Georges Ohnet Nieder mit Bonaparte Historischer Roman 1. Kapitel Brüllend rang das Meer gegen die Klippen, die in einem Bogen dem Dörfchen Berville vorgelagert sind, und von denen aus die Fischer bei freundlicher See gern ihre Beute ans Land booten. Kohlschwarz war der Himmel und gespenstisch von zahllosen Wolkenschiffen, die der Westwind steuerte. In immer kürzeren Pausen flatterten fahle Blitze her – die riesigen Segel eines Sturms, der von Englands Küste über den Kanal fegte. Nun schauerte auch schon ein Regen hernieder, ein schwerer, eisiger, und war mit solchen Graupeln untermischt, daß er wie ein metallischer Hagel peitschte. – Ganz schattenhaft nur war auf einem Geißpfad der steil abfallenden Küste eine menschliche Gestalt zu unterscheiden; jetzt blieb sie stehen, und jetzt – stand sie geblendet von dem grellen Zickzacklicht, das all die Dunkelheiten erleuchtete. Für einen Augenblick war alles rings weißlich erhellt: das Meer, der Strand, die Klippen und die Felsen. Und eine gute halbe Meile dort draußen – kreuzte dort nicht ein kleines Fahrzeug im Untersegel? Für die Dauer dieses Blitzes war auch jener Mann deutlich zu erkennen gewesen. In seiner bäuerischen Kleidung: eine wollene Mütze auf, die er bis über die Ohren herabgezogen hatte, und in einem ziegenhärenen Schäfermantel. Er trug einen kurzen Reiterkarabiner umgehängt ... aber dann herrschte auch schon wieder tiefstes Dunkel. – In dieser Finsternis nahm der Mann friedlich seinen Weg wieder auf, immer abwärtskletternd, bis auf einen Felsenvorsprung hinaus. Dort angekommen und mit dem Rücken an die Steinwand gelehnt, setzte er den Feuerstahl in Bewegung. Der schnell entflammte Zunder färbte seine Finger rotdurchscheinend, der Mann bückte sich, und alsbald knisterte es in dürrem Laub und Gras; ein eigens trocken verwahrtes Reisigbündel fing leicht Feuer, und dieses rötliche Signal redete hinaus in die Nacht. Das war zweifelsohne das bereits erwartete Zeichen, denn über die tintenschwarzen Wogen her antwortete sogleich ein lebhafter Schein, dem ein gedämpfter, matter Knall folgte. Da aber ließ der Mann das kaum angezündete Feuer ruhig Feuer sein, hing seinen Karabiner sicherer um, schlang den Schäfermantel noch enger um seinen Leib – und machte sich über einen halsbrecherischen Fußpfad hinab zum Meer. Von keinem anderen Wegweiser dabei geleitet als von der immer mächtiger heraufschallenden Brandung von tief da unten – aber der Gangsteig, der oft gerade eines Fußes Breite zählte, mußte ihm auch sehr vertraut sein, sonst wär's doch kaum ohne verschiedentliches Zaudern abgegangen. – Gleichwohl mochten das Sekunden äußerster Gefahr gewesen sein, bis er die Uferkiesel endlich unter seinen Schuhen spürte, das Strandgeröll, auf das die Wellen Gischt und Geifer ausspien, denn die See ging ungeheuer hoch. Auf einen großen viereckigen Stein, der an der Küstenwand fast wie ein Tisch dastand, setzte sich sodann der Mann. In aller Seelenruhe. Ohne einen einzigen Blik hinter sich oder um sich zu werfen. Und saß da – den Karabiner zwischen den Knien, mit dem Rücken breit gegen die Felsen gelehnt und das schäumende Meer zu seinen Füßen – und wartete. Eine reichliche Stunde verging so. Dann trug der Wind ein unbestimmtes Geräusch her bis zu dem Manne, der da ausspähte. Angestrengt bog er sich sogleich nach vorn, als wollte er das undurchdringliche Dunkel über den Wassern dennoch durchdringen. Aber Finsternis ringsum. Da endlich gewahrte man deutlicher und nun vermochte man zur Not auch etwas wie Ruderschläge zu vernehmen. Auf etwa zwanzig Schritt schob sich und schaukelte eine Silhouette heran; ein Knarren und Knirschen von Holz über Steingeröll – eine Schaluppe war gelandet. – Im Sitzen noch spannte der Mann den Hahn seines Karabiners, ein leises Knacken verriet, daß er auf alle Fälle klar zum Schuß sein wollte – aber da ertönte ein Pfiff von einer absonderlichen Melodie, ein unverfälscht seemännischer, und nun erst gab es für ihn keinen Zweifel mehr, er stand auf und schritt auf das Ruderboot zu. »Parquin, seid Ihr's?« schrie eine Stimme vom Wasser her. »Wohl, wohl!« antwortete der Mann. »Bringt Ihr die Passagiere?« »Ich bringe sie!« »Dann mögen sie aussteigen. Der Weg ist augenblicklich frei. Nur – fix! – wir dürfen nicht lang vertrödeln. Im nächsten Moment schon können wir die Gendarmen auf dem Buckel haben!« Da war einer der Passagiere – mit einem Satz – auch schon auf den Sand herausgesprungen. Ein zweiter stieg schon etwas vorsichtiger aus. Ein dritter aber, der ließ sich gar von zwei Matrosen an Land transportieren. »Zum Herrgott – Donnerwetter – wird's bald?« polterte der erste, der ganz einfach herausgesprungen war. »Immer langsam – langsam, Georges,« versetzte der, der sich auf Matrosenarmen herüberheben ließ. »Wir spazieren womöglich mit beiden Füßen ins Verderben .... wenn Sie's also rein nicht mehr erwarten können – bitte sehr ...!« »Dem hohen Herrn ist's wohl leid um sein bißchen Puder?« knurrte Georges. »Ach was! Wenn's drauf und dran geht, werdet ihr mich schon nicht feiern lassen. Vorläufig möcht' ich nur nicht gleich nasse Füße kriegen!« Der Schiffspatron reichte mehrere kleine Gepäckstücke der Reisenden heraus, die Parquin geschwind zusammenband und sich über die Schulter warf. – Der aber, den Georges mit »hoher Herr« angeschnauzt hatte, drehte sich nun nach dem Barkenführer um und sprach auf Englisch: »Meinen besten Dank, Master – Sie haben uns wirklich famos gefahren. Nehmen Sie, bitte, die Kleinigkeit von mir für Ihre Leute und Sie –« Und er drückte dem Manne seine Börse in die Hand. Und ohne einen Dank weiter abzuwarten, strebte er seinen Gefährten nach, die unter der Führung Parquins die beschwerliche Klettertour hinauf zur Küste soeben antraten. – Eine Viertelstunde langsamen und fitzligen Wegs, und die vier Männer standen oben auf dem dürftigen Rasen. »Vielleicht verschnaufen wir uns erst ein wenig, meine Herren!« brachte Parquin in Vorschlag und blieb stehen. »Haben wir's denn noch weit bis zu unserer ersten Rast und – Unterstand?« »Wenn's nicht so rabenfinster wär', dann wär' die Pächterei Biville von hier aus schon zu sehen. Nein also – nicht ganz 'ne Viertelstunde mehr – quer über die Wiesen.« »Alsdann – los!« kommandierte Georges. »Das ist ja eine Hundekälte und – bei Gott! – ich komm' schier um vor Hunger!« »Saint-Régeant! sagen Sie, sind Sie ausgeruht – oder –« meinte der, der gern seine Bequemlichkeit hatte, zu demjenigen von den Vieren, der bislang nur ganz stumm hinterhergeschritten war. »Keine Namen nennen, möcht' ich mir ausgebeten haben!« fuhr Georges grob dazwischen. »Wie Sie befehlen,« sprach Saint-Régeant sehr sänftiglich. Über Felder ging der Marsch – schräg ins Dunkel hinein, bis man an etwas wie einen Graben oder einen Erdwall kam, und es durch eine Art Umzäunung hineinging. Man sollte übrigens meinen, daß da hundertjährige Buchen standen. Dann flimmerte aus der Mitte ein schwaches Licht her, ein Hund schlug an und meldete; eine Tür öffnete sich, und ein heller, gelber Schein fiel auf den grasigen Boden heraus. Zwei Männer und eine Frau eilten da drinnen geschäftig hin und her, und die Ankömmlinge traten in die Küche der Pächterei. – Dicht am Kamin auf einem Hocker saß ein Mann und wärmte sich und kehrte den Eintretenden ungeniert seinen breiten Rücken zu. Erst als die Tür sich wieder geschlossen hatte, drehte er sich auf einem Bein seines Schusterstuhls herum und wärmte sich zum Unterschied, schien's, nun ein wenig seine Hinterseite. Ein glattrasiertes Gesicht, graue Augen, ein Mund, um den es wie Vorsicht und Bedachtsamkeit lag. Sein schwarzes Haar hing ihm bis auf den Kragen seines ganz kurzschößigen Tuchrocks herab, und einen großen schwarzen Hut hatte er auf. Seine Beine steckten in Pludrigen Bretagner Bauernhosen, und seine Ledergamaschen reichten ihm bis auf seine derben Schuh. »Immer näher heran, meine Herren,« sagte er mit einemmal äußerst artig. »Ja, ja, das ist eine Kälte da draußen – so'n bißchen Glut dürfte Ihnen gut tun.« Und er stand auf vom Kamin und machte Platz. – Mit welcher vollendeten Geste er jedoch den Schusterstuhl anbot, das paßte gar nicht zu seinem so gewöhnlichen Habit. »Ja, zum Teufel, ist das nicht Herr de Frotté?« schrie Georges da und ging mit ausgestreckter Hand auf den Bauersmann zu. »Was? Sie in eigener Person? Aber Ihr Vertrauensmann Parquin war uns doch schon vollauf genug!« »Ich denk' ja auch gar nicht daran,« erwiderte dieser Führer der Chouans. »Aber Sie kommen doch von London und haben die Fürstlichkeiten gesehen – und da wollt' ich denn doch nicht verfehlen und die Instruktionen, die man Ihnen zweifellos an mich mitgegeben hat, lieber direkt aus Ihrem Munde hören. Übrigens, möchten Sie mich nicht vor allem mal mit den Herren hier bekannt machen?« Und Georges verneigte sich gar ehrerbietig und stellte vor: »Herr Hyde de Neuville, Seiner Majestät Sekretär ... Herr Chevalier de Saint-Régeant, beide mit wichtigen Missionen an unsere Pariser Freunde beauftragt ...« Verbeugungen der beiden Herren. Dann zeigte Georges auf den Mann im bäuerlichen Habit: »Der Herr Marquis de Frotté, Generalleutnant, Oberbefehlshaber der Nieder-Normannischen Armee ...« Frotté brauchte nur einen Blick mit Parquin und den guten Biviller Pächtersleuten zu wechseln, da machten die sich leise hinaus. Und als die vier Royalisten allein waren, begann der eine Führer der Chouans: »Also was haben Sie für Befehle?« »Seine Majestät befehlen,« sprach Georges, »Einstellung jeglicher Feindseligkeiten, bis wir unsere Mission bei der Regierung ausgerichtet haben!« »Daß euch mitsamt euern Waffenstillständen der Teufel frikassiere! Was erhofft ihr euch denn eigentlich von diesen Jakobinern? Ihr wißt doch mindestens so gut wie ich, daß die sich die Zügel schon nicht aus der Hand nehmen lassen werden! Diese – Profitchenmacher! – Da ist es doch viel gescheiter, wir terrorisieren alle Umgebung von der Hauptstadt genau so weiter, wie wir's nun einmal angefangen haben! Hab' ich nicht recht? Vier zusammengebrannte und ausgeraubte Gutshöfe, das ist – als moralischer Effekt – besser als eine gewonnene Schlacht! Und außerdem kostet uns das nichts. Im Gegenteil: so ein Paar gefangene Kuriere mit Staatsgeldern bringen noch was ein. ... Auch beschäftigt sowas höchlichst die Gemüter! Bonaparte, der platzt schon beinahe vor Wut! Und das sollen wir nun bis auf weiteres einstellen?« »Der König will einen letzten Vergleichsversuch machen.« »Na, und Sie, Cadoudal – Sie hat er mit diesem Auftrag beehrt? Ich meinte immer, Sie taugten weiß Gott mehr zu Reiterstückchen als dergleichen Verhandlungen!« »Ich habe nichts als zu gehorchen,« versetzte der Chef der Vendéer einfach. »Ich denke eben, ich gebe damit ein gutes Beispiel – wenn schon mir die ganze Kommission nicht paßt. Aber – Majestät hat mich nicht um meine Meinung gefragt, sondern – Majestät haben befohlen.« »Ausgezeichnet!« sagte Frotté. »Und wann soll's denn nach Paris?« »Morgen in aller Früh.« »Dann will ich wenigstens für Euere Umspann sorgen. Das Gebiet bis Chartres halten wir ja Gott sei Dank. Ich hab' Detachements bis Chartres.« »Na, und von da soll's meine Sorge sein. Ich hab' bereits die Mittel an der Hand, um mit diesen Herren bis nach Paris zu gelangen.« »Ich habe nichts dagegen,« lachte Frotté ein wenig übermütig schier. »Ich wünsch' nur guten Appetit zum Abbé Bernier, Chatillon, D'Autichamp. ... Im übrigen gratulier' ich, Georges, Euer Departement Morbihan hält sich immer noch glänzend. Der Herr General Hédouville dürfte mit Euern Burschen nicht so leicht fertig werden.« »Nicht leichter als mit mir selber,« entgegnete Cadoudal. »An mir soll's schon nicht fehlen. Wenn wir andrerseits auch nicht leugnen können, daß das Konsularregime schon so manchen Widerstand gebrochen hat, indem es die Geister fein still beruhigte. Was hat sich die Bretagner Bevölkerung gegen die Zwangsanleihe gesträubt! Na, und nun dieser neueste Nachlaß? Da müssen doch die Fiskalbeamten dem Volk mit einemmal wie der wahre Balsam vorkommen! Bonaparte hat viel mehr zur Friedensstiftung getan, indem er einfach wieder Ordnung schuf, als wenn er unsere sämtlichen Armeen aufgerieben hätte! – Aus solchen Erwägungen heraus, mein bester Frotté, machen wir nun noch diesen Versuch beim Ersten Konsul!« »Ach was!« sprach Frotté. »Wenn Herr Comte d'Artois sich aufgerafft hätte und wirklich nach der Bretagne gekommen wär', dann wären wir heute die Herren der Situation!« »Reden wir nicht mehr davon,« unterbrach Cadoubal da sehr ernst. »Wir haben keine Kritik an unsern Gebietern zu üben. Und wenn unser allergnädigster Herr das nicht tat, wonach alle Royalistenführer so stürmisch verlangten, so mag er seine guten Gründe gehabt haben. Es ist ja wahr, wir kennen die Gründe nicht. ... trotzdem werden sie die besten von der Welt gewesen sein. Der Bourbone ist tapfer – basta. – Übrigens wird unserer Prinzlichkeit im Ausland die Zeit lang. Und so ein bißchen Kriegführen hätte ihr Zerstreuung gebracht.« »Aber dann hätte er doch Madame de Polastron lassen müssen,« warf Hyde da leicht ein. »Solche Agnes Sorels drängen solche Karls VII. nicht gar zu gerne in den Krieg, na und – leider, leider! – so etwas wie eine Jeanne d'Arc geht uns heute total ab!« »Bei Gott – ja! Die modernen Johannas sind allzumal Leineweberinnen und laufen den Jakobinern nach!« Alle lachten. »Also. ... morgen in aller Früh soll's auf den Weg gehen?« fing Frotté nun wieder an. »Ja. Und damit keinerlei Verdacht rege wird, soll jeder unter einer andern Verkleidung reisen. Und zwar der gute Georges« – und damit meinte er sich selber – »in Mehl, der Herr de Saint-Régeant in Modeartikeln, und was unser lieber Sekretär ist: in gebranntem Wasser.« »Recht so, recht so ... und aber damit – angenehme Ruh', meine Herren! Ich lasse Sie unbesorgt in der Hut der Biviller Pächtersgatten und Parquins. Nämlich ich werde in Caen erwartet, und da ist es Zeit, daß ich mich auf die Sohlen mache. Ich reise mit meinen Leuten nicht gern am hellerlichten Tag.« »Auf Wiedersehen, Marquis – in glücklicheren Zeiten hoffentlich!« Man verabschiedete sich mit Händedrücken. Frotté rief Parquin und Wirt und Wirtin zur Tür herein, dann warf er einen schweren Mantel um die Schultern – und davon war er. – Die übrigen Herren standen noch ein paar Augenblicke schweigend in dieser Küche und um dies mächtige Kaminfeuer; da trat Parquin herzu: »Ich glaub', die Herren werden nicht gerade beleidigt sein, wenn sie sich jetzt etwas hinlegen können .... Meister Seneschall, geh – zeig ihnen ihre Zimmer ....« »Sie sind sämtlich zu ebener Erd', und Sie brauchen nur das Fenster aufmachen und sind auch schon im Hof. Wenn ich den Herren raten darf: ziehen Sie sich nicht lange aus zum Niederlegen .... es sind ja alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß die Nacht eine friedliche sei .... allein auf die Häscher des Herrn Fouché ist nun einmal kein rechter Verlaß.« »Ist der Meister Seneschall richtig ein Landwirt?« fragte Saint-Régeant mit einem Lächeln. »Er kultiviert – was auf ziemlich dasselbe hinauskommt!« antwortete Parquin. »Sie handeln doch ebenfalls mit Putzmacherei und Baumwollspitzen – oder? Vorläufig müssen wir einander als das nehmen, was wir scheinen .... Vielleicht kommt einst der Tag –« »Der Tag des Gerichts! der Abrechnungstag!« warf Georges ein wenig brutal dazwischen. »Und somit – Meister Seneschall und die übrigen Herrschaften – träumen Sie süß!« »Ach ja, träumen wir alle miteinander, daß Bonaparte mit einer Kanonenkugel Bekanntschaft macht, und daß Lebrun oder Cambacérès über Frankreich regiert ....« Und die Herren sagten sich lächelnd gute Nacht und suchten unter der Führung des Pächters ihre Schlafzimmer auf. – Seit die Revolution, Schlag auf Schlag, jedwede Autorität im Lande untergraben hatte, war kein solcher Frieden, kein solches Sicherheitsgefühl mehr gewesen, als da Bonaparte Konsul geworden war. Nach all der Schreckensherrschaft, nachdem einer immer noch ruchloser als der andere die Gewalt zu äußerster Willkür und rasendsten Freveltaten mißbraucht, nun konnte der rechtschaffene Mann wieder einigermaßen aufatmen. Die Finanzen freilich standen noch schlecht, und der Kredit war derart, daß die fünfprozentige Rente auf vierzehn Franks gefallen war, aber nach und nach rührte sich der Handel wieder, die Industrie lebte neu auf, und sogar ein bißchen Luxus wollte sich bereits wieder bemerkbar machen. In den Städten war man allgemein seines Lebens wieder sicher – nur in den westlichen Provinzen wütete die Chouanerie noch sehr. In der Bretagne und Normandie wimmelte es von Briganten: da wurde noch eine jede Diligence gestürmt, und unter der schönen Ausrede, daß man es einzig auf die Staatsgelder abgesehen habe, rupfte man auch die Reisenden – bis auf den letzten Knopf. Ja, die berüchtigten »Fußbrennerbanden« plünderten bis in die Umgebung von Paris und trotzten der öffentlichen Gewalt bis auf zwei Meilen von der Hauptstadt. Vor allem der »schöne François« hielt das Chevreuser Tal, die Umgegend von Chartres und Versailles in einer ewigen Aufregung und Angst. Ein Verbrechen jagte das andere, und man schien durchaus machtlos gegen ihn zu sein. Die Gendarmerie war schier mit ihren Kräften zu Ende, und der über die Maßen aufgebrachte Erste Konsul mochte sich noch soviel an seinen Polizeiminister halten – unaufhörlich und von Fall zu Fall unverschämter in Szene geseht, häuften sich die Scheußlichkeiten. – Bonaparte und Fouché waren über die Urheber all der Verbrechen just nicht einer Meinung. Der Erste Konsul schrieb die Greuel mehr der Revolutionspartei zu, die durch solches Unruhestiften am Ende wieder zur Macht zu gelangen beabsichtigte. Fouché hingegen hatte wieder mehr die Royalisten in Verdacht: die hofften die Regierung dadurch in immer größere Verlegenheit zu setzen und so ganz Frankreich ein Regime zu verleiden, mit dem es bislang nur allzusehr einverstanden gewesen schien. Im übrigen waren beide – Bonaparte wie Fouché – im Recht mit ihren Ansichten. Diejenigen Jakobiner, die Bonaparte den 18. Brumaire nicht verzeihen konnten, konspirierten im stillen und gründeten, seit sie aus ihrem Klub auf die Straße gesetzt worden waren, Geheimbünde. Und was die Royalisten anbetraf, denen der offene Krieg doch nur Niederlagen eingebracht hatte, so spalteten die sich eigentlich in zwei Parteien: die eine suchte eine Restauration der Bourbonen dadurch herbeizuführen, daß sie an Bonaparte mit dem Vorschlag herantrat, er möchte ein zweiter George Monk in bezug auf den Grafen der Provence werden, während die andere Partei alles Heil in einem Morde sah, der denjenigen Mann erledigte, der das einzige Hindernis gegen die Wiedererrichtung der Monarchie zu bilden schien. So schliefen in jener Nacht in jenem Pachthof Biville die geheimen Abgesandten der beiden bourbonischen Parteien, der Gewalts- und der Vergleichspartei, unter einem Dache. Hyde de Neuville, der vermittelst der Intrigen des Abbé Bernier und dank der Sympathien der Josephine den Ersten Konsul doch noch zu umgarnen hoffte; und Cadoudal und Saint-Régeant, die, falls sie die erträumte Kapitulation nicht von ihm erreichen konnten, fest entschlossen waren, ihn zu töten. Wenn sie auch das Resultat der politischen Verhandlungen abzuwarten erst noch gezwungen waren, so reisten diese beiden Männer der Tat gleichwohl mit dem unerschütterlichen Vorsatz nach Paris, die Stadt nicht eher wieder zu verlassen, bis – so oder so! – etwas ausgerichtet war. Georges, der im ewigen Hinterhalt, aus dem er gegen die republikanischen Truppen unablässig tückisch focht, sozusagen groß geworden war, graute vor nichts als vor der Ruhe. Der junge Saint-Régeant, kaum eben zu der Partei gestoßen, brannte darauf, sich auszuzeichnen, und wollte seinem mörderischen Kameraden in nichts nachstehen. Er entstammte einer glänzenden Familie und trug sich mit einer so raffinierten Eleganz, als Georges ungehobelt und verwahrlost war. Er wollte es wohl mit Gott und der Welt aufnehmen – aber im Seidenfrack und mit Spitzenmanschetten. Georges hänselte ihn dieserhalb nicht wenig und trieb vor allen andern seine plumpen Späße mit ihm und nannte ihn höhnisch gern »das gnädige Fräulein Saint-Régeant«. Der junge Mann war aber auch bildhübsch von Gesicht, seine Stimme klang lieblich wie ein Saitenspiel, und die holde Weiblichkeit war ganz verrückt nach ihm. Cadoudal mit seinen Bärenkräften, einem wahren Stiernacken und seiner Bullenbeißervisage war der reine Bauer gegen ihn – der nämliche Bauer, der er gewesen war, ehe er einer der Führer der Chouans wurde, und seine Soldaten und seine Freunde nannten ihn nicht umsonst »Rundkopp«. Als die Häupter der Royalisten just Cadoudal und Hyde de Neuville zum Ersten Konsul entsandten, geschah das in der geheimen Absicht, mit diesen zwei charakteristischsten Repräsentanten ihrer Partei keinen geringen Eindruck zu schaffen. Der Diplomat Hyde sollte Bonaparte mit den verführerischsten Versprechungen kommen und mit honigsüßem Lob und Ruhmredereien nicht sparen, um ihn gefügig und leicht geneigt zu machen. Der Chouan Cadoudal hingegen hatte die hohe Mission, dem Sieger von Arcole ein gehörig Schulternpaar von einem Aufständischen aus dem westlichen Frankreich zu zeigen, daß dem die Lust vergehen sollte, weiterhin mit solchen Kerlen anzubinden. Josephine, die immer noch die größten Sympathien für die royalistischen Familien hegte und nimmer müde wurde, ihnen die Rückkehr nach Frankreich und die Herausgabe ihrer Güter doch noch zu erwirken – Josephine konnte für die Sendung Cadoudals und Hydes nach Paris von nicht zu unterschätzendem Einfluß sein. Sie hatte es auf sich genommen, die Herren dem Ersten Konsul vorzustellen; und treuer wie sie nun einmal in der Politik sein konnte denn in der Liebe, geschah es sicherlich nicht ganz ohne Einwilligung selbst von seiten Bonapartes, daß sie das alles inszenierte. – Auf alle Fälle aber war das Ganze tiefstes Geheimnis. Selbst Fouché hatte durch seine abgefeimtesten Spione auch nicht ein Sterbenswörtchen von der Landung der royalistischen Herren in der Normandie in Erfahrung bringen können. Das Schiff, mit dem sie gekommen waren, war den Späherblicken der französischen Küstenwächter dennoch entgangen: die Zollwächter wie die Gendarmen nämlich hatten ausgerechnet in dieser Nacht den Klippen vor Viville nicht soviel Aufmerksamkeit schenken können, dieweil sie einige Banden Frottés in etlicher Entfernung davon tüchtig in Atem hielten. – Und so schliefen die Sendlinge des »comte de Provence« unter dem Schutz Parquins in völliger Sicherheit, bis das Morgengrauen die dunkeln Buchen lichten würde, die das Pachtgut umstanden. Ein Hahn schrie in der ländlichen Stille, und wie wenn Parquin nur auf dieses erste Signal gewartet hätte, um die Biviller Gäste zu wecken, klopfte er an die Türen Cadoudals und Saint-Régeants. Der Bretagner war schon aufgestanden. Er hatte seinen Anzug von gestern abend gegen einen noch weit schäbigeren vertauscht: Ledergamaschen und dazu olivfarbene samtene Kniehosen, klobige Nagelschuhe, eine verschossene Bluse und einen wollenen Gürtel um den Leib, einen riesigen Hut – der Bauer war fertig. Ein roter Bart, der sein von der vielen freien Luft gerötetes Gesicht umrahmte, entstellte ihn bis zur Unkenntlichkeit. Auch trug er in der Rechten einen handfesten Stock mit einer schön geflochtenen Troddel daran – und so stapfte er wortlos hinter Parquin drein auf den Hof heraus. Da stand ein breitrückiger kurzbeiniger Schinder an einem eisernen Ring angebunden, den Cadoudal mit großer Kennermiene sogleich in Augenschein nahm. Dann lockerte er dem Tier ein wenig die Trense, sah nach, ob der Sattel auch gut angegurtet, drückte Parquin die Hand und stieg auf – nahm die Zügel zusammen und trabte leicht davon. – Für den Sybariten Hyde und für Saint-Régeant war ein Kabriolett ohne Verdeck – auf wahren Mühlrädern laufend – hergerichtet worden. »Sie brauchen nur bis zum Gasthaus ›,Zum schwarzen Roß‹, nach Yvetot hinabzufahren – da holt Ihnen dann der Wirt seinen besten Gaul aus dem Stall, wenn Sie nach Rouen weiter wollen. Außerdem wird er Ihnen schon genau sagen, wo Sie zukehren sollen. Und dort wieder werden Sie weiteres Dienliches erfahren. Hoffentlich kann einer von Ihnen kutschieren, meine Herren –« »Beide, wir alle beide!« sprach Saint-Régeant. »Da können Sie ganz beruhigt sein.« Hyde nahm die Pakete in Empfang, die Parquin gestern abend über der Schulter von der Landungsstelle herausgetragen hatte, und verstaute sie vorsichtig im Kabriolett. Dann gab er Parquin die Hand: »Herzlichen Dank und herzliches Lebewohl, mein wackerer Kamerad –« Saint-Régeant saß bereits im Wagen. Parquin reichte ihm die Zügel: »Glückliche Reise! Die erste Straße links einbiegen .... dann immer gradeaus ....« Da saß auch Hyde auf, und dann ging's erst über Grasboden und dann zu der Umfriedigung hinaus, dann nahm sie der Weg auf, wie Parquin es beschrieben hatte. – Der Morgen war frisch und klar. Der Seewind rauschte im dichten Buchenlaub. Und die lagernden Kühe auf der Weide hoben aus dem weißen Brodem, der von der Erde aufstieg, kaum ihre Mäuler, wo das Gefährt vorbeikam. Am Ende des Feldwegs bogen sie in die große Landstraße ein, und von da ab geriet der Gaul erst recht in Schwung und trabte seine drei und eine halbe Meile in der Stunde 2. Kapitel Im »Schwarzen Roß« in Yvetot blühte das Geschäft, als das Kabriolett mit Hyde und Saint-Régeant zum Hof hereinfuhr. Es war Markttag, und die reichen Bauersleute waren alle zur Stadt gekommen. Die Uhr im großen Speisesaal schlug eben zwölf, und der erste Gang der Table d'hôte war grade vorüber, als die beiden Reisenden eintraten. Eins der Serviermädchen deckte ihnen in einer Ecke an einem Katzentischchen, denn die ganze Tafel war durchaus besetzt, und servierte ihnen nach. Saint-Régeant in seiner angeborenen Sorglosigkeit und von der sieben Stunden langen Fahrt über Land tüchtig ausgehungert machte sich sogleich übers Essen her; der vorsichtigere Hyde hingegen wollte sich zunächst einmal über seine Tischgenossen ein wenig klar werden. Ein kleiner magerer Herr fiel ihm auf: der hatte gar etwas Lauerndes im Gesicht – mit seinem kurzen lockigen Rothaar; er hatte einen grünen Karrick mit Metallknöpfen an, ein mehr als buntes Kamisol und trug nußbraune Hosen und Stulpstiefel. Er schnitt bei seinen Reden eigentlich gehörig auf, aber das war wohl alles nur Maske und dahinter steckte eine ganz bestimmte Absicht. Dabei wandte er sich mit Vorliebe an einen recht gutmütig aussehenden Herrn in langem braunem Überzieher und Tuchgamaschen. – Die andern Gäste waren Pächter, Roßhändler und ein paar Beamte. Am obersten Ende der Tafel thronte ein Gendarmerieunteroffizier, der von den Mägden auch stets zu allererst bedient wurde. »Ob Sie mir's glauben oder nicht –« fing da der Mann im grünen Karrick eben wieder an, »ich bin das letzte halbe Jahr in ganz Frankreich herumgekommen – aber keine Provinz erscheint mir ruhiger und sicherer als die Normandie ... Da hat's aber auch gar keine Gefahr, behaupte ich – ein Kind kann da von Yvetot bis Bolbec gehen, ohne daß ihm was Verdächtiges begegnet.« »Bloß darf das Kind nicht zu hübsch sein,« meinte ein Pächter und lachte laut. »Die Herren Wegelagerer sind äußerst liebenswürdig und fassen, wenn grad mal keine Börse zur Hand ist, zur Not auch ein bißchen unters Kinn!« »Und wenn schon?« beharrte der Mann im Karrick. »Aber – Spaß beiseite – ich behaupte –« »Sie behaupten –« unterbrach ihn jetzt der Gendarm. »Was sagen Sie aber dazu, Bürger, daß vorgestern erst wieder bei Malaunay die Diligence von vier maskierten Kerlen angefallen worden ist – was? – Mein Gott ja – die Beute war ja nicht so groß.... die Kleinigkeit von 50 000 Franken Diepper Steuergelder aus dem Postillionkoffer!« »Und sonst bloß noch das bißchen Hab und Gut, das die einzelnen Reisenden mithatten!« setzte der Pächtersmann trocken hinzu. »Ei, in Dreiteufelsnamen!« plusterte sich der Mann im Karrick auf; – »und das hat sich die feige Gesellschaft so mir nichts dir nichts bieten lassen?« »Erlauben Sie, Bürger –« mischte sich jetzt der Reisende im langen braunen Überzieher ein; »zwei der Insassen zogen sehr wohl ihre Pistolen .... nur hat es nicht allzuviel genützt .... Nämlich, die hatten ihre Waffen zur Vorsicht in die Tasche im Kutschvorhang gesteckt, aber der Postillion muß irgendwie noch vorsichtiger gewesen sein und die sämtlichen Kugeln herausgenommen haben .... Die Schüsse krachten ja wohl, indes –« »So eine Schufterei! Und was machten die Strauchdiebe?« »Was Strauchdiebe so machen! Erst kehrten sie alle Taschen und Koffer um, dann legten sie dem Postillion ans Herz, er möchte wiederaufsitzen und weiterfahren .... na, das ließ sich der natürlich nicht zweimal sagen!« »Ich vermute, daß Sie der eine von den beiden waren, die sich immerhin zur Wehr setzten .... Ist Ihnen dann nicht was extra Unangenehmes widerfahren dafür, daß Sie die Burschen wenigstens aufs Korn genommen hatten?« »Durchaus nicht. Sie rieten mir nur höflich, ich solle mich ein anderes Mal nicht wieder durch Feuerwaffen in Verlegenheit bringen lassen, denn ich hätte meinen Irrtum ja nun wohl eingesehen .... Darauf schwangen sie sich in den Sattel, gaben beide Sporen und – weg waren sie!« »Und Sie hatten das Nachsehn?« »Im Gegenteil – ich hatte so ein bißchen Vorsehung gespielt. Das Allerwertvollste steckte in meinen Gamaschen – und darauf waren sie nicht gekommen –« »Na – Sie sind mir der Rechte!« Der Mann im Karrick schrie's beinah und machte kein sehr geistreiches Gesicht dabei. »Die Kerle müssen die reinen Wadenstrümpfe in ihrem Kopf gehabt haben, daß sie ihren Kopf nicht besser in Ihren Wadenstrümpfen hatten!« »Bürger –« mischte sich da der Gendarm wieder ein; »wär's nicht am End' gescheiter, Sie behielten Ihren Trick für sich? Ich bin zwar fest davon überzeugt, daß Sie hier unter lauter ehrlichen Leuten sind, aber nehmen Sie nur einmal an, es befände sich ganz zufällig einer jener Spießgesellen mit an unserem Tische .... das könnte Ihnen heute abend zwischen Dunkel und Siehstmichnicht etwas teuer zu stehen kommen!« »I wo! Zwei Tage hintereinander wagt die Bande nun und nimmer einen Überfall an ein und derselben Straße! Die sind nach dem gelungenen Coup heut schon am anderen Ende der Normandie – sicher!« »Ja, meinen Sie denn, wir hätten es da nur mit einer einzigen Bande zu tun?« trumpfte der Mann im Karrick nun mit dem geraden Gegenteil davon auf, was er erst behauptet hatte. »Es ist nirgends schlimmer wie zwischen Rouen und Paris. Um Rambouillet herum kennen Sie sich vor Fußbrennerbanden überhaupt nicht mehr aus! Sie können nicht eher wieder von Glück sagen, als bis Sie in Versailles sind –« »Um Gottes willen, Herr, Sie jagen mir da keinen gelinden Schrecken ein.« Der Herr im langen braunen Überzieher war ganz blaß geworden. »Da tu' ich vielleicht besser und nehme mir allein einen Wagen, statt daß ich mit der Post fahre. Oder finden Sie nicht auch, daß ich als einzelner weniger auffalle, ich will sagen, harmloser erscheine –« »Führen Sie denn eine so große Summe bei sich oder – ?« fragte der Mann im Karrick und grinste. »Das weniger, lieber Herr, aber Ware – Ware!« »Von solch winzigem Format?« Der Reisende antwortete nicht. Aber der Herr im Karrick schien's darauf angelegt zu haben, den Unvorsichtigen zu immer noch gefährlicherem Ausplaudern zu verlocken. »Dann handelt sich's um Edelsteine – wie? Bei meiner Seel' – da können Sie was erleben! Das ist dem Gesindel noch lieber als Gold! – Sie müssen unbedingt eine Eskorte haben – unbedingt!« »Nicht nötig!« mischte sich nun Saint-Régeant dazwischen. »Mein Kollege und ich fahren im Kabriolett nach Rouen. Wir sind um vier ungefähr dort .... und ich lade Sie sehr gerne auf, Bürger. – Ich bin denn doch gespannt, was uns auf unserem Weg gar so Gefährliches begegnen sollte –« Der Reisende sah den Sprecher an und faßte sofort Zutrauen zu dem jugendlichen und artigen Gesicht: »Ich nehme Ihre unendlich liebenswürdige Einladung mit herzlichstem Dank an. Nur .... ich fürchte, ich geniere die Herren –« »Wir werden uns eben ein bißchen drücken. Und da Ihre Reichtümer so wenig Platz beanspruchen –« »Ich will Ihnen gerne anvertrauen, welche Bewandtnis –« »Um's Himmels willen – keine Bewandtnis. Ich will absolut nicht wissen, was Sie da bei sich haben. Es könnte ja auch verbotene Ware sein – und ich möchte mich beileibe nicht schlecht mit der Regierung stellen, indem ich wissentlich Konterbande –« »Was die Regierung fürchtet,« unterbrach der Gendarm, »ist weniger Schleichware, als vielmehr die Verschwörungen der Chouans und die Ketzereien der Jakobiner .... General Bonaparte ist die sicherste Gewähr für die öffentliche Ruhe, und trotzdem will man ihn stürzen oder ermorden .... Aber das Glück ist mit ihm – ich hab' ihn nicht umsonst bei Arcole und Favorite gegen die Österreicher gesehn!« »Ah – Sie haben den italienischen Feldzug mitgemacht?« erkundigte sich Hyde, der bislang wie teilnahmlos dagesessen hatte. »Jawohl, Bürger. Ich hab' Seite an Seite mit dem General einen gehörigen Bajonettstich abgekriegt, und da hat er mich zum Unteroffizier befördert .... Ich bin dann um meine Versetzung zur Gendarmerie eingekommen .... Aber was ich sagen wollte: ein Karnickel wie der General Bonaparte – ein Teufelsbraten mit einem Wort!« »Wer hätte das vor noch fünf Jahren gedacht!« »Das ist ja das Wunderbare! Der kam einfach wie ein Sturmwind über uns – unter Blitz und Donner –« »Ja. Und genau so kann er wieder gehn –« bemerkte Hyde ganz leichthin. »Nur daß er dann unfehlbar eine riesige Lücke hinterlassen würde –« »Sehr richtig bemerkt!« schloß der Gendarm und war sichtlich befriedigt. Das Diner war zu Ende. Man stand allgemein auf. Der Herr im Karrick aber ließ sie alle voran hinausgehn, trat wie von ungefähr auf den Gendarm zu und murmelte mit einem Blick nach der Ecke, wo Hyde und Saint-Régeant saßen: »Lassen Sie sich von den beiden mal so'n bißchen die Papiere geben –« »Haben Sie mir zu befehlen?« versetzte der Gendarm gereizt. »Ja.« »Das müßten wir erst mal sehen!« Da zog der Mann eine Brieftasche aus seinem grünen Karrick und hielt dem Vertreter der öffentlichen Gewalt eine Karte unter die Nase: – Polizeiministerium .... Dienstausweis des pp. Braconneau .... Gez. Fouché. – Der Polizist nahm die Knochen zusammen, stach vorschriftsmäßig an seinen Polizeihut hinauf und stotterte: »Entschuldigen .... Ich wußte nicht .... Zu Befehl!« Draußen im Hof hatte Saint-Régeant erst den Gastwirt auf die Seite genommen und stand nun dabei, wie an das Biviller Kabriolett ein mächtiger Grauschimmel angespannt wurde; da tippte ihm der Gendarm auf die Schulter: »Ein Reisender wie Sie, der's mit der Regierung nicht gern verderben möchte, wie Sie selbst vorhin noch sagten, ist wohl auch mit den sonstigen Formalitäten im reinen – nicht?« »Ach, Sie möchten meinen Paß einsehen?« erriet Saint-Régeant sogleich. »Aber mit Vergnügen!« Das ging eins – zwei, und der Brigadier hielt ein vierfach gefaltetes Dokument in Händen. Breitete es aus und ... stimmte es? Victor Leclerc, Seidenwarenreisender, wohnhaft zu Paris, rue des Prouvaires No. 7. Signalement ...: wohl, wohl, das stimmte ganz genau. – Saint-Régeant hatte sich derweil am Kopfgestell des Gauls etwas zu schaffen gemacht: »Wünschen Sie den Paß meines Kollegen gleichfalls zu visitieren? Ich rufe ihn!« »Nein. Nicht nötig. Alles in Ordnung.« »Den Teufel auch, wenn das nicht wäre! ... So hochnotpeinlich war die Polizei noch niemals wie heutzutage. Auf dem Weg von Fécamp hierher gab's überhaupt nichts als immer wieder Patrouillen. An die zehnmal mindestens haben wir die Pässe vorgezeigt ....« »Und wer, meinen Sie, hat die Schuld? Dieser gottverfluchte Frotté! – Glücklicherweise hat er sich nun von hier verzogen und wird seit zwei Tagen schon von drüben, von Argentan her, gemeldet ...« »Gratuliere!« sagte Saint-Régeant. Der Gendarm trollte sich über den Hof zu dem Herrn im Karrick hinüber, der dort, die Hände in den Taschen, auf und ab spazierte. »Sie haben ihn in falschem Verdacht gehabt. Ein Reiseonkel. Victor Leclerc. Auf der Tour von Fécamp nach Paris.« »Das ist zwar im Grunde kein Grund –« knurrte der, drehte sich glatt um und pfiff einem Stallburschen, der gleich darauf mit einem fertig gesattelten Gaul am Zügel herbei kam. Der Mann saß auf, gab dem Burschen sein Trinkgeld, grüßte nach dem Wirt hinüber und ritt, kaum daß er im Schritt zum Hoftor hinaus war, in gutem Trab davon. Bald saßen auch Hyde und der Reisende im langen braunen Überzieher im Kabriolett. Saint-Régeant, der erst noch die Rechnung beglichen hatte, schickte sich ebenfalls an, aufzusteigen; da aber – er hatte den einen Fuß bereits auf dem Wagentritt – hielt ihn der Wirt an einem Rockzipfel zurück und sagte ihm ins Ohr: »Haben Sie den Kerl im grünen Karrick gesehen, der wie ein Roßtäuscher aussah und Ihnen soeben vorausgeritten ist? Der Gendarmerieunteroffizier hat mir's verraten: es ist einer von der Polizei und er hat einen Verdacht auf euch. Also – Augen auf! ... In Rouen – rue des Charrettes – kehren Sie übrigens beim ›,Großen Hirschen‹, ein ... der Wirt kennt mein Pferd ... Sie haben also nicht eine Silbe Erklärung nötig ... Glückliche Reise, meine Herren!« »Danke.« Wieder kutschierte Saint-Régeant; und am Abend in Rouen dann: das gleiche Spiel wie in Yvetot. Der Wirt empfängt die Gäste auf das zuvorkommendste – Mahlzeit – Schlafgelegenheit – die Namen, die sie nennen, genügen ihm vollauf. (Nur daß bei dieser Gelegenheit Hyde und sein Freund auch erfuhren, daß der Reisende, den sie mitgenommen hatten, ein gewisser François Lerebourg, Modewarenhändler aus Paris sei!) Eine ruhige Nacht – ein zeitiges Frühstück – diesmal ein kräftiger Rappe vors Kabriolett – und dann Geflüster vom Wirt: »Fahren Sie in Evreux beim Posthalter zu. Mein Rappe, den er gut kennt, ist die ganze Legitimation, die Sie nötig haben. Grüßen Sie ihn, bitte, von mir – und wir sehen uns vielleicht in dieser Woche noch ... Glückliche Reise, die Herren!« Der Rappe lief so gut wie der Grauschimmel; und so ging die Reise von Rouen nach Evreux. Ohne jeden Zwischenfall; die Landleute überall friedlich bei ihrer Feldarbeit. – So gedrückt aber bis Rouen der Bürger Lerebourg gewesen war, so sehr ging er nunmehr aus sich heraus, und binnen zwei, drei Stunden waren Hyde und Saint-Régeant über die Verhältnisse des Kaufmanns vollständig unterrichtet. – Fünfundvierzig Jahre war er alt und hatte eine ganz junge Frau. Aus einer sehr adeligen Familie, die bei der großen Revolution umgekommen war. Mutterseelenallein und völlig mittellos wie Fräulein Emilie in der Welt dagestanden hatte, hatte sie Lerebourg – im Thermidor – bei sich aufgenommen. Als Ladenmädchen erst; dann aber war sie dem Modewarenhändler durch ihre große Intelligenz wie ihre körperliche Grazie schlechterdings unentbehrlich geworden. Schließlich hatte sie sogar in eine Heirat mit ihm gewilligt – und er schien überhaupt ein restloses Vertrauen zu ihr zu haben, verehrte sie schier wie ein höheres Wesen und sprach nur in den höchsten Tönen von ihr. Sein Geschäft hatte – dank seiner Frau – eine große Ausdehnung genommen. Sie war es gewesen, die eine eigene Konfektionsabteilung aufgemacht hatte; und nicht zuletzt war auch das ihr Werk, daß ihn eine seine Spekulation bis heraus an die See geführt hatte. Nämlich da hatte ein Schmuggler mit einer ganzen Schiffsladung von Waren auch eine Sendung kostbarer Spitzen aus England herüberzulotsen verstanden – und die Zollwächter hatten, na ja, ein Auge dabei zugedrückt ... nicht so – leider – die Chouans; kurz – der wackere Lerebourg hatte nur die allerkostbarsten Stücke zu verstecken vermocht; alles andere war den Geierkrallen der Briganten zum Opfer gefallen. Die Spitzen waren übrigens für Madame Bonaparte bestimmt, eine seiner besten Kundinnen, die wirklich rührend mithalf, daß der Pariser Handel, der durch eine so lange Zeit der Unruhen tief im argen gelegen hatte, endlich wieder in Schwung kam. Bei Erwähnung so hoher Verbindungen hatten Saint-Régeant und Hyde einen vielsagenden Blick ausgetauscht. Die Bekanntschaft mit dem Modewarenhändler war am Ende gar nicht zu verachten. Es war auf alle Fälle gut, ein wenig nett mit dem Mann zu sein ... In der Nähe von Rambouillet, bei einem biederen Landmann, der also den Posthalter von Evreux darstellen sollte, fuhr man zu. Die gleiche herzliche Aufnahme – dieselben geheimen Beziehungen zwischen Wirt und Gast wie bisher. Aber dieser Pachthof lag weit von der großen Landstraße ab und durchaus einsam da, und man hatte sich bis zu ihm rechtschaffen durchfragen müssen. So war's schon völlig dunkel, als man ankam, und ein Unwetter schien im Anzug. Der alte weißhaarige Pächter – sein Sohn stand beim Heer – setzte den Herren ein Nachtmahl vor; das Gesinde war bereits schlafen gegangen; nur noch der Schäfer, der seine Hammelherde heimgetrieben hatte, kam herein, holte sich einen Topf Zider, ein Stück Käse und Brot und machte sich damit in seinen Schafstall; – es war überhaupt seltsam still. Der greise Pächter sprach fast kein Wort, er schien von etwas sehr bedrückt; und als er gar mit einer Überängstlichkeit die Fensterläden und die Haustür verschloß, da konnte sich Hyde nicht länger mehr halten: »Haben Sie eine solche Furcht vor Einbrechern? Wo wir doch heute nacht hier bei Ihnen sind!« Der alte Mann wiegte langsam mit dem Kopf: »Bei uns ist's seit einiger Zeit schon gar nicht mehr geheuer ... Da tut man denn, was man kann ...« »Gesindel?« »Fußbrenner –« sprach der Alte und sprach's so leise, als ob ihm der Name allein Angst machte. »Vor einer Woche haben sie die Pächterei von den Buisserets drüben heimgesucht ... den Mann ermordet ... alles Geld mit fortgenommen ... die Scheunen angesteckt ... das ganze Wohnhaus demoliert...« »Teufel!« entfuhr's Saint-Régeant. »Wir in Paris sind der Ansicht –« erzählte Lerebourg, »die Fußbrenner seien weiter nichts als Chouans, die für die Armeen in der Bretagne und Normandie plündern ...« »Das glaub' ich nun wieder weniger,« entgegnete der Pächter. »Die Art und Weise, wie sie's treiben, wie sie rauben und morden, ist nicht die von Parteigängern ... Übrigens, wenn das wirklich Chouans wären ...« Bei solcherlei Entschuldigungen zugunsten des wahren Charakters der Chouans hätte der Alte leicht aus der Schule plaudern können. Deshalb legte Hyde den Finger an den Mund. Der Greis begriff's zwar nicht gleich, spielte aber dann doch sofort lieber den Vergeßlichen: »Aber, mein Gott, ich muß doch Ihre Betten herrichten ... Wo die Herren gewiß sehr müde sind ...« Lerebourg sollte im ersten Stock schlafen. Der Pächter geleitete ihn über eine sehr steile Stiege hinauf. Als der Wirt dann wieder herab kam, sprach Hyde: »Ich hab' Ihnen vorhin ein Zeichen gemacht, weil wir uns – politisch – über unsern Reisegefährten nicht recht klar sind. Ein patenter Mann soweit; aber ob er auf unserer Seite steht, ist ungewiß .... Deshalb fand ich es für besser, wenn er auch nicht erführe, wer wir sind.... Überdem – wir wollen uns hier aufs Ohr legen und für alle Fälle gleich in den Kleidern bleiben ...« Die Nacht war finster. Von Zeit zu Zeit nur ein greller Blitz, und in die Stille hinein ein rollender Donner. Zwei Stunden mochten so vergangen sein, und alles schien in tiefem Schlummer zu liegen – da zerriß ein gräßlicher Schrei das Dunkel und von den Viehställen irrten Lichter her. Ein Trupp von ungefähr zwanzig Männern in den abenteuerlichsten Uniformzusammenstellungen rückte gegen das Wohnhaus an. Der Schäfer, den zwei bewaffnete Kerle in Infanteriehosen und Husarenrücken zwischen sich genommen hatten, stieß noch ein paar mörderische Schreie aus, bis ihn ein kräftiger Kolbenstoß stumm machte. Stille war wieder; bis auf das Geräusch der Schritte dieses absonderlichen Soldatenhaufens vor der Türe des Pachthofs. Im Innern war sogleich alles in Bereitschaft; der Wirt, Saint-Régeant, Hyde und Lerebourg schon im Erdgeschoß versammelt – dazu zwei Knechte. Höchst kaltblütig sahen Hyde und Saint-Régeant die Zündhütchen auf ihren Pistolen nach; nur Lerebourg zitterte ein wenig, als er seine Mordwaffe aus seinem langen braunen Überzieher hervorpraktizierte. Der Pächter lud eine Doppelflinte; auf dem Tisch vor ihm lag eine mächtige Axt und ein Kavalleriesäbel. Jeder der Knechte hatte eine Sense. Kein Wort wurde gesprochen; es wußte jeder, es ging ums Leben .... Da geschah ein gewaltiger Stoß gegen die Haustür: »Aufgemacht!« »Wer ist denn da?« fragte der Pächter. »Das werdet ihr nachher schon sehn!« »Ich mach' nicht auf mitten in der Nacht – sei's, wer es sei –« Eine Stille erst, dann ein furchtbarer Stoß. Noch ein Stoß – das Schloß sprang auf. Ein dritter – und die aus allen Angeln gerissene Türfüllung stürzte mit lautem Krachen ein – und ein Geheul und ein Getrappel und ein Gestampf, als ob's mit Pferden über eine Brücke zum Haus hereinginge. Auf zehn Schritt dann die beiden Parteien einander gegenüber. Ein baumlanger Kerl in einem grauen Tuchanzug, mit Ledergamaschen und einem Dreimaster auf dem Kopf trat vor und rief: »Ergebt euch! Es nützt euch ja doch nichts! Ich bin der Müller von Limours. Geldschrankschlüssel heraus – im Namen des Königs!« Bei diesen Worten erblaßte Saint-Régeant. Er tat gleichfalls einen Schritt vor und maß den Mann gebieterisch: »Wenn du wirklich für die Armee des Königs wirkst, hast du doch einen militärischen Rang oder eine Order ... Herzeigen! »Da!« rief der Müller und zog zwei geladene Pistolen. »Aber du mußt doch wenigstens ein Erkennungszeichen haben!« fragte der junge Mann von neuem. »Allemal das da!« und der Vrigant zielte auf Saint-Régeant. Da zückte der Royalist blitzschnell seinerseits die Pistole – der Schuß ging in die Luft – , im nächsten Augenblick aber drang er mit dem Reitersäbel auf den Müller ein und schlitzte ihm mit verkehrter Hand die eine Backe auf. Zugleich drückten Hyde und der Pächter ab, aber die auf der andern Seite waren gleichfalls nicht faul gewesen. Ein Feuer und ein Dampf; fünf Tote und vier Verwundete blieben auf den Fliesen. Der greise Pächter hatte einen tödlichen Schuß in den Unterleib abbekommen; der Müller und einer der Knechte wälzten sich stöhnend und wimmernd. Der Banditenhaufen hatte sich unter solchen Verlusten auf den Hof zurückgezogen; Hyde, Saint-Régeant, Lerebourg und der zweite Knecht waren unverletzt und luden neu. »Es mögen ihrer immer noch ein Dutzend sein,« sprach Saint-Régeant, der die Kerle vom Fenster aus beobachten konnte. »Aber ihr Anführer ist zurückgeblieben, und so haben wir sie hübsch in der Hand,« versetzte Hyde. »Los! erst die Tür verbarrikadiert, damit wir etwas Deckung haben – und dann beraten wir!« Schnell war der Eingang mit einem großen Kleiderkasten verstellt, mit einer Truhe und zwei Bänken als Verstrebung. Dann stieß Saint-Régeant den Müller etwas unsanft mit der Stiefelspitze an, daß der laut aufjammerte (sein Gesicht war über und über voll Blut): »Hallo, mein Lieber! Vielleicht besprechen wir uns erst mal in aller Ruhe, eh' ihr uns zum äußersten treibt. Ihr wolltet den Mann da berauben und habt ihn gemordet .... dafür ist deine Bande nun hübsch dezimiert und mit dir selber können wir machen, was wir wollen! Wir sind hier auf der Durchreise und haben solange nichts gegen euer Terroristentum, solange ihr uns ungeschoren laßt. Wir wollen uns hier nicht lange als Polizei aufspielen: wenn du deinen Leuten befiehlst, daß sie sich dünne machen sollen, ziehen wir gleichfalls sofort ab, und du kannst hierbleiben oder zum Teufel und seiner Großmutter gehn, was ja auf ein und dasselbe herauskommt ... Also wie gefällt dir der Vorschlag?« »Ihr Kreuzhimmelherrgottsakra –« schäumte der Müller. »Zum Beten haben wir leider keine Zeit. Also los!« »Was soll ich denn?« »Deinen Kumpanen befehlen, daß sie gefälligst verschwinden sollen!« »Bringt mich ans Fenster –« Saint-Régeant gab dem Knecht einen Wink, er solle mit anfassen. »Hupp – la!« Sie halfen dem Schwankenden ans Fenster hin, und wo der sich anhielt, ward alles voll Blut von seinen Händen. »Bist du da, Le Grêlé«? Ja?« Rauh rief's der Müller. »Hörst du mich?« »Ja, Hauptmann!« »Wir haben hier herinnen soeben verhandelt.... Sie sind uns über .... nichts zu machen ...Übrigens ist der Pächter tot und kann uns also nicht mehr zeigen, wo er das Geld hat ... Ihr zieht euch jetzt bis hinter die Kreuzstraße zurück und wartet dort auf mich, bis die mich hier ausgelassen haben, Petit-Colin ist ja hier bei mir, der wird mich schleppen müssen. Verstanden?« »Ja, Hauptmann. Aber gnad Gott denen, die Euch was getan haben – die sollen was erleben!« »Paß nur auf, daß du nicht gleich was erlebst, du Lauselümmel, du verdammter! Wirst du sofort gehorchen!« schrie Saint-Régeant mit einer Lungenkraft, die man ihm gar nicht zugetraut hätte. Ein Murren danach draußen in der Nacht; ein Schrei – und grad wie wenn man einen schweren Sack ins Wasser geschmissen hätte. Dann wurde wieder alles still; und die, schien's, taten, wie der Müller ihnen befohlen. Hyde stand an der Tür und sah ein Feuerchen aufflammen: in dem rötlichen Schein trollten sich eben die letzten von dem Haufen davon. »Was sie bloß mit dem Schäfer angestellt haben mögen?« meinte Saint-Régeant. In dem großen Wassertümpel mitten auf dem Hof schlug etwas um sich. »O dieses Pack! Sie wollten den armen Kerl ertränken! Schnell! Heugabeln! Stangen! Haken!« Der eine Knecht sprang so wie er war in den Tümpel und fischte den Schäfer heraus. Der hatte eine große klaffende Kopfwunde; aber er atmete doch noch. Jetzt schlug er die Augen auf .... jetzt schloß er sie wieder vor der Feuersbrunst, die, rasend um sich griff. »Ja, meine Lieben,« sprach Saint-Régeant zu dem einen triefnassen Knecht und was noch sonst an Gesinde herbeigekommen war, »wir haben hier nichts mehr zu schaffen. Euer Pachthof brennt – rettet, was zu retten ist – holt Hilfe von Rambouillet – wir aber müssen anspannen und fort!« Ein Laufen hin und her. Aber während die einen noch die Leiche des Pächters heraustrugen und im taghellen Feuerschein nach einem seitlich gelegenen Schuppen schafften, spannten die andern den tanzenden Rappen vors Kabriolett und fuhren davon – Paris entgegen. 3. Kapitel. Das Haus Lerebourg – »Zur blauen Mütze«, wie auf dem Schild prangte; »Nouveautés, Federn und Spitzen« – stand in der Rue Saint-Honoré, gar nicht weit von Saint-Roch. Im geräumigen Erdgeschoß der Detailverkauf; im ersten Stock die Konfektionsabteilung mit den Probiersalons. Von Vater auf Sohn waren die Lerebourgs seit Ludwig dem Fünfzehnten Hoflieferanten gewesen und hatten es zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht, das alles zuletzt der jetzige Lerebourg, namens François-Charles, erbte, bei dem einst kein geringerer als der Comte d'Artois Pate gestanden hatte. Dann aber war mit einemmal die Revolution gekommen, und das waren auch für Lerebourg schwere Zeiten gewesen. Sein stark angezweifelter Bürgersinn hatte immer erheblichere Proben seiner Echtheit an den Tag legen müssen; ob das nun Nationalspende, Zwangsanleihe oder sonstwie heißen mochte, waren's jedenfalls Erpressungen gewesen, die nicht gerade um einen Pappenstiel gingen; immerhin aber behielt der Chef des Hauses auf die Art Leib und Leben und Licht und Luft, obschon er als ziemlich Moderierter im Grunde doch brennend verdächtig war. Um sich einigermaßen lieb Kind zu machen, hatte Lerebourg die sämtlichen Musselinkrawatten für den Herrn Collot d'Herbois und alle Pikeewesten für Tallien geliefert, und diese Jakobiner waren denn auch keine Unmenschen gewesen und hatten ihn freiwillig vor der Guillotine bewahrt .... aber ganz besonderen Spaß hatte ihm dieses Regime nicht bereitet. Erst als das Direktorium eingesetzt wurde und unter dem Einfluß der Stutzer – der »Bisamdufter«! – die Eleganz wiederaufkam, da war auch Lerebourg so recht von Herzen wieder dabei. Barras, ja, das war so sein Mann; seine größten Hoffnungen aber setzte er natürlich auf Bonaparte. Die Wiederaufnahme der Staatsgeschäfte, der Ruhm des kriegerischen Heeres, die Restauration der Kirche, das befestigte das Vertrauen der Pariser Bourgeoisie wie seit vielen Jahren nicht mehr; die Lumpen der Sanskulotten machten der Seide und den Spitzen der Inkroyables Platz, und überhaupt – man konnte sich doch einigermaßen wieder anständig und fesch anziehen, ohne daß es einem gleich den Kopf kostete! ... Der Luxus setzte neue Triebe an; es war wie ein Auferstehen im Lerebourgschen Laden; in den Schaufenstern lockte frisches Blühen, und die üppigsten Modephantasien konnten ungestraft wuchern. Madame Lerebourg stellte zehn Demoiselles und fünf Kommis ein; das summte und schwirrte recht bald wie in einem Bienenkorb – und die schöne Frau thronte oben im ersten Stock wie eine kleine Königin. Das Warenhaus an der Rue Saint-Honoré wurde, was es unterm ancien régime gewesen war: der Treffpunkt aller Eleganz der neuen Gesellschaftskreise. Freilich, es war ja bei weitem nicht mehr die frühere illustre Gesellschaft, aber das Geschäft ging; und wenn der Adel im Ausland schmachtete, so mußte man sich eben mit der Bourgeoisie und der Beamtenschaft begnügen. – Madame Lerebourg galt, obgleich sie reichlich zwanzig Jahre jünger als ihr Gatte war, dennoch für eine anständige Frau. Da mochten die jungen und glänzenden Offiziere der italienischen Armee säbelrasseln und sporenklirren, sie war stets allerliebst, geistreich und suchte zu gefallen – aber sie war nie kokett. Das Vertrauen, das Herr Lerebourg in sie setzte, war ebenso unbegrenzt, als in den Augen aller Welt durchaus gerechtfertigt. So fand der Modewarenhändler auch nichts dabei, wenn er etwa Saint-Régeant zu sich einlud, als man dann endlich, obschon nicht ohne noch manche Gefahr, so doch ohne jeden weiteren Unfall, glücklich in Paris angelangt war. Lerebourg hatte überhaupt eine besondere Zuneigung zu dem jungen Manne gefaßt, der nichts von jener kalten, abwehrenden, ja beleidigenden Vornehmheit Hydes an sich hatte, sondern recht eigentlich der Anstand und die Nettigkeit selber war. Ein reizender junger Herr! – Der Kaufmann ließ sich 's vor seiner Haustür in der Rue Saint-Honoré von seinem jungen Freunde noch einmal fest versprechen, ihn schon morgen zu besuchen. – Hyde und Saint-Régeant stiegen in der Rue de l'Arbre-Sec im »Roten Löwen« ab, einem bescheidenen Gasthof, dessen Besitzer durch und durch royalistisch gesinnt war, und wo auch Georges wohnte, der bereits den Abend zuvor – ohne jede Behelligung auf seinem ganzen Weg hierher – angekommen war. Im übrigen war der Chef der Chouans rein nicht wiederzuerkennen. In seinem ausgesprochenen Stutzerhabit, mit Löckchen à la Hundsohren und mit einer mächtigen Musselinhalsbinde. Er hatte auch seit dem frühen Morgen schon halb Paris abgeklappert und sich bei den verschiedenen Freunden angesagt. Ganz besonders aber riet er dann Saint-Régeant, den Verkehr mit dem Modewarenhändler zu pflegen und – sich vielleicht ein wenig an die gnädige Frau das Hauses heranzumachen. Die gute Dame sei mit ein paar Brocken sicherlich leicht zu angeln – und man könne nie wissen, wie sehr so 'ne Modistin mit einemmal der ganzen Parteisache zustatten käme. »Wenn er will, kaufen wir diesem famosen Herrn Lerebourg den halben Laden ab. Indische Stoffe, Kaschmirs, Manchesterbaumwolle, irländisches Linnen – ganz egal was. Schmuggeln? Schmuggeln können wir ja Gott sei Dank; ich dächte, das hatten wir bewiesen. Eventuell schlagen wir's sogar mit einem Gewinnchen wieder los. Übrigens haben wir's ja dazu! Hauptsache ist, daß Sie sich mit dem Biedermann gut stellen. Für alle Fälle!« »An mir soll's nicht liegen,« sprach Saint-Régeant. »Wollen mal sehen ...« Und er ging den andern Tag, mit dem Spazierstock unterm Arm, nach der Rue Saint-Honoré. Übern Place du Palais-Royal und an Saint-Roch vorüber, wo er seit jenem Schreckenstag nicht mehr gewesen war, an dem er und seine Freunde aus dem Klub de Clichy von zwei Geschützen des Herrn General Bonaparte mit Kartätschenfeuer beehrt worden waren. – Vor einem alten zweistöckigen Haus »Zur blauen Mütze« sodann blieb er stehen. Noch kein ganzes Jahr war's her, daß die jakobinische »rote Mütze« von dem Schild da oben heruntergekratzt wurde .... na, und wie lange vielleicht noch, und man las schlicht »Zur weißen Mütze« ... ? – Eine Türglocke schlug an, und ein Ladenmädchen kam ihm entgegen: »Sie wünschen, Bürger?« »Zu Herrn Lerebourg.« »Im ersten Stock, Bürger. Gleich die Treppe da vor Ihnen hinauf.« Ein Dutzend Stufen über einen grünen Sergeläufer hinan, und Saint-Régeant befand sich in den Probiersalons. Da gewahrte er auch schon seinen Reisekameraden in einer wichtigen Unterhaltung mit zwei Damen, die Bänder und Blumen aussuchten. »Ah!« Und Lerebourg entschuldigte sich »für einen Moment nur« bei seinen beiden Kundinnen: »Bitte, nehmen Sie ein Augenblickchen Platz. Ich stehe sofort zu Ihrer Verfügung. Nur noch die beiden Damen ...« »Aber – bitte – beeilen Sie sich nicht im mindesten. Ich habe Zeit ...« Die eine der Damen, eine junge, hübsche Blondine, hatte bereits ihr Lorgnon auf den schönen Jüngling gerichtet und betrachtete ihn neugierig. Saint-Régeant aber setzte sich auf einen Hocker und sah sich derweil im Magazin um. Das war durchaus der ernsthafte großartige Rahmen, wie er ihn sich für Herrn Lerebourg gedacht hatte. Auf den von langjährigem Gebrauch geschwärzten eichenen Tischen und Ladentresen eine reiche Auswahl feinster Ware; die Sessel für die Kundschaft im Stil Louis des Sechzehnten und mit Utrechter Samt bezogen; und von der Decke herab ein bronzener Lüster. Kein Prunk und kein Protzentum; wohl aber Gediegenheit und Komfort. »Ja also, Herr Lerebourg –« sprach da die jüngere der beiden Damen und stand auf; »nicht wahr – Sie schicken das alles zur Auswahl? Der General wird ja bestimmt nichts dagegen haben; aber er muß es doch wenigstens sehen ...« »O, er weiß ja, was Eleganz betrifft, ebenso Bescheid als er in militärischen Dingen kompetent ist ...« versicherte der Kaufmann lächelnd und bemühte sich artig um die Damen; brachte sie höflich bis zur Treppe und empfahl sich wiederholt. – Dann eilte er freudig auf Saint-Régeant zu: »Mein lieber, junger Freund! Seien Sie mir nicht böse, aber ich mußte wirklich erst die beiden Damen noch bedienen! – Die jüngere war Madame Murat – die Schwester vom Ersten Konsul ... die andere ist Madame Junot ...« »Sehr hübsch – diese Madame Murat!« meinte Saint-Régeant. »Ja – aber Madame Junot hat dafür unendlich viel Geist! ... Tja – heutzutage sind nun das die Prinzessinnen! ... Aber sagen Sie – wie geht's Ihnen denn?« »Ausgezeichnet. Mein Kollege ist in Geschäften schon wieder aufs Land – und ich hab' mein Versprechen eingelöst und bin nun hier bei Ihnen ...« »Und bleiben zu Tisch bei mir! Meine Frau wird entzückt sein Ihre Bekanntschaft zu machen ... Sie weiß natürlich schon, wie riesig Sie sich meiner angenommen haben ... na, und die Frauen sind überhaupt einzig, kann ich Ihnen sagen! Köstlich! ... Stellen Sie sich vor, daß sie – seit sie weiß, wie wir gereist sind – absolut davon überzeugt ist, daß wir dabei unter besonderem Schutz standen! Ja, sie ist sogar so ziemlich der Meinung, daß Sie ein ganz wer anderer wären als Sie sagen.« »O! besser kann ich mir's gar nicht wünschen!« sagte Saint-Régeant und lachte. »Denn dabei gewinn ich doch nur!« »Wirklich? Sehen Sie – mir dürfen Sie sich durchaus anvertrauen. Haben Sie schlechte Geschäfte gemacht – oder – hapert's vielleicht sonst im Geldbeutel?« »Nein, mir geht's soweit ganz gut. Wahrhaftig! Aber der Geschäftsgang ist freilich ein recht elender. Und ich sage Ihnen frei, daß ich, wenn ich in Paris Glück hätte, gern auf die Reiserei verzichten würde, die nicht immer völlig harmlos ist, wie Sie sich ja selber überzeugen konnten.« »Ja, aber so was können wir Ihnen doch wohl besorgen, mein' ich ... Wo waren Sie denn bis jetzt in Kondition?