lord Douglas blieb unberührt. In dem Kreuzfeuer der Ausrufe und Fragen, die hin und herflogen, neigte er sich zu Lydia, neben der er saß, und sprach lächelnd: »Also Sie sind ruiniert, dear little thing ? Das ist sehr interessant!« Lydia hatte nur ein Achselzucken. Ihr Gesicht war freudig erregt. »Das hat gar keine Bedeutung«, sagte sie. Das wirre Durcheinander benutzend, das seine Mitteilung verursacht hatte, wandte Savinsky sich mit der Bitte an seine Freundin, ihn zu ihrem Vater zu begleiten. Sie erhob sich sofort und nahm von Natalie Abschied. Savinsky folgte ihr. In dem weiten Hof wärmten sich Dworniks an einem prasselnden Holzfeuer, das sie neben einem Tor entzündet hatten. Die in der dunklen Nacht aufzuckenden Flammen beleuchteten gespenstisch die großen Schneehaufen ringsum, die regelmäßigen Stöße des für den Winter aufgeschichteten Holzes, die nackten Mauern der Häuser und die schwankenden Silhouetten der Dworniks, die in weite Kapuzenmäntel gehüllt, langsam mit ihren Sohlen den gefrorenen Schnee stampften. Nach dem alten Luxus der Schupowschen Wohnung war dies wieder eine richtige Revolutionsszene, die Savinsky hier vor Augen hatte. Diese nächtliche Wache beim flackernden Feuer, die die Gedanken auf die vielen drohenden Gefahren lenkte, erinnerte Savinsky daran, daß diese große Stadt, wie tot sie auch in dem winterlichen Frost daliegen mochte, voll von Feinden sei, gegen die es sich zu wehren galt. Doch hatte dieser Eindruck keine andere Wirkung, als daß er das Leben nur noch intensiver fühlte und stärker der zärtlichen Bande bewußt wurde, die ihn an das schutzlose, junge Mädchen knüpften, die so leicht und aufrecht neben ihm dahinschritt. Sie betraten das Palais durch eine Nebenpforte und kamen durch viele Gänge und über eine Dienertreppe in einen großen, schlecht geheizten Saal, der die Bildergalerie des Fürsten enthielt. Lydia schaltete das Licht ein und frug Savinsky: »Wollen Sie hier warten oder drüben bei Mama? Ich will meinem Vater Ihren Besuch ankündigen.« Savinsky hatte gar keine Sehnsucht nach der Fürstin und ihrem Freund Wasiljew, dessen kindisches Geschwätz ihm unerträglich war. Er blieb also in der Gemäldegalerie, die von einer einzigen Glühlampe nur schwach beleuchtet war. Ihm gegenüber breitete eine große Landschaft von Poussin ihre dunkelgrünen Flächen in einem breiten, vergoldeten Rahmen aus. Daneben unterschied er eine fliehende Eurydike am Ufer eines Baches. Aus einem dunklen Winkel leuchtete in mattem Weiß die schlanke Statuette Apollos. In der Ruhe dieses weiten Saales, in dem die Meisterwerke an längst entschwundene Kulturperioden gemahnten, an ein strahlendes Leben unter blauem Himmel, an sonnendurchglühte Felsen – von Meereswogen umbrandet –, wanderten Savinskys Gedanken weit, weit fort von Petersburg, in ein Arkadien, wohin ihn Lydia begleitete – – – Da erschien das junge Mädchen wieder. »Papa erwartet Sie. Es geht ihm heute abend nicht gut, aber er will Sie sehen.« Savinsky folgte seiner Freundin. Als sie vor dem Zimmer des Fürsten anlangten, berührte er ihren Arm und hielt sie zurück. Sie war keineswegs überrascht, und wandte ihm das Lächeln ihrer Augen und ihres halbgeöffneten Kindermundes zu. Sie blickten einander wortlos an. Dann neigte Savinsky sich zu ihr. »Ich möchte Ihnen bloß sagen, daß ich sehr glücklich bin.« Sie drückte, ohne zu antworten, seine Hand und führte ihn zu ihrem Vater.   Als Nikolaus allein für sich die Gespräche jenes denkwürdigen Soupers überlegte, wurde er über Semeonow immer empörter. Mehr noch als der Zynismus seiner Vorschläge irritierte ihn der Ton, in dem die Mitarbeit von ihm gefordert worden war. Hatte er recht daran getan, diesen Herren der Stunde seinen Rat zuzusagen? Machte er sich dadurch nicht mitverantwortlich an dieser bolschewistischen Periode, die Rußland in ein Chaos führte? Mitschuldig, wenn auch in noch so kleinem Maße? Was würde man von ihm denken, wenn man wüßte, daß er in geheimen Beziehungen zu den terroristischen Diktatoren stehe? Ihre Herrschaft wird nur von kurzer Dauer sein. Nur die Schande wird ihm bleiben, daß er ihrem Befehl entsprochen hatte. Und warum tat er es eigentlich? Warum dieser Eigensinn, Petersburg nicht verlassen zu wollen? Nichts wäre leichter als nach Finnland zu entkommen. Und dort würde es ihm bald möglich sein, mit den Seinen Schweden und England zu erreichen. Er fand keine Antwort auf diese Fragen, die ihn unaufhörlich beschäftigten. »Werde ich wagen, es Lydia zu sagen?« dachte er eines Tages. Nie würde sie urteilen, sie, die doch keine Unaufrichtigkeit begriff? Seiner Freundin etwas zu verheimlichen, war ihm jetzt schon peinlich. Sie hatte sich eine so hohe Meinung von ihm gebildet, daß sie ihn dadurch verpflichtete, über sich selbst hinauszuwachsen. Merkwürdig war, daß sie so selten von den Bolschewiki sprach. Niemals hatte sie ein hartes Wort gegen Lenin oder Trotzki gebraucht. Sie schien in einer Stadt zu leben, die von einer schrecklichen Seuche verwüstet wird, vor der man sich wohl hütet, aber für die man nicht die Menschen verantwortlich macht. – Die Nordische Bank war, wie alle Banken Petersburgs, nationalisiert worden. Rote Garden hielten sie besetzt und ein Kommissar amtierte im Zimmer des Direktors. Täglich sah Savinsky eine dichtgedrängte Menschenmenge, die vor den Toren wartete, um mit eigenen Ohren die Bestätigung ihres Ruins zu hören. Die Bank zahlte nur 150 Rubel monatlich von den eingelegten Beträgen aus. Die Besitzer der Safes wurden der Reihe nach vorgeladen, man konfiszierte Juwelen und Gold. Eine maßlose Unordnung herrschte im ganzen Hause, in dem Tags zuvor noch alles voll Vernunft und Methode gewesen. Dieser Zustand stieß Savinsky ab. So verbrachte er auch kaum mehr als eine knappe Stunde in seinem Zimmer, eine Stunde, die übrigens in endlosen und zwecklosen Debatten mit dem Kommissar verloren ging. Einmal kam ein brillenbewehrter Jude zu ihm, geradewegs vom Smolny, mit einigen Einführungsworten Semeonows. Dieser Regierungsvertreter stellte ihm eine Menge Fragen über die wirtschaftlichen und finanziellen Beziehungen zu Deutschland. Savinsky fand, daß er vollkommen unerfahren, aber klug und lernbegierig sei. Der Gedanke, daß so ein neuer Mann, ungehobelt und nie früher mit geschäftlichen Dingen vertraut, mit den deutschen Führern die wichtigsten ökonomischen Probleme erörtern werde, war ein wenig lächerlich ... Aber seine Unterhaltung mit Savinsky erfolgte in erträglichem Ton. Es geschah im Verlaufe dieser Woche, in der seine Nerven so gereizt waren und er mit sich selbst im Streite lag, daß Savinsky in seiner Wohnung den Besuch eines Soldaten hatte, an dem nur ein ungewöhnlich edler Kopf auffiel. Der Soldat hatte darauf bestanden, ihn persönlich zu sprechen; nachdem er sich vergewissert hatte, daß sie allein seien und daß die Tür geschlossen sei, sprach er mit gedämpfter Stimme: »Ingenieur Muschin sendet mich. Er möchte Sie sehen. In der Moika Nr. 58, zweiter Stock. – Kommen Sie nach Sonnenuntergang und fragen Sie nach der Wohnung Kartaschin. Ich selbst werde Ihnen öffnen.« Das erste Gefühl Savinskys war das der Freude. »Nach so vielen Lumpen in beiden Lagern, werde ich wieder das Gesicht eines Ehrenmannes sehen. Der ist ein Russe ohne Kompromisse!« So meinte er bei sich. Und er dachte an das Umherirren seines Freundes während des letzten Monates, seitdem er ihn nicht gesehen. Er hatte nichts von ihm gehört. Wohin war Spaßki in diesem Sturm verschlagen worden? Das Einzige, das er sicher von ihm gewußt hatte, war, daß er noch lebte, denn die Bolschewiki, die seine Energie fürchteten und in ihm den gefährlichsten ihrer Feinde sahen, hatten eine Kundmachung in den Zeitungen veröffentlicht, worin sie hunderttausend Rubel demjenigen versprachen, der ihn tot oder lebend bringe. Er blickte auf den Soldaten, der noch auf Antwort wartete ... »Und hier ist noch ein zweiter anständiger Mensch. Es gibt deren doch noch! Hunderttausend Rubel, welches Vermögen wäre das für ihn!« Er schüttelte ihm die Hand und ließ »Ingenieur Muschin« sagen, daß er um sechs Uhr bei ihm sein werde. – Als er allein geblieben war, ging ein neuer Gedanke durch seinen Kopf. »Da hab' ich mich in ein etwas gewagtes Unternehmen eingelassen. Wenn nun der kluge Semeonow mich zufällig überwachen läßt? Was ist dann wohl das Ende? – Gefängnis oder glatte Hinrichtung?« Der Gedanke, daß Semeonow ihn möglicherweise überwache, belustigte ihn. »Wenn er sich um mich kümmert, wird er wissen, daß ich täglich mit Lydia zusammenkomme, an der er so viel Anteil nimmt.« Bald aber dachte er nur noch an das Vergnügen, Spaßki wieder zu sehen. Bei Einbruch der Dämmerung begleitete er Lydia, mit der er an der Newa einen längeren Spaziergang gemacht hatte, nach Hause. Er brannte darauf, ihr zu sagen, daß er zu Spaßki gehen werde, aber es schien ihm doch klüger, zu schweigen. Er sah übrigens niemand, der ihnen zu folgen schien. Um aber ganz sicher zu sein, betrat er mit Lydia durch das Hauptportal am Quai das Palais Volynski, hielt sich eine Weile auf, um Tee zu trinken, und verließ das Haus durch den rückwärtigen Eingang, von wo er durch den Hof und das Haus der Schupows die Millionaja erreichte. In wenigen Minuten stand er vor dem bezeichneten Haus in der Moika. Der Hausflur war schlecht beleuchtet. Er sah keinen Portier und stieg, ohne jemand zu begegnen, in den zweiten Stock. Eine Minute später stand er Spaßki in einem kleinen Zimmer, in dem ein aufgebetteter Divan stand, gegenüber. Spaßki trug eine gewöhnliche Mannschaftsuniform. »Das ist heute in Rußland die beste Verkleidung«, meinte er lächelnd, als er die erstaunte Miene Savinskys sah. »So bin ich bloß einer der drei oder vier Millionen Soldaten, die jetzt durch das Land irren. Und hier ist mein Ausweis,« Er reichte Savinsky ein fettiges Büchlein, auf den Namen Karpow, Iwan Fornitsch, aus dem Gouvernement Orel, ausgestellt. »Sie werden es begreifen, lieber Freund, daß ich den Bolschewiken nicht die Ehre erweise, mich wegen ihrer Polizei zu beunruhigen ... Ich bin der Ochrana des Zaren entkommen! – Die Leute von heutzutage sind ja die reinsten Kinder gegen die frühere Polizei.« Spaßkis Ordonanz brachte Tee. Wie mit Semeonow, begann auch ihre Unterhaltung mit persönlichen Fragen, und Savinsky, beachtete, daß Spaßkis erste Frage Lydia Sergijewna galt. Spaßki wollte sofort wissen, ob sie in Petersburg geblieben sei und sprach in Ausdrücken von ihr, die Savinsky bewegten. »Ich würde sie gerne sehen,« sagte er, »denn sie ist ein entzückendes Geschöpf und unter ihrer Schüchternheit verbirgt sich ein aufrechter, stolzer Charakter. Zu ihr hätte ich Vertrauen. Die Frauen bei uns sind besser, als die Männer. – Ich würde sie gerne sprechen, aber ich hätte Bedenken, Nikolaus Wladimirowitsch, sie in unnütze Gefahren zu verwickeln. Diesmal muß ich verzichten. Nur wenn es wirklich nötig sein wird, werde ich sie aufsuchen. Wollen Sie ihr aber sagen, daß ich sie nicht vergessen habe, daß ich oft an sie denke?« »Gewiß will ich es tun,« erwiderte Savinsky, »auch ich liebe sie wie meine Tochter. Wir sprechen oft von Ihnen. Trotz der gegenwärtigen Greuel, ist Lydias Vertrauen zu Rußland unerschüttert. Ihre jugendliche Begeisterung ist mir überaus wertvoll. Sie hilft mir über die vielen elenden Stunden, in denen ich oft Lust hätte, alles hinzuwerfen, und nur fortzugehen. – Wir leben in einer schlechten Zeit, mein lieber Andreas Iwanowitsch, man wird müde und feige ...« Er verstummte nach diesem Wort, das, wie ihm schien, den Raum erfüllte. Eine Weile überlegte er, blickte Spaßki an, der ihn ganz erstaunt nicht aus den Augen ließ, und plötzlich entschloß er sich, seinem Freund die ganze Unterredung mit Semeonow zu erzählen und von der schwierigen Stellung zu berichten, in die er seither geraten sei. Zu seiner großen Überraschung billigte es Spaßki, statt, wie er erwartet hatte, ihm Vorwürfe zu machen, daß er mit der Regierung in Fühlung getreten sei. Sicherlich dürfe man sich nicht öffentlich bloßstellen und dadurch den Diktatoren den moralischen Erfolg einer so wertvollen Verbindung verschaffen. Aber unter Beobachtung dieser Vorsicht sehe er nur Vorteile darin, mit den Gebietern im Smolny Beziehungen zu unterhalten. »Sehen Sie, der einzige Fehler wäre es, jetzt Rußland zu verlassen. Es müssen alle russischen Patrioten hier sein; Männer, wie ich, müssen gegen die Bolschewiken offen Krieg führen, und Männer, wie Sie, müssen sich bereithalten, im gegebenen Moment die Führung der Geschäfte zu übernehmen ... Sie können sich ja nicht, wie ich es tue, in einem Soldatenrock verbergen. Sie müssen in Petersburg bleiben, und wenn Sie, um hier zu leben, genötigt sind, sich eine oder zwei Stunden in der Woche mit den Bolschewiki zu unterhalten, so sehe ich darin kein solches Übel ... Wir werden Sie nötig haben. Ich reise ins Dongebiet, um die Generäle Alexejew, Kornilow und Kaledin wieder zu treffen. Dort allein liegt unsere Rettung ... Aber hier in Petersburg brauchen wir verläßliche Freunde. Ihnen werde ich einen Teil der nötigen Nachrichten senden. Sie werden Ihnen durch vollkommen sichere Leute und zumeist mündlich zukommen. In Rußland haben alle die Sucht zu schreiben. Nichts ist gefährlicher ... Von mir werden Sie nur Briefe bekommen, wenn es unbedingt nötig ist. Sie werden sie besonders aufmerksam lesen müssen, um auch das zu verstehen, was zwischen den Zeilen steht! Unterschrieben werden sie nie sein, Ihr Name wird auch nicht darauf stehen, und sie werden von fremder Hand geschrieben sein, denn meine Schrift ist diesen Lumpen hier nur zu gut bekannt. Sie werden sie daran erkennen, daß der zweite Satz mit dem Worte »noch« beginnt – und nun zu unseren Plänen! Aber ich will Sie gleich darauf aufmerksam machen, daß wir vor allem Geld brauchen, denn wir haben keine Kopeke im Don, und ohne Geld gibts keine Armee. Man muß die Verbündeten aufsuchen und ihnen erklären, daß die einzige Möglichkeit, die Bolschewiki zu vertreiben, darin besteht, eine Freiwilligen-Armee im Kosakengebiet aufzustellen ...« Das Gesicht Spaßkis leuchtete auf. Er war jetzt ganz in seinem Element. Für ihn war ja das Leben einfach, er hatte ein Ziel, für das er alle seine Kräfte einsetzte. Und dieses Ziel war wundervoll: die Befreiung Rußlands aus der schändlichen Sklaverei, in die es gefallen war. Könnte man wohl dem Tätigkeitsdrang eines jungen Mannes, der seinen Fähigkeiten vertraut, eine schönere Aufgabe stellen? Er besprach in allen Einzelheiten die Schaffung einer sicheren und raschen Verbindung von Petersburg zum Don. Alles berücksichtigte er, auch die Möglichkeit, daß Savinsky verhaftet oder nur überwacht werden könnte. Er schärfte ihm die folgsamsten Verhaltungsmaßregeln ein und empfahl ihm eine ganze Reihe von Vorsichtsmaßnahmen, die er gebrauchen sollte, wenn er Spione um sein Haus beobachte. Als er ihn spät abends verließ, fühlte auch Savinsky sich voll Leben und Mut und als er an Spaßkis Miene zurückdachte, sagte er sich: »Ich habe einen glücklichen Menschen gesehen! Ja, denn in den Schrecken dieser Tage hat er zufällig das unerhörte Glück, die richtigste Verwendung seiner Fähigkeiten zu finden. Er selbst weiß es kaum; er ist sich darüber gar nicht klar; wie ich, wie wir alle, spricht er von der Schande, die es heute ist, Russe zu sein und trotzdem hat er niemals früher schönere und erfülltere Stunden erlebt ...« Und Savinsky überließ sich seiner Freude am Grübeln und verfolgte eifrig diese an neuen Gedanken so reiche Fährte, die ihm eigenartig anziehend erschien. Seit nahezu drei Wochen hatte der Wirbel der Ereignisse, in die er verstrickt war, Savinsky abgehalten, seine Familie zu besuchen. Von einem Tag zum andern hatte er es immer wieder verschoben. Aber wachsende Gewissensbisse lasteten auf ihm und er vermochte sie nicht abzuschütteln. Seine Frau wartete auf ihn ...! Sie beklagte sich nicht, das lag nicht in ihrer Natur. Sie schrieb nie von sich, stets nur von ihren Kindern, die ungeduldig würden, vor allem Boris. Ihren Mann in tausend Gefahren zu wissen, die sie in der Entfernung noch vielfach größer sah, machte sie sicherlich sehr unruhig. Aber sie hatte unerschütterliches Vertrauen zu ihm, sie wußte ihn von wichtigen Geschäften abgehalten und zweifelte nicht, daß er, sobald es ihm nur irgend möglich sei, zu ihnen eilen werde, um mit ihr und den Kindern in Finnland zu leben oder nach England weiter zu reisen. – Endlich entschloß sich Savinsky, einen Augenblick der Ruhe in dem Sturm, der die Stadt durchbrauste, benützend, auf zwei Tage über die Grenze zu gehen. Lydia, diesen Entschluß mitzuteilen, war ihm aber ungemein peinlich. Er sah sie jetzt täglich, und die Vertrautheit, die zwischen ihnen immer inniger geworden war, schien ihm das Recht zu nehmen, sie auch nur für kurze Zeit zu verlassen. Er sagte es ihr endlich, als sie in den Anlagen an der Newa dort, wo die Broncestatue Peters des Großen steht, spazieren gingen. »Sie werden verstehen, kleine Freundin, daß ich Ihretwegen große Sorge haben werde,« fügte er hinzu, »was geschieht in der Stadt, werde ich mich unaufhörlich fragen. Ist alles ruhig? Wird geschossen? – Ja, Sie müssen mir das ernste Versprechen geben, sehr, sehr vorsichtig zu sein und keine Dummheiten zu machen. Wären Sie vielleicht einverstanden, gar nicht auszugehen? Ich bilde mir halt schon ein, daß Sie ohne mich überhaupt nicht mehr ungefährdet aus dem Hause gehen können!« Lydia aber wies diese Zumutung lebhaft zurück. »Bin ich ein Kind? – Die Stadt ist ruhig, ich verspreche gar nichts. Wahrscheinlich werde ich mit meiner Freundin Helene ausgehen. – Ja, und was Dummheiten betrifft – die möchte ich schon gerne machen, aber das ist gar nicht so leicht, wie Sie glauben ...« Nach einer kleinen Unterbrechung fuhr sie fort: »Eigentlich möchte ich wissen, was Sie überhaupt Dummheiten nennen ... Wenn ich Semeonow im Ministerium besuche, ist das eine Dummheit? Nein, ich bin sicher, daß er mich sehr liebenswürdig empfangen und von vollendeter Höflichkeit sein wird. Oder vielleicht werde ich bei dem entzückenden Lord Tee trinken, wozu er mich schon seit langem auffordert. Oh, nicht allein, weiter Herr, immer in Begleitung meiner Freundin! – Dummheiten in Ihren Augen? – Für mich sehr vernünftige und sogar recht langweilige Dinge ... Ich will Ihnen etwas sagen, Nikolaus Wladimirowitsch, worüber ich viel nachgedacht habe ... Wir sind doch jetzt mitten drin in der vollen Revolution. Unter Kerenski konnte man vielleicht noch daran zweifeln; da waren Sie noch Präsident der Nordischen Bank ... Aber jetzt? – Jetzt sind Sie gar nichts mehr, ein Niemand und Ihr Auto haben die Bolschewik! genommen. Alle sind wir ruiniert. Man ist sich dessen vielleicht noch nicht so recht bewußt, aber das kommt schon noch ... Nach und nach verläuft sich unsere Dienerschaft, man bekommt immer weniger Lebensmittel, man heizt wohl noch, aber nur mit den alten Vorräten, das elektrische Licht versagt immer häufiger und gerade dann, wenn man es am nötigsten brauchen würde ... Nachts kann man nicht mehr ausgehen, denn man wird an jeder Straßenecke ausgeplündert – und was morgen noch alles kommt, wissen wir gar nicht! – Und doch, wenn man's genau betrachtet, führen wir alle dasselbe armselige seichte Leben, wie bisher, inhaltslos, phantasielos, nur zurückgezogener, denn man sieht einander ja kaum mehr ... Es fehlt uns an Würde, an Größe ... Wir sind recht erbärmlich, lieber Freund. Und das Schlimmste ist, daß ich keine Ahnung hab, was wir Großes ausdenken könnten. Das ist zum Verzweifeln! Abends im Bett vor dem Einschlafen prüfe ich mich und muß mir stets sagen: ›Nun ist wieder ein Tag meiner Jugend verflogen, was habe ich damit angefangen?‹« Sie sprach halb lächelnd, halb ernsthaft. Aber an mancher Schattierung ihrer Stimme, die sie nicht ganz in der Gewalt hatte, erkannte Savinsky, daß eine verborgene Saite schmerzlich in ihr mitklang. Sein Unvermögen, sie glücklich zu machen, kam ihm mit einemmal zu niederschmetterndem Bewußtsein. Er entgegnete nichts. Bittere Gedanken stiegen in ihm auf. – In dem Garten waren sie ganz allein. Über ihnen an der höchsten Stelle der Anlage tummelte der Broncereiter sein bäumendes Pferd. Ein tiefliegender, bleigrauer Himmel bedeckte die Stadt. Auf der einen Seite hoben sich die weißen Säulen und Pfeiler der großen Gebäude des heiligen Synods und des Senats vom gelben Hintergrund der Häusermauern ab. Auf der anderen Seite breitete der Admiralitätspalast den reichen kaiserlichen Prunk seiner Architektur bis zur Newa hin. Eine kleine rote Fahne, die auf der Dachspitze flatterte, schien die ganze vergangene Größe, Ordnung und Pracht zu verhöhnen. Savinsky hatte das Gefühl, als wären Lydia und er in einem unbekannten, feindlichen Land verloren. Eine Katastrophe drohte ihnen. Man müßte fliehen ... Aber es war zu spät ... Ein Frösteln überlief ihn ... Er faßte sich indes bald wieder und lächelte über seine unvernünftige Nervosität. Er fühlte sich voll Kraft und Lydia war ja bei ihm. Genügte dies nicht, um jedem Geschick zu trotzen? Während er das junge Mädchen nach Hause brachte, war er über ihre Verstimmung, die sie jetzt zeigte, erstaunt. Sie war nervös, reizbar. Zum erstenmal, seit er sie kannte, sagte sie ihm verletzende Worte. Vergeblich versuchte er sie zu besänftigen, sie blieb höhnisch und abweisend. Als er von ihr Abschied nahm, in dem Bewußtsein, sie zwei Tage lang nicht zu sehen, war er verzweifelt. – Am nächsten Morgen verließ er zu früher Stunde Petersburg und kam mittags bei den Seinen an. Das Wetter war feucht und kalt, die finnische Landschaft traurig, endlos grau. Er fand sich wieder in jener Familienstimmung, die er so gut kannte, in jener Ruhe und Heiterkeit, die Sonja verbreitete und für die er in den langen Jahren seiner Ehe so empfänglich gewesen war. Alles in ihrer Nähe schien wie von selbst in geregelte Bahnen zu gleiten und sich verborgenen Gesetzen zu fügen, die schon in ihrem Wesen über jeder Erörterung standen. Nichts konnte befremdend oder überraschend in ihre Beziehungen zu ihrem Mann oder ihren Kindern eingreifen. Die Auswirkung ihrer Persönlichkeit war wie die linde Wärme, die immer gleichmäßig, gelassen, wohltuend den großen russischen Fayenceöfen entstrahlt. Savinsky war auch diesmal dafür dankbar; seine Nerven, denen das schwere Leben in Petersburg harte Aufgaben stellte, entspannten sich. Eine Flut von weichen Empfindungen umhüllte ihn. Nach dem Tee setzte Sonja sich ans Klavier und sang mit ihrer schönen Altstimme Volkslieder. Savinsky hielt seine kleine Tochter auf den Knien, die unbeweglich lauschend einen Arm um seinen Hals geschlungen und ihre Wange an sein Gesicht gedrückt hatte. Er wehrte sich nicht gegen die Rührung, die in ihm aufstieg, immer stärker wurde und ihn schließlich ganz erfüllte. Ein reiches, stetes und ruhiges Glück lag hier vor ihm, er brauchte es nur festzuhalten! Und plötzlich frug er sich gequält: »Warum bin ich so ergriffen?« Und schon stand auch eine Antwort erschreckend unfreiwillig vor ihm: »Ich bin für dieses Glück nicht mehr geschaffen!« Als hätte ein Fremder aus ihm gesprochen. – Die Erschütterung preßte ihm Tränen in die Augen. Er zog seine Tochter an sich und küßte ihre reine Stirne; das Kind schlang seine Ärmchen fester um ihn und drückte seine weichen Lippen an des Vaters Wange. Er atmete heftig, als hätte er einen steilen Berg erklommen. – Das Abendessen war voll Heiterkeit. Boris belebte es durch Scherze und Savinsky unterhielt sich mit seinem Sohn und ließ sich in unwiderstehlicher Erschlaffung von dem kindlichen Ton mitreißen, den die Gespräche durch Boris erhielten. Doch einige fragende Blicke seiner Frau, die während des Essens verwundert auf ihm ruhten, entgingen ihm nicht. Einen Augenblick glaubte er eine Spur staunender Unruhe darin zu lesen, aber dieser flüchtige Eindruck zerstreute sich schnell wieder. – Es war nahe an Mitternacht, schon war die Lampe über dem Doppelbett verlöscht. Savinsky neigte sich zu seiner Frau, um sie vor dem Einschlafen zu küssen. Da fühlte er warme Tränen an ihrer Wange. »Du weinst?« frug er zärtlich mit sanfter Stimme. »Vergib, es ist nichts. Ich war in den letzten Tagen ein wenig nervös ... Die Zeiten sind auch für mich schwer ... Doch ich bin glücklich, denn ich liebe dich.« Sie schmiegte sich an ihn. Ihre Tränen flossen weiter. Der Schlaf überfiel sie endlich in den Armen ihres Gatten, der sie sanft streichelte und schweigend neben ihr ruhte. – Gegen Abend des nächsten Tages war er wieder in Petersburg. Sonja hatte ihn mit den Kindern zur Bahn begleitet und keinerlei Schwäche mehr gezeigt. Savinsky hatte ihr seine Absichten auseinandergesetzt. Es mußte noch zugewartet werden; Finnland war ruhig und sicher, wenn auch Banden von Matrosen und Soldaten die Gegend durchzogen. Aber sie wichen kaum von der Bahnlinie ab und trotz der Agitation der Sozialisten schien die Stellung der bürgerlichen Regierung Finnlands unerschüttert. Für Sonja und die Kinder war hier also keine Gefahr. Savinsky aber wollte die weitere Entwicklung der Krise in Petersburg beobachten. Wenn die Bolschewiken verjagt würden, dann mußte er zur Stelle sein; wenn aber das Gegenteil einträte und sie ihre Macht befestigten, nun, dann sei immer noch Zeit, über die Grenze zu gehen, um ins Ausland zu gelangen. Indessen werde er trachten, jede Woche nach Finnland zu kommen und einen verläßlichen Weg zu finden, um Nachrichten zu senden. Im Zug während des Aufenthaltes in Bialyostrow und bis zu dem Augenblick, da er spät abends aus dem Schlitten stieg, der ihn vom Finnländer Bahnhof nach Hause gebracht hatte, blieb er noch unter dem Einfluß der bei seiner Frau verlebten Stunden. Aber kaum in seinem Zimmer, eilte er zum Telephon und verlangte Verbindung mit den Volynskys. Er erfuhr bestürzt, daß Lydia nicht zuhause sei. Er rief sofort Natalie Schupow-Karamin an. Sie hatte Grippe, war allein zu Hause und empfing niemand. – Wohin konnte Lydia gegangen sein? Seit mehr als zwei Stunden war es Nacht. Wie konnte sie nur wagen, so spät abends noch außer Haus zu sein? War sie vielleicht bei ihrer Freundin Helene in der Mokhovaja? Die hatte kein Telephon. – Um von dort nach Hause zu kommen, mußte sie aber die gefährliche Einsamkeit des Marsfeldes überqueren! Und er hatte das Bild vor Augen, wie Lydia allein den finstern Weg entlang schritt, den auf der einen Seite der Kanal begleitet und auf dessen anderer Seite die hohen Holzstöße lagern, die einen Teil der städtischen Winterreserve bilden. Sie ging leicht wie immer, arglos bloß darauf bedacht, den Löchern der Straße auszuweichen. Und nahe bei der Brücke lauerten schweigend drei Soldaten. Die Vision stand so deutlich vor seinen Augen, daß er ins Vorzimmer stürzte, seinen Pelz umwarf und einige Minuten später keuchend auf dem Marsfeld anlangte. Der Platz lag offen, öde, trostlos vor ihm. Ein Nordwind hatte sich erhoben und die winzige Flamme der einzigen angezündeten Straßenlaterne flackerte trübe hinter ihren gesprungenen, klirrenden Scheiben. Es war grimmig kalt. Jenseits des Platzes kreischten Straßenbahnwagen über die gefrorenen Schienen. Er ging ein paar Schritte auf der Straße weiter; dann wartete er einen Augenblick, zündete eine Zigarette an und kehrte wieder um. Endlich entschloß er sich, zögernd heimzugehen. »Dieses Leben ist unmöglich!« entschlüpfte es ihm, als er wieder in seinem behaglichen Zimmer stand. Er ging nochmals zum Telephon, diesmal war Lydia am Apparat. »Wo waren Sie denn um Himmelswillen, ich vergehe ja schon vor Unruhe!« »Aber ich hab mich nur ausgezeichnet unterhalten. Weswegen sorgen Sie sich denn? – Ich habe Ihnen übrigens etwas mitzuteilen.« »Was denn?« Savinsky, noch kaum beruhigt, verfiel neuerdings in eine unbegreifliche Erregung. »Ich sag's Ihnen morgen, wenn Sie mich besuchen wollen. Aber ausgehen kann ich nicht mit Ihnen, ich bin nicht frei ... Kommen Sie gegen fünf Uhr zum Tee ... Heute abend? Nein, ich bin müde, auch will ich Papa noch Gesellschaft leisten, es geht ihm nicht gut ... Auf morgen also!« Savinsky verbrachte einen elenden Abend. Er blieb zu Hause und las die Zeitungen, an denen er gar kein Interesse fand, obgleich sie voll von Berichten über die ersten Verhandlungen in Brest-Litowsk waren. Als er sich endlich niederlegte, war er fest entschlossen, Rußland endgültig zu verlassen und nach Finnland zurückzukehren. – Es war für einen anständigen Menschen doch einfach unmöglich, sich auch nur indirekt mit einer Regierung von Verbrechern zusammenzutun und an der Schmach, mit der sie das Land besudelten, teilzunehmen.   Savinsky hatte einen schwierigen Tag. Früh schon rief Semeonow in einem Ton an, der ihm höchlichst mißfiel. Es machte den Eindruck, als wären sie Komplizen und schon dieser Gedanke war Savinsky besonders in seiner jetzigen Stimmung verhaßt. Semeonow hatte seinen Besuch in der Bank für zwölf Uhr des nächsten Tages in einer solchen Art angekündigt, daß es Savinskv unmöglich gewesen war, Ausflüchte zu gebrauchen. – Später, als Savinsky bei Tisch war, meldete sich ein aus Moskau eingetroffener Offizier in schlichtem Soldatenmantel. Er kam von Spaßki. Dieser war voller Zuversicht und glaubte fest an den Erfolg der Aktion im Süden. »Wir wollen dort einen neuen Sammelpunkt für das wahre Rußland bilden und von dort, aus den Kosakengebieten wird dem Lande das Heil kommen.« Aber nach einigen Fragen, die Savinsky dem Boten stellte, erkannte er, daß wieder einmal die Rivalität unter den führenden Männern am Don eine große Rolle spielte, daß das Zusammenarbeiten der Generäle nicht ohne Reibungen vor sich ging, daß Spaßki selbst wegen seiner revolutionären Vergangenheit sich nur schwer durchzusetzen vermochte und daß schließlich in den Städten auch dort unten die Bolschewiki Anhänger gewannen. Er hatte das ziemlich klare Gefühl, daß das ganze Werk seines Freundes nutzlos sei. Was aber konnte er tun? Man mußte wohl mit den Karten spielen, die man in der Hand hielt und so besuchte Savinsky den ganzen Nachmittag Politiker und Finanzleute, mit denen er konferieren mußte, ehe er Spaßki antworten konnte. Und während er unaufhörlich von Politik und Geschäft sprach, dachte er doch nur an eines: An die Freude, die ihm das Wiedersehen mit Lydia um fünf Uhr versprach. Verspätet, abgehetzt und schlechter Laune kam Savinsky endlich zu Lydia und seine Verstimmung nahm noch zu, als er Helene, die Freundin, bei ihr antraf. Lydia begrüßte ihn in freundschaftlichster Weise. Sie war lebhaft und heiter. Das kleine Boudoir, in dem sie ihn empfing, war behaglich und warm. Die jungen Mädchen plauderten von ihren Freundinnen und von jungen Leuten, die sie gesehen hatten oder von denen Nachrichten gekommen waren. Von den jüngsten Vorgängen, von Politik fiel kein Wort. Hundert Meilen weit schien die Revolution! Sogar Savinskys Stimmung wurde bei diesem harmlosen Geplauder heiterer. Er beteiligte sich an der Unterhaltung. Er betrachtete das lebhafte Mienenspiel Lydias; sie war wieder zum Kind geworden und er sah wieder die gleiche Lydia vor sich, wie er sie vor dem Tode ihres Vetters gekannt hatte. Er zögerte noch, sie zu fragen, was sie ihm hatte mitteilen wollen. Aber Lydia selbst lenkte das Gespräch auf den gestrigen Tag. Sie hatte den Tee bei Lord Douglas genommen, der sein kleines Appartement in der Nähe der englischen Botschaft behalten hatte. Doch er hielt sich bloß nachmittags dort auf, denn wie Savinsky bekannt war, wohnte er jetzt bei Natalie. Sie waren zu viert dort gewesen; er hatte auch ihre Freundin und einen Kollegen von der Botschaft eingeladen. Helene und sie tauschten lebhaft ihre Eindrücke vom gestrigen Nachmittag aus und ergänzten gegenseitig eifrigst die Erinnerung an diese gemütliche Teestunde. Savinsky schienen sie vergessen zu haben. Schweigend saß er da und hatte plötzlich das Gefühl, von der Unterhaltung ausgeschaltet zu sein, ja, einer fremden Welt anzugehören, aus der keine Brücke mehr zu Lydia führte. Sollte seine kurze Reise nach Finnland schon genügt haben, eine so tiefe Kluft zwischen ihnen zu schaffen? Jetzt erkannte er auf einmal, daß Lydia hier in Petersburg, wo sie beide lebten, Interessen und Erinnerungen hatte, die er nicht mit ihr teilte. Er verlor sich in immer grämlichere Gedanken, während die beiden Mädchen ihr lustiges Geplapper fortsetzten. Zuweilen blickte er Lydia an. Niemals noch war sie ihm so reizvoll erschienen wie heute. Als wäre sie aus einem selteneren Stoff als alle anderen Frauen gemacht. Neben ihr schien Helene, obgleich sehr anmutig, nur wie die Magd neben der Herrin. Lydia hatte eine Art, ihre großen strahlenden Augen zu öffnen und einen anzublicken, daß man meinte, darin auf den tiefsten Grund ihrer Seele zu blicken. Gab es noch einen zweiten, so vollkommenen Körper mit einer so unschuldsvollen Reinheit? Savinsky wartete ungeduldig auf den Aufbruch Helenes, um mit Lydia allein sprechen zu können. Aber als diese sich endlich erhob, hielt Lydia sie zurück und bat sie, zum Abendessen zu bleiben. Und auf den Einwand des jungen Mädchens, daß sie so spät abends doch nicht allein nach Hause gehen könne, erwiderte Lydia, daß sie doch, wie schon so oft vorher, bei ihr übernachten solle.» Das war Savinsky zu viel; er nahm von den Mädchen Abschied. Lydia begleitete ihn ins Vorzimmer. Sie schien die düstere Stimmung ihres Freundes nicht zu bemerken. Als er sich vor ihr verneigte, sprach sie plötzlich: »Also die große Neuigkeit, Nikolaus Wladimirowitsch! Lord Douglas will, daß ich ihn heirate! – Er meint, dadurch wäre alles bestens für mich geordnet, bei ihm wäre ich in Sicherheit und schon im Januar würden wir mit dem Botschafter, der nach London zurückkehrt, Rußland verlassen. – Das waren alle Gründe, die er anführte; nicht echt englisch?