Paul Schreckenbach Um die Wartburg Roman aus dem Mittelalter I. Ein scharfer Morgenwind strich durch das breite Tal der Saale, über dessen dichten, wallenden Nebelschleiern die Türme und Dächer der Stadt Weißenfels emporragten. Die Tore waren geschlossen, denn die wehrhaften Bürger lagen noch im besten Schlummer, aber das laute Krähen der Hähne kündete schon den jungen Tag, und ein rosenroter Schein über der Hügelkette im Osten zeigte die Stelle an, wo in Kürze die Sonne ihren Lauf beginnen wollte. Um diese Stunde kamen zwei Männer den breiten Pfad herabgeritten, der von der Burg Werben zu Tal führte. Sie trugen beide Panzer und Schwert, aber im übrigen hatten sie sich's bequem gemacht. Die Lanzen und die schweren Topfhelme waren zwei berittenen Knechten anvertraut, die in eines Speerwurfs Entfernung folgten. Die Herren selbst hatten nur kleine, zierlich gestickte Lederkappen zum Schutze gegen die Morgenkühle auf ihre Häupter gestülpt. Unter der einen dieser Kappen schimmerte schneeweißes Haar hervor, die andere bändigte mühsam eine ungewöhnliche Fülle goldblonder Locken. Der ältere der beiden Ritter gähnte mehrmals aus tiefster Brust. Er legte sich dabei nicht den geringsten Zwang auf, es klang zuletzt wie das sanfte Heulen und Brummen eines Bären. Dann wandte er dem neben ihm Reitenden sein bartloses, gutmütiges Antlitz zu und sagte halb scherzend, halb verdrießlich: »Ihr gehört zu einer Zunft, Märten Helldorf, die mir ganz unleidlich ist, Ihr seid ein Frühaufsteher. Bei Sankt Niklas, das hat Euch der Teufel geheißen, daß Ihr mich vor Sonnenaufgang aus den Federn aufstörtet! Den ganzen Tag werden das meine alten Knochen spüren, denn sie sind dessen seit Jahren nicht gewohnt.« Es folgte ein neues, noch gewaltigeres Gähnen. Der junge Ritter lachte. »Es wird sobald nicht wieder vorkommen, Heinz Gartolf,« erwiderte er, seinen langen rötlichen Schnurrbart zwirbelnd. »Aber, sagt selbst: Was wollt' ich machen? Ich komme gestern Abend von Pforta, wo meine edle Frau auf der Reise nächtigt, vor das Tor des Klarenklosters und will melden, daß meine Herrin, die Markgräfin Else, heute heranreitet, das Kloster zu besuchen. Da lassen mir die Unken vom Tor aus zuschreien: ›Nach Untergang der Sonne kommt kein Mannsbild mehr ins Kloster!‹ Und das Fenster wird zugeschlagen, und ich stehe da, und wie ich auch fluche, kein Mensch kümmert sich um mich. So mußte ich auf Eurer Burg nächtigen und sobald es anging, wieder nach dem Kloster reiten, denn die gnädige Frau steht mit der Sonne auf, und in wenigen Stunden wird sie da sein.« Der Alte antwortete zunächst nur durch ein Gebrumm. Dann sagte er, sich vorsichtig nach den Knechten umblickend, mit gedämpfter Stimme: »Eure Kunde, Helldorf, ist mir heute noch so verwunderlich, wie sie mir gestern war. Meißen und Pleißnerland sind in der Hand König Albrechts, und es kann kaum noch eine Woche dauern, so rückt sein Heer in Thüringen ein. Das größte Ungewitter zieht sich über unserm Herrn, dem Markgrafen Friedrich, zusammen – und siehe, da fährt sein Gemahl von der Wartburg aus und sucht das Kloster der frommen Schwestern in Weißenfels auf! Könnt Ihr das deuten? Wie reimt sich das?« »Da fragt Ihr mich zu viel,« gab der andere zurück. »Ich weiß nichts, gar nichts. Meine Herrin hat den schönsten, aber auch den verschwiegensten Mund in ganz Thüringen.« Der Alte schüttelte den Kopf. »Und Ihr könnt Euch auch nichts zusammenreimen, wo Ihr doch als Marschalk täglich um sie seid? Sonst höre ich Euren anschlägigen Geist rühmen.« Helldorff warf ihm einen schnellen Blick von der Seite zu und entgegnete dann kühl und nicht ohne Schärfe: »Es ist nicht meine Weise, in den Mienen der Herrin nach ihren Gedanken zu spähen und mir aus halben Worten etwas zurecht zu deuten. Und fänd' ich etwas heraus, was sie mir hehlen wollte, so seid sicher, daß ich es keinem sagte. – Auch nicht dem Treuesten der Treuen,« fügte er rasch hinzu, als er sah, daß sich des Greises Angesicht bei seinen Worten merklich verdüsterte. »Zu denen könnt Ihr mich gewißlich rechnen!« rief der Ritter Gartolf, und in seinen Augen leuchtete es auf. »Ich ward des Markgrafen Schenk, als er noch ein halber Knabe war, und habe mit ihm gestritten gegen weiland König Adolf von Nassau, und als die Heiligen den König siegen ließen, war ich zwei Jahre mit meinem Herrn im Elend. Drum hat er mir auch dies Burglehn gegeben, da er wieder zu Land und Leuten kam, denn Hofdienst kann ich freilich nicht mehr leisten, und im Felde würden mich meine zweiundsechzig Jahre allzusehr hindern. Aber die Burg halte ich ihm, wenn der König heranzieht, solange die Ringmauern feststehen!« Der junge Ritter hatte der Rede Gartolfs des Schenks nur mit halbem Ohre zugehört, da sie ihm nichts Neues kündete. Seine Gedanken weilten offenbar ganz wo anders, und seine Augen sahen aus, als ob sie in weite Fernen blickten. Aber bei den letzten Worten des Alten wandte er ihm voll sein Antlitz zu und streckte ihm die Hand hin. »Ihr sprecht, wie es einem treuen Manne ziemt,« sagte er warm. »Dächten alle wie Ihr, die unseres Herrn geschworene Mannen sind, auch die Jungen und Starken –, wahrlich, dann könnte Markgraf Friedrich dem König mit stattlichem Heere im Felde begegnen. Aber sie stehen fast alle beiseite. Unsers Herrn Bruder selbst, Herr Diezmann, sitzt in Leipzig und ist froh, daß der König ihn nicht angreift und nicht sein Osterland begehrt. Keine Hand rührt er um Thüringen, wo er doch Miterbe ist. Er glaubt nicht, daß jemand diesem Könige widerstehen kann, und freilich ist Albrecht der Österreicher dreimal mächtiger als das Gräflein von Nassau, das vor ihm die Krone trug. Dazu sagen sie von ihm, er sei hart wie ein Demant, und er hat's bewiesen. Von den großen Herren in Thüringen hebt keiner sein Schwert für unsern Herrn, und die von den Rittern und Lehnsmannen treu sind, die kann ich Euch an den Fingern meiner Hand herzählen. Es sind die Werthern, Witzleben, Schlotheim, die Schenken von Vargula, die Thüna und Wangenheim. Dazu Hermann von Goldacker, der hochwerte Mann. Die sind zu dieser Zeit unseres Herrn Schutz und Beistand, sonst niemand.« »Herrgott!« entfuhr es dem Alten, »wie will da der Herr Markgraf dem Könige widerstehen!« »Er traut allein noch auf die Mauern seines festen Schlosses Wartburg. Dort will er den König erwarten. Es bleibt ihm sonst nur die Flucht mit Weib und Kind oder auch ohne Weib und Kind zu seinem Schwäher nach Kärnten. Aber ich denke, er ist's müde, in der Fremde zu weilen.« Gartolf schüttelte tief bekümmert sein Haupt und brummte Undeutliches vor sich hin. Mit einem Male fuhr er auf und faßte seines Begleiters Arm mit eisernem Drucke. »Helldorf!« flüsterte er. »Steht es so mit unserm Herrn, so weiß ich, warum sein Gemahl nach Weißenfels reitet. Sie sucht eine Zuflucht hinter heiligen Mauern, weil sie am Glücke ihres Eheherrn verzweifelt.« »Meint Ihr?« fragte Helldorf und richtete sich hoch auf. »Da irret Ihr gewaltig. Glaubte die edle Fürstin unsern Herrn in Todesnot – wahrlich, sie wäre die letzte, die sich von ihm löste. Enthaltet Euch der Deutungen, Freund, wie ich tue. Sie führen zu nichts. Im übrigen sind wir ja wohl am Ziele unseres Rittes.« Sie waren durch eine Furt der Saale geritten, die zur jetzigen Sommerszeit so niedrig stand, daß die Flut kaum die Knie ihrer Rosse erreichte. Vor ihnen traten in geringer Entfernung die weiten, massigen Gebäude des Klarissenklosters vor Weißenfels aus dem Nebel hervor. Darum ließen sich die beiden Herren ihre Helme von den Knechten aufsetzen und festbinden und klopften einige Minuten später an das Tor des mächtigen Wirtschaftshofes, der, von Wall und Graben miteingeschlossen, dem Kloster im Westen vorgelagert war. Ein weißhaariger Torwart öffnete auf der Stelle, und als er den Ritter Gartolf erblickte, neigte er sich ehrerbietig. »Wollen die Gestrengen eine kleine Weile Geduld haben,« sagte er. »Die heilige Messe ist eben vorüber, und unsere hochwürdige Domina wird gleich durch die Tür dort treten, um nach den Kranken zu sehen.« Er deutete dabei nach dem stattlichen Siechenhause des Klosters, das in einer Ecke des Hofes stand. Dann nahm er ihnen die Pferde ab und geleitete die Gäule und die Knechte nach dem Stalle. Die beiden setzten sich auf eine Bank unter eine uralte Linde, deren Keim wohl schon zur Sorbenzeit hier in die Erde gesunken war. »Ich lobe die Geschleierten, wenn sie Gutes tun und Barmherzigkeit üben,« bemerkte Helldorf. »Nicht überall in den Klöstern kümmern sie sich darum; oft sind die Nönnlein mehr als alle weltlichen Weiber nach irdischen Freuden gelüstig.« Gartolf seufzte. »Da habt ihr recht. Die Zucht der Geschorenen und der Geschleierten ist oftmals greulich. Dieses Kloster aber ist ein Edelstein, der seinesgleichen nicht hat in allen deutschen Landen. Die Frau Domina, unseres Herrn Base, ist eine strenge und eifrige Frau und hält die Schwestern nach der Regel. Und eine ist da unter den Schwestern, die ist so heilig wie die heilige Landgräfin Else, zu der wir flehen, daß sie uns eine Fürbitterin sei beim Herrn des Himmels. Sehet, dort hinter dieser Mauer lebt die frömmste Frau in Thüringen, die Tante unserer Herrin, die Gräfin Elisabeth von Orlamünde. Sie verläßt ihre Zelle nur, wenn sie in der Kirche die Messe hört. Sie nimmt kaum noch irdische Speise zu sich und lebt fast nur vom Leibe des Herrn. Sie kasteit und geißelt sich oft am Tage, manchmal sogar in der Nacht. Darum hat sie auch schon Kranke gesund gemacht durch Auflegen ihrer Hände, und als sie im vorigen Winter zum Sterben krank war, da trug der Rosenstock unter ihrem Fenster mitten im Schnee viele rote Rosen, zum Zeichen, daß sie gesunden solle. Mehr noch sagt man von ihr,« fuhr er geheimnisvoll fort. »Sie soll gewürdigt sein, die Großen des Himmels in Gesichten zu sehen. Sankt Franziskus ist ihr oft erschienen, Sankt Peter dreimal, die allerheiligste Jungfrau fünfmal. Und die Himmlischen künden ihr zuweilen, was in der Zukunft geschehen wird. Doch was schwatze ich und erzähle Euch, was Ihr ohne Zweifel längst schon wißt! Das ganze Land ist ja voll davon. Ihr müßt Geduld haben mit dem Alter, es macht geschwätzig.« Helldorf wollte eben den Mund zu einer höflichen Antwort öffnen, als die Domina ins Freie trat. Sophie von Landsberg war nur von mittlerer Größe und trug als einziges Abzeichen ihrer Würde ein goldenes Kreuz auf der Brust. Aber ihre Haltung war die einer Fürstin, und jeder Zug ihres strengen Antlitzes zeigte, daß sie gewohnt war, zu befehlen. Die beiden Ritter sprangen sofort auf, und Helldorf stattete seine Meldung ab. Zu seinem Befremden bemerkte er, daß sich die Züge der Domina bei seiner Botschaft keineswegs freudig verklärten, sondern daß sie erschrak und sich verfärbte. Oder schien ihm das nur so? Ihre Stimme klang doch völlig ruhig und unbewegt, als sie ihn fragte: »Und Ihr wisset nicht, was Eure Herrin bei uns sucht?« »Ich weiß es nicht,« erwiderte er. »Ich kann nur berichten, daß die gnädigste Frau in wenigen Stunden hier sein wird.« »Führt sie großes Gefolge mit sich?« »Vier ihrer Frauen sind bei ihr und sechzig Spieße als Geleit.« »So viele? Warum?« »Mein Herr, der Markgraf, will, daß sein Gemahl sicher reist.« Die Domina blickte ihm, ohne etwas zu entgegnen, einige Augenblicke wie prüfend ins Gesicht. Dann sagte sie kühl: »Es ist gut. – Wulf,« wandte sie sich an den herantretenden Klostervogt, der ihr folgte, »führe die Herren in das Losement und sorge für einen Morgenimbiß. Ihr, Marschall Helldorf, werdet in einer halben Stunde Bescheid erhalten!« »Bescheid?« fragte der Ritter erstaunt. »Ich brauche keinen. Ich habe Euch die Ankunft meiner Herrin gemeldet – wessen bedarf es weiter?« Aber es ward ihm keine Antwort mehr. Die Domina hatte sich bereits abgewandt und trat in das Kloster zurück, ohne noch ein Wort an ihn zu richten. Verdutzt schaute er ihr nach und folgte dann seinem Gefährten. Noch hatten sie das Haus nicht betreten, das die Zimmer für die ritterlichen und fürstlichen Gäste barg, als der scharfe, schrille Ton einer Glocke an ihr Ohr schlug. »Die hochwürdige Domina versammelt den Konvent,« erklärte der alte Vogt. »Die Glocke ist das Zeichen.« Er öffnete eine Tür, die in ein gewölbtes Gemach zu ebener Erde führte. »Wollet Euch hier niederlassen. Ein Imbiß und ein Krug rheinischen Würzweines wird bald zur Stelle sein.« Helldorfs Miene entwölkte sich sichtlich. »Das ist das beste Wort, das ich bis jetzt in diesem Kloster gehört habe,« sagte er. »Wisset, mein Hals gleicht einem ausgedörrten Schlauche.« Er ließ sich auf einen der schweren eichenen Schemel nieder, die vor dem Tische standen, und schaute befriedigt auf die hohen Trinkgefäße aus Zinn, die der Alte vor ihm und seinem Begleiter aufstellte. Inzwischen ging es in den inneren Räumen des Klosters zu, wie in einem aufgestörten Bienenschwarm. Konvent zu dieser Stunde? Das war ja noch nie dagewesen. Sicher hatte sich irgend etwas Großes, Wunderbares ereignet, oder dem Kloster drohte eine Gefahr. Neugierig und aufgeregt huschten die frommen Schwestern von allen Seiten durch die hochgewölbten Kreuzgänge und eilten dem Konventsaale zu, in dem trotz des hellen Sonnenscheins draußen ein mattes Dämmerlicht herrschte. Die Domina setzte sich auf ihren erhöhten Äbtissinnenstuhl und ließ ihren scharfen Blick langsam im Kreise herumgehen. Sogleich legte sich das heftige Tuscheln und Flüstern, und die tiefste Stille trat ein. »Ich sehe die Schwestern auf meinen Ruf versammelt,« begann die hohe Frau. »Nur eine fehlt, unsere ehrwürdige Schwester Elisabeth, der wir schon längst nicht mehr zumuten, daß sie den Geist auf die Dinge dieser Welt richtet. Denn ihre Seele gehört schon ganz dem Himmel.« Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: »So beginne ich den Konvent im Namen des dreieinigen Gottes und seiner lieben Heiligen. Eine jede rate und rede nach bestem Gewissen, und keine trage der andern ihre Rede nach. Auch mahne ich jede an den Eid, den wir geschworen auf die heiligen Reliquien, daß alles geheim sei. – Liebe Schwestern, es ist ein Rat zu finden, den ich allein nicht finden möchte, auch gar nicht allein finden darf, denn es hängt davon des Klosters Heil oder Unheil ab. Es ist mir soeben Botschaft zugetragen worden, daß meines Vetters, des Markgrafen Friedrich von Meißen Weib, Frau Else, mit einem großen Trosse heranzieht, um bei uns einzukehren.« Eine Bewegung ging durch die Reihen, ein Raunen, Flüstern und Nicken. Dann hoben sich die Augen noch gespannter als vorher zu der Domina empor. »Und da frag' ich euch denn, liebe Schwestern,« fuhr diese mit lauter Stimme fort, »was ihr dazu meint: Ist's dem Kloster nütze, daß wir sie aufnehmen? Oder gebietet uns die Klugheit, ihr die Tore verschlossen zu halten?« Diese Worte wirkten wie ein Pfeilschuß, der in eine Schar ruhender Wildenten einschlägt. Die Nonnen fuhren von ihren Sitzen empor und schrien laut auf, manche gleich mehrmals hintereinander. Einige streckten in ihrer Aufregung die Arme gen Himmel, alle schauten starr, ungläubig, erschrocken auf ihre Gebieterin, die kühl und unbewegt in den Tumult hineinblickte. »Bist du von Sinnen, Domina?« rief ihre Schwester, die Priorin Gertrud von Landsberg. »Du willst unserer Base die Tore sperren? Was hat sie dir getan? Wie kommst du auf solche Gedanken?« Die Domina blieb ganz gelassen und stillte den Sturm durch eine befehlende Handbewegung. Dann rief sie mit durchdringender Stimme: »Wie ich dazu komme, wollt ihr wissen? Weil Markgraf Friedrich schon vor zehn Tagen in des Reiches Acht erklärt ist.« Ein Schreckensruf aus fünfzig Kehlen zugleich folgte diesen Worten. Dann trat ein tiefes, lastendes Schweigen ein. »Liebe Schwestern,« fuhr endlich die Domina fort. »Ihr wisset ja, wie das alles gekommen ist. Ihr wisset, daß der alte Landgraf Albrecht vor vielen Jahren mit seinen Söhnen in bitteren Haß und Hader geriet, und daß er seine Länder, Thüringen und Meißen, Osterland und Pleißen, an König Adolf verkaufte, damit sie sein Blut nicht sollte erben nach ihm. Das wollten Herr Friedrich und Herr Diezmann nicht leiden und griffen wider den König zu den Waffen, aber sie mußten fliehen und waren lange im Elende. Dann verlor König Adolf die Krone und das Leben, als man schrieb das Jahr Christi Zwölfhundertundachtundneunzig. Da kehrten die Brüder, meine Vettern, zurück; das ist nun acht Jahre her. Darauf ward Friede zwischen Vater und Söhnen, und Herr Friedrich führte die junge Elisabeth von Arnshaugk heim, die ihre Mutter, die Wittib des seligen Grafen Otto von Arnshaugk, dem alten Landgrafen Albrecht mitgebracht hatte, als sie seine dritte Frau ward. Es war, als sollten die Brüder nun in Ruhe ihre Länder genießen, Friedrich Meißen, Diezmann das Osterland. Aber da nun König Albrecht seine Macht gewaltig gefestigt hat, will er auf einmal haben, was vor ihm König Adolf erkauft hatte, und spricht, das habe das Reich erworben, und bei dem Reiche müsse es bleiben, unter seiner Gewalt. Meißen und Pleißnerland hat er schon eingenommen; nun rüstet er sich, Thüringen zu gewinnen. Der alte Landgraf sitzt tatenlos auf der Wartburg; sein Sohn Friedrich aber, der Meißen schon verloren hat, will nicht auch sein Erbland Thüringen dem Könige überlassen und widersteht ihm und will die Wartburg gegen ihn halten. Darum ist er in die Acht erklärt, und wenn die Heiligen nicht ein großes Wunder tun, so muß Herr Friedrich erliegen, denn es helfen ihm nur ganz wenige.« Sie hielt einen Augenblick inne, hier und da wurden tiefe Seufzer hörbar. Sonst war alles still. »Als eines Ächters Weib kommt also Frau Else zu uns,« nahm die Domina ihre Rede wieder auf. »Und ich meine, sie sucht eine Zuflucht bei uns mit ihren Kleinodien. Bedenket, Schwestern, ob uns das bei dem Könige von Nutzen sein kann! Ihr habt alle gehört, wie er ist, über die Maßen hart und rachsüchtig, kennt kein Erbarmen und kümmert sich wenig um den Zorn der Himmlischen. Wie dünket euch? Sollt' es nicht besser sein für das Kloster und uns arme Frauen, wenn wir die Tore schlössen und Frau Else bäten, ein halbes Stündlein weiter nach Kloster Beuditz zu reiten?« Es ward nach dieser Rede so still im Saale, daß man das Summen einer Biene hörte, die an einem der Fenster den Ausgang suchte. Alle blickten schweigend vor sich nieder, auch die Priorin war verstummt und saß in sich zusammengesunken da. Es lag viel Wahrheit in dem, was die Domina gesagt hatte. Die Sache des Markgrafen stand schlecht, sie mußte nach menschlichen Gedanken verloren erscheinen, und König Albrecht war ohne jeden ritterlichen Zug – wohl möglich, daß er die Aufnahme der unglücklichen Frau sehr übel empfand und nach seiner harten Weise am ganzen Kloster rächte. Andrerseits fühlte jede, daß es unwürdig und vielleicht schwer sündhaft sei, der Fürstin den Schutz der heiligen Mauern zu versagen. Noch hatte keine die Lippen aufgetan, da öffnete sich am oberen Ende des Saales die Tür. Die Domina fuhr erzürnt herum, denn sie vermutete den unbefugten Eintritt einer Laienschwesier, der eine schwere Buße für die Vorwitzige hätte zur Folge haben müssen. Aber da stand eine, die zu ihnen gehörte, und von der sich doch alle durch eine ungeheure Kluft geschieden fühlten, die sie als eine lebendige Heilige anstaunten und scheuten und ehrten: Elisabeth von Orlamünde. Sie ließ die großen Augen, die in dem wachsbleichen Leidensantlitz wie zwei schwarze Edelsteine glänzten, über die Versammelten hingleiten und sagte dann mit einer Stimme, die kaum hörbar war und doch allen durch Mark und Bein drang: »Die Frau, die vom Westen heranzieht, nehmt freundlich auf. Sie wird nicht lange hier weilen, sie kommt voll großer Angst und Pein, und die heilige Jungfrau hat mir geboten, ihr einen sicheren Weg zum Himmelssaal zu weisen.« Wie eine Erscheinung war sie verschwunden. Die Domina aber sprang auf, blaß, zitternd und fassungslos. »Ein Wunder!« stammelte sie. »Niemand außer mir wußte, daß die Markgräfin kommen will. Sie aber hat es in ihrer Zelle geschaut. Der Geist von oben her hat sie erleuchtet. Ein Wunder!« Damit stürzte sie auf ihre Knie und begann zu beten. Eine nach der andern folgte ihrem Beispiel, und eine Zeitlang hallte das weite Gemach wider von heftig hervorgestoßenen Gebetsworten und lauten Seufzern. Dann erhob sich Frau Sophie und sprach: »Wir tun nach ihrem Willen. Ich schließe den Konvent. Gehet hin in Frieden!« II. Markgräfin Else wurde von ihrer Base, der Frau Domina, mit allen Ehren aufgenommen, die der Landesherrin gebührten. Auf die Kunde, daß der Zug der Fürstin nahe sei, zogen alle Schwestern zum Empfang vor das Tor hinaus, und Frau Sophie begrüßte ihre Base, der ihr Marschalk Helldorf schnell und gewandt vom Pferde half, mit feierlichen Worten und dem Kusse des Friedens. Die hohe Frau gab eine freundliche, aber kurze Antwort. Sie war bleich und schien erregt, und ihre Blicke flogen unruhig über die Schar der Nonnen hin. »Wo ist die Schwester meiner Mutter, Frau Elisabeth? Sie ist doch nicht krank?« fragte sie. »Um ihretwillen bin ich gekommen.« Die Domina starrte sie an und war unfähig, sogleich einen Laut hervorzubringen. Abergläubisches Erstaunen, ja Schrecken prägte sich in ihren harten Zügen aus, und denselben Ausdruck nahmen die Mienen der Schwestern an, die zunächst standen und die Worte der Fürstin vernommen hatten. »Um Gottes willen, was ist Euch?« rief Frau Else bestürzt. »Warum erschreckt Ihr? Sie ist doch nicht etwa gestorben?« »Herrin,« erwiderte die Domina mit zitternder Stimme, »sie lebt, wenn sie wohl auch die Bürde des irdischen Leibes nicht mehr lange tragen wird. Aber wie soll ich nicht erschrecken, wenn ich sündhafte Dienerin Gottes Wunder über Wunder mit meinen Augen sehe und mit meinen Ohren höre? Denn wisset, sie hat Euer Kommen im Geiste vorher geschaut und uns vorhin verkündigt.« Frau Else zuckte zusammen. Ein Erzittern ging durch ihre schlanke Gestalt, sie wankte und stützte sich schwer auf den neben ihr stehenden Ritter Helldorf. »Und wo ist sie? Warum ist sie nicht hier?« fragte sie, nachdem sie sich mühsam zur Ruhe gezwungen hatte. »Sie pflegt um diese Zeit vor dem Altare des heiligen Franziskus zu beten, und niemand würde wagen, sie in ihrer Andacht zu stören. Tretet einstweilen in das Refektorium und nehmt vorlieb mit einem Imbiß, den das Kloster Euch bietet.« Frau Else schüttelte den Kopf. »Ich habe mir heute ein strenges Fasten gelobt bis zum Untergange der Sonne. Mich hungert und dürstet nur nach einem: Ich will Antwort hören auf eine Frage, die mir Gott durch den Mund seiner Auserwählten geben wird. Führt mich sogleich in ihre Zelle. Dort will ich sie erwarten.« Die Domina schlug die Hände zusammen. »So im Reisekleide und ohne geruht zu haben?« »Im Reisekleide und wie ich bin,« erwiderte die Fürstin in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete. Sophie von Landsberg neigte schweigend das Haupt. Sie war nicht gewohnt, sich befehlen zu lassen, und die Art, in der die junge fürstliche Base ihr Antwort gab, würde sie sonst nicht wenig verletzt haben. Jetzt aber stand sie so sehr unter dem Eindrucke, etwas Wunderbares zu erleben, daß ein Gefühl des Gekränktseins in ihrer stolzen Seele gar nicht emporstieg. »Tretet ein!« sagte sie. »Gott und seine Heiligen wollen Euren Eingang segnen!« Die beiden verschwanden im Halbdunkel des Kreuzganges, und die Nonnen folgten ihnen paarweise nach. Ritter Helldorf stand noch auf dem nämlichen Flecke, wo er der Markgräfin vom Pferde geholfen, und blickte verdutzt vor sich hin. Dann wandte er sich um und sagte zu dem Ritter Gartolf: »Ein wunderlicher Einritt! Für Euch hatte die hohe Frau keinen Blick, für mich einen halben.« »Ihr hört doch, was sie hier begehrt, und welches Wunder sich zugetragen!« versetzte Gartolf. »Mir fuhr's durch alle Glieder.« Helldorf zog die Augenbrauen hoch und sah ihn nachdenklich an. »Sollte ihr's nicht einer vorher verkündigt haben?« fragte er kühl und bedächtig. Der Alte warf ihm einen geradezu entsetzten Blick zu, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. »Wie,« rief er heftig, »Ihr zweifelt? Meint gar, die heilige Frau triebe ein betrüglich Spiel? Da sei Gott vor, solches zu denken!« Er schlug mit zitternden Fingern ein Kreuz und fuhr dann ruhiger fort: »Wußtet Ihr doch selber nicht, was sie hier sucht, und seid der Herrin Marschalk! Wer soll's gewußt und vor Eurem Kommen hierher getragen haben? Warum denket Ihr so Arges? Wollt Ihr leugnen, daß der Geist Gottes die frommen und heiligen Menschen erleuchtet, daß sie schauen, was uns verborgen ist? Wollt Ihr die Wunder der Heiligen leugnen?« »Nein,« entgegnete Helldorf, »Wunder gibt's. Aber ich will's Euch offen sagen: Ich wollt, es gäbe keine. Mir wird unfroh zumute bei solchen Dingen. Hätt' ich die Welt zu regieren, so ginge darinnen alles zu auf natürliche Weise.« Gartolf knurrte mißbilligend: »Mich freut's nicht, Euch reden zu hören wie einen Heiden und Ketzer. Und es sollte mich wundern, wenn die Frau Markgräfin Gefallen fände an solchen Gedanken ihres Marschalks.« »Ha,« rief Helldorf, »der hohen Frau würde ich natürlich das nicht sagen. Das würde mir nicht geziemen, weil ich weiß, daß sie anders denkt. Sie hat von ihrer Frau Mutter her das Blut der Orlamünder in den Adern, und die sind alle halbe Heilige. Aber unser Herr, der Markgraf, denkt wie ich, wenn er's auch selten sagt, denn er ist nicht umsonst der Enkel des großen Kaisers Friedrich von Hohenstaufen. Doch wir wollen nachher weiter davon reden, wenn's Euch gefällt. Jetzt muß ich mich um die dort kümmern. Es wird schwer sein, ihnen allen Herberge zu schaffen.« Er wies auf die Bewaffneten, die in einiger Entfernung hielten. Während dieses tiefsinnigen Gespräches der beiden Männer war Frau Else, geführt von der Domina, den Kreuzgang entlang geschritten. An seinem unteren Ende befand sich die Zelle, in der Elisabeth von Orlamünde, die Tante der Fürstin, seit zweiundzwanzig Jahren büßte und betete. Das Gemach war leer, seine Bewohnerin war noch nicht aus der Kirche zurückgekehrt. »Ich bitte Euch, laßt mich hier allein,« flüsterte Frau Else, und die Domina trat sogleich zurück und schloß hinter ihr die Tür. Hochaufatmend blieb die junge Markgräfin stehen und preßte die Hände auf ihr pochendes Herz. Ihr war mit einem Male zumute, als ob sie umsinken solle. War es die dumpfe, kellerartige Luft der Zelle, was ihr fast den Atem benahm, oder war es die Angst, die plötzlich riesengroß in ihr emporstieg? Eine Schicksalsfrage wollte sie tun – wie würde die Antwort lauten? Vielleicht zertrümmerte sie das Glück ihres Lebens. Sie blickte sich scheu in dem gewölbten Raume um, der nur durch ein schmales Gitterfenster sein trübes Licht empfing. Die hier ihre Tage verbrachte, die würde ihr, ohne Schonung ihres Glückes, die Wahrheit sagen, denn sie konnte wohl keine Empfindung mehr haben für weltliche Freuden und Schmerzen, sonst hätte sie nicht leben können in dieser Umgebung. In einer Ecke stand die Lagerstätte der heiligen Frau, eine harte Holzpritsche mit ein paar härenen Decken. In der Mitte erhob sich ein plumper Tisch, davor eine schmale Holzbank. In einer andern Ecke befand sich unter einem großen Kruzifixus, der streng und düster von der Wand herniederblickte, ein grob zugehauener Betschemel. Darauf lagen keine weichen Kissen, wie das sonst zumeist üblich war; die Beterin pflegte auf dem harten Eichenholze zu knien, das starke Spuren der Benutzung aufwies. Daneben hing eine Geißel, und die dunklen Blutflecke an der getünchten Wand und auf dem Estrich des Fußbodens zeigten deutlich, daß die Bewohnerin dieser Zelle furchtbaren Ernst machte mit der Abtötung ihres Fleisches. Die junge Frau fuhr unwillkürlich schaudernd zurück, als sie die Spuren qualvoller Selbstpeinigung bemerkte. Gleich darauf aber warf sie sich auf die Knie, und indem ihr große Tränen aus den Augen stürzten, begann sie zu beten. Sie betete so leidenschaftlich und inbrünstig, daß sie das Eintreten der Nonne überhörte und erst emporfuhr, als sie dicht vor ihr stand. Sie sahen sich einige Augenblicke schweigend an, und wer sie hätte stehen sehen, der wäre keinen Augenblick darüber im Zweifel gewesen, daß sie nahe Blutsverwandte waren. Die Ähnlichkeit trat jetzt besonders stark hervor, weil von dem Antlitz der Fürstin das zarte Rot geschwunden war, das es für gewöhnlich bedeckte. Ihre Wangen waren fast so bleich wie die der Nonne. »Kind meiner Schwester, ich habe dich erwartet. Die Heiligen haben mir dein Kommen kundgetan,« sagte Frau Elisabeth, während die Markgräfin nach Worten rang. »Meine Füße wollen mich nicht tragen,« fuhr sie fort und ließ sich auf ihr Lager nieder. »Setze auch du dich und sage mir, was dich zu mir treibt.« Sie wies auf die Holzbank, aber Frau Else glitt zur Erde nieder und faßte ihre Rechte. »Laß mich zu deinen Füßen liegen, du Heilige unsres Geschlechtes!« rief sie und führte die schmale, blutlose Hand an ihre Lippen. Aber Frau Elisabeth entzog sie ihr. »Stehe auf!« sagte sie mit müder, trauriger Stimme. »Knie vor dem, der unsere Sünden getragen hat, und vor seiner gebenedeieten Mutter. Vor mir knie nicht, denn ich bin eine Sünderin, die der Fürbitte bedarf wie du.« Die Markgräfin erhob sich gehorsam und setzte sich auf die harte, niedere Bank. Sie hielt die Augen zu Boden gesenkt und seufzte tief auf, aber über ihre Lippen kam kein Wort. Die Nonne richtete ihre klaren, glänzenden Augen fest auf ihr Gesicht und sprach: »Du brauchst mir's nicht kund zu tun, weshalb du hier bist. Längst, längst habe ich gewußt, daß du einmal kommen würdest. Denn einmal mußte doch deine eitle, weltliche Seele wach werden, und die Angst mußte über dich kommen, weil du eines Mannes Weib geworden bist und nicht das, was du werden solltest: eine Braut Gottes!« Die junge Frau stöhnte wie in großer Qual und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen sie aus. »Ich stand dabei, als dich dein Vater und deine Mutter den Heiligen gelobten,« fuhr Frau Elisabeth fort. »Schwere Eide waren es, die sie in die Hände der ehrwürdigen Äbtissin von Himmelskron schwuren. Aber als dann der männliche Erbe ausblieb, da brach Graf Otto von Arnshaugk seinen Eid und ließ seine Tochter erziehen zu weltlichen Ehren. In dieser Sünde ist er gestorben, und sein Tod war jäh und böse – du weißt es. Dann hat deine Mutter dem alten Landgrafen die Hand gereicht, und sie hat neben Herrn Albrecht viel trübe Tage gesehen zu ihrer Strafe. Und du wußtest das alles, und doch bist du des Markgrafen Weib geworden, statt deiner Eltern Eide zu erfüllen. Warum hast du das getan?« »Weil ich ihn lieb hatte,« erwiderte Frau Else leise. Die Nonne machte eine wegwerfende Bewegung. »Was ist die Liebe zwischen Mann und Weib? Sündige Befleckung der Seelen! Du hast dein himmlisches Erbrecht für ein Linsengericht dahingegeben. Du weißt das auch, und es martert dich. Lange hast du die Stimme übertäubt, die in dir sprach. Nun vermagst du's nicht länger. Das Verderben kommt über den, der dein Gatte heißt, und der schuldig ist wie du, da er alles wußte und doch die Hände nach dir ausstreckte. Da ist dein Gewissen wach geworden und läßt dich nicht rasten noch ruhen. Du fühlst es: Was über euch hereinbricht, das ist die gerechte Strafe eurer Sünde.« Während der letzten Worte war die Markgräfin wieder auf die Knie gesunken und rang die Hände. Dann rief sie in flehendem Tone: »Ja, du redest recht. Eine große Sünde haben wir auf uns geladen, und Gottes Zorn verfolgt uns darob. Aber ist er nicht barmherzig und voller Gnade? Was nicht zu ändern ist – sollte das nicht zu sühnen sein? Ich will hingeben, was mein ist, ich will meinen Goldschmuck verkaufen, ein Kloster will ich erbauen – –« »Närrin!« unterbrach sie die Nonne, »Gott will dein Opfer nicht, er will dich selber. Denn also sprach zu mir eine Stimme, die von obenher kam: ›Der Frau, die zu dir kommt, sage: Du sollst den Eid halten, der mir gelobt ist, und nicht schwach sein. Dann will ich gnädig sein, und Fluch soll sich in Segen kehren.‹« Die Markgräfin blickte entsetzt zu ihr auf. »Was sollte Gott damit meinen?« stammelte sie. »Wie sollen wir das deuten?« »Da ist nichts zu deuten. Gott hat klar geredet. Er will, daß du dich von deinem Manne lösest und deines Vaters Gelübde erfüllst.« Frau Else schrie laut auf und sprang empor. »Ich habe es gefürchtet, das zu hören. Aber das kann Gott nicht wollen! Ich bin doch meines Mannes angetrautes Weib!« »Der Vater der Christenheit hat Recht, auch die Ehen zu lösen, wenn sie wider Gott geschlossen sind.« Die Markgräfin lehnte sich an die Wand. Ihre Knie zitterten, und es war ihr, als solle sie ohnmächtig werden. »Darein willigt mein Mann nimmermehr,« murmelte sie. »Du sollst nicht nach deines Mannes Willen fragen, sondern nach Gottes Willen. Ist Gottes Kraft in dir, so kann er nichts dawider tun. Weigere dich ihm, entziehe dich ihm, fliehe vor ihm – wie könnte er dich zwingen und halten?« »Nein! Nein!« stöhnte die Markgräfin. »Nimmer täte ich ihm solch Herzeleid an. O sei barmherzig, nimm die Worte zurück!« »Ich habe nicht geredet, Gott hat aus mir geredet,« erwiderte die Nonne. Die Markgräfin schlug die Hände vors Gesicht und verharrte in Schweigen. Auch Frau Elisabeth sprach nichts mehr und schaute, die Hände im Schoße gefaltet, vor sich nieder. Plötzlich fuhr die junge Frau auf. »Und mein Kind?« rief sie. »Die kleine Elsbeth? Was würde aus ihr?« »Nimm sie mit dir, und erziehe sie zu einer Dienerin der Heiligen! Weihe sie den Altären Gottes!« Frau Else schauderte. »Damit sie dereinst unglücklich wird, wenn sie erkennt, daß ihr nach ihrer Natur das Leben in der Welt frommt?« fragte sie herb. »Das Leben dieser Welt frommt keinem,« erwiderte die Nonne. »Frau Welt zahlt jedem, der sich ihrem Dienste weiht, zuletzt einen übeln Lohn. Alles Glück der Erde ist wie ein Traum und ein entschwindender Schalten. Nur wer der Welt entsagt und nichts mehr von ihr will und alle Lust des Fleisches in sich tötet, dem geht der Schein des ewigen Lichtes auf. Und der Glanz dieses Lichtes, das von Gott ausstrahlt, ist siebenmal siebzigmal heller als die Sonne, und wer ihn schauen darf, der ist selig. Er hat volles Genügen und sehnt sich nur nach einem: dahin zu kommen, von wo aus das Licht zu uns herüberleuchtet.« Wieder trat ein tiefes Schweigen ein. »Ich kann nicht! Ich kann nicht,« flüsterte endlich die Markgräfin kaum hörbar. Die Nonne erhob sich, und ihr Gewand zusammenraffend, schritt sie an ihr vorüber auf den Betstuhl zu. »Wenn du nicht kannst,« sagte sie ruhig, »so will ich für dich beten, daß du es lernst. Aber hebe dich hinweg von mir!« Sie ließ sich auf ihre Knie nieder und begann leise zu beten. Der Markgräfin achtete sie nicht mehr. Mit einem tiefen Seufzer verließ Frau Else die Zelle, und wie im Traume wandelnd schritt sie den Kreuzgang hinab. Am Eingang traf sie ihren Marschalk Helldorf, der sie erschrocken anstarrte. »Bei Sankt Hubertus!« rief er. »Sind Euer Gnaden krank geworden?« Sie schaute ihn an, als ob sie den Sinn seiner Frage gar nicht verstanden habe. Dann sagte sie mühsam: »Laßt satteln und zäumen, Helldorf! Wir reiten auf der Stelle ab!« III Zwei Tage später ritt die Markgräfin inmitten ihres Zuges die Straße dahin, die von Gotha nach Eisenach führte. Ein prächtiger Sommertag ging mit rotem Leuchten zu Ende. Der Hörselberg, der rechter Hand vom Wege aufragte, flimmerte und gleißte in der Abendglut, als bräche das Feuer hervor aus seinem Innern, wo die schöne Teufelin Frau Venus tief unten verzaubert lebte. Auf dem Anger des kleinen Dorfes Kälberfeld, durch das der Zug ging, sprangen Kinder und halbwüchsige Burschen und Mädchen im Reigen nach dem Klange einer Fiedel, helles Jauchzen und Singen tönte von der Linde herüber. Aber die junge Fürstin wandte nicht einmal den Kopf darnach. Bleich und düster saß sie im Sattel, sprach nur das Nötigste, schaute unausgesetzt vor sich hin, und selten fing ihr Marschalk einen Blick auf aus den großen dunkelblauen Augen, die nach seiner Meinung das Schönste waren, was es in ganz Thüringen gab. Vergebens strengte er sein Hirn an, um sie durch zierliche Scherzrede zu erheitern und zu zerstreuen. Sie gab auf alles, was er fragte und sagte, nur einsilbige Antwort, und die Art, wie sie sprach, ließ unschwer erraten, daß sie lieber ganz geschwiegen hätte. Der Ritter geriet darob in eine immer verzweifeltere Stimmung, denn er fürchtete, die angebetete Herrin möchte tiefsinnig werden. Er hatte die Fahrt nach dem Kloster sehr gemißbilligt, denn alles, was mit Kutten und Weihrauch zusammenhing, war ihm von Natur zuwider, und er ging ihm, soweit er es vermochte, in weitem Bogen aus dem Wege. Es war ihm unbegreiflich gewesen, was die edle Frau nach Weißenfels getrieben hatte, und das bedenkliche Kopfschütteln seines Herrn, des Markgrafen, war ihm nicht entgangen. Er hatte sich darüber so seine Gedanken gemacht. Nun war die Reise zum vollen Unheil ausgeschlagen. Die Markgräfin sah aus, als wäre sie schwer krank oder sollte es demnächst werden. Was mochten ihr die alten Klostereulen gesagt haben? Womit hatten sie ihr das Herz vergiftet? Oder sollten sie ihr gar einen Trunk beigebracht haben, der ihren blühenden Leib siech machen mußte? Seine Meinung von den Klöstern und ihren Insassen war so schlecht, daß er diesen Gedanken nur mit Mühe zurückdrängte. Er hätte wohl vor Schrecken und Empörung aufgeschrien, wenn er geahnt hätte, welche Gedanken seine Herrin unablässig hinter ihrer weißen Stirne wälzte. Ihr ganzes Leben zog an der jungen Martgräfin vorüber, während sie dahin ritt, und über allen den wechselnden Bildern, die vor ihre Seele traten, lag derselbe fahle Schein. Sie sah alles in einem düsteren Lichte, und es schien ihr alles sündig und verfehlt, was sie getan und auf sich genommen hatte. Das Bild ihres Vaters stieg vor ihr empor, des finsteren Grafen Otto von Arnshaugk. Der hatte durch einen bösen Zufall seinen besten Freund auf der Jagd getötet und fand seitdem nicht Ruhe und Rast in seinem Gewissen. Sein ältestes Kind gelobte er den Heiligen, und die kleine Else wußte es seit frühester Kindheit nicht anders, als daß sie einst im Kloster Himmelskron den Schleier tragen sollte. Sie ward auch schon in ihrem fünfzehnten Jahre in die heiligen Mauern gebracht, um dort von den frommen Schwestern unterrichtet und erzogen zu werden. Aber ihr Aufenthalt war nicht von langer Dauer. Ihr einziger Bruder starb, und sie wurde dadurch die Erbtochter ihres Geschlechts. Da machte der Graf eine große Spende von Hufen und Zinsen und Gefällen an das Kloster Himmelskron, damit die Heiligen es gestatten wollten, daß er seine Tochter wider sein feierliches Gelöbnis in die Welt zurückhole. Sie selbst wäre nicht ungern im Kloster geblieben, denn sie kannte noch nicht viel vom Leben, und was sie kannte, das erschien ihr nicht eben erfreulich. Und es fielen ihr jetzt die Worte wieder ein, die sie damals erlauscht hatte, als zwei Nonnen sich im Klostergarten über ihre Heimholung besprachen: »Es muß die Heiligen kränken, und sie werden es gewißlich rächen!« Schon einmal war ihr das wieder in den Sinn gekommen, damals, als man den Vater tot ins Haus brachte. Er war von einem wilden Pferde aufs Felsgestein geschleudert worden und lag mit einer klaffenden Stirnwunde auf der Bahre. Da bat sie ihre Mutter mit vielen Tränen, sie wieder ins Kloster zu senden, aber Frau Elsbeth widerstand. Sie hielt nicht viel vom Klosterleben, obwohl sie aus dem frommen Orlamünder Grafenhause stammte und zwei ihrer Schwestern den Schleier genommen hatten. Die beiden rieten auch ihr, der vierzigjährigen, nunmehr als Witwe der Welt zu entsagen, aber statt dessen sprang sie mit beiden Füßen hinein in den Strudel des Lebens, indem sie dem tollsten und abenteuerlichsten Manne in Thüringen ihre Hand zum Ehebunde reichte. Das war der Landgraf Albrecht, der höchste Herr des Landes. Er war einst der Gemahl der edlen Kaisertochter Margarete von Hohenstaufen gewesen, aber die hatte ihn voller Gram und Herzeleid verlassen, da sie seiner Untreue inne geworden. Nach ihrem Abscheiden vermählte er sich mit seiner Geliebten, der schönen Kunigunde von Eisenberg, und nachdem er auch die begraben, sandte er der Wittib des Grafen von Arnshaugk seine Freiwerber zu. Frau Elsbeth zögerte eine Zeitlang, denn sie kannte seinen bedenklichen Ruf; aber bei einer Zusammenkunft, die sie ihm gewährte, gewann er sie ganz und gar. Sie hatte viel gelitten unter dem düsteren Wesen ihres Gemahls; darum übte der allezeit lustige Landgraf, der so sorglos ins Leben schaute und so prächtig zu lachen verstand, einen wahren Zauber auf sie aus. So ward sie frohen Mutes sein Weib und hoffte nach schweren Jahren auf eine heitere Zukunft. Aber sie ward bitter enttäuscht, denn bald mußte sie mit Schrecken inne werden, daß er völlig haltlos war – jedem Eindruck hingegeben, jedem Genusse nachgebend und vor allem ein rasender Verschwender. Auch war es ein tief zerrüttetes Haus, in das sie mit ihrer Tochter eintrat. Die Söhne der ersten Ehe, Markgraf Friedrich von Meißen und Diezmann von Osterland und Pleißnerland, lebten in bitterer Feindschaft mit ihrem Vater, und die neue Gemahlin des alternden Fürsten sah mit nagendem Schmerze, daß das Recht auf seiten der Söhne war. Sie gab sich immer wieder alle Mühe, zu vermitteln und zu versöhnen, aber sie erreichte nichts, der Haß und Hader wurden immer ärger. Der Landgraf verbündete sich schließlich mit dem deutschen König, Adolf von Nassau, und trat ihm für vieles Geld die Erbfolge in seinen Ländern ab. Nun wurden die Söhne durch des Königs Macht vertrieben und mußten das Land meiden, bis König Adolf erschlagen ward. Da endlich kam der Friede im Hause Wettin. Friedrich und Diezmann kehrten zurück, nahmen ihre Länder wieder ein, und Landgraf Albrecht gab nach und schwur, daß sie nach ihm auch Thüringen besitzen sollten. Zum ersten Male sah damals Frau Elsbeth ihren ältesten Stiefsohn, den Markgrafen Friedrich, zum ersten Male sah auch ihre Tochter den Mann, dem ihr ganzes Herz fortan gehören sollte. Sie war längst schon begierig gewesen, den zu schauen, der, wie alle Leute sagten, die Züge der Hohenstaufen trug. Und als sie dann vor dem Staufenenkel mit den blonden Locken stand und in seine leuchtenden Augen blickte, da geriet sie in eine Verwirrung, die sie niemandem verbergen konnte, und die dem lebenserfahrenen Manne genug sagen musste. Er erkannte lächelnd, daß ihm hier ein leichter Sieg winke, und er war dessen von Herzen froh. Denn nachdem ihm das Weib seiner Jugend nach kurzem Glücke vor vielen Jahren schon gestorben war, sehnte er sich wieder nach Frauenliebe und häuslichem Glück, und eine adeligere und feinere Jungfrau hatte er seit Jahren nicht gesehen. So kam sehr bald, was kommen mußte: Eine glänzende Hochzeit ward auf der Wartburg gefeiert, und nun waren seitdem schon sieben Jahre vergangen, sieben selige Jahre. Sie war heute noch glücklicher als am ersten Tage, denn ihres Gatten Liebe zu ihr – das wußte sie wohl und empfand es als eine Gnade des Himmels – war mit jedem Jahre gewachsen, war immer tiefer und fester geworden. Immer mehr hatte sich sein Herz ihr aufgeschlossen, sie war seine Vertraute geworden, und er vertraute wenigen, sehr wenigen Menschen. So fehlte ihr nichts an der irdischen Seligkeit des Weibes, sie war eine glückliche Gattin und seit mehr als Jahresfrist auch eine glückliche Mutter, und es war ihr ein geringer Schmerz, daß die kleine Else, die ihres Mannes Ebenbild zu werden versprach, nicht der ersehnte Erbe und Stammhalter war. Sie standen ja beide noch in der Vollkraft ihres Lebens, auch dieses Glück mochte ihnen wohl der Himmel noch bescheren. Da mit einem Male war ein furchtbares Wetter gegen sie und alle, die sie liebte, herangezogen, ein Wetter, das nach menschlichem Denken und Ermessen ihr ganzes Glück zerschmettern mußte. Ein kleines mißfarbenes Wölkchen hatte ja immer schon am Lebenshimmel der beiden Gatten gestanden, nur daß sie seiner wenig geachtet hatten. Sie waren niemals darüber gewiß geworden, wessen sie sich eigentlich von dem neuen Könige zu versehen hätten. Er hatte nie die Rechte der Wettiner anerkannt, aber auch nichts getan, sie ihnen streitig zu machen, und sie mussten glauben, er kümmere sich nicht um sie und habe anderswo genug zu tun, um sich zu behaupten und seine Macht fester zu gründen. Er ließ sie vollständig beiseite liegen und sie ihn auch; kaum dachten die fürstlichen Brüder daran, daß noch einmal des Reiches Aar wider sie seine Fänge regen könnte. Aber in der arglistigen und habsüchtigen Seele König Albrechts brannte schon lange der Wunsch, die schönen Länder inmitten des Reiches zu gewinnen, und es kam die Zeit, wo er die Macht dazu besaß. Er hatte alle seine Feinde niedergerungen und stand gewaltiger da, als die beiden Könige vor ihm. Und nun erklärte er, Meißen und Pleißnerland seien des Reiches heimgefallene Lehen, und Thüringen habe sein Vorgänger auf dem Throne nicht für seine Person erkauft, sondern für das Reich. Fast ohne Kampf gewann er Meißen und Pleißen, denn der Schrecken ging vor ihm her und lähmte den Mut der markgräflichen und landgräflichen Vasallen, so daß sie auf ihren Burgen blieben und ihrem Herrn nicht zu Hilfe zogen. Nun stand sein Einbruch in Thüringen bevor, und nur ein Wunder – so schien es – konnte das Haus Wettin vom Untergange retten. Sowie die Dinge diese Wendung genommen hatten, waren schwere Gedanken eingezogen in die Seele der jungen Markgräfin. Warum ließ Gott das alles geschehen? Warum sollte ihr Gatte, der doch das Vorbild eines tapferen und gerechten und ehrenhaften Fürsten war, nach so vielen heldenmütig bestandenen Prüfungen nun doch noch der Übermacht erliegen? Warum durfte der unkönigliche Mann, der jetzt die Krone trug, das Fürstentum dem entreißen, in dessen Adern das Blut der großen Kaiser rollte? Wenn ein gerechter Gott im Himmel war – warum, warum das alles? Da hörte sie eines Tages die Predigt des neuen Dominikanerpaters, der in Eisenach mit glühender Beredsamkeit über die Qualen der Verdammten redete. Sie kehrte in der größten Erregung heim nach der Wartburg, mochte nicht Speise und Trank anrühren den ganzen Abend über und fand bis gegen Morgengrauen keinen Schlaf. Und als sie endlich in einen kurzen Schlummer fiel, da hatte sie ein schreckliches Traumgesicht. Sie sah ihren Vater mit glühenden Ketten an eine Steinwand gefesselt, und ihm zu Füßen lag ein Nonnengewand, wie es die frommen Schwestern in Himmelskron trugen. Er konnte sich nicht regen, aber mit flehenden Blicken schaute er ihr unverwandt ins Gesicht, bis mit einem Male die Erscheinung verschwand. Mit einem lauten Schrei fuhr sie empor und lag dann mit verstörten Sinnen da, im tiefsten Herzen erschrocken und lange unfähig, ein Glied zu rühren. Träume kommen von Gott, so hatte man sie gelehrt; der Allmächtige will damit den Menschen Weisungen geben, nach denen sie sich zu richten haben. Ein Zeichen hatte sie empfangen, und wie konnte sie es mißverstehen? Die Seele ihres Vaters war verdammt, weil er sein Gelübde gebrochen hatte, und sie wie ihr Gemahl waren mitschuldig an seiner Sünde. Hier lag wahrscheinlich die Wurzel des Unheils, das jetzt mit einem Male so üppig emporwucherte und jede Blüte im Garten ihres Glückes zu ersticken drohte. Sie hatten ihre Ehe über einem gebrochenen Eide aufgerichtet, dafür traf sie nun der Zorn des Himmels. In qualvollem Grübeln und Sinnen verbrachte sie die nächsten Wochen, und ihre Beängstigung stieg aufs höchste, als sich der Traum wiederholte. Ihrem Gemahl mochte sie sich nicht anvertrauen, eine unüberwindliche Scheu schloß ihr den Mund. Sie brachte es nicht über sich, ihm das zu sagen, was ihn im Innersten verwunden mußte, und fragte er sie besorgt, warum ihre Wangen so bleich seien und ihr Mund so selten lache, so brauchte sie eine Ausrede. Aber als ihre geheime Qual allzu groß wurde, da ließ sie den Dominikaner auf die Wartburg kommen, dessen Predigt sie so tief erschüttert hatte, und beichtete ihm. Der riet ihr denn zur Fahrt nach Weißenfels, und sie hatte die Reise unternommen im festen Glauben, daß sie durch den Mund der heiligen Frau die Stimme Gottes vernehmen werde. Und gerade die furchtbare Härte des Spruches überzeugte sie, je mehr sie darüber nachdachte, im innersten Gemüte davon, daß sie auch wirklich die Stimme Gottes vernommen habe. Denn er sollte ja zwar ein Gott der Liebe sein, aber er zeigte den Seinen doch wohl diese Liebe nur dadurch, daß er sie nach ihrem Tode in die Seligkeit des Himmelreiches einführte. Hier auf Erden dagegen verlangte er die härteste Entsagung von ihnen und legte ihnen die schwersten Lasten auf. Seinen Sohn hatte er am Kreuze sterben lassen, der gebenedeieten Gottesmutter waren sieben Schwerter durchs Herz gegangen, und war nicht auch das Leben aller Heiligen voller Qualen und Prüfungen gewesen? War aber die Seligkeit an Opfer geknüpft, warum sollte er da nicht auch eine Hilfe aus irdischer Not abhängig machen von einem Opfer? Und der Größe der Not mußte wohl die Größe des Opfers entsprechen. Dennoch konnte sie sich nicht entschließen, das Gelübde in ihrem Herzen abzulegen, das Gott von ihr forderte. Es däuchte sie allzu schwer, und es war ihr bei dem Gedanken zumute, als solle sie sich selbst in den Sarg legen und mit eigener Hand den Deckel über sich schließen. Und ein Zittern befiel sie, als sie jetzt den Blick einmal hob und in geringer Entfernung vor sich die Türme des Städtleins Wutha gewahrte. So nahe war man schon an die Wartburg herangekommen! In kaum einer Stunde, noch ehe die Sonne ganz hinter den Höhenkämmen untergetaucht war, stand sie also vor ihrem Gatten, und wie sollte sie ihm begegnen? »Herrin,« tönte da plötzlich die Stimme ihres Marschalks Helldorf in ihre Gedanken herein, »erlaubet, daß wir Halt machen!