« »Für Lyoner Häuser ... in Seide und Samt. Aber – Sie müssen es doch selber wissen – die Industrie ist durch die Revolution ruiniert. Und dann bereitet sich da ein großer Umschwung vor. Ein gewisser Jacquart hat einen mechanischen Webstuhl erfunden, sagt man – – aber die Arbeiter wollten die Maschine demolieren, weil sie ihren Untergang bedeutete, wie sie behaupten ... Alles in allem ist in meiner Branche die Zukunft herzlich ungewiß ...« »Sie sind doch ein flotter Verkäufer?« »Gott – ja – ich bin bei meinem ›,Alten‹, sehr gut angeschrieben –« »Na, dann lassen Sie mich nur machen ... Aber da ist meine Frau!« Durch eine Tür im Hintergrund und einen grünen Vorhang war Madame Lerebourg eingetreten – und Saint-Régeant stand wie gebannt von der berückenden Erscheinung. Eine Frau von fünfundzwanzig Jahren; von einer unendlichen Wohlgestalt der Glieder; von einem unsagbaren Reiz. Ihre süße Schlankheit mochte sie wohl größer erscheinen lassen als sie war. Das Gesichtchen war ein wenig blaß; die Züge voll Adel und Leben; blaue Augen wie ein Licht darübergebreitet – und eine Krone von kastanienbraunem Haar. Ihr Mund lächelte lieblich, und ihre Zähne waren sehr weiß. – So trat Emilie auf ihren Gemahl zu, der ihr den Besuch alsdann vorstellte: »Also, liebe Emilie, das ist der Herr Victor Leclerc, Seidenwarenreisender, von dem ich dir bereits erzählt habe – mein Lebensretter mit einem Wort!« »Aber das ist denn doch ein bißchen allzuviel gesagt, verehrter Herr Lerebourg,« wehrte Saint-Régeant ab. »Es war mir jedenfalls ein Vergnügen, in Ihrer werten Gesellschaft zu reisen ...« »Seien Sie bedankt für die treue Hilfe, die Sie meinem Gatten haben angedeihen lassen ...« sprach die junge Frau. »Herr Leclerc ist zu Tisch bei uns, meine Liebe – und außerdem wollen wir es uns sehr angelegen sein lassen, ihm einen neuen Posten zu verschaffen ... Er findet, wie so viele junge Leute seines Alters, daß das Leben eigentlich recht schwierig sei ...« Madame Lerebourg sah Saint-Régeant mit einem forschenden Blick an; dann sagte sie: »Ist es nicht erstaunlich, daß der Herr nicht bei der Armee ist? Wie sind Sie bloß bei der Aushebung davongekommen?« »Das macht – ich war im Ausland, Madame,« und Saint-Régeant errötete schier ein wenig. »Ich wär' vielleicht sonst schon Offizier –« »Oder mausetot!« warf Lerebourg dazwischen. »Bei jenen Hekatomben drüben in Deutschland oder Italien. – Wie alt sind Sie eigentlich?« Zweiunddreißig.« »Also müssen wir Sie endlich wo unterbringen. Dafür lassen Sie mich nur sorgen ... Übrigens kommt ja der Handel wieder in Schwung, die Kundschaft bekommt wieder Zutrauen, kurz und gut: Sie können Geld machen!« Die junge Frau kam all den Ermutigungen und Versprechungen ihres Gatten an die Adresse des Pseudo-Leclerc mit keinem Wörtchen zu Hilfe. Auch sah sie Saint-Régeant mit keinem Blick mehr an. Und man hätte leicht denken können, daß sie die offenherzigen Anerbietungen des guten Lerebourg keineswegs billigte. »Was ist übrigens aus Ihrem Freund geworden?« erkundigte sich der Kaufmann weiter. »Den hätten wir doch ebenfalls gern mal bei uns gesehen. Hat der eine Portion Kaltblütigkeit! Der Mann steht sicher nicht auf dem Platz, den er verdiente!« »Der geht nach dem Süden; erst einmal nach der Charente. Immer hübsch in Branntwein. Übrigens haben Sie vollkommen recht: er stammt aus einer Familie, die durch die Revolution aufgerieben wurde ... Aber er wird seinen Weg schon machen ... Um den ist mir nicht bange!« »Desto besser! ... Na, und Sie – haben Sie keine lieben Angehörigen mehr?« »Nur noch Entferntverwandte ... in der Bretagne, ... die ich gar nicht kenne ...« »Und wo wohnen Sie augenblicklich in Paris?« »In einem recht mäßigen Gasthof ... wo's doch ziemlich gesalzen ist ...« »Und sind doch zur Zeit grad kein Krösus! ... Wie wär's, Emilie, wenn wir Herrn Leclerc eine der Stuben im zweiten Stock anbieten würden? Die stehn da leer, und wir gebrauchen sie doch nicht. An Unbekannte vermieten mögen wir nämlich nicht ... das machte sich doch jetzt wunderschön, das heißt natürlich, wenn der Herr Leclerc vorliebnehmen wollte ...« Aber da hielt er inne – ein solcher Schatten glitt über das Gesicht seiner Frau hin – , und er konnte sich nicht helfen und fand das eigentlich merkwürdig. Doch da kam ihm Saint-Régeant noch richtig zuvor: »Ich wäre untröstlich, wenn ich Ihnen auch nur die geringste Ungelegenheit bereiten würde ... Außerdem gedenk' ich Paris mit Ende dieser Woche schon wieder zu verlassen, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß ich sobald nicht wieder zurückkomme ... Also weshalb mich da erst lange einrichten? Ich bin Ihnen für Ihren liebenswürdigen Vorschlag äußerst verbunden, aber Sie sehen, ich kann ihn leider nicht annehmen ...« Wie ein leises Aufatmen kam's über die Lippen der jungen Frau. Sie lächelte nun, und sie scherzte fast: »Ja, sollen wir uns denn wirklich in keiner Weise erkenntlich zeigen können?« Und ihre Scheinheiligkeit stand ihr allerliebst. »Wie traurig – traurig für uns!« »Ja, und du als Bretagnerin müßtest es eigentlich doppelt bedauern –« »Madame ist eine Landsmännin von mir?« »Plémeur ist meiner Frau Geburtsort ...« Bei diesem Worte konnte Saint-Régeant seine Überraschung nicht ganz verbergen. »Da ... da wohnten Sie ja wohl gar im Schloß de Kermadio ... bei d'Auray?« »Während meiner ganzen Kindheit – ja. Mein Vater und meine Mutter sind dort gestorben. Von da schleppten mich die Republikanischen nach Vannes, nachdem sie Kermadio niedergebrannt hatten ... Ich war siebzehn Jahr alt ... Ich erinnere mich ganz genau und hab' alle die noch gut im Gedächtnis, die zu meinem Vater kamen und an der royalistischen Bewegung teilnahmen ...« Da aber fragte Saint-Régeant nach nichts weiter mehr. Er war mit einemmal sehr ernst geworden. Er schüttelte den Kopf, als ob er dadurch unangenehme und betrübliche Erinnerungen fortscheuchen wollte. Und ließ dann wie absichtlich zerstreut seine Blicke umherwandern: Das waren also die alteichenen und durch den langjährigen Gebrauch geschwärzten Ladentische, und das die vielen Kleiderstoffe in ganzen Stücken, pedantisch aufgeschichtet, und hier wieder welche abgehaspelt und auseinandergebreitet ... Inzwischen machte sich der ahnungslose Lerebourg daran, in seinem Laden da ein wenig unter den Stoffen aufzuräumen und plauderte dabei auf seine Weise fort: »Nun sehen Sie, da treffen Sie sich mit Emilie gleich auf gemeinsamem Boden ... Unter uns gesagt: Madame Lerebourg machte damals mit den übelsten Briganten Bekanntschaft.« Die schöne Emilie runzelte die Stirn und tauschte mit dem falschen Victor Leclerc einen Blick des Unwillens aus: es war plötzlich eine Art geheimen Einverständnisses zwischen ihnen, ohne daß sie es gewollt hatten ... Lerebourg aber räumte auf und schwätzte weiter: »Ich habe ja auch die Adligen heute noch gern – wenn sie bloß nicht so schlechte Zahler wären ... Ehe Madame de Beauharnais die Gemahlin des Generals Bonaparte wurde, saß sie ziemlich tief in der Kreide bei mir. Heute ja eigentlich noch empfindlich tiefer als damals – aber was riskier' ich heute schon groß? Heute würde ich ihr getrost mein ganzes Lager auf Kredit verkaufen, wenn sie nur wollte ...« Da rief jemand von unten über die Treppe herauf: »Herr Lerebourg – bitte schön! ... Es ist wegen der Diensthandschuhe für Herrn General Lannes ...« »Ist gut! Ich komme! ... Entschuldigen Sie mich, Bürger Leclerc ... Ich lasse Sie so lange mit meiner Frau hier ... Ich bin im Augenblick wieder da!« Danach wollte der junge Mann Madame Lerebourg just von möglichst gleichgültigen Dingen unterhalten, als diese mit einemmal fragte: »Herr de Saint-Régeant! Aus welchen Beweggründen verstecken Sie sich hinter einem falschen Namen – und was beabsichtigen Sie hier in Paris?« Saint-Régeant war nicht wenig erstaunt; aber er lächelte doch und entgegnete ruhig: »Glauben Sie mir, Madame, daß die Beweggründe, aus denen ich mich verstecken muß, dennoch und durchaus ehrenhafter Natur sind ... Da ist nichts Verbrecherisches im Spiel, zumindest nichts, was mich verdammenswert und ehrlos machen würde ... Ich ›,verstecke‹, mich nur, weil mein Leben ernstlich bedroht wäre, wenn mich die Polizei aufgriffe!« »Immer noch diese Chouanerie und Verschwörung?« »Madame! So lange der König nicht wieder eingesetzt ist, so lange bekämpfen wir seine Widersacher, und die Gefahren, denen wir uns dabei aussetzen, machen all unsere Ehre aus ... aber ist denn das gnädige Fräulein de Plémeur, seit es Herrn Lerebourg heiratete, jakobinisch geworden?« »Madame Lerebourg hat ihre Gefühle in keiner Weise geändert, sie ist immer noch Royalistin, und Herrn Lerebourg schaudert es gleichfalls vor aller Revolutionspartei. Im übrigen ist er – ich sage es Ihnen ganz offen, und eigentlich hätt' er es Ihnen bekennen sollen – mit der Konsularregierung durchaus einverstanden. Nach seiner Meinung ...« »Ich möchte mich an das halten, was Sie mir über Ihre persönlichen Gefühle gesagt haben ... Das genügt mir ...« »Aber hoffen Sie nicht etwa, daß ich mit Gewalttätigkeiten einverstanden wäre. Falls Sie es auf diese Weise versuchen wollten ...« »Wir denken nicht daran. Unsere Absichten sind die friedlichsten von der Welt. Wir wünschen nichts weiter, als daß wir bis vor den Ersten Konsul kommen und eine Aussprache erlangen –« »Wollen Sie ihn vielleicht für Ihre Sache gewinnen?« »Vielleicht!« »Sie sehen einen Monk den Zweiten in ihm?« »Wir möchten – ihn kennen lernen. Er ist uns doch ganz und gar unbekannt. Was mag er für Absichten hegen, Hoffnungen, Träume? Stachelt ihn nur persönlicher Ehrgeiz an – oder will er Frankreichs Glück? Das, sehen Sie, möchten wir gern aus seinem eigenen Munde hören. Dann erst ziehen wir unsere Konsequenzen.« »Welche Mittel haben Sie zur Hand, um bis zu ihm zu gelangen?« »Vorläufig keine noch. Wir sind eigens dazu nach Paris gekommen, um uns an irgendwen aus seiner näheren Umgebung zu machen. Wir wissen, daß der General Bonaparte ebenfalls mit uns rechnet. Wir sind ihm ein Faktor in seiner Aufstellung. Seine Politik schwankt zurzeit zwischen Jakobinern und Royalisten. Er schreibt die Opposition, die man seiner Regierung macht, den Jakobinern zu – Fouché hinwiederum mehr den Royalisten. Eine Aussprache zwischen dem Ersten Konsul und uns schafft da sicher Klarheit – ihm und uns! und führt sogar – wer weiß? – zum allgemeinen Friedensschluß!« »Möge der Himmel ein Einsehen haben! ... Übrigens, wenn Sie nur noch Anschluß und Geneigtheit bei irgendwem brauchen, der dem Eisten Konsul nahesteht – vielleicht könnte ich das für Sie machen –« »Das wär' – Sie könnten uns gar keinen größeren Dienst erweisen!« »Unter der einen Voraussetzung, daß alles, was Sie mir da erzählt haben, die lauterste Wahrheit –« »Halten Sie mich für so schlecht, daß ich Ihr Vertrauen irgendwie mißbrauchen könnte?« Emilie sah ihn an. Seine Augen waren die Ehrlichkeit selber. Gleichwohl nahm sie sich vor, sich die äußerste Zurückhaltung aufzuerlegen und sich ja nichts zu vergeben. »Ich komme recht häufig mit der eleganten, koketten Madame Bonaparte zusammen; das heißt, ich geh' in den Tuilerien so ziemlich aus und ein. Mich kennen alle Kammerfrauen ... So wär' mir's denn ein leichtes, meiner schönen Kundin von Ihrem Wunsch nach einer Audienz – oder nennen Sie es Aussprache! – zu erzählen. Ich weiß zwar nicht, ob sie es aus reiner Neigung oder aber aus Berechnung tut – jedenfalls steht fest, daß sie alles begünstigt, was am ancien régime festhalten will. Wie vielen Emigranten hat sie durch Bitten bei ihrem Gatten nicht schon zurückgeholfen, und wenn ich recht berichtet bin, ist sie eifrig dabei, die Religion in Frankreich wiedereinzusetzen. Weniger aus Gottesfurcht – ich halt' sie nur für mittelmäßig fromm – , als aus ... sagen wir ... Ordnungssinn ... Wenn es Ihnen also recht ist, dann kann ich Madame ja bitten, daß sie einer Unterredung zwischen Ihren Freunden und General Bonaparte ein wenig die Wege ebnet ...« »Ich muß es jedenfalls zuvor noch meinen Freunden mitteilen. Unbedingt nötig wäre jedoch dieses: von der Umgebung des Ersten Konsuls dürfte keines Menschen Seele über unseren wahren Charakter auch nur etwas ahnen! Wenn Dubois oder Fouché auch nur im entferntesten von unseren Absichten Wind bekommen, sind wir auf der Stelle verhaftet!« »Gut, gut. Sprechen Sie also mit Ihren Freunden, und wenn Sie einen Entschluß gefaßt haben, dann überlassen Sie das andere nur mir. Aber da kommt mein Mann!« Und Lerebourg erzählte sogleich frei heraus: »Der Herr General Lannes befindet sich zurzeit in 'ner kleinen Zwickmühle. Der Sieger von Montebello sieht seine Soldaten gern 'bißchen in Parade, und so hat er, ohne die vorschriftsmäßige Genehmigung einzuholen, für die gesamte Konsulargarde neue Uniformen bestellt. Nun ist der General Bonaparte außer sich und droht, daß er ihm die Rechnung von seiner Apanage abziehen lassen werde ... Lannes war eben da und hat um Stundung der von uns gelieferten Borten und Tressen gebeten ... Aber das wird schon alles wieder ins richtige Geleise kommen ... Sie sind doch Waffenbrüder – zum Donner nochmal!« »Ja, aber gegen Masséna beispielsweise soll Bonaparte unerbittlich gewesen sein.« »Na, der gute Nizzarde hatte aber auch eine etwas allzu grapsige Hand ... Der hat in Italien damals sein Schäfchen geschoren! Aber der Erste Konsul hat ihn gezwungen, alles wieder zu ersetzen ... Das siegverhätschelte Kindchen soll geweint darüber haben! Er hält eben sein Geld zusammen!« »Ja, seit er welches hat; und das ist noch gar nicht so lange her –« »Die Kerle haben eben rasendes Glück gehabt! Murat – ehemaliger Hausknecht! Augereau – Fechtmeister! Masséna – Schmuggler! Ney – Faßbinder! Na, und Bonaparte selber –« »Pst! mein lieber Freund!« unterbrach ihn Madame Lerebourg und lächelte. »Das ist ganz was anderes – denn der hat Genie!« »Also, Herr Leclerc, wenn Sie sich's nicht gründlich mit sämtlichen Frauen verderben wollen, dann reden Sie ja nur keinen Ton gegen Bonaparte! ... Wie? ist's endlich Zeit zum Essen?« Ein Mädchen hatte die Tür geöffnet, zu der Madame Lerebourg vorhin hereingekommen war. Der junge Mann bot der schönen Emilie den Arm, und man verfügte sich nach der Privatwohnung des Kaufmanns hinüber. Ein echt französisches Mittagessen, um die liebe gewohnte Zeit. Und dieses ganze Eßzimmer – gleichfalls wie ein kleines Auferstehungswunder. Alles Silberzeug hatte sich neu hervorgewagt, und all die Aufmachung bezeugte Saint-Régeant, daß der wohlhabende Bürger sich endlich wieder zu leben getraute. »Bitte, Platz zu nehmen, lieber Kollege.« Saint-Régeant sollte zwischen Lerebourg und seiner Gemahlin sitzen. »Hoffentlich haben Sie Ihren gesegneten Appetit wie auf unserer Reise noch. Das Weinchen dürfte sogar etwas besser sein wie in jenen Gasthäusern ... trinken wir darauf, daß wir so fröhlich beisammen sind! ... Schade nur, daß Ihr Freund nicht auch dabei ist ... ein feiner Mann ... wenn er noch etwas Branntwein wieder mit zurückbringt von seiner Tour, muß er mir ein Fäßchen ablassen ...« »Ich werd's ausrichten.« »Bis dahin wollen wir meinem Burgunder etwas Ehre antun. Ein echter roter Chambertiner. Der gleiche, den auch der Erste Konsul trinkt. Trotz aller Revolution – dies edle Blut ward nicht vergossen – prost!« Während Saint-Régeant mit diesem braven Bürgersmann dann tafelte, erfuhr er allerlei, das ihm einen Einblick sozusagen in die Volksseele gewährte. Ihn interessierte ja vor allem, wie der Durchschnittspariser dachte; nun konnte er es hören. Dem Hofe zu Hartwell durfte zurzeit an nichts mehr gelegen sein als zu hören, auf welche Meinungen er mit seinen Absichten einer Restauration stieß; hier saß quasi die öffentliche Meinung zu Tisch. Es ging doch im Grunde alles um die Wünsche und Erwartungen der großen Masse: war aus aller Schreckensherrschaft her doch etwas Revolutionäres an ihr haften geblieben oder aber ersehnte sie einen Wechsel im System, der etwa neu zur Monarchie führte? – Saint-Régeant erfuhr es nur zu bald: Bonaparte hieß das große Unterpfand; Bonaparte der Inbegriff der Gewalt und der Autorität; ohne Bonaparte keine Ordnung und kein Frieden. »Was uns vor allem nottut, lieber Herr Leclerc: Bestand, Bestand und noch einmal Bestand. Was soll mir eine Regierung, die alle Jahr eine andere ist? Ich muß in Sicherheit arbeiten können ... ohne Sicherheit ist kein Geschäft ... na, und ohne Geschäft ist überhaupt nichts! Seit zehn Jahren, verehrter Herr, konnten wir nicht einmal mit dem morgigen Tag rechnen. Tag für Tag ein neuer Putsch oder eine andere Katastrophe. Zwangsanleihe, Staatsbankrott, Maximum und wie die schönen Dinge alle heißen. Es wurde einfach alles versucht, um unser armes Land so tief wie möglich zu ruinieren; und man faßt sich richtig an den Kopf, daß ein Leben überhaupt so zäh sein konnte ... Heut kann man doch einigermaßen wieder aufatmen! Die Ruhe ist neu eingekehrt, und die Verbindungen werden aufgefrischt. Schon zittert man wenigstens für sein Leben nicht mehr, traut sich wieder zu denken und ein Wort zu reden. Man ›,empfängt‹, wieder, na, und da kann auch der Luxus nicht länger mehr ausbleiben. Und der Luxus, ja der macht Paris erst zu Paris. Oder wie wollen Sie Seide verkaufen, wenn alle Konsektion ruht? Aus mit dem Sanskulottismus! Man pudert sich wieder, und vorbei ist's mit der roten Mütze! Ei ja, Bürger Leclerc, nun geht's wieder aus einem andern Ton, und alle Tage kommen neue Emigranten zurück!« »Ja, man erzählt sich, daß Madame Bonaparte dieses letztere mit einem Eifer betreibt, der noch alles mögliche Gute erhoffen läßt –« »Sicher! Sie hat es eben nicht vergessen, daß sie selber eine ehemalige Vicomtesse de Beauharnais ist! Eine ausgezeichnete Frau!« »Na, und er, der Erste Konsul – wie ist denn der?« »Ja – wer kann das wissen? Ein bedeutender Mann! Aber ... wo hinaus mag er wollen?« Herr Lerebourg dämpfte seine Stimme: »Manche sagen, er wäre insgeheim für die Bourbonen und wolle ihnen den Weg ebnen. Er selber würde dann Konnetabel, Fürst ... und eben genau das, was George Monk wurde, als er dem Sohn des Charles Stuart wieder auf den englischen Thron verhalf ... Aber wer weiß was Gewisses? Das ist ein gar Schweigsamer und immer in Gedanken! Der weiß wohl, was er will ... nur er bindet's uns natürlich nicht auf die Nase! – Nun ja ... er ist der Herr! Warum soll er schließlich nicht auch der Herrscher werden?« »Er! Der kleine korsische Krautjunker! Der ganze Kerl der reine Zufall! Der Parvenu! Der Glückspilz im wahren Sinn des Wortes!« »Na, na, na, na! Der Sieger bei den Pyramiden! Der General von Marengo! Der verdankt alles sich selber! Der ist sein eigener Ahnherr!« »Ihnen wär's recht, wenn er Diktator würde!« »Aber er braucht's doch gar nicht mehr zu werden, er ist's doch längst! Cambacérès und Lebrun – Statisten! Bonaparte allein zählt! Zwischen ihm und dem Thron steht nichts als sein eigener Wille! Wenn er dennoch verzichten sollte, so ist das das Größte – – das Größte – –« »Ja, das Klügste, das er machen kann!« »Wieso? Was riskiert er denn dabei? Ein Schritt, und er ist oben!« »Oder aber ein Schritt, und es ergeht ihm wie Cäsar!« »Verflucht nochmal! Meinen Sie, daß die Jakobiner imstande sein sollten –« Saint-Régeant lächelte: »Ich brauch' Sie doch nur an den Tag zu erinnern, als der Streich gegen den Rat der Fünfhundert geschah. Da haben die Grenadiere, denk' ich, Arbeit genug gehabt, ihren geliebten General gegen die ungeheuer aufgebrachten Repräsentanten zu schützen.« »Freilich, freilich – ich vergaß! ... Aber – und was würden die Royalisten in diesem Fall machen?« »Sie fragen mich armen Teufel über Politik? Mein Gott, ich hab' doch keinen Schimmer davon. Im geraden Gegenteil. Ich lasse mich die ganze Zeit schon durch Ihre geschätzte Meinung belehren –« Madame Lerebourg strafte Saint-Régeant mit einem Blick. Die ärgerte sich, daß der junge Mann ihren Gatten zu immer noch größerer Schwatzhaftigkeit verleiten wollte. »Gott – ja – die Kaufmannschaft hätte schließlich auch nichts dagegen, wenn wir wieder monarchisch würden, aber – Hand aufs Herz – wir glauben im Augenblick nicht recht daran. Dazu ist die Armee zu sehr die uneingeschränkte Herrscherin über Frankreich. Das haben wir am 18. Brumaire gesehen. Wir erringen erstens einmal Sieg auf Sieg und zweitens ist doch alle öffentliche Sicherheit wiederhergestellt. Und wem haben wir dies zu verdanken? Dem Militär, das sich seit zehn Jahren mit ganz Europa herumhaut – und eine Waffentat immer glänzender als die andere. Dieses und dazu die öffentliche Ordnung – ja, mehr können wir doch beim besten Willen nicht verlangen. Wenn Sie nun obenein den bourbonischen Lilien wieder zu Ehren helfen wollen – bitte! bitte!! Aber ohne eine neue Revolution – möchten wir uns schönstens ausgebeten haben! Meine Frau zum Beispiel, die im Grunde ihres Herzens ja immer noch Royalistin ist, wird freudig auf den Handel eingehn. Falls aber andererseits Bonaparte sich wirklich zum Imperator aufschwingt, werde ich gleichfalls nicht die geringsten Sperenzchen machen. Und so wie ich denkt die gesamte Pariser Kaufmannschaft ... wir brauchen Ruhe, um arbeiten zu können ... und in diesem Sinne, Bürger, Prösterchen!« Die Gläser klangen aneinander. Das edle rote Burgunderblut glühte. Der Nachtisch kam. 4. Kapitel Die Tür zum Arbeitszimmer Bonapartes öffnete sich ein wenig und Bourrienne steckte seinen Kopf herein. Der Erste Konsul, der bis dahin gedankenvoll immerzu auf und ab gegangen war, blieb stehen und sah seinen Sekretär ungeduldig an: »Nun ... allein?« Da traute sich Bourrienne erst vollends herein: »Madame Bonaparte wollte nicht herunterkommen. Ich fand sie – in Tränen aufgelöst. Madame erscheinen nicht früher wie bis zum Diner.« »Hat sie wenigstens einen Grund angegeben?« »Eigentlich nicht. Das heißt – gesagt hat sie nichts ... Es scheint, daß sie wieder Ärger mit den Lieferanten gehabt hat ...« »Man beutet sie aus! Das ist klar! Eine Frau, die nie bezahlt! Dabei wirft sie das Geld zum Fenster hinaus!« Aber er faßte sich sogleich wieder. Warf seinem Sekretär einen eisigen Blick zu und sprach von was anderem: »Ist Fouché da?« »Er wartet bereits im Adjutantenzimmer.« »Er soll kommen.« Bonaparte nahm seine unermüdliche Wanderung von neuem auf. Die Länge und die Quer. Bis die Tür wieder ging. Da hob er seine Denkerstirn und blickte in das sehr blasse Gesicht des einstigen Rednersmannes. Er nickte ihm nur flüchtig zu, zeigte auf einen Sessel und nahm selber ebenfalls Platz. »Wer von uns beiden hat recht gehabt, Bürger Fouché? Sie mit Ihren Royalistenkomplotts oder ich mit den Jakobineranschlägen?« »Wir haben alle beide recht gehabt, General-Konsul. Die Jakobiner agitieren, aber die Royalisten konspirieren, und die einen sind so gefährlich wie die anderen. Nur – im Falle eines Attentats möchte ich die Schuldigen doch lieber auf der Seite der Royalisten suchen. Die sind weit besser organisiert, und dann sind sie auch viel verwegener als die Jakobiner.« »Wohl seit dem 18. Fruktidor – wie?« Bonaparte lächelte. Fouché dagegen schnitt eine Grimasse. Er wollte nicht gern an den Tag erinnert sein, an dem er seine eigenen ehemaligen Kameraden, worunter sich sogar einige seiner Freunde befunden hatten, auszuliefern und zur Deportation zu verurteilen gezwungen war. »Der 18. Fruktidor hat die Jakobinerpartei gestürzt. Aber die Fontenayer Konvention hat die Royalisten aufs äußerste erbittert.« »Na na – gar so sehr gestürzt kann man doch wohl nicht behaupten! Sie haben gleichwohl noch Ceracchi – Arena – Chevalier anzustiften vermocht, mich ein bißchen ermorden zu wollen ...« »Die allerschlimmsten sind doch die Royalisten!« »Ich wünsche, daß mit den einen wie mit den andern endlich aufgeräumt wird. Es geht nun einmal nicht länger, daß bis vor die Tore der Hauptstadt die Straßen von Brigantenbanden wimmeln, die Bauernhöfe niedergebrannt, die Diligencen angefallen und die Reisenden ausgeplündert werden!« »All die Fußbrennerrotten sind im Grunde nur Soldaten des Marquis de Frotté. Bruslart ist der Anführer dieser Freibeuter ... Er war übrigens vor drei Tagen in Paris. Tüchtige Polizeispione waren ihm bis zur Maut Saint-Jacques auf den Fersen; da ist er ihnen denn ausgekommen. Er ist im Kabriolett über Versailles zurück nach der Provinz Beauce ...« »Ja, soll ich denn solchen Schuften ganze Regimenter Soldaten mitsamt Generalen nachschicken, damit sie endlich Mores lernen? Sie machen mir eine Meldung nach der andern, und das End' vom Lied ist allemal: da ist er ihnen denn ausgekommen ...« Fouché grinste schier ein wenig: »General-Konsul, geben Sie mir den dienstlichen Befehl, daß ich zupacke – und ich hab' binnen vierundzwanzig Stunden die schönste Razzia all der Räuberhauptmänner beisammen! Sie haben wirklich nur zu befehlen ...« Bonaparte kniff die Augenbrauen zusammen: »Warten Sie noch etwas ... In einigen Tagen vielleicht...« »Sie erhoffen sich also von Ihren Verhandlungen doch etwas?« »Von meinen Verhandlungen?« Der Erste Konsul schien immerhin ein wenig baff. »Von welchen?« »Mit dem Prätendenten. Mittelsperson: Abbé Bernier. Oder meinen Sie, ich wüßte das nicht?« Und nach einer Pause bemerkte Fouché so recht trocken: »Sie werden kein Glück haben.« »Wieso nicht?« »Weil Sie den Leuten nur Mittel zum Zweck sind. Wenn Sie an den Comte de Provence schreiben, er möge sich seiner Ansprüche auf den Thron begeben, so erhalten Sie statt aller Antwort den Gegenvorschlag: Wiedereinsetzung des rechtmäßigen Königs. Wenn Sie darauf eingehen, wird man versuchen, Sie auf irgendeine glänzende Art loszuwerden, wenn Sie aber nicht darauf eingehen, dann eben auf eine etwas gewalttätigere Weise. Ich denke, Sie verstehen mich. Das ist doch auch ganz klar ... Übrigens sind die Herren, die Sie aufsuchen und Ihnen die Vorschläge dieses – Herrn Mußjey unterbreiten wollen, bereits in Paris.« »Woher wissen Sie das?« »Wie ich immer eben alles weiß. Ich bin nun mal schon so.« »Aber ich selber habe doch keine Ahnung –« »Doch. Ich hab's Ihnen ja jetzt gesagt.« Bonaparte lächelte über die schlagfertige Antwort des schlauen Fouché. »Und wer sind diese Herren Abgesandten?« »Herr Hyde de Neuville, der Sekretär des Prätendenten, und der General Cadoudal.« »Der berüchtigte Georges?« »Jawohl, der Rundkopp!« »Wie haben Sie ihre Ankunft herausbekommen?« »Ankunft – hier? Ich hab' mich bereits um ihre Abreise von dort bekümmert. Und auf dem ganzen Weg haben sie meine Leute nicht aus den Augen verloren. Ihre Tagereisen wie ihre Raststätten waren im voraus bestimmt. Das klappte ganz vorzüglich von Paris nach London durch die Normandie – von meinen Agenten; und wobei die Royalisten nur in dem einen kleinen Irrtum sind, als hätten sie's umgekehrt von London nach Paris geschafft ... Ich habe jederzeit völlige Hand, was ihre Kuriere und Korrespondenz anbetrifft ...« »Nun, und – haben Sie da schon etwas gemacht?« »Nein.« »Warum nicht?« »Nur keine Voreiligkeiten. Ich geh' da viel lieber aufs Ganze!« »Wissen Sie auch, wo die Herren Hyde und Cadoudal abgestiegen sind?« »Zu Befehl, General-Konsul!« »Und Sie könnten sie mir nichts dir nichts greifen, und vor mich bringen?« »Wozu das, wenn sie ganz von selber kommen wollen? Was sollen wir sie schleppen, wenn sie doch einen Passierschein von Ihnen haben?« »Von mir? Durch wen?« »Durch Madame Bonaparte!« Der Erste Konsul blieb eine Weile stumm; dann sprach er sehr langsam: »Ja. Josephine hat immerzu Beziehungen mit der royalistischen Partei aufrechterhalten. Im Grunde ihres Herzens ist sie – für die Prinzlichkeiten, weil sie mein Heil ausschließlich bei ihnen zu sehen geneigt ist. Sie hat die Jakobiner durchschaut; deshalb haben die auch einen solchen Haß auf mich und hetzen Chevalier und Arena – na, Sie wissen ... Oh! aber ich werde die Chouans sowohl wie die Umsturzpartei schon klein kriegen – glauben Sie mir, Fouché! Ich will keine Revolution mehr und ich will auch keine Monarchie –« »Der Bourbonen – oder – ?« Fouché grinste wieder einmal schier. »Überhaupt keine, Fouché! Es ist aus mit dem Gottesgnadentum in Frankreich! Menschenrechte – Menschenrechte! – Jedenfalls ... wollen mal hören, was der Herr Prätendent eigentlich will –« »Sie wollen seine Abgesandten empfangen?« »Ich bin für einen jeden zu sprechen –« »Und ich soll wohl bis dahin nichts unternehmen?« »Bis ich's nicht ausdrücklich befehle – nein!« Fouché begriff, daß die Unterhaltung wohl zu Ende wäre, und stand auf. In demselben Augenblick wurde auch der runde Tisch hereingeschafft, an dem der Erste Konsul zu frühstücken pflegte. Im Vorzimmer tauchte der schwarzbraune Roustam auf. An der Tür entstand eine Bewegung unter der Dienerschaft: Madame Bonaparte trat ein. Von sehr gepflegtem Äußeren, und in sorgfältig gewählter Toilette. Geschmeidig; wellig; die Augenlider ein wenig gesenkt; lächelnd. Dem Ersten Konsul, der eigentlich auf einen Auftritt mit Tränenbegleitung gefaßt war, ging das Gesicht auseinander. Ein Wohlgefallen huschte über seine Züge hin: »Setz dich, Josephine.« Dann aber, sowie sie allein waren, brach sein Unmut aus: »Warum läßt du dich gar so lange bitten, wenn ich etwas von dir will? Wieder mal Schulden? der frühere Leichtsinn? die alte Verschwendung? Nun sitzt du wohl wieder einmal gehörig in der Patsche! was? Du weißt doch, daß ich das nicht im geringsten ausstehen kann! Begünstige all und jeden Luxus – gut: da tust du nur nach meiner Politik! – aber bezahle gefälligst, was du kaufst! Du hast eine peinliche Vorliebe für Flitterkram! Schaff dir doch gescheiter Sachen an, die einen Wert haben. Schöne Steine – kostbare Goldwaren. Aber dieser Paillettenkram und all das Glasperlenzeug! Wie eine Negerin bei euch zu Haus! Was hast du denn davon? Unbezahlte Rechnungen und – Krach!« »Du bist aber nicht fein heut!« »Du gehst mit schlechtem Beispiel voran – das ist's! Und die ganze Gesellschaft um mich herum macht dir's nach! Lannes – zum Beispiel! geht einfach hin und kleidet die ganze Konsulargarde völlig neu ein! Ja, wer soll denn das bezahlen? Ich nicht! ich denke nicht daran! Ich hab' bereits angeordnet, daß es ihm abgezogen wird! Und er – der scheußliche Charakter! – bockt nun und spricht kein Wort mehr mit mir! Bin ich Herr oder nicht? Ja oder nein?« Da fing Josephine an, sich die Augen zu betupfen: die Hilfsquelle versagte noch nie. Bonaparte, der hastig von allen Schüsseln aß, die bei ihm alle auf einmal serviert werden mußten, ließ seine Frau eine kleine Weile absichtlich zappeln und untröstlich tun; dann sprach er mit einem Mal sehr sanften Tons: »Na, nun ... weine nicht mehr. Ich will dies eine Mal noch für dich zahlen; aber dann nimm dich dafür auch ordentlich zusammen und tu's nie wieder. Sieh mal: wie vernünftig und folgsam dein Sohn ist. Eugène ist das wahre Muster. Nie noch habe ich an ihm etwas bemerkt; der ist brav und tapfer. Der beste Soldat meiner Armee.« »Er weiß, was er dir verdankt.« »Das wissen die andern doch auch: Junot, Murat, Augereau, Bessières. Und dennoch ...« Er stand auf und warf die Serviette auf den Tisch: das ganze Frühstück hatte nicht länger als eine Viertelstunde gedauert. Man brachte den Kaffee. Dann näherte er sich Josephine und sah sie zärtlich an: »Also gräm' dich nicht weiter, meine gute Josephine. Bloß ... laß die Verschwendung. Ich hab' übrigens gehört, du hättest heimliche Quellen und Fouché ließe dir von den eingekommenen Spielgeldern ab ... Nimm dich in acht! wenn ich dir das beweisen kann!« Er umarmte sie und liebkoste sie: er war ihr trotz aller Desillusionen immer wieder herzlich gut. Da dachte sie, daß das just der günstigste Augenblick sei und lenkte seine Gedanken sachte auf die Politik: »Ich hätte übrigens eine große Bitte an dich ... es betrifft eine alte provençalische Adelsfamilie: die Saint-Estrangins. Eine der vornehmsten Familien der ganzen Grafschaft ... du weißt, wie sehr man im Süden noch royalistisch ist ... also würde das den besten Eindruck machen, den man sich denken kann ...« »Meinetwegen. Eine Zeile von dir an Cambacérès genügt ...« »Und dann die Charosts, von der herzoglichen Linie ... die Clarys interessieren sich so furchtbar für sie ... Madame Bernadotte hat mir's gesagt ... dich selber wollte sie nicht gern bemühen ...« Bonaparte kniff die Lippen zusammen. An diese Désirée wollte er lieber nicht erinnert sein: Er hatte sie geliebt und dann doch sitzen gelassen und Josephine geheiratet, die den Oberbefehl über die italienische Armee als Heiratsgut in die Ehe mitgebracht hatte. »Gut! gut! sag's Cambacérès ... Wenn ich dir übrigens noch lange zuhöre, dann gibt es bald keine französischen Emigranten mehr, und wir können mit der Kanonade auf sie – wie vor Saint-Roch – hübsch wieder von vorne anfangen ... Sie agitieren mir bloß zuviel, deine Lieblinge. Vielleicht ist's eine große Dummheit, daß wir sie so gnädig behandeln, und wenn wir unerbittlich blieben, wär' das für die öffentliche Ordnung vielleicht besser ... Aber sie sollen sehen, was ich für ein Exempel statuiere, wenn's die Prinzlichkeiten so weiter treiben –« »Ach, Bonaparte, wer weiß, ob du nicht gescheiter daran tät'st, wenn du die Bourbonen zurückholtest ...« »Sag' einmal – bist du wahnsinnig geworden? – Ich hab' doch mein Glück und mein Leben bei Arcole und Marengo nicht für sie aufs Spiel gesetzt!« »Wenn du wüßtest, wie sie auf dich rechnen! Vorgestern erst hat man mir's wieder sagen lassen .... es sind zurzeit übrigens Abgesandte hier in Paris, die bei dir einigermaßen sondieren sollen ....« »Woher weißt du?« »Glaubst du, daß die Royalisten jemals bei dir etwas versuchen werden – ohne mich?« »Dabei könnte es dir aber einmal übel ergehen!« Er konnte das Lachen kaum verbeißen. »Wieso – mir? Ich überbring' dir doch alles brühwarm wieder!« »Wirklich – alles?« »Das wär' ja noch schöner! – Was wär' ich übrigens ohne dich?« »Und ... wer sind diese Abgesandten?« »Die Herren Hyde und Cadoudal.« Bonaparte nickte: »Ich wußte es bereits. Fouché hat mir's gesagt ... Aber nun sag' einmal, Josephine, wieso hast du es denn erfahren?« »Nein, bitte, das sag' ich dir lieber nicht. Du könntest mich verraten, und dann würde ich nie wieder was erfahren. Was nebenbei dein eigener Schade wäre ...« »Aber was wollen denn die beiden eigentlich von mir?« »Dich sprechen.« »Und ... wer garantiert mir dabei für mein Leben?« »Sie selber bürgen dir doch mit dem ihrigen.« »Da bin ich entschieden im Nachteil. Das können zwei Fanatiker sein, denen ihr Leben nichts ist, und mein Tod dafür alles! Und was ist auch ihr Leben im Vergleich zu dem meinigen?« »Du kannst doch alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßregeln treffen: du bist hier in den Tuilerien, mit so vielen von deinen Leuten um dich: da hast du doch nichts zu fürchten! Murat und Rapp beispielsweise im Vorzimmer und Junot und Roustam hinter der andern Tür: da können die beiden doch keinen Finger rühren, so hat man sie auch schon ... Oder sie müssen sich erst einer Leibesvisitation unterziehn ...« Bonaparte ging in tiefem Grübeln auf und ab. Dies eingefallene blasse Gesicht, die spröden und wirren Locken ... sein Kinn saß ihm schier auf seiner Brust ... Nah am Kamin blieb er dann stehen. Stand ein paar Augenblicke und setzte sich. Saß so einige Minuten lang und sprach kein Wort ... Dann maßen seine grauen Augen Josephine: »Nun denn ... ich will die Herren sehen. Morgen abend. Nach dem Diner. Sollen erst bei dir warten – und du sorgst dann dafür, daß sie hierher kommen.« Am Abend desselben Tags. Hyde de Neuville war soeben von einem Ausgang ins Hotel zurückgekehrt und kletterte nun die drei Treppen nach seinem Zimmer hinaus, das zwischen denen von Cadoudal und Saint-Régeant lag. Da trat kurz darauf Saint-Régeant, ohne anzuklopfen, bei ihm ein: »Ich habe Sie kommen hören. Diese verflixten Wände sind so dünn wie Papier. Bei mir und bei Georges kann man kein Wort sprechen, ohne daß man es nebenan hört .... bei Ihnen geht's doch wenigstens noch einigermaßen!« Er nahm in einem Strohsessel Platz und schlug die Beine übereinander: die gesprenkelten seidenen Wadenstrümpfe saßen ihm wie angegossen. »Ich bring' eine große Neuigkeit ... Ich komme soeben von meiner reizenden Landsmännin ... Die Unterredung ist perfekt. Sie und Georges werden morgen abend vom Ersten Konsul empfangen.« »Donnerwetter! Mit einer solchen Schnelligkeit ...!« Hyde strahlte. »Das ist also Ihr Werk ... Jaja, man braucht nur so ein netter junger Mann wie Sie zu sein, dann ist man der wahre Dietrich.« »Weder Dietrich, noch nett! Es traf sich ganz einfach, daß die Frau unseres Freundes Lerebourg erstens eine glühende Royalistin und zweitens noch dazu eine Lieferantin der Madame Bonaparte ist. So machte sich die Vermittlung zwischen der Gemahlin des Ersten Konsuls und uns eigentlich ganz von selber. Immerhin hat die Frau mit einer Pünktlichkeit und Geschicklichkeit ohnegleichen gearbeitet. Sie hat unsere Sache bei ihrer hohen Gönnerin vorgebracht, und Madame Bonaparte wiederum hat es auf sich genommen, Sie und Cadoudal vor den General zu bringen ...« »Und was sagt der gute Gatte Lerebourg zu alldem?« Saint-Régeant lachte. »Der hat überhaupt keine Ahnung und verkauft derweil unentwegt Galanteriewaren weiter!« »Während wir unter seiner Firma das Geschick Frankreichs zum Guten wenden wollen? ...« »Aber wo ist Georges?« »Das weiß kein Mensch! Der läßt sich rasieren, frisieren und zum wahren Adonis machen und läuft so lange wie ein Gigerl angezogen herum, bis ihn die Polizei zu fassen kriegt. Wenn er gerade nicht spielt, ist er sicher im Palais Royal ... und umgekehrt. Ich säh' ihn wahrhaftig lieber in der Bretagne als auf dem Pariser Pflaster. Mit so einem Wanst und so einem Dickkopf, na, und mit seinen sonstigen Allüren muß er ja auffallen!« Da aber lümmelte und flötete etwas die Treppe herauf. »Wenn man den Esel nennt –« Die Schritte näherten sich. Das Pfeifen verstummte. Dafür aber erscholl die berühmte Arie Monsignys: C'est ici que Rose respire Ici se rassemblent mes vœ,ux! Die Tür ging auf – und Georges stand auf der Schwelle. Ein Gott! Sein Stock war wie ein Riesenkorkzieher. Eine Perücke trug er mit einem Zopf. Und sein Hals erstickte schier in einer mörderischen Musselinkrawatte ... Da mochte übrigens Hyde de Neuville sagen, was er wollte: Cadoudal war schlechterdings unkenntlich! – Knüttel wie Hut flogen aufs Bett; und dann legte er los: »Ich weiß was Neues ...« »Wir auch!« »Ich war mit unsern Freunden zusammen –« »Wir treffen uns morgen mit dem Ersten Konsul!« »Beim ersten Zeichen schlagen sie los –« »Die Unterredung mit Bonaparte entscheidet über alles andere!« »Daß den Korsen der Teufel frikassiere! ... Wir täten wahrhaftig besser, wir räumten endlich gründlich mit ihm auf, als daß wir uns erst noch lange in Unterhaltungen mit ihm einlassen! Bei so einem Geschwätz kommt nichts weiter heraus, als daß die Gemüter wankend und die Entschlüsse wacklig werden!« »Wir haben Befehl von den Prinzen –« »Hyde – gehn Sie mir bloß mit Ihrem Comte d'Artois ... So'n Held! Wenn er in die Vendée gekommen wär' und sich an unsere Spitze gestellt hätte, dann hielten wir heut Paris, und der König säß' in seinem Palais. Aber – was hätte wohl Madame de Polastron dazu gesagt, wenn ihr Herr und Gebieter ein Härchen seines teueren Hauptes gewagt hätte! Himmelherrgott – wir hätten einen Henri den Vierten gebraucht, statt dessen haben wir Faulenzer – Schattenprinzen!« »Aber Georges!« »Jawohl, ich bin 'n Bauernlümmel, aber –« »Wiederholt das nicht zu oft, Georges, sonst glauben wir's Euch am Ende noch!« Da schlug Cadoudal eine große Lache an: »Also, was Wortemachen anbetrifft, bekenne ich mich gern geschlagen, lieber Hyde. Sowie es aber auf Taten ankommt –« »Ich danke Ihnen auch bestens – nun nennen Sie mich wieder einen Feigling! ... Was ist Ihnen heut in die Krone gefahren?« »Nun also ... seien wir uns wieder gut und reden wir von unserer Angelegenheit. Ich traf Rivière, Pastoret, Gininville und Laravière ... Sie haben mir zu übermorgen zum nächsten Ball im Pavillon de Hanovre Rendezvous gegeben. Da treffen wir mit all unsern Leuten zusammen und kommen mit den ganzen Pariser Royalisten wieder in Fühlung –« »Und Sie meinen, da werden wir lauter Helfershelfer finden?« »Bei Gott – das mein' ich nicht. All diese Emigranten sind zurückgekehrt, weil es ihnen im Ausland noch weniger gefiel als hier unter den veränderten Verhältnissen. Sie haben das kleinere von den beiden Übeln gewählt, und sie spielen nun zwar die politisch Unzufriedenen und konspirieren wohl auch gar in den Salons – aber von da bis auf die Straße und nun gar in den Kampf ist ein weiter Weg – das geb' ich gerne zu. Die müssen erst gehörig aufgerüttelt werden, und das ist nur durch einen Gewaltstreich zu machen. Na, und diesen Gewaltstreich habe eben ich vor, sobald, was ich bestimmt glaube, eure Verhandlungen resultatlos ausgegangen sind ...« Seit dem Tage, da Saint-Régeant Madame Lerebourg vorgestellt worden war, war er noch zweimal im Kaufhaus in der Rue Saint-Honoré gewesen. Das erstemal hatte er Lerebourg einige Seiden aus seiner »Kollektion« gezeigt, die übrigens nur unter den allergrößten Schwierigkeiten aufzutreiben gewesen waren. Denn es galt ja, die Rolle des Reiseonkels weiterzuspielen und so das Inkognito aufrecht zu erhalten; und außerdem sollten die Seidenstoffe von so vorzüglichen Qualitäten sein, daß sie unbedingt Madame Bonaparte vorgelegt werden müßten. Das glückte dann auch nicht übel, soweit Herr Lerebourg in Frage kam. Mittlerweile aber hatte sich Madame Lerebourg auch dem andern entscheidenden Faktor, der Madame Josephine anvertraut, und der weitere Plan, den diese beiden Frauen ausheckten, war der: Hyde, Georges und Saint-Régeant schaffen die Stoffballots nach dem Luxembourg, und nachdem sie erst so tief in die inneren Gemächer eingedrungen sind, ist es ein leichtes, sie dem Ersten Konsul vorstellig zu machen. Das zweitemal hatte sich Saint-Régeant bei der »Blauen Mütze« eingefunden, um von Madame Lerebourg die Stunde zu erfahren, zu der sie allzusammen mit den Seidenballots antreten sollten. Und da vernahm er denn: Er selber fährt mit dem Ehepaar Lerebourg per Wagen, während Hyde und Georges solange im Hotel de Nantes warten. Der Modewarenhändler sollte von der eingefädelten Sache seiner Frau ja keine Ahnung haben und weiter völlig in dem guten Glauben sein, er empfehle nur einen Seidenreisenden der Gemahlin des Staatsoberhauptes; und richtig, Lerebourg wiegte sich auch einzig in der Hoffnung, es möchte so mancher Meter Stoffs gleich in den Tuilerien zurückbleiben. – Dieser zweite Besuch Saint-Régeants war schon so eingerichtet, daß Lerebourg gerade nicht da war. Da ward dann auch die Vergangenheit mit all den Schrecknissen lebendig, die die schöne Emilie seit dem Tode ihrer Eltern durchzumachen gehabt hatte. Das junge Mädchen hatte damals in der Tat plötzlich mutterseelenallein auf der Welt dagestanden: rings um sie Chouanerie – Legitimisten – Bonapartisten – Exekutionen – Massakers – der Horizont voll Feuerschein – und alles rauchende Trümmerstätten. Eigentlich hatte sie noch von Glück reden können, daß sie in Nantes dann diesen Herrn Lerebourg gefunden hatte. Doch das war so gekommen. Herr Lerebourg war zu jener Zeit vorübergehend in Nantes und an der Löschung einer schmugglerischen Schaluppe mit Kattun, Wolle und Strumpfwaren direkt aus Liverpool stark interessiert; und Emilie zu gleicher Zeit als einfache Arbeiterin bei den Fräuleins du Guast, überzeugten Royalistinnen, die in Handelsbeziehungen zu Lerebourg standen. Dem Kaufmann hatte des Mädchens Schönheit wie Vornehmheit sogleich in die Augen gestochen; Emilie Bourdin, wie das Fräulein de Plémeur im ganzen Viertel hieß, war aber auch eine äußerst geschickte Spitzenklöpplerin. So dachte Herr Lerebourg, daß Fräulein Bourdin eine ausgezeichnete Akquisition für seinen Laden in der Rue Saint-Honoré wäre; kaum jedoch, daß er die ersten einleitenden Worte in diesem Sinne zu den Fräuleins du Guast äußerte, nahmen die eine so eisige Miene an, daß er in die jungfräulichen Tugenden der schönen Emilie unwillkürlich die ernsthaftesten Zweifel setzen mußte. Umgekehrt wurde ihm seine heftige Liebe zu dem bildschönen Arbeitermädchen nun erst recht erschreckend klar; und nur zu bald begriff er, daß er – wenn sie ihn nur überhaupt wollte – selbst zu den weitgehendsten Konzessionen bereit sein würde. Er wollte sie um jeden Preis heiraten ... wer aber begreift sein Erstaunen, als er – wieder aus dem Munde der Damen du Guast – hören mußte, daß Fräulein Emilie keineswegs aus der Hefe des Volkes sei und – von so überaus vornehmer Abstammung – höchstwahrscheinlich seine bürgerliche Hand ausschlagen würde! In Paris erregte das junge Frauchen Lerebourgs keine kleine Sensation. Robespierre, der stets gern in Wichs war, kam persönlich zur »Roten Mütze«, um die hohen Musselinkrawatten eigenhändig zu kaufen, die, wie man sagte, die Skrofeln so schön verdeckten; Fabre d'Eglantine machte Gedichte auf die schöne Bürgerin Lerebourg; und Barras gar wurde ihr zweiter Schatten. Indes, die junge Frau war für alle die Werbungen dieser Leute, die in ihren Augen doch ganz gemeine Mörder waren, bei aller sonstigen Zuvorkommenheit unzugänglich; sie bekehrte lieber nach und nach ihren Mann zu ihren eigenen Anschauungen und machte fein sachte einen politisch »Gemäßigten« aus ihm. Ihn zu einem vollkommenen Royalisten zu erziehen, gelang ihr freilich nicht: Lerebourg gab sich schon mit dem Konsulat zufrieden, wenn seine Monatsabschlüsse nur weiter dieselbe aufsteigende Tendenz zeigten wie bisher ... Pünktlich um die festgesetzte Abendstunde kam Saint-Régeant in einem Wagen vorgefahren. Lerebourg und der falsche Leclerc verstauten erst die Musterkollektion im Fiaker, und dann erschien Madame Lerebourg. Sie trug ein wundervolles weitausgeschnittenes Prinzeßseidenkleid, ein fein geblümtes Musselinschultertuch und einen großen schutenförmigen Hut mit Bindebändern. Beim Einsteigen sah man ein entzückendes Bein in einem hellgrauseidenen Strumpf. Lerebourg nötigte Leclerc, neben seiner Gemahlin Platz zu nehmen, und eh' er sich selber zu den Paketen setzen wollte, rief er erst noch zum Bock hinauf: »Kutscher! Nach den Tuilerien!« 5. Kapitel Nachdem ihn der Erste Konsul immerhin ziemlich heruntergeputzt hatte – und das eigentlich ohne rechten Grund – , saß Fouché in seinem Arbeitszimmer und überlegte kalten Bluts, wie er seinerseits dem Herrn Staatsoberhaupt eins anhängen könnte. – Unnötige Aufregung kannte der einstige Rednersmann nicht. Solange hinter einem Wort sich nicht unmittelbar die Tat barg, erachtete er es für nichts. Meinetwegen kritisier' er, schimpf' er oder platz' er vor Wut – ich rege mich erst auf, wenn ich den ausdrücklichen Befehl von ihm in den Händen habe, ich soll alles, was an Jakobinern noch in Paris ist, verhaften und deportieren. Das dumme Greinen des Generals nützt zu nichts. Was hab' ich groß davon, wenn er mir sein Mißtrauen bekundet? Im Gegenteil, ich muß etwas finden, das neues Wasser auf seine Mühle ist ...! – So saß und sann Fouché dicht am Kamin in seiner wahren Reitstube im Polizeiministerium. Auf die Royalisten mußte man Bonaparte endlich hetzen – und nicht immer auf die Jakobiner. Die ganze Schale seines Grimms mußte der Konsul endlich über diese Briganten ausgießen – und nimmer auf die verflossenen Kollegen Fouchés. Wie oft hatte er's dem General schon versichert: die Fußbrennerbanden sind weiter nichts als Chouans, die sämtlichen Posträuber im Grunde nur Ausgesandte der normannischen Armee und einfach Fourageure des Herrn de Frotté. Beweis: Sie nehmen die Staatsgelder weg und lassen die Geldbeutel der Reisenden unangetastet. Aber all diese Tatsachen läpperten sich sozusagen nur und ballten sich nicht ein einziges Mal zu einem großen, gewaltigen, rasenden Coup zusammen, daß der General gar nicht anders mehr konnte und die gesamte öffentliche Meinung zu einem Wutschrei ward: Da! seht die wahren Schuldigen – die Royalisten! ... Bis zu diesem Punkt war Fouché wieder einmal in seinem Inneren gekommen, als es leise an die Tür pochte. Der Minister hielt es nicht einmal für nötig, da lange »Herein« zu sagen; es konnte ja doch nur ein Vertrauter sein: »Ach, Sie sind's, Braconneau.« Ein kleines Männchen in einem flohbraunen und wattierten seidenen Überrock, mit einer Perücke à la Taubenflügel und sehr gepudert: wer hätte bei solchem Anblick nur im entferntesten an den Polizeispitzel im grünen Karrick im Hof des Gasthauses zum »Schwarzen Roß« gedacht? – und dennoch war's ein und dieselbe Person. »Kommen Sie von Dubois?« fragte Fouché. »Was sagt er?« »Er sagt, daß es sich unter den Philadelphisten rührt, und daß die die Konsuln in den Anklagezustand versetzen wollen –« »Der ist ja verrückt!« »Es ist immerhin etwas Wahres daran, Bürger-Minister. Die früheren Klubs tun sich zu Geheimgesellschaften zusammen ... Aber das ist nicht so schlimm. Schlimmer ist, was Georges tut. Der ist kaum in Paris angekommen und berät sich bereits mit den Häuptern der Royalistenpartei, denen die Regierung höchst unklugerweise die Rückkehr gestattet hat ...« »Sagen Sie lieber: der Erste Konsul!« »Er wird sich die Finger dabei verbrennen.« »Sie lassen doch Georges nicht aus den Augen?« »Nein, Bürger-Minister.« »Wo wohnt er?« »Rue de l'Arbre-Sec, im nämlichen Hotel, in dem auch die Herren Hyde de Neuville und Saint-Régeant abgestiegen sind.« »Sie haben sich von der Richtigkeit dieser Angaben persönlich überzeugt?« »Zu Befehl, Bürger-Minister. Ich hab' unter dem Namen Chevalier de Lavernières im selben Hotel ein Zimmer genommen, damit ich den Herren – in diesem Aufzug da! – nahe sein kann. Saint-Régeant und Hyde übrigens traf ich bereits vor einigen Tagen auf dem Weg durch die Normandie hieher. Saint-Régeant reist unter dem Namen Victor Leclerc, und sein Paß ist in tadelloser Ordnung. Ich hab' sie dann etwas aus den Augen verloren, das heißt, sie haben mich recht geschickt getäuscht. Aber jetzt hab' ich sie ja wieder, und ein zweites Mal kommen sie mir sicher nicht aus.« »Wissen Sie Näheres?« »Hyde hat bis jetzt noch kaum die Nasenspitze aus dem Hotel gesteckt. Saint-Régeant dagegen war schon öfters unterwegs. Zum Beispiel bei den Herren Duc de Rivière und Marquis de Virieu und dann beim Modewarenhändler Lerebourg, ›,Zur blauen Mütze‹,, Rue Saint-Honoré, in der Nähe von Saint-Roch.« »Was hat der bei Lerebourg zu suchen?« »Den haben er und Hyde in der Normandie in ihrem Kabriolett mitgenommen.« »Sie kannten sich also?« »Durchaus nicht. Sie lernten sich – mit mir – an der Table d'hote kennen. Der Kaufmann kriegte es mit einer mächtigen Angst vor der Weiterreise zu tun, und so luden ihn die beiden auf. Warum sie übrigens weiterhin so freundschaftlich miteinander verkehren, das hat, glaub' ich, einen andern Grund.« »Na?« »Der Bürger Lerebourg hat eine junge hübsche Frau.« »Wie ist der Lerebourg politisch angehaucht?« »Ausgezeichnet, Bürger-Minister. Lieferant der Madame Bonaparte und der ganzen feinen Pariser Gesellschaft. Die Bürger Tallien, Récamier, der General Junot – alles seine ständigen Kunden. Seine ganze Politik geht übrigens dahin: Aufrechterhaltung der Konsularregierung.« »Ahnt Lerebourg etwas von dem wahren Charakter seiner Reisebekanntschaft?« »Nicht ein Atom! Der würde sie doch nicht zu sich eingeladen haben, wenn er wüßte, daß sie sich ihm unter ganz falschen Namen vorgestellt ... Nein, nein, der glaubt fest an den Bürger Victor Leclerc ...« »Und die Frau?« »Ach! das ist ganz etwas anderes! Ich hab' ein paar Ladenfräulein gesprochen. Madame Lerebourg war ursprünglich adlig. Aus der Bretagne. Vor ein paar Jahren heiratete sie den Inhaber ›,Zur blauen Mütze‹,, der wahnsinnig in sie verschossen ist. Sie gilt für sehr klug – aber ...« »Eine jede Frau ist so lange klug, bis sie anfängt, Dummheiten zu begehen. Saint-Régeant ist doch ebenfalls aus der Bretagne ... vielleicht kennen sie sich von früher her ... also aufgepaßt! ... Was aber treibt denn dieser Georges?« »Der kommt überhaupt nicht mehr aus dem Palais Royal heraus. In den Galerien de Bois immerzu mit kleinen Mädchen oder auf 113 beim Pharaospiel. Und verlieren tut er da – soviel er will ... Er verbirgt sich auch nicht im mindesten. Er ist so leicht zu erkennen, daß ihn mir auf den ersten Schlag zehn meiner Agenten signalisiert haben ... Soll ich ihn verhaften?« »Hüten Sie sich! Das gleichzeitige Eintreffen hier von Hyde aus England und Georges aus der Bretagne – das bedeutet doch etwas! Vielleicht gehen wir einem großen Ereignis entgegen. Man hat mir's zwar bisher zu verheimlichen verstanden: welchem Ereignis, aber den Faden hab' ich doch schon in der Hand. Nun kann's nicht mehr fehlen ...« »Und ich, Bürger-Minister, soll mich wohl weiterhin mit Saint-Régeant beschäftigen?« »Ja! Aber versäumen Sie mir darüber bloß nicht die Affäre der Philadelphisten! Der Erste Konsul ist überzeugt, daß die Jakobiner die Unruhstifter sind. Ich selber teile ja seine Befürchtungen keineswegs, aber ich möcht' es doch nicht gern darauf ankommen lassen. Wenn also von dieser Seite ein Komplott angezettelt werden soll, dann muß ich's doch jedenfalls vereiteln können ... Dieser Ochse Dubois sieht natürlich nichts und erfährt nichts!« »Wenn Sie, Bürger-Minister, den Konsul dazu kriegen könnten, daß Dubois bald einen Nachfolger bekäme –« »Ich glaube, Braconneau, Sie sind heut nicht ganz richtig? Der wäre imstande und setzte einen ein, der wirklich was leistet – und wo blieben dann wir mit all unsern Operationen! ... Er muß die Null sein, die wir uns anhängen!« »Ach so! Ja – dann freilich – –« In den Mundwinkeln Fouchés spielte ein dünnes Lächeln. Er entließ seinen Agenten mit einer Handbewegung; der verbeugte sich ergebenst und verschwand so lautlos wie er gekommen war. – Dieser Bürger Braconneau war ein gefährlicher Polizist. Seine Spezialität die Politik. Vor der Revolution hatte er in Diensten des Herrn Lenoir gestanden. Als die rechte Hand Maillards war er bei den Septembermassakern dabeigewesen und unterm Schreckenssystem einer der fürchterlichsten Hebertisten. Im Thermidor war er wie durch Zauberei mit einemmal unter Tallien gewesen, und von diesem kam er in den Dienst Fouchés. Hier erst hatte er sich so recht in seinem Element gefühlt. Die Winkelzüge dieses ausgemachten Heuchlers hatten keinen eifrigeren Verehrer als den Bürger Braconneau. Dieser skrupellose Polizist, der einfach zu allem zu gebrauchen war, liebte seinen Beruf leidenschaftlich wie ein Hund die Jagd liebt. In der Ausübung seines Berufs gab es keinen pünktlicheren, genaueren, ja peinlicheren als ihn. Er war nichts als Spitzel – er war die Spürnase selber – der ganze Kerl war ein Riechorgan. Es war schon mehr intuitiv, wie er sofort herausbekam, daß im Haus Lerebourg im allgemeinen etwas vorging und insbesondere die schöne Emilie, die bis dahin ein so gesetztes Persönchen gewesen, seit dem Auftauchen Saint-Régeants irgendwie unruhiger war. – Aber – was da eigentlich vorging – ? Ein paar Stunden später, nachdem er bei Fouché gewesen war, saß Braconneau im Laden »Zur blauen Mütze« in der Abteilung für Krawatten und Handschuhe. Lächelte zur Verkäuferin auf und sagte ihr so galante Dinge, daß man sich neu wieder ins ancien régime versetzt glaubte. »Aber Herr Chevalier, wer Sie erhört, der hat nachher nicht Augen genug, darüber zu weinen. Alle sagen, Sie seien der größte Verführer. Und unsere Prinzipalin, die Bürgerin Lerebourg, wacht eifrig über uns, daß uns Courmacher wie Sie nichts tun!« »Wacht sie über sich selber auch so ei – eifrig, wie Sie sagen? Wie – oder sollte ihr Gatte seinerseits ein wenig eifersüchtiger wachen? Oder ist der junge Herr am Ende ein Bruder von ihr?« »Ach, jetzt weiß ich, wen Sie meinen! Den Herrn Leclerc? Der kommt rein geschäftlich zu uns und unterhält sich übrigens viel lieber mit dem Herrn wie mit Madame. Soviel ich weiß, sucht der Aufträge und fährt heut abend mit dem Prinzipal mit Kleiderstoffen zur Frau Gemahlin vom Ersten Konsul ...« »Woher wissen Sie das, göttliche Hermance?« »Sehr einfach. Ich hab' die Stoffe eingepackt, und der Bürger Lerebourg hat noch eigens zu mir gesagt: Wenn die Bürgerin Bonaparte diesen Lyoner Brokat in Mode bringt, dann verdienen wir ein Vermögen ... Übrigens wird Leclerc seine Muster schon anpreisen, darauf versteht er sich wunderbar!« »Oh! ich zweifle nicht, daß die Bürgerin Beauharnais für einen neuen großen Staat im Staate ist; aber die Damen ihrer Umgebung, fürcht' ich, die sind doch allzu mittelmäßig. Mit ehemaligen Obstweibern und Waschfrauen, wie sie jetzt die Salons der Tuilerien bevölkern, macht sich so leicht keine Aristokratie ...« »In was für Tönen Sie aber von diesen Damen reden, Herr Chevalier! Dabei ist Madame Lannes bildhübsch, Madame Murat direkt eine Schönheit, und was die Schwester vom Konsul, die entzückende Pauline anbelangt...« »Die lass' ich mir noch gefallen, ja! Aber mit Ihnen, anbetungswürdige Hermance, kann's doch keine von all jenen aufnehmen!« Er erhob sich mit Grazie. Aus seiner Perücke staubte eine feine Wolke wohlriechenden Puders. »Sollen wir Ihnen die Sachen zuschicken, Herr Chevalier?« »Nein, meine Schönste, ich habe zwei Schritt von hier vor Saint-Roch meinen Wagen warten ... Ich nehm' diese leichten Paketchen untern Arm ...« Er teilte – an der Kassiererin vorüber – Grüße und Lächeln aus, und das hübsche Ladenfräulein brachte ihn bis zur Tür. »Das macht sich ja famos,« frohlockte Braconneau. »Nun bloß rasch in einen andern Menschen hinein! Von sechs Uhr abends an darf ich die ›,Blaue Mütze‹, nicht mehr aus den Augen lassen! Wenn Saint-Régeant nach den Tuilerien fährt, dann ist es doch nicht wegen Mustern für Josephine! Was es aber auch sei – ich muß es beobachten!« An der Ecke Rue de la Sourdière angekommen, schlug er eine raschere Gangart an, bog um den Montmartrehügel und trat in einer Allee in ein kleines Haus mit steinalter Fassade. – Eine halbe Stunde später kam ein stutzerhaft gekleideter Herr heraus, in enganschließenden Beinkleidern, einem Rock mit langen Schößen, bunter Weste, und das kurze lockige Rothaar seitlich in zwei Spitzen koiffiert. Von dem Lebegreis im seidenen Überrock war nichts mehr übrig geblieben, aber es war immer wieder Braconneau, der gefürchtete Spürhund Fouchés. – Um sieben Uhr dann kam Saint-Régeant im Wagen am Kaufhaus vorgefahren, und kaum daß die Musterkollektion im Fiaker vom falschen Leclerc und Lerebourg verstaut war, erschien Madame Lerebourg. »Bürger Leclerc, Sie setzen sich neben meine Frau.« Und damit gab der Kaufmann dem jungen Manne einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Saint-Régeant aber setzte sich Madame gegenüber auf den kleinen Sitz neben die Pakete. »Ach! nun haben Sie sich doch anders gesetzt?« fragte dann Lerebourg zum Wagenschlag herein. »Auch gut! die Fahrt dauert ja keine Ewigkeit ... Kutscher! Nach den Tuilerien!« Im Dunkel des Wagens suchte Saint-Régeant nachher heimlich die Hand Emiliens. Und fand sie und hielt sie und preßte sie zärtlich. Die Finger der jungen Frau wollten erst fast erschrocken fliehn, gaben sich aber dann gefangen und schickten sich drein, und die Wärme dieses schlaffen Fleisches rührte Saint-Régeant bis ans Herz. Lerebourg – der plapperte derweil; aber die beiden hörten ihm gar nicht zu, so sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt. Bald ein wenig kühner noch, suchte Saint-Régeant mit seinem Knie das Knie der jungen Frau – und fühlte, wie sie bei solcher Berührung zusammenschauerte. Ihre kleine Hand war in der seinigen wie ein kleiner Vogel. Und während der Kasten weiter rumpelte und Lerebourg vor lauter Rumpeln immer noch mehr schrie, waren die beiden von den innigsten Empfindungen erfüllt. Plötzlich sprach der Kaufmann: »Wir sind schon da ...« Die Hände lösten sich; die Blicke mieden einander. Lerebourg sprang als erster heraus. Ein Grenadier von der Konsulargarde stand da Posten. »So, und nun, Bürger Leclerc, reichen Sie mir die Reste heraus ... Komm, Emilie, komm, mein liebes Kind ... Hast du auch die Spitzen? ... Unser lieber Freund ist so gut und trägt den Samt ... Kutscher, Sie warten hier solange –« Über einen Hof ging's in eine Vorhalle. Ein Ordonnanzunteroffizier stand am Aufgang zur Treppe. Lerebourg trat auf ihn zu mit Wichtigkeit und Würde: »Zur Generalin Bonaparte ...