« Savinsky fühlte sein Herz hämmern. Es brauchte einer Gewaltanstrengung, daß er seiner selbst Herr blieb. Er blickte Lydia voll an; sie lächelte, aber er glaubte zu bemerken, daß ihre leicht geschwellte Unterlippe ein wenig zusammengepreßt war. Einen Augenblick war es still zwischen ihnen. Dann meinte er ganz ungezwungen: »Wirklich, Lydia Sergijewna, das wäre eine Lösung. – Adieu.« Und er ging.   Erst jetzt, nach dem Eindruck dieser Szene, gewann Savinsky Klarheit über sich selbst. »Wie täuschte ich mich über meine Gefühle für Lydia! Ich glaubte, eine tiefe Freundschaft für sie zu empfinden, ich glaubte, ein Kind in ihr zu sehen – Irrtum, Einbildung! Es ist keine Freundschaft, es ist Liebe – nicht zu einem Kind, zu dem Mädchen, das morgen Weib werden kann!« So erkannte er sich. Vier Zeilen eines Volksliedes zogen durch seinen Geist: »Das Gras wurde zerstampft; Nicht durch dich. Zum Weib wurd' ich gemacht; Nicht durch dich ...« »Es ist ja klar! Warum blieb ich denn in Petersburg, als alles mich zur Flucht drängte? Ihretwegen! – Warum komme ich fast gar nicht mehr nach Finnland? Warum diese Angst, die mich unlängst mitten im Kreise der Meinen überfiel? Weil ich mich von ihnen geschieden fühlte, alles wegen Lydia! Sie ist mir teurer, als alles andere auf der Welt. So ist's! Sie erfüllt mein Leben; es ist unausdenkbar, wundervoll ist es. Hätte ich mich noch eines so tiefen Gefühles fähig gehalten? Ich, der ein braver Hausvater geworden war! Der seine Tage in trägem Hinbrüten zu beenden meinte. – Da begegne ich ihr! – Und diese wirren Zeiten, man weiß kaum, wie man lebt ... Und alles schwankt – Gottlob, ich bin nicht tot! Welches Verlangen zu leben fühle ich in mir! – –« Ganz verloren an das Entzücken über seine Entdeckung durchmaß Savinsky sein Zimmer. Zum Abendessen war er nicht allein gewesen und sein Geist war von den Gedanken, die ihm teuer waren, durch lange ermüdende Gespräche, die er mit seinen Gästen hatte führen müssen, abgelenkt worden. Aber sein Gehirn hatte im stillen gearbeitet und jetzt, da er sich allein fand, hatte er mit einem Sprung seiner Gedanken seine Gefühle klar erkannt. Diese unvermutete Erkenntnis überraschte und begeisterte ihn derart, daß er im Augenblick an nichts anderes dachte. Er, Nikolaus Wladimirowitsch Savinsky, der seit fünfzehn Jahren nur dem engen Kreis seiner Familie lebte und darin alle Freuden und alles Glück der Welt gefunden hatte, ihn beseligte noch einmal, mit fünfundvierzig Jahren, die große Liebe! – Er betrachtete sich im Spiegel. – Allerdings, das Alter war ihm nicht sehr anzumerken. Einige schärfere Falten, wenige graue Haare; aber seine Züge waren noch offen und kraftvoll, der Blick noch lebhaft. Im ganzen das Bild eines Riesen, der mit beiden Füßen fest im Boden wurzelt. – Nun erst sprach er vor sich hin: »Ich liebe Lydia, aber Sie? Sie liebt mich nicht! – Sie fühlt Freundschaft für mich, herzliche Freundschaft, große Zuneigung, – aber sonst nichts.« Sonderbar war, daß dieser Gedanke ihm doch gar kein Leid verursachte. Es war eine Tatsache; unabänderlich, selbstverständlich, über jeder Diskussion stehend, was aber wunderbar und beglückend blieb, war das Gefühl, das in ihm, Savinsky erwacht war ... Ja, aber Lord Douglas? Wird er ihm Lydia entführen? Diese Möglichkeit schien ihm unerträglich. Er wollte gerne Lydia lieben, ohne Hoffnung auf Gegenliebe, aber niemals würde er zugeben, daß sie einen anderen liebe, oder daß sie Petersburg verlasse. Nein, er brauchte sie; er mußte sie in seiner Nähe wissen. Ohne sie war er gar nichts mehr; ohne sie war das Leben öde; eine unerträgliche Leere würde ihn töten. Das Gesicht des jungen Lords tauchte vor ihm auf. Schön, wie ein Gott! Keine Frau konnte ihm widerstehen! – Aber Lydia? Sie war nicht wie alle anderen. In ihr schlummerte die tiefe russische Seele; sie würde keinem britischen Antinous erliegen ... Und ihren Vater verlassen? Unmöglich! – Und wenn der Fürst stürbe? Würde der Selbsterhaltungstrieb nicht alles überwinden? Würde sie nicht doch nach dem üppigen, ruhigen Leben, das er ihr bot, greifen? Savinsky verbrachte einen unruhigen Abend; er wälzte die widerstreitendsten Gedanken in seinem Kopf. Aber ganz tief in ihm lebte nur das Glück über seine Entdeckung, das Glück, das durch nichts aufgewogen wurde: er liebte! Er liebte Lydia Sergijewna! Das war ein Geschenk des Himmels. Sein Leben war davon durchstrahlt. – In der Begegnung, die er tags darauf mit Semeonow hatte, machte sich die Spannung seiner Nerven fühlbar. Die Unterhaltung führte fast zu einem Zerwürfnis. Die beißende Kaltblütigkeit des jungen Bolschewikiführers empörte ihn. Er ließ sich in seinen Antworten zu einem lebhafteren Ton hinreißen, als er gewollt hatte. – Semeonow gab sich den Anschein, als würde er die Revolution außerhalb jeder Diskussion stellen. »Das ist eine Tatsache!« sagte er. »Ein verständiger Geist kann sich vor einer gegebenen Situation nur beugen und sein Verhalten danach richten. Es hängt nicht von Ihnen ab, ob wir in vollster Revolution leben oder nicht. Nehmen Sie es also endlich als unabänderlich; was werden Sie tun?« »Aber wie lange wird diese Ihre unabänderliche Tatsache bestehen? Zwei Monate sind Sie jetzt an der Macht gewesen; wie lange werden Sie's noch sein? – Die Ereignisse überstürzen sich bei uns! Kerenski, der populärste Mann Rußlands, hat keine sechs Monate dem Sturm standgehalten. Wer kann behaupten, daß Lenin und Trotzki nicht vielleicht schon in wenigen Wochen fliehen – oder hängen?« Kaum war Savinsky dieses Wort entschlüpft, hätte er es gerne wieder zurückgenommen. Semeonow lächelte mit seinen dürren Lippen, öffnete beide Hände mit der ihm gewohnten Geste und entgegnete, sein Gegenüber starr anblickend: »In Einem haben Sie recht, Nikolaus Wladimirowitsch, in Rußland gilt heute ein Menschenleben nicht gar viel. Man soll das ja nicht vergessen!« Und er unterbrach sich, um diesen Gedanken, der eine Warnung und eine Drohung sein konnte, auf Savinsky wirken zu lassen. Dann setzte er in leichtem Gesprächston fort: »Wenn Sie unser Land kennen, müssen Sie verstehen, daß es für uns ist und begreifen, daß es lange mit uns gehen wird. – Warum? Wir bringen dem Russen, diesem wunderlichen Menschen, der jedem Fremden stets vollkommen unverständlich bleibt, zwei Dinge, die er über alles auf der Welt liebt. – Der Russe liebt vor allem die Gewalt; ich drücke mich da noch schlecht aus: er hat geradezu eine Leidenschaft dafür ... Und er verehrt jeden Wechsel. Auch da bleibt das Wort hinter der Wahrheit zurück; den Umsturz vergöttert er, die Umkehrung aller Werte ... Wir aber bieten ihm gleich beides! Nichts von der alten Gesellschaft wird bestehen bleiben und ein neues System wird von uns geschaffen, ein Absolutismus, wie er noch nie angewendet wurde, den der Russe als erster erleben wird: der Kommunismus! Welcher Stolz für ein großes Volk, der Welt eine neue Wahrheit aufzuzwingen! Damit können Sie unseren Russen zu allem haben. Dafür wird er leicht tausend Entbehrungen ertragen ... Und weiß Gott, wir werden seine Geduld auf die Probe stellen! – Der Russe wird die ganze Erdkugel in Erstaunen setzen, denn er wird beweisen, daß er von nichts leben kann, wenn eine Idee ihn erfüllt! Wir Russen sind ein gläubiges Volk, Nikolaus Wladimirowitsch. Aber den alten Formen der Religion fehlt jeder Inhalt. Sie stürzen zusammen und kehren zum Staub zurück. Wir aber predigen ein neues Evangelium, daß sich die Menschheit unterwerfen wird!« In dieser Weise sprach er fort. Savinsky folgte ihm immer ungeduldiger. Wohl fand auch er, wie alle Russen, Geschmack an geistreichen Schwärmereien, aber die Reden Semeonows machten ihn heute nervös und schienen ihm nicht recht angebracht. Metaphysische Betrachtungen über politische und soziale Fragen mögen eine angenehme Beschäftigung für Leute sein, die nach Tisch müßig ihre Zigarre rauchen, hier jedoch, im Arbeitszimmer seiner Bank, von wo er gewaltige Geschäfte gelenkt hatte, war er realere Worte gewohnt. In unvermittelter Weise kam Semeonow auf praktische Dinge zurück. Es handelte sich um die Gründung einer Volksbank, die alle vom Staat besetzten Privatbanken aufnehmen sollte und darüber wünschte er den Rat eines so eminenten Finanzmannes, wie Savinsky es war. Dieser konnte sich nicht enthalten, verächtlich die Achseln zu zucken. »Was erzählen Sie mir da? Wissen Sie denn überhaupt, wovon die Banken leben? Sie meinen vom Geld ... Keineswegs! Sie leben nur vom Kredit, vom Vertrauen. Ohne Vertrauen könnte keine Bank der Welt auch nur einen Tag ihre Schalter offen halten! – Und welchen Kredit genießt denn die Regierung, der Sie angehören? ... Gar keinen! – Sie haben die Depots beschlagnahmt. Wer wird Ihnen danach noch Geld anvertrauen? Kein Mensch! Und wenn Sie das Land mit Prospekten überschwemmen und selbst, wenn Sie die förmlichsten Zusicherungen geben – kein einziger Komittent, auch Sie selbst nicht, wird Ihrer Bank seine Werte anvertrauen. – Sie können mit allen Kräften knapp zweihundert Millionen Rubel im Tag drucken. Nicht eine einzige von allen Banknoten, die Sie in Umlauf setzen, werden Sie jemals wiedersehen! – Sie sind von vornherein zum sicheren Bankrott verurteilt ... Meine Ansicht wollen Sie hören? Das ist sie, klar und bestimmt! Sie werden niemand finden, der die Sache versteht und ein anderes Urteil abgibt. – Wenn Ihr Wert darauf legt, daß wir mit Euch arbeiten, dann laßt den Kommunismus fallen, denn auf dieser Basis kann kein Geschäftsmann der Welt hier tätig sein.« Semeonow überlegte eine Weile. »Sie sind von der alten Schule, Nikolaus Wladimirowitsch, Sie sind Sklave der Grundsätze, in denen Sie aufgewachsen sind. Ist es möglich, daß Sie sich einer neuen Ordnung durchaus nicht anpassen können? Es wäre wünschenswert, glauben Sie mir ... Es wird nötig sein. – Ich verzichte nicht darauf, Sie mit uns arbeiten zu sehen.« Savinsky verabscheute die Gemeinplätze, in denen sich Semeonow manchmal gefiel. Bei anderen hätte er noch milder geurteilt; aber im Munde eines Semeonow, eines Mannes von diesem Charakter und solcher Intelligenz waren sie einfach unerträglich. Jede Unterhaltung, die er mit dem Kommissar der Bolschewiki hatte, endete schließlich damit, daß dieser ihn auf irgendeine Weise, mehr oder weniger taktvoll, fühlen ließ, daß er der Herr sei, daß er und seine Genossen vor nichts zurückschreckten und daß es, wolle man seine Haut retten, klug wäre, trotz allem zu ihnen zu halten. Wie verschleiert diese Anspielungen auch immer sein mochten, sie waren auf die Dauer unerträglich. Es war dies eines der Zeichen dieser wirren Zeit und nicht das leiseste, daß man gezwungen war, die Drohungen eines Terroristen-Diktators hinzunehmen. Niemals wünschte Savinsky es glühender, daß Spaßkis Unternehmen Erfolg haben möge, als in den Augenblicken, da er Semeonow gegenübersaß. Dieser erhob sich jetzt, trommelte, wie gedankenlos, mit den Fingern auf dem Rücken der zur Faust geballten anderen Hand, durchmaß das Zimmer, blickte durchs Fenster auf die Newa und sprach ganz nebenbei, belanglos: »Den englischen Botschafter werden wir verhaften.« Savinsky fuhr auf. »Ihr seid ja verrückt!« entfuhr es ihm, ohne daß er Zeit zur Überlegung fand. Semeonow sandte ihm einen eisigen Blick zu und antwortete in förmlichster Weise: »Die Sowjetregierung duldet keine Beleidigungen, auch nicht vom britischen Staat, der Männer, wie Tschitscherin und Petrow im Gefängnis hält.« Diesmal hatte Savinsky aber schon genug und auch er replizierte mit kältester Höflichkeit: »Wenn ich hier nicht als Mensch zu Mensch offen sprechen kann, dann begreife ich nicht den Zweck unserer Begegnungen.« Es wurden noch wenige, unbedeutende Worte gewechselt, dann verabschiedete sich Semeonow. »Wir sehen uns noch,« waren seine letzten bedeutsam betonten Worte. »Wenn Sie mich brauchen, zögern Sie nicht, mich anzurufen.« Sobald Semeonow gegangen war, legte sich Savinskys Zorn. Er überdachte die Mitteilung, die ihm eben der zweite Kommissar im Ministerium des Äußeren gemacht hatte. Plötzlich hellte sich seine Miene auf und er lächelte. »Das ist eine Erpressung,« dachte er. »Wenn Trotzki beschlossen hätte, den Botschafter zu verhaften, würde er nicht Semeonow damit betrauen, es mich wissen zu lassen. Aber da sie Schlauköpfe sind, haben sie sich diesen großartigen Weg ausgesonnen, um auf den Botschafter Seiner britischen Majestät einen Druck auszuüben, denn sie rechnen damit, daß ich mich beeilen werde, ihm meine Unterhaltung mit Semeonow wiederzugeben.« Er überlegte noch einen Augenblick und sprach dann vor sich hin: »Und meiner Treu, es ist richtig, daß ich es ihm sagen muß. Sie haben ganz gut kombiniert. Aber die Erpressung ist deshalb nicht weniger offenkundig und sie denken im Ernst nicht einen Augenblick daran, meinen verehrten Freund zu verhaften.« Er ließ beim Botschafter fragen, ob er ihn gegen fünf Uhr empfangen könne. Sehr verspätet kam er zum Essen nach Hause. Er fand einige Zeilen von Lydia, die ihm mitteilte, daß ihr Vater kränker sei und daß sie nicht ausgehen könne; sie hätte öfter vergeblich angerufen. – Um fünf Uhr ging er zum englischen Botschafter, wo er Lord Douglas traf. Er unterhielt sich eine Weile freundschaftlich mit ihm. »Liebt er Lydia wirklich?« frug er sich, während er mit dem schönen, jungen Mann plauderte, »aber nein; Liebe ist es nicht. Sie ist schön, sie ist jung, sie gefällt ihm, – er will sein Vergnügen an ihr haben, aber das ist auch alles. Er liebt sie nicht, er wird sie niemals lieben. Weiß er denn überhaupt, was das heißt, Lydia zu lieben?« Er lächelte vor Freude, so sehr erfüllte ihn diese Sicherheit. Und sie verließ ihn auch nicht, während er mit dem Botschafter sprach und er trug sie heim, als er eine halbe Stunde später von ihm Abschied nahm. Abends rief er seine Freundin an. Der Fürst hatte einen schlechten Tag verbracht; er war erregt und verlangte Savinsky bald wieder zu sehen. Ob es ihm morgen um vier passen würde? Er sagte zu und erkundigte sich, ob er Lydia nach dem Besuch bei ihrem Vater nicht eine Weile sprechen könne. »Sicher,« erwiderte Lydia. »Ich habe viele Sorgen und werde mich freuen, Sie zu sehen.« Es waren die kürzesten Tage im Jahr und schon war die Nacht hereingebrochen, als Savinsky in das kleine Zimmer geführt wurde, das Fürst Volynski nicht mehr verließ. Er lehnte, wie stets, in seinem Fauteuil, eingehüllt in seine Schals; einer bedeckte Rücken und Schultern, ein zweiter lag um seine Beine. Savinsky war über seinen sichtlichen Verfall erschrocken. Die fieberglänzenden Augen lagen unter den gewölbten Brauen, wie glühende Kohlen in einem schwarzen Becken; seine rechte Hand, die auf der Lehne ruhte, war bleich und abgezehrt; die langen Fingernägel schienen die eines Leichnams. »Das ist das Ende,« dachte Savinsky bei diesem Anblick. »Lydia wird nur noch mich haben.« Schon hatte er Lord Douglas vergessen. Der Fürst drehte sich mühsam dem Eintretenden zu. »Ich freue mich sehr, Sie zu sehen,« sprach er mit matter Stimme. Ein Hustenkrampf schüttelte ihn. Als er vorbei war, lächelte er schmerzlich. »Ich bin hin ... Vorbei mit Andalusien ... Schade, schade ... Das schöne Land! Man spürt schon Arabien; der Duft der Kräuter füllt einem die Nüstern, wenn der Südwind den Staub von den Wegen fegt ... Ich bin sehr empfindlich für Parfüms, Nikolaus Wladimirowitsch. Vielleicht wegen meiner großen Nase ... Sie werden bemerkt haben, Verehrtester, daß ich keine russische Nase hab ... Eine meiner Großmütter muß dort unten, am schwarzen Meer, wo's so heiß ist, einen Tscherkessen geliebt haben ... In manchen Augenblicken glaube ich noch die Glut des Orients in meinen Adern zu spüren. – Glauben Sie an die Seelenwanderung? Wenn etwas Wahres daran ist, dann bin ich gewiß ein Maure gewesen. Aus Cordova; vom Quadalquivir, den der Sommer zwischen den glühenden Ufern fast austrocknet. Ich erinnere mich, ich erinnere mich ... Und unser Puschkin stammt von Abessyniern ...« Er sprach mit großer Anstrengung, heiser flüsternd und machte häufige Pausen, um dann, wie gehetzt, weiter zu keuchen. Er phantasierte ein wenig im Selbstgespräch. Die Anwesenheit Savinskys schien er vergessen zu haben. Er schnaufte. »Hier riechts nach Schimmel; wir leben in einer Fäulnis. Die Newa, die ist niemals trocken. Immer ist sie voll Wasser; ein königlicher Fluß; nichts Ähnliches gibt es auf der Welt ... Aber es ist ein russischer Fluß, gewaltig und unfruchtbar; er durchfließt einen Sumpf. Nur Peter der Große in seiner Verrücktheit konnte auf den Gedanken kommen, ganze Berge von Steinen in dieser feuchten Einöde anzuhäufen! ... Was für eine Verirrung! Für mich aber gibt es noch ein Reich – das Reich der Toten ... Wie sind die Verse Lafontaines? ... ›Und deren Füße an das Reich der Toten rührten ...‹ Ja, ja! ... Meine Füße sind schon ganz darin; nie werden sie mehr zurückkehren ... Und ich folge ihnen langsam ...« Er lachte und sein Lachen war knarrend, ächzend, wie das Stöhnen dürrer Zweige im Herbststurm. Ein langer Hustenanfall folgte. Ein Diener brachte Tee. Der Fürst kam zu sich, bot Savinsky eine Zigarette und nahm selbst eine. »Entschuldigen Sie mein Gefasel, bitte. Es ist die Petersburger Luft, die mich vergiftet hat. – Erzählen Sie mir, was es Neues gibt, Nikolaus Wladimirowitsch. – Ich habe Ihnen auch etwas zu sagen, ja, etwas sehr wichtiges, aber dann ... Später, nach dem Tee ...« Savinsky unterrichtete ihn über die Situation, so, wie er sie beurteilte. Es war nicht daran zu zweifeln, daß die Macht der Bolschewiki sich festigte. Die Friedensverhandlungen gingen, seit Trotzki selbst in Brest-Litowsk war, rüstig vorwärts. Im Inneren nahm die vollständige Auflösung zu; der Zusammenbruch übertraf jede Vorstellung. Und jetzt hatten die Deutschen eine Handels- und Finanzkommission unter Graf Milbach geschickt. Der alte Lamshof von der Deutschen Bank war dabei. Er habe ihn zwar noch nicht gesehen, werde aber dieser Tage mit ihm zusammenkommen ... »Was werden die Deutschen machen?« schloß er. »Wir wissen nichts darüber. Wenn sie ein Armeekorps hierherschicken wollen, wer wird sie daran hindern? Man wird ihnen zujubeln und Ihre reizende Nachbarin wird große Empfänge zu ihren Ehren veranstalten. – Übrigens würden wir alle hingehen. – Wir stehen gern auf der Seite der Macht; das ist ein Nationalfehler. – Aber könnten sie denn diese ausgehungerte Stadt ernähren? Soll man auf sie hoffen? Ich gestehe Ihnen, daß ich selbst nicht mehr weiß, was man sich wünschen soll. –« »Ich kann sie noch weniger leiden, als die Bolschewiki,« entgegnete der Fürst. »Gott wird mir diese Schmach ersparen; ich werde sie nicht mehr sehen ... Aber lassen wir das. – Legen Sie ein Scheit ins Feuer, dort diesen großen, der schon ungeduldig darauf waltet ... Ah, gleich wird er auflodern, der Bursche! Noch vor einem Jahr war er mit seinen Brüdern in den schönen Wäldern Finnlands. Und jetzt wird er die alten Knochen des letzten Fürsten Volynski wärmen ... Sehen Sie, mein Lieber, das ist ein gut erfülltes Schicksal! Ein bißchen Rauch, ein wenig Wärme. Das verstreicht wie ein Traum und nichts bleibt davon übrig. Ja, ja ... Jetzt aber, mein Freund, müssen wir Ernstes besprechen,« er nickte mit dem Kopf, »sehr Ernstes ...« Er schwieg eine Weile und Savinsky frug sich, ob der hinfällige Greis nicht durch irgendeine Gedankenverbindung getrieben, ihn bitten würde, die schwierige Frage der Grenzüberschreitung zu erwägen und mit ihm Pläne für eine Reise nach Ägypten oder Sizilien zu machen. Aber der Fürst ließ ihn nicht lange im Zweifel. »Es handelt sich um Lydia, um meine kleine Lydia ... Sie wissen es, mein Lieber, sie ist meine einzige Sorge ... Eine zarte Blüte, wie sie, in dieser tollen Stadt! Soldaten und Räuber in den Straßen und dieser Lenin, dieser Trotzki im Smolny! – Was wird man ihr antun, Nikolaus Wladimirowitsch? Sie ist so reizend, dieses Kind. Haben Sie es bemerkt? Wo sie vorbeigeht, bleiben die Leute stehen, um ihr nachzusehen ... Sie ist eine Schönheit, mein Lieber, ich bin stolz auf sie, sehr stolz ... Aber alles das ist nichts neben ihrer Seele. Da ist alles nur Reinheit, kein einziger verborgener Gedanke, kein Vorbehalt, kein Mißklang; alles ist hell, offen, gut und großmütig; ich lese in ihr, ich weiß alles, was sie denkt und was sie fühlt ... Ja, Sie können's glauben, sie hat ein unvergleichliches Gemüt, meine Lydotschka. Sehen Sie, ich zittere um sie, sie wird ganz allein sein ... Nun ist jetzt eine neue Sache da, ja, ich weiß, es ist Ihnen bekannt. Lydia sagte es Ihnen, sie sagt Ihnen ja alles. Dieser Lord Douglas will sie heiraten ...« Hier seufzte der Fürst und unterbrach sich, um Atem zu schöpfen. Er sah sehr traurig und bekümmert aus. Savinsky, den die Unterhaltung lebhaft interessierte, seit sie sich um Lydia drehte, begann sich mit einiger Unruhe zu fragen, wo der Fürst hinaus wolle. Dieser fuhr bald in seiner Rede fort. »Um wahr zu sein, ich bewundere die Engländer sehr, aber ich liebe sie nicht ... Sie sind ohne Falsch, aber sie sind hart; ohne Herz, mein Lieber, ohne Seele ... Natürlich hätte ich nie daran gedacht, Lydia einem Engländer zu geben. – Nun, sehen Sie, Nikolaus Wladimirowitsch, mit mir ist's zu Ende und dann die Revolution ... Und Lydia hier in der Stadt, die sie nicht verlassen will. Natürlich leugnet sie jede Gefahr, Sie kennen sie ja, aber mich foppt sie nicht mit so kindischen Schlichen. Nur meinetwegen will sie nicht fort ...« »Aber was hat sie Lord Douglas geantwortet?« unterbrach Savinsky, plötzlich danach fiebernd, genau zu erfahren, was sich zugetragen habe. »Haha, mein Lieber,« der Fürst lachte, »sie hat gar nichts geantwortet, wie die Mädchen es immer machen. Sie ist mit Scherzen darüber fortgehüpft, das war alles ... Nun ist Lord Douglas wieder gekommen, gestern vor Tisch, und wurde diesmal dringender ... Es scheint, daß er charmant ist, dieser Bursche. Wie finden Sie ihn?« »Schön und – unbedeutend,« warf Savinsky nervös ein. »Er ist von altem Adel, er ist schön, zu schön, er ist jung, er ist reich. – Ein Adonis mit einem Scheckbuch. Und das bedeutet, daß er weiter nichts hinzuzufügen hat. Der bloße Gedanke, daß er der Gatte Lydia Sergijewnas sein könnte, ist lächerlich.« »Ja, mein Freund, ich begreife, ich begreife und Sie haben Recht ... Aber unter den jetzigen Verhältnissen muß man anders denken ... Verstehen Sie das, Nikolaus Wladimirowitsch, er ist ein Ehrenmann und das bietet alle Sicherheit. Wenn er Lydia heiratet, dann führt er sie nach England ... Ich krepiere hier, das ist einmal gewiß, aber ich hätte keine Sorgen mehr; ich entschlafe eines schönen Tages in Frieden, weil ich weiß, daß meine Tochter vor aller Gefahr geschützt ist ... Das ist das Entscheidende, mein Freund ... Ohne das gibt es keine Ruhe.« Er sprach ganz leise, mit ruhiger Sicherheit, als hätte er nicht mehr den geringsten Zweifel über das, was er tun müsse. »Nur ist es keiner von uns, der entscheidet. Lydia ist's. Nun, mit Lydia macht man nicht, was man will. Obgleich meine Tochter voller Vernunft ist. Aber in dieser Frage habe ich gar keinen Einfluß, denn sie meint, daß ich mich aufopfere. Dann haben wir immer unerhörte Debatten, die mich so aufregen. Erst gestern stritten wir uns wegen dieser Sache und zum Schluß hat sie mir ganz ernsthaft gesagt: ›Liebst du mich denn nicht mehr, Papa, daß du mich los sein willst? Wenn's so ist, dann sag mir's, dann geh ich fort.‹ Nun ich, mein Lieber, ich bin alt und schwach und als ich meine Lydotschka so sprechen hörte, da hab ich sie in meine Arme genommen; wie ein Kind hab ich geweint und sie beschworen, bei mir zu bleiben ... Was wollen Sie? Es ist jammervoll, aber was soll ich tun? Und sonderbar ist, daß sie mit mir geweint hat, ich weiß wirklich nicht, warum! Sie hat auch schon kranke Nerven, alle haben wir kranke Nerven ... Ich kann mit meiner Tochter nicht mehr darüber sprechen. Und deshalb bat ich Sie hierher ... Sie sind der Einzige, den Lydia liebt. Ja, liebt mein Freund. Alles was Sie sagen, ist ihr heilig. Sie sind ein starker Mann, Nikolaus Wladimirowitsch, und in dieser Sache sind Sie ja ganz objektiv ... Sprechen Sie mit ihr. Beschwören Sie sie, diesen Lord zu nehmen, – den im übrigen der Teufel holen soll – und sagen Sie ihr die Wahrheit, daß ich sterben werde, daß sie allein dastehen wird, daß ich es nicht ertrage, sie in dieser verfluchten Stadt zu lassen ... Ich bitte Sie, tun Sie alles, was nötig ist. Ich kann mit dem Mädel nicht mehr sprechen. Wir würden nur wieder zusammen heulen. Sie sehen doch ein, wie dumm das ist ... Darum bitte ich Sie, mir zu helfen. Sie werden es durchsetzen, da es doch nun mal sein muß ... Sie sind doch ihr Freund!« Der alte Mann verstummte. Er war tief erschüttert und atmete kaum ... In sein Fauteuil eingeschrumpft, schien er kaum noch einen Funken Leben in sich zu haben. Savinsky blickte wortlos vor sich hin. Seine edlen Züge waren hart geworden; scharfe leidende Falten lagen um seinen zusammengepreßten Mund, er war plötzlich alt, müde und alt ... Er strich sich mit der Hand über Stirn und Augen und erhob sich schwer. »Ich sehe, daß es sein muß. Sie haben recht. Man darf heute nur an Lydia selbst denken. Weder Sie, noch ich können sie beschützen ... Wissen Sie, wo ich sie finde?« »Danke, mein Freund, danke.« Der Fürst drückte ihm die Hand und sah ihm tief in die Augen. »Warten Sie, ein Diener wird Sie zu ihr führen. Meine Frau ist hier unten und Sie wissen, man kann nicht mehr alles heizen ... Sie wird Sie in ihrem Zimmer empfangen ... Das hat nichts zu sagen, unter uns ... Sie sind ja unser Freund, unser einziger Freund ... Danke.« Kurz darauf trat Savinsky, zum erstenmal, in Lydias Zimmer. Ein großer Raum, dessen zwei Fenster auf die Newa gingen. Es war ziemlich dunkel; eine elektrische Lampe in der Deckenbeleuchtung gab nur ein mattes Licht, da der Strom aus Mangel an Kohle ungenügend war. Eine Petroleumlampe, die unter einem Lampenschirm auf dem Tisch stand, beleuchtete Lydia. Sie lag in ein altes Tuch gehüllt auf dem Divan. Ihre gelösten Haare flatterten um sie, als sie jetzt zur Begrüßung ihres Freundes aufsprang. Sie fielen bis zur Hüfte, leichte goldene Wellen, die alles Licht aus dem Zimmer einzusaugen schienen. Bei diesem Anblick zuckte sein Herz; niemals hatte er sie so gesehen, in dieser häuslichen Verfassung, die eine so große Vertraulichkeit birgt und zum erstenmal fühlte er ein dunkles, leidenschaftliches Verlangen, sie in seine Arme zu schließen und nur für sich allein zu behalten. Und auf diese Frau sollte er jetzt verzichten! Wahrlich, das Opfer, das Fürst Sergius von ihm forderte, überstieg menschliche Kräfte. Unter der Wucht seiner Bewegung blieb er an der Schwelle stehen. Aber schon war Lydia bei ihm. »Sie werden entschuldigen, Nikolaus Wladimirowitsch, daß ich Sie so empfange. Ich hatte Kopfschmerzen und mußte meine Haare lösen, weil sie mich zu sehr drückten.« Sie hob den Blick zu ihm. »Aber Sie sind bleich, mein Freund! Was fehlt Ihnen? Sind Sie müde? ... Sie haben hoffentlich keinen Ärger gehabt? Man wird uns gleich Tee bringen. Setzen Sie sich hierher auf den Divan neben mich.« Sie nahm ihn beim Arm und zog ihn mit. Aber Savinsky lehnte den Platz neben ihr ab und nahm ein Fauteuil auf der anderen Seite des Tischchens. Im Nebenzimmer, dessen Tür offen war, hörte man die alte Katja auf und abgehen, die dort Wäsche einräumte. Öfters steckte sie den Kopf herein, um Lydia ein paar Worte zu sagen. Ein Stubenmädchen brachte Tee. Lydia erkundigte sich nach Savinskys Familie. War er mit seinem Besuch in Finnland zufrieden? Sind die Kinder gesund? Savinsky bemerkte, trotz seiner Unruhe, daß eine Nuance in ihrem Ton ungewohnt sei. Sie sprach sehr herzlich, und doch war etwas Fremdes, etwas Konventionelles in ihrer Stimme, das neu zwischen ihnen war und ihm nicht entging. Er erzählte von dem Leben, das seine Frau und seine Kinder in ihrer Villa führten; von der Ungeduld des kleinen Boris, nach Petersburg zurückzukehren, und wie schwer es für Sonja sei, ihre Tage so fern von ihm zuzubringen, sich in Sorgen um ihn verzehrend. Er sprach länger und eingehender, als durch ihre Höflichkeitsfrage eigentlich gerechtfertigt war, wie um das eigentliche Thema, das ihm schwer auf der Seele lag, von sich fern zu halten. Erst als er zu Ende war, ließ er seine Augen wieder auf ihr ruhen, was er während seiner Worte beharrlich vermieden hatte. Sie saß auf dem Divan, halb zurückgelehnt, die Hände um die Knie verschlungen, die Finger verkrampft. Ängstlich sah er auf ihren Mund, der zusammengepreßt war, als würde sie einen Schmerz verbeißen. Entschieden füllte in diesem Raum eine quälende Spannung die Luft. Unbegreifliches schwebte zwischen ihnen, dessen Druck sie beide fühlten. Sicher war es die durch Lord Douglas aufgeworfene, bedeutungsvolle Frage. Sie mußte geklärt werden; es half alles Zögern nichts. Savinsky gab sich, ohne länger zu warten, einen Ruck, wie ein Selbstmörder sich geschlossenen Auges in den Abgrund stürzt. »Wo halten Sie mit Lord Douglas, Lydia Sergijewna? Ich habe an das, was Sie mir sagten, viel denken müssen.« Lydia richtete sich auf, blickte ihn forschend an, als wollte sie bis auf den Grund seiner Seele dringen, und erwiderte ungestüm: »Und Sie selbst, Nikolaus Wladimirowitsch, wo halten Sie mit Lord Douglas?« Das Unerwartete dieser Frage, die überraschende, unmittelbare Verbindung, die sie plötzlich zwischen dem Lord, Savinsky und sich selbst schuf, verblüfften ihn. Ein Schweigen entstand. Dann sprach Savinsky, kurz entschlossen, wobei er jedoch Lydia, die ihn nicht aus den Augen ließ, nicht anzublicken wagte: »Ich glaube, Lydia Sergijewna, daß Sie unter den jetzigen Verhältnissen nicht das Recht haben, ihn zurückzuweisen.« »Sind Sie auch sicher, Nikolaus Wladimirowitsch, daß dies wirklich Ihre Meinung, Ihre eigene, ehrliche Meinung ist? – Täuschen Sie mich nicht, Nikolaus Wladimirowitsch! Geben Sie gut acht! Sie wissen, daß ich Ihren Worten viel Gewicht beilege ... Ich bitte Sie sehr, überlegen Sie reiflich Ihre Worte. Heute werden sie vielleicht von besonderer Bedeutung sein ... Wählen Sie sie sorgfältig! – Mein Vater sprach ebenso wie Sie. Sicher hat er es Ihnen vorhin wiederholt; vielleicht hat er Sie beeinflußt? ... Sie aber will ich hören und nicht ihn durch Ihren Mund!« Sie hatte sich, während sie sprach, eigenartig erregt, trotzdem war die Farbe ihrer Wangen geschwunden und ihre Augen glänzten fast dunkel in ihrem bleichen Gesicht. Savinsky, dessen unerschütterliche Kaltblütigkeit und nie versiegenden, überlegenen Humor man bei den hitzigsten geschäftlichen Debatten stets bewunderte, war von dieser heftigen Mahnung ganz verwirrt. Er wußte keine Antwort. Durfte er den alten, zärtlich besorgten Vater verraten? Er zögerte, stammelte, versuchte sich durch einige allgemeine Phrasen über das Ungewöhnliche der Lage und über die Sorgen, die man sich selbstverständlich um nahestehende Personen macht, von der eigentlichen Antwort zu befreien. Er schämte sich selbst seiner einfältigen Worte, die er in einem so ernsten Augenblick gebrauchte. Er schloß schließlich mit einer noch verbrauchteren Wendung: »Wir wollen ja nur Ihr Glück, liebste Freundin.« Er war ganz überrascht, daß Lydia sich mit dieser abschweifenden Erwiderung zufrieden gab und nicht darauf bestand, ihre bündig gestellte Frage ebenso beantwortet zu sehen. Ja, sie schien jetzt ruhiger, fast sogar zufrieden und wechselte selbst das Thema, indem sie ihn nach seinen Erlebnissen seit seiner Rückkehr fragte. In einem plötzlichen Mitteilungsbedürfnis, erzählte ihr Savinsky von dem Besuch Semeonows am Tage vorher und wie dieser Mann ihn erbittert und aus seiner Ruhe gebracht habe, die er hätte bewahren sollen, und daß er fürchten müsse, jetzt in ihm einen Feind zu haben. Er zitierte den Ausspruch Semeonows über den Wert eines Menschenlebens. Lydia, die ihm mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte, unterbrach ihn lebhaft: »Dieser Mann kann sehr gefährlich sein, Nikolaus Wladimirowitsch ... Ich mag ihn nicht, ich fürchte mich vor ihm. Geben Sie acht, wenn er an Rache denkt! Er ist allmächtig, wie es scheint.« Savinsky hob die Schultern. »Es ist nun mal so«, meinte er fatalistisch. »Wir alle stehen in Gottes Hand.« Lydia fiel es wieder auf, wie müde und abgespannt er aussah. Sie überlegte eine Weile, abermals mit ernstem Gesicht und eingezogener Lippe. »Ich möchte Sie noch etwas fragen. Lachen Sie mich aber nicht aus, Nikolaus Wladimirowitsch, wenn ich Sie heute so ausfrage. – Haben Sie nach Ihrem Gespräch mit Semeonow nicht daran gedacht, sich nach Finnland zu retten?« Savinsky blickte sie so erstaunt an, als verstünde er die Frage nicht recht. »Mich nach Finnland retten, ich, warum denn? ... Nicht einmal an die Möglichkeit dachte ich ...« Lydia sah, daß er die Wahrheit sprach. Und wieder war ein langes Schweigen. Ein Diener, der melden kam, daß das Abendessen aufgetragen werde, unterbrach es. Savinsky erhob sich, um Abschied zu nehmen. Lydia hielt ihn zurück. »Warten Sie einen Augenblick, ich gehe mit hinunter. Nur eine Minute, bis ich mich frisiert habe.