Alfred Schirokauer Das Lied der Parzen Motto: Lied der Parzen: Es fürchte die Götter Das Menschengeschlecht! Sie halten die Herrschaft In ewigen Händen Und können sie brauchen, Wie's ihnen gefällt. Der fürchte sie doppelt, Den je sie erheben. Goethe. I. Der Regierungspräsident von Ingenheim wanderte ungeduldig zwischen der kleinen sonnenhellen Frühstücksstube und dem dunkeln schwerschattigen Speisezimmer auf und nieder. Wie lange sie heute auf sich warten ließ! Gerade heute, da er so dringend auf dem Präsidium zu tun hatte. Er griff mit der Linken in den schwarzen Bart, den er lang wallend herabwachsen ließ, und zerrte vor Ungeduld an den spröden Strähnen. Wo sie nur blieb! Natürlich hatte sie die halbe Nacht mit dieser – dieser Freundin verplaudert, die da gestern abend plötzlich hereingeschneit war. Er ging wieder zur Tür und hob die Hand halb zur Klinke. Dann ließ er sie aber wieder sinken und wanderte in die Helle zurück. Es war ihm peinlich, an ihre Schlafzimmertür zu klopfen. Und ohne weiteres eintreten konnte er auch nicht. Am Ende war die Fremde bei ihr. Endlich, als er gerade den Diener mit der Weisung zu ihr schicken wollte, sie möchte sich ein wenig beeilen, er warte auf sie, trat sie mit ihrem hastigen Schritte ein. »Du bist noch hier!« sagte sie erstaunt und bot ihm die Wange zum Kuß. Er drehte ihr Gesicht sanft zur Seite und küßte sie auf den Mund. »Nicht so kargen,« lächelte er. »Ich habe auf dich gewartet, Manja. Ich muß mit dir sprechen.« Sie blickte ihn mit ihren großen grauen Augen erwartungsvoll, fast erschreckt an. »Es ist,« begann er und blickte zur Seite, die ganze Sache war ihm sehr unangenehm, »wegen deiner – wegen Frau Herforth.« Sie schwieg. »Weshalb ist sie von ihrem Manne fortgelaufen?« fragte er jäh. Manja blickte zu Boden. »Soviel ich bis jetzt verstanden habe, war da einer, den sie lieb hatte.« »Hm,« machte der Baron. »Es ist nicht unsere Sache zu richten. Die Menschen denken über Ehe und Ehebruch verschieden. Ich möchte aber nicht – Manja, es tut mir leid – ich weiß, wie du an dieser Freundin immer gehangen hast.« Manja sah traurig vor sich nieder. »Ja,« wiederholte der Präsident, »es tut mir sehr leid. Aber sie kann wirklich nicht bei uns bleiben.« »Nein,« nickte die Baronin vor sich hin. »Ich mag in solche schmutzige Sache nicht verwickelt werden. Also sorg' dafür, Manja, daß sie noch heute geht.« Und da er empfand, daß er etwas sehr Schweres von ihr forderte, fügte er hinzu: »Du weißt, wie abstoßend mir solche Untreue ist. Es wäre mir sehr peinlich, Liebe, der Frau hier noch zu begegnen. Alles andere wird dein Zartgefühl schon finden.« Damit warf er einen Blick auf die hohe schwarze Standuhr, rief: »Herrje, gleich acht«, und war draußen. Manja stand einige Augenblicke steif inmitten des großen dunkeln Zimmers. Ihr zartes bleiches Gesicht war kalkig grau. Dann sammelte sie mit einer schier hörbaren Energie ihre Glieder, biß die Lippen entschlossen aufeinander und ging in das Frühstückszimmer. Die Helle blendete sie heute. Sie zog die elfenbeinfarbenen Vorhänge vor das breite vielfeldige Fenster, setzte sich an den Tisch und grübelte schwer. Ihre Hand zerkrümelte das Brötchen, das sie unbewußt aus dem Silberkorbe entnommen hatte. Da ging die Tür des Speisezimmers, Röcke strichen sacht fegend über den Teppich, Beatrice Herforth trat durch die weiße Scheibentür. Manja fuhr aus ihren verzagten Gedanken empor und lächelte gut und zart auf zu der großen schönen Frau. »Da bist du ja schon, Beatrice,« sagte sie, »komm, setz' dich. Du wirst müde sein nach dieser Nacht.« Beatrice schloß wie bejahend die brennenden schwarzen Augen und nahm an der andern Seite des kleinen Tisches Platz. Dann klingelte Manja. Sie schwiegen, bis der Diener aufgetragen hatte. Und als Manja die Freundin mit Kaffee und Gebäck versehen hatte, bat sie leise: »Und nun, Beatrice, erzähle mir, wie alles gekommen ist.« Beatrice Herforth saß da, die Hände matt gelöst auf dem Tischtuch, und schwieg. »Aber iß und trink dabei,« ermunterte Manja. »Du hast ja fast vierundzwanzig Stunden nichts zu dir genommen.« Beatrice hob müde die linke Hand und strich die schwarzen Haare aus der klugen Stirn. »Danke,« wehrte sie, »ich kann nichts essen.« Manja schwieg. Sie wußte, zureden hatte bei der Freundin nie gefruchtet. »Wenn du davon nicht sprechen kannst,« begann sie nach einer Weile scheu – Doch Beatrice unterbrach. »Ich kann. Mit wem außer dir sollte ich darüber sprechen?« Dann schwieg sie wieder und sah in den sommerprangenden Garten hinaus. Manja wartete feinfühlig. Endlich begann die Freundin: »In klaren Worten klingt es so roh und so alltäglich banal. Und es war doch mein grausames, noch nie erlebtes Los. Du weißt, ich habe meinen Mann immer liebgehabt.« Manja nickte. »Keine stürmische, schwelgende Liebe war's, aber allezeit gut und traut.« »Ich verstehe das,« stimmte Manja leise zu. »Dann – vor zwei Jahren – lernte ich Walter kennen.« »Du schriebst mir davon.« »Es war eine Freundschaft – zuerst. Er kam zu uns ins Haus, mein Mann hatte ihn gern, er regte ihn an. Er war Assessor an unserem Amtsgericht. Mir brachte er soviel Neues in mein Leben. So viel Schönheit des Geistes –« Sie schwieg wieder und blickte versunken auf die Bäume draußen mit ihrem sommerstaubigen Laube. »Und dann ist es eine Liebe geworden,« sagte sie plötzlich. »Ganz langsam, fast unmerklich. Ich erkannte es, als er einmal auf einige Wochen verreiste, an meiner schmerzenden Sehnsucht. Damals schrieben wir uns – mein Mann wußte davon – in Briefen sagt man sich leicht so sehr viel mehr. – Als er zurückkam, wußten wir, daß wir uns liebten.« Und heftig fügte sie hinzu: »Meinem Manne bin ich immer dieselbe geblieben. Ich habe ihn um nichts verkürzt, das darf ich sagen. Walter gegenüber war es so ganz anders.« Und als sie wieder schwieg, sagte Manja mit seltsamer Betonung: »Das verstehe ich so gut.« Durch den bekennenden Klang ihrer Stimme aufgescheucht, blickte Beatrice empor. Wortlos sah sie der Freundin sekundenlang forschend in die Augen, bis Manja die Lider senkte und heiser bat: »Erzähle weiter!« »Wir haben gewußt, daß wir uns nie gehören dürfen. Wir haben nie darüber in Worten gesprochen. Noch wir haben es beide gewußt. Es war auch eigentlich kein Entbehren. Körperliches gehörte kaum zu unserer Liebe. – Und dann ist es doch gekommen.« »Es kommt immer,« nickte Manja leise, aber sehr bestimmt. Wieder hob Beatrice verwundert den Kopf. Doch Manja gebot: »Erzähle weiter!« »Vorgestern kam er nachmittag zu mir. Nie hatten wir uns berührt. Nur die Hände gegeben – fester wohl und wärmer, als Freunde tun. Wir konnten nicht wie sonst ins Plaudern kommen. Er war hastig und unruhig. Und dann hat er mich an sich gerissen und mich jäh geküßt. Und dann ist es gekommen. Ich kann es nicht sagen, wie es kam.« Sie stützte die Stirn in die Fingerspitzen und starrte nieder auf das weiße Tuch. Manja blickte bewegungslos auf die helle Linie ihres gesenkten Scheitels. Ohne den Kopf zu heben, sprach Beatrice weiter: »Dann ist er gegangen. Und als mein Mann nach Hause kam, habe ich es ihm gesagt. Und er hat mich aus dem Hause gejagt und seine Kartellträger zu Walter geschickt. Gestern früh haben sie sich geschossen – Walter ist tot.« Sie beugte das Gesicht auf das Tischtuch nieder und preßte die Lippen gegen das harte Holz, das Schreien des Schmerzes daran zu ersticken. Manja streichelte stumm sänftigend die Hände der Frau, die sich flach, mit eng geschlossenen Fingern, auf den Tisch stemmten. Na hob Beatrice Herforth das starre Gesicht. »Und nun muß ich sehen, daß ich Arbeit finde – zum Leben,« sagte sie herb gefaßt. »Ich bewundere dich,« gestand Manja. »Du bewunderst mich?!« »Ja, Beatrice. Ich bewundere dich. – Aber nach deiner ganzen Anlage mußte es so kommen.« »Nein, Manja, das mußte es nicht. Das ist ja das Unbegreifliche. Es mußte nicht. Nach meiner ganzen Anlage konnte es nicht so kommen. Gerade daß ich jetzt hier stehe, ist mir das Unbegreifliche. Nichts liegt meiner Natur ferner als dieser Treubruch.« »Das glauben wir alle,« entgegnete Manja müde, »wir alle, Beatrice. Wir heiraten mit Zwanzig, Einundzwanzig den Mann, der uns sympathisch ist und den wir gut und freundlich lieben. Und dann kommt in diesem ewig langen Leben einmal der Mann, den wir hell und jubelnd lieben. Und wir meinen alle, wir nehmen unserem Manne mit dieser Liebe nichts, weil er diese Liebe nie besessen hat. Und wir glauben alle, ja, Beatrice, alle, wir werden einen Treubruch gegen ihn nie begehen. Denn unsere Sinne stehen dieser jauchzenden jungen Liebe so fern. Aber wir vergessen dabei die Sinne des Mannes. Männer, – auch die besten, begehren, wenn sie ganze Männer sind, schließlich doch einmal das Weib in uns. Das ist unser aller schwerer Irrtum. Und wir begehen alle noch den zweiten Fehler, daß wir unsere Kraft überschätzen.« Beatrice sah ihr aufmerksam in die grauen hellen Augen. »Manja, du sprichst, als ob auch du –« Manja schüttelte den blonden, lichtumflossenen Kopf. »Ich spreche nicht persönlich,« wich sie scheu zur Seite. »Ich habe über alles dieses nur so sehr viel gesonnen. Und mit vielen Frauen darüber gesprochen. Unsere Widerstandskraft lebt nur von der helfenden Güte des Mannes. Das weiß ich. Und darum staune ich nicht über deinen Weg, Beatrice, – bis dahin. Aber den Weg, den du dann gegangen bist, den bewundere ich.« »Den Weg, den ich dann gegangen bin?« »Darin liegt dein ganzer Charakter. So warst du schon auf der Schule, so groß und kompromißlos.« »Was blieb mir sonst?« »Schweigen.« »Mit dieser Lüge kann man nicht weiterleben.« Manja lächelte seltsam altklug. »Liebes Kind,« sie öffnete die Augen weit, »Tausende leben so. Zu Anfang glauben sie alle, nun könne die Sonne nicht mehr scheinen und der Tag müsse schwarz werden. Aber die Sonne scheint weiter, und der Tag bleibt hell. Und wenn man dann sieht, daß die Erde gemächlich weiterrollt und alles beim alten bleibt, dann kommt eines Tages die Freude darüber, daß man dem ersten stürmischen Impulse des Bekennens widerstanden hat.« Sie machte eine Pause. Doch als sie Beatrices ernsten suchenden Blick auf ihrer Stirn fühlte, fügte sie heftig hinzu: »Das Leben verlangt Kompromisse. Was hat deine Ehrlichkeit erreicht? Tod und Verderben. Allen ist sie zum Unheil geworden: ihm, deinem Manne, deinen Kindern, dir. Allen. Hättest du geschwiegen, hättest du dir gesagt: Ich habe ihm und mir zu sehr vertraut, jetzt habe ich meinen Irrtum erkannt; hättest du mit ihm gebrochen, für immer, hättest du mit dieser bitteren Entsagung deinen – Irrtum gesühnt; – sag', Beatrice, wäre das für alle nicht tausendmal besser gewesen?!« Sie legte ihre kleine Hand auf Beatrices kalte Finger. »Ich sah nur den einen Weg,« beharrte die Freundin. Manja nickte. »Du hast nie andere Wege gesehen, als die tapfersten und unerbittlichsten. Schon auf der Schule.« Da erhob sich Beatrice Herforth, strich mit einer entschlossenen Bewegung den Rock über den Schenkeln glatt und sagte: »Nun muß ich sehen, daß ich Arbeit finde.« Auch Manja stand nun da – unschlüssig. »Ja, was willst du arbeiten, Beatrice?« Die große dunkle Frau blickte sie hilflos an. »Ich weiß es noch nicht recht,« sagte sie unsicher. »Ich muß etwas finden. Du weißt, ich habe so gut wie nichts in die Ehe gebracht. Mein Mann wird mir wohl etwas aussetzen. Ich will es nicht. Ich will nichts von ihm als die Erlaubnis, die Kinder oft zu sehen.« »Ja, siehst du, vor allem die Kinder,« nickte Manja. »Wäre es um ihretwillen nicht auch besser gewesen –?« Aber die wehen Augen der Freundin bannten die Worte. Was halfen jetzt alle Vorwürfe und altklugen Erwägungen! Sie setzte sich still wieder nieder und sah ratlos zu Beatrice auf. »Ich dachte,« wagte die schöne Frau tastend, »daß ich hier in der größeren Stadt etwas finden würde. Bei uns wäre es unmöglich. Nach dem Ausgang des Duells gestern mußte ich sofort fliehen. Eine solche Erbitterung herrschte überall gegen mich, daß sie mich am liebsten gelyncht hätten.« »Was willst du arbeiten?« lenkte Manja ihre Gedanken von dem schwarzen Gedenken fort, »was können denn die Frauen arbeiten, die vor zehn Jahren junge Mädchen waren! Sie haben nichts gelernt, als auf den Mann zu warten.« »Ich kann stenographieren und Maschine schreiben,« belehrte Beatrice. »Ich habe es gelernt, um meinem Manne bei seiner Arbeit zu helfen. Ich dachte, hier in der Universitätsstadt – daß du mir vielleicht eine Empfehlung an einen der Professoren – Privatsekretärin oder dergleichen könnte ich vielleicht werden –« »Das könnte ich gewiß,« nickte Manja. Das Gebot ihres Mannes war ihr plötzlich in die Erinnerung getreten. Zart ging sie auf das böse Ziel los. »Liebste, du weißt, ich verstehe dich.« Beatrice hob aufhorchend den Kopf mit dem schwarzen Haare. »Aber mein Mann – in seiner exponierten Stellung –« »Aber das hat doch mit einer Empfehlung –« wandte sie scheu ein. »Nein – nein. Die Empfehlung werde ich dir geben – ich überlege schon immerzu, an wen. Nein, mein Mann. – Wäre es nicht besser, du gingest in eine Pension. Ich weiß eine sehr gute und billige.« Beatrices bleiches Gesicht ward plötzlich blutig unterströmt. »Ich – gehe sofort,« stieß sie hervor. Sie taumelte vornüber gegen den Tisch. »Beatrice, du weißt – daß ich –« »Sprich kein Wort mehr –« flehte diese mit heißen Augen. Da sprang Manja empor, eilte zu ihr hin, schlang ungestüm die Arme um ihren Leib und küßte sie wortlos auf die zuckenden Augen und bebenden Lippen. Beatrice ließ es still über sich ergehen. »Laß, Liebe,« bat sie leise, mit geschlossenen Lidern. »Ich verstehe ja. Ich hätte nicht kommen sollen. Nur gestern, als alles dies über mich hereinbrach – es kam so jäh. – Es schien mir, als wärst du meine einzige Zufluchtsstätte auf der weiten Welt –« »Mein armes – mein armes,« klagte Manja. Beatrice raffte sich auf. »Ich werde jetzt gehen,« sagte sie fest. »Ich begleite dich.« Beatrice schüttelte den Kopf. »Wenn dein Mann mir das Haus verbietet,« bedachte sie ruhig, »wird er nicht wünschen, daß du dich mit mir auf der Straße zeigst.« »Ich bin mein freier Herr,« brauste Manja auf. »Laß,« lächelte Beatrice bitter hoffnungslos. »Wir sind keine freien Herren. Herren und frei sind die Männer, die uns verjagen können wie diebische Mägde. Schreib mir die Adresse der Pension auf und gib mir die Empfehlung.« Und dann verließ sie wie gehetzt das Haus. Der Diener trug den kleinen Handkoffer hinter ihr drein. II. Einige Stunden später kehrte die Baronin Ingenheim von ihrem alltäglichen Morgenritt heim. Eine rechte Freude an ihrer temperamentvollen Stute »Lenora« war heute nicht in ihr aufgekommen. Ihr Gemüt war gedankenschwer und voll schwingender Ahnungen. Sie warf dem Diener, der ihr den Bügel hielt, hastig die Zügel zu und schritt rasch durch den Garten zur Villa. Erstaunt blickten »Lenora« und »Mumpitz«, der Wallach des Präsidenten, den der Diener geritten hatte, der Herrin nach. Noch niemals war sie ohne Liebkosung von ihnen gegangen. Als die Zofe die Haustür öffnete, sagte sie: »Da ist ein Herr, der Frau Baronin sprechen will.« »Ein Herr?« fragte Manja. Sie hatte es alle diese Tage erwartet. Jetzt traf es sie wie ein Stoß mitten ins Herz. »Ich habe gesagt, daß Frau Baronin ausgeritten sind. Der Herr meinte, er wolle warten. Ich habe ihn in den Salon geführt.« »Es ist gut,« wehrte Manja dem Mädchen, das ihr beim Ablegen behilflich sein wollte. Die Zofe ging. Manja trat vor den Spiegel der Garderobe und strich die feinen blonden Strähnen, die der Ritt gelöst hatte, unter den schwarzen Zweimaster zurück. Ihr Gesicht war sehr bleich. Das Herz schlug angstvoll gegen die Brust. Sie wußte, der Herr, der im Salon auf sie wartete, war das Verhängnis. Sie wußte es bestimmt. Seit Seebeck im vorigen Winter als Direktor der Waffenfabrik hierhergekommen und ihr bald darauf in der Gesellschaft begegnet war, hatte die Furcht sie nicht wieder verlassen. Dem Leiter der großen Aktiengesellschaft hatten sich die Tore der angesehensten Häuser bereitwillig geöffnet. Bei dem Landgerichtspräsidenten war Manja zum ersten Male mit ihm zusammengetroffen. Den aufprallenden erstaunten Blick bei der Vorstellung wußte sie nicht zu deuten. Doch später beim Tanz trat er zu ihr. »Im Grunde sind wir alte Bekannte,« scherzte er mit einem Lächeln um die arroganten Lippen. »Ich wüßte nicht,« entgegnete Manja in verwunderter, ärgerlicher Ahnungslosigkeit. »Gnädige Frau waren vor einigen Jahren in Norderney,« lächelte er mit dreister Vertraulichkeit. »Ihr Gesicht vergißt man nicht, gnädige Frau.« Sie krampfte die Finger um den Elfenbeinfächer, daß die Nägel tief in die Handfläche eindrangen. Das Blut siedete ihr, aller ehernen Beherrschung zum Trotz, bis hinauf unter die blonden Haare. Es gelang ihrer Energie, gelassen zu erwidern: »Ja, ich war in Norderney. Aber ich wüßte nicht, daß ich Sie dort kennen gelernt hätte.« »Mich nicht,« entgegnete er mit demselben frechzutraulichen Lächeln und legte eine anzügliche Betonung auf das »mich«. Sie ergriff die erste Gelegenheit, sich von ihm zu befreien. Doch sie traf auf ihn, wieder und immer wieder. Es waren in dieser mittelgroßen Stadt immer dieselben engen Kreise, in denen man sich gesellschaftlich drehte. Und immer wieder näherte er sich ihr, ohne daß sie wagte, ihm recht zu wehren. Er sprach von seiner Gier nach dem Glück, von der Leere seines Lebens trotz aller Arbeit und alles äußeren Erfolges. Sie blieb kühl abweisend und stand doch gebannt unter seiner Drohung. Er sprach von Liebe, und sie blieb stumm, weil sie fürchtete, ihn zu reizen. Er erlaubte sich spöttelnde Bemerkungen über den Baron. Sie verwies es ihm, doch ohne Hoheit, ohne Gebieten, ohne aufflammenden Stolz. Und jetzt saß er dort drinnen im Salon, jetzt zu dieser ungewöhnlichen Zeit, da er ihren Mann im Präsidium wußte, und wartete auf sie. Sie ahnte, weshalb er gekommen war. Unwillkürlich faßte sie den rohrumflochtenen Stiel der Reitpeitsche fester und trat ein. Seebeck war in die Betrachtung einer kostbaren kleinen russischen Bronze vertieft. Langsam wandte er sich Manja zu und kam ihr gemessenen Schrittes entgegen. Er sah sie ernst an, zum ersten Male ohne eine Falte dieses besitzsicheren Herrenlächelns, das sie so haßte und so sehr fürchtete. »Sie haben auf mich gewartet?« fragte sie ohne Einleitung. Es klang schroffer, als es beabsichtigt war. »Ja,« nickte er, »ich mußte Sie sprechen, gnädige Frau.« Seine Stimme war belegt und seltsam weich. Sie deutete auf einen Stuhl und setzte sich. Er nahm den gewiesenen Platz, verstrickte die langen dünnen Finger ineinander und sah wortlos nieder auf den weichen weißen Teppich. Sie wartete und fühlte das Blut in den Ohren sausen. Endlich hob er das Gesicht und sah mit fiebernden Augen zu ihr hinüber. Sie tat sich Gewalt an, den Blick zu ertragen. »Gnädige Frau,« begann er heiser, er mußte sich räuspern, um weitersprechen zu können, »Sie wissen, weshalb ich gekommen bin.« »Ich weiß es nicht,« wehrte sie sich hitzig. Er beugte sich zu ihr vor. »Ich habe gekämpft, Manja. Gerade weil ich das weiß.« »Was?« bebte ihre Verzweiflung. Er sprach weiter. »Ich will nicht dastehen als einer, der daraus Profit schlägt. Schon damals in Norderney habe ich mich in Sie – ja vernarrt muß ich sagen. Ich habe in diesen Jahren später noch oft an die ›schöne Frau von Norderney‹ gedacht. Dann standen Sie plötzlich hier vor mir. Erreichbar. Es liegt nicht in meiner Natur zurückzuweichen, wenn ein Ziel lockt. Dennoch habe ich mit meinen Wünschen gekämpft. Ich bin unterlegen. Darum bin ich jetzt hier.« »Ich verstehe kein Wort von alledem,« log sie und blickte sich im Zimmer um nach einem rettenden Ausweg aus dieser würgenden Umstrickung. Da stand er auf und trat dicht an ihren Sessel heran. »Manja,« flüsterte er heftig, »Sie sind in Ihrer Ehe unglücklich –« Sie öffnete die Lippen, brachte aber keinen Laut hervor. – Er fuhr fort: »Ich bin in meinem Leben heimatlos. Wollen wir nicht aus unserem gemeinsamen Mißgeschick uns ein Glück zurechtbiegen!« Sie wich vor seinem heißen Flüstern weit in die Polster des Sessels zurück. »Ich bitte Sie, gehen Sie,« raunte sie in Ängsten. »Manja,« drängte er leise, »ich weiß doch, die Ehe ist Ihnen keine Schranke.« Sie richtete sich auf. »Gehen Sie sofort, Herr Seebeck, oder ich klingle dem Diener!« Zornig wallte es ihm zu Kopf. Er warf die Maske des Toggenburgers klirrend zu Boden, die rohe Gemeinheit des Erpressers verzerrte seinen Mund. »Spielen Sie nicht die Tugendsame,« drohte er grimmig, »ich kenne Sie.« Aber schnell den Ton ändernd, bat er: »Manja, wir beide, die wir in diese armselige Stadt verschlagen sind, so gut könnten wir es haben.« Und ihr sein Gesicht nähernd, raunte ei: »Sei vernünftig, Manja. Sei doch vernünftig!« Und plötzlich beugte er sich über sie, drückte ihre Schultern mit beiden Händen brutal gegen die Rückwand des Sessels und küßte sie schonungslos in das Gesicht, wohin seine gierigen Lippen trafen. Eine Sekunde blieb sie gelähmt. Dann umklammerten ihre Hände die Köpfe der Armlehnen, sie stemmte den Körper mit aller Kraft ihrer sportgestählten Glieder gegen den Mann, drängte ihn zurück, stand plötzlich auf den Füßen, griff blitzschnell zu dem Tisch hinüber und setzte ihm die Reitpeitsche in ausberstendem Haß zweimal über das Gesicht. Auftaumelnd vor Wut und Schmerz packte er ihren Arm – da öffnete sich die Tür. Der Regierungspräsident trat ein. Manja riß ihren Arm aus der Umklammerung, ihr Instinkt gab ihr blitzhell ein, daß es für sie nur ein Vorwärts gab. Sie hob die Hand mit der bebenden Peitsche, zeigte auf den vom Schmerz noch halb geblendeten Mann und rief: »Der Mensch hat gewagt, dein Weib in deiner Wohnung zu berühren.« »Was – Was?!« stammelte der Präsident, der in begreifensstarrer Verdutztheit an die Tür gebannt stand. Seebeck hob den Kopf, Blut rieselte in dicken Tropfen aus zwei tiefen Rissen über sein Gesicht. »Herr Präsident,« sagte er ruhig, »Sie vermögen die Situation nicht zu übersehen, weil Sie nicht wissen, daß Ihre Frau vogelfrei ist.« Da stand Ingenheim vor ihm und tastete mit der Hand nach seiner Kehle. Seebeck trat einen Schritt zurück und warnte gelassen: »Lassen Sie das! Stürzen Sie sich nicht in Ungelegenheiten für diese Frau, die Sie betrogen hat!« Dann spielte sich alles blitzschnell ab. Manja schrie keuchend auf, der Baron packte Seebeck an der Brust, stieß ihn vor sich her, quer durch das ganze Zimmer, riß mit der Linken die Tür auf und schleuderte den Mann hinaus auf den Korridor, wo er polternd niederbrach. Ehe er hochkam, war das aufgescheuchte Personal herbeigeeilt. »Weisen Sie den Mann hinaus!« befahl beherrscht der Baron und schloß die Tür. Sie hörten im Zimmer, wie Seebeck sich draußen aufraffte, wie er dem Diener drohte: »Rühren Sie mich nicht an!« wie die Haustür hinter ihm zuschlug. Der Präsident wandte sich Manja zu. Sie stand mit dem Rücken gegen den Tisch gelehnt, das Gesicht zur Erde geneigt. Die Peitsche, von der Rechten noch immer umspannt, zitterte sacht. »Wie kam es?« fragte der Baron leise, fast zaghaft und ergriff ihre eisige Hand. Mit pfeifendem Atem erzählte sie: »Als ich vom Reiten nach Hause kam, wartete er auf mich. Dann sprach er einiges, daß er unglücklich sei und daß auch ich unglücklich wäre; daß er mich liebe – und plötzlich fiel er über mich her und küßte mich. Da habe ich ihm die Peitsche über das Gesicht gezogen.« »Meine arme kleine Manja,« er küßte inbrünstig ihre bebenden Hände, »das war ja entsetzlich!« Sie lächelte weh. »Es war sehr arg.« Und ängstlich hastend fügte sie bei: »Vielleicht ist er geisteskrank.« Der Baron hob den Kopf. »Anders kann man es sich eigentlich kaum erklären. Eine Dame der Gesellschaft in ihrer Wohnung zu überfallen, wo jeden Augenblick jemand eintreten kann! Der Mann muß verrückt sein. Meine arme kleine Manja!« Er streichelte zärtlich ihr Haar. »Er ist sicher krank,« flüsterte sie scheu. »Man hat doch nie etwas Ungünstiges über ihn gehört,« grübelte der Präsident, »im Gegenteil. Am Ende hätt' ich –.« »Du hast durchaus richtig gehandelt,« tröstete sie. »Im ersten Zorn –« »Wenn der böse Schreck nur keine schlimmen Folgen für dich hat!« bekümmerte er sich. »Es ist schon wieder gut,« beschwichtigte sie. »Mir ist schon wieder besser.« »Jedenfalls werde ich sofort über den Mann Erkundigungen einziehen,« entschied der Präsident. »Leg' dich jetzt ein wenig nieder! Du bist doch noch sehr blaß. Und zitterst am ganzen Körper. Komm, ich bring' dich in dein Zimmer.« Schwer auf seinen Arm gestützt, schritt sie zur Tür. »Eine entsetzlich peinliche Geschichte,« murmelte besorgt der Baron. III. ie Ermittelungen, die Herr von Ingenheim in aller Eile und Verschwiegenheit anstellte, ergaben, daß der Gedanke einer psychischen Abnormität Seebecks jeder Grundlage entbehrte. Bei der Leitung der Waffenfabrik bewies er die Energie und Umsicht eines geistig überragenden kerngesunden Mannes. Erst gestern noch hatte die Fabrik mit der Montenegrischen Regierung einen Lieferungsvertrag abgeschlossen, welcher der Verstandeshelle ihres Direktors das erfreulichste Zeugnis ausstellte. Der Regierungspräsident empfing diese Nachrichten, als er am Nachmittage aufs Amt kam. Nun erwartete er die Kartellträger Seebecks. Denn wenn er geistig gesund war, so würde er zweifellos den Mann fordern, der ihn in Gegenwart einer Dame zum Hause hinausgeworfen hatte. Doch der Nachmittag verglitt, es wurde fünf, es wurde sechs, die Sommerabendmilde wehte kühl durch die Eichen, die den Platz vor dem Regierungsgebäude umschatteten – kein Kartellträger nahte. Und als es auf sieben ging und Herr von Ingenheim just erwog, ob er nicht nun seinerseits als persönlich und in seiner Frau Beleidigter Rechenschaft fordern solle, wurde ihm der Geheime Justizrat Helmholtz gemeldet. Her alte Herr trat in mühsam gedämpfter Erregung in das Arbeitszimmer des Präsidenten. »Sie werden erraten, Herr Regierungspräsident, was mich zu Ihnen führt,« begann er nach kurzer Begrüßung. »Wenn es eine Privatangelegenheit ist, so glaube ich's zu wissen, Herr Geheimrat,« erwiderte Ingenheim und rückte dem Rechtsanwalt den bequemen Klubsessel einladend neben das Pult. Der Geheimrat schob sich tief in das weiche Lederpolster zurück, strich die grauen Handschuhe prall und bedauerte: »Eine leidige Sache, Herr Regierungspiäsident. Eine sehr leidige Sache.« »War Herr Seebeck bei Ihnen?« eröffnete der Baron die Sachlichkeit. Der Geheimrat nickte. »Er war bei mir. Ich bin seit langen Jahren Justiziar der Waffenfabrik. So lag es wohl nahe, daß Herr Seebeck sich an mich wandte.« Der Präsident hielt mit den Fingern der linken Hand den schwarzen Bart umschlossen und wartete. Der Geheimrat schwieg undurchdringlich. Dann faltete er die behandschuhten Hände und sagte: »Er wollte, daß ich Anzeige an die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung erstatte. Ich habe dieses Ansinnen mit dem Hinweis abgelehnt, daß ich seit Jahren als Ihr Mandatar die Regierung in ihren Rechtsstreitigkeiten verträte und daher ein gegen Sie persönlich gerichtetes Mandat nicht übernehmen könne.« »Sehr wacker, mein lieber Geheimrat.« Der Baron verneigte sich anerkennend. »Herr Seebeck wird sich nun an einen meiner Herren Kollegen gewandt haben, wahrscheinlich an Doktor Wurm, der im Rufe besonderer Schneidigkeit stehen soll. Na ich durch meine Ablehnung des Mandats freie Hand gewonnen habe, hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen, Herr Regierungspräsident, diese Mitteilung zu machen.« Der Baron streckte dem alten Herrn die Hand hin. »Ich danke Ihnen, verehrter Geheimrat. Ich hatte eigentlich erwartet, er würde mir seine Sekundanten schicken.« Der Geheimrat schüttelte den Kopf. »Wir haben in unserem Gespräch auch diesen Punkt berührt. Herr Seebeck meinte, seine Ehre verlange wohl, daß er Sie fordere. Da er aber nicht Reserveoffizier sei, liege für ihn hierzu kein unmittelbarer Zwang vor. Er sei ein prinzipieller Gegner des Duells. Wenn ich ihn recht verstanden habe, kommt es ihm auf eine empfindliche Rache an. Er will Sie, Herr Regierungspräsident, und Ihre Frau Gemahlin in einem Sensationsprozesse vor der Öffentlichkeit bloßstellen.« Der Baron fegte gelassen mit den Fingern seinen Bart. »Das dürfte ihm wohl kaum gelingen. Peinlich ist die Sache gewiß. Aber gegen Rowdies ist kein Mensch gefeit. Was kann mein armes Weib oder ich dafür, daß dieser Schubbiack plötzlich über sie herfällt! Soviel ich sehe, wird der Mann durch einen Prozeß nur sich selbst unmöglich machen.« Der Alte schwieg. »Aber, verehrter Herr Geheimrat, Sie schweigen so nachdenklich, haben Sie etwa Bedenken? Ich möchte mal den Richter sehen, der mich verurteilt! Wenn ich den Menschen, der meine Frau und mich in dieser unerhörten Weise beleidigt, zum Tempel hinausbefördere, bin ich doch wahrlich im Recht!« Der Geheimrat legte die Stirn in zahllose Falten. »Es kommt Herrn Seebeck nicht darauf an, Herr Regierungspräsident, daß Sie verurteilt werden. Der Mann will seine Rache.« »Ja, aber wenn das Gericht mich freispricht –!« »Bleibt doch noch immer die öffentliche Erörterung der – der –« Der Anwalt stockte. »Sprechen Sie, Herr Geheimrat,« ermunterte der Baron ein wenig nervös. »Übersehe ich etwas? Sie wissen, wir Staatsrechtler sind im Zivilrecht nicht so standfest. Welche Erörterung?« Der Geheimrat schöpfte tief Atem. »Herr Seebeck war seiner Sache sehr sicher. Er behauptete, untrügliche Beweise in Händen zu haben. Er hätte mir seine Zeugen namhaft gemacht, wenn ich dem nicht vorgebeugt. Ich hielt es nicht für loyal, mir Beweismittel an die Hand geben zu lassen, wenn ich beabsichtigte, das Mandat abzulehnen.« »Aber welche Beweise denn eigentlich, mein verehrter Herr Geheimrat?« »Beweise für – für frühere – unerlaubte Beziehungen – der Frau Baronin, die ihm Veranlassung gaben, die Frau Baronin nicht – als Dame zu respektieren.« Der Geheimrat sah dem Präsidenten fest in die Augen. Der Baron lachte hell und frei heraus. »Aber, bester Geheimrat, lassen Sie sich doch nicht ins Bockshorn jagen! Das ist hohles Gerede. Der Mann will seine Untat entschuldigen. Sie glauben doch nicht im Ernste –?! Greift eine Frau, die sich einer Schuld bewußt ist, zur Reitpeitsche!« »Frauen sind unberechenbar. Herr Seebeck war seiner Sache sehr sicher.« Der Geheimrat kniff die Lippen fest aufeinander. »Aber, Herr Geheimrat, das ist ja fast beleidigend.« Der Anwalt hob die Hand. »Herr Regierungspräsident, ich spreche hier lediglich als Jurist.« »Gewiß, gewiß,« begütigte der Baron, »ich danke Ihnen auch für Ihre anwaltliche Sorgfalt. Aber, ich sage Ihnen, Herr Geheimrat, der Gedanke ist so absurd –« Er lachte wieder. »Man kann darüber wirklich nur lachen.« Der Geheime Justizrat blieb sehr ernst. »Es liegt mir fern, Herr Regierungspräsident, die Frau Baronin irgendwie verdächtigen zu wollen. Sie wissen, ich kenne die gnädige Frau nicht persönlich. Ich begreife nur den Mann nicht. Er behauptet mit aller Entschiedenheit, die Beweise vor Gericht erbringen zu können.« »Renommisterei,« höhnte der Baron. »Haben Sie heute mit Ihrer Frau Gemahlin über – über diese Angelegenheit gesprochen, Herr Regierungspräsident?« beharrte der Anwalt. »Kaum. Sie war so mitgenommen, das können Sie sich denken. Ich würde eine Frage in der Hinsicht aber auch für eine ehrlose Beleidigung meiner Frau halten.« Der Geheimrat schwieg sinnend. Endlich wiederholte er: »Dann verstehe ich den Mann nicht.« »Aber ich, Herr Geheimrat. Der Mensch hat sich in eine sehr üble Lage gebracht. Vor dem Duell hat er Angst. Nun glaubt er, mich mit Drohungen einschüchtern zu können. Denkt wohl auch, daß der ganze Prozeß mir in meiner Stellung unangenehm ist und daß ich Schritte tun werde, die ganze Sache zu vertuschen. Denkt wahrscheinlich, bis zum Termin ist eine geraume Zeit über die Vorgänge hingegangen, die Gemüter haben sich beruhigt, man ist einem Vergleich geneigter, um alles Staubaufwirbeln zu vermeiden, und die ganze ihm äußerst fatale Geschichte verläuft schließlich im Sande. Ich habe gehört, der Mann soll ein ganz gerissener Kaufmann sein. Verlassen Sie sich darauf, so kalkuliert er. Daher seine impertinente Sicherheit. Sie sehen ja auch, er hat Ihnen keine Zeugen genannt.« »Ich habe es verhindert.« »Lassen Sie gut sein, Herr Geheimrat, er hätte auch sonst keine genannt. Aber bei Herr verkalkuliert sich diesmal. Ich bin keine exotische Regierung, die er mit einem Lieferungsvertrage übers Ohr haut. Ich bestehe darauf, daß die Sache durchgeführt wird. Ich nehme an, daß ich auf Ihre oft bewährte Hilfe dabei rechnen kann, Herr Geheimrat?« Der alte Herr verbeugte sich höflich. »Die Staatsanwaltschaft wird seine Anzeige ablehnen und ihn auf den Privatklageweg verweisen. Wir werden dann die Widerklage erheben wegen Verleumdung und Beleidigung. Dann soll er einmal den Wahrheitsbeweis antreten, der Monsieur.« Der Alte sah den Baron gequält an. »Verzeihen Sie, Herr Baron. Ich spreche jetzt lediglich als Ihr beratender Freund.« »Bitte sehr, Herr Geheimrat.« »Ich habe fast fünfzig Jahre lang die Psychen meiner Mandanten studiert. Der Mann machte nicht den Eindruck eines Bluffers. Ich bitte Sie zu bedenken, Herr Baron, daß, falls doch etwas Wahres an den Behauptungen des Herrn Seebeck ist – Mein Gott, wer von uns will Frauen auskennen und nun gar die eigene! Dann kommt es zu einem solchen Skandal, daß Sie – verzeihen Sie die Offenheit, Herr Baron – in Ihrer hohen Stellung unmöglich sind. Ich bitte ferner zu erwägen, daß nach verbürgten Gerüchten Ihre Ernennung zum Ministerialdirektor bevorsteht.« Ingenheim machte lächelnd eine abweisende Bewegung. »Wollen Sie Ihre ganze Karriere in Ihren jungen Jahren –« »Oho,« tat der Präsident. »Sie sind der jüngste unserer höchsten Verwaltungsbeamten, Herr Regierungspräsident. Wollen Sie Ihre große Zukunft vielleicht allzu großem Vertrauen opfern? Ich bitte Sie, sprechen Sie erst mit der Frau Baronin, ehe wir unsere Maßnahmen treffen!« Der Präsident erhob sich. »Ihre Bedenken ehren Ihre Tüchtigkeit als Vertreter meiner Interessen, mein lieber Herr Geheimrat. Aber überlassen Sie die Verantwortung mir! Ich stehe dafür ein – mit meiner ganzen Zukunft, wenn Sie wollen. Im großen ganzen haben Sie mit Ihrer Skepsis den Frauen gegenüber gewiß recht. Erst gestern – eine alte Freundin meiner Frau, nach ihren Schilderungen früher ein Prachtmensch – aber das führt zu weit. Doch hier in diesem Falle – Sie kennen meine Frau nicht, Herr Geheimrat, da Sie leider gar nicht in Gesellschaft gehen.« »Wenn man so alt ist und soviel zu tun hat,« entschuldigte der Geheimrat achselzuckend. »Gewiß, mein verehrter Freund. Aber wenn Sie meine Frau persönlich kennen würden, hätten Sie Ihre Bedenken längst begraben.« »Ich übernehme die Sache dann also auf Ihre Verantwortung, Herr Regierungspräsident,« entschied der Alte. »Gut,« sagte der Baron munter, »auf meine Verantwortung.« »Dann warten wir also zunächst die Zustellung der Privatklage ab,« überlegte der Anwalt jetzt ganz fachlich, »und erheben dann die Widerklage. Somit wäre vorläufig wohl nichts weiter zu besprechen. Ich will Sie dann nicht länger aufhalten, Herr Regierungspräsident.« »Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihren Beistand, Herr Geheimrat. Auf Wiedersehen!« Als der alte Herr die breiten Treppen des Regierungsgebäudes hinabtrippelte, schüttelte er mehrmals leise den grauen Kopf. Die Sache gefiel ihm gar nicht. IV. An der Gartenseite der Ingenheimschen Villa ragte ein weinlaubumsponnener Balkon hinein in die wiegenden Schatten der Akazien. Dort lag Manja den ganzen Nachmittag auf ihrer bequemen Chaiselongue aus schmiegsamem Strohgeflecht mit geschlossenen Augen. Die gedämpfte Sommerhelle drang in blauen zartgepurpurten Lichtwellen durch die nervös bebenden gesenkten Lider. In halber Bewußtlosigkeit lag sie da, ohne Sinnen, ohne Denken, aufgelöst in dem wohligen Gefühl der Entspannung. Endlich war diese ungreifbare Angst von ihr gewichen, die all diese Zeit, seit Seebeck ihr begegnet war, an ihren Lebenskräften gezehrt hatte. Jetzt war etwas geschehen, sie stand vor Ereignissen, die Dinge ließen sich packen und abwehren. Nicht mehr lauerte irgendwo in der Luft das Entsetzen, das jeden Augenblick heimtückisch zuspringen konnte. Sie lag auf dem Rücken und fühlte die Entlastung in allen Gliedern. Stundenlang lag sie so, sanft atmend, die Befreiung genießend. Dann trat ihr hübscher neunjähriger Junge vorsichtig an ihr Lager. »Schläfst du, Mama?« fragte er leise. Aufgeschreckt riß sie die Lider empor. »Nein, mein Junge,« lächelte sie gleich und streichelte seine braunen Backen, »willst du ein bißchen bei mir bleiben?« Er errötete drollig. »Gern, Mama.« Sie sah ihm scharf in die klugen Augen. »Du hattest etwas anderes vor, Paul. Na, heraus damit, was war's?« »Ich wollte,« er wurde noch röter, »mit Herbert Vorbach radeln. Aber wenn du gern willst, daß ich bei dir bleibe –« Es klang ein wenig verzagt und ein wenig heldenhaft. Manja lachte. »Buberle, mach', daß du fortkommst! Radeln ist viel gesünder für dich, als hier bei Mutter zu hocken. Wir können ja abends noch ein bißchen plaudern.« »Nicht wahr, Mutti?« rief er froh befreit. »Ich komme auch gar nicht spät. Und dann liest du mir weiter die Napoleonsbriefe vor, gelt?« Er umarmte sie halb stürmisch, halb chevaleresk und lief auf seinen drallen Beinen davon. Die Baronin blieb steil auf der Chaiselongue sitzen und blickte ihrem Jungen nach. Und plötzlich blutete eine dunkle Röte der Scham über ihr zartes Gesicht. Das Ereignis des Vormittags fiel über sie her. Doch sie dachte nicht an ihren Jungen, den sie würde verlassen müssen, wenn der Vater sie aus dem Hause jagte; sie dachte nicht an ihre eigene verzweifelte Zukunft noch an die Schande, die sie über das hochangesehene Haus des Regierungspräsidenten bringen würde. Sie hatte nur ein Gefühl zermalmender Scham vor ihrem Manne. Nein, nein, nicht so vor ihm stehen! Als überführte gebeugte Sünderin. Nein, das nicht. Nur das nicht! Nicht nach alledem vor ihm stehen müssen und bekennen. Nein, nein. Nicht das! Nachdem sie damals, in den ersten Jahren ihrer Ehe, auch damals noch, als Faber schon längst alle ihre Gedanken beherrschte, ja, gerade damals alle diese großen Worte gefunden hatte. Immer wieder hatte sie damals mit ihrem Manne über das Problem der Ehe gesprochen und aus tiefster erlebter Überzeugung diesen stacheldrahtumhegten Grenzwall zwischen geistiger Verschwisterung und vorbehaltloser Liebe aufgerichtet. Just heraus aus dem stolzen Bewußtsein ihrer festbegründeten Stellung zu Faber und zu ihrem Manne hatte sie sich zur souveränen Herrin dieser beiden, durch Empfindungswelten getrennten Provinzen ihres Gefühlslebens proklamiert und proklamieren dürfen. Bis dann zuletzt ihr erhabener selbstsicherer Thron so kläglich zusammengebrochen war. – Sie schloß wie im Fieber fröstelnd die Augen. – Und jetzt sollte sie vor ihren Mann hintreten, das Haupt zerknirscht zur Erde gebeugt, und bekennen, daß alle jene großmächtigen Worte hohle Phrasen gewesen waren! Nein, nein. Sie war viel zu weltklug, um nicht zu wissen, welches Janusgesicht dieselben Dinge oft haben und haben müssen. Sie wußte, wie alles gekommen war, wie naturgemäß, wie unendlich schuldlos für beide Teile im Grunde, trotz aller unleugbaren Schuld. Sie wußte das. Sie hatte das erlebt . Aber ein anderer, der draußen stand, auf den diese schwer erklärlichen Dinge jetzt plötzlich alt und verblichen heranstürmten, sollte das begreifen! Ihr Mann mit seinen eisenstarren Anschauungen von der Heiligkeit der Ehe sollte das fassen! Das konnte sie nicht verlangen. Ihm war es nichts anderes als ein nackter gemeiner Treubruch. Ihm konnte es nichts anderes sein. Er würde und mußte glauben, alle jene erhabenen Worte damals seien Lügen gewesen, arglistig verabreichte Gifte, ihn einzulullen, seinen Verdacht niederzuhalten, ihn sicher einzuwiegen, damit das Gemeine gefahrlos hinter seinem Rücken geschehen konnte. Er war ein Mensch und mußte das glauben. Er kannte sie. Gewiß. Aber würde er nicht mit Entsetzen zu erkennen meinen, daß er sie diese zehn Jahre lang durch einen verhüllenden Schleier gesehen habe! Nein, so durfte es nicht kommen. Dann lieber sterben. So erbärmlich konnte sie nicht dastehen vor diesem geraden aufrechten Manne, dem jede Falschheit das Schmutzigste war. Dann lieber fort, ehe sie in seinen stolzen Augen das Grauen darüber aufzucken sah, daß er zehn Jahre seines Lebens mit einem tückisch verlogenen Tier zusammengelebt hatte. Dann lieber schnell fort! Und dabei im tiefsten zu wissen, daß sie nicht das verbrecherisch treulose Weib war! Es ganz genau zu wissen. Und es ihm mit allen Worten der Erde nicht begreiflich machen zu können, weil alles, alles, diese nackten sinnlosen toten Tatsachen gegen sie sprachen! Nie würde er begreifen, daß sie es nicht gewollt hatte. Daß er sie genommen, jäh überrascht hatte mit seiner ungeahnten aufwetternden Leidenschaft. Und daß dieser Taumel über ihn gekommen war plötzlich, wie ein Orkan, wie ein Gewittersturm aus wolkenlosem Himmel. Sie wußte das. Sie hatte es erlebt. Doch ihr beherrschter Mann, der nie die Zügel seines Wollens aus den Händen gleiten ließ, er sollte das verstehen! O, diese blutleeren Tatsachen, die dastanden, tot und feindlich, bar all des zitternden heißen Lebensodems, der sie möglich und begreiflich gemacht hatte! Diese starren Pfähle, von denen all die bunten Blütenranken längst verweht und verflattert waren! Nein, nein, so konnte sie nicht vor diesem Manne stehen. Keinem, und ihm zuletzt, konnte sie jemals erklären, wie es an jenem Regentage in Norderney gekommen war. Ohne Verrat, ohne Wollen, ohne Freude. Und was bedeutete ihm heute ihre schwere Sühne! Nichts. Nichts. Die Tat blieb und starrte, diese einmalige unselige Tat. Die Frau sprang auf die Füße. Ehe sie so vor ihm stehen mußte, nein, lieber den Tod! Den martervollsten Tod! Sie kauerte sich nieder und grübelte. Ja, dann sterben, wenn es soweit war. Hinübergehen. Fort von ihrem Jungen – dem armen geliebten Kerl, der so an ihr hing. Und plötzlich erwachte mit ihrer Mutterliebe ihre schnellende Energie. Noch war es nicht so weit. Noch nicht. Ihre grauen Augen wurden fast blau vor Willenskraft. Kämpfen, ja, sie wollte bis aufs Messer mit diesem Schurken um ihr Leben kämpfen. Sie wollte den Kampf aufnehmen. Er sollte staunen, welche Kraft in ihrem zarten Körper webte, dieser Mensch! Was konnte er denn wissen? Nichts, gar nichts. Kein Mensch außer ihr und Faber konnte Bestimmtes wissen. Seebeck hatte sie in Norderney stets zusammengesehen. Pah, davon wußte ihr Mann. Vielleicht hatte er beobachtet, daß Faber sie im Hotel besuchte. Das war unverfänglich, wie sie damals standen. Pah, was konnte er wissen! Sie würde leugnen bis zum Tode. Sie würde ihrem Manne schwören, wenn es sein mußte. Ja, das würde sie. Aber dazu kam es nicht. Ihr Mann würde nicht an ihr zweifeln, und wenn – Was konnte der Mensch an Beweisen haben? Nichts – nichts! Sie reckte sich. Gut war es, daß es nun zum Austrag gekommen war. Wie dumm und töricht war sie all diese Zeit über gewesen. Ja, es war kein leerer Wahn, dieses Gerede von dem bösen Gewissen. Das wußte sie jetzt. Ihren klaren Blick hatte es völlig getrübt, sie umhergehetzt und eingeschüchtert, wirr und verzweifelt gemacht. Jetzt sah sie wieder klar. Sie lächelte fast keck. Dann sann sie wieder und grübelte und schüttelte ihren blonden Kopf. Heute, ja heute war sie so klug. Heute, da alles abgeschlossen und übersehbar vor ihr lag. Aber dazumal! Es war doch alles so allmählich, so zaghaft, so lind und gut und ohne Warnen aus unscheinbaren Anfängen herausgewachsen. Sie schmiegte sich tiefer in das hängende weiche Geflecht und sann darüber, wie alles gekommen war. Vieles war verdämmert, doch einzelne helle Lichter brannten noch aus der Erinnerung. Im vierten Jahr ihrer Ehe war es gewesen, als sie ihre verheiratete Schwester in Berlin besuchte. Sie waren bei irgend jemand zum Diner eingeladen, den Namen hatte sie längst vergessen. Sie sträubte sich. Sie hatte sich damals scheu in sich und ihre Arbeit verkapselt. Es war in der Zeit, in der ihre Ehe sie ein wenig enttäuscht hatte. Ihr Mann – damals war er noch Regierungsrat in einer kleinen Stadt – hatte ihren wissenschaftlichen Bestrebungen nicht die mittätige Teilnahme gehalten, die er ihnen als Bräutigam und junger Ehemann entgegengebracht hatte. Über ihre ernsten mathematischen Studien hatte er freilich schon bei ihrer ersten Begegnung ein wenig zweifelnd gescherzt. Ihre philosophischen und historischen Arbeiten aber hatten seinen Intellekt lebhaft gebannt und gefesselt. Und gerade als sie ihm einen ihrer Artikel in einer philosophischen Fachzeitschrift vorlas, gerade da hatte er sie staunend und zaghaft und hingerissen von dieser kühlen Weisheit in diesem heißen blonden Kopfe scheu auf die kluge Stirn geküßt. Und dann waren sie verlobt gewesen. Aber als die Ehe aus dem ersten Frühlingswehen in die milde Sommerlindheit hinübergeglitten war, da begann der Regierungsrat kein Hehl daraus zu machen, daß er des Abends nach einem verantwortungsreichen zehnstündigen Arbeitstage für philosophische Erörterungen die erwartete Frische nicht mehr aufbringen könne. So traten diese Bestrebungen der jungen Frau allmählich in den Hintergrund. Manja von Ingenheim aber vereinsamte dadurch in ihren bedeutsamsten Lebensinteressen. In den Stunden, in denen ihr Mann auf dem Amt war und ihr kleiner Junge ihrer nicht bedurfte, vergrub sie sich freilich nur um so leidenschaftlicher in ihre geliebten tiefgründigen Bücher. Doch damit breitete sich in ihrem Dasein ein weites, mit allen ihren Lebenssäften reich gedüngtes Gebiet, auf dem ihr Mann ein Heimatloser, in seltenen guten Stunden ein fremder Gast war. Zur Zeit ihres Berliner Besuchs litt sie noch weh unter ihrer Vereinsamung. Nach langem Hin- und Herreden begleitete sie die Schwester in jene Gesellschaft. Sie saß verloren unter all diesen Menschen, die ihr mit ihrem vielen Reden so wenig zu sagen hatten, und antwortete kurz auf alle ihre Liebenswürdigkeiten. Und dann stand neben ihr ein dicker kahlköpfiger Herr und gestand: »Jetzt begreife ich, Frau Baronin, daß Lenbach Sie hat malen wollen.« Erschreckt fuhr sie aus ihren Gedanken auf. »Lenbach? Wie kommen Sie nur darauf?« »Nun,« sagte der glatzköpfige dicke Herr, »man hat vorhin darüber gesprochen, und der Herr dort, der mit der gelben Weste, übrigens ein scheußlicher Bursche, hat gesagt, daß Lenbach Sie in Karlsbad auf der Promenade angesprochen hat und Sie gebeten, ihm zu sitzen.« Er kniff die Augen zusammen, zog einen feisten Schlemmermund und bewunderte: »Ich sag' Ihnen, Frau Baronin, der Lenbach, 'n Kenner is er gewesen!« »Ich habe Lenbach nie gesehen,« entgegnete sie steif, »das ist ein Märchen, das man von vielen Frauen erzählt.