Claude Anet Ariane Ein russisches Mädchen Erster Teil I Ein Himmel von fast morgenländischer Klarheit, schön, rein, leuchtend und blau wie ein Türkis aus Nischapur dehnte sich über den Häusern und Gärten der noch schlummernden Stadt. Nur das Zwitschern der Spatzen, die einander auf Dächern und den Ästen der Akazien verfolgten, und das behagliche Gurren einer Taube vom Wipfel eines Baumes störten die tiefe Ruhe des frühen Morgens. Von weitem ertönte dann und wann das ächzende Knarren eines Bauernkarrens, der langsam auf dem holprigen Pflaster der Sadowaja, der größten und elegantesten Straße der Stadt, herankam. Angrenzend an den breiten, staubigen, verlassenen Domplatz umschloß eine Holzverschalung den Hof des Hotel London, dessen eintönige lange Fassade mit drei Stockwerken aus grauen Steinen, verdrießlich wie ein regnerischer Herbsttag, ohne Erker, ohne Pfeiler, ohne Säulen, schmucklos in die Sadowaja starrte. Dieses Hotel, das erste der Stadt, war durch seine Küche berühmt. Die » jeunesse dorée «, Offiziere, Industrielle und Aristokraten waren die Gönner seines renommierten Restaurants, in dem ein Orchester von drei blassen Juden und zwei Kleinrussen nachmittags und bis spät in die Nacht banale Potpourris aus Eugen Onegin und Pique Dame, sentimentale Volkslieder und rhythmisch zerhackte Zigeunerweisen spielte. Wie viele fröhliche Gesellschaften, glänzende Feste und »Orgien« – um diesen Ausdruck zu gebrauchen, der bei uns für die Veranstaltungen des Hotel London beliebt war – hatten dessen Wände schon umschlossen! Das Restaurant des Hotels bestand aus einem großen und einem kleineren Saal. Aber es besaß keine Separees. Daher pflegten diejenigen, die unter sich bleiben wollten, im ersten Stock des Hotels Zimmer und Salon zu nehmen, die Leo Dawidowitsch, der Portier, stets für seine Gäste reserviert hielt. Dieser Leo, ein Jude mit engstehenden, müden Augen, der unumschränkte Herrscher des Hauses, war eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Stadt. Die Honoratioren aus der Provinz suchten seine Freundschaft und blieben stets im Vestibül stehen, um einige liebenswürdige Worte an ihn zu richten; Leo war diskret und das Schweigen, wie die guten Dienste des Portiers eines so bekannten Hotels pflegte man gut zu belohnen. Wie viele rosa Banknoten und selbst solche von 25 Rubel hatte er nicht diskret entgegengenommen, ohne daß sein bleiches Gesicht die geringste Bewegung verriet; Noten, die ihm heiße Hände von Männern in der Hoffnung zusteckten, bei ihm Zuflucht für ein galantes Abenteuer zu finden. Es scheint, daß die Anzahl derer, die Wert darauf legten, das Geheimnis ihrer glücklichen Stunden wohl bewahrt zu wissen, groß war, denn Leo Dawidowitsch besaß nicht weniger als drei Häuser. Das beweist, daß der Wohlstand zunahm, daß das Geld leicht erworben und mit Freude ausgegeben wurde, kurz, daß das Leben in dieser Stadt ebenso glühend dahinströmte, wie die heißen Sommertage über die Steppen des südlichen Gouvernements, dessen Hauptstadt sie war. Kein Mann war in der Provinz reich geworden, im Bergbau, in der Industrie oder Landwirtschaft, der nicht stets der unvergeßlichen Feste gedachte, die er bei französischem Champagner in Gesellschaft liebenswürdiger Frauen im Hotel London verlebt hatte. Eines der drei Häuser von Leo Dawidowitsch stand in einer entlegenen Vorstadtstraße, nicht weit jener Chaussée, auf der in der Dämmerung und in der Nacht edle Traber, der Stolz unserer Provinz, Pärchen entführten, deren Freude es war, mit Windeseile auf ebener, gutgehaltener Straße dahin zu fliegen. Dieses Haus hatte über dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk. Leo wollte es eines Tages selbst beziehen, hatte aber nur den ersten Stock eingerichtet und ein altes mürrisches Weib dort eingesetzt. Viele Leute kamen, um zu mieten, denn in der Stadt, die sich in den letzten Jahren mit erstaunlicher Geschwindigkeit vergrößert hatte, war Not an Wohnungen, doch die Antwort der Alten war stets die gleiche: die Wohnung sei vergeben. Trotzdem erschien niemals der Mieter und arglose Leute wunderten sich, daß Dawidowitsch offenbar auf die Vorteile einer gewinnbringenden Vermietung verzichte; andere aber schüttelten bedeutsam den Kopf. – Tatsache war, daß an manchen Abenden ein Wagen vor der Tür des kleinen Häuschens hielt und daß trotz der dichtverhängten Fenster vereinzelte Lichtstrahlen noch spät nachts aus den Falten der Vorhänge auf die Straße fielen. – Zu der frühen Stunde, da diese Erzählung einsetzt, beim Erwachen eines heißen Tages Ende Mai, war das große Tor des Hotel London noch geschlossen und das elektrische Licht im Restaurant und Vestibül schon lange erloschen. Die kleine Holztür in der Hofverschalung öffnete sich knarrend, ein junges Mädchen erschien und blieb einen Augenblick zögernd auf der Schwelle stehen. Sie trug ein einfaches braunes Kleid mit einer Schürze aus schwarzem Lüster. Es war die Uniform des bekanntesten Gymnasiums der Stadt, deren Strenge durch einen weißen Spitzenkragen gemildert war, der jetzt ein wenig zerdrückt schien. Gegen die Vorschrift war das Kleid etwas dekolletiert und ließ in zarter Anmut einen schlanken Hals sehen, auf dem sich in leichter Haltung ein kleines Köpfchen wiegte. Ein weißer Strohhut, dessen breiter Rand an den Seiten durch ein schwarzes, unter dem Kinn verknüpftes Band heruntergebogen wurde, umrahmte das Gesicht. Den Kopf lebhaft vorneigend überblickte sie die verlassene Straße, um nach diesem kurzen Zögern aus der Tür zu treten. Hinter ihr erschien nun ein zweites Mädchen, einige Jahre älter, blond, ein wenig üppig, etwas schwerfällig, mit einem schwarzen Seidenrock und einer Batistbluse unter dem Frühjahrsmantel bekleidet. Das junge Mädchen in Uniform reckte sich, hob den Kopf gegen den Himmel, sog die reine Luft tief, wie einen Trunk frischen Wassers ein und sprach lachend: »Welche Schande, Olga, es ist hellichter Tag!« »Schon lange wollte ich aufbrechen,« brummte diese, »ich weiß nicht, weshalb du so lange gezögert hast... oder weiß es nur zu gut! – Und ich muß um zehn Uhr im Bureau sein! Ich werde wieder einen Auftritt mit diesem Tyrannen Petrof haben. – Und überhaupt habe ich zuviel Champagner getrunken!« Die Gymnasiastin betrachtete sie mitleidig, zuckte, wie es ihre Gewohnheit war, leicht mit der linken Schulter und erwiderte nichts. Sie schritt rasch mit einem leichten glücklichen Gang dahin, ließ auf dem Asphalt die hohen Stöckel ihrer Halbschuhe lustig klappern und blickte mit erhobenem Kopf ringsum. Sie war voller Freude, sich nach einem rauchigen Zimmer in der überraschenden Reinheit eines aufdämmernden Frühlingsmorgens zu finden. Die beiden Mädchen schritten quer über den weiten Domplatz und trennten sich, nachdem sie sich für den Abend verabredet hatten. Die Schülerin bog links vom Dom in eine Seitengasse, als sie plötzlich eilige Schritte hinter sich hörte und sich umdrehte. Ein schlanker Schüler in Uniform mit den gekreuzten Hämmern am Kappenrand lief ihr nach. Sie blieb stehen. Ihr Ausdruck wurde kalt und abweisend, die langen Augenbrauen zogen sich zusammen, so daß der Student, der keinen Blick von ihr wandte, verwirrt wurde. Nervös zitternd stotterte er: »Verzeihung, Ariane Nikolajewna. Ich wartete, bis Sie allein wären. Ich konnte mich nicht so von Ihnen trennen. – Nach dem was zwischen uns geschehen ist...« Mit überlegener Ruhe unterbrach sie ihn: »Was, ich bitte Sie, ist denn geschehen?« Die Verwirrung des jungen Mannes nahm zu. »Ich weiß nicht,« stammelte er, »weiß nicht, wie Ihnen erklären ... Mir schien ... Waren Sie böse, ja? Ich bin verzweifelt. Sagen Sie's lieber gleich. – So ein Leben ist unerträglich!« schloß er, ganz fassungslos. »Ich bin über gar nichts böse«, antwortete Ariane, jedes Wort betonend. »Merken Sie sich's ein für allemal: ich bereue niemals, was ich getan habe. – Aber erinnern Sie sich denn nicht, daß ich es mir verbeten habe, auf der Straße von Ihnen angesprochen zu werden? Ich bin erstaunt, daß Sie das vergessen konnten!« Unter dem eisigen Blick des jungen Mädchens zögerte er nur einen Augenblick, machte dann kehrt, und entfernte sich ohne ein weiteres Wort. Einige Minuten später war Ariane Nikolajewna vor einem großen Holzhaus angelangt. Im Parterre waren Geschäfte. Sie stieg zum ersten und einzigen Stock hinauf, zog einen Schlüssel aus ihrem Täschchen und öffnete vorsichtig die Tür. Nur das einförmige Ticken einer großen Uhr im Speisezimmer unterbrach die Stille der Wohnung. Auf den Zehenspitzen schlich das junge Mädchen durch ein langes Vorzimmer und öffnete leise eine Tür, hinter der in einem engen Bett ein Dienstmädchen mit offenem Munde, halb angekleidet, schlief. »Pascha, Pascha!« flüsterte Ariane. Die Dienerin, die aus dem Schlafe auffuhr, wollte aufstehen. Ariane hielt sie im Bett zurück. »Du weckst mich um neun Uhr, um neun Uhr, verstehst du. Ich habe vormittag eine Prüfung.« »Gut, gut, Ariane Nikolajewna, ich werde nicht vergessen. – Aber es ist heller Tag. Wie spät Sie doch nach Hause kommen. Ich bitte Sie um Gottes willen, schonen Sie sich doch. – Ich komme gleich, Sie auszukleiden«, fügte sie, mit einem neuen Versuch aufzustehen, hinzu. »Nein, Pascha, bleib nur liegen. Schlaf noch ein wenig. Zum Glück kann ich mich allein an- und auskleiden.« Ein paar Minuten später war im ganzen Hause der Dworanskaja vollkommene Ruhe. – Um zehn Uhr dieses Morgens unterzog der Geschichtsprofessor Paul Pawlowitsch mit zwei anderen Lehrern die Schülerinnen des von Frau Znamenskaja geleiteten Gymnasiums der Schlußprüfung. Gegen zwanzig junge Mädchen waren in dem großen, hellen, kahlen Schulzimmer versammelt. Es schwirrte von Bruchstücken einer leise geführten Unterhaltung, geflüsterten Sätzen, kurzen, erregten Worten. Lebhafte Augen glänzten in bleichen Gesichtern. Manche blätterten noch hastig im Geschichtsbuch. Andere verfolgten eifrig die Vorgänge auf dem Podium. Die Prüfung, die für jede Schülerin fünf Minuten dauerte, behandelte ein Thema, das auf kleine Zettel geschrieben, ausgelost worden war. Jedes Mädchen hatte während der Prüfung ihrer Vorgängerin Zeit, an einem benachbarten Tischchen über ihr Thema nachzudenken. Ariane Nikolajewna erwartete eben ihre Prüfung und zerknitterte in ihrer Hand den Zettel, den sie von Paul Pawlowitsch erhalten hatte. Zwei Stunden Schlaf hatten genügt, ihrem Gesicht eine fast kindliche Frische zu geben, über ihren etwas kleinen hellgrauen Augen wölbten sich langgeschwungene Brauen, die über der kleinen, geraden, regelmäßigen Nase fast zusammenstießen. Der feingezeichnete Mund war geschlossen. Ariane grübelte nicht über ihr Prüfungsthema, sondern folgte den stockenden Antworten der Schülerin, die eben geprüft wurde. Ihre grauen Augen funkelten unter den schwarzen Wimpern und sie mußte merklich an sich halten, ihrer bedrängten Kollegin nicht helfend beizuspringen. Eine abseits sitzende Aufsichtsdame ging nach einem Blick auf ihre Uhr hinaus. Zwei Minuten später kehrte sie mit der Schulleiterin zurück. Die Professoren beeilten sich, dieser vor dem Podium einen Stuhl anzubieten; Frau Znamenskaja dankte ihnen aber durch ein Neigen des Kopfes und nahm weiter hinten den Sessel der Lehrerin. Durch den Saal lief ein Murmeln. Die jungen Mädchen tauschten halblaut ihre Meinungen. »Schon wieder ist sie da.« »Immer kommt sie, wenn Ariane geprüft wird!« »Eine Schande, diese Protektion!« Kaum hatte sich Frau Znamenskaja niedergesetzt, als Paul Pawlowitsch einige Male müde auf den Tisch klopfte. »Ich danke.« Das junge Mädchen stieg erlöst vom Podium, ging an seinen Platz zurück und verbarg das gerötete Gesicht hinter seinem Taschentuch. Mit zögernder Stimme rief der Professor: »Kustnetzowa.« Ariane kam heran. Ohne den Blick zu erheben fragte der Professor: »Welches ist Ihr Thema?« »Die Märtyrer von Nowgorod.« Und ohne weitere Fragen abzuwarten, begann Ariane ihren Vortrag. Sie sprach mit überraschender Sicherheit des Ausdrucks. Die schwierigsten Fragen schienen durch ihre Antworten einfach zu werden, das verworrenste Thema wurde leichtverständlich. Sie ordnete alle Dinge nach ihrer Bedeutung und zeichnete, ohne sich in Kleinigkeiten zu verlieren, ein leuchtendes Bild, in dem alles seinen richtigen Platz einnahm. Mit dem gleichen Behagen, mit dem man im Konzertsaal einem großen Künstler lauscht, hörten ihr die Prüfenden zu. Paul Pawlowitsch ließ jetzt kein Auge von ihr und auch aus dem gespannten Ausdruck der Znamenskaja las man das große Interesse, mit dem sie den gewählten und erschöpfenden Worten Ariane Nikolajewnas folgte. Alle Blicke im Saal ruhten auf dem Podium. »Das ist eine Fünf mit einem Kreuz«, sagte eine. »Erster Preis und goldene Medaille«, flüsterte eine andere. »Schau auf Paul Pawlowitsch,« zischelte eine dritte, »kein Zweifel, er liebt sie.« »Das weiß ich schon lang«, antwortete ein bleiches, ernstes Mädchen. Nach Verlauf der fünf Minuten unterbrach Paul Pawlowitsch Ariane. »Das genügt, Kustnetzowa, wir danken Ihnen.« Das junge Mädchen verließ das Podium. Einer der Professoren beugte sich flüsternd zu seinem Nachbar: »Ein geniales Kind.« Eine Stunde später war die Prüfung beendet. Während die anderen Schülerinnen den Saal verließen, blieb Ariane noch im Gespräch mit der Schulleiterin zurück. Ihre Unterhaltung dauerte sehr lange. Bald waren sie allein im Saal. In einer Aufwallung von Zärtlichkeit neigte sich die Znamenskaja schließlich zu ihr, küßte die überraschte Ariane und sprach: »Wo Sie auch immer sein mögen, Ariane, vergessen Sie niemals, daß ich Ihre Freundin bin!« und entließ sie. Im Stiegenhaus warteten zwei junge Mädchen auf Ariane Nikolajewna. Sie flüsterten mit spitzem, rasch wieder unterdrücktem Gekicher. Die eine war groß, schlank, blaß mit glänzenden Augen und eckigen Bewegungen. Die andere war häßlich, mit kleinen Augen, breiter Nase, aber kokett und lebhaft. Beider Ruf war kein guter; man sah oft Schmuck an ihnen, dessen Herkunft verdächtig schien, da sie aus vermögenslosen, kleinbürgerlichen Familien stammten. Sie schlossen sich Ariane an und überschütteten sie im Weitergehen mit tausend Zärtlichkeiten, Glückwünschen und Schmeicheleien. »Hören Sie, Ariane,« sagte dann die Größere, »könnten Sie nicht heute abend mit uns kommen? Wir sind eine kleine Gesellschaft. In dem neuen Landhaus, das Popof kürzlich kaufte.« Dieser Popof war der reichste Kaufmann der Stadt, ein Mann reiferen Alters, abstoßend häßlich. »Er hat es in ungewöhnlicher Art eingerichtet; stellen Sie sich nur vor, daß es im ganzen Hause nicht einen einzigen Stuhl gibt, nur Sofas. Das müssen Sie gesehen haben!« Die Kleine schaltete eifrig ein: »Und die Musik ist in einem Nebenzimmer versteckt, man hört sie nur, aber sieht nichts von ihr. Und dann hat er etwas ganz Neues ausgedacht: die Beleuchtung besteht nur aus vielen kleinen Kerzen, von denen eine nach der andern ausgeht!« »Und wer soupiert auf diesen Sofas?« fragte Ariane. »Denn ich soll doch wohl nicht mit Popof soupieren?« »Ein paar seiner Freunde, reizende Leute. Übrigens warum sollte es denn nicht Popof sein? Er ist ganz toll in Sie verliebt; er träumt und spricht nur von Ihnen. Sie müssen unbedingt mitkommen.« »Vielen Dank, Popof ist zu häßlich.« »Aber geistreich. Und überhaupt müßten Sie ihn singen hören! Er singt bezaubernd. Sie würden das nicht für möglich halten!« »Er wird ohne mich singen,« erwiderte Ariane stehenbleibend, »denn ich will weder sein Landhaus, noch seine Sofas, noch seine Kerzen sehen. Heute nicht und morgen nicht. Niemals! Das könnt ihr ihm ausrichten.« »Aber er wird verzweifelt sein.« »Der Schnaps wird ihn trösten.« Sie verließ die beiden Mädchen, die erregt, über die erhaltene Absage eifrig sprechend, ihren Weg fortsetzten. »Das ist zum Lachen, wie sie sich bitten läßt!« sprach die Größere, »Popof wird mit uns nicht zufrieden sein«, die Kleine. Ariane betrat einen winzigen Garten, eigentlich nur einen von Bäumen und Rosenstöcken begleiteten Weg. Paul Pawlowitsch ging hier erregt auf und ab. Sanft, verschlossen und zurückhaltend, ein Träumer und Idealist, schreckte er vor jeder Berührung mit der Außenwelt zurück; besonders aber vor diesen Begegnungen mit Ariane Nikolajewna, die er in dem kleinen Gärtchen zwei-, dreimal in der Woche nach dem Unterricht zu treffen pflegte. Und immer wieder, wenn sie vor ihm stand, fiel es wie eine Lähmung über ihn, so daß er nur mit Mühe Worte hervorbrachte. Heute überdies, nach ihrer kurzen Unterhaltung mit ihren beiden Mitschülerinnen, schien Ariane gereizt, was seine Verwirrung noch steigerte. Trotzdem fand er die Kühnheit, auf eine abseits stehende Bank zu weisen und zum Niedersetzen einzuladen. Sie lehnte ab. Sie hätte sich ohnedies stark verspätet und würde erst nach Hause kommen, wenn alle schon gegessen hätten. Er ging neben ihr und sie zu ihrer guten Prüfung beglückwünschend wiederholte er das schmeichelhafte Urteil des einen Lehrers: »Ein geniales Kind.« Ariane warf ihr bewegliches Köpfchen zurück und brummte: »Kind! Welche Frechheit, ich bin siebzehn Jahre!« Danach blieb sie schweigsam, so daß der Professor, irritiert, schließlich auch verstummte. Sie schritten rasch durch die wenig belebten Straßen. Die Hitze war, zum erstenmal in diesem Jahr, drückend und kündigte schon den glühenden Sommer des Südens an. So kamen sie schweigend in die Dworanskaja, zu dem Haus, in dem Ariane Nikolajewna wohnte. Paul Pawlowitsch war bleicher als sonst; mit gewaltsamer Anstrengung begann er zu sprechen. Ariane unterbrach ihn: »Wissen Sie, Paul Pawlowitsch, woran ich denke? Sie meinen, ich sei verstimmt, aber ich bin nur glücklich, namenlos glücklich. Erraten Sie worüber? Nicht? Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich denke nur an eines: in wenigen Minuten bin ich in meinem Zimmer; auf meinem Diwan liegt ein wunderschönes weißes Seidenkleid, dekolletiert und mit weißen Spitzen besetzt. Und Pascha, – Sie kennen doch Pascha? Sie betet mich an; was immer ich tue, bewundert sie. – Pascha wird mit dem Kleid weiße Seidenstrümpfe und weiße Abendschuhe vorbereitet haben. Dann, Paul Pawlowitsch, werde ich mich von Kopf zu Fuß ganz auskleiden, ich werde diese scheußliche Gymnasiastenuniform, diesen braunen Fetzen, den ich seit drei Jahren trage, auf die Erde werfen, werde darauf tanzen und ihn mit den Fußen zerstampfen, Und Pascha werde ich umarmen. – Nur daran denke ich: ich bin frei, frei! Freuen Sie sich doch mit mir!« Sie streckte ihm die Hände entgegen. Paul Pawlowitsch hörte ihr zu und sein Gesicht spiegelte den Widerstreit seiner Gefühle. Die Freude des jungen Mädchens, ja ihre Stimme allein schon, berauschte ihn und doch fühlte er eine müde Schwermut, einen Abschiedsschmerz... Schon hatte ihn Ariane verlassen, um ins Haus zu eilen, als sie sich bei der Tür nochmals umdrehte: »Wenn Sie heute abend nichts Besseres vorhaben, kommen Sie in den Alexanderpark.« Sie war verschwunden. Paul Pawlowitsch starrte ihr regungslos nach. II In dem großen Speisezimmer saßen, als Ariane eintrat, einige Personen an dem langen Tisch, dem Tante Varwara präsidierte. Sie war eine Frau in den Vierzigern mit unregelmäßigen Zügen. In ihrem Gesicht fielen zuerst nur wundervolle große schwarze Augen auf, die allein schon genügten, das allgemeine Urteil über diese Frau zu rechtfertigen: Varwara Petrowna sei eine faszinierende Erscheinung. – Sie war geschmackvoll frisiert, ein Scheitel an der Seite teilte ihre leicht gewellten Haare. Ihr Mund war ebenso fein, wie der ihrer Nichte, aber die Zähne waren schadhaft. Varwara Petrowna, die das wußte, hatte sich deshalb angewöhnt, nur mit ihren großen funkelnden Augen zu lachen, während ihre Lippen geschlossen blieben. »Sie ist unwiderstehlich«, meinten dann ihre Intimen. – Sie war noch immer schlank und zart. – »Wenn Tante Varwara über die Straße geht«, pflegte Ariane zu erzählen, »glauben die Leute ein junges Mädchen vor sich zu haben.« Sie kleidete sich selbst zu Hause mit der peinlichsten Sorgfalt – in Rußland eine Seltenheit. Sie hatte elegante Schuhe, ihre Hände waren gepflegt, ihre Wäsche war vornehm und stets trug sie ein schwarzes Stoffkostüm von einem ersten Moskauer Schneider. Das Leben, das sie führte, bildete für die Bewohner der Stadt einen Gegenstand unerschöpflichen Interesses. Aus ihrer Vergangenheit wußte man, daß sie ihre Familie aus nicht ganz aufgeklärten Gründen verlassen hatte, um in der Schweiz Medizin zu studieren, daß sie schließlich nach Rußland zurückgekehrt war und sich als Distriktsarzt in Iwanow, einer Stadt unseres Gouvernements niederließ. Zu dieser Zeit befaßte man sich mehr mit ihrer jüngeren, außerordentlich schönen Schwester Vera, die der bekannte Schriftsteller Kovalsky, der den Winter in der gleichen Stadt wie sie verbrachte, auffallend verehrte. Gerade als man die Verlobung der beiden erwartete, reiste er Hals über Kopf in die Krim und sie kam ebenso unerwartet nach Iwanow zu ihrer Schwester, wo sie durch sechs Monate so zurückgezogen lebte, daß niemand sie zu Gesicht bekam. Darauf zog sie nach Paris und heiratete dort ein Jahr später den Ingenieur Kustnetzow, den seine Geschäfte öfters nach Frankreich führten. Kurz nach ihrer Abreise von Iwanow wurde bekannt, daß das Haus Varwaras noch einen zweiten Gast beherberge, einen Säugling, von dem Varwara erzählte, er sei das ihr anvertraute Kind einer unverheirateten Freundin. Dieses kleine Mädchen war nicht in der Ortskirche getauft worden und als es anderthalb Jahre alt war, reiste Varwara mit ihm ins Ausland, wo sie einige Zeit bei ihrer verheirateten Schwester Vera wohnte. Zurück kam sie allein. Und ein plötzliches Ereignis lenkte ihr Leben in ganz neue Bahnen. – Eines Nachts wurde sie zu dem schwererkrankten Prinzen J. – einem der reichsten Großgrundbesitzer Rußlands – gerufen, der eben einen Monat auf einem benachbarten Gut verbrachte; sie vermochte ihm das Leben zu retten. Der Prinz ließ sie nicht mehr fort, nahm sie mit nach Europa und sie blieb sieben Jahre, bis zu seinem Tode, bei ihm. Dann kehrte sie in ihre Heimat zurück. Sie brachte ein Vermögen von hunderttausend Rubeln, nebst einer Rente von zehntausend Rubeln und die reichen Erfahrungen des glänzenden Lebens mit, das sie an seiner Seite geführt hatte. Damals kaufte sie das Haus in der Dworanskaja. Es war, als hätte sie Rußland niemals verlassen. Sie verstand die Kunst, ihre Zeit beschäftigungslos zu verbringen, als wäre sie es nie anders gewohnt gewesen, und die Tage, die sie mit nichts auszufüllen hatte, erschienen ihr viel zu kurz. Sie verließ selten die Stadt, kaum einen Monat verbrachte sie auf einem kleinen Landsitz am Don, den sie erworben hatte, um stets mit Milch, Eiern und Gemüse versorgt zu sein. Während der Jahre ihrer Abhängigkeit vom Prinzen hatte sie die Lust am Reisen bis zum Überdruß genossen. Diese verflossene Zeit betrachtete sie wie die Kulissen eines Theaters, die vielleicht prächtig waren; wer aber dachte daran, zwischen ihnen seine Zukunft zu verbringen! Man verlebt dort eine kurze Zeit im blendenden Schein des künstlichen Lichtes, von tausend Zuschauern beobachtet, aber nach der Vorstellung bleibt man zu Hause und schließt die Türen. Und das tat Varwara Petrowna; aber sie lehnte die Türe nur an, um die zahlreichen Freunde einzulassen, die sie schon nach kurzer Zeit in der Stadt gewonnen hatte. – Fünf Jahre waren seit ihrer Ankunft vergangen, als ihre Schwester Vera in San Remo einem Lungenleiden erlag; sie war dort allein mit ihrer Tochter Ariane gewesen; Kustnetzow eilte von Petersburg herbei, brachte seine Tochter nach Rußland und bat seine Schwägerin, da er nichts mit ihr zu beginnen wußte, sie zu sich zu nehmen. Als die Nachricht das Haus in der Dworanskaja erreichte, waren die Freunde Varwaras davon überzeugt, daß sie ablehnen werde. Warum sollte sie sich auch in ihrer Unabhängigkeit der Pflicht unterziehen, ein Mädchen zu erziehen, das sie gar nicht kannte? – Ihre Freunde tauschten sich; ohne auch nur zu überlegen telegraphierte sie sofort nach Erhalt des Briefes nach Petersburg, man möge ihre Nichte schicken. Als Ariane bei ihrer Tante eintraf, war sie ein Kind von vierzehneinhalb Jahren, doch geistig und körperlich ihrem Alter voraus. Sie war wohl außerordentlich zart, schien aber doch schon entwickelt, mit ihren vollen Armen und dem ernsten Gesicht. Wenn sie einen ansah, hatte ihr Blick etwas Herausforderndes. »Wem zum Teufel gerätst du nach?« war die Begrüßung Varwara Petrownas. »Du hast den gleichen Mund, wie alle in unserer Familie, aber so schön wie deine Mutter wirst du nicht. Und woher hast du diese Art die Menschen anzuschauen? Von wem sind diese Augen? Gewiß nicht von deinem Vater, der blond und ein Schwächling ist. Kein einziger Zug von dir ähnelt ihm, wozu ich dir übrigens nur gratuliere, denn du weißt, wie ich über ihn denke.« In diesem Tone pflegte Varwara Petrowna immer zu sprechen. Die Augen des jungen Mädchens funkelten, aber sie erwiderte nichts. »Übrigens, du gefällst mir! Ich fürchtete du seist noch ein Kind, aber ich sehe, daß du ein junges Mädchen bist. Wir werden ungeniert plaudern können?« Und wirklich änderte trotz der Anwesenheit dieses Kindes Varwara Petrowna nicht im geringsten ihre Gewohnheiten. Gleich vom ersten Tage ab sah sie in Ariane trotz des großen Altersunterschiedes viel mehr eine vertraute Freundin als die Nichte, deren Erziehung ihr übergeben war. Seitdem Varwara sich von ihrer Familie getrennt hatte, war sie gewohnt gewesen, unabhängig zu leben und nur sich selbst über den Gebrauch ihrer Freiheit Rechenschaft zu geben. Da doch die Natur selbst den Verkehr der Geschlechter mit einem lebhaften Vergnügen ausgestattet hatte, warum sollte man sich wohl dessen berauben? Mit ihrem kritischen Verstande der Studentin sah sie keinerlei Grund dafür, sich so natürliche Freuden zu versagen. Sie hatte schon an der Universität Freunde gehabt und, nach Rußland zurückgekehrt, sogar in Iwanow solche gefunden. Während ihrer Auslandreisen mit dem Prinzen nahm sie verschiedentlich Gelegenheit, vergleichende Studien über die Vorzüge der Ausländer anzustellen, und nun zu Hause setzte sie das Leben nach ihrem Geschmack fort. Sie hatte kein Verständnis dafür, daß man der Hingabe seiner selbst eine so große Bedeutung beilegen sollte, wie viele überspannte Frauen dies taten. Mit einem Wort, sie hatte von der Liebe die gleiche Auffassung wie ein Mann. Sie nahm einen Freund, wenn sie Gefallen an ihm fand, und verließ ihn, wenn ein anderer ihr mehr zusagte. Sie fand weder die helle Begeisterung bei der Vereinigung, noch Tränen bei der Trennung. In ihren Augen war die Liebe kein Mysterium und einem Abschiede mußte kein Drama folgen. Sie handelte so vollkommen selbstverständlich, daß ihre Freunde nie auf den Gedanken kamen, sie hätten ein Recht mehr von ihr zu verlangen, als sie ihnen gab. Übrigens trennte sie sich nie ganz von ihren Freunden und verstand es, die intimen Gefühle der Liebe ohne Szenen, unmerklich fast, in solche der Freundschaft hinüberzuleiten. Gelegentlich versagte sie sich auch einem Wiederanknüpfen nicht. In den meisten Jahren ihres Aufenthaltes reiste sie öfters nach Petersburg und Moskau, wo sie bei ihren alten Freunden abstieg, und wenn sie zurückgekehrt von den Vergnügungen ihrer Reise erzählte, tat sie es mit solcher Natürlichkeit, daß selbst ihr anwesender Freund es nicht übelnehmen konnte. Wie man sieht, war Varwara Petrowna eine robuste und ausgeglichene Natur. Ihre Sinne, denen sie nichts versagte, führten sie doch nur zu halber Leidenschaft; wenn sie ihnen auch die Zügel locker ließ, sie gingen ihr niemals durch. Ihre Liebesmoral, denn sie hatte eine solche, bestand nur aus zwei Gesetzen. Das eine war: sie blieb ihrem Freunde solange treu, bis ein anderer Mann sie reizte, und sie gestand dies sofort ein, denn eine Zersplitterung war ihr undenkbar. Sie lebte immer nur für einen einzigen Mann, nur wechselte sie ihn öfters. In dieser Art hatte sie niemals jemand betrogen. Um einen Mann zu betrügen, hätte sie ihn lieben, ihm durch die Bande tieferen Gefühls verbunden sein müssen; ihr waren aber bisher ihre Freunde nichts anderes als Vertreter des ergänzenden Geschlechts und die Beziehungen zwischen ihnen und ihr waren vollkommen nüchtern. Sie war stolz darauf, in ihrem Leben der Liebe nur jenen Platz angewiesen zu haben, der ihr zukam; sie nahm nicht mehr als die Hälfte ihres Körpers in Besitz. »Weißt du, meine Liebe,« sprach sie zu Ariane, als diese kaum fünfzehn Jahre alt war, »die Liebe ist ein entzückendes Ding, wenn man nicht mehr von ihr verlangt, als sie geben kann. Aber die Sentimentalität ist die Quelle aller Übel, übrigens glaube ich nicht, daß dir diese gefährliche Dummheit droht; du hast einen nüchternen Kopf auf deinen Schultern und wirst kaum irregehen.« Das junge Mädchen lächelte in seiner verschlossenen Art, aus der man kaum seine Gedanken erraten konnte. – Der zweite Grundsatz Varwaras war der, daß Geld und Liebe nichts miteinander zu tun haben dürften. Die meisten russischen Frauen denken ebenso. So lange Geld nicht in Frage kommt, ist alles erlaubt und was immer man tut, man bleibt, wenn keine materiellen Motive mitspielen, eine anständige Frau. Erst mit dem Gelde beginnt die Unmoral. So hielt es Varwara schon in Genf. Obzwar sie kaum genug besaß, um ihr Leben zu fristen, hätte sie doch von ihrem Freunde, wie reich er auch gewesen sein mochte, keine einzige Mahlzeit oder auch nur eine Tramwaykarte angenommen. In diesem Punkt war sie wie viele ihrer Landsleute vielleicht übertrieben. Als Ariane aus Petersburg kam, war ein bekannter Advokat eines Nachbarortes Varwaras Freund, der zweimal wöchentlich geschäftlich die Hauptstadt der Provinz besuchte. Er hatte sein Zimmer bei Varwara, wo er während seines Aufenthaltes wohnte. Dann sah Ariane in einem Ingenieur seinen Nachfolger. Äußerlich verlief alles mit größter Schicklichkeit. Aber Varwara Petrowna unterließ es niemals, ihrer zur Vertrauten gewordenen Nichte die Vorzüge, Fehler und Eigentümlichkeiten ihrer Freunde zu schildern. »Ich erweise dir damit einen großen Dienst,« meinte sie, »du lernst nüchtern zu denken, du wirst alle Dinge in richtiger Weise beurteilen können und mir einmal sehr dankbar dafür sein.« Aber seit einem Jahr war im Leben Varwaras eine Veränderung eingetreten. Nach ihrem vierzigsten Geburtstage hatte sie sich in einen Arzt verliebt; dessen Schönheit in der Stadt schon viele Verheerungen angerichtet hatte. Anfangs war ihr Wladimir Iwanowitsch nicht mehr gewesen, als seine vielen Vorgänger; der Ingenieur bekam seinen schlichten Abschied und Wladimir wurde sein Nachfolger. Die ersten sechs Monate waren voll Freude; dann aber entdeckte Varwara in sich ein ihr bis dahin unbekanntes Gefühl: sie liebte! Diese Wahrnehmung ließ sie zugleich jubeln und verzweifeln. Es erschien ihr, als ob dies den Bankrott ihres verflossenen Lebens bedeutete. Sie kannte sich nicht wieder. Wie ein Mensch, der in einen Sumpf geraten, den Boden unter seinen Füßen schwinden fühlt, fand sie keinen Halt, um sich festzuklammern. Und doch fühlte sie eine ungeahnte Seligkeit, sie träumte dahin wie ein verliebter Backfisch. »Ach,« sagte sie zu Ariane, »ich wußte ja nicht, was Glücklichsein heißt. Achtzehn Geliebte hatte ich und alle waren mir nur Freunde, nichts anderes. Und jetzt, mit vierzig Jahren muß ich ihm begegnen! Zu denken, daß er hier, in der gleichen Stadt lebte und daß ich nichts von ihm wußte! Das kann ich nicht verwinden. Ach, wenn du wüßtest, was mir dieser Mann bedeutet.« So ging es unaufhörlich. Das junge Mädchen hörte schweigend zu, lächelte wohl auch noch, aber dabei gruben sich ihre Zähne in die Unterlippe. Da sie die Liebe erkannt, fühlte Varwara auch bald ihre Leiden. Sie glaubte zu bemerken, daß die Gefühle Wladimirs nicht mehr die gleichen waren, wie zu Beginn ihrer Bekanntschaft. Wohl besuchte er sie immer noch täglich, aber er kam zu andern Zeiten, als er früher zu tun pflegte. So erschien er zum Mittagessen, oder am Abend zum Tee, ja manchmal sogar vormittags, wenn Varwara ihren regelmäßigen Spaziergang machte. Er wartete dann nicht mehr auf sie, wie es früher selbstverständlich war. Selten nur noch verbrachte er einen Abend in dem kleinen Salon neben ihrem Zimmer, ja sie hatte Mühe, ihn dort eintreten zu lassen; er zog es vor, während seiner kurzen Besuche im Speisesaal zu bleiben, wo außer Ariane und ihrer Freundin Olga Dimitriewna, die seit langem bei Varwara speiste, immer noch eine Menge Freunde des Hauses versammelt waren. Um Ausreden war er nie verlegen. Seine Frau sei vom Lande zurückgekehrt, oder sie sei leidend, oder er habe noch Krankenbesuche zu machen und tausend andere Ausflüchte. Varwara war verzweifelt; diese Frau, die stolz darauf gewesen war, nie etwas erbitten zu müssen, erniedrigte sich so weit, Zusammenkünfte oder ein paar Minuten längeren Bleibens von ihm zu erflehen und tat dies selbst in Gegenwart ihrer Nichte und ihrer Freunde. Die Eifersucht peinigte sie, Wladimir müsse eine nette Freundin haben. Sie begann ihn zu überwachen, sie forschte in seinen Mienen, sie beobachtete seine Blicke, achtete selbst auf die Betonung seiner Worte. Sie, die früher morgens nie ausgegangen war, begann nun durch die Straßen zu irren, um sich hundertmal vor dem Hause des Geliebten zu finden; selbst im Wagen verfolgte sie ihn. Aber wer mag die Wege eines vielgesuchten Arztes erforschen? Sie hatte ihre Fröhlichkeit verloren und die Sorglosigkeit der glücklichen Frau, der alles nach Wunsch geht, die ihrem Leben nur freien Lauf zu lassen braucht. – An jenem Tage, als Ariane von ihrer letzten Prüfung heimkam, saß Varwara noch mit einigen Freunden bei Tisch, obgleich das Essen schon lange beendet war. »Ist die Prüfung gut ausgefallen?« Ehe das junge Mädchen noch geantwortet hatte, öffnete sich die Tür und Wladimir Iwanowitsch trat ein. Es schien, als hätte er Ariane abgepaßt, um ihr auf dem Fuße zu folgen. Er war einer jener Menschen, die immer geschäftig und eilig sind, nahe den Fünfzig, glattrasiert, mit ergrauendem Haar. Er hatte die schönsten Zähne und unter dichten schwarzen Brauen die lebhaftesten Augen der Welt. Eine unerhörte Sicherheit zeigte jede seiner kleinsten Gesten. Varwara sprang auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Wie spät Sie kommen!« Wladimir Iwanowitsch küßte ihre Hand und verließ sie sofort, um auf Ariane zuzueilen, die unbeweglich dastand. »Ich kam ausschließlich, um Ihnen zu gratulieren, Ariane Nikolajewna. Ich hörte von meiner Tochter, daß Sie einen wahren Triumph feierten, was ich übrigens nicht anders erwartet hatte!« Er nahm ihre Hand in seine beiden Hände und drückte sie lange. Ariane zog ihre Hand schroff zurück, was Varwara nicht entging. »Setzen Sie sich, Wladimir Iwanowitsch,« sagte sie, »und trinken Sie mit uns Kaffee.« »Nein, ich habe keine Zeit. Ich habe noch tausend Wege vor.« »Sie müssen eine Tasse Kaffee nehmen, sonst lasse ich Sie nicht fort. Vielleicht gehe ich dann mit Ihnen, um ein bißchen frische Luft zu schöpfen, es ist heut der erste Sommertag. Was hast du vor, Ariane?« »Ich bleibe bis sieben zu Haus, dann kommt Nikolaus mich im Wagen holen. Ich bin müde, ich werde schlafen.« »Ja richtig,« sagte noch Varwara, »fast hatte ich vergessen, daß ein Brief deines Vaters in deinem Zimmer liegt.