Laurids Bruun Aus dem Geschlecht der Byge Roman vom Jahrhundertwechsel Erster Band Erstes Buch 1 Das Geschlecht der Byge reicht bis in die graue Urzeit zurück. Es ist ein Bauerngeschlecht, aber von jener alten nordschleswigschen Rasse, die nie Leibeigenschaft und Pacht gekannt hat. Seit undenkbaren Zeiten lebten sie als Herren auf eigenem Grund und Boden und gehorchten nur dem eigenen Willen. Es war Angelnblut, das zuerst in ihren Adern rollte. Es war Angelnblut, das auf den meilenweiten, flachen Wiesen graste. Aber sowohl das Blut des Geschlechtes wie das des Viehs wurde im Lauf der Zeiten mit anderem vermischt. Hanseaten kamen und trieben Handel und wurden auf dem fetten Boden ansässig. Kriegsleute, die mit fremden Kriegszügen gekommen waren, ließen sich im Lande nieder, als die trägen Zeiten des Friedens sie brotlos machten. Sie verdingten sich auf Höfen, rückten vom Knecht zum Schwiegersohn auf und vom Schwiegersohn zum Gutsherrn. Zähe, betriebsame Nordjüten kamen mit Herdenzügen von Pferden und Ochsen zum Verkauf. Auch sie blieben in dem fetten Weideland. Und es kamen Inselbewohner mit dünnem Blut und leichtem Sinn, der wie Wind und Flut wechselte. Da kam die Zeit, wo die Byges zahlreich und stark wurden und es mit dem Adel und mit feindlichen Mächten aufnahmen, das Band aber wurde gelöst, das das Geschlecht an das Meer und die fetten Wiesen geknüpft hatte. Neue Schößlinge zogen in die Städte, wurden Mitglieder des Rats, der Gilden und der Zünfte. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts wohnte in einer der größten Handelsstädte des Landes ein junger Kaufmann namens Jens Byge. Er heiratete eine reiche Bauerntochter, Abkömmling eines Geschlechts, das nicht, wie das der Byges, das Land und die fetten Wiesen verlassen hatte. Sie war von kräftiger Rasse und gebar ihm sechs Söhne, die sie zusammen in Zucht und Genügsamkeit erzogen. Er hatte als Kaufmann jene feine Nase, die auf weite Entfernungen wittert. Auf die Kunst der Regierung verstand er sich nicht, wohl aber auf deren Grundlage, auf die Werte. Und als der Landesvater in seinem Absolutismus die Mißgeschicke eines neuen Krieges über das Land heraufbeschwor, da gehörte er zu den Wenigen, die das Unwetter des Reichsbankerotts, das am Horizont heraufzog, witterten. Er und andere taten, was sie konnten, um zur rechten Zeit und an rechter Stelle vorzubeugen; aber es war schon zu spät. In Byges Kontor, in dem großen Handelshause, stand ein alter Schrank, klotzig und wuchtig. Keiner durfte daran rühren. Erst als er merkte, daß der Tod in sein Haus einzog, ließ er ihn öffnen. Er enthielt für jeden seiner Söhne fünfzigtausend blanke Reichstaler. Er hatte, solange es noch Zeit gewesen war, die Staatsobligationen und Wertpapiere gegen klingendes Silber eingetauscht. Da man sein Geld nirgends mehr mit Sicherheit anlegen konnte, so legte er es im Geldschrank an – ohne Zinsen, aber auch ohne Verlust. Und vor seinem Tode ermahnte er seine Söhne, das Geld wohl zu hüten. Der älteste seiner sechs Söhne wurde Richter und gereichte dem Namen des Geschlechtes im öffentlichen Leben des Landes zur Ehre. Der zweite reiste mit seinem Gelde außer Landes, weil er über das schmähliche Schicksal seines Vaterlandes bis ins Innerste verwundet war. Der dritte kaufte sich Hof und Gut, brachte aber alles durch und endete als Verwalter auf seinem früheren Grund und Boden. Der vierte wurde Geistlicher und starb jung. Der fünfte, der Kasper hieß, übernahm den Kaufmannsberuf des Geschlechtes, obgleich er ursprünglich Jurist war. Als aber die Zeiten von neuem schlecht wurden, ließ er Handel Handel sein, widmete sich der Politik und war mit unter den ersten, die die Freiheit aufbauten, nachdem der Absolutismus seine letzten Atemzüge getan hatte. Der sechste und jüngste hatte keinen festen Beruf erwählt. Er war nur der Sohn seines Vaters und der Bruder seiner Brüder. Sein Hang ging zur Natur; die alte Sehnsucht nach den fetten Wiesen regte sich in ihm. Sein Gemüt war schwer, sein Gedankengang einfach und erdgebunden. Er brachte für sein Erbteil den alten Stammhof des Geschlechtes wieder in seinen Besitz. Von den Fenstern des Gutshofes aus konnte er die Wiesen überblicken und das offene Meer sehen. Als Großbauer füllte er seinen Platz zwischen den Leuten der Gegend aus, wurde einer ihrer Vertrauensmänner, aber nichts weiter. Er hatte eine Pfarrerstochter geheiratet, die ihrem Hauswesen flink und tüchtig vorstand. Sie wurde im eigentlichen Sinne der Herr des Hauses; und als sie einen Sohn bekamen, war sie es, die seine Fähigkeiten erkannte. Es war der Wunsch des Vaters gewesen, den Sohn für das Geschlecht zu gewinnen, indem er ihn zum Ursprung desselben zurückführen und ihn zum Landmann, zum Großbauer machen wollte. Der Knabe hieß Jörgen, war lernbegierig, scharfblickend und klardenkend, hatte Talent zum Zeichnen und wälzte in Gedanken Pläne zu Häusern, die er bauen wollte – große und schöne. Streng und einfach war sein Geist. Er lernte zeitig sich selbst erziehen. Doch gelangte er erst in einem vorgeschrittenen Alter zu seinem eigentlichen Beruf; als er ihn aber erreicht hatte, war er zuverlässig wie wenige; sein Name als Architekt wurde unter den besten des Landes genannt. Als Jörgen Byge Kirsten Folcke heiratete, kam wieder Inselblut in das Geschlecht. Es war altes Blut, das ebenso wie das der Byges stark mit anderem vermischt worden war. Das Geschlecht der Folckes stammte von einem böhmischen Abenteurer ab, der in den Tagen des Dreißigjährigen Krieges mit einem Heer, das geschlagen zurückkehrte, in Seeland eingewandert war. Er gründete ein Geschlecht, das in den Fußspuren des Krieges weiterging. Sie lebten vom Krieg, er war ihr Handwerk, ihre Kunst. Sie taten, was in ihrer Macht stand, um ihn nicht in Frieden hinsterben zu lassen. Bald waren sie oben, bald unten. Großvater General, Enkelkind Korporal, und das Kind des Enkelkindes wurde wiederum für Kriegerruhm geehrt und geadelt. Dieses Kind des Enkelkindes war es, das dem Geschlecht den Namen Folcke gegeben hatte. Als es schließlich mehr Friedensjahre als Kriegszeiten im Lande gab, wurden auch die Folckes stetige Leute und begnügten sich mit dem tatenlosen Garnisonleben des Offiziers. Das Abenteurerblut verdünnte sich. In den späteren Generationen gab es Geistliche und andere gelehrte Leute, denen man Sanftmut und unbeugsamen Rechtssinn nachsagte. 2 Svend besuchte in den Schulferien seine Großeltern auf dem alten Stammhof der Byges bei dem Städtchen Fjordby, dicht an der deutschen Grenze. Es waren erst wenige Jahre seit dem Kriege mit Deutschland vergangen; die Haut, die über die Wunden gewachsen war, war noch dünn und empfindlich. Sein Großvater, ein kleiner, gebückter Mann mit milden, blauen Augen, ging mit dem Knaben an der Hand durch das Gehölz, das den großen Obstgarten von den Wiesen trennte. Hier blieb er bei den Weiden stehen, die über die Anpflanzung hinausragten, und erzählte dem Knaben von jenem Abend, als er von der Patrouille des Feindes ergriffen wurde, die ihn beschuldigte, den Kanonenbooten, die draußen im Fahrwasser kreuzten, signalisiert zu haben. Während er so stand und auf den Belt hinausstarrte, bemerkte Svend, wie seine milden Augen hart wurden. Plötzlich legte sich eine dünne, klare Haut darüber, und eine Träne schlich sich über die tiefe Furche in der Wange. Erst viele Jahre später verstand Svend, was sein Großvater empfunden hatte. Damals wunderte er sich nur über die Träne, denn es war das erstemal, daß er einen erwachsenen Mann weinen sah. Eine halbe Meile von der Küste und dem Hauptgutshof entfernt – am Rande des Waldes – lag »das alte Haus«. So wurde es genannt, weil sein Urgroßvater – »der mit dem vielen Geld«, wie Mamsell Andersen sagte, er hing im blauen Frack, mit Halskrause und großem Ordensband über Großvaters Schreibtisch – es als Wohnsitz für seine Witwe gebaut hatte. Urgroßmutter hatte dort bis zu ihrem Tode gewohnt, aber jetzt stand das Haus leer; und Großmutter wollte dort nicht wohnen, wenn sie Witwe würde, das hatte sie häufig erklärt. Es war Svends größtes Vergnügen, mit dem Großknecht nach dem Moor zu fahren, dem äußersten Zubehör des Gutshofes. Dort, auf der anderen Seite der Landstraße mit den tiefen, lehmigen Wagenspuren, lag »das alte Haus« in dem wildverwachsenen Garten. Das Haus war unbewohnt, aber vollständig möbliert, alte, steile, gebrechliche, stumme Möbel, die alles gesehen und miterlebt zu haben schienen. Das hohe Ziegeldach mit der weißen Giebelkante und den beiden verfallenen Schornsteinen hing tief über die niedrige Mauer mit den kleinen Fenstern herab. Es war, als ob ein schwerer Hut über Augen und Ohren herabgeglitten war. Dicht an der Gartentür standen zwei alte Kastanienbäume. Sie reckten sich über die Schornsteine und ihre Zweige ruhten auf dem Dach. In beiden waren Starkästen, die auch so alt aussahen, als wären sie mit den Bäumen aufgewachsen. Der Grasplatz mitten im Garten war von einem prächtigen Flor von Butterblumen überwachsen. Alte Kirsch- und Pflaumenbäume drängten sich, um ans Licht zu kommen. Auf beiden Seiten des Grasplatzes lief ein Gartenweg, der so von Grün überwuchert war, daß man ihn nur sah, weil er tiefer lag als der Rand des Rasens. Er schlängelte sich ganz bis zur Landstraße hin, mit einer wildwachsenden Buchsbaumhecke auf der rechten Seite. Zur Linken lag eine undurchdringliche Wildnis von Johannis- und Stachelbeerbüschen, deren Beeren klein und verkrüppelt waren. Viele der Büsche waren vor Alter abgestorben, so daß der holzige Hauptstamm nackt in die Höhe ragte und seine armseligen Äste wie Totengebein mitten in der Fruchtbarkeit des Lebens durch die Wildnis streckte. Der Sauerampfer, der einst das Stachelbeerbeet eingehegt hatte, war riesenhaft groß geworden, zu reinen Sträuchern, die sich über den ganzen Garten verbreitet hatten; wo man ging, watete man in Sauerampfer. Oh, es war ein herrlicher, ein geradezu göttlicher Garten! Und etwas Ähnliches an Vogelgezwitscher konnte man lange suchen. In diesem alten Garten ging Svend eines Sommernachmittags mit seinem Vater und seinem Großvater. Von dem Grasplatz unter den halbwilden Obstbäumen zeigte Großvater durch das offene Fenster in die alte Stube hinein. »Kannst du das Bild dort in dem vergoldeten Rahmen sehen?« fragte er. Svend konnte einen Mann mit gebogener Nase, blauen Augen, einem roten Uniformfrack und einem breiten, blauen Seidenband über der Brust erkennen. »Das ist der König – der alte König! Dieses Bild hat dein Urgroßvater von ihm selbst geschenkt bekommen, weil er ihm Geld geliehen hatte, damit er dafür Schiffe bauen konnte, als das Land in Not war.« Svends Herz schwoll. Er trat ans Fenster, um den vornehmen Mann genau zu betrachten. »Weshalb hängt er nicht zu Hause im Wohnzimmer?« fragte er. »Weil Urgroßmutter wollte, daß er in Urgroßvaters Zimmer hängen bleiben sollte.« »Ist dies denn Urgroßvaters Zimmer?« fragte Svend und sah durch das Fenster zu der alten Schatulle und den zierlichen Stühlen mit den steifen Beinen hinein. »Ja, so sah es aus, als er starb.« Svends Phantasie arbeitete. Wahrend Großvater mit seinem Vater von dem Dach sprach, das ausgebessert werden mußte, dachte er an Urgroßvaters Bild zu Hause an der Wohnzimmerwand. Er nahm ihn aus dem Rahmen und führte ihn zum Bilde des Königs. Er ließ sie sich voreinander verneigen, wie er es auf einem Bilde von zwei alten Herren mit Perücken und Kniehosen gesehen hatte. Er ließ sie sich die Hand geben, und der König bot Urgroßvater eine Prise aus seiner Schnupftabakdose an, klopfte ihm auf die Schulter und sprach vom Vaterland. »Woran denkst du, Svend?« fragte Großvater. »An Urgroßvater!« sagte Svend und nahm seine Hand. »Ja, ja, er war einer der besten Söhne des Vaterlandes.« Großvater wurden die Augen feucht, und er richtete den Blick fest geradeaus, wie es seine Gewohnheit war. »Mögest du ihm einst ähnlich werden und deinem Vaterlande Dienste leisten wie er es tat!« Und dann begann Großvater zu erzählen. Er sprach still wie zu sich selbst vom Urgroßvater und wieder von dessen Vater – was dieser gesagt und was jener getan habe. Er sprach, wie alte Leute zu sprechen pflegen, die von alten Erinnerungen plaudern, wobei die eine immer die andere ablöst. Svends Vater ging vor ihnen her in seinem weißen Sommeranzug und sah zum Dach hinauf, bald von der einen und bald von der anderen Seite. Hin und wieder sah er sich mit seinem scharfen Blick zu dem Alten und dem Knaben um; es schimmerte wie ein Lächeln in seinem Bart. Dann blieb er vor dem Giebel stehen, wo sich einige Mauersteine gelöst hatten. »Gibt es hier eine Leiter?« fragte er. Nun mußte Großvater sich unterbrechen, um über die Leiter nachzudenken. Er seufzte dabei und versuchte so schnell wie möglich zu den alten Zeiten zurückzukehren. Svends Vater aber sagte erst, während er die Leiter anlegte: »Ich glaube, man soll sich hüten, Kinder zu fest an das Geschlecht zu knüpfen. Knaben müssen vor allen Dingen lernen, auf sich selbst zu stehen.« Svend bekam einen roten Kopf vor Widerspruchslust. Er verstand sehr wohl, daß Großvater ihm nicht so viele alte Geschichten erzählen sollte. Aber er wagte nichts zu sagen. Als Großvater sich aber mit der flachen Hand über die Stirn strich, nickte und, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, sagte: »Ja, ja, du magst recht haben; ich bin ja noch aus der alten Zeit, als das Wohl des Geschlechtes dem der Persönlichkeit voranging,« – da nahm Svend seine Hand, zog ihn mit sich über den Rasen, wo Vater ihn nicht hören konnte, und flüsterte ihm zu: »Die alte Zeit war viel besser!« Großvater sah zu ihm herab und lächelte mit all seinen Runzeln. Dann strich er ihm mit der Hand übers Haar, wurde wieder ernst und sagte: »Ja, Gott segne dich, mein Junge!« 3 In Hörweite von dem alten Garten lag ein strohgedecktes Haus hinter einem Wall, der mit Weißdorn und Flieder bewachsen war. Hier wohnte der Schütze und seine Frau. Er war in seinen jungen Tagen Kutscher auf dem Gutshof gewesen; nachdem er aber einen Huftritt von einem Hengst in die Hüfte bekommen hatte, taugte er nur noch zu leichter Arbeit. Es war eine Art Invalidenpension, die er in dem kleinen Waldhaus mit seinen drei Tonnen Ackerland genoß. Er hinkte an seinem Stock umher, sägte Brennholz, reinigte seinen Garten von Unkraut und öffnete die Waldpforte, wenn die Herrschaft oder sonst jemand, der im Walde angestellt war, angefahren kam. Damit er sich auf seine alten Tage nicht zu gering fühlen sollte, hatte er den Titel eines Schützen bekommen, und da seine Frau, die Stubenmädchen auf dem Gutshof gewesen war, die Wäsche der Gutswirtschaft reparierte und ein hübsches Stück Geld damit verdiente, so stand das alternde Ehepaar sich gut. Da sie keine Kinder hatten, nahmen sie ein kleines Mädchen in Pflege, das man der Hebamme des Dorfes zum Unterbringen übergeben hatte. Es war ein Zwilling; das andere Kind, ein Knabe, war gleich nach der Geburt gestorben. Das war alles, was ihre Pflegeeltern von ihr wußten. Das Geld aber für den Unterhalt des Kindes wurde ihnen prompt jedes Vierteljahr von einem Rechtsanwalt aus der Handelsstadt zugestellt. Es war ein kräftiges, gesundes Kind mit großen dunkelgrauen Augen, vollem blonden Haar, das sich in der Sonne wellte, einer kleinen kecken Nase und feiner, flaumiger, durchsichtiger Haut. Ihr Pflegevater hatte ihr ein Zicklein geschenkt, das frei umhersprang, mit einem Zigarrenband um den Hals. Wenn sie es rief, kam es auf sie zugehüpft und meckerte mit seiner dünnen Stimme. Svend stand eines Tages vor dem Wall und sah durch eine Öffnung in der Hecke wie Lisbeth dem Zicklein Milch zu trinken gab. Da fragte er. »Was willst du für die Ziege haben?« Sie sah ihn erstaunt mit ihren runden Augen an. Dann warf sie den Kopf zurück und sagte mürrisch: »Ich werde Jens doch nicht verkaufen!« Svend war gekränkt und sagte: »Wie bist du dumm, daß du nicht weißt, daß alle Ziegen Mads heißen.« Sie sah ihn wieder erstaunt an; dann sagte sie sanft: »Du kannst gern hereinkommen und mit uns spielen.« Svend fühlte sich überwunden. Er wußte nicht, was er antworten sollte; nachdem er es sich aber eine Weile überlegt hatte, kletterte er über die Hecke. Svend und Lisbeth wurden schnell gute Freunde. Sie war ein Jahr jünger als er, war aber fast ebenso groß und mit viel dickeren Armen. Jedesmal, wenn er mit dem Leiterwagen nach dem Moor fahren durfte, besuchte er Lisbeth und das Zicklein. Wenn sie den schweren Wagen rattern hörte und Svend auf dem Wagenbrett neben dem Knecht entdeckte, vergaß sie Zicklein und Hühner und Küchlein und stürmte ihm entgegen. Er winkte ihr mit der Mütze; und kaum war er vom Wagen heruntergesprungen, so hatte sie ihm schon alles berichtet, was sich seit dem letztenmal an merkwürdigen Dingen zugetragen hatte. »Ihr seid wohl Brautleute!« sagte der Knecht und lachte ihnen zu. »Ja!« sagten sie und lachten. Sie glaubten, er wolle damit sagen, daß sie so schön zusammen spielten. Dann nahm Lisbeth Svend bei der Hand und lief mit ihm davon. Als sie ein Stück gelaufen waren, drehte sie sich um und rief dem Knecht zu: »Und Jens auch. Jens ist auch mit Brautleute.« Ihre Freundschaft hielt über die ganze Ferienzeit an, sie war stark und echt. Als aber Svend in seine eigene Stadt zurückkehrte, zu Mutter und Schwester und zur Schule, da vergaß er nach und nach seinen Spielkameraden.   Um die Weihnachtszeit desselben Jahres starb Svends Großvater. Großmutter, die den Hof nicht allein weiterbewirtschaften wollte, übergab ihn mit Einwilligung ihres Sohnes dem Bruder des Verstorbenen, Onkel Kasper, welcher vom Erbteil des Urgroßvaters eine große Hypothek darauf stehen hatte. Onkel Kasper war ein alter, schwerreicher, aber knauseriger Sonderling, der, nachdem er seinen vielen Ehrenämtern entsagt hatte, den größten Teil des Jahres zurückgezogen in der Hauptstadt lebte. Als es wieder Sommerferien gab, wohnte ein fremder Pächter auf dem Gutshof. Großmutter war in die Stadt gezogen; Svend hatte niemanden mehr, den er in der Gegend besuchen konnte. Das alte Haus war noch immer unbewohnt. Lisbeth stand oft und guckte mit Jens zusammen in den Garten hinein. Sie gedachte des vergangenen Sommers und sehnte sich in ihrer Einsamkeit nach dem Spielkameraden.   Ein besonderer Lichtglanz lag für Svend über der Erinnerung an den Sommer, den er einige Jahre später an der Nordsee verlebte. Sein Vater hatte den Auftrag bekommen, einen Herrenhof, der abgebrannt war, wieder aufzubauen. Sie wohnten in einem kleinen Haus, das am Fjord lag, dort, wo der Deich, der die ausgedehnten Ländereien, die zum Herrenhof gehörten, einfaßte, ins Land einbog. Während der Vater auf dem Bauplatz beschäftigt war, streifte Svend allein umher. Er lag in dem warmen Sand auf der Grenze zur Heide, in der dichten, bräunlichgrünen Decke, die weder Heidekraut noch Gras ist, aber etwas von beiden. Er lag und starrte in das feierliche, übermächtige Blau hinauf und füllte es mit Hoffnungen und Erwartungen. Aus der Welt, die er kannte, formte er sich eine neue, größere und abenteuerlichere. Sie war nach seinem eigenen Bilde geschaffen. Er war ihr Mittelpunkt; und sie versprach ihm die Erfüllung alles dessen, was er sich wünschte. Er dachte an das, was Großvater ihm vom Geschlecht der Byge erzählt hatte; er sah sie vor sich wie eine Reihe stattlicher Herren, die alle seinem Urgroßvater und dem alten König glichen. Er war jetzt dem Bild mit den sich verneigenden Höflingen und der Schnupftabakdose entwachsen. Er sah sie jetzt in großen Handelshäusern, zwischen vielen geschäftigen Arbeitern, die ihrem Wink gehorchten und Tonnen zu ihrem Reichtum schleppten. Er träumte davon, »Urgroßvater ähnlich zu werden«. Er füllte das Meer mit großen Schiffen unter vollen Segeln und mit weißen Galionsfiguren. Er träumte davon, wie er alle diese Schiffe dem König schenken wollte, wenn das Land in Not käme. Er gab sich Mühe, sich die Namen der Gutshöfe, die das Geschlecht besessen, ins Gedächtnis zurückzurufen. Er hatte sie in Großvaters Bibel mit den Silberspangen gelesen. Auf vergilbten Seiten hinten im Buche standen alle Familienmitglieder mit ihren Jahreszahlen aufgeführt, auf welchem Hof sie geboren, was sie erworben und was sie verkauft hatten. An einer Stelle stand – es las sich schon wie ein tiefer Seufzer – »wieder ein Hof, der dem Geschlechte verloren geht«. Niemals empfand er die Einsamkeit wie eine Entbehrung. Im Gegenteil. In der Einsamkeit war er der Herr, der mächtige, der einzige, dessen Wille geschah. Für ihn allein erstreckte sich das Meer blank und blau; für ihn allein segelten die Wolken fernen Zielen zu. 4 Architekt Byge wunderte sich, daß er, der sonst so ungewöhnlich fest auf seinen Beinen gestanden hatte, in der letzten Zeit an Schwindel litt. Seine Frau bat ihn, einen Arzt zu Rate zu ziehen, aber davon wollte er nichts hören. Er tat seine Arbeit wie gewöhnlich, ging von seinem Zeichenbüro, wo er zwei Assistenten beschäftigte, zu den Häusern, die er im Bau hatte, und wo er die Arbeit selbst beaufsichtigte. Die Gewissenhaftigkeit, mit der er sich persönlich von der Güte des Materials und der Arbeitsausführung überzeugte, hatte zu seinem Ruhm, den er als Künstler für die reinen und einfachen Linien seiner Arbeit genoß, noch den eines ungewöhnlich tüchtigen Bauleiters hinzugefügt. Aber ein wohlhabender Mann war er nicht geworden. Er konnte nicht mit dem smarten Geschäftssinn der neuen Generation konkurrieren. Er lieferte nie einen Plan ab, ohne daß er organisch aus seinem Innern hervorgewachsen war, während viele junge Architekten nach der Schablone arbeiteten, so daß ein einigermaßen tüchtiger Assistent eine Arbeit, von der ihm Stil und Etikette angewiesen worden war, fertigmachen konnte. Das langsame Tempo, das eine notwendige Folge dieser persönlichen Arbeitsweise war, bewirkte, daß Aufträge, bei denen es sich um Schnelligkeit handelte, an seinem Hause vorbeigingen. Da er sich nie darauf verstanden hatte, sich bei Autoritäten beliebt zu machen, weil er ihnen bei seiner ausgesprochenen Selbständigkeit ein unwillkürliches Mißtrauen entgegenbrachte, so wurden ihm nur selten öffentliche Bauaufträge übergeben. Zeitig hatte er darum der Hauptstadt den Rücken gekehrt und sich in der nächstgrößten Stadt des Landes niedergelassen.   Architekt Byge war auf das Gerüst gestiegen, um ein in Sandstein ausgeführtes Ornament, das hoch saß, zu begutachten. In seinem Eifer trat er, um besser zu sehen, ganz an den Rand des schmalen Balkens, wie er es schon so oft getan hatte. Er mußte den Kopf weit zurücklegen; in dieser angestrengten Stellung, die ihn in seinen jüngeren Jahren nie geniert hatte, wurde er vom Schwindel ergriffen. Arbeiter, die unten standen, hörten ihn einen Schrei ausstoßen. Sie sahen ihn nach einem Halt durch die Luft greifen; seine linke Hand streifte einen Pfosten, ohne zuzufassen. Dann fiel er hintenüber, stürzte herab und schlug im Fallen mit dem Nacken gegen die Kante der hohen Planke, die den Bauplatz einfaßte. Als die Arbeiter herbeieilten, sahen sie gleich, daß er tot war. Es war kein Blut und keine Quetschung zu sehen; aber aus der Schlaffheit des Kopfes, als sie ihn aufhoben, sahen sie, daß der Nackenwirbel gebrochen war. Die Leute trugen ihn nach seiner Wohnung. Der Kopf fiel auf die Brust herab, und die fleißige, feste Hand, die während des letzten Jahres so mager geworden war, hing schlaff am Handgelenk. Dies geschah am selben Tage, als Svend sein Abiturientenexamen machte. Munter singend sprang er die Treppe hinauf und konnte es kaum erwarten, seine Studentenmütze zu zeigen, die er sich gekauft hatte. Er sah die Etagentür weit offenstehen, und während sein Herz stillzustehen schien, wußte er mit der Kraft einer plötzlichen Eingebung, daß ein Unglück geschehen sei. Als er durch die offenstehende Tür ins Schlafzimmer kam, sah er seine Mutter über das Kopfkissen gebeugt liegen. Ihr Rücken bebte unter einem lautlosen Schluchzen. Er sah, wie der eine Arm seines Vaters über den Bettrand herabhing, während seine Beine in lebloser Ruhe auf der Bettdecke ausgestreckt lagen. Kopf und Brust wurden von seiner Mutter verdeckt. Die alte Ane stand an der Tür und weinte mit gebeugtem Kopf. Als sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht zukehrte, das vor Schmerz und Mitleid bebte, war es mit seiner Fassung vorbei; und noch lange nachher erinnerte er sich des erbitterten, gegenstandslosen Zornes, der sich in den ersten Augenblicken mit dem Schmerz vermischte, ja, denselben fast noch überwog. Nach dem Begräbnis zeigte es sich, daß Svends Vater, nachdem alles bezahlt war, nicht viel mehr als die Lebensversicherung hinterlassen hatte, die er in jungen Jahren für seine Frau gekauft hatte. Svend begriff bald, daß er seiner Mutter nicht zur Last fallen durfte; seine Schwester Gerda war ja noch ein halbes Kind; er mußte sich seinen Unterhalt selbst verdienen und seiner Mutter eine Hilfe und Stütze sein. Solange er lebte, sollte niemand, der zu ihm gehörte, Not leiden, das stand fest. Er wollte, wenn er zum Semesteranfang nach Kopenhagen kam, gleich Nachhilfestunden und Schulstunden suchen, und was sich sonst einem achtzehnjährigen jungen Mann mit gutbestandenem Examen bieten mochte. Mit einem tiefen Seufzer dachte er an all das, worauf er sich nach beendigtem Schulzwang hatte stürzen wollen. Ach, es gab ja kaum eine Vorlesung, die in dem Halbjahrsprogramm der Universität aufgeführt war, die er nicht hatte hören wollen, von den Anfangsgründen des Sanskrit bis zu der Integral- und Differentialrechnung für Fortgeschrittenere. Nein, nein! Er wollte nichts von alledem aufgeben. Wer einen starken Willen besaß und warten konnte, der ging nicht einigen Schwierigkeiten aus dem Wege. Tagsüber wollte er für seinen Unterhalt arbeiten; des Nachts aber, wenn alles im Hause schlief, sollten die teuren Bücher hervorgeholt werden. So würde er schließlich alles erreichen, was er sich vorgenommen hatte. Diese Überlegungen erfuhren plötzlich und unerwartet eine Wendung durch ein Ereignis, das ungefähr einen Monat nach dem Tode seines Vaters eintrat. Eines Tages empfing seine Mutter ihn, als er nach Hause kam, mit einem freudestrahlenden Gesicht. Es war ein langer Brief von Onkel Kasper gekommen. Der Konferenzrat schrieb, daß er gehört habe, wie bescheiden sie nach dem Tode ihres Mannes leben müßten, und da er von anderer Seite in Erfahrung gebracht habe, daß ihr Sohn Svend ein begabter junger Mensch sei, der dem Namen der Familie Ehre machen könne, so habe er beschlossen, ihn in seinem Studium zu unterstützen, damit seine Laufbahn durch den plötzlichen Tod keine Verschiebung erleide. Er wolle sie darum bitten, ihm ihren Sohn auf einen kurzen Besuch zu schicken, damit sie gemeinsam die Wahl eines Brotstudiums treffen könnten. Svends Mutter hatte den Konferenzrat nur bei vereinzelten großen Familienfestlichkeiten getroffen. Sie kannte ihn als einen sonderbaren, etwas mürrischen Herrn, der sehr zurückhaltend war; ihr Mann aber hatte stets seine vornehme Persönlichkeit gelobt und auf seine unbeugsame politische Überzeugung hingewiesen, die dem Lande noch nutzbringender gewesen wäre, wenn man Charakterfestigkeit in Dänemark besser zu schätzen gewußt hätte. Denn als Onkel Kasper merkte, was die neue Zeit mit sich brachte, daß mit dem, was früher für Männer unantastbar gewesen war, gelost und gehandelt und geschachert wurde, da zog er sich tief enttäuscht zurück und wurde Zuschauer wie so viele der Besten. Auch an das, was man von seiner Kleinlichkeit und seiner Knauserigkeit erzählte, hatte Architekt Byge nie recht glauben wollen. Er pflegte mit dem ihm eigenen warmen Lächeln hinter dem blonden Bart zu sagen: »Wer zusammenhält, was er besitzt, pflegt immer in den Augen desjenigen, der sein Eigentum verschwendet hat und nun das des anderen begehrt, für geizig ausgeschrien zu werden.« So wurde Svend denn ausgerüstet und mit seinem besten Anzug und den besten Ermahnungen seiner Mutter in die Hauptstadt geschickt. 5 Der alte Konferenzrat Byge lag auf seinem Roßhaarsofa, mit einer karierten Schlummerdecke über dem Leib, und hielt sein Mittagsschläfchen. Das Fenster stand halb offen und klapperte mit seinem Sturmhaken bei dem milden Sommerwind, der vom Kalkbrennereihafen über das niedrige Stallgebäude herüberwehte. Der Stallknecht fegte mit langen Besenstrichen vor der Wagenremise; aber der Konferenzrat hatte diese Geräusche schon so viele Jahre gehört, daß sie ihn nicht mehr zu wecken vermochten. Da hörte das Fegen auf. Der Konferenzrat hatte durch seinen Mittagsschlummer die dunkle Empfindung, als ob zwischen Lars und einer fremden, hellen und offenen Stimme einige Worte gewechselt würden. Kurz darauf erklangen feste Schritte auf der alten Treppe, und der alte gebrechliche Glockenstrang fing plötzlich an zu seufzen und zu keifen, wie es seine Gewohnheit war, bevor er sich richtig in Gang setzte. Wenn er aber erst einmal angefangen hatte, konnte er nicht wieder aufhören; noch lange nachher scharrte und gluckste es in der alten Glocke. Der Konferenzrat erhob sich ärgerlich vom Sofa, hinkte zur Tür, öffnete die Tür zum Vorzimmer und rief mürrisch: »Herein!« Er mußte noch einmal rufen. Da wurde an den Drücker gegriffen und gleichzeitig fiel draußen etwas rasselnd auf den Fußboden. Der Konferenzrat schob die Brille auf die Nase und sah gereizt zum Schloß hin. Was war denn das für ein Tölpel! »Sie haben mein Schloß entzwei gemacht, Sie!« rief er zornig. Er ging zur Tür und drehte von drinnen den Schlüssel um. Schließlich gelang es ihm, die Tür zu öffnen. Bevor er denjenigen, der mit der Mütze in der Hand draußen stand, näher ins Auge faßte, sagte er mit seiner mürrischen Greisenstimme: »Geben Sie den Drücker her!« Als er ihn bekommen hatte, trat er an das offene Fenster und rief in den Hof hinab: »Lars!« »Jawohl!« klang es bedächtig zurück, während die Holzpantoffel über das Steinpflaster klapperten. »Jemand hat meinen Drücker entzwei gemacht – komm herauf und sieh zu, ob du ihn wieder heil machen kannst.« »Jawohl!« Lars hatte schon häufig das alte, gebrechliche Schloß reparieren müssen, das der Konferenzrat um keinen Preis erneut haben wollte. »Es wird schon bis zu meinem Tode aushalten!« pflegte er zu sagen. Während Lars über den Hof klapperte, um Werkzeug zu holen, erinnerte der Konferenzrat sich des Fremden, der noch draußen stand. Der kleine rundrückige Mann trippelte wieder ins Vorzimmer und sagte »Bitte!«, während seine kleinen scharfen Augen den Fremden über die Brille hinweg musterten. Indem der junge Mann ins Zimmer trat und die Tür mit dem lädierten Schloß zu schließen versuchte, ohne dem Konferenzrat den Rücken zuzukehren, wies der Alte ihn in das nächste Zimmer hinein. »Lassen Sie das Schloß nur,« sagte er in einem milderen Ton, »und kommen Sie herein!« Im selben Augenblick hörte man Lars' schwere Schritte auf der Treppe. Der Alte ging hinaus und gab ihm den Drücker. Als er zurückkam, sagte er, indem er den jungen Mann mit dem hellblonden, hochgekämmten Haar, der aufrechten Haltung, den mageren Händen, die die Mütze nervös zerdrückten, betrachtete: »Wer sind Sie denn eigentlich?« »Ich bin Studiosus Svend Byge!« kam es hastig. »Gottchen, Gottchen!« seufzte der Alte, und Svend sah, wie ihm die Augen hinter der Brille feucht wurden. »Also das ist Jörgens Sohn – Svend Byge!« wiederholte er, indem er bei dem Namen verweilte, als ob jedes der Worte einen Schwarm von Erinnerungen in ihm hervorrief. Dann klopfte er ihn auf die Schulter, nahm ihm seine Studentenmütze ab, die er einen Augenblick mit einem wehmütigen Lächeln betrachtete und legte sie auf einen Tisch am Fenster. »Setz dich!« sagte er mit plötzlichem Eifer. »Setz dich hierher, Svend!« Er führte ihn bei der Hand zu dem großen viereckigen Arbeitstisch vor dem Sofa, wies ihm einen Stuhl an, wo ihm das Licht voll ins Gesicht fiel und nahm selbst ihm gegenüber auf dem Roßhaarsofa Platz. Es entstand eine Pause. Die Anrede war es, die Svend Schwierigkeiten bereitete. Er fand, daß er Großvaters Bruder nicht mit »Herr Konferenzrat« anreden konnte; aber »Onkel Kasper«, wie seine Mutter es ihm ans Herz gelegt hatte, konnte er auch nicht über die Lippen bringen. »Wie geht es deiner Mutter?« fragte der Konferenzrat und zog sich die Schlummerdecke über den Leib. »Danke, gut!« Jetzt nahm er allen Mut zusammen: »Ich sollte vielmals grüßen, Herr Konferenzrat, und für den Brief danken.« »Nenn mich nur ›Onkel Kasper‹, Freundchen,« sagte der Alte mit einem freundlichen Lächeln in den blauen Augen, die ganz milde geworden waren, während sie nach den bekannten Familienzügen in Svends Gesicht suchten. Der unwillkürliche nervöse Zug über dem rechten Auge, den hatte sein Bruder, Svends Großvater, auch gehabt, als sie Knaben waren. Da die Schwierigkeit der Anrede nun glücklich aus der Welt war, verlor Svends Verlegenheit sich, und er gab frische, schnelle und präzise Antworten. »Ja, ja, das war ein harter Schlag!« sagte Onkel Kasper, nahm die Brille ab und trocknete sich die Augen. Svend mußte schnell zur Seite sehen, um die Augen nicht voller Tränen zu bekommen. Der Schmerz um seinen Vater war noch so frisch. »Welchen Weg willst du denn gehen, Freundchen,« fragte der Konferenzrat und forschte über die Brille hinweg scharf in Svends großen hellen Augen. Jetzt waren sie dort angelangt, wo Svend mit bangen Ahnungen einen Kampf voraussah. Die Sache lag ja nämlich so, daß Svend noch keinen Weg gewählt hatte – jedenfalls keinen von den gebahnten, ausgetretenen, an die der Konferenzrat sicher dachte. Das lag ja schon in dem Wort »Brotstudium«, das der Alte in seinem Brief gebraucht hatte. Svend Byge wollte gern arbeiten. Er wünschte nichts sehnlicher, als sich seinen Unterhalt selbst zu verdienen. Onkel Kasper sollte nur ahnen, was es seinen Stolz gekostet hatte, bis er sich dem Wunsch der Mutter gefügt und den Bettelsack auf die Schultern genommen hatte; denn etwas anderes war dieser Besuch eigentlich nicht. Aber einen Vorteil dadurch erkaufen, daß er seinen Geist einengte, daß er sich von vornherein all dem Großen in der Welt verschloß, zu dem ihm das freie Schöpfen in der Wissenschaft, die unendliche und hohe Welt der Bücher, den Weg bahnen sollte – nein, davon konnte keine Rede sein. Darüber war er sich klar geworden, lange bevor er an der gebrechlichen Glocke des Konferenzrats läutete. Die ganze weite Welt, die jetzt offen und verheißungsvoll vor ihm lag, alles was man von ihr wußte und noch mehr dazu, das wollte er durchdringen und sich zu eigen machen. Wenn der Konferenzrat ihn mit dem Eigensinn eines alten Mannes in Fesseln legen wollte, dann würde er antworten: »Behalten Sie Ihr Geld! – Ich ziehe es vor, mich selbst zu ernähren. Dann habe ich meine Freiheit zum Studieren; und wenn die nicht ausreicht, so nehme ich die Nächte zu Hilfe. Svend nahm seinen ganzen Mut zusammen. Ohne es zu wissen, warf er den Kopf in den Nacken und sah dem Konferenzrat offen ins Auge. »Ich habe noch keinen Weg gewählt!« sagte er. »Onkel Kasper« blieb ihm im Halse stecken. Der Alte betrachtete ihn eine Weile stillschweigend. Wie gut er diese hochmütige Haltung und das Zurückwerfen des Kopfes kannte! – Er selbst war in seiner Jugend so gewesen. Und Svends Vater erst! – Ja, ja, es war ein echter Byge, der da vor ihm auf dein Stuhl saß und dem Leben voll trotziger Erwartung entgegenblickte! – Ach ja, mit viel größeren Ansprüchen an das Leben, als es selbst im günstigsten Fall gewähren würde. Wie hatte sein Vater darunter leiden müssen, wie hatte diese Unbeugsamkeit des Geschlechtes ihn in seiner Tätigkeit gehemmt und ihn um viele große architektonische Aufgaben gebracht. Diese Unbeugsamkeit hing mit vielem vom Besten im Menschen zusammen. Aber man brachte es zu nichts, bevor man nicht lernte, sie zu überwinden. Dem Alten wurden die Augen feucht, er seufzte. Aber was half es? Was der Vater nie gelernt hatte, das mußte man versuchen, den Sohn zu lehren. Der Konferenzrat rieb sich die mageren, eckigen Hände; Svend dachte, daß sie denen seines Vaters glichen, nur waren sie kleiner und zierlicher. Da sagte der Alte und wandte das Gesicht zum Fenster: »Ich dachte, du wolltest weiter studieren?« »Das will ich auch,« beeilte Svend sich zu erwidern. Dann stürzte er sich kopfüber in das Peinliche der Sache. »Aber kein Brotstudium!« Svend hatte eine überraschte und scharfe Antwort erwartet. Der Alte aber wendete nur wieder den Kopf zu ihm um; und indem er sich im Sofa zurechtsetzte, als ob er dachte: »nun, diese Sache scheint ja langwierig zu werden«, sagte er sanftmütig und wie selbstverständlich: »Wovon willst du denn leben, Freundchen?« Svend ärgerte sich über die Sanftmut und über das »Freundchen«. Es verwirrte ihn und entwaffnete seine kriegerische Haltung. »Ach, es gibt ja so viele Erwerbszweige!« sagte er mit einer flotten Handbewegung, als brauche er nur zu wählen. »Da sind Schulstunden und – Nachhilfestunden – und – und Korrekturlesen – und so weiter!« »Ja, schön. Ich spreche aber von einem Beruf. Denn du hast doch dein Abiturium nicht gemacht, um Korrekturen zu lesen, Freundchen?« Der Konferenzrat machte sich in einem kleinen heiseren Lachen Luft, das ihn ins Husten brachte. Svend bekam einen dunkelroten Kopf. Er fühlte sich bis ins tiefste verletzt. Dieser alte Zittergreis sollte nur wissen, was sich in seinem Innern bewegte, was Svend Byge alles in der Welt ausrichten wollte! Da erinnerte er sich der inständigen Ermahnungen seiner Mutter: »Sei nur nicht großspurig, Svend; das kränkt alte Leute; er kennt dich ja nicht; und bedenke, daß er aus einer anderen Zeit ist als du.« Er bezwang sich und sagte ausweichend: »Wie kann ich zwischen etwas wählen, was ich gar nicht kenne.« »Hast du denn nicht Lust zu einem bestimmten Beruf?« Was sollte er antworten? Die Wahrheit würde der Alte, der ja schon längst mit dem Leben abgeschlossen hatte, doch nicht verstehen. Er wußte nur zu genau, daß der Konferenzrat lächeln würde, wenn er antwortete, daß sein Wahlspruch sei: nichts Menschliches soll mir fremd sein! – daß er sich eine Wissenschaft und Kunst umfassende Erkenntnis erwerben, von deren Zinnen er dann die Gebrechen des Daseins überschauen und sein Leben für deren Abhilfe opfern wolle. Nach kurzer Überlegung beschloß er, die Wahrheit zu umschreiben: »Ich wollte gern Sprachen und deren Entwicklung studieren – und Philosophie und Mathematik – und Ästhetik – und –« »Also Humaniora mit anderen Worten!« unterbrach der Alte ihn; und nun lächelte er unumwunden. »Ach ja, das ist ja sehr schön, Freundchen! – Aber man kann nicht alles auf einmal; und das sind brotlose Künste. Vor allen Dingen muß man leben, und dazu gehört ein Fach, das zu einer praktischen Tätigkeit führt. Wenn man nun aber Jurist oder Arzt oder vielleicht Geistlicher werden will, so sind das alles Fächer, die eine bestimmte Summe von theoretischem Wissen verlangen – eine abgerundete wissenschaftliche Erkenntnis, die auch an und für sich – ich meine, für die – äh – für die persönliche Lebensanschauung von großem Wert ist. Überleg dir das, Freundchen! – Hat man erst ein Fach und eine Tätigkeit – ›Lebensunterhalt‹ ist scheinbar ein Wort, das dir nicht gefällt, wie? – hi, hi! – hat man also erst festen Grund unter den Füßen und – äh – sein gutes, vernünftiges Auskommen, dann ist es Zeit, seinen Geist weiter auszubilden, wenn es einen dazu drängt. Man studiert Humaniora–man hat seine Passion, die man in seinem Otium pflegt. So hatte ich zum Beispiel einen guten Freund, der Oberlandesgerichtsrat war; außerdem aber war er ein großer Mathematiker. – Ach ja, der Wissensdrang ist eine schöne Sache, Freundchen, vergiß das nicht! – aber zuerst eine praktische Tätigkeit, die einen durchs Leben tragen kann. Man kann Frau und Kinder – denn du willst doch wohl auch mal eine Familie gründen, was? – hi, hi – man kann Frau und Kinder nicht mit Ästhetik ernähren! Das ist keine Tätigkeit, Freundchen – das ist eine Passion. Oder wie sagtest du vorhin – die Entwicklung der Sprachen? – Nun, das ist ein Fach, das es zu meiner Zeit nicht gab.« Der Ton, in dem der Alte seine lange Rede gehalten hatte, war so freundlich, so väterlich, daß Svend trotz dem lebhaften Widerspruch, der sich in ihm regte, sich nicht gereizt fühlte. Nur als der Konferenzrat davon sprach, daß er einst eine Familie gründen werde, hatte er kaum an sich halten können. Die Annahme, daß er – Svend – auf dem soviel Größeres ruhte – eine Familie gründen solle, war so komisch, daß er sich auf die Lippe beißen mußte, um nicht zu lächeln. Durch diese Munterkeit aber schlug seine Stimmung um. Er fühlte jetzt, daß er für das ganze schwere Geschütz von Argumenten und Energie, mit dem er sich gewappnet hatte, gar keine Verwendung haben würde. Auf einmal gefiel der Alte ihm recht gut; und er mußte immerwährend dessen Hände ansehen, die denen seines Vaters so ähnlich waren. Es war klar, daß Onkel Kasper nur sein Bestes wollte, und man konnte ja nicht verlangen, daß er die Sache mit anderen Augen als mit seinen eigenen betrachtete. Er sprach aus seinen eigenen Erfahrungen heraus, und er konnte ja nicht wissen, daß er, Svend Byge, mit besonderen Augen betrachtet sein wollte. Keiner, nicht einmal der leibliche Vater, konnte mit Sicherheit erkennen, daß man etwas Besonderes war. Andere mochten daran glauben, aber wissen, wissen konnte man es nur selbst. Als der Konferenzrat sah, daß der junge Mann anfing, nachzudenken, meinte er, daß es das beste sei, die Sache nicht zu forcieren. Er kannte den Familienstarrsinn und wußte aus Erfahrung, daß man mit einem vernünftigen Wort am weitesten kam, wenn man es sich in der Stille seinen eigenen Weg suchen ließ. »Ja, ja, Freundchen – ich verlange nicht – ich erwarte nicht, wollte ich sagen, daß du dich sofort entscheidest. Vielleicht ziehst du es vor, anderer Hilfe zu entbehren – hm! – das ist auch ein Standpunkt, der sich hören laßt. Aber darüber mußt du wohl lieber mit deiner Mutter beratschlagen.« Sie weiß den Wert des Geldes zu schätzen – dachte der Konferenzrat –, und kann die Mutter ihn nicht auf andere Gedanken bringen, so sind auch meine Worte umsonst. In der kurzen Zeit, die sie miteinander gesprochen hatten, hatte der Konferenzrat selbst eine andere Anschauung bekommen. Das ursprüngliche Motiv zu seinem Angebot war, außer dem Mitgefühl mit der Witwe, ein allgemeines Verantwortungsgefühl als Oberhaupt der Familie. Da er selbst kinderlos war, so wollte er das Seinige dazu beitragen, jungen, kräftigen Schößlingen an dem alten Stamm so gute Entwicklungsbedingungen wie möglich zu verschaffen. Jetzt, als er Svend Byge kennen gelernt und so viele typische Familienzüge an ihm gefunden hatte, faßte er ein warmes persönliches Interesse für den jungen Mann. Von neuem erwachte der Kummer in ihm, daß er selbst keine Kinder hatte. Da tauchte der Gedanke in ihm auf, den Vaterlosen zu seinem Sohn zu machen; erst aber wollte er ihn prüfen; er wollte genau wissen, was in ihm steckte; und entsprach er seinen Erwartungen, so konnte man weiter sehen. – Es war nicht mehr eine Wohltätigkeits- und Familienangelegenheit für den Konferenzrat. Jetzt hatte sie ein persönliches Interesse für ihn bekommen. Svends Sache war auch zu der seinen geworden, 6 Svend und seine Mutter hatten den Brief des Konferenzrates so verstanden, daß Svend sein Gast sein sollte. Er war deshalb sehr erstaunt, als der Alte fragte, wo er eingekehrt sei. Etwas verlegen beeilte er sich zu sagen, daß er seinen Koffer vorläufig am Bahnhof gelassen habe, bis er ein billiges Hotel gefunden hätte. »Meine Frau ist leidend, wie du wohl weißt; ihre Nerven sind angegriffen!