« Da schwieg der dicke Herr enttäuscht und zog sich nach einer kleinen Anstandspause zurück. Wenn das mit Lenbach nur ein Irrtum war, na denn – – Und dann saß, als sie schon an Aufbruch dachte, Faber neben ihr. Sie wußte heute nicht mehr, wie das gekommen war. Sie erinnerte sich auch nicht mehr daran, was sie mitsammen gesprochen hatten. Wohl von seiner Doktorarbeit über die Präraffaeliten. Sie wußte nur, daß er ihr Gemüt aus tiefem Meeresgrunde heraufbeschworen hatte an das Licht der Teilnahme und daß sie staunend aufgetaumelt war, als plötzlich die andern Gäste die Hausfrau abschiednehmend umstanden. Es war zwei Uhr morgens. Faber hatte die beiden Damen nach Hause begleitet. Es war der 21. März. Das wußte sie noch. Frühlingsanfang. Doch als sie aus dem Hause in die Nacht hinaustraten, rieselte ein seiner stäubender Schnee hernieder. Die Welt war plötzlich weiß geworden. Sie wollte nicht fahren. Sie schritten plaudernd durch die Straßen, die Tritte wurden weich gedämpft vom knisternden Schnee. Das wußte sie noch. Und der frische große Junge – ja, wie ein Junge kam er ihr vor, trotz seiner vierundzwanzig, ging da zwischen ihr und der todmüden gähnenden Schwester und sprach von den Präraffaeliten. Am nächsten Morgen holte er sie ab. Sie hatten einen gemeinsamen Besuch des Völkerkunde-Museums verabredet. Sie wußte es noch genau. Die Sonne schien frühlingsjung auf die verschneite Welt. Und sie hatte nach einigem Zögern zu ihrem neuen schönen Frühlingshute gegriffen. Und wie sie fröhlich gelacht hatte, als er es merkte, und sich doch ein wenig ihrer Eitelkeit schämte! Am nächsten Tage reiste sie heim. Dann schrieben sie sich. Erst ganz neutrale Dinge. Er sprach von seiner kunstgeschichtlichen Arbeit, sie von ihren Essays über Giordano. Und dann gerieten sie in eine heftige Korrespondenz, als sie schüchtern den Plan andeutete, eine gemeinverständliche großangelegte Geschichte der Philosophie zu schreiben. Wie er sie ermutigte und ihre Skizzen ordnete! Wie sie glühend eifrig ans Werk ging! Wie hell und neu ihr die Welt wurde, jetzt, da sie ein großes Werk als Ziel vor sich sah, das ihre in kleinen Arbeiten zerplänkelten Kräfte zusammenzwang! Wie er vorwärts half, wenn sie ratlos wurde, wie er mahnte und zürnte, wenn sie mutlos ermattete! Ach, das Werk war nie beendet worden. Mit Faber war aller Ehrgeiz und alle Freude am geistigen Wirken aus ihrem Leben geschieden. – Dann kam er zu Besuch nach seiner Habilitation in Berlin. Seine Doktorarbeit war seine Dozentenschrift geworden. Sie fuhren in ihrem Wagen durch die weiten Gebirgswälder. Und jung war er und plänevoll und lebensprühend. Und jung wurde ihr zergrübelter Sinn und plänevoll und lebensprühend. Er eroberte ihren Mann im Fluge. Oft saß sie eifersüchtig des Abends dabei, wenn die beiden Männer in eifrigem politischen Geplauder sie ganz vergaßen. Scheu zog sie sich dann in sich zurück. Und fühlte Schmerzen in der Brust. Doch am nächsten Tage gehörte er wieder ihr, ihr allein. Er sprach von seinen neuen Arbeiten, von dem Kolleg, das er lesen wollte, von den Erwartungen, die er auf seine Lehrtätigkeit setzte. Wie er die »Jungens« begeistern wollte, ihnen die Schönheit der Kunst so predigen, daß sie ein Leuchten davon mitnähmen hinein in ihr enges Berufsleben. Wie war er jung, so viel jünger als sie, die an Jahren die jüngere war. Wie machte er sie jung und spendend ihren Geist! Wie waren die Tage damals hell und reich! Dann begannen die Briefe, in denen so viel mehr stand als blühende Weisheit. In denen es zuerst leise, dann immer lauter läutete und klang von lieben zarten innigen Dingen. Ihr Mann wußte von dieser Korrespondenz. In seiner stolz vertrauenden Vornehmheit verlangte er nie Einblick. Im Grunde war er herzlich froh, daß sein junges Weib eine Resonanz für ihre geistigen Bestrebungen gefunden hatte. Später sahen sie sich in Berlin. Sie besuchte mit ihrem Manne sein Kolleg. Es war ein großer Tag. Wie die Augen seiner »Jungens« ihm zustrahlten! Wie er dort oben auf seinem Katheder stand und von der Schönheit der Kunst und des Lebens sprach! O, sie wußte, nur sie allein wußte es, wem er manch blinkendes Goldkorn seines Reichtums verdankte. So blühten diese zwei glücklichsten Jahre ihres Lebens auf, die gesegnete Zeit des freudevollsten Nehmens und stolzesten Gebens. Fritz Faber war inzwischen Professor an einer Schweizer Universität geworden. Sie sahen sich selten und auch dann nur wenige in Unrast verflatternde Berliner Tage. Doch ihre Briefe schlugen eine feste Brücke über die trennenden Länder, auf der jeder dem andern in rosenumkränzter goldener Schale seines Wissens und Fühlens Tiefstes, heiligstes und Reinstes entgegentrug. Endlich bot sich die Gelegenheit eines längeren Beisammenseins. Sie trafen sich in Norderney. Als des Barons Urlaub zu Ende ging, blieb sie mit Faber zurück. Der September mit seiner erlösenden Einsamkeit hatte den menschenwimmelnden Strand gefegt. Vierzehn herbstdurchgoldete Tage blieben sie noch. Und am letzten, in der Stunde ihrer Abreise, stürzten sie von ihrer himmelhohen Brücke nieder zur Erde als kleine Menschlein. Dann hatte sie ihm geschrieben, weh, zerbrochen und groß. Und hatte mit starken schonungslosen Fingern das Prangendste aus ihrem Leben ausgerodet. Ihrem Manne erklärte sie, Faber rege sie nicht mehr an, ihre Freundschaft habe sich überlebt. Der Baron schüttelte den Kopf, tadelte: »Du lebst recht schnell, liebes Kind« und hatte den jungen Professor bald über seinen Berufssorgen vergessen. Zwei Jahre später las sie seine Berufung an die große Universität ihrer Stadt. Nach schlafloser Nacht telegraphierte sie ihm anzunehmen. Und dann schrieb sie ihm, ihr einstiges Finden dürfe kein Hemmschuh seiner Karriere werden. Die Berufung sei ehrenvoll. Alles weitere überlasse sie seinem Takte. So war er gekommen, hatte seinen Besuch gemacht zu einer Zeit, zu der er niemand zu Hause treffen konnte. Die Gegenvisite blieb die gleiche Farce. Und als er mehrere Einladungen mit nichtiger Begründung abgelehnt hatte, erstarb jeder weitere Verkehr. Bald darauf verlobte er sich mit der schönen Tochter des Oberst Pahlow. Da war Manja schon so weit über die Dinge von dazumal hinausgereift, daß sie sich ehrlich freute. Eine Bekannte schwärmte geradezu von diesem »Prachtmädel«. Und dann – Hier wurde die Baronin aus ihrem erinnernden Gedenken durch ihren Jungen aufgescheucht. Er stürmte herein mit roten Backen und erhitzter Stirn. »So, Mutti, da bin ich wieder. Bis nach Schönau sind wir gekommen.« Die Mutter strich ihm über das Haar. »Seid ihr auch nicht zu schnell gefahren, ihr Stricke? Ganz naß ist dein Schopf. Ihr sollt es doch nicht übertreiben!« »Nein, Mutti, wir haben durchaus eine mittlere Geschwindigkeit innegehalten,« belehrte Paul altklug. »Und nun, Mutti, darf ich die Napoleonbriefe holen?« Sie nickte und erhob sich. Und dann las sie dem scharf aufhorchenden Verstande ihres frühreifen klugen kleinen Jungen, diesem Arbeitsgenossen und Freunde, den sie sich nach den bitteren Erfahrungen ihrer jungen Ehe freudestolz heranzog, die Briefe des letzten großen Kaisers. – V. Beim Abendessen, das in der Villa Ingenheim stets sehr spät serviert wurde, da der Regierungspräsident bis in die Nacht auf dem Amte arbeitete, sagte der Baron, als die Eheleute kaum Platz genommen hatten: »Nun, was macht Konfuzius?« Er wußte, daß Manja sich in letzter Zeit viel mit östlicher Religionsphilosophie beschäftigt hatte. Dankbar blickte sie auf. Wie lange war es her, seit der Baron nach ihren Arbeiten gefragt hatte! Sie verstand sofort, daß es ein guter Händedruck war und ein bedauerndes Liebkosen nach der Schrecknis des Vormittags. Bereitwillig erzählte sie von den Beschwerlichkeiten, die erforderliche Literatur zusammenzutragen, aber wie es ihr schließlich mit Professor Struwes Hilfe gelungen sei. Und sie klagte über klaffende Lücken in ihrer eigenen Bibliothek. Der Baron lachte. »Aber, Manja, du hast im letzten Halbjahr über tausend Mark für Bücher ausgegeben. Gestern erhielt ich die Rechnung.« »Wissenschaftliche Bücher sind so teuer,« bedauerte sie, »aber zum Ausgleich brauche ich wenig für meine Toilette.« »Das tust du,« lobte der Baron, »und siehst doch immer schick aus, daß es eine Freude ist. Überhaupt« – er war heute abend in Gesprächslaune, wie eigentlich immer – »das ist so bewunderungswürdig an dir, daß du trotz all deines gar nicht frauenhaften, ernsthaften Wissensdranges so sehr weiblich in deinem Wesen bist.« Sie lächelte. »Du bist ja so charmant heute.« »Bin ich das nicht oft?« »Ja,« sagte sie freudig. Da trat der Diener ein. »Von der Religion des Konfuzius habe ich aber noch nichts gehört,« mahnte der Präsident. Da begann Manja suchend zu berichten, wie es ihre Art war in wissenschaftlichen Dingen. Und während sie mühsam, stockend mit tiefen senkrechten Denkfalten über der Nasenwurzel sprach und das Licht der elektrischen Tischlampe rotgedämpft mild über ihr jetzt ganz scharfes Grüblergesicht glitt, dachte der Baron plötzlich an die Bedenken des Geheimrat Helmholtz. Ein Lächeln huschte unter dem schwarzen Barte hervor. Manja sah es; es irritierte sie. »Was ist?« forschte sie nervös. »Nichts,« schüttelte er den Kopf. »Mir fiel etwas ein. Erzähle weiter, es interessiert mich sehr! Das sind ja ganz moderne Gedanken.« Doch Manja, die sein Schweigen über die böse Sache quälte, griff trotzig nach der Gelegenheit. »Hast du Erkundigungen über Seebeck eingezogen?« Sie blickte ihm fest in die Augen. Der Baron nickte und spielte mit der Gabel. »Krank ist er nicht, schießen will er sich auch nicht, er wird klagen.« »Klagen?« wiederholte sie wie ein fernes Echo. »Ja. Aber nun ist es eine Mannessache geworden, liebes Kind. Denk nicht mehr an diese Peinlichkeit! Ich werde das schon ordnen. Du sollst deine seinen Hände nicht mit diesem Unrat besudeln. Kehren wir zu Konfuzius zurück!« Sie beschied sich und berichtete weiter. Doch ihre Gedanken flatterten mit schwerem Flügelschlag um diese neue Kunde. Klagen? Klagen wollte er! Was war das? Wo führte das hin? Eine aufwühlende Angst durchrüttelte ihre Sinne. Und sie sprach, sprach, ohne Kontrolle, Worte, Worte, ganze Sätze, automatisch wie eine Sprechmaschine. Der Baron hörte eine Weile stumm und aufmerksam zu. Endlich sagte er scherzend: »Mir scheint, Manja, du sprichst nicht von Konfuzius, sondern vom Heiligen Konfusius. Jedenfalls verstehe ich kein Wort. Du bist doch sonst so klar, daß Paul die schwierigsten Dinge, die ich ihm nie beibringen könnte, aus deinem Munde spielend erhascht. Du bist müde, Kind. Es hat dich doch recht mitgenommen – das heute morgen. Kein Wunder. Geh zu Bett, mein Liebes, und schlaf dich tüchtig aus!« Sie stand sofort hastig auf. Er küßte sie auf die Stirn. »Und morgen,« neckte er tröstend, »morgen erzählst du mir dann vom richtigen Konfuzius. Ja?« Sie nickte mit einem erzwungenen Lächeln und ging müde in ihr Schlafgemach, das die Badestube von dem Zimmer des Barons trennte. Die Zofe, die sofort an die Tür pochte, schickte sie fort. Und dann stand sie lange vor ihrem hohen Toilettenspiegel, starrte hinein und sah nichts. Er wollte klagen! Was bedeutete das? Was geschah dabei? Was kam dabei zur Sprache? Was? Was? Sie preßte die Hände zu ingrimmigen Fäusten zusammen. Sie zerbiß sich die Lippen vor Zorn, daß sie sich nie mit Rechtswissenschaft befaßt hatte. Was half ihr all ihre philosophische und historische Bildung jetzt! Da stand sie mit ihrem Wissen in der Hand und sah in der undurchdringlichen schwarzen Mauer kein erkenntnis-erhelltes Fenster. Klagen würde er! Ein bedrohlich schreckhallendes Wort war es ihr. Mehr nicht. Morgen würde sie sich ein Gesetzbuch kaufen und es durchwühlen. Doch welche Rechtsmaterie? Wo mußte sie suchen? Ob sie zu einem Anwalt gehen sollte? Das war gefährlich und verdächtig. Sie ballte die Fäuste noch schmerzhafter vor ohnmächtigem Zorn über ihre armselige Ratlosigkeit. Ja, die Hände waren ihr gebunden. Sie mußte harren, harren, mit gebeugtem Haupt und furchtvernarrtem Sinn, bis der Schlag in den Nacken niedersauste. Wie der arme Sünder auf der Richtbank. Ja – so. Bis tief in die Nacht hinein stand sie, starrte in den Spiegel, ohne ihr fahles Gesicht zu sehen, und fühlte eiskalt das Grauen vor dem nahenden Verhängnis an ihrem Körper hinabrieseln. Am nächsten Morgen erhielt Manja einen Brief von Beatrice Herforth, in welchem sie ihr mitteilte, daß die Stelle bei Professor Hancke bereits besetzt sei. Sie bitte ihr zu verzeihen, wenn sie die Freundin nochmals wegen einer Empfehlung belästigen müsse. Die Baronin ließ anspannen und fuhr zu ihr. »Du siehst sehr bleich aus,« empfing Beatrice sie, »bist du nicht wohl?« »Doch,« wich sie aus. »Ich habe schlecht geschlafen. Wir wollen von dir sprechen, Beatrice. Du hast unsere Sorge leider nötiger als ich.« Dann erzählte Beatrice, wie liebenswürdig Professor Hancke ihr begegnet sei. Er habe aber eine junge Assistentin, die zugleich seine Sekretärin wäre. Während sie sprach, blitzte es in Manjas dunkeln Gedanken hell auf wie der Wetterstrahl in blauschwarzen Gewitterwolken. Wie, wenn sie die Gelegenheit benutzte, zu Faber eine Brücke hinüberzuschlagen! Am Ende war es gut, in dieser bösen Zeit, die so unübersehbare Dinge barg, für alle Fälle einen Kontakt mit ihm herzustellen. Schnell entschlossen gab sie Beatrice eine Empfehlung an Professor Fritz Faber. Die Adresse sollte sie auf dem Sekretariat der Universität erfragen. – – VI. »Der Herr Professor ist leider nicht zu Hause,« erwiderte das nette Stubenmädchen auf Beatrice Herforths schüchterne Frage. »Wann ist der Herr Professor zu sprechen?« erkundigte sie sich scheu. »Die gnädige Frau ist zu Hause,« verriet das Mädchen entgegenkommend. »Wenn die gnädige Frau Professor zu sprechen wünschen?« Beatrice zauderte sekundenlang. Dann trat sie in den Korridor. Sie mußte endlich Gewißheit erhalten, ob ihr hier Arbeit und Verdienst beschieden war. Sie hatte nur noch einige Mark im Portemonnaie. Und ehe sie Manja anborgte! – Sie gab dem Mädchen, das eine Stubentür einladend vor ihr öffnete, ihre Karte und trat in einen kühlen weiten Raum. Die Tür hinter ihr schloß sich leise. Sie setzte sich auf einen der Saffian-Lederstühle, stand aber sofort wieder auf, emporgehetzt von Verlegenheit und Erregung der Erwartung. Sie blickte sich in dem Raume um. Es war das Arbeitszimmer des Professors. Das breite Fenster, das fast die ganze hintere Längswand durchschnitt, war lauschig gegen die glühende Julisonne verhangen. Die Breitwände deckte die Bibliothek, ein gewaltiger Bau in blau-schwarzer Eiche mit zahllosen Einzelschränken, wuchtig und wohltuend harmonisch in seinen strengen Linien. Hinter den facettierten Scheiben der spiegelnden Schranktüren lugte ein buntes Heer von Büchern hervor. In die Holzfelder zwischen den einzelnen Abteilen der Schränke waren kunstvoll getriebene Bronzeplaketten der Großen aller Zeiten eingelassen, Beatrices flüchtig gleitende Neugier erkannte Homer und Pluto, Michel Angelo, Goethe, Schiller, Molière, Tizian, Kant, Napoleon, Luther – Weiter kam ihr Auge nicht. Sophie Faber trat ein. Beatrice verbeugte sich ängstlich, doch als sie in das klare Gesicht der Professorenfrau blickte, fiel alle engende Hilflosigkeit von ihr ab. Ihr Instinkt empfand sofort die warme hilfsbereite Güte, die von dieser in ihrer jungen Fülle schlanken Frau mit den leuchtenden schwarzen Augen und den krönenden braunen Zöpfen ausströmte. Sie kam mit ruhigen festen Schritten auf Beatrice zu, gab ihr die Hand, bot ihr einen Sessel an, nahm selbst, wie ein guter Sachwalter und Stellvertreter ihres Mannes, auf seinem Stuhl an dem Schreibpulte Platz und fragte mit ihrer beruhigenden Altstimme: »Womit kann ich Ihnen helfen, gnädige Frau?« Denn daß hier Hilfe begehrt wurde, das sahen Sophie Fabers kundige Augen sogleich. »Ich wollte Herrn Professor Faber fragen,« wagte Beatrice zutraulich, »ob er für mich als Sekretärin Verwendung hätte.« Sie sah die junge Frau mit ihren glühenden großen Augen an. Flehende Verzweiflung stand darin. »Bisher hat mein Mann zwar mir diktiert,« bedachte die Professorenfrau, »doch ich glaube, es wird sich machen lassen.« »Sie meinen?« rief Beatrice. Es klang wie aufschluchzender Jubel. Sophie Faber sah die Frau ernst und gütig an. »Das arme Weib,« dachte sie, »wie nötig muß sie es haben!« »Ich kann natürlich nichts Bindendes sagen,« gab sie weitere Hoffnung, »aber im Grunde kommen Sie uns wie gerufen. Es ging nicht mehr recht mit mir. Unsere beiden Jungen –« »Sie haben zwei Jungen!« staunte Beatrice artig ihre junge Schlankheit an. »Ja,« bestätigte sie kindlich-stolz. »Beide sind in einem Jahre gekommen. Der eine am 27. Januar und der zweite am 21. Januar des nächsten Jahres – also beide noch innerhalb eines Jahres.« »Diese Riesenleistung sieht man Ihnen nicht an,« gestand Beatrice. »Nein,« sagte sie lächelnd. »Es hat mir sehr gut getan. Und genährt habe ich die beiden Schlingel auch,« fügte sie mit fast fröhlicher Wichtigkeit hinzu. »Oder vielmehr, den kleinen nähre ich noch. Die Kinder nehmen meine Zeit aber doch so ziemlich ausschließlich in Anspruch –« »Das glaube ich,« warf Beatrice ein »Eine Entlastung in meinen stenographischen Leistungen käme mir daher sehr zu Paß.« Beatrice errötete vor Freude. »Es wäre ja herrlich,« atmete sie ganz erregt, »wenn ich wirklich von Nutzen sein könnte!« »Das könnten Sie,« erklärte Sophie Faber mit einem guten Lächeln. »Ich glaube, es wird sich sehr leicht machen lassen. Ihre Bedingungen werden wohl die üblichen sein.« »O – ich will –« »Darüber werden Sie sich mit meinem Manne sehr bald einigen. Und die nötige Übung im Schreiben besitzen Sie doch gewiß.« »Mein Mann ist Rechtsanwalt,« sagte Beatrice scheu. »Ich habe ihm des Abends stets die Schriftsätze stenographiert.« Nach diesem Bekenntnis war eine tiefe Pause zwischen den beiden großen schönen Frauen. Endlich rang Beatrice hervor: »Ich möchte darüber lieber mit Ihnen sprechen, gnädige Frau. Vielleicht legt Ihr Herr Gemahl Wert darauf zu wissen, was mich aus meiner Ehe heraus und zur Arbeit getrieben hat.« Sophie Faber schüttelte den Kopf. »Darauf wird er keinen Wert legen. Er wird sich mit dem Urteil seiner Menschenkenntnis begnügen, die ihm sagen wird, daß er es mit einem vornehmen Menschen zu tun habe.« »Ja,« quälte sich Beatrice Herforths peinliche Wahrheitsliebe, »wenn aber vielleicht gerade das die große Frage ist.« Sophie sah sie erstaunt an. »Ich will es Ihnen rund heraussagen, gnädige Frau. Mein Mann hat mich mit Recht aus dem Hause gejagt.« Frau Faber schlug die Augen nieder und schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Ich habe darüber gar kein Urteil, weil ich sehr glücklich verheiratet bin.« »Glauben Sie mir,« Beatrice beugte sich fast flehend vor, »im Grunde verstehe auch ich nicht, wie es kommen konnte. Es ist zu paradox, daß ich das sage.« Sophie grübelte einige Sekunden. »Vielleicht verstehe ich Sie doch. Vielleicht haben Sie mit der Gefahr gespielt, vielleicht ganz ohne Erkennen der Gefahr – ich glaube zu verstehen,« Beatrice nickte traurig vor sich hin. »In jedem Falle haben wir – ich meine, wird mein Mann darüber nicht richten.« Und plötzlich stand sie auf und gab der andern ihre kräftige junge Mutterhand: »Ich glaube, Sie sind nicht glücklich,« sagte sie einfach. »Ich werde mich freuen, wenn ich Ihnen helfen kann,« Verwirrt richtete Beatrice sich auf. Tränen sprangen ihr in die Augen. »Sie sind so gut,« stammelte sie und preßte Sophies Hand mit ihren beiden Händen. Die junge Professorenfrau aber lächelte ihr schönes mütterliches Lächeln. »Ich denke,« sagte sie bescheiden, »daß eine Frau im Glück allen ihren weniger bevorzugten Schwestern helfen sollte.« Stumm beugte Beatrice sich über diese gute warme Hand. Hastig zog Frau Faber sie zurück. VII. Dann erhob sich Beatrice Herforth unschlüssig. »Aber bleiben Sie doch,« wehrte Frau Faber. »Es wird Ihnen doch sicherlich angenehm sein, gleich zu erfahren, woran Sie sind.« Dankbar nickte Beatrice. Da klingelte es. »Das ist meine Schwester, ich kenne ihr Läuten,« sagte die junge Frau, ging hinaus und kehrte gleich mit einer jungen Dame zurück, die sie als ihre Schwester Helene vorstellte. Helene Pahlow war das Ebenbild der Schwester, äußerlich. Doch ihre Augen blickten kecker und entschlossener ins Leben hinein, ihr Körper hatte etwas jungenhaft Gestähltes und Herbes. Als Sophie ihr Beatrices Anliegen mitgeteilt hatte, rief sie: »Ach, dann sind Sie wohl die Dame, der ich bei Professor Hancke ins Gehege gekommen bin?« Und als Beatrice sie verständnislos ansah, erklärte Sophie: »Meine Schwester ist nämlich Assistentin bei Herrn Professor Hancke.« »Ach so,« begriff Beatrice. »Sie studiert Chemie,« erläuterte Sophie weiter und blickte bewundernd auf die Jüngere. »Sie macht gerade die Doktorarbeit. Überhaupt ist sie schrecklich gescheit.« Helene lachte. »Sie sehen hier zwei treffliche Präparate des Weibes in seiner historischen Entwicklung,« sagte sie munter, »oder ›einst und jetzt‹ oder ›das moderne und das unmoderne Weib‹.« »Wobei ich die beschämende Rolle des unmodernen gutmütig zu spielen habe,« ergänzte Sophie mit ihrer behaglichen Heiterkeit. »Ich bin die mütterliche Hausunke, und Helene ist das Weib, das sich die Welt erobert.« Da sagte Beatrice mit einem kleinen Lächeln: »Mir scheint, gnädige Frau, Sie haben sich auch Ihre Welt sehr fest und sicher erobert.« Scharf blickte Helene auf. »Bravo,« lobte sie, »Sie beobachten gut, gnädige Frau.« Da stand Beatrice wieder auf. »Ich werde nun aber wirklich gehen,« sagte sie scheu. »Vielleicht darf ich am Nachmittage –« »Mein Schwager muß sofort kommen,« hielt Helene sie zurück. »Ich war in seinem Kolleg über attische Kunst. Habe nur auf ihn nicht gewartet, weil er von seinen Hörern noch mit tausend Fragen bestürmt wurde. Das hält ihn aber nicht lange auf. Er nimmt einfach die beiden nächsten unter'n Arm, sagt: ›Kinder, meine Frau wartet,‹ und zieht mit ihnen los. Und dann marschiert er mit dem ganzen Troß durch die Straßen.« In diesem Augenblick tobte es an der Stubentür. » Hannibal ante portas ,« rief Helene, sprang auf, stob zur Tür und öffnete. Herein spazierte auf seinen Wackelbeinchen der Kronprinz des Hauses, Seine Niedlichkeit, der anderthalbjährige Herr Bob Faber. Ohne die Tante zu beachten, marschierte er sofort auf die fremde Dame los, reichte ihr seine Patschhand und sagte: »Tag.« Dazu steckte er sein pausbäckiges Hintergestellchen sehr drollig heraus. Dann blickte er die Dame an, sehr eingenommen von seiner neuesten Verbeugungskunstfertigkeit. In Beatrice stiegen allerlei vage Erinnerungen auf. Sie beugte sich zu dem Kind nieder, nahm seine beiden kleinen rundlichen Fäuste und küßte sie. Herr Bob aber riß sich los, gab der Tante Lene die Hand, lächelte der Mutter gönnerhaft zu und trug sein rotgoldenes Rundköpfchen schleunigst torkelnd zu Papas Rauchtisch in die Ecke hinüber. Und verfrachtete mit energischer, ernsthaftester Emsigkeit sämtliche Aschenbecher, Shagpfeifen und Tabaksbüchsen vom Tischchen auf einen Klubsessel, vom Klubsessel zum Tischchen, kümmerte sich weder um Mutter noch Tante noch Fremde, sondern lag seinem Speditionsgeschäft mit strenger Würde ob. Nur als die drei Frauen herzhaft auflachten, sah er sie mit seinen großen goldbraunen Augen schelmisch lächelnd an und arbeitete dann weiter im Schweiße seines kleinen Angesichts. Da erhob sich Sophie und sagte: »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau! Ich will nur schnell einmal sehen, ob auch der Kleine schon wach ist,« und eilte hinaus mit ihrem strebenden Gange. »Pfui,« sagte Helene zu Herrn Bob, »ich komme extra her, dich und Brüderchen zu begrüßen, und du würdigst mich nicht eines Blickes?« »Nee,« gab Seine Niedlichkeit gelassen zurück und schleppte die Zigarettenschachtel vorsichtig zu dem Tischchen zurück, damit ihm nicht wieder, wie gestern, das Malheur der totalen Ausschüttung begegne. »Ein reizender Junge,« lobte Beatrice. »Ja,« bestätigte Helene. Und sich der Fremden voll zuwendend, sagte sie: »Wenn mein Schwager Verwendung für Sie hat, werden Sie eine sehr angenehme Tätigkeit haben. Mit ihm zu arbeiten, muß sehr schön sein.« Und ein wenig mit dem Schwager protzend, erläuterte sie: »Mit sechsundzwanzig war er Professor. Man munkelt übrigens, daß er an Stelle des verstorbenen Kallmorgen nach München berufen werden soll.« Sie machte große begeisterte Augen. »Denken Sie mal!« rief Beatrice interessiert. Und bescheiden fügte sie hinzu: »Von diesen Dingen verstehe ich ja vorläufig nicht sehr viel. Ich habe jahrelang in einer kleinen Landstadt in Oberbayern gelebt. Aber eins sehe ich: Dies hier ist ein glückliches Haus.« »Das ist es,« bekräftigte Helene. »Meine Schwester ist wie der gute Geist des Weibtums. Und mein Schwager – wissen Sie, er ist einer von diesen seltenen Glückskindern, denen alles in den Schoß fällt, weil sie es verdienen. Ein glücklicher, erfolgreicher Mensch, der Glück und Lebensfreude um sich breitet. Man sieht es seinen Hörern an. Und dann, gnädige Frau, ist er das, was alle Historiker und besonders Kunsthistoriker sein müssen: Dichter.« Beatrice rückte aufhorchend in ihrem Stuhle näher. »Wenn er über altgriechische Kunst spricht, baut er das alte Athen plastisch vor den Augen seiner Hörer auf, stellt diese politisch erregte Menschheit leibhaftig mit leidenschaftlich siedendem Blute auf den Markt, läßt die goldene Sonne Homers auf die Landschaft niederstrahlen, erweckt die Zeit aus ihrem Dornröschenschlaf –« Hier erhielt der begeisterte Lobeshymnus eine unerwartete Fermate. Denn herein trat Sophie, stolz ihren Jüngsten auf dem Arm. »Das ist Nr. 2,« wies sie beglückt das kleine schwarze Kerlchen. Heinzepeterle sah die fremde Frau prüfend aus großen blauen Gucken an und lächelte dann liebenswürdig, wobei er die charakteristische Nase, Vaters Erbteil, wie ein Erwachsener krauste. Und schon kam Seine Niedlichkeit, Herr Bob, in seinen komischen Gernegroß-Hosen herbeispaziert, preßte seinen blonden Kopf gegen das Brüderchen, schnitt ein ganz verliebt verklärtes Gesicht und rief: »Ei – ei.« Seine Winzigkeit, Herr Heinzepeter, aber strampelte in erregter Freude wild mit Armen und Beinchen. »Zwei famose Bengel, gelt?« forderte Tante Helene Beatrices Lob heraus. »Bei dem Vater!« rief Professor Faber. Er war gerade eingetreten. Alles lachte. Der Professor verbeugte sich gegen Beatrice, nahm Bobby, der sofort mit ungestümen »Papa – Papa«-Schreien seine Ärmchen zu dem großen Manne hinaufreckte, auf den Arm, ging zu seiner Frau, küßte sie herzhaft und ungeniert auf den Mund, schäkerte vaterfroh mit Seiner Winzigkeit, die ihn festlich anlächelte, begrüßte die Schwägerin und wandte sich dann, den Ältesten auf dem Arm, wieder an Beatrice: »Mich brauche ich wohl nach den familiären Prozeduren, die Sie eben mitangesehen haben, nicht vorzustellen. Ihr ahnender Geist wird den Familienpapa erraten haben. Ich bin nicht in ganz der gleichen glücklichen Lage. Gilt Ihr Besuch der besseren oder minderen Hälfte des hier versammelten kinderreichen Ehepaares?« »Mein Besuch, wenn ich es so nennen darf, gilt Ihnen, Herr Professor,« antwortete Beatrice schüchtern und sah zaghaft zu ihm auf. So hatte sie sich nach allem, was sie von ihm gehört hatte, den Professor Faber vorgestellt. Bis auf den eleganten Anzug. Sie hatte ihn sich in einer rauhen Joppe gedacht. Noch das war Kleinstadt-Torheit. Aber im übrigen traf alles zu. Diese verwegen gebogene hiebdurchfurchte Nase, das braune weiche, aus der kantigen Stirn gestrichene Haar, der energische Schnurrbart über dem kräftigen lebensfrohen Munde, die männliche tiefe Quart auf der linken Backe. »Wie ein Recke,« dachte sie und verlor sich in seine unergründlichen leuchtenden Goetheaugen, die mit ihrem zarten blauen Schatten und den tiefen Denkerfurchen an den Winkeln von schwerer Geistesarbeit und kindlicher Weichheit kündeten. »Ja,« klärte Sophie die Lage, »Frau Herforth will mit dir sprechen. Sie möchte deine Sekretärin werden.« »So?« er hob überrascht den Kopf. »Das kommt ja wie eine glückliche Schicksalsfügung.« »Dann wollen wir das Feld räumen,« gab Sophie der kleinen Mannschaft das Aufbruchssignal. Faber händigte Seine Niedlichkeit an die Schwägerin, und davon zog die Karawane unter wichtigem Adda-Adda-Geschrei des Herrn Bob. »So,« schloß Faber die Tür, »nun wollen wir uns ein wenig unterhalten. Bitte, setzen Sie sich doch, gnädige Frau! Sie würden also so liebenswürdig sein, mir bei meinen Arbeiten zu helfen?« »Sie sind sehr freundlich, Herr Professor, wenn Sie es helfen nennen.« »Es ist Hilfe. Ich stecke gerade in einem großen Buche über Greco. Ein feiner Bursche, sage ich Ihnen. Noch davon werden Sie ja noch mehr als genug hören. Lieben Sie Kunst?« »Sehr,« sagte sie bescheiden, »ich fürchte nur, ich habe noch sehr wenig gesehen.« »Desto empfänglicher werden Sie sein,« gab er frohe Aussicht. »Die Hauptsache ist nun, daß Sie mir ein wenig von Ihren Lebensbedingungen erzählen, damit wir uns ein wenig danach richten. Müssen Sie von Ihrem Verdienst leben?« »Ja,« stotterte Beatrice hervor, »ich –« »Gut,« schnitt er ab. »Mehr brauchen Sie mir nicht zu sagen.« »Ich könnte mir vielleicht noch einen kleinen Nebenverdienst verschaffen.« Er schüttelte energisch den Kopf. »Ja nicht! Ja nicht! Sie sollen nicht Frondienste tun. Sie sitzen nicht nur da und schreiben mechanisch nach meinem Diktat. Ich gehöre zu den Leuten, die sich erst klar diktieren. Beim Sprechen entsteht es erst in mir. Da muß ein Mensch dort sitzen, der ein bißchen mitgeht, eine Art Resonanzboden muß er sein, in dem all das Schöne, das es zu bannen gilt, widerhallt. Dazu gehört Frische des Gemütes.« »Ob ich das – ?« zauderte sie bedenklich. »Sie können es,« versicherte er zuversichtlich. »Gesichter verstehe ich ein wenig.« Und dann machte er ihr ein Angebot, daß es plötzlich ganz hell um Beatrice Herforth wurde. Die bohrende Sorge um das nackte Leben war ihr genommen. VIII. Fröhlich summend stieg Professor Faber die Treppen des stolzen Korpshauses hinan. »'n Abend, Herr Professor,« grinste der alte Korpsdiener Nowak über das ganze verwitterte glattrasierte Gesicht und nahm dem Gaste dienstfertig den Hut aus der Hand. »Da werden die jungen Herren sich aber wieder mal freuen, Herr Professor!« »Ich freue mich auch, Nowak, wieder mal jung zu sein mit der Jugend –« lachte Faber und nahm die grüne Studentenmütze in Empfang. »Der Herr Professor ist einer der Jüngsten und Lustigsten,« gestand Nowak ehrlich, während Faber die Mütze vor dem Spiegel ins braune Haar drückte. »Und nun gar mit der Mütze!« »Schmeicheln Sie nicht, Nowak,« drohte Faber mit dem Finger. »Bin ein ›alter Herr‹.« Und trat in den Kneipsaal. In erregten Gruppen standen die Füchse umher. »Abend, Füchse,« rief Faber in den großen wappengeschmückten Raum. »Wo sind die Burschen?« Sie umringten ihn stürmisch. »Guten Abend, Professor. Guten Abend.« Und berichteten wichtig von dem »außerordentlichen Konvent«, der drinnen im Beratungszimmer über den Burschen von Bries tagte. »Nanu? Bries! Euer Renommierfechter!« Faber riß die Brauen hoch, »was hat der ausgefressen?« Und als alle in lodernder Entrüstung aufprasselten, öffnete sich die Tür des hinteren Zimmers. Lorenz, der Fuchsmajor, steckte die zerhauene Kopfhaut heraus und wuchtete herein: »Kreuzelement, Füchse, wollt ihr wohl die Schnauzen halten, wenn die Burschen –« Da gewahrte er Faber. Wie einen fetten Kloß verschluckte er den saftigen Rest seiner Pauke und kam zu ihm herüber. »Guten Abend, ›alter Herr‹,« grüßte er herzhaft, und sein nordseeklares Hanseatengesicht ward noch brisenfrischer, »gut, daß du heute kommst. Wir haben eine sehr wichtige Sache.« »Ich höre – A. O. C.« »Ja, willst du uns nicht helfen?« »Hm, lieber Junge,« bedachte der Professor, »als ›alter Herr‹ des Korps habe ich im A. O. C. keine Stimme.« »Aber einen guten Rat,« ergänzte der Hamburger Senatorensohn. »Na frag doch lieber erst mal die andern!« zauderte Faber. Fort lief der hübsche lange Kerl, weitauf sprang die Tür des Beratungszimmers, ein Rudel junger Männer drängte in die Tür und zwanzig Stimmen brausten zusammen: »Herein, A. H. Professor, herein mit dir!« Faber trat ein. Eine Weile dauerte das Händeschütteln. Graßhoff, der erste Chargierte, nahm dann das Wort. »Wir wären dir sehr dankbar, Professor, für deinen Rat. Wir haben da eine sehr ernste Sache.« »Gern,« erbot sich Faber, »wenn euch mein Rat willkommen ist.« »Er hat uns schon oft genützt,« schwelgte der kleine fixe zweite Chargierte, Kübler. »Wo ist Bries?« fragte Faber überrascht. »Er hat zum drittenmal sich geweigert, hier zu erscheinen,« sagte Graßhoff ernst. Dann saßen sie wieder alle an dem langgestreckten grünen Tisch. Graublau geisterte die Rauchwolke der glimmenden Zigaretten um die elektrischen Flammen. Faber blickte sich im Kreise um. »Wie ernst und wichtig und pudeljung sie dasitzen,« dachte er, »wie gesund und kernig. Wahrlich, eine deutsche Freude, diese Jungens!« Da stand der erste Chargierte. »Es handelt sich um etwas sehr Ernstes. Von Bries wird beschuldigt. Er hat mit der Tochter eines Postbeamten ein Verhältnis gehabt. Folgen sind gekommen. Er hat das Mädel im Stich gelassen. Sie hat ihm flehende Briefe geschrieben, ist immer wieder zu ihm gekommen, er hat sie nicht vorgelassen; sie war zu scheu, ihn auf der Straße anzuhalten. Wenn er sie traf, ist er an ihr vorbeigelaufen. Da ist das Mädel von der Nepomukbrücke in den Strom gesprungen.« Er schwieg. Man hörte das Spritzen des Zigarettenglühens, so still war es in der Runde. Die nackte Grausamkeit des Lebens beugte den jungen Männern die degentrotzigen Nacken. »Das ist der Tatbestand,« der Siegfriedskopf des ersten Chargierten hob sich zum Lichte, »den Bries zugibt. Wir wollten gerade abstimmen, als du kamst.« Er wandte sich dem neben ihm sitzenden Professor zu. »Welche Strafe?« fragte Faber kurz. »Ausstoßung aus dem Korps,« gab Graßhoff hart Bescheid. »Schlimm,« bedachte Faber, »es kann seine Zukunft ruinieren. Das wißt ihr?« Alle murmelten zustimmend. »Das geht ihm sein ganzes Leben lang nach. Er will zur Verwaltung. Er hat es mir einmal gesagt. Alle Bries sind hohe Verwaltungsbeamte. Die Karriere wird ihm verrammelt. Aus dem Korps schimpflich ausgestoßen – niemals wird man ihn als Regierungsreferendar übernehmen. Wißt ihr das?« Alle bejahten dumpf murmelnd. »Das wollte ich euch zu bedenken geben. Überlegt es euch noch einmal, ob ihr sein Verschulden so schwer ahnden wollt.« »Aber ein Menschenleben!« empörte sich der kleine schwarze zweite Chargierte Kübler, der Elegant des Korps. »Es ist eine Gemeinheit,« drohte es ringsum. »Ich urteile nicht,« belehrte Faber. »Ich will nur verhüten, daß ihr richtet, ohne alle Konsequenzen eures Spruches zu überblicken.« Da fragte der kernige Fuchsmajor: »Sag du, Professor, verdient er nicht die Ausstoßung?« Vierzig helle Augen hafteten fordernd an Fabers markigem Gesicht. »Ich will euch nicht beeinflussen,« wich er aus, »ich bin der Älteste. Der Älteste gibt immer zuletzt seinen Spruch. Ich habe hier auch nicht zu richten.« »Rat' uns, rat' uns!« drängte es rings um den Tisch herum. »Das darf ich nicht. Ihr seid hier versammelt, über einen Korpsbruder zu richten. Tut es nach eurem Gewissen und eurem Gefühl! Ich bin soviel älter als ihr, und meine Jahre denken in vielem anders, strenger vielleicht, vielleicht auch milder. Bries soll von seinesgleichen gerichtet werden. Ihr seid ein Pairsgericht. Eure Strenge und eure Milde soll ihm werden. Also urteilt!« Da stimmten sie ab. Einstimmig stießen sie ihn aus dem Korps. Als Graßhoff das Ergebnis verkündete, als haue er einen Granitblock nieder auf den Tisch, schwang sich der blaue bleiche Rauch in bürdende Stille. Ihr Leben gewordener Spruch erschütterte die jungen Richter. Da lohte Faber auf. »Köpfe hoch, Jungens! Euer Ehrgefühl hat vielleicht das Rechte getroffen. Jetzt kann ich es euch sagen: ich hätte gestimmt wie ihr. Ohne Zögern. Ein Mann, der ein Mädel ins Unglück bringt und sie dann brutal pflichtvergessen verläßt, schändet den Mann und schändet das Korps. Unter ehrlichen Männern ist für ihn keine Gemeinschaft. Ehre euch, daß ihr das empfindet! Und doch, Jungens, ich wundere mich, daß ihr so urteilt. Sagt einmal, wie viele sind hier unter uns, die frei den Kopf heben dürfen, wenn von traurigem Frauenlos gesprochen wird, und prunken: Ich bin frei von aller Schuld! Der Fall hier liegt besonders tragisch. Das arme Mädel ist in den Tod gegangen. Das verschärft die Sache. Aber, ihr jungen Freunde, sind sehr viele unter uns, die nicht leichtfertig mit solch jungem Mädelglück gespielt haben?« Die ernsten Gesichter sanken noch tiefer. Da stand Faber auf, öffnete die Tür in den Saal und rief: »Kommt einmal her, ihr Füchslein!« Sie stoben herbei, drängten in die Tür, standen bescheiden an der Wand und waren stolz, in diesen burschen-geweihten Raum ihre noch unerprobten Fuchspfoten zu stellen. »Darf ich noch einige Worte sagen?« wandte Faber sich höflich an den ersten Chargierten. Der fuhr vor Beflissenheit jach in die Höhe. »Aber bitte, Professor, bitte! Wir danken dir.« Da sprach Faber, dem das Wohl all dieses zur Tat und zum Leben drängenden stürmischen jungen Blutes heiligste Lebensaufgabe geworden war: »Ich will eure Geduld nur kurze Zeit einhegen. Als Freund spreche ich zu euch, als älterer guter Freund. Das Korps hat soeben einen ernsten Spruch fällen und einem seiner Brüder einen schweren Lebensstein ans Bein binden müssen. Bries ist aus unserer Mitte gestoßen.« Erschauernde Bestürzung schüttelte durch die stehenden Reihen der Füchse. »Der Spruch ist hart, doch gerecht. Ich freue mich, daß er so gerecht fiel, obwohl ihr – fast in eigener Sache gerichtet habt. Seien wir ehrlich, Freunde! Wir sind heute abend allesamt hier Angeklagte.« Tiefer beugten sich die narbendurchfurchten blonden, braunen, schwarzen Schädel. Da sprach Faber weiter in die kaum atmende Stille. »Wenn ihr gleichwohl so streng gerichtet habt, so erkenne ich darin den Atemzug des in euch lebendigen Bewußtseins des Unrechts und das Dämmern eines helleren Morgens. Liebe Freunde, ihr wißt es alle, wir leben in einer Zeit, in der die Frau gewaltig hinausdrängt ins Leben, ihr seht es täglich in unseren Hörsälen. Da sitzt das junge Weib an eurer Seite. Die Zeiten sind endgültig vorbei, in denen die Domäne der Frau ausschließlich das Haus war. Warum diese Zeit verschollen ist, erfahrt ihr in der Nationalökonomie. Ich will auch gern einmal hier einen Vortrag darüber halten.« Lauter Beifall dankte. »Heute will ich nur kurz auf etwas anderes hinweisen. Diese ernste würdevolle Arbeit, die die Frau in unserer Zeit leistet, sollte unsere Achtung vor dem Weibe erhöhen. Gerade heute gilt Schillers Wort doppelt: Ehret die Frauen! Auch wenn sie uns keine himmlischen Rosen mehr ins irdische Leben flechten und weben, sondern selber im Arbeitskittel um das irdische Lebensbrot scharwerken. Gerade deshalb: ehret sie! Und wenn auch die Zeit der himmlischen Rosen verblüht ist, das Ehrfurchtgebietende des Weibes ist geblieben. Denkt an eure Mütter, Jungens! Vergeßt es nie, daß das Weib der Quell der Menschheit ist. Jeder Weibesschoß ist heilig. Das vergeßt mir nicht! Ihr wißt wahrhaftig, daß ich kein Moralpauker bin. Ich bin jung gewesen und bin noch jung genug, zu wissen, daß eure Jahre nach dem Weibe verlangen. In Gottes Namen – ja doch, im Namen des Gottes, der die ewigverjüngende Natur ist, nehmt euer Mädel in die Arme! Das ist das Recht eurer Jahre. Aber tragt dann auch eure Verantwortung! Da liegt der Schwerpunkt. Wißt, daß ihr unter ernster Mannespflicht steht, wenn ihr eurer Jugend Genüge tut. Liebt, soviel ihr wollt! Aber erfüllt durch euch ein Weib seinen erschütternden Beruf, dann seid darauf gefaßt, daß kein ehrlicher Mann euch die Hand reicht, wenn ihr sie mit ihrer Heiligkeit verstoßt! Steht bei dem Wunder des Werdens als treue Schirmer! Und vergeßt keine Sekunde: Der Schoß eures Mädels trägt das, was auch euch zum Gotte macht, der Welten schafft! Denn jeder neue Mensch, der wird, darüber sind wir uns wohl alle hier einig, ist eine neue Welt, die aus dem Ozean der Ewigkeit auftaucht. Vielleicht nur eine kleine engumgrenzte Insel, vielleicht aber ein Wunderkontinent voll himmelragender Gebirge, die Ausblicke gewähren in ungeahnte Weiten der Menschheit.« Er schwieg. Sie wagten nicht, Beifall zu toben, so hatte er ihnen ins Tiefste gegriffen. »Und noch eins möchte ich euch sagen,« fuhr er leise fort, und ein Schatten verdüsterte sein helles Sehergesicht, »etwas sehr Ernstes.« Seine bitter warnenden Augen hingen an dem nordisch offenen Gesicht des Fuchsmajors Lorenz. »Die Ehe sei euch heilig! Kinder, hört auf mich! Laßt die Hände von verheirateten Frauen!« Es kam schwer und gepreßt, fast wie ein Flehen. Dem jungen Fuchsmajor siedete das Blut unter das flachsweiße Haar. Er wußte, das zielte auf ihn. Der Professor hatte ihn gestern mit der schönen Frau des Kommerzienrates Hahn getroffen. Doch jetzt warf Faber die Bürde von dem stolzen Nacken. »So, das wollte ich euch sagen. Und nun, Kommilitonen, zu Boden mit aller Schwere! Vivant omnes virgines, faciles, formosae !« Jauchzend fielen die jungen Stimmen erlöst ein in den uralten Hymnus auf die Spenderin alles Schönen, das Weib. » Vivant et mulieres, tenebrae amabiles, Bonae laboriosae !« Und als der Sang verschollen war, ging es hinein in den Kneipsaal. Und eine fröhliche Trinkerei und Singerei setzte an. Der Professor saß wie der jüngste Fuchs unter der Jugend, die Mütze weit in den Hinterkopf gerückt, hob kräftig sein Seidel und die Stimme, und freute sich der bubenfrohen und männerernsten prächtigen Kerle. Und dann kam der lang ersehnte Augenblick, da er das Präsidium übernahm. Ratsch, ratsch, wetterte der Schläger klirrend nieder auf den Tisch. »Präsidium bei mir. Ich komme der Korona meinen Ganzen. Prosit!« Und nun brach eine ausgelassene Fröhlichkeit herein über den jungen Kreis. Immer neue Einfälle sprudelte Fabers unerschöpfliche Laune. Bald hielt er selbst eine urfidele Bierrede, bald ließ er durch ein Biergericht ein bleischweres Verhängnis herniedergehen, bald sang er den Jungen einen neuen »hundertsten Vers«, den er zu einem alten Liede gefertigt hatte, bald – bald – Bis spät in die Nacht stiegen die Brunnen seiner heiteren Lebenskraft. Als er schied, flüsterte er dem ersten Chargierten ernst zu: »Vergeßt nicht, Bries zu sagen, er soll mich besuchen!« Es war eine kühle reine Sommernacht. Aufatmend vom Bierdunst und Tabaksqualm blieb der junge Professor unter den schwebenden Sternen stehen. Und plötzlich reckte er die Arme. Ein überwältigendes Glücksgefühl wallte in ihm auf. Fast laufend trug er es heim. Denn er wußte, sie wartete auf ihn. Durch die stillen verlassenen Straßen eilte er, erwartungsvoll und glückserregt, als ginge es zum ersten Stelldichein. Leise öffnete er die Korridortür und schlich wie ein Dieb bei der Nacht dahin, die Kinder nicht zu stören. Durch das Glas der Schlafstubentür glänzte mildgelb das Licht. Sacht ging die Tür. Sofort richtete Sophie sich aus den Kissen empor. Wie ein junges Mädel sah sie aus mit ihren zwei langen dicken braunen Zöpfen, die über die Brust niederglitten. »Da bin ich,« strahlte er. Sie streckte ihm wortlos die Arme entgegen. Er legte das Gesicht an ihre Brust. Und sie feierten Wiedersehen, als hätten sie sich hundert Jahre nicht mehr geküßt. »Ich bin wohl lang geblieben?« zog er ein schuldbewußtes Bubengesicht, als er endlich ans Entkleiden ging. »Nein,« wiegte sie den Kopf in den Kissen, »die Zeit ist mir gar nicht lang geworden.« »So – so!« Er grollte sichtlich. »Nein, ich dachte die ganze Zeit daran, wie du glücklich und jung unter diesen Jungens sitzest. Und nun bald zu mir kämest mit deiner Mannesinnigkeit.« Da hob er die Weste, die er gerade in Händen hielt, hoch empor: »Fieze – – Menschgelieb, wie ist das Leben reich!« Sie nickte beglückt. »Dort diesen jungen werdenden Menschen Richtung für ihr Leben geben zu dürfen, nicht nur vom würdigen Katheder herab – und inmitten dieser köstlichen Lebensaufgabe allezeit zu wissen, das kostbarste Kleinod meines Lebensreichtums, das strahlt mir doch erst, wenn ich in meine ›Schatzkammer‹ zu Hause trete.« Und weg flog die Weste und hin flog der Professor, und in seine Arme flog seines reichen Lebens reichste Gabe, stürmisch, heiß und frauenlieb. – IX. Einige Tage vergingen. Beatrice Herforth begann bereits in ihre neue anregende Tätigkeit hineinzuwachsen, da ward dem Regierungspräsidenten von Ingenheim die Privatklage auf dem Amte zugestellt. Er legte sie achtlos zur Seite und fuhr in seiner Arbeit fort. Erst am Nachmittag kam sie ihm wieder unter die Hände. Gelassen öffnete er das Schriftstück und las die flammenden Anklagetiraden des ›schneidigen‹ Rechtsanwalts Doktor Wurm. Das Gezeter berührte ihn nicht persönlicher als irgendein anderer gleichgültiger Akteninhalt. Plötzlich aber kam ein verächtlich heiterer Glanz des Staunens in seine Augen. Das also! Also das war der bombastisch angedräute Stützpunkt dieser herrlichen Klage. Also Faber, der war der Missetäter! Eine verhaltene Lustigkeit spielte um die Augenwinkel des Barons. Das also hatten sie herausgefunden, daß seine Frau zu Professor Faber in ›unerlaubte Beziehungen‹ getreten war. Das also war der hohle Kern der ganzen wichtigtuerischen Geheimniskrämerei! Na! Daraufhin, wie sagte die Schrift doch so schön: ›Da der Privatkläger somit die Frau des Beklagten als gewissermaßen vogelfrei ansehen mußte ...‹ Hm, also Fabers wegen mußte er! Ausgezeichnet! Daraufhin glaubte der Kerl sich seine Frechheiten herausnehmen zu dürfen. Auf Fabers Konto. Sehr gut! Der Baron lächelte wieder, steckte das Schriftstück sorglos in die Tasche und griff zu seinen Akten. Am Abend saß er dem Geheimrat Helmholtz gegenüber. »Da haben Sie die ›untrüglichen Beweise‹,« triumphierte er und legte die Klage vor den Anwalt auf den aktenbesäten Tisch. Der Geheimrat nahm wortlos das Blatt, schob die Brille zur Stirn hinauf und las mit bedächtigem Aufmerken. Endlich ließ er den Bogen sinken. Der Baron lächelte siegesfroh. »Was sagen Sie nun, Herr Geheimrat?« »Kennen Sie Herrn Professor Faber?« tat der Anwalt seine Gegenfrage. »Aber natürlich, sehr gut. Der Mann hat früher bei uns im Hause verkehrt. Das heißt, vor Jahren war er einmal bei uns zu Besuch. Faber als Zeugen zu benennen, ist etwas so – geradezu Hirnverbranntes! Mit derselben Dreistigkeit könnte er jeden xbeliebigen Mann von der Straße aufgreifen.« »Hm,« machte der Geheimrat, »Sie halten das also für völlig ausgeschlossen?« »Aber völlig! Es war eine rein geistige, allerdings sehr innige Freundschaft. Meine Frau – ich sage das, damit Sie sich ein ungefähres Bild von ihr machen können – ist die Tochter des großen Physikers van Deelen in Leipzig –« Der Geheimrat blickte achtungsvoll auf. »Sie hat den streng wissenschaftlichen Sinn des Vaters geerbt. Schon als Kind hat sie nur wissenschaftliche Werke gelesen. Wollen Sie glauben, Herr Geheimrat, daß meine Frau noch nie einen modernen Roman gelesen hat? So einseitig sind ihre wissenschaftlichen Interessen.« »Also eine durchaus ungewöhnliche Frau,« schloß der Geheimrat. »Durchaus. Sie hat selbst viele philosophischen Essays geschrieben, wie mir Fachleute bedeuteten, recht gescheite Sachen. Ich will mit alledem nur sagen: Es ist keine Frau, der man irgendeine törichte unüberlegte Spielerei zumuten darf.« »Das scheint allerdings nicht möglich,« bedachte der Geheimrat sinnend. »Und nun gar diese Freundschaft mit Faber! Ich weiß nicht, ob Sie ihn persönlich kennen?« »Nur dem Namen nach. Sein Ruf ist allerdings ein ausgezeichneter.« »Das glaube ich,« lachte der Baron. »Er ist einer der angenehmsten Menschen, die mir begegnet sind,« »Verkehrt er viel bei Ihnen?« fragte der Geheimrat prüfend. »Nein – schon seit Jahren nicht mehr. Es war fast ausschließlich eine Brieffreundschaft. So etwas schläft mit der Zeit ein. Vielleicht war auch meine Frau daran schuld. Wer will das sagen! Als Faber hierher berufen wurde, war die Freundschaft schon verstorben. Es hat sich dann auch nicht wieder recht angebahnt.