« Ariane runzelte die Stirne; kaum war der Name ihres Vaters gefallen, hatte sich ihr Gesicht verfinstert. Einige Minuten später hatten alle das Speisezimmer verlassen. III Beim Betreten ihres Zimmers sah Ariane den Brief ihres Vaters mitten auf dem Tisch und erkannte seine pedantische Schrift. Es war ein eingeschriebener Brief; sie zuckte die Schultern. Bevor sie ihn las, kleidete sie sich ganz aus und warf die braune Uniform auf einen Sessel. Sie öffnete ihre kastanienbraunen langen Haare, hüllte sich in einen dünnen Morgenrock, nahm den Brief und streckte sich mit nackten Füßen auf den Diwan. Der Brief begann folgendermaßen: »Meine liebe Tochter! In Beantwortung Deines Briefes vom 10. d. M. (dieser Geschäftston verursachte eine Grimasse auf ihrem frischen Gesicht) teile ich Dir meine Pläne mit. Es paßt mir nicht, daß Du die Universität beziehst. Wir haben schon ohne Dich genug verschrobene Frauenzimmer in Rußland. Du bist klug und wirst Deine Intelligenz in Deiner Wirtschaft und zur Erziehung Deiner Kinder besser brauchen können. Ich hoffe, daß Du Dich baldigst verheiratest. Unser Freund Peter Borissowitsch, an den Du Dich gewiß erinnerst, hat Dich in bestem Andenken behalten und sein größter Wunsch ist es, Dich zu heiraten. Wie Du weißt, ist er ein ernster Bursche, der Dir das angenehmste Leben bieten kann. Er hat auch schon eine angesehene Stellung in der Geschäftswelt und ich kann für ihn bürgen, wie für mich selbst. Ich gehe jetzt für einen Monat in einen Kurort im Kaukasus. Im September, wenn ich zurückkehre, rechne ich damit, Dich in Petersburg zu sehen. Wir werden den Herbst in Pawlowsk verbringen, wo Peter Borissowitsch eine reizende Villa besitzt...« In diesem Ton ging es durch vier Seiten. Das junge Mädchen mochte nicht weiter lesen. Sie zerknüllte den Brief und warf ihn in eine Ecke des Zimmers. »Wie ekelhaft!« und sie schloß die Augen und träumte vor sich hin. Sie sah sich wieder als kleines Mädchen von acht Jahren, von ihrem Paten, dem Fürsten Viaminsky auf den Knien geschaukelt. Was war das für ein ungewöhnlicher Mensch! Und wie er sie liebte! Wenn sie ihn besuchte, gab er ihr abwechselnd ganz neue wunderschöne Goldstücke und herrliche Schokoladebonbons. Die Bonbons steckte sie sofort in den Mund, die Goldstücke versteckte sie aber in der Schultasche, denn ihre Mutter hätte niemals erlaubt, daß sie sie annahm. So trug sie oft auf ihrem Schulweg zwanzig oder dreißig klimpernde Münzen, die, wenn auch einzeln in Seidenpapier gepackt, doch bei jedem Schritt leise klangen. Dieser Pate wollte sie, wie man ihr später erzählte, adoptieren; er wollte sie erziehen lassen und immer um sich haben. – Er hatte so weiße, ganz kühle Hände. Sie erschauerte immer, wenn er ihre Arme und Wangen streichelte; ganz schwindlig wurde ihr. – Der gelbe Vorhang, der in dem stillen Zimmer das Fenster verdeckte, glänzte golden von den Strahlen der untergehenden Sonne. Sie träumte weiter. – Der Fürst kam ganz nahe. Sie schlief, sah ihn aber doch durch die geschlossenen Augen. Er sah sie so starr an, daß es sie bedrückte. Und plötzlich, wie war das nur möglich, fühlte sie auch seine kühle Hand an ihrem Fuß – – – Sie schreckte auf und erblickte Wladimir Iwanowitsch auf dem Diwan sitzend, auf dem sie lag. Er hatte eine Hand auf ihren unbekleideten Knöchel gelegt und betrachtete sie regungslos. Sobald er sah, daß sie erwacht war, neigte er sich zu ihr. »Verzeihen Sie, Ariane Nikolajewna. Ich klopfte an Ihrer Türe und da niemand antwortete, trat ich ein. Ich bin erst ein paar Minuten hier...« Sie ließ ihn nicht beenden. »Sie haben so kalte Hände, wie mein Pate. Das hasse ich. Lassen Sie sofort meinen Fuß los.« Im Sprechen hüllte sie sich fester in ihren Überwurf, der sich verschoben hatte, ließ WIadimir Iwanowitsch jedoch keine Sekunde aus den Augen. Ihr Wille war ein so entschiedener, daß er keinen Widerspruch wagte und seine Hand zurückzog. »Und jetzt stehen Sie augenblicklich auf!« Es schwang ein so herrischer Ton in der Stimme dieses schwachen Mädchens, daß sich Wladimir Iwanowitsch sofort erhob. Ohne Hast rückte sich Ariane zurecht, erhob sich vom Diwan und schlüpfte mit den Füßen in die Hausschuhe. Sie schritt zur Türe, öffnete sie und sprach mit ruhiger Sicherheit: »Und nun adieu! Ich glaube das ist das Beste, was Sie tun können. Ich hätte nicht gedacht, daß Sie meinetwegen zu uns ins Haus kämen.« Der Doktor nahm sie bei der Hand, zog sie an sich und sein Gesicht ganz nahe dem ihren, flüsterte er heiser: »Denken Sie von mir, was Sie wollen – – – Tatsache ist, daß ich nicht mehr leben kann, ohne Sie zu sehen – – – Ich muß mit Ihnen sprechen, besuchen Sie mich!« »Und Sie werden Ihre Tochter, die in meinem Alter ist, einladen, an unserer Unterhaltung teilzunehmen«, warf Ariane mit Verachtung ein. Wladimir Iwanowitsch war wie vor den Kopf geschlagen, aber er faßte sich rasch: »Um sieben Uhr bin ich immer allein in dem Pavillon, in dem ich meine Patienten empfange. Ich erwarte Sie.« »Ja richtig, Sie sind Arzt. Da kann ich Sie vielleicht wirklich einmal brauchen, wenn ich krank bin. Wenn es nötig ist, Wladimir Iwanowitsch, werde ich Sie nicht vergessen.« Er fuhr verletzt zurück, seine Augen sprühten, aber ohne Erwiderung verließ er das Zimmer. Während Ariane sich noch ankleidete, klopfte es dreimal leise und die Türe öffnete sich, um Olga Dimitriewna einzulassen. Sie hatte lange Zeit bei Varwara Petrowna gewohnt, sie aber verlassen, als sie eine Stelle beim Magistrat annahm, und bewohnte jetzt, um unabhängiger zu sein, ein kleines möbliertes Zimmer. Trotzdem kam sie täglich in die Dworanskaja, wo sie ihre Mahlzeiten einnahm, und verbrachte die Abende mit Ariane, an der sie mit großer Liebe hing. Ob ihre Gefühle mit gleicher Stärke erwidert wurden, war nicht gewiß; jedenfalls verbrachten beide Mädchen jede freie Minute gemeinsam und hatten kein Geheimnis voreinander, obgleich Olga um fünf Jahre älter war. Es war dies ein bemerkenswerter Zug im Charakter Arianes, daß sie sich in unbewußter Selbstschätzung niemals an Gleichaltrige anschloß, wie auch die Beziehungen zwischen ihr und Varwara schon gezeigt hatten. Olga verbarg nichts aus ihrem Leben vor Ariane, und dieses blonde, mitteilsame Mädchen war sicher, auch alles von seiner Freundin zu erfahren. Aber ein unbefangener Beobachter der lebhaften Unterhaltung dieser beiden jungen Mädchen hätte manchen sonderbaren Blick bemerkt, mit dem Ariane ihre Freundin ansah, und dessen Ursache gesucht. Die intime Freundschaft zwischen Ariane und Olga war für letztere nicht ohne Vorteil, denn trotz ihrer großen Jugend hatte Ariane schon einen ganzen Kreis von Verehrern um sich versammelt, die darin wetteiferten, ihr alle Wünsche zu erfüllen. Und oft waren es ganz phantastische Begehren, die in ihrem Köpfchen auftauchten; Picknicks, Abendgesellschaften, Schlittenpartien, Tanzunterhaltungen – an allem nahm Olga teil und es wäre gar nicht denkbar gewesen, Ariane ohne ihre Freundin einzuladen. Ihr fiel die nicht sehr schmeichelhafte Rolle einer Gardedame zu, mit der sie sich aber abfand, um geschickt alle jene Vorteile zu genießen, die gerade in dieser Situation nicht selten sind. Ins Zimmer tretend, betrachtete sie Ariane und sprach lachend, halb ärgerlich, halb bewundernd: »Also das begreife ich nicht: du warst soupieren, hast Champagner getrunken, hast weiß Gott was alles getan, warst kaum zwei Stunden im Bett, hast eine Prüfung bestanden und jetzt stehst du da, frisch und blühend, wie wenn du die ganze Nacht geschlafen hättest.« »Du mußt noch hinzufügen, daß ich großen Ärger hatte. Ich erhielt endlich die Antwort meines Vaters; zwischen ihm und mir ist alles aus. Hier lies selbst!« Sie reichte Olga den zerknitterten Brief und diese las aufmerksam. Als sie fertig war, schaute sie zu ihrer Freundin auf, die sich am Toilettetisch frisierte. »Und was jetzt?« »Jetzt? – Es muß auch ohne ihn gehen. Es kann nicht so schwer sein in einer Stadt, wie hier, Geld aufzutreiben...« Olga Dimitriewna lief zu ihr hin. Sie war ganz außer sich. »Ich weiß, an wen du denkst. Aber das ist doch unmöglich. Schwöre mir, daß du das nicht tun wirst. Schon der Gedanke ist mir unerträglich. Du wirfst dich weg!« Sie hatte sich zu ihrer Freundin gebeugt, die Arme um sie geschlungen und drückte sie an sich. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Sprich mit deiner Tante, wende dich an Nikolaus, an wen du willst, nur nicht an ihn. Versprich mir das!« Ariane entzog sich ihr sanft. »Zunächst möchte ich mich in Ruhe frisieren, das ist vorerst das einzig Wichtige. – Welches Talent du doch hast, alles hochdramatisch zu nehmen! Und jetzt weinst du gar noch! – – – handelt es sich denn um dich oder um mich? Wer wird darunter zu leiden haben, du oder ich? Du weißt ganz gut, daß ich meiner Tante nicht mit Geldfragen kommen kann. Sie ist schon mal so, damit muß man sich abfinden. Wir lieben einander sehr und ich möchte um keinen Preis unser ausgezeichnetes Einvernehmen wegen ein paar elender Rubel stören. Nein, überlaß die Ordnung dieser Dinge nur mir.« Sie hatte sich erhoben und einen Arm zärtlich um Olgas Schulter gelegt. »Wie kindisch du bist, Liebste. Geh eine Kerze für mich opfern und mach dir keine Sorgen. Ich werfe mich nicht so leicht weg, wie du glaubst. Erinnerst du dich, was man im Mittelalter die Feuerprobe nannte? Man mußte durch einen brennenden Scheiterhaufen schreiten, ohne sich zu verletzen. Nun, du kannst sicher sein, daß ich hindurch komme, ohne daß mich die Flammen berühren!« Sie ging im stillen Zimmer auf und ab; plötzlich blieb sie vor Olga stehen und sagte lachend: »Weißt du, wer eben von hier wegging? – Wladimir Iwanowitsch, meine Liebe.« Und auf die ungläubige Miene Olgas hin erzählte sie von der Überraschung, die sie beim Erwachen erwartet hatte und von der Szene, die dann folgte, nicht ohne einige aufregende und pikante Ausschmückungen zuzufügen, die mehr ihre Einbildungskraft als ihre Wahrheitsliebe ehrten. Olga hörte ihren Bericht mit leidenschaftlicher Neugier an und als er beendet war, sprach sie seufzend: »Wie bezaubernd ist er doch. – Er hier auf diesem Diwan! Ach, ich hätte nicht widerstehen können!« Lang sprachen sie über dieses unerschöpfliche Thema; bis Pascha sie mit der Meldung unterbrach, daß man mit dem Essen warte. Bevor die Mahlzeit beendet war, erhob sich Ariane und entschuldigte sich bei ihrer Tante: »Nikolaus wartet unten«, um sich dann an Olga zu wenden: »Ich komme um neun Uhr zurück. – Wir gehen dann in den Alexanderpark.« IV Vor dem Hause wartete eine elegante Viktoria mit Gummirädern. Bespannt war sie mit einem Paar jener schönen schwarzen Pferde, wie sie in der Provinz gezüchtet werden. Auf dem Fußsteige ging, Zigaretten rauchend, die er nach ein paar eiligen Zügen gleich wegwarf, ein großer breitschultriger Bursche auf und ab. Öfters blieb er stehen, blickte zum Erker des ersten Stockes hinauf, besah seine Uhr und marschierte dann wieder weiter. Nikolaus Iwanow, den man in der Stadt nur als Pferdeliebhaber und als einseitig Verlobten der launenhaften und schon berühmten Ariane Nikolajewna kannte, war ein verwilderter Sonderling, den man selten sah, da er meist auf seinem etwa dreißig Werst entfernten Gut lebte. In der Stadt hatte er nur ein Absteigquartier von zwei Zimmern in einer bescheidenen Wohnung gemietet. Er hatte keine Freunde, er trank nicht, er spielte nicht und keine Liebschaft war von ihm bekannt. Den Vater hatte er früh verloren; seine Mutter lebte in der Krim und man erzählte sich, daß sie geisteskrank sei und im Sanatorium eines bekannten Arztes bewacht werde. Gezwungen allein zu leben, war Nikolaus ein Schweiger geworden, dem das Sprechen geradezu schwer fiel. Er suchte krampfhaft die Worte, wiederholte sich, widersprach sich, verstummte mitten im Satz, um schließlich in das Schweigen zurückzufallen, das allein ihm angenehm war. Er war eine sympathische Erscheinung, hatte große blaue Augen und dunkelbraunes Haar, aber sein Gesicht war bleich, der Mund zusammengepreßt und der Blick unruhig. Die Mütter heiratsfähiger Töchter und diese selbst hatten sich viele Mühe gegeben, diese gute Partie einzufangen, denn man behauptete, daß sein Vermögen nahezu eine Million Rubel betrage. Eines Abends ließ er sich überreden, den jährlichen Ball des Gymnasiums Znamensky zu besuchen. Ariane, die zum Komitee gehörte, hatte ihm beim Eintritt ein Knopflochbukett überreicht. Er hatte diese Blumen genommen, das junge Mädchen in peinlicher Weise angestarrt, einige Worte des Dankes gestammelt und war ihr den ganzen Abend Schritt für Schritt nachgegangen. Wenn sie tanzte, folgte er ihr mit bewundernden Blicken und einem gerührten Lächeln, oder er verschwand aus dem Ballsaal, drängte sich zum Büfett und stürzte einige Gläser Wein hinunter, als wollte er sich Mut antrinken. Noch vor Ende des Festes machte er Ariane, in einem Anfall verzweifelten Heldenmutes, einen Heiratsantrag. Ariane, mit ihren sechzehn Jahren, musterte ihn mit der größten Unverschämtheit von den Schuhen bis zur Krawatte und lachte ihm dann ins Gesicht. Am nächsten Tage aber erschien er mit einem Bukett bei Varwara Petrowna, die ihm vergeblich auseinanderzusetzen versuchte, daß ihre Nichte noch nicht im heiratsfähigen Alter sei. Am zweitnächsten Tage hatte er einen Verlobungsring angesteckt, in dem der Name Ariane und das Datum des Balles eingraviert waren. Er erzählte in der ganzen Stadt, daß Ariane Nikolajewna Kustnetzowa gleich nach Beendigung ihrer Studien Frau Nikolaus Iwanowna sein werde. Von da ab schickte er Ariane jeden Tag Blumen, die schließlich die schöne duftende tägliche Spende ebenso annahm, wie – allerdings seltener – die Wagenfahrten, zu denen er sie einlud. Man kann sich keinen Begriff von der tyrannischen Launenhaftigkeit machen, mit der dieses halbwüchsige sechzehnjährige Mädchen den fast doppelt so alten Bären beherrschte. Merkwürdigerweise war ihr nicht erst allmählich die schrankenlose Macht, die sie über ihn besaß, bewußt geworden; vom ersten Tage an wußte sie genau, wen sie vor sich hatte und daß Nikolaus wie weiches Wachs in ihren kindlichen Fingern sein werde. Sie bestimmte seine Besuche und ihre Dauer; Nikolaus kam nur zu den von ihr festgesetzten Stunden. Wehe, wenn er gewagt hätte sich ohne Erlaubnis in der Dworanskaja zu zeigen! Einmal nur geschah es, daß er aus irgend welcher dringenden Ursache zu einer nicht vereinbarten Zeit ins Speisezimmer trat. Ohne ein Wort zu sprechen, ging Ariane in ihr Zimmer und weigerte sich, ihn zu empfangen. Zeitweilig befahl sie ihm, ein oder zwei Wochen auf seinem Gut zu bleiben, und verbot ihm zu schreiben. Manchmal durfte er sie ins Theater begleiten, wo sie abonniert war und nur selten eine ihrer Vorstellungen versäumte, denn sie war eine Theaternärrin. Sie verkehrte auch viel mit den Darstellern und sprach selbst davon, Schauspielerin zu werden, da nur vor den Rampenlichtern das wahre Leben sei. Es kam sogar vor, daß sie in der Pause auf die Bühne ging, mit den Künstlern in der Garderobe plauderte und Nikolaus ganz vergaß, der fluchend mit zusammengebissenen Zähnen allein nach Hause ging. Einmal wagte sie folgendes Experiment. Im Winter um zehn Uhr nachts, als Nikolaus bei ihr den Tee nahm, sagte sie ihm: »Nikolaus, ich gehe noch aus, ich hab' eine Verabredung.« »Ich werde Sie begleiten, wohin gehen Sie?« »Ein Freund erwartet mich am Domplatz, aber Sie dürfen nicht wissen, wer es ist.« Der »Verlobte« schaute sie entgeistert an, erst nach einer Weile gewann er seine Fassung. »Gut«, brachte er heraus. Sie gingen zusammen, bis Ariane im Licht einer Straßenlaterne den jungen Mann erblickte, den sie suchte, sich von Nikolaus verabschiedete und ihm noch einschärfte, sofort direkt nach Hause zu gehen. Um diese Szene entsprechend würdigen zu können, muß man wissen, daß Nikolaus von wütender Eifersucht geplagt war und dafür, daß Ariane in der Stadt Liebeleien hätte, tausend überzeugende Beweise sammelte, worunter der sicherste wohl der war, daß sie gar kein Geheimnis daraus machte und ihm gegenüber unaufhörlich darauf anspielte. So sagte sie ihm einmal: »Ach, Nikolaus, wissen Sie schon, wer aus Moskau angekommen ist? Der ältere Sohn von Maklakow; ich fürchte, ich bin in ihn verliebt, er ist unwiderstehlich.« Und hundert solcher Dinge, wie der Zufall sie ihr in den Mund legte. Am Tage, nach dem sie sich von Nikolaus zu jenem Rendezvous hatte begleiten lassen, erzählte sie, sich vor Lachen krümmend, ihrer Vertrauten das Abenteuer. Olga, die von ihrer Freundin schon an so manches gewöhnt war, konnte sich diesmal doch nicht enthalten, mißbilligend zu sagen: »Ariane, du bist wirklich boshaft.« Ariane hörte auf zu lachen und erwiderte ganz ernsthaft: »Ja, sicherlich war das boshaft. Aber warum, zum Teufel, soll ich nicht boshaft sein, wenn es mir Spaß macht?« Darauf wußte die dicke Blonde keine Antwort. Ariane aber fuhr fort: »Soll ich dir etwas verraten, worauf du niemals allein kommen würdest? Gerade deshalb, weil ich boshaft und schlimm bin, liebt mich Nikolaus. Und dich, die du gut wie ein Lamm bist, würde er niemals gern haben.« Bei diesem Gedanken begann sie im Zimmer herumzutanzen, denn sie war trotz alledem noch ein übermütiges Kind, das in Anfällen toller Ausgelassenheit den Leuten auf der Straße die Zunge herausstreckte, ihren Mitschülerinnen arge Streiche spielte und es besser als jede andere verstand, ihre Professoren zur Verzweiflung zu bringen, ohne sich jemals erwischen zu lassen. Das Erstaunlichste ist, daß Ariane recht hatte. Nikolaus Iwanow, das einzige, verzärtelte Kind reicher Eltern, dem niemals Schwierigkeiten begegnet waren, dem niemand jemals »nein« sagte, der nur leichte Siege bei gefälligen Frauen kannte, betrachtete anfangs mit unerhörtem Staunen, wie ein unbegreifliches Wunder, dieses zarte junge Mädchen, das nicht anders als im Befehlston mit ihm sprach. Er gehorchte ihr vom ersten Tage, aus dem einfachen Grunde, weil er keinerlei Kräfte in sich fühlte, die stark genug gewesen wären der geheimnisvollen Macht zu widerstehen, die von Ariane ausstrahlte. Während seiner vielen einsamen Stunden hatte er diesem seltsamen Problem immer wieder nachgegrübelt. Wie kam es nur, daß er diese Sklaverei, zu der ihn Ariane verurteilte, ertrug? Und vor allem, warum benahm sie sich in dieser Weise gegen ihn? Die gesuchte Lösung offenbarte sich ihm mit einem Male: »Sie unterwirft mich nur diesen Prüfungen, um sich von meiner Liebe zu überzeugen, Und wenn sie diese Versuche immer wieder erneuert, geschieht es nur, weil ich ihr nicht gleichgültig bin. Wenn sie mich nicht liebte, ließe sie mich meines Weges ziehen. Solange sie mich quält, liebt sie mich. – Sie ist ein wundervolles Mädchen!« Und so kam es, daß er um so dankbarer wurde, je mehr Leid sie ihm bereitete, und sie dann nur noch heißer liebte als zuvor. Es kam so weit, daß er gar nicht mehr daran zu denken wagte, den Launen des jungen Mädchens den Gehorsam zu verweigern. Und je härter die Prüfungen waren, um so freudiger war er bereit, sich zu unterwerfen, um solcherart die Liebe dieses einzigartigen Mädchens zu erringen. – Am Tage, nachdem er sie zu dem Stelldichein mit dem Nebenbuhler begleitet hatte, kniete er vor ihr nieder und sprach: »Ariane, ich danke Ihnen. Sie gaben mir gestern den größten Beweis Ihrer Liebe, den ein Mann verlangen kann. Gott segne Sie!« Das junge Mädchen hatte statt jeder Antwort nur ein Achselzucken und tanzte durchs Zimmer. Sie spielte aber noch in anderer, böserer Art mit ihm. An manchen Abenden erlaubte sie ihm, den Tee in ihrem Zimmer zu nehmen. Sie plauderten lange und Nikolaus fand an diesen Abenden wieder die Fähigkeit zu sprechen, ja, er wurde sogar beredt. Sie ließ ihn neben sich auf dem Diwan sitzen und warf ihm lebhafte und zärtliche Blicke zu. Der starke Junge legte seinen Arm bald um ihre schlanke Gestalt, näherte sich ihr immer mehr und drückte schließlich seine Lippen auf ihren nackten, vollen, weichen Arm, ihn mit wilden Küssen bedeckend. Halbausgestreckt auf dem Diwan liegend tat sie, als ob sie nichts davon bemerkte; es schien, als wäre sie bei dieser leidenschaftlichen Szene gar nicht anwesend. »Du liebst mich?« wagte Nikolaus zu seufzen. »Nitschewo!« war die mit einer unbeschreiblichen Betonung gegebene Antwort. Schließlich schritt Nikolaus, der sich kaum noch beherrschen konnte, zu einem entscheidenden Angriff; Ariane entglitt seinen Händen. »Es scheint hier zu heiß für Sie zu werden. Sie werden unwohl, gehen Sie frische Luft schöpfen!« Und ihm keine Wahl lassend ging sie ins Speisezimmer hinüber, wo Olga mit einigen Freunden beim Tee saß. Ohne sich zu verabschieden stürmte Nikolaus gleich einem Orkan davon, sprang in seinen Schlitten und gab Befehl, mit größter Schnelligkeit zehn Werst auf der Chaussee entlang zu fahren. Dann öffnete er seinen Pelz der eisigen Nachtluft und der Kutscher hörte von seinem Sitz den »Barin« unzusammenhängende Sätze in die Nacht brüllen. »Der Teufel soll sie holen!« verstand er bestürzt. »Ich werde sie umbringen! – Schneller, schneller! – Bestie! – Ich bete dich an...« An jenem Maiabend war, zum erstenmal im Jahr, die Luft so lind, wie in einer Sommernacht. Der Wagen glitt in rascher Fahrt dahin. Das junge Mädchen kauerte, in einen schwarzen Seidenmantel gehüllt, der ihr weißes Kleid verdeckte, wie betäubt in seiner Ecke und fühlte nicht den Arm von Nikolaus, der sie umschlungen hielt. Die dünne Sichel des Mondes glänzte im Westen. Wenn die Straße an Akazien vorüberführte, umhüllte der starke Duft der blühenden Kerzen Ariane plötzlich wie eine Woge. Dann wieder zog der zartere Hauch der hohen Gräser aus den Wiesen, die zu beiden Seiten der Straße sich weit hinausdehnten. Die milde Luft, die dunkle Klarheit des sternbesäten Himmels und die tiefe Ruhe ringsum kühlten wie Balsam die wunden Nerven des jungen Mädchens. Sie vergaß ihren Begleiter, sie dachte an nichts mehr und genoß schweigend den tiefen Frieden dieser wundervollen Nacht. Nikolaus hatte lange geschwiegen. Endlich wagte er ein paar Worte; da er keine Antwort erhielt, wurde er kühner und deutlicher. Er sprach zu Ariane davon, daß sie heute frei geworden sei, daß sie mit dem glänzenden Abschluß des Gymnasiums auch einen Abschnitt ihres Lebens beendet habe. Kein Hindernis liege mehr zwischen ihnen und dem seit achtzehn Monaten verfolgten Ziele; nur noch der Tag ihrer baldigen Hochzeit sei zu bestimmen und dann, nach der Hochzeit, hänge es nur von ihr ab, ob sie ins Ausland oder in die Krim reisen oder auf seinem Gut bleiben wolle; er erwarte nur ihre Entscheidung. Das junge Mädchen blieb in sich versunken. Nikolaus wurde unruhig. »Antworten Sie mir, ich flehe Sie an!« rief er ängstlich. Sie wandte sich zu ihm und blickte ihm in die Augen. »Nikolaus, quälen Sie mich nicht. Ich bin so unglücklich. – In wenigen Tagen erfahren Sie mehr. – Jetzt müssen wir umkehren.« Der starke Bursche war niedergeschmettert. Noch niemals hatte Ariane in einem solchen Tone mit ihm gesprochen. Niemals früher hatte sie ihm so viel von sich mitgeteilt wie in diesen drei Sätzen. Er fühlte dunkel, daß ein düsteres Verhängnis heraufzog, und konnte es nicht erfassen. Was war im Werden, daß Ariane, die Königin, der die ganze Welt zu Füßen lag, unglücklich sein konnte? Sie hatte sein Mitleid angerufen, das überstieg sein Verständnis. Es kam wie ein Schwindel über ihn, seine Augen füllten sich mit Tränen und er verlor sich in ein bebendes Schluchzen. Die Hand des jungen Mädchens legte sich auf seine fieberheiße Hand. So kamen sie schweigend zu Hause an. An der Tür sprach sie mit der gleichen Wehmut: »Auf Wiedersehen. In wenigen Tagen werde ich Sie rufen.« V Der größte Stolz der Stadt war der kaum zehn Minuten vom Domplatz entfernte Alexanderpark. Ein Ehrenkomitee von angesehenen Bürgern verwaltete ihn zum allgemeinen Wohl; für ein geringes Entree konnte man seine vielen Annehmlichkeiten genießen. Mitten im Garten waren eine Radrennbahn mit überhöhten Kurven und zwei von Netzen umgebene Tennisplätze untergebracht. Von der Tribüne der Rennbahn sah man an einem Ende des Gartens ein Sommertheater mit gedeckter Bühne und offenem Zuschauerraum, das für Operetten und Lustspiele bestimmt war, und am anderen Ende das vom Besitzer des Hotel London gepachtete Restaurant mit seinen großen Sälen, die sich auf blumengeschmückte Terrassen öffneten. Sobald der Frühling kam, übersiedelten der berühmte Küchenchef und die weniger berühmte Kapelle aus dem Stadthotel hierher und dann strahlte abends das Licht von Restaurant, Terrassen und Theater in die heißen Sommernächte. Offiziere, Beamte, Kaufleute und Fabrikanten trafen hier ihre Frauen, ihre Söhne und Töchter oder ihre Freundinnen. Die Schauspielerinnen flanierten hier nach der Vorstellung und tausend Bande wurden auf dem Platz zwischen Theater und Restaurant geknüpft und auch gelöst, während die Klänge der Musik aus dem Saal tönten und das grelle Licht der Bogenlampen die Nacht aufhob. Abseits von dem großen Platz verloren sich lauschige Alleen im Schatten und boten zahlreichen Pärchen ein erwünschtes Dunkel. Hier ertönte helles oder ersticktes Gekicher, leidenschaftliches Flüstern und eilig verfolgendes Laufen. Die beiden jungen Mädchen überquerten an jenem Abend, rechts und links, ohne sich aufhalten zu lassen, Grüße erwidernd, die von einer angeregten Menge erfüllte Terrasse. Als sie unten beim Restaurant vorbeikamen, erhob sich ein Mann, der dort im Schatten eines Erkers gesessen hatte, um ihnen entgegen zu gehen. Olga Dimitriewna erschrak. »Natürlich, da ist er!« flüsterte sie, den Arm ihrer Freundin pressend, um sie fortzuziehen. Aber Ariane blieb stehen und reichte dem Entgegenkommenden die Hand. Es war ein Mann mittlerer Größe, mit einem dicken, aufgedunsenen Gesicht, in dem die kleinen blauen Augen hinter zu schweren Lidern blinzelten. Die bleiche Gesichtsfarbe deutete auf keine gute Gesundheit. Sein Schnurrbart war englisch gestutzt und die Haare waren an den Seiten kurzgeschnitten, während der Schädel ganz kahl war; seine Hände waren plump und träge. Er war von unbestimmbarem Alter und ging langsam, sich schwer auf seinen Stock stützend. Er erschöpfte sich in zudringlicher Höflichkeit, hielt einen im Gespräch bei der Hand oder nahm einen um die Schulter, neigte sich beim Sprechen ganz nahe, so daß man unwillkürlich zurückschreckte, um eine nicht erwünschte Berührung zu verhüten. Michael Iwanowitsch Bogdanow war ein gebildeter Mann von überfeinertem wissensdurstigem Geiste; irgend etwas Beunruhigendes ging jedoch von ihm aus, das man deutlich fühlte, aber nicht in Worten ausdrücken konnte. Seit einigen Jahren hatte er sich von seinen Geschäften zurückgezogen. Man hatte viel vom Ingenieur Bogdanow gemunkelt, ohne jemals etwas Bestimmtes behaupten zu können. Sein Name war auch mit einer traurigen Geschichte verknüpft, die im vergangenen Jahre viel in der Stadt besprochen worden war; eines der entzückendsten Mädchen der Gesellschaft hatte mit achtzehn Jahren Selbstmord verübt, ohne daß man die Ursache kannte. Es war einer jener Fälle von Lebensüberdruß, wie sie häufig bei der russischen Jugend vorkommen, die mit ihren überreizten und doch schwachen Nerven oft schon den ersten Anforderungen des Lebens erliegt. Bei diesem Mädchen hatte man nun Briefe von Bogdanow gefunden. Briefe sehr gebildeten, sehr verworrenen, sehr unverständlichen Inhalts, aus denen nichts anderes zu ersehen war, als daß zwischen ihr und Bogdanow eine sehr vertraute Verbindung, vielleicht nur seelischer Art, bestanden haben mußte. Die öffentliche Meinung machte nun, von dem rätselhaften Vorfall beunruhigt, Michael Iwanowitsch für diesen Selbstmord verantwortlich und ließ ihn das fühlen. Zu dieser Zeit begann Ariane, offenbar aus Trotz und Verachtung gegen das allgemeine Urteil, ihm öfter zu begegnen und in voller Öffentlichkeit lange Unterhaltungen mit ihm zu führen. Michael Iwanowitsch schien daran außerordentliches Vergnügen zu finden; der überragende Verstand Arianes blendete ihn, er sprach nur im Tone größter Hochachtung zu ihr, nicht wie zu einem kindlichen Mädchen, sondern wie zu einer Frau von verfeinerter Bildung, mit der man mühelos die schwersten philosophischen Fragen erörtern kann. Er ließ verschiedentlich durchblicken, daß sie an ihm stets, auch über und außerhalb der gewöhnlichen gesellschaftlichen Regeln, einen ergebenen Freund habe und daß für Geister, wie sie beide, die Grenzen, die für die breite Waffe gut sind, nicht gelten. In diesen Gesprächen entwickelte er eine stark materialistische Lebensauffassung, die darin gipfelte, daß das Geld im Dasein eine ungeheuer wichtige Rolle spiele, daß in gewissen Momenten sich niemand davon freimachen könne und jeder den Schicksalsfügungen, die einen ganz plötzlich davon abhängig machen, wehrlos ausgeliefert sei; er aber, Michael Iwanowitsch, wäre nur allzu glücklich, Ariane, falls sie jemals in eine Zwangslage kommen sollte Geld zu benötigen, mit seinem Überfluß auszuhelfen. Dies wurde natürlich nicht mit der Brutalität gesagt, die hier durchklingt. Es fiel nicht ein einziges Wort, das Ariane Nikolajewna hätte verletzen können oder bei dem sie ihn, der es meisterhaft verstand, alles erraten zu lassen ohne sich jemals deutlich auszudrücken, hätte unterbrechen mögen. Aber schließlich blieb als Ergebnis ihrer Unterredungen, daß er seine Dienste angeboten und sie ihn verstanden hatte. Alles dies war aber – wohlverstanden – in eine Menge verschleiernder Worte gekleidet und verhüllt, Worte, die aus den nüchternsten Fragen irgend etwas Überfeines, ganz außerhalb des persönlichen Vorteils Liegendes machten; irgend etwas wie ein übersinnliches Geschäft, ein verfeinerter Handel in seelischen Dingen. Ihr sicheres Gefühl hatte Ariane nicht getäuscht. Michael Iwanowitsch stand, sobald es notwendig war, zu ihrer Verfügung. Über den Preis, der für seine Dienste zu zahlen sein würde, war natürlich niemals gesprochen worden. Und schließlich, wenn Ariane schon daran dachte, so schien es stets, als ob alle seine Anbote nur unerfüllte Wünsche bleiben würden. Dem jungen Mädchen schmeichelte es, diese rätselhafte Persönlichkeit, mit der sich die ganze Stadt beschäftigte, unter die Schar seiner Verehrer zählen zu können. Bogdanow besaß ungewöhnlich viel Geist und die Art seiner Huldigungen hatte für Ariane einen Reiz besonderer Neuheit. Begleitet von Olga Dimitriewna, die ihren Arm um keinen Preis der Welt losgelassen hätte, führte Ariane den Ingenieur in eine Seitenallee. Mit der Gründlichkeit, die ihr eigen war, schnitt sie sofort die Frage an, die sie beschäftigte. »Wissen Sie, daß ich Sie vielleicht brauchen werde?« »Unvergleichliche Freundin,« erwiderte er mit einer jener Redensarten, die er liebte und deren altmodische Lächerlichkeit er noch durch Betonung und Handbewegung zu übertreiben pflegte, »Sie wissen, daß ich Ihnen restlos zur Verfügung stehe! Ich würde glücklich sein, Ihnen dienen zu können!« »Ja, ich will an die Universität und habe Schwierigkeiten mit meiner Familie.« »Ach die Familie, die Familie; welch schauderhaftes Joch, die wahre Sklaverei! Und ein Geist wie Sie, Ariane Nikolajewna. Welche Leiden! Ich danke Ihnen unendlich, daß Sie an mich gedacht haben. – Ich bin gerührt, wirklich gerührt. Aber haben Sie auch eines nicht vergessen?« und er nahm ihre Hand in seine beiden und blieb stehen. »Wie soll ich es ertragen Sie zu verlieren? Was soll ohne Sie in dieser barbarischen Stadt aus mir werden? Wie könnte ich auf die kostbaren Minuten, die Sie so gütig waren, mir zu schenken, verzichten?« Er flüsterte jetzt so nahe dem Gesicht Arianes, daß Olga kaum seine Worte hörte. »Auf jeden Fall muß man das besprechen, bedenken, eingehend besprechen. Sie werden mich anrufen, nicht wahr? Wann es Ihnen paßt. Nichts wird mich abhalten. Seien Sie davon überzeugt und ich danke Ihnen von Herzen.« Ariane befreite ihre Hand; sie zögerte einen Augenblick und wandte sich dann an Olga: »Warte hier auf mich. Ich komme in einer Minute zurück.« Und ihre bestürzte Freundin verlassend, entfernte sie sich mit dem Ingenieur ins Dunkle. »Michael Iwanowitsch, ich weiß nicht, warum ich mich gerade an Sie wende, ich überlege nicht viel. Vielleicht habe ich unrecht. – Aber ich liebe keine unklaren Situationen, deshalb will ich, daß wir offen reden. Ich brauche Geld, um an die Universität zu gehen. Können Sie es mir leihen? Ich sage leihen, weil ich ein mütterliches Erbteil von etlichen zehntausend Rubeln besitze, das ich bei meiner Großjährigkeit beheben kann. Wollen Sie mein Bankier sein? Es ist ein Kreditgeschäft, das ich Ihnen vorschlage, nichts anderes als ein gewöhnliches Geschäft. Es darf auch nicht anders betrachtet werden, darum ersuche ich Sie. Ich will niemandem zu Dank verpflichtet sein: daher muß diese Angelegenheit so ausgeführt werden, wie ich sie auffasse, oder – gar nicht. Und ich muß sofort Bescheid haben; darum: Können Sie mir das Geld borgen, das ich brauche, und welche Zinsen werden Sie für den Betrag, den Sie mir vorstrecken, beanspruchen?« »Aber meine Freundin, meine teuerste Freundin! Ich begreife nicht, wahrlich, ich bin ganz verwirrt. Ein Geschäft zwischen Ihnen und mir? Aber das ist doch unmöglich. Wie können Sie daran denken! Sie, Ariane Nikolajewna, brauchen ein paar tausend erbärmliche Rubel, aber sie stehen Ihnen natürlich zur Verfügung, sofort, ohne Bedingungen, ohne alle Bedingungen! Meine einzige Belohnung wird das Bewußtsein bilden, daß ich Unwürdiger mein Scherflein zur Entfaltung Ihrer seltenen Persönlichkeit beitragen durfte. Das ist nur eine Ehre, eine große Ehre für mich. – Nur zittre ich, wie ich ehrlich gestehe, bei dem Gedanken Sie zu verlieren. Meine schwache Gesundheit verbietet mir einen Aufenthalt in Petersburg oder Moskau. Ich müßte sicher sein dürfen, daß Sie mich nicht vergessen werden, ja, daß Sie jedes Jahr zu den Ferien hierher zurückkehren und sich um mich, einen Kranken, kümmern werden. Denn ich bin doch ein Leidender, nicht wahr, ein Kranker, der keine großen Ansprüche stellt. – Ich will ja nichts, als ein paar Stunden in der Woche mich mit Ihnen unterhalten dürfen! – Sie wissen es ja nicht, Ariane Nikolajewna, die seltenen Tage, an denen mir bewußt ist, daß ich noch lebe, sind die, an denen Sie mir die Gnade schenken mit mir zu plaudern. Der Zauber Ihres Geistes ist ein unübertreffliches Mittel gegen alle meine Leiden, ja schon der bloße Klang Ihrer Stimme gibt mir meine Frische zurück. – Es ist ein Wunder, ein wahres Wunder! – Und sehen Sie, erlauben Sie mir es auszusprechen, ich leide grausam darunter, daß ich Sie nur so selten sehen kann, immer nur vom Zufall abhängig, immer nur in Hast und immer nur mit Ihrer Freundin, die ja gewiß reizend ist, deren Geist aber mit Ihrem keinen Vergleich aushält. Wenn Sie Mitleid mit mir hätten, würden Sie mir einige Stunden Ihrer Unterhaltung gönnen, aber in Ruhe, fern von störenden Zeugen, bei mir. – Das wäre Barmherzigkeit! – Sie haben eine so köstliche Lebensbetonung, meine Freundin, daß Sie sie selbst auf Sterbende übertragen. – Wissen Sie, welchen Namen ich Ihnen bei mir gegeben habe? ›Die Königin von Saba.‹ Ja, Sie erinnern sich wohl, die Königin von Saba in der ›Versuchung des heiligen Antonius‹: ›Sie wußte zahllose Geschichten zu erzählen, eine immer unterhaltender als die andere.‹ – Alles was Sie mir von Ihrer wunderbaren Jugend erzählten und von den Tagen, die Sie zwischen uns verleben, ist für mich prächtiger, als die schönsten orientalischen Märchen. – Sehen Sie, dies ist die einzige Gnade, die ich von Ihnen erbitte.« Im Gegensatz zu der leidenschaftlichen Ausdrucksweise von Michael Iwanowitsch, dessen Erregung außerordentlich war, erwiderte Ariane im trockensten Tone: »Und wie oft in der Woche soll ich bis zu meiner Abreise Ihre ›Königin von Saba‹ sein?« Michael Iwanowitsch war bestürzt. »Aber meine Freundin...« begann er. »Antworten Sie klipp und klar, ich bitte darum. Ich will alle Bedingungen dieses Handels genau kennen.« »Ich ertrage es nicht, Sie so sprechen zu hören. Ein Handel? Sie sind vollkommen im Irrtum...