« Sie setzte sich an den Toilettentisch und nahm ihre schweren Haare, die Rücken und Schultern bedeckten, auf. Sie kämmte sie, flocht zwei Zöpfe und rollte sie mit ihren schlanken, eilenden Fingern geschickt auf das Hinterhaupt, wo sie mit Kamm und Nadeln befestigt wurden. Savinsky betrachtete sie andächtig schweigend. So zusehen zu dürfen, schien ihm eine neue, reizende Intimität, die ihn mit ihr verband, und er fühlte eine warme Glückswelle sein Herz beleben. Sonst dachte er an nichts mehr. Ihr so nahe zu sein, erfüllte ihn. Bald war sie fertig und verließ mit ihm das Zimmer. Als sie auf der Treppe waren, sagte sie im Tonfall eines kleinen Kindes, das schlimm war und wissen will, ob man ihm noch böse ist: »Werden Sie auch jetzt noch mit mir spazierengehen wollen, Nikolaus Wladimirowitsch? – Ich will Ihnen eine wichtige Sache erklären, die Sie nicht verstehen: daß die Lösung von Ihnen und Papa in Wirklichkeit eben gar keine Revolutionslösung ist ... Sie begreifen doch, was ich sagen will, daß man diese Lösung nicht gerade wählen muß, während wir in vollster Auflösung leben ...« Savinsky blieb verdutzt stehen. »Nein, Lydia Sergijewna, ich gestehe, ich begreife das nicht. Was wollen Sie damit sagen, gütiger Gott?« »Natürlich verstehen Sie es nicht. Wie können Sie auch. – Es ist ein bißchen zu kompliziert für einen nüchternen Mann, wie Sie. Aber es wird schon der Tag kommen, an dem ich es Ihnen erklären werde, ich verspreche es Ihnen.« Sie lachte fröhlich, entzückt, und neckte ihn so reizend mit seiner Schwerfälligkeit, daß Savinsky schließlich in ihr Lachen einstimmte.   Nach einer Nacht, in der er wenig Schlaf gefunden hatte, erwachte Savinsky erst spät am anderen Morgen. Während er sich ankleidete, tönte die Wohnungsklingel. Seine Bedienerin brachte ihm gleich darauf die Karte des Besuchers. Er las: Bogdanow, Unterkommissar des Bezirks Kasan. Savinsky runzelte die Stirn. Was zum Teufel suchte die Polizei bei ihm? Es war das erstemal, daß sie zu ihm kam, bisher hatte er nie anders, als durch Vermittlung des Hauskomitees mit ihr zu tun gehabt. Der Kommissar trat ein. Ein schmaler Jude, dürr, gelb, kurzsichtig, fahrig. Er war außerordentlich höflich. Mit wenigen Worten unterrichtete er Savinsky über den Zweck seines Besuches. Eine Revision der Pässe sei angeordnet und er komme, um Savinsky zu bitten, ihm den seinen für kurze Zeit anzuvertrauen. Savinsky war außer sich. Er rief, er könne unmöglich seinen Paß aus der Hand geben. Was sollte in dieser Stadt, in der man jeden Tag Gefahr lief, auf offener Straße verhaftet zu werden, ohne Legitimation aus ihm werden? Noch dazu habe er ein Dauervisum für Finnland, wo seine Familie wohne und wohin er jeden Moment gerufen werden könne. Der kleine Kommissar verneigte sich verbindlich. »Ich sehe das ein, Nikolaus Wladimirowitsch, ich verstehe das alles. Glauben Sie mir, ich bin untröstlich. Ich würde viel darum geben, Ihnen diese Unannehmlichkeit zu ersparen. Aber, leider, – der Auftrag ist bündig und gilt für alle! Alle Pässe müssen vom Kommissar bestätigt werden ... Bedauerlicherweise sind viele falsche Pässe im Umlauf. Daher diese Maßnahme, zu der wir genötigt sind.« Savinsky widersetzte sich noch immer. Er werde selbst an das Ministerium des Äußeren telephonieren, um die Sache zu erledigen. Der kleine Jude wandte ein, daß dies nicht ins Ressort des Außenministeriums falle, sondern ausschließlich Sache des Polizeikommissariats sei. Savinsky ereiferte sich immer mehr; der Kommissar blieb lächelnd, ehrerbietig, aber unbeugsam. »Wenn Sie aber von Semeonow selbst einen Befehl bekämen?« Bogdanow verbeugte sich bei diesem Namen, aber sein Gesicht Nahm einen ironischen Ausdruck an, der Savinsky nicht entging. »Selbstverständlich, wenn Leo Borissowitsch selbst interveniert, ist die Sache erledigt ... Aber das wäre eine große Ausnahme, ich versichere Sie ... Ich selbst wäre natürlich glücklich, glauben Sie mir, nur allzu glücklich.« Schon war Savinsky beim Telephon. Unglücklicherweise war Semeonow im Volkskommissariat noch nicht erschienen. Auf einen Anruf in seiner Wohnung teilte eine Männerstimme, nachdem sie Savinsky um den Namen gefragt hatte, mit, daß er bereits fort sei. – Wohin? – Unbekannt. – Savinsky legte den Hörer hin. Er war wütend. »Ich nehme an, daß Sie warten können, bis ich eine Verbindung mit Semeonow erreicht habe?« Der Kleine seufzte. »Ich muß den Paß aufs Kommissariat bringen. Es ist mir wirklich sehr unangenehm, aber ... Ich bin genötigt, verstehen Sie ... Ich wäre Ihnen gern dienlich, trotzdem ... Urteilen Sie doch selbst! Ich habe meine Befehle ...« Sein Widerstand schien Savinsky übertrieben und gemacht. »Es ist elf Uhr. Geben Sie mir bis Mittag Zeit. Kommen Sie dann nochmals, indessen werde ich Semeonow gefunden haben.« »Ausgeschlossen; Sie sehen doch ... Unmöglich! – Wie soll ichs ausdrücken? – Aber Sie werden doch selbst begreifen ... Versetzen Sie sich in meine Lage ...« »Ich begreife durchaus nicht,« rief Savinsky erschöpft. Aber plötzlich verstand er; der kleine Bogdanow hatte Angst, daß er diese Stunde zur Flucht benützen könnte! »Sie fürchten, daß ich durchgehe!« lachte er. »Ah, jetzt ist mir alles klar. Und selbstverständlich würde Ihnen auch mein Ehrenwort nicht genügen?« Bogdanow protestierte aus Höflichkeit, aber es war zweifellos, daß Savinsky seine Bedenken richtig eingeschätzt hatte. Savinsky faßte endlich einen Entschluß. Er ging mit Bogdanow in die Bank, suchte dort den Paß und übergab ihn dem kleinen Kommissar, der ihn mit vielen Bücklingen entgegennahm. »Ich danke Ihnen, Nikolaus Wladimirowitsch. Ich werde sofort eine vorschriftsmäßige Quittung ausstellen, die Ihnen so lange als Legitimation dient, bis ich den Paß zurückbringe.« Und er füllte einen Bogen, der den Siegel des Kommissariats trug, mit der Nummer des Passes und allen Personaldaten aus. Dann verschwand er. »Also bin ich ein Gefangener!« sagte sich Savinsky. »Das Gefängnis ist groß, das ganze Rußland, aber ein Gefängnis ist es trotzdem.« Eine Stunde lang suchte er Semeonow telephonisch zu erreichen. Weder in dessen Wohnung, noch im Volkskommissariat, noch im Smolny war er zu finden. Semeonow schien rein aus Petersburg verschwunden. Erschöpft gab Savinsky endlich seine vergeblichen Versuche auf und nahm sich vor, nachmittags beim früheren Ministerium am Schloßplatz vorzusprechen. Er ging zu Iwan Schupow-Karamin. Den traf er an. Savinsky wollte wissen, ob man ihm seinen Paß abgenommen habe. – Nein, er hatte auch nichts dergleichen gehört. – Das gab Savinsky zu denken. Offenbar also handelte es sich um einen Kniff des erfinderischen Semeonow, der damit seinem hochgeschätzten Freund Savinsky die Abhängigkeit vor Augen führen wollte, in der er ihn hielt. Er ging nachdenklich über den Hof, um einen Sprung zu Lydia zu machen, der er sagen wollte, daß er nachmittag nicht mit ihr gehen könne, denn solange diese Paßgeschichte nicht geordnet war, hatte er keine Ruhe. Er war sehr abgespannt, aber der Anblick Lydias, die er allein antraf, heiterte ihn wieder auf. Mit Galgenhumor erzählte er seine Erlebnisse. Am wichtigsten von seinem ganzen Bericht schien es Lydia, daß er Petersburg jetzt nicht mehr verlassen könne. Sie ließ sich das zweimal bestätigen. »Also sind Sie hier gefangen!« Erst dann, als sie diesen Umstand vollkommen zweifelsfrei festgestellt hatte, schien ihr der Gedanke klar zu werden, daß ihr Freund von den Bolschewiki verfolgt werde, und sie zeigte ihre Besorgnisse. »Das ist mal unvermeidlich,« meinte Savinsky. »Ich glaube doch noch so viel bei Semeonow zu gelten, um diesen Zwischenfall beilegen zu können.« Sie schwieg eine Weile. »Und wenn Sie nichts ausrichten, wollen Sie, daß ich zu Semeonow gehe?« Savinsky fuhr auf. Was für verrückte Gedanken! »Aber was fällt Ihnen ein, Lydia Sergijewna! Haben Sie ihn denn seither gesehen?« »Nein,« sie lächelte. »Wieso also ...?« »Es ist mir nur so eingefallen ... Sie wissen doch, daß er immer sehr zuvorkommend gegen mich war, und wenn wir uns bei Natalie trafen, schien er meine Gesellschaft zu suchen. Da dachte ich eben, daß er wegen so einer Kleinigkeit mir ganz sicher gefällig sein wird, auch wenn er sie Ihnen abschlägt. Vielleicht ist es Ihnen auch unangenehm, ihn bitten zu müssen?« »Nein, nein!« rief Savinsky. »Davon kann keine Rede sein. Das ist eine Sache, die nur zwischen mir und ihm ausgetragen werden kann. Was ich ihm am meisten verüble, ist, daß er mich hindert, nachmittags mit Ihnen auszugehen. Das werde ich ihm nicht verzeihen.« Als er Lydia verließ, sagte er noch: »Wissen Sie, daß ich nicht schlafen konnte?... Ja, ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, was Sie gestern beim Abschied gemeint haben könnten. Ich bin nicht darauf gekommen.« Lydia schaute ihn schelmisch an. »Sie sehen, daß es Dinge gibt, von denen ein kleines Mädel mehr versteht, als ein großer Herr. Ich erkläre es Ihnen morgen, wenn es Sie dann noch interessiert.« Auch im Laufe des Nachmittags gelang es Savinsky nicht, Semeonows habhaft zu werden. Er verlor seine Zeit im Smolny und im Ministerium. Schließlich ließ er ein ziemlich kühl gehaltenes Billet für Semeonow in dessen Wohnung zurück. Am nächsten Vormittag verlangte Semeonow ihn zum Telephon. Mit vollendeter Höflichkeit drückte er sein Bedauern aus und bat, ihn zu entschuldigen, er sei durch wichtige Besprechungen mit den deutschen Delegierten den ganzen Tag in Atem gehalten worden. Bezüglich der Paßangelegenheit sei die Sache schon erledigt. Er habe bereits die nötigen Weisungen gegeben. Er bat Savinsky, nicht böse zu sein; leider sei noch viel Unordnung in den Ämtern. Erst langsam werde alles in richtigen Gang kommen. – Eine Stunde später brachte der kleine Bogdanow das unentbehrliche Dokument. – Diese leidige Paßgeschichte hinterließ bei Savinsky einen recht üblen Eindruck; so ein Katz- und Maus-Spiel war doch recht unerfreulich. Zum erstenmal fühlte er jetzt, daß seine Lage nicht unbedenklich sei, und wenn Semeonow irgendwie erfahren würde, daß er noch Beziehungen zu dem geächteten Spaßki unterhalte, dann konnte sie mit einem Schlage sogar gefährlich werden. Er hatte den bestimmten Eindruck, daß er auf Semeonow nicht den geringsten Einfluß habe. Dieser schien bloß eine fühllose, politische Maschine zu sein, deren Gang durch nichts aufzuhalten war. Er überlegte lange. Das Wichtigste war, zunächst Spaßki zu verständigen, daß er ihm keine Boten mehr schicken dürfe. Es mußte eine Zwischenperson gefunden werden, denn weniger denn je dachte Savinsky jetzt daran, den Kampf gegen die Tyrannen im Smolny aufzugeben. Im Gegenteil, dieser Zwischenfall steigerte nur noch sein sehnsüchtiges Verlangen, sie bald an den Laternenpfählen einer Newabrücke hängen zu sehen. Und von einem plötzlichen Wunsch ergriffen, etwas zu unternehmen, ging er auf die Suche nach jenem Freund, den er brauchte, um mit den Führern der Donbewegung in Verbindung zu bleiben. Auf der Straße achtete er sorgfältig darauf, ob er nicht beobachtet werde. – Nein, Straße und Quai waren leer. Um sicher zu sein, überquerte er den Moika-Kanal und durchschritt eines der Häuser, das einen zweiten Ausgang in die Millionaja hat. – Es war kein Aufpasser hinter ihm. – Nachmittags kam er mit Lydia zusammen. Die jungen Mädchen hatten in Rußland seit jeher große Freiheiten, so gingen sie auch immer allein aus oder mit Bekannten, die ihnen gefielen. Nur wenn sie sehr vorsichtig sein wollten, vermieden sie es, sich allzuoft mit demselben Begleiter auf der Straße zu zeigen. Seit der Revolution, und noch mehr seit der Bolschewikizeit, waren aber auch diese freiwilligen Beschränkungen aufgegeben. Wenn auch Lydia und Savinsky bisher für ihre Spaziergänge wenig besuchte Orte, wie die Quais, den Sommergarten oder die Newaanlagen vorgezogen hatten, so geschah dies nur aus zufälliger Laune und gewiß nicht aus irgendwelcher Vorsicht. Es wäre auch sicher niemandem eingefallen, darüber zu reden, daß die Tochter des Fürsten Volynski mit einem Freund ihres Vaters gesehen wurde, besonders nicht, wenn dieser Freund der hochachtbare Nikolaus Wladimirowitsch Savinsky war, der als Muster eines guten Ehemanns und soliden Bürgers galt. So zögerten sie diesmal nicht, besonders, da es drei Tage vor Weihnachten war und beide zahllose Besorgungen zu machen hatten, ihren Weg durch die elegante Morskaja und über den Newski-Prospekt zu nehmen. Hier, im Stadtzentrum, war ein dichtes Gedränge auf den Straßen, aber die Leute gingen ohne Eifer und ohne Fröhlichkeit ihren Geschäften nach. Auf allen Gesichtern las man nur den gleichen Ausdruck der Besorgnis; die Unruhe über die Gegenwart und die Sorge um die Zukunft erfüllten alle Herzen. Der Mangel an allen Waren wurde täglich fühlbarer, und die Preise, sowohl der Lebensmittel, die man sich nur unter größten Schwierigkeiten verschaffen konnte, wie auch der wenigen Brennstoffe, die man auftrieb, stiegen fast von Stunde zu Stunde. Und gerade in dieser schweren Zeit hatten die Bolschewiki alle Banken besetzt und niemand konnte das Geld beheben, das er im Depot hatte. So sah man den Festtagen ohne jede Freude entgegen. Die Verkäufer von Luxuswaren sahen keine Kunden, nur die Geschäfte, in denen Eßbares feilgeboten wurde, waren ständig belagert. Aber vor den Preisen, die für Truthühner, Gänse oder Hühner, die man für den Weihnachtsbraten brauchte, verlangt wurden, schreckte so mancher, entmutigt den Kopf schüttelnd, zurück. Die meisten Leute aber kauften trotzdem, denn es waren ja Russen, die stets eine bewundernswerte Nichtachtung des Geldes auszeichnet. Lydia und Savinsky waren viel zu sehr miteinander beschäftigt, als daß sie auf das Straßenleben geachtet hätten. Sie kehrten in einer Teestube in der Nähe des Newski ein, die von verarmten Damen der Gesellschaft und ehemaligen Offizieren kürzlich eröffnet worden war. Zufällig kannte Lydia einen von ihnen, mit dem sie öfters getanzt hatte; er gesellte sich zu ihnen. Er war ein großer, junger Mann, mit regelmäßigen Gesichtszügen. Den Wechsel in seinem Leben schien er mit dem größten Gleichmut hinzunehmen. Er scherzte sogar gerne darüber. Zu anderen Zeiten hätte ihn Savinsky zwar unbedeutend, aber harmlos gefunden, und nicht schlimmer als Zehntausende ähnlicher junger Männer. Jetzt aber mißfiel er ihm gewaltig; er nahm die Dinge doch mit einer allzu aufreizenden Leichtigkeit! Er fühlte sich in seiner neuen Stellung so wohl, als wäre er dazu geboren, Kellner zu sein und nicht Gardeoffizier, lächelnd seinen Kunden Tee zu servieren und nicht Männer in die Schlacht zu führen. Hatte er wirklich in diesen Zeiten nichts Besseres zu tun? Bei den Bolschewiki arbeitete man wenigstens, ja, man bewies eine erstaunliche Tatkraft; der unleidliche Semeonow zeigt einen unbeugsamen Willen. Und hier ging ein so großer Tölpel aus einer der besten Petersburger Familien mit Teetablettes herum! Er dachte an Spaßki, der am Don bemüht war, eine Armee aufzubringen. Hier gab es gewiß hunderttausend ähnlicher Herren der ehemaligen Armee, die es vorzogen, in der Stadt zu faulenzen, von Gelegenheitsgeschäften zu leben und Stufe um Stufe hinabzusteigen, immer tiefer auf dem Weg, der langsam, aber unfehlbar in Schmach und Elend führt. Bei der Donarmee wurde die Rekrutierung täglich schwieriger und in den Städten gab es hunderttausende ehemalige Offiziere, die einen ehrlosen Untergang dem Versuch vorzogen, Rußland zu retten! – Savinsky grübelte schwermütig über diese Zeichen der Zeit und blieb stumm. Lydia legte, als sie ihn so in sich versunken sah, ihre Hand auf die seine und neigte sich mit der Frage zu ihm, welche Sorge ihn bedrücke. Er war von dem Ton, mit dem sie diese einfache Frage stellte, ganz ergriffen. Er glaubte beinahe Zärtlichkeit herauszuhören. Wieder einmal wurde seine ganze Verstimmung fortgeweht. Er sah Lydia tief in die Augen. »Es gibt keine Sorgen, die vor dem Klang Ihrer Stimme bestehen könnten!« Niemals noch hatte er so unverhüllte Worte zu ihr gesprochen, und fast meinte er zu deutlich gewesen zu sein, da es ihm schien, als ob Lydia leicht errötet wäre. Er blieb einen Augenblick verlegen; dann erinnerte er sich ihrer Anspielung und der Erklärung, die sie ihm schuldete. So frug er sie jetzt nach den Gründen, die sie so dunkel angedeutet hatte, daß ihm nicht klar geworden war, warum sie die Verbindung mit Lord Douglas ablehne. »Das ist hier schwer zu sagen. Immerhin glaube ich, daß es mir möglich sein wird,« entgegnete sie. »Nur müssen Sie ein wenig näher kommen, Nikolaus Wladimirowitsch, es ist nicht nötig, daß man uns zuhört.« Savinsky rückte seinen Sessel heran und beugte sich weit über den Tisch, so daß sein Gesicht ihre Haare streifte. Sie begann, ein wenig befangen. »Ich verstehe es sehr gut, Nikolaus Wladimirowitsch, warum Papa wünscht, daß ich diesen Engländer heirate. Papa denkt einzig und allein daran, daß er krank ist und daß Petersburg heute keine Stadt ist, in der Leute unserer Gesellschaftsklasse sicher sind. Trotzdem ich ihm das Liebste auf der Welt bin, würde er sich damit abfinden, mich zu verlieren, wenn er mich dadurch gerettet wüßte. Die Ehe, die er mir vorschlägt, ist sozusagen eine vernünftige Lösung. Ja, einen Mann zu nehmen, der jung, schön, reich ist und mir eine große gesellschaftliche Position verbürgt, dagegen läßt sich kaum etwas einwenden; ja, es wäre sogar außerordentlich klug, und wissen Sie, Nikolaus Wladimirowitsch, zu anderen Zeiten hätte ich es wahrscheinlich auch getan, natürlich, wenn ich keinen anderen geliebt hätte ... Aber ist es jetzt am Platz, von vernünftigen Lösungen zu sprechen, hier, in dieser Stadt der Narren? Ich soll etwas Überlegtes tun, etwas Kluges, das alles beilegt, jetzt in diesen Tagen, in diesem Rußland, wie wir es vor Augen haben? – Der bloße Gedanke daran ist schon schrecklich! Dieses Ideal ist nichts für uns, nichts für mich; Sie verstehen doch, das paßt nicht hierher, jetzt nicht mehr. Ich sagte, daß Sie und Papa so sprechen, wie Sie es vor einem Jahr auch getan hätten, damals als noch alles ruhig war. Aber heute, da man kaum weiß, ob man den nächsten Tag erleben wird, heute alles so weit vorausberechnen und sein ganzes Leben mit einem Schlag festlegen – das ganze Leben, bedenken Sie doch! – das wäre widersinnig, lieber Freund, ganz widersinnig! Was Sie mir zur Rettung vor der Revolution vorschlagen, das kann man nicht tun, eben wegen der Revolution nicht tun. Und weil Sie ein Mann sind, haben Sie das alles nicht verstanden, und ich mußte kommen und Ihnen die Augen öffnen ...« Sie blickte Savinsky an, als ob sie sich fragen würde: »Darf ich mich eigentlich über diesen großen Herrn, der so klug und so angesehen ist, in solcher Weise lustig machen? – Ja, ich darf, und es ist köstlich, es zu tun.« Savinsky erwiderte nichts. Der Sophismus in Lydias Worten war so offenkundig, so leicht widerlegbar, und doch lag für ihn etwas so Verführerisches darin, daß er weder Lust noch die Kraft hatte, sie zur Logik zu bekehren. Auch fühlte er in seinem Herzen, daß sie eine ganz entzückende Stunde ihres seltsamen Lebens zu zweit genossen hatten; was brauchte er weiter zu denken? Es kommt ja doch alles von selbst ins rechte Geleise! –   Weihnachten verbrachte er in Petersburg. Er hatte eine lange Unterredung mit dem alten Lamshof von der Deutschen Bank gehabt, die so interessant gewesen war, daß sie eine zweite Begegnung vereinbarten, die gerade am Weihnachtsabend stattfinden sollte. Savinsky wollte auf diese seltene Möglichkeit, sich über die Absichten der Deutschen genau zu unterrichten, nicht verzichten; er hoffte, ihre Meinung über die Bolschewiki, wie sie sich zu ihnen stellen wollten, und vor allem, wie lange sie dulden würden, daß sie die Macht in Rußland behielten, aus authentischer Quelle zu erfahren. Denn es war für ihn keinen Augenblick zweifelhaft, daß die Existenz Lenins und Trotzkis nur von der Gnade der Berliner Schicksalsgötter abhing. Er sandte seiner Frau daher eine Nachricht, daß Geschäfte ihn in der Stadt zurückhielten, aber daß er am Sylvesterabend bei ihr und den Kindern sein werde. Er schrieb ihr überaus herzlich, denn er dachte voll Zärtlichkeit an sie. Jetzt, da er eine andere liebte, fühlte er die Bande der Freundschaft, die ihn mit Sonja verknüpften, stärker als jemals. In dem Bild, das er von seiner Frau in sich trug, bildete ihre vornehme Gesinnung den Grundton. Er hatte vollstes Vertrauen zu ihr, die von so ruhiger Güte war, wie gern hätte er von den neuen Gefühlen, die ihn bewegten, mit ihr gesprochen. Er hatte keinen besseren Freund, keinen lieberen Vertrauten, als sie. – Natalie gab ein Souper für fünfzehn Personen. Champagner wurde getrunken, und die Stimmung war bald sehr fröhlich. Diesmal hatte Natalie, die zu bemerken glaubte, daß Lord Douglas gegen sie stets kühler wurde, aber mit Lydia auffallend gern plauderte, letztere neben Savinsky gesetzt. Nikolaus fühlte sich um zwanzig Jahre verjüngt. Aber hatte er denn selbst damals diese wunderbare Lust am Leben, wie sie ihn jetzt erfüllte, diese kraftvolle Freude, wie sie jetzt aus seinem tiefsten Wesen hervorbrach, gekannt? Seine ganze Vergangenheit, auf die er nur gleichgültige Blicke warf, erschien ihm schal und inhaltlos im Vergleich mit seinem jetzigen Erleben. Die junge Zauberin an seiner Seite hatte ihm einen Trank eingegeben, der ihm die ganze Welt in Schönheit erstrahlen ließ. Mit nachsichtigem Wohlwollen betrachtete er die Leute ringsumher. Selbst Lord Douglas schien ihm liebenswert. Dieser Antinous aus Thule trug es Lydia in keiner Weise nach, daß sie ihm einen Korb gegeben hatte; gewiß meinte er, daß ihre endgültige Antwort anders lauten werde. Sicher glaubte er das Spiel schließlich mit den Trümpfen, die er in der Hand hielt, doch zu gewinnen. Er lachte und scherzte mit dem jungen Mädchen und Savinsky nahm daran keinen Anstoß. Und selbst als Lydia gegen Mitternacht aufbrach, sah er sie ohne Besorgnis in seiner Begleitung den Heimweg antreten, so sehr war er davon durchdrungen, daß ein Geschöpf, wie Lydia, niemals diesen Mann, der einer so fremden Rasse angehörte, heiraten würde. Einige Tage später ereignete sich zwischen ihm und Lydia ein Zwischenfall, der ihm unverständlich schien. Es war ein so unvermuteter Schlag, daß er davon ganz verwirrt blieb. Er war mit dem jungen Mädchen ausgegangen, um Einkäufe am Newski zu machen und als sie bei einem Spielwarenladen vorbeikamen, traten sie ein. Er mußte seinen Kindern Neujahrsgeschenke mitbringen. Bis dahin war Lydias Stimmung fröhlich und sogar herzlich gewesen. Im Geschäft aber fiel es Savinsky auf, wie zerstreut sie mit einem Male war. Er brauchte sehr lange, bevor er seine Wahl getroffen hatte und Lydia schien keinerlei Interesse daran zu nehmen und sprach fast nichts. Wenn er um Rat fragte, antwortete sie nur einsilbig, fast abweisend und Nikolaus verstand den Grund ihrer so plötzlichen Verstimmung nicht. Zufällig kam auch Lord Douglas in das Geschäft. Lydia sprach liebenswürdig mit ihm, er lachte und plauderte wie gewöhnlich. Er half Savinsky bei seiner Auswahl und erkundigte sich nach dessen Frau, wobei er Savinsky dazu beglückwünschte, daß er sie in Finnland untergebracht habe, obgleich Petersburg in dieser Zeit noch interessanter sei, als jemals früher. Schließlich bat er Savinsky, ihr seine Empfehlungen zu bestellen, wenn er sie wieder besuche. Savinsky dankte und fügte hinzu: »Ich werde den Neujahrstag bei ihr verbringen, ich reise übermorgen.« Dann wandte er sich wieder den Spielsachen zu, die man herbeitrug. Im gleichen Augenblick sprach Lydia mit erhobener Stimme zu Lord Douglas: »Wollen Sie mich nach Hause begleiten? Es wird spät und ich habe noch eine Verabredung.« Douglas sagte entzückt zu. Lydia reichte Savinsky die Hand: »Auf Wiedersehen, Nikolaus Wladimirowitsch. Es tut mir leid, Sie verlassen zu müssen, aber ich hab' mich schon sehr verspätet. Wir sehen uns bald, nicht wahr?« Sie sprach diese Worte in jenem gleichgültigen, gesellschaftlichen Ton, in dem Natalie geistesabwesend ihr Liebenswürdigkeiten zu sagen pflegte und war schon draußen, ehe noch Savinsky sich von der Überraschung erholt hatte und sie zurückhalten konnte. Er hatte nur ein paar unzusammenhängende Worte zu murmeln vermocht und blickte fassungslos von der Türe, die sich eben hinter ihr geschlossen hatte, auf die Reihe russischer Puppen, die mit ihren purpurroten Wangen vor ihm auf dem Tisch lagen und ihn aus wasserblauen Augen anglotzten. Was mochte in Lydia vorgehen? Wie war dieser plötzliche Stimmungsumschwung zu erklären? Wie war es, nach allem, was sie gesagt hatte, zu begreifen, daß sie ihn freiwillig verließ, um mit dem Lord fortzugehen? Was war das für eine Verabredung, von der sie vorher kein Wort gesagt hatte? Savinsky gab es auf, die Seele dieses jungen Mädchens zu verstehen. Auf diesem Gebiet kam er sich verloren vor, wie in unbekannten Ländern ... Was verstand er denn überhaupt von den Frauen? Seine lange Ehe hatte ihn von der Welt isoliert; seine Frau war gewiß nicht kompliziert, war ohne Stimmungen und ohne Launen. Er las in ihr, wie in einem offenen Buch und niemals hatte er über sie nachzudenken gehabt. So hatte er fünfzehn Jahre in restlos sentimentaler Ruhe mit ihr verlebt. Und vorher, zwischen zwanzig und dreißig, hatte er wohl manches Abenteuer, aber keine Erlebnisse gehabt. Er hatte Siege errungen, deren er sich nicht rühmte, denn sie hatten gar zu wenig Mühe gekostet ..., er hatte Abschiedsstunden erlebt, die kein anderes Gefühl in ihm zurückließen, als das der Freude über die wiedergefundene Freiheit, nachdem sie einige Wochen oder Monate verloren gewesen ... Niemals war er psychologischen Problemen gegenübergestanden, so fand er auch jetzt keinen Schlüssel zu den launischen Stimmungen Lydias, die ihn so unvorbereitet trafen. Lange dachte er über sie nach. Hatte er sie vielleicht unbewußt gekränkt? Nein, er war sicher, daß er sie in keiner Weise verletzt haben konnte. Mochte sie vielleicht erraten haben, daß seine Gefühle ihr gegenüber nicht mehr bloß die des guten Freundes waren, für den er sich ausgab? Dieser Gedanke hatte etwas Verlockendes und er hielt sich länger dabei auf. Wenn sie sich ihrer Macht über ihn bewußt geworden war und nach rechter Frauenart Mißbrauch damit trieb? – Nein, dann müßte sie wohl eine ganz andere Lydia sein, als die, deren verehrtes Bild er in sich trug! – Er verzichtete schließlich darauf, die Erklärung ihres so sonderbaren Benehmens zu finden und nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit Lydia selbst mit jener Natürlichkeit, die zwischen ihnen bestand, darum zu befragen. Aber seine Absicht wurde zunächst durchkreuzt, denn er konnte Lydia vor seiner Abreise nicht mehr sehen. Sie war, wie man ihm telephonisch sagte, leicht erkrankt und hütete das Bett. Er schrieb ihr ein paar Zeilen, wünschte ihr ein gutes neues Jahr und teilte ihr mit, daß er am zweiten oder dritten Januar zurück sein werde. Antwort erhielt er nicht. Es war ja eigentlich auch keine nötig, aber er fühlte sich trotzdem enttäuscht. Am vorletzten Tage des Jahres reiste er zeitig morgens mit dem ersten Zug. An der Grenze entstand eine Schwierigkeit; der Bolschewiki-Kommissar erklärte, daß die alten Sichtvermerke ungültig seien und daß man ein Visum des Volkskommissariats haben müsse. Und Savinsky sah ein, daß er gegen das Schicksal nicht ankämpfen könne. Trotzdem war er sehr verzweifelt. Er dachte an die Enttäuschung von Frau und Kindern. Er hatte das Gefühl, als wäre es ein Verrat, wenn er am Neujahrstag nicht bei ihnen sei. Ein Beamter des Paßbureaus kam ihm unvermutet zu Hilfe. Er war schon unter dem Zaren hier angestellt gewesen und kannte Savinsky seit längerer Zeit. In einem Augenblick, als der Kommissar, ein brutaler Kronstädter Matrose mit flackernden Augen, aus dem Zimmer gegangen war, flüsterte er Savinsky zu, daß er dienstlich im Auto nach Petersburg fahre und gerne bereit wäre, ihn mitzunehmen. Es seien kaum dreißig Kilometer, wenn alles klappte, würden sie noch vor Mittag in der Stadt sein und vielleicht könnte Savinsky sein Visum sofort bekommen und mit dem ersten Zug am Nachmittag wieder zurückreisen. Um bei dem Kommissar keinen Argwohn zu erwecken, sollte Savinsky das Auto außerhalb der Station erwarten. Savinsky ließ sein Gepäck im Zollamt und ging langsam auf der Straße gegen Petersburg zurück. Eine Viertelstunde später saß er im Auto, das sich durch den hohen Schnee mühsam seinen Weg bahnte. Der Reisegefährte Savinskys war ein kluger, angenehmer Mensch. Er hatte seine Stelle behalten, um nicht zu verhungern und auch, weil er hier an der Grenze die Möglichkeit hatte, seinen alten Freunden zu helfen. Sobald er übrigens genug habe, werde er einfach die wenigen Schritte über die berühmte Holzbrücke, die Finnland von Rußland trennt, hinübergehen. Sie sprachen französisch, um von dem Soldaten, der das Auto lenkte, nicht verstanden zu werden. Savinsky erfuhr hier eine Neuigkeit, die für ihn von größter Bedeutung war. Der Beamte war über die Absichten der kommunistischen Partei in Finnland und über die Mittel, die ihr zur Verfügung standen, durch einen glücklichen Zufall genau unterrichtet. Danach war es nicht zu bezweifeln, daß die Finnländer Kommunisten von Petersburg Geld und Waffen zugesandt erhielten. Emmissäre von Lenin und Trotzki pendelten ununterbrochen zwischen Petersburg und Helsingfors. Zufolge sicheren Nachrichten war ein Staatsstreich gegen die schwache bürgerliche Regierung für Mitte Januar zu gewärtigen. Der Beamte zweifelte nicht an dem Erfolg der Kommunisten. – Das gab Savinsky viel zu denken. Seine Familie war auch in Finnland nicht mehr sicher. Aber würde denn Sonja ohne ihn ins Ausland gehen wollen? Und seine Depots von den finnischen Banken mußte er abziehen, denn sie würden ja das gleiche Schicksal haben wie die Petersburger. Im Kommissariat für äußere Angelegenheiten hatte Savinsky das Glück, Semeonow zufällig im Hausflur zu treffen. Er wurde sehr liebenswürdig von ihm begrüßt und gefragt, ob er ihm irgendwie nützlich sein könne. Savinsky erklärte ihm, daß er an der Grenze angehalten worden sei. Semeonow wurde sofort sehr ernst. »Wir geben keine Ausreisebewilligungen mehr. Es sind zu viel Leute geflüchtet. Sie haben die Unordnung in den finnischen Ämtern benutzt, um, wie wir von unseren Agenten erfahren haben, nach Schweden zu gelangen.« »Aber ich habe doch nicht die Absicht, nach Schweden zu gehen,« erwiderte Savinsky lebhaft. »Daran zweifle ich nicht.« Semeonow versuchte ein Lächeln. »Ich bin sogar davon überzeugt, daß Sie wichtige Gründe haben, Petersburg nicht zu verlassen...« Er verstummte einen Augenblick und setzte dann etwas lauernd hinzu: »Und wäre es auch nur, um Ihre wertvolle Unterhaltung mit Lamshof fortzusetzen.« Savinsky dachte mit Ingrimm: »Er weiß alles, was ich tue. In seinem früheren Satz war bestimmt eine Anspielung auf Lydia.« Er kämpfte aber seinen Zorn nieder und sprach eindringlich: »Sie können davon überzeugt sein, daß ich nicht an Flucht denke. Aber ich habe wichtige Gründe nach Finnland zu reisen, wo meine Frau und meine Kinder sind ... Ich beabsichtige, sie nach England zu schicken, um meinen Sohn in ein College zu geben und rechne darauf, daß Sie die Vidierung ihrer Pässe nicht ablehnen.« »Ja, ich begreife, daß im Augenblick die englischen Schulen besser als unsere sind.« Semeonow dachte eine Weile nach. »Gut, ich werde Ihnen das Visum geben, Nikolaus Wladimirowitsch. Und ich verspreche auch, sobald Sie mir die Pässe Ihrer Frau und Ihrer Kinder bringen, die Ausreise aus Finnland darauf zu bewilligen ... Aber nicht wahr, wir sprechen doch hier von Mann zu Mann – können Sie mir die Zusicherung geben, daß Sie in den ersten Tagen des Januar nach Petersburg zurückkehren? – Ich habe viel mit Ihnen zu besprechen, wissen Sie und eine Unterredung mit einem Menschen von Ihren Qualitäten bleibt für mich unendlich wertvoll.« Savinsky gab, innerlich vor Wut kochend, das verlangte Versprechen. Noch am gleichen Abend war er bei seiner Frau, die sehr besorgt gewesen war, als sie ihn beim Frühzug vergeblich erwartet hatte. Nur mit vieler Mühe konnte er sie überreden, ihm ihren Paß wegen des Ausreisevisums zu übergeben. »Ich will aus Finnland nicht fort,« sagte Sonja mit Nachdruck. »Es ist schon genug, daß ich überhaupt hier bleibe und nicht nach Petersburg zu dir zurückkehre. Wenn man von hier fort muß, dann gehe ich nicht ohne dich. Warum bleibst du nicht endlich bei uns?