« »Ja,« der Anwalt legte entscheidend die Hand auf den Klageakt, »dann verstehe ich das verwegene Vorgehen des Herrn Direktor Seebeck nur in dem von Ihnen neulich angedeuteten Sinne. Es kann nur ein Bluff sein, um, wenn er mißlingt, schließlich klein beizugeben.« Der Baron lachte rauh auf. »Den Spaß werden wir ihm aber gehörig versalzen. Wir erheben jetzt Widerklage wegen Verleumdung meiner Frau.« Her Geheimrat nickte. Der Präsident stand auf. »Meine Frau,« sagte er dringend, »muß von all diesen Dingen verschont bleiben. Wir dürfen sie unter keinen Umständen der Peinlichkeit aussetzen, vor Gericht als Zeugin über ihre Geschlechtsehre vernommen zu werden!« »Ich werde es zu hindern wissen,« beruhigte der alte Herr, sich ebenfalls erhebend. »Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar, bester Geheimrat. Und nun wollen wir hoffen, daß diese leidige Sache bald hinter uns liegt. Angenehm ist so etwas jedenfalls nicht.« Der Anwalt hob bedauernd die Handflächen. »Gegen solche Anwürfe ist niemand gefeit, Herr Baron.« – Wenige Tage später, als die knappe klare Erwiderung des Geheimen Justizrats Helmholtz eingegangen war, hielt Herr Rechtsanwalt Doktor Wurm mit seinem Mandanten Konferenz. Der junge Anwalt, der durch einige Sensationsprozesse der letzten Zeit einen gewissen Ruf erlangt hatte, saß da mit der freundlich herablassenden Haltung des großen Mannes und der Unfehlbarkeit des stets sieghaften Rechtsvertreters. »Also, mein weiter Herr Generaldirektor,« sagte er und blickte wichtig drein, »nun heißt es, den Wahrheitsbeweis antreten.« »Das wollten wir von vornherein,« erklärte Seebeck geschäftlich. »Ja, das wollten wir. Frage ist nur, ob wir's können. Eingeschüchtert haben wir die Leute jedenfalls nicht. Dafür ist dies Beweis.« Er schwenkte die Widerklage wie eine Fahne. »Sicher ist mir die Sache durchaus nicht.« »Aber mir, Herr Rechtsanwalt,« ließ Seebeck sich nicht imponieren. »Die Frau hat nicht den Mut gehabt, zu gestehen. Nun tappt der Mann hinein. Die Sache ist doch ganz klar.« »Na – na!« machte Doktor Wurm ein wenig ärgerlich. »Wir haben für unsere Behauptung lediglich zwei Zeugen: Die Frau selbst und Professor Faber. Das ist wenig.« »Es genügt.« »Nun ist hier ein Schreiben des Herrn Geheimrat Helmholtz eingegangen, in dem er bittet, auf die Frau als Zeugin zu verzichten, da sie ja doch ein Zeugnisverweigerungsrecht habe.« Der Anwalt lachte sarkastisch. »Auf solche Ideen kommt auch nur solch alter Herr. Auf die Frau als Zeugin verzichten! Ideen haben manche der Herren Kollegen!« »Ich weiß doch nicht,« bedachte Seebeck. »Aber bester Herr Seebeck!« Doktor Wurm sprang in die Höhe. »Das hieße ja auf unsere schneidigste Waffe verzichten! Gerade die Frau mit ihrem bösen Gewissen ist vor Gericht unsere beste Bundesgenossin!« »Ich will die Frau nicht quälen,« entschied Seebeck. »Nanu!« rief der Anwalt, »Sie sagten doch damals, als wir die Klage einleiteten –« »Damals war ich noch in heller Wut. Heute will ich allein den Mann treffen, den schonungslos –« Seine Augen glühten wild auf. »Die Frau will ich – soweit es geht – schonen.« »Es geht nicht,« rief der Anwalt heftig. »Entweder – oder!« »Nein,« blieb Seebeck fest, »unnötig grausam gegen die Frau will ich nicht sein.« »Das ist eine unangebrachte Zartheit!« ereiferte sich Doktor Wurm. »Sie kann mir ja auch nichts nützen, da sie ihr Zeugnis verweigern darf.« »Soll sie nur!« rief Wurm feldherrn-seherisch. »Das soll sie nur! Sollen Sie mal sehen, welche Folgerungen ich daraus ziehen werde. Angst und bange soll ihr werden!« Jetzt erhob sich auch Seebeck. »Nein, Herr Doktor, das gefällt mir nicht. Die Frau hat mich zurückgestoßen. Das war ihr gutes Recht. Ihre Art war ein wenig peinlich. Dafür wird sie schon genug an dem zu leiden haben, was wir ihr nicht ersparen können.« »Gut,« beschied Doktor Wurm sich ingrimmig, denn er sah die Sensation dieses Prozesses verröcheln, »wie Sie wollen! Aber darauf mache ich Sie aufmerksam, wenn Faber dann versagt, liegen wir drin.« »Faber kann nicht versagen.« Der Anwalt machte bedeutungsvolle Fegebewegungen in der Luft. »Kann nicht! Kann nicht! Zunächst hat er selbst einmal das Recht, sein Zeugnis zu verweigern, weil er sich einer strafbaren Handlung schuldig bekennen würde.« »Soll er! Seine Weigerung genügt uns.« »Allerdings. Das Gericht und ich, wir würden unsere Schlüsse daraus schon ziehen. Aber wenn Sie sich nun irren und die beiden nichts miteinander gehabt haben?« »Irrtum ist ausgeschlossen.« »Wieso? Sie können doch unmöglich dabei gewesen sein.« Der Anwalt lächelte verschämt. »Stimmt, Herr Doktor, dabei war ich nicht. Hat mir aber Spaß gemacht, die beiden Leutchen nach der Abreise des Mannes ein bißchen zu beobachten. Die Frau war mir aufgefallen. Es ist das schönste Weib, das mir begegnet ist. Muß ihr der Neid lassen.« »Schön. Schön. Aber woher wissen Sie das – hm – Punctum saliens ?« »Lieber Herr Rechtsanwalt, wir Männer sehen doch, wie zwei Leute miteinander stehen! Den ganzen Tag über haben sie zusammen in den Dünen gesessen, an den einsamsten Stellen. Wie oft habe ich mir einen Spaß gemacht, sie zu überraschen!« »Haben Sie dabei Küsse gesehen oder sonst was Verfängliches?« »Das nicht. Aber ich sehe, wie es zwischen Leuten steht. Verlassen Sie sich da ganz auf mich, mein lieber Herr Rechtsanwalt! Auf solche Chosen verstehe ich mich wie auf meine Maschinengewehre. Und dann eines Nachmittags. Ich wohnte im selben Hotel wie Frau von Ingenheim. Da kam er zu ihr und blieb stundenlang bei ihr. Glauben Sie, daß sie sich da Märchen erzählt haben? Jawohl, Märchen vom Glück. Und dann am Abend fuhr ich mit demselben Zug wie er von Norddeich nach Berlin. Einige Minuten vorher ging ihrer. Die Gesichter hätten Sie sehen sollen! Wie sie sich ansahen, sie von oben vom Kupeefenster, er von unten, vom Bahnsteig. Wie zwei wunde Tiere. Ja, wahrhaftig. So groß war der Trennungsschmerz!« »Vielleicht war es eine platonische Liebe,« erwog der Anwalt. »Jawohl,« lachte Seebeck, »für ihn. Sie soll ja so'n kleiner Plato sein.« Da lachten beide herzerquicklich. »Na, wir wollen mal sehen,« sagte Doktor Wurm siegesfroher. »Und das mit der Frau überlegen Sie sich wohl noch einmal, Herr Generaldirektor.« »Nein,« lächelte Seebeck, »so leid Sie mir tun, Herr Doktor.« »Ich!« Der Anwalt stieß den Zeigefinger der Rechten empört gegen die Brust, »ich? Was meinen Sie damit?« »Ich meinte nur,« sagte der Generaldirektor ruhig, »daß Ihnen doch noch genug Sensationelles an der Sache bleibt.« »Darum handelt es sich nicht, Herr Generaldirektor,« verschloß sich Herr Doktor Wurm steif, »für mich sind lediglich die Interessen meiner Mandanten maßgebend.« »Selbstredend,« bestätigte Seebeck mit undurchdringlichem Ernst, »selbstredend, Herr Doktor. Aber so ein bißchen Sensation dabei ist auch ganz nett.« X. Es waren nervenzerstörende martervolle Tage für Manja von Ingenheim geworden. Sie hatte die Bibliothek ihres Mannes nach juristischen Büchern durchstöbert, hatte sich mit ihrer eisernen Wissensenergie in diese dickleibigen Gesetze und Kompendien hineingewühlt. Doch ein Licht war ihr aus diesem ungeordneten Wust, in dem sie mit krallenden Fingern wühlte, nicht aufgeleuchtet. Sie wurde in diesen angstgehetzten Tagen noch zarter und bleicher. Sie lag mit offenen Augen in ihren Kissen und starrte gequält in das Halbdämmer der Sommernächte. Und wenn sie auf Viertelstunden in Schlummer fiel, fuhr sie aus zermürbenden fiebernden Träumen schweißbedeckt empor. Der Regierungspräsident sah sie oft bekümmert an und fragte bewegt und liebevoll: »Manja, was ist dir nur? Du gefällst mir nicht. Du ißt nicht und siehst schon ganz gespenstisch aus. Und ganz schwarze Ringe hast du unter den Augen. Ob wir nicht doch Doktor Haase einmal kommen lassen?« Sie wehrte ab. »Nein, nein. Es ist nur die plötzliche Hitze. Du weißt ja, ich kann diese Schwüle nie recht vertragen. Aber nun sind ja bald die Ferien, da gehen wir an die See und alles ist gut.« Und sie lauschte weiter furchtzerrieben in die drohende Zukunft. Eines Abends endlich zerriß sie mit verzweifelten Händen die Stricke dieser Ungewißheit, die sie erdrosselten. Während der Baron von einem Tageserlebnis erzählte, entschloß sie sich zu fragen. Und plötzlich mitten in die Erzählung des Präsidenten hinein sagte sie: »Wie steht die –« Der Baron erzählte weiter. Kein Laut war aus ihrer Kehle gedrungen. Es war, als sperre ihr ein Brett den Schlund, als seien die Farben ihrer Stimme verblichen. Noch einmal versuchte sie es und noch einmal. Kein Ton war in ihrer angstwunden Kehle. Da riß sie ihre Energie zusammen, hob die Teetasse mit zitternden Fingern zu den Lippen, den Mund zu verdecken, und brachte mit furchtknisternder Gleichgültigkeit ihre Frage heraus: »Wie steht die Sache mit Seebeck eigentlich?« »Sie geht ihren Gang,« gab der Baron verwundert Bescheid. »Sorg dich nicht darum, Manja! Wir haben es so eingerichtet, daß du ganz draußen bleibst. Du brauchst deine Hände nicht mehr mit dieser Sache zu beschmutzen!« »Das ist sehr lieb von dir,« rang sie heraus und fischte aufmerksam ein schwarzes Blättchen aus dem Tee, »die Sache interessiert mich eigentlich auch nur rein wissenschaftlich. Wir Frauen wissen von Jurisprudenz doch rein gar nichts, sogar –« sie scharrte ein schelmisches Lächeln zusammen – »wenn unsere Männer tüchtige Juristen sind.« »Wenn du dich für mein Spezialgebiet, Verwaltungsrecht, interessierst,« bot er galant an, »soll es mir ein Glück sein, meine kluge Manja unterweisen zu dürfen.« »Du bist sehr lieb,« streichelte sie seine Hand. »Zunächst möchte ich aber gern einmal das Theoretische dieses dummen praktischen Falles wissen. Du sagtest neulich, dieser – Mensch – klagt gegen dich und du klagst gegen ihn. Was heißt das? Was geschieht da? Kommt es zu einem Termin?« »Natürlich. Bei jedem Prozeß kommt es zu einem Termin, du weise Frau.« Er lachte ein wenig überheblich. »Und in diesem Termin – was geschieht da?« fragte sie gleichfalls lächelnd. »Da wird verhandelt, Zeugen werden vernommen und –« »Zeugen?!« Sie hob rasch die Tasse und trank. Es war ihr wie ein Schrei entfahren. Der Baron starrte auf. »Ich habe mich verschluckt,« hüstelte sie. »Vor lauter Lerneifer,« scherzte er. Sie stellte die Tasse nieder und fragte gleichmütig: »Welche Zeugen werden denn nun in deiner Sache vernommen, Egon?« »Laß, Kind,« bat er, »was willst du dich damit herumärgern?« »Ich ärgere mich nicht. Dazu ist die Sache mir viel zu gleichgültig. Damals gewiß – hat es mich sehr erregt. Aber heute! Nur der Wissenschaft halber. Du kannst es mir ruhig sagen.« Da erklärte Ingenheim. »Es ist die blödeste Sache von der Welt. Dieser Seebeck will seinen Überfall natürlich recht harmlos hinstellen. Deswegen behauptet er, du – ach Kind, es verlohnt wirklich nicht, darüber zu sprechen.« »Bitte, sprich!« drängte sie heftig. »Siehst du, wie du dich schon erregst!« »Ich bin ganz ruhig,« zwang sie sich nieder, »jetzt will ich es aber wissen.« »Er behauptet also, du hättest – stell dir vor! – mal etwas mit – du würdest nie darauf kommen, mit wem du mich – so schrecklich betrogen haben sollst.« »Mit wem?« Ihre Stimme zitterte trotz der übermenschlichen Anstrengung, mit der sie sich zusammenhielt. »Mit Faber.« Der Baron lachte es herzlich heraus. Die Baronin verschränkte unter dem Tisch die Finger und bog sie zurück, daß die Gelenke knackten. Doch ruhig fragte sie: »Und Faber – soll nun – als Zeuge vernommen werden?« »Ja,« sagte der Baron unbehaglich. – »Der wird schöne Augen machen, wenn er die Ladung erhält.« Um Manja herum war plötzlich eine weite Stille, in der nur ihr Blut brauste. Und irgend etwas in ihr schrie: »Ruhig jetzt, nur jetzt ruhig!« Mit einer Kraft, die ihr physische Übelkeit bereitete, hielt sie ihr irr flatterndes Entsetzen nieder. »Das ist sehr peinlich,« ächzte sie. »Sehr,« nickte der Baron, »du brauchst es dir aber nicht so zu Herzen zu nehmen. Wir tragen daran keine Schuld. Ich habe daran gedacht, ihn zu besuchen und ihm den Sachverhalt darzulegen. Es geht aber nicht. Mit einem Zeugen vor dem Termine zu konferieren, ist eine sehr mißliche Sache. Im übrigen wird er ja bei der Verhandlung seine Aufklärung erhalten.« »Es ist sehr peinlich,« wiederholte Manja mit blauen Lippen. »Es hilft aber nichts,« beendete der Präsident die Erörterung. »Und nun wollen wir die Sache ein für allemal ruhen lassen. Ich sehe es dir ja doch an, wie die Geschichte dich aufregt. Ich begreife wahrhaftig, daß dir alles dies nicht gleichgültig sein kann. Deine Freundschaft mit Faber so besudelt zu sehen!« »An meine Freundschaft mit Faber kann keiner rühren!« sagte die Baronin und öffnete weit die grauen Augen. »Da hast du recht,« nickte der Baron. »So muß man die Sache auch ansehen. Als ob ein Hund einen auf der Straße anbellt.« »Ja,« sagte Manja. »Und nun erzähle bitte weiter!« Verzeih, daß ich dich vorhin unterbrach.« Und der Baron berichtete mit schnell wiedergewonnener Heiterkeit von einer drolligen Personenverwechslung, die heute die gesamte Regierung aufgeschreckt hatte. Manja saß dabei, verzog den Mund dann und wann zu einem Lächeln, hörte jedes Wort, das der Präsident sprach, und hörte doch nichts als das Sausen des Blutes, das in den Ohren siedete. Hinter ihrer Stirn rasten tausend wirbelnde Räder. So saß sie geduldig lauschend und lächelnd, bis der Baron sacht gähnte und meinte, es wäre nun allmählich Schlafenszeit. Sie stand auf und mußte sich hart auf die Tischplatte stützen, weil das Gefühl in den Knien erstorben war. Sie versuchte fest aufzutreten, fiel aber in den Stuhl zurück. »Mein Fuß ist eingeschlafen,« klagte sie heiser. Da trug der Baron sie lachend, wie in den alten jungen Tagen, in ihr Schlafzimmer und blieb bei ihr, bis sie wohlgeborgen im Bette lag. Erst als sie die Augen schloß, schlich er auf Zehenspitzen hinüber in sein Zimmer. Manja aber lag in tiefer Ohnmacht. Sie hatte ihren Kopf kaum auf die Kissen gebettet, da löste sich die starrkrampfartige Gewalt, mit der sie sich umschnürt hatte. Es war ihr, als schlage ihre schmerzende Gehirnmasse schwer gegen den Hinterschädel, ein Schwindel wirbelte kreisend durch ihren Kopf, dann schwand das Bewußtsein, So lag sie lange Zeit. Und dann tauchte langsam wie aus einem sanft rieselnden Strome das Gefühl und das wehe Wissen wieder empor. Sie lag da, ohne Kraft sich zu rühren, gelähmt von dem Empfinden, ihr Genick sei in eine Steinmulde fest vermauert, in den Gliedern summte ein unangenehmes Bewußtsein der Marklosigkeit, eine fast schmerzhafte Schwäche kribbelte in den Fingern, die sie nicht zu beugen vermochte. So lag sie mit offenen Augen und wußte alles so klar, so hellseherisch klar. Das war das Ende. Jetzt war ihr Leben verwirkt. Nun gab es keinen Ausweg. Alles Licht war verbaut. Faber mußte als Zeuge vor Gericht erscheinen. Der Zeuge hatte zu schwören. Das wußte sie. Unter seinem Eide hatte er zu sagen, ob sie seine Geliebte gewesen war. Sie machte eine jähe Anstrengung, sich im Bett zu wälzen. Die Kraft versagte. So lag sie unbeweglich auf dem Rücken, starrte zur Decke und wußte, daß ihr Leben jetzt verwirkt war. Lag, bis allmählich ihre Kräfte wiederkehrten. Da wand sie sich in Scham und Todesqualen, bis der Morgen mit seinen Pflichten sie auftrieb. Unrast hetzte sie im Hause umher. Endlich ließ sie satteln und galoppierte durch die Reitwege des Stadtparkes. Plötzlich riß sie die arme Stute heftig zurück, übergab dem Diener das aufgeschreckt tänzelnde Tier und ging im Reitkostüm in die Stadt. Ohne Klarheit, triebartig, stieg sie die Stiegen zu Beatrice Herforths Wohnung hinauf. Beatrice saß emsig klappernd an der Schreibmaschine. »Denk dir, Manja,« sagte sie weh, »ich habe noch nicht ein Wort von zu Hause gehört!« Und die Sehnsucht nach den Kindern schrie wortlos aus ihren schwarzen Augen. Sie gestand auch, daß sie ihrem Manne geschrieben und versucht habe, ihm noch einmal begreiflich zu machen, wie alles gekommen war. »Er wird es nicht verstehen,« löschte Manja schroff ihre glimmende Hoffnung. »Du meinst nicht?« fragte Beatrice bleich. »Ich habe – es waren kaum noch Worte, die ich geschrieben habe. Es war lebendige, sich windende blutige Reue.« »Du hättest dir die Erniedrigung sparen sollen, Beatrice. Männer verstehen das nicht,« blieb Manja hart. Und ohne Übergang fragte sie nach Faber. Beatrice sprach zuerst ohne Beseelung, Ihre Gedanken kreisten noch um ihr Heim in der kleinen oberbayerischen Landstadt. Doch mählich rang sie sich los und lichtete ihr Bewußtsein auf ihre Worte. Und dann erzählte sie mit inbrünstiger neidloser Freude von diesem glückesfrohen Hause. »Wann gehst du heute zu ihm?« unterbrach Manja wieder jäh. »Heute gar nicht. Er hat mir soviel in letzter Zeit diktiert, daß ich das Stenogramm endlich einmal aufarbeiten muß.« Sie zeigte ihr engbeschriebenes Heft. Da sprang Manja vom Stuhle, stieß hervor: »Dann will ich dich nicht länger stören,« gab ihr kaum die Hand und lief wie verfolgt aus dem Zimmer. Beatrice blickte ihr bekümmert nach. Dann setzte sie sich wieder an das Tischchen und hämmerte weiter. Oft noch schüttelte sie den Kopf. Mit Manja stimmte da irgend etwas nicht. Irgendeine große Sorge bedrückte sie. In ihrer Ehe klaffte irgendeine Wunde, die heimlich nach innen blutete. Sie dachte an die Manja, mit der sie einst zur Schule gegangen war. Was war aus ihrer stillen, gemessenen, wissenschaftlich vertieften Freundin Manja van Deelen geworden! XI. Im Hause Faber herrschte heute freudige Erregung. Sophie hatte Herrn Bob und Seine Winzigkeit gebadet und getränkt zu Bett gebracht und sich just mit einem Buche zu kurzer Ruhe niedergesetzt, da platzte Helene ganz wirbelig mit der Nachricht herein, in der Universität sei heute bekannt geworden, Faber habe den Ruf nach München auf Kallmorgens Lehrstuhl erhalten. »Ja,« bestätigte Sophie gelassen lächelnd, »das Schreiben ist heute morgen gekommen.« »Wie! Was!« Helene trat vor hastiger Freude wie ein ungeduldiges Rassepferdchen von einem Bein aufs andere. – »Du weißt es schon! Und da sagst du nichts! Und sitzt da und liest!« »Ja, soll ich im Stehen lesen?« lachte die junge Frau. »Ja, aber –« Helene verstand die Schwester wieder einmal absolut nicht – »seid ihr denn nicht froh – und stolz und? – Herrgott, wenn Hancke nach München berufen würde, ich glaube, ich tanzte vor Freude Kakewalk über die Nepomukbrücke.« »Du,« neckte Sophie, »du? So nahe ginge dir Hanckes Berufung!« »Allerdings,« machte Helene und schnitt ihr verschmitztes Gassenmädelgesicht. Und mit drolligem Ernste fügte sie hinzu: »Natürlich nur als seiner Assistentin.« Sie lachten beide. Dann fragte Sophie ernsthaft: »Nein, Lene, sag einmal aufrichtig, wie steht ihr beide – du und Hancke?« »Hm,« überlegte Helene mit krauser Denkermiene – »es kommt darauf an. Mal steht er rechts und ich links, mal ich rechts und er –« »Albere nicht,« zürnte Sophie. »Ich habe doch wohl ein Recht –« »Haste, haste,« gestand Helene kampflos zu. »Die Sache scheint mir aber momentan nicht ganz so akut wie eure Berufung. Im Ernst, Sophie, freut ihr euch denn gar nicht?« »Gewiß freuen wir uns. Wir wissen genau, was diese Berufung bedeutet. Fritz wußte heute morgen aber noch nicht, ob er annehmen wird.« »Ist er verrückt?« entrüstete sich die Studentin. »Nein,« versicherte Sophie in ihrer milden Art, »gottlob alle Ganglien ausgezeichnet in Takt.« »Mach keine Witze!« verbat sich Helene. »Ihr werdet doch – Sophie bedenke: München! München gegen dieses Nest.« »Nest?« erwog Frau Faber, »so schlimm ist es wohl nicht. Jedenfalls nisten hier an die hunderttausend Vögel recht gemütlich und mollig beisammen.« Und mit ihrem klaren offenen Blick gestand sie: »Ich für meinen Teil, Helene, ginge sehr gern nach München. Die Theater und Konzerte und all die Anregungen der großen Stadt für Fritz und für mich. Mein einziges Bedenken ist Papa.« »Na, ich bin doch auch noch da,« stellte Helene sich in Positur. »Wer weiß, wie lange noch!« scherzte Sophie. »Du sagst doch selbst, Hancke würde sofort annehmen.« »Was hat das mit mir zu tun?« tat Helene arglos. »Ich meine, als seine treue Assistentin,« blinzelte Sophie, »müßtest du ihm doch folgen. Und dann ist der arme Papa hier ganz verwaist.« »Das ist richtig,« sann Helene. Dann aber warf sie den braunen Kopf zurück, daß ihr reiches Haar aufwogte, und rief: »Das wird Papa nie zugeben, daß die Rücksicht auf ihn –« »Die dürfte auch nicht mitsprechen,« unterbrach Sophie, »wenn es sich um Fritzens Karriere handelt. Aber er selbst war sich noch gar nicht klar. Du weißt, wie anhänglich und dankbar er ist. Wenn die Regierung kommt und ihn ein bißchen bittet und ihm darlegt, wie gut sie immer zu ihm gewesen ist, – hat er nicht die Kraft sich loszureißen. So ist er doch nun einmal.« »Dann mußt du eben die Stärkere und Vernünftigere sein. Dankbarkeit und Anhänglichkeit sind ja ganz hübsche Sachen. Wenn man aber seinen großen Weg im Leben gehen will, muß man hart und rücksichtslos sein und seine Ellenbogen brauchen. So denke ich.« »Ja,« lächelte Sophie milde, »wir denken eben jeder immer in unserem Kreise herum.« »Ihr müßt aber,« erhob Helene einen neuen Beschwörungsspruch. Da wurden sie durch Professor Hanckes Ankunft unterbrochen. Er war ein sehr langer, etwas dürrer Herr Ende der Dreißiger mit blondem Vollbart und guten schwachen Gelehrtenaugen hinter dicken Brillengläsern. Man hätte in ihm eher einen Buchweisen denn einen der hervorragendsten deutschen Chemiker vermutet. Ein wenig befangen, wie immer, trat er herein, gab der jungen Frau seine große knochige Experimentierhand und freute sich: »Also, ich gratuliere, meine liebe Frau Faber. Also ich gratuliere sehr herzlich.« Doch ehe Sophie noch erwidern konnte, platzte Helene dazwischen: »Denken Sie nur, Herr Professor, er schwankt noch, ob er annehmen soll! Haben Sie Worte?!« »Nein,« bekannte der Gelehrte prompt. »Wir haben uns darüber noch gar nicht ordentlich aussprechen können,« berichtigte die schöne Professorenfrau. »Das Schreiben kam gerade, als Fritz ins Kolleg mußte. Wir haben kaum recht drei Worte darüber sprechen können.« Hier klopfte das Kindermädchen das Trio auseinander. Sie trat ein mit dem Alarmbericht, daß Seine Niedlichkeit, Herr Bob, wieder alsbald aufgewacht sei und aller Mahnung hohnlächelnd keine Neigung bezeige, die eigenmächtig okkupierte senkrechte Lage mit der horizontalen zu vertauschen. Hingegen habe er auch bereits Seine Winzigkeit, Herrn Heinzepeter, durch allerlei ausgelassenes Geschrei und Gejohle aus dem Schlafe gescheucht, worüber Herr Heinzepeter zeternd quittiere. Mutterpflichtberauscht entschwand Sophie Faber. Die im Arbeitszimmer des Herrn Professor Faber überlebenden Herrschaften aber, der Herr Professor Karl Hancke und seine Assistentin, Fräulein cand. phil. Helene Pahlow, nahmen Platz und sprachen trübselig über den beschämenden Mißerfolg ihres gestrigen Experiments. Fräulein cand. phil. war indessen jugendlich heiteren Mutes und erhoffte ein heutiges Gelingen. Der Herr Professor aber sah trotz seiner schwachen Augen tiefer und erfahrener. Er schüttelte das Haupt mit seinen geringen Beständen und klagte sehr: »Es steckt irgendwo ein Fehler, Fräulein Pahlow. Ich habe mir die ganze Nacht den Kopf darüber zerbrochen, wo er wohl stecken mag. Die Formel stimmt doch –« Und plötzlich stand er auf und sagte energisch: »Etwas anderes stimmt nicht, Fräulein Pahlow. Da liegt der Rechenfehler. In meinem Laboratorium, in dem Sie meine Mitarbeiterin sind, mag ich darüber nicht sprechen. Dort nimmt auch die Arbeit uns ganz in Anspruch. Und sonst sehe ich Sie fast nie. Aber hier, auf diesem neutralen Boden –« Helene tat baß erstaunt. »Herr Professor, was könnte das –? Sie werden mir doch nicht etwa kündigen wollen?!« »Nein, Fräulein Pahlow, im Gegenteil. Ganz im Gegenteil. Es handelt sich um etwas Lebenslängliches. Wenn ich nur wüßte – Wenn man das durch eine chemische Berechnung feststellen könnte! Sehen Sie mal, Fräulein Pahlow –« er setzte sich wieder, und seine eckigen Knie ragten erschrecklich in die Höhe, »ich weiß natürlich oder hoffe es doch wenigstens, daß ich Ihnen ein wenig – –?« Helene nickte helfend. »Als ich Sie zu meiner Assistentin nahm, kannte ich Sie persönlich kaum. Ich hatte niemals eigentlich Sie, immer nur Ihre Leistungen gesehen.« »Das freut mich, Herr Professor. Aber ich glaube, ein wenig hat wohl doch der Umstand mitgesprochen, daß ich die Schwägerin Ihres Freundes Faber bin.« »Nein,« lehnte er fest ab, »so etwas spricht bei mir in wissenschaftlichen Dingen nicht mit.« »Desto besser,« sagte sie. »Wenn ich ganz ehrlich sein darf –« »Sie dürfen –« »Dann muß ich gestehen, daß ich Sie früher hier im Hause eigentlich kaum gesehen hatte. Ich meine – innerlich gesehen.« »Ich verstehe,« nickte Helene. »Ich habe – wie Sie bemerkt haben werden, eine gewisse Scheu vor Frauen.« »Ja, das habe ich bemerkt,« lächelte das junge Weib. »Erst später,« sann der Professor, »bei Ihrer Arbeit im Laboratorium, da – vor etwa zwei Monaten einmal – ich weiß nicht mehr, worüber wir sprachen. Aber plötzlich hatte ich die Eingebung – wie bei einer wissenschaftlichen Entdeckung war es – Donnerwetter, das ist ja ein Mensch – ein prachtvoller lebendiger Mensch!« Auf Helenes Lippen brannte eine scherzhafte Bemerkung. Sie unterdrückte sie aber und lächelte nur still vor sich hin. Sinnend aber sagte Hanse: »Ja, mein liebes Fräulein Pahlow, so seltsam ist das Leben. Man geht jahrelang an einem Menschen vorüber, nimmt ihn einfach als gegebene Tatsache –« »Und sieht plötzlich, daß diese gegebene Tatsache ein lebendiger Mensch ist. Ja, das Leben ist seltsam.« Sie lachte frei. »Sie lachen,« sagte er trübselig, »Ach, mein liebes Fräulein, die Welt ist plötzlich so voller Probleme. Diese klare wissenschaftlich so wunderbar geordnete Welt,« Er lächelte trübe. »Probleme lösen, ist doch Ihr Beruf, Herr Professor.« »Ach,« er griff mit seiner dürren Arbeitshand ins Leere, »wenn es wissenschaftliche Probleme wären!« »Welche Art Probleme sind es denn?« erkundigte sie sich voll schalkhafter Teilnahme. »Lebensprobleme, mein Fräulein. Und in deren Lösung bin ich leider durchaus kein Meister.« »Vielleicht kann ich Ihnen dabei assistieren,« schlug sie freundlich hilfreich vor. »Sie?« Er sah sie fast entsetzt aus seinen armen Äugen an. »Nein, Fräulein Pahlow, Sie zu allerletzt.« »Nanu?!« Sie staunte ehrlich. »Ich zu allerletzt?!« Hancke nickte heftig. Da überließ das junge Weib ihn seiner Not und betrachtete ernsthaft und fürsorglich ihre ein wenig ramponierten Chemikerhände. Der brave Gelehrte aber sprach vor sich hin: »Es ist so sehr schwer. Da hat einer gelebt, ganz in seine Wissenschaft versponnen. Ist herumgegangen und hat über seine naturwissenschaftlichen Rätsel gegrübelt und sich in seine Probleme vergraben und hat geschrieben bis tief in die Nacht. Und ist so ruhig glücklich gewesen – auf seine Art.« Helene sah noch immer auf ihre Hände nieder. Nach einer kleinen Pause fuhr Hancke fort: »Und nun eine junge forsche Frau, die doch leben will. Die trotz aller wissenschaftlichen Begeisterung einen lebhaften Mann von Welt haben will. Wenn er grübelt und sich verspinnt, will sie –« »Was will sie denn?« unterbrach Helene ernst. »Dann will sie – nun ja – leben.« »Ja, das bißchen Leben muß er ihr schon lassen,« meinte sie. Doch Hancke fuhr unsicher fort: »Daß sie seinen Beruf teilt, ist schön, wunderschön. Aber sie ist jung und will erst noch leben. Und er –« er sah sie traurig treuherzig an – »er, mein liebes Fräulein, ist eigentlich nie jung gewesen.« »Dann,« sagte Helene fest und gut, »wird er vielleicht jetzt bei einem jungen Weibe die Jugend finden.« »Sie sind so lieb,« blickte er froh auf. Aber gleich sank er wieder in sich zusammen. »Es sind solch schwierige Probleme. Selbst wenn ich annehmen dürfte, meine Pedanterie und mein Mangel an Jugend würden einer Frau erträglich sein – da ist doch noch etwas.« Er blickte sie ganz hilflos an durch seine dicken Brillengläser. »Noch etwas?« fragte sie schelmisch ernst. »Es ist etwas sehr Schlimmes, das man aber doch einmal sagen muß. Der andere Teil muß doch das Vorleben kennen.« »Muß er,« machte sie ihm Mut. »Man hat doch eine Vergangenheit,« gab er Bescheid. »Die hat man wohl,« sagte sie mit großen, ernstdrolligen Augen. »Man hatte jahrelang eine Wirtschafterin –« Helene lächelte fragend: »Hatte man?!« »Es ist ein Kind gekommen.« Da rief Helene fröhlich: »Und da tun Sie hier, als wären Sie gottweiß welcher Bücherwurm!« Er hob seine Augen zu ihr und scherzte zutraulich: »Auch Bücherwürmer sind Menschen, mein liebes Fräulein.« »Na – also,« rief Helene, »wenn sie Menschen sind, dann werden sie sich mit einem anderen Menschen schon menschlich einrichten.« Und auf sprang sie, daß ihre Röcke wippten, stellte sich vor den Professor hin und sagte: »Ich finde, lieber Herr Professor, Sie machen sich sehr krause Ideen von der Ehe. Sie sehen eine sonnige Straße, auf der ein Herr mit seiner lieben Botanisiertrommel behaglich versunken dahinschlendert. Und nun steht da plötzlich am Wege solch junges lockeres Ding, mit einem modernen Riesenhut womöglich, und will den armen alten Herrn mit seiner Botanisiertrommel ganz schrecklich stören.« »Nein, nein,« hob er die Hand, »so – im Gegenteil –« Doch nun war Helene Pahlow im Zuge, und dann ging es immer durch dick und dünn. »Nun will ich Ihnen einmal sagen, wie ich mir eine Ehe denke.« »Ach ja!« bat er. Und das junge Mädchen sprach, und ihr herbes Gesicht ward weich und mild: »Am sonnigen Wege des jung-alten Herrn mit der Botanisiertrommel steht das junge Weib. Das nimmt der wandernde Mann an der Hand. Und nun gehen sie zusammen die sonnige Straße weiter. Und wenn der Mann sinnt, geht das junge Weib fein still neben ihm. Und will gar nicht anders leben als mit ihm und seinen Gedanken. Und will nur, daß der andere immer den guten Wanderkameraden wie einen treuen Schatten, der ihn nicht stört, neben sich fühlt. Vielleicht kann sie ihm auch bei seinem Grübeln dann und wann ein wenig helfen, wenn er es mag. Denn ein klein wenig versteht sie ja auch von seinem Werke. Und in der Abendstunde, wenn die Welt lind und blau wird, dann bleiben sie auf einer Anhöhe stehen und blicken in die Runde und genießen zusammen Hand in Hand die Schönheit der weiten blauen Welt.« Da sprang auch Hancke auf seine langen Beine und rief: »Aber, Fräulein Helene, das ist doch herrlich!« »Ob es herrlich ist!« sagte sie ernst. Und plötzlich strahlte es hell durch die dicken Augengläser: »Wissen Sie, liebes Fräulein, ich glaube, ich bin der größte Esel des Jahrhunderts.« Und Helene lachte: »Diese schwierige Frage mag Ihnen Ihr gelehrter Kollege entscheiden. Ich höre gerade seinen Schlüssel im Schlosse.« Schon trat Faber herein. »Ah, ihr hier?« rief er ahnungsvoll, doch vorsichtig. Denn bei Leuten, die der Liebe dringend verdächtig sind, kann man nie wissen, ob das entscheidende Wort schon gesprochen ist oder nicht. »Verzeiht, wenn ich störe! Tag, Schwägerin, Tag Hancke.« »Guten Tag, Faber,« dankte Hancke. Helene aber sagte ernsthaft: »Herr Professor Hancke hatte eine brennende wissenschaftliche Frage an dich.« »Nanu – an mich?« »Ja,« nickte Hancke vergnügt, »es wußte einer nicht genau, ob er der größte Esel des Jahrhunderts sei.« »Hm,« überlegte Faber mit angestrengter Wissenschaftsmiene, und schalkhaft flimmernde Lichter brannten lustig in seinen braunen Augen, »gleich der größte! Ob das nicht ein bißchen anmaßend ist!« Und lachend fragte er: »Aber, Kinder, wo habt ihr das Fieze-Weib?!« »Der Herr Bob geruhte nicht zu ruhen,« gab Helene Bescheid. Da lief der große Professor hinaus und erfüllte das Haus mit lichterlohem Geschrei: »Hallo – Weib – Freundin – Sonnenschein meiner dunkeln Tage!« Doch schon prallte ihm der Sonnenschein flammend entgegen: »Fritz, du Unmensch! Eben schlafen sie ein.« Und seinen Kopf in beide Hände nehmend, lachte sie: »Nu bist und bleibst doch mein ungezogenster Bub, du vielberufener Professor.« Just, als sie in das Arbeitszimmer zurückkehrten, erschien mit gewaltigem Glockengeläut der Oberst Pahlow. Er ließ sich nicht Zeit, den Säbel im Entree abzulegen, sondern explodierte sofort ins Zimmer hinein: »Kinder, – gratuliere, gratuliere!« Und küßte Sophie und schüttelte Faber die Hand, daß es keine Freude war. »Richtig,« sprang Helene vor und vollstreckte an Faber die gleiche Prozedur, »ich habe dir ja noch gar nicht gratuliert. Vorhin, als du kamst, hat das Eselproblem uns so ganz in Anspruch genommen.« Auch Hancke brachte nun seinen Glückwunsch an. »Kinder,« sagte der Oberst und schnallte ab, »das soll ja eine kolossale Ehre sein. Ich kenn' mich in den Sachen nicht so aus. Aber eben traf ich Professor Menke. Der sagte es mir und meinte: ›Da können Sie stolz sein, der Lehrstuhl ist ein berühmter.‹ Na, wenn Menke das sagt! Da bin ich denn stolz.« Er rieb sich den Schädel mit den kurzen weißen Borsten und marschierte mit sporenklirrenden Schritten durchs Zimmer. »Aber sie wollen ja gar nicht annehmen,« sprang Helene mitten hinein in die Freude. »Nanu?« machte der Oberst scharf linksum kehrt. »Du willst nicht annehmen?« entsetzte sich Hancke. »Ich weiß nicht recht,« zögerte Faber, und die nachdenklichen blauen Schatten um seine Augen wurden violett. »Aber, Fritz,« erregte sich der stille Hancke, »München nicht annehmen mit deinen einunddreißig!« »Sie sind total verdreht,« stellte Helene flugs ihre sachverständige Diagnose. »Laß den Mann doch mal endlich reden!« polterte der Oberst und rückte nahe an den Schwiegersohn heran. »O,« lachte Faber, »ich komme schon zu Wort. Habe Zeit bei meinen einunddreißig. Es lockt ja natürlich sehr. Die großen Verhältnisse dort und gerade München, die Kunststadt, für mein Fach. Die weit größere Hörerzahl, das große Säefeld. Das sehe ich alles.« »Aber?« kribbelte Helene ungeduldig. Sophie stand still neben ihrem Manne und folgte seinen Worten mit ihren verständigen schönen Augen. »Aber,« nahm Faber die Frage der Schwägerin auf, »aber kleine große Helene, es gibt Verpflichtungen.« »Verpflichtungen?« Der Oberst zog aufmerksam die buschigen weißen Brauen hoch. »Gegen wen?« forschte Helene. »Gegen sich, min Döchting,« belehrte Faber heiter, »und gegen den Staat. Unsere Regierung hat mich an diese Universität berufen, als ich noch ein recht unerprobter Dachs von achtundzwanzig war.« »Du warst doch vorher in Basel,« warf Hancke ein. »Gewiß. Aber die erste deutsche Regierung, die Vertrauen zu mir hatte, war unsere Regierung. Und ich weiß nicht – ich habe so das Gefühl, das verpflichtet.« Er reckte sich zu seiner ganzen Sittlichkeit empor. »Hm,« machte der Oberst nachdenklich und zupfte sein fleischiges Ohrläppchen. »Aber, bester Faber,« drang Hancke auf ihn ein, »wenn jeder so denken würde, hört die Freizügigkeit der Dozenten überhaupt auf. Du wirst doch nicht dein Leben lang hier sitzen wollen!« »Leben lang, nein. Aber gleich bei der ersten Gelegenheit, die sich bietet, davonlaufen! Ich habe da irgendwie ein unangenehmes Gefühl. Zumal unser Kultusministerium sich vom ersten Tage an sehr anständig gegen mich benommen hat.« »Das ist verschroben,« erklärte Helene. »Das ist dein lächerliches Anhänglichkeitsgefühl.« Da stellte sich Sophie schützend vor ihren Mann. »Ich verstehe Fritz sehr gut,« sagte sie, und es war wie eine angriffwehrende Liebkosung. »Nicht wahr!« griff Faber froh nach ihrer Hand und Hilfe, »wenn München mich an Stelle des großen Kallmorgen haben will, na, da muß doch wohl etwas an mir sein.« »Stimmt,« lachte der Oberst und bohrte die Hände in die Taschen seiner blauen Reithose. »Na,« pflügte Faber seinen Gedankengang herunter, »ist aber etwas an mir – und das darf ich wohl sagen, daß mein Fach seit meiner Tätigkeit hier der Universität eine Reihe von Hörern zugelockt hat –« »Allerdings,« bestätigte Hancke, »darüber sind wir uns im Lehrkörper alle klar.« »Schön, dann habe ich nach meinem Gefühl meine Kraft doch wohl in erster Linie der Regierung zur Verfügung zu halten, die mir zuerst diesen großen Wirkungskreis und die große Lebenserfüllung verschafft hat. So denke ich.« »Bravo,« applaudierte der Oberst. »Aber, bester Freund,« hob Hancke beide Arbeitshände, »wenn jeder so denken wollte –!« »So denkt eben nicht jeder, Herr Professor,« schmunzelte stolz der Oberst und reckte seine kleine Gestalt. Seine beiden Mädel waren der verstorbenen schönen großen Mutter nachgeraten. »Verrückt,« bezog Helene sich auf ihr früheres sachverständiges Gutachten. Sophie aber schirmte ihren geliebten ältesten Jungen: »Die Frage kann keiner entscheiden, als Fritz allein. Und wenn er seiner ganzen Denkungsart nach hier bleiben muß, dann werden wir eben bleiben.« Und damit gab sie ihrem Manne fest die Hand. Er legt den Arm um ihre ranken Schultern und scherzte: »Ach, Fieze, wenn ich dich nicht hätte, ich verlöre bei diesem Gezeter allen Mut, ›unverrückt‹ meinem Gewissen zu folgen.« Durch den Scherz hörte sie beglückt den dankbaren Ernst. Hancke aber schüttelte die Brillengläser, daß zwei rundliche Lichtscheiben irr über die Wände huschten, und wollte einen neuen Angriff versuchen. Da meldete das Mädchen, daß eine Dame den Herrn Professor Faber zu sprechen wünsche. »Wahrscheinlich wieder eine Hospitantin, die im nächsten Semester belegen will,« rief Sophie und zog mit dem Troß aus des Professors Arbeitszimmer. Das Mädchen führte die Dame herein. XII. Verwundert blickte Professor Faber auf die blonde Frau im schwarzen Reitkleide, die bedrückt an die Tür gepreßt stehen blieb. Er trat ihr einige Schritte entgegen und prallte zurück, als hätte ihn ein Stoß vor die Brust getroffen. »Manja!« Sie hob die grauen Augen verängstigt zu ihm auf: »Ja – ich.« »Du – bei mir?!« Er blieb wie eine Säule festgerammt mitten im Zimmer, Sie drückte sich noch immer an den Türpfosten, Halt suchend. Ihr Blick hastete über den Teppich. »Was führt – Sie – her, gnädige Frau?« erkämpfte der Professor seine Fassung. Da rannte sie mit kleinen gehetzten Schritten dicht zu ihm heran, hob die irrenden Augen und flüsterte: »Fritz, es ist etwas Furchtbares geschehen.« Er fühlte eine ahnende Schwäche in den Knien. »Etwas Furchtbares?!« Er faßte ihren Arm. »Etwas Furchtbares,« wiederholte sie. Die Pupillen brannten schwarzsprühend in dem Weißen Gesicht. Da löste der Mann sich gewaltsam aus der schreckgelähmten Überraschung. »Setz dich und sprich,« bestimmte er mit rauher Kehle und zog einen Sessel für Manja herbei. Dann ging er mit steifen Schritten zum Schreibsessel. Stumm blickten sie sich an. Fast vier Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Endlich begann er mit belegter Stimme: »Was ist denn Böses geschehen, gnädige Frau?« Seine erzwungene Beherrschung strömte auf sie über. Sie beugte sich vor: »Hört hier keiner?« »Nein.« Etwas in ihm zog sich vor dem jähen Eindringling zurück. Und flüsternd schwemmte sie ihren trostlosen Bericht hervor: »Im vorigen Winter erhielt die hiesige Waffenfabrik einen neuen Direktor. Seebeck. Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen?« »Nein.« »Ich traf ihn in Gesellschaft. Er fragte mich sofort, ob ich vor einigen Jahren in Norderney gewesen bin.« Durch des Professors Körper schreckte eine Bewegung. »Dann machte er Bemerkungen, aus denen hervorging, daß er uns damals beobachtet hat.« »Vor vier Jahren?« sagte Faber ungläubig. »Er hat mich sofort wiedererkannt. Er sagte, mein Gesicht vergesse man nie. Und daß du jetzt hier bist, wußte er auch.« »Was dann?« drängte der Professor vorwärts. »Er verfolgte mich den ganzen Winter hindurch mit dreisten Anspielungen. Vor einiger Zeit kam er eines Vormittags zu mir zu Besuch. Wir hatten ihn im Winter zu unserer Gesellschaft geladen. Ich habe es aus Angst vor ihm getan. Er hat mich plötzlich überfallen.« »Was?!« Faber stand steil. »Ich hatte die Reitpeitsche zur Hand.« »Du hast –?« »Ich habe sie gebraucht.« »Bravo!« Des Professors Augen funkelten. »In dem Augenblick trat mein Mann herein!« Der Professor bog sich vornüber und riß mit seinen Blicken die Worte von ihrem Munde. »Er wollte ihn zur Rede stellen. Da schrie der Mensch – ich sei vogelfrei.« Der Professor umklammerte mit den Fingern die Tischplatte und beugte sich noch weiter vor. »Mein Mann hat ihn hinausgeworfen,« »Weiter, Manja!« »Jetzt klagt er.« »Er klagt?!« »Und mein Mann klagt gegen ihn. Es kommt ein Termin. Du sollst Zeuge sein.« Da prallte der Professor in seinen Sessel zurück. »Was? Was?!« Manja nickte stumm und schicksalsschwer. »Ich –«, der Professor bohrte die zeigenden Finger gegen die Brust, »ich soll – Manja, ich soll –!« Sie nickte wieder wortlos, unheilbewußt. Faber wischte mit den Fingern über die feuchte Stirn. »Ich verstehe doch recht, Manja? Ich soll als Zeuge sagen, ob wir –!« »Ja, Fritz,« gab sie ihm die unausweichliche Gewißheit. Dann war eine tiefe angstumhüllte Pause. Sie starrten mit flackernden Augen aneinander vorbei. Plötzlich wippte er auf. »Wie kann er wissen, daß ich –?« »Er weiß es nicht,« belehrte sie leise. »Er ahnt es mit dem Instinkt des Nebenbuhlers.« Dann taumelten sie wieder zurück in das Schweigen der Verzweiflung. Nach einer Weile hob er die verkrampften Hände: »Aber Manja, das ist ja entsetzlich. Wie kann ich dir da nur helfen!« Tränen glänzten in dem Silbergrau ihrer Augen, »Du – Lieber,« flüsterte sie, »du siehst nur die Folgen für mich. Denke an dich! Es wird ein öffentlicher Skandal. Mein Mann muß dich fordern, unter schwersten Bedingungen. Er ist Offizier. Tod kommt und Vernichtung.« Dann war wieder lange ächzende Stille, bis Faber emporsprang. »Es muß etwas geschehen. Ich muß dich retten. Ich muß dich retten, Manja.« »Und dich?« hastete sie hervor. Der Professor lief mit seinen langen Schlitten durchs Zimmer und wiederholte mechanisch: »Retten – retten.« Und sie flüsterte furchtgescheucht in seine Stoßworte hinein: »Ja – ja.« So ging es irre eine Weile. »Wann ist der Termin?« er stand jählings still. »Ich weiß nicht. Es wird aber wohl bald sein.« Der Professor rannte wieder. »Es muß etwas geschehen. Sofort!« Er lief gegen die Tür an und preßte die Stirn gegen das Holz, daß es knirschte. »Was? Was bloß?!« marterte er sein Hirn. Da sagte sie: »Ich habe es mir die ganze lange Nacht übersonnen. Ich fürchte, es gibt für uns keine Rettung.« Er winkte ruhefordernd mit der Hand, löste sich von der Tür und hob die Augen hart überlegend zur Decke. »Laß uns doch nachdenken! Wie denn? Wenn ich nicht hingehe.« »Dann holen sie dich.« »Und wenn ich mein Zeugnis verweigere?« »Wissen sie alles.« »Und wenn ich verreise?« »Warten sie, bis du zurückkommst. Ich habe das alles schon tausendmal durchdacht.« Er hob die Arme. »Aber, mein Gott, was wollen wir denn tun? Wir sind da ja grauenvoll umstrickt.« »Das sind wir, Fritz. In die Ecke sind wir gehetzt, und kein Ausweg ist da.« »Ich kann doch nicht hingehen und einen Meineid leisten!« wehrte er einem aussteigenden Gedanken. »Nein, nein,« echote sie. »Obwohl keinem ein Unrecht damit geschähe. Dieser Lümmel verdiente es. Aber die Heiligkeit der Rechtsordnung. Nein, nein!« Und seine ohnmächtige Wut stürzte sich wie ein blutgieriges Raubtier auf den Mann, der diese furchtbare Not über sie zusammengeballt hatte. »Dieser Hund,« malmte er zwischen den Zähnen und ballte die Fäuste, daß die Haut sich schmerzhaft spannte, »an die Kehle werde ich ihm! Ihn würgen mit diesen zehn Fingern, daß er pfeift wie eine erstickende Ratte. Dieser Schurke, der sich da an den Tisch heranräubern will, den er für einen andern gedeckt glaubt. Dieser Hund! Dieser räudige Hund!« Er stürmte durch das Zimmer. »Laß den Menschen!« sagte sie mit verächtlich verzogenem Munde. »Er ist nicht wert, daß sein Schatten über unsere Abschiedsstunde fällt.« Der Professor setzte sich wieder und stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte, legte die Schläfen in die Handflächen und starrte vor sich nieder. »Auch wenn ich weit fortginge, für immer verschwände, wenn ich meinen Beruf opferte,« flüsterte er vor sich hin, »wärst du verloren.« »Man würde alles wissen.« »Ja.« Da lehnte er sich in den Stuhl zurück und legte die Hände über die Augen. »Wie –« er schnellte auf, »wie, Manja, wenn ich zu deinem Manne gehe und ihm alles sage? Wenn ich ihm erkläre, wie es kam. Daß mich allein alle Schuld trifft –« Sie schüttelte den Kopf. »Alle Schuld trifft immer die Frau in den Augen der Welt. Nein, Fritz, heut ist es zu einem Bekenntnis zu spät. Heute, da uns der Zwang treibt. Damals hätte ich es vielleicht können. Aber heute, nachdem ich ihn vier Jahre lang damit – wie er es ansehen muß – betrogen habe! Nein, ich will nicht als erzwungene reumütige Sünderin vor ihm stehen. Mein Weg ist mir vorgezeichnet, Fritz. Ganz klar und unausweichlich.« Sie kam zu ihm. »Meine Angst und Ratlosigkeit hat mich zu dir getrieben. Ich hoffte töricht, dein genialer Scharfsinn würde etwas Übermenschliches finden. Du weißt, ich habe dir immer Übernatürliches zugetraut.« Sie lächelte weh. »In der Tiefe meines Verstandes wußte ich, daß es eine verzweifelte Hoffnung war.« »Ich sehe nichts,« zerquälte er sein Hirn und blickte tastend im Zimmer umher. »Jetzt bin ich ganz gefaßt,« lächelte sie still ergeben. »Und jetzt, Fritz, freue ich mich, daß ich noch einmal zu dir gekommen bin.« Und rasch legte sie ihre beiden Hände auf des Mannes Schultern, neigte den Kopf dicht zu seinem Gesicht und sagte in Ehrlichkeit bebend: »Es tut mir so weh, daß ich das Schwere, das deiner harrt, nicht mit mir hinübernehmen kann. Wenn dir die Geschicke hold sind, dann wünsche ich dir ein langes reiches Leben. Und das Bewußtsein allerwege, daß du mir die beiden farbenprangendsten Jahre meines Lebens gegeben hast. Fast scheint es mir, als sei der Preis, den ich jetzt zu zahlen habe, dafür nicht zu hoch.« Da faßte der Professor ihre beiden Arme: »Manja –« die Ergriffenheit rüttelte ihn – »du dankst mir! Mir, der dich in dieses Unglück gebracht hat!« Seine Finger umkrallten ihre zarten Gelenke. Sie bewegte leise den seinen Kopf. »Du, Lieber,« sagte sie, »wir wollen nicht von Schuld sprechen. Es ist gekommen, wie es kommen mußte. Wir waren jung und heiß. – Und haben überheblich und selbstsicher mit unserer Jugend gespielt. Wir wollen nicht von Schuld sprechen. Was nun kommt, ist keine Sühne, sondern Folge unseres Glücks. Wir wollen sie tragen.« Da preßte der Mann ihre beiden Handflächen gegen sein eisiges Gesicht. »Manja,« die Worte brachen sich an ihren Händen, »das ist Wahnsinn. Ich lasse dich nicht hingehen und dich töten. Ich lasse das nicht zu. Das ist heller Wahnsinn!« Sie löste die eine Hand aus seiner Umfesselung und strich über seinen gebeugten Kopf. »Wir wollen groß und gelassen jeder unser Teil tragen,« sagte sie schlicht. »Wir wollen überlegen!« er bohrte wieder tief hinein in die Hoffnungslosigkeit. »Ich muß einen Weg zu deiner Rettung finden. Ich muß. Ich muß. Nichts überhasten! Es kommt urplötzlich. Laß mir Zeit!« »Wir finden nichts,« wehrte sie, jenseits aller Furcht. »Versprich mir eins,« drängte er, »daß du nichts Unbedachtes tust –« »Unbedachtes!« Ihre Lippen zuckten schmerzlich. »Daß du nichts tust, vorläufig. Wir haben noch Zeit. Ich habe noch keine Vorladung. Wir haben ja noch Zeit. Ich muß einen Weg finden.