« sagte der Konferenzrat gleichsam entschuldigend, mit einem forschenden Seitenblick. »Sie verträgt keine Abweichung vom Täglichen. Sonst hätte ich dich ja gern – äh – für einige Tage als unseren Gast behalten. Aber kehre im Hotel ›Skandinavien‹ ein, dort ist es gut und billig und sage dem Wirt, daß er mir die Rechnung schicken soll. – Mach jetzt einen Spaziergang, Freundchen! sieh dir die Stadt an, und komm zu Mittag zu uns; wir essen präzise sechs Uhr.« In dem großen, altmodisch möblierten Salon war alles steif, korrekt, langweilig – von den langen, dunklen Gardinen vor den Fenstern, durch die man über den Garten auf einen großen Zimmerplatz blickte, bis zu den alten holländischen Stilleben, die in düsteren Rahmen symmetrisch an der Wand hingen. Die Konferenzrätin war viel jünger als ihr Mann, kaum fünfzig. Sie war gewiß einmal schön gewesen. Die Züge waren regelmäßig, die Haltung vornehm. Als der Konferenzrat Svend hereinführte und ihn ihr mit einer gewissen Vorsicht vorstellte: »Sieh, das ist Jörgens Sohn, von dem ich dir erzählt habe!« – da erhob die Dame sich mit Beschwer aus dem Sofa und reichte ihm eine kühle Hand, während sie ihn scharf mit braunen, stechenden Augen musterte. Svend machte eine Verbeugung und wußte nicht, was er sagen sollte. Er fühlte, wie er unter ihrem Blick errötete. Es war, als verbreite sie Kälte um sich her. Onkel Kasper trippelte sichtbar nervös durchs Zimmer, während er unablässig seine kleinen Hände rieb. Wiederholt klopfte er Svend auf die Schulter. Es war, als empfinde er selbst die Kälte im Zimmer, und wolle Svend dafür schadlos halten. Niemand sagte etwas. Der einzige Laut, der zu hören war, kam von zwei Filierstöcken, die mit regelmäßigen Zwischenräumen gegeneinander klapperten. Eine ältliche, soldatengerade Gesellschaftsdame saß mit einer großen Brille auf ihrer spitzen Nase am Fenster und filierte mit erstaunlicher, beleidigter Hast. Onkel Kasper hatte gerade ihren Namen genannt – Fräulein so und so. Svend hatte ihn in seiner Verlegenheit nicht verstanden. Er sah nur, daß die lange Gestalt am Fenster wie auf Kommando in die Höhe schoß, als die Konferenzrätin sich im Sofa erhob. »Hu,« dachte Svend und ihm schauderte – »der Alte hat es nicht sonderlich gemütlich!« Da meldete ein blitzsauberes Stubenmädchen, das ebenso vornehm aussah wie die anderen, daß angerichtet sei. Etwas so Steifes und Furchteinflößendes wie dieses Mittagessen hatte Svend noch nie mitgemacht. Es war fast wie im Examen, nur daß Svend sich damals im Gefühl seines Wissens freimütiger gefühlt hatte. Selbst Onkel Kasper verzichtete auf jegliche Konversation und wurde ganz still und fremd an dem großen, vornehmen, eiskalten Tisch mit der Konferenzrätin und dem Gesellschaftssoldaten. Jedesmal wenn er von seinem Teller aufzublicken wagte, begegnete er dem prüfenden Blick aus den braunen, stechenden Augen der Konferenzrätin; weder ein Engel noch ein Teufel hätte ihn dazu vermocht, sie Tante zu nennen. Noch lange, lange nachher erinnerte er sich dieses Mittags und dieses Blickes; und wenn er sich zu erklären versuchte, was dieser Blick eigentlich enthielt, so schien es ihm, als hätte er bei ihm nach Berechnung und Hintergedanken gesucht; und als er später begriff, welche Demütigung er enthalten hatte, da geriet er jedesmal bei dem Gedanken daran in Wut. Das arme Familienmitglied, das es auf das Geld des reichen Onkels abgesehen hatte! – Jawohl, das hatte in ihrem Blick gelegen. Noch zweimal besuchte Svend den Konferenzrat, der mit jedem Mal milder und freundlicher gegen ihn wurde, und schließlich rang Svend sich zu einem Entschluß durch, nachdem er auch von seiner Mutter, die Unrat witterte, einen langen, eindringlichen Brief bekommen hatte, mehr an die Zukunft als an den Augenblick zu denken, mehr auf das Urteil des Alters und der Erfahrung als auf sein eigenes zu bauen. Als er zum letztenmal in Onkel Kaspers Kontor stand und ihm mitteilte, daß er Jura studieren wolle, um nach beendigtem Examen sich ganz seinen Studien zu widmen – da rieb der Alte, der selbst ein hervorragender Jurist gewesen war, bevor er sich als Agrarier und Patriot für die Politik seines Landes opferte, vergnügt die kleinen Hände und sagte: »Das ist eine gute Wahl, Freundchen!« Und er fügte mit einem warmen Glanz in den Augen jene Worte hinzu, die in Svends späterem Leben noch eine große Bedeutung bekommen sollten: »Du sollst es nicht bereuen – wenn du Wort hältst und ein gutes Examen machst!« Er wandte sich ab, und Svend schien es, daß er dadurch seine plötzliche Rührung verbergen wolle. Dann beredeten sie, wie Svend sich am besten für den ziemlich beschränkten Betrag, den er sich monatlich bei Onkel Kaspers Bankier abholen sollte, einzurichten habe. Der Alte ermahnte ihn zur Sparsamkeit, und als spräche er von einer Familienerfahrung, die er einst auf eigene oder anderer Kosten teuer zu bezahlen gehabt hatte, fügte er hinzu: »Vergleiche dich nie mit denen, die mehr haben als du. Glaube nicht, daß sie darum glücklicher sind als du; das kann man niemandem vom Gesicht ablesen, und jeder hat seine Sorgen. Versuche nicht mit denen zu wetteifern, sondern halte dich an das Deine. Du weißt wohl, Freundchen, solange man nicht schwimmen kann, soll man sich nicht ins tiefe Wasser wagen. Und eines will ich dir vor allen Dingen ans Herz legen: Mache nie Schulden und stürze dich nicht in eine Ausgabe, die du später vom Notwendigen abziehen mußt.« Noch eines wollte Onkel Kasper ihm sagen. Es schien ihm schwer zu fallen; – er räusperte sich mehrere Male, aber erst als Svend bereits im Vorzimmer stand, mit dem Drücker in der Hand, den Lars repariert hatte, brachte er es heraus. Während er seine Brille abnahm, die er umständlich putzte, sagte er: »Siehst du, Svend, ich bin ja ein alter Mann, und mit meiner Gesundheit ist es nicht weit her. Darum wollte ich dir nur zu deiner Beruhigung sagen – äh – daß ich meine Frau von dem zwischen uns Vereinbarten in Kenntnis setzen werde, damit du meinen Tod nicht zu fürchten brauchst. Der soll nichts an der – äh – Unterstützung ändern.« Svend war gerührt. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Er meinte, daß es der Gedanke an den eigenen Tod sei, weshalb der Alte so vorsichtig, so gleichsam jedes Wort wägend, sprach. Als er zum letztenmal des Onkels Hand drückte und sich zum Gehen wandte, wurde an der hinfälligen Glocke geläutet. Svend beeilte sich zu öffnen; ein graubärtiger, munter aussehender Herr, mit einer sehr kräftigen Stimme, begrüßte den Konferenzrat aufs herzlichste, der sichtlich durch den Besuch belebt wurde. Der Konferenzrat zog Svend wieder ins Zimmer herein und sagte mit einem Familienstolz, der Svend schmeichelte und ihn veranlaßte, sein artiges Wesen recht zu zeigen: »Sehen Sie her, General – wissen Sie, wer dieser junge Mann ist?« Der General musterte Svend mit wohlwollend zwinkernden Augen. »Das ist ein Sohn von Jörgen – Jörgen Byge, dem Architekten, der auf so traurige Weise ums Leben kam. Sie haben ihn doch in früheren Jahren bei mir getroffen?« »Ob ich Jörgen Byge gekannt habe!« Der General warf den Kopf zurück, sein Gesicht war ernst geworden. Er drückte Svend die Hand, indem er ihm fest ins Auge sah: »Sie haben einen ausgezeichneten Vater gehabt, junger Mann. Werden Sie ihm ein würdiger Sohn.« Svend bekam einen dunkelroten Kopf, und die aufsteigende Rührung übermannte ihn fast. Onkel Kasper klopfte ihm liebevoll die Schulter: »Wir haben eben eine längere Unterredung wegen unserer Zukunft gehabt. Wir haben uns entschlossen, Jura zu studieren und nach fünf Jahren ein gutes Examen zu machen.« Der General war jetzt wieder heiter. Er kniff das eine Auge zu und fragte schelmisch: »Und dann?« »Das wird die Zukunft zeigen!« sagte Onkel Kasper kurz, gleichsam zurechtweisend. Dann wandte er sich zu Svend, drückte noch einmal seine Hand und sagte: »Also lebe wohl, lieber Svend! – Grüße deine Mutter – und Gott mit dir!« Svend dankte noch einmal. Dann verabschiedete er sich vom General und ging hinaus. Er sah Onkel Kasper nie wieder. Einen Monat nach Svends Besuch siedelte der Konferenzrat nach dem Familiengut in Jütland über. Seine Frau hatte das Stadtleben und die geselligen Verpflichtungen satt, und Onkel Kasper, der das Land liebte und sich nur notgedrungen in der Hauptstadt aufhielt, hoffte, daß die frische Herbstluft seinem geschwächten Stoffwechsel gut sein würde. Als die Erntezeit vorbei war und die Luft anfing rauh zu werden, erkältete Onkel Kasper sich bei einem Ritt. Die Erkältung artete in eine heftige Nierenentzündung aus, und eine Woche später war er tot. 7 Gleich nach dem Begräbnis erhielt Svend ein Schreiben von einer altmodischen, steifen Hand, die er nicht kannte. Es war von der Konferenzrätin. Es lautete: Herr stud. jur. Svend Byge! Ich bestätige Ihnen hierdurch dieselbe Unterstützung, die mein Gatte Ihnen zu seinen Lebzeiten zukommen ließ, indem ich von der Voraussetzung ausgehe, daß Sie Ihre Studien nach Verlauf der festgesetzten fünf Jahre beendigt haben werden. Mit freundlichem Gruß M. Byge.       P.S. Wollen Sie mich bitte wissen lassen, ob Sie den Frack Ihres verstorbenen Onkels haben wollen und seine juridischen Bücher.« Dieser Brief von der Witwe seines Onkels kränkte Svend aufs tiefste. Dieselbe mißtrauische, ja fast beleidigende Kälte, die sie ihm damals bei seinem Besuch bewiesen hatte, sprach daraus. Wofür hielt sie ihn? – Wie konnte sie es wagen, einem Byge, dessen Namen sie selbst trug, eine Unterstützung auf so kränkende Weise anzubieten? Sie erfüllte ja nur ganz einfach eine Pflicht. Onkel Kasper hatte ihm selbst ausdrücklich gelobt, daß er durch seinen Tod keinen Verlust erleiden sollte. Sein verletztes Ehrgefühl ließ ihn in der Nachschrift eine vorsätzliche Demütigung erkennen. So arm waren weder Architekt Byges Witwe noch ihr Sohn, daß er darauf angewiesen war, die abgelegten Kleider seiner reichen Verwandten aufzutragen. Oh, das hätte Onkel Kasper ahnen sollen! – Aber es war ja klar, daß sie wie Hund und Katze zusammengelebt hatten. Möglich, daß Onkel Kasper knauserig und mürrisch gewesen war; aber er hatte das Herz auf dem rechten Fleck gehabt; er hatte einen noblen Charakter – das hatte sein verstorbener Vater auch immer gesagt. Svend arbeitete sich schließlich in solche Wut hinein, daß er, ohne mit seiner Mutter zu beratschlagen, folgendes Antwortschreiben aufsetzte: »Frau Konferenzrat Byge! Indem ich Ihnen für Ihre geehrte Mitteilung danke, will ich nicht unterlassen zu bemerken, daß ich meinem lieben verstorbenen Onkel, der es mir möglich machte, meine Studien fortzusetzen, stets eine tiefempfundene Dankbarkeit bewahren werde. Ergebenst Svend Byge. P.S. Es wird mir eine teure Erinnerung an Onkel Kasper sein, seine juridischen Bücher zu empfangen.« Von dem Frack erwähnte er kein Wort. Er fand, daß es so am vornehmsten sei. Als Svend kurz darauf seine Mutter von dem Geschehenen in Kenntnis setzte, bekam er einen sehr bekümmerten Brief von ihr. So könne man älteren Leuten, die einem noch dazu helfen wollten, nicht schreiben. Jetzt habe er die Konferenzrätin wahrscheinlich gekränkt. Wer weiß, vielleicht habe Onkel Kasper selbst bestimmt, daß er seinen Frack erben solle. Vielleicht sei es gerade als eine Ehre gemeint. Sein unseliger Stolz sei wieder einmal mit ihm durchgegangen. Wenn er es nicht lernen könne, sich vor denen zu beugen, die an Alter, Erfahrung, Reichtum oder Klugheit über ihm standen, so würde es ihm schlecht ergehen im Leben. Außerdem erzählte seine Mutter, sie habe von Großmutter gehört, daß ein Testament von Onkel Kasper vorliege, daß aber keine Veränderung geschehen würde, solange Tante Mathilde lebe, auf deren Mitgift ein Teil des gemeinsamen Vermögens basiere. Svend war zu Anfang von dem größten Eifer erfüllt gewesen, so schnell wie möglich mit seinen Studien fertig zu werden, um sich wieder als ein freier Mann zu fühlen. Als er aber das Studentenleben näher kennen lernte und sah, wie verschwenderisch die anderen Studenten mit ihrer Zeit umgingen, da machte seine lebhafte Natur, sein Drang, das Leben kennen zu lernen, sich so heftig geltend, daß er nicht länger widerstehen konnte. Ging er da des Vormittags von einer schematischen Vorlesung zur anderen und begrub sich, wenn er zu Mittag gegessen hatte, in große dickleibige Bücher, die die verwickeltsten Lebensverhältnisse behandelten, als seien es schematische Aufgaben, während der Lärm des lebendigen Lebens zu seiner Dachkammer herauftönte, und die Wolken am bleichen Herbsthimmel, der sich rein und hoch über schmutzige Dächer und verfallene Schornsteine wölbte, dahinjagten. Nein, das konnte er auf die Dauer nicht aushalten. Er war doch ein Mensch wie die anderen. Was er während der ersten Zeit versäumte, würde er leicht einholen können, wenn er sich erst richtig ins Zeug legte. Man konnte doch nicht von ihm verlangen – und das war auch sicher nicht Onkel Kaspers Meinung gewesen –, daß er Abend für Abend in seinem Dachstübchen sitzen und zusehen sollte, wie das Leben und die Jugend dort unten in dem Menschenstrom vorbei fluteten. Zu Anfang bestand sein Lebensgenuß nun freilich nur darin, daß er nach dem Mittagessen mit seinen Studiengenossen im Restaurant sitzen blieb. Es wurde Domino gespielt, über brennende Zeitfragen diskutiert, Grog getrunken, und das Ende war schließlich, wenn die Kellner das Licht löschten, daß man sich gegenseitig nach Hause begleitete, bis die Straßen öde wurden und der Tag zu dämmern begann. Wie trunken taumelte er dann am Vormittage aus dem Bett. Die Folge war, daß er die Vorlesungen versäumte. Er mußte sich die Kolleghefte bei einem fleißigen Studiengenossen leihen. Doch währte es nicht lange, bis er die ewige Schreiberei satt bekam und es aufgab. Am Sonntag aber, wenn er verabredetermaßen nach Hause schreiben sollte, warf er sich seine Säumigkeit vor; doch brachte er sich nicht dazu, einen festen Vorsatz zur Besserung zu fassen. Denn sein zweites Ich – das, das sich nicht gebeugt hatte, als er die Verpflichtung gegen Onkel Kasper übernahm –, dieses Ich, das die Welt kennen lernen und dem nichts Menschliches fremd sein sollte, das setzte sich trotzig und heftig zur Wehr und pochte auf sein ursprüngliches Recht. Es endigte dann wohl damit, daß er stundenlang, das Kinn in die Hand gestützt, über die Dächer in den Himmel hineinstarrte, verzagt, weil er sich an etwas gebunden hatte, wogegen sein persönlicher Freiheitsdrang sich wehrte. Da stieg dann bisweilen der Gedanke flüchtig in ihm auf, daß er Onkel Kaspers Angebot nie hätte annehmen dürfen. Er erinnerte sich der Worte seines Vaters, daß man auf seinen eigenen Füßen stehen müsse. Vielleicht war gerade das das Geheimnis des Lebens, daß man sich kopfüber hineinstürzen und entweder siegen oder zugrunde gehen mußte. Bisweilen dachte er ernstlich daran, auf die Unterstützung zu verzichten und seine Freiheit zurückzuverlangen. Aber darin lag etwas, was seiner Rechtschaffenheit zuwider war. Der, dem er das Versprechen gegeben hatte, war ja tot; und er allein hätte ihn davon entbinden können. Außerdem hatte er sich so daran gewöhnt, an jedem Ersten bei dem alten Bankier eine Summe zu erheben, die gerade die notwendigsten Ausgaben deckte, daß er mit Schaudern dachte, wie es ihm ergehen würde, wenn er plötzlich dem Nichts gegenüberstände. Ach, wenn sein Vater doch gelebt hätte, dann wäre alles anders gekommen. Was verstand seine Mutter von den Rücksichten, die eine freie Persönlichkeit sich selber schuldete? Für sie lag die Sache so einfach, davon handelten ihre Briefe ja beständig. Fleißig und sparsam sein und dankbar gegen Gott, der alles zum Besten lenkt, und vor allen Dingen seinen Eigensinn und seinen Stolz bekämpfen. Jedesmal wenn er ihrer und Gerdas, die jetzt ein großes Mädchen von elf Jahren war, gedachte, wurde ihm weich ums Herz; und dann vergaß er seine freie Persönlichkeit. 8 Svend hatte mit Mutter und Schwester zusammen eine Einladung von der Großmutter erhalten, die mit einer unverheirateten Tochter in der kleinen Grenzstadt Fjordby, in der Nähe ihres früheren Gutes, wohnte. Er schwankte sehr, bevor er sich zur Reise entschloß. Seine Gedanken waren so weit von Familie und Heim abgeschweift. Er war fast blind geworden vom beständigen in die Zukunft Starren. Und doch fühlte er sich von so vielen Kleinigkeiten zurückgezogen. Immer beim Wechsel der Jahreszeiten, zu Weihnachten oder Ostern, wenn die Tage lang und warm wurden und es in den Gärten und Anlagen von Syringen und Goldregen zu duften begann, stiegen die Erinnerungen aus seiner Kindheit in der Provinz in ihm auf. Er dachte häufiger an seinen Vater als an seine Mutter, obgleich er fand, daß er ihr mehr ähnelte. Vielleicht lag es daran, daß sein Vater tot war und nur noch das Recht der Erinnerung besaß. Aber es war soviel Kleinliches und Unbedeutendes, so viel Mahnendes mit Hinblick auf unbedeutende Ziele in den bekümmerten Briefen der Mutter, daß er sich darüber ärgerte. Obgleich die stets lebendige Mutterliebe aus jeder Zeile sprach, konnte er doch nicht darüber hinweg, daß die Briefe so an der Erde klebten. Nur selten steckte die Laune plötzlich ihren Kopf hervor. Dann sah er das schelmische Lächeln in den warmen blauen Augen seiner Mutter, wie er es aus früheren Jahren kannte, und hörte ihr munteres, klingendes Lachen. Das war eine andere Mutter gewesen als die, die diese langen bekümmerten Briefe schrieb – eine hoffnungsfroh lachende, das Leben und alles Gute und Schöne liebende Frau. So konnte Schmerz und Kummer den Charakter eines Menschen ändern. Die Rücksicht auf seine Mutter bewog ihn schließlich zu reisen. Er fuhr nach Hause, um eine Weile bei ihr zu sein, bis sie alle drei zusammen zur Großmutter weiterreisen wollten. Nachdem die ersten Tage des Wiedersehens mit ihrer aufgeregten Freude und dem Ausfragen nach tausend täglichen Dingen vorüber waren, nachdem die Gemüter sich beruhigt hatten, machte der Abstand zwischen ihm und den Seinen sich fühlbar. In der niedrigen Stuben der kleinen Wohnung fühlte Svend mit jedem Tage stärker, wie sehr er sich bereits seinem Heim entfremdet hatte. Was seine Mutter und Gerda interessierte, lag ihm so fern, und vieles, was für sie Freude und Abwechslung bedeutete, kam ihm düster und trivial vor. Wenn er von einem neuen Buch erzählte, das alle jungen Gemüter in der Hauptstadt in Bewegung setzte, oder von einem freien Vortrag, den er über die Kunst der Renaissancezeit gehört hatte – so sah seine Mutter von ihrer Handarbeit auf und betrachtete ihn mit einem kummervoll forschenden Blick, der ihren Gedankengang verriet: ob das nun auch der richtige Weg sei, nämlich der, der zum Examen führte! Dann schwieg er verstimmt. Oft erhob er sich und ging aus dem Zimmer, während Gerda ihm betrübt mit ihren neugierigen Kinderaugen nachsah. Wenn er sich des Abends über das ergraute Haar seiner Mutter beugte, und sie ihm die Wange zum Gutenachtkuß bot, sah er Tränen in ihren Augen. »Du bist uns entwachsen, Svend!« sagte sie wehmütig und klopfte ihm die Wange. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Dann strich er ihr verlegen übers Haar, küßte ihre gefurchte Stirn und eilte aus dem Zimmer.   Svend und Gerda machten sich eines Tages auf, um dem alten Gutshof einen Besuch zu machen. Gerda war seit ihrem zweiten Lebensjahr nicht dort gewesen, aber sie hatte soviel von dem herrlichen Garten, dem Gehölz und dem Strand gehört. Sie hatten eine zweistündige Eisenbahnfahrt zu machen durch bewaldete Hügel und Felder, wo der Roggen träge mit langen, reifen Ähren in der warmen Luft wippte. Je mehr sie sich dem Gutshof näherten, desto deutlicher stiegen die Erinnerungen in Svend auf; hauptsächlich waren es »das alte Haus«, die Hecke des Schützen aus Flieder und Weißdorn, Lisbeth und das Zicklein Jens, die von neuem Leben bekamen. Sie stiegen bei der kleinen Landstation aus, die nur aus einem Dach über zwei Bänken bestand. Svend hatte geglaubt, alles noch unverändert zu finden; als sie aber der Landstraße folgten, kamen sie in ein kleines Gehölz, das er noch nie gesehen hatte. Dagegen war von dem Wald, der sich in seiner Erinnerung stolz und dunkel hinter dem Moor erhob, nichts mehr zu sehen. Einige junge Anpflanzungen leuchteten dort hinten in der Sonne; wo aber waren die hohen ernsten Eichen, in deren Kronen es so sommerlich über Lisbeths Haus gesäuselt hatte? Da wurde ihm plötzlich klar, daß der Wald beständig Form und Aussehen verändert. Alte Baume müssen fallen, damit die jungen Licht und Luft bekommen. Das Gehölz, das sich dort hinten voller Fruchtbarkeit drängte, war also sein Altersgenosse; die Sprößlinge, die damals frisch und neugierig und erwartungsvoll im Schatten der Alten gestanden hatten, so daß man ihrer nicht achtete, außer wenn man zufällig über sie gestolpert war oder sich gedankenlos einen ihrer Stengel für Pfeile zum Flitzbogen ausgerissen hatte – sie beherrschten jetzt das Terrain. Svend wuchs mit dieser Erfahrung. »Jetzt kommen wir an die Reihe!« dachte er und verglich sich mit dem hellen, hochgesinnten Gehölz dort hinten. Als sie jenseits der Hügel waren, dort wo die Landstraße weiß und gerade zwischen den Feldern hinlief, sahen sie einen Einspänner auf sich zukommen. Der weiße Staub stand wie eine Wolke um die beiden Personen, die auf dem Kutscherbock saßen. Er war ein alter Mann mit grauen Bartstoppeln in einem runzeligen Gesicht, er führte die Zügel. Er war wie ein Bauer gekleidet und bewegte unablässig die Kiefer, als kaue er etwas. Neben ihm aber saß ein junges Weib, das städtisch gekleidet war. Wohl eine Mamsell, die ihre Eltern auf dem Lande besucht hat, dachte Svend. Indem Svend und Gerda beiseite traten, grüßte der alte Kutscher sie mit der Peitsche. Svend nahm die Mütze ab, und das junge Mädchen, das ihn die ganze Zeit mit sehr blauen, sehr großen und erstaunten Augen angestarrt hatte, wurde rot, indem sie den Gruß erwiderte. Es war nur eine Sekunde, dann war der Wagen vorbei. Im selben Augenblick aber wußte Svend, daß er diese Augen kannte. Er bekam einen roten Kopf und drehte sich um, um dem Wagen nachzusehen. Das junge Mädchen hatte sich auch nach ihm umgedreht, Als sie aber seinem Blick begegnete, wandte sie sich hastig ab, so daß er nur ihren geraden, etwas breiten, harmonisch geformten Rücken sah, den runden, sonnenverbrannten Nacken und einen schweren, blonden Haarknoten. Bei dem hastig gewechselten Blick, der in einem Lächeln zu enden schien, war es ihm, als habe sie »Svend« geflüstert. Er war gerade im Begriff, »Lisbeth« hinter ihr herzurufen; aber da dachte er an den Alten und Gerda, und er unterließ es. Er fühlte, wie er rot wurde und ging schnell weiter, während ihm ein Schwarm von Kindheitserinnerungen durch den Kopf ging, so daß er den Rest des Weges schweigsam und versonnen zurücklegte. Sie hatten gerade Zeit, das alte Haus von außen zu besehen; – um den Schlüssel zu holen, dazu war ihre Zeit zu knapp, und außerdem – wo lag denn das gekalkte Häuschen des Schützen hinter der Hecke von Flieder und Weißdorn? Er suchte es vergeblich. Vielleicht war es niedergebrannt und von neuem aufgebaut worden, – ob es vielleicht das solide Steinhaus dort auf der anderen Seite des Weges war? Wenige Tage nach diesem Ausflug bekam Svends Großmutter ihren zweiten Schlaganfall. Es gab eine allgemeine Verstörtheit im Hause. Tante Kathrine, die alles selbst tun wollte, konnte keine Gäste mehr im Hause haben, und deshalb kürzten Svend, seine Mutter und Gerda ihren Aufenthalt ab und reisten nach Hause. 9 Während des Ferienbesuches hatte Svends Mutter ihn gebeten, der Konferenzrätin einen Besuch zu machen. Zuerst hatte er es rundweg abgeschlagen. Er fühlte sich durch ihren Brief aufs tiefste gekränkt. An ihr war es, ihm zu erkennen zu geben, daß es nicht so bös gemeint war. Sie hatte während mehrerer Wintermonate in der Stadt gewohnt. Hätte sie nur das geringste Interesse für ihn, ihren Verwandten, der den Namen Byge trug, gehabt, wäre es doch selbstverständlich gewesen, daß sie ihm eine Einladung geschickt hätte. Aber nichts dergleichen war geschehen. Erst als seine Mutter, Gerdas wegen, in ihn drang und ihm vorstellte, welche Vorteile es für die Zukunft seiner Schwester haben könne, wenn die Konferenzrätin sie kennen lernte – erst da ließ er sich überreden, mit Gerda einen Besuch dort zu machen, wenn die Schwester, wie bestimmt, in den Weihnachtsferien zu Tante Amalie in Kopenhagen zu Besuch käme. Die Konferenzrätin wohnte in einer alten Villa in der Vorstadt, die sie nach dem Tode ihres Mannes gekauft hatte. Der Gesellschaftssoldat, den Svend von seinem ersten Besuch her kannte, machte ihnen die Tür auf. Zuerst schien sie ihn nicht wiederzuerkennen; erst nachdem er seine Karte abgegeben hatte, ging es wie ein Erkennen über ihre steifen Züge. Sie öffnete ihre strengen Augen weit, und musterte ihn und seine Schwester. Als sie nach einer geraumen Wartezeit im Entree schließlich hereingelassen wurden, erinnerte Svend sich so lebhaft seines ersten Besuches, daß sein Herz heftig zu klopfen anfing. Die beiden Geschwister standen auf dem Teppich und sahen zu der Chaiselongue hinüber, auf der die Konferenzrätin ausgestreckt lag, mit einer Decke über den Füßen. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie sich erheben, unterließ es aber und streckte die Hand aus. »Bitte treten Sie näher,« sagte sie. Sie näherten sich auf dem Teppich. Svend warf den Kopf in den Nacken; das Blut stieg ihm in die Wangen, er fühlte von neuem ihre mißtrauische Kälte, erinnerte sich ihres demütigenden Briefes und bereute heftig, daß er sich zu diesem Besuch hatte überreden lassen. Die braunen, stechenden Augen waren forschend auf sein Gesicht gerichtet, als erwarte sie eine Erklärung. Er mußte ja etwas sagen, und schließlich faßte er sich soweit, daß er einen Satz hervorbrachte: »Mutter hat mich gebeten, Ihnen einen Gruß zu überbringen, Frau Konferenzrat, und – und –« Wie war diese Situation demütigend! – Hier stand er und zeigte seine Schwester vor, damit Ihre Gnaden auch für diesen unwürdigen Sprößling Interesse fassen sollte. Dazu waren sie beide wirklich zu gut! Da lag sie und betrachtete sie und wartete darauf, wie sie ihre Zudringlichkeit entschuldigen würden. Die braunen Augen waren klug genug, sie hatten die Absicht seiner Mutter sofort durchschaut. Da machte er kurzen Prozeß. Gut! Keine unnötigen Kunststücke mit Heuchelei und lügenhaftem Lächeln und falschen Worten. »Und ich sollte Ihnen meine Schwester Gerda vorstellen,« fügte er kurz hinzu. Eine leichte Röte stieg in die Wangen der Konferenzrätin. Svend sah es gleich. Sie hatte ihn also verstanden. Es schimmerte etwas wie ein Lächeln in den Augen der Konferenzrätin, indem sie Gerda, die verlegen da stand, die Hand reichte. Sie sagte nicht: »Ich freue mich, dich kennen zu lernen!« oder dergleichen. Sie sagte nur: »Wie alt sind Sie denn?« Gerda sagte ihr Alter. Es entstand eine lange Pause, und die Konferenzrätin sah von einem zum andern, als erwarte sie mehr. Auch ihr schien die Situation peinlich zu sein. »Sind Sie bei Ihrem Bruder zu Besuch?« fragte sie, als keines der Geschwister Miene machte, etwas zu sagen. »Nein, ich bin bei Tante Amalie zu Besuch,« sagte Gerda und schlug ihre klaren Augen auf. »Sie sehen sich wohl tüchtig in Kopenhagen um – Museen und Theater und dergleichen. Ihr Bruder kann Sie ja führen.« »Sie kennen die Stadt wohl schon in- und auswendig?« fügte sie zu Svend gewendet, kalt hinzu. Sollte das eine Spitzfindigkeit sein? – Meinte sie vielleicht, daß er nicht genug arbeitete? – Svend hatte nicht das beste Gewissen und war deshalb empfindlich in diesem Punkt. »O ja, ich kenne die Stadt recht gut!« sagte er. Mag sie glauben, was sie will, dachte er und warf den Kopf in den Nacken. Die Konferenzrätin beachtete seine Antwort nicht. Sie wandte sich wieder an Gerda und sagte freundlich: »Ich bin leidend, wie Sie vielleicht wissen. Ich mache keine Gesellschaften mit und sehe keine Gäste bei mir. Einem jungen Mädchen kann ich leider nichts bieten.« Gerda wußte nichts zu antworten und lächelte nur. Es setzte sie in Verlegenheit, daß man wie zu einer Erwachsenen mit ihr sprach. Und als die Konferenzrätin jetzt nickte und die Hand ausstreckte, beeilte sie sich adieu zu sagen. Als Svend mit einer kurzen Verbeugung die kühle, weiße Hand nahm, die auch ihm gereicht wurde, sagte die Konferenzrätin – und ihr Ton war jetzt wieder kalt und formell: »Grüßen Sie Ihre Mutter, wenn Sie schreiben.« Als sie wieder vor der dichten Dornenhecke standen, die die Villa mit ihren toten Fenstern und der kalten Mauer von der Außenwelt abschloß – Svend erschien es wie ein Symbol –, atmeten sie beide erleichtert auf. »Ich schwöre, daß ich keinen Fuß wieder in das Haus des alten Drachens setze!« sagte Svend und schüttelte dies von sich ab. Wenn Svend sich durch die Konferenzrätin gedemütigt fühlte, so wurde er durch die besondere Achtung, die ihm von seinen Studiengenossen bewiesen wurde, entschädigt. Man betrachtete ihn allgemein als Neffen und Pflegesohn des alten Politikers, und seine Gesellschaft wurde von denen, die aus strebsamen Häusern stammten und von Kindheit auf daran gewöhnt waren, sich an einflußreiche Bekannte zu halten, gesucht. Zu Anfang protestierte Svend ärgerlich gegen den »Pflegesohn« und lächelte gutmütig, wenn einer der Kameraden ihn in lustiger Stimmung den »Millionenerben« nannte und ihn daraufhin anpumpen wollte; da man seinen Protest aber für Bescheidenheit hielt oder für berechnende Diplomatie, um sich jedem Anpumpen zu entziehen, so ließ er sie glauben, was sie wollten. Gegen die Geselligkeit konnte er sich nicht wehren. Er war von Natur heiter und lebenslustig, und hatte er zu der einen Balleinladung ja gesagt, konnte er zu der anderen nicht nein sagen. Wenn er dann nach reichlich genossenem Wein heimkehren wollte, führte sein Temperament ihn häufig in abgelegne, schlecht erleuchtete Seitenstraßen zu nächtlichen Abenteuern, die er am nächsten Tage mit einem üblen Nachgeschmack im Munde bitter bereute. Nach und nach kam er in ein richtiges Vergnügungstreiben hinein, das seine Arbeitskraft hemmte und von reuevollen Morgenstunden unterbrochen wurde, wo sein freier Geist, mehr noch als das Pflichtgefühl gegen Onkel Kasper, ihm die heftigsten Vorwürfe machte. Da Svends Mittel keineswegs für die Anforderungen, die die Geselligkeit an ihn stellten, ausreichten, so sah er keinen anderen Ausweg, als seine Finanzen durch Stundengeben aufzubessern. Dank seiner guten Verbindungen bekam er bald so viel Nachhilfestunden, daß seine Einnahmen sich verdoppelten. Aber auch darunter hatten seine Studien zu leiden. Unwillkürlich formten Svends Ansichten sich nach den herrschenden Meinungen in den Kreisen, in denen er verkehrte. Das machte sich ganz von selbst so. Die alten einflußreichen Herren betrachteten den aufmerksam lauschenden jungen Byge mit den großen hellen Augen und dem stolzen Nacken voller Wohlgefallen, ja, sie hielten ihn ihren eigenen Kindern wohl gar als Beispiel vor. Der angeborene Starrsinn, der in Svends Wesen lag – Onkel Kasper mit seiner genauen Kenntnis der schwachen und starken Eigenschaften des Geschlechts, hatte ihn gleich richtig erkannt – wurde jedesmal heftig gereizt, wenn er in den Zeitungen las, wie die radikalen Anschauungen gegen das ererbte politische System Sturm liefen. In seinem Bewußtsein war die ererbte, siegreiche Politik der Vergangenheit mit der Vorstellung von Onkel Kaspers Tätigkeit verwebt. Ein Angriff auf diese Vergangenheit kränkte sein Pietätsgefühl und erschien ihm fast wie eine persönliche Beleidigung gegen seinen Onkel. Kurz gesagt: Svend war, ohne es zu wissen und zu wollen, in das Protokoll der Reaktion eingeschrieben worden. 10 Amalie, eine ältere Kusine seiner Mutter, war eine sehr wohltätige Dame, die mit ihren beiden unverheirateten Töchtern von dem hinterlassenen Vermögen ihres verstorbenen Mannes lebte. Als Gerda während der Weihnachtsferien bei ihr gewesen war, hatte Svend sie näher kennen gelernt und sich das Versprechen abnehmen lassen, sie an einem Mittwochabend, wenn sie ihren Nähverein hatte, an dem sie die Töchter von Verwandten und Bekannten um sich versammelte, zu besuchen. Es wurden für Waisenhauskinder Unterröcke genäht und Strümpfe gestrickt; und um die Weihnachtszeit machte man Geschenke für die private Bescherung des Wohltätigkeitsvereins. Tante Amalie mit den Hängelöckchen war eine sanfte, aber unsagbar energische Dame, die großes Ansehen in den religiösen Wohltätigkeitskreisen der Hauptstadt genoß. Ihre Töchter, die nicht mehr in der ersten Jugendblüte standen und auf die das stille, entsagende Leben nicht gerade verjüngend gewirkt hatte, wurden besonders von solchen Damen aufgesucht, die sich aus irgendeinem Grunde ein gutes Zeugnis zu verschaffen wünschten. So kam man denn hin und wieder dahinter, daß sich ein schwarzes Schaf in die weiße Herde eingeschmuggelt hatte. Dann entfaltete Tante Amalie unter vier Augen ihre sanfte, aber energische Autorität. Das schwarze Schaf verschwand aus dem Mittwochabend-Kreise; und wie in stillschweigender Übereinkunft fragte niemand nach der Fehlenden. Svends Mutter hatte ihn gebeten, Tante Amalie eine Bestellung zu machen; und da er ihr immer noch einen Besuch schuldete, so faßte er einen kurzen Entschluß und ging hin. Das Schicksal und seine Vergeßlichkeit wollten, daß er gerade in einen Mittwochabend hineinplatzte. Das Mädchen, das ihm im Entree beim Ablegen behilflich war, konnte an der überfüllten Garderobe kaum einen Platz für seinen Überzieher finden. Svend sah mit einem hastigen Überblick, daß außer der seinen keine einzige männliche Kopfbedeckung vorhanden war. Verflucht und zugeknöpft! Jetzt aber saß er in der Falle und mußte schleunigst ein freundliches Gesicht aufsetzen. Svend trat in das geräumige, altmodisch möblierte Zimmer, wo Tante Amalie mit der Brille auf der Nase am Tisch saß und vorlas, von einem Schwarm junger handarbeitender Damen umgeben. Tante Amalie war gerührt, da Svend sich ihres Abends erinnert hatte. Und nachdem er die Bestellung seiner Mutter überbracht und einige Fragen nach dem Wohlergehen der Seinen beantwortet hatte, wurde er aufgefordert, das Amt des Vorlesens zu übernehmen. Es wurde auf dem Sofa, an der rechten Seite der Tante Platz gemacht, wo eine junge, schlanke, rotblonde Dame bereitwillig zur Seite rückte, was ein allgemeines Zusammenrücken des ganzen Kreises unter befreiendem Gelächter und Scherzen zur Folge hatte. Als er am Titelblatt sah, was es war, das er vorlesen sollte, eine Übersetzung aus dem Englischen von dem »Leben in der Welt mit besonderem Hinblick auf die schwierige Lage der alleinstehenden Frau«, da konnte er eine plötzliche Lachlust kaum unterdrücken. Da, im selben Augenblick wurde er unterm Tisch angestoßen, ganz wenig, aber deutlich – wie in der Schule. Svend blickte vorsichtig zur Seite, die Rotblonde aber saß mit einem ganz ernsten Gesicht da und nähte an einem Kinderhemdchen. »Nichts ist wohltuender und gleichzeitig vergnüglicher für die weibliche Jugend als sich an langen Winterabenden in gemeinsamer Beschäftigung um den Wohnstubentisch zu versammeln.« Hier konnte Svend es nicht unterlassen, seiner Nachbarin einen kleinen Seitenblick zuzuwerfen. Und richtig. Sie hob den Kopf, um einen Faden durchzubeißen, und dabei begegnete er einem dunklen Blick, der von verborgener Lustigkeit blitzte, während die weißen Zähne ihn anlachten, indem sie zubissen. »Sie amüsieren sich wohl ordentlich heute abend,« sagte der Blick. Von jetzt ab bereute er es nicht mehr, daß er zu Tante Amalie gekommen war, und jedesmal wenn er glücklich eine besonders schwülstige Stelle hinter sich hatte, blickten sie sich verstohlen an und amüsierten sich köstlich. Bevor er mit dem Pensum zu Ende war, das Tante Amalie für den Abend bestimmt hatte, hatte Svend sich einen neuen und noch dazu einen weiblichen Kameraden gewonnen. Beim Abendbrot saßen sie sich gegenüber, und den Rest des Abends, während von mehreren verlegenen jungen Mädchen gesungen und gespielt wurde, lächelten sie sich jedesmal, wenn ihre Augen sich trafen, verstohlen zu. Es war, als hätten sie sich schon lange gekannt; und Svend überlegte, wie er es einrichten könne, sie nach Hause zu begleiten, damit sie sich ordentlich aussprechen und ihrer Heiterkeit die Zügel schießen lassen könnten. Sie war sicherlich voller Humor. Als man schließlich aufbrach und die Damen im Entree ihre Mäntel anzogen, sagte die Rotblonde zu Tante Amalie, die mit übereinandergelegten Händen mütterlich in der Tür stand und sich angelegentlich erkundigte, wie jede einzelne nach Hause käme: »Ich kann nicht begreifen, wo mein Mädchen bleibt. Ich habe ihr gesagt, daß sie mich um elf Uhr abholen soll, und jetzt ist es schon halb zwölf.« Svend erbot sich eilfertig, sie nach Hause zu begleiten. Die junge Dame dankte, ohne ihn anzusehen; und Tante Amalie freute sich über ihren artigen Neffen, der ihnen allen solch vergnügten Abend bereitet hatte. Kaum hatten sie sich von dem übrigen Schwarm getrennt, der sich nach den verschiedenen Straßenbahnen hin verteilte, als sie rasch ausschreitend und den Kopf vor dem Wind neigend, in ein klingendes Gelächter ausbrach: »Wie ist es nur möglich, daß ein Mensch so viel Vergnügen auf einmal vertragen kann?« Er kam so ins Lachen, daß er stehen bleiben mußte, um Luft zu bekommen. Sie stand dicht vor ihm und genoß sein Lachen, während sie ihn mit ihren strahlenden, klugen und munteren Augen betrachtete. »Wie können Sie das so Mittwoch für Mittwoch aushalten, gnädiges Fräulein?« fragte er schließlich. »Oder sind Sie nur hin und wieder da?« »Ich bin jeden Mittwoch da, den Gott geschaffen hat. Im übrigen bin ich nicht Fräulein, sondern Frau.« Svend war ganz verblüfft. »Entschuldigen Sie, ich konnte unmöglich alle Namen behalten. Wie hießen Sie doch noch?« »Agnete Grönvold!« »Ich dachte übrigens, daß Tante Amaliens Versammlungen nur für unverheiratete Frauen da seien, für solche, die für das Leben in der Welt ausgebildet werden sollen.« Sie bedachte sich eine Weile, bevor sie antwortete. Dann sagte sie schnell: »Das sind sie eigentlich auch. Mit mir hat das aber so eine eigene Bewandtnis. Davon will ich Ihnen ein andermal erzählen.« Es freute ihn, daß sie ohne weiteres davon ausging, daß sie sich häufiger sehen würden. »Ich bin nämlich geschieden, will ich Ihnen sagen,« fügte sie hinzu, ohne ihn anzusehen. »Aber ich bin mit Anna und Marie zusammen zur Schule gegangen, und da mein Mann die ganze Schuld hatte« – sie sagte es ganz freimütig – »so bin ich in Tante Amaliens Augen eine Märtyrerin und genieße ihre ganz besondere Sympathie. Ich sitze immer bei ihr im Sofa und langweile mich unbeschreiblich. Sie ist im Grund ein guter Mensch, und ich möchte sie ungern kränken.« Sie blieb plötzlich stehen und blickte ihn ernst mit ihrem dunklen Blick an. »Sie wissen nicht, wie dumm es ist, so jung zu heiraten. Und Sie müssen nicht glauben, daß ich mich unglücklich fühle, weil ich geschieden bin. Im Gegenteil! – Jetzt bin ich erst recht frei, viel freier als vorher und will mich ordentlich amüsieren.« Svend wußte nicht, was er antworten sollte. In den Kreisen, in denen er sich bis jetzt bewegt hatte, war ihm noch nie in so kurzer Zeit ein so offenes und ehrliches Vertrauen von einer Dame entgegengebracht worden. Es rührte ihn tief; er hätte sie auf offener Straße dafür umarmen mögen; aber er fand keine Worte. Sie mißverstand sein Schweigen und warf den Kopf in den Nacken. »Sie finden gewiß, daß ich eine komische Pflanze bin – so offenherzig, nicht? – Gleich beim ersten Zusammensein.« »Nein!« versicherte er. »Doch, doch! – Aber das kommt vom Pensionatsleben, da ist der Ton so offen und natürlich. Es ist mir zur Gewohnheit geworden, so frei heraus zu sprechen. Aber ich glaube wohl, daß ich häufig bei den Alten Anstoß errege. Na – da pfeife ich drauf.« »Wenn doch alle wie Sie wären!« sagte er aufrichtig und ging unwillkürlich ganz nahe an sie heran. Sie blickte hastig von der Seite zu ihm auf, als sähe sie ihn plötzlich in einem anderen Licht. »O, Sie wissen nicht, wie amüsant es in meinem Pensionat ist!« sagte sie, »wo wohnen Sie denn?« Er sagte es ihr. Dann wollte sie Näheres über seine Lebensweise wissen, und sie lachte, als er ihr erzählte, daß er sich Frühstück und Abendbrot selbst besorgte. »Nein, daß Sie dazu Lust haben! Weshalb wohnen Sie nicht in einem Pensionat?« Plötzlich wandte sie sich ihm wieder ganz zu und sah ihm in die Augen. »Wissen Sie was? Bei uns ist ein Zimmer frei. Das sollten Sie nehmen. Ich glaube, es wird Ihnen in unserem Kreis gefallen.« Svend wurde es ganz heiß. Sein Herz klopfte stark; fast hätte er sofort zugeschlagen. Im nächsten Augenblick aber fand er doch, daß noch mancherlei zu überlegen sei; er war es nicht gewöhnt, so Hals über Kopf Beschlüsse zu fassen. Er erkundigte sich vorsichtig nach dem Preise und machte einen schnellen Überschlag im Kopf. Na, das Ökonomische würde er schon einrichten. Die Lage war auch gut. Und die Gesellschaft – ach, sie war so heiter und natürlich und so wundervoll frei. Es schien sich ihm ein ganz neuer Horizont von Jugend und Schönheit zu öffnen. Als sie ihre Haustür erreicht hatten, sah er zum Haus hinauf und stellte es sich bereits als sein künftiges Heim vor. Sie reichte ihm ihre kleine unbefangene Hand mit einem festen Druck, sah ihm mit einem munteren Blick in die Augen, und sagte: »Na, Herr Studiosus, wollen Sie – oder wollen Sie nicht?« »Ich will!« sagte er fest und drückte die Hand, die noch in seiner lag. »Morgen melde ich mich bei Frau Severine Jensen –, hieß sie nicht so? – und miete auf Ihre Verantwortung hin.« Sie zog plötzlich bedenklich ihre Hand zurück. »Nein, ich übernehme keine Verantwortung. Ich weiß ja nicht, wie verwöhnt Sie sind. Und Pensionskost ist immer Pensionskost, wie Sie wohl wissen.« »Auf Ihre Verantwortung!« wiederholte er lächelnd. »Schlagen Sie ein?« »Also gut! – Sie sind wohl nicht verwöhnter als wir anderen!