« Sie hob verwundert den Kopf. »Warum hier auf der offenen Landstraße?« »Sehet dort!« erwiderte er und deutete vorwärts in die Ferne. »Es kommt eine Reiterschar auf uns zu und hinter ihr eine große Zahl von Fußknechten. Ha, was ist das? Sehet, das Banner von Eisenach! Kommen die Pfeffersäcke, um ihre erlauchte Herrin heimzuholen?« »Meint Ihr, Helldorf?« erwiderte die Fürstin, die wie aus einem Traume erwacht schien. »Das sollte mich freuen um meines Herrn willen. Es ward viel gemunkelt, ehe wir ausritten, daß in Eisenach ein böser Geist sein Wesen treibe. Hermann Goldacker sprach davon, daß einige die Bürger zum Abfall anreizen wollten.« Der Marschalk antwortete nicht sogleich. Er blickte mit steigender Unruhe nach dem Heerhaufen hin, der ziemlich rasch näher kam. Er war wohl viermal stärker als die Reiterschar, die Frau Else mit sich führte. »Gnädigste Frau,« sagte er plötzlich, »ich fürchte, die dort kommen nicht in guter Absicht. Sie sind gerüstet wie zum Streite und haben die Helme herabgelassen.« »Mein Gott, was meint Ihr?« rief die Markgräfin bestürzt. »Ich meine, man kann dem Ellenritterpack nicht trauen. Meine, sie haben eine Teufelei vor. Der Hellgrave reitet an der Spitze, der lange Schuft, das deutet auf nichts Gutes. – Schließt euch in Reihen!« gebot er den Knechten. Dann neigte er sich vor der Markgräfin. »Erlaubet, daß ich sie befrage.« Er ritt auf den Harst der Eisenacher zu, der jetzt auch, einige hundert Schritte von den Markgräflichen entfernt, Halt machte. Auch von ihm löste sich ein einzelner Reiter ab und trabte ihm entgegen. »Heinz Hellgrave!« rief Helldorf. »Was soll das? Wollt Ihr die erlauchte Frau begrüßen oder habt Ihr eine Heerfahrt vor?« Der Eisenacher schlug sein Visier zurück. Ein hageres Antlitz mit einer großen, geraden Nase und ein paar klugen Augen ward sichtbar. »Wir wollen Eure gnädige Frau einladen, in unserer Stadt Quartier zu nehmen,« gab er mit einem trockenen Lachen zur Antwort. »Was fällt Euch ein? Die Frau Markgräfin will mit Untergang der Sonne auf der Wartburg sein.« »Will sie das?« entgegnete der Eisenacher mit erkünstelter Lässigkeit. »Nun, sie wird sich doch wohl bequemen, auf die Bitten ihrer getreuen Knechte vorher nach Eisenach zu kommen, und ich wette, es wird ihr so gut gefallen, daß sie eine ganze Zeitlang der Stadt geehrter Gast sein wird und Ihr mit.« »Noch einmal, Hellgrave: Was soll das?« schrie Helldorf mit zornrotem Angesicht. »Wir wollen's kurz machen, Märten Helldorf,« sagte der lange Bürgermeister; »seit gestern haben wir Briefe von dem Herrn König, daß Eisenach freie Reichsstadt werden soll, was wir ja schon lange wollten. Ihr müßtet dümmer sein, als Ihr wirklich seid, so Ihr's nicht gemerkt hättet. Darum haben wir heute dem Herrn Markgrafen und seinem Vater, dem Landgrafen, abgesagt und nehmen, was ihnen gehört. Macht's uns nicht schwer, wir sind vier oder fünf gegen einen!« »So würdet ihr tun, Ellenritter, Krämerpack, das von ritterlicher Ehre nichts weiß!« knirschte Helldorf. »Eidbrüchige Schurken von Eisenach! Wisset ihr nicht, daß kein ehrbarer Mann sich an einer edlen Frau vergreift? Nicht einmal die Sarazenen handeln wie ihr.« »Regt Euch nicht auf,« unterbrach ihn der Lange gänzlich ungerührt. »Wir krümmen Eurer Frau kein Haar, auch Euch nicht und keinem von Eurer Schar, wenn Ihr Euch gutwillig ergebt.« Helldorf faßte nach seiner Lanze. »Laßt Euren Bratspieß stecken!« riet der andere wohlmeinend. »Ich raufe mich nicht mit einem jungen Hahn. – Aber Mord und Brand – was ist das?« schrie er und wendete sich um. In seiner Schar war ein Tumult entstanden, lautes Geschrei erklang von hinten her, Pferdegetrampel, das eine Reiterschar ankündigte, ward hörbar. Schon bogen die ersten Geharnischten um die Ecke des nahen Gehölzes, allen voran einer auf einem mächtigen Schimmel in vergoldeter Rüstung. Helldorf warf sein Roß herum und jagte zu den Seinen zurück. »Der Markgraf!« schrie er. »Drauf, ihm zu Hilfe auf die Krämer von Eisenach! Knuto, du bleibst mit deinem Fähnlein bei der Herrin! Ihr andern drauf, drauf!« Ein wildes Ringen begann. Die Eisenacher waren von zwei Seiten gepackt, aber sie waren noch immer weit in der Überzahl und wehrten sich tapfer. Eisen dröhnte auf Eisen, Gebrüll, Fluchen, Stöhnen und Wehegeschrei klang zum Himmel auf, und eine riesige Staubwolke hüllte die Kämpfenden ein. Die Markgräfin schaute mit schreckensstarren Augen in das Gewühl. Sie spähte nur nach einem. Er war im dichtesten Getümmel. Manchmal sah sie seinen Harnisch und den Pfauenfederbusch seines Helmes auftauchen, dann war er wieder verschwunden. Aber jetzt zerriß ein Windstoß die Wolke von Staub, sie sah, wie sein Tier sich hoch aufbäumte, und wie ein Knecht mit der Hellebarde nach ihm stieß. »Heilige Jungfrau!« schrie sie laut und glitt aus dem Sattel nieder auf den Grund. »Schirme ihn, rette ihn, und ich will mich dir geloben!« Sie sank vornüber und fiel in eine tiefe Ohnmacht. Ihren laut aufkreischenden Frauen schien es, als wäre sie gestorben, denn sie lag starr und leblos da und war durch nichts zu erwecken. Sie erwachte auch erst eine Stunde später auf der Wartburg, wo sie sich in den Armen ihrer Mutter fand. Vor ihr kniete ihr siegreicher Gemahl, der den Panzer noch nicht abgelegt hatte und nun bei ihrem ersten Lebenszeichen mit einem Jubelruf in die Höhe fuhr und sie umschlang. IV. Nach einigen Tagen fand Frau Else endlich den Mut, ihrem Gemahle zu gestehen, was ihr fast das Herz abdrückte. Sie saß gegen Abend als eine Halbkranke in einem großen, mit Polstern ausgelegten Lehnstuhle, den man auf den Altan ihrer Kemenate gestellt hatte, und blickte, in Gedanken verloren, über die Baumwipfel zu ihren Füßen hin. Da trat er plötzlich zu ihr, faßte ihre Hände und bat sie in beweglichen Worten, ihm zu sagen, was ihr die Seele verstöre. Er ahne schon längere Zeit, daß eine schwere Last auf ihrem Herzen liege, und er könne es nicht länger mit ansehen, wie sie schweigend leide und sich verzehre. Da redete sie denn und bekannte ihm alles rückhaltlos, als ob sie eine Beichte ablege, und er ließ sie reden und unterbrach sie mit keinem Worte. Auch als sie geendet hatte, schwieg er noch, und als sie endlich das tiefgesenkte Haupt zu ihm emporhob, sah sie seine Augen mit dem Ausdrucke des tiefsten Mitleids auf sich ruhen. Er strich ihr mit der Rechten übers Haar und sagte leise: »Armes Weib, wie mußt du gelitten haben unter den Sorgen der letzten Monde, daß sie dich so krank gemacht und deinen klaren Verstand getrübt haben! Meine arme, liebe Else!« Des höchsten Staunens voll, schaute ihn die Markgräfin an. Diese Aufnahme ihres schweren Geständnisses hätte sie nie und nimmer erwartet. Der Markgraf seufzte tief auf und fuhr dann in demselben gütigen Tone fort, als ob er zu einem Kinde redete: »Ich kann deine Sorgen nicht zerstreuen, aber ich hoffe, du wirst deinen Mut bald wieder finden, denn du bist ja von Natur starken und entschlossenen Geistes. Dann wird auch die Trübung deines Hirnes weichen.« Frau Else schüttelte den Kopf, und zwei schwere Tränen rollten ihr die Wangen herab. »Du irrst, Friedrich,« sagte sie leise, aber fest. »Das ist keine Trübung meines Hirnes. Es ist ein Entschluß, um den ich lange gerungen habe, denn er bricht mir fast das Herz. O, ich bitte dich, widersteh' mir nicht, und mache mir die Trennung nicht unüberwindlich schwer! Laß mich nach Himmelskron ziehn mit meinem Kinde und der Welt entsagen. Dann wird alles gut werden. Mein Vater kommt aus der Qual, in der er schmachtet, und du bleibst bei deinem Fürstentum, und der König wird nichts über dich vermögen.« Der Markgraf legte einen Arm um ihren Nacken, und in seinen Augen schimmerte es feucht. »Ich will dir den Mönch Boso von Reinhardsbrunn kommen lassen, er ist der größte Meister der ärztlichen Kunst in Thüringen,« erwiderte er. »Vielleicht weiß er etwas zu verschreiben, was dir schneller die Klarheit des Geistes wiedergibt, du armes, gutes, liebes Weib.« Die Markgräfin rang die Hände, sie war ratlos. Wie sollte sie ihren Mann überzeugen, daß ihr Vorhaben bitterer Ernst sei? Er hielt sie für krank, für körperlich durch die Sorgen und Aufregungen der letzten Zeit überreizt und infolgedessen auch geistig krank. Davon war er nicht abzubringen und sandte auch ohne Verweilen einen Boten aus, den weisen Meister Boso auf die Wartburg zu rufen. Nun wandte sich Frau Else am andren Tage an ihre Mutter – aber auch hier fand sie kein Verständnis. Die alte Landgräfin war zunächst aufs tiefste erschrocken über die schweren Gedanken, die ihre Tochter schon seit Monaten mit sich herumtrug, und sehr gekränkt, daß sie sich ihr nicht früher offenbart hatte. Sie überschüttete die junge Frau mit Vorwürfen, und als sie sah, daß das Antlitz der Gescholtenen immer starrer, der Ausdruck ihrer Mienen immer kälter und abweisender wurde, brach sie plötzlich ab und suchte sie durch Gründe zu besiegen. Sie erwies sich dabei als eine Orlamünderin, die gänzlich aus der Art geschlagen war. »Träume kommen nicht von Gott,« sagte sie. »Auch der böse Teufel hat die Macht, uns arme Menschen durch wirre Traumbilder zu versuchen. Wie kannst du meinen, daß dein Vater in der Verdammnis ist? Mehr als hundert Hufen an Äckern und Wald und Wiesen haben wir dem Kloster geschenkt, dazu noch mancherlei Gebäude und die Zinsen dreier Dörfer. Unmöglich können die Heiligen einen Mann im übeln Fegefeuer peinigen lassen, der sich ihnen so milde erwiesen hat.« »Wenn ihnen aber das Opfer nicht angenehm war?« wandte Frau Else leise ein. »Dann konnten sie ein Zeichen tun, daß sie es nicht mochten,« versetzte die Landgräfin erbost. »Aber hast du davon gehört? Nein. Sie haben wacker ihr Gut vermehrt durch unsere Schenkung. So müssen wir auch fest darauf vertrauen, daß sie ihre Pflicht tun und deinem Vater in den Himmelssaal helfen. Täten sie das nicht, so wären sie untreue Leute.« Die Markgräfin blickte ihrer Mutter starr ins Gesicht. »Und was sagst du zu den Worten deiner Schwester, der Heiligen in Weißenfels?« Die Landgräfin rückte unruhig auf ihrem Sessel hin und her und blickte verlegen vor sich nieder. Dann entgegnete sie, ohne ihrer Tochter in die Augen zu sehen: »Wenn du eine Heilige fragst, was du tun sollst, so wird sie dir immer raten, selbst heilig zu werden. Als ich Witwe ward, riet sie mir ja auch, den Schleier zu nehmen und der Welt zu entsagen.« »Und hättest du nicht besser getan, Mutter, ihrem Rate zu gehorchen? Ich habe dich selten glücklich gesehen.« »Nein!« rief die Landgräfin und fuhr mit einem Ruck in die Höhe. »Ich habe viel Schweres getragen in meiner ersten Ehe und Schwereres noch in meiner zweiten, und da du kein Kind mehr warst, so hast du es gesehen und weißt es. Aber ins Kloster? Nein. Ich habe keine Gaben dafür, sie sind wohl alle auf meine Schwester gefallen. Und du, meine Tochter, du bist auch nicht dazu geschaffen. Dein Mann rühmt ja so oft deine feine Klugheit und sagt, du könntest ihm bei allen Geschäften besser raten als alle Männer, Hermann Goldacker ausgenommen. Wer das kann und daran seine Freude hat, der paßt nicht zum Beten und Singen. Der geht bald ein, wenn er wider seine Natur ins Kloster eintritt.« »Du meinst also, es sei recht geschehen, als ich das Kloster verließ?« fragte Frau Else ruhig. »Ich meine zum wenigsten, das Unrecht ist gesühnt,« erwiderte die Landgräfin. »Also ein Unrecht war es doch?« »Wer könnte das leugnen? Wir hätten den Eid nicht leisten sollen,« sprach die Landgräfin seufzend. »Siehst du, Mutter, du wolltest ein Zeichen, ob das Opfer von Gold und Gut den Heiligen angenehm sei, oder ob sie es verwerfen. Das Zeichen ist gegeben; wehe uns, wenn wir unser Herz dagegen verstocken! Gott hat geredet durch seiner Erwählten Mund, daß ich den Eid erfüllen soll, den mein Vater geschworen, den auch du geschworen hast. Dann soll alles gut werden. Wie könnt' ich da leben in Weltlust und Ehre, wenn ich durch mein Opfer meinen Gemahl retten kann vom irdischen Verderben und der Seele meines Vaters aus den Flammen helfen? Und auch du wirst eine frohere Sterbestunde haben, wenn ich getan habe, was ich als deine Tochter tun muß. Gott will es, Mutter, Gott will es!« »Du wirst in der Luft des Klosters sterben!« rief die Landgräfin erschüttert. Frau Else neigte das Haupt. »Wie Gott will, ich bin zu allem bereit.« Die Landgräfin saß eine Weile stumm da, dann sprang sie auf und hielt die gerungenen Hände gen Himmel. »Nein!« rief sie. »Ich will es nicht! Hörst du? Ich will es nicht. Ich will dein Opfer nicht, und dein Vater braucht es nicht, denn die Träume sind Teufelstrug! Und dein Mann wird es auch nicht wollen, denn er liebt dich treu und heiß, und es ist mein Trost, daß du ohne seinen Willen nichts zu tun vermagst! Du hast dich seinem Willen zu fügen, denn du bist sein Weib; ihm gehorsam zu sein, ist deine nächste Pflicht.« »Gott gehorsam zu sein, geht über alle Pflichten,« versetzte Frau Else und verließ mit einem traurigen Blick auf ihre Mutter das Gemach. Sie begab sich hinüber nach der Kapelle, um im Gebet eine Erleuchtung zu suchen, denn sie wußte nicht, was sie beginnen sollte. Die Ihrigen versperrten ihr den Weg zur Erfüllung ihres Gelöbnisses, und das Unglück kam über das Haupt ihres Gatten. Das Heer des Königs, so war gestern gemeldet worden, zog heute auf Hersfeld, um sich mit den Soldknechten des Abtes zu vereinigen. In zwei Tagen konnte die Burg eingeschlossen sein. Dann war es zu spät, wenn nicht Gott den Willen für die Tat nahm. Da schoß ihr, während sie vor dem Altare des kleinen Kirchleins betete und weinte, ein Gedanke durchs Hirn: Flucht! Heimliche Flucht! Darob erschrak sie zuerst, als höre sie die Stimme des Versuchers, aber dann erschien es ihr, als habe Gott selbst ihr diesen Weg gezeigt. Wie sollte sie anders ihr Werk vollenden? Es war keine Zeit mehr zu verlieren, jede Stunde war kostbar. Schnell von Entschluß, wie sie war, faßte sie nun ihren Plan. Unter den Kriegsleuten der Burg war einer, der hatte schon ihrem Vater gedient und war ihr und ihrer Mutter von Arnshaugk hierher gefolgt und war ihr ganz und gar ergeben. Der Alte war ihr Falkner daheim gewesen und hatte sie reiten gelehrt und hing so an ihr, daß er für sie in den Tod gegangen wäre. Es traf sich gut, daß er denen angehörte, die allnächtlich einige Stunden die Wache hatten. Durch seine Hilfe konnte sie ins Freie gelangen, in seiner Begleitung, gehüllt in ein graues Pilgergewand, über die Berge nach Himmelskron wandern und dort an die Klosterpforte klopfen als eine, die auf Gottes Befehl der Welt entsagen wollte. – Der Himmel selbst schien ihr Vorhaben zu begünstigen, denn gegen Abend traf der Bruder Boso von Reinhardsbrunn auf der Burg ein und mit ihm sein Abt Markwart, der frühere Lehrer und vertrauteste Freund ihres Gatten. Die beiden saßen ganz gewiß bis über Mitternacht mit Hermann Goldacker und etwa noch dem Kaplan Walther beim Becher zusammen, und vor Mitternacht mußte sie die Burg verlassen, weil dann der Mond aufging und so ihre Flucht leichter bemerkt werden konnte. Zunächst freilich mußte sie die Fragen des kunstreichen Arztes über sich ergehen lassen, der ob ihres blassen, leidenden Aussehens bedenklich den weißen Kopf schüttelte und auf die Möglichkeit einer Verzauberung hindeutete. Sie gab nur kurze, einsilbige Antworten, und ihren Gemahl wagte sie gar nicht anzusehen, so schlug ihr das Herz. Sie meinte, er müsse es in ihren Augen lesen, was sie vorhatte, und er durfte nichts ahnen. So bat sie auch, von der Abendmahlzeit fernbleiben zu dürfen, weil sie sich unwohl fühle. Wie konnte sie gleichgültige Worte sprechen, während ihre Seele betrübt war bis in den Tod! »Bei Sankt Benediktus!« sagte der gewaltige Abt Markwart mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme, während sie die Stiegen herabschritten. »Bei Sankt Benediktus! Markgraf, deine Frau gefällt mir übel. Wie war sie sonst immer so klug und klar, eine echte Fürstin! Heute sieht sie aus, wie eine kranke Hindin. In Wahrheit – sie könnte wohl verhext sein.« »Man sollte es fast meinen. Sie hat erschreckliche Gedanken. Ich erzähle dir alles morgen in der Frühe,« entgegnete der Markgraf düster. Einige Stunden später stand Frau Else im Pilgerhut und Pilgermantel an einem Fenster ihres ehelichen Schlafgemaches. Sie lauschte auf den Klang der Uhr, die vor vier Jahren Eisenacher Mönche ans Welschland mitgebracht und auf den Turm der Burg als vielbestauntes Wunderwerk aufgestellt hatten. Wenn der elfte Schlag verklungen war, dann erwartete sie der treue Knecht da unten an der Tür des Burgfrieds, und sie warf von sich, was bisher ihres Lebens Glück und Wonne gewesen war. Traumhaft, mit weitgeöffneten Augen schaute sie sich noch einmal um in dem vertrauten Raume, und starr und brennend ruhte zuletzt ihr Blick auf einer Wiege, die in der Ecke stand. Dort schlief ihr Kind, die kleine Elisabeth. Sie vermochte sie nicht mitzunehmen auf ihrer nächtlichen Flucht, und sie wollte es auch nicht. Im Kloster hätte sie das Kind nur behalten können, wenn sie es den Heiligen gelobt hätte, und das litt weder ihr Mann, noch wäre sie jemals imstande gewesen, ihrer Tochter dieselbe Last aufzubürden, unter der sie selbst fast zusammenbrach. Schon einmal hatte sie unter heißen Tränen Abschied genommen von der Kleinen, und jetzt, wie sie sah, daß das Kind sich im Traume regte und leise vor sich hinlallte, stürzte sie wiederum vor der Wiege in die Knie. Sie riß das schlafende Kind aus den Kissen und preßte es an sich und flüsterte und stammelte abgebrochene Worte, bis sie vor Herzeleid nicht mehr zu reden vermochte und nur noch weinte und schluchzte, während die Kleine ruhig weiter schlief und nicht einmal die Augen öffnete. Da drang von der Türe her ein dumpfer Ton an ihr Ohr. Sie sprang auf und stand ihrem Manne gegenüber. Der Markgraf lehnte an einem Türpfosten und hatte beide Hände gegen die Brust gepreßt. Er sprach nichts, sondern blickte sie mit einem rätselhaften Ausdrucke an. »Du wolltest fort?« fragte er endlich. Sie neigte schweigend das Haupt. »Lege das Kind in seine Wiege, damit du ihm nicht ein Leid antust in deinem Wahnsinn.« Sie gehorchte und sank dann wieder vor dem Bettchen in die Knie. Es war eine Weile ganz still, nur die Atemzüge des schlafenden Kindes waren hörbar. Frau Else wußte, daß ihr Mann zu schweigen pflegte, wenn er den aufsteigenden Jähzorn besiegen wollte, und ein dumpfes Gefühl der Furcht stieg in ihrer Brust empor, während sie die Stirn auf die Kante der Wiege legte. Aber nicht Zorn lag in seiner Stimme, sondern Trauer und Wehmut, als er endlich zu reden anhub. »Du wolltest fort!« sagte er. »Wunderlich! Bin ich ein Mann, oder bin ich wieder ein Kind? Das alles war schon einmal so, es ist nun siebenunddreißig Jahre her. In der Ecke, wo du jetzt kniest, da kniete eine andere, und sie trug auch ein graues Pilgerkleid. Sie herzte ihr Kind zum letzten Male, und das Kind war ich, ein Knabe von zehn Jahren. Dann habe ich meine Mutter nie wieder gesehen. Sie ist bald darauf in der Fremde gestorben.« Er hielt inne und fuhr erst nach einigen Sekunden mit einem tiefen Seufzer fort: »Mein Vater wußte wohl, weshalb sie ging, und noch heute kann er die Augen nicht aufschlagen, wenn ihr Name genannt wird. Aber ich, was habe ich getan, daß mein Weib sich von mir lösen will?« Frau Else sprang auf. »Friedrich!« schrie sie und umschlang seinen Nacken mit ihren Armen, »ich gehe ja aus Liebe von dir. Gott weiß, daß mir fast das Herz zerbricht. Aber ich will dich retten vom Fluche der Sünde!« Der Markgraf löste sanft ihre Arme von seinem Halse und schaute ihr, während er ihre beiden Hände hielt, kummervoll in die Augen. »Ich sehe, wie ernst es dir ist, und ich erkenne, daß dich schwerlich ein Mensch von dem Wege abbringen wird, den du gehen willst. Ich könnte dich mit Gewalt hindern, aber was hülfe das? Du wärst mir doch verloren, und es widert mich an, ein Weib zu zwingen gegen ihren Willen. Dennoch bitte ich dich, zu bleiben, denn wenn du gehst, so wird vielen in der Burg der Mut entsinken; sie werden meinen, du habest dein Leben in Sicherheit gebracht.« Er trat einen Schritt von ihr zurück, und indem eine fahle Blässe sein Antlitz überzog, hob er die Hand zum Schwur und sprach mit dumpfer Stimme: »Du sollst fortan auf dieser Burg als meine Schwester, nicht als mein Weib leben! Das schwöre ich dir. Dafür fordere ich, daß du aushältst neben mir, solange der König die Burg belagert. Dann sollst du, wenn er abgezogen ist, wählen, was du tun willst.« Frau Else sank zu seinen Füßen nieder und benetzte seine Hände mit ihren Tränen. »Ich danke dir, Friedrich,« stammelte sie. »Sollt' ich aber unterliegen,« fuhr der Markgraf fort, indem er düster auf sie niederblickte, »so wisse, daß ich hier sterben werde. Denn ich unterwerfe mich diesem Könige niemals. Und dann hoffe ich zu Gott, daß du dich wieder zu mir findest, und daß ich in den Armen meines Weibes sterbe.« »Friedrich!« schluchzte die Markgräfin, »du wirst nicht unterliegen und wirst nicht sterben, da du dich nun Gottes Willen unterwirfst, wie ich mich ihm unterworfen habe.« Der Markgraf machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich erwarte nichts mehr. Markwart hat sichere Kunde gebracht von der Stärke des Heeres, mit dem der König heranzieht. Geschieht nicht ein Wunder, so bin ich verloren.« »Gott wird ein Wunder tun, Friedrich. Er hilft denen, die sich seinem Willen beugen und der Sünde entsagen.« Der Markgraf antwortete nicht. Er lauschte angestrengt zum Fenster hinaus, denn in der Ferne klang Rufen und verworrenes Reden von Männerstimmen durch die stille Nacht, dazu ein scharfes, kreischendes Geräusch. »Sie lassen die Zugbrücke herunter. Was ist das? Ich will nachsehen,« sagte er und eilte nach der Tür. Da wandte er sich noch einmal um. »Du gibst dein Wort, daß du jetzt bleibst, Else?« »Ich gebe es.« Während er die Treppe hinuntereilte, zog Frau Else das Pilgerkleid ab, das sie über ihren Gewändern trug. Ihr war unsagbar feierlich zumute; ein wunderbares Gefühl neuer Hoffnung und Sicherheit erfüllte ihr Herz. So mußten wohl die Märtyrer empfunden haben, die mitten unter Qualen und Schmerzen schon in der Ferne den Himmel offen sahen. Sie faltete die Hände, und während ihr noch die Tränen über die Wangen rannen, dankte sie Gott, daß sie das Opfer ihres Glückes darbringen durfte. Da kamen schwere, klirrende Tritte die Stufen herauf, ihr Gemahl kehrte zurück. Seine Wangen waren gerötet, und in seinen Augen stand ein Leuchten, wie sie es seit langem nicht geschaut hatte. »Was ist geschehen?« rief sie erstaunt. »Das Wunder, das du erbeten hast,« sagte er tief erschüttert. »Wenzel von Böhmen ist ermordet worden.« Die Markgräfin schrie auf. Sie wußte ganz genau, was diese Kunde zu bedeuten hatte. Nun mußte König Albrecht nach Böhmen ziehen, denn mit dem jähen Tode des letzten aus dem alten böhmischen Königsgeschlechte begann dort der Kampf um die Nachfolge. Seine Hauptmacht konnte nun nicht mehr gegen die Wartburg heranrücken, und vor der Hand war so mit einem Male das finstere Gewölk zerstreut, das über ihrem Haupte gehangen hatte. Sie eilte mit weitgeöffneten Armen auf ihren Gatten zu. Aber plötzlich blieb sie stehen und schlug die Augen zu Boden. Die Arme sanken ihr schlaff an den Seiten herab, und dunkle Glut trat ihr ins Antlitz. Ihr Mann sah sie schweigend an. Dann sagte er ernst und traurig: »Du hast recht. Der Schwester geziemt das nicht. Schlafe in Frieden.« Und langsam, mit gesenktem Haupte verließ er das Gemach. V. Am andern Morgen früh zelebrierte Abt Markwart in der Burgkapelle eine Dankesmesse. Der Markgraf und die Markgräfin wohnten ihr bei und mit ihnen alle ritterlichen Vasallen, die sich auf der Burg befanden. Nur das landgräfliche Paar fehlte, denn der alte Landgraf hatte wieder einmal, wie in letzter Zeit häufig, einen bösen Anfall seiner Fußgicht, und seine Frau mußte ihn pflegen, da er niemand sonst um sich litt. Nach der Feier trat der Markgraf an den Abt heran und bat ihn, in der Kapelle zurückzubleiben. »Ich will dir beichten, Markwart,« sagte er. »Seit dreißig Jahren bist du mein Freund, du warst es dem Knaben, der keinen andern hatte, du bist es dem Manne geblieben. Wem sollt' ich lieber mein Herz öffnen als dir? Zudem bist du der klügste aller Menschen, die ich kenne, und deine Weisheit sieht auch Wege und Stege, wo andern Menschen alles verbaut erscheint.« Und er erzählte ihm getreulich alles, was in den letzten Tagen geschehen war, und was sich in der verflossenen Nacht zwischen ihm und seiner Frau ereignet hatte. Als er seinen Eid erwähnte, fuhr der Abt empor und schlug heftig mit den Händen auf die beiden Lehnen des Chorstuhles, in dem er saß. »So hast du deinem Weibe entsagt?« rief er. »Du? Nimmermehr hätte ich das von dir gedacht. Du sagtest doch, sie sei krank, und bei Gott, so däucht mir's auch. Wie konntest du ihr nachgeben? Was trieb dich dazu?« Der Markgraf starrte düster vor sich nieder. »Was mich trieb? Ich hatte eben von dir gehört, mit welcher Macht der König kommen wollte. Da verzweifelte ich daran, daß ich ihm widerstehen könne, und dachte, daß ich wohl bald sterben müßte. So gab ich ihr das Gelöbnis, weil ich ihr zuletzt nicht mehr widerstehen wollte.« Er hielt inne und fuhr dann tief aufseufzend fort, und seine Stimme wurde immer leiser, während er sprach: »Es war noch etwas anderes, was mich trieb. Ich sah sie knien, wo meine Mutter kniete vor langen Jahren, und ich gedachte mit Schrecken der vielen Sünde, die in unserm Hause seither begangen ist, begangen auch von mir. Ich habe mit meinem Bruder gehadert und gestritten um Land und Leute und Burgen, und ich habe mit meinem Vater oftmals gekämpft, und es ist viel Blut geflossen. Auch habe ich meinen Vater lange gefangen gehalten, bis er sich meinem Willen fügte.« »Und ich,« rief der Abt und schlug mit der Rechten gegen seine breite Brust, »ich, Markwart von Reinhardsbrunn, habe dir das geraten! Und bei Gott, ich würde dir's immer wieder raten, denn dein Bruder ist ein Schwächling und dein Vater ein Verschwender. Hättest du ihm nicht widerstanden, der sich und euch zu Bettlern machen wollte, so hättest du größere Sünde getan.« »Ich würde jederzeit wiederum so handeln, wie ich gehandelt habe,« erwiderte der Markgraf und faßte seine Hand. »Dessen sei gewiß. Aber ich kann's nicht hindern, daß mich oft schwere Gedanken änstigen, und daß mir die Welt furchtbar erscheint, wo man Sünde tun muß, um größere Sünde zu vermeiden. Wir werden in Sünden verstrickt und müssen Übles tun, wir mögen wollen oder nicht.« »Und weil es so ist und nicht anders sein kann in der Welt, so hat der Herr des Himmels seiner Kirche den unermeßlichen Schatz der Gnade gegeben,« versetzte der Abt. »Unser Erlöser hat ihn angefangen, und alle Heiligen haben ihn noch gemehrt, und wenn wir beichten und büßen und gute Werke tun, so haben wir teil daran und können nicht verderben.« »Ja, das ist auch mein Trost,« erwiderte der Markgraf. »Was wäre der christliche Glaube, wenn der Sünder nicht durch die Bitten der Jungfrau und der Heiligen Gnade erlangen könnte?« Der Abt nickte. »Warum also quälst du dich um Sünden, die dir doch längst vergeben sind und die weit dahinten liegen? Jetzt bist du ja schon seit sieben Jahren im Frieden mit deinem Vater.« »Die große Gefahr, in der ich stand, ließ mich zweifeln, ob Gott auch wirklich vergeben habe. Wundert's dich, daß ich einmal schwach und müde ward? Auch der Stärkste hat eine schwache Stunde. Jetzt aber sehe ich wieder klar und erkenne mit Freuden, daß du den Wahn meines Weibes ansiehst, wie ich ihn ansehe. Ich glaube nimmermehr, daß ihr Gott die Seele ihres Vaters im Traume gezeigt hat, sondern daß dieses Gesicht ein Trug des höllischen Teufels war.« »Einerlei,« erwiderte der Abt, »ob jene Träume von Gott oder vom Teufel waren. Der heilige Vater der Christenheit hat von unserm himmlischen Herrn die Macht erhalten, zu binden und zu lösen. Ist Frau Else in Angst um ihres Vaters willen, so kann sie Ruhe finden, wenn sie sich an den Herrn Papst wendet. Gehen ein paar mit Silber bepackte Maultiere mit über die großen Berge nach Rom, so wird die Seele des Grafen von Arnshaugk nicht lange mehr in den Flammen schmachten, wenn anders sie überhaupt darinnen ist. Und sagt ihr das der heilige Vater, so wird sie, eine gehorsame Tochter der Kirche, ihm glauben. Nur die ruchlosen Ketzer leugnen, daß in der Christenheit ein ewig fließender Born der Gnade steht, und weigern sich, daraus zu schöpfen. Viel schlimmer ist der Spruch jener heiligen Frau, und ich sinne vergebens, wie wir die Gedanken der edlen Fürstin dahin wandeln, daß sie wieder mit dir lebt, wie seither.« »Wie wäre es,« fragte der Markgraf, »wenn ich selbst gen Weißenfels führe?« »Wozu?« »Um die Nonne zu bewegen, daß sie einen andern Spruch tue.« »Das würde dir schwerlich gelingen.« »Sollte eine Nonne nicht zu gewinnen sein durch Geld und Versprechungen, wenn doch der Vater der Christenheit, wie du selber sagst, ein Ohr hat für den Klang des Silbers?« »Vermenge diese Dinge nicht,« versetzte der Abt unwillig. »Der Herr Papst hat die Welt zu regieren und braucht dazu Geld und mehr Geld als ein andrer Fürst. Er ist in die weltlichen Händel verstrickt in allen Landen und muß zusehen, wie er die Macht behält. So muß er vielfach handeln, wie wir alle tun, nach Gunst und Vorteil, und das kann nicht anders sein. Die Heiligen aber kümmern sich nicht um die Welt und fragen nur nach der Stimme, die in ihnen redet.« »Dabei läuft manchmal viel Betrug und Torheit unter,« wandte der Markgraf ein. »Ohne Zweifel,« bestätigte der Abt. »Es gibt solche, die sich einen Schein der Heiligkeit zu geben wissen und mit ihren Sprüchen die Leute narren und äffen. Die Nonne von Orlamünde aber hat Wunder getan, und ihre Frömmigkeit ist unbestreitbar. Niemand darf von ihr glauben, daß sie anders, als aus dem Geiste redet.« Der Markgraf hob überrascht und erschrocken das Haupt. »Du meinst, ihr Spruch könnte von Gott kommen?« »Daran habe ich nimmer gezweifelt,« versetzte der Abt. »Beim Strahl!« entfuhr es Herrn Friedrich trotz des heiligen Ortes, an dem er sich befand. »Denkst du also, wie kannst du dann meinen, mein Weib sei krank in ihrem Geiste, wenn sie dem Spruche der Nonne folgt? Dann müßtest du sagen, sie tue ja Gottes Willen, wenn sie mich verließe und im Kloster betete und büßte.« Der Abt richtete seine scharfen grauen Augen fest auf das Gesicht des Markgrafen und erwiderte langsam: »Wisse: den Willen Gottes können nur wenige erfüllen, und die nicht dazu berufen sind, denen ist es besser, sie erfüllen ihn nicht, ja sie fragen gar nicht erst darnach.« Der Markgraf sah ihn verwundert an. »Ich verstehe dich nicht,« sagte er kopfschüttelnd. »Der Wille Gottes,« fuhr der Abt fort, »geht immer dahin, daß wir sollen heilig sein und in der Nachfolge Christi wandeln. Arm sollen wir sein und ohne Heimat, wie er war, sollen alle weltliche Lust in uns ertöten, sollen Schmach und Pein und Schmerzen leiden, wie er sie litt. Und alles das sollen wir tun aus Liebe zu unserm himmlischen Erlöser, und weil es uns dazu drängt. Was erzwungen werden muß, ist Gott leid. Wer kann also Gottes Willen wirklich tun? Die Wenigen, die dazu berufen sind, die Heiligen. Frau Else ist nicht dazu berufen, denn sie ist zur weltlichen Herrin geboren, könnte ein Fürstentum regieren, wenn's sein müßte. Darum sage ich: ihr Geist war getrübt von Sorgen und Kummer, daß sie die Heilige fragte, und daß sie sich nun darauf versteift, Gottes Willen zu tun. Sie hätte gar nicht fragen sollen.« »Hätte ich gewußt, was sie in Weißenfels wollte, so hätte ich die Reise verhindert!« rief der Markgraf. »Bewege sie, mir zu beichten, wie sie früher so manchmal getan hat,« versetzte der Abt. »Dann werde ich ihr sagen: Meine Tochter, der Herrgott hat zwei Stände der Menschen geschaffen, Heilige und Weltleute. Zur Heiligen hat dich der Himmelsherr nicht bestimmt, da hätte er dich anders schaffen müssen. Wer aber in der Welt soll leben, der soll auch den ehrlichen Mut haben und bei sich selber sprechen: hier muß ich manchmal Sünde tun, und es geht nicht anders. Aber ich brauche nicht zu verzagen, denn alle, alle meine Sünde kann mir vergeben werden durch den Schatz der Gnade, der in den Händen der heiligen Kirche ist.« »Rede mit ihr, und möge dir's glücken, ihren Sinn zu ändern,« gab der Markgraf zur Antwort. »Nur fürchte ich, sie begehrt den Stand der Heiligen für sich, denn ihr Gemüt ist ganz verdüstert.« »Es wird bald wieder heiter werden, nun, da die große Angst vorüber ist, und dann wird sie mit Schrecken inne werden, wohin sie sich verstiegen hat wider ihre Natur. Vor allen Dingen suche zu hindern, daß sie die Burg sogleich verläßt.« Der Markgraf nickte. »Das wird sie, so hoffe ich, nicht tun. Ich denke, ich habe ein Mittel, sie vor der Hand hier zu halten. Komm nachher, wenn die Glocke tönt, hinüber in den Festsaal. Ich versammle dort die Mannen, und ich meine, du wirst hören, was du nicht vermutet hast.« Er reichte dem Abte die Hand, und während Herr Markwart in tiefem Sinnen zurückblieb, begab er sich in seine Gemächer. Dort wartete im Vorzimmer der Marschalk von Helldorf, der sich ehrerbietig verneigte und offenbar mit einem Auftrage seiner Herrin gekommen war. Aber der Markgraf schnitt ihm das Wort ab und sagte: »Melde sofort Frau Elsen, daß ich sie bitten lasse, mit ihren Frauen in den Festsaal zu kommen. Und auf dem Wege zu ihr befiehl dem Wächter, daß er das Zeichen zur Versammlung gibt.« Einige Minuten später erscholl ein scharfes, feines Glockengebimmel, das weithin zu hören war, aus den oberen Mauerluken des Bergfrieds. Es war für alle, die in der Burg den Rittergurt trugen, das Zeichen, sich möglichst unverzüglich im großen Saale einzufinden. Der Markgraf wartete absichtlich noch eine Weile, ehe er sich hinunterbegab, denn er wollte nicht vorher befragt werden, was er vorhabe. Als er eintrat, waren schon alle versammelt. Die Ritter und die edlen Frauen standen, nur der Abt hatte es sich in einem Lehnstuhle bequem gemacht, und Frau Else saß, wie es der Fürstin gebührte, auf ihrem Thrönlein. Sie sah sehr bleich aus und blickte ihn erwartungsvoll an, als er die Stufen zum Herrensitz schnell emporstieg. Friedrich ließ sich nicht erst auf seinem Thronsessel nieder, sondern blieb stehen und überflog mit seinen Blicken die Versammelten. Ach, es war ein kleines Häuflein Getreuer, nicht viel über zwanzig, aber mehrere der besten Namen Thüringens waren unter ihnen und einige Kriegsleute von hohem Rufe und vielerprobter Tapferkeit. Alle überragte die Gestalt seines Marschalks Hermann Goldacker, dem der breite kohlschwarze Bart bis zum Schwertgurte herniederwallte, während der mächtige Schädel wohl manche Narbe, aber kaum ein Härlein trug. »Liebe und Getreue!« begann der Markgraf, »ihr alle habt gehört, daß König Wenzel von Böhmen von Mörderhand gefallen ist. Ihr alle wißt auch schon längst, daß König Albrecht Böhmen für sich begehrt und seinen Sohn Rudolf dort einsetzen möchte, wie denn der Habsburger alles Land haben will, von dem er hört. Das beste Recht auf Böhmen hat nun mein Schwäher, Herzog Hinrich von Kärnten, und König Wenzel selbst hat ihn zum Nachfolger bestimmt, falls er ohne Leibeserben stürbe. So wird denn der Krieg zwischen den beiden entbrennen, und dort in Böhmen wird auch um unser Geschick gekämpft. Unterliegt der König, so ist er so geschwächt, daß wir ihn nicht mehr zu fürchten brauchen. Siegt er, so wird er stärker, denn zuvor. Somit kommt alles darauf an, ihn dort zu Boden zu ringen, und darum bin ich entschlossen, zu meinem Schwäher nach Böhmen zu ziehen und dort gegen den König zu streiten.« Er sprach die letzten Worte, die jedermann unerwartet kamen, mit lauter Stimme, und sie hatten eine starke Wirkung. Der Abt stieß einen Laut der Überraschung aus, Frau Else fuhr von ihrem Sitze vor Schrecken empor, die Ritter aber riefen Heil und stießen rasselnd ihre Schwerterscheiden auf den Estrich. »Dietrich von Werthern und Lutz von Wangenheim, ihr werdet mich mit dreißig Knechten begleiten,« fuhr der Markgraf fort. »Ihr andern freilich müßt hierbleiben, denn noch ist die Wartburg in Gefahr. Mir ist Kunde geworden, daß die Mühlhäuser und Nordhäuser, vom König aufgestachelt, den Eisenachern wollen zu Hilfe fahren, und ein paar hundert Knechte wird ihnen wohl auch der König senden. So werden sie sicher die Burg berennen und schon in wenigen Tagen vor den Mauern stehen. Und nun hört mich: Einer gebietet, solange ich fern bin, in der Burg, die mir mein Vater übergeben hat, und in der er nicht selbst gebieten kann und will wegen der Schwachheit seines Leibes. And dieser eine soll mein Gemahl sein, Frau Else, und von euch fordere ich, daß ihr die Hand hebt und schwört, ihr treu und dienstwillig zu sein wie mir selbst, so wahr euch Gott helfe und alle seine Heiligen.« Aller Hände reckten sich in die Höhe, und aller Lippen sprachen laut den verlangten Eid. »Ich danke euch, meine Getreuen!« rief der Markgraf und schaute wieder mit blitzenden Blicken im Kreise umher. »Ehe ich abreise, trinken wir noch einen Becher zusammen beim frohen Mahle. Du, Hermann Goldacker, bist unter meiner Frau der oberste Hauptmann der Burg. Gehe hinüber in mein Gemach und harre mein! Ich habe mit dir zu reden. Ihr andern – auf Wiedersehen!« Er machte eine entlassende Handbewegung, und der Saal leerte sich allmählich. Auch Abt Markwart schritt mit hinaus, denn er war der Meinung, daß er Herrn Friedrich und sein Gemahl jetzt am besten allein ließe. Frau Else lehnte in ihrem Stuhle, blaß und unfähig zu sprechen. Erst als sie eine Weile mit ihrem Gatten allein war, fand sie Worte. »Du hast mich überrumpelt,« sagte sie vorwurfsvoll. »Ich habe dich nur bei deinem Worte gehalten. Du wolltest bleiben, solange die Burg belagert würde, und sie wird belagert, dessen sei sicher, wenn auch erst in etlichen Tagen.« »Und warum bleibst du nicht hier, Friedrich?« rief die Fürstin, und ein helles Rot ergoß sich über ihr Antlitz. »Warum läßt du nicht die Macht des Königs sich in Böhmen verbluten – – ?« »Wie?« unterbrach sie der Margraf, »du fragst noch? Kennst du mich so wenig? Ich gehe dahin, wo ich am nötigsten bin, und ich bin dort sehr nötig. Denn Hinrich, mein Schwäher, ist diesem König an Rat und Tatkraft nimmermehr gewachsen, zögert und zaudert und braucht einen, der ihn zu Taten fortreißt. Ich bin ihm soviel wert wie ein Heer. Und dann – auch um deinetwillen gehe ich, Else. Sollen wir leben, wie ich's gelobt, so ist's leichter für dich und mich, wenn ich fern bin.« Sie sah zu ihm empor mit einem Blicke, in dem der tiefste Schmerz und die rührendste, hingebendste Liebe lag, und heiß wallte in seinem Herzen die Sehnsucht auf, sie in seine Arme zu nehmen und ihren Mund zu küssen. Aber er bezwang sich. »Komm,« sagte er in kühlem Tone, »ich habe dir und Goldacker noch vieles zu sagen.« VI. In einem hohen Gemache der alten Pleißenburg zu Leipzig saßen zwei Männer einander gegenüber in ernstem Gespräch. Es war wunderbar, wie ähnlich sie in Statur und Gesichtszügen einander waren, und fast noch wunderbarer, wie verschieden sie trotz ihrer Ähnlichkeit jedermann erscheinen mußten. Der eine saß aufrecht in seinem Stuhle, seine Stimme ertönte markig und voll, und er schlug zuweilen im Eifer der Rede hart mit der sehnigen Rechten auf den Tisch vor ihm. Dabei zuckte jedesmal der andere unwillkürlich zusammen und blickte scheu zu dem Sprechenden hinüber, während er sonst, das Haupt auf die eine Hand stützend, die Augen beharrlich gesenkt hielt. Der eine war Markgraf Friedrich von Meißen, der gestern Abend von der Wartburg aus in Leipzig eingeritten war, der andere sein Bruder Diezmann, der Herr der Burg. In leidenschaftlichen Worten hatte soeben Friedrich seinen Bruder beschworen, das tatenlose Harren und Beiseitestehen nun endlich aufzugeben und mit ihm nach Böhmen gegen den König zu ziehen. Aber Herr Diezmann gab keine Antwort, sondern starrte schweigend auf die Tischplatte. »Was hält dich ab, zu reden?« fuhr endlich der Markgraf auf, zu dessen hervorragendsten Eigenschaften nicht gerade die Geduld gehörte. »Willst du mich keiner Antwort würdigen?« Diezmann hob langsam sein Antlitz empor und sah seinen Bruder an. Sein Auge blickte trübe, und in seinen Zügen lag ein melancholischer Ausdruck, als er seinen Blick über die ganze Gestalt Friedrichs hingleiten ließ. Dann sagte er mit müder Stimme: »Du bist der Ältere von uns beiden und doch der Jüngere. Es ist wunderlich, wunderlich! Einst hatte ich dieselben goldblonden Haare wie du, aber die meinen sind jetzt fast grau, während sich bei dir kaum ein Haar gebleicht hat.« »Was soll das?« fragte Friedrich unmutig. »Ist das eine Antwort auf meine Frage, ob du mit mir willst gen Böhmen fahren?« »Es ist eine Antwort. Ich bin ein Greis geworden vor der Zeit, des Lebens überdrüssig und des Kämpfens müde. Das ewige Streiten und Fehden hat mich aufgerieben, und ich habe an nichts mehr Lust in der Welt. Mein Söhnlein ist mir gestorben, meine Frau ist, so scheint's, unheilbar siech. Was liegt mir noch an den Gütern und Händeln der Erde? Willst du auch fürder fechten und streiten, so tu's. Mich laß in Frieden!« Friedrich schüttelte unwillig sein Haupt und blickte ihm zürnend in die Augen, die sich mit Tränen füllten. »Ermanne dich!« sagte er laut. »Was ist das für ein weibisches Gewinsel! Wärst du siebzig Jahre alt, so wäre das vielleicht zu begreifen, was du sprichst. Aber du bist fünfundvierzig, stehst in der Vollkraft des Lebens und redest wie ein Greis, den die Schmerzen der Gicht plagen; ich kämpfte noch zwei Jahre länger als du und habe viel Leid erfahren in der Welt, mehr als du. Aber wenn's mein Recht gilt, greife ich jederzeit gern zum Schwerte, und der Kampf ist mir eine Lust.« Diezmann antwortete nicht sogleich. Er ließ seinen Kopf wieder in die Hand sinken und flüsterte scheu und mit gepreßter Stimme: »Ist's wirklich unser Recht, um das wir streiten?« Der Markgraf blickte ihn an, als zweifele er an seinem Verstande. »Was heißt das, wie kommst du zu solchem Zweifel?« »Wir stehen im Kampfe wider des Reiches Oberhaupt, den erwählten deutschen König,« erwiderte Diezmann. »Ha!« rief Friedrich und sprang empor. »Auch Adolf, das Gräflein von Nassau, war deutscher König. Hat uns das abgehalten, gegen ihn zu fechten?« »Nein. Aber wir haben auch nichts erreicht. Unsere Burgen wurden gebrochen, unsere Mannen erschlagen, wir selbst mußten in die Fremde entweichen. Und so wird's wiederum ergehen, wenn wir uns wider den setzen, der nun einmal die Krone trägt. Es taugt nicht, gegen des Königs Majestät zu streiten. Haben es nicht Köln, Trier und Mainz erfahren müssen? Und wie mächtig waren die!« Des Markgrafen Hände hatten sich während dieser Rede seines Bruders geballt. Sein Gesicht war von Zornesröte übergossen, und seine stahlblauen Augen funkelten. Dann brach er los: »Herr und Gott! So redet mein Bruder. Wie ein altes Weib, wie ein salbadernder Pfaffe! Höre! Warum wählen sich die Deutschen einen König? Damit er das Recht schütze. Wird er selbst zum Räuber, so verliert er seine Würde. Und ist nicht dieser König ein Räuber gewesen vom ersten Tage an, da er die Krone trug? Hat er nicht jedem das Seine genommen, wo er nur konnte? Sucht er nicht sogar seines Bruders Kind, Herzog Johann von Schwaben, die Lande zu entreißen, die ihm gehören? Habsüchtig, unersättlich, jedes Recht mit Füßen tretend, verschlingt er eine Burg, eine Stadt, eine Landschaft nach der andern. Schon deshalb sehe ich ihn nicht als den König an, dem ich mich zu beugen hätte.« Er hielt inne und warf den Kopf stolz in den Nacken. »Und noch aus einem zweiten Grunde nicht,« fuhr er mit starker Stimme fort. »Stirbt ein Königsgeschlecht aus, so gebührt nach altem deutschen Rechte die Krone dem nächsten Blutsverwandten. Der war ich, als der junge Konradin in Welschland sein blutiges Ende gefunden hatte. Sie ward mir angeboten, als ich ein Knabe war, und wäre unser Vater ein anderer Mann gewesen, so trüge ich sie heute, wenn auch der Papst dagegen schäumte. Friedrich von Staufen nannte mich Gregor in dem Schreiben, in dem er die Fürsten mahnte, den Enkel des Kaisers, der als Gebannter starb, nicht zu wählen. Friderich von Staufen! Er hatte recht gesagt. So fühle ich mich! So sollst du dich auch fühlen! In uns ist das Blut derer, die von Palermo bis zur Eider als Herren geboten. Und wir sollten uns vom Grafen von Habsburg unser Recht nehmen lassen? Wider alles Recht trägt er selbst die Krone. Sein Großvater hat unserm Großvater die Steigbügel gehalten. Nimmer beug' ich mich ihm, so lange ich lebe!