« »Lieber,« sagte sie milde, »soll ich all die Tage in dieser Qual umhergehen? Ich habe den ganzen Winter gespenstergehetzt gelebt. Ich habe seit Wochen das Ende gesehen. Nun kann ich nicht viel weiter.« »Du Armes, Armes,« tröstete er und streichelte ihre Hände. Und aufprasselte er, ballte rasend die Fäuste und tobte: »Hätte ich mich doch beherrscht. Ich Tier – ich wildes Tier!« Sie fing wieder seine Hände ein. »Rühre nicht daran!« bat sie. »Laß uns das heilig sein!« Ihre großzügige Ruhe bändigte seine Verzweiflung. Lange sah er sie schweigend an. »Mania,« sagte er endlich, »wenn ich nicht mein armes ahnungsloses Weib und meine Kinder hätte –« »Ja,« lächelte sie, »wenn – wenn –« »Ich würde alles stehen und liegen lassen und dich ans Ende der Welt bergen –« »Ich würde nicht mit dir gehen,« entschied sie herb, »ich könnte nicht aus Furcht von meinem Manne und Jungen davonlaufen.« »Willst du jetzt Besseres tun?« fragte er bitter. »Der Tod heilt durch seine Tragik viel,« sagte sie. »Meines Mannes Verachtung kann ich nicht ertragen. Wenn ich für mein Tun gestorben bin, wird er mich nicht verachten. Inniger kann ich nicht um seine Achtung werben. Er wird es verstehen.« »Ich lasse dich nicht sterben!« trotzte er auf. Da gab sie ihm fest die Hand. »Lebe wohl,« sagte sie, und ihre Stimme bebte sacht, »lebe wohl, Fritz, ich habe dich sehr geliebt! Das fühle ich heute. Lebe wohl, du mein lieber lichter Junge!« Und ehe er sie halten konnte, hatte sie sich losgerissen, war aus der Tür; er stürmte ihr nach – da schlug draußen die Korridortür ins Schloß, Als er sie öffnete, eilten ihre Tritte die Treppe hinab. »Manja,« rief er gedämpft, »Manja!« Da hallten ihre Schritte unten im Windfang. Er eilte zurück in das Entree, griff den Hut vom Ständer und stob die Stufen hinunter. Als er aus dem Hause trat, sah er sie in eine abfahrende elektrische Bahn verschwinden. Mit bleiernen Füßen stieg er zu seiner Wohnung hinauf. XIII. Als der Professor in sein Zimmer trat, drang durch die Tür das warme Lachen seines Weibes herein. Da stahl er sich leise hinaus, nahm wieder den Hut und glitt wie ein überraschter Übeltäter die Treppen hinab. Nur sie jetzt nicht sehen! Nur jetzt nicht in den frohen Kreis eintreten! Nur jetzt keinem seiner Lieben begegnen! Sich erst finden! Sich herausarbeiten aus dieser erstickenden Muräne, nur erst handbreit, um Atem zu schöpfen. Emportauchen aus diesem Grauenvollen, das wie eine Lawine auf ihn niedergebraust war. Nur erst wieder sehen, Augen und Sinne freibekommen! Sich nur erst aufraffen aus dem bedrückenden Wettergeröll, das über ihm aus blauer Höhe lähmend niedergegangen war. Nur erst wieder stehen können und Umschau halten und fühlen, ob die Knochen zerhauen waren. Nur erst wieder stehen! Er ging durch die engen Straßen dieser alten Stadt und suchte des Wirbels in seinen Gedanken Herr zu werden. Ihm fehlte die Kraft. Hundert Einzelheiten, tausendmal gesehen und kaum beobachtet, packten heute nach seiner erstaunt aufzuckenden Teilnahme. Er kam durch eine enge, kaum zwei Meter breite Gasse. Trödler hauste hier bei Trödler in diesen verwitterten hochgiebeligen Urahnenhäusern. Jede vertragene Hose, jede vergilbte Uniform, jede verklungene alte Pendule riß seine nervös gespannte Aufmerksamkeit an sich. Er gelangte zum Strom und überquerte die Nepomukbrücke, ein keckes Plagiat der berühmten Prager Schöpfung, hundertmal war er über diesen Steindamm geschritten mit halb spöttischem, nachsichtigem Lächeln die barocken heiligen Herrschaften in ihren Nischenwölbungen begrüßend. Lange blieb er heute vor einem grotesk vergliederten Märtyrer stehen. Was grinste der alte Knabe so seligwindelweich, wenn ihm so gerädert zumute war! Lange stand er davor und schüttelte den Kopf über diesen sonderbaren spät-mittelalterlichen Fakir. Und die heilige Veronika, die ihr Schweißtuch wie einen Putzlappen ausstaubte! Aber der Kopf auf dem zeitzerfressenen mottigen Körper war sein. Zumal diese niederschwebende Nackenlinie. Lange genoß das freudige Auge des Professors diese nie geschaute Schönheit. Ein Zug bummelnder Studenten stelzte in seiner putzigen Wichtigkeit vorüber. Die weißen Stürmer sanken in eckig abgezirkelten Winkeln grüßend vor ihm nieder. Er zog den Hut und sah dem Troß aufmerksam nach. Wie komisch diese zeitrecht gehobenen und niedergesetzten Beine sich ausnahmen! Zu komisch! Er ging weiter. Lugte zum hundertsten Male andächtig empor zu dem rosenumhegten wunderfeinen Erker der uralten Weinschänke »Zur roten Rose«. Wie das aus der Fassade herauswuchs! Zart und dabei wuchtig und so natürlich aus der Mauer herausgegliedert. Eine schöne alte Stadt, nickte Faber ergriffen. Er blickte sich um in der Runde. Reben sah man hier, wo der Strom freien Ausblick gewährte, rings die sanften sonnigen Höhen hinanklimmen. Eine gesegnete freundliche Stadt. Er stieg den Steinweg zum Bischofspalais unter breitschattenden Kastanien hinauf. Dachte an die mittelalterliche festliche Bischofsstadt, die unter ihm zurückblieb, machte alle zehn Schritte halt und ließ seine Forscherfreude um die ragenden schlanken Kirchtürme flattern. Dort stieß sein alter Liebling, die Kathedrale, ihren Viereck trotzig in den blauen Himmel. Wie einen Armstumpf. Er ging, und sein Wissen spann an den seltsamen Bauschicksalen dieses gotischen Wunders. Und wußte doch während all dieses müßigen Gedankenstiebens, daß es etwas ganz anderes zu bewältigen galt. Und fühlte bei jedem Schritt die raffende Gewalt, die sein Verstand sich antat, mit allen Tastern den schwarzen Klotz zu umspinnen, der sich schwer und schmerzend mitten ins Hirn einkeilte. »Ich muß Zeuge sein,« sprach er laut vor sich hin, seinen flatternden Gedanken das Fangnetz der Worte überzuwerfen. Aber schon freute sich sein Auge an dem goldenen Glitzern der Sonne da draußen auf dem breiten, doch noch jung und ungestüm strömenden Flusse. Er durchschritt das Renaissancegitter des Schloßparkes. Die blendende Glut des Julitages sprühte von den glimmernden Kieseln wider. Faber beugte sich zur Erde und beobachtete eine emsig ausgreifende große Spinne. Wie die langen Füße sich streckten, die Steinchen umklammerten, als Prellblöcke benutzten! »Ich muß Zeuge sein,« sprach er wieder laut und faltete gemächlich die Hände hinter dem Rücken. Dann saß er auf einer Anhöhe und blickte hinaus in das lichtumsponnene deutsche Land. Der Horizont braute in weißem Mittagsdunst. Doch man ahnte das Blau der Berge. Er warf den Hut neben sich auf die Bank. »Ich soll Zeuge sein –« redete er ohne Bewußtheit vor sich hin. Da sah er plötzlich das klare Gesicht seines Weibes vor sich. Und Nebel rissen, und Klarheit ward. Ihm war, als öffneten sich weite Tore in seinem Kopfe. »Fieze,« flüsterte er vor sich hin und reckte die gefalteten Hände. »Was ist da über uns beide gekommen! Mein Gott, Fieze!« Und da wußte er es. Ja, zu ihr eilen, es ihr beichten und ihren klugen unfehlbaren Rat hören. Er war kein Weiser in Weltdingen. Nie gewesen. Sie hatte oft schon ihre mild ordnende mütterlich-nachsichtige Hand auf manche Wirrnis seiner Künstlertorheit gelegt. Ja, zu ihr! Sie wußte Hilfe. Sie sicher, mit ihrem weitschauenden unbestechlichen Lebenstakte. Er sprang auf und eilte den Abhang hinab. Doch an der Biegung blieb er zaudernd stehen, »Es gilt Tod und Leben,« zögerte er, »es kommt zum Duell. Soll ich sie mit dieser gefahrdrohenden Zukunft belasten? Und wenn sie dennoch keine Hilfe weiß, was dann? Was soll dann werden? Soll sie dann diese zitternde Sorge um mein Leben durch die Tage schleifen?« Er kehrte um und stieg langsam wieder hinan. Nein, das war Mannessache. Das hier war allein Sache eines Mannes! Er raffte sich auf. Herrgott, er hatte seinen Jungens so oft geraten in ihrer Bedrängnis. Nun sollte er in seiner Not den rechten Weg nicht finden! Er setzte sich wieder auf die Bank. Da griff ihm der Schreck eisig ans Herz. Jeden Augenblick konnte Manja das Schreckliche vollbringen! Er mußte sie anrufen, telephonisch, irgendwie – ehe diese rohe Sinnlosigkeit die ruhig-schöne Sommerwelt verdunkelte. Er wußte plötzlich, daß er eilen müsse, rennen, stiegen, diese blutige Tat zu hindern. Doch er rührte kein Glied. Mit leeren Händen nahen! Was nützte das? Wenn er nicht die Rettung hoch wehend in Händen hielt, was nützte das! Er riß sich heftig zusammen. Denken, schnell, schnell, denken! Ja, das vielleicht. Wenn er zu Seebeck, dem Direktor lief, ihm alles aufdeckte, wenn er diesen schmachvollen, würdemordenden Gang tat, ihn um Schonung bat, statt ihm an die Gurgel zu fahren, ihm darlegte, daß Manjas Leben an seiner Gnade hing. Ein Unmensch konnte er nicht sein. Er würde die Klage zurücknehmen. Faber erhob sich. Hm, und wenn er es nicht tat? Was dann? Dann war das Geheimnis preisgegeben. Dann hatte der Mensch seine Gewißheit statt der Vermutung, und er hatte sein Menschentum vor diesem Hunde in den Kot gezerrt. Manja hatte ihn mit der Reitpeitsche traktiert, der Baron hatte ihn hinausgeworfen! Wenn er seine Rache schlürfen wollte um jeden Preis – was dann? Der Professor lief in kleinem Kreise auf der einsamen Anhöhe rundum. »Sie stirbt – sie stirbt –« ächzte er, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren vor Angst und hastigem Grausen. »Ich muß sie anrufen. Ich muß etwas finden. Schnell – schnell!« Sein Hirn raste fiebernd. Er preßte beide Hände an den Hinterkopf. Was würde Fieze raten, Herr des Himmels, was würde sie raten? Starr blickte er nieder auf einen diamantsprühenden Kiesel. Seine Augen wurden weit und traten schier aus den Höhlen. Die Gedanken überstürzten sich. Grundgütiger – wie – das war doch – aber ja – das war doch ein Weg! Der rettete alle. Manja und sein Weib und die Kinder und ihn. Er nahm auf ein Jahr Urlaub, jetzt, heute, sofort, ehe die Ladung kam, eine Studienreise, nach Italien, Spanien – weitere Einblicke in Grecos Werk – freilich seine »Jungens« würde er vermissen – aber es galt Manjas Leben – heiliger Geist des Lebens, dann war doch alles gut – das konnte keinem auffallen, daß er auf Urlaub ging, wenn er von seiner Vorladung noch nichts wußte! Unterdessen kühlten sich die Gemüter ab – der Haß und Zorn verlohte – er würde umherreisen – durch das Konsulat konnte er dann auch nicht vernommen werden – Zeit war gewonnen, alles war gewonnen. Er rannte wie ein Junge den Abhang hinab. Rettung – Rettung. Er trug das Ölblatt in seinen Händen! Daß sie nicht gleich darauf gekommen waren! Natürlich, das Nächstliegende. Darauf stieß man immer erst, wenn man sich auf martervollen Irrwegen die Füße blutig gerissen hatte. Jetzt nur fort, ehe die Ladung kam! Die Berufung ablehnen, in München konnte er nicht gleich mit einem Urlaubsgesuch beginnen. Aber natürlich doch. Hier würden sie ihm mit Freuden das Jahr bewilligen, zum Dank, daß er blieb. Ende des Monats begannen die Ferien – er konnte auch früher sein Kolleg schließen – Unwohlsein vorschützen – und fort – Fieze kam mit den Kindern nach – – Er lief noch immer durch den Park. Jetzt kam die Allee zur Brücke hinunter, hinüber – langsam, langsam, die Leute guckten schon – drüben war ein Zigarrenladen – Er klingelte Manja an. Am Hörer erschien der Diener. »Frau Baronin zu sprechen?« »Ich weiß nicht. Gnädige Frau ist nicht ganz wohl. – Bitte, wer ist dort?« Er zauderte einen Augenblick. Es half nichts. Er mußte seinen Namen nennen. Sie kam sofort. »Rettung!« rief er nur. »Ich weiß etwas.« Er hörte deutlich, wie ihr Atem aufjubelte. »Was ist es?« »Wir wollen uns sprechen,« riet er vorsichtig und sprach französisch. »Nicht durch das Telephon. Komm nachmittag zu mir!« »Ich möchte nicht wieder in deine Wohnung kommen,« bedachte sie, »man könnte mich sehen.« »Komm in den Bischofspark! Dort ist es einsam.« »Wann?« »Nachmittag um vier.« »Gut. Und Dank – Dank!« Rettungsberauscht, wie ein Kolumbus, der das Land im Westen als Nebelstreif am Himmel auftauchen sieht, schlenderte Faber nach Hause. Gottlob, das war ein befreiender Gedanke zur rechten Zeit. Und alle seine plötzlich entspannten Empfindungen strömten seinem Weibe zu, das er liebte mit starker leidenschaftlicher Innigkeit. Er sann. Wie war das anders gewesen, was ihn einst mit Manja verbunden hatte! Soviel jünger war er damals gewesen, sechs Jahre. Eine lange Zeit der Reife, wenn es die Jahre von fünfundzwanzig bis einunddreißig sind. Er hatte im Grunde immer verehrend zu der gelehrten feinen Frau aufgesehen, bis endlich seine kraftvolle Urnatur ihn hingerissen hatte. Doch seine herrlich-irdische, mütterlich-frohe Fieze, die ihm seine beiden Buben heldenhaft lächelnd geboren hatte, sie liebte er warm und ebenbürtig, treu und wetterhart, wie er die sommerwarme Scholle liebte, die ihm Gott-Natur und alle Heiligkeit der Welt war. Er trat in einen Blumenladen und kaufte rote schwellende Hochsommerrosen. Frohgemut pfeifend öffnete er die Haustür und trat in sein Zimmer. Nebenan war es still. Er öffnete. Sie waren fort. Alle. Er lief in die hinteren Räume und rief nach seinem Fieze-Weib, die Rosen wie rote Freudenfeuer schwenkend. Da öffnete die Köchin die Küchentür. »Frau Professor ist mit den Kindern in den Stadtpark gegangen. Sie ist pünktlich um zwei zu Tisch zurück.« Ein wenig enttäuscht zog er mit seiner Festflammengarbe in sein Zimmer zurück. »Wollen wir mal gleich nach München schreiben,« murmelte er vor sich hm, »und an die Fakultät hier wegen des Urlaubs!« Er trat an den Schreibtisch. – Die Rosen fielen aufklatschend zu Boden, der Professor schwankte sacht hin und her. Auf dem Tische lag ein geschlossenes Schriftstück mit einem Dienstsiegel. Schwer sank er nieder in den Sessel. Das war die Ladung. Er wußte es. Er brauchte die Umhüllung nicht zu lösen. Er wußte es. Nun war alles vorbei. Wenn er jetzt um Urlaub einkam, durchschaute ihn jedes Kind. Das war elende Flucht. Dann war Manja genau so verloren, wie wenn er zu Gericht ging und sein Zeugnis verweigerte. Dem Professor fielen beide Arme hilflos über die Seitenlehnen des Sessels herab. So saß er, bis die Klingel frohlockend Sophies Heimkehr durch das Haus kündete. XIV. Erhitzt und blühend trat sie herein, Seine Winzigkeit auf dem Arm, Herrn Bobs rotes Rundköpfchen vor ihren Knien einhertrippelnd. »Da sind wir!« lachte sie, heiß vom Wege und von achtender Sorgfalt. »Du bist ja vorhin so sanglos entschwunden.« Seine Niedlichkeit flog auf den Papa zu und rief: »Aha – aha!« was aus seiner bündigen Individual- in die umständliche Universalsprache übersetzt hieß: »Ich will auf deinen Knien reiten, hochzuverehrender Papa!« Langsam beugte Faber sich nieder und hob das Kind zu sich empor. »Wer hat denn die wundervollen Rosen da auf den Teppich geworfen?« staunte Sophie. »Sie sind mir hinuntergefallen,« sagte er, ohne aufzublicken, stellte den verwunderten kleinen Kerl auf die dicken bloßen Beinchen und hob die Blumen auf. »Sind die für mich?« staunte die junge Frau in glücklicher Schelmerei. Da sah er auf in ihre freudeverklärte Schalkheit. Und plötzlich empfand er die Unmöglichkeit, mit seiner blöden Schauertragödie in ihre lachende Ahnungslosigleit hineinzutolpatschen. Er zwang ein armseliges Lächeln hervor und nickte. Da legte sie den einen freien Arm um seinen Nacken und zog sein Gesicht an ihre junge Brust. Und Seine Winzigkeit auf dem andern Arm krähte, und Seine Niedlichkeit hob die Hände und johlte, und dem Manne an ihrem pochenden Herzen ward angst und weh. – Bei Tisch konnte seine gewaltsame Beherrschung und bitterbange Heiterkeit ihre sorgende Achtsamkeit nicht täuschen. Sie legte die Hand auf seine ruhelosen Finger: »Was ist dir, Lieber?« fragte sie zart und hilfsbereit, »ist es diese Berufung, die dir so kummertiefe Stirnfalten gräbt?« Er hob den Kopf und sah sie an mit einem Blick, der an ihr vorüber suchend ins Weite glitt. Sollte er – sollte er ihr es sagen? Alles – alles. War sie nicht sein Weib, mit der er sich verbunden hatte, Freude und Leid zu tragen! War sie nicht der kluge besonnene Berater seines Lebens! Sie wußte, daß er nicht als keuscher Mann in die Ehe getreten war. Sie würde auch jene Verfehlung sofort in ihre alles verstehende Milde nehmen. Er blickte ihr in die schwarzen feuchtglänzenden Augen und sagte: »Es ist die Berufung.« Nein, er konnte es doch nicht. Ihren jungen Mutterschultern diese zermalmende Verantwortung aufbürden! Tiefe verzweifelte Gewißheit, daß ein armes Weib, zwei Gassen entfernt, mit dem Tode rang, den er, ja doch er schließlich verschuldet hatte. Und dabeistehen, jeden Augenblick ahnen: jetzt – jetzt geschah das Entsetzliche, und nicht zuspringen, helfen, retten können, zugaffen müssen, ohne den Finger rühren zu können. Nein, nein, in diesen folternden Wahnwitz konnte er ihre heitere Ernsthaftigkeit nicht hineinreißen. Nein, nein! Und sie sprach von der Berufung, erwog Gründe und Gegengründe, während er sein Hirn nach einer Rettung auskelterte. Endlich, als sie erkannte, daß er nicht auf ihre Worte hörte, überließ sie ihn klug seinem Grübeln. Gleich nach dem Essen verabschiedete er sich: »Ich muß mich klar laufen,« entschuldigte er mit einem schwachen Lächeln. Und noch über das Treppengeländer fort tröstete sie ihm nach: »Was du mir auch bringst, München oder Bleiben, mir ist es willkommen, wenn du es nur in Glück und Zufriedenheit bringst.« Auf der Straße wurde er still und besonnen. Er kam an einer Uhr vorbei und sah, daß es kurz nach drei war. In weniger als einer Stunde sollte er Manja begegnen. Er empfand deutlich, wie in der Brust der Herzschlag aussetzte. »Ruhig, ruhig,« sprach es in Worten in ihm, »jetzt aber endlich Mannhaftigkeit und Ruhe!« Er ging weiter und dachte: sie wird erlöst auf mich zukommen, das arme Weib. Meine Botschaft war ihr ein Rettungstau beim Versinken. Sie liebt das Leben, o, wie sie immer ihr wissensreiches Leben geliebt hat! Neugeboren wird sie mir entgegeneilen – und ich werde wieder dastehen wie heute morgen mit leeren Dummejungenhänden. Sie erleidet ihren Tod zehnfach. Wie ein Spielball wird sie herüber und hinüber geschleudert vom Leben zum Tode, vom Tode zum Leben. Er schritt immer weiter, denselben Weg, den er am Mittag gegangen war. Noch jetzt hatte er sich fest in der Hand. Wie bei der Durcharbeitung einer wissenschaftlichen Frage zwängte er sein Denken in logisch geordnete Bahnen. Vorwärts! Und plötzlich dachte er durchdringend klar: »Ich kann noch immer davonlaufen, trotz der Zusendung der Ladung. Ja, das kann ich. Dann rette ich mich für mein Weib und meine Kinder.« Er ging einfach mit ihnen fort – mochten sie alles ahnen und erraten – hinter ihm die Sintflut – Manja – wie ein scheues Pferd vor dem Hindernis wollten seine Gedanken hier ausbrechen. Er ballte die Fäuste und hielt sie an der Kandare. Weiter – keine Gefühlsduselei – kaltblütig die letzten Konsequenzen durchdenken: – Manja war dann verloren – nein, nein, keine falschen Wattepolster um das Gewissen wickeln, keine lügenhaften Kompressen auflegen: sie starb, das wußte er, sie war nicht die Frau, die als ertappte Sünderin vor ihrem Manne stand, sie nicht, das wußte er. – Also sich nichts vorlügen, weiter im Gedankenzuge! – Doch ihm konnte nichts geschehen. Er brauchte nicht als Zeuge aufzutreten, ruinierte nicht in einem öffentlichen Skandal seine Dozentenlaufbahn – wenn er nach ein, zwei Jahren zurückkam, war alles vergessen. Wer bewahrt jahrelang über ein Grab hinaus seinen Groll! Ja, das war ein Weg ins Freie. Er ging immer weiter, schon war er auf der Brücke. Pfui Teufel, davonlaufen wollte er! Um sich seinem Weibe und seinen Kindern zu erhalten. Und Manja rücksichtslos dem Verhängnis in den Rachen werfen? Nein. Nein doch! Das war Schufterei, trotz Weib und Kindern. Ja, aber was? Was sonst? Er bog zur Bischofshöhe empor. Wie, wenn er vor dem Termin starb? Es war ja Wahnsinn. Aber wenn er starb! Dann war Manja gerettet. Wenn er die Berufung nach München annahm – das würde täuschen – deutete hoffnungsvoll in die Zukunft. Wahnsinn! Wahnsinn! Er machte nächsten Sonntag wie oftmals eine Tour in das nahe Hochgebirge und verunglückte. Ein Absturz. Keinem würde das auffallen, niemand Verdacht schöpfen. Ja, mein Gott, war das nicht seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit dieser Frau gegenüber, die sonst sterben mußte! Ihrer ganzen Geistesrichtung nach in dieser Schmach der Entdeckung nicht leben konnte! Er wischte den Schweiß von der Stirn. Die Kinder waren klein. Materiell war für sie gesorgt. Sie würden ihn nicht vermissen. Ihre Erziehung lag in guten Händen. Aber Sophie, sein junges Weib, das ihn liebte, so liebte, wie nur Frauen von ihrer Reinheit lieben können. Ihr zerbrach er das Leben. Nein, nein. Keine Schleier! Dem Grauen scharf ins Auge geschaut! Ihr zerbrach er das Leben. Sie gehörte nicht zu den Naturen, die sich mit Kummerbrocken trösten. Sie zerbrach mit ihrer Ehe. Gewiß, er konnte auch ohne dieses Furchtbare jeden Tag sterben. Dann war es ihr Geschick, an dem ihr Leben zerschellte. Ja doch, auch diese Verstrickung war Schicksal. Aber es lag doch nun, jetzt, in diesem grimmigen Augenblicke, in seiner Hand, da – auf seinem Handteller lag es. Er wollte Sophie einmal aus seinem Leben ausschalten. Dann sah er klarer. Wenn er jetzt unverheiratet wäre, und Manja käme und müßte ohne die Tat sterben – müßte sterben nach der Notwendigkeit ihres Charakters – über die nur sie allein zu entscheiden hatte – ohne Zögern würde er für sie sterben. Ja, nach all dem Unvergeßlichen, das ihre Liebe ihm einmal gebracht hatte, würde er es tun, ohne mit der Wimper zu zucken. Ja, aus Pietät gegen die Verklärung seiner jungen Tage würde er es tun. Und wegen des Endes! Das war sein Verschulden. Gewiß, er hatte nie die Gedanken zu ihrer Reinheit erhoben. Nein, nein. Sie war ihm heilig gewesen in ihrer ernsthaften Gelehrsamkeit und ihrem liebreizenden Frauentume. Wie ein wunderzartes Gefäß mit kostbar edelm Inhalt hatte er sie behutsam schützend in Händen gehalten. Und dann kam dieser trübe Regentag, als der Abschied sie so verzagt wehmütig stimmte, als sie vor ihm stand und in tapferer Schelmerei ihren Schmerz hinter den Gittern des Scherzes zu verschanzen suchte. »Und in dem Regen ließest du mich allein –« hatte sie mit zuckenden Lippen zitiert. Immer wieder, bis das Lächeln in der Trauer ertrank. »Und in dem Regen ließest du mich allein –!« Ja, da hatte er sie auf diese armen wehen bebenden Lippen geküßt. Und mit der Berührung ihres Mundes brach in dem Schmerze, daß sie ihm nun wieder genommen würde, auf Monate, aus Jahre, die künstlich zurückgedämmte Wildheit seiner aufsiedenden jungen Kräfte über sie herein. Ja, es war eine Schuld. Sie forderte Sühne. Das Leben war oft bitter gerecht, nicht nur in Bilderbüchern. Er war kein feiger Schuft, der sich den Folgen seiner Handlungen entzog. Forderte die Tat in übertriebener Grausamkeit den Tod, gut! Er war nicht der Mann, der mit dem Geschick um den Preis hökerte und feilschte. Ob er seinen Jungens noch viel zu geben hatte, ob er noch ungehobene Reichtümer in seinem Wissen barg, – mein Gott, wer glaubt das von seines Lebens Inhalt nicht! Nein, wenn er frei wäre – dann rettete er, ohne mit der Wimper zu zucken, die Frau, die einmal das Licht und das erwartende Herzklopfen seiner jungen Tage gewesen war. Das tat er, so wahr er sich noch niemals selbst betrogen hatte. Aber jetzt! Manja hatte mit schmerzgekrümmten Fingern die Bande zwischen ihr und ihm zerrissen. Er ehrte ihre Sühne. Lange nachher noch hatte er unter seiner verlangenden Liebe gelitten. Dann kam das Leben und sein fordernder Beruf und die trostmilde Zeit. Und aus der schmerzenden Liebe wurde ein still und dankbar gedenkendes Glimmen. Er war sechsundzwanzig! Das Leben riß ihn hinein in sein Strömen, das Abgestorbenes schonungslos verspült. Er war Sophie Pahlow begegnet und liebte sie. Und nun, nun sollte er sie opfern? Der Fremdgewordenen opfern? Seiner früheren Liebe opfern? Einer Frau, die ihm heute nur noch eine linde liebe Wehmut war, wie die verflogenen Träume seiner Zwanzig! Ratlos schnurrte sein Hirn, während er in den Wegen des Parkes einherlief. In wenigen Augenblicken kam Manja, mit leuchtenden Augen, seine Glücksgabe zu nehmen. Und er stand da, nichts als tausend blutige Zweifel in Händen. Er rannte im Kreise umher, immer auf denselben Wegen und mied die Anhöhe, auf der er Manja treffen sollte. Erst die Lösung finden, die Lösung finden! Von den Kirchtürmen unten im Tale schlug es vier. Rasch, rasch die Erlösung finden! Vor Hast und treibender Eile kam ihm kein Gedanke. Zerschlagen, mit zermürbtem Gehirn ging er endlich, als es ein Viertel schlug, der Anhöhe zu. Sie saß auf der Bank und blickte mit hellen Augen nach ihrem Erlöser aus. Als sie ihn mit gebeugtem Haupte, wie einen alten Mann, die letzte kleine Steigung erklimmen sah, als er vor ihr stand und das vergrämte Gesicht zu ihr erhob, verschwelten die Freudenfanale in ihren Augen zu einem qualmigen Düstergrau. »Fritz,« schrie sie auf, »hast du mir das nur gesagt, um mich zurückzuhalten?« Er schüttelte schwer den Kopf. »Wir wollen tiefer in den Park hineingehen,« zeigte er marklos und schritt voran. Schreckensblind ging sie hinter ihm drein. Als sie in die geheimnisvollen Pfade kamen, blieb er stehen. »Ich hatte einen Weg,« wandte er sich zu ihr zurück. »Wollte sofort, noch heute, Urlaub nehmen, ehe die Vorladung kam. Dann konnte durch den Zustellungsschein sofort festgestellt werden, daß ich die Absicht zu verreisen hatte, ehe ich die Ladung erhielt. Daß wir zusammen gesprochen haben, weiß keiner?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich wäre noch heute oder morgen abgereist, hätte Überanstrengung vorgeschützt, wäre ein Jahr fortgeblieben, wenn nötig auch zwei, drei. Gründe hätten sich gefunden, die Sache Ware eingeschlafen, in jedem Falle wäre Zeit und damit vieles gewonnen. Ich rief dich von unterwegs an –« »Ja – und?« drängte sie mit Erregungsflecken auf den Wangen. »Als ich nach Hause kam, lag die Ladung auf dem Tisch.« Sie sagte nichts. Wie ein stillverzweifeltes Einknicken war es. Stumm schritten sie nebeneinander her. Nur ihre Röcke rauschten und knisterten lebendig. Endlich sagte sie mit ergebener Ruhe: »Dann stehen wir an demselben Punkte, an dem wir heute morgen standen.« »Nein, nein!« rief er lebhaft. »Jetzt habe ich die Sache durchsonnen.« Und die Hand einend auf ihren Arm legend, bekannte er: »Ich will zu dir heute so ehrlich sein, wie ich es damals war in meinen Briefen, in allen meinen Gedanken und meinen Worten.« Sie nickte leise, fragend, staunend. »Meine Person will ich ganz ausscheiden,« begann er. »Es handelt sich allein um mein Weib, meine Kinder und um dich.« Sie wandte den blonden Kopf und nahm ihn fest in die Augen. »Es gibt einen Weg, dich zu retten.« Sie blieb stehen. »Wenn ich nicht zu dem Termin komme.« »Dann holt man dich.« Sie schritt weiter. »Wenn man mich nun aber nicht holen kann, weil ich dort bin, wo selbst das Gericht keine Gewalt mehr hat?« Sie zuckte zusammen. »Bleibe ruhig!« bat er. »Wir wollen es wie eine wissenschaftliche Frage erörtern. Nur keine Gefühle hineinmengen! Wir wollen es zu lösen versuchen, wie wir früher philosophische Probleme bis zu ihrem letzten Kern zu enträtseln versucht haben.« »Nein,« wollte sie einwenden. »Laß!« schnitt er ab, »ich will es dir klarlegen. Verunglücke ich vor dem Termin, dann bist du gerettet. Du brauchst nicht Zeugin zu sein, keiner kann gegen dich auftreten. Die Sache verläuft im Sande. Als Opfer fällt mein Weib.« Er schwieg hart. »Und das ›Oder‹?« forschte sie ruhig. »Das ›Oder‹? Ich denke nur an mein Weib, reise trotz der Zustellung ab, bleibe fort, zwei, drei Jahre wenn nötig, und rette mein Weib.« Sie hob wieder den Kopf. »Ich sehe da keinen Konflikt.« »Du siehst keinen Konflikt?« »Nein, Fritz. Wie kann die Entscheidung zweifelhaft sein! Du hast jetzt allein an dein Weib und deine Kinder zu denken. Du reist noch heute!« »Du Liebe,« sagte er und strich zag über ihre Schultern. »Du sprichst wie mein Herz. Aber mein Verstand und mein Mannestum erheben dagegen die Fäuste.« Ihr Mund wurde energisch wie dann, wenn sie wissenschaftliche Fragen entschied. »Es bleibt alles beim alten,« sagte sie. »Ich habe geglaubt, du, der du mir schon einmal das Leben geschenkt hast, du könntest es mir heute zum zweiten Male geben. Aber du bist doch auch nur ein Mensch. Das habe ich schon früher einmal vergessen. Es soll kein Vorwurf sein,« fügte sie schnell bei. »Und nun sprich nichts mehr! Wir wollen noch eine Weile nebeneinander gehen und des andern Nähe fühlen, und dann – wollen wir scheiden. Und du reist weit fort – und« – sie lächelte verklärt tapfer, »ich auch.« Ein sommerwarmes Summen und Zittern war in der Luft. Sie ging mit klaren Augen, er mit grübelnd gesenkten Lidern. Plötzlich warf er den Kopf zurück, seine Gestalt straffte sich; all das Alte, hilflose fiel von ihm ab, die Adlernase ragte scharf und kampftrotzig aus dem entschlossenen Gesicht. »Ich habe mich gefunden,« sagte er ruhig. »Es brach so plötzlich heute morgen über mich, dieser Schwall, und riß mich über Bord. Jetzt habe ich mich aus den Fluten herausgearbeitet.« Sie lächelte. »Ich wußte, du bist groß.« »Ja,« sagte er bitter, »mein Weg verlangt Größe. Es gibt kein Schwanken. Dir brauche ich kein Wort darüber zu sagen, daß es nicht Feigheit ist, die diese Entscheidung fallt. Wenn ich einem meiner Studenten raten sollte, ich müßte ihm sagen: Steh zu deinem Weibe und zu deinen Kindern!« Sie gab ihm wortlos die Hand. »Ich werde nicht fortlaufen,« sprach er weiter, »und mich keiner Rechenschaft entziehen. Dagegen spricht mein ganzes Leben. Hier werde ich ausharren und meine Folgen tragen, tapfer wie du. Freilich weiß ich, daß es nicht zum Termin kommen wird, wenn du – gegangen bist.« Aber plötzlich überwältigte ihn wieder das Unmögliche seiner Entscheidung. »Herrgott,« knirschte er, »ich kann dich nicht hingehen und sterben lassen. Du mußt mit deinem Manne reden. Du mußt, es gibt kein anderes Mittel! Oder fahre weit fort, dann werde ich mit ihm sprechen. Er ist ein kluger menschlicher Mensch.« Sie schüttelte wieder das blonde Haupt. »Denk an deinen Jungen!« bat er eindringlich. Sie schwieg bleich. Ihre Lider röteten sich. »Ihn verliere ich in jedem Fall,« sagte sie endlich. »Er wird ihn meinem – Einflusse entziehen.« Wieder schritten sie stumm nebeneinander. Da beichtete sie ihre Gedanken. »Wenn es für meinen Jungen oder meinen Mann besser wäre, stellte ich meine Gefühle zurück, würde bekennen und wie eine entlassene Magd aus dem Hause gehen, dem trüben Leben der verjagten Frau entgegen. Ich brächte das Opfer. Aber wie es jetzt liegt: wenn ich am Leben bleibe, und Seebeck und seine Freunde erhalten ihre Gewißheit – wer kann das verhindern? – ist meines Mannes Leben verpfuscht. Wenn sie erst soweit gegangen sind, gehen sie ihren verruchten Weg bis zum grausamen Ende. Es kommt zum öffentlichen Skandal. Mein Mann wird kompromittiert. Er muß seinen Abschied nehmen. Er ist ein toter Mann. Gehe ich aber – ach, Lieber, der Tod macht Heilige aus Sündern! Dann wird man mich beklagen und Frieden über all dieses Wilde decken. Laß, ich kenne die Menschen. Und meinen Jungen! Dem bin ich im Tode mehr. Bleibe ich am Leben, so werde ich ihm ein warnendes Beispiel der Schlechtigkeit. Dafür wird gesorgt werden. Im Tode werde ich die arme frühverstorbene Mutter werden, die als ein leuchtendes Vorbild vor ihm wandelt. Und obwohl ich allen, die mir lieb sind, auch dir, nütze, soll ich diese Last auf mich nehmen, diese Schmach und Erniedrigung, dieses Verjagtwerden und unstete Leben draußen irgendwo einsam in der Fremde? Nein, lieber Freund, das kannst du nicht verlangen!« Er schwieg. Was sollte er diesen Gründen entgegenhalten! Nach einer Weile sagte er: »Manja, warte wenigstens noch! Vielleicht geschieht irgend etwas. Bei solchem Prozeß kann man das nie wissen. So vieles kann dazwischen kommen.« »Glaubst du an Wunder?« lächelte sie schmerzlich und blickte ihm in die Augen. »Nein, aber daran, daß vieles im Leben sehr wunderbar geschieht. Und daran, daß der Schritt, den du vorhast, das Allerletzte ist. Damit hast du Zeit. Setzen wir uns eine Frist! Am 14. Juli ist der Termin. Lassen wir die Entscheidung bis zum zwölften!« »Und dann?« »Dann nehmen wir unser Schicksal auf uns. Willst du mir diese letzte Bitte erfüllen, Manja? Ich weiß, daß es noch ein Opfer mehr ist. Ich sehe jede Stunde dieser furchtbaren Tage mit ihrer Qual und ihrem Grauen vor dem Kommenden. Aber nimm es auf dich! Solange wir leben, lebt die Hoffnung.« Da reichte sie ihm die Hand. »Ich will es tun, Fritz, um all des Leides willen, das ich über dein Leben gebracht habe.« Da wurden dem Manne die Augen feucht. XV. In dem Arbeitszimmer des Professor Faber saß um die gleiche Zeit der Regierungspräsident von Ingenheim vor Sophie Faber. Schon am Vormittag war die Kunde von Fabers Berufung auf das Amt gedrungen. Sorgenvoll und erregt ließ der Dezernent für Kultusangelegenheiten sich bei dem Chef melden. »Herr Präsident,« ereiferte sich der Regierungsrat, »der Mann darf uns nicht fort! Solange ich denken kann, ist nicht soviel Kunstgeschichte bei uns gehört worden. Sämtliche Fakultäten belegen bei ihm, von seinen Publika gar nicht zu reden. Wir dürfen den Mann nicht gehen lassen, ohne die ernsthaftesten Vorwürfe seitens der Zentralbehörde zu gewärtigen.« Der Präsident sah gedankenvoll den blauen kunstvollen Ringen seines Zigarrenrauches nach. »Hm, lieber Kollege,« machte er. »Ich gestatte mir, Herr Präsident, die gereizte Verfügung des Herrn Kultusministers gelegentlich des Wegganges Weigls nach Leipzig in Erinnerung zu bringen, in welcher uns ziemlich unzweideutig vorgehalten wurde, daß eine unserer Hauptaufgaben darin erblickt würde, hervorragende Lehrer unserer Universität zu erhalten.« »Ja, ja,« paffte der Baron schwer. »Ob ich den Herrn einmal aufsuche, Herr Präsident?« schlug der karriereeifrige Regierungsrat vor. »Zeit ist nicht viel zu verlieren. Wenn er erst angenommen hat, ist es vorbei. Vielleicht könnte man aber durch ein Entgegenkommen, Aufbesserung seines Gehalts, bessere Pensionsbedingungen –« »Hm,« machte Ingenheim wieder und überlegte. Plötzlich stand er auf. »Lassen Sie nur, lieber Bredow! Werd' ich selber in die Hand nehmen. Bin seit Jahren mit Faber gut bekannt. Kann das ganz privatim machen. Einem krassen Refus können wir uns auch nicht aussetzen.« »Keineswegs,« verbeugte sich der Regierungsrat und ging. So hatte Ingenheim es denn »in die Hand genommen«, rasch und persönlich, wie er jede große Aufgabe rasch und persönlich in die Hand nahm. Er war eine dieser energischen Führernaturen mit dem großherrlichen Selbstvertrauen, das nur an sich und seine Wachsamkeit glaubt und in hilfeverachtender Gewissenhaftigkeit nichts dem Untergebenen überläßt. Es war ihm nicht angenehm, gerade jetzt mit Faber zu sprechen. Doch an die leidige Sache brauchte mit keinem Wort getastet zu werden. Am Nachmittage fuhr er an Fabers Wohnung vor. Das Mädchen bedauerte des Professors Abwesenheit. Da fragte der Baron kurz entschlossen, ob Frau Professor Faber zu sprechen sei. Die Frauen waren in solchen Berufungsfragen oft ausschlaggebender als die Männer. Und dann wurde er in diesen streng-traulichen Arbeitsraum geführt, der als Empfangszimmer diente, da die meisten Besuche dem »Professor« Faber galten. Bisweilen, zumal an den Tagen seiner berühmten Sprechstunde, war dieses Zimmer umsummt wie ein Bienenkorb von Studenten und Studentinnen und Hospitanten und schwärmerischen Verehrerinnen seiner Vorträge in der Lessing-Akademie. Freundlich und frei trat Sophie Faber dem Baron entgegen. Sie hatte im Hause des Oberst Pahlow Rangunterschiede sehr genau abwägen gelernt. Doch als Mensch galt ihr der Regierungspräsident nicht höher als der kleinste schüchterne Student. Ihre Herzlichkeit kam jedem schlicht und anmutig beherrscht entgegen. Sie thronte wieder, wie immer, wenn sie sich als Vertreterin ihres Mannes fühlte, auf seinem Schreibsessel; der Präsident hatte es sich in einem der Saffian-Klubsessel bequem gemacht. Und nun saß er da und staunte auf zu dem fast südlichen Liebreiz. Sein enthusiastisches Herz pochte hochgemut. »Ja,« er strich diplomatisch den langen schwarzen Bart, »ich komme natürlich nur als Privatmann, gnädige Frau. Da ich das Vergnügen habe, Ihren Herrn Gemahl seit langen Jahren persönlich zu kennen, so –« »Ah,« unterbrich Sophie lebhaft, »das wußte ich ja gar nicht.« »Aber gewiß,« lächelte Ingenheim zuversichtlich und freute sich dieser gelblich-glatten Marmorhaut des jungen freien Halses, »früher – vor Jahren, kam er oft zu uns, und deshalb glaubte ich, mir diesen Besuch gestatten zu dürfen.« »Mein Mann wird sehr bedauern, Herr Präsident.« Er richtete sich im Sessel auf. Stärker als je vorher trat diese seltsame Mischung seines Wesens hervor: halb eleganter Regierungsbeamter, halb robuste Oberförsternatur. »Es läuft das Gerücht, gnädige Frau, daß Ihr Herr Gemahl einen Ruf nach München erhalten hat.« Er wartete. Vergeblich, denn Sophie war auf dem Posten und schwieg klug. So fuhr er fort: »Wenn ich auch heute als Privatmann komme, so« – er lächelte – »Ihnen, gnädige Frau, muß man ohne Hinterhalt die Wahrheit sagen. Der Zweck meines plötzlichen Besuches ist natürlich nicht allein der, wieder gesellschaftlich angenehme Bande neu zu knüpfen. Obwohl ich gestehe, daß meiner Frau und mir das sehr willkommen wäre.« Er sah ihr ganz schüchtern in die Augen. Sie entgegnete liebenswürdig mit kindlich pointierter Hoheit: »Das würde auch mein Mann und ich sehr freudig begrüßen.« »Ein Prachtweib!« dachte er und sprach weiter: »Ich komme in erster Reihe deshalb, unserer Regierung den Mann zu erhalten. So – das war Ehrlichkeit! Und nun erbitte ich das gleiche von Ihrer Seite, gnädige Frau.« »Wie meinen Sie das, Herr Regierungspräsident?« fragte sie vorsichtig. Es sollte kein Mensch auf dieser Erde einhergehen, der sich brüsten konnte, daß Sophie Faber ihm Pläne ihres Mannes ausgeplaudert hatte. »Ach so,« dachte Ingenheim, »gerissen bist du auch!« Und laut sagte er: »Sie dürfen Vertrauen zu mir haben, gnädige Frau! Sie geben kein Geheimnis Ihres Herrn Gemahls preis, wenn Sie mir verraten, wie er über diese Berufung denkt. Will er annehmen oder bleiben? Ich wiederhole Ihnen ganz offen, wir legen Wert darauf, einen Mann wie den Professor Faber unserer Landesuniversität zu erhalten. Wir sind selbst – wenn es notwendig sein sollte – bereit, für diesen wertvollen Besitz Opfer zu bringen.« Da konnte die liebe junge Sophie Faber doch nicht verhindern, daß der Stolz in ihren schwarzen Augen helle Lohlichter zündete. Noch gemessen sprach sie: »Ihr Vertrauen zu meinem Manne, Herr Regierungspräsident, ehrt ihn und mich. Ich bedauere, Ihnen keinen Bescheid geben zu können. Soviel ich weiß, ist eine Entscheidung noch nicht gefallen.« »Ein Prachtweib,« pries wieder des Barons gerechte Urteilskraft, trotz seiner leichten Verärgerung. Er erhob sich. »Ich danke Ihnen für diese letzte Andeutung, gnädige Frau, die wenigstens einiger Hoffnung die Fenster öffnet. Ich möchte Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.« »O bitte,« wehrte sie höflich. »Auch meine Zeit ist knapp. Darf ich Sie bitten, gnädige Frau, Ihrem Herrn Gemahl meine Grüße zu bestellen und ihn zu bitten, mich noch heute zu besuchen! Ich bin bis neun, halb zehn im Regierungsgebäude.« »Ich werde es ausrichten, Herr Regierungspräsident.« Und als Ingenheim die Treppen hinabstieg, dachte er: »Sapperlot, dieser Faber. Ein Glücksjunge!« Sophie aber trällerte stolz und ihrer Klugheit bewußt durch alle Zimmer. Als Faber am Spät-Nachmittage nach Hause kam, lief sie ihm mit knatternden hellen Sommerröcken entgegen. Wie ein fröhlicher Wirbelwind fing sie seinen Kopf zwischen beide Hände ein, sah ihm in die Augen und forschte in seinem Gesicht. Da veratmete ihre Fröhlichkeit. Die eisige Starrheit seines Entschlusses wehte sie an. »Du hast es gefunden,« sagte sie traurig, »doch nicht in Glück und Zufriedenheit!« Seine Augen sahen glanzlos an ihr vorbei. »Wird es dir so schwer,« fragte sie mütterlich-besorgt, »so schwer, mein Armer? Ich verstehe es. München lockt dich, und Bleiben erscheint dir Pflicht.« Da erst begriff sein abgemartertes Hirn den Sinn ihrer Worte. Er hatte seit Mittag nicht einen vagen Gedanken an diese Berufung gehängt. »Ich weiß noch nicht,« stieß er hervor. »Wie?« Ihre Hände lösten sich von seinem Gesicht, sorgenschwer fielen die Arme herab. »Ich dachte, du hast es entschieden!« »Nein!« sagte er schroff und setzte sich nieder. Da kniete sie in ihrer alten lieben Vertraulichkeitsstellung vor ihm hin, preßte die Brüste gegen seine Knie, legte die Arme um seinen Körper und bat: »Was ist dir, Lieber? Sag es – sag es mir doch!« Er sah zu ihr herab. Zweifel hasteten um seine Sicherheit. Sollte er es ihr sagen? Zu ihr mit all dieser blutigen Wirrnis flüchten? Er war keiner, der sich verstellen konnte. Vor Fieze nicht. Sie würde ihm den Gram und das vernarrte Harren auf ein Rettungswunder vom Gesicht lesen. Tag für Tag, und ihre Gesundheit verhärmen und sich herumschlagen mit tausend zweifelnden Vermutungen. War die schlimme Gewißheit nicht beruhigender? Sie war stark und gefaßt. Sie würde es mutig tragen. Er strich ihr die Haare aus der Schläfe. Aber – aber! Das Duell war unausbleiblich. Sollte sie ihn die Treppe hinuntergehen sehen – zum letzten Male vielleicht? Herrgott nein, wo geriet er hin! Nein, nein! Er blickte nieder in das kindlich-stumm um Mitteilung flehende Gesicht. »Fieze,« er beugte sich tief zu ihr herab, »es ist das eine böse Sache – ich kann es dir nicht sagen.« »Nicht mir?!« Er schüttelte langsam den Kopf. »Nicht mir, Fritz! Bin ich nicht ein Teil von dir, wie deine Hand, wie dein Herz?« »Ja,« sagte er fest, »das bist du, Fieze. Wie mein Lebensatem bist du. Aber – es ist nicht nur mein Kummer. Ein anderes Schicksal hängt daran. Darum darf ich darüber nicht sprechen.« »Ich darf dir nicht helfen, es zu tragen!« klagte sie. »Dieses Schwere, das dich so bedrückt!« »Doch,« tröstete er, »du kannst mir helfen. Frag mich nichts, du wirst es erfahren – bald – in einigen Tagen.« Er raffte sich auf und warf den Kopf zurück mit der trotzigen Bewegung, die sie so sehr liebte. »So, – Fieze, und nun wollen wir es ruhen lassen! Ich will nicht traurig sein.« Und mit rascher Leidenschaft preßte er ihren Kopf an seinen Körper. »Lieb wollen wir uns diese Tage haben, lieber als je. Uns aneinander schmiegen, inniger als je. Siehst du, da bin ich schon wieder oben! Ist ja alles Unsinn. Kopf hängen lassen, weil mal im Leben nicht alles so leicht und glatt geht? Unsinn!« Und er sprang auf, riß sie mit empor und hob sie hoch auf zur Decke. »So,« lachte er, »in den Himmel hinein mit dir! Und in die Hölle.« Und er ließ sie an sich niedergleiten, nahm sie in die Arme und erstickte sie mit Küssen. »Das ist das grausliche Fegefeuer,« scherzte er zwischen den Flammen. Sie überließ ihm willig den Mund. Doch ihr war sehr traurig zu Sinn. Sie empfand das Gezwungene, Mühsame seiner Liebkosung. Und sie löste sich langsam von ihm und sagte: »Fritz, ich bitte dich, erzwinge keine Fröhlichkeit! Ich bin nicht bei dir, nur heitere Tage zu sehen. Wenn du mir den Grund deines Harmes nicht sagen kannst, ich füge mich ja. Dann wollen wir aber dein Leid zusammen tragen, ernst und würdig.« Da nahm er sie fest und warm in die Arme und flüsterte: »Du lieber, lieber Freund, du!« Etwas Dickes stieg in ihrer Kehle hoch, sie wußte selbst nicht recht, weshalb. Tapfer schluckte sie es hinunter und sagte: »Fritz, der Regierungspräsident von Ingenheim war hier.« Er ließ sie so jäh aus den Armen, daß sie rückwärts übertorkelte. »Wer?!« »Aber Fritz!« Sie sah ihm bekümmert in die aufgeschreckten Augen. »Mein armer Junge, wie macht dich diese bittere Sache nervös! Der Regierungspräsident von Ingenheim. Er sagte, er wäre ein alter Bekannter von dir.« »Was wollte er?« Faber krallte sich an einem Stuhle fest. »Es war wegen der Berufung,« beruhigte sie erstaunt. »Er suchte mich auszuholen. Ich habe nichts gesagt.« Ganz traurig berichtete sie es, in Erinnerung an die Freude, in der sie hatte erzählen wollen, wie klug sie geschwiegen und seine Sache verwaltet hatte. Und nun kam alles so angstvoll verzerrt. Es war ihm, als falle es schwer und körperlich von seiner Brust. So frei ging ihm plötzlich der Atem. Und da drang seine strotzende Urkraft ungestüm durch. Mein Gott, noch war doch Hoffnung! Was platzt nicht alles unerwartet in solchen Prozeß herein! Vorläufig bürgte ihm Manjas Wort. »Glaubst du an Wunder?« fragte er unvermittelt. »Wie meinst du das?« sie schürzte verwundert die feinen Bogen der schwarzseidigen Brauen. »Ob du glaubst, daß noch Wunder geschehen können, Fieze?« Ein Lächeln sickerte über die tiefen Runen seiner Augenwinkel. »Wenn wir daran glauben, können sie uns geschehen,« sagte sie mutig und kindlich-gläubig. »Gut,« frohlockte er, und war der alte junge freudebezwingende Fritz Faber, »dann wollen wir an das Wunder glauben.« Und schon hatte er sie an beiden Händen, »Jetzt wollen wir allen Ballast von uns werfen, Fieze! Und nun wollen wir uns einmal die zauberschönsten acht Tage unseres Lebens beschwören! Wir leben. Drum wollen wir dankbar sein und es in allen Pulsen fühlen!« Und mit kräftigem Arm zog er sie an seine Brust. Da lächelte sie altmütterlich nachsichtig zu ihm empor: »Du Künstler du. Du himmelhoch jauchzendes, zu Tode betrübtes Kind, du! Nun mußt du aber zu dem Präsidenten, er erwartet dich.« »Er erwartet mich?!« »Ja doch. Ich habe ja gar nicht gewußt, daß du erschrecken kannst, Fritz! Weißt du, sie möchten zu gern, daß deine werte Kraft ihnen erhalten bleibt. Er sagte, sie würden dich, wenn nötig, unter Opfern halten. Wenn du bleibst, Fritz, dann – bitte, denk an die Kinder, sei nicht wieder der feine Mann. Pack ihnen tüchtig Opfer auf!« »Ach du geliebtes Schachermädchen!« herzte er sie. Und ernst werdend überlegte er: »Soll ich denn bleiben?« »Das mußt du doch entscheiden, Fritz. Ich dachte, du grübelst den ganzen Nachmittag darüber –« »Laß den Nachmittag!« schnitt er ab. »Hm, bleiben oder nicht bleiben, das ist die Frage. Ob es edleren Gemütes –« Und plötzlich war er an der Tür. »Ich werde hingehen. Hören kann ich doch in jedem Falle, Vielleicht komme ich unterwegs ins klare. Und höre mal, Fieze, daß du mir keinen Besuch und keine Sippschaft für heute abend annimmst! Ich will dich haben, dich ganz allein, dich – dich!