« 11 Die Witwe Severine Jensen war eine kugelrunde, gutmütige Dame aus der Provinz. Sie verdiente Miete und Kost für sich und ihren siebzehnjährigen Sohn, der Lehrling war, indem sie Pensionäre hielt. Der Mann war Beamter gewesen und hatte ihr nichts weiter als die spärliche Witwenpension und dann den Jungen hinterlassen. Frau Jensen trug meistens ein bekümmertes Gesicht zur Schau und sprach immer vom Geld und Preisen. Nur wenn sie im Kreise ihrer jungen Pensionäre saß und zu einer extra Tasse Kaffee eingeladen war, die Agnete Grönvold von eigenen Kaffeebohnen braute, dann taute sie schnell auf und war bald die Heiterste von allen. Wenn sie am Abend ihren Sohn zu Bett geschickt hatte, den sie mit mütterlicher Strenge erzog, kam es vor, daß sie kleine gewagte Geschichten aus ihrem Provinzleben zum besten gab, von den heimlichen Umtrieben der Garnisonleutnants und von anderen Dingen, wobei sie mit einem Seitenblick auf Agnete, die augenblicklich die einzige Dame im Pensionat war, prüfte, wie weit sie in ihrem Bestreben, die jungen Leute zu amüsieren, wohl gehen könne. Svend machte einen sehr günstigen Eindruck auf Frau Jensen. Das Zimmer wurde besehen – es war geräumig und lag nach der Straße hinaus. Einige überflüssige Möbel wurden entfernt und ein wackliger Schreibtisch an ihre Stelle gesetzt. Der Preis wurde vereinbart – er wurde sogar etwas herabgesetzt, als Svend eine bedenkliche Miene machte, und die Sache war in weniger als zehn Minuten geordnet. Svend konnte gleich einziehen. So viel Interesse hatte Svend für die neue Bekanntschaft des Abends gefaßt, an die er die ganze Nacht hatte denken müssen, daß er den halben Monat, den er schon für sein Dachstübchen bezahlt hatte, fahren ließ. Svend hatte Agnete nicht zu Gesicht bekommen, als er mit Frau Jensen verhandelte; und er hatte nicht nach ihr fragen wollen, um sie nicht in ein falsches Licht zu bringen, obgleich er vor Neugierde brannte. Als er aber nach einigen Stunden mit einem Dienstmann, der sein ganzes Hab und Gut auf einer Karre brachte, zurückkehrte, erzählte Frau Jensen unaufgefordert, daß er eine entzückende junge Dame als Nachbarin habe, die mit einem schlechten Menschen verheiratet gewesen, jetzt aber, Gott sei Dank, geschieden sei. »Es geht überhaupt so gemütlich und lustig bei uns zu,« fügte sie hinzu, indem sie ihre Schürze in anständige Falten strich. Erst beim Mittagessen traf er Frau Agnete. Sie saß zwischen einem dunkelhaarigen, flotten, Kneifer tragenden Herrn – stud. med. Graulund – und einem kleinen, schmalschultrigen, blassen, glattrasierten Jüngling, der sehr nervös war; beim geringsten Geräusch zuckte es über seinen feingezeichneten Augenbrauen. Das war der »Philosoph«, wie Frau Agnete ihn getauft hatte, Franz Erichsen, angehender Philologe und Politiker. Dann war da noch ein theologischer Kandidat und ein Assistent im Ministerium. Svend bekam seinen Platz Agnete gegenüber angewiesen. Sie war heute in einem einfachen Tuchkleid, das ihre runden Schultern und die feste Brust stramm umschloß. Während des Essens war sie viel zurückhaltender gegen Svend als am vorhergehenden Abend; und Svend hätte glauben können, daß sie ihre Offenherzigkeit bereits bereue, wenn nicht hin und wieder ein verstohlener Blick in den dunklen Augen ihr Interesse verraten hätte. Nachdem die Herren ihn eine Weile unter zurückhaltendem Schweigen betrachtet und zu ergründen versucht hatten, welcher Art die Bekanntschaft zwischen ihm und Agnete sei, forderte die Jugend ihr Recht. Unter Necken und Scherzen wurde dem neuen Mann mit der stolzen Haltung, dem blonden, hochgekämmten Haar und den großen jugendlichen Augen auf den Zahn gefühlt; er gab schnell und keck Bescheid, so daß der Kontakt bald zustande kam. Als man sich nach beendigter Mahlzeit erhob, wurde er mit den anderen auf Graulunds Zimmer gebeten, wo es zur Feier des Tages einen Kognak zum Kaffee gab. Agnete war jetzt munter und ungeniert, ganz wie gestern abend. Sie saß auf dem Sofa, rauchte Zigaretten und trank Kognak. Es war ein richtiges radikales Nest, in das Svend hereingeplumpst war. Sowohl Graulund wie der Philosoph betrachteten es als eine selbstverständliche Pflicht, jeder Parole, die von dem Generalkommando des heimatlichen Radikalismus ausging, zu folgen, ebenso wie mehrere von Svends Kameraden aus den reaktionären Kreisen es als eine Ehrensache ansahen, sich jede neue Weste, die ihr erstklassiger Schneider ihnen vorlegte, anzuschaffen. Sie hatten einen wachen und kritischen Blick für die Schwächen ihrer Mitmenschen, die beim Kaffee mit beißendem Witz verhandelt wurden. Wenn sie aber auch über die führenden Personen herzogen, und über Eitelkeit, Kleinlichkeit und gegenseitigen Brotneid spöttelten – die Dogmen verhöhnten sie nicht, auf die müsse man schwören, wenn man nicht für einen Obskuranten, Ignoranten oder Reaktionär gehalten werden wollte. Zu Anfang verteidigte Svend seine Ansichten; er verfocht politischen Konservatismus, den Dreiklang in der Kunst: die begründete Harmonie des Guten, des Schönen und des Wahren, und was der Konstruktionen mehr waren, deren Gründlichkeit er nie persönlich untersucht, sondern als Überlieferung auf Treu und Glauben hingenommen hatte. Svends Konservatismus erweckte eine ungeheure Heiterkeit, einen sprudelnden Hohn, besonders bei dem Philosophen, der hinter seinem schmächtigen Äußeren eine spitze und blitzende Intelligenz verbarg. Svend schämte sich, in diesen Scharmützeln hinter seiner Zeit zurückzustehen; was den allmählichen Umschlag in seinem Gemüt aber mehr als alles andere beschleunigte, war der lebhafte Anteil, den Agnete an den Diskussionen nahm und ihre unbedingte Parteinahme für die Ansichten der anderen. Oft wenn er sie eifrig und mit rotem Kopf auf seine Seite zu ziehen versuchte, begegnete ihm ein ärgerlicher Blick aus ihren dunklen Augen, der ohne Umschweife ganz weiblich sagte: »Tun Sie doch nicht so alt und vernünftig! – Wenn man jung ist, muß man auch auf Seite der Jugend sein. Dort gehöre ich hin. Dort gibt es Freiheit und Lebensfreude; und wollen Sie mir gefallen, dann müssen Sie jung, das heißt radikal wie wir anderen sein.«   Svend hatte noch keine vierzehn Tage bei Frau Severine Jensen gewohnt, als er bis über beide Ohren in Agnete Grönvold verliebt war. Wenn er in seinem Zimmer saß, lauschte er auf ihre Schritte. Sein Herz klopfte heftig, wenn er sie des Abends zu Bett gehen hörte. Er erwartete sie, wenn sie in Gesellschaft gewesen war, um das Vergnügen zu haben, ihr die Tür aufzuschließen und ihre Augen strahlend auf sich gerichtet zu sehen, während sie ihm kameradschaftlich die Hand drückte. Er vermied seine frühere Geselligkeit, um immer in ihrer Nähe zu sein und keine der gemeinsamen Mahlzeiten zu versäumen. Nur wenn er wußte, daß sie nicht zu Hause war, ging er aus. Und doch war etwas in ihrem Wesen, das ihn im tiefsten Innern abstieß. Er wußte nicht, was es war, leugnete es vor sich selbst, und das Bemühen, es zu betäuben, machte das Verlangen nach ihr nur noch heftiger. Lange schien sein Werben hoffnungslos zu sein. Wenn er ehrlich sein wollte, konnte er sich keiner Bevorzugung in ihrer Gunst vor den anderen rühmen. Eher schien es, als zöge sie Graulund vor, den sie am längsten gekannt hatte und dessen keckes, schlagfertiges Wesen sie oft ausgelassen heiter machte. Eines Tages in der Dämmerung war es so still in ihrem Zimmer, daß er glaubte, sie sei ausgegangen. Als er von dem Gedanken an sie erfüllt im Zimmer hin und her schritt und vielleicht ihren Namen laut vor sich hin gesagt hatte – da klopfte es an seine Tür und sie stand im Halbdunkel plötzlich vor ihm. Die Hand auf dem Drücker, bat sie ihn um ein Buch, von dem er gesprochen hatte. Sein Herz schlug heftig in einer unerklärlichen Angst und einem unerklärlichen Jubel. Mit zwei Schritten war er an ihrer Seite. Er hatte keine Zeit, ihre Frage zu beantworten; denn indem er auf sie zuging und ihre glühenden Wangen sah – als er ihrem Blick begegnete, der glänzender war als sonst und doch so seltsam fern und dunkel, da war mit einem Mal jeder Gedanke aus seinem Gehirn wie fortgeblasen. Er wußte später nicht, wie es zugegangen war; aber im nächsten Augenblick lagen seine Arme ihr um Taille und Nacken. Mit geschlossenen Augen, deren Lider in Selbstvergessenheit zitterten, preßte sie ihren heißen Mund so voll und fest auf seinen, daß es war, als hinge sie mit ihrem ganzen Körper an seinen Lippen. Sie wurden durch ein Geräusch an der Flurtür geweckt und verstanden beide, daß es Frau Jensen sei, die nach Hause kam, um das Abendessen herzurichten. Er zog sie hastig tiefer ins Zimmer hinein und schloß die Tür ab. Dann vergaßen sie Mund auf Mund Zeit und Stunde. Svend hatte nur geringe Erfahrung in erotischen Dingen; was er wußte, verdankte er nächtlichen Abenteuern, deren er sich Tags darauf schämte. Darum kam dieser erste, echte Liebeskuß wie eine Offenbarung zu ihm. Er berührte den Naturboden in ihm, er fühlte sich plötzlich viel erwachsener und trotzdem so froh wie ein Kind. Alle wohlbekannten Dinge um ihn her wurden plötzlich viel wirklicher, viel persönlicher. Da sie älter war als er, und die aus der Ehe Erfahrene, so führte ihr Verhältnis gleich zu voller Hingabe. Schon am nächsten Abend, als er bebend wach lag und auf ihre Atemzüge hinter der Tür, die sie trennte, horchte, da hörte er, nachdem jeder Laut im Hause verstummt war, ein leises Klirren am Schlüsselloch. Ein Schlüssel wurde vorsichtig ins Schloß gesteckt und umgedreht; die Tür wurde langsam geöffnet und im Halbdunkel stand sie in ihrem langen, weißen Nachthemd da. Jubelnd und berauscht streckte er die Arme nach ihr aus, doch wagte er es nicht, ihren Namen zu rufen. Sie nahm sich noch die Zeit, die Tür sorgsam zu schließen und die Portiere, die sie verdeckte, zurechtzuziehen, dann schlüpfte sie zu ihm über den Teppich. 12 Es war eine selige Zeit, die jetzt folgte. Agnete verstand es, die anderen mit völliger Selbstbeherrschung über ihr Verhältnis zu täuschen, während Svend sich häufig mit gespielter Verdrossenheit waffnen mußte, als hätte sie ihn gekränkt, um sich bei den Mahlzeiten nicht zu verraten. Ihre Selbstbeherrschung erweckte neben seiner Bewunderung ein peinliches Nachdenken in ihm über die Erfahrungen, die sie bereits in heimlicher Liebe gemacht zu haben schien. Sie sprach nur selten und ungern über das Verhältnis zu ihrem geschiedenen Mann. Svend hatte aus gelegentlichen Äußerungen entnommen, daß sie außer ihrem Mann noch einem anderen sehr nahe gestanden hatte. Er fand es undelikat zu fragen; aber er wünschte sehnlichst, daß sie ihm eines Tages alles ohne Vorbehalt erzählen würde. Agnete lebte dem Augenblick. Unbekümmert um Vergangenheit und Zukunft gab sie ihm, was ein Augenblick enthalten konnte, und verlangte dasselbe von ihm. Wenn er von der Zukunft zu sprechen begann, lachte sie ihn aus und küßte ihm die Worte von den Lippen. Wozu all dieser Ernst? – Konnten sie sich nicht ohne Überlegung wie zwei junge lebensfrohe und gesunde Menschen zusammen amüsieren? Eines Tages sagte sie im Scherz zu ihm, daß er es seinem Zimmer zu verdanken habe, daß sie so schnell die seine geworden sei. Denn solch verlockender Gelegenheit, sich ungehört und ungesehen zu jeder Tageszeit zueinander zu schleichen, könne kein warmblütiger junger Mensch widerstehen. Diese Worte mißfielen ihm sehr. Wenn er nun auszöge und ein anderer sein Zimmer bekäme, würde sie dann denselben heimlichen Weg gehen? Sie sagte neckend: »Ja, warum nicht?« Er kehrte ihr den Rücken und trommelte irritiert gegen die Fensterscheibe. Sie ging zu ihm, faßte ihn von hinten um den Kopf und sagte weich: »Du mußt doch Scherz verstehen!« Da trafen sich ihre Blicke warm und voll, und ihre Lippen suchten sich hastig.   Diese Liebesmonate bewirkten nicht nur in Svends Lebensweise, sondern auch in seinen Anschauungen eine durchgreifende Veränderung. Er wurde, wie Agnete es wollte, radikal mit den Radikalen, jung mit den Jungen. Wenn er bisher mit der älteren Generation gegangen war, zu ihrer Lebensanschauung geschworen hatte, so verstand er jetzt, daß es nicht nur aus einer kritiklosen Anerkennung des Althergebrachten geschehen war, sondern weil er unwillkürlich den Geist des Milieus eingesogen hatte, in dem er verkehrte, so wie die dünne Zellenhaut der Pflanze den Saft ihres Erdreichs trinkt. Er lachte höhnisch über sich selbst, wenn er daran dachte, wie er sich übermütig als freier Geist gefühlt hatte, der nur durch das Versprechen an Onkel Kasper gebunden war, während er in Wahrheit selbst noch gar nicht denken, noch nicht persönlich urteilen gelernt hatte. Das erkannte er jetzt klar und deutlich. Etwas aber quälte ihn nach seiner Freimachung, wie er es nannte, und das war das Gefühl, daß er denen zu Hause, seiner Mutter und Gerda, noch mehr entfremdet worden war als früher. Das zeigte sich, als er in den Weihnachtsferien zu Hause war, so daß er seine Meinungen auf religiösem und moralischem Gebiet gar nicht zu äußern wagte und seinen Aufenthalt unter dem Vorwand, arbeiten zu müssen, abkürzte und nach Kopenhagen zurückeilte. Noch lange nachher erinnerte er sich des Blickes, den seine Mutter ihm zuwarf, als er schon im Kupee stand und sich abschiednehmend zu ihr und Gerda hinausbeugte – eines betrübten, verstehenden Blickes, der besser als Worte sagte, daß sie wisse, sie habe ihn verloren, aber hoffe, daß er doch noch ein guter Mensch sei. Er fühlte, wie das Blut ihm unter diesem Blick in die Wangen stieg, und im Bedürfnis nach einer Zuflucht suchten seine Gedanken Agnete, die er während seines ganzen Aufenthalts mit keinem Wort erwähnt hatte. Als der Zug sich in Bewegung setzte und die beiden Menschen, die ihm so teuer waren, immer kleiner und undeutlicher wurden, mußte er bitter erkennen, daß es ihm eine unsägliche Erleichterung war, seinem Kindheitsheim den Rücken zu kehren. Er hatte ja während all dieser Tage seiner Mutter nicht gerade in die Augen sehen können – ganz wie in seinen Knabenjahren, wenn er etwas auf dem Gewissen hatte. Er wußte ja, wie sie sein Verhältnis zu Agnete beurteilen würde. Das Bitterste aber war, daß das, worüber er sich nach Ansicht seiner Mutter schämen mußte, ihm das Glücklichste schien, was er bis jetzt erlebt hatte. Es war schon lange bestimmt gewesen, daß Frau Severine Jensens Pensionäre einen Landausflug machen wollten, wenn der Sommer ins Land käme. Als nun der Wahltag das so sehnsüchtig erwartete Resultat brachte, indem die Linke und die Radikalen in Kopenhagen siegten, lag es nah, diese politische Freimachung zu feiern. Springen, Goldregen und Schneebälle standen in voller Blüte, als Agnete, Graulund, der Philosoph und Svend in einem Zweispänner nach Skodsburg fuhren, um dort zu dinieren. Das Wetter war strahlend, aller Lebensgefühl war aufs höchste gespannt, und Svend, der Agnete gegenüber saß, konnte seine Gefühle nur mit Mühe im Zaum halten. – Er meinte, daß alle ihr Glück lesen müßten, und es war nur auf ihr ausdrückliches Verlangen, daß ihr Verhältnis im Pensionat geheim gehalten wurde. Svend war betrübt, daß sie noch immer nichts von Verlobung hören wollte. Das Wort irritierte sie geradezu. Sie sagte, daß sie von offizieller Liebe seinerzeit übergenug bekommen habe. Das Heimliche in ihrem Verhältnis, das zuerst eine Anziehung mehr gewesen war, fing an ihn zu ermüden und zu quälen. Teils erforderte es so viel langweilige Ausflüchte, teils meinte er, daß ihnen ein gegenseitiges Recht aneinander zukäme, das von anderen nicht respektiert werden konnte, solange ihr Verhältnis geheim gehalten wurde. So konnte ihm diese Liebe, die ihn zuerst so beglückt hatte, bisweilen Eifersucht und Qual bereiten. Nachdem sie im Kurhotel zu Mittag gegessen hatten, gingen sie nach der Konzerthalle am Strande, um Kaffee zu trinken. Als sie bei Kaffee und Likören saßen und über die blanke Fläche des Sundes blickten, wo Kutter mit schlaffen, weißen Segeln unbeweglich in dem windstillen Nachmittage vor Anker lagen, wurde Svend durch eine bekannte Stimme aus seinen Glücksträumen gerissen. Er drehte hastig den Kopf. Ja, richtig, es war Tante Amalie, von einem Schwarm hellgekleideter junger Mädchen umgeben. Sein Blick suchte Agnete. Auch sie hatte den Kopf bei dem Klang der Stimme gewandt und sah ihm mit komischem Entsetzen in die Augen. »Das fehlte gerade!« flüsterte sie. Das Schicksal hatte es gewollt, daß Tante Amalie, die jedes Jahr mit den Treuen ihres Nähvereins einen Ausflug machte, gerade diesen Tag gewählt hatte. Daß Agnete sich an öffentlicher Stelle allein zwischen Herren befand, von denen notorisch keiner ihr Mann, Bruder oder Vater war, das war in Tante Amaliens Augen schon ein bedenklicher Fall. Daß sie die Füße flott auf einen anderen Stuhl gelegt hatte und eine Zigarette rauchte, das war mindestens skandalös, daß aber der eine ihrer Begleiter, der mit dem Kneifer auf der Nase, der anscheinend nicht ganz nüchtern war, ihre jungen Mädchen mit frechen Blicken musterte, das war unerhört. Ihre erste Eingebung war, mit Rücksicht auf die junge, ihr anvertraute Schar, die skandalöse Gesellschaft zu schneiden und Agnete später ganz still aus dem Nähverein auszumerzen. Agnete aber, die sich bereits in die Situation hineingefunden hatte, sagte in einem erfreuten Ton, indem sie ihre Füße vom Stuhl nahm: »Sehen Sie nur, Herr Byge, da ist Ihre Tante mit dem Nähverein!« Und darauf nickte sie Tante Amalie und der Schar freundlich zu. Svend war vom Stuhl aufgesprungen und grüßte schweigend, ohne die Damen anzusehen, während Herr Graulund, der sich köstlich amüsierte, sitzen blieb und gemütlich an den Hut griff. »Unerhört!« murmelte Tante Amalie so laut, daß alle es hören mußten. Dann machte sie demonstrativ kehrt und schüttelte zornig ihre grauen Hängelöckchen, während Graulund laut auflachte. »So! Nun bin ich abgetan!« sagte Agnete mit einem Lächeln, »und wenn eines aus der Schafherde so naiv sein sollte, am Mittwoch meinen Namen zu nennen, wird Totenstille im Zimmer herrschen. Eigentlich bin ich ganz froh darüber, denn ich mag nicht, daß Leute mich für etwas anderes halten als ich bin. Und gegen Tante Amalie bin ich nicht ehrlich gewesen.« Svend dachte daran, daß der Bericht von dem unglückseligen Begegnis weitergehen würde; es quälte ihn, daß seine Mutter Kummer dadurch haben sollte. Er schlug vor, den Wagen ein Stück vorausfahren zu lassen, um Tante Amalie, die natürlich mit ihrer Schar in einer dritten Klasse gekommen war, nicht von neuem zu schokieren. Agnete aber warf den Kopf in den Nacken und sandte ihm einen mißbilligenden Blick aus ihren dunklen Augen zu: »Weshalb? Was ist denn dabei, wenn sie uns in einem Zweispänner sieht. Sie soll ihn ja nicht bezahlen. Man muß für sich selbst und seine Vergnügungen einstehen können.« Svend wollte ihr nicht widersprechen. Es war ja nicht Tante Amaliens wegen – was kümmerte die ihn –, mochte sie ihn im Extrazug sehen, wenn es sein mußte – nein, er dachte an seine Mutter und an ihren genügsamen Sinn, wenn sie Tante Amaliens entrüsteten Brief bekam, den er sich lebhaft vorstellen konnte. So wanderte man denn im Triumph zum Hotel zurück, und richtig, dicht neben der Anfahrt saß die weiße Schar um einen Tisch beim Kaffee. Als sie im Landauer Platz genommen hatten, sah Agnete, wie sämtliche Mitglieder des Nähvereins die Hälse reckten. Und in plötzlicher Ausgelassenheit winkte sie ihnen mit ihrem Taschentuch zu.   Als man Klampenborg erreicht hatte, wurde der Wagen nach Hause geschickt, und sie machten einen Spaziergang durch den Wald zum »Hügel«, wo an Sommerabenden Volksbelustigungen stattfanden. Das stille warme Wetter hatte die Kopenhagener in Scharen ins Freie gelockt. Es war ein Quietschen von Blasinstrumenten, ein Schreien und Kreischen von fröhlichen Stimmen, daß einem die Ohren gellten. Agnete, die es liebte, sich zwischen Leuten aus dem Volke zu bewegen, strahlte von lebendiger, mitfühlender Freude. Ihre ganze Seele lag in ihren großen, glänzenden Augen. Auch Svend hatte den Zwischenfall mit Tante Amalie überwunden; aber er fühlte sich nicht recht wohl in der Wärme und wurde mehrere Male von einem plötzlichen Stechen befallen, das ihm wie ein scharfes Messer durch die Seite jagte. Sie waren in den Sängerinnen-Kneipen, wo man noch nach alter Sitte mit dem Teller herumging. Das war der einzige Ort, wo Agnete sich trotz aller Neugierde nicht amüsierte. »Nein, das ist zu jämmerlich!« sagte sie schaudernd, »die armen Wesen!« Graulund wollte die Sängerinnen absolut mit einer Runde schwedischem Punsch traktieren. Als die anderen ihn daran hindern wollten, begehrte er auf, und sie wurden zum Gegenstand peinlicher Aufmerksamkeit. Svend zog Agnete eiligst mit sich hinaus, während der Philosoph versprach, sich Graulunds anzunehmen. Als Svend und Agnete draußen waren, wurden sie sofort von der Menge mitgerissen und so von den anderen getrennt. Sie wollten am liebsten allein sein. Agnete klammerte sich blaß an Svend, die Kehrseite des menschlichen Vergnügens hatte ihr ans Herz gegriffen und eine plötzliche bittere Vorstellung, wozu das Leben führen konnte, in ihr erweckt. Sie wollte fort von dem unleidlichen Lärm, der ihr in den Ohren schmerzte und eine nervöse Falte in ihre Stirn grub. Erst als sie wieder Bäume über ihren Köpfen fühlten, das sanfte Rauschen hoch oben hörten, während der Lärm aus der Ferne harmonisch durch seine Fernheit zu ihnen drang, als sie die leichte, kühle Nachtluft einatmeten, erst da atmete sie wieder auf. Sie blieb stehen, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heftig, ohne zu verraten, was sie im Innersten bewegte. Es war, als mache eine Angst sich in ihren Küssen Luft, als suche sie Schutz gegen etwas, wofür weder sie noch er Worte hatten. Er behielt sie lange in seinen Armen. Keiner von ihnen sprach; sie blieben im Walde, bis es oben zwischen den Baumkronen zu dämmern begann. Dann eilten sie in seliger Ermüdung nach Hause. 13 Svend hatte nur einige Stunden geschlafen, als er von einem furchtbaren Schmerz in der rechten Seite erwachte; im selben Augenblick erinnerte er sich der Stiche am vorhergehenden Abend, denen er keine weitere Beachtung geschenkt hatte. Jetzt packte der Schmerz ihn mit solcher Heftigkeit, daß er ihm den Atem benahm und ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Gewiß war er krank. Schließlich nahmen die Schmerzen so überhand, daß er laut stöhnte. Agnete erwachte von dem Laut und suchte sich verwirrt Klarheit darüber zu verschaffen. Plötzlich begriff sie, daß das Stöhnen aus Svends Zimmer kam, daß ihr Freund es war, der verzweifelt und qualvoll stöhnte. Sofort stand sie auf – es war schon heller Tag, die Uhr zeigte fünf –, öffnete die Verbindungstür und ging zu ihm hinein. Sie wurde von Angst ergriffen, als sie ihn mit hochgezogenen Knien und schweißgebadetem Gesicht daliegen sah. Sie beugte sich über ihn und drückte ihm sanft die Hand. »Was fehlt dir, Svend?« fragte sie. »Oh, ich vergehe vor Schmerzen!« brachte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. Agnete besann sich einen Augenblick, dann ging sie wieder in ihr Zimmer, kleidete sich notdürftig an und klopfte an Graulunds Tür. Als niemand antwortete, öffnete sie die Tür, das Zimmer aber war leer und das Bett unberührt. Er und der Philosoph waren also noch nicht nach Hause gekommen. Dann weckte sie Frau Jensen, die nach einiger Mühe begriff, daß Herr Byge krank geworden sei. Während Frau Jensen ihren Sohn weckte, damit er einen Arzt holen sollte, eilte Agnete wieder zu Svend hinein, der jetzt in Fieberbetäubung stöhnend dalag. Sie beugte sich über den Kranken, lauschte auf seine Atemzüge und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Sie weinte vor Mitgefühl. Es verging eine halbe Stunde, in welcher es auf der Straße lebendig wurde. Milchwagen rasselten, schwere Rolljalousien wurden vor den Läden aufgezogen, ein Hund bellte nach wiedergewonnener Freiheit, ein Hausknecht pfiff den neuesten Gassenhauer. Da erklangen hastige Schritte auf der Treppe. Es war der herbeigerufene Arzt. In Angst und Spannung erwartete Agnete in ihrem Zimmer das Resultat der ärztlichen Untersuchung. Und während sie in ihrer Unruhe im Zimmer auf und ab ging, machte sie sich allerhand Gedanken. Hatte sie vielleicht Schuld an seiner Krankheit? Sie kannte ihre eigene starke Lebenslust. Sie dachte an die Grundverschiedenheit ihrer Charaktere, und wie häufig sie sich darüber gewundert hatte, daß etwas, das für sie nur den Augenblick füllte, für ihn zu einem Erlebnis wurde, das seine Wirkungen weit über den Augenblick hinauserstreckte. Stand seine Krankheit vielleicht mit dieser Selbstquälerei in Verbindung? Schließlich hörte sie, daß der Arzt fertig war, sie dachte nicht daran, ihr Interesse zu verbergen. Sie lief in den Korridor hinaus und ließ sich Bescheid geben, während der Arzt fragend von ihr zu Frau Jensen sah, die sich bescheiden in der Küche zurückhielt. Es war eine Unterleibsentzündung. »Ist es ernst?« fragte sie und griff sich an den Kopf. »Ja,« sagte der Arzt, »hier kann er nicht bleiben. Vielleicht wird eine Operation notwendig – und außerdem muß er sorgfältige Pflege haben.« Agnete war im Begriff ihm zu sagen, daß niemand ihn sorgfältiger pflegen würde als sie; im nächsten Augenblick aber erinnerte sie sich, daß das ja ganz unmöglich sei. Was sollte man den Pensionären sagen, Frau Jensen – und seiner Familie? Sie beugte schweigend den Kopf. Der Arzt schrieb ein Rezept für Opium und verordnete warme Umschläge, für die Frau Jensen zu sorgen versprach. »Ich werde den Krankenwagen möglichst noch vor Mittag herschicken!« sagte der Arzt und fügte hinzu, indem er noch einmal fragend von Frau Jensen zu Agnete blickte: »Es ist für alle Falle das beste, ja, es ist wegen der Aufnahme im Krankenhaus sogar notwendig, daß die Familie unterrichtet wird. Ich weiß nicht, ob eine der Damen –« Frau Jensen, die schon lange von dem heimlichen Verhältnis gewußt hatte, blickte Agnete vorsichtig an, die schnell erwiderte: »Ich kann Ihnen die Adresse seiner Mutter verschaffen, dann wird Frau Jensen ihr wohl das Nötige mitteilen, nicht wahr, Frau Jensen?« »Die Mutter ist wohl Witwe!« sagte der Arzt. »Jagen Sie ihr dann nur keinen Schreck ein. Dazu liegt kein Grund vor.« Gleich nach Mittag hielt der Krankenwagen vor der Tür, von einer Horde neugieriger Straßenkinder umringt. Als Frau Jensen die Krankenträger draußen im Entree empfing, benutzte Agnete die Gelegenheit, sich über Svend zu beugen, der jetzt in einer Morphiumbetäubung dalag, und sie drückte ihm einen Kuß auf die Stirn. Im selben Augenblick schlug er die Augen halb auf; er schien ihr zuzulächeln. »Lebwohl, Svend!« flüsterte sie. Dann trocknete sie sich die Augen und ging durch den Korridor in ihr eigenes Zimmer. Sie wollte nicht sehen, wie er fortgetragen wurde. Das wäre fast, als sei er ihr gestorben. Sie legte sich aufs Sofa, wo sie so oft zusammen gesessen hatten und starrte trostlos zur Decke hinauf. Dann vergrub sie ihren Kopf in das Kissen und versuchte das Schluchzen zu ersticken, das sie plötzlich rüttelte, wie sie hörte, daß die Wagentür unten zugeschlagen wurde. Kurz darauf drang das eilfertige Klappern von Pferdehufen zu ihr herauf. 14 Es folgte ein langes Krankenlager im Hospital. In der ersten Zeit durfte Svend keinen Besuch empfangen. Er fieberte und war viel zu schwach, um zu denken oder sich zu sehnen. Wenn er ohne Schmerzen war, kam eine behagliche Mattigkeit über ihn, die seinen Sinn weich machte und ihm Erinnerungen aus der Kindheit vorgaukelte. Nachdem das Fieber überstanden war und die Mattigkeit nachließ, begann er sich nach Agnete zu sehnen, so daß es schier unerträglich wurde. Dann bekam er Erlaubnis Briefe zu empfangen, und nun kamen täglich Briefe mit ihrer großen, runden Handschrift. Zu Anfang war sie jeden Tag im Krankenhaus gewesen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Jetzt schrieb sie munter und aufrichtig, genau so wie sie sprach, von dem täglichen Leben im Pensionat, und hauptsächlich davon, wie sie sich sehnte, ihn wieder bei sich zu haben. Als sie endlich, endlich zu ihm kommen durfte, trat sie mit einem Arm voll dunkelroter Rosen zu ihm ins Krankenzimmer. Er breitete die Arme nach ihr aus, und sie vergaßen beide Krankheit und Trennung in einem langen Kuß. Dann aber wurde sie für sie beide vernünftig und setzte sich so weit von seinem Bett entfernt, daß er sie nur eben erreichen und ihre Hand halten konnte.   Als Svend schließlich das Krankenhaus verlassen durfte, hatte er noch eine lange Rekonvaleszenz vor sich. Er sollte vorsichtig und regelmäßig leben und hauptsächlich – da der Arzt die Krankheit nervösen Erregungen zuschrieb – keine anstrengende geistige Arbeit tun. Am liebsten sollte er einige Monate in ländlicher Ruhe verbringen. Seine Mutter, die nach einem persönlichen Besuch im Krankenhaus noch ständigen Bericht von dem Arzt erhielt, hatte man davon unterrichtet, daß ein Landaufenthalt ihrem Sohn guttun würde. Zuerst wollte Svend nichts davon hören. Er hatte Agnete zu sehr vermißt und freute sich zu heftig auf das von neuem bevorstehende Zusammenleben mit ihr. Als aber auch sie in ihn drang, gab er schließlich nach. In Wahrheit fühlte er selbst die Notwendigkeit einer vollkommenen Ruhe.   Svends Mutter hatte einen Ort in Süd-Seeland, mit Wald und Strand, ausfindig gemacht und dort bei einem alten Ehepaar, das ein Häuschen am Strande besaß, das sie das »Möwenhaus« nannten, für zwei Herbstmonate für ihren Sohn gemietet. Svend fand sich schnell in dem kleinen Giebelstübchen zurecht, mit seinem Roßhaarsofa, das ihn an Onkel Kaspers erinnerte, und mit dem Lehnstuhl, der vorm Fenster stand. Zwischen den weißen, frischgewaschenen Gardinen sah er die weiße Brandungslinie, die sich in starken Schwingungen ganz bis zum Horizont hinzog, wo des Abends ein Leuchtfeuer in der bleichen Luft blinkte. Das erste, was Svend tat, nachdem er mit den alten Leuten zu Abend gegessen hatte, war, daß er einen langen Brief an Agnete schrieb. Nachdem das besorgt war, saß er lange mit der Hand unterm Kinn – die Zeit der hellen Nächte war jetzt vorbei – und starrte zu dem einsamen Stern des Blinkfeuers hinaus, das mit regelmäßigen Zwischenräumen aufblitzte und erlosch. Es war wie ein Atemzug, der sichtbar geworden war. Vom Strande herauf erklang das stille Brausen ewig heranrollender Wellen, und am Horizont wuchs die schwere Dunkelheit der Nacht über das Meer herauf.   Svend machte lange Spaziergänge am Strande oder er lag in dem weißen Sand der Dünen, wo zwischen dem spärlichen Strandgras eine Seekennung sich erhob. Und er träumte sich zurück zu den Tagen seiner Kindheit, als er in den Ferien mit seinem Vater am Meer gewohnt hatte. Das offene Meer mit seiner langen, gleichmäßigen Horizontlinie und den schwerrollenden Atemzügen der Wogen erweckte Vorstellungen von ewiger Gesetzmäßigkeit und von der Größe des Unabwendbaren in seiner Seele. Er dachte daran, wie er seine Zeit vergeudet hatte, unter dem Vorwande, daß er ein freier Mann wäre, dem nichts Menschliches fremd sein solle. Wo war der Faden in all dem, was ihn während des letzten Jahres beschäftigt hatte? Von den Studien, die er versäumt hatte, war er zur Geselligkeit übergegangen; von der Geselligkeit zu Zeitungen und Tagespolitik. Dann war die Liebe mit ihrer süßen Unruhe gekommen, mit ihrer Erneuerung, ihrem Glück und ihrer Qual und hatte alles übrige verschlungen. Was hatte er in diesen Jahren gelernt außer Brocken und Bruchteilen? Er, der alle Fächer der Wissenschaft durchpflügen und außerdem sein juridisches Examen hatte machen wollen! Von den fünf Jahren waren bereits zwei verflossen und noch war er nicht weiter gekommen als bis zu den Anfangsgründen. Ebenso wie mit der Zeit, so war es auch mit dem Geld gegangen. Die monatliche Summe hatte nur während der ersten fleißigen Zeit ausgereicht. Dann hatte er Schulden gemacht, und um diese zu bezahlen, hatte er seine Zeit mit Stundengeben belasten müssen. Je mehr Geld er in die Hände bekam, desto mehr gewöhnte er sich daran, Geld zu verbrauchen. Und gerade jetzt, wo es galt, das Versäumte an Zeit und Geld einzuholen – jetzt durfte er sich nicht anstrengen! Was war da zu machen? Ging es an, den Vorschriften des Arztes entgegenzuhandeln? Sollte er bereits nach den ersten vierzehn Tagen abbrechen, nach Kopenhagen zurückkehren, seine Stunden wieder aufnehmen, und trotz der Verwarnung doppelte Arbeit verrichten? Das Geld für das Krankenhaus und der Aufenthalt hier, das seine Mutter von einer kleinen ersparten Summe genommen hatte, die für Gerdas Ausbildung bestimmt gewesen war, das wollte und mußte er auf irgendeine Weise verdienen und zurückzahlen. Aber es ließ sich nicht zwingen. Jetzt, wo er dem Tode so nah gewesen war, empfand er seine geistigen und körperlichen Kräfte nicht mehr als einen unvergänglichen Fond. Er mußte an den Grundkräften, von denen seine Zukunft zehren sollte, sparen. Wie, wenn er der Konferenzrätin von seiner Krankheit schrieb und sie bat, die monatliche Unterstützung zu erhöhen. Als der Gedanke zum erstenmal in ihm auftauchte, wies er ihn beschämt von sich. Und dennoch – während er sich vergeblich nach einer Lösung umblickte, kehrte dieser Gedanke als einziger Ausweg wieder und wieder. Um seinen Stolz zu überwinden, hielt er sich vor, daß er seine mißliche Lage selbst verschuldet habe und nun durch diese Demütigung sich selbst Buße auferlegen müsse. Schließlich entschloß er sich und schrieb den schwierigen Brief: Frau Konferenzrat M. Byge! Da ich nicht weiß, ob Sie etwas von meiner Krankheit erfahren haben, gestatte ich mir, Ihnen hierdurch die Mitteilung zu machen, daß ich erst vor vierzehn Tagen aus dem städtischen Krankenhaus entlassen worden bin, wo ich an einer sehr ernsten Unterleibsentzündung krank gelegen habe, die nach Aussage des Arztes ihren Grund in nervöser Überanstrengung gehabt hat. Ich befinde mich augenblicklich zur Erholung an der See, weil der Arzt mir zur völligen Herstellung einen Aufenthalt in ländlicher Ruhe und kräftiger Seeluft verordnet hat. Da ich nach ärztlicher Aussage in dem ersten Jahr nur die notwendigsten Studien auf mich nehmen darf – und da es sich gezeigt hat, daß ich unmöglich von der mir ausgesetzten monatlichen Summe leben kann, weshalb ich bisher meine Einnahmen durch Unterrichtgeben vergrößert habe, so gestatte ich mir – in Anbetracht dessen, daß die Einnahmequelle jetzt aufhören muß –, Sie zu bitten, mir die monatliche Unterstützung um die Hälfte zu erhöhen, indem ich noch hinzufügen möchte, daß ich meiner Mutter eine nicht geringe Summe schulde, weil sie mit einer für die Ausbildung meiner Schwester zusammengesparten Summe alle Kosten für meine Krankheit gedeckt hat. Es ist natürlich meine Absicht, ihr diese Auslagen nach und nach zurückzuzahlen. Ihr ergebener Svend Byge. Es verging eine Woche, in der Svend dem Landbriefträger jeden Tag ungeduldig entgegenging. Schließlich erkannte er die altmodische, steife Handschrift auf einem kleinen weißen Kuwert. Die Antwort der Konferenzrätin lautete: Herr stud. jur. Svend Byge! Es überrascht mich, daß Sie sich nicht genieren, mich um eine erhöhte Unterstützung zu bitten, um so mehr, da ich weiß, daß Sie Ihre Zeit zu allem anderen als zu den Studien verwendet haben, die als Verpflichtung auf Ihnen ruhen. Es ist sehr bedauerlich, daß Sie so schwer krank waren; da aber Ihre Krankheit, wie Sie schreiben, ihren Grund in Überanstrengung hat, dürfte diese wohl kaum auf übertriebenes Studieren zurückzuführen sein, sondern darauf, daß Sie, statt Ihrem Studium obzuliegen, ein gesellschaftliches Leben geführt haben, das auf einem größeren Fuß eingerichtet war, als Ihr Onkel sich bei Festsetzung der Unterstützung gedacht hatte, so daß Sie Ihre Einnahmen durch Stundengeben vergrößern und Ihre Zeit damit belasten mußten. Damit indessen Ihre gute Mutter und Ihre junge Schwester nicht unter Ihrem Fehler zu leiden brauchen, so habe ich Ihrer Mutter geschrieben, daß ich bereit bin, ihr die für Sie gemachten Auslagen zurückzuzahlen. Außerdem habe ich mich bei Bekannten erkundigt, die junge Söhne haben, die in Kopenhagen studieren, und habe erfahren, daß eine Erhöhung der Unterstützung um ein Drittel Ihnen ein reichliches Einkommen gewähren wird, so daß Sie, ohne zu unterrichten, sich ganz dem durch Ihre Krankheit unterbrochenen Studium widmen können. Doch geschieht dies nur auf die ausdrückliche Bedingung hin, daß Sie Ihre Studien innerhalb der mit Ihrem Onkel vereinbarten Zeit von fünf Jahren vollenden, und ich unterlasse nicht, Ihnen hierdurch mitzuteilen, daß diese Zeit in zweieinhalb Jahren, vom September dieses Jahres an gerechnet, abgelaufen ist, und bereite Sie darauf vor, daß Sie von da an die monatliche Summe nicht mehr erheben können. M. Byge. 15 Als Svend diesen Brief gelesen hatte, ballte er ihn voller Wut zusammen. Ihm stiegen Tränen in die Augen vor Wut und Scham. Im ersten Augenblick wünschte er, daß sie abgelehnt hätte – brutal und ohne Umschweife –, dann hätte sie doch wenigstens kein Recht gehabt, ihn wie einen Schuljungen herunterzuputzen. Und die Unterschrift, nur der Name! Das war schon nicht mehr unhöflich, das war grob. Sie meinte wohl, daß sie jedes neue Almosen mit Beleidigungen begleiten mußte. Was ihn aber am meisten quälte, war doch die Erkenntnis seines eigenen Fehlers. Er las den Brief noch einmal durch und stutzte jetzt erst bei der Bemerkung von den zweiundeinhalb Jahren. Das war ja eine ganz falsche Auslegung von der Vereinbarung mit Onkel Kasper. Es war natürlich eine stillschweigende Voraussetzung gewesen, daß nach Semestern gerechnet wurde, da es sich um Studienjahre handelte. Wenn die Unterstützung im September aufhörte, würde seine Studienzeit nicht fünf, sondern nur vier und ein halbes Jahr betragen haben. Dadurch geschah ihm ein direktes Unrecht. Die strenge, pflichtliebende Dame ging hiermit über die Grenze. Dieses Unrecht wirkte erlösend. Er konnte den Kopf wieder heben, denn jetzt war er es, der Grund hatte zu klagen. Aber er wollte schweigen, ihr kein Wort erwidern. Jetzt wußte er, was er zu tun hatte! Arbeiten wollte er! Bereits in vier und einem halben Jahr wollte er sein Examen machen; und dann, wenn er frei, ganz frei war, dann wollte er ihr sagen, wie sie ihre Verpflichtungen eingehalten hatte!   So begierig war er, an die Arbeit zu kommen, daß die tatenlose Einsamkeit in dem kleinen Häuschen, die ihm zu Anfang so unendlich wohlgetan hatte, jegliche Anziehungskraft verlor. Seine Kräfte kehrten zurück. Erneuert und gesammelt drängten sie voran, so daß sie kaum mehr zu steuern waren. Da er nicht vor der festgesetzten Zeit nach Hause reisen wollte, schrieb er nach Kopenhagen und ließ sich seine Bücher schicken. Er rückte den Tisch ans Fenster, so daß er in den wenigen Ruhepausen, die er sich gönnte, den Anblick von Meer und Strand genießen konnte. Die ewige Arbeitsmusik der Wogen, die Reihe nach Reihe angerollt kamen, sich zu fließendem Schaum auflösten und unter ihren Nachfolger zurückglitten, indem sie Kiesel und Sand mit sich rissen, wirkte ermunternd und mahnend auf seine Arbeitslust. Als er erst begonnen hatte, kam er gut und sicher vorwärts. Das Interesse, daß das Studium ihm zu Anfang abgewonnen hatte und das sich, ohne Ansehen des Gebietes, immer bei ihm meldete, wenn er sich ernsthaft mit etwas beschäftigte, kehrte zurück und wuchs von Tag zu Tag. Von Agnete hatte er anfangs einen um den anderen Tag Briefe gehabt. Sie klagte über seine Abwesenheit und kämpfte tapfer, wie sie schrieb, um ihn zu entbehren. Nach und nach schwand ihre Sehnsucht; und nun enthielt jeder ihrer Briefe ein ehrliches Erstaunen darüber, daß er es aushalten könne, dort so ganz allein zu wohnen. Dann kam die Korrespondenz mit der Konferenzrätin, die ihn so beschäftigte, daß er ganz übersah, daß Agnetens Brief länger als gewöhnlich ausgeblieben war. Als er schließlich kam, war ihm alles, was sie erzählte, viel ferner gerückt. Er hatte ihr nichts von dem Briefwechsel mit der Konferenzrätin geschrieben, und jetzt, wo er seinem Ziel, durch den ernsten Entschluß, den er gefaßt hatte, so viel näher gekommen war, jetzt weigerte sich etwas in ihm, sie an seinen Zukunftsplänen teilnehmen zu lassen. Und er verstand auch weshalb. Sie hatte ja augenscheinlich nie an eine gemeinsame Zukunft zwischen ihnen gedacht, und er fürchtete, daß sein Entschluß an Kraft verlieren würde, wenn er sie daran teilnehmen ließe. Je mehr er über ihr Verhältnis nachdachte, desto klarer wurde ihm, daß sie mit sicherem Instinkt den richtigen Ausdruck für ihr eigenes Wesen gefunden hatte, wenn sie beständig auf den Genuß des Augenblickes hinwies. Sie war nur ihrer Natur gefolgt, ohne Vorbehalt und ohne Rücksicht. Was ihn in ihrem Wesen von vornherein im tiefsten Innern abgestoßen hatte, war jetzt, wo er sie nicht mehr vor Augen hatte, in den Vordergrund getreten und fing bereits an, sie ihm zu entfremden. Wenn er jedoch abends beim hellen Mondschein nicht einschlafen konnte, gingen seine Gedanken den gewohnten Weg zu Agnete. Dann stiegen die gemeinsamen glücklichen Augenblicke in seiner Erinnerung auf, heiß und glühend, wie sie gewesen waren, und nun noch von der Sehnsucht gewürzt. Des Morgens aber, nach einem langen Schlaf in der kräftigen Luft, war die Sehnsucht vergessen und Agnete ferner als vorher. 16 An einem Dienstag Morgen kam Svend in Kopenhagen an, nachdem er die ganze Nacht durchgefahren war. Er ließ sein Gepäck am Bahnhof und eilte in die Stadt, um sich so schnell wie möglich ein Zimmer zu suchen. Es war ihm eine Enttäuschung, daß Agnete nicht am Bahnhof gewesen war, aber er kannte ja ihre Gewohnheit, lange im Bett zu liegen, vielleicht hatte sie die Zeit verschlafen. Da geschah es, während er in den Morgenstunden nach Zeitungsannoncen von Haus zu Haus suchte, daß ihm alles, was er sah, so fremd, so feindlich und ungemütlich vorkam, daß er seiner Sehnsucht nach dem Altbekannten nicht widerstehen konnte. Mit klopfendem Herzen lief er die bekannten Treppen hinauf und läutete. Ein Herr, der im Begriff stand, fortzugehen, öffnete ihm die Tür. Es war eine hohe, ziemlich starke und recht elegante Erscheinung. Es lag eine gewisse respekteinflößende Selbstsicherheit über dieser Persönlichkeit mit dem energischen Blick. Sie maßen einander einen Augenblick. Svend erriet, daß es der Pensionär sei, der sein altes Zimmer bekommen hatte. Ein instinktiver Unwillen gegen diesen Fremden bemächtigte sich seiner sofort, und als ob der andere durch eine Gedankenübertragung ebenfalls klar darüber geworden sei, wen er vor sich hatte, richtete er sich unwillkürlich höher auf, griff nachlässig an den Hut und ließ Svend an sich vorbeigehen. Im selben Augenblick kam Frau Jensen aus der Küche. Als sie Svend erkannte, schlug sie in aufrichtiger Freude die Hände zusammen. »Nein, sieh nur einer an, Herr Byge!« Indem Svend die Flurtür schloß, nachdem er Frau Jensen die Hand gedrückt hatte, sah er, daß der Fremde auf dem Treppenabsatz stehen geblieben war, wahrscheinlich um seinen Namen zu hören und Zeuge der Begrüßung zu sein. »Wer war der Herr?« fragte Svend. »Das ist der Herr, der Ihr Zimmer bekommen hat und das von Herrn Graulund auch, der ausgezogen ist. Ein reizender Mensch, Holzhändler – Herr Christensen – und sehr gut situiert!« fügte Frau Jensen mit einem respektvollen Ausdruck in ihren runden Augen hinzu. Als sie den Unwillen in Svends Gesicht sah, beeilte sie sich hinzuzufügen: »Wie ich immer zu Frau Grönvold sage: Herr Christensen ist ein reizender Mensch, sage ich immer, gebildet und so – aber mit Herrn Byge kann er es nicht aufnehmen.« Während sie ihm unter wortreichem Geplauder beim Abnehmen behilflich war, dachte Svend nur an das eine, ob Agnete zu Hause sei und wie sie ihn empfangen würde. Frau Jensen wußte sofort, wo seine Gedanken weilten. »Wir haben Sie alle sehr entbehrt, das können Sie mir glauben. Frau Grönvold wollte Sie sogar von der Bahn abholen, aber sie konnte sich nicht mehr erinnern, an welchem Tag Sie kommen wollten. Wir meinten alle, Sie würden erst morgen kommen.« Svend ging es wie ein Stich durchs Herz. »Ist Frau Grönvold zu Hause?« fragte er. »Ja, freilich! – Sie wissen doch, Herr Byge, daß Frau Grönvold kein Frühaufsteher ist,« – Frau Jensen dämpfte die Stimme –, »ich glaube, sie schläft noch.« »Sie ist gestern abend wohl spät nach Hause gekommen?« fragte er und versuchte im Halbdunkel des Entrees in Frau Jensens Zügen zu lesen. Die gutmütige, kugelrunde Dame versuchte ebenfalls in seinen Augen zu lesen. Sie machte einen eiligen Überschlag, was sie wohl sagen dürfe. Er bekam es ja doch zu wissen; es schadete also nichts, wenn er etwas vorbereitet war. »Lassen Sie mal sehen!« sagte sie und drückte ihre fette Hand nachdenklich gegen das Ohr – »ja, richtig, Frau Grönvold und Herr Christensen waren gestern abend zusammen aus.