« »Wenn Sie mir nicht sogleich antworten wollen, gehe ich meiner Wege und wir werden niemals wieder von dieser Sache sprechen.« Michael Iwanowitsch zögerte: »Ich weiß wirklich nicht... zwei-, dreimal wöchentlich?« »Nehmen wir zweimal. Und während wie vieler Stunden werde ich Geschichten zu erzählen haben?« »Wahrlich, Sie sind grausam. Diese Gründlichkeit ist schrecklich.« »Nun gut, ich werde es selbst bestimmen: zweimal wöchentlich eine Stunde. Das sind Ihre Bedingungen. Sie sind teuer. – Ich werde es überlegen. – Auf Wiedersehen.« – Er hielt sie zurück. »Noch ein Wort. – Ich werde übersiedeln. Ja, ich war nicht zufrieden. Ein zu lärmendes Haus. Und außerdem wohne ich schon zu lange da. Es ist voll von Erinnerungen. Wissen Sie, daß ich mit Erinnerungen rings um mich nicht leben kann? Sie verbittern mich. Ich bin ein Kranker, Ariane Nikolajewna, begreifen Sie das? Deshalb habe ich ein kleines Haus in der Vorstadt gemietet, ruhig, ohne Nachbarn. Das kleine Haus von Leo, dem Schweizer vom Hotel London. – Ich bewohne es allein.« Und schon entfernte sich Michael Iwanowitsch, das eine Bein nachziehend, auf seinen Stock gestützt. – Das Abendessen vereinigte etwa zehn Personen auf einer der Terrassen des Restaurants, Ariane und Olga waren die einzigen Mädchen. Man sah auch Paul Pawlowitsch und den großen blonden Jungen, der Ariane diesen Morgen beim Verlassen des Hotel London auf der Straße angesprochen hatte. Der Günstling Arianes, den sie neben sich gesetzt hatte, war an diesem Abend ein Schüler mit kleinem vornehmen Kopf, schwarz wie die Nacht, aber mit wundervollen weißen Zähnen und blauen Augen. Man hatte mit Wodka angefangen und trank jetzt Champagner. Olga Dimitriewna blickte zärtlich auf ihren Nachbar, ihre Hand lag auf der seinen und sie versicherte mit schmeichelnder Stimme, daß sie sterbenstraurig und ihre Seele krank sei. Ariane strahlte voll Geist und Leben, niemals war sie fröhlicher, niemals sprühender gewesen. Sie hielt alle in Atem und von ihren geschwungenen Lippen sprangen die spitzen Epigramme wie Pfeile. Aber plötzlich, als man eben über Moral und Liebe sprach, änderte sich ihre Stimmung und mit einem an ihr ungewohnten Tonfall, der allen auffiel, rief sie: »Moral, was soll das Wort? Ein Mädchen, das sich für Geld hingibt, hat ebenso seine Moral, wie eine Frau, die keinen Geliebten hat, die ihre. Wer kann nach oberflächlicher Betrachtung entscheiden: das ist Moral und das ist Schande? Moral ist nichts als ein Gefühl, das in unserem tiefsten Innern ruht, und nur wir selbst können darüber richten. – Ich kann mir vorstellen, daß ich mich verkaufen könnte,« wobei sie die erzitternde Olga anblickte, »ohne vor mir selbst schlecht zu werden.« »Was sprechen Sie da!« warf der blonde Jüngling erschrocken ein. »Und doch ist es so«, setzte Ariane fort. »Nehmen Sie an, ich hätte kein Geld und fühlte doch gleich einem unwiderstehlichen Zwang die Pflicht in mir, meine Fähigkeiten zu entwickeln, an die Universität zu gehen, an allen hohen geistigen Bestrebungen teilzunehmen, für die ich berufen bin. Soll ich daran denken, das ideale Streben in mir damit zu verschandeln, daß ich meine Zeit verschwende, kleine Idioten für zwei Rubel die Stunde zu unterrichten? – Nun, ich brauche das Geld. An wen soll ich mich wenden? An einen Freund, den ich liebe? Daran ist gar nicht zu denken, denn man vermengt nicht Liebesangelegenheiten mit Geldfragen. Aber wenn ein Mann, den ich nicht liebe, für einige Stunden, in denen er meinen Körper besitzt, mir die Möglichkeit eines reichen geistigen Lebens zusichert, habe ich dann nicht die Pflicht anzunehmen? Bin ich dadurch, daß ich ein solches Geschäft abschließe und mit dem einzigen Besitz, den ich habe, bezahle, weniger anständig oder werde ich mir selbst untreu? Gut, die Welt wird mich verdammen, aber was ist die Welt? Eine Versammlung von Dummköpfen und eine Anhäufung von Vorurteilen. Möge sie mich nach Belieben verurteilen! In meinen eigenen Augen bleibe ich doch ein anständiges Mädchen!« Die Hälfte der Anwesenden spendete lauten Beifall. – Paul Pawlowitsch senkte den Kopf. »Recht hat sie!« rief einer. »Das ist die wahre Moral. Bravo!« ein anderer. Der Nachbar Olga Dimitriewnas blickte sie an, da sie plötzlich ihre Hand von ihm losriß. Sie weinte. »Was haben Sie?« fragte er. »Bitte achten Sie nicht darauf. Ich bin nervös. – Aber sprechen Sie weiter zu mir, damit die andern meine Tränen nicht bemerken.« VI Die Vertrauten der Dworanskaja waren unruhig, denn die Laune Varwaras litt unter seltsamem Wechsel. Früher war sie die lustigste, liebenswürdigste, sorgloseste Frau gewesen, tagein tagaus dieselbe; jetzt zeigte sich Varwara, deren Reiz in der stets lächelnden Miene gelegen hatte, die ebenso zu ihr zu gehören schien, wie ihre schönen schwarzen Augen, unruhig und nervös, aufgeregt und wenig Herrin ihrer selbst. Sie, die niemals ein verletzendes Wort für irgend jemand gehabt hatte, war jetzt imstande, die unangenehmsten Dinge selbst ihren ältesten Freunden zu sagen, die erschrocken waren, als müßte eine Katastrophe bevorstehen. Wladimir Iwanowitsch, der schöne Mann mit den ergrauenden Haaren, besuchte noch immer häufig das Haus, aber er kam nur, um rasch wieder fortzueilen, setzte sich höchstens ein paar Minuten zu Tisch, wenn Varwara auch anderen Besuch hatte. Trat er in den kleinen Salon neben dem Schlafzimmer ein, war es nur in Eile, die Zigarette im Mund. Er verbrachte nie mehr wie früher lange Abende bei Varwara und auch er hatte die Ruhe und Sicherheit verloren, die ihm früher selbstverständlich waren. Ariane gegenüber war das Benehmen Varwaras seltsam. Manchmal überhäufte sie sie mit Zärtlichkeiten, hielt sie unter Vorwänden bei sich zurück, verhinderte sie auszugehen und überschüttete sie mit Geschenken. Dann wieder geschah das Gegenteil: sie war verletzend in ihren Worten, zog sich von ihr zurück und sprach oft tagelang nicht mit ihr, als wären sie Fremde. Das junge Mädchen ertrug diese Launen mit einer Gleichgültigkeit, als bemerke sie weder die Zärtlichkeiten noch den Haß. Eines Tages, als sie in einer heiteren und zugänglichen Stimmung schien, teilte ihr Ariane, es war kurze Zeit nach ihrer Schlußprüfung am Gymnasium, die Absicht mit, an die Universität zu gehen, und erzählte von den Schwierigkeiten, die sie mit ihrem Vater hätte. Varwara haßte ihren Schwager, den sie niemals sah. »Dein Vater war immer ein Dummkopf, meine Liebe,« sagte sie, »und du bist viel zu klug, um mit ihm leben zu können. Seine Absicht dich zu verheiraten ist albern. Du bist noch ein Kind. Was weißt du vom Leben? Hast du überhaupt schon ein ,Verhältnis'?« Sie unterbrach sich lachend und setzte dann, ihrer Nichte ins Gesicht blickend, fort: »Im Ernst, hast du eines? Du weißt von mir alles, was ich treibe, ich habe dir niemals etwas verheimlicht, aber was weiß ich eigentlich von dir? Also beichte, du kleine Heuchlerin!« Ariane lächelte, ohne zu antworten. Varwara fuhr fort: »Die ganze Stadt liegt dir zu Füßen, du machst die Männer wild wie eine Teufelin: aber was gibst du ihnen dafür? – Und doch, man braucht dich nur anzusehen, du bist ganz von unserem Blut. Deine Mutter hatte in deinem Alter schon ihren Roman erlebt, ich selbst lebte mit achtzehn Jahren schon nach meinem Gefallen. Und man erzählt mir, daß die heutigen Mädchen noch viel fortgeschrittener seien und uns weit übertreffen. – So sei einmal offen, was tust du mit den Männern? Ich sehe, sie gehorchen dir auf den Wink. – Ach, wie ich dich beneide, früher einmal...« Varwara Petrowna seufzte. »Auf keinen Fall darfst du mich verlassen. Du bist hier glücklich. Du bist frei. Du kannst kommen und gehen, wann es dir paßt. Was willst du mehr? Ich lasse dich nicht fort, ich kann mich nicht von dir trennen.« Es war etwas Rührendes in diesen letzten Worten und Ariane fühlte dies. Vergeblich versuchte sie ihre Tante umzustimmen, Varwara wollte nichts von einer Trennung hören. Denn in Wahrheit war sie nach einem langen Leidensweg zu einem sonderbaren Ruhepunkt gelangt. Es war ihr nicht entgangen, daß Wladimir Iwanowitsch immer dann kam, wenn er sicher war Ariane anzutreffen, daß er an ihrer geistvollen Unterhaltung Gefallen fand und daß er Gelegenheit suchte, ihr zu begegnen. Anfangs empfand sie darüber eine bittere Verstimmung, aber dann erkannte sie, daß die Anwesenheit Arianes ein sicheres Mittel war, um ihren flatterhaften Liebhaber zu fesseln, und daß er immer seltener und seltener käme, wenn das junge Mädchen fortginge. Nun war sie aber schon dahin gelangt, daß sie ihn nur sehen wollte, ja, dies war das einzige Ziel ihrer Tage. Im übrigen sagte sie sich: »Was ist Gefährliches dabei? Ariane ist ein Kind und der Doktor ist in ihren Augen ein halber Greis. Sie läßt sich durch hübsche Jungen zwischen zwanzig und dreißig den Hof machen, unter denen wird sie sich ihren Geliebten wählen. Wladimir kann sie nicht interessieren, man muß vom Leben so viel erfahren haben wie ich, um zu verstehen, was ihn begehrenswert macht.« Die arme Varwara dachte nicht sehr weit, sie hielt Ariane, um Wladimir an sich zu fesseln, und ahnte nicht, welch gefährliches Spiel sie trieb. So scheiterte Ariane, als sie ihrer Tante begreiflich machen wollte, wie nötig der Besuch der Universität für sie sei, und sie endete schließlich damit, daß sie, ihr in die Augen blickend, sagte: »Nun gut, du hast es so haben wollen!« und überließ sie dem Grübeln über diese rätselvollen Worte. Am selben Abend ging Ariane, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß niemand in Hörweite war, zu dem im Speisezimmer befindlichen Telephon, verlangte eine Verbindung und sprach ein paar kurze Worte in den Apparat. – Ein Monat verging; man war jetzt mitten in einem heißen, gewitterstarken Sommer, als ein besonderer Zwischenfall die Ruhe in der Dworanskaja störte. Eines Abends, als Varwara gegen acht Uhr von einer Wagenfahrt heimkehrte, fand sie die Wohnungstüre offen und trat ohne Läuten ein. Mit ihrem raschen, leichten Schritt ging sie, ohne von jemand gehört zu werden, durch das Speisezimmer. Die Türe zum Zimmer Arianes war halbgeöffnet und im Hintergrund des Zimmers sah sie das junge Mädchen in einem dünnen, weißen Kleide an die Wand gelehnt und vor ihr, sie mit ausgebreiteten Armen einschließend, stand Wladimir Iwanowitsch so nahe herabgebeugt, daß Varwara glaubte, das Gesicht ihres Geliebten müsse das ihrer Nichte berühren. Sie hatte gerade noch Kraft, um in ihr Zimmer zu gelangen und zu läuten und bald wußte das ganze Haus, daß Varwara ohnmächtig geworden sei. – Am nächsten Tage rief sie Ariane zu sich und sprach in entsagendem Tone: »Ich bin in deiner Sache anderer Meinung geworden. Ich habe kein Recht, dich hier zurückzuhalten. Du sollst dein Leben nach deinem Geschmack einrichten und, wenn es dir gefällt, studieren. Geh an die Universität nach Petersburg, nach Moskau, nach Lüttich oder weiß der Teufel wohin. – Ich gebe dir, was du zum Leben brauchst. Mit zweihundert Rubel kannst du eine reiche Studentin sein, mit hübschen Kleidern, feiner Wäsche und Pariser Parfums.« Die Antwort Arianes verblüffte ihre Tante. »Ich werde tatsächlich, wie ich es schon lange vorhatte, an die Universität gehen. Aber ich brauche kein Geld. Ich danke dir, aber ich habe bereits meine Vorkehrungen getroffen; ich bin und bleibe vollkommen unabhängig.« Vergebens versuchte Varwara ihre Nichte zum Sprechen zu bringen, ihre Neugier war entfacht, aber sie erfuhr nichts. Ariane entfernte sich ohne Aufklärungen gegeben zu haben. Varwara behielt, allein geblieben, die peinliche Empfindung, daß sie von ihrer Nichte, die sie heranwachsen gesehen und die seit drei Jahren bei ihr lebte, nichts wußte. Es gab allem Anschein nach in diesem jungen Mädchen irgendein Geheimnis, in dessen Dunkel sie nicht einzudringen vermochte. Varwara fühlte zum ersten Male, wie völlig machtlos sie Ariane gegenüber war; sie entschlüpfte ihr; wer war sie überhaupt? Ganz verstört, konnte sie nicht an sich halten, mit Wladimir Iwanowitsch noch am gleichen Abend darüber zu sprechen; er teilte ihre Besorgnis. In der Aufregung, die beide ergriffen hatte, konnte Wladimir seiner Geliebten nicht verbergen, daß er Ariane bis zum Wahnsinn liebe. Der Auftritt war einzigartig und ergreifend. Die beiden Liebenden weinten zusammen; seit langem hatten sie keine Stunde so tiefster, innigster Vertrautheit gemeinsam verlebt. Gegen die Mitte des Sommers begannen in der Stadt Gerüchte umzulaufen, die sich in unangenehmer Weise mit Ariane Nikolajewna beschäftigten. Stammgäste des Hotel London versicherten, sie spät nachts in den Korridoren des Hotels gesehen zu haben. Einer erzählte, sie sei nach Mitternacht in ein Zimmer getreten, in dem man Champagner getrunken habe; ein anderer versicherte, er habe sie zu einer sehr späten Stunde allein die Dreitreppe des Hotels herunterkommen sehen. Man kann sich vorstellen, daß die bösen Zungen nicht mehr zur Ruhe kamen. Gewiß war Ariane Nikolajewna nicht die erste, von der man behauptete, daß sie Verhältnisse habe, und man war ein ziemlich freies Benehmen der jungen Mädchen gewohnt, aber es gibt doch gewisse Grenzen. Daß ein junges Mädchen einen Flirt hat und selbst das übliche Ausmaß überschreitet – welcher Russe würde darüber erstaunt sein oder gar Worte des Tadels finden? Das sind Dinge, bei denen man nie um eine entschuldigende Erklärung verlegen ist, und nur die ganz Dummen stellen sich erstaunt. Aber Feste und Soupers im Hotel London, so sehr der Öffentlichkeit preisgegeben, das sind Dinge, bei denen der Skandal beginnt. Ariane Nikolajewna wurde nicht geschont; Mädchen und Frauen liebten sie nicht sonderlich, sie hatte zu viele und zu sichtbare Erfolge. Fast alle Männer, die in ihre Nähe kamen, verliebten sich in sie. Sie war eine allzugefährliche Rivalin und bemühte sich offenkundig nicht, die Frauen zu gewinnen; sie hatte eine Mischung von Überhebung und Spott für sie, die sie, um die Wahrheit zu sagen, verhaßt gemacht hatte. Sie freute sich damit, die festesten Bande zu lockern und die glücklichsten Verbindungen, ob legitim oder nicht, zu zerstören. Und besonders in diesem Sommer schien es, als ob sie von einem Dämon gejagt sei und beschlossen hätte, Rache zu nehmen, – man wußte nicht wofür – indem sie mit Vorliebe solche Männer betörte, die allgemein als nicht mehr frei bekannt waren. Womit sie sie fesselte, wußte man nicht, aufs Geratewohl setzte man das Schlimmste voraus. Und die Unzahl der Verhältnisse, die man ihr nachsagte, gestattete keine Nachsicht mehr. Es muß mit Bedauern gesagt werden, daß ein bestimmter Anlaß, bei dem ihr Name im Mittelpunkt stand, ein noch viel größeres Ärgernis verursachte. – Es war eines Abends gegen elf Uhr, als zwei bekannte Lebemänner, die reichlich gegessen und mehr getrunken hatten, als ihnen zuträglich war, beschlossen, in Damengesellschaft jenes kleine Vorstadthaus aufzusuchen, das Leo Dawidowitsch, dem Portier des Hotel London, gehörte. Sie kannten es gut, da es ihnen früher öfter jene verschwiegene Zuflucht gewährte, die es für alle bereit hielt, die ihr Glück bei Frauen zu verbergen wünschten... Sie wußten nicht, daß das Häuschen seit dem Vorsommer an Ingenieur Michael Iwanowitsch Bogdanow vermietet war. Sie fuhren im Wagen vor und läuteten; keine Antwort. Gereizt durch dieses Schweigen begannen sie an die Tür zu pochen. Sie öffnete sich endlich und sie standen vor der alten Dienerin, die ihnen mitteilte, daß das Haus an Bogdanow vermietet sei, und ihnen sagte, daß sie fortgehen sollten ohne weiter zu lärmen. Sie vermochte sich indes nicht verständlich zu machen, man hörte sie nicht an, da man entschlossen war einzutreten und weiter zu trinken. Die Alte begann zu schreien, sie wurde zur Seite geschoben und trotz des Protestes der Frauen, die sie vergeblich zurückzuhalten suchten, stiegen die beiden Männer die Treppe hinauf. Im Vorzimmer trat ihnen Bogdanow mit einem Stock entgegen und befahl ihnen sich zu entfernen; sie bedrängten ihn und er konnte eben noch in ein Zimmer entkommen, von wo er der Polizei telephonierte. Inzwischen hatte sich eine zweite Tür auf den Vorraum geöffnet und eine junge Frau flüchtete mit halb verdecktem Gesicht die Treppe hinunter auf die Straße. Die beiden Frauen glaubten die zierliche und elegante Ariane Nikolajewna zu erkennen, die ja in der ganzen Stadt bekannt war. Am nächsten Tage schon wußte es jeder. Man fügte tausend Einzelheiten hinzu. Das junge Mädchen sei im Bett Bogdanows überrascht worden. Sie hätte sich im bloßen Hemd geflüchtet; eine der beiden Frauen hatte ihr einen Mantel geborgt. Andere erzählten, sie sei in Ohnmacht gefallen, die Polizei habe einen Arzt holen müssen ... Der Skandal war gewaltig. Ariane Nikolajewna setzte ihre Spaziergänge fort, ging nach wie vor in den Alexanderpark, soupierte weiter mit ihren Freunden, als ob alle diese Gerüchte nicht sie beträfen. Immerhin ging sie nach einer Woche aufs Land und verbrachte vierzehn Tage auf dem Gut ihrer Tante. Ich vergaß zu berichten, daß Ariane vor diesem letzten Skandal jenen zu sich kommen ließ, der sich als ihren Bräutigam betrachtete. Sie sprach eingehend zu ihm von ihrer bevorstehenden Abreise zur Universität. Nikolaus hatte natürlich auch von den vielen Redereien gehört, die sich mit Ariane befaßten, und es ist überflüssig zu betonen, daß er nicht ein Wort davon glaubte. Er hatte die Leute, die derartiges in seiner Gegenwart erzählten, in einer Weise angeblickt, daß sie sofort verstummten und dann von etwas anderem zu reden begannen. Er war von der Mitteilung Arianes nicht überrascht. Es schien, als hätte er es vorausgesehen. Er war keineswegs verzweifelt oder niedergeschmettert, sondern erklärte ihr in einem vollkommen ruhigen und überzeugten Tone, daß er ihren Entschluß begreifen könne, daß sie gewiß ein Recht habe noch zwei oder drei Jahre zu studieren, aber daß er nicht auf sie verzichte, daß er auf sie warten wolle und daß sie schließlich doch Mann und Frau sein würden, da es anders nicht sein könne. »Denn es ist im Himmel so bestimmt!« sagte er wörtlich. Nach dieser Unterredung blieb er längere Zeit auf seiner Besitzung und wurde in der Stadt nicht gesehen. Anfang September war Ariane reisebereit. Am Abend ihrer Abreise ereignete sich noch am Bahnhof ein vielbemerkter Zwischenfall. Sie stand mit Varwara Petrowna, Wladimir Iwanowitsch, Olga Dimitriewna und einigen ihrer jungen Freunde, Abschiedsworte wechselnd, auf dem Perron. Eben umarmte sie ihre Tante in der Türe ihres Waggons, als sich plötzlich ein riesenhafter Kerl durch die Gruppe drängte; Nikolaus Iwanow, denn er war es, stieß Ariane in das Abteil, in dem Olga noch saß. Er war viel bleicher als sonst und schien völlig außer sich. Er reckte sich vor Ariane auf, blickte sie einen Augenblick starr an und gab ihr dann einen solchen Fauststoß, daß sie auf den Sitz sank. Nikolaus zitterte, stürzte in die Knie und küßte fieberhaft den Saum ihres Kleides. Dann erhob er sich, ließ seinen Hut, der zu Boden gefallen war, im Stich und stürzte in die Nacht hinaus. Die Glocke läutete zum drittenmal, die Maschine pfiff und der Zug glitt an den niedergeschmetterten Zeugen dieses Überfalles vorbei aus der Halle. Zweiter Teil I Es war jener Abend im Monat April, da Schaljapin zum ersten Male in dieser Saison im Großen Theater in Moskau wieder auftrat. Er sang den Boris Godunow. Man kann sich nichts Festlicheres denken, als den Anblick des großen Saales, dessen Plätze seit drei Wochen ausverkauft waren. Die reichen Paradeuniformen der Offiziere und Beamten, das Glitzern ihrer Orden mit dem prächtigen Schillern ihrer Schärpen, die hellen Ballkleider der Damen, die schimmernden Perlen und das Blitzen der Diamanten vereinigten sich zu einer unvergeßlichen Harmonie von Glanz und Farben. In der vierten Reihe Orchesterfauteuil saß Ariane Nikolajewna. Neben ihr war noch ein leerer Platz, obgleich es bereits sieben Uhr geschlagen hatte. Ariane betrachtete gleichgültig ihre Umgebung und sah von Zeit zu Zeit in ihr Programm, das sie in ihren bloßen Händen hielt. Sie drehte sich um und blickte zur zweiten Galerie hinauf; mit Mühe unterschied sie als einen kleinen hellen Punkt unter hundert ähnlichen das bartlose Gesicht eines Schülers mit goldenen Achselstücken, das ihr zugewandt war. Sie nickte ihm freundschaftlich zu, worauf er zurückwinkte. Die Ouvertüre begann. Der Sitz neben ihr war noch immer frei. Ariane war schlechter Laune, die schon seit einigen Monaten anhielt. Ihr Aufenthalt in Moskau, der jetzt sechs Monate währte, hatte sie enttäuscht. Sie fühlte sich einsam und verloren in dieser gewaltigen Stadt. Zu Hause war sie die Gebieterin gewesen, hatte die Welt zu ihren Füßen gesehen, hier mußte sie die ganze Arbeit von neuem beginnen. Ariane hätte wohl die Kraft dazu gehabt, aber ein ärgerliches Erlebnis hatte ihr die Lust dazu genommen. In der Einsamkeit, die sie fühlte und in dem täglichen Ärger des Familienlebens – denn sie wohnte, als letztes Zugeständnis an ihren Vater, bei einem verheirateten Onkel, mit dem sie ebensowenig wie mit dessen Frau im geringsten harmonierte – hatte sie häufig die Theater besucht und vor allem das wundervolle Theater der schönen Künste. Sie verliebte sich in einen der ersten Schauspieler dieser Bühne, verfolgte ihn in allen seinen Rollen und wurde schließlich mit ihm bekannt. Er hatte sie in seinem Automobil spazieren geführt, sie hatten gemeinsam im Restaurant und bei ihm soupiert, als sie plötzlich nach einigen Wochen freundschaftlichen Verkehrs seine geistige Minderwertigkeit erkannte und ihn ohne Abschied in der verächtlichsten Weise verließ. Von diesem Zwischenfall behielt sie einen bitteren Nachgeschmack; sie versuchte zu arbeiten, doch auch ihre Lehrer enttäuschten sie, kurz, Moskau war ihr verleidet. Sie fühlte sich unbefriedigt, sehnte sich nach Anlehnung, nach Aussprache; nach jener Anerkennung und Bewunderung, die sie zu Hause so selbstverständlich hingenommen. Sie brauchte eine Resonanz für ihre geistigen und weiblichen Qualitäten, um sie entfalten zu können und glücklich zu sein. – Auf der Bühne flehte die Menge vor dem Kloster zu dem unsichtbaren Boris, er möge die Krone annehmen und allen ihren Leiden ein Ende bereiten. Die Traurigkeit des klagenden Gesanges senkte sich tief in das Gemüt. In diesem Augenblick entstand eine Bewegung in der Reihe, in der Ariane saß. Ein junger Mann schlüpfte, sich entschuldigend, an ihr vorbei und setzte sich auf den leeren Platz. Ariane sah, daß er groß und ungewissen Alters war, von einer bemerkenswerten Ungezwungenheit und Sicherheit des Auftretens. Einige Augenblicke vergingen, als ihr Nachbar, dessen Blick sie wiederholt auf sich ruhen fühlte, sich mit gedämpfter Stimme an sie wandte: »Wer singt heute den Boris?« Sie wandte ihm, ohne ihr Erstaunen zu verbergen, das Gesicht zu. »Aber Schaljapin natürlich!« Er machte eine Bewegung, als verstände er jetzt das Merkwürdige seiner Frage, und lächelte. »Ich werde Ihnen in der Pause erklären – – Danke.« Ariane unterdrückte ein aufsteigendes Lachen und schwieg. Als der Vorhang nach dem ersten Akt fiel und der Saal hell wurde, sprach ihr Nachbar wieder: »Was müssen Sie von mir denken? Aber meine Unwissenheit ist wenigstens erklärlich: ich bin erst abends in Moskau angekommen und als ich um sieben Uhr im Hotel National hörte, daß Boris Godunow gegeben würde, ging ich hierher.« »Aber Sie hatten doch keinen Sitz?« fragte Ariane, die gegen ihren Willen neugierig geworden war. »Ach, wissen Sie, für mich ist immer und überall noch ein Platz. Die Kassiererin hat mich zwar abgewiesen, das ist richtig, aber im Foyer bot mir eine alte Frau, die sicher nur auf mich gewartet hat, diesen Sitz an, da irgendwer erkrankt sei. Sie sehen, wie einfach.« »Und alles gelingt Ihnen so leicht?« »Selbstverständlich.« Sie plauderten angeregt weiter, bis sich der Vorhang wieder hob und eine Unterhaltung beendete, die beiden Vergnügen gemacht hatte. In der großen Pause war der Saal in lebhafter Bewegung. Arianes Nachbar sagte: »Ich habe noch nicht gegessen, ich sterbe vor Hunger. Tun Sie mir den Gefallen und kommen Sie mit zum Büfett, ich bin so ungern allein und mit Ihnen kann man so nett sprechen.« »Ich bin nicht allein hier, ein Student hat mich begleitet. Er hat sich vierundzwanzig Stunden angestellt, um zwei Karten zu bekommen. Eine auf der Galerie und meine. Er erwartet mich in der Pause.« »Ein Grund mehr, daß wir uns eilig davonmachen!« Und Ariane folgte ihm wirklich. Im Laufe des Abends machte ihre gegenseitige Bekanntschaft solche Fortschritte, daß er im letzten Zwischenakt den Vorschlag machte, sie auf dem Heimweg zu begleiten. Sie wandte ein, daß jener Student auf ihren Wunsch ein Auto bestellt habe, besann sich aber plötzlich anders. »Eigentlich ist das eine wundervolle Lektion für ihn.« Und kaum war der Vorhang gefallen, liefen sie davon, wie Kinder aus der Schule. Er schlug vor noch gemeinsam zu soupieren. Davon könne keine Rede sein. Er wollte einen Wagen nehmen, sie war dagegen. Sie wollte zu Fuß nach Hause gehen, obzwar sie in der Sadowaja, eine halbe Stunde vom Stadtinnern entfernt, wohnte. Und so stampften sie durch Kot und schmelzenden Schnee. Die Löcher im Pflaster, die Unsicherheit und Hindernisse des Weges rechtfertigten es, daß er ihr den Arm bot und daß sie diese Hilfe annahm. Im Sprechen betrachtete er sie. Über ihr vornehmes Abendkleid hatte sie einen weiten dunklen Mantel genommen und auf den Kopf einen reizenden, kleinen, weichen Filzhut gestülpt, den sie zerdrückt aus der Tasche gezogen hatte. Schon machten sie neue Pläne. »Da Sie die Oper lieben, kommen Sie übermorgen mit mir zu ›Prinz Igor‹, wollen Sie?« »Aber Sie werden doch keine Karten mehr bekommen!« Er stellte sich groß vor sie hin und nahm ihre beiden Hände. »Ja, wissen Sie denn noch nicht, daß ich immer alles bekomme, was ich will? – Also wir werden zusammen den Prinz Igor anhören und da wir dann schon alte Bekannte sind, werden Sie sich nicht mehr weigern, nachher mit mir zu soupieren.« »Nun schön, wenn Sie noch Karten bekommen, bin ich einverstanden, aber es ist ausverkauft.« Sie waren vor einem schönen Zinshaus in der Sadowaja angelangt. »Hier bin ich zu Hause«, sagte sie stehenbleibend. »Ja richtig, geben Sie mir bitte Ihren Namen und Ihr Telephon an.« Er schrieb nach ihrem Diktat und reichte ihr dann seine Karte. Sie las: Konstantin Michael. »Das ist doch kein Name!« bemerkte sie. »Und doch heiße ich so.« II Zwei Tage später saßen Ariane und Konstantin Michael nebeneinander auf dem Diwan in einem Separeé des berühmten Restaurant Eremitage. Ariane war wunderbarer Laune, Konstantin ließ sie plaudern und hörte mit großem Vergnügen die Geschichten, die sie erzählte. Er kannte schon Varwara Petrowna, er wußte auch schon von dem halbverlobten Nikolaus Iwanow und den bitteren Erfahrungen, die er bereits vor der Hochzeit hatte machen müssen; weder die Soupers im Hotel London, noch die stattliche Anzahl der Anbeter, die die strahlende Ariane dort umgeben hatten, blieben ihm unbekannt. – Der Alexanderpark erschien ihm als der verlockendste Garten Rußlands; er sah die dunklen Alleen vor sich, die im Lichte der grellen Bogenlampen blendenden Terrassen und die fröhlichen Besucher, zwischen denen sich tausend Fädchen spannen. Mit wenigen treffenden Worten hatte Ariane die Umgebung und die Hauptpersonen ihres vergangenen Lebens gezeichnet. Als hätte er sie mit eigenen Augen gesehen, kannte er Varwara Petrowna mit ihrem leichten Gang und ihrem unwiderstehlichen Lächeln; der arme Nikolaus bildete eine bedauernswerte Figur in diesem Bilde, manche Personen blieben in einem geheimnisvollen Halbdunkel und Ariane, die sonst ihren Stolz darein setzte alles plastisch zu beschreiben, begnügte sich mit Andeutungen und überließ es dem Scharfsinn ihres Zuhörers daraus das Weitere zu erraten. Wie unterhaltend Konstantin Michael dies alles auch fand, sein Staunen war noch viel größer. Was war eigentlich dieses junge, eigensinnige, überlegene Mädchen voll sprühenden Geistes und lebhafter Intelligenz für ein Wesen? Sie kannte das Leben wie eine reife Frau, sie hatte in manchen Augenblicken einen Ausdruck voll ernsten Sinnens, der nicht zu ihrer Jugend passen wollte; die Stirn war eigensinnig und doch nachdenklich. Manchmal wieder, wie damals, als sie, in ihrem Mantel verkrochen, diesen kleinen schwarzen Filzhut aufgestülpt hatte, den sie zu den Vorlesungen trug, sah sie wie ein Mädel von sechzehn Jahren aus. »Sie kommt zwar aus dem Süden,« sagte er sich, »aber wie frühreif dort auch die Mädchen sein mögen, es brauchte doch jahrelange Erfahrungen, um soviel Lebensklugheit anzusammeln, die sie jetzt prahlend vor mir ausbreitet.« Bei diesem Punkt seiner Überlegungen unterbrach er sich, um rasch zu fragen: »Dabei fällt mir ein, wie alt sind Sie eigentlich?« »Wobei fällt Ihnen das ein?« war die erstaunte Gegenfrage, denn seine Worte paßten gar nicht zu dem, was sie eben erzählt hatte. Er erklärte: »Wenn ich Sie ansehe, halte ich Sie für höchstens sechzehn, wenn ich Ihnen zuhöre aber für dreißig und gut ausgenützte dreißig Jahre. Also ich begreife nicht –« »Ist es denn nötig eine Frau zu begreifen? Man will sie besitzen, das ist doch viel einfacher!« Er war sprachlos und schaute sie einen Augenblick ganz verdutzt an. Dann, sich dem Ton anpassend, den ihre rasche Bemerkung angeschlagen hatte, setzte er ihr auseinander, daß er vom ersten Augenblick an in dieser Unsicherheit über ihr Alter sei, da sie ihm zugleich wie ein halbwüchsiges Mädchen und auch wie eine junge Frau vorkomme, der kein Erlebnis mehr fremd sei. Sie behielt ihr ironisches Lächeln und nur, als er geendet hatte, warf sie wie ein Kenner, der ein nicht allzu seltenes Stück beurteilt, hin: »Nicht schlecht.« »Und also? Ich würde je nachdem ebenso auf sechzehn, wie auf fünfundzwanzig wetten.« »Wie immer ist die Wahrheit zwischen beiden.« Und das Gespräch schweifte ab. Als später durch die Wand die Takte einer Zigeunerweise herüberklangen, neigte sich Konstantin zu ihr, legte seinen Arm um ihre weiche Gestalt und zog sie an sich. Sie wehrte ihm nicht. Als er jedoch seine Lippen ihrem Munde näherte, wandte sie den Kopf weg und sein Kuß traf nur ihren kühlen Hals, dort wo das Ohr ansetzt, nahe bei den Haaren. Sie blieb steif und unbeweglich in seinem Arm und schließlich war er selbst es, der sie freiließ. »Was für ein Parfüm benützen Sie? Es ist wundervoll.« Ariane schien erstaunt und antwortete bloß: »Auch das ist mein Geheimnis.« Es entstand ein Schweigen. Konstantin unterbrach es entschlossen; seine Absicht stand fest. Und in einem Ton, der anders war, als in ihrer bisherigen Unterhaltung, erklärte er, daß er ein fanatischer Freund der Offenheit wäre, daß seine einfache und klare Art alle Dinge frei herauszusagen ihm bisher am meisten genützt habe und daß er auch diesmal, selbst auf die Gefahr hin alles aufs Spiel zu setzen, davon nicht abgehen wolle. Er sei zum mindesten davon überzeugt, daß sie, die er als klug und vorurteilslos schätzen gelernt habe, ihn nicht mißverstehen werde; ja vielleicht werde sie ihm sogar dankbar sein. »Es steht einfach so, daß ich Sie gewinnen möchte ... Ich bekenne es ohne Umschweife. Wie kann ich das erreichen? Soll ich bei Ihnen jene Mittel anwenden, die Männer gewöhnlich brauchen, um eine Frau zu verführen? Soll ich Ihnen vielleicht erzählen, daß Sie die erste Frau sind, vor der ich in die Knie sinke? – Sie würden mir ins Gesicht lachen! Nehmen wir die Dinge, wie sie sind. Sie gefallen wir maßlos. Vielleicht bin auch ich Ihnen angenehm, da Sie doch hier sind. Es ist mir undenkbar, daß ich in Ihrer Gegenwart Langeweile, das einzige, wovor ich Furcht habe, fühlen könnte. Daher möchte ich Sie öfter und länger und jeden Tag sehen.« Er schwieg. Ariane machte keinerlei Bemerkung. Etwas unsicher geworden sagte er: »Aber helfen Sie mir doch, Ariane Nikolajewna, ich bin nicht gewohnt Reden zu halten.« »Ich warte auf das Ende, das ein so schöner Beginn verspricht!« »Gut denn, ich fahre fort. Kennen Sie die Reisebilder von Heinrich Heine?« Sie schüttelte den Kopf, sie schien zerstreut. »In den Reisebildern erzählt Heine, wie er einmal in eine Stadt kam, in der er übernachten sollte. Er sah ein schönes Mädchen an einem Fenster Blumen begießen und sprach etwa: ›Gestern war ich noch nicht hier, morgen werde ich nicht mehr hier sein, aber heute gehöre ich dir.‹ Und das schöne Kind reichte ihm eine Blume. – Ich werde nicht lange in Moskau bleiben, aber diese kurze Zeit möchte ich mit Ihnen gemeinsam verleben. Ich bin nicht frei, Ariane Nikolajewna. – Eines Tages werde ich verreisen und nicht wiederkehren. Das Leben ist eine unfreundliche Angelegenheit; es braucht Erfindungsgeist, viel guten Willen und Wagemut, um ihm einige Stunden, ich sage nicht des Glückes, aber der Freude abzuringen. Wollen Sie mit mir gemeinsam eine so unsichere Sache unternehmen, wie es die Suche nach der Freude ist? – Ich fühle, daß ich zu Ihnen in dieser Weise sprechen darf und daß Sie vielleicht das Ungewöhnliche und Verwegene dieses Vorschlages, den ich bei keiner anderen wagen würde, zu locken vermag, denn Sie sind ohne Vorurteil und nehmen die Dinge, wie sie sind, davon habe ich mich schon überzeugt. Was kann uns geschehen? – Gar nichts. Sie verstehen doch wohl. – Ach, Verzeihung, ich vergesse eine große Gefahr. Vielleicht werden Sie mich lieben? Vielleicht verliebe ich mich in Sie? Die Liebe, die wir bei unserer Rechnung außer acht gelassen, wird sich vielleicht einschmuggeln? Sollen wir vor dieser eingebildeten Gefahr zurückschrecken? Sie haben Mut und auch mir fehlt er nicht. Ich stürme gegen den Feind.« Er nahm das junge Mädchen in die Arme, sie wehrte sich nicht und über sie gebeugt sprach er weiter: »Verzeihen Sie meine Offenheit, Ariane Nikolajewna, aber in diesem Augenblick wäre mir eine Lüge gräßlich. Was immer geschehen mag, wir wollen einander nicht getäuscht haben.« Sie wollte erwidern. Er verschloß ihr den Mund mit einem Kuß und setzte fort: »Sagen Sie nichts, ich bitte Sie darum.« Sie befreite sich, reckte sich auf, nahm eine dunkelrote Nelke von ihrem Gürtel, führte sie an ihre Lippen und warf sie nach kurzem Zögern achtlos ins Zimmer. »Ich hörte schon früher einmal Männer, die dasselbe wollten, wie Sie. Sie fingen es anders an. Man lernt immer noch zu. Aber es ist spät und die Vorlesung von heute abend war lang genug. Ich muß nach Hause. – Richtig, erzählte ich Ihnen schon, daß mein Onkel, bei dem ich wohne, mir nachstellt? Ich werde mein Zimmer zusperren müssen und, es ist lächerlich, aber ich ersticke in einem versperrten Zimmer.« Er führte sie im Wagen nach Hause. Beim Verlassen sagte er zu Ariane: »Auf morgen also. Wollen Sie mit mir abendessen?« »Aber nein, ich esse zu Hause um sieben Uhr.« »Also gut, dann erwarte ich Sie um halb neun hier vor dem Hause und Sie werden die Güte haben, eine Tasse Tee bei mir zu nehmen.« »Oh, ich schwöre Ihnen, daß ich das nicht tue.« III Um halb neun des nächsten Abends erschien Ariane Nikolajewna im Tor ihres Hauses, vor dem Konstantin Michael sie erwartete. Sie trug einen reizenden Hut mit großen Flügeln, der durch Bänder unter dem Kinn gehalten wurde; aus ihrem schwarzen Mantel erhob sich der blanke Hals. Sie gingen die Twerskaja fast hinunter. Es war vereinbart, daß sie spazieren gehen wollten, doch als sie vor dem Hotel National anlangten, machte Konstantin den Vorschlag einzutreten. »Warum nicht?