« Diezmann stand auf und bot ihm die Hand, aber das Antlitz hielt er halb abgewendet. »Oft in früheren Jahren,« sagte er, »habe ich dich beneidet und befehdet. Längst aber habe ich erkannt, und jetzt erkenn' ich's wieder, daß du der Stärkere bist von uns beiden. Dir gebührt die Herrschaft, und wahrhaftig, siegst du, so soll alles Erbe unsers Hauses dein sein außer Leipzig und dem Osterlande. Das bleibe mein, bis es nach meinem Tode auch an dich heimfällt.« »Wenn ich nicht vor dir sterbe.« Diezmann machte ein matte, abwehrende Bewegung. »Du stehst wie ein Eichbaum in Saft und Kraft, ich gleiche der vermorschten Weide. Zeuch hin, mein Bruder, und Gott lasse dir's glücken!« »Und du willst nicht mit mir ziehen?« »Nein!« Friedrich ließ die Hand des Bruders fallen und blickte ihn mit einem Gemisch von Zorn und Mitleid an. Schließlich aber siegte das Mitleid ganz und gar. Der gebeugte, frühgealterte Mann, der da vor ihm stand, war offenbar ein Kranker; die Welkheit seines Gesichtes, die müde Hoffnungslosigkeit in den abgespannten Zügen und den trüben Augen ließen keine andere Deutung zu. Man konnte nicht mit ihm rechten, und es war eine Torheit, ihn zu schelten und mit ihm zu zürnen. »Ich will Gott bitten, daß er dich gesunden lasse,« sagte der Markgraf aus einer plötzlichen Aufwallung des Mitgefühles heraus. Dann faßte er seine Hand, drückte sie kräftig und rief: »Lebe wohl, Bruder!« Ohne eine Antwort Diezmanns abzuwarten, schritt er zur Tür hinaus. Seine Absicht war, sofort abzureiten und keine Zeit mehr zu verlieren. Aber als er um die Ecke des Korridors bog, um die Wendeltreppe hinabzusteigen, wartete hier der Kämmerer seines Bruders, Herr Friedrich von Schlotheim, auf ihn und trat ihm mit einer Verneigung entgegen. Der Ritter hatte ihn vorhin zu seinem Herrn geleitet und wußte, was der Markgraf bei seinem Bruder gewollt hatte. »Ich habe nichts erreicht, Schlotheim, und reite ohne Euch weiter,« sagte Friedrich finster. »Hättest du mir gesagt, daß mein Bruder krank ist, so hätt' ich mir die Bitte sparen können.« Das hagere Gesicht des langen Kämmerers legte sich in tiefe Kummerfalten. »Herr,« sagte er, »ist's Euch genehm, so tretet hier eine Weile ein. Ich möchte Euer Gnaden etwas offenbaren.« Friedrich nickte und trat in ein kleines Gemach, dessen Wände mit Hirschgeweihen und ausgestopftem Federwild von oben bis unten besetzt waren. Der Ritter geleitete ihn zu einer Bank am Fenster und begann dann, vor ihm stehenbleibend: »Unser Herr hat Anfälle von Trübsinn seit einem Jahre. Er kann nicht hinauskommen über das Leid, das seines Sohnes Tod ihm bereitet hat. Er hat Zeiten, wo er davon spricht, daß er der Welt entsagen will.« »Das wäre der Teufel!« rief Friedrich dazwischen. »Aber ganz schlimm ist es erst geworden,« fuhr Schlotheim fort, »seit der Jude gekommen ist, der ihm aus den Sternen Unheil prophezeit hat, und ich wollte Euer Gnaden gebeten haben, unsern Herrn zu vermögen, daß er den Juden wieder fortschickt.« »Welchen Juden?« fragte Friedrich verwundert. »Seit wann pflegt mein Bruder Verkehr mit derlei Ungläubigen?« »Er heißt Isaschar, ist ein uralter Mann und kam vor dem heiligen Osterfeste aus Welschland. Es heißt, er sei schon am Hofe des großen Kaisers Friedrich, Eures hohen Ahns, gewesen, und deshalb hat ihn auch wohl unser Herr aufgenommen.« In den Zügen des Markgrafen zeigten sich Unmut und Neugier zugleich. »Es war eine Schwäche des großen Kaisers,« sagte er, »daß er auf solche Leute hörte. Er, der alle Wunder leugnete und an nichts glauben wollte, er glaubte an das Gaukelwerk der Sterndeuter. Seltsam, daß jeder Mensch seine Narrheiten haben muß!« Er verfiel in tiefes Sinnen, dann fuhr er auf. »Wo ist das Geschöpf? Ich will's sehen und mit ihm sprechen,« rief er, und als er das bedenkliche Gesicht des Kämmerers bemerkte, fügte er lachend hinzu: »Du fürchtest wohl, Schlotheim, daß ich mir auch wahrsagen lasse? Da sei ganz unbesorgt. Könnte mir einer den Schleier wegziehen, der die Zukunft verhüllt, ich tät' ihm lieber die Hand abhauen. Doch keiner kann's, und das ist eine Wohltat des Himmels. Aber« – er dämpfte seine Stimme und faßte den Kämmerer vertraulich am Wamse – »ich will sehen, ob ich den Halunken nicht dazu bringe, daß er meinem Bruder ein anderes Horoskop stellt. Da ist oft viel zu tun mit Güte« – er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander, als ob er Geld zählte – »oder auch mit Gewalt.« »Herr,« versetzte Schlotheim, und sein nicht eben kleiner Mund zog sich fast bis zu den Ohren, »ich wäre mehr für die Gewalt. Ein Festtag wäre mir's, und zwei dicke Wachskerzen opferte ich dem heiligen Sankt Georg, wenn ich den Schuft aus dem Turmfenster fliegen sähe.« »Dann könnte er kein Horoskop mehr stellen, mein Alter,« entgegnete Friedrich und schlug ihm kräftig auf die Schulter. »Er wohnt wohl im Turm?« »Ganz oben, fast unterm Dache.« »So geleite mich hin, bleib' aber unten an der Treppe stehen. Ich will allein mit ihm reden.« – Als Friedrich das runde Turmzimmer betrat, erhob sich hinter einem Tische, auf welchem sich viele Pergamente und astrologische Instrumente befanden, ein kleiner Mann in einem langen, kohlschwarzen Kaftan und kam schlürfenden Schrittes auf ihn zu. Sein Rücken war von der Last der Jahre gekrümmt, und Haar und Bart glänzten silberweiß, aber die Augen in dem faltigen Gesichte glitzerten wie Kohlen, und auch die Glieder des Männleins schienen noch sehr beweglich zu sein. »Wer kommt zum alten Isaschar?« fragte er mit dünner, scharfer Stimme. »Seid Ihr es, erlauchter Herr? Friede sei mit Euch! Aber nein« – er brach plötzlich ab, beschattete die Augen mit der Hand, als ob ein Lichtschein ihn blende, und wich einen Schritt zurück. Dann mit einem Male lag er auf dem Erdbodcn. »Der Kaiser! der Kaiser!« murmelte er, und ein ungeheures Staunen prägte sich in seinen Zügen aus. »Ich bin Kaiser Friedrichs Enkel, Markgraf Friedrich von Meißen. Stehe auf, Isaschar, und setze dich auf einen Stuhl.« »Wie dürft' ich sitzen in Eurer Hoheit Gegenwart?« stammelte der Greis, aber auf einen befehlenden Wink des Fürsten erhob er sich und setzte sich auf die äußerste Ecke des klotzartigen Schemels, indem er mit einer Art Verzückung zu dem Markgrafen emporblickte. »Wie alt bist du?« fragte Friedrich. »Herr, achtundachtzig Jahre lang trage ich die Bürde des Lebens.« »Du warst in meines Großvaters Diensten? Wie lange bist du in seiner Umgebung gewesen?« »Ich war am Hofe des erhabenen Herrn des Abendlandes fünf Jahre und ein halbes, bis er versammelt ward zu seinen Vätern.« »Du hast dem Kaiser gern gedient?« Der alte Jude warf sich wieder auf die Knie und rutschte zu dem Markgrafen hin, um seine Hand zu küssen. »O Herr,« winselte er, »der Kaiser hat mir das Leben gerettet. Die Dominikaner wollten mich verbrennen, aber sein Wink machte mich frei. Er gab mich dem weisen Muley Hassan in die Zucht, der von Cordova gekommen war und den erhabenen Herrn beriet; bei dem lernte ich die Weisheit, die von Chaldäa zu dem Volke Mohammeds gekommen ist. Auch heilsame Arzeneien lernte ich bereiten, und viermal hat der Herr des Occidents – sein Gedächtnis lebe bis zum Ende der Zeiten! – eine Schale gegen das Fieber aus meinen unwürdigen Händen genommen.« Mit wärmerer Teilnahme betrachtete jetzt Friedrich den Greis, der seinem großen Ahn so nahe gewesen war. Dann aber verfinsterte sich sein Angesicht, und er sagte hart: »Dafür bringst du nun Unheil und Verstörung in das Haus des Kaisers.« Der alte Jude blickte erschrocken und verständnislos zu ihm auf. »Was redet mein erlauchter Herr?« stammelte er. »Hast du nicht meinem Bruder Übles geweissagt?« »Er fragte mich, und ich sagte ihm, was in den Sternen geschrieben steht,« erwiderte der Greis. »Und was steht in den Sternen geschrieben?« Der Alte blickte scheu um sich und sagte dann mit gedämpfter Stimme: »Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs soll mich strafen, wenn ich sonst einem Menschen sollte künden, was mir ist kund geworden. Euch aber sage ich's: Herrn Diezmanns Lebensbahn neigt sich dem Ende zu. Ein mörderisches Eisen bedroht seine Brust.« Ein verächtliches Lächeln kräuselte Friedrichs Lippen. »Das hältst du für Wahrheit?« fragte er scharf. »Herr, die Sterne lügen nimmer.« »Gleichwohl hast du eine große Torheit getan. Du hast ihm den Mut genommen und die Kraft gelähmt, jetzt, wo wir sie am meisten brauchen könnten. Und darum, Isaschar, fordere ich von dir, daß du deinen Spruch änderst und ihm bald etwas aus den Sternen kündest, was neue Kraft in seine Adern gießt.« »Gott du Gerechter!« rief der Greis und wand sich am Boden. »Wie soll ich sagen etwas anderes, als was in den Sternen steht? Wie soll ich nachher erfunden werden als schlechter Prophet?« »Was willst du lieber? Daß die Menschen deine Weisheit bestaunen, oder daß ein Enkel deines Kaisers schmählich Schaden leidet?« fragte der Markgraf zornig. »Ich will nicht, daß Herrn Diezmann ein Schade geschieht,« murmelte der Alte. »Dann wirst du meinen Willen tun,« sagte Friedrich schneidend und fest. »Ich gebe dir mein Fürstenwort, daß kein Mensch erfährt, was zwischen uns verhandelt worden ist. Fragt dich jemand, so bin ich zu dir gekommen, auf daß du mir von meinem Ahn erzählen solltest. Daß muß jedermann genügen. Du aber schwörst mir jetzt einen hohen Eid nach deines Volkes Weise, daß du meinem Bruder wirst eine Kunde geben, die ihn aufrüttelt.« Der alte Jude blickte ihn flehend an, aber das Auge des Markgrafen lag so drohend und zwingend auf ihm, daß er keinen Widerstand wagte. Seufzend und mit zitternden Fingern holte er die Gebetsriemen hervor und sprach sodann den Eid, der Israels Kinder in ihrem Gewissen bindet. »Es ist gut,« sprach der Markgraf, »du wirst diesen Schwur halten, und wehe dir, wenn du ihn nicht hieltest! Kehre ich aus Böhmen zurück, so darfst du auf mein Schloß Wartburg kommen und mir von meinem Großvater erzählen, und dein Lohn soll kein schlechter sein.« Damit schritt er zur Tür hinaus. »Schlotheim,« sagte er zu dem unten harrenden Kämmerer, »das Ding lag anders, als wir dachten. Ich brauchte nicht Gold und nicht Gewalt, die Sterne hatten von selbst ein Einsehen und sind geneigt, meinem Bruder Günstiges zu weissagen. Dich aber bitte ich, keinem Menschen zu sagen, daß ich bei dem Juden war, auch Herrn Diezmann nicht!« Bereitwilligst gelobte das der Kämmerer, und der Markgraf bot ihm die Hand. »Vielleicht, mein wackerer Schlotheim, sehen wir uns doch noch in Böhmen, wenn auch erst in ein paar Wochen. Dann will ich sehen, ob du noch so gewaltig Speere brichst, wie vor drei Jahren auf dem großen Stechen zu Erfurt. Bis dahin gehab dich wohl, mein Alter!« VII. In der ersten Morgenfrühe, noch ehe der Tag graute, war Markgraf Friedrich von der Wartburg weggeritten, und wenige Stunden später beichtete Frau Else dem Abt Markwart an derselben Stelle, wo gestern ihr Mann gebeichtet und den Rat des geistlichen Herrn empfangen hatte. Der Abt war ihr seit langen Jahren besonders wert, denn sie kannte ihn als den treuesten Freund ihres Gatten. Er hatte ihre Ehe eingesegnet, ihr kleines Töchterchen getauft, war oft und lange Gast auf der Wartburg gewesen, und nicht zum wenigsten seinem Einflusse und seiner Klugheit mußte man es zuschreiben, daß zwischen dem alten Landgrafen und seinen Söhnen ein leidliches Einvernehmen erzielt worden war. Eben hatte sie ihm ihr Herz ausgeschüttet und die Absolution erhalten, und der Abt wollte gerade in kunstreichen Worten das wiederholen, was er gestern Herrn Friedrich gesagt hatte, als eine schwere Hand an die Pforte der Kapelle pochte. Gleich darauf erschien die große Gestalt Hermann von Goldackers in der Tür. »Es sind zwei Bürger von Eisenach da, die mit Eurer Gnaden reden wollen,« meldete er. »Tut mir leid, daß ich meine gnädige Herrin stören muß, aber die Schurken begehren hoch auf und wollen auf der Stelle abreiten, wenn sie nicht Bescheid erhalten.« »Zu mir wollen sie?« fragte Frau Else sich erhebend. »Zum Herrn, an dessen Stelle Ihr steht. Erst begehrten sie sogar, zu dem Herrn Landgrafen zu dringen, aber ich habe es ihnen verwehrt. Sie wollen die drei Gefangenen zurück haben, die neulich der Herr Markgraf eingebracht hat, und da ist es wohl besser, daß wir sie nicht vor das Angesicht unsres alten Herrn bringen.« Die Markgräfin tauschte einen schnellen Blick mit dem Getreuen. Ohne daß ihr Mund es aussprach, dachte sie das Gleiche wie ihr Burgvogt: Wenn Landgraf Albrecht von einem Lösegeld hört, so wird er höchst geneigt sein, die Leute frei zu lassen, die man unter Umständen als Geiseln verwerten kann. Darum ist es das Beste, er erfährt überhaupt nichts von ihrem Dasein. Frau Else nickte dem Ritter freundlich zu. »Das habt Ihr gut gemacht, Goldacker! Wo sind die Leute?« »Sie stehen im Hofe, gnädige Herrin. Soll ich sie heraufführen?« »Nein, ich komme in den Hof. Geleitet mich,« erwiderte die Fürstin und verließ mit einem huldvollen Neigen des Hauptes gegen den Abt die Kapelle. Herr Markwart erhob sich und folgte ihr, denn er war neugierig zu sehen, was sie tun würde. In stolzer Haltung trat die Fürstin auf die beiden Eisenacher zu. Der eine, der lange Hinz Hellgrave, trug den Kopf verbunden und stand in seinem festtägigen Bürgergewande da. Der andere, der kleine dicke Kunz Pomyl, rasselte von oben bis unten in Eisen einher und stampfte von Zeit zu Zeit mit dem Fuße auf, damit jeder das Klirren seiner Sporen vernähme. Die Markgräfin, die der beiden herausfordernde Haltung verdroß, trat auf sie zu und fragte in kühl überlegenem Tone: »Was begehren die Herren von Eisenach?« Der Lange lächelte und erwiderte in seiner langsamen und trockenen Sprechweise: »Herren von Eisenach? Was Ihr wohl spöttlich meint, edle Frau, ist gerade in diesen Tagen Wahrheit geworden. Des Königs erhabene Hoheit hat Eisenach zur freien Reichsstadt gemacht.« Das log er zwar, denn die Urkunde war noch nicht unterzeichnet, aber er meinte, dadurch die Markgräfin zu schrecken und einen besonders hohen Wurf auszuspielen. In Frau Elses Zügen zeigte sich nicht die geringste Bestürzung, nur ein Rot des Zornes flog über ihre Wangen. »Seid Ihr gekommen, mir das zu sagen?« fragte sie scharf. »Wir find gekommen, von dem Herrn Markgrafen die zu fordern, die er von uns gefangen hält.« »Die drei sind gefangen in voller Felonie und offenem Aufruhr wider ihren angeborenen Herrn, und wenn mein Gemahl nicht Gnade walten läßt, so haben sie den Galgen verdient.« Diese Worte, mit großem Nachdrucke gesprochen, schreckten den langen Bürgermeister aus seiner Gemütsruhe auf. Der Markgraf hatte Glück gehabt mit seinem Fange, denn unter den dreien befanden sich zwei reiche Ratsherrnsöhne, deren einer mit der Familie Hellgrave nahe verwandt war. Er schoß daher einen giftigen Blick auf die Fürstin und sagte in trotzigem Tone: »Ich rate dem Herrn Markgrafen oder Euch, die Ihr an seiner Statt hier steht, gar sehr, Gnade walten zu lassen. Wir sind bereit, ein reiches Lösegeld zu zahlen. Haltet Ihr aber die Männer noch länger im Kerker, so wisset, daß wir morgen vor der Burg stehen mit Zweitausend und mehr, und Ihr wisset auch wohl noch, wie das feste und stolze Kirchberg bei Eurer Stadt Jena vor den Bürgern der Städte in den Staub gefallen ist.« »Ihr wagt es, mir zu drohen? Mir, Eurer Herrin?« rief die Markgräfin mit heller Stimme und blitzenden Augen. »Marschalk von Goldackcr! Führt die beiden Leute vors Tor. Ich rede nicht mehr mit ihnen.« »Gnädige Frau!« schrie der Bürgermeister, »ändert Euren Sinn, sonst werdet Ihr die Stunde bereuen.« Frau Else wandte ihm den Rücken. Hermann Goldacker aber faßte den Langen mit seiner Eisenfaust am Oberarme, sodaß er einen Schmerzensschrei ausstieß, und sagte drohend: »Hellgrave, Ihr habt freies Geleit. Dabei war die Meinung, daß Ihr Euch nach Gebühr benehmen würdet. Zeigt Ihr Euch aber noch mit einem einzigen Worte dörfisch und ohne Höflichkeit, so werf´ ich Euch, bei Sankt Wipperti Wunden, dort über die Mauer! Kommt!« Er zog mit den beiden durch die Torhallen ab, und Hellgrave wagte nicht einen Laut mehr, denn er kannte sehr wohl Hermann Goldackers Stärke und wußte, daß er sein Wort wahr zu machen pflegte. Frau Else ging langsam nach dem Schlosse zurück; sie hatte aber erst einige Schritte getan, als sie von der Seite her ein Gelächter vernahm. Verwundert wendete sie sich und sah Markwart, den Abt, stehen, der sich vor Lachen die Seiten hielt und dessen gewöhnlich sehr ernstes Gesicht aufs fröhlichste erglänzte. »Ei, lieber Abt, was stimmt Euch so heiter?« fragte Frau Else. »Das will ich Euch sagen, gnädigste Frau. Nehmt es Eurem getreuen Knechte nicht übel: Ihr selbst seid die Ursach' meiner Fröhlichkeit.« »Ich? Was meint Ihr?« »Denkt an das, was Ihr mir vorhin gesagt habt,« erwiderte der Abt. »Ihr wollt ins Kloster gehen, wollt beten und büßen, wollt der Welt entsagen und heilig werden. Das ist, wie wenn ein Fisch will auf dem trockenen Lande leben. Kein Tropfen Blutes ist in Euch, der zum Heiligsein taugt. Hier kam Eure wahre Natur zutage. Eine Fürstin seid Ihr, zum Gebieten geschaffen, zur Herrschaft geboren. Laßt Euren Vorsatz fahren, ich rate Euch gut. Was Ihr gelobt habt, läßt sich lösen; was gesündigt worden ist, läßt sich gut machen. Ihr habt ein reiches Vatererbe, davon spendet den Heiligen mit vollen Händen. Das wird ihnen lieber sein, als wenn Ihr der Welt entsagt, für die Ihr geboren seid, und ins Kloster geht, wofür Ihr nicht geboren seid. Glaubt mir das, edle Frau, glaubt mir das!« Die Markgräfin blickte ihn traurig an. »Bis jetzt ward ich gelehrt, daß leichtgebrachte Opfer bei Gott wenig gelten und daß ihm die schwersten Opfer die liebsten sind.« Der Abt neigte bestätigend das Haupt. »Das ist so, ohne Zweifel. Aber alles an der Statt, wo es hingehört. Eine Fürstin soll Gott dienen, indem sie Gutes tut in der Welt.« »War nicht Sankta Elisabeth auch eine Fürstin und ist doch zur Heiligen geworden? Und ich will gar nicht heilig werden. Ich will nur, daß der Eid meines Vaters erfüllt und die Sünde von uns genommen wird, damit mein Gemahl und seine Herrschaft nicht untergehe.« Der Abt wiegte seinen großen Kopf nachdenklich hin und her. »Wisset,« sagte er, »was das erste betrifft, so gibt es Menschen, die sind nur durch ein Versehen in eine Fürstenwiege gekommen. So war es mit der heiligen Elisabeth. Sie war des Königs von Ungarn Tochter und des Landgrafen von Thüringen Ehegemahl, aber sie hatte das Gemüt einer Nonne von Kindheit an. Und was das Zweite angeht, was Ihr sagt,–« Hier wurde er unterbrochen, denn Hermann Goldacker kam vom Tore her und brachte einen Menschen mit sich, der, nach seiner Tracht zu urteilen, ein Jäger oder Förster war. »Der Mann bringt wichtige Kunde, gnädigste Frau,« rief er schon von weitem. »Es ist Lutz Zeume, den der Herr voriges Jahr für die Wildbahn bei Herrede zum Waldvogt eingesetzt hat.« »Ich kenne ihn wohl. Was bringst du uns, Lutz?« »Herrin,« antwortete der in der rauhen Sprechweise der Waldleute, »ich war gestern in Gerstungen. Da sah ich sehr große Dinger aus Holz, die hatte der König an die von Eisenach geschickt, und viele große Armbrüste auf Wagen, und die Leute sagten, sie wollten damit die Wartburg belagern.« Frau Else blickte ihren getreuen Goldacker an. »Was sollen wir davon denken?« »Der König hat, so steht zu vermuten, die Schleudern und Ballisten und andere Werkzeuge zur Berennung und Beschießung einer Burg den Eisenachern zugesandt, da er sie auf seinem Zuge nach Böhmen nicht brauchen kann.« »So wird es sein,« erwiderte die Markgräfin. »Sie werden ihnen sehr gelegen kommen.« »Wie der Jäger sagt,« bemerkte Goldacker, »wollten sie erst heute nach Eisenach weiterziehen. Es geht sehr langsam mit dem schweren Rüstzeug bei den schlechten Wegen. Wie denkt Euer Gnaden: Soll ich nicht ausziehen mit dreißig zu Roß und zusehen, ob ich sie überfallen kann und ihre Werkzeuge zerstören?« Frau Else dachte nach. »Wieviel Knechte waren dabei?« fragte sie. »Ein paar Hundert werden's wohl gewesen sein,« entgegnete der Jäger. »Da seht Ihr selber, Goldacker, daß es nicht geht. Sie werden denen von Eisenach sicherlich Kunde gegeben haben, und die werden sie einholen. Da könntet Ihr auf eine große Übermacht stoßen und zwischen zwei Feuer geraten.« »Ich fürchte die Übermacht nicht und nicht die zwei Feuer,« versetzte der Ritter unzufrieden. Die Fürstin lächelte. »Das glaub' ich Euch ohne Eid. Ihr werdet Euch wohl in Eurem Leben noch vor nichts gefürchtet haben, und hätte ich zehn Männer wie Ihr, so könntet Ihr mitsammen gegen das Königsheer vorreiten. Aber unser Herrgott schafft nicht viele solche Mannsbilder, und wir brauchen jeden, denn ich sehe, es wird Ernst.« »Wie Euer Gnaden befehlen,« sagte Goldacker noch immer etwas ungehalten, aber schon fast versöhnt durch das Lob seiner Stärke, das er nicht ungern hörte. Die Markgräfin wandte sich nun zu dem Jäger. »Ich danke dir, guter Freund,« sprach sie huldvoll, »du hast uns wohl gedient. Gehe in die Küche, und laß dir ein Frühstück geben, und Ihr, Goldacker, gebt ihm etliche Silberstücke.« Der Bursche drehte seine lederne Mütze verlegen zwischen den Fingern hin und her und grinste. »Er will noch etwas sagen. Nun los, mein Sohn!« ermunterte ihn der Ritter. »Herrin, mit Verlaub,« begann der Jäger stockend, »wie wär's, wenn Ihr mich ließet auf der Burg bleiben? Ich kann eine Armbrust wohl bedienen.« Goldacker trat an die Markgräfin dicht heran und raunte ihr zu: »Nehmt ihn, er ist goldtreu, der Herr hält was auf ihn.« Frau Else blickte den Jäger wohlgefällig an. »Es sei, mein Bursch, du darfst hierbleiben. Goldacker, Ihr sorgt wohl, daß er eingestellt wird.« »Dies Begebnis erfreut mich,« sagte Frau Else zum Abt, als die beiden gegangen waren. »Wir haben noch treue Leute im Volke. Das hebt den Mut. – Wer weiß, was solch ein Mensch uns einmal nützen kann!« setzte sie gedankenvoll hinzu. »Nützen wird er auf jeden Fall, so oder so,« versetzte der Abt. »Dagegen werdet Ihr sogleich drei unnütze Esser loswerden, denn ich kehre mit Bruder Boso und meinem Knechte nach Reinhardtsbrunn zurück. Ich gehöre in diesen Zeitläuften zu den Brüdern, die der Herr des Himmels meiner Sorge anvertraut hat. Hier kann ich doch nichts tun, denn es geziemt mir nicht, Steine und Pfeile zu schleudern, obwohl ich's gerne täte. Was aber ein geistlicher Mann auf der Burg zu tun hat, das kann Herr Walther, der Kaplan, besorgen. Also gebt mir Urlaub, edle Frau, daß ich von dannen reite.« Frau Else blickte ihn traurig an. »Es ist mir leid, daß Ihr schon von hinnen fahren wollt. Ich hätte gern noch viel mit Euch geredet.« Der Abt zuckte bedauernd die Achseln. »Wenn ich noch länger säume, so verwehren mir am Ende die von Eisenach den Ausritt ganz und gar, trotz meines geistlichen Gewandes. Und was das Reden anbelangt, gnädigste Frau, so will ich Euch ein Gleichnis erzählen. Das wird Euch mehr zu bedenken geben, als alles, was ich Euch erzählen könnte, und vielleicht hilft's dazu, daß Ihr Euren Sinn ändert. Es war ein König in den Krieg gezogen gegen die Ungläubigen, und die Feinde standen wider ihn im Felde mit großer Macht, und es ging das Gerücht, sie seien viel stärker als sein Heer. Da begab sich des Königs einziger junger Sohn, der seinen Vater über die Maßen liebte und von ihm über alles in der Welt geliebt ward, zu einem weisen Zauberer und fragte: ›Ist's möglich, daß mein Vater den Sieg gewinnt?‹ Da antwortete der Zauberer und sprach: ›So er das verliert, was ihm das Liebste ist in der Welt, so wird er siegen.‹ Da dachte der Königssohn in seinem Herzen, lieber als mich hat mein Vater nichts auf Erden, und er stieg auf einen hohen Turm und warf sich hinab und blieb tot liegen, und die Diener begruben ihn. Und nach dreien Tagen kehrte der Vater als Sieger zurück. Als er aber das Grab seines Sohnes sah, da heulte er laut vor Schmerz und warf sich zu Boden und raufte sich sein greises Haar und schrie: ›Weh' mir! Was hilft nun Sieg und Ehre und mein ganzes Königreich, wenn ich mein liebes Kind nicht habe, das meines Lebens Wonne war!‹ und er grämte sich so, daß er nach einigen Monaten starb. – – Seht, edle Frau, was half nun dem Könige seines Sohnes Opfer? Was half ihm Krone und Sieg, da er seinen Sohn nicht mehr hatte? Dem denket nach, edle Frau, und der Herr unser Gott erleuchte Euch und lasse seine starken Engel um Euch schweben, wenn die Feinde Euch bedrängen. Lebt wohl, edle Frau, lebt wohl!« VIII. An diesem und am folgenden Tage blieb vor der Burg alles ruhig, kein Feind ließ sich sehen. Aber am übernächsten Morgen zog der Heerbann der Eisenacher, Mühlhäuser und Nordhäuser heran und lagerte sich auf der Höhe östlich der Burg. Von hier aus mußten sie auch die Beschießung und den Ansturm unternehmen, denn die Berghohe im Süden, die Eisenacherburg, hatte Markgraf Friedrich befestigt und mit Besatzung versehen. Damit hatte er große Klugheit bewiesen, denn das war die einzige Stelle, von der aus die hochragende Feste mit einiger Aussicht auf Erfolg hätte berannt werden können. Daß von den andern Seiten her nichts auszurichten war, zeigte sich bald. Die Geschosse der Katapulte und Ballisten erreichten kaum die untersten Mauern und erregten durch ihr schwaches Auftreffen das laute Hohngeschrei der Belagerten. Sturmleitern nun vollends konnten nirgendwo angelegt werden, und als es einige Wagehälse dennoch versuchten, da rollte ein riesiger Steinblock von der Mauer herab, zerschmetterte zweien den Schädel und riß mehrere in die Tiefe. Darauf wichen die andern entsetzt zurück, und keiner wollte das Wagstück wieder unternehmen. Mit Ergötzen und Schadenfreude sahen die Verteidiger auf der Mauer, wie die Hauptleute der Städter den ganzen Vormittag die Burg umkreisten, Wölfen gleich, die einen Stall umschleichen und doch nirgends eine Lücke oder eine schwache Stelle in der Wand entdecken. Am Nachmittage hielten die Führer der feindlichen Scharen Kriegsrat, und da platzten die verschiedenen Meinungen hart aufeinander. Die von Mühlhausen waren die Mutigsten. Sie erinnerten immer wieder daran, daß sie im Vereine mit den Erfurtern, die leider hier fehlten, die Burgen des mächtigen Grafen von Kirchberg bei Jena allesamt gestürmt hätten. So müsse man auch hier verfahren. Die Markgräfin könne nur ein paar hundert Mann haben, und man müsse versuchen, mit Balkenwerk auf die Schanze bis vor den Graben zu kommen, die Zugbrücke herunterzureißen oder einzustoßen und so hineinzugelangen. Nach längerem Hin- und Herreden drangen sie mit ihrem Vorschlage durch, und wenige Stunden später wurde der Angriff auf die Schanze eröffnet. Aber der Erfolg war ein niederschmetternder. Es konnte immer nur ein kleiner Haufe auf einmal vor dem Tore erscheinen, da der enge Weg die Anhäufung einer größeren Menschenmasse unmöglich machte, und unter ihnen räumten die Steinschleudern und Armbrüste der Belagerten furchtbar auf. Zehn Tote und fast hundert Verwundete wurden am Abend ins Tal hinabgetragen, und man hatte eingesehen, daß an eine Eroberung der dem Tore vorgelagerten Schanze nicht zu denken sei. Mit Wut und Niedergeschlagenheit mußten selbst die stolzen Herren aus der Reichsstadt Mühlhausen erkennen, daß die gewaltige Bergfeste doch etwas ganz anderes sei als die zerstörten Schlösser bei Jena, die von Osten her einen bequemen Zugang gehabt hatten. In der Burg herrschte eitel Freude und Siegesjubel, denn von der ganzen Besatzung waren nur vier Mann leicht verwundet worden. Einer davon war der Marschalk von Helldorf, der sich beim Anfeuern der Knechte zu decken vergessen und einen Streifschuß an der Stirn erhalten hatte. Die Wunde schmerzte tüchtig, aber als ihm Frau Else ihr hohes Lob aussprach und seine Tapferkeit rühmte, da fühlte er davon nichts mehr und blickte hoch beglückt der Herrin nach, wie sie an Hermann Goldackers Seite die ganze Burg durchschritt, um überall den Leuten Freundliches zu sagen und ihnen für ihre Unerschrockenheit zu danken. Sie selbst wandelte wie verklärt und in wunderbarer Weise gehoben ihres Weges dahin. Alle die düsteren Gedanken, die ihr in der letzten Zeit das Leben verbittert und das Herz verdunkelt hatten, waren in dieser Stunde versunken und vergessen. Als der Kampfruf erscholl, als die Gefahr heranzog, da wallte das Blut ihres kriegerischen Geschlechtes hochauf in ihren Adern. Noch nie hatte sie sich so stolz und froh gefühlt wie am heutigen Tage. Die hochgemute Stimmung hielt noch an, als sie ihren Rundgang vollendet hatte und nun, an eine Mauerzinne gelehnt, in das Tal hinabblickte. Der Mond stieg groß und strahlend über dem fernen Hörselberge herauf, und dicke weiße Nebelmassen hüllten das feindliche Lager dort drunten in einen undurchdringlichen Schleier ein. »Meint Ihr,« fragte sie Hermann Goldacker, »daß sie morgen den Kampf wieder aufnehmen?« Der Riese brummte: »Kampf nennt Ihr das, edle Frau? Dieses elende Werfen und Schießen? Kampf ist, wenn die Speere krachen und die Schwerter aufeinanderklirren, und das lasse mich Sankt Wippertus, mein Schutzpatron, in Bälde erleben!« Die Markgräfin lächelte: »Nun, nennt's wie Ihr wollt. Meint Ihr, daß sie morgen wieder anfangen?« »Ich acht', sie werden's wohl bleiben lassen. Sie werden uns nun vor allen Dingen umziehen und sehen, was der Hunger tut. Die Narren! Sie könnten uns viel schaden, wenn sie Verstand hätten.« Die Fürstin blickte ihn fragend an, und er fuhr fort: »Die Eisenacherburg ist die Stelle, von der aus man die Wartburg angreifen kann. Sie wäre wohl zu gewinnen, wenn auch mit vielem Blute. Von dort aus könnten sie uns großen Schaden tun. Aber wie sollten das die Krämer und Bierbrauer und Metzger erkennen? Umständlich und töricht erscheint dem Volke, was allein zum Nutzen sein könnte.« »Käme aber jemand darauf, und würde der Eisenacherberg genommen, glaubt Ihr, daß dann die Wartburg verloren wäre?« »Auch dann noch nicht, gnädigste Frau. Die Wartburg heißt nicht umsonst des Landes Haupt, und nicht umsonst rühmt man sie als Thüringens stärkste Feste. Sie können von dort aus manchen Mann zu Tode treffen, sie können vielleicht einen Teil der Burg in Brand schießen. Aber stürmen können sie nicht und also auch die Burg nicht gewinnen, es sei denn, daß die drinnen den Mut verlören und sich mit freiem Willen ergäben.« »Das wird nimmer geschehen, Goldacker,« sagte die Markgräfin stolz und richtete sich hoch auf. »Ich halte die Feste, und wenn wir in Kellern hausen müßten.« Der Ritter neigte achtungsvoll sein Haupt. »Daran zweifelt der Teufel nicht,« versicherte er. »Ihr seid zur Herrin und Fürstin geboren.« Die Markgräfin durchzuckte ein sonderbarer Schreck. Fast genau dasselbe hatte ihr vorgestern der Abt gesagt, und es berührte sie seltsam, daß es nun einer aussprach, der wohl ein furchtloser und umsichtiger Kriegsmann, aber durchaus kein Herzenskundiger war. Es mußte sich also wohl jedermann aufdrängen, und war es nicht auch in der Tat die volle Wahrheit? Alle ihre Gedanken waren durchaus weltlicher Natur gewesen den ganzen Tag über; an ihr Gelöbnis hatte sie kaum noch gedacht. Jetzt mit einem Male kam ihr die Erinnerung an das alles zurück, und es war ihr, als senke sich ein schwerer, schwarzer Schatten auf ihre Seele herab. »Ich bin müde, Goldacker,« sagte sie nach einer Weile mit veränderter Stimme, »und möchte mich in meine Gemächer zurückziehen. Ich werde mich wohl früh zur Ruhe niederlegen. Geschieht etwas Absonderliches, so laßt mich wecken.« »Ach, Euer Gnaden meint wohl, das Pack da unten könnt' einen Überfall wagen? Da dürft Ihr ruhig schlafen, sie wissen sehr wohl, daß sie damit zu gar nichts kämen. Denn wir wachen, und noch dazu scheint der Mond die ganze Nacht. Ich wünsche meiner gnädigen Frau, wohl zu ruhen.« »Gute Nacht, Marschalk,« sagte Frau Else und wandte sich ihrer Kemenate zu. Aber ein plötzliches Grauen vor der Einsamkeit überfiel sie, und sie beschloß, ihre Mutter noch auf ein Stündchen aufzusuchen und mit ihr zu plaudern. Der alte Landgraf, so meinte sie, würde wohl schon zur Ruhe gebracht worden sein. Ihre Sehnsucht, ihm zu begegnen, war keineswegs groß, denn es bestand zwischen ihr und ihm ein äußerst kühles Verhältnis. Etwas gesetzter war er ja geworden in den letzten Jahren, seitdem ihn die Gicht plagte und er oftmals schwer seufzen und stöhnen mußte unter den Folgen der früheren lustigen Jahre. Aber er strich noch jedem anmutigen Mägdlein die Wange, das etwa in seine Nähe kam, und seine Augen funkelten unter den schneeweißen Brauen jedes schöne Weib so feurig an, wie sie es einst unter den schwarzen getan hatten. Das war Frau Elsen viel mehr noch ein Greuel als sein schwer zu stillender Durst und seine Freude am Würfelspiel. Sie wußte auch, daß ihre Mutter darunter litt, und hatte ihr darum zwei Hofdamen von so ungeheurer Häßlichkeit besorgt, daß der Schönheitssinn des alten Herrn jeden Tag von neuem dadurch beleidigt wurde und er jede Zärtlichkeit unterließ. Eine dieser Huldinnen kam ihr jetzt entgegengelaufen, so schnell, daß sie beinahe hart mit ihr zusammenprallte. Trotzdem die Treppe nur schwach beleuchtet war, erkannte die Markgräfin in den Zügen der ältlichen Jungfrau den Ausdruck höchster Bestürzung. »Was ist geschehen?« rief sie und blieb stehen. »Der Herr Landgraf ist wie tot vom Stuhle gefallen. Ich soll zu Meister Conrad.« Damit eilte sie weiter, um den weisen Mann herbeizuholen, der als Arzt und Schwarzkünstler seit vielen Jahren in der Umgebung des alten Landgrafen lebte. Die Markgräfin schritt rasch die Stufen vollends empor, flog durch die Vorgemächer und riß hastig die Tür auf, die zum Zimmer ihres Stiefvaters führte. Ein erschreckliches Bild bot sich ihren Augen dar. Der schwere Körper des alten Herrn lag auf dem Erdboden, sein Haupt ruhte im Schoße seiner Gemahlin. Er gab kein Lebenszeichen von sich, nur die rollenden Augen gaben Kunde davon, daß ihm der Tod noch nicht ans Herz getreten war. Auf dem Estrich schwamm eine breite rote Lache, aber sie war nicht Blut, sondern roter Wein, denn er hatte im Fallen eine Kanne mit herabgerissen. Am Tische saß vor Bechern und Würfeln wie von Schreck erstarrt der feiste alte Ritter Knuto, und der Kaplan Walther war aufgesprungen und sprach beruhigend auf die Landgräfin ein. »Mutter, was ist das?« schrie Frau Else. Die Landgräfin sah ihre Tochter mit einem jammervollen Blicke an. »Ein Schlaganfall, vielleicht der Tod.« »Aber wie konntest du ihn auch trinken lassen?« rief Frau Else. »Das ist doch schlimmer als Gift für ihn!« »Es erging ihm heute besser als seit langer Zeit, und er wollt's,« sagte die Landgräfin hart. »Er ließ sich von keinem Menschen leiten und befehlen, wenn er seinen Willen haben wollte.« »Da hast du recht, Mutter. Dich trifft kein Vorwurf,« versetzte die Markgräfin, der ihre schnelle Frage leid tat, denn sie kannte die Ohnmacht ihrer Mutter dem störrischen Eigensinne des Greises gegenüber, der von niemandem zu lenken war, wenn er gerade seinen bösen Tag hatte. »Herr Walther und Ritter Knuto, faßt ihn an und tragt ihn hinüber auf sein Lager!« Die beiden leisteten dem Befehle schleunigst Gehorsam, und kaum hatten sie den Landgrafen niedergelegt, so erschien auch in großer Hast Meister Conrad mit seinen ärztlichen Instrumenten. Er ließ dem Kranken zur Ader und befahl, ihm kalte, feuchte Tücher auf Kopf und Stirn zu legen. »Wenn's Gott gefällt, so kommt der Herr noch einmal zu Sinnen und lebt noch einige Tage,« erklärte er auf eine Frage der Landgräfin. »Es ist das erste Mal, daß ihn solches betrifft, darum kann ihm noch eine Gnadenfrist gegeben sein.« Der jungen Markgräfin schoß der Gedanke durch den Kopf, daß es wohl eher eine Gnade Gottes sein würde, wenn er den Kranken nicht wieder aus seiner Besinnungslosigkeit erwachen, sondern ruhig sterben ließe. Aber sogleich verwarf sie ihn wieder, denn es kam ihr in den Sinn, daß ihr ja hier eine vortreffliche Gelegenheit gegeben sei, sich als Dienerin Gottes zu erweisen. Es kostete sie Überwindung, auch nur in der Nähe des Landgrafen zu weilen. Wenn sie nun ihre Mutter in seiner Pflege unterstützte, an seinem Lager wachte, ihm Handreichungen aller Art leistete, dann tat sie, was sie hätte tun müssen, wenn sie eine demütige Braut Christi in Himmelskron gewesen wäre. So kam es, daß sie gleich darauf die Hände faltete und in ihrem Herzen Gott bat, er möge ihren Stiefvater am Leben erhalten und genesen lassen. Und wunderlich! Dieses Gebet schien Erhörung zu finden, die Prophezeiung Meister Conrads erfüllte sich nicht. Tagelang lag der Landgraf bewußtlos, er schien am ganzen Körper gelähmt zu sein und vermochte kein Glied zu rühren. Dann aber kehrte er langsam ins Leben zurück. An den angstvollen, hilfesuchenden Blicken, die er um sich warf, erkannte man, daß er bei Besinnung war. Er machte qualvolle Anstrengungen, sich zu bewegen und zu reden, aber lange Wochen hindurch gelang ihm das nicht. Erst ganz allmählich erlangte er den Gebrauch seiner Gliedmaßen wieder, am längsten versagte die Zunge ihren Dienst, und als er endlich imstande war zu sprechen, da konnte ihn seine Umgebung nur schwer verstehen und mußte vieles erraten. Erst im November war er wieder so weit, daß er zusammenhängend und für jedermann verständlich zu reden vermochte. Somit war der jungen Frau eine lange Zeit gegeben, christliche Geduld und Barmherzigkeit zu üben, zumal da ihre Mutter selbst bald krank wurde und der Pflege bedurfte. Und doch war diese Mühe und Arbeit nur der kleinere Teil der Last, die sie auf ihren Schultern trug. Wenig Sorge machten ihr freilich die Belagerer der Burg. Sie hatten auf dem Grunsteig, einer Berghöhe im Osten, eine Befestigung errichtet und versperrten so den Ausgang und Eingang in die Wartburg. Darin bestand eigentlich die ganze Belagerung, und wenn es deshalb auch nicht möglich war, daß jemand bei Tag die Feste verließ oder in sie hinein kam, so gelang es kühnen und ortskundigen Leuten doch leicht, in der Nacht Nachrichten zwischen den Eingeschlossenen und der Außenwelt zu vermitteln. Diese Nachrichten waren meist nicht geeignet, das Gemüt der Fürstin heiterer zu stimmen. Schon um die Mitte des September war es entschieden, daß nicht Heinrich von Kärnten die Krone Böhmens tragen werde, sondern daß das Glück mit den Habsburgern war. Ein böhmischer Großer nach dem andern fiel von dem Herzog ab, eine Burg nach der andern gewann der König, und als der Herbst ins Land gezogen kam, wählten die Stände mit großer Mehrheit des Königs jungen Sohn Rudolf von Österreich zu ihrem Herrn, und der Erzbischof von Prag setzte ihm die Krone des heiligen Wenzel aufs Haupt. Landflüchtig zog Herzog Heinrich nach Süden, und landflüchtig zog Markgraf Friedrich nach Norden, und fast vier volle Wochen hörte die junge Markgräfin überhaupt nichts von ihrem Gemahl. Mächtiger als je zuvor stand nun König Albrecht da, und seine Hände waren nicht mehr gebunden. Den Feldzug nach Thüringen mußte er zwar verschieben, denn der Winter brach herein, und seine Soldknechte fluchten nach Ruhe und behaglichen Quartieren. Aber Gold und Briefe schickte er ins Land, feuerte die Eisenacher an, die Wartburg kräftiger zu bedrängen, und sandte einen kriegskundigen Führer in die Stadt. Der begann sofort, seine Angriffe auf die Eisenacherburg zu richten, und auch die Umzinglung der Feste wurde ganz anders gehandhabt. Überall wurden Verhaue und Baracken im Walde errichtet, hinter denen die Wachmannschaften der Städter saßen. Man konnte sie von oben gut erkennen, denn der Frost war gekommen, und die Bäume standen blätterlos. »Es wird jetzt verdammter Ernst,« sagte Hermann von Goldacker, als er wieder einmal mit seiner Herrin an einer Mauerbrüstung lehnte. Sie standen diesmal auf dem Torturm der Schanze. Frau Else antwortete nur mit einem tiefen Seufzer. Sie war abgespannt und müde und so mutlos wie noch nie in ihrem Leben. In den letzten Wochen hatte sie wieder mit vielen und schweren Gedanken zu ringen gehabt. Eine Zeitlang hatte es ihr geschienen, als habe der Himmel ihr Opfer gnädig aufgenommen und verlange vorläufig nichts mehr von ihr. Aber jetzt, wo alles so finster war wie damals, als ihr Gatte nach Böhmen ritt, hatte sie wieder zu grübeln begonnen, ob sie recht getan hätte, auf der Burg zu bleiben, oder ob die Heiligen sie und ihren Gemahl von neuem mit ihrem Zorne verfolgten, weil sie noch nicht völlig entsagt hatte. Goldacker schaute teilnehmend auf seine junge Herrin herab. Es fiel ihm zum ersten Male auf, wie blaß und schmal sie aussah, und er hätte ihr gern irgendeinen Trost gespendet. Aber sein mannhaftes Reitergemüt wußte das nicht so recht anzufangen, es fehlte ihm häufig der rechte Ausdruck für seine Gefühle. Noch suchte er nach Worten, da hob er plötzlich lauschend den Kopf. In den Klang des Mittagsgeläutes, der von Eisenachs Türmen herangeweht wird, mischte sich ein anderer Ton, Pferdegetrappel, das schnell näher kam. »Hört Ihr's, edle Frau? Donnerwetter, was ist das?« rief er. »Reiter kommen den Berg hinauf. Sie müssen gleich hier sein.« In dem Momente tauchte im Hohlweg dicht vor der Burg das Haupt eines gepanzerten Ritters auf, hinter ihm andere Helme. »Macht auf!« schrie er herüber. »Schnell, die Eisenacher sind hinter uns!« »Blitz und Donner! Das ist Wangenheim!« rief Hermann Goldacker, polterte die Treppe hinab und brüllte die Knechte an: »Schnell das Tor auf! Schnell, schnell!« Eine Minute später stand der Ritter Ludwig von Wangenheim, gewöhnlich Lutz genannt, mit seinen sechs reisigen Begleitern auf der Schanze. Er beugte grüßend das Knie vor seiner Herrin. »Um aller Heiligen willen, wo kommt Ihr her, Wangenheim? Jetzt am hellen, lichten Mittag?« rief die Markgräfin. Der Ritter erhob sich und schlug das Visier zurück. Sein stark gerötetes Antlitz strahlte vor Reiterlust und Übermut. »Gerade zu Mittag, gnädigste Frau,« sagte er, »das ist die beste Zeit. Ich kenne die Eisenacher. Wenn sie essen, stört sie der liebe Gott und der Teufel nicht. Ich bin mitten durch ihre Wachen geritten. Sie kamen jedesmal erst gelaufen, wenn ich ein paar hundert Schritte weg war.« »Und was bringt Ihr mir, Wangenheim?« »Gute Kunde von meinem Herrn.« »Er lebt und ist gesund?« »Er ist beim besten Wohlsein, und großes Heil ist ihm widerfahren. Er hat seinen Schwager, Herzog Heinrich von Braunschweig, für sich gewonnen und mit ihm einen festen Bund geschlossen. Der edle Herzog will nicht leiden, daß der Herr Markgraf von dem Seinen vertrieben wird, und zieht uns zu Hilfe mit dreihundert Helmen und tausend Knechten. Unser Herr ist in Weißenfels und will morgen auf Apolda rücken zum alten Schenk, der ihm die Burg öffnen will. Von dort rückt er auf Gotha und zieht die Bürgerwehr an sich. In zehn Tagen denkt er hier zu sein und die Eisenacher zu überfallen und Euch zu entsetzen.« Die Fürstin blickte den Boten an, als könne sie kaum den Sinn seiner Worte fassen. Dann ging ein seliges Lächeln über ihr Antlitz, und große Tränen rollten aus ihren Augen. Sie nestelte mit zitternden Fingern eine kostbare Goldspange ihres Mantels los und bot sie dem Ritter. »Ihr habt guten Botenlohn verdient, Wangenheim. Nehmt das und gebt es Eurer Edelgard. Ach Goldacker, wie bin ich froh! Wer hätte das glauben können! Ich gehe, um dem Himmelsherrn zu danken. Ihr aber begebt Euch zu meiner Mutter und bringt ihr die Kunde!« »Wangenheim,« sagte der große Marschalk und faßte des jungen Ritters Hand mit festem Drucke, »das war ein schönes Reiterstück und soll Euch nicht vergessen werden. Und wißt Ihr, es ist Zeit, daß der Herr kommt, sehr hohe Zeit. – Sie weiß es noch nicht,« fügte er, auf die abgehende Markgräfin deutend, hinzu, »aber es wird knapp bei uns. Heu und Hafer gehen zur Neige, und in vierzehn Tagen hätten wir die Rosse schlachten müssen. Und ich stürbe lieber selbst, als daß ich meinen Wotan totschlagen ließe. Heil uns, daß der Herr endlich kommt! Nun wird Luft!« IX. Der Sankt Nikolaustag war von altersher in Eisenach ein beliebtes Volksfest, allerdings vor allem ein Fest der Kinder. Am Vormittag von früh an zogen die Knaben und Mädchen, mit bunten Bändern geschmückt, von Haus zu Haus und sangen vor den Türen ein kleines Lied mit lustigem Kehrreim. Traten dann die Erwachsenen heraus, so hatten die Kinder das Recht, sie mit grünen Tannenreisern zu schlagen, die sie in dichten Bündeln in den Händen hielten. Aber die Alten lösten sich durch Verabreichung kleiner Kupfermünzen oder süßen Naschwerkes, und darauf war es abgesehen. Am Abend zogen dann fratzenhaft aufgeputzte Nikolause durch die Straßen, gingen in die Häuser und ließen die Kinder beten, worauf sie ihnen nun wieder allerlei Süßigkeiten, Nüsse und Äpfel in die Stuben warfen. Darum stand dieser Tag bei den Eisenacher Kindern fast so hoch im Ansehen, wie das heilige Christfest selbst. Im Jahre des Heils 1306 beschränkte sich nun die Feststimmung nicht auf die Kleinen und Jungen, sondem die ganze Bürgerschaft schien davon ergriffen zu sein. Daran hatte freilich der gute Sankt Nikolaus und sein Gedächtnis nicht den geringsten Anteil, sondern etwas ganz anderes. Ein großer Schlag war den Bürgern gelungen: man hatte in der vergangenen Nacht die Eisenacherburg gestürmt und nach hartem Ringen gewonnen. Zwar war dabei viel Blut geflossen, aber es war nur wenig Bürgerblut, denn man hatte die Soldknechte des Königs klüglich vorangeschickt und das Beste tun lassen. Somit herrschte nur in wenigen Häusern Trauer und Klage, in den meisten dagegen heller Siegesjubel, und da der Deutsche die Freude, die er im Herzen empfindet, durch etliche Schoppen Weines oder Bieres allzeit zu steigern liebt, so waren am Abend alle Schenken und Trinkstuben übervoll. Immer neue Fässer mußten aus den Kellern heraufgeschafft werden, die Wirte keuchten und schwitzten und konnten kaum des Ansturms der Zecher Herr werden. Aber sie taten's gern und dankten den lieben Heiligen, denn solch ein Geschäft hatten sie nicht einmal zu verzeichnen gehabt, als des Königs Hoheit in ihrer guten Stadt weilte. Geradezu andächtig gestimmt war der dicke Wirt, der des Rates Trinkstube am Markte gepachtet hatte. Bei ihm ging es ja nicht so laut und lärmend zu, wie in den Wirtshäusern gewöhnlichen Schlages, denn die Herren, die hier verkehrten, bewahrten wenigstens bis zum zehnten Becher eine gewisse vornehme Zurückhaltung. Dafür aber wurden in diesen Räumen die auserlesensten Sorten getrunken, edler Malvasier, Weine aus Hispanien und Welschland und die feurigen, goldklaren Gewächse, die den Ufern des Rheines ihr Dasein verdanken. Am obern Ende des großen Hauptgewölbes stand ein mächtiger Eichentisch. Nach einer ungeschriebenen, aber streng festgehaltenen Rangordnung hatten an ihm die Vornehmsten und Angesehensten unter den Ratsmannen Platz genommen, die ältesten Ratsherren aus den Familien Aurifaber und Mennich, Zigenfleisch und Sperber, die beiden Bürgermeister Heinz Hellgrave und Dietrich von Wartberg und zwischen beiden der Altbürgermeister Ditmar Hellgrave, ein uralter Mann mit schneeweißem Haar und Bart, aber trotz seiner vierundachtzig Jahre noch trinkfrohen Gemütes, ein Freund lustiger Schwänke, bissig und derb in seiner Ausdrucksweise, ein geschworener Feind alles Neuen. Darum war er auch den Bestrebungen, für Eisenach die Reichsfreiheit zu gewinnen, gründlich abhold. Er befand sich deshalb in ewiger Wortfehde mit seinem Sohne, dem jetzigen Bürgermeister, und dessen Freunden, nahm dabei kein Blatt vor den Mund, schimpfte, besonders wenn er etwas getrunken hatte, weidlich auf die Rebellen, die Eisenach noch ins Unglück stürzen würden, und lobte und pries das landgräfliche Haus in allen Tonarten. Wunderlicherweise nahm ihm das niemand übel, sondern alles lächelte nur, wenn er zu poltern anhub, und schob seinen Grimm auf sein hohes Alter, das ihn unfähig mache, die neue Zeit und ihre Forderungen zu begreifen. Manche, die ihm nahe standen und seine Derbheit nicht fürchteten,hänselten und neckten ihn sogar zuweilen mit seiner Vorliebe für die Herrschaft der Wettiner. So tat jetzt der Bürgermeister Dietrich von Wartberg. Er hob seinen Becher und sagte: »Nun, Vater Hellgrave, auf Eure Gesundheit! Was ich Euch fragen wollte: Wie bringen wir wohl am besten die erlauchten Herrschaften unter, wenn die Wartburg unser ist? Wir müssen sie doch in die Häuser verteilen, und da werdet Ihr Euch gewiß nicht weigern, die schöne Markgräfin bei Euch aufzunehmen. Habt ja immer einen Sinn gehabt für schmucke Frauensleut´.