« Savinsky deutete auf sein Versprechen hin, daß er Semeonow gegeben hatte. Übrigens sei er durch seine Beziehungen zu diesem völlig geschützt. Und jetzt, da niemand wußte, was die Deutschen unternehmen wollten, mußte er zur Hand sein. Vielleicht würden sie Petersburg schon im nächsten Monat besetzen und dort zumindest Ordnung und Sicherheit herstellen. Da aber die Lage in Finnland von heute auf morgen gefährlich werden könnte, beschwor er sie, um der Kinder willen, ihn erst in Stockholm zu erwarten. Er, als einzelner Mann, würde immer Mittel und Wege finden, die Grenze zu überschreiten, schlimmstenfalls nachts auf Schmugglerpfaden. Sonja ließ sich endlich überzeugen, aber vermochte trotz ihrer Selbstbeherrschung ihre tiefe Traurigkeit nicht zu verbergen. Am 2. Januar fuhr Sonja mit ihm nach Helsingfors, wo er seine Angelegenheiten bei den Banken erledigte. Sie speisten allein im Hotel Kemp. Sonja blieb still und ernst, vergeblich suchte Savinsky sie aufzuheitern. Auch aus seiner Stimmung lastete der neuerliche Abschied von ihr, der treuen Gefährtin seines Lebens, der Mutter seiner Kinder. Er ging zurück nach Petersburg, was würde aus ihm werden? Niemals noch war die Zukunft so ungewiß gewesen. Selbst Lydias Bild war verschwommen. Wie würde er sie wiederfinden? Als jene Lydia der früheren Tage oder als die Prinzessin aus dem Spielwarengeschäft? Wäre es nicht doch das einzig Kluge, bei seiner Familie zu bleiben? – Im Exil? – Losgerissen von seiner Arbeit, von dem Werk eines ganzen Menschenlebens? Um als alternder Mann zwecklos dahinzudämmern? – Und doch vermochte er sich von den düsteren Ahnungen, die ihn bedrückten, nicht zu befreien. Der Abschied am nächsten Morgen war für beide herzzerreißend. –   Lydia wartete ungeduldig auf Savinskys Rückkehr. Schon gestern hätte er da sein können und heute hatte sie den ganzen Tag auf seinen Anruf gewartet. Würde er denn erst nachts ankommen? Was hielt ihn so lange in Finnland zurück? Sie ging nervös in ihrem Zimmer auf und ab, ihre Stirn zog sich in Falten. Sie wollte sich nicht niederlegen, sie wußte, daß sie doch keinen Schlaf finden würde. So ging sie vom Bett zum Fenster, vom Fenster zum Bett, rastlos, gedankenversunken ... Über den Peter-Pauls-Dächern funkelten auf dem schwarzen Winterhimmel die klaren Steine; welch' erhabene Ruhe dort oben und welch' große Unruhe in diesem kleinen Zimmer! – Endlich blieb sie stehen; sie war müde, sie hätte sterben mögen. Und plötzlich wechselte der Ausdruck ihres Gesichtes. Sie murmelte als Abschluß ihrer schweren Gedanken: »Ja, ich muß es tun!« Ihre Augen blitzten auf, ihre Züge spannten sich. »Ich werde es tun!« flüsterte sie nochmals vor sich hin und ihre Wimpern senkten sich, während eine leichte Röte in ihre Wangen stieg. Sie hatte in all den Wirbeln, durch die sie sich geschleift fühlte, einen Halt gesehen ... Langsam entkleidete sie sich, rückte sich in ihrem Bett zurecht und schlief auch augenblicklich ein – denn, wie gewaltig auch die Stürme sein mochten, die sie bewegten, sie war erst achtzehn Jahre alt und in diesem Alter gibt es keine Sorgen, die der Schlaf nicht besiegt.   Am nächsten Morgen, der kalt und grau, ein rechter trüber Wintertag vor ihrem Fenster lag, wagte sie ihren Entschluß nicht voll zu betrachten; nur mit raschen Seitenblicken streifte sie ihn. Ja, was sie sich vorgenommen hatte, stand auch heute noch unverändert vor ihr, sie bereute nichts und widerrief nichts. Aber ein Ziel, so blendend, daß die Augen schmerzten, war besser nicht so lange zu betrachten. Sie war ja doch gewiß, es einmal zu erreichen. Wann und wie? – Unmöglich war es, dies vorauszusehen oder gar Schritt für Schritt den Weg dahin zu bestimmen. Indessen fühlte sie nur den einen wehmütigen Wunsch in sich, all den quälenden Fragen, mit denen jede Stunde ihr verzagtes, einsames Gemüt bestürmte, zu entrinnen und die Verantwortung für ihr Geschick anderen, festeren Händen anzuvertrauen. – Katja ging in ihrer ein wenig gebückten Haltung geschäftig im Zimmer hin und her. »Sie ist doch gar nicht so alt,« dachte Julia, aus ihrem Bett nach ihr hinblinzelnd. »Noch keine fünfzig. Wie rasch die Frauen doch verwelken. Paar Jahre haben sie für sich und dann ist's aus ...« »Katja, Katja,« rief sie, »warum hältst du dich so krumm?« Katja kam heran, sie neigte den Kopf. »Ich hatte viel Kummer, mein kleines Täubchen,« und sie lächelte mit ihrem großen Mund, daß ihre Zahnlücken sichtbar wurden. »Wie viele Zähne hast du noch?« frug Lydia neugierig und verschränkte die Arme unter ihrem Kopf. »Aber das weiß ich doch nicht, mein Seelchen, ich habe sie ja nie gezählt. – Genug für das, wozu ich sie noch brauche.« »Ich habe achtundzwanzig – und starke. Ich kann fest beißen, wenn ich will, schau nur.« Sie hob einen ihrer Arme, daß der Spitzenärmel bis an die Schulter zurückglitt, näherte ihn ihrem Munde, den sie weit aufriß und biß mit voller Kraft in das zarte Fleisch. Als sie wieder losließ, sah man in kleinen roten Mustern zwei Reihen Zähnchen auf der weißen Haut. »Aber Lydotschka, du bist ja heut' verrückt!« Und die Amme nahm den Arm ihrer jungen Herrin und streichelte ihn zart. »Komm Katja, erzähl' mir die Geschichte von Iwan. Aber nur von dort an, wie er zum Schloß kommt, in dem die Prinzessin gefangen ist. Das ist die Stelle, die ich so liebe. Du weißt doch, wie die Königstochter auf dem Turm steht und in das Land hinausblickt. Erinnerst du dich an die Worte?« »Das war so: ›Iwan erblickte nach kurzer Wanderung ein herrliches Schloß, das ganz aus Gold und Glas erbaut war und hörte überirdische Klänge daraus tönen, die ihn in Entzücken versetzten. Er entdeckte auf dem Söller des höchsten Turmes ein junges Mädchen von wunderbarer Schönheit, die Laute schlagend ... Gespannt blickte sie nach der Richtung, in der Iwan stand, denn ihre alte Amme hatte sterbend zu ihr gesprochen: Weine nicht! Gräme dich nicht! Von dort her (da hatte sie nach Osten gezeigt) wird ein Mann kommen, kühn und mächtig, dich zu befreien ... « »Katja,« unterbrach Lydia plötzlich, »wie alt war Iwan, als er die Königstochter zur Frau nahm?« »Ja, darüber wird in der Geschichte nichts gesagt. Aber er war gewiß ganz jung, vielleicht zwanzig ...« »Zwanzig Jahre! Zwanzig! – Einen Mann nehmen, der erst zwanzig Jahre alt ist! – Was für ein schrecklicher Gedanke! – Daran hatte ich niemals gedacht, wenn du mir diese Geschichte erzähltest ... Und jetzt hab' ich sie gar nicht mehr gern ...« – Savinsky kam gegen fünf Uhr, nachdem er dem Fürsten einen kurzen Besuch gemacht hatte, zu ihr. Sie empfing ihn diesmal in einem kleinen Boudoir, das an das Wohnzimmer ihrer Mutter grenzte. Man hörte nebenan die Stimme der Fürstin, die mit General Wasiliew mit gewohntem Ernst ihre Nichtigkeiten besprach. Das Murmeln aus dem Nebenzimmer mischte sich mit dem eintönigen Summen des Samovars. – Noch bevor sie einander gegenüberstanden, waren Lydia und Nikolaus unruhig und nervös. Savinsky hatte seit mehreren Tagen, wenn er mit ihr zusammenkam, das Gefühl, sich auf gefährlichem Boden zu bewegen; kein Zeichen, kein Instinkt warnte ihn vor den Stellen, auf die er nicht treten durfte. Er fürchtete immer eine neuerliche Verstimmung Lydias. Wie war sie zu verhüten? Noch beim Betreten des Zimmers dachte er darüber nach, als er ihr aber ins Auge sah, war seine Freude, ihr wieder nahe zu sein, so groß, daß er alles andere darüber vergaß. Immerhin vermied er es, von Finnland und von der bevorstehenden Abreise seiner Frau zu sprechen. Er glaubte, Lydia darin verstanden zu haben, daß ihr jede Erwähnung einer Reise unerträglich sei; vermutlich deshalb, weil sie selbst Rußland nicht verlassen konnte! – Lydia war entzückend, herzlich und liebenswürdig, wie früher immer. Sie erzählte Savinsky all die tausend Kleinigkeiten, die in ihrem Leben Ereignisse bildeten. Von Lord Douglas fiel kein Wort. Aber bald, nachdem die Lebhaftigkeit der Anfangsunterhaltung verebbt war, entstand eine unbehagliche Spannung, die Savinsky rasch fühlte. Es schien, als wären sie beide in einem leichten Fieber. Aus Lydias Stimme glaubte er eine Spur von Befangenheit zu hören und ahnte unter der glatten Oberfläche ihres Geplauders eine Strömung geheimer bewegter Gedanken. Unvermitteltes Verstummen, gewisse Blicke, die, kaum bewußt geworden, schon abschweiften, zwei Hände, die keine Ruhe fanden, – – das waren die Wirbel an der Oberfläche, die ihn die tiefere Bewegung erraten ließen. Savinsky selbst wurde durch Beobachtung dieser Zeichen von Nervosität bei dem jungen Mädchen noch verwirrter. Auch er zeigte Aufregung, Unruhe. Endlich vermochte er die wachsende Spannung nicht mehr zu ertragen; er erhob sich, ohne zu überlegen, stand auch sie auf. Er kam zu ihr heran, nahm ihre beiden Hände und sprach weich und kosend: »Was ist Ihnen, Lydia Sergijewna? Was geht vor? Bin ich nicht mehr Ihr Freund? Haben Sie kein Vertrauen mehr zu mir? Ich verstehe das alles nicht ...« Sie blickte ihn mit leichtgesenktem Kopf aus ihren großen Augen lange an, ohne zu sprechen. Eine beunruhigende Starre lag in diesen Augen und plötzlich sah Savinsky sie voll Tränen ... Das konnte er nicht ertragen. Ohne zu bedenken, daß man sie vom Nebenzimmer sehen könne, zog er Lydia in seine Arme und sprach in seiner Erregung alle die zusammenhanglosen Worte, wie man sie gebraucht, um weinende Kinder oder Frauen zu trösten. »Lydia, Lydotschka, meine liebe, kleine Lydia, ich bitte Sie ... fassen Sie sich, ... aber, aber, warum denn so großer Kummer? – Was ist es denn? Weinen Sie doch nicht ... Wenn auch die Tränen Sie noch viel schöner machen ... Nun, nun, es wird schon besser ... Sagen Sie mir doch, was Sie so quält ... Nein, nicht mehr weinen, ich kann's ja nicht mitansehen. Wirklich, wenn Sie noch lang weinen, fang ich auch noch an ... Denken Sie bloß der schöne Anblick von uns beiden ...« Und während er zu ihr herabgebeugt, halblaut auf sie einsprach und ihre Arme sanft streichelte, drückte er sie an sich und plötzlich fühlte er bei der Berührung ihrer schmiegsamen Gestalt, trotz seiner Gemütsbewegung, eine solch' seltsame Erregung, daß er sich ihr nur mit Mühe entziehen konnte. Lydias Wärme, ihr Fieber schienen in ihn überzuströmen, in sein Blut zu fließen. Dieser Umschwung seiner Stimmung war so unvermittelt heftig, daß er fast alle Herrschaft über sich verlor. Er hatte gerade noch die Kraft, das Mädchen sanft von sich zu drängen und in ein Fauteuil gleiten zu lassen. Im Nebenzimmer raunten noch immer die klanglosen Stimmen, wie ein rasch hinabfließendes Gebirgsbächlein. Lydia trocknete ihre Augen und wurde ruhig. Bald konnte sie wieder sprechen. »Sie sind so gut, Nikolaus Wladimirowitsch... Ich muß wieder einmal um Verzeihung bitten ... Ich weiß gar nicht, warum ich in den letzten Tagen so maßlos nervös bin ... Glauben Sie nur nicht, daß ich bloß ein kleines Kind sei. Ich hab' viel überlegt. Hab' viel nachgedacht, zu viel gedacht... Das, glaub' ich, hat mich so erschöpft, aber jetzt ist es vorüber und ich hoffe, daß ich nie mehr so lächerlich wie heute sein werde.« »Ja, ja, wir alle sind krank. Sehen Sie, Lydia Sergijewna, das bringen so die Zeiten mit sich. Ich selbst, ich erschrecke, wenn ich sehe, was alles ich imstande wäre ... Vergessen wir, was geschehen ist, aber, wenn Sie sich genügend erholt haben, könnten Sie mir wohl die Ursache Ihres Kummers anvertrauen?« Das Mädchen dachte eine Weile nach. »Ich glaube, das Wesentliche kann ich Ihnen sagen... Ich weiß nicht, wieso es so plötzlich über mich kam, aber ich hatte das schreckliche Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein.« Savinsky gab es einen Ruck, er wollte entgegnen. Sie kam ihm zuvor. »Sie wollen einwenden, daß ich meine Eltern habe. Aber, Nikolaus Wladimirowitsch, meine Eltern haben ihr Leben hinter sich. Meines aber liegt noch vor mir und ich sehe nicht recht klar, nichts sehe ich, nur ein großes Alleinsein und dann eine trostlose, öde Leere ... Dieser Gedanke ist fürchterlich.« Sie verstummte, und auch Savinsky blieb lange still. Was konnte er diesem sehnsüchtig zuckenden, jungen Mädchenherzen geben? Konnte er sie denn durchs Leben geleiten? Er, der alt war und der nicht frei war? Nichts konnte er ihr geben und das Gefühl seiner Ohnmacht, ihren Schmerz zu lindern, erdrückte ihn. »Liebste Kleine,« sprach er endlich. »Sie sind noch so jung. Man muß Geduld haben. Es wird wieder anders werden. Um die jetzigen schweren Zeiten zu ertragen, bin ich da. Sie wissen, daß ich Ihr Freund bin, daß Sie auf mich zählen können. Es ist nicht viel, sicher nicht, aber immerhin ...« Lydia unterbrach ihn lebhaft. »Alles das weiß ich. Ich weiß, daß Sie mich wirklich lieb haben. – Aber auch Sie haben Ihr Leben gelebt, Sie haben Frau und Kinder ...« Und sie schien neuerlich ihre Ruhe zu verlieren. Savinsky fand tieftraurig keine Antwort ... In diesem Augenblick kam die Fürstin herein. Ob Savinsky ein bescheidenes Revolutionsdiner mit ihnen teilen wolle? – Savinsky lehnte ab. Er vermochte mit Lydia jetzt nicht in Gesellschaft anderer zu sein. Nachdem ihre Vertrautheit so weit fortgeschritten war, konnte ihn nur noch ein Alleinsein mit ihr befriedigen. – Als er Lydia das nächstemal sah, schien sie die bewegte Szene, die sie einander so nahegebracht, vergessen zu haben. Der einzige Unterschied gegen früher, den Savinsky zu bemerken glaubte, war ein Anflug von Ernst in ihrem ganzen Wesen, etwas Bewußteres, als hätte sie einen Plan gefaßt, der ihr eine bestimmte Richtung gab. Von Lord Douglas war nie mehr die Rede zwischen ihnen. Von Finnland sprach er nur einmal, ohne seine Frau oder seine Kinder zu erwähnen, nur um zu sagen, daß er dort noch einiges zu ordnen habe. Die Nachrichten seien ungünstig. Man habe den Eindruck, auch da unmittelbar vor einer Krise zu stehen. Lydia nahm diese Mitteilungen ohne Entgegnung hin. Durch einige Tage konnten sie nicht zusammen ausgehen. Eines Morgens – am Abend vorher hatten sie sich nicht gesehen – rief sie ihn zum Telephon. Zuerst hatte er Mühe, ihre Stimme zu erkennen. Klang und Ausdruck waren so ganz fremd. Er sagte es ihr auch und frug um die Ursache. Sie antwortete nicht darauf, aber in freierem Ton sagte sie ihm, sie hätte nachmittags keine Zeit, mit ihm zusammen zu sein, aber wenn er abends zu Hause bleibe, wolle sie ihn gegen sieben Uhr anrufen, um ein wenig mit ihm zu plaudern. »Ich esse allein zu Hause und werde auf Ihren Anruf warten. Was aber soll ich den ganzen Tag anfangen, ohne Sie zu sehen?« »Ach was, wir werden uns morgen sehen, Nikolaus Wladimirowitsch. Und heut' abend sprechen wir uns jedenfalls. Ich werde Ihnen etwas zu sagen haben.« Die Stimme war wieder ernst geworden. Savinsky wollte das Gespräch fortsetzen, aber schon hatte Lydia abgeläutet. Savinsky kam vor sechs Uhr heim. Er war müde und traurig. Er ließ sich Tee bringen, streckte sich auf dem Divan aus und gab sich regungslos seinen Gedanken hin. Sie führten ihn in eine Welt, in der die Luft schwer und schwerer wurde, so daß die geringste Bewegung schon schmerzende Qualen begleitete; man war von einem unausgesetzten Angstgefühl bedrückt, es lastete wie ein körperlicher Schmerz auf der Brust, es gab kein Entrinnen vor dem Unbekannten, das von allen Seiten eindrang – es war tausendmal schlimmer, als einer wirklichen Gefahr, wie groß sie auch sein mochte, offen zu begegnen. Man hatte das quälende Gefühl, einer Katastrophe immer näher zu kommen; der enge Weg, den er schreiten mußte, war auf beiden Seiten von dichten, hohen Hecken begrenzt, die weder nach vorne, noch nach der Seite einen Ausblick ließen und die nach jedem Schritt, den er vorwärts tat, auch rückwärts zusammenwuchsen ... Eine unwiderstehliche, verborgen drohende Kraft, zwang ihn täglich einen Schritt weiter auf diesem Pfad, täglich einen Schritt näher zu dem Abgrund, der sich am Ende öffnen mußte. – Der Gedanke an das unabänderliche Schicksal, das dunkel über ihm, wie über ganz Rußland hing, überwältigte heute Savinsky. Er hatte solche Augenblicke, in denen er zusammenbrach, in denen er ganz den Dämonen der Finsternis verfiel. Auch jetzt befand er sich in einer solchen Krise. Ein Besuch, den ihm Semeonow gemacht, hatte viel dazu beigetragen, ihn in diesen jämmerlichen Zustand zu versetzen. Er war gekommen, um mit Savinsky über dessen Unterredungen mit dem alten Lamshof zu sprechen, aber er hatte es verstanden, im Laufe des Gesprächs, als von der konterrevolutionären Armee am Don die Rede war, ganz unerwartet den Namen Spaßki fallen zu lassen und wörtlich zu sagen: »Wir wissen, daß er hier Helfer hat.« Er war übrigens gleich davon abgeschweift, aber der Hieb hatte gesessen und wie ein ins Wasser geschleuderter Stein immer größere Kreise zieht, so hatte sich in Savinsky die Anspielung Semeonows nach und nach tiefer eingegraben und schließlich an Stellen seines innersten Wesens gerührt, die bis dahin nicht erregt worden waren. – Von heut' auf morgen konnte er als Komplize der gegenrevolutionären Bestrebungen Spaßkis verhaftet werden! Sein Schicksal hing nur von einem Zufall, einem Verrat ab. Einen der Mitwisser brauchten nur einen Augenblick seine Nerven im Stich zu lassen und er verkaufte ihn den Bolschewiki, um sein eigenes Leben zu retten! Mit den Gebietern im Smolny war nicht zu spaßen! Die Wälle von Peter-Paul, die Gräben von Kronstadt und selbst der Hof der Präfektur in der Gorokhowaja wußten davon zu erzählen! Zum erstenmal seit langem waren wieder energische Männer an der Herrschaft. Würden die Leute vom Don, jene willenlosen Offiziere, jene streitenden Generäle sie denn je vertreiben können? Savinsky hatte in seiner augenblicklichen Stimmung nicht mehr die geringste Hoffnung. »Ja, aber,« sprach er zu sich, »dann bin ich doch verrückt, meine Freiheit und vielleicht sogar mein Leben für eine Sache zu wagen, die wohl sicher gerecht ist, aber an deren Mißlingen ich ebensowenig zweifle, wie an meiner Anwesenheit hier im Zimmer. – Daß man sich aufopfert, wenn man an einen Erfolg glaubt, das geht an, aber wenn man sicher ist, zu scheitern – das tun doch nur Besessene, Mystiker, Träumer! Bin ich ein Mystiker oder Träumer? Ich bin Geschäftsmann; warum habe ich mich in dieses Abenteuer eingelassen? Eigentlich, wenn ich die Wahrheit eingestehen will, nur, weil Spaßki ein lieber Bursch ist und ich ihn gut leiden kann; aber diese Sympathie kann mich teuer zu stehen kommen!« Und dabei fühlte Savinsky, daß er niemals die Kraft hätte, mit Spaßki zu brechen und diese Feststellung steigerte nur seine üble Laune. »Der Teufel soll ihn holen!« brummte er, sich erhebend. Er nahm eine Zigarette und blickte auf die Uhr. Fast halb sieben. Warum telephonierte Lydia nicht? Lydia! Was war er ihr denn! Niemals würde sie mehr in ihm sehen, als den guten, alten Freund. Auch hier war keine Hoffnung ... Er würde leiden und doch seine tragische Nebenrolle zu Ende spielen, zu Ende, bis sie am Arm irgendeines jungen Burschen davonginge. Und auch hier wußte er, daß er niemals den Wunsch und noch weniger die Kraft haben werde, sich von ihr zu trennen. Er sah die Leiden voraus, aber Leiden, die von Lydia kamen, waren ihm köstlicher, als alle Freuden, die andere ihm geben konnten. »Ach, all dies ist Unsinn und ich fasle nur,« seufzte er. »Aber so ist's halt und ich würde es gar nicht anders haben wollen.« Die Bedienerin trat ein. Der Ersatz jenes Dieners, der es klüger gefunden hatte, Petersburg zu verlassen, war ein nicht mehr junges Weib mit gutmütigen, stillen Zügen. Savinsky hatte sich an Anjuschka gewöhnt und überließ sich gern ihrem fürsorglichen Eifer. Oft sprach sie mit ihm von seinen Kindern, die sie, ebenso wie seine Frau, nur von der Photographie kannte, die auf seinem Tisch stand. – Sie blickte auf ihren Herrn, der schlaff am Divan saß. »Sie sind heute müde, Barin. Soll ich früher anrichten?« Savinsky zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen, Anjuschka. Ich habe keinen Hunger.« »Es ist nicht gut in diesen Zeiten, so allein zu leben, Barin,« sprach sie sanft. »Also ich bring' gleich das Essen. Das wird Ihnen wohl tun.« Sie befühlte noch den Ofen. »Sie werden heut' nicht kalt haben,« sagte sie und ging in ihrem behäbigen Schritt hinaus. – In diesem Augenblick hörte Savinsky die Glocke der Wohnungstüre schwach ertönen. Seine Nerven waren schon so empfindlich, daß er bei dem Klang allein erzitterte. Was kam wohl wieder für ein Ärger? Er wollte noch rasch der alten Dienerin zurufen, daß er für niemand zu Hause sei, aber sie war wohl schon an der Türe. Es war zu spät. Mags kommen ... Er wartete ergeben, mit gesenktem Kopf. Ein Geräusch leichter Schritte im Vorzimmer, Knarren der Türe; er sah auf: Lydia stand vor ihm. – Sie hatte ihren Pelz anbehalten. Sie hielt sich sehr steif, hatte den Kopf ein wenig nach rückwärts gelegt und blickte aus ihren blauen Augen unbeweglich auf Savinsky, der sie in solcher Erregung anstarrte, daß er gar nicht die Befangenheit merkte, die sie zu bekämpfen hatte. Früher als er, hatte sie sich wieder in der Gewalt und sprach ohne Zittern in der Stimme zu Savinsky, der sie noch immer wie eine Erscheinung regungslos, ungläubig anblickte: »Nun, Nikolaus Wladimirowitsch, so empfangen Sie Ihre Gäste? Ist das eine Art, mich bei meinem ersten Besuch, den ich Ihnen mache, zu begrüßen?« »Lydia Sergijewna, verzeihen Sie ... ich weiß nicht, träume ich ... ich war in schreckliche trübe Gedanken versunken – und Sie kommen« – Er war aufgesprungen, hatte ihre beiden Hände ergriffen und stand ganz nahe bei ihr. Ein Duft von Jugend erfüllte jetzt das Zimmer, in dem er eben noch mit seinen düsteren Ahnungen allein gewesen. Alles Dunkle war verweht; Jugend, Kraft, Licht und Wärme waren zu ihm gekommen. »Sie sind es wirklich,« sprach er weiter, »und hier bei mir! – Und ich lasse Sie da stehen, ich biete Ihnen nichts an, nicht einmal einen Stuhl ... Aber ich hoffe, Sie bleiben eine Weile ... Ich begleite Sie dann ... Legen Sie doch ab, Lydia Sergijewna, Sie verkühlen sich sonst beim Fortgehen. – Wie Sie sehen, ist meine Wohnung ganz klein, aber warm ist's hier, wie in den allerbesten Zeiten des Zaren.« Er half ihr aus dem Pelz und war überrascht, sie in großer Toilette zu sehen, wie er sie von den Abenden bei Natalie kannte. »Sind Sie eingeladen? Gewiß bei unserer Nachbarin?« Ein wenig verwirrt erwiderte Lydia, ohne daß sie wagte, ihn anzusehen: »Ich hatte gemeint, Nikolaus Wladimirowitsch, daß Sie mich heute einladen könnten, hier mit Ihnen zu speisen ... Wenn es Ihnen nichts macht, natürlich. Vielleicht wollten Sie arbeiten? – Sagen Sie's ungeniert, ich gehe dann gleich wieder ...« Sie schien alles Selbstvertrauen verloren zu haben; ein ganz kleines Mädchen war wieder aus ihr geworden und Savinsky sah, wie rot sie wurde. »Ach,« rief er, »welche Fee sind Sie, daß Sie mir ein solches Geschenk machen? – Und ob ich Sie einlade! – Was denken Sie bloß.« Er verzehrte sich vor Verlangen, sie in seine Arme zu nehmen, um sie aufzurichten, um sie das Glück fühlen zu lassen, das sie ihm brachte. Aber die Verwirrung seiner Gedanken war so groß, daß er sich nicht zu rühren wagte. Er wußte nicht, was er tun, wie er sich verhalten solle. Unvermittelt trat er von ihr zurück. »Ich muß meine alte Anjuschka vorbereiten. Es gibt ein gutes Diner, wie sie mir sagte.« Er lief bis in die Küche. Als er zurückkehrte, fand er Lydia unverändert in ihrer Stellung, aber sie war jetzt schon vollkommen unbefangen und lächelte ihn an. »Ihre Wohnung gefällt mir,« meinte sie. »Ursprünglich wohnte hier die Prinzessin Dolly R...,« erzählte Savinsky, »ich glaube, sie war's, die diese alten Kretons so liebte, die so lebhafte Farben haben. Wie Sie wohl gesehen haben, grenzt das Haus an die Kaserne und meine unmittelbaren Nachbarn sind jene Paulisten, deren Regiment den übelsten Ruf von allen hat. Was sie eigentlich hindert, hier hereinzukommen, sich an meinen Tisch zu setzen oder sich in mein Bett zu legen, das weiß ich wirklich nicht! Ich finde es sehr liebenswürdig von ihnen, daß sie es bisher nicht taten, aber wenn sie einmal doch Lust bekämen, hier einzuziehen, könnte ich ihnen nur ohne Widerrede meine ganze Wohnung überlassen. Nicht einmal Semeonow hätte Macht über sie.« Lydia hatte sich erhoben und ging im Zimmer umher. Sie musterte auch den Nebenraum, das Schlafzimmer Savinskys, das nur durch eine Portiere vom Wohnzimmer getrennt war. Ein breites Bett stand dort, das rechte Bett einer mondänen Frau, mit einem Überwurf von Spitzen und Seide. Lydia kehrte zurück. Sie warf einen Blick auf den Schreibtisch, auf dem in goldenem Rahmen die Photographie Sonjas, von ihren Kindern ums geben, stand. Lange betrachtete sie das Bild. »Ihre Frau ist schön.« »Ja, kennen Sie sie denn nicht?« Savinsky war ganz erstaunt. »Ich habe sie niemals gesehen. Ist es ein altes Bild? Ihre Frau sieht noch so jung aus.« »Sonja? Wie alt mag sie sein? Zweiunddreißig Jahre, glaube ich. Sie hat mit achtzehn geheiratet.« »Das ist mein Alter.« Ihre Stimme war wieder herb. Einen Augenblick stand sie schweigend. Auch Savinsky sprach nicht. Wieder hatte er die Empfindung, daß sich etwas Geheimnisvolles zwischen ihn und sie geschoben habe, aber er verweilte nicht dabei, der Ursache nachzuforschen. Die Freude an Lydias Gegenwart verdrängte alle Gedanken und erfüllte ihn mit einem Rausch, der nichts anderes bestehen ließ. – Sie war da, überwältigend in ihrer strahlenden Jugend; schon die unmerklich schwingende Bewegung ihrer Hüften, wenn sie ging, die Art, wie sie ihre jugendliche Gestalt straffte und ihre noch schmächtigen Schultern einzog, das leise Atmen ihrer Brüste, das Öffnen und Schließen ihres Kindermundes, die strahlende Tiefe ihrer blauen Augen, dieses Blau eines orientalischen Himmels und vor allem die blonde Krone ihrer weichen goldenen Haare, die alles Licht, das auf sie fiel, in tausendfältigem Glanz zurückzustrahlen schien – das war ein Bild, von dem er sich nicht losreißen konnte. Es war nicht nötig zu sprechen. Wozu auch? Sie war hier, lebend, atmend, ihm so nahe! Was verlangte er noch mehr? – Die alte Anjuschka trat ein. Sie blickte erstaunt auf ihren Herrn, der ihr Kommen nicht bemerkt hatte. Sie hatte doch eben einen müden Mann hier verlassen, fast einen Greis und jetzt sah sie einen starken, blühenden Menschen, dessen strahlende Miene, dessen glänzende Augen Seligkeit verrieten. Er schien um Jahre verjüngt. Ihre Stimme war voll zarter Güte, als sie jetzt sprach: »Barin, es ist aufgetragen.« Bei Tisch rückte sie dem jungen Mädchen den Stuhl zurecht und erwies ihr durch kleine Aufmerksamkeiten eine besondere Ehrerbietung. Als Lydia ihr dankte, verneigte sie sich bis zum Boden. Nachdem sie die Suppe und die »Piroschky« gereicht hatte, ging sie hinaus. »Ihre Dienerin ist sehr nett,« meinte Lydia. »Ja, es ist ein gutes Weib. Sie ist voll Aufmerksamkeit für mich.« »Ich glaube, ich werde sie sehr gern haben.« Lydia blickte träumerisch vor sich hin. Savinsky fuhr zusammen. Hatte er recht gehört? Was wollte sie damit sagen? – Nachdem diese Worte gefallen waren, fühlte Savinsky, wie er mehr und mehr seine Beherrschung verlor. Nur noch für kurze Augenblicke vermochte er in Ruhe diese Lage zu überdenken. – Lydia hatte die Laune gehabt, seine Wohnung ansehen zu wollen und sich zum Abendessen einzuladen – zu anderen Zeiten eine Unmöglichkeit, jetzt aber, da doch alles auf den Kopf gestellt war, eine ganz harmlose Sache. Und die freundschaftlichen vertrauten Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden, erklärten wohl überdies diesen nur dem Schein nach gewagten Schritt. Und brauchte man dieses junge Mädchen, das ihm da gegenübersaß, nicht bloß zu betrachten, um sofort seine ganze Natürlichkeit und Unschuld zu begreifen? »Sie hat ein großes, reines Herz, meine Tochter ... « hatte der alte Fürst gesagt ... Und so war es, alles durfte nur von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt werden. Aber dann kamen wieder Augenblicke, in denen diese klugen Betrachtungen von einem Ansturm tobender Gefühle verdrängt wurden. Es gab doch nur eine Wahrheit: das Weib, das er anbetete, war zu ihm gekommen, hier saß sie in seinem Zimmer, seiner Hand erreichbar! Sie wußte, welche Gefühle in ihm lebten – sie konnten ihr ja nicht unbekannt geblieben sein – und wie sehr sie die Grenzen der Freundschaft schon überschritten hatten ... Er wird sie an sich ziehen ... sich über die halberschlossene Blüte ihres Mundes neigen und ihren Duft mit seinen Lippen trinken ... Während er zwischen diesen beiden Stimmungen schwankte – bald von leidenschaftlichen Träumen entführt, die Lydias Gegenwart entfachte, bald in Ruhe diese so unerwartete Situation überdenkend, die in all ihren kleinsten Reizen ausgekostet werden mußte, denn dieser Besuch würde ja so kurz sein und sich kaum wiederholen – floß ihre Unterhaltung nur langsam dahin. Noch hatten sie den rechten Ton nicht gefunden. Sie sprachen von nichts Ernstem. Nur ganz allmählich gab der Reiz dieses Alleinseins und der prickelnde Champagner, von dem sie ein Glas getrunken hatte, Lydia wieder ihre ganze unbefangene Laune zurück, befreite sie von all dem lastenden Grübeln der letzten Tage, nahm die Unsicherheit von ihr, deren Spuren auf ihrer reinen Stirne Savinsky noch vor Tisch betrübt hatten. Savinsky war von der entzückenden Natürlichkeit, mit der sie sich jetzt in ihre ungewohnte Lage fand, hingerissen. Sie hielt sich mit ihrem angeborenen Feingefühl gleich weit von Schüchternheit, wie auch von allzu großer Intimität entfernt. Das kleine Mädchen, das so oft aus ihr gesprochen hatte, war ganz verschwunden. Eine junge Dame saß an seinem Tisch, die offensichtlich die Lage beherrschte. Fast schien sie nicht ein Gast, sondern die Hausfrau zu sein, und als Savinsky, viel erregter als sie, die Speisen vernachlässigte, war sie es, die ihm zuredete und auch vorlegte. Aber er aß nicht nur wenig, er trank noch viel weniger. Er fühlte sich in einem so gefährdeten Gleichgewicht, daß er fürchtete, die geringfügigste Störung könnte ihn den Kopf verlieren lassen. Er trank kaum ein Glas Champagner. Die Nähe Lydias berauschte ihn sicherer, als jeder Wein, und im stillen schwor er sich unausgesetzt, daß er seine Kaltblütigkeit bewahren wolle. Denn hier vor ihm saß ja keine Frau, der das Spiel der Leidenschaften geläufig war, die an Huldigungen und auch an ungestümes Begehren der Männer gewohnt war und die auch die Gefahren hätte beurteilen können, die ein solcher Besuch bei einem alleinstehenden Manne heraufbeschwor. – Nein, es war ja ein junges, reines Mädchen, in der Morgenröte ihres Lebens, ein Mädchen, dessen Atem ebenso frisch war, wie der Wind vor Sonnenaufgang, eine Freundin, die ihn mit dem kostbaren Geschenk begnadete, eine Stunde seines einsamen Lebens mit ihm zu teilen; ein Freundschaftsbeweis, den nur seine verzerrte Einbildungskraft anders sehen konnte. So rang er mit sich selbst und fühlte sich durch die Kämpfe in seinem Innern unfrei und gequält. Diese Pein wuchs, als sie wieder in sein Wohnzimmer zurückkehrten. Bei Tisch waren Haltung und Benehmen doch noch durch die Grenzen eines festumschriebenen Rahmens gesichert, durch Tradition und Sitte bestimmt. Im Salon aber gewannen sie wieder alle Ungebundenheit zurück, und Savinsky wußte mit dieser Freiheit nichts anzufangen. Lydia bewahrte – wenigstens äußerlich – besser ihre Natürlichkeit. Sie nistete sich am Divan ein, lehnte sich behaglich in die zusammengerafften Kissen und brannte eine Zigarette an. Sie folgte durch den Rauch, in den sie sich langsam hüllte, mit belustigten Blicken Savinsky, der ruhelos umherirrte. Zuerst hatte er sich wohl neben ihr niedergelassen, dann aber war er plötzlich, wie von Teufeln gehetzt, aufgesprungen, um unter dem Verwand, Zündhölzer zu suchen, das ganze Zimmer zu durchqueren, obgleich sie auf einem Rauchtischchen neben ihm standen. Dann ließ er sich in ein Fauteuil fallen, und wie er da zu ihr sprach, mit welcher Zartheit! Denn jetzt, vielleicht ohne sich selbst darüber klar zu sein, wollte er ihr gefallen, jetzt wollte er sie bezaubern, sie gewinnen, sie erobern. Seine Augen schienen ihre geheimsten Gedanken lesen zu wollen, und unter dem Bann seines werbenden Blickes, verlor auch Lydia langsam ihre bisher bewahrte Fassung, ihre Gedanken entflatterten ihr, wie Blätter von einem sturmgepeitschten Baum, sie lebte nur noch in ihren Empfindungen, in einem leichten, köstlichen Taumel. Selbst ein unvermittelter, heftiger Ausruf ihres Freundes konnte sie nicht mehr ernüchtern. Er hatte nämlich ohne ersichtlichen Grund wieder seine rastlose Wanderung durchs Zimmer begonnen, rauchte in nervösen Zügen seine Zigarette und stieß plötzlich mitten in einem langen Schweigen ein Wort heraus, das wohl zu dem Selbstgespräch gehörte, in das er heftig mit sich selbst tobend, ganz versunken war. »Unmöglich!« – Dieser Schrei widerhallte in dem stillen Zimmer und ließ Savinsky selbst erschrocken zusammenfahren. Er blieb stehen, drehte sich krampfhaft lächelnd zu Lydia um und sprach: »Verzeihen Sie, ich glaube, ich habe ganz den Kopf verloren ...« Aber er hielt ein und sein Lächeln erstarrte, so sehr traf ihn der Ausdruck, den Lydias Züge jetzt zeigten. Sie war bleich und ihre starren Augen hingen groß an ihm. Er sah nichts außer diesen düsteren Augen, die dunkler als der Schatten rings, um ihn bannten; er vermochte sich nicht abzuwenden. Sie riefen, diese Augen, sie schrien – aber galt es denn ihm? Schien sie nicht eher in einen Traum hundert Meilen weit entrückt. Selbst sein Ausruf: »Unmöglich,« der im Zimmer gedröhnt hatte, war nicht in ihr Bewußtsein gelangt. Nur immer gleich starrten diese glimmenden Augen wie von einem inneren Feuer genährt. Er ging zögernd zu ihr hin, und während er noch verwirrt nach Worten suchte, hörte er sie sprechen, ganz einfach, still: »Sind Sie vom Herumlaufen noch nicht müde, Nikolaus Wladimirowitsch? Kommen Sie, setzen Sie sich neben mich... Es sieht ja fast so aus, als hätten Sie heute abend Furcht vor mir...« Sie streckte ihm die Hand zu, die er nahm und nicht wieder losließ, um sie, nun neben ihr sitzend, an die durstenden Lippen zu führen. Er küßte diese kleine, weiche, jetzt so kalte Hand andächtig, er trank den Duft jedes einzelnen Fingers, und seine Küsse stiegen berauscht bis zum Handgelenk, gingen stockend weiter, erreichten zuckend den bloßen Arm und taumelten ihn hinauf und rasten ihn hinunter. Es war für ihn ein zugleich quälendes und beseeligendes Empfinden, und er frug sich, wie lange er es ungestraft werde ausdehnen können. Mit einemmale fühlte er den freigebliebenen Arm Lydias um seinen Nacken geschlungen und seinen Kopf zu ihr hingezogen. Als er ganz nahe war, sank sie geschlossenen Auges an seine Brust, und ein schwerer Atemzug stahl sich aus ihrem halbgeöffneten Mund. Er hielt ihre Gestalt umfaßt, beugte sich zu ihr, und sie verloren sich in der Vereinigung ihrer Lippen. Es schien Savinsky, als lebte er nur noch in diesem Kuß. Minuten? – Jahrzehnte...? Noch einmal hatte er einen Augenblick der Klarheit. »Wie spät ist's? Sie muß ja nach Hause... Und doch – nein, nein, das ist unmöglich... Der alte Fürst... Ein junges Mädchen...