« meinte Ariane. Unter dem dicken Mantel hob sich ihre schmale Schulter und ließ ihn leicht erbeben. In dem kleinen Salon legte Ariane ihren Mantel ab, im benachbarten Schlafzimmer ihren Hut und richtete ihr Haar vor dem Spiegel. Sie blickte ohne eine Spur von Befangenheit umher. Auf dem geöffneten Bett lag ausgebreitet der Schlafanzug Konstantins. Im Salon tranken sie Tee. Konstantin nahm das junge Mädchen auf seine Knie und ihre Lippen trafen sich. Er begann sie zu entkleiden. Aber Ariane wehrte sich andauernd und ihre spitzen Nägel spielten in dem Kampf eine große Rolle. Er mußte, bald mit Schmeicheleien, bald mit Gewalt, mit Bitten und mit allem Aufwand von List und Überredungskünsten ein Stück ihrer Kleidung nach dem andern mühsam erobern. Die leichte Bluse fiel; der runde junge Busen erschien auf einer zarten Brust. Das Abstreifen des Rockes erforderte unendlich lange Zeit, endlich gelang es Konstantin. Er hielt das Mädchen fast nackt in seinen Armen. – Er war vollkommen erschöpft. Sitte und Gepflogenheit verlangen von den Frauen, in solchen Lagen nur gerade so viel scheinbaren Widerstand vorzutäuschen, daß der Mann seinen Angriff mit der Pose des antiken Eroberers beschließen kann; dies ist ein entzückendes Spiel, dessen Rollen seit langem genau vorgeschrieben sind. Aber hier mußte Konstantin, trotzdem sie seinen Wünschen schweigend entgegengekommen war, wirklich Gewalt anwenden und anstrengend kämpfen. Warum verteidigte sie sich so leidenschaftlich, da sie doch entschlossen war, sich zu geben? Warum kämpfte sie seit einer Stunde ohne nachzulassen? Während eines kurzen Atemholens konnte er sich nicht enthalten ihr in ziemlich heftiger Weise vorzuwerfen: »Aber schließlich wissen Sie doch, wozu wir hier sind! Sie sind doch vorbereitet gewesen. Es ist doch bei Gott nicht das erstemal ...?« Ariane blickte ihn hoheitsvoll an und sprach in einem Ton, der ihn das Unwahrscheinliche der Frage fühlen ließ: »Glauben Sie denn, daß ich auf Sie gewartet habe?« Die Schulter hob sich und schlüpfte aus dem Hemd, das den Arm entlanggleitend den Körper halb entblößte. Aber als er sie ins Schlafzimmer tragen wollte, klammerte sie sich am Diwan fest und rief mit tönender Stimme: »Ich stelle meine Bedingungen!« »Ich bin im voraus mit allem einverstanden!« erwiderte er atemlos. »Es muß finster sein und ich werde wie eine Tote bleiben.« Konstantin Michael dachte: »An wen zum Teufel bin ich da geraten? Was für ein Abenteuer mit einem dieser verschrobenen Mädchen von heute, die kein Gefühl und keine Lust kennen, denen Lieben nicht mehr bedeutet als Essen: eine Sache ohne Wichtigkeit, die man nur abgetan haben will. – Daß ich nur nichts zu bereuen habe!« Er hielt den kühlen Körper in seinen Armen und widersprach: »Diese Bedingungen sind verrückt; aber jetzt ist keine Zeit mehr zu debattieren.« In der Finsternis des Zimmers, inmitten des weichen Bettes, in dem Ariane »wie eine Tote« lag, überzeugte sie ihn, wenn auch ihr vielleicht unbewußt, daß sie doch nicht so gefühllos sei, wie er befürchtet hatte. Indessen dauerte auch im Dunkeln der Kampf noch an, der Kampf gegen einen leblosen Körper. Gereizt rief er: »Es gibt Augenblicke, in denen es gut sein mag, sich zu verteidigen, andere aber, in denen man es auch verstehen muß, sich zu ergeben.« »Aber ich wehre mich ja gar nicht«, zitterte eine kleine, schwache Stimme an seinem Ohr, eine Stimme, so kindlich und demütig, in der ein Hauch von Angst zu schweben schien, daß dieser neue Klang ihn überraschte. Und im gleichen Augenblick siegte er über ihren Widerstand. – Eine Stunde später kämmte Ariane, vor dem Spiegel sitzend, ihr geöffnetes Haar; es fiel bis zur Hüfte herab und seine schimmernden Wellen verbargen den zarten Körper. Sie sprach in leichter, ungezwungener Weise und erzählte Erlebnisse aus früheren Tagen. Nicht ein einziges ihrer Worte und kein Blick von ihr hätte verraten lassen, daß zwischen Konstantin und ihr jetzt neue Beziehungen bestanden. Während des Zuhörens entdeckte Konstantin an einem Finger seiner rechten Hand einen kleinen Riß. »Das kleine Ungeheuer hat mich gekratzt?« dachte er, »Oder war es eine Nadel?« Als es Mitternacht schlug, erhob sie sich. Er versuchte vergeblich sie zu überreden, noch mit ihm speisen zu gehen. »Mein Verliebter erwartet mich zu Hause. Gestern abend machte er mir Vorwürfe. Es scheint, daß er erraten hatte, von wo ich kam. Meine Tante hat ihn gehört, darauf kam eine zweite Szene. Ich will das vermeiden. Ich habe gern Ruhe zu Hause.« Sie gingen zu Fuß. Sie sprach mit großem Gedankenreichtum über den Lehrplan der Gymnasien und über die Erziehung der Mädchen. Als er sie an ihrer Tür verließ, schien sie überrascht, von ihm zu hören, daß er sie am nächsten Tage zur gleichen Zeit abholen wolle. Sie war ohne Gegenrede einverstanden. Als er sich müde und erschöpft in sein Bett fallen ließ, war er verwundert, Spuren seines wunden Fingers auf dem weißen Leinen zu finden. Schon halb im Schlaf ging ihm dies noch durch den Sinn. »Sie hat mich doch stärker gekratzt, als ich glaubte. Sonderbares Tierchen! – Wer wohl meine Vorgänger waren? Ihre Erziehung ist fraglos mißglückt. Ich muß von vorne beginnen; aber wird es der Mühe wert sein?« Doch er war müde und ohne weiter nachzudenken schlief er ein ... IV Ihr Leben kam in regelmäßige Bahnen. Tagsüber sahen sie einander nie, denn Ariane war an der Universität und er ging seinen nicht unbedeutenden Geschäften nach. Er war Bevollmächtigter eines großen internationalen Petroleumkonzerns, dessen ausgedehnte Interessen er bald in Amerika oder London, bald in Japan oder Paris zu vertreten hatte und für den er in Rußland eben schwierige Verhandlungen führte, die eine weitere Ausbreitung der Gesellschaft im Kaukasus bezweckten. Einmal speiste er zu Mittag mit seiner offiziellen Freundin, der Baronin Korting, der schönsten Frau in Moskau, die über seine geringen Bemühungen um sie nicht wenig erstaunt war. Er zerbrach sich den Kopf, um Entschuldigungen zu finden. Aber jeden Abend traf er um halb neun seine kleine Studentin in der Sadowaja, jeden Abend gingen sie zu Fuß zum Hotel National, jeden Abend ruhten sie in dem warmen, dunklen Zimmer, um jeden Abend, wenn es Mitternacht schlug, sich anzukleiden und in lebhaftester Unterhaltung in entgegengesetzter Richtung zurückzuwandern. Sie hatte über alle Gegenstände feststehende Ansichten, die sie mit großer Entschiedenheit vorbrachte und gegen die sie keinerlei Widerspruch duldete. Sie entwickelte Grundsätze von radikalstem Materialismus, in denen keinerlei Gefühl eine Daseinsberechtigung hatte und Mitleid und Liebe unbarmherzig verspottet wurden. Manchmal machte es ihm Vergnügen, durch ein einziges Wort die Luftschlösser ihrer Systeme zu zerstören, die sie sorgfältig aufgebaut hatte; gewöhnlich ließ er aber ihrer üppigen Phantasie freien Lauf. Sie schwärmte dann wie berauscht in der Welt ihrer Ideen. Und er bewunderte immer von neuem das gesunde Sprühen ihres Geistes auf allen Gebieten, die quellende und klare Kraft ihrer Gedanken. Konstantin Michael kannte viel von der Welt, in London, New York, Rom und Paris war er gewesen. »Nur noch ein Hauch von Schmiegsamkeit,« dachte er, »jene Anmut des Benehmens, wie man sie doch nur in Europa lernt; nur noch die Ausdrucksweise der dortigen guten Gesellschaft wäre nötig und es gäbe keine einzige von allen Hauptstädten der Welt, in der diese kleine Russin nicht nach kurzer Zeit und nach entsprechender Einführung wahre Triumphe feierte. Die größten Geister wären hingerissen von ihr.« Er konnte sich keine entzückendere Gefährtin denken. Sie befeuerte seine Gedanken und hielt ihn in atemloser Spannung ihrer immer wieder neuen Pläne und Ideen. Er fühlte in ihr den unerschöpflichen Reichtum der russischen Natur, dieses Verschenken, dieses Verschwenden, dieses Ausströmenlassen seiner selbst, wie nur sie es gestattet. »Es fehlt diesem Mädchen nur ein methodisches Ordnen ihrer Gedanken, um sie die höchsten Stufen erreichen zu lassen, aber vielleicht mehr noch die Führung durch einen überlegenen Mann. Leider aber sind die hiesigen Männer einer solchen Aufgabe nicht gewachsen.« So dachte er über sie. Täglich erwartete Konstantin ungeduldig die Stunde, die ihn mit Ariane zusammenführte. Er verglich sie mit der Baronin Korting, die ihn durch ihre Schönheit berückte, die gut, sanft, anspruchslos war, die aber von ihrem langen Leben in Europa ebenso unnatürlich geworden war, wie es die Gesellschaft in Frankreich und England ist. Er konnte ihr gewiß keinen Vorwurf machen – außer dem einzigen und größten: sie langweilte ihn. Bei Ariane kannte er keine Langeweile, man vergaß selbst den Begriff davon in ihrer Nähe; so vielseitig war sie, unterhaltend, lustig, nachdenklich, voll Widersprüche in ihrem ganzen Wesen, launisch, eigensinnig, scheu, verschlossen in ihrer Eigenliebe, wie eine uneinnehmbare Festung. Wenn sie mittags mit ihm speiste, fühlte er sich überglücklich, ein gemeinsames Abendessen, das seltener vorkam, wurde zu einem wahren Fest. Der lange Weg von der Sadowaja zum Hotel National wurde ihnen zu kurz. Sie hielten sich immer wieder auf, um in der Nacht zu plaudern und noch auf der Schwelle ihrer Tür sprachen sie lange weiter. Aber in seinem Zimmer war es eine andere Ariane, die zum Vorschein kam. Er sah eine Frau vor sich, die ihm stets fremd blieb. Seit dem Tage, da er sie zum ersten Male besessen hatte, hatte er immer erwartet, daß die natürlichen Beziehungen, wie sie zwischen dem Geliebten und seiner Freundin zu herrschen pflegen, eintreten würden. Jetzt erkannte er langsam seinen Irrtum. Er glaubte sie besiegt zu haben und immer wieder wurde dieser Sieg in Frage gestellt. Er fühlte, daß er keinerlei Fortschritte machte; seine Freundin gehörte ihm niemals wirklich an, es war stets nur eine kurze Täuschung. In Wirklichkeit blieb sie unerreichbar fern und entschlüpfte immer wieder, wenn er sie bezwungen glaubte. Er küßte sie, sie ließ es zu und schien auch Vergnügen daran zu finden, niemals aber kam sie ihm auch nur mit einer leisen Regung von Zärtlichkeit entgegen. Eines Tages machte er eine Bemerkung darüber. Die Antwort, die sie ihm gab, war wie ein eiskalter Wasserstrahl: »Machen Sie sich nichts daraus, so bin ich immer.« »Verwünschte Erziehung,« dachte Konstantin, »welche Idioten muß sie vor mir gekannt haben!« Im Bett blieb sie nach wie vor »die Tote«. Trotzdem fühlte er manchesmal den Druck ihres Armes, der ihn an sie preßte. Einmal nur ließ sie sich soweit gehen, daß sie klagte aufstehen zu müssen, da sie sich zerbrochen vor Müdigkeit fühle. Es dauerte eine Woche, bevor sie gestattete, daß die Tür zum Salon, wo das elektrische Licht brannte, offenblieb. Und doch zeigte sie keinerlei falsches Schamgefühl; sie stieg aus dem Bett um ins Badezimmer zu eilen und wenn sie zurückkehrte, setzte sie sich unbekleidet vor den Toilettespiegel, um sich zu frisieren, mit der ganzen unbekümmerten Ruhe eines gutgewachsenen Mädchens, das nichts zu verbergen braucht. Jede Begegnung war ein immer erneuter Kampf zwischen der Glut des Mannes und der Kälte der Frau. Das Verwirrende aber war, daß Konstantin diese Kälte als etwas Erzwungenes, Berechnetes empfand, als wäre sie durch einen starken Willen künstlich hervorgebracht. Er brauchte gar keinen Zwang, um Ariane ins Schlafzimmer zu führen, sie kam aus eigenem Verlangen, aber wenn sie einmal so weit war, schien sie einfach zu erstarren. Sie, die sonst keinen Augenblick zu schweigen vermochte, lag stumm mit offenen Augen da. Das Höchste, das er ihr in der ersten Woche zu entlocken vermochte, wenn er ihr jene unvergänglichen Sinnlosigkeiten ins Ohr flüsterte, die der Mann seiner Geliebten zuzuraunen pflegt, war ein halblautes: Nitschewo. Draußen plauderten sie wie vertraute Freunde – im Schlafzimmer war sie immer wieder die Feindin, die er jedesmal neu bekämpfen mußte und die sich doch niemals als besiegt erklärte. Dieser Kampf erregte Konstantin maßlos, und er schwor, daraus als Sieger hervorzugehen; indessen aber war er durch dieses Verhalten Arianes bis ins Innerste verletzt. Aber auch das waren nur Vorpostengeplänkel. Am vierten oder fünften Abend, als sie sich ankleidete und er am Bettrand eine Zigarette rauchte, tat er ohne besonders darauf zu achten, zwei jener einfältigen Fragen, wie Männer sie nach einem Schäferstündchen zu stellen pflegen. Sie antwortete nicht, er wiederholte. Ohne den Kopf zu wenden und ohne im Befestigen ihrer Strümpfe innezuhalten, sprach sie endlich mit einer Nachlässigkeit, als hätte sie für die Bosheit ihrer Worte keinerlei Empfinden: »Ich warte nur auf die dritte Frage, die jetzt kommen muß, denn bisher haben alle Männer unter den gleichen Umständen dieselben drei Fragen gestellt.« Konstantin erbleichte. Er hatte noch die Kraft sich zu beherrschen und kein Wort weiter zu sagen. Er warf seine Zigarette weg, ging ins Badezimmer und blieb ungewöhnlich lange dort. Als er zurückkam, war Mitternacht vorbei. »Gehen wir«, sagte er nur kurz. Sie kam zu ihm und lehnte sich an seine Schulter. »Was haben Sie nur heute? Sie scheinen verstimmt zu sein. Ich bin doch nicht schuld ...?« »Nein, kleines Mädchen, sicher nicht. Du bist reizend wie immer.« Denn er duzte sie jetzt, während sie nach wie vor beim »Sie« blieb. Unterwegs debattierten sie heftig über eine philosophische Frage. Beide verteidigten hartnäckig, fast gereizt, ihre Ansicht. Endlich begann Konstantin laut zu lachen. »Nein, wo wir jetzt schon einen Grund zum Streiten herholen!« Und er küßte Ariane, die sich noch wehrte. Am nächsten Tage begannen die Feindseligkeiten von neuem. Diesmal aber in sehr zurückhaltender Form, da beide Teile darauf achteten sich keine Blöße zu geben. – Konstantin reizte es zu wissen, warum Ariane, die doch wählen konnte, wen sie wollte, gerade ihn, Konstantin Michael, genommen und sich ihm schon bei der dritten Begegnung gegeben hatte. Er bildete sich nicht ein unwiderstehlich zu sein, auch liebte ihn Ariane nicht. Wie weit aber die Freiheiten, die junge Mädchen sich gestatten, auch immer gehen mögen, es war doch schwer anzunehmen, daß sie sich einen Geliebten nehmen, wie ein Mann, oft nur für eine Stunde, ein Mädchen nimmt. Warum nur war sie hier bei ihm? Auf Umwegen versuchte er Klarheit über diesen Punkt zu erhalten. Er begann also von der wunderbaren Boris-Godunow-Aufführung zu sprechen und von dem ersten Eindruck, den Ariane auf ihn machte und der so merkwürdig zwischen junger Frau und Schulmädel schwankte. »Und du, was dachtest du von mir, da doch der erste Eindruck entscheidend ist?« »Ich? Ich sagte mir, das ist einer von denen, wie sie mir liegen. Denn ich gestehe, daß nach meinen Erfahrungen nur die blonden Männer Leidenschaft haben. Die Dunklen wirken vielleicht gut, aber das ist nur ein Strohfeuer. Man nimmt sie und es bleibt einem nichts in den Händen. Die Klugheit verlangt, daß man nach ein paar mißglückten Versuchen zu dem zurückkehrt, was man als gut erprobt hat.« Sie schwatzte in dieser angenehmen Weise darauf los, als wenn sie vom Sonnenschein oder Regen dieses Maitages plaudern würde. Konstantin glaubte eine gallbittre Medizin eingeträufelt zu bekommen. Er fühlte, daß man auf eine derartige Herausforderung nur mit einer Tracht Prügel richtig antworten könne. Aber es hieß obenauf bleiben und vorläufig nur Zeit gewinnen. Er nahm eine Zigarette, zündete sie an und mit einem gutgespielten, ungezwungenen Lächeln brummte er wohlwollend: »Ariane, Ariane! Das sind Sachen, die man sich vielleicht denkt, aber die man nicht sagt. Du bist doch nur eine kleine Halbwilde.« »Oh, ich hasse das Heucheln und Lügen. Das ist mir zu schwierig, also sag' ich lieber alles, wie es mir durch den Sinn geht. Sie sollten das schon bemerkt haben. – Sie müssen zugeben, daß ich weder schlau noch berechnend bin. Mein Benehmen gegen Sie hat das bewiesen. Machen Sie mir daraus einen Vorwurf?« Trotzdem es das einzig Diplomatische gewesen wäre, konnte er sich nicht überwinden, sie in die Arme zu nehmen und ihr durch Küsse die Lippen zu verschließen. Er fühlte noch immer einen bitteren Nachgeschmack, der nicht so leicht zu vertreiben war. Er begnügte sich mit einigen warmen, aber sehr allgemeinen Verwahrungen. »Eigentlich gefällst du mir, weil du so ganz du selber bist. Das bringt zwar einiges Unangenehme mit sich, aber die Vorteile überwiegen. Tatsächlich sagst du manchmal mit einer Selbstverständlichkeit Dinge, derentwegen eine Frau in Europa eher sterben würde, als sie einzugestehen. Immerhin muß man zugeben, daß diese ein wenig primitive Offenheit auch nicht ganz ohne Reiz ist, wenn man einmal das erste staunende Erschrecken überwunden hat. Es ist sogar möglich, daß ich zum Schluß so pervers werde, davon restlos entzückt zu sein!« Als aber Konstantin in dieser Nacht aus der Sadowaja nach Hause eilte, schüttelte er die Fäuste und machte seinem Zorn Luft. Er fühlte sich herausgefordert und verspottet von diesem kleinen Mädchen mit seiner unschuldigen Miene, das ihn an der empfindlichsten Stelle, seiner Eitelkeit, getroffen hatte, seine Wunde täglich wieder aufriß und ihn mit wahrhaft raffinierter Überlegung täglich neu vergiftete. Denn wie weit man die Aufrichtigkeit auch immer treiben will, so bleibt es doch notwendig, die Liebe und auch die nur sexuelle, mit gewissen Illusionen zu umgeben. Man darf nicht empfinden, daß man in den Armen einer Frau den mehr oder minder deutlichen Schatten aller seiner Vorgänger begegnet. Das sind Gedanken, die man normalerweise ausschaltet, wenn man nicht maßlos verliebt ist. Nun, Konstantin Michael dachte gewiß normal und fühlte sich sicher nicht verliebt! Wohl waren seine Sinne von ihr erfüllt, sie hatte den Duft einer eben gereiften Frucht, deren stellenweise Herbheit die Zähne so angenehm knirschen macht, aber von Liebe konnte doch keine Rede sein! Es hätte ihm daher leicht fallen müssen, ihre Vergangenheit zu vergessen. Und da kam dieser Teufel in Mädchengestalt und erinnerte ihn unaufhörlich daran und zwang ihn, sie immer vor Augen zu haben. Zuerst hatte er angenommen, daß es nur aus einer gewissen Ungeschicklichkeit geschehe, aus jenem gewissen Mangel an Takt, wie ihn selbst die allerklügsten Frauen oft zeigen. Vielleicht waren auch Fehler in der Erziehung die Ursache; Tante Varwara, die allzu offenherzig alles mit ihrer Nichte besprochen hatte, konnte verantwortlich sein, und dieses ganze Milieu einer russischen Provinzstadt. – Es würde genügen, meinte er, Ariane einmal aufmerksam zu machen. Aber sehr schnell erkannte er seinen Irrtum. Nein, es war kein bloßer Zufall, wenn sie so sprach. Er erriet darin einen wohldurchdachten Plan, einen überlegten Angriff, ein auf längere Zeit eingestelltes Verhalten. Ein sicherer Instinkt sagte ihm, daß Ariane wisse, wo er verwundbar sei und daß sie diese Waffe nicht aus der Hand geben werde. Und doch war es unmöglich, sie in dieser Weise fortfahren zu lassen ihm das Leben zu vergiften. An diesem Punkt seiner Überlegungen machte Konstantin plötzlich halt. »Worüber zerbreche ich mir eigentlich den Kopf?« sagte er sich. »Ich halte jeden Abend ein entzückendes unverdorbenes Mädchen in den Armen und habe in ihr die unterhaltendste Ansprache gefunden, die ich jemals hatte. In einem Monat oder sechs Wochen werde ich Rußland verlassen und wir werden einander nie mehr begegnen; lassen wir den Dingen ihren Lauf.« So sprach er, aber das waren nur Worte, denn im Innern fühlte er noch den bitteren Geschmack, den das Gift Arianes hinterlassen hatte. Da er sich an den Versuchen Klarheit zu erlangen zerstreute, dachte er weiter: »Warum lege ich eigentlich Wert auf die Vergangenheit dieses jungen Mädchens? So viel Wert? Steht sie mir vielleicht doch näher, als ich glaube? Ah, das wäre eine schöne Dummheit! Sich in ein junges Mädchen zu verlieben, das mir, abgesehen von seiner Vergangenheit, ohne jeden Widerstand in die Arme gesunken ist, wie es das bei jedem anderen getan hätte, der zufällig an meiner Stelle gewesen wäre. Sie ist reich durch ihre Jugend und durch ihren Geist; aber sie hat einen Fehler, der mir auf die Dauer unerträglich wäre: sie ist boshaft. Sie versteht es schon jetzt mich zu quälen, aber sie wird diese schändliche Kunst nur so lange üben, wie es mir gefällt, denn ich bin frei und an dem Tage, da es mir zu viel wird, gehe ich meiner Wege. Vorläufig ist es nur der Wunsch, ihre vorgetäuschte Kälte zu besiegen, der mich an sie fesselt, nichts anderes als dieser Wunsch.« Er begann von der nahen Zukunft zu träumen. Wo würde er in einem Monat sein? In Konstantinopel oder New York? Jedenfalls weit genug von Ariane Nikolajewna. Er wird zu arbeiten haben und dann, wo immer er sein mag, wird es andere Frauen geben. Das Leben ist unerschöpflich; welche Lächerlichkeit daran zu denken, es unter dem schwarzen Mantel einer kleinen Studentin in Moskau zu begraben. Konstantin Michael war rasch gegangen. Er kam gut gelaunt ins Hotel und nahm, bevor er in sein Zimmer ging, ein leichtes Abendessen. Als er dann seine Wohnung betrat, spürte er noch den schwachen Duft, den er eine Stunde früher am Nacken Arianes eingeatmet. Das Bett war in Unordnung. Es schien, als stiege ein Hauch von Wollust aus seinen Decken, die noch die Wärme ihrer beiden Körper behalten hatten. – Er fühlte ein unwiderstehliches Verlangen, Ariane in seine Arme zu pressen, ihr harte Worte zu sagen, ihr zu sagen, daß er der Herr sei und ihre Ungezogenheiten kein einziges Mal mehr dulden werde und – sie dann endlos zu küssen und zu liebkosen und eine ganze, lange Nacht bei sich zu behalten, neben ihr zu liegen, unter ihrer Berührung einzuschlafen und an ihren schlanken Körper gelehnt zu erwachen ... Und vielleicht würde er dann noch einmal jene Stimme hören, jene zitternde, kindliche Stimme, die er seither nicht vergessen konnte, die er immer wieder zu finden hoffte, auf die er, ohne es sich einzugestehen, wie auf ein Wunder wartete – jene Stimme, die am ersten Abend flüsterte: »Aber ich wehre mich ja nicht.« Konstantin war auf dem Bettrand sitzen geblieben. Plötzlich sprang er auf: »Aber ich werde ja närrisch. Ich werde dir zeigen, daß ich frei bin, kleine hergelaufene Ariane.« Er lief zum Telephon, verlangte die Nummer der Baronin Korting. Trotz der späten Stunde war sie noch wach. Konstantin Michael teilte ihr mit, daß er jetzt endlich ein wenig frei sei und ihr zur Verfügung stehen könne, und bat sie, am nächsten Abend mit ihm zu speisen. Die Baronin verbarg nicht ihre Freude, mit der sie seine Einladung annahm. Nächsten Abend gegen acht Uhr, als Ariane zu Hause war, rief er sie ans Telephon, um ihr mitzuteilen, daß er ein wichtiges geschäftliches Souper habe, daß er untröstlich sei, sie nicht zu sehen und daß er morgen wie gewöhnlich auf sie rechne. Sie antwortete bloß: »Gut, also morgen«, und läutete ab. V Eine Stunde später speiste er mit der Baronin Korting, die er seit einigen Jahren kannte. Sie gehörte zu jenen Frauen, die jeden Mann stolz machen, der sich mit ihnen zeigen darf; denn sie war schön, von jener vollkommenen Schönheit, an der nichts auszusetzen ist und der auf der Straße selbst die Buben nachsehen. Sie war gutmütig und wohlerzogen. Niemals hatte Konstantin sie zu irgend jemand etwas Böses sagen hören. Es mangelte ihr nicht an Scharfblick in Liebesangelegenheiten, worauf sich die schlichteste Frau besser versteht als jeder Mann. Schließlich bewunderte sie Konstantin Michael maßlos und erklärte jedem, der es hören wollte, daß er »unwiderstehlich« sei. Auch Konstantin bewahrte ihr seine Anhänglichkeit. Sie schien der einzige Ruhepunkt in seinem bewegten Leben. So hatte er im Winter einmal zwei Monate mit ihr in Nizza zugebracht, ein andermal sie im Frühjahr in Paris getroffen, und schließlich sah er sie jedesmal in Moskau, wenn seine Geschäfte ihn dahinführten. Er wollte sie in ein Restaurant führen, aber sie bat ihn telephonisch bei ihr zu speisen. Er sah sich mit Vergnügen wieder einmal in dem gutgeführten Hause, an ihrem geschmackvollen, wohlbestellten Tisch und bewundernd ruhte sein Auge auf ihrer üppigen Schönheit, die in ein elegantes Hauskleid aus der Rue de la Paix gehüllt war ... Sie bewirtete ihn in liebenswürdigster Weise, verwöhnte ihn, verhätschelte ihn, umgab ihn mit tausend Aufmerksamkeiten und streute ihm jenen Weihrauch, mit dem sie gewohnt war ihn, als ihren Gott, zu umgeben. Sie erkundigte sich nach den letzten Neuigkeiten aus London und Paris und erzählte ihm den jüngsten Klatsch aus der Moskauer und Petersburger Gesellschaft. Er vergaß ganz, wo er sich befand: er war überall und nirgends; nicht viel mehr in Rußland, als in jedem andern Land. – Der Haushofmeister war Italiener und die Baronin selbst hatte fast allen Hauptstädten Europas ihre Kultur und ihre Geschmeidigkeit entlehnt. Warum dachte er gerade jetzt an das kleine, blasse Mädchen aus der Sadowaja? Auch die Baronin war eine Russin, ebenso wie Ariane, trotz aller ihrer europäischen Kultur. Er verwarf diese Gedanken. Die Baronin, von ihren Intimen Olga genannt, rief ihn in die Gegenwart zurück, indem sie ihn fragte, was er an den Abenden immer unternehme: man sehe ihn nirgends. Er schützte Besprechungen mit Geschäftsleuten vor, die tagsüber keine Zeit hätten. Olga erwiderte mit jenem, den Frauen eigenen Instinkt: »Gut, dann richten Sie es sich aber ein, den Tee bei mir zu nehmen. Sie wissen, daß ich mich zu jeder Stunde, die Ihnen paßt, freihalte.« Es war sehr spät geworden, ehe er die reizende Frau verließ, und der Himmel begann im Osten schon heller zu werden, als er durch die leeren Straßen seinem Hotel zuschritt. Seine Nerven waren ruhig, sein Geist war in Frieden. »Trotz allem wäre dies hier klüger und ruhiger,« sagte er sich, »denn dort bin ich doch immer nur auf Gnade und Ungnade den wechselnden Launen dieses Mädchens ausgeliefert. Ich habe alles, was ich mir wünschen kann, und suche immer wieder etwas anderes; das ist unsinnig. Ich muß mit dieser Geschichte aus der Sadowaja Schluß machen. Ich habe eine Reise nach Kiew zu machen, die gerade gut sein wird dieses Abenteuer, denn eigentlich ist es ja nichts anderes, rasch zu beenden. Ich will meine Abreise beschleunigen.« Das hinderte ihn nicht, am nächsten Abend gegen sieben bei dem Gedanken zu zittern, daß jetzt Ariane absagen könnte, und er begann immer unruhiger zu werden. Er war sicher, daß es nur eine Repressalie von ihr wäre und eine Rache dafür, daß er sie gestern allein gelassen hatte. – Indes erwies sich seine Nervosität als unbegründet. Ariane telefonierte nicht ab und um halb neun, pünktlich wie es ihre Gewohnheit war, erschien sie auf der Schwelle ihrer Türe. Er war überrascht von ihrer Zerbrechlichkeit, ihrer Zartheit, der Schwäche ihres ganzen Körpers: nur auf der Stirn und in den Augen erkannte man eine gewisse Kraft. Und plötzlich empfand er ein neues Gefühl für sie, ein ihm ungewohntes Gefühl: Mitleid. Er fühlte, daß sie, ein kleines Mädchen, so ganz allein den Stürmen des Lebens gegenübergestellt sei. Trotz allem nichts anderes als ein schwaches kleines Kind, das allen Gefahren unbeschützt, ungewarnt trotzen sollte. Auch sie würde zermalmt werden, wie so viele andere und nicht Schlechtere vor ihr, die tapfer und herausfordernd mit hocherhobenem Haupte einst dem Kampf entgegenzogen. Und nun war sie schon bei einer Krümmung ihres Weges an einen Felsen gestoßen, an ihn, Konstantin Michael, einen harten, erbarmungslosen Felsen. Und er sah eine traurige Zukunft erstehen. »Mein armes Kind, diese Geschichte wird böse für dich enden. Was du auch immer wollen magst, du wirst mich liebgewinnen und ich werde eines Tages nach Shanghai oder New Jork fahren und dich allein lassen; verlassen in diesem Menschenmeer Rußland.« Er fühlte einen Augenblick unendliche Wehmut. Er verzieh ihr die unklare Vergangenheit, denn auch sie erträumte einst, so jung sie war, ihr Ideal, und da sie es nicht erreichen konnte, ließ sie alle büßen, die ihr begegneten. Er hängte sich in ihren Arm, drückte ihn an sich und führte sie so zum Hotel. Während des ganzen Abends war er nur zärtlich und lustig. Die gute Laune ihres Freundes entging Ariane nicht. Sie gab sich dem unwiderstehlichen Strom seiner Zärtlichkeiten hin, der seinem Herzen entsprang. Zum erstenmal vergaß sie ihre Rolle, drückte sich an ihn, schmiegte sich in seine Arme und erzählte beim Ankleiden die tollsten Streiche aus ihrer Kindheit – ungefährliche Zeiten in den Augen Konstantins. Das war ein kurzes Zwischenspiel. Wenige Tage später begann der unversöhnliche, schleichende Krieg von neuem. Eines Abends, als Ariane nicht wohl war, begann sie, während sie in dem kleinen Salon beim Tee saßen, von ihrem gegenseitigen Verhältnis zu sprechen. Sie dankte ihm, daß er mit solcher Schärfe und Voraussicht dessen Grenzen schon vorher bestimmt hatte. »Ich erkenne darin die große Klugheit und Erfahrung meines Freundes. Ihnen ist es zu danken, daß zwischen uns alles so klar und einfach ist, daß keine Zweideutigkeiten möglich sind. Alles in allem bin ich frei und Sie sind es auch. Denn wir schlossen ja nur ein loses Bündnis, um uns Freuden zu erobern, und ich brauche es Ihnen ja nicht zu verbergen, daß Sie es wirklich verstanden, mir Freude zu geben.« »Das ist viel«, unterbrach Konstantin. »Du kennst doch die Reime von Vigny: – – – ›Die Freude ist es, die sie lieben, Der Mann ist roh, er nimmt sie und versteht nicht zu wecken.‹ »Ich kenne diese Verse zwar nicht, ich kenne aber, wie man so sagt, den Text. (Konstantin verwünschte sich wegen seines Zitates.) Und unser Geplauder ist bei dem Ganzen nicht das Schlechteste. Im allgemeinen sind ja die Männer gar zu albern. Wenn man mühsam alles herausgefragt hat, was man wissen will, verstummen sie gleich.« Konstantin begann innerlich ein saures Gesicht zu machen. Aber wie sollte er Ariane aufhalten? Er versuchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, aber mit überlegener Gedankenfolge kam Ariane auf ihr Thema zurück: »Und da wir doch frei sind, können wir tun, was immer uns gefällt. Sie können sich eine Geliebte nehmen – (Schön, sie kennt meine Geschichte, dachte Konstantin) – und ich mir einen Freund. Wir würden einander nicht betrügen, da keine Liebe uns bindet und wir es vorher wußten.« »Oh, nein, so ist das nicht!« rief Konstantin, der hier seinen Gefühlen keinen Zwang auferlegen mußte. »Ich bin für keine Teilung zu haben! Nein und hundertmal nein. So lange du mein bist, darfst du keinem andern gehören. Laß dir das gesagt sein!« »Und wenn ich doch einen Geliebten hätte, würden Sie es gar nicht wissen.« »Darin täuschst du dich gewaltig. Ich würde es wissen und zwar sofort wissen.« »Und?« »Mein liebes Kind, zu meinem größten Bedauern wäre dann alles aus zwischen uns.« Er sprach diese Worte ohne Aufregung, aber mit solcher Bestimmtheit, daß es auf Ariane Eindruck zu machen schien. Sie kam nach einer Weile auf Umwegen auf diese Frage, die sie beschäftigte, zurück. »Aber Sie lieben mich doch nicht?« »Das ist eine Frage für sich; aber in der Zeit, die du mir gehörst, überlasse ich dich keinem andern.« »Sie sind wunderlich.« »Ich bin nicht anders, als ich eben bin, da gibt es kein Handeln. Mein Standpunkt in dieser Frage ist unverrückbar und jetzt sprechen wir von etwas anderem.« Mit sichtlicher Interesselosigkeit besprachen sie ein gleichgültiges Thema. Aber als sie aufstand, um heimzugehen, gab Konstantin seinem Gefühle nach. Er drückte Ariane gegen die Wand, legte ihr die Hände auf die Schultern und sprach, ihr fest ins Auge blickend: »Ich weiß nicht, kleines Mädchen, was für ein Spiel du hier treibst. Wenn du kämpfen willst, gut, kämpfen wir. Aber ich warne dich, mich kriegst du nicht unter, von uns beiden bin ich der Stärkere, dessen kannst du sicher sein. – Und soll ich dir sagen, was dir geschehen wird? Ob du willst oder nicht, du wirst mich doch lieben. Mit deinem eigensinnigen launischen Köpfchen, deinem Herzen, das sich vor mir verbirgt, und deinem Körper, den ich kenne, mit allem wirst du mich lieben.« Er fühlte unter seiner Hand, wie ihre linke Schulter zuckte und sich erheben wollte. Aber er hielt sie fest und die Schulter zeigte nur den Versuch einer Bewegung, der schließlich erstarb. VI Von nun an war Konstantin zwei- oder dreimal wöchentlich bei Baronin Korting und sah weiterhin jeden Abend Ariane. Daß er bei letzterer Fortschritte machte, war nicht zu bemerken. Schon war Mitte Mai und Ariane blieb die gleiche, die sie immer gewesen; an einem Tag lustig, kindlich, voll Geist und Witz, um am nächsten mit ihrer zu einer wahren Kunst ausgebildeten Verständnislosigkeit auf die Konstantin verhaßten Themen zurückzukommen und mit anscheinendem Vergnügen dabei zu verweilen. »Du lügst zu wenig«, sagte ihr Konstantin lachend. »Noch immer hast du das Geheimnis nicht begriffen, in dem das Glück ruht: Illusionen, die sorgsam genährt und eifersüchtig bewahrt werden.« »Es gibt viele Arten glücklich zu sein, wer weiß, ob nicht meine ebenso gut ist, wie Ihre? Kann ich mich denn beklagen, habe ich nicht einen so schönen, wie klugen Freund?« »Ariane, ich liebe es nicht, daß man sich über mich lustig macht!« »Da ich aber doch gerade Sie, ohne auch nur zu überlegen, unter allen gewählt habe, ist es doch zweifellos, daß in Ihrem Äußern, – sicher nur in Ihrem Äußern – ein unwiderstehlicher Reiz liegen muß. Denn Sie können es mir glauben, der Student, der mich damals ins Theater begleitete, ist wirklich sehr verführerisch. Aber Sie scheinen ihn zu übertreffen, da ich doch hier bei Ihnen und nicht in seinen Armen bin. – Der Ärmste, seit drei Monaten hatte er mir in der unermüdlichsten und achtungsvollsten Weise den Hof gemacht und glaubte schon seinem Glück nahe zu sein. Der Theaterabend sollte alles entscheiden, denken Sie bloß, er hatte doch ein Auto bestellt. Wir wären zusammen soupieren gefahren ...« Konstantins Nerven waren am Zerreißen. Um sich zu strafen, fragte er wie ein Flagellant, der seine Qualen verlängert: »Und was wäre weiter geschehen?« »Nun, das, was in solchen Fällen zu geschehen pflegt, teurer und verehrter Freund. Wir hätten gegessen und Champagner getrunken, dann wären wir im Automobil zurückgefahren ...« »Und dann? Hat er denn eine Wohnung? Man nimmt doch mitten in der Nacht in einem anständigen Hotel keine Gäste auf.« Konstantin sprach mit halber Stimme. »Bleiben eben die nicht anständigen Hotels! Und überhaupt vom Petrowski-Park, wo wir bei Jahr gespeist hätten, bis in die Stadt sind zwanzig Minuten. Man kann auch Umwege machen und langsam fahren. – Und dann – ein geschlossener Wagen, das einschläfernde Rütteln, der kleine Schwips von Jahr, ein Arm, der einen umschlingt, leidenschaftliche Küsse von heißen Lippen ... Schließlich bin ich ja nicht aus Holz, das sollten Sie doch am besten wissen!« – Am nächsten Tage beschloß Konstantin endgültig seine Kiewer Reise und machte der Baronin am Nachmittag davon Mitteilung. Am Abend kündigte er es auch Ariane an. Sie war empört. »Wie, gerade an meinem Geburtstag wollen Sie abreisen? Das ist wirklich häßlich von Ihnen.« »Das hättest du mir sagen müssen, kleines Mädchen, daß morgen dein Geburtstag ist. Wie kann ich denn das wissen? Jedenfalls werden wir den Abend zusammen sein, mein Zug geht erst um elf. Übrigens wie alt wirst du morgen?« »Nun achtzehn doch.« »Was, achtzehn Jahre? Du ließest mich in der Meinung, du seist mindestens zwanzig.« Er tat als hätte sie ihn in einer Sache von größter Wichtigkeit hintergangen. »Achtzehn Jahre,« wiederholte er, »achtzehn Jahre! Aber das ist doch unglaublich. Man ist doch nicht achtzehn Jahre alt! Da warst du doch, als wir uns kennen lernten, erst siebzehn. Das hättest du mir wirklich sagen können, das hättest du mir sagen müssen!« Er redete sich immer mehr in seine Erregung hinein. Sie beruhigte ihn. »Ich weiß nicht, was unser Alter mit unserem Abenteuer zu tun hat? Ich habe Sie nie nach dem Alter gefragt. Als wir einander zum ersten Male begegneten – gesegnet sei der Tag! – fehlte mir nur ein Monat zu meinen achtzehn Jahren. Ein Monat! Was ist das schon. Ich hoffe, Sie werden doch wegen eines Monats keinen Streit anfangen?