« In aufsiedender Lebensinbrunst klammerte er seine Arme um ihren jungen blühenden Körper. XVI. Mit seinem gewohnten, bummelnd sinnenden Schritt ging Professor Faber durch den keimenden Sommerabend. Schon spritzten und knisterten vereinzelt vor den Geschäften in der Hauptstraße die Bogenlampen auf. Und der Feierabend spülte mit schnelleren Pulsschlägen das Leben durch die Verkehrsadern der werktätigen Stadt. Faber schritt durch die engen Straßen und dachte scharf. Dann und wann erwiderte er ohne Bewußtsein den Gruß eines Studenten. Der Regierungspräsident würde doch wohl von der schwebenden Angelegenheit sprechen? Oder würde er delikat nicht daran tasten? Aber wenn er davon sprach, ihn vielleicht geradezu fragte, ob sein Weib seine Geliebte gewesen sei? Nun, seine Geliebte war sie gewiß nie – im landläufigen Sinne – gewesen. Aber wenn er fragen sollte! Was dann? Alles sagen, reckte sich der Mann in ihm, sich nicht durch Lügen erniedrigen. Heraus mit der Wahrheit! Um kein Weib der Welt sich mit der Schmach der Lüge beflecken. Es gab etwas, was höher stand, als alle Dankbarkeit und Frauen-Ritterschaft. Das war das Recht des freien Blickes. Er überquerte den Fahrdamm. Aber dann – Manja wollte doch sterben, ehe ihr Mann es erfuhr, Unfug! Überschwängliches Ehrgefühl. Faber blieb mitten auf der Straße stehen, der aufsteigende Gedanke rammte ihn auf das Pflaster. Wie? Wenn er dem Präsidenten aus freien Stücken – – Dann war mit einem mutigen Streich diese neblige wirre Lage geklärt. Ihn würde er fordern. Gut. Und Manja –? Wenn sie erst vor der Tatsache stand, würde sie sich mit ihr abfinden. Wenn plötzlich ihr Mann mit dem Wissen vor ihr stand, würde sie sich verteidigen, ihm alles zu erklären suchen und würde erkennen, daß seine Verachtung den Tod nicht fordere. Ja, das war doch ein vernünftiger Weg zu ihrer Rettung. Entschlossen durcheilte er den Park vor dem Regierungsgebäude. Das war doch ein Weg. Ihr Tod war keine tragische Notwendigkeit. Er zwang sie ins Leben zurück. Nach der Aussprache mit ihrem Manne, wenn das Schlimmste überwunden war und alles ein anderes Gesicht hatte, würde sie nicht mehr begreifen, daß sie hatte sterben wollen. Ja, er zwang sie einfach auch gegen ihren Willen zum Leben. Er beugte ihren Willen seiner Tat. Er war der Mann, an ihm war das Handeln – auch gegen ihr Gebot. Ihr Geschick lag in seiner Hand, in seiner Hand lag ihr Leben. Sie sollte es von ihm zurückerhalten, auch gegen ihren Willen. Seines Entschlusses voll, sprang Faber die Stufen der Freitreppe hinauf. Erst als der Diener ihn meldete, fiel ihm ein, daß er an die Berufung wieder nicht gedacht hatte. Gleichgültig! Die war jetzt, weiß Gott, Nebensache. Bis ins Vorzimmer kam der Präsident ihm entgegen. »Guten Abend, mein lieber Herr Professor!« rief er ihm schon von weitem entgegen, gab ihm die Hand und zog ihn in seinen Arbeitsraum, dem Lichte entgegen. »Ich freue mich, Sie endlich wieder einmal zu begrüßen. Wer hätte das damals, als Sie als neugebackener Doktor zu uns kamen, geahnt, daß wir einmal wegen Ihrer Berufung nach München würden miteinander verhandeln! Lassen Sie sich anschauen! Donnerwetter, Sie haben sich aber gar nicht verändert! Das sind doch jetzt – seit Norderney – erlauben Sie mal 1906 – vier Jahre sind das. Und keine leichten für Sie! Sie sehen noch genau so jung und frisch aus wie damals. Sie sind ja auch noch der reine Jüngling.« So sprach der Präsident munter und redefroh wie immer. »Das Kompliment der Jugend kann ich Ihnen zurückgeben,« sagte Faber, beklommen überrascht von dem unerwartet liebenswürdigen Empfang. »Nein, nein,« wehrte der Präsident und streichelte zärtlich den schwarzen Bart, »da, sehen Sie: die ersten Grauen! Aber setzen Sie sich doch, mein lieber Professor!« Faber gehorchte gedankenlos. Seine Verstandeskräfte drängten sich zu einem Keil zusammen, der eine Lücke suchte, sich in die gemütliche Gastlichkeit des Präsidenten einzuzwängen. Des Barons Wortlust aber baute zunächst eine undurchdringliche Mauer. Im Innersten jagte ihn eine nervöse Hast. Die Universität war stets sein Sorgenkind. Es war nur natürlich, daß die großen Universitäten in den Hauptstädten die berühmten Lehrer lockten. Das wollte die Regierung nicht einsehen. »Es liegt nur an Ihrem Takt und an Ihrer Klugheit, mein lieber Ingenheim,« hatte dem Präsidenten erst kürzlich der Minister vorgehalten, als er zu einem Bericht nach der Residenz hinübergefahren war. Nur an seiner Klugheit! Nun, diesmal sollte die frohe Botschaft von Fabers Bleiben in Händen Seiner Exzellenz sein, ehe sie die drohende Gefahr noch ahnte. »Sie gehen ja wie ein Sturmwind vorwärts,« lächelte der Baron und setzte sich. »Meine Frau hatte damals doch den richtigen Blick, als sie Ihnen die große Zukunft prophezeite. Wir wollen wie Männer miteinander reden! Ich weiß genau, was diese Berufung für Sie bedeutet. Aber Sie können es uns wiederum nicht verdenken, wenn wir eine solche Kraft unserer Universität erhalten wollen.« »Nein,« sagte Faber und wollte unterbrechen. Der Präsident aber fuhr fort: »Sie sind so klug, daß wir uns nichts vorzumachen brauchen. Sie wissen so gut wie ich, welche Zugkraft Sie für unsere liebe Alma mater sind. Sie haben heute weit über unsere Grenzen hinaus Ihren bedeutenden Ruf. Ja, Ihnen ebenbürtig sind eigentlich wohl nur noch Thode in Heidelberg, der ja nun auch aufhören will zu lesen, und Wölfflin in Berlin. Das wissen Sie, und das wissen wir. Es ist darum vielleicht ein wenig kühn, wenn wir gleichwohl hoffen, Sie unserer immerhin im Verhältnis zu München und Berlin kleinen Universität erhalten zu können. Mut hierzu gibt uns allein der Gedanke, daß wir es schließlich waren, die Sie zuerst auf deutscher Hochschule heimisch gemacht haben. –« »Ich bleibe ja,« unterbrach hier Faber den Redestrom. Jedes Wort schlug auf seine abirrende Denkkraft nieder wie ein Hammerschlag. Der Regierungspräsident hielt die Hand, die seine Worte unterstreichend begleitet hatte, sekundenlang wie einen Wegweiser steif in der Luft, so plötzlich und unerwartet leicht kam ihm der Sieg. »Sie bleiben?« stutzte er ungläubig, als fürchte er, sich verhört zu haben. »Ja doch,« bestätigte Faber diese Nebensache und sprang in entschlossenem Ungestüm vom Stuhl auf. Jetzt wollte er heraus mit seinem Bekenntnis. Doch schon war der Präsident bei ihm, eroberte seine Hand, schüttelte ihm mit seiner Oberförstergewalt den Arm und rief: »Bravo – ich gratuliere Ihnen und uns zu diesem schnellen mannhaften Entschlusse! Ihnen, mein lieber Herr Professor, ich darf wohl bald sagen: mein lieber Herr Hofrat, weil er ein Zeugnis für Ihre ehrenhafte Dankbarkeit ablegt. Und uns –« »Ich möchte gerne einige Worte über die andere Angelegenheit mit Ihnen sprechen,« fuhr Faber brüsk in den Gratulationsschwall. »Andere Sache?!« Der Präsident prallte ordentlich aus seinem Satzgehege heraus. »Welche andere Sache, mein lieber Hofrat?« Aha, jetzt kommen die Bedingungen, durchzuckte es ihn. »Ich bin als Zeuge geladen,« begann Faber schwer. »Ach, die Lappalie!« Der Baron wehte mit der Hand durch die Luft und hob die Schultern, die plötzlich so bürdelos geworden waren. »Die verdient es wahrhaftig nicht, daß wir diese schöne Stunde mit ihr verunglimpfen. Nein, wie mich das freut! Nach den zurückhaltenden Worten Ihrer Frau Gemahlin heute nachmittag – übrigens, mein verehrter Hofrat in spe , gratuliere zu dieser Frau! Eine ganz charmante Dame, ganz überaus charmant!« »Sie ist sehr lieb,« nickte Faber bleich und sagte: »Ich möchte doch –« Da pochte es, und durch eine Tapetentür in der Ecke trat der Regierungsrat von Bredow herein, die rote Eilmappe wie eine blutige Fahne des Aufruhrs schwingend. Als er den Besuch gewahrte, wollte er sich mit einem eiligen »Pardon« zurückziehen. Der Präsident aber rief munter: »Kommen Sie nur, Bredow! Ich habe die Freude, Ihnen mitzuteilen, daß unser verehrter Herr Professor Faber uns bleibt. Darf ich die Herren bekannt machen: Herr Regierungsrat von Bredow – Herr Professor Faber.« Das Amtssorgengesicht leuchtete auf. »Das ist aber mal eine Überraschung!« platzte er unüberlegt ehrlich heraus. »O –« wies ihn der Präsident zurecht – »bei der vornehmen Gesinnung des Herrn – Hofrats war diese Entscheidung doch wohl als sicher vorauszusehen.« Und nun brannte ihm die Zeit unter den Nägeln. Das Schreiben an den Minister mußte noch heute abend hinaus. Weltgewandt streckte er dem Professor die weiße Diplomatenhand entgegen: »Also, nochmals meinen Dank im Namen der Regierung – und meinen persönlichen Dank! Und – na, wir sehen uns ja in den nächsten Tagen auf dem Gericht. Dann wollen wir, wenn es Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin recht ist, einmal bei mir Ihr Bleiben feiern. Empfehlen Sie mich, bitte, der verehrten Frau Gemahlin! Auf Wiedersehen, Herr Professor!« Und ehe Faber recht zur Besinnung kam, hatten die beiden Herren ihn durch das Vorzimmer bis auf den Korridor hinauskomplimentiert. Als sie wieder im Schreibzimmer des Präsidenten unter dem Lüster standen, grüßten sich ein stolzes und ein devot bewunderndes Lächeln. »Ich gratuliere,« dienerte der Regierungsrat. Der Baron schüttelte nachdenklich den klugen Kopf. »Ob es an dem Beruf liegt, weiß der Teufel! Dieser Faber, früher der lebenssicherste energischste Mensch, den ich gekannt habe. Und heute – der waschlappige verträumte deutsche Gelehrte, wie er im Buche steht. Daß der Mann auf die jungen Leute solchen Eindruck macht!« Er fegte kräftig den langen Bart. »Der Eindruck im Kolleg ist ein durchaus anderer,« bemerkte der Regierungsrat. »Ich habe ihn mir mehrfach angehört.« »Muß wohl auch sein,« sann der Präsident, »aber als Mensch im Leben! Du meine Güte! Hat alle Trümpfe in der Hand, goldne Berge hätte ich ihm zugesichert – und platzt, ohne jede Bedingung zu stellen, gleich mit der Entscheidung heraus. Ja, diese Buchweisen! Und nun, Bredow, bitte verfügen Sie gleich das Schreiben an den Herrn Minister! Ich unterschreibe es sofort.« – – – Mit zuckenden Lippen, wie ein Junge, der das Weinen niederdrückt, durchlief Faber die dunkeln Wege des Stadtparkes. Wie geprügelt fühlte er sich. Ins Gesicht hätte er sich schlagen mögen. Wie ein dummer Bengel hatte er sich aufgeführt. Er rannte auf den dunkeln Wegen und schämte sich, in die Helle der Straßen hinauszutreten. Das Wasser trat ihm in die Augen vor Zorn über seine schlaffe Tölpelei. Herr, Herr, was war an diesem einen Tage aus ihm geworden! Das ihm! ihm! Dort oben verlachten sie ihn jetzt. Wie einen blöden Narren hatten sie ihn eingewickelt! Sein Bleiben ohne jedes Opfer erschwatzt. Weil er nicht bei der Sache war. Weil – er reden wollte. Und doch nicht geredet hatte. Und doch nicht geredet hatte! Bebend vor Wut und Selbstverachtung warf er sich auf eine Bank im Dunkeln, preßte die Hände vor das Gesicht und schluchzte tränenlos über seine schmachvolle Niederlage. Und plötzlich dachte er an die jungen aufrechten Korpsbrüder. Wenn sie ihn in seiner tiefen Erniedrigung sehen würden! Wie eine Rakete schnellte er empor, daß ein Nachtvogel hell aufschrie und schreckgelähmt vom Aste dumpf zur Erde fiel. Mit weitraffenden Zornschritten stürmte Faber zu dem dunkeln Gebäude zurück. Wenige Fenster nur glänzten hinaus in das dunkle flüsternde Laub der Bäume. Dort oben standen sie jetzt und verlachten ihn. »Warte du nur,« knirschte er die Zähne, »dir wird gleich das Lachen vergehen! Warte du nur, du eleganter superkluger Diplomat! Sollst den Professor noch kennen lernen, den dummen Tolpatsch, den du hudeln zu können glaubst, wie du willst! Sollst bis in deinen eiteln schwarzen Bart vor Scham erfrieren, wenn ich spreche!« Eine wohltuende törichte Freude triumphierte in ihm, daß er das Weib dieses selbstsicheren Mannes besessen hatte, dieses Mannes, den er plötzlich haßte in dieser menschlichen Ungerechtigkeit, die den Zorn über die eigene Schwäche in weißglühende Wut wandelt gegen den, der zum Zeugen der selbstverschuldeten Haltlosigkeit geworden ist. Als er aus dem Dunkel gegen das Portal losfuhr wie ein Stier gegen die rote Fahne, sah er durch die Glasscheiben der Pforte den Regierungspräsidenten mit Bredow die Treppe herabkommen. Der Regierungsrat blieb an dem Briefkasten neben dem Portal stehen, der Einwurfdeckel klirrte hell in die Nacht. Munter plaudernd gingen die Herren bis zur Ecke, an der die Ingenheimsche Equipage wartete. Ein kurzer Abschied, – lautlos rollten die Gummiräder über den Asphalt. Aus der Nacht klapperten rhythmisch die acht Pferdehufe. Wie ein feiger Dieb stand Faber hinter einem Baume. Dann schlug er die Stirn gegen die geborstene Rinde und weinte bitterlich vor Scham, Zorn, Unseligkeit und Jammer. XVII. Als Manja am Nachmittage heimgekommen war, ging sie sofort in das freundliche Knabenzimmer ihres Jungen. »Du liest schon,« fragte sie, »bist du auch mit den Schularbeiten fertig?« »Schon lange, Mama,« tat er großmächtig. Und nachdenklich wie ein Erwachsener: »Ein famoser Kerl, dieser Robinson Crusoe, Mama.« Sie setzte sich dicht neben ihn, schlang liebkosend den Arm um seinen Nacken und zog seinen braunen Kopf an ihre Brust. »Mein Junge,« flüsterte sie, »mein kleiner lieber Bursch.« Er hielt einige Sekunden still, dann befreite er sich sanft, aber nachdrücklich aus der Umschlingung und forschte: »Mama, glaubst du, daß ich ein Napoleon werden kann?« »Du – ein Napoleon?!« lachte sie, trotz ihres Kummers. »Ich denke fortwährend daran, auch wenn ich hier den Robinson Crusoe lese. Ich möchte es sehr gern, aber es wird wohl zu schwer sein. Was glaubst du?« »Ich glaube auch, Paul, es wird ein bißchen zu schwer sein,« sagte sie mit ernsten grauen Augen, »Es wäre auch kein Glück für dich, ein Napoleon zu werden. Für dich selbst nicht, und für die anderen auch nicht.« »Aber fein wär's doch,« beharrte der junge Grübler, »denk nur, Mama, Kaiser! Und dir würde ich Briefe schreiben wie Napoleon an seine Mutter Lätitia.« »Werde lieber ein glücklicher zufriedener Mann,« sagte sie und strich ihm über das weiche Haar, »und ich will auf deine Kaiserbriefe verzichten!« »Das bin ich doch schon,« trotzte er. »Was bist du?« »Ein glücklicher zufriedener Mann!« Sie lachte. »Ach, wirklich!« »Natürlich,« erläuterte er sachlich, »ein Mann bin ich noch nicht. Aber glücklich und zufrieden bin ich doch und brauch' mir kein zweites Frühstück in der Schule zu erbetteln wie Arno Müller, und ein Rad hab' ich auch. Wenn ich nun nichts weiter tue als wachse, dann wächst doch der glückliche und zufriedene Junge mit, und dann werde ich ganz von selbst ein glücklicher und zufriedener Mann.« »Du bist ein Philosoph,« brodelte sie da herzlich auf und vergaß minutenlang ihr Geschick. »Wenn du meinst, daß ich kein Napoleon werden kann,« überlegte der junge Denker weiter, »dann werde ich ein Robinson Crusoe werden. Das ist natürlich viel leichter. Aber ich wünschte doch, ich hätte den Schiffbruch erst hinter mir!« Da fragte sie aus ihren schweren Gedanken heraus: »Sag mal, Paul! Wenn ich sehr weit fort ginge, würdest du dich sehr nach mir bangen?« »Sehr,« versicherte er. »Aber du verreist ja nicht. Ich komme doch mit nach Westerland, wenn unsere Ferien beginnen.« »Wenn ich fortginge, Paul, würdest du manchmal an mich denken?« »Oft, Mama, immer, meistens. Manchmal muß man ja auch an etwas anderes denken, nicht wahr?« Da nahm sie seinen Kopf in die Hände, sah ihm bannend in die Augen und sagte wie ein Beschwörer: »Wenn du an die Mama dann denkst, denke immer daran, daß sie einen klugen, braven, hilfreichen Menschen aus dir machen wollte, hörst du?« Er nickte gewissenhaft. »Und daß es sie sehr schmerzt, wenn du nicht brav bist, und daß sie sehr, sehr glücklich ist und es auch ganz in der Ferne weiß, wenn du ein guter, fleißiger, wackerer, kleiner Bursch bist.« »Aber Mama,« bedachte er und wand den Kopf frei, »ich muß doch gut und brav sein, wenn ich Robinson Crusoe werden will!« »Dann werde ein Robinson Crusoe!« entschied sie ernst und stand auf. »Und nun, der Nachmittag gehört dir, Paul. Wollen wir ausfahren, oder soll ich dir etwas vorlesen oder – nanu? Ach, du willst wohl schwimmen gehen?« »Ich wollte eigentlich, Mama,« gestand er kleinlaut. »Gut,« sagte sie und schob die Krawatte unter dem breiten, weißen, steifen Umlegekragen zurecht, »geh' baden! Aber nicht länger als zehn Minuten im Wasser bleiben! Hörst du, Paul?« »Ja, Mama.« Und fort war er. Manja räumte still in dem Zimmer umher. Ach, dem Kinde starb sie nicht. Er würde sie ein wenig vermissen zuerst, ja. Aber sie dann bald über seinen Büchern und Zerstreuungen verschmerzen. Vielleicht wurde sie ihm dann in der Erinnerung eine Art guter, zum Edeln weisender Geist. Ja, für den Jungen war ihr Tod eine Güte. Dann konnte sie ihm in der Erinnerung wie ein leuchtender Stern am Lebenshimmel stehen. Tat sie aber feig den Schritt nicht und wurde mit Schimpf und Schande aus dem Hause gejagt; zuckte im Hause ein jeder verächtlich und verschämt zusammen, wenn das Wort »Mutter« fiel, dann war sie ihm erst ganz gestorben und verloren. Nein, nein! Sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte: wenn sie ehrlich und tapfer den Dingen entgegensah, schadete sie mit ihrem Tode keinem – keinem. Auch nicht sich selbst. Das Leben der verlassenen geschiedenen Frau war keine Lebenslockung. Nein – nein. – Sie ging in ihr Zimmer und vergrub sich in ihren weichen Lieblingssessel. Ihre Füße wühlten sich wohlig ein in das seidige Eisbärfell am Boden. So saß sie unbeweglich, dachte an alles, was ihr im Leben liebgeworden, tausend längst vergessene Nichtigkeiten fluteten wehmutverklärt vorüber. So sah sie und löste sich leise und zag von dem, was ihr lieb war auf dieser Welt. Und dann starrte sie mit weit aufgerissenen Augen hinüber in jene andere, von der ihr gelehrter, feiner Kopf wußte, daß sie das tiefe, hohle, schwarze, unausdenkliche Nichts ist. Und sie stieß ihr Grübeln wie einen Eisenbohrer hinein in diese dunkle Undurchdringlichkeit, die wir Tod nennen, und wühlte und tastete hinein in das kaltwehende Dunkel und fand nichts, nichts, als das große fragende Nichts. – Sehr aufgeräumt kam der Präsident abends heim. Schon als sie zu Tisch gingen, brachte er seine große Neuigkeit an. »Manja, Faber war heute bei mir.« Sie fiel in den Stuhl, auf den sie sich gerade setzen wollte. »Hallo,« sprang er ihr munter bei, »eine Überraschung, wie?« »Was wollte er?« fingerte sie irr auf dem Tischtuch einher. »Na – na – na – Manja – er wollte mich nicht umbringen. – Was ist das nur mit dir in dieser letzten Zeit?!« »Ich bin so sehr nervös,« log sie scheu. »Sehr. Na, wir reisen ja bald. Da wird es besser.« »Ja. – Sag nur, was wollte er – bei dir?« Der Präsident war schon wieder tief in seinem Erfolge. Behaglich berichtete er: »Er hat heute eine Berufung nach München erhalten –« »Heute?« »Ja, heute. Wir erfuhren es sofort. Nun lag die Sache für mich sehr unbehaglich. Alles hat mir immer geklappt. Jedes Ressort steht mustergültig da. Das darf ich ohne Überhebung sagen. Nur mit der Universität hat es immer gehapert. Es ist zu schwer bei unseren beschränkteren Mitteln, mit den großen Universitäten zu konkurrieren. Besonders in der medizinischen Fakultät – diese – Forderungen, die die Kliniker heutzutage an die Kliniken stellen – na, also kurz und gut, wenn Faber mir wieder davongelaufen wäre – die Sache wäre im höchsten Grade peinlich für mich gewesen. Ich war also Nachmittag bei ihm. Er war nicht zu Hause. Abends kam er. Und was soll ich dir sagen: Dieser berühmte kluge Herr Faber – ohne Schwertstreich hat er sich ergeben!« Sie lauschte, ohne eine Fiber zu rühren. »Jetzt,« der Baron nahm behaglich das Schnitzel von der Schüssel, »ist mir klar geworden, wie diese Abkühlung in deine Freundschaft gekommen ist. Nein, der Mann ist nichts mehr für deinen Geschmack! Herrgott, hat der sich verändert! Früher dieser lebenstolle, saftige Losgänger. Und heute? Ein tölpischer, ängstlicher Buchgelehrter. So was Geducktes hat er. Ging auch sofort darauf ein hierzubleiben, als ich ihm ein bißchen Honig um den Bart schmierte, ging ohne weiteres darauf ein, ohne Bedingungen zu stellen! Muß doch eine entnervende Sache sein, diese Bücherweisheit.« Und ihr ritterlich die Hand über den Tisch hinwegreichend, fügte er lächelnd hinzu: »Bei Frauen liegt die Sache natürlich anders, meine liebe gelehrte Hypatia!« Sie erwiderte sein Lächeln matt. Und grübelnd sagte sie, fast wider Willen: »Warum er bloß nicht nach München geht? Unfaßlich.« »Erlaube mal,« lachte der Baron, »damit wäre mir –« er steckte einen Bissen in den Mund und kaute hastig, um fortzufahren. Er sprach dann auch weiter, doch Manja hörte nicht mehr auf seine Worte. Ihre Gedanken suchten zu ergründen, weshalb er nicht angenommen hatte. Das war doch ein ungeahnter Glückszufall für ihn. Fortkönnen, heraus aus all den alten Verhältnissen, in eine größere neue Umgebung, all das Gefahrvolle hier hinter sich lassen! Warum bloß hatte er nicht zugegriffen? Sie fand keine Lösung. Der Präsident war inzwischen heiter weitergeplätschert. Er führte meist das Wort. Manja sprach nie viel, bot aber stets eine aufmerksame Hörerin. »Übrigens, die Frau!« Über des Barons Augen huschte der feuchtschimmernde Freudenschmelz, den Manja so gut kannte. Er war der untrüglichste Feuermelder eines Brandes in seinem Herzen. Sie horchte auf. »Ein entzückendes Weib, diese Frau Faber! Man begreift nicht recht, wie sie an diesem Manne, so wie er heute ist, Gefallen haben kann. Eine Schönheit geradezu! Etwas Südländisches.« »Also dein Typ,« lächelte Manja nachsichtig. »Und ob! Feuchte schwarze große tiefe Mandelaugen, so wie die Nubierinnen hatten, die damals hier in der Ausstellung waren. Erinnerst du dich? Und eine gelbliche Sammethaut mit einem rührenden Flaum. Und dieses prachtvolle tiefbraune Haar. Und das Merkwürdige ist, an den Stirnseiten lacht es ganz blond hervor und verdunkelt dann in ganz allmählichem Crescendo an den Schläfen hin. Ganz eigenartig!« »Du scheinst sie ja sehr genau angesehen zu haben,« lächelte Manja. »Das nicht einmal. Ihre Schönheit überrascht. Aber wenn sie spricht, vergißt man ihr Äußeres. Sie hat etwas so lieb Bestimmtes, so Fürsorgliches, so –« »Du bist ja ganz verliebt,« »Nein,« sagte er fast leise, »das ist keine Frau zum Verlieben. Das ist – weißt du, Manja, ich las einmal von einer Frau, sie sei wie ein Lied. So – ist diese Frau. Wie eine glockenklare Altstimme unter ausgestirntem Himmel, so ist sie!« »Du wirst ja ganz poetisch!« »Ja,« lächelte er verlegen, »es war wohl ein bißchen extravagant, das Bild.« Da geschah etwas Seltsames. Manja lehnte sich tief in den Stuhl zurück und lachte, lachte laut und schütternd aus schallender Kehle. Lachte, lachte, daß ihr die Wasser wie Sturzbäche über die Wangen sprangen, lachte, als der Baron schon längst aus seiner Verdutztheit aufgeschreckt bei ihr stand und in staunender Besorgnis ihre Hände umfaßte, lachte krampfhaft mit verzerrtem Munde, daß die Tränen zum schluchzenden Strome wurden, lachte klirrend, bis es ein stoßendes leidenschaftliches Weinen geworden war. »Das ist Hysterie,« beklemmte es dem Baron das Herz, »das ist nackte Hysterie.« Und er befeuchtete ihr Taschentuch und legte es ihr ins Genick und streichelte und koste sie, bis das ungezügelte Weinen zum stöhnenden Wimmern und schluchzenden Versiegen wurde. Dann stand sie ratlos da, zauste das nasse Tuch zwischen hilflosen Fingern und suchte mit tränenmatten Augen zu lächeln. »Was war das?« bangte der Baron. »Die Nerven,« tröstete sie, »es ist schon gut. Möchte nur ruhen. Bleib' da!« wehrte sie rasch, als er die Serviette niederlegte, die er noch immer in der Linken hielt, »iß weiter, Lieber! Laß dich nicht stören! Ich möchte mich legen.« Er stand unschlüssig. Da drückte sie ihn sacht in den Stuhl. »Wirst dir doch durch meine dummen Nerven deinen Erfolgsabend nicht stören lassen! Iß du weiter, bitte! Und denk' an deine schöne Eroberung!« Da lächelte sie schon ganz frei und neckend. Und dann küßte sie ihn und ging zur Tür. »Ich sehe nachher noch einmal zu dir herein,« geleitete er sie. »Lieber nicht, Egon!« bat sie. »Ich will versuchen, gleich zu schlafen. Bin auch todmüde.« Mit einem guten Zunicken schloß sie die Eßstubentür. In ihrem Zimmer blieb sie sekundenlang unter der Ampel stehen. Dann fiel sie vornüber auf die Chaiselongue und lachte wieder, lachte grell, bitter und überreizt. Diese Komödie! Diese Komödie, die das Leben war. Diese lächerliche, wahnsinnige Farce! Sie hatte Faber geliebt und wollte darum sterben. Und er, ihr Mann, hatte sich in Fabers Frau so vernarrt, daß er poetisch wurde, wie nie zuvor in seiner kräftigen Alltagsvernunft, und in Flammen stand, wie kaum zuvor. Sie stand plötzlich, ihr Gesicht wurde eisig kalt. Und wegen einer Rolle in dieser Lebensposse wollte sie sterben? Sterben, weil sie eine Rolle in diesem Lebensschwanke gespielt hatte? Lächerlich – lächerlich! Sterben, dieses einmalige Leben mit all den tausend lieben Dingen wie eine zerborstene Eierschale hinwerfen, um eine Farcenrolle auszuspielen! Nein – nein. Das war Wahnwitz! Das war Schauspielermanie! Das, was in ihr als Seele oder Odem oder Geist des Alls atmete, das Leben in ihrem Körper – das war heilig. Das sollte nicht hingemordet werden wegen grotesker Verrenkungen tanzender Puppen! Nein, nein. Das war das Spiel des Lebens nicht wert. Drüben im Eßzimmer saß der, um dessenwillen sie hatte eintauchen wollen in das schwarze Nichts, in dem kein Gedankenlot Boden fand, und dachte in beherrschter Sinnlichkeit an die »gelbliche Sammethaut mit dem rührenden Flaum« der Frau des anderen. Nein, dazu war das zu kostbar, was in ihrem Hirn die Gedanken der Größten aller Zeiten fortspann. Um in einer Groteske zu verpuffen, war es viel zu kostbar. Lange ging sie auf dem weichen Teppich umher und sann. Bei Gott, es gab billigere Theatercoups, diese Komödie zu lustigem Ende zu führen, als ihren Tod. Faber hielt solch eine Deus-ex-machina -Überraschung für den letzten Akt in der Hand. Er sollte damit auf die Bühne platzen! Ja, das sollte er. Morgen ging sie zu ihm und lehrte ihn seine Possenrolle mit allen dazugehörigen Lachmuskelerregungskniffen. Ihr reger Geist war neu belebt, sprühend, höhenklimmend wie seit langen Wochen nicht mehr. Ja, das war der Weg. Den sollte er gehen. Besseres verdiente diese Komödie nicht! Seit dem Winter war dieses die erste Nacht, die Manja von Ingenheim kindlich tief und sorgenfrei schlief. XVIII. Lange mußte Professor Faber im Dunkel der Bäume einherlaufen, bis er die Herrschaft über sich soweit errungen hatte, daß er in gefaßter Männlichkeit vor sein Weib treten konnte. Doch ihre liebesscharfen Augen schauten durch die bleiche äußere Ruhe hindurch in die darunter zuckende Verstörtheit. Aber sie sagte nur hausmütterlich: »Wir wollen gleich essen, Fritz. Du wirst hungrig sein. Ich habe mit dem Abendbrot auf dich gewartet.« Und als sie einander gegenübersaßen in dem einfriedend-kleinen Eßzimmer, erzählte sie von all den lieben Nichtigkeiten ihres häuslichen Abends. Der Oberst war dagewesen und hatte sich auf der Erde mit Seiner Niedlichkeit, Herrn Bob, herumgewälzt und Seine Winzigkeit hatte bei der Abendwäsche ganz bestimmt »Papa« gesagt, ganz bestimmt. Es war kein zufälliges Lallen gewesen, nein, ein geistig bewußtes Papasagen. Und Helene hatte vom Laboratorium aus angeläutet und gefragt, ob sie nun endlich der Vernunft und München entgegengingen. Das und vieles andere erzählte sie wichtig-heiter. Doch davon schwieg sie, daß sie lange auf seinem Sessel am Schreibtisch gesessen und das Manuskript seines neuen Werkes über Greco gestreichelt und so weh bewegt an ihn gedacht hatte. Ihre Altstimme strich wie balsamische Kühlung über die wunde brennende Erniedrigung in seinem Gemüte und linderte den Schmerz, der physisch in der Brust wie eine blutende Ader klopfte. Die hohen schwarzen, seine Selbstachtung einkerkernden Wände wichen. Und plötzlich verloren die Dinge ihr finsteres würdeloses Gesicht. Er war ja ein Narr! Es war ja alles nur überhitzte Empfindlichkeit. Was war ihm denn Demütigendes zugestoßen? Hatte Ingenheim denn überhaupt das Bewußtsein einer Übertölpelung! Die einstürmenden Ereignisse des Tages hatten seine Nerven überreizt, er sah Gespenster. Wirr, begreiflich menschlich wirr, war er gewesen, weil alle seine Gedanken sein Bekenntnis umkreisten. Mitten in Sophiens anmutiges Geplauder hinein schnitt er mit der Auskunft: »Wir bleiben hier, Fieze.« Sie hatte die ganze Zeit über auf seine Mitteilung gewartet. Ruhig stand sie auf, knisterte mit den frischen Leinenröcken zu ihm hinüber, geriet irgendwie hinter seinen Stuhl, beugte sich über die Lehne, schlang die Arme unter sein Kinn, beugte sein Gesicht zu sich hinauf und küßte ihn innig auf den Mund. »Gut ist dein Entschluß,« summte sie an seinen Lippen, »weil es ein Entschluß ist. Das ist ja nun wie der Beginn eines neuen Lebensabschnittes.« Und ihre Wange in Feierlichkeitsscheu an seine Backe schmiegend, segnete sie mit Flüsterworten: »Es soll zum heil und Glück sein, mein Junge, für dich, für dein Lebenswerk, für deine Schüler, für deine Kinder und –« sie lächelte hold – »für mich.« Da arbeitete der glücksverwöhnte Lebensbezwinger in ihm sich trotzig und kraftvoll heraus aus den moorigen Untiefen, die dieser schwere Tag in seinem Dasein aufgedeckt hatte. Wie es kam, wußten sie beide nicht. Sie saß mit einem Male auf seinen Knien, seine Arme umspannten stark und innig ihren schlanken Leib, sein Mund feierte an ihren feuchten Lippen die Auferstehung seiner Mannhaftigkeit. »Ja,« stürmte er mit knatternder Lebensfackel in die Zukunft, »ein Glück soll es uns allen sein! Ein Glück, das die Arbeit und das Leben lohnt.« Und in ihm schrie eine Kraft: »trotz alledem!« Ja, trotz all der Not, die draußen vor der Tür stand. Niederzwingen wollte er sie, den Mann in ihm ihr beheizt entgegenstellen und ringen um das Glück für das Weib in seinen Armen, für seine Kinder in ihren weißen Traumbetten, für all die Jugend, die verehrend und nacheifernd zu ihm emporblickte, für seine schönheitsblühende Wissenschaft, für sein reiches tatenfrohes Leben. Und er küßte sie lebensdurstig und trotzend dem Tode, immer wieder, immer wieder, und trank von ihrem Munde und ihrem Odem seine alte junge brausende Kraft zum Glück. Und als sie dann wieder ihm gegenübersaß, lockenzerzaust und liebesheiß, gestand er wie ein Junge, der einen übermütigen Streich beichtet: »Bedingungen habe ich aber nicht gestellt.« Sie lächelte: »Das habe ich mir gleich gedacht.« Und ernst bedauernd fügte sie hinzu: »Du hättest eine Erhöhung deines Gehaltes –« »I!« lachte er in seiner gewohnten burschenfröhlichen Art und zeigte die prachtvollen starken Zähne, »bin doch kein Erpresser. Wenn ich es jetzt in Ruhe und Frohsinn bedenke, ist es gut so. Bin kein Wissenschaftströdler. Entweder ich bleibe, dann bleibe ich, weil ich hier mein Ackerfeld bestellen will. Oder ich gehe. Schachern – nein, das liegt mir nicht!« »Du bist ein Kind!« lachte sie, ein wenig strafend und sehr stolz. »Im übrigen nannte der Regierungspräsident mich ostentativ ›Herr Hofrat‹. Ich bitte dich, dich also hofrätlich zu präparieren.« »Werd' ich,« rief sie und die Mädelausgelassenheit hatte sie an den braunen Zöpfen, »mache dir den Hof und küsse dich – redlich.« Und ehe er sich noch mit einem »Au« über ihren Kalauer Luft machen konnte, saß sie wieder auf seinen Knien und erfüllte ihre Verheißung – sehr redlich. Und dann hatten sie ihren ›schönen‹ Abend, wie sie es nannten. Die Zeit nach dem Abendmahle gehörte stets seinem Weibe. Sie saßen im Musikzimmer: Fieze am Bechstein, und er hinter ihr im Dunkeln. Sie konnte nicht spielen, wenn er ihr ins Gesicht sah. Und wenn es dann in ihm zu klingen begann, ging er leise zu dem schwarzen Holzkasten: hellauf klirrten die Schlösser, sein liebes Cello leuchtete goldbraun aus den grünen Polstern. Und dann begleitete sie ihn hinaus in das Land der weltentrückenden, himmelöffnenden Klänge. In dieser Nacht schlief auch Professor Faber wie Manja von Ingenheim tief und sorgenfrei. Dann kam ein neuer schwerer Tag. Ruhig und alltäglich setzte der Morgen ein. Faber war Frühaufsteher. Seine fruchtbarste Arbeitszeit lag im Tagesgrauen. Morgenfrisch ging er in seinem Zimmer einher und überdachte die nächsten Kapitel seines Werkes über Greco. Die dräuende Wolke an seinem Lebenshorizont versuchte seine Gedanken aufzusaugen. Hart fing er die Ausreißer ein. Jetzt war Arbeitszeit. Nicht die Tagesordnung stören lassen! Heute nachmittag ging er zu Ingenheim und rettete Manja. Dann kam das Duell – nun ja. Auch das würde zu überstehen sein. Er war oft genug als Student unter schwersten Bedingungen angetreten. Auch auf Pistolen, noch als junger Dozent in Berlin, als die Intrigen eines neidischen Kollegen ihm die Waffe in die Hand zwangen. Was weiter! Deswegen sollte sein Tagewerk nicht leiden. Uns Leben braucht es nicht gleich zu gehen. Und wenn! Dann war es wie ein Ziegel, den der Sturm vom Dach riß und ihm auf den Schädel schlug. Ein Mann denkt an die Arbeit, nicht an die Gefahr. Er bändigte die flatternden Gedanken und dachte an Grecos Lebenswerk. Als um acht Uhr seine Sprechstunde rief, war er arbeitserhitzt, heiter und froh des Beratens. Diese Sprechstunde war im Anfang seiner Lehrtätigkeit nichts anderes gewesen als die übliche Sprechstunde jedes akademischen Lehrers, eine bestimmte Zeit, zu der er außerhalb der Universität seinen Hörern zur Besprechung der Dissertationen und anderer akademischen Dinge zur Verfügung stand. Sie war aber im Laufe der Zeit zu einer Beicht- und Beratungsstunde der akademischen Jugend geworden. Ganz allmählich und ganz natürlich war die Entwicklung gekommen. Erst nahte der eine, der zu dem Manne mit der hinreißenden Menschlichkeit auf dem Katheder Zutrauen gefaßt hatte, mit einer kleinen Sorge, deren Bannen er von diesem Professor erhoffte, der immer das kraftvolle Bezwingen des Geschicks so stark betonte. Und dann kam ein zweiter und ein dritter. Es sprach sich herum. Und heute wußte es das jüngste Semester jeder Fakultät, daß der Professor der Kunstgeschichte und der Menschlichkeit ein stets bereiter, immer verstehender Berater in aller jungen Not des Lebens war. Diese frühe Sprechstunde, die Faber zweimal die Woche hielt, war ihm die freudigste Betätigung. Reicher an kraftvoller Einwirkung noch als das Entflammen vom Katheder aus, eindringender als die Begeisterungsentfachung im Seminar. Hier griff er mit beiden Händen, wie ein Bildhauer in feuchten Ton, hinein in die weiche, noch bildungsfähige Masse, aus der Männer geknetet werden. Und das wußte Fritz Faber sehr wohl, daß es nicht das schlechteste Material war, das ihm in diesen Beichtstunden in die Künstlerhände kam. Der erste, den Faber sich heute aus dem Wartezimmer jenseits des Flures herüberholte, war der schmucke Fuchsmajor seines Korps. »Brav, Lieber,« gab er ihm ermunternd die Hand und wußte, was den jungen Hanseaten zu ihm führte. Erstaunt fuhr der blonde Kopf in den Nacken. Faber lächelte. »Nanu, erschrick nur nicht! Du willst über deine – Beziehungen zu – jener Dame sprechen, mit der ich dich getroffen habe.« »Ja, Professor,« bekannte der junge Mensch. Faber strich ihm sacht, fast liebkosend über die Schulter. »Brav, Junge! Wußte, daß du meine Mahnung neulich abend bei euch verstehen würdest.« Und sehr ernst werdend, warnte er: »Nur die Finger aus fremden Ehen halten!« »Es ist – rein platonisch,« wagte der Student. Faber machte eine heftige Bewegung mit der Rechten durch die Luft: »Lieber, glaub' mir, es ist immer – rein platonisch.« »Nein, Professor, es ist so. Mein Wort darauf! Sie ist so einsam in ihrer Ehe. Der Mann hat nur Sinn für sein Geschäft. Ich bringe ihr – es klingt überheblich, Professor, aber du wirst es verstehen, etwas Geistiges bringe ich ihr ins Leben.« Der Professor bot dem jungen Platoniker eine Zigarre. »Setz' dich!« wies er auf einen Stuhl, »wir wollen es in Ruhe besprechen.« »Es ist schon sehr voll drüben,« hob der Student bescheiden das Kinn in der Richtung des Wartezimmers. »Laß! Jeder kommt dran. Jede Sache hat ihre unaufschiebbare Wichtigkeit. Und nun höre einmal zu, mein Junge, und glaube mir, ich spreche aus bitterster Lebenserfahrung, hörst du? Ich rede nicht das Blaue vom Himmel, sondern etwas Schwarzes der Erde. So, wie du es da schilderst, fangen alle diese Dinge mit verheirateten Frauen an. Ein bißchen gröber, ein bißchen zarter, je nach der Anlage des Mannes und des Weibes, in der Sache selbst immer gleich. Eine Zeitlang bleibt es auch bei dem ›Geistigen‹. Dann kommt etwas Zartes hinein, wenn der Mann so ist, wie du, mein lieber Lorenz, und eines Tages ist die Stimmung lind und heiß und elektrisch gespannt, und deine junge Manneskraft fordert selbstvergessen ihr Recht. Laß, ich weiß alles, was du entgegnen willst! Man ist kein Tier, man hält die Frau und die Rechte des andern heilig. Ich weiß, ich weiß. Lieber Junge, das glauben wir alle. Alle sind wir berauscht und seelenduselig in diesen Selbstbetrug hineingerannt. Alle.« Der junge Mensch blickte zu Boden, ohne sich zu rühren. Zum ersten Male hörte er einen bitterwehen Unterton in des geliebten Lehrers metallfester Stimme. »Und dann,« fuhr der Professor fort, »dann wird es eine schwere eiserne Kette, die man durchs ganze Leben schleift. Nie reckt man wieder frei die Glieder. Nie kommt der Frieden. Läßt man sich unter seinem erkämpften Glücksbaum im Lebenshaine nieder, breitet die Arme aus, die niederrieselnden Blätter aufzufangen, – plötzlich klirrt ehern die Kette auf und scheucht dein Glück und deinen Frieden.« So schmerzerfahren hatte er gesprochen, daß der Student jäh die Stirn hob. Des Professors Augen waren weit geöffnet und hingen ohne Glanz irgendwo in der Ferne. Nie hatte der junge Mensch ihn so gesehen. Nie hätte er gedacht, daß diese leuchtenden Glücksaugen so gramverloren trauern könnten. Im Tiefsten erschüttert stand er auf, gab dem Professor wacker die Hand und sagte: »Ich danke dir, ich werde heute mit ihr brechen.« Da riß sich Faber in die fordernde Stunde zurück. Warm hielt er die junge nervige Schlägerhand. »Brav!« nickte er. Und in seiner alten hinreißenden Herzlichkeit fügte er bei: »Donnerdoria, Fuchsmajor, es gibt doch Mädel genug. Was brauchst du deine Jugend an altes Holz zu hängen? Geh' zu deinesgleichen! Junge Füße klimmen mit dir zu begeisternden Höhen. Alte Beine halten dich in modrigen Niederungen.« Noch ein gelobender Händedruck, dann waren sie im Korridor, und Faber ging zurück in sein Arbeitszimmer, einen schüchternen blassen Knaben in entwachsener dürftiger Kleidung vor sich herleitend. »Bitte, setzen Sie sich!« bot er dem armen Bedrückten den Sessel an, den der blitzblanke Hamburger Patriziersohn soeben verlassen hatte. Scheu hockte er auf der Stuhlkante nieder. »Sie waren schon einmal bei mir,« suchte Faber in seinem Gedächtnis. »Ja, Herr Professor,« der Schüchterne schnellte auf wie eine Uhrfeder, »zu Beginn des Semesters hatte ich mir erlaubt –« »Richtig.« Da hatte Faber es. »Sie wollten damals mein Kolleg über attische Kunst belegen.« »Ja, Herr Professor,« stotterte er eifrig. »Nun, haben Sie etwas daraus nach Hause getragen?« lächelte er. »O, Herr Professor,« schwelgte der bleiche Junge enthusiastisch, und seine schwarzen Augen leuchteten auf, »o!« »Und was führt Sie heute zu mir? Aber setzen Sie sich doch!« »Ich,« er schwebte wieder auf der Stuhlecke – »ich – Herr Professor haben mir damals gütigst das Kollegiengeld erlassen –« »Ja doch. Sprechen wir nicht davon!« »Ich wollte am Ende des Semesters den Betrag nachzahlen.« »Aber lassen Sie doch!« »Ich habe gespart und gespart, Herr Professor. Meine Mutter ist Witwe. Ich sagte es damals dem Herrn Professor –« Faber nickte. »Wir sparen, so sehr wir nur können.« »Was studieren Sie?« fragte Faber. »Naturwissenschaften. – Ich möchte so gern etwas darin erreichen,« fügte er bescheiden errötend hinzu. Faber blickte sehr einst. Da legte der blasse Junge mit zitternden verschämten Fingern Silber- und Nickelgeld auf den Tisch. »Es sind nur siebzehn Mark fünfundzwanzig Pfennige,« gestand er rotglühend. »Den Rest will ich bitten, mir noch einige Zeit zu stunden.« Da stand Faber. All seine Liebe zur Jugend blühte farbenbunt in ihm auf. Beide Hände legte er zart wie eine Frau auf die schmächtigen Schultern des armen Burschen. »Lieber Junge,« sagte er, und die Worte träuften von überquellender Güte, »nehmen Sie das Geld! Was fällt Ihnen ein! Ich bin doch kein Händler mit Wissenschaft. Daß die, die es zahlen können, Opfer für ihre Bildung bringen, ist gerecht. Aber Ihr Magen soll nicht Ihre Wissensbegeisterung zahlen. Sie sind ein Prachtkerl, daß Sie sich das Geld für Kollegien vom Munde absparen, die nicht in Ihr Spezialfach schlagen, die Sie nur aus Liebe zur Schönheit besuchen. Doch glauben Sie mir, wir Professoren sind solcher Hörer würdig! Wir Professoren sind wie rinnende Brunnen am Marktplatz, an denen jeder Wanderer seinen Durst nach Genügen stillen darf. Nehmen Sie das Geld an sich!« Der Student zögerte. Da legte Faber die Hand unter sein spitzes Kinn und hob das Gesicht zu sich empor. Tiefe schwarze brennende Forscheraugen glühten in dem darbenden Antlitz. Ganz zag sprach der Professor. »Wie heißen Sie doch?« »Fritz Salomon.« »Sie sind mein Namensvetter,« lächelte Faber. »Aber darüber hinaus sind wir Brüder im Ringen um Erkenntnis.« »O,« wehrte verlegen der Student. »Doch!« beharrte Faber. »Und nun, mein lieber Bruder in litteris , wollen Sie mir eine ehrliche Freude bereiten?« »Gern, Herr Professor,« flammten die Feueraugen auf. Ganz still gefügig hielt er noch immer das Gesicht in des Lehrers Hand. »Dann zeigen Sie mir, daß Sie die Größe Ihres Forschertriebes haben! Glauben Sie, Ihr Körper und Ihr Geist ist großen Anstrengungen gewachsen, wenn beide schlecht ernährt werden?« Faber fühlte das Blut siedend unter seinen Händen zur Höhe rauschen. »Brauchen sich nicht zu schämen, Fritz Salomon. Ihre Armut ehrt Sie, lieber Freund. Also: Sie gestatten mir, Ihnen bis zur Beendigung Ihrer Studien zu helfen –« »Nein,« riß er sich los, »nein, Herr Professor!« »Das schmerzt mich,« sagte Faber traurig. »Das soll es nicht, Herr Professor, aber –« »Was aber? Erlaubt es Ihr Stolz nicht? Trauen Sie mir zu, daß ich Ihren Mannesstolz beugen will?« »Nein, Herr Professor. Aber wie kann ich – ein ganz Fremder –« »Fremder?« lächelte Faber. »Haben wir nicht eben noch unsere Geistesbrüderschaft festgestellt? Im Ernst, lieber Junge. Die paar hundert Mark kann ich vorläufig entbehren, Sie aber nicht. Was nützen alle Ihre schweren entbehrungsbitteren Studienjahre, wenn Sie als entkräfteter Mensch nachher ins Leben treten. Sie werden sich durchringen – in Ihren Augen liegt die Verheißung – und wenn Sie was geworden sind, dann kommen Sie eines Tages her und geben Sie mir alles zurück! – Wollen Sie?« »Sie sind so – gut, Herr Professor. Ich möchte aber erst meine Mutter fragen.« »Ehren Sie Ihre Mutter in anderer Weise! Das hier ist Mannessache. Also – abgemacht!« Da kam eine tränenschimmernde Dankbarkeit über den armen Jungen. Er umklammerte des Professors Hand und stammelte: »Ich werde etwas werden, Herr Professor. Sie sollen es sehen.« »Ich werde es sehen. Und nun wollen wir gleich heute anfangen. Ich weise es Ihnen heute und weiterhin jeden Ersten bei der Unionbank an. Sie können es dort ohne – gêne erheben; man glaubt bei der Bank, es sei ein Stipendienfonds.« Und schon waren sie im Korridor, und ehe der junge Mensch recht wußte, wie ihm geschah, öffnete der Professor die Tür des Wartezimmers. Der junge Fritz Salomon war, weiß Gott, nicht sein einziger ›Stipendiat‹. In dem Zimmer saßen noch acht Harrende. Die Sprechstunde ging weiter. Da kam der schlanke Beamtensohn von Bries, der vor kurzem aus dem Korps ausgestoßen worden war. Schambleich und vergrämt kam er herein. Doch mit hoffnungsgeröteten Wangen schied er. Kein Wort des Vorwurfs kam über Fabers Lippen. Der arme Kerl hatte seine harte Strafe. Aber ein gutes Wort gab er ihm mit zu seinem Wegzug auf eine andere Hochschule. »Gib einmal im Leben,« sagte er mit einem hellen Blick seiner Dichteraugen, »einer Frau das Glück, einen ganzen Mann in dir zu beglücken, und du wirst deine Stirn wieder frei erheben können, wenn von Mannesredlichkeit gesprochen wird!« Und weiter zog der Zug der Beichtkinder, Schicksal nach Schicksal ordnete er väterlich streng und freundlich mild, Leben auf Leben gab er die Richtung zum Guten und Wahren und Schönen. Da nahte ein junger romantischer Herr, der seine Herzallerliebste entführen wollte, weil die Eltern der seltsamen Marotte huldigten, ihre Tochter einem Studenten zur Ehe zu versagen. Mit herber Ironie wusch Faber ihm den Abenteurerschädel, daß es nur so schäumte. Da kam ein ernster Bursche mit quadratischem Hirnkasten, der wegen einer Lappalie auf Säbel gefordert worden war und aus Überzeugung dem Duell ausweichen wollte und nicht wußte, wie er auf andere Weise seine verdächtigte Tapferkeit erweisen sollte. – »Im Ertragen der Zweifel der andern,« riet Faber. Da waren junge Studentinnen mit ernsten Wissenszweifeln, da waren enthusiastische Damen, die seine Vorträge in der Lessing-Akademie besuchten und unter dem Vorwande des Wissensdranges dem Drange ihrer Schwärmerei folgten. Und als die Sprechstunde ihrem Ende entgegenging, saß da Beatrice Herforth und wartete bescheiden, bis ihre Zeit der Arbeit kam. Faber gab ihr die Hand und sagte: »Gehen Sie doch zu meiner Frau hinüber, Frau Herforth! Sie plaudert so gern mit Ihnen.« Und errötend zog die große schöne, in ihrem Leid verschüchterte Frau hinaus, Sophie zu suchen. Sie fand sie in ihrer Traumecke im Wohnzimmer am Fenster. Die Kinder waren mit dem Mädchen im Stadtpark. Nachdem sie über allerlei Nichtigkeiten geplaudert hatten, sagte Beatrice plötzlich: »Ich fahre heute nach Hause, Frau Sophie.« Die junge Professorenfrau blickte auf. »Ich halte es nicht mehr aus,« sprach die andere leise fort, »ich gehe zugrunde. Den ganzen Tag gestern war ich im Zimmer. Auf die Straße gehe ich nicht; ich weiß nicht, wohin. Wenn ich Arbeit habe, ist es gut. Ich ziehe sie hin, solange wie möglich. Aber dann. Ich kann nicht lesen. Alles in mir fliegt. Ich gehe von einer Ecke des Zimmers in die andere. Stunde um Stunde. Und wenn ich verzweifelt vor Nervosität nicht weiter kann und alle Fasern in meinem Kopfe zittern und zerren, dann ist es vier. Und ich gehe weiter und weiß: nun muß ich noch sechs Stunden so gehen, ehe es zehn ist und ich ins Bett kriechen kann, um die Nacht hindurch wachzuliegen.« »Aber – liebste Frau Beatrice – warum kommen Sie nicht zu mir?« rief Sophie. »Wir könnten doch spazieren gehen oder plaudern.« Die Frau schüttelte den schwarzen Kopf, den das eindringende Julilicht mit bläulichem Schmelz überhauchte. »Ich bin keine Gesellschaft. Ich kann, wenn ich nicht arbeite, an nichts denken, als an meinen Kummer.« Und alle ihre Scheu zu Boden werfend, brach sie aus: »Ich sehne mich so nach den Kindern! Ich sehne mich so nach meinem Manne!« Sophie blickte feinfühlig zur Erde. Sie kannte nun längst Beatrice Herforths traurige Geschichte. »Haben Sie denn nicht an – ihn – geschrieben?« fragte sie nach einer kleinen Pause. Beatrice nickte. Da wußte Sophie, daß ihr Mann nicht geantwortet hatte, und fragte nichts mehr. »Ich habe das Gefühl,« wagte Beatrice endlich ihre letzte Hoffnung, »wenn ich vor ihm stehe und spreche, wird er alles verstehen.« »Ist sie nicht noch ein bißchen zu kurz, die Zeit?« bedachte Sophie milde. »Kurz!« Beatrice starrte. Und dann hastete sie: »Es ist doch schon so lange her. So endlos lange! Was mögen nur die Kinder ohne mich anfangen? Irmgard hatte damals gerade eine Erkältung. Sie ist solcher Wildfang. Wenn nur nichts Schlimmes daraus geworden ist! Und Horst konnte nie einschlafen, wenn ich nicht seine Hand hielt.« Ihre Augen wurden hell in Tränen – »Manchmal packt mich die Angst, daß irgend etwas Schreckliches geschehen ist, und er deswegen nicht schreibt.« Da öffnete Faber die Tür seines Zimmers und bat Beatrice zu sich herein. Gleich beim Eintreten sagte sie: »Herr Professor, verzeihen Sie! Ich weiß sehr wohl, es ist nicht recht. Sie sind mir so überaus menschlich entgegengekommen. Ich kann aber nicht weiter.« Und sie sprach von ihrer Reise. »Hm,« machte Faber, »schade! Aber wenn Sie meinen, daß es für Ihre Zukunft gut ist. Natürlich gebe ich Sie frei. Dann werden Sie wohl nicht mehr in der Stimmung sein, heute zu stenographieren?