« Seine Gedanken verwirrten sich, er riß sich von Lydia los und sprang auf. Er durchmaß das Zimmer, er schien wieder seiner Unruhe verfallen und nur noch einem einzigen Gedanken nachzuhängen. Er blickte auf die Uhr. Schon zehn ... Die Straßen schon ausgestorben ... Er lief zu Lydia, die noch wie schlafend in den Kissen lehnte, mit dem glücklich leuchtenden Antlitz eines Kindes, das heimgefunden hat zur Ruhe, zu heiterem Frieden ... Er kniete vor ihr nieder, streichelte sie, sprudelte tausend unzusammenhängende, dumme, zärtliche Worte heraus und suchte sie dann in die Gegenwart zurückzurufen: »Ich werde Sie jetzt nach Hause bringen, Lydia Lydotschka; es ist spät, man wird besorgt sein, man wird Sie suchen ... Wo glaubt man denn, daß Sie sind?« »Bei meiner Freundin Helene, in der Mokhowaja,« gab Lydia zurück, und fügte langsam, jedes Wort abwägend, hinzu: »Dort meint man auch, daß ich heute übernachte, denn Sie wissen, daß es nicht angenehm ist, nachts durch die Straßen Petersburgs zu laufen. – Dorthin also müßten Sie mich begleiten, wenn Sie sich wirklich nicht entschließen können, mich hier bei sich zu behalten ...«   Spät, sehr spät, gegen zwei Uhr morgens. Noch brannte das Licht über dem großen Bett, in dem beide lagen. Da richtete Lydia sich, ihre Müdigkeit bezwingend, noch einmal auf, neigte sich über ihren Freund, blickte ihm tief und zärtlich in die Augen und flüsterte: »Oh du, der du jetzt mein bist, jetzt wirst du nicht mehr nach Finnland gehen! Jetzt darfst du mich nie mehr verlassen!« Sie schmiegte sich in seine Arme und überließ sich seligen Träumen.   Dunkel, Ruhe, zwei Schlummernde in der Stille der Nacht. Wäre nicht ihr leichtes Atmen zu vernehmen, könnte man meinen, diesen beiden ausgestreckten Körpern sei alles Leben entflohen, so tief ist ihr Schlaf. Finsternis umhüllt sie und wiegt sie wie Kinder mütterlich ein. Sie schlafen Seite an Seite ... Plötzlich fühlt Savinsky einen seltsamen Druck auf den Augen, es stört, es schmerzt; er blinzelt aus halbgeöffneten Lidern, schließt sie rasch wieder und öffnet sie nochmals ... Das Zimmer ist von Licht überflutet. Die Lampen im großen Lüster blenden. An seinem Bett steht die alte Anjuschka und berührt seine Schulter. »Barin, eine Hausdurchsuchung bei uns«, flüstert sie ihm ins Ohr. Wie beim Strahl eines Blitzes sah Savinsky sofort das Unabwendliche vor sich: den Abgrund! Eine Durchsuchung, ein Haftbefehl, Lydia mit verwickelt, vielleicht selbst verhaftet, mit ihm ins Gefängnis geschleppt – dieses Kind in der schrecklichen Gesellschaft eines Bolschewistenkerkers! Und dann der furchtbare Skandal, der von allen Seiten widerhallt ..., beim alten Fürsten und noch weiter, in Finnland, bei Sonja, die auf ihn wartete ... »Ich komme«, flüsterte er zurück. Lydia schlief noch. Ihren Kinderschlaf vermochte nichts zu stören. Da lag sie, den rechten Arm unter dem Kopf gebeugt, die wirre Fülle der gelösten Haare rings um sie. Die schmächtige Schulter war aus dem Hemd getreten, die weiße Haut der kindlichen Brust schimmerte hervor. – Savinsky betrachtete sie, während er hastig seine Kleider überwarf. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu ... Schon für ihn allein war die Sache gefährlich genug, aber noch dieses Kind hineinziehen ... Sollte er sie wecken? – War's zu verhindern, daß man sie verhaftete? – Aber unbedingt würde doch der Kommissar, der die Hausdurchsuchung vornahm, in dieses Zimmer kommen ... Er ging zu ihr hin, neigte sich über das Bett, nahm sie in seine Arme und küßte sie auf Stirne und Mund. Sie erwiderte seine Küsse im Halbschlaf und flüsterte, ohne die Augen zu offnen: »Oh, du Geliebter!« Dann wollte sie sich umdrehen, um weiter zu schlafen. »Lydia«, flüsterte Savinsky, »Lydia, mein Liebling, du mußt erwachen.« Ihr Kopf fiel auf das Kissen zurück, sie kam zu sich und frug noch halb im Schlafe: »Was gibts? Ist es schon so spät?« Sie blickte auf und nach den dunklen Fenstern. »Aber es ist ja noch Nacht. Man soll mich doch schlafen lassen.« »Mein armes Liebes, eine Hausdurchsuchung ist hier bei mir. Du mußt aufstehen ... Ich hoffe, daß alles rasch vorüber ist ... Keinesfalls bist du in Gefahr ... Kleide dich an, ich muß hinüber ... Ich komme bald wieder ...« Er drückte sie an sich. Sie legte die Arme um seinen Hals, als wollte sie ihn nicht fort lassen. Er löste sie zart und eilte hinaus. Während er durch das Wohnzimmer ging, sah er auf die Uhr. Sie zeigte vier Uhr ... Er war jetzt vollkommen gefaßt und kaltblütig. »Der Teufel soll die Leute holen, die sich eine solche Stunde für eine Hausdurchsuchung wählen,« dachte er. Er trat in das Speisezimmer. Es war voll von Rotgardisten mit aufgepflanztem Bajonett, nur zwei Zivilisten waren unter ihnen. In dem einen, mit seinem spärlichen Schnurrbart und der kranken Hautfarbe, erkannte er einen Architekt, den Obmann des Hauskomitees. Der zweite Mann ohne Uniform löste sich von der Gruppe los, kam auf Savinsky zu und stellte sich sehr höflich vor: Alexander Iwanowitsch Zubow, Kommissar des Departements für Erhebungen der Gegenrevolution. Gleichzeitig überreichte er Savinsky ein gelbes, bedrucktes Papier, das von vielen Stempeln bedeckt war. Savinsky überflog es mit einem raschen Blick. »Befehl ... Hausdurchsuchung ... verhaften ...«, er las mit stockendem Atem nochmals: »ihn, sowie sämtliche Personen, die in seiner Wohnung betroffen werden, zu verhaften.« Er dachte an Lydia, und seine Knie zitterten; nur mit Aufbietung aller Kräfte vermochte er seine ruhige Miene beizubehalten. Er stützte sich gegen den Tisch. »Ich nehme an, daß dieser Befehl authentisch ist. Vielleicht aber liegt ein Irrtum vor? ... Könnte ich an Leo Borissowitsch Semeonow telephonieren?« Der Kommissar verneigte sich und sprach in sehr unterwürfigem Ton: »Ich fürchte, Nikolaus Wladimirowitsch, daß dies zwecklos wäre, Sie werden zweifellos noch heute in der Gorokhovaja verhört, und dann kann Leo Borissowitsch, wenn es nötig ist, intervenieren. Wir aber unterstehen ihm nicht.« Der Kommissar hatte die Manieren eines wohlerzogenen Mannes. Wahrscheinlich war er ein ehemaliger Beamter der Geheimpolizei des Zaren. Er war frisch rasiert, trug auf seiner ein wenig vollen Lippe einen kurz gestutzten Schnurrbart und drückte sich in gewählten Worten aus. Er war kaum dreißig Jahre alt. Savinskys Blicke betasteten ihn forschend, und er gewann den Eindruck, daß es vielleicht nicht unmöglich wäre, Lydias Angelegenheit mit ihm zu ordnen. Er würde für diese Situation zweifellos Verständnis haben und vielleicht nicht abgeneigt sein, sich einen Mann wie Savinsky zu verpflichten. »Ich möchte eine ziemlich heikle Sache eine Minute mit Ihnen allein besprechen.« »Ich stehe zur Verfügung,« und der Kommissar folgte Savinsky durch die Tür ins Wohnzimmer. In diesem Augenblick löste sich eine zweite Person, diese in Uniform, aus der Gruppe der Soldaten und kam heran. Der Kommissar stellte, ohne die geringste Verlegenheit zu zeigen, vor: »Leutnant Iwanow.« Savinsky, gewohnt mit Menschen umzugehen und sie rasch zu beurteilen, warf einen prüfenden Blick auf ihn. – Gut gekleidet, stramme Haltung, ebenso jung wie der Kommissar ... »Offizier der alten Armee«, taxierte er. »Noch kann es gelingen.« »Meine Herren,« sagte er verbindlich lächelnd, »es handelt sich um eine ganz persönliche Sache, Sie werden es sofort begreifen ... Nicht an die Beauftragten der Regierung, die hier nur ihre Pflicht erfüllen ...« »Eine sehr, sehr peinliche Pflicht, versichere ich Sie, Nikolaus Wladimirowitsch«, warf der Zivilkommissar mit einer leichten Verneigung ein. Savinsky dankte ihm mit einem Blick und fuhr mit größerer Sicherheit fort: »Ja, – sondern an Sie, als Gentlemen wende ich mich, von Mann zu Mann ... Ich bin heut abend hier in einer ganz... besonderen Situation ... Das kann jedem von uns passieren, Ihnen genau so, wie mir ... Ich habe eine Dame hier – ein ganz junges Wesen – die mich besuchen kam und die ich über Nacht hier behielt, weil die Straßen ja nicht sehr sicher sind, wie Sie wissen ... Sie weiß nicht das Geringste von Politik, sie ist noch das reinste Kind ... Kaum zwanzig, wissen Sie ... Nun, ich kann Ihnen mein Ehrenwort geben, daß sie in keiner Weise über meine Handlungen unterrichtet ist, daß sie überhaupt ..., daß es wirklich das erstemal ist, daß sie meine Wohnung betreten hat ... Meine Dienerin, wenn Sie sie befragen wollen, wird Ihnen die Richtigkeit meiner Worte bestätigen ... So steht die Sache, und ich beschwöre Sie, meine Herren, lassen Sie sie frei ... Sie verstehen doch gewiß, ohne daß ich Ihnen mehr sagen muß, um was es sich hier handelt. – Und Sie können sicher sein, daß ich Ihnen diesen Dienst, den Sie mir leisten, niemals vergessen werde.« – Je länger er sprach, desto mehr wurde ihm bewußt, was alles von der Antwort abhing, und er verlor nach und nach seine Ruhe. Zum Schluß bebte seine Stimme schon vor Erregung. Die beiden Kommissare schienen seine Aufregung zu verstehen, Zubow noch mehr als der Leutnant. Während der Zivilkommissar zustimmend mit dem Kopf nickte, zeigte der Offizier nur ein halbes Lächeln, womit er zu verstehen geben wollte, daß er sich in derartige Situationen wohl hineindenken könne, daß auch ihn schon oft Frauen beglückt hätten, und daß in solchen Dingen ein Mann wie er, der das Leben kennt, wohl ein Auge zuzudrücken vermöchte. Als jedoch Savinsky seinen Wunsch ausgesprochen hatte, wurden beide Gesichter ernst, und als er seine Rede beendete, zeigten sie große Verlegenheit. Sie gingen zur Seite und begannen flüsternd zu beraten. Ihre Unterhaltung dauerte ziemlich lange und es schien offenbar, daß die Beiden über eine Schwierigkeit nicht hinwegkamen. Endlich wandten sie sich wieder an Savinsky, der sie atemlos beobachtet hatte. »Könnten Sie uns vielleicht den Namen der Betreffenden sagen?« frug der Zivilkommissar, und man sah ihm an, wie peinlich ihm selbst diese Frage war. »Ich würde es vorziehen, ihn zu verschweigen ... Es handelt sich ja um die Ehre einer Dame ... Begreifen Sie doch ...« »Ich begreife, ich begreife«, beeilte sich der Offizier zu versichern, »indessen ...« »Jedenfalls können wir ja Ihre Bedienerin vernehmen,« vermittelte Zubow, der sehr darauf bedacht schien, seinen guten Willen zu zeigen. Anjuschka wurde geholt. Die beiden Kommissare stellten viele Fragen an sie. Sie antwortete ruhig und bestimmt. Sie hatte die Dame, die zum Abendessen hier war, nie vorher gesehen. – Ja, sie, Anjuschka, öffne immer die Türe. – Diese Frau sei noch niemals in der Wohnung gewesen. – Diese Aussage schien auf die Kommissare Eindruck zu machen. Indessen begannen sie nochmals ihre geheime Beratung, doch Savinsky hatte in diesem Augenblick die Überzeugung, daß die Sache so gut wie geordnet sei. Er atmete auf. Was mit ihm selbst geschehen werde, darum sorgte er nicht; nur Lydia mußte gerettet werden! Die Kommissare kamen wieder zu ihm zurück. Diesmal war es der Leutnant, der das Wort führte. »Die Sache scheint uns wirklich sehr heikel, Nikolaus Wladimirowitsch. Unser Befehl aber ist eindeutig ... Wir übernehmen eine große Verantwortung, wenn wir ihn nicht wörtlich ausführen ... Vielleicht aber, um Ihnen gefällig zu sein ... Unter diesen außergewöhnlichen Umständen ... Aber, nicht wahr, es ist doch selbstverständlich, daß es ein strenges Geheimnis bleibt, nur unter uns dreien ... Kein Mensch darf etwas erfahren, selbst die Soldaten nicht, die hier sind ...« Man sah die Soldaten durch die offengebliebene Türe im Speisezimmer, und Savinsky wagte, trotz seines innerlichen Jubels, nicht, den Kommissaren die Hand zu drücken. Doch ehe er noch auf die letzten Worte des Offiziers zu erwidern vermochte, trat ein neues Ereignis ein, das die Situation von Grund auf veränderte: Lydia kam ins Zimmer gestürzt! Sie hatte angstvoll auf die Rückkehr Savinskys gewartet, und seit einer Viertelstunde, seitdem sie angekleidet war, quälte sie die Sorge, was aus ihm geworden sei. Eine endlose Zeit schien ihr dies untätige Warten zu dauern. Sie vermochte es einfach nicht länger zu ertragen, und so entschloß sie sich, selbst nach ihm zu sehen. »Was geschieht hier? Was will man von dir?« Ihre Fragen überstürzten sich, ehe noch Savinsky sie aufzuhalten vermochte. Er war völlig niedergeschmettert. Er meinte, daß der Boden sich unter ihm öffne. – Auch alle anderen hatte das plötzliche Erscheinen dieses jungen Mädchens ebenso verblüfft. Die beiden Kommissare betrachteten sie sprachlos. Lydias Schönheit, das Leuchten ihrer Augen, die vollkommen Gleichgültigkeit, die sie gegen all die fremden Leute im Zimmer zeigte, die Sorge um das Schicksal Savinskys, die sie einzig und allein erfüllte und die sie nicht im geringsten zu bemänteln suchte, ließen die beiden vor Bewunderung erstarren. Selbst die Soldaten hatten ihre Unterhaltung unterbrochen und glotzten, in der Türe des Wohnzimmers zusammengedrängt, aus großen, erstaunten Augen herein. »Sehr peinlich,« murmelte Zubow, als er sich wieder gefaßt hatte, »wirklich sehr peinlich ... Ich fürchte,« flüsterte er Savinsky zu, der schwer gegen den Tisch lehnte und Lydias Hand nicht losließ, »daß wir den Befehl jetzt doch in vollem Umfang ausführen müssen.« Savinsky erwiderte nichts. Er fühlte den Druck von Lydias Hand in der seinen. Diese Vereinigung konnte nichts und niemand lösen; er hatte das Gefühl, daß er mit ihr gemeinsam auch in den Tod gehen könnte. Die Durchsuchung begann. Der Schreibtisch wurde durchwühlt; man fand nichts. Darüber war auch Savinsky vollkommen beruhigt, denn er hatte nicht ein kompromittierendes Papier. Überhaupt war er, seit Lydia bei ihm stand, wieder ganz ruhig geworden. Er sah zu, als wenn ihn dies alles gar nicht beträfe. Seine Nerven waren nach so vielen Aufregungen jetzt ganz stumpf geworden. Neugierig folgte sein Blick der Arbeit der beiden Kommissare. Sie stellten sich übrigens sehr ungeschickt an. »Die können ihr Handwerk nicht,« dachte Savinsky. »Früher einmal hat die Polizei besser gearbeitet.« Nicht einmal eine bedeutende Summe in Banknoten, die Savinsky unter einem losgelösten Eck des Teppichs versteckt hatte, fanden sie. Es waren über hundert gute, alte Tausendrubelnoten. Aber bei genauerem Beobachten schien ihm diese Ungeschicklichkeit absichtlich. Ja, zweifellos verhielt es sich so; sie markierten eifriges Suchen, um von den roten Garden nicht denunziert zu werden, aber sie wollten verhüten, daß Savinsky ihr Opfer werde. Dieses Spiel unterhielt ihn eine Weile. Plötzlich kam ihm ein neuer Gedanke. Vielleicht war es noch immer möglich, Lydia, die eng an ihn geschmiegt stand und deren Atem seine Wange streifte, zu retten? »Meine Herren,« sagte er, »meinen Sie, daß zu dieser Stunde in der Gorokhowaja einer von den verantwortlichen Führern anwesend ist, mit dem man in Verbindung treten könnte?« »Sicherlich, Nikolaus Wladimirowitsch,« antwortete Zubow, »unser Chef, Genosse Uritzki, muß noch in der Präfektur sein ... Unser Dienst spielt sich ja hauptsächlich in der Nacht ab ...« »Das ist ja sehr gut. Würden Sie wohl so liebenswürdig sein, ihm den besonderen Fall, der hier vorliegt, telephonisch auseinanderzusetzen? Vielleicht könnte die Sache auf diese Weise geordnet werden, ich würde Ihnen für Ihre Unterstützung sehr dankbar sein ...« Die Kommissare stimmten zu, aber der Offizier wies darauf hin, daß es erforderlich sein dürfte, den Namen der Dame anzugeben. Lydia hatte schweigend zugehört und begriff nicht, um was es sich handle. Es schien hier ein Geheimnis zu sein, hinter das sie kommen mußte. »Meinen Namen?« mischte sie sich ein. »Hier auf meiner Legitimation ...« Sie reichte dem Kommissar das amtliche Papier, auf dem Name, Alter, Wohnung bestätigt waren. Zubow ging an den Apparat und hatte in wenigen Sekunden die Verbindung mit der Präfektur in der Gorokhowaja hergestellt. Er begann den Wunsch Savinskys auseinanderzusetzen ... Als Lydia nach seinen ersten Worten verstanden hatte, um was es sich handle, drehte sie sich hastig zu ihrem Freund herum, faßte ihn heftig am Arm und flüsterte in größter Aufregung: »Wie, Nikolaus Wladimirowitsch, man verhaftet dich? – Ich dachte, es handle sich nur um eine Hausdurchsuchung ... Bist du in Gefahr? Was soll mit dir geschehen?« »Ach, um mich handelt sich's nicht,« entgegnete Savinsky. »Gott, man wird mich ein bissel einsperren, das passiert heute vielen anständigen Leuten und nach zwei, drei Tagen gibt man mich wieder frei. Das ist ganz belanglos; aber deinetwegen bin ich in Sorge. Der Befehl ist so dumm abgefaßt, daß sämtliche Personen, die man hier in der Wohnung antrifft, mit verhaftet werden sollen. Und wenn man dich auch sofort wieder entläßt, – ich möchte dir doch dieses gräßliche Gefängnis ersparen.« Er hatte kaum geendet, als Lydia schon aufbrauste: »Wenn du ins Gefängnis gehst, dann gehe ich mit!« Savinsky wollte sie beruhigen; er suchte sie zu überzeugen, daß sie ihm draußen viel mehr nützen könne, als wenn sie mit ihm ginge. Lydia aber verbohrte sich in den Gedanken, sich nicht von ihm zu trennen. In ihre leise geführte Debatte klangen Bruchstücke von Zubows Telephongespräch. »Jawohl, Genosse Uritzki ... Verstehe ... Achtzehn Jahre ... Ja, ja ... reizend ... Deswegen erlaube ich mir ... Gewiß ...« Das Gespräch war zu Ende. Er hing den Hörer auf und wandte sich mit verlegenem Lächeln zu Savinsky. Er kratzte sich am Kopf und sprach: »Nichts zu machen. – Alle müssen in die Gorokhovaja. – Ich hätte es Ihnen gern erspart, Lydia Sergijewna, aber es geht leider nicht.« Er war höchst erstaunt, daß die Züge des jungen Mädchens nur die größte Befriedigung ausdrückten. Die Untersuchung wurde jetzt in den übrigen Zimmern fortgesetzt. Die Soldaten hatten sich, des Herumstehens müde, in die Küche zurückgezogen. Auch Savinsky und Lydia fühlten langsam eine Schlaffheit, die sie überkam, sie sprachen nicht. Savinsky war wieder in trübe Betrachtungen versunken; Lydia in ihrer Jugend dachte vorläufig an nichts anderes, als daran, den Schlaf, der sie übermannen wollte, zu bekämpfen. Die alte Anjuschla bemerkte dies; sie hatte Mitleid mit ihr und kam heran. »Ich will Ihnen ein Frühstück kochen. Dort werden Sie wohl nicht viel zu essen bekommen. Ich habe im Herd Feuer gemacht, der Kaffee wird in einem Augenblick bereit sein.« Sie streichelte Lydias Arm, und ging zu ihrer Arbeit zurück. Bald kam sie wieder und brachte heißen Kaffee mit Brot und Butter. Savinsky forderte die beiden Kommissare auf, mit ihnen zu frühstücken, und so improvisierte man ein morgendliches Mahl. Lydia stürzte sich sofort auf die Butterbrote und trank in gierigen Zügen zwei große Tassen Kaffee. Sie war mit einemmale, ohne daß sie dafür einen Grund hätte angeben können, so glücklich, daß ihre gute Laune ansteckte und selbst Savinsky aus seinem Grübeln riß. Die beiden Kommissare aber strahlten geradezu. Niemals noch hatten sie es bei Ausübung ihres Dienstes so gut getroffen. Die Unterhaltung wurde immer lebhafter, dafür sorgte schon Lydia. Es gab keine Jäger mehr und Beute, weder Bolschewiki noch Bourgeois; nur noch junge Menschen, die der Zufall des Lebens hier an den Tisch zusammengewürfelt hatte und die es nach einer durchwachten Nacht wundervoll fanden, sich zu erholen und zu stärken. Schließlich aber mußte man aufbrechen, es war schon sechs Uhr geworden. Bevor er das Haus verließ, gab Savinsky seiner Dienerin den Auftrag, sobald als möglich, Semeonow anzurufen und ihm mitzuteilen, daß er, Savinsky, im Gefängnis sei. »Sie werden aber nur von mir sprechen!« fügte er hinzu. Sie gingen. Zwei Soldaten wurden zum größten Verdruß Anjuschkas, die Diebstähle fürchtete, in der Wohnung gelassen. Ein Automobil wartete auf der Straße. Es war noch vollkommen finster, als sie vor das Haus traten, und ein eisiger Wind blies ihnen entgegen. Die beiden Kommissare überließen Lydia und Savinsky sehr höflich den Fond und nahmen selbst auf den Rücksitzen Platz. Der Motor sprang an, sie knatterten durch die tote Stadt und langten nach wenigen Minuten vor der Gorokhovaja an.   Die Vorhalle der Präfektur war voll Soldaten. Savinsky und Lydia wurden in ein großes Zimmer im ersten Stock geführt. Lydia hatte, da sie nun mit Savinsky zusammen war, für den Augenblick keinerlei Kummer. Das vorzügliche Frühstück hatte sogar die Müdigkeit verscheucht. Sie fühlte jetzt nur noch Neugier. Sie kamen in einen geräumigen Saal, der zu den Empfangsräumen des Präfekten gehört haben mochte. Aus jener Zeit stammten wohl noch einige Fauteuils und Sessel, mit blaßblauer Seide überzogen und ein großer Knüpfteppich, dessen Farben verblaßt waren. In der Ecke des Raumes arbeiteten hinter halbkreisförmig aufgestellten Tischen, die gleichzeitig eine Art Barrière gegen den Parteiraum bildeten, zwei Angestellte. Vor ihnen stand eben ein gerade auch eingebrachter Häftling. Er war, nach allem zu schließen, das, was man damals einen »Bourgeois« nannte, und was genügte, um verdächtigt und verhaftet zu werden. Die Angestellten füllten umständlich Formulare und Protokolle aus und blätterten in Registern. Diese bureaukratische Arbeitsweise überraschte Lydia, der sie ganz und gar nicht zu dem Bild passen wollte, das sie sich von einem Terrorregime gemacht hatte, wie es von Lenin und Trotzki dekretiert worden war. Und auch die Ruhe in diesem Saal, sein vornehm reiches Aussehen, das Fehlen alles Tragischen! Halblaut teilte sie Savinsky ihre Eindrücke mit. Er zuckte die Achseln und lächelte. »Der Amtsschimmel wird bei uns nie fehlen. Auch Lenin wird vergeblich gegen ihn kämpfen. Sogar die ungesetzlichsten Akte werden streng nach Vorschriften verfaßt.« Er versuchte unbesorgt zu scheinen, die gewohnte lächelnde Überlegenheit zu zeigen, um das junge Mädchen nicht zu beunruhigen, und die Mühe, die er sich damit gab, übte schließlich die günstigste Wirkung auf seine Stimmung. Die Reihe kam nun an sie, vor den Beamten in der Ecke hinzutreten. Die Abfassung des Protokolles schien kein Ende nehmen zu wollen. Schließlich wurde noch die Brieftasche abverlangt; der Beamte gab über ihren Inhalt eine Quittung. Aber Savinsky, der genau zugesehen hatte, was mit den früheren »Bourgeois« geschehen war, hatte vorsichtshalber schon vorher einige Hundertrubelnoten in seine Rocktasche gleiten lassen. Zwei Soldaten erwarteten sie an der Türe; zwei lange, dürre Letten. Sie erstiegen eine Wendeltreppe, die an einigen Stellen Ausblicke in die Eingangshalle bot, und bei jeder solchen Stelle war ein Maschinengewehr montiert, das gegen die Eingangstüre gerichtet war und von einem Soldaten bewacht wurde. »Was für eine Furcht vor einem Handstreich!« dachte Savinsky. »Sie scheinen sich nicht sehr sicher zu fühlen.« Vor einem kleinen, verqualmten Vorzimmer, gedrängt voll von Soldaten, hielten sie an. Ihre Eskorte wechselte mit dem Kommandanten dieser Wache ein paar Worte. »Bei uns ist's ausverkauft,« lachte der gut gelaunt. Im dritten Stock war es ebenso. Im letzten Stockwerk endlich wurden sie in das Vorzimmer eingelassen. Fünf oder sechs Soldaten saßen rauchend auf Bänken. An einem Tisch schrieb ein ganz junger, kaum zwanzigjähriger Bursch mit grimmiger, wichtigtuender Miene. Vor ihm lag ein Register, in das er die Namen seiner »Gäste« eintrug. Er nahm zuerst Lydia vor und frug nach dem Grund ihrer Einlieferung. Lydia, die ihn neugierig betrachtete, antwortete mit ihrer hellen Stimme, ohne die geringste Verwirrung: »Ich habe keine Ahnung. Wenn Sie mir ihn sagen wollten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.« Die Soldaten, die sich neugierig erhoben hatten und jetzt im Kreise um sie herumstanden, schmunzelten, aber der Jüngling beim Tisch runzelte die Brauen. »Vermutlich aus politischen Gründen,« sagte er würdevoll. »Ich werde also ›Gegenrevolutionärin‹ eintragen.« Einer der Soldaten, ein riesiger, ungeschlachter Kerl, der dieses so schöne Kind nicht aus den Augen ließ, lachte jetzt laut heraus. »Durchsuchen Sie die Gefangenen!« befahl der junge Bursche mit rauher Stimme zu einem der Soldaten. Savinsky zuckte zusammen und trat an Lydia heran. Sie wandte sich rasch zu ihm und beschwor ihn durch einen Blick, sich nicht einzumengen. Der Soldat zögerte, blickte Lydia an, trat von einem Fuß auf den anderen, zuckte die Schultern und meinte schließlich: »Aber Leo Davidowitsch, das ist doch überflüssig. Sie sehen doch, sie ist ein Kind.« Alle übrigen Soldaten zeigten deutlich, daß sie ihrem Kameraden beipflichteten. Der kleine Beamte erbleichte vor Wut, aber er traute sich nicht, seinen Befehl zu wiederholen. Er murmelte einige Worte, die unverständlich blieben und fügte dann lauter hinzu: »Die Vorschrift verlangt es ausdrücklich. Ich selbst werde es tun.« Er erhob sich, trat an Lydia heran, begnügte sich jedoch, scheinbar, bloß um die Formalität doch erfüllt zu haben, ihren Pelz in der Gegend der Hüften zu betasten. Als auch Savinsky die ihm gestellten Fragen beantwortet und man sich vergewissert hatte, daß er keinen Revolver bei sich trug, stieß einer der Soldaten eine Glastüre auf und die beiden betraten den Raum, der zu ihrem Aufenthalt bestimmt war. Es war ein großes, sehr niedriges, quadratisches Zimmer, das durch eine in der Mitte an einem einfachen langen Draht herabhängende Glühlampe spärlich beleuchtet wurde. Durch das einzige, auf den Hof gehende Fenster drang ein matter Schimmer, der das verspätete Aufgehen einer kraftlosen Wintersonne ankündete. Eine säuerlich beißende, warme, betäubende Luft schlug Lydia und Savinsky entgegen und ließ sie auf der Türschwelle erstarrt stehen bleiben. Es war der Geruch eines nie gelüfteten Raumes, in dem sich der Atem vieler Menschen mit der Ausdünstung von Schweiß, vom Leder ihrer Stiefel, moderndem Stroh ihrer Schlafstätten, halbverfaulten Brettern des Fußbodens und schalem Zigarettenrauch mengte. Schon dieser Eindruck war eine weit härtere Prüfung, als selbst Savinsky gefürchtet hatte. Er fühlte den bebenden Druck von Lydias plötzlich schwer auf ihm lastenden Arm, aber sie sprach kein Wort. Unterdessen gewöhnten sich ihre Augen an das herrschende Halbdunkel und der Anblick, der sich ihnen bot, ließ sie erst recht erschauern. Hart aneinander gepreßte Pritschen füllten den Raum und ließen bloß einen ganz engen Gang in der Mitte frei. Auf einem Tisch schlief eine Gestalt, die bis über den Kopf mit einem Militärmantel bedeckt war, aus dem nur die Stiefel herausragten. Auf den Pritschen schliefen Männer in einem schrecklichen Durcheinander, oft drei auf zwei Pritschen liegend. Die meisten hatten einen gequälten, unruhigen Schlaf, sie seufzten und stöhnten, nervöse Zuckungen liefen durch die Körper, warfen sie auf dem harten engen Lager herum. Gekrampfte Arme drohten in die Luft, fieberhafte Hände kratzten den von Ungeziefer geplagten Körper. Andere schnarchten mit offenem Mund auf dem Rücken liegend. In einem Winkel glimmte das rote Ende einer Zigarette, wie ein Glühwürmchen, das sich in einen Teufelsgarten verirrt hat. Ein kleiner Buckliger, mit irrem, verstörtem Ausdruck sprang plötzlich von seinem Lager auf, lief bis unter die Lampe, zog ein Notizbuch aus der Tasche und kritzelte fieberhaft ... Dann eilte er, mißtrauisch nach den beiden Neuangekommenen spähend, wieder zu seinem Platz zurück. Savinsky entdeckte schließlich auf einer Bank beim Tisch ein wenig Platz. Er führte Lydia dorthin, setzte sich nieder und nahm das Mädchen auf seine Knie. Sie schlang ihren Arm um seinen Kopf und küßte ihn sanft, ohne zu sprechen. Eine lähmende Müdigkeit senkte sich auf sie, sie schlief sofort ein. Als sie eine Stunde später erwachte, war es schon Tag; ein trüber, grauer Morgen, ein rechter Petersburger Wintertag, so bleich, so freudlos, daß man das Scheiden der Nacht beklagt. Sie öffnete die Augen und sah sich in den Armen Savinskys. Was bedeutete ihr das Gefängnis mit seinen Schrecken? Sie lächelte ihren Liebsten zärtlich an und auch sein ernstes, müdes Gesicht leuchtete da auf. Liebevoll streichelte er die Hand des jungen Mädchens, die an seiner Brust lag. Schon belebte sich der große Saal. Die Gefangenen erwachten. Sie schienen müde und zerschlagen und streckten stöhnend ihre Glieder. Viele zündeten sofort Zigaretten an. Lydia war nach der einen Stunde Schlaf wieder frisch. Sie hatte ihre Gemütsruhe vollkommen wieder gefunden und überließ sich gutgelaunt, dem, was ihr bloß ein Abenteuer schien. »Jetzt weiß ich doch wenigstens etwas von der Revolution,« meinte sie scherzend zu Savinsky, »nämlich, daß es schlecht riecht.« Die Anwesenheit Lydias machte Sensation; Leute kamen heran, eine Unterhaltung begann. Lydia hatte ihren Pelz, wegen der Wärme, die im Saal war, ein wenig geöffnet, so daß ihr schlanker Hals und das leichte Dekollete sichtbar waren. Es war, als hätte man frische, duftende Blumen in die stickige Luft einer Krankenstube gebracht. – Savinsky erkundigte sich nach den Einzelheiten des Gefängnislebens. Am wichtigsten war es ihm zu erfahren, wann man sie vernehmen werde, denn Lydia mußte ja Mittag rechtzeitig zu Hause sein, damit niemand Verdacht schöpfe. Aber die Auskünfte über diesen Punkt waren entmutigend. Mehr als ein Dutzend der Häftlinge erzählten, daß sie seit drei, vier, sogar fünf Tagen hier seien, ohne Uritzki gesehen zu haben und ohne den Grund ihrer Einlieferung zu kennen. Mit Lydia unterhielt sich ein Offizier. Ein junger Mann, der viel lachte und scherzte; er schien sich ganz leicht mit dem Leben im Gefängnis abgefunden zu haben. Doch plötzlich bemerkte sie, daß seine Hände, wie bei einem Fieberkranken zitterten. »Was für Angst er hat!« dachte sie. Diese Beobachtung störte sie ein wenig, aber sie trug eine solche Fülle von Glück in sich, daß jede andere Empfindung ihr nur ein vorübergehender, äußerer Eindruck blieb. Selbst an die Möglichkeit einer längeren Haft Savinskys dachte sie nicht. Wie viele waren nicht schon verhaftet und nach wenigen Tagen wieder freigelassen worden! Denn selbst die gewaltigen Petersburger Gefängnisse konnten nicht genügen, um alle die Eingelieferten unterzubringen. Für den Augenblick war sie von liebenswürdigen Leuten umringt, die ihr zu gefallen suchten, ihr Liebster war bei ihr, – sie wollte nicht weiter denken. Es gab in dem Raum das unglaublichste Durcheinander von Menschen aller Stände, Gegenrevolutionäre, Offiziere aller Grade, einige angesehene Bürger, Spekulanten, vier Personen, die in kühner Weise alles Platin aufgekauft hatten, dann gemeine Verbrecher, Taschendiebe, Einbrecher, Betrüger, wie man sie auf der Straße aufgegriffen hatte. Die Aristokratie dieser Gruppe bildete eine Gesellschaft von Banknotenfälschern, die in geschickter Weise einige tausend falsche Kerenski-Rubel in Umlauf gebracht hatten. Sie zeigten eine außerordentlich überlegene Miene und selbstbewußte Haltung. Ein Drittel aller Häftlinge waren Bolschewiki, die sich Unterschlagungen hatten zuschulden kommen lassen. Ein Mann, der mit Hilfe einer Weingeistlampe Tee gekocht hatte, brachte Lydia ein Glas. Sie nahm es erfreut an und als sie zu trinken beginnen wollte, zog er triumphierend ein Stück Zucker aus seiner schmutzigen Hosentasche und verkündete: »Das letzte Stück!« Lydia wagte nicht, es zurückzuweisen. Sie erfuhr von einem der Umstehenden, daß dieser Mann mit dem Zucker ein bolschewistischer Kommissar gewesen war, der, mit einer großen Geldsumme zu den sibirischen Truppen geschickt, vorgegeben hatte, unterwegs beraubt worden zu sein. Auch der »Stubenkommandant« kam herbei, um Lydia und Savinsky zu begrüßen. Seine Aufgabe war es, die Beziehungen der Gefangenen untereinander zu regeln, die einzelnen nötigen Arbeiten zu verteilen, die Reihenfolge bei Benützung der Waschstellen festzusetzen, Gruppen zu bilden, die die wenigen Suppentöpfe gemeinsam erhielten und auch Einkäufe durch rote Soldaten draußen besorgen zu lassen. Diese wichtige Persönlichkeit war ein kaum dreißigjähriger, sicher auftretender Mann, mit energischen, angenehmen Zügen und roten Haaren. Er hatte einen höheren Posten im Generalstab der roten Armee bekleidet und war verhaftet worden, als eines Tages vierhunderttausend Rubel aus seinem Amt gestohlen worden waren. Er führte Lydia und Savinsky, da im Saal ausgekehrt wurde, in einen kleinen Nebenraum, in dem zwölf Pritschen aneinander standen. Auf einer davon saß eine Frau, die ein etwa sechsjähriges, im Schlafe wimmerndes Mädchen in ihren Armen hielt. Aus den müden, abgezehrten Mienen der Frau sah man, daß dieses Kind ihre einzige Sorge sei; ein bleiches, mageres, armes Kind, wie tausende, die im feuchten Petersburg zu Grunde gehen. Lydia sprach leise mit der Mutter. Sie, mit ihrem Kind, waren als Geißel verhaftet worden, da ihr Mann, gegenrevolutionärer Umtriebe wegen verdächtigt, geflohen war. So lange er nicht zurückkehrt und sich selbst stellt, muß sie mit dem Kind hier bleiben. Sie schien vor Schmerz und Kummer halb wahnsinnig. »Kommt er zurück, erschießen sie ihn ... Kommt er nicht, – was soll aus meiner Kleinen werden? Lang' kann sie's hier nicht mehr machen. Schaun Sie nur, wie mager sie schon ist!