« Aber Konstantin Michael beruhigte sich nicht und in der Aufregung, in die ihn dieser ganz neue Tatbestand, wie er es nannte, versetzte, vergaß er sein Vorhaben und warf sein ganzes Programm um. Ariane erzählte von ihrer Tante. Sie sprach von ihrer Lebensweisheit, ihrem vollkommen harmonischen Dasein, von der Klugheit, mit der sie es verstanden hatte, der Liebe nur die guten Seiten abzugewinnen. »Tante Varwara sagte mir, daß sie mit keinem ihrer Freunde jemals eine ganze Nacht zusammen blieb. Man müsse verstehen, im richtigen Moment aufzubrechen, oder den andern fortzuschicken. Nach ihrer Ansicht gibt es kein besseres Mittel, die Liebe zu töten, als zusammen zu schlafen. Man schläft schlecht, man erwacht schlechter Laune und früh ist man immer häßlich. Man soll sich nur zum Vergnügen des Geliebten an- oder auskleiden. Das Alltägliche ist nur für die Ehe gut, aber die Ehe, das ist weder Liebe noch Vergnügen ...« »Deine Tante versteht mit allen ihren Erfahrungen wenig vom Leben. Wie unabhängig sie sich auch zu sein einbildet, ist sie doch nur eine Frau voll Vorurteilen und nach dem, was du mir jetzt erzählst, halte ich nicht gerade viel von ihr. Zwischen Leuten, die einander lieben, wird nicht viel nach der Zeit gefragt. Sie verlassen einander weder bei Tag noch bei Nacht, essen zusammen, schlafen zusammen und erwachen Seite an Seite. Findest du es angenehm, wenn wir das gleiche Bett teilen, wenn wir einander so nahe sind, daß alle körperlichen und seelischen Schranken gefallen sind, wenn die Wärme des einen gemeinsamen Bettes uns durchdringt und betäubt, wenn du von den Fußen bis zum Kopfe meine Nähe fühlst, dein Körper sich an meinen schmiegt und wir nur ein einziges Leben zu atmen glauben, unsere Herzen nur in einem Schlag zu klopfen scheinen, findest du es dann angenehm, dich von mir loszureißen, aufzustehen, dich anzukleiden? Fühlst du nicht die Mauer, die gleich wieder zwischen uns aufsteht, die mit jedem Kleidungsstück, das du anziehst, sich verstärkt? Du wirst wieder zu einer Fremden, zur Feindin.« Konstantin hatte sich merkwürdig ereifert und staunte selbst darüber. Ariane klatschte in die Hände und spottete über ihn. »Wie beredt Sie sein können!« »Das sind nur die Dummheiten deiner Tante, die mich in Wut bringen. Es handelt sich weder um dich noch um mich. Der Teufel soll sie holen mit all ihrem Unsinn, den sie dir in den Kopf gesetzt hat.« Er ging lange im Zimmer hin und her. Ariane blieb stumm. Plötzlich blieb er vor ihr stehen. »Weißt du, was wir tun werden? Wann hast du deine letzte Prüfung?« Sie nannte einen Tag der nächsten Woche. »Gut, bis dahin bin ich aus Kiew zurück. Du wirst an der Universität fertig sein, du brauchst Erholung und auch ich will ausruhen. Ich hatte viel zu tun und Moskau geht mir diesmal merkwürdig auf die Nerven. Ich entführe dich in die Krim, wir verbringen vierzehn Tage in der warmen Sonne bei den roten Felsen am Meer, mitten unter Bäumen und Blumen. Wie die Götter werden wir leben, ohne zu denken, ohne zu streiten. Mein Plan steht fest, nichts daran zu rütteln, nur zu gehorchen!« Kaum hatte er geendet, als er schon selbst über seine Worte erschrak. Was hatte er da angestellt? So wollte er dieses Abenteuer, in das er sich eingelassen hatte, beenden? Es schien sicher, daß die beunruhigende Gegenwart Arianes seinen Verstand verwirrte. Indessen erhob sie mit ruhiger Stimme eine Menge Einwände. Ihre Tante erwartete ihre sofortige Rückkehr nach der Prüfung, drei, vier Briefe in der Woche beschworen sie keine Stunde mit der Heimreise zu zögern. Das Verhältnis zwischen Varwara und dem schönen Wladimir schien sich zu einem Drama zuzuspitzen; man brauchte Ariane. Auch ihre Freunde machten ihre Rechte geltend und zählten auf sie. Schließlich war es auch noch ein anderer Grund, den sie indes nicht näher erklärte, der ihr die ungesäumte Rückkehr zur Pflicht machte. Je mehr sie sprach, desto überzeugter war Konstantin von der Vortrefflichkeit seiner Idee. Er schloß die Unterhaltung, indem er mit jener ruhigen Sicherheit, deren Wirkung auf Ariane er schon kannte, sagte: »Ich will mit dir in die Krim reisen, damit habe ich begonnen und dabei bleibe ich, daher wird es auch geschehen. Du wirst mich niemals davon überzeugen können, daß ein Mädchen mit deiner Erfindungsgabe sich nicht vierzehn Tage, die wir brauchen, freimachen könnte. Ich überlasse das ruhig dir und werde mich hüten, dir Ratschläge zu geben. Heute ist der achtzehnte. Am achtundzwanzigsten, am Tage deiner letzten Prüfung komme ich aus Kiew zurück und am neunundzwanzigsten sind wir im Schnellzug nach Sebastopol. Zwischen dem fünfzehnten und zwanzigsten Juni bist du wieder frei.« Nach diesen Worten lehnte er jede weitere Debatte ab. Am nächsten Abend stand er mit Ariane, die ihn begleitete, auf dem Perron des Kiewer Bahnhofes. Zum ersten Male seit ihrer sechswöchentlichen Bekanntschaft war es ihm gelungen, sie anläßlich ihres Geburtstages zur Annahme eines Geschenkes zu bewegen und eine Armbanduhr schmückte ihr Handgelenk. »Also für den neunundzwanzigsten halte dich bereit.« »Aber es ist ganz unmöglich. Ich versichere Ihnen.« Die Glocke läutete. Er schloß sie in seine Arme. Es schien ihm, als hätte sie ihn niemals vorher so geküßt, als hätte sie sich niemals noch so rückhaltlos gegeben, wie in diesem flüchtigen Kuß auf dem Bahnsteig. Im Zuge dachte er noch lange darüber nach. »Sollte ich mich getäuscht haben? War es nur eine Einbildung? – Nein, es ist kein Irrtum, dieses Mädchen, das sich so gut zu beherrschen weiß, hat sich diesmal verraten.« VII Zehn Tage später kehrte Konstantin aus Kiew zurück. Jeden Abend hatte er dort zwischen fünf und sieben, nach beendeter Arbeit, auf der Terrasse des Kaufmannsgartens den Einbruch der Nacht betrachtet. Die Aussicht, die man dort genießt, bietet wohl einen der schönsten Ausblicke der ganzen Welt. Links unten sind die belebten Hafenviertel; rechts mitten im Grünen leuchten die weißen Marmorwände und vergoldeten Kuppeln von Rußlands größtem Heiligtum. Weiter hinten schimmert der mächtige Dnjepr in breiten Biegungen, mit all den Dampfern die ihn befahren, den langen Zügen von Schleppern und Barken, den Rauchfahnen, dem schrillen Pfeifen, das die Stille zerreißt. Und noch weiter dehnt sich die unendliche russische Steppe, gleichförmig, ohne Unterbrechung, ohne die geringste Erhebung bis zum Horizont, wo als dunkler Fleck die Wälder im Osten sichtbar werden. Es ist ein unvergeßliches Bild: im Vordergrund lebhaft bewegt und dann die stille Unendlichkeit dieser ungeheuren Landschaft, die nichts Reizvolles hat und doch in ihrer Mächtigkeit nie ermüdet und sich langsam mit dem Wechsel der Beleuchtung stets verändert. Nach den schon heißen Tagen war die Luft der Abende milde, der Himmel tief und klar und die Blumen dufteten in die friedvolle Dämmerung. Konstantin blickte auf die hellen Kleider der Damen, die Uniformen der Offiziere, auf das ganze wimmelnde Leben der Terrassen, um dann die Augen der Ebene zuzuwenden, die unter ihm entschlummerte. – In dieser erhabenen Umgebung schrumpfte das Moskauer Abenteuer auf seine wahre Größe zusammen. Er verstand seine Leidenschaftlichkeit kaum mehr. Er begriff nicht mehr, wieso die Vergangenheit Arianes ihn derart aufregen konnte. »Gott sei Dank, daß sie mich nicht getäuscht hat. Ihre unerhörte Offenheit hat mich wahrscheinlich gerettet. Hätte sie die Geriebenheit ihrer europäischen Schwestern gehabt, hätte sie mir jene reizende Komödie von Sentimentalität vorgespielt, an der wir immer gern teilnehmen, hätte sie mir einzureden versucht, daß sie mich liebt und daß ich, trotz aller unleugbaren Erfahrungen ihrer Vergangenheit der erste Mann sei, der ihr Herz bezwungen hat – wer weiß, ob ich nicht ihr Gefangener geworden wäre? Aber so, wie sie ist, schützt sie mich selbst davor, jene Illusionen zu nähren, die mich zu weit führen könnten. Nie sah ich einen Tatsachenmenschen von dieser Nüchternheit. Wie ein anatomisches Präparat zeigt sie sich; was andere Frauen ängstlich verbergen, breitet sie aus. Ich wette, daß ich nach meiner Rückkehr die genaue Anzahl aller ihrer Liebhaber mit ihrem ganzen Lebenslauf erfahre. Ich bin nur eine Nummer mehr in ihrer Liste, vergessen wir das nicht. Ich muß diesem Mädchen dankbar sein, daß sie mir ein so freimütiges Geschenk ihrer reizenden Person machte und auf langes Zieren und die ganze übliche Komödie verzichtete.« In dieser Stimmung schrieb er ihr einen fröhlichen Brief, worin er lebhaft beteuerte, daß er die langen Unterhaltungen, mit denen sie seinem Moskauer Aufenthalt soviel Reiz zu geben verstand, nicht mehr missen könne und daß er sich von den kommenden Tagen in der Krim viel Glück verspreche. Sein Brief kreuzte sich mit einigen Zeilen von ihr, in denen sie von der beabsichtigten Reise schwieg und in witziger Weise ihr Leben schilderte, das zwischen einem verliebten Onkel und einer Tante verlief, die von ihrer Eifersucht nur mit Mühe aus der gewöhnlichen stumpfen Dummheit aufgescheucht werde. Ihr Brief war ebenso lebhaft und natürlich wie ihre ganze Art. Er telegraphierte ihr die Stunde seiner Ankunft und bestätigte ihre gemeinsame Abreise für den nächsten Tag. Ariane Nikolajewna erwartete ihn an der Bahn, und im Wagen, der sie ins Hotel brachte, drückte sie sich zärtlich an ihn. Sie hatte am selben Tage ihre letzte Prüfung glänzend bestanden. Sie erhob keinerlei Schwierigkeiten gegen ihre gemeinsame Reise und erzählte, in welch raffinierter Art sie im Einverständnis mit einer Freundin ihren Vater, ihren Onkel, ihre Tante Varwara und ihre Freunde getäuscht habe, die sie alle zu Hause erwarteten. Sie versicherte bloß, daß sie am zehnten Juni aus ernsten Gründen zu Hause sein müsse, und daß darüber keine weitere Diskussion möglich sei. Eine Woche könne sie also ihrem Freunde schenken. Am nächsten Tage entführte sie der Sebastopoler Schnellzug. – Sie lagen am kleinen Strand des Meerbusens auf rotem heißen Sand, rechts und links, neben sich und hinter ihnen ganz nahe die zerfressenen roten Felsen, und zu ihren Füßen das Rauschen des Meeres, dessen weiche Wellen mit dem Geräusch zerreißender Seide erstarben. Am klaren Himmel leuchteten einige kleine weiße Wolken unbeweglich, als wären sie im Äther verankert. Sie lebten, wie Konstantin es versprochen hatte, selig wie die Götter und atmeten, nackt in der Sonne liegend, ohne zu sprechen, die würzige Seeluft. Mehr als acht Tage waren sie schon hier, nahe bei Jalta, in ununterbrochenem engsten Beisammensein. Sie bewohnten ein kleines Häuschen, das ein befreundeter Maler Konstantin überlassen hatte, mit weißen Mauern und rotem Dache, ganz versteckt in den Felsen. Es enthielt zwei Räume; der größere mit drei nach Süden auf das Meer gehenden Fenstern, weiß getüncht, mit orientalischen Teppichen bespannt, mit Diwans entlang den Wänden, diente als Speisezimmer und Wohnzimmer; das Schlafzimmer, der kleinere, aber immer noch bequeme Raum, hatte gegen Westen einen sonderbaren Ausblick auf Felsen, Blumen, Kakteen und Kiefern. An der Rückseite des Hauses waren die Küche und das Zimmer des Mädchens, das die Mahlzeiten bereitete. Es war tartarischer Abkunft mit schwarzen Haaren und huschte auf seinen schönen nackten Füßen geräuschlos durch das Haus. Ariane hatte, wie ein Kätzchen, das seine neue Umgebung untersucht, einen Rundgang durch das Haus gemacht, das Konstantin für ihr gemeinsames Leben gewählt hatte, um schließlich in der Küche zu verschwinden, wo sie mit der Tartarin lange sprach. Konstantin hatte sie, nicht ohne Furcht vor phantastischen Überraschungen, gebeten, die Wirtschaft zu überwachen. Er wurde bald angenehm überrascht. Ariane entpuppte sich als vollendete Hausfrau; die Mahlzeiten waren nicht nur zu geregelten Zeiten fertig, auch die Zubereitung war vorzüglich und abwechslungsreich. Ariane fand es nicht unter ihrer Würde, der Tartarin Kochrezepte zu geben, die aus der vorzüglichen Küche Varwaras stammten, und auch deren Ausführung zu überwachen. Sie nahm ihre neuen Pflichten ungemein ernst und freute sich bei Tisch an dem Genuß, mit dem Konstantin den Speisen zusprach. Ihr Leben war wohl einförmig, aber vollendet in Ruhe und Behagen. Wenn sie in dem freundlichen Schlafzimmer – ziemlich spät – erwachten, klatschte Ariane in die Hände und die Tartarin mit den nackten Fußen brachte lächelnd und schweigend ein großes Tablett mit Schokolade, Tee, Schlagsahne, frischem Brot, Butter und Süßigkeiten. Sie frühstückten Seite an Seite mit viel Appetit und in beschaulicher Muße. Erst gegen elf Uhr verließen sie das große warme Bett, um auf den nahen kleinen Strandplatz zu gehen. Hier tummelten sie sich in der hellen Sonne, spielten wie die Kinder zwischen Felsen, liefen in das fast laue Wasser, liefen zurück, um wieder hineinzuwaten und streckten sich schließlich nackt in den heißen Sand ... Ariane löste dann ihre Haare und sie lagen beide regungslos, mit geschlossenen Augen in der glühenden Sonne. Es war, als drängten sich die Strahlen tief in ihre Körper, und unter der Haut knisterten Millionen kleiner elektrischer Funken. Das ganze unendliche Leben schien in ihnen zu schwingen, sie waren die Geschwister der Felsen, des Bodens und der Blumen ringsum; der salzige Wind umschmeichelte ihre Körper und strich durch die Zehen ihrer bloßen Füße. Es war eine wohltuende Erschlaffung, die ihnen ihre Körperlichkeit kaum mehr bewußt sein ließ. Gegen ein Uhr, als die Sonne am heftigsten niederbrannte, kehrten sie wie betäubt in ihr kühles Zimmer zurück und fielen hungrig über die Speisen her. Dann hielten sie während der heißesten Stunden eine lange Mittagsruhe. Am ersten Tage hatte sich Konstantin auf den Diwan gestreckt, Ariane aber lag auf dem Bett. Am zweiten Tage rief sie ihn zu seiner größten Überraschung zu sich. Lesend, rauchend und schlafend ruhten sie kaum bekleidet nebeneinander und um fünf erst nahmen sie den Tee. Dann mußten sie sich leider wieder ankleiden; Ariane frisierte sich seufzend und warf ein spinnwebdünnes Sommerkleid über. In der Dämmerung verließen sie ihr Heim und gingen auf der Straße nach Jalta, die reichen Obst- und Blumengärten entlang, die das Ufer einsäumen. Oft rasteten sie dann in dieser nicht weit entfernten Stadt bei Einbruch der Dunkelheit auf der Terrasse eines hoch über dem Meer gelegenen Hotels. Tief unter ihnen schaukelten Schiffe in dem von großen Bogenlampen erleuchteten Hafen; leise Musik klang durch die duftende Nacht. Lange saßen sie so, losgelöst vom Alltag, plaudernd und träumend, ganz nur aufeinander gestimmt. Voll Neid betrachteten die Leute dieses Paar, dem das Glück so herausfordernd aus den Augen strahlte. Spät kehrten sie heim. Den ganzen nächtlichen Weg waren sie von Glühwürmchen begleitet, deren Funken von Zweig zu Zweig der duftenden Büsche hüpften; bald verlöschend, bald aufleuchtend, als wären sie die Liebe selbst, die in kurzen lebhaften Flammen rings um sie aufglühte. Zu Hause stand der brodelnde Samovar auf dem Tisch und entkleidet blieben sie bis spät in die Nacht zärtlich beisammen. Die äußerliche Zurückhaltung, die Ariane immer bewahrt hatte, war in der Innigkeit ihres jetzigen Lebens geschwunden. Jetzt duzte sie ihren Freund, der sie darauf aufmerksam gemacht hatte, daß doch die förmliche Anrede wirklich nicht mehr angemessen sei. Sie war in den Armen Konstantins eine zärtliche und leidenschaftliche Geliebte, sogar ein wenig raffiniert und übereifrig in ihren Liebkosungen. Trotzdem fühlte er, daß sich innerlich nichts bei ihr geändert hatte. Sie blieb spöttisch, sarkastisch und von einer Freigeistigkeit, die sich bis zur vollendeten Schamlosigkeit steigern konnte. Der bloße Gedanke, daß es vielleicht doch Liebe sei, die sie mit Konstantin verbinde, konnte sie zu einem kindischen, herausfordernden Lachen bringen. »Liebe, der schimmernde Traum unschuldiger Jungfrauen! Wir Klügeren suchen in den Sinnen die einzige Wahrheit und die unversiegbaren Freuden der Erotik bedürfen doch wahrlich keiner Verquickung mit jener gefühlvollen Krankheit, die aus den gescheitesten Menschen Dummköpfe macht.« So höhnte sie. Darum dankte sie es ihrem Geliebten besonders, daß er verstanden hatte, ihr in so vollendeter Weise ein Leben zu bereiten, das ihre Sinne befriedigte, ohne Herz und Kopf zu verwirren. Immerhin hatte sie doch so viel Zartgefühl, während ihrer ersten Woche am Meeresstrande ihre früheren Erlebnisse ruhen zu lassen. Alles, was sie über Liebe sagte, waren ganz allgemeine Betrachtungen. Diese allzu nüchternen Weisheiten in ihrem kindlichen Mund standen in so auffallendem Gegensatz zu ihrer achtzehnjährigen Jugend, daß Konstantin nicht aufhören konnte, darüber zu staunen. So war mit ernsten Reden und in seligem Taumel der 10. Juni gekommen, der Tag, an dem Ariane schon zu Hause sein sollte! Einmal allerdings hatte sie die Notwendigkeit neuerlich betont, eine Verabredung, die sie nicht näher erörterte, pünktlich einzuhalten. Vergeblich hatte Konstantin, dessen Neugier geweckt war und der schon alles von ihr zu wissen meinte, versucht, mehr zu erfahren. Sie hatte nur mit dunklen und absichtlich zweideutigen Worten geantwortet, es handle sich um eine Ehrenschuld, die sie einlösen müsse. Aus gewissen Anspielungen entnahm er, daß auch Geldfragen mitspielten. Wenn er davon sprach, wurde sie nachdenklich und nervös und bat ihn schließlich diese peinliche Angelegenheit nicht zu erörtern. Er schwieg, aber er fühlte wohl, daß hier etwas Ernstes verborgen sei und er hätte viel darum gegeben, dieses beängstigende Geheimnis aufzuklären. Eines Abends sprach sie auf der Hotelterrasse in Jalta von ihrer bevorstehenden, diesmal endgültigen Trennung. »Für dich beginnen wieder die Irrfahrten auf der ganzen Welt und neue Abenteuer und ich nehme im Herbst meine Studien in Moskau wieder auf. Nach dem ersten Semester will ich ins Ausland, nach London und Paris gehen.« »Dann werden wir uns dort treffen,« rief Konstantin erfreut, »du wirst sehen, welch schönes Leben wir uns dort einrichten!« »Niemals werde ich dich wiedersehen«, erwiderte sie mit gleichmäßiger Ruhe. »Wozu auch? Aufgewärmte Freuden sind nichts wert. Wir haben wunderschön zusammen gelebt, lassen wir es dabei. – Und überdies«, fügte sie mit reizendem Lächeln hinzu, »hatte ich das unerhörte Glück, mich doch nicht in dich zu verlieben, obzwar die Gefahr groß genug war, denn du bist wirklich gefährlich! Möchtest du, daß sich das ändert? Möchtest du, daß ich unter deiner Abwesenheit leide?« »Ja,« sagte er einfach, »ich möchte es.« »Schön, aber ich nicht! Ich habe meine ganze Jugend vor mir und will sie dir nicht opfern. Du wirst mich rasch vergessen; ein kleines Mädel, wie du sagst, zählt denn das überhaupt bei dir? Gott sei Dank, daß alles zwischen uns so verlaufen ist, wie wir es vereinbart hatten. Wir werden kein neues Stück beginnen, das keinem von uns liegt. Gestehe, daß ich als gerührte Geliebte nicht denkbar bin. Wäre das wohl eine Rolle für mich? Nein, nein, in einigen Tagen werden wir Abschied nehmen ...« Konstantin betrachtete Ariane, er fühlte eine große Unruhe in sich wachsen und ihre Lustigkeit und ihr unbeteiligter Ton verletzten ihn zutiefst. Noch lange fuhren sie fort sich gegenseitig zu reizen. Lächelnd, scheinbar unberührt, suchte jeder die schwache Stelle des Gegners, um den vergifteten Pfeil hineinzubohren. Wer sie sah, hätte meinen können, daß sie verliebte Zärtlichkeiten wechselten! Schließlich beendete Konstantin das Gespräch: »Wir sind einander ganz nahe, aber zwischen uns ist eine Kluft, die ich nicht überbrücken kann. Ich gebe es auf. – Gehen wir.« Ariane hatte ein schmerzliches Lächeln um ihre Mundwinkel. Sie erhoben sich und gingen zu Fuß nach Hause. Der Mond tanzte auf den rollenden Wogen und übergoß die schlummernden Obstgärten mit schimmerndem Licht. Ariane war verstummt und Konstantin fühlte die weheste Bitterkeit in seinem Herzen. Schweigend gingen sie zur Ruhe. Doch im Bett schmiegte sich Ariane an ihn, nahm seinen Kopf in ihre Hände und bedeckte ihn mit Küssen. »Verzeih mir!« zitterte es schwach an sein Ohr. »Es war häßlich von mir, ich will es nie mehr tun.« Und Konstantin hatte sie wiedergefunden, die kindlich demütige kleine schwache Stimme, die sein Ohr nur ein einziges Mal vernommen hatte, damals, als Ariane zum ersten Male sein war. – VIII Zwei Tage nach diesem Abend kam während des Mittagessens ein Telegramm. Konstantin öffnete es und reichte es Ariane. Es war eine dringende Zurückberufung nach Moskau. Ohne Zögern und ohne Ariane zu fragen – sie vermerkte dies besonders – bestellte er telegraphisch in Sebastopol ein Coupé für den zweitnächsten Tag. Ariane sprach kein Wort des Bedauerns und war am Abend ebenso heiter und gesprächig wie sonst. Am nächsten Tage nahmen sie Abschied von dem kleinen Häuschen am Meer und auch von der bloßfüßigen Tartarin, die ihr Automobil mit Blumen anfüllte; am Abend stiegen sie in den Moskauer Expreß und kamen sechsunddreißig Stunden später an. Konstantin hatte Ariane überredet vor ihrer Trennung noch einen Tag und eine Nacht mit ihm zusammen zu sein und so fuhren sie beide in sein Hotel. Konstantin fürchtete die Abschiedsstunden. Er hatte eine lange Reise vor sich, da er in schwierigen Geschäften nach New York berufen war. In anderen Zeiten hätte er mit Freuden eine solche Mission begrüßt, die ihn wie der » deus ex machina « aus der zukunftslosen Tragödie seines Abenteuers befreite. Denn wie reizvoll auch immer eine Geliebte sein mag, sie muß ja doch einmal verlassen werden. Das Schicksal selbst brachte ihm die Lösung und kam Konstantin zu Hilfe, der allein nur schwer die Kraft zum Abschiednehmen gehabt hätte. Ariane hatte ihm die schönsten Blüten ihrer Jugend und ihres Geistes geschenkt; konnte er ihr wegen der übertriebenen Offenheit, die bei Frauen so selten ist, zürnen? Sollte er ihr deswegen böse sein, weil sie ihn nicht so sentimental liebte, wie viele Frauen ihn geliebt hatten? War er wirklich so dumm, daß er bedauerte, sie beim Abschied nicht in Tränen aufgelöst zu sehen? Und doch fand sich dieser Genußmensch in den letzten Stunden ihres Verhältnisses in einer bewegten Stimmung, die er sich nicht nur eingestand, sondern über die er sich sogar freute. Auch eine Unruhe vor dem was geschehen werde, mischte sich darein, gleich der Furcht eines Tieres vor Schlägen. Er fühlte sich als der Schwächere, der Verwundbare. Nachmittags durchzogen sie gemeinsam Moskau. Ariane verlebte scheinbar einen Tag ihres Lebens, der sich in nichts von allen anderen unterschied. Am Abend fand er sie ebenso zärtlich und leidenschaftlich wie in den unvergeßlichen Stunden der Krim. Aber am Morgen, während er sich ankleidete und sie noch im Bett lag, kam plötzlich der gefürchtete Überfall mit ungeahnter Stärke. Wie immer, so brach er auch diesmal aus einer gleichgültigen Unterhaltung hervor. »Also morgen bin ich zu Hause. Nun, du liebst es doch so sehr zu befehlen, sag' mir also, wie lange du mir vorschreibst dir treu zu bleiben?« Konstantin lief zu ihr, verschloß ihr mit der Hand den Mund und sprach flehend: »Ich bitte dich, Ariane, bei allem was uns teuer ist, verdirb nicht die letzten Augenblicke, die wir zusammen sind. In wenigen Tagen sind wir weit auseinander gerissen. Keiner weiß, was das Leben ihm bringt. Aber ich beschwöre dich, schweige davon, der Gedanke, daß du jemals einem andern angehören könntest, ist mir unerträglich. – Ja, ja, es ist widersinnig, aber es ist nun nicht anders. Ich flehe dich an, zerstöre mir meine notwendigen Illusionen nicht. – Ich weiß, ich weiß. Du bist frei, ich habe keinerlei Rechte ... Aber laß das ruhen. Für später. Sprechen wir nicht darüber. Warten wir; die Zeit wird uns darüber weghelfen. Sei still davon, kleines Mädchen, man muß auch schweigen können.« Und er bedeckte sie mit Küssen und preßte sie in seine Arme. Aber als er sie freigegeben hatte und sich weiter ankleidete, begann sie unbarmherzig von neuem: »Ich habe einen Geliebten, der auf mich wartet. Ich hatte dir's nicht verheimlicht.« Diesmal blieb er wie erstarrt, er schien nicht gehört zu haben. Sie sprach mit leiser, weicher Stimme, die zu dem Sinn ihrer Worte gar nicht paßte: »Kaum werde ich angekommen sein, wird er mich rufen. Ich habe um vierzehn Tage das verabredete Rendezvous überschritten. Wie kann ich mich ihm versagen? Unter welchem Vorwand? Nehmen wir an, ich gewinne noch einige Tage Zeit, sagen wir eine Woche der Läuterung, aber mehr kannst du wirklich nicht verlangen. Er hat Rechte an mich, ältere als du. Und dann weißt du doch, wie das Leben bei uns ist; leichter, soviel leichter – ganz anders als hier. Aber schließen wir ein Kompromiß. Ich verspreche dir eine Woche lang dem zu leben, was du ›unsere teuren Erinnerungen‹ nennst. Aber verlange nicht mehr von mir, denn schließlich, was soll diese nachhinkende Treue?« Konstantin war, die Tür hinter sich zuschmetternd, fortgerannt, und fluchte und schimpfte noch auf der Straße. Beim Mittagessen, am Nachmittag und bis zum Abend, selbst noch als Konstantin, Ariane begleitend, mit ihr vor dem Zuge stand, blieb sie so aufreizend und verletzend. »Es scheint, daß du mir den Abschied leicht machen willst,« sagte Konstantin, »du willst offenbar, daß ich dir nicht nachtrauern soll!« Sie küßten sich nur hastig, wie man einer lästigen Pflicht genügt. Konstantin blickte grübelnd dem langen, fortdampfenden Zug nach. Er fühlte sich bedrückt, er sehnte sich nach Ruhe. »Wieder ein Abschnitt meines Lebens, der zu Ende ist und sicher keiner von den schlechtesten. Aber es war schon an der Zeit ...« IX Das Haus Varwara Petrownas wurde mit der Ankunft Arianes wieder lebendig. Doktor Wladimir Iwanowitsch kam täglich, oft sogar nachmittags und abends. Er verbarg in keiner Weise die Freude Ariane wiederzusehen und Varwara fühlte keine Eifersucht. Zwischen Olga Dimitriewna und Ariane herrschte dieselbe Vertrautheit wie früher. Olga war die einzige, die von Ariane selbst während ihrer Abwesenheit ständig unterrichtet worden war. So wußte sie von dem verunglückten Flirt mit jenem berühmten Schauspieler, dem Traum aller russischen Frauen und von dem kurzen, aber spannenden Abenteuer mit Konstantin Michael, den sie den »Großfürsten« nannte. Die Reise in die Krim war in ihren Augen ein wundervolles Märchen von Gold und Seide, obgleich Ariane davon nicht weniger abweisend sprach, als von ihrem sonstigen Liebesleben. Sie gingen zusammen ins Sommertheater und zeigten sich auf den belebten Terrassen des Alexanderparkes. Sie soupierten mit ihrem »Troß«, wie sie es nannten, der nicht weniger glänzend war als im vergangenen Jahr. Olga schien selbst den Ingenieur Bogdanow nicht mehr zu fürchten. Während Arianes Abwesenheit hatte er sie zu gewinnen gewußt. Er hatte sich ihr als der einzigen wahren Freundin seiner ›Königin von Saba‹ genähert, denn er mußte mit jemand von ihr sprechen können. Durch eine Unzahl erfinderischer Mittelchen, nicht zuletzt durch Geschenke, für die Olga sehr zugänglich war, hatte er sie zu seinen Gunsten umgestimmt. Er hatte sie davon zu überzeugen gewußt, daß er für Ariane keineswegs nur eine flüchtige Neigung empfand, sondern die tiefsten Gefühle und daß es nur von ihr abhänge, wann immer sie es wolle, Frau Bogdanow zu werden. In jedem ihrer Briefe erwähnte Olga die Vorzüge des Ingenieurs, seine Freigebigkeit, seine große Klugheit und beglückwünschte Ariane zu dieser Eroberung. So erhob sie auch keinerlei Einwände gegen die Rendezvous, die Bogdanow von Ariane erbat. Sonderbarerweise besuchte Ariane ihn doch wieder in seiner Wohnung, zweimal in der Woche, aber nur noch in der Dämmerung, um die Möglichkeit der Wiederholung eines solchen Skandals, wie im vorigen Jahr zu verhüten. Oft begleitete Olga sie bis zum Tore des kleinen Vorstadthäuschens. Kaum eingetreten löste sie ihre Armbanduhr, das Geschenk Konstantins, und legte sie auf ein freistehendes Tischchen, um sie gut im Auge zu behalten. »Es ist genau sechs Uhr!« konstatierte sie. Eine Stunde nachher, ohne die kleinste Verspätung sah man sie das Haus verlassen und Olga machte sich über ihre genaue Abrechnung, die sie mit Bogdanow hatte, lustig, da sie den sechzig Minuten, die sie ihm schuldete, niemals auch nur eine einzige hinzufügte. »Geschäft ist Geschäft. Wo sonst sollte man genau sein, als in den Verrechnungen mit seinem Bankier?« sagte Ariane, auf ihren scherzhaften Ton eingehend. – Varwara Petrowna beobachtete ihre Nichte; sie fand sie verändert, ernster geworden. »Es ist etwas Neues in dir,« sprach sie, »etwas Unbestimmbares. Du bist doch nicht etwa verliebt?« Ariane lachte hell auf, so unmöglich erschien ihr dieser Verdacht. »Diese Krankheit bekommt man nicht in meinem Alter, sondern erst in deinem!« neckte sie ihre Tante. Nikolaus Iwanow hatte die Stadt vor drei Monaten verlassen. Seit dem Winter hatte man ihn nicht mehr gesehen; er hatte sich auf seinem Gut eingeschlossen. Dann war er in die Krim abgereist, angeblich weil der Gesundheitszustand seiner Mutter seine Anwesenheit erforderte. Aber man erzählte, daß er selbst erkrankt sei und von dem gleichen Arzt behandelt werde wie seine Mutter. Täglich bekam Ariane eine Karte von ihm, die sie ungelesen wegwarf. Sie ließ sich von einem schönen jungen Mann den Hof machen, dem sie arg mitspielte und über den sie sich in grausamer Weise lustig machte. Varwara Petrowna hatte sich nicht getäuscht, als sie fand, daß ihre Nichte anders geworden war. Sie führte wohl äußerlich dasselbe Leben, wie im Vorjahre, aber nicht mehr mit jener wilden Begeisterung, die sie einst in der Stadt berühmt gemacht hatte. Sicherlich war sie immer noch die geistvollste Tischgenossin bei den Soupers im Alexanderpark; sie verschonte niemand mit ihrem Witz, aber ihr Spott schien grausamer geworden, die vergifteten Pfeile, die sie aussandte, schienen jetzt tiefer zu verletzen als früher. Weder Menschen noch Theorien konnten ihrer vernichtenden Kritik entgehen. Wie Mephisto in Goethes Faust hätte sie sagen können: Ich bin der Geist, der stets verneint! Indes ging sie jetzt nicht mehr so häufig aus, sie blieb oft in ihrem Zimmer, um auf ihrem Diwan zu träumen. Sie dachte an Konstantin. Er stach von all den Männern, die sie jetzt umgaben, so sehr ab; schon durch seine vornehme Haltung und eine gewisse Ungezwungenheit, die ihm alles zu tun erlaubte, ohne daß er jemals abstoßend gewirkt hätte. Aber es waren noch andere Vorzüge, denen er es verdankte, daß sie ihm in ihren Gedanken den unbestritten ersten Platz einräumte. Sie fühlte eine Stärke in ihm, die selbst sie nicht zu brechen vermochte. Mit allen anderen Männern hatte sie eine Weile gespielt, um sie dann, bald ihrer überdrüssig geworden, in ihr Nichts zurückfallen zu lassen. Mit Konstantin war es anders. Nicht sie hatte mit ihm gespielt, aber er mit ihr. Nur für kurze Augenblicke hatte sie ihn aus seiner Ruhe bringen können, niemals hatte er seine abscheuliche Überlegenheit ganz verloren. Und was hatte sie damit erreicht? Hatte er sich inniger an sie angeschlossen, als an irgendein anderes hübsches und junges Mädchen, mit dem man sein Vergnügen hat? Er hatte sie genommen, als er es wollte, und sie an dem von ihm bestimmten Tage verlassen. Sie hatte seinen Wünschen in der von ihm gewählten Stunde nachgegeben, nicht ein einziges Mal hatte sie sich zurückgehalten im Hotel National zu erscheinen; er aber hatte die Kühnheit sie in letzter Minute abzubestellen. Und am nächsten Tage war sie doch wieder gekommen. Als es ihm einfiel nach Kiew zu fahren, hatte er es getan; als er dazu gelaunt war, hatte er sie in die Krim entführt. Sie hatte die kurze Zeit, die ihr zur Verfügung stand, um vierzehn Tage überschritten, er aber hatte kaum das Telegramm gelesen, das ihn zurückberief, als er schon, ohne sie zu fragen, den Tag der Abreise festsetzte. Und in Moskau hatte er sie verlassen, ohne einen Tag als Zugabe zu verlangen, den sie übrigens, auch wenn es ihr Leben gekostet hätte, nicht zugestanden hätte. Olga hatte recht: er war der »Großfürst« und er wußte es. – Sie war so schwach gewesen ihn fühlen zu lassen, daß sie seine Überlegenheit anerkannte; er befahl und sie gehorchte! Solche Gedanken ließen sie zornig erbleichen. »Was wird er nur von mir denken?« sagte sie sich. »Er behandelte mich wie seinen Sklaven. Wo mag er wohl jetzt sein? Welche Frauen wird er wohl durch seine bodenlose Sicherheit erobern? Ach, falls ich ihn noch einmal treffen sollte, wird er die Demütigung, die er mir zuzumuten wagte, teuer bezahlen. Ich werde mich gut zu rächen verstehen.« Zu diesem Ergebnis war Ariane in ihren Betrachtungen gekommen, als sie eines Tages ein kurzes Telegramm erhielt. Es war in New York aufgegeben und enthielt nichts weiter als die Worte: »Eintreffe nächsten Monat Moskau, Wiedersehen Konstantin Michael Plazza Hotel.« »Nicht einmal soviel Lebensart besitzt er,« knurrte sie wütend, »›herzlichst‹ oder ›tausend Küsse‹ hinzuzufügen. Ach, er kann auf das Wiedersehen warten. Wofür hält er mich eigentlich? Glaubt er, daß ich auf ihn warte? Ich werde mich wohl hüten auf diese unverschämte Depesche zu antworten.« Das Telegramm war gegen Mittag gekommen. Abends ging sie mit einem ihrer Freunde spazieren. Niemals war sie mit diesem unbedeutenden jungen Mann liebenswürdiger gewesen und er konnte nach ihren Worten und ihren Blicken nicht daran zweifeln dem langersehnten Glücke nahe zu sein. Es war in der Dämmerung, als sie auf dem Heimweg an dem Telegraphenamt vorbeikamen. Ariane sagte plötzlich: »Entschuldigen Sie einen Moment.« Stieß die Tür auf und lief hinein. Er folgte ihr. Eilig schrieb sie Konstantins New Yorker Adresse auf ein Blankett und darunter nur das eine Wort: »Hurra!« Sie unterschrieb nicht, warf Telegramm und Geld auf den Schalter und floh hinaus, als wenn sie verfolgt würde. X Gleich in den ersten Septembertagen war Ariane nach Moskau zurückgekehrt. Sie hatte darauf verzichtet bei Onkel und Tante zu wohnen und ein hübsches Zimmer in der modernen Wohnung einer gutmütigen Frau gemietet, wo sie ihre Freunde empfangen und jene kleinen Abende veranstalten konnte, die bei den Studierenden beiderlei Geschlechts in Rußland so beliebt sind. Man genießt dabei die Reize leidenschaftlicher philosophischer Debatten, die sich bis spät in die Nacht ausdehnen; es werden ebenso viele Gedanken geboren, wie Gläser Tee getrunken. Abstraktes und Konkretes vermischen sich in widersprechendster Art. Die aufgestellten Lebensregeln sind um so bestimmter, je mehr ihnen die Lebenserfahrungen abgehen. Zwischendurch umwerben die Studenten die jungen Mädchen, wie dies in allen Ländern und unter allen Breitegraden üblich ist. Ariane hatte von Konstantin keine weiteren Nachrichten erhalten. Als sie ihre Wohnung gewählt hatte, hinterlegte sie Adresse und Telephonnummer in einem an ihn adressierten Brief beim Portier des Hotels. Aber Wochen waren ohne ein Lebenszeichen von ihm vergangen. In schlechtester Stimmung hatte sie einmal versucht ihren Brief aus dem Hotel zurückzuerhalten, aber man hatte sich geweigert, ihr, der Unbekannten, den für einen alten Stammgast bestimmten Brief auszufolgen. »Wenn er ankommt, werde ich mich verleugnen lassen«, dachte sie. Eines Spätnachmittags, als sie allein in der Wohnung war, läutete das Telephon. Sie hatte die bestimmte Empfindung, daß es der »Großfürst«, wie sie ihn auch schon nannte, sei. Sie wurde bleich und beschloß, sich nicht zu melden. Aber ihre Füße trugen sie gegen ihren Willen zum Apparat, sie nahm den Hörer und rief mit halber Stimme: »Hallo?