« »O ja,« sagte sie kleinlaut, »ich will es heute nachmittag noch abschreiben und bringe es Ihnen dann mitsamt der Maschine.« Es wurde ein stürmischer Morgen im Hause Faber. Denn nach einem Klingelwirbel stürmte der Oberst Pahlow herein und gleich hinter ihm – das Brautpaar. Jawohl, das Brautpaar, das ihn telephonisch hierher zitiert hatte, um die große Mär ausführlich zu berichten. Die große Mär lautete also: Gestern war Professor Hancke nachmittag nicht mehr ins Laboratorium gekommen. Das Problem, das er lösen wollte, konnte er nicht chemisch ausexperimentieren. Aber heute morgen war er gekommen. Helene stand bereits an ihrem Tische. Er sah nicht, der gute Professor Karl Hancke, daß sie heute so hübsch aussah, wie lange nicht. Er bemerkte nicht, wie schalkhaft die schwarze breite elsässische Schleife im schwarzen Haar kokettierte. Er ahnte nicht, die gute Seele, wie sorgfältig sie sich heute vor dem Spiegel gekleidet hatte – für ihn – nur für ihn. Er stand neben ihr und sah ihren hurtigen klugen analysierenden Fingern zu. Endlich sagte er: »Mein Freund Ostwald in Leipzig unterscheidet romantische und klassische Naturen unter den Forschern. Die ersteren sind die genialen Glückskinder, denen alles zufliegt. Das Können und die Herzen. Die Klassischen haben es weit schwerer.« »Das sind die exakten Gründlichen,« schaltete sie ein. Er nickte. Und obgleich er einen anderen Faden hatte spinnen wollen, trabte er in ihrem Gedankengange weiter. »Mehr neue Werte erahnen aber wohl die andern. Als ich Ihnen so zusah, wie Sie da – einfach genial das Natriumfluorid gewannen, dachte ich: Sie sind solch romantische Natur,« »Und Sie, Herr Professor?« »Ich bin kein Vulkan,« schüttelte er den Kopf, »der jäh mit der ganzen Kraft des Hirns ausbricht und seine ewigen Lavawerte hervorschleudert.« »Nein,« sagte sie fröhlich, »Sie sind ein langsam, stetig fallender wissensklarer Tropfen. Und bilden am Ende doch Ihren See, in dem sich der Himmel der neuen Werte spiegelt.« Er lächelte bescheiden. Da fragte sie keck: »Wie geht es den Problemen, Herr Professor?« Sein Gesicht verdüsterte sich kläglich. »Die wachsen sich zu schrecklichen Angstgewalten aus.« »Aber nein!« Sie stellte das Reagenzglas klirrend nieder. »Doch.« Er nickte bitterlich. »Und mein – Wanderbild?« fragte sie. »Das sehe ich nur, – wenn Sie dabei sind.« »Das ist doch schön,« lächelte sie. »Ja,« meinte er, »wenn ich dann aber allein zu Hause bin –« Da griff sie zu. Dem Manne mußte geholfen werden. »Ließe es sich nicht vielleicht irgendwie ermöglichen,« lachte sie spitzbübisch, »daß ich dabei bin – wenn Sie allein zu Hause sind.« Die dicken Brillengläser funkelten auf. »Wie?« Da rief sie: »Glauben Sie, Sie werden Lebensprobleme mit dem Hirn lösen? Die löst man mit der Tat!« Jetzt hatte Karl Hancke den entschlossensten und gewaltigsten Moment seines Privatlebens. Stracks marschierten seine langen Beine auf das forsche Mädel zu, seine Arbeitshände streckten sich ihr mutvoll entgegen. Lachend stammelte er: »Dann wäre doch das Beste –« Und da hatte sie ihn schon umschlungen und gejubelt: »Aber natürlich wäre das das Allerbeste!« Das war die große Mär, die das Haus Faber auf den Kopf stellte. Karl Hancke aber erkannte keiner wieder. Ausgelassen trommelte er an Fabers Stubentür. Mit der Arbeit war es für heute vorbei. Nach leisem Glückwunsch ging Beatrice Herforth, ihren schweren Gang zu tun. Das war ein Wundern und Staunen und freudevolles Necken. Man stand und lachte und plauderte und machte Pläne für die Zukunft. Die Hochzeit sollte sehr bald sein; denn Helene mußte, wie sie lebhaft bemerkte, dafür sorgen, daß sie immer dabei war, wenn der liebe Karl in seinen vier Wänden allein spintisierte. Die andern blickten verständnislos, Hancke aber legte die langen Arme um die Schultern der Braut und drückte das junge heiße stürmische Blut an seine sanftpulsende Lebenswärme. Mitten aus dem Glücksschwall heraus wurde Professor Faber an das Telephon gerufen. Er ging in sein Zimmer. »Ja – bitte, Professor Faber.« »Ich,« gellte Manjas Stimme. »Ich komme sofort zu dir.« Dann blieb es still. Sie hatte abgehängt. Hinaus ging Faber den Weg zur Küche. Er fühlte die Beine nicht. »Wenn eine Dame kommt, führen Sie sie in mein Zimmer!« gebot er der Köchin. Dann schritt er langsam zurück. Was wollte sie? Was war geschehen? Irre Verzweiflung schrie in ihrer Stimme. Er ging in das Wohnzimmer. Hancke hob just sein Glas: »Auf eine gute Verbindung der romantischen und der klassischen Natur!« lachte er seinem Mädel zu. »Versteh' ich nicht, lieber Schwiegersohn,« rief der Oberst. »Sagen wir es lieber auf gut deutsch so: Kinder, ihr sollt in eurer Ehe so glücklich werden, wie die beiden da. Prost Karl! Prost Fritz, mein Junge!« XIX. Vom tiefen Schlaf in allen Gliedern erfrischt, war Manja von Ingenheim am Morgen erwacht. Schon im Auftauchen zum Bewußtsein lächelte ein freudiges Ahnen um ihre noch schlummerumfangenen Augen. Endlich, endlich, wieder einmal ein Empordämmern zum Tage, in das sich nicht schon im Unbewußten Ängste und Schreckensschauer einkrallten. Wohlig durchrieselt, schlug sie langsam die Lider mit den dunkeln langen Wimpern empor. Ah – war das gut. War das heute gut! Sie lag tief in den Kissen und badete den Körper in dieser kosenden Lindheit. So dämmerte sie eine lange Weile zum Licht. Dann dachte etwas lächelnd in ihr: »Ich brauche nicht zu sterben, alles ist gut.« Da war sie plötzlich bei vollem Bewußtsein. Sie setzte sich im Bette aufrecht und sah auf die rotgoldenen Flammenfahnen vor den Fenstern. Es mußte schon spät sein, wenn die Sonne so lohend auf die Vorhänge brannte. Ja doch – sie brauchte nicht mehr zu sterben. Auf die roten Damastvorhänge starrend sammelte sie ihre schlafgeruhten Gedanken. Wie war es doch gewesen? Ja doch. Da hielt sie es in den Händen. Weil es eine Komödie war, eine lächerliche Farce. Das – was? Was denn? Was war eine Farce? Und da durchlebte die kluge Manja von Ingenheim die vernichtende Wahrheit, daß die schonungslos grelle Helle des Morgens die Dinge des Lebens entzaubert und sie entmummt der milden, müden, phantastischen Schleier, in die das weich zerfließende Licht des Abends sie sanft bergend hüllt. Sie saß und starrte auf die Fenster und sah die Posse nicht. Sie suchte und suchte in ihrem Hirn nach der grotesken Komik, die ihr gestern abend das Leben gerettet hatte. Was war ihr nur so überwältigend schwankhaft erschienen? Was? Was? Sie schleuderte in aufsiedender Todesangst die seidene Decke zurück; warf die Füße aus dem Bette und saß in qualvollem Grübeln. Wo war die Komik ihrer Todesrolle? Wo – wo? Ihr Mann hatte von Fabers Frau geschwärmt. Nun ja. Ja doch. Wo lag da die Farce? Deshalb sollte sie gerettet sein! Was hatte ihr gestern abend den verwegenen Trotz zum Leben gegeben? Eine Stimmung? Eine Überreizung der zerschundenen Nerven? War es nicht schön, wie herzhaft er sich an andern Frauen freuen konnte und doch – das wußte sie, wie sie wußte, daß die Erde kreist – rein in jedem Gedanken blieb? War diese rüstige Begeisterungsfähigkeit in seinen Jahren nicht köstlich! Wie poetisch er in seiner Hingerissenheit geworden war. Wie die Schönheit alles Edle und Zarte tief im Grunde seine Alltagsseele aufwühlte. Wie zart war es, als er sagte: »Die Frau ist nicht zum Verlieben. Wie eine glockenklare Altstimme unter ausgestirntem Himmel, so ist sie.« Wunschlos, wie von einem Stern, hatte er es gesagt und rührend beschämt ob seines Überschwanges. Das sollte grotesk sein! Bloß weil es zufällig Fabers Weib war, der es galt? Sie verrankte die Finger und legte das Knie in die Schlinge der Hände. Freude am Schönen hatte in ihm ihre Andacht gehalten, das wußte sie. Sein empfängliches Herz pochte freudig beim Anblick eines schönen Weibes, wie sein Gemüt in inbrünstiger Schauensfreude auflebte vor der Erhabenheit eines zum blauen Himmel trotzenden Firns, vor der milden Lieblichkeit einer sanften grünen Wiese in Sonnenduft und Blumenschmelz. War das eine Farce, die ihr das Recht zum Leben gab? War sie deshalb weniger tief gefallen vor ihm? Nein. Im Gegenteil, sie sank noch schmachvoller. Gerade weil sie erfahren hatte, wie gefahrvoll ihr das Hinausschweifen aus der eng geborgenen Sicherheit der Ehe geworden war, mußte sie seine nachtwandlerisch unfehlbare Lauterkeit nur um so ergriffener hochachten. Grotesk war da nichts. Ja – aber dann – sie glitt von der Matratze auf die Füße nieder und stand und fühlte das Blut tropfenweis weit, weit fort vom Herzen sickern, dann stand sie doch wieder am Rande des geheimnisvollen, brodelnden Schlundes, in den sie hinabtauchen mußte! Dann blieb ihr nur das Abstürzen beim Morgenritt. Ihre grauen Angstaugen irrten im Zimmer umher nach einer Hilfe. Und plötzlich sah sie sich tief unten im Abgrund liegen mit zerschmetterten Gliedern. Sie zuckte noch, wie eine Biene, die man erschlagen hat, vom Todeszittern überrieselt wird – so lag sie dort in dem Abgrund, und die arme »Lenora« bei ihr mit klagenden, sterbewehen Augen. Sie schloß matt die Lider. Da durchlebte sie mit stockendem und wieder angstgepeitscht ausbrechendem Herzen den Moment des Abstürzens, dieses wahnsinnige Gefühl des Schwebens im Luftraum, das Eingeweide zerreißende Niedersausen, das schädelspaltende, hirnverspritzende, dumpf klatschende Aufschlagen am Grunde. Sie hastete im Zimmer umher, als jage ein Mörder mit glühendem knisternden Eisen hinter ihr drein. Das mußte sie morgen durchleben – mit klarem Bewußtsein durchleben – mußte sie – kein Ausweg war da, in dieses Vernichtende mußte sie hinein, mitten hinein. Sie rannte immer schneller rings im Zimmer umher, immer keuchender. Und plötzlich schrie sie gell: »Nein, nein!« Und warf sich nieder auf den Teppich, schlug dumpf mit der Stirn gegen den Boden und preßte die Hände krampfhaft vor die Augen, als könnte sie so ihren marternden Gedanken entgehen. Es war die letzte Angst der Kreatur, die den zum Tode Verurteilten einmal menschentkleidend umkrallt, auf Sekunden, auf Stunden, gerade den Tapfersten, gerade den Vergeistigtsten, der das Grauen des Vernichtetwerdens zu erdenken, gerade den Beseeltesten, der diese irrsinnige Marter des Ausgerodetwerdens mit tausend blutigen lebentriefenden Wurzelfasern bis ins Letzte vorzuahnen weiß; gerade denjenigen, den es bis ins Mark durchwühlt, daß er nur dieses eine Leben hinzuschleudern hat, dieses eine einzige, solange Welten sich drehen, solange Sterne im Weltall stehen, solange geblutet und gerungen, geliebt und gedacht wird auf Erden, nur dieses eine einzige unersetzliche Leben. Gerade die heulen einmal auf wie die Bestie in Todesqualen, die, für die es keine Wiederkehr gibt, keine Auferstehung, kein Aufflackern je wieder, gerade die, die wissen, daß sie ausgetilgt sind aus dem bewußten fühlenden All in alle Ewigkeiten. Und wenn sie jung sind wie Manja von Ingenheim, kaum dreißig, und wissen, daß der Kelch ihres Saftes noch schäumt, wenn der Durst noch glühend brennt, dann ist die Verzweiflung grell wie schlagende Wetter und von den Balken der Kultur in ihrem Schädel nicht zu tragen. Dann brüllt aus der Menschenform das kriechende Tier der Urzeit. Lange bäumte sich die schöne feine Manja wie ein gefangener Fisch, der ins Boot geworfen wird, vom Boden auf und schrie in den Teppich und biß in den Flausch und krallte die blinkend gepflegten Nägel in das Gewirke, daß sie splitterten und rissen. Und hob den zarten Kopf mit dem verwühlten spinnwebfeinen blonden Haar und dem verängstigt rasenden Hirn. Und sie suchte mit Augen, in denen flackernd der Irrsinn brannte, im Zimmer umher nach dem Ausschlupf. Suchte, suchte in ihrem zierlichen Schlafgemach umher wie der Verurteilte in seiner nackten Zelle. Plötzlich bog sich der Körper auf, wie der Leib einer Wildkatze vor dem Sprunge, schnellte empor, krallte den Hörer des Telephons von dem weißen Tischchen und schrie Faber ihre Todesnot entgegen. Und riß das Nachtgewand vom Leibe und schleifte an verzweifelt kreischender Klingel die Zofe herbei und sackte die Kleider an den Körper. Und vergaß alle Vorsicht und alles Vertuschen und alle Furcht vor den Menschen. Der Tod stand hinter ihr, der Tod, und grinste. Er warf sie in die Equipage und schrie aus ihr zähnefletschend dem Kutscher zu, zu rasen, rasen, und fegte sie die Treppe hinauf und krallte ihre eisstarren Finger um den Klingelzug, daß er aus dem Gefüge brach, und stieß das Mädchen zur Seite und schmiß sie wie ein Bündel Elend in des Professors Stube. Und riß sie nieder auf die Knie und schüttelte ihr die Arme wie Weidenzweige im Sturm. Und winselte aus ihrem garstig vergeiferten Munde: »Ich will nicht sterben – ich will nicht sterben!« Und als der Mann sich zu ihr niederbeugte, sie aufzuheben, umkettete sie mit beiden Armen sein Bein, verbiß sich in sein Knie und pfiff keuchend zwischen den Zähnen: »Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben!« Und alle Tapferkeit war ein Nichts geworden, alle Frauenwürde ein Schatten, alle Gelehrtheit und aller Liebreiz dieses klugen blaublütigen Weibes eine bleiche Nichtigkeit des Tages. Nichts von ihr war geblieben als elender winselnder Jammer. Und als Faber sie endlich in einen Stuhl gelegt hatte und ihre Wirrnis wieder Worte fand, war in ihrem irr spulenden Verstande nur der eine Gedanke: Rette mich – rette mich! »Ja doch – ja doch!« gelobte er immer wieder. »Ja doch!« »Rette mich!« umtastete sie seine Hände. »Ich bringe dich fort,« hastete er, »weit fort, in Sicherheit, kehre zurück und sage deinem Manne alles.« »Ja – ja – nur leben – nur leben!« Aus dem Nebenzimmer schallte das frohe Lachen der Verlobungsfreude. Er holte Wasser, gab ihr zu trinken, legte ihr feuchte Tücher auf Augen und Nacken und sprach ihr zu, leise flüsternd, fiebernd, beruhigend. Sie legte seine Hand auf ihr furchthämmerndes Herz. Und endlich, endlich sprangen die Tränen, die milden, erlösenden lösenden Tränen, in Tropfen zuerst, in stürzenden Bächen dann, in flutenden Strömen endlich. Und die Besinnung kehrte zurück und das Menschentum, als würde in die schlotternde Hülle wieder Gottes Odem geweht. Doch aus dem nachbebenden Todesgrauen keimte lebensstark der Egoismus der Selbsterhaltung auf. Sie wollte leben, sich anklammern an den, der die Rettung in Händen trug, sich ankletten und von ihm zurückschleifen lassen in das alte, gute, reiche, ach so reiche Leben! Nicht in Verachtung und Verbannung, nein, nein, in ihrem alten, guten, reichen Leben leben! Nicht leben, um Not und Verderben zu haben! Nein, nein! Alles das schoß in Sekunden durch ihr wund wallendes Hirn. Sie blickte auf zu dem sorgenbleichen Manne und flüsterte: »Erfahren darf er nichts. Ich habe nicht mehr die Kraft, als verstoßene Frau dort draußen irgendwo zu leben. Ich bitte dich jetzt um etwas Großes, Fritz. Es fiel mir gestern ein, als eine Rolle in einer Posse. Heute ist es eine tragische Heldenrolle für dich geworden. Ich weiß, was ich von dir fordere. Ich weiß auch, ich gebe mit diesem Verlangen alles preis, was du in mir geliebt und geachtet hast. Ich kann nicht anders. Du bist der Mann. Du hast zu handeln. Du mußt mich retten. Ich bin ein Weib. Ich bin schwach – ja – ja, jetzt wo es zum Äußersten kommt, bin ich feig wie die feigste Dirne.« Sie schüttelte es hervor, sprang auf, schwankte, griff die Lehne eines Stuhles als Halt: »Schwöre den Eid!« »Wie?!« er taumelte. »Schwöre den Eid! Keinem tust du unrecht. Du bist nicht religiös. Dir ist es keine Sünde vor deinem Gotte. Und vor den Menschen! Was schert die Menschen das, was zwischen uns beiden gewesen ist! Was haben sie da mit ruchlosen neugierigen Händen hineinzutasten!« »Aber – Manja!« Er bewegte nur die Lippen. Keinen Ton hatte seine verdorrte Kehle. »Es gilt mein Leben! Ein Leben gegen ein Wort!« »Manja« – er fingerte zerrend an seinem Kragen, »ich – mein ganzes Leben schreit dagegen. Nein – nein doch! Verlange eher den Tod!« »Du hast für dein Weib und deine Kinder zu leben.« »In Ehren!« schrie er auf. »Es kann nicht herauskommen!« flüsterte sie beschwörend. »Keiner außer uns beiden weiß Bestimmtes.« »Ich weiß es!« die Fäuste dröhnten auf seinem Brustkasten. »Denk' daran, daß es ein edles Werk ist,« sie hob die gefalteten Hände, »eine Heldentat!« Er wandte sich fort, trat zum Fenster und kämpfte den schwersten Kampf seines Lebens. Sein ganzer Körper nahm teil an diesem Ringen der Seele. Das Gesicht verzerrte sich zu grausamer Grimasse, die Hände griffen in die Luft, die Lungen schnaubten. Sie stand und horchte weit vorgebeugt mit würgender Erwartung auf das sausende Atmen der kampfverbissenen Mächte in seiner Brust. Da wandte er sich ins Zimmer zurück. »Nein!« unerbittlich wie ein schwingender Sensenhieb mähte das Wort ins Zimmer, »das kann ich nicht. Es gibt etwas, das heißt Mannesehre!« Da sprühte wie eine steigende Rakete eine purpurwilde Zornesglut aus ihren Augen. Es war, als ob sie wüchse. »Es gibt auch etwas, das heißt Frauenehre!« zischte sie. Besänftigend entgegnete er: »Manja, bei ruhiger Überlegung kannst du das nicht verlangen.« »Ich verlange es!« raste sie in der entzügelten Heftigkeit ihres Wesens, die er nie an ihr gekannt. »Komm!« bat er und nahm ihren Arm. Sie riß sich los. »Setz dich in den Stuhl! Sei erst wieder du selbst! Dann wirst du einsehen, daß ich es nicht kann, Ein meineidiger Lügner kann nicht Lehrer und Vorbild der Jugend sein. Das wirst du einsehen, Manja, wenn du ruhiger geworden bist. Wenn ich das tue, was du verlangst, bin ich ein toter Mann.« »Und wenn du es nicht tust, bin ich ein totes Weib.« Ihre in hundert gelehrten Gesprächen geschärfte Disputierkunst hatte den Kampf um das Leben aufgenommen. »Ich habe Weib und Kinder.« »Ich Mann und Kind.« Da siedete auch er auf. »Du brauchst nicht zu sterben. Leb' und trage deine Folgen!« »Trag' du deine Folgen!« »Ich will sie tragen.« »Dann handle an mir als Ehrenmann!« »Das nennst du als Ehrenmann handeln?« fuhr er bitter auf. Und ruhiger setzte er hinzu: »Ich werde noch heute mit deinem Manne sprechen.« »Das wirst du nicht!« verbot sie hart, »Du weißt sehr gut, daß das heute nichts mehr nützt. Heut stehen wir vor dem Skandal.« Und plötzlich umschwingend, klagte sie: »Pfui, wie ist dieser Auftritt unser unwürdig!« Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm: »Fritz, das kann ich doch wohl verlangen, daß nicht gerade du mich in den Tod treibst!« Er zog den Arm zurück und ging mit gesenkter Stirn im Zimmer umher. Ihre grauen blutunterlaufenen Augen liefen wie feindliche Späher hinter ihm her. Da hob er langsam den Kopf und sah sie an mit einem langen Blick. Grün glommen die Augen unter tiefgedrückten Brauen. »Fritz,« sagte sie leise, »wie hast du dich jetzt erniedrigt. ›Wenn sie sich mir doch damals nicht ergeben hätte!‹ das hast du eben gedacht.« »Ja – ja,« er stieß den Hals weit vor. Der Haß glitzerte in seinen Pupillen. Ihre Nasenflügel schlossen sich verächtlich. »Feigling!« Sie stieß es wie eine Dolchklinge durchs Zimmer, dann ging sie zur Tür. Er hörte die Entreetür sich öffnen und rührte sich nicht. Er hörte die Tür ins Schloß fallen und rührte sich nicht. »Jetzt geht sie und tötet sich,« dachte automatisch sein Hirn. Er rührte sich nicht. »Gleich – jetzt – im Zorn wird sie es tun,« wußte er und rührte sich nicht. Und plötzlich faßte er einen Stuhl, hob ihn hoch empor und schmetterte ihn zu Boden, daß er zersplitterte. »Dann soll sie es tun! Ich kann ihr nicht helfen. Ich habe mein Weib und meine Kinder.« Da öffnete Sophie erschreckt die Tür. »Aber, Fritz,« sie starrte auf den zerborstenen Sessel. »Laß!« er stieß die Leisten mit dem Fuße, »ich habe mich ausgetobt. Nun ist's gut. –« Damit ging er hinaus, nahm den Hut und eilte zur Universität, seine Vorlesung zu halten. Verzagt sammelte Sophie die Trümmer des Stuhles. XX. Als der Diener öffnete, überreichte er Manja von Ingenheim einen geschlossenen Brief des Barons mit dem Bericht, der Herr Regierungspräsident wäre nach Hause gekommen und dann gleich zur Bahn gefahren. Mit einer Ruhe, die sie überraschte, nahm Manja den Brief und ging in ihr Zimmer. Ohne Hast, mit einer interesselosen Gleichgültigkeit öffnete sie das Kuvert. Nein, dachte sie gleich, es ist nichts. Der Präsident teilte ihr mit, daß er plötzlich nach der Residenz berufen worden sei; morgen mittag werde er zurück sein. Und dann stand da zum Schluß: »Ich glaube nicht, daß ich als Regierungspräsident heimkehre. Rüste dich, den Ministerialdirektor zu empfangen!« Langsam legte sie den Brief auf den Toilettentisch und entknüpfte den Schleier. Lange sah sie in den Spiegel auf ihr abgehärmtes graues Gesicht mit den entzündeten Augen. Ja, sie würde sich rüsten, den Ministerialdirektor zu empfangen. Er sollte seine verdiente Beförderung haben. Sie wollte ihm kein Hindernis sein. Nein. Nein. Sie wußte, wie er diesen Posten in der Zentralbehörde innerlich erstrebt hatte, wenn er auch keine Worte darüber machte. Sie wollte nicht aus seiner Lebensstraße ein Stein sein, über den er stürzte. Nein. – Ergeben und gefaßt war sie jetzt. Die verrasten Stürme des Morgens lagen zurück, wie eine niedere Entwicklungsphase. Ihr starker Intellekt hatte sich endlich emporgerungen und dem Tode aus den Augen ihrer monistischen Lebenserkenntnis ins milde Antlitz geschaut. Alle Furcht war gewichen; ihr wissensklarer Glaube gab ihr jetzt Halt. Und wenn sie an Faber dachte, blutete die Scham in ihre kalkigen Wangen. Wie hatte sie das von seiner Mannhaftigkeit fordern können! – Einen falschen Eid von ihm! Wirr und angstverweht war sie gewesen und blind vor Todesgrauen. Sie wollte ihm schreiben. Ja. Später. Und morgen – morgen früh, ehe ihr Mann heimkehrte, wollte sie es tun. Ihr Entschluß stand jetzt wie eine Klippe im Meer. Ja, morgen früh beim Spazierritt würde sie verunglücken. Es gab da einen Weg hinauf zu einer Anhöhe mit einer verteufelt jähen Biegung. Hinter dem niedrigen Steingeländer gähnte ein steiler Abhang. Wer dort hinunter kam, den nahm die Ewigkeit in ihre linden Arme. Wieder dachte sie voll schmerzlichen Mitleids an ihre arme Stute »Lenora«. Aber hatte sie nicht oft gelesen, daß Offiziere bei der Gefangennahme ihrem treuen Tiere den Degen ins Herz stießen, ehe sie ihn ablieferten. Damit der Gefährte ihrer Gefahren nicht in fremde Hände hinüberglitt! Auch ihre ›Lenora‹, die nun bald alt wurde, sollte in keine Schinderhände fallen. Und dann! Würde ›Lenora‹ nicht, wenn sie wählen könnte, gern mit ihr den Todessprung tun! Es gab keinen zweiten unverdächtigen Weg. Das arme Tier mußte mit hinunter und hinüber. Vor den Menschen mußte es ein Unglücksfall sein. Auch vor ihrem Manne. Vielleicht kam es nicht zu dem Termin, wenn sie tot war. Man streitet nicht vor Gericht um die Ehre einer Frau, die kaum erkaltet mit zerschmetterten Gliedern im Sarge liegt. Vielleicht! Dann war auch Faber gerettet. Morgen früh ja. Sie wußte jetzt, daß ihre Tapferkeit nicht wieder erblassen würde. Der Geist triumphierte jetzt über jede kleinmütige Todesfurcht. Den Rest des Tages heute und die Nacht wollte sie noch ausschlürfen in der guten genießenden wohligen Gemächlichkeit, die sie so liebte. Am Nachmittag saß sie bei ihrem Jungen, half ihm bei den Schularbeiten, spielte mit ihm einen mutvollen Festungskrieg, las ihm die letzten Briefe des Kaisers und sprach, bis er schlafen ging, mit ihm über tausend Dinge, die seine lebhafte Kinderphantasie durchzuckten. Und war so heiter jung und so ausgelassen lustig mit ihm, und seine Augen lachten so knabenfröhlich und ritterlich verehrend zu ihr auf, daß sie wußte, er würde diesen letzten Tag seiner schönen lebensfrohen Mama niemals vergessen, niemals durch ein langes tatenreiches Leben hindurch. Und als sie ihn abends zu Bett gebracht hatte, in wehmütiger Erinnerung an die glückliche reine Zeit ihrer jungen Ehe, ging sie in ihr Bibliothekzimmer. Sie öffnete weit die breiten Scheibentüren der Schränke und strich abschiednehmend zärtlich mit der Hand über diese besten Freunde ihrer heiligsten Stunden. Hier und dort nahm sie ein Buch aus der Reihe und blätterte darin. Und alte, lang verschollene Erinnerungen tauchten auf an die Kindheit, an den geliebten gelehrten Vater, der nun auch längst an der Seite der jung verstorbenen Mutter zerstäubte, an die Geschwister, denen sie nie nahe gestanden hatte, tauchten auf, wiegten sich wie ein leises Jugendlied durch ihr Gemüt und verwehten. Hier, den Kant, hatte ihr Mann ihr in der Brautzeit geschenkt. Sie schlug die Widmung auf: »Meiner gelehrten Freundin und liebreizenden Geliebten.« Die Augen wurden ihr feucht. Schnell hob sie das Buch zum Munde und küßte es scheu und innig. Dann stellte sie es langsam zu den andern. Da stand der schwarzgebundene trotzige Foliant der Geschichte der Präraffaeliten, Fabers gewaltiges Jugendwerk. Wieder errötete sie in Scham. Wie häßlich war das Ende heute gewesen. So erniedrigt hatte ihre Verzweiflung sie beide. Sie würde ihm schreiben, nachher. Sie schlug das Buch auf. Da stand die Widmung, die er hineingeschrieben hatte, als er bei seinem Besuche kurz nach der Habilitation ihr stolz das Buch mitbrachte »Der Heiligen, der Gelehrten und der Frau.« Sie lächelte. Jung und überschwänglich und so lieb. Zag stellte sie das Buch zurück. Und sah dann im Stuhle, die Hände matt im Schöße, und dachte an den Reichtum ihres Lebens. Einmal stand sie noch auf, öffnete eine Lade im Bibliotheksschrank. Sie vergilbten schon, die Blätter des Manuskriptes ihrer Torso gebliebenen Geschichte der Philosophie. Ihre Finger blätterten in den Seiten. Nein, vernichten wollte sie sie nicht. Sie hatte so viel von ihrem durchsättigtsten Denken und ihrem allerinnigsten Sein hineingewebt. Wie ein Denkmal ihres Ringens nach Erkenntnis, ihres Geistes und ihres Lebensglaubens war es. Sie ging zu ihrem lieben alten Mädchenschreibtisch, den sie aus dem Vaterhause hinübergenommen hatte in die junge Ehe, und schrieb mit ihrer eigentümlich markigen Schrift auf das Manuskript: »Meinem Sohne.« Dann machte sie einen energischen Strich darunter und legte das Manuskript zurück in die Lade. Dort würde man es später finden, und keiner würde wissen, daß sie das Vermächtnis am letzten Tage ihres Lebens gestiftet. Und der Abend rückte vor, dieser linde, liebe, blaue Juliabend. Da ging sie auf den Balkon vor ihrem Schlafzimmer, die Schreibmappe unter dem Arme. Hier hatte sie oft bis spät in die Nacht hinein gesessen und in den Himmel geträumt. Sie legte sich in den behaglichen Rohrsessel, legte die Mappe getreulich auf den Tisch und blickte auf zu den Sternen. Schon als Mädchen hatte sie stets eine unklare Sehnsucht zu den Welten dort oben hinaufgelockt. Später war sie immer damit umgegangen, ernsthafte astronomische Studien zu treiben. Doch immer war eine andere, wichtigere philosophische Frage des Okzidents, des Orients dazwischen getreten, die durchdacht und zur Klarheit getrieben sein wollte. Und heute – ach, die Astronomie war auch eine der vielen Dinge, die ihr Leben ungetan zurückließ. Der vielen, vielen Dinge, die morgen kommen sollten, morgen gewiß. Sie rückte sich im Stuhle zusammen. Nicht weich weiden! Alle Menschen leben mit dieser Schuld, die morgen einkassiert werden soll. Auch wenn sie bis ins höchste Alter hinaufsteigen, immer soll morgen erst das tiefste, beste, reichste Leben beginnen. Das wußte sie. Gerade über ihrem Scheitel schoß eine Sternschnuppe nieder, ein blaufeuriger Funke, wie eine Lanzenspitze niedersausend und plötzlich restlos zerstiebend ins All. »Wie ein Menschenleben,« dachte Manja, »wie ein leuchtendes Leben in das Blau des Weltalls verlöscht.« Nietzsches tanzendes Lied an den Mistral surrte ihr durch den Sinn. »Sind wir Zwei nicht eines Schoßes Erstlingsgabe, eines Loses Vorbestimmte ewiglich?« Ja, war nicht alles eines Schoßes Wundergabe, all die tausend Sterne dort oben, alle, und sie hier unten! Aus einem Fenster der Nachbarschaft tönte zart eine Flöte in die Stille der Nacht. »Wie lind,« durchrieselte es die einsame Frau, »wie lieb und lind ist diese Welt!« Da griff sie zur Feder. Und hastig, wie die Gedanken sich überstürzten, warf sie die Worte auf das Papier: »Mein lieber, lieber heller Junge. jetzt habe ich mich gefaßt. Ich schäme mich so sehr. Wir haben uns heute gegenübergestanden wie zwei Überdrüssige der Liebe. Ich habe Dir eine Szene gemacht wie eine kleine gemeine Frau. Vergib mir! Du bist so reich an Verstehen. All das Bittere, Gemeine, das an dem Tier in uns haftet, hat die Todesangst in mir aufgewirbelt. Vergiß es! Du hattest recht, tausendmal recht. Ich weiß es jetzt, wußte es schon, als ich Deine Treppe hinabstieg. Ein Mensch wie Du kann sterben, aber nicht lügen. Lebe und werde glücklich mit Deinem herrlichen Weibe! Ich kenne sie nicht, man hat mir viel von ihr gesprochen. Deine beiden Jungen sollen Dir zu einer starken Mannesfreude erwachsen. Lebe ihnen und Deiner Lebensaufgabe, Jugend zu glücksstarken lebensfesten Menschen zu erziehen! Sie läßt mich nicht, diese böse Stunde heute morgen. All das Jämmerliche, das Du an mir gesehen hast, vergiß es, vergiß es ganz! Tilge es von meinem Bilde! Du sollst mich ganz klar und hell sehen. Sieh, so kann das Grausen vor dem Letzten ein langes Leben des Strebens nach Schönheit entstellen! Vergiß das böse Wort, das ich heute früh gellte. Ich schäme mich so sehr. Ich will, ich will, daß Du weißt, wie ich in Dich hineinsehe. Wie ich den Kampf in Deiner Brust mitkämpfe. Sieh, ein Mensch, der dort steht, wo ich heute nacht stehe, hat etwas Hehres, Seherhaftes, über menschliches Verstehen Hinausgereiftes. Und dieses Heilige in mir sagt: Du hast keine Pflicht gegen mich. Dein reiner genial ahnender Sinn hat es empfunden. Pflicht hast Du gegen Dein junges schönes Weib und Deine kleinen Kinder. Ihnen erfüllst Du in Liebe die Pflicht durch Dein mutiges Ausharren, wie ich meine Pflicht in Liebe gegen meinen Mann und meinen Jungen zu erfüllen glaube. Sieh mich hell – hell! Wisch' diese böse Stunde aus Deinem Leben! Laß mich meine Hand auf diesen schwarzen Fleck legen. Weißt Du noch, wie Du meine kleine feste Hand einmal geliebt hast? Sei vorsichtig, verrate nichts! Ich glaube, es wird alles gut enden. Sie werden sich nicht um meine Ehre streiten, wenn ich tot bin. Du wirst nicht Zeuge sein. Ich weiß es heute. Bleibe stets so strahlend, wie ich Dich sehe in dieser letzten Nacht meines Lebens!« Sie legte die Feder nieder und sah aus zum Himmel, Und die Rätsel des Alls sanken auf sie herab. Lange saß sie so. Dann griff sie noch einmal zur Feder. »Ich fürchte mich nicht mehr. Ich sitze hier auf meinem lieben Balkon, rings der Garten, der flüstert vom Reifen des Sommers. Über mir der nächtliche Himmel und tausend Sterne. Weißt Du noch, wie oft wir über diese Wunder sprachen? In Norderney, in den brandenden Seenächten. An der Brücke brannten die einsamen Lichter und machten die Welt so einsam und groß. Und der Himmel stand wie eine Riesenfrage über dem schwarzen Meere. Damals fanden wir, und ich habe es nie so stark empfunden als jetzt in dieser Stunde unter dem Nachthimmel mit seinen atmenden Sternen, daß wir ein Teil dieses unendlichen Alls sind, ein unvergängliches. Daß Sterben nichts ist als Wandlung der Form. Daß an Kraft und Materie nichts verloren geht im Weltraum. Daß mein Lebensstoff unsterblich ist. Und morgen, wenn er anfängt, in den Raum zu zerstieben, dann lebe ich wie heute. Nicht als die irregegangene Manja von Ingenheim, doch als der ewige, reine, unvergängliche, neu verjüngte Stoff, aus dem sich das All dort oben und hier unten baut. Und darum bin ich still und trostreich gewärtig einer meiner Ewigkeitswandlungen.« Und fest zog sie ihres Namens Zug. Dann saß sie und blickte in den Himmel, bis der Morgen graute. Fröstelnd ging sie leise in ihres Jungen Zimmer und saß an seinem Bette, bis er erwachte. Da lächelte sie in sein Staunen und verhieß, mit ihm zu frühstücken. Frisch und fröhlich, schon im Reitanzug, saß sie ihm in der hellen Frühstücksstube gegenüber. Und als sie ihn dann noch einmal in die Arme nahm und an das Herz preßte, verließ sie fast die Kraft. Doch der kleine Mann löste sich verwundert aus der Umarmung, lachte »Aua, Mama, du hast ja fast meine ganzen Vokabeln aus mir herausgedrückt, die ich so schwer in mich hineingepumpt habe!« Und fort lief er, gewaltig die Schulmappe schwingend. Sie sah ihm nach, bis er um die Ecke versprungen war. Dann ging sie noch einmal durch alle Zimmer der Villa, Abschied nehmend. In der Arbeitsstube ihres Mannes warf eine Schwäche sie auf das Sofa. Sie trotzte sie nieder und ging hinaus. Vor der Gartentür hielt der Diener schon die beiden Pferde. Sie lief einige Schritte die Straße hinauf und warf den Brief in den Kasten. Dann trat sie zu den Tieren, streichelte erst ›Mumpitz‹ den muskelharten Hals. Dann stand sie vor ›Lenora‹. Mitleidig weh strich sie der klugen Stute über das ahnungslos schnuppernde Maul. Der Diener hielt den Bügel, hinauf, keinen Verdacht erregen! Sie saß im Sattel, das morgenfrische Tier drehte sich auf den Hinterbeinen, im Schritt ging es durch die Straßen. Dann begann der Reitweg im Stadtpark. Sie setzte die Stute sofort in Galopp. Der Diener folgte auf ›Mumpitz‹. Und dann kam der sandige Weg, der zur Höhe stieg. Immer steiler wand sich der Pfad, den sie oft geritten war; schon lag die Stadt mit ihren Türmen unter ihr zur Rechten. Tief unten glitzerte der Strom im Diamantenreichtum der Morgensonne. Jetzt kam die starke Biegung. Manja schaute gelassen über die niedrige Mauer hinweg in die jähe Tiefe, als sie vorbeiritt. Langsam, im Schritt ging es zum Gipfel. Dort ließ sie, wie stets, die Tiere nach dem beschwerlichen Anstieg verschnaufen. Und hielt Umschau. In goldenem Dunst lag die Welt. Sie wandte sich im Sattel nach allen Seiten. Grausilbern glänzten die Stangen der Rebenhügel ringsum in der Sonne. Und dann geht es hinab. Sie nimmt scharfen Galopp. Der Diener folgt. Immer wilder greift die Stute aus. Der Wallach vermag kaum zu folgen. »Herrgott,« graut dem Diener, »geht die ›Lenora‹ mit ihr durch?!« Er gibt die Sporen. Jetzt kommt die Biegung. Sie sieht ganz klar. Dort drüben jenseits der Mauer liegt morgenfroh das Land. Klar sieht sie alles. Sie saust den Weg hinab. Wenn das Tier nur nicht vorher stürzt! Das Herz steht plötzlich still. Ihr schwindelt. Es ist wie nebeldumpfes Träumen. Die Füße des Tieres berühren kaum den Boden. Es ist wie irrsinnsbanges Träumen. Jetzt, schreit irgend etwas in ihr – jetzt! Sie schlägt dem Tier den Sporn in die Weichen. Blut spritzt aus der Lippe, so fest hat sie die Zähne eingebissen. Die Kandare halten, die Kandare, schreit es im brennenden Hirn, daß die Stute nicht ausbricht! Hochauf schießt das schmerzgehetzte Tier. Ein Schrei wie Schwertblitzen hinein in die schimmernde Luft – sie fühlt noch klar das sekundenlange Vorwärtsstürzen ins Leere – in rasendem Schmerz reißt es in den Eingeweiden nach unten – Schwindel – tausend Farben vor den Augen – warm der Pferdeleib unter ihr – eisiges Sausen der Luft ringsum – sie krallt sich in das Fleisch des Pferdehalses – – Unten im Tale liegen zwei zerschmetterte Kreaturen. XXI. Jean, der Diener, war mit›Mumpitz‹ gegen die Steinböschung der Kurve gestürzt. Das Maul des Wallachs war blutig eingefetzt, so messerscharf hatte das Grauen die Trense zurückgezuckt. Taumelig arbeitete er sich unter dem schlagenden Tiere empor und stierte mit schreckverblödeten Augen, die weit aus den Höhlen herausdrängten, in den Abgrund. Tief unten zwischen dem Geröll war etwas Farbenwirres zu einer unbeweglichen Masse zusammengeballt. Die Zügel über die Schulter geschlungen, schleppte der Mann seine zerschlagenen Glieder den sandigen Weg hinab. Hinter ihm hinkte kläglich der aus dem zerrissenen Maule und schmerzenden Kniewunden blutende Wallach. Jean kam in die Straßen und lallte und gestikulierte wild. Denn er hatte auf Stunden die Sprache verloren. Eine Horde Neugieriger zog hinter ihm drein zu der Unglücksstätte. Samariterwagen rasselten, ein Schinderkarren polterte herbei. Und bald wußte es die ganze Stadt, daß die wunderschöne blonde Baronin von Ingenheim mit dem Pferde von der Sankt Annenhöhe zu Tode gestürzt war. Und soviel hatte man endlich aus dem betörten Diener herausgeforscht, daß plötzlich die Stute, die immer ihre nervösen Launen gehabt hätte, durchgegangen sei, daß die Baronin die Herrschaft über das verängstigte Tier verloren habe, daß die Stute in rasender Karriere auf die Brüstung niedergegangen und hinübergeflitzt war wie ein Bolzen von der Armbrust. Das wußte noch im Laufe des Vormittags die ganze Stadt, durch die in trauerndem Totenschritt der Samariterwagen zu der Villa des Regierungspräsidenten fuhr. Die beiden Anwälte hörten es auf dem Gericht. Der Geheimrat Helmholtz trat auf dem Korridor an ein hohes Bogenfenster und blickte hinauf in den sommerblauen Himmel. Doktor Wurm aber eilte ans Telephon und ließ sich schleunigst mit der Waffenfabrik verbinden. »Haben Sie es schon gehört?« fragte er Seebeck atemlos. »Ja,« sagte der bewegt, »die arme, arme Frau!« »Glauben Sie an den Unfall?« »Ich will daran glauben,« kam die leise Antwort, »denn sonst müßte ich daran glauben, daß ich sie in den Tod getrieben habe.« »Aber, verehrter Herr Generaldirektor –« wollte der Anwalt Trost und Vernunft predigen. Da merkte er, daß die Verbindung gelöst war. Wütend hakte er an. Womöglich wollte Seebeck jetzt ihm die Verantwortung aufbürden. Natürlich: geht es gut, ist es selbstverständlich; geht es aber einmal schief, ist der Anwalt an allem schuld. Der Anwalt, immer der Anwalt! An diesem Vormittage war Herr Doktor Wurm ein sehr peinlicher Gegner. Faber erfuhr es, als er durch den Universitätsgarten zur Vorlesung kam. Zwischen zwei Studenten, die hinter ihm folgten, fiel der Name Ingenheim. Wie ein Kreisel fuhr er herum: »Was ist mit Ingenheim?« fragte er schroff, ohne jede Einleitung. Verblüfft faßten die Studenten an die Mützen. »Haben Sie es noch nicht gehört, Herr Professor?« befliß sich der eine zuvorkommend. »Sie ist doch abgestürzt,« beeilte sich der andere. »Mit dem Pferde von der Sankt Annenhöhe,« ergänzte der erste. »Tot?« fragte der Professor. »Ja,« nickte der zweite. »Genick gebrochen,« schauderte dem ersten. »Überhaupt zerschmettert,« gruselte dem zweiten. Faber lüftete den Hut und ging die Treppen hinauf zu seinem Hörsaale. Er hatte jetzt zu lesen, es war ein viertel elf. Er sprach klar, plastisch, leidenschaftlich wie stets. Sein Verstand hielt eiserne Wacht bei seinen Worten. Nur in der Brust, wo das Herz pochte, dehnte sich eine atembeklemmende schwarze Blase. Mehrmals preßte der Professor die linke Hand wie in Schmerzen auf das Herz. Scharfen Beobachtern entging nicht die grünliche Blässe seiner Stirn. »Es ist gut, daß das Semester zu Ende geht,« frohlockte eine gefühlvolle kleine Polin, die ihn im stillen, ganz, ganz im stillen anschwärmte, »er ist arg überarbeitet, der arme Professor.« Und jedesmal, wenn seine weiße Hand sich über dem Herzen zusammenkrampfte, ging ein leiser stechender Schmerz durch ihren jungen schwärmerischen Busen. Freundlich, doch mit tiefen Falten der Abspannung um den Mund, gab Faber nach der Vorlesung den, wie immer, anstürmenden Anfragen Antwort. Dann stieg er mit schweren Füßen, wie ein alter Mann, von dem Podium hinunter und ging mit schleppendem Gange durch die jugendbrausenden Korridore. Müde, seelenlos erwiderte er die Grüße der Kollegen und Studenten und gelangte endlich ins Freie. Wie eine dunkle Decke lag es auf seinem Geiste. Und die schwarze Blase in der Brust schwoll und schwoll an und nahm ihm den Atem. Er ging durch die Straße, in der die Ingenheimsche Villa lag. Er hielt vor dem Hause. Neugierige umstanden flüsternd das Gartengitter und sahen sensationslüstern hinauf zu den dicht verhangenen Fenstern. Faber blieb stehen unter der gaffenden Menge. Ob er hineinging? Der Baron war verreist. Das wußte er. Denn gestern nachmittag war er noch einmal im Regierungsgebäude gewesen. Schon gestern nach der Vorlesung war der Zorn über Manjas Zumutung verraucht. Und über die grimme Entschlossenheit des Morgens brachen tausend angstgepeitschte Sturzwellen des Zweifels und des Zagens herein. Den ganzen Nachmittag über lief er zwischen den Wänden seines Zimmers einher und horchte mit aufgewühlten Sinnen hinaus nach dem Gräßlichen, das jetzt, jetzt, gerade in diesem Augenblick geschehen konnte. »Heute tut sie es,« schrie das Entsetzen in ihm, »heute tut sie es bestimmt! Worauf soll sie jetzt noch warten? Heute im Zorn und Unbedacht hat sie dazu die Kraft.« Und er lauschte hinaus ins Zimmer, machte die Ohren steif, wurde ganz zu Gehör, als könne er hier das Rauschen des Todes vernehmen. Und er rannte und rannte, von einer Ecke zur andern, und krallte die Finger in den Kragen und dachte: sie tut es, sie tut es. Und streckte die Finger gespreizt zur Decke und flüsterte: »Ich kann sie doch nicht sterben lassen – ich kann sie doch nicht wie einen Hund verrecken lassen!« Und rannte wieder wie in einem Kerker umher und wußte, daß er sie doch nicht hindern könne. Das weite Zimmer wurde seiner Qual zu eng, er lief durch den Flur, durch die verwaisten angstdrohenden Stuben. Sophie war in des Vaters Wohnung, das Verlobungsmahl für den Abend zu rüsten. Er kam in sein Zimmer zurück und stand unter dem Lüster und horchte wieder hinaus auf das Gräßliche, das wenige Straßen von ihm entfernt dieses junge strotzende Leben erdrosselte. Und wieder durchhastete er alle Rettungswege. Nichts gab es, nichts. Die beiden einzigen Mittel: sein Tod oder der Meineid lagen nicht in seinen Möglichkeiten. Nein, es gab keine Rettung. Er hatte keine. Er konnte nichts tun, als hier stehen, den Schrei des Wahnsinns, der seine Kehle zerriß, niederkrampfen und lauschen, lauschen, warten, bis das Furchtbare sich vollendet hatte. Er lief wieder von Wand zu Wand. Und plötzlich rannte sein literarisches Hirn auf Grund, Ja, Graf Leicester. Ja, so stand er da und lauschte. Und unter seinen Füßen legt sie das schöne Haupt auf das Schafott. Triebhaft öffnete er einen Schrank der Bibliothek und krallte den Band heraus. Blätterte, mit zuckenden Fingern, bis er die Szene fand: »Ich lebe noch! Ich trag es, noch zu leben!« las er. Und setzte sich nieder und las die Szene. Es fesselte seine Gedanken. Es riß ihn fort. Tragödie gewordene Tragödie. »Stürzt dieses Dach nicht sein Gewicht auf mich? Tut sich kein Schlund auf, das elendeste der Wesen zu verschlingen? Sie geht dahin, ein schon verklärter Geist, und mir bleibt die Verzweiflung der Verdammten.« Er las und las. »Mit einem eh'rnen Harnisch angetan sei deine Brust! Die Stirne wie ein Felsen! Willst du den Preis der Schandtat nicht verlieren, dreist mußt du sie behaupten und vollführen!« Das Buch schlug zu Boden. Ja, ja, mit einem eh'rnen Panzer angetan! An sein Weib denken, nur an sein Weib. Hart sein und das Geschick auf sich nehmen. Die Stirn ein Felsen! Ja, eine andere Wahl blieb nicht. Gefaßter nahm er das Buch wieder hoch. »Umsonst! Umsonst! Mich faßt der Hölle Grauen. Ich kann, ich kann das Schreckliche nicht schauen, kann sie nicht sterben sehen.« Das Buch sank, seine Augen gingen ins Weite, durchbohrten die Wände des Zimmers, sahen sie, sahen das arme totgehetzte Weib wie eine Vision, ein Messer in der Hand, mit blutquellenden Augen auf die zarten violetten Pulsadern starren. Er schleuderte das Buch an die Wand, daß es aufblätternd dröhnte, war im Flur, hatte den Hut auf dem Schädel und stürmte hinab. Er wollte es doch tun, hundertmal, trotz ihres Verbotes. Er wollte nicht die Last ihres Todes durch sein Leben schleifen. Im Regierungspräsidium erfuhr er, daß Herr von Ingenheim verreist sei und erst morgen mittag zurückerwartet werde. Da kam ein verzweifelter Fatalismus über ihn. »Es soll nicht sein,« bohrte er sich in das Unabänderliche hinein. Und doch trieb das Grauen ihn zu der Ingenheimschen Villa. Er mußte Gewißheit haben. Ob sie noch kämpfte oder – oder –! Er stürmte dahin, Rücksichten gab es nicht mehr. Wenn er sie am Leben fand – vorwärts – vorwärts – dann wollte er ihr noch einmal zureden. Ihr noch einmal Vernunft einätzen in das angstwirre Gehirn. Sie hypnotisieren mit Lebensgier. Er lief – lief. Doch je näher er dem hübschen, weinlaubumsponnenen Hause kam, desto zögernder wurde sein Schritt. Was half es, wenn er wieder auf sie einsprach! Sie würde wieder von ihm das Unmögliche fordern. Sie würde wieder dabei verharren, daß sie durch ihren Tod des Mannes Achtung erpressen müsse. Daß sie für ihren Jungen und zum Nutzen der Stellung ihres Mannes sterben müsse. Und er würde wieder dastehen, nichts als egoistische Verneinung und tote hilflose Vernunft in Händen. Was konnte ihr sein Kommen bringen! Und doch ging er von einer inneren Kraft getrieben weiter, immer weiter. Gerüttelt von dem ahnenden Grauen, daß das Unmögliche schon geschehen sei. Als er vor die Villa kam, sah er den Diener, der den Garten sprengte, mit einem Dienstmädchen des Nachbarhauses durch den Zaun das uralte Pyramus- und Thisbe-Liebesspiel erneuen. Da ging er rasch vorbei. Das war ein untrügliches Hoffnungszeichen. Und im Weitergehen überredete er sich: Heute würde sie es nun sicher nicht tun. Wenn sie es nicht in der ersten zornigen Verzweiflung vollbracht hatte, tat sie es sicherlich nicht mehr. Morgen würde sie noch einmal zu ihm kommen und ihn wieder mit Bitten bestürmen. Denn morgen war ja noch Zeit. Der Termin war erst übermorgen. Dann wollte er sich eine Bedenkzeit bis nachmittag erzwingen. Es half nichts, er mußte List brauchen. Und am Nachmittage ging er hin und sprach mit Ingenheim. Ja, so sollte es werden. So sollte es werden. Und er klammerte sich mit allen zähen Willenskräften an die Überzeugung, daß sie es nun heute nicht mehr tun würde, und an die feste Entschlossenheit, morgen die Entscheidung und Manjas Erlösung von aller Todesnot herbeizuführen. Der gerade Weg, den er vor sich sah, gab seiner Mannhaftigkeit ihre Sicherheit zurück. Als er heim kam, fand er Sophie schon bei der Abendtoilette. Er kleidete sich um und stürzte sich, seines Planes frohbewußt, in die Freude des Familienfestes. Er riß sich den Rausch wie eine Narrenkappe über die Augen. Neckte die Schwägerin, hielt einen kernigen scherzhaft-ernsten Toast auf die »chemische Verbindung«, lärmte und rumorte in seiner urwüchsigen geistverschönten Ausgelassenheit und bildete wie stets das sprühende Knisterfeuer, an dem die andern die Fackeln der Fröhlichkeit entzündeten. Und als sie spät in der Nacht durch die stillen Straßen heimgingen, schmiegte Sophie sich an seinen Arm und sagte, und alle Sterne leuchteten aus ihren Augen: »Heut' bist du wieder mein alter junger Geliebter und Herr.« Da nahm er sie mitten auf der Straße in die Arme. Doch als sie längst neben ihm tief und friedlich atmete, wälzte er sich schlaflos auf der Matratze. Die Folterknechte Angst und Grauen hatten ihn wieder unter den Zangen. Er wußte plötzlich, ganz plötzlich kroch die Erkenntnis aus den dunkeln Ecken des nächtlichen Zimmers hervor, daß Manja nicht die Frau war, die sich in blinder Wut hinschlachtete. Sie stirbt wie ein Römer der Kaiserzeit, kam es über ihn, wie ein Arbiter elegantiarum . Sie nimmt bewußt und still ihren Abschied von all den Kostbarkeiten ihrer Welt. Und er wand sich in Martern, bis der Morgen kam. Um acht läutete er Manja an. »Frau Baronin ist ausgeritten,« gab die Zofe Bescheid. »Darf ich etwas bestellen?