« Dann beeilte sie sich ihre Worte abzuschwächen: »Eine alleinstehende Dame kann ja ohne Begleitung nirgends hingehen. Gott, sollte man nicht ein wenig ausgehen und sich amüsieren, solange man jung ist! Und so war es ja auch zu Herrn Byges Zeiten.« Svend antwortete nicht. »Ja, sie waren im Theater,« fuhr Frau Jensen fort, »und wenn man hinterher noch etwas zu Abend ißt, dann wird es ja leicht spät; das kennen Sie ja auch, nicht, Herr Byge?« Oh, ja – das kannte er auch, das war ebenso wie zu seiner Zeit. Nichts hatte sich verändert – nur der Name und die Stellung. Früher war es ein armer Student, der begleitete, jetzt ein gutsituierter Kaufmann, der einlud. Wie der Gedanke schmerzte! Svend sah die hohe, selbstbewußte Gestalt vor sich und konnte nicht umhin, sich mit ihr zu vergleichen. Frau Jensen wollte ihm durchaus gleich ein Frühstück bereiten. Er müsse ja nach der durchreisten Nacht ganz ausgehungert sein. Es half nichts, daß er protestierte, er mußte sich im Eßzimmer niederlassen. »Entschuldigen Sie mich nur einen Augenblick, Herr Byge, das Mädchen ist krank, und ich will nur eben zur nächsten Ecke zum Krämer laufen.« Sie band die Schürze ab und setzte den Morgenhut auf. »Sie sind wohl so freundlich und machen die Tür auf, wenn inzwischen jemand klingelt,« sagte sie und war aus der Tür.   Svend wußte, daß die Pensionäre zu dieser Zeit fortgegangen und Frau Jensens Sohn schon lange im Geschäft war. Er und Agnete waren also allein in der Wohnung. Er überlegte einen Augenblick. Dann ging er an ihre Tür und lauschte. Es war ganz still drinnen. Er klopfte an. Als nicht geantwortet wurde, öffnete er die Tür und trat ein. Die dunklen Gardinen waren vorgezogen, so daß nur ein schmaler Lichtstreifen ins Zimmer fiel. Das bekannte Parfüm, daß ihm entgegenschlug, machte sofort alle Erinnerungen in ihm lebendig. Da lag sie in der Stellung, die er so gut kannte, ihre Wange ruhte auf ihrem rechten Unterarm. Die vollen roten Lippen zitterten im Schlaf. Das rotblonde Haar breitete sich in wirrer Fülle über Hals und Schultern. Das war der schöne, kräftige Kopf, den er so oft zwischen seinen Händen gehalten, die weichen Lippen, die so oft den seinen entgegengebebt hatten. Er wollte sie gerade beim Namen rufen, als sein Blick auf einen Zettel fiel, der auf der Tischdecke lag. Mit Bleistift war in großen, kräftigen Zügen etwas darauf geschrieben. Er beugte sich herab, um es zu lesen. »Hol' mich im Geschäft ab, dann essen wir irgendwo draußen zu Mittag. Hast du Lust?« Wie tat das weh! Er sank fast dabei in die Knie. Dann schoß ihm das Blut gewaltsam in die Wangen. Er sah sie an, wie sie dalag und schlief. Und er erinnerte sich, was sie einmal von der günstigen Wohnung gesagt hatte. Er hatte es für Scherz genommen, es war aber im Ernst so gekommen. So war sie also. Wie er sie dort in tiefem Schlaf nach einer Liebesnacht liegen sah, wurde ihm klar, daß er es war, der nicht hatte verstehen können oder wollen. Hatte sie ihm nicht gleich am ersten Abend gesagt, daß sie glücklich sei, durch die Scheidung ihre Freiheit wiedergewonnen zu haben? Hatte sie ihn nicht immer zurückgewiesen, wenn er von der Zukunft sprach, hatte sie ihn nicht beständig dazu aufgefordert, den Augenblick zu genießen? Wenn sie nun erwachte, was würde sie dann sagen? Würde sie ihm alles freiwillig erzählen? Würde sie sich mit seiner Abwesenheit entschuldigen? Würde sie anbieten, zu ihm zurückzukehren? Und er selbst – was sollte er sagen? Er hatte kein Recht, ihr etwas vorzuwerfen. Sie hatte ihm ja nie etwas versprochen und darum auch kein Versprechen gebrochen. Eine plötzliche Angst vor einer Aussprache mit ihr überwältigte ihn – er fürchtete, daß er die Herrschaft über sich selbst verlieren könnte, oder daß er, von den Erinnerungen überwältigt, die Gewißheit für einen Augenblick vergessen und sie in seine Arme nehmen, daß sie ihm aus Mitleid Liebkosungen schenken würde, die ihm nicht mehr gehörten und nicht in ihrer Seele wurzelten. Nein, er wollte fort. Am liebsten gar keine Worte über etwas verlieren, was ja doch weder Worte noch Liebkosungen verwischen konnten. Indem er sich zum Gehen wandte, fiel sein Blick auf die Tür zu seinem alten Zimmer – die Tür, durch die sie so oft gegangen waren. Er wollte Gewißheit haben. Er schlich sich um den Tisch zur Tür. Dort blieb er einen Augenblick stehen und hielt den Atem an, dann faßte er nach der Türklinke. Ja, die Tür war unverschlossen. Er wandte sich noch einmal um und sah sie an. Und wie er dort auf dem heimlichen Wege ihrer Liebe stand, wich seine Bitterkeit plötzlich einem unbeherrschten Zorn. Er ging eiligst in sein altes Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Dort stand er und lauschte mit klopfendem Herzen. Nein – er konnte jetzt nicht mit Frau Jensen sprechen; er konnte es nicht ertragen, ihre neugierigen Augen auf sich gerichtet zu fühlen. Sie war zurückgekommen; er hörte sie in der Küche hantieren; noch war es Zeit sich fortzuschleichen. In einer Sekunde hatte er die Tür erreicht und war draußen im Entree. In der bekannten Umgebung fand er ohne weiteres seinen Hut und Paletot. Er öffnete die Etagentür, hörte Frau Jensens Schritte in der Küche, schlüpfte hinaus und warf die Tür hinter sich ins Schloß. So schnell seine Beine ihn tragen wollten, stürmte er die Treppe hinunter. Als er zum letzten Absatz gekommen war, hörte er, wie oben die Etagentür geöffnet wurde. Er drückte sich gegen die Wand, damit sie ihn nicht über das Geländer erspähen konnte. Im nächsten Augenblick stand er auf der Straße und beeilte sich, hart an der Häuserreihe entlang die nächste Ecke zu erreichen. Er war fest entschlossen, seine Füße nie wieder in dies Haus zu setzen; er wollte alles und jedes vermeiden, das ihn an die Zeit, die er dort verbracht hatte, erinnern konnte. 17 Es war ein stiller Sommernachmittag. Svend ging auf dem Deck des nach England gehenden Dampfers, der noch am Kai von Aaberg lag, um das Reisegut an Bord zu nehmen, hin und her. Vorige Woche hatte er sein juridisches Examen mit Auszeichnung bestanden. Darauf hatte er der Konferenzrätin eine Visitenkarte mit dem stolzen »Referendar Byge« geschickt, damit sie sehen konnte, wie er seine Verpflichtungen einhielt, wogegen sie – indem sie durch eine verkehrte und eigenmächtige Auslegung von Onkel Kaspers Versprechen – die ihren verletzt hatte. Dann hatte er seiner Mutter und Schwester einen kurzen Besuch abgestattet; und jetzt reiste er in die Welt hinaus für ein Examenslegat, das zum erstenmal keine anderen Forderungen an ihn stellte als einen dreimonatigen Aufenthalt im Auslande zu seiner Erholung. Svend war der erste an Bord. Er sah die übrigen Passagiere angestürzt kommen, von Gepäckträgern begleitet, die schwer an Koffern und Taschen schleppten. Auf einem Koffer, der sehr vornehm aussah und ein Monogramm mit einer Krone hatte, las Svend »Hotel Euler« und »Eden Palace Hotel«. Im selben Augenblick hörte er, wie der Steuermann zum Kapitän sagte: »Das ist das Gepäck des Prinzen!« worauf er dem Träger einige Worte zurief und die Koffer mit respektvollen Blicken betrachtete. Kurz darauf ging ein hochgewachsener Herr, mit kurzgeschnittenem Vollbart und großen, grauen, etwas verschleierten Augen in einem freundlichen Gesicht über die Landungsbrücke. Als er das Deck erreichte, standen Steuermann und Kapitän und machten Front. Prinz Adolph grüßte kurz mit einem Zug von Unwillen über den Augenbrauen, als sei er ärgerlich, daß man ihn erkannt hatte. Dann eilte er auf die Kajütentreppe zu und verschwand im Salon. Schließlich war alles und alle an Bord. Die Brücke wurde eingezogen, der Kapitän gab das Signal zum Abgang. Die Dampfflöte heulte, und die Schuppen am Lande fingen an sich ganz langsam zu verschieben. Als der Dampfer nördlich um die Insel herumgefahren war, wo das Blinkfeuer jetzt entzündet wurde, wurde Volldampf aufgesetzt. Dann ging es lustig in das große, graublaue Meer hinaus. Svend richtete seinen Rücken höher auf und ging festen Schrittes über das Deck. Er füllte seine Lungen mit der salzigen Luft, die ihm entgegenwehte, und hatte sie fast mit einem Jauchzer wieder von sich gegeben; zur rechten Zeit aber erinnerte er sich, daß er nicht in seiner Studierstube war, sondern auf dem Schiff, wo der Kopf des Kapitäns gerade vor ihm über die Segeltuchwand ragte. Er machte seinem Freiheitsgefühl, das ihm noch so neu war, in einem kräftigen und herausfordernden Gang auf Deck Luft. Ja, jetzt war er frei. Er hatte seine Pflicht getan und war frei. Die Erinnerung an den Besuch bei Onkel Kasper mit seinen Versprechungen stieg von neuem in ihm auf, wie schon so oft; jetzt aber waren es zwanglose, helle Erinnerungen, keine schwarzen Nachtvögel mehr, die das Licht beschatteten und niederzureißen drohten. Er atmete tief auf. Fort damit! Keine Schlacken von dem Zwang der Arbeitstage und dem Fieber des Examens sollten mehr übrigbleiben. Daß er nicht schreien, die Arme schwingen, einen Luftsprung machen konnte! Ein freier Mann, der in der freien Luft, einem freien Leben entgegenstürmt, darf alles Gewesene wie einen Handschuh von sich abstreifen. Er merkte, wie eine unendliche Stärke, eine grenzenlose Fülle von Kraft durch seine Seele brauste. Wieder war er im Begriff herauszusingen, aber er bezwang sich. Und im selben Augenblick wurde nüchtern und ohne weiteres die Frage in ihm geboren: »Was nun?« Sie kam so überraschend, daß er ganz verblüfft stehen blieb. Es belustigte ihn, daß er vor lauter Examenseifer und vor Freiheitsrausch dieser Sache noch keinen Gedanken geschenkt hatte. »Ja, was nun?« Sein Gang wurde langsam und suchend. Er spürte nicht den feinen Meernebel, der sich um das Schiff erhob und es in seine Arme schloß. Ein echter Meernebel, der mit feuchten Händen die Wange berührte und eine feine Staubnässe auf die Kleider senkte. Da brüllte die erste Nebelwarnung aus dem Schornstein. Svend fuhr zusammen und blickte auf. Er sah den Nebel und verstand das Heulen. Es wurde mit Halbkraft und dann mit Viertelkraft gefahren; schließlich lag das Schiff fast still und das Nebelhorn heulte ununterbrochen. Aus der Ferne antwortete ein anderes; ein Echo konnte es ja nicht sein. Die See ging hohl, mit kleinen gestreiften Wellen auf der Oberfläche, von denen ein Nebel aufstieg, der das Schiff einhüllte; oben aber, wo die Topplaterne matt leuchtete, war der Himmel edelsteinblau und voll von Sonnenuntergang. Die übrigen Reisenden, denen Svend in seiner Vertieftheit kaum einen Gedanken geschenkt hatte, waren vom Deck verschwunden. Nur ein Mann stand noch mittschiffs mit einem großen weichen Filzhut und einem üppigen Bart und mit viel zu weiten Beinkleidern. Er starrte in den Nebel, der das Land verdeckte, und summte mit gerührter Stimme: »Es gibt ein herrlich Land!« Indem Svend vorbeiging, sah er ihn mit großen wasserklaren Augen an, die zum Mitsingen aufzufordern schienen. »Volksschullehrer!« dachte Svend und ging in den Salon hinunter, wo das Diner bereits in vollem Gange war. An dem einen Ende des Tisches saß der Prinz, mit einem leeren Platz zu jeder Seite, in sein Essen vertieft. Nur hin und wieder ließ er einen prüfenden Blick über die übrigen Reisenden gleiten. Der Kapitän fühlte sich sichtlich geniert beim Essen; er spähte nach einer Gelegenheit, um sich dem seltenen Gast dienstbar erzeigen zu können; aber es machte sich nur selten. Svend suchte sich einen Platz am entgegengesetzten Tischende und bestellte sich flott eine halbe Flasche Léoville. Eine junge Dame saß ihm schräg gegenüber. Sie war nicht übel, nur bemühte sie sich gar zu sehr, hinter dem Rücken des Vaters verstohlene Blicke zum Prinzen hinüberzusenden, während sie ihre schmalen Schultern in der Seidenbluse aufrichtete und die Serviette graziös mit einer mageren aber weißen Hand, die einen kostbaren Türkisring trug, an die Lippen drückte. Als es schließlich Svend geglückt war, ihren Blick zu fangen, sah er, daß sie schöne blaue und fragende Augen hatte, die ein Lächeln aus Anstandsrücksichten zurückzuhalten schienen. Der ältere Herr an ihrer linken Seite war klein und glattrasiert mit graumeliertem Haar, das zierlich über die Schläfen gekämmt war. Die runde Stirn glänzte hübsch und würdig über einer leichtgebogenen Nase, die sich wie witternd aus dem Gesicht heraushob. Die buschigen grauen Augenbrauen standen etwas brutal zu den zierlich feinen Zügen. Und als sei er sich dieses Fehlers bewußt, glättete er gewohnheitsmäßig die Brauen mit den Fingern seiner linken Hand. Obgleich er unbeweglich vor seinem Teller saß, schien er doch alles zu hören, was am Tische gesagt wurde; sein Blick, der dem seiner Tochter glich, aber härter und erfahrener war, orientierte sich beständig hinter den halbgesenkten Lidern. Dem zierlich Vornehmen zufolge, daß ihnen beiden eigen war und das sich auch in ihrer Kleidung aussprach, schätzte Svend sie zur besten Gesellschaft gehörend. Das junge Mädchen führte Messer und Gabel so reizend, daß es ein wahres Vergnügen war, ihr zuzusehen. Svend bemühte sich, nicht hinter ihr zurückzustehen und ärgerte sich, daß es ihm nicht möglich war, festzustellen, ob sie auch ihn bemerkt hatte oder nicht. Den Blick des Vaters aber ertappte er, als er einen Augenblick forschend auf ihm ruhte. Dann glitten die erfahrenen Augen auf Svends Hände herab, auf die er stolz war, weil sie so wohlgeformt und ausdrucksvoll waren. Zwei Engländer in karierten Jacketts und weichen Kragen zerkrümelten ihr Brot mit behaarten Fingern. Sie sprachen von Amateurphotographien und gebärdeten sich auf den Drehstühlen, als seien sie ganz allein im Salon. Ihnen gegenüber versuchte ein amerikanisierter Däne, der auf der Rückkehr nach Amerika war, die Aufmerksamkeit der Engländer auf sich zu ziehen, um im Einverständnis mit ihnen auf die übrige Gesellschaft herabzusehen. Er sprach laut und protzig, schimpfte mit vielen Bewegungen über Kost und Bedienung und sprach »Amerika«, das er in jedem zweiten Satze erwähnte, amerikanischer aus als irgendein Eingeborener. Svend hielt ihn für einen echten Amerikaner, fand ihn unausstehlich und warf ihm, jedesmal wenn der Whiskyblick des anderen ihn streifte, einen herausfordernden Blick zu, den der andere in seiner Selbstgefälligkeit aber durchaus nicht verstand. Er ist gewiß bis in die Seele hinein geschwollen, dachte Svend. Und er bedauerte die Dame an seiner rechten Seite, die seine Frau zu sein schien. Es war übrigens eine sehr selbstbewußte Dame, die bis an die großen Vorderzähne gegen Mitleid gewappnet zu sein schien. Das harte, rötliche Gesicht war wie in Holz geschnitzt, und die Lippen preßten sich in ihrer Schweigsamkeit fest aufeinander. Sie war fest und korrekt gekleidet und hielt sich bei allen Dummheiten, die der Mann sagte, ausgezeichnet. Es blitzte und funkelte jedesmal, wenn die fette, rosige Hand die Gabel zum Munde führte. Sie sah aus, als habe sie die Ringe und alles übrige teuer bezahlt, und sei nun fest entschlossen, den Kauf nicht zu bereuen. 18 Nach dem Diner setzte Svend sich oben auf Deck in den Rauchsalon und trank Kaffee. Der Nebel war verschwunden. Das Meer lag blank mit rötlichen Streiflichtern da und wiegte sich unter einem Himmel, der hoch oben violettblau war und sich nach unten zu mit unbestimmbaren Übergängen von Grün zu Gelb in das Abendrot austönte, das in Nordwest glühte. Es war ein herrlicher Anblick. Svend hatte ihn gerade vor seinem Fenster. Er gab sich ihm ganz hin und ließ sich davon tragen, bis all das Rötliche verschwunden und von der grünlichen Dämmerung der Nacht aufgesogen war. Dann erwachte er und ging aufs Deck hinaus, wo die elektrischen Lampen angezündet worden waren, aber mit ihrem Licht nicht gegen den hellen Himmelsschein anzukämpfen vermochten. Dort hinten, gleich unterhalb der Kommandobrücke, im Schutze der Segeltuchwand, saß die junge Dame weich in einen Deckstuhl zurückgelehnt, der ihre kleine Gestalt wie ein Bild umrahmte. Sie war in eine große graue Reisedecke eingehüllt, so daß nur ihr Gesicht frei blieb. Sie hatte die stark gewölbten Augenlider geschlossen, die mit dunklen Wimpern auf der Wange lagen. Schlief sie – oder war es vielleicht Koketterie? Etwas weiter links ging der Prinz auf und ab und betrachtete den Sonnenuntergang. Der Wind stand ihm über dem Segeltuchdach entgegen, so daß er seine hohe Gestalt vornüberbeugen und seinen Hut festhalten mußte. Svend ging ein paarmal hin und her. Dann ließ er sich in einem unbesetzten Deckstuhl neben der jungen Dame nieder. Er blickte sie von der Seite an, sie aber machte keine Miene, von seiner Nachbarschaft Notiz zu nehmen. Es wurde jetzt kühl. Der Prinz schlug sich seine Reisedecke um die Schultern; als er aber seinen Hut losließ, riß der Wind ihn ihm vom Kopfe und führte ihn gegen eines der großen Fangrohre, die die Luft in den Maschinenraum hinabführen. Svend sprang sofort auf, während der Prinz mit entblößtem Kopf und einem hilflosen Lächeln um die Lippen stehen blieb. Der Hut wurde zu der Tür des Rauchsalons hinübergeweht. Dort erwischte Svend ihn und kam triumphierend mit seiner Beute zurück, indem er ihn mit seinem Ärmel abwischte. Er überreichte ihn mit einer Verbeugung; der Prinz dankte mit einigen verbindlichen Worten und meinte, daß es wohl eine unruhige Nacht geben würde, da der Wind so stark zunähme. »Durchlaucht sollten auf die andere Seite gehen,« sagte Svend, »dort bietet der Salon Schutz.« Die Augen des Prinzen ruhten einen Augenblick auf Svend, wie er mit seinem offenen Gesicht dastand und ihm ohne Umstände einen bürgerlichen Rat gab. Dann lächelte er freundlich und sagte: »Sie haben recht. Das will ich tun.« Er grüßte leicht und ging achter um den Salon auf die andere Seite hinüber. Svend stand und sah ihm nach; indem er sich umwandte, begegnete er dem Blick der jungen Dame, die jetzt zum erstenmal dem verborgenen Lächeln freien Lauf ließ. Es stand ihrem kleinen runden Gesicht allerliebst; als Svend aber das Lächeln diskret erwiderte, erlosch das ihre sofort und die Lider senkten sich auf die Wangen. Er setzte sich wieder in den Deckstuhl und wartete auf eine Gelegenheit, um sich ihr angenehm zu machen. Kurz darauf erschien ihr Vater in der Tür zum Salon. Vorsichtig schritt er über die hohe Türschwelle und kam aufs Deck hinaus. Er prüfte die Luft mit zusammengekniffenen Augen. Dann drückte er die Mütze fest in den Nacken und kam näher, indem er die linke Hand auf den Rücken legte und die rechte hinter den Rockaufschlag schob. Als seine zusammengekniffenen Augen die hohe Gestalt des Prinzen entdeckten, die gerade auf der anderen Seite herankam, wandte er sich derselben voll zu, fing den Blick, des Prinzen auf und grüßte mit jener fein nuancierten Mischung von Respekt vor der Würde königlicher Personen, von dem Gefühl eigener Wertschätzung und der Vertraulichkeit persönlicher Bekanntschaft. Der Prinz verstand die Nuance sofort. Einen Augenblick suchte er in seinem Gedächtnis. Dann grüßte er achtungsvoll und kam schnell auf den alten Herrn zu. »Guten Abend, Herr Departementschef!« sagte der Prinz und drückte ihm die Hand. »Ich wußte nicht, daß Sie mit an Bord seien.« »Ich hatte keine Gelegenheit, Eure Durchlaucht beim Diner zu begrüßen,« antwortete der Departementschef mit dem verbindlichen Lächeln, das er angenommen hatte, als er grüßte, und das sein feingefurchtes Gesicht, das von weitem so jung aussah, nicht wieder verließ – »ich saß nämlich auf derselben Seite wie Eure Durchlaucht.« »Sie wollen nach London?« »Ja, das ist meine jährliche Ferienreise. Wir wollen nach London und Paris und über München und die sächsische Schweiz wieder nach Hause. In meinem Alter pflegt man die einem bekannten Orte immer wieder aufzusuchen.« Der Departementschef lachte mit einem kurzen Kehllachen. »Ach so, Sie sind nicht allein?« sagte der Prinz zuvorkommend und warf einen flüchtigen Blick auf Svend. »Nein, seit dem Tode meiner Frau nehme ich immer meine Tochter mit auf Reisen. Es ist gesund für ein junges Mädchen, ausländische Luft zu atmen, das erweitert den Horizont.« Als der Departementschef seine Tochter erwähnte, deutete er mit einer diskreten Handbewegung an, wo sie sich befand. Der Prinz blickte höflich in die angedeutete Richtung. Die junge Dame hatte sich aufgerichtet und blickte Papas hochvornehmer Bekanntschaft erwartungsvoll entgegen. Da der Prinz begriff, daß der Departementschef es von ihm erwartete, und da die Kleine sehr reizend zu sein schien, sagte er: »Es würde mir ein Vergnügen sein, die Bekanntschaft Ihres Fräulein Tochter zu machen.« Der alte Herr verbeugte sich verbindlich und führte mit seinen kleinen zierlichen Schritten den Prinzen auf seine Tochter zu, die sich bereits erhoben hatte und mit einem plötzlichen Rot in den blassen Wangen ihre sanften blauen Augen geradeswegs auf den Prinzen richtete. Der Departementschef stellte vor. Sie verneigte sich mit vielem Anstand, gerade so tief, wie es einem Prinzen zukam, während Durchlaucht mit einer Verbeugung grüßte, wie sie einer Dame aus der vornehmsten Bourgeoisie zukam, und vielleicht mit noch einer kleinen Zugabe für Jugend und Schönheit. Der Departementschef wägte genau und fand, daß er sowohl wie seine Tochter empfangen hatten, was ihnen zukam, ja, vielleicht noch ein wenig darüber. Er war also bei bester Laune und machte mehrere scherzhafte Bemerkungen. Nachdem der Prinz etwas über Wind und Wetter konversiert hatte, grüßte er die junge Dame abermals galant und ging dann im Gespräch mit dem Departementschef, der jetzt eine ernste, würdige Miene angenommen hatte, über das Deck. Sie schienen ein Thema zu verhandeln, in dem er Autorität besaß. Svend hatte von seinem Deckstuhl aus anscheinend uninteressiert das Ganze verfolgt. Als das kleine Fräulein sich wieder setzte, hatte er die Genugtuung, daß ihre blauen Augen ihn sanft streiften, um die Bewunderung einzukassieren, die ihr wegen ihrer ungenierten Grazie im Gespräch mit einem Prinzen von Geblüt zukam. Und Svend, dem es aufrichtig imponiert hatte, gab ihr durch einen Blick alles, was sie billigerweise verlangen konnte. Als der Departementschef kurz darauf zurückkam und Miene machte, sich einen Stuhl zu holen, um sich neben seine Tochter zu setzen, sprang Svend auf und bot den seinen an. »Wenn ich bitten darf!« sagte er und grüßte. »Außerordentlich verbunden!« Indem Svend sich mit seiner Reisedecke entfernte, sagte er so laut, daß Svend es hören konnte: »Ein artiger junger Mann!« Der Prinz, der Departementschef und seine Tochter hatten sich schon längst in ihre Kajüten zurückgezogen, als Svend schließlich genug von der hellen Nacht genossen hatte und in den Rauchsalon ging. Hier hing der Tabaksrauch wie eine dicke Wolke unter der niedrigen Decke. Die Luft war heiß und schwer und roch nach Whisky. Die beiden Engländer lagen längelang auf den Plüschsofas und blickten halb mitleidig, halb verächtlich auf den amerikanisierten Dänen, der mit geschwollenem Gesicht und dummen, stieren Augen prahlerische Reden führte. Er trank den Whisky unvermischt und war schon so betrunken, daß er jeden Augenblick aufstieß. » Take a drink, sir! « rief er Svend zu und schenkte ihm Whisky in ein Glas, das schon benutzt war. Svend warf ihm einen gereizten Blick zu und antwortete nicht. Der Mann wiederholte seine Aufforderung und betrachtete Svend blöde, mit dem Versuch, den Beleidigten zu spielen. Dann trank er das Glas selbst aus. » There is something rotten in Denmark! « rief er plötzlich und setzte das Glas hart auf die Tischplatte. Er war sehr entzückt über die Phrase, die er wahrscheinlich aus einem Zeitungsartikel aufgeschnappt hatte. Er wiederholte sie mehrere Male und knallte bei jedem Mal das Glas auf den Tisch. Die Engländer lächelten; Svend aber konnte nicht an sich halten; obgleich er wußte, daß der Mann betrunken und keines Wortes würdig war, so platzte er doch heraus: » Yes – you are the rotten something in Denmark !« Der eine Engländer lachte laut und kurz auf und musterte Svend mit seinen kalten, braunen Augen. Der Betrunkene glotzte verständnislos, bis es ihm schließlich klar wurde, daß er angegriffen sei. Dann erhob er sich mit dem Versuch, seine Würde zu behaupten: » What do you mean say ?« fragte er und versuchte Svends Blick auszuhalten. » I am an American – American – American !« Er schlug mit der Hand auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. In diesem Augenblick kam der Volksschullehrer mit dem weichen Hut und dem üppigen Bart aus dem zweiten Salon, von wo er die ganze Szene beobachtet hatte. Er ging geradeswegs auf den amerikanisierten Dänen zu, legte seine fette Hand auf dessen Schulter und sagte in breitem seeländischen Dialekt: »Sieh mal einer an, Jens Nielsen – trifft man Sie hier wieder?« Der Pseudo-Amerikaner sank auf seinen Stuhl nieder, indem er den Fremden mit offenem Munde anstarrte. Die Engländer begriffen jetzt, daß der jämmerliche Schwätzer aus irgendeinem unfaßbaren Grunde seine Nationalität verleugnete, um sich für einen Amerikaner auszugeben. Sie sahen, daß er jetzt verraten und an seiner schlimmsten Stelle getroffen war und brachen in ein unbarmherziges Gelächter aus. Der Mann kroch in seiner Verlegenheit ganz in sich zusammen, tastete nach seinem Glas und sagte auf gut dänisch: »Ich kenne Sie nicht.« »Was, kennen Sie Lehrer Jensen aus Nestved nicht? Aber freilich, Jens Nielsen, wir sind doch alte Bekannte. Sie haben mir doch alle meine Anzüge verkauft, als Sie noch beim Manufakturwarenhändler Jespersen Kommis waren.« Es zuckte um die Lippen des ertappten Amerikaners. Er schien geradezu nüchtern zu werden. Dann stand er auf und murmelte etwas davon, daß er seine Frau aufsuchen wolle. Kurz darauf hörten sie ihn die Kajütentreppe hinunterstolpern, während Lehrer Jensen den beiden Engländern in fürchterlichem Englisch zu erklären versuchte, daß Jens Nielsen sich an der Kasse des Manufakturwarenhändlers vergriffen habe, aber seines ehrbaren Vaters wegen laufen gelassen worden sei. Die Engländer sahen sich gegenseitig an. So recht begriffen sie die Erzählung nicht. Svend aber schämte sich im Namen seiner Landsleute. Die Engländer konnten ja nicht wissen, daß es sich hier um einen äußerst seltenen Fall handelte. 19 Das Cab hielt vor dem Hotel. Ein Groom kam angelaufen und öffnete den Wagenschlag; drei, vier solcher Jungen standen unter dem Glasdach – schmale, bleiche Kindergesichter, die die Welt kannten und bereits angefangen hatten sie zu verachten. Zwei Wagen – der eine ein Fourwheeler mit mächtigen Koffern auf dem Verdeck – hielten vor Svend. Ein Hausknecht mit einer Livreemütze kam herbei und trug seinen Koffer hinein. Die Handtasche wollte er nicht von sich geben, weil er sein Geld darin hatte. In der großen Hall lagen etliche Reisende in die Seidenkissen der Korbstüble vergraben und starrten dem Neuankommenden gleichgültig entgegen. Svend wartete im Gefühl der Unansehnlichkeit seines Koffers geduldig, bis der dicke Gentleman vor ihm und seine Frau, die von Seide rauschte, zufriedengestellt waren. Als sie endlich im Lift verschwunden waren, kam Svend an die Reihe. Der Portier war ein großer, schlanker, tadelloser Herr, glattrasiert, mit schwarzem, kurzgeschorenem Haar und einer leichtgebogenen, vornehmen Nase über einem scharfgeschnittenen, energischen Mund. Die blanken, braunen Augen strahlten von ehrerbietigem Wohlwollen. Er beugte seinen Kopf fragend zu Svend hinab, als ob es seine Lebensaufgabe sei, den Wunsch dieses Neuangekommenen Gastes zu erraten und zu erfüllen. Svend war ganz verblüfft. Er hatte sich von vornherein mit Hochmut gewappnet, den er jetzt schleunigst abstreifen mußte. Er fühlte sich zu seiner größten Überraschung mit derselben fast liebevollen Aufmerksamkeit behandelt wie der dicke Herr Kapitalist vor ihm. Es durchrieselte ihn ordentlich warm, denn der erste Eindruck von dem Londoner Verkehrsungeheuer hatte ihm das Herz geradezu stocken gemacht und ihm den Atem benommen. Und das Wohlwollen des Portiers nahm keinen Grad ab, als er jetzt das billigste Zimmer im Hotel verlangte, im fünften Stock, der wohl eigentlich der Bedienung vorbehalten war. Svend hätte ihm dafür die Hand drücken mögen. Er fühlte sich ganz heimisch plötzlich und ertappte sich selbst darauf, daß er vor sich hinsummte, während der Lift jetzt mit ihm, seinem Koffer und dem Vermögen in der Handtasche in die Höhe schoß. Nachdem er sich gewaschen und in dem notdürftig möblierten Zimmer umgeschaut hatte, öffnete er das Fenster und ließ seine Blicke über eine Reihe gleichartiger Dächer und schlanker, schwarzer Schornsteinpfeifen schweifen, die nach einem leichten Sommerregen ihren Dampf zu einem Himmel hinaufschickten, der im Begriff war, sich zu einem großen Lächeln aufzuklären. Dann fuhr er eiligst mit dem Lift nach unten. Einen Augenblick danach stand er mit seinem Baedeker unterm Glasdach und starrte hilflos auf die Straße hinaus. Da das Hotel von mehreren Seiten Eingänge hatte und die Straßennamen von seinem Standpunkt aus nicht zu erkennen waren, so war es ihm unmöglich sich zurechtzufinden. Rechts sollte eine Kirche liegen; aber es war weder ein Turm noch sonst etwas Kirchliches zu erspähen. Ein breiter Strom von Cabs, Omnibussen und Arbeitswagen wälzte sich vorbei, so daß es fast nicht möglich war, den Blick auf etwas Einzelnes zu heften. Er wollte gerade die Schar der Groome, deren Aufgabe es war, die heranführenden Wagen im Auge zu behalten, um Rat befragen, als der Portier aus seinem Glashaus herauskam und sich ihm mit derselben wohlwollenden Kopfneigung wie vorhin zur Verfügung stellte. Svend war bisher stolz auf sein Englisch gewesen, als er sich jetzt aber verständlich machen wollte, war er sehr unzufrieden damit. Er wollte mitten in die City hinein – es war gerade in der Geschäftszeit –, um dort den ersten Eindruck des Weltlebens zu bekommen, und erst nachher wollte er von dem Hauptstrom aus die Nebenkanäle kennen lernen. Der Portier wies ihn auf der Karte zurecht, erklärte, zeigte und wiederholte geduldig, wenn Svend ihn nicht verstand – und zur selben Zeit erteilte er mit leiser Stimme, wie wenn er »Beiseite«-Repliken auf der Bühne gäbe, bald einem Groom, bald einem Hausknecht, der mit einem Koffer auf dem Nacken vorbeiging, Bescheid, oder er grüßte Gäste, die ein und aus gingen, ohne daß Svend einen einzigen Augenblick den Eindruck verlor, daß er ihn ganz zu seiner eigenen Verfügung hatte. Schließlich bezeichnete er ihm einen »Bus« und brachte diesen durch ein Kopfnicken zum Halten. Als Svend auf dem Deck des Omnibus Platz genommen hatte, dachte er bei sich, daß der Portier die erste Sehenswürdigkeit sei, die die Stadt ihm geboten hätte. Der Omnibus fuhr ihn bis zur Bank. Dort stieg er ab – mitten im Herzen der Stadt – und folgte jetzt dem Blutlauf durch die Hauptader: Cheapside an St. Paul vorbei, Ludgate Cirkus, Fleet-Street und Strand. Als er so weit gekommen war, fühlte er sich leer im Gehirn und schlaff in den Beinen, wie nach einer großen Arbeit. Er glaubte zuerst, es sei die Rückwirkung einer fast schlaflosen Nacht an Bord; je weiter er sich aber mit dem Strom nach Westend treiben ließ, desto stärker wurde die Empfindung einer Vergewaltigung, die er bereits dunkel gespürt hatte, als er aus dem ohrenbetäubenden Lärm am Bahnhof herauskam und dem Verkehrsungeheuer zum erstenmal gegenüberstand. Ein ängstliches Gefühl, als müsse er in all dem willenlosen und ruhelosen Zufälligen vergehen, überkam ihn einen Augenblick, in dem er wirklich nicht wußte, wie er sich zum Stillstand bringen und Widerstand leisten sollte. Er wußte wohl, daß die Herzbeklemmung, die von ihm Besitz ergriff und ihm vorspiegelte, daß er von lauter feindlichen Bewegungen umgeben sei, dumm und lächerlich war; aber sein Verstand war wie gelähmt. Jeder Omnibus, jedes Cab, jeder Peitschenknall war wie ein Schlag, der auf ihn persönlich abgezielt schien. Er war im Begriff zu ertrinken; jetzt sank er auf den Grund; und es gab außer diesen kleinen kalten, feindlichen Wogen, die ihn hinabziehen wollten, nichts, an das er sich festklammern konnte. Als er schließlich, mürbe und nervös von der großen Eindrucksaufnahme in seinem Bett lag, mußte er an den Pseudo-Amerikaner denken, den er jetzt in einem milderen Licht sah. Er stellte sich vor, wie so ein armer gejagter Vogel von einem kleinen Nest hoch im Norden kopfüber und hilflos in ein Weltgetriebe hineinflüchtete. Jetzt begriff er, weshalb so ein armer Tropf sein Vaterland verleugnete und Verzagtheit und Kleinheitsgefühl von sich schob, damit er Grund fassen und sich mit den anderen vorwärtstragen lassen konnte.   Der übernächste Tag war ein Sonntag. Svend stand in der Hall, die öde und leer war, und blickte auf die Straße hinaus. Hin und wieder fuhr ein Cab vorbei, ein Bus mit einem sonntäglich gekleideten Kutscher; einige Landbewohner und Soldaten glotzten drüben an der Ecke; sonst nichts. War der Alltagsverkehr unbarmherzig und vergewaltigend, so war dieses tote Wasser in einem sonst so geschäftigen Flußbett zum Verzweifeln. Alles was Svend an traurigen Gedanken kannte, hielt Einzug in seinem Gehirn. Das war ja keine Langeweile mehr, das war das grauenvolle Nichts der nackten Vergänglichkeit. Vielleicht las der tadellose Hotelportier, der in diesem Augenblick in eleganter Zivilkleidung aus seinem Glashaus kam, Svend die Verstimmung vom Gesicht ab. Er sah den jungen Mann, den einzigen Gast in Sehweite, hilflos mit den Fingern zwischen den Blättern eines Kursbuches dasitzen. Darum näherte er sich ihm und fragte ihn mit dem höflichen Wohlwollen, das Svend jedesmal wie ein warmer Händedruck berührte, welche Route er suche. Svend nannte Kew Gardens. Er hatte auf einem Plakat von einer Blumenausstellung und von Bootfahrten gelesen. Der Portier versuchte ihm zu erklären, welche Untergrundbahn und welche Tram er nehmen sollte. Da Svend aber noch zu ungeübt war, um allen Ortsangaben zu folgen, sagte der Portier nach einem Augenblick des Zögerns. »Ich will denselben Zug benutzen. Wenn Sie sich mir vielleicht anschließen wollen –« Svend nahm das Angebot dankbar an. Kaum waren sie auf der Straße, da sagte der Portier mit schelmischen Augen auf dänisch zu ihm: »Wie geht es Ihnen?« Svend blickte überrascht und erfreut auf. »Was? Sind Sie in Dänemark gewesen?« » Yes , vor zehn Jahren. Ich bin anderthalb Jahre Portier im Hotel Phönix gewesen.« Wie wohl das tat, diese Worte hier in der Fremde zu hören. Jetzt wurde die Konversation lebhaft halb auf englisch und halb auf dänisch geführt. Sie fuhren zusammen im Kupee und bevor sie Richmond erreicht hatten, hatte der Portier Svend in sein Hausboot auf der Themse eingeladen, das er für den Sommer für seine Familie gemietet hatte. Es lag augenblicklich in der Nähe von Richmond. Er erzählte, daß er seine Frau in Kopenhagen kennen gelernt habe, sie sei Stubenmädchen im Hotel Phönix gewesen. Es würde sie sicher interessieren, einen Dänen zu treffen, da sie ebenso wie er die Dänen sehr schätzen gelernt habe. Das freute Svend, obgleich er ein Portier war, der es zu einem Gast sagte – und auf eine wohlwollend beschützende Weise. Aber einerlei: Svend nahm es gern an. Dann vertraute er Mr. Johnstone an, welch überwältigenden Eindruck der Verkehr auf ihn gemacht habe. »O ja, hier gibt's viele Menschen!« antwortete Mr. Johnstone trocken und ohne Verständnis. »Wie ist es möglich, daß alle diese Menschen Platz bekommen? Wo nehmen sie die Kraft zu diesem fürchterlichen Kampf ums Brot her, da allein der Weg zum Arbeitsplatz soviel Zeit und Nervenanspannung erfordert?« Mr. Johnstone sah ihn höflich fragend an. Er verstand nicht, was er meinte. »Da ist das Scharren und Kreischen der Wagen. Da sind die Omnibuskondukteure, die ihre Routen ausschreien. Muß man über einen lebhaften Fahrweg – und der gerade Weg ist immer belebt–, so ist es fast lebensgefährlich, wenn man nicht Zeit hat, auf das Signal des Schutzmannes zu warten, der den Wagenstrom anhält. Zeitungsjungen brüllen einem die Ohren voll. Man muß ein Auge an jedem Finger haben und am liebsten noch ein paar im Nacken. – Ich bin immer todmüde, wenn ich einige Stunden im Straßenstrom gewesen bin.« Herr Johnstone lächelte nachsichtig. »Das geht ganz mechanisch vor sich, als wenn ich eine Seite in meinem Hauptbuch zusammenzähle. Ich sehe jede einzelne Zahl, aber sie gelangen, nicht bis zu meinem Gehirn; so ist es auch mit den Menschen und Tieren auf der Straße, sie gehen mich ja nichts an. Jeder hat an sich selbst genug!« fügte er kalt, fast hart hinzu. Svend versuchte vergebens, diese Worte mit Mr. Johnstones herzlichem Wohlwollen zusammenzureimen und konnte eine diesbezügliche Bemerkung nicht zurückhalten. »Aber all die vielen, fremden Menschen, die täglich sozusagen durch Ihre Hände gehen, die behandeln Sie doch fast mit Herzlichkeit.« Mr. Johnstone zögerte mit der Antwort. Dann sagte er: » Well , das ist mein business ! Solange ich mit jemandem spreche, geht er mich etwas an, dann ist er kein Fremder mehr für mich und ich stehe ihm zur Verfügung. Aber vorher und nachher –« Ohne den Satz zu vollenden zeigte er aus dem Fenster, wo die Themse jetzt in einer glitzernden Krümmung zwischen hohen, uralten Erlenbäumen sichtbar wurde. Grüne hügelige Wiesenflächen mit roten Mohnlichtern senkten sich sanft zum Fluß hinab, und auf ihren Höhen standen weiße Villen, so groß wie Schlösser, mit Türmen und Treibhausern, in deren Glaswänden die Nachmittagssonne sich brach. In einem der Gärten, zwischen hohen Lebensbäumen, die einen Rasen umkränzten, der so grün und eben wie ein Stück Tuch war, spielten schlanke, hellgekleidete Damen mit gebräunten, sportsgekleideten jungen Leuten Tennis. Man sah wie sie die geschmeidigen, sportgewandten Glieder reckten; das Geräusch ihrer Worte und ihres Lachens aber gelangte nicht bis zu ihnen. Auf dem Flusse glitten hohe, schmale, dunkle Boote mit hohen Steven in dichten Scharen wie ein Schwarm von Schwänen vorüber. Nackte, sehnige Männerarme bewegten sich in abgemessenen Ruderbewegungen. Achter, behaglich in seidene Kissen zurückgelehnt, führten junge Damen das Steuer, das Gesicht und die blonden Haare von großen Spitzenhüten gegen die Sonne geschützt. Langsam, zögernd, ganz langsam. Jede Bewegung gedämpfte Sonntagsruhe; es war wohltuend zu sehen, wie dies alles Frieden war und nicht Streben unter einer anderen Form. Svend gedachte der Sommernachmittage auf dem Sund. Nur selten sah man dort abgemessene Ruhe. Die meisten patschten, arbeiteten, schwitzten beim Rudern, als sei es eine Arbeit, die bezahlt würde; während Mädchen und Frauen lachten und plauderten, als wollten sie sich beständig selbst davon überzeugen, daß sie sich amüsierten. Sie stiegen bei Richmond aus und spazierten mit dem Strom von ruhigen Sonntagsspaziergängern längs des Flusses, wo die Sommerboote nebeneinander vertäut lagen, von denen jedes durch eine Laufplanke mit dem niedrigen Flußufer verbunden war. Es waren Prahme, die überbaut worden waren, aber nicht von Zelten, sondern von Häusern mit Fenstern, Veranden, Türen; mit Blumengärten auf dem flachen Dach und mit Schlinggewächsen längs der Wände. Schwimmende Häuser mit Küche, Schlafstube, Eßzimmer und Salon. Und zwischen diesen Wohnungen war ein Gewimmel von Booten, die sich mit Stangen vorwärtsschoben oder ruderten; ein Leben, wie Svend es sich auf dem Canale grande in Venedig vorstellte. » Here you are! « sagte Mr. Johnstone und winkte mit dem Stock einer beleibten Dame zu, die auf dem Achtersteven einer Sommerbootes stand und mit einer fetten, weißen Hand winkte. Mrs. Johnstone war eine Dame in einem weißen Spitzenkleid, mit starken Armen und Hüften und einem Busen, der den dünnen Stoff sprengen zu wollen schien. Ein freundliches, mütterliches Lächeln lag beständig um ihre Lippen, und die braunen, lebensfrohen Augen nahmen an allem teil, was um sie her vorging. Sie errötete vor Freude, als Svend ihr vorgestellt wurde und sie hörte, daß er Däne sei. Das brachte ihm einen derben Händedruck ein und sie begann gleich, ihn nach Verhältnissen und Personen aus alten, munteren Tagen bei den »freundlichen« Dänen auszufragen. Während Svend ihre Neugierde, soweit es in seiner Macht lag, befriedigte, erschien eine erwachsene Tochter im Salon, um den Nachmittagstee zu servieren. Sie war groß, außerordentlich mager und litt augenscheinlich an Bleichsucht; die Züge des Gesichtes aber waren regelmäßig, die großen schönen Augen dunkel und scheu. Svend erhob sich und machte ihr eine Verbeugung; aber sie reichte ihm weder die Hand, noch sah sie einen der anderen an. Es kam Svend so vor, als glitte ein Schatten über Mr. Johnstones Gesicht und seine Frau war zurückhaltender in ihrer Rede, solange sie im Zimmer war. Sie schien Kälte um sich zu verbreiten. Nachdem der Tee getrunken war, schlug Mr. Johnstone einen Nachmittagsspaziergang vor. Mr. Byge sei ja herausgekommen, um Kew Gardens zu sehen. Als Frau Johnstone ihren Hut aufgesetzt hatte und Svend eine Wendung machte, um sie vorangehen zu lassen, sah er plötzlich einen kleinen Knirps von ungefähr zwölf Jahren hinter ihr auf der Laufplanke stehen, der den Fremden mit großen klugen Augen anstarrte. Svend hatte ihn nicht kommen hören und war sehr erstaunt über das Äußere des Knaben. Seine feingezeichneten Augenbrauen standen schräg und sein Gesicht war trocken und gelblich wie das eines Chinesen; trotzdem war er ganz wie ein englischer Knabe gekleidet, mit einem großen weißen Kragen über seiner gefalteten Jacke; als er sich aber umdrehte, um Mrs. Johnstone hilfreiche Hand zu leisten, was er mit einer Behendigkeit und Freude tat, daß es ein Vergnügen war zu sehen, da entdeckte Svend, daß sein schwarzes Haar unter der Sportmütze zu einem Knoten mit vielen Schnörkeln aufgesteckt war. » Yes , er ist ein Chinaboy!« sagte Mr. Johnstone und legte seine große Hand liebkosend um den zarten, tief gespalteten Nacken des Knaben. Der Kleine blickte strahlend zu ihm auf und nickte Svend darauf munter zu, als wolle er sagen: »Ja, ich bin ein Chinaboy; und was bist du für einer?« Während sie längs des Flusses spazierten, Frau Johnstone mit dem Chinesenknaben voran, der seine gelbe Hand vertraulich unter ihren dicken Arm geschoben hatte, erzählte Mr. Johnstone, daß der Knabe mit ihm aus China gekommen sei, wo Johnstone mehrere Jahre ein Hotel geleitet hatte, das dem Vater des Knaben gehörte, einem wohlhabenden Chinesen, der seinen Sohn zum selbständigen Hotelwirt heranziehen wollte, damit er sich nicht wie sein Vater stets auf Europäer verlassen mußte. Mr. Johnstone hatte eingewilligt, ihn in Pflege zu nehmen, um ihn später im Hotelfach auszubilden. Sie hatten den Knaben so lieb gewonnen, als sei es ihr eigener. Mrs. Johnstone, die vor mehreren Jahren einen Sohn verloren hatte, konnte ihn gar nicht entbehren. Svend begriff, daß es außerdem ein sehr lohnendes Geschäft für Mr. Johnstone sei. Nachdem sie eine Weile in dem großen Park umhergewandert waren, suchte Mr. Johnstone einen ruhigen, schattigen Platz auf einem hochgelegenen Abhang, der sanft zum Fluß abfiel. Hier lagerten sie sich und blickten links auf das Badeleben im Fluß hinab. Rechts sahen sie auf großen, sonnenbeschienenen Rasen hinter mächtigen alten Eichen frohe Londoner Fußball spielen, während Kinder um die Wette liefen. 