« Und ohne zu fragen, wer am Telephon sei, rief eine männliche Stimme freudig am andern Ende der Linie: »Ich bin angekommen! Endlich. Ich erwarte dich ohne eine Minute Verzögerung. Nimm das schnellste Pferd und gib ein fürstliches Trinkgeld!« Sie hängte ab, lief zum Spiegel, um ihre Haare zu richten und wollte eben das Zimmer verlassen, als sie sich besann. Sie ging zu ihrem Schreibtisch zurück, öffnete eine Schublade und kramte in dem Wust von Papieren, die da hineingestopft waren, bis sie einen schmutzigen Bogen fand, ihn zusammenlegte und in ihrem Täschchen barg. Eine Viertelstunde später pochte sie an Konstantins Tür. Sie hatte sich unterwegs eine entsprechend herzlose Begrüßung ausgedacht, als sie aber den »Großfürsten« mit ihr entgegengestreckten Armen vor sich sah, ließ ihre Zunge sie im Stich und sie war erstaunt sich sprechen zu hören: »Ich muß sagen, mein Herr, Sie haben hübsch lange auf sich warten lassen.« Sie speisten ganz nahe aneinandergeschmiegt im Zimmer Konstantins. Er fand kaum Zeit, ihr das Wichtigste von seinen Geschäften zu berichten. Ariane hörte ihm nicht zu. Sie war ganz selig, ihm erzählen und beschreiben zu können, welch herrliches Leben sie während des Sommers in ihrem südlichen Königreich geführt hatte. Sie ließ alle ihre vielen Erlebnisse vor seinen Augen vorüberziehen. Kaum hatten sie das Essen beendet, als sie erstaunt sah, daß Konstantin sich zum Ausgehen fertig machte und sie bat, sich ebenfalls anzukleiden. »Wir gehen zu dir«, sagte er. »Zu mir kannst du nicht kommen und wirst du auch niemals kommen. Was willst du dort?« »Kleiner Dummkopf, weißt du nicht, daß ich dich heute nacht bei mir behalte? Aber im Hotel muß wegen dieser weisen Polizeivorschriften dein Paß erlegt werden. Also gehen wir ihn holen.« Ariane errötete ein wenig verlegen. »Zufällig habe ich ihn bei mir.« Sie öffnete ihr Täschchen, um ihm den Bogen zu reichen, den sie aus ihrem Schreibtisch genommen hatte. Sie schliefen beide in einem Bett. Drei Monate der Trennung hatten sie weit auseinandergerissen und in so entgegengesetzte Lebensweisen verpflanzt, daß es ihnen schien, als hätten sie auf verschiedenen Planeten gewohnt. Von wo kamen sie, um endlich wieder zusammenzutreffen? Dank der lebendigen Schilderungen Arianes, sah Konstantin wie mit eigenen Augen jene südliche Hauptstadt vor sich, deren Herrscherin sie war und kannte selbst bis zu den physischen und moralischen Eigentümlichkeiten alle, die sie umgeben hatten. Sie selbst aber blieb undurchdringlich. Welche geheimnisvollen Kräfte lebten in ihr und wohin war sie wohl von ihnen gedrängt worden? Wen hatte sie dort wiedergefunden, den er haßte? In welcher Weise war sie ihren alten Freunden begegnet? Welche neuen Bekanntschaften hatte sie angeknüpft? Nichts wußte er. – Und Ariane wieder konnte sich nicht vorstellen, in welcher Umgebung der »Großfürst« gelebt hatte. Er war immer mit Berichten über sich selbst zurückhaltend gewesen. Trotzdem kannte sie den Blick, mit dem er Frauen zu begegnen pflegte. War es nötig Näheres zu erfahren? Da lagen sie nebeneinander, ermüdet, an der Schwelle des Schlafes. Aber ihre Gedanken waren so lebendig, daß jeder von ihnen meinte, sie müßten Gestalt annehmen und dem andern, der regungslos daneben lag, sichtbar werden. »Ist es möglich, daß sie nicht weiß, was in mir vorgeht?« sagte sich Konstantin und Ariane dachte zitternd: »Gott verhüte, daß ich mich verrate und ihn in meinem Herzen lesen lasse.« Endlich schliefen sie ein. XI Das Leben regelte sich von selbst, ohne daß sie eine besondere Einteilung getroffen hätten. Ariane war tagsüber in der Universität, Konstantin ging seinen Geschäften nach. Er hatte im Stadtzentrum ein Büro gemietet. Sie wohnten zusammen, aber Ariane behielt doch noch ihr kleines Zimmer weiter. Sie rettete damit ihren guten Ruf, hatte eine Adresse für ihre Briefe und konnte ihre Freunde empfangen. Konstantin hatte im Hotel ein größeres, aus drei Räumen bestehendes Appartement genommen, trotzdem blieben sie auch jetzt noch beim gemeinsamen Schlafzimmer, aus dem Ariane sogar eigenmächtig das zweite Bett wegnehmen ließ. Das zurückgebliebene Bett war zwar nicht breit, aber »ich bin nicht dick, ich werde dich nicht stören«, meinte sie. Der Salon diente Konstantin als Arbeitsraum, dann hatten sie noch ein Speisezimmer. Früh verließen sie das Hotel, um erst zum Diner, das sie meist im Zimmer nahmen, wieder zusammenzutreffen. Manchmal nur wünschte Ariane in eines der vornehmen Moskauer Restaurants zu gehen. Hier lehnte sie es aber ab, in einem Separeé zu speisen, wie Konstantin es gewünscht hätte, der nicht wollte, daß sie mit ihm gesehen und dadurch kompromittiert werde. Schließlich hatte sie Bekannte und Verwandte in Moskau, sie entstammte einer reichen und angesehenen bürgerlichen Familie und war auch erst knapp achtzehn Jahre alt. Sollte sie ihrer sozialen Stellung nicht dies kleine Opfer bringen? Aber Ariane verachtete großartig unbekümmert alles Gerede, das um ihr Abenteuer entstehen könnte. Niemals war jemand gegen die Meinung ringsum gleichgültiger gewesen; sie nahm ihr Vergnügen, wo sie es fand und ließ die Leute reden. Nur den paar Studenten und Studentinnen gegenüber, mit denen sie befreundet war, wahrte sie die Form, für diese verdoppelte sie ihre Vorsicht. Dank dem Einverständnis ihrer Vermieterin ahnte lange Zeit niemand aus ihrem Kreise das Doppelleben, das sie führte, besonders da diese jungen Leute mit ihrem knappen Taschengelde niemals in jene eleganten Restaurants kamen. Wenn man ihr telephonierte, gab die Hausfrau die stereotype Antwort, daß sie eben ausgegangen sei. Jeden Freitag aber empfing sie ihre Freunde bei sich. Konstantin, der sie immer ungeduldig erwartete, hatte bestimmt, daß diese Unterhaltungen bald beendet sein müßten, damit sie noch um ein Uhr im Hotel sein könne. Diese Bedingung hatte er mit einer Bestimmtheit vorgeschrieben, die er allen seinen Wünschen verlieh und gegen die Ariane sich trotz ihres eigenmächtigen Charakters nicht aufzulehnen wagte. Aber wie kann man in Rußland Freunde, die man eingeladen hat, loswerden? Ariane stellte dem ›Großfürsten‹ diese Schwierigkeiten vor. Dieser erwiderte bloß, er überlasse Mittel und Wege ihr; auch wenn sie um ein Uhr nach Hause käme, würden sie nicht vor zwei, halb drei einschlafen und er beabsichtige nicht, seine Gewohnheiten durch ein paar übermütige Studenten stören zu lassen. Da sie weiter dabei beharrte, fügte er verstimmt hinzu, daß seine Tür nach der angegebenen Zeit versperrt sein werde, und daß ihr ja noch immer die Möglichkeit bliebe zu Hause zu schlafen, wenn es später werden sollte. Ariane hörte schweigend zu und überlegte. Die Manieren, die Konstantin Michael manchmal zeigte, befremdeten sie. Sie haßte diese Art, wie er sie scheinbar als unabhängig behandelte, ihr in jedem Falle die Wahl lassend, was sie selbst tun wolle, in Wirklichkeit aber eine grenzenlose Gewalt ausübte. Sie versuchte sich damit zu trösten, daß Konstantin offenbar mehr an ihr hing, als er zugeben wolle, sonst würde er nicht so darauf bestehen, daß sie zu bestimmter Stunde heimkehre. Warum aber stellte er ihr zu gleicher Zeit frei, bis früh in ihrer Wohnung zu bleiben. Sie empörte sich in Gedanken und Worten und unterwarf sich doch durch ihr Handeln und verachtete sich wegen dieser Feigheit. Jede Woche nahm sie sich vor, ihren Empfang hinauszudehnen, die Stunde zu versäumen und einmal wenigstens in ihrem Zimmer zu schlafen. Und an jedem Freitag begann sie schon um zwölf Uhr nervös zu werden und unaufhörlich ihre Armbanduhr, das Geschenk des ›Großfürsten‹, anzusehen. Das Essen wurde schon um neun Uhr gereicht und um Mitternacht ließ sie die Unterhaltung einschlafen, stellte die Spiele ein und erfand tausend Vorwände, um ihre Gäste zu verabschieden. Sie kam dann mit vor Kälte geröteten Wangen, mit lebhaften Augen unter ihrer Pelzkappe, in salopper Haltung mit spitzbübischer Miene, erfüllt von lustigen Witzen und geistvollen Worten zu Konstantin. Mit ihr kam die fröhliche Jugend ins Zimmer, in dem Konstantin auf dem Diwan liegend träumte, las und rauchte. Sie nahmen zusammen Tee und sie erzählte von dem Abend, der hinter ihr lag, und wenn er ihr zuhörte, was hatte sich nicht alles bei diesen Freitagsversammlungen ereignet! Das Zimmer Arianes verwandelte sich in den Schauplatz der leidenschaftlichsten Abenteuer, das ganze Leben Moskaus schien dort zusammenzuströmen. Während des Auskleidens beschrieb sie in knappen Worten die Hauptpersonen und zeichnete unvergleichliche Bilder von ihnen. Und noch im Bett ergänzte sie ihre überraschenden Geschichten. Konstantin lauschte entzückt. »Das Klügste wäre wirklich,« dachte er sich, »in seinem Zimmer zu bleiben und dieses kleine Mädchen in die Welt hinauszuschicken, von wo sie jeden Abend die buntesten Bilder heimbringen würde. Die banalsten Dinge gewinnen durch die Augen dieses Kindes gesehen Inhalt und Schönheit.« Nach und nach besuchte Ariane mit weniger Gewissenhaftigkeit ihre Vorlesungen. Sie verspätete sich früh, stand erst gegen Mittag auf, trödelte beim Ankleiden und wurde nicht vor eins, halb zwei fertig. Dann wurde gegessen und der Tag war fast vorbei, ehe man von Tisch aufstand. Dann aber wollte sie sich von Konstantin nicht trennen und begleitete ihn auf seinen Wegen. Sie wollte keinen Schlitten nehmen und sprang um den ›Großfürsten‹ herum, wie ein junger Hund um seinen Herrn. Manchmal ging sie ein paar Schritte vor ihm, tausend Dummheiten auf der Straße machend – blieb vor den Auslagen stehen, schnitt den Vorübergehenden Gesichter, drehte sich nach einem feschen Offizier um, sprach mit einem Studenten – um dann Konstantin wieder nachzulaufen und sich in ihn einhängend und ihr Gesicht zu seinem hebend, Männer und Frauen, denen sie begegneten, laut auszulachen. »Du erinnerst mich an den olympischen Jupiter,« sagte sie ihm, »einen Jupiter, der nach Rußland verbannt, sich in Pelze hüllen muß. Ich würde alles darum geben, den obersten der Götter ausgleiten und im Schnee sitzen zu sehen. Ich beschwöre dich, mache mir die Freude, dich in deiner ganzen Länge einmal auf der Marschallsbrücke hinzulegen.« Konstantin fühlte sich wie von einem mächtigen Strom mitgerissen. Anfangs hatte er versucht, Ariane zur Vernunft zu bringen und sie zu veranlassen ihre Studien wieder aufzunehmen; manchmal machte er sich Vorwürfe, daß er ihre Zukunft zerstöre. Dann wieder verwarf er seine Befürchtungen. Wie könnte man eine so reiche sprühende Lebenskraft in einen engen Rahmen pressen? Eines Tages würde sie ihn doch verlassen, ebenso plötzlich, ebenso grundlos, wie sie zu ihm gekommen war. Sie wird Dummheiten machen, oder Dinge, die man in der Welt als klug bezeichnet. Was immer aber sich ereignen würde, sie wird stets eine unerschöpfliche Quelle von Lebenskraft behalten. XII Trotz der neuen Intimität eines gemeinsamen Lebens, in dem die Bande der Sinne und des Geistes, die sie verknüpften, ohne daß sie es fühlten, täglich zahlreicher und fester wurden, blieb ihr gefühlsmäßiges Verhältnis innerlich das gleiche wie zu Beginn und das zwischen ihnen spielende Drama entwickelte sich weiter zu tiefer Tragik. Mit wahrer Erbitterung suchten sie jede Gelegenheit, einander zu beweisen, daß nichts anderes, als ein Abenteuer sie vereine, dessen einziges Ziel und letzter Zweck das Vergnügen sei und daß Liebe niemals mitspreche. Ariane besonders war unerschöpflich im Erfinden immer neuer Variationen zu diesem Thema. Eines Tages begann sie mitten im Zimmer vor Freude zu tanzen. »Was ist mit dir?« fragte Konstantin. »Ich bin sehr zufrieden. Ich fühle mich glücklich. Du weißt doch, es hätte mir ein Unglück geschehen können. Wenn ich dich geliebt hätte...! Ich wäre sentimental geworden (sie blickte schmachtend aufwärts und rang die Hände), ich hätte geseufzt (sie tat es herzzerreißend ), ich hätte meine Fröhlichkeit verloren, ich wäre wie meine Tante wegen ihres schönen Wladimir blöde geworden. Ich könnte mich nicht von dir trennen, ich würde dich solange mit Liebeserklärungen verfolgen, bis du deren überdrüssig wärst, Eifersucht würde mich quälen. Überwachen würde ich dich, dich in deinem Bureau überraschen. Ich müßte wissen, wohin du gehst, welche Frauen mit dir zusammentreffen. Wenn du Besuche machst oder eingeladen bist, würde ich dich anrufen. Kurz, ich wäre lächerlich. – Vielleicht würde ich sogar weinen. – Kannst du dir meine Augen rot von Tränen denken? – Gott sei Dank, daß ich alle diese Schrecken niemals kennen lerne. Ich danke dir, Großfürst, daß du es nicht versucht hast, dich meines Herzens zu bemächtigen, ich weiß gar nicht, wie ich dir meine Erkenntlichkeit dafür ausdrücken soll, daß du die Lust so veredeltest, daß sie sich selbst genügt, und es verstanden hast, sie unverfälscht zu erhalten. Du bist ein wahrer Künstler. Ich neige mich vor dir, du bist der Meister.« Und sie kniete vor ihm nieder, neigte den Kopf tief zum Boden, und machte, sich erhebend, tausend zeremonielle Verbeugungen. Ein andermal wieder sprach sie: »Ich muß dir ein Geständnis machen. Ein oder zweimal glaubte ich schon besiegt zu sein. Oh, wie viel Angst habe ich ausgestanden! Nie hätte ich bei unserem Abschied gelitten! – Wie mußte ich mich wehren, aber ich habe mich gehalten. – Nun, da ich dir so lange widerstanden habe, ist keine Gefahr mehr, hurra!« Während sie immer wieder dieses Thema entwickelte, lauschte Konstantin mit größter Aufmerksamkeit, wog jedes ihrer Worte, achtete auf die geringsten Nuancen, auf den Klang ihrer Stimme, auf ihre Betonung, auf ihren Ausdruck. meinte sie das alles ernst? Versuchte sie ihn zu täuschen? Niemals überraschte er sie bei einem falschen Ton. Sie schien sich mit vollster Wahrhaftigkeit auszudrücken. Er begnügte sich mit einer kurzen Erwiderung: »Mein Kind, ob du willst oder nicht: du liebst mich. Du endest in dem Kreislauf, der deinem Geschlecht seit ewigen Zeiten vorgeschrieben ist: als Sklavin.« Je nach ihrer Stimmung lachte sie dazu, oder sie zuckte bloß mit der linken Schulter oder – sie wurde wütend. Manchmal sagte sie zu ihm: »Und du, liebst du mich?« Das erstemal, als sie ihm diese Frage stellte, war er überrascht. Aber er hütete sich, sein Erstaunen merken zu lassen. Er erhob sich aus dem Lehnstuhl, in dem er gesessen hatte, nahm Ariane in seine Arme und sprach zu ihr mit zärtlich vorwurfsvoller Stimme: »Aber mein liebes Kind, daran kannst du doch nicht ernstlich denken! Wie sollte ich wohl so ein kleines schlimmes Mädchen, wie du es bist, lieben können?« Ariane war geschlagen. Wem sollte sie glauben, den ironischen Werten oder der zärtlichen Stimme? Konstantin war ihr, wie immer, entschlüpft; im Augenblick, da sie ihn durch eine plötzliche Wendung zu fassen meinte, entglitt er schon wieder ihren Fingern. Was waren alle Männer, die sie von früher kannte, neben ihm? Aus den stolzesten von ihnen hatte sie in kürzester Zeit Sklaven gemacht, die allen ihren Launen gehorchten. Konstantin aber war ein würdiger Gegner, mit dem sie sich messen konnte, und der sogar sie aus dem Gleichgewicht brachte. Warum schlug er ihr gegenüber mit Vorliebe diesen Ton scherzender Zärtlichkeit an, wie man ihn Kindern gegenüber anzuwenden pflegt? – Sie versuchte ihn auch eifersüchtig zu machen. Sie beschrieb ihm in begeisterter Weise einen der Hochschüler, der zu ihren Freitagsgästen gehörte. Keine Frau könne ihm widerstehen; er sei wahnsinnig verliebt in sie. »Dieser Junge hat Geschmack«, sagte Konstantin ruhig. »Unlängst versuchte er mich zu küssen.« »Dazu ist er als Mann verpflichtet.« »Das wäre dir wahrscheinlich ganz gleichgültig?« »Liebes, kleines Mädchen, es könnte nichts Leichteres für dich geben, als mich zu betrügen. Warum aber solltest du es tun? Wenn du mich nicht liebst, was machst du dann hier? Warum bleibst du bei mir? Wenn du mich aber liebst, und das ist der Fall, welches Vergnügen könntest du in den Armen eines andern finden? Ich lebe nicht acht Monate mit dir, ohne dich zu kennen. Du hattest deine kleinen Schwärmereien und du wirst sie haben, aber du bist treu. In deinem Wesen ist ein seltener Stolz. Einmal wirst du mich verlassen, aber betrügen wirst du mich nie.« Nun war es an Ariane, der Rede ihres Geliebten aufmerksam zu lauschen und erraten zu wollen, was sich hinter seinen Worten verbarg. Sein Ton war nie leidenschaftlich. Er schien keinerlei Gefühle in seine theoretischen Liebesbetrachtungen zu legen. Handelte es sich denn überhaupt um sie und ihn? Man konnte daran zweifeln. Nur ein einziges Gebiet war es, auf dem sie Konstantin Michael überlegen war. Sie hatte es am fünften Tage ihrer Bekanntschaft entdeckt und seither diese Wahrnehmung in vollendetster Weise ausgenützt. Der »Großfürst« wollte, daß die Vergangenheit Arianes mit Schleiern bedeckt bliebe. Nach den ungeschriebenen Gesetzen der Liebe sind dies Dinge, von denen man nicht spricht. Es gibt Illusionen, auf die man nicht verzichten kann und jede Frau versteht es, sie aufrecht zu erhalten. Ariane jedoch beharrte dabei, ihre Vergangenheit in allen Einzelheiten grell zu beleuchten. Aber die Barschheit, mit der Konstantin ihr das Wort abschnitt, sobald sie in dies verfemte Gebiet eindrang, zwang sie jetzt zu allen möglichen Listen, um ihren Zweck zu erreichen. Ihr erfinderischer Geist zeigte ihr tausend Umwege, die ihr doch ermöglichten, den »Großfürsten« aus seiner Ruhe aufzuscheuchen. Sie hatte es verstanden, ihm von ihrem Flirt mit dem bekannten Schauspieler zu erzählen, ohne sich in gefährliche Einzelheiten einzulassen und war doch davon überzeugt, daß er über den Charakter ihrer Beziehungen keineswegs im Zweifel sein konnte. In häufigen, aber unregelmäßigen Zwischenräumen verstand sie es, diesen Schauspieler immer wieder im Gespräch zu erwähnen und damit die Erinnerung an seine Beziehungen zu ihr in Konstantin nicht ruhen zu lassen. Es war dies, wie alles, was sie gegen Konstantin unternahm, gewiß nicht nur die Bosheit eines ungezogenen Kindes, es war vielmehr eine ihr selbst nicht ganz bewußte Mischung, teils Launenhaftigkeit, teils der Wunsch, wenigstens in diesem einen Punkt über ihren Tyrannen zu triumphieren und nach dem Grade seiner Erregung doch seine wahren Gefühle zu ihr zu prüfen. Man sprach von dramatischer Kunst und plötzlich hatte sie den Namen ihres früheren Freundes geschickt in einen Satz hineingeschmuggelt. Sie sprach von seinen großen Fähigkeiten, beleuchtete Einzelheiten seiner Kunst, deutete die Feinheiten seiner Hauptrollen an, beschrieb seine Kostüme, seine Masken, die Art seines Auftretens und die wunderbare Charakteristik, die er einzelnen historischen Personen verlieh. Sie sprach selbstverständlich nicht anders von ihm als eine Zuschauerin von einem Schauspieler, eine begeisterte Zuschauerin von einem vergötterten Schauspieler spricht. Aber schließlich sah sie doch diese gewisse Falte, die sie so gut kannte, auf Konstantins Stirne und er schloß die Unterhaltung mit einer trockenen Bemerkung. »Schauspieler interessieren mich nicht. Es gibt kein seichteres Gesprächsthema.« Dann jubelte Ariane innerlich, aber sie hütete sich erkennen zu lassen, daß sie einen Sieg errungen habe. Lange Zeit drängte sie ihn, mit ihr zusammen jenen Helden in diesem oder jenem Stück seines Repertoirs zu bewundern. Konstantin lehnte glatt ab. Sie kam immer wieder darauf zurück. Endlich sagte ihr Konstantin eines Tages: »Wenn du ins Theater gehen willst, lasse ich dir einen Sitz besorgen; wenn du nicht allein gehen willst, lade einen deiner jungen Verehrer ein und ich lasse zwei Sitze besorgen. Ich werde dann an dem betreffenden Abend bei Frau X speisen, die mich schon oft eingeladen hat.« Sie erreichte langsam, daß Konstantin sich im Geiste immer mehr mit diesem Künstler befaßte. Schließlich war er doch der letzte Geliebte gewesen, aus dessen Armen Ariane in die seinen fiel. Auch ihm hatte sie all die wunderbaren Geschichten aus ihrem Leben erzählt. Er hatte dieses schlimme Kind drei Monate zu halten verstanden. Was war das wohl für ein Mensch? Welche war seine Art mit Frauen umzugehen? Konstantin meinte, er werde Ariane nicht eher ganz begreifen, bevor er nicht mit seinen eigenen Augen diesen Vorgänger gesehen hätte, der, ob er wollte oder nicht, in seinem Kopfe umging. Aber es wäre ihm unmöglich gewesen, neben Ariane eines Abends vor der Bühne zu sitzen, auf der jener mit dem ganzen Ruhm des großen Schauspielers unter dem Beifall des Publikums erschienen wäre. Das junge Mädchen hatte mit ihren fortgesetzten Anspielungen seine Nerven bis zu einem solchen Grade erregt, daß sie eine derartige Probe nicht mehr ertragen hätten. Und doch wollte er diesen Mann sehen; es war das einzige Mittel, um sich aus seinen Zwangsvorstellungen zu befreien. Er verfolgte die Theaterankündigungen und als er an einem Freitag den bekannten Namen auf dem Programm las, ließ er für sich einen Platz reservieren. Er würde gewiß frei sein, da Ariane ihre Freunde empfing. Er nahm allein, gereizt sein Abendessen ein; gereizt über Ariane, gereizt über sich selbst und ging dann schnellen Schrittes zum Theater. In seine Gedanken versunken war er unempfindlich gegen die Kälte von dreißig Grad, die ihm ins Gesicht schnitt. Bei der Kasse öffnete er seinen Pelz und übernahm die Karte. Plötzlich fuhr er zusammen. Er zerriß die Karte, warf die Fetzen auf den Boden, ging hinaus und rief einen Schlitten. – Er fühlte überrascht, wie heiß ihm war. Sein Atem ging hastig. »Das, wäre eine schöne Feigheit gewesen!« sagte er laut zu sich selbst. XIII Er rief dem Kutscher eine Adresse zu und der Schlitten glitt über den harten Schnee. Er begab sich zu einer jungen Dame, die er im Hause der Baronin Korting kennengelernt hatte. Diese verbrachte den Winter in Pau, um ihre Gesundheit zu pflegen. Natascha X, die er besuchen wollte, war die noch sehr junge Frau eines in die Mongolei kommandierten Offiziers. Sie lebte ziemlich zurückgezogen mit einer alten Tante ihres Gatten in einem kleinen Häuschen. Sie war eine reizende Frau, bald fröhlich, bald traurig, die mit siebzehn Jahren die Dummheit begangen hatte, einen allzu lebenslustigen Offizier zu heiraten, der kein Vermögen besaß und den sie nicht liebte. Sie hätte ihn verlassen oder sich einen Geliebten nehmen können, aber weder zu dem einen noch zu dem andern fand Natascha jemals den Mut. Sie hatte gleich beim Verlassen des kaiserlichen Institutes vollständig lebensfremd geheiratet und in den Armen eines rohen, sinnlichen Mannes den häßlichsten Geschmack von der Liebe empfangen. Sie vergaß die Tränen nicht, die sie im Schnellzug vergoß, der sie nach dem Kaukasus führte, nichts hatte diesen ersten Eindruck verwischen können. Seither war ihr Mann ihrer überdrüssig geworden. Er ließ sich in entfernte Gegenden abkommandieren und mit zwanzig Jahren führte Natascha ein ziemlich trauriges Leben, einsam, verlassen, unsicher, unruhig, immer aber noch mit einem kleinen Lächeln, dessen Spuren man auf ihren jungen Lippen erraten konnte. Zwischen Konstantin und ihr war im ersten Augenblick eine, wie sie es nannten, zärtliche Freundschaft erwacht. In einem Land wie Rußland, wo das Leben frei ist, unbeeinflußt von Vorurteilen, gleichgültig gegen den Klatsch, wo die Erziehung sich darauf beschränkt, angenehme Umgangsformen anzulernen und der Natur ihre ganze Ursprünglichkeit läßt, wundert sich niemand, Gefühle so rasch aufblühen und so natürlich sich äußern zu sehen. Das erstemal schon, als sie ihn sah, hatte Natascha zu Konstantin wie zu niemand vorher gesprochen. Bei ihrem zweiten Zusammentreffen hatte sie ihn wegen seines Verhältnisses mit einer kleinen, »wie man sagt entzückenden« Schülerin verspottet. Konstantin war überaus erstaunt zu erfahren, daß man im Salon der Baronin so gut über sein Privatleben unterrichtet war, obschon er keiner lebenden Seele über Ariane ein Wort gesagt hatte. Er hütete sich, zu leugnen, da er es für wichtiger hielt, nicht den Anschein zu erwecken, als würde er solchem unbegründeten Klatsch irgendwelche Bedeutung beimessen. Aber vorsichtig kehrte Natascha immer wieder zu diesem Thema, das sie zu interessieren schien, zurück; Konstantin antwortete mit einigen kurzen nichtssagenden Worten. Immerhin hatte er verschiedentlich die Unruhe erkennen lassen, in die ihn das komplizierte Naturell jenes jungen Mädchens versetzte und auf den Zweikampf angespielt, der, seitdem er sie kannte, mit versteckten Waffen zwischen ihnen ausgefochten würde; alles dies erzählte er Natascha, die ihm aufmerksam zuhörte, nur in Andeutungen, ohne sich offen zu bekennen. Ihre geschickten Fragen hatten alle dasselbe Ziel, sie wollte die Gefühle Konstantins für Ariane erforschen. Konstantin wich aus. – Endlich brannte Natascha darauf, Ariane kennenzulernen. Als sie das erstemal zu Konstantin davon sprach, zuckte er bloß mit den Schultern. Sie ließ sich nicht abschrecken und kam darauf zurück. Bei jeder Begegnung erneuerte sie ihren Angriff. Das wiederholte sich so oft, daß Konstantin schließlich versprechen mußte, mit Ariane darüber zu reden. Er hielt sein Versprechen, als sie eines Tages eine Loge zum Ballett hatten. Er stieß auf eine ganz entschiedene Weigerung bei Ariane, die Natascha vom Sehen kannte und sie übrigens hübsch und sympathisch fand. Mit der ihr eigenen Entschiedenheit meinte sie: »Ich habe durchaus keine Lust, die Neugier deiner Freundinnen zu befriedigen. Warum wollen sie mich sehen? Weil ich deine Geliebte bin? Danke, ich stelle mich nicht zur Schau. Und überhaupt würde ich wünschen, daß du von mir nicht sprichst.« Mit Natascha sprach Konstantin aber doch von ihr. Je schärfere Formen der Konflikt, der zwischen ihnen bestand, annahm, desto größer wurde sein Bedürfnis, von diesen Fragen, die ihn so stark beschäftigten, zu sprechen. Er machte keinerlei persönliche Anspielungen auf seine Geliebte, sondern sprach mit Natascha ganz allgemein über das russische Mädchen der jetzigen Generation. Eines Tages sagte er ihr: »Hörten Sie schon von diesem Bund der freien Liebe, der fast überall in den höheren Klassen der Mädchengymnasien besteht, insbesondere im Süden, im Kaukasus? Ich begegnete gelegentlich auf meinen Reisen jungen Mädchen, die mich über Zweck und Ziele dieser Vereinigung unterrichteten. Sie sind ganz merkwürdig. Diese Mädchen, in der Mehrzahl starke Intelligenzen, bilden sich ein, daß Rußland dazu berufen sei, der Welt eine neue Zivilisation zu geben, und daß als erstes alle Vorurteile fallen müssen, die seit mehr als dreißig Jahrhunderten die menschliche Gesellschaft bedrücken. Diese kleinen Revolutionärinnen erklären als das sinnloseste und bedrückendste aller Vorurteile das der Jungfernschaft. Sie sagen nicht: Kraft welcher Bestimmungen wird von den jungen Mädchen gefordert, daß sie unberührt in die Ehe treten? – denn das hieße ihnen zumuten, die Ehe selbst in die Diskussion zu mengen, die Ehe, über die sie ihre Betrachtungen schon längst in ablehnendem Sinne geschlossen haben. – Nein, sie sagen: Die Frau hat ebenso wie der Mann das Recht über ihren Körper frei zu verfügen. Wenn es ihr gefällt, wird sie ihn verwenden, um ihre Erfahrungen zu bereichern, oder nur zu ihrem Vergnügen, oder zur Steigerung ihres Behagens; kurz sie wird über ihren Körper ausschließlich nach eigenem Gefallen und Belieben verfügen. Es gibt keine Gesetze in den Dingen der Liebe. – Sie sehen, was für eine Menge schöner Theorien diesen jungen Köpfen entspringen. Theorien, mit denen ich mich übrigens weiter nicht befassen will. Eines nur möchte ich wissen: welches ist der Punkt, an dem diese Theorien mit der Praxis in Konflikt kommen? Man versichert, daß die intelligentesten von diesen Mädchen, von unerbittlicher Logik angetrieben, es als Ehrensache betrachten, sich ohne Liebe und selbst ohne Vergnügen hinzugeben, nur um sich selbst ihre Unabhängigkeit zu beweisen. Nur dann sind sie ganz sicher, das verachtete Vorurteil nicht nur in Worten, sondern wirklich überwunden zu haben. – Dieses Land ist tatsächlich die unerschöpflichste Fundgrube von absonderlichen Beiträgen zur Sittengeschichte der Gegenwart.« »Ja, aber wenn eines von diesen so klugen und so verdrehten Mädchen an einen wirklichen Mann gerät, ist es aus mit allen Theorien, sie wird zur Sklavin. Haben Sie nicht selbst erst jüngst diese Erfahrung gemacht? Sie wissen darüber mehr als ich. Ich war ein unerfahrenes Gänschen, als ich heiratete und das war auch nicht das Richtige. Wenn ich eine Tochter hätte, wie sollte ich sie erziehen? Ich glaube ich würde Kopf oder Adler werfen. Ich nehme das alles viel weniger ernst als Sie. Das Leben ist so schwierig, daß ich nicht im voraus diejenigen verdammen kann, die einen Ausweg aus allen diesen Übeln suchen.« Es ist zu beachten, daß Konstantin und Natascha einander nur bei ihrer gemeinsamen Freundin begegneten. Bisher hatte er, trotz der Freundschaft, die er für die junge Frau empfand, sie nicht besucht, da er fürchtete, der Charakter ihrer Beziehungen könnte leicht andere Formen annehmen. Er fühlte, daß er Natascha nicht gleichgültig blieb und es war ihm ein wohltuender Gedanke, daß er, wenn sein Ringen mit Ariane heftiger und quälender würde und er gezwungen wäre, mit ihr zu brechen, bei Natascha einen ruhigen Hafen fände, in den er flüchten könnte. Dann, wenn er besonders gereizt über Ariane war, in den Augenblicken des Zornes, den sie so gerne durch den kalten Zynismus, mit dem sie von sich selbst sprach, heraufbeschwor, fragte sich Konstantin oft, wie er das Leben mit dieser kleinen, schon verdorbenen Ariane ertragen könne, die trotz der Reize ihrer Jugend und trotz des Zaubers ihres blendenden Geistes bis in den Grund ihrer Seele schlecht ist. War es die sonderbare Schwäche, die der Mensch vor dem Unbekannten hat? War es die Furcht vor dem Morgen, die Angst vor der kommenden Leere, die er eintauschen würde? War sein Leben schon an jenem Punkt angelangt, an dem man, was man besitzt, aufzugeben zögert, aus Furcht nichts Besseres zu finden? Konstantin hatte sich oft genug diese Fragen gestellt, aber jedesmal hatte seine wachsende Intimität mit Natascha eine günstige Antwort gegeben. Wenn er wollte, konnte er sofort eine neue, reizende Geliebte haben. Und die Sicherheit noch zu gefallen, die er bei Natascha erwarb, gab ihm für den Kampf mit Ariane neues Selbstvertrauen und seine alte Kaltblütigkeit. »Wenn ich sie aber,« fragte er sich selbst, »trotz aller Beleidigungen, trotz ihrer Schlechtigkeiten und trotz des Abscheues, den sie selbst in mir weckt, bei mir behalte, muß doch irgend ein geheimes starkes Band vorhanden sein, das mich an sie fesselt. Welchen Liebestrank hat mir diese kleine Hexe wohl eingegeben?« Natascha gegenüber wollte er sich trotzdem nicht binden und sah sie nur selten. Darum war er selbst nicht wenig überrascht, als er ohne Überlegung ihre Adresse dem Kutscher zugerufen hatte, der ihn vom Theater wegführte. Die Parterrefenster des Hauses, in dem Natascha wohnte, waren beleuchtet. Er wurde von dem Dienstmädchen in einen großen, mittelmäßig eingerichteten Salon geführt. Einige Minuten später erschien Natascha. Sie hatte ein weißes Hauskleid an und um die Schultern lag ein leichter, bunter Schal. Ihre dunklen, aufgelösten Haare umrahmten das kindliche Gesicht. Ihre braunen, lachenden Augen strahlten ihn an. Sie streckte Konstantin beide Hände entgegen, kam ganz nahe zu ihm und sprach mit ihrer weichen Stimme, deren Wohllaut ihm schon vertraut war: »Welche Überraschung, Sie hier zu sehen! Ach, welchem Drama verdanke ich es wohl, Sie bei mir begrüßen zu können? – Aber Sie hätten mich anrufen sollen. Ich hätte Ihnen einen würdigen Empfang bereitet und mich Ihnen zu Ehren sogar frisiert. Flüchten wir aus diesem Zimmer. Es ist kalt und zu feierlich. Kommen Sie zu mir hinüber.« Sie zog ihn an der Hand in einen kleinen Raum, dessen eine Wand von einem Diwan eingenommen wurde. Bald stand der Samowar am Tisch und begann behaglich zu summen. Ein Tischchen bedeckte sich mit Süßigkeiten, mit Früchten, Honig und Bonbons. Natascha hatte sich neben ihn gesetzt. Wenn sie sich nach vorne beugte, konnte er den Ansatz ihrer jungen Brüste sehen. Ein leichtes Parfüm strömte von ihr aus. Er fühlte sich glücklich, losgelöst, fern den täglichen Kämpfen, in einer Stimmung voll Zärtlichkeit, die eines leisen, sinnlichen Beigeschmacks nicht entbehrte. Er hatte die Hand der jungen Frau ergriffen und führte sie öfter au seine Lippen. Sie sprachen unaufhörlich, fröhlich von allem möglichen. Natascha, die ihn beobachtete, stellte keine neugierige Frage. Die Zeit verfloß, ohne daß sie darauf achteten. Als der Abend vorgerückt war, zog Konstantin Natascha an sich und umarmte sie; er küßte ihren Nacken, sie wehrte sich kaum. »Was tun Sie?« sprach sie und fügte mit schwacher Stimme hinzu: »Ich habe Angst...« XIV Als er ins Hotel zurückkam, war es spät geworden. Sein Herz war beklommen, wie vor einem Unglück. »Sie muß schon zurück sein,« sagte er sich, »was wird sie nur gedacht haben, als sie mich nicht zu Hause fand?« Er öffnete die Tür zum Salon. Er war finster. Nur ein Lichtstrahl fiel durch die angelehnte Tür aus dem Nebenzimmer. Er ging in das beleuchtete Schlafzimmer. Ariane war nicht da, nur ihr Hut und Pelz lagen, unordentlich hingeworfen, auf dem Bett. »Was ist geschehen?« fragte er sich. Eine tödliche Angst ergriff ihn. Er fürchtete das Schlimmste. Er lief ins Badezimmer. Es war leer. Er rief ihren Namen, keine Antwort. Er ging in den Salon zurück und drehte das Licht auf. – Auf dem Diwan erblickte er Ariane, das Gesicht hatte sie in die Polster vergraben, die Haare gelöst. Sie war in ein schottisches Tuch gehüllt und lag zusammengekrümmt, wie ein kleines Kind, das von allen verlassen ist, ein Bild der Verzweiflung... Er kniete bei ihr nieder, wollte sie küssen; sie wandte sich ab. Er versuchte ihr Gesicht zu heben, sie widerstand. »Laß mich, laß mich. Ich will fort!« schluchzte sie. Da hob er sie auf und versuchte ihr in die Augen zu sehen, aber sie verbarg ihren Kopf an seinem Hals und als er sie ins Schlafzimmer trug, fühlte er warme Tropfen an seiner Wange. Sie weinte! – Er legte sie aufs Bett und bedeckte sie mit Küssen. Plötzlich sprang sie auf, begann ein klingendes Lachen und rief: »Gut gespielt. Nicht?« Er blieb erstarrt, während sie ihm mit spöttischer Stimme erklärte, daß sie jederzeit echte Tränen vergießen könne und daß sie, wenn ihre bornierte Familie sie nicht gehindert hätte zur Bühne zu gehen, eine unerhörte Karriere als Schauspielerin gemacht hätte. »Warum war ich so feig, ihn nicht anzuhören?« seufzte sie. »Er wollte mich zu sich nehmen, als seine Schülerin ausbilden. Ich wäre im Schauspielhaus aufgetreten. Heute könnte ich berühmt sein...« Eine Stunde später schlief sie, noch gekränkt, am äußersten Rande des Bettes ein. Aber am Morgen erwachte sie in den Armen ihres Geliebten. – Seit kurzer Zeit bemerkte Konstantin, daß das junge Mädchen traurig war; sie sprach ganze Abende nicht, las nicht und lag, in den Schal gewickelt, zusammengekauert auf dem Diwan. Wenn er sie fragte, sagte sie: »Es ist nichts. Kümmere dich nicht darum.