« »Danke, nein.« Es war ein lastbefreiter Jauchzer. Sie lebte – sie lebte! Sie ritt aus! Hatte seine Psychologie gestern doch recht behalten. Juchhu! Ausgelassen jodelte er im Zimmer umher, daß Seine Niedlichkeit im Nebenzimmer nicht zu bändigen war. »Geh' hinein,« Sophie öffnete die Tür, »wir denken, der Papa arbeitet, dabei spielt er Tiroler. Da spiel' mit!« Und Seine Niedlichkeit machte ein Mäulchen wie ein gefräßiger Wolf und johlte: »Ichhu!« Und dann – dann hatte er es erfahren. – Faber stand unter den flüsternden Gaffern und überlegte, ob er in das Haus hineingehen solle. Was wollte er dort? Die zerschmetterte Frau noch einmal sehen? Was hatte er dort drinnen zu tun? Gespenstig durchbebte ihn die Sage, daß der Leichnam noch einmal zu bluten beginnt, wenn sein Mörder an die Bahre tritt. Er ballte die Fäuste. Ich bin nicht ihr Mörder! Ich bin nicht ihr Mörder!! Und doch schlich er wie ein Verbrecher aus der gaffenden Menge. Die schwarze Blase in seinem Herzen war jetzt so schmerzhaft aufgedunsen, daß er nach Atem rang wie ein verdurstender Hund. Die Lungen röchelten. Er mußte sich an einen Laternenpfahl anklammern. Dort stand er, bis eine vorbeirollende Droschke ihn erlöste und die wenigen Schritte nach seiner Wohnung barg. Auf dem Schreibtisch fand er Manjas Brief. Mit klammen Fingern erbrach er ihn. Las, las ihn wieder, die Arme fielen auf die Tischplatte, das Gesicht sank nach. Und der stolze Professor Faber weinte, weinte, wie er nicht mehr geweint hatte, seit er lange Hosen trug, weinte laut und klagend mit rinnenden Tränen, wie ein Mann weint im blutigsten Weh. Leise ging die Tür, er hörte es nicht. Leise schloß Sophie Faber wieder die Tür. Er hörte es nicht. Mit blutlosem Gesicht stand sie vor seiner Tür, horchte angstgeschüttelt auf das Schluchzen im Zimmer und war sich zum ersten Male in ihrer Ehe des rechten Weges nicht bewußt. Ehrende Scheu vor der Wucht dieses Mannesleides hielt sie zurück; Liebe, nie mit solcher Elementargewalt empfundene Liebe trieb sie hinein über die Schwelle. Endlich öffnete sie wieder zaghaft die Tür, schloß sie unhörbar hinter sich, ging auf Zehen zu ihm, die schmerzheilige Stille nicht zu stören, legte ihre Hände auf den gebeugten Kopf und sprach kein Wort. Und als das Schluchzen allmählich versiegte und die Schultern nicht mehr so ringend keuchten, kniete sie an seiner Seite nieder und streichelte wortlos seine Knie. Da hob er den Kopf, trocknete das Wasser von dem Gesicht und begann mit würgendem Atem zu erzählen. Alles, alles erzählte er der kauernden Frau. Diese trostlose bitterböse Geschichte flüsterte er nieder zu der Frau zu seinen Füßen. Von den zwei Jahren der Lauterkeit sprach er, von dem Verhängnis des Regentages in Norderney, von ihrer opfervollen Sühne, von ihrem Besuch vor einigen Tagen, von der grausamen Verwicklung, von seinen Kämpfen und seinem Entschlüsse, von ihrem Fordern und seiner Weigerung, von ihrem Tode. Alles, alles erzählte er der kauernden Frau mit den angstweiten Augen. Und dann gab er ihr den Brief. Und als sie ihn gelesen hatte, sank sie in sich zusammen und weinte verzweifelt, wie sie nicht mehr geweint hatte, seit die schweren Erdschollen auf den Sarg der Mutter niedergedröhnt waren. Stumm saß der Mann. Dann stand die Frau größer und schlanker als ehedem im Zimmer. »Fritz,« sagte sie, mit Gewalt sich beherrschend, »ich fühle, die nächste Zeit gehört dieser Frau, die dich bis in den Tod geliebt hat.« Sie hob die Hand. »Bitte, laß es mich sagen! All deine Gedanken müssen und sollen dieser Frau gehören und ihrem Tode. Ich kann dir nicht danken für deine Entscheidung, heute noch nicht. Es wäre mir wie eine Entheiligung dieses Heldentums. Ich fühle, ich müßte auf einige Zeit von dir gehen, meine Gegenwart darf nicht in deinen Schmerz hineinbringen. Laß mich mit den Kindern verreisen! Gefahr droht dir nicht mehr –« Er schüttelte den Kopf, »Gefahr droht nicht. Sie hat recht. Über diese Tragik hinweg wird kein Streit sein. Aber – bleibe, Sophie! Dein Empfinden ehrt dich und die Tote. Aber – bleibe!« »Ich kann dir jetzt nichts sein,« wehrte sie. »Ich habe das Gefühl, daß ich wie etwas Ungefüges in deinen Schmerz hineinrage. Ich würde bei dir stehen und es dir tragen helfen, wenn ich könnte. Aber ich fühle, solchen Schmerz muß ein Mann auskämpfen, ganz allein.« Da gab er ihr die Hand. »Sophie, ich habe dir alles erzählt, weil du mein einziger Freund bist. Wir wollen auch dieses zusammen tragen.« »Wenn du es willst,« willigte sie zögernd ein. Nach einer Pause fügte sie kindlich lebhaft hinzu: »Du sollst mich kaum sehen. Wie ein Schatten nur will ich durch das Haus gleiten und für die Kinder sorgen. Und, hörst du, Fritz, kümmere dich nicht um mich! Es sei, als wäre ich weit fort. Hab' nie das lästige Empfinden, mit mir sprechen zu müssen. Mich anschauen zu müssen, mich sehen zu müssen. Du und dein Schmerz, ihr beide gehört dieser Frau, gegen die ich ein Nichts bin.« Er hob die Hand. »Laß!« beugte sie rasch vor. »Ich weiß. Ich weiß es. Und nur, Fritz, wenn du mich einmal brauchst, rufe mich! Ich bin immer da.« An der Tür sagte sie leise: »Die Frau ist das Größte, das ich bisher gekannt habe. Größer aber bist du, Fritz, der du sie sterben ließest. Ich sage das nicht, weil es um mich und die Kinder geschah. Das verstehst du. Ich kenne dich und weiß, wie schwer es gewesen ist.« Und leise schloß sie hinter sich die Tür. – XXII. Gutgelaunt winkte der neuernannte Ministerialdirektor Egon von Ingenheim aus dem Kupeefenster des einfahrenden Zuges dem Regierungsrate von Bredow zu, der ihn auf dem Bahnsteig erwartete. »Tag, lieber Bredow,« rief er schon im Aussteigen, »nett von Ihnen, daß Sie mich abholen. Habe aber auch ein Mitbringsel für Sie. Habe die Freude, Ihnen mitzuteilen, daß Sie zum –« Jäh brach er ab. »Nanu, Bredow, was machen Sie für ein Gesicht! Ist etwas geschehen?« »Ich habe leider die Pflicht, Herr Regierungspräsident, Ihnen eine sehr traurige Botschaft zu überbringen.« Der Baron übergab mechanisch einem herbeieilenden Gepäckträger seine Handtasche. Erst jetzt fiel ihm auf, daß der Diener nicht erschienen war. »Etwas Dienstliches?« fragte er hastig. Der Regierungsrat schüttelte schweigend den Kopf. »Meine Frau!« schrie Ingenheim auf. »Ein Unglücksfall.« Die beiden Männer sahen sich sekundenlang in die Augen, dann sank des Barons schwarzer Bart schwerlastend zur Brust nieder. Da schob Bredow seine Hand unter des Präsidenten Arm und stützte ihn zum Ausgang. Die Ingenheimsche Equipage wartete nicht. Bredow rief eine Droschke. Mühsam hob der Baron den schweren großen Körper hinein. Endlich räusperte er sich rauh und fragte: »Wie ist es gekommen?« Bredow berichtete. Dann hielt der Wagen vor der Villa. Noch immer staute sich die neugierig erregte Menge. Schnell gingen die Herren ins Haus. In der Diele verabschiedete sich Bredow mit kurzem Händedruck. An der beileidmurmelnden Dienerschaft vorbei ging Ingenheim stumm in das Schlafzimmer seiner Frau. Zag nahm er das Leinen von dem entstellten Gesicht und ließ es langsam wieder niedergleiten. Dann ging er hinaus, verhörte den noch immer stammelnden Diener und traf eisenhart die notwendigen Anordnungen. »Wo ist Paul?« fragte er das Stubenmädchen. »In seinem Zimmer. Fräulein Lotte ist bei ihm.« Der Baron ging in das Zimmer seines Sohnes. Er kauerte auf dem Bettrand und sprach mit der Zofe über den Tod. Seine Augen waren vom Weinen entzündet. Als er den Vater sah, begannen die Tränen wieder zu rinnen. Der Baron strich ihm wortlos über das Haar, sagte zu dem Mädchen: »Bleiben Sie bei dem Kinde!« und schritt wieder hinüber in das Totenzimmer. Er setzte sich an das Bett und hob wieder sacht das Laken von dem Gesicht. Nein, in diesem zerschundenen Schmerzensantlitz konnte er die seinen Züge seines Weibes nicht mehr erkennen. Rasch ließ er das Tuch niedersinken. Und dann saß er lange, lange und hielt Erinnerung. Die zehn Jahre, die sie sein Weib gewesen, schritten an seinem Gedenken vorüber. Und alles Zarte und Feine und Kluge an ihr ward lebendig und wuchs ins Sagenhafte. Und Wehmut kam und tränende Trauer. Nein, so wunderhell war es wohl nicht zwischen ihnen geworden, wie sie es beide damals in dem gelehrten vornehmen Hause des alten van Deelen erträumt hatten. Nein, nein. Sie ist zu weltentrückt gelehrt gewesen, sann der gebeugte Mann. Und er – er wurde ganz klein und schmal in seinem Stuhle – er war zu bodenbreit, zu stämmig, zu allerweltsklug für die Zartheit ihres geistigen Geschmacks und ihre erlesene Weisheit. Nein, so war es nicht geworden, wie sie es beide in ihrer Brautzeit erträumt hatten. Aber – er sah mit nassen Augen vor sich hin – wem reifen alle kirschblütenbunten Brautträume – wem? Gut und ehrlich und treu war es zwischen ihnen gewesen und ritterlich. Jeder wanderte in seinem Lebenskreise, gewiß, aber von Lebenszentrum zu Lebenszentrum wölbte sich eine festgefügte Brücke, auf der sie sich begegneten in gerader chevaleresker teilnehmender Freundschaft. In Rausch und Seligkeit, grübelte der Mann verzagt, ist sie mit mir nicht glücklich geworden. Aber hochgehende, aufschäumende Wellen schlug wohl ihre tiefgründige Natur überhaupt nicht. Doch sanft und lind beglückt war sie in meiner Hut bei ihren Arbeiten und ihren Büchern. Und seine Gedanken wanderten ab in die Zukunft. Gerade jetzt war sie ihm entrissen, da ihrer die geistige Anregung der Residenz harrte. Und er? Und der Junge? In bebendem Schmerze streichelte er die armen feinen Glieder, die sich marmorn durch das Laken abzeichneten, immer wieder, immer wieder, und das Wasser sprang ihm aus den Augen. Dann pochte es leise an die Tür. Der Baron trocknete hastig die Wangen und öffnete. Das Mädchen meldete, der Geheimrat Helmholtz sei im Salon und bäte, den Herrn Regierungspräsidenten auf einige Minuten sprechen zu dürfen. »Helmholtz?« der Baron hob erstaunt den schwarzen Bart. Richtig, morgen war der Termin. Er ging hinunter. Der Geheimrat stand, den Zylinder wie eine Trauerfahne gesenkt, mitten im Zimmer. Er kam dem Baron mit seinen kleinen trippelnden Schlitten entgegen, reichte ihm die alterszitternde Hand und sagte: »Mein schmerzlichst empfundenes Beileid, Herr Baron.« Und schüttelte trostlos den Kopf mit dem weißen Haarkranz. Ingenheim deutete stumm auf einen Stuhl und setzte sich. »Verzeihen Sie,« begann der Geheimrat, »wenn ich Sie aus Ihrem Schmerze mit etwas Geschäftlichem herausreiße. Es eilt nur sehr.« »Morgen ist der Termin,« schaltete der Baron ein. »Der Termin wird aufgehoben,« schüttelte der Alte den Kopf, »ich habe mit Herrn Kollegen Doktor Wurm vereinbart, daß wir angesichts dieses Trauerfalls nicht erscheinen.« Der Baron zog die Brauen empor. »Ja – was eilt dann, Herr Geheimrat?« »Ich wollte die Vergleichsverhandlungen nicht ohne Ihre Ermächtigung beginnen, Herr Regierungspräsident.« »Vergleichsverhandlungen? Welche Vergleichsverhandlungen?!« »Es erscheint mir das Wichtigste,« sprach der Geheimrat und faltete die mausegrauen Handschuhe, »dem Gegner so schnell als möglich entgegenzukommen.« Die Lider des Barons zuckten nervös. »Ich verstehe Sie gar nicht, mein lieber Geheimrat,« sagte er belästigt. Der Geheimrat hob mit einem schnellen Ruck das erdwärts gebeugte Gesicht und fixierte den Baron scharf durch die Brillengläser. »Ja,« fragte er langsam, »glauben Sie denn an einen Unglücksfall?!« Ingenheims Kopf schnellte zurück – die Männer starrten sich in die Augen – dann umklammerten des Barons Hände die beiden Seitenlehnen des Empirestuhles, daß sie brachen wie Rohrstiele; die Augen rissen sich auf, daß das Weiß darin aufglänzte, ein heller Schrei drang aus dem weit geöffneten Munde, kurz, furchtbar, stark, wie das Aufbrüllen eines losbrechenden wilden Tieres. Die Blicke des Alten senkten sich schwer zu Boden. Er hörte es in dem Stuhl vor sich ächzen und knarren, als wenn ein Mensch sich bäumt im Sterben. Des Alten Blicke blieben am Boden. Beim Sterben kann keiner dem andern helfen. Auch nicht beim blutigen Verröcheln der letzten Illusion. Es stöhnte, brodelte, rasselte, knisterte in dem Stuhle, die Holzstäbe der Lehnen polterten ratternd zur Erde. Des Alten Blicke blieben am Boden. Dann pfiff es, fahl und hohl, aus Ingenheims Lunge: »Sie – Sie glauben –? Das ist – das ist Wahnsinn! –« Ohne aufzusehen, sprach der Geheimrat: »Es ist nicht nur meine Meinung. Herr Kollege Wurm, mit dem ich eine längere Konferenz hatte, äußerte die gleiche Ansicht. Auch Herr Seebeck teilt sie.« »Nein – nein!!« Das war eine verzweifelte, grell aufschlagende Flamme. Der Alte hob den Kopf. Des Barons Finger tasteten um seine behaarte Kehle. Der Alte wartete. Der Oberkörper des großen Mannes bog sich in Qualen vor, daß die Brust auf den hochgelichteten Knien lag. Und vor sich hin zischelte er: »Das ist Wahnsinn – das ist Wahnsinn.« Der Alte schwieg. Langsam, ganz langsam schlug der Oberkörper zurück, der Baron lag verfallen im Stuhle. Ein alter, zerbrochener Mann. »Das ist Wahnsinn!« flüsterte er irre. Plötzlich kroch er mühsam aus dem Sessel und schleppte sich zur Tür. »Darf ich fragen, was Sie beabsichtigen, Herr Baron?« hielt der Geheimrat ihn besorgt zurück. »Den Diener noch einmal hören,« lallte er mit schleifender Stimme. »Ich würde raten, davon Abstand zu nehmen. Wir müssen alles vermeiden, was Aufmerksamkeit weckt. Ich bin überzeugt, der Gegner wird heute, erschüttert von dem Unglück, wie er ist, bereitwillig auf alles eingehen, was wir vorschlagen. Ich würde darum raten, alle bindenden Erklärungen heute zu tauschen, ehe die milde Stimmung weicht. Die strikteste Verpflichtung zur Geheimhaltung scheint mir zur Ehrenrettung der Verblichenen unumgänglich notwendig. Zum Glück hat die Presse anscheinend noch keine Kenntnis von dem schwebenden Prozeß.« Der Baron machte halt an der Tür. »Ich glaube es nicht,« biß er sich in seinen aufkeimenden Zweifel hinein, »ich glaube es nicht. Es ist unmöglich.« Der Geheimrat schwieg, Entschlüsse heischend. Ingenheim wischte mit beiden Händen über das Gesicht. »Ich kann Ihnen jetzt keinen Bescheid geben. Es kommt zu plötzlich. Sie müssen mir Zeit lassen. Ich kann jetzt nicht.« Unschlüssig stand der Alte. »Die Zeit drängt leider sehr. Wenn Herr Seebeck heute plaudert, weiß es morgen die ganze Stadt.« Der Baron schloß die Augen und schwankte wie ein pendelndes Brett. »Ich glaube es nicht,« flüsterte er wieder. »Ich muß überlegen. Ich klingle Sie nachher an. Oder komme zu Ihnen.« Er gab ihm die Hand, ohne die Augen zu öffnen. »Es ist unmöglich, Herr Geheimrat. Die Frau hatte keinen Grund zu solcher Tat.« Stumm ging der Geheimrat aus dem Hause, altersmatt, gramgebeugt und kopfschüttelnd. Hätte der Baron doch damals auf seine Warnungen gehört! Dann brauchte das junge Weib nicht zerschmettert dort oben zu liegen und der Mann sich jetzt nicht die Stirn einzurennen an der grausamen Gewißheit. Der Baron ging in dem Salon auf und nieder und flüsterte unablässig vor sich hin: »Nein, nein.« In seinem Verstande aber rauften sich die Zweifel. Der erste Hinweis hatte sie geweckt. Er hatte es von Anbeginn nicht gefaßt, daß die Stute durchgegangen war, sich aber der grimmen Unabänderlichkeit ohne Grübeln gefügt. Jetzt fauchten die Zweifel. Die Stute war ein wenig nervös, rassig. Aber sie ging nicht durch. Sechs Jahre ritt Manja sie. Sie ging nicht durch. Gerade heute, am Tage vor dem Termin! Just auf der Sankt Annenhöhe vor der gefährlichen Kurve. Die Zweifel tobten in seinem hellen Verstande. Er klingelte dennoch dem Diener. »Erzählen Sie noch einmal, wie es gekommen ist!« herrschte er ihn an. Erschreckt fuhr der arme Bursche zusammen. Und stockend berichtete er wieder, wie die Baronin galoppiert sei, und plötzlich sei die Stute durchgegangen, die Baronin konnte sie nicht halten und geradeaus über die Steinwand sei sie geflitzt. »Hat irgend etwas das Tier erschreckt?« fragte Ingenheim mit dunkeldrohenden Falten an der Nasenwurzel. »Daß ich nicht wüßte, Herr Baron. Da war nichts, was sie erschrecken konnte.« »Begreifen Sie, daß die Stute durchgegangen ist?« »Nein, Herr Baron, das ist mir unbegreiflich. Bißchen unruhig war sie ja manchmal. Aber 'n Durchgänger? Nein.« »Es ging gleich so schnell, daß Frau Baronin das Tier nicht halten konnte?« »Erst ging's im gewöhnlichen Galopp. Und da muß Frau Baronin wohl die Kontenance verloren haben und hat der Stute furchtbar den Sporen reingeschlagen, das konnte ich noch deutlich sehen. Dann war's denn vorbei.« »Danke, Jean.« Als er allein im Zimmer war, drehte sich der Baron langsam um seine Achse. Dann sank er in einen Stuhl. Sie hatte den Sporn gegeben – im Galopp den Sporn gegeben! Sie, die nie den Sporn brauchte. Nie ihn nur als ritterlichen Reiterschmuck trug. Die Kontenance verloren! Manja, die besonnene Manja, die beste Reiterin, die er je gesehen, bei einem gewöhnlichen Galopp die Kontenance verloren! Er stand auf. Kalt, ruhig, ein beherrschter Edelmann. E ging zur Tür. Zögerte. Es war doch Wahnsinn. Es gibt Unmöglichkeiten in Charakteren. Es war doch Wahnsinn. Die Hand, die auf der Türklinke lag, fiel überlegend herab. Sie wußte ja auch nicht, daß morgen der Termin war. Woher sollte sie das wissen! Es war doch Wahnsinn. Sein Weib ehebrechen! Dieses stolze, selbstgewisse, kühle Weib. Es war trotz allem ein Unglücksfall, eine dieser unseligen Unheilsverkettungen, vor denen das Hirn ohne Begreifen steht. Aber jetzt ging er erst recht. Das war er dem Andenken seines Weibes schuldig. Mit Fabers Ehrenwort wollte er vor diese Rotte der Zweifler hintreten und sie niederschmettern mit dem Donnerkeil dieses Wortes. Das war er dem Andenken seines Weibes schuldig. Energiebeseelt schlug er die Adresse im Telephonbuch nach, rüstig verließ er das Haus. Als der Regierungspräsident gemeldet wurde, war es wie ein ruhiges Sinken in Fabers Brust. Das wie Wetterstrahl in sein Begreifen einschlagende Erkennen: jetzt schwingt die Schicksalsstunde deines Lebens, gab ihm die eherne Ruhe und tapfere Festigkeit, die Helden schafft. Ohne Staunen, ohne Zagen trat er dem Baron entgegen. Weltmann, wie immer, begrüßte ihn Ingenheim. »Guten Tag, Herr Professor oder vielmehr Hofrat. Ich habe die Freude, Ihnen die Ernennung zu bestätigen.« Faber neigte kaum den Kopf. »Sie werden sich wundem, mich heute hier zu sehen.« Faber deutete auf einen Stuhl. Er hatte das Gefühl, er müsse irgend etwas Bedauerndes über Manjas Tod sagen. Doch wie ein Riegel sperrte es die Kehle. Der Mann dort war trotz seiner gesellschaftlichen Liebenswürdigkeit nicht gekommen, Höflichkeitsphrasen zu tauschen. Der Baron setzte sich: »Sie haben gewiß von dem Unglück gehört?« Faber nickte. Erschreckt über die Starrheit des Mannes fuhr Ingenheim schneller fort: »Der Zweck meines Kommens ist ein sehr peinlicher. Sie wissen, daß der Termin in dieser leidigen Privatklagesache morgen stattfinden sollte.« Faber bewegte kein Glied. »Dieser Unfall am Tage vor dem Termine, in dem im Fall einer Schuld schwer kompromittierende Dinge zur Sprache gekommen wären, erregt Verdacht. Ich betone von vornherein, Herr Hofrat, nicht den meinigen. Ich kenne mein armes Weib – ich habe die Ehre, Sie zu kennen.« Faber sah unbeweglich. Dem Baron ward der tote Mann mit den Fieberaugen unheimlich. »Aber,« stemmte er sich weiter, »es sind doch erhebliche Zweifel an der Zufälligkeit dieses Unglücks auf. getaucht. Bei ernsten Männern. Mein Anwalt, Geheimrat Helmholtz, durch und durch ein Muster von Ehrenhaftigkeit, hat mir seinen Verdacht rund heraus ausgesprochen.« Er schwieg und sah dem Professor scharf in die Augen. War der Mann über den Tod seiner Freundin von einst so erschüttert? War es eine andere Phase der Unbeholfenheit, die er neulich abends offenbart hatte? Oder – ? – Dem Baron schlug die Pulsader im Halse gegen den Kragen, daß es schmerzte. Der Mann saß unbewegt mit aufreizend verschwiegener Stirn. »Ich halte es für meine Pflicht,« sprach der Baron heiser und hatte alle Sicherheit verloren, »solchem Verdacht im Interesse der Toten auf das entschiedenste entgegenzutreten. Ich gebe zu, es spricht manches für die Annahme, daß etwas Gewolltes vorliegt – wenn man die Frau nicht gekannt hat. Ich habe mich daher entschlossen, mich an Sie, Herr Hofrat, zu wenden.« Er schwieg und sah dem Manne auf die Stirn. »Was ist es also, das Sie von mir verlangen?« fragte der Professor. Die Worte fielen wie Kiesel in einen tiefen Brunnen. »Ich bitte Sie – ich wiederhole, Herr Hofrat, ich habe nicht eine Sekunde lang dem Gerücht ernsthaft Glauben geschenkt. Ich frage Sie nicht um meiner Ruhe willen. Ich frage Sie allein um der Ehre der Toten: Hatte meine Frau Anlaß, den morgigen Termin zu fürchten?« Ohne Zeichen seiner stürmenden Pein saß der Baron aufrecht im Stuhle. »Ja,« sagte Faber und stieß seine Blicke wie Messer in die Augen des Präsidenten. Dem Baron riß etwas in der Brust. Es war ein heißer blutsprudelnder Schmerz, als habe die große Schlagader sich vom Herzbeutel losgerissen. Das Denkvermögen schwand auf Sekunden, das aufwirbelnde Blut ertränkte das Gehirn. Ein Schwindel bog den Kopf hinten über. Dann stand der Mann. Grün schimmerte die Stirn über dem schwarzen Bart. Er preßte die Lippen aufeinander, daß eine tiefe Rinne um den Mund sich einkerbte. Zwischen den malmenden Zähnen drangen die Worte gewölbedumpf hervor: »Soll ich das so verstehen, daß mein Weib Ihre Geliebte gewesen ist?!« Auch Faber stand. »Meine Geliebte ist sie nicht gewesen,« sagte er fest, »aber ich hätte nicht unter meinem Eide sagen können, daß sie mir niemals mehr gewesen ist als eine Freundin.« »Ich bitte um eine deutlichere Erklärung!« Dunkle Drohung zerknitterte des Barons Stirn. »Damals in Norderney,« sprach Faber und ließ kein Auge von dem Manne vor ihm, »als Sie fortgereist waren, war es. Vierzehn Tage blieben wir noch. Nichts hat sich in unseren Beziehungen geändert. Am letzten Tage ist es geschehen.« »Was? Ich bitte um Klarheit.« Das kam heftig und barsch. Da wirbelte auch den Professor der Zorn. »Mein Blut ist mit mir durchgegangen!« schleuderte er dem andern vor die Füße. »Soll ich das so verstehen, daß Sie mein Weib überfallen haben?« »Verstehen Sie es so!« Die Backenknochen traten weiß aus dem gebräunten Gesicht. Der Baron trat einen Schritt vorwärts. Faber nahm ihn noch eiserner in die Augen, ohne sich zu rühren. »Sie haben sie überfallen wie ein Strolch!« Die Hände ballten sich zu knochenharten Klumpen – gingen empor – öffneten sich zu mordgierigen Krallen. – »Lassen Sie das!« Faber stand wie eine gefährliche Pause im Sturm. »Ihr Weib trägt keine Schuld. Mehr habe ich nicht zuzulassen.« Der Baron sah hundert spitze Lichter vor seinen Augen. Im Kopf brauste ein orkangepeitschtes Wintermeer. Sie hatte ihm nichts gesagt, weil sie geschändet war. Weil sie sich ihres Körpers schämte, den dieses Tier da besudelt hatte. Sie hatte den Kerl da wie einen Hund, der plötzlich seinem Herrn tollwütig an die Kehle springt, von sich geschleudert. Jetzt wußte er, warum, jetzt wußte er es. Und noch jetzt, nach so vielen Jahren, hatte sie sich in ihrem überzarten Weibtum ihrer Schändung geschämt, vernichtend geschämt, daß sie sterben mußte, ehe er die Schmach ihres Leibes erfuhr. Hochauf sprühte ein furchtbarer Gedanke. »Hat meine Frau in den letzten Tagen mit Ihnen gesprochen?« Er ließ die Hände sinken. »Ja.« »Hat sie von Selbstmord gesprochen?« »Ja.« »Und Sie haben –!« Der Baron schaukelte aus den Sohlen. »Ich wollte – Ihnen alles bekennen. Damals, als ich wegen der Berufung bei Ihnen war. Sie ließen mich nicht zu Worte kommen,« »Was?!« Der Baron bohrte den Kopf vor wie ein zustoßender Stier. »Sie haben mich nicht zu Wort kommen lassen. Sie haben nur von der Berufung gesprochen. Glauben Sie, ich wäre hier geblieben, ohne Bedingungen zu stellen? Sie haben mich an jenem Abend für einen Tölpel gehalten. Jawohl, das haben Sie!« Sein Haar sträubte sich vor Grimm. Da kam Ingenheim noch näher an ihn heran, daß ihre Kleidung sich streifte, die Äderchen in seinen Augen waren dick von Blut wie roter Kordel. »Das – das wagen Sie zu sagen! – Sie sind nicht zu Wort gekommen? – Wenn Sie es hätten sagen wollen, hätten Sie nicht Zeit gefunden?!« Blitzschnell umkrallte er Fabers Kehle. »Sie feiger Lump – Sie! – Sie haben mein Weib sterben lassen, um sich zu retten.« Auch die andere Hand packte zu. Da umfaßten Fabers Hände seine Gelenke. Mit blutigen Hautfetzen riß er die Finger von seinem Halse. Keuchend rangen die beiden starken Männer. Ihr Atem dampfte ihnen ins Gesicht, ihre Augen versengten sich. Vergeblich wandten sich des Barons Gelenke in Fabers Fäusten. Der Professor trat zurück und gab den andern frei. Da spie der Wilde, der tief im Grunde dieses altadeligen Barons lauerte, das Wort: »Meuchelmörder!« mitten ins Zimmer, ging hinaus, ließ die Stubentür weit offen, riß den Hut von dem Halter und schmetterte die Entreetür ins Schloß, daß die Glasfüllung in Stücken niederregnete. XXIII. Mit still staunenden Sinnen lauschte Faber hinaus auf das helle Prasseln. Sein Grimm verdunstete wie eine entladene Gewitterwolke. Gelassen tupfte er mit dem Tuche die Blutstropfen, die aus den Wunden am Halse in den Kragen hinabsickerten. Dann ging er hinaus auf den Flur. Dort kauerte Sophie am Boden und las die Scherben zusammen. »Laß den Glaser noch heute kommen!« sagte er obenhin und trat zurück in sein Zimmer. Gleich darauf öffnete er aber wieder die Tür. »Die Sache nimmt einen wilden Gang,« erzwang er ein Lächeln. »Der Regierungspräsident war hier?« riet sie, ohne aufzublicken. »Ja,« lachte er wild auf. Steckte die Daumen in die Armlöcher der Weste und blähte die Brust. »Gut, daß es so kommt, Fieze. Die Schwüle weicht. Die Toten schweigen. Die Lebenden schreien. Mit den Lebenden bin ich noch immer fertig geworden.« Sie hob das bleiche Gesicht. Da beugte er sich zu ihr nieder, strich ihr ermutigend über die Wange und trat in sein Zimmer zurück. Noch immer die Daumen verwegen in die Armlöcher verbohrt, marschierte er auf und nieder. »Was hatte der gelästert?« Er lachte tief in der Kehle trocken auf. »Meuchelmörder!« Hm – »Meuchelmörder!« Ha, als ob ihn das traf! Als ob das ihn traf! Das berührte ihn nicht mehr als der Fleck, den die Fliege da an der Scheibe hinterließ. Fliegendreck, pah! Was ihn das scherte, wie der Mann es sah. Er wußte, er hatte wie ein Ehrenmann gehandelt. Donnerwetter, ja. Unsinn. Hm, feiger Lump hatte er gebrüllt. »Überfallen wie ein Strolch.« Und Hand an ihn gelegt. Nun, er hatte ihn auch nicht gerade sanft in die Daumenschrauben genommen. Aber feiger Lump und Strolch hatte er gesagt! Nun ja – es war ein bluttriefender Schmerz für ihn. Gewiß. Aber feiger Lump! Es war kein Bierkutscher, der ihm das ins Gesicht geworfen. Zum Donnerwetter nein, er hatte kein Schuldbewußtsein! Rasendes wehes Mitleid hatte er mit dem armen Weibe und ihrem unsinnigen Geschick. Mit dem Weibe, ja. Herrgott auch mit dem Manne. Es war viel grausam Vernichtendes heut' über ihn hereingebrochen. Man mußte milde denken. Die erste begreifende Wut konnte mit einem durchgehen. Ja – ja – Aber feiger Lump! Das auf sich sitzen lassen? Teufel noch eins, feiger Lump, das einfach hinnehmen! Daß er hinging und glaubte, er fühle sich schuldbewußt. Oder gar – ?! Das Blut stieg ihm in die Schläfen. Was denn? Er konnte doch den Mann heute nicht vor die Pistole fordern, dessen Weib durch seine Schuld – was denn, seine Schuld? Ausschalten. – Frage der Schuld ausschalten. – Aber sein Weib lag zerschmettert im Hause. Er konnte den todwunden Mann nicht vor die Pistole fordern. Er setzte sich still nieder. Und jetzt brach der zurückgestaute Schmerz um Manja über das dämmende Wehr der Tagessorgen. Die Achtung vor ihrem Todesmut sank wieder erschütternd auf ihn nieder. Wie eine der gerühmten und der zahllosen stillen Heldinnen der großen Revolution war sie gestorben. Nein, anders, anders. Nicht in der sorglos tänzelnden Grazie des Rokoko, die mit einem geistblitzenden Bonmot auf das Schafott tanzte, nein, wie ein großes Weib des zwanzigsten Jahrhunderts war sie in das All zurückgesunken. Als Kind der ernsten, daseinerweiternden Zeit innigsten Naturverstehens, so war sie gestorben. Ein würdiger Schlußstein ihres nach Erkenntnis dürstenden Lebens war ihr Tod. Als würdige Tochter des großen van Deelen war sie in ihre Unsterblichkeit hinübergegangen. Bis tief in die Nacht hinein feierte er ihr in seinem Herzen die Totenmesse. Groß und leise spielte Sophie drüben ihren geliebten Bach. Einmal ging er hinüber und küßte sie wortlos auf die Stirn. Dann ward es drüben still. Sie war zartfühlend zu Bett gegangen. Faber saß in seinem Sessel, bis der Tag graute. Am nächsten Morgen bellte das Gerücht durch die engen Gassen der Stadt. Geheimrat Helmholtz und Doktor Wurm hatten nicht gesprochen. Sie band das Amtsgeheimnis. Auch Seebeck blieb treu seinem Versprechen. Ingenheim aber schwieg wie sein totes Weib. Er forderte den ›Meuchelmörder‹ nicht, um die Ehre seines toten Weibes zu retten. Und doch! Und doch! Trotz der strengsten Diskretion aller Beteiligten bellte das Gerücht am Morgen dieses Tages bereits durch die engen Gassen der Stadt. Wer will sagen, wie Gerüchte aufspringen! Wie ein tollgewordener Hund stob es dahin, rechts und links blindwütig jeden arglosen Fußgänger anfallend. Da war ein Stehenbleiben und Herbeiwinken und Tuscheln auf allen Gassen. »Wissen Sie schon?« »Ja, denken Sie bloß!« »Ich habe mir gleich gedacht, daß das kein Unfall war.« »Aber nein, wie entsetzlich! Da mit dem Pferde runter zu galoppieren.« »Das arme Weib.« »Was sollte sie aber tun, wenn der Mensch sie im Stich ließ?« »Nu eben.« »Nein, solch ein feiger Patron, dieser Faber! Und mein Sohn, der Student, der Jurist studiert, der schwärmt doch nu geradezu von ihm. Immer redet er daher: ›Das ist nicht manneswürdig. Was würde Professor Faber dazu sagen!‹ Und nu hat der Mensch doch 'n Verhältnis mit der Ingenheim gehabt!« »Er soll sie doch überrumpelt haben!« »I, gehen Sie mir ab! Das sagen sie nachher alle. Überrumpelt? Warum hat mich noch keiner überrumpelt? Weil ich eine anständige Frau bin. Na also!« »Jedenfalls hatte der Professor keinen schlechten Geschmack,« lächelte eine Frivole. »Und wie nun die Sache herauszukommen drohte und sie zu ihm kam und bettelte, flehte, er solle sie retten – da war doch 'n Prozeß, wo er Zeuge sein mußte –« »Ach, nee, ein Prozeß?!« »Wie ich Ihnen sage, Frau Schulze. Und da hat er doch gesagt: Nee, Hilfe ist nich.« »Was sagen Sie, Herr Kollege, obwohl die Frau ihm gesagt hat und geschworen, glaube ich, hat sie auch, daß sie sterben würde, hat er die Arme verschränkt und kaltblütig gelächelt: ›Geh' ins Kloster, Ophelia!‹« Und alle ließen ihr Nachrichtenboot stranden an den Klippen tiefster Empörung: »So eine Gemeinheit!!« Am lautesten bellten aber die feigen Hunde, die bei einer Panik tausend Frauen schonungslos unter die Füße getreten hätten, um ihr eigenes kostbares Leben zu retten; die bellten am lautesten: »So eine Gemeinheit!« In Professorenkreisen raunte man sich den Skandal zu: »Hm, hm,« machten die einen; »Ho, ho,« zogen die andern die Brauen empor. Die meisten hatten es natürlich schon immer gewußt, daß Faber nichts als ein Maulheld war. Immer schon. Andere freilich zogen die Lippen ein und sagten mit bedenklichem Schütteln des Kopfes: »Wer hätte das gedacht!« Und nur sehr wenige stellten sich stumm auf die Seite des verfemten Mannes. Die menschliche Bestie feierte wieder einmal ihren Triumph. Der Mann war eine der lautersten ragendsten Gestalten der Stadt gewesen. Wie ein Frühlingsföhn war er mit seiner jungen Mannschaft freudeklingend durch die Straßen gebraust. Wie zu einem Lebensheiland wanderte die studierende Jugend in seine Kollegien, wie zu einem Wunderapostel schwärmten die Frauen in seine öffentlichen Vorträge in der Lessing-Akademie. Hoch ragte er über die Stadt. Ha, nun zeigte sich ein Makel. Ha! Die eklige Genugtuung der Kalibane, die freudekrächzt, daß die Sonne Flecken hat, ringelte sich an ihm empor. Ha, auch das strahlende Licht hat dunkle Stellen, ha, es ist nicht fleckenlos! Ha, wir wachsen. Die Zwergslust war es, die triumphiert, wenn sie hört, daß Goethe einen schwachen Darm hatte. Ha, er ist uns verwandt! Ha, er war auch nur ein schwacher Knirps. Ha, Faber hat geehebrüchelt, wir sind ihm verwandt. Ha, er hat die Frau kaltblütig in den Tod gestoßen. Ha, er ist ein Schuft wie wir alle! Es brauste und siedete an ihm empor, wie wenn die Flut kommt. Erst lecken einige vorwitzige schwarze Spritzer am Fuße der ragenden Klippen aufgurgelnd dahin. Dann saust es schon mit klatschender Gewalt. Giftgrüne Gischtfontänen sprühen auf und sickern an ihr herab. Dann klimmen gelbschleimige Wassersäulen mit grimmigem Fauchen an ihr empor wie ringelnde Schlangen. Und dann – dann brandet mit donnerndem Dröhnen ein gärendes schwarzes Meer über die ragende Klippe hinweg. Wie wenn die Flut hereinbrandet, so brach der Schwall des Gerüchts über den Professor Fritz Faber herein. Nur die Studenten, die wußten noch nichts. Sie waren in dichten Scharen im Auditorium maximum der Universität versammelt und berieten über die Ehrung, die sie dem Professor Fritz Faber als Dankovation für die Ablehnung des Rufes nach München bringen wollte«. Fackelzug, natürlich. Und ferner – – – Es wurde flammenzüngig beraten. – Die Flut spülte den Oberst Pahlow in die Fabersche Wohnung. Der kleine quecksilbrige alte Soldat stürzte herein, einem Igel nicht unähnlich mit all den erregungstarrenden weißen Borsten in dem roterglühten Gesicht. Haare, Brauenbüsche, Schnurrbart bildeten struppige Bürstenhürden. »Der Professor zu Hause?« Er stieß das Mädchen zur Seite. Faber arbeitete still, Sophie saß im Klubsessel und las. An ihr vorbei klirrte er zum Tisch hinüber, riß die Mütze von dem schweißtriefenden Schädel und schnaubte: »Was ist das? Was reden die Leute da?« »Aber, – Papa!« legte Sophie die Hand auf seine Schulter. Ernst erhob sich Faber, reichte dem Schwiegervater die Hand und fragte gelassen: »Ja, was reden die Leute denn?« Zögernd griff der Oberst nach der dargebotenen Hand. »Ich glaube,« wandte er sich zur Tochter, »es ist besser, du gehst hinaus. Wir haben hier einiges zu besprechen.« »Laß sie ruhig hier,« sagte Faber, »sie weiß alles.« »So – so,« machte der Oberst und öffnete die Säbelkoppel, »sie weiß alles. Was ist das nun eigentlich?« Der Oberst verschränkte die Hände auf der Brust und blickte zu dem großen Schwiegersohne auf. »Sag mal, Mensch, die ganze Geschichte ist wohl erlogen und erstunken?!« »Welche Geschichte? Ich weiß ja noch immer nicht, was du meinst. Aber setz' dich doch!« Der Oberst setzte sich. »Na, dann will ich dir also erzählen, was die Leute munkeln. Ich glaube, es ist aber doch besser, Sophie läßt uns allein.« »Mein Weib kann alles hören, was über mich gemunkelt wird,« beharrte Faber. »Na denn. Ich dachte mir gleich, daß die Sache irgendwie anders zusammenhängen muß. Also denkt euch –« er rückte etwas zurück, um Sophie nicht den Rücken zuzukehren – »eben treffe ich auf der Kaiserstraße den Generalmajor. Winkt mich heran und sagt: ›Sagen Sie mal, lieber Pahlow, was ist das mit Ihrem Herrn Schwiegersohn?‹ Ich bekam keinen schlechten Schreck, könnt ihr euch denken. »›Was ist mit ihm?‹ frage ich. Da sagt er leise, vertraulich: ›Man erzählt – ich habe es aus ganz authentischer Quelle – ganz authentischer,‹ sagt er, ›Ihr Herr Schwiegersohn hat mit Frau von Ingenheim ein – na also – ein Verhältnis gehabt. Nicht jetzt, mein lieber Pahlow,‹ sagt er noch, ›Sie brauchen nicht aufzufahren, vor der Ehe mit Ihrer Frau Tochter,‹ sagt er. ›Na, nun sollte die Sache durch einen Prozeß ruchbar werden, eine verzwickte unklare Geschichte, jedenfalls sollte Ihr Schwiegersohn als Zeuge über seine Beziehungen zu der Frau vernommen werden.‹ Ist denn das richtig, Fritz?« »Erzähle bitte erst zu Ende!« »›Die Frau ist nun in ihrer Angst zu Ihrem Schwiegersohn gelaufen,‹ sagt er, ›hat ihn angefleht, sie nicht zu verraten. Hat geschworen, sie würde sich töten, wenn er ihre Beziehungen aufdeckt. Ihr Herr Schwiegersohn‹ – ihr hättet hören sollen, wie er das betonte, der – der –! –« Der Alte ballte die Fäuste. »Erzähle nur, Papa,« sänftigte Sophie. »Ja, also du hättest sie hinausgewiesen. Und sie ist dann hingegangen, hat das Pferd satteln lassen und ist in der Verzweiflung von der Sankt Annenhöhe hinuntergesprengt.« Hier flatterte das Brautpaar herein, bedrückt wie eingeregnete Turteltauben. »Was geht denn bei euch vor?« sagte Helene ganz bleich. »Ihr wißt es auch schon?« nickte Faber bitter. »Die ganze Stadt spricht heute von nichts anderem,« klagte Hancke. »Ist es denn wahr?« wandte Helene sich an die Schwester. Da brauste der kleine stachelige Oberst auf wie eine Hornisse. »Du hörst ja doch, kein Wort ist daran wahr!« schrie er los. »Das dachte ich mir doch gleich,« erholte sich der lange Bräutigam. »Solch eine Infamie!« Helene stampfte den temperamentvollen Fuß auf den Teppich. Nun endlich kam Faber zu Wort. »Im großen ganzen – von einigen unwesentlichen Entstellungen abgesehen – ist das Gerücht wahr,« bekannte er. »Was?!« Des alten Soldaten Oberkörper klappte in den Hüftgelenken zurück wie der Deckel einer Kiste. Das Brautpaar starrte sich an. »Ja – aber – aber – Fritz –!« stotterte der Oberst mit unbeherrschten Lippen, »dann – du sprichst als ob – Mensch, bist du denn nicht mehr bei Verstande!« »Doch, Papa,« sagte Faber ruhig, »doch durchaus.« »Aber ist dir nicht klar, daß du – Sophie, ist euch denn gar nicht klar, daß – das ist doch furchtbar!« Er sank im Stuhle zusammen und ward ganz winzig. Da sprach Faber: »Nun hört einmal zu,« er richtete sich auf und stellte sich breitbeinig in den Kreis. »Hört mich nun auch einmal, ja? Ich nehme an –« wandte er sich an die Schwägersleute – »Ihr werdet dieselbe Version gehört haben wie Papa. Ich könnte euch dieselben Tatsachen erzählen mit ganz anderem Unterton. All die tausend psychischen Zartheiten fehlen in dem öffentlichen Bericht.« »Erzähle du,« riet Helene. »Nein,« lehnte Faber ab. »Ich kann von einem Gerücht keine psychologische Studie verlangen. Ich vertrete das Gerücht, wie es läuft. Ich bin bereit, die Verantwortung für die nackten Tatsachen zu übernehmen.« Der Oberst klirrte unruhig mit den Sporen. »Die Sache liegt klipp und klar so: Vor vier Jahren – stand dieses arme Weib mir nahe. Die Einzelheiten sind so zart. Lassen wir sie! Die Tatsache, daß sie mir nahe gestanden hat, nehme ich auf mich. Daß ich die Frau überfallen habe, ist natürlich Unsinn. Aber – wenn irgendeine Schuld dabei gewesen ist – will ich sie auf mich nehmen. Dann hat sie sich völlig von mir zurückgezogen. In all den Jahren, die ich hier lebe, habe ich sie nicht gesprochen, bis sie vor einigen Tagen zu mir kam. Einzelheiten übergehe ich. Richtig ist, daß sie schließlich in der Todesverzweiflung den Meineid von mir verlangte. Richtig ist, daß ich ihn verweigert habe.« Es war lange still. »Du wußtest, daß sie sich dann das Leben nehmen würde?« Das sonst so rote Gesicht des Obersten war ohne Blutstropfen. »Ja,« sagte Faber klar und fest. »Das habe ich gewußt.« Da steckte der Oberst die Hände in die Hosentaschen und marschierte klirrend durchs Zimmer. Das Brautpaar stand bedrückt. »Ich könnte beweisen,« sagte Faber unbeirrt, »daß sie selbst meiner Entscheidung recht gab. Ich verzichte darauf. Die Tatsache, daß ich bis zum letzten Augenblicke mit Ingenheim sprechen und die Frau retten wollte, übergehe ich. Das glaubt mir jetzt ja doch keiner. Ich nehme die Wahrheit auf mich, daß ich die Frau habe gehen lassen, als sie mich um Hilfe bat. Das will ich vertreten.« Der Oberst räusperte sich laut und marschierte. »Die Frage,« fuhr Faber etwas heftiger fort, »die ich zu entscheiden hatte, war einfach, glatt herausgeschält, die: Wem gehört mein Leben: meinem Weibe oder, kraß gesprochen, meiner früheren Geliebten?« Der Oberst machte hitzig auf dem Absatz kehrt. »Wenn du unverheiratet gewesen wärest, was hättest du getan?« fragte er haarscharf. »Ich wäre vor dem Termin ins Hochgebirge gefahren und verunglückt.« Hancke nickte wohlwollend. Der Oberst zog die buschigen Brauen ganz tief über die Augen. »Und weil du verheiratet bist, glaubst du, dich den Folgen deiner Handlungen entziehen zu können! Donnerwetter, ist das eine Ansicht. Glaubst du, die Ehe ist ein Riegel, den du einfach vor deine Vergangenheit schieben kannst. Das wäre ja noch schöner. Der Henker verstehe dich!« Da fuhr Sophie auf. Plötzlich stand sie neben ihrem Manne, groß und flammend. Ihr Gesicht brannte vor Erregung. »Papa,« rief sie heftig, »du hast kein Recht, hier so zu sprechen. Der Mann hier hat schwerer gekämpft, als ihr ahnen könnt. Wie dürft ihr oder irgendeiner wagen, ihm Vorwürfe zu machen! Er hat vor der schwersten Wahl gestanden, vor die ein Ehrenmann gestellt werden kann. Leben zu bleiben, war für ihn tausendmal bitterer, als hinzugehen und in eine Schlucht abzustürzen. Wer das nicht versteht und glaubt, für den ist in diesen vier Wänden kein Raum!« Sie keuchte. Faber legte den Arm beruhigend um sie. Ner Oberst murrte: »Nu – nu – nu! Man wird wohl noch seine Meinung äußern dürfen.« »Sprich du ruhig,« bat Faber. Da sprang Helene ein. »Ganz recht hast du gehandelt, Fritz. Ich will gar nicht entscheiden, ob du für dein Weib und deine Kinder zu leben hast. Aber das weiß ich: Herrgott normal, ist denn ein Weib nicht auch ein vollbürtiger Mensch! Muß es sich hilflos im Schatten des Mannes verkriechen? Die Zeiten sind doch wahrhaftig vorbei. Sapperment, ist diese ganze Geschichte für uns Frauen entwürdigend! Sie beweist wieder einmal sonnenklar, wie herrlich weit wir Frauen es in unserer innersten Emanzipation vom Manne gebracht haben. Statt daß die Frau genau so wie der Mann die Folgen ihrer Handlungen auf sich nimmt, duckt sie sich jämmerlich hinter den Mann wie hinter ein bergendes Bollwerk, sowie Gefahr droht. Einfach schmachvoll!« Da lächelte Faber. »Laß, kleine Schwägerin! Die Frau ist so groß gestorben, daß das emanzipierteste Weib daran lernen kann.« Jetzt hatte der Oberst sich wieder in der Gewalt. »Das sind ja törichte frauenrechtlerische Theorien, die gar nicht hierher gehören,« fegte er die Erörterung wie Schutt beiseite. »Gott sei Dank gibt es noch Ritterlichkeit in der Welt. Gott sei Dank, sage ich. Ich weiß, in der ganzen Armee sind nicht zehn Offiziere, die nicht bereit sind, für eine Frau unter solchen Umständen zu sterben.« »Na, na,« zweifelte Hancke. »Ja, sage ich,« schrie der Oberst erbittert, »habe es selbst so und so oft miterlebt. Da war der junge Sydow, der Lindequist, der Rahmer, der Below. Ach, und Arnholz, ein prachtvoller Kerl, aber ein bißchen leicht, hatte eine Liaison mit der Frau unseres Hauptmanns. Eines Tages kommt sie zu ihm: ›Mein Mann hat etwas gemerkt, er wird dich auf Ehrenwort fragen.‹ Arnholz kommt zu mir. Ich war sein Premierleutnant. Fragt mich, was er tun soll. Habe auch nicht eine Sekunde gezögert, kann ich euch sagen.« »Was wurde draus?« drängte Helene interessiert weiter. »Was wurde? Was sollte werden! Er hat das Ehrenwort natürlich gegeben und ist einige Zeit darauf beim Baden ersoffen. Solche Fälle passieren zu hunderten. Wäre mir nie eingefallen, daß man anders entscheiden kann. Mir nicht.« Das kam sehr weh. »Der Leutnant war doch aber nicht verheiratet,« rief Hancke, »das Beispiel paßt ja gar nicht.« »Aber lieber Schwiegersohn,« bäumte sich der Oberst auf, » den Unterschied verstehe ich eben nicht. Entweder ein Mann hat für seine Handlungen einzustehen oder nicht. Ich spreche doch hier wahrhaftig gegen mein eigenstes Wohl und Wehe. Aber, Herrgott, es gibt eben im Leben eines Mannes Dinge, die sein Weib auf sich nehmen muß.« »Das weiß ich,« sagte Sophie schlicht und groß. »Ich kann es nun mal nicht einsehen, daß die Ehe ein Mauseloch sein soll, in das der Mann sich vor den Konsequenzen vorehelicher Handlungen verkriechen kann.« Faber ruckte auf. Da fügte der Oberst bei: »Aber vielleicht hast du recht. Ich weiß nichts mehr. Ich weiß gar nichts mehr, als daß ich alt bin, steinalt. Untauglich, des Königs Rock weiter im Dienste zu tragen. Das weiß ich.« »Aber, Papa!« umschlang Sophie ihn bittend. »Laß – laß!« wehrte er müde und setzte sich gebrochen in einen Stuhl. »Vergebt, wenn ich mich nicht richtig benehme. Ich bin ein alter Mann, ich muß dieses Neue erst einschlucken.« Ein langes schweres Schweigen schwelte unter der Decke des großen Zimmers. Endlich wagte Hancke: »Aber, lieber Papa, Fritz hat doch aber recht, nach meinem Gefühl ganz unzweifelhaft. Heute gehört er seiner Frau und seinen Kindern und sonst niemandem auf der Welt.« Und er umfaßte sein junges Mädel mit lindbehütenden Blicken und wurde ganz rot. Denn er dachte an die Wirtschafterin, von der er doch ein Kind hatte. Für die sollte er –! Freilich konnte man die feine Manja von Ingenheim nicht mit seiner etwas robusten Hanna Schulze vergleichen. Nein, nein. Aber im letzten Kern – ein lieber Mensch war sie doch auch gewesen. »Ja doch – ja doch,« hustete der Oberst bitter auf, »auf der ganzen Linie geschlagen. Beide Herren Schwiegersöhne gegen mich. Also – basta! Ich bin passé .« Er stand mühsam auf und nahm die Mütze vom Tisch. »Willst du nicht noch bleiben?« bat Sophie innig. »Nein, danke. Ich habe noch zu tun. Gute Nacht, alle.« Und kleiner als je ging er hinaus. Fast schien es, als ob der eine Fuß nachschleife. »Der arme Vater!« klagte Sophie. XXIV. Des Professor Fabers Sprechstunde war heute verödet. Ganz verwaist war sie. Nicht einer ließ sich blicken. Es wurde ein viertel, es wurde halb neun. Nicht einer zog die Klingel. »Wie,« dachte Faber, »sollten am Ende die Jungens –?« Ungläubig wanderte er zwischen seinem Zimmer und dem Warteraum auf und nieder. Draußen in der Küche sagte das Hausmädchen zur Köchin: »Sehen Sie, Aujuste, heute kommt nu keiner. Gleich neun is es. Das is von wegen dem Selbstmord von der Ingenheimschen, den der Herr auf'm Gewissen hat.« Sophie kam just vorüber. Sie hörte es. Rasch ging sie in sein Zimmer. Er kam gerade von einer Wanderung aus dem Warteraum. »Es ist heute ein wenig still,« lächelte er verlegen. »Das machen die herannahenden Ferien,« tröstete sie. »Es sind doch schon viele abgereist.« Er antwortete nicht. Er hatte seine dunkeln Ahnungen, die er nicht aufkommen lassen wollte. Da klingelte es. Erlöst atmeten sie beide auf. »Der erste Patient,« lächelte er fröhlich und ging hinüber. Nein, es war kein Student. Es war der Redakteur einer freisinnigen Zeitung, der dem Herrn Hofrat in dieser Hetze gegen ihn sein Blatt zur Verfügung stellen wollte. Faber dankte vielmals. Welche Hetze übrigens? Ja, hatte er denn die Morgenblätter nicht gelesen? Nein, noch nicht. Nun, dann werde er sich gestatten, später noch einmal vorzusprechen. Dann werde der Herr Hofrat wohl geneigter sein. Nein, er könne sich die Mühe ersparen. Er gedenke nicht, sich in der Presse zu verteidigen. »Ist es denn wahr?« fragte da der Redakteur rund heraus. Und berichtete die Erzählungen der Blätter. »Ja,« nickte Faber, »in der Hauptsache ist es wahr.« »Ach so,« zog der Zeitungsmann sich steif zurück. »Dann natürlich!« Faber griff das Blatt vom Tische. Suchte. Da stand die Bescherung unter fettgedruckter Lockschrift: » Der Selbstmord der Baronin Manja von Ingenheim .