« »Im ersten Stock, Bürger ... Da fragen Sie dann nochmal ...« Im ersten Stock stand ein Diener von einem Bänkchen auf und kam ihnen entgegen. »Ich bin der Bürger Lerebourg. Madame Bonaparte erwartet mich.« Der Diener verneigte sich: »Ich soll Sie zu Madame bringen, Bürger ... Wollen Sie mir, bitte, folgen ...« Durch eine Galerie gelangten Lerebourg, Emilie und Saint-Régeant in die Privatgemächer der Gemahlin des Ersten Konsuls. In einem kleinen, mit grünem Stoff ausgeschlagenen Salon, darin leichte Kanapees und gedrechselte Stühlchen im Geschmack des 18. Jahrhunderts, sollten sie warten. Eine angeregte Unterhaltung klang von irgendwo bis hieher. Ein paar Soprane, und dann immer wieder ein Bariton dazwischen. Plötzlich aber wurde eine Tür aufgerissen, und Josephine und hinter ihr Hortense Beauharnais und Madame Murat kamen herein. Josephine – lächelnd, in einer weißen Robe aus indischem Musselin mit wundervollem Spitzenbesatz; mächtig dekolletiert zwar – aber diese Büste glich auch einer herrlichen fremden Blume; – die Arme bis zu den Schultern empor nackt; das Gewand allen Linien dieses schönen Kreolinnenleibes nachfließend; das kastanienbraune Haar zu einem hohen griechischen Knoten aufgesteckt und Locken beiderseits an den Schläfen: dieser Frau sah man das Alter nicht an, und wenn ihre Zähne schöner gewesen wären, hätte sie an holdem Reiz der Schwester Bonapartes und selbst auch Hortense wohl in nichts nachgestanden. Mit einer graziösen Geste lud sie die beiden jungen Frauen zum Sitzen ein; dann warf sie Madame Lerebourg einen Blick lustigen Einverständnisses zu und wandte sich dann fröhlich an den Modewarenhändler: »Na nu, Herr von und zur Blauen Mütze, zeigen Sie uns Ihre Wunder ...« Aber in dem nämlichen Augenblick sah sie auch schon neugierig zu Saint-Régeant hinüber. – Der tadellose braune Rock, der die gertenschlanke Jünglingsfigur womöglich in ein noch günstigeres Licht setzte; die strammen, gamsledernen Kniehosen, die dem gemeißelten Bein wie angegossen saßen; die todschicken Stulpenstiefeln; dazu der vornehme Teint des jungen Mannes und die edeln Locken um das liebliche Gesicht: wenn das nicht auf den ersten Blick als von reinster Rasse und gar hoher Aristokratie sprach – – ! Josephine mußte lächeln. Dann fragte sie: »Und das also ist der Herr aus Lyon, der uns seine Stoffe vorlegen will?« »Zu dienen, Madame,« antwortete der vorgebliche Leclerc und machte seinen ergebensten Diener. »Ich denke, Sie packen am besten hier auf dem Tisch aus ...« »Ich habe da wunderschöne Spitzen aus England bekommen. Und indische Stoffe – allerallererster Qualität,« sprach Lerebourg und breitete auf grüner Samtunterlage wirklich hervorragende Spitzenarbeit aus. Hortense und Madame Murat waren entzückt. Josephine hingegen war viel mehr begierig auf was Saint-Régeant ihr zeigte. Ihre feine weiße Hand fühlte die Lyoner Brokate an, und sie sprach: »Also diese Industrie, meinen Sie, sollte man unterstützen?« »Gewiß, Madame.« Der junge Mann hatte eine angenehme, wohltuende Stimme. »Die Stadt hat sich von den Schreckenstagen von 93 her noch nicht wieder erholt. Es herrscht Arbeitermangel. Nun hat ein genialer Kopf – namens Jacquart – eine Erfindung gemacht: eine Maschine soll die menschliche Arbeit mit einer staunenswerten Präzision ersetzen. Die Lyoner Industrie will einen neuen Aufschwung nehmen, falls man ihr nur das richtige Interesse entgegenbringt. Wenn der Herr General-Konsul vielleicht irgendwie dafür zu gewinnen wären ...« »Ihre Ausführungen sind von einer solchen Klarheit –« sagte Josephine. »Das muß Bonaparte selber von Ihnen hören ... Ich will gleich einmal fragen, ob sich das machen läßt ...« Sie stand auf und ging hinaus. Emilie war von Hortense und Madame Murat so sehr in Beschlag genommen, daß sie von der Unterhaltung Josephinens mit dem Pseudo-Leclerc kaum etwas bemerkt hatte. Lerebourg aber hatte jedes Wort gehört. Der wisperte nun sogleich zu seinem Kollegen: »Hören Sie. Wenn der Erste Konsul auf Ihre Ideen eingeht, dann vergessen Sie auch meine Firma nicht ...« »Seien Sie unbesorgt. Wir sind doch nicht zu unserm Vergnügen hiehergekommen.« »Ich nehme diesen Besatz – und diesen Schal,« entschied Madame Murat. »Das Muster ist in der Tat köstlich.« »Und ich die englische Spitzenrobe für meine Mutter. Sie wird wie eine Göttin darin aussehen ...« Na kam Josephine wieder herein. »Der Erste Konsul will Sie empfangen, Herr –« erklärte sie. »Sie bleiben also mit diesen Stoffen hier. Herr und Frau Lerebourg nehmen die Spitzen mit hinaus, das heißt, soweit Ihnen meine Schwägerin und meine Tochter noch davon übrig gelassen haben ...« Herr und Frau Lerebaurg verbeugten sich. Lerebourg packte seine Spitzen und Stoffe zusammen; Emilie sah einigermaßen verwundert zu Saint-Régeant hinüber. Mit welcher Seelenruhe der doch dastand! Als ob er daheim im Laden zur »Blauen Mütze« gestanden hätte! Oder als ob die hohe und plötzliche Ehre, im nächsten Augenblick dem Oberhaupte des Staates vorgestellt zu werden, das Natürlichste von der Welt wäre! – Sie bekam es ein wenig mit der Angst. Das sollte wohl nicht ungefährlich sein; auch für sie nicht. Indes, sie hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Ihr Gatte wollte bereits gehen. Sie empfahl sich ehrfurchtsvoll vor Josephine. Ihr Gatte erschöpfte sich in unzähligen Bücklingen. Saint-Régeant richtete einen unendlich zärtlichen Blick auf sie, als ob er ihr damit sagen wollte: Mein Herz hat kein Geheimnis vor dir ... zu Lerebourg gewendet aber sprach er in einem Ton, der durchaus nur Geschäftliches ausdrücken sollte: »Ich bin morgen früh jedenfalls bei Ihnen im Laden.« Und dann befand sich Saint-Régeant allein mit Josephine. Hortense und Madame Murat hatten sich auf irgendein Zeichen oder ein Wort ebenfalls zurückgezogen. – Die Gemahlin des Ersten Konsuls nahm in einem Lehnstuhl Platz. Dann fragte sie lächelnd: »Herr de Saint-Régeant, nicht wahr?« »Zu dienen, Madame.« Der royalistische Abgesandte verneigte sich mit seiner Ritterlichkeit. »Hat Herr Lerebourg eine Ahnung, wer Sie eigentlich sind?« »Nicht im mindesten. Ich fand, es wäre so einfacher und weniger kompromittierend für ihn ...« »Sehr richtig. Aber die kleine Lerebourg hat ihre Mission äußerst geschickt durchgeführt. Wie verschmitzt sie das angestellt hat ... ich hab' sie sehr, sehr gern. Aber Sie sollten doch nicht allein hieher kommen. Wo sind Ihre Freunde?« »Die Herren Hyde de Neuville und Cadoudal warten an der Ecke vom Hotel de Nantes, bis jemand mit einem weißen Taschentuch in der Hand auf sie zutritt und das eine Wort: Louis sagt ...« »Ich werde sogleich veranlassen, daß sie jemand holt. Auch muß ich es dem General sagen lassen. Wollen Sie sich ein Weilchen gedulden?« In der Stille des Palais lehnte Saint-Régeant gemächlich am Kamin und lauschte wohl, ob sich im Palaste selber etwas rege. Aber da war nur das ferne Rollen von Wagen draußen und der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens drunten im Innenhof. Eine Viertelstunde verging so, ohne daß der royalistische Abgesandte sein Herz auch nur für eine Sekunde lang schneller schlagen gefühlt hätte. Warum auch? Es hatte sich bis jetzt alles so auf Treu und Glauben gemacht. Wahrhaftig! Auch mußten in der nächsten Umgebung des Ersten Konsuls wirklich gewichtige Stimmen zugunsten der Partei der Prinzen sein – allen voran Josephine natürlich – ; anders war es nicht gut zu denken. Bestand also eine Hoffnung und war Bonaparte einer Restauration geneigt? War auf die seinen Berechnungen Hydes demnach doch mehr zu geben als auf all die klobigen Befürchtungen Georges'? – Aber da landete die beflügelte Phantasie Saint-Régeants bereits in einem ganz andern Bezirk, und das liebliche Gesichtchen Emiliens tauchte vor ihm auf. Wie bezaubernd die doch war – und wie sehr er sie längst liebte! Als fühlte er noch ihre warme Hand und säße wieder mit ihr im Wagen ... der verliebte Saint-Régeant vergaß Zeit und Ort und den hohen Auftrag und den berühmten Bonaparte ... da kamen Hyde und Georges in Begleitung eines Offiziers herein. Kamen lächelnd auf ihn zu, und er mußte einem jeden die Hand geben. Da aber redete der Offizier militärisch kurz: »Ich habe den Befehl, Bürger, sicher zu gehen, ob keiner von Ihnen Waffen auf dem Leibe verbirgt.« Georges knöpfelte sogleich die seine Weste auf und sagte fast scherzend: »Weder Flinten, noch Dolche – bitte! Meinetwegen sehen Sie nach, wo Sie wollen.« Hyde und Saint-Régeant hatten weniger stürmisch ein gleiches getan. Der Offizier verneigte sich und ging ins Zimmer nebenan. Im nächsten Augenblick tat sich die Türe auf – und der Sieger von Arcole erschien. Mit sorgenvoller Stirn; und mit einem Neigen des Kopfes nach den Herren hin grüßend. Ein Adjutant in Husarenuniform kam hinter ihm drein und schien in einer Zimmerecke Posten fassen zu wollen. »Herr Oberst Rapp – gehen Sie, bitte,« sprach Bonaparte. Aber Rapp schnitt eine Grimasse. Nahm, schien's, nur widerwillig seinen Säbel auf und sagte im Hinausgehen: »Dann bleib' ich wenigstens auf Hörweite. Ein Wort, und ich bin da.« »Gehen Sie und schließen Sie die Tür.« »Das nun gerade nicht!« erklärte der Adjutant. »Aber Sie können ganz beruhigt sein, General. Ich hör' schon nichts von allem was gesagt wird –« Er verschwand, doch ließ er die Tür halb offen. – Bonaparte maß einen Augenblick diese drei royalistischen Sendlinge. Dann fesselte ihn der bärenmäßige Georges besonders und er mußte lächeln, wie er nun am Kamin Platz nahm. Er zeigte auf Stühle für die Herren. »Sie werden ungemein beschützt, General,« sprach Hyde und nestelte an seinem Spitzenjabot. »Ihre Prinzen zwingen mich dazu,« erwiderte Bonaparte sanften Tons. »Aber was haben Sie mir von ihnen zu sagen?« »Finden Sie nicht auch, General, daß Frankreich nun endlich genug von der Revolution gelitten hat –« hub Hyde da an, »auf daß es wirklich an der Zeit scheint, daß die Ordnung wieder hergestellt wird?« »Das gerade ist es, das ich mir – mit der Hilfe aller gutgesinnten Bürger – angelegen sein lasse. Aber, meine Herren, die größten Hindernisse, die uns dabei in den Weg gelegt werden, stammen von Ihnen. Seit in der Vendée vor kurzem der Waffenstillstand unterzeichnet ist, atmet das Land ein wenig auf. Aber die Banden in der Normandie haben immer noch nicht abgerüstet, die Parteigänger des Herrn de Frotté stehen immer noch im Feld. Was soll man denn da machen, daß es endlich Friede wird? Wenn's im Ausland wär', dann fackelte ich nicht lange, das wissen Sie doch ... so aber Franzose gegen Franzose ...« »General! Sie sind ein großer Heerführer, und wir beugen uns vor Ihrem Ruhm. Aber unsere Prinzen sind von erlauchtem Blut, das Frankreich geschaffen, vergrößert und erlaucht gemacht hat ... was können Sie für unsere Prinzen tun?« »Was verlangen Ihre Prinzen?« Cadoudal hatte bis dahin geschwiegen und Hyde reden lassen. Auf diese Frage aber richtete er sich gewaltig auf, schaute dem Ersten Konsul geradeaus ins Gesicht und antwortete höchst einfach: »Ihren Thron!« »Ah! Der General Cadoudal hält sich nicht lange mit Worten auf,« sprach Bonaparte mit einem Lächeln. »Das ist schön ... nur Sie sind sehr anspruchsvoll. Was für einen Thron? Es gibt keinen Thron in Frankreich mehr. Der ist – gestürzt, mein' ich doch!« »So richtet man ihn wieder auf! Cromwell stieß Karl den Ersten vom Thron – Monk setzte Karl den Zweiten wieder darauf. Monk war immerhin auch ein siegreicher General.« »Monk? Der muß schon subaltern auf die Welt gekommen sein, daß er selbst einen Herrn über sich setzte.« Die drei Royalisten sahen sich an. »Sollen wir aus diesen Ihren Worten den Ausdruck Ihres geheimsten Gedankens entnehmen?« Umständlich feierlich kam das von Hydes Lippen. »Wollen Sie denselben Thron, den wir für die Bourbonen von Ihnen erbitten, für sich selber reservieren?« Bonaparte zuckte zusammen und sah Hyde starr an, daß der ihn so durchaus erraten hatte. Dann schüttelte er mit dem Kopf; seine Stirn blieb weiß und glatt wie Marmor; seine Augen taten sich zu, als ob er sich vor ihren Blicken verbergen wollte; und mit fester Stimme sprach er: »Wozu einen Thron? Bin ich nicht der Herr und alles im ganzen Land meinem Willen Untertan? Sie selber kommen und bitten mich zugunsten der emigrierten Prinzen; nun ja, ich kann den Thron wieder aufrichten, den die Revolution gestürzt hat, kann einen Ludwig den Achtzehnten einsetzen ... aber wozu? Hieße das nicht vom nächsten Tage an den Kampf gegen das ancien régime erneuern? Würde der König nicht mit all seiner Umgebung, seinen Günstlingen und Schranzen zurückkommen – mit all dem, das Frankreich zum Teufel gejagt hat und nie wiedersehen will? Hieße das nicht alle Privilegien und Rechtseingriffe neu aufkommen lassen, die wir erst nach zehn Jahre langem Kampf und unter soviel Blutvergießen ausgerottet haben? Glauben Sie denn, wir haben Österreich und Rußland besiegt, England bekämpft, Ägypten unterworfen und die Trikolore siegreich auf hundert Schlachtfeldern aufgepflanzt, um all die Ruhmestaten der Revolution, die Freiheit eines ganzen Volkes und seine zukünftige Größe den degenerierten Erben eines vierzehnten Ludwigs zu Füßen zu legen? Nein, meine Herren, das haben Sie wohl selbst nicht für möglich gehalten – das kann nicht der Zweck Ihres Kommens gewesen sein!« »Doch! doch! das ist die einzig mögliche Erlösung aus der Krise, in der Frankreich schmachtet!« setzte Hyde mit ebensoviel Festigkeit entgegen. »Sie behaupteten soeben, Sie seien der Herr und Meister. Dabei widersetzt sich ein gutes Dritteil der Provinzen noch Ihrer Macht. Das ganze Land jenseits der Loire haben Sie noch nicht; und der halbe Süden ist immer noch in beständiger Aufregung. Haben Sie nicht selber gesagt, daß die Normandie noch völlig unter Waffen ist, und alle Wege sind bis auf zwei Meilen an Paris heran so herzlich wenig sicher, daß die Post Tag für Tag überfallen wird? Die Fußbrennerbanden plündern bis ins Weichbild der Stadt herein Pachthöfe und Schlösser, ohne daß Ihre fliegenden Korps ihnen etwas anhaben können. Überall wo Ihre Armee nicht ist, da ist Unsicherheit und Aufruhr. Die Gerichtsbarkeit ist ungewiß, Religion gilt überhaupt nicht mehr, das Eigentum zittert vor dem kommenden Tag, die Familie ist durch Ihre Gesetze erschüttert. Die angestammte Monarchie allein garantiert diesem unglücklichen Lande den Frieden, das sich kaum vom Schreckenssystem erholt hat und von all den Revolutionsgreueln noch nachzittert. Wir allein bürgen für die Ordnung, die Sie wieder einsetzen sollen: das monarchische Prinzip! doch das wissen Sie ja selber ... Wenn Sie heute inmitten eines Ihrer Bataillone untergehen, was ist am andern Tag noch von Ihrer Regierung übrig? Die Jakobiner, die Sie bis jetzt in Schach halten, könnten sich nur wieder durch Greuel zur Macht aufschwingen; aber auf wie lange? Wir Royalisten strecken die Waffen nicht, das sage ich Ihnen. In Fontenay kam nur ein Waffenstillstand zustande, der es uns ermöglicht hat, frei bis hieher zu Ihnen zu gelangen und Sie vor die Wahl zu stellen: Frieden oder Fortsetzung des Kriegs. Sie haben zu entscheiden ...« Bonaparte lächelte; und sah dabei Hyde mit jenem Blick an, der wahrhaft wie ein Blitz und in der Tat kaum auszuhalten war, sodann frug er im einschmeichelndsten Tone: »Und welche Bedingungen stellen Sie mir?« »Sie, General, kommen mit einem von Ihnen zusammengestellten Armeekorps und Ihrem ganzen Generalstab nach Cherbourg und empfangen dort den Herrn Comte de Provence – unter dem Namen Louis XVIII. – als König. Seine Majestät belehnt Sie mit der Domäne Chambord, bewilligt Ihnen eine Dotation, die Sie selbst bestimmen wollen, verleiht Ihnen den Titel eines Prinzen und den Degen des Konnetabel ...« »Jenes Bourbonen, der Frankreich verkauft hat?« »Nein, sondern den des Duguesclin, der Frankreichs Erretter war!« Bonaparte kniff die Augenbrauen zusammen: »Der Degen von Marengo genügt mir.« »Ach!« sprach Saint-Régeant, »wenn Defaix nicht gekommen wäre –« »Aber Defaix mußte kommen: er hatte meinen ausdrücklichen Befehl –« Der junge Mann aber ließ sich nicht abbringen: »Sie sind noch in dem Alter, General, wo man Glück hat. Nehmen Sie sich in acht: eines schönen Tages kommt der General, den Sie gerade erwarten, nicht mehr !« Wie eine Wolke ging's über die Stirn Bonapartes hin. Die Sonne in seinem Auge erlosch. Ersah er über allen Rand seiner Gedanken hinab einen ungeheuren Untergang? ... aber es war nur für eine Sekunde lang gewesen. Und der Eindruck dieser folgenden Rede war ein um so gewaltigerer auf seine drei Zuhörer: »Ich bin mir meines Weges sicher. Ein Stern – Mein Stern! – , den ich nicht verlasse und der mich nicht verläßt, führt mich zum Ziel; und das Ziel ist groß und glorreich. Was ich bis jetzt geleistet habe, ist nichts im Vergleich zu dem, was ich noch leisten will. Ich werde Frankreich die rechte Verwaltung geben und das gerechte Gesetz. Es soll auch seinen Glauben wieder haben. Und ich will es so reich und so mächtig und so groß wie es niemals war. Vermögen Ihre Prinzen etwas Besseres oder mehr als ich? Ich könnte ihnen die Krone geben ... aber wie? wenn sie den Thron nur besteigen, um den sechzehnten Ludwig fortzusetzen? ... es wär' nur neues Blut und wieder Mord und Tod! Es ist genug, daß ein Königshaupt für die Freiheit gefallen ist!« Die drei Royalisten standen auf. Das entscheidende Wort war gefallen. Bonaparte sah sie alle drei noch einmal an und schüttelte mit dem Kopf: »Wirklich schade um soviel Willen und Fähigkeit von Ihnen um eine solche Sache ...! Kehren Sie zu den Prinzen zurück, richten Sie Ihren Auftrag aus, und dann – wenn Sie Franzosen sind! – bitten Sie um Ihre Entlassung. Und kommen wieder hieher zu mir. Herr de Cadoudal, ich könnte Ihnen Gelegenheit geben, sich in der Armee auszuzeichnen, und Ihnen, meine Herren Hyde und de Saint-Régeant, hohe Stellungen in meinem Staatsrat verschaffen. Es ist aus mit der Chouanerie, meine Herren, nun heißt's Frankreich dienen!« »Dem König dienen heißt Frankreich dienen. Adieu, General.« Sie verneigten sich und schickten sich an zu gehen. »Rapp!« rief Bonaparte. »Befehl!« »Geleiten Sie die Herren,« sprach der Erste Konsul. Wieder nur mit einem Neigen des Kopfes verabschiedete er sich von ihnen und ging. »Ich stehe zu Ihrer Verfügung, meine Herren,« sprach Rapp. Beim Hinausgehen aber sagte Cadoudal Hyde ins Ohr: »Das nenn' ich eine Gelegenheit verpassen. Wer Mann ist unser unerbittlichster Feind. Ich hätte ihn so zwischen meine Arme nehmen und ersticken müssen!« 6. Kapitel Als am andern Morgen die Bürgerin Lerebourg in den Laden herunterkam, unterhielten sich zwei ihrer Verkäuferinnen über etwas, das ihr gar nicht gefiel. Fräulein Hermance richtete Musselinkrawatten in einer Schachtel und Fräulein Zoé zählte Etiketten; aber während eine jede fleißig bei ihrer Arbeit war – denn in der »Blauen Mütze« gab's kein Herumstehen und Feiern – , schwätzten sie ebenso eifrig drauflos: »Nein, nein,« sprach Hermance. – »ich bin nun mal für den Leutnant de Canouville ... So ein hübscher strammer Soldat! und wie der zu Pferde sitzt!« »Militär, Militär – das ist nie nichts Gewisses!« entgegnete Zoé. »Da bist du mitten in der höchsten Seligkeit .... plauz! blasen die Trompeten, und dahin geht's mit dem Reitersmann, nach Deutschland oder Italien ... Das sind Aufsitzer im wahrsten Sinn des Worts, und ob er jemals wiederkommt, weiß man überhaupt nicht. Oder er kommt mit einem Arm oder Fuß weniger zurück, na, und dann? Da lob' ich mir doch vielmehr einen Kaufmann oder so ... so einen forschen Kerl wie den Herrn Victor Leclerc zum Beispiel –« »Da wirst du gefälligst die Finger 'von lassen, mein Liebling –« Doch da kam die schöne Emilie. »Ist Herr Lerebourg nicht da?« »Wie, bitte? Nein, Madame,« sprach Hermance. »Herr Lerebourg ist in seinem Privatkontor, und Herr Leclerc ist bei ihm.« Das Privatkontor, darinnen Herr Lerebourg seine Geschäftsbücher, Modekoffer und Muster hatte, lag nach dem Hof hinaus. Als die Prinzipalin der »Blauen Mütze« dort eintrat, stand Saint-Régeant am Schreibtisch vor vielen etikettierten Bändern und Samtstreifen, und Lerebourg setzte ihm Qualitäten und Preise auseinander: »Mit diesem Samt machen Sie in Lyon ein aufgelegtes Geschäft. Auf der Tour zurück aber reisen Sie unbedingt über Saint-Etienne – der Bänder wegen. Eine glänzende Spekulation, kann ich Ihnen sagen! ... Für Herren- wie Damengarderobe ist in diesem Winter die Mode Bänder und nochmal Bänder. Die kriegen Sie jetzt zu einem Spottpreis, und ein Vierteljahr später schlagen wir sie mit dreihundert Prozent los. Kaufen Sie also auf, was Sie kriegen – doch vergessen Sie darüber um Gottes willen nicht: Borten, Litzen, Tressen, Fransen! General Bonaparte ist sehr für neue Eleganz der Uniformen ... Ein Korps gewinnt durchs Aussehen, meint er ... Passen Sie bloß einmal auf, was wir bald für strahlende Offiziersuniformen haben werden ... Hat er Ihnen übrigens davon bei Ihrer Audienz nichts gesagt?« Saint-Régeant begrüßte erst Madame Lerebourg; dann berichtete er von seiner Audienz bei Bonaparte: »Nein, davon hat er mir wirklich nichts gesagt. Er fragte mich nur über die Lyoner Fabrikation aus; die scheint ihn allerdings sehr zu interessieren ... Er will, glaube ich, für alle Staatsbeamten das Tragen von Samt und Seide vorschreiben, um der Industrie der zweitgrößten Stadt Frankreichs den Markt zu sichern ...« »Na, da sehen Sie! Der große, große Mann, der von den Höhen höchster Politik herabsteigt, um sich des platten Handels anzunehmen! Was für ein bewundernswerter Geist! Sagen Sie selber, Herr Leclerc, ist der nicht wahrhaft würdig, über Frankreich zu herrschen?« »Herrschen, herrschen – ist das nicht ein bißchen zuviel gesagt, Bürger Lerebourg?« unterbrach ihn Saint-Regéant und lachte. »Wir haben das Königreich doch nicht gestürzt, um den Nächstbesten – Hergelaufenen –« »Stopp, stopp!« rief Lerebourg. »Das stimmt nicht ganz, langsam! Man will ihn zum Konsul auf Lebenszeit ernennen! Und das soll unser Glück sein!« »Ich denke, du wolltest mit Herrn Leclerc über Bänder und Seiden reden,« mischte sich nun die schöne Emilie ein. »Das ist ihm auch sicher wissenswerter als die ewige Politik –« »Du hast recht – wie immer, meine liebe Frau. Aber wir haben bereits alles Nötige besprochen ... und da der Bürger Leclerc morgen abreist ...« »Was! Sie reisen ab?« Das war wie ein leiser Aufschrei. »Ich muß, Madame. Meine Geschäfte rufen mich dringend nach Lyon. Ich bin nur noch Ihrem Gatten zuliebe geblieben; aber nun heißt's das Versäumte nachholen ... Ich hab' bereits meinen Platz bis Chalon belegt; von dort fahr' ich mit dem Schiff weiter bis Lyon ...« »Aber heut wird er noch einmal mit uns frühstücken ...« »Ich bedauere sehr, aber es ist mir unmöglich. Ich werde erwartet ...« »Was! also dann sehen wir Sie nicht mehr?« »Aber der Bürger Leclerc könnte doch heute in den Pavillon de Hanovre kommen, wo du zum Ball hingehst?« schlug Lerebourg vor. »Na sehen Sie eine äußerst elegante Reunion und unsere schönsten Damen. Wir gehen natürlich hauptsächlich wegen der Mode hin und um unsere Beziehungen aufrecht zu erhalten ... Madame Hamelin beispielsweise ist sehr oft da, und auch der Bürger Barras geruht zuweilen hinzukommen ...« »Also – kommen Sie?« fragte Emilie leise. »Gewiß, Madame. Ich werde nicht verfehlen. Auf heute abend denn.« Zur selben Stunde drang der Bürger Braconneau dreist bis in die Privatwohnung Fouchés ein. Der einstige Rednersmann war noch im Schlafrock; er las Berichte durch, während ihm sein Diener eben die Stiefel anzog, und sah auch gar nicht auf, als der Polizist eintrat: er mußte ihn wohl am Schritt erkannt haben. »Braconneau?« »Ja, ich bin's, Bürger-Minister; und ich bring' Neues.« Der Kammerdiener verschwand auf ein Zeichen Fouchés. »Der Erste Konsul hat gestern abend Georges, Hyde de Neuville und den Chevalier de Saint-Régeant in Privataudienz empfangen.« »Ach! Und wer hat die Sache gedeichselt?« »Josephine.« »Madame Bonaparte, wenn ich bitten darf, Braconneau. Wir sind nicht mehr im Thermidor ... Wir haben schon Brumaire gehabt ...« »Na – nu, verteidigen Sie sie auch noch! Sie kostet Sie schon sowieso soviel – und da macht sie solche Sachen hinter Ihrem Rücken! Es wär' doch wahrhaftig ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, daß sie Ihnen wenigstens ein Wort davon gesagt hätte!« »Gut, gut, Braconneau. Aber sehen Sie – ich hab's doch lieber, wenn Sie mir sowas verraten. Dafür hab' ich Madame Bonaparte dann wieder in der Hand. Also: Georges, Hyde und Saint-Régeant – sagten Sie – gestern abend in den Tuilerien?« »Im gelben Salon. Im Erdgeschoß.« »Wie sind sie hingekommen?« »Saint-Régeant kam mit Bürger und Bürgerin Lerebourg von der ›,Blauen Mütze‹,.« »Kenn' ich, kenn' ich. Meine Lieferanten ... Also – die schöne Emilie ist dabei? Da ist also Liebe mit im Spiel?« »Das weiß ich noch nicht ... Georges und Hyde warteten im Tuilerienhof ... Rapp hat sie dann heraufgeholt...« »Also war der Erste Konsul benachrichtigt ... Und wann sind sie wieder weggegangen?« »Bürger und Bürgerin Lerebourg um neun Uhr mit ihren Mustern ... Die drei Gesandten der Prinzen um elf ... Was mag das bloß gewesen sein?« »Ich weiß es. Sie wollten von ihm, daß er die Bourbonen wieder auf den Thron setzte, und ...« Er machte eine Pause und grinste: ».... und sie waren wahrhaftig so dumm und glaubten, er würde für einen andern als sich selber arbeiten!« »Und nun ...« »Und nun, Braconneau, werden sie versuchen, ihn zu ermorden. Wie sie das schon öfter versucht haben. Und wer weiß, ob's ihnen diesmal nicht gelingt? ... Das wär' natürlich sehr bedauerlich für mich und überhaupt alle, die mit mir sind. Denn dann käm' die Partei Lucien und Joseph ans Ruder, und von denen hätten wir alles zu befürchten!« »Haben Sie denn soviel vom Ersten Konsul zu erhoffen?« »Wenn er Konsul bleibt – nein. Aber wenn er ... Kaiser wird – ja. Dann hat er mich höchst nötig, denn dann hat er – diesmal – die Jakobiner und Royalisten alle miteinander gegen sich und da hilft wahrhaftig keine bloße Schloßwache mehr –« »Was hätten Sie von den Royalisten zu erhoffen?« »Zu was sie mich eben gebrauchen könnten.« »Und von den Jakobinern?« »Allemal nur das Schafott, Braconneau!« Sie schwiegen beide eine Weile. Dann sah Fouché – aus seinen blassen und scheinbar leidenden Zügen – Braconneau mit seinen Totenaugen an: »Jedenfalls überwachen Sie mir die drei Kerle hübsch weiter und halten Sie persönlich sich an den, der Ihnen der verwegenste scheint. Die andern zwei lassen Sie durch Ihre Leute beobachten. Ich erwarte über alles Bericht ...« Braconneau ging. – Über den Pont-Neuf nach dem Quai des Orfèvres. Dort trat er in ein kleines Haus ein und klopfte – über eine Treppe – dreimal hintereinander, aber in einer recht seltsamen Weise an eine Tür. Eine alte Frau, mit einer Haube, öffnete. »Sind Briefe da? Ist sonst wer gekommen?« »Leribier war gestern abend hier. Er wollte wiederkommen. Sag', soll ich ihm was bestellen?« »Nachher. Jetzt, Victoire, los, los, los! Heißes Wasser – und hilf mir beim Umziehen!« Die alte Magd ging nach der Küche und stellte Wasser auf. Derweil hantierte Braconneau schon in seinem Zimmer, das die reine Schauspielergarderobe war. Ein Dutzend Haubenstöcke, und jeder trug eine andere Perücke. Schränke und Kasten voller Kostüme. Auf einem Toilettentisch Schminktöpfe, Bürsten, Quasten, Pinsel. Als rotgesichtiger, rauhbärtiger, rotgelockter Bourgeois war Braconneau hereingekommen – als wohlrasierter, wohlgepuderter Stutzer mit Chapeau claque und einem Spazierstock à Ia Herkuleskeule ging er daraus hervor. Ein paar Anweisungen noch für die alte Dienerin, und Braconneau spazierte schon wieder unten auf dem Kai, aber seine Gangweise hatte nun etwas gar Hopsendes, Walzendes – was wohl zu seiner Maske gehörte. Als er in der Rue de l'Arbre-Sec im »Roten Löwen« ankam, war's elf. Im Speisesaal stand eine ganze Anzahl Gäste eben vom Frühstück auf. Braconneau aber ging nach dem kleinen Kontor, wo die Frau Wirtin mit Rechnungen beschäftigt war. »Sieh da! der Herr Chevalier! Eine Ewigkeit, daß Sie nicht mehr bei uns waren ...« »Madame Brigard, ich komm' soeben von einer kleinen Reise zurück ... Ist der Herr Abbé de Valoris da?« »Pst! aber doch nicht ›,Abbé‹,!« ermahnte ihn die Wirtin. »Ach, richtig! Nun also – ist der Herr ›,Kapitän‹, da?« »Ich will ihm gleich sagen, daß Sie da sind.« »Was für Umstände! Welche Geheimtuerei!« »Wir müssen doppelt vorsichtig sein. Die Polizei – –« »Die verfluchte Polizei! Ist man denn keinen Augenblick mehr sicher?« »Ach, Herr Chevalier – Fouché ist ein Teufel!« »Zu seiner Großmutter mit ihm! ... Aber da ist ja mein lieber Freund ...« Ein schlanker, kräftiger junger Mann mit blitzenden Augen trat lachend hinzu. Sein blauer Anzug von militärischem Zuschnitt. Auf dem kurzen, lockigen, ungepuderten Haar ein martialischer Dreimaster. »Mein guter Lavernières!« rief er mit wohlklingender Stimme. »Mein teuerer Freund! Wie geht's, wie steht's? Wie geht's im Pharao – und wie steht's mit den kleinen Mädchen?« »Aber es ist doch keine Menschenseele in der Nähe!« lachte Braconneau. »Wozu also groß Rollen spielen?« Valoris nahm den Inkroyable-Mann auf die Seite: »Gehn wir lieber etwas ... Sie wollen mich doch sprechen?« »Ich kam – ob Sie nichts Neues wüßten!« Sie bummelten die Rue de l'Arbre-Sec nach dem Kai hinab. »Ich reise ab – nach der Normandie zurück,« sagte Valoris. »Ich h ab' hier nichts mehr zu tun. Der Abbé« Bernier hat einen Auftrag für mich an das Komitee von Caen. Es ist alles hübsch friedlich ...« »Ich hätte von unsern hohen Herren etwas anderes erwartet ... Haben die denn bei Bonaparte gar nichts ausgerichtet und kommt daher die allgemeine Mutlosigkeit?« »Bei Bonaparte – ausgerichtet? Woher wissen Sie –« »Fouché jubelt seit gestern abend, es wär' alles für die Katz' gewesen. Sie müssen nämlich wissen, daß ihm die Witwe Beauharnais alles und jedes überbringt. Und was etwa noch übrig bleibt, erfährt er von Bourrienne ... Und was mich betrifft, so steh' ich mich eben gut mit dem Polizeiminister ...« »Das ist wahr, Lavernières; Sie haben uns wirklich schon bedeutende Dienste erwiesen. Ich selber bin durch Sie schon dreimal der Verhaftung entgangen, und unser liebster Coster de Saint-Victor ist durch Sie wieder freigelassen worden ... Aber – aber – ich sage es Ihnen ganz offen, Lavernières, Sie stehen bei einigen Herren von uns in ziemlichem Verdacht, und ich hab' bis jetzt alle mögliche Mühe gehabt, ihnen das auszureden. Die Herren behaupten nun einmal. Sie seien so wohlinformiert, daß Sie mit einem Fuß unbedingt im feindlichen Lager stehen müßten. Und – sie wollen nun einmal nicht mehr, daß ich Sie mit ihnen zusammenbringe!« »Ist es die Möglichkeit!« Der falsche Lavernières schien ganz verzweifelt. »Nachdem ich ihnen derart meine Ergebenheit bewiesen – ja, mich geradezu für sie aufgeopfert – ! Was soll ich denn da bloß machen?« Sie waren bis ganz nah ans Wasser gekommen. Da wo die großen Zitterpappeln hart am Uferrande stehen. Kein Mensch rings zu erblicken. »Ja, was soll ich denn da bloß machen?« Valoris ging ganz auf seinen Ton ein: »Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig als – Sie gehn mit mir nach der Normandie. Dort beweisen Sie uns dann, daß Sie es ehrlich meinen. Paar leichte Aufgaben: Sie halten einige Kuriere an und überfallen etliche Gendarmeriepatrouillen. Nichts leichter als das – und dann wird man Ihnen schon wieder glauben. Nur wenn Sie weiter so fortfahren und immer blaß um unsere Pariser Freunde herumschleichen ... denken Sie nur einmal an, was Ihnen da passieren dürfte. Ich sollte Sie beispielsweise heute bis hieher ans Wasser lotsen und Ihnen dann eine Kugel durch den Kopf jagen –« Und der Kapitän zog eine Pistole aus der Tasche und legte auf Braconneau an. »Aber, Valoris – machen Sie doch keinen solchen Blödsinn, ja? Das ist hoffentlich nur ein Scherz ...« »Wenn ich Sie wirklich hätte töten sollen, Lavernières, dann wär's bereits geschehen. Ich wollt's Ihnen nur ein bißchen zeigen, um es Ihnen zu ersparen. Wenn ich Ihnen also raten soll, schleichen Sie nicht länger um uns herum... Sie wissen, wo Sie mich finden, wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben; aber seien Sie versichert, daß wir Sie nicht mehr aus den Augen lassen. Wenn Sie wirklich ein Spitzel sind, wie manche von Ihnen glauben, lassen Sie die Royalisten ungeschoren, sonst geht's Ihnen schlecht. Kümmern Sie sich lieber um die Jakobiner ... Adieu, Lavernières ... Seien Sie mir nicht böse, wenn ich Sie etwas erschreckt habe ...« »Ich verzeih' Ihnen nur nicht, daß Sie einen solchen Verdacht auf mich haben konnten! Ich Hab' Sie lieb gehabt, Valoris!« »Sagen Sie besser: Sie hätten mich lieber!« Braconneau sah dem Davongehenden einigermaßen stupide nach ... Dann meinte er achselzuckend: »Auch gut! So werde ich mein Augenmerk auf die ›,Blaue Mütze‹, richten und mich ein wenig mehr mit dem lieben Saint-Régeant beschäftigen. Mit denen da ist doch nichts mehr zu machen!« Im Hinterzimmer vom »Roten Löwen«, noch hinter dem kleinen Kontor der Wirtin, waren diejenigen versammelt, an die Braconneau sich heranzumachen versucht hatte. Um einen Tisch, der voll von Papieren lag, fünf Männer in leiser Unterhaltung. Georges, der Bequemlichkeit halber in Hemdsärmeln, Hyde und Saint-Régeant; ferner der Marquis de Polignac und jener junge Royalist Coster de Saint-Victor, dem der Pseudo-Lavernières die Pforten des Prison de l'Abbaye geöffnet hatte. Der Abbé de Valoris kam durch einen Druck auf eine geheime Feder in der Mauer, worauf sich die Tür geräuschlos öffnete, herein. »Wie war's?« fragte Hyde. »Abgewimmelt. Er war ziemlich baff, und ich glaube, er kommt nicht wieder. Erschießen wär' freilich das beste gewesen, aber Saint-Victor wollte ja nicht ... Wir müssen sofort von hier ausziehen, denn Fouché weiß sicher heut nachmittag schon alles und wird uns einen andern Agenten auf den Hals schicken ... Ich weiß ein Haus in der Rue du Dragon; dort wohnt eine Modistin namens Virginie Grandeau. Die ist uns unbedingt ergeben. In deren Wohnung hinter der Küche ist ein Schlupfwinkel, den kein Mensch findet. Die Hausbewohner selber haben keine Ahnung. Abbé Edgeworth, der Beichtvater des König-Märtyrers und Monseigneur de Carbonnières waren dort ein halbes Jahr lang versteckt, und nichts ist ihnen geschehen. Ich schlage vor: Cadoudal, Saint-Régeant und Hyde ziehen heut abend schon dorthin.« »Davon nachher,« fiel Georges ein. »Vor allem, meine Herren, entscheiden wir uns. Dieser Bonaparte will Frankreich für sich einsacken. Jeder Vergleich gescheitert – wir müssen also handeln. Was tun wir?« »Es gab von vornherein nur zwei Wege,« erklärte Saint-Régeant. »Wir müssen uns den Ersten Konsul vom Halse schaffen.« »Das heißt: töten!« sprach Polignac. Eine Stille war. Es handelte sich immerhin um den Sieger von Rivoli, Arcole und bei den Pyramiden. Das fühlten die Herren – allem Wagemut zum Trotz. Georges war der erste, der das Schweigen brach: »Aber auf welche Art ihn töten? Es gibt mehrere Arten. Erschießen – erdolchen? Ich bin offen gestanden nicht dafür. Ich find's armselig – kleinlich. Das ist so ... persönlich. Das hat nichts von dem großen Akt einer Hinrichtung und gar nichts von der Ehrenhaftigkeit eines Kampfes. Und außerdem kann man vorbeitreffen. Und dann erst wär' das Unglück voll. Da wär's schon gescheiter, wir machten überhaupt nichts. Nehmen wir nur einmal an: wir würden ihn bloß verwunden. Das wär' doch der Gipfel seiner Popularität! Nein also, wir müssen ihn und seine ganze Partei – mit einem Wort – besiegen ! Und ich bitte die Herren, mich an die Spitze einer solchen Expedition zu stellen.« »Ist gut, Georges, aber wie denken Sie sich das?« fragte Hyde und stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch, um in aller Ruhe zuhören zu können. »Etwa so: Ich zitiere, sagen wir, dreißig meiner Königsjäger aus der Bretagne herbei. Auf verschiedenen Wegen natürlich und alle verkleidet. Als Hausierer, Kärrner, Arbeiter usw. Mittlerweile verschaffe ich Uniformen der Konsulargarde. Unter dem Vorwand einer Remonte für die Garnison Versailles kauf' ich genügend Pferde auf und stelle sie in der Nähe von Paris – im Montrouge zum Beispiel – bei einem Mann, der sicher ist ein. Nicht? Wann passe ich eine Fahrt des Ersten Konsuls nach Saint-Cloud ab und lege mich in Sèvres oder Boulogne in den Hinterhalt. Der Wagen Bonapartes ist stets höchstens von einem Dutzend Leuten begleitet. Ich komme ihnen auf der freien Landstraße entgegen. Dank unseren Uniformen komm' ich bis an sie heran und greife sie an, noch ehe sie sich von ihrem Staunen erholt haben. Den Säbel in der Hand ruf' ich: Bonaparte raus! Und dann mag Gott zwischen uns beiden entscheiden! Oder vielmehr – eigentlich – ich bürg' für sein Leben – oder noch besser gesagt: für seinen Tod!« »Allerhand Hochachtung, das nenne ich ritterlich gehandelt,« sprach Coster. »Aber – zum Teufel mit der Ritterlichkeit einem solchen Kerl gegenüber! Nein, Georges, nein – und wie leicht könnte er Ihnen dabei auskommen! Oder aber es wär' just sein Schwager Murat bei ihm ... und mit dem nehmen Sie's nicht auf, Georges! Also wenn ich Ihnen sage, daß der Ihnen über ist! Ja, wissen Sie denn nicht, wie der in Ägypten die berühmtesten Mamelucken Mourads nur so einfach in die Pfanne gehauen hat? Nein, also – wir müssen viel praktischer, viel sicherer dabei vorgehen. Ein derartiges Scharmützel ist nur allzu ungewiß. Denken Sie doch auch, daß Sie vorher verraten werden könnten, und daß er vielleicht mit einer Eskadron Dragoner daherkommt. Dann sind Sie der Verspielte. Unter dreißig Verschwörern ist leicht ein Verräter ...« »Für meine Leute bürg' ich!« rief Cadoudal. »In einer Schlacht in der Bretagne – ja. Aber nicht bei einem Komplott auf Pariser Pflaster. Spielkarten ... Die Weiber schon allein ... Nein, also Georges, wir verlassen uns auf Sie; aber Sie dürfen sich nicht allzusehr auf andere verlassen!« »Was denn aber?« Da erzählte Saint-Régeant; leise, ganz leise: »Ich weiß von einer sehr merkwürdigen Maschine, die aber zu gleicher Zeit merkwürdig einfach ist. Es ist ein Faß: hundert Pfund Pulver und weitere hundert Pfund Splitter und Kugeln. Zum Spundloch hinein geht ein Flintenlauf. Das Ganze wird auf einem Handwagen an den beabsichtigten Ort gebracht. Dann braucht man bloß abzudrücken wie bei einer andern Flinte auch, und der Schuß geht los ... und wenn im selben Augenblick in angemessener Entfernung gerade der General Bonaparte zu Wagen oder Pferd vorüberkommt, dann stirbt er wie ein Held von seiner Sorte sterben soll: unter Donner und Blitz!« »Das ist nicht so übel ausgedacht,« meinte Hyde und lächelte fein. »Unser lieber Freund Saint-Régeant scheint ein wahrer Kunstfeuerwerker zu sein.« »Jeder tut, was er kann, meine Herren,« sprach der junge Mann. »Die Erfindung stammt übrigens absolut nicht von mir – sondern von einem gewissen Chevalier – und vorigen Monat hat sie die Polizei ›,entdeckt‹,. Dieser Chevalier büßt dafür im Kerker, aber von seinem Pulverfäßchen kann Gebrauch machen, wer will!« »Selbstverständlich büßt der Betreffende sein Leben dabei!« brummte Georges. »So bitte ich die Herren,« sprach Saint-Régeant, »mich mit der Ausführung betrauen zu wollen.« Cadoudal gab's einen Ruck. Die Backen zitterten ihm. Seine riesigen Fäuste krampften sich ein, und er preßte sie zwischen seine eisernen Knie: »Heilige Mutter Anna! das muß wahr sein: der Junge ist brav! Ich bin mit der Geschichte zwar nicht einverstanden – aber Respekt! Respekt! sag' ich! – Dunner nochmal! – Also, meine Herren, da hätten wir nun zwei Vorschläge, den meinigen und den des Herrn de Saint-Régeant. Stimmen Sie ab!« »Ich bin für den Vorschlag Saint-Régeants,« erklärte Coster. »Er hat alle Aussichten für sich. Wir brauchen uns gar nicht lang' mehr besinnen.« Hyde, Polignac und Valoris stimmten ebenfalls dafür. »Also einverstanden, meine Herren,« erklärte Polignac. »Um nun unserm jungen Freund die Aufgabe zu erleichtern, tun wir am besten und verlassen alle Paris – aber derart, daß es auffällt. Georges, Sie gehen wieder nach der Bretagne; Sie, Hyde, kehren nach England zu den Prinzen zurück; Valoris fährt nach Deutschland. Ich selber reise nach Rouen; ich hab' dort zu tun. Sowie uns die Polizei derart zerstreut weiß, beruhigt sie sich und die Überwachung ist nicht mehr so streng, also daß Saint-Régeant nach Belieben operieren kann. – Wie wollen Sie das eigentlich – genauer gesagt – anfangen, mein lieber Saint-Régeant?« »Meine Herrn, ich muß dabei unbedingte Vollmacht haben. Ich brauche – im gegebenen Moment – höchstens irgend zwei Burschen, und selbst die sollen bis zum letzten Augenblick völlig im unklaren bleiben ... Übrigens mache ich es vorerst genau wie Sie: ich reise ebenfalls ab. Und komm' zu meiner Stunde zurück.« »Aber wie bekommen wir Nachricht von Ihnen?« »Sie brauchen doch keine Nachrichten mehr! Sie werden die Explosion hören – und ich denke, das ist Nachricht genug!« »Aber jetzt, Mann, kommen Sie in meine Arme!« schrie Cadoudal. »Ich fürchte, es ist auf Nimmerwiedersehen. Empfehlen Sie sich dem lieben Herrgott – ich will Sie dem König empfehlen!« Und er nahm den jungen Mann an seine breite Brust und gab ihm den Bruderkuß. – Darauf gaben die sechs einer dem andern die Hand – und einer nach dem andern verließ das geheime Hinterzimmer vom »Roten Löwen«. 7. Kapitel. Der »Pavillon de Hanovre« war ein entzückender Bau im reinsten Stil des achtzehnten Jahrhunderts. Erbaut hatte ihn der Maréchal de Richelieu gleich nach dem deutschen Feldzug und aller Wahrscheinlichkeit nach auch mit deutschem Gelde, daher hatte ihn der Pariser Volkswitz Pavillon de Hanovre getauft. Der Konvent dann hatte wohl das Richelieusche Palais demolieren lassen, der entzückende Rundbau aber war erhalten geblieben und an einen Ballunternehmer vermietet worden. – Nach dem Thermidor ging's hier eine Weile toll zu. Da fanden in diesem Pavillon die sogenannten Blutbälle statt. Je nachdem man entweder durchs Schafott oder bei den sonstigen Blutbädern während des Schreckenssystems irgendeinen teueren Verwandten verloren hatte, ging man hier »maskiert«: in der Todesart des Betreffenden gleichsam! Da hatten Damen zur Erinnerung, daß ihre Mütter guillotiniert worden waren, sich einen dünnen roten Streifen sinnig um den Hals geschminkt. Oder Stutzer zum Angedenken daran, daß ihre Väter in der Vendée an einer Kugel oder einem Bajonettstich draufgegangen waren, an ihrem Rock auf der Brust oder auf dem Rücken den blutbesudelten Eintritt des mörderischen Eisens oder Bleis liebevoll markiert. Ja, um's noch deutlicher zu machen, trugen manche Westen aus Menschenhaut, die noch alle Spuren der empfangenen Wunden aufwiesen. Teils war das einfach die fürchterlichste Reaktion auf all das Vorhergegangene, teils aber auch geschah's aus zynischen Rachegefühlen namentlich von seiten der Clychiens, was alles zusammen dann das blutige Gemetzel vor Saint-Roch im Gefolge hatte. – Bis das Konsulat kam und mit ihm ruhigere Zeitläufte und der Friede von Amiens; da dachte zwar die Pariser Gesellschaft erst recht und überhaupt nur noch an Zerstreuungen und Vergnügungen, aber doch nicht mehr in solchem Blutdunst, sondern in einer leichten Wolke duftenden Puders ... Das Publikum bei den Bällen im Pavillon de Hanovre bildete die Bourgeoisie, die sich für solch jahrelangen schrecklichen Unbestand nun einmal gründlich entschädigen wollte. Da wetteiferten die Inkroyabeln an Eleganz mit den glänzenden Offizieren der siegreichen Armee. Das drehte sich im Entrechat, Flic-Flac, Jetésbattus, und wie die Tänze alle hießen, und feurig stampften durch den Reigen des Zivils die Helden von Hohenlinden und Marengo. – Auf zehn Uhr ging's, als Bürger und Bürgerin Lerebourg in der großen Galerie im Erdgeschoß auftauchten. Emilie – in einer blendend schönen indischen Musselinrobe, die unterhalb des Busens ein blaßblaues Seidenband gürtete; tief ausgeschnitten und mit einem antiken Kameenkollier; das Haar griechisch geknotet und ein gleichfalls blaßblaues Seidenband durchgeflochten – erregte sogleich allgemeines Aufsehen. Ihr Gatte in blauem Rock, weißer Weste, gamsfarbenen Kniehosen und Stulpenstiefeln – ein einziges Lächeln der Zufriedenheit. Der Tanz war bereits in vollem Gange. Emilie erspähte sogleich eine Plaudergruppe von Damen ihrer Bekanntschaft. Zwei Elegants um etliche junge Schönheiten herum machten ihr eiligst Platz. Der Mittelpunkt der Gruppe war die reiche Madame Letourneur, deren Gatte der Konkurrent Biennais', des Goldschmieds des Ersten Konsuls war. Ferner die Bürgerin Letellier, die Gemahlin eines bedeutenden Kriegslieferanten, und die Bürgerin Béjarride, deren Gemahl Armeerendant war. Ein glänzender Stab von jungen Offizieren umgab die herrlich blonde und ebenso geistreiche Bürgerin Junot. Endlich Madame Hamelin, die Kreolin, die schöne Häßliche genannt, die soeben am Arm des strahlenden Montrond auf die Gruppe zutrat. In einer Pause zwischen zwei Tänzen leuchteten die marmorweißen Schultern der Madame Tallien aus einem blühenden Dickicht männlicher Bewunderer auf. Aber dann drehte sich der ganze Saal sogleich wieder zu einem frischen Tanz, und die erhabene »Notre-Dame de Thermidor«, wie man sie nannte, war wieder im Gewühl verschwunden. – Dafür rief Herr Lerebourg dann mit einemmal: »Da! da! der Bürger Leclerc!« Saint-Régeant, im ganzen Glorienschein seiner Jugend, kam herzu, um Emilie zu begrüßen. Ein ziemlich verdächtig aussehendes, wenn auch glänzend angezogenes Individuum war bei ihm und knurrte ohne weiteres darauf los: »Na, willst du mich deinen Freunden vielleicht endlich vorstellen, Leclerc?« Dem jungen – Seidenwarenreisenden blieb also nicht viel anderes übrig: »Bürger Limoëlan ... ein Landsmann von mir. Ich traf ihn soeben hier – und das eigentlich höchst unerwartet, denn er huldigt sonst weit eher dem Spiel als dem Tanz ...« »Ja, ich bin wirklich rein zufällig hier ... Nichtsdestoweniger kann ich mir nur dazu gratulieren, da ich ja nun das Glück hatte, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, schöne Frau!« Und zu Lerebourg gewendet: »Sie müssen nämlich wissen, daß ich mich mit dem Spitzbuben Faypoult hier verabredet habe. Na, Sie kennen doch den Regierungskommissär, der das Königreich Neapel, kaum daß wir es erobert hatten, sofort derart unverschämt ausgeraubt hat ... und meinen Sie, der Kerl bezahlt mich jetzt? Fällt ihm gar nicht ein!« »Jaja,« lachte Lerebourg, »nehmen ist seliger als zurückgeben!« Da spielte die Musik gerade einen deutschen Tanz auf; Saint-Régeant bot Emilien seinen Arm, und die beiden walzten dahin. »Verflucht nochmal, Bürger Lerebourg –« sprach Limoëlan, »wollen wir nicht etwas raus aus dem Getu'? Kommen Sie mit ans Büfett! Da ist doch etwas Luft und – frische Kühlung!« Emilie und Saint-Régeant hatten sich durch ein paar Säle durchgetanzt bis hinaus auf eine Galerie, die zu einem Wintergarten hergerichtet war. Dort hielten sie inne. So manches Pärchen flüchtete nach dieser heimlicheren Gegend und unter die exotischen Pflanzen. Hier stand ein runder Brunnen und sein Rand war eine Bank; ein Delphin ließ leise melodische Wasserkünste spielen – hier setzten sich die beiden. Sie waren ganz allein. Saint-Régeant ergriff die Hand Emiliens, und sie wehrte ihm nicht. Er führte die Hand Emiliens an feine Lippen; die junge Frau sprach sehr traurig: »Sie fahren wirklich morgen schon?« »Ja. Ich muß. Meine Geschäfte erfordern's.« »Immer Ihre Geschäfte. Sie haben doch gar keine richtige Beschäftigung.« »Gewiß. Sehr sogar. Aber ich bin bald wieder zurück.« »Wann?« »In acht Tagen.« Da lächelte Madame Lerebourg wieder. »Und dann bleiben Sie ganz hier?« »Ja.« »Und kommen wieder zu uns hin?« »Das muß ich schon, weil ich mit Ihrem Herrn Gemahl doch abrechnen muß über die Kommissionen, die er mir mitgibt.« Doch da scherzte sie schier: »Sie halten mich wohl für ein rechtes Gänschen? Meinen Sie denn wirklich, ich glaube an Sie als Reiseonkel in Seide und Samt? – Herr Chevalier de Saint-Régeant!« »Falsch! Ich bin immer noch Victor Leclerc, der Geschäftsfreund des Herrn Lerebourg. Oder glauben Sie, daß mich Ihr Mann als Saint-Régeant jemals eingeladen hätte? Für ihn bin ich wahrhaftig nur der Reiseonkel, der ihm einen Gefallen erwiesen hat, und werde es auch bleiben.« »Aber für mich sind Sie doch der Herr de Saint-Régeant, und ich weiß bloß nicht, was Sie überhaupt dazu veranlaßt, sich für einen Falschen auszugeben ... Das riecht sehr verdächtig nach Politik! ... Also, bitte, bitte, Lieber, versprechen Sie mir, daß Sie Ihr Leben keinem politischen Abenteuer aussetzen!« »Sie kleine herzige Törin, die Sie sind!« Saint-Résgeant umfaßte sie mit einem solch verliebten Blick, daß sie die Augen niederschlug. »Um Ihnen nah zu sein, ist meine Maskerade! ... Einzig und allein Ihretwegen!« »Und diese geheimnisvolle Vermittlung durch Madame Bonaparte, um Sie dem Ersten Konsul vorzustellen, nachdem mein Mann und ich weg waren? ... Das lass' ich mir doch nicht von Ihnen ausreden! Da ist etwas im Gang!« »Aber das leugne ich ja auch gar nicht. Ich habe irgendwie mit der Regierung zu tun, ich stehe irgendwie mit Bonaparte in Verbindung ... Doch das kann Sie doch höchstens beruhigen! Wenn ich derart das Vertrauen des Ersten Konsuls genieße, dann hab' ich doch nichts zu fürchten ... im geraden Gegenteil!« »Was ist mir alles viel zu schleierhaft. Gott ja, ich bin ein armes dummes Geschöpf, das nichts davon versteht ... mich kann man ja leicht täuschen ...« »Täuschen? Emilie! Ich – Sie?! Was denken Sie von mir! Ein jedes Wort kommt mir von Herzen ... ich bete Sie wahrhaftig an!« »Ich glaube Ihnen ja auch – wenn Sie so sprechen! Weder Ihre Stimme, noch Ihre Augen können lügen! – Und doch ist irgendwo eine List, eine Doppelzüngigkeit, und das macht mir so eine Angst ...« »Geliebte! solche Selbstquälerei! ... Wozu darüber nachgrübeln, welches das Schicksal meines Lebens sein mag! ... Zwischen uns beiden soll nur die Liebe sein ... Und wenn eine ganze Welt dagegen aufstünde: mein Herz soll Ihnen gehören! Lassen Sie sich's daran genügen, es ist das Beste, das ich Ihnen zu bieten habe, und seien Sie mir dafür ein bißchen gut –« Emilie standen die Augen voller Tränen. »Als ob ich Ihnen nicht schon viel zu gut wäre! Sie haben mich schwach gemacht – ja, Sie! Aber Sie hatten ja auch all meine Jugenderinnerungen zu Bundesgenossen. Als ich Sie sah, war ich mit einemmal wieder daheim, in der Bretagne, bei meinen Eltern, meinen Freunden, bei allem, was ich verloren habe. Sie haben mich mit meinen eigenen Gedanken eingefangen und an Sie gebunden ... Halten Sie mich nicht für eitel oder gar schlecht, daß ich Sie so schnell erhört habe. Mir konnte bis zu diesem Tag keine noch so seine Schmeichelei etwas anhaben, ich hätte um keinen Preis der Welt meinem Gatten so etwas antun mögen ... Aber da kamen Sie mir in den Weg. Ein Schicksal. Und ich hatte es bis dahin nie empfunden, so grausam und so süß zugleich ... Was soll jetzt aus mir werden? Mir gehört ja nichts mehr von mir, es ist ja alles Ihr eigen. So haben Sie, bitte, bitte, Mitleid mit mir und machen Sie mich nicht unglücklich ...« »Gott im Himmel! Geliebte Seele!« rief Saint-Régeant. »Ich und ein Leid über Sie bringen! Wo jeder Schlag meines Herzens Ihnen gehört!« »Nein, nein – Ihnen glaube ich ja! Ihnen vertrau' ich ja! Aber ich sterbe vor Angst, daß Sie in Dinge verwickelt sind –« »So halten doch auch Sie sich nur an Victor Leclerc! Alles was Sie mir da sagen, bleibt fort, wenn Sie nur ihn kennen ... Wenn dann Saint-Régeant wirklich etwas passieren sollte, passiert's ihm allein, und Sie haben damit nichts zu tun –« »Sie verstehen mich nicht! Ich hab' doch nicht soviel Angst für mich als – als für Sie!« Unter einer hohen Fächerpalme war's, und sie waren schier ganz von ihr verdeckt. Alle Ballmusik – traumhaft fern. Da überflorten sich zwei Augenpaare, und vier Lippen bettelten und bebten einander entgegen. Saint-Régeant zog Emilie zärtlich an sich, und sie schmiegte sich liebevoll an ihn an ... ein erster Kuß ... Die junge Frau fand zuerst die Besinnung wieder, und sie entwand sich den Armen Saint-Régeants: »Wir sind wahnsinnig, glaub' ich! Wir müssen doch wieder in den Saal zurück ... und, mein Gott! vielleicht sucht man uns bereits!« Von der andern Seite dieses Treibhauses klang Lachen her. Ein Schwarm junger Offiziere um Madame Hamelin, die mit einem Fächer aus Federn spielte, in deren Mitte ein kleiner Spiegel blitzte. – Saint-Régeant ging mit Emilie am Arm gemächlich an der Gruppe vorüber, und dann mischte sich das Paar wieder unter die Tanzenden. Herr Lerebourg saß mit Freunden und plauderte friedlich. Als er seiner Frau ansichtig wurde, erkundigte er sich vergnügt: »Habt ihr fleißig getanzt?« »Ja. Und durch die ganzen Säle durchpromeniert.« Saint-Régeant verneigte sich vor Emilie und hielt sich dann absichtlich etwas abseits. Aber er mußte doch immer wieder zu ihr hinübersehen und war ganz berauscht von ihrer Lieblichkeit und Schönheit. Was war das für ein ungeheuerer Gegensatz: die schwarzen, blutigen Gedanken, die er in seinem Hirn wälzte – und der süße Liebestraum, der in sein Herz eingezogen war! Und gerade wie um es ihm noch erschreckender und wirklicher vor seine Augen hinzumalen, tauchte nun wieder die scheußliche Fratze dieses sogenannten Limoëlan auf. Einen Augenblick war es ihm, als müßte er zwischen der entzückenden Geliebten und diesem Parteigenossen auf der Stelle wählen, und er fuhr sich unwillkürlich mit der Hand über die Stirn, so entsetzlich klar ward ihm die fürchterliche Alternative. Aber dann gab es für ihn auch schon wieder kein Überlegen mehr, er verbeugte sich noch einmal vor Emilie, schob seinen Arm in den Limoëlans und ging mit diesem fort. – Wer Saal mit dem Büfett war fast leer. Sie nahmen an einem Marmortischchen Platz und bestellten zwei Bavaroises. Die Büfettdame war in eifriger Unterhaltung mit einem kleinen greisenhaften, sehr gepuderten Männchen – demselben, der in der »Blauen Mütze« den Damen Hermance und Zoé immer so artige Dinge zu sagen verstand. Er schien von den beiden Gästen übrigens keinerlei Notiz zu nehmen, wandte ihnen ganz ungeniert den Rücken zu und raspelte sein Süßholz mit der Kassiererin weiter. – Währenddem sprach Limoëlan zu Saint-Régeant mit Flüsterstimme: »Ich hab' heut abend Georges abgeschubst. Picot und ich haben ihn erst bis nach Montrouge begleitet, und von da fuhr er mit der Post weiter ... In vier Tagen ist er in Vannes. Nun hast du nur noch Carbon und mich da. Zu deinem Befehl, heißt das. Aber, sag', was willst du eigentlich machen?« »Vorläufig – nichts. Wir müssen uns nur hübsch dünne machen. Verschwinden. Die Polizei ist uns auf der Spur ... Lavernières, dem Coster sich so sehr zu Dank verpflichtet glaubte, ist es beinah gelungen, in unser Geheimkomitee einzudringen – nun hat ihn Valoris entlarvt. Der Kerl war ein Agent von Fouché, und als solcher übrigens einer, der der Polizei des Ersten Konsuls sowohl wie der des Präfekten Dubois gerade entgegengearbeitet hat ... Unter dieser Maske Laverniéres verbarg sich ein gewisser Férussac, der im Süden spioniert hat. Und sehr wahrscheinlich verbirgt sich hinter diesem Férussac noch ein ganz anderer Spitzel. Lauter Masken, sag' ich dir ... Wir haben also Grund genug, der ganzen Welt zu mißtrauen, und wenn wir uns etwa schreiben – nur unter falschem Namen, hörst du?« »Donnerwetter – verbrichst du da aber neuartige Ratschläge! ... Mein lieber Freund, mißtraue lieber etwas weniger der Polizei – und desto mehr aber der Liebe, das sag' ich dir, so ein Weibstück ist noch neugieriger als ein Spion. Das sind die gefährlichsten. Also nimm dich bloß in acht ...« »Wie kommst du darauf?« »Ganz einfach: ich hab' dich heute abend mit einer reizenden, ja geradezu verführerischen Bürgerin zusammen gesehen!« »Das ist eine Bretagnerin so gut wie wir. Aus altem Adel. Untauglich schlechterdings zu irgendeinem Verrat.« »Da haben wir's ja. Das oberste Gesetz eines jeden Verschwörers soll sein: trau' schau wem! Und einem Frauenzimmer schon gar nicht! ... Das hat schon Stammvater Adam damals eingesehen, daß nur die Eva das Luderchen war. Und all unsere Parteiführer, die sich mit Frauen eingelassen haben, sind vor die Hunde gegangen. Also laß dir's gesagt sein, mein lieber Freund, entweder brich mit dem reizenden Wesen oder laß die Finger von der Politik und widme dich ausschließlich der süßen Liebe.« »Da brauchst du bei mir gar keine Angst zu haben. Gar keine! Übrigens fahr' ich morgen von hier fort. Mit Befehlen von den Prinzen an die Royalistenkomitees des Südens; da kann doch von keiner Liebe die Rede sein. Außer dir weiß kein Mensch, zu welchem Zweck ich eigentlich reise ... Der Herr Lerebourg glaubt absolut, ich reise für ihn in Seide und Samt nach Lyon ... da möcht' ich denn doch die Spürnase sehn, die bei meinen Besuchen da unten auch nur das leiseste finden könnte. Denn ich werde wirklich nur Fabrikanten aufsuchen ... so, und nun gehen wir. Ich treffe mich in meinem Gasthaus nämlich noch mit Carbon.« Saint-Régeant stand auf. Limoëlan klopfte mit einer Silbermünze mehrmals auf die Marmorplatte und zahlte. »Ich kann dich ja bis zum Roten Löwen begleiten.« »Wenn du willst. Ich verabschiede mich nur noch bei Madame Lerebourg und bin gleich wieder da.« Sie gingen nach dem Tanzsaal zurück und steuerten auf die Gruppe zu, in deren Mitte Emilie residierte. Oberst Dorsenne, einer der ausgezeichnetsten Offiziere der ganzen Armee, bemühte sich in liebenswürdigster Weise um sie; aber die Stirn der schönen Kaufmannsgattin war und blieb bewölkt, und die Schatten lichteten sich erst, als Saint-Régeant wieder auftauchte. – Oberst Dorsenne maß den Störenfried ziemlich von oben herab, aber da traf ihn ein so fester freier Blick aus den hellen Augen Saint-Régeants, daß er lieber doch nicht mit ihm anbandelte. »Ich möchte mich von Ihnen verabschieden, Bürger Lerebourg, und auch Ihnen, Bürgerin, für einige Zeit Lebewohl sagen,« wandte Saint-Régeant sich an Emilie. »Sowie ich wieder zurück bin, werde ich mir sogleich die Freiheit nehmen, Sie wieder aufzusuchen, um so mehr, als ich mit Ihrem Gemahl dann abzurechnen habe.« »Schreiben Sie mir nur sofort von Lyon Ihre Adresse,« sprach Lerebourg. »Für den Fall, daß ich Sie um noch etwas zu bitten oder auch noch ein neues Geschäft für Sie hätte.« »Aber selbstverständlich.« Er tauschte einen Händedruck mit dem Gatten. Der Gemahlin aber küßte er die Hand – und zwar mit einer fast allzu aristokratischen Anmut. So daß, als er fort war, Dorsenne sich nicht enthalten konnte zu sagen: »Diese Ladenjünglinge nehmen sich neuerdings Manieren heraus – als ob sie hohe Herren aus dem ancien régime wären.« »Das ist nun schon einmal so, Herr Oberst,« bemerkte Lerebourg. »Alles ist umgekehrt. Die kleinen Leute spielen sich als große Herren auf, und die allerbedeutendsten Männer sehen beinah' nach nichts aus.« »Donnerwetter ja! Aber wir werden die Dinge schon jedes wieder an seinen ordentlichen Platz stellen; verlassen Sie sich darauf!« Der Oberst hatte Locken in die Stirn frisiert wie eine Frau. »Und zwar durch unsern Waffenruhm! Nämlich, Bürger Lerebourg, ein Erster Konsul, das ist gut, aber noch zu wenig. Entweder Konsul auf Lebenszeit oder gar – Kaiser!« »Pst! Nicht so laut, werter Herr Oberst!« mahnte Lerebourg mit einiger Besorgnis. »Wenn Sie wer hörte!« »Wenn mich wer hörte? Ach, Sie meinen, daß jemand was dagegen haben könnte? Dieser Jakobiner Moreau oder jener Royalist Pichegru vielleicht? Da pfeif' ich drauf! Wir sind in der Armee dreißigtausend solcher Burschen wie ich, und all die dreißigtausend schreien lieber heut als morgen laut aus, was ich Ihnen soeben im Vertrauen gesagt habe. Ich mein', man hätt' es im Brumaire gesehen, daß wir uns von den Advokatenmännchen nichts bieten lassen! Diese Schwärmer soll überhaupt alle miteinander der Teufel holen! Was brauchen wir uns lange den Kopf zerbrechen: Bonaparte heißt die Losung! Basta!