« »In meiner Jugend teilten nur Narren die Beute, die sie noch nicht hatten,« erwiderte der Alte mit zornigem Brummen. Die Nächstsitzenden lachten. Auch der Bürgermeister stimmte gezwungen mit ein. Dann rief er laut: »Aber Vater Hellgrave, Ihr müßt doch zugeben, daß wir die Burg beinah' haben!« »Beinahe ist nicht ganz,« versetzte der Greis. »Einen Quark habt Ihr, werdet auch niemals mehr bekommen. Die Wartburg kriegt Ihr nicht, denn die Frau, die drinnen das Regiment hat, ist soviel wie drei Männer von Deiner Sorte, darauf verlaßt Euch.« »Wir werden wohl mit einem Weibe noch fertig werden!« schrie Wartberg, der schon etwas mehr getrunken hatte, als er vertragen konnte. »Sprich ehrerbietiger von deiner Herrin!« knurrte ihn der Greis grimmig an. Er pflegte alle Bürger in Eisenach beim Vornamen anzureden und zu duzen. »Zum Henker! Sie ist unsre Herrin nicht,« erwiderte der Wartberger erbost. »Wir haben nur einen Herrn, den König. Gott gebe ihm Sieg und langes Leben! Wer des Königs Freund ist, der stoße mit mir an!« Alle erhoben ihre Becher und ließen sie aneinanderklirren, nur der eigensinnige Alte blieb steif sitzen lächelte spöttisch und rührte sich nicht. »Bei Sankt Maria! Das ist ein starkes Stück,« sagte Wartberg und stieß sein Trinkgefäß zornig auf den Tisch. »Jeder sieht Euren weißen Haaren manches nach, Vater Hellgrave, aber nicht mittun, wenn auf des Königs Hoheit getrunken wird« – »Ach laß ihn,« warf sein Amtsgenosse Heinz Hellgrave verdrießlich dazwischen. »Du weißt ja, wie mein Vater ist. Kein Mensch kann den Eisenkopf bekehren. Da ist nichts zu machen!« »Aber wo wir doch die freie Reichsstadt Eisenach sind!« schrie Wartberg. »Hier muß jeder den König ehren!« »Haha!« krähte der Alte. »Freie Reichsstadt Eisenach! Mit Speck fängt man Mäuse und mit Honig den Bären. Freie Reichsstadt Eisenach! Gibt es nicht, und wird es nimmer geben! Wollt ihr wissen warum, ihr Spatzenköpfe?« »Ja, warum denn nicht, Vater Hellgrave?« riefen die Ratsherren halb ärgerlich, halb ergötzt. »Weil's keine freie Reichsstadt Wien und keine freie Reichsstadt Prag gibt. Nämlich, sowie der hungrige Habsburger ein Land gefressen hat, so kümmert er sich den Teufel ums Reich. Vorher girrt und lockt er: Ich mache euch zu freien Reichsstädten, ich mache euch zu Fürsten und Grafen des Reiches, wenn ihr mir helft, eure Herren zu verjagen. Aber wenn er zu seinem Ziele gekommen ist, dann tut er euch den Teufel. Das Reich erbt ja doch keiner von seinem Blute. Meint ihr, er wird für den König aus anderem Geschlecht sorgen, den nach ihm die Fürsten wählen? Weit gefehlt! Für den Habsburger wird er sorgen, seinen Sohn, der nach ihm und unter ihm das Land bebeherrschen soll, wie einer schon Böhmen hat. Dem schafft er gehorsame Untertanen und keine Reichsstädte, die nur unter dem Könige stehen!« Der Alte hatte zuletzt sehr laut gesprochen, und der ganze Tisch hatte zugehört. Es lag soviel Sinn ln seinen Worten, und sie stimmten so sehr überein mit allem, was man von König Albrecht wußte, daß ein verlegenes, peinliches Schweigen eintrat, als er geendet hatte. »Ach was!« lief endlich Wartberg trotzig. »Wir haben des Herrn Königs Wort und Eid.« »Da habt ihr was Rechtes!« versetzte der Altbürgermeister trocken. »Was soll das heißen?« fuhr Wartberg auf. »Das soll heißen, junger Dietz, daß Worte und Eide hundertmal gebrochen werden von Fürsten und Bürgern, Rittern und Pfaffen. Ich hörte einmal einen Eid mit an und schwur ihn selber mit, daß eine Stadt wollte ihrem Erbherrn treu, hold und gewärtig sein mit Gut und Blut und Leib und Leben ihrer ganzen gemeinen Bürgerschaft. Wo ist der Eid? Vergessen, und die Stadt hat ihrem Erbherrn abgesagt und will freie Reichsstadt werden.« Wieder ein Schweigen, dann aber von allen Seiten mißbilligendes, ärgerliches, drohendes Gemurmel. Das war den ehrbaren Ratsherren denn doch zu viel. Daran mochten sie sich nicht mahnen lassen, auch nicht von einem, dem sonst keiner so leicht etwas übel nahm. Wartberg war mit puterrotem Gesichte aufgesprungen, er keuchte und rang nach Worten. Wer weiß, welche Folgen die übergroße Deutlichkeit des unerschrockenen Alten noch gehabt hätte, wenn nicht ein Ereignis eingetreten wäre, das wie ein einfallender Blitzstrahl auf die ganze erhitzte und halbtrunkene Gesellschaft wirkte. Die Tür ward aufgerissen, und herein stürzte der dicke Ratsherr Velsbach, dem die Wache am Nikolaitor anvertraut war. Es fiel ihm nicht ein, die Tür hinter sich zu schließen, so daß die kalte Winterluft in dichten Schwaden in das Gemach eindrang. Velsbach warf sich auf einen Stuhl, er konnte nicht reden, so war er außer Atem. »Zu den Waffen!« kam es endlich über seine Lippen. »Zu den Waffen! Der Markgraf ist in der Stadt!« Ein Schrei brach aus allen Kehlen. Alle sprangen auf und starrten Velsbach an und starrten einander an, als könnten sie's nicht fassen. »Narrheit!« schrie der junge Hellgrave. »Der Markgraf soll in Braunschweig sein!« »So wahr Gott lebt, er ist da!« ächzte Velsbach. »Das äußere Tor haben sie schon und klettern über den Graben. Im innern hab' ich das Fallgitter herabgelassen; ehe sie das einschlagen –« er schnaufte und konnte nicht mehr sprechen, aber statt seiner drang jetzt von außen eine Stimme, die allen durch Mark und Bein ging: die Sturmglocke von Sankt Nikolai. »Auf!« schrie der Bürgermeister Hellgrave und riß sein Schwert von der Wand. »Auf! die Ratswache vor!« Damit stürmte er hinaus. Markgraf Friedrich hielt vor der Stadt auf seinem gewaltigen Schimmel etwa zweihundert Schritte von dem Tore entfernt, das seine Leute bestürmten. Neben ihm zügelte der Ritter von Mandelslohe, den ihm sein Schwager als Feldhauptmann mitgegeben hatte, mühsam sein Roß. Das edle Tier scheute vor den Brandpfeilen, die links und rechts von den Stürmenden mit Schleuderen über die Mauer geworfen wurden und wie Raketen durch die Nacht fuhren. »Wir zwingen es nicht,« sagte der Ritter, nachdem ihm die Bändigung seines Pferdes endlich gelungen war. »Das verfluchte Fallgitter von Eisen hält zu lange auf. Wer Überfall ist mißlungen.« »Gott bewahre,« sagte der Markgraf. «Seht dorthin!« Er wies auf das Dach eines Hauses, aus dem ein dicker Qualm und dann eine feurige Lohe gen Himmel fuhr. »Ein Pfeil hat gezündet, den Heiligen sei Dank, der scharfe Nordwird wird das Übrige tun. Bald werden ein paar Häuser in Flammen stehen.« »Deshalb sind wir noch lange nicht in der Stadt,« erwiderte der Ritter. »Das will ich gar nicht,« erklärte der Markgraf. »Aber wenn's hier brennt – und seht, wie die Flammen emporschlagen –, da rennt von den Städtern alles herbei, was in der Stadt und was vor der Stadt ist. Ich kenne sie, wenn ihr Nest brennt, laufen sie sogar aus der Feldschlacht nach Hause. Und inzwischen kommen meine Wagen an der Stadt vorbei und den Berg hinauf.« In diesem Augenblicke brauste ein Windstoß einher und blies so mächtig in das brennende Dach, daß die Lohe prasselnd und knatternd in die Höhe stieg. Ein heller Schein breitete sich weithin über die Umgebung aus. «Es ist genug,« sagte der Markgraf. »Wir haben, was wir wollten. Beulwitz, reite an den Graben vor und befiehl, daß die Knechte sich zurückziehen. Es soll nicht mehr gestürmt werden.« Der Ritter sprang vor, und sogleich ward dem Befehle des Markgrafen Folge geleistet. Die Knechte zogen sich über den Graben zurück, und von drüben drängte keiner nach. So trat mit einem Male eine Stille ein, die nach dem Lärm und Geschrei und Getöse wunderlich wirkte. Da sprengte ein Edelknecht daher. »Gnädiger Herr!« rief er, »Herr Dietrich von Werthern hat den Wagenzug bis an den Fuß des Berges geführt. Er hat keinen Feind gesehen.« »Gelobt sei Gott! Dann ziehen wir ihm nach und decken ihm den Rücken.« Dann mit einem Male sprengte er vor bis dicht an den Graben heran, reckte seinen gepanzerten Arm wider die Stadt aus, und seine mächtige Stimme klang scharf und schneidend zu den Bürgem hinüber: »Männer von Eisenach! Erkennt die Hand eures Herrn! Das war der erste Schlag an euer Tor. Wehe euch, wenn der zweite fällt! Bedenkt bei Zeiten, was euch zum Frieden dient!« Damit wandte er sein Roß und ritt langsam zurück. Kein Hohnruf folgte ihm und kein Pfeilschuß, obwohl sein Panzer im Widerschein des Feuers wie Gold gleißte, und bald war er mit seinen Leuten in der Nacht verschwunden. X. , , Um die Mittagsstunde des vierten Tages nach der Entsetzung der Wartburg ritt Markgraf Friedrich mit einem großen reisigen Troß in den Hof des Klosters Reinhardsbrunn ein. Er saß stolz und und aufrecht auf seinem Streitrosse und winkte schon von ferne dem Abte freudig zu, der im Tore stand und ihn erwartete. Es war kein Wunder, daß des Fürsten Antlitz einen froheren Ausdruck zeigte als in der vergangenen Zeit, denn es war ihm in den letzten Tagen vieles gelungen. Die Eisenacherburg hatten die Streiter noch in der Nacht seines Einzuges in die Burg freiwillig geräumt, und es schien überhaupt ein heilsamer Schrecken über sie gekommen zu sein. Zwar eine Aufforderung, Frieden zu machen und sich zu unterwerfen, beantworteten sie ablehnend, aber von einem Angriff auf die Feste oder auch von einem Widerstande im freien Felde war nicht die Rede. Sie hielten ihre Tore verschlossen und lebten in großer Sorge vor einem erneuten Überfalle des Markgrafen, sandten auch eilige Boten zum Könige mit der dringenden Bitte um Hilfe. Fast noch mehr hob seinen Mut ein Schreiben, das er von seinem Bruder erhielt. Mochte nun der Jude Isaschar durch ein verändertes Horoskop oder der Ritter von Schlotheim durch kluges Zureden den Sinn Herrn Diezmanns gewandelt haben – jedenfalls zeigte er sich mit einem Male entschlossen, seinem Bruder nach Kräften beizustehen, wenn der König seinen Angriff erneuern würde. Seine Macht war freilich nicht sehr groß, aber ein halbes Tausend Helme und Lanzen konnte er doch in die Wagschale werfen, und vor allem mußte die offene Parteinahme für den Bruder, mit dem er bisher so selten in Freundschaft gelebt hatte, überall im Lande den besten Eindruck hervorbringen. Endlich sah doch einmal das Volk seine Fürsten einträchtig Schulter an Schulter stehen. »Gesegnet sei dein Eingang, mein teurer Sohn!« begrüßte ihn die Stimme des Abtes, als er in solchen Gedanken dem Kloster bis auf wenige Schritte nahegekommen war. »Es ist mir lieb, daß du so schnell meinem Rufe gefolgt bist. Ich denke, es wird dich nicht gereuen!« »Gott grüß' dich, Abt,« sagte der Fürst, indem er sich aus dem Sattel schwang und dem geistlichen Herrn die Hand zum Gruße bot. »Ich dachte mir's schon: Es wird nichts Kleines sein, warum ich in dieser sträflichen Winterkälte nach Reinhardsbrunn reiten sollte.« »Es ist wahr, heute ist es verflucht kalt,« erwiderte der Abt. »So würde ich sagen, wenn ich zu den Kindern dieser Welt gehörte,« verbesserte er sich. »Komm herein und wärme dich, das Essen wird gleich auf den Tisch getragen werden.« Er führte den Markgrafen, um dessen Gefolge sich die Dienstleute des Klosters bemühten, selbst in die Abtgemächer, die von den Zellen der Brüder gesondert lagen und behaglich, teilweise sogar prunkvoll ausgestattet waren. Ein dienender Bruder öffnete die Tür zu einem kleinen Gemache, in dem ein gedeckter Tisch stand. Zahlreiche große und kleinere Flaschen prangten auf ihm und legten Zeugnis davon ab, daß Abt Markwart von Reinhardsbrunn eine gute Gabe Gottes nicht zu verschmähen pflegte. Ein mächtiges Feuer prasselte in dem Kamin, und durch die dicken Bären- und Luchsfelle, die an den Wänden hingen und überall den Fußboden bedeckten, wurde der Eindruck der Gemütlichkeit und Wärme noch um ein Bedeutendes erhöht. »Bei Sankt Hubertus, deinem Schutzpatron, bei dir ist es heimlich und warm!« rief der Markgraf. »Hier kann ich auftauen. Das Eisen kältet heut so mächtig, daß ich fast zu Eis gefroren bin.« Auf einen Wink des Abtes begann Bruder Ivo, den Panzer und Helm abzuschnallen, und trug die Rüststücke in das Nebengemach. Er besorgte das alles so gewandt und schnell, daß man erkannte, wie häufig er ritterliche Gäste bedienen mußte. Dann verließ er geräuschlos das Zimmer. »Drei Teller und drei Becher?« fragte der Markgraf befremdet. »Hast du den Prior mit zur Tafel geladen?« »Nein, der Würdige ißt drüben mit den Brüdern. Hier wird einer sitzen, den du sicher nicht vermutest, und der dir mancherlei zu sagen hat.« »Du machst mich neugierig. Es ist doch nicht etwa mein Bruder Diezmann?« Der Abt lachte und schüttelte den Kopf. »Du rätst es nicht! Ich werde dir ihn gleich aus dem Gastgemache herbeiführen. Aber zuvörderst, mein teurer Sohn, wünsche ich dir Glück zu deinem Siege über die Eisenacher. Du hast sie kräftig zu Paaren getrieben. Möge das immer so sein! Und wie steht's auf der Wartburg? Es war ein Gerücht zu mir gedrungen, dein Vater sei sehr krank. Ist es an dem?« »Mein Vater hatte einen Schlagfluß, und um ein Haar wäre er des Todes gewesen. Er hat es nur seiner kräftigen Leibesbeschaffenheit zu danken, daß er noch lebt, sowie der Pflege meiner Frau!« »Frau Else hat ihn gepflegt?« rief der Abt verwundert. »Sie mochte ihn doch nimmer leiden?« »Gerade darum wird sie ihn wohl gepflegt haben,« entgegnete der Markgraf bitter. »Sie eifert ja Sankt Elisabethen in allen Stücken nach, von der wir lesen, daß sie Aussätzige in ihr Bett legte, um Gott zu gefallen.« »Wie? Sie hat noch immer ihren Wahn?« Der Markgraf zuckte die Achseln, und seine Stirn umwölkte sich. »Gesagt hat sie noch nichts wieder, daß sie nach Himmelskron will; auch scheint ihr Wesen heller und freudiger zu sein, als es war, da ich im Sommer ausritt. Aber ängstlich meidet sie mich. Sie wohnt in ihren Gemächern, ich in den meinen.« Er stockte und fuhr dann seufzend fort: »Als ich einritt in die Burg bei Nacht, da stürzte sie mir entgegen und warf die Arme um meinen Hals, und ich dachte schon, ich hätte mein Weib wiedergewonnen. Aber seitdem habe ich sie kaum unter vier Augen gesehen, und wenn sie mir die Hand bietet, so steht sie mit niedergeschlagenen Augen da, spricht kein Wort, wird blaß und rot, als täte sie eine Sünde damit.« »So, so!« sagte der Abt. »Das möcht' ich fast als günstiges Zeichen deuten. Mich däucht, dein Weib sehnt sich nach dir, aber sie wagt sich's wohl selber noch nicht zu gestehen.« »Wollte Gott, es wäre so!« rief der Markgraf. »Vor der Hand ist nichts davon zu merken. Wär' ich aber eifersüchtig von Natur, so müßt' ich's auf meinen Vater sein. Den pflegt sie, wie nur ein gutes Weib ihren geliebten Mann pflegen kann.« »Und der Landgraf? Wie dankt er's ihr?« »Ganz verwandelt hab' ich ihn gefunden, mild und weich und voll dankbarer Sanftmut. Die Würfel klirren nicht mehr in seinem Gemache, und den Becher meidet er gänzlich. Wie ein frommer Mönch sitzt er in seinem Lehnstuhle, zumeist in dichten Pelz gehüllt, und redet viel mit Herrn Walther von erbaulichen Dingen, vor allem auch von seinem baldigen Hintritt. And meine Frau, die ihm früher unleidlich war, ist ihm jetzt über alles wert, und er ehrt sie wie einen leibhaftigen Engel des Himmels.« Der Abt lachte. »Das alles wird schwerlich Dauer haben. Sobald Herr Albrecht wieder zu Kräften kommt, wird ihm auch der Wein wieder schmecken. Ich kenne ihn seit fünfundvierzig Jahren, Herr Albrecht ist– –« Er brach ab, denn durch die Seitentür trat ein hochgewachsener Mann in der Tracht der Benediktinermönche, der aber als Zeichen besonderer Würde ein großes goldenes Kreuz um den Hals trug. Er nickte dem Abt vertraulich zu und sagte: »Allzu lange ließest du mich warten. Markwart, nun komme ich ungerufen.« Dann neigte er sich ehrerbietig vor dem Markgrafen, »Ich grüße Euer Gnaden und hoffe, daß Ihr Euch meiner noch erinnert.« »Dessen seid sicher, Herr Domherr von Aspelt,« erwiderte der Markgraf verwundert und etwas enttäuscht, daß ihn der Abt mit keinem bedeutenderen Gaste überraschte. »Was führt Euch in dieser kalten Zeit von Mainz hierher?« »Ich war in Erfurt, und dort erreichte mich eine geheime Botschaft meines Bruders, die mich an die Herren Markgrafen von Meißen und Osterland wies. Ich ritt ehegestern zu meinem Freunde Markwart und wollte erkunden, wo Euer Gnaden zur Zeit weilt. Der sandte sogleich nach Euch.« »Nun, und Eure Botschaft?« »Nein,« wehrte der Abt. »Ich bitte dich, Markgraf, nicht jetzt, nach Tische! Sitzen wir dann bei einem Becher Weins beisammen, reden wir von Geschäften.« Er griff nach einer Klingelschnur, um den Dienern das Zeichen zum Auftragen der Speisen zu geben. »Es sei,« erwiderte Friedrich lachend. »Ich merke, dieser Gesalbte des Herrn hat großen Hunger. Der meine ist auch nicht übel.« Während des Essens, dem die Herren alle Ehre antaten, redeten sie nur von gleichgültigen Dingen. Dann aber befahl der Abt den Dienern, aus dem Gemache zu entweichen, und holte selbst aus einem Schranck eine große bauchige Flasche süßen hispanischen Weines, dazu drei Gläser von seiner welscher Herkunft, die füllte er eigenhändig und schob jedem eins hin. »Zu guten Worten ein guter Trank!« sagte er. »Erlaubst du nun endlich. Markwart, daß ich erfahre, was mir der Herr Bischof Peter von Basel zu sagen hat?« fragte der Markgraf wohlgelaunt. »Ein kleiner Irrtum, erlauchter Herr!« warf der Domherr ein. »Mein Bruder ist seit einer Woche nicht mehr Bischof von Basel, er ist durch des heiligen Stuhles Gnade erhöht worden zum Erzbischof von Mainz.« Der Markgraf fuhr höchst überrascht empor. Das war freilich eine Kunde von der größten Bedeutung, und den behäbig und schlau lächelnden Domherrn sah er plötzlich mit ganz anderen Augen an. »Ich beglückwünsche ihn und Euch,« sagte er verbindlich. »Der Stuhl des heiligen Bonifatius konnte keinen würdigeren und tüchtigeren Herrn erhalten.« And bei sich im geheimen dachte er erfreut: Es konnte auch wirklich kein anderer erhoben werden, an dem König Albrecht so viel gebranntes Herzeleid erleben wird, wie an diesem schlauen, tatkräftigen und herrschsüchtigen Priester. »Ich danke Euer Gnaden,« entgegnete der Domherr. »Ihr werdet bald einsehen, edler Herr, daß meines Bruders Erhöhung auch Euch nicht zum Schaden ist. Ehe ich Euch aber Weiteres künde, so gebt mir hier in Gegenwart des Abtes Euer fürstliches Wort, daß alles, was ich Euch im Namen meines Bruders sage, in Eurer Brust begraben sein soll.« »Ich gebe es. Und wenn Ihr einen Eid begehrt –« »Nein,« unterbrach ihn der Domherr mit einem feinen Lächeln. »Euer Wort genügt. Es ist in deutschen und welschen Landen bekannt, daß Ihr es haltet. So hört denn: Es ist meinem Bruder zuwider, daß der König allzu mächtig wird. Wo soll das hinaus mit diesem Habsburger? Die österreichischen Länder hat er schon, Böhmen hat einer seiner Söhne, in Schwaben will er seines Bruders Sohn berauben und die alte Herzogsmacht für sich wieder aufrichten, Meißen hat er Euch entrissen, nun greift er nach Thüringen. Wo soll das enden? Bald wird kein Fürst im Reiche mehr etwas gelten, bald werden alle seine Knechte sein.« Friedrich sah ihn mit blitzenden Augen an. »Ihr redet gut!« »Seid Ihr nun gewillt, edler Herr, das, was dem Mainzer Stift in Thüringen gehört, nicht anzutasten und alles bei denselben Rechten zu lassen, die wir von Alters überkommen haben, so bietet Euch mein Bruder die Hand dazu, daß Ihr Euch des Königs erwehren möget.« Der Markgraf stand in großer Erregung auf. »Niemals habe ich daran gedacht, nach dem geringsten Besitze zu trachten, der dem hochwürdigen Herrn von Mainz in Thüringen zusteht!« beteuerte er mit erhobener Hand. »Dafür nehmt gleichfalls mein fürstliches Wort!« »Dann seid Ihr sicher, daß mein Bruder Euch beistehen wird. Noch ist dieser König freilich viel zu mächtig, als daß er ihm als Feind entgegentreten könnte. Das Schicksal seines Vorgängers, der dem Könige unterlag, muß ihn schrecken. Aber kann er Euch nicht Helme und Spieße zusenden, so bietet er Euch doch, was nicht minder nötig ist: Geld. Er wird machen, daß Euch die Judenschaft in Erfurt und die in Mainz eine große Summe leihen. Ich habe Vollmacht, mit Manasse darüber zu verhandeln.« »Sehr gelegen kommt mir das!« rief der Markgraf und ergriff mit leuchtenden Augen des Domherrn Rechte. »Ich sag's Euch offen: In nächster Zeit brauche ich vor allem einige hundert gute Rosse. Aber meine Truhen sind ziemlich leer, und wer in Bedrängnis ist, der findet schwer einen, der leiht, und fast ebenso schwer einen, der bürgt.« »Nun, hier in Reinhardsbrunn hättest du zum wenigsten einen Bürgen gefunden,« warf der Abt ein. »Zum Verleihen ist freilich nicht mehr viel vorhanden, die Zeiten sind schwer und unsicher. Aber wenn der hochwürdige Herr von Mainz für dich bürgt, so wird dir das hundertmal mehr von Nutzen sein als alles, was der Abt von Reinhardsbrunn für dich tun könnte.« »Du hast schon so viel für mich getan, daß ich mich schämen müßte, wieder als Bittender zu dir zu kommen,« erwiderte Friedrich und faßte des Getreuen Hand. »Ich stehe tief in deiner Schuld. Nur noch eins erbitte ich von dir: Fahre an meiner Statt nach Erfurt und handle mit dem Juden. Ich erwarte in diesen Tagen die Ritter und Knechte, die mir mein Bruder Diezmann sendet. Ich sammle sie in Tenneberg und will sie dann mit den Mannen, die ich auf der Wartburg habe, vereinen zu einem Schlage gegen die Eisenacher.« »Mögen dir dann nicht Mann und Roß erfrieren! Wer in aller Welt führt in dieser Jahreszeit Krieg?« rief der Abt. »Es ist gut, wenn man über seinen Feind kommen kann, da er es am wenigsten vermutet,« versetzte der Markgraf. »Da darf man nicht Wind noch Wetter scheuen. Die schnellsten Hiebe sind die besten!« »Ja, Ihr seid ein Mann von Stahl, edler Herr,« sagte der Domherr bewundernd. »Auch darin seid Ihr einer guten Stahlklinge gleich, daß Ihr auf der Stelle wieder emporschnellt, wenn Euch das Geschick tief niedergebeugt hatte. Darum nennt Euch das Volk in deutschen Landen überall ,den Freidigen'.« Der Markgraf lächelte. »Ich muß wohl glauben, daß Ihr in guter Meinung so redet, denn wer wollte einem Fürsten schmeicheln, der noch immer in hoher Bedrängnis ist! In welcher Höhe gedenkt Ihr übrigens bei der Judenschaft für mich zu bürgen?« »Mein Bruder ließ mir sagen: Bis zu dreitausend Mark Silbers.« »Eine sehr stattliche Hilfe, für die ich dem Herrn Erzbischof von Herzen dankbar bin. Sagt ihm das, ich bitte Euch. Es ist mir wie ein Wunder des Himmels, daß mir Hilfe wird von einer Seite, von der ich es nimmermehr erwartet hätte.« »Ihr werdet bald inne werden, erlauchter Herr, daß sich vieles wandeln wird in deutschen Landen, nachdem mein Bruder auf den Stuhl von Mainz erhöht worden ist. Der vor ihm in Mainz gebot, schlug einst auf seine Jagdtasche und rief: ,Ich habe noch mehr deutsche Könige darin!´ Er hat das stolze Wort teuer bezahlen müssen, denn König Albrecht, den er über den Nassauer erhoben hatte, zwang ihn zu Boden. Peter von Aspelt prahlt nicht, aber er spinnt in der Stille ein starkes Netz, in dem sich mancher fangen mag.« Während seiner Worte war ein Lärm auf dem Klosterhofe entstanden, man hörte lautes Rufen, Hin- und Herlaufen von Männern und schwerer Rosse Tritt. Der Markgraf war ans Fenster getreten und hatte es aufgestoßen. »Es sind meine Knechte unter Lutz Wangenheim,« sagte er; »ich hatte Befehl gegeben, daß sie sich um diese Stunde sammeln sollten, auf daß wir gen Tenneberg reiten.« »Wie, Ihr nächtigt hier nicht?« rief der Domherr. »Ich bin mit hundertundfünfzig Lanzen ausgefahren. Wie sollt' ich meinen Freund und sein Kloster mit solch hohem Einlager ohne Not beschweren? Ich komme morgen in der Frühe herüber, da wollen wir das Weitere verhandeln. Bis dahin gehabt Euch wohl und seid versichert, daß ich Euch dankbar bin für Eure Kunde.« Der Abt warf sich einen Pelz, der an der Wand hing, über die Schultern, um den Markgrafen hinauszugeleiten, und läutete nach dem Diener. Der Domherr aber sagte: »Euer Gnaden entschuldigen mich, daß ich nicht in den Wind hinaustrete. Ich habe wohl zu lange in Welschland gelebt und kann die Winterkälte nicht mehr vertragen. Sie schafft mir böses Reißen in den Gliedern.« »Bemüht Euch nicht, Herr. Und auch du, Abt, tätest besser, wenn du im Warmen bliebest,« erwiderte der Fürst. »Was? Ich alter Hirschjäger sollte die Kälte scheuen?« rief der Abt. »Komm, Markgraf, tritt hier herein, daß sie dich waffnen!« Er öffnete die Tür des Nebengemaches, aber statt des erwarteten Dieners sahen sich die beiden dem Ritter von Helldorf gegenüber. Der Markgraf erschrak sichtlich. »Ihr hier, Helldorf? Ihr seid mir nachgeritten? Es ist doch nichts Böses geschehen auf der Wartburg?« so überstürzten sich seine hastigen Fragen. »Nichts Übles, gnädiger Herr. Euer edles Gemahl sendet Euch das.« Er reichte ihm einen versiegelten Pergamentstreifen hin, und plötzlich bog er das Knie. »Laßt mich der erste sein, gnädiger Herr, der Euch zuruft: Heil dem Herrn Landgrafen von Thüringen! Gott gebe ihm gute Zeiten immerdar!« Friedrich fuhr zurück, und seine Wange erblich. »So ist mein Vater gestorben?« »Nicht das, gnädiger Herr. Wollet lesen, was die Herrin Euch schreibt.« »Lies, Markwart,« gebot der Fürst. »Mir macht es Beschwer.« Der Abt entfaltete den Zettel und las: »Der Vater hat mit freiem Willen dem Fürstenamt und Regiment entsagt, geschworen und zu Urkund gegeben, daß er alles wolle in Deine Hände legen. Komm zurück, sobald Du kannst. Ich grüße Dich!« In starrem Staunen blickten der Abt und Herr Friedrich sich an. Endlich sagte Markwart mit starker Stimme: »Was ihn auch dazu trieb – er sei dafür gesegnet. Es war Zeit, daß einer das Regiment bekam, der von Gott dazu berufen ist. Nun gebietest du hier nicht mehr im Namen deines Vaters, sondern kraft eigenen Rechtes. Heil dir, Friedrich, Landgraf von Thüringen!« XI. Großes und Seltsames hatte sich auf der Wartburg ereignet, während Herr Friedrich in der Ferne weilte. Er hatte kaum eine Stunde das Tor im Rücken, da bewegte sich von Eisenach her ein Reiterzug den Berg hinauf. Voran ritt ein Herold des Königs im bunten Gewände, der ein Panier mit des Reiches Adler trug. Ihm folgte ein hochgewachsener Mann auf reichgeschirrtem Rosse in schimmernder Rüstung. Das war der Graf Heinrich von Diez, genannt von Weilnau, des hochmögenden Abtes von Fulda Bruder und einer der nächsten Vertrauten König Albrechts. Reisige und berittene Bürger von Eisenach gaben ihm bergaufwärts das Geleit. Droben vor dem Tore ließ er die Fahne schwenken, mit einer Trompete blasen und durch einen Herold den Insassen der Burg zurufen, daß er eine königliche Botschaft bringe. Er mußte ziemlich lange warten und war schon sehr ungnädig, als endlich Hermann von Goldacker droben erschien, den die Knechte herbeigeholt hatten. »Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?« schrie der Ritter, der gleichfalls unwilligen Gemütes war, weil man ihn beim Frühstück gestört hatte. »Ich bin Graf Heinrich von Weilnau und habe Eurem Herrn, dem Landgrafen Albrecht, des Herrn Königs Willen zu künden. Ich begehre Einritt und freies Geleit.« »Das habt Ihr als des Königs Bote bei meinem Eide. Aber Ihr kommt nicht eher in die Burg, als bis Eure Mannen drunten im Tale sind. Meint Ihr, wir lassen ein paar Fähnlein fremder Knechte herein? Befehlt, daß sie sich schleunigst entfernen!« Der Graf fluchte gewaltig, daß man ihm, dem Abgesandten des Königs, Bedingungen vorschreiben wolle. Aber Hermann Goldacker hörte dies gänzlich ungerührt mit an und gab keine Antwort. Nach einer kleinen Weile bequemte sich dann auch der Graf, denn der Wind umpfiff ihn grausam auf der Höhe, und er wußte sich vor Kälte kaum zu lassen. Sein erstes Begehren nach seinem Einritte war auf ein warmes Gemach gerichtet, und erst nach einer halben Stunde war er soweit aufgetaut, daß man ihn vor das Angesicht des Landgrafen führen konnte. Der alte Fürst saß in einem ungeheuren Lehnstuhle, ganz und gar in Decken eingehüllt und eine Mütze aus Biberfell auf dem Haupte tragend, die er beim Eintreten des königlichen Gesandten ein wenig lüftete. Sein Gesicht war bleich und verfallen, und nur die glitzernden schwarzen Augen gaben Kunde davon, daß noch Leben in ihm war. Seine Frau und Tochter standen zu beiden Seiten seines Stuhles, in einer Ecke des Gemaches lehnte sein Kaplan und Geheimschreiber Walther an der Wand. Hermann Goldacker, der den Grafen hereingeführt hatte, blieb an der Türe stehen und stützte sich schwer auf sein breites Schwert. Der Graf entfaltete ein Schreiben und begann zu lesen. Es waren lauter Anklagen, die der König gegen den Landgrafen schleuderte: Anklagen wegen gebrochener feierlicher Versprechungen, gegeben auf mehreren Hoftagen, daß er Thüringen dem Reiche überliefern wolle, was er jedoch nicht gehalten habe. Die Ausdrücke des königlichen Briefes waren so scharf und verletzend, daß den beiden Frauen die Röte der Scham und des Zornes ins Gesicht stieg und der Marschalk von Goldacker mehrmals aufstampfte und seinen Herrn fragend anblickte, ob er ihm erlauben wolle, den Frechling vor die Tür zu tragen. Aber der alte Landgraf machte nur eine kurze Handbewegung, die ihn schweigen hieß, und diese Handbewegung war das einzige Anzeichen dafür, daß er der Verlesung des Schreibens überhaupt zugehört hatte. Selbst bei der Drohung mit des Reiches Acht blieb sein Antlitz völlig unbeweglich. Als der Graf zu Ende war, entstand eine lange, tiefe Stille. Endlich sagte der alte Fürst mit müder Gleichgültigkeit: »Tretet ab, Herr Graf von Weilnau. In einer Stunde ist die Antwort an des Königs Hoheit in Eurer Hand. Bis dahin wartet. – Ich bitt' Euch,« wandte er sich an seine Gattin und Stieftochter, »verlaßt mich. Du, Walther, holst Pergament und Schreibwerk, und du, Hermann, bleibst als Zeuge hier.« – Nach geraumer Zeit schickte der Landgraf nach seiner Gemahlin und ließ sie in sein Gemach rufen. Dort verhandelte er lange im geheimen mit ihr, und erst viel später beschied er die andern wieder zu sich, nur nicht den Grafen Weilnau. Frau Else erkannte sofort, daß ihre Mutter geweint hatte, und daß es ihr schwer fiel, eine große Ergriffenheit ihres Gemütes zu verbergen. Der Landgraf hielt zwei Urkunden in den Händen. Die eine, die verschlossen und versiegelt war, gab er Hermann Goldacker. »Händigt sie dem Boten des Königs aus, wenn er draußen vor dem Tore steht,« gebot er. »Er hat Urlaub, von dannen zu reiten. Was ich seinem Herrn zu sagen habe, steht darin, und ich brauche das freche Gesicht dieses hochmütigen Knechtes nicht noch einmal zu sehen. – Walther,« fügte er mit einem Anflug guter Laune hinzu, »geleite den Marschalk und hafte dafür, daß er ihn nicht in den Graben wirft.« Die beiden gingen ab, und er blieb mit den Frauen allein. Lange suchte er nach Worten, aber es ward ihm offenbar schwer, einen Anfang zu finden. Endlich begann er mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest auf das Antlitz seiner Schwiegertochter richtete: »Du hast gehört, was mir der König sagen ließ. Jedes Wort war ein Schimpf für mich, aber das Ärgste war: Er sprach die Wahrheit. Ja, ich habe gelobt und geschworen zu mehreren Malen, daß ich Thüringen meinem Blute wollte entfremden und dem Reiche übergeben. Aber jetzt erkenne ich, daß diese Eide Sünde und Frevel waren. Es steht keinem Fürsten das Recht zu, sein Fürstentum seinem Geschlechte zu entziehen, es nötige ihn denn Zwang und Gewalt dazu. So kann ich nicht halten und will nicht halten, was ich dem Könige früher geschworen, aber darum muß ich aufhören, ein Fürst des Reiches zu sein. Hier meine Tochter,« – er reichte ihr mit zitternder Hand das Pergament – »hier die Urkunde, daß ich diese Burg und das ganze Land Thüringen deinem Manne, meinem Sohne Friedrich, und seinen Kindern übergebe für immer, und daß ich mich alles Regimentes begebe, und daß mein Fürstentum deinem Manne gehören soll, als wär' ich schon gestorben.« Frau Else nahm die Urkunde aus seiner Hand, ohne zu wissen, was sie tat. Sie stand wie erstarrt, und vor ihren Augen flirrte es. Nie und nimmermehr hätte sie das vermutet. Ein Aufschluchzen ihrer Mutter weckte sie aus ihrer Betäubung. Sie stürzte auf sie zu und umschlang sie mit beiden Armen. »Mutter!« rief sie, »hast du schon lange davon gewußt?« Die Landgräfin schüttelte den Kopf, zu reden vermochte sie nicht. »Und Ihr, Vater,« fuhr die junge Fürstin in höchster Erregung fort, »habt Ihr das wohl erwogen? Wird's Euch nicht gereuen? Ihr wißt: Friedrich hält fest, was er in den Händen hat.« »Deshalb gerade lege ich's in seine Hände,« erwiderte der Landgraf. »Ich konnte niemals etwas in meinem Leben festhalten, alles ist mir unter den Händen zerronnen, Land und Leute, Geld und Gut, und – wehe! – auch Ehre und Reputation. So soll einer herrschen an meiner Statt, der alles wieder gut machen wird, was ich verfehlt.« »Und Diezmann, Euer andrer Sohn?« rief Frau Else dazwischen. »Der mag genug haben an seinem Osterlande. Er ist tüchtiger als ich, aber doch in vielem mir allzugleich. Er hat sein Fürstentum Lausitz verkauft an den Brandenburger Markgrafen, wie ich habe Thüringen verkaufen wollen an den König Adolf. Wer weiß, was aus dem Erbe würde in seiner Hand! In seinem Blute ist nicht genug des Eisens. Aber Friedrich, Friedrich ist der Mann dazu, dem Könige zu widerstehen und den Starken und Großen im Lande. Er wird alles wieder gut machen und Wettin wieder zu Ehren bringen im Reiche.« Seine Rede ging in ein Flüstern aus, und seine Augen hatten sich geschlossen. Wie er so dasaß in seinen Decken mit dem gelblich blassen Angesichte, das ohne Leben schien, glich er einem Schwerkranken, fast einem Sterbenden, und ein tiefes Mitleid wallte mit einem Male im Herzen der jungen Fürstin auf, ein Mitleid mit dem Manne, der so viel und so schwer sich verfehlt hatte in seinem Leben, und der doch jetzt noch sühnen wollte, was in seiner Macht lag. Sie hatte ihn stets mit der größten Abneigung betrachtet, manchmal sogar mit Haß und Verachtung. Jetzt war das alles ausgelöscht in ihrem Herzen, sie sah nur noch den armen, gebrechlichen Greis in ihm, der Erbarmen erweckte, und der ihres Gatten Vater und der Großvater ihres Kindes war. Sie beugte sich nieder und zog seine welke Hand an ihre Lippen. »In Friedrichs Namen danke ich Euch, Vater,« sprach sie leise. Der Greis schlug die Augen auf, und sie standen voll Tränen. »Zu danken habe ich allein,« sprach er rauh, fast heftig. »Wie eine Heilige hast du an mir getan in meiner schweren Krankheit. Ohne dich wäre ich wohl gestorben. Wenn dir liegt am Segen eines Mannes, wie ich bin, so sei gesegnet!« Indem trat die Landgräfin auf ihre Tochter zu, schloß sie in ihre Arme und küßte sie auf die Stirn. »Gehe hinüber und laß mich mit ihm allein,« bat sie. »Wir reden noch miteinander über alle diese Dinge.« Frau Else gehorchte und begab sich in ihre Gemächer. Dahin beschied sie nach kurzer Zeit ihren Marschalk Helldorf, erzählte ihm, was geschehen war, noch als Geheimnis und fertigte ihn als Boten an ihren Gemahl ab. Bei der Mittagstafel erschien sie nur auf kurze Zeit und rührte die Speisen kaum an. Den übrigen Teil des Tages verbrachte sie allein in tiefen Gedanken. Es war schon spät geworden, und die Lichter waren längst angesteckt, als plötzlich ihre Mutter zu ihr ins Zimmer trat. Die beiden Frauen waren zunächst keines Wortes mächtig. Sie hielten sich lange weinend umfangen, bis sich endlich die junge Landgräfin aus den Annen ihrer Mutter löste und sie neben sich auf eine gepolsterte Bank zog. »Was soll nun werden, Mutter? Wird es den Vater nicht gereuen?« fragte sie beklommen. »Es kam so schnell und so unerwartet. Mir ist, als hätt' ich's nur geträumt.« »Nein,« erwiderte die alte Landgräfin fest, »es wird ihn nicht gereuen. Der Entschluß war wohl schnell gefaßt, aber er kam aus einem Herzen, das längst seine Schuld erkannt hat, und dem das Leben zum Ekel geworden ist. Er hat vielleicht schon seit längerer Zeit über den Plan gegrübelt und uns nur nichts davon gesagt. Ja, fast will mir's so scheinen, denn er hat mir deutlich und bestimmt gesagt, was er zu tun gedenkt. Das war ihm gewiß nicht erst heute eingefallen.« »Und was will er tun?« »Er will nach Erfurt ziehen und dort seine Tage beschließen.« Frau Else sah ihre Mutter halb erstaunt, halb bestürzt an. »Nach Erfurt? Wie ist das möglich, da wir doch dort kein Schloß besitzen? Will er der Welt entsagen und ins Kloster gehen?« »Er will kein Schloß und keine Hofhaltung, und an das Kloster denkt er nicht. Er will in einem Bürgerhause leben.« Frau Else blickte ihre Mutter an, als habe sie den Sinn ihrer Worte nicht erfaßt, und so verhielt sich's in der Tat. Der Plan ihres Schwiegervaters erschien ihr unsinniger und ferner liegend, als wenn er eine Fahrt nach dem heiligen Lande ins Auge gefaßt und angekündigt hätte. »Du begreifst es nicht?« fragte die Mutter. »Auch ich habe ihn zuerst nicht verstanden, als er mir's sagte. Aber er hat mir's klar gemacht. Seine Güter um Erfurt will er der Stadt verschreiben. Dafür sollen ihn die Bürger schützen, herbergen, verpflegen und füttern bis an seinen Tod.« In Frau Elses Wangen trat ein tiefes Rot. »Das ist eines Fürsten unwürdig!« rief sie empört. »Es ist die Sühne eines befleckten und verfehlten Lebens,« entgegnete ihre Mutter traurig. »Mein Kind, als ich mit ihm in die Ehe trat, war seines Lebens Sturmzeit schon vorbei, und doch – wie vieles habe ich noch erlebt an ihm, was mich entsetzt und ins Herz getroffen hat! Was mag nun erst alles geschehen sein, da er noch jung war und in voller Kraft! Darf's uns wundern, daß er eine schwere und absonderliche Sühne sucht?« »Aber das, nein, das darf er nicht tun um seines Blutes willen!« rief die junge Fürstin, und Zornestränen traten ihr in die Augen. »Im Kloster hat schon manch hochgeborener Mann seine Sünden gebüßt, ja mancher hat das getan, der eine Krone trug. Aber unerhört ist, was er tun will. Noch nie ist ein Fürst zum Bürger, ja zum Kostgänger von Bürgern geworden.« Die alte Landgräfin blickte tief bekümmert vor sich nieder und sagte: »Ich empfinde wie du, aber ich kann es nicht ändern und muß mich seinem Willen fügen.« »Mutter!« fuhr Frau Else auf. »Du denkst doch nicht daran, ihm dorthin zu folgen?« Die Landgräfin hob erstaunt den Blick zu ihrer Tochter empor. »Du dachtest, ich würde ihn allein ziehen lassen?« »Ja, das weiß Gott, so dachte ich, und so muß jeder denken. Wenn ein Weib für seinen Mann sterben will, so begreif' ich das. Aber wenn sich ein Mann entwürdigt und erniedrigt, so soll sie sich nicht mit erniedrigen. Willst du verkümmern unter den Schneidern und Bäckern? Willst du wie die Schusterfrauen mit einem Korbe zu Markte gehen?« Die Landgräfin lächelte, aber es war ein wehes Lächeln. »Soweit wird es nicht kommen, Kind. Und hat nicht Sankta Elisabeth sich noch viel mehr erniedrigt, als sie Aussätzige und Krüppel pflegte?« »Das ist ein ganz ander Ding. Liebeswerk ist fürstlich Werk, das hat unser Heiland selbst getan und alle Heiligen. Wer tut wie sie, der erhöht sich durch solches Tun. Aber wer vom Fürstenstuhle steigt, um dem niederen Volke gleich zu werden, der erniedrigt sich.« Die Mutter neigte das Haupt. »Es ist so. Aber frage dich selber: du würdest deinem Manne nicht ins Elend, in Armut, ja in Unehre folgen?« Frau Else warf unwillig den Kopf zurück. »Warum an etwas denken, was nimmermehr möglich ist? Friedrich würde, gäbe Gott ihm den Sieg nicht, wie ein Fürst zu sterben wissen.« »Dafür danke Gott und der heiligen Jungfrau! Nicht jedes Weib ist so glücklich, daß sie solches denken und sagen kann von ihrem Manne. Aber denke dir, die Gnade Gottes hätte dir dieses Glück nicht gegeben, könntest du deinem Manne nicht auch in Schmach und Not folgen?« »In Not ja, in jede Not. Mein Leben gäb' ich für ihn. Aber in Schmach nie und nimmer! Erniedrigte er sich selbst, so würde die Liebe zu ihm in meiner Brust ersterben.« Die Landgräfin erhob sich und sah ihre Tochter mit einem langen, seltsamen Blicke an. Ihre Gestalt schien zu wachsen, ihre Augen leuchteten auf, und sie rief mit lauter, tönender Stimme: »Dein Geist hat höheren Flug, meine Tochter, als mein Geist, und schlicht und einfach erschien ich mir oftmals neben dir. Jetzt aber sehe ich, daß du noch lernen kannst von mir. Ja, merke auf: ich lehre dich das Beste, was du lernen kannst im Leben. Nicht die Liebe ist das Höchste in der Welt, es gibt etwas viel Höheres. Das ist die Treue. Liebe vergeht gar leicht, denn das Menschenherz wird verwandelt mit den Jahren, aber die Treue besteht. Liebe zu fühlen, das kann sich kein Mensch geben, aber Treue kann jedermann halten. Darum verlangt sie auch der Herrgott von den Menschen, und der ist am meisten wert vor ihm, der die höchste Treue auf Erden hält. Und jeder treue Mensch kann ruhig sein in seinem Herzen und braucht sich nicht zu fürchten, denn ein Ehrensitz wird ihm bereitet sein in der Himmelshalle. Das lerne, meine Tochter, die du nicht weißt, was rechte Treue ist!« »Mutter!« schrie Frau Else auf, »will ich meinem Manne nicht das höchste Opfer bringen?« Die Landgräfin richtete sich noch höher auf, und ihre Augen sprühten. »Närrin!« rief sie. »Törichte Närrin! Wofür bringst du das Opfer? Das glaub' ich wohl, daß die Heiligen deinen Mann retten, wenn du dich ihnen darbringst. Aber wofür retten sie ihn? Für ein elendes Leben, auch wenn er sein Fürstentum behauptet. Sein Haus ist verödet, sein Weib hat sich von ihm gelöst, das seine Wonne war. Seine Tochter wird von Fremden erzogen, einen Erben hat er nicht mehr zu erwarten. Ihm wäre besser, er zöge als armer Ritter in die Fremde und hätte sein Weib bei sich, das ihm die Treue hielte. Darüber sinne nach, meine Tochter, wenn dich etwa der Schlaf fliehen sollte in dieser Nacht, und für heute gehab' dich wohl.« Frau Else öffnete die Lippen, als wolle sie noch etwas erwidern, aber ehe sie ein Wort zu sagen vermochte, war die Landgräfin verschwunden. Da ließ sich die junge Frau auf ihren Sitz zurücksinken, schlug die Hände vors Antlitz und weinte laut auf. Die Worte der Mutter hatten eine Saite in ihrem Innern berührt, die bisher geschwiegen hatte, nun aber um so lauter und heller tönte. Sie schluchzte noch lange vor sich hin, dann faltete sie die Hände im Schoße und versank in tiefes Nachdenken. XII. Landgraf Friedrich war nicht nach Tenneberg gezogen, sondern er hatte auf den Ruf seiner Gemahlin hin ungesäumt den Rückzug nach der Wartburg angetreten. Er konnte das den Rossen zumuten, denn es lag kein Schnee, und die Wege waren bei dem starken Froste besser passierbar, als zu jeder anderen Jahreszeit. Aber er kam mit den schweren Gäulen nur langsam vorwärts, und so war es gegen neun Uhr abends geworden, als er an den Ausläufern des Wartberges anlangte. Dort stieß er zu seiner Verwunderung auf Hermann Goldacker, der ihm mit einer Reiterschar entgegengezogen war. »Die Herren von Eisenach,« erklärte der treue Mann, »haben heute einen Königsboten in ihrer Stadt und noch dazu einen, der ein tüchtiger und verwegener Kriegsmann ist. Da wird ihnen der Kamm gewaltig geschwollen sein, und der Teufel mochte wissen, ob sie es nicht wieder einmal wagten, um den Berg zu schwärmen. Darum habe ich an Lutz Wangenheim den Befehl abgegeben und bin Euer Gnaden entgegengezogen. Es konnte leicht zu scharfen Schwertschlägen kommen.« »Und da lüstete dich's, dabei zu sein,« erwiderte lachend der Landgraf. »Wohl bedacht und wohl getan, mein wackerer Hermann! Und nun komm her zu mir an meine Seite und erzähle, was sich auf der Burg ereignet hat.« Als der Ritter seinen Bericht beendigt hatte, schwieg Friedrich nachdenklich. Dann sagte er mit fester Stimme: »Was mein Vater mir überlassen hat, das ist zu dieser Zeit nicht viel mehr als ein Name.« »Und, gnädiger Herr, noch eines: die alleinige Gewalt über die Burg, die vor uns liegt,« warf der Ritter ein. »Das ist doch nicht allzu wenig, denn Ihr kennt das Sprichwort wohl: Wer die Wartburg hat, der hat Thüringen.« »Möge sich's erfüllen!« rief der Fürst. »Mit aller Kraft wollen wir erstreben, daß aus dem Namen eine Herrschaft werde. Und ich bin guten Mutes, Hermann, denn ich erkenne, daß dieses Königs Macht nicht so fest gegründet ist, wie es den Anschein hat. Eine Kunde ward mir heute zugetragen, die Frohes verheißt: Peter von Aspelt, der Bischof von Basel, ist erwählt und vom Papste bestätigt zum Erzbischof von Mainz.« »Heiliges Kreuz! Das ist eine gute Kunde, gnädiger Herr! Der ist schon lange des Königs geheimer Feind und wird ihm zu schaffen machen!« frohlockte der Marschalk. »Das denke ich auch. Und noch eine zweite gute Kunde: Abt Markwart bringt die Judenschaft von Erfurt dazu, uns eine Anleihe von mehreren tausend Mark Silbers zu gewähren.« »Alle Hagel, gnädiger Herr, das ist noch mehr wert als das andere! Denn Euer Gnaden weiß selbst, wie sehr es uns an Rossen mangelt. Wollen wir im Frühling nicht nur hinter Mauern widerstehen, so müssen wir vor allen Dingen zwei bis dreihundert gute Gäule haben.« »Da hast du recht, und es wäre uns schwer geworden, sie mit leeren Taschen zu erstehen,« versetzte Friedrich. »Gelobt sei Gott und alle Heiligen, daß sich wider alles Hoffen und Vermuten ein Weg zu Geld auftut! Hab' ich nur erst Freiberg wieder mit seinen Silbergruben, dann sollen mich die Schulden nicht drücken. Es sind, wie ich höre, viele Bürger dort mir noch wohlgeneigt, und der König verliert an Anhang mit jedem Tage. Ich könnte da wohl manches versuchen, aber erst muß der Zuzug von meinem Bruder da sein.« Während dieser Neben waren sie den Berg hinaufgekommen und ritten nun durch das Tor in den vorderen Hof der Burg ein. »Ist Frau Else noch wach, oder ist sie schon zur Ruhe gegangen?