« Wenn er weiter in sie drang, lehnte sie jede Erklärung ab, doch ließ sie durchblicken, daß sie von zu Hause unangenehme Nachrichten habe, daß es sich um materielle Fragen handle, die schwierig zu ordnen seien, die ihn aber nicht beträfen. Konstantin versuchte durch Aneinanderreihen ihrer flüchtigen Antworten das Geheimnis, das sie verbarg, zu erraten. Er erinnerte sich an ein Gespräch in der Krim und glaubte mehr denn je an eine rätselhafte dunkle Verkettung, in die Ariane geraten sei und bei der Geldfragen mitspielten. Eines Abends erfuhr er unerwartet die Wahrheit. Ariane hatte tagsüber abgelehnt auszugehen. Sie war schweigsam und feindselig gewesen und hatte Konstantin durch ein paar besonders unangenehme Worte verletzt, so daß er sie allein im Hotel ließ und mit einem Freunde auswärts speiste. Er kam bald nach Hause; sie lag auf dem Diwan, las Verse von Puschkin und sprach kein Wort. Sie waren zur Ruhe gegangen und suchten, in dem engen Bett nebeneinander liegend, den Schlaf. Plötzlich glaubte Konstantin ein verstohlenes Seufzen zu hören. Er rührte sich nicht. Ariane war von kleinen nervösen Zuckungen befallen, die sie vergeblich zu unterdrücken suchte. Wieder schnürte ihm ein unerträgliches Angstgefühl die Brust ein. Nächtliche Szenen fürchtete er mehr als alles. Sobald er die kecken Augen und spöttischen Lippen Arianes nicht mehr sah und nur die Frische ihres jugendlichen Körpers so nahe fühlte, war er ohne Kraft und fühlte sich jeder Feigheit fähig. Aber an diesem Abend war es ihm unmöglich einzuschlafen. Die gefürchtete Aussprache blieb unvermeidlich. Er nahm das Mädchen in seine Arme: »Was ist dir?« »Ich habe Kummer«, flüsterte sie, sich an ihn schmiegend. Er bestürmte sie mit Fragen. Sie wollte nicht antworten. »Nein, nein, ich kann dir nichts sagen. Wenn du die Wahrheit wüßtest, könntest du mich nicht mehr lieben. Fortjagen würdest du mich! Es ist eine schreckliche Sache.« Diese Worte brachten Konstantin außer sich. »Ach,« sagte er sich, »sie hat mich betrogen; ohne Zweifel. In einem Anfall von Wut hat sie sich nach einer unserer zahllosen Streitigkeiten irgend jemand an den Hals geworfen. Das bedrückt sie. Wenn ich nur die Kraft habe sie anzuhören. Gott soll mir Mut geben, daß ich mich von ihr trennen und allen diesen Qualen ein Ende bereiten kann! Wenn sie nur endlich sprechen wollte, damit ich sie aus meinem Herzen reiße!« Von widerstreitenden Gefühlen zerrissen, zitterte er doch auch wieder bei dem Gedanken, Ariane zu verlieren, und wollte die Entscheidung verzögern. Und gleichzeitig wieder brannte er darauf, die Wahrheit zu erfahren. Er bemühte sich; seine Geliebte zu beruhigen, sie zu überzeugen, daß er sie nur allzu gerne milde beurteilen werde und daß nur eine Lüge den Bruch unvermeidlich mache. Endlich brachte er sie so weit, zu beichten. Aber von Schluchzen unterbrochen, konnte sie nicht zusammenhängend sprechen. Er mußte Fragen stellen und mehr selbst erraten, als sie ihm zu sagen vermochte. Es handelte sich also doch in erster Linie um Geld. »Wovon glaubst du, daß ich hier lebe?« fragte sie. »Ich weiß nicht, du wolltest ja nie, daß ich davon spreche. Wahrscheinlich von dem, was deine Tante dir schickt, denn sie ist ja reich.« »Ich habe niemals eine Kopeke von meiner Tante gehabt.« Es folgte ein langes Schweigen. »Noch ein kleiner Vorstoß,« sagte sich Konstantin, von Schmerz zerrissen, »und ich werde alles wissen.« Endlich erzählte sie in kleinen, ihr mühsam abgerungenen Sätzen von den Streitigkeiten mit Vater und Tante im vergangenen Sommer und von ihrer Zuflucht, dem Ingenieur. »Ich dachte, – verstehst du das? – ich könnte, ohne etwas von mir selbst herzugeben, meine Unabhängigkeit erwerben und nur meinen Körper herleihen. Der Zweck, den ich erreichen wollte, rechtfertigte alles in meinen Augen. Ich habe mich nicht verkauft; wenn ich das gewollt hätte, würde ich ein Vermögen bekommen haben. Nein, ich selbst habe die Summe bestimmt, die ich brauchte, um hier zu leben, zweihundert Rubel monatlich. Wenn ich nur eine Kopeke mehr angenommen hätte, würde ich mich verachtet haben. So aber glaubte ich frei zu bleiben...« Nach und nach erfuhr er alle Einzelheiten, genau und klar. Die Anzahl ihrer Besuche, die streng bemessene Zeit, die sie in jenem kleinen Vorstadthaus verbrachte, ihre Verpflichtung, die ganzen Ferien zu Hause zu verleben. Bis zu dem Tage, an dem sie Konstantin begegnete, hatte sie ihre schreckliche Situation eigentlich nicht begriffen. Dann aber wollte sie nur ihm gehören. Aber der andere dort unten wartete auf sie. Sie mußte ihre Verpflichtungen einhalten und Zinsen zahlen ... Nach zweistündigem Fragen und Antworten flehte sie Konstantin unter Tränen an, er möge sie nicht mehr nach Hause reisen lassen, oder, wie sie es verdiente, gleich wegjagen. Konstantin war von Abscheu erfüllt. Er erstickte vor Ekel. Er fand nur einen Ausdruck und der erstarb auf seinen Lippen: »Welcher Schmutz! Welcher Schmutz!« Sie hatte zwischen sich und ihm eine unüberwindliche Mauer aufgerichtet. Wie konnte er sie jemals in seine Arme nehmen ohne zu vergessen, daß sie sich den Zärtlichkeiten eines Kranken überlassen hatte. Also war es zu Ende. Und doch war sein Herz voll Mitleid. Der Fehler Arianes war ein Irrtum in der Berechnung gewesen. Ihr Herz war unbeteiligt. Sie war ihm in dieser Stunde näher als je zuvor – in dieser Stunde des Abschieds. Seinem Gefühl entsprechend, über das er sich keine Rechenschaft geben konnte, drückte er sie an sich und versuchte, sie streichelnd, ihren Schmerz zu beruhigen. Er wollte zu ihr sprechen, aber er fand nur die Worte: »Arme Kleine, arme Liebste!« Und sie weinten zum ersten Male Arm in Arm, bis sie endlich, von Müdigkeit erschöpft, im grauenden Morgen einschliefen. XV In der Nacht, die der Beichte seiner Geliebten folgte, nahm Konstantin, als es dunkel war, das gleiche Gespräch auf. Mit vollendet gespielter Gleichgültigkeit fragte er: »Als du vergangenes Jahr diese Vereinbarungen trafst, warst du wohl kein unschuldiges Mädchen mehr?« Sie machte eine Bewegung, als wollte sie empört widersprechen. Dann sprach sie mit leiser Stimme: »Nein.« »Du hattest vor dieser Zeit einen Geliebten?« »Ja.« »Und war er der Erste?« Böse erwiderte sie: »Laß mich. Das kann dir gleich sein.« Aber Konstantin sprach kalt: »Du weißt ganz gut, daß es jetzt nichts mehr zu verheimlichen gibt. Und ich bin so weit, daß ich ohne die ganze Wahrheit zu wissen, nicht mehr leben kann. – Eines sag mir nur, dein damaliger Freund war also nicht der Erste?« »Nein, nein.« Konstantin tobte nicht, obgleich jedes Wort Arianes ihn wie ein Faustschlag traf. Er zählte im stillen: »Das waren also vier Geliebte: der erste ungenannt, der zweite vor Beginn des Dramas, der dritte der Bankier, der vierte ein Schauspieler. Außerdem jene die mir unbekannt sind, die ich aber noch erfahren werde, bevor ich sie verlasse. Achtzehn Jahre! – Sie hat wahrlich keine Zeit verschwendet und hat es auch verstanden ihr Brot zu verdienen. Ein hinreißendes Mädchen, aber – eine Dirne.« Indessen fuhr er fort, in der dunklen Nacht, die sie umgab, einen Arm um ihren zarten Körper gelegt, mit ihr zu sprechen; in ruhigem Tone, mit unschuldiger Stimme. Er selbst vermehrte und vertiefte seine Qualen; es schien, als verlangte ihn zu wissen, wie viel er ertragen könne. Er verglich sich einem Chirurgen, der von dem Willen besessen, einen schweren Fall zu studieren, an sich selbst eine gefährliche Operation vornimmt. »Ich verstehe nicht ganz, es gibt da noch einiges Dunkle, das mich interessiert. Erkläre es mir bitte. Als du in jenes kleine Vorstadthaus gingst, hast du mit deinem damaligen Freunde gebrochen? Oder gingst du dann auch noch zu ihm?« »Wie kannst du so etwas fragen!« gab Ariane verletzt zurück. »Als ich aus jenem Hause kam, war ich krank. Ich ging gleich nach Hause. Ich hatte Schüttelfrost, Olga Dimitriewna brachte mich zu Bett, sie küßte mich unaufhörlich. Pascha brachte mir Tee und weinte, ohne zu wissen warum. Ich bitte dich, frage nicht weiter, ich muß vergessen...« Der Weihnachtsabend kam, ohne daß Ariane Moskau verließ. Zwei Tage später fand Konstantin eine geöffnete Depesche auf Arianes Handtäschchen. Gedankenlos las er sie; es waren nur wenige Worte: »Wann treffen Sie ein? Das vereinbarte Datum ist überschritten.« Ariane war nicht da; er zerknüllte das Telegramm und warf es in den Papierkorb. Weihnachten! Ja, es war ja ausbedungen, daß sie die Ferien bei dem zu verbringen hatte, den sie ihren Bankier nannte. Sie hielt ihre Verpflichtungen nicht ein. Bei dem Gedanken, daß sie ihn hätte verlassen können, um jenes Häuschen aufzusuchen, knirschte er mit den Zähnen. Er sah sie dort in der Dämmerung vor jenem Häuschen. Die Türe wurde sofort geöffnet. Sie trat ein und nahm die Uhr ab, die er ihr geschenkt hatte. »Es ist sechs Uhr«, sagte sie. (Sie hatte ihm keine Einzelheit verschwiegen.) Er erstickte vor Wut und Ekel. Und doch, da er entschlossen war, mit ihr zu brechen, warum hatte er sie in Moskau zurückgehalten? War es nur ein Gefühl des Mitleides, durch die Verzweiflung des jungen Mädchens hervorgerufen? Was für eine sonderbare Schwäche ließ ihn ihr Verhältnis noch um einige Tage verlängern? Hatte er noch nicht genug gelitten? Er erinnerte sich des unwiderstehlichen Triebes, der ihn eines Tages zur Baronin Korting zog. Warum war er nicht bei dieser reizenden Frau geblieben? Er war zu Ariane zurückgekehrt. Gemeinsam waren sie in die Krim gereist. Selbst in New York, so weit entfernt von ihr, hatte er vor Freude gezittert, als ihn seine Gedanken und Geschäfte nach Moskau zurückführten. Dann folgte ein ganzer Winter grausamer Kämpfe, ein unbarmherziges Handgemenge... Und jetzt war das Maß voll. Sein Entschluß war gefaßt. Er konnte sie noch einige Tage bei sich behalten, aber er fühlte es genau, nachdem er die Geschichte des Vorstadthäuschens kannte, war es ihm unmöglich, mit ihr zu leben. Schon überlegte er eine Reise nach Petersburg. Er würde allein reisen und nicht mehr zurückkehren... Nur noch ein wenig Geduld, die nötige Zeit, um seine Angelegenheiten zu ordnen, vielleicht einige Wochen? Was liegt daran, er wird zu warten wissen. Übrigens, was fürchtet er in Zukunft? Ariane konnte ihn jetzt nicht mehr verwunden. XVI Am Silvesterabend waren sie zusammen außerhalb Moskaus bei Jahr. Ariane trank Champagner und war fröhlicher als in den letzten Tagen. Auf der Bühne sang ein Zigeunerchor fremdartige Melodien mit einem sprunghaften Rhythmus. Ihre näselnden Stimmen beschworen das Bild eines heißblütigen, sinnlichen Orients. Um Mitternacht nahm Ariane Konstantins Glas und reichte ihm ihres. »Mit wem wirst du nächstes Jahr Neujahr feiern? Mit wem ich? – Ach was, trinken wir.« Sie leerte hastig ihr Glas. Lange blieben sie in dem großen Saal, mitten im Lachen der Gäste und im Lärm des Orchesters. Ariane erzählte unempfindlich für alles, was ringsum geschah, gleichgültig gegen die gewechselten Küsse, gegen das Umarmen und Kosen auf allen Seiten, mit unendlich viel Liebreiz Geschichten aus ihrer wunderbaren Kindheit und aus der Zeit, da sie die Welt zu entdecken begann. Konstantin lauschte ihr zugeneigt. Als sie geendet hatte, sagte er: »Ich wünschte, daß ich dir damals begegnet wäre. Ich hätte dich entführt. Für mich hätten dich irgendwo im Verborgenen kluge, alte Frauen und ungefährliche, aber gebildete Männer aufgezogen. Sie hätten dich tanzen, singen, deklamieren und die Verse der Dichter gelehrt, sie hätten dich wie Esther drei Jahre in duftenden Kräutern gebadet, um dich dann als vollendete Jungfrau im Triumphzug zu meinem Ruhebett zu geleiten.« Sie zuckte unnachahmlich mit der linken Schulter. »Glaubst du, daß du mich geliebt hättest, wenn ich anders gewesen wäre, als ich bin? Du hättest mich als Erster gehabt, das wäre der ganze Vorteil gewesen, doch hättest du mich dann schnell verlassen.« Sie brachen auf. Die Nacht war kalt; es fror heftig. Sie bestiegen einen Schlitten und fuhren mit großer Geschwindigkeit, geschützt durch den gewaltigen Kutscher in seinem wattierten Pelz, gegen Moskau. Ariane lehnte sich an Konstantin. »Ich glaube, ich bin ein wenig berauscht. Voriges Jahr war ich am Silvesterabend in der Provinz. Ich hatte auch, wie heute, zuviel Champagner getrunken. Aber du warst nicht da, um auf mich acht zu geben.« Seine Fäuste ballten sich. Wieder fühlte er den krankhaften Wunsch, zu erfahren, was Ariane noch zu enthüllen hatte. »Der Champagner entschuldigt so manches. Wenn deine Geschichte lustig ist, erzähle.« »Nein, ich erzähle dir gar nichts mehr. Du verstehst mich nicht und du bist von einer schrecklichen Feierlichkeit zu mir.« Ohne weitere Worte kamen sie ins Hotel. Konstantins Nerven waren in Spannung. Während sie Tee tranken, nahm er Ariane auf den Schoß; er begann sie zu entkleiden, liebkoste sie scherzend und lachend. Dann auf seine fixe Idee zurückkommend, sagte er: »Beichte mir, du kleines Ungeheuer. Du erzählst so unvergleichlich von dir.« »In manchen Momenten glaube ich verrückt zu sein. Das erzählt man doch nicht. Ein Narr ist davon überzeugt, daß in allem, was er spricht und tut, eine strenge Logik sei. Wir kennen die verborgene Ursache nicht, die ihn lenkt; wir sehen nur den Effekt und erklären ihn für widersinnig. Trotzdem gehorchen auch die Narren einer besonderen Logik, vielleicht einer vollkommeneren, sicher einer uns fremden, die wir nicht beurteilen können...« »Oh, die kleine Philosophin!« scherzte Konstantin. Aber er fühlte sich wie ein Opfertier, das den Todesstreich des Priesters erwartet. »Sicher ist unsere Logik nicht starr«, setzte Ariane ernsthaft fort. »Wir handeln für gewöhnlich in bestimmter Art. Wir glauben uns zu diesem und jenem nicht fähig. Ein Glas Wein zuviel – und auf einmal ist alles umgewandelt. – Wir speisten am Silvesterabend mit jungen Leuten im Restaurant des Hotel London. Zigeuner wie heute, Wein, Champagner und diese Stimmung von da unten, die du nicht kennst, und die Gespräche, die mehr berauschen als aller Wein. Mitternacht war vorbei. Da tritt der schöne Wladimir Iwanowitsch in den Saal. Er kommt an unsern Tisch, setzt sich neben mich und trinkt, mir in die Augen schauend, auf das neue Jahr, das, wie er sagt, ihm sein Glück bringen werde. Ich verstand, was er meinte und antwortete, wie von einer Macht getrieben: »Auf das neue Jahr!« Im gleichen Moment, als er gesprochen hatte, fühlte ich, daß ich einer Versuchung nachgeben würde, die ich bisher immer erfolgreich bekämpft hatte, die aber jetzt unwiderstehlich schien. Seit zwei Jahren hatte ich sein begeistertes Lob von Tante Varwara anhören müssen; ein Übermensch unter den achtzehn Geliebten, die sie gehabt, war dieser Mann! Alle anderen waren nur Propheten dieses neuen Messias! – Kurz, das Lob, das ich in allen Tonarten von ihr hörte, begann mich neugierig zu machen. Ich war nicht in ihn verliebt, aber ich war begierig zu wissen, welche ungewöhnlichen Vorzüge er wohl wirklich haben könne. Es ist immer töricht, die Neugierde einer Frau zu wecken, denn wenn sie dieser Teufel einmal plagt, wozu wäre sie dann nicht fähig? Ich erinnerte mich an die Geschichte von der Büchse der Pandora... Wie ich dir erzählte, war der Doktor wahnsinnig verliebt in mich. Wenn er mir keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte, vielleicht wäre ich versucht gewesen, ihn zu fesseln. Nein, das einzige Verlangen in mir war, meine Neugierde zu befriedigen. Ich hielt eine Zwiesprache mit mir selbst und stellte mir die Frage, was mich denn davon abhalten sollte, meine Erfahrungen durch ihn zu bereichern? Was war an diesem Manne, den meine Tante als Wunder schilderte? Was konnte ich nicht alles von so einem unvergleichlichen Geliebten lernen? Das waren meine Argumente und trotzdem hielt mich irgend etwas zurück. Gewiß nicht die Befürchtung, meiner Tante Kummer zu bereiten. Sie würde von diesem kurzen Abenteuer nie etwas erfahren. So wenig wie du, wenn ich dich einmal, ein einziges Mal betrügen würde, du wüßtest nichts davon und es könnte dir darum nicht wehtun. Aber es war etwas Widerwärtiges, mit ihr gemeinsam einen Liebhaber zu haben. Schließlich war ich auch anderweitig versorgt. Kurz, ich hielt den Doktor fern. Und da geschah es nun mit einem Male, daß an jenem Abend, als er mit mir anstieß, jedes andere Gefühl als das der Neugierde in mir verschwand. Sofort sagte ich mir: Was für eine Dummheit! Wozu das alles? Für nichts und wieder nichts. Habe ich nicht das Recht zu tun, was mir gefällt und endlich dieses wunderbare Geheimnis zu durchdringen? Bitte beachte, daß ich nicht verliebter war als vorher; ich sah Wladimir mit den gleichen Augen wie an früheren Abenden. Nur gehorchte ich den Gesetzen einer neuen Logik, vor denen sich alles beugte. Den ganzen Abend war ich gegen ihn sehr abweisend, um so mehr, als er jetzt eine derart selbstbewußte Miene aufgesetzt hatte, daß ich mich wirklich ärgerte. Er lächelte überlegen zu meinen Frechheiten, ich hatte Lust ihn zu ohrfeigen. Nun, als wir aufbrachen, entführte er mich meinem Kavalier und setzte mich in seinen Schlitten. »Ich will noch spazieren fahren«, sagte ich. »Gut. Auf die Chaussee!« rief er dem Kutscher zu. Und wir glitten durch die kalte Nacht, ich halb in seinen Armen liegend, wie es so Sitte ist. Ich war wie gelähmt, willenlos und hatte doch eine sonderbare Geistesklarheit. Ich beobachtete mich mit lebhaftem Interesse, es kam mir vor, als wäre ich nur Zuschauerin im Theater. Er sprach nichts. Das einzige Wort, das er sagte, als wir schon einige Werst auf der Chaussee dahingerast waren, galt dem Kutscher: »Nach Hause«. Ich protestierte nicht. Wir kamen zu seinem Hause. Er hat eine kleine, separierte Wohnung, wo er seine Patienten empfängt, die vom Hause getrennt in einem Pavillon untergebracht ist. Wir traten ein. – Ach wie heiß war es da. Ich sprach und wunderte mich über den Klang meiner Stimme. – Es war zu hell.« Hier unterbrach Ariane ihre Erzählung. Konstantin schien es, als wäre sie sehr bleich. »Aber du erdrückst mich, ich kann kaum atmen«, sagte sie und versuchte sich loszumachen. Er bemerkte erst jetzt, daß sein Arm wirklich den Hals Arianes umklammert hielt, als wollte er sie erwürgen. Er gab sie frei. Ein Schweigen entstand. »Und dann?« fragte er. »Und dann kam, was kommen mußte, und ich begriff damals, daß Wladimir Iwanowitsch nicht mehr wert war, als alle andern – mit Ausnahme von dir natürlich« – fügte sie mit ironischem Lächeln hinzu, »und daß meine Tante...« In diesem Moment stieß Konstantin sie mit solcher Wut von sich, daß sie auf den Boden stürzte und ihr Kopf an das Tischbein anstieß. Sie blieb, wie sie gefallen war, als ein kleiner formloser Knäuel am Boden liegen und wurde von stoßweisem Schluchzen geschüttelt. Konstantin machte ein paar zögernde Schritte zu ihr, nahm dann Pelz und Pelzkappe und ging, die Tür hinter sich zuwerfend, hinaus. Erst um sechs Uhr früh kam er heim. Ariane schlief in eine Decke gehüllt auf dem Diwan. »Komm ins Bett«, sagte er mit harter Stimme. Sie schien sich widersetzen zu wollen. Er zog sie brutal herunter. Unterwürfig ging sie ins Schlafzimmer. Ohne ein Wort zu sprechen schliefen sie nebeneinander ein. Kaum einige Zentimeter trennten sie, doch schien ein unüberschreitbarer Abgrund zwischen ihnen. XVII Die Geschäfte hielten Konstantin noch einige Wochen zurück, in denen er mit Ariane zusammenblieb. Er fühlte nicht die Kraft, sich von ihr zu trennen, solange er in Moskau blieb. Er wollte am Tage des unvermeidlichen Bruches die Stadt verlassen und nach Petersburg fliehen. Den Charakter Arianes und ihren maßlosen Stolz kannte er genügend, um zu wissen, daß sie ihn sofort verlassen würde, wenn er bloß seinen Wunsch nach einem Abschluß ihres Verhältnisses äußerte. Sie wäre sogar imstande, noch am selben Tage einen andern Geliebten zu nehmen, um jede Rückkehr unmöglich zu machen, wenn sie derart in ihrem Stolz getroffen würde. Sie wird weder schreiben, noch anrufen, noch ihm nachfahren. Obzwar der Entschluß, sie zu verlassen, in ihm feststand, lebten sie in gleicher Vertrautheit weiter. Aber er betrachtete sie wie jemanden, der ihm sehr nahegestanden hatte und dessen Verlust unabänderlich war. In Gedanken an den Abschied und da er in seinem Geiste den Trennungsschmerz schon vorweg fühlte, sprach er mit größter Milde zu ihr. Er ereiferte sich nicht mehr, er war nicht mehr heftig zu ihr, er hatte nicht mehr jene trockene Kälte, deren er sich wie eines Schildes gegen sie bedient hatte. Sie hatten jetzt lange Gespräche ohne zu streiten. Er wie sie vermieden gefährliche Themen, beunruhigende Fragen und alle Worte, aus denen Funken springen konnten. Oft ließ er sich von ihrer Kindheit erzählen. Eines Abends als er auf eine unpassende Bemerkung sagte: »Wie schlecht wurdest du erzogen, kleines Mädchen«, erwiderte sie: »Du irrst dich, ich wurde überhaupt nicht erzogen. Wenn es dir Spaß macht, will ich dir erzählen, wie meine Kindheit verlief. Als ich klein war, hatten wir im Winter eine Wohnung in Rom. Meine Mutter war schön, elegant, umschwärmt. Ich lebte abgeschlossen mit meiner Erzieherin, einer Französin, Mademoiselle Victoire. Sie war ein altes Mädchen, eine Vierzigerin, fromm, gutmütig, ungebildet, allen meinen Launen untertan. Noch ganz klein war ich schon ein Wunderkind. Ich hatte ein so glänzendes Gedächtnis, daß ich alles nur einmal zu lesen brauchte, um es auswendig zu können. Und da sich niemand darum kümmerte, was ich tat, kannst du dir denken, wohin das führte. Ich hatte schon mit vier Jahren fast allein lesen gelernt. Ich erinnere mich, daß mir ein Buch über Chemie in die Hände fiel. Ich lernte daraus die erste Seite. Eines Tages fragte mich mein Vormund bei Tisch, als gerade einige Gäste da waren, was ich schon könne. Ich sagte sofort meine Seite Chemie herunter, ohne ein Wort auszulassen. Ich verstand natürlich nichts davon, aber die andern auch nicht mehr. Das war eine Verwunderung! Belohnungen und Komplimente nahmen kein Ende. Meine Mutter, die sich nie mit mir befaßt hatte, war ganz stolz. Später wurde ich auch immer, wenn Besuch da war, in den Salon gerufen. Fräulein Victoire zog mir ein weißes Kleid mit einem schönen Gürtel an, kämmte mich und ich hielt meinen Einzug. Ich mußte Märchen aufsagen. Die Damen umarmten mich, die Männer fragten mich aus. Nichts war mir widerlicher als die Küsse der gepuderten Damen. Wenn sie mich in ihre Arme nahmen, sagte ich: ›Nur schnell. Nicht auf den Mund und nicht naß machen.‹ Dann lachten sie alle. Bald fand ich es peinlich, wie ein dressierter Hund vorgeführt zu werden. Ich weigerte mich glatt, im Salon zu erscheinen. Großer Skandal. Mein Vater kam mich holen. Seine Bitten, seine Drohungen waren vergeblich. Ich klammerte mich an mein Bett und als er mich wegzuziehen versuchte, schrie ich so gellend, daß das ganze Haus zusammenlief. Es endete damit, daß man mich mit Fräulein Victoire in Frieden ließ. Wir machten lange Spaziergänge zusammen und ich führte sie in die schmutzigsten Viertel Roms. Das arme Mädchen fürchtete sich schrecklich, beschwor mich, umzukehren, bekreuzigte sich unaufhörlich und zog mich in die erste Kirche, an der wir vorbeikamen. Dort betete sie, um ihre Aufregung zu vergessen und opferte eine Kerze, während ich in der Kirche herumlief und mich damit unterhielt, im Seitenschiff auf einem Fuß von Stein zu Stein zu hüpfen. Später, als ich zehn oder zwölf Jahre alt war, hatte meine Mutter Verwendung für mich. Sie hatte sehr gut gefühlt, daß ich nichts als Verachtung für meinen Vater hatte und daß ich sie, obgleich keinerlei Vertrautheit zwischen ihr und mir bestand, doch niemals verraten würde. Warum hatte ich diese Gefühle gegen meinen Vater? Ich sah ihn selten, denn er war fast immer verreist. Ich erinnere mich, schon als ganz kleines Kind gespürt zu haben, daß er mich nicht lieb hatte. Er hatte eine komische Art mich anzuschauen. Er war sehr nett, behandelte mich aber wie eine Puppe. Wenn er zu meiner Mutter von mir sprach, sagte er immer: ›Diese Kleine‹ – ›Diese Kleine ist sehr gescheit.‹ – ›Diese Kleine ist merkwürdig.‹ Er war nie böse, aber er war wie ein Fremder, der wenige Monate im Jahr bei uns lebte. Einmal war ich Zeuge einer heftigen Szene zwischen meiner Mutter und ihm. Er war unerwartet aus Petersburg angekommen. Was fand er vor, das ihm nicht gefiel? Geheimnis! – Aber bei Tisch ärgerte er sich über eine Bemerkung meiner Mutter und überhäufte sie, aus mir unbekannten Gründen, mit Vorwürfen. Sie antwortete kühl. Da sprang er auf, warf seine Serviette auf den Boden und rief: ›Ich fahre weg und werde nie mehr wiederkommen.‹ – ›Gute Reise‹, erwiderte meine Mutter. Er küßte mich und ging fort. In diesem Augenblick fühlte ich Achtung für ihn; es schien mir, als hätte er sich wie ein Held betragen. Er reiste noch am selben Abend nach Paris. Nie hatte ich soviel an ihn gedacht wie damals. Er hatte seinen Entschluß durchgeführt. Ich bewunderte ihn vierzehn Tage lang, bis ich ihn plötzlich eines Morgens auf dem Bett meiner Mutter sitzend fand. Er war nachts angekommen. Mein Eintreten störte wohl. Sie lachten beide allzu laut und meine Mutter spielte mit einer Perlenkette, die er ihr mitgebracht hatte. Von diesem Tage an verachtete ich ihn. – Aber nicht davon wollte ich erzählen, sondern wie meine Mutter mich zu sehr geheimnisvollen Dingen verwendete, über die sie mit mir nicht weiter sprach. Ich war schon ein großes Mädel. Wir waren damals in Cannes und bewohnten eine Villa im Cottage. Ich ging jeden Morgen in die Stadt, wo ich Stunden nahm. Fräulein Victoire begleitete mich, zurück kam ich allein mit der Straßenbahn, weil ich es nicht duldete, immer von der guten Victoire eskortiert zu werden. Mama hatte, was mich wunderte, diese Einteilung erlaubt. Sie betraute mich sogar mit kleinen Besorgungen für sie. Ich war stolz darauf, mit zwölf Jahren meine Selbständigkeit erobert zu haben. Eines Tages sagte mir meine Mutter: ›Mach' einen Sprung zur Post und frage, ob ein Brief unter dieser Chiffre da ist.‹ Sie reichte mir ein kleines Stück Papier, auf dem ich las: ›X. B. 167, postlagernd.‹ Nach der Stunde ging ich zur Post und hielt mein Papier zum Schalter. Der Beamte, ein älterer Mann mit Brille, blickte mich an, schüttelte den Kopf und murmelte: ›Das ist wirklich eine Schande‹, nahm aus einem Fache einen Stoß Briefe, den er durchsah, um mir einen davon, schlecht gelaunt, hinzuwerfen. Ich brachte ihn Mama, die mich küßte und mir Schokolade gab. Das wiederholte sich dann regelmäßig. Sie sagte mir niemals, daß ich über diese Briefe mit niemand sprechen solle, aber ich fühlte wohl, daß das ein Geheimnis zwischen ihr und mir sei. Wenn mein Vater im Zimmer war, hütete ich mich, ihr den Brief zu geben. Einmal im Herbst war ich wieder auf der Post und wollte gerade zum Schalter gehen, als plötzlich mein Vater vor mir stand. ›Was machst du hier?‹ fragte er zärtlich. Ich erschrak einen Augenblick. Ich erriet sofort, daß er mich beobachtet hatte und Verdacht schöpfte, aber gleichzeitig begriff ich, daß er einen großen Fehler gemacht habe! Wenn er noch zwei Minuten gewartet hätte, wäre ich erwischt gewesen. Ich sagte mir: ›Welche Dummheit, das wundert mich nicht von ihm,‹ und antwortete: ›Ich will Marken kaufen.‹ – ›Aber zu Hause sind doch genug Marken.‹ – ›Vielleicht für dich und Mama, für meine Briefe kaufe ich die Marken selbst.‹ Er konnte nichts aus mir herausbringen. Mama sagte ich nichts davon. Wie hätte ich auch mit ihr darüber sprechen können, es war ja keinerlei Vertrautheit zwischen uns, wir waren nur Komplicen.« Sie machte eine Pause, trank einen Schluck Tee und zündete sich eine Zigarette an. Konstantin war still und traurig. Sie sah ihn an. »Willst du noch eine Episode hören, um das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir zu verstehen? Es war ein Jahr vor ihrem Tode, wir waren in Rom. Ich war eben dreizehn Jahre alt geworden. Ich sprach und schrieb ebenso gut italienisch, wie russisch. Eines Tages kam meine Mutter zu mir ins Zimmer, sie schien verlegen. Sie reichte mir einen von ihr geschriebenen italienischen Brief: ›Hör' mal, Kleine, hier ist ein Brief, den du korrigieren sollst. Ich schreibe mit einem Freunde zusammen einen italienischen Roman, einen Roman in Briefen. Du kannst besser Italienisch als ich. Darum mußt du mir helfen, nur die orthographischen Fehler ausbessern.‹ Sie ging und ich las den Brief. Es war ein wahnsinniges Liebesgestammel, in dem die Heldin an den Rausch vergangener Begegnungen erinnerte und eine neue erflehte. – Er war voll Fehler. Ich verbesserte den Brief und gab ihn abends, ohne ein Wort zu sagen, meiner Mutter zurück. Sie dankte und sprach nicht weiter davon. – Du kannst dir denken, daß ich nicht so dumm war, ihr Märchen zu glauben. – Ich erinnerte mich an einen Marineoffizier, der früher oft bei uns gewesen und dann verschwunden war. – Jetzt weißt du, wie ich erzogen wurde, mein Herr Kritiker. Wag' es noch, mir Vorwürfe zu machen!« Konstantin seufzte und schwieg. XVIII Während der Krise, die er durchlebte, besuchte Konstantin oft, wenn er erregt und unruhig war, seine Freundin Natascha. Er verließ die gewitterschwüle Stimmung des Hotel National und flüchtete in eine andere Welt, in der nur Sanftheit, Ruhe und Güte herrschten. Er meinte ohne das traurige Lächeln seiner Freundin Natascha nicht mehr leben zu können. In ihrer Nähe schien ihm der bevorstehende Abschied von seiner Geliebten, dessen Schmerz er fürchtete, leichter. Er speiste abends öfter bei ihr und machte vor Ariane kein Geheimnis daraus. Seit er zum Bruch mit Ariane entschlossen war, hatte sich sein Benehmen gegen sie verändert; er sprach freimütiger zu ihr und verbarg auch nicht seine häufigen Begegnungen mit der jungen Frau. Ariane hörte ihm gleichgültig zu. »Ich werde meine Freiheit benützen und mit einem Freund ins Theater gehen«, meinte sie. Am Abend saß er neben Natascha auf dem Diwan und plauderte mit ihr, während der Samowar auf dem Tische summte. Oft blieb Natascha einsilbig. Sie beobachtete Konstantin. Manchmal kam er mit wutverzerrtem Gesicht zu ihr, nervös, ermüdet, zynisch in seinen Worten; oft wieder war er lächelnd, liebenswürdig, Herr seiner selbst. – Sie erriet, daß sich ein Drama in ihm abspielte, bei dem sie ausgeschaltet war. Sie sprachen niemals von Ariane; nach einem stummen Einverständnis durfte sie zwischen ihnen nicht genannt werden, aber in ihren Gedanken lebte sie unaufhörlich. Im Laufe dieser ruhigen Stunden schloß Konstantin seine Freundin manchmal in die Arme und drückte seine Lippen auf ihre Schulter. Sie wehrte sich nicht; sie überließ sich seinen gefährlichen Zärtlichkeiten. Sie verlängerten mit Vergnügen eine zweideutige Situation, an der sowohl Konstantins Zögern, wie Nataschas Schüchternheit Gefallen fand. Konstantins Erstaunen war groß, als Natascha einst direkt fragte: »Lieben Sie Ariane Nikolajewna?« Es war dies kurz nach dem Silvesterabend und nach Arianes Erzählung über ihren Besuch bei Wladimir Iwanowitsch. Konstantin war davon noch ganz verstört. Bei der Frage, die ihm gestellt wurde, zuckte er zusammen. Es schien ihm, als wäre die Stimme, die er da gehört hatte, nur das Echo seines eigenen Gewissens. Er überlegte einen Augenblick und sagte dann mit ruhiger Gewißheit: »Nein, ich liebe sie nicht. Ich habe mit ihr gelebt, ich habe sie ganz gern, denn sie ist unglaublich begabt, geistvoll und leidenschaftlich. Aber aus gewissen Gründen, die ich Ihnen nicht erklären kann, weil ich sie selbst nicht begreife, hat sie in hartnäckigster Weise und mit teuflischer Kunst zu verhindern verstanden, daß Liebe zwischen uns entstehen konnte. Vielleicht liebt sie mich. Aber sie würde lieber sterben, als es auch nur erraten lassen. Ich hätte sie lieben können, doch sie wollte es nicht. Darum habe ich mich entschlossen, sie zu verlassen. Unsere Trennung steht nahe bevor, deshalb erlassen Sie es mir, davon zu sprechen. Sie wird wieder ihr Leben der Abenteuer und der Erfahrungen aufnehmen, das ich nicht romantisch nennen kann, denn niemals gab es ein kälteres Herz, einen in seiner Tollheit verständigeren Kopf, verbunden mit so glühenden Sinnen. – Und ich werde frei sein ...« wobei er sich zu Natascha beugte. »Teure Freundin, fragen Sie heute nicht weiter. Ich werde nach Petersburg reisen und nach meiner Rückkehr erlauben Sie mir, mich bei Ihnen einzuladen.« XIX Als er Natascha verließ, war es noch zeitig. Er ging zu Fuß zum Hotel. Das Gespräch mit Natascha hatte ihn darin bestärkt, den Bruch mit Ariane zu beschleunigen. Indem er die Gedanken, die ihn unaufhörlich bestürmten, laut in Worte faßte, wurde ihm klar, daß er sobald als möglich Schluß machen müsse. Seinen ganzen Groll gegen Ariane breitete er noch einmal vor sich aus. Wie sollte er das Leben mit einem so boshaften und zynischen Mädchen noch länger ertragen? Einem Mädchen, dem es Vergnügen machte, ihn zu quälen und ihn seine Nichtigkeit fühlen zu lassen und für das er schließlich doch nur einer unter allzu Vielen bleibt! Und welche unerhörte Künstlerin auf ihrem verwerflichen Weg, Künstlerin in dem Raffinement ihrer Grausamkeit, Meisterin in der Vollendung, mit der sie ihre giftigen Pfeile abschnellte! Allmählich redete er sich in einen grenzenlosen Abscheu gegen Ariane hinein, von der er sich ein Bild in den schwärzesten Farben ausmalte. So kam er nach Hause. Die Wohnung war beleuchtet, aber niemand war in den drei Zimmern. Erst im Badezimmer fand er Ariane und blieb ganz überrascht stehen, so wenig stimmte ihr Anblick mit der Vorstellung überein, die er sich eben von ihr gemacht hatte. Sie hatte einen losen Kittel an, wie ihn Schulkinder tragen, der nur bis zu den Knien reichte, und ihre offenen Haare fielen auf die Brust. Sie machte den Eindruck eines vierzehnjährigen, hochaufgeschossenen, frühreifen Mädchens mit lebhaften Augen und einem Mund, der schon zu küssen versteht. Sie warf sich ihm an den Hals und blieb wie ein kleines Kind an ihm hängen. »Wie spät du kommst! Schau, ich habe die Photographien entwickelt, die wir neulich aufnahmen. Du bist schön wie ein Gott, ganz Großfürst, einzig. Ich bin gräßlich wie immer, schlampig, zum Grausen! Nur das eine Bild von mir auf dem Diwan ist beinahe gelungen.« Sie reichte ihm eine Platte, die sie in der Stellung der Maja von Goya zeigte: in leichtem, seidenem Pyjama auf dem Diwan ausgestreckt, die Jacke offen und eine nackte Brust, rund und wunderbar modelliert, sichtbar. Konstantin lehnte verwirrt an der Tür, so heftig hatte ihn der Gegensatz der Ariane seiner Gedanken, die ihn auf dem Weg ins Hotel begleitet hatte, und diesem fröhlichen Kinde, das an seinem Halse hing, getroffen. Er betrachtete zuerst die Platte und dann das Mädchen und sagte launig: »Du bist mir als Schulmädchen viel lieber als auf dem Bild. Du siehst ja zwar wie ein Galgenstrick aus, aber man hat das Gefühl, daß man dir noch handgreifliche Belehrungen erteilen könnte, die dich vielleicht bessern würden.« »Versuch es doch, versuch es doch nur!« rief sie davonlaufend. »Niemand wagte es bisher, mich anzurühren.« Sie flüchtete in den Salon. Er folgte ihr. »Weißt du, ich habe noch nicht gegessen. Ich sterbe vor Hunger. Bestelle ein Nachtmahl, nachher erzähle ich dir Geschichten aus meiner Schulzeit.« Ein wenig später, als sie das Essen beendeten, begann sie ihre Erinnerungen aus der Schulzeit. »Wir hatten einen Geistlichen, bei dem wir Religion lernten. Er war ein reizender Mensch zwischen vierzig und fünfzig, mit einem großen Pfeffer- und Salzbart und blauen, lustigen Augen. Alle liebten wir ihn und er uns auch. Ich freute mich daran, ihm kitzlige Fragen zu stellen. Ich war damals vierzehn Jahre alt und verursachte einmal, als er uns die Geschichte von Adam und Eva erzählte, einen großen Skandal. Ich sagte ihm: ›Väterchen, erklären Sie mir bitte eine Sache, die ich nicht verstehe. – Am Anfang der Welt waren nur Adam und Eva und keine andern Menschen, nicht wahr?‹ ›Gewiß, mein Kind, so ist es.‹ ›Und ihre Söhne waren Kain und Abel, das weiß ich. Wie aber hatten diese vier zusammen Kinder? Konnten denn zu jener Zeit die Söhne sich mit ihrer Mutter verheiraten? wie unter den Pharaonen die Töchter mit dem Vater?