« Der Oberst sprang auf, schlug die Hacken zusammen und verneigte sich vor Emilie: »Reizende Dame, würden Sie mir die hohe Ehre erweisen und diesen Kontertanz mit mir tanzen?« »Ich danke Ihnen bestens, Herr Oberst – aber ich bin müde und ich denk', wir wollen gehen ...« »Freilich! Seit dieser Geck gegangen ist,« knirschte Dorsenne zwischen den Zähnen, »gefällt's Madame auch nicht mehr! Na, und ihr Gatte, das ist ... 'n Esel!« Er empfahl sich Madame Lerebourg und – ging wo anders auf Eroberungen aus. Saint-Régeant und Limoëlan gingen zusammen durch die Rue de Port-Mahon; als sie aber in die Rue Saint-Augustin kamen und von da in das Gäßchengewirr der Butte des Moulins hinein wollten, sah Saint-Régeant sich verstohlen um und sagte dann leise zu seinem Begleiter: »Wir werden verfolgt. Schau nicht um und laß dir überhaupt nichts anmerken, aber komm ein bißchen rascher.« Sie waren ja beide junge gelenkige Leute; so rannten sie nun an die hundert Schritt und befanden sich damit auch schon längst außer Hörweite ihres Verfolgers. Darauf bogen sie jäh in die Rue Sainte-Anne ein, versteckten sich da im Schatten eines tiefen Haustores – und kaum zwei Minuten später kam ihnen jemand schnell nachgegangen und eilte an ihnen vorüber, ohne sie gesehen zu haben. »Wir haben wirklich all und jede Vorsicht nötig,« meinte Limoëlan. »Und du tätest auch klüger, wenn du überhaupt nicht mehr nach dem Roten Löwen hingingst. Wir haben die Polizei auf dem Rücken ... Wenn ich bloß wüßte, welche!« »Nur die des verfluchten Fouché! Weil all unsere Freunde, ja selbst die Prinzen sich in Vertraulichkeiten mit diesem Hund einlassen! Er sieht nämlich schon derart verräterisch aus, daß man ihm unwillkürlich zutraut, er könne einem selber nur wieder auch was verraten! Dabei arbeitet der Kerl einzig in seine eigene Tasche. Sollte mich übrigens sehr wundern, wenn der nicht eines schönen Tages doch noch vor einer Mauer und mit einem Dutzend Kugeln in den Gedärmen endigt! Der Erste Konsul verabscheut ihn geradezu...« »Der Renegat! Der Königsmörder! Der infamste von allen!« »Ein scheußlicher Patron – ja! Und dabei hat er alle für sich!« »Man liebt ihn sogar!« »Es findet eben ein jeder Topf seinen Deckel!« Währenddem waren sie vor den Tuilerien an der Rue Saint-Nicaise angekommen. »Sieh dir mal ein bißchen die Lage an,« sprach Saint-Régeant. »Hier muß Bonaparte immer vorüber, wenn er aus den Tuilerien kommt. Wenn da einmal ein entschlossener Mann an der Ecke der Rue de Rohan etwa in einem Hinterhalt steht und auf den Wagen des Ersten Konsuls abdrückt – doch eigentlich eine Kleinigkeit! Und wenn der Mann gar eine ordentliche Waffe so'n bißchen mit Splitter und Hagel hätte, eine Blunderbüchse mit Kugeln gepfropft zum Beispiel ... na, was sagst du dazu?« »Die Idee ist nicht so übel.« »Sowie ich von der Reise zurück bin, sprechen wir uns darüber nochmal, mein Lieber. Du könntest bis dahin übrigens ein paarmal hier vorbeikommen und bereits etwas die Entfernungen berechnen, die Umgebung studieren, die kleinen Läden hier ausforschen und auch gleich ein wenig zusehen, ob hier vielleicht möblierte Zimmer zu vermieten sind ... Man soll nichts außer acht lassen und alles vorher ein wenig berechnen, wenn man vielleicht sein Leben aufs Spiel setzt, um einen so fürchterlichen Feind unschädlich zu machen ...« »Selbstverständlich!« antwortete Limoëlan. »Verlaß dich nur auf mich. Übrigens, hier trennen wir uns wohl, und deine Befehle weiß ich ja nun, und weiter ist ja wohl nichts mehr nötig.« Ein Händedruck – und Saint-Régeant schlug die Richtung nach dem Palais-Royal ein, während Limoëlan in dem Irrgarten der kleinen Gassen und Gäßchen verschwand. Kaum aber daß sie sich getrennt hatten, löste sich sachte ein Schatten von der Häuserwand los und im Schein einer Straßenlaterne war's – der Lebegreis aus dem Pavillon de Hanovre und der schäkernde Kunde der Fräuleins Hermance und Zoé. Er sah dem davongehenden Saint-Régeant nach und murmelte: »Was mögen die bloß geredet haben, während sie den Platz so sehr beaugenscheinigten? Das ist sehr unangenehm, daß ich sie nicht deutlich verstehen konnte!« Er folgte Saint-Régeant in einer Entfernung von hundert Schritt. Aber nun war das Verfolgen leicht, denn der junge Mann suchte keinerlei Deckung mehr, sondern ging geradeaus nach der Rue de l'Arbre Sec nach Hause. Zwei Uhr morgens war's, als er im Roten Löwen ankam. Das Haus lag dunkel und still da. Saint-Régeant trat beim Hausknecht ein; der schlief auf seinen Fäusten als Kissen, die halb heruntergeschraubte Lampe neben sich. Saint-Régeant ließ ihn auch ruhig schlafen, nahm nur einen Schlüssel und Handleuchter und ging hinauf. Der gepuderte Lebegreis, der sicher war, ihn morgen in der Früh' da wieder anzutreffen, wo er ihn heut verließ – nämlich vorm Roten Löwen – ging nun gleichfalls nach Haus. Die Rue de l'Arbre-Sec hinab bis zum Kai, über den Pont-Neuf und den Platz Dauphine nach einem Haus, das einem ganz gewissen Braconneau gehörte. Da schminkte er sich in seiner Schauspielergarderobe erst einmal ordentlich ab, hing die ganze Rolle an den bestimmten Haken und ward nun endlich einmal er selber. Ging ins Speisezimmer, kramte im Büfett, fand etwas Kalbsbraten, Brot, leistete sich eine Flasche Wein und nachtmahlte so beschaulich wie ein Bürger, der aus dem Theater nach Hause kommt. Dann holte er sich eine Pfeife und pflanzte sich gedankenvoll, wie es schien, in einen Lehnstuhl; und nach einer Viertelstunde ungefähr, nachdem er die Pfeife ausgeraucht hatte, sprach er: »Genug für heute. Morgen seh' ich vielleicht schon klarer.« Er suchte sein Schlafzimmer auf und legte sich nieder. – Mit dem ersten Morgengrauen aber tat er, so wie er es gewohnt war, schon wieder die Augen auf. Sprang aus dem Bett, zog die Jalousien hoch und bot dem schmeichlerischen Frühwind sein mageres, braunes, wahres Gesicht dar, von dem sich so wenige Leute rühmen konnten, es jemals gesehen zu haben. Dann wieder in sein An- und Verkleidekabinett, und binnen einer Stunde war er neu jener Bourgeois mit hochrotem Gesicht und roten Haaren, vierschrötig und munter zugleich, wie er sich meist dem Polizeiminister präsentierte. Er ging durch das Speisezimmer nach dem Korridor und äugte durch einen heimlichen Spalt zur Tür hinaus, ob niemand auf der Treppe sei. Alles leer und ruhig. So verließ er das Haus und strebte hurtig dem Roten Löwen zu. Trat da ins Privatkontor des Gasthofsbesitzers und erkundigte sich mit stark provençalischem Akzent: »Der Bürger Leclerc da? Nein?« »Der Bürger Leclerc wohnt nicht mehr hier.« »Nanu! Seit wann?« »Seit heute.« »Ausgezogen. Ja?« »Abgereist.« »Abgereist? Wohin!« »Nach Lyon. In Geschäften.« »Und wann will er wiederkommen?« »Das hat er nicht gesagt. Aber das kann lange dauern. Er hat jedenfalls seine Rechnung bezahlt und seine ganzen Sachen mitgenommen.« »Wie kann ich ihn nun bloß erreichen?« »Indem Sie ihm hierher schreiben. Die Briefe weiden ihm nach Lyon nachgeschickt.« »Sie haben also die Adresse? Ja?« »Gewiß. Aber ich darf sie niemand sagen. Seiner Gläubiger wegen.« »Ui – der Schuft!« »Was heißt da Schuft? Solange man jung ist, Bürger, und aufs Vergnügen aus, gibt man leicht mehr aus als man hat. Und da heißt's dann: Geldverleiher.« »Aber hören Sie: ich bin keiner von der Sorte. Mir können Sie also dreist –« »Ich glaube es Ihnen aufs Wort, aber – ich habe meine Befehle.« »So. So so! Alsdann werde ich ihm eben schreiben. Auf Wiedersehen, Bürger.« Damit ging er. Aber er war denn doch einigermaßen baff. Daß ihm Saint-Régeant mit einer solchen Schnelligkeit entwischte, mußte ihm der sicherste Beweis dafür sein, daß der junge Mann sehr wohl auf seiner Hut war. Valoris – kein Zweifel – hatte ihn gewarnt. Indes wenn die Royalisten nun auch Laverniéres zur Genüge kannten, so kannten sie doch nicht Braconneau! Und in seiner neuen Maske hatte der Fouchésche Agent keine Angst vorm Entdecktwerden ... Er schlenderte also durch ein paar Straßen und hielt sich in einem fort sein eigenes schauderöses Pech vor – und vergaß aber dabei doch nicht, die Augen beständig auf der Lauer zu halten, da er ja – so wie jeder tüchtige Polizeimensch es muß – auf irgendeinen glücklichen Zufall rechnete. Und als ob ihn ein geheimer Instinkt dabei geleitet hätte, stand er mit einemmal vor der großen Posthalterei, wo gerade eine Diligence fertig zum Abfahren war. Das ganze Gepäck bereits aufgeladen, und die Passagiere mitten im Abschiednehmen, Grüßeausrichten, Sichempfehlenlassen und Küssetauschen. Der Beamte, der die Abfahrt leitete, rief soeben: »Bürger Leclerc!« Und da niemand antwortete, ein zweites Mal: »Ist der Bürger Leclerc nicht da?« Endlich antwortete eine Stimme aus dem Wagen: »Hier ist er ja! Er sitzt bereits!« »Meinetwegen –« brummte der Beamte mit der Passagierliste, »aber eigentlich sollte keiner Platz nehmen, bis ich ihn aufgerufen habe! Die zuerst Eingeschriebenen haben die Wahl der Plätze –« »Aber Sie hören doch, daß sich kein Mensch darüber aufhält als nur Sie selber!« wieder die Stimme aus dem Wagen. Der Beamte wandte sich an den Postillion und ging mit diesem das Frachtgut und das Gepäck durch; da fühlte er, wie ihn wer am Rockärmel zupfte. Er drehte sich um und sah einen rotgesichtigen Biedermann, der sehr gut aufgelegt zu sein schien. »Sie wünschen, Bürger?« »Na, ein Plätzchen wünscht' ich halt ... Wenn vielleicht noch vorn eins frei wär' ...« »Wohin?« »Nach Chalon.« »Ein Platz neben dem Postillion ist noch frei.« »Also, den nehm' ich!« »Auf welchen Namen?« »Evariste Neufmoulin, Weinreisender, Rue Saint-Victor 17 ...« »Steigen Sie auf ... Aber haben Sie kein Gepäck?« »Das folgt nach!« Behende schwang sich der Polizist unter Zuhilfenahme des Lederriemens, der eigens zum Aufsteigen da war, auf seinen hohen Sitzplatz hinauf. Ein Blick dabei ins Innere der Kutsche sagte ihm: Saint-Régeant war da; saß in der einen Ecke an der Tür. Darauf dankte er dem Gott aller Polizeispitzel, der ihn die Spur doch hatte wieder finden lassen, und ahmte von seinem hohen Sitz täuschend das Abschiedsstückchen eines Posthorns nach. »Na, Sie sind mir schon der Rechte!« schrie der Postillion und lachte laut, kam gleichfalls nun heraufgeklettert und griff zum Horn und blies sein Liedel eigentlich nicht viel schallender als es vordem schon der Tausendkünstler Evariste Neufmoulin ohne jeden Apparat getan. Der unförmige Kasten setzte sich rumpelnd in Bewegung. Saint-Régeant saß neben einer alten Dame und einem Infanterieoffizier gegenüber. Er hatte natürlich keine Ahnung, daß ihm in letzter Minute doch noch ein Fouchéscher Geheimer mit auf die Reise gegeben war. Er sah vielmehr mit geschlossenen Augen in einer Art Halbschlaf – immer nur das Bild der schönen Madame Lerebourg vor seiner Seele. Und war recht traurig und betrübt, die, die er liebte, in dem Augenblick verlassen zu müssen, in dem es doch das Süßeste der Welt gewesen wär, ihr nahe zu sein und zu bleiben. Denn er liebte sie. Liebte sie, schon seit ihn das erstemal ein rein politisches Interesse in ihr Haus geführt hatte. Er war ja wohl zuerst als Verschwörer hingegangen, der seine Beziehungen zum Haus Lerebourg nur für seine Intrigen ausnützen wollte. Aber er hatte sich auf der Stelle verliebt und sah all sein Glück nur noch in der vergötterten Frau vereinigt. Er fühlte sich sogleich nicht nur durch ihre Schönheit zu ihr hingezogen, sondern ebensosehr durch gemeinsame Abstammung und mächtige Bande des gleichen Blutes. Sie war so wie er vom Adel, und ja sogar ein und dasselbe politische Glaubensbekenntnis hatten sie. Ihr war das revolutionäre Regime, das sich durch Bonaparte nur einigermaßen leidlich gestaltet hatte und woran nun die Laxheit der Mehrzahl der Franzosen ein Genügen fand, ebenfalls noch lange nicht gut genug – im Vergleich mit der einstigen Monarchie. Sie hatte die Greueltaten eines Carrier in Nantes gleichfalls nicht vergessen! denn wer vergäße so etwas je? Sie hatte Mord und Tod und Krieg und Laster mit ihren eigenen Augen mit angesehen – und um nur aus der bedrohlichen Nähe all der Schrecken fortzukommen, dem Bürger Lerebourg ihre Hand und ihr Jawort gegeben! Sie teilte von Kind an die Meinungen dieses ihres Landsmannes, den ihr der Zufall über den Weg geschickt hatte – was Wunder, daß sie nun auch seine Liebe teilte! Sie hätte es ihm auch gar nicht zu verbergen vermocht; er wußte es ohnehin, daß er der völlige Herr über all ihre Gedanken war ... So mußte er es auch wissen, daß, wie er nun in dieser fünfspännigen Diligence am frühen Morgen zum Tor hinausfuhr, eine in ihrer Kammer in der Rue Saint-Honoré an ihn dachte ... Und er verharrte gern so – in dieser leichten, dunkellichten, bittersüßen Schlaftrunkenheit – bis Villeneuve-Saint-Georges. Da aber ging der Weg mit einemmal lang – steil hinauf, und die Fahrt verlangsamte sich sehr. Der Postillion war bereits abgestiegen, um es den Rossen leichter zu machen, und selbstverständlich auch Evariste Neufmoulin. Nun drückten auch die Reisenden im Innern des Wagens die Absicht aus, sich die Beine etwas zu vertreten, und wie das Gefährt wieder einmal hielt, um die Pferde etwas verschnaufen zu lassen, sprangen auch der Offizier und Saint-Régeant ab. Die Straße war staubig, indes die Luft war frisch, und am blauen Himmel weideten Lämmerwölkchen. So ging sich's angenehm neben dem Fahrweg her, ein wenig im Gras. Der Weinreisende erklärte: »Bis wir da oben auf dem Berg sind, werden wir einen netten Hunger haben ... Das ist der Gesundheit nicht gerade zuträglich, soviel Morgenluft auf den nüchternen Magen ... Eine gute Tasse Kaffee, denk' ich, und ein paar belegte Brötchen könnten wir uns bei der nächsten Umspann schon leisten, was?« »Ein Viertelstündchen noch,« meinte der Postillion. »Na, dann ist's recht!« »Das Mittagessen können Sie in Melun haben!« »Ja, aber eh wir nach Melun kommen, müssen wir doch erst noch über Lieursaint, wo vor drei Jahren die Lyoner Post überfallen wurde!« »Sie brauchen keine Angst zu haben,« sprach der Offizier. »Wenn sich von dem Gesindel einer zu zeigen wagt, kann er was erleben! Ich hab' nicht umsonst meine Pistolen bei mir!« »Verflucht noch eins! Hoffentlich sind sie nicht geladen?« rief Neufmoulin mit allen Anzeichen der Angst. »Ich kenne nichts Beunruhigenderes für die armen Mitreisenden und nichts Ungefährlicheres für die Herren Diebe als gerade sowas!« »Haben Sie einen Zweifel an meiner Courage?« schrie der Offizier und rollte fürchterlich mit den Augen. »I wo! Ich denke gar nicht dran! Aber wenn so ein Schießeisen losgeht, geht's meistens dahin, wohin es nicht soll ... Und wenn die Herren Wegelagerer uns etwa im Sénarter Wald gerade angreifen, dann verstehen sie in solchen Dingen am allerwenigsten einen Spaß!« »Dann verteidigt man sich eben bis zum Tod!« »Postillion!« schrie Neufmoulin, »Sie müssen den Herrn auf der Stelle entwaffnen! Denn ich seh' schon, der ist imstande und schießt wirklich! Sich verteidigen! Ja, denken Sie denn im Ernst an sowas? Ich appelliere in diesem Falle an alle die Herren Mitreisenden!« Und er wandte sich mit diesen Worten so unmittelbar und ausgerechnet an Saint-Régeant, daß dem nichts anderes übrig blieb, als ihm zu antworten: »Der Herr ist Offizier. Und was er sagt und auch tun will, zeugt höchstens von seiner Tapferkeit. Ich bin ganz der Meinung wie der Herr.« »Das heißt mit andern Worten: aber ich bin ein Feigling – nicht?« »Mein lieber Herr,« versetzte Saint-Régeant gelassen. »Ich will damit gar nichts Ähnliches behauptet haben ... Sie fragten mich; nun gut – ich habe Ihnen geantwortet ... Im allgemeinen ist mir diese ganze Unterhaltung lästig; sie interessiert mich nicht im mindesten ...« »Na, na, fressen Sie mich nur nicht gleich bei lebendigem Leibe auf ... oder darf ich mir zuvor doch noch die Frage erlauben: Mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen?« »Das dürfte kein großes Geheimnis sein. Mein Name steht auf der Liste; also fragen Sie gefälligst den Postillion. Oder wenn Sie's gar nicht länger mehr erwarten können: Victor Leclerc. Reisender. Seide und Samt.« »Das ist ja ausgezeichnet!« schrie Neufmoulin. »Wann sind wir ja Kollegen! Nämlich ich bin Weinreisender. Also nichts für ungut, Bürger! Ich bin man zuweilen etwas aufgeregt, das geb' ich gerne zu, aber sonst bin ich eine Seele von einem Menschen –« Er bot seine breite Rechte: Saint-Régeant legte kaum zwei Finger hinein ... »Aber nun scheint's an der Zeit, wieder ein bißchen aufzusitzen! ... Hupp – la! ... Und nun, mein lieber Freund und Gönner Postillion, etwas Trab, wenn ich bitten darf! Trätätätä tätä tätä!« Und er ahmte mit seinen Lippen wieder das Posthorn nach. – In Villeneuve spielte Neufmoulin den Damen gegenüber den Kavalier und wollte es sich absolut nicht nehmen lassen, die belegten ›,Bröter‹,, wie er sagte, für die ganze Reisegesellschaft zu ›,schmeißen‹,. Er schien überhaupt ein Biedermann, etwas zudringlich zwar, doch nicht gerade unangenehm. Saint-Régeant aber wollte er um jeden Preis zu sich vorne auf den Kutschbock haben: »Die Landschaft, so vom Juchhe aus gesehen, ist einfach wunderbar – glauben Sie mir's doch!« Indes, der junge Mann lehnte – wenn auch immer höflich – ab. Er hätte während der Fahrt noch mit seinen Notizbüchern zu tun und würde gewiß bis Montereau damit nicht fertig. Doch in Melun bereits beim Mittag wurde er von der Heiterkeit dieses ulkigen Hauses angesteckt, und als es auf die Nacht zuging, waren es die im Wagen Sitzenden ihrerseits (und nicht zuletzt auch Saint-Régeant), die dem Weinreisenden vor der Kälte der Nacht nun ein Plätzchen bei sich anboten. Neufmoulin nahm das auch gerne an und setzte sich zwischen die alte Dame und Saint-Régeant, denn die wären beide ohnehin so dünn, und so kam man ohne Unfall bis Chalon. Von dort fuhren Neufmoulin und Saint-Régeant per Schiff weiter, und als sie erst gar in Lyon anlangten, waren sie – allem Anschein nach – die besten Freunde von der Welt. 8. Kapitel Nicht daß Saint-Régeant in irgendeiner Weise aus seiner Reserve herausgegangen wäre! Sein Reisekamerad erfuhr auch nicht ein Tüttelchen von all seinen Geheimnissen: er war mehr als jemals einfach der Victor Leclerc, Reisender in Samt und Seide. Im Gegenteil hätte Neufmoulin eigentlich noch vorsichtiger sein müssen, als er's ohnehin wohl betreiben mochte: Saint-Régeant hatte bald einen gewissen Verdacht auf ihn. Nämlich am ersten Tag sogleich, kaum daß man in Fontainebleau im Gasthof zur Post angekommen war, war da ein Polizeikommissär aufgetaucht und hatte das ganze Reisegepäck auf einen denunzierten Waffenschmuggel nach dem Süden hin visitiert. Und alle Reisenden mußten außerdem noch ihre Pässe vorzeigen – und nur Neufmoulin war während dieser ganzen Formalität wie rein zufällig nicht da! Das war doch ziemlich verdächtig – wenn er auch hinterher wutschäumend hereinkam und sich in den ausfallendsten Redensarten gegen den Kommissär erging, der ihn soeben auf dem Hof angehalten und ihm in höchst unverschämter Art und Weise seine Papiere abverlangt hätte. Ja, gerade dies übertriebene dann in seinem ganzen Gehaben konnte einen Menschen wie Saint-Régeant wohl stutzig machen. Er schrie schier in einem fort, daß er's dem Herrn Kommissär schon zeigen würde! er – Neufmoulin – sei ein Landsmann vom Konsul Cambacérès! na, und der Herr Kommissär würde staunen, was ihm geschähe! Und er wetterte darauf los, daß man ziemliche Mühe hatte, ihn zu beruhigen; und erst als der Gasthofbesitzer ein Stückfaß Saint-Estèpher Bordeaux-Wein bei ihm bestellte, wurde er wieder gemütlich. – Dabei glaubte Saint-Régeant aus einiger Entfernung genau beobachtet zu haben, wie der vorgebliche Streit des Weinreisenden mit dem Kommissär eher alles andere als ein Streit gewesen war: wenigstens schien's, als ob der Beamte dabei vielmehr ausgefragt worden wäre, als daß er selber gefragt hätte. Kurz und gut, dieser Herr Neufmoulin war Saint-Régeant nicht ganz geheuer. Mochte er auch auf dem ganzen Wege Wein handeln und auf jeder Poststation dem Posthalter Offerten machen – selbst wenn er den Wein auf dem Stocke verkaufte, bewies das noch absolut nicht, daß die Lieferung auch jemals erfolgen würde! Als sie in Lyon anlangten, schlug Neufmoulin seinem Reisekameraden vor: »Wenn es Ihnen gleich ist, wo Sie absteigen, das heißt, wenn Sie keinen bestimmten Gasthof im Auge haben, kann ich Ihnen nur das ›,Einhorn‹,, Place des Brotteaux, bestens empfehlen. Im Zentrum der Stadt ... ich wohne regelmäßig da ... man ist wie das Kind im Hause!« Saint-Régeant wollte sehen, wie weit Neufmoulin es noch mit ihm treiben würde. Außerdem konnte es ihm tatsächlich gleich sein, wo er abstieg; ihm war ein Gasthof so gut wie der andere, und er nahm das Anerbieten dankend an. übrigens – das muß wahr sein – hatte Neufmoulin keineswegs irgendwie gelogen, und Saint-Régeant bemerkte eigentlich zu seinem großen Erstaunen: erstens war Neufmoulin im »Einhorn« wirklich wie ein alter Bekannter, und man behandelte ihn ganz wie einen Stammgast; und zweitens verkaufte er auch hier wieder Wein, und man lobte seine Ware sogar! Sollte Saint-Régeant dem Weinreisenden unrecht getan haben? Er schien fast geneigt, an derartiges zu glauben; dann aber überwog der Bretagner wieder in ihm und er blieb fest bei dem einmal gefaßten Mißtrauen. – Da aber hatte Neufmoulin schon wieder einen neuen Trumpf in Bereitschaft, und der junge Mann kam an diesem ersten Abend im »Einhorn« aus seinem Staunen eigentlich nicht recht mehr heraus. Sie hatten zusammen genachtmahlt und waren eben beim Kaffee, als der Weinreisende mit einemmal loslegte: »Hören Sie mal, Leclerc, ich ärgere mich im Grunde über mich selber, daß ich Ihnen nicht gleich reinen Wein eingeschenkt habe. Ja, ja, ich mache mir im stillen Vorwürfe darüber, daß ich Sie derart mit mir hierher ins ›,Einhorn‹, schleppte. Ich kann Sie nun einmal wahrhaftig gut leiden und bin so sehr gern in Ihrer lieben Gesellschaft – aber das schließt alles miteinander nicht aus, daß ich eigentlich eine große Dummheit gemacht habe. Nämlich... es kann überaus leicht sein, daß ich Sie kompromittiere –« »Sie? Aber wieso denn?« »Tja – wieso denn – das ist eine kitzlige Geschichte! Nein, nein– ich bitte Sie – wahrhaftig! – fragen Sie mich nicht! Es muß Ihnen genug sein, daß ich Ihnen soviel von allem verraten habe! Und wenn Sie was Gescheites tun wollen, dann nehmen Sie jetzt Ihr Gepäck und logieren sich am andern Ende der Stadt ein! Es ist besser, Sie werden nicht zusammen mit mir gesehen!« »Ja, aber warum denn?« »Ich hab' Sie doch schon einmal gebeten: verlangen Sie weiter keine Antwort von mir ... Tun Sie lieber, so wie ich Ihnen sage ... Und nehmen Sie das als einen Beweis für die aufrichtige Freundschaft, die ich für Sie hege –« »Sie sehen mich eigentümlich berührt und – nein, nein, das genügt mir nicht! Ja, sind Sie denn ein Bankrottierer oder ein Falschmünzer ...?« »O nein, es ist kein Fleck auf meiner Ehr'!« »Na, dann ... konspirieren Sie am Ende gar?« Neufmoulin antwortete nicht. Sondern sah nur Saint-Régeant über die Maßen gespannt ins Gesicht. – Der junge Mann wechselte schier die Farbe. – Dann gab sich Neufmoulin, schien's, einen gewaltigen Ruck: »Konspirieren? Na, und wenn dem so wäre? Würden Sie mich auf der Stelle meiden? ... Wie denken Sie über die Sache, Leclerc? Sind Sie für die Revolution und diesen gottverfluchten Bonaparte ... oder aber tut Ihnen der König und die Prinzen leid?« Das also war's! dachte Saint-Régeant, und nach etlichen rasenden Herzschlägen kam ihm all seine große Kaltblütigkeit wieder: also doch ein »Agent provocateur«, und es war gerade kein Pfänderspiel, das sie da miteinander spielten! ... Ein Polizeispitzel: das war ja auch die vollkommene Lösung all seines rätselhaften Gebarens während der ganzen Reise! ... Im selben Augenblick wurde es Saint-Régeant auch durchaus klar: wenn er Neufmoulin jetzt nachgab und sich etwa wirklich auslogierte, so sah das aus, als ob er sich in solcher Nähe von der Polizei doch nicht sicher genug fühlte, und verstärkte damit im Spion nur einen Verdacht, der bis jetzt noch auf ziemlich schwachen Füßen stehen mußte. – So stellte er sich an, als ob er höchst erschrocken wäre: »Was? Wie ich über die Sache denke? Das dürfen Sie mich nicht fragen, Neufmoulin! Ich denke nämlich bisher gar nicht über die Sache – verstehen Sie? Ich will weiter nichts als Geld verdienen und mich in Paris selbständig machen. Ich gebe gern zu, daß mir die Revolution mit ihren Machenschaften ebenfalls nicht sehr sympathisch ist – aber nur insoweit, als der Geschäftsgang darunter leidet. Indes, mich für die eine oder andere Partei auch nur mit einer Silbe zu engagieren – Gott soll mich behüten! – Und auch Sie, Bürger Neufmoulin, wie kamen Sie in dies gefährliche Fahrwasser? Denn ich muß doch annehmen, daß Sie da in eine Sache gegen die Regierung verwickelt sind –« »Leiser, leiser! – Also, ja: ich befinde mich auf einer Besuchsreise der Royalisten hier im Süden. Erste Station: Lyon. Nur, ich hab' meine Freunde so in den unteren Volksschichten, wissen Sie; mit den hohen Häuptern wie Pommadère, Quercy, Saint-Aurenc hab' ich eigentlich weniger zu tun...« Und das gab Saint-Régeant denn doch wieder einen Stoß: wie Neufmoulin ausgerechnet diese drei Royalistenführer nannte, zu denen er doch selber im geheimen Auftrag des Pariser Komitees sollte. »Ich hab's also mehr mit der Arbeiterbevölkerung zu tun, mit den Webern hier. Mit dem gesunden Kern des ganzen Aufstandes sozusagen ... Nichtsdestoweniger setz' ich mein Leben dabei aufs Spiel und möchte Ihr Leben nicht auch noch gefährden, um so weniger als Sie doch nichts damit zu schaffen haben!« Und wieder hing er wie gebannt an Saint-Régeants Gesicht. Aber der stellte sich dumm: »Ich bitte Sie, Bürger Neufmoulin, seien Sie vernünftig! Sie kommen in Teufels Küche dabei! Sie vermögen doch nichts gegen die Regierung des Ersten Konsuls – die Leute haben in zwanzig Schlachten gesiegt und stehen vorm ganzen Volke einfach glänzend da! Verkaufen Sie Ihren Bordeaux-Wein weiter; es wird Ihnen ja doch niemand Dank wissen, und wenn Sie sich heilig dafür aufopfern! Die Prinzen sind bekannt wegen ihrer Undankbarkeit!« »Nein, nein – ich habe geschworen, mein Leben für sie zu lassen ... Also ziehen Sie aus, Leclerc; Sie sollen da nicht unverschuldet mit hineingeraten. Und wenn Sie nicht ausziehen, dann zieh' ich aus: diesen Freundschaftsbeweis bin ich Ihrem Vertrauen und Ihrer Ehrlichkeit schlechterdings schuldig!« Sie redeten noch eine Weile so hin und her. Neufmoulin ging noch mehr aus sich heraus, offenbarte aber Saint-Régeant damit höchstens dies, daß es mit seinem Wissen doch nicht so großartig bestellt war. Der Spion kannte wohl gewisse royalistische Persönlichkeiten, von der ganzen Organisation der Partei wußte er indessen nichts. Die paar Namen der Lyoner Vertreter der Prinzen – mein Gott! – mochte er sich ebensogut auch von der hiesigen Polizeibehörde beschafft haben! ... Immerhin konnte einem der Mann außerordentlich gefährlich werden, und man tat jedenfalls gut, sich mächtig vor ihm zusammenzunehmen. Ausziehen, wie er es so gern wollte, hieß ihm gänzlich freies Spiel lassen; und nur dadurch, daß man beharrlich dablieb, konnte man ihn in Schach halten. Der Kerl war schließlich zu allem fähig, und Saint-Régeant mußte mit der Möglichkeit rechnen, ihn im gegebenen Augenblick einfach unschädlich zu machen. Der junge Mann war nicht umsonst stets bewaffnet, und vollends an dem nötigen Mute, mit dem Herrn ein Tänzchen zu wagen, fehlte es ihm ja nie. – Vorderhand machte er sich recht als Victor Leclerc mal auf den Weg zu den verschiedenen Fabrikanten. Dabei kamen ihm die Kommissionen, die ihm Lerebourg aufgetragen hatte, doch zustatten. Er kehrte auf die Art ordentlich beladen mit Mustern in den Gasthof zurück und hatte doch außerdem noch eine Menge Stoff zu erzählen. Neufmoulin, der doch ganz genau wußte, mit wem er es im Grunde zu tun hatte, bekam allerhand Hochachtung vor dieser Kaltblütigkeit, Geschicklichkeit und Schlauheit Saint-Régeants. Wahrhaftig! es mit diesem glänzenden Gegner aufzunehmen, war eigentlich eine Lust. Und der Spion schämte sich beinah darüber, daß er, so unendlich viel Chancen vor dem andern voraus hatte. Er durchschaute ja seines Partners Spiel vollständig – und hätte nebenbei darauf schwören mögen, daß Saint-Régeant ihm gegenüber nicht den leisesten Argwohn hegte ... Neufmoulin hatte sich sogleich nach seiner Ankunft in Lyon mit dem dortigen Generalkommissär in Verbindung gesetzt und einen als Hausknecht verkleideten Agenten, der stündlich und minütlich zu seiner Verfügung war, in den Gasthof erhalten. Jeder Schritt Saint-Régeants wurde sorgfältig überwacht, aber drei Tage lang nun schon war ihm nicht im geringsten irgendwie beizukommen. Er stand sehr früh auf und ging ebenso zeitig ins Bett – da erschien er eines Abends zum Nachtmahl, noch sorgfältiger und zierlicher gekleidet als sonst. Neufmoulin spielte den Erstaunten; der junge Mann gestand verlegen, er hätte ein Stelldichein mit einer sehr hübschen Kaufmannsgattin, deren Mann verreist sei und solche Gelegenheit müsse man ausnützen. »Sie sind mir ein Feiner!« hänselte Neufmoulin. »Aber sind Sie so ganz sicher, daß Ihnen nicht irgendwie eine unliebsame Überraschung ... oder soll ich vielleicht mitkommen? Zu zweien ist es immer weniger verdächtig ... und ist es überhaupt weit von hier?« »Ich kann nichts sagen ... entschuldigen Sie! ... es ist eine sehr delikate Angelegenheit...« »Gut, gut! Also ziehen Sie los, Sie – Herzensbrecher! Setzen Sie dem Herrn Gemahl ein Geweihchen auf! Aber ich leg' mich jetzt in die Klappe – und morgen in aller Frühe berichten Sie mir Ihr Abenteuer!« Gegen neun Uhr ging Neufmoulin in sein Zimmer hinauf – und Saint-Régeant verließ das Hotel. Es war schon sehr dunkel. Der junge Mann war noch keine fünfzig Schritt weit gekommen, da nahm jemand seine Verfolgung auf. Und ein paar Augenblicke später verließ auch Neufmoulin, als Lyoner Hausweber verkleidet, den Gasthof »Zum Einhorn« und schlich ihm nach. Saint-Régeant wollte in der Tat zu einem Kaufmann. Aber nicht zu süßer Liebe. Sondern da sollten sich an demselben Abend die Royalistenführer versammeln. Man war dabei mit ungeheurer Vorsicht zu Werke gegangen: – der Kaufmann war in der Tat verreist (nach Arles) und setzte seine Gattenehre aufs Spiel und stellte also den betrogenen Ehemann vor: alles nur, um die Polizei zu betrügen. – Der Marquis de Saint-Aurenc, der Comte de Pommadère und der Chevalier de Quercy saßen bereits im nur ganz spärlich erhellten Magazin hinterm eigentlichen Laden, als Saint-Régeant von dem hübschen Kaufmannsfrauchen hereingeführt wurde. Zu langer Begrüßung war keine Zeit. In hastigen Sätzen brachte jeder seinen Bericht über die herrschende Stimmung im Volke vor; dann machte Saint-Régeant die Herren mit der neuesten Entschließung des Pariser Komitees bekannt, bat sie, sich zur allgemeinen Erhebung in der ganzen Provinz bereitzuhalten und im gegebenen Augenblick sofort die Gewalt an sich zu reißen. »Sowie die Nachricht vom Untergang des Tyrannen eintrifft, proklamieren Sie den König und entfalten das weiße Banner ... Sie, Herr de Quercy, stellen sich der Garnison sogleich als Königsleutnant vor: hier, bitte, Ihre Vollmacht ... Sie, Herr de Pommadère, bemächtigen sich der Präfektur ... und der Herr de Saint-Aurenc hält sich ans Generalsteueramt ... So – das also wären die Befehle!« »Aber könnten wir nun nicht ein bißchen näher erfahren, was da eigentlich geschehen wird?« fragte Quercy. »Unmöglich! Die ganze Aktion soll bis zum allerletzten Augenblick geheim bleiben, und nur die, die unmittelbar daran beteiligt sind, wissen davon ... Es wird alles in allem wie ein Donnerschlag kommen! Halten Sie sich also parat, meine Herren, und setzen Sie sich mit unsern Freunden in Avignon und Marseille in Beziehung, daß alles auch wirklich klappt –« »Soll geschehen!« sprach Saint-Aurenc. »Verfügen Sie über den nötigen Fonds, um all die Ausgaben zu bestreiten?« »Gott! das schießen wir eben solange vor. Die ›Gesellschaft Jéhu‹ arbeitet zwar fieberhaft auf allen Straßen bei Grenoble und Dijon; die ›Brüder‹ plündern täglich neue Staatskuriere und legen auf Steuerlasten Beschlag, aber dieses ganze Geld geht nach der Bretagne ab, um Georges' Soldaten zu bezahlen ...« »Ist nicht letzthin Herr de Sainte-Hermine bei Bourg verhaftet worden?« »Eine unangenehme Geschichte – ja ... Es wurden ein paar Freunde denunziert und sitzen nun hinter Schloß und Riegel, aber wir hauen sie schon wieder heraus, für die soll die Guillotine – weiß Gott – nicht geschaffen sein!« »Das Schafott ist durch alle die von den unseligen, die es bestiegen, geheiligt worden!« sprach Saint-Régeant. »All unsere Köpfe sind gut genug dafür – wenn wir nur die Revolution niederzwingen! Der eine einzige Bonaparte ist gefährlicher als der ganze Konvent. Der allein hat mehr Zerstörung im Leibe als Danton, Robespierre und Marat zusammen. Georges, Hyde und ich haben ihn bei unserer Audienz nah genug gesehen. Der ganze Mann ist ein fürchterlicher, wahnsinniger Ehrgeiz. Der träumt einen Traum – und wenn er dabei auch über die ganze Menschheit hinweggehen soll. Wenn der Kerl triumphiert, ist die Welt ein Strom von Blut!« »Also vergießen wir lieber das seinige!« Da stürzte die Kaufmannsfrau herein. Halb ohnmächtig vor Schreck. »Die Haustür besetzt – die Polizei kommt!« »Beruhigen Sie sich, gnädige Frau,« sprach der Marquis de Saint-Aurenc. »Die Herren und ich benützen einen geheimen Ausgang, durch den Wagenschuppen des Nachbarhauses, und sind mit hundert Schritt von hier am Kai. Der Ausgang kann unmöglich besetzt sein, da ihn außer uns niemand kennt ... Herr de Saint-Régeant aber bleibt bei Ihnen und verläßt Ihr Haus in einer Stunde ungefähr ruhig durch die Ladentür ...« Hastige und stumme Händedrücke – und die drei Herren schlichen erst über einen kleinen Hof, dann durch einen Schuppen, und gelangten durch einen Bürstenmacherladen tatsächlich – mit der nötigen Vorsicht – ungehindert auf die Straße. Saint-Régeant aber bemühte sich derweil, die Kaufmannsfrau zu beruhigen. Er stellte ihr vor, daß nur dies gefährlich gewesen wäre, wenn man hier herinnen Saint-Aurenc, Quercy und Pommadère zu gleicher Zeit angetroffen hätte. Wenn jetzt die Polizei käme, könnte doch von keinem Politischen Verdacht mehr die Rede sein. Er stände als Bürger Leclerc in anerkannten Handelsbeziehungen mit ihrem Hause – und die sehr verehrte gnädige Frau sei in der Tat noch viel viel hübscher und reizender als es zu dem bißchen Anschein eines kleinen nächtlichen Liebesabenteuers nötig wäre! Und er tätschelte ihre Hand, die eisigkalt vor lauter Angst war, und sagte ihr in scherzhaftem Tone noch manche Artigkeit. Das Frauchen aber hörte ihm gar nicht zu und lauschte zitternd nur auf jedes Geräusch, das etwa von draußen käme. – Eine Stunde ungefähr verging so, und die Befürchtungen der lieben kleinen Frau schienen wirklich übertrieben. Saint-Aurenc, Pommadère und Quercy waren zweifellos längst in Sicherheit, und nun hielt auch Saint-Régeant den Augenblick für gekommen, sich davonzumachen. Aber nun war's den Lauerern draußen wohl endlich ebenfalls zu lang geworden, denn mit einemmal geschahen wütende Schläge gegen die Tür, und irgendwer rief: »Aufgemacht!« »Nur ruhig!« flüsterte Saint-Régeant. »Jetzt geht die Affenkomödie los. Sie tun ganz, als glaubten Sie, Ihr Herr Gemahl käm' unvermutet zurück. Sie parlamentieren erst ein bißchen, und dann öffnen Sie die Tür ... mittlerweile springe ich zum Fenster hinaus.« »Aber Sie werden sich was tun!« »Absolut nicht. Verlassen Sie sich nur auf mich. Kommen Sie, bitte, ins Entresol mit herauf!« Immer wütender schlug's gegen die Tür, während die beiden ins Zimmer der Dame hinausliefen. – Dort rief das Frauchen aus dem Fenster: »Wer ist denn da? Bist du's, Männe?« »Jawohl!« schallte es kühnlich herauf. »Wahrhaftig! Ich komme sogleich hinunter ... eine Sekunde nur! Aber daß du auch jetzt zurückkommst ... ich hätte wahrhaftig nicht gedacht ...« »Glaub's wohl!« witzelte der momentane Gatte auch noch. Einen Augenblick später klirrten die Riegel zurück; die Tür öffnete sich, und im Schein der Lampe, die die Kaufmannsfrau hielt, drängte ungestüm ein Mann herein. »Aber... du bist es ja gar nicht!« schrie das Frauchen auf – genau so wie verabredet. Und – ebenso pünktlich auf die Sekunde – verlosch das Licht. Währenddem hatte sich Saint-Régeant vom Balkon herabgelassen – und stand mit einem Sprung auf dem Pflaster. Da aber stürzten auch sogleich drei Männer auf ihn zu: »Da is' er ja!« »Immer langsam!« sprach Saint-Régeant und versetzte dem ersten eine solche Kopfnuß, daß der nur noch »Papp« sagen konnte – und da lag er auch schon da. Die andern zwei rissen ihre Pistolen heraus und zielten auf den jungen Royalisten. Er sprang auf sie zu: »Himmelherrgottsakrament! Was ist denn das für eine Wirtschaft?« Die beiden Schüsse gingen fehl. Dem einen der Kerle nur noch einen Tritt in den Leib – »so! damit keiner zu kurz kommt – !« – und im nämlichen Augenblick war Saint-Régeant bereits auf und davon. – Im Laufen sodann und unter Keuchen: »Neufmoulin! ... der die Sache eingebrockt? ... Nur er wußte, ich geh' heut abend aus! ... Aber der hatte doch keine Ahnung, wohin ich ging! ... Einfach reizend, wenn er mir nachschlich! ... Na, warte, Bürschchen... dann rupf' ich ein Hühnchen mit dir! ... Wenn du dabei warst, bist du noch nicht wieder daheim ... und dein Zimmer leer! ... Wenn er aber im Bett ist? Dann ist er absichtlich im Bett geblieben ... Wollen mal sehen!« Im »Einhorn« ging er sofort ins Wirtskontor und nahm seinen Schlüssel: »Ist der Bürger Neufmoulin schon heimgekommen?« »Der ist überhaupt nicht ausgewesen! Der schläft schon lang!« »Auch gut!« dachte Saint-Régeant. »Dann sind die beiden unter einer Decke! Aber ich will doch mal selber schauen!« Er klopfte im ersten Stock bei Neufmoulin an. Keine Antwort. Noch einmal. Eine ganz verschlafene Stimme: »Wer ist da? Was ist los? Wieviel Uhr ist's?« »Ich bin's! Leclerc! Es ist erst elf Uhr – und ich wollte Ihnen was sagen!« Der da drinnen sagte irgendwas. Ging hin und her. Öffnete. Der Bürger Neufmoulin: in gelber Zipfelmütze übers halbe Gesicht – im Hemd – und mit der Kerze in der Hand. »Kommen Sie herein ... Was gibt's ... Aber Sie erlauben doch, daß ich mich erst wieder hinlege –« Neufmoulin stellte den Leuchter auf den Kamin, so daß das Licht weit vom Bett weg war und er selber fast völlig im Dunkeln: »Hat das Rendezvous nicht geklappt?« »Bei Gott nicht! Der Herr Gemahl kam zurück!« »Der Herr Gemahl?« »Ja. Im schönsten Moment klopft das Rindvieh an die Haustür. Die Frau natürlich verliert sofort den Kopf und läuft – so wie sie ist – hinunter –« »Aha! Also befand sie sich doch ganz in der richtigen Verfassung – so wie es sich eben gehört, wenn man aus dem Schlaf geweckt wird!« »Ich während der Zeit natürlich flugs in die Kleider!« »Sie also auch! Hähä!« »Natürlich! Und während der Gatte zur Haustür hereinkommt – ich zum Fenster hinaus! Aber da plötzlich stürzen drei Kerle auf mich zu! Gleich drei – kann ich Ihnen sagen!« »Vorsichtiger Ehegemahl!« »Das scheint mir auch! – Ich bin aber fertig mit ihnen geworden ... sie haben mir nur zwei Kugeln nachgesandt ...« »Haben Sie ebenfalls geschossen?« »Ich werde ihnen den Teufel tun! Daß mir die Polizei auf den Hals kommt! Na, so dumm ...! – Den einen schlug ich mit der Faust nieder, der andere bekam einen Bauchtritt ... wie meinen Sie?« »Verflucht nochmal! Sind Sie aber auch ganz sicher, daß es der Gatte war?« »Na, wer denn sonst?« »Wenn's nun ... die Polizei gewesen wäre?« »Die Polizei? Was geht mich die Polizei an!« »Aber ich hab's Ihnen doch gestern am Abend noch gesagt! Und ... na nu haben wir bereits die Bescherung! – Jetzt aber heißt's sich aus dem Staube machen! Sie dahin, und ich dorthin. Wir sind hier keine Sekunde mehr sicher. Man hat Ihnen eine Falle gestellt und Sie sind richtig hineingegangen. Wenn's der Gatte wirklich war, so war er im Bund mit dem Kommissär. Wir müssen verduften, Leclerc, solang's noch Zeit ist!« »Verduften Sie, meinetwegen, wohin Sie wollen. Ich hab' nichts zu befürchten, zum Donnerwetter. Übrigens lass' ich meine Geschäfte nicht im Stich. Fällt mir gar nicht ein. Ich bleibe!« »Und ich? ich verzieh' mich morgen in aller Frühe! Ich sag' Ihnen gleich jetzt Adieu, mein lieber Freund, und ich werde Sie auch niemals nie vergessen, glauben Sie mir, so gern mag ich Sie ... Wenn Sie übrigens wieder in Paris sind und mich vielleicht mal wiedersehen möchten – ich bin allabendlich um fünf im ›,Türkischen Diwan‹, zu treffen.« »Adieu also! Und lassen Sie sich's gut gehn!« Sie gaben sich die Hand; danach ging Saint-Régeant in sein Zimmer, legte sich nieder und schlief ein. Furcht kannte er ja nicht. Desto sorgenvoller warf sich der sogenannte Neufmoulin auf seinem Strohsack hin und her. So'n Jüngelchen, weiß Gott, kann einem zu schaffen machen. Das ist gar nicht so leicht. Nun frag' ich mich schon bald: ist der wirklich um zu konspirieren hier – oder aber wahrhaftig nur in Geschäften? Da ist nicht das kleinste Indizium, aber auch nicht der mindeste Beweis! Dabei sprechen doch tausend Wahrscheinlichkeitsgründe gegen ihn! Erstens ist er unter falschem Namen, zweitens ist er Royalist, und drittens war er mit Georges und Hyde als Delegierter beim Ersten Konsul. Warum nennt er sich denn Victor Leclerc, wenn er tatsächlich nicht konspiriert? Aus Liebe? Rein aus süßer, süßer Liebe? Nur um den Mußjöh Lerebourg zu täuschen und mit dessen Weibchen schnäbeln zu können? Ja? Ja? Das würde mir zu einer jeden andern Zeit einleuchten – nur heute und überhaupt in diesen Tagen nicht. In diesem Trubel von Intrigen und Komplotts. Da ist derlei einfach ausgeschlossen. Also konspiriert er doch, der hohe Herr Saint-Régeant, und ist eigens hiehergereist, um sich mit den Royalistenhäuptern des Südens zu verständigen. Also muß ich mich jetzt auch von ihm trennen. Denn ich krieg' ja doch nichts aus ihm heraus. Er traut mir nun mal nicht. Die Räubergeschichte, die er mir da soeben erzählt hat – und zwar brühwarm! – – der Junge ist auch sonst ein wahres Genie. Und ich kann nur von Glück reden, daß ich ja rechtzeitig wieder nach Hause gelaufen bin, sonst – wenn ich vorhin nicht dagewesen wär'! – – wär' der imstande gewesen und hätt' mich sozusagen in flagranti ertappt! Donnerwetter noch eins, ja – mit so einem brillanten Partner ist's eine wahre Lust! Aber nu schlaf', Bürger Neufmoulin – bis morgen ... Er schloß die Tür ab. Legte sich wieder hin. Blies die Kerze aus und schlief ein. – Den andern Morgen um sechs schon bezahlte er seine Rechnung und verließ den Gasthof »Zum Einhorn«. Aber auf nicht allzulang. Noch am selben Abend war er als Hausknecht wieder da. Es hatte mittags plötzlich einen Streit gegeben, und der Herr Gasthof hatte seinen eigenen bisherigen Hinausschmeißer hinausgeschmissen und am selben Abend noch einen andern Hans'l eingestellt. Aus der Normandie war der; ein ziemlich vierschrötiger Kerl; und von einer sehr schleppenden Sprechweise. Und Hippolyte hieß er. Er war auch sogleich Saint-Régeant untergekommen. Der junge Saint-Régeant nämlich hatte einfach auf alles einen Verdacht, und wenn's auch nur ein neuer ›,Friedrich‹, war. Der neue Friedrich fegte gerade den Korridor; nicht sehr eilig zwar, aber mit um so mehr Hingebung und wie in die Arbeit völlig versunken – so daß Saint-Régeant meinen mußte, ihn desto unauffälliger beobachten zu können. Ein dicker, pausbäckiger, strohblonder Bursche, mit von lauter Ziderwein verdorbenen Zähnen und mit ganzen Büscheln Haaren in den Ohrlöchern. Als ihn Saint-Régeant etwas fragte, antwortete er im reinsten Yvetoter Akzent und mit echten normannischen Redewendungen. Er schien ein vollkommener Trottel – und jedenfalls war keine Spur von allem früheren Neufmoulin wiederzuerkennen! Er war übrigens fast einen halben Kopf größer und vollends der Klang der Stimme war wie Tag und Nacht. – Was Saint-Régeant aber anbetraf, so war der noch intensiver Victor Leclerc als je. Klapperte – noch tausendmal vorsichtiger geworden – alle möglichen Fabriken und Kaufläden ab, und sein Zimmer war bald ein einziger Musterkoffer. Er schrieb an Lerebourg, und Hippolyte sollte den Brief zur Post tragen. Der treue Diener machte ihn natürlich auf und befand den Inhalt so harmlos und uninteressant wie möglich. Das ganze Schreiben handelte von überhaupt nichts als einigen glücklichen Einkäufen, daß die Fabriken langsam ihren Betrieb wieder aufnähmen und Schreiber selbst nächste Woche wieder nach Paris zurückkäme. Kurz und gut – wenn Hippolyte, ohne sich irgendwie verdächtig zu machen, seine Hausdienerstelle sogleich wieder hätte aufgeben können, wär' er mit der nächsten Post auf und davon gefahren, um nur vor Saint-Régeant wieder in der Hauptstadt zu sein. Er war hier reineweg überflüssig; zu dem bißchen Überwachungsdienst in bezug auf Leclerc genügte die Lyoner Polizei doch vollständig. Und Neufmoulin-Braconneau mopste sich elendiglich in seiner Hippolyte-Albinoperücke und in seinen Hausknechtspantinen, die richtige Kothurne waren. Er entwarf Plan über Plan, wie er diesen Saint-Régeant doch noch in flagranti ertappen konnte. Das heißt – wenn sie erst wieder in Paris wären. Das eine war ihm nun wenigstens klar: der Junge intrigierte politisch. Nur – er verfiel manches Mal in eine gelinde Raserei, wenn er sich vorstellte, daß er – Braconneau – trotz allem und jedem bei diesem Saint-Régeant nicht um einen Schritt vorwärts kam. Er hatte alles nur Erdenkliche vor seinem Gegner voraus, und dennoch und dennoch nützte es ihm nichts. Seit ihrem allerersten Renkonter damals im Gasthof »Zum schwarzen Roß« – war es nicht, als ob der junge Mann ihn geradezu an der Nase herumführte? Ihn – den sonst so gefürchteten fürchterlichen Braconneau! – Das griff allmählich sehr an sein Heiligstes: an seine Berufsehre! – Na, und was würde sein Chef dazu sagen, wenn er derart mit leeren Händen zurückkam? Er kannte seinen Fouché als brutal, egoistisch, unnachsichtlich und jederzeit unerbittlich genug, einen Agenten, der nichts ausrichtete, einfach fallen zu lassen. Und zwar derart fallen zu lassen, daß ihm das Wiederaufstehen ganz gründlich verging. Entweder ins Kerkerloch auf Lebenszeit oder in eine so heikle Angelegenheit hinein, daß man das Wiederkommen vergaß. Man war ja um Agenten nie verlegen und rehabilitiert wurde noch niemals einer. Ob einer von vielen verschwand oder nicht, danach fragte keine Katze ... und also ging's Braconneau nicht nur um seine Berufsehre, sondern schlechtweg um seine Existenz! Indes, im letzten Augenblick machte er doch noch einen unverhofften guten Fund. Leclerc hatte zu übermorgen bereits sein Zimmer abbestellt, da kam ein Brief für ihn an. Aus Paris. Von Lerebourg. (Hippolyte las ihn natürlich zu allererst!) Geschäftliches über Geschäftliches; ein paar neue Kommissionen noch; also eigentlich durchaus nichts von Belang für den Geheimpolizisten. Wenn da nicht eine kleine zierliche Nachschrift gewesen wäre! Das Ganze sah so aus, als ob der ewig ahnungslose Lerebourg sein Frauchen damit betraut hätte, den Brief zu kuvertieren; und diese Gelegenheit hatte Emilie selbstverständlich benutzt – und so las der Polizeispitzel nun mit ungemischter Freude – denn da lag für ihn der Hund begraben! – : »Ich hab' seit Deiner Abreise unaufhörlich an Dich denken müssen, und wenn ich Dich ja einmal einen Herzschlag lang vergessen hätte, so hätte mich mein Gatte neu an Dich erinnert, denn der spricht überhaupt nur noch von Deiner Reise und was er für sich alles davon erwartet. Ich aber erwarte – nur Dich, nur Dich! Komm! komm! komm wieder! wenn Du bloß ein wenig lieb hast Deine Emilie.« »Also er liebt und wird wieder geliebt!« Hippolyte jauchzte noch viel mehr, als wenn der Brief ... geradeaus an ihn selber gewesen wäre. »Wenn ein Verschwörer eine Geliebte hat, dann ist er schon erschossen! Nun halt' ich den Mann, nachdem ihn die hübsche Madame Lerebourg hält! Was der Schatz für die liebende Emilie – so unbezahlbar werd' ich für meinen geliebten Fouché sein!« Und er brachte die Siegel fein wieder in Ordnung und legte den Brief auf den Tisch im Zimmer des Reisenden. Zwei Tage später reiste Victor Leclerc richtig ab und drückte Hippolyte, der ihm die Sachen heruntergeschafft hatte, ein königliches Geldstück in die Hand. Gleich darauf verwandelte sich der Hausknecht wieder in Braconneau – und wenn er auch selber zugeben mußte, daß er ein äußerst gewagtes Spiel spielte, so verfügte er sich nichtsdestoweniger schnurstracks ... in das Palais des Marquis de Pommadère und verlangte den hohen Herrn zu sprechen. Man führte ihn in ein kleines alteichengetäfeltes Sprechzimmer, wo der Edelmann für gewöhnlich seine Lieferanten abzufertigen pflegte; Braconneau betrachtete eifrig die Familienporträts an den Wänden, drehte sich erst auf ein wiederholtes vielsagendes »Hm – hm!« des Herrn Marquis um, verneigte sich tief und sprach in sehr ehrfürchtigem Ton: »Verzeihen der Herr Marquis, aber mich schickt der Herr Victor Leclerc ...« Herr de Pommadère reckte die Nase in die Höhe und sah nach der Zimmerdecke, als ob er dort seinen Bekanntenkreis aufgeschrieben hätte. Dann tat er höchst erstaunt: »Victor Leclerc? Kenn' ich nicht! Was is 'n das für 'n Kerl?« »Vielleicht erinnern sich der Herr Marquis eher, wenn ich Herrn Marquis sage: der Herr Victor Leclerc ist der Herr de Saint-Régeant ...« »Saint-Régeant? Saint-Régeant? Warten Se mal 'n Momentchen, ja? ... Saint-Régeant ... Bretagne ... vorzüglicher Adel ... da um Quimper herum ... nee, mein verehrter Herr, ich kenne weder 'n einen noch 'n andern ... Wo is er denn?« »Er war in diesen Tagen hier in Lyon. Und er hat mich beauftragt, dem Herrn Marquis an seiner Statt das lebhafte Bedauern darüber auszudrücken, daß er selber abreisen mußte, ohne den Herrn Marquis noch mal getroffen zu haben ... Es war wegen eines kleinen nächtlichen Abenteuers vor ein paar Tagen ...« »Ja aber, mein sehr verehrter Herr, alles was Sie mir da sagen, is 'n höchst spanisches Dorf für mich! 'n Abenteuer, meinen Sie? Ja, von mir aus kann der Herr der Held von sieben Abenteuern gewesen sein, bloß – ich hab' an demselbigen Abend wahrscheinlich in meinem Bett gelegen und weiß von nischt! – Sind Sie sich denn auch absolut sicher, daß man sich da mit Ihnen nich' 'n recht billigen Scherz geleistet hat?« » Absolut sicher!« »Oder ... sagen Se mal, wollen vielleicht Sie mich damit zum Narren halten?« »Aber Herr Marquis – wie dürfte ich so etwas wagen!« »Das möchte ich Ihnen nämlich auch dringend geraten haben! Sonst dürften Sie ziemlich an die verkehrte Adresse geraten sein!« Mit diesen Worten trat der Marquis auf Braconneau zu: hochaufgerichtet, mit Blicken wie Schwerter, und die Fäuste geballt; also, daß es der Polizeiagent für geraten hielt, eiligst zu retirieren. Er hatte vorhin schon in der Vorhalle etwas wie einen Lakaien gesehen, der zu keiner Tür recht hereinging, und wenn solche Dienerschaft von solch alten Familien mal wild wird, dann wird's meistens eklig. Er verneigte sich demnach ein bißchen unvermittelt: »Es sollte mir unendlich leid tun, wenn ich den Herrn Marquis auch nur im geringsten ... Der Herr Marquis wollen um Gottes willen nicht glauben ... Ich bin des Herrn Marquis allzeit ergebenster –« »Adieu, Sie! Und wenn Sie Ihren famosen Leclerc treffen, dann sagen Sie ihm, er möcht' mal zu mir kommen – dann kriegt er von mir 'n paar hinter die Ohren –« Und der Marquis schlug ihm die Tür vor der Nase zu. – Braconneau aber zog ab, mit dem dümmsten Gesicht von der Welt: »Verflucht nochmal – die Kerle haben's in sich! Von denen kann eigentlich unsereins immer noch was lernen! – Übrigens ist das das aufgelegte Komplizentum! Das ist ja der Hochsitz aller Reaktion! Hier muß Fouché wirklich noch ganz andere Saiten aufziehen!« Braconneau kehrte in den Gasthof zurück. Den andern Tag bereits nahm er die Post nach Chalon. 9. Kapitel. Im Privatkontor Lerebourgs im ersten Stock der »Blauen Mütze« legte Victor Leclerc an der Hand der Muster vor dem Kaufmann Rechnung ab. Madame Lerebourg saß dabei auf einer Ottomane und stützte den Arm leicht auf das Samtpolster; mit halb geschlossenen Augen, als ob sie die Zahlen und Erklärungen der beiden Männer ein wenig schläfrig machten – um unter den gesenkten Augenlidern hervor nur immer wieder den hübschen Burschen anzulächeln, den sie so lieb hatte. Sie brauchte sich keinerlei Zurückhaltung aufzuerlegen; denn ihr Gatte saß mit dem Rücken zu ihr am Schreibtisch, während Victor Leclerc am Kamin lehnte, Zahl um Zahl und Erklärung um Erklärung von einem Blatt Papier ablas, gleichfalls nichts als nur Geschäft zu wissen schien – und dabei doch einen jeden ihrer süßen Blicke verliebt auffing. Er war am Abend vorher zurückgekommen und hatte Herrn Lerebourg gleich heute morgen überrascht und war nun schon seit zwei Stunden nichts als Genueser Samt, Grosgrain von Neapel, Glanzseide, Broché und Brokat ... und über alles das hin dennoch jenes andere Spiel: so strahlend wie über Wolken! »Ja, also, mein lieber Leclerc, Sie sind wahrhaftig Gold wert. Ich hätte mir keinen besseren Vertreter wünschen können ... Sie haben ebensoviel Geschmack wie Geschick erwiesen. Daß Sie mir das Monopol der neuen Uniformpassementerien in Saint-Etienne ausgemacht haben, ist schlechtweg ein Meisterstück. Der General Murat, der sowieso schon über die Verfassung der Kavallerieoffiziersuniformen stöhnte, wird einfach hüpfen vor Freude! Und wissen Sie auch, was dabei für Sie für eine Provision abspringt?« Das Gesicht des jungen Mannes verfinsterte sich. Aus den Händen von Emiliens Gatten auch noch Geld annehmen sollen ... »Bürger Lerebourg, die Angelegenheit aber regeln wir etwas später, wenn's Ihnen recht ist. Ich hab' augenblicklich weit mehr als ich brauche, und so wie ich zurzeit in der Welt herumgondele, wüßte ich wahrhaftig nicht, wo ich's hintun sollte!« »Wie es Ihnen beliebt – selbstverständlich! Nur – zwischen Freunden sollen am allerwenigsten derartige Geschichten hängen; Sie verstehen mich? Ihre Maklerprozente werden ausgerechnet, und die Summe steht auf Heller und Pfennig in meiner Kasse jederzeit zu Ihrer Verfügung.« »Heben Sie mir's nur auf, ja, bitte ... Ich fahre ja doch gleich wieder für mehrere Wochen weg, und sowie ich dann zurückkomme, rechnen wir weiter ab ...« »Was! Sie wollen schon wieder abreisen?« fragte Madame Lerebourg. »Gewiß, Bürgerin. Ich liege fortwährend auf allen Landstraßen von ganz Frankreich. Gestern aus dem Süden zurück – morgen nach dem Norden. Immer hübsch nach allen Himmelsrichtungen. Jetzt geht's nach Flandern – nach Brügge und Mecheln. Denn die Spitzen sind reif wie Kirschen ...« »Und werden Sie lange fortbleiben?« »Ich weiß es noch nicht genau ... Vielleicht fahr' ich von Flandern nach Köln und Mainz hinüber: Deutschland war uns durch Krieg lang genug verschlossen – jetzt muß endlich das Geschäft wieder gehen ...« »Was Sie rührig sind!« Emilie seufzte leis. »Recht hat er! Wenn man so jung wie er ist, dann muß man sich rühren ... Er wird sein Glück machen; eines Tages verheiraten wir ihn mit einem netten Mädchen ... so 'ne hübsche Einheirat, weißt du ... Ich hab' Freunde, die sich die Finger danach lecken werden, einen Mann von solch ausgezeichneten Charaktereigenschaften und so einen hübschen Jungen obenein zum Schwiegersohn zu haben!« »Wohinein mischst du dich schon wieder, Mann?« Madame Lerebourg war ganz aufgeregt. »Du hättest Herrn Leclerc doch lieber erst einmal fragen sollen, ehe du ihn so mir nichts dir nichts verheiratest!« »Aber ich denke ja gar nicht daran, mich zu verheiraten!« lachte der junge Mann. »Ich hab' ja gar keine Zeit dazu!« »Na, na! wer weiß! Vielleicht haben Sie wo so 'ne kleine zarte Liebschaft –« »Aber Bürger Lerebourg – wie könnte ich denn das, wo ich fast immerfort unterwegs bin? Nein, nein, ich bin so ledig wie ein kleines Kind, und die Frau, der ich einmal sage: ›,Ich liebe dich‹,, die darf dann auch völlig von mir überzeugt sein!« So klar kamen ihm die Worte heraus: Emilie neigte das hübsche Gesicht, denn sie war schier ein wenig rot geworden. Lerebourg raffte derweil all die Muster auf dem Schreibtisch und auf den übrigen Möbeln zusammen und sagte dann zu dem jungen Mann: »Wenn Sie mir jetzt, Leclerc, nur noch ein Viertelstündchen lassen wollten, daß ich mir einen Auszug mache, und dann gebe ich Ihnen all das wieder zurück ... Es wäre übrigens gut, wenn Ihr Bote heute gleich wieder nach Lyon ginge ...« »Das soll geschehen. Und ... ich warte gern so lange ...« »Meine Frau wird Ihnen Gesellschaft leisten.« Und das sagte der Kaufmann mit solchen vertrauenden Augen, daß Emilie unwillkürlich lächeln mußte. Saint-Régeant verzog keine Miene. Aber als er Lerebourg dann mit gewichtigem Schritt die Wendeltreppe nach dem Laden hinuntergehen hörte, lag er vor Emilie auch schon auf den Knien, ergriff ihre Hand und preßte sie immer und immer wieder an seine Lippen. Die junge Frau, halb auf der Ottomane ausgestreckt, sah glücklich auf den hübschen Burschen zu ihren Füßen herab und entzog ihm auch ihre Hand nicht, obgleich sich seine weißen Zähne in das weiche Fleisch schier verbissen. Endlich hob ein Seufzer ihren Busen; sie streichelte mit der andern Hand seine Wange, sein Ohr, sein Haar – und richtete sich auf: »Sie müssen vernünftig sein! Ich hab' Ihnen gern meine Hand gelassen, um Sie nach so langer Abwesenheit ein wenig zu entschädigen, aber damit genug.« »Sie sind grausam, Emilie!« Saint-Régeant stand gleichfalls auf. »Ihr Gatte ist viel netter zu mir; der bezahlt mich für mein Fernsein sogar.« Sie antwortete nicht gleich; sie sah ihn nur ängstlich an und verbarg ihre Angst auch nicht im mindesten. »Ist es denn wahr, daß Sie sogleich wieder fortwollen?« »Nein, mein süßes Lieb, ich bleibe ... nur Herr Lerebourg darf nicht wissen, daß ich da bin. Wenn der wüßte, ich bin in Paris, ohne daß ich einmal hieher zu ihm käme, würde er vielleicht stutzig werden. Er muß also glauben, ich sei fort ...« »Dann sehe also auch ich Sie nicht?« »Das kommt ganz darauf an.« »Wieso?« »Ich logiere mich am Ende dieser Woche wo ein, wo ich vor aller Überwachung absolut sicher bin. Wenn Sie mich besuchen wollen –« »Was bilden Sie sich eigentlich ein?« Er lächelte und sprach leise. »Ich bilde mir überhaupt nichts anderes mehr ein als das; seit ich von Lyon abfuhr, lebe ich nur noch in der Erwartung: wann wirst du sie sehen?« »Nun – eben jetzt sehen Sie mich doch!« »Ja: unter den Augen Ihres ganzen Personals, und wo jeden Augenblick wer hereinkommen kann! Ihr Gatte nur ein Stockwerk weit von uns! Nein, Emilie, ich hab' mir's ganz anders ausgemalt, wie ich Sie wiedersehen würde! Dies kalte Zusammensein, wo ich Ihnen kaum die Hand drücken darf ... das ist doch nicht die Stunde der Liebe, für die ich mein Leben hingeben möchte!« »Pst!« Madame Lerebourg schloß ihm mit ihrer weißen Hand den Mund. »Sie sind nicht recht gescheit.« »Nein, aber ich bin wahnsinnig, wenn ich an dich denke! Ich gehöre dir ganz – es ist keine Fiber an mir, die nicht nach dir verlangt! Emilie – – ! Und du ... du bist der reine Eiszapfen zu mir!« »Ja? Weißt du das so gewiß? Wie denkst du dir meinen ›,Besuch‹,? Glaubst du, ich werfe mich dir an den Hals? Hältst du mich für so eine?« »Emilie! Ich ertrag's nicht länger! Ich halt's einfach nicht mehr aus! Wenn du mich ein bißchen lieb hast ...! Wer weiß, wie lang du mich noch hast –« »Was heißt das!« Sie schrie es beinah. »O Gott, o Gott – du hast dich gewiß wieder in so fürchterliche Dinge eingelassen! Mir sagst du, du liebst mich und dächtest überhaupt nur noch an mich – dabei bist du mitten in dieser entsetzlichen Politik! Du bestürmst mich – und ich soll nicht einmal dies Allerselbstverständlichste von dir erreichen, daß du dein Leben nie, nie wieder aufs Spiel setzt und an derartigen verbrecherischen Anschlägen beteiligt bist?