« fragte Friedrich, indem er sich aus dem Sattel schwang. »Ich seh' in Eurem Gemache noch Licht, gnädiger Herr. Wahrscheinlich erwartet Euch dort die Herrin.« Friedrich hob erstaunt den Kopf. Sein Weib sollte ihn erwarten und in seinen Gemächern? Frau Else hatte die Zimmer, die er bewohnte, ängstlich gemieden, seit er wieder in der Burg war. Sollte sie gerade jetzt da weilen, da die Nacht hereingebrochen war? Wunderlich und kaum glaublich! Aber sie hatte ihm vielleicht noch etwas Dringendes mitzuteilen, was Hermann Goldacker nicht wußte, auch nicht wissen sollte. Er verabschiedete in dem inneren Hofe seinen Begleiter und stieg mit klopfendem Herzen die Stufen hinan. Seltsam bange war ihm zu Mute, er fürchtete, seine Frau möchte zurückkommen auf ihre Absicht, die Burg zu verlassen, um nach Himmelskron zu ziehen, und sie habe diese Stunde gewählt, um ihm das zu sagen. Ein paar Augenblicke zögerte er vor der Tür, dann klinkte er sie auf und trat ein, entschlossen, mit allen Mitteln der Rede, die ihm zu Gebote standen, um sein Glück zu kämpfen. Aber ein friedliches und rührendes Bild bot sich seinem Auge dar. Frau Else war auf ihrer Bank eingeschlafen, ihr Haupt war an die Wand zurückgesunken, ihre Hände ruhten leicht gefaltet im Schoße, an den Wimpern hingen noch die Tränen, die sie geweint hatte, ehe der Schlaf sie übermannte. Der Landgraf betrachtete das bleiche, schöne Gesicht eine Weile schweigend, dann trat er leise an sie heran und küßte sie auf die Lippen. Er war so übermannt von Liebe und Wehmut, daß er die Schranken ganz und gar vergaß, die sie selbst zwischen sich aufgerichtet hatten. Sie öffnete die Augen, aber es lag noch ein traumhafter Ausdruck darin. Schlief sie noch, und träumte sie weiter? Oder wachte sie und wußte, was sie tat? Sie legte ihre Arme leise um seinen Hals und sagte mit unbeschreiblicher Innigkeit: »Friedrich, mein Friedrich, bist du endlich wiedergekommen? O dem Himmel sei Dank, daß ich dich wiederhabe!« Dann begann sie ihm leise das Haar zu streicheln und zu schlichten, wie eine zärtliche Mutter mit ihrem Kinde tut. Der Landgraf wagte nicht sich zu rühren, sondern hielt unbeweglich still. Ihm war, als hätte hier Zauberei ihre Hand im Spiele, und als könne jedes Wort und jede Bewegung den wundervollen Zauber zerstören. Plötzlich zuckte Frau Else zusammen. Ihre Augen weiteten sich und wurden schreckensstarr, und mit zitternden Fingern deutete sie auf eine Stelle seines Hauptes. Sie hatte unter der Lockenfülle eine breite blutrote Narbe berührt, die von der Schläfe fast bis zum Wirbel lief, und die sie von früher her nicht kannte. »Um Gottes willen, was ist das?« fragte sie mit hohler Stimme. »Ein Hieb, den ich vor einer böhmischen Burg empfing.« »Du bist in Gefahr des Lebens gewesen da draußen?« schrie die Landgräfin. »Da mein Schwäher die Gefahr stets klüglich zu vermeiden suchte, so mußt' ich wohl in die Bresche springen.« »Und du hast nicht an mich gedacht?« Friedrich sah sie an, und eine düstere Glut glomm in seinem Auge auf. »Wohl habe ich an dich gedacht,« sagte er traurig. »Ich dachte daran, daß mir kein liebendes Weib ihre Arme um den Hals schlingen würde, wenn ich aus dem Kampfe heimkehrte. Denn meine Frau wollte im Kloster beten. Wofür sollte ich mich schonen? Ja oft schon habe ich mich gefragt: Wofür kämpfe und streite ich? Du willst mich retten in deinem Irrwahn, und statt dessen zerstörst du mein Leben.« Er wandte sich voll tiefer Bitterkeit halb ab von ihr. Da mit einem Male schlangen sich die Arme seines Weibes von neuem um seinen Nacken, und sie lag fest an seiner Brust. Ein Strom von Tränen stürzte aus ihren Augen, und sie vermochte anfangs gar nicht zu reden. Endlich stammelte sie unter Schluchzen: »Ja, ihr habt Recht, der Abt und meine Mutter und du. Der Preis ist zu hoch. Ich kann den Heiligen nicht gehorchen!« Den Landgrafen durchzuckte es wie ein Schlag, und seine Augen leuchteten. Er preßte sein Weib mit mächtigen Armen an sich und fragte mit bebender Stimme: »So siehst du ein, daß unsere Ehe keine Sünde ist?« »Nein, Friedrich, Sünde ist sie. Wollt' ich Gottes Willen tun, so müßt' ich mich von dir lösen. Aber um deinetwillen will ich die Sünde auf mich nehmen, auf daß ich dich nicht unglücklich mache und dein Leben zerstöre.« Sie brach ab und hing mit einem Male wie leblos in seinen Armen. Ihr Körper ward schwer und ihre Augen geschlossen, und er erkannte, daß sie wieder von einer Ohnmacht heimgesucht ward, wie schon öfters im letzten Jahre. Er ließ sie auf die Bank gleiten und sah eine Weile, ohne sich zu regen, mit versteinertem Antlitz auf sie nieder. Das große Glücksfeuer in seinem Herzen war jäh erloschen. Er erkannte, welch' ungeheure Überwindung sie üben wollte, sich selbst untreu zu werden um seines Glückes Willen. Und es ward ihm klar, daß auf diesem Grunde nie ein dauerndes Glück erblühen konnte, daß sie mit so beschwertem Gemüte elend werden mußte, und daß er das Opfer, das sie wider ihr Gewissen bringen wollte, nicht annehmen durfte. Eben wandte er sich, um eine ihrer Frauen zu rufen, da regte sie sich und schlug die Augen auf. Gleich darauf saß sie aufrecht da. »O Gott, ich war wieder einmal meiner Sinne nicht mächtig,« stammelte sie. »Was ist das nur? In früheren Zeiten kannt' ich das doch nicht!« »Höre mich an, Else,« sagte der Landgraf und zwang sich mühsam zur Ruhe. »Ich bin Friedrichs von Staufen Enkel, und Blut läßt nicht von Blut und Art nicht von Art. Ich bin nicht unfromm, zweifle nicht an der göttlichen Natur unseres Herrn und Erlösers, wie es mein großer Ahn getan hat. Aber daß der allmächtige Gott durch heilige Weiber zu uns redet, das glaub' ich nicht.« Die Landgräfin sah ihn erschrocken an, erwiderte aber kein Wort. »Du glaubst das, wie die meisten andern, und ich habe eben gesehen, wie tief dieser Glaube sitzt,« fuhr Friedrich fort. »Du willst aus Liebe zu mir ein Leben wieder auf dich nehmen, das du für Sünde hältst. Ließe ich das zu und macht' ich mir diese Aufwallung deines Gemütes zu Nutz – wahrlich, ich zerbräche deine Seele. Darum will ich geduldig ausharren, bis du andern Sinnes wirst.« »Wie sollte das geschehen?« flüsterte Frau Else. »Wenn die Weissagung der Heiligen von Weißenfels sich als eitel Dunst erweist. Kommt im März der König und siegt nicht, so müssen dir ja die Augen aufgehen. Denn was hätte dann die Weissagung von Unheil und Untergang noch für einen Sinn?« Er schritt einige Male schnell in dem Gemache auf und nieder und blieb dann vor ihr stehen. »Das hoffe ich zu erleben,« nahm er seine Rede wieder auf. »Und das Opfer nehme ich an, daß du auf der Wartburg bleibst und daß du dich wie mein Gemahl hältst vor den Leuten. Es braucht niemand zu erfahren, wie es mit uns steht. Sonst aber sei sicher: Nie und nimmer halt' ich dich als mein Weib, solange du des Glaubens bist, unser ehelich Leben beflecke deine Seele. Der Tag wird kommen, da der Bann von deinem Geiste weicht. Einen Kuß gebe ich dir, so tut ja auch der Bruder der Schwester. Aber dann – Gute Nacht, Frau Landgräfin.« XIII. In der uralten Kaiserpfalz zu Frankfurt am Main, die von Karls des Großen Sohn, Ludwig dem Frommen, erbaut war, hatte König Albrecht sein Hoflager aufgeschlagen. Er war bis in die Mitte des Februar in Wien aufgehalten worden, denn das neue Jahr 1307 hatte große Kälte und ungeheure Schneefälle gebracht. Alle Wege waren verschneit und verweht und zum Teil unpassierbar; kein Mensch konnte an Kriegführen denken. So war dem Könige nichts übrig geblieben, als sich in Geduld zu fassen und in seiner guten Stadt Wien zu warten, bis der Schnee schmolz und lindere Lüfte wehten. Dann aber war er mit der gewohnten Raschheit aufgebrochen und nach Frankfurt geeilt, um dort die Vorbereitung zum neuen Feldzuge wider die Wettiner zu beginnen. Mehrere Fürsten und Große hatten sich um ihn versammelt, der Abt von Hersfeld, der Fürstabt von Fulda, der streitbare Bischof von Bamberg. Auch der kluge Erzkanzler des Reichs, der neue Erzbischof von Mainz, war mit großem Gefolge eingezogen und vom Könige sehr gnädig empfangen worden. Er wußte die stolze, herrische Seele des Habsburgers durch geheuchelte Unterwürfigkeit so für sich einzunehmen, daß der König den Argwohn, den er von früher her gegen ihn hegte, ganz und gar fahren ließ und ihn bald seiner höchsten Gunst würdigte. Er galt schon nach wenigen Tagen als des Herrschers vertrauter Rat, und er war es auch insofern, als der König ihn häufig um seine Meinung befragte und zuweilen sein eigenes schnelles und scharfes Urteil über Dinge und Menschen durch die klugen Reden des Erzbischofs beeinflussen ließ. Seltsamerweise übertrug sich dieses königliche Vertrauen auch auf den Bruder des Mainzer Oberhirten, den Domherrn von Aspelt, der von Erfurt aus kurz nach dem Einzuge des Königs in Frankfurt eingetroffen war. Es hieß bald in der ganzen Stadt, die beiden Brüder hätten des Königs Ohr wie sonst kaum jemand in der ganzen Umgebung. Dabei tat aber Albrecht gar manches, was den hochmütigen, auf seine geistliche Würde überaus eingebildeten Prälaten im tiefsten Herzen verletzen mußte. Rücksichten zu nehmen, war dieses Königs Art niemals gewesen, und nun, da er auf dem Gipfel seines Glückes stand, behandelte er auch die Mächtigsten mit vollkommener Rücksichtslosigkeit. Fürsten ließ er in seinen Vorzimmern warten und fragte nichts nach dem heimlichen Groll der stolzen geistlichen und weltlichen Würdenträger. Selbst der hochwürdige Herr von Mainz mußte sich das gefallen lassen, denn als er am Tage des heiligen Zwölfboten Matthias auf zehn Uhr vormittags mit seinem Bruder zum Könige befohlen war, ward ihm zu seiner maßlosen Überraschung von einem königlichen Diener der Bescheid gegeben, er möge mit dem Herrn Domherrn im Vorzimmer harren, bis des Königs Hoheit ihn rufen lassen werde. Kaum vermochte er es, seinen Ärger vor dem Diener und einem andern, der in dem Gemache war, zu verbergen. Dieser andere war ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, der auf der Fensterbank saß und mit finsterer Miene in den Hof hinabblickte. Er drehte sich mürrisch nach den Eintretenden um, aber als er den Erzbischof gewahrte, erhellten sich sogleich seine Züge, und sowie der Diener das Gemach verlassen hatte, schritt er auf die Brüder zu und begrüßte sie mit anscheinend großer Freude. Dann fragte er rasch und unvermittelt: »Ist es Euch gelungen, hochwürdigster Herr, meinen Ohm zu bewegen, daß er mich anhört?« Peter von Aspelt machte eine verneinende Bewegung, und in seinem Antlitz prägte sich mit einem Male der Ausdruck tiefsten Mitgefühles aus. »Seid versichert, Herzog Johann, ich habe getan, was in meinen Kräften stand, aber der Herr König will nicht,« sagte er teilnehmend und fügte dann in noch wärmerem Tone hinzu: »Ich habe ihn gebeten, Euch wenigstens Kyburg einstweilen zu geben, das Euer Muttererbe ist, und Schwaben, Euer Vatererbe, übers Jahr, wenn er Euch jetzt noch für zu jung hält. Aber er wollte nicht und hat mir verboten, fürderhin für Euch zu sprechen. Die Zeit wollte er selbst bestimmen, sagte er, da Euer Erbe sollte an Euch fallen. Jetzt wäret Ihr noch zu jung, viel zu jung und solltet lieber Euch an Spiel und Tanz erfreuen. Er läßt Euch auch jetzt nicht vor sein Angesicht, denn er will durch Eure Bitten und Klagen nicht unnütz beschwert werden. Es ist mir bitter leid, Herzog Johann, daß ich Euch keine bessere Kunde bringen kann, bitter leid, seid dessen versichert.« Das Antlitz des jungen Mannes hatte sich während der Rede des Erzbischofs in erschreckender Weise verändert. Die Züge waren geradezu verzerrt, die Augen sprühten Zornesflammen, und auf der Stirn trat eine dicke blauschwarze Ader hervor. »Verflucht!« knirschte er, »ich sehe, er will mein Erbe behalten, und ich soll landlos sein bis an seinen Tod!« »Da sei Gott vor,« gab Peter von Aspelt zur Antwort. »Da könntet Ihr wohl noch lange harren, edler Herr. Denn König Albrecht ist wohl siebenundfünfzig Jahre, und bei seiner mäßigen Weise zu leben kann er zu den höchsten Jahren kommen. – Es sei denn,« fuhr er langsam fort, »daß ihm einer den Lebensfaden mit Gewalt durchschnitte, und das könnte immerhin geschehen, denn er hat unzählige Feinde und Hasser.« Der Jüngling starrte ihn eine Weile sprachlos an. »Wer wollte das wagen? Sein Grimm ist furchtbar!« stieß er endlich hervor. »Jeder Tote hat aufgehört, furchtbar zu sein,« erwiderte der Erzbischof. »Eines Leichnams Hände sind machtlos. Aber was reden wir, und wie kommen wir auf solche Gedanken? Sie sind töricht, da ja doch keiner einen so hohen Mut haben wird, und sie sind gefährlich. Wo gedenkt Ihr Euch jetzt hinzuwenden, Herr Herzog von Schwaben?« Der Jüngling zuckte zusammen. »Wollt Ihr mich höhnen? Herzog von Schwaben? Ja, ich wär's, wenn der dort nicht wäre!« Er warf einen Blick wahnwitzigen Hasses nach der Richtung, wo des Königs Gemächer lagen. »Lebt wohl, hochwürdigster Herr!« schrie er dann überlaut und stürmte wie ein Besessener aus dem Gemache. Der Domherr hatte der Unterhaltung schweigend und unbeweglich zugehört. Nun blickte er seinen Bruder halb scheu und halb verschmitzt von der Seite an und sagte: »Mich dünkt, du hast die Zeit wohl angewendet, die dich König Albrecht in seinem Vorgemache warten ließ.« »Man muß ausnutzen, was einem der Zufall bringt,« erwiderte der Erzbischof mit einem bösen Lächeln. »Ich gedenke ihm heute auch sonst noch einen schlimmen Rat zu geben, wenn über den thüringischen Handel beraten werden sollte, um ihm seinen Hochmut heimzuzahlen. Stoße du nur immer in mein Horn, was ich auch sagen möge.« Ehe der Domherr eine Antwort geben konnte, öffnete sich die Tür, die zu des Königs Gemächern führte, und zwei Männer in der Tracht reicher Bürger, gefolgt von einem Diener, traten heraus. Sie ließen sich sogleich auf die Knie nieder und erbaten den bischöflichen Segen, den der Kirchenfürst mit freundlicher Würde spendete. »Die Herren von Eisenach?« fragte er leutselig. Die beiden bejahten, und der ältere sprach immer noch kniend: »Der Herr König will Euren Rat hören, hochwürdigster Herr, ob er uns jetzt schon Hilfe schicken soll oder warten, bis sein ganzes Heer beisammen ist. Ich bitt' Euch, ratet zu eiliger Hilfe, denn Friedrich, der sich jetzt Landgraf von Thüringen nennt, bedrängt uns hart.« »Seid sicher, Freund, daß ich dem Herrn König das Beste raten werde,« erwiderte Peter von Aspelt mit einem huldvollen Lächeln, und beide Brüder folgten dann dem Diener, der sie zum Könige entbot. Der Herrscher saß in einem kleinen Saale auf einem erhöhten Thronsessel. Das Haupt war unbedeckt, aber um die Schultern hatte er den roten Königsmantel geschlagen. Rechts von ihm hatte vor einem niedrigen Tische sein Geheimschreiber Platz genommen, zu seiner Linken stand Graf Heinrich von Weilnau. Der König begrüßte die beiden Brüder, indem er sich etwas erhob und das Haupt gegen sie neigte, auch flog eine Art von Lächeln über sein finsteres Gesicht. Mit der Rechten deutete er auf einige Sessel, die neben seinem Thron, aber mehrere Stufen tiefer standen. Aus dieser Bewegung mochten sie die Aufforderung entnehmen, sich zu setzen. Dann begann er mit seiner scharfen Stimme zu reden, indem er immer einige Worte zusammen abgehackt hervorstieß, als ob er einem Heerhaufen kommandiere: »Es ist ein schneller Rat zu finden, deshalb habe ich die Klügsten zu mir entboten, die ich um mich habe. Der Abt von Fulda ist durch Krankheit entschuldigt. Ihr Herren! Die von Eisenach haben Hilfe von mir erfleht gegen Friedrich von Wettin, der sich jetzt Landgraf von Thüringen nennt und in seinem frechen Trotze wider mich beharrt. Nun hat sich ein wunderlich Ding begeben: Zu gleicher Zeit sendet besagter Friedrich einen Boten an mich ab. Wie dünkt Euch: Soll ich des Achters Botschaft annehmen? Vereint sich's mit meiner Würde, mit einem zu verhandeln, der aus des Reiches Frieden ausgestoßen ist?« Er blickte die drei fragend an, und sein Blick blieb zuletzt auf dem Kirchenfürsten haften. Der verneigte sich und erwiderte: »Des Herrn Königs erhabene Hoheit wird am besten tun – so mir zu raten vergönnt ist –, wenn sie die Briefe des Achters sich aushändigen läßt, den Boten aber sich fern hält.« »Er hat keine Briefe, nur einen mündlichen Auftrag für mich,« versetzte der König. Der Erzbischof machte ein erstauntes Gesicht. Das war in der Tat eine ganz ungewöhnliche Art, mit dem Könige zu verhandeln. »Ihr wundert Euch?« fragte Albrecht mit einem mißtönenden Lachen. »Nun bei Gott, ich wundere mich noch mehr.« »Ist dem Herrn König der Name des Boten bekannt?« »Es ist ein Edler aus Thüringen, Dietrich von Werthern.« »Ah!« entfuhr es dem Erzbischof, »ein Lehnsmann des Mainzer Stuhles.« Der König horchte auf. »Wie kommt es dann, daß er jenem Friedrich dient?« »Er trägt auch von ihm Güter zur Lehn und ist mit ihm befreundet und ihm zugetan von Jugend auf,« bemerkte der Domherr. »Erlaubt mir des Herrn Königs Gnade ein Wort,« fuhr er fort, »so möchte ich sagen: Es ist doch möglich, daß der Vertraute dieses Friedrich dem Herrn Könige die Unterwerfung des Wettiners zu künden hat. Wie ich in Erfurt vernahm, ist er in großer Bedrängnis, denn es mangelt ihm an Geld.« Der Erzbischof tauschte mit seinem Bruder einen schnellen Blick, und seine schmalen Lippen umspielte ein Lächeln. Da er aber wünschte, daß des Landgrafen Botschaft vom Könige gehört werde, so nickte er eifrig und sagte: »Sehr wohl möglich wäre es, erhabener Herr, daß er das Unsinnige seines Widerstandes einsieht. Denn einem Herrn wie Euch widersteht schwerlich jemand in der Christenheit auf die Dauer.« Dem Könige schien der Gedanke einzuleuchten. Er überlegte noch eine kurze Weile, dann gebot er: »So führe ihn herein, Weilnau!« Gleich darauf betrat Dietrich von Werthern den Saal. Er war ein großer, breitschultriger Mann, ganz in Eisen gekleidet, nur Helm und Schwert hatte er draußen abgelegt. Eine gewaltige Nase stand in dem braunroten Antlitz, und die kleinen funkelnden Augen gaben dem ganzen Gesichte einen Ausdruck von Kühnheit, gepaart mit List und Verschlagenheit. Er beugte vor dem König ein Knie und stand schnell wieder auf, indem er ihm furchtlos in das strenge Angesicht blickte. »Sage, was du mir zu künden hast!« erklang es scharf und gebieterisch vom Throne her. »Der Herr König lasse es den Boten nicht entgelten, wenn ihm etwa die Botschaft mißfällig ist. Dies läßt mein Herr, der Landgraf von Thüringen, dem Herrn Könige sagen: In wenigen Wochen soll sich der Streit erneuern um die Länder, die er von seinen Eltern geerbt hat. Wieder soll manch guten Mannes Blut fließen und der Brand von Dörfern und Städten gen Himmel leuchten. Da hat mein Herr lange darüber gesonnen, wie das zu vermeiden wäre. Und er dachte daran, wie in alten Schriften erzählt wird von Herrn Heinrich dem Schwarzen, der deutscher König und römischer Kaiser war lange vor unsern Tagen. Als er zu Ivois zusammenkam mit dem Könige von Frankreich, und sie nicht einig werden konnten, wem Lothringen gehören sollte, da hat er ein Urteil gefordert vom höchsten Herrn der Welt. Er selber wollte mit dem welschen Könige kämpfen um das deutsche Land, und wer Sieger blieb, der sollte es behalten.« Ein gellendes Hohngelächter vom Throne her unterbrach ihn. Das ohnehin finstere und harte Gesicht des einäugigen Königs zeigte einen geradezu abschreckenden Ausdruck von Wut und Verachtung. »Ist der kluge Wettiner ein Narr geworden?« rief er fast kreischend. »Ich soll mit ihm in die Schranken reiten? Ich, der König? Ist er« – die Stimme schnappte ihm ab, und er fiel hustend und schnaufend in seinen Stuhl zurück. »Wenn der Herr König nicht will, weil er die Krone trägt, so sei es einer aus des Herrn Königs Geschlecht oder sonst ein Mann von fürstlichem Blute,« fuhr der tapfere Thüringer unerschrocken fort. »Packe dich!« schrie der König. »Mache dich fort! Auf der Stelle!« Ritter Dietrich von Werthern beugte wieder ein Knie und schritt dann hocherhobenen Hauptes, ohne um sich zu blicken, zur Türe hinaus. Albrecht faßte sich mühsam. »Ward je solch eine Frechheit erhört?« fragte er noch heiser vor Erregung. »Ihr habt mir übel geraten, Herr Erzbischof,« wandte er sich an Peter von Aspelt, der sich fast die Unterlippe wund gebissen und nur mit Mühe ein lautes Lachen unterdrückt hatte. Der Vorgang hatte ihn ungemein ergötzt, denn er gönnte dem verhaßten Träger der Krone den grimmigen Ärger von ganzem Herzen. Aber er war ein Meister in der Kunst, seine Miene zu verstellen, und als er jetzt den Blick zu dem Könige emporhob, war von Lachlust nichts mehr wahrzunehmen. Sein Antlitz drückte die tiefste Entrüstung aus, und seine Stimme bebte in heiligem Zorne, als er entgegnete: »Meines Herrn Königs Hoheit hat recht geredet. Unerhört ist die freche Anmaßung dieses Menschen, und niemand konnte denken, daß er sich wagen würde, solch eine Botschaft zu senden. Aber habe ich darin nicht wohl geraten, so rate ich Euch jetzt um so besser: Machet ein Ende mit dem Wettiner, es steht in Eurer Macht. Er weilt jetzt auf der Wartburg und bedrängt von dort aus Eisenach. Schickt den Bürgern die zweitausend Knechte, die Ihr zusammenhabt, zu Hilfe und macht zum Feldhauptmann den Herrn Grafen von Weilnau, und tut das alles schnell, eilig, unverzüglich. Kommt so schnell über ihn, daß er nicht mehr entwischen kann. Schließt ihn ein und räuchert ihn aus, damit endlich der Handel ein Ende hat.« Der König blickte nachdenklich vor sich hin. »Ich wollte eigentlich erst die ganze Macht beisammen haben, ehe ich auf ihn stieße, wollte mit solcher Übermacht über ihn kommen, daß jeder Widerstand lächerlich erscheinen müßte.« »Aber des Herrn Königs Hoheit wolle bedenken,« fiel der Erzbischof ein, »wenn er inzwischen etwa Eisenach gewänne, so wäre das ein erschrecklicher Schlag.« »Was meinst du dazu, Weilnau?« fragte der König kurz. »Herr, ich meine, der Hochwürdige von Mainz rät gut. Wir haben hier achtzehnhundert Knechte und mehr als hundert Helme. Stoßen die Eisenacher dazu, so schließen wir die Burg ein, daß keine Katze heraus kann. Und keine Feste ist unbezwingbar.« Wieder dachte König Albrecht längere Zeit nach. Dann entschied er: »Es wird das Beste sein, und so geschehe es. Weilnau, du rückst übermorgen aus! Ich sehe die Herren nachher bei der Tafel. Bis dahin Gott befohlen!« Er machte das Zeichen der Entlassung. »Wolle mir mein erhabener Herr noch ein Wort erlauben,« sagte der Erzbischof. »Der Ritter, der vorhin des Wettiners Botschaft überbrachte, ist mein Lehnsmann. Ich will ihn, gefällt es dem Herrn Könige, zu mir fordern, falls er noch in der Stadt ist, und ihm bedeuten, daß er seine Güter verliert, wenn er es weiterhin mit des Königs Feinden hält.« »Tut das,« sagte Albrecht gnädig. »Er ist im roten Greifen abgestiegen,« bemerkte Weilnau. »Dann will ich eiligst zu ihm senden,« erwiderte der Erzbischof, verneigte sich tief vor dem Könige und schritt, von seinem Bruder gefolgt, aus dem Saale. Draußen rieb er sich die Hände. »Alles wohl gelungen!« frohlockte er leise. »Der Habsburger teilt seine Macht, das ist die erste Dummheit. Sie rennen wieder gegen die Wartburg an, das ist die zweite Dummheit. Denn mag vielleicht eine spätere Zeit Ballisten und Schleudern erfinden, die ihr Gefahr bringen können, – in unsern Tagen ist sie nicht zu nehmen, es sei denn durch Hunger. Aber dagegen wird Friedrich vorgesorgt haben, denn er ist schlau und umsichtig.« »Hoffentlich ist er's noch,« versetzte der Domherr. »Als ich vorhin seine Botschaft hörte, dacht' ich, er habe seinen Verstand verloren!« »Nein!« rief Peter von Aspelt. »Ein Fuchs ist er. Schwerlich hat er gemeint, der König werde tun, was er von ihm begehrte. Aber wenn's nun überall im Lande heißt: der edle Landgraf wollte sein eigenes Leben einsetzen, auf daß seiner Untertanen Blut gespart werde – ha, das wirkt auf alle Gemüter, das gewinnt ihm Tausende von Herzen. Aber nun gehe selber nach dem Greifen und hole mir den Edlen von Werthern. Er soll schnelle Botschaft tragen an seinen Herrn, daß der die Wartburg wohl verwahre, selbst aber daraus entweiche. Er kann ihr viel mehr nützen, wenn er draußen ist; als wenn er drinnen bleibt. Doch das brauchen wir Herrn Friedrich nicht erst zu sagen. Er ist ein schlauer Fuchs, und wenn er später fest im Sattel sitzt, werden wir uns vor ihm vorsehen müssen. Aber er hat meine Achtung.« XIV. Am ersten März ließ der ehrbare Rat der Stadt Eisenach an allen Straßenecken ausklingeln, daß ein königlicher Heerhaufen heranziehe. Die Bürgerschaft vernahm das mit großer Freude, denn in der letzten Zeit war sie von ihrem feindlichen Landesherrn stark bedrängt worden. Des Landgrafen Macht reichte zwar nicht so weit, daß er die wohlbefestigte, wehrhafte Stadt mit Aussicht auf Erfolg hätte regelrecht belagern können. Aber seine Reiter und Knechte umschwärmten sie den ganzen Tag, unterbanden den Handelsverkehr mit anderen Städten und zwangen die Bürger, ihre Tore beständig geschlossen zu halten. Auch mußte die Hälfte der kriegstüchtigen Männer jede Nacht abwechselnd unter den Waffen bleiben, denn der rastlose Fürst hatte schon mehrfach versucht, nächtlicherweile in die Stadt zu dringen. Kein Wunder, daß viele in der Bürgerschaft dieses Zustandes müde wurden, und daß die Stimmen immer zahlreicher wurden, die nach Frieden riefen. Die bisherigen Führer waren in großer Verlegenheit und Sorge, denn sie mußten fürchten, daß sie allmählich den Boden unter den Füßen verlieren würden. Um so größer war ihr Jubel, als sie nun sahen, daß der König endlich Ernst machen wollte, und die Aussicht auf nahe, kräftige Hilfe fachte auch in der Masse die schon halberloschene Kriegslust noch einmal zu hellen Flammen an. Nun sollte es doch noch gelingen, Eisenach zur freien Reichsstadt zu machen. Nun konnte man wieder den Spieß umdrehen, aus Belagerten zu Belagerern werden und dem Landgrafen die Angst heimzahlen, die man in der letzten Zeit seinetwegen hatte ausstehen müssen. So wälzte sich denn eine gewaltige Menschenmenge hinter den Ausrufern her durch die Straßen und rief begeistert: »Heil dem König!« und »Nieder mit dem Landgrafen!« Zu derselben Stunde stand Dietrich von Werthern auf der Wartburg vor seinem Herrn. Das Hochwasser eines Flusses, das die Brücke weggeschwemmt hatte, und die durch massenhaften Regen aufgeweichten sumpfigen Wege hatten ihn aufgehalten; beim besten Willen war es ihm nicht möglich gewesen, früher heimzugelangen. Mit großer Spannung hörte der Landgraf den Bericht des getreuen Mannes, und dunkle Zornesröte bedeckte sein Antlitz, als er vernahm, wie König Albrecht seinen Gesandten behandelt hatte, aber er enthielt sich jeder Bemerkung. Des Erzbischofs Botschaft dagegen bewirkte, daß er sogleich erregt von seinem Sitze emporsprang. »Das ist gut, Dietrich!« rief er. »Ich habe sichere Kunde, daß der König noch im März ein starkes Heer nach Altenburg schicken will, wo der Küchenmeister von Nortenberg als sein Statthalter schaltet. Demnach rechnet der Habsburger so: Mich will er hier einschließen und festhalten. Dann will er meinen Bruder in Leipzig mit seiner großen Macht erdrücken. Endlich will er hierher ziehen und die Burg, sollte sie noch nicht gefallen sein, gewinnen und brechen. Wohl überdacht, Herr König! Aber wir wollen ihm die Suppe versalzen! Bei Gott und Sankt Hubertus, das wollen wir! Bitte dir einen Botenlohn aus, Dietrich, du hast ihn wahrlich verdient.« »Herr, mich lüstet nur nach drei Dingen: einen Stall für mein Pferd, eine große Kanne Wein und ein gutes Bett für mich selber.« »Das sollst du haben,« rief der Landgraf lachend. »Und wenn du ausgeschlafen hast, so wähle dir ein gutes schwarzes Roß zu deinem hinzu. Goldacker hat Gäule gekauft in Erfurt, die machen einem das Herz im Leibe lachen.« Der Ritter verneigte sich und ging. Als er draußen war, hörte ihn der Fürst gewaltig gähnen. Er lachte, aber bald wurde sein Antlitz sehr ernst, und er versank in langes Nachdenken. Endlich raffte er sich auf und schritt hinüber in die Kemenate zu seiner Gemahlin. Sie saß im Kreise ihrer Frauen und spann mit ihnen. Bei seinem Eintritt stockten die Räder, denn alle erhoben sich, um den Herrn zu ehren. »Unterlaßt eure Arbeit nicht um meinetwillen,« sagte Friedrich freundlich. »Dich aber, Else, bitte ich, hier neben mit mir einzutreten.« Er öffnete ihr die Tür, und die Landgräfin schritt ihm voran. Sie trug ein zartes Rot in ihrem Antlitz, wie immer in der letzten Zeit, wenn sie mit ihrem Gemahl allein sein mußte. Friedrich erzählte ihr in kurzen Worten, was sich in Frankfurt begeben und welche Botschaft ihm Werthern gebracht hatte. Dann fügte er ernsthaft hinzu: »Wiederum geht es also um die Wartburg. Der König weiß wohl, daß meine Macht in Thüringen zu Ende ist, wenn er sie inne hat, denn dann glaubt niemand im Lande mehr an mein Glück. Und diesmal wird es bitterer Ernst. Weilnau erhält den Befehl, und er ist einer der kühnsten und klügsten Kriegshauptleute, die es in deutschen Landen gibt. Dabei ist er so kalt und grausam, wie der König selbst, das Blut seiner Leute ist ihm gleichgültig. Er treibt Hunderte ruhig in den Tod, wenn er meint, sein Ziel zu erreichen.« »Und doch wird er die Feste nimmermehr gewinnen,« sagte Frau Else bestimmt. »Weißt du das so sicher?« gab Friedrich düster zur Antwort. »Auch was unglaublich, unmöglich schien, hat sich manchmal ereignet auf Erden. Wie, wenn ein Brand ausbräche, der die Vorräte zerstörte? Oder wenn sich ein Verräter befände in der Burg?« »Niemals!« rief Frau Else. »Unsere Leute hängen dir alle treu an, da ist kein Judas darunter.« »Auch ich hoffe es,« entgegnete Friedrich, »und sicher werde ich nur die Erprobtesten hierlassen. Denn ich selbst schließe mich nicht mit ein, ich setze mich fest in Tenneberg und Gotha, der treuen Stadt, und bedränge von dort aus, die die Burg belagern. Hermann Goldacker mag hier gebieten an meiner Statt.« Die Landgräfin fuhr auf, und ihr Antlitz erblich. »Und ich?« rief sie, »traust du mir nicht mehr? Habe ich dir die Burg nicht gehalten Monde lang? Soll ich nun unter dem Diener hier leben?« »Du sollst gar nicht hier bleiben.« »So willst du mich mit dir nehmen?« »Das auch nicht! Ich habe keine bleibende Stätte, muß bald hier sein, bald dort, das ist kein Leben für dich und unser Kind. Ich dachte mir: Hier wird mir das Spiel allzu ernsthaft, die Gefahr wird allzu groß. Der König ist ein schlechter Mann, finge er euch, so würde er euch als Geiseln nach Österreich führen, und das wäre noch nicht das Argste, was dir widerfahren könnte. Du solltest dich dieses Mal hinter heiligen Mauern bergen. Am sichersten wärst du da in Erfurt. Die Erfurter haben meinen Vater, der in der Narrheit seines Alters zu ihnen gezogen ist, mit Pauken und Flöten eingeholt und sind mir befreundet. Auch sind sie stark und trotzig und dem Könige zurzeit ganz abgeneigt, weil sie vergeblich gehofft haben, er werde ihnen die volle Reichsfreiheit geben, und weil sie eifersüchtig sind auf Eisenach, das er begünstigt. Dort wärst du fürs erste ganz sicher.« Frau Else sah ihrem Gatten schweigend ins Gesicht. Ihre Wangen brannten, und aus ihren Blicken sprach Zorn und Schmerz. Langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen. »Was ist dir?« fragte Friedrich befremdet. »Warum weinst du?« Die Landgräfin fuhr sich hastig mit der Hand über die Augen. »Du hast kein Vertrauen mehr zu mir,« sagte sie gekränkt. »Kein Vertrauen? Wie kommst du darauf?« »Hab' ich dir die Burg nicht gut verteidigt? Warum verlangst du von mir, ich solle mich hinter Klostermauern verkriechen?« »Hast du nicht lange dich ins Kloster gesehnt?« »Friedrich!« rief Frau Else erzürnt, »das ist nicht edel von dir. Du weißt, daß es nicht aus Furcht geschah!« »Du hast recht!« erwiderte der Landgraf. »Verzeihe mir, ich sprach unbedacht. Wohl hast du die Burg gut verteidigt, und was du getan, ist des höchsten Lobes würdig. Jetzt aber wird ein anderer Sturm daherbrausen. Du würdest auch dem Stand halten, wie der beste Mann, an Kraft würde es dir nicht fehlen. Aber ich möchte dich gesichert wissen.« »Nein, Friedrich, nein! Wenn du mir die Kraft zutraust, so laß mich hier. Ich würde wohl elend und krank, säße ich im Kloster der Stadt und müßte immer denken: jetzt berennen sie die Wartburg. Wie wird's dort stehen? Werden sich alle als treue Mannen halten? Solche Gedanken würden mich martern bei Tag und bei Nacht, sie könnten mich wohl zum Wahnsinn treiben.« Der Landgraf blickte sie nachdenklich an. »Ich bitte dich, Friedrich,« rief sie laut und dringend, »laß mich hier und vertraue mir die Burg an. Du hast keinen, der dir treuer ist!« »Das weiß Gott!« warf der Landgraf dazwischen. »Darum laß mich hier! O laß mich hier!« bat sie in leidenschaftlichem Flehen und machte Miene, ihm zu Füßen zu sinken. Der Landgraf ergriff sie bei beiden Händen und zog sie empor. »Es sei!« sagte er erschüttert. Frau Else jubelte auf und küßte ihm schnell die Hand. Friedrich entzog sie ihr hastig und errötete dabei wie ein Jüngling, dem eben der erste Flaum zu sprießen beginnt. »Hast du auch an unser Kind gedacht?« fragte er leise. »Das Kind gehört in den Adlerhorst, in dem es geboren ist. Und ich fürchte nichts für uns, ich baue auf den hohen und festen Fels, der uns trägt, und auf die starke Treue unserer Mannen. O ich danke dir, Friedrich, von ganzem Herzen, und wahrlich – ich will dir meinen Dank beweisen. Was ich lange bedacht habe, heute will ich's vollenden. Komm!« Sie zog den Erstaunten an der Hand in ein kleines Nebengemach. Dort nestelte sie aus ihrem Mieder einen kleinen Schlüssel heraus, den sie an einer seidenen Schnur um den Hals trug. Damit öffnete sie einen eisernen Schrank, der in die dicke Wand eingemauert war. Zwei silberne Kästchen gleißten dem Landgrafen aus dem Dunkel entgegen. Frau Else deutete auf das größere von beiden. »Nimm das und setze es auf den Tisch. Mir ist's zu schwer,« sagte sie. Verwundert folgte der Landgraf dem Wunsche, und trotz seiner Stärke war es ihm nicht leicht, es mit einer Hand von der Stelle zu bewegen. »Als in der vergangenen Woche meine Mutter nach Erfurt zog,« begann die Landgräfin, »hat sie mir das geschenkt, was du sogleich erblicken wirst. Manche Gräfin von Orlamünde mag daran gesammelt haben. Sie hat es geerbt von ihrer Mutter und hat es gehütet all die Jahre hindurch vor der wilden Gier deines Vaters, der es sicherlich vergeudet hätte. Sie brauche es nicht mehr, sagte sie, denn sie höre auf, eine Fürstin zu sein, und werde niemals wieder Schmuck an sich tragen bis an ihr Ende. Ich dachte zuerst daran, wir wollten es dem Kloster Himmelskron geben, aber das würde nutzlos sein. Gott hat mein Opfer begehrt; brächt' ich das, so wollte er dir Sieg und Ehre verleihen, das hat die heilige Frau uns verkündet. Hat sie in Wahrheit aus Gott geredet, so nützt keine Spende an die Heiligen, sie wird dir nicht den Sieg erkaufen. Siegst du aber, ohne daß ich meines Lebens Opfer gebracht habe, so ist ihre Rede Trug und Wahn eines kranken Hirns. Zieht König Albrechts Heer geschlagen ab, so gehöre ich dir mit freiem Herzen. Und was ich dir jetzt gebe, das mag dir wohl zum Siege verhelfen, wenn's überhaupt möglich ist, daß du siegst.« Sie drückte auf einen Knopf an der Seite des Kastens, und der Deckel sprang auf. Mit einem Rufe des Staunens fuhr der Landgraf zurück, denn das Behältnis war bis obenhin angefüllt mit Ringen und Ketten und Spangen von Silber und Gold. An manchen der uralten Stücke glänzten auch noch Edelsteine von hohem Werte. Fast bestürzt blickte Friedrich seine Gemahlin an. »Das ist dein Muttererbteil, und das willst du mir geben?« »Mache es zu Geld. Miete Knechte dafür, kaufe Harnische und Rosse! Ich habe genug des Schmuckes!« rief die Landgräfin mit leuchtenden Augen. »Und hängt nicht dein Herz an der schimmernden Pracht?« »Mein Herz hängt nur an dir und deiner Macht. Wußt' ich's früher nicht, jetzt hab' ich's erfahren. Selbst wider der Heiligen Gebot zu sündigen, scheue ich nicht um deinetwillen!« Da beugte der Landgraf ein Knie und küßte ihr schweigend die Hand. Eine Träne fiel darauf hernieder. Dann erhob er sich und floh aus dem Gemache, denn er wollte ihr jetzt nicht noch einmal in die Augen blicken. Dann, das fühlte er deutlich, wäre seine Selbstüberwindung zu Ende gewesen. XV. Am folgenden Tage saß Landgraf Friedrich im Kloster Reinhardsbrunn in ernster Beratung mit Abt Markwart zusammen. Nach tiefbewegtem Abschied von seiner Frau und seinen getreuen Mannen war er am Morgen von der Wartburg abgeritten, und noch am Fuße des Berges hatten ihn die Boten getroffen, die ihm eine seltsame, aufregende Nachricht brachten. Sein Bruder Diezmann hatte an einem abendlichen Gastmahl im Predigerkloster zu Leipzig teilgenommen und war in einem halbdunkeln Kreuzgange von einem Unbekannten, der an ihm vorbeihuschte, durch einen Messerstich in die Seite verwundet worden. Der Mordbube war entkommen, und niemand ahnte, wer ihn gedungen hatte. Die Wunde war nur klein und nicht tief, so daß sich der Getroffene auf seinen eigenen Füßen heim in die Burg begeben konnte. Aber nach einigen Stunden schwoll sie an, ward blaurot und schwarz, verursachte dem Fürsten große Schmerzen und ein heftiges Fieber. Es war wohl möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß die Spitze des Messers vergiftet war. Er hatte sofort eine Gesandtschaft an seinen Bruder abgeordnet und verlangte dringend, daß Friedrich auf der Stelle nach Leipzig komme. Das alles und ebenso Wertherns Bericht erzählte der Landgraf dem Abt, zu dem er eiligst geritten war. Herr Markwart hörte gespannt zu und sagte dann ohne sonderliche Ergriffenheit: »Du und ich hätten ihm ja gewiß einen schöneren Tod gegönnt, obschon er niemals unser Freund war. Du hast dich weidlich mit ihm gezankt und herumgeschlagen, und nur die Not hat euch zusammengeführt.« »Ja,« erwiderte Friedrich düster, »als wir Jünglinge wurden, da fing unsere Feindschaft an und dauerte durch unsere Mannesjahre bis in die jüngste Zeit. Aber als Kinder haben wir uns innig lieb gehabt, als wir am Hofe unseres Ohms von Landsberg groß wurden. Und nun, da es mit ihm zu Ende geht, da ist mir, als wäre alles ausgelöscht, was dazwischen lag in den vielen Jahren, und ich gedenke seiner als des Menschen, der die schönsten Erinnerungen des Lebens mit mir teilt. Nun ist der alte Schlotheim der einzige noch, mit dem ich über die Landsberger Zeit reden kann.« »Noch ist Herr Diezmann nicht tot,« warf der Abt ein. »Vielleicht indem wir hier sitzen, läuten ihm die Totenglocken von Sankt Thomä und Sankt Nikolai in Leipzig. Und fast muß man's ihm wünschen. Ein Mensch, der Gift hat in seinen Adern, siecht langsam dahin und kann niemals gesunden. Dann hundertmal lieber ein schnelles Ende! Wunderlich übrigens, daß nun doch die Weissagung des alten Juden in Erfüllung geht! Du kennst sie nicht? Ich will sie dir erzählen.« »Das ist in Wahrheit sehr wunderlich,« sagte der Abt, als Friedrich seinen Bericht beendet hatte, »so wunderlich, daß ich den alten Hebräer peinlich befragen würde, ob er etwa Näheres davon weiß.« »Wie, du argwöhnst doch nicht etwa, daß er der Mörder sei?« rief der Landgraf erstaunt. »Ist er so alt und zittrig, wie du erzähltest, so kann ich das nicht glauben. Aber vielleicht weiß er, wo der Mörder zu suchen ist. Bei diesem Volke ist alles möglich.« »Jedenfalls werde ich ihn befragen, wenn auch nicht sogleich peinlich,« versetzte Friedrich. »Ich breche noch heute auf und nächtige in Gotha. Von dort aus geht's morgen, so schnell ich kann, zu meinem Bruder. Er hat eine stattliche Schaar gesammelt, die er mir zuführen wollte, um Eisenach zu bedrängen. Nun führe ich sie heran, die Wartburg zu entsetzen. Ich will auch dort Söldner werben und noch mehr Rosse kaufen, denn wisse, Frau Else hat mir den Schmuck ihrer Mutter geschenkt, den ihr meine Schwieger gegeben, als sie nach Erfurt zog.« »Blitz, Donner und Mordbrand! – – würde ich sagen, wenn ich zu den Kindern dieser Welt gehörte,« rief der Abt. »Das ist ja hoch erfreulich. Ist's viel?« »Ein alter Hausschatz von hohem Werte. Viele Stücke von Gold, einige besetzt mit teuren Steinen.« Der Abt schlug sich auf die Schenkel und lachte dröhnend auf. »Ein Mirakel! Ein wahres Mirakel, daß der Herr Albrecht es nicht längst verjubelt hat. Nun, dir kommt's trefflich zustatten. Landgraf, es geht aufwärts mit dir!« »Ich fühle ebenso, und mein Mut wächst mit jedem Tage,« entgegnete Friedrich. »Vor Ende April wird schwerlich der König dem Nortenberger in Altenburg zu Hilfe kommen. Bis dahin denke ich soviel Leute zu haben, daß ich mich auf diesen Weilnau stürzen kann. Hab' ich die Wartburg frei, so helfe mir Gott dazu, daß ich dem Könige im freien Felde begegnen kann!« »Bist du des Teufels?« rief der Abt aufspringend. »Wenn König Albrecht kommt, so ist er sicherlich schwer gerüstet, und du bist ihm in keinem Falle gewachsen.« »Manchmal schon hat der Kleinere den Großen geschlagen, wenn Gott mit ihm war. Und mit mir muß Gott sein, denn ich stehe auf meinem Recht, und wider mich steht ein gekrönter Räuber. Ich habe den Habsburger herausgefordert zu einem Gottesgericht – er hat sich geweigert, weiß nicht, ob aus Hochmut oder aus Feigheit. Nun zwing' ich ihn zu einem Gottesgericht auf freier Heide, und ich bin der festen Zuversicht, daß Gott mir den Sieg geben wird.« »Ein Wagehals bist du!« grollte der Abt. »Ein Wagehals, der alles auf seines Schwertes Spitze stellen will. Laß doch den König sich den Schädel an einer deiner Burgen Wartburg und Tenneberg einrennen oder an dem festen Leipzig.« »Wie weit sind wir damit gekommen zu König Adolfs Zeit?« fragte der Landgraf finster. »Eine Burg nach der andern ward gebrochen, und wir mußten ins Elend ziehen.« »Aber die Wartburg war damals nicht dabei, sie gehörte noch deinem Vater, und an der beißt sich jeder die Zähne aus.« »Ich hoffe, es werden sich viele daran verbluten. Aber tritt niemand dem Könige im Felde gegenüber und schlägt ihn aufs Haupt, so wird die Burg der Umlagerung nicht ledig, und auch die stärkste Feste bezwingt zuletzt der Hunger. Auch bin ich des Zustandes, in dem ich lebe, satt und übersatt. Mein Weib ist noch immer der Meinung, daß ihr Leben mit mir Sünde sei und Verderben bringen müsse. Sie will nun die Sünde tragen und mit mir ins Verderben fahren, weil sie sieht, daß ich elend werde ohne sie, und weil sie es doch nicht übers Herz bringt, sich von mir zu lösen. Auch dämmert ihr schon der Gedanke, den sie noch vor drei Monden mit Heftigkeit von sich wies, daß die Nonne in Weißenfels sich könnte geirrt haben. Aber sicher kann ihr das nur werden, wenn der König geschlagen ist. Dann sieht sie, Gottes Zorn will sie nicht verderben, obwohl ihres Vaters Eid unerfüllt geblieben ist. Dann erst kann sie wieder mein Weib sein mit freiem Herzen, und dazu will ich ihr verhelfen.« »Hm, hm,« brummte der Abt und machte noch immer ein sehr bedenkliches Gesicht. »Du wirst sehen, der König kommt mit solcher Macht, daß du nimmer gegen ihn anrennen kannst.« »Ja, seine Macht ist groß. Aber sie ist innerlich morsch und faul, der Wurm der Untreue und des Verrates sitzt darin. Denn wisse, wie mir Dietrich von Werthern im geheimen kündete: der Erzbischof Peter von Aspelt kommt mit dem Könige nach Thüringen gefahren. Er hat des Königs Gunst gewonnen und sitzt in seinem geheimen Rat und sinnt doch nur sein Verderben. Unheimlich und verächtlich ist mir der untreue Mann, aber ein Narr wär' ich, wenn ich seine Hand zurückstieße.« »Richtig,« sagte der Abt, mit der Hand auf den Tisch schlagend, »ein ausbündiger Narr wärst du da. Große Schurken wie Aspelt sind Werkzeuge in Gottes Hand, um den Guten zu nützen. Und er wird dir ungeheuer viel nützen. Der Herr erhalte ihn noch ein Jahr in Gesundheit und in des Königs Gunst, hernach mag er meinetwegen vom Teufel geholt werden!« Er schlug ein Kreuz und fuhr dann fort: »Ist er bei des Königs Heer, so hat dein Plan für mich ein ander Gesicht. Er kündet dir dann vielleicht eine Stunde, in der du über deine Feinde herfallen kannst.« »Dem Werthern hat er das angedeutet,« erwiderte der Landgraf. »Und sein Bruder, der Domherr, scheint uns hier nützen zu wollen, denn er will nach Eisenach kommen. Da, hoff' ich, wird manch Brieflein auf den Tenneberg fliegen, und manches wird uns kund getan werden, was wir sonst nicht wissen würden.« »Ohne Zweifel!« rief der Abt, und seine Augen glänzten. »Schade nur,« fuhr Friedrich fort, indem ein Schatten über sein Antlitz fuhr, »daß meine Reiter und Knechte, die ich auf dem Tenneberg habe, wohl über eine Woche lang untätig müssen feiern und säumen.« »Warum?« fragte der Abt verwundert. »Ich muß nach Leipzig, das siehst du ein. Dort steht viel auf dem Spiele. Und hier habe ich keinen Feldhauptmann. Schlotheim und Frankenstein sind zu jung und leider noch zu hitzig und unerfahren. Das kleine Heer, das ich zusammenhabe, muß einer führen, der zugleich kühn und sehr vorsichtig ist.« »Und solche hast du nicht? Wie? Nimm Goldacker, Werthern, –« »Die brauch' ich anderswo. Hermann Goldacker bleibt auf der Wartburg. Meine Frau muß einen zur Seite haben, auf den sie sich unbedingt verlassen und in jeder Lage stützen kann. Und Werthern geht mit mir nach Leipzig, denn er ist wie kein anderer geschickt, die Werbung zu leiten, und wir müssen in großer Eile werben und rüsten. In acht Wochen müssen wir bereit sein, die habsburgische Majestät zu empfangen. Und so bleibt mir nichts übrig,« schloß er finster, »als meine Leute hier stehen zu lassen und den strengsten Befehl zu geben, nichts zu tun und zu harren, bis ich wieder aus Leipzig zurückkehre.« »Und wann erwartest du Weilnau mit des Königs Aufgebot?« »In drei Tagen kann er vor der Burg stehen. Und wie ich den Hund kenne, so wird er auf der Stelle die Eisenacherburg stürmen und wird sie auch gewinnen, denn er wird viel Volks haben. Von da kann er auf dem schmalen Bergrücken seine Bliden und Ballisten vorschieben und das Schloß auf der Höhe hart bedrängen. So würde ich tun, und Weilnau ist nicht dümmer als ich.« »Das tut er gewiß, und dabei müßte er beständig gestört und beunruhigt werden!« rief der Abt. »Friedrich, ich rate dir, laß den Werthern hier!« »Wem soll ich mein Geld und meine Kostbarkeiten anvertrauen, wenn nicht ihm? Ich habe keinen andern. Das weiß Gott, meinen Finger ließ ich mir abhacken, hätt' ich einen hier, der meine Fähnlein führen könnte wie Werthern oder Goldacker.« Der Abt sah ihn lange an, und in seinen Zügen arbeitete es heftig. »Harre hier!« rief er dann plötzlich. »Ich will dir einen zeigen!« »Du?« rief der Landgraf erstaunt. »Kannst du einen aus der Erde graben?