« Sie hob eine Decke. Lydia sah die dünnen Beine so erbärmlich abgezehrt, wie bei einer Holzpuppe; Knie und Knöchel bildeten dicke, vorstehende Knollen. Ihr Führer sagte zu Savinsky: »Hier werden Sie heute nacht schlafen, das ist die vornehme Abteilung.« Savinsky ließ sich auf eines der Betten fallen. Er war völlig erschöpft und niedergedrückt. Seit zwei Stunden, seitdem die Gefangenen wach waren, hatte er kein einziges unbelauschtes Wort mit Lydia wechseln können. Die Zeit verrann, es war bald elf Uhr und er hatte ihr so viel zu sagen. Er fürchtete jetzt das Schlimmste, eine lange Trennung von ihr. Die Bolschewiki würden ihn nicht freilassen. Es lag zweifellos eine Unvorsichtigkeit von Seiten Spaßkis vor. Dahin also hatte ihn seine Sympathie für diesen Phantasten, an dessen Erfolg er nie glaubte, geführt! Er verwünschte seinen Leichtsinn, mit dem er sich da in ein Abenteuer hatte verstricken lassen, das jetzt tragisch enden mußte. Es war unverzeihlich, daß er, ein Geschäftsmann, gewohnt, alles rein materiell zu beurteilen, in diesem Fall ohne Sinn und Zweck nur seinen Gefühlen für diesen Spaßki nachgegangen war! Und zu Lydia durfte er von all diesen Sorgen nichts sagen! Er wollte sie nur darauf vorbereiten, daß sie ihn in kurzer Zeit werde verlassen müssen. Die Sache war nicht leicht, das junge Mädchen wollte einfach nichts davon hören. »Wo du sein wirst,« sagte sie, »dort bleibe auch ich ... Ich habe nur dich auf der ganzen Welt, und, vergiß es nicht, auch du hast jetzt nur noch mich.« Es brauchte langer Überredungskünste, ehe Savinsky sie zur Einsicht gebracht hatte, daß sie ihm, freigelassen, tausendmal nützlicher wäre, als hier im Gefängnis. Wer sollte ihm jeden Tag sein Essen hereinschicken, wer die nötigen Schritte für seine Befreiung unternehmen? Endlich fügte sie sich, aber das arme Kind hatte die Augen voll Tränen, als sie ihm sagte: »Wie du mich quälst! Aber, ach, ich sehe ja, daß ich dir nachgeben muß.« Eben als sie diese Worte sprach, wurde an der Saaltüre mit lauter Stimme ihr Name gerufen. Ein Soldat schwenkte dort ein Papier. Sie erhob sich. »Folgen Sie mir,« sagte er, »Sie sollen zum Verhör kommen.« Eine allgemeine Aufregung entstand im Saal. Die Leute liefen zusammen, Stimmen tönten durcheinander. »Noch niemand wurde so bald verhört!« »Ein unerhörter Fall!« »Wir wußten, daß Sie nicht lang' bei uns bleiben.« Es galt Abschied nehmen. Lydia fiel Savinsky um den Hals und küßte ihn leidenschaftlich, ohne der Gefangenen zu achten, die herumstanden und zusahen. Sie wollte ihn gar nicht loslassen; als wäre es die letzte Minute ihres Lebens. Auch die Ordonanz, die sie holen gekommen war, wurde durch die allgemeine Sympathie für sie mitgerissen. Ganz mechanisch nur wiederholte er mehrmals, aber mit einer weichen, fast zärtlichen Stimme: »Beeilen Sie sich doch!« Plötzlich kam Lydia ein neuer Gedanke. »Ich will dich unbedingt nochmals sehen, selbst wenn man mich freiläßt.« Rasch schlüpfte sie aus ihrem Pelz, den sie bis dahin anbehalten hatte und ließ ihn Savinsky am Arm. Und so schritt sie hochaufgerichtet, mit zurückgelehntem Kopf in ihrem dekolletierten Ballkleid durch die Reihen der sprachlos, mit angehaltenem Atem auf sie blickenden Gefangenen. Sie strahlte in Jugend und Schönheit, wie eine Traumvision und alle blickten ihr noch sehnsüchtig nach, als die Türe sich schon lange hinter ihr geschlossen hatte. Als hätte der letzte Hoffnungsstrahl, der letzte Gruß aus einer besseren Welt, mit ihr den Raum verlassen, so stumm und gedrückt blieben alle zurück. Savinsky war auf seine Bank zurückgesunken und saß unbeweglich, den Kopf in die Hände gestützt, das Gesicht verdeckt. Er war ohne Gedanken und ohne Gefühle ... Eine Viertelstunde mochte vergangen sein. Da entstand eine neue Aufregung. Lydia war wieder erschienen! Sie lief zu ihm hin. »Ich bin frei! Ein sehr höflicher Mann ... Er hat sich sehr liebenswürdig wegen des höchst bedauerlichen Irrtums entschuldigt. Er wird dich auch gleich verhören. Du gehst gleich mit mir hinunter. Und ich fühle es, hörst du, ganz sicher fühle ich's, daß er auch dich freiläßt.« Jubel klang aus ihren Worten und als jetzt Savinskys Namen ausgerufen wurde, gingen sie beide den Weg, den Lydia schon kannte. Zuerst wurden sie wieder in jenen Saal gewiesen, den sie bei ihrer Ankunft vor sechs Stunden schon betreten hatten. Hier erwartete Lydia eine große Enttäuschung, sie durfte nicht mit Savinsky zum Verhör gehen, sondern mußte das Gefängnis ohne Verzug verlassen. Nur ihr fester Glaube, ihn nach wenigen Augenblicken wiederzusehen, gab ihr die Kraft, sich ruhig und unbesorgt von ihm zu trennen. Einige Sekunden später stand Savinsky dem gefürchteten Uritzki gegenüber, Uritzki, vor dem damals schon ganz Petersburg zitterte. Bei Savinskys Eintritt erhob er sich hinter einem großen Tisch, bei dem er, in das Studium von Akten vertieft, gesessen hatte und kam heran, um ihm die Hand zu reichen. Er war mager, mittelgroß, hatte ein sauber rasiertes, intelligentes Gesicht und seine Bewegungen waren hastig, nervös. Alles in allem ein überarbeiteter, überreizter Fanatiker von jenem Typus, der nicht unelegant wirkenden Intellektuellen. Er sah todmüde aus. Er bot Savinsky einen Stuhl an, ließ sich selbst wieder hinter dem Tisch nieder und blätterte schweigend in den Akten, die vor ihm lagen. Diese Minuten schienen Savinsky endlos. Er konnte die Angst der Ungewißheit kaum mehr ertragen. Was hatte man gegen ihn für Material? – Alles wäre besser, als dieses Warten ... Lieber wollte er gleich alles eingestehen ... Er machte krampfhafte Anstrengungen, seine Nerven in der Gewalt zu behalten und kühle Überlegung zu bewahren ... Diese Spannung in ihm war qualvoll aufreibend und er fühlte, er konnte sie nicht mehr lange aushalten ... Endlich nahm Uritzki einen Stoß Papiere, legte ein Gummiband herum und reichte ihn Savinsky. »Hier sind Ihre Papiere;« sprach er mit klanglos müder, schleppender Stimme. »Ich gebe sie Ihnen zurück ... Ich werde Sie in Freiheit setzen. (Savinsky senkte den Blick, damit das Aufleuchten seiner Augen ihn nicht verrate.) Aber, wenn Sie erlauben, möchte ich Ihnen vorher für das Protokoll einige Fragen stellen, die Sie freundlichst eigenhändig mit den Antworten hier niederschreiben wollen ...« Das Telephon läutete und er unterbrach sich. Mit müder schwerer Hand nahm er von einem der vier hinter ihm an der Wand angebrachten Apparate die Muschel, hörte eine Weile zu und gab dann einen kurzen Befehl in den Apparat. Jetzt wandte er sich wieder an Savinsky: »Sie kennen Spaßki?« »Ja.« »Schreiben Sie das, bitte, nieder.« »Standen Sie seit 7. November 1917 mit ihm in Verbindung? Brieflich, durch Mittelspersonen oder direkt?« »Nein.« »Schreiben Sie, bitte.« »Kennen Sie seine jetzige Adresse?« »Nein.« »Bitte aufschreiben.« Die gleichen Fragen wurden bezüglich der kommandierenden Generäle der Donarmee von Savinsky verneinend beantwortet. Plötzlich blieb Uritzki, der während der letzten Minuten mit nervösen Schritten im Zimmer auf- und abgerannt war, knapp vor Savinsky stehen, fixierte ihn scharf und frug rasch, sich ganz nahe vor sein Gesicht herabbeugend: »Kennen Sie Ingenieur Muschin?« Savinsky faßte sich schon nach dem Bruchteil einer Sekunde und sein »Nein« klang sicher. Uritzki nahm nun das Protokoll und las es laut vor. »Wollen Sie unterschreiben? – Sie sind frei.« Savinsky erhob sich, grüßte und schritt zur Türe. Eben als seine Hand die Klinke berührte, erklang nochmals die matte Stimme des Kommissars hinter ihm: »Es wäre unklug von Ihnen, Nikolaus Wladimirowitsch, Spaßki nochmals zu sehen oder weiterhin Beziehungen welcher Art immer mit ihm oder dem Ingenieur Muschin zu unterhalten. – Ich gebe Ihnen diesen Rat ... Auf Wiedersehen.« Savinsky trat aus der Türe, aber während der Entlassungsformalitäten klangen die Worte Uritzkis noch unaufhörlich in ihm nach und es überlief ihn eiskalt. »Welche Unverschämtheit, so zu mir zu sprechen!« dachte er. »Konnte er mir noch deutlicher zu verstehen geben, daß er meinen Aussagen nicht den geringsten Glauben schenke? ... Dieser Mann spielt mit mir. Die Geschichte ist noch nicht aus.« Seine Freude war verflogen. Erst als er vor der Präfektur auf der Straße stand, ließ die Angst nach, die ihn neuerlich überkommen hatte. Es war zwölf Uhr. Ein klarer Wintertag; der Schnee in den Admiralitätsgärten glänzte in der Sonne. Nach dem stinkenden Kerker atmete er in tiefen Zügen die kalte, trockene Luft. Zum erstenmal in seinem Leben schien er die Schönheit so eines hellen, kalten Tages empfinden zu können. »O, wie gut! Oh, wie schön ist das!« wiederholte er, unbeweglich vor dem Tore des Gefängnisses stehend. In diesem Augenblick löste sich eine weibliche Gestalt aus dem Schatten eines gegenüberliegenden Haustores und kam auf ihn zu. Es war Lydia. Er umarmte sie stürmisch. »Ich bin glücklich,« rief er. »Wie liebe ich dich!« Zu Fuß gingen sie heim. Sie meinten einen schweren Traum hinter sich zu haben. Die einzige Wirklichkeit war die strahlende Morgenröte ihrer Liebe. Einige Minuten später verließen sie einander vor dem Palais des Fürsten Volynski. Nachmittags würden sie wieder zusammentreffen ... Wo? Noch wußten sie es nicht. Ob die Wohnung Savinskys immer noch von den Soldaten besetzt war? – Und selbst, wenn dies nicht mehr der Fall, wäre es nicht unvorsichtig, dort zusammenzukommen? ... Ach, sie wird anrufen, alles wird sich finden ...; sie werden einander sehen ... Alles andere war nebensächlich!   Die alte Anjuschka bereitete ihrem Herrn einen rührenden Empfang. Die Freude, die sie bei seiner Wiederkehr zeigte, bewies, welche Sorge sie um ihn gehabt hatte. Die Soldaten hatten nach einem telephonischen Befehl eben die Wohnung verlassen. Nur noch der hartnäckige Ledergeruch ihrer Stiefel war zurückgeblieben. Während der Koch das Mittagessen richtete, bereitete sie ein Bad, zog ihrem Herrn eigenhändig die Schuhe aus und brachte ihm einen bequemen Hausanzug. »Gott sei Dank, Barin, Sie sind in Sicherheit und hoffentlich jenes schöne Fräulein auch.« »Ja, Gottlob, sie ist gerettet,« sagte Savinsky mit Tränen in den Augen. Nach Tisch warf ihn seine unwiderstehliche Müdigkeit auf den Divan. Er schlief lange und tief und schreckliche Träume lasteten auf ihm. – Er sah ein kleines Mädchen wieder, mit dünnen Beinen und riesigen Knieen; sie lag in den Armen ihrer Mutter und schluchzte ohne aufzuhören ... Dann kam ein riesiger Mann mit gebogener Nase, der sprang in teuflischem Tanz rings um ihn ... Und plötzlich blieb er mit einem Ruck vor ihm stehen, starrte ihm in die Augen und frug mit Grabesstimme: »Wollen Sie mir die Adresse von Spaßki geben?« Und während er sprach, schrillten unaufhörlich die Glocken von vier Telephonen ... Der gellende Lärm wollte gar nicht aufhören. Savinsky, den die starren Augen jenes Mannes unbeweglich auf seinem Platz gebannt hielten, schmerzten die Ohren ... Und plötzlich wachte er auf, das Telephon auf seinem Tisch hatte ihn geweckt, es läutete unaufhörlich. Er lief zum Apparat. Es war eine Nachricht Semeonows, der ihn bitten ließ, um vier Uhr zu ihm ins Volkskommissariat zu kommen ... Ein Frösteln überlief ihn; er schüttelte die Erinnerung an den Angsttraum ab, die ihm noch in den Gliedern lag ... Er blickte aus dem Fenster, schon wurde es dunkel. Es war dreiviertel vier. Er hatte gerade noch Zeit, zu Semeonow zu gehen. Vorher aber rief er noch Lydia an. Wo wollte sie ihn treffen? – Vor fünf Uhr konnte er kaum zu Hause sein, vielleicht sogar würde es noch später werden. Aber sie möge ihn erwarten, Anjuschka werde ihr Tee geben ... Die helle Stimme Lydias stimmte zu. Zwanzig Minuten später stand er vor Semeonow in dem großen, gelb und rot gehaltenen Empire-Salon, in dem er sich so oft mit Sassonow unterhalten hatte. Er war voll Groll und fühlte doch gleichzeitig auch Furcht. Die Unverschämtheit dieses Semeonow überstieg doch alle Grenzen! Ihn so mitten in der Nacht verhaften zu lassen, das war wohl das Unerhörteste. Nur das Bewußtsein, daß dieser Mann allmächtig und skrupellos sei, veranlaßte Savinsky, sich zu beherrschen. Noch hieß es Geduld haben! – Semeonow stürzte ihm entgegen. Seine ganze eisige Zurückhaltung, in die er immer entrückt gewesen, schien er abgestreift zu haben. Er zeigte bei der Erinnerung daran, daß sein Freund Savinsky auf solche Weise verhaftet und ins Gefängnis geschleppt werden konnte, eine wahre Wut. Das war nur die Borniertheit einer selbständigen Abteilung, die ihren Eifer beweisen will und blind darauf loswirtschaftet. Sofort, als er um neun Uhr früh von Anjuschka verständigt worden war, habe er Uritzki ans Telephon gerufen, obzwar dieser nach einer durcharbeiteten Nacht noch geschlafen habe und ihm auf eigene Verantwortung den schärfsten Auftrag gegeben, Savinsky ohne Zögern freizulassen. »Ich habe erklärt, daß ich für Sie hafte, wie für mich selbst, Nikolaus Wladimirowitsch,« setzte er mit einem erzwungenen Lächeln hinzu. »Sie wissen ja genau, was ich anstrebe. Ich habe offen zu Ihnen gesprochen. Sie sind uns unentbehrlich und eines Tages werden Sie doch mit uns arbeiten!« Die Begegnung war nur kurz und als Savinsky ihn verließ, konnte er den Eindruck haben, daß Semeonow diesmal aufrichtig gewesen sei und er von nun ab weniger zu fürchten habe. Aber während er seiner Wohnung zuschritt, kamen ihm bald wieder Zweifel. »Ist das nicht auch wieder eine Komödie? Wußte er denn nicht alles schon vorher? Sollte nicht doch er selbst meine Verhaftung veranlaßt haben? ... Um so einen Druck auf mich auszuüben und mir zu zeigen, wie abhängig ich von ihm bin? – Und Lydia? Muß er nicht wissen, daß sie bei mir war? – Ist es nicht ausgeschlossen, daß er nicht weiß, daß sie mit im Gefängnis war? Will er auch diese Waffe gegen mich gebrauchen?« Endlich fiel ihm auch ein, daß Semeonow über den Grund der Hausdurchsuchung und Verhaftung kein Wort verloren hatte. Keine Anspielung auf Spaßki! Das war verwunderlich und gab zu denken. Es konnte kein Zufall sein, daß er eine Sache von solcher Wichtigkeit schweigend überging. Gerade jetzt, während die Friedensverhandlungen mit den Zentralmächten in vollem Gang waren, verfolgten die Volkskommissare mit größter Aufmerksamkeit alle Vorgänge am Don. Die Stirn Savinskys umwölkte sich. Er schritt rasch mit gesenktem Kopf dahin. Als er aufblickte, war er gegenüber seiner Wohnung. Die Fenster seines Wohnzimmers waren hell. Lydia wartete ... Alles andere versank. – Sie lag in seinen Armen, er drückte seine Lippen auf ihren Nacken und atmete den bezaubernden Duft ihrer Jugend. Wog eine Minute, wie diese, nicht alle Schrecken der Nacht und das bittere Erlebnis des Gefängnisses reichlich auf? – Er hört ihr zu. Schon der bloße Klang ihrer Stimme verscheuchte alle Leiden. Sie erzählte von ihrer Ankunft zu Hause, von der Freude, ihr Zimmer, ihre Möbel wiederzusehen, die reine Luft zu atmen, die dort herrscht ... Und dann das Mittagessen mit ihren Eltern; der Hunger, den sie hatte! »Mein Vater behauptete, ich habe noch nie so gut ausgesehen. Ich war eine Weile bei ihm, nach Tisch. Ach, kannst du mir's nachfühlen, wie gerne ich ihm gesagt hätte, daß ich dein bin ... Vielleicht ahnt er es ... Nein, nein, das ist unmöglich; obgleich er mich manchmal so ansieht, daß ich spüre, er weiß viel mehr von mir, als er eingesteht, auch Dinge, die Geheimnisse sein sollen ... Eigentlich glaube ich, wünscht er sich nur das Eine: daß ich glücklich sei ... Auf welche Weise, gilt ihm gleich. Er kennt nur eine Furcht, daß die Zeit, in der wir leben, mich um das Glück bringen könnte, das mir zukommt. Aber natürlich kann er das nur denken, nicht sagen ... So strömt das nur schweigend von ihm zu mir, Empfindungen ohne Worte ... Nur Gedanken, die so dahinschweben, weich, zärtlich und stumm. Auch ich wagte nicht zu sprechen und überließ ihn seinen Träumen ... Und dann schlief ich schrecklich fest, und erst du hast mich geweckt. – Und jetzt endlich bin ich hier bei dir, in deinen Armen, dort, wo ich hingehöre. – Wie liebe ich dich! – Immer schon liebte ich dich, weißt du es denn nicht? – Erinnerst du dich, damals, als ich hinfiel? Du hobst mich auf; ich war ja ganz betäubt und du hieltest mich so fest und doch so zart ... Ich kam bald wieder zu mir, aber soll ich dir's denn gestehen? Was wirst du wohl von mir denken? – Ich tat so, als wäre ich noch bewußtlos – nur um noch einige Augenblicke von dir gehalten zu werden ... Und dann hab ich dich so lange nicht gesehen! Wohin warst du nur verschwunden? Du Böser! – Zu Hause hattest du dich eingesperrt, bei deiner Familie ... Oh, ich könnte dich erwürgen, glaube ich, du, du ... Sechs Monate warst du verborgen, sechs Monate hast du mich vergessen. Sicher warst du glücklich! Ohne mich ... Sechs Monate haben wir verloren ... Sag', ich bitte dich, sag', daß du ohne mich nicht glücklich warst! Nicht wahr, nein? – Aber daß du überhaupt leben konntest! Ohne mich zu suchen, ohne dich um mich zu kümmern! – Der Zufall erst mußte uns wieder zusammenführen ... Ich wußte natürlich, daß du dort sein wirst ... Aber du, wußtest du denn überhaupt meinen Namen? Wirklich, daß du mich wenigstens noch erkannt hast! Sag', du dachtest an mich, du hattest mich nicht vergessen, sag's ...« »Immer fühlte ich deinen süßen, weichen Körper in meinen Armen.« Gegen acht Uhr begleitete er sie nach Hause. Die Millionaja war ganz verlassen. Nur an der Ecke des Apothekergäßchens stand ins Dunkel gedrückt eine kleine Gruppe stumm wartender Soldaten in der eisigkalten Nacht. Eine einzige Laterne brannte und beleuchtete für einen Augenblick das lachende Gesicht des jungen Mädchens. Die Soldaten ließen das Paar wortlos vorbei. Savinsky und Lydia waren so erfüllt voneinander, daß sie die lauernden Gestalten gar nicht bemerkten. Nachdem er sich von Lydia vor ihrem Hause verabschiedet hatte, zögerte Savinsky einen Augenblick und entschloß sich dann, doch in den nahen Klub zu gehen, anstatt sofort nach Hause zurückzukehren. Er ahnte dabei nicht, daß er dadurch einer neuen bitteren Erfahrung der Revolutionszeit entgangen war, denn wäre er nochmals an den Soldaten vorbeigekommen, dann hätte er seine Brieftasche, seinen Pelz, seine Kleider und wahrscheinlich auch seine Schuhe in ihren Händen lassen müssen. Spät schlief er ein und der Duft Lydias, den er noch zu spüren glaubte, begleitete ihn in seine Träume. Es war ein zartes, kaum wahrnehmbares Parfüm, ein Schleier, der heranschwebte und verflog, der kühl und brennend zugleich über die Nerven strich und greifbar fast ihr Bild enthüllte, das nah und näher kam und dann zerrann ... Am Morgen, als Anjuschka das Frühstück brachte, legte sie ihm die Zeitungen auf sein Bett und er las fettgedruckt in großen Lettern an der Spitze der Iswestja: »Die Revolution in Finnland. Die bürgerliche Regierung abgesetzt. Die Sowjets im Besitz der Macht.« – In zitternder Hand hielt er das Blatt. Die finnischen Bolschewiki hatten mit Hilfe der Matrosen und russischen Soldaten einen Staatsstreich vollführt. Helsingfors und der ganze Süden waren in ihrer Gewalt. Die vertriebene Regierung war nach Norden entkommen! – Savinsky war völlig vernichtet. – Sonja und die Kinder mitten in dem Aufruhr ... Ohne ihn! Seine Phantasie malte ihm die düstersten Bilder. Soldaten, die die Villa überfluteten ... Durchwühlen der Zimmer, Weinen der Kinder ... Sonja, jung und schön, inmitten dieser Horden ... Ach, hätte er nur nicht solange gezögert! Was gäbe er nicht jetzt darum, sie im ruhigen Schweden zu wissen! Was war noch zu machen? Hineilen? Das war seine Pflicht; und Lydia? Dieser Name wühlte alles in ihm auf. Nein, er konnte das Mädchen nicht verlassen, selbst nicht für einen Tag, ohne vorher mit ihr zu sprechen. Sie hatte jetzt Rechte an ihn und er fühlte, es sei unmöglich, ihr durchs Telephon zu sagen, daß er nach Finnland zu den Seinen reise ... Grübelnd irrte sein Blick umher. Grauer Dunst lag vor den Fenstern. Ach, diese niederdrückenden Wintermorgen Petersburgs! Wer vermag sich ihrer bleiernen Schwere zu entziehen? Die stärksten Naturen erwachen mutlos, entkräftet. Das sind die Stunden, in denen das Leben durch die Herzen der Menschen nur so dahinschleicht, ohne Kraft, ohne Wärme, so wie das trübe Licht am grauen Himmel über der Stadt, das sich müht, die allzu lange Nacht zu vergessen und nur mißmutig, zögernd das Dunkel überwindet. Savinskys verbrauchte Nerven standen ganz im Bann dieser lähmenden Stimmung. Langsam, mühsam, in schwere Gedanken versunken, kleidete er sich an. Gegen elf Uhr ging er wie im Traum zum Platzkommando, denn man mußte jetzt für jede einzelne Reise nach Finnland ein neues Visum haben. Im Paßamt wurde ihm mitgeteilt, daß an diesem Tage keine Visa erteilt würden und daß nur dienstliche Reisen nach Finnland gestattet seien. Er möge am nächsten Tage wieder anfragen ... Der Zwang, seine Reise zu verschieben, erleichterte fast Savinsky. Er stand vor einer physischen Unmöglichkeit, die ihm wenigstens erlaubte, im Frieden mit seinem Gewissen zu leben! Er war ja so müde, erschöpft und energielos, er wollte sich von der Strömung treiben lassen, weil er keine Kraft mehr fühlte, das Ufer zu erreichen ... Bald nach Tisch kam Lydia zu ihm. Sie war in fröhlichster und liebevollster Stimmung. Savinsky ließ sich in die Zauberwelt entführen, die ihre Zärtlichkeit ihm schaffte. Solange sie bei ihm war, blieb alles andere vergessen. Erst als sie wegging, erinnerte er sich daran, daß er von der Revolution in Finnland hatte sprechen wollen. »Ach, morgen ist Zeit genug, wenn ich überhaupt ein Visum bekomme,« sagte er sich aber gleich und begleitete seine Geliebte heim. Abends sahen sie sich bei Natalie wieder. Es war das erstemal, daß sie in Gesellschaft zusammenkamen, Savinsky wünschte und fürchtete diese Probe! Würde er die Glut seiner Augen bändigen können, wenn er sie anblickte? Und sie, würde sie die Kraft haben, Gleichgültigkeit zu heucheln? Er betrat den Raum und die Erste, die er in dem Kreis erblickte, war Lydia. Sie hatte für diesen Abend das gleiche Kleid gewählt, das sie im Gefängnis getragen hatte, das er in jener Nacht mit fieberheißen Händen gelöst ... Eine Flut von süßen Erinnerungen stieg in ihm auf; er blieb versunken stehen und erst die Stimme der Hausfrau weckte ihn aus seinen Träumen. Die Worte aber, die sie ihm zurief, ließen ihn verwirrt aufhorchen. »Nun, Nikolaus Wladimirowitsch, berichten Sie uns schnell ihre Erlebnisse im Gefängnis!« Bisher hatte es Savinsky für klüger gehalten, von seiner Verhaftung zu schweigen, um so mehr, da ein günstiger Zufall es gefügt hatte, daß er keinen Bekannten in der Präfektur gesehen hatte. Woher konnte es also Natalie wissen? Ein Name zog ihm sofort durch den Sinn: Semeonow. Schon seit langem argwöhnte er ein geheimes Einvernehmen zwischen den beiden ... Was aber wußte sie wohl alles? Hatte Semeonow auch von Lydia gesprochen? Trotzdem er sich wohl zu beherrschen wußte, fühlte er doch eine aufsteigende Röte. Unwillkürlich blickte er auf das junge Mädchen, das, wie alle Gäste, die ihm peinlichen Worte gehört hatte. Sie strahlte vor Fröhlichkeit. Sicherlich hatte die Erwähnung ihres geheimen Abenteuers in der Gorokhovaja hier vor allen Menschen einen großen Reiz für sie. Ihr Ausdruck ließ vermuten, daß sie, von dem Wunsch getrieben, ein Erlebnis zu bekennen, auf das sie nur stolz war, gleich herausjubeln würde: ich war mit. Savinsky liebte sie dafür um so mehr, aber er kam ihr zuvor und schritt, nachdem er sich rasch gefaßt hatte, mit den gleichgültig hingeworfenen Worten auf Natalie zu: »Ach, ich bitte Sie, das ist doch so unwichtig, daß ich es gar nicht der Mühe wert finde, darüber zu sprechen. Paar Stunden oder paar Tage in der Gorokhovaja, – wem ist das nicht schon passiert und wem wird es nicht passieren?« Aber Natalie und ihre Gäste wollten alle Einzelheiten hören und so mußte er nachgeben. Über alles mußte er Auskunft geben. Nur Lydia stellte keine Fragen. Sie hörte zu, schaute Savinsky aufmerksam an und nickte hier und da mit dem Kopf, als wollte sie die Richtigkeit seiner Worte bestätigen. Erst hatte er nicht gewagt, sie anzublicken; langsam wurde er kühner und schließlich umschloß er sie mit seinen Blicken und träumte sie, wie einige Stunden früher, in seinen Armen. Das Kleid, in dem sie vor ihm saß, das nur ihre noch so kindlichen Arme und den Hals mit dem Ausschnitt an der Brust freiließ, fiel in seinen Gedanken, und Lydia war nur von zarter Wäsche bekleidet, die weich ihre schlanke Gestalt umschloß ... Er stockte jetzt in seiner Rede, wiederholte schon Gesagtes und brach schließlich kurz ab. Natalie zeigte lebhafte Neugier. »Sie sind der erste aus unserem Kreis, der verhaftet wurde. Das ist eine große Ehre.« »Ich hätte sie gerne anderen überlassen,« erwiderte Savinsky ziemlich barsch. »Ich glaube, diejenigen, die ein ähnliches Abenteuer vermeiden wollen, täten gut daran, über die Grenze zu gehen.« Natalie lachte ihn aus. Warum heute so pessimistisch? Die gegenwärtige Lage dauere doch schon viel länger, als man jemals vermutet hätte. Wer hätte gedacht, daß sich die Bolschewiki drei volle Monate halten würden? Ihr Streich hatte damals doch nur gelingen können, weil sie die ungebildeten Leute täuschten. Aber heute? Jeder Fabrikarbeiter und der allerletzte Muschik sehen es ein, daß sie nur alles zugrunde gerichtet haben; mit einemmale werden sie weggeblasen sein, wie Kerenski ... »Wenn nicht vorher noch die Deutschen kommen und ihre Rechnung präsentieren,« unterbrach Iwan Schupow. »Das ist der wahrscheinlichste Fall!« Savinsky hörte nicht weiter zu. Er bemühte sich in Lydias Nähe zu gelangen. Aber nur ein paar Worte konnte er ihr unbelauscht zuflüstern: »Wenn du wüßtest, wie ich mich danach sehne, dich jetzt mit mir nach Haus zu nehmen ...« – Am nächsten Morgen, als wieder die düsteren Gedanken in ihm herrschten und die Sorgen, die ihn am Vortage bestürmt hatten, mit neuer Gewalt auf ihn einströmten, wurde er gegen zehn Uhr durch einen Brief seiner Frau freudigst überrascht. Ein Kondukteur der Finnländer Strecke brachte ihn. Sonja schrieb, daß die Revolution bei ihnen keinerlei Unruhen verursacht habe, die kleinen Sommerfrischen zwischen Wiborg und der Grenze seien völlig unberührt geblieben. Es scheine fast, als wollte die bolschewistische Zentrale Finnlands die bürgerliche Bevölkerung nicht beunruhigen, sogar die Züge verkehrten ganz wie immer. Er brauche sich daher für den Augenblick keinerlei Sorgen zu machen. Sie hoffe, daß er in absehbarer Zeit seine Angelegenheiten erledigt haben werde, damit sie alle zusammen nach Schweden reisen könnten. – Der Brief war in jener ruhigen Art gehalten, die Sonja stets an sich hatte; herzlich, klar, aufrichtig und ohne Klagen, wie immer. Savinsky fühlte während des Lesens eine innige Rührung. Wie bewundernswert war doch diese Frau! Es schien, als wäre es ihr Lebenszweck, ihm alle Schwierigkeiten und Mühen abzunehmen. – Dieser Schicksalsschlag war also abgewendet! Gottlob, seine Familie war nicht in Gefahr, und so durfte er ohne Selbstvorwürfe in Petersburg bleiben ... Eine Nachschrift fand er noch am Rande. »Du kannst mir durch den Überbringer eine Nachricht zukommen lassen. Er ist verläßlich. Seine Frau und seine Kinder wohnen in unserer Nähe und ich kümmere mich viel um sie.« Savinsky ließ den Kondukteur, der gewartet hatte, hereinkommen. »Sie können für meine Frau einen Brief mitnehmen?« »Gewiß, Euer Gnaden. Ich fahre zurück, um elf Uhr. Wenn Euer Gnaden einen Brief vorbereiten wollen, würde ich ihn um acht Uhr abholen.« »Ich erwarte Sie. Kommen Sie bestimmt!« Alleingeblieben, begann Savinsky gedankenvoll in seinem Zimmer auf und ab zu wandern. Lange tat er nichts anderes und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Als er mit seinem Plan endlich im reinen war, ließ er sich bei seinem Schreibtisch nieder und begann den Brief seiner Frau zu beantworten. Er sandte ihr die Pässe, für sie, für die Kinder und die Zofe, die für Schweden und England ausgestellt waren. Er bat sie dringend, die wenigen Tage der Ruhe, die sie noch zur Verfügung hatte – das Beispiel des friedlichen Beginns der russischen Revolution warnte sie ja zur Genüge – zu benützen, um Abo zu erreichen, und von dort mittels Schlitten über das Eis nach einem Hafen der Alandsinseln zu gelangen, von wo Schiffe nach Schweden verkehren. Die Reise sei in kurzen Strecken zu machen und dann unbeschwerlich. In drei Tagen könnten sie ohne Ermüdung und ohne Gefahr in Sicherheit sein. Er sende ihr auch die nötigen Briefe an die Banken in Schweden und London, bei denen er sein Vermögen deponiert habe. So werde sie sorglos leben können. Er selbst hoffe, bei erster Gelegenheit nachzukommen, vorläufig sei zwar die Grenze gesperrt, aber das könne nicht lange andauern. Dank seinen Beziehungen im Volkskommissariat hoffe er in Kürze einen Auslandspaß zu bekommen. (Ganz in Gedanken versunken, schrieb Savinsky diese Phrase nieder, ohne die Ironie, die darin lag, zu bemerken.) Nachrichten möge sie ihm durch den schwedischen Kurier zugehen lassen; er werde den gleichen Weg benützen, um ihr Briefe zu senden. Es sei leider keine Zeit, um diesen Plan, den er reiflich erwogen habe, noch mit ihr zu beraten, und er rechne zuversichtlich damit, daß sie ohne Zeitverlust danach handeln werde. – Sein Brief war zärtlich und herzlich, aber auch sehr entschieden. Bis nach Tisch war er noch mit der Abfassung aller Vollmachten beschäftigt, die seiner Frau die freie Verfügung bei den Banken sichern sollten. Als alles geordnet war, blieb er nachdenklich in sein Fauteuil gelehnt. Er fühlte eine Befreiung von seiner drückendsten Sorge. Es war, als atme er jetzt die reinere, leichtere Luft eines anderen Planeten. Alles ordnete sich doch immer in ganz unverhoffter Weise. Seine Frau und seine Kinder waren außer Gefahr und auch die materiellen Fragen waren bestens geregelt. Keinen einzigen Augenblick dachte er an die Gefahren, die ihn selbst in Petersburg bedrohten. Denn ihm war ja Petersburg die einzige Stadt der Welt, in der er leben konnte. Hier mußte er bleiben, um sein Geschick zu erfüllen, und ein gütiger Gott war es, der eben eine Seite in seinem Lebensbuch umgeblättert hatte ... Und doch lag ein leiser Hauch von Wehmut, wie ein in der Ferne zitternder Geigenton, über seiner Stimmung. Ein Glockenzeichen erklang, Lydia war gekommen. Dritter Teil Der Winter ging vorüber. Eine unaufhörliche Spannung lag über Petersburg. Heftige Gemütsbewegungen hielten die Menschen in Atem. Angst und Hoffnung, Zweifel und Furcht lösten einander ab. Ende Februar näherten sich die deutschen Heere. Schon waren sie in Pskow, nur wenige Bahnstunden von der Hauptstadt entfernt. Würden sie die Unglücklichen, die hier in Angst, Kälte und Hunger zugrunde gingen, erretten kommen? Bei den Bolschewiki herrschte Ratlosigkeit und Bestürzung. Die Führer waren nach Moskau geflohen und bestürmten die Zentralmächte in ihren Telegrammen um Frieden, um welchen Preis immer. Trotzki hatte demissioniert, Semeonow war auch zurückgetreten. Er war ebenfalls in Moskau und intrigierte dort in kommunistischen Kreisen, jetzt, da er die Macht verloren hatte, mehr denn je auf sie erpicht. Savinsky hatte ihn ohne Bedauern abziehen sehen. Die geheime Macht dieses Mannes, die er immer wieder auf sich lasten fühlte, war schon unerträglich geworden. Lydia und Savinsky fanden in der Verwirrung, die in der Stadt herrschte, ihren Vorteil. Die bolschewistische Polizei war von der Übersiedlung ihrer Akten nach Moskau in Anspruch genommen, und ihre Belästigungen erfolgten mit weniger Eifer, als bisher. Es herrschte fast eine Art Waffenstillstand, den sie umsomehr genossen, als sie beinahe nur für einander, in fast vollkommener Abgeschiedenheit lebten. Auf einsamen Wegen durchstreiften sie die Vorstadt. Das Tauwetter hatte in diesem Jahr zeitig eingesetzt; die Straßen, die während des Winters wenig gekehrt und kaum instand gehalten wurden, hatten sich in kotige Teiche verwandelt. Lydia sprang wie eine Bachstelze von Stein zu Stein und lachte herzlich über ihren Geliebten, der weniger gelenkig als sie, öfter tüchtig einsank. Sie sahen einander täglich, speisten öfters mittags und abends zu zweit, und manchmal fand Lydia die Möglichkeit, auch die Nacht bei Savinsky zu verbringen. Nach der überhasteten Abreise eines seiner Freunde, hatte er nun auch dessen Wohnung zur Verfügung, und hier in der Fontanka, empfing er meist das junge Mädchen in einer Heimlichkeit und Einsamkeit, die von niemand gestört werden konnte. Die Fenster hatten den Ausblick auf den Kanal und auf den Garten, der auf dem rechten Ufer, oberhalb des ehemaligen Palais Paul, den Fontanka-Kanal begleitet. An heiteren Tagen war das Zimmer, in dem Lydia und Savinsky sich nachmittags aufhielten, in Sonne getaucht, und noch ihre letzten Strahlen, die über die kahlen Bäume des andern Ufers hereinfielen, streiften zärtlich über das Bett und ließen die goldene Haarpracht Lydias wie einen Heiligenschein aufleuchten. Savinsky betrachtete sie. Das matte Weiß ihres Körpers schimmerte wie antiker Marmor, der in der leuchtenden Glut italienischer Sonne geschaffen worden war. »Bleibe einen Augenblick, bewege dich nicht«, sprach er. »Es ist als wäre die jungfräuliche Venus selbst herabgestiegen, mein Lager zu teilen. Rühre dich nicht, ich bitte dich darum und laß mich dich anbeten.