« »Wie redest du auf einmal daher? Ist das noch die Bretagnerin und Royalistin? und verleugnest du plötzlich deine Abkunft, dein Blut? All die Deinigen sind für ihre Überzeugung in den Tod gegangen – und du willst, daß ich fahnenflüchtig werde? Ich will die Deinigen mit rächen, weil ich dich liebe und du mich liebst! Und du sollst mir nicht Klugheit predigen – sondern Mut!« »Euer ganzes Unternehmen ist ... sinnlos, verzeihe, daß ich dir das sage. Gegen Bonaparte ankämpfen – heißt gegen das Schicksal ankämpfen! Er selber ist das Schicksal. Er tritt alles nieder, was ihm in den Weg kommt. Euch auch. Und – dich.« »So? Also weil er mächtig ist, ist das ein Grund, schön vor ihm zu ducken? Sein Glück ist nicht von Ewigkeit – er wird ebenfalls seinen Herrn und Meister finden. Das ist eine Bestie, der man zuleibe gehen muß, ehe man sie auf die ganze Menschheit losläßt!« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn – er war plötzlich ganz blaß geworden – und schüttelte dann den Kopf: »Wir sind nicht recht gescheit! Da haben wir nun wirklich einmal einen Augenblick für uns und unsere Liebe und statt dessen bekriegen wir uns wegen dieses kleinen Korsen! Deshalb könntest du mir schon eher einen Vorwurf machen!« »Nun also, komm, setze dich zu mir.« Und sie saßen beieinand, und er atmete den Duft aus ihren Kleidern; mit dem Knie berührten sie einander, und er legte leis den Arm um ihre Taille. Sie tauschten rasende Küsse aus, und er stammelte: »Du wirst also kommen – ja, ja?« Sie antwortete nicht; nur ihre Augen sagten Ja. »Bei einer Modistin in der Rue du Dragon. In einem Versteck, wo mich keines Menschen Seele vermuten wird. Ich gebe dir die genaue Adresse und – das Erkennungswort. In drei Tagen wohn' ich dort. Ich muß ostentativ aus Paris abreisen und komme in einer unkenntlichen Maske zurück.« »Das alles ist so grauenhaft! Wie soll ich denn das machen, daß man mich nicht bemerkt, daß man mir nicht nachgeht und so auch dir auf die Spur kommt?« »Das laß mich nur machen. Es ist nicht die geringste Gefahr für dich – und mich. Glaub' mir doch!« Da aber stoben sie auseinander. Denn Lerebourg kam die Treppe herauf und im nächsten Augenblick mit einer Liste in der Hand herein: »Hier Ihre Aufstellung – auch gleich mit Ihren Prozenten. Heben Sie's gut auf.« Saint-Régeant tat's in seine innere Rocktasche, ohne auch nur einen Blick darauf geworfen zu haben. Er nahm Hut und Stock und verneigte sich artig vor Madame Lerebourg: »Entschuldigen Sie mich, Bürgerin, wenn ich Sie jetzt verlasse. Ich habe noch massenhaft zu tun heut – und morgen reise ich ab. Ich werde mir gestatten, vielleicht ein paar Spitzen, die Ihrer würdig sind, an den Bürger Lerebourg zu schicken, die Sie von Ihrem Herrn Gemahl dann als von mir annehmen wollen –« »Nanu, Leclerc, machen Sie keine Dummheiten, ja?« schalt Lerebourg kordial. »Ein junger Mann wie Sie muß sparsam sein. Vergessen Sie mir darüber bloß den feinen Fries nicht, von dem ich Ihnen sprach. Das ist viel wichtiger. Und dann – lassen Sie was von sich hören ...« »Das wird sehr schwer gehen! Aber ich will's immerhin versuchen ...« Er verneigte sich ein letztes Mal vor Emilie und ging dann mit Lerebourg zusammen nach dem Laden herab. Der alte Kunde der Fräuleins Zoé und Hermance saß – natürlich! – vor Krawatten und seidenen Handschuhen und schnitt den hübschen Verkäuferinnen auf recht altmodische Weise die Cour. Saint-Régeant kam ganz nahe an ihm vorüber und sagte gerade zu Lerebourg: »Vor den ersten vierzehn Tagen werden Sie wohl keinen Brief von mir haben ... Aus Deutschland erst. Nämlich ich komme über Straßburg und durch Elsaß zurück ... Wenn Ihnen vielleicht mit ein paar Flaschen Kirschwasser gedient ist –« »Ausgezeichnet! Die trinken wir dann mitsammen! Also nochmals Adieu ... glückliche Reise!« Ein Abschiedshändedruck – und Saint-Régeant bummelte mit größter Seelenruhe die Rue Saint-Honoré hinunter nach der Rue de l'Arbre-Sec und dem Gasthof »Zum roten Löwen«, wo er bei seiner Rückkehr nach Paris kühnlich wieder abgestiegen war. Braconneau war bei diesem völligen Verzicht auf jegliche Vorsichtsmaßregel derart baff gewesen, daß er sich wieder einmal ernstlich gefragt hatte, ob der junge Mann am Ende nicht doch das ganze Komplott gegen den Ersten Konsul fahren gelassen habe, um sich ausschließlich seiner Liebe zu der schönen Emilie hinzugeben. Aber dann hatte er sich wieder gesagt: wenn sich einer dermaßen harmlos aufspielt, dann steckt gerade das allergrößte Raffinement dahinter. Und also belauerte er den Pseudo-Leclerc grimmiger denn je. Fouché war mit dem Manöver in Lyon beim Herrn Marquis de Pommadère übrigens recht mäßig einverstanden gewesen: »Sie sind 'n rechtes Schaf, Braconneau, damit Sie's endlich wissen! Madame Bonaparte beaffenmuttert ihre Adligen mehr als je, und es vergeht schon bald kein Tag mehr, daß sie nicht einem der Emigrierten die Rückkehr erwirkt – natürlich nur, damit die sogleich wieder Intrigen anspinnen, zumindest aber die politisch Unzufriedenen spielen. Das ganze Saint-Germainviertel ist bereits rekonstituiert; die Montmorencys, die Narbonnes, die Mortemarts – alle miteinander zurückgekehrt. Ja, ich glaube, wenn heute der Comte d'Artois sagte: ›,Also gut, ich kandidiere nicht mehr‹,, könnte er morgen schon zurückkommen, und man würde ihn sogar bitten, er soll sich absolut nicht genieren und so 'n bißchen Hof abhalten! ... Jetzt passen Sie einmal auf, Braconneau: jetzt wird sich Pommadère beklagen, und Bonaparte mir an den Kopf werfen, ich solle mich lieber um die Philadelphisten und den General Moreau kümmern als um die Aristokraten, die bereits wieder kleine Heilige geworden sind!« »Aber, Bürger-Minister, falls der General Moreau nicht wirklich geradeaus konspiriert, so opponiert er doch sicher sehr lebhaft gegen alles, was Konsularregierung heißt. Er hat eine richtige Partei im Senat für sich, und fast die halbe Armee ist ihm zugetan. Dem tut's gewiß heute noch leid, daß er im Brumaire mittun mußte. Und dann die Frauen – die Frauen, die er um sich hat! Seine Schwiegermutter, und dann Madame Moreau selber, die reden und reden auf ihn ein ...« »Das alles beweist mir noch lange nicht, daß er zu einem Komplott gegen die Regierung fähig wäre! Ein Mann wie er – ein zweiter Phokion! Aber den hält der Erste Konsul nun mal für den Schwarzen Mann –« »Und dazu kommt dann Josephine, die sich mit Madame Hulot – ebenfalls einer Kreolin – zerkriegt hat –« »Die schwarzen Weiber soll erst recht der Deibel holen! Ist es schon schwer, die Männer in Schach zu halten – wie erst, wenn die Weibstücke sich einmischen!« »Sie wären wohl nicht sehr damit einverstanden, wenn ich nun Saint-Régeant etwas mehr aus den Augen ließe?« »Lassen Sie sich das bloß nicht einfallen! Er ist der Pariser Agent von Georges – und das sagt genug. Er ist momentan das Werkzeug all der Chouans. Coster de Saint-Victor ist ja nach England ... mag er dort bleiben! Das ist nämlich auch so ein verdächtiges Individuum ... Also geben Sie mir gut auf Saint-Régeant und seine Freunde Obacht!« »Meinen Sie Lerebourg?« Fouché schlug ein Aktenbündel auf seinem Schreibtisch auseinander: »Nein, den meine ich nicht! Das ist ein Naivus, der nur an Geschäfte denkt. Aber ein gewisser Limoëlan ist schon mehrfach mit Saint-Régeant zusammen gesehen worden; der soll auch bei den letzten Kämpfen um de Stofflet dabeigewesen sein ... Er schien mit einemmal aus Paris verschwunden ... Also recherchieren Sie ... Zuletzt nannte er sich Buscaille ...« »Gut, ich werde auf der Post recherchieren und meine Meldung ans Schwarze Kabinett machen ...« »Ach! was ich noch sagen wollte! Gehen Sie nach 113 vom Palais Royal und sagen Sie Lescuyer, daß, wenn noch einmal ein Skandal wie der gestrige vorkommt, ich die Bude zumachen lasse.« »Da hat eine Schwindlerbande die Lüster des Pharaosaals ausgelöscht und sich im Dustern über das Geld in der Bank und all der Spieler hergemacht.« »Das Geld der Bank ist mir schnuppe, aber das Geld der Spieler muß respektiert werden ... Die Leute wollen im Palais-Royal spielen und nicht einfach bestohlen werden!« »Lescuyer hat mehr als der ganze Schaden betrug sogleich ersetzt ...« »Wenn schon! Mir ist's um die Sicherheit für die Spieler. Verstanden?« »Bürger-Minister, ich kann die Kerle, die den Coup ausgeführt haben, binnen vierundzwanzig Stunden verhaften ...« »Kennen Sie sie?« »Es waren fünf Mann. Zwei haben die Lichter ausgelöscht: ein gewisser Sergent und ein gewisser Villenois, beide von der Tuileriengeheimpolizei ... Die drei anderen waren Professionsspieler, die momentan etwas klamm waren: ein Chevalier de la Rouillère, ein gewisser Leboucq und einer namens Faurie ... Soll man sie einsperren?« Ein Auge Fouchés verschwand fast ganz unter dem stark geröteten blinzelnden Augenlid. Er grinste etwas: »Die drei, die Sie mir zuletzt nannten – laufen lassen! aber die zwei von der Privatpolizei des Ersten Konsuls stecken Sie ein. Und schicken Sie mir sogleich den Rapport!« . »Zu Befehl – heute abend noch.« Fouché machte eine Schreibtischschublade auf und gab Braconneau eine Handvoll Louis: »Für Ihre Spesen.« Und er entließ den Spitzel mit einem Kopfnicken und vertiefte sich neu in seine Arbeit. Saint-Régeant, der ja nur noch so lange im »Roten Löwen« bleiben wollte, bis sich die Polizei, von der er sich von allen Seiten umgeben fühlte, etwas beruhigt haben würde, und er – wie der Blitz! – sein Logis wechseln könnte, brachte die meiste Zeit in seinem Zimmer auf seinem Bett zu und träumte. Ein wenig von dem blutigen Attentat, das er ausführen sollte – und sehr viel von Emilie, deren Küsse er noch auf seinen Lippen spürte. Er war leidenschaftlich verliebt – und das zum erstenmal in seinem Leben. In einer Art Halbschlaf sah er immer und immer wieder die junge Frau auf ihrer Ottomane vor sich, wie sie ihm zärtlich zulächelte. Herrgott! sie liebte ihn ja mehr als sie es mit Worten wahrhaben wollte; ihre Blicke waren lange nicht so geschämig wie ihre verhaltenen Worte! Und wie süß das wohl wäre ... so wie Lerebourg selber es ihm vorgeschlagen hatte ... als Kommis dort eintreten ... und so wie die Luft stets um Emilien sein ...! Restlos Victor Leclerc werden ... und gar nicht mehr denken, in welch waghalsige Unternehmungen er sich vor etlichen Jahren gestürzt ... um »Freiheit« und um »Leben« ...! Der Dank, der ihm dafür von seiner Geliebten würde, wenn er das Komplott aufgäbe, vor dem sie ohnedem zitterte, wie ein kleiner Vogel in der Hand zittert ... der Dank, der Dank, wenn er ein geruhiges, arbeitsames Leben ... die Liebe, die Liebe ... ! Noch war's Zeit. Seine Vergangenheit war – heute noch! – auszulöschen wie ein Kerzenlicht. Noch war nichts Nicht-wieder-gut-zu-machendes geschehen; noch nicht – nein. Er hatte, wie so viele Tausend andere, die Revolution bekämpft – gut; und nun hatte die Revolution eben gesiegt – und er streckte die Waffen. Warum auch nicht? Er war nach Frankreich zurückgekommen ... mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Ersten Konsuls ... er hatte es aus dem eigenen Munde Bonapartes, daß er nicht nur Generalabsolution, sondern auch noch eine Entschädigung erhalten würde ... In dieser entscheidenden Stunde seines Lebens: ein Wort nur – und alles hatte sich für ihn gewandelt ...! Was konnte ihm Cadoudal schon groß vorwerfen, wenn er von seinem Plan Abstand nahm? ... eigentlich doch nur – Liebe! Und das holde Traumgesicht Emilie lächelte und nickte ihm ermunternd zu ... da fiel wie von außerhalb der Traumbühne ein riesiger, rauher Schatten herein ... der Schatten Georges! Den Karabiner umgehängt ... an der Spitze seiner Leute ... drauf und dran! ... auf die fliegenden Korps, die in der Bretagne streiften ... Das letzte Häufchen Aufrührer, mit dem die royalistische Sache fiel und stand ... einer immer gegen hundert ... umzingelt ... verraten ... kein großer Krieg mehr ... keine Armeen mehr ... hinter Baum und Busch ... wie aufgeriebene Banditen. Na ja, er hatte sie doch im Stich gelassen – er! er hatte mit dem Tyrannen eine Sache gemacht – um einer Schäferstunde willen! Und ... was würde Emilie von ihm denken, wenn er so schnell verzichtete und so leicht aufgab? Wo blieb der Held, der er für sie gewesen? und würde er in ihren Augen nicht zum Hundsfott? War Liebe klug und Bequemlichkeit Liebe? Nein! nein! nein! nein! und er sprang mit beiden Beinen zugleich auf und stand erglühend da und wehrte mit verzweifelten Armen selbst die Schatten in seinem Zimmer ab, als wären sie ein Teil des verführerischen Kompromisses! Was war Liebe, wenn nicht Treue war? Er hatte den Zusammenhang dieser beiden Dinge nie so bis in alle Tiefen erahnt als in diesem Augenblick – Da – drei Schläge – so wie ein Herz aussetzt und wieder weiterpocht! – gegen die Tür. Saint-Régeant öffnete: Limoëlan stand auf der Schwelle. Als Arbeiter verkleidet; das ganze Gesicht voller Gipsspritzer. Er kam herein, setzte sich, entdeckte ein Glas mit Wasser neben sich auf dem Kamin und trank's in einem Zuge aus. »Ah, das tut wohl! Nämlich ich hab' vor fünf Minuten noch – um nicht erkannt zu werden – mit ein paar Gesellen reinen Fusel saufen müssen ... und ich dachte wahrhaftig, es brennt mir die Gurgel durch! Na, aber da bist du ja glücklich von der Reise zurück, mein Lieber ... Was is' nun?« »Ja, also die Sache wird gedeichselt, wie ich dir sagte ... Der große Augenblick ist da!« »Vor allem hast du keine Sekunde mehr zu verlieren und mußt raus da aus dem Löwen! Du mußt unbedingt für einige Zeit verschwinden.« »Ja. Ich kann keinen Schritt mehr aus dem Hause tun, ohne daß mir ein Spitzel auf den Fersen ist –« »Ich habe Dachdeckerarbeit hier im Gasthof annehmen müssen, um überhaupt noch aus- und eingehen zu können ... Und jetzt mußte ich mit den Herren Agenten von Fouché eins trinken ... Die lauern in der Stampe da vorn an der Ecke ...« »Ich muß also genau so tun wie du. Morgen um dieselbe Zeit bringst du mir, bitte, so ein Arbeitergewand, daß ich genau wie ein Kollege von dir ausschau. Meinen Anzug behalte ich drunter an ... Von deiner famosen Schminke da mußt du mir natürlich ebenfalls abgeben ... Und dann ziehe ich los mit einem Faß oder Sack auf dem Buckel, damit man mein Gesicht nicht so sieht – auf Nimmerwiedersehen!« »Und gehst geradeaus Rue du Dragon zur Modistin Mademoiselle Grandeau und sagst nur die zwei Erkennungsworte: Provence und Artois ... Aber was red' ich denn da eigentlich für 'n Blech? Warum sollen wir denn bis morgen warten, wenn wir's heute ebensogut, ja besser haben können! ... Wir haben ganz die gleiche Figur; du ziehst also meine Hose und meine Bluse an, setzt meine Mühe auf ... der Sack steht draußen auf 'm Flur ... Also zier' dich nicht und schminke dich gleich 'n bißchen nach mir –« »Ja, und aber du?« »Ich werde mich dafür ganz einfach als Saint-Régeant aufspielen ... Ich gehe als erster aus dem Gasthof und locke die ganze Meute mit ... Dann hast du freien Weg ... In einer Stunde ist's dunkel, und du nimmst die Richtung nach der Seine zum Pont-Neuf hinunter ... Da schmeißt du den ganzen Kram und die Kleider dazu ins Wasser und spazierst als Leclerc – fein, sag' ich dir! – nach deiner neuen Unterkunft Rue du Dragon ... Morgen komme ich zu dir ... Ist das nicht glänzend?« »Glänzend! Also los!« Saint-Régeant stieg mit seiner eleganten Fußbekleidung leichtlich in die über und über bedreckten »Appelkähne« Limoëlans. – Und nur die Arbeiterkleidung warf er an dem Pont-Neuf nicht ins Wasser, sondern machte sich ein bequemes Bündel daraus und nahm's unterm Arm mit nach der Rue du Dragon. Man konnte doch nie wissen, wozu so etwas wieder mal gut war! – Derweil aber waren die Herren von der Polizei dermaßen in ein Kartenspiel vertieft, daß sie nicht einmal Limoëlan folgten – vielleicht auch, zu ihrer Ehre sei's gesagt, weil er doch nicht ganz genau so aussah wie Saint-Régeant ... Das Haus Nummer 35 Rue du Dragon ein zweistöckiges Gebäude. Zu ebener Erde die Gläser und Flaschen eines Apothekers; im ersten Stock in Goldbuchstaben: »Virginie Grandeau – Modes«; darüber Mansarden. Eine mittelgroße Tür, durch die es in einen dunkeln und nach Schwefelwasserstoff riechenden Hausgang hineinging, stand tagsüber offen und hier befand sich eine leichte Gattertür, die, sowie sie Saint-Régeant aufstieß, leider nur eine laute Schelle in Bewegung setzte. Aber es kam Gott sei Dank niemand. Er tappte sich also durch den Hausgang bis zu einer engen Treppe hin, stolperte hinauf und sah sich oben dann vor einer braunen Tür, daran ein weiteres Blechschild: »Modes – Virginie Grandeau. Hüte und Haarputz.« Schlurfende Schritte: eine Frau in einer Leinenhaube und mit blauer Waschschürze öffnete: »Der Bürger wünscht?« Das klang ziemlich verwundert. »Ich möchte die Bürgerin Grandeau sprechen.« »Ist es vielleicht wegen eines Haarputzes?« »Ganz recht!« lächelte Saint-Régeant; – »es ist wegen eines Haarputzes.« Die Alte murmelte etwas und führte Saint-Régeant in ein kleines Zimmer, das voller Tische war, und auf allen Tischen lagen Hüte. Einen Augenblick darauf trat eine Frau in den dreißiger Jahren ein; mager, blaß; und sah Saint-Régeant äußerst gespannt entgegen. »Habe ich die Ehre, mit der Bürgerin Grandeau zu sprechen?« »Ja, Bürger.« »Ich soll Ihnen nämlich sagen: Provence und Artois.« Bei diesen Worten hellte sich ihr Gesicht mit einem Male sehr auf: »Ach, Sie sind's, also endlich ... ich erwarte Sie bereits seit einer Woche ... Sie haben sehr gut daran getan, daß Sie erst mit einbrechender Dunkelheit kamen. Meine Fräuleins sind bereits alle weg und auf die alte Mathurine ist vollkommener Verlaß ...« »Sie hat mich aber nicht gerade herzlich empfangen.« »Sie ist furchtbar mißtrauisch. Ein Grund mehr zu Ihrer Sicherheit. Aber ich werde Sie gleich miteinander bekannt machen ... Mathurine! komm einen Augenblick herein!« Die Alte kam, schnitt eine Grimasse und knurrte: »Also, der Herr, Fräulein, will einen Haarputz haben!« »Nein, sondern der Herr sucht ein Versteck!« »Einer von den Unsern?« »Ja, Mathurine. Georges schickt ihn.« »Dann sage ich nur: Herzlich willkommen!« sprach die Alte mit Ehrerbietung. »Dann muß der Herr aber schon so gut sein, damit ihn unsere Frauenzimmer nicht sehen, und unter Tag im Bischofswinkel bleiben.« »O, das macht gar nichts,« versicherte Saint-Régeant. »Ich kann all und jede Bequemlichkeit entbehren. Ich habe – im Feld – schon härtere Tage gesehen ...« »Nun, ganz so schlimm ist's nicht und es soll Ihnen gewiß an nichts fehlen,« sprach Virginie, »nur sind Sie unter Tag etwas eingekastelt. Aber kommen Sie, ich zeige Ihnen sogleich Ihre Appartements ...« Sie gingen über einen Korridor nach der Küche. Dort öffnete die Modistin einen Wandschrank mit Tellern, Glasgeschirr und sonstigem Kochvorrat wie Zucker, Kaffee, Mehl; drückte mit dem Daumen an die Wand unterhalb einer Tragleiste; ein Ächzen – die ganze Rückwand drehte sich – und man sah in einen Verschlag hinein: sechs Fuß breit, neun Fuß lang. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle. Durch eine schmale Öffnung wohl auf einen Hinterhof hinaus kam Licht, das vielleicht früher einmal für die Küche bestimmt gewesen sein mochte. Nur ein Architekt konnte vermuten, wie der Verschlag eigentlich eingelassen war; denn zu der Wohnung der Modistin gehörte dies Stückchen Raum nicht mehr, sondern es nahm vielmehr vom Nachbarhause ein Endchen weg, und das Ganze war ein genialer Rest einer Rechnung, die bestimmt nicht aufgehen sollte, aus einer Zeit, da die beiden Häuser noch dem einen Besitzer und Erbauer gehörten. Während des Schreckenssystems hatte dies bißchen Mittelalter der realistischen Sache unbezahlbare Dienste geleistet; und der erste, der da gewohnt hatte, Monseigneur de Carbonnières, hatte es Bischofswinkel getauft. Danach hatte es noch vielen andern Proskibierten jeweils als Unterschlupf gedient, und nie war auch nur der leiseste Verdacht bis zu diesen Wächtern aus Porzellan und Glas, Pfeffer und Salz, Kaffee und Mehl vorgedrungen. »Sie können Bücher haben und Schreibzeug, zur Zerstreuung und zur Arbeit. Große Schritte können Sie freilich nicht machen; und laut auftreten sollen Sie nun schon gar nicht. Der Nachbarn wegen, wenn auch die Mauer ziemlich dick ist. Von meiner Seite aus, von der Küche, haben Sie natürlich nichts zu fürchten ... Sie sind den Tag über eingeschlossen und gehen nur zur Nacht aus, falls Sie müssen.« »Und wenn mich jemand besuchen will?« »Dafür ist das Schlüsselwort, und dann werd' ich das Nötige schon veranlassen.« »Kann ich auch irgendwen benachrichtigen, daß ich in Sicherheit bin?« »Mathurine oder ich befördern den Brief, wohin Sie wünschen.« »O! ich bin Ihnen ja so dankbar!« Und das kam so erlöst heraus, daß die Modistin lachend mit dem Finger drohte: »Na, na, na, na! bloß keine jugendlichen Unvorsichtigkeiten! Sie wollen gewiß an keinen Mann schreiben! Auf die Art also helfen Sie uns, Sie zu verstecken!« Der junge Mann verteidigte sich wie ein junger Löwe: »Die, die ich meine, ist uns absolut ungefährlich! Die hätte mehr zu verlieren als ich, wenn sie aufkäme! Übrigens kann sie doch Wohl zu einer Modistin gehen! Und Sie selber können zu ihr und ihr Bänder, Seide und Samt abkaufen!« Virginie Grandeau setzte noch eine ernstere Miene auf als er selber und sagte klar und bestimmt: »Also einmal will ich es Ihnen wohl hingehen lassen. Aber ein zweites Mal schon nicht mehr – ich rate Ihnen gut! Es ist im Interesse der ganzen Partei – da muß Ihr Traum denn doch ein wenig zurückstehen! Ich habe unsern Freunden schon manchen Dienst erwiesen und will es auch fernerhin. Dazu gehört vor allem, daß das Versteck geheim bleibt, und wir nicht alle miteinander auffliegen. Sie müssen sich also der ›,Hausordnung‹, fügen oder Sie ziehen wieder aus. Eins von beiden. Verstanden?« »Sehr wohl.« »Gut! Sie haben wahrscheinlich noch nicht zu Abend gegessen – wie? Kommen Sie – bei Tisch können wir noch nähere Bekanntschaft miteinander schließen ...« 10. Kapitel Fräulein Virginie Grandeau war eine Bretagnerin und die Tochter des berühmten Chante-en-hiver, des Leutnants de Charette, der als Chouan mit seinem Chef zusammen gefangen genommen und füsiliert worden war. Die Dienste, die dieses edle Mädchen schon der Royalistenpartei geleistet hatte, waren zahllose. Der Comte de Provence hatte ihr in einem Handschreiben gedankt und zu Hyde damals geäußert: »Wenn ich Herzoginnen ernennen könnte wie ich Herzöge ernenne, wär' Fräulein Grandeau die aller – allererste!« Die Polizei wußte ganz genau, daß in Paris ein Geheimagent der Prinzen war, von dem sowohl nach England, wie nach der Vendée und dem Süden geheime unsichtbare Fäden liefen; aber auf Fräulein Grandeau waren all die Herren zusammen niemals gekommen. Das Geheimnis der Modistin in der Rue du Dragon war unendlich wohl verwahrt, und die Personen, die darum wußten, waren absolut sicher. Limoëlan war ein Verwandter von ihr. Daher seine Beziehungen zu den Emigranten. Ohne diese Vetternschaft aber wäre eine so untergeordnete Persönlichkeit wie er kaum zu solcher Verbindung gelangt. Der stellte sich denn auch am andern Morgen sogleich in der Rue du Dragon ein. Und zwar diesmal dermaßen unkenntlich, daß auch das geübteste Auge nicht durch die Maskerade gedrungen wäre. Ein Saufaus erster Güte; das ganze Gesicht eine Röte und Gedunsenheit; das heulende Elend selber; und immer zwei Straßenecken voran schon nach Alkohol duftend. In einer ehemals rotsamtenen Handtasche ein richtiggehendes Tapezierhandwerk und über der Achsel klappernde Spannrahmen und Leisten. Er wohnte seit zwei Monaten in der Mansarde neben Mathurine und hatte im ganzen Viertel schon mehr als vierzig Matratzen aufgepolstert und alle Stadtklatschen und Gassenjungen kannten ihn unter dem Namen »Vater Julius«. Angeduselt war er stets; dazu grölte er im fürchterlichsten Pikardischen Dialekt! Die Polizei hatte anfänglich wohl ein Auge auf ihn gehabt; dann aber war er selbst ihr zu blödsinnig vorgekommen, und die Agenten Dubois' halfen Vater Juliussen höchstens, wenn er einmal gar nicht mehr um einen Prellstein herumzukommen schien. Er hatte nur einen einzigen Freund: François, den Pförtner des Frauenklosters »Zur Heimsuchung«, Rue Notre-Damedes-Champs. Dort in der Portierloge verbrachte er jeden Abend ein Stündchen oder zwei – mit der gnädigen Erlaubnis der hohen Oberin Fräulein de Cicé, der er ebenfalls ein paar Matratzen aufgepolstert hatte. Das Kloster zur Heimsuchung, ein Asyl adeliger Frauen und Mädchen, wohin sich beispielsweise auch die Damen de Beaufort, de Goyon und Duquesne zurückgezogen hatten, hielt seine Pforten allen Betschwestern aus der Provinz offen, die sich vorübergehend in Paris aufhielten, und die »Fremdenzimmer« standen niemals leer. In Wirklichkeit aber waren all die zugereisten frommen Damen in der Rue Notre-Dame-des-Champs ausnahmlos loyalistische Abgesandtinnen, die die geheimen Instruktionen nach allen Provinzen Frankreichs hinaustrugen. Der Pförtner François war kein anderer als der fürchterliche Chouan Jean Carbon, der auf den Friedensschluß von 1796 etwas pfiff und hier in Paris heimlich weiter der royalistischen Sache diente, indem er, mittels Limoëlan, mit Virginie Grandeau und den Parteiführern in ständiger Verbindung blieb. Alle Orders aus England, alle Rapporte aus der Bretagne und dem Süden liefen in diese Zentralstelle Rue Notre-Dame-des-Champs ein, und Vater Julius und François waren sozusagen das »Amt«, das alle Anschlüsse zu vergeben hatte ... Denselben Abend, an dem Saint-Régeant nach der Rue du Dragon übergesiedelt war, unterhielten sich Vater Julius und François in der Portierloge vor zwei Gläsern Wein, den sie aber nicht anrührten, im Flüsterton: »Jetzt geht's los!« wisperte Limoëlan. »Die Sache, weißt du, die Saint-Régeant dem Komitee mit Georges und Hyde damals unterbreitet hat und die das Komitee auch genehmigte, übrigens eine furchtbar einfache Geschichte. Wir brauchen nur 'n zweirädrigen Karren, 'n Roß, 'n Faß Pulver und 'ne alte Flinte. Na, und Pferd und Wagen kannst du uns doch verschaffen, oder?« »Natürlich. Das hab' ich allemal bei der Hand. Da nehmen wir einfach das Fuhrwerk, das jede Woch' in den Gemüsegarten von unsern Damen nach Chevilly hinausfährt und die Küchengemüse und die Hühner und auch 's Fleisch holt ...« »Du bist nicht recht bei Trost!« knurrte Limoëlan. »Und wenn die Karre mitsamt dem Pferd dann erkannt wird, und die Polizei hierher kommt und die Namen vom ganzen Kloster als Komplizen verhaftet? Das könnt' 'n ganzen Haufen Köpfe kosten und überhaupt! warum sollen wir so hochedle Damen in eine so gefährliche Sache verwickeln? ... Wir müssen eine Karre haben, die kein Mensch kennt, wenn wider Erwarten eine Speiche an ihr ganz bleiben soll, und wenn's nicht anders geht, spielen wir selber Pferdchen. Oder meinst du nicht auch, daß wir zwei den Wagen bis zum bestimmten Platz leicht hinziehn?« »Nein! das wär' zu gefährlich! Ich kenn' einen Gärtner aus Baugirard, der hat so 'ne Karre und 'n ganz alten Schinder. Den werd' ich fragen, ob er mir sein Fuhrwerk nicht verkauft. Der gibt mir's sicher billig. Dann können wir's abholen von ihm, wann wir wollen; und verraten tut der mich gewiß nicht. Dazu kenn' ich ihn zu gut. Übrigens ist ja auch gar nichts dabei ... Die ganze Geschichte kost't vielleicht hundert Franken ...« »Das Faß Pulver und die Flinte besorgt Saint-Régeant. Die Maschine wird fix und fertig sein, und wir brauchen sie nur aufladen ...« »Und wann soll's sein?« »Wann er meint, daß es glückt! Saint-Régeant baldowert noch aus, aber wir erfahren's schon rechtzeitig!« Auf die Art wollten die drei Männer dem Heroen zu Leibe, auf den Frankreich all seine Hoffnungen setzte. Und die Polizei, bis auf diejenige Fouchés, die aber ebenfalls die Spur verloren hatte, begünstigte das furchtbare Attentat auch noch! Die Tuilerienpolizei wie die Agenten Dubois' überwachten zu der Zeit – dem Ersten Konsul zu Gefallen – fieberhaft die Jakobiner, die sich mäuschenstill verhielten und keiner Katze etwas taten, und verfaßten ellenlange Rapporte über die Philadelphisten, die sich höchstens in theoretischen Diskussionen ergingen. Der einzige Braconneau suchte eifrig nach dem Faden, der ihm entglitten war; und nachdem er zwei Tage und zwei Nächte den Eingang des Gasthofes zum »Roten Löwen« umsonst belauert hatte, wandte er all sein Augenmerk wieder auf die »Blaue Mütze« und auf jeden Schritt, den Madame Lerebourg tat. Von da führte sicher ein Weg bis zu Saint-Régeant, der wie vom Erdboden verschwunden war. Die beiden Liebenden trafen sich doch unbedingt irgendwo. Und wenn Saint-Régeant zurzeit wirklich verreist sein sollte, sowie er wieder zurückkam, suchte er doch selbstverständlich Emilie auf, oder aber sie – ihn. Es hieß also bloß nicht die Geduld verlieren. Braconneau installierte sich also in der Rue Saint-Honoré drei Schritt weit von der »Blauen Mütze«, tobte gegen Saint-Régeant und schwor fürchterliche Rache. – Den dritten Tag nach der geheimnisvollen Übersiedelung Saint-Régeants in die Rue du Dragon – gegen vier Uhr nachmittags – betrat eine Frau mit einer runden Hutschachtel am Arm den Laden zur »Blauen Mütze« und fragte nach der Bürgerin Lerebourg, Man sagte ihr, sie möchte nach dem ersten Stock hinaufgehen, und da fand sie richtig die junge Frau in eifriger Arbeit mit dem Gatten – eine Musterkollektion zusammenstellen. Der Kaufmann kam ihr sogleich entgegen: »Was steht zu Diensten?« »Ach Gott, Bürger, ich komm' eigentlich ganz zufällig Ihre Frau Gemahlin fragen, ob sie sich nicht einige hübsche Spitzen ansehen möchte ... Ein Gelegenheitskauf, aber für so eine kleine Handelsfrau, wie ich bin, denn doch zu gepfeffert ... für ein großes Haus wie das Ihrige natürlich eine Kleinigkeit ...« »So lassen Sie mal sehen,« bat Lerebourg, der sich unendlich geschmeichelt fühlte. »Aber – meine sehr verehrte Dame! – das sind ja Meßhemdspitzen, die Sie mir da zeigen ... Teufel! sind die schön ... Von einer Altardecke ... wo haben Sie die bloß her?« »Ich darf's um Gottes willen nicht verraten ... Sie können sie für zweitausendvierhundert Franken haben, wenn Sie wollen ... Aber das ist auch der äußerste Preis, und ich selber verdien' keinen Knopf dabei.« »Nein? Aber was haben Sie sonst für ein Interesse daran?« »Ich will den Besitzern dieser Spitzen damit nur einen Gefallen tun, und außerdem möcht' ich etwas billiges Band haben für mein Modegeschäft... Denn – nicht wahr? – eine Hand wäscht die andere?« »Selbstredend!« Lerebourg hatte auf den ersten Blick erkannt, daß die Spitzen das Vierfache der geforderten Summe wert waren. »Ich geh' gleich nach der Kasse und bringe Ihnen das Geld hierher. Denn meine Ladenmädchen brauchen von unserm Handel doch nichts zu wissen ...« Er eilte davon und ließ die fremde Dame mit seiner Frau allein. Sogleich zog Virginie Grandeau ein schmal zusammengefaltetes Billett hervor, reichte es der jungen Frau und flüsterte: »Lesen Sie's – aber allein! Es ist von Victor Leclerc.« Madame Lerebourg wurde über und über rot; aber da gab's kein langes Zaudern, denn schon hörte sie ihren Gatten über die Treppe heraufhasten. »Hier, Bürgerin, das Geld. Was Schriftliches brauchen wir doch wohl nicht? ... Wenn Sie übrigens wieder einmal derartiges haben, dann, bitte, denken Sie an mich!« Die Modistin nahm den kleinen Beutel voller Gold und ließ ihn in ihrem Ridikül verschwinden. Sie verneigte sich etwas vor Madame Lerebourg und sprach: »Nun zeigen Sie mir, bitte, Ihre Neuheiten in Bändern, die ich zum Garnieren brauche ...« »Wollen Sie, bitte, mit mir kommen. In die Abteilung für Seide und Band. Ganz recht, die Treppe ... bitte schön ....!« Da war Emilie allein und – wie hätte sie der Lust widerstehen sollen, zu erfahren, was Saint-Régeant trieb, wo er war und – – ob man sich vielleicht sehen konnte. Gleichwohl schalt sie eine Stimme tief innen: Bist du toll? Du begibst dich da in die Gefahren einer Leidenschaft, die dir nicht allein deine Seelenruhe verstört, sondern die auch noch deinen Gatten schwer kompromittieren kann! Nun kann doch kein Zweifel mehr darüber sein: Saint-Régeant – ein Verschwörer! Ist es nicht eine Schickung des Himmels, daß die Polizei dich und ihn getrennt hat? Wenn du nicht freiwillig zu ihm gehst ... er kann nun wahrhaftig nimmer zu dir! Und du brauchst nur den Brief ungelesen zu zerreißen und die Fetzen in den Kamin werfen ... und alles ist aus! Du bleibst eine anständige Frau, friedlich, geruhig, ordentlich ... kein Mensch kann dir was nachsagen ... und deine Laune für den schönen Chouan war ein Traum. – So diktierte die Vernunft. Zwischen hinein aber klang die Liebe wie ein Lied. Und sie zog das Billett aus der Tasche, entfaltete es und las – und, ach Gott, es waren sowieso nur die wenigen hastigen Zeilen: »Emilie! wenn du mich liebst und mich wiedersehen willst, komm unter Tag Rue du Dragon 35 zu Madame Virginie Grandeau, Modistin und Überbringerin dieses. Du brauchst keine Angst zu haben und machst nur unbeschreiblich glücklich Deinen Victor.« Und nun nach dem Lesen erst machte sie, was sie, wenn sie gescheit gewesen wäre, schon vorher getan hätte: verbrannte das Papier an einer Kerzenflamme und warf die Asche in den Kamin ... Und dann sann sie immerfort und träumte bald mit offenen Augen: Also diese Frau, die die Spitzen gebracht hatte, war die Wirtin Saint-Régeants ... Wie sah sie denn gleich noch aus? ... In den Vierzigern zumindest und abschreckend häßlich ... nun also, zum Gefährlichwerden etwa hatte die das Zeug nicht ... (Und das machte sie Emilie schon sympathisch!) Übrigens nach der Rue du Dragon zu einer Modistin gehen, ist eigentlich die natürlichste Sache von der Welt ... und was sollte da dran verdächtig sein? Nein wirklich: die Wahl, die Saint-Régeant in bezug auf sein neues Asyl getroffen hatte, war für sie – Emilie – ebenso praktisch wie schlau. Blieb nur noch die eine Frage: Wo und wie man sich sähe! Und Emilie beschloß, gleich morgen nachmittag einmal nachzuschauen und sich ein wenig zu vergewissern. – Seit dem Verschwinden Saint-Régeants war Madame Lerebourg nicht mehr richtig aus gewesen. Ein paarmal nur ein paar Schritt weit, frische Luft schnappen. Bis zur Feuillantiner Terrasse bei den Tuilerien. So daß Braconneau bereits alles zum Teufel gehen sah. – Danach kann man sich den Seufzer der Erleichterung denken, den er ausstieß, als die liebreizende Emilie den andern Tag so gegen drei Uhr in etlichem Staat aus der Ladentür trat. Sie stolzierte erst in der Richtung nach dem Palais-Royal. Dort aber nahm sie einen Fiaker und fuhr zur Seine hinab. Braconneau mußte Beine machen, damit er den Wagen im Straßengewimmel nicht aus den Augen verlor. In der Nähe der Münze kam er wirklich nicht mehr nach und erst am Quai des Grands-Augustins kriegte er ihn glücklich wieder. Und als Madame Lerebourg an der Rue du Dragon halten ließ – gegenüber der Rue de la Huchette – war der Geheimpolizist tatsächlich am Ende seiner Lungen. Madame Lerebourg hieß den Kutscher warten und ging in ein Haus, an dem Braconneau beim besten Willen nichts Besonderes finden konnte. Das Modistinnenschild sprach nur zu deutlich, daß dieses ganze atemversetzende Rennen vergebliche Liebesmüh' gewesen war. Höchstens das eine gab zu denken: wieso Madame Lerebourg einen solch weiten Weg zu einer so unbedeutenden Modistin fuhr, die es doch, vermittels ihrer geschäftlichen Verbindungen, zu den allerersten Pariser Häusern viel näher haben konnte. Das war immerhin staatsverdächtig, und er beschloß auf alle Fälle hier zumindest so lange wie der Kutscher auszuharren. Indem war Emilie eine Treppe hoch gestiegen und hatte an der Tür des Fräuleins Virginie Grandeau die Klingel gezogen. Die alte Mathurine öffnete und führte sie in den Anprobesalon. Bald danach stand sie Virginie ein zweites Mal gegenüber. Nebenan aus dem Atelier klangen die Stimmen der Mamsells herüber, und so rief die Modistin ihre »Erste« herein und befahl ihr, doch schnell mal das Kapotthütchen zu bringen, an das sie gerade letzte Hand anlege. Die angebliche Kundin probierte es auf; die »Erste« mußte noch andere Modelle bringen, und nach Verlauf von reichlich einer Viertelstunde endlich entschied sich Madame für einen kleinen entzückenden Hut. Damit war ihre Anwesenheit genügend legitimiert; die »Erste« kehrte ins Atelier nebenan zurück, und Virginie führte Emilie über den dunkeln Korridor nach der Küche, setzte die verborgenen Scharniere des geheimnisvollen Wandschrankes in Bewegung, sprach: »Aber ich kann Ihnen leider nicht mehr als eine Viertelstunde gewähren. Jede Minute darüber könnte gefährlich sein!«, ließ die junge Frau hineinschlüpfen und schloß hinter ihr die Geheimtür wieder zu. Die beiden Liebenden waren allein und wie von aller Welt abgetrennt. Aber statt daß Saint-Régeant dadurch kühner geworden wär', war er nur um so zaghafter, scheuer und schämiger. Er nahm Emilie bei der Hand, führte sie zu einem der Stuhle und setzte sich dann neben sie. »Also ... hier hausen Sie nun?« Das klang so unglücklich ... »Ich hab' bereits ganz andere Löcher hinter mir ... In Morbihan damals; unter der Erde; wie die Kaninchen zusammengepfercht; ohne Heizung, ja oft ohne einen Bissen Essen ... Das war kein Spaß; aber das ist eben der Krieg, und wenn wir nun bald siegen werden ...« »Ja – wenn Ihr siegt ...! Ach, Saint-Régeant, Euer Beginnen scheint mir Wahnsinn! Wie wollen Sie das bloß machen? Sie – mutterseelenallein in dem großen Paris – umzingelt und umstellt! Und – gegen diese Siegernatur, die sich Bonaparte nennt!!« »Sprechen wir nicht von meinem Schicksal, liebe – liebste Emilie! Vergällen und vergiften wir uns doch die paar Augenblicke, die wir nun beieinander sind, nicht mit dieser scheußlichen und ekelhaften Politik! ... Du lichter Engel, der den armen Saint-Régeant nicht vergessen hat! Ich bin wirklich mutterseelenallein in dem großen Paris, und wenn du mich nun auch noch aufgegeben hättest, und sei's nur, um deine Ruhe und deinen Frieden wiederzufinden ... o ja, ich weiß, ich allein bin schuld an deinem tiefen Kummer! Sei mir aber deswegen nicht böse, ich bitte dich, und gönne mir ein Lächeln, ein einziges, in dieser meiner Trostlosigkeit hier ...« »Es war sehr unvernünftig von mir, daß ich gekommen bin. Aber ich hätt's nicht ausgehalten, ohne Sie ... ohne dich zu sehen und wie es dir geht und was du treiben magst. Ach, ich hab' ja keine Gewalt mehr über meinen Willen, so sehr, daß ich nur noch wünsche, was du wünschest, und an nichts weiter mehr denke als an die Gefahren, die dir drohen ...« Saint-Régeant drückte zärtlich Emiliens Hand und neigte seinen Mund ganz nah an ihr Ohr und flüsterte: »Wenn du nur noch wünschest, was ich wünsche, Emilie ... sei gut, Emilie, sei gut, ... und laß mir hier eine Erinnerung zurück, die süßeste, die köstlichste von allen ...« Aber da wehrte sie sich sogleich und mit erglühendem Gesicht: »Ich darf doch nur einen Augenblick bei dir bleiben ... gib dich heut damit zufrieden, daß ich überhaupt kam ... und dann kann doch auch die Frau jeden Moment hereinkommen und uns überraschen .... nein, nein, um Gottes willen, Saint-Régeant!« Er aber hatte sie in seine Arme genommen und verschlang sie schier mit Augen und Atem. Es war ein so wahnsinniges Begehren nach ihr in ihm, die ganze Glut seiner jungen Jahre flammte auf, und sie ergab sich schon bald – da war ein leises Geräusch hinter der geheimen Tür ... sie entwand sich ihm und beschwor ihn, am ganzen Leibe bebend vor Nachgiebigkeit und Angst zugleich: »Nein, nein, nicht jetzt ... ein andermal ... wenn ich dich bitte ...« »Und wenn ich bis dahin aufgegriffen oder tot bin?« Sie warf sich erneut und mit einem verzweifelten Aufschrei in seine Arme. Da konnte er erst so recht gewiß werden, bis zu welchem Grad sie ihn liebte und was ihr mehr war – sein Glück oder ihre Frauenehre. »Nun ist mir alles gleich!« – Aber nun galt für Saint-Régeant nur eines: das junge Weib, das er so sehr erschreckt hatte, zu beruhigen: »Aber, Liebste, du brauchst doch nicht das geringste für mich zu fürchten ... ich bin doch hier absolut geborgen ... und komm nur recht bald wieder zu mir, und dann bist du mein ... ganz mein ... ja? Ich Will ja dein gehorsamer Sklave sein, und du sollst mir nichts schenken, bis du es willst ...« Da belohnte sie sein Vernünftigsein mit einem langen Kuß, daß sie beide von neuem blaß und zitternd und ... unvernünftig zu werden drohten. »Aber nun sag' mir, Emilie,« riß sich der junge Mann heldenhaft los, »wie du hierher gekommen bist. Hast du was Verdächtiges auf dem Weg bemerkt, oder ist dir wer gefolgt?« »Wer wohl? Mein Mann – der gute! – hegt nicht den leisesten Argwohn, und ich bin doch hier bei einer Modistin! Der Wagen, mit dem ich herfuhr, wartet unten vor der Tür ... und damit alles recht plausibel sei, weißt du, hab' ich mir ein wirklich entzückendes Hütchen gekauft, an dem dann nur noch ein paar Kleinigkeiten abzuändern sein werden, so daß ich übermorgen noch einmal hierher muß ...« »Übermorgen!« erschauerte Saint-Régeant vor Glück. »Und da ich dann ein wenig länger bleiben werde, werde ich von vornherein so tun, als ob ich diesmal eben länger Zeit hätte und ich werde zu Fuß hierher bummeln. Für den Fall, daß mir wirklich wer nachspürt! Ich kenn' ja jetzt den Weg ... und ich finde es überhaupt als das Einfachste von der Welt!« »Emilie! Süße Emilie! Wie gut du bist und wie du dich für mich aufopferst!« »Sag' lieber, wie wahnsinnig ich bin – gewiß: wahnsinnig! Aber was wär' das ganze Leben ohne ein Körnchen Tollheit! Trübsinnig, abgeschmackt, nicht wert, daß man es lebt! Also ... ich verlasse dich für heute ... und auf baldiges Wiedersehen –« »Übermorgen!« Noch ein letzter sehnender Kuß; dann klopfte Saint-Régeant leis an die Geheimtür, Virginie öffnete ebenso leis und geleitete die Geliebte hinaus. Der Kutscher schlief auf seinem Bock; Emilie rief ihn an und befahl ihm, sie nach dem Platz du Palais-Royal zurückzufahren. Mit dem einen Fuß auf dem Trottoir und mit dem andern im schmutzigen Rinnstein stand Braconneau und steckte die Nase in die Höh', als ob ihn das Dach des gegenüberliegenden Hauses wirklich ungemein interessierte; dabei entging ihm natürlich keine Bewegung und keine Silbe von allem, was Madame Lerebourg tat oder sprach. Aber es war nichts Verdächtiges an ihr. Sie hielt einen großen Karton in der Hand und hatte allem Anschein nach nicht mehr verbrochen als das gewöhnlichste und Gewohnheitsverbrechen der Frau: sie war bei einer Modistin gewesen und hatte einen Hut gekauft ... Aber Braconneau hatte Saint-Régeant aus den Augen verloren, und es war schon mehr eine fixe Idee von ihm und er halluzinierte geradezu: alles was Emilie tut oder läßt, muß mit ihrem Liebhaber zusammenhängen; und wenn sie nun hier einen Besuch gemacht hatte, so hatte der Besuch doch irgendwie Saint-Régeant gegolten, und also mußte dieses Haus in der Rue du Dragon und insonders Fräulein Virginie von heute ab überwacht werden. Mochte Madame Lerebourg nur ruhig nach Hause fahren! Das interessierte ihn nicht. Seine Polizeinase stöberte nur: warum Madame Lerebourg vordem von zu Hause weggefahren war. Hielt sich der junge Royalist am End' in diesem Haus 35, Rue du Dragon auf? Aber wo? wie? bei wem? Nun nur immer hübsch der Reihe nach. Da galt's zuerst einmal beim Apotheker zu ebener Erd' zu sondieren. Hier lag freilich die Wahrscheinlichkeit neunundneunzigfach zu hundert nahe, daß die Vorsicht absolut zwecklos wäre. Indes, hatte er es nicht mit dem gerissensten aller Gegner zu tun? So durfte man also nichts außer acht lassen! Und er trat in den Laden ein und sah sich den Quacksalber einmal etwas genauer an. Ein Männchen; fünfzig; kahlköpfig; schmutzig und kränkelnd. Braconneau verlangte eine Unze Sennesblätter. Das Apothekermännchen lächelte und sprach wie ein gelernter Doktor: »So ein Purgativ ist eine seine Vorsichtsmaßregel. Sowie eine Jahreszeit in die andere übergeht, und besonders im Frühling, Sennesblätter sind ein drastisches Purgativ und besser wie Rhabarber, der ja wohl für Indigestionen gut ist ...« Und er wog ein paar Blätter in einer Papiertüte ab. Braconneau aber schätzte währenddem mit einer ganz gleichgültigen und fast wie gelangweilten Miene die Mauerstärken ab sowie die Zimmerdeckendicke und warf wie von ungefähr auch einen Blick ins Laboratorium, das auf einen schlecht erleuchteten kleinen Hof hinauslag. »Sie haben wohl Mäuse hier in Ihrem Laden?« »Ach, ich kann Ihnen sagen, Bürger, das ist schon nicht mehr schön! Meine Frau und ich ...« »Sie sind verheiratet? Aber wo wohnen Sie denn da?« »Zweiten Stock, drei Zimmer nach vorne raus ... Es ist zwar Mansarde, aber es ist doch ganz nett ... Wir haben nur Vater Juliussen, den Matratzenmacher, neben uns und unter uns die Bürgerin Grandeau ... Nein also, soweit ist's wirklich ganz nett ... die verdammten Mäuse freilich ...« »Die Bürgerin Grandeu«, sagten Sie? Ist das nicht die Modistin im ersten Stock ... 'n schönes Mädchen, die einen feinen Liebhaber hat ... 'n schlanken kräftigen jungen Mann, der erst vor zwei Tagen wieder von einer Reise zurückkam?« Das Gesicht des Pharmazeuten wurde mit jedem Wort Braconneaus länger: »Die Bürgerin Grandeau – 'n schönes Mädchen? Die Bürgerin Grandeau überhaupt – und 'n Liebhaber? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Bürger ... oder aber Sie verwechseln sie mit einer von ihren Mamsells! O ja, da sind zwei oder drei, Rackerchens, Luderchens, jung, hübsch und knusprig, kann ich Ihnen sagen, na, und die haben wohl auch jede ihren Schatz ... aber die sollten sich's nur einfallen lassen, und ihn einmal bis hier ins Haus mitbringen: die würde Fräulein Grandeau schön an die Luft setzen!« »Was! Ist diese Virginie Grandeau wirklich ein solcher Ausbund von Tugend, daß niemals ein männliches Wesen zu ihr kommt?« »Nein, aber so dürfen Sie nun wieder auch nicht daherreden! Es kommen doch Lieferanten zu ihr, und wenn Sie gerade hinaufgehen und vielleicht ein Hütchen bei ihr bestellen, fliegen Sie auch nicht gleich die Treppe herunter ... Aber aus galanten Motiven – is nicht bei ihr! Nein, nein! ... Hier, bitte schön, Ihre Sennesblätter ...macht fünf Sous ... Und wenn Sie was gegen Mäuse wünschen, so könnte ich Ihnen ein ausgezeichnetes Mittel empfehlen: ›,Duvallons echter Mäusetot‹, das ich selbst erprobt habe, und das mir wunderbar geholfen hat ... Arsenik und Phosphor...« »Gut, ich werd' mir's merken,« sprach Braconneau und zahlte und wollte gehen. Er wußte ja nun wohl Bescheid ... Aber da ließ der Apotheker nicht locker. Er wollte ihm die Verheerungen des ›,echten Mäusetods‹, gleich ad oculus demonstrieren: »Möchten Sie vielleicht sehen, wie ich diese Giftköder in meinem Kapernaum anbringe?« Das kam Braconneau höchst gelegen. Mit Freuden folgte er dem Apotheker ins »Laborator« und von da bis auf den kleinen Hof hinaus, der das Haus vom Nachbarhaus trennte. Da betrachtete er denn lang' die Häuserwand, und sein Auge blieb gerade an der Stelle haften, dahinter das Versteck Saint-Régeants lag, als jemand zu einem Fenster im ersten Stock gar lustig herauslachte: »Na, Vater Wismut, wie geht's mit der Gesundheit? Besser als Ihren Kunden, was? Denn die vergiften Sie ja doch bloß mit Ihren Tränklein!« »Na, warte, Hexe! Sie kommen mir ja doch wieder, wenn Sie Husterchen-Husterchen haben!« lachte der Pharmazeut. »Das war eine der Mamsells von der Bürgerin Grandeau. Immer lustig und fidel. Sie nennen mich Vater Wismut. Das tut erstens nicht weh, und zweitens macht's ihnen Spaß ...« Der Argwohn Braconneaus schwand immer mehr hin. In diesem friedlichen und einfachen Häuschen roch es – wenn es auch sonst nicht lieblich roch – nach keinerlei Verschwörung. Da war kein mysteriöses Kommen und Gehen möglich. Die Leutchen hockten allzunah wie Hühner aufeinander. Das war ein Winkelchen Provinz in diesem großen Paris, und hier hauste der abgefeimte Gegner Braconneaus sicher nicht ... Aber warum nur war Madame Lerebourg hiehergekommen? Und Braconneau nahm sich mit Gewalt aufs neue vor, die Sache hier nicht einfach auf sich beruhen zu lassen. Er verabschiedete sich vom Pharmazeuten mit vielem Dank und rief draußen auf der Straße gleich einen seiner Leute an, der sich höchst verdächtig vor einer harmlosen Weinhandlung herumtrieb, und prägte ihm äußerste Überwachung des Hauses 35 ein. Er dachte sich dabei so: Wenn Saint-Régeant vielleicht doch Rue du Dragon verborgen ist, dann kommt Bürgerin Lerebourg gewißlich noch einmal. Dann aber umzingle ich das Haus und such' es gründlich ab. Vielleicht finde ich die Bürgerin Lerebourg nur im Laden der Virginie Grandeau; vielleicht aber auch find' ich sie mit Saint-Régeant in seinem Versteck; auf jeden Fall finde ich etwas. Zweimal verließ Saint-Régeant am Abend das Haus und begab sich zu Limoëlan ins Kloster zur »Heimsuchung«. Aber beide Male wurde er von den Leuten Braconneaus, die ihm übrigens gewissenhaft folgten, nicht erkannt; die meinten, es wäre vielleicht ein Bote vom Geschäft Grandeau. Nur Braconneau, der sich doch genau informiert hatte, daß außer dem Apotheker und Vater Julius kein männliches Wesen im Haus wohnte, vermutete sofort: Saint-Régeant! und zog den andern Abend selber auf Wache. Er folgte dem nächtlichen Spaziergänger, der freilich etwas kleiner schien und auch etwas dicker als »sein Mann«, bis vors Kloster und wartete dort ... nur hatte er dabei das Pech, von Limoëlan gesehen und erkannt zu werden. »Du! wenn mich nicht alles trügt, ist das der famose Lavernières, der sich ins Komitee im Roten Löwen einschleichen wollte, bis ihn Valoris dann doch noch abschüttelte ...« »Hm. Wenn das aber Lavernières ist, dann ist es auch Neufmoulin! Neufmoulin war der Schurke, der bis nach dem Süden mit mir fuhr und mir in Lyon gründlich zu schaffen machte. In diesem Fall muß ich den Mann auf die Seite bringen, und zwar so schnell als möglich. Was ist ein verdammt gefährlicher Patron!« »Ja, aber wie willst du denn das machen?« »Ganz einfach. Ich geh' jetzt von dir weg und schlage mich auf die Felder nach Vaugirard hinüber. Wenn er mir nicht nachkommt, such' ich meinen Bischofswinkel auf – bis auf eine bessere Gelegenheit. Kommt er mir aber nach, dreh' ich mich um, geh' auf ihn zu und ... Meine Pistolen hab' ich ja immer bei mir.« »Du willst ihn totschießen?« »Aber in einem regelrechten Zweikampf ... Ich bin kein Mörder! Wenn er bewaffnet ist – und er ist es sicher! – dann sind doch die Waffen gleich. Wenn nicht, mag er eine von meinen Pistolen haben und sich verteidigen ...« »Du bist ein sonderbarer Heiliger!« Linoëlan lächelte. »Morgen schon sprengst du vielleicht die ganze Eskorte Bonapartes in die Luft und heute zögerst du und willst einen Spion, der dir doch einzig nach dem Leben trachtet, nicht glatt übern Haufen schießen!« »Das ist in der Tat sehr dumm von mir,« sprach Saint-Régeant. »Aber so bin ich nun mal. Wenn ich das Faß Pulver explodieren lasse, dann ist doch mein Leben ebenfalls auf dem Spiel ... Genau wie im Krieg ... Aber einen Menschen einfach meuchlings niederknallen – ich kann es nun mal nicht!« »Wenn du Brutus gewesen wärst, hättest du Cäsar nicht ermordet?« »Aber doch lieber bei Pharsalus!« »Wie edelmütig! Weißt du, daß du mir nachgerade Sorgen machst, und daß ich weit lieber einen andern an deiner Stelle sähe? Du bist imstande und drückst im entscheidenden Moment nicht ab, nur weil gerade ein hübsches Frauenzimmer oder ein Greis im Silberhaar noch übern Weg will ... eija, dir ist wahrhaftig zuzutrauen, daß du den Ersten Konsul verschonst, weil sonst das Frauenzimmerchen oder der Mummelgreis ebenfalls mit draufginge!« »Rede mir bloß nicht von solchen Nebenumständen bei meiner Tat! Ich will das Eine, Große: Bonaparte – und damit basta. Mein Leben gilt mir nichts ...« »Und wann soll's nun endlich sein?« »Hast du den Wagen schon?« »Jederzeit – binnen einer Stunde.« »Das Faß, fix und fertig geladen, mitsamt der Flinte, steht im ›,Roten Löwen‹,.« »Also braucht's nur noch die günstige Gelegenheit?« »Und auch die ist schon da. Die ›,Gazette‹, kündigt für den 3. Nivôse, also zu übermorgen, in der Opéra die Erstaufführung des neuen Haydnschen Oratoriums ›,Die Schöpfung‹, an. Der Konsul, Madame Bonaparte und der kleine Hof werden erscheinen.« »Na, und?« »Der Weg Bonapartes zur Opéra ist doch klar. Durch die Rue Saint-Nicaise und die Rue de la Loi, An der Ecke Rue Saint-Nicaise, auf der linken Seite, wo der Wagen vorbeikommt, stellen wir das Zeug auf ... Die Wirkung wird eine großartige sein. Alles zu Staub zermalmt.« »Ja, aber an der Ecke Rue de Nicaise? Da wird die Wirkung doch nicht so fürchterlich sein wie Rue de la Loi, wo immer die meisten Zuschauer stehn ...« »Und die meiste Polizei, die uns dann schön auf die Finger sehen würde.« »Da hast du wieder recht! – Und was sollen Carbon und ich dabei machen?« »Ihr kommt mit dem Fuhrwerk vor den ›,Roten Löwen‹,. Da laden wir das Fäßchen auf und fahren damit Rue de Nicaise. Es wird sicher schon dunkel sein, und das kommt uns dann auch noch zugute.« »Und vorher willst du noch den Spion um die Ecke bringen?« »Das geschieht heute nacht noch. – So, und nun denk' ich, hätten wir alles Nötige besprochen.« »M – ja ...« »Übermorgen fünf Uhr mit dem Wagen vorm ›,Roten Löwen‹,. – Und wenn ich wider Erwarten nicht da sein sollte, verlangst du Flinte und Faß vom Wirt und vertrittst mich eben ganz und gar.« »Wenn du nicht da sein solltest ...« »Für den Fall, daß ich verhaftet wäre oder tot.« »Gut.« Saint-Régeant sah noch einmal seine Pistolen nach; dann drückte er seinem Freund die Hand und ging über den Hof auf die Straße. – Braconneau ihm auf den Fersen; doch war dieser nicht wenig erstaunt, welche Richtung Saint-Régeant einschlug. Was ging ja geradenwegs aus der Stadt hinaus; über Felder bald, auf Vaugirard zu. Indes, das sollte Braconneau gleich sein. Er ließ dem andern, sowie sie einmal aus den Straßen heraus waren, nur etwas mehr Vorsprung, denn hier im Freien und ohne jede Deckung kam er ihm schon nicht so leicht aus den Augen. Übrigens sah der Verfolger bald ein, daß er selber nicht länger unbemerkt nachschleichen konnte; und es wurde so rasch ein Spiel mit offenen Karten. – Nun hörten selbst die Zäune auf; weit und breit nicht einmal ein Gemüsebauer mehr; Saint-Régeant bog auf einen Fußweg nach Montrouge ein, ging aber bald darauf langsamer, blieb stehen, setzte sich und – wartete. Das war deutlich genug für Braconneau. Er ging ruhig weiter – gerade auf den jungen Mann zu; und als er nah' genug herangekommen war, zog er seinen Hut und sprach: »Guten Abend, Herr de Saint-Régeant.« »Ergebenster Diener, Herr Neufmoulin.« »Das trifft sich aber nett. Sowas hab' ich gern.« »Durchaus meinerseits! Aber nun hören Sie mal: Sie sind der Neufmoulin von unserer Reise nach Lyon. Sie sind auch jener Lavernières, der mit dem Abbé de Valoris Bekanntschaft machte – Sie wissen schon. Und dann sind Sie außerdem wohl noch der und der und der, lauter Mimiken eben von einem einzigen Verwandlungskünstler – das heißt Polizisten, dessen wahres Gesicht und wirklichen Namen wir nicht kennen. Ihren wirklichen Namen weiß ich nicht und will ihn auch gar nicht wissen, aber Ihr wahres Gesicht will ich nun einmal sehn – unter all den Schminken, Perücken, Haaren aus der Nase und Haarbüscheln aus den Ohrlöchern und künstlichen Kautschukbacken ...« »So, so. Und wie wollen Sie das anstellen, wenn ich fragen darf?« »Indem ich Sie kalt mache, Herr Neufmoulin!« Der Polizist wich denn doch ein wenig zurück; Saint-Régeant stand langsam auf, pflanzte sich breit mitten auf den Weg und zog zwei Pistolen aus der Tasche: »Ich hab' mit Ihnen an einem Tisch gesessen, Neufmoulin, und obwohl Sie sonst nicht gerade eine empfehlenswerte Persönlichkeit sind – Sie mit Ihrem traurigen Metier! – , so will ich doch nicht so sein, und Sie sollen sich wenigstens verteidigen können. Also wählen Sie sich die Distanz, die Ihnen beliebt, und auf mein Kommando drücken Sie ab. Aber schonen Sie mich nicht etwa – ich ziele erbarmungslos, kann ich Ihnen sagen!« »Herr de Saint-Régeant, Sie versetzen mich da – in der Tat! – in eine heikle Sache. Ich habe niemals daran gedacht, Sie zu töten oder auch nur zu verwunden. Was ist meines Amts nicht; ich habe mich nur Ihrer Person zu versichern ...« »Deshalb lockte ich Sie auch hier ins offene Feld heraus; weit genug fort von allen Ihren Leuten. Nun, sagen Sie mal, Neufmoulin, wie möchten Sie mich denn nun verhaften?« »Herr de Saint-Régeant, ich werde alles tun und machen, was in meinen Kräften steht, um Sie festzulegen ... Meinetwegen gehen Sie heute abend nicht zu Ihrer Bürgerin Grandeau schlafen! Mich interessiert persönlich auch nicht im mindesten, was Sie mit dem Pförtner des Klosters zur ›,Heimsuchung‹, für Geheimnisse haben! Ich weiß nur, daß da etwas nicht koscher ist ... Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, es dem Bürger Fouché selbst zu sagen ...« »Oh! Sie wissen ja glänzend Bescheid!« sprach Saint-Régeant. »Um so schlimmer für Sie ... also machen Sie jetzt voran, nehmen Sie eine von den Pistolen und setzen Sie sich zur Wehr oder – beim Himmel! – ich strecke Sie nieder wie einen tollen Hund!« »Saint-Régeant, hören Sie mich, bitte, erst noch an. Ich will Ihnen nichts Schlimmes – das hab' ich Ihnen soeben, denk' ich, bewiesen. Ich hätte mich auch an die Lerebourg halten können – und ich habe es nicht getan. Ja, mir blutet geradezu das Herz, wenn ich sehe, wie ein junger Mann von so blendenden Eigenschaften wie Sie in eine solch aussichtslose Sache verwickelt ist ... Georges und seine ganze Clique ... Lassen Sie die Finger davon – reisen Sie ab – und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – ich will Ihnen noch dazu behilflich sein!« »Damit Sie hinterdrein all die andern verhaften können und ich zum gemeinsten aller Verräter würde! Also, Herr, ich habe geschworen, der Sache zum Sieg zu verhelfen – oder wollen Sie mich mit diesem Ihrem Unsinnen auch noch schwer beleidigen? Genug jetzt! Fertig! Aus! Sie find da in einer verfluchten Situation, Neufmoulin, und kommen nur heil wieder heraus, wenn ich auf dem Platze bleibe –« »Sie zwingen mich dazu! Es war durchaus nicht meine Absicht ...« Und er zog eine Pistole aus dem Überzieher und entsicherte sie. Sie standen etwa dreißig Schritt voneinander; die Nacht war dunkel, und ein leichter Sprühregen fiel. »Achtung, Neufmoulin!« schrie Saint-Régeant und kam mit der Pistole in der Hand Schritt vor Schritt auf den Mann zu, der wie eine Mauer stand. Zehn Schritt nur noch. Neufmoulin hoffte immer noch, daß der andere zuerst abdrückte und so entwaffnet war und ihm auf Gnad' und Barmherzigkeit ausgeliefert. Aber dieses Manöver durchschaute Saint-Régeant natürlich. Jetzt blieb der junge Royalist stehen – jetzt zielte er auf Neufmoulin. Da drückte der Spitzel ab – die Kugel fuhr Saint-Régeant durch den Mantelkragen – im selben Augenblick schoß auch der Royalist – und Neufmoulin fiel, in die Brust getroffen, platt auf die Nase übern Weg. »Bei Gott, er hat's nicht anders gewollt!« murmelte Saint-Régeant. Er trat auf den Polizisten zu, der sich in einer Blutlache wälzte. Drehte ihn auf den Rücken um und riß ihm die Perücke herunter: am sogenannten Neufmoulin war nicht viel Maske gewesen, und das war beinah' sein wahres Gesicht ... Dann schleppte er den Körper ein wenig vom Weg ab ins Feld hinein, damit ihn die Gemüsebauern, die alle Nacht nach den Pariser Markthallen hier vorüberfuhren, nicht sogleich fänden. Legte die abgeschossene Pistole des Polizisten neben ihn hin und sprach, da er überzeugt sein mußte, daß der Mann bereits tot war, ein leises: »Requiescat in pace« Und machte sich in der Richtung nach der Stadt davon. 11. Kapitel Fouché war gerade von all den Morgenrapporten sehr stark in Anspruch genommen, da trat der junge Villiers, einer seiner Sekretäre, ohne anzuklopfen, ein: »Agent Nummer Sieben möchte den Bürger-Minister sprechen. Sache von höchster Wichtigkeit.« Fouché sah gar nicht auf und knurrte nur ein gleichgültiges: »Laß 'n hereinkommen« hin. Ein Kerl kam herein: ein wahrer Riese. Schwarzhaarig übers ganze Gesicht: der Typ eines Vollziehungsbeamten. Denn zu irgendeiner Verkleidung taugte der nun und nimmer. Eben der richtige Bursche, um Doppeltüren aus den Angeln zu treten und im Handgemenge sodann Köpfe einzuschlagen. Ein riesiger Bluthund. Fouché sah ihn an und weidete sich einen Augenblick, schien's, an dieser mächtigen Muskulatur: »Was ist denn los, Soufflard?