« »Ja, aus dem Grabe wird einer erstehen, in dem er achtundzwanzig Jahre lag. Gedulde dich,« sagte der Abt und schritt mit einem seltsamen Lächeln zur Tür hinaus. Friedrich ließ sich auf einen Sessel nieder und blickte ihm nach, höchst verwundert über sein Gebaren. Ein Scherz konnte das nicht sein, aber wie sollte er's im Ernst verstehen? War etwa einer der Großen des Landes ins Kloster eingekehrt und wollte nun offen an seine Seite treten? Von manchem wußte er, daß ihn nur die Furcht vor der Übermacht abgehalten hatte, sich offen zu ihm zu bekennen. Einige hatten ihm sogar insgeheim sagen lassen, daß sie auf der Stelle zu ihm übergehen würden, wenn durch eine Niederlage des Königs Macht schwächer würde. Albrechts Begünstigung der Städte hatte unter den stolzen Grafen und Herren Thüringens böses Blut gemacht, und die kalte und herrische Art des Habsburgers verdroß und erbitterte jeden, der mit ihm zu tun hatte. Auf dem letzten Hoftage zu Fulda hatte er die Orlamünder und Schwarzburger, die Gleichen und Hohnsteiner und wie sie sonst alle hießen, wie kleine Vasallen behandelt, hatte kaum ein Wort für sie gehabt, geschweige daß er einen zur Tafel zugezogen hätte. Das und vieles andere hatte sie sehr bedenklich gemacht; sie bereuten es jetzt, daß sie ihm nicht gleich von Anfang an im Bunde mit dem alten Oberherrn des Landes entgegengetreten waren. Alles das wußte Friedrich sehr wohl, aber er kannte auch ihre große Furcht vor König Albrechts Zorn. Sollte es wirklich einer wagen, schon jetzt offen zu ihm überzugehen und damit den andern ein Beispiel zu geben? Er hatte ziemlich lange Muße, darüber nachzudenken, denn die Tür öffnete sich erst wieder nach geraumer Zeit. Als sie aber langsam aufging, fuhr der Landgraf mit einem lauten Rufe des Staunens empor. Vor ihm stand kein anderer als der Abt, aber die geistliche Tracht hatte er abgelegt. Er trug einen Helm auf dem Haupte und einen mächtigen, stark verrosteten Kettenpanzer über Brust und Leib, und in der Hand hielt er ein gewaltiges Schwert. Eine Weile weidete er sich an der stummen Verblüffung des Landgrafen. Dann stieß er sein Schwert auf den Boden auf und sprach mit starker Stimme: »Das war zum ersten Male dabei, als ich mit König Rudolf über das Marchfeld ritt, wo wir des Böhmen Ottokar Macht und Herrschaft in Trümmer schlugen. Damals führte ich des Königs Söldner und galt viel bei ihm. Aber dann kehrt' ich heim auf böse Kunde und fand meine Burg zerstört, Weib und Kind erschlagen und verbrannt. Da ward aus dem Kriegsmanne ein Mönch, und des Königs Fürsprache und deines Großvaters Gunst machten mich zum Abte dieses Klosters. Seitdem habe ich den Streit mit Waffen gemieden. Aber ist nicht Christian von Mainz mit einem Streitkolben vor dem Heere des Rotbartes hergeritten? Ziehen nicht viele Bischöfe und Prälaten selbst mit in den Kampf, ohne daß die Not sie dazu treibt? Soll ich nicht dürfen, was andere tun? Bei Sankt Hubertus! Ich will's und ich kann's. Die Welt soll sehen, daß Markwart von Eberstein noch einen Heerhaufen führen kann!« Der Landgraf stürzte auf ihn zu und warf sich an seine Brust. »Du bist mein Vater und mein bester Freund!« rief er. »Dir vertraue ich ganz und gar, und noch in der nächsten Stunde reite ich ab nach Leipzig. Verabrede dich mit meiner Frau und Hermann Goldacker, wie Ihr Euch verständigen wollt durch Zeichen mit Licht oder Feuer, daß sie dir helfen durch Ausfälle, wenn du angreifst. Tu alles, was du willst. Und höre, Abt, noch eines: Kommt die Burg in große Gefahr, brechen Brände dort aus oder geschieht Ähnliches, so brichst du durch die Feinde und führst mein Weib hinweg mit oder gegen ihren Willen, samt ihrem Kinde. Das schwöre mir!« »Es wird ein schweres Stück sein, Frau Elsen wider ihren Willen zu etwas zu vermögen, aber ich tu's und schwöre dir's,« erwiderte der Abt. »So komm! Wir reiten nach Tenneberg, daß ich dich meinen Mannen und Knechten vorstelle als ihren Gebieter an meiner Statt.« XVI. Am vierten Tage nach des Landgrafen Ausfall zog Heinrich von Weilnau mit den Söldnern des Königs in Eisenach ein. Der ganze Rat ging ihm vor das Tor entgegen, das Volk hatte Tannenzweige auf den Weg gestreut, jubelte und schrie und gebärdete sich vor Freude wie toll und närrisch. Denn nun kam der große Tag des Sieges, der Tag, an dem die verhaßte Burg da droben in Trümmer sinken und das landgräfliche Joch auf immer gebrochen werden sollte. Eine goldene Zeit brach für Eisenach an, jedermann, etwa mit Ausnahme des alten Ditmar Hellgrave und einiger anderer Sonderlinge, sah die Zukunft der Stadt in rosigstem Lichte. Aber dieses rosenrote Licht erblaßte gar bald und machte einem bedenklichen Grau Platz. Schon am ersten Tage gab es lange Gesichter im Rat, denn der Graf erklärte kurzab, es sei Befehl des Königs, daß die bewaffneten Bürger Eisenachs in sein Heer eingereiht werden sollten. Eine besondere Bürgerwehr unter dem Befehle ihrer Bürgermeister und Viertelsmeister sollte es nicht mehr geben, alle sollten allein dem Feldhauptmanne des Königs gehorchen. Was blieb den guten Bürgern übrig, als sich zu fügen? Aber sie taten es mit großem Unmut, und in den nächsten Tagen wurde ihr Unmut zum Groll. Denn Weilnau schaltete in der Stadt wie ein Diktator, nahm auf keinen Menschen irgendwelche Rücksicht, befahl kurz und barsch und verlangte unbedingten Gehorsam. Zwei Bürgerssöhne, die einen Wachtposten auf einige Zeit verlassen hatten, ließ er in Eisen legen und kündete an, daß er künftig ähnliche Vergehungen mit dem Galgen ahnden werde. Und was mutete nun vollends dieser Mensch den Bürgern im Felde zu! Bis jetzt hatte die Kriegsführung der Eisenacher darin bestanden, daß sie mit Schwertern und Spießen und viel Geschrei um die Wartburg herumlungerten, hier und da etwas niederbrannten, was dem Landgrafen gehörte, Boten abfingen, Wagen und Saumtieren auflauerten. Jetzt mit einem Male wurde von ihnen verlangt, daß sie mit größter Gefahr Leibes und Lebens stürmen und im Bereich der feindlichen Geschosse Verschanzungen aufwerfen, Bliden und Ballisten bedienen sollten. Diese lebensgefährliche Art der Kriegsführung war ihnen von den ersten Stunden sehr verhaßt, und sie wünschten den Urheber dieses bösen Zwanges heimlich zu allen Teufeln. Das freilich konnte niemand leugnen, daß er in zwei Tagen weiter gekommen war, als die Städter in acht Wochen. Er hatte sofort erkannt, daß er die Eisenacherburg unter allen Umständen gewinnen müsse, wenn es ihm gelingen sollte, der Wartburg erheblichen Schaden zu tun. Darum ließ er gleich am Morgen nach seinem Eintreffen die nur mäßig stark befestigte Burghöhe bestürmen und setzte den Sturm fort den ganzen Tag über ohne jede Unterbrechung und von allen Seiten, indem er immer seine erschöpften Rotten durch neue, ausgeruhte ablösen ließ. So war er am Abend Herr der Befestigung, denn die kleine Schar der Verteidiger mußte trotz aller Tapferkeit schließlich doch der Übermacht erliegen. Und als in der Morgenfrühe des nächsten Tages Hermann Goldacker durch die Mauerzinnen im Süden der Burg ins Tal hinunterschaute, da ward ihm ein Anblick, über den er in seinem tapferen Herzen furchtbar ergrimmte. Drüben auf der Eisenacherburg waren drei Galgen errichtet. Daran hingen die Knechte, die am Abend vorher lebend in die Hände Weilnaus gefallen waren. Und auf dem schmalen Bergsattel, der die niedrigere Höhe der Eisenacherburg mit dem hochragenden Felsen der Wartburg verband, war über Nacht ein hohes Gerüst gezimmert und überdacht worden. Eine große Menge Menschen war damit beschäftigt, eine Verschanzung davor aufzuführen, und im Hintergrunde stand Rotte an Rotte in voller Bewaffnung, um einen Ausfall der Belagerten abzuwehren. »Komm her zu mir, Helldorf!« rief Goldacker dem Marschalk der Landgräfin zu, der eben über den Hof geschritten kam. Der junge Ritter sprang leichtfüßig die Stufen zu dem Mauerumgang hinauf, aber er stand wie erstarrt, und der Morgengruß erstarb ihm im Munde, als Goldacker stumm nach der Anhöhe hinüber und dann auf das Werk der Feinde hinunter deutete. »Die Schurken!« stieß er endlich hervor. »Sie haben unsere Leute gemordet!« Der große Ritter antwortete durch ein hartes Gelächter. Dann sagte er mit wildem Hohn: »Gemordet? Willst du des Königs Hoheit beleidigen? Gerichtet sind sie, denn sie waren Helfer des Achters Friedrich von Wettin, und darum haben sie den Tod verdient, wie wir alle. – Hund!« brüllte er in plötzlich ausbrechender Wut und ballte die mächtigen Fäuste gegen einen hochgewachsenen Mann in ritterlicher Rüstung, der jetzt drüben sichtbar ward. »Dich hatt' ich schon einmal in meiner Gewalt. Hält' ich dich damals in den Graben geschleudert! Aber gönnen mir's die Heiligen, daß ich noch einmal an dich komme, dann wehe dir!« Drunten, wo die Wurfmaschinen aufgerichtet wurden, war man auf die beiden Ritter aufmerksam geworden, schien auch etwas gehört zu haben von Goldackers Drohungen. Schimpfworte, die halb im Winde verhallten, klangen zu den beiden empor. »Heiliger Gott!« sagte Helldorf, »dort tritt die Herrin aus dem Hause. Schnell, laßt uns ihr entgegengehen und ihre Schritte anderswohin lenken, damit sie den Greuel nicht sieht!« »Was soll das nützen? Meinst du, der Schuft ließe die Leichname abnehmen, damit sie der gnädigen Frau nicht in die Augen fallen? Der wird sie tagelang baumeln lassen, daß sie uns ein Entsetzen einjagen. Denn mit Schreck will dieser König und sein Knecht die Menschen zur Unterwerfung bringen. Der Anblick kann ihr nicht erspart werden. Wer eine Burg verteidigen will gegen den Habsburger und sein Mordgesindel, der muß auch solche Dinge sehen können.« »Nein!« rief Helldorf hastig und eilte die Treppe hinab der Fürstin entgegen. »Gnädigste Herrin, ich bitte Euch, kehret hier um! Es wartet Euer ein abscheulicher Anblick.« »Nun Helldorf, was Ihr sehen könnt, das kann ich auch sehen. Ich bin nicht schwach, wie die meisten Weiber, das müßtet Ihr wissen. Laßt mich ruhig hinauf, wo Goldacker steht. Bei Sankt Elisabethen, Marschalk, wie seht Ihr aus? Was ist's, das Euch so verstört hat?« Mit diesen Worten trat sie an die Zinne heran und blickte hinaus. Sie stieß einen Ruf der Überraschung aus, denn ihr Auge fiel zunächst auf das Getriebe zu ihren Füßen. Aber als sie dann den Blick zur Eisenacherburg hinüber schweifen ließ, da erblaßte sie jäh, und ihr Antlitz ward steinern. »Sind das Menschen? Sind das Christen?« schrie sie endlich auf. Hermann Goldacker wollte eben mit hochrotem Angesichte eine Rede anheben, in der er seiner Meinung über den Christenstand der Feinde gewiß ungeschminkt Ausdruck gegeben hätte. Aber er kam nicht dazu. Von unten her erklang ein scharfer, dünner Laut, und gleich darauf flog ein Holzpfeil mit blanker Stahlspitze durch die Mauerluke, sauste so dicht über dem Haupte der Landgräfin hin, daß er ihr fast das Haar berührte, und blieb im Holzgebälk des Pferdestalles haften. »Fort!« rief Hermann Goldacker erschrocken. »Fort von hier, edle Frau, das ist kein Platz für Euch!« »Nein, wahrlich,« erwiderte Frau Else, der gleichfalls ein Schrecken durch die Glieder gefahren war. »Hier könnt' ich ohne Nutz und Frommen für jemanden abgeschossen werden wie die Taube auf dem Dache.« Sie stieg eiligst die Stufen wieder herab und schritt dem Hause zu. »Helldorf,« sagte Goldacker, als sie gegangen war, »jetzt wird's bitterer Ernst. Die Schufte können zwar der Mauer nichts anhaben, aber nicht lange wird's dauern, da kommen die Brandpfeile geflogen. Du siehst, wie weit sie schießen. Ich werde die Wurfschleuder hierherbringen lassen, die wir vorn auf der Schanze haben, und auch mit Armbrüsten ihr Schießen erwidern. Aber ich fürchte, wir werden sie nicht vertreiben. Bald werden Steine, Bolzen und Pfeile in Massen in die Burg fallen. Darum hüte die Herrin! Beschwöre sie, daß sie keinen Fuß aus dem Hause setzt, denn im Hofe ist keiner seines Lebens sicher.« Helldorf gelobte das und eilte schleunigst der Landgräfin nach, um ihr die Bitte vorzutragen. »Wie?« rief Frau Else zornig, »da wäre ich ja eine Gefangene in meiner Kemenate? Das glaubt nur ja nicht! Ich lasse mich nicht den ganzen Tag einsperren!« Aber als am Nachmittag die Beschießung begann, schwere Steine in den Hof prasselten, zischende Pfeile überall die Luft durchschwirrten, da gab sie doch den flehentlichen Bitten ihres Marschalks nach und blieb unter dem schützenden Dache. In dieses gefährliche Getümmel, das sah sie ein, gehörten nur Männer, die den Harnisch um die Brust und die Eisenhaube auf dem Kopfe trugen. Für ein Weib hieß es Gott versuchen, wenn sie sich unbewehrt in solche Gefahr begab. Zudem war ihr persönliches Eingreifen unnötig, denn Hermann Goldacker leitete die Verteidigung mit der größten Umsicht und Tatkraft. Er sorgte dafür, daß die Schützen auf der Burg denen drunten die Antwort auf ihr Schießen nicht schuldig blieben, stellte an allen gefährdeten Stellen Knechte mit Leitern, Haken und Wassereimern auf, die sofort jeden Brandpfeil unschädlich machen sollten, sah unermüdlich nach den Wachen, schien manchmal an mehreren Stellen zu gleicher Zeit zu sein. Wesentlich ihm war es zu danken, daß die Feinde am Abend eigentlich nichts erreicht hatten, und daß der Mut der belagerten Mannschaft vollkommen ungebrochen war. Trotzdem waren seine Mienen tiefernst, fast kummervoll, als er nach dem Abendläuten vor das Angesicht seiner Herrin trat. Frau Else empfing ihn mit Tränen in den Augen und streckte ihm die Hand entgegen. »0 Marschalk,« rief sie, »wie habt Ihr Euch bewährt! Wie habe ich Euch zu danken. Ich habe aus den Fenstern gesehen, was Ihr getan habt, und ich habe Euch beneidet. Denn wie eine Gefangene saß ich im Hause, während Ihr kämpftet. Ach, daß ich als schwaches Weib geboren bin!« »Euer Lob ist mir ein großer Lohn, gnädigste Frau,« erwiderte Goldacker. »Nichts erfreut den treuen Diener so, als wenn die Herrin mit ihm zufrieden ist. Um so unlieber ist's mir, daß ich Euch von etwas reden muß, worüber Ihr mir zürnen könntet.« »Sprecht, Goldacker! Was es auch sein mag, ich zürne Euch nicht.« »Gnädigste Frau, Ihr sagt, daß Ihr heute wie eine Gefangene gewesen seid. Das wird nun andauern viele Tage, vielleicht viele Wochen, und es wird mit jedem Tage ärger werden. Heute haben wir mit Gottes Hilfe abgewendet, daß ein Brand ausbrach. Aber wer sagt uns, daß Gott uns immer so gnädig sein wird? Und wenn auch nicht das ganze Schloß ausbrennt, – schlimm genug wäre es schon, wenn Getreide und Heu verbrennten und wir die Pferde nicht erhalten könnten. Dann wäre kein Ausbrechen mehr möglich, und Euer Gnaden müßten hier aushalten, was auch geschähe. Darum möcht' ich euch in treuer Meinung bitten: Brecht aus, solange wir die Rosse noch frisch und munter haben. Brecht die nächste Nacht aus und bringt Euch und das junge Fräulein in Sicherheit.« »Wo meint Ihr denn, daß wir sicher wären? Gibt es für uns irgendwo einen sicheren Ort?« fragte die Landgräfin herb. »Jedes Kloster ist eine Freistatt für die Verfolgten. Reitet nach Reinhardsbrunn.« »Und wenn dieser König und seine Knechte den heiligen Ort nicht achten?« »Den Bann muß auch der König scheuen, so böse und ruchlos er ist. Auch würden die Ritter in seinem Heere den Befehl nicht achten, dort Hand an Euch zu legen, denn das wäre eine Schande für jeden ritterlichen Mann.« »Meint Ihr? Und wenn ich nun unterwegs in ihre Hände falle?« »Gnädigste Frau, das ist unmöglich. Hänge ich das rote Licht in der Nacht am Bergfried aus, so kommt in der nächsten Nacht um eins der Abt mit mehr als hundert Helmen uns entgegen. Von hier nehmt Ihr die meisten Rosse mit. Da kommt Ihr auf alle Fälle durch.« Die Landgräfin dachte eine Weile nach. »Meint Ihr, daß sie stürmen werden?« fragte sie endlich. »Das werden sie wohl versuchen.« »Und wo?« »Vorn an der Schanze. Eine andere Stelle gibt es nicht.« »Und glaubt Ihr, daß sie die Burg gewinnen könnten?« »Nimmermehr, so lange wir leben!« »Dann bleibe ich hier!« entschied Frau Else. »Die Burg ist mir übergeben von meinem Gemahl, und nur ein Befehl von ihm gäbe mir das Recht, sie zu verlassen.« »Der Herr Landgraf würde den Befehl gewißlich geben, wenn er wüßte, wie bedrängt wir sind.« »Das wissen wir nicht, Marschalk. Darum müssen wir uns nach der eigenen Ansicht richten. Reden wir also nicht mehr davon. Ich bleibe hier!« Der Marschalk neigte schweigend das Haupt, er erkannte, daß er jetzt nichts erreichen werde. Aber tiefbekümmert und mit schwerem Herzen schied er von seiner jungen Gebieterin. Er hielt es für seine Pflicht, Frau Else von der hartbedrängten Burg hinwegzubringen, denn wenn etwa ein Unglück geschah und durch Feuer die Vorräte vernichtet wurden, so blieb nichts übrig, als die Feste zu übergeben. Dann fiel sie in die Hände des Königs, und der Landgraf konnte nichts mehr unternehmen, ohne befürchten zu müssen, es werde an seiner Frau gerächt werden. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, ohne ihr Wissen das rote Licht auszuhängen und sie wider ihren Willen von der Burg wegzuführen. Aber er verwarf ihn sogleich, denn er wußte, daß sie ihm das nie vergeben werde. Er suchte diese Nacht kein Lager auf, sondern übernachtete, in einen Reitermantel gehüllt, in dem Turm, der auf der Ostspitze der Schanze stand. Er wollte gleich zur Stelle sein, wenn etwa ein nächtlicher Angriff auf die gefährdete Stelle der Burg erfolgen sollte, den er dem Grafen Weilnau wohl zutraute. Als die Mitternacht vorüber war, schien sich sein Argwohn zu bestätigen. Man hörte dumpfes Getöse von der Eisenacherburg her, Lärm, Geschrei, Pferdegetrappel. Das feindliche Lager schien in Aufruhr zu geraten. Dann mit einem Male ward es wieder still. Gegen drei Uhr morgens wiederholte sich ganz dasselbe, aber ein Angriff erfolgte auch jetzt nicht. »Es sind ohne Zweifel die Reiter des Abtes,« sagte der Marschalk erfreut zum alten Teutleben. »Das ist gut, das mag er Nacht für Nacht so betreiben, dann wird er die Schurken da unten mürbe machen. Abt Markwart ist ein trefflicher, frommer Mann, ich hab' es immer gesagt.« Der Gedanke des Abtes, die Belagerer der Burg um ihren Schlaf zu bringen und so zu ermüden, erwies sich in der Tat als ein ganz ausgezeichneter. Am nächsten Tage freilich war von seiner Wirkung noch nichts zu verspüren; die Beschießung war im Gegenteil noch heftiger als am vorhergehenden, und der Feind versuchte sogar die Schanze zu stürmen, allerdings ohne jeden Erfolg. Aber am dritten Tage kam es fast zu einer Meuterei der rheinischen und schwäbischen Soldknechte. Sie murrten und fluchten so bedrohlich, daß Weilnau zu seinem unaussprechlichen Ärger einen Ruhetag ansetzen mußte. Wütend ritt er in die Stadt zurück und erwog dort im Predigerkloster mit seinen Vertrauten, wie die ewige nächtliche Plackerei abzustellen sei. Natürlich war er, wie alle andern auch, der Meinung, Landgraf Friedrich selbst führe die Überfälle aus. »Hätt' ich den Achter, ich hinge ihn an den nächsten Baum!« schrie er in seinem Zorn. »Mit Verlaub,« sagte Heinrich Hellgrave, »der Landgraf steht auf Tenneberg, das haben wir sicher erkundet. Aber er hält auch den Scharfenberg über Thal, und die von Wangenheim haben ihm den Winterstein geöffnet. Dort schläft er mit seinem Volke am Tage, und wenn's dunkel wird, kommen sie heraus und greifen uns an.« »Wie weit sind die Schlösser?« fragte Weilnau. »Nach Tenneberg kommt Ihr in fünf Stunden, nach Scharfenberg in zweien oder dreien, Winterstein ist wieder eine Stunde weiter.« »Sind sie bewehrt?« »Nicht halb, nicht ein Viertel so wie die Wartburg. Nur Tenneberg wird er jetzt stark befestigt haben.« Weilnau dachte nach. »Wir wollen Späher ausschicken, die erkunden, wo der Wettiner liegt. Wissen wir's, dann kommen wir über ihn, wenn er's nicht vermutet.« »Herr,« sagte der Domherr von Aspelt, der im Predigerkloster wohnte und mit dem Prior sehr freundschaftlich verkehrte, »wie wäre es, wenn wir die frommen Brüder dazu gebrauchten? Sie ziehen überall im Lande umher und sammeln milde Gaben, und niemand hat ein Arg, wenn sie erscheinen.« »Ja, wenn sie dazu willig sind, so ist das ein sehr kluger Einfall,« erwiderte der Graf. »Und Ihr seid wohl der Mann, sie willig zu machen, denn dem Bruder ihres Erzhirten werden sie schwerlich etwas weigern.« »Ich denke, sie werden ebenso willig wie brauchbar sein, und ich will sogleich ans Werk gehen,« gab der Domherr zur Antwort und ging freundlich lächelnd zur Tür hinaus. – So kam es, daß Hermann Goldacker und seine Herrin, drei Tage später eine seltsame Botschaft erhielten. Der treue Mann stand über dem Tore der Schanze, das heute zum dritten Male bestürmt worden war. Sein Gemüt war sehr umdüstert, denn es war in den letzten Tagen nicht gut gegangen auf der Wartburg. Ein Brandpfeil war in ein Gemach des Landgrafenhauses gedrungen, das Zimmer war ausgebrannt, und das Feuer hatte nur mit Mühe gelöscht werden können. Eines anderen Brandes Löschung hatte man nur einem plötzlich niedergehenden Platzregen zu verdanken gehabt, aber es war doch viel von dem kostbaren Heu vernichtet worden. Nicht acht Tage mehr konnte man die Pferde auf der Burg ernähren. Mit trüben Blicken schaute der Ritter in das Land hinein, über das sich schon die Abenddämmerung herabzusenken begann. Die fernen Bergkuppen verschwammen bereits im Dunkel, nur die Felsen des nahen Metilsteines leuchteten noch hell herüber. Mit einem tiefen Seufzer wollte sich der Marschalk in die Burg zurückziehen, da hemmte ein merkwürdiges Geräusch, das an sein Ohr drang, seinen Fuß. Ein Gesang rauher Männerstimmen erscholl in der Ferne, und es war, als bewegten sich die Sänger den Berg hinauf, denn die Töne waren immer deutlicher zu vernehmen. »Aufgepaßt! Es kommt wer!« rief Goldacker den Knechten zu, die auf und neben der Zugbrücke lehnten. Sie kamen auf seinen Ruf eilend mit ihren Spießen herbei. Indessen kam der Gesang immer näher, und bald ward auch sichtbar, von wem er ausging. Ein Trupp Predigermönche zog in langsamen, feierlichen Schritten den Bergweg empor. Über ihre weißen Hauskutten hatten sie die schwarzen Ausgehkutten gezogen, und zwei von ihnen trugen eine kleine Lade auf einer Bahre auf den Schultern. Es war, als trügen sie einen Kindersarg die Burg hinauf. »Wer da?« schrie der Ritter von oben herab, als sie sich dem Tore näherten. »Gelobt sei Jesus Christus!« tönte es im tiefen Baß zurück. Es war die Stimme des Priors Volkram, die Goldacker sogleich erkannte. »In Ewigkeit. Amen!« gab er zurück. »Ah, du bist es, Hermann Goldacker,« sagte der Prior. »Hast du den Befehl auf der Wartburg?« »Nein, meine Herrin, die Landgräfin Else.« »So führe mich zu der edlen Frau. Die Meinen können einstweilen hierbleiben.« »Die Brüder mögen ruhig eintreten und im Vorhofe rasten. Wir versehen uns von Euch keines Argen. – Was habt Ihr da für einen Kasten mitgebracht?« fügte er neugierig hinzu. »Du wirst es sogleich erfahren, wenn wir vor deiner Herrin stehen.« »So kommt!« erwiderte Goldacker und schritt ihm schnell voraus. Frau Else verwunderte sich, als sie den Prälaten eintreten sah, aber sie hatte das Gefühl, er werde ihr etwas Günstiges verkünden. Die Predigermönche waren von dem alten Landgrafen oftmals reich beschenkt worden, und es hatte zwischen dem Kloster und der Burg stets ein gutes Einvernehmen geherrscht. »Was bringt Ihr mir, Herr Volkram?« rief sie und bot ihm die Hand. »Gott zum Gruße, erlauchte Frau. Angeblich soll ich hier etwas holen, in Wirklichkeit soll ich etwas bringen.« »Nun?« fragte die Landgräfin erwartungsvoll. »Wir haben gesehen, daß es dem üblen Teufel gelungen ist, einen Brand auf der Wartburg zu stiften. Es könnte das noch mehrmals sich ereignen. Deshalb tragen wir große Sorge, ob auch die heiligen Reliquien, die Ihr hier verwahret, vor dem Feuer wohl behütet sind, und bieten Euch an, sie in Verwahrung zu nehmen, solange die Burg belagert wird. Da Graf Weilnau vorgibt, ein Christ zu sein, so hat er dem Drängen des Herrn Domherrn von Aspelt nachgeben müssen und den Gang zu Euch erlaubt.« Bei Nennung des Namens Aspelt warfen sich die Fürstin und der Marschalk einen blitzenden Blick zu. Der Prior bemerkte es und lächelte. »Natürlich ist das bloß ein Vorwand,« fuhr er fort; »nur ein Dummer kann wähnen, das Ihr das teuerwerte Gut, das Euch den Schutz der Heiligen sichert, aus der Burg lassen werdet. Das aber habe ich Euch in Wahrheit zu künden: Morgen Abend bei Dunkelheit fährt Graf Weilnau mit allen seinen Reitern und den meisten Knechten nach der Ruhl aus und legt sich dort in einen Hinterhalt. Er will auf Euren Gemahl passen, denn er hat Kundschaft, daß er um elf in der Nacht von Winterstein heranzieht. Die Kundschaft ist falsch, er mag lange dort liegen. Ihr aber wißt nun, daß in dieser Nacht sein Lager von Streitern entblößt ist. Verwertet diese Nachricht, gnädigste Frau, nach Eurem Gutdünken.« »Heil! Heil!« rief Goldacker, der in seiner Freude aller höfischen Sitte vergaß. »Wir werden uns dazuhalten!« »Das glaub' ich wohl. Und nun, edle Frau, gebt mir Urlaub. Jedes längere Zögern könnte Argwohn schaffen. Ich denke, Ihr werdet meinem armen Kloster Euer Wohlwollen von nun an immer mehr zuwenden, wissend, daß wir Eure treuen Diener sind. Die Heiligen wollen Euch segnen und behüten!« Als die Mönche die Burg wieder verlassen hatten, beschied Frau Else den Marschalk zu sich und pflog mit ihm eine lange Unterredung. Auch Teutleben, Helldorf, Hopfgarten, Hagen wurden dazu herbeigeholt, und jeder gab seinen Rat dazu, wie man morgen den Ausfall bewerkstelligen wollte. Gegen zehn Uhr verabschiedete sich die Fürstin, die Ritter aber saßen noch lange beim Wein zusammen und trennten sich erst nach Mitternacht. Da suchten alle ihre Lager auf, nur einer nicht. Hermann Goldacker stieg mit einem Lichte auf den Bergfried, entzündete dort eine große Laterne und hing die hinaus. Dann stand er geduldig und wartete wohl eine Stunde lang, bis endlich auf der Höhe des Wachsteins ein helles Feuer emporflammte. Da nickte er befriedigt und stieg wieder hinab. »Der Abt wird kommen,« murmelte er. XVII. Es war die Nacht zum Gründonnerstag, in der der Überfall stattfinden sollte. Schweres, schwarzes Gewölk jagte am Himmel dahin, ein starker Weststurm trieb die Wolken vor sich her und verhinderte den Regen. Hermann Goldacker stand in seinem Gemache und vor ihm der Marschalk der Landgräfin. Beide Ritter waren völlig in Eisen gekleidet. »Merk' wohl auf alles, was ich dir sage, Helldorf,« sprach Goldacker gewichtig. »Schon während wir hier reden, steigen unsere Leute durch die Ausfallpforte ins Tal. Der lange Hopfgarten führt sie, bis ich selber bei ihnen bin. Der Abt wird schon unten halten im Zeisiggrunde. Sowie er den Kampflärm hört von der Eisenacherburg her, setzt er sich in Bewegung und kommt den Berg hinauf. Du erwartest ihn am Tore der Schanze und läßt ihn ein. Er hat die Losung Tenneberg.« Der junge Ritter nickte. Goldacker ging einige Male schweigend im Zimmer auf und nieder, indem er unablässig seinen gewaltigen Bart strich. Bei dem trüben Lichte des Kienspans erkannte Helldorf, daß der Hüne in seinem Gemüte heftig bewegt war, darum verharrte auch er in achtungsvollem Schweigen. »Du siehst, wie ich, ein, daß der Herrin Platz hier nicht mehr ist,« hub Goldacker endlich wieder zu reden an. »Wir schaffen heute Luft für einige Tage, aber wenn das heilige Osterfest vorbei ist, wird alles beim alten sein. Die Burg wird beschossen wie zuvor, und wo die Pfeile und Steine fliegen und jeden Tag die Burg brennen kann, da gehört eine Frau nicht hin, auch wenn sie den Mut eines Adlers hat. Nun hat der Landgraf geboten, wie mir der Abt sagte, daß wir sie sollen nach einem Brande von der Burg wegbringen. Darum habe ich Herrn Markwart gerufen, denn keine Nacht kann günstiger sein. Rede ihr ja zu, daß sie nicht widerstrebt.« »Ich meine, sie wird sich fügen. Sie sieht, daß sie hier nichts schaffen kann, auch hat sie Angst um das Kind. Aber sie wird staunen, wenn sie den Abt sieht. Sie ahnt sein Kommen nicht.« »Wer überrascht wird, fügt sich um so leichter,« erwiderte Goldacker. »Und nun noch eins, Helldorf: Du reitest auf meinem Wotan aus. Er ist das beste Pferd, das wir hier haben, und ich würde ihn der Herrin geben, aber eine Frau ist für ihn viel zu leicht. Halt' ihn gut und acht' auf ihn. Er ist klüger als mancher Mensch und treuer als die meisten Menschen. Und nun Gott befohlen, Helldorf. Ich gehe jetzt hinunter. Kehrt bald mit dem Herrn zurück und macht uns frei!« Die beiden Ritter gingen miteinander bis vor zur Schanze und trennten sich mit einem festen Händedruck. Goldacker stieg vorsichtig einen schmalen Pfad hinab, auf dem jeder, der nicht ganz ortskundig war, unfehlbar hätte den Hals brechen müssen. Nach wenigen Augenblicken war er in der Dunkelheit verschwunden, und nur einige Minuten dauerte es, bis sich drüben der Kampflärm erhob. Mit lautem Geschrei stürzten sich die Landgräflichen auf die Verschanzungen der Feinde und gewannen einen leichten Sieg. Die Knechte Weilnaus und die Streiter, die zum Schutze des Lagers zurückgelassen waren, hatten die Abwesenheit des strengen Gebieters dazu benutzt, erst einmal tüchtig zu trinken und dann sich auszuruhen. An einen Überfall hatten sie offenbar gar nicht gedacht, denn ihre Wachen schliefen oder waren nicht auf ihren Posten. So gelang die Überrumplung vollständig, und in Kürze brannten die hölzernen Gerüste und Schutzdächer der Ballisten und Bliden lichterloh. Erst an der Eisenacherburg entstand ein ernster Kampf, aber nach einer Viertelstunde war auch sie erstiegen, und die Feinde wurden niedergemacht oder suchten ihr Heil in der Flucht. Dann ließ der Marschalk auch hier die Brandfackel in das Gebälk schleudern, und da die Befestigung nur bis in Manneshöhe aus Stein, im übrigen aber aus Holz bestand, so loderte bald eine gewaltige Flamme empor. Die Wartburg droben auf ihrem Felsen stand so grell beleuchtet da in dem glühroten Lichte, daß man jedes einzelne Fenster genau unterscheiden konnte und jedes Gesicht sah, das aus den Fenstern herniederblickte. Frau Else stand, umdrängt von ihren Frauen, auf dem Altan ihrer Kemenate und schaute erst in fieberhafter Spannung und dann mit immer leidenschaftlicherer Freude hin auf das, was ihre Mannen vollbrachten. Da vernahm sie hinter sich die Stimme ihres Marschalks: »Gnädigste Herrin, es begehrt einer mit Euch zu reden.« Unwillig wandte sie sich um. »Aber jetzt nicht, Helldorf, nachher!« »Gnädigste Herrin, es hat Eile, größte Eile.« »Nun, wer ist's, der zu mir will?« »Herr Markwart von Reinhardsbrunn.« »Der Abt? Träumt Ihr?« »Nein, er ist bei vollen Sinnen,« erklang eine tiefe Stimme aus dem dunklen Hintergrunde des Gemaches, und Abt Markwart stand in der Tür. »Ich halte mit hundert Helmen vor der Burg und bin gesandt von Eurem Eheherrn, Euch von der Burg zu führen.« »Mich? Jetzt? In dieser Stunde? Seht Ihr nicht, was Goldacker getan hat? Der Sieg ist unser!« »Edle Frau, täuscht Euch nicht. Das alles hilft für vier oder fünf Tage, dann steht Weilnau wieder da, wo er heute morgen stand. Euer Gatte hat mir befohlen, Euch wegzuführen, wenn Hermann Goldacker mir das Zeichen gebe, daß es auf der Burg gebrannt habe. Das Zeichen ward gegeben, ich bin hier, so rüstet Euch, mir zu folgen. Die Rosse werden unten schon geschirrt, es ist alles wohl vorbereitet!« »Und wenn ich nicht will?!« »Erlauchte Frau, Ihr werdet wollen. Oder wollt Ihr, daß ich eidbrüchig werden soll vor Eurem Gemahl? Und wollt Ihr im Trotze Euch auflehnen wider den Befehl Eures Eheherrn? Euer Verstand sagt Euch: Ihr seid hier unnütz. Schrift und Kirche gebieten, das Weib sei Untertan dem Manne, wie die Kirche Christi dem Herrn, der ihr Haupt ist.« »Und mein Gemahl hat Euch das wahrhaftig geboten?« Der Abt richtete sich hoch auf und blitzte die Fürstin strafend an. »Bedarf es etwa meines Eides?« »Nein, Abt Markwart, ich glaube Eurem Worte. Nun denn, so muß ich gehen. Luitgard von Beulwitz, Anna von Werthern und ihr andern alle: rüstet euch. Keine Frau bleibt auf der Burg, wenn ich nicht in der Gefahr sein darf. Und Ihr, Helldorf, begleitet mich auch. Wo die Herrin ist, soll der Marschalk sein.« Eine knappe Viertelstunde später bewegte sich der Zug langsam den Berg hinab. Fünfzig Reiter ritten voraus, dann kam die Fürstin, die selbst ihr Kind im Mantel trug. Ihr zur Seite ritten der Abt und der Ritter von Helldorf. Zehn oder zwölf bepackte Pferde folgten, und fünfzig bis sechzig geharnischte Knechte beschlossen den Zug. Auch als man die Talsohle erreicht hatte, ließ der Abt die Pferde keine schnellere Gangart anschlagen, denn er wußte, es drohten keine Gefahren. Sie konnten sachte fürbaß traben. Frau Else sprach zunächst kein Wort. Sie hing offenbar trüben Gedanken nach, und ihre Begleiter wagten nicht, sie zu stören. Plötzlich fragte sie ganz unvermittelt: »Was hättet Ihr getan, Abt Markwart, wenn ich mich geweigert hätte, Euch zu folgen?« »Euer Gnaden haben mir's ja, gelobt sei Gott, leicht gemacht, und ich bin Euch dafür herzlich dankbar,« antwortete der Abt ausweichend. »Aber wenn ich's Euch eben nicht leicht gemacht hätte?« »Dann hätt' ich Euch, edle Frau, so wahr mir Gott helfe, auf diesen meinen Armen aus dem Schlosse getragen.« Die Fürstin fuhr auf und blickte ihn halb zornig, halb betroffen an. »Das hättet Ihr gewagt?« »Als ein gutes christliches Werk zu Eurem Besten, als die Folge meines Eides und auf den Befehl meines Herrn und lieben Freundes, der mir lieber ist als alle andern Menschen, die noch auf Erden leben. Habt Ihr nimmer die Sage gehört vom treuen Johannes? Der tat noch anderes mit der Gemahlin seines Herrn, und zum Lohn ward ihm das Haupt abgeschlagen. Aber später ward sein treuer Sinn erkannt, und der König opferte eines seiner Kinder, um ihn wieder lebendig zu machen. »Und Ihr, Helldorf?« fragte sie nach einer Weile, »hättet Ihr das gelitten?« »Ich hätte den Herrn Abt durch und durch gerannt, wie ich jeden durch und durch renne, wenn Ihr's befehlt.« Frau Else sah noch betroffener aus, aber mit einem Male brach sie in ein helles Lachen aus. »Das hätte ja was Schönes geben können zwischen unsern Getreuesten. Dem Herrn des Himmels sei Dank, der meinen Sinn zum schnellen Nachgeben lenkte! Es wird ja wohl auch das beste sein, was mein lieber Gatte befohlen hat.« Dann setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Gott gebe in seiner Gnade, daß wir bald zurückkehren!« XVIII. Graf von Weilnau geriet vor Zorn außer sich, als er unverrichteter Sache heimkehrte und sah, was geschehen war. Der Rottenführer, der in seiner Abwesenheit den Befehl geführt hatte, war im Kampfe gefallen, und so konnte er seine Wut an niemandem auslassen. Aber er schwur, es solle keine Woche vergangen sein, bevor alles wieder stehe, wie es gestanden habe, und er hielt Wort. Bürger und Knechte mußten schanzen und zimmern vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, und er achtete dabei auch nicht des heiligen Osterfestes, obwohl ihn der Domherr von Aspelt mit salbungsvollen Worten ermahnte, des göttlichen Gebotes von der Heiligung des Feiertages eingedenk zu sein. »Ach was!« rief er. »Not kennt kein Gebot! Und es tut uns wahrlich not, daß wir endlich den Sieg gewinnen und das Nest des Wettiners zerwerfen. Ist das geschehen, so ist er geliefert!« »Die Leute sagen,« erwiderte der Domherr, »in der Nacht, da Ihr ferne waret, sei die Landgräfin mit ihrem Kinde von der Burg geflohen.« »Das schiert mich wenig! Nicht auf das Weib kommt es an und nicht auf seine Brut. Aber wenn auf dieser Burg des Königs Banner weht, so wird sein Anhang zerstieben, und das ganze Land wird sich ducken. Abergläubisch schaut das Volk auf diesen Berg, von dem die heilige Elisabeth herniederstieg. Wer ihn hat, der ist der Herr im Thüringerland. Das soll König Albrecht sein, so Gott will, schon nächste Woche!« »Natürlich wünsche ich das auch,« versetzte der Domherr. »Doch warne ich Euch. Zu straff gespannte Bogensehnen reißen! Ihr laßt das Volk arbeiten an seinem hohen Feste wie an einem gewöhnlichen Werktag. Das macht böses Blut. Die Eisenacher lieben Euch nicht« – »Das weiß ich und frage nichts darnach!« unterbrach ihn der Graf. »Aber von Eisenach geht das Gerücht ins Land, daß es nicht gut wohnen sei unter des Königs Regiment, und das wirbt unserm Herrn keine Liebe und kein Vertrauen.« Weilnau lachte. »Liebe und Vertrauen? Seid Ihr ein Knabe, Domherr von Aspelt? Meint Ihr, die Menschen fügen sich unter ein Joch aus Liebe und Vertrauen? Was sie gehorsam macht, das ist die Furcht! Warum folgen denn die Thüringer und Meißner dem Wettiner nicht? Weil sie die Furcht abhält. Meint Ihr, ich wüßte nicht, wie sie gesinnt sind? Jeden Tag fielen sie ihm zu, wenn sie des Königs Rache nicht scheuten. Die Furcht ist's, was sie bändigt, und ich werde in der nächsten Zeit ihre Furcht noch verstärken.« »Ich wiederhole Euch: Zu straff gespannte Bogensehnen reißen.« »Das überlaßt getrosten Mutes mir, denn es ist meine Sache!« Das Gespräch hatte auf der Eisenacherburg stattgefunden, wo der Graf die Säumigen selbst zur Arbeit antrieb. Tief gekränkt ritt der stolze Prälat nach Eisenach zurück und machte dort vor seinem Vertrauten, dem Dominikanerprior, dem Grolle seines Herzens Luft. »Es wird Zeit, daß der Hochmut der Königsleute gedämpft wird,« sagte er am Ende seiner Rede. »Da habt Ihr recht,« entgegnete der Prior. »Des Königs Herrschaft ist drückend, und das Gebaren seiner Knechte erregt mir die Galle. Aber freilich – für Friedrich, den neuen Landgrafen, habe ich auch nicht zu viel übrig. Sein Vater, er mochte sonst sein wie er wollte, war ein Freund der Geistlichkeit und stiftete viel an die Kirchen und Klöster. Des Sohnes Hand dagegen ist fest verschlossen, und seine Spenden sind kärglich. Er ist ein Enkel des ungläubigen Kaisers, der im Banne starb. Staufenblut ist der Kirche nicht gut. Weiß nicht, ob Ihr und Euer Bruder wohl tut, ihm in allen Stücken zu helfen. Sitzt er erst fest im Sattel, so kann sich jeder vor ihm vorsehen, auch der Stuhl von Mainz.« Darauf erwiderte der Domherr ernst und würdevoll: »Für uns, die Diener der heiligen Kirche, sind die Weltleute, Könige und Fürsten, Städter und Adlige, nichts anderes, als Figuren eines großen Schachzabelspieles. Wir spielen einen gegen den andern aus. Auch ich meine, daß Friedrich der Staufer, wenn er erst die Macht hat, für alle eine Gefahr werden kann, die um ihn wohnen. Darum muß man mit Fleiß darauf sehen, daß er später nicht allzu mächtig werde. Jetzt aber muß man ihn stützen und stärken, denn erliegt er gänzlich, so erdrosselt uns des Königs Übermacht. Darum bitte ich, die Heiligen wollen mir ein Gelegenheitlein senden, daß ich diesem Weilnau, dem ruchlosen Königsknechte, ein Bein stellen und ihn übel zu Fall bringen könnte.« »Ja, das mögen Euch die Heiligen verleihen. Auch mich hat er mehrfach getreten, und sein Angesicht ist mir widerwärtig!« versetzte der Prior und faltete die Hände. Vor der Hand schien es indessen, als ob die Heiligen nicht geneigt wären, das Gebet der beiden frommen Männer zu erhören. Weilnau machte im Gegenteil in den nächsten Tagen die größten Fortschritte. Er konnte die Beschießung von neuem aufnehmen, und er hatte das Glück, daß gleich in den ersten Stunden ein Brandpfeil zündete. Das ganze obere Stockwerk des Pferdestalles brannte ab; es war ein Glück, daß die wertvollen Tiere von der Burg weggeführt waren. Das Feuer brach abends in der sechsten Stunde aus, und erst gegen zehn Uhr gelang es der Besatzung, seiner Herr zu werden. Wie eine riesige Fackel leuchteten die Flammen weit ins Land hinaus und schienen dem entsetzten Volke zu künden, daß es zu Ende gehe mit der Landgrafen alter Herrlichkeit. In der Frühe des nächsten Morgens sandte Weilnau einen Herold mit drei blasenden Trompetern vor die Burg. Er hielt vor dem Tore und begehrte, zu der Herrin der Burg geführt zu werden. »Ich stehe hier an ihrer Statt, also sage mir dein Sprüchlein her!« rief ihm Goldacker von oben zu. »Ich bin zu Eurer Frau gesandt, zu keinem andern,« entgegnete der Herold. »So schere dich zu deinem Herrn zurück und sage ihm, daß die Frau Landgräfin alle Gewalt gelegt hat in Hermann Goldackers Hand!« Der Bote kehrte um und kam nach einer Stunde wieder. »Mein Herr läßt Euch sagen in des Königs Namen: Bis Mittag sollen die Waffen ruhen. Bis dahin entscheidet Euch, ob Ihr die Burg ihm wollt übergeben. Öffnet Ihr die Tore, so könnt ihr alle abziehen, wohin ihr wollt. Nur Eure Frau und ihr Kind bleiben in des Königs Hand, aber in einem fürstlichen Gefängnis.« »Sage deinem Herrn,« schrie der Marschalk rot vor Zorn, »daß Hermann Goldacker die Burg wird halten und wenn sie ausbrennen sollte bis aufs nackte Mauerwerk. Zeit zum Bedenken brauche ich nicht.« »Wir harren gleichwohl bis zur Mittagszeit Eures Bescheides,« gab der Herold zur Antwort und wandte sich abwärts. Sogleich versammelte Goldacker die übrigen Ritterbürtigen der Burg und teilte ihnen die Botschaft Weilnaus mit. »Wir haben noch für eine Woche Brot,« sagte er, »und in einer Woche kann viel geschehen. Jeden Tag kann unser Herr heranziehen und uns entsetzen. Zieht er aber nicht heran, so zünde ich lieber die Burg an und schlage mich durch den wilden Wald, als daß ich auf des Mordbuben Weilnau Wort und Gnade vertraue.« Die andern murmelten Beifall, und Goldacker fuhr fort: »Sie werden ohne Zweifel heute wieder stürmen. Den ersten Sturm schlagen wir ab, wie so manchen andern, und beim zweiten fallen wir aus. Auf dem Steinwege können nie mehr als vier oder fünf Mann nebeneinander stehen, links ist der Fels und rechts der Abgrund. Kommen wir da von oben über sie – heiliges Kreuz! Trotz ihrer Übermacht schmeißen wir sie herunter, daß ihnen Hören und Sehen vergeht! Ich selber gehe voran. Teutleben, dir übergebe ich den Befehl, bis ich zurück bin.« »Hermann, das kann auch übel ablaufen. Bleibe zurück, und überlaß andern das Stürmen,« sagte der alte Ritter. »Du bist auf der Burg von keinem zu ersetzen.« »Auf dem engen Wege kommt es wirklich einmal an auf die Stärke des Mannes, und der Teufel müßte es fügen, wenn einer gerade hier mir entgegen träte, der stärker ist als ich,« versetzte Goldacker. Er zog sein Schwert und hielt es ihnen vors Gesicht. »Ich will mich nicht rühmen, alle Kraft kommt von Gott. Aber habt Ihr schon einen gesehen, der das schwingen kann, außer mir?« Lächelnd und achtungsvoll blickten die Ritter auf die gewaltige Klinge, die jeder von ihnen nur mit zwei Händen hätte regieren können und selbst auch dann nur mit Mühe. Es leuchtete ihnen allen ein, daß ihr Führer beim Ausfall an erster Stelle stehen mußte. Schlag zwölf Uhr schmetterten auf der Eisenacherburg Trompetenstöße, und gleich darauf begann die Beschießung von neuem. Während ein Hagel von Pfeilen und Steinen auf die Hauptburg herniederprasselte, schickte sich der Feind vorne an der Schanze zum Angriffe an. »Leute!« sprach Goldacker, als das Geräusch der schweren Schritte bergaufwärts näher und näher kam, »wir wollen nicht erst einen Sturm abhalten, wir wollen gleich über sie kommen. Schiebt die Riegel weg und zieht die Sperrbalken fort! So wie ich rufe, das Tor auf und über sie her mir nach!« Eiligst ward dem Befehle Folge geleistet, und es war hohe Zeit, denn die ersten drängten bereits mit Sturmleitern um die Ecke. »Das Tor auf!« schrie der Marschalk. »Hie Sankt Wippertus! Drauf! Drauf!« Damit sprang er hinaus und die Knechte ihm nach. Die Feinde stutzten, als sie den riesenhaften Mann vor sich sahen, und im Nu waren sie überrannt. Der Vorstoß von der Höhe herab ward mit furchtbarer Wucht geführt, daß ihm niemand widerstand. Ohne an Gegenwehr denken zu können, wurde ein Glied der Stürmer auf das andere geschleudert. Einige rollten seitwärts den Abhang hinab, andere wurden zu Boden geschmettert, die ganze Kolonne wandte sich zur Flucht. »Halt!« rief da eine scharfe, helle Stimme. »Zum Teufel! Halt! Steht! Wer flieht, stirbt!« »Weilnau!« brüllte Goldacker, warf mit mächtigen Schlägen die Nächsten zur Seite und stand vor dem Grafen. Der hob sein Schwert, aber blitzschnell hatte ihn Goldacker um den Leib gepackt und schmetterte ihn mit unwiderstehlicher Kraft auf die Steine. Betäubt lag er da, keiner der Seinen kam ihm zu Hilfe, nur der Ritter Konrad von Uttenhoven sprang noch einmal aufwärts und suchte ihn zu decken. Aber er hatte Unglück, denn er stolperte über einen Stein, kam zu Fall und vermochte nicht, in der schweren Rüstung sich schnell wieder zu erheben. Sogleich warfen sich die Knechte auf ihn, wanden ihm das Schwert aus der Kand und schleiften ihn wie Weilnau an den Beinen die Höhe empor. »Zurück!« rief Goldacker denen nach, die noch weiter die Zurückgeschlagenen verfolgen wollten. Droben auf der Schanze warf er sich vor aller Mannschaft auf die Knie. »Dank dir, Sankt Wippertus! Du hast mich weidlich beschirmt und mir einen großen Fang gedeihen lassen!« rief er mit laut schallender Stimme. »Darum will ich dir ein Kirchlein bauen lassen, wenn ich heimkomme in die güldene Aue. Das gelobe ich dir vor allen meinen lieben Freunden und Gesellen!« Dann stand er auf und warf einen finsteren Blick auf die beiden Gefangenen, die man aus ihren Harnischen herausgeschält hatte, und die nun in ihren linnenen Unterkleidern, jeder Würde bar, noch halb betäubt auf der Erde saßen. »Schafft sie ins tiefste Loch und legt ihnen Ketten an,« gebot er. »Hermann!« redete ihm der alte Teutleben zu, »Weilnau ist ein Graf des Reiches.« »Ein Erzschuft ist er, der Gefangene gemordet und auch sonst Scheusäliges verübt hat. Er soll es büßen.« »Aber Uttenhoven hat daran nicht Teil. Auch er ist ein ritterlicher Mann. Schon sein Großvater war Ritter.« So laßt bei dem Uttenhoven die Fesseln weg. Aber ins Loch kommt auch er. In einer Stunde spreche ich mit dir, Weilnau, und wahrlich, es wird dir nicht lieblich in den Ohren tönen.« Der Gefangene warf ihm einen haßfunkelnden Blick zu, aber er ließ sich ohne einen Laut abführen. »Hopfgarten,« gebot der Marschalk weiter, »du hältst hier die Wacht. Ich glaube nicht, daß sie wiederkommen. Hörst du es aber, so meldest du mir's auf der Stelle.« Er winkte ein paar Knechte zu sich und erteilte ihnen flüsternd einen Befehl. Dann begab er sich in sein Gemach. – Als der alte Teutleben eine Stunde später den großen Hof der Burg betrat, bot sich seinen Augen ein befremdlicher Anblick. Ein großer Pfahl war da errichtet, und um ihn herum schichteten die Knechte Holz und Reisig zu einem mächtigen Haufen auf. Der Greis erschrak. »Was soll das? Wer hat das befohlen?« fragte er hastig. »Befohlen hat es der Herr Marschalk. Was es soll, hat er keinem gesagt.« Sofort eilte Teutleben zu Goldacker, mit dem er auf der Treppe zusammenstieß. »Hermann, was willst du tun?« fragte er in großer Unruhe. »Das wirst du in ganz kurzer Zeit sehen,« antwortete Goldacker gelassen. »Siehe, da stellen sich schon die Knechte in einen Ring, wie ich befohlen habe,« fügte er, an ein kleines Fenster tretend, hinzu. »Das Schießen von unten hat aufgehört, wir können in aller Ruhe handeln. Da kommt ja auch Weilnau, der Schuft. Es wird ihm wohl schwül werden.« »Hermann, was willst du tun? Willst du einen Mord auf dein Gewissen laden?« »Ich sage dir, du wirst es gleich sehen!« »Hermann, denke an unsern Herrn! Der Weilnau ist ein Gefangener, und nie würde Herr Friedrich einen Gefangenen töten. Denke an seine Fürstenehre.« Goldacker nickte. »An die denke ich. Die Herrschaften können vieles, was gut und nützlich ist, nicht tun um ihrer Fürstenehre willen. Darum fügt es Gott, daß sie Diener haben, die für sie tun, was getan werden muß und wovon sie den höchsten Nutzen haben. So tat Hagen der Tronjer, von dem unsere alten Mären künden.