« Er schleuderte die Zeitung auf den Tisch. Also deshalb! Deshalb kam heute keiner. Weil sie fürchteten, den unter seinen eigenen Lasten Gebeugten mit ihren Sorgen zu beschweren. Die dummen lieben Jungens! Deshalb also! Er stand still. Oder – ? Unsinn. Jugend hetzt einen ragenden Mann nicht hämisch nieder. Die Jugend, der er so viele Semester hindurch sein Heiligstes, sein Wissen, seine spornenden Lebenskräfte verschwenderisch dargebracht hatte, die ließ ihn nicht fallen, ohne ihn zu hören. O, er würde heute zu ihnen sprechen. Wie ein Prediger sich mit einem aktuellen Tagesereignis vor seiner Gemeinde auseinandersetzt, so wollte er heute predigen. Grell wollte er den jungen Menschen in seiner Vorlesung über attische Kunst die Augen öffnen für das unsterbliche Athen. Für diese perfide ruchlose Stadt, die Größe nicht ertragen konnte. Die immer ihre Besten niederriß. Die ihren Sieger von Marathon und Salamis, ihren Aristides, ihren Cimon herauszerrte aus ihrem segensreichen Wirken und in die Verbannung stieß, aus Haß, aus Neid, aus elender menschlich kleiner Mißgunst. Ihnen Ehre und Betätigung raubte. Ja, er würde ihnen heute zeigen, daß Athen unvergänglich war. Daß es neidete und haßte und niederriß, heute wie vor zweitausend Jahren. Er würde ihnen die Augen öffnen, daß sie das athenische Gesindel in seiner ganzen brutalen Niedertracht erkannten. Ja, bei Gott, er wollte dafür sorgen, daß seine Schüler dereinst keine athenische Marktplebs wurden. Das wollte er. Und nach der Vorlesung, wenn sie von junger Begeisterung brodelten, wollte er mit ihnen durch die Straßen ziehen, demonstrativ, ja doch, demonstrativ, wie mit einer Leibkohorte, und wollte diesen rufschänderischen Philistern zeigen, wo seine Ehre unverletzlich, hoch erhaben über ihrer Jämmerlichkeit thronte. Bei Gott, das wollte er! In eiferfroher Erregung betrat er den Hörsaal. Weit hinaus auf den Korridor drängten sie sich. Jede Fußbreite des Bodens trug seinen Mann. »Hallo,« jubelte es in ihm, als er sich durch die dichtgerammte Schar hindurcharbeitete, »so zahlreich seid ihr erschienen. Ihr Lieben, um mir eure treue Gefolgschaft zu beweisen!« Er stand auf dem Podium. Sie pfiffen ihn herunter . Zwischen den Zähnen pfiffen sie, auf Hausschlüsseln pfiffen sie, auf Trillerpfeifen pfiffen sie. Wie ein singender Sturm war es, zum heulenden Orkan ward es. Es toste, es brandete um den einsamen Mann dort oben wie ein entfesselter Taifun. Es schwoll an, brauste dunkel nieder und stieg in hellem Sausen wieder zur Decke. Er hob die Hand, Ruhe zur Rede, zur Erklärung, zur Verteidigung zu fordern. Es knatterte, es polterte, es wetterte daher, wie die Windsbraut gegen straffgespanntes Segel. Grimm schüttelte den Mann auf dem Katheder, Zorn sprühte keuchend aus ihm, Wut schrie aus ihm hinein in das schnaubende Chaos. Sie sprangen von den Bänken, hunderte standen ringsum, pfiffen trotzig, grausam, haßtoll, in ihrem heiligsten Vertrauen verraten, in rasender junger Berserkerwut. Da bohrte er die Hände in die Hosentaschen und wartete. Stand geduldig und ungebeugt, wie ein Fels in der Brandung, und wartete. Wutgereizt raste der Sturm daher, höllisch, markdurchbebend, niederfauchend. Er stand und wartete. Da mischten sich heisere Schreie in den gellenden Schwall. Wie grelle Blitze zuerst, wie dunkle drohende Donnerschläge dann, die herandröhnten, herankollerten, krachend niederschmetterten. »Pereat – Pereat!« brüllten vierhundert widerstandserboste junge Kehlen. Der Mann stand wie ein Fels. Da kam ein Schieben und Stoßen und Schwanken und Gleiten in die stehende Mauer, alles drängte zu den Türen. Unter johlenden Pereatrufen zogen sie ab. Mochte er allein hier stehen auf seinem einsamen Katheder. Da beugte der Mann sich nieder zu dem Troß der Verachtung, der an ihm vorbeischarrte, und packte den Nächsten am Arm. Bleiche Stille der Empörung atmete ringsum. Eisigkalt warf der Professor die Worte in das drohende Schweigen: »Warum schreien Sie?« Alles drängte heran in gefahrvollem Kreise. »Weil Sie ein Weib in den Tod gehetzt haben,« kam die schneidende Antwort. Da rief und schrie und tobte es ringsum: »Ist es wahr? Ist es wahr? Rede stehen! Antworten!« Wieder wurde Stille, die in zorngespannter Erwartung zitterte. »Gehen Sie auf Ihre Plätze!« gebot Faber. »Ich will es Ihnen erklären.« »Antworten – antworten!« schrie die trotzige unerbittliche Moral dieser aufgewühlten Jugend. »Antworten!« Der Tumult ebbte wieder nieder, daß man die Sommerwespe am Fenster brummen hörte. »Es ist wahr,« sagte Faber ehern, »aber –« Den Rest überflutete die berstende Empörung. »Pfui – Mörder – Pereat – Pereat –!« Unaufhaltsam preßte der Strom hinaus, in dichten gleitenden Menschenwogen. Aufrecht stand der Mann auf dem Katheder. Immer siedender staute sich die Flut an den Türen wie an einem Wehr, brandete zurück, wogte vorwärts, schwoll auf, strudelte im Kreise, stampfte weiter, minutenlang, bis die letzten drängenden Tropfen verronnen waren. Aufrecht stand der Mann auf dem Katheder. Plötzlich schrie er auf. Weh, irre, ein rasender unmenschlicher Laut, wirr verzerrt durch den Widerhall des weiten öden Saales. Und dann schlug er mit beiden Fäusten auf den ratternden Pultdeckel. Und wenn sie tausendmal wie tausend wilde Teufel pfiffen und schrien – er hatte recht – er hatte recht! – Mit beiden Fäusten trommelte er sein Recht durch den leeren Saal. XXV. Voll Bangen erwartete ihn Sophie. Sie hatte nicht seine vertrauende Zuversicht zur Jugend. Nein, sie nicht. Ein fremder Mann kehrte zu ihr zurück. Seine Stirn war schmäler und kantiger, die Schläfen waren weißer und durchsichtiger geworden. Die Hakennase ragte schärfer, abenteuerlicher. Die lebenssaftigen Lippen waren verhärmt, dünn und blaß. Die Augen weiteten sich dunkler, größer, wie Abgründe des Wehs. Die Schatten darunter waren violett und sinnender. Die Kerben an den Liderwinkeln gruben sich tief und schmerzlich. »Ich bin mit meinem Optimismus gründlich durchgefallen,« höhnte er in bitterböser Selbstverspottung, »ausgepfiffen haben sie mich. Abgezogen sind sie mit Pereatrufen. Zum Prediger in der Wüste haben sie mich gemacht, die lieben herzigen Jungen.« Sie nahm seine beiden Hände. »Ich habe es gefürchtet.« »Du hast es gefürchtet?« Sie nickte hoffnungsleer. »Ich mußte immer daran denken, was du mir von dem Gericht deines Korps erzählt hast. Wie sie den Studenten einstimmig hinausstießen, weil er das Mädchen in der Not verlassen hatte. So streng urteilt der jugendliche Idealismus, der keine Konzessionen kennt.« »Aber, Fieze,« fuhr er auf, »mein Fall liegt doch wahrhaftig anders. Der Junge damals stand vor keiner Wahl. Er hatte lediglich dem Mädel seine Pflicht zu erfüllen. Ich, – Herrgott, sind alle Menschen verbündet und verblödet! Ich hatte an dich und die Kinder zu denken.« »Es tut so weh,« schluchzte sie, »daß du gerade durch die Rücksicht auf uns so unglücklich werden sollst.« »Unsinn, Fieze,« wehrte er, »laß die Nachtgedanken. Ich habe recht gehandelt. Bei allen Heiligen, ich fühle es doch hier drinnen.« Er schlug sich auf die Brust, daß es dröhnte. »Hier drinnen fühle ich es, und ich werde nicht ruhen noch rasten, bis die Jungens es auch fühlen. So wahr ich sie liebe, liebe, trotz allem, sie sollen es fühlen, tief in der Brust, daß ich als Ehrenmann gehandelt habe. Das sollen sie!« »Ich fürchte,« sagte Sophie, – »vergib, wenn ich dir deinen schönen Mut nehme, – du wirst einen verzweifelten Kampf kämpfen. Ich muß dir doch meine Zweifel beichten, wenn sie auch sterbenstraurig sind.« Er nahm sie in die Arme, »Sag' alles, meine geliebte Lebensklugheit.« Sie strich über sein Haar. »Mein armer herrlicher Lebensphantast. Sieh', ich begreife die jungen Leute so gut.« »Du?« »Ja, ich, Fritz. Sie haben zu dir aufgesehen, wie zu ihrem herangereiften Ich. Du warst das Ziel ihres Männerehrgeizes, du warst ihr ermutigendes Vorbild; dir einmal an Mannhaftigkeit gleich zu werden, war die Sehnsucht ihres Lebensernstes. Und nun erfahren sie – und du willst es mit keinem Worte widerlegen – daß du, als eine Frau in Todesnot war, nicht für sie eingesprungen bist, sondern an dein Weib und deine Kinder gedacht hast. Sieht dein psychologischer Kennerblick denn nicht, daß für junge, ins Leben stürmende Menschen Weib und Kinder das Banale sind! Daß ihnen die Frau, die sich dem Manne in Liebe gegeben hat, das Romantische ist! Und nun eine Frau wie Manja von Ingenheim! Diese blonde liebliche Feinheit. In den jungen Seelen müssen sich ihr ja Altäre bauen. Sie hat dir alles gegeben, träumen sie, sie hat den Mann um deinetwillen vergessen, und – vor allem – sie ist diesen grausamen Heldentod gestorben. Die Frau muß der jungen Begeisterung zur Heiligen werden. Begreift das dein seelenkundiges Verstehen nicht?« Er schwieg beklommen. »Und nun, Fritz, – wir wollen alles durchsprechen. Wie stehst du nun da! Du hast, nach dem Gerücht, die Frau in den Tod getrieben. Sie sehen in dir den treulosen Verräter der Liebe, sie sehen in dir – wir beide wollen ehrlich sein – genau so den Mörder der Frau, wie sie in dem Studenten den Mörder des Mädchens gesehen haben. Es tut so weh, dir das zu sagen, mein armer guter Lieber.« Er war zusammengezuckt wie unter einem Dolchstoß. »Und darum,« schloß sie fest, »solltest du hier den Kampf aufgeben. Kannst du nicht jetzt noch München annehmen?« Er riß sich von ihr los. »Ich will es nicht aufgeben!« bebte er und ballte die Fäuste. Die Schlagader am Halse war wie ein blaues Tau. »Ich will den Kampfplatz nicht feige verlassen. Ich will nicht alles durch Irrwahn zertreten lassen, was ich jahrelang mit meinem Besten gebaut habe. Ich will nicht! Ich will nicht!!« »Du kannst an einem anderen Orte weiterbauen,« sänftigte sie trostreich. »Das kann ich nicht ! Glaubst du, ich bin kein Mensch? Glaubst du, das geht an mir vorbei? Wenn ich wie ein Verbrecher von hier fliehe, – kann ich nicht mehr Lehrer der Jugend sein. Das kann ich nicht. Wo soll ich die Kraft hernehmen? Und das Vertrauen? Und die Zuversicht, daß ich einer bin, der der Jugend etwas zu sagen hat? Woher? Woher?« Sie schwieg erdrückt. »Schreib' eine Broschüre,« riet sie endlich, »schildere alles, wie es kam, mit allen Zartheiten. Laß sie an jeden Studenten verteilen! Komm, setz' dich gleich hin! Heute abend ist sie im Druck. Morgen geht sie hinaus. Komm!« Er schüttelte widerspenstig den Kopf. »Sie sollen mich hören !« brauste er auf. »Ich bin kein Schriftmensch. Mein Stolz war immer, durch mein Wort, durch meinen Odem, durch mein schlagendes Blut zu wirken. Sie sollen mich hören! Heute abend gehe ich in mein Korps. Dort wird die Achtung vor mir sie schweigen lehren. Dort will ich sprechen und meine Korpsbrüder als Boten meiner Ehre unter die anderen schicken. Das werde ich.« Und er hob die Hände zur Decke. »Herrgott, ich will doch einmal sehen, ob all diese Kraft in diesem Hirn und all diese Liebe so elend verrecken soll!« – – Er ging ins Korps. Nowak, der Diener, begrüßte ihn, höflich und frostig. Faber sah ihn scharf an und trat in den Saal. Dort saßen und standen sie in wilderregtem Disput. Eine Gruppe Heißsporne wollte dem Professor Faber sofort die Würde eines ›alten Herrn‹ des Korps nehmen, wenige Besonnere rieten, ihn erst zu hören. Da trat er herein. Kirchhofstille. Jeder ging stumm zu seinem Stuhle. »Guten Abend,« rief Faber laut und nahm seinen altgewohnten Platz. Ein dumpfes Murmeln antwortete. Jeder sah vor sich nieder. Da wandte sich Faber an Graßhoff, den ersten Chargierten. »Ich bitte ums Wort.« Auf stand der blonde Siegfried, niederschmetterte er das Rapier auf den Holztisch. »Herr Professor Faber hat das Wort,« rief er blitzblank über all die gebeugten Köpfe hin. Faber verstand sehr wohl die feindliche Feierlichkeit des Aufrufes. Ha, er würde sie jetzt schon heranholen. »Brüder,« begann er – »ja, Brüder – du brauchst nicht abwehrend zusammenzuzucken, mein lieber Kübler. Ich wünsche dir, du möchtest nie im Leben einen schlechteren Bruder haben. Ihr waret heute alle in der Vorlesung. Ich habe euch gesehen. Ihr habt gepfiffen und gejohlt. Das war euer Recht. Ihr habt es euch durch manches stürmische Beifallstrampeln erworben. Warum sollt ihr nicht auch einmal mit mir unzufrieden sein und es zeigen? Das ist euer gutes akademisches Recht. Aber ihr hättet mich zu Worte kommen lassen sollen. Euch hätte ich alles aufgeklärt. Den andern – den Alten – was liegt mir an deren Achtung! Aber ihr – – ihr –« seine Züge zerknitterten sich schmerzhaft – »ihr sollt mich richtig sehen. Ihr Jungen ihr –! Wißt ihr denn nicht, wie ich euch liebe – wie ich das Werdende in euch verehre – wie ich nichts im Leben will, als euch zu braven, wetterfesten Männern erziehen!« Die Tränen sprangen ihm in die Augen. »Wißt ihr das nicht?« Sie blickten staunend erschüttert auf den aufgewühlten Mann, der ihnen seine Seele scheulos hinwarf. Da schnitt aus irgendeinem Munde ein böses Wort durch die aufsteigende Weichheit. »Phrasen«, zischte einer. Faber taumelte zurück, sein Gesicht versteinte. »Was,« sagte er leise, »Phrasen? Hat da einer ›Phrasen‹ gesagt?« »Ja, ich,« gestand der zweite Chargierte Kübler freimütig. »Steh für dein Wort ein!« schrie Faber gebieterisch. Schaum trat ihm zwischen die Zähne. »Erkläre das!« »Ich bitte ums Wort,« rief Kübler. Dann sprach er vor Bewegung zitternd. »Wir brauchen keine lange Erörterung. Es ist bekannt geworden, daß du – daß Sie –« Eine Bewegung rauschte um den Tisch, wie Wind im Sommerlaub. »Daß Sie sich hinter Ihrer Familie verkrochen haben, als Frau von Ingenheim um Ihren Schutz flehte.« Da barst Faber wie eine Mine. » Was habe ich?! Verkrochen hinter meiner Familie! Seid ihr irrsinnig? Seid ihr allesamt toll geworden? Ich habe gekämpft, sage ich euch, einen Kampf hier drinnen, den sich eure Schulweisheit nicht träumen lassen kann. Ich wünsche euch allen aus tiefstem Gemüte, daß ihr nie vor einer ähnlichen Entscheidung steht. Das sage ich euch. Ich habe es mit tausend blutenden Wunden erwogen, das müßt ihr mir glauben! Es gab drei Wege, die Frau zu retten. Ich konnte vor dem Termin sterben, verunglücken, daß kein Verdacht erwachte.« Die jungen Augen spannten sich. »Den Weg wäre ich gegangen, wenn ich nicht Weib und Kinder hätte.« Da kam die grimmig auflachende Entladung. »Ihr lacht höhnisch. Ihr glaubt mir wohl nicht? Wie – was lachst du, Lorenz? Hab' ich dich je belogen? Hab' ich je einen von euch belogen? He?!« Da schrien sie alle wirr und wütend durcheinander: »Ja – ja – immer! Immer!« Faber umklammerte mit den Nägeln die Tischleiste. »Was?!« Da schrie der junge Hanseate Lorenz, ganz entstellt vor Haß. »Immer hast du uns belogen. Eine große Lüge bist du! Du hast uns von Mannhaftigkeit was vorgeschwatzt. Du – Feigling, der dieses arme Weib in den Tod gehetzt hat. Große Worte, ja, die hast du immer bereit gehabt. Damals, wie wir Bries aus dem Korps stießen, eine lange Rede hast du uns gehalten: Wir sollen das Weib ehren! Und du? Was hast du getan? Mir hast du gesagt, ich soll die Finger von verheirateten Frauen lassen. Und du! Was hast du getan?« Faber wollte erwidern, klarstellen – er kam nicht zu Wort, hatte auch nicht mehr die Kraft. Wie Eisenhämmer wuchtete jede Anklage auf sein Hirn nieder. »Wir haben an dich geglaubt, du warst unser Abgott, unsere Gottheit bist du gewesen,« lohte der junge Mensch ihm entgegen. »Wir wären jeder einzelne für dich gestorben – jeder krasse Fuchs wäre stolz und lachend für dich gestorben. So haben wir zu dir aufgeschaut. Wir waren – Götzenanbeter waren wir – du – du –! Einem Lügner haben wir geglaubt – an einen hohlen Schwätzer haben wir unsere glühende Begeisterung gehängt – Narren waren wir – fanatische Narren – blinde Toren – – – –« Die Tränen stürzten ihm hervor. Aufschluchzend lief er zur Tür hinaus. Man hörte das Atmen, so still wurde es nach diesem leidenschaftlichen Ausbruch des schmerzgebrochenen jungen Gemütes, das seine erste blutige Enttäuschung seinem Götzenbilde entgegenschrie. Endlich sagte Faber, wie Tropfen fielen die Worte in die Stille: »Ist das euer aller Meinung über mich?« Keiner rührte sich. »Hebt die Hände!« befahl er barsch. Da hob einer die Hand, noch einer, mehrere, viele – alle. »Dann hab' ich hier nichts mehr zu sagen,« Rasch ging er hinaus. XXVI. Ein einstöckiges ziegelrotes Haus, davor die Geleise. Das war der Bahnhof, an dem Beatrice Herforth den Zug verließ. Ihren Handkoffer – mehr hatte sie nicht an Habseligkeiten – übergab sie dem Portier. Der sah ihr lange nach, blickte dann zu dem Bahnhofsvorsteher hinüber und beide sahen sich an mit bedeutungsvollem Blick. Da war sie ja wieder, diese ... Und der Vorsteher lief hinein in die Dienstwohnung, sein Weib mit dieser welterschütternden Sensationsnachricht brühwarm zu überschütten. Die Korpulenz wälzte sich mit beängstigender Behendigkeit zum Fenster. Wahrhaftig, da lief sie. Jesus, Maria und Josef! Da lief sie und war wieder da! Jesus, Maria und Josef! Mit tiefgesenkter Stirn eilte Beatrice durch die Straßen. Wie ein Spießrutenlaufen war es. Auf den Gassen blieben die Leute stehen und sahen sie an, mit Blicken wie vergiftete Indianerpfeile. Sie hatte an diese Qual nicht gedacht. Sie hatte nur an ihre Kinder gedacht und an ihren Mann. Sie eilte – eilte. Endlich öffnete sich der Marktplatz. Metallisch glänzte das ovale Porzellanschild von der Mauer. Sie huschte zur Tür hinein, wie in eine bergende Schlucht, und trat mit wankenden Knien in das Bureau. Außer dem Schreiber war niemand zugegen. Dem Manne glotzte bleiche Geisterfurcht aus den wenig begabten Augen. »Ich bin es, Herr Klostermeyer,« suchte Beatrice seine Furcht zu bannen. »Ist jemand drinnen bei dem Herrn Rechtsanwalt?« »Ein Mandant ist drinnen,« blökte Herr Klostermeyer und starrte sich die Augen aus dem Schädel. Scheu setzte sich Beatrice auf die Bank. Hier wollte sie warten. Sie hörte durch die dünne Decke Irmgards wildtollende Stimme. Da tappte auch Horsts trippelnder Schritt. Das Herz sprang ihr fast. Nein, sie wollte erst ihn sprechen. Nicht hinter seinem Rücken zu den Kindern schleichen. Ihr waches Rechtsgefühl wußte, daß sie das Recht verwirkt hatte. Und wenn sie wieder gehen mußte? Erst den Kindern einen neuen Trennungsschmerz in ihr jugendseliges Vergessen hineindüstern? Nein, nein. Wenn sie wieder gehen mußte –! Sie knickte in den Hüften ein, so zog die Angst schmerzhaft die Eingeweide zusammen. Da ging die Tür, die aus dem Sprechzimmer in den Hausflur führte. Sie hörte, wie ihr Mann zurück zum Schreibtisch schritt. Da stand sie auf, der Blick des Schreibers bohrte sich wie ein Nadelstich in ihren Rücken. Sie öffnete die Tür. Der Rechtsanwalt saß am Pult und schrieb. Ohne aufzublicken, fragte er: »Was ist, Klostermeyer?« Da sagte Beatrice: »Ich bin es.« Doch kein Laut drang aus ihrer Kehle. Herforth hob den Kopf. Schnellte auf, fuhr halb von dem Sessel in die Höhe, fiel wieder zurück und sah aus aufgerissenen Augen auf die Frau an der Tür. Alt, und grau war er geworden. »Du hast mir nicht geantwortet,« flüsterte sie, »da bin ich gekommen.« Er sah sie noch immer wortlos an. Sie hob die gefalteten Hände zu dem tränenbebenden Munde. »Hab' Erbarmen!« flehte sie flüsternd, »hab' Erbarmen! Ich hielt es nicht aus. Ich habe mich krank gesehnt nach dir und den Kindern.« Er blickte nieder auf die Tischplatte. Da lag sie zu seinen Füßen. »Hab' Erbarmen! Ich bitte nicht um Vergebung. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vergebung. Ich liege hier und flehe um Mitleid.« Sie hob das weiße schöne Gesicht ihm entgegen: »Ich liebe dich doch!« schrie sie in Verzweiflung. Er sah an ihr vorbei zu Boden. »Du liebst mich?« Er röchelte spöttisch, zweifelnd, zaudernd. »Ja,« sie umschlang seine Knie, »ich liebe dich.« »Und du hast das getan!« sagte er anklagend. »Das war Wahnwitz,« schluchzte sie. »Das war das letzte Aufflackern meiner Jugend. Das war eine wahnsinnige Angst, das Leben könne vorübergehen, ehe ich es recht gelebt hatte. Ich war irr. Ich lief umher und glaubte, das Leben hier bei dir, bei den Kindern, im Hause, die kleine Stadt – das wäre nicht das Leben. Das läge irgendwo dort draußen. Ich wollte es noch erraffen, ehe das Alter kommt. Jetzt bin ich nicht mehr jung. Die Jugend mit ihren törichten Phantastereien ist tot. Jetzt weiß ich, was das Leben ist. Jetzt weiß ich, daß bei dir und den Kindern das Leben ist. Jetzt weiß ich, daß das Leben in Enge und Güte und Treue ist. Ich schwöre dir, Heinrich, daß ich es jetzt weiß. Ich schwöre es dir – ich schwöre es dir!« Ihre Stirn schlug hart nieder auf seine Knie. Der Rücken zuckte. Der Mann schwieg. Hub die Hand und ließ sie wieder sinken. Sie bog den Kopf zurück. Das schwarze Haar wallte in den Nacken. »Denk', es sei eine Krankheit gewesen,« flehte sie wieder, »eine Verirrung meines Geistes! Wir sind Eheleute. Verstehe es. Nichts Unverständliches kann sich zwischen uns drängen. Du kennst mich seit Jahren. Du hast mich in Leidenschaft und Kindesnot gesehen. Du kennst mich doch. Laß nichts Unverständliches zwischen uns sein! Laß mich meine Brust fest an dich pressen, daß nichts zwischen unsere Herzen kommen kann! Daß du mich fühlst – mich – wie ich atme und bebe und bin. Laß mich wieder ein in dein Fühlen und Denken! – Laß mich bei euch bleiben – prüfe mich – probe mich! – Ich will nichts mehr vom Leben, als für euch arbeiten und sorgen. Alle Phantasien sind tot. Ich hatte noch so viel jugendblaue Dämmerung in mir. Das Leben hat jetzt in mir getagt. Hab' Erbarmen! Hab' doch mit mir Erbarmen! Denk' doch, wie ich dort oben lag, bei Irmgards Geburt, zerfetzt, zerrissen, verblutet –« Wie ein Wirbelwind tobten die Worte hervor. Da hatte er die Hände unter ihren Achseln, zog sie zu sich hinauf und flüsterte: »Ich hatte dich doch immer so lieb!« Sie schlang die Arme um seinen Körper. »Du – du!« stammelte sie. »Ich habe dir geschrieben,« gestand er mit tränenunsicherer Stimme. »Jede Nacht habe ich dir geschrieben und die Briefe vernichtet, weil ich mich schämte.« »Nicht schämen,« sie preßte sich heißer an ihn, »keine Scham soll zwischen uns sein! Nichts, nichts soll zwischen uns sein als begreifende Menschlichkeit.« Er riß sie an sich, heftig, langentbehrt, sehnsüchtig. Und küßte sie. Und ihre Tränen flossen zusammen, und ihre Seelen, und ihre arme gemarterte todwunde Liebe. – Als dann der Schmerz und die Freude milder ebbten, oben bei den Kindern, sprachen sie von der Zukunft. »Hier können wir nicht bleiben,« entschied er. »Wir würden verhungern. Kein Mensch würde mehr zu mir kommen.« »Glaubst du?« fragte sie bleich. »Ich weiß es. Kenne die lieben Mitmenschen. Das vergessen sie mir nie, daß ich dich wieder zu mir nehme. In solchen Dingen haben die größten Lumpen eine superkitzliche Moral.« »Was wollen wir tun?« verzagte sie. »Fortgehen.« »Fortgehen? Als Anwalt in einer anderen Stadt dem Brot suchen? Heute, als älterer Mann!« »Ja,« nickte er, »wir gehen nach München und fangen von vorn an.« Da tastete sie nach seinen Fingern. »Ich werde dir helfen. Wir brauchen kein Mädchen. Jede Arbeit will ich tun. Und im Bureau will ich dir alles schreiben. Wie eine Magd will ich arbeiten und wie die emsigste Schreiberin.« Er sah sie lange an. Dann sagte er: »Vielleicht mußten wir uns erst so schmerzlich verlieren, Beatrice, um uns so freudevoll für das Leben zu finden.« XXVII. Manja von Ingenheims Bestattung wurde eine markante Kundgebung der ganzen Stadt. Die feine, gelehrte Frau, die sie jetzt mit solch demonstrativem Gepränge zu Grabe trugen, hatte mit ihrer menschenkundigen Seherweisheit recht behalten. Ja, der Tod macht Heilige aus Sündern. Von Sünde sprach keiner, nicht von einer Sünde der Toten. Die ganze Stadt fabelte nach, was die Zeitungen berichtet hatten: daß Faber die holde Frau einstmals mit Gewalt genommen habe; daß durch einen Sensationsprozeß diese Untat ans Licht gebracht werden sollte; daß die unselige Frau in tötender Scham zu Faber gekommen sei und ihn angefleht habe, es zu verhindern, daß jene Schandtat an die Öffentlichkeit dringe. Und Faber – er hatte sie hinausgejagt, einfach zur Tür hinausgejagt hatte er sie, obwohl sie ihm geschworen hatte, daß ihr nun nichts bliebe als der Tod. Er aber sei steinhart geblieben, er habe seiner Ruchlosigkeit die Krone aufgesetzt – dieses Bild wurde besonders viel und mit Bildnerstolz gebraucht – und habe die liebliche Frau in den Tod gehetzt. Habe sie grausam abgeschüttelt, mundtot gemacht, damit seine Schandtat nicht ans Licht komme. So habe er kalkuliert: Wenn sie tot ist, kann kein Zeuge gegen mich auftreten, dann weiß es kein Lebender mehr. Dann kann ich als Zeuge aussagen, was ich will. So hatte dieser meuchlerische Heuchler gerechnet. Aber er hatte sich verrechnet. Die Sonne hatte es an den Tag gebracht. Die Tote hatte dennoch gesprochen! Wie es ruchbar geworden war, wußte im Grunde keiner. Sagen bildeten sich, Mythen sprangen auf. Aber alle wußten es: die Tote hatte dennoch gesprochen. Eine mystische Erregung durchzitterte die alte Bischofsstadt. Die zarte, feine, blonde Frau wurde zur Märtyrerin, zur andächtig verehrten Heiligen. Die Spekulation griff hinein. Ihr Bild wurde auf allen Gassen verkauft. Ehe Ingenheim gegen den Photographen einschreiten konnte, hielten Hunderte, Tausende ihr Bild in verzückten Händen. Auf rosenroter goldumsäumter Heiligenwolke schwebte die hohe Frau über der Stadt. Ihr Leichenbegängnis wurde ein fanatischer Taumel. Reife Männer, ehrsame Frauen, Backfische mit übersinnlich leuchtenden Augen schlossen sich dem Zuge an. Und die Studenten zogen herbei: Die Korps, die Burschenschaften, die Landsmannschaften, die Verbindungen strömten herbei in Wichs, mit flatternden bunten Fahnen. Sie wollten sühnen an der heiligen Frau, was ihr Lehrer an ihr gesündigt hatte. In unabsehbaren Reihen schritt die akademische Jugend hinter dem schwarzen Wagen her, der zu Grabe trug, was irdisch gewesen an der hohen Verklärten. Durch die Straße, in der Faber wohnte, ging der Kondukt. Da murrte ein dumpfer Groll durch die Reihen, heiße, haßbrünstige Blicke züngelten hinauf zu den verhangenen Fenstern, junge Fäuste ballten sich in schwärmerischer Frauenanbetung, in Scham und in blindwütender Rachsucht. In der Höhe hinter dem Vorhang stand ein zerbrochener Mann mit schlaffem weißen Haar. Er sah die trotzig flatternden Fahnen, er sah die haßfunkelnden Blicke, er fühlte den rachgierigen Krampf der jungen Fäuste. Und er brüllte auf wie ein Tier und schlug die Stirn gegen die Wand, daß der Mörtel hinter der Tapete niederrieselte. Und taumelte zu Boden und wiegte auf dem Teppich auf und nieder, wie ein vom Schmerze Trunkener. Und keine milde Frauenhand konnte die peitschenden Wellen seines Titanenleides glätten und keine linde Stimme Trost flüstern in den Orkan seines übermenschlichen Wehs. Und er hockte im Stuhle und starrte vor sich hin. Sie brachte die Kinder. Und Seine Winzigkeit gröhlte und strampelte in Daseinslust, und Seine Niedlichkeit schrie: »Aha – aha!« Der Mann starrte drein mit blutrünstigen, erloschenen, großen Augen und strich mechanisch über die weißgewordenen Schläfen. Gegen Mittag erhob er sich. In seinen Augen glomm eine unheimliche helle Flamme. »Wo gehst du hin?« fragte Sophie in Ängsten. »Fort.« Sein Körper straffte sich. »Willst du heute nicht lieber zu Hause bleiben?« flehte sie. »Nein!« sagte er trotzig. »Ich gehe durch alle Straßen. Ich schäme mich nicht. Ich beuge mich nicht. Aufrecht gehe ich durch alle Straßen.« »Darf ich mit dir gehen?« bat sie. Er schüttelte den Kopf. Solchen Gang tut ein Mann allein. Und er ging. Durch die engen mittagsbelebten Straßen ging er zur Nepomukbrücke. Die Leute traten aus den Geschäften und sahen dem schreitenden Manne mit dem weißen Haare nach. Wer ihm entgegenkam, wich vor dem bleichen Manne mit den bebend verbissenen Lippen und dem drohenden Flackerlichte in den großen Augen scheu zur Seite. »Er ist toll geworden,« flüsterte es hinter ihm her. »Die Tote läßt ihm keine Ruhe,« spukte es hinter ihm drein. Die belebtesten Straßen ging er aufrecht wie ein Bleisoldat. Bekannte sahen fort, wenn sie ihm begegneten. Kollegen eilten auf die andere Seite der Straße, wenn sie ihn von fern gewahrten. Gassenbuben zeigten mit Fingern auf ihn und schrien »Mörder« hinter ihm her. Er ging hoch aufgerichtet durch die Straßen, straff wie ein Bleisoldat. Der Student Fritz Salomon begegnete ihm. Er wollte flüchtig vorbei, Faber hielt ihn an. »Wie geht es, mein lieber Fritz Salomon?« fragte er zwischen den Zähnen. »Danke,« der Student errötete. Die Augen irrten in ängstlicher Pein umher. »Was machen die Naturwissenschaften?« lächelte der Professor und verzog qualvoll die schmalen herben Lippen. Da stieß der Student hervor: »Herr Professor, ich danke Ihnen für Ihre Hilfe. Ich glaube, ich werde sie nun nicht mehr brauchen. Den empfangenen Betrag schicke ich Ihnen heute zurück.« Vom Kopf riß er den Hut und war entsprungen. Blut rann über Fabers Kinn. Er zermalmte die Unterlippe zwischen den Zähnen. Also auch das! Dieser Bengel verhungerte lieber mit seiner Mutter, ehe er sein Geld nahm! Also auch das! Soweit also! Soweit also war er! Weiter schritt er, immer weiter. Hoch den Kopf. Aber die Knie bogen sich zur Seite vor Grimm und Schmerz und Elend. Er kam zur Brücke. Es war die Zeit des Korpsbummels. Da zogen sie heran. Ihre Jugend hatte die Begräbnistrauer abgeschüttelt. Dort marschierte sein Korps. Gerade auf ihn zu. Voran die beiden Chargierten, der blonde Hüne Graßhoff, der kleine behende Kübler. Dahinter Lorenz, der Fuchsmajor und all die anderen. Fest schritt Faber auf den Troß zu. Seine Hände zitterten. Wie oft war er ihnen hier begegnet! Um ihn hatten sie sich freudig geschart, mitgerissen hatten sie ihn zum Frühschoppen ins Korpshaus. Gerade auf den Troß schritt er zu. Wie würden sie ihm begegnen? Tat ihnen der gestrige Abend leid? Waren sie jetzt zur Einsicht gelangt? Würden sie ihn bitten, mitzukommen und alles aufzuklären? Würde sein Liebling Lorenz ihm die Hand reichen in stummer Versöhnung? Nur die Hand, Junge, dachte er, nur die Hand! Kein Wort brauchtest du zu sagen. Nur die Hand! Und alles ist vergessen. Und alles ist gut – gut! Hoffen, Zuversicht, Verzweiflung tobten in seiner Brust. Fest schritt er auf die Tete zu. Jetzt wandte Graßhoff den Kopf und gab einen kurzen scharfen Befehl. Der Zug bog zur Seite, hart blickten sie ihm ins Gesicht – keine Hand rührte sich zum Gruße. Da wurde die Welt für Faber blutigrot. Er wußte kaum, was der Zorn mit ihm tat. Er sprang vor, packte den Riesen Graßhoff mit der Linken an die Gurgel, schüttelte ihn wie einen Flederwisch und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, immer wieder, immer wieder. Und keuchte: »Du Lümmel – du Lümmel, du! Das mir! Das mir!« Ein Schrei aus zwanzig jungen Kehlen. Die anderen sprangen zu. Plötzlich stand Faber mit dem Rücken gegen ein Heiligenpostament, schleuderte den um sich schlagenden ersten Chargierten dem Ansturm wie einen Sturmbock entgegen – und schrie wie ein rauftoller Landsknecht: »Heran – nur heran – alle miteinander! Nur heran – ihr Lümmel!« Ein Auflauf rottete sich zusammen. Das Korps ballte sich um seinen blutenden ersten Chargierten. Karten blitzten silbrig durch die glitzernde Juliluft. Kübler trat auf Faber zu. »Ich habe die Ehre,« sagte er schneidig, wie immer, »Ihnen eine Chargiertenforderung meines Korps zu überbringen.« Da wurde der Mann ganz hell und strahlte wieder jung wie in seinen besten Tagen. Nur die Schläfen glänzten weiß. »Bravo, Jungens,« lachte er in seiner alten blauäugigen Herzhaftigkeit, »bravo! Ich erwarte eure Abordnung heute nachmittag.« Und vor sich hinsingend ging er nach Hause. Ha, sie drückten sich nicht. Sie hielten ihn nicht für einen Ehrlosen, gegen den man nicht antritt. Sie traten an. Seine Jungens taten ihm die Ehre an. Es war wieder Tag. Sie taten ihm die letzte Ehre an! Jetzt mußte der alte Oberst und Schwager Hancke Sekundantendienste tun. Andere hatte er nicht mehr. Der Oberst drückte ihm stumm die Hand. Er wußte, bei diesen Bedingungen war es der Tod oder schwerste Verwundung. Drei solcher Duelle durchfocht keiner heil. Er drückte dem Schwiegersohne stumm die Hand und sah ihm ernst in die verjüngten Augen. Hancke war vernichtet. Das war ja Wahnwitz. Drei gegen einen. Das war Feigheit. Und er hoffte bis zum letzten Augenblick, die Polizei würde einschreiten, die doch, wie jedermann in der Stadt, von dem Hydra-Zweikampf munkeln hörte. Auch Sophie erfuhr es im Laufe des Nachmittags durch die Köchin. Die brachte die Nachricht kochheiß von der Straße heim. Da wußte Sophie Faber, weshalb ihr Fritz am Mittag so aufrecht heimgekehrt war. Schon in der Tür hatte er ihr zugerufen: »Fieze-Weib, die Jungens, die glauben doch noch an meine Ehre!« Und da hatte er sie schon in den Armen und preßte sie in seiner alten jungen Lebensstürmerei an die Brust. »Was ist? Was ist geschehen?« argwöhnte ihr zweifelndes Glücksbangen. »Wir haben uns getroffen, Fieze,« lachte er breitschultrig, »mein liebes Korps und ich. Auf der Nepomukbrücke. Und haben uns erst einige Grobheiten gesagt, wie das unter jungen Leuten vorkommt. Dann aber haben sie mir gestanden: ›Professor, wir glauben doch an dich. Du bist ein Ehrenmann.‹ Nicht wörtlich haben sie das gesagt, aber dem Sinne nach. Und morgen früh, Fieze, da wollen wir noch einmal zusammenkommen, die Burschen und ich, und dann wollen wir alles Dunkle, das zwischen uns war, tilgen. Jawohl!« Und er küßte sein Fieze-Weib zart auf die Stirn. – Mit ganz kleinen Schritten kam die große schöne Frau aus der Küche. So also hatten seine Jungens ihm seine Ehre zurückgegeben! Das also war die Zusammenkunft morgen früh, die alles Dunkle zwischen ihnen tilgen sollte! Sie blieb mitten im Korridor stehen. Etwas in ihrer Brust wußte es, wußte es ganz gewiß: von der Zusammenkunft kehrte er ihr nicht zurück. Ihre Füße bohrten sich in den Boden, die Arme streckten sich stahlhart in den Ellenbogen, die Fäuste ballten sich. »Nicht schreien, nicht schreien!« flüsterte sie vor sich hin, »nicht schreien!« Und doch taumelte sie gegen die Wand und stand dort mit keuchenden Lungen. »Groß sein, groß sein!« raunten die blauen Lippen. Sie dachte an Manja von Ingenheim und wußte, das war der Weg, der ihm blieb. Sein Leben war verpfuscht. Ohne seine »Jungens« war sein Leben eine unselige Öde. Das wußte sie, tief, tief im Herzen wußte sie es. An einer anderen Hochschule konnte er sein Leben nicht mehr aufbauen. Sie wußte es. Jetzt fehlte ihm die unverwüstliche Kraft und das Selbstbewußtsein, das begeisternde Erzieher der Jugend schafft. Sie raffte sich an der Wand empor und sann mit Anspannung all ihrer klaren Geisteskraft. Er konnte Bücher schreiben, ja, ja. Er konnte in Fachzeitschriften und in Tageszeitungen sein Wissen ergießen. Gewiß. Gewiß. Aber er hatte tausendmal recht. Er war kein Schriftmensch. Mit seinem Leben mußte er wirken, um glücklich zu sein. Mit seinem Leben würde er nun nicht mehr wirken; das wußte sie, die so scharf und klug ins Leben sah. Er hatte sie und die Kinder. Ja – ja. Aber die Familie ersetzt einem Fritz Faber nicht seine Lebensarbeit und seine Welt. Nein, nein. Das wußte sie. Und sie hob in dem dunkeln Korridor die Hände und kämpfte den Verzweiflungskampf ihres Lebens, still, keuchend, ungesehen, wie große Frauen ihre bittersten Kämpfe kämpfen, in dunkeln Stuben, in finsteren Korridoren. Fahlgelb, die Zähne fest aufeinander, trat sie in sein Zimmer. Er sollte nicht erfahren, daß sie wußte, wohin sein Gang morgen führte. Dann verlöre sie die Herrschaft über sich, dann war Verzweiflung, dann war Irrsinn. Keine Trauer und kein Klagen sollte seinen letzten Tag und seine Nacht des Scheidens umdüstern. In Licht und in Schönheit sollten seine letzten Stunden strömen, als würdiges Finale seiner reichrauschenden Lebenssymphonie. Sie holte die Kinder und ließ sie lange um den Vater spielen. Vielleicht, ach vielleicht blieb er den kleinen Köpfen doch eine Erinnerung für das Leben. Ach, vielleicht, vielleicht! Sie verkrampfte die Hand«. Ach, vielleicht! In jedem Worte, in tausend Erzählungen sollte dieser strahlende, zu Tode gehetzte Mann seinen Kindern leben. Sie zerbiß die Schreie der Verzweiflung, Er balgte sich mit Seiner jauchzenden Niedlichkeit auf dem Teppich, er tanzte mit Seiner krähenden Winzigkeit. Sie stand an der Tür und bohrte die Nägel in das schwarze Holz, daß zehn kleine weiße Halbmonde über ihrer blutschwitzenden Not aufgingen. Und wenn seine großen, dunkelleuchtenden Augen segnend auf dem rotblonden und dem schwarzen Köpfchen ruhten, rannte sie hinaus, ein Röckchen oder eine Windel zu holen. Und zerfetzte das Gewebe zwischen den Zähnen und erstickte das Aufbrüllen des gemarterten Tieres. – Am Abend saßen Faber und Sophie eng beieinander in der Dämmerung. Sie schwiegen. Er preßte sie an sich. Ach, sie wußte, warum er sie so leidenschaftlich an sich preßte! Und sie drängte sich zu ihm mit allen Fasern, mit allen Fibern, mit jeder Pore. Ach, sie wußte, warum sie sich so hingebend lechzend zu ihm drängte! Und dann begann er zu sprechen, grübelnd, suchend, hinein in das wachsende Dunkel. »Ich glaube, Fieze, ich bin ein rechtes Kind gewesen, all mein Lebtag. Ich bin ins Leben hinausgelaufen, meinen Kinderglauben in der Hand. An alles Gute und Edle habe ich geglaubt. Und die Menschen glauben nur an das Schlechte.« Sie nickte. Sprechen konnte sie nicht. Die Tränen sammelten sich irgendwo in der Brust zu einem tiefen dunkeln See. Nach langem Schweigen sprach er wieder. Von seinen Knabentagen daheim im Elternhause sprach er, von dem Vater, der Landwirt gewesen, von der schönen strahlenden Mutter mit ihrer lachenden Lebenslust. Von seiner Studentenzeit sprach er, mit singender, wehmütig erinnernder Stimme. Er lachte auf. Damals wollte ich ein großer Dichter werden. Schrieb auch vier Einakter. »An der Schwelle« hießen sie. Wollte die letzte Nacht vor dem Tode schildern.« Er lächelte vor sich hin. Sophie durchbiß die Zunge im Dunkel. »Christen aus vier Zeitaltern wollte ich in Todesangst und Todesmut schildern. Altertum: Christliche Gefangene in dem Gewölbe des Circus Maximus zu Rom in der Nacht vor dem großen Feste, an dem sie den Löwen vorgeworfen werden. Mittelalter: Drei Hexen, eine junge, gereifte und alte, in der Nacht vor ihrer Verbrennung. Anbruch der Neuzeit: Französischer Adel im Temple. Und zum Schluß einen Studenten des zwanzigsten Jahrhunderts, der aus Eifersucht seine Geliebte ermordet hat, in der Mörderzelle.« Er sann. Dann sprach er weiter. »Jahrelang habe ich an dieses Opus, das mir damals so welterschütternd erschien, nicht wieder gedacht. Bald nach seiner Vollendung fand ich meinen Weg. Weißt du, Fieze, schon als junger Student sah ich, wo mein Lebensweg hinführte. Eine Prometheusverachtung der Dichter kam über mich, dieser Menschlein, die Tintenschicksale strömen. Ah, mit den Händen gestalten, lebendig eingreifen in das Leben und seine bittersten Erfordernisse, statt in psychologischen Abgründen zu wühlen und einige nichtige Beiträge zur Psyche der Menschheit zutage zu fördern! Jugend wollte ich bilden. Wie der große Ahnherr alles Schaffens wollte ich ›Menschen formen nach meinem Bilde‹.« Er schwieg und sagte dann bitter: »Mein Bild hat bald Risse bekommen. Nach dem zersprungenen Bilde sind ganze Menschen nicht mehr zu formen.« Sie streichelte wortlos seine Hände »Es ist hirnverbrannt, dies alles,« sann er dann. »So hirnverbrannt, daß es so enden muß.« Er sprang empor und erstickte die aufgurgelnde Raserei. »So ist das Leben, Fieze! Mit diesem banalen Troste muß man die Zähne zusammenbeißen. Es rüttelt in seinem Mörser die Menschen umher und stampft die dümmsten Tragödien zusammen. Man muß es mit dem Verstande nicht ergründen wollen. Sonst reißt da etwas im Kopfe. Da hat man die Frau in den Tod laufen lassen, um sich seiner Familie zu erhalten! Die Frau stirbt. Und der Tragödie zweiter Akt beginnt.« Sie sagte nichts, ihre Finger tasteten irr auf ihrem Schoße. Da setzte er sich wieder zu ihr und legte die Schläfe an ihren Kopf. Nach einer Weile sprach er wieder: »Entsinnst du dich des Parzenliedes in der Iphigenie?« Sie nickte. Es war jetzt Nacht im Zimmer. »Das ist es wohl,« grübelte er. »Man muß an Götterübermut glauben, um vieles im Leben zu begreifen. Auch im aufgeklärtesten zwanzigsten Jahrhundert.« Und leise sprach er vor sich hin: »Es fürchte die Götter Das Menschengeschlecht! Sie halten die Herrschaft In ewigen Händen Und können sie brauchen, Wie's ihnen gefällt. Der fürchte sie doppelt. Den je sie erheben!« Er brach jäh ab und sprang auf in alter Heftigkeit. – »Da liegt es, Fieze! Der fürchte sie doppelt, den je sie erheben! Ach, sie hatten mich erhoben. Ich habe es stolzbewußt gefühlt. Ich habe nicht darüber gesprochen. Aber hundertmal, wenn ich durch den sonnenfrohen Morgen ins Kolleg ging, wo sie meiner harrten, habe ich mich aufgereckt und gejubelt: ›Dir, gerade dir, ist dieses große Glück des Menschenbildes verliehen. Gerade dir unter den Tausenden!‹ – Und ich war stolz wie Prometheus, mein Ahnherr.« Mit schnellem Griff entzündete er das elektrische Licht. »Jetzt ist es genug der schwarzen Verzagtheit, Fieze. Donnerdoria, es war doch reich und gut! Und keiner kann es uns nehmen. Man muß fröhlich vom Tisch aufstehen.« Er sah Sophies verzweifelte ausgedörrte Augen und fügte leise hinzu: »Es ist nur so furchtbar schmerzlich, daß da am Tisch noch eine sitzt, die noch solchen Hunger nach des Lebens Brot hat.« Da stand Sophie Faber. »Fritz, wir sind immer ehrlich voreinander gewesen. Wir wollen es auch in dieser letzten Nacht sein. Ich weiß, was morgen kommt.« Er rührte sich nicht. »Ja, ich weiß es. Ich weiß auch, was du erhoffst. Ja – ja – ich wünsche dir, was du erhoffst, Fritz, ich will nicht größer scheinen, als ich bin. Da ist etwas in mir, das schreit nach einem Wunder, das dich rettet. Etwas, das betet, du möchtest gleich zu Anfang verwundet werden so, daß du nicht mehr mit den übrigen kämpfen kannst. Ja – ja,« schrie sie mit stürzenden Tränen, »danach ringe ich die Hände. Obwohl ich weiß, daß dein Leben martervoll wäre. Wie ein Adler mit zerschossenen Schwingen würdest du hinsiechen. Aber es betet doch in mir! Ich wäre doch da, und die Kinder. Wir würden dich pflegen, so pflegen und umhegen und dir das Leben erträglich machen. Aber dann – dann ist da in mir noch etwas, das wünscht dir morgen das Erhabene, das du erhoffst.« Sie hob die Arme. »Ich sage es. Es ist Wahnwitz, daß dein Weib es dir sagt. Aber du sollst wissen, ich habe nicht mit dir gelebt, ohne daß du mich nach deinem Bilde geformt hast. Ich will so groß sein wie du.« Dumpf schlug sie zu seinen Füßen nieder. Bald zwang sie ihre Festigkeit zurück. Er tröstete. Er würde wohl verwundet werden. Nun, das sei nicht schlimm. Ans Leben würden ihm die Jungens nicht gehen. Er selbst würde nur in die Luft schießen. Und dann würde er fortgehen mit ihr, nach Amerika, an eine Hochschule der Vereinigten Staaten und dort ein neues Leben bauen. Sie klammerte sich an seinen Trost und wußte doch, daß es nur ein leerer Trost war. Lange lag sie an seinem Herzen, schon graute der frühe Sommertag. Da bat sie ihn, zu schlafen. Er wehrte, er wollte keine Sekunde dieser Nacht verlieren. Sie stellte ihm vor, daß er seine Kräfte brauchen würde, daß er sie brauchen würde für sie und die Kinder. Da gab er nach und schlief bald wie ein Bub. Sie stützte sich neben ihm auf die Ellenbogen, bohrte die Augen in das stille geliebte Gesicht und zerbiß das Laken. Zur rechten Zeit erwachte er, frühstückte ruhig und gefaßt, sprach ihr wieder Trost zu, ging noch einmal zu den Kindern hinein. Und dann nahm er sein Weib noch einmal in die Arme und bebte ihr seinen Dank zu für ihre Liebe und Güte und Größe. Dann eilte er die Treppen hinab. Sophie fanden sie später ohnmächtig auf dem Stiegenabsatz. Am bestimmten Orte traf Faber den Oberst und Hancke. Sie begrüßten sich stumm. Die beiden Männer waren kalkig weiß. Hanckes Hoffnung auf das Einschreiten der Polizei erfüllte sich nicht. Auf dem Paukplatz des Korps traten sie an. Als Erster stand Graßhoff, der erste Chargierte, dem Professor gegenüber, die Pistole in der Faust. Sie schossen zu gleicher Zeit. Fabers Pistolenlauf sah nach der Sonne. Des Studenten Kugel surrte an Fabers Ohr. Da rief Kübler aus der wartenden Rotte: »Er schießt in die Luft!« Alle murrten. Die Pistolen waren wieder geladen. Fertig. Eins – zwei – drei – Feuer! Faber blutet an der linken Hand, seine Kugel stob in die Wolken. Sie wüteten auf. »Das ist kein Duell. Er schießt in die Luft!« Und der Unparteiische, ein Student, trat vor und sagte: »Herr Professor, die Gegenpartei hat ein Recht auf einen ehrenhaften Kampf.« »Ich kann schießen, wie ich will,« trotzte Faber. »Nein, nein,« brausten sie auf, wie ein Wildbach am hemmenden Wehr. »Wir haben ein Recht darauf, als vollbürtiger Gegner behandelt zu werden.« Die Pistolen waren geladen. »Zielen!« riefen sie. »Wir wollen keine Komödie!« Faber hob die Pistole. »Ich tue mein Bestes,« lachte er rauh. »Vorwärts!« Da schäumte das Blut des Hünen Graßhoff auf. »Ich schieße nicht,« senkte er die Pistole. »Sie haben immer von Mannhaftigkeit gesprochen, Herr Professor. Ist das mannhaft, den Gegner zu zwingen, ebenfalls in die Luft zu schießen?« Alle brodelten Beifall. »Schön,« ergrimmte Faber – »Vorwärts!« »Fertig. – Eins – zwei – drei – Feuer!« Mit zerschmettertem Schultergelenk wurde Graßhoff abgeführt. »Der Nächste!« rief Faber, das Gesicht hart wie Bronze. Diese Bengel wollten ihn zwingen, sie zusammenzuschießen. Nun gut – sollte das das Ende sein! Sollten sie diese Erinnerung an ihren Lehrer Faber durchs Leben schleppen. Vorwärts! Da stand der zweite Chargierte, der schneidige kleine Kübler. Der Junge zielte ruhig, scharf, mit Bedacht. Faber hielt dicht an seinem Kopf vorbei. Als der Doppelknall verdröhnte, rann Blut von Fabers Ohr. Ein Streifschuß. »Er hat wieder absichtlich vorbeigeschossen,« rief Lorenz. »Ich habe es genau gesehen!« Sie tobten vor Zorn. »Ich kann tun, was ich will,« schrie Faber. »Das kannst du nicht! Feigling! Es paßt zu allem anderen!« schnaubten sie durcheinander. Da wuchs Faber ganz schmal empor. Jetzt sollten die beiden, die noch vor seine Pistole mußten, den Feigling kennen lernen. »Vorwärts!« knirschte er bleich. Der Kolben saß in seiner Faust wie in Eisenklammern. Er durchschoß dem Jungen den Oberschenkel. Sie trugen ihn fort. Lorenz, der Fuchsmajor, trat an. Faber sah auf den todesbleichen kleinen Kübler dort drüben. Der Arzt beugte sich über ihn. Ein heldenhaft unterdrücktes Stöhnen drang herüber. Da war des Mannes Kraft zu Ende. Er – er, Fritz Faber, der Lehrer der Jugend, stand hier und schoß dieses junge Leben zuschanden. Er! Er! Er sollte die Jungens zu Krüppeln schießen, er, der stahlharte Männer aus ihnen hatte schmieden wollen! Er, der sie liebte – liebte – trotz allem – trotz allem! Das sollte er durchs Leben weiter schleppen? War es nicht gerade ihre ehrliche ungestüme Jugend, die ihm die Pistole in die Hand zwängte! War es nicht ihre wundervolle unbedachte hinreißende Jugendverwegenheit! Lorenz hob die Pistole. Da schrie der Mann dort drüben in rasendem Schmerze und schlug mit der Linken an seine Stirn: »Junge, Lorenz – hierher! Mach' ein Ende!« Die Schüsse knallten. – Steif wie ein Brett fiel der Professor vornüber auf das Gesicht. Sein Liebling Lorenz hatte ihn mitten in die Stirn getroffen.