« Gleich Bonaparte hatte auch Fouché ein stupendes Gesichts- und Namensgedächtnis. Er erkannte sofort einen jeden seiner untersten Unterbeamten wieder. »Bürger-Minister, Braconneau ist vergangene Nacht ermordet worden.« »Wo?« »Drüben bei Baugirard.« »Wie?« »Kugel in der Brust.« »Von wem?« »Weiß man nicht. Er war ganz allein losgezogen und hatte nur die Order zurückgelassen: Überwachung von Nummer 35 Rue du Dragon und aller Personen, die aus und ein gehen.« »Ist er tot?« »Nicht ganz. Aber so schlimm wie tot. Immer noch nicht wieder bei Bewußtsein.« »Wo liegt er?« »In der Pitié ...« »Ist jemand bei ihm?« »Clément.« »Gut. Daß mir ständig jemand bei ihm bleibt und ich sofort benachrichtigt werde, wenn er das Bewußtsein wiedererlangt und wenn er sich auch nur durch Zeichen verständlich machen kann! Ich komme dann selber hin. Wer hat ihn aufgefunden?« »Leute aus Montrouge sind zu mir gekommen, und ich bin mit Clément sofort hin.« »Von euern Späherposten weg – wie?« »Ja, das ... das ... das ist schon richtig, Bürger-Minister.« »Du hättest allein hingehen sollen und Clément in der Rue du Dragon lassen! Hat Braconneau euch denn nicht erklärt, zu was er euch hinstellte?« »Doch, Bürger-Minister ... Er vermutete einen Komplizen von Georges, einen gewissen de Saint-Régeant bei einer Modistin dort im Haus versteckt.« »›,Vermutete‹, nur?« »Ja, bei Braconneau war freilich Vermuten und Gewißheit immer eins.« »Und wenn er nun draufgeht, verlier' ich einen meiner besten Agenten.« »Vielleicht, daß ihn Saint-Régeant selber derart angeschossen hat! Als Braconneau von uns wegging, verfolgte er sicher den gottverfluchten Royalisten!« »Aber irgendeinen näheren Anhaltspunkt hast du nicht dafür?« »Nein, Bürger-Minister.« »Na, dann laßt das Haus in der Rue du Dragon ruhig sein – bis auf weitere Befehle.« »Gut, Bürger-Minister.« »Marsch!« Fouché hatte aus dem Bericht Soufflards die Überzeugung gewonnen, daß Braconneau, der in die geistigen Fähigkeiten seiner Untergebenen wenig Vertrauen setzte, ihnen von der Spur, die er verfolgte, so gut wie gar nichts mitgeteilt hatte. Allem Anschein nach handelte es sich um ein royalistisches Komplott. Aber wie sollte man sich in dieser höchst dunkeln Geschichte auskennen, wenn der, der einzig Licht in die Sache bringen konnte, stumm und ohne Bewußtsein lag? So dachte sich Fouché folgendermaßen: Da Dubois – der Ochse! – doch sicher wieder glaubt, die Jakobiner seien diejenigen welche ... können wir ruhig zusehen, was der mit seinen Leuten groß herausbringt, wenn schon die meinen mal in Verlegenheit sind. Und wenn Saint-Régeant, nachdem er sich den Braconneau vom Halse geschafft, sich wirklich weiter auf 35 Rue du Dragon verbirgt, wird er dadurch, daß ich die Wachen zurückziehe, höchstens sorgloser und begeht am Ende gar eine Unvorsichtigkeit ... und dann hab' ich ihn erst recht, wie und wann ich nur immer will. Indem so die beiden Polizeigewaltigen Dubois und Fouché – dem Steckenpferd Bonapartes zuliebe, das nun einmal die Jakobiner waren – wieder einmal einander, wenn nicht gerade entgegenarbeiteten, so doch zumindest im Stich ließen, ließen sie Saint-Régeant machen was er wollte – in einem Augenblick, wo sie ihm doppelt und dreifach auf die Finger sehen sollten. Und Fouché, der gewiß allen Grund hatte, sich von dem fortgesetzten Verdacht zu reinigen, als verriete er seinen Herrn und konspirierte mit dessen Widersachern, hatte Bonaparte noch nie einer größeren Gefahr preisgegeben als in diesen Tagen des 1. und 2. Nivôse. Denn das Unternehmen Saint-Régeants und Limoëlans war doch nur solange äußerst schwierig, als Braconneau und seine Agenten das Haus der Virginie Grandeau besetzt hielten; sobald aber Fouché die Späherposten zurückzog, mußte es den beiden, zusammen mit Carbon, ein wahres Kinderspiel sein. Saint-Régeant war um Mitternacht nach Paris zurückgekommen und schlich sich mit aller nur möglichen Vorsicht nach der Rue du Dragon. Von der Ecke der Rue de la Huchette spähte er nach den Zugängen von Nummer 35 und nur zu deutlich gewahrte er vor dem Hause des Weinhändlers den herkulischen Schatten Soufflards. Saint-Régeant überlegte: Geh' ich nun heim und warte zu Hause die Wirkung ab, die Neufmoulins Verschwinden doch sicher auslöst – oder warte ich nicht am Ende lieber, bis durch das Bekanntwerden des Todes des Spions der ganze Wachdienst hier in die Binsen geht?? Aber wo die Nacht zubringen? Aber selbstverständlich doch im »Roten Löwen«, wo mich längst kein Mensch mehr sucht! – Und er ging über die Seine, nach der Rue de l'Arbre-Sec, weckte den Wirt und ließ sich in das kleine Hinterzimmer führen, wo die Royalistenversammlungen stattgefunden hatten. Dort machte er sich's in einem Lehnstuhl bequem und schlief sehr bald den Schlaf des Gerechten. Braconneau war in der Tat so aufgefunden worden, wie Soufflard berichtete. Feldarbeiter sahen einen Mann in einer großen Blutlache liegen; liefen zur nächsten Polizeistation an der »Barrière«, holten eine Tragbahre und schafften den Toten, der nach in seiner Tasche gefundenen Papieren als Polizeiagent agnosziert wurde, dorthin. Sofort ging ein Expreßbote an den Minister ab; wie's das Unglück aber haben wollte, stieß der Bote just auf Clément, der wieder nichts Eiligeres zu tun hatte, als zu Soufflard zu laufen; die beiden rannten dann gen Baugirard hinaus, wo sie ihren Vorgesetzten bewußtlos, aber noch am Leben vorfanden. – So spielte der Zufall bald zugunsten der einen und bald wieder zugunsten der andern Partei. Saint-Régeant hätte, um für sich und all seine Komplizen ganz sicher zu gehen, Braconneau eben auch noch die Kugel seiner zweiten Pistole in den Schädel jagen müssen. Aber dazu war Saint-Régeant viel zu viel Soldat. Er hatte den Mann blessiert, damit gut. Gnadenstoß oder Fangschuß gab's bei ihm nicht. Und das war Fehler Nummer eins. – Sodann hatte er Braconneau nicht einmal die Papiere weggenommen, um dadurch doch auf jeden Fall Zeit zu gewinnen: Fehler Nummer zwei. – Freilich sollten all diese Unterlassungssünden sich nicht im mindesten rächen, indem Fouché seine Wachen aus der Rue du Dragon zurückzog und Saint-Régeant auch sonst für eine Weile durchaus unbehelligt lassen wollte. »Falle halber«, wie der schlaue Fouché meinte. Aber in welche fürchterliche Falle geriet dadurch andererseits wieder die Regierung! Als Saint-Régeant den andern Morgen aus dem »Roten Löwen« kam: das Trottoir der Rue du Dragon wegfrei und auch der Zugang zu 35 unbesetzt. Nirgends ein Spitzel. Virginie Grandeau war natürlich schon in großer Sorge um ihn gewesen; er beruhigte sie, verriet ihr aber nichts von allem, was in der vergangenen Nacht geschehen war, frühstückte nur reichlich, warf sich aufs Bett und ruhte sich tüchtig aus. Gegen Abend ging er ins Kloster zur Heimsuchung, erzählte Limoëlan sein Duell mit Braconneau und setzte mit ihm alles noch einmal für den morgigen Tag fest ... die Gelegenheit böte sich günstiger als je! ... und also morgen um fünf Uhr am Kai an der Ecke vom »Institut!« Carbon sollte ebenfalls mit, und dann würden sie zu dritt am »Roten Löwen« vorfahren und dort das Faß aufladen, das im Weinkeller stand. »Die guten Leutchen haben selbstverständlich keine Ahnung, was in dem Faß eigentlich drinnen ist!« lachte Saint-Régeant. »Und ich fürchte, das Zeugs würde ihnen auch gar nicht gut schmecken!« »Hoffen wir bloß, daß Bonaparte und sein Gefolge genug davon bekommt!« meinte Limoëlan. »Ich hab' Georges sagen lassen, daß es morgen losgeht. Er erfährt's morgen im selbigen Augenblick, wo ich hier abdrücke. Er hat doch hoffentlich alle Maßnahmen getroffen, um sogleich die ungeheure Verwirrung, die entstehen wird, auszunützen. Unsere Freunde in Lyon, Valence, Marseille und Bordeaux sind ebenfalls benachrichtigt, damit sie sogleich den König proklamieren und sich aller öffentlichen Ämter bemächtigen. Sowie unsere Höllenmaschine platzt, ist das das Zeichen zur Gegenrevolution.« »Ich wünschte nur; es gäb' in der Nähe Bonapartes so wenig wie möglich unschuldige Opfer, weißt du. Die Eskorte wird kaum davonkommen und die Adjutanten des Konsuls werden mit ihm krepieren müssen. Aber – das ist eben Krieg, und es sind ja auch lauter Soldaten! Nein, also die meine ich nicht. Nur ...all die harmlosen Straßenpassanten, Neugierigen, Maulaffen, die den Sieger bei den Pyramiden im Galopp vorüberfahren sehen wollen oder die da herumstehen, um Josephine zu begrüßen und von ihr ein gnädiges Lächeln zu erhaschen ... Nein, also weißt du, die tun mir eigentlich furchtbar leid und da mache ich mir geradezu ein Gewissen daraus ...« »Mein lieber Freund,« sprach Saint-Régeant, »da könnt' ich dir aber ausgezeichnete Autoren zitieren: vom Wohl für die Allgemeinheit und vom Wohl des einzelnen und so ... Aber denke doch bloß einmal an, welch ungeheure Ströme von Blut während des Schreckenssystems vergossen wurden, alles um den Thron zu stürzen – und wie wahrhaft blutwenig wir vergießen, um ihn wieder aufzurichten. Der Zweck heiligt die Mittel. Zum Eierkuchenbacken muß man eben – Eier einschlagen!« »Bloß daß unter diesen Eiern wohl auch wir 'n bißchen mit mang sein werden ...« »Sehr wohl möglich. Ich gebe für meine eigene Haut nicht soviel mehr, sowie ich einmal abgedrückt habe ...« Und sie trennten sich, und Saint-Régeant bummelte unangefochten nach Hause nach der Rue du Dragon und legte sich vergnügt aufs Ohr und erwartete alles vom morgigen Tag: zu morgen hatte ihm doch Emilie ihren Besuch versprochen. – Indes, so sehr vorsichtig Saint-Régeant und Limoëlan auch alles angestellt hatten und so sehr niemand außer ihnen beiden etwas von dem Geheimnis wußte – nicht einmal Carbon war richtig eingeweiht worden! – , in der Umgebung des Ersten Konsuls zirkulierten dennoch beunruhigende Gerüchte. Chevalier, der »Erfinder« dieses Fasses Pulver und Nägel, war verhaftet, abgeurteilt und hingerichtet worden, aber die Erfindung war damit nicht aus der Welt, und an eben diesem Tage hieß es mit einmal: für den 3. Nivôse bereitete sich ein Komplott vor – und zwar ausgerechnet in jenem Saal der Opéra. Ja, einige behaupteten geradezu: die Opéra sollte in die Luft gesprengt werden. Josephine kam in höchster Unruhe zu Bonaparte und beschwor ihn, er möchte um Gottes willen den Abend zu Hause bleiben. Und es traf sich, daß der Erste Konsul sowieso von vielen Geschäften sehr ermüdet war, und so ließ er sich gern von seiner Frau bewegen und erklärte am Vormittag, daß die »Schöpfung« wohl auch ohne ihn vor sich gehen könne. Dazu kam noch, daß ihn Haydnsche Musik überhaupt langweilte. Werke, die es von vornherein nicht mit sehr starken psychologischen Entwicklungen zu tun hatten und nicht von sehr tragischen Verwicklungen handelten, ließen ihn einfach kalt. So stand es bei ihm fest: er würde heut abend schön in den Tuilerien bleiben. Er bestellte sich die Generäle Bessisre und Lannes; mit dem ersteren wollte er über Kavallerie-Remonten, mit dem letzteren über neue Armeekorps-Formationen sprechen; und Fouché, den er sich gleichfalls kommen ließ, empfing er in der allerungnädigsten Laune: »Wieder einmal Ihre Jakobiner! Man spricht von Komplotts ... Erst gedachten sie mich durch Ceracchi und Arena um die Ecke zu bringen ... jetzt fangen sie von neuem an ...« »General, ich kann es Ihnen beweisen, daß Sie falsch berichtet sind. Spießgesellen von Georges rühren sich mal wieder ... es ist gewiß wahr... und sie haben mir soeben einen meiner besten Agenten erschossen, der ihnen auf der Spur war ... Aber bis heute abend hab' ich sie ausfindig gemacht, und dann sollen sie mir nicht länger mehr entgehen ...« »Ich sage Ihnen aber, daß es die Terroristen sind, die mich wieder einmal bedrohen ... Sie natürlich verteidigen sie! es sind ja auch ehemalige Freunde und Kollegen von Ihnen! und am Ende fürchten Sie sie gar! ...« Fouché verzog das Gesicht zu einem Grinsen, kniff die trüben, glanzlosen Augen zu und sprach dumpf und matt: »Ich habe keine Freunde unter denen, General, die die Sicherheit des Staates bedrohen. Ich fürchte auch nichts – außer Ihnen zu mißfallen ...« Bonaparte entließ seinen Polizeiminister mit einem Neigen des Kopfes. Aber er hatte die Rechnung ohne seine Schwester Caroline und Hortense Beauharnais gemacht. Die beiden kamen am Nachmittag an und machten ihm schlechtweg Vorwürfe darüber, daß er die Soiree in der Opéra abgesagt hatte, Hortense, die sehr musikalisch war, schnitt ihrem Herrn Stiefvater fürchterliche Gesichter, daß er das reizende Töchterchen seiner Frau am Ohr zupfte: »Nun also, was soll denn das heißen? So traurig seid ihr darüber, daß ihr dies traurige Oratorium nicht hören sollt? Wenn ich euch beiden aber sage, daß es recht, recht langweilig sein wird –« »General, Sie können ja vor Schluß weggehen und mich mit Mama und Madame Murat noch in der Loge lassen! Bitte, bitte, bitte –« »Gut, gut! Wollen mal sehen! Ich kann nur jetzt noch nichts Bestimmtes sagen ... später ... gegen Abend ...« »Aber nein sagen werden Sie auf keinen Fall? Nein? ... Nein? ... Gott sei Dank!« Saint-Régeant erwartete mit fiebrischer Ungeduld – Emilie. Er hatte fast die ganze Nacht ernstlich nachgedacht, und er wußte, es ging in den Tod mit ihm. Nur ein Wunder konnte ihn retten. Um so sehnlicher verlangte es ihn nach dem Preis der einen Liebesstunde, die ihm Emilie versprochen hatte – und von der er wußte, daß sie die einzige bleiben würde. Da endlich – endlich ging die Geheimtür, daß ihm das Herz schier dröhnte in der Brust. Ein Schatten glitt herein, ein Rauschen von Seide, ein köstliches Parfüm ... die Tür schloß sich wieder, und die beiden Liebenden stürzten einander in die Arme. Und blieben so, eine lange Weile so, wortlos vor Glück, daß sie sich hielten, stumm vor Seligkeit der Erregung. Emiliens Hände flatterten wie weiße Tauben, als sie ihren Hut dann vom Kopfe riß und mitsamt den Handschuhen auf den Tisch warf. Und dann schlang sie ihre Arme neu um seinen Nacken und zerrte ihn gegen das kleine Fenster hin, um ihn besser zu sehen, und ebenso umschlingend fuhr ihr Blick aus ihren blauen Augen, darinnen sich Jubel und Ängste zugleich malten. »Sprich nicht. Liebste, sag' nichts ...« Und schon lag sein Mund auf ihrem Mund und sog sich fest, und seine Hände tasteten an ihr herab, und er beugte sich tiefer und tiefer über sie – bis seine Hände mit einemmal zu Fäusten zusammenfuhren und er ihren süßen Leib vom Boden aufschwang und trug ... Schier eine Ohnmächtige schwebte sie da ... Und nur dies eine Bedauern mischte sich in beider Liebe: daß sie ihr Glück so lang' hinauszögern konnten! »Himmel ...! welch ein Wahnsinn ...!« stammelte Saint-Régeant. »Nachdem du mir längst eingestanden, daß du mich liebst – wolltest du mich ewig nach dir vergehen lassen?« »Bei Gott – ich hätt' es gemußt – ich hätt' es müssen sollen!... Nun ist meine Angst verhundertfacht. Oh – tausendfältig! Gestern hätt' ich dich noch beweinen können – aber von nun an: wie soll ich dich überhaupt noch lassen ?« Da umschlang er sie neu. Und dies kleine schmale Gemach rauschte von Küssen und Liebkosungen. Wie ein schnelles Boot glitt's hin durch die eine bemessene Stunde ... nur allzu schnell ... und mit einem Schrei taumelte Emilie auf: »Gott im Himmel! schon muß ich fort! O Jammer, o Jammer ... was wird nun morgen sein?« »Ich bin so glücklich – daß ich wieder hoffe, Emilie! Ich habe das Gefühl, als käm' ich heil aus der Gefahr davon, und als gäb's ein Wiedersehen – morgen, Emilie! Mir ist, als wollt' uns das Schicksal nicht trennen ... noch nicht ...« »O, ich würde ja nicht halb soviel leiden, mein' ich, wenn ich auch nur ein bißchen wüßte, was du vorhast ... Darfst du mir's nicht sagen –« »Nein. Ich darf ja nicht. Nur ums Himmels willen bitte ich dich, tu heute abend keinen Schritt mehr vors Haus, sowie's dunkel geworden ist!« »Aber es wird sicher um fünf Uhr schon dunkel ... Es fängt jetzt schon an ... Soll es denn irgendeinen Tumult in Paris geben? Soll es zum Kampf kommen?« »Bitte, bitte, frag' mich nicht. Nur ... schließ' dich ein, und was du auch von draußen etwa hörst, trau' dich nicht hinaus!« »Kann ich dir denn nichts helfen? Du gerätst vielleicht in irgendeine Gefahr, und ich könnte dir irgendwie behilflich sein ...« »Daran ist gar nicht zu denken!« »O doch! Du weißt doch, daß bei uns über unserer Wohnung eine Kammer leer steht ... dort könnt' ich dich verstecken, zumindest auf einen Tag, und niemand würde was erfahren ...« »Niemals, niemals! Du sollst aus dem Spiel bleiben!« »Aber wenn's etwa doch nötig wäre ... Mein Gott, ich weiß ja nicht ... Aber wenn man dir wo einen Fallstrick legen sollte ...« »Dann gibt's immer nur das eine: den Tod!« »Bitte dich – hör' auf! Sprich das Wort nie wieder! Sonst weiß ich nicht mehr, was ich tu'! ... O Gott, o Gott, was hab' ich überhaupt getan, daß ich nun solche Ängste ausstehen muß!« »Du hast nicht mehr getan, Liebste, als alle die Unsrigen, die seit zehn Jahren durch den Widerstreit der Parteien gräßlich dahingeopfert worden sind. Dies ganze liebe schöne Land: ein Neid, eine Zwietracht, ein Haß, von Verruchten ausgesät; die tägliche Ernte nur Blut und Tod. Seit der Revolution frißt die eine Hälfte Frankreichs die andere auf, und so sehr wir uns auch wehren, wir drohen leider zu unterliegen. Man hat uns unsere Güter, unsere Namen, unsern Glauben und unsern König genommen, doch so zerschlagen und tödlich verwundet wie wir sind, bäumen wir uns noch einmal aus dem Staub auf und zielen nach unsern Siegern und besonders nach dem einen, dem Haupt unserer Überwinder. Wir sind allzumal blutige Opfer, wir Entrechteten, Hinterbliebenen und Vertriebenen, wenn wir uns den Mord an unserer gerechten Sache gefallen lassen. So stehen wir nun ein letztes Mal auf und kämpfen, und wenn wir dabei fallen sollten, nun, dann sterben wir den Märtyrertod. Es gibt für uns nur noch dies eine: so stark und so aufrecht wie Märtyrer sterben zu wissen, das führt uns zuletzt vielleicht doch noch zum Sieg. Rege dich also nicht darüber auf, daß ich mein Leben einsetze, und weine nicht, wenn ich's wirklich dafür hingeben muß. Nur bewahre dem, der dich geliebt hat, ein zärtliches und treues Angedenken. Und welche Anklage man mir dann auch macht und welches Verbrechens man mich auch bezichtigt, du sollst gewiß sein, daß ich es einzig für Thron und Altar getan habe!« Bei diesem wahrhaften letzten Willen, der alle Feierlichkeit eines Vermächtnisses hatte, zu dieser letzten Bitte schrie Emilie laut auf, und dicke Tränen rannen über ihre Wangen. Alles an ihm war Stärke, Schönheit und Stolz – und von diesem vergötterten Geliebten sollte sie lassen? Sie drückte ihn immer wieder an sich, und um wie ihn zu schützen vor dem mörderischen Stoß, der ihn treffen sollte, hielten ihre fiebernden Hände vor seinem Herzen Wache. Er wollte sie beruhigen, nahm sie auf die Knie wie ein kleines Kind und küßte sie mit vielen kosenden Küssen, bis sie schier wieder lächelte: »Daß ich mir aber auch selber so eine Leichenrede halten konnte! Dabei sollst du staunen, wie ich mich schließlich aus aller Verlegenheit ziehe. Ich hab' ja auch hundert Gründe – einer immer noch besser als der andere – , mir mein teures Leben zu erhalten. Erstens will ich doch die Wirkung mit eigenen Augen sehen, die ich ausrichte – und den Effekt in der ganzen Welt genießen. Zweitens kenn' ich da ein entzückendes Persönchen, dem ich lange noch nicht alles gebeichtet habe, was ich so auf dem Herzen habe. Der hab' ich noch eine ganze Masse von hochinteressanten Dingen – aber natürlich unter vier Augen, im strengsten Tête-a-tête – zu berichten. Ich hab' also da noch viel wunderschöne Stunden für mich und für sie in Aussicht. Da wär' ich doch schon deswegen ein großer Esel... oder?« »Ach ja, ja, ja, Liebster, so mußt du sprechen. Mich fein beruhigen mußt du. Mich hoffen lassen, daß ich dich morgen wiederseh', ganz so, wie ich dich jetzt hier habe und halte.« »Aber warum denn nicht? Willst du morgen ... um dieselbe Stunde wie heute ... hierherkommen? Ja?« Emilie jauchzte vor Freude. Was war das für eine frohe Zuversicht in ihr? Für eine glückliche Stimme, ein heller Laut, der ihr sagte: Saint-Régeant wird leben, und du wirst ihn wiedersehen – ? Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und sah strahlend zu ihm empor: »Ja, Liebster, dir gehör' ich an. Denk' nicht an dich, aber an mich, an mich! und daß, sowie du stirbst, eine ... bis in den Tod dir nachkommt!« »Bist du wahnsinnig? Einen Kuß nun noch – und geh'.« Noch einmal umschlangen sie sich; dann tat sich die geheime Tür auf, und Emilie ging. Halb fünf war's. Saint-Régeant wartete noch eine Weile, bis daß er ganz sicher sein konnte, daß sie fort war; dann holte er seine Arbeitergewandung hervor und legte die an. Dazu einen roten Bart, der seine ganze untere Gesichtshälfte verdeckte, und eine Mütze aus Kaninchenfell, das schrecklich haarte. Seine Pistolen verbarg er unter seiner Weste; sodann verließ er unter all der gebotenen und gewohnten Vorsicht das Haus. Es war schon ziemlich finster. Er ging am Kai entlang, über den Pont-Neuf, vergewisserte sich mehrere Male, daß ihm auch niemand auf den Fersen war, und kam so bis zum »Roten Löwen«. Carbon und Limoëlan waren bereits da. Der zweiräderige Karren mit einem elenden Schimmel davor hielt am Tor vom Gasthof. Carbon schlief auf der Karre auf ein paar leeren Säcken; Limoëlan saß am Rand vom Trottoir und rauchte gemächlich seine Pfeife. Beide natürlich ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit verkleidet. Saint-Régeant rief sogleich mit heiserer Stimme: »Na, was ist denn das eigentlich? Ihr habt 'n Wein noch gar nicht aufgeladen? Ja, glaubt ihr denn, daß sich der vielleicht von selber auflädt? Nu aber los! Es ist höchste Zeit!« Limoëlan stieß dem schlafenden Carbon eins in die Seite und schrie: »He du! paß auf'n Wagen auf! ich geh', die Fässer aus'm Keller holen!« Da kam jemand von der andern Seite der Straße herüber und drückte sich da am Wagen herum. Saint-Régeant erkannte den athletischen Lümmel auf den ersten Blick: Soufflard war's! – und sprach ihn auch sogleich kühnlich an: »Ich glaub' immer, wir kriegen noch Regen, Herr Nachbar! Wenn dann mein Wein naß wird, dann sagt mein Meister wieder, ich hätt'n getauft!« Und brach in ein mächtiges Lachen aus. Der Polizist aber nickte nur ein wenig dazu. Da lief Saint-Régeant Limoëlan ins Haus nach: »Die Polizei ist uns schon wieder auf dem Halse. Aber bei dem ersten Muckser, den der lange Lulatsch macht, schieß' ich ihn übern Haufen ... Bloß, wir müssen dann sehen, daß wir geschwind verduften ...« »Laß mich nur machen. Besser ist's, wir führen ihn so irgendwie an. Und nur wenn's gar nicht anders gehen sollte, greifen wir zu diesem letzten Mittel. Aber auch das bloß hier herinnen im Haus, damit's so wenig wie möglich Lärm macht. Unsere ganze Sache ist doch glänzend vorbereitet, und es wär' tausendmal schade, wenn's nun wegen so einem einzigen Kerl nichts würde.« In dem kleinen Keller stand unter lauter Wein- und Schnapsfässern das Faß mit Pulver. Saint-Régeant hatte ohne weiteres einen Wachsstock angezündet und stieß das Pulverfaß nun bis zur Treppe. Mit einer Vierteltonne Wein aber machte er es dann genau so. »Wozu das?« »Das wirst du nachher schon sehen. Hilf nur.« Und so schafften sie erst den Wein und dann das Pulver zusammen über die Treppe herauf. Dann rollte ein jeder allein sein Faß bis heraus auf die Gasse. »Das hätten wir!« rief Saint-Régeant wieder mit heiserer Stimme. »Aber dafür hätt' ich auch Durst. Wie wär's denn nu mit'm kleinen Tropfen?« Und er sah Carbon vielsagend dabei an. Daß der erwiderte: »Dem Faß ist's sicher egal. Aber wart', ich werd' hineingehen und 'n Glas vom Wirt verlangen.« »Um Gottes willen. Der setzt dich schön an die Luft. Da bohren wir doch lieber 'n Loch und setzen einfach 's Maul an.« »Auch gut. Aber erst die Fässer auf die Karre gehoben. Hupp!« Saint-Régeant und Limoëlan luden das Fuß Pulver auf. Carbon wandte sich an Soufflard, der immer noch interessiert dabeistand: »Du hätt'st die nötigen Pranken dazu. Geh, heb mal 'n bißchen mit an, Kamerad.« Der wahre Herkules umfaßte die Tonne mit beiden Armen und hob sie wie ein Kind auf die Karre hinters Pulverfaß. »So!« Und er lachte laut. »Brav, Freund, dafür suppst du auch einen mit uns.« Carbon schnitzelte geschickt ein Loch nah dem Spund, hielt die Öffnung so lang' mit dem Daumen zu und ermunterte Soufflard: »Na also, nu sauf!« Soufflard ließ sich das nicht nochmal sagen und nahm einen mehr als herzhaften Schluck. Danach kamen Carbon und Limoslan an die Reihe; nur Saint-Régeant trank nicht. Der war wieder ins Haus hineingegangen, um sich den Flintenlauf samt Schloß zu holen, womit die Explosion vor sich gehen sollte, und praktizierte das alles unter sein Gewand. Dann verabschiedete er sich vom Gasthofbesitzer, der schlotterte vor Angst, und beruhigte und tröstete den noch. Derweil hatten Carbon und Limoëlan schier Freundschaft mit dem total ahnungslosen Soufflard geschlossen, – Saint-Régeant hatte wahrlich nicht so unrecht, wenn er sich beim Anblick der vergnügten drei sagte: Wenn statt dieses langen Lulatsch Neufmoulin dastünde, wären wir bereits alle miteinander verhaftet!. Gott sei's getrommelt und gepfiffen, daß ich die giftige Wanze unschädlich gemacht habe!... Er trat an Limoëlan heran und patschte dem kräftig auf die Schulter: »Habt ihr nu wieder fein zugespundet? Denn ist's richtig! Aber nu los – nach der Bastille!« »Was? nach der Bastille fahrt ihr?« erkundigte sich Soufflard. »Ja. Zu einem Möbelhandler aus der Vorstadt Antoine. Der trinkt gern einen vom besten, wie du ja wohl selber geschmeckt hast! Los, los jetzt! Gu'n Ab'nd, Kam'rad! Hüh, Schimmel, zieh' an!« Und er patschte dem Schinder eins auf die Hinterbacken, und los ging die Fuhre in der Richtung nach der Bastille. Carbon hatte die Zügel, Saint-Régeant und Limoëlan stapften nebenher, Soufflard sah ihnen wohl eine Weile nach und pflanzte sich aber dann wieder doppelt eifrig auf seinem Posten vorm »Roten Löwen« auf. An der Ecke der Rue de l'Arbre-Sec bog die Karre nach links statt nach rechts ein – und geradeaus auf das Palais-Royal zu. Aber es war schon zu finster und die Straßenbeleuchtung zu matt, als daß der Polizeispitzel es sehen hätte können – selbst wenn er ihnen wirklich nachgesehen hätte. – – Der Erste Konsul hatte einen arbeitsreichen Tag mit Cambacérès hinter sich und empfing nun eben für eine Viertelstunde noch den Architekten Visconti, mit dem er den geplanten Ausbau der Tuilerien besprechen wollte. – Da kamen auf ein neues Josephine und Hortense, die vor der Dinerstunde noch wissen wollten, was der gnädige Herr über den heutigen Abend nun endlich beschlossen. Bonaparte war vorzüglich gelaunt: »Ihr wollt also unbedingt dabei sein, und ich soll also tun, was ihr wünscht? Frauen sind doch viel schwieriger zu handhaben wie Männer. So gebt denn Befehl, daß die Wagen vom Großen Dienst parat seien. Ihr fahrt zusammen in einem Wagen und ich mit Lannes und Bessières, die ich hierherbestellt habe, im andern. Die beiden werden sich ungeheuer freuen! Lannes besonders, der nach dem bloßen Schall eher einen Zwölfpfünder von einem Achtpfünder unterscheidet als eine Flöte von einem Fagott. Bessières freilich ist ein Gascogner; der mag gern ein leidenschaftlicher Musikfreund sein. Er ist auch adelig, wohingegen Lannes ... na, aber Lannes ist nicht umsonst ein Held, er wird es also heldisch zu ertragen wissen ...« »Wir werfen uns in großen Staat – natürlich!« meinte Josephine. »Dich dürft's doch nicht viel kosten, um strahlend schön zu sein!« So unterstützte die eigene Familie Bonapartes durch Bitten und Betteln noch das Gelingen des Attentats, das die Royalisten vorhatten. – Währenddem war der Wagen mit Saint-Régeant, Carbon und Limoëlan in der Rue Saint-Nicaise angelangt. Die Gelegenheit war von den Komplizen sicher ausbaldowert worden, und es konnte zum wirklichen Gelingen nichts fehlen. Der Weg von den Tuilerien zur Opéra ging über den Place du Carrousel durch die Rue Saint-Nicaise, Rue de Chartres und Rue de la Loi. An der Ecke der Rue de Chartres war eine Nische – wie geschaffen für die Karre. Limoëlan sollte an der Ecke Rue Saint-Nicaise nach dem Place du Carrousel hin stehen und Saint-Régeant das Zeichen geben, seinen Flintenlauf in das Pulverfaß zu praktizieren – in dem Augenblick, wo der Wagen des Ersten Konsuls in die Rue de Chartres einfuhr. Der Wagen mußte auf eine solch kleine Entfernung an der Höllenmaschine vorbei, daß Insassen, Pferde, Eskorte – alles miteinander zu Staub zermalmt werden mußte. Und Saint-Régeant selber ließ ebenfalls dabei sein Leben. Außer wenn ihm eins gelang – welche Chance aber gleichwohl fast Null war – : im entscheidenden Augenblick noch in eine Art Keller zehn Schritt weiter hinter dem Wagen hineinzuflüchten. Das war eine kleine Warenhandlung, und die Tür war ständig offen: wunderbarerweise konnte er vielleicht so dem Tod entgehen. Er hatte diese äußerste Möglichkeit wohl berechnet. Wenn auch nicht aus Feigheit etwa, sondern nur aus Liebe. An sich dachte er dabei nicht. Einzig an Emilie. Limoëlan war mit ein Paar hastigen Worten in den Plan dieses ganzen Attentats eingeweiht worden, und nun war es ungefähr sieben, und die Straßen fast leer. Der Pariser Bourgeois saß in dieser kalten und schwarzen Dezembernacht lieber wohlgeborgen daheim und wartete am Kaminfeuer das Abendbrot ab. Limoëlan begab sich auf seinen Posten an der Ecke Rue Saint-Nicaise; Carbon paßte auf dem Platz du Carrousel auf. Saint-Régeant warf seinem Schimmel die paar leeren Säcke als Decke über und brachte allgemach den Flintenlauf richtig am Pulverfaß an. Ein Druck auf die Abzugsstange am Gewehrschloß – und die ganze Kiste ging in die Luft. Mit einer Kaltblütigkeit sondergleichen setzte er sich nun auf einen Prellstein und wartete. Unten im Laden im Keller sang ein Kind ... Ein Viertel nach acht hatte es gerade geschlagen, da kam ein Hufeklappern die Rue Saint-Nicaise her: eine Abteilung Kavallerie trabte den Tuilerien zu. Das war die Eskorte. Durch das Pferdegetrappel waren ein paar Neugierige da und dort in den Gassen erschienen; und auch das Kind, das gesungen hatte, das Töchterchen des Kellerladenbesitzers, war herausgelockt worden und lief zum Wagen her. Besah sich den Schimmel voll Interesse und wurde aber dann gleich wieder nach Hause gerufen und trollte sich. Noch eine Viertelstunde verging; da blieben ein paar Passanten stehen und der eine von ihnen erkundigte sich bei Saint-Régeant: »Fährt nicht der Erste Konsul heute noch aus und ist nicht eben seine Eskorte hier vorübergeritten? Im ›,Publiciste‹, stand wenigstens heute morgen, daß Bonaparte nach der Opéra fahren würde ...« »Ich weiß nicht« – gab Saint-Régeant zur Auskunft, der alles in der Welt darum gegeben hätte, daß die Straße menschenleer bliebe. »Von hier aus wird man ihn gut vorbeifahren sehen.« »Vorn am Platz du Carrousel sieht man ihn noch viel besser.« »Der Bürger hat recht. Also auf nach dem Platz du Carrousel.« Saint-Régeant fiel ein Stein vom Herzen. Aber es trieben sich doch da und dort noch Gaffer herum und kamen näher und gingen vorbei. Und nun war auch das kleine Mädchen aus dem Kellerladen wieder da und streichelte den Kopf des Pferdes. »Geh weg, Kleine!« sagte Saint-Régeant. »Geh bloß von dem Pferd da weg ... das beißt!« »Is' ja nich' wahr! Es hat mir soeben die Hand geleckt!« lachte die Kleine. »Ob du jetzt machst, daß du da wegkommst! Du gehörst nicht hieher!« »Na, und Sie vielleicht?« versetzte sie schnippisch. Im selben Augenblick – ein Räderrollen. Und da hob auch Limoëlan den Arm bereits zum Zeichen. »Wirst du jetzt ... wirst du ... wirst –« brüllte Saint-Régeant das Mädchen an. Die Kleine aber stand durch seinen jähen Wutausbruch erst recht wie angewurzelt. Saint-Régeant ging verzweifelt auf sie zu – er wollte sie einfach die Treppe hinunterwerfen. Die Range, mit einem lauten Kreischen: »Mama! Mama!« kneift ihm aus. Da sprengten schon die zwei Vorreiter von der Konsulargarde daher. »Soll dich der Teufel holen?« murmelte Saint-Régeant. »Hol' dich der Teufel!« Der Wagen im Galopp heran ... Saint-Régeant drückt ab... und springt in einem Satz die Kellertreppe hinunter. Ein ungeheurer Krach. Das ganze Viertel erbebt. Ein Klirren von zahllosen Fensterscheiben auf das Pflaster. In lauter Rauch und Flammen an zwanzig Gaffer tot oder verletzt. Mörderische Schreie. Zwei Mann von der Eskorte wälzen sich samt ihren Pferden zur Seite des Wagens. Von der Karre, vom Schimmel, den Fässern und dem kleinen Kind – nur noch Fetzen und Klumpen. Und alles zusammen war das Werk einer Sekunde gewesen. Der Wagen des Ersten Konsuls aber war durchaus heil geblieben. Das energische Gesicht des General Lannes sah heraus und überschaute, wenn auch halb noch geblendet, die Situation mit einem Blick, und mit einer Stimme wie auf dem Schlachtfeld kommandierte er dem Kutscher: »Galopp!« Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, die etwas zerstreute Eskorte schloß sich neu zusammen und dahin ging's. Bonaparte im Wagen – so seelenruhig wie bei Marengo – sagt: »Was haben Sie denn, Lannes?« »General. Man hat mit einer Kanone auf Ihren Wagen geschossen.« »Nicht möglich! Sonst hätt' ich doch die Kartätsche pfeifen hören müssen!« »Jedenfalls hat man versucht, Sie zu töten.« Da spricht Bonaparte: »Sehen Sie doch, bitte, mal nach, ob meiner Frau nichts passiert ist!« Bessières beugte sich aus dem Fenster und meldete in ziemlichem Gascogner Dialekt: »Der Wachen von Madame Bonaparte folcht in aller O'dnung.« »Dann – alles Weitere, bis wir an der Opéra sind.« Im Keller – ein paar Sekunden später: Saint-Régeant schaut auf, sieht um sich – wie aus einem Traum. Die ungeheure Erschütterung hatte ihn einfach hingeschmissen und er war hart an der untersten Stufe liegen geblieben. Er richtet sich auf – da! – im rechten Arm ein wahnsinniger Schmerz. Mit geröteten und von Pulverdampf angeschwollenen Augen besieht er den Arm: der halbe Rockärmel überhaupt – fehlt; das Hemd zerrissen; und eine Wunde, daß vom Fleisch schier der Knochen bloßliegt. Das blutet natürlich... und wie! Schnell legt er sich aus seinem Sacktuch einen Verband unterm Ellenbogen an. So ... und sieht wieder um sich. Fenster gibt's keine mehr in dem Laden. Auch kein Möbelstück mehr ganz. Scherben; Splitter. Dem Ladeninhaber ist der Kopf fortgerissen; liegt in einer Lache Bluts, unter Kasserollen, an denen auch nicht mehr viel heil ist. Seine Frau, auf einem Stuhl sitzend, tot. Saint-Régeant rafft sich entsetzt auf und wankt die Stufen hinauf, die ihn allein vor dem sicheren Tod retteten. Da wälzen sich die Unglücklichen auf dem Pflaster und jammern: Hilfe! Hilfe! Polizei eilt herbei; Mannschaften von der Tuileriengarde sind schon an der Arbeit, die Verwundeten aufzuheben. Es kann kaum noch Minuten dauern, und dann ist alles, was noch hier am Ort des Attentats betroffen wird, Gegenstand peinlichster Untersuchung. So stützt Saint-Régeant seinen schmerzenden rechten Arm mit der linken Hand, beißt die Zähne zusammen und wankt die Rue Saint-Nicaise hinunter, und wiewohl er wankt, rennt er doch schier und fühlt sich erst in der Rue Saint-Honoré unter einem Torweg in einiger Sicherheit und lehnt da nun todmatt und überlegt: Was tun? Was tun? Mit solch schwerer Verwundung und derart großem Blutverlust bis zur Rue du Dragon laufen und bei der guten getreuen Virginie Grandeau Unterkunft suchen? Er fühlt's, er würde auf dem halben Wege liegen bleiben. Um zu sterben? Nicht doch. Die Verwundung ist ja nicht tödlich. Aber um von Vorübergehenden aufgegriffen, zur Polizei gebracht und dort entdeckt und sogleich des ganzen Verbrechens bezichtigt zu werden ... Das ging also nicht. Einen Wagen nehmen und sich bis zur Rue du Dragon oder mindestens bis zum Kai des Augustins fahren lassen? Ja, aber welche Ausrede dann für den Kutscher, der erst aus Mitleid fragt und dann aus Neugier und es morgen herumerzählt und ihm die Polizei auf den Hals schickt! Das ging also auch nicht ... Blieb drittens das Haus Lerebourg. Da war natürlich ebenfalls nicht alle und jede Gefahr ausgeschlossen; aber das war doch schon unendlich weniger schwierig. Vor allem: nicht so weit zu laufen. Kaum hundert Schritt von hier. Und dann: der Freundschaft des Gatten sicher; und der Ergebenheit der Frau noch mehr. Für die ersten Tage nur – für die ersten Stunden, dann ließ der Schmerz ja wohl schon wieder nach ... und dann nach der Bretagne – in völlige Sicherheit. – In all die Überlegungen aber fragte es fortwährend herein: Ist die Tat geglückt – und der Erste Konsul durch den Vulkan, der sich zu seinen Füßen auftat, hin? Vom ganzen Wagen war nicht ein Stäubchen mehr auf dem Platz geblieben und unter toten Pferdeleibern wanden sich und krümmten sich Soldaten. Saint-Régeant hatte ja nicht Zeit gehabt, die Wirkung der Explosion abzuwarten. Lehnte hier todmatt an diesem Torweg und hörte noch immer die fürchterlichen Schreie von allen Seiten und erlebte fortwährend aufs neue den grausigen Anblick: der Platz von Leichen und Verwundeten starrend, und dazwischen immer wieder die fürchterliche Frage: »Ist mir's gelungen? Hab' ich ihn auch wirklich getötet?« Da hasteten Schritte her und eilten nach Saint-Roch zu vorüber. Gleichfalls Fliehende vom Ort des Attentats? Und der Royalist vernahm: »Er ist wie durch ein Wunder dem Tod entgangen!« »Ich sah ihn, wie er an der Opéra ankam. Der ganze Wagen durchlöchert. Bessières' Uniform voller Blut. Aber machen wir weiter ... jetzt ist's nicht geheuer auf der Straße ... man verhaftet einen jeden.« Saint-Régeant behielt nur die Worte: man verhaftet einen jeden. Also galt's vor allem, sich in Sicherheit zu bringen. Und er wankte in der Richtung nach der »Blauen Mütze« weiter. Es war etwa neun Uhr. Er klopfte an der Haustür. Der Hausmeister: Zu wem wollen Sie? Er antwortete: Zum Bürger Lerebourg. Der Hausmeister erkannte ihn übrigens trotz der Dunkelheit: »Ah! Bürger Leclerc! ... Gut! Kommen Sie, bitte, herein! Bürger Lerebourg selber ist nicht da. Der ist vorhin fortgerannt, sich erkundigen, was denn eigentlich los ist ... Aber die Bürgerin Lerebourg ist zu Hause ... Können Sie vielleicht sagen, was geschehen ist?« »Ja. Man hat versucht, den Ersten Konsul zu töten.« »Oh! diese Elenden! Räuber! Aber das waren gewiß wieder die Terroristen! Wenn die doch endlich mit Stumpf und Stiel ausgerottet wären!« Saint-Régeant aber stützte sich längst die Treppe hinauf nach der Privatwohnung des Kaufmanns. Er läutete an und sogleich wurde die Tür aufgemacht und in der spärlichen Beleuchtung des Vorzimmers stand Emilie. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und hob unwillkürlich die Hände zum Himmel auf – wie zum Dank. Er aber hatte sich auf den nächstbesten Stuhl fallen lassen und war halb ohnmächtig, Emilie schloß die Tür, ergriff ihn am Arm und stieß hastig hervor: »Ich bin allein hier. Meinen Mann drängte ich, er solle sich erkundigen, was geschehen ist – nur damit ich ihn von hier fortbekam. Ich hatte die geheime Hoffnung, daß du kommst. Aber ... um Gottes willen! ... du bist ja voller Blut? Gottes Barmherzigkeit ... was hast du getan? Der fürchterliche Donner, all das Laufen, das Schreien ... daran hast du Schuld? Und bist selber beinah darin umgekommen? Du kannst nicht hier bleiben ... Komm in den zweiten Stock ... es ist kein Mensch oben ... Unserm Burschen vom Magazin habe ich bis morgen mittag freigegeben ... Aber ... sieh mich nicht so an ... als ob du sterben würdest ...« Da wurde Saint-Régeant vollends ohnmächtig. Sie war um ihn und koste ihn, bis er wieder zu Bewußtsein kam. Dann stützte sie ihn mit Aufbietung all ihrer Kraft: »Nur jetzt vor allem in die Kammer hinauf, wo du dich hinlegen kannst ... Da kommt niemand und sucht dich kein Mensch ... Da hast du die ganze Nacht, um dich einigermaßen wieder zu erholen ... Morgen sprechen wir weiter! Ach, Liebster, ich bin ja so froh, daß du einer so großen Gefahr entgangen bist! Aber nun komm – schnell ... Mein Mann kann jeden Augenblick zurückkommen ... Und bis dahin mußt du doch schon liegen ...« Und sie stützte ihn mit vieler Sorgfalt und Umsicht und geleitete ihn Schritt vor Schritt und lautlos nach der Mansarde hinauf, wo er in Sicherheit war. 12. Kapitel. Nicht eines Blickes würdigte der Erste Konsul beim Aussteigen vor der Opera seinen Wagen. Sondern ging sogleich durch das Vestibül nach seiner Proszeniumsloge. Lannes und Bessières folgten ihm. Die Wandelgänge waren leer; das Oratorium hatte bereits angefangen, Garat und Madame Barbier-Valbonne, die die Hauptrollen sangen, standen auf der Bühne. Bonaparte hielt sich sehr im Hintergrund der Loge auf, und nun erst, mit einem Blick von einem seiner Generäle zum andern, fand er ein Wort für das Geschehnis: »Die Schurken wollten mich wohl in die Luft sprengen!« Und dann mit einer wunderbaren Gleichgültigkeit zu Bessières gewendet: »Ach, holen Sie mir doch, bitte, ein Programm von dem Oratorium da.« Da kam auch schon Josephine herein. Ganz blaß noch und ihre Robe mit Blut bedeckt. Hinter ihr Hortense, die im Gesicht von Glassplittern verletzt worden war; und Karoline Murat, gänzlich unverletzt. Josephine eilte auf ihren Gatten zu, und indem sie ihn an beiden Schultern ergriff: »Du lebst! Ein Wunder! Wir haben deinen Wagen gesehen – und der war in einer einzigen großen Flamme! Und auch an unserer Kutsche, die doch mindestens zwanzig Schritt hinter eurer war, ist keine Glasscheibe ganz geblieben.« »Hast du dich sehr geängstigt, liebe Josephine?« »Nur um dich, mein Guter, Hortense hat laut aufgeschrien; denn sie wurde doch durch Glassplitter im Gesicht verletzt ... Madame Murat ist so tapfer wie ihr Gatte ... Übrigens hat uns der Oberst Rapp gesagt: wenn man nicht im allerersten Augenblick getroffen ist, hat's keine Gefahr mehr ...« »Das waren wieder einmal diese elenden Terroristen!« sprach Bonaparte mit aufsteigendem Zorn. Im Publikum entstand eine Bewegung. Murmeln wurde im ganzen Saale laut. Die Nachricht vom Attentat begann sich durchs Parkett zu verbreiten, und die Zuschauer interessierten sich weit mehr für die soeben Angekommenen als für was da oben auf der Bühne gesungen wurde. Und wenn der berühmte Garat, der erklärte Liebling aller Musikenthusiasten, noch hundertmal ein neues Werk von Haydn sang. Bonaparte empfand das wohl, und nun trat auch noch Bessières mit dem Programm in der Hand ein: »General, es geht das Gerücht, daß Sie verwundet seien. Es ist unbedingt nötig, daß Sie sich zeigen.« Der Erste Konsul tat ein paar Schritt bis an die Brüstung vor. Zwischen den Samtvorhängen und dem dunkeln Tapetenton zum Hintergrund leuchtete sein gebieterisches blasses schönes Haupt auf. Ein gewaltiges Brausen vom Parterre bis zur Galerie. Die Männer aufgesprungen und: »Hoch Bonaparte!« schreiend. Die Frauen applaudierend. Die Musik schwieg. Und das war im Grunde genommen nicht nur ein Tausend Zuschauer, sondern hier malte sich ein Bild von ganz Frankreich, wenn man es nicht gar als eine Huldigung der göttlichen Vorsehung schlankweg auffassen wollte. Verkörperten sich doch in dem einen Mann die Hoffnungen des ganzen Vaterlandes ... Der Erste Konsul lächelte, grüßte mit dem Kopf, dankte mit einer Bewegung und setzte sich. Neben ihm Josephine. Und auch Hortense und Karoline nahmen nun Platz. Die Aufführung nahm ihren Fortgang – aber das Interesse war dahin. Garat mit einem Male ungewöhnlich matt; Madame Barbier sichtlich zerstreut. Sie empfanden: es hörte ihnen ja doch niemand mehr zu. Der Applaus am Schluß des ersten Teils – mäßig. Und kaum daß der Vorhang gefallen war – ein Lärmen und Schreien, ein Hin und Her, und aufgeregte Gruppen allenthalben. Eine große Anzahl offizieller Persönlichkeiten wohnte der Aufführung bei. Réal, Thibaudeau, Lebrun eilten nach der Loge des Konsuls. Cambacérès las in seiner Proszeniumsloge vor versammeltem Publikum dem Polizeipräfekten Dubois, der eine wahre Armesündermiene aufsteckte, gehörig die Leviten – – und nur Fouché war nicht da. Auf welche Tatsache Réal dem Ersten Konsul gegenüber sogleich höchst perfidermaßen anspielte: »Der Polizeiminister hat wohl so wenig eine Ahnung von allem, was geschehen ist, daß er jetzt zweifellos friedlich in seinem Bettchen schläft ...« Bonaparte tat, als hätte er das gar nicht gehört. Aber die Blässe seines Gesichts wandelte sich in Grau und seine Lippen zogen sich völlig ein. Da schleppte Cambacérès eben den armen Dubois herein, der sich so klein wie möglich machte, nur daß ihn sein Herr und Gebieter nicht allzusehr sähe. Bonaparte sprach: »Na, Cambacérès, da wären Sie um ein Haar Erster Konsul geworden!« »General! Ganz Frankreich fühlt in diesem Augenblick, daß die göttliche Vorsehung mit Ihnen und also auch mit ihm war!« Und obwohl das verdächtig nach einem frommen Sprüchlein klang, drückte es doch so sehr die Meinung aller Welt aus, daß sich beifällig ein Murmeln erhob. Josephine aber faltete geradeaus die Hände und gestattete sich das fast allzu kühne Wort: »Gott hat ein Wunder an uns getan!« Es stand da zwar ein gutes halbes Dutzend ehemaliger Jakobiner herum, die einst den König zum Tode verurteilt und die Pfaffen reihenweise auf die Guillotine geschickt hatten. Und dennoch getraute sich keiner zu mucksen. Einzig Lannes knurrte aus einem Winkel heraus: »Aber ich bitt' euch, was hat denn der liebe Gott dabei zu schaffen!« Da aber stieß ihn auch schon Bessières derart mit dem Ellbogen in die Seite, daß es ihm schier den Atem versetzte und er schwieg. Und nun nahm Cambacérès wieder das Wort: »General, wollen Sie bis zum Schluß der Aufführung bleiben?« »Nein, ich fahr' sogleich nach den Tuilerien zurück. Sie, Cambacérès, begleiten mich wohl und schaffen mir den Bürger Fouché zur Stelle ... Josephine, du kannst mit den Damen noch bleiben, wenn du willst ... ich lasse euch Bessières und Rapp da ...« »Nein! Augenblicklich macht mir die Musik auch kein Vergnügen mehr ... Übrigens muß sich Hortense verbinden lassen ... und ich graule mich auch vor mir selber in dem blutigen Kleid da ... ich will mit ... ich möchte dich nicht allein lassen ...« »Gut. Dann fahren wir!« Und Bonaparte ging durch die Wandelgänge des Theaters als erster und ganz allein voraus. Hinter ihm her seine Familie, seine Generäle, seine Minister, seine Beamtenschaft. Alles entblößte ehrerbietig das Haupt vor ihm; die Dahinterstehenden riefen: »Hoch!« Er schritt durch all die Leute durch: gemessen, sicher, schlicht – in seiner kleinen Uniform, die so auffallend zu allem Geglitzer und Gefunkel seiner Suite und Umgebung kontrastierte. Und nur für den Gardegrenadier im Vestibül, der mit über und über strahlendem Gesicht vor ihm präsentierte, hatte er ein Lächeln. – Dann aber in den Tuilerien brach es bei ihm los. Solange hatte er an sich gehalten. Hier nun lief er mit großen Schritten im Salon, im Erdgeschoß, hin und her – hin und her. Er brauchte ja stets viel körperliche Bewegung, um eine große seelische Erregung gehörig auszutoben; und schrie: »Aber ich werde ein fürchterliches Exempel statuieren! Um mich muß absolute Sicherheit herrschen; und daß gleich zwanzig Leute, die mich im Vorüberfahren auf der Straße grüßen wollen, dabei den Tod finden sollen – das nun schon gar nicht! das nun schon gar nicht! Ich rede da durchaus nicht für mich. In dem Augenblick, wo ich alle Gewalt an mich nahm, übernahm ich ebensogut alle Gefahr. Ich weiß sehr wohl, daß mich die Revolutionsmänner genau so sehr hassen wie die Königsmänner. Die einen, weil ich Ordnung und Frieden aufrecht erhalten will, die andern, weil ich ihnen ihren König nicht wiedergebe. Aber nun will ich es ihnen endlich einmal zeigen – ob weiß oder rot, mir ganz egal! – und die Züchtigung soll eine so exemplarische sein, daß ihnen ein für allemal die Lust vergehen soll, mit mir anzubinden!« Er mußte stehenbleiben und Atem schöpfen. Eine erdrückende Stille in dem Salon. Keiner wagte eine Silbe, obwohl es die allerersten Persönlichkeiten des Staates waren. Da nahm Bonaparte sein wütendes Auf- und Abgehen wieder auf: »Das ist nun das viertemal seit einem Jahr, daß man mich zu ermorden versucht hat. Aber – es wird auch das letztemal gewesen sein. Die Terroristen sind die allein Schuldigen – ich weiß es. Ich hab' es auch Fouché in diesen Tagen noch immer wieder gesagt – aber er glaubt's nicht, er glaubt mir's einfach nicht! Warum? Weil die ganzen Schuldigen ehemalige Kameraden von ihm sind. Und einige sogar sind seine Freunde geblieben – bis auf den heutigen Tag ...« Die Tür ging auf – und die Wirkung war eine so verblüffende, daß selbst der Erste Konsul stehenblieb und schwieg: der, den er soeben so fürchterlich angeklagt hatte, trat über die Schwelle. Totenblaß, mager, die erloschenen Augen ins Leere gerichtet; so kam Fouché auf seinen Herrn und Meister zu. Auf zehn Schritt weit verneigte er sich zu tiefem Gruße und wartete, daß man ihn anredete. Bonaparte schloß die Augen und nahm sich mit einem einzigen Ruck, schien's, zusammen; stand einen Augenblick wie eine Statue und machte dann eine so heftige Bewegung, daß ihm alles Blut und Leben ins Gesicht zurückkehrte; ergriff Fouché am Arm und führte ihn bis in die entlegenste Saalecke, wie um zu verhindern, daß die übrigen Anwesenden etwas davon verstehen könnten: »Nun – so sind meine Befürchtungen also wahr geworden? Und ich war also doch ein bißchen besser unterrichtet als Ihre Leute? Um ein Haar, Fouché – und ich wäre draufgegangen; Sie können sich also zu dem kleinen Zufall, der mir günstiger war, nur gratulieren. Denn wenn ich nun tot gewesen wäre, hätte Sie das Volk doch in tausend Stücke gerissen –« Da aber schnitt Fouché eine so beleidigte Grimasse, daß Bonaparte einen Augenblick sprachlos war. Er ließ den Minister in der Saalecke stehen, lief wieder mit großen Schritten auf und ab und wetterte drauflos: »Ihre ganze Polizei ist ein Idiotenpack – noch durchaus ancien régime . Absolut immer noch der alte Schlendrian des Herrn Lenoir ... Bis ich Sie eines schönen Tages abtakele und einen meiner Gendarmen an Ihre Stelle setze. Dann sollen Sie sehen, in was für einem andern Ton das gleich geht! Dies Land hat nach zehn Jahren unbeschreiblicher Stürme absolute Ruhe nötig und erwartet sie einzig von mir und soll wahrhaftig nicht umsonst gewartet haben. Alle Intriganten und Agitatoren sollen unbarmherzig verfolgt werden! Ich will nicht länger mehr, daß man einen schimpflichen Handel mit der öffentlichen Sicherheit treibt! und ich mache alle jene für ihre Unfähigkeit oder Verräterei verantwortlich, die entweder nichts verstehen können oder – was noch viel schlimmer ist – nichts verhindern wollen!« Das war deutlich genug. Das war Ungnade und Sturz zugleich. Und die Anwesenden drückten sich sämtlich sehr von Fouché und der Polizeiminister stand ganz allein. Aber der tat, als hätte er die Drohungen des Ersten Konsuls überhaupt nicht gehört. Lehnte unbeweglich am Kamin und wartete, bis der Sturm hier vorüber wäre. Und das fühlte natürlich auch Bonaparte nur zu deutlich und so beugte er wohlweislich vor: »Jetzt ist's aus und vorbei und ich lasse mir nicht länger mehr was einreden. Weder ein Chouan noch ein Emigrierter, noch ein ehemaliger Adeliger, noch ein einstiger Pfaffe war diesmal dabei ... Ich kenne die Urheber des Attentats und ich werde sie mir schon zu langen wissen!« Und er sah Fouché dabei starr an. Der aber kräuselte die dünnen Lippen und zuckte mit den Achseln. Da blitzte es noch grimmiger in Bonapartes Augen auf: »Oder wollen Sie es auch noch leugnen? Wissen Sie überhaupt etwas? So reden Sie doch!« Sie standen wieder in der äußersten Saalecke beisammen. Aller Augen auf sie her gerichtet. Nun entschloß sich Fouché endlich zu sprechen: »Ich weiß, wer's war. Und noch vor Ende dieser Woche hab' ich die Schuldigen fest. Und wenn ich nicht ein Pech gehabt hätte, wie's jedem Menschen einmal passieren kann, dann wären sie schon vor der Ausführung ihres scheußlichen Vorhabens verhaftet gewesen.« »Wieder die Royalisten, was? Wieder die Komplizen von Georges?« »Ich werde es zu beweisen wissen, daß ich richtig informiert gewesen bin.« »Nehmen Sie sich ja in acht, Fouché! Spielen Sie nicht auch noch mit mir! Diesmal spazieren Sie unweigerlich mit allen andern nach Sinnamari!« »General, ich fürchte nicht das mindeste für mich. Ich bin mir dessen absolut sicher, was ich vorhabe. Nichtsdestoweniger will ich auch denen nachforschen, die Sie im Verdacht haben. Es gibt da wohl ein revolutionäres Residium, das immer wieder aufbrausen will und die öffentliche Ordnung bedrohen ...« »Na, wenn Sie's nur endlich einmal selber eingestehen! Aber wie können die Leute eigentlich ungestraft zusammenkommen und konspirieren? Sie versammeln sich in den Freimaurerlogen und Sie wissen es! All die Elenden werden deportiert; morgen schon lass' ich durch den Staatsrat ein dahingehendes Dekret vorbereiten ... ich will nicht wieder die Schafotts aufgerichtet sehen, aber die Sippschaft muß mir aus dem Land hinaus!« Es war ein immerwährendes Kommen und Gehen hier im Saal von Beamten, Repräsentanten und Offizieren, die sämtlich ihre tiefste Ergebenheit dartun oder ihren höchsten Eifer ausdrücken wollten. In diesem Augenblick aber trat der Polizeipräfekt Dubois ein. Der sollte Fouché als Prügeljunge herhalten. Mit einem recht höhnischen Grinsen machte der Polizeiminister Bonaparte auf den Präfekten aufmerksam, und der Erste Konsul knöpfte sich den armen Kerl auch sogleich vor, der nichts als ein paar faule Entschuldigungen zu stottern wußte. »Jawohl! Sie können natürlich absolut nichts dafür, daß es den Kerlen nicht vollends geglückt ist! Ja, sagen Sie einmal, wie es möglich war, daß die sich unter Ihren Augen ganze Fässer Pulver verschaffen konnten, um ein halbes Stadtviertel damit in die Luft zu sprengen! Bürger Dubois, wissen Sie, was ich als Polizeipräfekt täte, wenn mir eine derartige Blamage passieren würde? Aufhängen tät' ich mich!« Damit wandte ihm Bonaparte den Rücken. Dem hatte er es gegeben. Aber nun schien auch aller Zorn des Ersten Konsuls verraucht zu sein und er sprach zu Fouché: »Gehen Sie heute abend noch an die Arbeit. Die Pariser Bevölkerung muß unverzüglich beruhigt werden. Sie können mir Ihren Pflichteifer nur dadurch erweisen, daß Sie einen vollen Erfolg haben.« Fouché verneigte sich; die Höflinge öffneten ihm bereitwilligst eine Gasse und er ging. Im Vestibül fand er seinen Sekretär Villiers bereits ungeduldig auf ihn warten; er stützte sich auf den Arm des jungen Mannes, mit einer solchen Ruhe, als ob er soeben alle und jede Gunstbezeugung seines Herrn und Gebieters empfangen hätte, und schritt hinaus nach seinem Wagen. Im Wagen sodann sagte er zu Villiers: »Einen Augenblick war's, als ob er mich fressen wollte! Wenn ich ihm im geringsten widersprochen hätte – ich glaub', er hätte mich vom Fleck weg verhaften lassen ... Aber es ist auch jetzt immer noch kein Spaß, Villiers –« Villiers zog ein Paar Pistolen aus der Tasche: »Ich hatte mir schon so etwas Ähnliches gedacht... Aber ohne etlichen Widerstand wär' das bei Gott nicht abgegangen!« Das trübsinnige Gesicht Fouchés verklärte sich zu einem wahren Lächeln: »Sie sind mir also treu ergeben, Villiers?« »Jawohl, Bürger-Minister.« Das Lächeln Fouchés war wie weggewischt: »Na, dann... bleib' ich Minister.« Er dachte ein paar Augenblicke nach, dann zog er die Schnur im Wagen, die bis zum Arm des Kutschers führte – ein Zeichen, daß der halten sollte: »Villiers, laufen Sie mal gleich ins Hospital de la Pitié. Wecken Sie den Direktor auf und sagen Sie, Sie kämen von mir. Fragen Sie ihn nach dem Befinden Braconneaus, und wenn er noch am Leben ist, dann kommen Sie sofort wieder zu mir und bringen mir Nachricht. In diesem Falle will ich morgen in aller Früh selber zu dem Manne hin. Befehlen Sie dem Direktor, daß er alles tun soll, daß ich mich mit dem Patienten verständigen kann.« Der Sekretär stieg aus. Fouché fuhr nach Hause und legte sich schlafen. Der Bürger Lerebourg war nach allem, was er auf der Straße gehört und in der Rue de Chartres sodann mit eigenen Augen gesehen hatte, wieder nach Hause gerannt, um seiner Frau die entsetzliche Neuigkeit mitzuteilen. Aber Emilie empfing ihn sofort mit einem gar geheimnisvollen »Ps-s-st!« und zog ihn in sein Zimmer, wo sie sicher sein konnte, daß niemand Fremdes sie hörte: »Während du weg warst, ist hier was Entsetzliches geschehen.« »Nanu?« »Mit einem Male steht Victor Leclerc vor der Tür ... über und über mit Blut bedeckt ... und kann sich kaum aufrecht erhalten.« »Oh! der arme Mensch! der ist sicher bei der entsetzlichen Katastrophe ebenfalls mit verwundet worden!!« »Ich konnt' ihn doch nicht vor der Tür stehen lassen ... er war total erschöpft ... so hab' ich ihn in die Kammer oben hinaufgebracht ...« »Das war sehr klug von dir! Hast du auch schon einen Arzt geholt?« »Unmöglich!« »Wieso?« »Das ist ja gerade das Fürchterliche! Der Bürger Leclerc war irgendwie dabei und wenn es nun aufkäme, daß er hier bei uns ist, ging's ihm wohl gar nicht gut, und wir hätten ebenfalls große Scherereien ...« »Ich bin ein anständiger Bürger!« schrie Lerebourg. »Um Gottes willen! nicht so laut!« Emilie war erschrocken zusammengefahren. »Es geht bei ihm vielleicht um seinen Kopf!« »Aber – großer Gott im Himmel! – der sonst so gesetzte Bursche ... der ist doch kein Verschwörer?« »Er ist irgendwie in die Sache hineingezogen worden ... Schädliche Einflüsse, du weißt ... kurz und gut, wir schaffen die Tatsache nicht mehr aus der Welt: er war bei dem heutigen verbrecherischen Anschlag dabei ...« »Der! der liebe, nette Kerl! und uns so hinters Licht geführt! ... Das Attentat war der scheußlichsten eins: ein Haufen Tote, in Fetzen zerrissen, Männer, Frauen, Kinder ... Wer hätte das von Leclerc gedacht?« »Wenn wir ihn jetzt von uns hier fortschicken, ist er verloren. Er kommt nicht bis zur nächsten Straßenecke, so ist er schon in den Händen der Polizei –« »Wer sagt denn von fortschicken? Ich verabscheue zwar seine grausige Tat, aber ihn ausliefern ... Denn das hieße ihn doch direkt ausliefern ...« »Gewiß ... Aber hier bei uns kann er auch nicht ewig bleiben. Morgen schon würde man ihn entdecken. Es ist ein günstiger Zufall, daß der Bursche vom Magazin heute gerade außer Hause schläft, sonst würde der doch heute nacht schon merken, daß wer in der andern Kammer ist, und würde davon sprechen und alles wäre entdeckt! Victor Leclerc muß also morgen in aller Früh aus dem Haus!« »Aber wohin dann mit ihm?« »Er weiß schon wohin. Er sagte mir auch das Haus, wo er absolut sicher ist. Er hatte nur heute die Kraft nicht mehr, bis dahin zu kommen ... also wirst du ihn morgen in aller Frühe hinbringen.« »Aber wie?« »Ich werde Jerôme morgen um acht Uhr schon einen Gang machen lassen, nachdem er unsern Geschäftswagen im Hof fix und fertig angespannt hat. Dann führen wir Leclerc die Hintertreppe herab und er verbirgt sich im Wagen. Unsere Fräuleins sind um die Stunde noch nicht da, also merkt es kein Mensch. Du setzt dich dann selber auf den Bock und fährst nach der Rue du Dragon, Ecke Rue de la Huchette. Dort steigt Victor Leclerc aus, und du hast weiter nichts zu tun. als wieder heimzufahren!« »Aber, liebe Frau, wenn man mich auf dem Weg anhält?« »Du tust gerade, als ob dich in unserm ganzen Viertel kein Mensch kennen würde. Niemand wird dich hier bei uns anhalten, und sowie du erst weiter vom Ort des Attentats weg bist, wird's erst recht keinem mehr einfallen. Im übrigen müssen wir schon etwas riskieren um den Preis, aus der gefährlichen Klemme herauszukommen, in der wir uns momentan durch unsern lieben Logierbesuch befinden!« »Da hast du wieder recht! Dieser verteufelte Victor Leclerc! Wer hätte das von ihm gedacht? Er war doch immer so zart wie ein Fräulein. Übrigens stammt der mörderische Anschlag von den Terroristen ... also ist er auch einer von der Sorte?« »Nein! Er ist Royalist. Er hat mir alles gestanden. Sie wollten Bonaparte töten und einen neuen König einsetzen.