20 Svend mußte zu dem dänischen Gesandten im Belgravia-Viertel hinaus, um Zutritt zu einer Parlamentssitzung zu erlangen. Der kleine, gebrechliche, alte Baron, mit den feinen, fast durchsichtigen Zügen, empfing ihn im Morning-room . Er hörte Svends Anliegen so freundlich an und fragte so interessiert, ja, fast herzlich nach seinen Eindrücken von London, daß Svend von der Wirkung seiner eigenen Persönlichkeit ganz überrascht gewesen wäre, wenn ihm nicht im selben Augenblick Mr. Johnstones Herzlichkeit und seine Bemerkung über »business« eingefallen wäre. So scheint es ja bei groß und klein hier Brauch zu sein, dachte er bei sich. Worte wie Verstellung und Heuchelei drängten sich ihm auf; als er aber daran dachte, wie oft er sich in Dänemark über Unliebenswürdigkeit und Kurzangebundenheit sowohl bei sich selbst wie bei anderen geärgert hatte, sah er ein, daß diese Herzlichkeit eine natürliche Folge der Härte des Kampfes unter großen Verhältnissen sei. Wie furchtbar würde sich das Zusammenleben in dieser mächtigen Stadt gestalten, wenn die Menschen nicht überall, wo es nichts kostete und die Chancen nicht darunter litten, dem Bruderschaftsgefühl dieses Opfer brächten. Wie hatte das freundliche Lächeln, die herzliche Betonung ihm in seiner Verlassenheit wohlgetan, wenn es auch nur eine Vergoldung war; wie schrecklich, wenn die Menschen die Gleichgültigkeit und Härte ihrer Herzen offenkundig zur Schau tragen würden! Als der Baron im Laufe des Gespräches erfuhr, zu welcher Familie Svend gehörte, kam plötzliches Leben in seine schlaffen Züge. »Was? Konferenzrat Byge ist Ihr Onkel,« sagte er bewegt, »mein alter politischer Kampfgenosse aus früheren Zeiten! Das freut mich, das freut mich wirklich!« Es zitterte etwas greisenhafte Rührung in den feinen Runzeln seiner Augenwinkel, und der Baron begann im Zimmer auf und ab zu gehen, als sei er sehr einsam. Dann besann er sich und sagte zu Svend: »Wollen Sie morgen bei mir speisen, Herr Byge. Ich werde Sie Seiner Durchlaucht Prinz Adolph vorstellen. Auch den Departementschef Kruse werden Sie hier treffen. Das ist eine Bekanntschaft, die Ihnen nützlich sein kann.« Svend nahm dankend an, aber er verschwieg, daß er Kruse bereits auf der Überfahrt getroffen hatte.   Der Gesandte, der Witwer war, führte den Prinzen zu Tisch, während sein Sohn, der junge Baron, ein anglisierter Kavalier in den Dreißigern, der als Attaché seines Vaters fungierte, den Departementschef führte. Fräulein Kruse saß an der rechten Seite des Attachés und hatte Svend als Tischnachbarn. Sie sah entzückend aus in einem Kleid aus weißer Seide, mit einem Kragen von feinsten Spitzen und einer Kette von kleinen, dunkelroten Rubinen, die stramm um ihren weißen Hals schlossen; die Haut war so durchsichtig, daß das Blut hindurchschimmerte, und der Puls klopfte so sichtbar unter den Rubinen, daß es aussah, als preßten sie den weißen Hals. Sie hatte die zarteste Nackenlinie, die er je gesehen hatte. Er freute sich jedesmal, wenn das Gespräch ihm Gelegenheit gab, ihren Hals zu betrachten, der fest und rund war wie eine Säule vom reinsten Marmor. Ihr blondes Haar wellte sich in einer Fülle von goldenem Gekräusel auf der Stirn und wurde im Nacken von einem Schildpattkamm mit eingelegtem Silber und Rubinen gehalten, die genau dieselbe Farbe hatten, wie die Steine der Halskette. Da fielen seine Augen auf ihre Hände. Die feingebogenen Finger, die ohne Glied zu sein schienen, bewegten sich mit bewußtem Liebreiz und unterstrichen die zierliche Rede ihrer etwas verhätschelten Stimme mit einer Ausdrucksfähigkeit, die jede andere Geste überflüssig machte. Svend konnte den Blick nicht von diesen Händen losreißen; er war ganz benommen davon, obgleich ihre sanften, blauen Augen ihm deutlich sagten, daß sie sich jeder ihrer Vorzüge voll bewußt sei und seine schlecht verhohlene Bewunderung wie eine Huldigung genoß, an die sie gewöhnt war, deren sie aber nie müde wurde. Es glückte ihnen bald, heimatliche Berührungspunkte zu finden, die von ihnen beiden mit froher Überraschung begrüßt wurden. »Denk dir nur, Papa,« sagte sie über den Tisch hinüber zum Departementschef, der Svend gegenübersaß und sich über die unverhohlene Bewunderung in dem jungen, unbeherrschten Mienenspiel amüsiert hatte, »Herr Byge verkehrt bei Assessors!« »Das ist ja nett,« sagte der Alte, »dann wird man sich ja im Winter dort treffen.« Er hob sein Glas und trank Svend verbindlich lächelnd zu, worauf er sich nach dem Befinden der Konferenzrätin erkundigte. Svend fühlte, daß er rot wurde und gab eine ausweichende Antwort. Ob es war, weil der alte Baron ihn als einen Neffen und Pflegesohn des Konferenzrates vorgestellt hatte, der augenscheinlich die allergrößte Achtung in diesem Kreise genoß, oder weil der Gesandte Onkel Kasper seinen alten Freund genannt hatte – genug, Svend wurde von allen Seiten eine größere Zuvorkommenheit entgegengebracht, als er in seinem Alter und seiner Stellung erwarten durfte. Er fühlte sich bald sicher und ungezwungen, entfaltete seiner Tischdame gegenüber die ihm angeborene liebenswürdige Freimütigkeit, und diese trug ihm aus Fräulein Kruses Augen jenen Seitenblick von verborgener Schelmerei ein, die denjenigen, mit dem sie sprach, wie in heimlicher Vertraulichkeit zu sich heranzuziehen schien. Die Augen des Prinzen, deren verschleierter Ausdruck nach und nach einem etwas erstaunten Interesse wich, ruhten oft mit Wohlgefallen auf Ellen Kruses Augen und Haar. Sie aber schien keine Notiz davon zu nehmen, und entzog ihrem Tischherrn, zu seiner Freude, nichts von ihrer Aufmerksamkeit.   Bevor die Gesellschaft sich auflöste, hatte Ellen Kruse Svend ihre Reiseroute anvertraut. Sie verabredeten, daß er, der auch nach Paris wollte, sie im Grand Hôtel aufsuchen und in die Museen begleiten sollte; sie fürchtete, daß sie sich sonst zu sehr langweilen würde, und Papa wünschte, daß sie alles sehen sollte. Der Departementschef kam hinzu und wiederholte ihre Aufforderung. Es käme um so gelegener, als der Departementschef einige Staatsgeschäfte mit der Banque de France zu erledigen hätte und Ellen sonst des Vormittags allein im Hotel hätte bleiben müssen. »Da wir gerade von Staatsangelegenheiten sprechen, Herr Byge,« sagte der Departementschef und blies ein Aschenstäubchen fort, das sich auf seinen Frackaufschlag gesetzt hatte, »wissen Sie vielleicht jemanden zwischen den jungen Referendaren Ihrer Bekanntschaft, der sich für das öffentliche Finanzwesen interessiert? Wir haben nämlich eine Vakanz, die ehestens besetzt werden soll. Ich habe das Prinzip, persönlich über die Wahl meiner jungen Herren zu wachen, um sozusagen den Weg reinzuhalten – he, he –, ich meine, um nicht nur für erste Kräfte in bezug auf Tüchtigkeit, sondern auch in bezug auf Geburt und gesellschaftliche Bildung zu sorgen, Sie verstehen?« Sieht er es auf mich ab? – fuhr es Svend durch den Kopf. Er versuchte in dem Gesicht des Departementschefs zu lesen, aber es stand nichts weiter als die gewöhnliche, etwas leere Verbindlichkeit darauf. »Ich weiß im Augenblick keinen, Herr Departementschef,« beeilte er sich zu erwidern, »aber ich werde nachdenken, ob jemand frei ist, der –« »Tun Sie das, Herr Byge. Und nun adieu. Es hat mich sehr gefreut und meine Tochter ebenfalls. Auf Wiedersehen in Paris! – Komm, Ellen.« Diese Worte wurden gewechselt, während der Departementschef und seine Tochter in der Hall standen und auf den Wagen warteten. Als sie schließlich eingestiegen waren und der Diener die Tür zuschlug, hatte Svend die Freude, daß Fräulein Ellen sich zurücklehnte, indem der Wagen davonrollte, um ihm mit ihren sanften Augen und der feinbehandschuhten Hand einen letzten Gruß zuzuwinken. Zweites Buch 1 Svend war in Paris. Er kam spät abends an, über Dieppe. Der Zug rollte polternd in eine überdeckte Halle ein, wo der Rauch wie ein Nebel um die Gasflammen stand. Ein ohrenbetäubendes Rufen und Schreien. Alle Menschen sprachen laut und kreischend, als zankten sie sich. Schmutzige Jungens mit Mützen und Blusen drängten sich bis zu den Kupeetüren durch, kaperten das Gepäck und bahnten den Weg. » Ici, Monsieur !« Svend schwankte mit großen, schlaftrunkenen Augen über den Perron. Er hatte von einem älteren Kameraden ein kleines Hotel auf dem linken Seineufer aufgegeben bekommen. Der Kutscher konnte den Namen nicht verstehen. Svend zeigte ihm die Visitkarte, worauf er stand. Darauf murmelte er etwas in den Bart und fuhr davon. Helle Straßen und dunkle Straßen. Eine lange Brücke mit fernen Lichtreihen, die sich tief unten in dem dunklen Wasser spiegelten. Vorbeifahrende Wagen. Späte Nachtwanderer, die mit hochgezogenen Schultern nach Hause eilten. Ein Betrunkener, der auf dem Fußsteig schwankte. Das war alles. Nach einem langen, schweren Schlaf hinter geschlossenen Läden fuhr Svend in die Höhe und ahnte nicht, wo er war. Er griff durch die Luft und sprang auf. Durch eine Ritze sah er Tagesschein. Er öffnete die Fenster, die wie Flügeltüren ganz bis zur Erde reichten und ins Zimmer hineingingen. Schließlich gelang es ihm, auch die Läden zu öffnen. Und da lag Paris. Ein breiter Vorstadt-Boulevard mit niedrigen lächelnden Bäumen. Ein Gewühl von Wagen: Droschken, hohe, zweirädrige Arbeitskarren, schwer mit weißem Kalkstein beladen. Der Kutscher ging nebenher und ermunterte drei, vier schwerfällige Zugpferde, die hintereinander eingeschirrt waren, mit Zurufen und mit einer langen Peitsche. Menschen, die an ihre Tagesarbeit eilten. Schnellfüßige Mädchen mit großen Kästen. Schulkinder, blaß und behende. Frauen mit bloßen Köpfen, die an der Straßenecke stehen blieben und mit großen Armbewegungen auf den Schutzmann einredeten. Wie verschieden von Londons müder, schwerer Geschäftigkeit! Die Luft war voll Staub, der in die Höhe gepeitscht wurde und in Wolken über der Straße lag; dennoch war die Luft leicht zu atmen. »Paris – Paris!« sang es in ihm. Er konnte sich nicht klar darüber werden, was es war. Aber es war etwas Neues und Sprudelndes – etwas, das im Handumdrehen die ganze Vornehmheit abstreifte, die ihm noch aus Londons Westend in den Knochen saß. Lange blieb er in Hemdsärmeln am Fenster stehen und blickte auf die Straße. Er konnte sich nicht satt sehen an dem Leben dort unten. Sogar die Droschkenpferde schienen einen eigenen Schwung über ihrem eckigen Kreuz zu haben. Die Kutscher knallten vergnügt mit ihren Peitschen, riefen sich im Vorbeifahren an, nickten den kleinen Mädchen zu, und jeder einzelne schien sich als Herr und Mittelpunkt des Lebens zu fühlen. Solche Burschen waren es – ihre Väter waren es, die die Revolution gemacht, die grobe Arbeit dafür verrichtet hatten. Man konnte plötzlich besser verstehen, wie es zugegangen war, es erschien einem weniger tierisch, wenn man diese Menschen vor sich sah. Selbst in der täglichen Tretmühle zuckte diesen Sklaven der menschlichen Gesellschaft das Freiheitsgefühl bis in die Fingerspitzen, ja, ganz bis in das Peitschenende. Es war wohltuend, zu sehen, wie hier jeder das vorstellte, was er war, nicht mehr und nicht weniger; und jeder hing mit ganzer Seele an dem, was er im Augenblick war. Als Svend an das Ufer der Seine kam und die schlanken Brückenbogen sah, die sich über den Fluß wölbten, in dem weißen Licht eines Himmels gebadet, der sich höher zu heben schien als der, an den er gewöhnt war, ein Himmel von reinstem Blau – als er die prachtvolle Majestät des Louvre auf dem anderen Ufer hinter den dichten Baumkronen des Kais sah –, da wurde seine Brust von einem plötzlichen Jubel erfüllt, der jeden anderen Willen aus seinem Gemüt herausdrängte und ihn zwang, dieses Neue mit aller Sinneskraft in sich aufzunehmen, in diesem Augenblick zu leben – ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Er ging wie in einem Rausch über die Brücke, durch das Sonnenbad. Als er aber durch die Mauerbogen des Louvre den Platz vor dem Schloß erreichte und von dort über das lächelnde Grün der Tuilerien ganz bis zum Triumphbogen blicken konnte – da fühlte er sich plötzlich wieder allein. Es war nicht das niederdrückende Verlassenheitsgefühl, das ihm während der ersten Tage in London den Atem benommen hatte. Es war ein Sehnsuchtsgefühl, dieses Glück des Augenblicks mit einer gleichgestimmten Seele zusammen zu genießen. Da tauchten Ellen Kruses blaue Augen mit ihrem verborgenen Lächeln auf. Lange dauerte dieser Sehnsuchtszustand nicht. Als er sich erst in das Bild, das sich vor ihm ausbreitete, versenkt hatte, als das Grün der Tuilerien ihn umgab, als er die Einzelheiten sah: Kindermädchen mit den spielenden Kindern an dem sonnenglitzernden Wasser in den niedrigen Bassins, die alten Pensionisten mit der Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch, die sich von der Sonne den Rücken wärmen ließen, den Mann, der die Spatzen fütterte, die sich auf seine Arme setzten und seinem Ruf folgten, und als ein alter Mann etwas über die Spatzen zu ihm sagte, als sei er ein Eingeborener – da begann er mitzuleben in dem strahlenden Augenblick, ohne ein Gefühl des Fremdseins. Er vergaß Ellen Kruses sanfte Augen und war wieder ganz gegenwärtig. Am Abend aber, als er müde und zerschlagen im Bett lag, tauchte sie von neuem auf. Er sah ihre feine, weiße Hand mit den gewölbten Fingernägeln vor sich; er sah sie gegen den dunklen Wagensitz gelehnt, ihm zunicken. Es half nichts, daß er es vor sich selbst leugnete: er war wirklich von neuem verliebt. Morgen wollte er sein Versprechen einlösen und sie in ihrem Hotel aufsuchen. Als aber der Morgen mit seiner Frische und Sonne im Gemüt kam, verleugnete er sie. Eine Ferienbegegnung. Eine Blume, die ihn heftig angezogen hatte, weil er sich in der ungeheuren Verkehrsöde so einsam gefühlt hatte. Ein Hauch aus der Heimat. Verliebt. Ja, gewiß. Desto mehr Grund sich fernzuhalten. Er, der am Anfang des Lebens stand und für sich allein einsammeln wollte, er konnte sich doch nicht von einem Weib fesseln lassen. Während des viel zu kurzen Tages glitt dann ein genußreicher Augenblick nach dem anderen über ihr Bild und verdunkelte es ganz, bis es sich am Abend, wenn er zur Ruh gekommen war, wieder mit seinem »weißt du noch?« vordrängte. Am vierten Tage aber, als er zum erstenmal in der Galerie des Luxembourg umherging, da schien die Sonne durch ein offenes Ventilationsfenster im Dach auf ein blondes Seidenhaar am Ende des Skulpturensaales. Es war nur ein Sonnenschimmer gewesen und der Eindruck einer weißen Bluse, die um die Ecke verschwand – aber es hatte sein Herz heftig klopfen gemacht. Wenn sie es doch wirklich gewesen wäre! Er eilte von Saal zu Saal; und als er sie nicht fand, war er tief enttäuscht. Seine Sehnsucht, sie wiederzusehen, ließ ihm keine Ruhe mehr. Und er kehrte in sein Hotel zurück, um Frühstück zu essen und sich für den Besuch umzukleiden. Unterwegs kaufte er sich einen Pariser Strohhut. Er hatte schon längere Zeit damit geliebäugelt; jetzt gehörte er ihm. 2 Der Portier schüttelte den Kopf. »Kruse?« wiederholte er, » non, monsieur, pas içi !« Svend schrieb den Namen auf seine Karte. » Ah, monsieur Kryhse! – Parfaitement. « Der Departementschef aber war nicht zu Hause. Svend blieb niedergeschlagen auf dem Fußsteig stehen und ließ seine Blicke über die Tische schweifen, die dicht mit Hotelgästen und Eingeborenen besetzt waren, die unter dem Schutz einer Markise den Anblick des Verkehrs auf dem Platz vor der Oper in der brennenden Sonne genossen. Ein hastiger Blick aus zwei blauen Augen, die ihn über eine Karaffe trafen, während zwei schmale Lippen sich um einen gelben Strohhalm spitzten und eine rote Flüssigkeit aus einem Glas sogen. Das Blut schoß ihm zu Kopfe. Er war seiner Sache gewiß. Es war Ellen Kruse; und dort, an ihrer rechten Seite saß der Departementschef in einem neuen Bonjour, mit der Ordensrosette über der weißen Weste würdig, zurückgelehnt, mit » Le Temps « vor sich. Indem Svend auf sie zuging, versuchte er vergebens ihren Blick zu fangen. Derselbe glitt so unbeeinflußt und ruhig über das Wagengedränge vor dem Hotel, daß er schließlich überzeugt war, sie habe ihn nicht wiedererkannt. Sie hatte eine weiche, weiße Reisemütze auf dem Seidenhaar, das sich auf Stirn und Schläfe lockte. Weder auf dem Schiff noch beim Gesandten hatte sie so von Jugend und Liebreiz gestrahlt. Svend grüßte. Der Departementschef sah über den Kneifer mit einem fernen Blick auf, der noch von der Lektüre absorbiert war. Dann erkannte er Svend, lächelte verbindlich, legte die Zeitung beiseite und reichte Svend seine gepflegte Hand. »Ah, da haben wir ja Herrn Byge! Sehr erfreut, Sie wiederzusehen!« Ellen reichte ihm ihre behandschuhte Hand, ohne ein sonderliches Zeichen von Wiedersehensfreude, als hätten sie sich erst gestern gesehen. »Finden Sie es hier nicht himmlisch?« begann sie sofort, ohne sich im geringsten dafür zu interessieren, wann er gekommen sei. Er war enttäuscht, und es fiel ihm schwer, den gewohnten Gesellschaftston anzuschlagen. Er vermied es, sie anzusehen und richtete meistens das Wort an den Departementschef, der, nachdem er an seiner Seite für Svend Platz gemacht hatte, sich nach seiner Reise erkundigte, ihm die Schulter klopfte und fragte, was er trinken wolle. Ellen sah auf und diesmal war der Schimmer des verborgenen Lächelns da, in den er sich zuerst verliebt hatte: »Probieren Sie dies, Herr Byge. Es ist Grenadine und schmeckt wundervoll.« Svend lächelte dankbar, und die Grenadine wurde bestellt. Kurz darauf faßte er Mut: »Wenn Sie nichts Besseres vorhaben, gnädiges Fräulein, würde ich gern mein Versprechen einlösen und Sie in den Louvre begleiten. Die Uhr ist eben drei. Wir haben noch zwei Stunden, bis geschlossen wird.« Ellen sah ihren Vater an, dessen Augen von der Zeitung vor ihm auf dem Tisch angezogen wurden. Er war mitten in einem sehr belehrenden Artikel über fremde Staatspapiere an der Pariser Börse unterbrochen worden. »Ich weiß nicht, ob Papa –« Der Departementschef versuchte zu verbergen, daß er Svends Worte gar nicht gehört hatte. »Wie du willst, mein Kind. Du weißt, daß du deine Freiheit hast.« Ellen stand auf und glättete die Falten ihrer Bluse. »Wir wollen lieber einen Wagen nehmen!« sagte sie. »Wagen?« »Ja, wenn wir doch nur zwei Stunden haben, bis geschlossen wird.« »Du sagtest Luxembourg?« »Nein, Louvre, Papa.« »Richtig. Dort wird um fünf geschlossen. Viel Vergnügen. Geben Sie gut auf sie acht!« sagte der Departementschef, indem er Svend die Hand drückte. Svend winkte einen Wagen herbei. Sie stiegen ein, und der Departementschef grüßte mit der Hand, stolz über das Aufsehen, das die blonde Erscheinung seiner Tochter zwischen den Gästen des Cafés erregte. Ellen spannte ihren Sonnenschirm auf, der mit roter Seide gefüttert war und einen Schimmer von dunklen Rosen über ihren zarten Teint warf. Sie saß lächelnd im Rosenschein da und hielt den weißen Hals in heller und fröhlicher Erwartung nach vorn gebeugt. Ihre linke Hand ruhte im Schoß. Der Türkisring blitzte durch die weißen Seidenfäden des Handschuhs. Seine Augen ruhten auf den anmutigen Fingern, deren zarte Linien von dem Gewebe verborgen wurden. Er wünschte sehnlichst, daß sie den Handschuh ausziehen möge. Sie sah es und genoß seine schweigende Bewunderung, zusammen mit der ganzen übrigen sonnenwarmen Freude, die ihr entgegenwogte. Sie überlegte einen Augenblick, ob sie ihm den Willen tun und den Handschuh der Wärme wegen abziehen solle; aber sie tat es nicht; sie wollte ihm nicht soviel gewähren; mochte er nur etwas warten. Als der Wagen vor dem Eingang zum Louvre hielt, beeilte Svend sich, ihre Hand zu ergreifen und ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Weich und warm ruhte sie in der seinen; und da der Wagen stark federte, als sie auf das Trittbrett trat, mußte sie fest zufassen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als sie die Treppe zu der dunklen Vorhalle hinaufstiegen, von einem Fremdenführer verfolgt, trafen ihre Augen sich in vertraulicher Munterkeit über den Zudringlichen, der sich ihnen in drei verschiedenen Sprachen anbot, bevor er sie schließlich aufgab. Ihre Hand berührte leicht seinen Arm, indem sie sich nach der Garderobe umblickte. Sein Blick glühte auf; als er sie aber mit warmen Augen anblickte, traf ihn ein fremder, gleichgültiger Blick. Sie weidete sich an seiner Enttäuschung, die er nicht zu verbergen vermochte. Sie schob die Brust vor und genoß die Macht, die sie bereits über diesen hübschen jungen Referendar besaß, um dessen Bewunderung sowohl Kamma wie Emmy sie beneiden würden. Sie ließ ihren Blick über die lange Reihe halbdunkler Säle mit ihren verstaubten, nackten Gestalten schweifen und fand es etwas bedenklich, sie Seite an Seite mit einem jungen Mann, der ihr fremd und noch dazu verliebt war, zu durchwandern. Sie mußte auf ihrer Hut sein. Svend zog seinen Baedeker hervor, sah nach den Nummern und las ihr gewissenhaft die Erklärungen vor, bis sie ihn plötzlich schelmisch ansah und sagte: »Finden Sie das eigentlich amüsant, Herr Byge?« »Bei Gott, nein.« Da lachten sie alle beide und waren einander plötzlich viel näher gekommen. »Ich wußte ja nicht, wie weit Sie interessiert sind!« sagte er. »Wenn ich ehrlich sein soll, so finde ich Museen furchtbar langweilig – das heißt Erklärungen und was die Sachen vorstellen sollen und das Geschichtliche und so. Wenn etwas schön ist, dann ist es schön; das genügt doch. Und wenn es nicht schön ist, dann ist es auch einerlei, was es vorstellt, nicht?« »Ja, natürlich. Ich möchte auch viel lieber mit Ihnen auf einem Dampfer sitzen und die Seine hinabfahren. Oder mit Ihnen auf dem Boulevard spazieren.« Sie sah ihn mit einem warmen Blick an und lächelte, indem sie ihre Lippen mit der Zungenspitze feuchtete. In den oberen Sälen war es sehr warm. Die Sonne brannte durch das Glasdach in der langen Galerie. Schließlich gelangten sie hindurch und kamen in die Abteilung für französische Kunst, wo weniger Menschen waren. Hier setzte sie sich überwältigt auf eins der Plüschsofas und machte für ihn an ihrer Seite Platz. Die Sonne fiel mit einem großen, schrägen Staubstreifen durch das hohe Fenster. Sie saßen schweigend nebeneinander, während die Wärme sie durchrieselte und sie einander näherzubringen schien. Er betrachtete sie von der Seite, den Puls, der so weich gegen den weißen Hals klopfte, der eine ganz feine Querfalte gerade über der Grube hatte. Das kurze, etwas vorstehende Kinn, die vollen, tiefroten Lippen, und die zarten Augenlider, die vor Wärme zitterten. Er wünschte, er ersehnte, er begehrte, und wagte es nicht zu zeigen. Sie schloß die Augen und lehnte sich in einer plötzlichen Müdigkeit gegen die Wand, wobei ihre weiche Schulter einen Augenblick vertraulich an seiner ruhte. Sein Herz schlug heftig. Da stieg eine tiefe Röte in ihre Wangen. Sie öffnete die Augen weit, sah ihn erstaunt an und sagte mit einem Lächeln, indem sie sich über die Stirn strich: »Ich glaube, ich habe einen Augenblick geschlafen.« Darauf stand sie auf und ging vor ihm her in den nächsten Saal, wo einige Landleute umhertrampelten. Sie klagte über Müdigkeit und lächelte ihm mit ihren blauen Augen zu, die sanfter waren als je. Als sie den Ausgang erreichten, dankte sie ihm für seine Begleitung. Er brauche nicht mit ihr nach Hause zu fahren. Sein Weg führe ihn ja in die entgegengesetzte Richtung. Svend war so enttäuscht, daß er ihr leid tat. Sie bedachte, wie lieb und rücksichtsvoll er die ganze Zeit gewesen war. Sicher würde sie ihn den langen Nachmittag vermissen, wenn Papa nicht Billette zu irgend einem Theater genommen hatte. Sie sah ihn liebreich an und sagte: »Wenn Sie Lust haben und nichts versäumen, können wir uns ja morgen hier am Eingang treffen und den Rest sehen.« Seine Augen blitzten so freudig auf, daß sie fürchtete, ihm zuviel gewährt zu haben. »Wenn Papa nichts anderes bestimmt hat,« fügte sie hinzu, »in dem Fall werde ich Ihnen einige Zeilen schreiben.« Er gab ihr seine Hoteladresse, drückte ihre Hand so warm er es wagte, sagte dem Kutscher Bescheid und sah sie fortfahren. Ob sie sich nicht ein einziges Mal umwenden und ihm zunicken würde? Nein. Sie tat es nicht. Langsam und niedergeschlagen ging er durch die Arkaden, indem er den Wagen fortwährend im Auge behielt. Da – neben dem Gambetta-Denkmal wandte sie den Kopf; und als sie sah, daß er noch dastand, winkte sie ihm mit ihrem Sonnenschirm zu. Er schwang voll Entzücken seinen Hut. Sie dachte bei sich, daß er reizend sei, und bereute, daß sie ihm beim Abschied so wenig gewährt hatte. Da gelobte sie es ihm im stillen für morgen. Im nächsten Augenblick schwenkte die Droschke in die Avenue de l'Opéra ein, und sie war wieder ganz von dem blendenden Leben um sich herum in Anspruch genommen. 3 Svend mußte den ganzen übrigen Tag immer an Ellen denken. Er spazierte in den Champs Elysées und sah die eleganten Privatfuhrwerke aus dem Bois de Boulogne zurückkehren. Er betrachtete die Pariserinnen mit ihren geputzten Hüten; der Vergleich fiel zugunsten von Ellens kleiner, flacher Reisemütze aus. Und was Grazie anbetraf, Grazie im Lächeln und in Gesten, so fand er, daß nicht eine da war, die sich mit ihr messen konnte. Und er freute sich, daß er sie morgen wieder ganz für sich haben würde. Zu Hause öffnete er die Läden, die der Hausknecht sorgsam geschlossen hatte, und stand lange über das Eisengeländer vor dem offenen Fenster gelehnt, indem er über die Dächer von Paris in die Richtung starrte, wo das Grand Hotel liegen mußte. Als er sich schließlich aufrichtete um zu Bett zu gehen, sagte er zu sich selbst, als sei es ein Resultat, zu dem er nach reiflicher Überlegung gekommen sei, während es in Wahrheit ein Refrain war, den er den ganzen Tag vor sich hingesummt hatte und der erst jetzt Worte bekam: »Ich will sie besitzen, koste es was es wolle.« Während er sich auskleidete, versuchte er die Vernunft zu Rate zu ziehen. Er mußte sich ja klar darüber sein, daß der Weg zum Besitz nur durch Verlobung führte. Er dachte an seine vierundzwanzig Jahre, an all das, was er so lange verschoben, weil er sich einst als grüner Junge hatte binden lassen. Und kaum frei geworden, wollte er sich von neuem binden. Unsinn, binden. Er hatte eine Lebensgefährtin gefunden. Sie sollte sein Kamerad sein, Arbeit und Ziel mit ihm teilen. Es gab Bande, mit denen man das Glück binden mußte.   Als er am nächsten Morgen erwachte, erging es ihm wie an den anderen Tagen. Die Sonne schien ins Zimmer und lachte ihm vom Kamin überm Spiegel zu. Und als er sich in Hemdsärmeln vor dem offenen Fenster barbierte, spielte die leichte Luft mit seinem Haar und seinem Herzen. Schließlich sang er aus vollem Halse. Jeder ernste Gedanke an Verlobung und Fessel und Zukunft war wie fortgeblasen. Er war jung und Ellen war jung; zwei junge Menschen hatten Gefallen aneinander gefunden und wollten sich zusammen amüsieren; das war alles. Verlobung – um Gottes willen! Nachdem er gefrühstückt hatte, machte er sich auf den Weg. Er mußte eilen, um zur rechten Zeit zu kommen. Gerade als er unter den Bogen zum Schloßplatz einbog, sah er Ellens weißes Kleid auf der Rue de Rivoli -Seite stehen. Er versuchte sich ihr durch Schwingen seines Hutes bemerkbar zu machen. Zuerst sah sie es nicht; als er aber bis zum Gambetta-Denkmal gekommen war, entdeckte sie ihn und winkte mit ihrem Sonnenschirm. Dann schritt sie schneller aus und kam über den Platz gerade auf ihn zu. Indem sie ihm entgegenkam und das Leinenkleid kaum den ungeduldigen Bewegungen ihrer Beine zu folgen vermochte, war etwas in ihrem hastigen Gang, das das Blut in ihm klopfen machte. Er wußte selbst nicht, was es war; aber er fühlte sich wie nie zuvor zu ihr hingezogen. Und mit glühendem Kopf wiederholte er sich selbst, was er am vorhergehenden Abend gesagt hatte: »Ich will und muß sie besitzen.« Als sie so nahe war, daß er in ihre Augen blicken konnte, und als er sah, daß diese – groß und warm vom hastigen Gehen – ihm all das Verborgene gleichsam zum erstenmal auslieferten, da wurde sie ihm so teuer, daß seine Augen feucht wurden. Sie streckten sich gleichzeitig die Hände entgegen. Es war etwas Atemloses in ihrem Lächeln, etwas Hastiges in dem Druck ihrer Hände. Ein alter Herr mit einem grauen Napoleonbart ging im selben Augenblick an ihnen vorbei; er sah ihre Erregung, ihre Jugend, und lächelte wehmütig. Es sang in Svend vor Glück und Lust. Sie ist heute eine ganz andere, dachte er. Er konnte ja nicht wissen, daß Ellen Kruse schon von Kindheit an ein widerstandsloses Opfer ihrer Träume gewesen war. Sie hatte gegen Morgen von ihm geträumt und war mitten darin aufgewacht. Sie wußte selbst nicht, was es gewesen war, und bemühte sich, es sich ins Gedächtnis zurückzurufen; aber es wollte nicht zurückkommen. Herrlich aber war der Eindruck, den der Traum in ihre Seele gepflanzt hatte. Er hatte in ihrer Seele Wurzel geschlagen und vom frühen Morgen ihren Tag mit Duft erfüllt. Sie gingen von Saal zu Saal, betrachteten dies, blieben vor jenem stehen und ahnten selbst nicht, was sie eigentlich sahen und wovon sie sprachen. Sie bewegten sich wie in einem Lichtnebel, der alles außer ihnen selbst verschleierte. Was sie auch betrachteten und was sie auch sagten, so bedeutete alles nur dies eine: »Wie bist du lieb! – wie gefällst du mir!« Die sanftäugigen Raffaelschen Madonnen, die taubenfrommen Correggios, die Rubensche Fleischeslust und Lebenshoffart – sie alle sprachen nur von dem einen, sangen es alle auf ihre Weise: »Wie bist du lieb! – wie gefällst du mir!« Mehrere Male blieben sie stehen, sahen sich an und lächelten ganz ohne Grund. Dann lachten sie alle beide voll heraus, und Ellen errötete. »Ich weiß nicht, wie mir heute ist!« sagte sie und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es ist die Pariser Luft.« Er war gerade im Begriff ihr zu sagen, was es war; aber er hielt an sich und begnügte sich damit, es ihr durch einen strahlenden Blick zu sagen und durch ein schelmisches: »Ja, die Pariser Luft.« Dann gingen sie eine lange Weile schweigend nebeneinander her, von demselben jubelnden Gefühl hin und her gewiegt; als es sich aber plötzlich wie Ernst über sie legte, fürchteten sie etwas zu verderben, und sie fingen an, Kunstinteresse zu bekommen, und sprachen eifrig von dem, was ihre Blicke kaum streiften. Mitten im Gespräch hielten sie inne und gestanden sich mit den Augen, daß sie ja nur Komödie spielten. Svend war wieder drauf und dran, Farbe zu bekennen; Ellen aber merkte es, bekam Angst und beugte vor. Von diesem Augenblick an wagte sie es geradezu nicht mehr zu schweigen. Die Leute sahen sie an. Einige amüsierten sich über ihre Torheiten. Andere dachten an ihre eigene Jugend und lächelten wehmütig oder bitter. Eine große blonde Amerikanerin ging mit gemessenen Schritten neben einem mageren ernsten Herrn. Sie blieb stehen und sah den beiden jungen Leuten schmerzlich nach, die aller Welt das strahlende Geheimnis verrieten, das sie sich selbst noch nicht anvertraut hatten. Alles ging gut, solange sie zwischen Menschen waren und auf ihr Benehmen achtgeben mußten. Sie waren ja beide wohlerzogene, junge Menschen aus guter Familie, mit anerzogener Scheu davor, Anstoß zu erregen. Als sie aber aus dem Mittelaltersaal durch das Vestibül gingen, wo sie mit den majestätischen Marmortreppen ganz allein waren, da blieb Svend vor einem der hohen Fenster stehen und zeigte auf den Kai hinab, mit seinem Verkehr, seinen grünen Bäumen, der weißen Brücke und den sonnengebadeten Häusern auf der anderen Seite des Flusses. Sie standen dicht nebeneinander, so dicht, daß ihr Arm seinen Ellbogen berührte. Sie fühlte ihre Knie zittern, fühlte sich plötzlich zum Umsinken matt. Da knarrte die Tür mit dem grünen Multon und das amerikanische Paar kam heraus, schweigend und trist. Ellen nahm sich zusammen und ging weiter. Sie kamen in einen der ägyptischen Säle, voll von Götzenbildern mit Hunde- und Vogelköpfen aus schwarzem, blankpoliertem Granit. Hier war es kühl und fast Halbdunkel in dem Schatten der Götter. Svend blieb stehen und horchte auf die Schritte der Amerikaner. Gott sei Dank: sie knarrten feierlich die Treppe hinunter. Sie waren jetzt ganz allein. Ein Plüschsofa stand an der Wand. Er setzte sich und streckte die Hand nach Ellen aus, die zu müde war, um sich selbst oder ihm Widerstand zu leisten. Sie lehnte sich zurück, das feine Profil etwas gehoben, während die Lider, die vor Wärme zitterten, sich halb über die sanften Augen senkten, die dunkler waren als sonst. Ihre unbehandschuhte Hand lag weiß und weich in ihrem Schoß, halb geöffnet, die wehrlosen Finger nach oben gerichtet, als seufzten sie nach Liebkosungen. Svend betrachtete sie lange. Dann nahm er sie, behutsam zwischen seine beiden Hände und führte sie an seine Lippen. Indem er sie berührte, griff sie bebend um seine Hand. Sie fiel in sich zusammen, als versagte der Rücken plötzlich sie zu stützen. Seine Augen suchten ihren Mund. Er sah, wie die Oberlippe sich hob und zitterte, als sei sie im Begriff zu weinen oder zu lächeln. Sie schloß die Augen ganz. Die Lider bebten über den Kugeln; die feinen Augenwimpern legten sich weich gegen die Wange; und ihr Kopf näherte sich dem seinen, während die roten Lippen sich über den Zähnen öffneten. Er schob seinen Arm um ihre Taille und drückte seinen Mund auf den ihren. Ihr Kopf sank willenlos auf seine Schulter und ihr Mund ruhte auf seinem. Da erklangen plumpe Fußtritte. Sie fuhren auseinander. In der Tür zum Nebensaal stand ein Aufseher mit seinem dreieckigen Hut und lächelte in seinen langen, schwarzen Bart. Ellen wurde dunkelrot, sprang auf und ging, von Svend begleitet, hocherhobenen Hauptes in den nächsten Saal. Lange gingen sie schweigend nebeneinander her. Svend fühlte sich verlegen und unsicher. Hatte er sich rücksichtslos benommen, sie gegen ihren Willen überrumpelt, sich ihre Müdigkeit zunutze gemacht? Er konnte nicht klug daraus werden, wie sie es auffaßte; ihr Gesicht konnte er nicht sehen. Ellen, die noch den Kuß auf ihren bebenden Lippen fühlte, hatte Besinnung genug, sich an seiner Verlegenheit zu weiden, und ließ ihn mit Absicht noch eine Weile in Ungewißheit. Als sie aber sah, daß sie sich dem Ausgang näherten, wagte sie nicht, die kostbare Zeit zu verschwenden. Sie blieb vor einem Glasschrank mit antiken Vasen stehen. Die Rückwand war so dunkel, daß das Glas spiegelte. Dann wandte sie sich zu ihm um und sagte mit einem Lächeln, das alles wieder gut machte: »Wir wollen mal sehen, wie wir zusammen aussehen!« In überströmender Freude griff er nach ihrer Hand. Diesmal erwiderte sie seinen Händedruck, wandte den Kopf zu ihm um, gab ihm seinen Blick voll und ohne Vorbehalt zurück und fragte mit vertraulicher Stimme: »Wo wollen wir uns morgen treffen?« Da jetzt kein Zweifel mehr möglich war, wurde Svend ernst: »Soll ich nicht erst mit Ihrem Vater sprechen?« fragte er. Er hatte ein »du« auf der Zunge, stolperte aber im letzten Augenblick darüber. Sie merkte es gleich und bekam Lust ihn zu necken. »Worüber wollen Sie denn mit ihm sprechen?« fragte sie. Svend aber durchschaute sie. »Ich will anhalten!« sagte er und schwang übermütig seinen Hut. Sie lachte herzhaft und sah ihn lange an. Dann blickte sie sich hastig um, lehnte sich gegen seinen Arm, schloß die Augen und reichte ihm ihren Mund. Entzückt schlang er den Arm um ihre Schulter und drückte sie in einem langen Kuß an sich. Dann zog sie ihren Mund zurück, schnappte nach Luft, während ihre blauen Augen, die jetzt ganz dunkel waren, in den seinen ruhten. Sie schob ihn von sich und sagte, ohne ihn anzusehen, indem sie die Mütze vor dem Glasschrank zurechtrückte: »Sprich vorläufig noch nicht mit Papa. Sonst dürfen wir nicht mehr allein ausgehen.« Wieder jubelte es in ihm. Aber jetzt, wo die Mütze in Ordnung war, durfte nicht mehr geküßt werden. Während sie die Treppen hinabstiegen, wurde verabredet, daß sie morgen zusammen nach Versailles wollten. Es galt, eine recht lange Tour vorzunehmen, damit sie Gelegenheit bekamen, ganz allein zusammen zu essen. Die Erlaubnis des Departementschefs aber mußte vorher eingeholt werden. Darum durfte Svend sie heute in der Droschke zum Hotel begleiten. »Benimm dich vernünftig!« ermahnte sie ihn, als sie die kleinen Tische vor dem Hotel sah und dazwischen die weiße Weste des Departementschefs. Er war hier jeden Tag um diese Zeit und genoß seinen Aperitif wie ein eingeborener Pariser. Der Departementschef entdeckte sie, noch bevor der Wagen hielt. Er erhob sich und winkte mit der Hand. »Das ist also mein zukünftiger Schwiegervater!« dachte Svend bei sich und betrachtete ihn von diesem Gesichtswinkel aus. Dann dachte er an den Augenblick, der bald kommen würde, wo er – in feierlicher Visite – bei diesem formvollendeten und sicheren Herrn um die Hand seiner Tochter anhalten mußte. Er, Svend Byge, der nichts hatte außer seinem Referendarexamen, und der nichts war, außer der Neffe seines Onkels! Es lief ihm kalt über den Rücken; er war sehr ernst, als er Ellen beim Aussteigen half, den Kutscher bezahlte und sich mit dem Hut in der Hand dem Departementschef näherte, der ihm väterlich die Schulter klopfte. »Danke, mein lieber junger Freund,« sagte der Alte, »daß Sie sich meiner Tochter so freundlich annehmen. Ich selbst habe ja so wenig Zeit und habe das alles in meinen jungen Jahren so häufig gesehen. Im übrigen mache ich mir kein Gewissen daraus, Beschlag auf Sie zu legen, Herr Byge, denn ich meine, daß die Bekanntschaft mit der großen Kunst und der – äh – der ideal dargestellten menschlichen Gestalt den Horizont erweitert. Aber Jugend ist Jugend – und wenn ich, als der Ältere, mich nicht der Sache annähme, so fürchte ich, würde das kleine Fräulein in den Champs Elysées und im Bois de Boulogne spazieren fahren, anstatt in die Museen zu gehen.« »Aber Papa, so unvernünftig bin ich wirklich nicht.« »Na, na. Und Sie, Herr Byge – Hand aufs Herz – würden Sie besser sein als mein Fräulein Tochter, wenn Ihnen diese gesellschaftliche Pflicht nicht auferlegt worden wäre?« »Sicher nicht, Herr Departementschef.« »Also da haben wir's. Ich darf es mir also geradezu als Verdienst anrechnen, daß wir so stark Beschlag auf Sie legen.« »Sie unterschätzen Ihr Fräulein Tochter und mich dennoch ein wenig, Herr Departementschef. Wir hatten gerade davon gesprochen, daß wir gern die berühmte Sammlung in Versailles sehen wollten. Sie soll mit Hinsicht auf historische Porträts einzig dastehen.« »Was Sie sagen.« Die klugen Augen des Departementschefs wanderten wie zufällig von Ellen zu Svend und wieder zurück. »Ach ja, Papa,« sagte Ellen und schob ihren Arm liebevoll in den seinen, »und dann der schöne Park. Kannst du morgen nicht mit uns hinausfahren?« Ellen wußte, daß ihr Vater morgen eine Zusammenkunft beim Gesandten hatte und hinterher dort frühstücken sollte. »Das läßt sich leider nicht machen. Ich bin beim Gesandten geladen; aber wir können ja bis Sonntag warten.« Ellen sah nachdenklich vor sich hin und sagte: »Aber Herr Byge kann Sonntag nicht, und ich habe ihn schon eingeladen, mit mir in Versailles zu frühstücken. Denn wenn du beim Gesandten bist, müßte ich ja sonst allein essen, und das möchte ich so ungern.« Die verbindlichen Mundlinien des Departementschefs wurden etwas stramm; Ellen aber, die ihren Papa in- und auswendig kannte, sah einschmeichelnd zu ihm auf und sagte unschuldig: »Weißt du, Papa, da ist wirklich nichts dabei, wenn man auf Reisen ist.« »Nein, natürlich!« warf der Departementschef leicht gereizt hin; er gab sich den Anschein, als sei er vorurteilslos, »es tut mir nur leid, daß ich nicht auch dabei sein kann. Ich muß es dann für ein andermal zugute haben.« Svend wurde zu Mittag eingeladen, merkte aber Ellen an, daß er ablehnen solle. Als er über die Seinebrücke nach Hause ging, sah er so glücklich aus, daß ein Blumenmädchen in der Meinung, er ginge zum Stelldichein, ihn mit ihren armen, welken Rosen verfolgte, bis er sie ihr für einen Frank abgekauft hatte. 4 Sie trafen sich um neun Uhr am Gare des Invalides . Es glückte ihnen nicht, ein Kupee für sich allein zu bekommen. Außer ihnen saßen noch zwei laut redende Herren vom Kommisvoyageur-Typ im Abteil. Bald aber waren die beiden so in ihre Geschäfte vertieft, daß Ellen ihre Hand in der Svends ließ, während sie durchs Fenster auf Paris' lächelnde Vororte blickten und strahlende Pläne von ganz unwahrscheinlichen Landausflügen schmiedeten. Wie er mit der kleinen, feinen Hand traulich in seiner dasaß, wurde Svend nach und nach ernst. Er dachte an die Zukunft und fand, daß er auch mit ihr darüber sprechen müsse. »Siehst du, Ellen,« begann er, »ich werde dir ja schwerlich dieselben Verhältnisse bieten können, an die du von Kindheit auf gewöhnt bist.« »Was meinst du damit?« fragte sie und lächelte ihn verständnislos an. Er setzte sich zurecht, um ihr das Ganze recht gründlich zu erklären. »Zuerst muß ich natürlich eine Stellung haben, dazu habe ich ja mein Examen gemacht; aber damit ist nicht alles getan. Ich habe mich von Jugend auf daran gewöhnt« – er suchte mit Absicht einen gemäßigten Ausdruck, um sie nicht zu erschrecken –, »etwas anderes und mehr vom Leben zu fordern als nur ein anständiges Auskommen.« »Na, und was weiter?« Seine ernste Miene belustigte sie, und sie dachte mehr an seinen ausdrucksvollen Mund als an die Worte, die er sagte. »Ich habe mich bereits hin und wieder mit Politik beschäftigt.« »Was du sagst!« Sie lachte. Svend sah sie unsicher an. »Findest du das so komisch?« »Du bist doch jung ebenso wie ich. Politik« – lachte sie wieder und gab ihm einen Schlag auf die Hand –, »der Himmel behüte uns davor!« »Aber ich wollte gern mit dir darüber sprechen,« begann er von neuem, »ich wollte gern, daß du verstehen lerntest, Ellen –« Wenn sie dabeiblieb, seine Hand so weich zu streicheln, konnte er unmöglich sagen, was er sagen wollte. Er hielt ihre kleine Hand fest und sagte mit einem bittenden Blick: »Nein, Lieb, sei einen Augenblick ernsthaft!« Ellen richtete sich auf und gab sich Mühe, würdig und tiefsinnig auszusehen. »Na, was willst du mir denn sagen?« fragte sie. »Wenn man etwas in der Welt ausrichten will, muß man sich der Mittel bedienen, die dazu erforderlich sind. Und wenn man sich ein politisches Ziel setzt, muß man den Kampf aufnehmen, der mitfolgt.« »Weshalb willst du denn durchaus kämpfen?« fragte sie ungeduldig. »Ich sage nicht, daß ich es will. Aber es gibt in Dänemark im öffentlichen Leben so vieles, was nicht so ist, wie es sein sollte. Und es ist möglich, daß ich mal mit anderen zusammen Front machen werde gegen –« »Ach, Svend, das ist so langweilig. Darüber mußt du lieber mit Papa sprechen.« »Ja aber, Ellen, mit ihm will ich mich ja nicht verheiraten, und kommt es mal so weit, daß ich mich in den Kampf stürzen muß, so ist es immerhin möglich – selbst wenn ich auch alles tun werde, um es dir zu erleichtern –, daß du ein Teil der Bürde auf dich nehmen mußt!« »Die Zeit, die Sorge!« entschied sie und schlug mit seiner Hand gegen die ihre. »Zu allererst müssen wir etwas zum leben haben, und das kannst du ruhig Papa überlassen. Darauf versteht er sich viel besser als du. Er kennt Gott und die Welt, alle, die mit Stellungen und dergleichen zu tun haben.« »Du willst doch, nicht, daß ich –« »Na also. Und wenn du eine ordentliche Stellung bekommen hast, dann heiraten wir, und dann macht sich alles übrige ganz von selbst.« »Ja aber, Ellen –« Sie legte ihm die Hand auf den Mund. »Kein aber. Jetzt sprechen wir nicht mehr davon. Oh, sieh nur die Villa da hinter den Akazien. Wie entzückend!