‹ – Das war ein Gelächter in der ganzen Klasse und Väterchen wurde davon angesteckt und lachte, statt zu antworten, mit. Nur die Aufsichtsdame lachte nicht, die ging die Schulleiterin holen. Ich machte eine so unschuldige Miene, daß man mich nicht strafen konnte, aber von da ab war es uns verboten, über die heilige Geschichte Fragen zu stellen. ›Wunder‹, sagte die Schulleiterin mit ernstem Gesicht, ›sind eben Wunder und können nicht erklärt werden.‹ Das gute Väterchen trug mir nichts nach, wir wurden gute Freunde. Er erwartete mich zuweilen auf dem Gang und streichelte mir über die Wange oder nahm mich beim Arm. Ich kokettierte ein wenig mit ihm und warf ihm schmachtende Blicke zu. Eines Tages, als wir unsern Ball hatten, traf ich ihn wieder. ›Nun Kustnetzowa, heute abend werden Sie tanzen?‹ ›Kommen Sie mit, Väterchen, und ich werde mit Ihnen den Ball eröffnen.‹ – ›Ich kann nicht, mein Kind,‹ seufzte er, ›wir gehen auf keine Bälle.‹ – ›Also können Sie nicht tanzen. Wollen Sie, daß ich Sie unterrichte?‹ und ich reichte ihm die Hand. ›Ich konnte es einmal,‹ sagte er, ›aber ich habe alles vergessen.‹ Er hatte meine Hand genommen und einen Arm um mich gelegt. ›Und diese schreckliche Soutane.‹ ›Bah, sie ist nicht länger als mein Rock.' Und ich fing an die ,Troika' zu trällern. Und sieh da, Väterchen beginnt sich langsam mit mir im Arm zu drehen. Als er niederkniete, kehrte sein Rock den ganzen Staub vom Boden. Man hörte das Geräusch einer geöffneten Tür; er hielt plötzlich ein: »Welche Narretei!« rief er und lief lachend davon. Ach der reizende Mann, der liebte mich wirklich. – Er hatte dann genug Sorgen. Seine Tochter, ein Jahr älter als ich, eine große Hopfenstange mit einem häßlichen Gesicht, war die Ursache. Sie hatte wundervolle Formen und zeigte sie sehr freigiebig. Geliebte nahm sie, wie ein Mann Mätressen nimmt, und abends trank sie immer zuviel. Sie bändelte mit einem alten Schauspieler an, und stell dir vor, als er die Stadt verließ, ging sie mit ihm. Alle Leute sprachen davon und die Stellung von Väterchen war gefährdet. Aber die Leiterin des Gymnasiums, Frau Znamenskaja, verteidigte ihn und ließ ihn im Amt. – Ich glaube dieses Unglück hat ihn zum Trinker gemacht.« Sie verbrachten einen reizenden Abend. Ariane ließ alle möglichen Szenen aus der Schulzeit vor ihm aufleben. Konstantin kannte schließlich fast alle Solisten, um die eine Menge Statisten wimmelte. Er staunte über die künstlerische Gestaltungskraft, mit der Ariane die Gefährten ihrer Kindheit vor ihn hinzauberte. Eine ganze jugendliche Welt begann nach dem Gebot dieser Zauberin vor ihm zu leben, füllte das Zimmer und ihre Schatten wirbelten noch ein paar Augenblicke, nachdem Arianes Worte verklungen waren, um ihn her, um erst dann in das Dunkel zurückzugleiten, aus dem sie sie gerufen hatte. Konstantin sprach zu Ariane: »Die Stadt, die ich in ganz Rußland am besten kenne, ist die, in der du als Kind lebtest und die ich nie betreten habe.« XX An anderen Tagen aber schien es, als wäre das junge Mädchen von einem Dämon besessen. Zwar machte sie keine ›Szenen‹ im gewohnten Sinne des Wortes; sie sprach kein lautes Wort und sie erhob keine Vorwürfe. Sie hatte eine verfeinerte Art in der Kunst der versteckten Anspielungen, angedeuteten Hintergedanken, im Überhören, Schweigen, Verheimlichen, darin, alles das erraten zu lassen, worüber sie angeblich nichts sagen wollte. Auf diese Weise machte sie unerwartete Enthüllungen aus ihrem früheren Leben und den Erfahrungen, zu denen ihre Neugier und die »Sinnlichkeit ihrer Natur« sie getrieben hatten. Diesen Ausdruck pflegte sie zu gebrauchen und hatte Konstantin erklärt, daß man ebenso das Recht habe die Sinnlichkeit zu entfalten, wenn man dazu die Veranlagung hat, wie Wesen, die ein Gehirn haben, ihre Intelligenz zu entwickeln und wie bleichsüchtige Mädchen ihre Sentimentalität zu pflegen. Oft fand sie Lust daran, in der zynischesten Weise über die gegenseitigen Beziehungen der Geschlechter zu dozieren; das Recht auf volle Freiheit in der Liebe war eines ihrer beliebtesten Themen. »Man kann es deutlich erkennen, daß es die Männer waren, die die Welt nach ihrem Geschmack und zu ihrem Vorteil eingerichtet haben, sie haben ihr Sitten aufgezwungen, die nur ihnen passen und haben mit Gewalt und List eine öffentliche Meinung erzeugt, die uns, was immer wir tun mögen, ihre Sklaven sein läßt. Ich bin keine Frauenrechtlerin im modernen Sinne des Wortes, die Frauenfrage mit der Politik zu vermengen, scheint mir sehr dumm. Was wir schon erreicht haben werden, wenn unsere Vertreter in der Duma sitzen! Ich glaube, daß wir unsere wahren Rechte erst dann besitzen werden, wenn mit allen Vorurteilen aufgeräumt sein wird, die uns stärkere Fesseln auferlegen, als alle geschriebenen Gesetze. Ich habe viel nachgedacht und ich will dir sagen, worin ich die große Ungerechtigkeit erblicke ...« »Erlaube ...« unterbrach Konstantin. »Lach mich nicht aus, du wirst gleich sehen, wo ich hinaus will. – Don Juan gilt den Männern als der unsterbliche Held, weil er tausendunddrei Frauen eroberte; er ist stolz darauf; all sein Glanz und Ruhm stammen daher. Aber eine Frau, die tausendunddrei Geliebte gehabt hatte, wie würde man von der sprechen? Sie gälte als die gemeinste Kokotte. Nur Verachtung würde man für sie fühlen. Wenn sie nicht berufsmäßige Dirne ist, wird ihre Familie sie als hysterisch in eine Anstalt sperren lassen. Siehst du, das ist die höchste Ungerechtigkeit, gegen die ich kämpfen will. Solange ein solches Vorurteil besteht, werden wir euch niemals ebenbürtig sein können. – Wenn wir Frauen ein Verhältnis haben, muß es ein Geheimnis sein; die Männer aber sprechen ungeniert von den Frauen, die sie ›gehabt‹ haben und wir sind verurteilt uns zu verstecken. Warum? Sind wir weniger freie Menschen als ihr? Haben wir nicht auch, wie ihr, das Recht, unsere Vergnügungen dort zu suchen, wo wir sie finden? Die Männer haben ein Interesse daran, viele Mätressen zu besitzen, die ihnen treu bleiben sollen. Daher haben sie den Verführer in der Kunst, in der Poesie und Literatur verherrlicht und den Frauen, die mehrere Liebhaber haben, den Stempel des Verächtlichen aufgedrückt. Das ist der Punkt, an dem unser Kampf einsetzen muß; die Moral der Frau statt der Moral des Joannes! Daran arbeite ich.« Konstantin blickte sie an, sie hatte sich beim Reden ganz erhitzt. Er fühlte eine leise Unruhe in sich aufsteigen: das Gewitter begann zu grollen. Er beging aber die Unvorsichtigkeit, ihr zu widersprechen und warf ein: »Es handelt sich darum zu wissen, was man will. Willst du, daß deine Freunde dich lieben? Wenn ja, dann empfehle ich dir, nicht jedem von ihnen von den Freuden zu erzählen, die du in den Armen seines Vorgängers genossen hast.« »Und warum?« »Weil du, kleines Mädchen, sie abstoßen wirst und sie dich verlassen werden.« »Und wenn ich trotzdem und über all dies hinaus geliebt sein will? – Du kennst mich doch, glaube ich, und weißt, daß ich, gleich dir, nur das schwer Erreichbare liebe, und daß ich, wie du, keine Gefahr fürchte. Nun gut, ich will meine Erfolge keiner Lüge verdanken. Einen Mann zu betrügen, ihm einzureden, daß man niemals vorher einen anderen geliebt, daß er es sei, der die ersten Seufzer des Glückes von unseren Lippen küßte – ach wie erbärmlich! Fühlt denn ihr euch verpflichtet, solche Vorspiegelungen zu machen? Hast du mir ähnliche Märchen erzählt, als du mich kennen lerntest? Warum also soll ich mich so erniedrigen? – Ich will so geliebt sein, daß man mich nimmt, wie ich bin, mit allen Fehlern, die in mir sind, mit meiner ganzen Vergangenheit, und will man das nicht, schön, so möge man's bleiben lassen! Keine Träne werde ich dem nachweinen, der mich verläßt!« Die letzten Worte waren in herausforderndem Tone gesagt, wobei sie Konstantin, eine Antwort verlangend, voll ins Gesicht sah. Er schwieg einen Augenblick und sagte dann ausweichend: »Viel Sophistik ist in dem, was du sagst, und ich hasse Sophismen. Ich rechne nicht mit dem, was in dreitausend Jahren sein wird. Ich stehe in der Gegenwart und lebe mit meinen Zeitgenossen. Wenn eine Frau mich nicht glücklich zu machen vermag, verlasse ich sie, um eine andere zu suchen. Das ist bedeutend einfacher, als den Lauf der Welt ändern zu wollen.« Ariane war erbleicht, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, ihr Blick wurde starr. »Der Mann ist nur stark, weil wir schwach werden. Wenn wir einmal unsere Kraft zeigen, dann werden die Rollen vertauscht sein. Du hast mich doch nicht verlassen, obgleich ...« »Ariane, ich bitte dich, lassen wir das.« »Nein, sprechen wir uns einmal offen aus. Es schwebt etwas Bedrückendes, etwas Unklares zwischen uns; es muß endlich alles herausgesagt werden, ohne vor den Folgen zurückzuschrecken. Immer habe ich versucht, die Wahrheit zu sehen und immer hast du mich gehindert. Heute wird zu Ende gegangen, komme was da will.« Konstantin hatte sich erhoben. Er stand vor Ariane, die ihn haßerfüllt anblickte. »Nun gut, so fordere ich dich auf, mir zu sagen, wie viele Verhältnisse du hattest.« Das junge Mädchen zögerte ein wenig, dann riß die Stimmung sie fort und sie erwiderte: »Du willst es wissen, gut, heute werde ich nicht ausweichen. So höre denn: Der Erste nahm mich, als ich sechzehn Jahre alt war. Ich liebte ihn nicht, aber ich wollte das kennenlernen, womit man uns die Ohren vollraunt. Am nächsten Tage habe ich ihn hinausgeworfen, ich konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. – Der Zweite? ich glaubte ihn zu lieben, aber ich täuschte mich. Er war ein Narr, der mir zu Füßen lag und weinte. – Den Dritten kennst du – das kleine Haus in der Vorstadt. Vor meiner Reise nach Moskau tröstete ich mich in den Armen eines Studenten, der mich anbetete. Hier kannte ich den Schauspieler. Am Silvesterabend – erzählte ich dir schon, nahm mich der Geliebte meiner Tante zu sich. Im Zug, der mich zurückführte, verstand es ein junger Offizier, der mich seit zwei Jahren liebte und sich in meinen Waggon geschmuggelt hatte, mich für einige Stunden zu gewinnen. Nie sah ich ihn wieder. Und dann kamst du, der Achte. Deine Herrschaft dauert länger, als die aller andern zusammen. Bewundere deine Macht und sonne dich in deinem Ruhm. Jetzt weißt du alles. Wenn wir weiter zusammen bleiben, hast du nichts Neues mehr zu erfahren. Entscheide!« Ein langes Schweigen entstand. Konstantin machte ein paar Schritte, zündete sich eine Zigarette an, trank heftig eine Tasse Tee und sprach endlich mit kaltem, höflichem, müdem Ton: »Ich sehe ein, daß ich mich entschuldigen muß, dich so lange für mich mit Beschlag belegt zu haben. Aber ich werde nicht weiter den Lauf deiner Erfolge hemmen. Übermorgen reise ich nach Petersburg. Eine Woche bleibe ich dort. Ich denke, daß dir diese Zeit genügt, um unter deinen Freitagfreunden den neunten Geliebten auszuwählen, der das Kommen des Zehnten einleiten wird.« Er drückte auf den Glockentaster, dem er sich während des Sprechens genähert hatte. »Warum läutest du?« »Sofort wirst du es wissen.« Ein Kellner trat ein. »Lassen Sie hier auf dem Diwan ein Bett herrichten.« Ariane verschwand im Schlafzimmer. Eine Stunde später ging er durch, um in das Badezimmer zu kommen. Sie lag im Bett, das Gesicht zur Wand gedreht. Als er zurückkam und in den Salon gehen wollte, rief sie ihn an: »Konstantin ...« »Du wünschest?« Sie kehrte ihm ihr armes, kleines, in Tränen gebadetes Gesichtchen zu und streckte ihm die Arme entgegen: »Verzeih mir. Ich hätte nicht so sprechen sollen. Ich weiß nicht, was mich getrieben hat. Ich konnte einfach nicht mehr ...« Er näherte sich ihr. »Wie sollte ich dir böse sein? Du hast mir viel gegeben. Nie werde ich's vergessen. Weiß ich denn selbst...? Hab ich unrecht? Hast du recht? – Wir waren glücklich zusammen ... und jetzt ist es vorbei... Leb wohl, kleines Mädchen.« Er nahm sie in die Arme und küßte sie andächtig auf die Stirne. Sie klammerte sich an seine Schultern und flüsterte, ihn mit Küssen bedeckend: »Bleib.« Er küßte sie nochmals und riß sich los. »Nein, nein, verzeih mir. Aber ich kann nicht.« – Und er flüchtete. XXI Am nächsten Morgen erwachten sie müde und zerschlagen, wie nach einer schweren Krankheit. Ariane war bleich und stumm. Lautlos glitt sie durch die Zimmer. Sie frisierte sich eben, als Konstantin ausgehen wollte. Schon hatte er die Hand an der Klinke. »Du sagst mir nicht adieu?« Er näherte sich ihr und drückte gedankenlos seine Lippen auf ihre Stirn. »Du bist mittag zu Haus?« »Nein, ich habe zu tun.« »Aber abends?« »Ich bin eingeladen ...« »Das ist ausgeschlossen. An unserem letzten Abend ...« Tränen, die sie nicht mehr zu verbergen suchte, strömten aus ihren Augen. »Gut,« sagte er gleichgültig, »wo willst du essen?« »Hier. Ich bin heute zu häßlich. Du hast mich zum Weinen gebracht. Ich bin sonst ...« Er ging fort. Nachmittags bemerkte er auf der Marschallsbrücke Ariane Nikolajewna, von einem Mediziner begleitet. Er hatte ein wehes Gefühl, das er nicht unterdrücken konnte: »Mein Nachfolger«, dachte er. Er betrachtete ihn genau. Ein junger Mann, glattrasiert, blond, ungleiche Züge, intelligenter Kopf. Er sprach eifrig. »Acht Tage wird er sich halten«, sagte sich Konstantin. Ariane war schön; mit ihren vor Kälte geröteten Wangen, ihren glänzenden Augen und dieser gewissen Ungezwungenheit in der Haltung, die nur ihr eigen war und die eine ungezügelte Lebenskraft verriet. Sie sah Konstantin nicht, der unbeweglich stehen geblieben war und ihr nachblickte. Als das Paar im Gedränge verschwunden war, wandte er sich mit einem Ruck ab und murmelte: »Vorwärts.« Er war nachmittags bei einer Sitzung und hatte bis abends keine freie Minute. Trotzdem fand er Zeit, Natascha anzurufen. Er plauderte eine Weile mit ihr, kündigte seine Reise nach Petersburg an und seine baldige Rückkehr. »Bereiten Sie ein würdiges Festessen für meine Rückkehr vor, der Abend muß feierlich begangen werden. Ich werde an den Ufern der Newa viel an Sie denken. Vergessen Sie mich nicht.« Abends ging er zu Fuß nach dem Hotel zurück. Er war sehr müde und fürchtete diese letzten Stunden mit Ariane. Wieder sollte er kämpfen und war doch so müde und seine Kräfte waren erschöpft. Er öffnete die Tür seiner Wohnung mit dem Gefühl eines Tierbändigers, der den Käfig einer jungen, ungezähmten Tigerin betritt, die ihn zitternd erwartet. Ariane Nikolajewna hatte eine sehr geschmackvolle Toilette für den Abend gewählt: ein seidenes Pyjama von leuchtendem Blau mit einem breiten, kirschroten Gürtel und Ballschuhe mit hohen Stöckeln. Am Hals war die duftige Jacke tief dekolletiert und zeigte einen Ausschnitt ihrer jugendlichen Brust. Die offenen Haare waren durch ein Band von gleicher Farbe wie das Pyjama im Nacken gehalten und fielen von dort frei über Rücken, Schultern und Brust. Über dem Ähre steckte eine blutrote Rose. – Sie war in sprühender Laune, die Ereignisse des Vortages schienen verlöscht, kein Morgen drohte ... »Gefalle ich dir?« fragte sie, sich kokett mit Kavaliersgesten nähernd und machte eine tiefe Herrenverbeugung vor ihm. Konstantin betrachtete sie überrascht. Das war eine ganz neue Ariane, die da vor ihm stand als verwirrender, übermütiger Knabe, als berückender Page, der einem Drama Shakespeares zu entstammen schien und dessen geschwungenen Lippen gleich ein Hagel von sprühenden Worten entströmen mußte. Konstantin entzückte der Gedanke, daß diese Verkleidung eine ganz unerwartete Stimmung für den letzten Abend geben werde. »Du bist entzückend. Ich werde sofort Kaviar und Champagner bestellen.« Ariane spielte ihre Rolle wundervoll. Sie war überschäumend von Geist und Fröhlichkeit. Mit einem Male beugte sie sich zu Konstantin und fragte schmeichelnd: »Bitte, sag' mir, Großfürst, ich bitte dich, später einmal, wenn du vergessen haben wirst, wie schlimm ich war, und du zurückkommst, wirst du mich einmal zum Souper einladen? Oh, bloß zum Souper, weiter nichts. – Schau, du wirst noch vielen Frauen begegnen; tausend Vorzüge werden sie haben, die mir fehlen; sie werden gut, unterwürfig, zärtlich, treu sein, – treu bin ich eigentlich auch, da ich dich nie betrogen habe – vielleicht auch schöner als ich. Aber, beachte es wohl, was ich dir jetzt sage, mit allen wirst du dich langweilen und noch gerne an das kleine Scheusal denken, das dich fast ein Jahr in Moskau quälte. Und noch etwas«, sie flüsterte fast in sein Ohr, so nahe hatte sie sich zu ihm gebeugt. »Glaubst du, daß du meine heiße Jugend so bald vergessen wirst? Findet sich das so bald wieder?« »Du hast recht, ich werde dich nicht vergessen können, denn in dir ist eine gepfefferte Mischung vom Besten und Schlechtesten, nach der alles andere ohne Geschmack sein wird.« »Und doch müssen wir uns trennen. Es wäre wirklich zu lächerlich, wenn zwei Menschen wie du und ich, die für tausend Abenteuer geschaffen sind, wie zwei Eheleute lebten. Aber, weißt du, bevor wir Abschied nehmen, muß ich dir ein großes Geheimnis anvertrauen, ein Geheimnis, das ich auf der ganzen Welt nur dir sagen kann und das du niemals verraten darfst, sonst müßte ich vor Scham sterben. Schwöre mir das.« »Ich schwöre alles, was du willst!« beeilte sich Konstantin zu versichern, der in der Abschiedsstimmung nochmals von dem leidenschaftlichen Verlangen gequält war, ein wenig weiter in das verschlossene Herz des Mädchens einzudringen. »Gut, ich werde es dir morgen sagen. – Morgen, auf dem Perron, wenn die drei Glockenschläge verklingen, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und jede Möglichkeit der Rückkehr vorbei ist. Und wenn ich zu diesem Geständnis im letzten Augenblick keinen Mut habe, werde ich dir schreiben. Das verspreche ich dir.« Vergeblich versuchte Konstantin Ariane gleich zum Sprechen zu bringen. Er konnte weiter nichts aus ihr herausbringen, als das feierliche Versprechen, daß er endlich das Geheimnis erfahren werde, dessen Enthüllung ihr schon lange auf der Zunge brannte. Im stillen zerbrach er sich den Kopf, um zu erraten, was das junge Mädchen ihm zu enthüllen haben könne. Den unerhörten Stolz und das Selbstbewußtsein Arianes kennend, glaubte er bald die Fährte gefunden zu haben, die ihm Klarheit gab. Sie liebte ihn, würde aber lieber sterben, als sich durchschauen lassen; sie liebte ihn und hatte ihn immer geliebt, das war das Geheimnis, das sie nicht früher als in der Stunde der unwiderruflichen Trennung ausliefern konnte. Die Gewißheit erfüllte ihn nur noch mit dumpfer Freude. »Also,« dachte er, »habe ich doch einen Sieg erfochten. Sie kämpfte mit einem Lächeln auf den Lippen und der Wunde im Herzen und sie gibt sich besiegt. – Dies unbezähmbare Mädchen hat seinen Meister gefunden. – Und trotzdem ist alles zu Ende zwischen uns. Sie hat meine Liebe unmöglich gemacht.« Und Konstantin verabscheute sie in dieser Stunde. Sie schliefen, zum letztenmal vereint, ein. XXII Am nächsten Morgen, es war ein grauer Februartag, erwachten sie spät. – Konstantin stand zuerst auf. Erst als er angekleidet war – es war elf Uhr vorbei – entschloß sich Ariane, das Bett zu verlassen. Sie setzte sich auf einen Sessel, mit dem Rücken zu Konstantin, der vom Hintergrund des Zimmers ihre reizvolle, kindliche Silhouette bewunderte, die sich im dünnen Hemd vom fahlen Licht des Fensters abhob. Und ganz in ihre Beschäftigung versunken, einen Seidenstrumpf zu untersuchen, an dessen Ende sie ein Loch entdeckt hatte, ohne ihre Stellung zu verändern, mit einer klanglosen Stimme, als bäte sie ihn, dem Zimmermädchen zu läuten, sprach sie zu ihm: »Was hilft es dir eigentlich, daß du klüger und gebildeter bist als andere? Weißt du es wirklich nicht, daß ich unberührt zu dir kam und mich vorher keinem Mann gegeben hatte?« Diese Worte fielen in die Stille des Zimmers. Konstantin war es, als setze sein Herz aus, als wäre der Raum, plötzlich von strahlender Glut erleuchtet, ins Unendliche gewachsen. – Er meinte umzusinken. In derselben Sekunde, da er ihre Worte vernahm, verstand er, daß dies endlich die volle Wahrheit sei. Die Erinnerung an ihre erste Nacht leuchtete wie ein Blitz in seinem Gedächtnis auf, er hörte eine kindlich-demütige Stimme zittern: »Aber ich wehre mich ja nicht.« Er erinnerte sich auch des unverständlichen Widerstandes, der roten Spuren auf dem weißen Bett. – Aber er brauchte diese Erinnerung, diese Beweise nicht. Eine höhere Wahrheit hatte sich durchgesetzt und alle Zweifel vertrieben, wie das Licht die Nacht verdrängt. Überwältigt von der Gewalt der Empfindungen, die ihn bestürmten, schwankte er; er vermochte weder zu sprechen, noch Ariane ins Auge zu sehen. Wie sollte er jetzt ihren Blick ertragen? Er brauchte Einsamkeit, freie Luft, Bewegung. Mit Anstrengung nur machte er die wenigen Schritte bis zur Türe und verließ das Zimmer. XXIII Ziellos, gedankenlos irrte er durch die Stadt. Er ging langsam, die Hände in die Taschen seines Pelzes vergraben, hatte den Kopf gesenkt oder blickte auf das Gewirr der Straße, ohne zu erfassen, was er sah. In der Sadowaja stand er lange vor einem gestürzten Pferde, das sich vergeblich mühte, wieder auf die Beine zu kommen. Erst der kalte Wind, der sein Gesicht brannte, weckte ihn aus seiner Erstarrung und er nahm seine Wanderung wieder auf. Das Bild Arianes, ihre unbekleidete Silhouette am Fenster stand ihm noch vor Augen. Sinnlos wiederholte er immer wieder ihre Worte und der tote Klang ihrer Stimme lag ihm im Ohr. An der Wahrheit ihrer Worte zweifelte er jetzt ebensowenig wie vorher; eine Tatsache kann man nicht leugnen! Aber diese Wahrheit war ihm wie der brennende Dornbusch, in dem Gott sich Moses offenbarte: sie blendete und versengte; er konnte weder ihren Glanz, noch ihre Glut ertragen. So schloß er die Augen und flüchtete bestürzt, wie ein von der Sonne überraschter Nachtvogel. Er betrat den Kreml und kam in die Kathedrale, die er langsam durchwandelte. Im Gesicht einer byzantinischen Heiligen entdeckte er plötzlich die schwarzen, langgeschwungenen Augenbrauen Arianes. Wieder stand sie vor ihm! Ein lähmender Duft von Weihrauch stand zwischen den Mosaikwänden. Er meinte zu ersticken und eilte hinaus, ins Freie. Auf der die Moskwa beherrschenden Terrasse, nahe beim Monument Alexanders II., begann er plötzlich ein lautes Selbstgespräch. »Ha, wie ich dich jetzt kenne, du kleines, blasses, überlegenes Kind! Jetzt weiß ich, welcher Rausch von Herrschsucht dich aus dem Gymnasium in die Separees des Hotel London und bis zu dem Vorstadthaus führte. Dein Blick, dessen Gewalt ich kenne, hat die Wünsche der Männer verlöschen lassen. Aber durch welches Wunder hast du dich selbst beherrscht und deinen Hunger nach Zärtlichkeit solange betäubt, um ihn erst in meinen Armen zu stillen? Du, die in einer heißblütigen Stadt des Südens lebte! Rings um dich fanden und trennten sich die Paare, Tante Varwara singt dir das Lob ihres Geliebten, und du, kleine Ariane, die nur mir gehörte, hieltest dich rein! Triumph deines Stolzes, der dich rettete, um dich meinen Küssen aufzubewahren!« Ein Schwarm krächzender Raben, die gerade über seinem Kopf flogen, entriß ihn kurze Zeit seinen Gedanken. Er verfolgte die Bewegungen ihres Haufens, der sich von den weißen Dächern abhob. Kreischend machten sie ihre Schwenkungen, um dann hinter den Häusern zu verschwinden. Er nahm seinen Monolog wieder auf. »Am ersten Abend unserer Begegnung weiß sie sich schon verloren. Der Boden, den sie gewohnt war als Siegerin zu betreten, schwankt unter ihren Füßen. Dieses stolze, selbstbewußte Mädchen fühlt sich einem Manne verfallen, dem sie erst gestern begegnete, der sie nicht liebt, sie wie ein Spielzeug nimmt und zynisch einige Stunden ihres Lebens als Zeitvertreib in seiner Verbannung beansprucht. Ich war's, der keinerlei Illusionen aufkeimen ließ! Ohne jede Beschönigung und ohne Heuchelei waren meine Worte, nichts konnte gefühlloser sein, als der Vorschlag, den ich ihr damals machte. Trotzdem denkt sie an keinen Widerstand mehr, sie weiß, ihr Schicksal ist ihr begegnet; aber wie sie sich in dieser Stunde verachten mußte, wie sie gerungen haben mag! – Sie ist geschlagen, sie ergibt sich. – In dieser höchsten Stunde begreift sie plötzlich, daß ihr nur noch eine Wahl geblieben ist: die Demütigung vor mir oder vor sich selbst! – Sie zögert nicht, den schwersten Weg zu wählen, aber den einzigen, nach dem sie, ohne vor sich selbst schamlos zu sein, noch weiter leben konnte und ihre Selbstachtung, ihren Stolz bewahrt. So gab sie sich mir, dem Vorüberziehenden, für die kurzen Wochen meines Aufenthaltes als das leichtfertige, gefällige Mädchen, das ich in ihr suchte, die von Mann zu Mann ihrem Vergnügen lebt. Sie findet sich darein, von mir als flüchtige Bekanntschaft behandelt zu werden, die man eines Abends bei sich aufnimmt, um sie des Morgens zu verabschieden. Ja, aber nur um diesen Preis vermag sie sich zu retten, sich den Rückzug zu sichern, der ihr ein weiteres Leben möglich macht, ein verstecktes Kämmerlein zu behalten, in dem sie sich ungebrochen wieder findet. Was kümmert sie alles andere, was der Geliebte und seine Meinung von ihr? Sie lügt und sonderbar, sobald sie ihren Entschluß gefaßt hat, versteht sie es, mich mit so vollendeter Kunst zu täuschen, daß die krassesten Tatsachen mir nicht die Augen zu öffnen vermögen. Und doch hat das arme Kind eine Sekunde der Schwäche – sie bleibt nicht Herrin ihrer Stimme. In dem Augenblick, da ich mich bemühe, meinen Sieg zu vollenden, stammelt sie, wie ein erschrockenes Kind – und sie ist in diesem Moment nichts anderes – ›Aber ich wehre mich ja nicht.‹ Und ich ahnte nicht, welch schreckliches Drama sich in ihr abspielte! Blind und taub war ich. Erst heute sehe ich klar, jetzt erst, Ariane, verstehe ich die Beschwörung deiner Stimme...« Er stand noch auf der Terrasse, vom Wind bedrängt und sprach, mit den Händen seine Worte begleitend. Die wenigen Vorübergehenden blickten ihn verwundert an, blieben stehen und gingen schließlich kopfschüttelnd weiter. Plötzlich wurde er ruhiger und zog seine Uhr. Man erwartete ihn in seinem Büro. »Sollen sie warten.« Und er nahm seinen Irrgang wieder auf. Von einem undurchdringlichen Himmel fielen spärliche Flocken harten Schnees und wurden vom Winde herumgewirbelt. Er hörte nicht auf, an Arianes Lüge zu denken. In einer Erleuchtung hatte sie deren Notwendigkeit erkannt und sich mit ihr zu einer schwindelnden Höhe erhoben. Sie dort oben zu sehen, verursachte ihm eine Beklemmung, wie man sie fühlt, wenn man einem Artisten mit den Augen folgt, der hoch in der Kuppel der Manege eine Übung wagt, die ihn das Leben kosten kann. Aber das Wunder lag in ihrem Heldentum, mit dem sie diese halsbrecherische Übung fast ein Jahr lang im täglichen Beisammensein wiederholte. In der unaufhörlichen Vertrautheit ihres Verkehrs wußte sie diese Lüge aufrecht zu erhalten und im Wechsel der Tage und Nächte stets zu befestigen. Mit der Tiefe ihrer Liebe wuchs die Kunst ihrer Verstellung, weil sie in ihrem Stolz die Kraft fand, einen unmöglichen Kampf mit sich selbst auszuhalten. Sie sah die unheilvolle Wirkung ihrer Taktik bei ihm: er wurde heftig, er brachte sie zum Weinen und vielleicht verhinderte ihr abscheuliches Bild, das sie selbst ihm aufgedrängt hatte, seine Liebe zu ihr. Sie hatte alles ertragen, selbst diesen Gedanken, selbst alle Erniedrigungen, aber trotz ihrer Angst, ihrer Tränen – im geheimen triumphierte sie: je tiefer er sie demütigte, desto höher wuchs sie. Indessen aber verbrannte sie an der Glut ihrer eigenen Kämpfe. Sie liebte. Der Liebe entrinnt man nicht, einmal geweckt, erfüllt sie das ganze Wesen. Die Liebe war es, die jetzt ihrem Stolz an die Kehle sprang, um ihn zu Boden zu strecken. Jedes Schwanken in diesem monatelangen Kampf zeigte sich ihm mit blutigen Spuren, denn die Niederlagen, die sie in diesem Ringen gegen sich selbst erlitt, rächte sie an Konstantin. So konnte er die dramatische Steigerung in diesem Konflikt erkennen und aus seinen Erinnerungen wieder aufbauen. Da war die Geschichte vom Vorstadthäuschen eine Etappe, unerträglich in ihren Zweideutigkeiten; dann die noch verwerflichere von dem mit Varwaras Geliebten verbrachten Silvesterabend und schließlich, als Höhepunkt, die trockene Aufzählung aller, die sie einen Monat, eine Nacht, oder ein paar Stunden besaßen. Und das war auch das Ende; ihre Kräfte sind verbraucht, ihr übermenschlicher Stolz, der sie vorwärts trieb, ist gebrochen; sie kann nicht weiter lügen. – Ein mächtigeres Gefühl beherrscht sie, nur die Liebe lebt noch in ihr. So kam das Bekenntnis, die einfache, nackte Beichte, ohne Geste, ohne Unterstreichung, packend, ergreifend allein durch den Zwang zur Wahrheit, die sie enthüllte. – Erschüttert steht Konstantin vor diesem tragischen Konflikt; er folgert aus dem bewiesenen Heldentum dieses kleinen Mädchens auf die unermeßliche Gewalt ihrer Liebe, die sie an diesem Morgen gezwungen hatte, sich ihm auszuliefern. – Plötzlich sprangen seine Gedanken verwirrend in anderer Richtung und seine erregten Worte schrie er in die eisige Luft: »Hätte ich es gewußt! Ach, hätte ich es doch gewußt! – Ariane, was hast du mir angetan!« Er erschrak vor dem Klang seiner eigenen Stimme und verstummte vor der Fülle neuer Gedanken, die ihn bestürmten. – Er sah eine Ariane, wahr und vertrauend vom ersten Tage. Wie hätte er sie zärtlich gehegt. – Mit welch sanfter Geduld hätte er die Erschließung dieses stolzen Herzens und dieses schlummernden Körpers erwartet. Welch wundervolle Gefühle wären zwischen ihnen gekeimt. – Wenn er sie endlich genommen hätte, wie anders... Statt dessen hatte der unerbittliche Wille Arianes ihn gezwungen, sich gegen sie zu wehren, zu verteidigen; wütend hatte er gekämpft, um nicht zu lieben, um sich nicht an sie zu verlieren. »Oh,« sprach er dumpf, »warum hast du mich getäuscht? Wie könnte ich vergessen, wie nochmals beginnen? Zu spät. – Vorbei, vorbei.« Verzweifelt klang seine Stimme. »Nur was geschlummert hat, läßt sich wieder erwecken, nicht ein Gefühl, das nie zum Leben kam ...« und von maßloser Bitterkeit erfüllt blieb er stehen und schaute ratlos um sich. Und plötzlich fragte er sich, warum er nicht zu ihr ging, zu Ariane, die seine Rückkehr erzitterte, die nach einem Wort von ihm bangte ... Ein unsagbarer Schmerz zuckte in seinem Herzen. Er fühlte, ohne die Gründe dafür zu untersuchen, daß es ihm unmöglich sei, seine Geliebte wiederzusehen. Wie sollte er ihr in die Augen schauen? Was ihr sagen? – Zu den leidenschaftlichen widersprechenden Gefühlen, die in ihm kämpften, gesellte sich noch ein dumpfer, aber heftiger Zorn gegen Ariane; denn jetzt, da er sie in ihrer wahren Gestalt erkannt hatte, verabscheute er sie erst recht. Wieviel Bosheit und Schlechtigkeit mußten in ihr stecken, ihr die Kraft zu geben, ihn so lange zu martern! Eine wahrhaft teuflische Lust hatte sie an seinen Qualen gehabt; grausam und gefühllos war sie nur auf Rache bedacht gewesen. Oh, dieses Weib, dieses unfaßbare Konglomerat von Liebe und Haß, von Ehre und Lüge, von Treu und List! Wie abscheulich und – wie erhaben zugleich! – Aber auch er ist am Ende seiner Kräfte. Dieses eine Jahr täglicher Zusammenstöße hat ihn zermürbt. Welche Freude kann ihm die Erkenntnis, daß sie unberührt gewesen, heute noch geben? Nur noch neue Leiden. Er sieht sie stets nur, wie sie selbst sich ihm zeigte, die alten Wunden bluten weiter. Er fühlt nur Eines: flüchten, – endlich allein sein, diese Hölle vergessen. Ja, heute abend noch abreisen. Aber er muß sein Gepäck aus dem Hotel holen ... Er wird es im letzten Moment tun. Vielleicht hat sie es aufgegeben, auf ihn zu warten und wird ausgegangen sein. – Er wird ein paar Zeilen zurücklassen, daß er verreist und gewiß zurückkehrt. Aber niemals wird er sie wiedersehen. Er blickte um sich. Er war vor dem Hause Nataschas. »Es ist kein Zufall, der mich herführte«, dachte er. Im Augenblick, da er eintrat, wußte er, was er tun würde. Er kam, um mit ihr zu brechen; mit dem Verlassen Arianes verzichtete er auch auf Natascha. Er sah es in seinem Geiste wie ein Gesetz, das sich aufdrängt und keine Erklärung zuläßt. – Eine Stunde später verließ er das Haus und seine Freundin, die weinend zurückblieb. Ein plötzlicher Umschwung seiner Stimmung war erfolgt. Er war ruhig, dachte an seine Reise, an seine Geschäfte. Er fuhr in sein Büro. Hier fiel ihm ein, er müßte fragen, was aus Ariane geworden. Er wollte sie anrufen ... Sie konnte ihm keine Schmerzen und kein Glück mehr bringen. Doch im letzten Moment hielt er ein. Warum sollte er sie eigentlich vor seiner Reise nicht noch sehen? Warum nicht mit ihr essen, einfach wie mit jemand, dem man einst nahestand und der einem gleichgültig geworden? Er rief einen Boy und übertrug ihm eine mündliche Botschaft: »Du wirst wörtlich ausrichten, merke dir gut, was ich dir sage: Konstantin Michael sendet Ihnen, Ariane Nikolajewna, seinen Gruß und bittet Sie, heute abend mit ihm zu speisen. Er reist um zehn Uhr.« Als der Bote zurückkam, fragte Konstantin barsch: »Was tat Ariane Nikolajewna? Was war ihre Antwort?« »Ariane Nikolajewna telephonierte eben. Sie lachte am Apparat. Sie hielt ein, um mich anzuhören und sagte: ›Gut.‹ Dann sprach sie weiter.« Ehe Konstantin noch seine Wohnung betrat, wußte er, daß ihn das Wiedersehen Arianes in keiner Weise mehr erregen werde. Er grüßte sie ungezwungen, aber küßte sie nicht. Er bemühte sich, weder zu sprechen, noch zu schweigen. Er war bis ins Innerste erstarrt, gefühllos. Ariane war nicht lustig und nicht traurig, nicht gefühlvoll, nicht zynisch. Sie half ihm seine Papiere und sein Gepäck vorzubereiten. Bei Tisch sprachen sie höflich über gleichgültige Dinge. Sie erkundigte sich nicht, wann er zurückkäme, auch die Frage ihrer Wohnung im Hotel wurde nicht berührt. Nachher, als er seinen Koffer schloß, reichte sie ihm Brötchen, die sie selbst für die Reise vorbereitet, in weißes Papier verpackt und mit einem blauen Band gebunden hatte. Sie begleitete ihn zur Bahn, ordnete Bücher und Zeitungen im Coupé, reichte ihm seine Reisekappe und stellte noch eine Rose, die sie aus ihrem Gürtel nahm, in ein Glas. Dann erwarteten sie beide auf dem Perron das Zeichen zur Abfahrt. Konstantin hatte seinen Arm unter den ihren geschoben. Mechanisch schritt er auf und ab, sein ausdrucksloser Blick ruhte starr auf den Steinfliesen. Er sprach nicht. Er war so unsagbar müde, er vermochte gar keinen Gedanken zu fassen. Ariane streifte ihn mit heimlichen Blicken. Gewohnt, in seinen Zügen zu lesen, hatte sie aus seiner Blässe und aus den nervösen Falten um seine Augen erkannt, welch fürchterliche Krise er durchmachte. Aber würde er denn kein einziges Wort für sie finden? Wird er so von ihr gehen, sie so allein in der Nacht stehen lassen? Auch sie schwieg, wagte keine Frage zu stellen, kein Wort zu sagen. Minuten verstrichen, Angst preßte ihr Herz. Die Spannung zwischen ihnen erreichte ihren Höhepunkt. Es schien, als könne nichts mehr dieses Schweigen brechen, in das sie sich versenkt hatten und das ihre Trennung für alle Ewigkeiten besiegeln würde. Die drei Glockenschläge ertönten, der Pfiff der Lokomotive antwortete. Konstantin umarmte stumm das junge Mädchen. Er stand jetzt aufrecht auf der ersten Stufe des Trittbrettes. Der Zug setzte sich zögernd in Bewegung. Ariane schritt mit versagenden Kräften neben seinem Waggon, sie kämpfte gegen eine Ohnmacht. Ihr todwunder Blick hob sich noch einmal zu ihrem Geliebten, er sah die Tränen aus ihren Augen brechen. Plötzlich umklammerte er den Handgriff, neigte sich vor, riß Ariane mit dem freien Arm an sich und trug sie ins Coupé. Die Türe fiel hinter ihnen zu. Er ließ sie auf die Polster gleiten und sank vor ihr in die Knie. »Was tust du?« stammelte sie. »Das ist Wahnsinn ...« »Sei still! Ich bitte dich, sei still!« Und wortlos riß er sie in die Glut seiner Küsse ...