« »So'n Wahnsinn! Wozu hätte man denn dann Ludwig XVI. eigentlich geköpft? So rein für nichts und wieder nichts? Frankreich pfeift auf'n König – der Erste Konsul ist unser Mann! – Ach, daß ich mich aber derart in Leclerc täuschen konnte – nein, nein, nein, nein! Ich hielt ihn für'n ordentlichen Geschäftsmann – und nun ist er'n Verschwörer! Ja, wem soll man denn da eigentlich noch trauen!« »Willst du ihn sehen?« »Selbstverständlich!« »So komm. Nur geh leise. Er ist verbunden und alles, aber er liegt im Fieber ...« »Ist er denn so schwer verwundet?« »Es hätt' wohl nicht viel gefehlt, dann hätt's ihm den ganzen rechten Arm weggerissen ...« »Armer Teufel!« Aber so human war Lerebourg nun einmal veranlagt: Nachdem er die Tat Leclercs durchaus verurteilt, beklagte er die Wunde, die der Täter dabei abgekriegt hatte. – So gingen sie denn nach der Mansarde hinauf, wo auf einem Gurtbett Victor Leclerc lag – leichenblaß vor vielem Blutverlust. Als Lerebourg eintrat, wollte sich der junge Mann aufrichten. Ungeachtet des wahnsinnigen Schmerzes, der sich sogleich auf seinem Gesicht widerspiegelte. Emilie indes nahm ihn bei den Schultern und legte ihn sachte wieder hin. »Rühren Sie sich nicht. Bleiben Sie sein stille liegen, sonst ist's um allen Verband geschehen. Na ist mein Gatte, der gekommen ist, nur um Sie tüchtig auszuschelten.« »Später! später!« unterbrach sie sogleich Lerebourg, dem beim Anblick des Verwundeten das Herz blutete. »Um Gottes willen jetzt keine Vorwürfe, sondern nur Ruhe ... Ruhe ... Es ist schrecklich, daß wir ihn hier bei uns nicht gesund Pflegen können! In vierzehn Tagen wär' er wieder auf den Beinen gewesen. Aber ... es ist leider unmöglich! Ach, Leclerc, daß Sie sich in so einen Wahnsinn und so eine Scheußlichkeit verwickeln lassen konnten! Und ich hatte doch solch großes Zutrauen zu Ihnen! Ja, wem soll man denn da eigentlich noch trauen!« »Mein teuerer Freund!« mahnte Madame Lerebourg. »Natürlich ... du hast recht ... ich lasse mich da sogleich hinreißen ... Aber unrecht hat doch er – er allein! ... Na also ... wir wollen sehen, daß wir ihn aus seiner schlimmen Lage befreien können ... bis auf morgen denn ... und versuchen Sie ja zu schlafen.« »Ich bleibe noch, etwas hier ... Geh du nur hübsch allein hinunter ...« sprach Emilie zu ihrem folgsamen Gatten. »Ich hab' nur noch ... ich komm' einen Augenblick später nach ...« Lerebourg ging natürlich nicht, ohne Leclerc noch einmal all seiner Anteilnahme versichert zu haben. Darauf setzte sich Emilie ans Bett des Verwundeten, hielt seine schlaffe Linke zwischen ihren beiden Händen und bemühte sich herzlich, ihn zu beruhigen, zu ermutigen und ihm neue Hoffnung einzuflößen. Und ihre Liebe war in der Tat wie ein Wunder: eine wohlige Abspannung geschah allmählich in Saint-Régeant, die Nerven wurden wieder friedlicher, sein Herz ruhiger, die Augen fielen ihm zu und es kam ein Schlaf über ihn, der den Erschöpften nicht nur die Schmerzen vergessen ließ, sondern auch all die nachwirkenden Schrecken. Da löste die junge Frau behutsam ihre Finger von seiner Hand, stand auf und ging leise hinaus und nahm aber den Schlüssel zur Mansarde mit. In ihrem Zimmer angelangt, saß sie indes noch lange angekleidet und wach, denn sie kam doch nun eigentlich erst zum Nachdenken und zur Besinnung, so sehr hatten sich die Ereignisse überstürzt. Sie hatte ja gar nicht mehr gewußt, was sie tat, als der Unglückliche mit einem Male an ihre Tür klopfte und um Rettung flehte. Aus ihr und ihrer Angst hatte sich das alles ganz mechanisch vollzogen – und jetzt erst dämmerte ihr die Ungeheuerlichkeit der Tat Saint-Régeants. Jetzt erst malte sich ihr in grausig deutlichen Konturen das Blutbad, das jene Höllenmaschine angerichtet hatte. In keinem Fall, unter keinem Vorwand, und selbst nicht für die gerechteste Sache der Welt schien ihr ein einzelner Mord entschuldbar – wie erst eine solche Massaker, die eine ganze Straße unter Blut setzte! Und der Urheber dieser nicht auszudenkenden Tat war der Mann, den sie vergötterte! Und statt daß sie ihn verabscheute und – eija! – der strafenden Gerechtigkeit auslieferte, liebte sie ihn immer noch und kannte keine andere Sorge als ihn zu schützen, zu verbergen, zu retten! Damit machte sie sich ja zur Mitschuldigen und würde es zweifelsohne bald grausam genug bezahlen müssen! Und sie fror vor Angst und sie fand keine Tränen. – Wie aber, wenn sie Saint-Régeant wirklich auslieferte? Nur damit sie selber rein von Gewissen und – ohne Strafe blieb? Sie hätte das nicht vermocht, selbst um den Preis ihres Lebens nicht. So blieb ihr nichts als das angefangene Werk zu Ende zu führen und Saint-Régeant vor der schrecklichen Gefahr zu bewahren, in der er sich befand. Was dann noch kam, war beten, weinen und die Sünden bereuen, die sie begangen hatte und – noch begehen würde. – Zwei Uhr nach Mitternacht war's, als sie sich endlich gewaltsam aus ihrem schmerzlichen Sinnieren riß. Still lag die schlafende Stadt. Die Gasse verödet. Aber im Schatten da unten lauerte vielleicht bereits die Polizei und sann aus dieser Finsternis heraus auf nichts denn auf blutige Rache ... Um sechs Uhr morgens wachte, wie gewöhnlich, Lerebourg auf und begab sich dann sogleich nach der Mansarde zu Saint-Régeant. Aber da traf er bereits seine Frau an, die den Verwundeten neu verband. Der junge Mann fühlte sich schon wieder bedeutend gekräftigt und war sicher, daß er den Transport ganz gut überstehen würde. Er bat Lerebourg tausendmal um Entschuldigung, daß er ihn in eine solche gefährliche Lage versetzt hätte; aber der Kaufmann wehrte mit einer Schlichtheit ab, die am besten von dessen persönlichem Mut zeugte: »Ach was! Ich wär' doch noch in einer viel gefährlicheren Lage, wenn Sie noch länger hier bei mir blieben! Nun aber, Leclerc, geben Sie mir, bitte, Ihr Ehrenwort, daß Sie, sowie Sie glücklich aus allen diesen Schwierigkeiten heraus sind, nie wieder sich in derartiges einlassen!« »Ich schwöre es Ihnen« – versprach der Royalist mit einem trüben Lächeln. »Wer ein einziges Mal das Unglück hatte, soviel Blut um nichts zu vergießen, dem bleibt nur zweierlei: sich irgendwo verkriechen oder zu sterben. Mir ist's gleich, was das Geschick mit mir vorhat. Jedenfalls hab' ich einen wahren Abscheu vor mir selber und mein einziger Wunsch ist, Buße tun. Sei's durch Beten oder Sterben!« »Na nu aber ... Kopf hoch, Leclerc. In Ihrem Alter flüchtet man nicht aus dem Leben, um in einem Kloster einzig der Beschaulichkeit und der Reue zu frönen. Lieber widmen Sie sich irgendeinem guten allgemeinen Zweck, das rehabilitiert Sie am besten in Ihren eigenen Augen ... Aber in diesem Augenblick handelt sich's zu allererst: sich nicht erwischen lassen. Ich denke mir ...« »Lieber Herr Lerebourg – ich denke dabei wahrhaftig weniger an mich als an Sie. Ich wäre untröstlich, wenn Sie meinetwegen auch noch Scherereien hätten ... Ich bin Ihnen ja so unendlich dankbar für all Ihre Liebe und Güte, die Sie mir ...« »Kein Wort weiter! Das machen wir alles in einer späteren glücklicheren Stunde ab. Ich lass' Ihnen meine Frau hier – ich selber aber muß hinunter und alles zum Ausfahren bereit machen ...« Und wieder einmal ließ der Nichtsahnende und allzu Vertrauensselige Emilie ruhig mit dem jungen Mann allein. – Die junge Frau war ganz verstört im Gesicht: vor Gewissensbissen, Schlaflosigkeit und Weinen. Sie litt unsäglich und wagte doch keinen Laut der Klage noch der Abbitte. Sie mußte es eben leiden und sah's als gerechte Strafe für ihre Sünde an. – Nun half sie Saint-Régeant beim Aufstehen und Anziehen. Sie waren allein und einander bis zur Berührung nah; indes kein ja selbst kein Blick. Es schien da etwas zu sein, das sie auf ewig trennte; sie beide und all ihre Liebe. – Bis Saint-Régeant sich nicht mehr halten konnte, sie lange traurig ansah und traurig-düster sprach: »Wär's denn nicht besser gewesen – ich wär' zusammen mit den vielen Unschuldigen zugrunde gegangen? Was soll mir denn dies Leben noch, da nun auch Sie – eija! – sich von mir abgewandt haben – vor geheimem Graun. Hören Sie, verschaffen Sie mir irgendeine Waffe und ich gehe von hier auf die Straße hinaus und soviel hundert Schritt weit fort, daß Sie nicht kompromittiert sind, und mache meinem Leben ein Ende!« »Grausam genug von Ihnen, mich noch um so etwas zu bitten!« schrie Emilie voller Weh auf. »Ich denke nur daran, wie ich Sie retten kann, und Sie machen mir mit Ihrer gänzlichen Verzweiflung als erster einen Strich durch die Rechnung ... Lassen Sie mir doch wenigstens soviel Zeit, bis ich mich von all meinem Schrecken erholt habe. Ich gehöre Ihnen – ach! Sie wissen es wohl – was immer auch kommen mag ... meine Bestimmung scheint mir ganz und gar, all Ihre Gefahren und all Ihr Schicksal mit Ihnen zu teilen ... Für mich hoffe ich nichts mehr, nur von meinem Gatten möcht' ich das Äußerste abwenden, der soll nicht leiden wie ich, der Ehrliche, Hilfreiche, denn das hat er gewiß nicht um uns verdient, daß der nun auch noch ...« »Oh, ich begreife Sie vollkommen! Sie haben ja so recht! Ihr Gatte muß geschont werden, selbst um diesen Preis, daß wir das Schlimmste, das uns passieren kann, wagen und auf uns nehmen –« Da hielt sie ihm ihre Hand hin, und fast wie ein Lächeln glitt's über ihre abgehärmten Züge: »So ist's recht. So will ich Sie haben und wissen. Aber nun ist's Zeit, daß Sie gehen. Sagen wir uns Lebewohl ... wir sehen uns ja doch nie wieder...« Sie umschlangen sich ein letztes Mal, so wild und so verzweifelt, als ob sie wüßten, daß der Kuß in der Tat der letzte wäre. Dann nahm Emilie ihren Freund bei der Hand und führte ihn über die Treppe in den ersten Stock herab. »Und nun wartest du einen Augenblick – ja? Ich will sehen, ob mein Mann schon unten ist.« Sie lief im Dunkeln leichtfüßig bis in den Hof hinab. Aber einen Augenblick später nur kam sie schon wieder die halbe Treppe herauf und winkte ihm und flüsterte: »Komm.« Der Geschäftswagen im Hof stand schon völlig parat. Eine Menge Stoffe aufgeladen; und nur unter großer Anstrengung und Schmerzen schlüpfte Saint-Régeant durch die Ballots hindurch bis in seinen ausgesparten Schlupfwinkel. Ein letzter Abschiedsblick zu Emilie hin, ein Händedruck noch für Lerebourg, dann deckte ihn das Wachstuch zu und der Kaufmann kletterte auf den Bock und fuhr im Schritt zum Tor auf die Rue Saint-Honoré hinaus. Auf der Gasse war's bereits lebendig. Kommis, die ins Geschäft eilten, Arbeiter, zu ihrer Arbeit. Ladenbesitzer, die die Laden vor ihren Schaufenstern öffneten. Die Gemüsefrau, die ihren Kohl und ihre Rüben an ihrem Stand aufstapelte, rief ihm zu: »So früh schon unterwegs, Bürger Lerebourg? Daran erkennt man den guten Geschäftsmann.« »Ich muß nach der Post fahren. Sonst fährt die ohne meine Ballen ab. Darin versteht die Post keinen Spaß.« »Doch da kommt schon wieder eine Gendarmenpatrouille!...« Eine Gendarmerieabteilung näherte sich von Saint-Roch her. Lerebourg hielt, immer im Schritt, aufs Palais-Royal zu. Einen um den andern Augenblick von Leuten aus dem Viertel begrüßt und angeredet. Da hörte er den Tapezierer Sinval, wie der zum Gendarmerieunteroffizier sagte: »Was? Aber das ist doch der Bürger Lerebourg von der ›,Blauen Mütze‹,! Na, wissen Sie, wenn Ihnen der schon verdächtig vorkommt, dann stecken Sie nur lieber gleich das ganze Stadtviertel ein! Haha ...! einer von den friedliebendsten Bürgern überhaupt ...!« Auf dies Zeugnis seines Nachbarn hin entging Lerebourg glücklich der Durchsuchung seines Wagens. Aber es rieselte ihm doch eiskalt den Rücken herab, als er durch die Kette von Gendarmen durchfuhr, und er schnaufte erst wieder richtig auf, als er erst einmal am Kai unten war. Da hieb er dem Gaul dann eins über und langte ein paar Minuten später an der Ecke vom Kai und der Rue du Dragon an. Da hielt er. Drehte sich auf seinem Kutschbock um und sprach leise in den Wagen hinein: »Leclerc – pst! – da wären wir. Meinen Sie, daß Sie imstande sind und aussteigen können?« »Ich glaube wohl. Aber sehen Sie sich erst tüchtig um, ob uns niemand beobachtet.« Lerebourg sprang ab. Aber er sah weit und breit nichts Verdächtiges: »Der Augenblick ist gerade günstig. Kommen Sie nur.« Saint-Régeant arbeitete sich mühsam und vorsichtig heraus. Aber er konnte vor Bewegung dann kaum sprechen und die Stimme zitterte ihm gar sehr: »Leben Sie wohl. Mein Leben verdanke ich Ihnen und gehört Ihnen nun auch, Sie großmütiger und edler Mann, der Sie das Ihrige für mich aufs Spiel gesetzt haben! Aber – bitte – fahren Sie nun wieder zurück und bleiben Sie keinen Augenblick länger hier!« Und Saint-Régeant war auch schon davon und Lerebourg war ganz verstört ob solcher Trennung. Teils ängstigte er sich fürchterlich, was ihm daraus noch alles blühen könnte, teils machte er sich die schwersten Vorwürfe, daß er vielleicht doch zu wenig für ihn getan hätte, der ihm fast so lieb war wie ein eigener Sohn. Die Schritte Saint-Régeants verhallten, ohne daß weiter was geschah, und dabei beruhigte sich Lerebourg wieder einigermaßen. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, und als er dann von fern den jungen Mann gar wohlbehalten auf Nummer 35 zur Haustür hineinverschwinden sah, schwang er sich wieder auf seinen Sitz, gab dem Gaul eins mit der Peitsche und fuhr erst an den Kais lang, dann über die Champs-Elysées und den Platz »de la Revolution« ohne jeden Zwischenfall bis zu sich nach Hause. 13. Kapitel Der junge Villiers – das Muster eines ebenso schnellen wie zuverlässigen Beamten – hatte sich, kaum daß ihm von Fouché der Auftrag geworden war, in einen Fiaker gestürzt: »Nach der Pitié!« Die Fahrt ging zwar durch das üble Viertel um den Platz Maubert, wo wahrhaftig kein Mensch seines Lebens sicher war, aber er gelangte dennoch glücklich am Tor des alten Hospitals an, das – noch hinter dem Gardin des Plantes und den Weinlagerhäusern – schon unter Ludwig XIII. erbaut worden war. Da ließ er denn den Anstaltsdirektor im Namen des Herrn Polizeiministers richtig mitten aus dem Schlaf wecken, teilte dem noch gänzlich Schlaftrunkenen, der vom Attentat natürlich keine Ahnung hatte, die Sache mit zwei Worten mit und sodann wurde auch der wachhabende Arzt herbeigerufen. Durch endlose Korridore kam der Bürger Villiers zuletzt bis an das Bett Braconneaus, der mit geschlossenen Augen, blaß, gerade wie ein Toter lag. »Der arme Teufel! es steht wohl gar schlimm mit ihm?« meinte der Sekretär Fouchés. »Es ist überhaupt unglaublich, daß er nicht längst tot ist. So liegt er nun schon all die drei Tage. Die Kugel ging ihm durch und durch und hat höchstwahrscheinlich die Wirbelsäule dabei gestreift ... Es ist nicht die geringste Bewußtseinsäußerung an ihm wahrzunehmen ... aber er lebt ... das ist alles ...« »Verflucht! Dabei wäre es für meinen Chef von größter Wichtigkeit, wenn der Mann sich uns verständlich machen könnte –« »Der Doktor Dupuytren war heute mittag wieder da, um nach dem Patienten zu sehen ... Der interessiert sich so sehr für den schwierigen Fall ... Er kommt auch morgen wieder ... Ich werde ihm von dem Wunsch des Bürgers Fouché Mitteilung machen ... Vielleicht –« »Meinen Sie nicht, daß man den wie tot daliegenden Kranken durch irgendwelche Mittel für Augenblicke wenigstens irgendwie vernehmungsfähig machen könnte –« »Der Doktor Dupuytren ist ein äußerst geschickter Arzt. Ich werde es ihm sagen ...« »Es wäre aber doch besser, wenn man es ihm gleich morgen in aller Früh mitteilen würde ... Es handelt sich nämlich um eine unendlich wichtige staatliche Angelegenheit, die absolut keinen Aufschub duldet ...« »Sie müssen mit der menschlichen Natur rechnen. Am Bett eines Sterbenden hört alle Gewalt auf ...« »Nun, Bürger, ich zähle bestimmt auf Ihren Eifer in dieser Sache. Ich werde dem Bürger-Minister nun meine Meldungen über hier machen, darauf wird er sich sicher direkt mit Ihnen in Verbindung setzen...« Pilliers ging wieder. – Alles in allem konnte Saint-Régeant wirklich von Glück reden. Carbon war unmittelbar nach der Explosion zu seiner geruhigen Pförtnerstelle ins Kloster zur Heimsuchung zurückgekehrt. Und Limoëlan – im Augenblick zur Stadt hinaus und jetzt bald zwanzig Meilen weit von Paris. Der wollte nach der Bretagne und Georges Bericht ablegen. Saint-Régeant, glaubte er, sei tot; der ging ihn also nichts mehr an. Überhaupt zählte für diesen rücksichtslosen Parteigänger, der unter den Greueln der Chouanerie sozusagen groß geworden war, ein Menschenleben mehr oder weniger gar nichts. Auf seinem Wege hatte er bald erfahren, daß Bonaparte glücklich davongekommen war. Das war für ihn die Hauptsache. Mit andern Worten: jetzt hieß es, die ganze Sache noch einmal von vorne anfangen. – Über das ganze Attentat und all seine Urheber war eben ein undurchdringliches Dunkel gebreitet. Von der Karre waren nur ein paar armselige Trümmer geblieben, vom Faß und jenem Flintenlauf rein gar nichts, und so mußte man sich wohl oder übel an die zwei Vorderfüße des Schimmels halten, die man gefunden hatte. Dubois' Agenten durchstöberten das ganze Stadtviertel. Vergebens. Die Fouchésche Polizei verhielt sich völlig abwartend, bis auf weitere Befehle. Das Einzige, was schnell und sicher zur Entdeckung geführt hätte: die Überwachung des Hauses in der Rue du Dragon unterblieb. Soufflard und Clément beschäftigten sich ausschließlich mit dem Gasthof zum »Roten Löwen«. Bis endlich einem eine Stallaterne aufging, und das war, als ein Inspektor Soufflard von einer gewissen Karre samt Schimmel erzählte. Da schlug sich der Riese vor den Kopf, daß ein ausgewachsener Ochse dabei hätte draufgehen können, stieß einen sakramentsen Fluch aus und wurde so rot wie die Mütze eines Sanskulotten. »Ui – die Teufelskerle! Das waren sie! Na, die haben uns mal schön an der Nase rumgeführt!« Und ließ Clément allein auf der Roten Löwen-Wache und rannte zu Fouché. Zehn Uhr morgens war's eben und Rapp war bereits im Auftrag Bonapartes sich erkundigen gekommen: ob man Neues wüßte. Antwort: man wüßte – leider – gar nichts. Da hatte der Adjutant sehr von oben herab getan und spöttisch durchblicken lassen, daß Fouché nun wohl ein toter Mann wäre; im übrigen erwarte der Erste Konsul den Minister bestimmt innerhalb zwei Stunden – noch vor der Staatsratssitzung. Fouché aber hatte trüb und kalt und so gar nicht, als ob es endgültig um sein Amt und wohl auch um seine Freiheit geschehen wäre, erwidert, er werde pünktlich zur Stelle sein, und vertraute im übrigen auf die göttliche Vorsehung aller Polizei: auf den allmächtigen Zufall. Da schob Villiers auch schon den riesenhaften Soufflard zur Tür herein. »Bürger-Minister – dieser Agent liefert uns soeben ein wichtiges Indizium. Vielleicht sind wir damit der ganzen Geschichte neu auf der Spur. Der Wagen, der in der Rue de Chartres mitsamt dem Schimmel und mehreren Fässern in die Luft gesprengt wurde, ist höchst wahrscheinlich identisch mit einer Karre, die gestern sechs Uhr abends vor dem ›,Roten Löwen‹, – dem uns bekannten Royalistenschlupfwinkel – vorfuhr, an der ebenfalls ein Schimmel angespannt war, und auf die sodann drei Kerle zwei Fässer aufluden.« »Ja, und in dem einen Faß –« bemerkte Soufflard, »war bestimmt Wein, denn wir haben ihn noch probiert, nachdem ich den drei Kerlen aufladen geholfen hatte ...« »Ach was – du hast geholfen?« sprach Fouché. »Dann hast du dich also auch mit ihnen unterhalten – wie? Nun sag' einmal – wie sahen die aus? Groß, klein, schlecht angezogen ...« »Sie sahen mir richtig wie Arbeiter aus. Nichts Verdächtiges an Kleidung wie in Bewegung ... Sie sagten mir auch noch, daß sie den Wein nach dem Faubourg Antoine liefern sollten ...« »War es denn auch wirklich Wein?« »Selbst – verständlich. In einem Faß wenigstens gewiß.« »Und im andern?« »Tja, Bürger-Minister ... vom andern könnt' ich's nu freilich nicht so ganz bestimmt behaupten ...« »Villiers!« sprach Fouché da. »Gehen Sie sogleich mit einem Kommissär und untersuchen Sie den ›,Roten Löwen‹, vom Keller bis zum Dachboden. Verhaften Sie alles, was Ihnen verdächtig vorkommt. Auf jeden Fall bringen Sie mir den Besitzer vom ›,Roten Löwen‹, her und heizen Sie ihm gleich tüchtig ein, daß ihm das Gestehen leicht wird. Du aber, Soufflard, begibst dich unverzüglich wieder nach der Rue du Dragon und gibst mir auf das Haus acht, das Braconneau im Verdacht hatte.« Fouché klingelte. »Man schicke sofort nach dem Inspektor, der die aufgelesenen Trümmer vom Ort des Attentats unter sich hat ... Und daß mir sogleich eine Umfrage in allen Stadtvierteln angestellt wird, wer etwa seit gestern eine Karre und einen Schimmel vermißt ... Los, los, los!« Da kam ein Lakai und meldete, der Direktor von der Pitié möchte den Bürger-Minister sprechen. Und nun kam einigermaßen wieder Leben in das Gesicht Fouchés. Nur der Ton seiner Stimme blieb der gleiche: »Soll kommen.« Villiers und Soufflard waren bereits fort und Fouché allein. Er stand vom Stuhl auf, ging zum Spiegel und ordnete seine Haarlöckchen. Und die Kaltblütigkeit dieses Mannes war überhaupt staunenswert. »Nun, Bürger-Direktor?« wandte er sich zum Eintretenden um. »Wie weit sind Sie? Sind Ihre Ärzte zu irgendeinem Resultat gekommen?« »Gewiß, Bürger-Minister. Es ist zwar nicht viel, aber es ist immerhin etwas. Der junge Doktor Dupuytren und Doktor Broussais waren gemeinsam bemüht, um den Todkranken aus seiner Starrheit und Teilnahmlosigkeit herauszureißen ... So hat denn Broussais diesen Braconneau zur Ader gelassen ...« »Das auch noch! Wo der arme Teufel sowieso schon soviel Blut verloren hatte!« »Der Doktor Dupuytren hat ihm Brennkegel an der Schädelbasis gesetzt ... Daß wenn das eine Mittel nichts hilft, dann eben das andere ... Und so ist Braconneau richtig aufgewacht ...« »Also schnell! wir müssen hin.« »Das wäre vergeblich, Bürger-Minister. Er ist dann gleich wieder in seine Schlafsucht verfallen. Aber einige Minuten lang war er doch wach ... ich erzählte ihm mit ein paar Worten vom Attentat... da belebte er sich wunderbar ... ja, er wurde sogar richtig rot, trotz des Aderlasses und so weiter, und rief beinah: ›,Saint-Régeant! sicher!‹,« »Waren Sie allein bei ihm, als er das sagte?« forschte Fouché. »Ich – und die beiden Ärzte. Aber Sie dürfen ganz beruhigt sein, Bürger-Minister, für die Herren ist die Sache ebenso Berufsgeheimnis wie für mich ...« »Und weiter?« »Er fiel wieder zurück, aber da haben wir ihn denn Äther einatmen lassen, darauf belebte er sich wieder etwas und stammelte: »Schreiben ... an den Bürger Fouché ...« Und er diktierte mir, während er tatsächlich mit dem Tode rang, die drei Zeilen, die ich Ihnen hier mitgebracht habe. Hoffentlich können Sie damit etwas anfangen, für mich sind sie ohne Zusammenhang, daß sie mir wie das reine Delirium vorkommen.« Er überreichte Fouché ein Blatt Papier. Der Minister las: »In der ›,Blauen Mütze‹, ... weiß man ... Saint - »Régeant – Victor Leclerc ... Bürgerin Lerebourg »... Rue du Dragon ...« Das ließ sich in der Tat wie ein Rebus an. Fouché legte das Blatt auf seinen Schreibtisch, dankte dem Direktor der Pitié vielmals für dessen Bemühungen und machte sich daran, sowie er allein war, diese rätselhafte Inschrift zu entziffern. Für ihn war vielmehr der Ausruf des Polizisten bei der Nachricht vom Attentat in der Rue Saint-Nicaise: »Saint-Régeant! sicher!« der springende Punkt. Damit sagte Braconneau klar (und hatte es wohl auch bereits geahnt): Saint-Régeant ist der Täter. Und in der Tat war ja auch nichts wahrscheinlicher als das. Der war mit Georges und Hyde nach Paris gekommen; die beiden letzteren nach der Audienz beim Ersten Konsul wieder abgereist und er also allein zurückgeblieben, um den Beschluß des royalistischen Komitees in die Tat umzusetzen. – Und Fouché nahm von neuem das Blatt Papier zur Hand und fing an zu studieren: »In der ›,Blauen Mütze‹, ... weiß man ...« Die »Blaue Mütze« ... das war doch jenes Geschäft ... und sein stupendes Gedächtnis, auf das er sich jederzeit verlassen konnte, reagierte sogleich: Der Kaufmann – ein gewisser Lerebourg. Durchaus regierungsfreundlich. »Hoflieferant der Madame Bonaparte« und überhaupt des ganzen konsulschen »Hofs«. Der Besitzer der »Blauen Mütze« selber über jeden Verdacht erhaben ... aber neben ihm ... um ihn... war da was?... gab's da was?... Und Fouché fand – vorläufig – noch nichts. Wie ein Schleier lag's um die »Blaue Mütze«; und der verflixte Schleier wollte absolut nicht weggehen. Dabei war's sicher, daß das ganze Geheimnis von Braconneau in die paar Worte zusammengefaßt war, die nur scheinbar wie ohne allen Zusammenhang dastanden. Und der Minister griff wieder zu dem Blatt Papier und las wieder und wieder ... mit einem Male gab er dem Zettel einen leichten Stubs und lachte ohne einen Laut ... Unheimlich. Teuflisch. Des Rätsels Lösung. Nun hatte er den Hauptschuldigen – und hielt ihn. Saint-Régeant – Victor Leclerc. Nun erinnerte sich der Minister, daß ihm Braconneau erzählt hatte, wie Lerebourg und Victor Leclerc einander kennen lernten, sehr intime Freundschaft schlossen, und wie dann die Sympathie der Bürgerin Lerebourg, einer Vendeerin, für den Vendéer Saint-Régeant noch dazukam. Es war doch eigentlich höchst einfach. Man wußte in der »Blauen Mütze« alles was Fouché wissen wollte: wo Saint-Régeant war, wie und durch wen das Verbrechen begangen wurde und wohin sich die Täter geflüchtet. Und der Minister wollte schon am Glockenstrang ziehen, als ihm noch dieses einfiel: Wen nun aber von der »Blauen Mütze« festnehmen? Lerebourg und seine Frau? Wohl. Aber die Kommis, die Mamsells, Hausdiener usw. laufen lassen? Das ging doch nicht. Unter diesen konnte erst recht noch ein Komplize sein, der Saint-Régeant sofort warnte ... Und Fouché nahm das Blatt Papier zum zehnten Male vor – und verwunderte sich über seine eigene Überstürzung und Kopflosigkeit. Die Hauptsache: »Bürgerin Lerebourg – Rue du Dragon« hatte er ganz außer acht gelassen! Dabei war Saint-Régeant sicher Rue du Dragon versteckt gewesen und war's vielleicht noch! Na, und was Bürgerin Lerebourg just mit Rue du Dragon zu schaffen hatte – das konnte nicht viel anders denn Liebe sein! Aber jetzt – langsam – langsam – langsam. Die Rue du Dragon halte ich doch besetzt. Und was die »Blaue Mütze« angeht, so läuft die mir erst recht nicht weg. Ich bin völlig der Herr der Situation – oh, und wie siegessicher kann ich nun meine Worte beim Ersten Konsul setzen. Er erwartet mich noch vor der Staatsratssitzung. Was mir ein Vergnügen sein soll, werter Herr Bonaparte. Alle Achtung, auf dem Schlachtfeld ist dir keiner über, aber in polizeilichen Dingen kommst du doch nicht gegen mich auf. Du wirst Augen machen, Freundchen! ... Fouché ließ sich das Frühstück bringen. Seinem Sekretär Villiers aber trug er auf, er möchte gegen vier Uhr etwa nach der »Blauen Mütze« fahren und die Bürgerin Lerebourg bitten, zu ihm – dem Minister – zu kommen. »Wenn sie Sie fragt: in welcher Angelegenheit, so sagen Sie ihr nur ruhig: in einer rein geschäftlichen. Ich hätte zweifellos eine Bestellung oder so. Sie können das artig, ja scherzend sagen – auf jeden Fall machen Sie ihr nicht etwa Angst. Beruhigen Sie sie, falls sie es doch mit der Angst zu tun bekommt, daß es absolut in keiner polizeilichen Angelegenheit wäre. Dabei aber verlieren Sie sie mir keine Sekunde aus den Augen und achten Sie mir vor allem darauf, daß sie nicht plötzlich was verschluckt ... Gift oder so – Sie verstehen! Wenn zufällig der Bürger Lerebourg und womöglich an Stelle seiner Frau zu mir kommen wollte – das gibt's nicht. Und sowie Sie überhaupt von seiten des Ehemanns oder seiner Frau dem leisesten Widerstand begegnen, nehmen Sie sie fest und lassen außerdem alle Hauseingänge besetzen, daß niemand, auch der Portier nicht, und überhaupt keines Menschen Seele herauskann. Verstanden? Gut. Bestellen Sie 'n Wagen. Ich fahr' nach den Tuilerien.« Gegen ein Uhr betrat Fouché das Vorzimmer vor dem Arbeitszimmer des Ersten Konsuls. Er wurde auch sogleich vorgelassen und fand Bonaparte in großer Konferenz mit Réal, Thibaudeau, Defermon und Admiral Truguet. Das waren auch so vier Getreue des Ersten Konsuls, mit dem einen Unterschied, daß sich Defermon und Truguet wohl noch ein Wörtchen zu sagen getrauten, wohingegen die beiden einstigen Jakobiner bereits die ausgemachtesten Höflinge waren. Bonaparte nickte Fouché nur flüchtig zu und sprach ruhig zu den andern weiter, als ob der Polizeiminister völlig auf dem laufenden wäre: »Ich denke dabei nicht an mich, sondern an die öffentliche Ordnung, die aufrechtzuerhalten meine Pflicht ist. Ich bin dermaßen von der Notwendigkeit von Repressalien überzeugt, daß ich mich meinetwegen ganz allein als Tribunal einsetze und die Verräter aburteile. Fünfzehn oder zwanzig der Elenden werden zum Tode verurteilt und zweihundert etwa deportiert... dann wird aber auch endlich Ruhe im Lande sein!« Eine Stille erst. Dann getraute sich Admiral Truguet wohl ein Wörtchen mit Bonaparte zu reden: »Elende, Elende, was heißt das? Ich meine, wir müssen da doch etwas unterscheiden. Es sind nicht nur Revolutionäre, sondern da haben wir ebensogut die Emigrierten, die haufenweise zurückkehren durften und jetzt bereits die auf Befehl der Nation verkauften Güter antasten wollen. Und dann die Chouans, die die ganze Bretagne mit Krieg überziehen, von den wiederaufgetauchten Pfaffen nicht zu reden, die namentlich den ganzen, Süden aufwiegeln und schlechtweg eine Gegenrevolution vorbereiten. Ich meine ...« »Aber, Bürger Truguet,« unterbrach ihn da der Erste Konsul, »Sie meinen doch nicht im Ernst, daß die paar Schlottergreise, die aus dem Exil zurückkehren durften und weiter nichts wollen als in Frieden leben, und ein paar aus der Versenkung aufgetauchte Pfaffen die öffentliche Sicherheit bedrohen können? Dieser paar Hampelmänner wegen – das Vaterland in Gefahr? Das glauben Sie doch selber nicht! Nein – alle Gefahr kommt einzig von den Septembrisierern, für Sie so gut wie für mich. Ja, auch Sie alle werden von denen mit tödlichem Haß verfolgt. Für Verräter gehalten und zuletzt für – Royalisten. Da müßt' ich Sie ja alle miteinander ebenfalls nach Sinnamari oder Madagaskar schicken ... nein, also ich lass' mir nicht länger mehr was weismachen und ich kenne die Alleinschuldigen ganz genau!« Da gestattete sich Fouché ein solch protestierendes Achselzucken, daß Bonaparte unwillkürlich innehielt. Er fixierte den Polizeiminister sehr stark: Na nu rede du!... Aber Fouché blieb stumm, mit gesenktem Blick, entschlossen, mit der Wahrheit nicht gar so öffentlich herauszurücken. – Der Erste Konsul wandte sich zu den übrigen: »Ich verlasse mich also auf Sie, Bürger, bei den Maßnahmen, die nun zu treffen sind. Erwarten Sie mich im Staatsrat; ich komm' im Augenblick nach ...« Die Herren gingen. Nun trat Bonaparte an Fouché heran, der immer noch seine geheimnisvolle Miene aufhatte: »Was sollte Ihr Achselzucken vorhin bedeuten, Bürger-Minister?« »Ich wollte Sie davor bewahren, General, daß Sie sich in Versprechungen einließen, die Sie hinterher hätten unmöglich halten können.« »Wieso?« »Weil all Ihre diesbezüglichen Vermutungen durch die Tatsache widerlegt worden wären.« »Sie kennen also die Urheber des Attentats?« »Ich kenne den Haupttäter. Die Mitschuldigen werd' ich schon auch noch herausbekommen.« »Und wer ist der Elende?« »Herr de Saint-Régeant.« »Der Freund von Georges und Hyde de Neuville?« »Derselbe.« Da sah Bonaparte den jungen starken Vendéer leibhaftig wieder vor sich und hörte ihn von Frankreichs Zukunft und den Rechten des Königtums sprechen. Hörte wieder den heißen stürmischen Ton ... Wahrhaftig ein Soldat, wie er ihn sich nur an der Spitze eins seiner Regimenter wünschen konnte ... Und ein solcher Mann hatte in kläglichem Parteiinteresse Tod und Sterben um sich gesät ... Wahnsinnig – für ein Nichts! Soweit also konnte politische Verblendung einen solch gescheiten und tapfern Jungen treiben: bis zur Brutalität und Feigheit eines wilden Tieres! »Haben Sie ihn?« Scharf, schneidend fuhr das heraus. »Noch nicht. Aber das kann nur noch eine Frage von Stunden sein. Vor morgen jedenfalls halt' ich ihn sicher. Ich weiß, wo ich ihn suchen muß und wie ich ihn fasse.« »So. Und aber die Anstifter – Georges! Rivière! Polignac! und dann die Prinzen! – die wahrhaft Schuldigen, die sind fern vom Schuß – was? Denen geht's gut – wie? Die haben's vergnüglich – ja? Bis es mir eines schönen Tages zu bunt wird – und wenn ich ihn mir von über der Grenze drüben holen muß! – einer der Bourbonen muß her! muß her! und ich stell' ihn vor ein Kriegsgericht und lass' ihn während der Sitzung erschießen!« Und Bonaparte geriet in einen solchen Paroxysmus der Wut, daß er seinen Hut ergriff, der da auf einem Tisch lag, ihn auf die Erde schmiß und ihn mit fortgesetzten Fußtritten bis in eine Ecke seines Arbeitszimmers bearbeitete. Das sollte seinen rasenden Nerven gut tun. Im selben Augenblick kam Bourrienne mit dem Portefeuille des Ersten Konsuls herein. Sah den Hut, hob ihn auf, richtete ihn mit ein paar Klapsen zurecht und meldete: »General – der Staatsrat ist versammelt und erwartet Sie.« »Also, Bürger Fouché –« das sprach Bonaparte schon wieder ganz ruhig, »machen Sie! verlieren Sie keine Zeit und halten Sie mich jederzeit auf dem laufenden! Ich wüßte nichts, das im Augenblick für mich wichtiger wäre, als dies ...« Und nahm seine Schnupftabaksdose von seinem Schreibtisch, entließ Fouché mit einem Neigen des Kopfes und ging mit seinem Sekretär zusammen hinaus. In der »Blauen Mütze« verging der Tag, der mit der glücklichen Flucht Saint-Régeants so verheißungsvoll eingesetzt hatte, genau wie jeder andere; nur vermochte das Gewohnte die von tausend Ängsten gemarterten Leutchen heute bei weitem nicht auszufüllen. Lerebourg getraute sich seiner Frau gegenüber nicht einmal den Namen Victor Leclerc mit einer Silbe zu erwähnen: das schien ihm schon viel zu gefährlich, und überhaupt war ihm selbst die Luft hier in seinem Hause verdächtig, gerade als ob der Verschwörer einen Geruch von Blut und Pulverdampf zurückgelassen hätte. In einem jeden Kunden, der kam, vermutete er einen Spion; und zu Mittag hatten weder er noch seine Frau auch nur einen Bissen hinunterwürgen können. Gegen zwei Uhr nachmittag ging Lerebourg aus; aber nicht in Geschäften etwa, wie er sonst täglich zu tun Pflegte, sondern nur um irgendwie herumzuhorchen. Im Café Lamblin traf er mehrere Bekannte – alle natürlich höchst entrüstet über das Attentat, und insonders der Tod des kleinen Töchterchens des Kesselschmieds in jenem Kellerladen erregte die Gemüter. »Sollte man so etwas denn glauben? Läßt der Unmensch sein Pferd von diesem kleinen Kind halten, wo er doch genau wußte, daß es mit in Stücke zerrissen würde! Es ist nicht zu sagen! Gevierteilt sollte der Kerl werden, und es ist wahrhaftig nur zu bedauern, daß diese Art Strafe abgeschafft worden ist!...« Dabei hatte das Erbarmen Saint-Régeants mit diesem kleinen Mädchen Bonaparte schlechtweg das Leben gerettet. Und Lerebourg hatte es aus Victor Leclercs eigenem Munde gehört, wie sehr er den Tod dieses Kindes beklage; ja, Leclerc hatte schier geweint, als er davon sprach. So hörte Lerebourg den Verwünschungen seiner Freunde nur mit recht geteilten Gefühlen zu, »Es heißt, daß Bonaparte die ewigen Verschwörungen der Terroristen nun endlich gründlich satt habe. Er will einen zweiten Fructidor statuieren und mit diesen Bluthunden nun einmal gewaltig aufräumen,« »Andere sagen wieder, die Chouans wollten die Regierung stürzen und die Monarchie wieder herstellen. Ganze Pariser Regimenter sollten schon dafür gewonnen gewesen sein ...« »Das ist sicher, daß wenn der Erste Konsul wirklich dabei umgekommen wäre ...« »Ja, wer wohl hätte da schnell die Zügel der Regierung übernehmen können?« »Sein Bruder Joseph sicher nicht!« »Lucien schon eher. Der hat sich am 18. Brumaire sehr ausgezeichnet.« »Sagt mir, was ihr wollt: was wären sie alle miteinander ohne Bonaparte gewesen?« »Nein, ohne Bonaparte würde eben wieder die reine Anarchie ... oder aber die Bourbonen ...« »Na, und was wäre dann? Das gäb' eine haarige Rechnerei wegen der Nationalgüter mit den Emigrierten. Da sag' ich nur das eine: Gott erhalt' uns Bonaparte. Und man soll ihn überhaupt jetzt bald zum Konsul auf Lebenszeit ernennen, damit wir endlich einmal unsere Ruh' haben!« »Hat denn die Polizei schon irgendwelche Spur von den Tätern?« »Dubois hat seine besten Spürhunde nach allen Richtungen ausgeschickt.« »Und Fouché?« »Bei dem kennt man sich niemals aus ... Der Erste Konsul und er sind etwas überkreuz miteinander. Das ist 'n gar Heimlicher ...« »Paßt auf – und mit einem Male überrascht der uns alle mit der vollendeten Tatsache! Er ist ja doch der geschickteste – und ich hab's immer gesagt!« – Währenddem hatte es Frau Lerebourg ebenfalls nicht mehr im Geschäft gelitten. Sie fieberte schier, und ihr verstörtes Wesen begann nachgerade aufzufallen. So schloß sie sich oben in ihrem Zimmer ein, um sich in ihrer Niedergeschlagenheit und ihrem Schmerz völlig gehen lassen zu können; lag nun schon eine Stunde auf ihrem Sofa und bemühte sich, an überhaupt nichts mehr zu denken; da klopfte es leise und das Mädchen kam herein. »Jemand möchte Madame geschäftlich sprechen.« »Er soll sich an eine der Mamsells wenden.« »Er möchte aber ausdrücklich Madame selber sprechen.« Emilie fuhr mit einem Male rasend auf: »Wer?« »Ein junger Mann. Elegant. Sehr nett ...« »Gut. Führen Sie ihn ins Privatkontor vom Herrn ...« Sie steckte schnell ihr Haarband auf, das sich gelockert hatte, und ging voller Angst ins Zimmer nebenan, wo der Sekretär Villiers sie bereits erwartete. »Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Bürgerin,« sprach der mit vollendeter Höflichkeit und sah auch sonst ganz harmlos aus, »wenn ich so eigensinnig war und nur Sie selber sprechen wollte ... Ich komme im Auftrag des Bürgers Fouché – und Sie möchten die große Liebenswürdigkeit haben, zu ihm zu kommen ...« »Zum Polizeiminister?« Das klang wie ein unterdrückter Schrei. »Aber nein, Bürgerin,« verbesserte Villiers sie lächelnd, »nicht zum Polizeiminister, sondern einzig zum Bürger Fouché ... Ich komme nicht groß amtlich, sondern einfach privat... Ich glaube, es ist etwas Geschäftliches ... Aber das wird Ihnen der Bürger Fouché ja am besten selber sagen können ...« »Muß ich sofort hin?« »Wenn ich bitten darf ...« »Mein Mann ist nicht da. Ich bin allein im Geschäft...« »Sie sind in einer kleinen Stunde sicher wieder zurück. Mein Wagen wartet vor der Tür ...« »Ich muß also ... ›,mit‹, Ihnen?« »Nur zu Ihrer größern Bequemlichkeit. Damit's um so schneller geht.« »Kann ich ein Wort an meinen Gatten zurücklassen?« »Warum das? Sie sind sicher vor ihm wieder zurück.« »Nun, Bürger, sagen Sie's doch lieber gleich ... ich bin verhaftet!« »Aber wieso? Haben Sie ein so schlechtes Gewissen?« Emilie begriff, sie war einfach verloren, wenn sie in ihrer Bestürzung länger so weiter redete. Sie tat schon richtig verzweifelt, war kreideweiß übers ganze Gesicht, und ihre Augen waren ihr entsetzt zurückgetreten und lagen ganz schwarz ... »Aber ich muß doch Mantel und Hut haben ...« »Rufen Sie doch einfach Ihr Mädchen ...« Ihr war schon alles gleich. Sie klingelte und sagte dann noch: »Wenn mein Mann vor mir zurückkommen sollte ... ich bin nur auf einen Augenblick fortgegangen ...« Da aber richtete sie sich auf und gewann ihre Fassung wieder. Sie dachte an Saint-Régeant, den sie retten mußte, an ihren Gatten, den sie um jeden Preis verteidigen mußte, und an sich selber. Sie wandte sich nach Villiers um und sprach ganz gefestigt: »Also gehen wir. Aber wir wollen nicht erst durch den Laden ... wozu auch? Wir gehen besser die Wohnungstreppe hinunter.« Die gleiche Treppe, die heute morgen noch Saint-Régeant hinabgegangen war ... Heute morgen noch. Vor Stunden kaum. Und schon war Fouché vielleicht im Besitz des ganzen schrecklichen Geheimnisses! – In der Tat liefen bei der Polizei beinah fortgesetzt neue und eminent wichtige Nachrichten ein. So hatte in einer Weinstampe bei Vaugirard draußen ein als Bürger verkleideter Agent bei einer Tasse Kaffee gehört, wie ein Gemüsegärtner zu einem Kameraden bei einer Flasche Wein sagte: »Ja also, ich mein', ich weiß genau, woher der Schimmel und die Karre in der Rue Saint-Nicaise waren!« »Ach nee!« »Doch! Wenn nämlich der Schinder an der linken Vorderhaxe eine Hufspalte und drinnen eine Wucherung und über der Fessel eine Durchfäule hatte, dann ist es der, den ich meine!« Nun war dieser Agent just einer von den Leuten, der bei der Untersuchung der Wagentrümmer und der beiden Schimmelvorderhaxen dabei gewesen war, und Aufspalte samt Wucherung stimmten ganz genau, wenn er auch auf die Durchfäule über der Fessel nicht hatte schwören können. Aber das genügte ja auch schon reichlich, und kaum daß der Gemüsegartner das Weinbeisel verließ, kaufte sich der Agent den Mann, setzte ihn in eine Droschke und fuhr ihn nach dem Polizeiministerium, Mit ein paar Drohungen und ein paar Grobheiten hatte ein Kommissär sodann bald alles aus dem Kerl heraus – und das war wahrhaftig nicht wenig. Ein gewisser François, Pförtner vom Kloster zur Heimsuchung, hatte von einem gewissen Stellmacher Poliveau eine alte Karre und einen elenden Schimmel für hundert Franken gekauft – unter der Bedingung, daß er das Fuhrwerk von dem Tage an jederzeit abholen lassen könnte. Was denn auch gestern nachmittag geschehen war, und der Stellmacher hatte noch eine solche Freude gehabt, daß er den Krempel so glänzend losgeschlagen hätte ... Nun wurde sofort ein Agent nach Vaugirard geschickt, um den Stellmacher zu verhaften, und ein zweiter nach dem Kloster zur Heimsuchung, um den Pförtner François festzunehmen. – Fouché konnte also wirklich von Glück sagen. Die Sache machte sich vom ersten Augenblick an über die Maßen glänzend. Die fürchterlichen Polizeikrallen waren bereits ausgereckt und konnten im nächsten Augenblick vielleicht schon sicher zuhacken. Da kam nun eben auch noch Villiers herein, der die Bürgerin Lerebourg glücklich herbeigeschafft und vorläufig in seinem eigenen Zimmer eingeschlossen hatte – und Fouché war schon ganz geiersatte Befriedigung – im voraus. 14. Kapitel Bitte, näherzutreten, Bürgerin,« sprach der junge Villiers zu Emilie und öffnete die Tür zum Arbeitszimmer Fouchés. »Der Minister erwartet Sie bereits ... Und dann: zittern Sie doch nicht so ... Sie sehen ja richtig kriminal aus!« Madame Lerebourg sah den Sekretär lauernd an; aber der lächelte und spielte den Liebenswürdigen, genau so wie er's auf der ganzen Fahrt her im Wagen getan hatte. Sie schöpfte neue Hoffnung, nahm ihre Gedanken zusammen und trat ein. An einem großen über und über mit Papieren bedeckten Schreibtisch saß Fouché, studierte eifrig in einem Aktenbündel und fragte, ohne den Kopf zu erheben: »Bürgerin Lerebourg?« »Jawohl, Bürger-Minister,« antwortete Villiers. »Gut. Nehmen Sie, bitte, Platz, Bürgerin. Ein Augenblickchen noch, dann steh' ich ganz zu Ihrer Verfügung...« Villiers trat ab. Emilie setzte sich in einen Armstuhl, derart, daß sie halb dem fürchterlichen Manne zugewandt war, von dem das Schicksal Saint-Régeants abhing, und betrachtete ihn verstohlen. Dieser viereckige Schädel, dies gelbe Gesicht, die zerwüstete Stirn, und vor allem die finstern brauenlosen und geröteten Augen machten ihr Angst. Dabei mußte sie unwillkürlich denken: Das Gesicht dieses Mannes – der wahre Spiegel seines Lebens. Soviel Häßlichkeit will ebensoviel Blut. Soviel Krüppeligkeit will sich an der ganzen Menschheit rächen. Der will bis zu seinem letzten Atemzug noch das Böse – rein zu seiner Lust. Der setzt seinen höchsten Stolz in höchste Grausamkeit. Ein Ungeheuer ... eine Bestie ... Im selben Augenblick richtete das Ungeheuer und die Bestie die Totenaugen, die ohne jeden lebendigen Blick waren, auf die junge Frau: »Madame Lerebourg – wo ist Herr de Saint-Régeant?« Diese Frage, im ruhigsten Ton von der Welt vorgebracht, hatte etwas Ungeheuerliches. Emilie fühlte es wie eine einzige rasende Flamme von den Fußfohlen bis in die Haarwurzeln hinauf. Sie zitterte, die Augen flackerten ihr, gleichwohl tat sie völlig unerschrocken und hatte eine solche Gewalt, daß man ihrer Stimme nicht den leisesten Schrecken anmerkte: »Aber, Bürger-Minister, ich weiß wirklich nicht, wen Sie meinen.« »Ich meine Herrn de Saint-Régeant, der unter dem Namen Victor Leclerc bei Ihnen aus und ein ging und sogar für Ihr Haus gereist ist.« »Victor Leclerc kenn' ich wohl. Er war letzthin auch tatsächlich im Auftrag meines Gatten in Lyon. Aber einen Herrn de Saint-Régeant kenne ich nicht.« Fouché grinste leicht und nickte mit dem Kopf: »Madame Lerebourg. Wenn aber Victor Leclerc und Saint-Régeant nun ein und dieselbe Person ist?« »Wenn Sie mir das sagen, Bürger-Minister, dann muß ich es wohl glauben. Mir allerdings war bis jetzt davon nicht das geringste bekannt.« »Gut. Dann sind wir uns ja klar. Sie kennen Victor Leclerc ...« »Erlauben Sie. Haben Sie mich einzig hieherkommen lassen, um mich über die Verhältnisse eines Reisenden unseres Hauses auszufragen?« schnitt ihm Emilie kurz die Rede ab. »Ihr Bote sagte mir doch ...« »Mein Bote hatte den ausdrücklichen Befehl, jedes Aufsehen und jeden Skandal zu vermeiden, was Ihnen irgendwie hätte schaden können ... Seien Sie überzeugt, Madame, daß ich es Ihnen gegenüber an keiner – aber auch an keiner irgendwie wünschenswerten Rücksichtnahme habe fehlen lassen ... Und seien Sie ebensosehr überzeugt, daß, wenn Sie mir die Aufschlüsse nicht vorenthalten, die ich von Ihnen zu erwarten berechtigt bin, Sie meines absoluten Wohlwollens in jeder Art und Weise sicher sein können ... Ich gestehe Ihnen das alles unumwunden und ausführlich, um Ihnen eine jede Unannehmlichkeit zu ersparen ... Ich will von Ihnen nur die eine einzige Auskunft: Wo hält sich in diesem Augenblick Victor Leclerc auf ... wohlverstanden: Victor Leclerc, da Ihnen, wie Sie selber sagten, nur ein gewisser Victor Leclerc bekannt ist ... Beantworten Sie mir diese eine Frage zu meiner Zufriedenheit, so ist Ihnen alles Weitere geschenkt, und ich rufe meinen Sekretär, und Sie nehmen seinen Arm, wenn's Ihnen beliebt, und sind binnen einer Viertelstunde wieder bei Ihnen zu Hause. Als ob nichts geschehen wäre! Und was auch später geschehen möge – verstehen Sie mich recht! – wird nicht mit einer Silbe irgendwie von Ihnen die Rede sein! Ich weiß von Ihnen absolut nichts! Sie sind überhaupt niemals bei mir gewesen! Vergeben und vergessen – verstehen Sie mich? – alles und jedes, was jemals zwischen uns gewesen ist! ...« Und das alles sprach er im einförmigsten Ton der Welt. Ohne ein einziges Mal seine Stimme zu erheben oder ein Wort, mehr als nötig, zu unterstreichen. Und kein Laut verriet, daß er sie irgendwie in die Enge treiben wollte. Das war die Sanftmut selber, und dennoch war diese Glätte hinter den Worten von einer solch fürchterlichen Deutlichkeit, daß Emilie nicht halb so sehr verstört gewesen wäre, und wenn er sie gleich angebrüllt und ihr geradeaus die Pistole auf die Brust gesetzt hätte. Emilie schwindelte, als ob sie sich nur mit verzweifeltster Mühe am Rand eines Abgrundes zurückhielte, dessen Tiefe sie mit sehenden Augen maß. Aber sie war tapfer und stark, was es sie auch kostete, und sie wurde weder verwirrt, noch ohnmächtig. Sie hielt ihre Sinne wie ihre Nerven einfach wunderbar zusammen und parierte: »Bürger-Minister, ich bin beim besten Willen nicht in der Lage, Ihnen die gewünschte Aufklärung zu geben. Ich weiß auch gar nicht, welche Ursache Sie haben mögen, daß Sie sich ausgerechnet an mich wenden. Ich bin eine einfache Frau, kenne nichts als mein bißchen Geschäft und kümmere mich wahrhaftig um nichts anderes. Ich bin also wohl am allerwenigsten geeignet, der Polizei mit Auskünften zu dienen.« »Das heißt, Sie möchten gerne wissen, um was es sich in diesem Fall eigentlich handelt und wie gerade Sie dazukommen sollten ... nicht wahr? Nun gut – ich will es Ihnen sagen. Vor allen Dingen aber lassen Sie mich erklären, was denn diesen Victor Leclerc so sehr belastet. Nun, er wird beschuldigt, gestern abend mit noch ein paar andern zusammen vermittels einer Höllenmaschine den Ersten Konsul zu ermorden versucht zu haben.« »Er? Aber das ist ja Wahnsinn! Der ordentliche, solide, nette, friedliche Mensch! Der keinem Kind was zuleide tun kann!« »Das mag alles auf Victor Leclerc passen. Aber Saint-Régeant hat zwanzig Personen getötet, fünfzig verwundet, und er, der keinem Kind was zuleide tun kann, ist schuld, daß ein kleines Mädchen in Atome zerrissen wurde, weil er es während der Explosion das Pferd halten ließ. Das – Ihr Ausbund von Güte, Madame! Oder besser noch – denn was sollen wir hier lange Versteck spielen? – unter dem Namen Victor Leclerc oder unter dem Namen Saint-Régeant – denn das ist doch gehüpft wie gesprungen – Ihr Liebhaber!« »Mein lieber Herr!« wehrte Emilie beißend ab, »Wenn Sie glauben, daß Sie mich mit derartigen Mitteln einschüchtern können, dann sind Sie aber bedeutend auf dem Holzweg. Victor Leclerc steht in Geschäftsverbindung mit meinem Mann ... ich selber hab' ihn fünf- oder sechsmal gesehen ... na, und was das andere betrifft, mein Liebhaber ist er schon ganz und gar nicht!« »Was haben Sie dann in der Rue du Dragon zu suchen gehabt?« gab Fouché höchst ironisch zurück und grinste. »War das etwa auch nur in Geschäften Ihres Gatten, daß Sie sich mit Victor Leclerc in dem Haus trafen, wo er sich versteckt hielt?« Wie Fouché so streifend nah an aller Wahrheit war, erzitterte Emilie wieder. Wie denn! er kannte sogar das Haus in der Rue du Dragon, ja er wußte selbst um ihre Besuche dort? Er hatte nur noch die Hand auszustrecken, da hielt er den armen Kerl auch schon! Aber vielleicht mutmaßte er doch bloß ... sonst würde er doch längst nicht mehr so fragen! Er war gewißlich noch nicht überzeugt ... so wollte sie es ihm denn geben: »Ich war zweimal bei meiner Modistin dort. Das erstemal hab' ich mir einen Hut gekauft, das zweitemal hab' ich ihn zum Abändern nochmal hingetragen. Er ist bei mir zu Hause in meinem Schrank ... wenn Sie sich vielleicht persönlich davon überzeugen wollen – bitte!« »Na also! nun weiß ich wenigstens, daß sich Victor Leclerc bei einer Modistin aufhält. So kommen wir der Sache hübsch immer noch näher –« Madame Lerebourg zuckte ärgerlich mit der Achsel und sah Fouché schier böse an: . »So, und jetzt antworte ich Ihnen überhaupt nicht mehr. Ich werde mir von Ihnen doch nicht jedes Wort im Munde umdrehen lassen!« »Wie Sie wünschen, Madame,« versetzte Fouché eiskalt. »Ich habe sowieso nicht viel Zeit zu verlieren und werde Sie also jetzt nach Ihrer Wohnung zurückbegleiten lassen ... Zu gleicher Zeit aber zitier' ich mir an Ihrer Statt Ihren Herrn Gemahl herbei –« Emilie sprang auf, und das kam nahezu in einem drohenden Ton heraus: »Sie wagen es – ?« »Ich? Oh! ich wage immerzu! ... Nebenbei denk' ich, daß der Bürger Lerebourg lange nicht so störrisch wie Sie sein wird ... Eh' der sich in einer so ungeheuerlichen Sache direkt zum Mitschuldigen stempeln läßt, wird sich sein Patriotismus auf seine Pflicht besinnen und mir alle nur möglichen Aufschlüsse geben ... Übrigens, was der für Augen machen wird, wenn er von der Doppelrolle Victor Leclerc – Saint-Régeant erfährt, und daß Sie auch noch nach der Rue du Dragon gegangen sind ... wenn ihm da nicht ein schmerzlichster Verdacht aufkommt –« »Oh! das ist infam!« schrie Emilie. Sie war außer sich. Da aber erhob sich Fouché, ging gerade auf Madame Lerebourg zu, sah sie aus seinen roten Augen mit völlig erloschenem Blick an und drohte dazu mit dem einen Zeigefinger: »Na, nun aber Schluß! Nachdem alle Überredung nichts genützt hat und trotzdem ich es wahrhaft gut mit Ihnen meinte ... nun hab' ich's endlich satt! Wenn Sie mir binnen fünf Minuten den Aufenthalt Saint-Régeants nicht preisgeben, hab' ich ein Plätzchen für Sie – in den Madelonnettes – und Ihren Gatten lass' ich ebenfalls arretieren! Ich lass' nun nicht länger mit mir spielen!« »Ich weiß von nichts.« »Sie lügen – denn Sie wissen alles! Und wenn Sie elendes Weibsstück nicht sofort gestehen, schick' ich Sie und Ihre ganze Gesellschaft aufs Schafott, verstanden?« »Meinetwegen. Töten Sie mich ... aber zum Reden bringen Sie mich nicht!« »Also, dann schick' ich jetzt nach Ihrem Mann und erzähl' ihm und beweise ihm hier vor Ihnen, daß Sie die Geliebte Leclercs sind! So wie der von Ihrer ehelichen Treue erbaut sein wird, genau so wird er dann reden! Der wird mir Leclerc mit tausend Freuden verraten – und all seine Spießgesellen dazu! Nur ... Sie kann er dann damit auch nicht mehr retten! Dann ist's ein für allemal zu spät!« Und er ging zum Klingelzug hin: »Soll ich also Ihren Mann holen lassen?« Da schrie Emilie, wahnsinnig vor Schmerz: »Nein!!« »Sie wollen also endlich vernünftig sein?« »N– nein!!« »Sie haben die Wahl. Das eine oder 's andere. Entweder liefern Sie mir Saint-Régeant aus – oder ich ruf' Ihren Gatten herbei, und wir sprechen unter seinen Augen weiter.« »Sie Ungeheuer! Sie Elender!« »Meinetwegen auch das. Beleidigen Sie mich ruhig. Ich bin absolut nicht empfindlich. Nur ... reden Sie endlich. Gestehen Sie.« Sie renkte sich schier die Arme aus, in einer solch entsetzlichen Lage befand sie sich; und die hellen Tränen kugelten ihr die Backen herunter. »Weinen beruhigt,« sprach Fouché. »Aber eine Minute zum Ausweinen genügt. Wo ist Saint-Régeant?« »Was fragen Sie mich, wenn Sie's ja doch wissen?« »Das ist wunderbar jesuitisch bei den Frauen, daß sie eine Frage nur wieder mit einer Frage beantworten. Er ist also noch in der Rue du Dragon? Und glaubt sich da vollständig sicher? Zweifellos ist er da in einem prächtigen Versteck. Wie gelangt man dahin?« »Gott! Sie haben doch Ihre Spürnasen, Ihre Gendarmen – und Sie selber – !« Emilie schrie's voller Zorn. »So holen Sie sich 'n doch!« »Gewiß! Es ist mir eine Leichtigkeit, das ganze Haus auf den Kopf zu stellen, ich kann's sogar vollständig demolieren, wenn's sein muß. Es paßt mir aber bloß nicht, und ich möchte jede Gewalt und auch jeden Lärm gern vermeiden. Sehen Sie einmal an: Saint-Régeant ist in seinem Schlupfwinkel sicher nicht ohne Waffe. Der hat wohl immer so 'n paar Pistolen bei der Hand, Und so könnt' er auf den Gedanken kommen, sie zu gebrauchen. Gegen die Agenten, meinen Sie? Das schad't fast gar nichts. Die sind doch dazu da ... Nein, sondern – was höchst bedauerlich wäre – er könnt' sie gegen sich selber richten. Und, sowie er an den Mauern tasten hört und eine Wand oder eine Tür einschlagen, sich eben selber eine Kugel in den Kopf jagen. Und wir fänden dann nur noch eine Leiche... und das gerade möchte ich nicht!« Er hatte seine Worte absichtlich so gesetzt und dabei keinen Blick von Emiliens Gesicht gelassen. Der jungen Frau sollte sich bei seiner eindringlichen Schilderung das Herz im Leibe umkehren. Sie verging denn auch schier vor Schmerz bei dem Gedanken, wie man Saint-Régeant im Bischofswinkel, in der Rue du Dragon nur noch als Leiche aufheben würde, und Fouché glaubte ihren starken und gewandten Geist nun doch endlich gebrochen und gebändigt zu haben und benützte die völlige Niedergeschlagenheit Emiliens sogleich: »Wenn Sie gerecht sein wollen, müssen Sie mir übrigens zugeben, daß ich im wahrsten Sinn des Wortes schonend mit diesem Kapitalverbrecher umgehe ...« »Einzig in Ihrem Interesse, Sie Henkerskerl, und nicht im seinigen!« schrie sie. »Sie haben gegenwärtig nur die eine Angst, daß er Ihnen entwischt – und ach! er selber kann Ihnen leider bloß noch durch den Tod entgehen, so völlig halten Sie das Geheimnis bereits in Händen! Aber der Himmel ist mein Zeuge, daß ich eher mein Leben opfere, als daß ich ihn verrate! Wer ist denn übrigens der Feigling und verräterische Schurke, von dem Sie das alles haben?« »Ein Mann, der aus dem Bewußtsein seiner Pflicht sein Leben dafür hingegeben hat – mit einem Wort: ein Held für mich!« »Einer Ihrer Agenten?« »Ja. Gleichfalls ein Opfer Saint-Régeants. Nur daß er sterbend gerade noch soviel Zeit hatte, es uns zu sagen.« »Oh! Ich fühle wohl, ich bin wie in einem Netz von lauter Polizei. Und mit jeder Bewegung zieh' ich die Maschen selber nur noch fester zu. Ich bin Ihnen gründlich in die Falle gegangen ... O Gott, o Gott, die Angst und die Schande! Der allgemeinen Neugier, dem öffentlichen Haß ausgesetzt! Und unverdient – ganz unverdient! Nein, nein – dann lieber schon sterben!« Ein neuer Tränenschauer, und sie hob die Arme und flehte: »Gnade! Haben Sie Mitleid mit uns! Haben Sie Mitleid mit ihm!« »Na – nu, beruhigen Sie sich doch! Ich habe Ihnen doch gesagt: Sie haben nicht das geringste zu befürchten. Sie haben mein Ehrenwort – und ich werde es halten. Auf Sie soll nicht der Schatten eines Verdachts fallen. Und Sie werden den Elenden vergessen, der auch Ihr Leben mit aufs Spiel setzte ...« »O, nein – nie! Nachdem ich ihn doch verraten habe!« »Verraten? Aber Sie haben ihn ja gar nicht verraten und sollen es nicht! Sie wissen doch ganz genau, daß ich ihn längst festhalte. Was ich von Ihnen will, ist einzig das, wie ich zu ihm gelangen kann, ohne daß er irgendeine verzweifelte Tat begeht und sich selber was antut. Wenn Sie mir nicht sagen, wie in diesen Schlupfwinkel hineinzukommen ist, beladen Sie Ihr eigenes Gewissen mit seinem sichern Tod ...« Sie schauderte. »So fragen Sie ... bitte ... Fräulein Grandeau.« »Nein! Denn die schreit auf, und damit ist er erst recht gewarnt ... Auf die kann ich mich in keinem Betracht verlassen ... Nun also ... er ist in der Wohnung – wie? In einem Wandschrank – nein? Über einer geheimen Treppe – nein? In der Küche? Ja?? ... Nun also – 's is' gut! ... Sie können verlangen von mir, was Sie wollen ...« »Nein!« schrie sie mit Schaudern auf. »Nichts! Nichts! Keinen Blutslohn! O! mein Gott! ich will ja gar nichts!« »Beruhigen Sie sich doch« – fing der Folterer wieder an. »Ein letztes Wort noch – eine Silbe! Wir sind sogleich fertig! Wie kommt man zu dem Schlupfwinkel hinein? ... Denken Sie doch nur daran, daß es um sein Leben ist – sein Leben!« Emilie sank in die Knie, lehnte die Stirn gegen den Stuhl – sie war bereits halb ohnmächtig. Fouché aber beugte sich über sie, faszinierte sie mit seinem starren Blick und bedrängte sie aufs letzte im Schmeichelton: »Durch den Küchenschrank – ja? Da ist eine Feder – wie? – und man drückt darauf?« Ein Wimmern ... und es drückte ihr fast das Herz ab: »Überm dritten Brett – rechts.« Fouché richtete sich auf: »Endlich! ... Das hat Worte genug gekostet, um Ihnen das bißchen Geheimnis herauszuziehen! Aber nun hab' ich's! Ruhen Sie sich etwas!« Anders hätte ein Bader bei einem blutigen Zahnreißen auch nicht sprechen können! – Aber nun wollte er die arme Kreatur, die ihm nichts mehr nützen konnte und ohnehin nur noch aus Fetzen bestand, die unter seinen Krallen geblieben waren, so schnell wie möglich hinaushaben: »Nun, Madame, müssen Sie aber wohl nach Hause ... es ist ja auch alles vorüber und ich kann Ihnen nur noch einmal sagen: Sie haben nichts zu befürchten. Vergessen Sie die Stunde so bald wie möglich wie einen bösen Traum, und seien Sie höchstens froh, daß Sie so leicht aus der Sache davongekommen sind.« »So feige – ja! Durch lauter Feigheit!« sprach sie düster. »Man ist niemals feige, wenn man sich zum Wohl eines andern opfert. Und das haben Sie soeben getan. Sie haben verhindert, daß Ihr Mann in eine Affäre hineingezogen worden ist, deren Folgen einfach nicht abzusehen gewesen wären ... höchstwahrscheinlich aber wäre er den Weg zum Schafott gegangen ...« »Ich habe Saint-Régeant verraten und verkauft –« »– um Ihren Gatten zu retten – ja! Im übrigen bedanken Sie sich bei Saint-Régeant ... Ehe ich Sie jetzt gehen lasse, möchte ich Ihnen dieses eine noch sehr ans Herz legen: Erzählen Sie niemals einem Menschen, was zwischen uns beiden hier gewesen ist, auch Ihrem Gatten nicht, hören Sie? Niemals und zu keiner Seele ein Sterbenswörtchen von diesem ganzen Fall Saint-Régeant, wenn Sie klug sind! Sie gehen völlig straffrei aus – nur begeben Sie sich nicht noch einmal in die Gefahr: ein zweites Mal würde ich Ihnen wohl kaum mehr helfen können ...