«   Sie gingen vom Bahnhof zum Place d'Armes . Das mächtige Eisenportal wurde gerade von einem alten Haudegen mit einer blauen Nase geöffnet. Er schmunzelte Ellen galant zu, die sich über ihn amüsierte und ihm munter zunickte. Sie beeilten sich ins Museum zu kommen, um sagen zu können, daß sie dagewesen seien. Es gab nicht viel, vor dem Ellen Lust hatte stehen zu bleiben. Svend machte wiederholte Versuche, sie durch seinen Baedeker zu interessieren. Sie aber zog ihn zu den Fenstern hin und zeigte ihm den Park. Als sie in einen kleinen Saal kamen, wo kein Mensch war, schmiegte sie sich schnell an ihn und reichte ihm ihren Mund zum Kuß. Es war der erste Kuß heute. Er wollte seinen Arm um sie schlingen und mehr nehmen; aber sie entschlüpfte ihm und ging in den nächsten Saal, wo eine ältere Dame saß und Keks aus einer Tüte aß. Endlich standen sie wieder im Freien, mitten vor dem Hauptflügel des Schlosses, und blickten über die Terrasse. Sie standen Hand in Hand, von dem wunderbaren Anblick überwältigt. Es war ein unübersehbarer Reichtum von Grün und schimmerndem Blau, von den geschnörkelten Mustern weißer Kieswege eingefaßt, die das Auge blendeten. Sie verzichteten darauf, die Terrasse zu durchwandern, und eilten an dem großen Bassin mit seinen wasserspeienden Fröschen, Schildkröten und Eidechsen vorbei in die Anlagen zur Linken. Hier unter dem kühlen Schatten der Bäume legte Svend seinen Arm um Ellen; und so bewegten sie sich langsam vorwärts, ohne Gedanken, ohne Worte, indem sie die von Tuja und Buchsbaum gewürzte Luft einatmeten, alles genießend, und dennoch nur sich selbst sehend und fühlend. Sie kamen zu einem stillen Teich, auf dessen blankem Spiegel es von Libellen und weißen Faltern funkelte. Hinter dem Teich lag ein Garten in einer Einfriedung für sich. Dort gingen sie hinein. Es war eine englische Anlage mit kleinen Gebüschen auf üppigem Rasen verstreut, mit vereinzelten großen Bäumen, die hier und da eine Bank beschatteten, mit Gängen, die sich ein und aus schlängelten. Hier waren sie ganz allein mit den zwitschernden Vögeln. Sie verschmähten die Bank, legten sich ins Gras und starrten hinauf in die Luft mit den weißen, treibenden Wolken, bis ihre Lippen sich zusammenfanden. Schließlich besann Ellen sich und sprang auf. »Es ist spät!« sagte sie und versuchte ihre Frisur in Ordnung zu bringen. Das war gar nicht so leicht. Ihr Taschenspiegel war nur klein, und Svend war recht ungeschickt in Toilettenangelegenheiten. 5 Einige Tage danach waren Svend und Ellen im Odeontheater, um ein Stück von Molière zu sehen. Es war eine Art Schülervorstellung und Ellen langweilte sich furchtbar über das klassische Französisch. Im zweiten Zwischenakt bekam sie eine glänzende Idee. Sie hatte in zahlreichen Romanen vom Quartier latin und dem nächtlichen Studentenleben gelesen. Sie wußte, daß der Boulevard Saint Michel , die Hauptader des lustigen Viertels, ganz in der Nähe des Theaters sei; sie schlug Svend vor, Molière Molière sein zu lassen – sie hatten genug vom Stück gesehen, um dem Departementschef davon berichten zu können – und statt dessen in ein Café auf dem Boulevard zu gehen, um »Volksleben zu studieren«, wie Ellen sich mit einem schelmischen Lächeln ausdrückte. Svend hatte einige Bedenken. Er wollte ungern das Vertrauen des Departementschefs täuschen, der ihn voller Zuversicht seine Tochter begleiten ließ. Als er mit der Antwort zögerte, durchschaute sie ihn und sagte schnell: »Ach so, du betrachtest mich als anvertrautes Gut!« Sie sah spöttisch von der Seite zu ihm auf. »Das laß nur meine Sache sein. Ich bin alt genug, um die Verantwortung für meine Handlungen selbst zu übernehmen.« Sie warf den Kopf in den Nacken, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie gekränkt oder verlegen war, und zog ihren Arm aus dem seinen. Jetzt war es an Svend, sie wieder zu versöhnen. Er beugte sich ganz vor ihrer Selbstbestimmung und verleugnete jede Rücksichtnahme auf den Departementschef, wenn sie nur wieder gut sein wollte. Eine halbe Stunde später wanderten sie vertraulich Arm in Arm über den breiten, schlecht beleuchteten Boulevard. Ellen gebrauchte ihre neugierigen Augen, wie sie nur konnte. Wenn eine muntere Schar schwarzbärtiger und langhaariger junger Leute, den flachen Hut im Nacken, dicht an ihnen vorbeistrich, mit ihren luftig gekleideten Damen am Arm; die nichts weiter als ein Korsett unter dem Kleid zu tragen schienen, dann schmiegte sie sich dicht an Svend und stellte sich vor, daß sie eine der » étudiantes « und Svend ihr » amant « sei. Sie setzten sich an einen der kleinen Tische vor einem großen Eckcafé, wo ein Damenorchester musizierte, dessen unbedingte Anständigkeit drollig von dem weiblichen Publikum, dem es vorspielte, abstach. Ein Brandungslärm von jungen, lebenslustigen Menschen, die ihren Bock, ihren Absinth oder Kaffee mit Kognak tranken. Ellen machte sie alle schlankweg zu Studenten; die Damen aber, die zwischen den kleinen Tischen hin und her gingen, sich hier niederließen, dort etwas tranken, diesem mit einem unverständlichen Ausruf zunickten, jenem im Vorbeigehen liebevoll übers Haar strichen, die konnte sie sich beim besten Willen nicht mit jener Vorstellung von verführten, noch im Unschuldszustand schwebenden Nähmädchen, wie sie sie aus » La Bohême « kannte, zusammenreimen. Zuerst war sie etwas verlegen im Namen ihres Geschlechts, wurde abwechselnd rot und blaß über den dreisten Appell an die Herren und über die noch unverblümteren Erwiderungen, von denen sie doch nur die Hälfte verstand. Das Neue und Ungewöhnliche aber ließ ihr keine Ruhe. Sie saß stumm mit großen Augen dicht neben Svends beschützendem Arm und vergaß ganz ihre Grenadine zu trinken. Die Musik hatte Pause. Es war jetzt so spät, daß sie eiligst ins Hotel zurückkehren mußten, wenn sie nicht verraten wollten, daß sie anderwärts als im Theater gewesen waren. Ellen erhob sich mit einem Seufzer. Sie hätte hier gern noch einige Stunden gesessen. Niemals in ihrem Leben war sie dem Milieu, dem sie durch Geburt und Erziehung angehörte, so fern gewesen. Sie fand, daß sie in dieser Stunde mehr von ihrem eigenen Geschlecht erfahren hatte als durch alle Bücher, die sie gelesen hatte. Sie war etwas angewidert davon und erstaunt, aber vor allen Dingen äußerst interessiert. Aber leicht beweglich wie sie war, vergaß sie den Ernst, als sie kurz darauf neben Svend in der Droschke saß, und machte ihren Eindrücken in einem Strom von Worten Luft. Nachdem Ellen sich ausgekleidet hatte und im Frisiermantel vorm Spiegel saß, um ihr blondes Haar für die Nacht zu lösen, hörte sie, wie ihr Vater den Schlüssel zum Nebenzimmer umdrehte. Obgleich sie Svend so großspurig abgefertigt hatte, war sie doch jetzt, während sie sich entkleidete, etwas bedenklich geworden. Es ging doch wohl nicht an. Und gesetzt, sie begegneten eines Tages einem Bekannten aus Dänemark! Sie überlegte einen Augenblick hin und her. Dann faßte sie Mut, legte den Kamm beiseite und ging entschlossen auf die Tür zu. »Was, bist du noch auf, mein Kind?« ertönte die Stimme des Departementschefs, die noch einen kleinen festlichen Beiklang von dem Herrendiner beim Generalkonsul hatte. »Komm nur herein!« Ellen öffnete die Tür und schlüpfte hinein. Der Departementschef stand im Frack vorm Kamin und spiegelte seine Orden. Als er sich umwandte und den Arm hob, um sie wie gewöhnlich um den blonden Kopf zu fassen und auf die Stirn zu küssen, faßte sie seine Hand, sah ihn an und sagte: »Papa, ich hab mich heute abend verlobt.« Der Departementschef zog mit beiden Händen seine Weste herunter und sagte nach kurzer Überlegung: »Sieh mal einer an. Und mit wem, wenn man fragen darf?« Er setzte sich in den Schreibtischstuhl und begann mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln, während seine scharfen, blauen Augen, die denen seiner Tochter so ähnlich waren, sie unverwandt betrachteten. Ellen wurde verlegen und nestelte an ihrem Haar. »Das weißt du ja sehr gut.« »Nun, ja!« sagte der Departementschef, »er ist ja ein netter und hübscher junger Mensch. Aber ich würde es doch passender gefunden haben, wenn du etwas gewartet und ihn näher kennen gelernt hättest, bevor du ihm Gelegenheit gabst – äh – sich zu erklären.« Ellen mußte innerlich zugeben, daß es etwas schnell gegangen war – fast unpassend schnell. Jetzt, wo sie es mit den Augen des Vaters sah, wurde sie zaghaft; gleichzeitig aber mußte sie lachen. Er sollte nur wissen, wo sie heute abend gewesen waren. »Du hast gestern ja selbst gesagt, daß Svend Byge ein vorzüglicher junger Mann sei,« verteidigte sie sich. »Wirklich? Aber darin liegt doch keine Aufforderung für meine Tochter, sich mit ihm zu verloben.« Ellen lachte wieder. »Was hast du denn gegen ihn?« »Gott bewahre, ich habe gar nichts gegen ihn. Nur kennen weder du noch ich ihn näher.« Der Departementschef erhob sich und begann mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab zu gehen. Da wußte Ellen, daß die Einräumungen nicht fern seien. »Er hat sein Referendarexamen und hat ein nettes, wohlerzogenes Benehmen. Das gebe ich gern zu, aber –« »Du meinst, er ist nichts und hat nichts.« Der Departementschef blieb stehen und wandte sich ihr würdig zu: »Möchtest du nicht lieber zuhören, anstatt zu erraten, was ich sagen will, Fräulein Naseweis. Das wollte ich nämlich gar nicht sagen. Im Gegenteil.« Der Departementschef begann wieder hin und her zu gehen. »Man sagt, daß Svend Byge den Konferenzrat –« er besann sich und hielt inne. »Was ich sagen wollte, Byge ist ja der Neffe und das Mündel des alten Konferenzrats Kasper Byge, also aus sehr guter Familie.« Ellen war schläfrig und mußte ein unzeitgemäßes Gähnen unterdrücken. Um ihren Vater davon abzuhalten, sich auszubreiten, wie es seine Gewohnheit war, wenn die Rede auf Familienverhältnisse kam, beeilte sie sich zu sagen: »Aber Papa, es ist doch wahr, daß er nichts hat.« Der Departementschef blieb wieder stehen und sagte mit Würde: »Ein Referendar aus guter Familie, das ist gar nicht so wenig. Die ganze Welt steht ihm in Dänemark offen.« Ellen trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, und jetzt gähnte sie ganz ungeniert. »Ja, ja – wir können morgen weiter über die Sache sprechen!« sagte der Departementschef. »Hoffentlich wird sich etwas für euch finden. Ihr habt ja Zeit zum Warten. Die Hauptsache, mein Kind, ist –« er faßte sie unters Kinn und hob ihren Kopf in die Höhe, während er ihr forschend in die Augen blickte – »die Hauptsache ist, daß auf beiden Seiten eine – äh – eine ernste und wohlüberlegte Zuneigung besteht, die –« »Ich bin so müde, Papa –« »Ja, ja! – Gute Nacht, mein liebes Kind.« Der Departementschef faßte sie um den Kopf und küßte sie auf die Stirn. Ellen sah zu ihm auf. Es war etwas in seinem Auge, etwas Gemütvolles, was sie nur selten sah. Sie legte den Arm um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund. Er war etwas erschrocken und klopfte ihr wie abwehrend aufs Haar. »Gute Nacht, Ellen,« sagte er und begleitete sie zur Tür. Dort wandte sie sich um und sagte mit lächelnden Augen: »Ich glaube, du kannst ihn in den nächsten Tagen erwarten.« Der Departementschef überlegte rasch. Dann sagte er: »Laß ihn nicht wissen, daß du bereits mit mir gesprochen hast.« 6 Einige Tage darauf begab sich Svend im Gehrock und mit Zylinder auf den Weg. Er war blaß, gefaßt, hatte Herzklopfen und ihm war überhaupt zumute, als solle er zum Examen. Er gab seine Karte in der Portierloge ab und ließ sich melden, obgleich Ellens Vater ihm ausdrücklich die Erlaubnis erteilt hatte, jederzeit ohne alle Zeremonie bei ihnen anzuklopfen. Er tat es dennoch, teils um Ellen Gelegenheit zu geben, zu entschlüpfen, teils um dem Departementschef von vornherein zu verstehen zu geben, daß er etwas Besonderes auf dem Herzen habe. Der Kellner kam mit dem Bescheid zurück, daß der Departementschef empfange. Svend nahm allen Mut zusammen und fuhr mit dem Lift nach oben. Kurz darauf stand er mit dem Zylinder in der Hand vor der Tür und klopfte an. » Entrez !« Der Departementschef saß am Schreibtisch und schrieb einen Brief. Er vollendete den Satz, wandte den Kopf und blickte über den Kneifer hinweg. »Ah, Herr Byge!« sagte er, lehnte sich in den Stuhl zurück und streckte Svend väterlich die Hand entgegen, die dieser sich beeilte zu ergreifen. Als das Auge des Departementschefs den Gehrock, den Zylinder und die blasse Aufregung um Svends nervösen Mund sah, mußte er sich eiligst über seine buschigen Brauen streichen, um hinter der Hand ein Lächeln zu verbergen. Dann ergriff er Svends Visitenkarte, die auf dem Schreibtisch lag und reichte sie ihm: »Bitte! – Die kann noch einmal Dienste tun. Wie gesagt, Herr Byge: Auf Reisen nehmen wir es mit Landsleuten nicht so genau.« Er forderte ihn mit einer Handbewegung auf, in dem grünen Plüschsessel Platz zu nehmen, der zwischen Schreibtisch und Salontisch stand. Svend hatte sich den Empfang ganz anders gedacht. Es verwirrte ihn, daß der Departementschef die Andeutung der Visitenkarte so ganz und gar nicht verstanden hatte. Einen Augenblick schien es ihm ganz unmöglich, sein Anliegen vorzubringen. Es wußte nicht, was er sagen sollte, zog das Taschentuch aus der Tasche und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. »Es ist sehr warm heute!« brachte er schließlich hervor. »Ja, das scheint so!« Der Departementschef saß bequem im Stuhl zurückgelehnt, den Kneifer in der Hand und genoß die Situation, bis er schließlich Mitleid mit dem jungen Mann bekam. »Ich nehme an, daß Sie meine Tochter zum Museum abholen wollten,« begann er. »Ich muß sagen, es freut mich aufrichtig, wie zwei junge Menschen sich so lebhaft für Kunst interessieren.« Der Departementschef trug ein vollkommen aufrichtiges Gesicht zur Schau. Er machte eine kleine Pause; als Svend aber schwieg, niedergedrückt von der Wendung, die das Gespräch genommen hatte, fuhr er fort: »Ellen ist leider nicht ganz wohl. Sie hat ihre Kopfschmerzen –« Der Departementschef gab Svend Gelegenheit, ein ehrlich bedauerndes: »Wie schade!« einzuwerfen. Dann fuhr er fort: »Davon wird sie hin und wieder heimgesucht, aber die Schmerzen verschwinden ebenso schnell wieder, wie sie gekommen sind – glücklicherweise ohne eine krankhafte Spur zu hinterlassen. »Aber« – der Departementschef beugte sich verbindlich zu Svend hinüber – »aus einem Museumsbesuch kann darum leider nichts werden.« Svend war es klar, daß er jetzt den Sprung wagen mußte, wenn dieser Besuch nicht vergebens sein sollte. Er griff nervös um den Hutrand und sagte, ohne Ellens Vater anzusehen: »Ich wollte heute gern mit Ihnen sprechen, Herr Departementschef.« »Ach so!« Kruse lehnte sich mit leisem Erstaunen in den Stuhl zurück. »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« Dies war doch noch schlimmer als ein Examen. Aber er mußte hindurch. Darum platzte er mit dem Mut der Verzweiflung heraus, indem er starr auf das Blumenmuster des Teppichs blickte: »Fräulein Kruse und ich sind uns einig geworden – wir haben uns verlobt. Und ich habe hierdurch die Ehre, Sie um die Einwilligung zu unserer Verbindung zu bitten.« Der Departementschef rührte sich nicht vom Fleck. Ohne das geringste Zeichen zu geben, daß er Svends Worte gehört hatte, ließ er den jungen Mann zappeln, bis Svend Mut faßte und von neuem seinen Blick suchte, um seine Niederlage zu konstatieren. »Sieh, sieh!« sagte Kruse schließlich und setzte seinen Kneifer auf, mit einem vollkommen ausdruckslosen Gesicht. »Sieh, sieh!« sagte er noch einmal und nickte vor sich hin. Diese höfliche Ruhe war nicht zu ertragen. »Ich bedaure, Herr Departementschef,« stammelte Svend mit rotem Kopf, »daß Ihnen meine –« »Wenn ich Sie recht verstanden habe, mein junger Freund,« unterbrach Kruse ihn mit einem Schatten von nachsichtigem Humor, »so sind Sie und meine Tochter auf Ihren verschiedenen kunstbegeisterten Museumsbesuchen einig geworden – äh – Mann und Frau zu werden?« »Ja!« kam es zuverlässig. »Schön! – Ganz abgesehen davon, daß sowohl Ellen wie Sie sehr jung sind – vielleicht zu jung um – nun davon wollen wir absehen, so muß ich Sie doch darauf aufmerksam machen, Herr Byge, daß Ellen mein einziges Kind ist, und daß Sie – sicher ein hoffnungsvoller junger Mann sind, der aber doch vorläufig noch nicht in der Lage ist – äh – eine Familie zu ernähren. Bevor ich also ohne weiteres darauf eingehen kann, meine einzige Tochter Ihrer Fürsorge anzuvertrauen, muß ich doch etwas Näheres von Ihren Verhältnissen und Zukunftsplänen wissen, nicht wahr? – Also vor allen Dingen: haben Sie Vermögen, Herr Byge?« »Nein.« »Das meinte ich auch verstanden zu haben. Nun – war in Ihrem Alter auch ohne Vermögen. Das ist keine notwendige Bedingung, um im Leben vorwärts zu kommen. Besser als Vermögen ist, jedenfalls in unserem kleinen Vaterlande, ein guter Name und eine gute Erziehung.« Der Departementschef machte eine anerkennende Handbewegung zu Svend hinüber, indem er hinzufügte: »In dieser Beziehung scheinen Sie jeder Forderung zu entsprechen. Der Name Byge hat einen ausgezeichneten Klang für dänische Ohren, und – was Ihre eigne Person betrifft, so brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß mir dieselbe nach dem vorläufigen Urteil, das ich Gelegenheit hatte zu fällen, gewinnend und hoffnungsvoll erscheint.« Svend wurde sehr rot und senkte den Kopf. »Jetzt aber zu Ihren Zukunftsplänen, Herr Byge. Auf welche Weise gedachten Sie Ihr Examen zu verwerten.« Svend zögerte. Die Erinnerung an den Besuch bei Onkel Kasper wurde lebhaft in ihm wach. Damals hatte er offen Farbe bekannt; das wollte er jetzt auch. »Ich hatte mir eine politische Wirksamkeit gedacht,« sagte Svend und fügte hinzu: »mit der Zeit.« Kruse lächelte. »Sehr gut! – Das ist das Erbteil des Geschlechtes. Onkel Kaspers Fußspuren. Aber, mein junger Freund, Sie müssen doch leben. Und besonders wenn man – äh – auf Freiersfüßen geht, scheint mir die Versorgungsfrage nicht ganz unwesentlich. Hab ich recht?« Der Departementschef hatte ganz langsam seinen Ton gewechselt. Von höflicher und reservierter Kälte war er zu der gewohnten Temperatur von fast väterlichem Wohlwollen übergegangen. Svend merkte es, und ihm wurde freier und leichter zumute. »Gewiß, Herr Departementschef!« sagte er und lächelte, »es ist natürlich meine Absicht, mir so schnell wie möglich eine Stellung zu sichern, wodurch ich mich und – die Meinen versorgen und mir gleichzeitig eine Position verschaffen kann.« »Sehr richtig, mein junger Freund – da haben wir das Wort Position. Gerade das wollte ich Ihnen ans Herz legen. Politik mag ebensogut sein – wie eine jede –« Der Departementschef wollte gerade »Versorgung« sagen, brach aber noch im richtigen Augenblick ab – »Wie jede andere Lebensaufgabe. Alles aber hängt von der Position ab. Ein Mann ohne Position ist eine Null. Er zählt nicht mit. Wenn seine Absichten auch noch so lauter sind, wenn er Recht und Wahrheit auf seiner Seite hat, seine Worte sind ohne Gewicht, wenn er nicht von einer Position aus spricht. So ist es nun mal in Dänemark.« Der Departementschef hatte sich erhoben. Er sagte die letzten Worte in einem eigentümlich brutalen Tonfall, den Svend dem glatten, beherrschten Weltmann nie zugetraut hätte. Der Departementschef beeilte sich auch selbst, seinen Worten die Spitze abzubrechen: »So ist es ja übrigens überall in der Welt. Denn eine Position haben, heißt doch nur, von vornherein den Beweis zu erbringen, daß man berechtigt ist, ein Wörtchen mitzureden.« Es entstand eine kleine Pause, die Svend sich zunutze machte: »Sie erwähnten in London, Herr Departementschef, daß eine Stellung in Ihrem Ressort frei sei. Vielleicht –« »Ah, ich verstehe!« Kruse wandte sich mit einem verständnisvollen Lächeln zu ihm um. »Es ist Prinzipiensache bei mir, lieber Freund, daß ich niemals Verwandte oder Personen, die meinem privaten Interessenkreis nahestehen, in meinem Ressort anstelle. Das ist ein Opfer, das ich unserer Zeit zu bringen für richtig halte.« Svend wurde dunkelrot. Er fühlte sich verletzt und sagte: »Sie mißverstehen mich, Herr Departementschef. Ich meinte nur, daß der eine Referendar dieselben Bedingungen haben müßte wie der andere. Es lag durchaus nicht in meiner Absicht, nur das private Verhältnis, in dem ich zu Ihnen stehe – zu Ihnen stehen werde – zunutze zu machen.« Der Departementschef betrachtete seine glühenden Wangen und ehrlichen Augen. Er wußte nicht recht, ob es nur Jugendlichkeit war, oder ob sein zukünftiger Schwiegersohn hier einen tieferliegenden Charakterzug verraten hatte. Nun, dem würde er schon noch auf die Spur kommen. »Selbstverständlich!« sagte er leichthin und fügte hinzu, indem er im Zimmer hin und her ging und überlegte: »Aber ich glaube, daß bei meinem Kollegen und Freunde Brynch im Verkehrsministerium in allernächster Zeit durch Aufrücken ein Platz frei wird. Interessieren Sie sich für Hafen- und Fischereiwesen?« Kruse betrachtete Svends Gesicht, das noch in Bewegung war, mit einem vollkommen ernsten Blick. »Ich weiß nicht –« Svend zögerte etwas verlegen mit der Antwort –, »ich habe ja keine Erfahrungen – aber –« Es entstand abermals eine Pause. Der Departementschef schien einen neuen Gedankengang zu verfolgen. »Oder vielleicht würden Sie die Anwaltskarriere vorziehen, das ist auch eine hübsche Tätigkeit.« Er überlegte noch einen Augenblick. Dann sagte er: »Rechtsanwalt Didrichsen ist ein guter Bekannter von mir. Es ist möglich, daß demnächst in seinem Kontor eine Stelle frei wird. Ich weiß, daß er im Begriff steht, sein Personal zu vergrößern.« Der Departementschef sah auf seine Uhr. Es war Zeit, sich zum Diner umzukleiden. Er fand selbst, daß es jetzt genug der Feierlichkeit war, wandte sich deshalb lächelnd zu Svend um und sagte: »Nun, darüber können wir immer noch reden. Aber ich schulde Ihnen noch eine Antwort auf Ihre Anfrage, und die will ich Ihnen jetzt geben. Wohl bin ich ein Kavalier aus der alten Schule, aber die Entscheidungen meiner Tochter in eigenen Herzensangelegenheiten, die respektiere ich. Also kurz und gut: ich gratuliere, mein junger Freund! – Und gehen Sie jetzt nach unten und warten Sie auf mich zum Diner, damit ich Gelegenheit habe, meinen zukünftigen Schwiegersohn mit einem Glase Champagner zu feiern. Ellen bekommen Sie heute doch nicht zu sehen, sie liegt zu Bett.« Svend ergriff beide Hände des Departementschefs und drückte sie schweigend. Er war zu bewegt, um sprechen zu können. 7 Svend war von seiner Auslandsreise nach Kopenhagen zurückgekehrt, etwa einen Monat später als der Departementschef und seine Tochter. Das Wiedersehen mit Ellen war strahlend gewesen, es lag Morgensonne über der Verlobung. Jetzt schrieb Svends Mutter, daß sie sich danach sehne, Ellen Kruse kennen zu lernen. Darum wurde bestimmt, daß Svend und Ellen hinreisen und von Sonnabend bis Montag dableiben sollten. An einem klaren, kühlen Septembermorgen stand Svend vorm Hauptbahnhof und wartete auf Ellen. Er hatte Billette genommen; es war die höchste Zeit, als er sie endlich in einer Droschke erblickte. Er erkannte sie erst, als sie ganz nah war, sie hatte einen neuen Hut auf, dunkel und einfach, aber ganz reizend. Er hatte ihr einige ärgerliche Worte über ihre Unpünktlichkeit sagen wollen. Als sie aber aus dem Wagen sprang, mit morgenfrischen Wangen, die blauen Augen weit geöffnet, vor Angst zu spät zu kommen, und die roten Lippen mit einem entschuldigenden Lächeln zum Kuß gespitzt, da wurde er ihrer so froh, daß er statt zu schelten, den Arm um ihre schlanke Taille legte und sie küßte. Wie sah sie reizend aus in dem dunkelblauen Herbstkostüm mit den breiten Falten über der Brust, wie bei einem Jagdkostüm. Sie blickte verstohlen zu ihm auf; und im selben Augenblick begriff er, weshalb sie weder ihren neuen Pariser Hut noch ihren eleganten Mantel angezogen hatte. Auf dem Wege durch den Wartesaal drückte er sie mit stürmischem Dank für ihre zarte Rücksichtnahme an sich. Obgleich sie seine Mutter nur durch flüchtige Erzählungen aus seinem Heim kannte, hatte ihr weiblicher Takt ihr doch gleich gesagt, was in den Geschmack seiner Mutter fallen würde. Und sie hatte sich seinetwegen danach gerichtet; dafür dankte er ihr. Es war eine herrliche Fahrt durch die dichten Wälder, die bereits die scharfen Linien des Herbstes und den männlichen Metallklang im Rascheln des Laubes hatten, über hügelige, gelbe Stoppelfelder, wo die Garben noch draußen standen und ihrer Zeit harrten, während die Kühe wiederkäuten und ein vereinzeltes Schaf hinter einem Weidenzaun an seinem Strick zerrte. Svend fürchtete den ersten Eindruck. Nicht, daß Ellen seiner Mutter nicht gefallen würde – er wußte genau, wie kritiklos milde sie von vornherein gestimmt sein würde, während sie auf dem Perron stand und nach dem Zuge ausspähte – sondern wie seine Mutter und Schwester Ellen gefallen würden. »Mutter!« rief Svend und winkte aus dem offenen Fenster heraus, während Ellen rasch ihre Hand von seiner Schulter nahm und die Jacke über die Brust herabzog. Sie blickte gespannt auf ein Gedränge von wettergebräunten und dickleibigen Frauen mit Kopftüchern herab – es war Markttag. Da stand zwischen dem Gedränge, wie aus einer anderen Welt, eine kleine Dame mit großen, bleichen, milden Augen in einem feingefurchten Gesicht. Ellen sah gleich an der Ähnlichkeit, daß es Svends Mutter war. »Die arme kleine Frau!« war Ellens erster Eindruck. Sie sprach ihn nicht aus, war sich dessen kaum selbst bewußt; Svend aber las es dennoch in ihren blauen Augen, die plötzlich so weich wurden. Sein Herz schlug heftig. Er mußte sich abwenden, um das Zittern seiner Lippen zu überwinden. Frau Byges Blick, der leer und suchend über die Kupeefenster geschweift war, bekam plötzlich Leben und Wärme. Jetzt erst entdeckte sie Svends sonnenverbranntes Gesicht mit dem Schnurrbart, den er sich seit seinem letzten Besuch zugelegt hatte. Das Anstandslächeln, das auf ihren Lippen bereit gelegen hatte, bekam Leben und bebte, als ihr Blick vorsichtig, aber unendlich milde Ellens blaue Augen suchte und die freundliche, etwas verlegene Ehrerbietung darin las. Die Lippen zitterten über den guterhaltenen Zähnen, während sie »willkommen« nickte – zu sprechen wagte sie nicht, weil sie wußte, daß es dann mit ihrer Fassung vorbei sein würde. Als sie aber das junge Mädchen aus dem Kupee springen sah, so leicht und froh wie ein Vögelchen – Ellen Kruse, der sie schon den Platz einer Tochter in ihrem Herzen bereitet hatte – als sie ihre zarte Hand fühlte, die ebenso klein war wie ihre, da war es dennoch mit ihrer Fassung vorbei. Es bebte von der Lippe bis zur Nase, und indem sie ihren Schleier mit der linken Hand hob, fielen zwei Tränen auf den Handschuh des jungen Mädchens. Ellen war gerührt. Sie dachte an ihre eigene Mutter – von einer ganz anderen und stattlicheren Art, aber Mutter wie sie. Unaufgefordert beugte sie sich herab und reichte ihr die Wange. Frau Byge küßte sie auf beide Wangen, während sie ihr wiederholt warm die Hand drückte. Ellen dachte: ich will gut gegen sie sein. Jetzt kam die Reihe an Svend. Gleichzeitig streckte ein junges Mädchen, das hinter Frau Byge stand, Ellen die Hand entgegen. Sie trug ein dunkles Jackett, das die eckige, etwas breite Figur stramm umschloß, einen dunklen Hut mit einer Bandschleife von derselben Farbe, und am Halse kam ein goldenes Medaillon zum Vorschein, das von kürzlich stattgefundener Konfirmation erzählte. »Gerda?« fragte Ellen. »Ich bin Svends Schwester!« sagte Gerda gleichzeitig. Da mußten sie beide lachen und gaben sich die Hand. Sie stiegen in den Omnibus des Hotels. Das pflegte Frau Byge zu tun, wenn sie Gäste hatte. Der Kutscher, der oft mit leerem Wagen nach Hause fahren mußte, steckte diesen Extraverdienst von Leuten aus der Stadt, die auf seinem Wege wohnten, gern ein. Der Omnibus hatte Gummiräder, so daß das unebene Pflaster nicht so hart stieß; die Fenster aber, die lose in ihrem Rahmen saßen, klirrten so, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Svend war von seinen Ferienbesuchen her an die niedrigen geweißten Häuser, die kleinen Fensterscheiben, die in der Nachmittagssonne lächelten, an die neugierigen Spitzenhäubchen, an das ganze schläfrige Kleinstadtleben gewöhnt, so daß er nicht weiter darüber nachdachte; Ellen aber, die nie eine richtige Kleinstadt gesehen hatte, versank in neugierige Verwunderung darüber, daß hier, wo Svends Familie wohnte, alles so klein war. Sie dachte an den jungen, flotten Referendar, den sie zum erstenmal auf dem Dampfer gesehen hatte. Wie er ihr jetzt gegenüber saß und seiner Mutter froh und vertraulich von seiner Reise erzählte, hin und wieder den neugierigen Gruß einer Person erwidernd, die mit langer Pfeife und in Morgenschuhen vor der Tür stand und offenbar auf diesen Aufzug gewartet hatte – da erschien er ihr gleichsam geringer, sowohl unansehnlicher als auch knabenhafter; als sie sich schließlich ihrer lächerlichen Mißstimmung bewußt wurde, lachte sie und sagte munter: »Nein, wie ist das alles klein, eine reine Puppenstadt!« Svend ließ seine Augen über die Häuser schweifen. Da sah er seine Vaterstadt im Licht der frischen Eindrücke vom Ausland. »Ja, mein Gott!« sagte er ernst, und sein Gedankengang erweiterte sich. Er dachte an den Pseudo-Amerikaner, und an sein niederdrückendes Kleinheitsgefühl während der ersten Tage in London und Paris. Frau Byge ahnte, was in ihm vorging. Sie legte ihre Hand tröstend auf seine und sagte mit einem Lächeln zu Ellen hinüber, als wollte sie ausdrücken: Wir Frauen verstehen das besser: »Klein, aber niedlich!« Ellen zitierte entgegenkommend: »Wer das Kleine nicht ehrt, ist das Große nicht wert.« Dann waren sie da. 8 Das Haus war nicht größer als die anderen in der Straße; aber es lag frei in der Reihe, mit einem kleinen Vorgarten und mit Efeu überwachsen. Frau Byge hatte vier Zimmer in der ersten Etage, zwei zur Straße und zwei zum Hintergarten, der sich bis zum Bach erstreckte, dessen dunkelgrünes, langsam fließendes Wasser ganz von Pappeln und Weiden beschattet wurde. Eine festliche Behaglichkeit schlug ihnen aus den alten Möbeln, den Familienporträten an den Wänden, von der laut tickenden Tafeluhr auf dem Sekretär entgegen. Überall standen frische Blumen, auf dem massiven Sofatisch, auf dem Nähtisch und auf der Fensterbank. Alles schimmerte von Ordnung und Sauberkeit. Die Sonne schien durch die weißen Gardinen und blitzte auf dem blank polierten Mahagoni, das, dunkel vor Alter, seine vornehme Ruhe aus besseren Tagen bewahrte. »Wie klein,« dachte Ellen wieder. Gleich darauf aber dachte sie: »Wie rührend niedlich!« Sie war Weib genug, um die behutsam vorbereitete Begrüßungsrede, die ihr die frischgewaschenen Gardinen, die sorgsam gewählten Blumen zuflüsterten, zu verstehen. Sie aßen in der Laube am Bach zu Abend, und eine richtige altmodische Kupferteemaschine schnurrte auf der weißen Tischdecke. Ellen fand sich rasch in den gemütlichen, vertraulichen Ton hinein, den Frau Byge liebte und den sie gewohnt war. Als Svend und Ellen einen Augenblick allein blieben, legte sie die Hand um seinen Nacken und fragte: »Na, bist du zufrieden mit mir?« »Ich danke dir, Liebling!« antwortete er und drückte sie heftig an sich. 9 Wie Departementschef Kruse vorausgesagt hatte, wurde kurze Zeit darauf im Departement für Hafen- und Fischereiwesen ein Platz frei. »Sie sollten sich melden,« sagte Kruse zu Svend, »vorausgesetzt, daß Sie sich für Hafen- und Fischereiangelegenheiten interessieren.« Svend sehnte sich danach, eine Tätigkeit zu bekommen, die ihn mit dem öffentlichen Leben in Verbindung brachte. Vorläufig galt es nur irgend etwas zu ergreifen, später würden seine Fähigkeiten und seine Arbeitskraft ihn schon zu bedeutenden Aufgaben führen. Weshalb nicht ebensogut mit Hafen- und Fischereiangelegenheiten beginnen wie mit etwas anderem? »Bestellen Sie dem Departementschef Brynch einen Gruß von mir und sagen Sie ihm, ich hätte Ihnen geraten, sich um die Stelle zu bewerben.« Svend schob nichts auf morgen auf, was er heute tun konnte. Darum befand er sich eine halbe Stunde, nachdem er mit seinem Schwiegervater gesprochen hatte, auf den ausgetretenen Treppen des roten Ministerialgebäudes. Er kam in einen dunklen Korridor, der sich in einer tiefen Perspektive bis zu einer offen stehenden Tür erstreckte. Es roch sauer und dumpf. »Wo treffe ich den Departementschef Brynch?« fragte Svend einen Angestellten, der aus einem Zimmer kam. »Das Hafendepartement ist in der ersten Etage,« sagte er und zeigte auf die offene Tür am Ende des Korridors, »dort rechts die Treppe hinauf.« Svend klopfte zweimal vergeblich an die Tür des Departementschefs. Er war gerade im Begriff, unverrichteter Sache fortzugehen, als ein kleiner, brünetter Kontormensch mit unordentlichem, graumeliertem Haar und einer Feder hinterm Ohr seinen Kopf aus der gegenüberliegenden Tür steckte. Svend drehte sich um und grüßte. »Ist Herr Departementschef Brynch nicht zugegen?« fragte er. Der Kontorist schob die Brille auf die Stirn und betrachtete ihn mit klugen, braunen Augen. »Ich will mal nachsehen!« sagte er. Er ging über den Korridor und donnerte eine solche Salve gegen die Tür, daß Svend lächeln mußte. Der Kontorist verzog den Mund und schüttelte den Kopf. »Der Alte ist nicht so leicht zu wecken.« Noch eine Salve. Da knackte ein Sofa. Ein Tisch wurde geschoben. Schwere Schritte auf dem Fußboden. Dann ertönte eine schnarrende Greisenstimme: »Herein!« Der brünette Kontorist zog sich zurück, und Svend trat ins Zimmer. Er hatte einen vornehmen, älteren Herrn, in der Art wie Kruse, erwartet. Den alten Mann aber, mit der weißen Halsbinde und dem Vatermörder, der sich so ungeniert hinter der Brille den Schlaf aus den Augen rieb, den hätte er eher für einen Dorfschullehrer gehalten als für einen Regierungsbeamten. »Wa – was wollen Sie?« schnarrte der Alte und sah ihn geistesabwesend an. »Mein Name ist Svend Byge. Mein Schwiegervater, Departementschef Kruse hat –« »Ach so, Sie sind das!« sagte der Alte geschäftig und zog ihn am Rock zu dem großen, viereckigen Arbeitstisch, der mit Papieren und Akten beladen mitten im Zimmer stand. »Bitte, setzen Sie sich.« Svend nahm Platz, und der Alte setzte sich ihm gegenüber in einen Lehnstuhl. Er gähnte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und legte sich schließlich ganz wach in den Stuhl zurück. »Also Sie sollen Kruses Tochter haben? Ja, ja, ist ein hübsches kleines Mädchen und Geld hat sie auch. Keine üble Sache für so'n jungen Referendar wie Sie.« Svend richtete sich auf und bekam einen roten Kopf. »Ha, ha, ha!« lachte der Alte selbstgefällig und beugte sich vor, um Svend mit seinen gutmütigen Augen zu betrachten. »Sie können doch'n kleinen Scherz verstehen? Sonst passen Sie nicht in unser Departement. Wir scherzen hier nämlich alle. Sogar der Herr Minister.« Darauf ließ sich mit nichts anderem als einem Lächeln antworten. Und das tat Svend. »Also Sie wollen in unser Departement. Ja, Kruse sprach neulich schon davon – Svend Byge, sagten Sie –« Der Alte notierte auf einem Bogen Papier, der vor ihm lag. Dann sah er auf und sagte: »Wie war es doch noch, Herr Byge – interessierten Sie sich am meisten für Hafen- oder für Fischereiwesen?« Svend versuchte dem Scherz mit würdigem Ernst zu begegnen. Aber es mißlang ihm. Er mußte lächeln, und als der Alte das sah, lachte er, daß es nur so in ihm gluckste. »Ich gestehe,« beeilte Svend sich zu sagen – es war vielleicht eine Falle –, »daß ich noch nicht genügend bewandert bin, um –« »Nee, das läßt sich denken! – Wenn Sie aber erst beide Wesen kennen gelernt haben, werden Sie sie mit wärmstem Interesse umfassen, alle beide, nicht?« Svend bekräftigte es mit einem ernsten Kopfnicken. »Und werden Ihre besten Kräfte –« der Alte blies die Backen auf und sah Svend unverwandt an, der den Kopf bejahend neigte – »und Ihren Fleiß und Ihr Streben dafür einsetzen, nicht?« Jetzt platzte der Alte los und erhob sich geräuschvoll. »Ihr seid mir die Rechten, ihr jungen Referendare. Pfeifen tut ihr sowohl auf das Hafen- wie auf das Fischereiwesen. Wenn ihr nur ein bißchen Lebensunterhalt und ein Tauende bekommt, an dem ihr euch heraufzieht, damit ihr heiraten und die Welt vermehren könnt – ha, ha, ha! Genau so war es zu meiner Zeit, und anders wird es wohl auch nie werden. Ach, wenn ich dran denke, wie ich vor achtundvierzig Jahren in diesem selben Zimmer saß und auf demselben Stuhl schwitzte wie Sie. Damals war der alte Dahl Departementschef – vornehmer, alter Herr, will ich Ihnen sagen, aber steif war er – und er fragte mich furchtbar ernst, ob ich mich auch für Ernährungssachen interessiere – damals hatten wir noch das ganze Ernährungswesen unter uns, müssen Sie nämlich wissen, später wurde es geteilt – und ich sagte, daß ich mich gewaltig für alle Erwerbszweige des Landes interessiere – ich pfiff damals auf den ganzen Rummel, das Interesse kam erst viel später; aber ich will Ihnen sagen, ich hatte mich zu früh verlobt, ebenso wie Sie, und wollte mir einen Lebensunterhalt verschaffen. Ach, ja, ja – ha, ha, ha! Das wird wohl nie anders werden.« Der Alte strich sich über den unordentlichen, grauen Großvaterbart und gluckste noch ein wenig mit feuchten Augen, während er Svend am Ärmel faßte und sagte: »Ja, ja, mein lieber Byge, in fünfzig Jahren sitzen Sie vielleicht hier und lächeln über einen jungen Mann, der gerade das Examen hinter sich hat und mit Meilenstiefeln vorwärts will.« Er erhob sich und schob den Stuhl geräuschvoll zurück. »Na, kommen Sie nur mit mir. Wir wollen jetzt zum Bürochef gehen und alles gleich ordnen.« Der Alte stolperte über den Korridor, und Svend folgte ihm. Ohne anzuklopfen riß er die Tür zu dem brünetten Kontoristen auf, der Svend geholfen hatte, ihn zu wecken. »Hören Sie mal!« schnarrte er. Der Brünette tauchte hinter einem Bücherbord auf, das von oben bis unten mit Mappen und Dokumentenkasten mit vergilbten Etiketten vollgestopft war. »Tag, Jersey! – Darf ich Ihnen –« er zog Svend am Ärmel heran – »Referendar Byge vorstellen – Kruses zukünftigen Schwiegersohn.« Er stutzte, schob die Brille in die Höhe und musterte Svend von neuem. »Byge? – Byge? – Sagen Sie mal, sind Sie wohl mit dem – dem Politiker Kasper Byge verwandt?« »Ja, er war –« »Was Sie sagen! Ja, der alte Byge, der war ein Ehrenmann; ach, ich erinnere mich seiner ja noch sehr gut. Man sagte, daß er der reichste Mann des Amtsbezirks war, als er starb. Und wie war es doch – keine Leibeserben, nicht? – Na, das lasse ich mir gefallen!« Er lächelte schalkhaft und puffte Svend in die Seite. Dann zupfte er mit der andern Hand den Bürochef an seinem fettigblanken Ärmel: »Den können wir brauchen, was, Jersey?« »Hat Herr Byge ein schriftliches Gesuch mitgebracht?« fand der Bürochef es angebracht zu fragen. »Das ist richtig! Geben Sie ihm Anweisung, wie er das Gesuch für den Minister schreiben soll. Das müssen wir ja haben, darin haben Sie recht. Und lassen Sie ihn nur gleich anfangen. Er interessiert sich gewaltig für das Fischereiwesen, wie er mir anvertraut hat, darum geben Sie ihn wohl am besten zu – wie heißt er doch noch gleich – der Freund des Prinzen –« »Herr Departementschef meinen Referendar Juhl.« »Juhl, richtig – und er soll den jungen Mann zurechtweisen. – Na, damit wäre die Sache ja in Ordnung! – Adieu für heute, Herr Byge, und grüßen Sie Ihren Schwiegervater!« Der Alte nickte väterlich, gab ihm einen nachlässigen Händedruck und kehrte lärmend zu seinem Sofa zurück. Jersey warf Svend einen Blick zu. Er sagte nicht: alter Schafskopf! aber er schüttelte den Kopf, und das war eine alte Kontorgewohnheit, die dasselbe bedeutete. 10 Die Tür zum Nebenkontor stand offen. Es war ein Zimmer genau wie das erste, nur stand statt des Schreibtisches ein Pult am Fenster. »Hö! hö!« bellte eine tiefe Stimme, als Jersey mit Svend hindurchging. Eine gebeugte Gestalt, die über dem schrägen Pult lag und schrieb, die Augen ganz dicht über dem Foliopapier, richtete sich langsam auf und wandte sich halb zu ihnen um. Er hatte weißes Haar, das wie der Schopf eines Klowns über der gefurchten Stirn in die Höhe stand. »Hö hö!« bellte er wieder und bereitete sich darauf vor, guten Tag zu sagen und die Hand zu geben. »Das ist unser neuer Assistent, Referendar Byge!« sagte Jersey sehr laut und ging ganz nah ans Pult heran – Expeditionssekretär von Galten!« »Hö hö! – freut mich!« brummte er und reichte Svend eine Hand, die steif, trocken und kantig war, wie ein Pergamentband. Dann begann er umständlich in seinem Gedächtnis zu forschen – »Byge! – hö hö – was für ein Byge? Von den Nyköbinger Byges – oder –« »Von den richtigen Byges!« schrie Jersey und zog Svend eiligst mit sich fort, bevor noch der Expeditionssekretär Zeit bekam, sich des näheren über die Familie zu äußern. »Der bekommt nun nichts getan, bevor er sämtliche Byges durchgegangen ist,« sagte Jersey halblaut – »er ist ein lebendiger Familienkalender.« Die Tür zum nächsten Kontor war geschlossen. Jersey klopfte umständlich an. »Entschuldigen Sie, Herr von Falk, dürfen wir mal durchgehen.« Vor dem herabgerollten Rouleau, das klapperte, als die Tür ging, saß Assessor von Falk in seinem Schreibtischstuhl zurückgelehnt, die Füße in Lackstiefeln auf einem anderen Stuhl, und las in einem französischen Roman. Auf dem Schreibtisch schwamm es von beschriebenen Bogen in allen Größen, während vier Briefpresser, kostbar und künstlerisch ausgeführt, die Dokumentenhaufen festhielten. An der Wand war eine Rembrandtsche Radierung mit Zeichenstiften festgeheftet. Eine Statuette von Michelangelos gefesseltem Sklaven stand auf einem Bord in der Ecke. Ein kleiner runder Tisch mit einem Syphon und Glas darauf teilte das lange, schmale Zimmer in zwei Teile. Neben einem offenen Bücherregal, das mit staubigen Dokumentenmappen vollgestopft war, stand ein sehr stilvoller, englischer Bücherschrank mit Werken in mattfarbigen Ledereinbänden. Der Assessor erhob sich langsam und legte das Buch aus der Hand. Er war groß und lässig in der Haltung. Die eine Schulter war höher als die andere. Der ruhige Mund war in gleicher Richtung wie die Schulter etwas hochgezogen, und auch die Kopfform hatte dieselbe Drehung. Aber es war nichts Entstellendes damit verbunden. Er hatte ein unbewegliches Gesicht, mit festen, ernsten und forschenden Augen. In dem Blick, den Jersey mit dem Assessor wechselte, während er Svend vorstellte, lag eine so herzhafte Kälte, daß sie Svend auffiel. Der Assessor musterte Svends Anzug, seinen Schlips und verweilte schließlich mit einem Schimmer von einem Lächeln in den feinen, weiblich gekräuselten Mundwinkeln auf seinem hellen, halsstarrigen Blick. »Freut mich!« Die unerwartet tiefe und klangvolle Stimme machte mit einem Schlage die Erscheinung sympathisch. Der Eindruck auf Svend war so stark, daß er sich in Falks Augen widerspiegelte, in denen ein plötzlicher Blitz des Interesses entzündet wurde. Jersey war bereits an der Tür. Svend verbeugte sich kurz vor Falk, der bereits wieder den Roman ergriffen hatte und ein wohlwollend nachdenkliches Lächeln hinter ihm hersandte. Das Kontor, in das sie jetzt hineinkamen, war im Gegensatz zu dem vorherigen sehr hell. Beide Fenster standen offen, und als die Tür geöffnet wurde, flatterte ein Teil lose Blätter über den großen Arbeitstisch. Jersey beeilte sich die Tür zu schließen. Ein kleiner, magerer, blonder Herr, äußerst korrekt gekleidet, mit kurzgeschorenem Haar und spitzem Vollbart, griff schnell nach den Papieren und erhob sich darauf mit einem verbindlichen Lächeln. Svend sah gleich, daß der Bürochef und der kleine, behende Herr im besten Einverständnis miteinander lebten. »Herr Juhl, darf ich Ihnen unseren neuen Assistenten, Referendar Byge vorstellen. Der Departementschef meint, daß er sich besonders für Fischereiwesen interessiert – ha – ha –« Sie lachten beide und forderten Svend dasselbe Lachen ab, das nach stillschweigendem Büroübereinkommen Brynch zukam und »alter Idiot« bedeutete. »Wollen Sie sich jetzt bitte freundlichst Herrn Byges annehmen und ihn in Ihre Mysterien einweihen.