« Lydia liebte die aufgezwungene Ruhe nicht und behielt sie nur bei, um ihrem Freund gefällig zu sein. Doch er war der erste, der ihrer müde wurde. »Kleine Göttin, schläfst du? Liebst du mich vielleicht nicht mehr? Willst du mir anvertrauen, durch welches Gebot der Unsterblichen du in dieses rauhe Skythien kamst, gerade jetzt, in einer Zeit, da die Menschen hier von einem bitteren, tollen Wahn befallen sind?« »Einzig und allein, um Euch zu dienen.« Lydia war aufgesprungen und machte mit ausgebreiteten Armen einen tiefen Knicks vor ihm. »Einzig und allein, damit Ihr, mein Gebieter, Eure Freude an mir habt. Bis zu dem Tag, da ihr, meiner überdrüssig, mich dahin verbannt, woher ich kam.« Einmal sprach sie unter zärtlichen Küssen: »Ich begreife noch immer nicht, wie du mich lieben kannst. Ich bin ja doch bloß ein kleines Mädchen, unwissend und ungeschickt. Sicher spottest du im Geheimen über mich, wenn ich dich küsse ... Was weiß denn ich? Nichts. – Wie läppisch muß ich dir doch vorkommen ... Wütend bin ich, wenn ich daran denke. Beeile dich doch, mich alles zu lehren, damit ich vor dir nicht erröten muß.« Dann sang sie auch wieder Lobeshymnen auf ihn. »Du bist wie ein Felsen. Das war mein erster Eindruck ... Erinnerst du dich des Tages, als auf dem Newski geschossen wurde? Rings um dich flohen die Menschen, wie ein wirbelnder Sturzbach. Nur du standest unbeweglich, als wärest du in der Erde versenkt. Ich fiel zu deinen Füßen und da blieb ich auch. Das ist der rechte Platz für mich. Ich zitterte vor Furcht, doch als du mich aufgerichtet hattest, war alle Angst verschwunden. Ich fühlte es als deine Bestimmung, mich zu hüten ... Und wie schön du bist! ... (Savinsky begann zu lächeln ...) Ja, du bist schön, das sage ich nicht bloß, weil ich dich liebe. Ich sah es gleich damals und auch jetzt noch, glaub mir, vermag ich dich kritisch zu betrachten ... Du hast ganz die Schönheit, wie ein Mann sie haben soll; Lord Douglas ist hinreißend, aber er ist ein Kind. Kann man sich einem Kind geben, wenn man selbst noch ein kleines Mädchen ist? Du aber kamst in deiner besten Zeit, gerade für mich zurecht ...« »Mit einer Menge Falten und Runzeln!« »Falten! Wer wagt es zu behaupten, daß du Falten hast? Es ist dein Ausdruck, der nur deine Schönheit hebt und ihr das Männlich-Edle gibt, das ich so liebe.« »Sprich nicht so zu mir, mein Glück ist zu groß, es ist eine Herausforderung an die Götter! ...« – Durch einige Monate schwelgten sie so im Glück. Alles schien sich zu vereinen, um ihr Entzücken an der Gegenwart zu mehren. Wenn sie der durchlebten Schrecken dachten, erinnerten sie sich daran, daß sie zusammen sie ertragen hatten, und der Gedanke an die gemeinsam überwundenen Gefahren ließ sie die jetzige Ruhe nur noch inniger genießen. An die Zukunft dachten sie nicht; die ganze Zukunft, die sie beschäftigte, war stets nur ihre nächste Begegnung. So groß war ihr Entrücktsein, daß sie niemals Pläne machten. Was aus ihnen werden sollte? Niemals tauchte diese Frage auf. Das mochten sich jene fragen, die in geregelten, gesellschaftlichen Beziehungen leben, in vorgezeichneten Bahnen, in einer Ordnung, die Bestand hat. Die konnten Pläne machen und sich vornehmen, was in sechs Monaten, ja, in einem Jahr geschehen sollte. Doch während jenes Erdbebens, in dem das alte Rußland zusammenstürzte – wer wäre da Narr genug gewesen, auch nur für den kommenden Tag zu sorgen? Das Heute war das einzig Gewisse, nur der Gegenwart wurde gelebt, und jede Freude, die man dem drohenden Schicksal ablisten konnte, war eine Gnade, ein unerwartetes Geschenk, das mit allen Sinnen doppelt genossen wurde. So wurde ihnen jeder neue Tag ihres Glücks eine kostbare Gabe. Die unvermeidlichen schalen Augenblicke einer Liebe, die sich in gesicherter Ruhe entwickelt, blieben ihnen erspart. Sie kannten weder die kleinen Zänkereien, die dem ersten Entzücken der Liebe zu folgen pflegen, noch die Verstimmungen eines vor der Welt ängstlich gehüteten Bundes; weder die Langeweile, die in der Übersättigung entsteht, noch die leeren Stunden, die manchmal jene Sicherheit des Besitzes begleiteten, die durch nichts bedroht wird. Jede einzelne ihrer Minuten wurde gewertet, denn im Unterbewußtsein fühlten sie bei jeder, es könne die letzte sein, und sie müßten ihre ganze Leidenschaft in diesem letzten Augenblick erschöpfen. Selbst das rauhe Petersburg lächelte ihnen zu; der Frühling kam in diesem Jahr vorzeitig, die Abende wurden länger, die Sonne eroberte von Tag zu Tag mit hellerem, kräftigerem Strahl den Himmel, und immer öfter strich ein Hauch von unendlicher Milde über die Zweige der noch toten Bäume, erweckte die schlummernden Säfte in ihren Stämmen und ließ wirre Hoffnungen in den Herzen der leidenden Menschen keimen. – Die Schwierigkeiten in der äußeren Politik wurden indes überwunden. Der Friede war unterzeichnet. Die Deutschen, die wohl, wie das Manifest Leopolds von Bayern bewies, die Absicht gehabt hatten, sich in die inneren Angelegenheiten Rußlands einzumengen, waren von diesem Plan wieder abgekommen. Lenin vermochte jetzt sein kommunistisches Programm restlos zu verwirklichen und machte den Bürgerkrieg zu blutiger Wahrheit. Überall verfolgte man die vermeintlichen Anhänger des früheren Regimes; sie wurden eingekerkert, und man begann sie ohne Untersuchung und ohne Urteilsspruch hinzurichten. In Petersburg hatte Markus Salomonowitsch Uritzki, der Vorsitzende der Tscheka, die weitestgehenden Vollmachten erhalten und entwickelte eine furchtbare Rührigkeit. Kein Tag verging, ohne daß man von der Verhaftung einiger angesehener Leute erfahren hätte. Der Kreis um Natalie Schupow-Karamin hatte bei der Aussicht, daß die Deutschen die Ordnung in Rußland wieder herstellen würden, überlaut gejubelt, um in die tiefste Verzweiflung zu verfallen, als der Vormarsch der ersehnten Armee zweihundert Werst vor Petersburg eingestellt wurde. Jetzt erklangen nur noch die Seufzer der wenigen Getreuen, die noch um Natalie geschart geblieben waren. Die Hausfrau selbst hatte einen doppelten Verlust zu beklagen, der sie schmerzlich traf. Lord Douglas war mit seinem Botschafter nach England abgereist und Semeonow war in Moskau... So war sie also des Schutzes beraubt, den ihr, wie sie meinte, ein Mitglied des diplomatischen Korps, gegen die Hausdurchsuchungen hätte gewähren können. Obgleich die terroristischen Diktatoren ja durch die Verhaftung des rumänischen Gesandten bewiesen hatten, daß sie die Immunität der Diplomaten nicht allzusehr achteten. Und überdies hatte sie mit Semeonow einen zwar geheimen, aber mächtigen Verbündeten verloren. Trotz allem kamen Iwan Schupow und seine Gattin besser über das Elend dieser Zeiten hinweg, als ihre Freunde. Der dicke, immer leichenblasse Mann blieb stets der gleiche witzelnde Spötter, und Savinsky frug sich oft, welches wohl die verborgene Ursache dieser Sicherheit sein mochte. Er sah die Schupows übrigens jetzt seltener, doch hatte er das Gefühl, daß sie irgendeine unklare und gewiß nicht saubere Rolle spielten. Er achtete auf jedes Wort, das er vor ihnen sprach. Selten nur, wenn er sie anders nicht sehen konnte, traf er Lydia bei ihnen. Oft aber war er jetzt beim Fürsten Sergius, der ihn immer wieder zu sich bat, ja, dem er geradezu unentbehrlich geworden schien. Eine merkwürdige innige Freundschaft war zwischen ihnen entstanden. Lydia war das geheime Band, das sie zusammenschloß, und oftmals frug Savinsky sich mit Staunen, ob sie nicht damals recht gehabt hatte, als sie meinte, ihr Vater wisse viel mehr von ihr, als man vermuten würde. Wirklich sprach der Fürst fast nur von seiner Tochter zu Savinsky; sie war das unerschöpfliche Thema ihrer Unterhaltungen. Niemals bedauerte er auch nur mit einem Wort, daß die Heirat mit Lord Douglas unterblieben sei; im Gegenteil, er schien fast froh darüber, daß Lydia den jungen Engländer zurückgewiesen habe. »Ich wußte es ja,« sprach er mit stolzer Genugtuung, »daß sie diesen Burschen, wie schön er auch war, nicht erhören würde. Denn sie ist meine Tochter und ich kenne sie... Niemals würde sie etwas Banales tun!« Und er blickte Savinsky voll ins Auge, als suchte er dessen Zustimmung. Ein anderes Mal wurde er ausführlicher. »Ich möchte, daß Sie mich verstehen... Ich behalte meine Tochter um mich, ich bin stolz auf sie, bis zum Ende soll sie bei mir bleiben, das in Gottes Hand steht... Glauben Sie nicht, daß dies Egoismus ist, ich kümmere mich nicht um mich, nur um sie. Ich fühle es, und da täusche ich mich nicht, daß Lydia jetzt glücklich ist... Woher ich das wohl weiß? Es ist schwer zu sagen. Vielleicht sehen Kranke, wie ich, die nur mit sich allein leben, Dinge, die anderen verborgen bleiben? Und es ist noch etwas, Nikolaus Wladimirowitsch... Mir ist's, als wenn sich viele, viele Fragen jetzt für mich klären würden... Ja, wenn man sich seinem Ende nähert und so wie ich, seit einem Jahr, den Zusammenbruch einer ganzen Welt beobachtet, dann sieht man manches ganz anders, als es früher erschien, viel einfacher... Ich glaube, daß gar viele Probleme, die unlösbar schienen, für uns jetzt gar nicht mehr vorhanden sind, und daß viele Hindernisse, die die Menschen zwischen sich und ihrem Glück gesehen haben, nur eingebildet waren... Ja, in solchen Tagen der Prüfung und in der Nähe des Todes versteht man so manches...« Langsam nur hatte er diese Rede hervorgebracht, mit leiser Stimme, oft sich unterbrechend, als falle es ihm schwer, für seine Gedanken die richtigen Worte zu finden. Und wie er verstummt war, entstand ein Schweigen, in dem Savinsky jenes Herüberschweben zärtlicher, wortloser Gedanken zu fühlen meinte, das Lydia einmal erwähnt hatte. Er war so ergriffen daß er nicht zu sprechen vermochte. Als er eine halbe Stunde später den alten Herrn verließ, zog dieser ihn sanft zu sich nieder. »Darf ich Sie umarmen, Nikolaus Wladimirowitsch? Sie sind mir sehr teuer...« Savinsky neigte sich über sein Fauteuil. Die trockenen Lippen und der struppige Bart des Fürsten berührten sein Gesicht, und zugleich mit dem Kuß des Greises fühlte er eine warme Träne, die über seine Wange lief. – Die Zeit verflog, und schon meldete sich der Monat Mai mit zarten Blättchen, die er auf den schwarzen Ästen keimen ließ. Savinsky und Lydia benützten die länger werdenden Tage zu Streifzügen durch die Stadt. Sie gingen die Newa-Quais entlang, deren Steinmauern die angeschwollene Flut nur mühsam bändigten; wie große, treibende Seerosen schwammen einige verspätete Eisschollen, die aus dem Ladogasee kamen, mit der Strömung. Jenseits der blauen Fluten des breiten Stromes zeichneten sich die Silhouetten der verschiedenartigen Prachtbauten gegen das bernsteinfarbene Leuchten des Abendhimmels; die roten Ziegel des Pagenkorps, die altertümlichen Säulen der Börse, das edle Bauwerk der Akademie der Wissenschaften. Die Luft war von jener leuchtenden Durchsichtigkeit, wie man sie nur in nördlichen Breiten findet. Lange ruhten sie träumend auf der Uferbrüstung und ließen ihre Blicke über die verankerten Schlepper gleiten. Die Schönheit dieser stillen Abendstunden erfüllte ihre Seele. Auch sie blieben schweigend, und ihre Gedanken schweiften in die Ferne, weit, weit fort von der Welt und der Revolution mit ihren Schrecken und ihren Leiden. Sie entführten sie in jene geheimnisvollen Lande von Lorenzo und Jessica, Troilus und Cressida, Hero und Leander – aller jener, die die Leidenschaft aus dem Kreise der Lebenden schied. Es wurde spät, und doch konnten sie sich nicht zum Aufbruch entschließen. »Bleiben wir, bis es Nacht ist«, bat Lydia. Und die Stunden der Nacht kamen, doch noch ließ der Tag ihnen nicht den Sieg. Hinter sich zog er einen Glanz über den Himmel, der lange nicht ersterben wollte; schon waren die Sterne aufgegangen, doch die schimmernde Dämmerung wollte noch immer nicht weichen. Es war fast elf Uhr, ehe Lydia und Savinsky den Heimweg antraten. Langsam ausschreitend erreichten sie das Palais Volynski und, wie schon oft, trat Savinsky, ohne darauf zu achten, was die Dienerschaft davon denken würde, noch zu einer Tasse Tee bei Lydia ein. Spät erst kam er nach Hause. – Dann war die Zeit der hellen Nächte, die den Schlaf vertreiben, in denen die Zärtlichkeiten glühender werden, und es folgte der heiße, feuchte, gewitterschwüle Petersburger Sommer, der in den Wohnungen die Last der Kleider unerträglich werden läßt. Die Stadt rings um sie fieberte. Die Ermordung der beiden Kommissare Volodorski und Uritzki hatte den unerhörtesten Terror entfesselt. Die Opfer der bolschewistischen Repressalien zählten nach Hunderten. Der Kreis der Freunde wurde immer enger. Viele waren geflohen, mehr noch im Gefängnis. Lydia und Savinsky aber gingen ihren Weg und hörten nicht die Verzweiflungsschreie, die von allen Seiten aufstiegen.   Savinsky hatte von Spaßki Nachricht. Er lebte verborgen in Moskau, wenige Schritte vom Kreml, an einem Zusammenschluß gegenrevolutionärer Offiziere arbeitend. Er teilte Savinsky mit, daß er Ende August auf einige Tage nach Petersburg komme und mit Savinsky unbedingt sprechen müsse. Savinsky verheimlichte es Lydia nicht. Er dachte ganz laut vor ihr, und es wäre ihm nicht eingefallen, irgend etwas vor ihr zu verbergen. Als sie erfuhr, daß er ihren Freund Spaßki besuchen wolle, erklärte sie, mit ihm zu gehen. Wenn eine Gefahr darin lag, dann wollte sie diese mit ihm teilen. Übrigens sei ihr Spaßki sehr sympathisch, und sie werde sich freuen, ihn wiederzusehen. So erwartete Savinsky Lydia in seiner Wohnung, um mit ihr zu Spaßki zu fahren, der ziemlich weit auf dem anderen Newaufer abgestiegen war. Als er an dem Fenster Lydias Kommen entgegensah, bemerkte er einen Wagen, der vor seiner Türe stand. Der Kutscher war ein alter Mann mit weißem Bart und ganz kleiner Nase. Savinsky kam dieses seltsame Gesicht bekannt vor; er dachte nach und erinnerte sich plötzlich, daß er ihn ja hier, auch vor seiner Türe, vor zwei, drei Tagen erst gesehen hatte. »Er ist von der Ochrana,« dachte er im Augenblick. »Wirklich, sie sind nicht sehr schlau. Sie könnten doch abwechseln lassen und sollten mir nicht zweimal nacheinander denselben Mann schicken, besonders nicht in eine so verlassene Gasse.« Aber der Gedanke, daß er neuerlich überwacht werde, war ihm sehr unbehaglich. Welche Gefahren drohten ihnen noch, Lydia und ihm. Man mußte auf der Hut sein. Diese unerwartete Mahnung an die Härte der Zeit störte eine ganze Weile sein Gleichgewicht. Erst die Ankunft Lydias brachte ihn wieder zur Ruhe. Sie gingen zusammen auf die Straße, Savinsky wandte sich an den alten Kutscher: »Was verlangst du bis zur Zabalkanski?« »Welche Nummer, Barin?« »Ich weiß die Nummer nicht, aber ich kenne das Haus, es ist beiläufig in der Mitte der Straße.« »Für Sie fünfundzwanzig Rubel. Das ist nicht teuer.« »Für einen Bourgeois, wie ich es bin, und heutzutage ist das noch viel zu viel,« erwiderte Savinsky launig. »Wir werden die Straßenbahn nehmen.« Der Kutscher sagte nichts mehr. Savinsky und Lydia bogen in die Millionaja ein. Und während der Wagen in seinem humpelnden Trab dem Süden Petersburgs zufuhr, in welcher Richtung die Straße lag, nach der Savinsky den Kutscher gefragt hatte, eilten Savinsky und Lydia in einem anderen Wagen nach den nördlichen Vorstädten. Das letzte Stück bis zu dem angegebenen Haus gingen sie zu Fuß. Ein im Hausflur an einem Tisch sitzender Soldat beunruhigte Savinsky, die Gesellschaft Lydias hatte ihn bisher nicht zur Besinnung kommen lassen, welche Unvorsichtigkeit es war, das junge Mädchen so leichtfertig in ein Abenteuer mitzuverwickeln, das gefährlich werden konnte. Aber der Soldat blickte nicht einmal nach ihnen hin, und ohne sonst jemand zu begegnen, stiegen sie die Treppe zu jener Wohnung hinauf, die Savinsky bezeichnet worden war. Eine zierliche, junge Frau öffnete ihnen die Türe. Der Anblick Lydias schien sie zu überraschen, sie war verlegen, und ihr fragender Blick richtete sich auf Savinsky. Er lächelte. »Beunruhigen Sie sich nicht«, sprach er, »Madame gehört zu mir.« »Madame« gefiel Lydia über alle Maßen. Ohne ein Wort zu erwidern, fühlte die junge Frau sie in einen Salon, in dem sie allein blieben. Es war, ein großes, nüchternes Zimmer. In einer Ecke erkannte man an einem noch gedeckten Tisch, daß dort zwei Personen gegessen hatten. »Bei wem sind wir hier?« frug Lydia mit leiser Stimme. »Gewiß bei anständigen Leuten, aber wie sie heißen, weiß ich nicht. Unser Freund hat mehrere solche Wohnungen hier, in denen man ihn verbirgt, aber selbst mir vertraute er niemals die Namen seiner Wirte an ... Und er hat recht, denn sein Spiel ist nicht nur für ihn, sondern auch für jene gefährlich, die ihn beherbergen.« In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und Andreas Iwanowitsch Spaßki trat ein. Sein energisches Gesicht erhellte sich zu freudigem Lächeln, als er Lydia erblickte. Sofort eilte er auf sie zu. »Lydia Sergijewna, welche Freude für mich!... Sie wissen gar nicht, wie viel ich an Sie gedacht habe, aber ich hätte es niemals gewagt, Sie zu bitten, hierher zu kommen.« Im Handumdrehen waren sie alle drei in einer reizenden Vertrautheit. Anfangs hatte Savinsky Lydia mit »Sie« angesprochen, als sie ihn aber uns bekümmert duzte, hatte auch er sich keinen Zwang auferlegt, und bald unterhielten sie sich, wie wirklich gute Freunde. Spaßki erzählte von seiner Tätigkeit und seinen Plänen. Er hatte eine ernste Kampforganisation geschaffen, die schon bei dem Aufstand in Jaroslaw ihren Wert erwiesen hatte. Perm war ihren Händen, mit Koltschak und den Tschecho-Slovaken hatten sie sich dort vereinigt. Ganz Sibirien war von dem Joch der Bolschewiki befreit. Er selbst wolle nun zu Koltschak zurück, da dieser scheinbar schlecht beraten sei. »Und Ihnen, Nikolaus Wladimirowitsch, wollte ich vorschlagen, mitzukommen. Petersburg bietet nichts Interessantes mehr. Man kann hier nichts tun. Die Verbündeten stehen in Archangelsk. Wir werden uns mit ihnen vereinigen. Im nächsten Frühjahr ziehen wir alle zusammen gegen Moskau.« Savinsky erkannte ihn unverändert; furchtlos gegen jede Gefahr, mit unverminderter Begeisterung und von dem gleichen unerschütterlichen Willen zum Sieg beseelt, der durch keinen Mißerfolg gedämpft worden war. Lang berieten sie über die ganze Situation. Spaßki redete Savinsky zu, seinen Vorschlag anzunehmen. »Und ich?« frug Lydia plötzlich. »Sie, Lydia Sergijewna? Sie werden natürlich mit uns kommen, bei uns helfen. Die ein wenig ermüdende Reise zum Ural wird Sie wohl nicht abschrecken, und die dritte Klasse wird Ihnen doch nicht zu hart sein, hoffentlich werden es auch nicht die letzten hundert Kilometer sein, die wir im Sattel machen müssen. Für Nikolaus Wladimirowitsch habe ich schon einen Paß vorbereitet; er wird seinen allzu bekannten Namen ablegen und sich in einen harmlosen Petrof verwandeln.« »Und ich werde Frau Petrowna sein!« rief Lydia entzückt. »Ja, wir werden einfach hinzufügen, daß Genosse Petrof mit seiner Frau reist.« Sie schieden mit der Verabredung, für den zweitnächsten Tag an einer anderen Adresse. Aber am nächsten Tag, als Savinsky eben allein bei Tisch saß, brachte ihm ein Soldat ein Billet von Spaßki. »Man weiß, daß ich hier bin. Ich muß sofort abreisen. Ihr Paß anbei. Ich erwarte Sie in Perm. S.« Der Paß lautete auf Iwan Illitsch Petrof, Händler in Leinen aus Wladimir, der in Begleitung seiner Frau reise. Noch am gleichen Tage übergab Savinsky diesen Paß dem Portier seiner Wohnung in der Fontanka, der ihn vom Kommissariat bestätigen ließ, so daß Savinsky nun eine zweifach amtlich beglaubigte Identität besaß. »Jetzt muß ich mir nur noch meinen Bart wachsen lassen,« meinte er zu Lydia. »Glaubst du, daß dies wirklich nötig ist?« frug sie wenig entzückt. »Leider gibt es zu viele Leute hier, die mich kennen,« meinte er, »aber für den Augenblick kann Nikolaus Wladimirowitsch Savinsky noch ungefährdet hier leben.«   Der Herbst kam mit seinen Regengüssen. Bald auch zeigte sich der erste Schnee. »Wir werden frieren, mein Kind«, meinte Savinsky zu Lydia. »Ich, in deinen Armen niemals!« erwiderte sie lachend. In seiner Wohnung in der Apotheker-Passage sah sich Savinsky genötigt, das Speisezimmer außer Gebrauch zu setzen, um mit seinem Brennholz, das er nur kümmerlich ersetzen konnte, zu sparen. Nur Wohnzimmer und Schlafzimmer wurden noch geheizt. In der Fontanka war immerhin noch für zwei, drei Monate Holz vorrätig. Im Palais des Fürsten Sergius waren nur noch die Zimmer, die nach dem Quai zu lagen, bewohnbar. Bei den Schupows waren die Schwierigkeiten geringer, denn Natalie hatte, man wußte nicht woher, etwa zwanzig Saginen vom schönsten Birkenholz bekommen. Militärfuhrwerke hatten sie eines Tages gebracht. Der Kreis ihrer Besucher war wieder enger geworden; jetzt war es nur noch ein knappes Dutzend russischer Freunde und einige Herren der neutralen Gesandtschaften, an die sie ihr Lächeln verschenkte. Semeonow war in Petersburg wieder aufgetaucht. Unter Trotzki, als Kriegsminister, war er wieder zur Gunst gelangt und zum Militärkommandanten der Stadt ernannt worden. Savinsky hatte von seiner Rückkehr mit wenig Freude erfahren. Trotzdem sah er ihn zuweilen. Es schien, als wäre Semeonow mit seinen Erfolgen auch etwas menschlicher geworden. Der Triumph des Bolschewismus, auf den er spekuliert hatte, erfüllte ihn mit größter Genugtuung. Er war mit Leib und Seele dabei, die rote Armee zu organisieren, die der Lieblingsgedanke Trotzkis war. »Wir werden das Reich mit seinen natürlichen Grenzen wieder herstellen,« meinte er eines Tags zu Savinsky, »und vielleicht sogar in einer Ausdehnung, die es früher niemals hatte. Die Aufgabe ist jetzt eine leichte; Europa ist durch den Krieg erschöpft, die Unzufriedenheit ist eine allgemeine. Die Opfer waren zu groß. Und dann hassen einander jetzt alle Völker. Es gibt gar kein Europa mehr, nur ein unglaubliches Durcheinander von entgegengesetzten Leidenschaften und Interessen. Nur wir stellen all diesen einander befehdenden Gegnern eine allumfassende Lehre und unseren Glauben daran entgegen. Wir werden Großes vollbringen, ich hatte es ihnen prophezeit ... Und Sie, wie lange wollen Sie noch mit uns trotzen? Sie sehen doch, welche Stellungen wir allen denen geben können, die sich ehrlich mit uns verbinden. Sie haben doch den Ausspruch Lenins gelesen, daß er jenem Mann, der die Finanzen des Staates in Ordnung bringt, eine halbe Milliarde geben will.« Savinsky zuckte müde mit den Achseln. Er fühlte sich zu Debatten nicht aufgelegt. Er begnügte sich mit einer lässigen Antwort. »Vielleicht haben Sie recht, Leo Borissowitsch. Leidet fühle ich mich einer solchen Aufgabe nicht gewachsen.« »Überlegen Sie es noch, Nikolaus Wladimirowitsch! Denn die Zeiten sind so, daß man nur mit uns, oder gegen uns sein kann. Nur ganze Männer können jetzt bestehen. Unentschlossene werden zermalmt. Und unsere Gegner! ... Denken Sie an meine Worte! Sie werden mich nicht Lügen strafen.« Das war wieder der alte Semeonow mit seinen unverhüllten Drohungen, und Savinsky verließ ihn voll der trübsten Ahnungen. Sich dem Bolschewismus anschließen, das stand wohl außer jeder Frage. Sich zum Komplizen all der Greuel zu machen, die Rußland mit Blut überschwemmten und rund um ihn alle seine alten Freunde vernichteten, daran war ja nicht einmal zu denken. Und schließlich, was vermöchte er zu tun? Wie sollte die wirtschaftliche Katastrophe, dieser Sturz ins Grundlose, dem Rußland zurollte, noch aufgehalten werden? Wie lange konnte er aber dann noch sein Leben hier fortsetzen? Jeder Tag vermehrte die Schwierigkeiten und Gefahren. Wohin sollte man sich wenden? Perm und Koltschak? Ukraine? Wie Lydia fortbringen, von der er sich nicht zu trennen vermochte? Der alte Fürst gelähmt, die Fürstin willenskrank, unfähig ihr Boudoir zu verlassen. Mit ihnen allen nach Finnland gehen, wenn er sie dazu bestimmen könnte? Aber würde er dort die gleiche Freiheit wie in Petersburg haben, Lydia fünf bis sechs Stunden täglich zu sehen? Seine Frau und seine Kinder waren wohl in England, aber würde Sonja dann nicht zu ihm kommen? Wie sollte er sie daran hindern? Und immer war der eine Gedanke bestimmend: er konnte auf Lydia nicht verzichten. Und die Angst war wieder da, die Angst vor der furchtbar drohenden Ungewißheit, die Angst, die alles Tun und Denken lähmte, die die Kehle zuschnürte. Nur bei Lydia fand er noch seine Ruhe, hätte er sich da von ihr losreißen können? Er ward ihrer nicht überdrüssig, sie seiner nicht müde. Jeder Tag vermehrte nur die Bande, die um beide geschlungen waren, und knüpfte sie enger. Hatte er denn überhaupt gelebt, bevor er sie kannte? Könnte er ohne sie weiterbestehen? Mit ihr besprach er offen alle seine Kümmernisse, er verheimlichte keinen seiner Gedanken. Vor ihr dachte er laut, wie er sagte, und in all der Beklemmung, die die Furcht in die ganze Stadt pflanzte, gab es nichts Erquickenderes, als die restlose Offenheit und das ungetrübte Vertrauen, das zwischen ihnen herrschte. Das erstemal, als er freimütig ihrer beider Lage vor ihr beleuchtete, berührte er nur furchtsam die Möglichkeit einer Rücklehr seiner Frau nach Finnland. Lydia unterbrach ihn sofort, als sie verstanden hatte, worauf er anspielte. Weinend umschlang sie seinen Hals. »Genüge ich dir denn nicht mehr?« schluchzte sie. »Bist du meiner satt? ... Liebst du mich schon nicht mehr?« Sie klammerte sich an ihn, sie war verzweifelt, sie konnte kaum sprechen. Vergeblich bemühte sich Savinsty sie zu beruhigen, ihr das Sinnlose ihrer Zweifel klarzumachen. Sie hörte nichts, sie jammerte und weinte wortlos vor sich hin. Als dieser Ausbruch endlich nachließ, schien sie vollkommen verwandelt. Sie wurde unnatürlich ruhig und sprach mit sichtlich erzwungener Gefühlslosigkeit zu dem verblüfften Savinsky: »Ich verstehe ja, daß du hier viele Gefahren auf dich nimmst und daß du es nur meinetwegen tust. Du kannst eingesperrt werden und noch ärgeres kann geschehen. Kann ich dir's denn verargen, wenn du Furcht hast? ... Warum also streiten? Es gibt nichts dagegen zu sagen. Bereite deine Abreise vor, ich werde dir in allem behilflich sein. Ich aber werde Rußland nicht verlassen ... Lieber will ich hier sterben, als anderswo leben ...« Länger vermochte sie nicht an sich zu halten. Sie warf sich auf den Divan, bohrte ihr Gesicht in die Polster und ein nervöser Weinkrampf schüttelte ihren ganzen Körper. Als Savinsky sich bestürzt über sie neigte, nahm sie seinen Kopf in ihre beiden Hände und schluchzte: »Verzeih, verzeih ... Ich bin ein schlimmes Kind ... Aber ich bin so unglücklich ... verlaß mich nicht, du, der du mein bist ... Ich folge dir, wohin du willst ... du bist der Herr; ich will nichts, als dir dienen ...« Und sie bedeckte ihn mit leidenschaftlichen Küssen. Savinsky drückte sie an sich, seine Wange wurde feucht von ihren Tränen und er vermochte nur zu stammeln: »Lydotschka, meine Lydotschka, ich sagte dir's doch schon vor langer Zeit: Niemals werde ich dich verlassen!« A m Tage nach dieser Szene, die beide in gleicher Weise erschüttert hatte, fand Lydia, als sie gegen drei Uhr in die Wohnung Savinskys kam, Anjuschka ganz verstört vor. Um zehn Uhr vormittags war ein Kommissar mit einem Soldaten dagewesen und hatte Savinsky in einem Auto zur Präfektur abgeholt. Da ihm nicht einmal Zeit geblieben war, ein paar Zeilen an Lydia zu schreiben, wie es sein Wunsch gewesen, ließ er ihr durch Anjuschka sagen, daß es sich vermutlich nur um ein Verhör handeln dürfte und daß er hoffe, nachmittags wieder frei zu sein. Wenn dies nicht der Fall sei, werde er ihr durch einen der Gefangenen, die täglich entlassen werden, Nachricht senden. – Lydia erbleichte und mußte sich auf die alte Frau stützen, die sie sorglich umfaßte. – Savinsky im Gefängnis! Ohne sie! Sicher durch ihre Schuld ... Heftig bereute sie die Worte, zu denen sie sich gestern hatte hinreißen lassen! Und sie sollte untätig warten? Nein, keinen Augenblick wollte sie versäumen. Zu Semeonow mußte sie eilen ... Der Zwang, zu handeln, gab ihr Kräfte. Eiligen Schrittes strebte sie dem Generalstabsgebäude auf dem Schloßplatz zu und verlangte nach dem Stadtkommandanten. Glücklicherweise war er zufällig da. Als ihm Lydia gemeldet wurde, ließ er sie sofort hereinbitten. Es war zwar schon länger als ein Jahr her, daß er Lydia zuletzt gesehen hatte, aber trotzdem war selbst der unempfindliche Semeonow über die Veränderung in ihrem Aussehen verblüfft. Damals war sie noch ein halbes Kind gewesen und jetzt stand ein Weib in seiner vollsten Blüte vor ihm und selbst in dem Zustand namenloser Angst und Verstörtheit, in dem sie bei ihm eintrat, verleugneten ihre Züge nicht die wunderbare Schönheit. Und dieses zuckende Antlitz, diese großen entsetzten Augen ließen Semeonow die Tiefe eines der Leidenschaft geweihten Lebens erkennen, wie er sie bisher nicht einmal geahnt hatte. Zum ersten Male meldete sich das Mannesherz in seiner Brust und als Lydia mit einem Verzweiflungsschrei ihm die Worte entgegenwarf: »Nikolaus Wladimirowitsch ist im Gefängnis!«, da beruhigte er sie und ein sonderbares, nie gekanntes Gefühl, das beinahe Eifersucht sein konnte, stieg in ihm auf. »Machen Sie sich keine Sorge,« sprach er schließlich, »ich werde mich sofort der Sache annehmen.« Und er griff nach dem Telephon, das vor ihm auf dem Tisch stand. Aber Lydia faßte seine Hand und hielt sie zurück. »Er ist hier nebenan, zwei Schritte, in der Gorokhovaja. Gehen wir hinüber.« Semeonow blickte sie erstaunt an. Wie mußte sie lieben! Aber er widersprach nicht und ging mit ihr. Im Treppenhaus, ehe sie auf die Straße traten, meinte er noch: »Warten Sie lieber hier, Lydia Sergijewna, ich kann Sie doch nicht in die Gorokhovaja mitnehmen. Ich komme sofort zurück.« Aber Lydia schüttelte entschieden den Kopf. »Ich werde auf der Straße warten. Aber kommen Sie nur, jeder Augenblick ist kostbar ...« Während sie eilig dahinschritten, sprach Semeonow eindringlich: »Da ich Sie endlich sehe und da Sie doch Einfluß auf Nikolaus Wladimirowitsch haben, muß ich Ihnen sagen, daß Sie ihm einen großen Dienst erweisen könnten. Er ist bedroht, das ist wahr ... Vielleicht gelingt es mir noch einmal, die Sache zu ordnen, aber, Lydia Sergijewna, er muß sich mit uns verständigen, er muß mit uns zusammen arbeiten. Wir brauchen ihn ... Bringen Sie ihn doch dazu! Sonst könnte es sein, daß ich nicht immer genügend Einfluß habe, um ihn zu retten ...« »Ja, ja,« erwiderte Lydia, die immer einen halben Schritt vor ihm herlief, ohne gehört zu haben, was er sagte. »Sie haben recht ... Aber beeilen wir uns ... Später werden Sie mir erklären ...« Sie standen vor der Präfektur. Semeonow trat allein ein. Zehn Minuten später kam er wieder zu Lydia heraus, die regungslos und bleich an der gleichen Stelle stand, an der er sie verlassen hatte. »Die Sache ist erledigt. Aber es sind noch einige Formalitäten zu erfüllen. Ich habe angeordnet, daß man mir ihn ins Generalstabsgebäude bringe. Wenn Sie auf ihn warten wollen, kommen Sie zu mir hinauf: dort ist's warm. Ich kann Sie nicht auf der eisigen Straße lassen.« Lydia folgte ihm ohne Widerspruch. Sie war müde, sie fror. Seitdem sie Savinsky angehörte, hatte sie noch keine Stunde erlebt, in der sie sich so namenlos elend gefühlt hätte. Semeonow nahm das Thema wieder auf, das er auf dem Weg zum Gefängnis berührt hatte. Savinsky, meinte er, sei ständig in ernster Gefahr; schon heute sei seine Freilassung nur unter großen Schwierigkeiten möglich gewesen. Und, da er Lydia als glühende Patriotin kannte, entwickelte er mit schwungvoller Beredsamkeit die Pläne für die Vereinigung aller russischen Gebiete unter der roten Fahne und für die Aufhebung der ruchlosen Zerteilung, die die erste Revolution verursacht hatte. Auf diesem Gebiet war er in seinem Element. Er war hinreißend. Er beschwor die großen Erinnerungen aus der französischen Revolution und wenn Lydia es nicht zu würdigen vermochte, wieviel Geist in der Anspielung auf den jungen unbekannten Bonaparte lag, der seinen Weg im Schatten Robespierres begann, so war es nur, weil sie sich gar keine Mühe dazu gab. Aber, es ist wahr, Lydia hörte kaum zu. – »Daß Savinsky noch immer nicht kommt!« – An nichts anderes vermochte sie zu denken. So lange er nicht wieder frei war, konnte sie keine Ruhe finden. Und ihr Geist war mit viel tiefergehenden Fragen erfüllt, als es die Pläne Semeonows waren. Die Frage Finnlands, ihre Abreise dorthin, die Rückkehr Sonjas, das waren jetzt die Probleme ihres Lebens. Lydia fühlte sich wie erschlagen. Und doch mußte sie auf Semeonows Fragen antworten. Er setzte ihr eben auseinander, daß es auch für sie selbst nötig sei, in einem Amt eine Stelle anzunehmen; niemand würde leben können, ohne für die Sowjets zu arbeiten. Er könnte sie als Sekretärin in den Generalstab nehmen und würde ihr eine interessante Tätigkeit verschaffen. Sie lächelte schwach. »Ich danke Ihnen, Leo Borissowitsch, Sie sind sehr liebenswürdig ...« Und plötzlich sprang sie auf und stürzte zur Türe. Savinsky war eingetreten. »Da bist du,« rief sie. »Endlich hab' ich dich wieder!