« Er läutete. Villiers kam herein. »Bürger Villiers, führen Sie die Bürgerin Lerebourg nach dem Wagen, mit dem sie hergefahren ist, und begleiten Sie sie bis zurück vor ihr Haus. Außer die Bürgerin will schon vorher aussteigen, dann lassen Sie sie ruhig. Sie ist frei und kann machen, was sie will.« Er näherte sich Emilie, die rein wie stumpfsinnig dasaß, tippte ihr leise auf die Schulter und sprach leise: »Sie müssen gehen. Nehmen Sie sich zusammen, damit Ihnen keiner am Gesicht was anmerkt. Sie verraten sonst alles ... Und nun adieu, Madame, und vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Schuldner bin und Ihnen jederzeit, falls ich Ihnen irgendwie nützlich sein kann, gerne zur Verfügung stehe ...« »Mein Schuldner!« wiederholte Emilie und warf Fouché einen fürchterlichen Blick zu. »Das werd' ich Ihnen freilich nie vergessen können, daß Sie mir zu Dank verpflichtet sind! Denn das ist es ja, das mich richtet und verdammt! O, ich weiß, was ich getan habe, und wozu Sie mich zwangen.« Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, stieß einen qualvollen Seufzer aus, bemerkte den Sekretär, der auf sie wartete, und ging an dem vorüber und zur Tür hinaus. Wenn sie sich aber beim Hinausgehen noch einmal etwa umgedreht hatte, dann hätte sie Fouché sehen können, wie der sich hohnlachend die Hände rieb. Jetzt war er gewiß, daß er sein Mütchen an Bonaparte kühlen konnte. Und all die Unverschämten, die ihn sogleich wie einen Pestkranken gemieden hatten, als ihn sein Herr und Gebieter so wütend herunterkanzelte, würden nun zu ihm kommen und ihm ihr Kompliment machen müssen. Und gar der Ochse Dubois, der immer nur hinter den Jakobinern her war – der sollte erst Augen machen! Der einzige, der Sinn in das Imbroglio der Konspirationen und Licht ins Dunkel des Attentats zu bringen verstanden hatte – wer war das wieder einmal gewesen – na? – na? – der Herr Polizeiminister natürlich! – der Herr Fouché höchstselbst! Und er rieb sich immer wieder die Hände vor Vergnügen und seine violetten Lippen verzogen sich zu einem lautlosen Lachen; er trippelte mit ganz kleinen Schlitten in seinem Arbeitszimmer auf und ab und hielt den Kopf dabei so gesenkt, als ob die wichtige Entschließung, die er fassen wollte, wo auf dem Teppich zu finden wäre; dann aber zog er den Klingelzug und sprach zum eintretenden Diener: »Bitten Sie den Bürger Foudras, er möchte sogleich hieher zu mir kommen.« Der Polizeikommissär Foudras war ein unbedingt zuverlässiger Mann und der Vertraute Fouchés. Ein tollkühner Kerl, der die schwierigsten Sachen ausrichtete. Derselbe, der auch den bis an die Zähne bewaffneten Ceracchi durch eine raffiniert ausgeheckte Überrumplung verhaftet hatte. Ein Kerl von ebensoviel Mut wie Stärke und dazu noch ungemein schlau und vom Glück geradezu verfolgt. Und darin war Fouché gerade wie Bonaparte: auch er liebte die Leute, die immer Glück hatten, und verwandte Foudras stets nur in den heikelsten Fällen. – Da klopfte es leise, und der Kommissär trat ein. Fünfunddreißig etwa; von mittlerer Größe; vierschrötig; sehnig; und braun wie ein Südfranzose. Und kam hereingeglitten, als ob er Samt unter den Sohlen hätte: »Sie haben mich rufen lassen, Bürger-Minister?« »Ja. Ich hätte eine Sache für Sie. Bequem gerade nicht. Es gehört schon etwas Fingerübung dazu.« Foudras lächelte. Daß eine solche Sache ihm anvertraut wurde, war ihm schon Lohn und Belobigung. »Es handelt sich darum, in der Rue du Dragon bei einem Fräulein Grandeau – Modistin – einen gewissen Saint-Régeant zu verhaften, der sich dort versteckt hält.« »Und das Fräulein Grandeau wird ihn auch nicht gerade gerne hergeben wollen?« »Im Gegenteil!« »Also fang' ich mir vor allem die und dann erst dring' ich in die Wohnung ein. Wo find' ich den Mann?« »In einem geheimen Schlupfwinkel, hinter der Küche, hinter dem Küchenschrank – überm dritten Brett rechts 'ne Feder ...« »Und er wird sich wehren wollen?« »Höchstwahrscheinlich.« »Und er weiß, warum er verhaftet wird?« »Der Rädelsführer bei einem Kapitalverbrechen.« »Wieviel Mann müßt' ich mitnehmen?« »So wenig wie möglich, um nicht aufzufallen, und nur soviel, um absolut sicher zu gehen.« »Dann sagen wir: drei. Und ich kann sie mir aussuchen?« »Sie haben völlig freie Hand.« »Alsdann, Bürger-Minister, wenn der Vogel wirklich im Nest ist, ist er innerhalb zwei Stunden im Käfig.« Fouché mußte lächeln zu soviel Untertaneneifer: »Sowie Sie ihn haben, melden Sie mir's.« Foudras grüßte und ging nach den Bureaus hinab, sah die Liste vom Dienst durch und suchte sich seine dreie aus: Pruvot, Sauvaitre und Barbade, alles handfeste Kerle, die er bei unzähligen Gelegenheiten schon auf Kraft wie Intelligenz erprobt hatte. Er ging mit ihnen zuerst in ein kleines Kaffeelokal, entwickelte ihnen bei einem Glas Bischof seinen Schlachtenplan und fuhr dann in einem Fiaker mit allen dreien nach der Rue du Dragon. Vor der Haustür von Nummer 35 fanden sie Soufflard, der, seit ihn Fouché hieher auf Posten geschickt hatte, nicht mehr vom Hauseingang gewichen war. Der Riese mußte unten an der Treppe Aufstellung nehmen, Barbade oben an der Treppe im ersten Stock; Foudras, mit Sauvaitre und Pruvot hinter sich, zog die Klingel. Die alte Magd öffnete, aber im nächsten Augenblick hatte sie auch schon ein Taschentuch als Knebel im Mund und Pruvot zerrte sie aus der Wohnungstür auf die Treppe heraus. Nun drangen Foudras und Sauvaitre in die Wohnung ein. Hinter einer Tür hörte man das laute lustige Geplapper der Mamsells von Fräulein Virginie Grandeau ... Foudras huschte auf Zehenspitzen den Korridor lang – sein Helfershelfer immer hinter ihm her – bis nach der Küche. Da überschaute er die Situation mit einem Blick: ein Herd, ein Ausguß, eine Anrichte, ein Schrank. Die Schranktür aufreißen, die Feder finden, die Mechanik in Bewegung setzen: alles das Werk eines einzigen Augenblicks – und der Eingang zum Bischofswinkel lag frei. Saint-Régeant, der wußte, daß Emilie heute sicher nicht käme, ebenso daß die alte Magd ihn erst zum Abendbrot rufen würde, wenn all die Mädchen Feierabend hätten, lag angezogen auf seinem Bett, als die Geheimtür ging. Er wandte den Kopf, sah Foudras, sprang auf, griff nach der doppelläufigen Pistole, die stets schußbereit auf Reichweite auf dem Tisch lag, und legte, ohne ein Wort zu sagen, auf den Kommissär an. »Ergeben Sie sich!« schrie Foudras ohne Furcht. »Sie sind der Herr de Saint-Régeant und ich habe zehn Mann hinter mir, um Sie zu verhaften.« Daß Saint-Régeant nicht gerade mit Papierkügelchen schoß, hatte der arme Braconneau bereits zur Genüge kosten müssen. Er behielt nun auch diesen Foudras ständig vor der Mündung und sprach: »Nur gut, daß Sie nicht allein sind, denn Ihnen, mein Lieber, geht's jetzt vor allen andern mal schlecht –« Er drückte ab – die Kammer voller Pulverdampf; wer aber getroffen war, war nicht Foudras, der sich im selben Augenblick platt auf die Erde geschmissen hatte, sondern der Agent Sauvaitre. Der tat nur noch einen Seufzer und fiel wie ein Sack auf seinen Chef – Saint-Régeant aber mit einem Sprung über beide hinweg und hinaus in den Korridor, wo die entsetzten Modistinnen kreischten und schrien. Draußen vor der Treppe: Pruvot, den er mit einem Faustschlag in die Kniebeuge hieb – und über die Treppe hinunter, so sehr ihn sein rechter Arm in der Schlinge auch schmerzte. Aber da war ja schon wieder einer: Barbade, der ohne Besinnen und gerade wie im Vorbeilaufen die zweite Kugel zu fressen bekam. Da – im Hausgang – noch wieder einer: Soufflard, auf den er mit erhobenem Pistolenkolben zustürzte ... Und wer weiß, Saint-Régeant wäre trotz seines Blutverlustes in seiner maßlos gesteigerten Kampfeswut vielleicht auch noch gegen diesen Riesenkerl aufgekommen, wenn der ihn nicht – Zufall oder Absicht? – just an dem so arg blessierten rechten Arm zu fassen gekriegt hätte und ihn gleich derart schüttelte, daß ihm vor Schmerzen einfach die Besinnung schwand. So war's Soufflard ein leichtes, Saint-Régeant wie ein Kind in die Arme zu nehmen und nach dem Fiaker zu tragen, Da kam auch schon Foudras hinzu und schrie, wie er Saint-Régeant so total eingesunken in der Wagenecke sah: »Du hast ihn doch nicht tot gemacht?« »Nee, bloß 'n bißchen abgebeutelt ... Sie können ganz beruhigt sein, der lebt schon wieder auf ...« »Gut. Aber ... Donnerwetter, hat der uns zu schaffen gemacht! Pruvot und Sauvaitre mausetot. Und Barbade hat einen Hieb abbekommen, daß er die Engel im Himmel hat pfeifen hören ... aber da is' er ja – he, Barbade! ... steig' ein, Soufflard, du fährst mit mir und dem da und läßt 'n eventuell an deiner Faust riechen, das genügt ... Du, Barbade, bleibst und kümmerst dich erst um die Kameraden, später findest du mich im Ministerium ... Kutscher! fahren Sie nach der Conciergerie!« Saint-Régeant saß in seiner Wagenecke und sprach die ganze Zeit über kein Wort. Er hatte die Augen geschlossen und stellte sich schlafend. Bonaparte saß mit Josephine und Hortense beim Diner, als Fouché sich melden ließ. Der Erste Konsul, brennend vor Neugier, was ihm sein Polizeiminister zu einer so ungewöhnlichen Stunde wohl mitteilen würde: »Soll hereinkommen.« Und dann: »Nun, Bürger Fouché, was bringen Sie Schönes?« »Nichts anderes als was ich gleich gesagt habe, General. Saint-Régeant ist gefaßt, ebenso einer der Mittäter. Der dritte im Bunde ist uns freilich durch die Lappen gegangen.« »Erzählen Sie ausführlicher, bitte.« »Ich wußte bereits, daß das Attentat von drei Männern ausgeführt wurde – mitsamt einer Karre und einem Schimmel. So waren sie vorm ›,Roten Löwen‹,, einem Gasthof in der Rue de l'Arbre-Sec, gesehen worden, wo sie das Faß Pulver aufluden, das sie dann in der Rue Saint-Nicaise zum Explodieren brachten. Also darüber war kein Zweifel mehr. Der Schimmel wurde aufs bestimmteste wiedererkannt, der Mann, der Wagen und Pferd verkauft hatte, bald gefunden, der Käufer, ein gewisser François – wie er sich nennt! – im Pförtner des Klosters zur Heimsuchung ebenfalls bald ermittelt und festgenommen. Zu gleicher Zeit fast spürte ich den Mußjeh Saint-Régeant, der sich in der Rue du Dragon versteckt hielt, auf und nun hab' ich auch den fest. Er hat zwar bei seiner Verhaftung zwei meiner Leute über den Haufen geschossen, aber ...« »Bandit! Noch zwei Opfer mehr! Aber er soll mir's teuer bezahlen!« »Jedes Leugnen seiner Schuld ist vollständig ausgeschlossen, denn er selber wurde bei der Explosion ernstlich verwundet.« »Und trotz dieser ernstlichen Verwundung hat er bei seiner Verhaftung noch zwei Agenten über den Haufen geschossen?« »O! und einem dritten noch beinah das Schädeldach eingeschlagen!« Bonaparte wurde einen Augenblick sehr nachdenklich: »Was das doch für Kerle sind!« murmelte er. »An dem Tag, wo es mir gelingt, die Burschen in meine Armee einzureihen ...!« Dann aber reckte er sich auf, sah zu seiner Frau hinüber und sprach in scherzhaftem Ton: »Nun siehst du, Josephine, da hast du deine Royalisten, Emigranten und sonstigen Schützlinge. Nun komm' mir bloß sobald nicht wieder, daß ich den einen oder andern von der Liste absetzen und aus dem Ausland wieder zurückkehren lassen soll! Jetzt siehst du am besten, wie sie's treiben und ihrer Dankbarkeit mit Pulverfässern Luft machen.« »Mein lieber Freund, die Revolutionäre sind um kein Haar besser.« »Davon bin ich überzeugt. Aber vielleicht stecken sie mit den Royalisten unter einer Decke. Die einen so gut wie die andern hassen mich jedenfalls. Sie lassen mir's selbstverständlich bei den bloßen Attentätern nicht bewenden, Bürger Fouché, und gehen der Sache vor allem auch dahin nach, ob die Chouans und Philadelphisten da nicht in der Tat gemeinsam arbeiten.« »Ich werde meine Pflicht tun, General. Ich kenne keine Freunde, wenn die öffentliche Sicherheit auf dem Spiel steht. Nur ... Nur suchen Sie diesmal die Komplizen einzig und allein in der Normandie und Bretagne. Die Attentäter rekrutierten sich wahrhaftig ausschließlich aus den Plünderern Frottés und Massakrierern Georges'. Na, und der Hauptsitz: – London. Von dort geht alles aus ...« Da glühte eine Flamme in Bonapartes Augen auf: »Die sollen sich bloß in acht nehmen überm Kanal da drüben! Die bringen mich wahrhaftig noch so weit, daß ich mit einemmal auf ihrer Insel bin und sie mir gewaltig lange! Wir wissen nicht umsonst, wie Wilhelm der Eroberer das angefangen hat ... was der damals getan hat, kann sich leichtlich wiederholen ...« »Wir müßten erst nur wieder eine Marine haben, General ...« »Ach ja – die elenden Aristokraten! Das war wahrhaftig das Allerallerunverzeihlichste von ihnen – damals in Toulon – die französische Flotte den Englischen auszuliefern! Man kann neue Schiffe bauen, sie mit neuer Artillerie armieren – aber ein neuer Admiralstab? Dazu gehört eine ungeheuere Erfahrung zur See, die sich nicht von heut auf morgen lernt. Ich kann gute Kapitäne haben, soviel ich will – aber große Admiräle? Gott! wenn ich einen zweiten Souffren oder Labourdonnais hätte!« Er war von der Tafel aufgestanden und schritt gedankenvoll auf und ab. Dann sprach er zu Fouché: »Verabschieden Sie sich von den Damen und kommen Sie mit mir auf mein Arbeitszimmer.« Der Polizeiminister verbeugte sich vor Josephine und Hortense und ging hinter dem Ersten Konsul hinaus. – In seinem Kabinett sodann lehnte sich Bonaparte gegen die Kaminecke und forderte auch Fouché weiter nicht zum Sitzen auf und ließ ihn stehen: »Sie sagten da vorhin etwas von einem Kloster, in dem der eine Mitschuldige als Pförtner gewesen sei? Was ist das für eine Gesellschaft?« »Lauter adelige Fräuleins und Frau'n ... riesige Betschwestern ... in der Rue Notre-Dame-des-Champs.« »Rücksichtslos – unnachsichtlich! verstehen Sie? Verhaften Sie erst die Oberin, und wenn's nottut, die ganze Bande! ... Oder soll ich die bigotte Sippschaft, die mir Mörder auf den Hals schickt, etwa schonen, weil sie sich hinter Klostermauern verbirgt?« »Der Gasthofbesitzer vom ›,Roten Löwen‹, war sicher auch irgendwie daran beteiligt ... Es fanden seit einiger Zeit schon geheime Zusammenkünfte bei ihm statt ... Und übrigens haben auch Georges und Hyde, als sie das letztemal in Paris waren, bei ihm logiert!« Das war nun Bonaparte gar nicht recht – und man merkte es ihm ziemlich deutlich an – , daß ihn Fouché in diesem Augenblick an die Audienz erinnerte, die er den drei Royalisten mitsamt ihren unverschämten Forderungen gewährt hatte. »Gut. Verhaften Sie auch den Gasthofbesitzer! Und was Georges anbelangt, so schicken Sie Ihre gewiegtesten Kerle hinter ihm nach der Bretagne aus ... Ach, daß wir den doch zu fassen bekämen!« »Dazu brauchen wir nichts als eine geeignete ... ›,Dame‹,!« »Mir soll kein Mittel zu schlecht sein – hören Sie! Den Kerl hier in Paris endlich hinter Schloß und Riegel haben – diesen Stier! – und dann vor den Augen aller Welt mit ihm aufs Schafott – !!« , »Ich werde mein möglichstes tun.« »Was Saint-Régeant anbelangt, werde ich veranlassen, daß ihm sofort der Prozeß gemacht wird. Die Strafe muß der Tat folgen, wie der Donner auf den Blitz. Das richtige Abschreckungsmittel ... ich muß meines Lebens sicher sein können ... meine Aufgabe ist noch lange nicht zu Ende!« Und nun trat ein gar milder Zug auf sein blasses Antlitz, ein Blick des Wohlwollens kam in seine Augen, ja, er lächelte geradezu und sprach voll Freundlichkeit: »Ich bin zufrieden mit Ihnen, Fouché. Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen. Ich werde es Ihnen gewiß nicht vergessen.« Der Polizeiminister verbeugte sich immer noch tiefer vor solch hoher Auszeichnung und dachte sich dabei: Er spricht schon ganz wie ein Souverän. Aber er ist ja auch zweifellos geradeaus vom Schicksal ausersehen. Alle Zukunft ist bei ihm ... Danach richtete er sich aus seiner tiefen Verbeugung auf, heftete seinen toten bleiernen Blick dreist auf den Ersten Konsul und sprach schier grob: »General, mein Verdienst ist, Ihnen zu dienen. Ich bin ein großer Menschenkenner und weiß, daß Ihnen einst die ganze Welt gehören wird.« Und ging, ohne die Wirkung dieser seiner Schmeichelei erst lange abzuwarten, einfach aus dem Zimmer und ließ Bonaparte bei seiner Arbeit. 15. Kapitel Kaum daß die Bürgerin Lerebourg nach Hause gekommen war, warf sie sich aufs Bett und hatte einen solchen Nervenanfall, daß ihr Mann ebenfalls beinah krank vor Schrecken wurde. Das arme Weib gebärdete sich einfach wie eine Wahnsinnige und verfiel in solch entsetzliches Fieber, daß sie vierzehn Tage lang zwischen Leben und Tod schwebte. So erfuhr sie natürlich auch nichts von allem, was während der Zeit vorging: daß Saint-Régeant in den Anklagezustand versetzt und Carbon und die Klosterfrauen und der Rote Löwenwirt und Virginie Grandeau und selbst deren alte Magd – alle miteinander verhaftet worden waren. Und Lerebourg selber war durch die Krankheit seiner Frau ebenfalls derart in Anspruch genommen, daß er von dem jeweiligen Stand des Prozesses nicht viel mehr wußte als was die Kunden gerade klatschten oder was etwa in den Gazetten stand. Und in den letzteren stand eigentlich herzlich wenig und wurde von Anfang an so ziemlich das meiste auf höheren Befehl unterdrückt. Denn so sehr der Erste Konsul gewillt war, der öffentlichen Meinung durch ein möglichst abschreckendes Beispiel an den Attentätern zu imponieren, wollte er andererseits so wenig wie möglich in den Zeitungen laut werden lassen, wie leicht es ein paar entschlossenen Männern eigentlich gewesen war, hier in Paris unter den Augen aller Polizei und inmitten der ganzen großen Armee einen Gewaltakt gegen den von der göttlichen Vorsehung bestimmten Mann zu inszenieren. Übrigens erbrachten all die noch so eifrig geführten Gerichtsverhandlungen lange nicht die belastenden und niederschmetternden Resultate, die man doch so brennend gern gewünscht hätte. Die Schuld der Angeklagten freilich war unableugbar. Aber sonst kam nicht viel mehr dabei heraus – und es war eigentlich immer wieder dasselbe: erst verteidigt sich Carbon und tut, als wollte er sich hinter Saint-Régeant verschanzen – darauf führt Saint-Régeant mit einer wunderbaren Festigkeit das Manöver weiter durch und entlastet seinen Mitschuldigen so glänzend als er nur immer kann. Dabei förderte man natürlich über die Zusammensetzung des royalistischen Zentralkomitees in Paris wie über all dessen Verzweigungen bis in die fernsten Provinzen und bis ins Ausland so gut wie gar nichts zutage. Auch die Lyoner Reise Victor Leclercs und sein geheimes Zusammentreffen mit den Royalistenanführern des Südens ergab trotz Braconneau, der nach langem und schwerem Leiden langsam wieder genas und oftmals vernommen wurde, nichts, das Réal, der den Prozeß mit einer wahren Inbrunst leitete, in den Stand gesetzt hätte, das Verbrechen recht bis auf seinen Ursprung zurück aufzudecken. Ein einziger Brief Cadoudals an Saint-Régeant war unter dem Gepäck des Hauptangeklagten gefunden worden. Des weiteren hatte man einen Brief Limoëlans mit näheren Einzelheiten des Verbrechens aufgefangen. Es stand fest, daß Saint-Régeant vor der Tat mit der Uhr in der Hand die Entfernung von den Tuilerien bis zur Rue Saint-Nicaise genau abgemessen hatte, um die Zeit zu berechnen, die Bonaparte vom Palais bis zum Ort des geplanten Attentats brauchte. Indes – aus Saint-Régeant war auch nicht das mindeste herauszukriegen, seine eiskalte und kühne Haltung versetzte die hohen Herren im geraden Gegenteil oft in eine gelinde Raserei. Da verbreitete sich das Gerücht, Saint-Régeant wär' gar der Folter unterworfen worden. Aber durch solche Verleumdung wollten sich natürlich nur die Widersacher Bonapartes rächen, die in ihm bereits den Tyrannen sahen; verging doch ohnehin kein Tag mehr, an dem nicht irgendwie immer wieder von einer andern Seite neu behauptet wurde, daß der Erste Konsul ein starkes Auge auf etwas wie ein Kaiserreich habe. So war kürzlich ein Pamphlet erschienen, das man Fontanes zuschrieb, und in welchem Bonaparte mit Cäsar verglichen wurde, erst groß auf den Thron gesetzt und sodann den Mörderhänden in empfehlende Erinnerung gebracht ... Derweil war Braconneau allmählich wieder auf die Beine gekommen und sollte – als einziger und Hauptbelastungszeuge – Saint-Régeant gegenübergestellt weiden; und diese Konfrontation gestaltete sich denn auch wirklich riesig interessant. Der Polizist, der sich immer noch leicht stützen mußte, von Soufflard und Vincent hereingeführt ... und von Saint-Régeant sogleich mit einem gar freundlichen Lächeln und einem Kopfnicken recht wie ein guter alter Bekannter begrüßt ... Und hierauf und auf die Frage des Vorsitzenden, ob der Polizist den Angeklagten bestimmt wiedererkenne: »O, wie sollte ich nicht? Den Herrn vergesse ich schon nicht so leicht. Wie lang' ist's denn eigentlich her, daß er mir zum Angedenken auf dem Weg nach Baugirard hinaus eine Kugel in den Bauch gejagt hat?« Und nun der Royalist mit ausgesuchter Höflichkeit: »Ich schätze mich in der Tat glücklich, mein lieber Herr Neufmoulin, daß Sie nun wieder völlig hergestellt sind oder jedenfalls auf dem sicheren Wege dazu ... Sie wissen, daß ich Sie eigentlich nur aus Notwehr sozusagen niederschoß und auf keinen Fall anders denn in einem absolut ehrlichen Zweikampf.« »Das muß wahr sein! Wie manch anderer hätte mir an Ihrer Stelle, Herr de Saint-Régeant, eine zweite Kugel hinters Ohr gegeben ...« »Wenn ich dermaßen vorsichtig gewesen wäre, dann stünde ich wohl jetzt nicht hier ...« Da aber fuhr Réal wütend dazwischen: »Hier gibt's keine langen Komplimente – verstanden? – hier gibt's einzig nur die Wahrheit!« Saint-Régeant maß das ehemalige Konventsmitglied geringschätzig und verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen: »Man kann doch nicht die ganze Zeit unausgesetzt der Wüterich und der Verstockte sein. Die paar Worte mit diesem Herrn haben mich direkt aufgeheitert.« »Sollte mich freuen, wenn Ihre Laune so gut wäre, daß Sie endlich mal anfingen, ein wenig aus sich herauszugehen!« Aber Saint-Régeant verriet sich mit keiner Silbe. Weder vor dem Untersuchungsrichter, noch in der öffentlichen Verhandlung. Es war einfach unmöglich, ihm auch nur das leiseste zu entlocken. Dabei hätte Bonaparte wer weiß was drum gegeben! Er hatte zwar dieses Attentat bereits zum Vorwand genommen, um eine ganz erkleckliche Anzahl von Terroristen zu deportieren, die entweder halbwegs verdächtig waren, bei einem früheren Komplott beteiligt gewesen zu sein, oder auch nur einigermaßen imstande schienen, einen weiteren Anschlag vorzubereiten ... aber das war nicht eigentlich, was er wollte. Ihm lag hauptsächlich daran, bei dem Verbrechen Saint-Régeants eine Mittäterschaft der Prinzen oder vielleicht auch ein geheimes Einverständnis von seiten des englischen Ministeriums nachzuweisen. So vertraute er sich denn Fouché an, der in der Kunst der Bestechlichkeit ja eine anerkannte Meisterschaft hatte: »Meinen Sie nicht, daß man mit einiger Geschicklichkeit etwa Carbon zum Reden bringen könnte? ... In dem Fall soll mir nichts zu teuer sein – Sie verstehen?« »Carbon hat nicht die geringste Ahnung von allem, was er gemacht hat. Der war in den ganzen Plan überhaupt mit keinem Worte eingeweiht ... Limoëlan – ja, wenn der uns nicht ausgekommen wäre – der hätte schon eher was gewußt ... Und was Saint-Régeant anbetrifft? sowas von Seelengröße und adligstem Stolz – einfach unfähig zu irgendeinem Verrat.« »Selbst wenn man ihm das Leben schenkte? Ja sogar – die Freiheit?« »Würden Sie soweit dabei gehen?« »Ja. Falls die Aufschlüsse total und aufrichtig wären – dann ja.« Fouché überlegte einen Augenblick; und murmelte: »Er ist jung ... und er wird geliebt. Wer weiß? Aber dazu muß er zuerst einmal zum Tode verurteilt sein ... eh' das Urteil nicht ergangen ist, und er nicht Aug' in Aug' gegenüber dem Unabweisbaren steht ...« Das Urteil ließ nicht lange mehr auf sich warten – das unvermeidliche: Saint-Régeant und Carbon – beide zum Tode verurteilt. – Madame Lerebourg war eben von ihrer Krankheit genesen und kam schier das erstemal wieder in den Laden herunter, um nach dem Geschäft zu sehen, als sie vom Urteil und der Verurteilung erfuhr. Lerebourg hatte sich zwar die erdenklichste Mühe gegeben, daß seiner jungen Frau überhaupt nichts von Victor Leclerc, wie er ihn beharrlich immer noch nannte, zu Ohren kommen sollte ... denn wenn sie hörte, daß sein Leben nur noch nach Tagen zählte und er möglicherweise morgen schon seinen Kopf unters Fallbeil stecken mußte ... gräßlich! ... einfach nicht auszudenken! ... So hatte er seiner Frau jede Zeitung aus dem Wege geräumt – trotzdem sie gar nicht zu lesen verlangte; wachte stets um sie, daß sie nicht zufällig einen Brocken aus einem fremden Gespräch aufschnappte ... indes, das ging doch auch wieder nicht zu machen, daß er gerade ewig und immer um sie war ... und seiner Kundschaft etwa schlankweg den Mund zu verbieten ...? ... Wie's also das Unglück schon haben wollte, war nachmittags die schöne Madame Regnault de Saint-Jean d'Angely in den Laden gekommen, hatte sich Schleierescharps vorlegen lassen und bemerkte im Laufe der Unterhaltung zu Fräulein Hermance, während sie zerstreut über das seine Gewebe hinfuhr: »Nämlich ich brauch' so ein Escharp, um mich bis zur Unkenntlichkeit verschleiern zu können. Es haben unser mehrere Damen ausgemacht: wir wollen unbedingt der Hinrichtung von diesen beiden entsetzlichen Saint-Régeant und Carbon beiwohnen ...« Bei diesen Worten aber schrie Fräulein Hermance laut auf, denn zwei Schritt weit weg war ihre Prinzipalin plötzlich totenblaß geworden, wankte, hielt sich vergebens am Tisch fest und fiel glatt um. Ohnmächtig. Man lief hin, hob sie auf, trug sie auf ihr Zimmer, legte sie aufs Bett und tat selbstverständlich alles mögliche, um sie wieder zur Besinnung zu kriegen. Da kam dann schließlich Lerebourg herein, blieb mit seiner Frau allein und erkundigte sich voller Besorgnis, was denn nun wieder geschehen wäre. – Emilie, noch sehr blaß, fragte mit ganz schwacher Stimme: »Warum hast du mir nicht gesagt ... daß der arme Kerl ... zum Tode verurteilt ist?« »Mein Gott – ich dachte, es würde dich doch nur neuerlich aufregen. Aber wie hast du's denn nun erfahren?« »Madame Regnault sprach eben darüber ... mit unserer Hermance ...« »Der Teufel hole die Stadtklatsche!« knurrte Lerebourg. »Aber da du's nun schon einmal weißt ... ja, mein liebes Kind ... der arme Kerl ... nicht? – Du lieber Gott, eigentlich dürften wir ihn doch gar nicht armen Kerl nennen, nach solch einem schauerlichen Verbrechen, wie der auf der Seele hat! – Aber für uns war er eben Victor Leclerc, und so'n angenehmer, sympathischer, wirklich prächtiger Bursche!« Er stieß einen großen Seufzer aus: »Und nun ... Todesstrafe ... und übermorgen soll er bereits hingerichtet werden ...« »Übermorgen!« wiederholte Emilie bebend. »Also ... in zwei Tagen schon ...« »... wird er nicht mehr sein, ja! – Ich begreife deine Aufregung. Mir tut's ja selber so unendlich leid ... aber wir müssen nichtsdestoweniger vernünftig sein. Wann haben wir ihn kennen gelernt? Vor einem halben Jahr. Da traf ich ihn zufällig auf der Reise. Er hat mir eine große Gefälligkeit erwiesen, aber er ist doch weder verwandt mit uns, noch ist er ein langjähriger Freund. Freilich ... nun muß er schon sterben ... und noch so jung ... entsetzlich! Aber wir müssen doch ebenso bedenken, daß er ein ungeheuerer Verbrecher ist. Und jedenfalls mach' dich seinetwegen doch nicht krank, Emilie ...« So beruhigte sie ihr Mann mit Gründen, auf die sie aber überhaupt gar nicht hörte, denn sie hatte ja nur noch den einen Gedanken: übermorgen ... tot. Der sie nicht mehr verließ und sie fortgesetzt marterte. Immer wie ein Kreis in ihrem schmerzenden Hirn: übermorgen ... tot ... übermorgen. Und sie versuchte die Augen zu schließen, während ihr Mann weiter abgedroschenes Zeug daherredete, und das war alles doch nur wie eine düstere Begleitung zu der einen gellenden Melodie: übermorgen ... tot. Schließlich meinte ihr Gatte, sie wäre wohl eingeschlafen, so ruhig lag sie da; und er ging leise, auf Zehenspitzen hinaus. Er war aber kaum draußen, so sprang Emilie auch schon vom Bett auf und zog sich an. In ihr war nur noch der eine mächtige, fieberische Wunsch: Saint-Régeant vor seinem Tode noch einmal zu sehen. Die Kleider flogen ihr nur so an den Leib ... in ihrem Kopfe ward's wieder ganz klar und licht ... und sie meinte gerade, sie hörte wieder die Worte Fouchés: »Madame, und vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Schuldner bin und Ihnen jederzeit, falls ich Ihnen irgendwie nützlich sein kann, gerne zur Verfügung stehe ...« Sie lachte bitter auf: ›,Ihr Schuldner‹, nun ja doch, er verdankte ihr doch die Gefangennahme Saint-Régeants ... den Kopf des armen Kerls verdankte er ihr und nur ihr ... und so müßte er ja schlimmer als ein Tiger sein, wenn er ihr diese wahrhaft letzte Bitte, den Geliebten noch ein einziges Mal zu sehen, abschlagen könnte! Der ganze Plan stand in Emilie bereits fest: ins Polizeiministerium, Villiers sprechen, und der Sekretär bringt sie dann bis zum Chef. Und dann nur noch soviel Kraft aufbringen, daß sie nicht schon auf dem Weg nach dem Gefängnis und nach der Zelle vor grenzenlosem Jammer verging. Ihn bloß noch einmal sehen, eh' der Schmerz sie wahnsinnig machte oder tötete. Unter den Augen dann dessen, den sie so unbeschreiblich liebte, mochte sie ruhig sterben. Wie? wie denn? Sterben? War das nicht ihre immerwährende Todesangst gewesen, von der ersten Stunde an, seit sie Saint-Régeant liebte, daß Lerebourg es erfahren könnte? Ihr Gatte, der ihr wie ein Vater war! Und was gab's denn besseres, seinen Schmerz und seinen Zorn nicht mehr zu erleben, als eben den Tod und vorher zu sterben? – Sie hatte sich doch vor einiger Zeit schon – halb unbewußt und halb aus Absicht – damals, als sie über so schreckliches Herzklopfen klagte – eine ziemliche Dosis Digitalin verschafft ... o, wo war denn nur das Fläschchen? ... eine Dosis, so reichlich, daß sich gleich ein paar Menschen damit vergiften konnten ... Und dann: welche Seligkeit und welcher Sieg zugleich, wenn Saint-Régeant durch das Gift dem Schafott entging und sie gemeinsam, Arm in Arm und Mund auf Mund aus dem Leben schieden! Sie riß eine Schublade ihres Toilettentisches auf: da war das Fläschchen. Eine farblose, geruchlose Flüssigkeit, in einem Kristallfläschchen, mit einem eingeriebenen Glasstöpsel darauf. Eine einzige Bewegung ... in einer einzigen Sekunde ... und das Gift war verschluckt! Sie versteckte das Fläschchen in ihrem Busen, einen Schal um, einen Hut auf, die Treppe nach dem Hof hinunter, und zwei Minuten später saß sie in einem Fiaker – auf dem Wege nach dem Polizeiministerium. Fouché war recht grämlich an dem Tag. So hutzelig wie er war, kauerte er in einem großen Lehnstuhl und studierte die Zeitungen, das heißt nur das, was ihm seine Sekretäre als auf ihn bezüglich angestrichen hatten. Der »Publicateur« insonderheit erging sich in den heftigsten Ausfällen gegen ihn, warf ihm ein ganzes Sündenregister vor, welch gemeine Rolle er im Thermidor gespielt, welche Machenschaften er zugunsten Barras' getrieben und welche Kabale er gegen Babeuf angezettelt. Und schließlich rieb ihm der Redakteur auch noch dieses unter die Nase: er – Fouché – sei überhaupt in einem Backtrog als der Sohn eines Bäckers auf die Welt gekommen. Ach, und das fuchste den Polizeiminister am allermeisten. Wütend warf er das Blatt hin und zerknitterte es: »Sohn eines Bäckers? So 'ne Gemeinheit! – Sohn eines weitgereisten Kapitäns doch! Ehemaliger Wortführer – ja! Ehemaliges Konventsmitglied – ja!! Königsmörder – ja!!! Aber Mehlhengst – nein! nein!! nein!!! nein –« Da wurde er in seinem wütenden Protest unterbrochen; Villiers kam herein. »Was ist los?« Und das leichenblasse Gesicht war sogleich wieder wie Stein. »Bürger-Minister, gerade eben kommt die Bürgerin Lerebourg zu mir und möchte Sie sprechen.« Fouché verzog das Gesicht: das erinnerte ihn plötzlich wieder an die Unterhaltung, die er mit Bonaparte gehabt hatte, ob nämlich aus Saint-Régeant nicht doch noch alles herauszulocken wäre, und wenn man ihm gleich das Leben und die Freiheit dafür schenken mußte. Und Fouché nickte mit dem Kopf und grinste: »Man muß die Dinge bloß richtig abzuwarten verstehen – merken Sie sich das, Villiers. Die Bürgerin Lerebourg kommt mir in diesem Augenblick wie gerufen ... führen Sie sie herein ...« Fouché stand aus seinem Lehnstuhl auf. In seinem grauen Anzug und mit Stiefeln – wie ein richtiger Bourgeois. Lehnte sich an die Kaminecke, um seine Besucherin gleich beim Hereinkommen zu sehen, und heftete dann seinen glanzlosen bleiernen Blick auf das Gesicht Emiliens. Seine Stimme war eitel Sanftmut und Wohlwollen: »Nun, Madame Lerebourg, was verschafft mir das Vergnügen, Sie hier bei mir zu sehen?« Emilie, die Augen voller Tränen, stammelt ihm nur das eine Wort nach: »Vergnügen!« Fouché aber, der sonst überhaupt nicht weiß, was ein Gefühl ist, errötet geradezu bei diesem Vorwurf. Er geht auf Madame Lerebourg zu, bietet ihr einen Stuhl an und spricht nun schier voll wirklichen Mitleids: »Nun also ... reden Sie ... Und sagen Sie, sollte ich Ihnen in der Tat irgendwie behilflich sein können?« »Sie versprachen mir, Sie wären jederzeit bereit.« »Und nun haben Sie wahrhaftig was auf dem Herzen, Kindchen? Was ist es denn?« »Ich bitte Sie ... erlauben Sie mir ... daß ich Herrn de Saint-Régeant noch einmal sehe ...« »Sind Sie so ganz sicher, daß es nicht aufkommen könnte, wenn Sie ihn im Gefängnis besuchen? Haben Sie so gar keine Angst?« »O Gott, o Gott! ich habe ja nur noch die eine Angst ... ich fürchte mich vor nichts mehr als vor seinem Tod ...« Fouché blieb einen Augenblick stumm. Dann ging er ganz nah an sie heran, beugte sich über sie herab und fragte sie ganz leise: »Möchten Sie, daß er am Leben bleibt?« In ihren Augen blitzte etwas wie Hoffnung auf: »Wär' denn das überhaupt möglich?« »Das hängt von ihm ab.« »Was kann ich dabei tun?« »Der, den er töten wollte, begnadigt ihn – um den Preis, daß er gesteht!« »O! das tut Saint-Régeant nie! nie!« »Dann ist es Ihnen also recht, daß er einen Kopf kürzer wird?« »Was soll ich denn dabei?« »Ihm zureden, daß er endlich aussagt.« »Ich werde ihn doch nicht selber zum Ehrlosen machen wollen!« »Wenn Sie ihn damit retten können?« »Er soll seine Freunde verraten?« »Seine Freunde haben ihn verraten! Was haben sie denn für ihn getan? Haben sie auch nur den leisesten Versuch gemacht, ihn zu verteidigen? Oder nur einen Finger gerührt, um ihn zu befreien? Haben sie zu seinen Gunsten gesprochen, geschrieben oder gehandelt? Wo ist denn der famose Georges, der fürchterliche Chouan, dem nichts widersteht, und der durch seine Handstreiche berühmt ist – wo ist er denn? Der sitzt ruhig irgendwo in der Bretagne, während sein Waffenbruder hinter Kerkermauern schmachtet und seinen Kopf unters Fallbeil gibt! Er hat ihn erst zum Verbrechen angestiftet – und sich dann selber fein aus dem Staube gemacht. Und nie wieder etwas von sich hören lassen! Und die Prinzen vielleicht? Der Herr Comte de Provence, der im Exil große Reden führt und höchstens schlechte Verse und miserable Epigramme verbricht, während die Edelsten für ihn den Tod erleiden? Oder der Herr Comte d'Artois, der nicht einmal den Mut hatte, an der Spitze seiner Vendéer zu kämpfen, und lieber in England drüben auf die Jagd geht? Da sehen Sie, für was eigentlich der bedauernswerte Mensch sein Leben aufgeopfert hat! Und heute, wo ihn doch die undankbare Sippschaft völlig im Stich gelassen hat, soll er nicht einfach Gleiches mit Gleichem vergelten – um sein Leben, um seine Freiheit?! Na wär' er doch geradezu blödsinnig – da müßt' er ja 'n Trottel sein!« Fouché streifte Madame Lerebourg mit einem Blick: sie war durch solche Vernunftgründe schon völlig umgewandelt, ja, sie erbebte schon sichtlich vor neuer Hoffnung. So verdoppelte er seine Beredsamkeit: »Der Erste Konsul ist bereit, Herrn de Saint-Régeant nicht nur das Leben, sondern auch die Freiheit zu schenken. Er will ihn nach Amerika schicken – mit einem Reisegeld von hunderttausend Franken dazu! Und Sie, Madame ... was soll Sie denn eigentlich hindern, einfach mit ihm zu gehen? Sie sind so jung alle beide, und in der Neuen Welt wartet Ihrer eine wunderbare Zukunft. Und was ist zu all dem Glück nötig? Ein Augenblick Besinnung; eine Minute lang Vernunft. So seien Sie doch gescheit ...« Emilie verkrümmte die Arme: »Aber verraten! Er – ein Edelmann! Das wird er nie! nie!« »Liebt er Sie?« »O! ich bin sicher –« »Und Sie, lieben Sie ihn wieder?« »Ich möchte mein Leben für ihn hingeben!« »Na also – so versuchen Sie doch wenigstens, ob Sie ihn nicht retten können! Billiers wird Sie nach dem Gefängnis begleiten. Er wird an der Zellentür auf Sie warten. Wenn Saint-Régeant einwilligt in das, was wir von ihm verlangen, kommt Villiers herein und gibt ihm Feder, Tinte und Papier. Und wenn er selber nicht schreiben will, so mag er's Villiers meinetwegen auch diktieren und braucht nur seinen Namen darunterzusetzen. Also gehen Sie, und – mögen Sie das zu schätzen wissen, was wir für Sie zu tun bereit sind! ...« Sie sah ihn an – voll von einem tiefen Abscheu: »Für uns? Reden Sie mir doch nichts ein! Alles nur für Sie!« »Wenn auch ... Sie brauchen uns dafür auch nicht im mindesten dankbar zu sein ... Nur sehen Sie zu, daß Sie den Kopf vorm Scharfrichter retten ... Das ist die Hauptsache!« Sie würdigte ihn keiner Antwort mehr. Fouché klingelte, und Villiers erschien in der Tür. Ja, sie würdigte den Versucher keines Blickes mehr und ging ohne ein Wort des Abschieds hinaus. In seiner Zelle saß Saint-Régeant mit gefesselten Armen auf seinem Hocker und unterhielt sich mit dem Wächter, der ihn Tag und Nacht nicht verließ. Das war ein gedienter Soldat, der im italienischen Feldzug schwer verwundet worden war und nach seiner Pensionierung diese Gefängniswärterstelle erhalten hatte. Und der hatte einfach ein Faible für Saint-Régeant, wenngleich er dessen Tat auch noch so sehr verabscheute. Und wenn er ihm auch Vorwürfe machte – er meinte es doch von Herzen gut: »Nein, wie Sie aber auch so etwas tun konnten! Sie – ein Soldat! denn Sie haben doch immerhin in der Vendée mitgefochten ... und sich nu auf einen so hundsmiserabeln Verrätercoup eingelassen!« »Sappiert und miniert man nicht auch bei Belagerungen? Ist dann das nicht auch Verrat? Na also! Wenn man eine Brücke mitsamt den darübermarschierenden Truppen in die Luft sprengen darf oder ein Schiff brandern, dann durfte ich eben auch, was ich getan habe – mit genau demselben Recht!« »Nein! denn der Feind ist dabei im Verteidigungszustand – nicht? – und kann sich also vorsehen. Aber in tiefstem Frieden und aus der Mitte einer vertrauensvollen Bevölkerung heraus – wie Sie! ... und Frauen und Kinder und Soldaten von der Eskorte töten, die alle miteinander total ahnungslos sind ... nein also, da mögen Sie sagen, was Sie wollen: das ist einfach gemein!« »Aber wir sind doch mitten im Krieg mit dem Ersten Konsul! Er verfolgt uns mit seinen Fliegenden Korps und umzingelt uns mit seiner Polizei ... Da wehrt man sich denn und kämpft, so gut man kann. Wir sind eine Handvoll Männer gegen eine ganze Armee und eine ganze Regierung. Und wenn wir nicht mit allen Mitteln trachten, könnten wir uns ebensogut Bonaparte gleich freiwillig ausliefern!« »Das wär' g'scheiter gewesen! Wie konntet ihr nur gegen einen solchen Mann ankämpfen! Dem nichts auf der Welt widersteht! Sie hätten ihn bloß an der Brücke von Lodi sehen sollen ... mitten im Kartätschenhagel ... mitten unter den Grenadieren, die wie die Fliegen umfielen ... Ach, war das ein Kampf, lieber Herr! Und er kommt Ihnen aus dem wahren Backofen raus – frisch wie der Fisch im Wasser, kann ich Ihnen sagen! Und bei Marengo ... ich stand bei der Division Chambarlhac ... wir seit dem frühen Morgen schon in gänzlicher Auflösung ... da sitzt mein Erster Konsul auf einer Böschung am Weg nach Castel-Ceriolo, an einem Getreideacker ... ein Kugel- und Granatenregen um ihn herum, daß seine Uniform über und über voll Erdspritzer ist ... er aber klopft sich so – sehen Sie! – nur immer den Staub von der Hose ... Na – und wie dann Désaix ankam! wie die beiden einander in die Arme fielen! und dann unterhalten sie sich so zehn Minuten miteinand, und dann sagt Désaix: Also versuchen wir's noch mal! Da hatte Bonaparte nämlich rasch beschlossen: wenn's erste Treffen futsch ist, dann liefern wir eben 'n zweites ... Lieber Herr de Saint-Régeant, gegen 's leibhaftige Geschick ankämpfen, das geht nu mal nicht. Bonaparte, sehen Sie, der ist rein vom Schicksal selber. Der ist ein ganz anderer wie wir alle. In dem ist was anders drin als wie in uns. Man braucht ihn doch bloß mal zu sehen, und man vergißt nie, nie wieder: der ist etwas, das über uns ist, und also wird er eben ewig unser Herr sein!« »Eine einzige anständige Kugel in den Schädel – und es ist aus mit 'm großen Herrn!« »Ja – wenn ihn die Kugel trifft ! Aber Sie haben uns ja selber gleichfalls nur den Beweis dafür geliefert ... zwanzig andere, denen Sie nicht das mindeste wollten, haben Sie getroffen, und er allein blieb heil!« Saint-Régeant nickte einige Male mit dem Kopf: »Da ist die Heiligenlegende fertig! Man nennt sich unverwundbar und dann traut sich schon keiner mehr heran!« »Was reden Sie denn da in Ihrer Ecke?« »Mir ist soeben eingefallen, wie er mir – vor etlichen Monaten noch – die Oberstencharge angetragen hat, wenn ich in seine Dienste träte ...« »Und Sie haben nicht gleich mit beiden Händen zugegriffen? Und wollten ihm statt dessen lieber ans Leben? Nein also, das ist – wissen Sie – einfach haarsträubend! Und im nächsten Feldzug gegen die Engländer, mit denen er sich sicher eher heute als morgen verkabbelt, wären Sie General geworden. Und immer weiter hinauf und immer weiter – wo er Sie doch so gern hatte! – wären Sie bald eine Spitze auf dem Stab gewesen! Denn das müssen Sie wissen, für einen Waffenbruder tut der alles! Murat, Lannes, Bessiéres, Soult, Junot ... Ach, mein lieber, lieber Herr de Saint-Régeant, es wär' für Sie doch wahrhaftig schöner gewesen, über dreitausend brave Jungens mit dem Schießprügel auf der Achsel zu kommandieren, als jetzt hier in der Zelle mit Eisen an den Händen zu sitzen und nur noch darauf zu warten, bis der Henker Sie zu Ihrem letzten Gang abholt!« Da aber wurden diese philosophischen Betrachtungen durch das Eintreten des Oberaufsehers unterbrochen, der knurrte: »Der Verurteilte erhält Besuch!« Saint-Régeant erhob sich höchst erstaunt und versuchte die Gestalt zu erkennen, die hinter dem Oberaufseher in der halboffenen Zellentür stand und wartete; aber er vermochte in dem Dunkel nur eben zu unterscheiden, daß es eine menschenähnliche Gestalt war – da kam Villiers, denn der war es, völlig herein und machte den beiden andern ein Zeichen, sie möchten sich entfernen. Dann sprach Villiers: »Herr de Saint-Régeant, eine besondere Vergünstigung gestattet Ihnen, einen Besuch ohne alle Zeugen zu empfangen. Die betreffende Person mußte sich zwar einer genauen Untersuchung unterziehen, daß sie keine Waffe mit hereinschmuggelt oder sonst einen Gegenstand, der den andern oder Ihnen selber gefährlich werden könnte ... indes, Sie haben wohl außerdem noch die Liebenswürdigkeit, mir Ihr Wort dafür zu verpfänden, daß Sie nichts von ihr annehmen, das Ihnen etwa gestattete, sich uns irgendwie zu entziehen.« »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, mein Herr, Sie können ganz beruhigt sein.« »Gut.« Villiers ging zur Tür und ließ Emilie eintreten. dann ging er selber hinaus und schloß von draußen ab. – Die Liebenden von Angesicht zu Angesicht einander gegenüber. In dieser Armesünderzelle und diesem wahrhaften Vorzimmer zum Schafott. Einen Augenblick standen sie ganz stumm, ganz beklommen, ja schier erschreckt. Dann erst eilten sie aufeinander zu und Emilie hielt Saint-Régeant in ihren Armen. Den armen Saint-Régeant, der die geliebte Frau nicht einmal mehr an sich ziehen konnte, so sehr waren seine Hände übereinander gefesselt. Emiliens Augen, von der Angst geweitet und rund vor Weh, füllten sich wieder mit Tränen an und weinten große glitzernde Tropfen auf die Schulter und über den Nacken des zum Tode Verurteilten. »Warum denn weinen?« fragte Saint-Régeant und lächelte. »Wo uns die unverhoffte Freude zuteil ward, daß wir uns noch einmal wiedersehen. An dieses Glück glaubte ich einfach nicht mehr. Wer uns das aber verschafft hat, er sei gesegnet, und wenn's mein eigener Mörder sein sollte!« »Der Polizeiminister – Fouché selbst hat mich mit seinem Sekretär hiehergeschickt! O, armer, armer Freund, wenn du wüßtest ...!« »Ich weiß, daß ich dich sehe, und das genügt mir! O, liebe, liebste Emilie! ... Aber – wahrhaftig! – wie kommst du zu dieser Gnade, einen zum Tode Verurteilten besuchen zu dürfen, einen Mörder, eine Bestie von Menschen, einen, der Bonaparte töten wollte?« »O! das ist noch lange nicht alle Gnade!« schrie Emilie heraus, die nicht länger mehr an sich halten konnte. »Wenn du willst, brauchst du nicht einmal zu sterben, kannst leben, bist frei, fährst heute abend noch in die Neue Welt, wenn du willst ... Kannst wirklich tun und lassen, was dir beliebt!« Saint-Régeant drängte das junge Weib sachte von sich und sah sie totenblaß und mit einem durchdringenden Blick an: »Und welche Infamie verlangt man von mir für soviel Großmut?« Was Fouché von Saint-Régeant eigentlich verlangte – war ihr nie so ungeheuerlich erschienen als eben in diesem Augenblick! Wie sollte sie das überhaupt nur in Worte kleiden? Wie es ihm im mindesten verständlich machen? Und dabei erwartete man von ihr, daß sie ihn auch noch dazu überreden sollte! Und trotzdem brannte ihr ganzes Herz aus dem einzigen Wunsch, ihr Geliebter möchte auf alles das eingehen. Auf all die Gewissenlosigkeit, Feigheit und Schurkerei. Vor ihren Augen dehnte sich der Raum, durch und durch klar, von einer unendlichen Blaue, spannte sich ein wundervoller zauberischer Prospekt, und der hieß Freiheit ... »Sag', beste Emilie, sag', was haben sie dir versprochen, das mir ihr Anerbieten verlockend machen soll? Welche Ehrlosigkeit soll ich begehen, um den Preis des Glücks, das du mir bringen sollst?« »Du sollst nur das tun, was du dich von jeher zu tun geweigert hast,« stammelte das junge Weib und all ihr Stammeln war Beschwören. »Und wenn du's schon nicht aus Angst vorm Tode tust, dann sollst du's wenigstens aus Liebe tun. Es sei doch so eine Kleinigkeit, und du erhältst dafür volle Begnadigung und verschwindest irgendwohin, und ich will dich begleiten, wohin du immer willst ...« Saint-Régeant schrie wie ein Wahnsinniger auf vor Zorn und Beschämung: »Das Grausamste also! Das Raffinierteste an Barbarei! Man will mir nicht nur das Leben schenken, sondern sogar ein Leben mit dir! O, die Herren wissen genau, auf welche aberwitzigste Probe sie damit mein bißchen armes Gewissen stellen! Von mir für mich selber erwarten sie schon nichts mehr – aber von mir für dich! für dich! für dich! erwarten sie einfach alles! Emilie, Emilie – begreifst du denn nicht das Rasende dieser Berechnung? Geliebte Seele – und du mußt schweigen! du darfst mir nicht einmal mit armseligen Worten anbieten, was all meine Seligkeit wäre! Sonst ist's für mich doch der doppelte Tod – einmal um mein Leben, einmal um dein Glück!« Und er ließ sich auf seinen Hocker hinfallen und weinte. Der so unerschütterlich in seinen Entschlüssen war, zerfloß in diesem Augenblick ganz und gar und war schwächer wie ein kleines Kind. Laute Schluchzer erschütterten seine Brust, reichliches Naß floß über seine Backen – und er konnte sein Gesicht nicht einmal dabei verstecken, so sehr hinderten ihn die Fesseln an seinen Gelenken. Emilie beugte sich über ihn und versuchte mit ihrem feinen Batisttüchlein seine Tränen zu trocknen; mit einem Male aber schmiß sie sich auf die Knie vor ihm, schlang beide Arme um seinen Hals und flüsterte mit ihrem Mund ganz nah an seinem Ohr: »Ist es denn wirklich etwas so Entsetzliches, was man von dir verlangt? Und was riskieren denn die eigentlich, über die du aussagen sollst? Kümmern sie sich übrigens um dich? Haben sie dich nicht vielmehr schmählich im Stich gelassen? Diese undankbaren Prinzen, die ihre Tapfersten in den Kampf schicken und sie selber bleiben fern vom Schuß! Diese Emigrierten, die sich im Ausland großtun und Blutbäder anbefehlen und Massenmorde, ohne daß sie selber jemals dabei wären? – Und dann, sieh' mal, du sollst doch nur mit Namen nennen, was die Konsularregierung längst weiß! Sie kennt sie doch alle miteinander genau, und es ist eigentlich nur eine Formalität, die man von dir will! Nichts weiter! Ein bloßer Vorwand, um dich selber zu befreien! Bonaparte will dich begnadigen – und du sollst den Gnadenakt nur erleichtern – durch nichts als ein bißchen guten Willen! Nichts weiter! Wirklich!« »Nein, wirklich nichts weiter –« schrie Saint-Régeant von neuem heraus, »– als daß ich eben zum Schurken werde! Und dazu schicken sie mir dich her! dich! daß ich's aus deinem Munde höre! – Aber nein, nein, nein – lieber tausend Tode!« »Gut. Aber dein Tod ist auch der meinige,« sprach Emilie und richtete sich auf. »Denn ich kann dich doch keinen Herzschlag lang überleben und ich bin auch nur hergekommen, um immer bei dir zu bleiben. Zu dir gehör' ich. Wohin du auch gehst. Geht unser Weg von hier hinaus in die Freiheit, will ich dafür einen genau so großen Preis bezahlen wie du, meine Ehre. Du sollst mir nichts voraus haben. Und ich dir nicht!« »Unglückliche?« rief Saint-Régeant, »bist du denn schon völlig im Bunde ... und welchen Handel schlägst du mir da eigentlich vor?« »Ehre gegen Ehre. Meine Frauenehre gegen deine Parteiehre. Du würdest dich wegwerfen, wenn du aussagen würdest – gut. Ich werfe mich weg, indem ich bei dir bleibe – ja, ich habe mich bereits freiwillig weggeworfen, indem ich den ersten Schritt hier herein tat. Auf die Art hat von uns eins dem andern nicht das geringste vorzuwerfen und wir können ganz gut mitsammen fort und weit übers große Wasser in ein unbekanntes Land und alles, alles vergessen ...« »Nur daß hinter mir dann ein ganzes Volk herschreit: Saint-Régeant, der Verräter, hat seine Herren und seine Freunde verkauft! Aus Liebe zu einem Weib hat der das Geheimnis seiner Partei preisgegeben! Ja, glaubst du denn, daß ich diese Schmach und Schande nicht ewig und immer hören würde? Und glaubst du, daß ich solche Ehrlosigkeit auch nur eine Stunde lang überleben könnte? Da täuschest du dich gar sehr, Emilie! Ich kann doch meine Seele und mein Gewissen nicht einfach auslöschen – o, ich würde nicht einmal im Grabe Ruhe vor solcher Verräterei finden! Überlaß mich doch meinem Schicksal und gib's auf, mich zu retten ... ich kann dem Tod nicht entgehen und will es auch nicht ... denn nur der Tod erlöst und sühnt mich. Ich habe unschuldiges Blut vergossen und muß und will das büßen, und der Henker wird mein Erlöser sein!« Emilie schwieg einen Augenblick. Seltsam düster und starr. Sie fühlte, daß sie ihr Spiel verloren hatte, und daß ihr heißestes Flehen ihn nicht mehr bewegen könnte. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus: »Wenn dich nichts dazu bestimmen kann, weiterzuleben, nun, so sterben wir doch!« »Was sprichst du immer vom Sterben, Liebste?« Das klang voll ungestümer Zärtlichkeit. »Du zerreißt mir damit das Herz, in dem Augenblick, wo ich all meine Ruhe und Festigkeit bewahren soll ... Du machst mir mein Elend damit ja nur noch größer ... Leb' du doch um Himmels willen, und wär's um nichts anderes als mich zu beweinen und an meinem Grab zu beten! Und dann, denke an deinen armen Mann, der's so gut mit dir meint, und erspar' dem doch den Schmerz. Deine Pflicht ist, bei ihm zu bleiben und wieder an ihm gut zu machen, was du und ich ihm angetan haben!« Sie schüttelte mit dem Kopf: »Ich könnte es nicht. Wie sollte ich denn auch mit einem Schritt nur nach Hause gehen können, nachdem ich dich am Fuße des Schafotts zurückgelassen habe? Soll ich ein halbes Leben damit hinbringen, Tag für Tag von Schmerz und Reue gefoltert, und fremden Menschen ein gleichgültiges Gesicht zeigen, wo mir ewig die Tränen aus den Augen stürzen – und alltägliche Dinge reden, wo ich in jedem Augenblick laut aufschreien möchte? Nein, eine solche große Komödie – ich brächt's nicht einen Tag lang fertig ...« Und sie nestelte an ihrem Kleide und zauberte das Fläschchen aus ihrem Busen hervor, das bei der eiligen und oberflächlichen Untersuchung natürlich nicht gefunden worden war: »Hier – es ist schon alles bereit. Das langt reichlich für uns beide, da du ja sterben willst ... Komm, komm, wir sterben zusammen ...« Sie reichte ihm das Fläschchen hin. Er aber nahm sie behutsam bei der Hand und sprach lächelnd: »Nein. So will und darf ich nicht enden, Liebste – in den Armen einer Frau und im Dunkel der Gefängniszelle. Mein Tod soll nicht nur eine Sühne sein, sondern auch ein Beispiel. Ich will den letzten Gang mit erhobenem Haupte antreten und tun – nicht wie ein Verbrecher, sondern wie ein Besiegter. Ich will aufrecht an derselben Stätte sterben, wo so viele von den Unserigen für Gott, König und Vaterland gestorben sind. Wenn man mich vergiftet hier in der Zelle finden würde, heißt es: aha, er hat sich vor der Guillotine gefürchtet. Mein Kopf soll unterm Fallbeil fallen, gibt es denn eine größere Ehre für mich, als einem Ludwig dem Sechzehnten und einer Marie-Antoinette nachzufolgen? Die Guillotine ist durch einen Saint-Just und Robespierre beschmutzt und entweiht worden – ich will sie mit meinem Blut abwaschen!« Emilie barg das Fläschchen wieder in ihrem Busen: »Gut. So ist dies eben für mich allein.« »Und jetzt, meine Einzige, Liebste –« und wie eine Weihe ging seine Rede. »Denken wir an nichts mehr als an die Süßigkeit dieser letzten Stunde. Und laß auf unsern Lippen nur noch Liebe und Küsse feiern.« Und er bot ihr seine gefesselten Hände; und sie umschlang ihn und sog von seinem Munde den berauschenden Trank, der alles vergessen macht ... 16. Kapitel. Soeben waren die Fensterläden des Lerebourgschen Kaufhauses aufgemacht worden, und der Frühaufsteher Lerebourg stand unter der Tür und schöpfte ein wenig Luft. Acht Uhr am Morgen war's und die Rue Saint-Honoré wurde schon ganz lebendig. Da kam ein Zeitungsverkäufer die Straße herauf und schrie in einem fort mit heiserer Stimme: »Der ›,Publicateur‹,! ... Ausführliche Schilderung der Hinrichtung des Massenmörders Saint-Régeant!« Der Kaufmann wurde ganz blaß, rief den Mann herbei und ließ sich das Blatt geben. Auf der ersten Seite, fett gedruckt: »Heute früh um 5 Uhr fand die Hinrichtung Saint-Régeants und Carbons statt. Die beiden Übeltäter starben mit dem größten Zynismus und ohne ein Wort des Bedauerns für die unschuldigen Opfer bei ihrem Attentat, Carbon wurde im letzten Augenblick denn doch etwas schwach und mußte zum Schafott beinah hinaufgetragen werden. Saint-Régeant aber war von einer schlechtweg empörenden Kaltblütigkeit und bot eisern die Stirn dem Tod.« Einige Zeilen weiter stand die folgende Nachricht: »Gestern ist ein Schub von 160 Terroristen nach Guyana abgegangen, die alle der Verschwörung gegen den Staat überführt waren. In demselben Augenblick, in welchem die Elenden Saint-Régeant, Carbon und Komplizen den Ersten Konsul zu ermorden versuchten, planten die Terroristen ein neues Régime voller Blut und Kot, ähnlich, wie es vor dem 18. Brumaire um das arme Frankreich bestellt war. Nachdem nun all diese Empörer ausgeliefert sind, hofft die Konsularregierung die Ordnung und den Frieden bald im ganzen Lande endgültig wiederherstellen zu können.« Lerebourg dachte: Also hat Bonaparte zwei Fliegen auf einen Schlag gefangen. Hat sich einfach die Royalisten zunutze gemacht, um sich die Jakobiner gleichfalls vom Halse schaffen zu können. Dabei haben die beiden Parteien sicher nichts miteinander gehabt – sicher nicht! – dazu hatten sie einen zu wütigen Haß aufeinander. Wie denn auch? wenn es Saint-Régeant mit seinen Helfershelfern gewesen ist, können's doch nicht zu gleicher Zeit die Babouvisten gewesen sein! Indes, sei dem, wie ihm wolle, die Hauptsache ist, wie das Blatt hier auch ganz genau schreibt, daß für etliche Zeit wenigstens wieder Ruhe herrschen wird ... Da kam Fräulein Hermance angerannt und war schrecklich aufgeregt und rief schon von weitem: »Ach, Bürger Lerebourg, der arme – arme Victor Leclerc. Ein so hübscher Junge, und so höflich, und so zuvorkommend ... und nun so ein entsetzliches Ende!« »Schon gut, schon gut!« sprach der Prinzipal und sah seine Verkäuferin ziemlich scheel an. »Halten Sie sich nicht länger mehr auf ... Sie müßten eigentlich bereits auf Ihrem Posten sein ... Ihre Kolleginnen sind längst da ...« »Ach, ich hab' doch der Hinrichtung beigewohnt ... Die Bürgerin Régnault hat mir dermaßen den Kopf vollgeredet. ... Die war übrigens gleich mit einer ganzen Gesellschaft da: Bürgerin Hamelin und die Bürgerin –« »Was!« fiel ihr Lerebourg ins Wort. »Sie konnten sich nicht enthalten und waren sogar – entsetzlich! – dabei!« »Der Platz war schwarz von Leuten ... Sie können mir glauben, daß ich nicht die einzige gewesen bin ...« »Schon gut, mein Kind,« sprach der Kaufherr, »aber nun sind Sie wohl so liebenswürdig und reden mir nicht lange darüber ... besonders nicht vor meiner Frau.« »I, wo werd' ich denn?« Und das kam eigentlich verdächtig schnippisch heraus. »Aber wie können der Herr von mir so etwas denken! Ich bin doch keine ›,Person‹, und weiß ganz genau, was ich mir zu denken habe!« Und sie schwenkte zum Laden hinein, legte ihre Schute und ihren Umhang ab und machte sich an ihre Arbeit. Als um zehn Uhr seine Frau immer noch nicht erschienen war, lief Lerebourg in die Wohnung hinauf. – Am Ende fehlte Emilie etwas, und er war nicht umsonst in einer solchen geheimen Unruhe. Er horchte an ihrer Tür, hörte aber nichts, meinte, sie sei wohl noch einmal eingeschlafen, und ging in sein Kontor, Rechnungen sichten. – Eine weitere Stunde verstrich; Mittag war nahe; da entschloß sich Lerebourg, doch zu seiner Frau mal hineinzuschauen. Aber da waren die Jalousien zu, die Vorhänge vor, und das ganze Zimmer überhaupt eine Dunkelheit. Er ging ans Bett heran, rief sie leise bei ihrem Namen ... keine Antwort. Lauter ... wieder keine Antwort. Da bekam er's mit der Angst. Er riß alles auf, Vorhänge, Fenster, Jalousien – das helle Tageslicht fiel herein und er wendete sich um – da tat er aber einen hohlen, gräßlichen Schrei. Wachsbleich von Farbe – die Augen starr – und mit offenem Mund lag Emilie da. Ganz verstört stürzte er hin ... packte sie bei der Hand ... die Hand eiskalt ... riß sie in die Höh' ... der ganze Körper wie Eis ... wollte sie erwärmen ... wieder zum Bewußtsein bringen ... vergebens. Sie glitt ihm unter den Händen aufs Kopfkissen zurück ... mit ihrem wundervollen aufgelösten Haar, das gerade wie auf einem Wasser trieb ... und ihr Kopf wackelte im Zurücksinken. Da fiel er vor dem Bett auf die Knie, ein Schluchzen stieß ihm fast das Herz ab, und weinte und jammerte. Bis seine Augen mit einem Male entsetzt auf einem entkorkten Fläschchen haften blieben ... das Fläschchen leer ... davon hatte sie in der Nacht eingenommen? Er tappt danach und liest: Digitalin. Das Fläschchen entfällt ihm ... rollt auf dem Boden hin ... Gift! Seine Frau hat sich vergiftet! Vergiftet! Da steigt mit einem Male – alle Tränen haben längst aufgehört zu fließen – ein wahnwitziger Verdacht in ihm auf: Saint-Régeant und Emilie zu ein und derselben Stunde tot. Das ist plötzlich da und wird größer und größer und wächst riesengroß ... seine Hand fährt aus und wie bittend zu Emilie hin, daß sie es ihm im Tod noch gestehen möchte ... da, mit einer blitzschnellen Bewegung reißt er der Leiche was aus den Händen, die sie wie zum letzten Gebet über der Brust gefaltet hat ... und liest. Und liest. Blut steigt ihm zu Gesicht. Ein krächzender Schrei. Und im Fallen noch eine Bewegung machend, die wie ein Fluch sein soll, schlägt er ohnmächtig am Bett hin.   Ende .