« »Aber er schuf durch seine schwere Tat seinem Herrn am Ende doch nur Schande und Tod,« warf Teutleben ein. »Nicht immer nehmen die Dinge einen solchen Lauf,« versetzte der Marschalk. »Hermann, ich leid's nicht, daß du dir einen Makel anheftest,« rief Teutleben schmerzlich. »So warte doch, beim Henker, erst ab, was geschehen wird!« erwiderte Goldacker ärgerlich und schritt die Treppen hinab, während ihm Teutleben tief bekümmert und kopfschüttelnd folgte. Unten im Hofe standen die beiden Gefangenen vor dem Holzstoße in einem Ringe von Spießen. Zwei Knechte hielten brennende Fackeln in den Händen. Goldacker trat in den Ring und stellte sich dicht vor Weilnau hin, dem die Hände auf dem Rücken gebunden waren. Mit funkelnden Augen blickte er ins Gesicht des Grafen, der seine Blicke scheu und unsicher auf dem Erdboden umherirren ließ. »Heinrich von Weilnau!« begann er mit schneidender Stimme, »du bist ein ehrloser Schurke und Mordbube Du hast unsere Leute, die du im ehrlichen Kampf gefangen hattest, lassen henken. Du hast Dörfer verbrannt und es zugelassen, daß deine Horden an Frauen und Kindern viel schändlichen Mutwillen verübten. Darum sollst du Unhold den Tod durchs Feuer sterben!« Weilnaus Gesicht war bei diesen Worten totenbleich geworden, und seine Blicke schweiften mit dem Ausdrucke des äußersten Entsetzens über alle die finsteren, drohenden Gesichter hin, die ihn umgaben. »Gnade!« ächzte er und sank zu Boden. »Gnade, du Schuft? Hast du selber Gnade geübt?« rief Goldacker. »Und doch – eines gibt es noch, was dir Gnade sichert. Tust du das, so sollst du leben!« »Alles, was Ihr wollt,« murmelte der Graf. »Du befiehlst, daß die Söldner des Königs auf der Stelle von Eisenach abziehen und dahin gehen, woher sie gekommen sind.« »Ich befehle es!« »Gut. So führt ihn wieder in den Turm. Und Ihr, Ritter von Uttenhoven, folgt mir in die Kapelle. Ihr schwört dort einen hohen Eid auf die Reliquien, daß ihr des Königs Heerhaufen wollt wegführen ohne Verzug bis an den Main. Und wisset: Brecht Ihr diesen Eid, so röstet der dort am Feuer, und Ihr würdet übeln Dank finden bei Eurem Könige, wenn Ihr Schuld tragt an seines Lieblings Tode!« »Hermann,« sagte der alte Teutleben, als Goldacker wieder aus der Kapelle getreten war und Uttenhoven verabschiedet hatte, »Hermann, ich danke meinem Gott, daß alles so ausgegangen ist.« »Hast du daran gezweifelt?« fragte der alte Marschalk und lächelte grimmig. »Du bist fünfzehn Jahre älter als ich und kennst doch die Menschen so schlecht! Vor dem Feuer haben sie alle eine absonderliche Scheu. Selbst der große Karl, meine ich, wäre zu Kreuze gekrochen, wenn ihm jemand brennende Fackeln unter die Fußsohlen gehalten hätte. Nun gar dieser Weilnau!« »Und meinst du, daß Uttenhoven seinen Eid halten wird?« »Ich zweifle nicht daran. Des Königs Zorn würde ihn treffen, wenn er Weilnaus Leben aufs Spiel setzte. Der kann uns noch viel nützen. Wir wollen ihn fleißig bewachen, und wenn er eine Woche im Turm gefastet hat, will ich ihn so verwahren, daß er nicht stirbt. Mir schwant, daß uns der König diesen seltenen Vogel mit Geld aufwiegen wird, und Geld kommt unserm gnädigen Herrn sehr gelegen.« XIX. In derselben Stunde, in der Hermann Goldacker seinen großen Fang vollbrachte, ritt Landgraf Friedrich mit einer stattlichen Reiterschar in das Schloß Tenneberg ein. Er hatte nun mit den Knechten, die dort unter des Abtes Befehl geblieben waren, so viele Leute zusammen, daß er an eine Entsetzung der Wartburg denken konnte, und er war fest entschlossen, schon am nächsten Tage einen Versuch zu wagen. Wohl wußte er, daß seine Gemahlin von dort hinweggeführt war, aber es drängte ihn, seinen treuen Mannen Hilfe zu bringen und die stolze Feste von der Umlagerung frei zu machen. Der Abt und der Fürst fielen einander in die Arme, als sie sich wiedersahen. »Markwart,« sagte der Landgraf, »man sollte dich in Gold fassen lassen. Du hast mir den größten Dienst erwiesen. Ich weiß nicht, wie ich dir das lohnen soll!« »Sprich nicht von Lohn zwischen uns. Du weißt, wie wir stehen!« brummte der Abt. »Übrigens war es kein schweres Werk, denn Frau Else hat sich nicht lange gesträubt.« »Wie geht es ihr und der Kleinen?« »Sie sind beide gesund und leben verborgen drunten im Schutze der Klostermauern. Ob der Feind weiß, daß sie nicht mehr auf der Burg sind, weiß ich nicht. Wo sie sind, davon hat er sicherlich keine Kunde. Es mangelt den Belagerern an Spähern, sie finden keine zuverlässigen Leute im Lande.« »Und wie steht es auf der Wartburg?« »Ich fürchte, schlecht!« erwiderte der Abt. »Gestern Abend war dort ein großer Brand, die Flammen konnte man überall sehen. Da werden wohl viele Vorräte verbrannt sein. Es ist hohe Zeit, daß du kommst.« »Konnte ich eher kommen?« entgegnete Friedrich düster. »Mein Bruder lebt noch, wie du weißt, aber er ist ganz krank, hohläugig, gelb, ein Gerippe. Nichts war in Ordnung, du kannst dir denken, was ich zu tun hatte.« »Und ist der Mörder noch immer unbekannt?« fragte der Abt dazwischen. »Mancherlei wird gemunkelt, aber niemand weiß etwas.« »Und wie steht's mit dem Juden, der die Sache schon vorher gewußt hatte?« »Der war schon fünf Tage gestorben und lag in seinem Grabe, als das Messer meinen Bruder traf. Mit dem war's nichts. Es war wohl auch ein Zufall, daß sein Spruch in Erfüllung ging. Doch davon jetzt nichts mehr. Ich bin nun da, und es ist hohe Zeit, daß ich gekommen bin, wie du selber sagst. So müssen wir unverzüglich handeln. Wir sind heute in der Frühe von Erfurt aufgebrochen, die Bürger hatten mich gestern mit großer Freundlichkeit empfangen. In Gotha haben wir eine kurze Mittagsrast gehalten. Menschen und Tiere bedürfen der Ruhe und sollen sie haben. Bis Mitternacht kann alles schlafen, und dann brechen wir auf nach der Wartburg und sehen, ob ein Überfall tunlich ist. Auch ich muß mich jetzt einige Stunden niederlegen, ich bin zu erschöpft. Hernach reite ich hinab ins Kloster zu meinem Weibe.« »Tu tätest besser, du ruhtest wie die andern, denn was vorzubereiten ist, das bereite ich vor. Kannst du den Besuch bei Frau Else nicht aufschieben, bis der Überfall geglückt und die Wartburg frei ist? Du würdest sie durch nichts so sehr erfreuen, als durch diese Kunde. Sie ist mit ihren Sorgen und Gedanken immer auf der Burg, und daß es dort gebrannt hat, haben wir ihr verheimlicht, damit sie sich nicht allzusehr errege.« »Es brennt mir auf dem Herzen, mit ihr zu reden über eine Sache, die sich ereignet hat,« erwiderte der Landgraf düster. »Du magst es wissen, wird es doch in wenigen Tagen ruchbar sein im ganzen Lande. Die Nonne Elisabeth von Orlamünde ist gestorben.« Der Abt fuhr erstaunt empor. »Wann ist dies geschehen?« »Vorgestern in der Frühe. Sie haben sie gefunden vor dem Altare des heiligen Franz entseelt am Boden liegend. Die Schwester, die sie fand, liegt schwer darnieder wegen heftiger Erschütterung des Gemütes, denn sie behauptet, sie habe ein Gesicht gesehen. Zwei Engel mit weißen Lilien in den Händen hätten zu Füßen der Toten gestanden, und so große Klarheit sei von ihnen ausgegangen, daß sie fast erblindet sei. Die Schwestern haben sie sogleich aufgebahrt in der Klosterkirche, und Scharen von Menschen aus der Gegend umlagern wehklagend und betend den Leichnam. Einer, der stumm war von Geburt an, soll die Sprache wieder erhalten haben, als er die Bahre der Verstorbenen berührte. Ich selbst habe sie liegen sehen, als ich ehegestern durch Weißenfels zog.« »So werden wir bald eine neue Heilige haben,« sagte der Abt nach einer Weile. »Da die heilige Landgräfin Else in Hessen ihr Grab hat, ist das dem Thüringerland sehr zu gönnen. Möchte doch auch in Reinhardsbrunn einmal ein Heiliger erstehen! Aber in dieser Generation geschieht das schwerlich, denn die Brüder sind grobe Klötze und trinken zu viel des Frankenweines, den wahrscheinlich der böse Feind zur absonderlichen Versuchung der Klosterleute hervorgebracht hat. Auch ich unwürdiges Gefäß des Zornes unterliege dieser Versuchung oft und stark. Mögen die Heiligen mir das verzeihen! Doch was ich noch sagen wollte: dir muß ja dieser Todesfall sehr gelegen kommen. Frau Else wird wenig mehr an sie denken, da sie nun tot ist.« »Meinst du?« erwiderte der Landgraf. »Machen nicht die Toten unseren Gedanken oft mehr zu schaffen, als die Lebenden? Weiß mein Weib ihre Tante in der Glorie des Himmels, so wird es ihr um so schwerer aufs Herz fallen, daß sie ihren Worten nicht gefolgt ist. Und überdies hat die Abgeschiedene ihr ein Andenken hinterlassen, und ich fürchte ein übles.« »Ein Andenken? Welcher Art?« »Ein Brieflein, das sie selbst mühsam geschrieben. Meine Base von Landsberg gab mir's.« »Und was steht darin?« »Es ist versiegelt, und niemand soll es öffnen als meine Frau ganz allein.« »Gib es her!« rief der Abt eifrig. »Gib es her und ins Feuer damit! Laß dein Weib gar nichts davon erfahren! Der Mensch soll etwas Ganzes sein in der Welt. Deine Frau ist ganz und gar eine Fürstin und könnte nur eine halbe Heilige werden. Darum taugt ihr der Ruf zum Heiligsein nicht. Verstöre ihr Gemüt nicht von neuem, sie war auf dem Wege, zu gesunden. Das aber muß sie wieder krank machen.« »Trotzdem kann ich ihr's nicht vorenthalten,« sagte der Landgraf finster. »Ich kann mein Leben nicht aufbauen auf Lüge und Heimlichkeit. Es könnte meiner Frau zu Ohren kommen, daß ich das Brieflein unterschlagen hätte, und sie würde mir nicht mehr trauen. Und wenn ihr's immer verborgen bliebe, so will ich doch nicht erröten und die Augen zu Boden niederschlagen, wenn einmal von der Nonne geredet wird.« »Auch nicht, wenn das zum Besten deines Weibes wäre? Weißt du nicht, daß der meisten Menschen Glück nur deshalb besteht, weil sie manches nicht wissen?« »Meinem Weibe bin ich die Wahrheit schuldig,« versetzte der Landgraf stolz. Dabei beharrte er unbeugsam, und selbst die nochmaligen Bitten und Vorstellungen des Abtes brachten ihn nicht davon ab, daß er in der Abendstunde mit dem Briefe der Nonne zu Frau Else ins Kloster ritt. Die Landgräfin, die von seiner Ankunft nichts wußte, saß allein in einem weiten Gemache und stickte. Als er eintrat, sprang sie auf und flog ihm mit einem Freudenschrei entgegen. Sie warf ihre Arme um seinen Hals und bot ihm die Lippen, und vor Freude errötete sie über und über. Was zwischen ihnen stand, schien ausgelöscht aus ihrem Gedächtnisse, sie tat ganz wie jede junge Frau, die den geliebten Gatten nach längerer Trennung unvermutet wiedersieht. Aber als er dann zu erzählen anhub, erblaßte sie mehr und mehr und wand sich leise und scheu aus seinen Armen, und als er endlich das versiegelte Pergamentstreifchen hervorholte, war sie bleich geworden bis in die Lippen. Sie nahm es mit zitternden Fingern aus der Hand ihres Gemahles entgegen und sah lange darauf hernieder, als ob sie sich nicht entschließen könne, es zu öffnen. Sie war im Kloster wohl unterrichtet worden in der Kunst des Lesens und Schreibens, und so entzifferte sie ohne Mühe die kraus und kritzlich geschriebenen Worte der Aufschrift: An Frau Elsen, meiner Schwester Kind, die Landgräfin von Thüringen heißt. Endlich riß sie das Siegel auf und entfaltete den Zettel. Lange starrte sie auf das Blatt hernieder, als könne sie den Sinn nicht fassen. Dann ließ sie es zu Boden fallen, schrie laut auf und lief, ihres Gemahles nicht achtend, mit gerungenen Händen auf und nieder. »Grausame,« stöhnte sie, »warum verfolgst du mich. Was habe ich dir getan? Warum zielst du noch aus dem Sarge nach meinem Herzen? Konntest du mich nicht in Frieden lassen? Bist du unerbittlich? Gott im Himmel? Soll wirklich der Fluch sich erfüllen?« Sie sank auf eine Bank nieder, verhüllte ihr Antlitz und brach in wildes Weinen aus. Der Landgraf redete ihr liebevoll zu, aber sie schüttelte den Kopf und fuhr fort zu schluchzen. Betroffen und erschrocken über diesen Ausbruch, den er in solcher Heftigkeit bei weitem nicht erwartet hatte, stand der Landgraf eine Weile schweigend da. Dann bückte er sich und hob den Zettel auf. Ihm kostete es große Mühe, das Geschreibsel der Nonne zu lesen, denn er pflegte sich mit Tinte und Pergamenten nur selten zu befassen. Aber er buchstabierte doch zusammen, was da geschrieben stand. Es lautete: Vor dem Ende des Maien der Aar wird zerfleischen den Leuen, und alle Sünde, die du getan, wird auf freier Heide den Lohn empfahn. Er knüllte das Pergament zusammen, warf es zu Boden und setzte den Fuß darauf. Ein kochender Zorn stieg in seiner Brust empor. Er war fast ganz frei von dem Glauben an Wunder und übernatürliche Dinge, die ihn überall umgaben. Er war seinem Ahn, dem großen Freigeiste Friedrich von Hohenstaufen, sehr ähnlich in seinem Denken über alle diese Fragen, wenn er es auch weit vorsichtiger verbarg, weil er wußte, wie einsam er in seiner inneren Freiheit stand. Selbst seine Frau, die er liebte mit aller Kraft seines Herzens und die die Vertraute aller seiner Pläne war, kannte sein inneres Gesicht von dieser Seite nicht. Er hatte ihr's nie gezeigt, er wußte, daß sie ihn nicht verstehen, daß sie sich entsetzen würde. Er hatte ihre kindlich fromme, etwas schwärmerische Gläubigkeit geschont, wie er nur irgend vermochte, und sie nie durch ein spöttisches Wort verletzt. Aber jetzt überkam ihn ein Ekel und ein rasender Arger darüber, daß das blöde Gefasel einer alten Nonne sein Leben in dieser Weise beeinflussen durfte. Er lachte so schneidend und höhnisch auf, daß Frau Else ihr Weinen unterdrückte und scheu zu ihm aufblickte. »Wie?« rief er, »diese Narrethei bringt dich zum Weinen? Du tust, als ob du verzweifeln müßtest, weil eine alte Nonne sich einen albernen Vers ausgedacht hat?« »Friedrich!« rief Frau Else. »Lästere nicht! Sie war eine heilige Frau!« »Eine Närrin war sie, die sich mit Geißeln und Fasten um den Verstand gebracht hat. Ein überspanntes Weib, das auch andere verrückt macht! Wunder? Das dumme Volk sieht überall welche, weil es überall welche sehen will. Da fällt von irgendwoher ein Lichtschein in die Kirche – gleich sieht die erhitzte Phantasie eine Erscheinung der Engel. Ich habe in Erfurt einen durchpeitschen sehen, der zum fünften Male vor einem Heiligtum seine Krücken fortgeworfen und sich als geheilt ausgegeben hatte. Schon lag das Volk auf den Knien, da erkannte ihn einer aus Cöln. Sonst war's wieder ein Wunder! Ein Wunder, ein Wunder!« Das Antlitz der Markgräfin war starr geworden vor Schrecken. »Friedrich!« schrie sie, »du leugnest die Wunder? Du lästerst!« »Das fällt mir nicht ein. Christus unser Herr und seine hohen Apostel und die allerseligste Mutter Gottes und sonst noch einige große Heilige mögen Wunder getan haben. Aber an die Wunder der Nonne von Orlamünde glaube ich noch lange nicht.« »Warum nicht, Friedrich? Hat sie nicht wie eine große Heilige gelebt?« »Warum nicht?« erwiderte der Landgraf spöttisch. »Ich selbst habe sie als Jüngling im Reigen geschwenkt auf der Burg des alten Grafen in Weimar. Sie war zehn oder zwölf Jahre älter als ich und schon eine säuerliche Jungfrau, aber sie tanzte mit einem Eifer, der Jüngere beschämte. Wahrscheinlich dachte ihre Seele damals noch nicht an den himmlischen Bräutigam. Wen ich so gesehen habe, den kann ich mir nicht denken unter dem Chore der Heiligen, die Gottes Thron umstehen.« Die Landgräfin erwiderte zunächst nichts. Etwas wie Verblüffung malte sich in ihren Zügen. Was ihr Gatte sagte, das zeigte ihr offenbar die Nonne von Weißenfels in einem ganz neuen Lichte und verwirrte sie nicht wenig. Die Heilige, die abgezehrte Büßerin und Beterin, sich als festlich geschmückte, tanzende Jungfrau vorzustellen, das war ihr nie in den Sinn gekommen. Und doch war sie ohne Zweifel einst eine solche gewesen, und ihr Gemahl hatte sie so gekannt. Wunderlich, wie der Gedanke ihre Seele ernüchterte! Sie fühlte mit einer Art von Schrecken, daß in diesem Augenblicke viel von dem Nimbus verblaßte, der in ihren Augen das Haupt der Nonne umgeben hatte, und sie sagte zögernd und unsicher: »Die Torheiten ihrer Jugend liegen weit dahinten. Sie hat gebüßt und gute Werke getan und ist durch Gottes Gnade heilig geworden. Du wirst auch anders von ihr denken, wenn sie der heilige Vater unter die Heiligen erheben wird.« »Vor der Hand sind wir noch nicht so weit,« versetzte der Landgraf störrisch. »Jetzt gebietet die Kirche noch nicht, an ihre Wunder zu glauben. Ich zweifle daran. Vor allem aber streit' ich ab, daß sie eine Prophetin war. Sie hat wohl das Hungerjahr richtig vorausgesagt, aber die Pest, die sie dann prophezeite, ist ausgeblieben. Das eine trifft zu, das andere nicht. Das können andere alte Weiber auch! Und nun die kindische Faselei hier! Der Aar ist natürlich der Kronräuber Albrecht von Österreich, der Leu bin ich nach meinem Wappentier. Der Aar soll mich zerfleischen auf freier Heide vor Ende des Maien. Das sind noch sechs Wochen. Ehe vier Wochen vergangen sind, kann er gar nicht im Felde erscheinen. Wie leicht also könnt' ich den törichten Spruch zu nichte machen, wenn ich ihm dann noch vierzehn Tage auswiche. Aber ich will dir zeigen, daß ich das Geschwätz der Nonne für eitel Torheit und nichtige Trügerei halte. Schon lange sehne ich mich nach einem Treffen. Ich will eine Schlacht, und ich brauche eine Schlacht. Siege ich, so erhebt sich alles gegen diesen König, sieg' ich nicht, so kann ich mich noch in meinen starken Festen halten. Und so gelobe ich dir: Ich suche mit Fleiß ein Treffen noch vor Ende des Maien. Da wird sich zeigen, ob des Reiches Aar den Löwen von Thüringen zerfleischt oder ob es nicht ganz anders kommt.« »Um der Heiligen willen!« schrie Frau Else auf. »Das hieße Gott versuchen!« Sie umklammerte ihn mit beiden Armen und schaute angstvoll zu ihm empor. »Das tust du nimmermehr, Friedrich!« flehte sie. »Das tu' ich, weil es mir nutz ist und weil es dir Frieden bringt. Endlich wird dann der Bann genommen werden von deiner Seele, daß du freien und frohen Herzens mein Weib sein kannst.« Da polterten schwere Tritte die Treppe herauf. Es war der Abt, der Herrn Friedrich nachgeritten und unten im Hofe vom Pferde gesprungen war. Er riß die Tür des Gemaches auf und stand mit hochgerötetem Antlitz und blitzenden Augen auf der Schwelle. »Viktoria!« rief er laut. »Gute Botschaft von der Wartburg! Hermann Goldacker hat den Weilnau bei einem Ausfalle gefangen. Die Königsmänner sind abgezogen und haben ihr Lager verlassen!« Zwei Jubelrufe zu gleicher Zeit, und die Gatten lagen einander in den Armen. »Siehst du,« sagte der Landgraf freudig, »das Zerfleischen des Leuen fängt schon an. Nimm die Kunde als ein Zeichen, daß Gott mit mir sein will. Morgen früh reiten wir alle nach der Wartburg.« XX. Die Gefangennahme des Grafen Weilnau zog Folgen nach sich, die kein Mensch hätte vorausahnen können. Zuvörderst war das Belagerungsheer der Wartburg wie mit einem Schlage verschwunden. Die Soldknechte hatten schon vierzehn Tage lang ihr Geld nicht erhalten, denn es war keines vom Könige abgesandt worden. Darob hatten sie gewaltig geflucht und gemurrt, waren auch längst dieses Feldzuges satt, da er ihnen vielen und harten Dienst brachte, keine Ruhe ließ bei Tag und Nacht und magere Beute in Aussicht stellte. Nur die Furcht vor der grausamen Strenge des eisernen Grafen hatte den Aufruhr niedergehalten. Nun waren sie ihn los, und in derselben Stunde lösten sich alle Bande der Zucht und des Gehorsams. In Rotten von zwanzig und dreißig Mann zogen sie aus der Stadt, kümmerten sich um niemandes Befehle mehr, verübten in den Dörfern mancherlei Raub und Unfug und verliefen sich nach Franken. Ja, ein großer Haufe, der sich einen Hauptmann gekürt und eine eigene Fahne gegeben hatte, kam vor Schloß Tenneberg gerückt und begehrte Kriegsdienst zu nehmen beim frommen Landgrafen, der ein viel besserer Herr sei als der harte König und dem sie treulich dienen wollten, wenn er sie gut bezahle. Aber als sie ankamen, wies man sie nach der Wartburg, wohin der Fürst mit einer großen Macht sich am Morgen begeben hatte. So kam es, daß dieselben Leute, die zwei Tage vorher die Feste mit Brand und Untergang bedroht hatten, sich jetzt friedlich zu Füßen des Wartberges lagerten und dem Landgrafen durch drei Abgesandte ihre Dienste anbieten ließen. Friedrich, der sich gerade mit Hermann Goldacker im Vorderhofe der Burg erging, empfing sie nicht ungnädig. »Wieviel sind Euer?« erkundigte er sich. »Herr, wir sind über fünfzig, lauter altgediente Leute,« erwiderte der Sprecher, ein Schwabe mit schon ergrautem Haar, gewaltigen Gliedern und einer breiten Narbe auf der Stirn. »Und seid ihr zufrieden, wenn ich euch den Monat einen Gulden gebe, dazu jeden Tag ein Maß Wein mit der Kost und Sturmgelder?« »Heil dem frommen Landgrafen von Thüringen!« schrien alle drei, als hätten sich sich verabredet. »Warum soll ich sie nicht nehmen?« sagte der Landgraf zu Hermann Goldacker. »Hätte ich lauter Lehnsmannen, es wäre ja besser. Aber ich bin auf geworbenes Volk angewiesen, und da kommen mir diese Leute gerade gelegen. Sie werden mir nicht schlechter dienen als andere.« »Gewißlich nicht, gnädiger Herr,« entgegnete der Marschalk. »Es macht nichts aus, daß sie bisher wider Euch im Felde standen. Sie dienen dem, der sie bezahlt, und gegen einen Goldgulden für den Monat dienten sie wohl auch dem Sultan der Sarazenen wider den Herrn Papst.« »Es muß auch solches Volk geben,« versetzte der Landgraf. »Geht hin zu euren Leuten und sagt ihnen meine Bedingungen,« gebot er den Söldnern. »Sind sie zufrieden wie ihr, so nehme ich euch alle in Eid und Pflicht und reihe euch in meine Rotten ein.« »Herr, da brauchen wir nicht zu fragen,« gab der Sprecher zur Antwort. »Donner und Strahl! Einen Gulden im Monat und jeden Tag eine Maß Wein! Da folgt Euch jeder!« »Dann mögt ihr unten harren bis eine Stunde nach Mittag. Da führt der Ritter von Hopfgarten sechs Fähnlein nach dem Tenneberg. Der soll euch schwören lassen und euch unter seine Leute einreihen.« »Heil dem Landgrafen von Thüringen!« schrien die drei, bogen ihre Knie und zogen zufrieden ab. Friedrich blickte ihnen nachdenklich nach. »Auch ein Zeichen,« murmelte er, »wie anders ich dastehe in der Meinung der Menschen als im vorigen Jahre.« »Da habt Ihr Recht, gnädiger Herr,« bemerkte der Marschalk. »Einer Sache, die es für sieglos hält, schließt sich solches Volk nicht an, auch nicht für Geld. Die Furcht vor dem Könige hat sich abgestumpft, da er zweimal diese Burg nicht gewonnen hat.« »Goldacker,« sagte der Fürst und legte seine Hand schwer auf des Ritters Schulter, »dir habe ich viel, sehr viel zu danken. Kommen wir aus diesem Kriege, du und ich, und ich sitze fest auf dem Landgrafenstuhle – bei Gott, dann sollst du noch ein Lehn erhalten zu dem, als du schon hast, in dem dein Name soll zur Wahrheit werden. Es soll ein goldener Acker sein.« Der Marschalk neigte sich und wollte eben etwas erwidern, da wurden ihrer beider Blicke durch ein sonderliches Schauspiel gefesselt. Durch das Tor bewegte sich eine von Eseln getragene Sänfte, zu deren beiden Seiten je ein Bürger von Eisenach barhaupt schritt und in der sich ein weißhaariger, ebenfalls barhäuptiger Mann befand. »Es ist der alte Ditmar Hellgrave,« sagte erstaunt der Landgraf. »Ein alter Getreuer unseres Hauses während sein Sohn ein Wühler und Hetzer ist.« Er schritt rasch auf die Sänfte zu, die hinter dem Tore Halt gemacht hatte und der nun der Greis mit verhältnismäßiger Behendigkeit entstieg. »Was bringst du mir, Ditmar Hellgrave?« Der Alte ließ sich auf ein Knie nieder. »Herr, den Frieden!« sagte er. »Wer sendet dich?« »Der Rat und die gemeine Bürgerschaft von Eisenach.« »Wie kommt das?« »Herr, es war vorgestern eine wilde Ratssitzung, da des Königs Feldhauptmann gefangen war und des Reiches Heer von dannen zog. Die Ratsmannen einigten sich dahin, daß es nun besser sei, den Frieden mit unserm gnädigen Herrn zu suchen.« »Ach so, nun bin ich wieder Euer gnädiger Herr.« »Mir seid Ihr das immer gewesen,« entgegnete der Altbürgermeister. »Ja, dir, das ist wahr! Stehe auf, Ditmar Hellgrave. Aber warum kommen die Bürgermeister und Schöffen nicht selber?« »Herr, sie meinen, mein Wort werde bei Euch eine gute Stätte finden. Denn Ihr wißt, ich bin dem, der als Landgraf hier gebot, immer treu und gewärtig gewesen!« »Das bist du gewesen, Hellgrave. Und bätest du für dich um eine Gnade, wahrlich, ich würde nicht nein sagen. Aber für Eisenach sollen die bitten, die Eisenachs übelberatene Herren waren bis hierher. Sie sollen selber ihre trotzigen Nacken beugen, und nicht den Frieden sollen sie suchen, sondern ihre Unterwerfung anzeigen. Die Stadt ist im Aufruhr wider mich, nicht im Kriege. Du weißt, ich bin nicht grausam und werde mit mir reden lassen, wenn sie mich bitten. Aber unterwerfen müssen sie sich, ohne jede Bedingung, auf Gnade und Ungnade. Das sage denen, die dich gesandt haben. Du aber gehe hin in Frieden.« Der Alte schwieg ein paar Augenblicke, dann sagte er trocken: »Recht so. Wär' ich an Eurer Stelle, tät ich's auch so machen. Gehabt Euch wohl, gnädiger Herr.« Er beugte sein Knie noch einmal, wandte sich um und stieg schwerfällig in seine Sänfte. Der Landgraf schaute ihm lachend nach. »Das läßt sich gut an,« sagte er. »Ob sie wohl den Mut finden werden, vor mir zu erscheinen und sich auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen?« »Allsogleich schwerlich, gnädiger Herr,« versetzte Goldacker. »Die jetzt das Regiment halten in der Stadt, die werden Himmel und Hölle in Bewegung setzen, daß sie dem entgehen. Und es wird ihnen wohl noch einmal gelingen. Die Stadt ist des Krieges satt, aber sie ist noch nicht mürbe genug. Sie haben gar zu schön geträumt von Eisenach, des Reiches freier Stadt. Ganz und gar werden sie sich noch nicht ducken.« Darin behielt der Marschalk Recht. Nach Frieden sehnten sich die Eisenacher, aber sich auf Gnade und Ungnade ergeben, das wollten sie doch nicht. Sie schlossen daher ihre Tore und sandten von neuem flehentliche Bitten um Hilfe an den König. Aber ihre Angst war groß, und in jeder Weise hüteten sie sich, den Landgrafen zu reizen. Die auf der Wartburg hatten vor ihnen vollkommene Ruhe. Viel wertvoller freilich war es für Friedrich, daß sich jetzt überall im Lande Leute für ihn erklärten, die bisher scheu zur Seite gestanden hatten. Viele kleine Schildträger besannen sich mit einem Male darauf, daß sie ja eigentlich dem Herrn, der auf der Wartburg thronte, zur Heeresfolge verpflichtet seien, und kamen nun herbei, um ihre Lehnspflicht zu erfüllen. Meist brachten sie nur wenige Knechte und Pferde mit, aber zusammen bildeten sie doch eine ganz stattliche Zahl wohlbewaffneter und kriegstüchtiger Männer. Ja, es geschah, was Friedrich wenige Wochen vorher für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten hätte, zwei der Großen des Landes traten offen auf seine Seite. Graf Otto von Lobedaburg, Frau Elses Vetter, kam mit vierzig geharnischten Reitern und brachte ebensoviele mit vom alten Vogt Heinrich von Weida, der selbst seines Alters wegen nicht mehr zu Felde zog. Friedrich fiel seinem Vetter um den Hals, als er vor ihm auf der Wartburg erschien, und es fehlte wenig, daß er vor Freuden weinte. »Gesegnet seist du für deine Hilfe!« rief er, »dir und Herrn Heinrich von Weida werde ich das bis an meinen Tod gedenken!« »Wisse, Landgraf,« erwiderte der Lobedaburger, »wie wir, so denken viele, ja die allermeisten. Aber noch fürchten sie sich und wagen sich nicht hervor. Selbst die von Orlamünde möchten dich am liebsten als Oberherrn in Thüringen anerkennen, ich sprach mit dem in Weimar und mit dem auf dem Lauenstein. Gelänge dir's einmal, das Heer des Königs in einer Feldschlacht zu überwinden, auf der Stelle fiele dir ganz Thüringen zu.« »Das fehlte nur noch, Vetter,« rief Frau Else erschrocken, »daß du meinem Manne zu einer Feldschlacht zuredest. Er sinnt leider ohnedies auf nichts anderes.« Der Landgraf lächelte. »Da redest du recht. Nichts ersehne ich heißer. Aber ich bin noch nicht soweit.« »Fehlen dir noch Leute?« fragte der Lobedaburger. »Viel mehr, als ich habe, werden mir schwerlich zuziehen, und an Zahl werde ich des Königs Heer niemals erreichen.« »Aber du willst es wagen?« »Auf jeden Fall.« »Wahrlich, du bist ein kühner Mann und wert, der Thüringer Hauptmann und Oberherr zu sein!« »Nein, Vetter, so sollst du nicht reden!« rief Frau Else und faßte mit beiden Händen ihres Mannes Rechte. »Du sollst ihn nicht noch anfeuern, denn tollkühn ist es, wenn der Schwächere dem Stärkeren im Felde entgegen treten will.« »Das sage nicht,« entgegnete der Landgraf sehr ernst. »Ich war tollkühn in meiner Jugend, jetzt bin ich's nicht mehr. Ich stelle mich nur zur Schlacht, wenn die Gegend mir günstig ist, und ich greife nur an, wenn ich den König überrumpeln kann. Sonst kann ich der großen Überzahl nicht widerstehen, viel weniger siegen. Doch nun kommt zum Abendschmause. Du mußt vorlieb nehmen, Vetter von Lobedaburg, mit dem, was du findest. Ein Feldlager ist die Wartburg jetzt, nicht wie sonst ein fürstliches Hoflager.« »Von Essen setze mir vor, was du willst. Nur wenn ein guter Wein fehlte, würde ich trauern,« erklärte der wackere und trunkfeste Lobedaburger. »Dann freue dich vielmehr in deinem Herzen,« rief der Landgraf lachend. »An gutem Wein ist mein Keller noch immer überreich, und auch ich bin so gestimmt in meinem Gemüte, daß ich mehrere Becher leeren möchte bis auf den Grund.« Es erhob sich in der Tat ein schweres Zechen, als die Abendmahlzeit vorüber war und Frau Else sich zurückgezogen hatte. Friedrich erschien so heiter und aufgeräumt, wie ihn lange niemand der Seinen gesehen hatte, und Hermann Goldacker hätte sich um ein Haar einen schweren Rausch angetrunken. Es war aber weniger der gewaltige Frankenwein, der ihn überwältigte, sondern die Ehre, die ihm widerfuhr, brachte seine tapfere Seele aus dem Gleichgewicht. Denn der Landgraf ließ ihn zwischen sich und dem Lobedaburger Grafen auf einem erhöhten Herrensitze Platz nehmen, was einem Dienstmann, auch wenn er von ritterlichem Herkommen war, sonst nie geschah. Nach Mitternacht drängte sich der Ritter Günther von Schlotheim, der gerade die Wache hatte, an den Landgrafen heran und flüsterte ihm zu: »Herr, es steht einer draußen und will Euch sprechen!« »Jetzt? Wer ist's?« fragte Friedrich befremdet. »Herr, ein Mönch. Er kam mit zwei Begleitern auf Saumtieren ans Tor und sagte, er habe eine wichtige Kunde für Euch. Die Kapuze hat er übers Gesicht gezogen, und seinen Namen will er nur Euch offenbaren!« Friedrich stand sogleich auf, entschuldigte sich wegen seines Fortgehens bei dem Lobedaburger und folgte verwundert dem Ritter. Als er in sein Gemach trat, sah er einen verhüllten Dominikaner vor sich, den zwei Knechte bewachten. Er blickte ihn scharf an. Etwas in der Haltung des Mannes kam ihm bekannt vor. »Wer seid Ihr?« fragte er neugierig. »Entfernt die Knechte, Herr Landgraf von Thüringen. Ihr seht, ich bin unbewehrt, Euch droht keine Gefahr. Aber ich muß ohne Zeugen mit Euch reden.« Wunderlich! Auch die Stimme des Verhüllten hatte er sicher schon gehört, und doch erkannte er ihn nicht. Aber warum sollte er ihn fürchten? Nur ein Wahnsinniger konnte den Versuch machen, ihn hier zu überfallen. So gab er denn seinen Leuten einen Wink und war gleich darauf mit dem Mönche allein. Der schob sofort seine Kapuze zurück, und Friedrich sah sich dem Domherrn von Aspelt gegenüber. Er war aufs höchste überrascht. »Gott zum Gruße, Herr Domherr!« rief er und streckte ihm die Hand entgegen. »Wie kommt Ihr in dieser Kutte und um diese Stunde auf die Wartburg?« »Ich bin am Nachmittag mit zwei Predigermönchen nach Gotha zu gezogen. Den Bürgern sagt' ich, daß ich nach Erfurt wolle. Das Geleit der Stadt verbat ich mir. Trotzdem war mir's, als ob mir einige folgten bis über das Dorf Schönau hinaus, denn der Hinz Hellgrave mißtraut mir seit einiger Zeit. Als ich merkte, daß sie nicht mehr hinter mir her waren, wartete ich die volle Nacht ab in Sättelstädt und bin nun hier, um Euch eine Botschaft zu bringen von meinem Bruder. Zu schreiben wagt' ich's nicht, sie sehen jetzt in Eisenach mit großem Argwohn auf die gesamte Geistlichkeit.« »Da habt Ihr einen weiten Weg hinter Euch. Soll ich Euch nicht Wein bringen lassen und einen Imbiß?« »Gebt mir nachher einen Becher Weines, ehe ich mich zur Ruhe lege, und meinen Begleitern ebenso. Denn behalten müßt Ihr uns die Nacht und morgen noch verbergen oder fortbringen. Der Ritt durch die Nacht wird meinen Gliedern sehr schädlich sein, und ich werde schlafen, wie ein Toter, denn ich bin der Strapazen ungewohnt.« »Es muß nichts Geringes sein, was Euch zu mir führt.« »Nein, wahrlich, ich habe Euch viel zu künden. Also hört zu, edler Herr, was Euch mein Bruder vermelden läßt: Das Heer des Königs ist vollzählig und bricht von Nürnberg auf am Sankt Georgentage.« »Teufel!« rief der Landgraf und fuhr empor. »Das wäre übermorgen.« Der Domherr nickte. »Der Zug geht über Hof und Greiz nach Altenburg. Zieht der König selbst mit aus, so führt er das Heer. Bleibt er daheim – er ist unpaß, und es könnte sein, daß ihn das hindert –, so treten alle seine Ritter und Fähnlein unter den Befehl des Küchenmeisters von Nortenberg, der jetzt Altenburg hält. Alle die Herren aus Meißen, die Euch gram sind, der Burggraf von Meißen, der Burggraf von Leisnig und andere, sollen mit ihrem ganzen Aufgebote zu ihm stoßen.« Der Landgraf machte eine heftige Bewegung, aber er schwieg. »Von da,« fuhr Aspelt fort, »geht's nach Leipzig. Euer Bruder wird aufgefordert, die Stadt zu übergeben, sonst soll sie gestürmt werden.« Der Landgraf lachte rauh auf. »Das wird ein saures Stück Arbeit werden. Wir haben sie gut befestigt, und die Bürger sind treu.« »Das weiß der König,« sagte Aspelt mit schlauem Lächeln und nahm eine geheimnisvolle Miene an. »Und deshalb hat er Nortenberg den Befehl gegeben, nicht lange seine Kraft an der Stadt zu probieren. Er soll die darin schrecken und ängstigen, indem er das Land umher barbarisch verwüstet, alle Dörfer und Städtlein niederbrennt. Aber wenn sie sich ihm nach drei Tagen nicht ergeben, so soll er weiterziehen.« Friedrich lachte noch einmal. »Drei Tage? Leipzig ist auf acht Wochen mit Brot und Fleisch versehen!« »An Leipzig liegt ihm nur wenig. Er meint, das müsse später doch noch fallen. Sein letztes Ziel ist dieser Berg. Die Wartburg will er, denn er weiß das alte Wort und glaubt fest daran: Wer die Wartburg hat, der hat Thüringen. Auch meint er, daß Ihr Euch hier mit den Euren bergen werdet vor seiner Macht.« »Daß wir Weilnau haben, weiß er gewiß noch gar nicht, und daß wir den mörderischen Schuft über das Tor hängen, wenn er stürmt, das weiß er auch nicht,« sagte der Landgraf finster. »Meint nicht, erlauchter Herr, daß Ihr dadurch des Königs Gemüt bewegen könnt, von der Wartburg abzulassen. Der Graf von Weilnau stand bei dem Könige in Gunst, weil er ihm ein tüchtiger Feldhauptmann war. Nun, da er gefangen und sein Heer auseinandergelaufen ist, wird er bei ihm wohl nicht mehr hoch im Preise stehen. Der Habsburger liebt, die seines Blutes sind, sonst keinen Menschen in der Welt.« Der Landgraf blickte eine Weile nachsinnend vor sich hin, dann sagte er: »Ihr habt eine wichtige Kunde gebracht, Domherr von Aspelt. Ich bin Euch und Eurem Bruder zu sehr großem Danke verpflichtet, und Ihr könnt gewiß sein, daß ich Euch solches nimmer vergessen werde.« »Wir hoffen, daß wir Euch auch im Felde wohl bedienen können,« erwiderte der Domherr. »Kommt einer zu Euch und trägt Euch eine Kunde zu mit der Losung »Johann von Schwaben«, so traut ihm unbedingt.« »Des bin ich über die Maßen froh und danke Euch nochmals,« rief Friedrich. »Darf ich Euch jetzt einladen, drüben mit uns einen Becher Weines zu trinken? Wir feiern ein Fest, weil mein Vetter, der Lobedaburger, mir zugezogen ist.« »Am des Himmels willen! Bringt mich lieber sogleich in ein Bett, Herr Landgraf, denn alle meine Glieder sind mir wie zerschlagen. Ihr könnt mir keine größere Wohltat erweisen.« »Ganz wie Ihr wollt,« gab Friedrich zur Antwort, lief nach den Dienern und geleitete den Domherrn selbst nach den Gastgemächern des Schlosses. Dahin wurde gerade auch der Vetter von der Lobedaburg gebracht, der sich einen gewaltigen Rausch angetrunken und den Gebrauch seiner Glieder zum größten Teile verloren hatte. Friedrich ging noch lange im Hofe auf und nieder und ließ sich den kühlen Nachtwind um die Stirne wehen. Er entwarf in dieser Stunde seinen Feldzugsplan, soweit er sich entwerfen ließ. Sein Lager suchte er erst auf, als die schärfere Luft das Kommen des Tages kündete, und sein Schlummer war kurz. Als er dann beim Morgenimbiß mit seiner Gemahlin allein war, weihte er sie in alles ein, was der Domherr ihm berichtet hatte. »Darfst du den Aspelten auch wirklich trauen?« fragte Frau Else unruhig. »Sie sind ungetreue Leute. Wer seinen Herrn verrät, der verrät vielleicht auch dich, wenn's sein Vorteil will!« »Wenn's sein Vorteil will,« wiederholte Friedrich. »Da liegt eben der Hase im Pfeffer. Nein, ich traue ihnen sonst nimmermehr, denn der Erzbischof ist ein Wolf und der Domherr ein Fuchs. Aber ihr Vorteil ist der meine. Sie möchten, daß der König Krone und Land verlöre, und ich kann mich auf sie verlassen. So werde ich die Wartburg wohl verwahren, aber mich selber mit soviel Leuten, wie ich aufbringen kann, nach Leipzig werfen. Und da du nirgend anderswo sicherer weilen kannst, so wirst du mich mit unserem Kinde nach Leipzig begleiten, es sei denn, daß du nach Erfurt ins Kloster wolltest.« »Nimmermehr!« rief Frau Else. »Willst du mich mit dir nehmen, so folge ich mit Freuden.« »Dann bereite alles vor. Gegen Abend reiten wir nach Gotha und ziehen die an uns, die auf dem Tenneberg sind. Morgen in der Frühe brechen wir dann nach Leipzig auf.« XXI. Am Tage des heiligen Adalbert zog das landgräfliche Paar mit mehr als zweihundert Geharnischten zu Roß in Leipzig ein. Die Fußknechte folgten einen Tag später unter der Führung Hermann Goldackers. Der Marschalk hatte flehentlich gebeten, ihn diesmal ins Feld mitzunehmen, und Friedrich hatte seinen Bitten gewillfahrt. Eine Gefahr für die Wartburg bestand zurzeit nicht, da der König kein Belagerungsheer entsenden und die Eisenacher allein ihr nichts anhaben konnten. Die Kraft Hermann Goldackers war droben jetzt entbehrlich und mochte im Felde mehr nützen. Darum hatte Friedrich den alten Teutleben zu ihrem Vogt ernannt, von dessen unbedingter Treue und Vorsicht er überzeugt war. Am anderen Tage musterte Friedrich auf dem Markte alle Streitkräfte, die er um sich gesammelt hatte, und es ergab sich, daß er außer den Leipziger Bürgern ungefähr vierhundert Geharnischte zu Pferde und gegen tausend Knechte zu Fuß besaß. Die Bürger der Stadt konnte er für eine Feldschlacht nicht rechnen, denn sie mußten daheim bleiben und die Mauern behüten. Das war keine große Macht, und er wußte wohl, daß unter des Königs Bannern gegen neunhundert gepanzerte Reiter und drei bis viertausend Knechte gegen ihn heranzogen. Sein siecher Bruder Diezmann, der sich in einer Sänfte zur Musterung hatte tragen lassen, verfiel, als er von der Anzahl der königlichen Streiter hörte, in die tiefste Hoffnungslosigkeit. »Du kannst gegen sie im freien Felde nimmermehr aufkommen,« sagte er. »Bleibe hinter den Mauern der Stadt, es wird dir selbst hier schwer werden, der großen Macht zu widerstehen!« »Hörst du, Friedrich,« fiel Frau Else ein, »dein Bruder rät dir, was ich dir immer geraten habe. O lasse deinen starren Sinn erweichen!« »Ich suche die Schlacht, sobald es möglich ist,« erwiderte Friedrich bestimmt. »Und verlierst Land und Leute,« murrte der Kranke. »Oder sogar Freiheit und Leben!« rief die Landgräfin mit bebender Stimme. »Ach Friedrich, laß dich warnen!« »Ich sage dir, was ich dir neulich schon sagte: Nicht tollkühn stürze ich mich in die Gefahr, aber ich kann nur siegen, wenn ich das Heer des Königs im Felde schlage, und deshalb suche ich die Entscheidung. Er vernichtet mir sonst mein Land, denn er brennt die Dörfer nieder und erweckt von neuem so große Furcht, daß sich auch die ihm anschließen, die ihn hassen und verfluchen. Ich besorge, aus schnöder Angst vor diesem Könige wird noch mancher von mir wieder weglaufen, der mir zugezogen ist.« »Ich hoffe eher, daß viele dir zufallen werden, wenn sie sehen, wie böse und grausam er ist,« entgegnete Frau Else, und merkwürdigerweise behielt sie recht. Die Furcht, die das heranrückende Heer des Königs erregte, schlug bald in Erbitterung und in wilde Rachsucht um. Denn die Kriegführung dieser zuchtlosen Söldnerhaufen sprach aller Menschlichkeit Hohn. Mit unendlicher Langsamkeit wälzten sie sich vorwärts. Jedesmal, wenn sie einen Tagemarsch hinter sich hatten, schlugen sie ein Lager auf und brandschatzten und raubten von dort aus in allen Dörfern und Städten der Umgebung. Nichts war sicher vor ihrer wilden Gier, nicht die Kirchen und Kapellen, ja nicht einmal die Ruhestätten der Toten, denn vielfach brachen sie die Grüfte auf, um nach Schmucksachen zu wühlen. Greulich waren die Roheiten, die sie an Frauen und Jungfrauen verübten, und mit Entsetzen erzählte sich das Volk, daß sie sogar die Gottesbräute in den Klöstern nicht verschonten. Das Getreide führten sie auf Wagen mit sich fort, die Herden trieben sie hinweg, und in die leeren Ställe und Scheunen warfen sie die Brandfackeln. Oft war die ganze Gegend erfüllt von dem Dunst und Rauch, der von den eingeäscherten Höfen emporstieg. Da bemächtigte sich des geschundenen und bis aufs Blut gequälten Landvolkes eine grenzenlose Wut. Sie bargen Weiber und Kinder in den Wäldern, so gut sie's vermochten; die Männer aber griffen zu den Waffen und lauerten denen auf, die sich etwa einzeln oder in kleinen Trupps von dem Heere des Königs der Plünderung wegen entfernten. Mit Harken, Sensen und Heugabeln fielen die Bauern über sie her, stachen und schlugen sie zu Tode wie die tollen Hunde. Die Kräftigsten und Verwegensten aber liefen nach Leipzig und verstärkten des Landgrafen Heer. Ja selbst ritterbürtige Mannen zogen ihm freiwillig zu, weil sie hofften, daß er dem Greuel ein Ende setzen werde. Wie zum Hohne auf das Treiben der eigenen Leute emeuerte der König in diesen Tagen seinen Achtbrief wider die Gebrüder von Wettin, worin er sie Verderber, Verwüster und Verstörer des Reiches nannte. Er setzte sie noch einmal aus allem Frieden, drohte jedermann die schwersten Strafen an, der sich zu ihnen halte und ihnen beistehen würde, sicherte jedem Straflosigkeit zu, der sich an ihren Gütern sowie an ihrem Leib und Leben vergriffe. Friedrich lachte, als ihm ein solcher Achtbrief gebracht ward, den eine unbekannte Hand nächtlicherweile an das Grimmaische Tor geheftet hatte. Aber er gab doch den strengen Befehl, Frau Else davon nichts zu sagen, und er entschloß sich, ein feines Panzerhemde unter seinen Kleidern zu tragen, wenn er ausging. Es stammte aus der Erbschaft seiner Mutter, und es ging die Sage, der Rotbart habe es getragen, als er in Italien wider die Städte kämpfte. Das gedieh ihm zu großem Heile und rettete ihn aus der schwersten Gefahr, in der sein Leben jemals geschwebt hatte. Eines Abends nämlich, als er von einem Rundgange um die Stadtmauer kam, lüstete es ihn, noch einzutreten in die Kirche zu Sankt Thomae und dort vor dem Hochaltare ein stilles Gebet zu verrichten. Er ließ sein Gefolge vor der Tür stehen und schritt über die Schwelle des Gotteshauses, dessen riesiges Gewölbe durch die seitwärts einfallenden Mondesstrahlen und die Lichtstrahlen der ewigen Lampen bei den Altären nur notdürftig beleuchtet war. Auf den Stufen des Hochaltares ließ er sich auf die Knie nieder und betete so andächtig und inbrünstig, daß er die Zeit und alles um sich her vergaß. Plötzlich aber hörte er ein paar auf den Steinfließen des Bodens scharf widerhallende, schnelle Tritte hinter sich, und ein so furchtbarer Stoß traf seinen Rücken, daß er vornüber auf die Stirn siel. Ohne einen Laut stürzte der Meuchler von dannen und suchte durch die Seitentür den Ausgang zu gewinnen, aber hier prallte er mit dem Marschalk von Helldorf zusammen; der hatte nebst Friedrich und Günther von Schlotheim den Fürsten begleitet und wollte nun sehen, wo der Herr so lange verweilte. Helldorf wurde durch den unvermutet Anstürmenden ein paar Schritte zur Seite geschleudert, aber er sprang ihm nach und warf sich mit einem lauten Schrei auf ihn, denn er hatte sofort begriffen, was geschehen war. Da hob der Fremde den rechten Arm hoch empor und stieß seinem Verfolger das Messer mit voller Wucht in die Brust. Mit einem schrillen Weheruf sank Helldorf nieder, aber die beiden Schlotheim waren nun auch zur Stelle, und Günther streckte mit einem Faustschlage den Mörder zu Boden, so daß er regungslos liegen blieb. Dann sprang er aus der Tür und schrie nach den Knechten. Sofort eilten die mit zwei Windlichtern herbei. Friedrich hatte sich inzwischen von seinem Fall erholt und kam nun langsam auf die Männer zugeschritten. Von seiner Stirn rieselte das Blut, denn er hatte sich an einer Kante das Haupt verletzt. Tief erschüttert blickte er auf Helldorf nieder, der blaß und stumm am Boden lag, ohne sich zu rühren. »Sofort mit ihm hinüber ins Chorherrnstift!« gebot er. »Holt einen Wundarzt und einen Priester, daß er beichte, wenn's etwa zu Ende geht. Mein Gott, welch ein Geschick! Der blühende Mann! Hebt ihn auf! Schnell, ich gehe selber mit hinüber!« »Um Gottes willen. Euer Gnaden bluten ja auch!« rief Friedrich von Schlotheim aufs höchste erschrocken. »Eine Schramme! Das hat nichts zu sagen. Der Allmächtige hat mich vor Schlimmerem beschützt.« Er stieß mit dem Fuße an den Mörder, der noch immer bewußtlos lag. »Den Schuft hier verwahrt wohl. Hat er seine Sinne wieder, so wollen wir ihn auf der Stelle peinlich befragen.« Noch im Heraustreten fügte er hinzu: »Schlotheim, sorge, daß meine Frau es von niemandem erfährt, bevor ich selbst es ihr erzähle.« Der verwundete Helldorf lag einige Minuten später auf dem Bette eines der Thomanerchorherren, und ein Arzt untersuchte die Wunde. Aber als er die kleine Öffnung sah, der nur wenige Blutstropfen entquollen waren, schüttelte er kummervoll den grauen Kopf. »Da ist gar nichts zu machen. Er verblutet sich innerlich. Hier ist nur noch ein Beichtiger von Nöten, wenn er noch zur Besinnung kommt.« »Ist das zu denken?« fragte der Landgraf. »Es ist möglich, Herr!« »Dann werde ich mich an sein Lager setzen und harren,« sagte der Abt des Thomasklosters, ein feiner, stattlicher Greis mit einem überaus gütigen und würdevollen Antlitz. »Und ich warte im Nebenraume,« versetzte Friedrich. »Ich will zusehen, ob ich noch ein Wort mit ihm reden kann. Er stirbt in meinem Dienst und war mir ein treuer Mann.