« »Mit Vergnügen!« Ein hastiger Händedruck wurde gewechselt. »Herr Byge wird am besten hier neben mir Platz nehmen.« »Ja, wenn nicht der Prinz –« »Wenn Seine Durchlaucht hier ist, arbeiten wir in der Bibliothek.« »Sie müssen nämlich wissen, Herr Byge –« der Bürochef legte seine Hand familiär auf Svends Schulter: »daß Juhl die Ehre genießt, Sekretär im Verein zur Förderung von Fischereiangelegenheiten zu sein, dessen hoher Vorsitzender Prinz Adolph ist.« »Prinz Adolph?« platzte Svend interessiert heraus. Jersey hielt es für Devotion und sagte ironisch. »Ja, Seine Durchlaucht in höchsteigener Person, den man wegen seines vieljährigen Interesses für Segelsport für diesen Posten geeignet gefunden hat. Und jetzt ist die Arbeit so verteilt, daß Juhl über die Sache schreibt, während seine Durchlaucht die Aufgabe hat, unter die Sache zu schreiben.« Juhl lachte mit einem schwachen Protest, während Svend pflichtschuldigst den Witz des Bürochefs mit einem verständnisvollen Lächeln anerkannte. Nachdem der Bürochef Svend von dem Gesuch an den Minister, von der Büroarbeit und den Gehaltsverhältnissen Bescheid gesagt hatte, empfahl er sich, nickte Juhl zu und kehrte über den Korridor zurück, um nicht noch einmal durch Falks Zimmer zu gehen. Svend bekam seinen Platz an dem großen Tisch, Herrn Juhl gegenüber, angewiesen. Nachdem dieser Svends Verhältnis zum Departementschef Kruse erfahren hatte, wurde er noch verbindlicher. Während einer halbstündigen, angenehmen Unterredung hatte man mehrere gemeinsame Bekannte gefunden. Juhl verschaffte sich einen genauen Einblick in Svends Verhältnisse: Sohn einer armen Witwe, hohe Protektion, sehr begabt, aber eingebildet. Schließlich sah Juhl zu seinem Schrecken, daß die Uhr halb drei sei. Um drei Uhr wollte der Prinz kommen, um Einblick in einige ausländische, illustrierte Werke über Fischereigerätschaften zu nehmen, und Juhl hatte sie noch nicht aus der Bibliothek ausgewählt. Darum wurde verabredet, daß sie morgen anfangen wollten. »Um elf Uhr?« fragte Svend. Der Bürochef hatte ihm gesagt, daß die Bürozeit von elf bis vier Uhr sei. »Sagen wir halb ein Uhr. Vor zwölf ist doch kein Mensch hier.«   Svend hatte mit Ellen um drei Uhr ein Stelldichein am Schloß verabredet. Sie machten jeden Tag vorm Mittagessen einen gemeinsamen Spaziergang. Svend kam etwas zu früh und wanderte auf und ab. Endlich sah er ihre graziöse Gestalt auftauchen. Sie hatte das dunkelblaue Kostüm mit den Falten an, das er so sehr liebte. Sie winkte, als sie ihn sah, und schritt schneller aus. Es war etwas Hüpfendes in ihrem Gang, wenn sie sich beeilte. Sie gingen Arm in Arm, eng zusammen, vertraulich. Er erzählte launig von seinem Antritt im Ministerium. Sie lachten zusammen über den alten Brynch. Ellen kannte sowohl ihn wie v. Falk. »Ja, der ist ja mein adliger Großvetter!« »Wer – v. Falk?« »Er ist ein richtiger Kunstsnob. Papa sagt, er bringt es nie weiter.« »Als zu was?« »Als zum Assessor. Er tut sicher nichts im Ministerium außer seine Gage zu heben. Aber er hat es auch nicht nötig. Er hat Lindersbo von seinem Vater, dem Hofjägermeister, geerbt der mit einer Kusine meiner Mutter verheiratet war.« Svend erzählte von Juhl und dem Prinzen. »Prinz Adolph?« Ellen bekam einen roten Kopf vor Interesse. Svend dachte an ihre erste Begegnung auf dem Dampfer und an das Diner beim Gesandten. »Ach, Svend, mach dich bei ihm beliebt, hörst du.« »Weshalb?« Svend sah sie plötzlich unwillig an. »Er hat viel Einfluß auf die Minister.« »Ich bedarf keiner Protektion.« Svend warf den Kopf in den Nacken. Ellen lachte laut auf. »Du bist ein rechter Narr. Was ist denn dabei? Das tun die anderen doch auch. Weißt du was, Svend, es wäre fein, wenn er bei uns verkehren würde – er soll so amüsant und ungezwungen sein, wenn man ihn näher kennt. Er verkehrt bei Generals.« »Wer ist das?« »Jenny Lindholms Vater – du weißt, die mit der Narbe in der Backe.« Sie hatten einen weiten Spaziergang gemacht und wendeten jetzt um. Plötzlich faßte Ellen Svend am Arm. »Da kommt er!« rief sie aus. »Wer?« »Der Prinz, mit einem jungen blonden Herrn.« Svend spähte in die angegebene Richtung. Richtig. Der Prinz und Juhl kamen ihnen langsam entgegen. Der Zylinder des Prinzen überragte die übrigen Leute. Juhl trug einige Bücher unterm Arm und fühlte sich sichtlich durch die Gesellschaft der Durchlaucht geehrt. »Wir rennen ihnen gerade in die Arme!« sagte Ellen und errötete; ihre Augen strahlten. »Du sollst sehen, er erkennt mich!« sagte sie, schob ihren Hut zurecht und zog ihre Jacke herunter. Svend ärgerte sich ein wenig, sagte aber nichts. Ellen nahm Svends Arm. Seine Durchlaucht sollte sehen, daß sie verlobt waren, das war eine Veranlassung für ihn, stehen zu bleiben. Sie machte ihr liebenswürdigstes Gesicht; auch Svend richtete sich höher auf, während er den Prinzen im Auge behielt. Er sah, wie dieser einige Worte mit Juhl wechselte, worauf sie beide Ellen und ihn mit Interesse musterten. Als sie grüßten, tat der Prinz, als erkenne er sie jetzt erst wieder. Er blieb stehen und richtete das Wort an Ellen. »Fräulein Ellen Kruse, nicht wahr!« sagte er und reichte ihr die Hand. »Darf ich fragen, wie Sie sich nach der Reise befinden?« »Danke, Durchlaucht, ausgezeichnet.« Ellen antwortete laut und mit zwitschernder Munterkeit. »Und Sie, Herr Byge?« Der Prinz reichte auch Svend die Hand, während er ihm wie einem alten Bekannten zulächelte. »Wir haben ja gemeinsame Reiseerinnerungen,« sagte er, »erst auf dem Dampfer und dann der Abend beim Baron.« Seine Augen ruhten interessiert in Ellens, die ihn anlächelten. »Was muß ich hören – Sie haben sich mit unserem jungen Reisegefährten verlobt, gnädiges Fräulein? Meinen besten Glückwunsch!« Sie dankten beide. Svend fühlte sich geschmeichelt. »Ja, Durchlaucht,« sagte er, »die Reise hat für uns beide das allerschönste Resultat gehabt.« Ellen nahm Svends Arm und suchte eine Stütze daran, während sie Mut faßte. Es lag etwas im Blick des Prinzen, was ihr Mut machte. »Durchlaucht müssen versprechen, uns in unserem Heim zu besuchen, wenn wir erst verheiratet sind.« »Mit Vergnügen. Vorläufig aber möchte ich Ihrem Herrn Vater meinen Glückwunsch überbringen. Es war schon längere Zeit meine Absicht, dem Herrn Departementschef einen Besuch zu machen.« »Papa wird sich sehr freuen!« sagte Ellen natürlich. Ein Schelm lauerte in den Augenwinkeln des Prinzen. Dann verabschiedete er sich und wandte sich zu Juhl, der ehrerbietig zurückgetreten war. »Ach, verzeihen Sie, Sie kennen vielleicht nicht Herrn Juhl, meinen ausgezeichneten Sekretär und Mitarbeiter.« Juhl grüßte und drückte Ellen die Hand. Svend lächelte er zu. Es war ja nicht so lange her, seit man das Vergnügen gehabt hatte. »Adieu, adieu!« Ellen knickste und Svend verbeugte sich tief. Als sie so weit fort waren, daß die anderen sie nicht mehr hören konnten, drückte Ellen freudestrahlend seinen Arm und sagte: »Hab ich das nicht gut gemacht?« »Was?« »Daß ich ihn ohne weiteres eingeladen habe.« »Ja aber, Ellen, ich begreife nicht –« »Gott, sei doch kein Frosch! – Es ist doch amüsant, mit einem Prinzen zu verkehren.« »Er soll zur Verlobungsgesellschaft eingeladen werden,« entschied sie eifrig und schritt schneller aus. Svend sah sie von der Seite an. Ihre Wangen hatten die zarte Röte, die sie entzückend kleidete, und ihre Augen waren groß und strahlend. »Wie ist sie hübsch!« dachte Svend und vergaß alle Einwendungen. Als Svend am nächsten Tage ins Büro kam, empfing Juhl ihn wie einen alten Freund. Er erkundigte sich vorsichtig nach seiner Bekanntschaft mit dem Prinzen und fragte im Laufe des Gesprächs: »Verkehren Sie bei General Lindholm?« »Nein, ich kenne ihn nicht; aber meine Braut ist mit seiner Tochter befreundet. Weshalb meinen Sie?« »Ach, ich dachte nur, weil er ein intimer Freund Ihres Onkels, Konferenzrat Byges, war.« Juhls Blick forschte neugierig in seinem; Svend aber sah sich nicht veranlaßt, diesen kleinen, strebsamen Herrn in sein Verhältnis zu Onkel Kasper einzuweihen. Was ging ihn außerdem General Lindholm an? 11 Departementschef Kruse war ein Mann mit großem Einfluß. Nicht nur in Regierungskreisen, sondern auch in der Geschäftswelt hatte sein Name ein besonderes Gewicht. Svend wunderte sich oft, wie bekannt er war. Die wenigsten Leute wußten, wer sein Chef, der alte Brynch, war; und kannte einer ihn, so schüttelte er nachsichtig den Kopf; fast alle aber hatten in irgendeiner Beziehung Kruses Namen nennen hören. »Ach so, das ist der, der im Aufsichtsrat der Landbank ist,« sagte der eine und nickte bedeutungsvoll. »Ist Ihr Schwiegervater nicht Vorsitzender im Aufsichtsrat der Vereinigten Versicherungsgesellschaften?« fragte ein anderer, »Sie wissen, die Versicherung, die Welten voriges Jahr startete.« Svend wunderte sich, wie ein einzelner Mann so viel bewältigen konnte. Denn außerdem war Kruse Inspektor für die Regierung bei den großen Steinbrüchen, die von der Regierung kontrolliert wurden. Das war auch eine von Weltens Unternehmungen. Der Steinbruch lag irgendwo im südlichen Seeland. Da Kruse ein sehr gewissenhafter Mann war und die Beaufsichtigung ihn stark in Anspruch nahm, so hatte er – um das ewige Hin- und Herreisen zu vermeiden – an Ort und Stelle eine Villa gebaut, mit einem Park, der sich ganz bis ans Meer erstreckte. »Wildpark« hieß der Besitz. Hier verbrachten Kruses die Sommermonate, wenn sie von ihrer jährlichen Auslandsreise zurückkehrten. Es war nicht weiter von Kopenhagen entfernt, als daß Kruse ein um den anderen Tag in seinem Stadtkontor sein konnte. In diesem Jahr waren sie indessen früher in die Stadt gezogen, weil Ellen ungern so weit von Svend entfernt sein wollte. Kruse war eine offizielle Natur durch und durch, folglich kein Freund von heimlichen Verlobungen. Er wünschte, daß gleich Karten geschickt und die Veröffentlichung mit einem Fest gefeiert werden sollte. Das war vielleicht etwas altmodisch, aber er war nun mal aus der guten alten Zeit.   Svend hatte immer ausweichende Antworten gegeben, wenn Kruse nach seiner Tante fragte. Das war auch bis jetzt gegangen; eines Tages aber sagte Kruse: »Einer der ersten Besuche, die Sie und Ellen machen müssen, ist bei Ihrer Tante, der Konferenzrätin.« Da mußte Svend Farbe bekennen. Er erzählte, wie das Verhältnis zwischen ihnen sei, wie sie eigenmächtig ihre Verpflichtungen gebrochen hätte. Als er erst begonnen hatte, ließ Kruse nicht locker, bevor er alles wußte. Es interessierte ihn augenscheinlich alles, besonders was Svend von ihrem Unwillen bereits bei seinem ersten Besuche erzählte. Kruse legte ihm nur zweierlei zur Last: »Knabenstreiche«, sagte er und runzelte die Brauen, als er die Geschichte vom Frack hörte. Und dann, daß er ihr keinen Besuch gemacht, als er sein Examen hinter sich hatte. »Damit haben Sie sich die allerbeste Gelegenheit zu einer Versöhnung entgehen lassen. Es wäre um so leichter für Sie gewesen, als Sie ja durch eigene Hilfe Ihre Verpflichtungen erfüllt hatten. Nun ist nichts weiter zu tun, als daß Sie und Ellen der Konferenzrätin einen Besuch abstatten, sobald sie eine Verlobungsanzeige bekommen hat.« »Niemals!« sagte Svend bestimmt. Kruse musterte ihn einen Augenblick. Dann faßte er ihn beim Rockkragen und sagte mit Nachdruck: »Ein gebildeter Mann – aus guter Familie – Departementschef Kruses zukünftiger Schwiegersohn – kann sich den hergebrachten Formen nicht entziehen. Sie mögen der Konferenzrätin, der Witwe Ihres Wohltäters, gegenüber fühlen und denken, was Sie wollen, aber Sie haben ihr einen Besuch zu machen und Ihre Braut vorzustellen.« Svend wurde dunkelrot. Eine heftige Antwort lag ihm auf der Zunge; Kruse aber sah es und beugte rechtzeitig mit einem Blick vor, dessen Kälte und Strenge Svend einschüchterte. Hinterher machte er sich Ellen gegenüber Luft. Sie schmollte auch und wollte sehr ungern den alten Drachen, wie sie sich ausdrückte, besuchen. Aber sie kannte ihren Vater und wußte genau, wie weit man bei ihm gehen durfte.   Eines Sonntagnachmittags trat Svend an und holte Ellen zu dem verhaßten Gang ab. Sicherlich würde sie den Besuch ebenso ungern empfangen, wie er ihn ablegte. Trotzdem sollte die Komödie gespielt werden. Absurd, lächerlich! Als sie vor der Villa standen, war kein Mensch an den Fenstern zu sehen. Im Wohnzimmer waren die Jalousien herabgelassen. Auch nicht in den Giebelfenstern, wo die Dienstbotenkammern lagen, bewegte sich eine Gardine, als ihre Fußtritte über die Granitwege des Gartens knirschten. Svend nahm sich zusammen und läutete. Er sah so verbissen ärgerlich aus, daß Ellen lachen mußte. Svend lauschte angestrengt. Er hatte Herzklopfen beim Gedanken an all die Unannehmlichkeiten, die ihm hier geboten worden waren. Gott sei Dank! – es ertönten keine Schritte drinnen. Das Haus war wie ausgestorben. »Sie ist natürlich mit ihrem Dragoner zur Kirche gegangen!« sagte Ellen. »Und die Mädchen haben keine Lust, die Tür zu öffnen.« Svend begann erleichtert aufzuatmen. »Wir läuten nicht mehr als dieses eine Mal, nicht?« »Das fehlte gerade!« Svend faßte sie um die Taille und küßte sie in seiner Erleichterung. »Du, mein Hut!« Dann nahm er Ellens und seine Visitenkarte und hörte sie mit unendlicher Wonne in den Briefkasten plumpsen. »Adieu.« Sie eilten die Treppe hinab und durch den Garten, und hüteten sich wohl zurückzublicken, damit nicht eins der Mädchen in der Tür stehen und winken konnte: Bitte, die Herrschaft ist zu Hause! Weder Ellen noch Svend erhielten einen Glückwunsch von der Konferenzrätin; ebensowenig erschien sie zum Empfangssonntag bei Kruses, was der Departementschef erwartet hatte. Man kam damit leicht über eine Frage hinweg: die Konferenzrätin brauchte nicht zur Verlobungsgesellschaft eingeladen zu werden. Später erfuhr man, daß die alte Dame krank sei. Svends Mutter und Schwester würden demnach die einzigen Familienrepräsentanten von seiner Seite sein. Das war etwas mager; aber dabei war nichts zu machen. Dagegen hatten Kruses die Genugtuung, daß das kleine, hübsche Stubenmädchen Anna eines Tages ganz erschrocken, rot und beehrt, Seine Durchlaucht meldete. Prinz Adolph suchte sich als Junggeselle soweit wie möglich vom Etikettenzwang loszumachen. Es war eine bekannte Tatsache, daß er die Bourgeoisie dem Adel vorzog. Ellen hatte Jenny Lindholm oft beneidet, wenn sie damit protzte, daß der Prinz bei ihnen »aus und ein gehe«! Der Prinz traf sowohl den Departementschef wie Ellen zu Hause. Er blieb fast zwanzig Minuten. Man frischte alte Reiseerinnerungen auf, sprach von London und Paris. Der Prinz berührte sogar, daß Ellens Verlobter ja im Finanzministerium angestellt sei, wo er sicher Gelegenheit haben werde, Herrn Byge näher kennen zu lernen; er sei ja augenblicklich sozusagen »sein eigenes Departement«. Da faßte Ellen Mut, spitzte ihre roten Lippen, zeigte ihre Grübchen, hob die Augenbrauen schelmisch in die Höhe und sagte wie in einer plötzlichen übermütigen Eingebung: »Eure Durchlaucht haben ja beinah zu meiner Verlobung Gevatter gestanden, darum müßten Durchlaucht eigentlich zu meiner Verlobungsgesellschaft kommen. Nicht, Papa?« Der Departementschef blickte hastig abwehrend auf; der Prinz aber lächelte entgegenkommend. Da griff Kruse ein: »Durchlaucht müssen die jugendliche Ungeniertheit meiner Tochter entschuldigen. Aber es war gut gemeint. Es würde uns natürlich eine große Freude sein, wenn Durchlaucht unser kleines Fest beehren wollten.« Der Blick des Prinzen wurde etwas fern, die Wolke aber zog schnell vorüber; dann verbeugte er sich und sagte: »Ich danke bestens für die Einladung. Es wird mir ein Vergnügen sein – sofern der Tag – – –« Ellen beeilte sich, die Zeit zu nennen, die vorläufig festgesetzt war. Sie verstand sich meisterlich darauf, schelmisch auszusehen; und die Augen des Prinzen ruhten auf ihr, während er nachdachte. »Ich will meinen Adjutanten fragen,« sagte er, »ob ich an dem Tage frei bin.« »Oh, ich kenne Leutnant Flindt sehr gut,« sagte Ellen strahlend und unverdrossen, »ich werde mich lieb Kind bei ihm machen, damit er Eure Durchlaucht frei gibt.« Kruse schüttelte mißbilligend den Kopf. Der Prinz lachte, während sich zwei rote Flecke auf seinen Wangen abzeichneten. »Ich erwarte eine eigenhändige Einladung von Ihnen, gnädiges Fräulein,« sagte er und senkte seinen Blick in ihre schelmischen blauen Augen. Einige Tage danach hielt Ellen triumphierend ein eigenhändiges Billett von dem Prinzen mit Krone und Namenszug in der Hand. Mit spitzen, zierlichen Schriftzügen dankte er und freute sich, an dem »bedeutungsvollen« Tage zugegen sein zu dürfen. Svend fühlte sich natürlich Ellens und seiner selbst wegen geehrt. Aber es gefiel ihm nicht, daß Ellen selbst geschrieben und Antwort bekommen hatte. »Bist du eifersüchtig?« fragte sie belustigt und fächelte ihm neckend mit dem prinzlichen Billett, das schwach duftete, um die Nase. »Ja!« sagte Svend und blickte ihr fest ins Auge. »Meinst du, daß ich nicht gemerkt habe, wie er dich ansieht? Er geniert sich nicht – und du übrigens auch nicht.« Ellen amüsierte sich eine Weile über seine Gereiztheit. Dann faßte sie ihn mit ihren weichen Fingern um den Kopf und sah ihn mit ihrem sanften blauen Blick an. »Glaubst du, daß ich mir etwas aus diesem ältlichen Herrn mache, wo ich dich habe? Aber er ist doch Prinz, und es kann dir in deiner Karriere sehr von Nutzen sein, wenn er bei uns verkehrt. O Gott, wie wird Jenny Lindholm sich ärgern, wenn sie es hört!« Svend hatte einen ernsten Protest wegen der Protektion auf den Lappen. Ellen aber schloß ihm den Mund mit einem Strom von kleinen hastigen Küssen.   Als der Tag herankam, wurden große Vorbereitungen gemacht. Svend sah Ellen nur im Fluge. Immer erwartete sie jemanden oder mußte selbst irgendwohin. Selbst über die kleine, beherrschte Persönlichkeit des Departementschefs war Unruhe gekommen. Wenn er zu Hause war, fiel ihm beständig irgendetwas ein, dessen er sich vergewissern mußte. Es war ein immerwährendes Hinundher in dem sonst so ruhigen Hause. Sie wurde unpräzise bei den täglichen Spaziergängen. In der letzten Woche hörten diese ganz auf. Sie hatte intime Konferenzen mit Papa, in die nicht einmal Svend eingeweiht wurde. Er fühlte sich überflüssig, wenn er sie auf dem Wege zum Ministerium besuchte. Es kam nie zu einer ordentlichen Unterhaltung. Einige eilige Worte und ein flüchtiger Kuß; das war alles. Ellen sprach verblümt von einer Überraschung für die Gäste, die sie sich ausgedacht und nach einigem Widerstand von Papas Seite durchgesetzt hatte. Es ärgerte Svend ernsthaft, daß er sie nicht erfahren durfte. Er dachte an seine Mutter und Gerda. Wie würden sie sich in einer so vornehmen Gesellschaft zurechtfinden – sie, die geradeswegs aus der Provinz kamen? Hin und wieder dämmerte ein Gefühl in ihm auf, daß er in etwas hineingeraten sei, wo er sich nicht zu Hause fühlte. Auch mit seiner neuen Tätigkeit war er unzufrieden, seit er Zeit fand, darüber nachzudenken. Die Arbeit, die er unter Juhls Leitung tat, konnten ja Hunderte und Aberhunderte ebensogut, ja vielleicht besser verrichten als er. Er, der sich früher – ja, eigentlich seit dem Tode seines Vaters, mit Geduld gewappnet, er, der sich in den Jahren des aufgezwungenen Studiums daran gewöhnt hatte, ohne Hast in die Zukunft zu blicken – er fand, daß es jetzt Zeit sei, daß das Erwartete sich zeigen müsse. Einmal mußte die Frucht doch reifen. Einmal mußte die Aufgabe, die er lösen sollte, sich doch offenbaren. Er wußte wohl, daß sie nicht von selbst kommen würde. Er mußte beständig wachsam sein, alle Seiten des öffentlichen Lebens im Auge behalten, das Interesse für alles Menschliche bewahren, dann würde sein Gemüt den Angriffspunkt, wo er einsetzen konnte, schon von selbst finden. Während man wartete, galt es, sich die Position zu verschaffen, ohne die alle Worte und Taten kein Gewicht hatten, wie bereits Onkel Kasper ihm eingeschärft und wovon der Departementschef, der selbst in einem verhältnismäßig jungen Alter eine bedeutende Stellung erlangte, ihn überzeugt hatte. Die Stellung hatte er ja jetzt. Departementschef Kruses Schwiegersohn – das war auch eine Art Position. Ein Tag aber verging wie der andere. Leer, trivial, voll gleichgültiger Kleinigkeiten. Was merkte er von dem öffentlichen Leben, in das er sich hatte hineinstürzen, bei dem er mit festen Händen hatte zugreifen wollen, wenn er erst einmal angefangen hatte? Er ging Berichte von allen Küstengegenden des Landes durch. Von überall liefen Klagen ein. Während er Auszüge aus den eingegangenen Schreiben machte, brannte er vor Begierde, die Dinge, von denen er las, persönlich in Augenschein zu nehmen, anstatt darüber zu schreiben. Eines Tages beklagte er sich Juhl gegenüber. Was konnte es nützen, daß sie hier säßen und schrieben und ihr Urteil abgäben? Sie hatten ja im Grunde gar kein Verständnis für das, womit sie sich beschäftigten. Praktische Leute an Ort und Stelle seien die einzigen, die Abhilfe schaffen könnten. Juhl lächelte überlegen. Leute, die kaum ihren Namen schreiben konnten; Fischer mit Südwester und Kautabak im Munde sollten der Regierung zeigen, wo der Schuh drückte? – Das wäre noch schöner! Svend hatte von Kindheit auf einen so tiefen Respekt vor der akademischen Bildung und ihrem Einfluß auf die Denk- und Beschlußfähigkeit, daß er gegen seinen Willen Juhl recht geben mußte. Inzwischen glitt das Leben wie ein großer, breiter Fluß vorbei. Er sah ihn in den Zeitungen schäumen und brausen, umreißen und Schlamm ansetzen, immer in reißender Tätigkeit, während er selbst mit ausgebreiteten Armen am Ufer stand, ohne zu ahnen, wo er sich hineinstürzen sollte. 12 Justizrat Didrichsens Kontor lag in einem vornehmen Hause mitten in der Stadt. »Bitte nehmen Sie Platz! Herr Justizrat wird gleich zur Verfügung stehen. Staatsrat Friedrichsen ist drinnen, aber das pflegt nie sehr lange zu dauern.« Assessor Hansen war ein kleiner, rundlicher Herr mit zurückgekämmtem Haar und einem blanken, naseweisen Blick. Er drehte sich redselig auf dem Pultstuhl um und betrachtete voller Neugierde die Visitenkarte, die Svend ihm reichte. Als er den Namen las, zeichnete sich ein plötzliches Interesse in den dicken Falten um seine Augen ab. »Sind Sie vielleicht mit dem Politiker Kasper Byge verwandt?« »Ja. – Haben Sie ihn gekannt?« Svend dachte, wie klein Dänemark doch sei. »Ja – nein – nicht persönlich. Aber ich war damals beim Nachlaßgericht des Städtchens, in dem er starb. Und ich habe –« Er hielt inne und rieb sich das Kinn, als fürchte er zuviel gesagt zu haben. »Sein Enkel können Sie ja nicht sein,« sagte er familiär, »denn er hatte ja keine Leibeserben.« »Er war der Bruder meines Großvaters.« »So so – ja.« Der Assessor nahm die Visitenkarte, merkte sich den Vornamen und starrte vor sich hin, als suche er in seinem Gedächtnis. Dann liefen seine kleinen Augen hastig prüfend über Svends Erscheinung, während er sich nach einem Haufen Zeitungen reckte, die auf dem Pult lagen, und sie Svend zuvorkommend reichte. »Bitte, Herr Byge, wollen Sie vielleicht die Zeitung lesen?« Während Svend las, fuhr er fort ihn neugierig von der Seite zu betrachten. Svend merkte es, fühlte sich davon geniert und fing seinen Blick auf. »Lebt die Witwe noch?« fragte der Assessor verlegen und rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Wer?« »Die Konferenzrätin, meine ich?« »Ja!« Svends Antwort war kurz, und Hansen begann schließlich zu schreiben. Kurz darauf begleitete Didrichsen den Staatsrat hinaus. Auf dem Rückwege entdeckte er Svend und drückte ihm die Hand. »Guten Tag, Herr Byge! – Bitte!« Er schob Svend mit der Hand in sein Privatkontor hinein und schloß die Tür hinter ihm. Es war ein großes, elegant möbliertes Zimmer, das mehr einem Herrenzimmer als einem Kontor glich. Nur ein großer Geldschrank verunzierte es. Didrichsen bot ihm eine Zigarre an und sprach mit seiner eintönigen, gedämpften Stimme, die soviel Zeit hatte und alte Dinge zu einer wohlverwahrten Vertrauenssache machte. Es war, als spräche er in einer geschlossenen Kiste. Svend wolle sich also mit dem Anwaltberuf vertraut machen. Richtig, sehr richtig. Alles prüfen und das Beste wählen. Vielleicht würde er schließlich doch noch zu der Anschauung gelangen, daß es interessanter sei, Ordnung in verwickelte Lebensverhältnisse verschiedenster Art zu bringen, als sich mit Akten in einem Büro für öffentliche Arbeiten zu beschäftigen. Gott bewahre, die ministerielle Laufbahn sei ja auch – – aber wo die Beamten des Ministeriums mit totem Papier arbeiteten, da arbeitete der Rechtsanwalt mit lebendigen Menschen – wenn er sich so ausdrücken dürfe. Die Unterredung wurde nur kurz. Denn als Hansen den Kopf zur Tür hereinsteckte und den mächtigen Welten meldete, mußte Didrichsen abbrechen, so leid es ihm täte, denn es hätte ihn wirklich interessiert, offen und herzlich mit einem jungen Mann wie Svend zu sprechen; es gäbe heutzutage sowenig junge Leute und so weiter. Aber Welten könne man ja nicht warten lassen. Welten trat in das Privatkontor ein, während Didrichsen mit Svends Hand in seiner sich zu Hansen wendete und sagte: »Referendar Byge tritt hier morgen um neun Uhr an Svendsens Stelle ein.« »Adieu, adieu!« nickte der unverändert zutrauenerweckende Blick der grauen Augen. Svend bekam jetzt vollauf zu tun. Von neun bis zwölf Uhr bei Didrichsen, wo er unter Hansen arbeitete, während derselbe sich mit Händen und Füßen in seine Vergangenheit und Familienverhältnisse hineinzubohren versuchte. Seine Tätigkeit sagte ihm zu. Es war Luft und Leben darin. Leute kamen und gingen. Stattliche Kaufleute, die fest auftraten und im Vorzimmer lärmten. Damen in Witwenschleiern. Es war ein ewiges Rasseln mit der Geldkasse, die Hansen verwaltete. Denn in welcher Angelegenheit die Leute auch kamen, so endete es immer mit Geld. Dann hatte er eben Zeit zu einem kleinen genügsamen Frühstück und mußte dann ins Ministerium. Später als ein Uhr konnte er nicht gut dort antreten. Denn zu der Zeit kam Jersey mit seiner abgetragenen Ledermappe unterm Arm; und sein Erstes war, nachdem er den Rock gewechselt, die Manschetten auf das Regal gelegt und die Post durchgelesen hatte, das Büro zu inspizieren. Svend arbeitete noch immer mit Juhl zusammen. Je mehr Gesuche er unter die Hände bekam, aus denen er Auszüge machen mußte, desto mehr sehnte er sich von den Akten fort in das Leben hinaus, über das er schrieb. Er roch die Wirklichkeit, die Notwendigkeit des Lebens: so ist es und so muß es sein, und wenn auch Gottes Engel in Kopenhagen säßen und an ihren Pulten regierten. Da waren Schreiben mit dem reinen, klaren Salzwasser über sich. Man sah geradezu niedrige Stuben mit dem Ausblick auf das zornige Meer, das auch mitredete, wenn wortkarge Männer über das verhandelten, was mühsam zu Papier gebracht werden sollte. Da waren vor allen Dingen die Fischer aus Sandöre. Sie beschwerten sich Jahr für Jahr. Svend fand in der Archivmappe einen ganzen Haufen Briefe, die alle dasselbe behandelten. Der Staat verdarb ihnen ihren Erwerb durch die Steinfischerei für den Hafen. Unter den großen Steinen lebte all das Kleingetier, wovon die Schollen sich nährten. Wenn der Staat die Steine heben ließ, ging das Getier zum Teufel. Die Scholle mußte auswandern, und den Fischern blieb auch bald nichts anderes mehr übrig, wenn der Staat ihnen das Brot vom Munde fortnahm. »So ein Blech!« sagte Juhl und zuckte die Achseln. Svend aber ließ ihn nicht so leichten Kaufes davonkommen. Es kam zu einem Wortstreit, bei dem Juhl seine Pfeife einsteckte und Respekt vor Svends scharfem Blick bekam. Nachdem Juhl gegangen war, ging Svend all die alten Schreiben durch. Sie jammerten nicht, machten nur wieder und wieder, fast in denselben Ausdrücken, auf die Tatsache aufmerksam, immer in der Hoffnung, daß die »löblichen Herren in Kopenhagen« die Sache schließlich in Ordnung bringen würden. Und hier saßen »die löblichen Herren«, die nie in einem Fischerboot gewesen waren und Schollen nicht von Zungen unterscheiden konnten – sie lasen die Schreiben kaum, legten sie beiseite und regierten lustig auf Fisch und Meer und Sonne und Mond herum. Der alte Drang, alles von sich abzuwerfen, auf und davonzugehen, stieg ihm wie ein Erstickungsgefühl im Halse empor. All diese Umständlichkeiten an den Nagel hängen. Hinreisen und mit den Leuten sprechen, sich in ihre Angelegenheiten hineinversetzen, dann zurückkommen und ihnen ihr Recht verschaffen. Juhl war wohl nicht schlimmer als die anderen, nur stumpf geworden von all den Schreibereien. Die Fischerei war das Tauende, an dem er sich in die Höhe ziehen wollte. Sonst interessierte er sich nicht im geringsten dafür, wie der alte Brynch gesagt hatte. Nur schnell. Der Haufe muß vor vier Uhr durchgelesen sein. Dann schließen wir und morgen gibt es wieder anderes. Die Sachen müssen expediert werden. Damit basta. Wir können uns nicht lange mit jeder einzelnen aufhalten. Schnelle Expedition, darauf kam es an. Svend blieb bis spät in den Nachmittag hinein. Dann erhob er sich mit einem Seufzer und sah ein, daß es hoffnungslos sei. Als aber der Hunger sich seiner bemächtigte, stiegen Zweifel in ihm auf: Du bist sensibel, Svend, du bist naiv. Schreibereien und Menschen sind zweierlei. Wir jammern alle. Das liegt in unserer Natur. Eines Tages aber, als der Prinz kam, während Juhl abwesend war, ergriff Svend die Gelegenheit, zeigte ihm die Schreiben von den Sandörer Fischern und trug ihm die Sache vor, wie sie sich ihm darstellte. Der Prinz hörte mit erstauntem Wohlwollen zu, hob auch die Augenbrauen über den müden Augen, wie es seine Gewohnheit war, wenn er sich für etwas interessierte, sagte »ja« und »vollkommen richtig« und »da muß etwas geschehen«. »Kommen Sie nur wieder darauf zurück, mein lieber Byge.« Als er zwei Minuten später nach seinem Zylinder griff und Svend aufforderte, ihn zu begleiten, war das Ganze vergessen. Er erkundigte sich nach Ellen. Sei ihr gestern begegnet. Ein Kompliment für ihr scharmantes Aussehen. Ob sie und Svend nicht heute abend ins Theater gingen, um den Kammersänger in seiner neuen Rolle zu hören. Wie der Departementschef sich befände, kürzlich sei er erkältet gewesen. 13 Die Säson hatte jetzt ernstlich begonnen. Welke Blätter schwirrten durch die Luft, und die Leute froren in ihren Sommerkleidern. Sonnenverbrannte Gesichter blaßten ab, Augen wurden herbstlich klar und kalt. Junge Mädchen vertrauten sich ihre Sommererlebnisse an und sträubten sich gegen den Herbst, bis sie es mit einem Seufzer aufgaben, sich entschlossen über ihre Herbsttoilette hermachten und an Gesellschaften und Theater dachten. Der Kammersänger hatte seine großen Tage mit vollbesetzten Häusern. So hatte er noch nie gesungen. Die Begeisterung im Publikum warf ihren Reflex auf die andere Seite der Rampe und füllte seine Augen mit Glanz und Glück und Sieg. Einige widerstandslose Mädchenherzen bebten dabei wie ein Vöglein in einer weichen Hand. Man flüsterte von diesem und jenem, das dabei gebrochen sei. Die meisten aber gingen heil daraus hervor. Sein Bild hing ja in allen Fenstern und konnte für ein Geringes gekauft werden. Das war immerhin etwas.   Reichstag wurde einberufen und zwischen Männern hieß es allgemein: Wie wird es gehen? – Was wird sich ereignen? Svend, der sich längere Zeit vollkommen der Politik verschlossen hatte, war durch den Verkehr mit seinem Schwiegervater wieder dafür interessiert worden. Besonders jetzt, wo es von Gerüchten und Mutmaßungen wie in einem Bienenkorb summte. Er, der in seinen Studentenjahren mit fortgerissen worden war und zu der Fahne der Jungen und der Linken geschworen hatte, er kehrte jetzt zu den Anschauungen der Rechten zurück. Er sah deutlich, ohne daß Kruse ihn darauf aufmerksam zu machen brauchte, die gerade Linie, die die alte Freiheitspolitik – Onkel Kaspers Politik – mit der Rechten verband. Es war ja ihr Erb und Eigen. Svend war ein Byge und war stolz darauf; und er konnte, trotz ernsthafter Selbstprüfung, nicht einsehen, daß die Männer, die jetzt ans Ruder wollten, annähernd dieselbe Garantie für des Landes Wohl boten, wie die Erben der alten Freiheitspolitik.   Der alte Brynch kam in Jerseys Kontor gestürzt und ließ die Tür sperrangelweit hinter sich offen stehen. Sein weißes Haar flog ihm im Zugwind um die Ohren. Er zerzauste sich den Bart mit der einen Hand und zerknitterte die Zeitung mit der anderen, während er vor sich hinstarrte, ohne etwas zu sehen – wie es seine Gewohnheit war, wenn sein eifriger Sinn ganz von etwas gepackt wurde. »Wo ist Jersey? – Jersey!« kreischte er und lief durchs Zimmer. Jersey stand neben ihm. Er war so an den »Berserkergang« des Alten, wie er es nannte, gewöhnt, daß er dadurch nicht im geringsten gerührt wurde. »Hier bin ich. Was ist denn los?« fragte er verdrießlich. »Haben Sie so was schon erlebt? Ich frage Sie auf Ehre und Gewissen, haben Sie so was schon –? – So'n – so'n Bauernlümmel –« »Wer denn? – Wer denn? – Ich habe heute noch keine Zeitung gelesen.« Der Alte durchsuchte die Zeitung, zerknitterte sie aber gleichzeitig so hitzig, daß es ihm unmöglich war, das Betreffende zu finden. Schließlich gab er es auf. »Haben Sie es nicht gelesen, frage ich?« Jersey schüttelte den Kopf. Brynch begann wieder, kam aber vor Aufregung ins Husten und schüttelte sich, bis er schließlich Luft bekam: »Also stellen Sie sich vor, Jersey, steht dieser – wie heißt er noch – dieser Bauernlümmel, im Reichstag auf und wagt es, Seiner Majestät zu drohen!« Jersey hatte ihm die Zeitung aus der Hand genommen, sich den Kneifer aufgesetzt und die Stelle gefunden. Sein graumeliertes Haar sträubte sich auf seiner hohen Stirn vor Interesse, wählend er las. Brynch konnte sich nicht solange ruhig verhalten. Er mußte weiter. Er riß die Tür zu v. Falks Kontor weit auf und steckte seinen aufgeregten Kopf zu dem soignierten Assessor hinein. »Was sagen Sie, Herr Assessor?« v. Falk war der einzige, den Brynch in unwillkürlichem Respekt mit dem Titel anredete. »Ist es nicht entsetzlich, daß es so weit mit uns gekommen ist, was?« »Ja, es ist entsetzlich!« antwortete v. Falk mit dem ernstesten Gesicht von der Welt, während sein ruhiger Blick Brynchs suchte – »ja, Sie haben vollkommen recht, Herr Departmentschef.« Brynch atmete geräuschvoll, faßte v. Falk am Rockkragen und begann sich des weiteren über die Sache zu äußern. Falk hörte anscheinend aufmerksam zu und nickte an den passenden Stellen. Der Alte krähte so laut, daß Juhl vorsichtig die Tür zu seinem Kontor öffnete, um auch teilzunehmen. Kaum wurde Brynch ein neues Gesicht gewahr, als er sich daraufstürzte, und auf Svend, der jetzt auch hinzutrat. Er hatte sich inzwischen so weit beruhigt, daß er sich in Erinnerungen verlor. Denn wo Brynch auch begann, es kam immer der Punkt, wo die alten Zeiten sich vordrängten. Im selben Augenblick meldete der Diener, daß der Sekretär des Ministers in Brynchs Kontor warte. »Was will er?« brummte Brynch, strich sich den Bart, glättete sein Haar und folgte dem Diener mißmutig. 14 Als Brynch gegangen war, kam Jersey hinzu, und jetzt begann eine ruhige Erörterung des Geschehenen. »Ich verstehe nicht,« sagte Jersey zu Juhl, indem er geflissentlich über v. Falk hinwegsprach, »weshalb die Herren im Reichstag jetzt wieder die große Trommel rühren, gerade jetzt –« Er hielt inne mit einem vorsichtigen Blick auf v. Falk. Juhl dachte bei sich, daß er den Prinzen ausforschen wolle. »Sie können ja nichts Dümmeres tun, als den König zu provozieren. Es sieht aus, als ob irgend jemandem ein Bein gestellt werden sollte.« »Hö, hö!« Galten kam angestolpert, »weshalb schicken sie sie nicht nach Hause?« Niemand nahm Notiz von ihm. Jetzt kam v. Falk in Schwung. Es amüsierte ihn immer, sich so zu stellen, als wisse er mehr als andere. Damit konnte er sowohl Jersey wie Juhl ärgern, die ungern einräumen wollten, daß v. Falk Zutritt zu Kreisen hatte, die ihnen verschlossen waren. »Jersey hat recht,« sagte er mit seiner ruhigen Sicherheit, »es werden neue Dinge von großer Tragweite vorbereitet; die Führer aber wünschen natürlich im Grunde ihres Herzens, daß alles beim alten bliebe, damit sie ihrer Macht nicht beraubt werden oder sie mit anderen teilen müssen. Sie sollen sehen, meine Herren,« fügte er mit Nachdruck hinzu, während er seinen ruhigen Blick von Jersey zu Juhl und von Juhl zu Svend gleiten ließ, »ich prophezeie, daß wir in diesem Jahr ein reguläres Finanzgesetz bekommen.« »Meinen Sie?« wandte Jersey mit einem spöttischen Lächeln ein, »und für welchen Preis?« Falk ignorierte ihn: »Ein reguläres Finanzgesetz!« wiederholte er. »Die neue Zeit ist im Anmarsch, meine Herren.« »Die neue Zeit!« grunzte Galten empört und rückte v. Falk auf den Leib, als wolle er ihn mit seinen Gorillaarmen schlagen. »Hö, hö! – Was meinen Sie mit der neuen Zeit?« Jersey und Juhl wechselten wieder einen Blick. Das Dumme war ja, daß man nie recht wußte, wo v. Falk wurzelte. War es nur Humbug oder hatte er wirklich Gelegenheit, in die Karten zu gucken? Sie wußten – Juhl hatte es entdeckt und es gleich an Jersey weitergehen lassen – daß v. Falk mit Welten zusammenkam. Er hatte etwas von seinem Kapital in dem Steinbruch angelegt, der in der Gegend von Lindersbo lag. Und Welten – ja, Welten! – Wenn irgend jemand im Lande Bescheid wußte, so war er es. Wußte von Dingen, fast bevor sie geschehen waren. Darin lag ja seine Macht. Es hatte sich kürzlich das Merkwürdige ereignet, daß der Geheimrat, dem man seit einer Reihe von Jahren in dem Organ der Linken scharf zugesetzt hatte, in einem Leitartikel desselben Blattes als der hervorragendste Mann des Landes gepriesen worden war. Vielleicht hatte die Zeitung pekuniäre Schwierigkeiten und mußte seine Bankhilfe in Anspruch nehmen; aber es konnte ja auch mehr bedeuten. Außer Jersey hatten sich viele andere über diese Schwenkung den Kopf zerbrochen. Jersey machte einen Versuch. »Sie denken an Welten?« sagte er scharf, als wolle er ohne Umschweife auf den Kern der Sache gehen. Falk sah ihn fest an. Er verstand die Frage bis auf den Grund, hatte Juhl und Jersey schon seit langem durchschaut; und er genoß die Unsicherheit, die sich unter Jerseys überlegenem, etwas spöttischem Ton verbarg. Falk liebte es, mit seinen Mitmenschen zu experimentieren. Das Wort von der neuen Zeit hatte er aus der Luft gegriffen, um die Wirkung zu prüfen. Jetzt verfolgte er die eingeschlagene Richtung. Ohne Jerseys Blick loszulassen nickte er langsam und sagte mit Nachdruck: »Ja, Welten! – Welten, meine Herren!« Es ging wie ein Ruck durch Jersey. Er sah Juhl an, dessen Augen mit Neid und Bewunderung auf v. Falk ruhten. Falk stand offenbar Welten näher, als sie bis jetzt geglaubt hatten. Dort war die Quelle seiner Überlegenheit. Falk aber war zu klug, um in eine Falle zu gehen. Wenn er so offen davon sprach, war also das, was in der Luft lag, schon so weit gediehen, daß Eingeweihte ein absolutes Schweigen nicht mehr für notwendig hielten. Es war nicht ratsam, weiter zu gehen. Jersey zuckte die Achseln und sah spöttisch aus. Dann drehte er sich auf den Hacken um und ging in sein Kontor. »Was meinte er mit Welten?« fragte Svend, als er und Juhl wieder auf ihren Plätzen saßen und die Tür zu v. Falks Kontor geschlossen war. »Versuchen Sie etwas darüber zu erfahren!« antwortete Juhl vertraulich. »Ihr Schwiegervater hat ja soviel mit dem Bankdirektor zu tun.« Als Svend auf dem Heimwege begriffen war, sah er v. Falk ein Stück vor sich. Er beeilte sich ihn einzuholen. »Was, Sie sind es?« sagte v. Falk liebenswürdig und schob seinen Arm unter Svends. Sie sprachen von diesem und jenem. Als v. Falk selbst auf die Szene vom Vormittag zu sprechen kam und sich über Brynch, »den lieben Alten«, amüsierte, fragte Svend: »Was meinten Sie eigentlich mit Welten?« Falk sah ihn neckend an. »Weshalb möchten Sie das gern wissen?« Svend errötete und hatte den Drang, sich zu verteidigen. »Weil er einen Einfluß und eine Macht hat, aus denen ich nicht klug werden kann. Überall, wo es gilt, wird sein Name genannt, auch in Sachen, mit denen er anscheinend gar nichts zu tun hat.« Falk betrachtete Svends eifriges Gesicht mit Ironie. »Sie werden schon noch mal verstehen lernen,« sagte er, »daß es keine Sache gibt, an der ein hervorragender Bankdirektor nicht beteiligt ist. Übrigens will ich Ihnen gern verraten, was ich meinte. Nichts weiter, als Jersey eine Nuß zum Knacken zu geben.« »Aber der Systemwechsel – die neue Zeit?« Falk wurde ernst. »Glauben Sie vielleicht, daß wir bis ans Ende der Welt von Brynchs und Kruses und anderen netten Leuten wie Sie und ich regiert werden? – Glauben Sie, daß die, die unten sind, sich das auf die Dauer gefallen lassen? Ein Wechsel ist eine vollkommen berechtigte Forderung. Ich muß sagen, ich freue mich geradezu darauf. Sie sollen sehen, es wird eine Wohltat sein, wenn diejenigen ans Ruder kommen, die sich auf die Dinge selbst verstehen, anstatt auf die Wissenschaft der Dinge, auf Papiere, Dokumente und dergleichen, die nur widerspiegeln und nicht leben.« Als sie in eine Allee einbogen, kam Ihnen ein Reiter entgegen. Ein eleganter junger Mann mit einer vollendet harmonischen Gestalt, der brillant zu Pferde saß. Sein Gesicht war geistvoll und strahlend heiter. Die einzelnen Züge verschwanden bei dem starken Eindruck einer schönen und heiteren Seele. Falk grüßte. Das Pferd machte einen nervösen Seitensprung, als habe der Reiter ihm die Sporen gegeben, um Gelegenheit zu haben, seine Geschicklichkeit zu zeigen. Dann erwiderte er Falks Gruß mit einem großen Lächeln und einem lauten guten Tag. »Wer war das?« fragte Svend und sah sich nach dem Reiter um. »Kennen Sie den Kammersänger nicht?« Falk blieb stehen und sah sich um, mit Schönheitsfreude in seinem großen Blick. »Sehen Sie nur, wie frei er seinen Kopf trägt! – Er ist eine Augenweide.« Svend mußte lachen. »Sie sprechen wie ein verliebtes junges Mädchen.« »Ich liebe ihn auch auf meine Weise, wie ich alles Schöne liebe. Ach, Gott, die jungen Mädchen! Da haben wir wieder mal das Unvermögen der Frau, die Art ihres eigenen Gefühls zu unterscheiden. Sehen Sie den da – das ist ein Mann, der im Besitz von größeren Glücksfähigkeiten ist, als irgend jemand von uns. Ebenso wie seine Stimme schöner ist, will er auch, daß sein ganzer Körper und seine Seele es sein soll. Er will ein menschliches Glücksideal durch sich selbst verkörpern. Er will es, und es ist ihm geglückt. Er entzückt und bezaubert, weil er wie eines unserer unmittelbarsten Ideale lebendig unter uns wandelt und Glück für uns ausstrahlt. In ihm hat der allgemeine, der klassische Herzensseufzer nach der schönen Seele in dem schönen Körper Leben und Atem gefunden. Ich liebe nicht ihn, sondern das Ideal in ihm. Kennen Sie Platons Symposion? – So wie Sokrates Alkibiades liebte, so sind auch meine Gefühle ohne Begehr. Die Flauen dagegen, unsere allerliebsten Theatergänger, wissen selbst nicht, wovon sie eigentlich bezaubert werden; sie möchten am liebsten die Glücksblume mit nach Hause nehmen.