« Alles, selbst die Anwesenheit Semeonows, der sie sprachlos betrachtete, hatte sie vergessen. Wenige Minuten später zog sie ihren Freund fort, ihm kaum Zeit lassend, Semeonow zu danken. –   Wochen vergingen. Noch einmal wurden der Weihnachtsabend und der Neujahrstag in Traurigkeit und Elend begangen. Die Hoffnung auf Erlösung wurde von Tag zu Tag geringer. Jetzt mußte ja der Sommer erst wieder abgewartet werden, ehe man damit rechnen durfte, daß Koltschak und Denikin ihre Offensive in Sibirien und im Süden wieder aufnehmen konnten. Würde sie ihnen gelingen? Nichts war ungewisser und bis dahin mußten die eisigen Wintermonate trotz mangelhafter Ernährung und unzureichender Beheizung überwunden werden. Oft war Lydia jetzt sorgenvoll und sie machte sich wegen ihres Trübsinns Vorwürfe. Nur Freude und Heiterkeit hätte sie ja ihrem Freund mit ihrer Jugend schenken wollen. Denn sie mußte ihn ja für alles entschädigen. War er denn nicht nur ihretwegen hier in Petersburg, von den Seinen getrennt, täglich aufs neue bedroht und in Gefahr? Und doch konnte sie sich nicht entschließen, abzureisen. Und wenn schon sie die Kraft aufbrächte, wie hätte sie ihre zu Haus vergrabene Mutter, ihren bewegungslosen Vater, der den Anstrengungen einer Reise nicht mehr gewachsen war, dazu bringen können? Und würden sie denn Pässe bekommen? Diese Schwierigkeiten erschienen ihr unüberwindlich. Doch das größte Hindernis fand sie immer wieder in sich selbst. Da trat wieder einmal ein neues Ereignis ein, das die ganze Lage von Grund auf veränderte. Eines Nachmittags im Januar kam sie zu Savinsky, der eben sein einsames Mahl beendet hatte, das er an einem kleinen, knapp an den Kamin des Wohnzimmers gerückten Tischchen einnahm. Ihr Gesicht war erregt und aus ihren ersten Worten schon erfuhr Savinsky, was sich ereignet hatte. »Denk dir nur, auch bei uns war heute nacht eine Hausdurchsuchung. Aber, Gottlob, niemand wurde verhaftet. Man suchte nach verborgenen Waffen und nach Schriftstücken ... Wenigstens war es noch zu einer annehmbaren Stunde, knapp vor Mitternacht, noch niemand war zu Bett ... Das Komische war nur, daß derselbe Iwanow da war, der damals hier gewesen ist, du erinnerst dich doch, Liebster? Er erkannte mich selbstverständlich, machte aber vor den anderen keinerlei Bemerkung. Erst als wir einen Augenblick allein waren, hat er mich angelächelt und mir gesagt, daß ich noch ebenso schön sei. Denk dir nur ... Mein armer Papa war wundervoll. Gar kein Schrecken, kaum ein Erstaunen. Es schien, als hätte er längst mit ihrem Kommen gerechnet und sei nur darüber verwundert gewesen, daß es sich so verzögerte. Iwanow entschuldigte sich höflich bei ihm und sie waren kaum zehn Minuten in seinem Zimmer. Mit Mama war's schon anders. Lange dauerte es, bevor sie ihr Zimmer öffnete, – sie hatte sich mit ihrer Zofe eingesperrt – und als wir eintraten, – das errätst du nicht! – hatte sie ihre große Hoftoilette angelegt, mit dem ganzen Familienschmuck, den sie noch hat. Sie zitterte wie Espenlaub, die arme Mama, aber mit unglaublicher Würde sprach sie: ›Meine Herren, ich bin bereit, Ihnen zu folgen. Entschuldigen Sie, daß ich Sie solange warten ließ.‹ Sie wollte kein Wort, das man zu ihr sprach, anhören. Iwanow suchte vergeblich, sie zu beruhigen, ihr zu erklären, daß es sich nur um eine Hausdurchsuchung handle. Sie wiederholte unaufhörlich: ›Ich werde Ihnen zeigen, wie eine wahre Russin zu sterben weiß.‹ Nun, weißt du, zuerst hatte ich Lust zu lachen, dann aber fühlte ich ein solches Mitleid mit ihr, daß mir die Tränen kamen ... Auf einmal riß sie mich an sich und sagte zu den Kommissaren: ›Ich hoffe, daß die Mutter Ihnen genügen wird; erlauben Sie, daß ich meine Tochter noch einmal küsse.‹ Es war herzzerreißend. Endlich gingen sie hinaus und ließen Mama halb ohnmächtig in den Armen Katjas ... Und ich mußte sie noch durch alle übrigen Räume führen, in denen man vor Kälte schepperte. Um halb zwei erst gingen sie fort und hatten natürlich nicht das Geringste gefunden, außer einem alten Säbel von Papa, den sie gar nicht mitnahmen. – Die Soldaten aber haben diesmal einiges gestohlen.« Lydia stockte plötzlich, als hätte sie noch etwas zu sagen, wovor sie aber zurückschrecke. Savinsky, der sie nicht aus den Augen ließ, sah, daß sie mit einem Male nachdenklich wurde; ihre Stirn zog sich zusammen, ihre Augen wichen seinem Blick aus. Sie kam zu ihm heran, legte ihren Kopf auf seine Schulter und blieb lange stumm. »Wie geht es deinen Eltern heute?« frug er endlich. Lydia richtete sich plötzlich auf. »Ich will dir alles sagen ...,« fing sie entschlossen an. »Papa ist wohl, was eigentlich verwunderlich ist. Schon lange ist es ihm nicht so gut gegangen. Heute morgen machte er ganz allein, nur auf seine Stöcke gestützt, einige Schritte in seinem Zimmer und pfiff sein altes Lieblingslied, das ich seit der Revolution nicht mehr von ihm hörte ... Aber die arme Mama ist ganz verstört ... Es ist ein wahres Drama ... Denk dir, sie hat sich gar nicht wieder niedergelegt. Nein, nur einen Gedanken hat sie: fort aus Rußland. Sogar noch in der Nacht hat sie einzupacken begonnen. Den ganzen Vormittag hat sie mit Katja gepackt. Und fort und fort wiederholte sie: ›Nicht einen Tag bleib' ich mehr in einem Land, in dem man Frauen so behandelt ...‹ Ich weiß nicht, aber ich glaube fast daß sie ein wenig den Kopf verloren hat. Heute früh wollte sie unbedingt den General Wasiljew auf den Finnländer Bahnhof schicken, um Plätze für Stockholm zu reservieren. Sie dachte, daß man noch wie früher Fahrkarten ins Ausland bekomme. Schließlich mußte der arme General wirklich zur Bahn gehen und als er dann natürlich mit leeren Händen zurückkam, machte sie ihm eine schreckliche Szene, warf ihm vor, daß es nur seine Schuld sei, daß man ihn zu nichts mehr brauchen könne und schließlich erklärte sie, daß nur du allein ihr alles richten könntest, kurz, sie will dich sehen. Sie hat mich zu dir geschickt, sie erwartet dich.« Wieder entstand ein langes Schweigen. Lydia blieb an Savinsky geschmiegt, als wagte sie nicht, ihn anzusehen. Er hörte das stürmische Klopfen ihres Herzens. Fragen mußte er sie nicht, er wußte, woran sie dachte, warum sie litt. Er streichelte sie zart und mit leiser Stimme beruhigte er sie. »Wo wir auch sein werden, wir bleiben zusammen, meine kleine Lydia ... Sei ruhig, ich bitte dich.« »Ich fühle, daß ich dich verlieren werde!« schluchzte Lydia. Und verzweifelt klammerte sie sich an ihn.   Nun mußte die Abreise vorbereitet werden und vor allem waren die Pässe zu besorgen. Lydia hatte erklärt, daß sie Rußland nicht eher verlassen werde, bevor nicht Nikolaus seinen Paß in Ordnung habe. Unter seinem eigenen Namen die Ausreisebewilligung zu erlangen, war natürlich ausgeschlossen. Zum Glück besaß er noch den von Spaßki zugesandten Paß für Iwan Illitsch Petrof, Leinenhändler. Sollte er versuchen, unter diesem Namen das benachbarte Estland zu erreichen? In Reval hielten sich gerade zu dieser Zeit ausländische Einkäufer für Leinen auf, es war nicht unmöglich, daß dieser Vorwand genügen würde. Oder wäre es besser, auf Schleichwegen nach Finnland zu entkommen? Es gab schon ganze Schmugglerzentralen, die einen für zwanzigtausend Rubel über die Grenze brachten. Lydia war sehr gegen diesen Weg, den sie für gefährlicher hielt, während Savinsky meinte, daß er sicherer wäre. Sie wollte indes, daß er diesen Ausweg nur als allerletzten wähle, wenn er kein Visum bekommen könne. So leitete er zunächst alle Schritte ein, um für den Paß Petrofs die Ausreisebewilligung zu erhalten. Lydia indes hoffte von Semeonow für sich und die Ihren die nötige Bewilligung zu erhalten, um nach Finnland reisen zu können. Der alte Fürst hätte, obwohl die Besserung in seinem Befinden andauerte, eine längere Reise nicht ertragen. Die Fürstin befand sich in größter Unruhe. Die Koffer standen gepackt und verschlossen umher, sie selbst legte ihr Reisekostüm nicht mehr ab. Ihre Beziehungen zu dem alten Wasiljew hatten plötzlich eine vollständige Wandlung erfahren; sie behandelte ihn als einen vollkommen nutzlosen Menschen, als ein ganz überflüssiges Ding, das man nur gerade noch um sich duldet. Sie verzieh es ihm nicht, daß er damals die Fahrkarten nicht gebracht hatte und beachtete ihn kaum. Fürst Sergius übte täglich ein paar Schritte in seinem Zimmer und pfiff kriegerische Weisen dazu. Er war um das Schicksal Savinskys sehr besorgt; Lydia beruhigte ihn, ohne ihm Einzelheiten zu verraten, durch die Mitteilung, daß Savinsky zwei Tage nach ihnen in Helsingfors eintreffen werde. Lydia ging endlich zu Semeonow, da bei den Paßstellen die Erteilung von Reisebewilligungen eingestellt war. Er hörte ihre Wünsche mit entgegenkommendster Liebenswürdigkeit an und erhob keinerlei Schwierigkeiten betreffs des Fürsten und seiner Gattin. Er versprach, sich beim Kommissar für auswärtige Angelegenheiten zu verwenden. Das beklagenswerte Leiden des alten Herrn rechtfertige zweifellos eine Kur im Ausland. Ein Arzt werde ihn untersuchen und sein Urteil abgeben, aber das sei bloß eine Formalität, die Sache könne schon jetzt als bewilligt betrachtet werden. Semeonow war zu ihr von vollendeter Ritterlichkeit. Es wurde ihr schwer, in seiner Gegenwart nicht zu vergessen, daß er einer der Führer dieser schrecklichen bolschewistischen Partei sei, die ganz Rußland in angstvoller Spannung hielt und der Menschenleben so wenig bedeuteten. Er war elegant, gepflegt, äußerlich ein Weltmann aus der guten alten Zeit. Konnte wirklich diese schmale weiße Hand so viele Todesurteile unterzeichnet haben? Er hatte doch Savinsky gerettet ... Aber hatte er ihn nicht auch verhaften lassen? Wie rätselhaft, wie undurchdringlich war doch dieser Mensch! Indessen sagte er ihr Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien, in der offensichtlichen Absicht, einen angenehmen Eindruck auf sie zu machen. »Ich begreife,« sprach er schließlich, »daß Ihre Eltern Petersburg verlassen wollen und ich werde alles tun, um ihnen di« Abreise zu erleichtern. Aber Sie, Lydia Sergijewna, warum wollen Sie fort? Wenn Sie bloß ein alltägliches junges Mädchen wären, würde ich es noch verstehen, daß Sie eine Stadt verlassen, in der die Ordnung noch nicht vollkommen ist, in der man hungert und friert. Aber Sie stehen doch hoch über all diesen kleinlichen Klagen. Ich weiß, daß Sie mutig sind, man erschreckt Sie nicht so bald ... Sollten Sie denn das wunderbare Gefühl, heute in Rußland zu leben, nicht begreifen können? Niemals war ein Land der Gegenstand eines großartigeren Versuches, als der, den wir unternehmen. Die ganze Welt blickt auf uns. Unser Fieber hat die Grenze Rußlands überschritten, hat Europa angesteckt und geht übers Meer. Eine neue Menschheit wird aus dieser Krankheit auferstehen. Und hier, in Rußland, wird sie ihre ersten Schritte tun ... Rußland wird sie der Welt zum Geschenk machen. Niemals haben wir Schöneres, Höheres geschaffen! Denken Sie doch an unsere großen Männer, an unsere Panslavisten, an Dostojevsky, den Sie so lieben. Alle fühlten es schon lange, daß Rußland dazu auserwählt sei, die neue Formel zu finden, die die Welt ersehnt. Nun, Lydia Sergijewna, wir sind es, die diese neue Formel bringen und jetzt, da das neue Rußland seine ersten Worte lallt, jetzt wollen Sie es verlassen, um in der Fremde ein leichtes, müßiges Leben zu führen, nur um den Unbequemlichkeiten des heutigen Petersburg auszuweichen? ... Lydia, Lydia, verzeihen Sie meine Offenheit, aber das ist Ihrer nicht würdig!« Er hatte Lydia damit gerade an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen, denn es verging ja kein Tag, an dem sie nicht selbst es beklagte, Rußland verlassen zu müssen und die neuen Argumente, die ihr Semeonow brachte, fanden ihr vollstes Verständnis. So folgte sie ihm auch willig auf das Gebiet, das er ihr wies und eine lebhafte Unterhaltung kam in Gang, an der Semeonow die größte Freude hatte. Schließlich aber kam Lydia doch auf ihre Reisepläne zurück. »Mein Vater ist seinem Ende nahe. Er liebt nichts außer mir, ich kann ihn nicht verlassen. Aber glauben Sie mir, Leo Borissowitsch, ich werde in Helsingfors sehr unglücklich sein. – Zunächst schon hasse ich die Finnländer ...« »Bravo!« rief Semeonow entzückt. »So spricht eine echte Russin! Sie werden sehen, Lydia Sergijewna, was wir mit unserer Armee zustande bringen! Aber wenn Sie fort gehen ...« Er unterbrach sich, zögerte, blickte Lydia gerade an, und fügte hinzu: »Werden Sie wirklich die Kraft haben, uns zu verlassen?« Und ohne ihr Zeit zur Antwort zu lassen, frug er unvermittelt: »Was sagt übrigens unser Freund Nikolaus Wladimirowitsch zu all dem? Sie wissen doch, ihn lassen wir unter keinen Umständen weg.« Lydia, durch diesen unerwarteten Angriff überrascht, errötete. Dieser Semeonow war doch ein gefährlicher Mensch, sie hatte ihn vom ersten Tage an richtig beurteilt ... Wie gerne hätte sie ihm, der glaubte, er könne ihr gefallen, ihre wahre Meinung ins Gesicht geschrien. Sie biß sich auf die Lippe und begnügte sich mit den abweisenden Worten: »Das müssen Sie ihn selbst fragen, Leo Borissowitsch.« Eine Woche später waren die Pässe der Volynskis in Ordnung, sogar Katja war nicht vergessen worden. Savinsky arbeitete indessen daran, das Visum für Iwan Illitsch Petrof zu bekommen. Das Geld spielte bei den Ämtern noch immer eine wirksame Rolle und endlich konnte Savinsky den schön ausgefertigten Paß mit allen Stempeln und Klauseln Lydia zeigen. Aus Furcht vor einer neuen Hausdurchsuchung behielt Savinsky den Paß nicht bei sich in der Wohnung, sondern er verbarg ihn in einem Zimmer der Fontanka. Die Volynskis sollten mit dem Frühzug nach Finnland abreisen, er aber am gleichen Abend nach Reval. Von dort nach Helsingfors zu gelangen war eine Leichtigkeit. Seit vierzehn Tagen schon ließ er seinen Bart wachsen und eine dunkle Brille hatte er auch gekauft, um nicht erkannt zu werden, falls er auf dem Bahnhof oder im Zug Bekannte treffen sollte. Am Tage vor ihrer Abreise war Lydia sehr überrascht, von Semeonow ans Telephon gerufen zu werden. Er wünschte ihr eine gute Reise und eine baldige Rückkehr. Es waren Weisungen an die Grenzbehörden gegeben worden, ihnen alle Formalitäten zu erleichtern; außerdem würde Semeonow, um dem alten Fürsten die Beschwerden einer Schlittenfahrt zu ersparen, sein eigenes Auto schicken, das ihn zur Bahn bringen werde. Er schloß mit den Worten: »Ich habe alle Maßnahmen getroffen, um sicher zu sein, daß Sie bald zurückkehren.« Was sollten diese rätselhaften Worte wohl bedeuten? Das junge Mädchen fühlte sich sehr beunruhigt. Semeonow erschien ihr wie ein mit teuflischen Kräften ausgestattetes Wesen. Wie weit mochten seine finsteren Machenschaften wohl reichen? Den letzten Nachmittag verbrachte sie bei Savinsky. Sie erzählte ihm nichts von den Abschiedsworten Semeonows. Wozu sollte sie ihn beunruhigen? Sie dachte auch nur an die Abreise am nächsten Morgen, die sie zumindest auf drei oder vier Tage von ihrem Freund trennen würde. Mit dem Gedanken, ihn allein, selbst nur für wenige Stunden in Petersburg zurückzulassen, konnte sie sich nicht abfinden; sie ließ sich von ihm versprechen, daß er sich tagsüber nicht auf der Straße zeigen werde. Nachmittags sollte er in seiner zweiten Wohnung in der Fontanka bleiben und von dort, erst als es dunkel würde, zum Baltischen Bahnhof gehen. Im Zug dürfe er mit niemand sprechen und gleich nach seiner Ankunft in Reval müsse er ihr ins Hotel Kemp nach Helsingfors telegraphieren. Diese genauen Einzelheiten, die sie ihm einschärfte, ließen ihre Unruhe wieder lebhaft aufleben. Sie versuchte sie vor ihm zu verbergen, aber es gelang ihr nur schlecht. Und Savinsky selbst beschlich eine herzbeklemmende Ahnung, daß er seine schöne, junge Freundin zum letzten Male in den Armen hielt. Die düstersten Befürchtungen wuchsen in beiden. Schließlich wurde die Stimmung in dem kleinen Zimmer so drückend, daß sie fast erleichtert aufatmeten, als für Lydia die Zeit gekommen war, nach Hause zurückzukehren. Savinsky begleitete sie bis in ihr Zimmer. Hier nahmen sie Abschied. Als er zu seiner Wohnung zurückkehrte, war es ihm, als ob zwei Männer in Zivil ihm folgten. Er blieb an der Ecke der Millionnaja stehen, um eine Zigarette anzuzünden. Die Zwei gingen an ihm vorbei und schienen ihn nicht zu beachten. Aber als er sein Haustor öffnete, glaubte er die gleichen Männer auf dem gegenüberliegenden Fußsteig zu bemerken. Am nächsten Tag verließ er erst um zwei Uhr seine Wohnung. Er gebrauchte die Vorsicht, über die Dienertreppe zu gehen und den Hof zu durchqueren, so daß er auf dem Marsfeld herauskam. Es waren viele Leute auf der Straße, die dem Kanal entlang führt, aber er bemerkte niemand Verdächtigen und erreichte ohne Zwischenfall die Wohnung in der Fontanka. Er eilte ans Fenster und beobachtete hinter den Vorhängen verborgen, den Quai. Einige Schiffer standen, auf Kunden wartend, an das Geländer gelehnt, hinter dem die holzbeladenen Barken schaukelten. Der Himmel war klar und die Sonne sandte ihre schrägen Strahlen herüber. Das friedliche Winterbild, das er vor Augen hatte, beruhigte ihn nur wenig. Seitdem Lydia von ihm fort war, wollte die Furcht vor einer Verhaftung, eine lächerliche, unbegründete, aber nicht abzuschüttelnde Furcht nicht von ihm weichen; jeden Augenblick sah er auf die Uhr. Noch fünfzehn Stunden, noch zwölf, noch zehn Stunden bis zur Grenze! Und mit jeder Minute, die verrann, schien ihm die Zeit, die er noch vor sich hatte, ins Unendliche anzuwachsen. Er hatte keine Gedanken mehr. Sein leeres Gehirn schien ganz damit erfüllt, die Sekunden zu zählen. Gegen fünf Uhr nahm er einen Schluck Tee und ein paar Brötchen zu sich. Um sechs Uhr, als es schon vollkommen finster war, verließ er endlich das Haus. Die kalte Luft tat ihm wohl, seine Nerven beruhigten sich. Er ging mit raschen Schlitten bis zum Newski-Prospekt, nahm dort einen Schlitten und ließ sich bis in die Nähe des Baltischen Bahnhofs bringen. Er hatte bloß eine kleine Handtasche bei sich. Eine dichtgedrängte Menge belagerte das Holzgitter, dessen Eingangstüre durch zwei Soldaten bewacht wurde. Man mußte einen Erlaubnisschein besitzen, um den Bahnhof betreten zu dürfen. Savinsky hatte sich damit versehen und wies ihn vor. Im Bahnhof selbst war das Gedränge weniger stark. Der Zug nach Reval stand schon bereit. Savinsky schritt auf einen Wagen zweiter Klasse zu. Eben, als er den Fuß auf das Trittbrett setzte, hörte er hinter sich eine Stimme: »Nikolaus Wladimirowitsch ...« Instinktiv drehte er sich um. Ein Herr in Zivil mit einem kurzen, blonden Bart stand hinter ihm. »Begleiten Sie mich aufs Bahnhofskommissariat, Nikolaus Wladimirowitsch.« Savinsky folgte ihm, ohne jeden Versuch des Widerspruchs. Nach all den vielen Stunden voll Angst, die hinter ihm lagen, fühlte er jetzt eine seltsame Entspannung, eine Ruhe, die ihn fast erlösend überkam. Das Schicksal hatte eingegriffen ... Eine Stunde später war er in der Gorokhovaja eingeliefert. Sein Aufnahmeprotokoll besagte: »Unterstützte von Petersburg aus alle Aufstandsbewegungen gegen die Republik der Sowjets, stand mit Spaßki in Verbindung, wurde am 1. März auf dem Baltischen Bahnhof, bei dem Versuch, mit einem falschen Paß die Grenze zu erreichen, verhaftet.« Ein grauer Oktobertag lag über der alten Stadt Pskow. Ein leicht bedeckter, nebeliger Himmel, den stellenweise die Sonne fast durchbrach, wölbte sich über den mittelalterlichen Wällen und über der altertümlichen Kirche mit den fünf goldenen Kuppeln, die den Kreml überragt. In den engen Straßen der Stadt hatte in den letzten Tagen eine gewaltige Bewegung geherrscht. Trupps von versprengten Soldaten der weißen Armee Judenitsch, die im Süden operiert hatte, durchzogen sie in drängender Unordnung, während die Hauptmacht, die schon bis vor die Tore Petersburgs gelangt war, noch entlang dem finnischen Meerbusen in der Richtung auf Narwa in heftige Rückzugskämpfe verwickelt war. Tag und Nacht war das verstörte Pskow vom Knarren und Dröhnen der über das holperige Pflaster rumpelnden Karren des Armeetrains erfüllt. Überladen mit Proviant und Material, mit Flüchtenden und Verwundeten ächzten sie die Sergijewskaja entlang. Die mageren, kleinen Pferde waren bis zum herabhängenden Kopf mit einer Kotkruste bedeckt, denn die Herbstregen hatten das ganze Land in einen Morast verwandelt. Peitschenknallen und Flüche, Kommandos und Schreie hatten die Tage gestört und die Nächte zu einem wüsten, nervenerschütternden Angsttraum gemacht. Und über allem ruhelos quälend, peinigend, zermürbend, das Dröhnen und Knarren, Ächzen und Dröhnen ... Und dann die Stille. Die beängstigende Stille. Nur noch einige müde, hinkende Nachzügler, Soldaten, schmutzig, abgezehrt, vornüber geneigt, ohne Waffen, zerlumpt und zerfetzt schlichen gegen Norden. In der Stadt selbst war nur noch eine kleine Abteilung vom roten Kreuz zurückgeblieben und auch die war schon marschbereit. Sie war in dem gleichen geräumigen Holzhaus am äußersten Nordrande der Stadt untergebracht, das während des Weltkrieges General Rußki, der die Nordarmee gegen die Deutschen befehligte, Quartier geboten hatte. Die gelbe, angeschwollene Vilejka strömt hart vorbei. Die Verwundeten, die hier in Pflege gewesen waren, hatte man schon vor zwei Tagen evakuiert. Jetzt lag nur noch ein junger Artillerist da, der hoffnungslos an Typhus erkrankt war. Der Stabsarzt hatte ihn diesen Morgen besucht und gemeint, daß er die Reise nicht überstehen würde. »Er kann's kaum noch vierundzwanzig Stunden machen,« war sein Urteil. »Die Hausmagd soll sich um ihn bekümmern.« Und sein Pferd besteigend wünschte er der Oberin, Fürstin Lisa Barbarin, eine glückliche Reise, da sie ihm mit der einzigen Pflegeschwester, die bei ihr geblieben war, und einem jungen Studenten der Medizin, der gebeten hatte, die beiden Frauen begleiten zu dürfen, einige Stunden später folgen sollte. Dieser Mediziner, Anton Antonowitsch Lonkowski, kaum zwanzig Jahre alt, war ein reizender, fröhlicher Junge, der aller Welt gefällig und von allen geliebt war. Zur Teestunde rezitierte er den Schwestern Verse von Lermontow, oder er trällerte Romanzen, zu denen er sich auf der Balalejka begleitete. Jetzt ging er im Zimmer, in dem ein bescheidener Imbiß aufgetragen war, und der Samowar zu summen begann, auf und ab und plauderte dabei mit der Fürstin, die an einem zum Fenster gerückten Tisch ihre Abrechnungen beendete. Sie war schon über fünfzig, derb, häßlich und unweiblich. Aber man vergaß all dies, sobald man ihre Augen sah, aus denen nur Güte und Liebe strahlten, eine vollkommene Selbstverleugnung und ein Aufopfern für die Leiden der anderen. Ihr Gatte, General der Donarmee, war ein Jahr vorher in ihrer Gegenwart von den Bolschewiki in den Straßen von Nowo-Tscherkask ermordet worden; sie selbst war dann in die Krim geflohen, nach Konstantinopel und Frankreich gereist, aber lange hatte sie es dort nicht ausgehalten. Sie kehrte nach Finnland zurück und trat trotz ihres Alters dem roten Kreuz bei, das die Expedition der Korps Judenitsch begleitete. »Nun also,« sagte Lonkowski, »jetzt ist alles bereit, Lisa Iwanowna, in einer halben Stunde wird unser Wagen vorfahren. Sie werden über die drei Rösser staunen, die ich aufgetrieben habe. Prachtvolle Tiere! Wie schnell auch die roten Teufel vorwärtskommen, vor morgen Mittag können sie nicht hier sein. Wir sind dann schon lange in Sicherheit. Ich habe schon alles für uns eingepackt. Tee, Zucker, Brot, Eier, zwei kalte Hühner und einen Tiegel Marmelade, den mir ein englischer Offizier verehrt hat. Aber wo ist Lydia Sergijewna?« »Sie ist noch in unserem Zimmer.« Der Student blieb vor der alten Dame stehen, die indes den Blick nicht von ihren Papieren hob. Da er aber den unbezähmbaren Wunsch hatte, von Lydia Sergijewna zu sprechen, bildete dies kein Hindernis für ihn, und er begann von neuem. »Welch wundervolles Mädchen! Immer bei ihrem Dienst. Nichts wird ihr zuviel. Es wird wenige Krankenschwestern geben, die die Arbeiten, denen sie sich unterzieht, ausführen wollten ... Aber wie ernst sie ist! Mir ist es noch nie gelungen, sie zum Lachen zu bringen. Und was ich für Unsinn vorbrachtet Das höchste, das ich erzielte, war ein Lächeln ... Ach, wenn wir viele solche Frauen hätten, dann wäre Rußland bald wieder das erste Land der Welt.« Jetzt hob die Fürstin ihren Kopf und blickte Lonkowski, dessen Begeisterung sie ansteckte, an. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und der mit einem weißen Tuch umwundene Kopf der Magd erschien, die Lonkowski bat, zu dem Kranken zu kommen, der in Fieberphantasien lag. Der Mediziner folgte ihr sofort. Die Fürstin blieb allein und ihre Blicke schweiften sinnend durch das Fenster auf die Vilejka, die träge dahinfloß. Aber ihre Gedanken blieben bei ihr, deren Name eben gefallen war. Vom ersten Tage, da sie Lydia kennen gelernt hatte, war eine zärtliche Liebe zu dem Mädchen in ihr erwacht. In der qualvollen Herzensnot, in der Lydia lebte, hatte sie der gütigen Freundin nichts verschwiegen: Savinsky am Abend ihrer Abreise verhaftet, seit acht Monaten im Gefängnis. Wenig hatten sie von ihm gehört, fast nur durch Gefangene, die entlassen worden waren. Er klagte nicht, er schien ziemlich wohl zu sein. Vor das Revolutionsgericht war er immer noch nicht gestellt worden. Aus allen seinen Nachrichten, die fast nie schriftlich waren, erkannte ihr erfahrener Blick hauptsächlich das eine, daß er Lydia nicht beunruhigen wollte. Das junge Mädchen aber hatte sich immer wieder zu Hoffnungen verleiten lassen und zweifelte nicht daran, daß Semeonow, der durch die Gunst Trotzkis zu immer größerem Einfluß gelangt war, ihren Freund beschütze. Es mußte doch noch ein Rest von menschlichem Empfinden in diesem seelenlosen Automat geblieben sein, das ihn abhielt, einen Mann hinrichten zu lassen, mit dem ihn einst freundschaftliche Bande verknüpft hatten. Savinskys Leben lag nur in seiner Hand. Deswegen verfolgte Lydia auch fieberhaft das wechselnde Spiel der Petersburger Intriguen, und mit heißen Wünschen erhoffte sie Trotzkis Verbleiben. Vor ihr lag nur ein Ziel, dem sie zustrebte: Nach Petersburg zurückkehren! Ihr Vater hatte sich diesem scheinbar wahnsinnigen Gedanken bis zu seinem Tode, der ihn zu Ende des Sommers in der Nähe Helsingfors ereilte, niemals ernstlich widersetzt. Alle Bemühungen Lydias, von den Behörden endlich doch die Erlaubnis zur Rückkehr nach Petersburg zu erhalten, verfolgte er mit fieberhafter Ungeduld – Bemühungen, von denen Lydia nicht ahnte, daß sie so lange vergeblich bleiben mußten, bis Savinsky endlich den Wünschen Semeonows gefügig geworden wäre. – Daß er seine Tochter unglücklich sah, das untergrub des alten Fürsten letzte Kräfte. Die Oberin seufzte. Das abgezehrte, leidende Gesicht des hageren Greises hatte sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis gegraben. Damals, als Lydia mit ihr nach Reval reisen wollte, hatte er sie zu sich gebeten und ihr in mühsam hervorgewürgten Worten sein Kind anvertraut. Nie würde sie den trostlos trauervollen Blick seiner Augen vergessen.– Und welche Schicksale hatten sie seit ihrem Aufbruch von Helsingfors durchlebt. Anfangs, das Vordringen der Armee Judenitsch mit wehenden Fahnen und begeisterter Zuversicht bis in die Vororte Petersburgs. Damals war Lydia wie umgewandelt. In rastloser Unruhe schien sie einherzuschweben wie eine flatternde Möwe, die dem Schiffe voraus dem Lande zustrebt. Eine heiße Glut hatte aus ihren wundervollen Augen geleuchtet. Dann aber kamen die bösen Zeiten. Niederlagen und Rückzug und schlimme Gerüchte von Massenhinrichtungen in Petersburg ... Lydia wurde verschlossen und hielt sich abseits. Sie sprach kaum mehr, sie lachte nie. Aber auch keine Klage kam über ihre Lippen. Sie blieb in sich versunken, als grüble sie einem einzigen, schweren Gedanken nach, als kämpfe sie mit einem verzweiflungsvollen Entschluß. Wo würde diese glühende Seele hintreiben? Lisa Iwanowna wagte es nicht, sich diese Frage zu beantworten. Sie erhob sich seufzend. Heute sollten sie ja wieder weiter! Pskow verlassen und nach Estland zurück! Lange noch würden die roten Wimpel auf dem Winterpalais in Petersburg und dem Kreml in Moskau flattern! – Lonkowski kam wieder herein. Seine strahlende Heiterkeit, mit der er sich auf die gemeinsame Reise mit Lydia Sergijewna freute, war der Fürstin, deren Herz mit Lydia blutete, unerträglich. »Wir müssen essen,« mahnte er, »der Wagen wird gleich da sein.« Geräuschlos öffnete sich die Tür, Lydia glitt herein und nahm schweigsam bei Tisch Platz. Sie trug die schwarze Tracht der barmherzigen Schwestern. Ihre blonden Haare waren nach altrussischer Sitte in zwei Flechten über die Stirn geschlungen, und ihr abgemagertes Gesicht erschien in der Schwesternhaube noch schmäler und kindlicher. Einige widerspenstige Locken aber sprengten die strengen Fesseln und leuchteten goldig funkelnd aus dem dunklen Rahmen, als wollten sie bezeugen, daß stärker als aller Wille – Macht und Drang der Jugend seien! In ihrem bleichen Antlitz standen, fast dunkel, die großen Augen. Ihr Blick war nach innen gekehrt und ließ nichts von ihren Gedanken erraten. Sogar Lonkowski fiel es auf, daß sie noch versunkener, erstarrter schien als sonst, obgleich er kein aufmerksamer Beobachter war, denn in dem großen Rausch der Liebe, der ihn fern von aller Wirklichkeit entführte, konnte er wohl nicht die Kaltblütigkeit aufbringen, Lydia zu studieren. Mit jener Schwärmerei, die ihn in Gegenwart Lydias oft überkam, rief er aus: »Was für Augen haben Sie doch seit einiger Zeit, Lydia Sergijewna! Wie Gebirgsseen, so grundlos, tief und klar. Die Ufer spiegeln sich darin, Bäume und Felsen, Schnee und der Himmel – aber von dem, was auf Ihrem Grunde ruht, lassen Sie nichts erkennen ...« Lydia lächelte schwach, aber sie erwiderte nichts. Wortlos hielten sie ihr Mahl, bis der Student das Schweigen nicht mehr aushielt und von seinen Wegen durch die Stadt, die er vormittags gemacht hatte, zu erzählen begann. »Man sieht keinen einzigen besser gekleideten Menschen mehr. Wohin mögen sich diese Unglücklichen nur versteckt haben? Selbst die armen Leute haben Furcht; ich habe mit einigen Frauen gesprochen. ›Was können sie uns wegnehmen? Wir besitzen ja nichts!‹, sagen sie, aber sie fürchten sich vor den Repressalien der Roten, vor Verschleppungen und Hinrichtungen. Es ist wie ein Angsttraum, glauben Sie mir ...« Die Fürstin Barbarin, die nur Lydia ängstlich im Auge behielt, erschauerte. »Ich bitte Sie, Anton Antonowitsch, sprechen Sie nicht von diesen Greueln.« Lonkowski verstummte, überrascht durch den Klang ihrer Stimme. Eine Weile später begann er wieder und wandte sich mit seinen Worten hauptsächlich an die junge Pflegerin. »Der Bürgerkrieg ist das Schrecklichste ... Und ich kenne nur ihn. Russische Soldaten sind es, die gestern hier abzogen und russische Soldaten werden morgen hier einmarschieren ... Und diese unglückliche Bevölkerung hier, die nicht weiß, warum sie leiden muß! Wozu das alles? Welch blutiger Wahnsinn ist über dieses Land gekommen ... Erinnern Sie sich der Klage des Bettlers aus Boris Godunow: ›Oh gramvolle Tage, unselige Zeit! Strömt aus eure Klage von Hunger und Leid ...!‹? Und was wird aus uns? – Emigranten! Sind denn wir dazu geschaffen, in der Fremde zu leben? Ach, Lydia Sergijewna, gar oft frage ich mich, warum ich denn nicht in Moskau blieb. Vielleicht müßte ich Schnee auf den Straßen schaufeln, aber es wären doch wenigstens russische Straßen, Straßen, in denen ich jedes Haus kenne ...« Die Fürstin verfolgte mit mütterlicher Sorge den Eindruck dieser Worte auf dem Gesicht ihrer jungen Freundin. Erst sah sie, wie Lydia erbleichte, dann aber spiegelte sich zu ihrer Überraschung der Ausdruck eines tiefen Friedens in den Zügen des Mädchens. Alles Leid schien von Lydia abgestreift. Die Oberin selbst fühlte beim Anblick dieser starren Ruhe in dem rührend schönen Antlitz ein Erbeben. Sie konnte dieses Schweigen Lydias und den Ausdruck ihrer unergründlichen Augen nicht länger ertragen ... Hastig wandte sie sich an Lonkowski: »Bitte, sehen Sie doch nach, Anton Antonowitsch, ob der Wagen bereit ist.« Als hätte Lydia die Gedanken der Fürstin erraten, erhob sie sich. Kaum hatte der junge Mann das Zimmer verlassen, setzte sie sich neben ihre Beschützerin, schlang den Arm um ihren Hals und lehnte zärtlich den Kopf an ihre Schulter. Die Fürstin hauchte einen Kuß in ihr Haar. Und Lydia begann leise zu reden. »Ich muß mit Ihnen sprechen, Lisa Iwanowna. Ich hätte es schon früher tun sollen ... Aber ich werde Sie betrüben, ich weiß es, und deshalb zögerte ich so lange ... Doch jetzt ist der letzte Augenblick, jetzt muß es sein ... Sie haben es ja vielleicht schon erraten, was ich Ihnen sagen will ... Mir scheint es fast ... Ich fahre nicht mit Ihnen, ich – bleibe hier.« Die Fürstin fuhr erschreckt auf. Aber Lydia legte ihr zart die Hand auf die Lippen und flüsterte weich: »Ach, ich weiß das ja alles ... Sagen Sie nichts ... Aber auch bei den Roten gibt es doch menschliches Fühlen ... Und es bleibt mir ja keine andere Wahl. Ich muß ja ... Es ist die letzte Möglichkeit, nach Petersburg zu kommen ...!« Sie wandte den Blick ihrer reinen Augen auf die gefurchten Züge der selbst durch vieles Leid geprüften Oberin. Diese blickte sie lange schweigend an. Sie schien auf dem Grund ihrer Seele zu lesen und erkannte die Überzeugung, nicht anders handeln zu können, wie eine stetig lohende Flamme, die nichts zu verlöschen vermag. Da nahm sie dieses liebliche, mutige Köpfchen in ihre Hände, küßte dreimal die zarte Stirne, machte betend ein großes Zeichen des Kreuzes und sprach einfach: »Der gütige Gott wird dich beschirmen, mein Kind.« – Eine Viertelstunde später zogen drei Pferde den Wagen aus Pskow, in dem aufrecht unter ihren Schleiern die alte Fürstin saß, und ein junger Student seine Tränen nicht zu verbergen suchte ...