« Er setzte sich in dem dunklen Gemache auf eine niedere Bank und versank in kummervolle Gedanken. Das Schicksal Helldorfs ging ihm sehr zu Herzen, denn er schätzte den jungen Ritter um seiner ehrlichen Gradheit und seines Mutes willen. Seine Schwärmerei für Frau Else war ihm nicht entgangen, aber er war stets weit davon entfernt gewesen, ihm deshalb zu zürnen. Er hatte darüber gelächelt, denn seines Weibes war er ganz sicher, und einem edlen jungen Degen stand es wohl an, einer erlauchten Dame Herz und Leben zu weihen. Das taten ja so viele, die sich hohen Rittertumes für würdig erachteten und nichts gemein haben mochten mit dem großen Haufen jener sogenannten Adeligen, die ihren Kohl daheim auf ihren Sitzen bauten, Hasen und Füchse hetzten oder gar vom Stegreif lebten. Der Frauendienst gab ihrem Leben Schwung und erhielt sie in ritterlicher Zucht und höfischem Wesen; sonst war er ein Spiel der Phantasie und artete nur dann in etwas anderes aus, wenn die erwählte Herrin zu großen Gefallen an ihrem Ritter fand. Nun, davon war bei Frau Else nicht die Rede gewesen, das wußte er genau. Sie hatte für den Sterbenden dadrinnen nichts anderes empfunden, als ein herzliches, freundliches Wohlwollen – und doch, wie furchtbar mußte sie die Kunde erschüttern! Ihr erster Diener unter dem Messer eines Mörders verblutet, ihr Gemahl selber mit genauer Not wie durch ein Wunder demselben Messer entgangen! Er, der kraftstrotzende Mann, um ein Haar dem Schicksale verfallen, das seinen Bruder Diezmann getroffen hatte, oder jetzt schon tot und kalt! Mit welchem Gegner kämpfte man da? Von wem ging der im Finstern schleichende Mord aus? War das die Folge der Acht, die der Habsburger gegen ihn geschleudert hatte? Feile, tückische, ruchlose Gesellen suchten Lehn und Ehren beim Könige, der ihn verfehmt hatte, wenn sie ihn heimlich aus dem Wege räumten, und nirgendwo war das leichter als in einer Stadt mit ihrem Gewirr von Gassen und Gäßchen und Durchgängen, ihren Kirchen und Klöstern, Kolonnaden und unterirdischen Gängen. Die Bürgerschaft mochte wohl treu sein, aber wer kannte alle die Leute, die in der Stadt waren? Was für Gesindel mochte sich da verborgen halten oder sich gar unter denen befinden, die seinen Sold genommen hatten? Und konnte sich nicht auch einmal ein Mordstahl gegen die Brust seines Weibes richten? Und war er mit den Seinen vor Gift sicher? Er sprang auf und blickte wild um sich, und mit einem Male reute es ihn heftig, daß er Frau Else nicht auf der Wartburg gelassen hatte. Dort auf dem steilen Felsen, hoch über der Welt und inmitten ihrer Getreuen wäre sie sicherer gewesen als an jedem anderen Orte. Da klang von der Türe her die Stimme des alten Abtes an sein Ohr: »Herr, er will mit Euch reden.« Mit hastigen Schritten eilte der Landgraf in das Gemach, wo der Sterbende lag. Helldorfs Antlitz war bleich wie Schnee, seine Augen waren schon umflort, und Friedrich mußte sich tief zu ihm herniederbeugen, um zu hören, was er flüsterte. »Ihr seid gerettet, Herr?« fragte der Ritter. »Ja.« »Und die Wunde auf Eurer Stirn?« »Sie hat nichts zu bedeuten, kommt von einem Falle.« »Das ist gut. Herr, hört mich: Der Stich, der mich traf, ging durch den Handschuh Eurer Frau. Ich trug ihn immer auf dem Herzen.« »Das wußt' ich wohl,« erwiderte der Landgraf lächelnd. »Sie war meine Herrin, ich ihr getreuer Knecht. Ich ehrte und liebte sie, so wie die Menschen die Sonne lieben, ohn' alles Begehren.« »Auch das ist mir bewußt. Daran ist kein Tadel,« sagte Friedrich mild. »So sagt der Herrin meinen letzten Gruß! Und Herr« – hier trat der Ausdruck einer großen Angst in seine Züge – »bringt sie fort von hier. Bringt sie auf die Wartburg. Hier lauert der Mord – auch Euer Bruder– –« Er konnte den Satz nicht vollenden, denn ein Röcheln setzte ein, und er sank schwer in die Kissen zurück. »Wahrlich!« rief der Landgraf laut, »das gelobe ich dir, Martin Helldorf, noch morgen geht sie zurück nach der Wartburg!« Ob der Sterbende sein Wort verstanden hatte oder nicht, war nicht zu erkennen, denn gleich darauf brach ein Blutstrom aus seinem Munde. Er bäumte sich noch einmal auf, richtete die verglasenden Augen nach oben und war tot. Der Abt sank sogleich vor seinem Lager in die Knie und sprach die Worte des heiligen Pater noster. Friedrich blieb mit gefalteten Händen stehen, bis sie verklungen waren. Dann trat er rasch an den Toten heran und drückte ihm die Augen zu. »Du warst ein treuer Mann, Martin Helldorf,« sagte er bewegt. »Mögen die Engel deine Seele in den Himmelssaal tragen! Und ob du mich gehört hast oder nicht: ich halte meinen Eid!« Darauf verließ er mit festen Schritten das Gemach. XXII. Friedrich wollte sich schnurstracks zu seiner Gemahlin begeben, aber er wurde unterwegs aufgehalten. Als er die Zugbrücke der Burg überschritten hatte, traf er im Torbogen Hartmut von Beulwitz, der mit einem halben Dutzend Knechte auf ihn wartete. »Herr,« meldete der Rottenführer, »wir haben einen Menschen angehalten, der uns verdächtig erschien. Er drang in den Hof und fragte nach Euer Gnaden.« »So bring' ihn her!« »Dort sitzt er, Herr,« erwiderte Beulwitz und wies auf einen Mann, der im Dunkeln auf einem Steine saß. Man hatte ihm Hände und Füße gebunden, und er blickte trotzig vor sich nieder. »Wer bist du?« fragte ihn der Landgraf. »Einer, der besseren Empfang verdient hätte, Herr,« versetzte der Gefangene. »Ich dachte, die Meißner und Thüringer wären höfliche Leute, aber mich haben sie behandelt wie einen Mörder und Dieb, ohn' allen Grund. Und vorher, ehe ich in die Stadt kam, hätten mich die wütenden Bauern beinah' totgeschlagen. Mit Mühe bin ich ihnen entgangen.« »Und was suchst du bei mir?« »Ich suche nicht, ich bringe. Eine Botschaft bring' ich, Herr, die Ihr längst erwartet.« »Wer sendet sie?« »Einer, den Ihr wohl kennt, hat mir geheißen, das Heer zu begleiten als geworbener Knecht. Sonst bin ich ein ganz anderer Mann, das glaubt mir. Ich selbst sollte die Gelegenheit erkunden, wo ich Euch nützen könnte, und ich habe sie gefunden.« Der Landgraf trat hart an den Gefangenen heran. »Die Losung?« fragte er halblaut. »Johann von Schwaben.« »Nehmt ihm die Fesseln ab!« gebot Friedrich. »Sieh nicht sauer, guter Freund, daß du sie hast tragen müssen, du sollst dafür entschädigt werden! Komm hierher und sage mir, was du mir zu künden hast.« Er zog ihn ein Stück in den Hof hinein. »Herr, was ich Euch künden will, ist dies: Des Königs Heer lagert seit heute bei Lucka. Der König selbst ist nicht dabei, er mußte zurück nach Nürnberg. Den Befehl hat der Küchenmeister von Rotbenburg, den sie auch den Nortenberger nennen. Morgen bleibt das Heer bei Lucka stehen, um zu rauben, übermorgen aber nach dem Mittag zieht es auf Zwenkau und will das Städtlein verbrennen. Die Straße, die nach Zwenkau führt, ist bei Kobschütz ganz von Wald eingeschlossen, wie Ihr wißt. Dort könnt Ihr am besten über sie herfallen.« »Wer bist du?« fragte der Landgraf erstaunt. »Du bist ein Kriegsmann.« »Mein Name ist verschollen, Herr. Ich habe mich dem hochwürdigen Herrn von Mainz gelobt zu jedem, auch dem schwersten Dienste, weil er mir für eine blutige Tat Absolution verschafft hat bei unserem heiligen Vater in Rom. Wie ich auch früher hieß, jetzt bin ich Kunz, sein geringer Knecht.« »Ich dringe nicht in dich. Du hast mir einen großen Dienst erwiesen und meinen Dank verdient. Ist deine Nachricht wahr, so sind hundert Gulden dafür nicht zu viel.« »Ich diene nicht um Lohn, Herr,« versetzte der Namenlose stolz. »Das wird sich finden,« sagte der Landgraf. »Beulwitz, komme hierher,« gebot er dann. »Nimm diesen Mann in ritterliches Gewahrsam, in ritterliches, hörst du? Er hat mir eine Botschaft gebracht, für die er eine goldene Kette verdient, wenn sie wahr ist, und den Tod auf dem Rade, wenn sie unwahr ist. Übermorgen, guter Freund, reden wir darüber,« wandte er sich an den Fremden. »Als Mann, der die Welt kennt, wirst du einsehen, daß ich dich vor der Hand verwahren muß.« In ganz anderen Gedanken als vorher schritt er dem Schlosse zu. Der Tod Helldorfs, der mörderische Überfall auf ihn selbst – das alles trat jetzt in seinem Geiste mit einem Male weit zurück vor der Aussicht auf die nahe Entscheidung, die sich ihm eröffnet hatte. Er kannte die Gegend wohl, sie war für ihn wie geschaffen. Mehrere Stellen dieser Straße waren zu einem Überfalle aufs beste geeignet. Es drängte ihn, Hermann Goldacker und Dietrich von Werthern zu sich bescheiden zu lassen und sich mit ihnen, seinen kriegskundigen Vertrauten, über alle diese Dinge zu besprechen. Aber nach kurzem Zögern trat er doch zunächst bei seiner Gemahlin ein. Frau Else schrie vor Entsetzen laut auf und umklammerte seinen Hals, als er ihr von dem Dolchstoß erzählte, der sein Leben bedroht hatte, und bei der Nachricht von Helldorfs Tode brach sie in bittere Tränen aus. Sie weinte, an die Brust ihres Gatten geschmiegt, so unaufhaltsam, daß der Landgraf endlich ernsthaft fragte: »Was war er dir?« »Mir?« fragte sie, erstaunt zu ihm aufblickend. »Was er dir war, ein werter, treuer Mann. Es ist schrecklich, daß er so sterben mußte! Und ach, die arme Irmgard Werthern! Sie hat ihn so lange schon lieb gehabt, und er hätte sie wohl auch geheiratet. Ich gab mir seit langem Mühe, die beiden zu einem Paar zu machen. Und seine beiden jungen Brüder, denen er wie ein Vater war, wie werden die ihn entbehren! Hat er sie nicht noch deiner Sorge empfohlen?« »Er hat wohl gemeint, das verstehe sich von selber. Seine letzte Sorge galt dir! Er hat mir noch eine Bitte ausgesprochen, und die werde ich erfüllen.« Die Landgräfin blickte ihn fragend an, und er fuhr fort: »Ich meinte, du seiest hier am sichersten, aber dem ist nicht so. Noch weiß ich nicht, wer diesen Mörder gedungen hat, vielleicht werd' ich's erfahren, wenn er auf der Folterbank liegt. Schon einmal hat mich der Meuchelmord bedroht vor Jahren, als ich unter eines deutschen Königs freiem Geleit nach Altenburg kam. Damals fiel statt meiner Johannes Lotze, jetzt Martin Helldorf. Wenn einer den Staufenkönigen hätte dienen wollen durch Meuchelmord, wahrlich, sie hätten ihn in Ketten geworfen. Dieses Königs Diener aber wissen wohl, wie sie sich ihres Herrn Dank verdienen. Warum sollten sie nicht auch einmal auf dich ihre Blicke richten, wenn sie mich nicht treffen können? Und warum sollten sie nicht zum Gifte greifen, wenn etwa das Messer versagt? Darum war es die letzte Bitte des Getreuen, dich heimzusenden auf die Wartburg. Sie stimmte zusammen mit meinen eigenen Gedanken, und der Weg ist frei, hat keine Gefahren, du kannst mit zwanzig oder dreißig Berittenen ohne alles Bedenken reisen, und deshalb hab' ich's ihm zugelobt.« »Und dich, Friedrich, soll ich zurücklassen in der Gefahr?« «Du könntest sie nicht geringer machen, auch wenn du hierbliebst, ja, du könntest nicht einmal in meiner Nähe weilen. Denn wisse, übermorgen ziehe ich aus, um des Königs Heer zu schlagen.« Die Landgräfin fuhr zurück und erblich. »Also in Wahrheit – du willst es wagen? Friedrich, laß dich von deinem Weibe warnen in der zwölften Stunde!« »Ganz recht. In der zwölften Stunde, denn übermorgen ist der letzte Mai. Vor dem Ende des Maien werden also Leu und Adler aufeinandertreffen, und es wird sich ja zeigen, wer den andern zerfleischt.« »Und wenn die Nonne dennoch aus dem Geiste Gottes geweissagt hätte?« »Eben diesen Glauben will ich dir für alle Zeit nehmen,« erwiderte Friedrich. »Siege ich, so siehst du ein, daß die Prophezeiung, die dich ängstigt, nichts war, als eine Träumerei. Du siehst fernerhin ein, daß unsere Sünde uns nicht behalten worden ist vom Herrn des Himmels, sondern daß er vergeben hat. Dann kannst du mein Weib sein mit freiem Herzen und brauchst nicht Qualen des Gewissens zu leiden, wenn ich meinen Arm um deinen Hals lege. Ist es nicht so?« Frau Else nickte und barg stumm ihr Haupt an seiner Brust. »Eine Gelegenheit bietet sich mir, wie ich sie vielleicht zum zweiten Male nimmer finde,« fuhr Friedrich fort. »Das Königsheer zieht auf Zwenkau, die Straße kenne ich wohl – da ist es zu fassen an mehreren Stellen, da kann eine kleine Schar sehr wohl elne große überrumpeln und zersprengen. Und wenn dieses Heer geschlagen ist, so ist es verloren und kehrt nicht heim, denn dann machen die Bauern den letzten Mann nieder.« Er wartete lange vergeblich auf eine Antwort. Endlich erwiderte Frau Else mit leiser Stimme: »Ich kann deinen Sinn nicht beugen, er ist allzu fest und hart. Du bist wirklich von Stahl, wie alle Leute es von dir sagen. So kann ich nur hoffen und beten, daß Gott dein Wagnis gelingen lasse.« Friedrich küßte sie auf die Stirn. »Sei sicher,« rief er, »es wird mir gelingen. In meiner Brust ist eine Stimme, die verheißt mir, daß ich siegen soll!« »Und wenn du nun siegst, kehrst du dann nicht sogleich nach Leipzig zurück? Und darf ich dich dann nicht hier erwarten?« »Ob ich zurückkehre, ist höchst ungewiß,« entgegnete der Landgraf. »Fällt mir der Sieg zu, so beute ich ihn aus, dessen sei sicher. Und es graut mir bei dem Gedanken, daß du inzwischen hier sein solltest ohne mich.« »So will ich mich auch als dein gehorsames Weib darein finden, daß ich abreisen soll,« sprach Frau Else seufzend. »Ich danke dir,« erwiderte der Landgraf. »Mir wird das Herz leichter sein, wenn ich dich außer der Gefahr weiß, die im Finstern schleicht.« »Soll ich morgen schon reisen? Laß mich zum mindesten bei dir, bis du ausziehst.« »Ja, du sollst bleiben, bis ich ins Feld rücke!« rief der Landgraf. Er reckte mit einem Male seine Gestalt hoch empor, seine Augen blitzten und funkelten, es war, als sähe er in der Ferne etwas Wunderbares. »Um Gott, was ist dir, Friedrich?« rief die Landgräfin, der die plötzliche starke Erregung ihres Gatten nicht entging. »Das sollst du sehen!« entgegnete der Landgraf. »Ein Gottesgericht will ich fordern, und du sollst dessen Zeugin sein. Dann wird der Wahn aus deinem Herzen schwinden, und du wirst frei sein.« »Was willst du tun?« »Übermorgen in der Frühe will ich dir's offenbaren. Bis dahin gedulde dich.« Er schloß sie noch einmal heftig in seine Arme und verließ das Gemach. Dann entbot er sofort Hermann von Goldacker, Dietrich von Werthern und die andern Obersten und Rottenführer zu sich und besprach mit ihnen den Plan, das königliche Heer zu überfallen. Alle stimmten aufs freudigste zu, und als man sich gegen Mitternacht trennte, war der Angriff fest beschlossen. Doch sollte der gemeine Mann bis zur Stunde des Auszuges nichts davon erfahren, damit jede Verräterei unmöglich wäre. Am Morgen des Auszugstages, als kaum der Tag graute, war der Landgraf mit seinem ganzen ritterlichen Gefolge in der Thomaskirche vereinigt. Auch Frau Else war zugegen und saß auf einem der Seitenstühle vor dem Hochaltare. Der Chorherrnprior hielt ein feierliches Hochamt ab, und darnach wollten die in den Kampf Ziehenden miteinander den Leib des Herrn genießen. Als die Konsekration erfolgt war, trat Friedrich als erster an den Altar heran. Aber er beugte nicht seine Knie, sondern er wandte sich nach seinen Mannen um und begann zu aller Erstaunen an der heiligen Stätte zu reden. »Liebe Getreue!« rief er mit lauttönender Stimme, »der Tag ist da, an dem wir abrechnen wollen mit denen, die uns schon so lange Unrecht tun und Schaden zufügen. Heute muß es offenbar werden, ob es noch fürder einen Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen geben soll, oder ob Albrecht der Habsburger da herrschen und gebieten soll, wo meine Eltern und Altvordern herrschten und geboten. Zu einem Gottesurteil habe ich den Habsburger gefordert, aber er hat mich mit Hohn zurückgewiesen. So flehe ich nun zum allmächtigen Gott, daß er heute ein Gericht halte zwischen ihm und mir. Habe ich meine Länder und Würden zu unrecht, so gebe ihm Gott den Sieg! Und liegt auf meinem Leben eine Sünde, die Gott der Herr mir nicht vergeben hat und nicht vergeben will, so trage man mich heute Abend heim als einen toten Mann. Darauf genieße ich den Leib unseres allerheiligsten Erlösers.« Er hatte bei den letzten Worten sein Antlitz zur Seite gewendet, dahin, wo seine Gemahlin saß. Frau Else hatte das Haupt zurückgelehnt und starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an. Ihr war, als müsse sie ohnmächtig werden. War es ein ungeheurer Frevel, den ihr Gatte hier vor ihren Augen vollbrachte? Oder trieb ihn Gott zu solchem Tun? Das mußte an den Tag kommen, ehe die Sonne gesunken war, die sich eben im Osten strahlend erhob. Denn Gott ließ sich nicht spotten und nicht ungestraft versuchen. Gab er ihrem Gatten nach diesen Worten den Sieg und erhielt ihm das Leben, so war alles Trug und Torheit, was ihr seit Jahresfrist das Herz belastet und das Gemüt verstört hatte. Ihre Sünde war ihnen vergeben, und sie konnten in ruhigem Glücke auch weiterhin miteinander leben. Sie sagte ihm das nicht, als er nachher in der Sakristei der Kirche allein von ihr Abschied nahm, und als er ihr fest in die Augen sah und fragte: »Wie dünkt dich? Habe ich recht getan?« da erwiderte sie: »Du hast Gott versucht, aber mir ist, als dürften wir auf seine Gnade hoffen.« Eine Viertelstunde später bewegte sich der kleine Zug der Fürstin durch das Frankfurter Tor, und über die Brücke der Pleiße, unterhalb des Schlosses, zogen Friedrichs reisige Geschwader nach Süden. Die Morgensonne spiegelte sich in den blanken Panzern und Helmen, die Spitzen der Speere blitzten und funkelten, und die Banner mit dem roten Thüringer Löwen und dem schwarzen Leuen von Meißen flogen lustig im Morgenwinde, der Luckaer Schlacht entgegen. XXIII. Das Heer des Landgrafen war in drei Treffen gegliedert. Vorn zog Hermann Goldacker mit sechzig auserwählten Reitern, denen folgte in eines Schleuderwurfs Entfernung Friedrich selbst mit fast dreihundert Geharnischten zu Roß. Dann kam der Troß der Fußknechte unter Dietrich von Wertherns Befehl, dessen Nachhut zwei Fähnlein Reiter bildeten. Nahe bei dem Dorfe Kobschütz ließ Goldacker Halt machen und erwartete die Nachrückenden. »Wollen wir hier bleiben, Herr?« fragte er. »Es war Euer Wille, und der Ort ist wahrhaftig gut gewählt. Besetzen wir hier links und rechts den Wald, so können wir sie schön in die Mitte nehmen.« »Nein, lieber Marschalk, ich habe meinen Sinn geändert,« gab Friedrich zur Antwort. »Ganz ohne Vorsicht werden sie wohl auch nicht dahinreiten, obschon sie uns nicht in der Nähe vermuten. Der Nortenberger ist nicht von gestern, sondern des Krieges wohl erfahren. Läßt er eine Vorhut voranreiten, so könnte die uns zu früh bemerken, und dann könnte der Überfall nur halb oder gar nicht glücken. Ich denke vielmehr, wir rücken auf Lucka. Das Städtlein liegt halb in Asche und ist verwüstet, die Bürger sind zum großen Teil geflohen, wie mir Kunde ward. Die Königsmänner lagern vor den Toren, und bis zum Flüßchen Schnauder reichen ihre Zelte und Feuerstätten. Hier Schlotheim kennt den Ort genau, so wie er die ganze Gegend kennt. Er wird uns führen. Vor Käferhain biegen wir ab von der Straße und ziehen durch den Wald im Bogen auf Zschagast. Dann reiten wir aus dem Walde durch das Dorf und brechen ins Lager ein.« »Und meint Ihr, Herr, daß sie keine Wachen ausgestellt haben?« »Auf der Straße vielleicht, im Walde schwerlich. Auch denke ich, wir werden genau zur Mittagszeit dort sein, oder wenig später. Da werden sie kochen und braten oder schon beim Essen sitzen. Das ist die allerbeste Zeit, ein Heer zu überfallen. Meine Thüringer wenigstens würden um diese Stunde am leichtesten zu überrumpeln sein.« »Die Schwaben sind sicher nicht von anderer Art,« versetzte Goldacker lächelnd. »Euer Plan gefällt mir sehr wohl. Aber wäre es nicht besser, wir brächen von zwei Seiten über sie herein?« »Nein, wir bleiben zusammen,« entschied Friedrich. »Unsere Mannschaft ist zu klein, als daß wir sie teilen könnten. Der Stoß muß mit aller Kraft geführt werden.« »Wie Ihr wollt, Herr. Nur vergönnt mir, daß ich unter den Vordersten reite.« »Du bist ja schon an der Spitze, und so soll es bleiben. Daß du voranreitest, versteht sich immer von selbst. Wir können übrigens in aller Gemächlichkeit unseres Weges ziehen, denn es ist noch früh am Tage. Wir brauchen dann alle Kräfte der Männer und Rosse, jetzt sollen sie geschont werden.« Es war in der Tat, trotzdem des Fürsten Befehl befolgt ward, noch fast eine Stunde vor Mittag, als man auf der breiten Waldblöße anlangte, die der ortskundige Schlotheim als beste Ruhestätte vor dem Kampfe bezeichnete. »Von hier aus, Herr, sind es ungefähr noch zweitausend Schritte bis nach Zschagast, das dicht vor dem Walde liegt,« sagte er. »Ich kenne den Weg, denn ich bin ihn oftmals geritten, als ich noch Amtmann in Breitenhain war. Dort in der Lichtung habe ich den stärksten Keuler meines Lebens erlegt. So etwas vergißt sich nicht.« »Gut. Dann rasten wir hier,« befahl Friedrich und schwang sich aus dem Sattel. »Stelle Wachen aus, Goldacker, bis an den Waldesrand. Aber daß sie hübsch im Dickicht bleiben! Links und rechts vom Wege alle fünfzig Schritt zwei Mann! Bemerken die Vordersten etwas Verdächtiges, so geben sie sofort ein Zeichen an die Nächsten. Schlotheim, du bist dem Marschalk behilflich!« Er setzte sich auf einen bemoosten Stein, der aus Waldgras und Farrenkraut hervorragte, und ließ sich etwas Brot und kaltes Fleisch, dazu eine Flasche roten Weines reichen. Bald hatte sich das ganze Heer gelagert, und rasch und geräuschlos wurde ein kärgliches Mahl eingenommen. Dabei mußten beständig nach allen Seiten einzelne kleine Abteilungen in den Wald ausschwärmen, damit jede sich etwa nahende Gefahr auf der Stelle bemerkt werden konnte. Einige dieser Leute brachten ein paar Dutzend Bauern vor Friedrichs Gesicht: Männer, Weiber und Kinder, die sie in einer Erdhöhle aufgefunden hatten. Die armen Menschen befanden sich offenbar in der größten Angst, zitterten und bebten am ganzen Leibe und fielen auf die Knie, als sie den Mann im vergoldeten Harnisch erblickten, der so stolz und gebieterisch aussah. »Gnade, Herr König! Wir haben gar nichts mehr!« rief der Älteste der Schar, ein Greis mit verwittertem Angesicht, der nichts auf dem Leibe trug als ein grobes, wollenes Hemd, das über den Hüften von einem Stricke umschnürt war. Friedrich erhob sich. »Ich bin nicht der König, dem Himmel sei Dank. Ich bin euer Markgraf, der euch helfen will!« Seltsamer Weise machte dieses Wort nicht den geringsten Eindruck auf die Landleute. Augenscheinlich verstanden sie es gar nicht. Sie schauten ebenso trübselig und angstvoll vor sich nieder wie vorher. Verwundert blickte sie der Fürst an. Dann fragte er: »Wo seid ihr her?« »Aus Zschagast!« »Warum seid ihr nicht daheim zur Mittagszeit?« »Unsere Häuser sind verbrannt, wir haben nichts zu essen, suchten uns im Walde Wurzeln und Beeren.« Indem kam eine der ausgeschickten Wachen zurück und meldete, daß das Dorf vor dem Walde zur einen Hälfte total niedergebrannt sei, zur andern Hälfte noch in Flammen stehe. Zu sehen sei niemand, es scheine völlig verlassen zu sein. »Daher der brenzliche Geruch und der Dunst im Walde,« bemerkte Goldacker. Friedrich war aufgestanden, die Lust zum Essen war ihm vergangen. Er nagte heftig an seiner Unterlippe, wie er im Zorne zu tun pflegte. »Wann ist das Dorf angesteckt worden?« fragte er den Alten. »Gestern gegen Abend, Herr!« »Und konntet ihr nichts retten?« »Sie trieben uns fort, Herr. Sie schossen nach uns mit Pfeilen, und zwei von uns schossen sie tot.« »Kommt, Goldacker und Schlotheim, wir wollen vorgehen an den Waldrand und selber zusehen!« befahl Friedrich. »Du, Schlotheim, führe uns! Den Leuten hier,« wandte er sich an Werthern, »gebt Brot, soviel da ist!« Er schritt, dem Ritter folgend, den Waldweg dahin, der auf das Dorf Zschagast zuführte. Das Gehölz erstreckte sich bis dicht an den Ort heran. Aber außer den nächststehenden Häusern, die bis auf die niederen Lehmwände heruntergebrannt waren, konnte man nichts von dem Dorfe wahrnehmen, und ebenso war jede weitere Fernsicht unmöglich. Die ganze Gegend vor dem Walde war in eine ungeheure Rauchsäule eingehüllt. Es war, als lagere ein dichter Nebel über dem Lande. »Herr,« sagte Friedrich von Schlotheim, »der Brand kommt uns sehr zustatten. Hier rechts neben dem Dorfe ist ein breiter Weideanger. Ihr seht ihn nicht, denn der Rauch liegt jetzt darüber und davor. Da können wir uns aufstellen und ordnen. Sehen können sie uns nicht.« »Das soll geschehen und schnell geschehen!« rief Friedrich. »Eile zurück, Schlotheim, und laß aufsitzen. Die Knechte sollen hinter den Reitern herziehen.« Als der Ritter gegangen war, stand Friedrich lange stumm neben Goldacker da und schaute unverwandt in die Rauchmassen, die sich in immer neuen Schwaden erhoben, und aus denen hier und da noch Flammen emporsprühten. Eine tiefe Stille lag über der Brandstätte, nur aus der Ferne ertönte manchmal ein Ruf und das dumpfe Gebrüll der Rinder, die aus allen Dörfern der Umgegend ins feindliche Lager zusammengetrieben waren. »Kannst du erkennen, Hermann, was da drüben liegt?« sagte der Fürst plötzlich und deutete auf eine dunkle Masse, die unter einer Weide in einiger Entfernung sich undeutlich von dem Erdboden abhob. »Ich kann's nicht erkennen, Herr, aber ich will's sogleich erkunden,« erwiderte der Marschalk und sprang aus dem Gehölze vor. Kurz darauf kehrte er mit tief verfinstertem Gesicht zurück. »Herr, ein scheusäliger Anblick,« sagte er. »Ein toter Bauer und sein sterbendes Weib. Sie waren zusammengekrochen, wie todwundes Wild tut. Das Weib hatte viele Stiche in der Brust, der Mann war tot. Sie hatten ihm die Füße abgehauen.« Die Züge des Landgrafen verzerrten sich bei diesen Worten, und er knirschte mit den Zähnen. Dann hob er die Hände zum Himmel empor und rief: »Ihr Heiligen Gottes, ihr sehet den Greuel! Gebt mir den Sieg über die Bestien da drüben, damit ich dem Schrecken ein Ende mache! – Goldacker, du gibst den Befehl aus, daß von den schwäbischen Knechten keiner geschont wird. Sie haben alle den Tod zehnfach verdient.« Jetzt nahte sich Schlotheim an der Spitze der Reiter. Friedrichs mächtiger Schimmel ward ihm nachgeführt und Goldackers riesiger Wotan. Langsam nur und allmählich kamen die Geharnischten aus dem Walde heraus, denn sie mußten auf dem schmalen Pfade einzeln hintereinander herreiten. »Komm her, Beulwitz!« rief Friedrich, ehe er sein Roß bestieg. »Mein Wappner ist noch weit dahinten, du sollst heute mein Wappner sein. Mache mir den Helm fest!« und als der junge Ritter eilend herzusprang, um den Dienst zu verrichten, fügte er mit erhobener Stimme hinzu: »Heut setze ich auf mein Haupt den Helm dreier Lande mit den Wappen Meißens, Thüringens und Osterlandes und was meine Eltern sonst besessen, zu einem Zeichen des Streites. Gott helfe mir auf dieser Fahrt, so wahr wir das Recht haben!« Dann schwang er sich in den Sattel, ergriff die Lanze und sprengte an die Spitze des Zuges. Noch hatten nicht alle Reiter das Freie gewonnen, und Schlotheim war noch bemüht, sie in Reihen zu ordnen, da geschah etwas Unerwartetes. Ein starker Windstoß brauste daher und fegte den Rauch hinweg, und mit einem Male lag die ganze Gegend offen vor aller Augen. Auf einer kleinen Anhöhe erhob sich ein großes Zelt, auf dem das Reichsbanner wehte, kleine Zelte standen teils in Reihen, teils ungeordnet um das Quartier des Befehlshabers herum. Wagen, mit aller möglichen Beute beladen, waren zu einem Vierecke zusammengefahren und bildeten so zugleich eine Umfriedigung für das geraubte Vieh. Man sah, wie die Knechte mit Eimern, die Rosse hinter sich herziehend, zur Tränke hinabschritten, und überall wirbelte von kleinen Lagerfeuern lustig der blaue Rauch in die Höhe, ein Zeichen, daß die Feinde dabei waren, zum Mittag abzukochen. Friedrichs schneller Blick überschaute das alles mit einem Male, aber er sah auch, daß zwischen seiner Schar und denen da drüben ein Zwischenraum von über tausend Ellen lag, und daß der Feind ihn schon wahrnahm. Denn es entstand ein Wirrwarr im Lager, ein schnelles Durcheinanderlaufen, Geschrei und Getümmel scholl herüber. Die einen stürzten in die Zelte, die andern zerrten die Rosse herbei, und blitzschnell pflanzte sich die Bewegung über das ganze Lager fort. »Goldacker!« schrie der Fürst, »wir haben keine Zeit mehr! Drauf, drauf!« »Über sie, Herr!« brüllte der Marschalk und war im Nu an seines Herrn Seite. »Vorwärts, Leute! Vorwärts!« Der geharnischte Gewalthaufe setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann schneller und immer schneller. Aber mehrere Minuten verstrichen doch, ehe die feindlichen Zelte erreicht wurden, und so hatten einige Hundert der Königsmannen Zeit gefunden, sich zu rüsten. Mit wildem Geschrei warfen sie sich den Anreitenden entgegen, aber durch die ungeheure Wucht des Anpralls wurden sie auseinander geschleudert. Ein Knäuel von Männern und Pferden wälzte sich auf der Erde, die andern zerstoben nach allen Seiten. Nortenberg selbst, des Königs Haupt- und Feldhauptmann, lag am Boden, von Friedrich von Schlotheims Lanze gefällt. »Weiter! Auf die dort!« rief Friedrich und deutete auf einen Haufen, der sich am Weingraben gesammelt hatte. Und weiter brausten die dreihundert Reiter, und obwohl ein Hagel von Steinen und Pfeilen über sie niederging und mancher Mann vom Rosse sank, zersprengten sie auch hier den Feind, daß nicht mehr zehn Mann beieinander blieben. Damit war der Kampf entschieden. Ein Todesschrecken überfiel alle auf dem weiten Plan verstreuten Trupps der Feinde, sie flohen heulend und schreiend der Schnauder zu. Dort blieben viele mit den Pferden stecken, denn das Tal des kleinen Flusses war an manchen Stellen voller Sumpf und Morast. Sie fielen in die Hände der Fußknechte Friedrichs, die nun auf dem Schlachtfelde erschienen und den Sieg vervollständigten. Eine große Anzahl der gepanzerten Ritter hatte ihre Rosse gar nicht zu erreichen vermocht und wehrte sich nun zu Fuß gegen die Andringenden. Aber die schwere Rüstung, die sie im Sattel für Ungeharnischte fast unüberwindlich machte, war ihnen auf ebener Erde überaus hinderlich, und noch mehr wurden ihnen die langen Sporen, mit denen sie sich leicht im Grase verwickelten, zum Verhängnis. Mehrere Hundert wurden erschlagen und ebenso viele gefangen. Noch viel größer war die Zahl der erschlagenen Knechte, deren keinem das Leben geschenkt wurde. Friedrich hielt vor dem offenen Tore von Lucka, um ihn seine Getreuen, Goldacker und die beiden Schlotheim, Beulwitz, Thüna und Hopfgarten. Verwundet waren die meisten, aber es fehlte doch nicht einer, und so fiel kein Wermutstropfen in den Becher der Siegesfreude, den das Glück dem tapfern Fürsten zum ersten Male in seinem Leben voll kredenzte. Nur eine halbe Stunde war verflossen, seit er hervorgebrochen war aus dem Walde bei Zschagast, aber diese halbe Stunde hatte sein Schicksal von Grund aus verwandelt. Er hatte den Befehl gegeben, daß die Gefangenen herbeigeführt und auf dem Markte des Städtchens zusammengestellt werden sollten, und er brauchte nicht lange auf sie zu warten. Von allen Seiten führten seine Leute barhäuptige, der Wehr und des Harnisches beraubte Herren herbei, denen die Hände auf den Rücken gebunden waren. Sie wurden an dem Fürsten und seinem Gefolge vorübergetrieben, und viele wagten nicht, die Augen aufzuschlagen. Das waren seine reichen und mächtigen meißnischen Vasallen, die ihm den Treueid gebrochen und sich dem Könige angeschlossen hatten. Kühl und streng schaute der Fürst vom Pferde herab auf die Gefangenen nieder, die je zwei und zwei an ihm vorüberzogen. Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht. Jetzt aber nahte sich ein Paar, bei dessen Anblick ein Lächeln des Triumphes über seine Züge ging. »Sieh da, auch ihr in meiner Hand, ihr Herren Burggrafen von Meißen und Leißnig? So eurem Herrn wieder zu begegnen, hattet ihr wohl nicht vermutet.« Der kleinere der Brüder senkte bei diesen Worten scheu sein Haupt, der größere aber rief trotzig: »Wir sind in Eurer Hand, Herr Markgraf, und ich sehe, es ist eine ungnädige Hand. Aber daß Ihr uns binden ließet, das ist eine Schmach, die auf Euch zurückfällt. So tut kein edler Mann mit Männern von edlem Blute. Unser ritterliches Wort mußte Euch genügen.« Friedrichs Augen sprühten. »Meinst du, Konrad von Leißnig? Was ist mehr, ein Eid, beim allmächtigen Gotte geschworen, oder ein ritterlich Wort? Euren heiligen Eid habt Ihr mir gebrochen, was soll ich geben auf Euer Wort? Ihr tragt die Bande mit Recht. Und ich sehe, Konrad von Leißnig, daß du noch immer derselbe bist, der du von jeher warst, ein trotziger, frecher Vasall, der sich dünkt, einem Fürsten des Reiches gleich zu sein. Aber ich will dich Demut lehren, und du sollst in mir noch deinen Herrn erkennen. Ein Jahr im Turm von Tenneberg wird deinen Verstand so weit schärfen, daß du in Zukunft unterscheiden kannst, wer zu befehlen und wer zu gehorchen hat.« Er winkte mit der Hand, und die beiden wurden weiter geführt. »Goldacker,« sagte er und faßte den Getreuen am Arm, »daß ich den Leißniger und den Meißner habe, das ist mehr wert als fünftausend Mark Silbers.« »Sagt zehntausend, Herr, und das ist nicht zu viel. Ganz Meißen fällt Euch heute zu, denn ich denke, Ihr werdet keinen dieser Halunken aus der Haft entlassen, ehe er Euch seine Burgen und Städte überantwortet hat.« »Dessen kannst du sicher sein,« entgegnete Friedrich. »Der König mag mir an Geld bieten, was er will, es wird keiner seiner Fesseln ledig, ehe ich Meißen wieder habe bis auf das letzte Dorf. Aber siehe, da kommt der Nortenberger!« Auf einer Bahre von Zweigen wurde der verwundete Feldhauptmann herangetragen. Friedrich sprang vom Pferde und trat an ihn heran. »Ihr habt mir großen Schaden getan, Küchenmeister,« sagte er, »aber Ihr habt gehandelt als Eures Herrn getreuer Diener. Darum soll Euch ein ritterliches Gefängnis sicher sein.« Der Verwundete neigte dankbar das Haupt gegen ihn und ward vorbeigetragen. Die Reihe der Gefangenen war damit beschlossen. »Was tun wir nun, Herr?« fragte Goldacker. »Zuvörderst, denke ich, setzen wir uns an den Tisch, den uns die Feinde selbst gedeckt haben. Dann brechen wir auf und ziehen zurück nach Leipzig. Was wollen wir in den Wäldern die Flüchtigen verfolgen? Ein Söldnerheer läuft auseinander, wenn's geschlagen ist. Vor allem kommt's darauf an, die Gefangenen zu bergen. Sie sind für uns die Gewähr, daß das ganze Land sich uns unterwirft. Übermorgen rücken wir dann zu weiteren Taten aus. Also zunächst zum Schmause, dann nach Leipzig!« So geschah's. Als sich die Schatten des Abends herabsenkten auf die gute Stadt an der Pleiße, da war alles Volk auf den Beinen, und von allen Türmen wehten die Fahnen und dröhnten die Glocken. Denn der Sieger zog ein durch das Grimmaische Tor, um den getreuen Bürgern seine Beute zu zeigen. Unter brausendem Jubel des Volkes bewegte sich der Zug nach der Kirche Sankt Thomä, und an derselben Stelle, wo er am Morgen gekniet hatte, um Gottes Hilfe zu erflehen, kniete nun Friedrich am späten Abend, um dem Höchsten zu danken für den Sieg, der fast einem Wunder gleich kam. Es durchschauerte ihn seltsam, als er der Worte gedachte, die er früh hier gesprochen. Eine Antwort hatte er empfangen vom allmächtigen Gott, eine Antwort, die ihm seine Länder und das Glück seines Hauses wiedergab. Und so wie er empfanden alle die Hunderte, die das weite Gotteshaus füllten: der Himmelsherr hatte Gericht gehalten auf dem Felde vor Lucka. Der Mann, der dort in der bestaubten und blutbefleckten Rüstung kniete vor dem kerzenfunkelnden Hochaltar, war ihr von Gott selbst bestätigter Herr, und fürder konnte ihm niemand seine Herrschaft entreißen. XXIV. Die Kunde von der Luckaer Schlacht flog wie auf Sturmesfittichen durch Thüringen und Meißen, Osterland und Pleißen, und alles kam so, wie es Friedrich vorausgesagt hatte. Die Feinde des Hauses Wettin überfiel ein gewaltiger Schrecken, seine Freunde aber erhoben ihre Häupter und schlossen sich dem geächteten Fürsten offen an. Eine Burg und eine Stadt nach der andern fiel in Friedrichs Hand, und mit rastlosem Eifer war er bemüht, seinen Sieg auszunützen. Nur einen Tag ließ er das Heer in Leipzig ruhen, dann brach er sofort gegen Freiberg auf. In der Stadt war die Stimmung ganz für ihn, denn die Bürgerschaft hatte unter der Herrschaft des Königs nicht viel Gutes erlebt, und kaum erscholl die Nachricht, daß er als Sieger im Anrücken sei, da griffen seine Anhänger für ihn zu den Waffen. Seine alten Feinde und Widersacher im Rate setzten sie fest, und die kleine königliche Besatzung schlossen sie in der Burg ein. So fand er weitgeöffnete Tore, als er sich an der Spitze seines Heeres der Stadt näherte, und die Bürger zogen ihm entgegen und huldigten ihm kniend. Noch an demselben Tage übergaben sich die in der Burg gegen Zusicherung ihres Lebens, da sie einsahen, daß ein Widerstand gegen die Übermacht zwecklos war, und so hatte er ohne Schwertstreich die Stadt der reichen Silbergruben, den wichtigsten Platz der ganzen Landschaft wieder gewonnen. Ganz ähnlich ging es einige Tage darauf vor dem festen Meißen. Friedrich schickte einen Trompeter hinein und ließ der Gattin des Burggrafen sagen, ihr Mann sei in seiner Hand und habe als eidbrüchiger Rebell den Tod durchs Schwert verdient. Öffne sie aber binnen drei Stunden die Tore, so wolle er seines Lebens schonen. Da kam große Mutlosigkeit über die Seele der Frau, und schon nach einer halben Stunde zog sie aus der Stadt, angetan mit einem schwarzen Gewande, an der Spitze ihrer schwertlosen Mannen, und erflehte durch einen Fußfall die Gnade des Fürsten. Nur Leißnig widerstand noch längere Zeit, denn die Frau, die hier an Stelle ihres Gatten gebot, war eine böse Sieben und ließ es darauf ankommen, ob Friedrich seine Drohungen wirklich wahr machen werde. Aber nach zehn Tagen der Belagerung hatten sie in Schloß und Stadt kein Brot mehr, und die harte Frau wurde von ihren eigenen Mannen gezwungen, sich zu unterwerfen. So war binnen zwei Monden ganz Meißen wieder in Friedrichs Hand. Kein Mann des Königs stand mehr auf seinem Boden, das ganze Land hatte dem angestammten Fürsten von neuem gehuldigt. Noch viel schneller gewann er Thüringen. Hier hatten sich nur wenige dem Könige angeschlossen, ins Feld gezogen gegen den Landgrafen war keiner. Die Großen des Landes hatten nur voller Furcht abwartend zur Seite gestanden, und wenn manchem von ihnen noch vor Jahresfrist ein Untergang der landgräflichen Macht und die Reichsfreiheit nicht unwillkommen gewesen wäre, so hatten sie in der Zwischenzeit den Sinn des Königs zur Genüge erkannt, und kein einziger mehr wünschte ihm den Sieg. Nun hörten sie, daß ihr Landgraf das starke Heer des Habsburgers vollkommen geschlagen habe, und die lähmende Furcht wich von ihnen. Der König führte zwar noch immer eine stolze und hochfahrende Sprache, aber daß er in einer üblen Lage war, konnte niemand verkennen. In Böhmen waren neue Unruhen ausgebrochen, die ihn zwangen, seine Blicke dorthin zu lenken und Streiterscharen zu entsenden. Gegen Thüringen hatte er vorläufig kein Heer, das eine war an der Wartburg zerschellt, das andere auf dem Felde von Lucka des Landgrafen Schwerte erlegen. Es mochte lange dauern, ehe er imstande war, ein neues aufzubringen, denn die Söldner kosteten Geld, viel Geld. Und wenn Friedrich jetzt schon die eiserne Umklammerung gesprengt hatte, die ihn erdrücken sollte – war er dann nicht vollends unüberwindlich, wenn er Meißen wieder hatte und Thüringen zu ihm stand? Solche Gedanken wurden überall laut in den Burgen der thüringer Grafen und Herren, und die beiden mächtigsten unter ihnen, Hermann und Otto von Orlamünde, setzten sie in die Tat um. Sie verständigten sich heimlich mit dem Landgrafen und ließen sich von ihm ihre alten Rechte und Freiheiten verbriefen, was er auf der Stelle tat. Dann forderten sie ihre Standesgenossen auf, mit ihnen in Erfurt zusammenzukommen und eine Tagung abzuhalten, wo über des Landes Wohl verhandelt werden sollte. Alle folgten dem Rufe, die Schwarzburger und Kefernburger, die Hohnstein und Beichlingen, Elsterberg und Gleichen, und einmütig beschlossen sie, den Landgrafen als ihren Oberherrn und Schirmvogt anzuerkennen und sich um die Achtsprüche des Königs nicht weiter zu kümmern. Friedrich befand sich wieder in Leipzig, als ihm diese Beschlüsse mitgeteilt wurden. Hocherfreut brach er auf der Stelle auf und erschien, männiglich zur Überraschung, am zweiten Tage unter den in Erfurt Versammelten. Er wurde mit donnerndem Heilruf begrüßt und empfing den Treuschwur aller, die zugegen waren. Dann wurde das Verbündnis nach uralter deutscher Sitte durch einen gewaltigen Trunk gefeiert. Noch saß man beim Becher, da langte ein fränkischer Ritter an, der einen Brief des Königs an die beiden Orlamünder trug. Darin stand geschrieben, der König sei in Eisenach eingetroffen und habe in Erfahrung gebracht, daß sie in Erfurt eine Tagung der Edlen des Landes abhielten. Er ermahne sie und alle Grafen und Herren Thüringens, sofort zu ihm zu kommen und mit ihm zu beraten. Am Tage Sankt Jacobi, des heiligen Apostels, erwarte er sie sämtlich in Eisenach. Graf Hermann von Orlamünde war ein Gelehrter und vermochte es, das königliche Schreiben der Versammlung vorzulesen. Es verursachte zunächst große Aufregung, ja sogar Bestürzung. Der König in Eisenach? Das erschien fast unglaublich! Hatte er in aller Stille und in solcher Schnelligkeit wieder ein Heer gesammelt? Ohne Anwendung der schwarzen Kunst war das ganz unmöglich, und einige waren geneigt, dem Habsburger solche zuzutrauen. Aber die Bestürzung verwandelte sich in Heiterkeit und Spottlust, als man vernahm, der König sei ohne Heer gekommen, und sie erst sollten ihm ein neues stellen. Man lachte und schrie durcheinander, bis der Landgraf mit lauter Stimme rief: »Freunde und Getreue! Liebe Vettern! Der Jacobitag ist übermorgen. Wie wär's, wenn ihr mich an diesem Tage alle auf der Wartburg besuchtet? Ich kehre ohnehin heim, denn ich habe mein Weib und Kind nicht gesehen seit dem Tage der Luckaer Schlacht. Wir reiten da vorbei an Eisenachs Toren, damit der Habsburger sehe, daß niemand mehr ihm gehorcht, und daß er verspielt hat wie in Meißen, so in Thüringen!« »Heil! Heil! Wir kommen herzlich gern!« lachten und schrien die Herren von allen Seiten. »Das hat er verdient, der boshafte, hochmütige Mann!« rief Heinrich von Schwarzburg. »Er wird sein eines Auge wohl schön aufreißen, wenn er uns vorbeiziehen sieht,« sagte Hermann von Elsterberg. »Aber was antworten wir jetzt des Königs Hoheit?« Der kluge und gewandte Orlamünder lächelte fein und schlug dann vor: »Wir geben ihm diese Antwort: Am Tage des heiligen Zwölfboten Jacobus werden wir allesamt bei unserm Herrn sein. Er wird sonder Zweifel denken, wir meinten ihn damit, und er wird dann um so mehr schäumen, wenn er sich betrogen sieht.« In der Tat ward der Sankt Jacobustag zu einem der bittersten im Leben des stolzen, hochfahrenden Königs. Als ihm gegen Mittag die Kunde gebracht ward, eine glänzende Reiterschar nahe sich von Gotha her, da ließ er sich herab, den thüringischen Großen entgegenzureiten. Er wußte nur zu gut, warum er das tat, wenn er's auch klüglich vor jedermann verbarg. Ohne den Beistand dieser Herren, die er bisher sehr von oben herab behandelt hatte, war er fürs erste völlig machtlos in Thüringen, und er frohlockte innerlich unbändig, daß sie sich auch nach seiner Niederlage noch willig und gehorsam zeigten. Aber er war kaum in die Untergasse hinuntergeritten, da scholl ihm der Schreckensruf entgegen: »Der Landgraf ist da! Schließt die Tore! Die Brücke auf!« und das Volk, das sich in dichten Massen aufgestellt hatte, drängte bestürzt und erschrocken durcheinander. Sein Gesicht wurde bleich. »Was kann das sein?« fragte er den Bürgermeister Hellgrave, der sein Roß am Zügel führte. »Sind diese Leute von Sinnen?« »Wenn des Königs Hoheit mit auf das Tor steigen wollte, so können wir's auf der Stelle erkunden.« So schnell es seine steifen Glieder zuließen, schwang sich Albrecht aus dem Sattel und stieg die steile Treppe zur Torwarte empor. Drüben jenseits des Grabens in mehr als eines Pfeilschusses Entfernung hielt eine stattliche Schar gepanzerter Reiter, hinter ihnen weit über hundert berittene Knechte. An der Spitze stand der Landgraf, vollständig wie zum Streite bewehrt, kenntlich am Pfauenfederbusche seines Helmes und an dem thüringer Löwen in seinem Schilde. Dicht hinter ihm waren in den Schilden sichtbar die Schwäne und Löwen von Orlamünde, die Hirschhörner und Leuen von Schwarzburg und die Wappen fast aller der alten hochgeborenen Familien des Landes. Friedrich erkannte den König. Er hob wie grüßend die Hand und neigte sich dreimal im Sattel, und alle andern taten's ihm nach, und dann tönte zu dem Habsburger hinüber ein lautes, brausendes Gelächter. Der wandte jäh sein Haupt ab und stieß einen grimmigen Fluch aus. Kein Wort mehr sprach er zu den Männern von Eisenach, die vergebens auf seine Königsmacht getraut hatten und nun die Betrogenen waren. Noch in derselben Stunde verließ er mit seinem geringen Gefolge fluchtartig die Stadt, denn dem schnellen und verwegenen Landgrafen war nicht zu trauen. Während Friedrich vor dem Nikolaiturme hielt und dann über die Wiesen vor der Stadt den Weg nach der Wartburg einschlug, stand droben sein Weib auf dem kleinen Turme der Schanze und spähte ins Tal hinab. Neben ihr lehnte an der Brüstung der treue Abt von Reinhardsbrunn und schaute ebenso angelegentlich wie sie in die Ferne. Es war noch nichts zu sehen, und die Fürstin trat mit einem kleinen Seufzer zurück. Dann sagte sie auf einmal ganz unvermittelt: »Morgen jährt sich's, daß ich gen Weißenfels zog.« Der Abt wandte sich zu ihr und sah ihr ernst in die Augen. »Ihr habt viel erlebt und viel gelernt seitdem, edle Frau,« versetzte er bedeutungsvoll. »Ich habe vor allen Dingen gelernt, daß Gott nichts Unmögliches verlangt von seinen Kindern, und daß wir seiner Gnade vertrauen dürfen.« Ein schmetternder Trompetenstoß vom Turm her unterbrach sie; er war das Zeichen, daß der Zug des Fürsten sich nahte. Friedrich stieg ein Stück unterhalb der Burg vom Pferde und schritt zu Fuße bergan. Sein Gang war schnell und elastisch, seine Wangen gerötet, und seine Augen blitzten. Im Tore stand Frau Else, seiner harrend. Ihr Antlitz war bleich vor innerer Erregung, aber mit leuchtenden Blicken schaute sie zu ihm empor. Da erkannte der Fürst, daß die Zeit der Prüfung vorüber war. Wie er als Herr und Sieger heimkehrte nach seiner unbezwungenen Feste, so hatte er auch sein Weib wieder gewonnen. Verschwunden waren die Schatten, die ihr die Seele verdüstert hatten, freien Gemütes konnte sie ihm gehören, denn ihre Augen blickten hell und strahlten vor Glück. Mit einer rührenden Gebärde der Freude streckte sie ihm beide Hände entgegen, und mit einem Jubelrufe stürmte er auf sie zu und zog sie mit mächtigen Armen an sein Herz. Lange hielten sich die Gatten so umschlungen, dann traten sie Hand in Hand in den Hof der Burg. Jubelnd umdrängten sie ihre getreuen Mannen, und von allen Türmen und Zinnen wehten im Winde über ihren Häuptern die vielumstrittenen Banner von Thüringen und Meißen, Pleißen und Osterland, die Zeichen der wieder erstandenen Macht und Herrlichkeit des Hauses Wettin.