«   Svend begleitete v. Falk nach Hause und speiste bei ihm zu Mittag. Als er abends nach Hause ging, grübelte er darüber, wodurch dieser Mann soviel Anziehung auf ihn ausübte. Vor allen Dingen dadurch, daß v. Falk aus einer Lebensanschauung heraus sprach, die ihm neu und interessant war. Dieser scharfe Zuschauerblick bei einem Mann, der doch mit beiden Füßen auf der Arena stand, fesselte Svend, dem es selbst so schwer fiel, sich zu der Höhe der Dinge emporzuheben, von wo aus ihre Perspektive klar und scharf zu übersehen ist. v. Falks ruhiger, fester Blick, der trotz seiner Ironie sowohl Kraft wie Wärme besaß, hielt Svend fest, aber forderte ihn gleichzeitig zum Widerstand heraus. Er rührte an etwas in seinem Ich, das er nicht gutwillig hergab. Er zwang ihn, sein Bestes zu geben. Dazu kam, daß v. Falk das Ideal realisiert zu haben schien, nach dem Svend in seinen Studentenjahren gestrebt hatte: die über alle praktischen Rücksichten und Nahrungssorgen erhabene freie und persönliche Erkenntnis. 15 Je mehr die Säson vorschritt, desto mehr ließ Ellen sich von ihren alten, gesellschaftlichen Verpflichtungen in Anspruch nehmen. Die Freundinnen legten Beschlag auf sie; und wenn Svend kam, um seine rechtmäßige Spaziertour zu fordern, so war sie entweder nicht zu Hause oder mitten in einem Besuch. Svend haßte Besuche und erkundigte sich deshalb immer bei Fräulein Jensen, ob jemand da sei, bevor er hineinging. Schließlich verlor er die Geduld und kam nur, wenn Ellen nach ihm schickte.   Ellen hatte den ganzen Vormittag Einkäufe gemacht. Jetzt ging sie auf dem Heimwege über die Hauptpromenade der Stadt. Da sah sie Kamma Ejstrup um eine Ecke biegen. Kamma Ejstrup war Ellens Schulgefährtin. Ihr Vater war Oberst und hatte kein Vermögen. Sie war nicht hübsch, hatte aber einen guten Verstand, einen ausdrucksvollen Mund und ein schelmisches Lächeln, womit sie den, mit dem sie sprach, reizte. Sie hatte seit ihren Schultagen für Falk geschwärmt, und es war Ellens fester Entschluß, daß die beiden sich kriegen sollten. Ellen winkte ihr mit dem Muff; Kamma aber sah es nicht. Sie mußte über die Straße laufen, um sie einzuholen. Kamma wollte zum Konditor und Ellen schloß sich ihr bereitwilligst an. Das Wetter war klar und kühl, der Himmel voll von ziehenden Herbstwolken, die an den Kanten ausgefasert waren. Die Menschen waren vergnügt. Es war ein Lächeln und Plaudern und Grüßen auf dem breiten Fußsteig vor dem Laden der Königlichen Porzellanfabrik. Während Ellen mit den Händen in dem Muff ging und wie ein sorgloser Vogel zwitscherte, machte Kamma Bemerkungen über die Vorbeigehenden. Sie konnte mit dem ernstesten Gesicht die fürchterlichsten Dinge über Leute flüstern, die ihnen entgegenkamen, so daß Ellen sich in die Lippe beißen und auf ihre Stiefelspitzen herabsehen mußte, um nicht loszuplatzen. Es nützte nicht, daß sie nachher schalt. Kamma konnte es nicht lassen. Als sie über die Straße gingen, um in der fashionablen Konditorei einzukehren, kamen Magda Flindt, die junge Frau des Adjutanten, und Jenny Lindholm Arm in Arm von der entgegengesetzten Seite. »Um Gottes willen!« sagte Ellen; aber es war schon zu spät um umzukehren. »Wie nett, daß man sich mal trifft, liebe Ellen! Guten Tag, Fräulein Ejstrup!« Dann gingen sie alle in schöner Gemeinschaft zum Konditor. Dort saß Emmy, das einzige und verwöhnte Kind des reichen und angesehenen Justizrats Danielsen, am Fenster. Sie stützte das Kinn in die Hand und starrte auf die Straße. »Da sitzt wahrhaftig Emmy!« Magda Flindts Stimme war in der ganzen Konditorei zu hören. »Wie komisch. Jetzt sind wir alle Fünf versammelt. Die ganze Kompanie.« Emmy nickte und lächelte und versuchte neben sich Platz zu machen, aber es glückte ihr nicht. Eine der Kellnerinnen kam heran, nickte den Damen mit bescheidener Vertraulichkeit zu und rückte einen zweiten Tisch heran. Ellen hatte gleich gesehen, daß etwas mit Emmy los sei; ihre Augen waren so verschleiert. »Hast du Kopfschmerzen?« fragte sie teilnahmvoll. Eine feine Röte stieg in Emmys elfenbeinfarbene Wange. »Ja, ein wenig. Ich habe eine große Spaziertour in der starken Luft gemacht. Davon hab ich Kopfschmerzen bekommen.« Ihre Augen aber sandten Ellen eine heimliche Botschaft, so daß sie gleich begriff, daß Emmy etwas auf dem Herzen hatte, was die anderen nicht wissen sollten. Es wurde Schokolade getrunken und Kuchen gegessen. Es wurde von den Leuten, die draußen vorbeigingen, geklatscht. Es wurde von Schneiderinnen und Toiletteangelegenheiten gesprochen. »Dort geht dein Verlobter, Ellen,« sagte Emmy, die ihren Blick beständig aus dem Fenster schweifen ließ. Richtig. Da ging er, aufrecht und ernst, mit der Aktenmappe unterm Arm, neben v. Falk, dessen Lackstiefel in der Nachmittagssonne glänzten. Sie waren in ein Gespräch vertieft. »Gott!« rief Ellen ärgerlich aus, indem sie sich vorbeugte, »daß der dumme Junge nicht heraufsehen kann! Ich klopfe ans Fenster.« »Himmel, das geht doch nicht!« »Er ist viel zu vertieft!« sagte Kamma. Sie war auf alle eifersüchtig, denen v. Falk Interesse erwies, einerlei ob Mann oder Frau. »Aber v. Falk ist ja auch wegen seiner bezaubernden Eigenschaften berühmt.« Magda Flindt, die unglücklich verheiratet war und es immer verbergen mußte, war stets bereit, andere leiden zu lassen. »Ich begreife dich nicht, Ellen! – Ich würde mich nicht so vernachlässigen lassen. Wenn ich an meine eigene Verlobungszeit denke – nie ging einer von uns allein oder mit anderen. Ich holte Fritz jeden Tag aus der Kaserne ab.« »Das war vielleicht zu eurer Zeit Sitte!« sagte Ellen boshaft. Trotzdem ärgerte sie sich und gelobte sich selbst, daß sie Svend ordentlich ins Gebet nehmen wollte. Er war wirklich in der letzten Zeit etwas zu sehr seine eigenen Wege gegangen. Kurz darauf erhob Jenny sich. Sie mußte zum Essen nach Hause; der General, selbst präzise wie eine Generalstabsuhr, hielt streng auf Pünktlichkeit in seinem Hause. Kamma schloß sich ihr an. Kaum waren Jenny und Kamma gegangen, als Magda Flindt ihren Mann entdeckte, der auf dem gegenüberliegenden Fußsteig stehengeblieben war, um zu den Damen hinaufzugrüßen. »Gott, da ist Fritz!« Sie nickte und winkte, während Emmy den Kopf zu einem leichten Gruß beugte und hastig die Augen niederschlug. Die Damen machten ihm Zeichen zu, daß er heraufkommen solle. Flindt aber zeigte seine Taschenuhr und zuckte bedauernd die Achseln. »Dann gehe ich auch!« sagte Magda und winkte ihm, daß er warten solle. »Adieu, Ellen! Adieu, Emmy, gute Besserung für deine Kopfschmerzen. Es war riesig nett, euch mal alle wiederzusehen. Nächste Woche wollen wir aber wirklich – nicht? – Adieu, adieu.« Während Magda lärmend das Café verließ, wo aller Köpfe sich nach ihr umwandten, blickte Ellen verstohlen zu Emmy hinüber, die ihre rote Wange mit der Hand zu verbergen suchte. Flindt blickte herauf, während er auf seine Frau wartete; Emmy aber wandte nicht ein einziges Mal den Kopf, bevor Magda neben ihm stand. Dann winkte sie mit der Hand, ebenso wie Ellen. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und sahen dem Paar nach, das Arm in Arm – Flindt, der alle Welt kannte, unablässig grüßend – stattlich die Straße entlang ging. Als sie sie nicht mehr sehen konnten, legte Ellen ihre Hand auf Emmys Arm und flüsterte: »Also erzähle!« Emmy nahm ihre Hand von der Wange und sah sie mit einem Blick an, der dunkel und schwer von heimlicher Freude war; im selben Augenblick aber zeigte sich ein schuldbeladenes Lächeln um ihre Mundwinkel; Ellen wußte sofort Bescheid. »Du hast ein Stelldichein mit ihm gehabt!« Emmy nickte. »Was ist geschehen?« Ellen konnte sich vor Spannung nicht ruhig auf ihrem Stuhl verhalten. »Geschehen?« Emmy schloß die Augen und öffnete sie wieder ganz langsam. »Ach, erzähl mir alles genau!« Sie rückte sich bequem zurecht und wartete, daß Emmy anfangen sollte. »Ja, es war also gestern. Gerade gestern abend. Und ihn dann dort auf der Straße stehen und grüßen sehen, während man hier mit seiner Frau sitzt!« Flindt hatte sie hundertmal gequält. Und das letztemal – es war auf Ellens Verlobungsgesellschaft gewesen –, da hatte sie ihm ein halbes Versprechen gegeben, weil er sie herausforderte, indem er dieser kleinen Landpomeranze, Svends Schwester, die Kur machte. »Himmel, Emmy, was hattest du versprochen?« Ellen packte sie in höchster Spannung am Arm. Emmy aber sah sie nicht an; bis über die Stirn errötend, schloß und öffnete sie die Augen ganz langsam wie vorhin. Dann sagte sie: »Er wollte nämlich mit mir ganz allein essen – soupieren, verstehst du. Das tun so viele junge Damen der Aristokratie, sagte er. Komtesse Gramm und Premierleutnant Lykkeskjold in der Garde zum Beispiel – das wußte er bestimmt. Es ist ja auch gar nichts dabei, wenn niemand es sieht. Man kommt in einem geschlossenen Wagen, der in das Portal des Hotels hineinfährt, und nennt nur die Nummer des Zimmers.« »Ach, erzähle, erzähle!« Ellen rückte ganz nah an sie heran. Und Emmy erzählte und öffnete und schloß die Augen, und lächelte mit dem kleinen, schmerzlichen, schuldbeladenen Lächeln, das ihr so allerliebst stand. »Ist etwas passiert?« fragte Ellen vorsichtig. »Was fällt dir ein? Was sollte wohl passieren? – Also man ißt und trinkt und – ja, zu Anfang ist es etwas peinlich wegen des Kellners, denn was mag der von einem denken – aber du kannst dir nicht vorstellen, wie diskret er ist. Ich versichere dir, es war, als ob er mit geschlossenen Augen servierte – ein vollkommener Automat, sage ich dir. Aber es gab auch gar nichts zu sehen. Du kennst doch uns beide – ein Mann wie Flindt – nicht, Ellen?« »Ja, natürlich!« Ellen lächelte verborgen: »Was bekamt ihr zu essen?« »Was wir bekamen? – Ja, was war es doch noch – Hummer bekamen wir auch – und einen Braten natürlich – ich glaube, es war – ich hab wirklich nicht so genau darauf geachtet.« Das konnte Ellen nur zu gut begreifen. »Was hattest du an?« »Ich war natürlich in Toilette – mein graues Ausgeschnittenes, weißt du wohl – und er war natürlich in Zivil – er kam übrigens von der Tafel beim Prinzen.« »Vom Prinzen?« Ellen wurde nachdenklich und rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, während Emmy sie mit halbgeschlossenen Augen betrachtete und flüsterte: »Ich hab eine Bestellung an dich.« »Für mich?« Ellen versuchte unschuldig auszusehen, wurde aber ganz rot. »Nachher!« beeilte sie sich zu sagen, »erzähl erst von dir selbst.« Emmy ergriff plötzlich ihre seine Hand, die nervös mit der Serviette spielte. Sie preßte sie heftig und flüsterte: »Ellen – es war der schönste Abend meines Lebens! Sie schloß wieder die Augen und lehnte sich einen Augenblick zurück. Die Freundin aber ließ ihr keine Ruhe. »Hat er dich geküßt?« fragte sie sanft und legte einschmeichelnd, wie bittend, ihre Hand auf Emmys. Sie antwortete nicht; aber das kleine schmerzliche Lächeln breitete sich ganz über ihren hübschen Mund, während die Augenlider mit einem bekräftigenden Nicken herabglitten. Ellen küßte ihre Wange. »Wie bist du glücklich, Emmy!« sagte sie sanft und dachte an ein rotes Plüschsofa in einem sonnigen Saal im Louvre. Zwischen ihr und Svend war es so leer geworden, seit sie aus dem Auslande zurückgekommen waren.   Bevor sie sich trennten, hatte Ellen alle Details erfahren, soweit Emmy sich ihrer klar erinnern konnte. »Was nun?« fragte Ellen, als sie Arm in Arm über die Straße gingen. Emmy richtete sich auf. »Was nun?« sagte sie. »Ein herrlicher Abend! Eine schöne Erinnerung! Nichts weiter!« Ellen blickte sie mißtrauisch an. Dann fügte Emmy mit einem großen Lächeln hinzu: »Vielleicht geben wir noch eine Dakapo-Nummer. Aber weiter nichts.« Als Ellen dicht vor ihrem Hause war, konnte sie die Frage nicht länger aufschieben, die ihr den ganzen Weg auf den Lippen gebrannt hatte. »Mich dünkt, du sagtest etwas von einer Bestellung an mich?« kam es ganz harmlos. Emmy sah sie schelmisch an. »Kannst du es nicht erraten?« Ellen schüttelte lächelnd den Kopf. »Einen Gruß von einer sehr hochstehenden Person.« »Einen Gruß? – Dann muß er ja gewußt haben, daß du und Flindt –« »Gott, nein – er hat es Flindt anvertraut, damit er es gelegentlich an dich weiter gelangen lassen sollte. Aber Flindt hat es selbst nicht gewagt. Darum hat er mich gebeten.« »Was hast du gesagt?« »Ich hab gesagt, daß ich nichts dagegen hätte, jemandem eine Bestellung zu überbringen, den ich so gut kennte und so lieb hätte wie dich.« Ellen schwieg eine Weile. Sie wollte über die Antwort nachdenken, bevor Emmy die Frage stellte. »Du solltest mir nur sagen, ob du wolltest, und dann solltest du selbst einen Abend bestimmen. Flindt würde dann das übrige ordnen.« »Was will er ordnen?« Ellen atmete hastig und sah mit klopfendem Herzen geradeaus. »Gott, Ellen! – weshalb muß es so plump sein. Der Prinz will also gern einen Abend mit dir zusammen soupieren, wenn du es denn durchaus mit Eßlöffeln eingegeben haben willst.« »Das muß ich sagen –!« Ellen machte sich in einen, kleinen nervösen Gelächter Luft. »Eben ist er zu meiner Verlobungsgesellschaft gewesen!« »Gott, es schadet dir ja nichts. Niemand erfährt etwas davon. Und du kannst dir doch denken, daß nichts geschieht, was du nicht selbst willst.« »Na, aber dir?« sagte Ellen und sah sie neckisch an. »Ich bin ja nicht verlobt!« lachte Emmy. »Und ich wollte selbst!« fügte sie übermütig hinzu, indem sie Ellen ihre Hand zum Abschied entgegenstreckte. »Überleg es dir!« »Es ist natürlich eine außerordentlich große Ehre!« sagte Ellen und knixte ironisch. Während sie die Treppen hinaufstieg, hatte sie Herzklopfen. Sie war tüchtig böse auf Svend, daß er sie so vernachlässigte. Eigentlich verdiente er es nicht besser. Noch heute wollte sie ihm schreiben. 16 An der Dämmerung kam Svend von selbst. Kamma war mit ihm und v. Falk zusammengetroffen und hatte von Ellen berichtet. Svend war dann umgekehrt, um sie beim Konditor abzuholen, aber sie war schon fort gewesen. Er hatte die sichere Empfindung, daß Ellen böse auf ihn sei; er selbst hatte auch kein gutes Gewissen, weil er sich so schnell von ihren Besuchen hatte vertreiben lassen. Um sie zu erfreuen und zu versöhnen, verschaffte er sich Billette für das Königliche Theater für den Abend. Die Oper Faust wurde gegeben, mit dem Kammersänger in der Titelrolle. Ellen wurde froh, als sie seine Stimme im Entree hörte; aber sie verbarg es, weil sie sich vorgenommen hatte, ihn zu strafen. Sie ging ihm feierlich entgegen und sah streng aus. »Nun, Herr Byge,« sagte sie spitz, »beehren Sie uns endlich einmal mit Ihrem Besuch?« »Nun, gnädiges Fräulein,« antwortete Svend ebenso, »tun Sie uns endlich mal die Ehre an, uns allein zu empfangen?« Sie sahen sich eine Weile an. Dann konnte Ellen ein Lächeln nicht unterdrücken. Ärgerlich auf sich selbst, versuchte sie das Lächeln zu verleugnen, Svend aber hatte es gesehen und legte sanft den Arm um ihre Taille. Sie entwand sich ihm, so daß Svends Kuß nur eben ihre Wange streifte. Dann stellte sie sich ihm gegenüber. »Darf ich fragen, was es bedeuten soll, daß du dich nie mehr blicken läßt?« fragte sie, aber ihr Ton war bereits milder. »Ich wollte dich fragen, ob du heute abend mit in das Königliche Theater gehen willst. Es wird Faust gegeben. Aber du hast vielleicht keine Lust?« »Ich weiß nicht recht, ob ich Lust habe.« Svend steckte die Billette in die Tasche und sagte nichts. Ellen trat von einem Fuß auf den anderen. Dann schlang sie die Arme um seinen Hals, legte den Oberkörper zurück und sagte gereizt: »Küß mich doch, du dummer Junge!« Es wurde ein langer Kuß. Erst als sie ein Geräusch im Nebenzimmer hörten, ließen sie sich los. Jetzt bekam Ellen es eilig. Sie hatte kaum eine halbe Stunde, um sich fertig zu machen. Svend ging solange zu Kruse hinein. Während sie ihr Haar vor dein Toilettenspiegel ordnete, dachte sie an das, was Emmy ihr gesagt hatte; aber sie hatte kein Herzklopfen mehr. Sie lachte triumphierend beim Gedanken an die Bestellung des Prinzen. Obgleich sie nach einem Erlebnis wie Emmys brannte, fiel es ihr natürlich nicht einen Augenblick ein, der Aufforderung des Prinzen nachzukommen. Sie dachte einen Augenblick daran, Svend ein heimliches Souper vorzuschlagen; aber sie war sich gleich klar darüber, daß das gar nicht amüsant sein würde. Das Spannende, das Reizvolle lag ja gerade in dem Verbotenen, dem Geheimnisvollen, daß man ganz allein mit einem fremden Mann war – gleichsam außerhalb der Gesellschaft – ohne daß man das geringste dabei riskierte. Dieses Kitzelnde, daß man die fürchterlichsten Dummheiten begehen konnte , wenn man wollte , ohne daß ein Mensch etwas davon ahnte. Und ihn dann nachher in Gesellschaften und auf der Straße zu treffen und ganz harmlos zu tun. Wenn sie wenigstens heimlich mit Svend verlobt wäre, so hätte es angehen können. Sie hielt einen Augenblick inne und überlegte. Nein. Er würde sich doch nicht dazu eignen. Sie wußte nicht recht, woran es lag. Aber es war dasselbe wie damals in Paris, als sie ihm vorgeschlagen hatte, mit ihr in ein Nachtcafé im Quartier latin zu gehen, als er gleich von ihrem Papa gesprochen hatte. Svend hatte nichts Aufreizendes. Er war zu rechtschaffen. Sie stellte sich die verschleierten Augen des Prinzen vor. Allein die Art, wie er die Brauen hob, wenn er von etwas gefesselt wurde. Das verborgene Lächeln unterm Bart. Ja, er paßte für ein heimliches Souper en deux . Sie war stolz auf die Eroberung, die sie gemacht hatte. Sie fühlte sich geschmeichelt über diese Aufforderung von einem so verwöhnten Frauenkenner, und war übermütig, weil sie selbst kein bißchen angegriffen, nur ein wenig interessiert war. Wie war es himmlisch, Macht über jemanden zu haben, ohne selbst gefesselt zu sein! Als sie in der Droschke saßen, drückte sie sich in ihrem neuen Siegesgefühl an Svend und reichte ihm glückstrahlend ihren Mund. Es wurde wieder ein langer Kuß – so lang, daß Ellen sich plötzlich losriß und sich ängstlich zitternd in eine Ecke drückte, während Svend mit glühendem Kopf und klopfendem Herzen flehend wieder und wieder ihren Namen flüsterte. Aus ihrer dunklen Ecke heraus lugte sie nach seinem funkelnden Blick und dachte bei sich, ob sie ihn nicht doch vielleicht zu einem heimlichen Souper auffordern sollte. Sie kamen spät. Es hatte schon geläutet. Ellen hatte kaum Zeit, ihr Haar vor dem Spiegel zu ordnen. »Sehen Sie die da!« flüsterte ein befrackter Herr einem anderen zu, indem sie hinter ihr vorbeigingen. Sie wußten nicht, daß Svend zu ihr gehörte. Ellen sah am besten in Gesellschaftstoilette aus. Das seidenfeine Haar wie eine lichte Wolke über der klaren Stirn; die sanften, blauen Augen und die zart rosigen, diskret gepuderten Wangen, der gespitzte, lächelnde Mund; der Nacken mit seinem reinen Bogen; der blendende Hals und der Puls, der unter dem engen Rubinband mit seinem einschmeichelnden Ein und Aus lockte. Svend war stolz auf sie. Im Parkett leuchtete es munter von weißen Handschuhen, entblößten Schultern und hellen Seidenblusen, von Glatzen und feierlichen, weißen Vorhemden. Die Damen waren damit beschäftigt, ihre Handschuhe zu knöpfen, während die Herren ihre Operngläser auf den Balkon richteten. Die Instrumente schwatzten und plauderten in allen Tonarten wie Kinder vor der Schulstunde. Ein Cello klagte mit einer dünnen Kinderstimme zwischen den gebieterischen Violinen. Der Kapellmeister ging an seinen Platz und grüßte die Musiker, die in seiner nächsten Nähe saßen. Dann erklang das Signal von der Bühne. Der Dirigent schlug mit dem Taktstock auf. Die Ouvertüre begann. Ellen, die nicht sonderlich musikalisch war – sie hörte erst zu, wenn gesungen wurde –, sah sich im Halbdunkel des Raumes nach Bekannten um. Plötzlich fiel ein Lichtschein aus der Königlichen Loge über das Parkett. Der König und der Kronprinz kamen herein und nahmen in der ersten Reihe Platz. Hinter ihnen wurde Prinz Adolphs hohe Gestalt sichtbar. Er blieb eine Weile stehen und blickte über das Parkett, bevor er sich setzte. Ellens Herz klopfte. Sie dachte an Emmys Bestellung und blickte verstohlen hinauf. Im selben Augenblick setzte er das Opernglas an die Augen, die runden Gläser waren gerade auf sie gerichtet. Sie merkte sie trotz der Entfernung auf ihrem Hals und schlug die Augen nieder. Kein Zweifel, er hatte sie erkannt. Svend flüsterte: »Der Prinz!« Ellen richtete sich auf und heftete den Blick geradeaus, so daß er sie im Profil zu sehen bekam; das war ihre starke Seite, wie sie wohl wußte. Nicht ein einziges Mal wandte sie den Kopf, bevor der Vorhang aufging. Erst als Mephisto in der Zelle auftauchte und das Interesse des Publikums sich erwärmte, erst da versuchte sie einen vorsichtigen Blick nach oben. Sein Auge fand sie sofort. Bevor sie noch Zeit hatte, fortzusehen, grüßte er langsam und diskret. Ellen fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Sie hatte die deutliche Empfindung, als läge eine Frage in seinem Blick. Sie beugte den Kopf zum Gegengruß; im selben Augenblick aber fürchtete sie, daß er es für eine Antwort und für ein Ja halten könnte. Deshalb tat sie, als ob sie das Programm verloren habe, und bückte sich, um es aufzuheben. »Hat er gegrüßt?« fragte Svend. »Ich glaube kaum!« sagte Ellen und blickte gespannt auf die Bühne, wo Faust gerade im Begriff war, den Becher zu leeren. Als der Kammersänger einen Augenblick danach in strahlendem Jugendglanz auftauchte, wobei er seine schöne Gestalt in dunkelblauem Sammet, mit wehendem Federbarett und strammen, weißen Trikots zeigte, richteten alle Damen ihre Operngläser auf ihn. Ja, so sah er in ihren Träumen aus – der Glücksritter, der durch das lächelnde Leben vorwärtsstürmt und alle Frauen zu seinen Füßen zwingt. Als er in der Marktplatz-Szene Margarete auf ihrem Kirchgang entgegentritt und sich vor ihr verneigt, während die erwachende Liebe ihm durch alle Glieder zittert, gab es nicht viele Mädchenherzen, die nicht Zeit und Stunde vergaßen und sich einen Augenblick an Margaretens Stelle träumten. Es war nicht nur der zitternde Wohlklang der Stimme, der über die kleine und graue Wirklichkeit Kopenhagens hinaus in das lichte Himmelreich der Liebe hineintrug, es war die starke Jugend der Gestalt, die edle Haltung des Kopfes, die schönen Hände, die Gefühle wie aus unsichtbarem Leben zu formen verstanden. Ellen stand wie alle anderen unter der Verzauberung. Wenn der Kammersänger seine Liebe heraussang, schwangen auch in ihr die Saiten mit. Sie vergaß den Prinzen und Svend, der mit blitzenden Augen neben ihr saß und den Traum in seinem Herzen aufnahm. Als die Mondscheinszene vorbei war und Faust unterm Fenster Margarete in seinen Armen herzte, während Mephisto in der Gartenpforte stand und grinste und der Vorhang gefallen war – als Ellen sich ihre Hände müde geklatscht und mit den anderen zur Wirklichkeit erwacht war, da war es leer auf dem Platz des Prinzen. Er und der Kronprinz waren gegangen.   Das Stück war vorbei. Ellen und Svend gingen über den Königsneumarkt, um in einem Restaurant zu Abend zu essen. Es war herrliches Oktoberwetter mit einem hohen, funkelnden Sternenhimmel und einem scharf gezeichneten Halbmond. Die Luft war so leicht und erhebend, daß Ellen in einer plötzlichen Freudeaufwallung Svends Arm ergriff und sagte: »Du, ich hab keine Lust, in ein langweiliges Restaurant zu gehen. Wir wollen irgendwohin, wo es amüsant ist.« »Wohin? »Schlag etwas vor.« Im selben Augenblick fuhr eine Droschke voll vergnügter junger Leute vorbei, deren Zigarrenglut auf warme, satte Gesichter fiel. Sie lachten laut über eine lustige Geschichte, und einer von ihnen nannte den Namen der Varieteésängerin Rigmor Jensen. »Ach, Rigmor Jensen!« Ellen griff es mit Begeisterung auf und drängte sich an Svends Arm. »Laß uns dorthin gehen!« »Das geht nicht an!« sagte Svend und dachte an die gewagten Lieder der berühmten Dame. »Emmy und Kamma sind auch dagewesen. Warum soll ich immer die Tugendhafte sein. Ich will sie sehen.« Ihre Lust steckte ihn an. Er schlug ein und im nächsten Augenblick saßen sie in einer Droschke. Ellen war selig. Bald funkelten ihre lebenslustigen Augen in dem vorbeihuschenden Licht einer Straßenlaterne, bald verloren sie sich in der Dunkelheit. Es war etwas festlich Aufreizendes in diesem Aufleuchten und Verlöschen. Svend ergriff ihre Hände und drückte sie leidenschaftlich gegen seine Brust. Sie erwiderte seinen Druck und betrachtete ihn mit warmen Blicken. Svend legte seinen Arm um sie und zog sie in die Dunkelheit des Sitzes zurück. Sie drückte sich hastig an ihn und reichte ihm ihren Mund. Zum drittenmal trafen ihre Lippen sich in einem langen Kuß. Sie machte sich atemlos frei: »Du erstickst mich ja, Svend!« flüsterte sie. Ihre weißen Zähne lachten ihm hinter den geöffneten roten Lippen entgegen. Sein Arm ließ sie nicht los. Kaum war sie wieder zu Atem gekommen, als er von neuem ihren Mund suchte. Sie ließ es geschehen; einen Augenblick danach riß sie sich plötzlich los, zog sich scheu in die dunkle Ecke zurück und sah ihn neugierig an. »Ellen!« flüsterte er und versuchte sie wieder an sich zu ziehen. »Aber Svend!« sagte sie und stieß ihn zurück. Er saß erhitzt und enttäuscht da und blickte aus dem Fenster. »Ellen!« platzte er heraus. »Es ist nicht mehr zum aushalten.« Sie verstand sehr gut, was er meinte. Aber sie wollte es nicht eingestehen. »Was?« fragte sie fromm und befreite ihr Kleid von seinem Knie. Er wandte sich ihr hastig zu, nahm ihre Hand und küßte sie. »Verstehst du mich wirklich nicht?« fragte er so zärtlich, daß sie Mitleid mit ihm bekam. Statt einer Antwort beugte sie sich vor und küßte ihn auf die Wange. Im selben Augenblick tauchte die erste Laterne des Varieteés auf. Sie richtete sich auf, glättete ihren Anzug und sagte: »Wir machen nun ja bald Hochzeit.« Dann hielt der Wagen vor dem hellerleuchteten Portal. 17 Sie nahmen Logenplätze. Ellen war noch nie in einem Varieteé gewesen. Als sie in das stark erleuchtete Lokal hineinkamen, wo der Tabakrauch wie ein Nebel um den Kronleuchter und die Logenkandelaber lag, wurde ihr Blick gleich von dem paillettenschimmernden Kostüm einer ausländischen Soubrette gefangen. Aus dem reichen, schwarzen Haar blitzte jedesmal, wenn sie im Takt zu der Musik mit kokett hochgehobenem Kleid ihr Bein zeigte, ein Diamantdiadem auf. Nachdem sie sich Butterbrote bestellt hatten, gab es eine Pause von zehn Minuten. Ringsumher im Saal erhob sich ein lautes Gerede. Eine Gesellschaft von jungen, halb angetrunkenen Schweden in einer Loge zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie stießen miteinander an und hielten Reden. Ein Kontrolleur kam hinzu und bat um Ruhe. Einer der jungen Leute faßte ihn am Rockkragen, ein anderer bot ihm ein Glas Wein an. Ein Dritter, der weniger betrunken war, beschwichtigte die Kameraden. Ellen saß mit großen Augen da, die Hände im Schoß, und nahm all dies Neue in sich auf. So also waren die jungen Herren, wenn sie sich auf eigene Kosten amüsierten. Unten im Parkett erkannte sie mehrere aus ihrem eigenen Kreis. Ellen zog sich zurück. Sie wollte hier doch nicht gern gesehenwerden. Der Saal war nicht gefüllt gewesen, als sie kamen; bevor die Musik aber wieder begann, war jeder Platz besetzt. Denn jetzt kam Rigmor Jensen. Die Musiker waren an ihren Plätzen. Es klingelte auf der Bühne. Aller Augen sahen über den Kopf des Dirigenten hinweg. Ein Augenblick atemlosen Schweigens. Dann stand sie da. Ein großes, gutmütig lächelndes Gesicht unter einer Flut von gelbem Haar. Ein Ungeheuer von einem Hut, eine Fanfare von einem Hut, ein Füllhorn von Rosen, das sich im nächsten Augenblick über den langen, hellblauen Seidenmantel, der von ihren Schultern herabhing, entleeren zu wollen schien. Der Beifall brach los. Die Herren im Parkett erhoben sich und riefen. Blumen regneten auf sie herab. Sie lächelte und nickte, als gehöre jeder einzige dieser lärmenden Bewunderer zu ihren allerintimsten Freunden. Ellen reckte sich über den Logenrand und verschlang sie mit den Augen. So sah sie also aus, diese Halbdame, von der so viele Geschichten erzählt wurden. War das alles? Ellen rümpfte geringschätzig die Nase. Ohne sich selbst zu rechnen, kannte sie viele wirkliche Damen, die wahrhaftig viel hübscher und reizvoller waren als dieses ordinäre, runde Gesicht mit den gutmütig lüsternen Augen und dem plebejischen Lächeln. Und das Kostüm. Rigmor Jensen begann zu singen. Mit einer kleinen, einschmeichelnden Stimme rezitierte sie zu einer bekannten Melodie. Und dann – Dann schlug sie plötzlich ihren Mantel auseinander. Ellen stockte beinah der Atem. Dort stand sie und offenbarte sich, wie der Herrgott sie geschaffen hatte. Eine solche Nacktheit hatte Ellen nie auf einer Bühne für möglich gehalten. Sie wurde ganz rot und bekam Herzklopfen. Sie hatte natürlich Trikot an, hell und rosig wie die Haut; aber an diesem Trikot war etwas, das sie fast noch nackter machte, als wenn sie überhaupt nichts angehabt hätte. Bei dem Jubel, der sie mit dem Orchester um die Wette umbrauste, verstand Ellen, was Rigmor Jensens Erfolg ausmachte. Gegen ihren Willen wurde sie mitgerissen. Sie vergaß, sich im Namen ihres Geschlechtes zu empören. Fast hätte sie diese Frau beneidet, die von so vielen jubelnden Stimmen getragen wurde und lächelnd und sorglos nickte, als sei ihr Leben lauter Glück und Sonnenschein. »Sieh!« sagte Svend im selben Augenblick und faßte ihren Arm. »Wo –« »Dort – in der Fremdenloge hinter der roten Gardine.« Ellen sah es. Es waren ein Paar weiße Hände, die mit den anderen zusammen applaudierten. Zwei lange, weiße Hände, die hinter der Gardine zum Vorschein kamen. Ein Kopf streckte sich vor und bevor er sich decken konnte, hatte Ellen gesehen, daß es der Prinz war. Jetzt meinte sie auch Premierleutnant Flindts flotten Schnurrbart weiter hinten in der Loge zu unterscheiden. Deshalb also hatte der Prinz das Theater so zeitig verlassen. Ellen richtete sich höher auf. Sie war plötzlich verstimmt. »Daß er an so was Geschmack findet!« sagte sie gereizt zu Svend. Ja, solche Art Frauen! dachte sie bei sich und wollte sich selbst nicht eingestehen, daß sie sie beneidete. Mit ihr konnte eine anständige Dame natürlich nicht konkurrieren. Was so eine bieten konnte! Sie konnte es dennoch nicht unterlassen zu vergleichen. Es mußten die Beine sein! – denn sonst – War solch starker Busen wirklich so schön? – Und diese plumpen Schultern! Ja, wenn das der Geschmack des Prinzen war! Denn sonst – sie kannte eine Nackenlinie – eine Schulterpartie, wie das Frauenzimmer da unten sie sich wünschen konnte. Das konnte unmöglich sein Geschmack sein, er, der an Liebreiz und Vornehmheit gewöhnt war. Damals – auf der Gesellschaft – wie hatten seine Augen ihren Hals geliebkost! Aber es waren natürlich die Beine – und die Nacktheit – das freche Wesen! Pfui – solche Art Weiber! Aber was das anbetraf, einen Mann wie den Prinzen zu fesseln, sein Begehren zu entfachen – bis dahin und nicht weiter – Ellen warf den Kopf in den Nacken und lächelte selbstbewußt ... was das anbetraf, so meinte sie hinter niemandem zurückstehen zu müssen. Wenn man sicher sein könnte, daß er sich damit begnügen würde – und was konnte er sonst wohl von Departementschef Kruses offiziell verlobter Tochter erwarten? Ja, wenn – dann würde sie sich nicht fürchten, mit ihm zu soupieren. Von der aufregenden Musik erhitzt, von dem Leben, das sich hier entfaltete, geblendet, gespannt auf die heimliche, verbotene Freude, die das strahlende Weib dort unten allen mit ihrer kleinen, frommen Stimme verriet und die in dem Jubel der Männer, die so gut Bescheid wußten und soviel zu erinnern hatten, ein Echo fand – ging sie in Gedanken noch einmal das durch, was Emmy erzählt hatte. Mit heißem Kopf sah sie ihre glücklichen Augen, ihr schuldbewußtes Lächeln vor sich; und sie sehnte sich danach, ihre innersten Gedanken mit einem ähnlichen Erlebnis zu füllen, das niemand kannte und das zu nichts verpflichtete. Sie sah von der Seite zu Svends kräftigem, ehrlichem Profil auf und schämte sich ein wenig über ihre Gedanken. Er war lieb; aber mit ihm war es etwas ganz anderes. Es war ja nur der gebahnte Weg, den man mit den Freundinnen von jeher besprochen hatte. Einmal mußte man sich ja verloben – und heiraten. Aber das andere – das mit dem Prinzen – das hatte man für sich – daran konnte man sich in heimlichen Augenblicken erfreuen.   Wieder saßen sie nebeneinander in der Droschke. Mit einem Seufzer gab sie den Gedanken an das heimliche Souper auf; aber stärker als je klopfte es in ihrem Blut vor Verlangen nach etwas Neuem und Verbotenem. Da schlang sie plötzlich ihre Arme um Svends Hals und überschüttete ihn mit kleinen hitzigen Küssen. Seine Backen begannen zu glühen. Er preßte ihre Brust gegen seine und gab ihr die Küsse zurück auf Mund, Augen und Hals. Als aber seine brennenden Hände über ihre Taille zu tasten begannen, stieg die Angst wieder in ihr auf. Bebend schob sie seine Hände fort. »Nein!« flüsterte sie und warf sich heute zum drittenmal zitternd in die Wagenecke zurück. »Ellen!« Sein heißer Atem brannte ihren Hals, »ich kann es nicht mehr aushalten.« Ellen schob ihn hastig von sich, richtete sich auf und glättete ihren Anzug. »Nimm dich doch in acht!« sagte sie, »wir sind ja zu Hause.« Der Wagen hielt. Er nahm seinen Hut auf, der herabgeglitten war, schluckte mit Anstrengung seine Aufregung herunter und sagte nichts mehr. Dann stiegen sie aus. »Gute Nacht und vielen Dank!« sagte Ellen und reichte ihm die Hand. Dann ging sie schnell ins Haus. Svend wartete unten, bis er die Etagentür ins Schloß fallen hörte. Dann ging er mit einem Seufzer allein nach Hause. Nachdem er eine Weile gegangen war, kam eine der Damen der Straße geradeswegs auf ihn zu. »Guten Abend!« sagte sie und blieb vor ihm stehen. Zwei aufmerksame Augen blickten ihn aus einem weißen Gesicht mit weichen, runden Wangen an. Zwei rote Lippen öffneten sich zu einem starken und unkeuschen Lächeln über weißen Zähnen, die Ellens glichen. Ein süßer Duft von Patschuli schlug ihm aufreizend entgegen. Einen Augenblick schwindelte es ihm. Dann stieg ihm das Blut heftig zu Kopfe, während es sich wie ein Nebel vor seine Augen legte. »Komm!« lachte er mit halberstickter Stimme, schob seinen Arm unter den ihren, wirbelte sie herum und stürzte sich kopfüber in eine atemlose Unterhaltung, während sie durch eine halbdunkle Seitenstraße eilten. 18 Es verging eine Woche, ohne daß Ellen etwas von Svend sah oder hörte. Da eines Nachmittags in der Dämmerstunde, als sie am Fenster saß und von dem Geheimnisvollen träumte, das sie gestern abend erlebt hatte, klingelte es mit den drei kurzen Zeichen, die sie gleich nach ihrer Verlobung verabredet hatten. Ellen erhob sich hastig, prüfte im Spiegel, ob man ihrem Gesicht etwas ansehen konnte, wischte sich alle heimlichen Traume aus ihren sanften Augen, lächelte sich selbst verstohlen zu und ging in den Korridor hinaus, wo Fräulein Jensen gerade die Tür öffnete. »Endlich!« sagte Ellen mit einem vorwurfsvollen Lächeln. Sie war gar nicht böse und streckte ihm beide Hände entgegen. Er entledigte sich schnell seines Mantels und eilte ihr entgegen, ohne wie sonst einige freundliche Worte an Fräulein Jensen zu richten. Ellen sah gleich, daß etwas im Wege war. Er hatte einen vergrämten Zug über der Nasenwurzel und seine Hände waren ganz kalt. Sie dachte an ihr heimliches Erlebnis. War es möglich, daß Svend auf irgendeine Weise –? Mit klopfendem Herzen lehnte sie sich zärtlich an ihn und versuchte seine Augen mit einem ihrer sanftesten Blicks zu fangen. Er aber wich ihrem Blick aus und zog sie mit ins Zimmer. »Sind wir allein?« fragte er, als sie im Sofa Platz genommen hatten, ohne daß er Miene machte, sie zu küssen. »Papa kann jeden Augenblick aus dem Ministerium kommen.« Voller Furcht vor dem, was kommen würde, zog sie sich soweit wie möglich von ihm in die Sofaecke zurück, während sie in aller Eile eine Selbstverteidigung hervorsuchte für den undenkbaren Fall, daß er wirklich erfahren haben sollte – Er saß und sah vor sich nieder, als sammele er sich zu etwas Ernstem und Schmerzlichem. Dann atmete er tief auf und sah ihr zum erstenmal voll ins Gesicht. Sie versuchte zu lächeln; er aber erwiderte ihr Lächeln nicht, es machte ihn nur noch ernster. »Ellen!« sagte er schließlich und ergriff ihre Hand, die sie ihm zögernd und unsicher ließ. »Ich muß dir etwas sagen« – er sah sie nicht an, preßte nur ihre Hand fieberhaft zwischen seine beiden –, »dir etwas beichten!« »Was ist denn los?« fragte sie, um der Sache ein Ende zu machen. Sie fühlte sich unendlich erleichtert. »Etwas beichten« – das klang nicht, als ob er etwas wüßte – »Ich muß dir etwas sagen,« begann er wieder, »ich bekomme keine Ruhe, bevor ich es gesagt habe. Du weißt nicht, wie ich gelitten habe! – Versprich mir erst, daß du nicht fragen willst!« »Das kommt doch ganz darauf an!« Jetzt, wo die Angst überstanden war, zögerte sie und zog ihre Hand an sich. Was konnte geschehen sein? »Nein – du mußt es mir fest versprechen, hörst du, Liebling! Sonst kann ich es nicht sagen. Und ich muß es sagen.« »Nun ja!« Ihre Neugierde war zu groß. »Ich verspreche es dir.« Es bebte um seine Lippen und seine Brauen zogen sich zusammen. Dann wandte er den Kopf von ihr ab und flüsterte: »Ich bin dir untreu gewesen!« Ellen atmete erleichtert auf. War das alles? Sie hatte ihr eigenes heimliches Erlebnis vergessen und wollte gern Näheres wissen. »Wann?« fragte sie streng, indem sie ihm zu verstehen gab, daß sie sich in ihrer weiblichen Würde tief gekränkt fühlte. Svend blickte auf das Rosenmuster des Teppichs. »Du hast doch versprochen, nicht zu fragen!« sagte er schwer. »Sag mir nur wann!« »Neulich abend als wir von Rigmor Jensen kamen.« Er warf sich auf die Erde und drückte ihre weichen Hände gegen seine Stirn. Sie hatte sich auf Strenge vorbereitet; seine plötzliche Heftigkeit aber überrumpelte sie, so daß sie ihm ihre Hände ließ. Endlich bekam er in einem Strom von Worten Luft. »Ich sagte dir ja, daß ich es nicht mehr aushalten könne. Aber du verstehst es nicht, denn du bist – aber bedenke, ich bin ein Mann. Für uns Männer ist es etwas anderes – etwas ganz anderes, wenn man jung und warmblütig ist – und –« Sie fühlte warme Tränen auf ihren Händen. »Ich hab mich selbst verflucht, verachtet. Aber was nützt es? Das einzige, was hilft, ist, es dir zu sagen – und deine Verzeihung zu erbitten. Du mußt mir verzeihen, hörst du, verzeih mir!« Ellen sah erstaunt und verwirrt auf sein blondes Haar herab. Sie dachte an einen kleinen, hell erleuchteten Hotelsalon, an einen Tisch, der von Silber und Kristall blitzte, an eine lange weiße Prinzenhand, die dreist mit ihren Fingern spielte, während sie einen herrlichen französischen Pfirsich in ihr Champagnerglas ausdrückte. Sie fühlte weiche, kitzelnde Bartspitzen ihre nackte Schulter streifen, die diskrete Liebkosung einer warmen Hand auf ihrem Hals, indem sie ihr den Abendmantel umlegte. Einen Augenblick glühte die Röte in ihren Wangen auf, als sie ihn so ehrlich und zerschmettert zu ihren Füßen sah. Aber nur einen Augenblick. Was war ein Schulterkuß gegen das, was er auf dem Gewissen hatte? Heute morgen, als sie erwachte, hatte dieser Kuß sie ein wenig bedrückt. Vorhin, als er klingelte, hatte sie auch gewünscht, daß das heimliche Erlebnis und der Schulterkuß nicht gewesen wären. Jetzt aber – jetzt fühlte sie sich wieder schuldfrei und leicht. Sie hob seinen Kopf zu sich empor, sah ihm in die feuchten, betrübten Augen und sagte vorwurfsvoll: »Svend, wie konntest du nur!« Er schüttelte nur den Kopf. Einen Augenblick saß sie so mit seinen Schläfen zwischen ihren Händen. Dann küßte sie ihm verzeihend die Stirn. Sie hatte eine unbändige Lust zu fragen. Aber sie sah ein, daß es unter ihrer Würde wäre. Sie würde kleiner in seinen Augen werden, wenn sie ihn trotz des gegebenen Versprechens ausforschen wollte. »Versprichst du mir, daß es nie wieder vorkommen soll?« sagte sie. Svend erhob sich. Jetzt, wo er sich erleichtert hatte, wurde er wieder ruhig. Er nahm ihre Hände in seine und setzte sich neben sie in die Sofaecke. »Siehst du, Ellen,« begann er, »du kannst wohl begreifen, daß ich über derartige Sachen nicht mit dir sprechen kann. Dazu bist du zu, zu« – er hatte »zu fein« sagen wollen, verbesserte sich aber und sagte »zu unschuldig«. »Natürlich verspreche ich dir, daß es nicht wieder vorkommen soll. Aber etwas kannst du ebensogut verstehen wie ich – und das ist, daß wir bald heiraten müssen. Auch deinetwegen – –« »Was das anbelangt –!« sagte sie gekränkt, zog ihre Hand an sich und richtete sich höher auf. »Doch, Ellen.« Er griff wieder nach ihrer widerstrebenden Hand und hielt sie fest. »Doch, Ellen. Auch für dich ist das Warten nicht gut. Das ist unnatürlich. Verlobungen sind ein Unding. Und worauf warten wir eigentlich? Jetzt, wo ich die beiden Stellungen habe, können wir sehr gut heiraten, wenn du geduldig und genügsam sein willst.« »Papa muß zuschießen!« sagte Ellen und ging gleich zu dem Praktischen über. »Das ist gar nicht notwendig. Wenn man nur nicht zu anspruchsvoll ist und dies und jenes entbehren will –« »Weshalb sollte ich etwas entbehren? Warum sollte ich nicht ebensolches Heim haben wie andere unseres Kreises, wenn ich fragen darf?« »Wie du willst. Eins aber ist sicher, und das ist, daß wir unsere Hochzeit nicht länger als notwendig aufschieben wollen.« Draußen ging die Entreetür. »Das ist Papa,« sagte Ellen und erhob sich fröhlich. »Laß es uns gleich sagen!« bat Svend und zog sie zu einem hastigen Kuß an sich. Ellen bedachte sich einen Augenblick. Da öffnete sich ihrem Blick plötzlich eine ganz neue und strahlende Perspektive: Möbel kaufen, Wohnung suchen, Aussteuer bestellen, Kleider anprobieren. Es wirbelte ihr von neuen und lockenden Situationen durch den Kopf. »Ja,« sagte sie mit aufblitzender Freude, drückte ihm hastig die Hand und öffnete die Tür zum Korridor. »Guten Tag, Papa!« Sie legte den Arm um seinen Hals und küßte ihm die Backe, wie sie zu tun pflegte. »Tag, mein Kind! – Etwas spät heut geworden; ich mußte auf den Minister warten, der im Reichstag war. Ah, da ist ja Svend! – Sie haben sich lange nicht blicken lassen.« Kruse klopfte ihn auf die Schulter und drückte ihm die Hand. Ellen stellte sich ihrem Vater in den Weg, als er in sein Zimmer wollte. Sie blickte ihn mit ihren sanftesten Augen an und sagte: »Svend und ich haben eine sehr feierliche Sache mit dir zu bereden.« Kruse sah Svend an, der sich verlegen durchs Haar fuhr. »Und was ist das für eine Sache, wenn man fragen darf?« Ellen wurde rot. »Svend soll es sagen!« erklärte sie und wandte sich ab. Svend aber machte keine Miene etwas zu sagen. So mußte sie sich denn selbst dazu entschließen. Sie wandte sich schnell zu ihrem Vater um, mit den Händen auf dem Rücken. »Wir wollen heiraten, Papa!« Kruse sah scherzhaft erstaunt von einem zum anderen. »Das kommt mir nicht gerade überraschend!« sagte er ergeben. »Verlobt man sich nicht zu eben diesem Zweck?« »Ja, aber wir wollen jetzt heiraten.« Ellen begegnete herausfordernd einem neckenden Blick. »Jetzt?« lächelte Kruse, »soll es sofort sein?« Sie wurde rot, mußte lächeln, zog es dann aber vor, zu schmollen. Da nahm Svend ernst das Wort: »Ellen und ich sind uns einig geworden, daß wir sobald wie möglich Hochzeit machen wollen.« »So, so, das ist eine beschlossene Sache!« Kruse lächelte noch immer, »werden wir vorher noch zu Mittag essen können? In dem Fall will ich nämlich meinen Rock wechseln!« »Papa, sei doch vernünftig!« bat Ellen und nahm seine Hand. »Ja – ja!« sagte er schließlich ernst. »Erst wollen wir essen, und nachher bereden wir die Sache in aller Ruhe beim Kaffee. Svend bleibt doch heut abend hier?« Als Svend um elf Uhr glückstrahlend und singend aus der Haustür ging, war die Hochzeit auf einen der ersten Tage im neuen Jahr festgesetzt. Ende des ersten Bandes